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diff --git a/68401-0.txt b/68401-0.txt new file mode 100644 index 0000000..5772c6f --- /dev/null +++ b/68401-0.txt @@ -0,0 +1,5402 @@ +The Project Gutenberg eBook of Ludwig Richter, by Viktor Paul Mohn + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Ludwig Richter + +Author: Viktor Paul Mohn + +Editor: Hermann Knackfuß + +Release Date: June 25, 2022 [eBook #68401] + +Language: German + +Produced by: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed + Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was + produced from images generously made available by The + Internet Archive) + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG RICHTER *** + + + #################################################################### + + Anmerkungen zur Transkription + + Der vorliegende Text wurde anhand der 1906 erschienenen Buchausgabe + so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische + Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und + altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original + unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. + + Einige Abbildungen wurden zwischen die Absätze verschoben und zum + Teil sinngemäß gruppiert, um den Textfluss nicht zu beeinträchtigen. + + Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen + gekennzeichnet: + + unterstrichen: _Unterstriche_ + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + Das Caret-Symbol (^) weist auf ein nachfolgendes hochgestelltes + Zeichen hin, z. B. in 8^o. + + #################################################################### + + + + + Liebhaber-Ausgaben + + [Illustration] + + + + + Künstler-Monographien + + In Verbindung mit Andern herausgegeben + + von + + H. Knackfuß + + XIV + + Ludwig Richter + + + =Bielefeld= und =Leipzig= + Verlag von Velhagen & Klasing + 1906 + + + + + Ludwig Richter + + Von + + V. Paul Mohn + + Mit 193 Abbildungen nach Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und + Holzschnitten, sowie einem Brief-Faksimile. + + Vierte Auflage + + [Illustration] + + + =Bielefeld= und =Leipzig= + Verlag von Velhagen & Klasing + 1906 + + + + +Von der ersten Auflage dieses Werkes ist für Liebhaber und Freunde +besonders luxuriös ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe + + _eine numerierte Ausgabe_ + +veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier +hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert +(von 1–100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis +eines solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf +welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet. + + =Die Verlagshandlung.= + + + Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld. + + + + +[Illustration: Ludwig Richter. + +Nach dem Ölgemälde von Leon Pohle aus dem Jahre 1879. Im Museum zu +Leipzig.] + + + + +Ludwig Richter. + + +Selten hat sich in einem deutschen Maler deutschen Volkes Art und Sitte +so rein und unverfälscht widergespiegelt als in Ludwig Richter, dem +unvergleichlichen Malerpoeten des neunzehnten Jahrhunderts. + +Seine zahllosen Blätter und Blättchen, die über unser gesamtes, liebes +deutsches Vaterland verbreitet sind und, soweit die deutsche Zunge +klingt, geliebt und geschätzt werden, zeugen alle von dem innersten +Wesen des deutschen Volkes. Poesie und Gemüt, naive Anschauung, +tiefinnerste Religiosität und Freude an Gottes herrlicher Schöpfung +atmet seine Kunst. Durch alle seine Arbeiten geht ein Hauch poetischer +Verklärung; wie unsere herrlichen Volkslieder muten sie uns an. + +Der schlichte, kindlich fromme Mann schreibt einmal wie ein +Künstlerbekenntnis nieder: + +„Der Künstler sucht darzustellen in aller Sichtbarkeit der Menschen +Lust und Leid und Seligkeit, der Menschen Schwachheit und Torheit, in +allem des großen Gottes Güt’ und Herrlichkeit.“ + +Das ist Richters Standpunkt in seiner Kunst, den er unentwegt +festgehalten hat. + +[Illustration: Abb. 1. +Das Geburtshaus Ludwig Richters.+ (Zu Seite 9.)] + +Seine lieblichen Engelgestalten, seine naiven fröhlichen Kinder, die +schämigen, aber gesunden Mägdlein und Jungfräulein, die Mütter im +Kreise der Kinder, spinnend, belehrend oder wehrend; die Großmütter +am warmen Kachelofen, den Enkeln -- und es sind ihrer nie wenige -- +Märchen erzählend; die Familie um den Tisch zu Andacht oder Mahlzeiten +versammelt; Kirchgang und Hochzeit, Taufgang und Friedhof, Abschied +und Wiedersehen, Weihnachten und Ostern und Pfingsttag, die schönsten +und weihevollsten Stunden unseres deutschen Familienlebens, unserer in +der deutschen Häuslichkeit begründeten Gemütlichkeit, im Hause und im +Verkehr mit der Natur, in Feld und Wald und Heide, bei Sonnenschein und +Regen oder bei still herabfallenden Schneeflocken, im Gärtchen am Hause +mit seinen Rosen und Tulpen und Nelken, am Sonntagmorgen oder beim +Abendläuten oder bei funkelndem Sternenhimmel, am schattigen Mühlbach +in der stillen Mühle oder droben im Schloß oder in der Kapelle aus +sonniger Höhe, und was er sonst in den Bereich seiner Darstellungen +ziehen mag, das alles ist durchweht von Poesie, im deutschen Gemüt +wahrhaft begründet, aus ihm gleichsam herausgewachsen und mit kindlich +naiven Augen geschaut, alles ist durchleuchtet von einem tiefen +religiösen Gefühl. + +In der Vorrede zu seinem Holzschnittwerk „Fürs Haus“ schreibt er im +Jahre 1858: „Schon seit vielen Jahren habe ich den Wunsch mit mir +herumgetragen, in einer Bilderreihe unser Familienleben in seinen +Beziehungen zur Kirche, zum Hause und zur Natur darzustellen und somit +ein Werk ins liebe deutsche Haus zu bringen, welches im Spiegel der +Kunst jedem zeigte, was jeder einmal erlebt, der Jugend Gegenwärtiges +und Zukünftiges, dem Alter die Jugendheimat, den gemeinsamen Blumen- und +Paradiesesgarten, der den Samen getragen hat für die spätere Saat und +Ernte. Gelingt es nun, das Leben in Bildern schlicht und treu, aber mit +warmer Freude an den Gegenständen wiederzugeben, so wird ja wohl in +manchem der einsam oder gemeinsam Beschauenden der innere Poet geweckt +werden, daß er ausdeutend und ergänzend schaffe mit eigener Phantasie.“ + +Und wie ist es dem Meister gelungen, schlicht und treu in diesen +Gegenständen das alles zu schildern und zu bilden und wiederzugeben! + +[Illustration: Abb. 2. +Ludwig Richters Vater.+ Gemalt von A. Graff. +(Zu Seite 10.)] + +Seine religiösen Bilder haben ein echt evangelisches Gepräge, das Wort +„evangelisch“ hier in seiner eigentlichsten und weitesten Bedeutung +genommen. Er schließt sich hierin an Fiesole und ebenso an Dürer +und die übrigen altdeutschen Meister, selbst an Rembrandt an; der +liebenswürdige und innige Fiesole hat es ihm aber doch am meisten +angetan. Innig und zart sind seine religiösen Darstellungen, und wie +treuherzig weiß er immer wieder diese schon so viel dargestellten +Gegenstände neu zu gestalten und uns näher zu bringen! Immer wieder muß +es gesagt werden: der Volkston -- er ist auch hier wieder so klar und +sicher angeschlagen. + +Charakteristisch für Richter ist eine handschriftliche Notiz von +ihm: „Als die beiden Pole aller gesunden Kunst kann man die irdische +und die himmlische Heimat bezeichnen. In die erstere senkt sie ihre +Wurzeln, nach der anderen erhebt sie sich und gipfelt in derselben.“ +Wir sehen hieraus, wie bei Richter Christentum und Kunst eng ineinander +verschlungen sind. Nie aber wird man ihm nachsagen können, daß sein +wahrhaftes Christentum sich unnötig vordrängte: es ist ihm eben nur +um die innersten Wahrheiten zu tun; nichts liegt ihm auch ferner +als Kopfhängerei oder Pietismus. Ebensowenig wird man aus seinen +Schöpfungen erraten können, daß er Katholik war. Sein Standpunkt +war über den enggezogenen Grenzen christlicher Konfessionen. Mit +künstlerischem Instinkt packt er sein Volk im kleinbürgerlichen +Leben und hält sich stets fern und frei vom „Modernen“. Folgen wir +ihm willig, wenn er uns z. B. einen „Sonntag“ (in dem Werke gleichen +Namens) schildert. Es ist, als ob er leise den Vorhang lüftete und uns +lauschen ließe in die stillen, behaglichen, engen Stuben der kleinen +Stadt. Wie gern folgen wir ihm von der Morgenandacht zur Kirche ins +Chorstübchen, zum Besuch der Kranken, zum Spaziergang am Nachmittag +aus den dumpfen Mauern durchs Tor hinaus aufs Land und am Abend beim +aufsteigenden Vollmond zur Stadt zurück, und wenn wir das letzte Blatt +„Gute Nacht“ aus der Hand legen, sagen wir uns: Schöner kann man einen +deutschen Sonntag nicht feiern. + +[Illustration: Abb. 3. +Ludwig Richters Mutter.+ Gemalt von A. Graff. +(Zu Seite 10.)] + +Welch köstlichen Humor hat Richter in seinen Bildern ausgestreut +-- und Humor ist bei uns rar geworden --! Wir nennen hier nur die +beiden prächtigen Blätter aus „Fürs Haus“ „Bürgerstunde“: „Hört ihr +Herren, laßt euch sagen, die Glocke hat zehn geschlagen“ (Abb. 141) +und das „Schlachtfest“ (Abb. 140). Seine Philistergestalten sind +unvergleichlich komisch; wenige Künstler in Deutschland hatten für +diese Art deutschen Daseins so viel Blick wie er; nie wird er aber in +solchen Schilderungen bitter, satirisch oder häßlich, auch hier weiß er +zu verklären. + +Die Tiere sind ihm, als zum Hause gehörig, unentbehrlich. Ein Spitz +oder junge Hündchen mit ihrem komischen Gebaren, ein schnurrendes +Kätzchen zu Füßen des spinnenden Mädchens, die Tauben auf dem Dache im +Abendsonnenschein, die Sperlinge im Kirschbaum oder an der Scheuer ihr +Anteil einheimsend; die Schäfchen und Zicklein mit munteren Sprüngen +zur Seite der Kinder, -- das alles gehört bei ihm zum behaglichen +Dasein der Menschen. Er drückt alle Kreatur liebend an sein Herz. Gern +greift er auch ins „Romantische“ und schildert uns da auch in ebenso +treuherziger Weise unseres Volkes Märchen wie kein anderer deutscher +Künstler in schlichten Zügen. Wie hochromantisch sind, um hier nur +einiges anzuführen, „Gefunden“ (Abb. 139), „Schneewittchen“ (Abb. 185), +und „Die Ruhe auf der Flucht“ mit den singenden und musizierenden +Engeln (Abb. 189)! Diese Werke gehören in das Schatzkästlein der +deutschen Kunst. -- Und wie schlicht und demütig er über seine Stellung +in der Kunst denkt, darüber spricht er in seinem letzten Lebensjahre, +als Nachklang seines 80. Geburtstages, „halb blind, halb taub, aber +in seinem Gott zufrieden“: „Kam meine Kunst nun auch nicht unter die +Lilien und Rosen auf dem Gipfel des Parnaß, so blühte sie doch auf +demselben Pfade, an den Wegen und Hängen, an den Hecken und Wiesen, +und die Wanderer freuten sich darüber, wenn sie am Wege ausruhten, +die Kindlein machten sich Sträuße und Kränze davon, und der einsame +Naturfreund erquickte sich an ihrer lichten Farbe und ihrem Duft, +welcher wie ein Gebet zum Himmel stieg. So hat es denn Gott gefügt, +und mir ist auf vorher nicht gekannten und nicht gesuchten Wegen mehr +geworden, als meine kühnsten Wünsche sich geträumt haben: ~Soli deo +gloria~!“ + +[Illustration: Abb. 4. +Ludwig Richters Großvater und Großmutter +väterlicherseits.+ + +Gemalt um 1816. (Zu Seite 10.)] + +Solange deutscher Sinn und deutsches Gemüt bestehen werden, wird Ludwig +Richter im deutschen Volke fortleben und geliebt und geschätzt werden. +Der Strauß duftender Blüten, den er unserem deutschen Volke gepflückt +und hinterlassen hat, soll und wird nicht verwelken. Das deutsche Volk +wird festhalten an dem ihm Eigenen, und deutsche Art und Sitte wird nie +untergehen. + +Ihm aber, dem verewigten Meister, dem 1898 in seiner Vaterstadt ein +ehernes Denkmal errichtet wurde, wollen wir Deutschen alle ein noch +unvergänglicheres Denkmal errichten, indem wir und unsere Kinder und +Kindeskinder bis in die fernsten Geschlechter den unvergänglichen und +unvergleichlichen Tönen seiner Muse lauschen und seine Werke allezeit +lieb und wert und hoch halten! + + * * + * + +Richters Persönlichkeit war die eines schlichten sinnigen Mannes; er +war demütig und bescheiden, kindlich rein und tief religiös. W. H. +Riehl sagt in seinen „Kulturgeschichtlichen Charakterköpfen“ über ihn: +„Unserem volkstümlichen deutschen Meister eignete von jeher eine echt +deutsche Künstlertugend: die Bescheidenheit. Mit seinem Griffel gab +er ganz sich selbst und legte die innersten Falten seines Wesens dar, +weil er’s nicht anders konnte; mit seiner Person zog er sich still und +anspruchslos vor der Welt zurück, und die Welt lernte ihn fast nur so +weit kennen, als sie ihn in seinen Werken lieben gelernt hatte.“ + +Von großer Liebenswürdigkeit gegen jedermann, war er doch scheu, fast +unsicher und still Fremden gegenüber; zu denen aber, die ihm nahe oder +näher standen, war er von großer Herzlichkeit und Mitteilsamkeit. + +[Illustration: Abb. 5. +Ludwig Richters Großmutter mütterlicherseits+, +geb. van der Berg. (Zu Seite 10.)] + +Bei Gesprächen über das, was ihn am allerinnersten bewegte, über +Christentum und Kunst, erglänzten oft seine großen grauen Augen, wie +wenn die Sonne durch lichtes Gewölk hervorbricht. Oft schauten sie +wieder so träumerisch ins Weite; wie Verklärung lag es dann über +dem lieben Antlitz. Ein Zug von Wehmut war ihm eigen. In seiner +Unterhaltung war er immer anregend und geistig lebendig, sicher im +Urteil über Kunst und Literatur. Bei der Beurteilung von Kunstwerken +war ihm das eigentlich „Künstlerische“ maßgebend, gleichviel ob das +Kunstwerk dieser oder jener Richtung oder Stilweise angehörte; er +begeisterte sich ebenso an Rembrandts Darstellung der „Hirten an der +Krippe“, über die Goethe in seinen Briefen an Falkonet, ihm wie aus dem +Herzen gesprochen, sich ausläßt, wie an den Werken des kindlich frommen +Fiesole. + +Er war von hoher, hagerer Gestalt, seine Haltung etwas nach vorn +übergebeugt; sein kluges Gesicht, freundlich und wohlwollend, war von +einer Fülle schneeweißen Haares umrahmt. So sehen wir ihn in dem von +Leon Pohle im Auftrage des bekannten Kunstfreundes Eduard Cichorius +für das Museum zu Leipzig gemalten Porträt (Titelbild). In diesem +Bildnis, zu dem unser Altmeister im Jahre 1879 saß, gerade in der Zeit, +als sein jahrelanges Augenleiden unaufhaltsam so weit vorgeschritten +war, daß er den Zeichenstift aus der Hand hatte legen müssen, ist eine +unverkennbare Trauer über das Antlitz gelagert; ihm, dem unermüdlich +Schaffenden, war eine Grenze gesetzt; er sollte nun seine fleißigen +Hände ruhen lassen. Seine Wirksamkeit als Künstler war abgeschlossen, +worüber er in seinem Innern sehr schmerzlich bewegt war. Aber er fügte +sich in Demut in das Unvermeidliche und trug es ohne Klage; war es +ihm doch wie wenigen Künstlern vergönnt gewesen, bis in sein hohes +Alter in seiner Kunst tätig sein zu dürfen, und wenn ihm auch in den +letzten Jahren die „Motive“ spärlicher kamen, so arbeitete er doch +unausgesetzt, frühere Darstellungen vielfach variierend, unfertige +frühere Zeichnungen vollendend oder landschaftliche Skizzen mit +Figurengruppen belebend, und zeichnete und malte noch eine ganze Reihe +prächtiger Blätter, wenn auch mit großer Mühe und Anstrengung. -- +Inzwischen hatte er auf Anregung seines Freundes E. Cichorius und auf +Betreiben seines Sohnes Heinrich angefangen, auf Grund eigenhändiger +Tagebuchaufzeichnungen seine Selbstbiographie „Lebenserinnerungen +eines deutschen Malers“ (Frankfurt a. M., Johannes Alt) zu schreiben, +und vermochte diese auch noch 1879 so weit zu Ende zu führen, wie +es von Anfang an geplant war. Diese Biographie gehört mit zu dem +Hervorragendsten, was Deutschland auf diesem Gebiete der Literatur +besitzt. + +[Illustration: Abb. 6. +Brandruinen des alten Schlosses in Pillnitz.+ +1818. Kolorierter Stich. (Zu Seite 13.)] + +Richter durfte noch seinen 80. Geburtstag feiern, geliebt und geehrt +vom deutschen Volke. Still und freundlich waren seine letzten Jahre, +wenn ihm auch Schweres zu tragen bis zuletzt nicht erspart wurde. Am +letzten Morgen seines Erdendaseins schrieb er in sein Tagebuch: + + Groß denken, im Herzen rein, + Halte dich gering und klein, + Freue dich in Gott allein. + +In gedrängter Kürze wollen wir den Entwickelungsgang des Meisters +darzustellen versuchen. + +[Illustration: Abb. 7. +Dresden von der Bärbastei.+ 1820. + +Aus „Dreißig malerische An- und Aussichten von Dresden und der nächsten +Umgebung“. + +Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden. (Zu Seite 16.)] + +[Illustration: Abb. 8. +Aus Avignon.+ 1820. (Zu Seite 16.)] + +Adrian Ludwig Richter wurde am 28. September 1803 in +Dresden-Friedrichstadt geboren, „einem Stadtteil, welchen“, wie er +selbst sagt, „die ~haute volée~ zu ihrem Sitze nicht erkoren hatte“. +Das Geburtshaus (Abb. 1), Friedrichstraße 44 Gartenhaus, war lange in +Vergessenheit gekommen, bis es 1898 wieder entdeckt wurde. Nach einer +alten Familientradition stammt die Familie Richter von Luther ab. Sein +Vater, Karl August Richter (Abb. 2), geboren 6. Juli 1778 im Dorfe +Wachau bei Radeberg, war Zeichner und Kupferstecher und Professor an +der Dresdener Kunstakademie, ein Schüler Adrian Zinggs, seine Mutter +Johanne Eleonore Rosine Dorothee geborene Müller (Abb. 3). Sein +Großvater väterlicherseits, Heinrich Karl Richter (Abb. 4), geboren +1741, war Kupferdrucker, seine Großmutter (Abb. 4) war die Tochter +eines Schullehrers in Wachau. Der Großvater trat, als ihm durch einen +katholischen Geistlichen der Druck der neu auszugebenden Talerscheine +dafür in Aussicht gestellt wurde, zur katholischen Kirche über, aus dem +Druck wurde aber nichts. Die Großmutter kämpfte lange mit sich, ob sie +ihrem Manne beim Wechsel der Konfession folgen sollte oder nicht; in +ihrer Bedrängnis wandte sie sich an ihren Bruder, den protestantischen +Pfarrer in Döbrichau bei Wittenberg, der ihr riet, ihren Kindern das +Opfer zu bringen, Gott sei in dieser wie in jener Kirche, und so +entschloß sie sich schweren Herzens endlich zum Übertritt; sie hat +dreißig Jahre in völliger Erblindung gelebt. Der Großvater betrieb +in späteren Jahren, als das Kupferdrucken nicht mehr recht ging, die +Uhrmacherei. „Er wohnte in einem engen düsteren Hof eines Hauses hinter +der Frauenkirche über der Judenschule,“ im abgelegenen Stübchen des +Hinterhauses hingen zahllose Uhren, die rastlos durcheinander tickten. +Der ruhige, in seinem Wesen wunderliche, ironische Mann beschäftigte +sich auch leidenschaftlich mit Alchimie und Goldmacherei, bei ihm +verkehrten geheimnisvoll allerlei Alchimisten und alte originelle +Judengestalten. Fast hundertjährig schied er aus diesem Leben. + +[Illustration: Abb. 9. +Studie aus Salzburg.+ 1823. + +(Zu Seite 18.)] + +Der Großvater mütterlicherseits, Johann Christian Müller, ein langer, +hagerer, leicht auffahrender und polternder Mann, war ein kleiner +Kaufmann in Dresden-Friedrichstadt, die Großmutter Christiane Luise +(Abb. 5), geboren in Amsterdam als Tochter des dortigen Kaufmanns +van der Berg, gestorben 1813, eine phlegmatische, etwas stolze Frau. +Weiter läßt sich das Herkommen der Familie nicht mehr verfolgen, da +die Kirchenbücher in der Kriegszeit verloren gegangen sind. Das Leben +in Großvater Müllers engem Kaufmannslädchen und dem anstoßenden, +noch engeren Stübchen, in dem von Nebengebäuden eingeschlossenen Hof +und dem sehr großen Garten, mit dem Blick über Kornfelder nach den +Höhen von Roßtal und Plauen, schildert Richter in der Biographie +gar köstlich, nennt auch den ehrbaren Friedrichstädter Bürger und +hochachtbaren Verleger der im Lädchen aufliegenden, in grobem +Holzschnitt ausgeführten und grell bunt bemalten Bilderbogen, Meister +Rüdiger, den Adam, Stammvater und das ehrwürdige Vorbild der Dresdner +Holzschneider. Die beiden großelterlichen Häuser mit den originellen +Gestalten, die dort ein- und ausgingen, boten ein interessantes Bild +aus dem achtzehnten Jahrhundert; sie hatten sich dem Enkel Ludwig +tief eingeprägt. Die wunderlichen Menschen, die er dort sah, mögen +oft bei seinem späteren reichen Schaffen und künstlerischen Gestalten +in seiner Erinnerung aufgetaucht und ihm Modell gestanden haben. Es +waren Figuren, wie wir sie bei Chodowiecki in dessen zahllosen Stichen +sehen und kennen; Richter erzählte oft und gern in seinem späteren +und spätesten Alter von diesen Originalen und wußte sie auch bis ins +kleinste lebendig zu schildern. Dagegen war das elterliche Haus in +seiner Erinnerung ärmer an derartigen und dauernden Eindrücken gewesen. +Es mögen in diesen frühesten Jugenderinnerungen die Wurzeln liegen +für seine Originale und Kapitalphilister, die er in seiner späteren +Zeit uns mit so sicherem Strich gezeichnet hat. Dresden war voll von +solchen Originalgestalten, und unser Ludwig machte förmlich Jagd +auf Chodowieckifiguren. Otto Jahn schreibt in seinen Mitteilungen +über L. Richter: „Die eigentümliche, schalkhafte und doch treuherzige +Pietät, mit welcher Richter seine Philister behandelt, wird aber erst +recht begreiflich, wenn man sieht, wie sie in den ersten und liebsten +Erinnerungen seiner Kinderjahre wurzelt.“ Die Kriegswirren, die +Massen von Truppendurchzügen der Franzosen und der Russen mit ihren +asiatischen Kriegsvölkern und der Österreicher, die Not der Stadt +Dresden während der Schlacht, das Hin und Her in dieser Zeit bis zur +endlichen Niederlage Napoleons bei Leipzig, das alles war für ihn reich +an Eindrücken und Abwechslungen. Der Besuch der katholischen Schule +(er war in der protestantischen Kreuzkirche in Dresden getauft) hörte +im zwölften Lebensjahre infolge der Kriegsdrangsale auf, und nun fand +Ludwig seinen Platz neben des Vaters Arbeitstisch, wo er zeichnete +und radierte. Es war selbstverständlich, daß der Sohn den Beruf des +Vaters erwählte und als Zeichner und Kupferstecher sich ausbildete; +auch seine drei jüngeren Geschwister „Willibald, Hildegard und Julius +griffen, sobald sie konnten, zu Papier und Bleistift und zeichneten +drauf los nach irgend einem Original aus Vaters Mappen“. Unseren Ludwig +befriedigte aber derartiges Zeichnen und Kupferstechen wenig, das +„Malen“ kam ihm viel schöner vor. Der Vater stach damals Kupferplatten +für den Fürsten Czartorysky, der ihn nach Warschau ziehen wollte und +ihm eine gut besoldete Professorenstelle anbot; der Mangel an Kenntnis +der französischen Sprache und an Mitteln zur Bestreitung der Kosten +des Umzugs mit Frau und Kindern nach dort bestimmten ihn jedoch, das +Anerbieten abzulehnen. Er hatte eine Anzahl Schüler, die er im Zeichnen +und Kupferstechen unterrichtete. + +[Illustration: Abb. 10. +Rocca di Mezzo.+ 1825. Ölbild im Museum zu +Leipzig. (Zu Seite 23.)] + +[Illustration: Abb. 11. +Landschaft von Tizian.+ Nach einer +eigenhändigen Pause. (Zu Seite 26.)] + +Neben den Arbeiten für den Fürsten mußte der Vater, da die Bezahlung +eine sehr knappe war, als Brotarbeit auch Bilder für Volkskalender und +Ansichten von Städten und Gegenden radieren. Für die Kalenderbilder +wurden Schlachten, der Wiener Kongreß, Feuersbrünste, Erdbeben, +Mordtaten und was sonst die damalige Zeit in weitesten Kreisen +bewegte, dargestellt, und bei diesen kleinen Arbeiten durfte der Sohn +Ludwig helfend mitwirken, kopieren und arrangieren, später sogar +diese selbst radieren; mit stolzem Gefühl nimmt er die Erlaubnis auf, +die Geschichte vom Apfelschuß Tells auf der Platte „umreißen“ zu +dürfen. Die Auftraggeber für diese Kalenderbilder waren Buchbinder, +die solche Kalender verlegten, und alljährlich zum Herbstjahrmarkt +kamen diese Kleinverleger mit ihren Aufträgen. Diese Buchbinder +und Geschäftsfreunde waren auch großenteils höchst originelle +Gestalten, von denen einige Richter noch im späten Alter lebhaft vor +Augen standen. Ein alter, längst verstorbener Chirurgus in Meißen +erzählte mir, daß er sehr oft mit seinem Vater, einem Buchbinder und +Herausgeber solcher Kalender, in Dresden bei Richters Vater in solcher +Angelegenheit war, und wie er unseren jungen Richter neben Vaters +Tisch habe arbeiten sehen; er schilderte ihn als einen schmalen langen +Jüngling, wie wir ihn uns leicht vorstellen können nach dem vielleicht +zehn Jahre später gezeichneten Porträt (Abb. 15). + +Er zeichnete nun auch bald nach der Natur, und wir fügen hier eine +Radierung nach einer Zeichnung von ihm, dem damals Fünfzehnjährigen, +die Brandruinen des alten Schlosses in Pillnitz (Abb. 6) bei. Die +Nationalgalerie besitzt eine in Bleistift sehr tapfer gezeichnete +Vorgrundstudie, Distelblätter, aus seinem zwölften Jahre und aus +seinem fünfzehnten Jahre ein aquarelliertes Blatt „Bewachsene Steine“, +das noch in dem damals herrschenden Manierismus behandelt ist. Die +Zopfzeit, eine der schlimmsten Zeiten deutscher Kunst, stand noch in +voller Blüte; es wurde noch Baumschlag nach ganz besonderen Methoden +gemacht, Eichen gezackt, Linden in gerundeter Manier; es war eine Zeit +der Unnatur und eines verwahrlosten Geschmacks. Richter schildert +selbst in dem Kapitel „Wirrsale“ seiner Biographie, wie er, entgegen +der herrschenden Geschmacklosigkeit und dem Manierismus die Natur +draußen so ganz anders sieht, und doch ist er befangen und weiß sich +nicht herauszufinden. + +[Illustration: Abb. 12. +Studie.+ 1825. + +(Zu Seite 31.)] + +[Illustration: Abb. 13. +Blick in das Tal von Amalfi.+ 1826. Ölbild im +Museum zu Leipzig. (Zu Seite 31.)] + +Den Sohn des Romanschriftstellers Wagner in Meiningen, der als +Spielgenosse des Erbprinzen an dessen Erziehung teilnehmen durfte, ließ +der Herzog in Tharandt unter Cotta Forstwissenschaft studieren. In +seinen Mußestunden arbeitete der junge Wagner als Schüler bei Richters +Vater. Er brachte eines Tages eine von ihm aus der Umgebung Tharandts +nach der Natur in Deckfarben gemalte landschaftliche Studie mit: eine +Felsschlucht mit kleinem von Farnkräutern und weißen im Sonnenschein +glänzenden Sternblumen umrahmten Wasserfall. Diese Studie machte einen +tiefen Eindruck auf unseren Richter; wie hier die Natur gesehen war, +entsprach so ganz seinem Sinn, so sah auch er die Natur. Und wie ganz +anders war das, als die Zinggsche Schule lehrte. In einer Kunsthandlung +fand er ein Heft radierter Landschaften von Joh. Christoph Erhard +(1795-1822), voll feinen Naturgefühls und großer Frische. Diese +Blätter gefielen ihm so, daß er sie kaufte und mit ihnen hinaus nach +Loschwitz ging, um in dieser ihm neuen Art nach der Natur zu zeichnen. +Die überaus feine, naive und ganz manierlose Wiedergabe der Natur, +die sonnige Wirkung in den Radierungen dieses Meisters entzückten +ihn, sie haben einen unverkennbaren Einfluß auf seine Art zu zeichnen +gehabt, sind ihm treue Berater und Begleiter durch seine ganze +Künstlerlaufbahn gewesen; er hatte sie immer bei sich am Arbeitstisch, +alle seine Schüler hat er danach zeichnen lassen. + +In Dresden bekämpfte der Landschaftsmaler Kaspar David Friedrich aus +Greifswald die herrschende Unnatur durch seine eigenartigen Bilder, die +mit strengstem Naturstudium und mit tiefem Naturgefühl die einfachsten +Vorwürfe der Natur, wenn auch oft stark symbolisiert, behandelten. +Im Jahre 1818 kam der Norweger Landschafter Christian Dahl nach +Dresden, der durch seine frischen, naturalistischen, norwegischen +Gebirgslandschaften ungeheures Aufsehen unter der Jugend erregte. Die +Alten aber lachten oder schüttelten die Köpfe über diese Neuerer. + +[Illustration: Abb. 14. +Auguste Freudenberg.+ 9. Dezember 1826. (Zu +Seite 33.)] + +Aber die ersten Schimmer der Morgenröte der sich vorbereitenden +neudeutschen Kunst zeigten sich bereits. Schon hatte August Wilhelm +von Schlegel seine Abhandlung über „Christliche Kunst“ geschrieben, +Eindrücke und Gedanken, die er vor den in Paris aufgestapelten, von +Napoleon zusammengeraubten Kunstschätzen Deutschlands und Italiens +aufgezeichnet, ein Werk der damaligen literarischen Romantik, das man +als einen der Ecksteine der neudeutschen Kunst bezeichnen muß. + +Schon waren Cornelius, Overbeck, Veit und Schnorr als ausübende +Künstler tätig. In der heranwachsenden Jugend fing es an zu gären. +Die Zeit der tiefsten Erniedrigung und der großen nationalen Erhebung +Deutschlands, die Befreiungskriege, wirkten auch befruchtend auf +die junge deutsche Künstlerschaft; +deutsche+ Kunst wurde wieder +angestrebt, die altdeutschen herrlichen Meister wurden wieder +Lehrmeister. Das nationale Bewußtsein brach sich auch in der Kunst +wieder Bahn. Und auch unseren jugendlichen Richter durchzog es +ahnungsvoll. + +Eines Tages kam der Buchhändler Christoph Arnold zum Vater Richter; der +Sohn bemerkte, daß dieser ihn beobachtete, schließlich aber freundlich +mit ihm sprach; er übertrug dem Vater die Ausführung eines größeren +Werkes in Radierungen: „Malerische An- und Aussichten der Umgegend von +Dresden“, dabei aber den Wunsch aussprechend, daß der Sohn mit dabei +beschäftigt werde. + +Beim Fortgehen gibt er dem Jüngling die Hand, dabei treten ihm Tränen +in die Augen; draußen sagt er dem Vater, daß er beim Anblick des +Sohnes an seinen jüngst verstorbenen Sohn, dem Ludwig sehr ähnlich +sei, erinnert worden sei. Von da an hatte er großes Interesse an +unserem Ludwig Richter, wie sich in der Folge zeigte. Das in Auftrag +gegebene Werk erschien 1820 unter dem Titel: „Siebzig malerische An- +und Aussichten der Umgegend von Dresden, aufgenommen, gezeichnet +und radiert von C. A. Richter, Professor, und A. Louis Richter“, +ebenso erschienen in demselben Jahre noch dreißig malerische An- und +Aussichten von Dresden und der nächsten Umgebung. Aus dieser Folge +bringen wir „Dresden von der Bärbastei“ von unserem jungen Künstler +gezeichnet und radiert (Abb. 7). Beide Folgen waren zum Kolorieren +bestimmt, deswegen sind die Lüfte leer gelassen. + +[Illustration: Abb. 15. +Jugendporträt L. Richters vom Jahre 1827+, +gez. von C. Peschel. + +Museum zu Dresden. (Zu Seite 13 und 36.)] + +Im Jahre 1820 begleitet unser junger Richter, der inzwischen für sich +gezeichnet und gemalt, auch an Bilder sich gewagt hat, den Fürsten +Narischkin, Oberstkämmerer der Kaiserin von Rußland, sieben Monate als +Zeichner auf dessen Reise über Straßburg und Marseille nach Nizza. Die +Skizzen nach der Natur von dieser Reise, die noch vorhanden sind und +nach denen er ausgeführte Zeichnungen für ein Album, das der Kaiserin +von Rußland bei der Rückkehr überreicht werden sollte, fertigte, haben +oft noch etwas „Zopfiges“ an sich; er war, trotzdem er sich frei zu +machen suchte, weil ein lebendiges Naturgefühl ihn durchdrang, noch +in der Art und Weise der Zeit befangen und gebunden. Wir bringen von +diesen Skizzen ein Blatt (Abb. 8) aus Avignon. Nach der Rückkehr +radierte er für Arnold wieder dreißig Ansichten zu dem „Taschenbuch +für den Besuch der sächsischen Schweiz“. In diesen Radierungen, die +nichts weiter als Prospekte sein sollten (dieses Taschenbuch entsprach +ungefähr in seinen Zwecken unseren heutigen Bädekerreisebüchern), +macht sich, wie in den vorerwähnten siebzig und dreißig Ansichten, +schon in der Ausbildung der figürlichen Staffage der eigene Zug +Richters geltend, die Natur immer nur in Verbindung mit dem Menschen zu +schildern. -- Aber diese Arbeiten befriedigten ihn nicht, es drängte +ihn nach ganz anderen Zielen. Und zur Erreichung dieser sollten ihm die +Wege geebnet werden. + +Der väterliche Freund Arnold gab ihm die Mittel zu einer Studienreise +nach Rom auf drei Jahre (jährlich 400 Taler), -- nach Rom, wo +Cornelius, Overbeck und Philipp Veit im Hause des preußischen +Generalkonsuls Bartholdy die Geschichte Josephs in Fresken (jetzt in +der Nationalgalerie in Berlin) bereits ausgeführt und die Merksteine +der neuen Ära aufgerichtet hatten, wo dieselben Künstler, denen sich +Schnorr 1818 zugesellte, in der Villa des Fürsten Massimi die Fresken +zu Dantes „Göttlicher Komödie“, zu Tassos „Befreitem Jerusalem“ und zu +Ariostos „Rasendem Roland“ zu malen begonnen hatten. -- Die Kunde von +diesen Werken, die für die neue deutsche Kunst von so außerordentlicher +Bedeutung sind, war auch nach Dresden gedrungen, und man kann sich +vorstellen, wie die herrliche Aussicht, nun so bald in diese Zentrale +der neudeutschen Kunstbewegung kommen zu sollen, unseren jungen +Künstler mit Begeisterung erfüllte. Jetzt war er erlöst und konnte dem +innersten Zuge seines Herzens folgen; -- „ich war mit einem Schlage +frei von dem Drucke ägyptischer Dienstbarkeit, die hoffnungslos auf +meinem Leben lastete, mit einem Zuge war der Vorhang weggeschoben, und +der selige Blick sah das gelobte Land vor sich liegen, das Land einer +bisher hoffnungslosen Sehnsucht, wohin der Weg nun gebahnt war.“ + +Auf der Kunstausstellung im Sommer 1822 tauchten einige kleinere Bilder +deutscher Künstler in Rom auf, die über die „neue Richtung“ der jungen +Künstlergeneration Aufschluß gaben. Es waren Bilder von Götzlaff, +Klein, Catel, Rhoden. Diese Bilder machten durch ihr strenges und +höchst liebevolles Anschließen an die Natur, durch das Stilgefühl, +welches ihre Urheber den alten deutschen und italienischen Meistern +abgelernt, auf unseren jungen Künstler tiefen Eindruck; wie war das +so ganz anders angeschaut und wie war das empfunden! Wie hohl und öde +waren dagegen die Werke von Klengel und den anderen Zopfmalern, die vor +lauter „Baumschlag“ und „Kunstrezept“ und „Kunstregel“ so ganz abseits +von der Natur gekommen waren. + +[Illustration: Abb. 16. +Landschaft aus der römischen Campagna.+ +Federzeichnung. 1828. (Zu Seite 39.)] + +Von Dresden waren bereits Alters- und Gesinnungsgenossen nach Rom +gezogen; Richter kannte aber nur wenige von ihnen und stand außerhalb +ihres Kreises. Sein Vater wollte von diesen „Neuerern“ nichts wissen, +die obendrein in altdeutschen Röcken und Sammetbaretts, mit langen +Haaren und Fechthandschuhen einhergingen. + +[Illustration: Abb. 17. +Brunnen bei Arriccia.+ Nach einer Aquarelle. +1831. (Zu Seite 39.)] + +1823 trat er die Reise über Salzburg an. Er zeichnete viel auf seiner +Wanderung durch die Alpen, Landschaftliches und Figürliches. Abb. 9 ist +eine Figurenskizze aus dem Salzburgischen, in der Art der Zeichnung +und Charakteristik Philipp Fohrs, auf den wir später noch kommen. Die +Nationalgalerie besitzt ein aquarelliertes Blatt, eine Landschaft von +1823, auf dieser Reise gefertigt, worin auch das Figürliche ähnlich +im Schnitt und räumlich sehr hervorgehoben ist. In Innsbruck, wo er +Nachrichten aus der Heimat erwartete, fielen ihm Schlegels Abhandlungen +über „Christliche Kunst“, die wir früher schon erwähnten, in die Hände, +und als er jenseits der Alpen, in Verona, zuerst altitalienische +Kunstwerke sah, wurden ihm Schlegels Aussprüche erst recht verständlich +und lebendig; hier sah er in der Kirche St. Giorgio das bekannte Bild +von Girolamo dai Libri: „Die Madonna auf dem Thron von singenden Engeln +umgeben“ und wurde von dem Bilde wunderbar ergriffen. Als fünfzig +Jahre später auf dieses Bild die Rede kam, schrieb er mir in seiner +Begeisterung eine kurze Abhandlung über dies Bild aus den „Gesprächen +über die Malerei in Italien“ von L. Lanzi mit der vorzüglichen +Anmerkung dazu von Quandt ab; er war noch immer von der höchsten +Begeisterung für dieses Gemälde erfüllt. Am 28. September, am Abend +seines zwanzigsten Geburtstages, zog er durch die Porta del Popolo in +Rom ein; Glockengeläute und Kanonendonner verkündeten die Wahl Papst +Leos XII. „Da lag mein Schifflein im ersehnten Hafen.“ + +[Illustration: Abb. 18. +Der Watzmann.+ 1830. Verlag von C. G. Boerner +in Leipzig. (Zu Seite 40.)] + +Hier traf er nun mit den ihm von Dresden her bekannten jungen Malern +Wagner und Ernst Oehme zusammen. „Hier in Rom entdeckten wir (Oehme +und Richter) bald, daß ein anderes liebes Geheimnis uns verband; denn +er hatte eine Emma, wie ich eine Auguste, in der Heimat und im Herzen, +beide Mädchen kannten sich, beide wurden von Pflegeeltern erzogen, +welche einander nicht unbekannt waren, und so konnte es nicht fehlen, +daß wir uns ebenfalls vertraulich nahe fühlten.