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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Marquis de Sade und seine Zeit. - -Author: Iwan Bloch - -Release Date: June 25, 2022 [eBook #68400] - -Language: German - -Produced by: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed - Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was - produced from images generously made available by The - Internet Archive) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MARQUIS DE SADE UND SEINE -ZEIT. *** - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute - nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten sowie - fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert. - - Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen - (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Die Fußnoten wurden an das Ende des Texts - verschoben. - - In der gedruckten Ausgabe wurde durch Verdopplung einer Zeile an - einer Stelle (zwischen ‚Die Namen von +Vol+-‘ und ‚IV, 8; V, 252 - u. ö.)‘) eine andere Zeile ausgelassen. Diese wurde mit Hilfe der - Ausgabe von 1901, die den Text dieser Passage ansonsten wortgleich - widerspiegelt, wiederhergestellt. - - Im Namen-Register wurden die Namen mit den Anfangsbuchstaben ‚I‘ - und ‚J‘ noch traditionell einheitlich mit ‚J‘ aufgeführt. In der - vorliegenden Bearbeitung wurden diese Namen, entsprechend ihrer - Schreibweise im Text, getrennt angegeben. - - Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden - Sonderzeichen gekennzeichnet: - - Unterstrichen: _Unterstriche_ - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - - Das Caret-Zeichen (^) zeigt ein nachfolgendes hochgestelltes Zeichen - an, z. B. ‚8^o‘. - - #################################################################### - - - - - Studien zur Geschichte - - des - - menschlichen Geschlechtslebens - - I. - - Der Marquis de Sade und seine Zeit. - - Von - - Dr. Eugen Dühren. - - Achte Auflage. - - Berlin W. 30 - - Verlag von H. Barsdorf. - - 1922. - - Alle Rechte vorbehalten. - - - - - Der Marquis de Sade - und seine Zeit. - - _Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte - des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer - Beziehung auf die Lehre von der_ - - Psychopathia Sexualis. - - Von - - Dr. Eugen Dühren. - - Achte Auflage. - - Berlin W. 30 - - Verlag von H. Barsdorf. - - 1922. - - Alle Rechte vorbehalten. - - - - - [Illustration] - - Manuldruck - der Spamerschen - Buchdruckerei in Leipzig. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Vorwort Seite I. - - Einleitung „ 1. - - +Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen - Geschlechtslebens+: 1. Die Liebe als physisches Problem. S. 2. - -- Die Liebe als historisches Problem. S. 11. -- Die Liebe als - metaphysisches Problem. S. 20. -- - - I. Das Zeitalter des Marquis de Sade Seite 27. - - Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich S. - 30. -- Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert S. 35. - -- Das französische Königtum im 18. Jahrhundert S. 40. -- Adel - und Geistlichkeit S. 48. -- Die Pariser Polizeiberichte über die - Unsittlichkeit der Geistlichen S. 52. -- Die Jesuiten S. 63. -- - Die schwarze Messe S. 67. -- Die Nonnenklöster S. 72. -- Die Frau - im 18. Jahrhundert S. 76. -- Die Litteratur S. 88. -- Die Kunst im - 18. Jahrhundert S. 107. -- Die Mode S. 119. -- +Prostitution und - Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert+ S. 124. -- Bordelle, geheime - pornologische Klubs und Prostituierte S. 125. -- Das Freudenhaus - der Madame Gourdan S. 127. -- Justine Paris und das Hôtel du Roule - S. 132. -- Das Bordell der Richard S. 138. -- Ein Negerbordell - S. 138. -- Die „petites maisons“ S. 139. -- Die geheimen - pornologischen Klubs S. 141. -- Die Freudenmädchen S. 144. -- Das - Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale S. 162. -- Die - Onanie im 18. Jahrhundert S. 176. -- Tribadie im 18. Jahrhundert - S. 178. -- Die Paederastie S. 202. -- Flagellation und Aderlass - S. 209. -- Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv und Geheimmittel im - 18. Jahrhundert S. 214. -- Gastronomie und Alkoholismus im 18. - Jahrhundert S. 234. -- Diebstahl und Räuberwesen S. 238. -- Der - Giftmord S. 243. -- Mord und Hinrichtungen S. 246. -- Ethnologische - und historische Vorbilder S. 267. -- Italienische Zustände im - 18. Jahrhundert S. 277. -- Papst Pius VI. S. 286. -- Die Königin - Karoline von Neapel S. 288. -- - - II. Das Leben des Marquis de Sade Seite 292. - - Die Vorfahren S. 292. -- Petrarca’s Laura S. 292. -- Die übrigen - Vorfahren S. 294. -- Die Kindheit des Marquis de Sade S. 298. - -- Die Jugendzeit S. 301. -- Das Gefängnisleben des Mannes S. - 307. -- Die Affäre Keller (3. April 1768) S. 308 -- Der Skandal - zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie) S. 316. -- Einkerkerung - in Vincennes und in der Bastille S. 322. -- Teilnahme an der - Revolution und litterarische Tätigkeit S. 327. -- Der Tod S. 344. -- - - III. Die Werke des Marquis de Sade Seite 348. - - „+Justine+“ und „+Juliette+“. Geschichte der Entstehung S. 348. -- - Die Vorrede S. 350. -- Analyse der „Justine“ S. 351. -- Analyse der - „Juliette“ S. 362. -- Die „Philosophie dans le Boudoir“ S. 393. - -- Die übrigen Werke des Marquis de Sade S. 396. -- Charakter der - Werke des Marquis de Sade S. 400. -- Die Philosophie des Marquis de - Sade S. 403. -- - - IV. Theorie und Geschichte des Sadismus Seite 431. - - Wollust und Grausamkeit S. 431. -- Anthropophagie und - Hypochorematophilie S. 432. -- Weitere sexualpathologische Typen - bei Sade S. 435. -- Versuch einer Aufstellung von erotischen - Individualitäten S. 440. -- Sorgfalt im Arrangement obscöner - Gruppen S. 441. -- Das Mysterium des Lasters S. 442. -- Die Lüge - als Begleiterin sexueller Perversion S. 443. -- Sade’s Ansicht über - die Natur der sexuellen Entartung S. 444. -- Unsere Definition des - Sadismus S. 446. -- Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben - und seinen Schriften S. 450. -- - - V. Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert Seite 459. - - Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade S. - 459. -- Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“ S. 464. -- Charles - de Villers S. 466. -- Despaze S. 471. -- Der Sadismus in der - Litteratur S. 471. -- Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen S. - 486. -- Fall von Hypochorematophilie S. 488. -- Statuenschändung S. - 488. -- Körperliche Gebrechen als Reizmittel S. 488. -- Sadistische - Venaesectio. (Affäre T....) S. 489. -- Affäre Michel Bloch S. 489. - -- Wort-Sadismus S. 491. -- Nachahmung des Marseiller Skandals S. - 492. -- Schluss S. 493. -- - - VI. Bibliographie Seite 507. - - - - -Vorwort. - - -Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk beschäftigt -war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von +A. -Eulenburg+ („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No. -26, vom 25. März 1889, S. 497-515), dem geschätzten Neurologen und -hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von -+Eulenburg+ im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen -die wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit -ist auch in Frankreich durch die Studie des Dr. +Marciat+ über den -Marquis +de Sade+ (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten -Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem -G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881) -wenig Beachtung gefunden hatten. Mit +P. Ginisty’s+ dankenswerter -Publikation unedierter Briefe der +Marquise+ und des Marquis +de Sade+ -(in der „Grande Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht -worden, den bisher so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des -Verfassers der „Justine“ der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen. - -Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis +de Sade+ -beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein -bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis -empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli -Marquis“ unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch -1895 schrieb +Eulenburg+ („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft -habe ich die Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur -dieses Gegenstandes fortwährend auf +de Sade+ und seine Werke bezieht, -ohne die allergeringste wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies -Dunkel zu lichten, war hohe Zeit. - -Seit früher Jugend wuchs ich in der buntesten, farbenreichsten -aller Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem -Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im -beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit -+Macaulay+ zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen -Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft -erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein -Produkt des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert -für die Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit -liebevollem Herzen die +Menschen+. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern -bleiben, nicht nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern -auch, weil er ein Menschenfreund ist und sein will. - -Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste -+wissenschaftliche+ Originalwerk über den Marquis +de Sade+ in einer -lebenden europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch -keine dürre Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein -wirklich brauchbares „document humain“ zu liefern, das +dem Erforscher -der Menschennatur von einigem Nutzen sein könne+. Es ist geschrieben -für den Arzt -- ich selbst bin ein solcher -- für den Juristen, den -Nationalökonomen, den Historiker, den Philosophen -- für alle die, -welche im +sozialen+ Sinne thätig sind und das Wohl der menschlichen -Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine „moralische“ Tendenz. Denn -ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch ist, die Ehe als das -Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der physischen Liebe -mit +Plato+ und +Hegel+ nur ein Uebergangsstadium zu einer höheren -geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles -erreichbare Material über den Marquis +de Sade+ zusammengetragen. -Nichts dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein -Leben und seine Werke als Objekte der +geschichtlichen+ Erfahrung -aufgefasst und damit -- wie ich glaube -- einen neuen Weg zur -Erkenntnis der sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar -ist, das mögen die Leser und die Kritiker beurteilen. - -Wenn der berühmte Nationalökonom +W. Roscher+ dem Herausgeber des -„Hermaphroditus“ von +Antonius Panormita+, dem gelehrten und ehrlichen -+F. C. Forberg+ eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht, -wenn +Parent-Duchatelet+ sein grosses Werk über die Prostitution in -Paris mit einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden -Obscönitäten einleitet, so finde ich Beides unaufrichtig und eines -+Forschers+ nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die -moralisch Entrüsteten kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von -mir sonst nicht sehr Geliebten: „Niemand +lügt+ so viel, als der -Entrüstete“. (Fr. +Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus -26, S. 48). - -Das Uebel ist in der Welt. Man +muss+ es erforschen, aufdecken und die -Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im -übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht -das Weltgericht, sie führt nicht hinab zu +Minos+ und +Rhadamanthys+, -sondern sie führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit -der ehernen, nie ermüdenden Hand auf olympische Höhen. - - +Berlin+, den 15. Dezember 1899. - - Der Verfasser. - - - - -Vorwort zur dritten Auflage. - - -Diese vorliegende dritte Auflage ist vom Autor vollständig -durchgesehen, verbessert und bedeutend vermehrt worden. - - +Berlin+, den 15. Januar 1901. - - Der Verleger. - - - - -Vorwort zur vierten Auflage. - - -Wiederum ist eine starke Auflage des „Marquis de Sade und seine Zeit“ -bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Die begeisterte Aufnahme, -welche das Werk bei seinem ersten Erscheinen in der wissenschaftlichen -Presse gefunden hat, ist ihm auch ferner zu Teil geworden; es hat -seinen Siegeszug durch die ganze Welt gemacht, und selten nur dürfte -ein wissenschaftliches Buch eine so universelle Verbreitung gefunden -haben! - -Diese neue, vierte, Auflage ist in jeder Hinsicht mit aller Sorgfalt -zum Druck befördert worden. Möge auch ihr das Los ihrer Vorgängerinnen -voll und ganz beschieden sein! - - +Berlin+, den 15. Dezember 1905. - - Der Verleger. - - - - -Vorwort zur fünften Auflage. - - -Diese fünfte Auflage ist ein unveränderter Neudruck der vierten und -zeugt am besten von dem anhaltenden Interesse, das dieser ersten und -erschöpfenden Monographie über den „célèbre marquis“ in aller Welt -zuteil geworden ist - - +Berlin+, im Juli 1914. - - Der Verleger. - - - - -Einleitung. - -Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens. - -(Phaenomenologie der Liebe.) - - -Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung -des menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die -Liebe als eine +Naturerscheinung+ entgegen, die als solche dem -Gesetze der Kausalität unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen -der bewusstlosen Notwendigkeit, ein Objekt der +Geschichte+, jenes -Prozesses, der, um mit einem geistesgewaltigen Worte +Hegel’s+ zu -reden, den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ darstellt. -Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles menschliche Geschehen, die -+Freiheit+, welche mit dem absoluten Geist, der höchsten Erkenntnis, -identisch ist. - -So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: das +physische+, -das +historische+ und das +metaphysische+ Problem. - -Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen -Methode +Hegel’s+ folgen, sind diese Probleme ebenso viele +Stufen -der Entwickelung+, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahre Wesen -der menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener -Weg von der sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen) -Liebe, den bereits +Plato+ erkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz -andeuten wollen. Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung -der +Natur+ und als Erscheinung des +absoluten Geistes+, die Liebe -im Reiche der Notwendigkeit und im Reiche der Freiheit bisher am -meisten Gegenstand einer wissenschaftlichen Forschung gewesen ist. Wir -besitzen ausgezeichnete Werke über das menschliche Geschlechtsleben -in +naturwissenschaftlicher+ und +metaphysischer+ Beziehung. Dagegen -ist jenes grosse Gebiet fortwährender +geistiger+ Befruchtung des -+natürlichen+ Geschehens, welches sich in der +Geschichte+ darstellt, -über Gebühr vernachlässigt worden. Und doch ist dieses wichtige -Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des Sexuallebens, ganz -allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns im Wesen und -in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese „Studien zur -Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln durchgängig die -Liebe als +historisches+ Problem, aber nicht ohne Verknüpfung mit dem -physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als einmal hoffen wir den -Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen Betrachtungen manches -Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen können. - -Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen -Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst - - -1. Die Liebe als physisches (natürliches) Problem. - -Die „Kosmogonie“, die Erschaffung der Welt selbst, des gestirnten -Himmels und der seligen Götter wird in den Mythen vieler Völker als -ein Akt der geschlechtlichen Zeugung gedacht. So erhaben, so wunderbar -und rätselvoll erschien schon den ältesten Menschen in grauer Vorzeit -der rein physische Vorgang der Paarung, Befruchtung und Geburt. Materie -ist der „Mutter“ Stoff, das Weltganze, die „Natura“ ist das „Geborene“. -Nach +G. Herman+[1] hat die neuere Schule der anthropologischen und -mythologischen Forschung eine derartige Anthropomorphisierung der -Weltentstehung als wahrscheinlichste Quelle aller Religionssysteme -angenommen. Himmel und Erde sind dem Chinesen „Vater und Mutter aller -Dinge.“ Auch das „Weltenei“ spielt in den Religionen und Mythen der -verschiedensten Völker eine grosse Rolle. - -Die ersten Geschöpfe aber, Götter sowohl wie Menschen, sind Zwitter[2]. -Wer kennt nicht die berühmte Erzählung des +Aristophanes+ im -platonischen „Gastmahl“ (Kap. 14)? Einst sei die Natur des Menschen -eine andere gewesen als jetzt. „Denn zuerst gab es drei Geschlechter -von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das -weibliche, sondern noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche -war von diesen beiden; sein Name ist noch übrig, während es selbst -verschwunden ist. +Mannweib+ (ἀνδρόγυνος) nämlich war damals dieses -eine.“ Auch aus dem anfangs zweigeschlechtlichen Adam der Bibel ging -das erste Menschenpaar als Mann und Weib hervor. - -Die Liebe als kosmogonisches Prinzip spielt bei +Empedokles+ eine -ganz besondere Rolle. Zwei Grundkräfte sind es, durch welche nach -diesem Philosophen alle Veränderung in der Mischung und Trennung der -Stoffe hervorgebracht wird: Die Liebe und der Hass. In unermesslichen -Perioden der Weltentwickelung überwiegt bald die eine, bald die andere -dieser beiden Grundkräfte als herrschende Macht. Ist die Liebe zur -völligen Herrschaft gelangt, so ruhen alle Stoffe in seligem Frieden -vereint in der Weltkugel als in Gott. Durch das Fortschreiten der Macht -des Hasses, auf deren Höhepunkt alles zerstreut und zersprengt ist, -oder umgekehrt, durch das Fortschreiten der Macht der Liebe werden -verschiedene Uebergangszustände in der Weltentwickelung hervorgebracht. -Durch das wiederholte Spiel von Zeugung und Vernichtung blieben -schliesslich allein die Erzeugnisse übrig, welche die Bürgschaft -der Dauer und Lebensfähigkeit in sich trugen. -- Wie die oben -erwähnten kosmogonischen Theorien durchweg anthropomorphisierender -Tendenz sind und auf Beobachtungen in der organischen Natur beruhen, -so ist die Idee des Empedokles eine grossartige Konzeption einer -naturwissenschaftlichen Vorstellung, wie sie im modernen Darwinismus -ausgebildet worden ist. - -Die neuere Wissenschaft hat die naiven mythologischen und -kosmogonischen Vorstellungen der Vorzeit bestätigt. Wir wissen auch, -dass die +physische+ Liebe des Menschen, also das Anfangsglied der -Entwickelung selbst erst ein sekundäres Erzeugnis, das Produkt -einer Differenzierung ist, nur erklärbar durch die Entwickelung -des organischen Lebens überhaupt. Die +Zwitterbildung+, d. h. -die Vereinigung der beiden Geschlechtszellen in einem Individuum -ist der älteste und ursprünglichste Zustand der geschlechtlichen -Differenzierung. Erst später entstand die +Geschlechtstrennung+. -Nach +Haeckel+[3] findet sich der Hermaphroditismus nicht nur bei -niedersten Tieren, sondern auch alle älteren wirbellosen Vorfahren -des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Prochordoniern aufwärts, -werden Zwitter gewesen sein. Wahrscheinlich waren sogar die ältesten -Schädellosen noch Hermaphroditen. Ein wichtiges Zeugnis dafür liefert -der merkwürdige Umstand, dass mehrere Fisch-Gattungen noch heute -Zwitter sind, und dass gelegentlich als Atavismus auch bei höheren -Vertebraten aller Klassen der Hermaphroditismus noch heute wieder -erscheint. - -Die +Geschlechtstrennung+, der Gonochorismus, wie +Haeckel+ dies nennt, -erscheint später als die Verteilung der beiderlei Geschlechtszellen auf -verschiedene Personen.[4] Dann treten zu den primären Geschlechtsdrüsen -sekundäre Hilfsorgane wie Ausführgänge u. s. w. hinzu, und zuletzt -entwickeln sich durch +geschlechtliche Zuchtwahl+, die Selectio -sexualis, die sogenannten „sekundären Sexual-Charaktere“, d. h. -diejenigen Unterschiede des männlichen und weiblichen Geschlechts, -welche nicht die Geschlechtsorgane selbst, sondern andere Körperteile -betreffen (z. B. der Bart des Mannes, die Brust des Weibes). - -Hierbei unterliegt die +morphologische+ Ausbildung der menschlichen -Geschlechtsorgane dem berühmten, von Haeckel zuerst formulierten -„biogenetischen Grundgesetz“, das die Ontogenie, die individuelle -Entwickelung, einen abgekürzten, unvollständigen Abriss der Phylogenie, -der Stammesentwickelung darstellt. In den grossen Lehrbüchern der -Entwickelungsgeschichte von +Kölliker+ und +Hertwig+ findet man die -zuverlässigsten Darstellungen der Ontogenie der Sexualorgane. - -In der Beschreibung der +ausgebildeten+ männlichen und weiblichen -Geschlechtsorgane ist das klassische Werk von +Kobelt+[5] bisher -noch nicht übertroffen worden, wenn auch die Beschreibung der -Geschlechtsorgane in dem grossen „Handbuch der Anatomie des Menschen“ -von +K. von Bardeleben+ (Jena 1896 ff.) viele neue Aufschlüsse zu -bringen verspricht.[6] - -Die Entstehung der +sekundären Geschlechtscharaktere+ ist Gegenstand -der Darstellung in dem berühmten Buche von +Charles Darwin+.[7] - -Aus diesen +anatomischen+ Substraten der menschlichen Liebe wird man -die +Physiologie+ derselben im weitesten Umfange ableiten müssen. Das -Hauptwerk über den Vorgang der Zeugung im Gesamtgebiete des organischen -Lebens und beim Menschen besitzen wir in dem Werke von +Hensen+.[8] - -+Der Fundamentalvorgang+ aller Liebe bei Mensch, Tier und Pflanze, -die älteste Quelle der Liebe ist die +Wahlverwandtschaft+ zweier -verschiedener erotischer Zellen: der männlichen +Spermazelle+ und -der weiblichen +Eizelle+, das, was Haeckel[9] den „erotischen -Chemotropismus“ genannt hat. Der Zweck und das Endziel der physischen -Liebe ist die Verschmelzung oder Verwachsung dieser beiden erotischen -Zellen. „Alle anderen Verhältnisse und alle die übrigen, höchst -zusammengesetzten Erscheinungen, welche bei den höheren Tieren den -geschlechtlichen Zeugungsakt begleiten, sind von untergeordneter und -sekundärer Natur, sind erst nachträglich zu jenem einfachsten, primären -Kopulations- und Befruchtungsprozess hinzugetreten.“ -- „Ueberall ist -die Verwachsung zweier Zellen das einzige, ursprünglich treibende -Motiv, überall übt dieser unscheinbare Vorgang den grössten Einfluss -auf die Entwickelung der mannigfaltigsten Verhältnisse aus. Wir dürfen -wohl behaupten, dass kein anderer organischer Prozess diesem an Umfang -und Intensität der differenzierenden Wirkung nur entfernt an die Seite -zu stellen ist.“ (+Haeckel.+) - -Nachdem dieser fundamentale Vorgang der Zeugung festgestellt ist, -gelangen wir zu einer Betrachtung jener physischen Liebesregungen -beim Menschen, welche sich in Form des +Geschlechtstriebes+[10] -äussern. Diesen dunkeln Begriff hat +Moll+ in höchst geistvoller Weise -aufgehellt.[11] Er zerlegt den Geschlechtstrieb beim erwachsenen -Menschen in zwei Komponenten, den +Detumeszenztrieb+ und den -+Kontrektationstrieb+. Der Detumeszenztrieb drängt zu einer +örtlichen -Funktion an den Genitalien+, und zwar beim Manne zur Samenentleerung. -Er ist als ein peripherer organischer Drang zur Entleerung eines -Sekretes aufzufassen. Der Kontrektationstrieb drängt den Mann zur -körperlichen und geistigen +Annäherung+ an das Weib, das letztere -ebenso zur +Annäherung an den Mann+. Phylogenetisch ist die Detumeszenz -als Mittel zur Fortpflanzung das Primäre, weil sie bei niederen und -höheren Tieren stattfindet. Erst sekundär kam die Kontrektation -hinzu, indem sich zwei Individuen zur Fortpflanzung verbanden. In -der individuellen Entwickelung des Menschen ist die Anwesenheit der -Keimdrüsen, der Erreger des Detumeszenztriebes, das Primäre. +Der -Kontrektationstrieb ist ein sekundärer Geschlechtscharakter.+ Der -Detumeszenztrieb des Mannes ist die unmittelbare Folge der Funktion -der Hoden. Beim Weibe hängt zwar die Ausscheidung der Eizelle aus -dem Ovarium mit dem Detumeszenztrieb nicht unmittelbar zusammen, -ursprünglich fielen sie aber zusammen, wie man noch bei den Fischen -sieht. - -Nunmehr geht +Moll+[12] zur Erörterung einer höchst wichtigen -Frage über, welche für die Beurteilung vieler Erscheinungen von -der grössten Bedeutung ist, nämlich zu dem Verhältnis zwischen -+Ererbtem+ und +Erworbenem+ in der Geschlechtsliebe. Dies ist der -Punkt, in welchem wir +ganz und gar von Moll abweichen+, weil wir -durch die +geschichtliche+ Betrachtung zu ganz anderer Auffassung -geführt werden als +Moll+, welcher durch seine allerdings ingeniöse -naturwissenschaftliche Argumentation zu beweisen sucht, dass neben -dem Detumeszenztriebe -- woran wir nicht zweifeln -- auch die -mannigfaltigsten Erscheinungen des Kontrektationstriebes +ererbt+ -sind. Kurz, +Moll+ ist geneigt, sowohl die physischen als auch die -pathologischen Erscheinungen des Geschlechtstriebes zum grössten -Teile auf +Vererbung+ zurückzuführen, während nach seiner Ansicht die -+erworbenen+ Faktoren nur eine sehr geringe Rolle spielen. +Normaler+ -und +abnormer+ Geschlechtstrieb („konträre Sexualempfindung“, -Homosexualität) erklären sich nach +Moll+ eher aus der Vererbung als -auch der durch die Umstände geschaffenen Gewohnheit. Wir wollen nicht -leugnen, dass gewisse körperliche und geistige Dispositionen +vererbt+ -werden. Wir werden aber durch unsere Studien zu dem Bekenntnis -gezwungen, dass die Vererbung in der Liebe eine +viel geringere+ -Rolle spielt, als die Erwerbung bestimmter Eigenschaften und die -stete Wirkung äusserer Einflüsse. Dies auf +geschichtlichem+ Wege zu -erweisen, ist unsere Aufgabe und wird schon im vorliegenden Bande mehr -als einmal zu Tage treten. Aber auch das rein +naturwissenschaftliche+ -Räsonnement vermag diesen Standpunkt zu rechtfertigen und zu -befestigen, wie die ganz vortreffliche kleine Schrift von +K. Neisser+ -aufs evidenteste dartut.[13] - -Den gleichen Standpunkt der kongenitalen Natur zahlreicher -geschlechtlicher Perversionen vertritt +R. v. Krafft-Ebing+ in seinem -ausserordentlich verbreiteten Werke über die „Psychopathia sexualis“, -während hinwiederum +von Schrenk-Notzing+, sich mehr unserem Standpunkt -nähernd, die +Suggestion+ als Ursache mancher sexuellen Abnormitäten -betrachtet.[14] - -+Krafft-Ebing+ hat aber das unbestreitbare Verdienst, das gesamte -menschliche Geschlechtsleben vom Standpunkt des +Irrenarztes+ einer -eingehenden Würdigung unterzogen zu haben. - -Als Vorläuferin sexueller Ausschweifungen spielt ferner zweifelsohne -die +Onanie+ eine grosse Rolle, welche ganz kürzlich in dem Buche -von +Rohleder+[15] die erste kritische und als solche mustergiltige -Bearbeitung gefunden hat. - -Wichtige Aufklärungen über die Natur der geschlechtlichen Beziehungen -des Menschen werden auch durch das Studium jener körperlichen Vorgänge -dargeboten, welche nur unmittelbare Einflüsse auf die sexuellen Akte -ausüben. Vor allem gehören hierher die Sinne, der +Stoffwechsel+ -und die +psychischen+ Vorgänge.[16] Gerade aus der Untersuchung der -Beziehung der Sinne zum Geschlechtsleben, vor allem des Geruchs und -Gesichts, wird sich das häufige Erworbensein abnormer Zustände ergeben. -Eine +experimentale Psychologie+ der Liebe existiert nicht.[17] Was -bisher unter dem Namen einer „Psychologie der Liebe“ geboten wurde, -ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht kaum beachtenswert wie z. B. -die nach anderer Richtung hin vortreffliche „Psychologie der Liebe“ -von +Julius Duboc+. „Einige wenige sorgfältige Untersuchungen, die -aber noch der Bestätigung und weiterer Ausdehnung bedürfen, einige -Beobachtungen über formlose Tatsachenmassen, die in praktischer -Lebenserfahrung aufgehäuft sind und die ihren Wert haben, wenn sie -auch in mannigfacher Weise missverstanden und falsch ausgelegt werden -können -- das ist alles, was die empirische Psychologie bisher über -die intellektuellen Unterschiede der Geschlechter zu bieten hat.“ -(+Havelock Ellis.+) - -Die breiteste Grundlage für eine naturwissenschaftliche Erforschung der -psychischen Erscheinungen des menschlichen Geschlechtslebens bildet -unzweifelhaft das von der +Anthropologie+ und +Ethnologie+ gesammelte -Material, wie es in dem klassischen Werke von +Ploss+ und +Bartels+[18] -vorliegt. Hier beginnen schon vielfach die Berührungen mit den -soziologisch-historischen Problemen des Sexuallebens. - -Die Liebe, als physisches Problem betrachtet, umfasst auch, was -wir zum Schluss nur noch kurz erwähnen wollen, die organischen -+Geschlechtskrankheiten+ des Menschen. - - -2. Die Liebe als historisches Problem. - -Die Liebe als geschichtliche Erscheinung ist nichts an und für sich. -Sie ist, ganz evolutionistisch gefasst, das zu immer grösserer -Freiheit fortschreitende Verhältnis zwischen der physischen Liebe und -den aus der Selbstentfaltung des Geistes hervorgegangenen Formen der -+Gesellschaft+, des +Rechtes+ und der +Moral+, der +Religion+, der -+Sprache+ und +Dichtung+. Es ist wichtig zu betonen, dass es auf diesem -Gebiete keine Kausalität, keine Gesetze in naturwissenschaftlichem -Sinne geben kann, dass die von +Herbert Spencer+ inaugurierte -„organische Methode“ der Soziologie den geschichtlichen Erscheinungen -nicht gerecht zu werden vermag. Es gibt bei der Betrachtung sozialer -Phänomene keine Gesetze, sondern +nur Rhythmen+[19]. „Den Schritt -vom Rhythmus zum Gesetz können wir heute noch nicht wagen, wenn wir -gleich der Ueberzeugung sind, dass Rhythmen letzten Endes auf (uns -noch verborgene) soziale Gesetze zurückdeuten.“ (+Stein.+) Trotzdem -ist hierbei blinder Zufall ausgeschlossen. Denn dieser soziale -Rhythmus stellt sich bei bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen -regelmässig wieder ein und nimmt damit für uns das Gepräge bestimmter -Gesetzlichkeit an. +Achelis+ (a. a. O. S. 68) macht in dieser Beziehung -auf die bekanntesten statistischen Erhebungen über Wiederkehr derselben -Vergehen, über den wahren Zusammenhang von Moral und wirtschaftlichen -Verhältnissen aufmerksam. Es handelt sich also auch, insofern die Liebe -als +geschichtliche+ und +soziologische+ Erscheinung in Betracht kommt, -nur um Auffindung jener Rhythmen, jener regelmässig wiederkehrenden -Formen und Typen des Geschehens. - -Die Liebe als eine +soziale+ Erscheinung, als Produkt der Gesellschaft, -erscheint wesentlich in den beiden Formen der +Ehe+ und der -+Prostitution+. - -+Eduard Westermarck+, Professor an der Universität in Helsingfors, -hat das für alle Zeit grundlegende Werk über die Geschichte der -menschlichen Ehe geschrieben, welches wir nicht anstehen, den -besten kulturhistorischen und soziologischen Werken eines +Buckle+, -+Tylor+, +F. A. Lange+ u. a. ebenbürtig an die Seite zu stellen.[20] -Dies Buch weist in der unwiderlegbarsten Weise mit der gediegensten -wissenschaftlichen Argumentation die Ehe als die überall wiederkehrende -+primitive soziologische Form+ und das +soziologische Endziel+ der -Liebe nach und macht der noch bis in die neueste Zeit von +Bachofen+, -+Mc.-Lennan+, +Morgan+, +Lubbock+, +Bastian+, +Lippert+, +Kohler+, -+Post+ vertretenen Lehre von der ursprünglichen geschlechtlichen -Ungebundenheit, der sogenannten +Promiscuität+ für immer ein Ende. Die -„Kritik der Promiscuitätslehre“ (a. a. O. S. 46-130) gehört zu den -glänzendsten Leistungen der modernen Soziologie. Ihr Ergebnis muss auf -die Anschauungen über das menschliche Geschlechtsleben nicht blos in -soziologischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht den grössten -Einfluss ausüben. - -Nach +Westermarck+ kommt die Ehe schon bei vielen niedrigen -Tiergattungen vor, bildet bei den menschenähnlichen Affen die Regel -und ist bei den Menschen allgemein. Ihr Ursprung muss offenbar einem -durch den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwickelung -gebrachten Instinkt zugeschrieben werden. Dass der Urmensch die Ehe -kannte, darf man mit grösster Zuversicht mutmassen. Denn die Ehe der -Primaten (Menschen und Affen) scheint aus der kleinen Anzahl der -Jungen und aus der Länge des Kindesalters hervorgegangen zu sein. Mit -aller Wahrscheinlichkeit bezeichnet +Westermarck+ die menschliche -Ehe als ein von den +affenähnlichen Urmenschen überkommenes Erbe+. -Ferner weist er nach, dass gerade bei den am niedrigsten stehenden -Völkerschaften die geschlechtlichen Beziehungen sich +am wenigsten+ -der Promiscuität nähern. Wir haben sogar Grund zu dem Glauben, +dass -mit dem Fortschreiten der Kultur die ausserehelichen Beziehungen der -Geschlechter zugenommen haben+. Demgemäss hat in Europa die Zahl der -Ehelosen eine Zunahme, das Durchschnittsalter der Eheschliessung eine -Hinaufschraubung erfahren. - -Allerdings ist die +Lebenslänglichkeit+ der Ehe durchaus nicht ganz -allgemein. Bei den meisten unzivilisierten und vielen vorgeschrittenen -Völkern darf der Mann der Gattin jederzeit nach Belieben den Abschied -geben. Bei sehr vielen anderen jedoch -- auch solchen auf niedrigster -Stufe -- bildet die Scheidung den Ausnahmefall. Es kommt auch vor, -dass dem Weibe gestattet ist, dem Gatten den Laufpass zu geben. Im -allgemeinen nimmt die Dauer der Ehe mit der Vervollkommnung des -Menschengeschlechts stetig zu. - -Während die Ehe als die eminent +soziale+ Form der Liebe zu betrachten -ist, in welche sich seit jeher das menschliche Geschlechtsleben -gekleidet hat, muss als ihr Gegenpol, als absolut +antisoziale+ -Erscheinung die +Prostitution+ bezeichnet werden. Man nennt sie, wie -bekannt, ein „notwendiges Uebel“. Eine wissenschaftliche, dem Stande -der modernen Forschung entsprechende Geschichte der Prostitution -existiert noch nicht. Das grosse achtbändige Werk von +Dufour+[21] -enthält zwar eine grosse Menge Material, dasselbe ist aber gänzlich -unübersichtlich zusammengestellt. Zudem verliert auch diese -Zusammenstellung jeden Wert durch den gänzlichen Mangel der genauen -Quellennachweise. Nur aus einer gleichmässig die Ergebnisse der -Soziologie, Hygiene und Nationalökonomie verwertenden geschichtlichen -Darstellung der Prostitution würde sich ein sicheres Urteil über -die +Ursache+ und die +Abhilfe+ dieses sozialen Uebels gewinnen -lassen. Besonders +Bebel’s+ Werk „Die Frau und der Sozialismus“ hat -manche unrichtigen Anschauungen über die Ursachen der Prostitution -verbreitet, indem dieser Autor dieselben auf die wirtschaftliche -Ausbeutung und die Hungerlöhne zurückführt. Demgegenüber sei nur auf -die gediegene, aus langjähriger Erfahrung hervorgegangene Arbeit über -Prostitution von +G. Behrend+[22] hingewiesen, der ganz andere Ursachen -derselben aufdeckt, dieselben vor allem in einer fast stets erworbenen -Lasterhaftigkeit sieht und ganz richtig bemerkt, dass man meist die -veranlassenden äusseren Momente für die eigentlichen Ursachen ansieht. -Der bedeutendste Forscher über Prostitution neben +Behrend+ ist +B. -Tarnowsky+[23], der bemerkenswerter Weise zu den gleichen Ergebnissen -wie jener gelangt ist und als eine Fabel nachweist, dass die Armut die -nie versiegende Quelle der Prostitution sei. Auch +A. Hegar+ hat den -Versuch gemacht, +Bebels+ Behauptungen zu widerlegen, und zugleich in -seiner sozialhygienischen Studie Vorschläge zu einer Beseitigung des -„geschlechtlichen Elends“ gemacht.[24] - -Den kühnsten Vorstoss in der Erklärung der Prostitution hat aber wohl -+Lombroso+ unternommen. Er geht von dem unzweifelhaften Zusammenhange -zwischen Prostitution und Verbrechen aus und statuiert, dass die „Donna -delinquente e prostituta“ nur eine besondere Abart des „reo nato“, des -„geborenen Verbrechers“ sei[25]. Ganz richtig bemerkt er, dass daher -die Dirnennatur nicht nur in den unteren Klassen vorkomme, sondern -ihr Aequivalent auch in den höheren Gesellschaftsschichten habe, was -wiederum ein Beleg dafür ist, dass man nicht die Armut als Ursache der -Prostitution anschuldigen kann. Trotzdem halten wir die Theorie der -„geborenen Prostituierten“ für verfehlt und müssen auch wiederum den -äusseren Einflüssen wie falscher Erziehung, Umgebung u. s. w. mehr -Bedeutung zuerkennen. Jedenfalls bringt das Buch +Lombrosos+ wertvolle -Aufschlüsse über den niemals bestrittenen innigen Zusammenhang von -Prostitution und Verbrechen. - -Das Verhältnis der Liebe zum öffentlichen +Recht+ spiegelt sich -vor allem in der sogenannten +Frauenfrage+ wieder. Nimmt man, -wie wir gesehen haben, die Ehe als Grundlage der Gesellschaft -und als das soziologische Endziel der Liebe, so ist eine -allgemeine „Frauenemanzipation“, d. h. die völlige Aufhebung aller -gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Unterschiede -zwischen Mann und Frau ein Widerspruch in sich selbst. Denn die -Ehe bedingt allein schon durch die Geburt der Kinder, die Sorge -für diese und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie -eine Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Auch lassen sich -trotz glänzender Ausnahmen die grossen körperlichen und geistigen -Verschiedenheiten von Mann und Weib nicht verleugnen. Hiermit ist das -Zugeständnis grösserer Rechte und zahlreicherer Bildungsgelegenheiten -an die Frauen wohl vereinbar, besonders angesichts des grossen -Ueberschusses der Zahl derselben über diejenige der Männer, sowie der -späten Heiraten der letzteren. Anfang und Ende der „Frauenfrage“ -ist für uns in dem einen Satze beschlossen: Die Frau ist die -gleichberechtigte aber nicht gleichmächtige Gefährtin des Mannes. - -Die rechtliche Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mann und Weib -hängt aufs innigste zusammen mit der ethischen Seite. Eine wichtige -Aufgabe einer Wissenschaft des Geschlechtslebens wird darin bestehen, -den Einfluss der jeweiligen Lehren der Moral auf die menschliche Liebe -und ihre Aeusserungen zu studieren und im Zusammenhange darzulegen. -Für Deutschland ist in neuester Zeit ein derartiger, freilich noch -unvollkommener Versuch unternommen worden.[26] In der Tat bildet die -Regelung des sexualen Lebens „innerhalb der Oeffentlichkeit“ einen -integrierenden Teil der Moralgeschichte überhaupt, und +Rudeck+ -hat Recht, wenn er diese zugleich als eine „Kritik der gesamten -Kultur“ bezeichnet, deren Art und Bedeutung sich nirgends so treu -wiederspiegelt wie auf geschlechtlichem Gebiete. Dass die moralische -Beurteilung geschlechtlicher Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten -und bei verschiedenen Völkern eine ganz verschiedene gewesen ist, -ist eine längst bekannte Tatsache. Und doch wird auch hier eine -kritische Untersuchung gewisse Normen feststellen können, die -Allgemeingültigkeit beanspruchen. Mit der +Vervollkommnung+ des -Menschengeschlechts entwickelt sich auch eine Ethik des Sexuallebens. -So führt +Westermarck+ in seiner „Geschichte der menschlichen Ehe“ den -stringenten Nachweis, dass das +Schamgefühl+ etwas sekundäres und zwar -die +Folge+, nicht die Ursache der Bekleidung ist. - -Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen -zwischen Liebe und +Religion+. +G. Herman+, dessen Buch wir oben -erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion -auf +sexueller+ Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer -höchst interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen -Feiern und Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen -geworden sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der -Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst -ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse +Mystik+ -mit ihren sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der -„Satanskirche“, die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen -Religionen, sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin -um nichts besser als die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch -schlimmer, und es liegt etwas Wahres in +Nietzsches+ Ausspruch[27]: -„Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: -- er starb zwar nicht -daran, aber entartete, zum Laster“. Die meisten +erotischen Epidemien+ -sind religiösen Ursprungs. - -Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern -gewissermassen +nationale+ Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die -Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die -Liebe des Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft -objektiven Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der -+Sprache+. In ihr werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch -die betreffenden Worte sichtbar. +Abel+ hat in einer höchst schätzbaren -Abhandlung den ersten Versuch einer derartigen +linguistischen+ -Erforschung der Liebe gemacht.[28] Er untersucht so die Worte für Liebe -in der lateinischen, englischen, hebräischen und russischen Sprache. - -Die Sprache führt uns zur +Dichtung+. Die Werke der Literatur bieten -uns ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen -über die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial -für eine +historische Psychologie+ der Liebe. Sie bietet, wie +Stein+ -(a. a. O. S. 33) sagt, „den dankbarsten vergleichenden Stoff, der -seiner sozialgeschichtlichen Bezwinger harrt“. Hier sind noch wahre -wissenschaftliche Schätze zu heben. Homer und die Bibel, die Veden und -Upanishaden, die gesamte Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen -enthalten die getreuen Abbilder dessen, was die Liebe bei jedem Volke -und zu jeder Zeit gewesen ist. - -Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die -+materielle Kultur+ einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden, -städtisches Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m., -verschieden nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die -grössten Wirkungen aus. - -So ist die Liebe als +geschichtliche+ Erscheinung unendlich reich an -Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen -lassen als sie die rein +physische+ Liebe erkennen lässt. Untersuchen -wir daher - - -3. Die Liebe als metaphysisches Problem. - -Dass der menschlichen Liebe eine +höhere Bedeutung+ innewohnt, -leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten -dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist. -Und zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige -+innere Wesen+ der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt. -Wie Don Cesar in der „Braut von Messina“ sagt: - - Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s, - Die Reize nicht, die auf der Wange schweben, - Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt -- - +Es war ihr tiefstes, ihr geheimstes Leben, - Was mich ergriff mit heiliger Gewalt.+ - -Was ist nun dieses „tiefste und geheimste“ Leben? Was ist der wahre -Zweck, das wirkliche Endziel der Liebe? - -Zwei berühmte Philosophen der Neuzeit, +Arthur Schopenhauer+ und -+Eduard von Hartmann+ haben die gleiche metaphysische Betrachtung -über die Liebe angestellt, die das grösste Aufsehen erregte und viele -Nachbeter fand. +A. Schopenhauer+[29] erblickt die Bedeutung der Liebe -in der Erfüllung der Zwecke der +Gattung+, welche in der Reihenfolge -und dem endlosen Flusse der Generationen ihr Leben führt. „Die -sämtlichen +Liebeshändel+ der gegenwärtigen Generation zusammengenommen -sind demnach des ganzen Menschengeschlechts ernstliche meditatio -compositionis generationis futurae, e qua iterum pendent innumerae -generationes“. Dabei verlarvt sich aber der Gattungszweck, indem -er in der Gestalt der Geschlechtsliebe eingeht in den +persönlichen -Zweck+ der Individuen und erscheint als deren höchstes Glück, als der -Gipfel aller ihrer Wünsche, daher in der erhabensten Form, in den -überschwenglichsten Gefühlen und Entzückungen, als das unerschöpfliche -Thema aller Poesie, der lyrischen, epischen und dramatischen, als -der Gegenstand des Lustspiels und des Trauerspiels. Eros spielt -seine Rolle auf dem Sokkus und auf dem Kothurn. Dass die Liebenden -die Erfüllung des Gattungszweckes für den Gipfel ihres persönlichen -Glückes halten, darin besteht die tragische Illusion, der Wahn. Es ist -ein schrecklicher Wahn. Denn im Genuss der Wollust kontrahiert der -Mensch eine schwere Schuld, welche das erzeugte Individuum zu büssen -und durch Leiden und Tod bezahlen muss. „Das Leben eines Menschen, mit -seiner endlosen Mühe, Not und Leiden, ist anzusehen als die Erklärung -und Paraphrase des Zeugungsaktes“. Der Eros als Ausdruck des Willens -zum Leben, „wie ist er so sanft und zärtlich! Wohlsein will er, und -ruhigen Genuss und sanfte Freude, für sich, für andere, für alle. Es -ist das Thema des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins -Leben hinein. Ist er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen, -und das Verbrechen die Qual herbei. Greuel und Verwüstung füllen den -Schauplatz. Es ist das Thema des Aeschylos“. (a. a. O. S. 670.) - -Die Illusion, die Täuschung und die Verzweiflung der Liebe schildert -prachtvoll +E. v. Hartmann+[30]. Sein Schluss ist dieser: „Wer einmal -das Illusorische des Liebesglückes nach der Vereinigung und damit -auch desjenigen vor der Vereinigung, wer den in aller Liebe die Lust -überwiegenden Schmerz verstanden hat, für den und in dem hat die -Erscheinung der Liebe nichts Gesundes mehr, weil sich sein Bewusstsein -gegen die Oktroyierung von Mitteln zu Zwecken wehrt, die nicht +seine+ -Zwecke sind; die Lust der Liebe ist ihm untergraben und zerfressen, nur -ihr Schmerz bleibt ihm unverkürzt bestehen.“ - -Wer, wie wir, den Begriff der Liebe +evolutionistisch+ fasst, kann -eine solche Metaphysik der Geschlechtsliebe nicht anerkennen. Es ist -richtig, dass das +rein Physische+ der Liebe mehr Unlust als Lust mit -sich bringt durch Vorspiegelung seliger Freuden, die nachher zerrinnen -wie Schaum. +Aber die physische Liebe ist nur der Anfang einer -Entwickelung+, deren Ende gerade dem +Individuum+ die grösste Seligkeit -verheisst. Die physische Liebe ist nur der als solcher +notwendige+ -Durchgangspunkt zu dem wirklichen Endziele, der +platonischen Liebe+. -Das metaphysische Endziel der Liebe ist die +Erkenntnis+, die -vollendete +Freiheit+. „Und Adam +erkannte+ Eva“ heisst es tiefsinnig -in der Bibel! - -+Platos+ und +Hegels+ Dialektik haben aufs treffendste diese Wahrheit -erleuchtet. Ganz richtig bemerkt +Wigand+[31], dass die platonische -Liebe der natürlichen oder physischen Liebe gar nicht entgegengesetzt -ist, sondern die Liebe zum +sinnlichen+ und +körperlichen+ Schönen -ist die +Leiter+ und die +Leiterin+ zur Liebe und +Erkenntnis+ alles -unsichtbaren Schönen und Guten in Natur- und Menschenwelt, in Kunst und -Wissenschaft von Stufe zu Stufe bis zur letzten Sprosse dieser Leiter, -zur Anschauung der Allgesetzlichkeit, des +Absoluten+. - -Noch deutlicher wird dies, wenn wir in den Sinn der Worte eindringen, -welche die göttliche +Diotima+ im „Gastmahl“ des Plato spricht, Worte, -die ewig und unvergänglich sind. - -„Denn dies ist die rechte Art, sich auf die +Liebe+ zu legen oder -von einem anderen dazu angeführt zu werden, dass man von diesem -+einzelnen+ Schönen beginnend, jenes einen Schönen wegen immer höher -hinaufsteige, gleichsam stufenweise von einem zu zweien und von zweien -zu +allen+ schönen Gestalten und von den schönen +Gestalten+ zu den -schönen +Sitten+ und +Handlungsweisen+, und von den schönen Sitten -zu den schönen +Kenntnissen+, bis man von den Kenntnissen endlich zu -jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem als +eben von jenem -Schönen+ selbst die Kenntnis ist, und man also zuletzt +jenes selbst, -was schon ist+, erkenne. +Und an dieser Stelle des Lebens, lieber -Sokrates, wenn irgendwo, ist es dem Menschen erst lebenswert, wenn er -das Schöne selbst schaut.