“ + +Großen Einfluß auf ihn gewann zuerst vor allem der aus der Sturm- und +Drangperiode herübergekommene Landschafts- und Figurenmaler Joseph +Anton Koch, das originelle derbe und biedere Tiroler Landeskind. +Besonders seine historischen Landschaften wirkten auf den jungen +Künstler bestimmend. Noch im Laufe des ersten Winters in Rom, +1823-1824, malte Richter ein Bild, den Watzmann darstellend. Während +er daran arbeitete, besuchte ihn Koch, der von da an großen Anteil an +seinem Schaffen nahm und in herzlichen Verkehr zu ihm trat; ihm hat +Richter für seine künstlerische Fortentwickelung viel zu danken. Auch +Julius Schnorr aus Leipzig trat Richter jetzt freundschaftlich näher. +Schnorrs Persönlichkeit und Geistesrichtung berührten Richter innerlich +noch mehr, weil er eine ihm verwandte Natur war. Koch suchte das Große +und Gewaltige mit Pathos in der Formengebung auszudrücken, wogegen der +lyrische Schnorr durch seinen Schönheitssinn und die Anmut in seiner +Gestaltung, durch blühende Phantasie und Romantik in unserem jungen +Künstlergemüt gleichgestimmte Saiten erklingen machte. + +[Illustration: Abb. 19. +Castel Gandolfo.+ Radierung. 1832. Verlag von +C. G. Boerner in Leipzig. (Zu Seite 40.)] + +Im „Kunstblatt“, Jahrgang 1824, wird über dies Bild vom Watzmann, das +er in Dresden ausgestellt und seinem Gönner Arnold überließ, berichtet: +„Die Meisterhaftigkeit, mit welcher dieses Bild ausgeführt ist, der +schöne und tiefe Sinn für Natur, der sich darin spiegelt und in Treue +und Wahrheit den Charakter dieser Berggegend wiedergibt, die gut +gedachten Effekte der Licht- und Schattenpartien erfreuen uns um so +mehr, da der Künstler noch sehr jung ist und bei solchen Anlagen und +so früher Entfaltung von praktischer Geschicklichkeit das Höchste in +dieser Kunst zu erwarten berechtigt.“ Und von Quandt schreibt ebenda: +„Das Romantische, das, was in der Natur ans Unbegreifliche und in der +Darstellung ans Unglaubliche reicht, ohne die Grenzen des Möglichen +und Wirklichen zu überschreiten, ist ganz des jungen Malers Fach, +und er vermag es mit solcher Wahrheit vor die Augen zu stellen, daß +uns ganz das Gefühl des Erhabenen durchdringt, welches der Anblick +im reinsten Sonnenlicht strahlender Gletscher, ungestümer Bäche und +ernster Waldungen, welche als Landwehr den Bergstürzen und Lawinen sich +entgegenstellen, uns einflößt.“ Die Dresdener Akademie gewährte ihm auf +dieses Bild ein Stipendium von hundert Talern. Abends zeichnete Richter +mit größtem Eifer mit den Genossen in der sogenannten Academia, die +Passavant und einige Freunde eingerichtet hatten, nach dem lebenden +Modell; er vergleicht diese Figurenstudien mit denen, die zu der +Zeit in Deutschland gezeichnet wurden, und sagt, daß man dort solche +Figurenstudien in eine gewisse manierierte Schablone brachte, weil der +Respekt vor der Natur fehlte; aber „hier zeichnete man mit der größten +Sorgfalt, mit unendlichem Fleiß und großer Strenge in der Auffassung +der Individualität, so daß diese Zeichnungen oft kleine Kunstwerke +wurden, an denen jeder seine Freude haben konnte; denn es war eben ein +Stück schöner Natur.“ + +[Illustration: Abb. 20. +Porträt Ludwig Richters.+ + +Gezeichnet 1831 von Adolf Zimmermann. (Zu Seite 40.)] + +[Illustration: Abb. 21. +Vertreibung aus dem Paradies.+ 1832. + +Aus „Biblische Historien“ von Zahn. + +Mit Genehmigung der Verlagshandlung A. Bagel in Düsseldorf. (Zu Seite +40.)] + +Im Frühling 1824 zog unser Landschafter ins anmutige Albanergebirge, +später nach Tivoli, wo er mit Philipp Veit am Tempel der Sibylla +zusammentraf. An einem Regentage wurde hier beschlossen (Oehme, +Wagner, Götzlaff und Rist waren die Genossen Richters), daß jeder bis +zum Nachmittag eine Komposition entwerfen sollte. Richter schreibt +darüber: „Ich hatte eine Gruppe sächsischer Landleute mit ihren +Kindern gezeichnet, welche auf einem Pfade durch hohes Korn einer +fernen Dorfkirche zuwandern, ein Sonntagmorgen im Vaterlande. Diese +Art von Gegenständen war damals nicht an der Tagesordnung und in +Rom erst recht nicht. Das Blatt machte deshalb unter den anderen +einige Wirkung; -- ich erinnere mich wohl, wie ich das Blatt ohne +Überlegen, gleichsam scherzweise, meinen damaligen Bestrebungen und +Theorien entgegen, hinwarf, und dieser Umstand ist mir in späteren +Jahren wieder eingefallen und deshalb merkwürdig erschienen, weil +das recht eigentlich improvisierte Motiv der erste Ausdruck einer +Richtung war, die nach vielen Jahren wieder in mir auftauchte, als +ich meine Zeichnungen für den Holzschnitt machte. Es waren liebe +Heimatserinnerungen, sie stiegen unwillkürlich aus einer Tiefe des +Unbewußten herauf und gingen darin auch wieder schlafen, bis sie +später in der Mitte meines Lebens mit Erfolg neu auferstanden.“ +Richter beschloß die Studien für diesen Sommer und Herbst in Olevano +im Sabinergebirge. Dieses einzige Stückchen herrlichen Landes hatte +Koch einige Jahre vorher entdeckt; seit Jahren ist die Serpentara, die +kleine felsige Kuppe mit einem Wald deutscher Eichen, der Glanzpunkt +von Olevano, in Verfolg einer Anregung deutscher Künstler in Erinnerung +dort verbrachter Studienzeit in den Besitz des Deutschen Reiches +übergegangen. + +[Illustration: Abb. 22. +Erntezug in der römischen Campagna.+ 1833. +Ölbild im Museum zu Leipzig. (Zu Seite 40.)] + +[Illustration: Abb. 23. +Der Wasserfall bei Langhennersdorf.+ + +Radierung. 1834. + +Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden. + +(Zu Seite 40.)] + +[Illustration: Abb. 24. +Das Tor auf dem Neu-Rathen.+ + +Radierung. 1834. + +Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden. + +(Zu Seite 40.)] + +[Illustration: Abb. 25. +Aufsteigendes Gewitter am Schreckenstein.+ +Nach einem Aquarelle von 1836. (Zu Seite 42.)] + +Nach Rom zurückgekehrt, malte Richter im Winter das Bild „Rocca di +Mezzo“ (Abb. 10), welches durch Vermittelung Schnorrs der Baron Speck +von Sternburg erwarb; es befindet sich jetzt im Museum zu Leipzig. Bei +Philipp Veit, dem Sohn von Dorothea von Schlegel, mit dem er in Rom +unter einem Dach wohnte, sah er zwei Bände Holzschnitte und Stiche +Dürers, von denen ihm bisher wenige bekannt waren. Veit erschloß ihm +den Reichtum an Schönheiten und die Bedeutung dieser Werke; er ist +von der volkstümlichen Art, deutsches Leben und Wesen wiederzugeben, +ganz begeistert, und für die Folge haben diese Eindrücke fördernd und +bestimmend auf unseren jungen Künstler eingewirkt und vielfältige +und herrliche Früchte gezeitigt. In der Galerie Camuccini sah er ein +seitdem in England verschwundenes Bild von Tizian, eine Landschaft +mit einem Zechgelage von Göttern und Göttinnen, welches einen +unauslöschlichen Eindruck auf ihn machte. „Ich war ganz hingerissen +von diesem herrlichen Gemälde, der großartigsten Landschaft, die ich +je gesehen,“ schreibt er in seiner Biographie, und weiter dann in +den Tagebuchaufzeichnungen vom Jahre 1824: „Aus Tizians ‚Bacchanal‘ +weht eine wunderbare Frische und holde Lebensfülle; das Kolorit ist +wahre Zauberei, eine Kraft, ein Glanz und eine Glut in den Farben, die +einen wunderbaren Reiz wirken und schon für sich die höchste poetische +Stimmung im Beschauer erwecken. Die Komposition ist höchst einfach, +grandios und edel. Auf einem lustigen Plätzchen am grünen Walde haben +sich die Götter zum fröhlichen Feste versammelt und niedergelassen. +Die Figuren sind schön gemalt, voll Ausdruck und Leben, aber ziemlich +gemein, ja völlig travestiert dargestellt.“ Er schildert dann weiter +die Landschaft und schließt mit dem Ausruf: „So müssen Landschaften +gemalt werden, so muß die Natur aufgefaßt werden! Das ist der Stil, der +sich zu Heldengedichten eignet; er ist größer, edler, als der lyrische. +So groß, so sinnvoll und lebendig und so einfach nun auch +deutsche+ +Natur aufgefaßt!“ Und noch nach fünfzig und mehr Jahren geriet er in +Begeisterung, wenn die Rede auf dieses Bild kam; er zeichnete bei einer +solchen Gelegenheit dem Verfasser nach einem Stich in dem bekannten +Werk von Agincourt die hier (Abb. 11) wiedergegebene Pause und +schwelgte dabei in Erinnerungen. + +[Illustration: Abb. 26. +Überfahrt am Schreckenstein.+ 1837. Ölbild im +Museum zu Dresden. + +Nach einer Originalphotographie von F. & O. Brockmanns Nachf. (R. +Tamme) in Dresden. (Zu Seite 36 und 42.)] + +[Illustration: Abb. 27. +Die Figuren zur Überfahrt am Schreckenstein.+ +Nach einer Zeichnung im Museum zu Dresden. 1837. (Zu Seite 43.)] + +[Illustration: Abb. 28. +Aimée in der Badewanne.+ 12. März 1835. (Zu +Seite 44.)] + +Außerordentlich anregend für unseren jungen Maler, freilich nach einer +anderen Seite hin als das Bild von Tizian, waren die Arbeiten zweier +Künstler, die beide im Beginn ihrer Laufbahn starben: Karl Philipp +Fohr aus Heidelberg und Franz Horny aus Weimar. Fohr ertrank 1818 beim +Baden im Tiberfluß bei Aqua Acetosa vor den Toren Roms, Horny starb +im folgenden Jahre in Olevano. Richter schreibt in seiner Biographie: +„Das Andenken beider lebte noch warm in den Genossen, und die +Naturstudien wie die Kompositionen, welche sich noch im Besitz ihrer +Freunde vorfanden, versetzten mich in einen Rausch der Begeisterung; +insbesondere war das bei Fohr der Fall. Frühere, noch in Deutschland +gemachte Naturstudien zeigen eine so feine, liebevolle Beobachtung der +Natur und manierlose, naive Darstellung, daß, weil diese Eigenschaften +mit einem großen Stilgefühl sich verbanden, die reizvollsten +Zeichnungen entstehen mußten.“ Er schildert sodann einige solcher ganz +vorzüglichen Zeichnungen, die unbestritten zu den hervorragendsten +Arbeiten aus dieser Zeit gehören und für alle Zeiten mustergültig +bleiben werden. Von Hornys Arbeiten schreibt unser Meister: „Höchst +originell, eine großartige, strenge, ja herbe Auffassung und Behandlung +liebend, studierte er meist in den sterilen Bergen von Olevano und +Civitella. Die Zeichnungen dieses Künstlers sind auch von großem und +hohem künstlerischen Werte.“ + +[Illustration: Abb. 29. +Zeichnung zu einem Ölbilde: Ruhende Pilger.+ +1840. (Zu Seite 45.)] + +Auf dem Boden der Kirche in Olevano sah Verfasser 1866 eine Reihe von +Arbeiten dieses Künstlers; es waren runde Stationsbilder, die an diesem +Orte seit fünfzig Jahren verborgen lagen. Vor Richters Ankunft in Rom +war der geistreiche Radierer Joh. Christ. Erhard, dessen deutsche +Blätter unseren Richter so anregten und entzückten, aus diesem Leben +geschieden; er war nicht angelegt, der romantischen Richtung der Zeit +folgen zu können, aus Kummer darüber erschoß er sich in Rom 1822. +Richter schreibt in seiner Biographie: „Erhard litt an Melancholie, +welche sich oft bis zum Unerträglichen steigerte, und verzagte in +solcher Stimmung gänzlich an seinem Talente. Ich glaube auch, daß +sich die italienische Natur für seine künstlerische Eigentümlichkeit +nicht eignete.“ Den Freund Erhards, den liebenswürdigen Maler Reinhold +aus Gera, besuchte Richter oft und erfreute sich an dessen ganz +vortrefflichen Naturstudien; auch mit dem höchst talentvollen Ernst +Fries aus Heidelberg, dem Freunde Fohrs und Rottmanns, kam er öfters +zusammen. + +[Illustration: Abb. 30. Zeichnung zum +Gehörnten Siegfried+. Aus den +Volksbüchern von Marbach. 1838. + +Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Otto Wigand in Leipzig. + +(Zu Seite 46.)] + +Hier in Rom sah Richter auch die 1823 in Wien erschienenen wundervollen +Steinzeichnungen von Ferdinand von Olivier, die sogenannten sieben Tage +der Woche; es sind Bilder aus Salzburg und Berchtesgaden, fast alle mit +köstlicher Staffage belebt; diese Blätter gehören mit zu den schönsten +Werken aus jener Zeit, streng und vornehm in der Formengebung, dabei +von einer seltenen Liebenswürdigkeit und Anmut. Ferdinand von Olivier, +geboren 1785 in Dessau, lebte, ehe er nach Rom ging, in Wien und traf +dort mit Overbeck und Julius Schnorr zusammen. Des letzteren Bild im +städtischen Museum zu Leipzig, „Der heilige Rochus“, ist in dieser Zeit +in Wien gemalt; es erinnert sehr an die Art und Weise Oliviers. Die +Illustrationen Burgkmaiers zum „Trostspiegel in Glück und Unglück von +Petrarca“, diesem so wunderlichen Buche, haben die deutschen Künstler +in Rom ganz besonders geschätzt und viel danach gezeichnet. Von Richter +existieren noch Pausen nach diesen Holzschnitten aus dieser Zeit; er +besaß dieses Buch und hat viel Anregung daraus empfangen. + +[Illustration: Abb. 31. Zum +Gehörnten Siegfried+. + +Aus den Volksbüchern von Marbach. (Zu Seite 47.)] + +[Illustration: Abb. 32. Zeichnung zum +Gehörnten Siegfried+. + +Aus den Volksbüchern von Marbach. (Zu Seite 46.)] + +In jener Zeit las Richter auch Stillings „Jugend- und Wanderjahre“; +gerade hier in Rom mußte dieses Stück deutschen Volkstums großen +Eindruck auf ihn machen. Besonders aber berührte ihn der fromme Sinn +des Buches und traf eine wunde Stelle seines Herzens, deren Heilung +ihm immer mehr Bedürfnis wurde. Das religiöse innere Leben Richters +war ganz unentwickelt, verkümmert, halberstickt, aber es arbeitete +mächtig in ihm. Bei dem erkrankten Freunde Oehme lernte er den +Landschaftsmaler J. Thomas und den Kupferstecher N. Hoff aus Frankfurt +und Ludwig von Maydell aus Dorpat kennen; letzterer war ein ehemaliger +russischer Ingenieuroffizier, der gegen Frankreich mitgekämpft hatte. +1824 am Silvesterabend suchte Richter, nachdem er bis zehn Uhr an +Oehmes Krankenbett gesessen, Maydell in dessen nahegelegener Wohnung +auf, wo er Hoff und Thomas traf; er erzählt von diesen für ihn so +hochbedeutenden Stunden, wie Maydell einen Aufsatz über den achten +Psalm vorgelesen, die Freunde sich dann des weiteren unterhalten, und +sagt dann: „Ich habe keine Erinnerung von dem, was an jenem Abend +gesprochen wurde; es war auch nichts Einzelnes, was mich besonders +tiefer berührt hätte; aber den Eindruck gewann ich und wurde von +ihm überwältigt, daß diese Freunde in ihrem Glauben an Gott und an +Christum, den Heiland der Welt, den Mittelpunkt ihres Lebens gefunden +hatten und alle Dinge von diesem Zentrum aus erfaßten und beurteilten. +Ihr Glaube hatte einen festen Grund im Worte Gottes, im Evangelio von +Christo. Der meinige, welcher mehr Meinung und Ansicht war, schwebte in +der Luft und war den wechselnden Gefühlen und Stimmungen unterworfen. +Still, aber im Innersten bewegt, hörte ich den Reden der Freunde zu +und war mir an jenem Abend der Umwandlung nicht bewußt, die in mir +vorging.“ -- „Und als nun das beginnende Geläute der Mitternacht den +Schluß des alten und Anfang des neuen Jahres verkündete und Thomas uns +aufforderte, diesen Übergang mit dem alten schönen Choral ‚Nun danket +alle Gott‘ zu feiern, -- da konnte ich recht freudigen Herzens mit +einstimmen. Oehmes Krankheit war der äußere Anlaß gewesen, welcher uns +zusammengeführt hatte; eine gemeinsame Geistesrichtung, die aus dem +tiefsten Bedürfnis des Herzens kam, war in dieser Stunde hervorgetreten +und hat uns für das ganze Leben treu verbunden bis ans Ende dieser +Erdentage; denn sie ruhen nun alle, und nur ich, der jüngste von +ihnen, bin der Überlebende und segne noch heute diesen für mich so +hoch bedeutsamen Silvesterabend.“ Wie ein Jauchzen erklingt es in +ihm am Neujahrsmorgen 1825: „Ich habe Gott, ich habe meinen Heiland +gefunden; nun ist alles gut, nun ist mir ewig wohl!“ und weiter: „Das +Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden.“ Maydell, der +vielbelesene Protestant, nahm sich des Suchenden herzlich an und half +ihm getreulich. Besonders machte er ihn mit der Bibel und mit Luthers +Schriften bekannt. Auch Richard Rothe, der damals Prediger an der +preußischen Gesandtschaftskapelle in Rom war, nachmaliger Doktor und +Professor der Theologie und geheimer Kirchenrat zu Heidelberg, ein +Mann von großer Bedeutung, gewann viel Einfluß auf unseren suchenden +Jüngling. Auf Wunsch eines großen Teiles der evangelischen Künstler +Roms veranstaltete Rothe (Brief an seine Eltern vom 21. Februar 1824 +und andere Nachrichten, vergl. Friedrich Nippold „Richard Rothe“) +Vorträge über Kirchengeschichte zur Förderung des evangelischen Sinnes +und Glaubens; diese Vorträge gingen wohl auch in recht lebhafte +Gespräche über und gaben zu mannigfaltigen Erörterungen Anlaß. Hieran +beteiligte sich unser Künstler mit größtem Eifer. Den damals in Rom +lebenden deutschen Künstlern war Kunst ohne Religion undenkbar; die +beiden Elemente waren ihnen zu +einem+ verschmolzen, von welchem sie +tief durchdrungen waren. Wie ernst die Künstler ihr Christentum nahmen +und hielten, darüber spricht sich unser Meister nach vierundvierzig +Jahren in einer Tagebuchaufzeichnung vom 20. August 1868 aus: +„Bedeutend ist die romantische Kunstperiode in Rom im Vergleich zu +den gleichzeitigen Bestrebungen der romantischen Dichter in Beziehung +zum Christentum. Die ersteren machten Ernst damit, machten es zur +Lebensaufgabe; bei letzteren war es teils Dekoration oder ästhetische +Ansicht und Meinung, bei den Künstlern ein Leben, nicht sowohl +nach+ +ihrem Glauben, sondern +aus+ dem Glauben.“ Die Protestanten fanden +vielfach, dem romantischen Zuge der Zeit entsprechend, in ihrer Kirche +nicht das, was sie suchten, es neigten viele zur katholischen Kirche; +unter anderen traten die Maler von Rhoden aus Kassel und der Lübecker +Overbeck zum Katholizismus über. Es mag viel gestritten und gerungen +worden sein. Hier war auch bei den Streitigkeiten hin und her der +Vergleich zwischen den beiden christlichen Kirchen gebraucht worden, +man möge sich beide wie zwei verschiedene Regimenter vorstellen, die, +verschiedene Uniformen tragend, doch einem Könige dienten. + +[Illustration: Abb. 33. +Die Lutherlinde in Ringetal.+ Radierung. 1839. + +Verlag von Carl Gräf (E. Arnold) in Dresden. (Zu Seite 47.)] + +In dem Hause des damaligen preußischen Gesandten beim päpstlichen +Stuhle, Freiherrn von Bunsen, fand Richter eine freundliche und sehr +wohlwollende Aufnahme. + +In dieser Zeit hatte Schnorr einen Teil seiner viel bewunderten und +großes Aufsehen machenden Landschaften gezeichnet. Es sind über hundert +Blätter geworden, die im Besitze seines Freundes Eduard Cichorius +aus Leipzig sind. Diese Zeichnungen beeinflußten Richter stark; sie +waren ihm ein Wegweiser, wie stilvolle Auffassung mit Naturwahrheit zu +verbinden sei. + +Im Frühjahr 1825 ging Richter nach Neapel und Amalfi bis Pästum, später +mit Maydell bis zum Herbst nach Civitella, wo er viele Zeichnungen +und Studien sammelte. Wir bringen aus dieser Zeit nur eine figürliche +Zeichnung (Abb. 12). + +Er fühlte sich krank, Brustschmerzen quälten ihn besorgniserregend, +er hatte viel mit Schmermut zu kämpfen. In der Biographie ist ein +Gedicht von ihm, „Sehnsucht“, abgedruckt, das einen tiefen Einblick +in seine Stimmung gewährt. Nach Rom ins Winterquartier zurückgekehrt, +ging er an die Ausführung eines größeren Ölbildes „Blick in das Tal +von Amalfi“, die Komposition dazu hatte er nach seinen in Amalfi im +Sommer gesammelten Studien in Civitella vorbereitet. Wir geben hier +eine Nachbildung des Gemäldes, das sich jetzt im Museum in Leipzig als +Geschenk von E. Cichorius befindet (Abb. 13). + +[Illustration: Abb. 34. +Luther auf der Wartburg.+ 1840. + +Aus Duller, Deutsche Geschichte. + +Verlag von Gebr. Paetel in Berlin. (Zu Seite 47.)] + +Aus dem sonnigen, lachenden, an der Küste des Mittelländischen Meeres +liegenden Amalfi hinaufsteigend gelangt man in ein herrliches Tal +mit zu beiden Seiten terrassenförmig abfallenden, zum Teil steilen +Wänden. Zwischen Zitronen- und Orangengärten und Kastanienwäldern +taucht gar bald der im weichen Blau hell schimmernde Golf von Salerno +auf, und hier ist ungefähr der Standpunkt, den Richter für sein Bild +gewählt hat. An einem im Wald sich verlierenden Pfad lagert ein junges +Menschenpaar, ein Kindlein herzend. Talabwärts schreitet elastischen +Schrittes ein stattliches Weib, neben ihm ein Mann, der einen bepackten +Esel führt. Im blumigen Vorgrund steht, auf seinen Stab gestützt, +ein Hirt, nach dem Meer hinausschauend, links ein klares Wässerchen, +zierliche weiße Doldenpflanzen an seinen Rändern; rechts zwei Ziegen +mit einem säugenden Zicklein. Im weiteren Mittelgrunde die stolzen +Felswände, hinter dem Walde Häuser, aus denen leichter Rauch aufsteigt. +Richter schreibt über dieses Bild in seinen Lebenserinnerungen: „Auch +meine Landschaft trägt den charakteristischen Zug an sich, welcher fast +allen Bildern eigen ist, die in jener Zeit von deutschen Künstlern in +Rom gemalt wurden: eine gewisse feierliche Steifheit und Härte in den +Umrissen, Magerkeit in den Formen, Vorliebe zu senkrechten Linien, +dünner Farbenauftrag usw. Die Vorliebe für die altflorentiner und +altdeutschen Meister bannte auch in deren Handweise.“ An einer anderen +Stelle findet sich die nachfolgende hochinteressante Bemerkung, die wir +hier einfügen wollen, weil sie für die damaligen Anschauungen maßgebend +war: „Über das Zurückgreifen zu den ältesten Meistern, Giotto, Eyck +und ihren Zeitgenossen, ist mir die Äußerung des berühmten Canova zu +Baptist Bertram, dem Freunde Boisserées, merkwürdig erschienen, als er +dessen Sammlung altdeutscher und altniederländischer Gemälde, damals +noch in Heidelberg, jetzt in München, betrachtet hatte. Er meinte, hier +bei dieser ältesten Kunst müßten die Maler wieder den Faden anknüpfen, +wenn sie auf lebensvollere Bahnen kommen wollten; wer von Raffael +ausgehe, könne nicht weiter hinauf-, sondern nur hinabsteigen.“ (S. +Boisserée, „Leben und Briefe“). + +[Illustration: Abb. 35. Zeichnung zum +Landprediger von Wakefield+ von +Oliver Goldsmith. Übersetzt von Ernst Susemihl. 1811. Fünfte Auflage. +C. F. Amelangs Verlag in Leipzig. (Zu Seite 38 und 47.)] + +Welch einen Fortschritt zeigt dieses Bild gegen das vorher gemalte +„Rocca di Mezzo“, in dem das Absichtliche und Kulissenhafte trotz +großer Reize in der Zeichnung weniger befriedigend wirkt. Das Tal von +Amalfi ist das schwungvollste seiner italienischen Bilder und als ein +wichtiger Wendepunkt in Richters künstlerischer Entwickelung in Italien +zu betrachten. Schnorr, der ihn, als er mit der Aufzeichnung des +Bildes fertig war, besuchte, erbot sich, die ziemlich großen Figuren +des Bildes auf einer Pause zu überzeichnen; diese Überzeichnung war +so schön ausgeführt, daß Richter darüber hoch beglückt war; er hat +sie bis an sein Lebensende als ein teures Angedenken bewahrt. Das Bild +mit seinen Figuren erregte auf der Ausstellung in Dresden Aufsehen. Um +nun bei seinen weiteren Bildern in den Figuren nicht zurückzubleiben, +mußte er sich noch eingehender mit dem Studium menschlicher Figuren +beschäftigen, und schon bei einem nächsten Bilde, das er in Dresden +ausführte, gelangen ihm dieselben noch besser, und so ging es +schrittweise vorwärts, bis endlich in den späteren Zeichnungen für +den Holzschnitt die Figuren zur Hauptsache wurden und die Landschaft +in den Hintergrund trat. Insofern zweigte sich hier sein späterer und +wohl recht eigentlicher Weg von der seitherigen Bahn ab. Noch war er +sich aber bewußt, daß die ideale, sogenannte historische Landschaft +seiner innersten Neigung entsprach. Wie ganz anders aber sollte sich +seine Künstlerlaufbahn in der Folge gestalten, nach wie ganz anderen +Zielen wurde er gedrängt! Im Herbst desselben Jahres kamen noch drei +sächsische Landsleute nach Rom, die Geschichtsmaler Karl Peschel, +Zimmermann und W. von Kügelgen. Mit diesen drei Männern entwickelte +sich in der Folge ein seltenes Freundschaftsverhältnis, das in den +tiefsten und heiligsten Überzeugungen des Herzens begründet war. Und +besonders rührend war Richters Verhältnis zu Peschel, mit dem er über +vier Dezennien an der Kunstakademie als Lehrer tätig war; beide nahmen +an den gegenseitigen Arbeiten, bis der Tod sie schied, den innigsten, +ernstesten Anteil. + +Am 1. April 1827 wanderte Richter wieder nordwärts, zur Porta del +Popolo hinaus, begleitet von seinem lieben Freunde Maydell und den +anderen Genossen. Am Ponte Molle trank man den üblichen Abschiedstrunk, +Maydell wanderte mit ihm bis zum Monte Soracte, hier übergab er ihm ein +kleines Büchlein, in welches er im Laufe des Winters mit der feinsten +Feder auf über 90 Seiten je 2 Bibelsprüche eingeschrieben hatte, auch +Richard Rothe hatte einige solcher hinzugefügt, dann trennten sich mit +Tränen in den Augen beide Freunde, Maydell kehrte nach Rom zurück, +Richter schritt der Heimat zu, wohin ihn ein holder Magnet zog. + +[Illustration: Abb. 36. Zeichnung zum +Landprediger von Wakefield+. + +(Zu Seite 47.)] + +In Dresden angekommen, eilte er von den Eltern weg sogleich zu +seiner „Auguste“, einer Bekanntschaft aus der „Tanzstunde“. Auguste +Freudenberg (Abb. 14), deren Eltern in der Niederlausitz ein Landgut +in Pacht und in den Kriegsjahren große Not und die schwersten Zeiten +durchgemacht hatten und früh gestorben waren, wurde als vierjähriges +Kind von kinderlosen Verwandten, dem Akziseinnehmer Ephraim Böttger in +Dresden, an Kindes Statt angenommen und für ihre Erziehung auch höchst +gewissenhaft gesorgt. „Augustens anspruchsloses, ruhiges Wesen, das +sich doch überall resolut und heiter in praktischer Tat erwies“, war +so recht nach unseres Künstlers Sinn! Es ist wie ein Bild, von ihm +gezeichnet, wie er dieses Wiedersehen in seiner Biographie schildert. + +Sein nächstes Bild in der Heimat war „Aus dem Lauterbrunner Tal“; +wohin das Bild gekommen, ist nicht bekannt. Der durch seine bedeutende +Galerie von Gemälden und Handzeichnungen bekannte Baron von Quandt in +Dresden, der damals viel Einfluß auf Kunst und Künstler hatte und sich +für Richter interessierte, ermutigte ihn zur Ausführung dieses Bildes, +um es zur Ausstellung nach Berlin zu schicken, wo man einen Lehrer für +das Landschaftsfach der Akademie suchte. Das Bild gefiel aber dort +nicht, und es kam zu keiner Berufung. Quandt bestellte bei ihm zwei +italienische Landschaften, nach Motiven von Arriccia und Civitella. + +[Illustration: Abb. 37. Zeichnung zum +Landprediger von Wakefield+. + +(Zu Seite 47.)] + +An einem Sonntagmorgen in aller Frühe, am 4. November 1827, rollte +durch die noch ganz dunklen, stillen und engen Gassen Dresdens ein +Wagen und hielt vor der erleuchteten evangelischen Kreuzkirche; +Gemeindegesang und das Orgelspiel verhallten, der Frühgottesdienst war +zu Ende. Ein junger Mann mit seiner Braut entstiegen dem Wagen; es war +unser Richter, der, „nachdem er sieben Jahre um seine Rahel gedient und +geseufzt“, mit seinem Gustchen zum Altar trat; „wir gaben uns die Hände +in Gottes Namen und empfingen den Segen der Kirche.“ „Die angetraute +Gefährtin,“ schreibt er in der Biographie, „ward mir ein Segen und das +treueste Glück meines Lebens während der 27 Jahre, welche Gott sie mir +geschenkt.“ + +So war denn ein, wenn auch sehr bescheidener Hausstand gegründet. Von +einer Hochzeitsreise war selbstverständlich nicht die Rede. + +[Illustration: Abb. 38. Zum +Landprediger von Wakefield+. + +(Zu Seite 47.)] + +Innerhalb der nächsten Monate vollendete er das für Quandt bestimmte +Bild „Abend und Heimkehr der Landleute nach Civitella“. Das Mädchen, +welches sich nach dem Beschauer wendet, trägt die Züge seines +„Gustchen“. Eine freie Wiederholung dieser Komposition aus späterer +Zeit ist Abb. 180, unter welche Dantes Vers geschrieben ist: + + „Der Tag ging unter, und des Äthers Bräune + Rief die Geschöpfe, die da sind auf Erden, + Von ihrer Mühsal. -- --“ + ~Inferno~, 2. Gesang. + +[Illustration: Abb. 39. +Teil des Figurenfrieses vom Vorhang des alten +Dresdener Hoftheaters.+ 1843. + +Nach der Farbenskizze. (Zu Seite 49.)] + +[Illustration: Abb. 40. +Teil des Figurenfrieses vom Vorhang des alten +Dresdener Hoftheaters.+ 1843. + +Nach der Farbenskizze. (Zu Seite 49.)] + +Es ist eine Eigenart Richters, daß er die menschlichen Figuren in +seinen Bildern weit über den Rahmen der „Staffage“ hinaus behandelt +und darstellt, eine Eigenart, die sich gleich bei den ersten Bildern +(Abb. 10 und 13) auffällig macht. In den „Biographischen Aufsätzen“ von +Otto Jahn finden wir in den ausgezeichnet geschriebenen „Mitteilungen +über Ludwig Richter“ diese Eigentümlichkeit unseres Meisters sehr +interessant beleuchtet und entnehmen denselben folgendes: „Man würde +irren, wollte man das Charakteristische der Richterschen Landschaft +darin sehen, daß die Staffage mit mehr Vorliebe und Sorgfalt oder +mit mehr Geschick behandelt sei, als es gewöhnlich der Fall ist. +Man kann bei Richter gar nicht mehr von Staffage sprechen, insofern +diese eine an sich unwesentliche Zugabe, ein willkommener, aber auch +wohl entbehrlicher Schmuck der Landschaft ist. Er benutzt nicht +menschliche Figuren und Gruppen, um Lücken der landschaftlichen +Komposition auszufüllen, um Abwechselung hineinzubringen, oder den +Vorgrund zu beleben, nein -- der Mensch in jenen einfachen natürlichen +Verhältnissen, welche in Wahrheit der eigentlichste und höchste +Vorwurf aller Kunst sind, ist der selbständige Gegenstand seiner +Darstellungen.“ Auch Schinkel äußert sich bei Betrachtung dieses Bildes +in den dreißiger Jahren in ähnlicher Weise: „Es wäre ein Irrtum, +wollte man meinen, das Landschaftliche sei von Richter zurückgedrängt +und etwa zum Rahmen oder auch zum Hintergrunde für die Darstellung +menschlicher Empfindung oder Tätigkeit herabgesetzt. Im Gegenteil, die +Landschaft erscheint in ihrer vollen Selbständigkeit, als ein Ganzes in +Auffassung und Ausführung und nicht bloß äußerlich als Grundlage und +Umgebung des menschlichen Tuns und Treibens“ usw. Er sagt zum Schluß: +„Für einen solchen wahren Künstler existieren schulmäßige Gegensätze +nicht, wie die von Genre und Landschaft; aus sich heraus schafft er +Werke, aus denen die Theorie lernen mag, daß die echte Kunst frei und +unerschöpflich ist, wie die Natur, deren Grundgesetze auch die ihrigen +sind.“ + +In den folgenden Ölbildern, die des Meisters Staffelei verlassen, +hält er unentwegt fest an dieser Steigerung des Figürlichen: er +hebt dasselbe sogar in einigen Bildern noch mehr hervor, wie in der +„Überfahrt am Schreckenstein“ (Abb. 26) und in dem „Brautzug im +Frühling“ (Abb. 58). Ein einziges Bild kenne ich von ihm, in welchem er +sich im Figürlichen nur auf eine untergeordnete Staffage beschränkt; +es ist die „Apenninenaussicht“, ein Blick auf das Volskergebirge vom +Stadttor von Palestrina. + +Aus dem Jahre 1827 ist das Porträt Richters, von seinem Freund Karl +Peschel gezeichnet (Abb. 15). + +[Illustration: Abb. 41. +Helene.+ Gezeichnet 1842. (Zu Seite 51.)] + +[Illustration: Abb. 42. +Abendandacht.+ Ölbild. 1842. Museum zu +Leipzig. (Zu Seite 51.)] + +Die Aussichten wurden jetzt für Richter recht trübe. Freund Arnold, +welcher ihm einen Jahresgehalt von 800 Talern auf mehrere Jahre in +Aussicht gestellt hatte, zog, infolge von Geschäftsverlusten entmutigt, +sein Anerbieten zurück, und Richter mußte nun wieder in der Hauptsache +„An- und Aussichten“ radieren. + +1828 wurde ihm eine erledigte Lehrerstelle an der neben der berühmten +königlichen Porzellanmanufaktur in Meißen bestehenden Zeichenschule, +eine Filiale der Dresdener Kunstakademie, mit 200 Talern Gehalt +angetragen; er nahm diese Stellung an, und nach vierzehn Tagen +siedelte er nach Meißen über. Die malerisch am Ufer der Elbe gelegene +altertümliche Stadt, überragt von der herrlichen Albrechtsburg und +dem Dom, zog ihn sehr an; hatte er sich doch in Rom im stillen immer +gewünscht, in solch einer Stadt schaffen und arbeiten zu können, hatte +er doch noch ganz besonders auch an Meißen dabei gedacht. Freilich +sah das in Wirklichkeit etwas anders aus, und zu rechter Freudigkeit +kam er dort nicht. Er schildert selbst zwar das Leben in dem an der +hohen Schloßbrücke gelegenen alten Hause, dem „Burglehen“, mit sieben +Stockwerken, von denen fünf unter dem Niveau der Schloßbrücke lagen, +die behagliche im obersten Stockwerk befindliche originelle Wohnung, +mit dem herrlichen Blick auf das altehrwürdige Schloß und die weite, +weite Fern- und Umsicht; er schildert das Leben im Hause mit der +jungen Frau und später mit den Kindern (am Tage Mariä Himmelfahrt +1828 war sein erstes Kind Maria geboren), wie er am Abend, den Kindern +zeichnend Geschichten und Märchen erzählte, oder zur Gitarre am blauen +Bande sang, wie das in damaliger Zeit allgemein beliebt war und welche +besonderen Freuden- und Festtage es waren, wenn die Freunde aus Dresden +ihn besuchten. Hier im Hause fanden die jungen Eheleute freundlichen +Verkehr mit einer Predigerswitwe und deren zwei liebenswürdigen schönen +Töchtern; Richter erinnert sich dieser später, als er die Blätter zum +Landprediger von Wakefield zeichnete (Abb. 35). Der Kunstforscher J. +D. Passavant suchte ihn in Meißen auf, auch Freund Maydell auf seiner +Rückreise nach Rußland, ebenso Richard Rothe auf der Reise von Rom nach +Wittenberg, wohin er als Lehrer am theologischen Seminar berufen war. +Richter schreibt über den Besuch des letzteren: „Mir war es eine innige +Freude, den teuren römischen Freund wiederzusehen; denn für mich waren +diese ‚Römer‘ alle mit einer Lichtatmosphäre umgeben, im Gefühl der so +glücklich mit ihnen in Rom verlebten Tage.“ An einer anderen Stelle +der Biographie schreibt er: „Welches Glück und welchen Segen gewährt +eine Verbindung mit so herzlichen Freunden in der frischen Jugendzeit, +wenn sie gemeinsam nach den idealsten Zielen streben; in einer +Umgebung, welche die reichsten, bedeutendsten Anregungen bietet. Durch +nichts beengt, genügsam und deshalb um so sorgenfreier, durchleben +sie einige Jahre goldener Freiheit; die Erinnerung daran durchduftet +wie ein Blumengeruch das ganze Leben und trägt Poesie in die Prosa +oder Schwüle, welche spätere Jahre unvermeidlich mit sich bringen und +bringen müssen, wenn der Mensch sich tüchtig entwickeln soll.“ + +[Illustration: Abb. 43. Zu +Stumme Liebe+. Musäus’ Volksmärchen. 1842. + +Mit Genehmigung der Verlagshandlung Haendcke & Lehmkuhl in Hamburg. (Zu +Seite 51.)] + +Die Meißner Zeichenschule war wie die Porzellanmanufaktur in der +Albrechtsburg untergebracht, die Schule selbst mit guten, zum Teil +vorzüglichen alten Gemälden, unter anderem Bilder von Palma vecchio, +ausgestattet, welche nach Schließung der Schule in die Dresdener +Galerie, von der sie einst entlehnt waren, zurückgebracht wurden. Der +Meister wanderte nun täglich -- er wohnte hoch oben über der Stadt +im Bereiche zweier Burgtore -- über die mit hohen Zinnen bekrönte +Schloßbrücke mit herrlichem Blick auf das Meisatal, auf die tief +unten liegende Stadt, den Elbstrom und das weite Tal bis nach den +böhmischen Bergen hin, durch das innere Burgtor über den schönen +Dom- und Schloßplatz, aber, wie schön das auch war -- er fühlte sich +wie verbannt und vereinsamt. Die mit ihm tätigen Lehrer, unter +ihnen der sehr geschätzte Glasmaler Scheinert, kamen in kein näheres +Verhältnis zu ihm; zudem war seine Gesundheit nicht die beste und +nicht die festeste, und so ist ihm die Zeit bis zum Dezember 1836, +wo die Zeichenschule aufgehoben wurde, eigentlich doch mehr eine +Leidenszeit gewesen. Von seinen ersten Schülern nennen wir Pulian, der +später in Düsseldorf lebte, und den früh in Rom verstorbenen Haach. +Aus dem Jahre 1828 ist die reizvolle Federzeichnung (Abb. 16), eine +komponierte Landschaft: Blick über hügeliges, mit jungem Kastanienwald +bestandenem Terrain nach aus der Ebene sich erhebenden Bergzügen (es +ist der Monte Gennaro mit den Vorbergen von Monticelli). Für einen +Kunstfreund Demiani in Leipzig führte er seine +erste+ Aquarelle -- +vielleicht schon 1828 -- aus, einen Erntezug in der Campagna, eine +zweite Aquarelle kam in die Sammlung des Königs Friedrich August; +die Aquarellmalerei machte ihm große Freude. Hier in Meißen malte er +nun eine Reihe Ölbilder nach italienischen Motiven: 1829 die schon +genannte Apenninenaussicht nach dem Volskergebirge und weiter Rocca di +Mezzo; 1830 eine Gegend am Monte Serone während eines Gewitters, jetzt +im Städelschen Institut in Frankfurt am Main, eine Ansicht von Bajä, +Blick auf Ischia und Capri, und einen Brunnen bei Arriccia an der alten +Via Appia; letztere 1831 noch einmal, mit anderen Figuren belebt, in +Aquarell (Abb. 17); sodann einen Brunnen bei Grotta Ferrata, 1834 ein +Motiv vom Lago d’Averno bei Neapel. Von den meisten seiner Bilder, die +er an den sächsischen Kunstverein verkaufte, aber auch von Bildern von +E. Oehme, Lindau in Rom, Genremaler Hantzsch, Most und Mende, radierte +er treffliche Blätter für die Kunstvereinschronik. + +[Illustration: Abb. 44. Zu +Rübezahl+. Musäus’ Volksmärchen. 