+“ (Platons Symposion 210, 11.) - -Das ist der wahre Sinn der platonischen Liebe. Sie ist der sinnlichen -Liebe nicht entgegengesetzt, sondern geht von ihr aus und erhebt -sich zu höheren Formen, indem sie den innigen Zusammenhang zwischen -+physischer+ und +geistiger+ Zeugung ausdrückt, worin das Wesen jeder -wahren und echten Liebe wurzelt.[32] - -Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses -Sachverhaltes sagt +Schopenhauer+ in den „Paränesen und Maximen“: -„Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt -ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut, -statt eines vergänglichen und scheinbaren.“ - -Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick -erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische -Methode +Hegels+, des „Weltphilosophen“, wie ihn +C. L. Michelet+ -nennt, des Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten. - -Für +Hegel+ ist auch der Begriff der Gattung +evolutionistisch+.[33] -Das Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen -Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck -fordert die Erzeugung der Gattung. Die Lösung der Aufgabe bietet die -Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen -ihrer Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die -endlose Reihe der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. +Es ist -die Gattung in der Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden -Generation lebt die Gattung wirklich.+ - -In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat, -in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher -ab wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr -die Individuen dieser Generation. - -Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe -weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. +Das -Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es -auch nicht weiter.+ In dem beständigen Flusse der Generationen, in -dem unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter +wird die Gattung nicht -wahrhaft objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein+. Das -einzelne Individuum +vergeht wirklich+, und die Gattung, da sie nur -in dem Wechsel der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der -Individuen erscheint, +hört nicht auf zu vergehen+. So wird vermöge des -blossen Lebens der Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt -und verwirklicht. - -Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt nennen. - -Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen -Welt Regel und Selbstzweck. - -Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess -nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck -der Gattung wie der des Individuums. - -Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der -Individuen, als das wahrhaft +Allgemeine+. Es gibt nur eine Form, die -das Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: +der Begriff+. Es -gibt nur eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff -zu erzeugen: +das Denken+. In dem begreifenden Denken allein wird das -Allgemeine wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein. -Hier löst sich die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber -selbst nicht löst. Sie löst sich im Denken, welches die wahren Begriffe -erzeugt und dadurch die Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden. - -Hier also erscheinen die Begriffe +Erzeugen+ und +Erkennen+ in einem -Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits +Plato+ -erkannt hat, wenn er +Sokrates+ das Erkennen ein Erzeugen nennen -lässt. Der philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das -erzeugende Denken ist unsere wahrhaft +allgemeine+ Tätigkeit, unsere -+wirkliche Gattung+, die in uns entbunden und frei wird in demselben -Masse, als wir selbst frei werden von den individuellen und sinnlichen -Lebenszwecken. - -So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit -Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur -Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich, -dass dem reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis -niemals die +Wärme des Gefühls+ fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie -ist nichts Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel, -sondern ihr Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34] - - - - -I. - -Das Zeitalter des Marquis de Sade. - - -Der Marquis +de Sade+, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit -wir in diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18. -Jahrhunderts. Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem -wir uns anschicken, das erste wissenschaftliche Werk in deutscher -Sprache über diesen seltsamen, dem +Namen+ nach aller Welt bekannten -Mann zu schreiben, wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu -können, dass wir ihn zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des -18. Jahrhunderts erklären. Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung -über den Marquis +de Sade+ schon ausgesprochen. Aber dieses Urteil, -selbst aus dem Munde der bedeutendsten Nerven- und Irrenärzte, muss -ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das tut, was bisher -unterblieben ist, so lange nicht die +äusseren Bedingungen+, das -+Milieu+ erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben -heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen -ausübte. Denn es ist „jedesmal von +entscheidender Bedeutung+, aus -welchem Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die -behandelten Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die -individual-psychologische, sondern nur die +sozial-psychologische+ -Auffassung kann zu einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit -+Sades+ führen. Eine wahrhaft wissenschaftliche Beurteilung gewisser -typischer Persönlichkeiten ist nur auf diesem Wege möglich, wenn auch -keineswegs die Bedeutung der einzelnen Individualität als solcher -verkannt werden soll. Wir müssen uns auf Grund unserer Studien über den -Marquis +de Sade+ durchaus den Ansichten eines bedeutenden Soziologen -der Gegenwart anschliessen[36], dass „das persönliche Ich nur den -Gipfel und Schlusspunkt psychischer Faktoren überhaupt bildet. Schon -psychiatrische Untersuchungen über die Zersetzung und Entartung unseres -Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt, dass unsere Persönlichkeit -nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer unendlich langen, in -die Nacht des Unbewussten hinabreichenden psychischen Tätigkeit -darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den letzten Ursprung -hin erfassen können. Durch die Beobachtung des +gesellschaftlichen -Lebens+ und insbesondere der +stetigen Wechselwirkung des Einzelnen -mit der ihn umgebenden Gemeinschaft+ ist diese Hypothese zum Range -einer wissenschaftlich beglaubigten +Tatsache+ erhoben. Hier ist in -den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie -Selbstbestimmung entscheidend, sondern +gewohnheitsgemässe Anpassung+, -das +Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen+, ohne dass der -Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“ -Sitten und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde -sind grösstenteils +organische Entwickelungen+ ohne bestimmtes, -zweckbewusstes Eingreifen seitens des Individuums. Unsere Gefühle -und Empfindungen entspringen trotz ihres eigenartigen individuellen -Charakters „aus jenen Tiefen des Unbewussten, welche der endgültigen -Fixierung des Ichs vorausgehen.“ Das sind aber Gedanken +Hegels+, das -ist +Hegels+ Lehre vom +objektiven Geist+, aus dem der subjektive -immerwährend schöpft, und der seine eigene Entwickelung hat. Das ist -in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene „Selbstbewegung des -Begriffs“. +Hegel+, dieser grösste Denker des neunzehnten Jahrhunderts, -wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein Zweifel, dass seine Lehre -im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern wird. Nach den Stürmen -der +Schopenhauer-Hartmann+’schen und +Nietzsche+’schen Philosophie -wird die Sonne +Hegel+’schen Geistes über der Erde leuchten. Die -dialektische Methode hat die neuere Geschichtswissenschaft mit den -wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe ihrer gegenwärtigen -Entwickelung geführt, sie wird auch der Naturwissenschaft neue Impulse -geben, da sie, wie sich immer mehr herausstellen wird, nirgends der -Erfahrung und den Gesetzen der Natur widerstreitet. +Hegel+, nicht -+Schopenhauer+, ist der „wahre und echte Thronerbe Kants“. - -So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem -Abschnitt die +Fäden+ aufsuchen, welche den subjektiven Geist -des Marquis +de Sade+ mit dem objektiven Geist seines Zeitalters -verknüpfen. Er ist zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der -Revolution. Seine beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare -Erzeugnisse der grossen französischen Revolution. Also haben wir zu -untersuchen, was +Sade+ von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren, -was er ihr gegeben hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der -französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, +sondern wir -erklären die Werke des Marquis de Sade aus jener Zeit+, aus allen -innerlichen und äusserlichen Verhältnissen des sozialen Lebens im 18. -Jahrhundert. - - -1. Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich. - -+Sade+ nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle -absolument corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I, -261) den Noirceuil sagen, dass es gefährlich sei „in einem +verderbten -Jahrhundert+ tugendhaft sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte -sich also das Bewusstsein der allgemeinen Schlechtigkeit in jener -Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten Ausdruck für alle Verhältnisse -dieser Epoche hat +Hegel+ gefunden. Er sagt in seiner „Philosophie -der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen -Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und -Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste -Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, -- ein +Reich des -Unrechts+, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses -Unrecht wird“. Sind nicht +Sades+ Werke ein getreuer Spiegel dieser -Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch -überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des -Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht +schamloses+ Unrecht? - -Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen +frivolen+ Zeitaltern, deren Wesen -ein bedeutender Schüler +Hegels+, +Kuno Fischer+, in vollendeter -Weise geschildert hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein -ablaufendes Weltalter beschliessen und das Leben der Menschheit völlig -zersetzen, damit es ganz von neuem wieder anfangen könne. +Fichte+ -nannte es einst die +vollendete Sündhaftigkeit+. „In allen grossen -Wendepunkten der Geschichte gleichen sich die Züge der verschiedenen -Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten Tagewerke und sehen so welk -und ohnmächtig aus, dass man an einem neuen verzweifeln möchte. Und in -der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig abgelebt hat, so bleibt von -seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche übrig, und dieses -bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden, da ihm die -innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es -ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und -doch abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne -irgend einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine -Natur, es gibt keine Bildung in diesen Zeiten, überall nur die Prosa -der Selbstsucht ohne ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine -Poesie“. Die Welt der Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das -französische Königtum vor der Revolution sind solche Perioden. Jene -zweite war die +vollendete Sündhaftigkeit des Katholizismus+, diese -letzte ist die +vollendete Sündhaftigkeit des Königtums+. - -Der +Genuss+ à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch -aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war -in Frankreich der +Egoismus+ so gross wie unter dem ancien régime -und während der Revolution. Der Minister +Saint-Fond+, eine getreue -Kopie eines Ministers unter +Ludwig XV.+ sagt (Juliette II, 37): -„Der Staatsmann würde ein Narr sein, der nicht das Land für seine -Vergnügungen bezahlen liesse. Was geht uns das Elend der Völker an, -wenn nur unsere Leidenschaften befriedigt werden? Wenn ich glaubte, -dass Gold aus den Adern der Menschen fliessen würde, dann würde ich -einen nach dem anderen zur Ader lassen, um mich mit diesem Blut zu -füttern“. Diese Aeusserung findet +Sade+ charakteristisch für das -ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser Egoismus nur bei den -herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und Geistlichkeit zu Tage -getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten der Bevölkerung. -+Adolf Schmidt+, der seine Schilderung der Revolutionszeit aus -+authentischen, zeitgenössischen Dokumenten+ schöpft, sagt darüber[40]: -„Das war der scharf ausgeprägte +Egoismus+, die Selbstsucht und -Habgier, die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern -alle Klassen des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden -Bauernstand durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle -anderen Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit -weit zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn -man wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten -unter den glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und -Brüderlichkeit, über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung -für Wohl, Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein -Wettrennen um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der -Umstände, ein gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf -das Elend der Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den -anderen übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen, -wollte persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“. -Ebenso spricht der berühmte +Mercier+, der Cicerone +Schopenhauers+ bei -dessen Aufenthalt in Paris, von diesem „siècle d’égoïsme renforcé“[41]. -Wir werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18. -Jahrhunderts in seinen verschiedenen Formen zu studieren haben. - -Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber -in der geschlechtlichen Lust. +Das achtzehnte Jahrhundert ist -das Jahrhundert der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust.+ -+Moreau+[42] unterscheidet drei Epochen in der Geschichte der -geschlechtlichen Ausschweifungen und Verirrungen. Die erste ist die -Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite umfasst jene grossen -Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im Mittelalter, besonders -den Glauben an die Existenz des Incubus und Succubus, den Kult der -sogenannten „Satanskirche“ mit seinen ungeheuerlichen geschlechtlichen -Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in das 18. Jahrhundert, hell -erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen Eigenart durch die -Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten Ludwig. - -„+Wollust!+ das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben -die besten Kenner dieser Zeit, +Edmond+ und +Jules de Goncourt+.[43] -Das ist sein Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und -macht sie frei. Die Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und -welche es belebt. Sie ist seine Atmosphäre und sein Atem, sein Element, -seine Inspiration, sein Leben und sein Genie. Sie zirkuliert in seinem -Herzen, seinen Adern und seinem Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack, -seinen Gewohnheiten, seinen Sitten und seinen Werken einen eigenen -Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten Wesen dieser Zeit hervor, sie -redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese Welt dahin, nimmt sie in -Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende ihrer Moden, der Stil -ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig geblieben, nichts -hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der Wollust -geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der göttlichen -Gnade in dem Dufte des Genusses.“ - -Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen -auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist -die +Systematisierung+ der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert -blieb es vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das -ganze Leben zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die -Konversation, die Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende -Hauch der rein physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft, -welcher alle geistige Energie lähmt. Und als diese sich erhob in der -grossen glorreichen und unvergesslichen Revolution, welche die neue -Zeit geboren hat, da hing ihr jener schwere Duft noch an, zog sie -wieder herab und knechtete sie und verkehrte die heftig angespannte in -wilde Grausamkeit und erbarmungslosen Blutdurst. - -Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des Unrechts -den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit nachgewiesen, -welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des Marquis +de -Sade+ aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so liegt -uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit +Sades+ -die Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus -welchen Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich -zusammensetzen. - - -2. Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert. - -In der Philosophie stellt sich der Geist eines Zeitalters am reinsten -und bestimmtesten dar. So war auch die französische Philosophie -gleichsam der wissenschaftliche Ausdruck für den Egoismus, die -Genusssucht und die Geschlechtslust jener Zeit. Sie war durchweg -+sensualistisch+ und +materialistisch+ gerichtet. Sehr drastisch lässt -+Sade+ die Dubois sagen (Justine I, 122): „Das Element der Philosophie -ist der +Geschlechtsgenuss+!“ Die Philosophie spielt in den Werken -+Sades+ eine grosse Rolle. Sehr häufig kehrt der Ausspruch wieder: -„Das Feuer der Leidenschaft wird stets an der Fackel der Philosophie -entzündet“ (z. B. Juliette I, 92, 158, 319 u. s. w.). Einen sehr -grossen Teil der Bücher +Sades+ nehmen langatmige philosophische -Exkurse ein, die wir in einem späteren Abschnitt zu würdigen haben. -Dabei verfährt +Sade+ sehr eklektisch und unkritisch. Er nennt z. B. -in einem Atem +Spinoza+, +Vanini+ und +Holbach+, den Verfasser des -„Système de la Nature“ (Juliette I, 31). Dann +Buffon+ (Philosophie -dans le Boudoir I, 77), welcher noch den Versuch einer Milderung des -starren Materialismus macht. Die Namen von +Voltaire+ (Juliette I, 88) -und +Montesquieu+ (Juliette IV, 8; V, 252 u. ö.) dürfen natürlich auch -nicht fehlen. +Montesquieu+ ist aber nur ein „demi-philosophe.“ An -+Rousseaus+ Ideen klingt der Ausdruck an: „Die Menschen sind nur rein -im natürlichen Zustande, sobald sie sich daraus entfernen, erniedrigen -sie sich“ (Juliette IV, 242). Den grössten Einfluss scheint +La -Mettrie+ auf +Sade+ ausgeübt zu haben. Wenigstens erscheint uns das -philosophische System des Marquis +de Sade+, wenn man den eklektischen -Mischmasch als solchen bezeichnen darf, mit Vorliebe Gedanken +La -Mettries+ zum Ausdruck zu bringen. Beide suchen die Legitimation und -Erhöhung des Geschlechtsgenusses in der +philosophischen Analyse+. -Hierbei wird +La Mettrie+ ausdrücklich erwähnt (Juliette III, 211). -Als Philosoph ist entschieden +La Mettrie+ den Ideen Sades am nächsten -gekommen. - -+Montesquieu+ und +Voltaire+ hatten die sensualistische Philosophie -+Lockes+ in Frankreich bekannt gemacht, wo schon der Skeptizismus -+Pierre Bayles+ die Philosophie dem christlichen Glauben als -das Höhere und Wahrere entgegengestellt hatte. Während bei den -englischen Philosophen, sowie bei +Voltaire+ und +Montesquieu+ die -sensualistischen Anschauungen nur theoretisch entwickelt wurden, der -Sensualismus wesentlich +Erkenntnislehre+ blieb, machten sich bald -Bestrebungen geltend, den Sensualismus und seine natürliche Konsequenz, -den Materialismus, auf das praktische Gebiet zu übertragen. Die -Erkenntnis ist eine Funktion der Sinne. Die Grundlage der Moral ist -das eigne Wohl, der Egoismus. Ewig ist nur die Bewegung, die aus sich -selbst alle Dinge hervorbringt und keines Schöpfers bedarf. Freier -Wille und Unsterblichkeit der Seele, sowie der Gottesbegriff sind -daher Utopien. Die Materie ist das einzig Sichere. Eine Seele gibt es -nicht. Der Atheismus ist die einzige Religion, die in der Anbetung der -Natur, im glücklichen Leben und physischen Genuss ihre Befriedigung -findet. Aus diesen vorzüglich von +La Mettrie+ und +Holbach+ -formulierten Sätzen ergab sich das, was die französische Philosophie -des 18. Jahrhunderts besonders charakterisiert, ihre Opposition gegen -+Kirche+ und +Religion+, ihr Eintreten für die Freiheit des einzelnen -Individuums. Niemals ist die Philosophie mit solcher Energie auf alle -Lebensverhältnisse angewendet worden, mit bewusster Tendenz, diese -umzugestalten, wie im 18. Jahrhundert. Die französische Revolution war -vor allem ein Werk der Philosophen; und das hat man schon frühzeitig -erkannt. So sagt +Barruel+, ein fanatischer Verteidiger des ancien -régime[44]: „Diese Revolution wurde seit langer Zeit von Menschen -geplant, welche unter dem Namen von Philosophen sich in die Rolle -geteilt hatten, Thron und Altar zu stürzen.“ Es gab daher +politische+ -und +religiöse+ Philosophen. Der Hauptrepräsentant der politischen -Philosophie ist +Mirabeau+, der leidenschaftliche Anwalt des dritten -Standes. Er tat aber auch den berühmten Ausspruch: „Wenn Ihr eine -Revolution wollt, so müsst ihr zuerst Frankreich entkatholisieren.“ (Si -vous voulez une révolution, il faut commencer par décatholiciser la -France). Wie sehr der Atheismus eines +La Mettrie+ und +Holbach+[45] -ins Volk gedrungen war, beweist folgender von +Dutard+ erzählte -wirkliche Vorfall[46]: Drei Priester kehrten von einer traurigen -Amtsverrichtung zurück. Der Vordere stiess mit dem silbernen Kreuz -an einem beladenen Lastträger, der mit einem unbeladenen Kameraden -daherschritt. „Nanu!“ rief der Gestossene, „du da, pack dich mit deinem -Kreuz.“ -- „St!“ sprach sein Kamerad, „es ist ja der gute Gott!“ -- -„Ach was, der gute Gott!“ versetzte jener, „es gibt keinen guten Gott -mehr!“ -- Man schritt daher konsequenterweise zu praktischer Ausführung -dessen, was der Marquis +de Sade+ als Einer von +Vielen+ in seinen -Werken immer und immer wieder predigt, zur Abschaffung der verhassten -Religion. In der Sitzung des Konvents vom 17. November 1793 sagt -+Cloots+, dass die Religion das grösste Hindernis der Glückseligkeit -sei. Es gäbe keinen anderen Gott als die Natur, keinen anderen Herrn -als das Menschengeschlecht, der Gott des Volkes, die Vernunft müsse -alle Menschen vereinigen. -- Feierlich schwor am 7. November 1793 -im Schosse des Konventes der Bischof +Gobel+ mit einem Häuflein -seiner Geistlichkeit den katholischen Kultus und das Christentum ab. -Die priesterlichen Mitglieder des Konventes folgten sofort seinem -Beispiel. Am 10. November wurde dann in der Kirche Notre-Dame der -seltsame Kultus der Vernunft eingeweiht. Die Vernunft wurde Fleisch -in Gestalt einer schönen jungen Frau, die der Präsident des Konventes -mit dem Bruderkusse umarmte. „So wurde die abstrakte Vernunft zur -sinnlichen Göttin gestempelt, die Göttin zum Menschenweibe degradiert -und die Gottheit zu einer +Vielheit+ von menschlichen Göttinnen oder -Gottweibern gestaltet.“[47] Man sieht also, dass der Atheismus, der -bei +Sade+ oft abschreckende Formen annimmt, nichts ihm Eigentümliches -ist, sondern jener Zeit gemäss war. Man sieht ferner, wie schliesslich -dieses ganze atheistische Gebahren auf den geschlechtlichen Genuss -hinausläuft, der in der Revolutionszeit wahrhaft ungeheuerliche -Dimensionen annahm. Die „Vernunft“, deren Kultus aufgerichtet wurde, -d. h. die Philosophie, hatte ihn längst verherrlicht. So erwähnt +Sade+ -(Juliette IV, 198) +La Mettries+ Schrift „Sur la volupté“, womit -wahrscheinlich die „L’art de jouir“ (1751) gemeint ist. Hier entwickelt -+La Mettrie+ die Regeln für den Genuss der physischen Liebe, die er als -das Schönste und Begehrenswerteste auf der Welt preist, wobei er die -Befriedigung aller „caprices de l’imagination“ für geheiligt erklärt. - -Die Philosophie, in welcher die geistige Bewegung jener Zeit ihren -allgemeinsten und intensivsten Ausdruck fand, kämpfte für politische, -religiöse und moralische Freiheit. Sie richtete sich gegen Staat, -Kirche und konventionelles Herkommen. Alle diese Faktoren macht auch -der Marquis +de Sade+ zum Gegenstande seiner heftigsten Angriffe. Wir -gehen daher über zur Untersuchung der einzelnen konkreten Verhältnisse -in Staat, Kirche, Literatur und öffentlichem Leben, insofern dieselben -zur Erklärung der Persönlichkeit und der Werke des Marquis +de Sade+ -beizutragen vermögen. - - -3. Das französische Königtum im 18. Jahrhundert. - -Die Jugend des Marquis +de Sade+ gehört der Regierungszeit +Ludwigs+ -XV. an, sein Mannesalter der Zeit +Ludwigs+ XVI. Er war 34 Jahre alt, -als der verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig -XV., starb (1774). Die politische Misswirtschaft der französischen -Herrscher des 18. Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache -+Laws+ unter dem +Regenten+ ihren Anfang nahm, unter +Ludwig+ XV. zu -dem Verluste der wichtigsten Kolonien und unter +Ludwig+ XVI. zur -Revolution führte, die einseitige Begünstigung des Adels und des -Klerus, übergehen wir als zu bekannte Tatsachen, welche unser Thema -nicht näher berühren. Die +Genusssucht+ und die +geschlechtlichen -Ausschweifungen+ des Königtums werden besonders von +Sade+ -gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder in der Wirklichkeit. -„Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust betritt, betritt ihn die -ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt +Moreau+ mit Recht[48]. Das von -den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts gegebene Beispiel -musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch und durch -materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben. Die -Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für -das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué -par excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner -Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft -+Ludwigs+ XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden -+Goncourts+, auf deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie -+Moreau+ sagt, eine „beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine -Geliebten trotz ihrer grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr -genügen. Er schuf sich in seinem berühmten +Hirschpark+ das Vorbild -aller +geheimen Bordelle+, die auch in den Werken des Marquis +de -Sade+ eine grosse Rolle spielen. Man denke sich: ein +König+ unterhält -ein eigenes Bordell für seinen Privatgebrauch! Erscheint dann nicht -alles, was +Sade+ in seinen Werken gegen das Königtum sagt, in einem -ganz anderen, milderen Lichte? -- Ueber den Hirschpark existiert ein -Werk, welches uns leider nicht zugänglich war.[50] Der Hirschpark -wurde um 1750 in der Eremitage zu Versailles in dem Parc-aux-Cerfs -genannten Stadtviertel von der Marquise +de Pompadour+ für den König -eingerichtet, dem sie, um sich am Ruder zu erhalten, diese neue Art -von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des Bordells war eine -gewisse +Bertrand+, der Lieferant von jungen Mädchen hiess +Lebel+. -Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem Hause. Nach -dem Tode der +Pompadour+ wurde es sehr bevölkert (très peuplée[51]). -Nach einer anderen Darstellung musste schon die +Pompadour+, da -„sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war, -unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben -lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen, -dazu entstand der sogenannte +Hirschgarten+ (Parc-aux-Cerfs), diese -Fallgrube der Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern -einschlang, die, wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder -zurückgegeben wurden, Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen -und alle Laster in dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig -durch den Umgang mit den infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes -angesteckt werden mussten. Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt, -den dieses abscheuliche Institut den Sitten getan hat, so ist es -schon schrecklich genug, wenn man das ungeheure Geld berechnet, das -es dem Staate gekostet hat. Und wer kann sie berechnen, die Unkosten -dieser Legion von Ober- und Unterkupplern, die in beständiger Bewegung -waren, um an den entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände -ihrer Nachforschungen aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den -Ort ihrer Bestimmung zu bringen, ihnen daselbst die nötige Politur -zu geben, sie auszustaffieren und zu räuchern und sie durch alle -Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es wird ausgeführt, dass -jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million Livres gekostet -habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe gekommen sind, -so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe also -1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im -Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger -Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt, -dass der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die -Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt. -Ueber die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche -Gerüchte umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach -einem deutschen, allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren -„selbst die Saturnalien der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft, -die schauderhaften Lupercalien eines Tiberius, Caligula, Nero, einer -Agrippina, Messalina, Locusta und anderer menschlichen Ungeheuer nur -blosse Vorbilder solcher Auftritte, die im Hirschpark ausgeführt -wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger, durch Spiel, durch -Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch Wohlgerüche, durch Visionen -aus Zauberlaternen, durch Musik und jede Gattung tierischer Genüsse -hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den Marquis +de Sade+ an -diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch ist, was +Moreau+ -nach dem „Journal de +Barbier+“, nach +Sismondi+ u. a. über jene -eigentümliche Verknüpfung von +Religion+ und +Wollust+ berichtet, -welche Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn -Ludwig XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er -nicht nur mit Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch -nicht, dass die jungen Priesterinnen eines anderen Kultus es an den -Betätigungen ihres christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er -sich mit einer seiner Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er -ihr, sich hinter einem Vorhang zu entkleiden, während er selbst das -gleiche tat. Sodann knieten beide in Adams Kostüm auf dem Teppich und -verrichteten die Tagesgebete, indem sie sich die Stirn mit Weihwasser -benetzten, welches sich in einem Krystallgefässe am Kopfende des -Bettes befand. Nach beendetem Gebet und nach geschehener Bekreuzigung, -streichelte der König den nackten Busen der Kleinen mit seinem frommen -Finger. Man erhob sich, stieg ins Bett, zog die Vorhänge zu, und die -Namen des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen wurden solange -geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein anderes Vokabular zum Ausdruck -brachte“.[57] +Ludwig+ XV. besass auch, was ebenfalls wohl einzig in -seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für das Arrangement seiner -Orgien in der Person des „Intendant des Menus-Plaisirs“, +La Ferté+. -Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort unter +Ludwig+ -XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als +Ludwig+ XVI., 9 -Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit den -Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr +La -Ferté+ vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und -fragte dann: „Wer sind Sie?“ -- „Sire, ich heisse +La Ferté+.“ - „Was -wollen Sie von mir?“ -- „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät -entgegenzunehmen.“ -- „Weshalb?“ - „Weil -- weil ich der Intendant -- -der Menus --“ „Was heisst Menus?“ -- „Sire, es sind die Menus-Plaisirs -Eurer Majestät“. -- „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im -Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der -König den Rücken zu und ging.[58] +Ludwig+ XV. hatte aber an seinen -eigenen Ausschweifungen noch nicht genug, er musste auch die seiner -Untertanen kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei -regelmässig alle obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über -die Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59] - -+Ludwig+ XVI. und seine Gemahlin +Marie Antoinette+ sind persönlich -von dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter -ihrer Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des -Königs, der Graf von +Artois+ in der Tat ein berüchtigter Wüstling -war, so konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des -Königs und besonders der Königin, welche sich als österreichische -Prinzessin geringer Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die -bekannte Halsbandgeschichte wurde weidlich zur Verleumdung der Königin -ausgebeutet. „Geheime und unversöhnliche Feinde machten aus einigen -Leichtfertigkeiten und Unklugheiten +Marie Antoinettes+ verdächtige -und verabscheuenswerte Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem -Regierungsantritt +Ludwigs+ XVI. erschien ein obscönes Gedicht, welches -später in zahlreichen Nachdrucken verbreitet wurde, dessen erste -Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61] Das Gedicht behandelt die -angebliche Liebschaft zwischen +Marie Antoinette+ und ihrem Schwager -+d’Artois+ (späteren König +Karl+ X.). Die Königin wird hier in den -obscönsten Versen als eine wahre Messalina geschildert, welche der -impotente König nicht befriedigen kann. - -„Charlot“, der Graf +d’Artois+ war allerdings ein Hauptteilnehmer an -den von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien, -ebenso wie der Herzog von +Orléans+, +Philippe Egalité+. Auf den -berüchtigten nächtlichen Promenaden im Palais Royal war der Graf +von -Artois+ eine gewöhnliche Erscheinung. „Der Herr Graf +von Artois+, -der an diesen modernen Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur -Vermehrung des Vergnügens und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast -jeden Abend dorthin.“[62] In den „Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529) -erzählt +Rétif de la Bretonne+, dass im Faubourg Saint-Antoine -ein Bordell existierte, welches der Herzog von +Orléans+, der Graf -von +Artois+ und andere häufig besuchten. „Dort gab man sich allen -Infamien hin, +welche nachher von de Sade in seinem schrecklichen -Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben wurden+.“ Dort -wurden jene Bestialitäten begangen, welche +Sade+ schildert.[63] Als -die Gemahlin des Grafen +d’Artois+ 1775 in Paris einzog, wurde sie -von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem -durchsichtigen Liede begrüsst, das ebenfalls ein charakteristischer -Beweis dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine +öffentliche+ -geworden war: - - Célébrons tous à Paris - Un vaillant enfant de France; - Au moment qu’il entre en danse --, - Zeste, il vous a fait un fils! - C’est un vi..... c’est un vi..... - C’est un vigoureux mari! - - La moitié que nous voyons, - On dirait qu’elle n’y touche, - Mais en nuptiale couche - A des talents non moins bons. - Le beau con.... le beau con... - Ah! le beau concert, dit-on. - - Pour chanter les deux époux - En riant Bacchus s’avance; - Déjà dans la cuve immense, - S’entassent ses raisins doux. - Allons fou.... allons fou..... - Allons, allons fouler tous.[64] - -+Sade+ nennt (Juliette IV, 16) +Marie Antoinette+ „la première putain -de France“, er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu -beschimpfen (Juliette V, 252, 235 u. s. w., Phil. dans le Boud. I, 82), -wie er überhaupt gegen die ganze „morgue allemande“ einen wütenden Hass -hegt (Jul. IV, 16), insbesondere gegen das Haus Oesterreich (Juliette -V, 340). Darüber hinaus aber möchte er überhaupt alle Könige auf der -Erde vertilgen, welche die Völker berauben, und mochte eine „république -universelle“ begründen. (Jul. V, 119). - - -4. Adel und Geistlichkeit. - -Adel und Geistlichkeit spielen in den Romanen des Marquis +de Sade+ -die Hauptrolle. Prinzen, Herzöge, Grafen, Marquis, Chevaliers treten -neben dem Päpste, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Mönchen aller -Orden, Geistlichen, Abbés, Aebtissinnen und Nonnen als erotische und -atheistische Scheusale auf. Die ganze Korruption des ancien régime -zieht vor unserem Auge vorüber. Adel und Klerus bildeten in Frankreich -eigentlich nur einen einzigen Stand, da die Geistlichkeit grösstenteils -aus dem Adel sich rekrutierte. Der älteste Sohn eines Edelmannes wurde -Offizier, der zweite Sohn Priester oder Mönch, die Töchter, die sich -aus Mangel an Mitgift nicht verheiraten konnten, wurden Nonnen.[65] Die -Begünstigung des Adels von Seiten des Staates hatte im 18. Jahrhundert -unerhörte Dimensionen angenommen. „Alle Staatsämter, Pfründe, Richter- -und militärischen Stellen wurden zum grössten Teile an Adlige vergeben. -Mit 18 bis 20 Jahren erlangten die jungen Edelleute ein Regiment, ohne -von der militärischen Praxis eine Ahnung zu haben. Sie verbringen ihre -Jugend in Luxus und Sinnengenuss mit Weibern.“[66] - -Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen Klerus und Adel nahm das -Institut der +Abbés+ ein, „jener entarteten Rasse und Amphibienart, die -man überall fand und die nichts war.“[67] +Mercier+[68] erzählt, dass -Paris voll von Abbés sei, Geistlichen mit Tonsur, die aber weder der -Kirche dienten noch dem Staat, die im ödesten Müssiggange dahinlebten, -und nur unnütze Dinge und Albernheiten trieben, nebenbei aber keine -unwichtige Rolle als „Hausfreunde“, Erzieher, Schriftsteller u. s. w. -spielten. Auch waren sie in allen Bordellen zu Hause, obgleich früher -jede Kourtisane, die den Besuch eines Abbé anzeigte, 50 Francs -bekam. Das hatte aber unter +Ludwig+ XVI. aufgehört. Eine köstliche -Schilderung eines Abbé des 18. Jahrhunderts entwirft der berühmte -Gastronom +Brillat-Savarin+[69]: „Wenn eine adlige Familie viele Söhne -hatte, so bestimmte man einen der Kirche. Er bekam anfänglich einfache -Präbenden, welche zu den Kosten seiner Erziehung hinreichten, später -wurde er Domherr, Abt oder Bischof, je nachdem er mehr Fähigkeit zum -geistigen Berufe zeigte. Das war der legitime Typus der Abbés. Aber -es gab auch viele falsche, und viele wohlhabende junge Leute traten -in Paris als Abbés auf. Nichts war bequemer -- durch eine leichte -Veränderung der Kleidung gab man sich das Aussehen eines Benefiziaten -und stellte sich jedermann gleich, man hatte Freunde, Geliebten -und Gastgeber, denn jedes Haus hatte seinen Abbé! -- Die Abbés -waren klein, dick, rund, wohlgekleidet, sanft, gefällig, neugierig, -Feinschmecker, lebhaft und einschmeichelnd. Die, welche noch leben, -sind fette Betbrüder geworden.“ +Sade+ hat diesen Typus im Abbé Chabert -(Juliette III, 280 ff.), dem Freunde Juliettes und Erzieher ihrer -Tochter gezeichnet. Die Abbés figurieren auch in den Polizeiberichten -+Manuels+ über die Unzucht der Geistlichkeit in Paris, wie wir später -sehen werden. - -Eine zweite für das 18. Jahrhundert spezifische Erscheinung war der -„Ritter“, der Chevalier. Auch er hat in +Brillat-Savarin+ einen -liebevollen Schilderer gefunden: „Viele Ritter hatten es vorteilhaft -gefunden, sich selbst den Bruderkuss zu geben. Sie waren meist -hübsche Männer. Sie trugen den Degen senkrecht, den Kopf hoch, -die Nase im Winde, das Bein steif; sie waren Spieler, Verführer, -Zänker und gehörten wesentlich zum Gefolge einer Modedame. Zu Anfang -der Revolutionskriege gingen die meisten Ritter zur Armee, andere -wanderten aus, die übrigen verloren sich unter der Menge. Die wenigen -Ueberlebenden lassen sich noch am Gesichtsausdruck erkennen. Aber sie -sind mager und können nur mühsam gehen. +Sie haben die Gicht.+“[70] - -Die Vertreter des Klerus sind in +Sades+ Romanen die Verüber der -allerärgsten Greuel. Mit besonderer Vorliebe setzt +Sade+ die -Schandtaten, die Heuchelei und die Gottlosigkeit der Geistlichen jeden -Ranges ins rechte Licht, er überhäuft den Klerus mit den gemeinsten -Schimpfworten. +Und er hat Grund dazu.+ Gerade bei der Erörterung der -Lasterhaftigkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert werden -wir uns stets auf authentische historische Dokumente stützen. Nicht -wir reden, sondern der Bericht der Augenzeugen, die Entdeckungen der -+Polizei+ reden und geben +Sade+ Recht, dessen Werke bekanntlich auf -den Index gesetzt wurden, wohl weniger wegen ihrer Obscönität als wegen -ihres antiklerikalen Inhaltes. - -So redet Juliette den Papst als „alter Affe“ an (Juliette IV, 285), und -die übrigen Prälaten, Mönche u. s. w. werden nicht besser behandelt. -Die Tribade Clairwil hält (Juliette II, 336) folgende Rede: „Welches -sind die einzigen und wahren Zerstörer der Gesellschaft? Die Priester! -Wer verführt und notzüchtigt täglich unsere Frauen und Kinder? Die -Priester! Wer ist der grösste Feind jeder Regierung? Die Priester! -Urheber der Bürgerkriege? Die Priester! Wer vergiftet uns beständig -mit Lügen und Betrug? Bestiehlt uns bis aufs Letzte? Arbeitet am -meisten an der Vernichtung des Menschengeschlechts? Beschmutzt sich am -meisten mit Verbrechen und Infamien? Welche sind die gefährlichsten und -grausamsten Menschen? +Und wir zögern noch, dieses Pestgewürm auf der -Erde zu beseitigen?+ Wir verdienten dann wirklich alle Uebel.“ Alle -Schmerzen Frankreichs sind das Werk der Jesuiten (Juliette III, 169). -Zahllos sind die Orgien und Ausschweifungen, welche von Geistlichen -in den Romanen +Sades+ veranstaltet werden. Alle sexualpathologischen -Typen sind vertreten. Der Päderast, der Pathicus, der „lécheur“, der -„sanguinaire“ u. s. w. Wir erwähnen nur die schauerlichen Orgien im -Karmeliterkloster (Jul. III, 143), beim Erzbischof von Lyon (Jul. I, -234), in der Abtei von Saint Victor (Jul. I, 238), in den Katakomben -des Klosters Panthémont zwischen Mönchen und Nonnen (Jul. I, 96) beim -Papst Pius V. und den Kardinälen +Albani+ und +Bernis+ in Rom (Jul. -IV, 100 ff.). Diese Geistlichen sind alle Atheisten und Gotteslästerer, -+Sade+ lässt sogar -- ein Unikum in seinen Werken -- im vierten -Bande der „Juliette“ zwei obscöne, gotteslästerliche Gedichte des -Kardinals +Bernis+ vorlesen (S. 162-169). Wir gehen dazu über, aus den -Zeitberichten die Beweise zu liefern, dass der Marquis +de Sade+ nicht -Unrecht hatte, wenn er gerade die Geistlichkeit in seinen Werken in so -schimpflicher Weise blosstellt. - - -5. Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen. - -+Pierre Manuel+ hat uns in seinem berühmten Werke „La Police de -Paris dévoilée“ (Paris 1794) ein Werk hinterlassen, welches ein -photographisch getreues Bild der sittlichen Zustände in der Stadt -Paris vor dem Ausbruche der grossen Revolution genannt werden darf. -+Adolf Schmidt+, einer der besten Kenner der französischen Geschichte -im 18. Jahrhundert, welcher selbst in seinen „Tableaux de la -Révolution Française“ ähnliche Berichte wie +Manuel+ zusammengestellt -hat, bezeichnet das Buch von +Manuel+ als eine der zuverlässigsten -Quellenschriften des 18. Jahrhunderts.[71] - -+Manuel+ hat in seinem berühmten Werke ein eignes Kapitel „De la police -sur les prêtres.“[72] Er ergeht sich zunächst in bitteren satirischen -Worten über die Keuschheitsgelübde der Priester und sagt (S. 294): -„Ich will die wollüstigen Handlungen dieser Himmelsmissionare -enthüllen, welche selbst die Leidenschaften der edlen und zartfühlenden -Menschen in die Hölle verweisen. Diese Schuldigen zu nennen, heisst -+nicht+ sie entehren. +Denn der keusche Mensch ist derjenige, welcher -bei seiner Frau schläft.+“ Kann die Unsittlichkeit des Zölibats besser -und würdiger charakterisiert werden, als +Manuel+ es mit diesen Worten -getan hat? - -Die nun folgenden Berichte beruhen auf den Protokollen des -Polizeiinspektors, auf den Berichten der Kommissare, auf den -Geständnissen der Schuldigen und auf den Mitteilungen ihrer -Vorgesetzten. Wir geben die hervorstechendsten Berichte wörtlich wieder. - -+Franziskaner+ (S. 295-297): 12. Februar 1760. Der Bruder François -Lortal, Profess des Hauses von Toulouse, im Hause der Laurent, rue de -Chantre, bei der Zéphire. Er hat die Maxime des Virgil ins Praktische -umgesetzt: nudus ara? sere nudus! Kommissar Thierion, Inspektor Marais. - -2. Juli 1766. George le Payen, Pfarrverweser in Cerny, bei der Flora, -sponsus super sponsam. Kommissar Grimperil, Inspektor Marais. - -+Bernhardiner+ (S. 297): 30. März 1764 J. Ignace-Xavier Dreux, -Lizentiat, Professor der Theologie, bei der Agathe, oculoque manuque. -Kommissar Mutel u. s. w. - -+Karmeliter+ (S. 298): 8. Februar 1763. Jacques Brebi, vom -Maubert-Platze. Er war unter dem Namen Jacques Mazure bei der Garde -„qu’il prenait pour un autel à la romaine.