1842. (Zu +Seite 51.)] + +Die Gedächtnisfeier des dreihundertjährigen Todestages Albrecht Dürers +wurde von den Künstlern in allen deutschen Gauen mit hoher Begeisterung +begangen. Bei Gelegenheit der Feier in Dresden wurde, angeregt durch +Freund Peschel, der Sächsische Kunstverein gegründet, welcher in der +Folge unserem Richter eine große Stütze wurde, den Künstlern vielen +Segen brachte und noch heute in Dresden in Blüte steht. Wenn ich nicht +irre, war der sächsische einer der ersten, wenn nicht überhaupt der +erste Kunstverein in Deutschland, Goethe zählte zu seinen Mitgliedern. +Am Abend dieses Tages, an welchem unser junger Meister einsam, +dienstlich verhindert, in Meißen sitzt, -- sein Gustchen war noch in +Dresden zurückgeblieben, weil die gemietete Wohnung noch nicht frei +war, -- und an die in Dresden festlich versammelten Genossen denkt, +bringt ihm der Postbote eine Sendung von Arnolds Kunsthandlung in +Dresden: „Dürers Leben der Maria.“ Mit welch wonnigem Gefühl betrachtet +er die herrlichen Blätter, die er bei Philipp Veit in Rom kennen +gelernt! Für 22 Taler waren sie sein eigen geworden! Welche hohe Summe +für seine Verhältnisse! Aber wieviel Zinsen hat sie ihm auch gebracht! +-- 1830 radierte er eine Folge von sechs Blättern „Malerische Ansichten +aus den Umgebungen von Salzburg“ für C. Börner in Leipzig, der in +Rom als Maler mit ihm zusammen war, die ausübende Kunst aber aufgab, +einen Kunsthandel und Kunstverlag gründete und bis an sein Lebensende +mit Richter in regem Verkehr blieb; 1832 erscheint eine zweite Folge: +„Malerische Ansichten aus den Umgebungen von Rom“ in demselben Verlag. +Wir bringen von jeder Folge ein Blatt (Abb. 18 und 19). + +[Illustration: Abb. 45. Zu +Stumme Liebe+. Musäus’ Volksmärchen. 1842. +(Zu Seite 51.)] + +1831 zeichnete Freund Adolf Zimmermann unseres jungen Meisters Bild bei +Gelegenheit eines Besuches in Meißen (Abb. 20). 1832 erschien das Buch +„Biblische Historien“ von Franz Zahn. Richter war aufgefordert worden, +im Verein mit C. Peschel und Berthold Illustrationen für Lithographie +zu diesem Buche zu zeichnen; er übernahm davon dreizehn Blatt, +davon ist eins „Die Vertreibung aus dem Paradies“ (Abb. 21). Diese +Zeichnungen waren der Anfang seiner Tätigkeit als Illustrator; ein +kleiner Anfang und -- bis ans Ende seiner gesamten Tätigkeit hat man +3336 Blätter gezählt, welche er für Vervielfältigungen jeglicher Art +gezeichnet hat; nicht eingeschlossen ist die lange, stattliche Reihe +von Handzeichnungen. Welch eine reiche Tätigkeit! Noch ahnte Richter +aber nicht, wo bei ihm der Schwerpunkt seiner hohen künstlerischen +Veranlagung lag. Im folgenden Jahre malte er den „Erntezug in der +römischen Campagna“, jetzt im Museum zu Leipzig (Abb. 22), 1834 eine +„Abendandacht vor einem Madonnenbilde, Gegend am Monte Serone.“ Für +die Arnoldsche Buchhandlung radierte er „Die Sächsische Schweiz“, eine +Anzahl größerer und kleinerer Darstellungen. Wir geben 2 davon in Abb. +23 und 24. Nun wurde er auch beauftragt, zum historischen Bildersaal +der sächsischen Geschichte von A. Textor Zeichnungen für Lithographie +zu liefern, bis zum Jahre 1836 dreiundzwanzig Zeichnungen. Er wagt +sich an die rein figürlichen Darstellungen, fürchtet sich aber vor der +abfälligen Kritik der Fachmänner, der Figurenmaler. + +Inzwischen hatte er auch versucht, weil die Erinnerungen an die +italienische landschaftliche Natur mehr und mehr an Intensivität +verloren haben mochten, Bilder kleineren Formates nach Motiven aus +Meißen und Umgebung zu malen, unter anderem eine Ansicht des imposanten +Meißner Schlosses, einen herbstlichen Wald mit Staffage und 1835 eine +Sommerlandschaft aus dem Triebischtal. Er ist aber immer noch im Bann +der italienischen Landschaft. + +[Illustration: Abb. 46. Zu +Melechsala+. Musäus’ Volksmärchen. 1842. +(Zu Seite 51.)] + +Jetzt kam eine schwere Zeit für Richter. Das 1834 gemalte Ölbild vom +Lago d’Averno verkaufte er nicht, ebensowenig das unter Krankheit +vollendete „Rocca di Mezzo“. Bis jetzt waren die Einnahmen noch +auskömmlich gewesen, nun wurde seine Lage sehr ernst. Durch den +Geschichtsmaler Karl Bähr, später Lehrer an der Kunstakademie in +Dresden, wurde ihm der Auftrag, für einen Kunstfreund in Reval eine +italienische Landschaft zu malen. Nach einigen Monaten war das Bild, +ein Motiv von Aqua Acetosa, dem Sauerbrunnen am Tiber bei Rom, fertig. +Bähr beabsichtigte mit dem Architekten Herrmann nach Rom zu reisen +und hätte unseren Richter gern mitgenommen, deshalb hatte er die +Bestellung auch ausgewirkt. Richter konnte an eine so weite Reise +nicht denken, hoffte aber, Freund Bähr bis nach Oberitalien begleiten +zu können, um am Gardasee, dem Eingang zum „gelobten Lande“, Studien +zu machen. Für die italienischen Seen und deren Seitentäler hatte er +immer eine besondere Schwärmerei. 1867 schreibt er nach Rom an dort +weilende Schüler: „Ich denke im Herbst dieses Jahres einen Anlauf auf +den Gardasee zu nehmen. Ich bin immer der Meinung, es müsse dort etwas +Erkleckliches für den Landschafter abfallen können; auch scheint mir +das Italien, wie man es an jenen Seen findet, dem Ideal zu entsprechen, +das man im allgemeinen in Deutschland von dem schönen Lande hat.“ Da +erkrankte seine Frau schwer und ernst an einer Abszeßbildung, die große +Schmerzen verursachte und lebensgefährlich war. Ernst Rietschels, des +Bildhauers, erste Frau war demselben Leiden kurz vorher erlegen. Die +Kranke wurde schwächer und schwächer, bis nach langen, bangen Wochen +endlich eine Wendung eintrat und die Gefahr vorüber war. Inzwischen +waren die Reisegefährten längst nach Italien abgereist und Richters +Reisekasse durch die Krankheit arg zusammengeschmolzen. Auf Zureden +seiner genesenen Frau unternahm er eine zwölftägige Reise durch das +Elbtal nach Böhmen. Jedem, der aus Sachsen bei Tetschen in das +Böhmerland eintritt, wird der mit einemmal ganz veränderte, weitaus +mehr südliche Charakter der Landschaft überraschen. Das hat auch unser +wandernder Maler erfahren. Die Augen gingen ihm plötzlich auf über die +Schönheit dieser deutschen Landschaft. An der Elbe zwischen Aussig und +Lobositz sammelte er nach Möglichkeit Skizzen. Am Schreckenstein, der +Lurlei der Elbe, einem steil in die Elbe abfallenden Klinksteinfelsen +von ziemlicher Höhe, bekrönt durch malerische, ausgedehnte Ruinen der +von den Hussiten 1426 zerstörten Burg, fand er besonders reiche und +schöne Motive. Und nun war unser Meister von seiner fast krankhaften +Sehnsucht nach Italien geheilt. + + „Aug’, mein Aug’ was sinkst du nieder? + Goldne Träume, kehrt ihr wieder? + Weg, du Traum, so Gold du bist; + Hier auch Lieb’ und Leben ist!“ + +[Illustration: Abb. 47. +Harmlose Freude.+ Aus Nieritz’ Volkskalender. +1855. + +Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 54.)] + +Mit Begeisterung ging er an die Ausführung neuer Bilder nach +böhmischen Motiven. Gleich das erste Bild, „Aufsteigendes Gewitter am +Schreckenstein“, fiel auf der Ausstellung auf und wurde vom Kunstverein +angekauft; jetzt ist es durch Schenkung des Herrn E. Cichorius im +Museum zu Leipzig. Wir geben eine Abbildung nach einer gleichzeitigen +Aquarelle (Abb. 25). Seine „Überfahrt am Schreckenstein“ machte +1837 besonderes Aufsehen. Herr von Quandt erwarb das Bild für seine +Galerie; jetzt ist es im Museum zu Dresden (Abb. 26). Über den ruhig +dahingleitenden, den Abendhimmel widerspiegelnden Fluß fährt ein mit +allerhand Menschen besetzter Kahn; ein Greis singt zur Harfe; zu +seinen Füßen lehnt über den Bord des Kahns ein Knabe, einen Zweig ins +Wasser tauchend; zwei Wanderer folgen, der eine sitzt mit gesenktem +Kopf, in Nachdenken versunken; der andere steht auf den Stab gestützt, +das Ränzel auf dem Rücken, ein Zweiglein an der Mütze und schaut +zur einsamen Ruine hinauf, er trägt die Züge des jüngsten Bruders +Richters: Julius; inmitten des Nachens ein Liebespaar; das still vor +sich hinschauende, dem Gespräche ihres Schatzes lauschende Mädchen mit +dem Sträußchen in der Hand ist eine echte Richtersche Mädchengestalt, +sinnig und -- selbstverständlich blond. Ein Mädchen mit dem Rechen, +neben ihr ein Korb mit frisch gemähtem Grase und der alte Fährmann mit +seinem verwetterten Gesicht, das Pfeifchen im Munde, mit seinem Ruder +den Kahn langsam leitend, bilden den Schluß, und so schwimmt die liebe +Gesellschaft dem jenseitigen Ufer zu. Bewaldete Höhen und weit draußen +Berge im Abendsonnenschein, am gelben Abendhimmel schwimmende, in Rosa +getauchte, zarte, langgezogene Wölkchen, oben im Blau des Himmels die +Mondsichel. Es klingen beim Betrachten dieses Bildes traute Volkslieder +in der Seele des Beschauers an; wie leise Musik tönt es, und es bannt +uns in den Zauberkreis echter deutscher Romantik. + +[Illustration: Abb. 48. +Wir gratulieren.+ Aus Nieritz’ Volkskalender. +1855. (Zu Seite 54.)] + +Abb. 27 ist die Wiedergabe einer größeren Zeichnung zu den Figuren, +die jetzt im Kabinett der Handzeichnungen im Museum zu Dresden sich +befindet. Riesenschritte hat der Meister im Figürlichen vorwärts getan, +und was von der allergrößten Bedeutung ist, der deutschen Natur ist er +zurückgewonnen, die Schönheiten der deutschen Natur sind ihm wieder zum +klaren Bewußtsein gekommen! +Von nun ab hat er nur noch Sinn und Augen +für sein deutsches Vaterland und für sein Volk!+ + +Am 12. März 1835 zeichnete er sein zweites Töchterchen Aimée, wie es +vergnüglich in der Badewanne sitzt (Abb. 28). + +[Illustration: Abb. 49. Zu +Jeremias Gotthelfs Besenbinder+. Aus +Nieritz’ Volkskalender. 1852. (Zu Seite 54.)] + +Am 24. Dezember 1835 wurde die Meißner Zeichenschule aufgehoben, +und im Frühjahr 1836 zog Richter, der nun ein Wartegeld erhielt, +wieder nach Dresden. Hier war er nun wenigstens mit den Freunden und +Gesinnungsgenossen wieder vereinigt. Die Kunstakademie wurde endlich +unter Minister von Lindenau reorganisiert, Zopf und Manierismus mußten +die Lehrsäle verlassen, die neu erwachte deutsche Kunst zog siegreich +ein. Das Landschaftsfach wurde noch ganz in Zinggscher Weise geleitet, +auch Richters Vater lehrte hier noch. Letzterer wurde nun plötzlich +seiner Stellung enthoben und in den Ruhestand versetzt; der Sohn aber +sollte im Erzgebirge als Zeichenlehrer an einer neu zu errichtenden +Gewerbeschule angestellt werden; er war, wie man sich leicht denken +kann, über diese neue „Verbannung“ höchst unglücklich. Auf seine +Vorstellung hin beim Minister von Carlowitz wurde die Anstellung an der +Gewerbeschule zurückgezogen, und er rückte nun an die Stelle seines +Vaters als Lehrer an der Akademie in Dresden ein. Man kann sich denken, +wie peinlich für ihn wieder diese neue Lage seinem Vater gegenüber +war. Aber es half ihm nichts, daß er an Quandt sich wendete und ihm +seine Lage schilderte; er erfuhr von diesem nur, daß sich an der Sache +nichts ändern lasse; wenn er nicht annehmen wolle, müßte ein anderer +gesucht werden, sein Vater wäre und bliebe entlassen. Richter mußte +sich nun schweren Herzens fügen. So trat er denn sein Amt an, dem er +über vier Dezennien mit großer Gewissenhaftigkeit und Hingebung für +seine Schüler vorstand. Eine stattliche Reihe von Schülern ist aus +dieser Lehrtätigkeit hervorgegangen. Der weitaus bedeutendste war +unstreitig einer seiner ersten Schüler in Dresden, Heinrich Dreber gen. +Franz, an dessen köstlichen Federzeichnungen aus dieser Zeit er bis +an sein Lebensende sich erfreute. Weiter müssen wir noch den höchst +talentvollen Ernst Hasse nennen, dessen geistreiche Tierzeichnungen +ungemein geschätzt und gesucht waren und weit verbreitet sind. + +[Illustration: Abb. 50. +Zu Lauterbach hab’ i mein’ Strumpf verloren.+ + +Aus „Alte und neue Volkslieder“. 1846. + +Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu +Seite 54.)] + +[Illustration: Abb. 51. +Liebespaar.+ Gezeichnet zu „Alte und neue +Volkslieder“. 1846. + +Aus „Aus der Jugendzeit“. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite +54.)] + +Im Auftrage des Baron von Schweizer malte Richter 1840 ein Bild nach +Motiven aus dem Wallfahrtsort Mariaschein bei Teplitz. Unter alten +schattigen Linden am Brunnen haben sich Pilger gelagert; draußen +sieht man sonnige Kornfelder. Wir geben hier eine Abbildung nach +einer Zeichnung zu den Figuren (Abb. 29). Im folgenden Jahre malte er +das Bild „Einsamer Bergsee im Riesengebirge“, ein Motiv vom „kleinen +Teich“. Hieran schließen sich: „Kirche auf dem Friedhof in Graupen“, am +Fuße des Erzgebirges, dann ein italienischer Nachzügler, „Brunnen bei +Arriccia“ für Quandt, 1839 „Genoveva in der Waldeinsamkeit“ für den +Sächsischen Kunstverein und 1845 „Dorfmusikanten“ für G. Wigand. + +[Illustration: Abb. 52. +Nur fröhliche Leute.+ Aus „Alte und neue +Studentenlieder“. 1844. + +Aus „Aus der Jugendzeit“. (Zu Seite 54.)] + +[Illustration: Abb. 53. +Gestern, Brüder, könnt ihr’s glauben.+ + +Aus „Alte und neue Studentenlieder“. 1844. Aus „Aus der Jugendzeit“. +(Zu Seite 55.)] + +Durch eine sonderbare Fügung -- es bestanden zwischen den Buchhändlern +Arnold in Dresden und G. Wigand in Leipzig Differenzen wegen Nachdrucks +-- wurde Richter mit dem letzteren bekannt. Dieser unternehmungslustige +Verleger beschäftigte Richter sogleich und gab ihm den Auftrag, +zunächst Zeichnungen zum „Malerischen und romantischen Deutschland“ +zu liefern. Zuerst mußten die noch fehlenden Blätter zur Sächsischen +Schweiz beschafft werden. Diese Zeichnungen wurden in Stahl gestochen. +Hieran anschließend lieferte Richter dann die trefflichen Zeichnungen +zum Harz 1838, Franken 1840 und zum Riesengebirge 1841. Diese Arbeiten +waren der Übergang zu der reichen Tätigkeit für den Holzschnitt, die er +im Auftrage Wigands entfalten konnte. 1838 bis 1849, in dreiundzwanzig +Bänden, mit einhundertfünfundvierzig Zeichnungen, erschienen auch bei +Otto Wigand, dem Bruder Georg Wigands, die deutschen Volksbücher, +herausgegeben von H. O. Marbach, Geschichte der Griseldis, der edlen +und schönen Melusina, der schönen Magelone, vom Kaiser Oktavian, +von den sieben Schwaben, der Genoveva, von den vier Haymonskindern, +vom gehörnten Siegfried usw. Von letzterem geben wir die Abb. 30 +und 32 dazu, um zu zeigen, auf welch niederer Stufe die Technik des +Holzschneidens damals stand, den Holzschnitt von Ritschl (Abb. 31). +1839 radierte er zehn Ansichten merkwürdiger Gegenden in Sachsen für +Arnold; ein Blatt davon, die Lutherlinde im Ringetal, fügen wir bei +(Abb. 33). Auch diese Blätter waren zum Kolorieren bestimmt, deshalb +sind auch hier die Lüfte leer gelassen. + +1840 erscheint die „Geschichte des deutschen Volkes“ von Eduard Duller +bei Georg Wigand. Richter zeichnete dazu vierundvierzig Blätter für +Holzschnitt. Wir geben eine Abbildung nach einer köstlichen Zeichnung: +„Luther auf der Wartburg“ (Abb. 34). Der große Reformator sitzt am +Tische in einer Fensternische; die Hände faltend, schaut er nach oben; +er beginnt sein Tagewerk, fleht um Segen und Erleuchtung zu seiner +großen Arbeit, der Übersetzung der Bibel. Ein Strauß Blumen steht +auf dem Tische. Durch das Butzenscheibenfenster scheint die helle +Morgensonne. Ein Fensterflügel ist geöffnet, man atmet die frische, +reine Morgenluft, die von den Bergen des Thüringer Waldes herüberweht, +und ahnt den erquickenden Blick auf die herrlichen Waldungen, welche +die stille Wartburg umgeben. + +Dazwischen (1841) zeichnet unser Meister dreiundsechzig Zeichnungen +zur deutschen Ausgabe des „Landpredigers von Wakefield“ von Oliver +Goldsmith, im Auftrage von Georg Wigand. Wir geben davon drei +Zeichnungen, Abb. 35, 36 und 37, das letztere Blatt dazu von Nicholls +in Holz geschnitten (Abb. 38), um die Schnittart der englischen Schule +zu zeigen. Es ist hier wohl der Ort, auch der Holzschneidekunst in +ihren Beziehungen zu unserem Meister zu gedenken. Die Technik der +Holzschneidekunst war in Deutschland verloren gegangen; wie sich diese +nun in Leipzig und später in Dresden wieder anbahnt und entwickelt, das +erfahren wir aus den in Hoffs Katalog zum Abdruck gebrachten Berichten +von Ritschl, Georgy und Riewel, die wir hier im Auszug mitteilen. + +[Illustration: Abb. 54. +Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht.+ + +Aus „Alte und neue Volkslieder“. 1846. + +Aus „Dichtung und Sage“. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite +55.)] + +[Illustration: Abb. 55. +So hab’ ich nun die Stadt verlassen.+ + +Aus „Alte und neue Volkslieder“. 1846. + +Aus „Deutsche Art und Sitte“. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. + +(Zu Seite 55.)] + +Jacob Ritschl von Hartenbach, geboren 1796 in Erfurt, hatte sich +als Autodidakt mit Holzschneiden beschäftigt und schreibt aus +Schneidemühl 22. Juli 1876: „Im allgemeinen kann ich mitteilen, daß +ich zur Ostermesse 1837 nach Leipzig berufen, nur kurze Zeit für B. +G. Teubner merkantile Gegenstände schnitt, von da ab bis 1840 einzig +und allein mit Richterschen Zeichnungen beschäftigt war, die mir +Otto und Georg Wigand lieferten. Sie begannen mit den Volksbüchern +von Marbach, in welche sich später Dullers ‚Deutsche Geschichte‘ +einflocht. Es gingen damals die Zeichnungen auf dem Papier ein und +wurden von mir selbst auf die Holzplatten übertragen.“ Später zeichnete +Richter selbst auf den Holzstock auf, und Ritschl berichtet, die +erste dieser Platten sei die zu Dullers Geschichte „Hus im Gefängnis“ +gewesen. Der Holzschneider Wilhelm Georgy, geboren 1819 in Magdeburg, +berichtet an derselben Stelle: „Einige Jahre lang war Ritschl der +einzige, dem Richtersche Zeichnungen zum Schnitt anvertraut wurden. +Er pauste dieselben auf ungrundierte Holzstöcke und schattierte mit +schwarzer Tusche mittels Pinsel ohne Andeutung von Strichlagen und +Kreuzschraffierungen; dieselben schnitt er gleich mit dem Stichel, +wie sie ihm bequem und stichelrecht zur Hand lagen, wobei er überall, +wo es nötig, seine primitiven Kreuzlagen anbrachte. So entstanden +jene in der Ausführungsweise sehr manierierten, der Richterschen +Zeichnungsweise mehr oder weniger unähnlichen Holzschnitte.“ (Siehe +Abb. 31.) Ludwig Richter erzählt in seiner Biographie, Georg Wigand +sei auf die in England von Thomas Berwick an sich entwickelte und +herangebildete Holzschneiderschule aufmerksam geworden und habe einige +tüchtige Holzschneider von London veranlaßt, nach Leipzig zu kommen. +Er nennt Nicholls Benworth, John Allanson, letzterer ein Schüler +von Berwick, die auch in der Folge Richtersche Zeichnungen in Holz +schnitten, und klagt sodann, daß ihm der Anblick der sonst sauber +gearbeiteten Holzschnitte den gelinden Angstschweiß auf die Stirne +getrieben, da den Engländern charakteristischer Ausdruck Nebensache +war. Sie setzten ihren Stolz in die höchste Eleganz der Strichlagen und +Tonwirkungen (siehe Abb. 38). Mit der Zeit bildet sich nun in Dresden +um den Meister eine Holzschneiderschule. In den die Biographie des +Meisters ergänzenden Nachträgen sagt der Sohn Heinrich Richter: „Ein +Hauptverdienst um die treue xylographische Wiedergabe vieler dieser +Bilder hat der Holzschneider August Gaber (geboren in Köppernig bei +Neiße 1823, gestorben in Berlin 1894). Anfänglich Schriftsetzer, hatte +er sich, aus Neigung auf eigene Faust zum Holzschneider herangebildet +und hatte in Dresden 1848 Gelegenheit, einige kleine Richtersche +Illustrationen für das letzte Heft der Volksbücher ‚Das Leben Jesu‘ zu +schneiden. Richter fand in diesen Blättern etwas besonders Frisches +und Treues in der Wiedergabe seiner Zeichnungen. Der Umstand, daß +Gaber als Autodidakt frei von irgend einer Schulmanier war, dazu sein +Talent, in Zeichnungen die Individualität des Künstlers herauszufühlen +und wiederzugeben, verliehen seinen Arbeiten den Reiz künstlerischer +Naivetät, und beides machte ihn in der Folge zu einem der tüchtigsten +Faksimileholzschneider. Viele seiner späteren Schnitte nach Richter, +Schnorr, Rethel, Führich gehören zu den hervorragendsten Leistungen der +neueren Holzschneidekunst.“ Von den Holzschnitten unseres Buches sind +No. 83, 84, 131, 139, 140, 154, 155 von Gabers Meisterhand geschnitten. +Aus Gabers Atelier sind viele tüchtige Holzschneider hervorgegangen. +1852 heiratete Gaber des Meisters zweite Tochter Aimée. Weiter schreibt +in Hoffs Katalog Edmund Riewel, geboren 1829 in Leipzig: „Ich habe in +den fünf Jahren (1850 bis 1855) meines xylographischen Wirkens in +Dresden eine Menge Richterscher Zeichnungen geschnitten. Die besten +Holzschneider, die damals mit mir in Dresden gearbeitet haben, waren +außer Gaber (der selbstverständlich obenan gehört, denn er war der +erste, der uns zeigte, wie Richtersche Zeichnungen geschnitten werden +müssen), Bäder, Geringswald (der leider bald starb), Hertel (ein ganz +vorzüglicher Holzschneider), Illner, Manger, W. Obermann, Reusche +und meine Wenigkeit. Ich darf sagen, das war eine Gesellschaft, wie +sie nicht früher und nicht später mehr zusammengekommen ist. Flegel +in Leipzig, der erste deutsche Holzschneider, der seinerzeit (in +den vierziger Jahren) Richtersche Zeichnungen noch am treuesten +wiedergegeben hat, und Professor H. Bürkner, der sich nicht als +Techniker, aber als Künstler um die deutsche Holzschneidekunst sehr +verdient gemacht hat. Gewöhnlich ging man mit der fertigen Arbeit zu +dem betreffenden Künstler und legte sie ihm vor, um seine Meinung zu +hören; war sie zu seiner Zufriedenheit gediehen, so lieferte man sie +an Gaber ab.“ -- „Welchen Nutzen, im Interesse der guten Sache, diese +Methode hatte, und wie bildend sie war, ist einleuchtend.“ + +[Illustration: Abb. 56. +Studie+ zur Illustration zu dem Volksliede +„Wenn ich ein Vöglein wär’“. 1846. (Zu Seite 55.)] + +[Illustration: Abb. 57. +Ruhe im Walde.+ Zum Vaterunser von Ammon. +1845. (Zu Seite 55.)] + +Bei all diesem Schaffen solcher figürlicher Darstellungen wird Richter +das ängstliche, die Kritik fürchtende Herz leichter, als er bald über +seine Arbeiten Worte freundlichster Teilnahme und großer Anerkennung +hört. Noch während er an den Zeichnungen für den „Landprediger von +Wakefield“ arbeitet, fordert ihn Julius Hübner auf, die Hälfte des +unteren Figurenfrieses am Vorhang des von Semper erbauten (1869 +abgebrannten) Hoftheaters zu malen. Es galt die bedeutsamsten Gestalten +der tragischen Dramendichtung in ornamentaler Verbindung darzustellen +(Abb. 39 und 40). Anfangs will er den Auftrag nicht übernehmen, weil +er Figuren in so großem Maßstab noch nicht versucht hatte, allein +Hübner ließ ihn nicht los, und so zeichnete er denn Hamlet, Lear, +Romeo und Julia, Justina, den wundertätigen Magus, den standhaften +Prinzen, letztere drei von Calderon, Götz, Faust, Egmont, Wallenstein, +die Jungfrau von Orleans und Tell. Das gemeinsame Arbeiten mit Hübner, +Oehme, von Oer und Metz bereitete ihm viel Freude. + +[Illustration: Abb. 58. +Brautzug im Frühling.+ Ölbild. 1847. Im Museum +zu Dresden. + +Nach einer Originalphotographie von F. & O. Brockmanns Nachf. (R. Tamm) +in Dresden. (Zu Seite 36 und 55.)] + +[Illustration: Abb. 59. +Genoveva+ nach einer Aquarelle von 1850. + +Im Besitz des Herrn Cichorius in Dresden. (Zu Seite 75.)] + +1842 zeichnet er das Köpfchen seiner dritten Tochter Helene (Abb. +41). In demselben Jahre vollendet er das Bild „Abendandacht“, das von +Quandt für seine Galerie erwarb, jetzt im Museum zu Leipzig (Abb. 42). +Frauen und Kinder, vom Ährenlesen kommend, vor einem mit Gewinden von +Kornblumen und Feldmohn geschmückten Marienbilde unter alten Linden. +Aus der Höhlung eines alten Baumes schauen fröhliche Kindergesichter. +Rechts halb versteckt ein Mönch, der das in den Ästen der Linde +befestigte Glöckchen läutet, -- es ist „Ave Maria“. Im schattigen +Vorgrund lagert eine reizende Gruppe von Kindern mit Schäfchen. Draußen +im letzten Abendschimmer sieht man ein Stückchen flachen Landes, von +einer schmalen blauen Ferne umsäumt. Das poesievolle Bild schildert +Eindrücke aus dem Ostragehege in der Friedrichstadt-Dresden, alten +schönen Lindenalleen, die sich durch Elbwiesen nach dem Schloß Uebigau +hinziehen und jetzt zum Teil neuen Hafenanlagen gewichen sind. + +[Illustration: Abb. 60. +Maria.+ Gezeichnet 1846.] + +Bei Georg Wigand erschienen im selben Jahre J. K. A. Musäus’ +„Volksmärchen der Deutschen“, herausgegeben von Ludwig Klee. Hier +sollte Richter in Verbindung mit den beiden Düsseldorfer Figurenmalern +R. Jordan und A. Schrödter illustrieren. Da erfaßte ihn wieder große +Bangigkeit, ob sein „figurales Können“ auch ausreichen würde, neben +solchen Männern einigermaßen bestehen zu können. Der Erfolg hat +es gelehrt, daß er diesen Künstlern wohl gewachsen war. Die zwölf +Haupttitelblätter zu diesem Buche, lithographisch vervielfältigt, +sind erst 1845 erschienen; sie sind hochvollendet in Silberstift +ausgeführt und gehören mit zu den herrlichsten Zeichnungen, die +Richter geschaffen. Sie befinden sich im Städelschen Institut in +Frankfurt a. M. Wir geben eine spätere Wiederholung eines solchen +Blattes zu „Stumme Liebe“ (Abb. 43). Von den übrigen Illustrationen zu +Musäus’ Volksmärchen bringen wir drei Abbildungen nach Zeichnungen: +zu den „Legenden von Rübezahl“ (Abb. 44), zu „Stumme Liebe“ (Abb. +45) und zu „Melechsala“ (Abb. 46). Richter zeichnete zu diesem Buche +hunderteinundfünfzig Blätter. In dieser Zeit kamen Alfred Rethel +und Richters alter Freund, der Kupferstecher Julius Thäter, nach +Dresden. Rethel zeichnete im Winter in Dresden Kartons für seine +großartigen Freskomalereien im Rathaussaale zu Aachen, die mit zu den +mächtigsten, gewaltigsten und epochemachendsten Werken deutscher Kunst +im neunzehnten Jahrhundert gehören. Rethel verkehrte viel im Hause +Richters, wo er sich besonders wohl fühlte, und noch, als sich bereits +die ersten Anzeichen der späteren geistigen Umnachtung bemerkbar +machten, die sich über diesen unglücklichen Künstler so viele Jahre bis +zu seiner endlichen Erlösung durch den Tod legte, suchte er das stille +Haus Richters gern und oft auf. + +[Illustration: Abb. 61. +Studie zu Genoveva.+ (Zu Seite 58.)] + +1836 erschien „Reinecke Fuchs“ bei Renger in Leipzig, jetzt Amelangs +Verlag, mit elf Lithographien nach Zeichnungen Richters, zehn Jahre +vor dem Erscheinen des von Kaulbach gezeichneten Reinecke. Wie +grundverschieden treten beide Künstler an diese Aufgabe heran! Unser +Meister hat es auch hier verstanden, in der ihm eigenen Weise ohne +Schärfe und Bissigkeit, aber mit großem Humor der Dichtung seine Bilder +abzugewinnen! Anschließend erschienen 1841 bei Volkmar in Leipzig zwölf +Holzschnitte zum Reinecke Fuchs, neun von den vorher lithographiert +erschienenen Blättern und drei nach neuen Zeichnungen. + +Bis ungefähr zum Jahre 1840 sah es mit den Bilderbüchern für Kinder in +Deutschland sehr traurig aus; das Minderwertige, Handwerksmäßige, das +der Kinderwelt bis zu dieser Zeit geboten wurde, war geradezu kläglich. +Nun aber macht sich eine Bewegung bemerklich, die erkennen läßt, daß +man bestrebt ist, „den Kindern das Beste“ zu bieten. Und hier haben nun +eine Anzahl von Verlegern, vor allem die Wigands, im Verein mit unserem +Künstler mit sicherer und glücklichster Hand eingegriffen und wirklich +wie im Sprunge Versäumtes nachzuholen sich bemüht. Ihr Bestreben war +aber auch vom schönsten Erfolg gekrönt, die Bücher mit Bildern von +unserem Ludwig Richter wurden von alt und jung mit Jubel aufgenommen. + +[Illustration: Abb. 62. +An der Krippe.+ Aus „Illustrierte +Jugendzeitung“. 1847. + +Verlag von Otto Wigand in Leipzig. (Zu Seite 59.)] + +[Illustration: Abb. 63. +Rübezahl.+ Radierung. 1848. Verlag von Alphons +Dürr in Leipzig. (Zu Seite 58.)] + +Außer einer Anzahl von Blättern für Lithographie zu Erzählungen von +Karl Stöber folgen 1842 bis 1856 siebzig Zeichnungen für Radierungen +und Holzschnitt zu Nieritz’ Volkskalender. Die sehr vollendeten +Zeichnungen: „Harmlose Freude“ (Abb. 47) und „Wir gratulieren“ (Abb. +48), radierte Hugo Bürkner. Zu Jeremias Gotthelfs Erzählung „Der +Besenbinder“ ist die Zeichnung Abb. 49. Unter diesen Blättern befinden +sich auch die ungemein humoristischen Weinproben vom Most, Rheinwein, +Burgunder, Steinwein bis herab zum Grüneberger. Hieran reiht sich noch +ein Ölbild nach einem Motiv aus Böhmen, „Hirten mit der Herde durchs +Wasser gehend“, im Besitz des Herrn Hoff in Frankfurt a. M. + +[Illustration: Abb. 64. +Betendes Kind.+ Aus „Illustrierte +Jugendzeitung“. 1847. Keils Märchen. Verlag von Otto Wigand in Leipzig. +(Zu Seite 59.)] + +1844-1846 erschienen bei Gustav Mayer in Leipzig „Alte und neue +Studenten- und Volkslieder“ mit hunderteinunddreißig Bildern. Die +ebenda erschienenen „Soldaten- und Jägerlieder“ hatte Pocci, vor dessen +Geschicklichkeit Richter großen Respekt hatte, illustriert. Franz Graf +Pocci, 1807 in München als Sohn des Grafen Pocci aus Viterbo und der +Freiin Xaveria von Posch aus Dresden geboren, war Dichter, Zeichner und +Musiker, später Hofmusikintendant in München. Die geschickte Art, wie +er in den obenerwähnten Soldaten- und Jägerliedern usw. die Buchseiten +mehr „dekorierte“, war für unseren jungen Meister sehr anregend und +fördernd. Diese Illustrationen sind ebenso wie die Neureuthers von +großem Einfluß auf ihn gewesen. Poccis Arbeiten, soweit sie hier in +Betracht kommen, zeugen trotz ihres dilettantischen Gepräges und +trotz des Mangels an Können doch von einem kindlich naiven Sinn. Der +Meister erwähnt selbst Pocci in der Biographie; er sieht dessen mit +Guido Görres herausgegebenen Festkalender, als er noch in Meißen +war, und sagt: „Pocci interessierte mich doch bei weitem am meisten +und wirkte höchst anregend auf mich.“ Wie hat es nun unser Richter +verstanden, in dem engen gegebenen Raum, der für ihn neben Noten und +Text übrig blieb, bei aller Freiheit hauszuhalten und in den kleinen +Illustrationen bei so schlichter Form den geheimnisvollen Zauber +unserer Volkslieder, ebenso wie die Frische und Fröhlichkeit und den +Humor unserer Studentenlieder wiederzugeben! Von den Volksliedern seien +genannt: „Zu Lauterbach hab’ i mein Strumpf verloren“, Abb. 50. Das +„Liebespaar“ mit dem lieblichen Mädchen, welches das Licht putzt (Abb. +51), wurde erst 1875 in „Aus der Jugendzeit“ veröffentlicht. Eine so +innige Gruppe, wie das Liebespaar, das in sein stilles Glück versunken +in die Ferne hinausschaut, zu „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen +so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nicht weiß“ kann nur +unser Richter zeichnen. Voller Humor sind „Nur fröhliche Leute lassen +wir herein“ (Abb. 52) und „Gestern, Brüder, könnt ihr’s glauben ... +gestern kam der Tod zu mir“ (Abb. 53). Wie ergreifend sind die Bilder: +„Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein“ und „Es fiel ein Reif in +der Frühlingsnacht“ (Abb. 54), wie innig die Gruppe der beiden Kinder, +die „verdorben, gestorben“! Ferner das prächtige Bildchen: „So hab’ ich +nun die Stadt verlassen, wo ich gelebet lange Zeit“, -- in Gedanken +versunken wandert der Bursch aus der Stadt, er denkt an die „eine“, +sie aber denkt auch an ihn, und wie lieblich und hold ist sie, die +oben, hinter dem Vorhang lauschend, dem Wandernden sinnend nachschaut +(Abb. 55). -- Das liegende Mädchen, eine schön gezeichnete Studie (Abb. +56) zu „Wenn ich ein Vöglein wär“ erregte Rethels größtes Interesse; +er betrachtete oft mit besonderem Wohlgefallen diese fein empfundene +naive Zeichnung. -- Diese Volks- und Studentenliederbilder sind +1875-1878 in vier Bänden, mit Illustrationen zu Musäus’ Volksmärchen +durchsetzt, wieder im Buchhandel erschienen unter den Titeln: „Aus +der Jugendzeit“, „Deutsche Art und Sitte“, „Aus dem Volksleben“ und +„Aus Dichtung und Sage“. 1845 vollendete Richter ein Ölbild, einen +Mondscheinabend, für Bendemann in Berlin. Aus dem in demselben Jahre +erschienenen „Vaterunser“ von Ammon bringen wir die reizende Rehgruppe +„Ruhe im Walde“ (Abb. 57). Ein Ölbild, das ihn so recht kennzeichnet: +den „Brautzug im Frühling“ (Abb. 58) vollendet er 1847. Aus dem im +Frühlingsschmuck prangenden Walde tritt der festliche Hochzeitszug, +des Müllers Töchterlein mit ihrem Angetrauten, der stattliche Müller +mit der stillen Frau Müllerin und weiteres Gefolge, voran fröhliche +Kinder mit Blumengewinden. Im Mittelgrund eine liebliche Hirtengruppe, +ein Hirtenbübel schwenkt den Hut. Vom hohen Giebel der unterhalb +des Schlosses liegenden Mühle weht eine stattliche Fahne, im jungen +Tannenwald lauschen Rehe, draußen stille, blaue Fernen. Ein seltener +Liebreiz mutet uns beim Betrachten dieses hinsichtlich der Konzeption +schönsten Bildes Richters an, es macht Haydnsche, auch Mozartsche +Weisen in uns erklingen. Interessant ist ein Vergleich dieses Bildes +mit seinem hervorragendsten italienischen Bild „Tal von Amalfi“ (Abb. +13). Die Anregung zu diesem Bilde wurde ihm bei der Erstaufführung von +Wagners Tannhäuser 1845. Auf der Ausstellung in Dresden erwarb es die +Lindenaustiftung und überwies es der dortigen Gemäldegalerie. Die neue +deutsche Kunst, die in Rom durch Cornelius, Overbeck, Schnorr und Veit +in der Mitte des zweiten Dezenniums des 19. Jahrhunderts einsetzte, +war eine Sezession radikalster Art; durch sie waren alle Traditionen +der Ölmaltechnik ebenso wie der Freskotechnik durchschnitten worden +und schließlich verloren gegangen. Es hat in Deutschland trotz allen +Ringens einer langen Reihe von Jahren bedurft, bis man dies erkannte +und der Technik in der Malerei wieder den ihr gebührenden Platz +einräumte, die Art des Studienganges änderte und nicht nur einseitig +vom Umriß und von der Zeichnung ausging, sondern auch die Farben zu +Wort kommen ließ, bei der Komposition auch mit Ton- und Farbenwerten +rechnete. Die Unzulänglichkeit des technischen Könnens im Ölmalen +empfand Richter oft genug. Er sprach sich in späteren Jahren oft dahin +aus, daß ihm ursprünglich ein ganz früher Frühlingstag vorgeschwebt +habe, er wollte den Wald in seinem ersten Lenzesschmuck, knospende +und blühende Bäume, die Eichen mit dem lichten zarten Grün der jungen +Blättchen, kurz, einen wonnigen ersten Frühlingstag in dem Bilde +schildern, aber die Kraft dazu habe ihm versagt, die Studien dazu +gefehlt. Auf der Weltausstellung in Paris 1855 wurde ihm für dieses +Bild die goldene Medaille zuerkannt; der Bildhauer E. Rietschel wurde +dort ebenso ausgezeichnet; die Künstlerschaft Dresdens brachte beiden +Männern daraufhin einen Fackelzug. + +[Illustration: Abb. 65. Zu: +Das Kind an der Mutter Grab.+ + +Aus „Illustrierte Zeitung für die Jugend“. 1849. (Zu Seite 59.)] + +[Illustration: Abb. 66. +Zu Himmelsmütterlein.+ Aus „Die schwarze +Tante“. 1848. + +Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 60.)] + +1846 vollendet er ein Frühlingsbild „Mädchen am Brunnen“, das er 1849 +variiert als Radierung wiederholte (Abb. 78). Er sprach oft den Wunsch +aus, dieses Bild einmal wiederzusehen; es schien, als erinnere er sich +dessen mit einer gewissen Befriedigung. Es folgen die „Hymnen für +Kinder“ von Thekla von Gumpert mit sechzehn Zeichnungen. + +Vielleicht 1846 hat der Meister seine älteste Tochter Maria gezeichnet +(Abb. 60), die im April 1847 an einem unheilbaren Brustleiden im +blühenden Alter von achtzehn Jahren starb. Inmitten einer Zeit voll +reichen Schaffens durchweht tiefe Trauer sein Herz und das seiner +Frau; sie sehen, wie die geliebte Tochter nach und nach hinsiecht, der +Arzt weiß keine Rettung mehr und gibt alle Hoffnung auf. „Erschüttert +und tiefgebeugt knieen die Eltern am Bett und begleiten die erlöste +Seele unter Tränen mit ihren Gebeten in das Jenseits!