“ Bericht des Priora Amable -Martin, Kommissar Duruiman u. s. w. - -+Dominikaner+ (S. 299): 4. November 1763. Pierre Simon, 46 Jahre -im Beruf. Er hat mit zitternder Hand sein Vergnügen beschrieben. -Kommissar Mutel u. s. w. - -+Kapuziner+ (S. 300): 14. Dezember 1762. Laurent Dilly, Bettelmönch -aus der Rue St. Honoré, bei der Boyerie, wo er sang: tirez-moi par mon -cordon! Bericht des Gardians, Pater Grégoire, Kommissar Sirebaud. - -9. November 1765. J. Joseph Biache, genannt Bruder Constant, und Joseph -Etienne, genannt Bruder Constantini, aus dem Kloster Crépy, alle beide -im Gasthause „Cerf montant“, wo sie ein Bett zu Dreien verlangten, da -sie nur die Marin bei sich hatten. Kommissar Mutel u. s. w. - -+Rekollekten+ (Franziskaner strengster Observanz) S. 301: 30. Juni -1763. Noel-Clément Berthe, genannt Bruder Paul, bei der Leblanc, welche -ihn geisselte. Kommissar Mutel u. s. w. - -1. März 1765 Gabriel Anheiser, genannt Pater Gabriel, im Hemde unter -dem Bette der Agnes Viard. Er lebte mit dieser früheren Marketenderin -seit 7 oder 8 Jahren zusammen. Kommissar Fontaine u. s. w. - -19. Februar 1767. Der Pater Constance zwischen Victoire und Emilie, -sich selbst dem Esel Buridans vergleichend. Kommissar de Ruisseau -u. s. w. - -+Minimen+ (Pauliner) S. 302: 17. Januar 1760. André Carron, indem er -auf die Wand im Zimmer der Zaire schrieb: ego ad flagella paratus sum. -Kommissar Sirebeau u. s. w. - -+Feuillantiner+: 30. Dezember 1762. Dom Claude Jousse, 63 Jahre alt, -bei Marie la Neuve, ubi non horruit virginis uterum. Bericht des -Subpriors Jean Baptiste de St. Marie-Maddelaine. Kommisar de Ruisseau. - -+Augustiner+ (S. 303): 5. November 1763. Bernard-Nicolas, vom Hause -Palais-Royal, in der Avenue von Vincennes mit drei Franziskanern und -der Rosalie, qui leur faisait la chouette. Kommissar Mutel u. s. w. - -26. Oktober 1765. „Ich, der Unterzeichnete Honoré Regnard, 53 Jahre -alt, Kanonikus des heiligen Augustinerordens, Prokurator des Hauses -St.-Cathérine, bestätige, dass der Inspektor Marais mich bei der -St.-Louis, rue du Figuier, gefunden hat, zu welcher ich gestern aus -eigenem Antriebe gegangen bin, um mich mit der Félix zu vergnügen. -Ich liess diese sich ausziehen und berührte sie mit der unter dem -Mantel verborgenen Hand. Und heute spielte ich mit der Félix und ihrer -Freundin Julie, die mir meine geistlichen Gewänder auszogen und mich -als Frau kleideten und schminkten. Der Inspektor hat mich in diesem -Zustande überrascht. Ich erkläre, dass ich seit mehreren Jahren diese -Phantasie habe, welche ich aber bis heute nicht befriedigen konnte. Als -Beweis der Glaubwürdigkeit unterzeichne ich die vorliegende Erklärung, -welche die genaue Wahrheit enthält, mit meinem Namen Honoré Regnard.“ -Kommissar Mutel, Inspektor Marais. - -18. Juli 1768 Simon Boucel, bei den Prévilles, Louise und Sophie. - -+Praemonstratenser+ (S. 306): 17. März 1760. François de Maugre, von -der rue Haute-Feuille, zwischen Desirée und Zaire, alle drei glücklich. -Kommissar Sirebeau u. s. w. - -+Büsser von Nazareth+ (S. 307): 2. Mai 1766. Bruder Nicephorus, bei -der Laville, welche ihm zeigt albentes coxas, inguina, crura, nates. -Kommissar Mutel u. s. w. - -+Theatiner+ (S. 307): 28. Februar 1765. Laurent Durand, bei der -Dumoulin, nach der Vorschrift handelnd: - - Entre la chair et la chemise - Il faut cacher le bien qu’en fait. - -Kommissar Sirebeau u. s. w. - -+Coelestiner+ (S. 308): 3. Dezember 1760. J. D. Tordoir, Subprior von -Nantes, bei der Mausy, in der Haltung des Propheten, welcher den Sohn -der Sunamitin auferweckt. - -+Barmherzige Brüder+ (S. 308): 19. Oktober 1762. Jacques François -Boulard, ehemaliger Aufseher der Novizen und Prior, bei der Lagarde, -vor Victoire und Julie, quaerens quam devoret. Kommissar de Ruisseau -u. s. w. - -+Oratorianer+ (S. 309): 14. November 1761. Etienne Leroi mit der -Chantrelle, welche... Die Grazien hatten dem Amor die Flügel -abgeschnitten. Venus nimmt ihn an ihren Busen, und sie wachsen wieder. -Kommissar Mutel u. s. w. - -+Stiftsherren von St.-Geneviève+ (S. 311): 9. Mai 1761. Jean Pierre -Bedosse bei der Zéphire, per ipsam, cum ipsa et in ipsa. Kommissar -Sirebeau u, s. w. - -2. August 1752. Der Pater Bernard, berühmter Prediger. Er nahm sich -zwei oder drei Dirnen bei der Lasolle. Das kostete ihn das Vermögen -einer Herzogin. Er gab 6½ Louisdors. Und der Chirurg Pouce verlangt von -ihm in der Folge 40 Taler, und drei Livres für den Besuch.[73] - -+Eremiten+ (S. 311): 5. August 1773. Bruder Camille, aus dem Kloster -Hayet, bei Therese, wo er sich als „Portier des Chartreux“ bezeichnet. -Kommissar Mutel u. s. w.[74] - -+Christliche Schulen+ (Ecoles Chrétiennes): 14. September 1763. Bruder -Firmin bei der Royer, die ihn mit jenen schlechten Lesern verglich, -welche ein Buch zu lesen anfangen, ohne die Lektüre zu vollenden, -Kommissar Mutel u. s. w. - -+Stiftsherren von St.-Antoine+ (S. 312): 27. September 1765. François -Canova, bei der Lamourette Kommissar Mutel, Inspector Marais, welche -eintraten cum pariter victi, femina virque jacent. - -+Jesuiten+ (S. 313): 5. November 1764. François Terrasse-Desbillon, -52 Jahre alt, bei der Mouton, wo er sich wie ein anderer vergnügte. -Kommissar Mutel u s. w.[75] - -+Dekane, Würdenträger und Domherren+ (S. 313-315): 3. April 1764. -Blaise Messier, Domherr von Beauvais, bei der Blampié. Er schien -gleicher Ansicht mit +Rubens+ zu sein, welcher nur Schönheiten von 200 -Pfund Gewicht liebte. Kommissar Rochebrune u. s. w. - -14. August 1761. Marx-Antoine Montal, von der heiligen Kapelle, bei der -Provençale, anhelantem alte stratis in lectis. Kommissar de Ruisseau -u. s. w. - -8. Juli 1760. Marie Mocet, Erzpriester von Tours, 60 Jahre alt. Nudus -una manu ad mammam, altera pudendis adhibita, inguniculabat. - -3. August 1760. Jean B. Thévenet, Domherr von Poitiers, bei der -Adelaide, welche, wenn sie es gekonnt hätte, gern ihre Aktäons, den -Kommissar Sirebeau und den Inspektor Marais, in Hunde verwandelt hätte. - -+Pfarrer+ (Curés) S. 316: 20. Juni 1765. Jean Pierre Pelletier bei der -Lambert, per +cuncta cava+ corporis libidinem recipientem. Kommissar -Mutel u. s. w. - -22. August 1760. Pierre Louis Thorin. Zaire in dextrum semisupina -latus. Kommissar Sirebeau u. s. w. - -+Abbés+ (Clercstonsurés) S. 317: 27. Oktober 1763. Charles Marie -Thibault de Monsauche wird nach Saint-Lazare geführt, weil er zum -dritten Male bei der Aurora gefunden wurde. Man fand bei ihnen einen -Brief in Versen, in denen der Abbé Tethon das besang, was Hebe den -Göttern zeigte, und was die Könige sehen wollen, wenn sie, um Vergnügen -zu haben, bis in den fünften Stock steigen, was endlich, nach ihm, -einen Schemel bei Hofe haben sollte. - -+Doktoren der Sorbonne+ (S. 318): 8. Mai 1765. J. Baptiste R..... qui -truncus iners jacuerat et inutile lignum bei der Guerin. - -23. Mai 1763. Fél. Auguste Tomolle quidquid liberet prolicito indicans -bei der Desnoyers. Das war seine dritte These. - -+Erzieher+ (S. 319): 24. Februar 1761. P....; Hauslehrer der Kinder des -Marquis de P. bei der Perle. Ille vero statim solvit zonam et leges -inierunt benevolae Veneris. Kommissar Sirebeau u. s. w. - -+Auswärtige Priester+ (S. 319-320): 28. Oktober 1762. François -Detraussin de Jausse, aus Florenz, Professor der Beredtsamkeit. Sophie -kämpfte nicht ganz nach der Weise der Parther, indem sie beständig den -Rücken wandte. Kommissar Fontaine u. s. w. -- - -Das wäre einiges aus der langen Liste. Ein Kommentar ist überflüssig. -Facta loquuntur. Schon diese Tatsachen, diese authentischen -Dokumente geben eine genügende Erklärung und -- Rechtfertigung für -den Löwenanteil, der dem Klerus an den Orgien in +Sades+ Romanen -zukommt, und für den Hass, mit dem die Geistlichkeit nicht blos -von +Sade+ bedacht wird. Denn Unsittlichkeit an sich ist schlimm, -Unsittlichkeit aber, begangen von +Predigern+ der Sittlichkeit, ist das -Verabscheuungwürdigste in dieser frommen Welt, welcher mehr Intelligenz -gut täte als Frömmigkeit. - -+Manuel+ bemerkt am Schlusse dieser Aufzählung, dass kein -+Bischof+ in derselben genannt sei. Das erklärt er daraus, dass -man nicht einmal von einer Krankheit des Bischofs reden dürfe, um wie -viel weniger von seinen geschlechtlichen Ausschweifungen. Er deutet -aber doch diejenigen des Erzbischofs von Cambrai an, in dem wir -vielleicht ein Vorbild für den Erzbischof von Lyon bei +Sade+ zu -suchen haben.[76] - -Ausser diesen Berichten +Manuels+ existiert noch ein sehr grosses Werk -über die Unsittlichkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert. -Nach der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 erschienen die in der -Bastille gefundenen Prozessakten über die Sittlichkeitsvergehen der -Geistlichkeit in zwei Bänden.[77] Ludwig XV. liess sich jeden Morgen -über die Auffindung von Geistlichen in Bordellen berichten. Ebenso der -Erzbischof von Paris. Diese Bulletins nannte man die „Nuits de Paris“. -Die beiden Bände umfassen 189 Berichte vom 10. April 1755 bis zum -7. Juni 1766, sie sollten wahrscheinlich eher „raviver la lubricité -caduque du monarque“ als den Interessen der Moral und der Würde des -Königs dienen. - -In dieselbe Kategorie gehört die Affäre des +Pfarrers von Bagnolet+ -und der +Mademoiselle Mimie+. In der Autographensammlung von -+Lucas-Montigny+ befindet sich der folgende Brief des Erzbischofs von -Paris, +M. de Inigué+ an den Polizeiintendanten +Le Noir+[78]: - - Le clerc de Inigué. - - +Conflans+, den 30. Juli 1786. - - Mein Herr! - - Man hat mir mitgeteilt, dass der Herr Pfarrer von Bagnolet bei Paris - oft eine Dirne Mimie besucht, welche in der rue Pierre-Poissons - wohnt. Wenn es Ihnen möglich wäre, diese Tatsache zu verifizieren, - die zu erfahren ich sehr begierig bin, so würden Sie mich zu grösstem - Danke verpflichten. - - Ich verbleibe mit respektvoller Anhänglichkeit Ihr gehorsamer und - ergebener Diener. - - Antoine E. L., Erzbischof von Paris. - -Der sehr bezeichnende Brief enthält folgende Randbemerkung des -Empfängers: „An den Herrn Quidor, um sofort und im Geheimen die -Tatsache zu verifizieren und mir Material zu einer Antwort zu liefern.“ - -Weitere interessante Einzelheiten über das Treiben der Pariser -Geistlichkeit finden sich in den „Confessions d’une jeune fille.“[79] -Wir werden in das Bordell der Madame +Richard+ geführt. Sapho (so -heisst das junge Mädchen) beobachtet durch ein Guckloch das Tête-à-Tête -der Richard mit einem Geistlichen. Diese nimmt aus einer Schublade -einen doppelten Rosshaarpanzer (double cuirasse de crins), der innen -mit einer unzähligen Menge von oben abgerundeten Eisenspitzen besetzt -ist, legt ihn um Brust und Rücken des Geistlichen, bindet ihn an beiden -Seiten mit Stricken fest und befestigt dann um den Unterleib eine -Eisenkette, welche sie unter den Testikeln hindurchführt, so dass diese -durch eine Art von Suspensorium unterstützt werden, das sich in der -Mitte dieser Kette befindet. Auch dieses Suspensorium ist mit Haaren -besetzt, aber weit geflochten, de manière à ne point empêcher les -attouchements de la main sur ces sources de plaisir. Um die Handgelenke -wurden ähnliche „Armbänder“ gelegt. Hierauf erfolgt Erektion. Nunmehr -schreitet die Richard zur Flagellation aliaque incitamenta amoris. - -Weiter erzählt Sapho, wie sie die Geliebte eines Bischofs wird, dessen -Vikare ihm in der Lebensweise sekundierten, und entwirft eine lebhafte -Schilderung des unsittlichen Treibens der Geistlichkeit in dieser -Diözese. Sie erlebt ein Abenteuer mit vier Pfarrern (S. 318 ff.) Einer -von ihnen ist ein Paederast dessen Devise ist tout est c.. dans une -femme.[80] - -Auch durch +Gedichte+ und +Bilder+ wurde die sexuelle Liederlichkeit -des Klerus gegeisselt. Das kräftigste in dieser Beziehung hat wohl der -Exjesuit +Cerutti+ geleistet, wenn er sagt[81]: - - Des mensonges sacrés le commerce sordide - Partout du sacerdoce a grossi le trésor. - Partout le sacerdoce a bu le sang et l’or. - Souvenez-vous des Juifs que massacra Moïse; - Contemplez les bûchers que Rome canonise; - Tout prêtre est un bourreau, patenté par la foi. - -Die folgenden Verse führen ebenfalls eine nur zu deutliche Sprache[82]: - - On a choisi cinq Evêques paillards, - Tous cinq ronges de vérole et de chancre, - Pour réformer des Moines trop gaillards. - Peut-on blanchir l’ébène avec de l’encre? - -Dies Gedicht bezieht sich auf eine Sittlichkeits-Enquête, mit welcher -man die Erzbischöfe von Rheims, Arles, Narbonne, Bourges und Toulouse -betraut hatte. Diese Enquête ist gewiss auch ein Zeichen der Zeit! -Wie sie aber von der Volksmeinung beurteilt wurde, zeigen jene Verse -und das zeigte noch deutlicher eine allegorische, nur in wenigen -Exemplaren hergestellte Zeichnung, die der Verfasser des „Espion -anglais“ sah. Auf derselben sind die fünf Erzbischöfe abgebildet. Der -Erzbischof von Rheims (+De la Roche-Aymon+) befindet sich vor einer -katholischen Kirche neben einer Frau, welche ihm Gesichter schneidet -und einen Hut unter ihrem Kleide verbirgt. Mit der anderen Hand -überreicht sie dem Erzbischof von Arles (+de Jumilhac+) den Orden vom -heiligen Geiste, zieht ihn (den Erzbischof) an sich, streichelt ihn -und spielt mit ihm. Ein Jagdwagen zieht die grösste Aufmerksamkeit -des Erzbischofs von Narbonne (+Dillon+) auf sich. Der Erzbischof von -Toulouse (+de Brienne+) ist in seinem Amtszimmer und hat zwei Bände -der „Encyclopédie“ vor sich aufgeschlagen, den einen mit dem Artikel -„Zölibat“, den andern mit dem Artikel „Mönche“. Endlich überreicht -der Erzbischof von Bourges (+Phelyppeaux+) einer jungen Dame einen -Blumenstrauss, die ihn liebkost und deutlich alle Kennzeichen eines -Freudenmädchens trägt. - - -6. Die Jesuiten. - -In seinen „persischen Briefen“ lässt +Montesquieu+ den Rica auch -eine Klosterbibliothek besuchen, wo ein Mönch den Inhalt der Bücher -erklärt. Unter den Theologen sind besonders die „Kasuisten“ zu nennen, -welche „die Geheimnisse der Nacht ans Tageslicht ziehen; +welche -in ihrer Phantasie alle Ungetüme erschaffen, die der Dämon der -Liebe hervorbringen kann+, sie nebeneinander stellen, mit einander -vergleichen und sie zum Gegenstand ihrer Gedanken machen. Glücklich -noch, wenn sich das Herz nicht darin einmischt und nicht selbst der -Spiessgesell so vieler Verirrungen wird, die so naiv geschildert und so -nackt hingemalt werden!“[83] - -Auf diesem Gebiete der „sexuellen Kasuistik“ finden wir nun im 18. -Jahrhundert die Jesuiten als Meister. Kein Orden hat es so verstanden, -die Wollust durch die Religion zu +legitimieren+, und die eigenen -unsittlichen Handlungen in ein mystisch-pietistisches Gewand zu -kleiden. Der Jesuit hatte es nicht nötig, die Wollust in den Bordellen -aufzusuchen. In seiner Eigenschaft als Beichtvater und Erzieher wurde -es ihm leicht gemacht, seine niemals geringen sexuellen Gelüste zu -befriedigen, die als „göttliche Eingebungen“ gegen polizeiliche -Recherchen zur Genüge geschützt waren. - -Schon im 17. Jahrhundert musste +Cornelius Jansen+ gegen die -jesuitischen Beichtväter auftreten, „welche an Höfen Galanteriesünden -schonten und den Nonnen erlaubten, sich von ihren geistlichen Tröstern -Brüste und Schenkel wollüstig betasten zu lassen“[84]. Denn der -Jesuit +Benzi+ lehrt ausdrücklich: Vellicare genas, et mammillas -monialium tangere, esse tactus subimpudicos atque de se veniales[85]. -In Konsequenz dieser Vorschriften schändete de la +Chaise+, der -Beichtvater +Ludwigs+ XIV. die Hofdamen und führte dem Könige von -England Maitressen zu[86]. Junge Damen in Holland liessen sich von -Jesuiten aus Wollust geisseln. Ebenso die Hofdamen zu Lissabon unter -+Nunez+.[87] Der Jesuit +Herreau+ lehrte 1642, dass es erlaubt sei, -sich die Frucht abtreiben zu lassen, und diktierte dies seinen Schülern -und Schülerinnen.[88] Jesuiten verleiteten im 16. Jahrhundert die Damen -in Lyon dazu, geschlitzte Hemden zu tragen, was im Jahre 1789 wieder -nachgeahmt wurde.[89] - -Bezüglich der berüchtigten „Mordtheologie“ der Jesuiten, welche der -Apologie des Mordes durch +Sade+ in nichts nachgibt, sei auf die -Abhandlung ihres Urhebers +J. de Mariana+[90], sowie auf die berühmten, -die ganze Immoralität der Jesuiten in helles Licht setzenden „Lettres -provinciales“ von +Blaise Pascal+ verwiesen (Cologne 1657). Auch im -18. Jahrhundert erlaubten selbst die Ordensgenerale den Beichtvätern -unzüchtige Handlungen, insofern dies dem Orden vorteilhaft war. So -schrieb der letzte Ordensgeneral vor der Aufhebung, +Lorenzo Ricci+, in -einem im Brüsseler Archiv aufbewahrten Briefe, wie die jungen Jesuiten -sich gegenüber den jungen und -- reichen Witwen zu benehmen haben. -Sie sollen sich alle mögliche Mühe geben, um sie von einer zweiten -Heirat abzuhalten, indem sie ihnen die Unannehmlichkeiten derselben, -die Gefahr für ihre Seele u. s. w. recht lebhaft schildern. Wenn aber -trotz alledem die jungen Witwen grosse Sehnsucht nach einer zweiten Ehe -haben, wenn sie sich in dem Falle befinden: melius est nubere quam uri, -+dann darf ein kluger und diskreter Pater ihnen seine Dienste gegen -die Verlockungen des Fleisches anbieten+.[91] - -Weltberühmt wurde die Skandalaffäre zwischen dem Jesuiten +Jean -Baptiste Girard+ und seinem Beichtkind +Cathérine Cadière+ zu Toulon, -die im Mai 1728 ihren Anfang nahm. Dieselbe hat eine ungeheure -Literatur gezeitigt[92] und vielen pornographischen Romanen zum Vorbild -gedient.[93] Die Prozessakten sind in dem „Recueil général des Pièces -concernant le Procès entre la Demoiselle Cadière et le Père Girard“ -(1731) niedergelegt. Ein Folioband voll Kupfern soll die pikanten -Situationen verbildlicht haben; seine Zusammenstellung wird dem Marquis -+d’Argens+, dem Grafen +Caylus+, sowie +Mirabeau+ zugeschrieben. Auch -hat man behauptet, +dass der Marquis de Sade zu seiner „Justine“ durch -obiges Werk angeregt+ worden +sei+.[94] - -Der Jesuit +Girard+ hatte als Rektor des Seminars und Schiffsprediger -in Toulon auch eine heimliche Bussanstalt für Frauen eingerichtet, -in welche die schöne und fromme +Katharina Cadière+, Tochter eines -reichen Kaufmanns, eintrat. Es gelang +Girard+, durch die Anwendung der -raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen zu verführen -und dessen Träume und Visionen für seine lüsternen Zwecke auszunutzen. -Wollüstige Rutenschläge, oscula ad nates und die fürchterlichste -geistige Unzucht führten bald zu schwerer Hysterie des armen Mädchens, -in deren Verlaufe +Girard+ dasselbe schwängerte, aber sofort nach -jesuitischer Moral durch ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu -verhindern wusste. Endlich wurde gegen ihn der Prozess eröffnet, in dem -er aber zur allgemeinen Entrüstung freigesprochen wurde. - -Dies Urteil veranlasste +Voltaire+ zu dem sarkastischen Ausspruche: - - Le P. Girard, rempli de flamme, - D’une fille a fait une femme; - Mais le parlement, plus habile, - D’une femme a fait une fille. - -Derselbe Dichter schrieb unter ein Bild, das Girard und die Cadière -darstellte, die Verse: - - Cette belle voit Dieu, Girard voit cette belle: - Ah, Girard est plus heureux qu’elle. - - -7. Die schwarze Messe. - -Den Gipfel erreicht die religiöse Sexualmystik in dem Kult -der sogenannten Satanskirche. „Satan“ wird hier zu einer -„Personifikation des physischen Begattungs-Mysteriums“ als -Protest gegen die ausschliessliche Herrschaft der „metaphysischen -Vergottungs-Mystik.“[95] Die Geschichte dieser merkwürdigen Sekte, -die sogar in dem kürzlich dahingeschiedenen +Félicien Rops+ einen -ihre entsetzlichen Phantasiegebilde bildnerisch festhaltenden Künstler -besessen hat, ist von G. +Legué+[96] und vor allem von +Stanislaus -Przybyszewski+[97] geschrieben worden. Satan-Satyr, Satan-Pan und -Satan-Phallus war der antike „Gott der Instinkte und der fleischlichen -Lust, im selben Masse verehrt von dem Höchsten im Geiste wie vom -Niedrigsten, er war der unerschöpfliche Quell der Lebensfreude, der -Begeisterung und des Rausches. - -Er hat das Weib die Verführungskünste gelehrt, die Menschen in doppelt -geschlechtlichen Trieben ihre Lust befriedigen lassen, in Farben hat -er geschwelgt, die Flöte erfunden und die Muskeln in rhythmische -Bewegung gesetzt, bis die heilige Mania die Herzen umfing und der -heilige Phallus mit seinem Ueberfluss den fruchtbaren Schoss besamte.“ -Das war die Zeit der naturfrohen Mutterschafts-Mysterien. Dann kam -das juden-griechische Christentum und predigte die übernatürliche, -asketische Vaterschafts-Mystik. Die Kirche riss den Menschen gewaltsam -von der Natur los. „Sie zerstört die unbewusste Zuchtwahl der Natur, -die sich nach aussen in Schönheit, Kraft und Herrlichkeit äussert, sie -beschützt all’ das, was die Natur ausstossen will, den Schmutz, die -Hässlichkeit, die Krankheit, den Krüppel und den Kastrierten“. Aber -die Natur lässt sich nicht austreiben. Und so musste auch die Kirche -nachgeben und schliesslich den heidnischen Kultus mit dem ihrigen -verquicken. „Die Bacchanalien bei den Festen der Ceres Libera wurden -bei den Prozessionen an den Mariafesten mit grösserer Ausgelassenheit -gefeiert als je zuvor, und bis in das 13. Jahrhundert feierte das Volk -zusammen mit dem Priester laszive und orgiastische Feste, das Fest des -Esels,[98] das Fest der Idioten (fatuorum) -- Reste des Phalluskultus -verkrochen sich in die Kirche, die Säulen-Kapitäle strotzten von -obscönen Figuren, und ein beliebter Vorwurf für die Reliefs an den -Kirchen war Noah, wie er den Beischlaf mit seinen Töchtern ausübt.“ -Der eigentliche Kult der Satanskirche wurde aber von dem Manichäismus -im südlichen Frankreich geschaffen. „Von hier aus beginnt Satan -den ungeheuren Triumphzug über ganz Europa.“ Die Geheimbünde der -„Vollendeten“, der „Perfekti“ bilden sich überall, ausschliesslich der -obscönsten Geschlechtslust frönend, mit einem glühenden Hasse gegen -die christliche Lehre. „Sie beschimpften und töteten die Priester, -wo sie sie nur auffangen konnten, benutzten die heiligen Geräte zu -obscönsten Zwecken, und ein grosser Teil ihres Ritus ist nur die -Parodie des katholischen Kultus. In ihren Zusammenkünften, ihren -parodistischen Messen ist bereits der satanistische Sabbat völlig, -sogar in Einzelheiten vorgeformt. Jeder Novize musste bei der Aufnahme -allen katholischen Glauben abschwören, das Kreuz bespeien, der Taufe -und der Oelung entsagen“. Trotz der Verfolgungen der Kirche erhielt -sich die Sekte und ihr Wahlspruch: „Nemo potest peccare ab umbilico et -inferius“ fand besonders unter „unbefriedigten“ Priestern Anhänger. -Die Sünde durch die Sünde töten! Das war ihr grosses Prinzip der -geschlechtlichen Orgien. Der Priester heiligt alle Weiber, die mit ihm -sündigen. Die Nonnen sind die „Consakrierten“, d. h. Maitressen der -Priester. Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der Flagellantismus, die -Tanzwut, die Hungersnot steigerten die geschlechtliche Hysterie bis -aufs Höchste. Jetzt feierte die Sekte der Satansanbeter ihre Triumphe. -Seitdem ist sie trotz grausamster Verfolgungen bestehen geblieben und -hat ihre unheimlichen Messen weiter gefeiert. Noch in der Neuzeit ist -sie in einzelnen Verzweigungen wieder hervorgetreten. Die „Adamiten“ -oder „Nikolaiten“, „Picarden“ in Böhmen, die sich nackt versammeln, -das Christentum verwerfen und Weibergemeinschaft haben, die schon 1421 -auf einer Insel im Flusse Luschwitz von +Johannes Ziska+ ausgerottet -wurden, traten noch im Jahre 1848 in fünf Dörfern des Chrudimer Kreises -als „Marokkaner“ wieder hervor. Dieser Name wurde deshalb gewählt, -weil sie die Ausrottung aller Katholiken durch einen aus Marokko -kommenden Feind erwarteten. Aehnlich ist die „Oneidagemeinde“ oder die -den alten Namen der „Perfekti“ wieder erneuernden „Perfektionisten“ im -Staate New-York (seit 1831). Noch heute wird der Satans-Kult in Paris -gefeiert, wie dies die Werke von +Huysmans+[99] u. a. schildern. - -Berühmt wurde der Prozess der +Magdalaine Bavent+ im 17. Jahrhundert, -der vieles über die schwarze oder Satans-Messe an die Oeffentlichkeit -brachte[100]. Ferner derjenige des Abbé +Guibourg+, bei dem +Racine+, -+Lord Buckingham+ und die Marquise +de Montespan+ die schwarze Messe -hörten[101]. - -Der Marquis +de Sade+ bekundet sich in seinen Romanen als einen -fanatischen Anhänger des Satanskultus. Mehrere schwarze Messen kommen -in „Justine“ und „Juliette“ vor. In „Justine“ (Bd. II, S. 239 ff.) -wird eine solche Messe in einem Kloster ausführlich geschildert. -Ein Mädchen wird als heilige Jungfrau in der Kirche in einer Nische -festgebunden, mit zum Himmel erhobenen Armen. Später wird sie nackt -auf einen grossen Tisch gelegt, Kerzen werden angezündet, ihr Gesäss -wird mit einem Kruzifix geschmückt und „sie feierten auf ihrem Gesäss -die absurdesten Mysterien des Christentums“. Dann wird auf den Nates -der Justine eine Messe gelesen. „Sobald die Hostie Gott geworden ist, -ergreift sie der Mönch Ambroise et in anum filiae immittit“, wobei der -Hostienaberglauben mit den wütendsten Ausdrücken verhöhnt wird. - -Ein ander Mal erfolgt (Juliette III, 35) der Eintritt in den Saal der -„Société des amis du crime“ nackt auf einem grossen Kruzifix, das mit -Hostien bedeckt ist und an dessen Ende die Bibel liegt. - -Zwei Satansmessen werden (Juliette III, 147) in cunnis duarum tribadum -gelesen, darauf die Hostie in faece posita ano inseritur, worauf der -Hauptaltar zur Stätte der wildesten Orgien gewählt wird. - -Endlich liest Papst Pius VI. selbst (Juliette V, 1) in der Peterskirche -eine schwarze Messe, wobei die Hostia in pene papae posita postea ano -filiae inseritur. - - -8. Die Nonnenklöster. - -Im Vorhergehenden sind auf das Leben der Nonnen im 16. Jahrhundert -schon so viele Streiflichter gefallen, dass wir uns kürzer fassen -können. Das bei +Sade+ (Juliette I, 1 ff.) geschilderte Nonnenkloster -+Panthémont+ in Paris existierte wirklich! „Das grosse Kloster des -18. Jahrhunderts nach dem Kloster von Fontevrault, das gewöhnliche -Erziehungshaus der ‚Filles de France‘, ist das Kloster Panthémont, -das Fürstenkloster der rue de Grenelle, wo die Prinzessinnen erzogen -wurden, wohin der höchste Adel seine Töchter schickt.“[102] Panthémont -war das teuerste aller Klöster. Die gewöhnliche Pension für junge -Mädchen betrug 600 Livres, die aussergewöhnliche 800 Livres. Gegen Ende -des Jahrhunderts stieg sie auf 800 bezw. 1000 Livres, welche letztere -Summe die mit der Aebtissin speisenden Pensionärinnen zahlen mussten. - -Im 18. Jahrhundert waren die Klöster immer mehr verweltlicht. „Das -über dem Giebel des Klosters der ‚Nouvelles Catholiques‘ stehende -Wort: Vincit mundum fides nostra, war längst nur noch ein toter -Buchstabe. Die Welt hatte im Kloster Fuss gefasst.“[103] Zwar wohnten -die weltlichen Pensionärinnen getrennt von den eigentlichen Nonnen. -Aber es fand trotzdem ein Verkehr zwischen ihnen statt, und durch -die Laienschwestern wurden auch die Nonnen über die Ereignisse -ausserhalb des Klosters unterrichtet. Der Klatsch und Skandal blieben -dem Kloster nicht fern, wie auch der Verkehr mit den jesuitischen -Beichtvätern und das intime Zusammensein so vieler junger und alter -Frauen gewiss die aus früheren Jahrhunderten bekannten sexuellen -Verirrungen in Nonnenklöstern nicht haben aufhören lassen. Wenn die -Gebrüder +Goncourt+ sich darüber wundern, dass im Kloster Panthémont -ein Buch wie die „Confidences d’une jolie femme“ der Mademoiselle -+d’Albert+ geschrieben werden konnte, mit seinen wenig moralischen -Enthüllungen, so wundert uns noch mehr, dass die +Goncourts+ in ihrer -bekannten Vorliebe für das 18. Jahrhundert, für die „gute, alte Zeit“ -eine Unsittlichkeit in den geistigen Klöstern nicht anerkennen. -Freilich haben wir gerade über die französischen Nonnenklöster wenig -zuverlässige Berichte. Wir haben z. B. über das Kloster Panthémont nur -eine einzige Skandalgeschichte auffinden können.[104] Aber was beweist -das? Die gesamte geistliche Korruption lag offen zu Tage. Sie war -es, gegen die sich von Anfang des Jahrhunderts bis zur französischen -Revolution die heftigsten Angriffe von Seiten der klar blickenden -Geister richteten. Man lese z. B. die auf zuverlässige Berichte -gestützte Darstellung dieser Verhältnisse bei dem freilich weniger für -das ancien régime begeisterten +Buckle+.[105] Man denke an das früher -Mitgeteilte, an die Aufhebung des Jesuitenordens, an den historisch -beglaubigten Verkehr der „Confesseurs“ mit den Nonnen. Selbst -+Tocqueville+, ein erklärter Gegner der freiheitlichen Bestrebungen -des 18. Jahrhunderts, sagt: „Le clergé prêchait une morale, qu’il -compromettait par sa conduite“, was +Buckle+ als besonders -bemerkenswert hervorhebt.[106] Was ferner die +Goncourts+ ganz -übersehen haben, ist der entscheidende Umstand, dass das Treiben in den -Nonnenklöstern sogar Gegenstand der Verspottung in +Theaterstücken+ -wurde, wie +Lanjons+ „Kloster“, „Päpstin Johanna“; „Der Dragoner und -die Benediktinerinnen“ dartun.[107] Das beweist ferner die ungeheure -Verbreitung der +Tribadie+ in Frankreich im 18. Jahrhundert, die -wir später untersuchen, und die doch in den Nonnenklöstern den -geeignetsten Schauplatz ihrer Taten fand. Das beweist schliesslich der -berühmte Roman +Diderots+ „Die Nonne“, und die vielen Darstellungen -der Korruption in den Nonnenklöstern bei den übrigen erotischen -Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[108] - -So dürfen wir +Sade+ schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt, -dass aus dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten -und unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er -die Tribade Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises -nous servent de bordels, und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes -Instrument der Wollust als „bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette -III, 56). - -Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die -Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade -gestiegen. +Gorani+, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr -herausstellt, berichtet von wüsten Orgien in den neapolitanischen -Nonnenklöstern.[109] Die Entdeckung der geschlechtlichen -Ausschweifungen der +Nonnen von Prato+ (bei Florenz) hat einen der -berüchtigsten geistlichen Skandale des 18. Jahrhunderts ans Licht -gezogen. +v. Reumont+ gibt darüber folgende Nachricht[110]: „Sowohl in -Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in Dominikanerinnen-Klöstern -Unordnungen +schlimmster Art+ sich gewissermassen eingenistet, ein -Gemisch von Pietismus und von fleischlichen Verirrungen, das an -eine Art Wahnsinn grenzte und längst für die geistlichen Obern kein -Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen Ordnung geschaffen, -in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten Nonnen hatten -übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch. Auf des -Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen -Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der -vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz -in das Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess -unterwerfen. Zugleich +liess er allen Dominikanern die Verbindung mit -den Frauenklöstern ihres Ordens untersagen+ und im Falle von Ungehorsam -den Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte -um so grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen -Familien angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“ -Eine ausführliche Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht -zwischen den Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben -Ordens, wobei auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in -der Biographie des edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato, -+Scipione de’ Ricci+ (nicht zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral -+Lorenzo Ricci+) von +Potter+.[111] - - -9. Die Frau im 18. Jahrhundert. - -Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der -Frau. Mit Recht meint +Georg Brandes+[112], dass die +Goncourts+, diese -so fein empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von -der Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der -„Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der +Goncourts+ -über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten -kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie -mehr die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt. - -Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft -und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene -Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser -Welt, der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles -herabsteigt, das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die +Frau+.“ -Vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die -allein sichtbare, die Regierung der Mesdames +de Prie+, +de Mailly+, -+de Châteauroux+, +de Pompadour+, +du Barry+, +de Polignac+. Im Staat, -in der Politik, in der Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss -machte sich auf allen Gebieten des Lebens geltend. Ueber Krieg und -Frieden wurde nach dem Willen einer Frau entschieden, nicht zum Heile -Frankreichs. Und in den berühmten „Salons“ des 18. Jahrhunderts, -einer +Du Deffand+, +Necker+, +Lespinasse+, +Geoffrin+, im Salon des -+Grandval+, gaben Frauen als die Schöpferinnen dieser Einrichtungen den -Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der wissenschaftlichen -Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete Gesellschaft“ -geschaffen.[114] - -Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür, -dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der -Familie, dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die -Liebe unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen -Einflusse der Frauen ganz gut eine +Verachtung+ des weiblichen -Geschlechts bestehen kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist. - -Die Liebe des 18. Jahrhunderts war durchweg sinnlich. Sie war Wollust -geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der -Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei. -(+Goncourts+ a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust -zu rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper -im Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer +Quinault+, -unter den unzüchtigen Reden eines +Duclos+ und +Saint-Lambert+, -berauscht von den Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser -Geistestrunkenheit von der +Scham+ sagen: Schöne Tugend! die man mit -Nadeln an sich befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle -sittlichen Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem -Naturalismus und Materialismus als das Ideal verkündet worden war, -welche von +Helvétius+ u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und -von +Buffon+ in der berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der -Liebe, verherrlicht wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer -Brutalität“[116]. - -Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und -diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich -darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung -solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das -Herz, schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“ -erhielt eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung, -die sich nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung -solcher Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und -zur Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten. -+Bernards+ berühmte Nachäffung des +Ovid+, die „l’art d’aimer“ -predigte conventionelles Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel -besser waren die „amours platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de -Société“, die „Commerces d’habitude“ jener Zeit. Der +Abbé Galiani+ -sagt: „Die Frauen dieser Zeit lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben -mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist eine „libertinage de la pensée.“ Man -verwirklichte in ihr die schmutzigen Träume einer künstlich erregten -Einbildungskraft, die Versuchungen der geistigen Korruption, die -sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen Wollust. Die Liebe wurde -zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles Raffinement der geistigen -Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu erhöhen.[118] - -Man bereitete sich durch die obscönste Unterhaltung auf die Genüsse -vor. Immer wieder wird von +Sade+ in seinen Romanen betont, wie sehr -durch die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer -und gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese -Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. +Mercier+ erzählt[119], -dass die grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern -einen sehr freien Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber -den ehrbarsten Frauen bedienen, so dass man in diesem so höflichen -Jahrhundert „grob in der Liebe sei“. Die Konversation mit den am -meisten geachteten Frauen sei selten zartfühlend, sondern überreich -an schlechten Scherzen, Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten. -„Schmutzige, ungezogene Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit -verschmähten: Stellungen und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen -erweckten und überhaupt ein Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die -geheimere ahnen liess, die kurz vorher eingetreten war, oder gleich -darauf eintreten sollte“, das waren gewöhnliche Reizmittel der Liebe in -jener Zeit.[120] - -Daraus resultierte eine unerhörte +Schamlosigkeit+ des Weibes. Mit -30 Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren. -Es blieb nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in -der Wollust. Die Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings -an; ihr grösstes Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu -geniessen.“[121] So jauchzen und freuen sich auch die Frauen in +Sades+ -Romanen, dass sie Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den -Ehrennamen der „putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt, -eine so zart empfindende Seele wie Madame +Roland+ kennt kein Gefühl -der Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich -selbst und ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer -Brust, ihren Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik -einer Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B. -bei +Sade+ (Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre -eigenen Reize beschreibt? - -Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich -männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites -maisons der Roués mieteten, um wie die +Goncourts+ sich ausdrücken, -„die Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in -Bordellen ihr Vergnügen suchten. +Rétif de la Bretonne+ glaubte die -Gräfin +d’Egmont+ in einem Freudenhaus als Dirne gesehen zu haben.[123] -Umgekehrt war es keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme -Kreise hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich -habe wohl noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer -Salzhökerin, nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen -war, ein Kind gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure -gelebt hatte, und in der neuen Halle nochmals war erwischt worden -u. s. f., dass diese, sage ich, doch noch einem reichen Manne gefiel, -ihn heiratete und ihm Kinder brachte.“ Wir brauchen nur noch ein -weiteres Beispiel zu nennen: die +Du Barry+! Tochter eines niedrigen -Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in Paris und kam dann in das -Freudenhaus der Madame +Gourdan+, von dem später noch die Rede sein -wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf +Jean Du Barry+ kennen, -an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur Maitresse Ludwigs -XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe Aristokratie solchem -Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd auf die „beautés -populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort, das Wort -„s’encanailler“.[125] - -So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte, -die sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet -und genährt wurde sie durch die berühmten „+Convulsionen+“, jene -merkwürdigen hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang -(von 1727 bis 1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten -herrschten. Sie hatten den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des -einst durch seine Askese so berühmten Abbé +Paris+ zum Mittelpunkte. -„Von allen Vierteln der Stadt bewegten sich die Massen zu dem -St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu nehmen an den Verkrümmungen -und Verzückungen. Der ganze Kirchhof mit den angrenzenden Strassen -war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen, Kranken jeden Alters, die -gewissermassen mit einander um die Wette convulsionierten.“[126] Frauen -luden, hingestreckt in ganzer Länge, die Zuschauer ein, auf ihren -Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher, als bis die Last -von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt -hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé +Bécherand+ -ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“ eine -erotische Färbung. +Dulaure+ hat beschrieben, welche Rolle zuletzt -die Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat, -und wie diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die -sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in -diesen Konvulsionen daran erkennen, dass die jungen Mädchen bei ihren -Anfällen „niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets -Männer, und zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich -höchst indecent, zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung, -nahmen lascive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen -zu Hilfe eilenden jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme: -Da liberos, alioquin moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen -nicht auf sich warten, und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer -eingeladen hatten, ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden -zu benutzen“, mit ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge -„zahlreichen Entbindungen“ von Convulsionärinnen auf die natürlichste -Weise erklärt werden. - -Die +Hysterie+ („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den -französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame -+Abricossoff+ zeigt.[128] +Sauvages+ hielt nicht mit Unrecht für -die Ursachen dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif -de soi-même), das weichliche, wollüstige Leben der Damen jener -Zeit.[129] Die „Hysteria libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige -Exzentrizitäten. - -Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere -Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber -später in einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden. -Die „méchanceté“, die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die -heimtückischen Streiche werden Mode in der Liebe, die verbrecherische -Gesinnung („scélératesse“) wird ein notwendiger Bestandteil des -Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine Kunst der Grausamkeit, -der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der Macchiavellismus -beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten nach den „petits -maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf, die -herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität. -Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren -Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“ -sie begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen, -um zu verderben. Die Typen der Gestalten +Sades+ lebten! Darüber kann -kein Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei -ihren Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst. -„Das Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum -Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau, -deren Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in -boshafter Freude die Gegenstände ihres Hasses, aber auch ihrer -- Liebe -aus dem Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die -„libertinage des passions méchantes.“[132] - -Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden +Goncourts+, dass -diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen, -die dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch -zahlreiche Persönlichkeiten bezeugt wird. Die +Goncourts+ nennen den -Herzog von +Choiseul+, den Marquis +de Louvois+, den seine Geliebte, -Madame +de Blot+, folternden Grafen +de Frise+ als solche männliche -Wollust-Teufel. Und eine vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T. -D. P. M., war das weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein -Vorbild für +Sades+ Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe -schon vor der Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen, -noch bevor +Sade+, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf -den Guillotinen, in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das -ausmalte, was jener mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans -l’Amour! Und als in der Schreckenszeit unter +Chaumettes+ Leitung die -„theosophischen Orgien der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen -der Vernunft“ wie die +Maillard+, die +Moncoro+, die +Aubry+ auf sehr -irdische Weise verehrt wurden, da erschienen auch urplötzlich die -„tricoteuses de Robespierre“, die „flagelleuses“ und die schrecklichen -„furies de guillotine“. - - Da werden Weiber zu Hyänen - Und treiben mit Entsetzen Scherz; - Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, - Zerreissen sie des Feindes Herz, - -wie unser +Schiller+ mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten -Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle -charakterisiert, wie sie auch in einer französischen Gedichtsammlung -jener Zeit, „La République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo -es heisst: - - De ces effrayantes femelles - Les intarissables mamelles - Comme de publiques gamelles, - Offrent à boire à tout passant; - Et la liqueur qui toujours coule, - Et dont l’abominable foule - Avec avidité se saoule, - +Ce n’est pas du lait, mais du sang+.[134] - -Wir haben gesehen, wie im 18. Jahrhundert in Frankreich die Frauen -bestrebt waren, sich zum Teil wenigstens in Männer zu verwandeln, wie -sie in der Politik, in der Liebe und in der Wissenschaft den grössten -Einfluss ausübten, wie zwar eine Emanzipation de iure nicht bestand, -de facto aber sich geltend machte. Und doch war die +Missachtung des -Weibes+ nie so gross gewesen wie in diesem Jahrhundert. Was nützten -alle geistreichen Einfälle, alles wissenschaftliche Streben der -Frau, das z. B. die junge Gräfin +Crigny+ zur Teilnahme an Sektionen -trieb[135], wenn dabei sichtlich das Familienleben zerstört wurde, -wenn der Schwerpunkt des weiblichen Wirkens ausserhalb des eignen -Hauses fiel. Wir fürchten beinahe, dass wir im Frankreich des 18. -Jahrhunderts das Spiegelbild einer nahen Zukunft vor uns haben, und es -wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wovon die wahre Schätzung -des Weibes als solches abhängig ist, und ob wirklich die sogenannte -Frauenemanzipation die Würde des Weibes für alle Zeit sichern wird. - -Die vier grössten Denker Frankreichs im 18. Jahrhundert: +Montesquieu+, -+Rousseau+, +Voltaire+ und +Diderot+ haben die Verachtung des -Weibes gepredigt. Man denke nur an +Voltaires+ bitter-sarkastische -Aeusserungen über seine treue Freundin Madame +Du Châtelet+. Das Weib -ist nach +Rousseau+ nur zum Vergnügen des Mannes geschaffen worden. -Nach +Montesquieu+ hat der Mann die Kraft und Vernunft, die Frau nur -Anmut, und +Diderot+ sah in der Frau einzig und allein ein Objekt der -Sinnenlust. „So ist die Frau nach +Diderot+ eine Courtisane, nach -+Montesquieu+ ein anmutiges Kind, nach +Rousseau+ ein Gegenstand des -Vergnügens, nach +Voltaire+ -- Nichts.“[136] Als in der Revolution -+Condorcet+ und +Siéyès+ für die häusliche und politische Emanzipation -der Frauen eintraten, da „wurden ihre Proteste erstickt durch die -mächtigen Stimmen der drei grossen Fortsetzer (continuateurs) des 18. -Jahrhunderts, durch +Mirabeau+, +Danton+ und +Robespierre+.“ Und für -+Napoléon+ I. gab es eins in der Welt, das nicht französisch sei: -eine Frau tun zu lassen, was ihr gefällt. Einer der besten Kenner -der Frau im 18. Jahrhundert, +Rétif de la Bretonne+, äussert oft in -starken Worten seine Geringschätzung des Weibes.[137] Die Ursache -dieser Verachtung ist klar. Die Ehe ist, wie +Westermarck+ in seinem -klassischen Werke zur Evidenz nachgewiesen hat, dasjenige Institut, -dem die Menschheit ihre sittliche Vervollkommnung verdankt, sie ist -das +absolut sittliche Institut+. In der Ehe ist das Weib dem Manne -+ebenbürtig+, weil es ihn ergänzt. +Ausserhalb+ der Ehe kann das -Weib den Mann +nicht ersetzen+, wird folglich alsbald minderwertig -erscheinen. Eine vollständige Emanzipation muss an den unleugbaren -Verschiedenheiten zwischen männlichem und weiblichem Wesen scheitern. -Eine Gefährdung der Ehe ist gleichbedeutend mit der Verringerung der -sittlichen Achtung, die der Mann dem Weibe entgegenbringt. Dies zu -sagen, klingt heute noch spiessbürgerlich, wird aber nach vollendeter -Emanzipation des Weibes bestätigt werden. - - -10. Die Litteratur. - -Die französische Litteratur des 18. Jahrhunderts steht unter dem -Zeichen der Pornographie! Zu keiner Zeit der Weltgeschichte, selbst -nicht unter den Cäsaren, ist die schöne Litteratur in so systematischer -Weise zu einem Werkzeug der Wollust gemacht worden, wie unter dem -ancien régime. Zwar ist „die Darstellung geschlechtlicher Lust alt -in der französischen Literatur, wie zahlreiche mittelalterliche -Fabliaux beweisen, +allein erst im 18. Jahrhundert begann man an -die Stelle der gesunden, derben Natur und Naivität dieser älteren -Produkte der Zotologie Gemälde der Sinnlichkeit zu setzen, deren -raffinierte Absichtlichkeit einer erschlafften Gesellschaft zu giftigem -Reizmittel diente+.“[138] Das 18. Jahrhundert hat den grössten Teil -der heute existierenden pornographisches Litteratur hervorgebracht, -an Zahl der einzelnen erotischen Werke sicher mehr als alle anderen -vorhergehenden Jahrhunderte zusammengenommen. Den Löwenanteil an -dieser Produktion pornographischer Werke beansprucht die Zeit von -1770 bis 1800, jene Epoche, welche der geistvolle +Aubertin+ als die -Periode der Talentlosigkeit, der „race intermédiaire“ bezeichnete, -in welcher die platte Mittelmässigkeit den Ton angab und nur durch -eine widerliche Erotik das Publikum zu reizen wusste.[139] Diese -Bücher machen den +Kultus des Fleisches+ zu ihrem Hauptthema. Sie -kennen nichts Höheres als wollüstige Formen und die mannigfachsten -Varietäten des Liebesgenusses. Das Bordell ist ein Paradies, und die -Dirne ehrbarer als die treueste Gattin. „Welches Zeitalter hat sich -mit obscönen Büchern so beschmutzt wie dieses grosse Jahrhundert?“ -ruft +Jules Janin+ aus[140], „dass sogar Männer wie +Voltaire+, -+Rousseau+, +Diderot+, +Montesquieu+ und +Mirabeau+ dem Geschmacke -der Zeit nachgebend derartige Werke verfassten.“ Kurz vor und während -der Revolution schien die Schmutzlitteratur alle edleren geistigen -Erzeugnisse verdrängt zu haben. Die Bücherläden waren pornographische -Bibliotheken geworden. Aus dem Jahre 1796 berichtet +Mercier+[141]: -„Man stellt nur noch obscöne Bücher aus, deren Titel und Kupferstiche -gleicherweise die Scham und den guten Geschmack verhöhnen. Ueberall -verkauft man diese Ungeheuerlichkeiten auf Tischkörben, an den Seiten -der Brücken, in den Türen der Theater, auf den Boulevards. Das Gift -ist nicht teuer, 10 Sous das Stück. Die ausgelassensten Erzeugnisse der -Wollust überbieten einander und greifen ohne Zügel und ohne Scheu den -öffentlichen Anstand an. Diese Broschürenverkäufer sind gewissermassen -privilegierte Zotenhändler; denn +jeder Titel, der nicht ein unflätiger -ist, wird augenfällig von ihrem Schaubrett ausgeschlossen+. Die Jugend -saugt hier ohne Hindernis und ohne Bedenken die Grundstoffe aller -Laster ein“. Der hauptsächlichste Verkaufsort war das berüchtigte -Palais-Royal, von dem später ausführlicher die Rede sein wird. -Dieses Zentrum aller +Lustgenüsse+ war auch der Hauptmarkt für die -obscönen Schriften, welche die Pariser Lebewelt mit einer Sündflut -von +Lustreizen+ überschwemmten. Selbst auf den Toilettentisch der -Pariser Damen wanderten diese Schandbücher[142], worüber auch +Bérard+ -eine interessante Geschichte erzählt, die zugleich ein Streiflicht auf -die ungeheure Verbreitung der Werke des Marquis +de Sade+ wirft: „Ich -erinnere mich, dass eine durch Stand und Alter achtbare Frau, die mich -gebeten hatte, ihr für sich und ihre Kinder einige Bücher zum Mitnehmen -aufs Land zu besorgen, +auf dieser Liste vermerkt hatte+: ‚Justine -ou les Malheurs de la vertu‘, in welchem Buche sie wahrscheinlich -ein pädagogisches Werk vermutete“[143]. Dass in Bordellen derartige -Schriften in überreicher Fülle vorhanden waren, nimmt nicht Wunder und -wird auch wohl heute noch der Fall sein. +Parent-Duchatelet+ erfuhr -von +Peuchet+, einem ehemaligen Archivar der Polizeipräfektur, dass -+Napoleon+ I. zu Ende seines Konsulats alle derartigen im Besitze von -Dirnen befindlichen Bücher wegzunehmen und zu vernichten befahl. Nur -ein Exemplar von jedem wurde in der Nationalbibliothek aufbewahrt. -Diese Angabe +Peuchets+ ist nach +Parent-Duchatelet+ begründet, dem -von dem Bibliothekar +Van-Praët+ das Verzeichnis der Bücher vorgelegt -wurde, sowie diese selbst in einem Winkel des Erdgeschosses der -Nationalbibliothek gezeigt wurden.[144] - -Von obscönen Büchern ist denn auch bei +Sade+ recht häufig die Rede. -Die interessanteste Stelle ist diejenige im dritten Bande der Juliette -(S. 96 ff.), wo Juliette und Clairwil die Wohnung des Karmelitermönches -Claude durchstöbern und ausser „guten Weinen und weichen Sofas“ -eine ausgewählte pornographische Bibliothek finden. Juliette sagt -darüber: „Man macht sich keine Vorstellung davon, was für obscöne -Bilder und Bücher wir dort fanden!“ Zuerst bemerkten sie den „Portier -des Chartreux“, ein mehr „scherzhaftes als wollüstiges Buch, dessen -Abfassung der Verfasser trotzdem auf dem Sterbebette bereut haben -soll.“ -- Zweitens die „Académie des Dames“, ein dem Plane nach gutes, -der Ausführung nach schlechtes Buch. -- Drittens die „Education de -Laure“, ein elendes Machwerk, das nach Juliette viel zu wenig Wollust, -Mordtaten und „goûts cruels“ enthält. Endlich „Thérèse philosophe“, -„das bezaubernde Buch des Marquis +d’Argens+“ mit den Bildern von -+Caylus+, das einzige von diesen vier Büchern, welches Wollust mit -Gottlosigkeit vereinigt. Ausserdem fanden Juliette und Clairwil bei dem -Mönche noch zahllose „elende kleine Broschüren, die in den Cafés und -Bordellen ausliegen“, zu denen auch die Werke des „nichtigen Mirabeau“ -gehören. - -Auch die Delbène hat in ihrer Bibliothek eine grosse Collektion -schmutziger Bücher. Sie will der Juliette diese Werke leihen, damit -diese sie während der Messe lese und so getröstet werde über den Zwang, -einer „solchen abscheulichen Zeremonie“ beiwohnen zu müssen. (Juliette -I, 32). +Sade+ hat sogar seine eigenen Werke als Muster obscöner -Lektüre hingestellt. Ein Abbé liest in dem „Hinrichtungssaale“ des -Erzbischofs von Grenoble die „Philosophie dans le Boudoir“ (Justine IV, -263.) - -Zur Orientierung geben wir einen ganz kurzen Ueberblick über die -wichtigsten französischen Erotica des 18. Jahrhunderts. Die grossen -bibliographischen Werke von +Gay+[145] und +Cohen+[146] vermitteln eine -weitgehende Kenntnis dieser pornographischen Riesenlitteratur, aus der -wir nur die am meisten charakteristischen Beispiele anführen wollen. - -In +Pierre Joseph Bernard+ (1708-1775), von +Voltaire+ „Gentil-Bernard“ -genannt, hatte das 18. Jahrhundert seinen Ovid. Im Jahre 1761 erschien -die „L’art d’aimer“[147] in drei Gesängen, eine vergröberte Nachahmung -der ovidischen Ars amandi, die aber grosses Aufsehen erregte und auf -dem Toilettentische keiner vornehmen Dame fehlte. „Die Verse sind -mit einem Rosa-Bande an einander geknüpft. Die Gedanken darin sind -nur ein Girren“[148]. Aber dieses Girren war sehr wollüstig, und -die Deutlichkeit der Sprache konnte sich neben der des Ovid sehen -lassen. +Bernard+ erteilte in seinem Gedicht einen ganzen Kursus der -raffiniertesten Geschlechtsliebe, in dem er auch das Lesen schlüpfriger -Schriftsteller empfahl.[149] - -Der jüngere +Crébillon+ (+Claude Prosper Jolyot de Crébillon+ -1707-1777) kann als der eigentliche Schöpfer der lasziven -Schriftstellerei im 18. Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Schriften -sind charakterisiert durch einen „eleganten Zynismus und eine Grazie in -der Wollust“.[150] Am berühmtesten ist das „Sofa“, dessen Titel schon -den Inhalt verkündigt.[151] Aehnlicher Art sind „L’Ecumoire“ (Paris -1735), „Les amours de Zeo Kinizal, roi de Cofirons“ (Amsterdam 1746), -in denen die Liebesabenteuer des fünfzehnten Ludwig geschildert werden. -Ferner „La nuit et le moment“ (Amsterdam 1755), „Ah! quel conte“ (Paris -1751), „Les égarements du cœur et de l’esprit“ (Brüssel 1796) u. s. w. -In +Crébillons+ Romanen macht sich bereits die Neigung bemerkbar, die -gemeinste Sinnlichkeit durch Umkleidung mit einem philosophischen -Gewande zu verschönern und zu rechtfertigen. - -+Jean François Marmontel+ (1723-1799) hat in seinen „Incas“ den Typus -des +antiklerikalen+ Romans im 18. Jahrhundert geschaffen, dessen -Inhalt auf spätere Darstellungen des Klerus in erotischen Romanen -unverkennbar eingewirkt hat.[152] - -Die bei +Sade+ von Juliette erwähnte „Thérèse philosophe“,[153] stellt -im Anschlusse an den Fall +Girard+ (Dirrag) und Cadière (Eradicée) -die sexuellen Ausschweifungen der Jesuiten dar. Wie wir sahen, -schreibt +Sade+ diesen Roman dem Marquis +d’Argens+ und die Bilder -dem Grafen +Caylus+ zu, welche Ansicht auch von +Gay+ geteilt wird. -Wahrscheinlicher ist aber die vom Abbé +Sephe+ und von +Barbier+ zuerst -entdeckte Urheberschaft des Kriegskommissars +de Montigni+ (genannt -+Lucas-Montigni+). Statt +Caylus+ soll +Antoine Pesne+, der bekannte -Hofmaler +Friedrichs des Grossen+, die obscönen Bilder gezeichnet -haben.[154] - -+André Robert Andréa de Nerciat+ (1739-1800) war zwei Jahre lang -(1780-1882) Bibliothekar in Kassel und wurde später (von 1788 -an) Vertrauter der Königin +Karoline+ von Neapel. Er schrieb die -berüchtigte „Félicia ou mes Frédaines“ (Paris 1778, 2 Bde.) und -als Fortsetzung derselben „Monrose ou le libertin par fatalité“ -(Paris an V). Seine obscönste Schrift ist der „Diable au Corps“ -(Paris 1803, 6 Bde), der die angebliche Schrift eines Doktor -„Cazzone“ (!), ausserordentlichen Mitgliedes der „joyeuse faculté -phallo-coïro-pygo-glottonomique“ vorstellen soll, wie der Verfasser im -Vorwort versichert.[155] - -Dass die Pornographie in jener Zeit Mode war und zum guten Ton gehörte, -beweist ja am schlagendsten der Umstand, dass die hervorragendsten -Geister des Jahrhunderts es nicht verschmähten, diesen billigen Ruhm -zu erwerben. Wir haben schon auf den berühmten Altertumsforscher -+Caylus+ hingewiesen. Aber auch Geisteshelden wie +Mirabeau+ und -+Diderot+ haben sich nicht gescheut, ihre litterarische Tätigkeit -durch die Veröffentlichung von schmutzigen Erzählungen zu schänden. -Besonders +Mirabeau+ wird vom Marquis +de Sade+ öfter genannt, und es -ist kein Zweifel, dass +Mirabeaus+ „Education de Laure“ das Vorbild der -„Philosophie dans le Boudoir“ gewesen ist, wie dies schon +Eulenburg+ -erkannt hat.[156] In „Ma conversion“ (London 1783) hat +Mirabeau+ -die Erlebnisse eines männlichen Prostituierten geschildert, der sich -für seine Dienstleistungen von den vornehmen Damen, Nonnen u. s. w. -bezahlen lässt. Ein drittes obscönes Buch +Mirabeaus+ ist „Erotica -Biblion“ (Rom 1783). - -In +Denis Diderots+ „Jacques le Fataliste“ (Paris 1746) kommen -schlüpfrige Geschichten vor, die +Diderot+ „tief unter +Crébillon+ -herabsetzen“.[157] In der berühmten „Nonne“[158] bringt +Diderot+ -eine Schilderung des Klosterlebens, in der tribadische und andere -lasterhafte Ausschweifungen der Nonnen und Oberinnen beschrieben -werden. Auch die „Bijoux indiscrets“ (Paris 1748) haben erotischen -Inhalt. Insbesondere hat vielleicht die auch bei +Sade+ wiederkehrende -Vorliebe +Diderots+ für paradoxe Behauptungen auf sexuellem Gebiete auf -Ersteren einen Einfluss ausgeübt. - -+Choderlos de Laclos+ war nach +Nodier+ der „+Petron+ einer weniger -litterarischen und mehr verderbten Epoche als diejenige des wirklichen -+Petronius+ war.“ Seine vielgenannten „Liaisons dangereuses“[159] -schildern die Korruption der Aristokratie, welche der Verfasser als -Freund des berüchtigten +Philippe Egalité+ aus eigenster Anschauung -kennen gelernt hatte. +Charles Nodier+ erzählt in einer interessanten -Notiz „über einige satirische Werke und ihren Schlüssel“, dass man -ihm in seiner Jugend in verschiedenen Provinzialhauptstädten mehrere -„unreine und lasterhafte Helden dieses Garnison-Satyricon gezeigt -habe.“ Nach ihm verdienen die „Liaisons dangereuses“ dasselbe Schicksal -(der Verachtung) wie die „scheusslichen Obscönitäten eines frechen -Nachahmers des Herrn +Laclos+, des Marquis +de Sade+, welchem der -Preis eines Ekel erregenden Cynismus gebührt.“[160] - -Weniger zynisch, aber ebenfalls die Lasterhaftigkeit des Adels -schildernd, hat +J. B. Louvet de Couvray+ in seinem „Faublas“[161] -den Typus des „Chevalier“ gezeichnet. In Faublas’ zahlreichen -Liebesabenteuern spielt die der Wirklichkeit (des Chevalier +d’Eon+) -entlehnte künstliche Effeminatio des Helden eine Rolle, die auch bei -+Sade+ am Schlusse der Juliette Verwendung findet, wo Noirceuil als -Frau verkleidet einen Mann heiratet. - -Neben dem Marquis +de Sade+ ist der berühmteste erotische -Schriftsteller der Revolutionszeit der ungemein produktive +Restif+ -(+Rétif de la Bretonne+). Paul +Lacroix+ hat diesem merkwürdigen Manne -ein Muster- und Meisterwerk der modernen Bibliographie gewidmet[162], -das jeder Bücherliebhaber immer wieder mit neuem Vergnügen lesen -wird. Wir werden später +Rétif de la Bretonne+ als einen der ersten -Schriftsteller über +Sade+ zu würdigen haben. Hier interessiert er -uns nur als ein gleichzeitig mit +Sade+ wirkender Autor, von dem -dieser letztere sicher nicht unbeeinflusst geblieben ist. Es ist -offenbar +Rétif+, den +Sade+ an einer Stelle in seiner Abhandlung -über den Roman höchst ungünstig beurteilt. Er sagt dort: „R... -überschwemmt das Publikum und braucht eine Druckpresse neben seinem -Bette. Glücklicherweise seufzt diese allein unter seinen schrecklichen -Geistesprodukten; ein platter und kriechender Stil, ekelhafte -Abenteuer in schlechtester Gesellschaft; kein anderes Verdienst als -eine grosse Weitschweifigkeit, für die ihm nur die -- Pfefferhändler -dankbar sein werden.“[163] Sollte bei diesem Urteile +Sades+ nicht -etwas Konkurrenzneid im Spiele sein? Wir werden später sehen, dass -+Rétif+ über +Sade+ nicht besser dachte. Auch mochte sich wohl der -hochgeborene Marquis weit erhaben dünken über dem aus niedrigstem -Stande hervorgegangenen +Rétif+. - -In der Tat hat +Rétif de la Bretonne+ (1734 bis 1806), wenn er auch den -Adel keineswegs vergessen hat, hauptsächlich die sittliche Korruption -auch der niederen Volksschichten dargestellt[164] und ergänzt -gewissermassen die Schriften des Marquis +de Sade+ nach dieser Richtung -hin, mit dem er sonst viele Aehnlichkeit hat. +Eulenburg+ macht darüber -folgende interessante Bemerkungen[165]: „Einem de Sade unendlich -näher als die trotz allem grosse und ergreifende Gestalt Rousseaus -steht jener ‚Rousseau du ruisseau‘“, +Rétif de la Bretonne+, über den -+Dessoir+ urteilt: „Er wurde von wütendster Sinnlichkeit gepeitscht -und durch den Götzendienst des eigenen Ich in eine Art Exhibitionismus -hineingetrieben. Daher hat er wie kein Zweiter verstanden, die -Entstehung, Eigentümlichkeit und Gewalt der Geschlechtsliebe zu -analysieren und dem Ich einen geradezu raffinierten Kultus zu widmen.“ -Da haben wir im Keime den literarischen +de Sade+, nur schwächlicher, -passiver, sozusagen unblutiger. Wäre +Rétif+ eine mehr aktiv und -impulsiv., weniger kontemplativ veranlagte Natur gewesen und hätten -ihm, dem armen Bauernsohne, die Mittel und die Atmosphäre des „célèbre -Marquis“ von früh auf zur Verfügung gestanden, so wäre vielleicht ein -zweiter +de Sade+ aus ihm geworden, der schriftstellerisch dem anderen -an Kraft und jedenfalls an Feinfühligkeit der Schilderung überlegen -gewesen wäre. Nicht umsonst ertönt bei +Rétif+ aus allen Tonarten das -Lob dieser ungemeinen Feinfühligkeit dieser „sensibilité quelquefois -délicieuse, quelquefois cuisante, affreuse, déchirante.“ Wir fügen noch -zur Charakteristik dieses merkwürdigen Schriftstellers hinzu, dass er -ein leidenschaftlicher Liebhaber der Frauen war und, sich mit seinen -zahlreichen Maitressen nicht begnügend, auf der Strasse jedem hübschen -Mädchen nachlief und nicht eher ruhte, als bis er ihre Bekanntschaft -gemacht hatte. Dabei war er von der grössten Unreinlichkeit. Er -erzählt höchst naiv in den „Contemporaines“: „Seit 1773 bis heute, -6. Dezember 1796 habe ich keine Kleider gekauft. Es fehlt mir an -Hemden. Ein alter blauer Rock ist meine tägliche Kleidung“. Dieser war -zerrissen und voll von Flecken. Dabei liebt +Rétif+ die Reinlichkeit -sehr bei den -- Frauen. Er spricht immer wieder davon, giebt in seinem -„Pornographe“ genaue Vorschriften in dieser Beziehung und konstatiert -mit Befriedigung die grosse Verbreitung dieser Tugend unter den Pariser -Prostituierten.[166] - -Für die Art seiner Schriftstellerei ist bezeichnend, dass er neben der -eigenen unermüdlichen Beobachtung auch diejenigen anderer verwertete. -So erzählt Graf +Alexander von Tilly+ in seinen Memoiren[167], dass -+Rétif de la Bretonne+ zu ihm kam mit der Bitte um Erzählung seiner -erotischen Abenteuer, die er in einem Werke verarbeiten wolle. Sehr -wichtig ist ferner das Verhältnis +Rétifs+ zu +Mathieu François -Pidanzat de Mairobert+ (1727-1779), dem berühmten Verfasser des „Espion -anglais“ und dem Sammler der Materialien zu den „Mémoires secrets de -Bachaumont.“ Dieser liess nicht nur einzelne Werke in der geheimen -Druckerei Rétifs herstellen, sondern war selbst Mitarbeiter an dessen -eigenen Schriften. So rührt von ihm die wertvolle Abhandlung über -die 16 Klassen der Prostituierten und über die Zuhälter in +Rétifs+ -„Pornographe“ her. Auch für die „Contemporaines“, den „Hibou“, und die -„Malédiction paternelle“ hat +Pidanzat de Mairobert+ zahlreiche Notizen -beigesteuert[168]. - -Das ohne Zweifel wertvollste Werk +Rétifs+ sind die „Nuits de -Paris“[169], eine unerschöpfliche Fundgrube für die Kenntnis des -Sittenlebens der Revolutionszeit, eine „in ihrer Art einzige -Darstellung der moralischen Physiognomie von Paris“ am Ende des 18. -Jahrhunderts, das wahre „Tableau nocturne de Paris“, dessen Inhalt -eine 20jährige Arbeit erfordert hat. „Jeden Morgen schrieb ich nieder, -sagt +Rétif+, was ich in der Nacht gesehen hatte.“ +Lacroix+ gibt -eine ausführliche Analyse des reichen Inhaltes dieses „nächtlichen -Zuschauers“, auf dessen unzählige Details wir an dieser Stelle nicht -näher eingehen können. - -In „Monsieur Nicolas“ (Paris 1794-1797. 16 Bde.) hat +Rétif de la -Bretonne+ die Geschichte seines Lebens erzählt, wahrheitsgetreuer als -dies in ähnlichen Büchern wie „Faublas“, „Clarissa“ und +Rousseaus+ -„Héloise“ geschieht. Von besonderem Interesse ist der dreizehnte -Band („Mon Calendrier“), in welchem +Rétif+ Tag für Tag alle Frauen -aufzeichnet, deren Bekanntschaft er gemacht, die er verführt und die er -zu -- Müttern gemacht hat.[170] - -In Deutschland am bekanntesten sind die berühmten -„Contemporaines“[171], eine Sammlung von Erzählungen, die auf -wirklichen Ereignissen beruhen. Die Helden dieser Novellen sollen -den Verfasser dazu ermächtigt haben, sie unter ihren wahren Namen zu -nennen. Es sind wesentlich Sittendarstellungen aus dem Volksleben. - -„Le Paysan et la paysanne pervertis, ou les dangers de la ville“ (A la -Haye 1784. 16 Teile in 4 Bänden) sind nach dem Grafen +von Tilly+ die -„Liaisons dangereuses der niederen Volksklassen“, welche die traurige -Wahrheit predigen, dass die Tugend durch beständigen Verkehr mit dem -Laster notwendig vernichtet wird. - -Hieran reiht sich der „Pied de Fanchette“ (A la Haye 1769), die -Geschichte einer jungen Modistin aus der Rue Saint-Denis, deren kleiner -Fuss +Rétif+ bezaubert hatte. Ueberhaupt ist +Rétif+ ausgesprochener -+Fussfetischist+. Für hübsche Frauenfüsse und Frauenschuhe hatte -er eine fanatische Leidenschaft. Fanchettens Fuss ist wirklich der -Held dieses Romans. „Son pied, le pied mignon, qui fera tourner tant -de têtes, était chaussé d’un soulier rose, si bien fait, si digne -d’enfermer un si joli pied, que mes yeux, une fois fixés sur ce pied -charmant, ne purent s’en détourner... Beau pied! dis-je tout bas, tu -ne foules pas les tapis de Perse et de Turquie, un brillant équipage -ne te garantit pas de la fatigue de porter un corps, chef-d’œuvre des -Grâces: +tu marches en personne+, mais tu vas avoir un trône dans -mon cœur.“[172] Rétif gibt sogar in den Anmerkungen eine Geschichte -der hübschen Frauenfüsse. In allen übrigen Werken kehren immer diese -kleinen beschuhten Füsse wieder. Er sah eines Tages „Fanchette“ -wirklich in der Rue Saint-Denis, und ihr Fuss, ein „Wunder an -Kleinheit“, inspirierte ihn zu seiner Erzählung. - -Ein Buch Rétifs, das am meisten an die Werke des Marquis +de Sade+ -erinnert, ist „Ingénue Saxancour, ou la femme séparée“ (Liège, 1789, -3 Bände), angeblich die Geschichte seiner unglücklichen verheirateten -Tochter Agnes. Rétif hat in diesem Buch „die Grenzen des kühnsten -Zynismus überschritten“, und der Verfasser sagt selbst, dass man in -dem Werke finden wird „ce qu’on nomme dans le monde +des horreurs+“. -Die unglückliche Gattin wird nach der Hochzeit von ihrem Ehemanne -allen Launen eines entnervten Wüstlings unterworfen, sie erduldet -die unglaublichsten Infamien und Grausamkeiten ihres „wollüstigen -Henkers“.[173] +Alexander Dumas+ der Aeltere, der im Jahre 1851 auf -Veranlassung von +Paul Lacroix+ im „Siècle“ unter dem Titel „Ingénue“ -eine ganz harmlose Erzählung veröffentlicht hatte, deren Helden +Rétif+ -und seine Tochter Agnes waren, wurde von der Familie +Rétif de la -Bretonne+ verklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt.[174] - -Einige andere Schriften unseres Autors werden wir an anderer Stelle -anführen, weil sie weniger zur schönen Litteratur gehören. Zum Schlusse -gedenken wir in unserer kurzen Uebersicht, welche nur das am meisten -Charakteristische hervorheben sollte, noch zweier sehr bekannter -obscöner Gedichte des 18. Jahrhunderts. Das erste ist „La Foutromanie. -Poème lubrique, à Sardanopolis, aux dépens des amateurs. 1775“[175]. Es -enthält sechs Gesänge zu je 300 Versen. Der Zensor +Le Noir+ bekam die -strengsten Weisungen von der Regierung, die Verbreitung des Gedichtes -zu verhindern. Trotzdem gelangten einige Exemplare zu dem hohen Preise -von 9 Livres in den Handel. Das Gedicht beginnt mit den Versen: - - Vous les voulez... je vais souiller mes rimes, - Poétiser en jargon ordurier... - Toi dont les feux raniment la nature, - Qui, maîtrisant l’homme et les animaux, - Brûle en secret le cuistre et le héros, - Sois ma déesse, adorable Luxure! - -Die „Foutromanie“ ist das Glück der Götter, das ihnen die Langeweile -vertreibt. Aber auch die Menschen macht sie glücklich. Der Verfasser -eröffnet den Reigen dieser Glücklichen mit Fräulein +Dubois+, einer -Schauspielerin der Comédie Française. Dann folgen die Damen +Arnoux+ -und +Clairon+, letztere mit dem Grafen +Valbelle+, Madame +Allard+ -mit dem Duc +de Mazarin+. Auch die Opernsängerin Fräulein +Vestris+ -hat ihre Freude daran. Gegen Ende dieses +ersten+ Gesanges erscheinen -die Herzoginnen und Hofdamen, die sich mit ihren Lakaien vergnügen. -Zuletzt wird die unersättliche Libido der alten +Polignac de Paulien+ -geschildert. - -Der +zweite+ Gesang beginnt mit der Beschreibung der Reize einer -jungen Anfängerin, welche der Leidenschaft eines jungen Wüstlings zum -Opfer fällt. Eingeschaltet wird ein Gedicht „Père Chrysostome“ gegen -die sexuellen Ausschweifungen in den Klöstern. Weiter dringt ein von -Satyriasis Ergriffener in ein Nonnenkloster ein. Hier folgt ein Ausfall -gegen Tribadie und Paederastie. Der alte +Duc d’Elbœuf+ war einer der -ersten, der die Secte der Paederasten nach Frankreich einführte. Zum -Schluss Excurs über Syphilis. - -Der +dritte+ Gesang ist fast ganz der Rolle der +Syphilis in der -Liebe+ gewidmet. Zuerst wird die hohe Vollendung in der Heilkunst -dieses galanten Leidens gepriesen; die „syphilitischen Liebeshelden“ -werden gefeiert, insbesondere die am Mal de Naples leidenden Prälaten. -Herr +de Montazet+, Erzbischof von Lyon, wird hier im Verein mit der -Duchesse +de Mazarin+ genannt. Nach höchst indezenten Aeusserungen über -den Herzog von +Orléans+ und Madame +de Montesson+ wird die Liaison -zwischen der verstorbenen Herzogin von Orléans und den Herren +de -l’Aigle+ und +de Melfort+ enthüllt, welche letzteren von der Herzogin -syphilitisch angesteckt wurden. Der Prinz +de Beauffremont+ fiel in -Ungnade, weil er sich mit einem Schweizer abgab. Am Schlusse Lob des -+Aretino+, des Erfinders der „plastischen Stellungen“. - -Der +vierte+ Gesang ist ein Loblied auf das Bordell. Die berühmtesten -Kupplerinnen und Bordellwirtinnen werden vorgeführt, so die +Paris+, -+Carlier+, +Rokingston+, +Montigny+, +d’Héricourt+ und +Gourdan+. -Beschreibung der wollüstigen Orgien an diesen infamen Orten. „Bett und -Tisch“ müssen sich folgen, daher sind die deutschen Frauen geeigneter -für die „Foutromanie“. Der Autor verwünscht Italien, wo er Geld und -Gesundheit verloren hat. - -Im +fünften+ Gesang werden zunächst die Syphilophoben ermutigt. -Alle Frauen haben ja nicht die Syphilis. +Montesquieu+ war im Feuer -ebenso wie +Rousseau+ und +Marmontel+. Grosses Lob des +Dorat+, des -„poète foutromane“. Exkurs über die Holländer, die nur das Geld -lieben. Schilderung der unkeuschen Kardinäle. +Spinola+ schläft bei -+Palestrina+, +Albani+ bei +Altieri+, +Bernis+ bei +Saint-Croix+, -+Borghese+ ist B..... Auch die Kaiserinnen +Maria Theresia+ und -+Katharina+ II. verstehen ihre Sache, ebenso der König von Polen und -die verstorbene Königin von Dänemark. Es ist nur ein Jammer, dass die -„Dames de France“, die Tanten +Ludwigs+ XVI. im Zölibat leben. - -+Agyroni+ ist der Held des +sechsten+ Gesanges[176]. Dieser Charlatan -hat den Verfasser wohl von einem galanten Leiden geheilt. Zahlreiche -medizinische Details wie in +Robés+ Gedicht über Syphilis. Schliesslich -wird wieder die „Foutromanie“ gepriesen als die Seele des Weltalls.[177] - -Das zweite Gedicht „Parapilla“ ist eine Uebersetzung des italienischen -Originals „La Novella dell’ Angelo Gabriello oder Il Cazzo“ (= -Phallus),[178] ein Wort, welches Papst +Benedikt+ XIV. beständig -im Munde hatte. Als ihm ein Höfling die Schmutzigkeit des Wortes -vorhielt, erwiderte er: „Cazzo, cazzo! Ich werde es so oft sagen, bis -es nicht mehr schmutzig ist.“ Das französische Gedicht besteht aus fünf -Gesängen, deren Inhalt ganz kurz dieser ist: - -+Rodric+ empfängt vom Himmel ein gewisses Instrument, das alle Damen -beglückt. Zunächst in Florenz die berühmte Donna +Capponi+. Dann gerät -es in ein Nonnenkloster, in die Hände der +Lucrezia+, der Tochter -+Alexanders+ VI. Hierbei werden die Ausschweifungen in Rom unter diesem -Papste geschildert, und das Gedicht schliesst mit einem obscönen -Gespräch zwischen ihm und seiner Tochter. - -Erwähnen wir noch, dass ein gewisses Incitamentum amoris, das in den -Romanen des Marquis +de Sade+ eine grosse Rolle spielt, sogar in -einem eignen Poem als solches gepriesen wurde.[179] - -Wir konnten nur das Allerwichtigste aus der erotischen Literatur des -18. Jahrhunderts flüchtig berühren. Der Einfluss derselben auf die -Sitten war gewaltig, und der Marquis +de Sade+ selbst hat diesen -Einfluss der Litteratur empfunden. Er hat selbst eine treffende -Charakteristik derselben zu geben versucht, die erkennen lässt, dass -er die Bedeutung dieser pornographischen Litteratur wohl erkannt -hat. Er sagt[180]: „Der Epicuräismus der +Ninon-de-Lenclos+, der -+Marion-de-Lorme+, der Marquise +de Sévigné+ und +de Lafare+, der -+Chaulieu+, der +St.-Evremond+, dieser ganzen feinfühligen Gesellschaft -fing endlich an, müde des cytherischen Liebessehnens, mit +Buffon+ -‚nur das Physische in der Liebe für gut zu halten‘ und veränderte -bald den Ton in den Romanen. Die Schriftsteller empfanden, dass die -galanten Schwätzer nicht mehr ein durch den Regenten entsittlichtes -Jahrhundert, das von den Kavaliertorheiten, der religiösen Schwärmerei -und der Verehrung der Frauen zurückgekommen war, unterhalten konnten. -Sie fanden es einfacher, diese Frauen zu amüsieren und zu verderben, -als ihnen zu dienen und sie zu verherrlichen. Sie schufen Ereignisse, -Gemälde, Konversation mehr nach dem Geiste der Zeit und entwickelten in -einem angenehmen, leichten und bisweilen selbst philosophischen Stile -den Zynismus und die Immoralität.“ - - -11. Die Kunst im 18. Jahrhundert. - -Auch die französische Kunst des 18. Jahrhunderts ist ein getreuer -Spiegel der Zeit. Baukunst, Malerei, Schauspiel- und Tanzkunst dienen -dazu, die +Sinne zu erregen+. Das berühmte „Rococo“ ist nichts weniger -als ein Bild der Harmonie. Es wäre dies ja auch ein Wunder gewesen. -Denn niemand kann aus seiner Zeit heraus. Der Rococostil folgte in der -Kunst den Eingebungen der künstlich erregten Sinne, die an überladenen -Verzierungen, an unruhig verschlungenen Linien ein Gefallen fanden, -sowie an den Darstellungen wollüstiger Szenen, raffiniert erdachter -„Nudités.“ Eine prachtvolle Schilderung der bildenden Kunst, vorzüglich -der Architektur im 18. Jahrhundert, entwirft +Georg Brandes+: „Was man -unter Ludwig XIV. in der Baukunst erstrebt hatte, war das Imponierende. -Man opferte sogar jede Rücksicht auf Behagen und Bequemlichkeit der -kalten Prunksucht und der steifen Etikette auf. Wer das Schlafzimmer -Ludwigs XIV. in Versailles gesehen hat, wird einräumen, dass ihm selten -ein unleidlicher gelegenes Schlafgemach vor Augen kam. Jetzt werden -die unbewohnbaren und majestätischen Säle von den ‚petites maisons‘ -abgelöst, wie damals jeder Mann von Welt sie besass, und in welchem -die tändelnde Konversation und der üppige Leichtsinn sich ebenso gut -befanden. Daher verschwinden in der Architektur die grossen, einfachen -Verhältnisse, die reinen und klaren Massenwirkungen. Die Härte und -Schwere des Steins wird verleugnet, die Strenge der Linien gebrochen, -alles wird rund und schwellend, alle Linien werden ausschweifend und -übermütig. Der Barockstil erreicht sowohl in der Baukunst wie in -der Bildhauerkunst seinen Gipfel. Ueberall stösst man auf unendlich -wiederholte Amoretten und Grazien, ganz wie auf den Kupferstichen zu -Voltaires ‚Poésies fugitives‘. In den Gärten umarmt der bockfüssige -Pan schlanke, weisse Nymphen am künstlichen Wasserfalle. In der -Malerkunst entstehen jene ländlichen Bilder, deren entferntes Vorbild -Rubens Liebesgarten ist, die aber statt seiner breiten Lebenslust und -schweren Figuren gleichsam hingehauchte und feine Gestalten in koketten -Trachten, und statt Rubens derber Sinnlichkeit ein erotisches Spiel, -ein Liebeln und Flüstern aufweisen, einen Hintergrund schattiger -Gänge, mit stillen Verstecken, mit üppigen Statuen und frischen -Rasenteppichen. - -Unter Ludwig XIV. war die ganze Tracht steif gewesen; man trug grosse -Ueberschläge und Kragen, selbst die Rock- und Westenschösse waren -gesteift, Halskragen und Manschetten gestärkt, so dass nicht eine -Falte sich verändern konnte; die unbequeme Allongeperrücke machte eine -gravitätische Haltung zur Notwendigkeit. Unter der Regentschaft war -alles auf Zwanglosigkeit und Leichtigkeit gerichtet. Das steife Futter -der Schösse verschwand, an die Stelle der grossen Allongeperrücke trat -das gepuderte Haar, steif frisiert, so dass keine noch so hastige -Bewegung es in Unordnung bringen konnte; überall in Tracht und Benehmen -überliess man sich einer gewissen Nachlässigkeit. Man verweilte in -Boudoirs. Wie Tee und Kaffee aus dem Orient eingeführt wurden, so auch -das orientalische Sofa, welches dem jüngeren Crébillon den Titel für -seine bekannteste und berüchtigste Erzählung gibt.[181] Der weiche -Lehnsessel verdrängt den hohen, unbequemen Armstuhl mit schnurgerader -Rückwand. Das Zimmergerät besteht aus schweren Seidengardinen, welche -wollüstig das Licht dämpfen, aus grossen Spiegeln in Goldrahmen, aus -reich verzierten Pendeluhren, aus üppigen Malereien und schnörkelhaften -Möbeln. Das ganze Zimmer duftet von einem wollüstigen Parfüm.“[182] - -Noch deutlicher als die Architektur bringt die +Malerei+ des 18. -Jahrhunderts den Charakter desselben zum Ausdruck. Der Wunsch Neues -zu bringen, den „blasierten Appetit zu reizen“ verlieh den Künstlern -des 18. Jahrhunderts ein raffiniertes Erfindungstalent. +Boucher+, -+Watteau+, +Fragonard+, +Lancret+, der Maler der „fêtes galantes“, -verschmähten die einfache und naive Nacktheit der Göttinnen eines -+Lebrun+ und +Nicolas Mignard+. Ihre „baigneuses“ und „bergères“ sind -nicht mehr mythologische Figuren, sondern Pariser Dirnen, die sich -gern den Beschauern nackt im Bade oder auf dem Ruhelager zeigen. -Diese vorgeblichen Najaden und koketten Schäferinnen mit entblösstem -Busen, mit mehr oder weniger aufgehobenem Kleide, sind Frauen der -Zeit, Dämchen „fort en vogue aux petites soirées de Trianon et de -Luciennes“.[183] - -+Richard Muther+ hat in seiner neuen Darstellung der Geschichte der -Malerei[184] in dem Kapitel „Die Frivolen“ diese +erotische+ Richtung -in der französischen Malerei des 18. Jahrhunderts glänzend geschildert. -Er sagt u. a.: „Mit den zierlich gemessenen Menuetten +Watteaus+ hatte -die Redoute begonnen. Um Mitternacht, unter der Anführung +Bouchers+, -wurde der Cancan getanzt. Jetzt vor Tagesgrauen, folgt noch der -Kotillon. Man hatte zu viel getanzt und zu viel geliebt. Statt sich -selbst zu bemühen, will man nur noch zusehen, so wie der Pascha, -Opium rauchend, apathisch in seinem Harem sitzt. Auch Balletteusen -tanzen zu lassen, hat keinen Reiz mehr. So beginnt am Schlusse des -Rokoko die eigentlich galante Kunst, das +Tableauvivant+. Stramme -Burschen und hübsche Mädchen aus dem Volke müssen den vornehmen Herren -Liebesszenen vorspielen, für die sie selbst zu blasiert geworden .... -Als geistreichster dieser Gruppe, überhaupt als einer der feinsten des -Jahrhunderts ist +Fragonard+, der nervöse Charmeur, zu feiern, in dem -sich noch einmal alle Lebenslust und Leichtlebigkeit, die ganze Grazie -des Rokoko sammelt... Wenn der Name +Fragonard+ genannt wird, denkt -man an Reifröcke, seidene Garnierungen und hochgeschürzte Jupons, an -lustige Schaukeln, die pikante graue Strümpfe sehen lassen, an feine -Battisthemden, die von rosigen Schultern herabgleiten, an Amoretten, -Küsse und Liebesspiel.“ - -„Kurz nach Schluss der Salonausstellung 1763,“ erzählt +Fragonard+ -selbst, „schickte ein Herr zu mir und bat mich, ihn zu besuchen. Er -befand sich, als ich bei ihm vorsprach, gerade mit seiner Maitresse auf -dem Lande. Zuerst überschüttete er mich mit Lobsprüchen über mein Bild, -und gestand mir dann, dass er ein anderes von mir wünschte, dessen Idee -er angeben würde: ‚Ich möchte nämlich, dass Sie Madame malen auf einer -Schaukel. Mich stellen Sie so, dass ich die Füsse des hübschen Kindes -sehe -- oder auch mehr, wenn Sie mich besonders erfreuen wollen.‘“ -Diesem seltsamen Liebhaber dankt man das Bild „Die Schaukel“, das -erste, das den eigentlichen +Fragonard+ zeigt.... +Fragonard+ ist der -+Pierrot lunaire+, der beim Morgengrauen blass und geisterhaft seine -Sprünge macht. Manche seiner Bilder, so toll sie sind, haben etwas von -Gebeten. Altäre sind errichtet, Opferflammen züngeln lohend gen Himmel, -und bleiche Menschen legen weisse Kränze zu Füssen des allmächtigen -Eros nieder. Da heben Weiber flehend ihre Hände zu Satan empor und -beten, ihnen das Geheimnis neuer unbekannter Sensationen zu enthüllen. - -Bildet schon die Verherrlichung der Geschlechtslust in einem gedruckten -Buche einen die Sinne aufs Höchste anstachelnden Reiz, der daher im -18. Jahrhundert sehr begehrt war, so muss die +bildliche+ Darstellung -der Wollust noch tausendmal schlimmer wirken. „+Le réalisme de la -peinture+, se traduisant dans les actes et les paroles, les livres -et les chants, doit exercer une funeste influence sur la jeunesse en -+surexcitant+ le sens génital“[185]. Und der Marquis +de Sade+, der in -seinen Romanen alles aufzählt, was den sexuellen Genuss zu steigern -vermag, lässt Saint-Fond (Juliette II, 15) nach einer wilden Orgie -ausrufen: „O wie nötig hier ein Maler wäre, um der Nachwelt dieses -wollüstige und göttliche Bild zu überliefern!“ - -So konnte es denn nicht fehlen, dass neben den pikanten Nudités -eines +Fragonard+ und +Lancret+ bald die +Schmutzbilder+ in der -erschrecklichsten Weise sich verbreiteten. Dass die Maitressen sich -für ihre Liebhaber nackt und in irgend einer plastischen Stellung -malen liessen, war nichts seltenes. Bekannt ist die Geschichte der -O’Morphi, einer Maitresse +Ludwigs+ XV. und Insassin des Hirschparks, -deren Besitz der König dem berühmten Abenteurer +Casanova+ auf folgende -Weise verdankte[186]. +Casanova+ hatte bei einem seiner zahlreichen -Liebesabenteuer in Paris auch die Bekanntschaft einer flämischen -Schauspielerin O’Morphi gemacht, welche eine junge Schwester von -hervorragender Schönheit besass, in die +Casanova+ sich sterblich -verliebte, und deren Reize er enthusiastisch schildert. Er bekam -Lust, diesen herrlichen Körper gemalt zu besitzen, und ein deutscher -Maler malte sie auf eine „göttliche“ Weise für sechs Louisdors. Die -Lage, in der er sie darstellte, war „entzückend“. „Sie lag auf dem -Bauche, stützte den Arm und den Busen auf ein Kissen und hielt den -Kopf gewendet, als läge sie drei Viertel auf dem Rücken. Der gewandte -und mit Geschmack begabte Künstler hatte ihren unteren Teil mit soviel -Kunst und Wahrheit gemalt, dass man sich nichts Schöneres denken -konnte.“ Ein Freund +Casanova’s+ bekam Lust, eine Copie dieses Bildes -zu besitzen. Der Maler zeigte in Versailles diese Copie, welche Herr -von +Saint-Quentin+ so schön fand, dass er nichts Eiligeres zu tun -hatte, als sie dem König zu zeigen. „Seine allerchristliche Majestät, -ein grosser Kenner auf diesem Gebiete, wollte sich mit eigenen Augen -überzeugen, ob der Maler treu kopiert hätte, und wenn das Original -ebenso schön war, wie die Copie, dann wusste der Enkel des heiligen -Ludwig wohl, wozu es ihm dienen würde.“ So verlor +Casanova+ seine -Geliebte an den König +Ludwig+ XV., der sie nach Zahlung von 1000 -Louisdors an die Schwester sofort in seinem Hirschpark unterbrachte, wo -sie nach Ablauf eines Jahres mit einem Kinde niederkam, das „gleich so -vielen weggetan wurde, ohne dass man wusste, wohin; denn so lange die -Königin lebte, erfuhr man nie, wohin die natürlichen Kinder +Ludwig’s+ -XV. kamen.“ - -Dieses berühmte Bild zeigte +Casanova+ später einer französischen Nonne -in Aix, mit der er ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, +und diese -Nonne liess sich in eben derselben obscönen Stellung für Casanova -malen+![187] - -Nach +Parent-Duchatelet+[188] vertrieb man während des vorigen -Jahrhunderts und besonders vor der Revolution in den Bordellen -die unzüchtigsten Kupferstiche, ohne dass sich die Polizei darum -bekümmerte. Von 1790 bis 1793 verteilte man an alle Bordellbesucher -die schändlichsten Karikaturen auf +Ludwig+ XVI., +Marie Antoinette+ -und andere Personen. Man könnte daher wohl sagen, dass die Orte der -Unzucht zu den politischen Unfällen Frankreichs wesentlich beigetragen -hätten. Unter der Schreckensherrschaft fanden sich solche schändlichen -Bilder nicht nur in den Bordellen, sondern viele Kaufleute schämten -sich nicht, in den Gallerien des Palais Royal und an anderen Orten die -frechsten Kupferstiche aufzuhängen, wo die Genüsse der Geilheit, der -Paederastie, der seltsamsten Wollust den Blicken aller Vorübergehenden -preisgegeben wurden. - -Dass die Erotica mit obscönen Bildern reichlich ausgestattet wurden, -verstand sich von selbst. So sind auch die Romane das Marquis +de Sade+ -durch eine grosse Fülle von scheusslichen Darstellungen „schmackhafter“ -gemacht. Wir werden später auf diese Bilder zurückkommen. - -Ueber ein sehr merkwürdiges Versteck von obscönen Bildern berichtet die -„Chronique scandaleuse“[189]. Eine derartige Idee konnte nur die nach -immer neuen Reizen lüsterne Phantasie eines abgelebten Wollüstlings -ersinnen. Es war eine „neue Art der Obscönität“, bis zu diesem -Jahrhundert unbekannt, eine „epochemachende Entdeckung“. Das waren -die „vestes de petits soupers“. Da nach der damaligen Mode die Röcke -zugeknöpft wurden, konnte man den oberen Teil der Weste nicht sehen. -Aber bei den Orgien „d’un certain genre“ knöpften die Wüstlinge den -Rock auf und zeigten ihren Messalinen Bilder und Stickereien auf ihrer -Weste, welche den Gegenstand der Orgien und alle Wollust derselben -darstellten. Diese raffinierte Idee macht selbst den bekannten -Ausspruch des +Ben Akiba+ illusorisch. - -Noch einer letzten Gattung von Schmutzbildern haben wir zu gedenken. -Bei +Sade+ ist auch die +Defaecation+ wie alles Schmutzige und -Widerliche ein Gegenstand der Wollust. Der Kot ist deliciös und wird -von Männern und Weibern als Delicatesse verschlungen. Sollte man -es glauben? Auch der Akt der Defaecation wurde den Parisern im 18. -Jahrhundert bildlich vor Augen geführt. Konnte es ausbleiben, dass -einige, besonders starker Reize bedürftige Wüstlinge auch an diesem -Akte Gefallen fanden und ihn zur Erhöhung ihrer Genüsse verwendeten? -+Johann Friedrich Reichardt+ erzählt, dass den Vorübergehenden an -allen Ecken die schmutzigsten und niederträchtigsten Poissardenlieder -und Gespräche, mit ekelhaften illuminierten Holzschnitten, +die alle -den schmutzigsten Ausleerungsakt scheusslich natürlich darstellten+, -angeboten und aufgedrungen wurden. Bei den Parisern sei dies Letzte -nicht einmal nötig. Man sähe die anständigsten (?), ernsthaftesten -Leute solche Blätter zu beliebiger Scherzanwendung in die Tasche -stecken[190]. - -Auch in der +Skulptur+ machte sich, wenn gleich natürlich in -beschränkterer Weise, das Bestreben nach Hervorhebung des rein -Sinnlichen geltend. Mit den drei +Coustou’s+ „versinkt die Kunst -in die Wollust“. „Das jungfräulich Nackte wird durch den Ausdruck -sinnlicher Liebe entweiht. Der Marmor wird Fleisch und zeigt das -wollüstige Beben und die Weichheit der lebenden Arme und Brüste. -Die Frauen werden dargestellt als ‚petites filles‘, bleich, in der -wollüstigen Erschlaffung lasciver Courtisanen oder wie Fischerinnen -am Hofe +Ludwig’s+ XV. und der +Pompadour+“[191]. Der berühmte -+Houdon+, nach +Arsène Houssaye+ der „letzte Ausdruck (expression) -des 18. Jahrhunderts“, stellte in seinen Büsten „alle Ideen, alle -Leidenschaften und alle Physiognomien“ dar. Seine „Diana“, seine -„Frileuses“ und „Baigneuses“ zeigen alle eine wollüstige Nacktheit. - -+André Grétry+, der Hauptvertreter der französischen +Musik+ des 18. -Jahrhunderts, der stets mehrere „filles et fillettes“ zu gleicher Zeit -liebte, zeigte in seinen musikalischen Werken keine echte Leidenschaft, -sondern nur Wollust.[192] Wie sehr der Marquis +de Sade+ ein Mensch -seiner Zeit war, der nur aus ihr erklärt werden kann, zeigt vor allem -der Umstand, dass auch er von jener dem 18. Jahrhundert eigentümlichen -Manie ergriffen war: der +Theaterwut+, der +Mimomanie+! +de Sade+ -hat nicht nur zahlreiche Theaterstücke geschrieben, sondern auch -dilettantische Theateraufführungen veranstaltet. - -Die Leidenschaft des Theaterspielens, die „Mimomanie“, herrschte in -Frankreich während des ganzen Jahrhunderts mit einer uns heute kaum -verständlichen Macht. Ueberall im Lande bildeten sich förmliche -Dilettantengesellschaften. Ein Haustheater gehörte zu jedem Schloss, -zu jedem vornehmen Haus. „Es ist eine unglaubliche Manie“, heisst es -in +Bachaumont’s+ Memoiren, „selbst jeder Prokurator will in seinem -Landhäuschen eine Gauklerbühne und eine Komödientruppe haben.“ Sogar -in die Kreise des Klerus drang die Theaterwut. Durch die +Pompadour+ -wurde das Theaterspielen am Hofe Ludwig’s XV. eingeführt. „Die -Damen studieren mit den Schauspielern die Stücke ein, die sie an -ihrer Privatbühne aufführen. Es war so lustig, bot so viel Stoff zu -niedlichen Intriguen und galanten Erlebnissen, den bunten Flitter des -Pierrot und der Colombine zu tragen.“ (+Muther+). - -Die Theaterstücke hatten, besonders seit dem letzten Jahrzehnt vor -der Revolution, einen immer freieren Charakter angenommen. Wir -haben schon auf +Lanjon’s+ Klosterstücke hingewiesen. Kurz vor und -während der Revolution kam eine wahre Ueberschwemmung von obscönen, -gegen das Königtum und die Kirche gerichteten Komödien. Die Zahl -dieser sogenannten „Pièces révolutionnaires“ ist sehr gross. Die -scheusslichsten sind von +Guigoud Pigale+ („Le triomphe de la -raison publique“), +Léonard Bourdon+ („Le tombeau des imposteurs et -l’inauguration du temple de la vérité sansculotide, dédiée au Pape“), -+Sylvain Maréchal+ („Le jugement dernier des rois“), +Desbarreaux+ -(„Les potentats foudroyés par la montagne et la raison ou la -déportation des rois de l’Europe“). In letzterem Stücke zanken sieh -die Fürsten Europas um ein Stück Land. Die Kaiserin Katharina sagt zum -Papst: As-tu avalé ton goujon, Saint-Père? Dieser antwortet: Vous avez -un avaloir où les grands morceaux passent aisément. Hierauf giebt jene -dem König von Preussen eine Ohrfeige, und dieser antwortet durch einen -Fusstritt, und so gehen die Gemeinheiten und schmutzigen Reden fort. -Der Marquis +de Sade+ hatte ein weiteres Vorbild für seine obscönen -Komödien, die er in Bicêtre und in Charenton seine Mitgefangenen -spielen liess, in dem berüchtigten „Théâtre gaillard“ (London 1788, 2 -Bände), für welches sogar +Grandval+, +Caylus+, +Crébillon+ und +Piron+ -Stücke geschrieben hatten[193]. Ja, es blieb nicht bei blossen Worten -und unzüchtigen Gesten! Noch im April 1791 existierte nach +Mercier+ im -Palais Royal ein öffentliches Theater, wo ein sogenannter Wilder und -eine Wilde, ganz im Stand der Natur, vor den Augen eines zahlreichen -Publikums beiderlei Geschlechts das Werk der Begattung vollzogen. Der -Coitus als Schauspiel! Das war etwas für die zahlreichen „voyeurs“ der -Hauptstadt, die auch in +Sade’s+ Romanen vertreten sind. „La vue des -plaisirs d’autrui nous en donne“ hatte schon +La Mettrie+ in seiner -„L’art de jouir“ (1751, S. 131) gesagt. Der Friedensrichter liess -endlich die beiden Akteurs vorfordern und da fand es sich, dass der -Wilde ein Kerl aus der Vorstadt St. Antoine und die Wilde eine gemeine -Hure war, die sich sehr ansehnliche Summen Geldes von den neugierigen -Zuschauern auf diese Art verdient hatten.