“ Mit diesen +Worten schließt Richter seine Biographie ab; er konnte sich nicht +entschließen, dieselbe weiterzuführen, und fügt derselben dann nur noch +Tagebuchnotizen als Anhang bei. + +[Illustration: Abb. 67. +Zu Himmelsmütterlein.+ (Zu Seite 60.)] + +1848 starb, siebzigjährig, Richters Vater; sein arbeitsreiches Leben +war zu Ende; viel Mühsale und unverdiente Kränkungen hatte er getragen; +sein Lebensabend gestaltete sich etwas freundlicher, tätig war er bis +zum Tage vor seiner letzten Erkrankung. Er hatte wohl nicht so recht +den Platz in seiner Kunst gefunden, für den er von Haus aus bestimmt +und geeignet war. Unser Meister sprach oft davon, wie schon in seinem +Vater unverkennbar die Neigungen durchblickten, die ihn, den Sohn, +auf seinen Weg brachten, und daß, wenn die äußeren Verhältnisse des +Vaters günstigere gewesen wären, dieser als Landschaftsmaler gewiß +Bedeutendes geleistet haben würde, mehr als in der Kupferstecherei, +zu der er entschieden weniger Veranlagung hatte. Schon in des Vaters +Zeichnungen war die Art der Staffage abweichend von der landläufigen +Manier; was von den wenigen Zeichnungen bekannt ist -- seine meisten +Blätter sind, in der Hauptsache unter Zinggs Namen, nach Polen +gewandert -- bestätigt dies. In demselben Jahre starb auch unseres +Meisters jüngster Bruder Julius in Warschau an der Cholera; er war dort +seit vielen Jahren als Aquarellmaler tätig gewesen. Der zweitälteste +Bruder Willibald, der während einer Reihe von Jahren die Gräfin Potocka +auf deren Reisen durch Europa als Zeichner und Aquarellmaler begleitet +hatte, lebte in Wien. Sein Zeichenunterricht war in den dortigen +Hofkreisen sehr geschätzt und gesucht; er starb kinderlos in Wien +1880. Die einzige Schwester Richters, Hildegard, die sehr tüchtig im +Blumenmalen war, starb als Witwe des Kunstgärtners Ludwig Liebig in +Dresden an ihrem 90. Geburtstage 1898. + +[Illustration: Abb. 68. +Aus der Schmiede.+ Schmiedjakobs Geschichten +von Horn. 1852. + +(Zu Seite 61.)] + +[Illustration: Abb. 69. +Aus der Schmiede.+ (Zu Seite 61.)] + +1847 und 1848 entstanden die beiden Kompositionen „Genoveva“ und +„Rübezahl“, die Richter dann im Auftrage des Sächsischen Kunstvereins +so meisterhaft radierte. Frieden des Waldes atmet das Blatt „Genoveva“. +Vor der von lauschigem Wald umschlossenen Höhle sitzt im Sonnenschein +die sinnige liebliche Frauengestalt, in ihren Schoß gelehnt ihr zur +Seite Schmerzensreich, die Hirschkuh liebkosend; im Rasen wilde Tauben, +Spechte und allerhand andere Vögel, auch Häschen haben sich zutraulich +gelagert, Eichhörnchen tummeln sich; im Vorgrund, mit Erdbeeren +besäumt, ein frisches Wässerchen, das unter mit Farnen bewachsenen +Steinen hervorsprudelt; über der Höhle gegen dunklen Tannenwald +schreiten Hirsch und Hirschkuh. Es ist eine köstliche Waldidylle, wie +sie schöner nicht gezeichnet werden kann. Wir geben hier (Abb. 59) eine +Variante der lieblichen Figurengruppe mit einfacherem landschaftlichen +Hintergrund nach einer Aquarelle von 1850 in farbiger Reproduktion. +Die Genoveva ist auch hier innig und lieblich; wie seelenvoll ist +der Ausdruck des Kopfes der Dulderin! Auch in der Art wie der Meister +die Farben nur andeutend sprechen und wirken läßt und worin er so +unerreicht und einzig ist, mutet uns das Bild so außerordentlich +wohltuend an. Zu dem aufgelösten Haar der Genoveva zeichnete er +eine Studie nach seiner Tochter Aimée mit wenigen Bleistiftstrichen +(Abb. 61). Die andere Komposition „Der Rübezahl“ (Abb. 63) schildert +den bekannten Vorwurf: die Mutter ruft, um einen ihrer Schreier zum +Schweigen zu bringen, Rübezahl, er möge ihn mitnehmen, da -- plötzlich +steht Rübezahl vor ihr und fordert das Kind. Wie die Küchlein bei +drohender Gefahr sich zur Henne flüchten und sich zu verbergen suchen, +so schmiegen sich die erschrockenen Kinder schutzsuchend an die ebenso +erschrockene Mutter, die die schützenden Arme um sie schließt und +betroffen, aber doch der Gefahr trotzend, den bärtigen „Rübezahl“ +anstarrt; nur den kleinen an der Erde liegenden Schreihals kümmert +Rübezahl nicht, er schreit und strampelt fort; als Kuriosum sei hier +erwähnt, daß das am Boden liegende Kind zwei rechte Füße hat. Die über +den Figuren sich erhebende Gruppe von Bäumen ist von großer Schönheit. +Über sonnige Höhen schaut man auf in duftigem Blau liegende Bergzüge, +am schattigen Waldesrand lagert Rotwild. Das ist Bergespoesie! Die +Gestalt des Rübezahl, um die Hauptsache nicht zu vergessen, ist voller +Humor: halb drohend, aber mit dem Ausdruck eines gutmütigen Schalks, +einen entwurzelten Baum in der Linken haltend, die Rechte nach den +Kindern ausgestreckt, als Köhler gekleidet, steht er mit gespreizten +nackten Beinen vor der erschrockenen Mutter. Er gehört mit der ebenso +komischen Rübezahlgestalt von Schwind, die leider so wenig bekannt +ist, zu den weitaus besten Darstellungen dieser urwüchsigen Figur +aus dem Sagenkreise des Riesengebirges. Denselben Gegenstand hatte +Richter schon früher im „Musäus“ ähnlich behandelt. Er war gerade beim +Ätzen dieser beiden Kupferplatten, als Kanonendonner und Knattern +von Gewehrsalven die Luft erdröhnen machten; preußische Regimenter +halfen den 1849er Maiaufstand in Dresden, das infolge des Feldzugs in +Schleswig-Holstein von Militär fast entblößt war, niederzuwerfen; unser +Richter stand im unvermeidlichen Hauspelz an seinem Ätztisch in seine +Arbeit vertieft und kümmerte sich nicht um das, was in den Straßen der +Stadt sich abspielte. In Kupferstecher Thäters Biographie finden wir +von 1848 folgende Aufzeichnung: „Wer hätte wohl noch vor wenigen Wochen +sich träumen lassen, daß die beiden friedliebendsten Menschen, Richter +und ich, einem ‚Deutschen Verein‘ und einer ‚Akademischen Legion‘ +beitreten und täglich zwei Stunden mit dem Schießprügel sich tummeln +würden? Wir hätten eher daran geglaubt, ins Gras, statt in Patronen +beißen zu müssen. Und doch konnte es nicht umgangen werden; wir müssen +eben mit fort, wie jeder andere auch.“ Von den Dienstleistungen der +„Akademischen Legion“, die in dieser wunderlichen Zeit gebildet +worden war und die nicht „zu martialisch“ in ihrer ganzen Erscheinung +gewesen sein soll, wurde er aber enthoben. Das Exerzieren war ihm +recht unbequem, wie man sich leicht denken kann. Kurz vor Ausbruch +des Maiaufstandes wurde des Meisters Sohn Heinrich, mit einem Freunde +auf einer Wanderung nach Meißen begriffen, in Dresden-Neustadt, weil +er eine, wenn auch verrostete Waffe unter dem Rock verborgen trug, +vom Militärposten abgefaßt und mit vielen anderen Sistierten in der +Frauenkirche gefangen gehalten. Unser Meister wurde aus seiner stillen +künstlerischen Tätigkeit herausgerissen, als er diese Nachricht +erhielt; mit größter Mühe und nur durch schwerwiegende Fürsprache +gelang es, die an sich so harmlosen Arrestanten erst nach zwei schweren +langen Tagen wieder frei zu machen. Für unseren Meister waren es Tage +großer Aufregung. + +Für die Illustrierte Jugendzeitung Otto Wigands und die Illustrierte +Zeitung für die Jugend (Brockhaus) zeichnete Richter 1846 bis 1852 +achtundachtzig Blätter; wir bringen davon die Abbildungen 62, 64 +und 65, von denen besonders die beiden letzten Blätter durch ihr +überaus warmes Empfinden hervorragen. Weiter folgen eine Reihe von +Illustrationen zu verschiedenen Jugendschriften, 1847 bis 1853, auch +unter anderen bei Justus Naumann in Dresden „W. Redenbachers neueste +Volksbibliothek“, wozu Richter siebzehn Zeichnungen lieferte, die +lithographisch vervielfältigt wurden. Unter diesen Zeichnungen, die +hier als Vorlage für den Lithographen dienten, sind eine Reihe ganz +vorzüglicher Blätter, von größter Vollendung in der Zeichnung und +lebendigster Charakteristik. Es sei hier nur das eine Blatt genannt: +„Wie Parzival von seiner Mutter in der Wildnis Soltane erzogen wird“, +vom Jahre 1853. 1848 erscheint „Robinson der Jüngere“ bei Fr. Vieweg +in Braunschweig, mit achtundvierzig Holzschnitten. Wer von uns hätte +diesen Robinson in jungen Jahren nicht in der Hand gehabt und sich +daran begeistert! + +[Illustration: Abb. 70. +Titelblatt zu Rheinische Dorfgeschichten+ von +Horn. 1854. + +(Zu Seite 61.)] + +Gleichzeitig erscheint die erste Ausgabe des „Richter-Album“ bei Georg +Wigand, hundertfünfzehn Blatt Holzschnitte, die in vorhergehenden +Werken bereits publiziert waren. Diese Ausgabe hat zur Verbreitung +Richterscher Kunst in den weitesten Kreisen und Schichten des deutschen +Volkes ungemein viel beigetragen. Es war eine glückliche Idee, diese +Bilder so zwanglos aneinanderzureihen und, mit kleinen Textstellen +versehen, noch zugänglicher für das allgemeine Verständnis zu machen. +Sehr bald folgt ein zweiter Band mit hundertachtundfünfzig Blatt. +Seitdem ist diese Sammlung wohl fünf- oder mehrmal aufgelegt worden. + +[Illustration: Abb. 71. +Zu Der Geizhals und sein Nachbar.+ + +Spinnstubengeschichten von Horn. 1855. (Zu Seite 61.)] + +[Illustration: Abb. 72. +Zu Zwei geholzte Ohrfeigen.+ + +Spinnstubengeschichten von Horn. 1856. (Zu Seite 61.)] + +[Illustration: Abb. 73. Zu +Der Schleicher+. + +Spinnstubengeschichten von Horn. 1856. (Zu Seite 61.)] + +[Illustration: Abb. 74. Zu +Jörjakob+. Spinnstubengeschichten von Horn. +1860. (Zu Seite 62.)] + +Aus dem Buch „Die Schwarze Tante“, Märchen und Geschichten für Kinder +(von Frau Professor Fechner in Leipzig), mit vierundvierzig der +liebenswürdigsten Illustrationen, erschienen 1848 bei Georg Wigand, +sind zwei Bilder zum „Himmelsmütterlein“ besonders reizvoll. Die +sterbende Mutter nimmt Abschied von ihrem Töchterchen und ermahnt +es, brav zu bleiben (Abb. 66), und weiter der Traum des Kindes +(Abb. 67): das verstorbene Mütterlein erscheint dem in der dunklen +Kammer eingesperrten Kinde, nimmt es zu sich auf den Schoß und +erzählt ihm vom himmlischen Paradies. -- 1849 bis 1860 folgen die +Illustrationen zur „Spinnstube“ und zu „Gesammelte Erzählungen“, +ferner zu „Des alten Schmiedjakob Geschichten“ und zu den „Rheinischen +Dorfgeschichten“, sämtlich herausgegeben von W. O. von Horn; im +ganzen fünfhundertvierundsiebzig Zeichnungen. 1873 erschien der +weitaus größte Teil derselben in einer Separatausgabe bei Sauerländer +in Frankfurt am Main. Die Verlagshandlung hatte Richter alle +Holzschnitte vorher zur Durchsicht eingesendet, der Meister zog mich +zur Auswahl zu; für manches dieser köstlichen Blätter mußte ich +eifrigst eintreten, um es der geplanten Ausgabe zu erhalten, und so +haben denn schließlich vierhundertfünfzig Blatt die Revue passiert. +Die Verlagshandlung berichtet bei dieser Ausgabe, daß Richter sich zu +dem echt volkstümlichen, gemütreichen Ton der Hornschen Erzählungen +so hingezogen fühlte, daß er sich bereits 1847 um deren Illustrierung +selbst bewarb und mit ganzer Hingebung über ein Jahrzehnt dafür wirkte. +Sein 1859 eingetretenes Augenleiden zwang ihn, die ihm lieb gewordene +Arbeit aufzugeben. In der Vorrede schreibt Dr. Weißmann am 28. August +1873: „Wenn einer der Volksschriftsteller unserer Tage würdig gewesen, +von Ludwig Richter illustriert zu werden, so ist es Horn. Hat doch +kein Künstler das deutsche Volk in seiner Erscheinung verstanden und +sein ganzes Gebaren in Leid und Freud, in ruhigem Behagen, wie in +leidenschaftlicher Erregtheit, in der naiven Lust der Kindheit, in +der herzigen Verschämtheit und Unbeholfenheit der Jugend, wie in der +steifen Selbständigkeit und in der ehrwürdigen Entsagung des Alters +dem Auge darzustellen gewußt, wie Ludwig Richter. ‚Traulich mit dem +Volke verkehren,‘ sagt Horn an einer Stelle, ‚bringt reichen Lohn. +O wieviel Tüchtiges und Treffliches umschließt das tiefe Gemüt des +Volkes! Wieviel Poesie liegt da verborgen!‘ Das hat auch Richter +erkannt, und wenn er vielleicht auch nicht in dem Maße, wie durch +seinen Seelsorgerberuf der Dichter, eindringen konnte in das innere +Leben, sein treues Auge und sein liebevolles Herz hat ihn nicht minder +vertraut gemacht mit dem Volke.“ Von den uns zur Verfügung stehenden +Handzeichnungen zu dieser Publikation bringen wir die Blätter Abb. 68 +bis 76. Die beiden Zeichnungen zu der Geschichte „Jörjakob“, gezeichnet +um 1860, sind von seltener Schärfe der Charakteristik und erschütternd +im Ausdruck. Der Knabe am Bett der sterbenden Mutter, seine Hand auf +die ihrige legend, lauscht schmerzbewegt ihren letzten Segensworten +(Abb. 74). Und weiter dann die Frau und die Kinder am Bett des +verstorbenen Mannes und Vaters (Abb. 75)! Der letzte Atemzug ist getan, +die Seele aus dem Körper geschieden. Wie ist das Weib groß und echt +und wahr gezeichnet, wie sie laut schluchzend, mit beiden Händen die +Schürze vors Gesicht hält, und die Kinder, wie sie in ihrem Schmerze an +der entseelten Hülle ihres geliebten Vaters knieen. Das Kleinste steht +so unbeholfen und erstaunt neben der Mutter, wie Schutz suchend, das +kleine Wesen begreift noch gar nicht, was vorgegangen ist. Dieses Blatt +hat etwas von der Größe und Wucht und Charakteristik Rethelscher Art. +Das prächtige, höchst geistreich leicht gefärbte Blatt „Unterredung“ +(Abb. 77) ist möglicherweise eine Vorarbeit zu „Eine Geschichte, wie +sie leider oft passiert“ aus den Spinnstubengeschichten von 1851. + +[Illustration: Abb. 75. Zu +Jörjakob+. (Zu Seite 62.)] + +1849 erscheinen „Musenklänge für Deutschlands Leierkasten“ mit +vierundzwanzig Zeichnungen von kernigem, fast derbem Humor -- und +weiter die hochkomischen, gesund und kraftvoll charakterisierten +Gestalten der „Sieben Schwaben“. + +[Illustration: Abb. 76. Zu +Die Spinnerin+. + +Spinnstubengeschichten von Horn. 1860.] + +Um 1850 folgen unter anderm die drei schönen Radierungen zu „Deutsche +Dichtungen mit Randzeichnungen deutscher Künstler“ (Düsseldorf, +Buddens), „Frühlingslied des Recensenten,“ das letzte von den bekannten +Frühlingsliedern Uhlands, dessen letzte Strophe lautet: + + „Daß es keinen überrasche, + Mich im grünen Feld zu sehen! + Nicht verschmäh’ ich auszugehen, + Kleistens Frühling in der Tasche“ + +(Abb. 78). Junge schmucke Mädchen schöpfen Wasser am Brunnen unter +blühenden Fliederbüschen, aus jung belaubten Buchenmassen heraus tritt +der Recensent: „Störche kommen und Schwalben“, drohend hebt er den +Finger: „Nicht zu frühe, nicht zu frühe!“ Weiter folgt das „Schlaflied“ +von Tieck. Unter schattigem Busch, vom Wandern ermüdet, schlafen ein +Mann und eine schlanke junge Frau; aus dem im Mittagssonnenschein +träumenden Walde ziehen Rehe zum Quell in moosigem Gestein. -- +Das dritte Blatt behandelt auch ein Gedicht von Tieck aus dessen +„Verkehrter Welt“ (Abb. 79). Am Waldesrand am Fuße einer mächtigen +alten Buche sitzt eine Hirtenfamilie, ein junger Hirt bläst auf einer +Schalmei, in den dichten Wald fallen einzelne Sonnenlichter. Diese +Radierungen sind von großer Gewandtheit in der Nadelführung und +besonders das letzte Blatt kraftvoll und energisch in der Wirkung. +Unsere Abbildungen sind nach Probedrucken aufgenommen. + +1850 folgen zwei Holzschnitte für die Bibel von Cotta, zu der auch +Rethel so hervorragende Zeichnungen lieferte; die letzteren sind leider +in der neuen Ausgabe weggelassen worden. Diese Rethelschen Blätter +gehören zu dem Bedeutendsten, was auf diesem Gebiete geschaffen worden. +Solche kernige Bibelbilder dürften unter keinen Umständen dem deutschen +Volk, schon aus erzieherischen Rücksichten, vorenthalten werden. + +Hieran reihen sich 1850-1854 vierzehn Zeichnungen zu Shakespeares +dramatischen Werken, bei Duncker erschienen, und das „Märchenbuch für +Kinder“ von Ferdinand Schmidt (Otto Wigand), mit sechs sehr anmutigen +Bildern. + +1850-1854 erscheinen: „Was bringt die Botenfrau“ und „Nach Belieben, +Kraut und Rüben“, „An der Krippe zu Bethlehem“, „Knecht Ruprecht“, +„Die Familienlieder“, „Kreuz und Grab des Erlösers“ u. a. von J. T. +Löschke, mit zusammen hundertundsechzig Holzschnitten. Die mit R. +Heinrich bezeichneten Lieder in „Familienlieder“ sind von des Meisters +Sohn in jungen Jahren in Musik gesetzt. Aus der „Botenfrau“ folgen die +Abbildungen 80 und 81. + +1851 erschienen C. Andersens Märchen mit sechzehn Zeichnungen, von +denen wir Abb. 82 bringen, und Hebels alemannische Gedichte, ins +Hochdeutsche übertragen von R. Reinick, mit fünfundneunzig Zeichnungen. +Letztere zählen zu den hervorragendsten Illustrationen des Meisters. +Wir geben davon die Abbildungen 83-90. Die ersten vier sind zu der +Geschichte „Der Karfunkel“. Abb. 90 „Der Sperling am Fenster“ ist von +des Meisters Tochter Aimée geschnitten. + +[Illustration: Abb. 77. Zu +Eine Geschichte, wie sie leider oft +passiert.+ Spinnstubengeschichten von Horn. 1851. + +(Zu Seite 62.)] + +Zu „Der arme Mann im Toggenburg“, herausgegeben von E. Bülow, ist +das reizende Titelblatt, Abb. 91. Wir fügen hier eine leichte +Porträtzeichnnng nach Richter von Eduard Bendemann aus dieser Zeit ein +(Abb. 92). + +1853 folgt „Bechsteins Märchenbuch“ (bei Georg Wigand), mit +einhunderteinundsiebzig Bildern, die in Deutschland die freudigste +Aufnahme gefunden und noch heute alles überstrahlen, was nach dieser +Seite hin geschaffen wurde. Zu bedauern ist, daß die unvergänglichen, +durch die Brüder Grimm gesammelten Märchen unserem Richter nicht zum +Illustrieren übergeben wurden; das wäre ein Werk geworden, wie kaum +ein zweites in Deutschland. Wie mag es gekommen sein, daß sich die +Fäden dazu nicht knüpfen ließen? Wir geben aus Bechsteins Buche eine +farbige Vervielfältigung nach einer Originalzeichnung „Dornröschen +bei der Alten im Turmstübchen“ (Abb. 93). Wer Handzeichnungen von +Richter gesehen, wird sich durch die liebenswürdige Art des Vortrages +gewiß angezogen fühlen. „Nie ein Strich zuviel, nie einer zu wenig. +Das ist die echte Bescheidenheit in der Kunst“, sagt Otto Ludwig, der +Dichter des „Erbförsters“. Einfach, schlicht ist seine Zeichnung, aber +geistvoll und lebendig. Er liebt es, seine Zeichnungen mit leichten +Tönungen zu versehen, und versteht mit knappen Farbenandeutungen +ein reizvolles und voll befriedigendes Bild hervorzuzaubern. Oft +unterstützt er die leichten Farbentönungen mit wenigen Federstrichen. +Weiter folgt die Hirtenszene zu dem Schluß des reizenden Märchens: „Der +Müller und die Nixe.“ Auf einsamer Bergeshöhe über dem stillen Wald +beim aufgehenden Vollmond sitzen Hirt und Hirtin; der Hirt bläst die +Flöte, die Hirtin lauscht den Tönen und gedenkt jenes Abends, an dem +sie am Weiher beim Vollmond auf der goldenen Flöte geblasen und -- die +verzauberten jungen Jägersleute erkennen sich wieder (Abb. 94). Sehr +anmutig ist die Knabenfigur „Goldener“, wie schauen seine Augen so +träumerisch unter dem lichten Haar hervor (Abb. 95)! Voll köstlichen, +liebenswürdigen Humors ist der Holzschnitt „Der kleine Däumling kehrt +mit seinen Brüdern ins Elternhaus zurück“ (Abb. 96). Das die Tür mit +Blumengewinden schmückende anmutige Mägdlein ist zum „Mann ohne Herz“, +unsere Abbildung 97 eine spätere Wiederholung „Zum Geburtstag“ in +„Altes und Neues“. -- In den beiden Blättern „Rotkäppchen im Walde, +Blumen pflückend“ (Abb. 98), und „Hänsel und Gretel“ (Abb. 99) zeigt er +seine Meisterschaft im Zeichnen mit der Feder. + +[Illustration: Abb. 78. +Frühlingslied des Recensenten von Uhland.+ +Radierung von 1850. + +Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Hermann Vogel in Leipzig. (Zu +Seite 62.)] + +Im November 1853 wurden Richter und sein Freund J. Schnorr zu +Ehrenmitgliedern der Münchener Akademie ernannt; er schreibt darüber, +wie es ihm eine ganz besondere Freude mache, daß solche Ehrung ihm +gerade von München zuteil wird. In demselben Jahre zeichnet er für +seinen Sohn Heinrich, der in Leipzig Musik studierte und bei Georg +Wigand wohnte, aus Scherz eine Musikkapelle, einen Kapellmeister und +zwölf Musikanten, stark aufgetragene, tolle Gestalten; Wigand ließ +diese Blätter, als er sie zu Gesicht bekam, ohne weiteres in Holz +schneiden. Diese Gestalten tauchen in seiner Erinnerung 1868 (Abb. 170) +wieder auf. + +1854 wurde die „Christnacht“ (Abb. 100) als Vereinsblatt des +sächsischen Kunstvereins beendet. Eine köstliche Radierung, die größte, +die aus Richters Hand hervorgegangen! In dieser poetischen Komposition +klingt der ganze geheimnisvolle Zauber der deutschen Weihnacht wieder. +Hoheitsvoll und lieblich und rein, wie Engel von Fiesole, obwohl etwas +vollblütiger als die des liebenswürdigen Fra Angelico, schweben zwei +größere Engelgestalten in reicher fliegender Gewandung, den brennenden +Christbaum in stiller, dunkler Sternennacht zur Erde bringend. Unter +den Zweigen des Baumes, in einem von Fruchtgewinden umschlossenen, von +lieblichen kleinen Engeln getragenen Körbchen, auf weißem Linnen liegt +das Christkind -- eins der Englein schüttet als „Knecht Ruprecht“ seine +Gaben herab. Unten in der Stadt weihnachtlich erleuchtete Fenster, +der Pfarrer schreitet hinab zur Kirche zur Weihnachtsandacht, vom +Turm ertönt Gellerts Lied. „Dies ist der Tag, den Gott gemacht, sein +werd’ in aller Welt gedacht.“ -- Um zu erkennen, wie gesund Richter +empfindet und darstellt, vergleiche man mit seiner „Christnacht“ den +Christbaum des Düsseldorfer Künstlers Theodor Mintrop; hier sehen wir +ein ganzes Aufgebot von Engeln, eine ganze „Konzertkapelle“, eine Reihe +von Engeln verteilt Spielwaren an Kinder, eine andere Reihe ist sogar +mit der Anfertigung der Spielwaren beschäftigt! Wie weiß unser Meister +dagegen mit sicherem Blick in seiner Darstellung das Wesentliche vom +Unwesentlichen zu scheiden und Maß zu halten! + +Das lange und angestrengte Arbeiten an dieser so vollendet ausgeführten +Kupferplatte griff des Meisters Augen sehr an, von dieser Zeit datiert +sein Augenleiden. + +[Illustration: Abb. 79. +Ruhende Hirtenfamilie.+ Radierung. 1850. + +Mit Genehmigung der Verlagshandlung von Hermann Vogel in Leipzig. (Zu +Seite 63.)] + +[Illustration: Abb. 80 und 81. +Tanzendes Kind und Großmutter. Besuch +bei der Kranken.+ 1850. (Was bringt die Botenfrau?) Aus Sturm, +Kinderleben. + +Verlag von Ferd. Riehm in Leipzig. (Zu Seite 63.)] + +[Illustration: Abb. 82. Zu „+Der Schweinehirt+“ aus Andersens Märchen. +1851. + +Verlag von Abel & Müller in Leipzig. (Zu Seite 63.)] + +[Illustration: Abb. 83. +Der Karfunkel.+ Hebels alemannische Gedichte. +1851. + +Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 63.)] + +1851-1855 erschien bei Georg Wigand in Lieferungen „Beschauliches +und Erbauliches“ mit achtunddreißig Zeichnungen. Wir nennen daraus +die herrlichen Blätter „Lob des Weibes“, „Aller Augen warten auf +dich“, die überaus humoristischen Darstellungen vom „Tischlein deck’ +dich, Esel streck’ dich, Knüppel aus dem Sack“; von letzterem ist das +Schlußbild (Abb. 102). „Ehre sei Gott in der Höhe“ (Abb. 101) ist eine +Erinnerung an die Meißener Zeit, wie Abb. 100; am Weihnachtsabend +singen Kinder vom hohen Stadtkirchturm herab Weihnachtslieder in die +dunkle Nacht hinaus. Wie mag unser Richter mit seinem „Gustchen“ am +offenen Fenster oben am Afraberg dem lieblichen Gesange gelauscht und +an dem Lichterschimmer auf dem Turme sich erfreut haben! -- „Was ihr +getan habt dem geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan“ (Abb. +103). Eine Mutter mit ihrem Töchterchen besuchen eine arme, kranke +Frau. Liebreizend ist die Kindergruppe, das Mädchen, welches dem Kinde +die mitgebrachten Kleider anziehen will und das staunende Kind. Lustig +und heiter ist das Bild „Der Schäfer putzte sich zum Tanz“ (Abb. 105). +Anmutig tanzt die schmucke Maid mit ihrem Liebsten, mit einem Jauchzer +hebt der zweite Bursch seine Tänzerin in die Höhe, der dritte kommt +singend mit seinem Mädel und mit seinem Maßel; der kennt den Spruch: +„Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben +lang.“ Anmutig ist das Blatt „Kinderlust“, von dem wir eine farbige +Reproduktion geben (Abb. 104). „Ich habe mein Feinsliebchen so lange +nicht gesehen“, höchst behaglich und lauschig mutet das Plätzchen +an dem gotischen Türchen der Mühle an, wo die schämige Müllersmaid +dem schmucken Jäger die Hand reicht. Er streicht mit seiner Rechten +über ihr blondes, welliges Haar. Jägers Teckel sitzt etwas abgewendet +blinzelnden Auges da, ihn geht’s halt nix an. Die Müllersfrau oben +am Fensterchen hebt wie drohend den Finger, es scheint aber so ernst +nicht gemeint, sie hat doch ihres Mädels Schatz gern (Abb. 106). Die +Darbietungen Richterscher Muse in dieser Heftform, mit „Beschauliches +und Erbauliches“ beginnend, halte ich, so groß und hochbedeutend auch +sonst seine Tätigkeit als Illustrator ist, und in der er wohl noch +unübertroffen dasteht, für seine größten Leistungen; er hat hierin so +recht eigentlich für die weitesten Kreise des deutschen Volkes gewirkt, +hier wirklich Nationales geschaffen und Samen ausgestreut, der gewiß +tausendfältige Frucht getragen und noch tragen wird in der deutschen +Familie, im deutschen Hause. Das Erscheinen dieses Heftes bezeichnet +wieder einen Wendepunkt in seiner Künstlerlaufbahn. Er seufzt über das +Hetzen und Jagen der Verleger beim Illustrieren und freut sich, daß er +seine Stoffe jetzt sich selbst wählen und freier arbeiten und gestalten +kann. Er tritt auf die höchste Stufe seiner künstlerischen Tätigkeit, +reicht seinem Volk die schönsten Blüten seiner Muse. Die Zeit von 1848 +bis 1859 ist als des Künstlers eigentlicher Höhepunkt zu betrachten. + +[Illustration: Abb. 84. +Der Karfunkel.+ (Zu Seite 63.)] + +1849-1851 lieferte Richter für Georg Scherers „Alte und neue +Kinderlieder“ zehn Radierungen auf Zink und eine auf Kupfer („Der +Schnitzelmann von Nürnberg“), die in späteren Auflagen, 1863 und 1873, +weil ausgedruckt, durch Holzschnitte ersetzt wurden; weiter zeichnet er +1854-1875 zu Scherers „Deutschen Volksliedern“ (späterer Titel: „Die +schönsten deutschen Volkslieder mit ihren eigentümlichen Singweisen“) +dreißig Blätter für Holzschnitt. Zu der 1855 bis 1858 erscheinenden +„Deutschen Geschichte in Bildern von ~Dr.~ F. Bülau“ (Dresden bei +Meinhold und Söhne) zeichnet Richter drei Blätter, von denen wir in +Abb. 107 einen Entwurf zu „Otto I. an der Nordsee“ geben. 1853 zum 14. +November zeichnet er sein erstes Enkelchen (Abb. 108) dem Schwiegersohn +Gaber und schreibt darunter das Verschen: + + Das Margaretli bin ich genannt, + noch winzig klein, wie euch bekannt, + werd ich erst ein groß Jungferli sein, + wird mich Großpapa wohl besser konterfein. + +1857 skizziert er dasselbe Enkelchen, das, wie es scheint, keine rechte +Lust zum Sitzen hat, noch einmal (Abb. 109); sein Wort hat aber der +Meister nicht gehalten. Wohl versuchte er um 1870, die inzwischen zum +Jungfräulein herangereifte Enkelin wieder zu zeichnen, aber seine Augen +versagten, und es blieb bei einem Versuch. + +[Illustration: Abb. 85. +Der Karfunkel.+ (Zu Seite 63.)] + +[Illustration: Abb. 86. +Der Karfunkel.+ (Zu Seite 63.)] + +[Illustration: Abb. 87. Aus „+Der Statthalter von Schopfheim+“. + +Hebels alemannische Gedichte. 1851. (Zu Seite 63.)] + +1853-1856 zeichnet er vierzig Blatt zum Goethe-Album. Für Goethe hatte +er stets eine besondere Vorliebe, er hat ihn frühzeitig schätzen +und verstehen gelernt; er reiste selten, ohne einen Band Goethe +„mit im Täschel“ zu haben. Die Bilder zum Goethe-Album sind alle +unvergleichlich schön, und man weiß eigentlich nicht, wo anfangen, um +zu schildern. Wie poetisch ist das Plätzchen, wo’s Liebchen sitzt, in +dem Bilde „Ist sie das?“ Und weiter Schäfers Klagelied: „Da droben +auf jenem Berge“ und Jägers Abendlied: „Im Felde schleich’ ich still +und wild“, das Frühlingsorakel: „Du prophetischer Vogel du“ und der +Schatzgräber: „Holde Augen sah ich blinken“ (Abb. 110). Die Spinnerin: +„Als ich still und ruhig spann“ und Edelknabe und die Müllerin: „Wohin, +wohin? schöne Müllerin?“ und „Junggesell und der Mühlbach“: „Wo willst +du, klares Bächlein, hin so munter?“ Und weiter „Der Müllerin Verrat“, + + „Da drang ein Dutzend Anverwandten + herein, ein wahrer Menschenstrom, + da kamen Vettern, guckten Tanten, + es kam ein Bruder und ein Ohm“, + +und dann „Der Müllerin Reue“. Wie muten uns diese Bilder so wohltuend +an! Zu den hervorragendsten dieser Bilder gehören die Zeichnungen zu +„Hermann und Dorothea“, von denen wir Abb. 111 bringen: „Und so saß +das trauliche Paar, sich unter dem Torweg über das wandernde Volk mit +mancher Bemerkung ergötzend.“ Es atmet dieses Blatt die friedliche +Stille und Behaglichkeit der kleinen Stadt! Trefflich sind die Bilder +zu „Götz von Berlichingen“: „Schreiben ist ein geschäftiger Müßiggang“ +(Abb. 112) und „Es war einmal“ (Abb. 113). Wie lauschig ist das +behagliche Turmstübchen, und von welcher Anmut das Figürchen der Maria! +Wie ist das alles deutsch gedacht und empfunden! + +[Illustration: Abb. 88. +Erhalt Gott meinen Friedel.+ + +Hebels alemannische Gedichte. 1851. (Zu Seite 63.)] + +[Illustration: Abb. 89. +Der Bettler.+ Hebels alemannische Gedichte. +1851. (Zu Seite 63.)] + +1855 erscheint, von seinem Schwiegersohn A. Gaber herausgegeben, +„Die Christenfreude“, eine Sammlung von geistlichen Liedern mit +einundvierzig Bildern von Richter, die übrigen sind von Jul. Schnorr +und Carl Andreä. Der Tod seiner Frau -- sie starb 1854 -- lastete +schwer auf ihm, es weht uns ein schwermütiger Ton aus diesen Bildern +entgegen; innere Anfechtung wechselte in ihm mit gläubigster +Christenhoffnung. Die Liedertexte wählte er selbst, sie sind von +tiefer Glaubensfreudigkeit durchdrungen; dem Maler merkt man die +niedergedrückte Stimmung seiner Seele an: „Es fehlt mir immer etwas, +und ich sehe mich manchmal um, als müßte es von außen kommen, was die +schmerzhafte Lücke im Herzen gemacht hat, und sie wieder heilen; aber +dann besinne ich mich, und der Loschwitzer Friedhof und der noch kahle +Sandhügel steht mir vor Augen. Und da heißt es ‚Glauben‘. Sichtbar ist +der Tod, unsichtbar das Leben geworden,“ so schreibt er am 4. November, +an welchem Tage vor siebenundzwanzig Jahren er seine Auguste zum Altar +führte. Sich selbst zeichnet er in dem Bildchen (Abb. 114) zu dem +melancholischen Herbstlied von Heinrich Albert: + + „Der rauhe Herbst kommt wieder: + Jetzt stimm’ ich meine Lieder + In ihren Trauerton, + Die Sommerlust vergehet, + Nichts in der Welt bestehet: + Der Mensch muß endlich selbst davon.“ + +Auf dem kleinen Friedhof sitzt der tief gebeugte Meister am Grabhügel +seiner Frau. Der Wind weht die letzten Blätter von den Bäumen, am +Himmel steht die feine Sichel des zunehmenden Mondes, ein langer Zug +von Wandervögeln strebt nach dem Süden, Herbstzeitlosen sprossen im +Grase. Das Bildchen ist mit so wenig Strichen, so schlicht und einfach +gezeichnet, und wie berührt es uns innerlichst, wie mitempfindet man +des Meisters wehmütige Stimmung. Es ist tiefpoetischer Volksliederton, +der uns auch hier wie so oft aus seinen Schöpfungen so wohltuend und +sympathisch entgegenklingt. + +[Illustration: Abb. 90. +Der Sperling am Fenster.+ + +Hebels alemannische Gedichte. 1851. (Zu Seite 63.)] + +Voller Innigkeit und edler Anmut sind auch die übrigen Bilder, von +denen wir zwei in Nachbildungen nach Handzeichnungen bringen: „Ich +und mein Haus wollen dem Herrn dienen“ (Abb. 115); hier zeichnet der +Meister sich wieder selbst im Kreise der Seinen bei der Hausandacht, +und zu Paul Flemmings herrlichem Liede: „Ein getreues Herz zu wissen, +hat des höchsten Schatzes Preis“; die Abb. 116 ist nach einer späten +Wiederholung aus „Altes und Neues“. Weiter folgen die Holzschnitte +zu Matthias Claudius’ Lied: „Der Mond ist aufgegangen“ (Abb. 117), +zu: „Jesu, komm doch selbst zu mir“ (Abb. 118), zu: „Es kostet viel, +ein Christ zu sein“ (Abb. 119) und zu: „Müde bin ich, geh zur Ruh’“ +(Abb. 120). Zur „Christenfreude“ zeichnete auch Julius Schnorr die +schöne Komposition für das Lied: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt!“ +Unser Meister erzählte oft, wie Schnorr in Rom in der Kapelle der +preußischen Gesandtschaft im Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol, damals +der einzigen protestantischen Kirche in der Tiberstadt, mit anderen +jungen Künstlern als Kirchensänger bei den Gottesdiensten mitgewirkt +und als Vorsänger gerade dieses Lied mit so ergreifender Innigkeit und +Gläubigkeit gesungen habe. Diese Komposition malte Schnorr in späten +Jahren noch als sein letztes Ölgemälde. + +Auch aus dem Jahre 1855 datiert die Zeichnung: „Kunst bringt Gunst“ +(Abb. 121). 1856 zeichnete Richter zu „Das rote Buch, neue Märchen +für mein Kind“, von Julius Stern (Leipzig, Breitkopf & Härtel), ein +Titelblatt, überschrieben „Der Spielengel“, ein überaus ergreifendes +Blatt. Auf den Untersatzbogen der Originalzeichnung hat er geschrieben: +„Der Kindheitsengel besucht den kindisch gewordenen Greis.“ -- Der Alte +lauscht mit ineinander gelegten Händen dem Englein, das ihm ins Ohr +flüstert und nach „oben“ zeigt (Abb. 122). In demselben Jahre erschien +das „Vaterunser“, eine köstliche Folge von neun Holzschnitten. Wir +geben davon drei Blätter: „Geheiliget werde dein Name“ (Abb. 123) --: +Bauersleute gehen am Sonntagmorgen durchs Gärtchen hinaus zur Kirche, +die runden Mädel pflücken sich Rosen, über wogende Kornfelder sieht man +in die lachende Landschaft, in der Höhe schwebt ein Engel mit Glöckchen +und Weihrauchgefäß -- ein liebliches Sonntagsbild, es ist, als hörte +man die Lerchen jubilieren. „Dein Reich komme“ (Abb. 124): Die Mutter +lehrt die Kinder beten, Englein lauschen dazu. Hochromantisch ist die +Komposition „Erlöse uns von dem Übel“ (Abb. 125): Durch das Fensterchen +des engen Stübchens fällt der letzte Strahl der untergehenden +Sonne, eine sterbende Mutter auf ihrem Krankenlager streckt die +Arme verlangend nach der Tür, in der eine lichte Engelsgestalt mit +Wanderstab steht und leise winkt. Die Kinder wehklagen und jammern: +das kleinste schaut den Engel erstaunt, aber auch wie vertraut an, im +dunklen Wald ein einsames Reh. Ein ergreifendes Bild! Das „Vaterunser“ +erschien im Verlage des Schwiegersohnes August Gaber und des Sohnes +Heinrich Richter. Später führte Heinrich Richter den Verlag allein, +bis ums Jahr 1873 sein Freund Franz Meyer in diesen mit eintrat. Der +gesamte Verlag ging dann schließlich in den Besitz von Alphons Dürr +in Leipzig über. Heinrich Richter hat (er war ein geistvoller und +außerordentlich belesener Mann, auch von großer musikalischer Begabung) +dem Vater bei der Inszenesetzung neuer Folgen mit Rat und Tat zur Seite +gestanden. Er war es, der Richters Lieblingsidee, „Ein Werk fürs Haus“ +zu zeichnen, in die Wege leitete und hat sich um dieses hervorragende +Werk wie um die späteren Veröffentlichungen große Verdienste erworben. +Dieser Kunstverlag wurde für Vater und Sohn die Quelle wechselseitiger +Anregung und befriedigenden Schaffens. Ebenso hat er sich auch um die +Herausgabe der Selbstbiographie seines Vaters sowie der Auszüge aus +den Tagebüchern sehr verdient gemacht. Er war in Meißen am 11. März +1830 geboren, litt seit frühester Jugend an Melancholie und hat daran +schwer zu tragen gehabt. „Durch sein ganzes Leben zieht sich ein Faden +menschlichen Mißlingens.“ Er stand mit vielen hervorragenden Männern +der Kunst und Wissenschaft in Verbindung und suchte sich auf allen +Gebieten der Wissenschaft Kenntnisse zu erwerben, doch sein Innerstes +blieb unbefriedigt, sein Suchen und Ringen dauerte fort, und seine +Seele litt oft sehr. Der wundervolle 47. Psalm „Wie der Hirsch schreiet +nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir. Meine +Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ usf. erklang oft in +ihm wieder. Er beschloß sein Erdendasein am 12. Juli 1890 in Bad Boll, +wo er oft und gern, Ruhe und Frieden suchend, verweilte. + +1857 erschien „Aus Ludwig Richters Skizzenbuch“. Zwölf Blatt +landschaftliche Studien mit Staffagen, nach den Originalen +lithographiert von Woldemar +Rau+. Die Übertragung auf den Stein durch +fremde Hand hat von der reizvollen Zeichnung viel verloren gehen +lassen. Annähernd aus dieser Zeit stammt das Fragment zum Märchen +„Marienkind“ (Abb. 126). + +[Illustration: Abb. 91. Titelbild zu „+Der arme Mann im Toggenburg+“. +1852. + +(Zu Seite 63.)] + +[Illustration: Abb. 92. +Dornröschen bei der Alten im Turmstübchen.+ + +Aus Bechsteins Märchenbuch. 1853. + +Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 64.)] + +Es folgt das „Lied von der Glocke“. In sechzehn Bildern führt Richter +uns an der Hand der Dichtung durch das Leben. In einem Briefe an +seinen Freund Julius Thäter vom 1. November 1857 schreibt er: „Ich +wollte dem Dinge erst den Titel geben: ‚ebensbilder nach Motiven +aus Schillers Glocke‘, weil ich ganz frei gegangen und auf +meine+ +Weise die Gegenstände aufgefaßt, aber mich nicht in die Schillersche +Anschauung versetzt habe. -- Zuletzt bin ich aber doch bei dem +einfachen Titel geblieben, und die Hauptsache bleibt mir, ob die Bilder +an und für sich lebendig genug ausgefallen sind.“ -- Man will in diesem +Werke eine gewisse Befangenheit herausfinden, und es deckt sich diese +Empfindung in etwas mit dieser seiner eigenen Äußerung. Die Richtersche +volkstümliche Schlichtheit war ja von dem hohen Schwung und Pathos +Schillers in der Tat weit entfernt. Doch auch diese Folge ist reich +an künstlerischen Schönheiten. Wie eine schöne leise Musik anmutet +das Blatt „O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe gold’ne +Zeit“ (Abb. 127). Lieblich und innig ist das Liebespaar, das über +der Mühle droben am Waldesrand auf der Moosbank im Abendsonnenschein +sitzt. Tauben girren in den Ästen der alten Eiche, ein Vogel huscht +über den Wald, das ist sicher der Kuckuck; still und feierlich geht der +Vollmond auf. Ein zweites Bild (Abb. 128) „Zum Begräbnis“: „Ach, die +Gattin ist’s, die teure, ach, es ist die treue Mutter“, -- das hatte +der Meister wenige Jahre vorher selbst erlebt und durchgelitten; der +Abschied des Mannes, -- er trägt des Meisters eigene Züge, -- und die +schluchzenden schmerzbewegten Kinder sind ergreifend gezeichnet. + +[Illustration: Abb. 93. +Porträt Richters.+ Von Bendemann gezeichnet. +1852 (?). (Zu Seite 63.)] + +1858 erscheint „Voer de Goern“, Kinderreime, alt und neu von Klaus +Groth mit zweiundfünfzig Zeichnungen, davon 38 von Richter. Der +Meister reiste, ehe er die Zeichnungen begann, nach Holstein, um an +Ort und Stelle sich mit Land und Leuten bekannt zu machen. Diese +Illustrationen sind von großer Frische, gesund und markig. Wir geben +davon die Handzeichnung: „Anna Susanna, geh du na Schol!“ (Abb. 129). +Die dralle, aber anmutige Anna Susanna und die hand- und wetterfesten, +gesundheitstrotzenden Jungen sind köstliche Kindergestalten. Abb. +130 im Holzschnitt: „Kleine Maus, große Maus“, ist eine liebliche +Kindergruppe im Rosenbusch. In demselben Jahre bringt uns der +Meister noch ein Bilderbuch für die Kleinen: „Der Kinderengel“, ein +Spruchbüchlein für fromme Kinder, mit „Luthers Brief an sein Söhnlein +Hänsigen“ und zwanzig Holzschnittzeichnungen, von denen einige von +C. Peschel gezeichnet sind. Aus diesem Kinderbüchel bringen wir nur +die reizende Gruppe „Gott zum Gruß“ (Abb. 184), das prächtige gesunde +Bübchen, die Mütze in der rechten, den Blumenstrauß in der linken Hand, +hinter ihm das Schutzengelchen, das ihm leise zuflüstert, als wollte es +beim Aufsagen des gelernten Versleins „wenn’s stockt“ nachhelfen. -- + +[Illustration: Abb. 94. Zu „+Der Müller und die Nixe+“. Bechsteins +Märchenbuch. 1853. + +Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 64.)] + +[Illustration: Abb. 95. +Goldener.+ Bechsteins Märchenbuch. 1853. + +(Zu Seite 64.)] + +[Illustration: Abb. 96. +Der kleine Däumling.+ Aus Bechsteins +Märchenbuch. 1853. + +(Zu Seite 64.)] + +1858 bis 1861 erscheinen die vier Hefte: „Frühling, Sommer, Herbst und +Winter“, unter dem Gesamttitel: „+Fürs Haus+“, des Meisters Hauptwerk, +im Verlage von Heinrich Richter. Die Vorrede dazu teilten wir in der +Hauptsache am Eingang bereits mit. Epiphanias leitet die Bilderdichtung +ein. Am Neujahrsmorgen sehen wir in das trauliche Wohnstübchen; die +Kinder sagen ihr Neujahrsverschen auf, die Stufen zur Haustür herauf +kommt der Briefträger und bringt Neujahrsgrüße von lieben Entfernten. +Schneeflocken fallen leise zur Erde; oben Englein, die das niedere +Dach mit Tannenreis bekränzen, um das neue Jahr festlich zu empfangen, +darüber Strahlen der aufgehenden Sonne. Wie lieb ist das Bild: „In +der Badestube“! Ein anderes Bild: „Marthens Fleiß, Mariens Glut“, +ist in der Brautzeit seiner früh verstorbenen Schwiegertochter Agnes +komponiert und die Originalzeichnung ihr gewidmet. Und weiter ein +Bild „Dämmerstündchen“ -- „Sonst und Jetzt“ (Abb. 131). Ein Alter im +Lehnstuhl, sein Pfeifchen rauchend, vergangener Zeiten gedenkend, +die auf demselben Blatt geschildert sind: ein junges Ehepaar am Ofen +in stiller Freudigkeit im beseligenden Glück harmonischen Daseins. +Im leichten Ornament hockt ein einsamer Spatz. Wie ist der Alte in +seiner Einsamkeit so trefflich gezeichnet! Es ist unser Meister +selbst! „Weine nicht, Helmchen“ (Abb. 132): Schwesterchen trocknet +dem frierenden Brüderchen die Tränen. „Tages Arbeit, abends Gäste, +saure Wochen, frohe Feste,“ und ferner die trauliche „Hausmusik“ (Abb. +133): wie ist es behaglich in dem vom Ofen durchwärmten Stübchen, +während es draußen regnet und stürmt! Solche Behaglichkeit verstehen +nur die Deutschen. Ein liebliches Frühlingsidyll ist das Blatt: „O +Himmelsschlüssel sind’s, so nennt das Volk sie mit dem Mund des +Kind’s!“ (Abb. 134.) Weiter folgt das Blatt: „Wem Gott will rechte +Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt“ (Abb. 135). Flotten +Schrittes ziehen zwei junge Burschen ihre Straße, jubelnd schwenkt +der eine den Hut. Das ist deutsche Wanderlust! Am Rand des Bildes +unter dem Schriftband ist ein Vogelbauer gezeichnet, darin sitzt der +Philister mit seiner behäbigen Ehehälfte und sucht durch Wiegen den +schreienden Spätling zu beschwichtigen; draußen auf dem zugebundenen +Schmierbüchsel sitzt ein leichtbeschwingter Spatz. Ungemein reizvoll +schildert der Meister die Szene: „Hänsel und Gretel am Häuschen der +Hexe“ (Abb. 136). Das Herbstbild: „Am Rhein, am Rhein, da wachsen +unsre Reben,“ zeigt eine anmutige Mädchengruppe in der Weinlese (Abb. +137). -- Schwungvoll, wie ein vielstimmiger Chor, ist das Blatt: +Psalm 65: „Du krönst das Jahr mit deiner Güte“ (Abb. 138). Der Jubel +der Hirtenkinder auf sonniger Höhe, die wogenden Kornfelder, hinter +hohen Bäumen fast versteckt das Kirchlein, ein weiter, weiter See +mit vielen Einbuchtungen, blaue endlose Fernen in sonnigem Duft, der +Regenbogen, der das ganze Bild überspannt, in den Wolken Engel, die +Gefäße ausgießen, den befruchtenden Regen andeutend: das ist so ganz +der Jubelton der königlichen Harfe Davids. Ferner nennen wir das +hochromantische „Gefunden“ (Abb. 139). Auf stolzem Rößlein reitet ein +junger Rittersmann mit seinem Schätzchen durch den Wald unter einer +alten Eiche vorüber, in deren Stamm ein vielleicht von dem Mägdlein +selbst mit frischen Waldblumen geschmücktes Marienbild. Wilde Tauben +fliegen im Geäst, im üppigen Waldesvorgrund rieselt ein Wässerchen über +moosiges Gestein. Das Mägdlein, das der Ritter mit dem Arm schützend +umfaßt, schaut lieblich sinnend vor sich hin. Ein köstliches Bild +deutscher Waldpoesie! Im „Schlachtfest“ (Abb. 140) schildert er voller +Humor gewiß Jugendeindrücke. So ähnlich mag er solches „Ereignis“ +wohl in Friedrichstadt-Dresden beim Großvater Müller gesehen haben. +Die Lokalität dazu wurde von mir 1861 in Meißen gezeichnet. Behaglich +schildert „Bürgerstunde“ (Abb. 141) das kleinbürgerliche Leben; es +sind köstliche humoristische Philistergestalten, denen die stattliche +Magd „heimleuchtet“; trefflich charakterisiert ist der im Helldunkel +hinschreitende „Schwärmer“, der zu den Sternen aufschaut, oder schaut +er nach seiner Liebsten Fenster? Wir wollen nun noch des vorletzten +Blattes „Heimweh“ gedenken, das die Tonart des kleinen Bildes Abb. +114 anklingt, er zeichnete es, als nach kurzer glücklicher Ehe seine +Schwiegertochter Agnes starb. Am Wege unter einem Betsäulchen sitzt, +den Kopf mit der Hand gestützt, ein müder alter Mann; neben ihm lagert +ein Mädchen, drüben ist der Eingang zum Friedhof. Heimweh durchklingt +und durchdringt unseren Meister: „Ich wollt’, daß ich daheime wär’!“ +Von diesem Bilde hat er eine ganze Reihe von Varianten gezeichnet +und gemalt, immer aber klingt dieselbe Tonart an: Wehmut, Heimweh, +Wandernsmüdigkeit. Wir geben hier eine Abbildung (142) nach einer +Zeichnung vom Jahre 1865, mit etwas veränderter, reicher ausgestalteter +landschaftlicher Szenerie. Man sieht über einen weiten See hinaus; +draußen verschwimmen die Fernen in lichten, sich auftürmenden +Wolkenmassen; zur Rechten stehen herbstliche Eichen am Hang, wilde +Rosen ranken am Kreuz, im Vordergrund sprossen Herbstzeitlosen. +Der Alte sitzt mit ineinander gelegten Händen da, gebeugt, wie in +tiefes Nachdenken versunken. Das an der Erde liegende Mädchen schaut +träumerisch aus dem Bilde heraus. „Ein ergreifender Herbstgesang“, +wehmütig, melancholisch! Eine seiner größten und schönsten Aquarellen +behandelt dasselbe Thema; auch in kleinen Federzeichnungen begegnet es +uns des öfteren, so auch im Holzschnitt (Abb. 168). Aus dem „Sommer“ +sei noch das schöne Blatt erwähnt: „Es ist ein Schnitter, der heißt +Tod“ (Abb. 143). Dieses Blatt hat er in Aquarell nach dem Tode seiner +Schwiegertochter seinem Sohne gemalt und der zarten weiblichen Gestalt +die Züge der Verstorbenen gegeben. Es ist heute noch im Besitz der +Witwe des Sohnes, welcher nach dem Tode seiner ersten Frau Agnes +Hantzsch deren Schwester Julie heiratete. Dieses Blatt war die +Veranlassung, daß der Sohn anfing, Zeichnungen und Aquarelle des Vaters +zu sammeln; mit den Jahren war diese Sammlung zu einer der größten und +reichsten geworden. Wie oft habe ich im Hause des Sohnes im Beisein des +Meisters diese Sammlung durchgesehen! Wie interessant waren dabei seine +Bemerkungen bei einzelnen Blättern, wenn er vielleicht Nebenumstände +schilderte, unter denen sie entstanden, oder was ihm dazu Anregung +gegeben, oder auch Urteile anderer Künstler über das eine oder andere +Blatt mitteilte! Diese Sammlung ist später zum größeren Teile in den +Besitz der Berliner Nationalgalerie übergegangen. Sie umfaßt die +allererste und früheste Jugendzeit Richters bis zu seinen letzten +Arbeiten im Alter. -- Damit schließen wir die Betrachtungen über „Fürs +Haus“. Es würde zu weit führen, Blatt um Blatt zu schildern; an Stoff +dazu würde es nicht fehlen. Es ist ein Reichtum von Gedanken mit +vollen Händen in diesen Kompositionen ausgestreut. Man gebe sich nur +der Betrachtung dieses Werkes hin, flüchte sich in diesen Zauberkreis, +den Richters Muse uns schuf, und lasse den stillen Frieden, der so +wohltuend aus diesen Bildern weht, und das durchaus „deutsche“, +gesunde, nie sentimentale Empfinden auf sich wirken. + +[Illustration: Abb. 97. +Zum Geburtstage.+ Aus „Altes und Neues“. 1873. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 64.)] + +Unser stillfriedfertiger Meister war in seiner Stellung an der +Kunstakademie als Vorstand eines Ateliers für Landschaftsmalerei +auch Mitglied des Senates, oder, wie man es in Dresden nennt, des +„akademischen Rates“; er hat in Ausübung dieser Amtsverpflichtung sich +oft recht unbehaglich gefühlt. 1853, am 6. November, schreibt er in +sein Tagebuch ein: „In einer großen Kunst- und Künstlerstadt gibt’s +Parteien, und die besten Leute, wenn sie einer Parteifahne folgen, +saufen Unrecht wie Wasser, wie schon Hiob sagt, und schütten das Kind +mit dem Bade aus. Es ist ja bei uns Malern auch so, und ich bin froh, +daß ich, wie ich glaube, einen Standpunkt über den Parteien gefunden +habe. Ich weiß, was die Kunst ist und was sie fordert, freue mich +ihrer vielfachen Abstufungen und Richtungen, kenne ihre Verirrungen +und Abwege und begnüge mich freudig mit dem Winkelchen, wo mir meine +Stellung angewiesen ist, mögen sie andere über- oder unterschätzen, +das macht mich nicht irre.“ Zu solchen Äußerungen wurde er offenbar +durch lokale Vorkommnisse veranlaßt: In den Sitzungen des akademischen +Rates waren die Verhältnisse unter den einzelnen Mitgliedern etwas +zugespitzt. Es standen die sogenannte Münchener und die Düsseldorfer +Malerschule, durch Schnorr einerseits und Bendemann und Hübner +andererseits vertreten, rivalisierend sich einander gegenüber, +ebenso der große Bildhauer Ernst Rietschel, der geniale Schöpfer der +Braunschweiger Lessingstatue, des Goethe-Schillerdenkmals in Weimar, +der Urheber der gewaltigen „Luthergestalt“ in Worms, gegenüber dem +Bildhauer Ernst Hähnel, und es mag unserem Meister, dem nichts ferner +lag als Parteigetriebe, oft der Unfriede das Herz beschwert haben. Wie +oft seufzte er über die Last solcher Sitzungen! Er schreibt am 13. +Dezember 1849: „Ich lege kein sonderliches Gewicht darauf, ob einer +ein Künstler Nummer eins oder Nummer fünf oder sechs werde. Darauf +aber lege ich alles Gewicht, daß einer die empfangenen Gaben in gutem +Sinne für den Bau des großen, zukünftigen und in der Entwicklung stets +vorhandenen Gottesreiches zu verwenden gelernt hat. Keine Kraft, auch +die kleinste nicht, geht da verloren; sie ist ein Baustein für den +großen Tempel, den der Herr in, aus und mit der Menschheit sich erbauen +will und erbauen wird.“ Eine weitere Niederschrift vom Jahre 1850 +beginnt: „Mir ist jedes Kunstwerk mehr Ausströmung der Empfindung, +ein flüchtiges Tummeln im Blütengarten der Kunst. Wenn die Nachtigall +in den Blüten singt, so ist das herrlich, aber wenn eine kleine Biene +drinnen summt, so freut man sich auch darüber, sie gehört ebensogut +in den Frühlingsgarten hinein wie Lerche und Nachtigall, und sie kann +auch gerade so viel davon genießen als jene Hauptkünstler, wenn sie +eben nur ihrer Natur getreu ist. Nur der eitle Kuckuck ist lächerlich.“ +In Dresden, der Hochburg des Klassizismus, wurde er vielfach, seiner +„Kleinkunst“ wegen, hochmütig von oben herab angesehen, wie aus solchen +Aufzeichnungen auch klar hervorgeht. Die Zeiten wurden aber andere. + +1858 bestellte die Fürstin Wittgenstein eine Zeichnung zu einem +Geschenk für Franz Liszt. Unser Meister zeichnete die Kindersymphonie +(Abb. 144). Das reizende Blatt erregte aber bei der fürstlichen +Bestellerin „Bedenken“: sie sandte es zurück. (Im Verlag von Gaber +& Richter erschien davon eine Lithographie von A. Karst.) 1859, zu +Schillers hundertjährigem Geburtstage, ernannte die philosophische +Fakultät der Universität Leipzig unseren Meister zum Ehrendoktor. + +[Illustration: Abb. 98. +Rotkäppchen im Walde.+ Bechsteins Märchenbuch. +1853. + +(Zu Seite 64.)] + +1859 vollendet Richter für E. Cichorius das Bild „Im Juni“, eine +Frühsommerlandschaft; es will scheinen, als wären römische Erinnerungen +in ihm wieder aufgetaucht, als hätte Tizians Landschaft in der Galerie +Camuccini (Abb. 11) ihn hierzu mit beeinflußt. Im Vorgrund in blumiger +Wiese unter blühenden Heckenrosen sitzt ein Liebespaar (ähnlich +wie in Rembrandts Radierung „die Landschaft mit den drei Bäumen“), +vielleicht Florizel und Perdita aus Shakespeares Wintermärchen; am +Rand eines Eichenwaldes lagert eine Hirtenfamilie, im Mittelgrund +erhebt sich junger Buchenwald, durch den über Felsen ein Wässerchen +rieselt, draußen sieht man einen in weite Fernen sich verlierenden +See, am Himmel schwimmen ballige Wolken, zwischen denen ein Stück +Regenbogen sichtbar ist. Abb. 145 ist nach einer flüchtigen Federskizze +zu diesem Bild, das in der Farbe schwer, aber in der Behandlung +weitaus breiter als frühere ist. Über zehn Jahre hatte das Ölmalen +des Illustrierens wegen ganz geruht. Die Frage drängt sich auf: Wie +würde der Meister sich fortentwickelt haben, wenn er im Anschluß an +den „Brautzug im Frühling“ weitere Ölbilder geschaffen hätte? Es ist +sein letztes größeres Ölbild. Eine etwas kleinere Wiederholung, von +seinem Schüler Adolf Arnold untermalt, vollendete er um das Jahr 1864 +und stiftete es für die Lotterie zum Besten eines Fonds zur Erbauung +eines Künstlerhauses in Dresden. Für die Seinen, für seinen Sohn +Heinrich, für seinen Schwiegersohn Theodor Kretzschmar und seine beiden +Töchter Helene und Elisabeth, malte er in der Folge noch einige kleine +Ölbilder, meist Vorwürfe, die er bereits in Aquarell behandelt hatte. +Er ließ sich diese Bildchen von Schülern untermalen und machte sie dann +fertig. Eins dieser kleinen Bilder ist eine freie Wiederholung vom +„Kleinen Teich im Riesengebirge“. Eine „Ruhe auf der Flucht“, dasselbe +Motiv, das er in einer seiner letzten Aquarellen (Abb. 189) ähnlich +behandelte, ein Bild von nicht zu großem Umfang, untermalte er Anfang +der sechziger Jahre, auf Anraten eines sogenannten „Malenkönners“, +braun in braun; diese Untermalung ist aber, weil sie sich als ganz +unbrauchbar erwies, liegen geblieben; sein zunehmendes Augenleiden +erschwerte ihm das Malen mehr und mehr. + +[Illustration: Abb. 99. +Hänsel und Gretel.+ Bechsteins Märchenbuch. +1853. (Zu Seite 64.)] + +Bei der Radierung der Platte „Christnacht“ hatten des Meisters Augen, +wie vorher schon berichtet, sehr gelitten; um das Jahr 1859 steigert +sich das Augenleiden, und es machen sich bereits in den Figuren gewisse +Verschiebungen und ein auffallendes mehr in die Breite Ziehen der +Formen bemerklich, eine Erscheinung, die mit den Jahren sich immer +mehr steigert und augenscheinlicher wird. Von jetzt ab muß er beim +Aufzeichnen auf den Holzstock fremde Hilfe heranziehen; man merkt +an den Holzschnitten die andere Hand gar bald heraus, besonders am +Figürlichen. Die Freiheit und Kraft des Striches geht verloren, +trockene Linienführung und ebenso trockene Strichlagen zeigen sich mit +wenig Ausnahmen mehr und mehr in den Holzschnitten. + +[Illustration: Abb. 100. +Die Christnacht.+ Radierung. 1854. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 65.)] + +[Illustration: Abb. 101. +Ehre sei Gott in der Höhe!+ Aus +„Beschauliches und Erbauliches“. 1855. + +Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 66.)] + +[Illustration: Abb. 102. +Esel streck’ dich.+ Aus „Beschauliches und +Erbauliches“. 1851. Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 66.)] + +Ein reizendes Blatt ist die „Heimkehr vom Felde“, 1858 gezeichnet (Abb. +146). + +1858-1859 folgen vierundzwanzig Zeichnungen für Berthold Auerbachs +„Deutschen Familienkalender“, 1860 das Buch für kleine Kinder: +„Der gute Hirt“ mit neun Zeichnungen und 1862 „Es war einmal“ mit +einundvierzig Bildern. + +Die Anspruchslosigkeit dieser Bücher im Vergleich mit den oft +auffrisierten modernen Kinderbüchern hat etwas Wohltuendes und gibt +zu denken. Es sei uns gestattet, hier -- gleichsam in Parenthese -- +etwas abzuschweifen und vor dem Einfluß des „Fremden“ in unseren +Kinderbilderbüchern ein warnendes Wort auszusprechen. Um das Jahr +1880 brachen wie eine Sündflut englische Kinderbilderbücher von Kate +Greenaway u. a. über Deutschland herein. Richter sah die ersten dieser +Bücher sehr befremdet an. Die gemachte und gewaltsame englische +Naivetät und die Unnatur dieser Bücher wurden gar bald in Deutschland +Mode. Der Exportbuchhandel trug dazu mit bei. Nun verschwinden Moden +glücklicherweise bald wieder, aber wir kranken eigentlich immer noch +an deren Nachwirkungen. Das „Gemachte“, dem die englische Nation in +solchen Werken stark zuneigt, liegt uns doch zu fern und widerstrebt +dem deutschen Wesen. Möchte auch auf diesem Gebiete der von Grund aus +gesunde Sinn unseres deutschen Volkes solches Fremde, Unwahre und +Unechte fernerhin ablehnen und an seiner deutschen Eigenart festhalten! +Wenn wir uns doch das Schielen nach „Fremdem“ abgewöhnen wollten! Unser +Meister Richter hat uns hier die rechten Wege gewiesen und mit sicherem +Blick die Ziele gezeigt, welche zu erstreben sind. Man vergleiche +seine anspruchslosen, schlicht empfundenen Kinderbücher mit solchen +fremdländischen. Wir bringen aus dem Buche: „Es war einmal“ nur das +Schlußbild (Abb. 191): „Alles Ding hat seine Zeit, Gottes Lieb’ in +Ewigkeit.“ + +[Illustration: Abb. 103. +Was ihr getan habt dem geringsten meiner +Brüder+ -- Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1853. (Zu Seite 66.)] + +Von „Folgen“ erschien 1861: „Der Sonntag“, über den wir schon anfangs +sprachen; wir bringen daraus den Holzschnitt „In der Kirche“ (Abb. +147). Der Meister führt uns in das sogenannte „Betstübchen“ einer +protestantischen Kirche; Bürgersleute mit ihren Kindern lauschen +mit Andacht der Predigt; durch das Fenster sieht man im Gotteshaus +den Prediger auf der Kanzel und darunter die Gemeinde. Welch eine +liebreizende Gestalt ist das junge Mädchen, das so sinnend vor sich +hinschaut und das Gehörte in seinem Herzen bewegt! Weiter folgt das +romantische Blatt: „Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht“ +(Abb. 148). Das genesende Kind sitzt vor dem Haus im Sonnenschein unter +blühendem Holunder, die Mutter erhebt dankerfüllt die Hände zu Gott; +ihr, der Witwe, „Liebling und Einziges“ ist von schwerer Krankheit +gesundet und zum erstenmal wieder unter Gottes freiem Himmel. Ein +kleines Mädchen bringt ihm einen Strauß Blumen von der Waldwiese, +Kätzchen und Hündchen spielen zu seinen Füßen, Tauben sonnen sich auf +dem niederen Dach; auf dem Waldwege schreitet zum Besuch des Kindes +eine weibliche Gestalt, begleitet von einer Dienerin, über beiden +Figuren schwebt ein Engel. Gewiß ist die schöne Komposition A. Rethels +„Die Genesende“ nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung dieses Bildes +gewesen. Es folgt der Holzschnitt (Abb. 149) und eine Zeichnung (Abb. +150) „Heimkehr“. Eltern und Kinder kehren vom Besuch auf dem Lande +durch wogende Kornfelder bei aufgehendem Vollmond nach der Stadt +zurück; von großer Anmut und Lieblichkeit sind die beiden singenden +Mädchen, die, Kränze im Haar, Blumengewinde und Lilien im Arm, den +Eltern voranschreiten. Nichts von unwahrer Künstelei oder Gemachtem +oder gar flacher „+Steckbriefprosa+“, wie sich unser Meister bei +Gelegenheit einmal ausdrückt! + +[Illustration: Abb. 104. +Kinderlust.+ 1848. Aus „Beschauliches und +Erbauliches“. 1851. + +Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 67.)] + +[Illustration: Abb. 105. +Der Schäfer putzte sich zum Tanz.+ Aus +„Beschauliches und Erbauliches“. 1851. + +(Zu Seite 66.)] + +Im Jahre 1862 unterhandelte der preußische Kultusminister von +Bethmann-Hollweg mit Richter wegen einer Berufung an die Kunstakademie +in Berlin; er schätzte und verehrte unseren Meister sehr, die +Unterhandlungen zerschlugen sich aber, da der Minister bald darauf sein +Amt niederlegte. Erst im Jahre 1874 wurde Richter zum Mitgliede der +Berliner Akademie ernannt, als er bereits Stift und Palette aus der +Hand gelegt hatte. + +1863 starb des Meisters Mutter, die große stattliche Frau, die bis +an ihr Lebensende sich ziemlich frisch und rege erhalten hatte; am +12. Oktober desselben Jahres starb auch seine zweite Tochter, Aimée, +verehelichte Gaber, im Alter von neunundzwanzig Jahren. ~Dr.~ Heydrich +schrieb der Heimgegangenen folgenden Nachruf: + + O Herz voll Liebe, schlicht und treu, + Dein Tagewerk ist früh vorbei! + In Demut und in Frömmigkeit + War’s frisch und rüstig allezeit. + Leb wohl, Du Herz so tief und mild, + Leb wohl, Du lieblich Frauenbild! + +Aufs neue mußte er durchkämpfen: „Wie ist das Kreuz so bitter!“ +Aber auch diese Heimsuchungen ertrug er gottergeben, wenn auch tief +erschüttert. -- Ins Jahr 1863 fällt eine Arbeit Richters, welche die +Freunde des „Daheim“ besonders interessieren wird: die gemütvolle +Kopfzeichnung des beliebten Familienblattes, welche den ganzen +traulichen Zauber des deutschen Hauses wiedergibt und von keinem +ähnlichen übertroffen wird (Abb. 151). + +[Illustration: Abb. 106. +Ich habe mein Feinsliebchen so lange nicht +gesehn.+ + +Aus „Beschauliches und Erbauliches“. 1851. (Zu Seite 67.)] + +Um das Jahr 1864 erhielt Preller infolge der Ausstellung seiner +Odysseekartons einen Ruf an die Akademie in Dresden; diese Berufung +kränkte und verwundete Richter; er sprach wiederholt die Absicht +aus, seine Akademiestellung aufzugeben. Preller folgte schließlich +diesem Rufe nicht, der Großherzog hielt ihn in Weimar fest. Die +spätere Richtung Prellers schmeckte Richter zu sehr nach dem +Kompositionsrezept nach N. Poussin, seine späteren Zeichnungen nach +der Natur waren ihm zu sehr „geschrieben“. Die derbe Art Prellers im +persönlichen Verkehr hatte zudem für unseren zartbesaiteten Meister oft +etwas Unbequemes. + +[Illustration: Abb. 107. +Entwurf zu Otto I. an der Nordsee.+ Aus +Bülau, Deutsche Geschichte. 1855-1858. + +Verlag von Otto Spamer in Leipzig. (Zu Seite 68.)] + +1864 folgt der „Neue Strauß fürs Haus“, -- sechzehn Blätter. Von +dieser köstlichen Folge bringen wir zuerst das „Kleinhandel“ benannte +Bild (Abb. 152). Diese Komposition zeichnete Richter im Auftrage des +bekannten Goethe-Freundes S. Hirzel in Leipzig im Jahre 1856. Hirzel +hatte wiederholt den Wunsch geäußert, von Richter eine Zeichnung zu +besitzen zu der Stelle aus Goethes „Geschwistern“: „Mir ist’s eine +wunderliche Empfindung, nachts durch die Stadt zu gehen. Wie von der +Arbeit des Tages alles teils zur Ruhe ist, teils danach eilt und man +nur noch die Emsigkeit des kleineren Gewerbes in Bewegung sieht. Ich +hatte meine Freude an einer alten Käsefrau, die mit der Brille auf +der Nase beim Stümpfchen Licht ein Stuck nach dem anderen ab- und +zuschnitt, bis die Käuferin ihr Gewicht hatte.“ Der Meister ging mit +großem Interesse an den Auftrag und gestaltete so das prächtige, +malerische Bild, das unsere Nachbildung nach einer Wiederholung der +getönten Zeichnung aus demselben Jahre bringt. Der Holzschnitt von +Gerhard Jördens ist eine Musterleistung. Ein weiteres Blatt dieser +Folge ist das „Johannisfest“ (Abb. 153). Anmutig und frisch sind die +Kinder gezeichnet, die um die Blumenpyramide einen Reigen tanzen, ein +Brauch, der in Mitteldeutschland seit den sechziger Jahren wohl ganz +verschwunden ist; es liegt ein Zug holden Behagens über diesem Bilde. +Auch dieser Holzschnitt, von Kaspar Oertel, einem Schüler August +Gabers, wie Gerhard Jördens, ist eine vorzügliche Leistung. In der +Abb. 154 schildert unser Meister das erste Ofenfeuer. Wie ist’s hier +gemütlich im Stübchen! Draußen wettert es, Bello, der Hofhund, sitzt +auch im Trockenen. Es folgt Abb. 155: „Gruselige Geschichten“ erzählt +die Großmutter, alles Spiel ruht, hell leuchten die Augen der Kinder, +erschreckt fährt ein Kind beim Platzen des Bratapfels im Ofen zusammen. +Lieblich sind in dem folgenden Blatt die Kinder gezeichnet, die im +Walde Beeren gesammelt haben: „Beiß mal ab, Hänschen“ (Abb. 156). In +dieser Folge begegnen wir auch einem Blatt „Mondnacht“ und finden +hier dieselbe landschaftliche Szenerie, wie auf dem früher erwähnten +untermalten Bild und ähnlich wie in Abb. 189, aber mit veränderter +Figurengruppe. Weiter folgt „Weihnachtstraum“, die schöne Komposition +der Radierung „Die Christnacht“ variiert, aber vereinfacht, wie es das +kleinere Format des Holzschnittwerkes verlangte. Die hier angefügte +Gruppe der armen, frierend in einer Ecke sitzenden Kinder sind ein +glücklich gewählter Gegensatz zu dem Weihnachtszauber, der über das +ganze Bild ausgebreitet ist. + +[Illustration: Abb. 108. +Zum 14. November 1853.+ Kinderporträt. + +(Zu Seite 68.)] + +1866 radiert der Meister sein letztes Blatt, für E. Cichorius. +Die Platte trägt die Unterschrift: „Meinem Freunde E. Cichorius“. +Dargestellt ist eine Mutter, die vom Felde heimkehrt und ihr Knäblein +zärtlich herzt, zur Seite ein größeres Mädchen und der Spitz, der die +Sache betrachtet. Die liebenswürdige Gruppe von Mutter und Kind finden +wir bereits ähnlich in den Löschkeschen Büchern von 1852 und öfters +noch wiederholt und vielfach variiert, so auch in Abb. 146 in „Altes +und Neues“ usw. + +[Illustration: Abb. 109. +Kinderporträt.+ 1857. (Zu Seite 68.)] + +Im selben Jahr erscheint „Unser täglich Brot“ mit achtzehn +Holzschnitten. Der Titel zeigt im Schriftband die Worte: „Alles +Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Diese Folge schildert das Korn +vom Feld bis zur Mühle und als Brot im Haus, mit dem „Säemann“ und +„Engel gießen den Tau über die Fluren“ beginnend. Von der Ährenlese +geben wir in Abb. 157 eine freie und reicher gestaltete Wiederholung +der Komposition aus diesem Zyklus. Nach weiteren schönen Blättern +folgt „Zur Mühle“ (Abb. 158). Im Tale liegt lauschig unter schattiger +Linde eine kleine Mühle; im Gärtchen, das von Rosenbüschen eingehegt, +bleicht die Müllersmaid Wäsche, über den Zaun lehnt sich ein junger +Bursch und schaut dem Mädchen, das ihm Rosen an den Hut steckt, +treuherzig ins Gesicht; draußen windet sich durch sonnige hügelige +Landschaft der Weg nach der Höhe. Wie ein Bild von Van Eyck ist der +Schlußakkord: „Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und +gibt der Welt das Leben“ (Abb. 159). Maria sitzt mit dem Christuskinde +im dunklen Wald vor einem klaren, von Waldesblumen umsäumten Bronnen, +ihr zu Füßen musizierende und singende Engelchen voll kindlicher +Naivetät und Innigkeit. Allerhand Waldgetier und Waldvögel lauschen +den himmlischen Tönen; im Vordergrund links und rechts je ein +Wappenschild: das eine zeigt einen Apfel, das andere eine Rose im Kreuz +(beiläufig Luthers Wappen), das verlorene und wiedergewonnene Paradies +andeutend. Hinter der überaus lieblichen, zarten und reinen Gestalt +Marias ein Teppich und Geranke wilder Rosen, nach Art altdeutscher +und altitalienischer Meister, ihr zu Häupten halten zwei Engel das +Schriftband. Oben über dem Wald sieht man in hügeliger Gegend ein +Kapellchen im Sonnenschein erglänzen, darüber erheben sich hohe Berge. + +[Illustration: Abb. 110. +Holde Augen sah ich blinken.+ Zu „Der +Schatzgräber“. + +Aus dem Goethe-Album. 1853-1856. Verlag von Georg Wigand in Leipzig. +(Zu Seite 69.)] + +Wir reihen hier das Blatt voll liebenswürdigen Humors und feiner +Charakteristik ein, das „ländliche Fest“ (Abb. 160). Trefflich ist die +Gruppe rechts, der junge Bursche, der so unbeholfen dem schüchternen +Mädchen, das, die Hände auf dem Rücken, am Baume steht, einen Strauß +Blumen reicht; es ist, als wenn das Mädchen sich bedächte, das +freundliche Gesichtel strahlt aber doch. Lieblich sind die tanzenden +Kindergruppen. + +1867 erscheinen bei Heinrich Richter fünfzehn Handzeichnungen in +Photographien, darunter vier italienische Landschaften mit Staffagen. +Die letzteren nebst einer ganzen Reihe solcher Blätter zeichnete er, +angeregt durch Berichte seiner Schüler C. W. Müller, A. Venus und +Verfassers aus Rom. In einem Briefe vom 25. April 1867 schreibt er nach +Rom: „Wie glücklich würde ich sein, wäre es mir möglich, noch einmal +die ~alma Roma~ zu sehen und zugleich fleißig einzuheimsen, was mir +früher nicht nach Wunsch gelingen wollte, weil ich noch zu unreif war +... Die römischen Erinnerungen -- vielleicht die schönsten des Lebens +-- und die Sehnsucht, das Verlangen dahin regte sich von neuem recht +mächtig in mir.“ -- Er suchte seine Studien aus Italien hervor, machte +sie mit kräftigeren Strichen fertiger, setzte Staffagen hinein und +erging sich in Erinnerungen. Wir geben von diesen Blättern „An der Via +Appia“ (Abb. 161) und „Brunnen bei Arriccia“ (Abb. 162), letzteres eine +freie Wiederholung von Abb. 17 vom Jahre 1831. In diesem Hefte finden +wir auch in etwas veränderter Form die im Korn schlafenden Kinder, +die er bereits früher in „Fürs Haus“ gebracht hatte: die Schwester +und der Bruder sind eingeschlafen, das ihrer Obhut anvertraute kleine +Geschwisterchen im Wägelchen ist in traulicher Unterhaltung mit einem +Engel in lichtem Gewande. Diese Komposition hat er einmal in Aquarell +ausgeführt; es ist das größte Blatt seiner zahlreichen Aquarellen. +Eine Variante desselben Gegenstandes, eine köstliche Aquarelle vom +Jahre 1861 geben wir hier in einer farbigen Reproduktion (Abb. 164). +Ein lauschiges, stilles Plätzchen im wogenden, reifen Korn, das der +Wind leise bewegt; silberne Wölkchen schwimmen am Himmel, auf dem sich +im Korn verlierenden Pfad lauscht ein Häschen; das Brüderchen hält +sein Mittagsbrot und ein Sträußchen in den Händen, Schwesterchen hat +den Arm schützend über das Brüderchen gelegt. Am Tragkorb lehnt das +Wasserkrügel, das Hündchen hält getreulich Wacht, links im Vordergrunde +ein rieselndes Quellchen, am Feldrand ein Strauch blühender +Heckenrosen, -- ein Bild friedlicher, mittägiger Stille. + +Gleichzeitig gab Heinrich Richter auch das „Photographische +Richter-Album“ in Kabinettformat heraus, fünfzehn Originale, in der +Zeit von 1858-1865 gezeichnet, die meistens schon als Holzschnitte +in verschiedenen Werken erschienen waren. Wir finden hier auch eine +reizvolle Variante der Komposition „Genoveva“ von 1865 und die 1858 +gezeichnete Kindersymphonie. + +[Illustration: Abb. 111. +Zu Hermann und Dorothea.+ + +Aus dem Goethe-Album. 1853-1856. (Zu Seite 69.)] + +1867 starb des Meisters alter Freund, der Maler Wilhelm von Kügelgen, +der Verfasser des weit bekannten Buches: „Jugenderinnerungen eines +alten Mannes“, der in treuester, herzlichster Freundschaft seit den +römischen Jugendtagen ihm zugetan war. + +1869 erscheint „Gesammeltes“ mit achtzehn Holzschnitten. Ein anmutiges +Schneewittchen eröffnet die Reihe der Bilder, dann folgt die +„Laurenburger Els“ mit dem Knäblein im Arm, aus der „Chronika eines +fahrenden Schülers“ von Clemens Brentano. „Auf dem Berge“ (Abb. 163), +eine Gruppe anmutiger lieblicher Mädchen auf einem Hügel gelagert, +draußen ein herrliches Landschaftsbild mit weiten Fernen über einem +See. Diese Komposition hat er mehreremal in Aquarellen wiederholt, die +sich durch einen besonders feinen Farbenton auszeichnen und zu seinen +vollendetsten Blättern zählen. Eine lustige Kinderszene (Abb. 165) +spielt in blumiger Wiese am Mühlbach. Die Abb. 166 schildert humorvoll +den noch bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Thüringen +und im übrigen Mitteldeutschland gepflogenen Brauch der Aufzüge der +heiligen drei Könige, zu dem bekannten Goetheschen Liede: „Die heil’gen +drei Könige mit ihrem Stern, sie essen, sie trinken und zahlen nicht +gern.“ Und weiter folgt „Feierabend“ (Abb. 167): Auf der Straße +belustigen sich Kinder mit „Ringel-Ringel-Reihe“, Mütter und Großmütter +erfreuen sich am munteren Spiel der Kleinen. Im Gärtchen ein Mädchen, +Rosen pflückend, im Gespräch mit einem jungen Mann, sicher einem +braven Handwerksmeister. Lange Schatten breiten sich über die tiefer +liegende Stadt; der alte, im Abendsonnenschein glänzende Turm wird +von Turmschwalben umkreist, die Abendglocke läutet. Auch hier tauchen +Erinnerungen an die Meißner Zeit im Meister auf. Es ist ein eigenes +Ding mit Erinnerungen aus der Jugendzeit; Leid und Weh, und seine +Meißner Zeit war für ihn vielfach eine Leidenszeit, verblassen mehr und +mehr, ein rosiger Schimmer verklärt die längst entschwundenen Zeiten. + +1869 zeichnete er zu einem zweiten Band von Georg Scherers +„Illustriertem Deutschen Kinderbuch“ neunzehn Blätter für Holzschnitt +und ein Blatt, die „verirrten Kinder“, zu einer Radierung, von L. +Friedrich ausgeführt. Von den Holzschnitten geben wir nur Abb. 168, +eine Variante der bereits früher besprochenen „Herbststimmung“ (Abb. +142). Es existiert aus derselben Zeit von demselben Gegenstand eine +sehr schöne, leicht getönte Zeichnung. + +[Illustration: Abb. 112. +Schreiben ist ein geschäftiger Müßiggang.