[194] - -Die Schauspielerinnen, Opernsängerinnen, Choristinnen und Tänzerinnen -bildeten einen sehr begehrten Bruchteil der Prostitution, wie wir -später sehen werden. Aber auch die Foyers der Theater waren die -„Bazare, auf denen die Liebhaber ihre Talente ausübten, um Intriguen -anzuknüpfen“[195]. - - -12. Die Mode. - -Die Laster müssen das Volk beherrschen und unter demselben verbreitet -werden. Sonst will es selbst herrschen. Viele Theater, der Luxus, -viele Cabarets, Bordelle müssen diesem Zwecke dienen. Es muss eine -Straflosigkeit für die Unzucht geben. Dann endlich die +Moden+, die ja -in Frankreich so einflussreich sind! Männer und Frauen sollten Kleider -tragen, die dass Gesäss besonders freilassen, Feste, ähnlich denen -der Flora, sollten gegeben werden, wobei die Mädchen nackt tanzen. -- -Das ist die Rolle, welche der Marquis +de Sade+ durch den Minister -Saint-Fond (Juliette II, 197) der Mode zuerteilen lässt. Derselbe -Saint-Fond empfiehlt der Juliette, sie sollte sich, um den letzten Rest -von Scham zu ersticken, halbnackt dem Publikum auf der Promenade zeigen -(Juliette III, 125). - -Auch hier lässt +de Sade+ die Wirklichkeit sprechen. Der Rat des -Saint-Fond wurde wirklich befolgt. „In der Kühnheit des Nackten gab es -noch Kühnheiten! An einem Ruhetage des Jahres V spazierten zwei Frauen -auf den Champs-Elysées, +vollständig nackt+, nur mit einer dünnen -Gaze bekleidet. Eine andere zeigte sich dort mit gänzlich entblössten -Brüsten. Bei diesem Gipfel der Schamlosigkeit ertönten laute Rufe. Man -führte diese Griechinnen im Kostüm einer Statue unter Hohngelächter -und heftigem Schelten zu ihren Wagen zurück.“[196] - -Kleidung der Frau und Detail der Kleidung wurden im 18. Jahrhundert -von der Wollust erfunden. Die Kleidung wurde den Bedürfnissen -einer üppigen Sinnlichkeit angepasst. Die Blasiertheit geriet auf -merkwürdige Einfälle. Junge Männer und junge Frauen glaubten die -Natur zu verbessern und ihr eine Lection zu erteilen, indem sie ihren -Haaren das Weiss des Alters verliehen.[197] Die +Goncourts+ schildern -unübertrefflich[198] die unaufhörlichen Wandlungen der Mode im 18. -Jahrhundert mit ihren bizarren Einfällen, ihren raffinierten Ent- und -Verhüllungen, die gigantischen Frisuren der Frauen, das Schminken, die -Schönheitspflästerchen, die Schuhe, Schleifen und Bänder. Die Mode -huldigte dem Moment. Nach dem Prozesse des Pater +Girard+ erschienen -die Bänder +à la Cadière+, deren Stickereien Szenen aus dieser Affaire -darstellten. Laws System hatte Schleifen „du système“ zur Folge. Den -„rubans +à la Cadière+“ im Anfange des Jahrhunderts entsprechen am Ende -die „rubans +à la Cagliostro+.“ - -Je mehr man sich dem Zeitalter der Revolution näherte, desto mehr -traten die +Nuditäten+ in der Mode hervor. Der +Cult der Gaze+, die -Vorliebe für ausschliesslich gazeartige Umhüllungen trat auf. Die -Kleidung der „Göttinnen der Vernunft“ wurde immer durchsichtiger. Das -Kleid zog sich immer mehr vom Busen zurück, die Arme wurden bis zur -Schulter entblösst. Dann folgten Beine und Füsse. Man trug Riemen -um die entblössten Fussknöchel und goldene Ringe an den Zehen. In -den öffentlichen Gärten ergingen sich nacktbeinige Terpsichoren, die -nur mit einem Hemde bekleidet, ihre mit diamantverzierten Ringen -geschmückten Oberschenkel sehen liessen.[199] Ein Journalist, welcher -der Eröffnung des Pariser Tivoli beiwohnte, erzählt, dass an diesem -Tage mehrere Göttinnen in so leichten und durchsichtigen Kostümen -erschienen, dass man alles sehen konnte, was man sehen wollte. Die -Baronin +de V...+ traf einmal in den Champs-Elysées eine ebensolche -„nackte“ Dame am Arme eines vornehmen Herrn.[200] Ein deutscher -Berichterstatter schrieb: „Besuchen Sie einmal das Konzert im Theater -de la rue Feydeau, und Sie werden von der Menge Juwelen und Gold -geblendet werden, womit die Damen bedeckt sind. Betrachten Sie diese -brillanten Geschöpfe näher, und Sie werden leicht bemerken, dass sie -entweder gar keine oder höchstens nur halbe Hemden tragen. Der ganze -Arm, der halbe Nacken, die ganze Brust ist bloss. Verschiedene haben -ihren dünnen Florrock noch auf jeder Seite hinaufgeschürzt, so dass sie -auch noch die schöne Wade sehen sollen; kurz, die Indecenz der Trachten -dieser Impossibles ist unbeschreiblich. Madame Tallien erschien auf -dem letzten grossen Balle im Opernhaus und hatte nicht nur den Kopf, -die Brust, Arme und Hände mit Juwelen bedeckt, sondern sie hatte -sogar die Füsse auf römische Art mit Bändern umwunden und an jeder -Zehe einen prächtigen Ring stecken“.[201] Diese Kostüme à la grecque, -deren Trägerinnen die „Merveilleuses“ genannt wurden, hatte +Therese -Cabarrus+, die Geliebte +Tallien’s+, in Paris eingeführt, nachdem sie -schon während der Schreckenszeit in Bordeaux öffentlich sich in einer -überfrivolen Kostümierung gezeigt hatte.[202] Den „Merveilleuses“ -entsprachen auf der männlichen Seite die „Incroyables“, die sich -nach dem Ideale des Hässlichen kleideten. Denn beim Manne galt zur -Revolutionszeit nicht die Schönheit, sondern die Kraft, die Stärke -der Muskeln für das höchste Gut. Die Don Juans verwandeln sich in -Herkulesse, die Wollust wird brutal.[203] - -Auch die perversen sexuellen Neigungen fanden im 18. Jahrhundert einen -Ausdruck in der Mode. Die weit verbreitete, auch zwischen Frau und -Mann geübte Paedicatio erzeugte im 18. Jahrhundert die merkwürdige -Mode des sogenannten „Cul de Paris“. „Eben weil dieser wunderliche -Teil, der in anderen Hinsichten doch so verrufen und so garstig ist, -so sehr die Sinnlichkeit reizt und fesselt, haben die öffentlichen -Weiber der Freude die Manier, eben diesen Teil, den die verschämte -Sittsamkeit bescheiden in den gehörigen +Hintergrund+ zurückzieht, -recht frechlüstig zu präsentieren, und durch Bewegungen im Gange alle -seine Formen recht anschaulich zu machen.“[204] Unter +Ludwig+ XVI -war bei den Frauen jene das Gesäss stark hervortretenlassende Mode -sehr verbreitet, von der +Dulaure+ sagt, dass er die Trägerinnen der -„Vénus Hottentotte“ ähnlich gemacht habe[205]. Damals besang +Piron+ -in „wilder Lust“ diese Spekulation auf die männliche Sinnlichkeit -folgendermassen[206]: - - L’aimable C.. de Briséis - N’a point de pareil ni de prix! - Plus rond qu’une boule d’ivoire -- - Le croira qui le voudra croire. - - J’en ai presque mes sens ravis - Mon cœur de joie en est épris - Et j’ai toujours dans ma mémoire. - L’aimable C...! - -Auch die Männer zeigten in der Blütezeit des Rokoko eine gewisse -+Effeminatio+ in ihrer Kleidung. „Sammet und Seide in allen Nüancen, -Spitzen als Halsschmuck und als Manschetten, Stickereien in Gold, -Silber und Seide, werden selbst von alten Herren getragen. Alle sind -so elastisch, schlank, so effeminiert und ewig jung, so anmutig und -von Rosenduft umhaucht, als ob es gar keine Männer, sondern erwachsene -Amoretten wären“[207]. - -Andererseits war die immer mehr um sich greifende +Tribadie+ Ursache -besonderer Kostümierung. Die Tribaden mit männlichen Neigungen hatten -sich unter der Schreckenszeit auffallend vermehrt. Die Virago auf der -Strasse war eine allbekannte Erscheinung.[208] Sie hatte ihr eigenes -Kostüm. +Mercier+ erzählt: „Ich habe in meinem Laden, wo man oft -über die Moden spricht, mir erzählen lassen, dass diejenigen Frauen -+Tribaden+ sind, welche die Sitte aufgebracht haben, sich wie ein Mann -zu frisieren, Hüte und Männerstiefel zu tragen.“[209] - - -13. Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert. - -In Paris hat der Marquis +de Sade+ seine Studien für die beiden -berüchtigten Romane „Justine“ und „Juliette“ gemacht. Hier hat er -den grössten Teil des Inhalts derselben erlebt und erdacht. Pariser -Ereignisse und Zustände haben fortwährend seine Phantasie befruchtet, -und die Vorbilder für die Schilderungen einzelner Verhältnisse in -seinen Werken sind leicht zu finden. Dies wird sich in geradezu -überraschender Weise aus der Betrachtung der Prostitution und des -Geschlechtslebens in Paris ergeben. Von Paris gilt ja heute noch, -was +Montesquieu+ im 106ten persischen Briefe sagt, dass es die -„sinnlichste Stadt der Welt“ sei, wo man die „raffiniertesten -Vergnügungen“ ersinnt. Die Schilderungen der grossen Bordelle bei -+Sade+ mit ihren ingeniösen Einrichtungen beziehen sich fast durchweg -auf Pariser Bordelle. Die meisten Heldinnen in seinen Romanen sind -Pariser Dirnen. Es wird daher angemessen sein, dass wir diese -Verhältnisse zunächst ins Auge fassen. - - -14. Bordelle, geheime pornologische Clubs und Prostituierte. - -In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis +de Sade+ das Bordell der -Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen- -und Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen -Hause hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine -und charmante Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors -bekommen. Das Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle -Rendez-vous mit dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel -sind prächtig, die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet. -Ohne Moral und ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei -heimlich unterstützt, als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich -mehr erlauben als ihre Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art -begehen. Das Bordell versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit -seiner Waare. Als Juliette später selbst in Paris ein Freudenhaus -einrichtet, sind 6 Kupplerinnen (maquerelles) für dasselbe tätig, die -aus Paris und den Provinzen die jungen Mädchen herbeiholen (Juliette -VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus der „Société des amis du -crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris liegt, aber indiscreten -Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen wird. Es enthält herrliche -Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien, Boudoirs, „cabinets d’aisance“ -und Harems oder +Serails+, wie +de Sade+ sie nennt, in denen die Opfer -von beiden Geschlechtern für die Orgien gezüchtet und gepflegt werden. -Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt ihren Eltern entrissen -worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die vornehme -Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von Henkern, -Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33 ff.). -Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette -V, 343 ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand -gemeinschaftlich zu Venedig errichten (Juliette VI, 144). - -+Alcide Bonneau+ meint, dass der Hirschpark dem Marquis +de Sade+ als -Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens -auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei -Sainte-Marie-des-Bois (Justine II, 40 ff.). Indessen hat der Marquis -+de Sade+ doch ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und -danach seine Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333) -davon, dass „in mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen -Zwecken für Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode +Ludwig’s+ -XV. 34 Jahre alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt -hat, halten wir allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte -deutsche Autor, der ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten -Ludwig auftreten lässt, versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen -Quellen zu haben. - -Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis +de -Sade+ seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens -der +Wirklichkeit+ entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese -Wirklichkeit näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg -auf authentische Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die -geheimen pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten -sollen im Folgenden geschildert werden. - - -a. +Das Freudenhaus der Madame Gourdan.+[211] - -Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen -Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das -Freudenhaus der Madame +Gourdan+ in der Rue des deux Portes, das unter -den Regierungen +Ludwig’s+ XV. und +Ludwig’s+ XVI. als Bordell für den -Hof und die vornehmen Fremden galt. - -Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen -aus, welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu -befriedigen versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben, - -1. +Das Serail.+ Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de -corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend -sein mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden -die Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde -alles aufs genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se -débiter dans un pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent -s’y commettre!“ ruft +Pidanzat de Mairobert+ bei dieser Schilderung -aus. Es ist kein Zweifel, dass dies Serail der Gourdan den Namen für -die „Serails“ bei +Sade+ hergegeben hat. Ebenso lässt +de Sade+ in -seinen Romanen häufig den Preis der Liebe vereinbaren und vor allem die -Details der zu veranstaltenden Orgie vorher genau analysieren. - -2. +Die+ „+Piscine+“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man -zuerst die in der Provinz und in Paris für die +Gourdan+ aufgegriffenen -Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich -gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden -sich verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das -berühmte „Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem -Madame +Gourdan+ etwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte -und das wieder zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass -der Marquis +de Sade+ dieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und -praktisch anwenden lässt, wie wir später bei der Besprechung der -Kosmetica und Aphrodisiaca sehen werden, beweist wohl schlagend seine -Arbeit nach berühmten Mustern. -- Weiter fand sich in der „piscine“ -die „Essence à l’usage des monstres“, die durch ihren scharfen Geruch -Impotente wieder potent machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger -Grausamkeit anreizte. -- Das „Spezificum“ des Doktor +Guilbert de -Préval+ (von welchem Charlatan später ausführlich die Rede sein wird), -war ein wahres Wundermittel. Denn es diente zur Verhütung, Diagnostik -und Heilung der Syphilis zugleich! Madame +Gourdan+ injicierte etwas -davon den neu ankommenden Mädchen, um zu sehen, ob sie gesund seien. -Also ein sexuelles +Tuberkulin+ des 18. Jahrhunderts! Alles ist schon -dagewesen. - -3. +Das+ „+Cabinet de Toilette+“. Hier empfingen die Schülerinnen -dieses Venusseminars ihre zweite Vorbereitung. - -4. +Die+ „+Salle de bal+.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer -in das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit der -+Gourdan+ unter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die -Prälaten und Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer -Abkunft in das Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider -aller Art, sowie „Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der -Geistliche in einen Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten, -die Damen in Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier -„erduldeten die vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen -eines groben Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin -ausgewählt hatte, um ihr unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“ -Andrerseits glaubte der Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und -genierte sich wenig in Ausdrücken und Handlungen. - -5. Die „+Infirmerie+.“ Das war das Gemach für Impotente, deren -erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt -wurde. Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige -Bilder und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische -Kunstwerke, auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven -befand sich ein Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände -aus Spiegelglas bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen -Boudoirs und alle Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte -Stechginster-Ruten dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in -allen Farben wurden zum Essen angeboten, von denen „man nur eine zu -geniessen brauchte, um sich bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“ -Sie hiessen „Pastilles à la Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen -als Aphrodisiacum gegeben hatte. Man sieht, dass die berüchtigte -Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des Marquis +de Sade+ in jener -Zeit nicht vereinzelt war. --- Auch für die Frauen war in dieser -„Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein waren -vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina eingeführt -wurden. +Mairobert+ konnte nicht erfahren, ob „die Chemiker diesen -Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische Zusammensetzung -haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch machten.“ -- Der -„Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den Nonnenklöstern -erfunden“, um den Mann zu ersetzen. Die +Gourdan+ trieb mit diesen -künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem Nachlass -„zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der -Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war -unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption -in den Nonnenklöstern nicht übertrieben. -- Grosser schwarzer Ringe, -der sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen -Irritation der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten -Buckeln besetzt, was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war -ein ganzes Arsenal von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute -„Condome“ heissen und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das -Gift der Liebe schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“. -Also gebührt die Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen -das Vergnügen und dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nicht +Ricord+, -sondern +Pidanzat de Mairobert+, der es 70 Jahre früher aussprach![212] - -6. Die „+Chambre de la question+“. -- Das war ein Kabinet, in welches -man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die -Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören -konnten, was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“. - -7. Der „+Salon des Vulcan+“. -- In ihm befand sich ein Fauteuil von -sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort -eine Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit -gespreizten Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl -war eine Erfindung des Herrn +de Fronsac+, Sohnes des Herzogs von -+Richelieu+, welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt -in diesen Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur -zeitweilig, vom Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt -fortzusetzen. Der „Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch -die Schmerzensrufe, durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf -keine Weise von Aussenstehenden gehört werden konnte.“ Dieses Mysterium -des Lasters finden wir auch bei +de Sade+ wieder. - -Die +Gourdan+ war die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie -konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. In -+Villiers-le-Bel+ hatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus, -wohin sie selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die -Schwangeren. Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes -Versteck für besonders raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten -dasselbe ironisch das „Kloster“. - -Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die -Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon -deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass -man sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. Die +Gourdan+ gehörte -zu der zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst -offiziell von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert -wurden. Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht -über die körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir -werden später einen solchen Bericht mitteilen.[213] - -Im Hause der +Gourdan+ wurden die Maitressen für die vornehme Welt -herangebildet. So hatte die spätere Gräfin +Du Barry+ ihre glänzende -Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle der +Gourdan+ zu verdanken. Aber -auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme -Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei der +Gourdan+ -entdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte. - - -b. +Justine Paris und das Hôtel du Roule.+ - -Am 14. November 1773 hielt Madame +Gourdan+ auf ihre verstorbene -Kollegin +Justine Paris+ eine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd. -II, S. 401 bis 412) abgedruckt ist und so voll +sadischen Geistes+ -ist, dass wir einen kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die -Idee zu dieser Leichenrede concipierte der Prinz +Conti+, einer der -berüchtigsten Lebemänner des ancien régime. +Ausgeführt+ wurde sie -von der +Gourdan+, welche die Rede bei einer Orgie in +Conti’s+ -Hause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-puissante -Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè, Paphos, -Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame Gourdan, -sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte das -charakteristische Motto: - - La vérole, o mon Dieu, - M’a criblé jusq’aux os. - -Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als -einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous -n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man -in den Romanen des +Marquis de Sade+ fast auf jeder Seite findet, -schleunigst in die Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer -Eltern hin. Darauf tritt sie in ein Pariser Bordell ein, wo sie -schnell grosse Fortschritte im Dienste der Venus macht, und durch ein -Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald berühmt wurde. Reisen -nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie phlegmatisch mit -dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig (emportée) mit dem -Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nach +Italien+ und ist in Rom die -„Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie durchreist ganz -Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt. Leider macht -sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend, die sie -aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern -und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin -eines Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital. - -Sollte dem Marquis +de Sade+ diese Leichenrede ganz unbekannt geblieben -sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in Madame -+Paris+ und ihrer Reise durch Italien ein Vorbild der Juliette zu -finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als -Königin der Welt und als Idealhure gefeiert wird. - -+Casanova+, dieser geniale Schilderer, dessen historische -Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift von -+Barthold+[214] überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren -von einem Besuche im Bordell der +Paris+ im Jahre 1750, dem sogenannten -Hôtel du Roule, und führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und -Treiben in einem Pariser Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor -Augen, das als Ergänzung der mehr systematischen Beschreibung des -Hauses +Gourdan+ hier Platz finden möge.[215] „Das Hôtel du Roule -war in Paris berühmt, mir aber noch unbekannt. Die Besitzerin hatte -+es elegant möbliert+ und hielt zwölf bis vierzehn +ausgezeichnete -Nymphen+. Man fand bei ihr alle wünschenswerten Bequemlichkeiten; guten -Tisch, gute Betten, Reinlichkeit, +Einsamkeit in herrlichen Gebüschen+; -ihr Koch war vortrefflich, ihre +Weine+ ausgezeichnet. - -„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der aber -Alle befriedigte. - -„+Durch die Polizei geschützt+, war sie weit genug von Paris entfernt, -um überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die -über der Mittelklasse standen. - -„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle Vergnügungen -hatten einen gewissen Tarif. - -„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf für -ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“. - -Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese -Schilderung +Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen -Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“+ -übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris -„einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“, -ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die -Polizei geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns, -dass bei der genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch -bei anderen Pariser Freudenhäusern nirgends ein +Koch+ erwähnt wird, -dass die Reihenfolge der übrigen Epitheta bei +Casanova+ und +de Sade+ -genau dieselbe ist, endlich dass +Casanova+, der im Juni 1798 starb, -nachdem seine nur bis 1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte -vollendet waren, die im Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht -mehr für diese verwertet hat und auch früher den Marquis +de Sade+ -nicht gekannt hat, dass ferner seine Memoiren erst im Jahre 1822 in -der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich daraus der sichere -Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb kulturhistorisch so -wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch getreues Bild -der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten wird, -mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis -+de Sade+ hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der +Justine -Paris+ geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von -uns gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus -ergiebt sich, dass die Werke des Marquis +de Sade ebenso ein Objekt -der Kulturgeschichte wie der Medizin sind+. Dieser merkwürdige Mensch -hat uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten -ihn +verstehen+, um ihn +erklären+ zu können, und wir überzeugten -uns bald, dass auch der +Arzt+ hier die wichtigste Belehrung nur aus -der +Kulturgeschichte+ empfangen kann. Das +Individuum de Sade+ wird -erleuchtet durch den +geschichtlichen+ Menschen. - -Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung +Casanova’s+ zurück. -„Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher: ‚Nach -Chaillot‘. - -„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über -dem man ‚Hôtel du Roule‘ las. - -„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus einer -Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns anständig, -öffnete und wir fuhren hinein. - -„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch -Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie -uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten. - -„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, -in welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und -gleichmässig in Mousselin gekleidet waren. - -„Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und machten uns eine sehr -anmutige Verbeugung. - -„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen -braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar. - -„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden. - -„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl. - -„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit -einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können, -und wir gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner -rufen würde. - -„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er -den Freuden der Liebe dienen konnte. - -Madame +Paris+ sagte: - -„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und halten -Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der Ruhe -und der Gesundheit.“ - -„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen. - -„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung -erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um -uns zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei. - -„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“. - -Schliesslich lassen sich +Casanova+ und sein Freund dazu bewegen, die -Nacht in dem Bordell zu verleben. - -Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18. -Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de -l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert -die mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet: - - Au milieu de Paris, dans un obscur séjour, - Est un temple charmant consacré par l’Amour; - C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse - Va porter son encens an dieu de la tendresse. - -Das zweite Gedicht heisst „Les Reclusières de Vénus“ (Allégorie, A -la nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten). -Ich citire eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass die -+Paris+ ihren Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu -geben pflegte, ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch -geschieht: - - Des noms mignards, respirant la luxure, - Feront an cœur la première blessure; - Margot sera la charmant Aglaé, - Fanchon Victoire, et Pernette Daphné, - Dodon Fatime, et Charlotte Emilie, - Cateau Lolotte, et Jeanette Julie. - - -c. +Das Bordell der Richard.+[216] - -Dieses Freudenhaus wurde hauptsächlich von +Geistlichen+ besucht. -Madame +Richard+ hatte ihre Thätigkeit damit begonnen, systematisch -junge Beichtväter zu verführen. Diese Spezialität der Erotomanie gab -ihr den Gedanken ein, ein Bordell für Geistliche zu eröffnen. Dasselbe -florierte glänzend. Madame +Richard+ wurde die Lieferantin von jungen -Mädchen für ein „Missionshaus, für Prälaten und andere Geistliche.“ -Eine erotische Szene aus diesem Freudenhause haben wir bereits erzählt. - - -d. +Ein Negerbordell.+ - -Ein Lüstling in Venedig bringt stets in das Bordell der Juliette zwei -Negerinnen mit, weil der Kontrast zwischen weissen und schwarzen -Menschen ihm besondere Befriedigung verschafft (Juliette VI, 152). -Neger und Negerinnen spielen auch bei dem anthropophagischen Diner -in Venedig eine Rolle (Juliette VI, 204). In dem Schlosse des -Cardoville bei Grenoble, wohin Justine als ein Opfer der Lüste dieses -Wüstlings geführt wird, sind zwei Neger als Helfershelfer bei diesen -Orgien thätig. (Justine IV, 331.) -- Im dritten Bande von „Aline et -Valcourt“ findet sich auf Seite 200 ein obscönes Bild, drei nackte -Weiber darstellend und einen Mann, der die Genitalien des einen Weibes -berührt, während von vier dabei stehenden Negern zwei mit wildem -Ausdruck Keulen schwingen. - -+Die Neger sind auch keine Erfindung Sade+’s! Es existierte schon vor -1790 in Paris ein +Negerbordell+! Dies befand sich im Hause einer Mlle. -+Isabeau+, früher rue neuve de Montmorency, später rue Xaintonge, -welches letztere Haus einem gewissen +Marchand+ gehörte. In diesem -Bordell waren Negerinnen, Mestizen und Mulattinnen vorrätig. Es gab -keine festen Preise, sondern die Insassinnen wurden „verkauft wie man -die Sklavinnen einer Karawane verkauft.“[217] - -+Fraxi+ meint[218], dass der Geschmack für schwarze Frauen vielleicht -den Franzosen eigentümlich sei. Jedenfalls findet man noch heute in -mehreren Bordellen von Paris und in den Provinzen ständig Exemplare -dieser schwarzen Schönheiten. Auch +Hagen+ macht in seiner „Sexuellen -Osphresiologie“ (S. 179-181) ausführliche Mitteilungen über diese -Vorliebe der Franzosen für Negerinnen, die er vielleicht mit Recht auf -Geruchsreize zurückführt. - - -e. +Die „petites maisons“.+ - -Indem wir bezüglich der anderen grossen Pariser Bordelle des 18. -Jahrhunderts auf das berühmte Werk von +Rétif de la Bretonne+ -verweisen[219], sowie auf die Schrift „Les bordels de Paris“ (1790), -erwähnen wir nur noch das Freudenhaus im Faubourg Saint-Antoine, -wo nach +Rétif’s+ Erzählung der Herzog von +Orléans+, der Graf -von +Artois+ sich den wildesten Ausschweifungen und Grausamkeiten -hingaben, wo man „Bestialitäten“ beging, die später der Marquis +de -Sade+ in seinem „exécrable roman“: Justine ou les Malheurs de la vertu -beschrieben habe.[220] - -Offenbar genügte diese grosse Zahl von Bordellen noch nicht dem -Unsittlichkeitsbedürfnisse des ancien régime. Man musste die Wollust -bei sich selbst einquartieren. So schufen sich die vornehmen Herren -und reichen Wüstlinge jener Zeit in den sogenannten „petites maisons“ -gewissermassen ihre eignen Privatbordelle, Freudenhäuser en miniature. -Jeder hat sein „kleines Haus“ mit mehreren Maitressen. Das gehörte -zum vornehmen Ton bei Jung und Alt. +Casanova+ lernte in Paris den -+80jährigen+ Chevalier d’+Arzigny+ kennen, den „Aeltesten der petits -maîtres“, der sich rot schminkte, geblümte Kleider trug, die Perrücke -pomadisierte, die Augenbrauen braun malte und ebenfalls parfümierte und -ein Gebiss von Elfenbein trug. Selbst dieser alte Lebemann war „seiner -Geliebten zärtlich zugetan, die ihm sein +kleines Haus+ führte, in -welchem er stets in Gesellschaft ihrer Freundinnen zu Abend ass, die -sämtlich jung, sämtlich liebenswürdig waren und jede Gesellschaft für -die seinige aufgaben“.[221] - -Auch der Marquis +de Sade+ besass im Jahre 1772 auf der butte -Saint-Roch sein „petite maison“.[222] - - -f. +Die geheimen pornologischen Klubs.+ - -Das, was der Marquis +de Sade+ in der „Société des amis du crime“ -geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den -Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit. -Es gab in Paris +geheime+ Klubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke -des praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“ -hatten mit den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der -geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen. - -Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder -die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub. -Gegründet wurde er vom Herrn von +Chambonas+.[223] Diese geheime -Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle -Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen -an den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“; -„Viceadmiral“ waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und -„Ritterinnen“, die einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue -und Verschwiegenheit geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel des -Glückes führen liessen.[224] In ihren „mehr als galanten Versammlungen“ -wurden die obscönsten Reden geführt.[225] Ein sehr eifriges Mitglied -dieses obscönen Klubs war +Moët+, der Verfasser des „Code de Cythère“ -(Paris 1746) und Uebersetzer der englischen Schrift „Lucina sine -Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II von +Dühren+ „Das Geschlechtsleben -in England“). Er verfasste für seinen Klub das merkwürdige Buch -„L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de l’Ordre de la -Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis -(Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das -„Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich -einige Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse -femme; „frégate“ = femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite; -„goudron“ = fard; „hisser une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le -corps; „mer“ = amour, intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des -Klubs verkündigen folgende Verse: - - L’isle de la Félicité - N’est pas une chimère; - C’est où règne la volupté - Et de l’amour la mère; - Frères, courons, parcourons - Tous les flots de Cythère - Et nous la trouverons.[226] - -Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch -einen heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr -Geheimnis zu hüten suchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem -Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227] - -Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten, -der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms -de plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses -Manuscript gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in -dem sich diese „sociétés de cynisme“, wie die +Goncourts+ sie nennen, -wälzten.[228] - -Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte -Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine -Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen -Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen. - -Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der -Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken, -da sie das einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit -einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“ +de -Sade’s+ Schilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde -des Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm -bekannten Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene -Druckerei mit zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden -sich zahlreiche „cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben -bedient werden, die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser -appetitlichen Orte hingeben müssen. Daselbst findet man „seringues, -bidets, lieux à l’anglaise, linges très fins, odeurs“. Aber man kann -auch linguam puellarum sive puerorum nachher zur Reinigung benutzen. - -In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer, -Frauen und -- Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust -gehalten. Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den -Hauptversammlungssaal erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten -Cruzifix, an dessen Ende die Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird -Juliette befragt, ob sie die Arten der Unzucht und die Verbrechen, die -man ihr nacheinander aufzählt, begehen würde. Nachdem sie bejaht hat, -empfängt sie die „Instruktionen für die in die Gesellschaft der Freude -aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen Club stattfindenden Orgien -werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt werden.[229] - - -g. +Die Freudenmädchen.+ - -Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen, -dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen -Wollust das Jahrhundert der +Dirne+ ist. Die Dirne wird vergöttert, -idealisiert. Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr -Wollust, je raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie -dans le Boudoir“ (I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der -Liebe, Madame de St.-Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie -zum ersten Male höre. Diese erwidert (S. 52-53): „So nennt man diese -öffentlichen Opfer männlicher Ausschweifungen, welche stets bereit -sind, sich ihrem Temperament oder ihrem Interesse zu ergeben. Es sind -glückliche und ehrenwerte Geschöpfe, die aber von der allgemeinen -Meinung entehrt werden, während die Wonne sie krönt. Sie sind der -Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen, weil sie den Mut -besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft liebenswürdigen Weiber, -die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die ich seit 12 Jahren -diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich fern davon, mich -dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es freut mich -sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese Benennung -höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“. Das ist -das, was die +Goncourts+ „den Verlust seines guten Rufes geniessen“ -nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts -erklären. - -+Rétif de la Bretonne+ erhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem -„Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht -zur Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid -doch noch nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr -gewährt, durch die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten -Männer in den Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen -unsittlicheren Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre -Gesundheit einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt -daran, dass Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre -Priesterinnen der Wollust. +Achtet Euch+!“[230] - -Diese Verherrlichung der Dirne nahm oft sonderbare Formen an. So sprach -ein Chevalier +de Forges+ bei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in -den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine -Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben -dort finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im -Genusse, in den Armen einer Prostituierten.[231] - -Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert -spiegelt sich am einleuchtendsten in dem Verhalten der +Polizei+ -ihnen gegenüber wieder. Wir sahen, dass +de Sade+ das Bordell der -Duvergier ausdrücklich durch die Polizei geschützt sein lässt. So -war es in der That zur Zeit der Entstehung der „Juliette“, während -der Schreckensherrschaft und unter dem Direktorium. Doch unter der -Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen bestraft, einzelne sogar -nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon Lescaut“ erinnert, -jene berühmte Erzählung des Abbé +Prévost+, mit welcher übrigens -die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des -18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl -wurden ab und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste -der bekannte Polizei-Inspektor +Marais+ dem Könige +Ludwig+ XV. über -die Dirnen von Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine -ernsthafte Aufsicht fehlte. +Parent-Duchatelet+ hat die Archive der -Pariser Polizeipräfektur vom Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und -aus dieser entnommen[233]: „Dass die Duldung der Polizei in Betreff -der öffentlichen Dirnen und Häuser unbegrenzt war, dass sie nur in -sehr argen Fällen einschritt und unsern jetzigen Duldungsscheinen -entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie Haussuchungen anstellte, -ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn Klagen angebracht wurden. - -„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen und -Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich von -verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die -grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten. - -„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch -keine Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der -Polizeikommissare und ihrer Diener abhing. - -„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des verflossenen -Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren minder -roh und eilig war“. - -Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene Zustände, -wie sie +de Sade+ in seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit. -Nach +Parent-Duchatelet+[234] wurden von 1791 an alle alten -Einrichtungen abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr -besonderer Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22. -Juli dieses Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel -der Zuchtpolizei in sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von -öffentlichen Eingriffen in die Sitten, davon; allein offenbar wollte -der Gesetzgeber jener Zeit nur die Geschöpfe erreichen, welche junge -Leute des einen und des andern Geschlechts verführen, um sie einem -Richter zu überliefern. Von dem Treiben der Lustdirnen sagt er nichts, -und es scheint, dass er dies für ein Gewerbe ansah, welches jede zu -üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift deshalb ein Eingriff gegen -die persönliche Freiheit sei. - -So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen gleich -gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit -frei gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der -Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie -zu keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten. - -Eine zügellose Frechheit, ein +beispielloses+ Aergernis war die Folge. -Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der -Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer -Zeit und bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon -jetzt daran, dass der Marquis +de Sade+ diese ganze Zeit, von 1790 -bis 1801, mit der kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller -Freiheit in Paris zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des -Dirnentums und der widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist. - -Jetzt wurde die +Dirne+ zur „Göttin der Vernunft“, die +alle+ anbeten -müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater -der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“. -Es schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die -Hauptfigur war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter -unbeständig, und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis -ablegt: „+Die Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu -Teil werden+!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich -auf allen Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité -und den Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen, -in den grossen Restaurationen erblickte man die scheusslichste -Unzucht. Paris wurde die „Kloake der ganzen Republik“, die allen -Schmutz der Provinzen an sich zog, das Genussleben nahm einen immer -unerträglicheren Charakter an und steigerte sich bis zur äussersten -Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796 der Boulevard des Temple -das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar, geübt von Militärs. In -Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen Weibern trugen sie ein -wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit diesen Weibern waren -zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier einer empörenden -Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung, die selbst die -Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal und die -Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich völlig -ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“ Unzucht -dar.