+ +Götz von Berlichingen. Aus dem Goethe-Album. 1853-1856. + +(Zu Seite 67.)] + +Vom 15. Dezember 1868 datiert ist eine auf der Vorder- und Rückseite +bezeichnete Visitenkarte (Abb. 169 und 170). Der Meister war durch +„Hexenschuß“ verhindert, am Stammtisch zu erscheinen; teilnehmend gibt +einer der Genossen an der Tür ein frisches Glas „Echtes“ ab. Gerührt ob +solcher Tat zeichnete er die Karte. + +Der alte Freund Richters, der Münzgraveur Krüger, den Heinrich Richter +in den Nachträgen zur Biographie so trefflich charakterisiert, war +ein Feind der Photographie; die Freunde des Stammtisches wünschten +aber ein Bild von diesem originellen Mann zu besitzen. Da zeichnete +Richter das Blatt (Abb. 171), „Den Stammtischgenossen 1870“ gewidmet, +„Die Einsiedler von Loschwitz“ mit Luthers Lied an die Frau Musica. In +der Lünette oben links sitzt lesend der Meister selbst, rechts davon, +seinen Garten bestellend, und drunten, im Stübchen geigend, sehen wir +den Münzgraveur. + +Beim Beginn des Wintersemesters 1869 ließ sich der Meister seines +zunehmenden Augenleidens wegen von dem Klassenunterricht an der +Akademie entheben und dieses Amt auf jüngere Schultern legen. Von da ab +leitete er nur noch das Atelier für Landschaftsmalerei. + +[Illustration: Abb. 113. +Es war einmal.+ Götz von Berlichingen. + +Aus dem Goethe-Album. 1853-1856. (Zu Seite 70.)] + +Am 13. November 1870 starb des Meisters alter Freund, der Kupferstecher +Professor Julius Thäter in München, bekannt durch seine Stiche nach den +Camposantokompositionen von Cornelius, nach Schnorrs Freskomalereien +in München, nach Schwinds „Ritter Kurts Brautfahrt“ usw. Das denkbar +innigste Freundschaftsverhältnis, das zwischen beiden Künstlern seit +vielen Dezennien bestand, fand damit seinen Abschluß. Thäter, geboren +in Dresden 7. Januar 1804, wirkte in Dresden, Weimar und München. +Seine Tochter Anna hat seine Selbstbiographie und Briefe unter dem +Titel: „Julius Thäter, das Lebensbild eines deutschen Kupferstechers“ +(Frankfurt a. M., Johannes Alt) herausgegeben. Wir finden hier auch +den Briefwechsel zwischen beiden Freunden, aus denen man ersieht, wie +beide Künstler sich verstanden, wie ihre beiderseitigen religiösen +Anschauungen sich deckten und sie durch diese innerlich verbunden waren. + +Um 1870 beschäftigte sich Richter mit den ersten Entwürfen zur „Schönen +Melusine“; der Stoff war ihm vertraut von den Volksbüchern her, die er +in den vierziger Jahren illustriert hatte. Nur ein Blatt ist fertig +gezeichnet: die Begegnung Raimunds mit Melusine an der Waldquelle +(Abb. 172). Der Meister ließ dann aber den Plan, diesen romantischen +Stoff in einer Reihe von Bildern zu behandeln, wieder fallen. Möglich, +daß der 1871 in Dresden ausgestellte wundervolle Zyklus zur „Schönen +Melusine“ von Schwind ihn lahm legte, vor allem aber mag die abnehmende +Schaffenskraft und das fortschreitende Augenleiden ihn an der weiteren +Verfolgung des Planes gehindert haben. + +[Illustration: Abb. 114. +Der rauhe Herbst kommt wieder.+ + +Aus „Christenfreude“. 1855. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 70.)] + +Es liegt nahe, bei dem Namen Schwind die Verwandtschaft und die +Unterschiede zwischen ihm und Richter zu beleuchten. Friedrich Pecht +sagt in dem trefflichen Aufsatz über Richter in „Deutsche Künstler des +XIX. Jahrhunderts“: „Am meisten verwandt ist Richter unstreitig mit +Schwind, der ja aus dem gleichen Dürerschen Quell geschöpft. Aber wo +der eine anfängt, hört der andere auf; sie ergänzen sich wechselseitig, +ohne sich eigentlich zu berühren, denn wie Richter, selbst dazu +gehörend, nur das Volk, den niederen Bürgerstand schildert, so Schwind, +ein geborener Edelmann, nur die höheren Stände, das Rittertum, kurz das +Aristokratische.“ H. W. Riehl schreibt in seinen „Kulturgeschichtlichen +Charakterköpfen“: „Schwind und Richter waren zwei so grundverschiedene +und zugleich so geistesverwandte Persönlichkeiten, -- der hagere, +ruhige, innerlich so warme Sachse und der gedrungene, korpulente, +vollblütige, lebensprühende Wiener. In ihrem Ideal und in neidloser +Anerkennung standen sich beide brüderlich nahe: Richter, der das Wahre +so poetisch, und Schwind, der die Poesie so wahr gemalt hat.“ -- Es +hat etwas Rührendes, wie beide Meister sich gegenseitig wahrhaft +hochschätzten. Für Schwind und dessen Kunst war unser Meister hoch +begeistert. Wie erglänzten seine Augen, wenn er über dessen romantische +Schöpfungen sprach! Es gab keinen Zeitgenossen, für den er so schwärmen +konnte, wie für Schwind. Beide Meister verstanden sich, wie es +wohl selten wieder der Fall sein wird. Über Schwinds etwas scharfe +„Ausdrucksweise“ und Bemerkungen, die dieser treffliche Künstler +oft beliebte, ging unser Meister, wenn ihm diese erzählt wurden, +mit Lächeln und Stillschweigen oder wenigstens mit großer Nachsicht +hinweg; ihm war die Kunst dieses Mannes so ans Herz gewachsen, daß er +solche kleine „Eigenheiten“ gern übersah. Um 1845 bemühte sich die +Dresdener Akademie, Schwind zu berufen; die Unterhandlungen zerschlugen +sich aber. Richard Wagner spricht sich bei Gelegenheit darüber aus, +wie es ihm imponiert habe, daß die Dresdener Maler sich so „neidlos“ +um Schwinds Berufung bemüht; da wird wohl unser Richter mit einer +der ersten gewesen sein, der dem trefflichen Meister Sympathien +entgegenbrachte. -- Am 11. Februar 1871 schreibt unser Meister ins +Tagebuch: „Am 8. Februar, nachmittags fünf Uhr, ist der liebe Freund, +der große Meister Schwind, den ich verehrte fast wie keinen anderen, +gestorben. Sein letztes, tief ergreifendes, mit Mozartscher Schönheit +erfülltes Werk: ‚Die schöne Melusine‘, läßt den unersetzlichen Verlust +doppelt schmerzlich empfinden. (Schwinds Zyklus zur ‚Melusine‘ war, +als die Todesnachricht kam, in Dresden ausgestellt.) Die ‚Melusine‘ +ist das wehmütige Ausklingen einer großen, herrlichen Kunstepoche. +Jetzt geht alles auf äußeren Glanz und Schein, mit wenig oder gar +keinem idealen Gehalt. Wo der Glaube an die höchsten Dinge schwindet, +wo unser heiliger Christenglaube nicht die Grundlage bildet, nicht +die Zentralsonne ist, entsprießt kein lebenquellender Frühling mehr, +entstehen nur künstlich glänzende Treibhausfrüchte einzelner Talente. +Das ist meine feste Überzeugung! Und darüber ließe sich gar viel sagen +und schreiben; aber wer versteht es, und wer nimmt es auf?“ Richter war +fest davon überzeugt, daß die eigentliche große Kunst nur im Dienst +der Kirche sich entwickeln und gedeihen könne; in den letzten Jahren +sah er aber, wie man in der Kunst immer mehr andere Wege einschlug. +Heute gibt es, wenigstens was die Malerei betrifft, eine kirchliche +Kunst kaum mehr. An den Pflegestätten der Kunst, den Kunstakademien in +Deutschland, wird sie nicht mehr gepflegt, es finden sich dafür auch +keine Lehrer mehr. In Wien suchte man 1895 eine akademische Lehrkraft +für katholische kirchliche Kunst, an Stelle Trenkwalds, des Nachfolgers +Josef von Führichs, fand aber für dieses Fach keine geeignete und hat +vorderhand davon absehen müssen, diese Stelle überhaupt zu besetzen. +Die Maler haben sich von den religiösen Darstellungen mehr und mehr +abgewendet, sie können die rechte Begeisterung dazu nicht mehr finden. +Die religiösen oder biblischen Werke der letzten Jahrzehnte vermochten +auch nicht mehr, im Volke innerlich anregend zu wirken. Was mag die +Ursache dieser auffallenden Erscheinung sein? Es hat den Anschein, +als bereite sich auf religiösem Gebiet eine große Umwandlung vor. +In vielen Schichten der germanischen Völker arbeitet es mächtig auf +„Vertiefung“ hin, auf Erweiterung der Anschauungen über die höchsten +Dinge, aus einem „tiefernsten, innerlichen religiösen Sehnen“ heraus. +Wir haben jetzt nur noch einen einzigen Künstler in Deutschland, +der, wenn auch mit einer gewissen Unfreiheit, an die alten Meister +anknüpfend, es versteht, mit wirklicher Begeisterung und innerem Feuer +biblische Stoffe uns wieder nahe zu bringen, das ist E. v. Gebhardt in +Düsseldorf. Am Anfang des Jahres 1884 sah Richter von ihm das Bild „Der +Leichnam Christi im Hause der Maria“. Er erwähnt das Bild in dem am +Schluß angefügten Briefe. + +[Illustration: Abb. 115. +Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.+ +Aus „Christenfreude“. 1855. + +(Zu Seite 71.)] + +Die Kriegsjahre von 1866 und 1870 forderten Richters ganze Teilnahme. +Mit einer wahrhaft gehobenen Stimmung ging er, begleitet von seinem +Sohn und vom Verfasser, zur Ausübung seiner Wahlpflicht für den +ersten +Norddeutschen Reichstag+ zur Wahlurne; es war, als ahnte er +die kommende große Zeit der endlichen Zusammenfügung unseres Deutschen +Reiches, unseres Vaterlandes. Die Einigung der deutschen Völker +innerhalb acht Tagen nach der Kriegserklärung im Jahre 1870 ist ihm +„wie ein Wunder“ und reißt ihn zu heiliger Begeisterung hin. Wie Gott +unsere Kriegsheere so herrlich von Sieg zu Sieg führte, der große Tag +von Sedan, der endliche Einzug in Paris und der Friede von Frankfurt, +der diesen Riesenkampf der Germanen mit den Romanen abschloß, -- +das alles erfüllte ihn mit innigster Dankbarkeit gegen Gott. Seine +Aufzeichnungen aus dieser Zeit sind durchdrungen von der Größe und +hohen Bedeutung dieser Ereignisse. Er erwartete wohl auch, daß diese +große Zeit befruchtend auf die deutsche Kunst einwirken würde, wie dies +in seiner Jugend die nationale Erhebung und die Befreiungskriege getan. + +Es sind eine ziemliche Zahl von Zeichnungen vorhanden, die ursprünglich +Pausen zur Übertragung auf den Holzstock waren; in den letzten Jahren, +in denen Richter nur noch mit Mühe arbeiten konnte, ließ er sich +solche Pausen auf Börners Rat aufziehen, überarbeitete und färbte sie +leicht in seiner so geistreichen Art und vollendete auf diese Weise +noch manches reizvolle Blatt oder Blättchen; das im Gras sitzende +Mädchen (Abb. 173) ist ein solches Blatt und stammt wohl aus der +Zeit nach 1870. -- 1871 berichtet Richter in seinen Aufzeichnungen +von dem schon früher erwähnten Bilde von Schnorr zu dem Liede +„Jerusalem, du hochgebaute Stadt“: „daß der Meister Schnorr es selbst +seinen Schwanengesang nennt“, und fährt dann fort: „Der Gedanke ist +sehr schön, für die Ausführung reichen die Kräfte nicht mehr aus. +Es hat etwas tief Rührendes, eine solche Künstlergröße im letzten +Abendsonnenstrahl zu sehen; denn wenn er auch noch eine Reihe von +Jahren verleben sollte, so fühlt und sieht man doch, daß seine Kraft +sehr gebrochen ist. Die Größe seines Talentes bleibt unbestritten; +aber daß er ein edler, reiner, höchst gewissenhafter und frommer Mann +ist, das ist wohl das Erfreulichste und Schönste.“ Im Jahre 1872 nahm +der Tod unserem Meister auch diesen Freund, für den er sein ganzes +Leben hindurch seit den herrlichen Jugendtagen in Rom eine unbegrenzte +Verehrung hegte und bis an sein eigenes Lebensende bewahrte, wie ich so +oft aus seinem Munde zu hören Gelegenheit hatte. + +[Illustration: Abb. 116. +Ein getreues Herz zu wissen.+ + +Aus „Altes und Neues“. 1873.] + +Seinem Freund Cichorius zeichnet er Weihnachten 1871 das Blatt „Aus +der Jugendzeit“: Der Freund mit seinem Bruder, späterem Bürgermeister +von Leipzig, in der Kinderzeit mit der Mutter in einem der reizenden +Loschwitzer Täler. (Abb. 174.) Zum 4. September 1873 zeichnet er +wieder ein Enkelkind (Abb. 176) dem Schwiegersohn Kretzschmar und fügt +das Verslein bei: + + Bruder Martin bin ich genannt, + auch als Hahnekämmchen bekannt, + Großpapa, der schlecht sieht, hat mich gemalt, + derweil ich gewackelt, gelacht und gedahlt, + dafür hab’ ich auch nichts bezahlt. + Der liebe Gott laß mich gedeihn und wachsen + und mache aus mir einen braven Sachsen. + Amen. + +1872 erschienen in Photographien die bereits 1845 als Lithographien +herausgegebenen zwölf Titelblätter zu Musäus’ Volksmärchen nach den +Originalen im Städelschen Institut in Frankfurt a. M. Wir brachten eine +freie spätere Wiederholung des einen Blattes, zu „Stumme Liebe“, früher +in Abb. 43. + +[Illustration: Abb. 117. +Der Mond ist aufgegangen.+ + +Aus „Christenfreude“. 1855. (Zu Seite 71.)] + +1873 folgte „Altes und Neues“, fünfzehn Zeichnungen in Lichtdruck. +Eine Sammlung von gleicher Schönheit und poetischer Gestaltung wie +die vorangegangenen. Wir geben zuerst eine Aquarelle von 1865 in +farbiger Reproduktion, „Kartoffelfeuer“, ein Herbstidyll (Abb. 175), +die bis auf kleine Abweichungen im Mittelgrund dem in dieser Folge +aufgenommenen Blatt gleich ist; weiter aus der „Christenfreude“ +wiederholt die liebenswürdige, innige Gruppe zu „Ein getreues Herz zu +wissen“ (Abb. 116). „Mailust“, ein Frühlingsidyll von graziöser Form, +im Loschwitzer Charakter, mit einer reizenden Staffage (Abb. 177). „Zum +Geburtstage“ (Abb. 97), „Sub rosa“ (Abb. 178): ein junges Paar schaut +träumerisch aus dem rosenumrankten Erker des Hauses -- es ist offenbar +ein Jägerhaus -- in eine romantische Landschaft hinaus. Unten auf +grüner Matte schreiten Hirsche und Rehe, weiter sieht man einen See mit +steil abfallenden Ufern, leichte Wolken ziehen an den Bergen hin. Im +Vordergrund Blumentöpfe und „Waldmann“. Als sechstes Blatt fügen wir an +„Wenn ich dich hätte“ (Abb. 179) vom Jahre 1870. Die Anregung zu dieser +Kindergruppe gab dem Meister die Stelle aus Goethes „Werther“ vom +26. Mai: „Das erste Mal, als ich durch einen Zufall an einem schönen +Nachmittag unter die Linden kam, fand ich das Plätzchen so einsam. Es +war alles im Felde; nur ein Knabe von ungefähr vier Jahren saß an der +Erde und hielt ein anderes, etwa halbjähriges, vor ihm zwischen seinen +Füßen sitzendes Kind mit beiden Armen wider seine Brust, so daß er ihm +zu einer Art von Sessel diente, und ungeachtet der Munterkeit, womit er +aus seinen schwarzen Augen herumschaute, ganz ruhig saß. Mich vergnügte +der Anblick; ich setzte mich auf einen Pflug, der gegenüberstand, und +zeichnete die brüderliche Stellung mit vielem Ergötzen.“ Zum Schluß +bringen wir noch „Heimkehr der Landleute nach Civitella“, eine freie +Wiederholung des 1827 gemalten Bildes, das wir früher erwähnten (Abb. +180). + +Das folgende Jahr brachte „Naturstudien, zehn Vorlegeblätter für +Landschaftszeichner“, in Lichtdruck, im Verlage von Meyer & Richter, +und seine letzte Folge von Zeichnungen „Bilder und Vignetten“. Aus +letzterer sind die vier Jahreszeiten und ländliche Szenen, die Richter +nach 1862 im Auftrage des damaligen Erbprinzen von Meiningen für dessen +Landhaus in Bad Liebenstein in Thüringen zeichnete. Er verzichtete zum +großen Kummer seiner Schüler darauf, diese Arbeiten selbst an die Wand +zu malen, die Kartons in der wirklichen Größe zu zeichnen und lieferte +nur die Kompositionen in kleinen Zeichnungen. Über die Ausführung +selbst überließ er dem Erbprinzen freie Verfügung. Diese Zeichnungen +wurden von den Gebrüdern Heinrich und August Spieß in München +vergrößert und an den Außenwänden zwischen den Fenstern ~al fresco~ +gemalt. Wir geben davon nur den „Sommer“ (Abb. 181) und weiter von den +anderen Bildern dieser Folge die reizende Vignette „Alles mit Gott, so +hat’s keine Not“ (Abb. 182) in Holzschnitten und zwei Nachbildungen +nach fein empfundenen Zeichnungen: (Abb. 183) „Ein Mädchen, das ein im +Arm haltendes Knäbchen küßt“ und (Abb. 184) „Zwei kleine sich küssende +Kinderchen“. Während Richter seither nur teilweise noch selbst auf +den Holzstock aufzeichnete, mußte er hier, seines vorgeschrittenen +Augenleidens wegen, die Aufzeichnung ganz von fremder Hand herstellen +lassen; dadurch haben diese Holzschnitte in der Wiedergabe der +Zeichnung leider sehr viel von ihrer ursprünglichen Frische verloren. + +Gleichzeitig bringt derselbe Verlag vierundzwanzig vierfach vergrößerte +frühere Holzschnitte als Wandbilder, die, vom deutschen Volke +freundlichst aufgenommen, in den Kinderstuben und in manchem engen +Stübchen, vielleicht als einziger Schmuck an der Wand, ihren Platz +fanden. + +Bei Velhagen & Klasing erschien in demselben Jahre „Robert Reinicks +Märchen-, Lieder- und Geschichtenbuch“ in zweiter Auflage, wozu Richter +noch eine Illustration für den Holzschnitt zu „Der schmelzende Koch“ +zeichnete: Kinder belustigen sich mit einem Schneemann. Der Holzschnitt +ist mit der Jahreszahl 1873 bezeichnet. Dies ist des Meisters +letzte +Illustration+. + +[Illustration: Abb. 118. +Jesu, komm doch selbst zu mir.+ + +Aus „Christenfreude“. 1855. (Zu Seite 71.)] + +1876 erschienen „Biblische Bilder“ mit Versen von Julius Sturm bei F. +Riehm in Basel. Elf dieser Holzschnitte stammen aus den Jahren 1850 +bis 1855 und sind für die kleinen Schriften Löschkes: „An der Krippe +zu Bethlehem“, „Kreuz und Grab des Erlösers“ u. a. gezeichnet worden, +fanden aber dort keine Aufnahme. Wir nennen nur: „Die Hirten und Kinder +an der Krippe“ und „Die Flucht nach Ägypten“, beide lehnen sich an +Rembrandtsche Kompositionen an. „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“ +-- wie oft hat er diesen Gegenstand behandelt! Immer weiß er ihm eine +neue Seite abzugewinnen. „Der gute Hirt“ in diesem Buche ist von E. +Peschel gezeichnet. Das reizvollste Blatt in dieser Folge ist „Herr, +bleibe bei uns“; durchaus deutsch in der Auffassung ist hier besonders +die Landschaft und von entzückender Schönheit. Derselbe Verlag brachte +gleichzeitig „Kinderleben“ in Bild und Wort, mit Versen von Jul. Sturm. +Es sind die Holzschnitte aus den Löschkeschen kleinen Büchern von +1850 bis 1853: „Was bringt die Botenfrau“, „Kraut und Rüben“ und die +„Familienlieder“, Werke, die wir schon früher erwähnten. + +[Illustration: Abb. 119. +Es kostet viel, ein Christ zu sein.+ + +Aus „Christenfreude“. 1855. (Zu Seite 71.)] + +Eine der romantischsten Kompositionen, aus dem Jahre 1870, ist das +„Schneewittchen“ (Abb. 185), eine zarte, liebreizende Märchengestalt, +die zu des Meisters anmutigsten Gebilden zählt; unberührt und sinnig, +halb träumerisch schaut sie auf die Rehe, die aus ihrem aufgenommenen +Kleid ihr Futter nehmen. Die landschaftliche Szenerie ist von echter +Waldespoesie durchdrungen: Ein trauliches Plätzchen am plätschernden +Brunnen, mit Tauben und allerhand Waldvögeln und Eichhörnchen belebt, +unter hängenden Rosen windet sich zwischen Felsen ein Treppchen hinauf, +oben in der Felsnische hängt ein Glöckchen, draußen dunkler Tannenwald. +Die schöne Aquarelle befindet sich in der Nationalgalerie. Der Zufall +hat es gefügt, daß eine Wiederholung derselben aus gleicher Zeit, durch +das Vermächtnis des Sohnes des Konsuls Wagner (des Stifters des Stammes +der Nationalgalerie), auch ebendahin gekommen ist. Einen ersten Entwurf +zu der Gestalt des Schneewittchen (Abb. 186) und eine Skizze nach der +Natur (Abb. 187) fügen wir bei. + +[Illustration: Abb. 120. +Müde bin ich, geh’ zur Ruh’.+ + +Aus „Christenfreude“. 1855. (Zu Seite 71.)] + +Zu des Meisters siebzigstem Geburtstage geht ein überaus gnädiges +und wohlwollendes Handschreiben mit Glückwünschen vom König Ludwig +II. von Bayern ein. + +Richters so reiche Phantasie versiegte allmählich: das Augenleiden +verschlimmerte sich und machte ihm das Arbeiten fast unmöglich. +Trotzdem zeichnete und malte er noch einige wenige Blätter, wenn +auch mit großer Mühe und vielfacher Unbequemlichkeit. Aus der Zeit +des „Ausklingens“ dieser großen schöpferischen Kraft stammt die +Aquarelle „Schlafende Kinder“ (Abb. 188), eine freie Wiederholung der +Radierung „die verirrten Kinder“ in Scherers illustriertem „Deutschen +Kinderbuch“. Auf einer Anhöhe auf grüner blumendurchwirkter Matte +schlummern, ermüdet von der weiten und beschwerlichen Wanderung, ein +Mädchen und ein Knabe; es ist so einsam und still da droben, draußen +ragt über blauen Bergzügen ahnungsvoll ein Schneeberg hervor. Die +Aquarelle ist von großer Vollendung in Ton und Farbe. + +[Illustration: Abb. 121. +Kunst bringt Gunst.+ 1855. Zu Bürkners +Holzschnittmappe. 1858. (Zu Seite 71.)] + +Es folgt um 1873 seine letzte ausgeführte Aquarelle „Ruhe auf der +Flucht“ (Abb. 189), in der Nationalgalerie. Maria, an einem Feuer +sitzend, nährt das Kind, sie schaut wie in Gedanken versunken; unter +blühenden Fliederbüschen, an die Felswand angelehnt, ist Joseph +eingeschlafen, auf einem vorspringenden Felsen sitzen drei singende +und musizierende Engel in lichten Gewändern, ein Reh mit Jungen hat +sich im Gras gelagert, draußen im Dämmerlicht ein stiller Waldsee, +hinter dunklen Baumsilhouetten der Vollmond. -- Das ist des Meisters +romantischer Schwanengesang. Mit wieviel Mühe, Geduld und Ausdauer +hat er an diesem Blatt noch gearbeitet; die Augen wurden schwächer +und schwächer und trotz der Lupe wollte es mit dem Arbeiten nicht +mehr gehen. Die Verschiebungen in der Zeichnung, die das Augenleiden +verursachte, wurden immer stärker und auffallender, die Köpfe der +Figuren machten ihm dadurch noch ganz besondere Schwierigkeiten. Der +Kopf der Maria wurde so oft geändert und weggewaschen, bis schließlich +das Papier durchgerieben war und er tief bekümmert die sonst fertige +Arbeit beiseite gestellt hatte; doch wurde hier Rat geschafft, und +endlich konnte er dieses Blatt noch vollendet aus der Hand geben. Eine +farbige Zeichnung ist vom Meister selbst bezeichnet: „Meine letzte +Zeichnung. 1874. L. Richter.“ Am Silvesterabend 1873 schreibt er: +„Seit dem Herbst konnte ich nichts mehr arbeiten, die Augen waren zu +schwach. Überhaupt fühle ich das Alter, und die Kräfte, Leibes- und +Seelenkräfte, nehmen ab.“ + +[Illustration: Abb. 122. +Der Spielengel.+ + +Titelbild zu Stern: „Das rote Buch“. 1856. + +Mit Genehmigung der Verlagshandlung Breitkopf & Härtel in Leipzig. (Zu +Seite 71.)] + +Die nun abgeschlossene künstlerische Tätigkeit dieses mit so reichen +Gaben ausgestatteten Künstlers, dieses gottbegnadeten Poeten, liegt wie +eine stille blumige Waldwiese vor uns, mit Sternblumen und Steinnelken, +Ranunkeln und Vogelstern und Arnika, blauen Glocken und hochstengeligem +Enzian, bunt durcheinander, in reicher Fülle, herzerfreuend und +herzerquickend. Sein gesamtes künstlerisches Schaffen ist wie ein +Dokument; verbrieft und gesiegelt, schildert es wahr und treu unser +deutsches Volk. Seine Werke sind wie ein sprudelnder frischer Quell, an +dem sich noch die fernsten Geschlechter erquicken werden! + +[Illustration: Abb. 123. +Geheiliget werde dein Name.+ Aus dem +Vaterunser. 1856. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 71.)] + +[Illustration: Abb. 124. +Dein Reich komme.+ Aus dem Vaterunser. 1856. +(Zu Seite 71.)] + +Ernst Förster nennt in seiner deutschen Kunstgeschichte Richter +„einen Künstler, der seinesgleichen nicht nur nicht hat und gehabt +hat in keinem Lande und zu keiner Zeit, sondern der auch mit seinen +Schöpfungen alle Welt entzückt, sich eine Wohnung gemacht hat in +allen natürlich empfindenden Herzen, bei jung und alt, bei männlich +und weiblich, durch dessen Hände die Natur selbst spricht und die +Seele und dessen Zeichnungen der wahrste Ausdruck des Besten sind, +was das Vaterland an Land und Leuten Herzerfreuendes und Erquickendes +hervorgebracht.“ + +In den Jahren 1869 bis 1879 schrieb Richter seine Biographie, 1880 und +1881 die Nachträge dazu. + +[Illustration: Abb. 125. +Erlöse uns von dem Übel.+ Aus dem Vaterunser. +1856. (Zu Seite 71.)] + +[Illustration: Abb. 126. +Märchen vom Marienkind.+ (Zu Seite 72.)] + +[Illustration: Abb. 127. +O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten +Liebe gold’ne Zeit.+ + +Aus Schillers Glocke. 1857. Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu +Seite 73.)] + +In dem oberhalb Dresden reizend gelegenen Loschwitz brachte Richter +mit den Seinen seit 1852 jeden Sommer bis zum Jahre 1883 zu. Hier +starb, wie schon vorher erwähnt, 1854 seine geliebte Frau. Mitten in +heiterster Stimmung, umgeben von den Ihrigen und von Freundinnen, +sank sie plötzlich im Garten nieder und hauchte nach wenig Stunden in +der Nacht vom 3. zum 4. August ihre Seele aus. Seinem Freunde Thäter +schreibt der Meister (Nachträge zur Biographie von H. Richter): „Am +3. August waren wir nachmittags mit Oehmes und einigen jungen Leuten +fröhlich beisammen, Gaber und Heinrich waren zufällig auch da. Meine +Frau war besonders heiter und recht innerlich fröhlich; da sank sie +plötzlich mit gebrochenen Augen vor mir zusammen in das Gras, und das +Bewußtsein verlor sich. Sie sprach nichts, winkte, drückte mir die +Hand, und wir trugen sie bestürzt in das Stübchen der Wirtin. Der Arzt +kam schnell herbei. Er fand einen Schlaganfall. Sie kam nicht wieder +zum Bewußtsein, kurz nach Mitternacht hörte das treue Herz auf zu +schlagen. -- Binnen drei Stunden gesund und tot! Ich war wie betäubt, +doch ruhig. Er, der Herr, weiß, warum er es geschehen ließ; sein Wille +ist ja immer gut und heilig. -- Aber mir ist es noch, als wäre mir das +halbe Herz herausgerissen. -- Ach, wie lieb hatte ich sie, und sie +verdiente es -- doch still! --“ Sie ruht auf dem Loschwitzer Friedhof +unten an den blumigen Ufern der Elbe. Im Oktober 1854 schrieb er in +sein Tagebuch: „Wir sitzen immer noch auf unserem Berge (Loschwitz), +werden aber wohl in nächster Woche das Stadtquartier beziehen. So schön +es hier noch ist, so sehne ich mich doch nun, in Ordnung zu kommen. +Ich kehre nun ohne die liebe Mutter heim, das liegt mir immer in +Gedanken. Wo weilt sie jetzt? Diese Frage drängt sich mir oft herbei. +Aber da schweigt alles Wissen und wird schweigen, solange irdisches +Leben dauert, und doch ist’s auch da nicht ganz Nacht geblieben; die +Aussprüche unseres Herrn stehen da wie helle, liebliche Sterne; sie +sind fest und herrlich glänzend auf diesem nächtlichen Grunde, aber +sie sprechen mehr zum Herzen, als daß ich sie begreifen und fassen +könnte. Des Heilandes eigene Auferstehung steht wie ein Morgenrot am +Himmel, und ‚wo ich bin, da soll mein Diener auch sein‘, und ‚in meines +Vaters Hause sind viele Wohnungen, und ich gehe hin, euch eine Stätte +zu bereiten‘, das sind Morgensterne. Aber mehr als dieses Ahnen gibt +mir die Lehre meiner Kirche auf Grund der Schrift, die Lehre von der +Kirche selbst, welche ist die Gemeinde der Erlösten im Himmel und auf +Erden, miteinander verbunden durch die Liebe, Gebet und gegenseitige +Fürbitte.“ -- „Und daß wir einen solchen Himmel voll Sterne der +Verheißung haben, Lichter einer höheren Welt, die so fröhlich +herunterleuchten, dafür sollten wir recht dankbar sein und in unserem +Falle unseren Glauben daran üben und stärken.“ -- Seine Tochter Helene +führte ihm nun das Haus mit freundlichem Wesen und großer Umsicht, bis +sie 1856 mit dem Kaufmann und Fabrikbesitzer Theodor Kretzschmar in +Dresden den Bund fürs Leben schloß und das väterliche Heim verließ. +Jetzt übernahm des Meisters jüngste Tochter, Elisabeth, die Führung +des Hausstandes; sie hat bis an des Vaters Lebensende, achtundzwanzig +Jahre, seiner gewartet und ihn gepflegt mit aller und seltener +Hingebung und Aufopferung, wie es ein weibliches Wesen nur vermag. Sie +hat ihm die Augen geschlossen, als der Herr den Wandermüden zu sich +rief, lebte dann lange in Bad Boll, das sie mit ihrem Vater bei dessen +Lebzeiten so gern aufsuchte, und lebt jetzt ganz zurückgezogen in der +Nähe von Dresden. -- Es wuchs eine Schar blühender Enkel (vier Mädchen +und zwei Knaben) in des Schwiegersohnes Kretzschmar Hause heran; hier +weilte der Meister so gern, und diesem glücklichen Familienleben hat +er so manches Motiv entnommen; wir erinnern nur an das eine Blatt aus +„Fürs Haus“: „Großvaters Leiden und Freuden in der Kinderstube.“ Ein +Enkelchen kämmt den geduldigen Großvater, ein anderes bringt ihm Puppen +und Bilderbücher, und das Bübele zeigt ihm seine neue Trompete. Die +Zeichnung, die vor dem erwähnten Holzschnitt entstand, auf der die +Enkel porträtähnlich sind, auch der Großvater des Meisters Züge trägt, +stiftete er für die Kinderstube des Kretzschmarschen Hauses. Die Enkel +sind längst verheiratet und die vierte Generation bereits erblüht, der +liebe Vater Kretzschmar hat das Zeitliche 1900, kurz nach vollendetem +83. Lebensjahre, gesegnet. + +[Illustration: Abb. 128. +Zum Begräbnis.+ Ach, die Gattin ist’s, die +teure. Aus Schillers Glocke. 1857. + +(Zu Seite 73.)] + +[Illustration: Abb. 129. +Anna Susanne, geh du na Schol.+ Aus Klaus +Groth, Voer de Goern. 1858. + +Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu Seite 73.)] + +[Illustration: Abb. 130. +Kleine Maus, große Maus.+ + +Aus Klaus Groth, Voer de Goern. 1858. (Zu Seite 73.)] + +In Loschwitz hat Richter viel nach der Natur gezeichnet, viele seiner +Holzschnittbilder und Aquarellen geschaffen. Wie oft sah ich ihn „in +seinem stillen Taborplätzchen“, wie er sein schlichtes Hüttchen oben +am Berge gern nannte, an seinem Arbeitstisch! Durch die von Weinreben +umrankten Fenster schaute man über Obstbäume und Gärten und blühende +Büsche, über Hügel und Täler, über Felder und Wälder und über den wie +Silber glänzenden Elbstrom in die weiten, blauen Fernen des Erzgebirges +oder nach der im Sonnenduft schwimmenden Stadt und nach den Weinbergen +der Lößnitz, nach der alten Markgrafenstadt Meißen zu. In den an +der Rückseite des Hauses sich anschließenden Waldungen, fern vom +Geräusch der Stadt, erging er sich gern, in Betrachtungen versunken, +und dachte am Spätabend seines Lebens viel über seine arbeitsreiche +Künstlerlaufbahn und über die Wege, die ihn der Herr geführt, nach. +Fast jeden Morgen suchte er den alten Freund, Münzgraveur Krüger, +auf, den originellen Junggesellen, der im einsamen Häuschen oben am +Waldesrande hauste (siehe Abb. 171), -- oder er wandelte in schattigen +Waldwegen, oft von Freunden oder den Seinen begleitet, in anregendem +Gespräch und Gedankenaustausch. Der Dichter ~Dr.~ Moritz Heydrich, +Verfasser des Lustspiels „Prinz Lieschen“, der sich mit dramaturgischen +und literarhistorischen Studien beschäftigte, eine gutherzige frische +Natur, empfänglich für alles Gute und Schöne, bewohnte in stiller +Zurückgezogenheit ein kleines Häuschen in Loschwitz, an halber Höhe +des Berges gelegen, über dessen Eingangstür er die Worte „Immer heiter, +Gott hilft weiter“ hatte anbringen lassen. Er hatte sich auf allerhand +Umwegen zu einer christlichen Glaubensüberzeugung durchgerungen und +schloß sich in aufrichtiger Liebe und Verehrung an Richter an. Er holte +unseren Altmeister des öfteren zu Spaziergängen in den Wald ab. Auf +solchen Spaziergängen wurde viel über die höchsten Dinge gesprochen. +Thomas Carlyles und Charles Kingsleys treffliche Schriften und +Anschauungen, mit denen sich Heydrich viel beschäftigte, bildeten gar +oft den Stoff ihrer Unterhaltungen. Heydrich erwähnt in der von ihm +bei Gelegenheit der Enthüllung des Richterdenkmals in Loschwitz am 28. +September 1884 gehaltenen Rede diese Gespräche und läßt den Meister +u. a. sagen: „Wie ist es hier so schön! Wie ist hier beim Blick vom +Berge aus die weite Gegend so himmlisch schön! Ich danke Gott recht +von Herzen, wenn ich die schöne Morgenluft hier im Walde einatme, die +wie Balsam sich ans Herz legt, ans Herz, das in Gottes Stille ruht +und in dieser Burg sich sicher fühlt, wie im Vorhofe des Himmels. +Dies stille beglückende Wohlgefühl in der schönen, freien, ländlichen +Natur ist ja doch nicht so wohl im Selbstvergessen, als im Vergessen +des Leides, des Schmutzes, der allem Erdendasein anklebt. Psyche, die +so oft eingekerkert ist, wird auf Momente hier frei, dehnt die Flügel +und fühlt sich in ihrem Elemente, weil alles in Harmonie steht und ein +seliger Frieden des ganzen Daseins sich bemächtigt.“ Heydrich machte +unseren Meister mit Otto Ludwig, dem Verfasser von „Zwischen Himmel +und Erde“ und der trefflichen „Shakspearestudien“ bekannt. Richter und +Ludwig verstanden sich gut, begegneten sie sich doch in einem Punkte: +beide strebten nach Einfalt, Schlichtheit und Wahrhaftigkeit. + +[Illustration: Abb. 131. +Dämmerstündchen.+ Sonst und Jetzt. Aus „Fürs +Haus“. 1859. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 74.)] + +In Loschwitz haben Richters Schüler viel Studien gesammelt und sich +so manches Motiv zu Bildern geholt. Die alten behaglichen Hütten, +die Waldwege und Stege, die lieblichen Wiesengründe, die Bäche und +Mühlen, die bunten Gärtchen, Obsthänge und Weingelände, -- wie wußte +er den Schülern die Schönheit und Poesie dieser idyllischen Natur zu +erschließen! Die strohbedeckten Häuser unter blühenden Linden- oder +Obstbäumen, mit einem Blick in die blaue Ferne, waren ihm wie Bilder +von Van Eyck. + +Bei Gelegenheit eines Ausfluges von Ostende, wo er zur Stärkung seiner +angegriffenen Nerven weilte, nach Brügge, schreibt er unter dem +Eindruck der herrlichen Bilder Eycks und Memmlings am 19. August 1849 +in sein Tagebuch: „Ich möchte jetzt nur meine sächsischen Gegenden und +Hütten malen und dazu die Menschen, wie sie jetzt sind, nicht einmal +mittelalterliches Kostüm. Ein Frühlingstag mit grünen Korn- und gelben +Rübsenfeldern, jungbelaubte Linden- und Obstbäume, der Bauer, der da +ackert im Schweiße seines Angesichts und auf Hoffnung von Gottes Segen, +und die kleinen talkigen, unschuldigen Bauernkinder, die dem Vater +einen Trunk bringen oder heiter spielen und Sträuße binden, da sie +noch im Paradieszustände der Kindheit leben, während der Alte arbeiten +muß; dazu Schwalben in der Luft, Gänse auf der Wiese und Goldammer im +Gebüsch, der Hausspitz oder die Kühe auch bei der Hand; das alles, +so recht treu, streng, innig und lieblich wiedergegeben in Memmlings +Sinn und frommer, einfältiger und liebevoller Weise, das hätte gewiß +Interesse und Bedeutung genug. Wir können nicht immer und nicht alle +Heiligenbilder machen.“ + +[Illustration: Abb. 132. +Weine nicht, Helmchen.+ Aus „Fürs Haus“. 1858. + +(Zu Seite 74.)] + +Man nennt Ludwig Richter den Maler und Jean Paul Richter den Dichter +der deutschen Gemütswelt. Unser Meister schreibt darüber, wie er +Jean Paul mit innigster Freude betrachtet und in wie wundervoller +Poesie dieser die Schönheit kleinster Verhältnisse und Dinge +schildert: „Ist es nicht verdienstlich, auch in malerischer Form die +Schönheit des Lebens und seiner Erscheinung, selbst in den kleinsten +und gewöhnlichsten Gegenständen, aufzudecken? Die Liebe macht ja +alles bedeutend und wirft einen Himmelsschimmer auf alles, was sie +betrachtet. Was sie anrührt, wird Gold.“ + +[Illustration: Abb. 133. +Hausmusik.+ Aus „Fürs Haus“. 1858. (Zu Seite +74.)] + +Richter verstand es wie wenige Künstler, dem kleinen und engen +Erdendasein Schönheit abzugewinnen und es in künstlerisch-schöner Form +wiederzugeben; ihm war ein Hüttchen am blumigen Hang unter Obstbäumen +mit dem stillen Getriebe seiner Bewohner der Darstellung wert; er +verstand es, uns solch ein einfaches Motiv sympathisch ans Herz zu +legen, solche einfache Vorwürfe in der ihm eigenen Art in Form und +Farbe und immer mit entsprechender reizvoller und liebenswürdiger +Staffage belebt, künstlerisch beseelt zu verklären. -- Seinen Schülern +gegenüber war unser Meister sehr teilnehmend und ermunternd. Seine +Schule trägt ein ganz bestimmtes Gepräge; die Zeichnungen seiner +Schüler haben einen ganz bestimmten Typus. Leicht mit der Feder +gezeichnet oder leicht mit Farben angehaucht, angetönt, haben sie etwas +von der Innigkeit des Meisters in der treuen Wiedergabe der Natur, je +nach der individuellen Veranlagung, wie das ja selbstverständlich ist; +auch in der Art der Staffage ist ein gewisser Schnitt unverkennbar. Es +geht ein liebenswürdiger Zug durch alle Arbeiten aus seiner Schule. + +[Illustration: Abb. 134. +Auf der Wiese.+ Aus „Fürs Haus“. 1859. (Zu +Seite 74.)] + +[Illustration: Abb. 135. +Wanderschaft.+ Aus „Fürs Haus“. 1859. (Zu +Seite 75.)] + +[Illustration: Abb. 136. +Hänsel und Gretel.+ Aus „Fürs Haus“. 1860. +(Zu Seite 75.)] + +[Illustration: Abb. 137. +Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben.+ +Aus „Fürs Haus“. 1861. + +(Zu Seite 75.)] + +Zu Anfang ließ er die jungen Schüler die ihm von früher Jugend an +so lieb gewordenen landschaftlichen Radierungen J. C. Erhards oder +die des geistreichen Franzosen Eugen Bleury oder solche von A. van +Everdingen, A. Waterloo, H. van Svanefelt, J. de Boissieu oder +Zeichnungen nach der Natur von ihm, seinem Jugendfreund Oehme oder von +seinen früheren Schülern in Blei, Feder oder Aquarell kopieren. Die +köstlichen Federzeichnungen von Franz Dreber bevorzugte er besonders +und wußte auf das eingehendste die Schönheiten solcher Zeichnungen, +das Besondere oder Eigenartige in der Auffassung des Gegenstandes, +dem Studierenden klar zu machen, das Verständnis zu fördern und ihn +für die Arbeit zu begeistern. Daß es ihm oft schwer wurde, mit dem +weniger veranlagten Schüler etwas „anzufangen“, besagt eine Stelle +aus einem Briefe: „Das Atelier macht mir jetzt wenig Freude, obwohl +alle (Schüler) recht liebe Leute sind, nur zu viel Prosa und damit +verstehe ich nichts zu machen.“ Wer lehrt oder gelehrt hat, gleichviel +in welchem Fache, weiß, wie schwer es ist, dem weniger Veranlagten +als Lehrer wirklich „etwas zu sein“. Obwohl es ihm ganz fern lag, +bestimmenden Einfluß auf die Schüler auszuüben, wirkte doch die Macht +der Persönlichkeit des edlen Meisters auf die Nachstrebenden. Er +wußte, wie wenige Lehrer, das heilige Feuer der Begeisterung in seinen +jungen Schülern anzuzünden und ihnen die Augen zu öffnen für das +Verständnis der altdeutschen Meister, vor allem der Brüder van Eyck, +Memmlings und Dürers, der großen Niederländer Rubens und Rembrandt, +für Holbein und den großen Venezianer Tizian, ganz besonders aber für +die Romantiker, Schwind obenan. Wie verstand er, die Schüler für seine +Kunstideale zu erwärmen und sie auf die eigentlichen Aufgaben wahrer +Kunst hinzuweisen! Gern zog er hierbei das Gebiet der Literatur, in dem +er wohl bewandert war, mit heran und versuchte, Kunst und Literatur +mit- und durcheinander vergleichend, seine Anschauungen zu begründen. +Durch derartige Belehrungen, an welche sich oft die eifrigsten +Disputationen anschlossen, wurde so manches Samenkorn in die jungen +Künstler versenkt. -- Solcher höchst anregender Gespräche erinnere ich +mich gern; sie fielen meist in die Zeit der beginnenden Abenddämmerung, +in welcher der würdige Meister des öfteren zwanglos zum Atelier kam, +das neben seiner Wohnung lag, im üblichen grauen Hauspelz, mit der +langen holländischen Tonpfeife. -- Das Studium der Natur war ihm das +Wichtigste, und wenn der Frühling eingezogen war, litt er keinen +der Schüler mehr im Atelier, dann mußten sie hinaus und sammeln und +arbeiten für den Winter. Es gehörte gewissermaßen zu den feierlichen +Momenten, wenn im Spätherbst das ganze Ergebnis der Arbeiten des +Sommers dem Meister vorgelegt und etwaige Pläne zur Verwertung der +Studien besprochen wurden, sofern nicht schon Entwürfe für Bilder +nach den Studien vorhanden waren. Mit wenigen Worten wußte er die +Phantasie anzuregen und Fingerzeige zu geben, in welcher Art dies oder +jenes Motiv, sei es durch Beleuchtung oder Staffage, künstlerisch zu +gestalten und zu verwerten sei. Oft griff er dabei ein und rückte, mit +sicherster Hand ordnend, die Pläne zusammen, und man konnte sicher +sein, daß es dann das Rechte war. Nach den alten Meistern in der +Gemäldegalerie mußten die Schüler skizzieren und kopieren. Das Studium +der menschlichen Figur hielt er für unerläßlich nötig und äußerst +wichtig für den Landschaftsmaler; er betonte, wenn er zu diesem Studium +dringend ermahnte, wie die Figurenmaler aller Zeiten doch eigentlich +das weitaus Hervorragendste in der „Landschaft“ geleistet, und wies +dabei immer besonders auf Tizian hin. Die historische Landschaft war +ihm die höchste Aufgabe (nur wollte er von dem „Poussinschen Rezept“ +nichts wissen), er freute sich herzlich, wenn er unter vorgelegten +Entwürfen solche sah, die aufs „Historische“ hinzielten. Der Hoffsche +Katalog zählt fast die ganze Reihe seiner Schüler aus der Dresdener +Zeit auf. Schon an früherer Stelle wurde einer seiner ersten Schüler +in Dresden, Dreber, als der talentvollste, und Hasse genannt. Mehrere +sehr veranlagte Schüler, Heinrich Müller, W. von Döring, L. Nitzschke +und H. Lungwitz, gingen Ende der 40er Jahre, ihrem Freiheitsdrange +folgend, nach Amerika. Von den Schülern aus den sechziger Jahren +seien nur Adolf Thomas, C. W. Müller und Albert Venus, aus dem Anfang +der siebziger Jahre Rudolph Schuster genannt. Letzterer hat auch +eine Reihe tüchtiger Ölbilder in Düsseldorf, Stuttgart, Berlin usw. +gemalt, wurde aber durch Krankheit vielfach an freierer Entfaltung +seines Talentes verhindert. Das betrifft die Landschaftsschule. +Eine eigentliche Schule für das Illustrationsfach hat Richter nicht +gemacht. Wie und was sollte er hier auch lehren? Sein Schaffen darin +hatte etwas „Unbewußtes“, „wie der Blütenbaum, der von seiner Pracht +nichts weiß“. Aber anregend und befruchtend hat er auf das ganze +Illustrationsgebiet und auf die Entwickelung des Holzschnittes gewirkt. +Ein Richterscher Holzschnitt mit seinem kräftigen gesunden Strich wirkt +heute nicht veraltet, er hält sich neben der sonst so anders gewordenen +Art und dem später herrschenden Streben, die diesem Kunstfache +gezogenen Grenzen zu verschieben, die einfache schlichte Art der +Formengebung durch dem „Kupferstich“ ähnliche Tonwirkung zu steigern. +Gegenwärtig ist der Holzschnitt ebenso wie der Kupferstich durch die +verschiedenen mechanischen Reproduktionsverfahren fast ganz verdrängt. +Der Holzschnitt dient fast ausschließlich nur noch der Industrie, der +Kupferstich wird noch mühsam durch die Kunstakademien über Wasser +gehalten. Nur die Radierkunst wird seit längerer Zeit wieder eifriger +gepflegt. + +[Illustration: Abb. 138. +Psalm 65.+ Aus „Fürs Haus“. 1860. (Zu Seite +75.)] + +[Illustration: Abb. 139. +Gefunden.+ Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu Seite +75.)] + +[Illustration: Abb. 140. +Schlachtfest.+ Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu +Seite 75.)] + +[Illustration: Abb. 141. +Bürgerstunde.+ Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu +Seite 75.)] + +Unser Altmeister fühlte sich in den letzten Jahren seines Lebens mehr +und mehr vereinsamt, er schreibt zu Anfang des Jahres 1871 nieder: +„Unsereins fühlt sich jetzt als Künstler unter seinen Berufsgenossen +wie ein Fremdling, welcher die Sprache der anderen nicht versteht +und von ihnen nicht verstanden wird. Was man schätzt und liebt und +hochhält, daran geht die jüngere Generation kalt und unberührt vorüber; +was sie hochpreist und entzückt bewundert, erregt unsere Teilnahme +wenig.“ Weiter schreibt er auch 1882: „‚Propheten und Sibyllen male +ich nicht, denn ich habe noch keine gesehen‘, sagte N. N. Freilich +laufen in den Gassen der Stadt keine mehr herum, aber eben der ideale +Mensch +sieht sie+ in seinem Innern und etwas von ihnen zuweilen auch +außen. Vor allem muß er aber eine Verwandtschaft mit ihnen selbst +haben; denn in dieser Sphäre kann sich nur das Verwandte wirklich +erkennen.“ Am 15. August 1870 schreibt er an seinen Freund Thäter in +München: „Ich komme mir jetzt vor wie ein Schauspieler, der, von der +Bühne heruntergestiegen, in den Reihen des Publikums sitzt und sich +nun von anderen Kollegen was vorspielen läßt, denn meine künstlerische +Tätigkeit reduziert sich beinahe auf Null -- teils, weil meine Augen so +schlecht geworden, auch die Hand sehr unsicher ist, hauptsächlich aber, +weil die Phantasie sehr lange ausruht, ehe sie wieder einmal -- nicht +zum Auffliegen -- nein, nur zum Aufstehen kommt. Die nervösen Zufälle +im vorigen Jahre haben mich nun in der Tat alt gemacht; das fühle ich, +und schon lange gehe ich mit dem Gedanken um, mich pensionieren zu +lassen und ganz vom Kunstschauplatz zurückzuziehen; wenigstens von den +akademischen Tätigkeiten, die mir keine Freude machen und in welchen +ich vermöge meiner Kränklichkeit nicht mehr belebend wirksam sein kann. +Es muß junges Blut an die Stelle der Alten.“ -- In den Lichtungen des +Loschwitzer Waldes wurde mit Eifer an den Sonntagnachmittagen, wenn +die zahlreichen Glieder der Familie versammelt waren, Boccia gespielt, +jenes bekannte italienische Spiel, bei dem mit Holzkugeln nach einem +Ziele, dem Lecco, geworfen wird. Wie war der Altmeister mit Interesse +dabei, selbstverständlich aber nie leidenschaftlich erregt, immer +gleich freundlich und liebenswürdig! + +[Illustration: Abb. 142. +Heimweh.+ 1865. (Zu Seite 76.)] + +[Illustration: Abb. 143. +Es ist ein Schnitter, der heißt Tod.+ + +Aus „Fürs Haus“. 1860. (Zu Seite 76.)] + +In dem damals noch einfachen, ländlichen Gasthof in Loschwitz trafen an +einem bestimmten Abend in der Woche in den Sommermonaten die Genossen +vom Stammtisch des Winters zusammen. In liebenswürdigster Unterhaltung +wußte unser Altmeister immer den Gesprächen eine ernstere Wendung zu +geben, war immer anregend und geistig belebend, oft schalkhaft launig +und konnte auch recht herzlich lachen; immer lag aber über seinem Wesen +eine wohltuende Stille und Zartheit. Die Stammtischgenossen waren meist +hohe Staatsbeamte, Professoren von verschiedenen Lehranstalten und +unser Münzgraveur Krüger, Peschel, des Meisters Sohn und Schwiegersohn, +~Dr.~ Heydrich, Bildhauer Professor ~Dr.~ Gustav Kietz, der Freund +Richard Wagners, dem wir ein treffliches Buch „Richard Wagner in den +Jahren 1842 bis 1849 und 1873 bis 1875“ verdanken (Dresden, Carl +Reißner), und so mancher andere treffliche Mann. Beim Nachhausegehen +war unser Münzgraveur stets der Lichtspender; er kam nie zu solchen +Abenden, ohne sein Laternchen mitzubringen, und in den dunklen +Weinbergswegen leistete das auch seine guten Dienste. Unserem Meister +waren freilich die Wege längst vertraut. Wie oft in der langen Reihe +von Jahren ist er dieselben hinauf- und hinabgestiegen! Künstlerische +Gestalt haben solche Abende z. B. gewonnen in dem Bilde: „Bürgerstunde“ +(Abb. 141). Der „Eingeweihte“ fand in solchen Bildern Richters oft +Gestalten aus der Tafelrunde. Des Abends nach dem Abendbrot ging er +oft noch im Vorgärtchen des Häuschens, in dem er die Sommermonate +zubrachte, mit sich beschäftigt, auf und ab, im Nachdenken über +manches Schwere, das ihm zu tragen beschieden war. Besonders sein Sohn +Heinrich, der so viel an Melancholie litt, machte seinem Vaterherzen +große Sorgen. Wir finden in der Biographie eine Aufzeichnung vom +28. August 1872: „Ich ging des Nachts im Weingang vor dem Hause auf +und ab. Das niedere Häuschen lag schwarz vor mir, die Haustür offen +und vom Licht in der Küche erhellt. Oben funkelte das Sternbild des +‚Himmelswagen‘ über dem Dache. Es war mir so traurig im Herzen über +das viele Elend auf Erden. Und gibt es denn etwa noch mehr Not und +Jammer auch auf all den Sternen? Vielleicht sind das aber Welten voll +Jauchzens oder voll stillseligen Glückes?“ Wir sehen, wie seine Seele +leidet unter der Last, wie er die Blicke nach oben richtet. + +[Illustration: Abb. 144. +Kindersymphonie.+ Verlag von Alphons Dürr in +Leipzig. 1858. (Zu Seite 78.)] + +[Illustration: Abb. 145. Skizze zu dem Ölbilde „+Im Juni+“. 1857. 1858. +(Zu Seite 78.)] + +Wie oft habe ich den würdigen Greis in diesem Weingang wandeln sehen, +wie oft ging ich im Gespräch an seiner Seite! In stiller, friedlicher +Abgeschlossenheit lag des Meisters kleines Asyl, in dem er in den +letzten zwölf Jahren mit seiner Tochter Elisabeth die Sommermonate +zubrachte, in Obstbäumen und Weinstöcken halb versteckt, abseits von +den modernen Villen und vom lärmenden Fremdenverkehr, so ganz nach +seinem Sinn. Kleine, niedrige Zimmer zu ebener Erde, die auf einen +Flur mündeten, von dem man in den Garten und durch den Weingang zur +Gartentür gelangte; vor der Tür wogende Kornfelder, hinter denen sich +der Wald erhob. 1871 schrieb er nieder: „Ein stilles, friedliches +Daheim, ein kleines, freundliches Asyl, mit einem Blick ins Weite, +in das kleinste Stück Natur, mit der Kunst und mit Gott, ist mir +das Beste, Liebste und Höchste. Alles so äußerliche, bloß kluge, +anspruchsvolle und dem Schein huldigende Treiben, wie es jetzt in den +großen Städten vorherrscht, ist mir im Innersten zuwider.“ In der +Hauptsache entsprach dieses Häuschen seinen bescheidenen Wünschen und +Anforderungen, und wie war es hier so traulich, bei ihm zu sitzen und +ihm zuzuhören oder ihm vorzulesen, wie war er immer mitteilsam und +voller Interesse für alles das, was in seinem Ideenkreise lag! Man +ging nie von ihm, ohne irgend welche Anregung empfangen zu haben, und +wie war er dankbar, wenn man ihm, dem mehr und mehr Vereinsamten, von +der Welt draußen berichtete, von den neuen Strömungen in der Kunst ihm +mitteilte, die nach ganz anderen Zielen als die seinen drängten. Mit +seinen schwachen Augen konnte er neue Bilder ja kaum mehr sehen! Am +Silvesterabend 1874 schreibt er nieder: „Die letzten Lebensjahre haben +mich zu tieferer Einkehr und Prüfung geführt, ich danke Gott von Herzen +dafür und fühle in mir einen Frieden und ein Glück, wie es die Welt +nicht geben kann. Der Herr sei ewig dafür gelobt!“ Freilich wurde ihm +dieser innere Friede oft genug gestört, aber er blieb stets ruhig und +gottergeben. + +[Illustration: Abb. 146. +Heimkehr vom Felde.+ 1858. (Zu Seite 80.)] + +[Illustration: Abb. 147. +In der Kirche.+ Aus dem „Sonntag“. 1861. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 82.)] + +Liebe Erinnerungen sind mir zwei Ausflüge, welche die Mitglieder des +Stammtisches unternahmen. Der erste, um die Mitte der siebziger Jahre, +führte über Aussig und Camayk bis Leitmeritz, in die Gegenden, in +welchem ihm, italienkrank, vor vierzig Jahren zum erstenmal wieder die +Augen für die Schönheiten der deutschen, vaterländischen Natur geöffnet +wurden. Wie war unser Meister trotz seiner siebzig und mehr Jahre +frisch und heiter, wie freute er sich, wie lachte ihm das Herz, als er +an der von Eichen umschlossenen „Eiskapelle“ oberhalb Camayk stand, wo +er vor vielen Jahren mit seinen Schülern geweilt, von wo der Blick in +glänzende, zitternde Fernen des schönen gesegneten Böhmerlandes sich +verliert und man den Lauf des silbernen Elbstromes weit, weit verfolgen +kann, wo draußen Burgen und Ruinen, Städte und Dörfer, Felder und +Wälder und schönlinige Bergzüge im Sonnenglanz verschwimmen! Er sah +das schöne Land zum letztenmal, sein Fuß hat es nicht wieder betreten. +Der zweite Ausflug führte nach einer romantisch im Wald liegenden +früheren Besitzung v. Quandts in Dittersbach bei Pirna, in der Peschel +in Lünetten einer Gartenhalle Bilder zum Erlkönig, König von Thule +usw. ~al fresco~ ausgeführt hatte. Diese Besitzung war auch deshalb +noch von besonderem Interesse, weil v. Quandt hier des öfteren die +bedeutendsten Künstler Dresdens, unter diesen auch den hochbedeutenden +Architekten Gottfried Semper, um sich versammelte. Semper teilte +Richard Wagners Schicksal, auch er war in die Dresdener Maiereignisse +von 1849 verwickelt und mußte flüchten. Weitere schöne Erinnerungen +sind mir die Weihnachtsfeste, welche die gesamte vielgliederige Familie +im Hause des Schwiegersohnes Theodor Kretzschmar feierte und denen +ich seit 1873, seitdem ein verwandtschaftliches Verhältnis mich noch +enger mit dem Meister verband, mit beiwohnen zu dürfen das Glück hatte. +Unter dem lichterglänzenden Tannenbaum scharten sich all die Kinder, +Schwiegerkinder und die fröhlichen Enkel und die weiteren Verwandten, +zu denen auch Peschel zählte, um den würdigen, auch in seiner äußeren +Erscheinung wirklich Ehrfurcht gebietenden Senior der Familie. Mit +wieviel Liebe und Güte und Freundlichkeit verkehrte er mit all den +Seinen! Und doch hatte er seinen Kindern und Enkeln gegenüber etwas +Zurückhaltendes, etwas Unnahbares, Reserviertes. In den Zeiten, in +denen er aufgewachsen, war das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern +sehr viel anders als heute gewesen; schon an sich charakteristisch +für diese Zeit war, daß in vielen Familien bis in die sechziger Jahre +Vater und Mutter mit „Sie“ angeredet wurden. In des Meisters Hause +herrschte freilich das „Du“, wenigstens solange ich mich entsinnen +kann. -- Am 9. September 1875 schreibt er aus Wildbad Gastein, das +er seines Nervenleidens wegen wieder sucht: „-- -- Wir haben hier +viel liebe und zum Teil sehr interessante Menschen kennen lernen und +ich bin diesmal fast gewaltsam aus meiner Stille in einen großen +Verkehr gezogen worden. Es fiel mir das oft recht schwer, weil das +Bad meine alten Übel, große Abspannung und Schlaflosigkeit, viel mehr +steigerte als verminderte. Ich hoffe bei alledem einen guten Erfolg. +-- -- -- Hoffentlich sehen wir uns in nächster Woche; denn trotz der +großen Schönheit hiesiger Natur, die ich so leicht nicht vergessen +werde, stellt sich doch die Sehnsucht nach dem lieben Daheim mit den +vertrauten Lieben recht heftig ein.“ -- + +[Illustration: Abb. 148. +Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich +besuchet.+ Aus dem „Sonntag“. 1861. + +(Zu Seite 82.)] + +[Illustration: Abb. 149. +Heimkehr vom Lande.+ Aus dem „Sonntag“. 1861. +(Zu Seite 83.)] + +[Illustration: Abb. 150. +Heimkehr.+ Aus dem „Sonntag“. 1861. (Zu Seite +83.)] + +[Illustration: Abb. 151. +Titelkopf des „Daheim“.+ + +Nach der Originalzeichnung im Besitz der Verlagshandlung. 1863. (Zu +Seite 84.)] + +[Illustration: Abb. 152. +Kleinhandel.+ 1856. Aus „Neuer Strauß fürs +Haus“. 1864. + +Verlag von Velhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig. (Zu Seite 85.)] + +In den letzten fünfzehn Jahren ging der Altmeister fast jährlich +nach Bad Boll in Württemberg, zu den hoch bedeutenden evangelischen +Pfarrern Blumhardt, Vater und Sohn. Hier in der herrlichen Luft, in +so anregendem und ihn besonders interessierendem Verkehr mit diesen +beiden Männern und mit so manchem, der das Gleiche wie er suchte, +erfrischte und stärkte er sich immer für die lange Winterszeit, die ihm +besonders viel schlaflose Nächte brachte. In einem Briefe vom 18. Mai +1880 schreibt er aus Boll: „Vor acht Tagen sind wir hier angekommen +und haben seitdem die wundervollsten Frühlingstage durchlebt. Ich +bewohne ein Eckzimmer in schönster Lage, und vom ehrwürdigen Gipfel +des Hohenstaufen und des Rechberg, wie aus dem nahen Eichenwald weht +eine so erfrischende, balsamische Luft mir entgegen, daß man sie mit +Entzücken einatmet, dazu mittags und abends die Gesellschaft des +höchst geistvollen Christoph Blumhardt und einiger sehr interessanter +Persönlichkeiten -- Herz! was willst du mehr? Ich fühle mich hier +sehr glücklich und danke Gott dafür. Könnten nur alle die Lieben da +sein, die ich mir herwünschte, sie würden sich mit mir freuen!“ +-- -- In einem Briefe vom 4. August 1882 schreibt er ebendaher: +„-- -- hier in Boll bin ich in einer Stimmung, die mich an Uhlands +Gedicht ‚Die verlorene Kirche‘ erinnert, welches Kietz mir vor einiger +Zeit zufällig vorlas und das ich im Schlußblatt zum ‚Täglichen Brot‘ +(siehe Abb. 159) im Sinn hatte. Boll hat nach außen und innen +etwas+ +davon! -- -- -- befinde ich mich doch so, daß ich ganz zufrieden bin, +und die mannigfaltigen geistigen Anregungen geben täglich reichen Stoff +zum Nachdenken und Besprechen.“ -- + +[Illustration: Abb. 153. +Johannisfest.+ Aus „Neuer Strauß fürs Haus“. +1864. (Zu Seite 85.)] + +[Illustration: Abb. 154. +Erstes Ofenfeuer.+ Aus „Neuer Strauß fürs +Haus“. 1864. (Zu Seite 85.)] + +[Illustration: Abb. 155. +Gruselige Geschichten.+ + +Aus „Neuer Strauß fürs Haus“. 1864. (Zu Seite 85.)] + +Kaiser Wilhelm I. hatte im Jahre 1871 dem Komponisten der „Wacht am +Rhein“ und dem Schöpfer des Hermannsdenkmals auf dem Teutoburger +Walde einen Ehrensold ausgesetzt. Der Bildhauer von Bandel war der +erste von beiden, der das Zeitliche segnete, und nun wurde am 11. +Oktober 1876 unser Altmeister vom Kaiser mit diesem Ehrensold auf +Lebenszeit bedacht. Am 1. Dezember 1876 trat unser Meister nach einer +achtundvierzigjährigen Dienstzeit in den wohlverdienten Ruhestand. +Das Ministerium des Innern hatte mit König Alberts Genehmigung in +Anerkennung seines künstlerischen Wirkens den Ausfall am Gehalt als +„Ehrengehalt“ ersetzt, den die Landstände ihm dann auch bestätigten, +so daß ihm sein seither bezogener voller Gehalt als Pension verblieb. +Von der Mitgliedschaft des „Akademischen Rates“ wurde er aber noch +nicht enthoben, er mußte an den Sitzungen desselben nach wie vor noch +teilnehmen, was ihm sehr beschwerlich war; aber er blieb dadurch doch +noch in Verbindung mit der Akademie und fühlte sich nicht so ganz +abseits. + +[Illustration: Abb. 156. +Beiß mal ab, Hänschen!+ + +Aus „Neuer Strauß fürs Haus“. 1864. (Zu Seite 86.)] + +[Illustration: Abb. 157. +Ährenlese.+ 1866. (Zu Seite 86.)] + +[Illustration: Abb. 158. +Zur Mühle.+ Aus „Unser täglich Brot“. 1866. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 86.)] + +Vor seinem Abgänge von der Kunstakademie bereitete die Dresdener +Künstlerschaft unserem Meister am 9. März 1876 ein wohlgelungenes +Fest. Die Festteilnehmer erschienen als Richtersche und oft recht +drollige Figuren; die einzelnen zusammengehörigen Gruppen brachten dem +Meister ihre Huldigung dar; es gab dabei sehr lustige Szenen; Hermann +und Dorothea waren wohl ein dutzendmal vertreten, und Hermann hatte +dreißig oder mehr Mütter. Obwohl er schweren Herzens -- ihm waren alle +offiziellen Feiern, und nun gar ihm selbst bereitete, etwas Unbequemes +-- zu der Feier sich begab, war er doch sichtlich ergriffen ob all der +Liebe und Verehrung, die ihm, wie er liebenswürdigst behauptete, so +unverdient entgegengebracht wurde. + +Am 18. Februar 1878 wurde er, auf sein dringendes Ansuchen, aus dem +„Akademischen Rat“ der Kunstakademie entlassen. Die Sitzungen waren ihm +mit der Zeit eine immer schwerere und drückendere Last geworden. Am 22. +Dezember 1878 ernannte ihn die Stadt Dresden zum Ehrenbürger. + +[Illustration: Abb. 159. +Denn dies ist das Brot Gottes.+ Aus „Unser +täglich Brot“. 1866. (Zu Seite 87.)] + +[Illustration: Abb. 160. +Ländliches Fest.+ 1866. (Zu Seite 87.)] + +Das Augenleiden hatte sich in den letzten Jahren so verschlimmert, +daß er kaum noch lesen konnte. Es waren auf der Netzhaut der Augen +durch Springen und Vernarbungen von Blutgefäßen unempfindliche Stellen +entstanden, die nicht mehr funktionierten, so daß er die Dinge um sich +her nur teilweise sah. Schreiben konnte er nur noch mit Hilfe der Lupe, +er fand die Zeilen nicht mehr und schrieb oft durcheinander, wie der +angefügte Brief zeigt. + +Im Jahre 1880 ungefähr schreibt er einmal: „Außer dem Evangelium, +das göttliche Gesundheit atmet, lese ich jetzt nur Goethe und +Jeremias Gotthelf, allerdings eine wunderliche Zusammenstellung, aber +mir ist wohl, wenn ich dabei bin.“ Jeremias Gotthelf war ihm ein +Lieblingsschriftsteller geworden. Dieser kernige, gesunde Schweizer +verstand es, unseren Meister zu fesseln, wie er auch Cornelius +gefesselt hatte. Die wuchtigen, markigen Männergestalten mit all ihrem +germanischen und bäuerlichen Eigensinn und ihren Schrullen und Ecken +und ihrem trefflichen inneren Kern, die Männer, die mit dem Mist an +den Stiefeln in die Stube treten, im Gegensatz zu Berthold Auerbachs +Bauern, die sich erst säuberlich vor der Tür die Stiefeln abstreichen, +-- die entzückend geschilderten Mädchen- und Frauengestalten, die +kerngesunde Charakteristik, -- das alles packte und fesselte +ihn. Die reizende kleine Erzählung, das „Erdbeer-Mareili“, die ans +Romantische streift, war ihm besonders lieb. Gestalten wie Uli der +Knecht und der Hagelhans und dessen Tochter Vreneli waren nach seinem +Sinn. Fritz Reuters urgesunder Humor und ausgezeichnete Charakteristik +erfreuten ihn; er hat beim Vorlesen aus der „Stromtid“, aus der +„Franzosentid“ und den übrigen Werken oft herzlich gelacht. 1868 +war Richter mit Skizzen zu Gotthelfs und Fritz Reuters Schriften +beschäftigt, ließ aber diesen Plan wieder fallen und zeichnete statt +dessen die Folge „Gesammeltes“. Charles Dickens’ (Boz’) Werke, so +dessen David Copperfield und andere, haben ihm immer sehr behagt. + +[Illustration: Abb. 161. +An der Via Appia.+ Nach einer +Originalphotographie. 1867. (Zu Seite 88.)] + +[Illustration: Abb. 162. +Brunnen bei Arriccia.+ Nach einer +Originalphotographie. (Zu Seite 88.)] + +[Illustration: Abb. 163. +Auf dem Berge.+ Aus „Gesammeltes“. 1869. +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 89.)] + +[Illustration: Abb. 164. +Mittagsruhe im Korn.+ 1861. + +Aquarelle im Besitz des Herrn Cichorius in Dresden. (Zu Seite 88.)] + +[Illustration: Abb. 165. +Kinderszene.+ Aus „Gesammeltes“. 1868. (Zu +Seite 89.)] + +Vor allem schätzte er aber Goethe und Shakespeare, wie wir das aus +seinen Aufzeichnungen schon ersahen. Eine besondere Vorliebe hatte er +für die Romantiker, wie Tieck, Novalis, Clemens Brentano. Hier war die +romantische Richtung aus der Zeit seiner Jugend bestimmend für sein +ganzes Leben, wenn er auch in späteren Jahren sehr klar sah, was in +jener Zeit krankhaft und gemacht war. Brentanos herrliches Fragment +„Aus der Chronika eines fahrenden Schülers“ schätzte er ganz besonders; +er hat dazu das prächtige Blatt „Die Laurenburger Els“ im „Gesammelten“ +gezeichnet. Brentanos Märchen, herausgegeben von Guido Görres, vor +allem das „Vom Rhein und dem Müller Radlauf“, die Romanzen vom +Rosenkranz und die Aufzeichnungen der Visionen der Nonne von Dülmen, +Katharina Emmerich, letztere wegen des Anregenden für die Darstellung +der Leidensgeschichte Christi, interessierten ihn sehr. Den würdigen +Matthias Claudius hatte er besonders ins Herz geschlossen; wie oft habe +ich ihn rezitieren hören: + + Wir stolzen Menschenkinder + Sind eitel arme Sünder + Und wissen gar nicht viel. + Wir spinnen Luftgespinste + Und suchen viele Künste, + Und kommen weiter von dem Ziel. + + Gott, laß dein Heil uns schauen, + Auf nichts Vergänglich’s trauen, + Nicht Eitelkeit uns freu’n. + Laß uns einfältig werden + Und vor dir hier auf Erden + Wie Kinder fromm und fröhlich sein. + +[Illustration: Abb. 166. +Dreikönigslied.+ Aus „Gesammeltes“. 1869. (Zu +Seite 89.)] + +[Illustration: Abb. 167. +Feierabend.+ Aus „Gesammeltes“. 1867. (Zu +Seite 89.)] + +[Illustration: Abb. 168. Zu „+Gott sorgt für uns+“. 1865. Aus Georg +Scherers „Illustriertes deutsches Kinderbuch“. II. Band. 1869. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 89.)] + +Die angeführten Strophen, von denen er bei Gelegenheit sagt: +„Jede Zeile eine Perle!“ -- „enthielten für Richters Denk- und +Empfindungsweise die Quintessenz aller praktischen, christlichen +Lebensweisheit“. Auch für die Schriften Gottfried Heinrich von +Schuberts, die wissenschaftlichen wie die erbaulichen, hatte er das +größte Interesse; er nennt ihn in der Biographie neben Kempis und +Claudius seinen Lehrer und Führer; er lernte ihn 1850 persönlich durch +Schnorr in München kennen. „Schubert galt ihm als der protestantische +und der edle Bischof Sailer von Regensburg († 1832) als der katholische +Hauptvertreter jener milden Geistesrichtung, welche das Christentum +universell zu fassen weiß und die konfessionellen Gegensätze und +formalen Differenzen innerhalb der Christenheit nicht zu Schranken +werden läßt, durch die sich glaubensbedürftige Menschen innerlich +voneinander getrennt sehen.“ „Sailers Gebetbuch, Kempis und der alte +Claudius tuen mir am wohlsten, und vor Allem die Bibel“, schreibt er +1873; (das Gebetbuch schenkte er seiner Enkelin Margarete als Mitgabe +in den Ehestand). Eckermanns Gespräche mit Goethe, Richard Rothes +„Stille Stunden“ und das von Fr. Nippold herausgegebene Buch „Richard +Rothe, ein christliches Lebensbild“, auf Grund der Briefe Rothes +entworfen (Wittenberg, Herm. Kölling), waren ihm höchst wertvoll und +hochsympathisch. + +[Illustration: Abb. 169. +Der kreuzlahme Kraxelhuber.+ 1868. (Zu Seite +90.)] + +Mit hoher Begeisterung betrachtete er die Werke Joseph Führichs, +die dieser hochbegabte Künstler in den letzten fünfzehn Jahren +seines Lebens dem deutschen Volke darbrachte. Die auffallend freiere +Entfaltung dieses großen Talentes in dessen späteren Jahren, das +hohe Stilgefühl, die Romantik und die tief religiöse Anschauung +erregten seine größte Bewunderung. Die Bilder zum Bethlehemitischen +Weg, zu Thomas von Kempens vier Büchern von der Nachfolge Christi, +zu den Psalmen usw. bereiteten ihm bei ihrem Erscheinen eine wahre +Herzensfreude. Auch die Overbeckschen sieben Sakramente erfüllten ihn, +als er sie um 1865 zum erstenmal sah, mit aufrichtiger Bewunderung, +obwohl in den späteren Overbeckschen Werken im Gegensatz zu dessen +Jugendarbeiten ihn manches innerlich weniger berührte; hier aber schien +ihm Overbeck auf der Höhe zu stehen. Daß ihn die Werke Rethels, dieses +größten Meisters auf dem Gebiet der Geschichtsmalerei im neunzehnten +Jahrhundert, dessen „Totentanz“, die Kompositionen zu den Fresken für +den Rathaussaal in Aachen aus dem Leben Karls des Großen, ferner der +„Tod als Freund“ und der „Tod als Erwürger“ und die früher erwähnten +Bibelblätter aufs höchste mit Bewunderung erfüllten, versteht sich von +selbst. Von den Kartons für Aachen sah er einige in Dresden entstehen. +Er sprach oft über den den Sturz der Irmensäule darstellenden Karton, +und wie ihm ganz besonders die stilvolle und so eigenartig behandelte +Landschaft behagte. + +[Illustration: Abb. 170. +Wen solche Taten nicht erfreuen.+ 1868. + +(Zu Seite 90.)] + +Von Cornelius’ Kunst hatte er immer einen mächtigen Eindruck. Mit +ungewöhnlichem Interesse stand er Mitte der siebziger Jahre, als er +von einem Aufenthalt auf Sylt auf der Rückreise Berlin berührte, vor +den Camposantokartons in der Nationalgalerie. Die Cornelianischen +„Nachtreter“ lehnte er ab; hier sah er sicher und klar, was „Eigenes“ +war, und zitierte oft scherzend, wenn er vor „cornelianisch“ sein +sollenden Kompositionen stand: „Wie er sich räuspert und spuckt, das +haben sie ihm glücklich abgeguckt.“ Besonders hoch hielt unser Meister +auch die Werke von Ludwig Knaus. Bei Gelegenheit eines Besuches in +der Privatgalerie von Johann Meyer in Dresden, wo die beiden Bilder +„Durchlaucht auf Reisen“ und die „Beerdigung auf dem Lande“ dieses +größten deutschen Genremalers des neunzehnten Jahrhunderts sich +befinden, wurde er nicht müde im Betrachten, kam auch immer wieder auf +diese beiden Werke zurück. Die treffliche Charakteristik in beiden +Gemälden, die scharfe Beobachtung, die Individualisierung jeder +einzelnen Gestalt, und nun gar der liebenswürdige Humor in „Durchlaucht +auf Reisen“ und die meisterhafte Durchführung beider Bilder machten +den größten und nachhaltigsten Eindruck auf ihn. Das in der Dresdener +Galerie befindliche Bild von Knaus „In der Kunstreiterbude“, die +Unterhaltung eines Roués mit einer „Kostümierten“, war ihm des +dargestellten Gegenstandes wegen unsympathisch; er war darüber +ungehalten, daß man von diesem von ihm so hochgeschätzten Meister +gerade dieses Bild erworben hatte. Über die Ausstellung in München +1869 schreibt er: „Mich interessierten nur die Bilder von Knaus und +Steinles ‚Christus geht bei Nacht mit den Jüngern‘ und sein herrlicher +Karton in Farben: ‚Schneeweißchen und Rosenrot‘. Ähnliches möcht’ ich +machen!“ Für die Landschaften von C. F. Lessing aus dessen +früherer+ +Periode hatte Richter eine besondere Vorliebe; im Städelschen Institut +in Frankfurt a. M. befindet sich ein Bild von diesem Meister: Unter +schattigen Bäumen am Brunnen ruht ein Ritter, draußen sieht man auf +braune, im Mittagssonnenschein glänzende Heide; dahinter dunkler Wald. +Dieses Bild liebte er sehr, er besaß eine kleine Nachbildung davon, die +er gern und mit großer Freude betrachtete. + +[Illustration: Abb. 171. +Den Stammtischgenossen.+ 1870. + +(Zu Seite 90.)] + +Sein Haus war schlicht und einfach, ebenso sein Tisch anspruchslos +bürgerlich; er sah gern einen oder zwei Tischgäste bei sich, +selbstverständlich möglichst Nahestehende aus der Verwandtschaft, dann +war er ungeniert und konnte in dem gewohnten Hauspelz sitzen. Das kurze +Tischgebet sprach er schlicht und einfach, daß man ihm mit Ehrfurcht +folgen mußte. Bei Tisch pflegte er eine gleichmäßig freundliche +Unterhaltung und würzte das Mahl durch manchen trefflichen Gedanken, +dabei immer demütig und voll innerster und wahrster Herzensgüte. +Seit einer Reihe von Jahren sorgte ein Hamburger Kunstfreund (ich +denke, es ist in dessen Sinne, wenn ich seinen Namen verschweige) für +vorzügliche Weine und sonstige Stärkungsmittel, deren sein hohes Alter +bedurfte. Wenn er solch kostbaren Stoff kredenzte, gedachte er stets +mit rührender Dankbarkeit, aber immer im Gefühl des Unverdienten, des +freundlichen Spenders. Ebenso einfach waren die Abende bei ihm; vor +dem Abendtisch wurde eine, auch zwei Stunden lang vorgelesen; das +Gehörte gab beim Abendessen Stoff zu anregender Unterhaltung. Der +Meister war oft heiter, erzählte gern fröhliche Episoden aus seinem +oder seiner Freunde Leben, ließ oft seinem wirklich guten und echten +Humor, den er in hohem Maße besaß, freien Lauf, hörte aber auch gern +zu. Nach Tisch wurde dann weiter gelesen, er saß dabei im bequemen +grauen Hauspelz in seiner Sofaecke, über den Augen einen großen, grünen +Schirm, die Hand am Ohr, da er schließlich auch schwerer hörte; so +konnte er stundenlang dem Vorleser zuhören und war stets mit regstem +Interesse dabei, sprach oft dazwischen, geistreich und lebendig +anknüpfend an irgendwelche Stelle des eben Vorgelesenen. + +[Illustration: Abb. 172. +Melusine am Brunnen.+ 1870. (Zu Seite 90.)] + +[Illustration: Abb. 173. +Sitzendes Mädchen.+ (Zu Seite 93.)] + +[Illustration: Abb. 174. +Aus der Jugendzeit.+ 1871. (Zu Seite 93.)] + +Sein Tagewerk begann Richter mit dem Lesen einer Morgenandacht und +der Herrnhuter Losungen; er wechselte bei diesen Morgenbetrachtungen +mit den Büchern und sprach oft längere Zeit über das Gelesene mit den +Seinen, belehrend und fördernd. Die Abb. 115 schildert eine solche +Morgenbetrachtung in seinem Hause, im Kreise der Seinen. In der Folge +mußten ihm auch diese Andachten vorgelesen werden. Darauf begab er +sich in sein Arbeitszimmer. In seiner Vaterstadt Dresden hat man jetzt +auf Betreiben des Stadtarchivars ~Dr.~ Richter im Stadtmuseum, in der +Nähe seiner Wohnung, in der er sein reiches Leben abschloß, ein Ludwig +Richter-Zimmer eingerichtet, in dem Reliquien des verehrten Altmeisters +aufgestellt sind. Hier ist der Arbeitstisch, an dem er viele Dezennien +so fleißig geschafft, mit allem, was darauf untergebracht war, bis +auf die kleine Vase, in der einige Blümchen, je nach der Jahreszeit, +sein Auge erfreuten, und was sonst noch von Inventar sich erhalten; +man hat annähernd dort einen Eindruck von der Anspruchslosigkeit +in seinem Hause. Über seinem Arbeitstisch hing das kleine, in Öl +gemalte Selbst-Porträt seines römischen Jugendfreundes Maydell und +das von Amsler so schön gestochene Porträt Fohrs; wie oft mögen, wenn +seine Augen über diese beiden Bildnisse hinstreiften, die römischen +Jugenderinnerungen an ihm vorübergezogen sein! „Karl Philipp Fohr +war sein künstlerisches Jugendvorbild auf dem Gebiete stilvoller und +dabei manierloser Naturauffassung.