[236] - -Hier wurde das Ideal, das der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen -aufstellt, verwirklicht: +Die Massensuggestion der Wollust+! Zu dem -unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die -unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben, -um auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten -Begierden hinabzuziehen. Diese +Infection+ der Moral durch das Gift -der Wollust hat +Rétif de la Bretonne+ sehr schön wiedergegeben in -seiner Schilderung des Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]: -„Die Mädchen gehen aus und spazieren; einige machen sich durch ihre -elegante Kleidung, noch öfter aber durch die unanständige Blosstellung -ihrer verführerischen Reize bemerklich. Junge unverständige Menschen -erlauben sich, ganz öffentlich sogar, strafbare Freiheiten -- und -unsere Kinder, die Zeugen der Abscheulichkeiten sind, schlürfen -das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit dem Alter, und der -gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die Tochter eines -Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter stehend, wo die -angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen lässt, sieht -ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf dem Fusse -nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige Mädchen fühlt -ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch schwach, -aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht die -Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die -oft noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe -Genüsse zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet -sind. Um dieser Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden -sein, die jede Probe besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche -Unanständigkeit! Unter dem Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges --- Kinder haben es vor Augen -- und man wundert sich noch über die -Verderbnis der Sitten vom zartesten Alter an.“ Und als Illustration -zu diesen Worten berichtet A. +Schmidt nach Polizeiberichten+ -- -wir betonen das, weil das Factum sonst kaum glaublich erscheint -- -dass im Oktober 1793 alltäglich der Revolutionsgarten und namentlich -die Gallerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen -und Mädchen +im Alter von 7 bis 14 und 15 Jahren+ angefüllt waren, -die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht -hingaben. Und dabei waren dieselben „fast nackt wie die Hand und boten -den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein -Zufall, dass diese Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793 -zeigten, nach jenen grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in -Strömen floss. Es ist kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der -Zeit der Terroristen erreicht wurde. +de Sade+, der im Dezember dieses -Jahres wieder gefangen gesetzt wurde, hatte während dieser Zeit mit -Wollust im Blute gewatet, und die entsetzlichen Ideen seiner Werke -eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar die geheimen pornologischen -Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im Opernhause „+nackte Bälle+“, -bei denen nur das Gesicht maskiert war, feierten[239], wo die Zahl der -+täglichen+ Dirnenbälle auf +mehrere Hundert+ stieg[240], auf denen die -„Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in -23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde. - -Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so -betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000. -Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241]. - -Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen -werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des -ancien régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte. -Schauspielerinnen, Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier -besonders in Betracht. - -+Mercier+ erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen -ganz besonderen Reiz ausüben[242]. +La Mettrie+ ruft emphatisch aus: -„Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus -magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten -Tänzerin +Camargo+ und der +Jalé+[243]. d’+Alembert+ meinte -derb-cynisch, dass das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen -und Sängerinnen „eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung -sei“.[244] - -Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von +Casanova+ -erzählte Erlebnisse. Sein Freund +Patu+ führte ihn zu einer berühmten -Sängerin der Oper, der Mademoiselle +Le Fel+, beliebt in ganz Paris -und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei -allerliebste kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten. --- „Ich bete sie an,“ sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre -Schönheit“, erwiderte ich (Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen -Gesichtsausdruck hat.“ -- „Das glaube ich gern! Der älteste ist der -Sohn des Herzogs von +Anneci+, der zweite der des Grafen von +Egmont+ -und der jüngste verdankt sein Leben +Maisonrouge+, der eben die -+Romainville+ geheiratet hat.“ -- „Ach, entschuldigen Sie, ich glaubte -Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ -- „Darin haben Sie sich auch -nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie dies sagte, sah sie -+Patu+ an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes Gelächter -aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende Angriffe -auf das Privilegium der Männer machen zu sehen. - -„Mademoiselle +Le Fel+ war gleichwohl nicht frech und +gehörte sogar -der guten Gesellschaft an+, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile -erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde -ich gewusst haben, +dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren+. -Die grossen Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten, -liessen ihre Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben -starke Pensionen zahlten. +Folglich lebten diese Damen um so mehr im -Wohlstande, je fruchtbarer sie waren.+“[245] - -Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah -+Casanova+ bei +Lani+, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge -Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und -von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die -sie mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte -sich über Kopfschmerz. Während +Casanova+ ihr sein Riechfläschchen -bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht -geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes, -„ich glaube ich bin in anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten -Antwort eines jungen Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für -eine Jungfrau gehalten hatte, sagte +Casanova+: „Ich glaubte nicht, -dass Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht -an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die -Wette.[246] - -Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage, -sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“. -Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen -„verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere -Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu -nennen waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten. -Denn es verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede -Tugend verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247] - -Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die -+berühmtesten Dirnen+ von Paris erfahren wir, dass dieselben fast -durchweg der Theaterwelt angehören.[248] - -Die Opernsängerin +La Guerre+ war jene Dame, für welche der Herzog von -+Bouillon+ in drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte. - -Die Dirne +La Prairie+ gehörte zu denjenigen Weibern, welche sich -dem Marschall Prinzen von +Soubise+ in dessen „petite maison“ nackt -zeigen mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé -Terrai!“ Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue -Notre-Dame ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige -Angebetete hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der -Enthüllung den schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est -le costume“, bemerkte der +Abbé+ kaltblütig, indem er ihr durch diese -Worte anzeigte, dass er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben -wünschte. - -Die berühmte Mademoiselle +Du Thé+ war anfänglich als „Rosalie“ -Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen -Herzog von +Chartres+ in die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie -von diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte -dort mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle -eröffnete, die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt -gestattete. Diese Messalina war überaus geldgierig und eigennützig. -Später wurde sie die Geliebte des Grafen von +Artois+. Ein junger in -sie verliebter Musketier, der keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes -malitiöse Gedicht: - - Du Thé tu cherches à plaire - A qui peut t’enrichir; - Moi qui suis mousquetaire - Je n’ai rien à t’offrir. - Mais je sais faire usage - D’un moment de loisir, - Un homme de mon âge - Ne paie qu’en plaisir.[249] - -Die +Du Thé+ schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des -Polizeiinspektors +Marais+ vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern -hatte die +Du Thé+ keinen +Sou+! sie musste sich einen Thaler und 6 -Livres leihen, um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250] - -Die Schauspielerin +Dubois+ von der Comédie française hatte einen -Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits -16527 zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro -Tag, da sie mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die -gleiche Gier nach dem Gelde und nach dem Vergnügen.“ - -Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis +de Sade+ -beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94) -die Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10- -bis 12000 Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der -Wirklichkeit. - -Die +La Chanterie+, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer -seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als -Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar -einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der -Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater -nicht ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam -und den Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà -la Vierge qui m’a donné la chaude-p...!“[251] - -Neben den Theaterdamen erfreuten sich die +Modistinnen+ und -+Verkäuferinnen+ einer grossen Beliebtheit. Die „+jeunes ouvrières+“ -kommen denn auch bei +de Sade+ mehr als einmal vor. +Rétif de la -Bretonne+ hat diese Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe -in seinen Werken geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen -Briefwechsel mit den Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in -der rue de Grenelle-Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine -Madame +Devilliers+, die für die Gräfin +du Barry+ arbeitete. Letztere -war selbst früher Modistin gewesen, bevor sie in das Bordell der -+Gourdan+ eintrat. Das Leben und Treiben dieser Modistinnen schildert -+Rétif+ besonders in „Le Quadragénaire“ (Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach -+Parent-Duchatelet+[253] traten Lustdirnen während der Revolutionszeit -mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man rechnete mehr als 20 dergleichen -im Palais-Royal und unter ihnen acht, die sich in den alten hölzernen -Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen Gefässe, die mit Pulver von -verschiedener Farbe gefüllt und in ganz eigentümlicher Art aufgestellt -waren, so dass sie Jedermann kannte. Bisweilen bekränzte man sie noch -mit Blumen. Jetzt denke man sich, was in diesen Orten geschah, welche -aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder- und einem Hinterladen, die -beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte aber nur einige Stühle -und -- eine spanische Wand hatten. Die Berichte jener Zeit schildern -auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die täglichen -Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien veranlasst -wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger Mensch mehr -besuchen. - -Dass in den +Restaurationen+, +Cafés+, +Kneipen u. s. w.+ die -Prostitution kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. +Casanova+ -pflegte, wenn er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen, -um dort eine Schöne zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen -Polizeiverordnung vom 8. Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte, -Limonadenverkäufer u. s. w., welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten, -100 Francs Strafe verhängte, wurde niemals angewendet. Ausserdem galt -er nur für die, welche an solche Mädchen vermieteten, nicht aber für -jene, welche den bei ihnen Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei -man annahm, dass sie letztere gar nicht kannten.[254] - -Auch das +Zuhältertum+ war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt. -Der Marquis +de Sade+ zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den -+Dorval+ (Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit -seiner Dirnen zum Besitz von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789 -spricht +Peuchet+ in seiner Encyclopädie von den Zuhältern und +Rétif -de la Bretonne+ ebenso in seinem 1770 zum ersten Male erschienenen -„Pornographe“. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde dem Pariser -Polizeileutnant eine Denkschrift übergeben, deren Verfasser sich -darüber so äusserte: „Die Mädchen können nicht ohne Beschützer -bestehen. -- Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den ärgsten Bösewicht, um -anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und gegen sie im Guten wie im -Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein Mädchen ihre Wahl getroffen, -so vermag sie nicht mehr, sich von ihm loszumachen; sie muss ihn -in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und Ausschweifungen mit -anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter diesen Menschen -einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal haben), und kann -sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So muss sie, um ihn -loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber gerade darum -noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255] - -Zahlreich waren endlich die +Unterhändlerinnen+, +Kupplerinnen+, -+Begleiterinnen u. s. w.+, dieses notwendige Correlat der Prostitution, -das natürlich bei +Sade+ in allen Gattungen vertreten ist. Auf den -letzten Seiten des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser -„mamans publiques“ von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen -hatten mannigfaltige Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr -ihr Gewerbe treiben konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es -wenigstens bei anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die -verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256] - -Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen -„maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“, -„mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit 1796 -auf.[257] - -In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht -reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier -den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten -geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des +Knaben+- -und +Mädchenhandels+ im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen, -musste schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel -ins Werk gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und -für Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258] -Im 16. Bande der „Nuits de Paris“ giebt +Rétif de la Bretonne+ -ausführliche Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“ -sind. Man sah 1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder -beiderlei Geschlechts, im „zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von -Kupplerinnen geführt, die die Kindheit profanierten und frühzeitig zu -Grunde richteten. Bisweilen starben die unglücklichen Opfer nach den -Schändlichkeiten, die man mit ihnen vornahm. „Man bezahlt das Kind,“ -sagt +Rétif+, „wie man ein Tier bezahlt. Der Preis wird vorher zwischen -Eltern und Kupplerin vereinbart, welche dabei immer den Vorteil hat.“ -Rétif berichtet, dass dieser Handel schon unter dem ancien régime -existierte und -- horribile dictu -- eine +Haupteinnahmequelle des -Inspektors der Prostituierten bildete+, der davon vielleicht dem -Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher niemals -unterdrückt. Der Censor +Mairobert+ kannte alle Details und machte -+Rétif+ damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen -teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes -enthüllte.[259] - -+Rétif de la Bretonne+ hat sich vielfach mit der +Organisation+ der -Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769, -1770, 1786), einem Buche, in dem man nach +Parent-Duchatelet+ „Fragen -von Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt -findet.“ Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers +Lewis -Moore+, des Advokaten +Linguet+ und des königlichen Censors +Pidanzat -de Mairobert+.[260] +Rétif+ schlug darin der Polizei vor, in grossen -Städten mehr oder weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche -+alle+ (!) öffentlichen Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu -den Häusern an und entwarf ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem -sich die seltsamsten Dinge finden, die man sich nur vorstellen kann. -So teilt er die Mädchen in verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer -Schönheit und Reize; er setzt die Preise fest und organisiert ein -Personal für den inneren wie für den äusseren Dienst des Hauses; -ebenso nimmt er im Voraus auf die Verheirateten, auf die Mädchen, -welche schwanger werden, auf ihre Kinder dem Alter und Geschlecht -nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem Schicksale der Kranken, -Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder Pfarrer vergisst er -nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf Wäsche, Nahrung, -wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde wegen dieser -Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit gab -ein vielleicht von +Rétif+’s Schrift begeisterter Anonymus in einer -Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris -heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich -auf Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine +Superiorin+ -haben sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu -erleichtern, auf +fünfhundert+ (!) beschränkt.[261] - -+Rétif+’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses -Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. +Robert+ nahm -in einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la -population“ (Paris, an X, 2 Bände) den Plan +Rétif+’s wieder auf und -schlug für diese Art von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der -Marquis +de Sade+, der vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt, -versuchte gleichfalls dieses Thema in seiner Weise zu bearbeiten. -Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.) besitzt unter anderen auf +Sade+ -sich beziehenden Autographen und Dokumenten auch den von dem Marquis -entworfenen Plan eines Lupanars, in dem die Einrichtung des Hauses, das -Vestibül, die Frauengemächer, die „Folterkammern“ -- jede derselben -dient einer besonderen Art von Folterung -- genau beschrieben werden. -Er vergisst sogar nicht den Kirchhof, auf dem die Opfer begraben -werden, welche bei diesen Orgien getötet werden. Geheime Thüren -erleichtern den unbemerkten Eintritt oder Austritt. Zum Schlusse wird -das „Menu eines aufregenden Diners“ beschrieben.[262] - - -15. Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale. - -Das Palais-Royal ist eine Stadt in der Stadt. Es ist die +Dirnenstadt+ -von Paris und zugleich das Centrum des Pariser Lebens im 18. -Jahrhundert, ein gesondert zu betrachtendes kulturgeschichtliches -Objekt, das „mit seinen Spielhäusern, seinen royalistischen und -jacobinischen Verschwörern, seinen Dirnen und Banditen, seiner -vornehmen und doch verkommenen Kundschaft, seinem Luxus und -seinem Elend eine kleine, aber keineswegs schöne Welt für sich -darstellte.“[263] - -Das Palais-Royal, nicht weit vom Louvre, wurde in den Jahren 1629 bis -1634 von +Lemercier+ an der Stelle der ehemaligen Hôtels +de Mercœur+ -und +de Rambouillet+ für den Kardinal +de Richelieu+ erbaut und später -eine Zeit lang von +Ludwig+ XIV. bewohnt, der es umbauen liess und es -seinem Enkel, dem Herzog von +Chartres+ schenkte, wodurch es an die -Familie Orléans kam. Der Regent +Philipp+ von +Orléans+ inaugurierte -das Palais-Royal als Hauptstätte des Vergnügens und der Ausschweifungen -für die vornehme Welt. Sein Urenkel, Herzog +Louis Philipp Joseph+ von -+Orléans+, der berüchtigte +Philippe-Egalité+ liess in den Jahren 1781 -bis 1786 den Palast gänzlich umbauen, so dass er seine heutige Gestalt -annahm und sich zu einem grossen Complexe von Palast, Garten, Arkaden, -Kaufhallen, Theatern, Cafés, Spiel- und Speisehäusern und zahlreichen -Vergnügungsorten gestaltete. Die Hauptgalerien des Palais-Royal -waren im Osten die „Galerie de Valois“, im Westen die „Galerie de -Montpensier“, an deren nördlichem Ende das seit 1784 bestehende Théâtre -du Palais-Royal lag, im Norden die „Galerie de Beaujolais“. 186 Arkaden -umgaben den prächtigen +Garten+ des Palais-Royal, der in Form eines -Parallelogrammes sich ausdehnte. In seiner unmittelbaren Nähe wurde -das Theater der „Comédie française“ erbaut.[264] - -In Palais-Royal entwickelte sich nun vor und während der Revolution -jenes überaus lebhafte und bunte Treiben, das so viele vortreffliche -Schilderer aus allen Ländern gefunden hat. Wie es hier im Jahre 1750, -also vor dem Umbau aussah, erzählt +Casanova+[265]: „Neugierig auf -diesen so vielgerühmten Ort, beobachtete ich Alles. Ich sah einen -ziemlich hübschen Garten, Alleen grosser Bäume, Bassins, hohe Häuser, -welche ihn umgaben, viele Männer und Frauen, die spazieren gingen, hier -und dort Bänke, auf denen man Broschüren, Parfums, Zahnstocher und -Kleinigkeiten verkaufte. Ich sah ganze Haufen von Strohstühlen, die man -für einen Sou vermietete, Zeitungsleser die sich im Schatten hielten, -Mädchen und Männer, die allein oder in Gesellschaft frühstückten, -Kellner, welche schnell die unter Laubwerk verborgenen Treppen hinauf -und hinabeilten.“ Ein Abbé nannte +Casanova+ die Namen aller Dirnen, -die dort herumspazierten. - -Aus dem Beginne der Revolution besitzen wir eine höchst interessante -und wahrheitsgetreue Schilderung des Palais-Royal, dieser „capitale de -Paris“, wie er es nennt, von dem oldenburgischen Justizrat +Gerhard -Anton von Halem+, dem Freunde der Grafen +Stolberg+ und Verfasser der -Geschichte des Herzogtums Oldenburg. Er war im Jahre 1790 in Paris. -Schon beim Einzug lernte er das Hauptmerkmal dieser Stadt kennen.[266] -Als die Reisenden hineinfuhren, wanden sich Haufen von Buben in -Ringelreihen und sangen ein Chanson mit dem Refrain: - - Viva l’amour - Viva l’amour! - -Dann heisst es in dem dreissigsten Reisebriefe: „Die Inschrift von -Epikurs Gärten: - - „Fremdling! hier wird dir wohl sein! - Das grösste Gut ist hier Wollust,“ - -würde ganz für das Palais-Royal passen. Das Detail von seinen -Herrlichkeiten, sowie von denen der Boulevards und des Pont-neuf, las -man schon vor meiner Abreise in mehreren deutschen Journalen; und -wenn ich Sie also geradezu in die allée des Soupirs führe, so kommen -Sie an keinen unbekannten Ort. Hier muss ich Sie aber Ihrem Schicksal -überlassen. Sehen Sie zu, wie Sie sich durch Scylla und Charybdis, die -Braune und die Blonde, ohne zu scheitern durchschiffen. Verbinden Sie -Ihre Augen, um nicht die vorüberrauschenden Schönen, deren Reize der -Abend hebt, nicht ihre schmachtenden Blicke, nicht die Blumensträusse, -die sie so freundlich darbieten, zu sehen; verstopfen Sie, wie Ulyss, -Ihre Ohren, um weder jenes sanfte Gelispel, jene Tassoischen sorrisi, -parolette e dolci stille di pianto o sospiri, jene lockenden „Viquets“ -(wie geht’s) und „good night, my dear Sir!“ noch den Sirenengesang zu -vernehmen: - - „Aimons au moment du réveil, - Aimons au lever de l’Aurore, - Aimons au coucher du soleil, - Durant la nuit aimons encore.“ - -Trotz der etwas idealisierenden Erzählung Halem’s erkennt man, dass -das Palais-Royal nichts weiter war als der Hauptversammlungsort der -Freudenmädchen. +Halem+’s Schilderung ist deswegen von Interesse, -weil ihr die Ehre widerfahren ist, von +Arthur Chuquet+, dem treuen -Teutophilen, Freunde unserer Literatur und alter deutscher Bücher, -ins Französische übersetzt zu werden[267]. +Halem+, der Mitglied des -Jakobinerklubs wurde, berichtet auch haarsträubende Dinge über die -sittliche Korruption in dem Hause, wo er Wohnung genommen hatte. - -Wenn im Jahre 1772 der Marquis +de Carraccioli+ noch bemerkt, dass -das Palais-Royal die Promenade der Elegants sei, der Luxembourg die -der Träumer, die Tuilerien, die „von aller Welt“, vor und nach der -Oper, besonders des Abends, so konzentrierte sich nach dem Brande -der Oper (1781) und nach der Umgestaltung des Palais-Royal durch den -Bau von Galerien und Arkaden das gesamte Nachtleben von Paris an -diesem Orte.[268] Hier spielten sich dann, besonders mit beginnender -Dunkelheit, während der Revolution und des Direktoriums alle jene -scheusslichen Szenen ab, deren wir zum Teil schon oben gedacht haben. -Das Palais-Royal wurde eine „Höhle der Schurken und Dirnen“[269], -die „Kloake von Paris“, wie es +Mercier+ in „Le nouveau Paris“ und -+Rétif de la Bretonne+ in seinem grossen Werke über das Palais-Royal -geschildert haben. +Rétif+ hat das Leben im Palais-Royal untersucht -wie „der Anatom den Leichnam“. Im „Monsieur Nicolas“ schreibt er 1796: -„Man weiss, dass das neue Palais-Royal das allgemeine Rendez-vous der -Leidenschaften, Unternehmungen, der Wollust, Prostitution, des Spiels, -der Agiotage, des Geldverkehrs, der Assignaten, und daher das Zentrum -für alle Beobachtungen geworden ist. Dieser berühmte Bazar zog mich -nicht blos durch seine Sehenswürdigkeiten an, sondern auch durch die -Vergnügungen, welche ich dort fand.“[270] - -+Mercier+ wünscht lebhaft, dass doch +Lavater+, der berühmte -Physiognomiker, an einem Freitag Abend im Palais-Royal anwesend sein -möge, um dort auf den Gesichtern alles zu lesen, was der Mensch sonst -im innersten Herzen zu verbergen pflegt. Dort seien die Dirnen, die -Courtisanen, die Herzoginnen und die ehrbaren Bürgerfrauen und +Niemand -täusche sich dort+. Aber vielleicht würde dieser grosse Doktor mit -all seiner Wissenschaft sich täuschen. Denn hier handelt es sich -um Unterscheidung sehr feiner Nüancen, die man an Ort und Stelle -studieren müsse. „Ich behaupte nun, dass Herr +Lavater+ sehr grosse -Mühe haben würde, eine Frau von Stellung von einer unterhaltenen Dirne -zu unterscheiden, und dass der gewöhnlichste Kaufmannsgehilfe ohne -grosses Studieren mehr davon weiss als er.“ Dort betrachtet man sich -mit einer Ungeniertheit, die nirgends in der Welt üblich als in Paris, -und in Paris nur im Palais-Royal. Man spricht laut, man ruft sich an, -man nennt die vorbeigehenden Frauen mit Namen, ebenso ihre Gatten, ihre -Liebhaber. Man charakterisiert sie mit einem Wort. Man lacht sich ins -Gesicht. Und alles ohne beleidigende Absicht. Man wird im Wirbel mit -fortgerissen und lässt sich alle Blicke und Worte gefallen. +Ja, in -Paris und im Palais-Royal hätte Lavater seine physiognomischen Studien -machen müssen.+[271] - -Dort empfingen auch die geistvollen Leute ihre Anregungen, suchten dort -ihre Gesellschaft, gaben sich dort ihren Gedanken hin. „Es mag schön -oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um -5 Uhr abends im Palais-Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer -allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit -mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie, -und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er -doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder -thöricht! So sieht man in der Allée de Foi unsere jungen Liederlichen -einer Courtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen, -lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber -gleich verlassen sie diese um eine andere, necken sie sämtlich und -binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.“ So spricht -+Diderot+ im Anfange von „Rameaus Neffe“ nach der Uebersetzung unseres -+Goethe+. Wieder ein köstliches Genrebild aus dem Palais-Royal und eine -merkwürdige Vergleichung. - -Diese „nächtlichen Promenaden“ im Palais-Royal waren in der ganzen -Welt berühmt und repräsentierten die erste Pariser Sehenswürdigkeit. -Hier suchte man pikante Abenteuer und fand sie. Es kam oft vor, dass -Männer, die im Palais-Royal ihr Vergnügen suchten, bei den nächtlichen -Promenaden ihre eigenen Frauen in gleicher Absicht lustwandelnd -ertappten oder gar mit einem Galan überraschten.[272] Die Frauen des -Palais-Royal waren alle Dirnen, ob sie nun zur engeren Prostitution -gehörten oder nicht. Wer sich nächtlicher Weile dorthin begab, -hatte sich damit einen gewissen Stempel aufgedrückt. Ein galantes -Gedicht feiert diese nächtlichen, sternenbeglänzten Schönheiten des -Palais-Royal.[273] - - Vivent les nuits étoilées - De ce jardin enchanteur - Où nos femmes sont voilées, - Aux dépens de la pudeur! - Dessous ces fraiches allées - La moins sage est à l’abri - De la honte et du mari. - - Ce mélange d’impudence, - De tendresse et de gaîté, - Depuis quelque temps en France, - Fait notre amabilité. - La prude et froide décence - Combat, brouille tous les goûts; - La licence les joint tous. - -Die berühmte „Seufzerallee“ (Allée des Soupirs) war die Promenade der -schönsten und verführerischsten Mädchen und Frauen, die sich aus allen -Gesellschaftsklassen rekrutierten. Vornehme Damen, die Theaterwelt, -die höhere Demi-monde und die feineren Dirnen waren hier das Ziel -der beutelustigen Lebemänner. Aber auch in den übrigen Alléen, in -der „Allée de la Foi“, den „Allées de Club“, unter den Colonnaden -und Arcaden tummelten sich unzählige Spenderinnen der Lust, begehrt, -verfolgt und umworben von jungen und alten Wüstlingen aus allen -Teilen der Welt. Hier war das Eldorado der Prostitution. Hier waren -ihre Schlupfwinkel in Gestalt zahlreicher Verkaufsläden, Kneipen, -Spielhäuser, Variétés, Theater. Hier lernte +Rétif de la Bretonne+ von -seinem Freunde, dem berüchtigten Charlatan +Guilbert de Préval+, der in -alle Geheimnisse und Arten der Wollust im Palais-Royal eingeweiht war, -„die verschiedenen Arten, sich mit Frauen zu amüsieren“ kennen oder -„wie man die Frauen zum Vergnügen der Männer abrichtet“. +Rétif+ konnte -aus der Erinnerung die Namen der Dirnen der Seufzerallee aufschreiben, -er kannte auch die „Huris“, die „Exsunamitinnen“, die „Berceuses“, -die „Chanteuses“, die „Converseuses“, lauter „dem 18. Jahrhundert -eigentümliche moralische Phänomene“ oder wie wir heute sagen würden, -lauter verschiedene sexualpathologische Typen. +Rétif+’s Werk über -das Palais-Royal ist uns durch einen Neudruck (bei +A. Christiaens+ -in Brüssel, 3 Bände) zugänglich geworden. Der Verfasser sagt über -den Inhalt desselben in der Vorrede: „Pfui! welch eine Geschichte!“ --- Ha! ha! gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädige Fräulein, machen Sie -nicht immer so ‚Pfui‘! Sie lesen doch die Geschichte des Affen, des -Ochsen, des Elephanten, des Rhinoceros, und +Buffon+ hat Sie für den -Esel zu interessieren gewusst. .. Wir werden Ihnen von menschlichen -Wesen erzählen und ein sehr moralisches Buch über sehr unmoralische -Geschöpfe schreiben, die trotz einiger Aehnlichkeiten sich weit über -Stuten, Eselinnen und alles mögliche Getier erheben. Die Schönen des -Palais-Royal sind sehr hübsch, besonders die jungen. Was die Alten -betrifft, so ist es damit wie überall: ein altes Tier ist niemals -schön. -- Wie es sich auch verhalte, wir werden Ihnen merkwürdige, -unerhörte Sitten vorführen, viel pikantere als vor sechs Monaten. Aber -vorher wollen wir eine Vorstellung geben von dem Gesichte, dem Alter, -dem Wuchse, der Haltung, dem Gange, den Sitten und Talenten dieser -Schönen, unter den „noms de guerre“, die sie angenommen haben.“ Hierauf -beschreibt +Rétif+ 32 Freudenmädchen aus der „Allée des Soupirs“, die -man auch auf einem dem ersten Bande beigegebenen Bilde erblickt. Er -erzählt dann die Geschichte jedes einzelnen Mädchens, wobei häufig -die interessantesten Streiflichter auf die Sitten der Revolutionszeit -fallen. Der zweite Band führt uns in den berühmten „Cirkus“ des -Palais-Royal. „Die Majestät dieses Saales, der Reiz des Orchesters, -die anmutigen Bewegungen der Tänzerinnen, die Schönheit, die Eleganz -der Zuschauerinnen, alles trug dazu bei, um diesem schönen Souterrain -ein magisches Aussehen zu geben. Ferner wurde die Aufmerksamkeit durch -Spiele erregt, durch Kaffeetische und heimliche Cabinette, welche -der Wollust und selbst der Liebe als Zufluchtsort dienen konnten. -Nachdem wir alles dies geprüft hatten, bemerkten wir gegen neun Uhr, -in dem Augenblick, wo alle anständigen Frauen hinausgingen, um fein -zu soupiren, dass nur die +öffentlichen Mädchen+ dort blieben. Wir -beobachteten sie neugierig in unserer Eigenschaft als Aushorcher.“ Eins -der zurückbleibenden Mädchen diente ihnen als Cicerona und berichtete -ihnen über die anderen, die sogenannten „Sunamitinnen“. - -Die +Sunamitinnen+ trugen ihren Namen nach der bekannten Beischläferin -des Königs +David+, welche durch ihre Lebenswärme die Kräfte des -alternden Königs neu beleben sollte. In Paris gab es im vorigen -Jahrhundert Unternehmerinnen im Palais-Royal, die sich zu diesem Zwecke -zahlreiche Mädchen hielten, die in der ersten Blüte ihres Alters und -vollkommen gesund sein mussten, was man durch den Genuss ausgewählter -Speisen und durch tägliche Bewegung zu unterstützen suchte. Zu der -Kur eines einzigen Mannes werden sechs Mädchen erfordert. Das erste -Mal war die Matrone selbst gegenwärtig, liess den Patienten in ein -aromatisches Bad steigen und nahm eine gründliche Reinigung seines -Körpers vor. Dann legte sie ihm einen festen Maulkorb an, führte ihn -zu Bette und legte zu beiden Seiten von ihm eine Sunamitin, deren Haut -die seinige berührte. Ein paar Mädchen konnten diesen Dienst nur 8 -Nächte hintereinander versehen, dann lösten ein paar frische sich ab -und die beiden ersten ruhten aus, badeten sich die ersten beiden Tage, -und vergnügten sich 14 Tage lang, bis die Reihe wieder an sie kam. Der -Alte musste nicht nur das dienstthuende, sondern auch die ausruhenden -Mädchen bezahlen, im ganzen drei Louisdors. Jedes Mädchen bekam sechs -Francs und die Matrone behielt die zwölf übrigen für sich. Man gab -sorgfältig Acht, dass die jungfräuliche Keuschheit dieser Sunamitinnen -unangetastet blieb. Denn sonst würden die Lebensverlängerinnen, -besonders während der Schwangerschaft, schädlich statt nützlich -sein. Erlaubte sich der Patient den Genuss eines solchen Mädchens, -so würde er sich nicht allein sehr schaden, sondern musste auch eine -beträchtliche Summe verlieren, die er gleich anfangs in die Hände der -„Wiederherstellerin“ niederzulegen verpflichtet war. Ein Mädchen diente -zu diesem Gebrauche drei Jahre, von dem Zeitpunkt an gerechnet, wo -sie mannbar wurde. Später würde sie den Greis beherrschen und „seine -Ausflüsse zurückstossen, statt durch ihre Einflüsse auf ihn zu wirken“, -und würde sie ihm die „verderbten Auswurfsflüssigkeiten zurückgeben, -die sie von ihm empfangen hatte.“ Ein Mädchen, das täglich gebraucht -wurde, konnte höchstens nur ein Jahr tauglich bleiben. Die Periode -des sunamitischen Dienstes war gleichsam das Noviziat zum Orden der -Buhlerin. War jene vorüber, so wurden sie in diesen eingeweiht.[274] - -Auch in der „Justine“ des Marquis +de Sade+ muss die Titelheldin einem -greisen Mönche diese nächtlichen sunamitischen Dienste leisten (Justine -II, 228). - -Der dritte Band von +Rétif+’s „Palais-Royal“ spielt in den „Colonaden“ -und führt uns dort die „Converseuses“ oder „Exsunamitinnen“ vor, 43 an -der Zahl, die vornehme Damen auf die mannigfaltigste Weise unterhalten -mussten. - -Von einer anderen Spezialität des Palais-Royal erzählt +Mercier+[275]. -In einem Restaurant, das gleichzeitig ein Bordell war, öffnete sich -während der Mahlzeit in einem Salon particulier auf ein gegebenes -Zeichen beim Rauschen einer sanften Musik und unter einer Wolke von -Wohlgerüchen der Balkon, und herabstiegen, wie aus einem Olymp, ebenso -schön als -- leicht gekleidete Nymphen, die dann -- die Verdauung -befördern halfen. Eine „satanisch geistreiche“ Erfindung. - -Die vierundvierzig Figurae Veneris, die ein lasciver französischer -Schriftsteller zusammengestellt hat, könnten wohl bis aufs halbe -Hundert vermehrt werden, wenn man alle die Anerbietungen addierte, -welche einem zwischen elf und zwölf Uhr in einer schönen Sommernacht -in den hölzernen Gallerien des Palais-Royal von den ebenso viele -Spezialitäten der Liebe durch ihre verschiedenen Namen ausdrückendes -Dienerinnen der Venus gemacht wurden[276]. - -In der Schreckenszeit wurde das Palais-Royal ein Schauplatz der -wüstesten Orgien und ein ständiger Aufenthaltsort für den Auswurf -der Prostitution, für die +Soldatendirne+. Der Garten, die Gallerie -und andere öffentliche Räumlichkeiten des Palais-Royal wurden -„ebenso ekelhafte als ruhestörende Tummelplätze des Militärs und -der Freudenmädchen. Auf die schamloseste Weise ergingen sie sich -beiderseits öffentlich und rudelweise in den schmutzigsten Handlungen -und Zoten, so dass die Passage gehemmt ward und kein anständiger Mensch -sich blicken lassen durfte. Im Verlaufe des Jahres gestaltete sich -auch die Wasserseite des Tuileriengartens abends zu einem ähnlichen -Stelldichein in Masse zwischen Soldaten und liederlichen Weibsbildern, -die, den Skandal nicht achtend, hier offen Unzucht trieben und -Frechheiten aller Art. Ausserhalb und innerhalb der Stadt feierten die -Soldaten schauerliche Orgien.“[277] Fast alle Soldaten in der Garde -waren Zuhälter. Ja, viele nahmen in diesem Corps nur Dienste, um auf -Kosten einiger Dirnen zu leben.[278] - -Schliessen wir unsere Schilderung des Palais-Royal mit den Worten eines -der besten Kenner der gesamten Pariser Korruption im 18. Jahrhundert. -+Mairobert+ ruft im „Espion anglais“ aus: „Tous ces monuments du luxe -et de la volupté française +n’approchent pas+ d’une sorte de spectacle -qui s’est établi naturellement et +sans frais+, bien supérieur, suivant -moi, par l’aisance, la familiarité, l’abandon qui y règnent. +Ce sont -les promenades nocturnes du Palais-Royal.+“[279] - -Gegenüber dem Palais-Royal verschwanden die übrigen Vergnügungslokale, -die trotzdem in grosser Zahl vorhanden, aber nur von kurzer Dauer -waren, zumal da sie im Gegensatze zum Palais-Royal ein Entrée -erhoben. Die +Vaux-hall d’été+ und +d’hiver+, das +Colisée+ waren die -besuchtesten Unterhaltungsorte, in denen man nach Entrichtung von 1 -bis 3 Livres Entrée sich ebenfalls der verschiedenartigsten Genüsse -erfreuen konnte. - -Ein italienischer Artist +Torré+ oder +Torres+ eröffnete das +Vaux-hall -d’été+ im Jahre 1764 am Boulevard Saint-Martin. Hier wurden Feuerwerk, -Illuminationen veranstaltet, Ausstattungsstücke gegeben. Von 1768 an -kamen Bälle, ländliche Feste, Pantomimen und Clownkunststücke hinzu. - -Das +Vaux-hall d’hiver+ befand sich im westlichen Teile des Stadtteils -Saint-Germain, nahe der rue Guisard. 1769 erbaut, wurde es am 3. -April 1770 eröffnet. Hier wurden hauptsächlich Ballets von schönen -Tänzerinnen aufgeführt. Im Jahre 1785 musste das Unternehmen aufgegeben -werden. - -Das +Colisée+ war ein Gebäude mit Garten für Tänze, Gesang, -Schauspiele, Feste, Feuerwerk u. s. w. Es lag im äussersten Westen -der Champs-Elysées, rechts von der Avenue Neuilly und wurde bei der -Vermählung des Dauphins (späteren +Ludwig+ XVI.) eröffnet. Schon 1778 -ging das Etablissement ein. - -Nach +Dulaure+ war der öffentliche Zweck dieser Etablissements, wie der -vieler ähnlicher, die Pariser zu amüsieren. Der geheime Zweck aber war -der, sie „zu verderben, zu betäuben und auszuplündern.“ Es wimmelte -dort von Tänzerinnen und öffentlichen Dirnen.[280] - - -16. Die Onanie im 18. Jahrhundert. - -Wir gehen nach der Schilderung der Verhältnisse der Prostitution -und nach der Beschreibung ihrer Hauptsitze nunmehr dazu über, die -hauptsächlichsten Verirrungen des Geschlechtslebens zu untersuchen und -beginnen mit der gewöhnlichsten, der +Onanie+. - -Das „branler“ wie der technische Ausdruck bei +Sade+ lautet, kehrt fast -auf jeder Seite wieder. Gleich im Anfang der „Justine“, als Justine -über den Verlust ihrer Eltern trauert, zeigt ihr Juliette, die im -Kloster diese Praktiken erlernt hat, an sich selbst die Befriedigung -durch Manustupration. Diese wollüstige Erregung, die man sich jeden -Augenblick ohne einen anderen verschaffen könne, sei der beste Trost -über alles Leid, da die Onanie mit Sicherheit alle Schmerzempfindungen -zum Verschwinden bringe. (Justine I, 5). Delbène, die Oberin des -Klosters, in dem Juliette erzogen wurde, eine sehr wollüstige Frau, -hatte schon im Alter von neun Jahren „ihre Finger daran gewöhnt, den -Wünschen ihres Kopfes zu antworten“ (Juliette I, 3). In der „Société -des amis du crime“ existiert sogar ein eigner „Saal für Masturbation“ -(Juliette III, 65). Der Herzog von Chablais rühmt denn auch die -„französische Methode“ der Onanie als die beste (Juliette III, 292). -Madame de St-Ange, welche der Eugenie im Anfang der „Philosophie dans -le Boudoir“ einen ganzen Lehrkursus in den Künsten und technischen -Ausdrücken der Liebe erteilt, vergisst auch nicht, sie mit der Onanie -bekannt zu machen, dieser bequemen Art „de se donner du plaisir“ -(Philosophie dans le Boudoir I, 43). --[281] - -+Mairobert+ lässt die Madame +Richard+ sich in charakteristischer Weise -über die ungeheuere Verbreitung der Onanie in Frankreich äussern. -Diese so raffinierte Kunst, welche, wie sie von einem Geistlichen und -Mitglied der Akademie der schönen Wissenschaften erfahren habe, bei -den Alten sehr in Flor gewesen, später aber vernachlässigt worden sei, -werde immer mehr Mode in diesem Jahrhundert der Wollust und der -- -Philosophie. In den berühmten Bordellen der +Florence+, der +Paris+, -der +Gourdan+, der +Brisson+, könne man diese Künste sehen. „Viele -treiben auch einfache und mutuelle Onanie, um keine Kinder zu bekommen -oder die syphilitische Ansteckung zu vermeiden.“[282] - -Höchst realistisch, in glühend sinnlichen Farben schildert +La Mettrie+ -die „voluptueuse approche des doigts libertins“[283], und die mutuelle -Onanie zwischen Frauen muss sehr verbreitet gewesen sein, um das -folgende boshafte Couplet hervorzurufen[284]: - - Il est des Dames cruelles, - Et l’on s’en plaint chaque jour: - Savez-vous pourquoi ces belles - Sont si froides en amour? - Ces Dames se font entr’elles, - Par un généreux retour - Ce qu’on appelle un doigt de cour. - -Für immer verewigt sind die zügellosen Ausschweifungen der Onanie im -18. Jahrhundert durch die berühmte Monographie von +Simon André Tissot+ -über die Onanie,[285] das erste Werk seiner Art, das „in glühendsten -Farben, in brillantem, geradezu klassischem Stile die Folgen unseres -Lasters, überhaupt sexueller Ausschweifungen der damaligen verlotterten -französischen Bourgeoisie vor Augen führte, ein Werk, das trotz seiner -Ueberhebungen und Uebertreibungen der Folgen der Onanie oder wohl auch -infolge derselben ein ungeheures Aufsehen erregte und zu europäischer -Berühmtheit gelangte, das viele Auflagen erlebte und von der damaligen -Zeit fast verschlungen wurde.“[286] - - -17. Die Tribadie im 18. Jahrhundert. - -Dieses Kapitel ist vielleicht das kulturgeschichtlich merkwürdigste in -Beziehung auf das Geschlechtsleben Frankreichs im 18. Jahrhundert. Wir -glauben nicht, dass selbst das antike Lesbos derartige Zustände gesehen -hat, wie sie in Frankreich im vorigen Jahrhundert herrschten. Auch hier -spiegeln die Werke +de Sade’s+ getreu das Bild jener Zeit wieder und -belehren über die Häufigkeit des amor lesbicus oder der sapphischen -Liebe. - -Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der -wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters -Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer -ihm vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein -ausgezeichneter Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden -Männerhasse erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann -gleich mit Juliette und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet -(Juliette II, 138-150 auch III, 157.) Die höchste tribadische Kunst -findet sich in Bologna (Juliette III, 306 ff.). Die Prinzessin Borghese -(Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline von Neapel (Juliette V, -259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche Anhänger hat diese -Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.). - -In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische -Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III, -284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV, -116). - -Auch an Andeutungen zu einer +Erklärung+ der Tribadie lässt es +Sade+ -nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand -betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres -Lebens wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als -Surrogat die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III, -60-64). Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“ -zu diesem Geschicke. Wenigstens hebt +Sade+ bei einer anderen Tribade -Madame de Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst -20 Jahre alt, ist „die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine -‚clitoris de trois pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines -Mannes und Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen -Allüren ist auch die venezianische Tribade Zatta (Juliette VI, 194). -+Sade+ behauptet, dass fast alle Tribaden die Praktik der Paedicatio -übten. Denn mit den Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren -Raffinements sich angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le -plus délicat de tous, il est tout simple qu’elles en composent un de -leurs plus divins plaisirs“. (Justine I, 253). - -Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt auch -+Mirabeau+ in „Ma conversion“.[289] - -Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch +Diderot+ mit seiner -„Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit -nicht überboten. +Mairobert+ hat nämlich in seinem „Espion anglais“ -mehrere hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen -überraschenden Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser -Tribaden des 18. Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte -„Confession d’une jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und -welche uns ein lebensvolles Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte -Anandryne“ entrollt, welche im „Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte. - -Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines Bauern, -war von der Madame +Gourdan+ für ihr Bordell eingefangen worden. -Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam -zu einem grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits -für die königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass -der Vater unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie -schwanger. +Mairobert+, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem -Mädchen, die sich Mademoiselle +Sapho+ nannte, ihre Lebensgeschichte -erzählen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, dass +Mairobert+, -als königlicher Censor in alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft -eingeweiht, in die „Confession d’une jeune fille“ seine eigenen -Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall stellt diese seltsame Beichte -einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur und Sittengeschichte des -vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine ausführliche Besprechung -widmen. - -Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel, -faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine -Dirne zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass -sie sich in ihrer Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig -benutzte,[291] wobei sie sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je -caressais ma gorge, mes fesses, mon ventre; je jouais avec le poil noir -qui ombrageait déjà le sanctuaire de l’amour;[292] j’en chatouillais -légèrement l’entrée. Cependant je sentais en cette partie un feu -dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs; +contre -une petite sœur+ que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich -und beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt. -Nehmen wir an, Sapho wäre nicht von der +Gourdan+ entführt worden, -wäre weiter so streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne -Gelegenheit zum Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar, -dass eine solche zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den -Weg der Tribadie gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an -ihre Schwester gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein -Bedürfnis geworden wäre. Die +Gewohnheit+, das +Erworbensein+ der -conträrsexuellen Gefühle spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die -Heredität sehr skeptisch. - -Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter -überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem -Elternhause zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame -+Gourdan+ eine Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren -Insassinnen Sapho oft schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im -Dorfe umhergehen sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich -mit Freuden aufgenommen und von der +Gourdan+ nach Paris gebracht, wo -sie zunächst bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht -wurde, dessen Frau die erste Prostituierung der +Gourdan+’schen -Novizen besorgen musste. Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion -des Mädchens vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches -Vorhaben und richtete folgenden charakteristischen Brief an die -+Gourdan+[293]: - - „Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner - Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem - diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer - eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese Acquisition - mit Gold aufwiegen.“ - -Von dieser Entdeckung benachrichtigte die +Gourdan+ sofort Madame +de -Furiel+, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden -Brief: - - „Madame, - - ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück - entdeckt -- für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren - depravierten Geschmack haben -- denn ich kann eine meinen Neigungen - ganz entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich - kenne Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität - etwas zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren - Diensten pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau - von höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und - ich bin überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können. - Andernfalls senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass - Sie ihr nicht zu viel angethan haben. Es wird immer noch eine - ausgezeichnete Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein. - - Verbleibe in Hochachtung u. s. w. - - Ihre +Gourdan+.“ - -Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an die -+Furiel+ verkauft. - -Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame +de -Furiel+. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes -Souper und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte -zunächst der Zahnarzt der +Furiel+ Saphos Mund, brachte die Zähne -in Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser. -Dann erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an -Händen und Füssen und Entfernen der Hühneraugen und -- überflüssigen -Haare; Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle -Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement -alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen. -Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen, -frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf -Schultern und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd -à la tribade, d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten) -und mit Bändern geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“ -d. h. ein aus Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an -den Körper anschmiegte, darüber eine rotseidene Polonaise bildeten ihre -neue Kleidung. So wurde sie zu Madame +de Furiel+ geführt. - -Madame +de Furiel+ empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine -Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas -beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus -darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur -„ein wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie, -zwei mit einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la -bouche, bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr -schon einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie -sie. Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae. -Defigit illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam -magna voce clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi -Sappho.“ Et per duas horas artifex filiae fuit Veneris novae. - -Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der lesbischen -Liebe, rief Madame +de Furiel+ zwei Kammerfrauen, von denen sie Beide -gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem deliciösen -Souper zu erholen, bei welchem die +Furiel+ Sapho Aufklärungen über -die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert -im „Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau -erhielt Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten. -Besonders jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn -bestand dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir -ein, in dem sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“ -befand. Ausserdem erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender -Männer und Frauen in den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken -stellten dieselben Bilder dar. Zahlreiche Nachbildungen männlicher -Glieder reizten die Sinne; Bücher und Bilder obscönen Inhalts lagen -auf einem Tische. Am Fusse der Statue befand sich ein Feuer, das durch -sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten werden musste, so dass die -„postulante“ immerwährend Acht darauf haben musste und genötigt war, -von diesen Materialien ununterbrochen etwas hineinzuwerfen; vergass -sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim Anschauen so vieler -Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie das kleinste Spiel -einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer Zerstreuung -und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an jedem Tage drei -Stunden. - -Nach dieser Erzählung versprach Madame +de Furiel+ unserer Sapho schöne -Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden, Unterricht -im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die Liebe -bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte sich -Sapho bereit. - -Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose. Wäscherinnen, -Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten Sapho mit -allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den übrigen -Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den -Corridoren: „+Die Furiel+ hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues; -welch ein Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“ - -Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien -der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen -Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal -von runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten -Licht empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale. -Die Göttin war dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus -gestützt, majestätisch in die Versammlung herabstiege, um ihr zu -präsidieren. +Sie schwebte ganz in der Luft+, ohne dass dies Wunder die -Eingeweihten überraschte.[295] - -Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem -2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge -bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber -befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden -Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar -stand die Büste der +Sappho+, der Schutzheiligen des Tempels, der -ältesten und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von -+Houdon+ angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) +d’Eon+, -der „berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen -die Büsten der von +Sappho+ besungenen griechischen Tribaden, der -+Thelesyle+, +Amythone+, +Kydno+, +Megare+, +Pyrrhine+, +Andromeda+, -+Cyrine+ u. s. w. In der Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager -von mehr rundlicher Form, auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin -ruhten. Ringsherum sassen nach türkischer Sitte auf kleinen viereckigen -Fusspolstern die einzelnen tribadischen Paare „les jambes entrelacées, -chaque couple composée d’une mère et d’une novice“, oder nach -mystischer Terminologie eine „Incuba“ und eine „Succuba“. Die Wände des -Saales waren mit hundert Reliefs geschmückt, welche die verschiedenen -geheimen Teile des Weibes darstellten, wie sie in dem „Tableau de -l’amour conjugal“[297], in +Buffon’s+ „Histoire naturelle“ und bei den -„geschicktesten“ Anatomen abgebildet waren. - -Die Aufnahme unserer +Sapho+ gestaltete sich folgendermassen: Alle -Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“ -trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse -Levite und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder -ganz empor geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie -zuerst das heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter -und aromatisch duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen -gepulverter Substanzen fortwährend von zwei Tribaden unterhalten -wurde. Sapho musste sich zu den Füssen der Präsidentin Mademoiselle -+Raucourt+, einer berühmten Schauspielerin der Comédie Française, -niederlassen, und ihre „Mutter“, Madame +Furiel+ sagte: „Schöne -Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier ist eine ‚postulante‘: -Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie hat niemals -mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat bei -den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und -Eifer gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei -uns zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen -zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho, -dass sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete -sie vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in -einen lichten Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier -wurde sie auf den von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt, -gänzlich entblösst und von allen anwesenden Tribaden genau daraufhin -untersucht,[298] wie viele von den auf der Marmortafel aufgezeichneten -+dreissig+ Reizen des Weibes sie besässe. Hierbei las eine der -ältesten Tribaden die folgende französische Uebersetzung eines alten -lateinischen Gedichtes vor.[299] - - Que celles prétendant à l’honneur d’être belle, - De reproduire en soi le superbe modèle. - D’Hélène qui jadis embrasa l’univers, - Etale en sa faveur trente charmes divers! - Que la couvrant trois fois chacun par intervalle - Et le blanc et le noir et le rouge mêlés - Offrent autant de fois aux yeux émerveillés, - D’une même couleur la nuance inégale. - Puisque neuf fois envers ce chef d’œuvre d’amour - La nature prodigue, avare tour à tour, - Dans l’extrême opposé, d’une main toujours sûre - De ses dimensions lui trace la mesure: - Trois petits riens encore, elle aura dans ses traits, - D’un ensemble divin les contrastes parfaits. - Que ses cheveux soient blonds, ses dents comme l’ivoire, - Que sa peau d’un lys pure surpasse la fraicheur, - Tel que l’œil, les sureils, mais de couleur plus noire, - Que son poil des entours relève la blancheur. - Qu’elle ait l’ongle, la joue et la lèvre vermeille. - La chevelure longue et la taille et la main, - Ses dents, ses pieds soient courts ainsi que son oreille. - Elevé soit son front, étendu soit son sein: - Que la nymphe surtout aux fesses rebondies, - Présente aux amateurs formes bien arrondies: - Qu’u la chute des reins, l’amant sans la blesser, - Puisse de ses deux mains fortement l’enlacer, - Que sa bouche mignonne et d’augure infaillible, - Annonce du plaisir l’accès étroit pénible. - Que l’anus, que la vulve et le ventre assortis, - Soient doucement gonflés et jamais applatis. - Un petit nez plaît fort, une tête petite. - Un tétin repoussant le baiser qu’il invite; - Cheveux fins, lèvre mince, et doigts fort délicats - Complettant ce beau tout qu’on ne rencontre pas.[300] - -Von diesen Reizen brauchte die zur Aufnahme bestimmte aber nur etwas -mehr als die Hälfte zu besitzen, um aufgenommen zu werden, d. h. -mindestens sechzehn. Jedes Tribadenpaar stimmte ab und sagte seine -Meinung der Präsidentin ins Ohr. Diese zählte und verkündete das -Resultat. Alle stimmten für die Aufnahme unserer Novize. Dieser -Beschluss wurde dann durch einen „baiser à la florentine“ bekräftigt, -worauf +Sapho+ als Tribade gekleidet ward und vor der Präsidentin -einen Eid ablegen musste, nie mit Männern zu verkehren und nie die -Mysterien der Versammlung zu verraten. Hierauf wurde auf jede Hälfte -eines goldenen Ringes von Madame +Furiel+ und der Sapho ihr Name -eingeritzt. Dann hielt die Präsidentin, Mademoiselle +Raucourt+ eine -+Aufnahmerede+,[301] deren Inhalt in Kürze angegeben werde. - -„Femmes, recevez-moi dans votre sein, je suis digne de vous“. Diese -Worte stehen in dem 2ten „Lettre aux femmes“ der Mlle. +d’Eon+. -Diese d’Eon ist das Muster einer Tribade die überall dem männlichen -Geschlechte Widerstand geleistet hat. Ihr Ausspruch kann als Motto der -Rede gelten. - -Zunächst verbreitete sich die +Raucourt+ über den Ursprung der -„Secte anandryne“. Schon Lykurg habe zu Sparta eine Tribadenschule -eingerichtet. Die Nonnenklöster im modernen Europa, eine Emanation des -Collegiums der Vestalinnen, +verkörperten das beständige Priestertum -der Tribadie+, wenn auch nur als ein schwaches Abbild der +wahren+ -lesbischen Liebe wegen des Gemisches von „pratiques minutieuses et de -formules puériles.“ - -Weiter wird nur allzu wahr ausgeführt, wie ein junges Mädchen überall -Gelegenheit findet, ihren wollüstigen Kitzel zu befriedigen, viel eher -als ein Mann. „Elle les trouve dans presque tout ce qui l’environne, -dans les instruments de ses travaux, dans les utensiles de sa chambre, -dans ceux de sa toilette, dans ses promenades et jusque dans les -comestibles.“ Dann helfe man sich gegenseitig und +werde einander -unentbehrlich+,[302] und das neue Leben triumphiere über alle -Eitelkeiten dieses Jahrhunderts. Die Busskleider verwandeln sich in -Kleider der Lust. Die Tage der allgemeinen Geisselung würden zu Orgien; -denn die Flagellation sei ein mächtiges Reizmittel der Wollust. So wird -man im Kloster Tribade. - -Ueberallhin muss nun die Tribade den Kultus der Vesta bringen und -eifrig Propaganda für denselben machen. Die +Raucourt+ nennt jetzt die -bekanntesten Tribaden: die Herzogin von +Urbsrex+, die Marquise de -+Terracenès+, Madame +de Furiel+ (die Beschützerin unserer Sapho und -Gemahlin des Generalprocurators); die Marquise de +Téchul+[303] (die -sich als Kammerfrau, Coiffeuse, Köchin verkleidete, um ihre Zwecke bei -den Gegenständen ihrer Liebe zu erreichen), Mademoiselle +Clairon+ -(berühmte Schauspielerin des Théâtre Français), die Schauspielerin -+Arnould+, die deutsche Tribade +Sonck+ (unterhalten von einem Bruder -des preussischen Königs). - -Als Novize wird Mlle Julie, eine junge Tribade, erwähnt, die von der -+Arnould+ und der +Raucourt+ in die lesbische Liebeskunst eingeweiht -wurde. Zum Schluss verherrlichte die Rednerin die Freuden der Tribadie. -Der Genuss zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern ist flüchtig, kurz -und illusorisch. Nur der zwischen Frauen ist wahr, rein und dauerhaft -und hinterlässt keine Reue. Sind Defloration, Schwangerschaft und -Geburt ein Genuss? - -Die Tribadie gewährt nur reine, immer herrlicher werdende Freuden. -Den Mann schwächen die Ausschweifungen mit zunehmendem Alter. Bei -der Tribade wächst die Nymphomanie mit dem Alter. Sie wird aus -einer Succuba zu einer Incuba d. h. activ. Sie bildet selbst neue -Schülerinnen aus. - -„Die Tribadie hinterlässt keine Reue und ist die ‚sauve garde‘ unserer -jungen Mädchen und Witwen, sie vermehrt unsere Reize, erhält sie -länger, ist der Trost unseres Alters, wenn kein Mann uns mehr will, -eine +wirkliche Rose ohne Dornen durch das ganze Leben+.“ - -Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen -und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“, -besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder -gesungen wurden, meist aus den Werken der +Sappho+. Als alle berauscht -waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer -im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder -aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste, -sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus -renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs -que l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die -Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen, -welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als -Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den -Bildern und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame -+de Furiel+ und +Sapho+.[306] - -Fräulein +Raucourt+,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr -emanzipierten Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu -verbinden. Sie verliess den Marquis +de Bièvre+, dessen Maitresse sie -gewesen war, um fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen. -Aber nicht ohne sich vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu -lassen. Dieser Seigneur machte darüber einen Calembour, indem er seine -ehemalige Freundin als „l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente) -bezeichnete. - -Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten -sapphischen Brief der +Raucourt+ mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die -Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen -zu lassen: - - „An Madame de Ponty, - Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans. - - Brüssel, 21. Messidor. - Sonntag, 10. Juli. - - Wie mein Herz Dir dankt, meine Liebe, für Deinen schönen Brief vom - fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der Aufregung - zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde Dir - niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt - hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames - Ding ist doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn - Du Dich so sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht - bemerktest, und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst, - dass Du traurig bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen - und beunruhigen, dass ich alles verlassen und mich in die Eilpost - werfen würde, um Dich wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich - fühle mich dessen fähig; für mich ist das einzige unmögliche Ding: - ohne Deine Liebe zu leben. -- Ich bin entzückt, dass das Badezimmer - und Deine Boudoirs nach englischer Art Dir gefallen; sie sind von - mir für Dich eingerichtet worden, und ich darf wohl hoffen, dass - Du, wenn Du sie benutzest, an diejenige denken wirst, welche die - Arbeiten leitete. Du hast mir nicht gesagt, ob Du mit den Blumenvasen - zufrieden bist, unglücklicher Weise giebt es augenblicklich keine - mehr. Lass Nelken auf dem Markte kaufen, es können gewöhnliche sein. - Wir brauchen sie für die Boudoirs. -- Ich bin überrascht, dass Du - Mme. Dugazon nicht gesehen hast; sie sollte zwei Tage nach mir - abreisen, wie mir Labuxière sagte. Riboutet hatte mir versprochen, - dass seine Frau Dich bald besuchen würde. Aber ich wünsche, dass alle - diese Zerstreuungen, für die ich gesorgt habe, Dir unbefriedigend - erscheinen, und dass Du meiner inständigen Bitte nachkommst und - mich besuchst. Ich versichere Dich, dass Du es nicht bereuen wirst. - Von allen Ländern, die wir zusammen bereist haben, giebt es nicht - eines, welches so vortreffliche Spaziergänge hat wie dieses; dies - ist auch mein einziges Vergnügen. Ich ermüde meinen Körper, um meine - Gedanken zu zerstreuen, immer wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann - krampft sich mein Herz zusammen; und alle meine Freuden sind in der - Vergangenheit und in der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse - Abenteuer erlebt. Ich habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male - besucht hat; gestern hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort, - ebenso Talma und seine Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach - dem Essen fuhr er mit mir in einer Kalesche in der Force spazieren. - In meinem Leben habe ich so etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich - herbeiwünschte! Um 9 Uhr kehrte ich zurück und machte Toilette, um - bei dem Praefekten zu soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte. - Der Garten war illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen - wenigstens 20 Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die - Hälfte sehr hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort, - ob Dich meine Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss, - mich in Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir - spräche, wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion - mache, habe ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine - theure, vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher - Weile. Ich komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück, - die von den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt - sagten wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das - reizend finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein - einziger Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin, - welche sich mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich - hoffe, dass ein tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme - trägt. Henriette! noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste - meiner +Enthaltsamkeit+.. Es ist zum Sterben.“[308] - -Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich -erhalten:[309] - - Pour te fêter, belle +Raucourt+, - Que n’ai-je obtenu la puissance - De changer vingt fois en un jour - Et de sexe et de jouissance! - Qui, je voudrais, pour t’exprimer - Jusqu’à quel degré tu m’es chère, - Etre jeune homme pour t’aimer, - Et jeune fille pour te plaire. - -Wer war aber die Mlle. +d’Eon+, deren Büste im Tribadenheiligtum der -„Secte Anandryne“ aufgestellt war? Die Geschichte dieses Fräuleins -+d’Eon+ bildet eines der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen -Vorkommnisse, dessen wir kurz gedenken wollen. - -Der Chevalier +d’Eon+[310] war ein talentvoller burgundischer -Landjunker, der sich in Paris zum Doktor der Rechte, Censor, -litterarischen Dilettanten, vor Allem aber zum Liebling hochadliger -Familien emporgearbeitet hatte. Er galt als findiger Kopf. Den -entscheidenden Umschwung seines Geschickes führte aber seine -+eigentümliche, frauenhaft zarte Erscheinung+ herbei. Als +Ludwig+ -XV. kurz vor dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges einen geheimen -Agenten +Douglas+ nach Petersburg schickte, gesellte man diesem -+d’Eon+ bei, der -- auf Wunsch +Conti’s+ oder des Königs +Frauentracht+ -anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der -Kaiserin eigenhändige Briefe +Ludwigs+ XV. in die Hände spielte, das -Wohlgefallen der Czarin erregte und sich so als geheimer diplomatischer -Agent grosse Verdienste um sein Vaterland erwarb. Später, nach Ablegung -seiner Frauentracht, machte er den siebenjährigen Krieg mit, ging -dann wieder als geheimer Agent nach London, welche Rolle er jedoch -als Mann durchführte. Hier geriet er aber mit dem französischen -Gesandten +Guerchy+ in Zwist. Es kam soweit, dass d’Eon drohte, alle in -seinem Besitze befindlichen geheimen Papiere der englischen Regierung -auszuliefern. Es gelang jedoch +Ludwig+ XV. den Chevalier vorläufig -durch eine Rente von 12000 Livres zu beschwichtigen, und damit -dieser sich gegen seine Feinde schützen könne, riet der König ihm in -einem unter dem 4. Oktober 1763 geschriebenen Briefe, dass er wieder -Frauenkleider anlegen solle, was aber +d’Eon+ noch nicht befolgte. Nach -dem Tode des Königs wiederholte +d’Eon+ seine Drohungen, als er Gefahr -lief seine Rente zu verlieren. Nun taucht eine neue Person in dieser -Komödie auf. Das war kein Geringerer als der Autor der „Hochzeit des -Figaro“, +Beaumarchais+, der als Abgesandter König +Ludwig’s+ XVI. nach -London ging, um +d’Eon+ zur Auslieferung der Geheimpapiere zu bewegen. -Schon scheint die Rückkehr +d’Eons+ gesichert, die Auslieferung der -Papiere unmittelbar bevorzustehen, da erklärt der Sohn des ehemaligen -französischen Gesandten +Guerchy+, dass er das Andenken des Vaters an -diesem Nichtswürdigen rächen würde, wann und wo er es immer wagen -sollte, sich in seinem Vaterlande zu zeigen. - -Bei diesem precären Stand der Sache kam ein sinnreicher Kopf -- -wahrscheinlich +Beaumarchais+ selbst, -- auf den Einfall, alle -Schwierigkeiten in der Art zu heben, dass man +d’Eon+ zu der -öffentlichen Erklärung vermöchte: +er sei überhaupt kein Mann, sondern -ein -- Weib+. Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt: -alle Vergehen wider die Beamten-Disciplin, alle litterarischen -Anfeindungen +Guerchy’s+ würden dadurch als Unarten einer in ihrer -Eitelkeit verletzten Frau entschuldbar und jede Forderung von -Genugthuung als Narretei erscheinen. In den Friedens-Unterhandlungen -+Beaumarchais+’ war es mithin der erste und der entscheidende Punkt, -+d’Eon+ zu der unumwundenen, feierlichen Versicherung zu bestimmen, -er sei seit jeher ein Weiblein gewesen, das nur durch wunderbare -Schicksalsfügung sich alle Zeit als Mann im Leben umgethan habe.[311] - -So kam am 25. August 1775 der folgende seltsame Vertrag zu Stande, ein -Unicum in der Weltgeschichte: - - „Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais - einerseits (mit besonderer Vollmacht des Königs von Frankreich ddo. - 25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d’Eon vorgewiesen - und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde) - und - - +Fräulein+ Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon - de Beaumont, grossjährig, vormals Dragonerhauptmann, Ritter des - königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und des Grafen - von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen - Rechtes, Advokat am Parlament von Paris, königlicher Censor für - belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier Douglas nach - Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen, - französischer Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers - am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital, Gesandtschaftssekretär des - Herzogs von Nivernais etc. andererseits -- sind über folgende - Vertrags-Bestimmungen einig geworden: - - Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der - politischen Papiere.) - - Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der - Correspondenz d’Eons.) - - Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie - fortan in Frieden zu lassen. - - Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den - Streitteilen aufgerichtet werde, fordere ich im Namen Sr. Majestät, - +dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines - Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen - lassen, völlig aufhöre+. Und ohne weiter Charles Geneviève Louise - Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf aus dieser - Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld - einzig und allein ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen - und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, - das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt - hat, verlange ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über - ihr Geschlecht, welches bis heute unerschöpflichen Anlass zu - Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die - sich immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange - ich also, dass das Phantom eines Chevalier d’Eon völlig verschwinde - und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das wahrhaftige - Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in - Frankreich und vor der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese - Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung bringe. Fräulein d’Eon - kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen[312], - als sie durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter, - welche sie gleicherweise durch ihre Lebensführung, ihren Mut und - ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird. - Unter diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit - zusichern, kraft dessen sie nach Frankreich gehen und daselbst unter - dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht blos - Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er - hat auch die Güte, die Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr - der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in einen - Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“ - -+d’Eon+ verpflichtete sich zur Annahme all dieser Bedingungen, erhob -aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und -Ehrenrechte. So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz -tragen zu dürfen. Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung -von -- Mädchenwäsche und Frauenkleidern. - -Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in -ganz Frankreich -- mit Ausnahme der Eingeweihten -- als Mädchen.[313] -Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel -der Vesta“ errichteten. +Casanova+ erklärt geradezu: „Der König -wusste und hat es stets gewusst, +dass er (d’Eon) eine Frau sei+, und -der ganze Streit, den dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der -auswärtigen Angelegenheiten hatte, war eine Posse, welche der König -bis zu Ende spielen liess, um sich dadurch zu unterhalten.“[314] - -+Louvet de Couvray+ lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom -Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur -rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich -- enthüllt. - -Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen -Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt. -+Sade+ hat mehrere solche Typen geschildert. - -Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus -einer Bemerkung des Grafen +von Tilly+ über die lesbische Freundin -eines Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un -genre de rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela -m’amuse et j’ai l’immoralité, d’en rire.“[315] - - -18. Die Paederastie. - -Der Marquis de +Sade+ singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten. -Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in -der „Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen -Genuss in der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans -l’un et l’autre sexe. Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore -plus de volupté que celui d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir -I. 99). Er beschreibt ausführlich die Freuden dieses Lasters und -betont vor allem, dass es die Schwängerung mit absoluter Sicherheit -verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich mehr zum männlichen -Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er gelegentlich nicht -paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie mit diesem -„Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den Justine im -Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein durchweg -homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass gegen -das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt. -Er ist, soweit wir uns erinnern, +der einzige Typus mit hereditärer -sexueller Inversion+, den +de Sade+ gezeichnet hat. +Alle übrigen haben -die sexuellen Perversitäten während des Lebens allmählig erworben.+ -Wir sind überzeugt, dass +Sade+, der sich überall als ein genauer -Kenner sexualpathologischer Persönlichkeiten und Neigungen erweist, -hier nach der Wirklichkeit schildert. So ist es im Leben. Der Urning -durch Heredität ist die Ausnahme, der Urning durch Verführung, durch -lasterhafte Entartung, last not least durch Geisteskrankheit, ist die -Regel. -- Bressac entwickelt (Justine I. 162-164) die Theorie, dass der -+Pathicus+, der er ist, von Natur ein ganz anderer Mensch sei als die -übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren, beruhend -auf einer „construction toute différente“. +Es wäre eine „stupidité“, -sie zu bestrafen+! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der -Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen -dürfte. „+Ah!+ sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas -que nous f.... des culs, aurait-+elle aussi justement proportionné leur -orifice à nos membres+; cet orifice n’est-il pas +rond+ comme eux, quel -être assez ennemi du bon sens peut imaginer qu’un trou +ovale+ puisse -avoir été créé par la nature pour des membres +ronds+. Ses intentions -se lisent dans cette difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). -- - -Selbst die Tribaden fröhnen bei +Sade+ der griechischen Liebe, sei -es mit künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. -- Die -Verbreitung dieses Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die -Duvergier erzählt, wie sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die -Paederastie werde. „Les cons ne valent plus rien, ma fille, on est -en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“ Demgemäss wird manchmal -der „coniste“ mit offenbarer Verachtung gegenüber dem „bougre“[316] -behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr als einen Tempel auf -Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass „le cul est -bien recherché en Italie (III, 290).“ - -Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in -Frankreich gefunden. +Mirabeau+ versichert, dass während der Regierung -+Heinrich’s+ III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les -portiques du Louvre“, und dass unter +Ludwig+ XIV. die Paederastie -ihre bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] +Heinrich+ III. -war selbst homosexuell gewesen. +Heinrich+ IV. „trat zwar wieder sehr -dagegen auf, konnte es aber nicht hindern, dass später unter +Ludwig+ -XIII. der homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte -zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. +Philipp von -Orléans+, Bruder +Ludwigs+ XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt, -in wie unglücklicher Ehe durch +Philipp’s+ Vorliebe für Männer seine -Frau, die deutsche Fürstentochter +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz, -oft ‚Lieselotte‘ genannt, mit ihm lebte. Was +Ludwig+ XIV. anbetrifft, -so wird berichtet, dass verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor -seiner Grossjährigkeit lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln, -um ihn ohne Vermittelung einer Maitresse beherrschen zu können. Der -junge König soll allerdings bald eine Abneigung gegen jene Männer -gefasst haben, die in dieser Weise ihn zu beeinflussen suchten. Der -Kammerdiener des Königs, +Pierre de la Porte+, berichtet in seinen -Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal +Mazarin+ im Jahre 1652 -nach einem Diner, das der damals 15jährige König bei ihm einnahm, mit -ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache nicht aufgeklärt -und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318] - -In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten -Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von +Bussy-Rabutin+ -bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in -dem über einen Paederasten-Club berichtet wird, den der Herzog von -+Grammont+, der Malteserritter +de Tilladet+, +Manicamp+, der Marquis -+de Biran+ als „Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden -untersucht „pour voir si toutes les parties de leurs corps étaient -saines, afin qu’ils pussent supporter les austérités“. Enthaltsamkeit -vom Weibe war streng vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den -„rigueurs du Noviciat, qui durerait jusques à ce que la barbe fut venue -au menton“ unterwerfen. Wenn einer der „Brüder“ sich verheiratete, -musste er die Erklärung abgeben, dass dies wegen der Regelung seiner -Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil ihn seine Eltern dazu -gezwungen hätten oder weil er einen Erben hinterlassen müsse. Zugleich -musste er schwören, niemals seine Frau zu lieben, und nur so lange -bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er bedurfte für dieses -Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die ihm nur einmal -wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier Klassen, damit -jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte. Diejenigen, -welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe von den -vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die Vorgänge in -diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der Neigung zur -griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht eingeweiht -werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause statt. Die -Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein Kreuz, auf -welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit Füssen -trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm -anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil -gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319] - -Wenn +Bouchard+ von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass -dieser „cour était extrêment impie et débauchée, +surtout pour les -garçons+. M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler -la pique; leur donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils -voudraient, et quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur -chambre, avec cinq ou six garces, qu’ils enfermaient avec eux une -heure à deux“,[320] so sind wir geneigt, diese homosexuellen Neigungen -der Knaben weniger auf ein noch „undifferenziertes Geschlechtsgefühl“ -zurückzuführen, wie +Havelock Ellis+ und +Symonds+ annehmen, als auf -das ihnen am Hofe dieses Herzogs von +Orléans+ gegebene Beispiel und -auf direkte Verführung. Und wenn +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz -über eben diesen Herzog von +Orléans+ schreibt: „Monsieur denkt an -nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach nichts; -das Bedientenpack ist überall Herr und Meister“,[321] so möchten wir -+Bouchard’s+ obige Angaben einigermassen bezweifeln. - -Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen -Hofe auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen, -wenn +Ludwig+ XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio -und anderen homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird -berichtet, dass er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae -jussit hominem genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings -wurden noch 1750 zwei Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323] - -Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der -auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben -gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet +Dupin+, der Regierungscommissar -des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch -+schändlichere+ Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über -die Paederastie häufen sich in +schreckenerregender+ Weise. -- Die -Sodomiterei und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit -auf, wie die Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324] - -In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux -Etats-généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt +Rétif de -la Bretonne+ in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität -und andere Formen der Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen -Frankreich erniedrigen“.[325] - -+Rétif+ sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und -weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die -grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass -auch jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert -werde.[326] - -Auffällig ist allerdings, dass im vorigen Jahrhundert die Zeit der -grössten Ausbreitung der sokratischen Liebe mit dem Auftreten der Moden -à la grecque zusammenfiel, wodurch offenbar ein Beweis für den starken -Einfluss der Mode auf diese Verhältnisse geliefert wird. - - -19. Flagellation und Aderlass. - -Die Flagellation, dieses mächtige Hilfsmittel der Wollust, hat der -Marquis +de Sade+ ausgiebig in seinen Werken verwendet. Wir erwähnen -nur die +grossen Flagellationsszenen+ in der „Justine“ und „Juliette“ -(Justine III, 129; Juliette II, 138-150 zwischen Frauen; Juliette V, -335). Juliette besuchte im Auftrage der Duvergier mit drei jungen -Modistinnen den Herzog Dendemar in St. Maur, dessen sexuelle Monomanie -darin besteht, junge Mädchen (und zwar selten Prostituierte) bis aufs -Blut zu geisseln, wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlte. -(Juliette I, 344 ff.). - -Der Marquis +de Sade+ hat auch auf diesem Gebiete litterarische Studien -gemacht. Er verweist auf die zu seiner Zeit bedeutendsten Schriften -über den Flagellantismus von +Meibom+ und +Boileau+ (Juliette V, 169). -Diese Studien haben ihn belehrt, dass zu allen Zeiten die Männer es -gewesen sind, welche bei der Flagellation die aktive Rolle übernahmen. -Er wundert sich deshalb, dass bei der natürlichen Grausamkeit des -Weibes dieses der aktiven Geisselung so wenig Geschmack abgewonnen -habe (?)[327], und er lässt durch den Mund des Dolmancé die Hoffnung -aussprechen, dass die Frauen auch dieser Spezialität bis zu dem „point -où je le désire“ ausbilden möchten (Phil. dans le Boud. I. 157). - -Interessante Einzelheiten über die Flagellation im 18. Jahrhundert -teilt +Cooper+ mit[328]. +Voltaire+ erwähnt die Rute oft in seinen -Schriften, namentlich, wenn er die Jesuiten damit lächerlich machen -kann. Auch in den Memoiren jener Zeit wird die Rutenstrafe häufig -erwähnt. - -Die Schläge wurden schon an ganz kleine Kinder ausgeteilt, da die -Bonnen behaupteten, dass dadurch Muskulatur und Haut „gestärkt“ würden. -In allen französischen Klosterschulen war die Rutenstrafe für junge -Mädchen etwas gebräuchliches, wie dies ja auch natürlich ist bei -dem Flagellantismus, der unter den Nonnen herrschte. „Die heiligen -Schwestern straften mit Entzücken ihre Schülerinnen auf dieselbe Weise, -wie die heiligen Väter ihre Beichtkinder zu absolvieren pflegten.“ - -Während der Schreckenszeit lauerten die Tricoteusen den Nonnen auf, -um sie schimpflich auszupeitschen. Bekannt ist der tragische Fall -der +Théroigne de Méricourt+, die auf der Terrasse „Des Feuillants“ -öffentlich von einer Bande von Weibern ausgepeitscht wurde und darüber -den Verstand verlor. Auch nach dem Sturze +Robespierre’s+ wurden von -den Anti-Terroristen junge Mädchen auf der Strasse entblösst und -gegeisselt. - -Es soll sogar kurz vor der Schreckensherrschaft ein „+Rutenklub+“ -bestanden haben, dessen weibliche Mitglieder sich „gegenseitig mit -entzückender Eleganz die Rute gaben.“ Viele vornehme Damen gehörten zu -diesem Klub, über dessen sexuelle Tendenzen wohl kein Zweifel bestehen -kann. - -Ueber +Jean Jacques Rousseau’s+ Vorliebe für diese Art geschlechtlicher -Erregung ist schon so viel geschrieben worden, dass wir darauf -verzichten, die Geschichte seiner Züchtigung durch Mademoiselle -+Lambercier+ nochmals ausführlich darzustellen und auf R. v. -+Krafft-Ebing+ verweisen[329]. Die französische Litteratur des letzten -Jahrhunderts ist nach +Cooper+ reich an Geschichten von Prügelstrafen, -die namentlich bei dem schönen Geschlecht grossen Anklang fanden. Ueber -einige causes célèbres dieser Art berichtet ebenfalls +Cooper+. - -+England+ ist bekanntlich heute das klassische Land des sexuellen -Flagellantismus, und seine berühmteste Geisslerin war +Theresa Berkley+ -in London, Charlotte-Street 28, welche in den zwanziger Jahren dieses -Jahrhunderts sich grossen Ruhm und ein Vermögen durch ihre Kunst -erwarb. Sie besass zahllose rutenartige Instrumente mit allen möglichen -Reizvorrichtungen zur Erregung und Erhöhung der Wollust. „Thus, at her -shop, whoever went with plenty of money, could be birched, whipped, -fustigated, scourged, needle-pricked, half-hung, holly-brushed, -furse-brushed, butcher-brushed, stinging-nettled, curry-combed, -phlebotomized and tortured till he had a belly full.“[330] Auch hielt -sie für die Ausübung der aktiven Flagellation Dirnen, u. a. eine -Negerin und eine Zigeunerin. Sie erfand eine Maschine, auf der die -Männer festgebunden wurden und die eine sehr sinnreich-wollüstige -Einrichtung hatte. „There is a print in Mrs. Berkley’s memoirs, -representing a man upon it quite naked. A woman is sitting in a -chair exactly under it, with her bosom, belly and bush exposed: she -is +manualizing+ his +embolon+, whilst Mrs. Berkley is birching his -posteriors. The female acting as +frictrix+, was intended for Fisher, -a fine, tall, dark haired girl, all must remember who visited -Charlotte Street at that day, as well as the good humoured blonde, -Willis; the plump, tight, frisky and merry arsed Thurlow. Grenville -with the enormous bubbies; Bentinc, with breadth of hip and splendour -of buttock; Olive, the gipsy, whose brown skin, wicked black eye, and -medicean form would melt an anchorite; the mild and amiable Palmer with -luxuriant and +well fledged+ wount, from whose tufted honors many a -noble lord has stolen a sprig; and Pryce, the pleasing and complaisant, -who, if birch was a question, could both give and take.