“ Zur Seite des Tisches standen +Mappen mit seinen Lieblingsblättern, Stiche und Radierungen, die er +oft betrachtend durch seine Finger gleiten ließ und sich zur eigenen +Arbeit daran erfrischte und anregte. Es war eine gewählte Gesellschaft, +die da, still aneinander gereiht, zusammenlag. Der größte Teil davon +waren, außer den trefflichen Radierungen J. C. Erhards, Blätter aus der +romantischen Zeit, in der er aufgewachsen war, aber auch Rembrandt, +Berghem, Dietrich, Ostade, Teniers, vor allem Dürer, Fiesole usw. waren +vertreten. Er bewahrte auch einen kleinen Schatz von Handzeichnungen +dabei, unter anderen solche von Schnorr, Schwind, Overbeck, Horny, +Fohr, Berthold, Erhard, Chodowiecki, Dreber, Hasse und anderen. Auch +Pausen nach Schwind, Reinhold usw. waren hier eingereiht. Ehe er +an seine Arbeit ging, skizzierte er oft nach Dürer oder anderen +altdeutschen Meistern eine oder mehrere charakteristische Figuren oder +Teile aus einem Blatt, Bäume, Hügel, ein Stück Ferne und Wolken. Diese +Handübungen wanderten dann in den Papierkorb. Sobald er bei seinen +eigenen Arbeiten über den darzustellenden Gegenstand im klaren war, +zeichnete er mit zartem Strich die Figuren und die ganze Komposition +hin. Oft machte er drei, vier und mehr Skizzen auf Papier verschiedenen +Formates und Tones, bis er das annähernd im Aufbau erreicht hatte, +was er suchte; das, was ihm nun am gelungensten erschien, führte er +weiter aus. Die Abbildungen 145 und 186 sind solche Entwürfe. Von der +Gruppe zu dem Bild „Die Laurenburger Els“ besitze ich allein sechs +Entwürfe. Wenn er später solche wieder zu Gesicht bekam, war er oft +verwundert über seine eigene Wahl, er fand, daß er nicht immer den +richtigen Entwurf zur weiteren Ausführung gewählt. Den einen oder +anderen dieser beiseite gelegten Entwürfe führte er später wohl auch +noch aus. Bei der Arbeit pflegte er manchmal leise vor sich hin zu +singen oder zu pfeifen, beliebige Volksliedmelodien, heitere und +ernste. Sobald der Tag sich neigte, legte er die Arbeit fort und eilte +zum Spaziergang nach dem „Großen Garten“, dem öffentlichen königlichen +Park in Dresden, wo er mit Freunden in einem kleinen engen Lokal +„Beim Hofgärtner“ seinen Kaffee einnahm und wo dann eine lebhafte +Unterhaltung gepflegt wurde. Früher hatten im Café Meißner solche +Zusammenkünfte stattgefunden, an denen außer Künstlern wie Rietschel, +Hähnel, Bendemann, Peschel usw. auch Schriftsteller und Schulmänner +teilgenommen; mit den Jahren hatte sich dieser Kreis aufgelöst. Später +finden wir dann den Meister, nachdem er seinen Spaziergang gemacht, +an dem Stammtisch im British Hotel, den wir schon erwähnten. Die +Abend- oder gar Nachtstunden hat er zur Arbeit nie mit herangezogen, +diese wurden nur für die laufenden Korrespondenzen und für das Lesen +ausgenützt, letzteres erstreckte in jüngeren Jahren sich oft bis in +späte Nachtstunden. Briefschreiben war ihm immer eine Last, er schreibt +einmal: „-- aber vor dem Tintenfasse habe ich eine Scheu, wie die +Kinder vor dem schwarzen Feuerrüpel“ (Schornsteinfeger). -- Sein Freund +E. Oehme z. B. hatte die Gewohnheit, zu jeder Stunde der Nacht, wenn +ihn irgend eine Stelle eines in Arbeit befindlichen Bildes beunruhigte, +wieder aufzustehen und sich vor die Staffelei zu setzen. Richter sprach +darüber oft, als über etwas, das er nicht verstehen könne. + +[Illustration: Abb. 175. +Kartoffelernte.+ 1865. Aus „Altes und Neues“. +1873. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 94.)] + +[Illustration: Abb. 176. +Bruder Martin.+ 1873. (Zu Seite 94.)] + +Für Musik hatte Richter großes Interesse; besonders fesselnd und +anregend waren ihm die Trio- und Quartettabende, in denen die +hervorragendsten Künstler und Mitglieder der königlichen Hofkapelle +die beste Musik in edler, künstlerischer Weise vorführten; diese +Aufführungen waren ihm stets ein besonderer Hochgenuß. Den +Opernvorstellungen und dem Schauspiel war er in den letzten Jahren +seiner Augen und seines Gehörs wegen fern geblieben. Bach, Haydn, +Gluck, Mozart, Beethoven begeisterten ihn. Bei Wagners Opern +interessierten ihn besonders die Stoffe, wenn ihn auch manches in +Wagners Musik, insonderheit in der späteren Periode, die mit den +„Meistersingern“ beginnt, etwas befremdete; 1869 zeichnete er auf: „Die +Meistersinger von Wagner habe ich zweimal gehört. Prinzipiell nicht +einverstanden mit seiner Richtung, bin ich doch hingerissen von der +romantischen Schönheit seiner Musik und seiner Stoffe.“ Am liebsten +aber war es ihm, wenn er im eigenen Hause, in seinem behaglichen +Hauspelz, in einer Ecke sitzend, Musik hören konnte. Sein Sohn +Heinrich, der in Leipzig und München früher Musik studiert hatte und +in letzterer Stadt auch mit dem Sänger Ludwig Schnorr, dem Sohn Julius +Schnorrs, verkehrte, spielte ihm oft vor; es wurde auch viel vierhändig +gespielt, auch öfters von den weiblichen Verwandten gesungen. Und +so trug gute Musik, von kunstverständiger und kunstsicherer Hand +ausgeführt, zur Verschönerung seines Lebensabends wesentlich bei. +Ich mußte dabei oft an die Bilder des Meisters denken, in denen er +„Hausmusik“ schilderte und verherrlichte, wie in Abb. 133 und besonders +in dem schönen Titelblatt zu Riehls Hausmusik, das er 1855 gezeichnet +hatte. + +[Illustration: Abb. 177. +Mailust.+ Aus „Altes und Neues“. 1873. +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 94.)] + +Der Kreis der alten Freunde lichtete sich mehr und mehr. 1879 nahm ihm +der Tod auch seine alten Freunde Krüger und Peschel. Carl Peschel, +einer der Getreuen aus der Zeit des römischen Aufenthaltes, war ihm +ein lieber und trefflicher Freund, der bis in sein hohes Alter (er +war 1798 geboren) sich Frische und Produktionskraft erhielt; zeigten +doch seine letzten Arbeiten, Kartons zu Fenstern für eine Kirche in +England, noch wesentliche Fortschritte. In seiner Kunst schloß er sich +den altdeutschen Meistern an. Er hat eine Reihe tüchtiger Altarbilder +aus innerster religiöser Überzeugung geschaffen, die zu den besten +Werken kirchlicher Kunst aus dieser Epoche gehören. Es sei hier nur +eine „Kreuzigung“ genannt, die er als Altarbild für die Kapelle des +Prinzenpalais in Dresden ausführte. War Richter eine produktive Natur, +so war die Peschels mehr kontemplativ, und so ergänzten sich beide sehr +gut. Peschel zählte zu den Hauptstützen der Dresdener Akademie; er +unterrichtete viele Jahre mit größter Gewissenhaftigkeit im Antiken- +und Aktsaal und zeigte warmes Interesse für seine Schüler. Die an seine +Braut gerichteten Briefe aus seiner römischen Studienzeit, die über die +Entwickelung der neudeutschen Kunst gewiß vieles Interessante enthalten +haben, sind seiner Witwe auf deren ausdrücklichen Wunsch mit in den +Sarg gelegt worden. -- Auch der alte Freund Julius Hübner schied Anfang +der achtziger Jahre von dieser Erde. + +[Illustration: Abb. 178. +~Sub rosa.~+ Aus „Altes und Neues“. 1873. (Zu +Seite 94.)] + +Unser Meister war nun recht einsam und verlassen, aber doch nicht +vergessen. Das sah er zu seiner Freude an seinem achtzigsten +Geburtstage, an welchem ihm so viele Zeichen und Beweise treuer +Liebe und dankbarer Verehrung aus allen Gegenden Deutschlands von +alt und jung entgegengebracht wurden. Er war tiefbewegt von alledem, +aber demütig und fast verlegen nahm er solche Huldigungen entgegen. +Am meisten freuten ihn Zuschriften und kleine Aufmerksamkeiten aus +dem Volke, die oft in recht drolliger und humoristischer Weise die +Verehrung für den Meister zum Ausdruck brachten. Wir wollen hier nur +eine Zusendung anführen, die aus Schlesien an diesem Tage einging: + +[Illustration: Noten zum untenstehenden Liedtext] + + „Wer uns den Rübezahl erschuf, + Wie unser Ludwig Richter, + Der ist ein Maler von Beruf + Und von Beruf ein Dichter. + + Bei allem Herben leuchtet vor, + Aus Mensch- und Tiergestalten, + Des Lebens Trost, deutscher Humor, + Gott mög’ ihn dir erhalten! + + Gott segne dich, du edler Greis, + Du Freund von Alt und Jungen! + Aus Schlesien wird’s zum Festtagspreis + Dem Achtziger gesungen! + + Der Sänger und der Dichter + Ist auch (jedoch Amts-)Richter, + Reist stets noch mit dem Ränzel + Heißt Amtsgerichtsrat .......“ + +In seiner Biographie klagt er, daß die Anforderungen, die dieser Tag +an ihn gestellt, über seine Kräfte gingen, und schreibt dann: „Ich +fühlte mich noch an den folgenden Tagen durch diese vielen Ehren- und +Liebeszeichen freudig gehoben, aber ebensosehr innerlich gebeugt: +denn wodurch hatte ich dieses alles verdient? Meine Arbeiten waren +doch meine eigene höchste Lust und Freude gewesen, und das Gute und +Lobenswerte daran lag doch gerade in dem, was man nicht bloß lernen +oder sich selber geben kann, sondern es war das, was uns geschenkt +wird: die Gottesgabe, das Talent.“ Aus diesen Worten erkennt man wieder +den durch und durch demütigen Menschen und Künstler. + +[Illustration: Abb. 179. +Wenn ich dich hätte.+ 1870. Aus „Altes und +Neues“. 1873. (Zu Seite 94.)] + +Im Jahre 1856 war der bekannte feinsinnige Kunstfreund Eduard Cichorius +aus Leipzig zum erstenmal nach Dresden gekommen und hatte hier durch +August Gaber unseren Meister kennen gelernt. Es entwickelte sich +in der Folge ein warmes Freundschaftsverhältnis zwischen beiden +Männern. Cichorius fing an, Zeichnungen von Richter zu sammeln, +und mit sicherem Blick und feinem Verständnis für die Eigenart des +Meisters brachte er die größte und hervorragendste Sammlung zusammen, +der er auch eine stattliche Reihe von Handzeichnungen J. Schnorrs, +viele von den Zeichnungen zu dessen großem Bibelwerk und die früher +erwähnten Landschaften aus Italien einverleibte. Er erwarb auch eine +Reihe von Ölbildern Richters, von denen er einige dem Städtischen +Museum in Leipzig überwies. Der Meister kam, so oft Cichorius +wieder in Dresden weilte, viel zu ihm ins Hotel, wo sich dann beim +Betrachten der Zeichnungen die interessantesten Gespräche anknüpften. +Cichorius schreibt in der „Liebesspende“ für die Kinderheilanstalt in +Dresden (von Zahn & Jaensch, Dresden) im Dezember 1884 darüber: „Im +vertraulichen Gespräch, wo Richter sich gehen ließ, sich ganz frei +fühlte, war er der anziehendste, geistvollste Gesellschafter, der sich +nur denken läßt. Ein solches sich stundenlang ausdehnendes Zwiegespräch +war von hohem Genuß; ein lebhafter Austausch, ein gegenseitiges Geben +und Empfangen, bei wesentlicher Übereinstimmung im ganzen. Kleine +Abweichungen in den Ansichten bilden ja erst die rechte Würze der +Unterhaltung.“ Und weiter schreibt er an derselben Stelle: „Wohl +trennte uns vielfach Neigung und Meinung, vorzugsweise in politischen, +aber auch in Fragen nach den höchsten Dingen, und es traten hier oft +schärfere Gegensätze hervor, aber er bewährte sich auch hier als ein +echter Freund; er gab seine Meinung nicht auf, vertrat sie aber immer +auf sanfte und milde Weise. So blieb unser Verhältnis ungetrübt, und +dabei war das Verdienst ganz und gar auf seiner Seite.“ In diesen +vortrefflichen Aufsatz werden auch Briefe Richters an Cichorius aus +den Jahren 1876-1883 zum Abdruck gebracht, aus denen man ersieht, wie +freundschaftlich er ihm zugetan war. Das Freundschaftsverhältnis war +bis an Richters Lebensende das denkbar beste, Cichorius bewahrt ihm das +treueste Gedenken. + +[Illustration: Abb. 180. +Heimkehr der Landleute nach Civitella.+ + +Aus „Altes und Neues“. 1873. (Zu Seite 94.)] + +An freudigen und ernsten Ereignissen in der Familie nahm Richter +herzlichsten Anteil. 1880 und 1881 griff der Tod mit rauher Hand in ein +stilles, glückliches Familienleben ein: drei blühende Urenkel fielen +tückischen Krankheiten zum Opfer; er war auch hier in Tagen schwerster +Prüfung und Heimsuchung, die so plötzlich hereinbrachen, durch sein +unerschütterliches „Wie Gott will!“ eine rechte Stütze und wußte die +zerschlagenen Elternherzen aufzurichten. In solchen Zeiten schwerer +Sorgen schreibt er aus Boll am 18. Mai 1880: „Zunächst möchte ich gern +wissen, wie es Euch ergeht? Hoffentlich zieht die dunkle Wolke nun +vorüber, Ihr armen Schwergeprüften! -- Grüße zunächst Deine Frau Gretel +und die beiden Kinder; die Geschwister haben ihr Pfingsten in der +‚Oberen Gemeinde‘ gefeiert, gewiß recht selig und in Jubel. Die Tränen +sind nur hier zu Hause. Gott sei mit Euch.“ + +Schon in Rom hatte Richter eifrig den Gottesdienst in der +protestantischen Kapelle im preußischen Gesandtschaftspalast aufgesucht +und zu Richard Rothe, dem damaligen Gesandtschaftsprediger, sich +in nahe Verbindung gebracht; sein Intimus Maydell war ein eifriger +Protestant. Nach Deutschland zurückgekehrt, besuchte er fast regelmäßig +die protestantische Kirche und suchte sich an den Predigten zu erbauen, +soviel er konnte. Die in den dreißiger und vierziger Jahren herrschende +Strömung in unserer protestantischen Kirche befriedigte ihn aber +wenig. In Thäters Biographie finden wir vom Jahre 1844 aus Dresden +eine Aufzeichnung, die uns einigermaßen Einblick in die damaligen +kirchlichen Verhältnisse verschafft; sie lautet: „Mit Recht klagt man +über unsere arme Kirche. Hier steht’s schlimm damit. Wir möchten gern +Gottes Wort hören, wenn wir wüßten, wo es gepredigt würde. Doch wir +haben die Bibel und finden darin Trost und Erquickung. Aber in den +Schulen fehlt es ganz. Meine Freunde, Oehme und Richter, berieten sich +erst neulich mit mir, wohin wir unsere Kinder könnten in die Schule +schicken. Wir finden keine, wo der Religionsunterricht von der Art +wäre, wie wir ihn für unsere Kinder wünschen müssen.“ + +[Illustration: Abb. 181. +Sommer.+ Aus „Bilder und Vignetten“. 1874. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 95.)] + +Rom zog Ende der dreißiger Jahre die Zügel sehr straff an; besonders +bei den „Mischehen“ wurde die seitherige Milde aufgegeben und durch +Strenge ersetzt; der Fürstbischof von Breslau, Graf Leopold Sedlnitzky +von Choltitz, legte infolge dieser strengen Richtung sein Amt nieder. +Wir wissen nicht, inwieweit dieses Vorgehen Roms auch auf Richters +Haus und Familie einwirkte, seine Kinder (seine Frau war Protestantin, +und er war mit ihr in der protestantischen Kirche getraut) hat er +protestantisch erzogen. Dabei blieb er immer ein Glied der katholischen +Kirche, er stand aber, wie ich schon sagte, +über+ den Grenzen der +Konfessionen. Später fand er auch in den protestantischen Predigten, +als eine neue, ihm sympathischere Richtung Platz gegriffen, viel +Erbauung. Bis um die Mitte der siebziger Jahre hörte er an Sonntagen +oft Predigten in der protestantischen Hofkirche, der Frauen- und +Annenkirche in Dresden, des öfteren habe ich ihn begleitet. Er stand +im Verkehr mit hervorragenden protestantischen Theologen, weilte, wie +bereits erwähnt, oft in Boll bei Blumhardt. Für die Selbstbiographie +des Grafen Leopold Sedlnitzky (Berlin, W. Hertz) hatte er großes +Interesse; die schonende Art des Grafen gegenüber der katholischen +Kirche, die seinem endlichen Übertritt zur evangelischen Kirche +(1863 in Berlin) vorangegangene lange innerliche Vorbereitung waren +Richter besonders sympathisch. Der Sohn schreibt in den Nachträgen +zur Biographie, „daß Richter in den letzten Lebensjahren sich mehr +an die katholische Kirche anschloß und Sonntags nicht, wie früher, +einer protestantischen Predigt, sondern der Messe in der katholischen +Hofkirche beiwohnte, gab in den ihm näher stehenden Kreisen Anlaß zu +der Vermutung, es habe sich -- vielleicht unter äußerer Beeinflussung +-- in seinen religiösen Anschauungen eine wesentliche Wandlung +vollzogen. Diese Meinung ist nicht zutreffend. Der von kirchlichem +Dogmatismus ganz unabhängige praktische Kern seines Christentums ist +allzeit unverändert geblieben, nur die Formen, Ausdrucksweisen und +Bedürfnisse seines religiösen Lebens haben im Laufe der Jahre unter +äußeren und inneren Einflüssen Wandlungen durchgemacht.“ Der Sohn läßt +sich hierüber noch des weiteren aus; es seien denjenigen, die sich +dafür noch besonders interessieren, die letzten Seiten der „ergänzenden +Nachträge“ zum Nachlesen empfohlen. + +[Illustration: Abb. 182. +Alles mit Gott.+ + +Aus „Bilder und Vignetten“. 1874. (Zu Seite 95.)] + +[Illustration: Abb. 183. +Kindergruppe.+ + +Aus „Bilder und Vignetten“. 1874. + +(Zu Seite 95.)] + +[Illustration: Abb. 184. +Kindergruppen.+ + +Aus „Kinderengel“ 1858 und „Bilder und Vignetten“ 1874. (Zu Seite 95.)] + +Die letzten Lebensjahre verbrachte er in stillster Beschaulichkeit. +Als es mit seinem künstlerischen Schaffen zum Stillstand gekommen +war, wurde die Ausnutzung der Tagesstunden selbstverständlich eine +ganz andere. Nach Beendigung der Morgenbetrachtungen brachte er +einige Stunden an seinem Arbeitstisch zu, ordnete Mappen, schrieb +die notwendigsten Briefe mit vieler Mühe, wenn es die geschwächten +Augen gestatteten, ging vor Tisch auf Anordnung des Arztes spazieren +und, wenn es das Wetter erlaubte, meist nach dem „Großen Garten“. Ich +sehe ihn noch greifbar vor mir: die stattliche, würdige Erscheinung, +in etwas vorgebeugter Haltung, den Stock in der Hand, mit meist +offenem Überrock, so schritt er auf der Straße dahin, mit seinen +schwachen, aber so freundlichen Augen ins Ungewisse hinausschauend; das +silberweiße Haar leuchtete unter dem schwarzen, breiten Filzhut hervor, +aus dem schwarzseidenen Halstuch lugten die spitzgeschnittenen kleinen +Stehkragen (sogenannte Vatermörder), man sah ihm schon von weitem den +bedeutenden, aber schlichten und bescheidenen Mann an. Wir finden in +seiner Biographie eine Aufzeichnung vom 19. Februar 1883, die uns einen +solchen Spaziergang schildert: „Wie gewöhnlich ging ich gegen Mittag +nach dem ‚Großen Garten‘. Der Himmel war bedeckt und alles so still. +Da ertönte aus einiger Entfernung von den noch dürren Baumwipfeln +ein ‚witt, witt, witt‘, und zugleich ließ ein kleines Vögelchen sein +eifrig lustiges Gezwitscher aus dem Gebüsch neben mir laut werden. Als +dritte Stimme klang aus der Ferne das Gurren einer Waldtaube. Dann ward +es wieder ganz still, -- das war die erste Frühlingsahnung in diesem +Jahre, der erste Gruß eines kommenden Frühlings, der mir in die Seele +drang. Ich setzte mich auf eine Bank unter den großen Eichen, brannte +mir eine Zigarre an zur Vollendung der Frühlingsfeier, und dabei +umschwärmte ein Kreis kleiner Mücken das aufsteigende Rauchwölkchen.“ +Eine friedliche Seelenstimmung klingt aus dieser kurzen Aufzeichnung +heraus; Frieden lag so wohltuend über ihm ausgebreitet bis an sein +Ende. Vom 6. März 1883, kurz nach dieser Tagebuchaufzeichnung, ist +die einem bestimmten Zweck dienende Skizze, zu der er, die Stellung +selbst angebend, eine Viertelstunde saß (Abb. 190). Vom 1. April +1884 ist der angefügte Brief, der letzte, den ich vom teuren Meister +erhielt. Er sendet gleichzeitig das Märzheft der „Deutschen Rundschau“ +mit einem größeren Aufsatz von Herrmann Grimm: „Cornelius betreffend“ +zurück. Bedauerlich ist, daß er seine Gedanken über das in dem Aufsatz +herangezogene Bild von E. von Gebhardt nicht mehr niederschreiben +konnte. Anfang des Jahres 1884 überwies des Meisters Sohn dem +königlichen Kupferstichkabinett in Dresden eine kostbare Sammlung +von Probedrucken der Holzschnitte des Meisters in +neun+ von Hoff +geordneten Bänden. + +[Illustration: (Zu Seite 150.)] + +[Illustration] + +[Illustration: Abb. 185. +Schneewittchen.+ 1870. Aquarelle in der +königl. Nationalgalerie zu Berlin. (Zu Seite 96.)] + +Im Nachtrag zur Biographie schildert der Sohn des Meisters letzte +Lebenstage wie folgt: „Sein letztes Lebensjahr, 1884, hatte er in +leidlichem Wohlsein angetreten, aber im Verlaufe des Winters und +Frühlings stellten sich zuweilen Ohnmachtsanwandlungen ein, die +ihn jedesmal für längere Zeit matt und kraftlos machten. Im Juni +erkrankte er an einer Herzentzündung. Die Krankheit selbst verließ +ihn zwar schon nach wenigen Tagen wieder, seine Kräfte aber blieben +so erschöpft, daß er tagsüber meist auf dem Sofa ruhen mußte. Geistig +erhielt er sich ungetrübt und zeigte, wie immer, liebevolles Interesse +für seine Umgebung und für alles, was in sein Bereich kam. Besondere +Freude machte ihm stets, wenn ihm etwas vorgelesen wurde. Da er den +Wunsch äußerte, wieder einmal eine gute, christliche Lebensgeschichte +zu hören, so brachte ich ihm einen Band von Knapps ‚Christoterpe‘. +Daraus las ihm die älteste Tochter seines verstorbenen Freundes, des +Kupferstechers Ludwig Gruner, die Biographie Ludwig Hofackers vor, +dessen gedruckte Predigten Richter besaß und schätzte. In diesem +Lebensbilde wird eine längere geistliche Betrachtung in Gebetform +mitgeteilt, welche Hofackers Mutter an der Leiche ihres Gatten für +ihre Kinder niedergeschrieben hatte. Von den schlichten Worten dieser +kindlich frommen, glaubensstarken Frau fühlte er sich eigentümlich +bewegt. Er erzählte mir, es sei ihm dabei die Stimmung seiner +glücklichsten und innerlich reichsten Zeit zurückgekehrt, jener Zeit in +Rom, wo ihm in der Neujahrsnacht 1825 der Glaube an einen lebendigen +Heiland plötzlich wie ein Geschenk von oben ins Herz gegeben wurde +und ihn mit vorher nicht gekanntem Frieden und Glück erfüllte. Er +kam auf dieses Thema wiederholt zurück. Noch an seinem Sterbetage, +an dem ich ihn vormittags besuchte, nicht ahnend, daß ich den lieben +Vater zum letztenmal lebend sah, brachte er das Gespräch auf Hofackers +Biographie, deren Fortsetzung er zu hören wünschte, und auf den um +Richard Rothe gescharten römischen Freundeskreis. An diesem Tage -- es +war Donnerstag der 19. Juni -- fühlte er sich zwar matt, aber besonders +heiter gestimmt und empfing, auf dem Sofa liegend, tagsüber viele +Besuche.“ + +[Illustration: Abb. 186. +Skizze zum Schneewittchen.+ 1870. (Zu Seite +96.)] + +Die Deutsche Kunstgenossenschaft hatte ihn zum Ehrenmitglied ernannt. +Sein Dankschreiben vom 16. Juni 1884, dessen Abfassung ihm Sorgen +machte, weshalb er Freund Cichorius dazu zu Rate zog, lautet: „Bereits +telegraphisch habe ich Ihnen meinen innigsten und freudigsten Dank +für die Ernennung zum Ehrenmitglied der Deutschen Kunstgenossenschaft +ausgesprochen, lassen Sie mich denselben hier noch einmal schriftlich +wiederholen. Diese ehrenvolle Kundgebung seitens der deutschen Künstler +kam mir um so überraschender, da es leider so manches Jahr her ist, daß +ich durch die zunehmende Trübung meiner Augen genötigt war, meiner so +geliebten künstlerischen Tätigkeit gänzlich zu entsagen. Wohl empfing +ich während dieser Zeit unfreiwilliger Muße von vielen Seiten her +mannigfache Zeichen freundlicher Anerkennung, die mich freudig erhoben, +da sie mir sagten, daß es mir vielleicht hier und da gelungen sei, das, +was in vielen deutschen Herzen lebt, auf meine Weise auszusprechen und +künstlerisch zu gestalten. Nun ist es mir aber von hohem Wert, auch von +seiten der Kunstgenossenschaft diese Anerkennung und Zustimmung zu dem, +was ich erstrebt und, wie meine Freunde sagen, auch bisweilen erreicht +habe, bestätigt zu sehen. Die Kunst der Gegenwart geht ja vielfach auf +anderen Bahnen, und ihre Ziele sind teilweise andere, als diejenigen +waren, denen ich und meine Altersgenossen zustrebten. Um so ehrenwerter +ist es daher, wenn auch das jüngere Geschlecht der Künstlerschaft sich +an uns Alte noch mit Wärme und Anteil erinnert. Empfangen Sie, geehrte +Herren, nochmals den Ausdruck meines Dankes, sowie Gruß und Handschlag +von Ihrem ergebenen Ludwig Richter.“ + +Es sind seine letzten Schriftzüge. Eine halbe Stunde nach Eingang des +Schriftstückes beim damaligen Hauptvorstand in Düsseldorf meldete der +Telegraph das Ableben des gefeierten Meisters. + +[Illustration: Abb. 187. +Skizze zum Schneewittchen.+ + +(Zu Seite 96.)] + +Am Abend des 19. Juni stellte sich plötzlich bei ihm, nachdem er noch +vorher mit seiner Tochter Elisabeth das Abendbrot in gewohnter Weise +eingenommen hatte, Frost ein; er begab sich zu Bett. Kurz darauf trat +die Tochter in das Schlafzimmer, um nach seinem Befinden zu fragen; er +antwortete ihr noch ganz klar und ruhig, begann auf einmal zu röcheln, +und nach wenigen Minuten hörte er auf zu atmen. Ohne Kampf löste sich +die erdenmüde Seele von ihrer leiblichen Hülle. + + „Ich wollt’, daß ich daheim wär’, + Und aller Welt nicht diente mehr. + Ich hab’ doch hie mein Bleiben nicht, + Ob’s morgen oder heut geschicht. + Daheim ist Leben ohne Tod + Und ganze Freude ohne Not.“ + +Dunkle, schwere Wolken zogen am Himmel, strömender Regen ging nieder, +als der teure Tote, es war am Abend des 21. Juni, einem Sonnabend, +bei Fackelschein von den Dresdener Künstlern nach der Friedhofshalle +übergeführt wurde. Seine Vaterstadt Dresden erwies ihrem Ehrenbürger +durch das feierliche Geläute sämtlicher Kirchenglocken die letzte +Ehre. Auf dem neuen katholischen Friedhof der Friedrichstadt, des +Stadtteiles, in dem seine Wiege stand, wurde er beerdigt. Sein +Grabstein trägt die gleiche Inschrift wie der seiner Frau auf dem +Loschwitzer Friedhof: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein +Gewinn.“ + +Aus der Grabrede, die ihm der Kaplan Eberhard Klein am 23. Juni hielt, +ist folgende Stelle hervorzuheben: „Richter hat die Himmelsgabe, +die ihm Gott geschenkt, mit priesterlicher Ehrfurcht gehandhabt und +gehütet. Seine Kunst hat sich ihren wahren Adels- und Freiheitsbrief +der Tendenzlosigkeit bewahrt und nichts anderes sich zum Zwecke +gesetzt, als in Gott wohlgefälliger Weise die Mitmenschen zu erfreuen. +Seine Kunst war eine Art Gottesdienst, war eine Ausübung der +Nächstenliebe, wie sie selbstloser und edler nicht gedacht werden kann. +Und wie er malte, so war er, seine Kunst ist sein Wesen.“ -- + +[Illustration: Abb. 188. +Schlafende Kinder.+ 1872. (Zu Seite 97.)] + +[Illustration: Abb. 189. +Ruhe auf der Flucht.+ Des Meisters letzte +Aquarelle. 1873. In der königl. Nationalgalerie zu Berlin. (Zu Seite +98.)] + +„Je mehr ein wahrhaft gesundes Gedeihen der Kunst auf ihrer +Volkstümlichkeit beruht, desto mehr hat diese selbst ihre Ideale treu +und rein zu hüten. Die Abwege ins Äußerliche, Naturalistische und +Leere liegen unserer heutigen Kunst, vor allem der Malerei deshalb so +gefährlich nahe, weil der Zug der Zeit ein überwiegend realistischer +ist. Drum muß die Kunst ihr ewiges Erbteil des Idealen wahren, muß +treu, wahr und tief sich dem Leben hingeben, aber in den Erscheinungen +desselben nicht die blendende Hülle, sondern den unvergänglichen Gehalt +zu erfassen suchen. Das ist ihre Aufgabe, ihr Beruf, das ist die +Bedingung für ihre lebendige Fortdauer,“ so schließt Wilhelm Lübke 1860 +sein treffliches Werk „Grundriß der Kunstgeschichte“. Richter hat +treu und mit großem Ernst die Aufgaben und Bedingungen echter Kunst +gelöst und erfüllt. + +Unsere deutsche Kunst ist aber gegenwärtig in einer Zeit des +Überganges; ein Tasten hin und her, ein unruhiges Suchen; es ist, als +ob man die verloren gegangene, irrende Seele wiederzufinden suche. +Die Technik ist hoch entwickelt, und viel Können zeigt sich überall. +Möchten die richtigen Pfade bald wiedergefunden werden! Möchte das +deutsche Volk auch das Verständnis für unseren verewigten Ludwig +Richter, einen der größten und ersten Meister der deutschen Kunst, nie +verlieren! Möchte es des Mannes nie vergessen, der, wie Otto Jahn so +trefflich sagt, eine Naturgeschichte des deutschen Volkes gezeichnet +hat, treuer und lebendiger, als es die geistreichste Feder liefern kann. + + * * + * + +Fast wollte es eine Zeitlang scheinen, als sei, nachdem unser +Altmeister seine irdische Laufbahn abgeschlossen, das Verständnis für +seine Kunst in der Abnahme begriffen. Sein hundertster Geburtstag hat +aber gezeigt, daß er und seine Kunst noch nicht vergessen und das +deutsche Volk seiner noch in Liebe und Verehrung gedenkt, sich an +seinen Werken noch erfreuen kann. In allen Gauen Deutschlands wurde an +diesem Tage seiner pietätvoll gedacht, in zahllosen Schriften das in +seiner Kunst „Unvergängliche“ mit großer Wärme gefeiert. + +Die Dresdener Künstler hatten einer „Sächsischen Ausstellung“ im +Hinblick auf die hundertste Wiederkehr des Geburtstages eine sehr +reiche „L. Richter-Ausstellung“ in den geschickt und stimmungsvoll +umgestalteten, an sich so wenig intimen Ausstellungssälen auf der +Brühlschen Terrasse angegliedert. Die Ausstellung gab in aus Museen +und Privatbesitz entlehnten Zeichnungen, Aquarellen und Ölgemälden, +soweit dies in den immerhin engen Räumen im Verhältnis zu der großen +Produktivität des Meisters möglich war, ein ziemlich klares Bild von +seiner Entwickelung und vom Wesen seiner Kunst. + +[Illustration: Abb. 190. +Porträtskizze.+ 1883. (Zu Seite 150.)] + +Auch Loschwitz, in dem der Meister dreißig Sommer verlebte, hatte das +Seine, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, getan, dankbare Erinnerungen +an den Heimgegangenen zum Ausdruck zu bringen. + +Ebenso wurde Berlin Gelegenheit gegeben, eine kleinere Zahl von Werken +des Meisters in einer Sonderausstellung zu sehen. -- Leider muß erwähnt +werden, daß in diesen Ausstellungen auch Kopien, und zwar recht +minderwertige, sich befanden. + +Der überaus rege Besuch dieser Ausstellungen legte Zeugnis davon +ab, daß die Sprache unseres Meisters noch verstanden wurde, daß die +Beschauer die Innigkeit und Behaglichkeit, die Liebe zur Natur und +den gesunden Humor und nicht zum wenigsten auch sein tief religiöses +Empfinden noch nachempfinden konnten und in ihrem Innern verwandte +Töne erklingen fühlten. „Der Geist, den seine Werke atmen, gehört zum +Besten, was wir besitzen.“ + +[Illustration: Abb. 191. +Alles Ding währt seine Zeit.+ + +Aus „Es war einmal“. 1862. + +Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu Seite 82.)] + + + + +Nachwort. + + +Nur an der Hand des mit unendlichem Fleiß und großer Liebe verfaßten +Kataloges: „Adrian Ludwig Richter, Maler und Radierer, des Meisters +eigenhändige Radierungen, sowie die nach ihm erschienenen Holzschnitte, +Radierungen usw., usw., von Johann Friedrich Hoff“ war es möglich, +die chronologische Reihenfolge der Werke und Arbeiten des Meisters +wiederzugeben. Herr J. F. Hoff in Frankfurt a. M., ein Freund und +Schüler des verewigten Meisters, hat in jahrelanger rastloser Arbeit +ein selten vollständiges Verzeichnis zusammengebracht und dem Meister +noch bei Lebzeiten (das Werk erschien 1877 bei J. Heinrich Richter) +damit eine große Freude gemacht. + +Bei dem knappen Raum war es nicht möglich -- es lag auch nicht in +meiner Absicht -- jedes einzelne Blatt oder alle die kleineren Werke, +für die Richter gearbeitet, in dieser Monographie zu erwähnen. +Es galt, in knapper Form ein Bild von der reichen Tätigkeit des +Meisters zu geben. Wenn wir den größeren Teil der Abbildungen, die +in Holz geschnitten wurden, nicht im Holzschnitt, sondern nach den +Originalzeichnungen wiedergegeben haben, so hat das seinen Grund +darin, daß die eigenartige Zartheit der Handzeichnung auch durch +den vollkommensten Holzschnitt nicht ganz genau wiederzugeben ist. +Die Handzeichnungen, die wir hier vervielfältigt darbieten konnten, +verdanken wir dem überaus gütigen Entgegenkommen der Direktion der +Königlichen Nationalgalerie in Berlin durch Herrn Professor ~Dr.~ +von Donop, des Herrn E. Cichorius in Dresden, des Herrn A. Flinsch +in Berlin, des Herrn E. Theodor Kretzschmar in Dresden †, der Frau +Boerner in Leipzig usw. -- Die Erlaubnis zur Vervielfältigung der +Handzeichnungen wurde von Herrn Georg Gaber in Berlin und den +verschiedenen Herren Verlegern der Richterschen Werke auch für die +Wiedergabe der Holzschnitte und Radierungen freundlichst erteilt. + +[Illustration: +Das Ludwig Richter-Denkmal auf der Brühlschen Terrasse +in Dresden.+] + + + + +Werke von Ludwig Richter + +im Verlage von Alphons Dürr in Leipzig. + + + =Fürs Haus.= 60 Holzschnitte nach den vier Jahreszeiten + geordnet. Folio. Eleg. in Leinwand gebunden. 20 Mark. Dasselbe in + vier Abteilungen apart: + + ~a~) +Winter.+ + ~b~) +Frühling.+ + ~c~) +Sommer.+ + ~d~) +Herbst.+ + + Je 15 Holzschnitte in Mappe à 6 Mark. + + =Vater Unser in Bildern.= 9 Holzschnitte in eleganter Mappe. gr. + Folio. 6 Mark. + + =Der Sonntag in Bildern.= 10 Holzschnitte. Folio. In Mappe. 3 + Mark. + + =Unser tägliches Brot in Bildern.= 15 Holzschnitte in Mappe. + Folio. 7 Mark 50 Pf. + + =Christenfreude in Lied und Bild.= Die schönsten geistlichen + Lieder mit Holzschnitten, elegant gebunden in Leinwand mit + Goldschnitt. 14. Auflage. 4 Mark 50 Pf. + + =Schillers Lied von der Glocke in Bildern.= 16 Holzschnitte in + eleganter Mappe. Folio. 4 Mark. + + =Gesammeltes.= Fünfzehn Bilder fürs Haus. In Mappe. Folio. 7 + Mark 50 Pf. + + =Naturstudien.= 10 Vorlegeblätter für Landschaftszeichner. In + eleganter Mappe. 5 Mark. + + =Bilder und Vignetten.= 15 Holzschnitte in Mappe. 5 Mark. + + =Altes und Neues.= 15 Originalzeichnungen in Lichtdruck + ausgeführt. Folio. In Mappe. 10 Mark. + + =Aus der Jugendzeit.= Scherz und Ernst in Holzschnitten. Elegant + kartoniert 1 Mark 25 Pf. + + =Aus der Dichtung und Sage.= Scherz und Ernst in Holzschnitten. + Elegant kartoniert 1 Mark 25 Pf. + + =Der Kinderengel.= Spruchbüchlein für Kinder mit Bildern. 3. + Auflage. Kartoniert 1 Mark 50 Pf. + + Daraus einzeln: + + =Luthers Brief= an sein Söhnlein Hänschen. Mit Bildern. Geh. 15 Pf. + + =Der gute Hirte.= Gebetbüchlein für fromme Kinder aus dem Schatze der + Kirche gesammelt von G. Weber. Mit Bildern. 2. vermehrte Auflage. + Kartoniert 1 Mark 20 Pf. + + =Es war einmal.= Ein Bilderbuch von Dresdener Künstlern. Märchen und + Kinderlieder mit Bildern. kl. 8^o. Kartoniert 2 Mark. + + =Christnacht.= Originalradierung. Plattengröße: Höhe 56½ cm, Breite + 43 cm. Imperialfolio auf chinesischem Papier. 9 Mark. Dasselbe auf + weißem Papier. 6 Mark. + + =Gevatterbriefe.= Mit Randzeichnungen. gr. 4^o. 100 Stück 4 Mark. + + =Christlicher Haussegen.= Holzschnitt in Tondruck mit rot + eingedruckten Bibelsprüchen. Imp.-Folio 1 Mark. + + =Genoveva.= Originalradierung. Royalfolio auf chinesischem Papier. 4 + Mark 50 Pf. + + =Rübezahl.= Originalradierung. Royalfolio auf chinesischem Papier. 4 + Mark 50 Pf. + + =Volksbilder.= Vierfach vergrößerte Holzschnitte als Wandbilder. Nr. + 1-24 ~à~ Blatt 50 Pf. Ein ausführlicher Prospekt mit Beschreibung der + einzelnen Blätter steht zur Verfügung. + + =Goethe, Hermann und Dorothea.= Mit 12 Holzschnitten nach Zeichnungen + von +L. Richter+. 2. Auflage. Gebunden mit Goldschnitt 5 Mark. + + =Zwölf Kinderreime= aus Klaus Groths „Vaer de Gaern“. In + Musik gesetzt von +Ingeborg von Brousart+. Mit hochdeutschem, + plattdeutschem und englischem Text und 10 Holzschnitten von L. + Richter. Kartoniert 1 Mark 50 Pf. + + =Hebel, Alemannische Gedichte= für Freunde ländlicher Natur und + Sitten. Im Originaltext. Mit Bildern nach Zeichnungen von +L. + Richter+. 4. Auflage. Gebunden mit Goldschnitt 4 Mark. + + -- -- =Dasselbe= ins Hochdeutsche übersetzt von +Robert Reinick+. 7. + Auflage. Gebunden mit Goldschnitt 4 Mark. + + =Richter-Album.= Eine Auswahl von Holzschnitten nach Zeichnungen von + +L. Richter+. 6. Ausgabe in 2 Bänden. Gebunden mit Goldschnitt 20 + Mark. + + =Richter-Bilder.= Zwölf große Holzschnitte nach älteren Zeichnungen + von +L. Richter+. Herausgegeben von +G. Scherer+. Kartoniert 3 Mark. + + =Beschauliches und Erbauliches.= Ein Familienbilderbuch von +L. + Richter+. 7. Auflage. Gebunden 8 Mark. + + =Der Familien-Schatz.= Fünfzig schöne Holzschnitte nach + Originalzeichnungen von +L. Richter+. 2. veränderte Auflage. Gebunden + 3 Mark. + + =Goethe-Album.= Illustrationen zu Goethes Werken von +L. Richter+. 40 + Blatt. 2. Auflage. Gebunden 8 Mark. + + =Tagebuch.= Ein Bedenk- und Gedenkbüchlein für alle Tage des Jahres + mit Sinnsprüchen und Vignetten von +L. Richter+. 5. Auflage. Gebunden + mit Goldschnitt 3 Mark 50 Pf. + + =Ludwig Bechsteins Märchenbuch.= Taschenausgabe mit 84 Holzschnitten + nach Originalzeichnungen von +L. Richter+. 54. Auflage. Gebunden 1 + Mark 20 Pf. + + -- -- =Dasselbe.= Illustrierte Prachtausgabe mit 153 Holzschnitten + und 4 Tondruckbildern nach Originalzeichnungen von +L. Richter+. Mit + den Bildnissen +L. Bechsteins+ und +L. Richters+. 8. Auflage. gr. 8^o. + Elegant gebunden 6 Mark. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUDWIG RICHTER *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. 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