“[331] Die -+Berkley+ starb im September 1836, nachdem sie von 1828 bis 1836 über -10000 Pfund Sterling erworben hatte. Ihre Korrespondenz, die Dr. -+Vance+, ihr Testamentsvollstrecker aufbewahrte, enthielt Briefe von -Personen beiderlei Geschlechts aus den höchsten Kreisen und wurde -vernichtet. - -Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau -+Berkley+ in den neueren Werken über Flagellantismus und auch -sonst nicht erwähnt fanden, und dieses Curiosum um so eher für -Forscher auf diesem Gebiete von Interesse sein wird, als auch in den -Romanen des Marquis +de Sade+ ganz +ähnliche Maschinen+ vorkommen, -auf denen die Opfer festgebunden werden. Wir bemerken gleich an -dieser Stelle, dass wir auf die höchst interessante Geschichte des -englischen Flagellantismus ausführlicher in demjenigen der folgenden -Bände zurückkommen, in welchem wir das Geschlechtsleben in England, -vorzüglich in +London+ untersuchen, das manche aus dem englischen Wesen -sich ergebenden Eigentümlichkeiten darbietet.[332] - -Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der +Aderlass+ bei -+Sade+ spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt -ein Graf Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung -verschaffen kann, dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er -dieselben hat reichlich essen lassen. +Sade+ verfehlt nicht, solche -Szenen darzustellen. Besonders schauerlich ist die, bei welcher der -Graf seine eigene Frau venaeseciert und sich an der Bewusstlosen -geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253). - -Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte -Operation. +Brissaud+ erzählt, dass in den Klöstern die Regel des -Aderlasses in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B. -fünfmal, bei den Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct -Valentin und St. Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen -gefeiert: - - Seigneur du jour Saint Valentin - Fait le sang net soir et matin - Et la saignée du jour devant - Garde des fièvres en tout l’an. - -+Raulin+ pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe -zu heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von +Dyes+ u. A. in -unseren Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt. -Vielleicht kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines -+Broussais+ und +Bouillaud+ mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder. -Dann können wir auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. +Brierre -de Boismont+ berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den -Genitalien und dem After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen -liess, wobei er sich in den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er -Blut sah, steigerte sich seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er -befriedigte dieselbe an dieser Person.[334] - -Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und -einfach die Handlungen des Grafen Gernande +nachgeahmt+ hat. Später -werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen -einzelner Vorkommnisse in +Sade’s+ Romanen bringen. - - -20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und Geheimmittel im 18. -Jahrhundert. - -Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet +Sade+ in seinen Werken -eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht -deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie -dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher -Wert zukommt. - -Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche -Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei +Sade+ künstlicher Anregung -und sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch -kein Mangel an den verschiedensten +Aphrodisiaca+ zur Belebung der -entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse -reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer -Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon -„composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro -lässt sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223). -Die Durand reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer -„anregenden“ Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette -(Seite 330) werden „stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“ -auf die Teilnehmer der Orgie gespritzt. -- Neben diesen äusserlichen -Aphrodisiaca kennt +Sade+ auch innerliche. Juliette gebraucht als -solche Wein und Liqueure, Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in -Italien öffentlich verkauft werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand -betreibt einen Handel mit Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette -III, 229). - -Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der -Madame +Gourdan+ reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war. -Dort wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben -gerade in Beziehung auf den Marquis +de Sade+ von Wichtigkeit sind und -ihr Hauptbestandteil, die +Canthariden+ nach +Binz+ eine „berüchtigte -Rolle im Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag -vielleicht ein Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am -Platze sein. Bis schon von +Dioscurides+ (Materia medica Lib. II. Cap. -65) erwähnten Canthariden gelten seit langer Zeit als ein sexuelles -Stimulans. Soll doch schon der römische Dichter +Lucretius+ infolge -des Genusses eines cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben -sein. +Ambroise Paré+ berichtet über mehrere derartige Todesfälle. -Zu +Paré’s+ Zeit war der Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in -Frankreich Mode geworden. Die Heimat dieser aphrodisisch wirkenden -Bonbons war Italien, von wo besonders +Catharina von Medici+ dieselben -in Frankreich einführte. Am Hofe +Heinrich’s+ III. und +Karl’s+ IX., -fanden dieselben reichliche Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es -besonders der Herzog von +Richelieu+, der von diesen so unschuldig -aussehenden Bonbons bei seinen Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch -machte. Seine Propaganda für die nach ihm benannten Pastillen hatte -zur Folge, dass dieselben in den letzten Regierungsjahren +Ludwig’s+ -XV. Mode wurden[338]. +Gerade in diese Zeit+ fällt die Affäre des -Marquis +de Sade+ in Marseille, bei der diese Bonbons eine fatale Rolle -spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der Madame +Du -Barry+, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren höchst -wahrscheinlich cantharidenhaltig. - -Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht -Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die -durch sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung -der Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu -Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der -Wirkung beobachtet werden.[339] - -Die +Kosmetik+ erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer -besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur -höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im -Jahre 1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des -Pont-Neuf Vermietungsstände für +Sonnenschirme+ zu errichten, damit -die für den zarten Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die -Sonnenstrahlen durch diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten -könnten[340]. Die Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen -Mengen angewendet, dass +Casanova+ gewiss Recht hatte, wenn er -- -der von Zeit zu Zeit gern den Charlatan spielte -- der Herzogin von -+Chartres+, die an Acne des Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer -Mittel verbot. Er verschrieb ihr milde Abführmittel -- was gewiss sehr -zweckmässig war -- und die Waschung mit Wegebreitwasser[341], welches -im vorigen Jahrhundert bei Hautentzündungen vielfache Verwendung fand. - -Als +Enthaarungsmittel+ erwähnt der Marquis +de Sade+ das +Rusma+, -das „dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer -Anmerkung als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus -Galatien stammen lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes -und sehr beliebtes orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta -depilatoria“ oder „Rusma Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird -hergestellt aus 2 Teilen Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½ -Teilen Weizenmehl. Das ist die Vorschrift von J. J. +Plenck+, einem -berühmten Dermatologen des 18. Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist -noch an dieser Stelle das grosse Interesse, welches der Marquis +de -Sade+ allen Gegenständen der Medicin und Anthropologie entgegenbringt. -Er suchte sich darüber in allen ihm zugänglichen wissenschaftlichen -Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später werden wir noch erwähnen, -dass seine Frau ihn während seines Aufenthaltes im Gefängnis stets mit -Büchern versorgen musste. Dieser Gefängnisaufenthalt war wohl erst -die Veranlassung, dass +Sade+ sich über die mannigfaltigsten Dinge zu -belehren suchte. - -Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren -die sogenannten +falschen Jungfrauschaften+, deren grosse -Häufigkeit ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch -adstringierende Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder -zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern. -Dieses Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte -zurück. In dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und -Anfang des 14. Jahrhunderts lebenden französischen Arztes +Heinrich de -Mondeville+, dessen für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche -Ausbeute liefernden Schriften von J. +Pagel+ im Urtext zum ersten Male -herausgegeben wurden, findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung -der Jungfrauschaft[344]: „Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten -Pflege: innen und aussen. Die innere Pflege haben Huren nötig, die -in ihrem Geschäfte erprobt sind (antiquae), von ihnen insonderheit -die, welche naturgemäss eine weite oder infolge des häufigen Coitus -schlüpfrige und weiche Vulva haben, +um denen, die mit ihnen -zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als öffentliche -Dirnen zu erscheinen+. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen, die +nicht -verheiratet+, aber unseligerweise +defloriert+ sind, ihre Zuflucht, -um als +unverfälschte Jungfern+ dazustehen, wenn es dazu kommt, sich -mit dem von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck -suchen sie auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas -bringen sie in dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in -die Vulva; die Folge davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen, -der mit ihnen den Coitus vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe -man in die Scheide Drachenblut und lege darüber Werg und Charpie, -beides befeuchtet mit Regenwasser, in dem +adstringirende Pflanzen+, -wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich und dergl. abgekocht sind, -oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man vorsichtig, dass sie -nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen Schorfs an den -Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es fliesst Blut -und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück Schwamm, benetze -es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit Blut, bringe sie -hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte von der grossen -Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18. Jahrhundert wieder -an der Tagesordnung. Wir haben oben über das „Jungfrauenwasser“ der -Madame +Gourdan+ berichtet. Auch +Sade+ kennt verschiedene Mittel zur -Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt ihre „pommade“, mit der -sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren will (Juliette -I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette eine -„Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben -soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179). -Auch die Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I, -187).[346] - -Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene -Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die -Schminke und alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten, -obwohl gerade damals die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘ -so ausserordentlich geschätzt und begehrt war“[347]. Es gab damals -Hunderte von Pasten, von Essenzen, von Schönheitswässern und -Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig waren die +Schminken+, vor -allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un rouge, qui dise quelque -chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das Schminken legten, zeugt -folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der Schreckenszeit.[348] - - (Die Marquise klingelt) - - Marton - - Gnädige Frau -- - - Marquise - - +Marton+ ich stehe auf -- - - Marton - - Hier bin ich, gnädige Frau -- - - Marquise - - Mein Kind, was giebt’s Neues? - - Marton - - Gnädige Frau, man spricht von einem Aufstand der diesen Morgen - losbrechen soll -- - - Marquise - - Warum nicht gar? - - Marton - - Man spricht von Plünderung, von Zerstörung, von Weiberraub, ja sogar - -- - - Marquise - - Weiberraub ja sogar -- ei, Kind, du scherzest - Himmel, wenn man -- - - Marton - - Ach! ich habe überall gehört, dass die Ungeheuer die Frauen töten - werden, und man sagt, dass diejenigen, die ihnen gefallen, als - unglückliche Opfer ihrer Lüste -- - - Marquise (sehr lebhaft). - - Ich zittre -- Marton -- kleide mich doch an -- Marton -- +mein - Rot! geschwind mein Rot+! Himmel! wie ich aussehe -- bleich -- - niedergeschlagen -- ich sehe scheusslich aus -- sie werden mich - töten!.... -- - -Die Männer trieben die gleichen Toilettenkunststücke, schminkten sich -ebenfalls, vergossen „künstliche Thränen“ und enthaarten auf Verlangen -der Geliebten den ganzen Körper. „C’est ainsi que M. le duc d’Orléans -au témoignage de M. d. Valencay qui lui donna le chemise, se présenta -dans le lit de Mme. de Montesson“[349]. Eine grosse Errungenschaft -des 18. Jahrhunderts auf kosmetischem +Gebiete+ war das +Bad+. Die -Badeeinrichtungen bildeten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts -einen mit grossem Luxus ausgestatteten Bestandteil vornehmer Häuser -und wurden hauptsächlich zu kosmetischen Bädern benutzt. Die Heldinnen -+Sade’s+ steigen ebenfalls nach vollbrachtem Tages- oder Nachtwerk ins -Bad. - -Die Schriften des Marquis +de Sade+ gewähren uns ein erschreckendes -Bild von der Häufigkeit der auch einen gewissen Zusammenhang mit der -+Kosmetik+ aufweisenden +Abortiv-+ und +Praeventivmittel+ im 18. -Jahrhunderte. Jene Zeit brachte die Verhältnise hervor, welche zu der -gegenwärtigen Abnahme der Bevölkerungsziffer in Frankreich geführt -haben. Aus +Galliot’s+ Statistik, die mit dem Jahre 1789 beginnt, -kann man die grosse Ausdehnung der Fruchtabtreibung in Frankreich -entnehmen. Er schliesst seine Resultate mit den Worten: „On se plaint -de tous côtés, en +France+, de la décroissance de la population. On -a fait récemment de nombréuses lois pour protéger l’enfant; nous -venons à notre tour demander une protection pour le foetus.“[350] Das -vorige Jahrhundert kannte denn auch bereits alle Mittel, welche noch -heute angewendet werden, um die Conception zu verhindern oder die -Abtreibung der Frucht zu bewirken. Höchst charakteristisch ist jene -Stelle in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo Madame de St.-Ange -auf eine Frage Eugeniens die anticonceptionellen Mittel aufzählt -(Philosophie dans le Boudoir I, 99) und neben „éponges“, die sich die -Frauen in die Vagina einführen und „condomes“, deren sich die Männer -bedienen, als ein vorzügliches Mittel auch die Paedicatio empfiehlt, -die am besten den malthusianischen Ideen des Jahrhunderts entspreche. -Ist aber das „Unglück“ geschehen, so wissen die Helden und Heldinnen -+Sade’s+ Mittel und Wege, um die Frucht im Mutterleibe zu töten. +Sade+ -erwähnt die Sabina als ein vortreffliches Abortivum. (Juliette III, -204). Aber ein noch sicheres und gefahrloseres Mittel als Sabina, das -zudem „den Magen nicht angreift“ ist dasjenige, welches die von ihrem -Vater schwangere Juliette anwendet. Sie lässt sich nämlich von einem -berühmten Accoucheur eine viermonatliche Frucht vermittelst einer Nadel -abtreiben. (Juliette III, 212). Die Durand verkauft Emmenagoga m -diesem Zwecke (Juliette III, 229). - -Als letzter Gruppe von sexuellen Mitteln gedenken wir noch der -+antivenerischen+ Geheimmittel, mit welchen das Frankreich des -vorigen Jahrhunderts in grosser Zahl überschwemmt wurde. Denn trotz -aller Ausschweifungen in Venere war die Furcht vor der Syphilis sehr -gross, und die Charlatane fanden ein nur zu williges Publikum für -ihre Betrügereien. Wir wissen nicht, ob der Plan für ein Bordell mit -der Aufschrift: „Du plaisir pour de l’or et santé garantie“[351] zur -Ausführung gekommen ist Jedenfalls war die Vorsicht in dieser Beziehung -gewiss gerechtfertigt. +Casanova+ hatte es sich zum Prinzip gemacht, -niemals in einem fremden Bette zu schlafen.[352] Juliette untersucht -ihre Kunden stets genau auf syphilitische Symptome hin. Ein Mann, -der mit schwerer Syphilis behaftet ist und der daher als Spezialität -seiner Wollust diejenige gewählt hat, die von ihm gebrauchten Weiber -anzustecken, wäre beinahe der Juliette gefährlich geworden. (Juliette -I, 238-240). Im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 98) wird erzählt, wie -ein Mann seinen Rivalen aus Rache syphilitisch infizierte damit -dieser die Krankheit der früheren Geliebten mitteile. Eine ganz -ähnliche Idee führt +Sade+ am Ende der „Philosophie dans le Boudoir“ -aus. Dort lässt man einen syphilitischen Knecht holen, der vor -den Augen der triumphierenden Scheusale die unglückliche Madame de -Mistival infizieren muss, wonach Dolmancé ausruft: Parbleu, voici une -inoculation, comme Tronchin n’en fit de ses jours. (Philosophie dans le -Boudoir II, 183-184). - -Medicamentöse Schutzmittel gegen Syphilis wurden vorzüglich in den -Gewölben des Palais-Royal angepriesen. Es gab auch Manche, die ohne -Scheu dieselben in Flugschriften bekannt machten und ihre Betrügerei -durch Anschläge an den Mauern, durch Verteilung von Karten oder Zetteln -auf der Strasse feilboten.[353] - -Wir haben früher schon den Charlatan +Agirony+ und das „Spezificum -des Doktor +Préval+“ erwähnt. Der Letztere ist wohl der berüchtigste -Charlatan des 18. Jahrhunderts gewesen, dessen Persönlichkeit um so -mehr Interesse erweckt, als +Guilbert de Préval+ derjenige war, welcher -+Rétif de la Bretonne+ in die Geheimnisse der Pariser Prostitution und -die „Artes amandi“ des Palais-Royal einweihte, ein Mensch, der nur -im schmutzigsten Sumpfe sich wohl fühlte.[354] Die Geschichte dieses -Erzcharlatans wird im „Espion anglais“ ausführlich erzählt.[355] - -+Préval+ studierte seit 1746 in Caën, wo er dann eine umfangreiche -Praxis ausübte, machte später noch anatomische Studien zu Paris und -promovierte dort im Jahre 1750. Er beschäftigte sich nunmehr 20 -Jahre mit der Therapie der Syphilis und entdeckte nach Ablauf dieser -Zeit ein „unfehlbares Specificum“ gegen diese Krankheit, mit welchem -er mehr wie 8000 (!) Menschen heilte. Das Mittel besass übrigens die -Kraft, auch alle übrigen „Haut- und Blutkrankheiten“ zu heilen. Selbst -bis „nach Indien, Amerika und -- Martinique“ drang der Ruf dieses -Mittels wo es „Pians und Scorbut“ zur Heilung brachte. Gleichzeitig war -dieses Mittel, eine sogenannte „eau fondante“[356], ein zuverlässiges -Vorbeugungsmittel der Syphilis. Endlich diente es sogar, wie das -heutige Tuberkulin bei Tuberkulose, zur Diagnose der Syphilis, wozu es -z. B. Madame +Gourdan+ benutze. Die Ankündigung dieses Mittels machte -ausserordentliches Aufsehen und „brachte alle Köpfe der jungen damals -am alten Hofe befindlichen Wüstlinge in Aufruhr.“[357] Man liess den -Herrn +Préval+ kommen, überhäufte ihn mit Schmeicheleien, wie sie kaum -dem Entdecker einer neuen Welt zu Teil geworden wären, verlangte aber, -dass er selbst in Gegenwart von Zeugen den nötigen Versuch machen -sollte, die Wirksamkeit des von ihm angegebenen Mittels zu beweisen. -+Préval+ ging darauf ein. Im Juni 1772 geschah das Unglaubliche. In -Gegenwart vornehmer Herren vollzog unser Charlatan an einer exquisit -inficierten Dirne, die im Spital der barmherzigen Schwestern behandelt -wurde, einen Coitus, nachdem er zuvor sein berühmtes Mittel eingenommen -hatte.[358] Er blieb gesund, wobei aber nicht mitgeteilt wird, ob eine -frühere, doch sehr wahrscheinliche Syphilis dieses Lebemannes Ursache -dieser Immunität war. +Parent-Duchatelet+[359] „könnte noch die Zeugen -dieser merkwürdigen Szene nennen“, allein der Rang, den sie im Staate -einnahmen, „befahl ihm Stillschweigen.“ - -Wir befinden uns nicht mehr in dieser Lage und nennen die Namen. Es -waren der Herzog von +Chartres+, der Graf +de la Marche+, der Marschall -+Richelieu+, der +Herzog von Nivernois+ und andere „Cavaliere“. Auch -der Herzog von +Zweibrücken+ liess ähnliche Versuche anstellen, die -günstig ausfielen. +Préval+ wurde vom Pariser Magistrat aufgefordert, -die Syphilitischen im Bicêtre mit seinem Mittel zu behandeln. Es wurden -ihm zu diesem Zweck 6 Männer und 4 Frauen zugewiesen. Von diesen Dingen -bekam die medizinische Fakultät Kenntnis und trat zu einer merkwürdigen -Sitzung am 8. August 1772 zusammen, in der +Préval+ aus der Liste -ihrer Mitglieder gestrichen wurde, mit 154 gegen 6 Stimmen. Er fing -darauf mit der Fakultät einen Prozess an und verklagte dieselbe vor -dem Pariser Parlament. Nachdem dieses im Jahre 1777 den Beschluss der -Fakultät aufgehoben hatte, wurde derselbe nach neuerlicher Weigerung -der letzteren am 13. August 1777 bestätigt und +Préval+ ausserdem noch -zu einer Geldstrafe von 3000 Francs verurteilt. - -Wenn man auch dem Beschlusse der Fakultät als solchem zustimmen kann, -so ist doch die +Begründung+ desselben sehr fragwürdiger Natur. An -einer Stelle derselben heisst es nämlich: „Es wäre Sache der Moral, -zu prüfen, bis zu welchem Punkte eine Erfindung erlaubt sein könne, -welche kein anderes Ziel habe, als den natürlichen Reiz des Lasters -noch durch den der Straflosigkeit zu verstärken. Wir wissen oder -glauben es doch zum mindesten, dass ein Schutzmittel gegen die in Rede -stehende Krankheit eine Liederlichkeit veranlassen würde, wodurch die -Bevölkerung und bürgerliche Ordnung, wir könnten auch hinzusetzen, -die Reinheit der Sitten leiden müssten.“ Schon +Girtanner+, der sich -in seinem Werke überall als einen rigorosen Moralisten erweist, -bemerkt dazu: „Der Erfinder eines solchen Mittels, verdiente nicht -Verachtung, sondern den Dank des menschlichen Geschlechts, weil -dadurch, in kurzer Zeit, die Lustseuche ganz von der Erde vertilgt -werden müsste. Und welcher Menschenfreund wünscht nicht, dass es -möglich wäre, eine so glückliche Revolution zu bewirken!“[360] -+Parent-Duchatelet+, der diesem Gutachten der Pariser medizinischen -Fakultät ein enthusiastisches Lob zollt, wird von +Proksch+ mit Recht -getadelt.[361] Denn man kann das Laster verdammen, ohne der Menschheit -die Schutzmittel vor Krankheiten zu entziehen, und wenn die +Furcht+ -vor Krankheiten der einzige Beweggrund der Tugendhaftigkeit sein soll, -dann dürfen wir +diese+ Tugend nicht allzuhoch einschätzen. - -Das Hauptschutzmittel gegen die venerischen Ansteckungen war im 18. -Jahrhundert wie -- heute: +der Condom+. Wir haben bereits mehrere Male -auf den weit verbreiteten Gebrauch dieses Praeservativs hingewiesen, -von dem in jedem Bordell, ein „ganzes Arsenal“ vorhanden war. Auch die -alleinwohnenden Prostituirten betrieben den Verkauf dieser „redingotes -d’Angleterre“. Als +Casanova+ in Marseille ankam und nach seiner -Gewohnheit die erste Erholung von den Reisestrapazen bei einer Dirne -suchte, wobei er seine Furcht vor Ansteckung äusserte, bot ihm das -Mädchen „englische Hüllen“ an, welche „Beruhigung gewähren“. Aber er -mochte sie nicht, da sie „von zu geringer Qualität waren.“ Darauf -offerierte die Schöne „+feinere+ zu +drei Francs+ das Stück“, welche -„die Händlerin nur dutzendweise verkaufte“ worauf +Casanova+ sich -bereit erklärte, das ganze Dutzend zu nehmen und sich zu diesem Behufe -ein paar Specimina von einer kleinen 15jährigen Dienerin „anpassen“ -liess.[362] - -Der Condom wurde von dem unter +Karl+ II. lebenden Londoner Arzt Dr. -+Conton+ erfunden, ist daher eigentlich „Contom“ zu nennen. Nach -der Angabe dieses Arztes wurde diese zum Bedecken des männlichen -Gliedes vor dem Beischlaf bestimmte Hülle aus den Blinddärmen der -Lämmer bereitet. Zu diesem Behufe ward das entsprechende Darmstück -in gehöriger Länge aus den geschlachteten Lämmern herausgeschnitten, -getrocknet und dann durch Reiben mit einem feinen Oele und Kleien -schlapp, weich und geschmeidig gemacht.[363] - -+Proksch+ macht über die weitere Geschichte und Beurteilung dieser -Erfindung sehr interessante Mitteilungen und constatiert, dass in der -Neuzeit „das hypermoralische Toben gegen den Condom“ beinahe ganz -aufgehört hat. Die Aerzte erkennen den hohen Wert der Condome als -Mittel zur Verhütung der venerischen Krankheiten fast einstimmig an. -„Die meiste Anerkennung der Schutzkraft der Condome kam, freilich -wider Willen, von einer Seite, von welcher man es gar nicht vermutet -hätte.“ Im Jahre 1826 erschien nämlich ein päpstliches Breve (+Leo+ -XII.), welches diese Erfindung verdammte, „weil sie die Anordnungen -der Vorsehung hindert, welche die Geschöpfe an dem Gliede strafen -wollte, mit dem es gesündigt.“ +Proksch+ übt an diesem Breve eine -vernichtende Kritik, auf die wir den Leser verweisen. -- „Die Condome -aus Blinddärmen der Lämmer, aus Fischblasen und Goldschlägerhäutchen -sind weniger zuverlässig, da diese tierischen Membranen sehr bald -vertrocknen, brüchig und rissig werden, von kleinen Insekten an- oder -durchfressen werden, und zudem fast gar keine Dehnbarkeit im trockenen -Zustande besitzen, sodass sie bei einer geringen Gewaltanwendung -entzwei gehen können.“[364] +Proksch+, dieser ernsthafte und gelehrte -Forscher auf dem Gebiete der venerischen Krankheiten, hat aber durch -sehr exakte Versuche nachgewiesen, dass die Condome aus +Kautschuk+ -die sichersten Schutzmittel gegen alle durch naturgemässen Beischlaf -erworbenen venerischen Krankheiten sind.[365] Die moralischen Einwände, -welche man gegen den Gebrauch dieser Condome erhoben hat, sind -nicht stichhaltig für denjenigen, der weiss, dass +Alles+ in der -Welt gemissbraucht werden kann, und dass das gesellschaftliche Wohl -höher gestellt werden muss als die Bedenken des Einzelnen. Alle diese -Einwürfe hat +Proksch+ im humansten Sinne widerlegt. Der +Arzt+, der -die +Gesundheit+ des einzelnen Menschen, der Familie und der ganzen -Gesellschaft zu schützen berufen ist, kann nicht den Standpunkt eines -Theologen einnehmen, der sich, wie wir zugeben, auch vertheidigen -lässt. Er muss auch einen +Missbrauch+ seiner Ratschläge von sich -abweisen, der ihm doch gewiss nicht zur Last fällt. „Sollte durch den -Condom einer jeden erdenklichen Unreinlichkeit und dem triefenden -Schmutz einerseits und andrerseits den hirnverbrannten Einfällen eines -jeden Wüstlings Rechnung getragen werden, dann müsste er freilich nicht -nur die Geschlechtsteile, sondern auch den ganzen Körper überziehen.“ -(+Proksch+.) - -Endlich kommen wir zu einer letzten Gruppe von Aphrodisiaca. Das sind -die +Surrogate+ des Mannes, wie wir sie nennen möchten, die künstlichen -Apparate, welche der Frau die Abwesenheit des Mannes ersetzen sollen, -vor allem die ledernen +Phalli+ oder +Godmichés+, die „Consolateurs“, -wie sie bei der +Gourdan+ heissen die „bijoux indiscrets“, „bijoux -de religieuse“ (englisch: Dildo, indiscreet toy; italienisch: Cazzo, -Parapilla), deren Gebrauch aus dem Culte des Priapus entsprungen -ist.[366] Diese schon seit dem Altertume[367] in Gebrauch befindlichen -künstlichen Phalli erlangten im 18. Jahrhundert wieder eine weite -Verbreitung, nicht blos in Frankreich[368], sondern auch in -Deutschland, wo sie von den vornehmen Damen als „Samthanse“ bezeichnet -wurden.[369] +Sade+ beschreibt sogar automatisch wirkende Godmichés -(Juliette V 328), sowie kunstvoll mit verschiedenen scharfen Spitzen -versehene Instrumente, wie sie z. B. die Tribade Zatta gebraucht -(Juliette VI 124). Wie wir auf einer Abbildung in der „Philosophie dans -le Boudoir“ (Band II, 31) ersehen, waren die Godmichés des vorigen -Jahrhunderts ähnlich konstruiert wie diejenigen, welche noch heute in -Frankreich Verwendung finden, und welche +Garnier+ folgendermassen -beschreibt:[370] „On en fabrique ici (à Paris) en caoutchouc rouge -durci, parfaitement imités, que l’on vend secrètement à des adresses -connues de toutes les intéressées. Le mécanisme en est des plus -ingénieux. Ils se gonflent à volonté et du lait ou tout autre liquide, -placé à l’intérieur, s’échauffant au contact du vagin, s’échappe -et se répand au moment psychologique, pour rendre l’illusion plus -complète.“[371] Diese Dinge wurden übrigens nicht blos im Amor lesbicus -gebraucht, sondern sogar auch zwischen Mann und Frau, w. z. B. Madame -de St. Ange es zur Paedicatio des Dolmancé benutzt (Philosophie dans le -Boudoir II, 31). - -+Garnier+ meint, dass die sogenannten „japanischen Kugeln“, welche -in Japan, China und Indien seit alter Zeit von wollüstigen Frauen -benutzt wurden, erst seit 1819 nach Europa gelangt und damals zuerst im -„Dictionnaire des sciences médicales“ beschrieben worden seien.[372] -Das ist ganz unrichtig. Wie wir oben (S. 130) zeigten, waren diese -„pommes d’amour“ schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in -Frankreich bekannt. - - -21. Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert. - -„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind -auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis -+de Sade+ ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach -einer Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a -beaucoup déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10). -„Nur viel essen macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil -(Juliette II, 72). Die „diners énormes“ sind daher recht häufig in -+Sade’s+ Romanen (Juliette II, 268). Clairwil ist ebenso „capriciös -in den Ausschweifungen der Tafel wie in denen des Bettes, in beiden -gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur von Geflügel und Wildpret, -trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und Kaffee. Elle mangeait -excessivement.“ (Juliette II, 151). - -„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen -Trunk auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332). -Ambroise sagt bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus -leiht, kommen immer der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu -der fürchterlichen Orgie beim Minister Saint-Fond präparieren sich -die Teilnehmer durch die „ausgesuchtesten Weine und die opulentesten -Speisen“ (Juliette II, 15), und auch während der Orgien lässt man -sich zu den Unmässigkeiten des Comus und der Cypris durch „fremde -Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette und die Königin -Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen zwei Flaschen -Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit begründet, -dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein -entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach -der kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit, -ihr Bild steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem -Vorbilde des von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen -Wein verschiedener Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser -Punsch und 10 Tassen Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden -der Liebe macht (Justine III, 231-232). - -Das 18. Jahrhundert war „in Wahrheit das Jahrhundert der grossen -Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des -grands cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“, -vorzüglich in der Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu -bereiten wusste.“ Die Indigestion war oft die „Strafe der grossen -Esser“. Der Feldzug des Prinzen +Soubise+ in Deutschland wurde -bekannter „durch seine opulenten Diners als durch seine Siege“. Der -Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete Omelette, die 100 -Thaler kostete.[374] +Voltaire+ sprach sich sehr scharf gegen die -überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die nach -seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse, welche -unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal stattgefunden -hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung +Ludwigs+ XVI. -wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt -und in regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira, -der „den Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die -Gänge unter sich teilten und die spanischen und Kapweine, welche das -Werk krönten“.[377] Nach +Brillat-Savarin+ waren die Chevaliers und -die Abbés die grössten Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et -philosophiques“ wurden Mode, die aber, wie +Paul Lacroix+ bemerkt, -ebenso sehr der Gastronomie gewidmet waren.[378] - -Präsident +Henault+, der intime Freund der Madame +Du Deffand+, war -bekannt durch seine vortrefflichen Diners. +Voltaire+ redet ihn einmal -an: - -Henault, fameux par vos soupers! - -+Rétif+ beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre -bei +Grimod de la Reynière fils+“[379] und berichtete über mehrere -„pikante“ Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan +Guilbert -de Préval+, wo der Dichter +Robé+ seine cynischen Poeme vorlas, bei -Herrn +de Morfontaine+ und beim Grafen +de Gémonville+.[380] Ganz -wie heute nahmen schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren -„Freundinnen“ ein „vorbereitendes“ Souper ein. +Casanova+ schildert -ein solches Souper in Marseille.[381] - -Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen -zur Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert -+Reichardt+[382]. „Der sehr besonnene und von jeder Uebertreibung -entfernte Geschichtschreiber fügt der Darstellung von den blutigen -Septembertagen, indem er von den von Wut, Blut und Branntwein -trunkenen, gedungenen Mördern spricht, die mit Säbel und Beil, mit -Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung des Marseiller Marsches -ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie wilde Tiere mordeten, -folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan, dass die Getränke, -welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem besonderen -Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut erzeugte, und -diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur vernünftigen -Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im Kloster -Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes zu -trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit -vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein -umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la -liberté)“. - -Merkwürdig ist, dass der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen bereits -den Typus des +Vegetarianers+ und des +Antialkoholisten+ gezeichnet -hat. Der erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich -J. +Newtons’s+ Schrift „Return to nature or defence of vegetable -regime“, die 1811 in London erschien. +Sade+ führt in Bandole einen -typischen Vegetarianer und Antialkoholisten vor, der allerdings diese -Enthaltsamkeit aus sexuellen Gründen übte. Er isst wenig, und nur -Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja, dieser Bandole ist bereits ein -Vorläufer von +Leopold Schenk+. Zwar entwickelt er keine vollständige -„Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass die Frau nur dann geschwängert -wird, wenn sie eine gesunde und leichte Nahrung geniesst. Auch Zamé -in „Aline et Valcour“ ist enragierter Vegetarianer, der sich des -Fleischgenusses „par humanité et par régime“ enthält. Und er weist mit -Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel, die sich nur von -Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit erfreuen. Die jungen -Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und frisch. Ihr Leben -verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und sie werden -durchaus glücklich.[383] - - -22. Diebstahl und Räuberwesen. - -Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit -einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis +de -Sade+ deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens, -übt das Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der -„berühmtesten Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet -hat. (Juliette II, 193). Dieser wird durch seine Spione über alle in -Paris ankommenden Fremden unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen -verführen und berauben lässt. Er empfindet einen besonderen sexuellen -Genuss, wenn er bei der Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein -kann. Seine Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später -besprechen. -- Die Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti -ist ebenfalls der Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der -Diebstahl eine Wonne ist, kommen noch mehrere vor.[384] - -Ungeheuerlich war ja die +Geldgier+ im Frankreich des 18. Jahrhunderts, -was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt: -„Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur -Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, +man entehrt -sich, wenn man nicht reich ist+. Gold ist Alles und das übrige ohne -Gold ist nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich -vor meinen Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige -es ihm mit Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das -Geld“. Graf +Tilly+ sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un -siècle dont le devise pourrait être: laissons là les parchemins: nous -parlerons un autre jour de vos vertus. +Montrez moi de l’or+“. Das -Geld ist der „universelle Motor“ dieser Zeit geworden, wie Madame -+du Hausset+ sagt[385]. Die Räuber und Diebe, von denen es auch -in +Sade’s+ Romanen wimmelt, bildeten die wirksame Staffage der -Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der Prostitution in -der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen Diebstahl, -Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und blieben fast -während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung. Schon in der -ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche Diebstähle -und Morde zahlreicher als gewöhnlich“ geworden, so dass die Massnahmen -der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die Gefängnisse und -deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der 10. Aug. und die -Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen entsetzlichen -Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu angethan, -die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu -machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder -Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten -immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den -zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen -fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf -den Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry -im Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von -Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess -und sogar durch +öffentliche Anschläge+ zum Eintritt in ihre Reihen -einluden, indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in -Aussicht stellten! In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete -sich der Zustand in Paris zu einem geradezu unerträglichen. Die -Verbrechen vermehrten sich dermassen, dass „+tagtäglich Diebstähle+ und -Morde begangen wurden“. Das Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer -der Spitzbuben und Betrüger diejenige der ehrbaren Leute überstiege“. -Zu Anfang dieses Jahres lagerten zahlreiche Räuberbanden um Paris. -Eine Menge von Raub- und Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter -Grausamkeit ausgeführt“ verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser -+Bourdroux+ war besonders berüchtigt als Führer einer solchen Bande. -Die Ueberfälle von Seiten der Räuberbanden „geschahen meist mit -unerhörter Keckheit, die Häuser wurden förmlich erstürmt, die Insassen -sämtlich auf grässliche Weise ermordet, und dann erst die Plünderung -vollzogen“.[388] - -Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und -Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung -der Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der -Liederlichkeit gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution, -zumal die der niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den -Banden der Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren -Besucher ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt -würden; ferner die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen -der Faulheit, der Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die -Spielhäuser.[389] - -In der Bevölkerung wurde jeder Sinn für die öffentlichen Interessen -durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle -Unterhaltung drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle. -Die Straflosigkeit der Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen -Beispiels oder zerstörte alle Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein -und Haben, von Mein und Dein. In dem Meere der allgemeinen Verderbnis -ging jeder Anflug von Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten -machten sich aus Eitelkeit und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters -und des Verbrechens. „Der Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen -sich am Pranger gegen „alle Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht -nur in ihren Zurufen, sondern auch in ihren Gebärden und Handlungen -so überaus schamlos, frech und gemein, dass man schliesslich -anordnen musste: allen ausgestellten Weibern die Hände und die Röcke -festzubinden!“ +Schmidt+ betont besonders die „grauenhafte Thatsache“, -dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein Teil der blutigen und -unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt und empfohlen, der -andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es eine vollständige -Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der Revolutionszeit: -man würde sicher nach allen Richtungen hin zu +schaudererregenden -Ziffern+ kommen.“[390] - -Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und -Räubereien in +Sades+ Romanen verstehen. - - -23. Der Giftmord. - -Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller -Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra -zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen. -Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie die -+Brinvilliers+ und die +Voisin+ geschlechtlich ausschweifende Weiber -waren. +Sade+, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des -menschlichen Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus -erfasst und in der Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht. -Höchst anschaulich malt er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei -aus, die eine ungeheuere sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III, -214.) Auch ist der Giftmord wegen seiner Unauffälligkeit den anderen -Arten der Tötung vorzuziehen. Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der -Tod überrascht unter Deinen Augen die betreffende Person, ohne Lärm, -ohne Skandal, kaum dass Du es merkst. O Justine! Justine! es ist eine -herrliche Sache, das Gift! wie viel Dienste hat es schon geleistet! -wie viel Leute bereichert, von wie viel unnützen Wesen die Welt -befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg Saint-Jacques wohnende -Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal par excellence. -(Juliette III, 220 ff.) +Sade+ hat sie deutlich als krankhaft entartete -Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall -der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit -ihrem cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit -das Bild der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen -ganzen Garten mit Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte, -Emmenagoga, Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren -das „poudre du crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet -wird, damit seine krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten -Grad der Wollust bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de -tigre d’Ethiopie“, mit der ein junger Mann aus der Welt geschafft -wird, das „Königsgift“ (poison royal), durch welches nach +Sade+ unter -+Ludwig+ XV. viele Mitglieder der königlichen Familie vergiftet wurden. -Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile, verschiedene Schlangengifte -(„Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“, „Aimorrhois“). Auch der Minister -Saint-Fond betreibt Giftmord im Grossen, ebenso Noirceuil, der der -+Brinvilliers+ einen Lobhymnus singt (Juliette II, 31 und 85). - -Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison -royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski Strammonium -in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die Durand und -Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit Giften -eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251). - -Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der Regierung +Ludwig’s+ XIV. eine -wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen -Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem -Lande eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte Abbé -+Guibourg+, der Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie -mit Giften und Liebesphiltren.[391] Der Giftmord nahm so überhand, -dass der König am 7. April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre -royale de l’arsénale“ oder „Chambre ardente“ errichten musste, die -ausschliesslich sich mit Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am -bekanntesten ist die Giftmischerin +Marie Madeleine Marquise de -Brinvilliers+, die auch der Marquis +de Sade+ sehr häufig erwähnt.[392] -Es ist interessant, dass dieses teuflische Weib, wie sich aus einer -unter ihren Papieren aufgefundenen Autobiographie ergab, +von frühester -Jugend an in sexuellen Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete+. -Eine unersättliche Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben. -Dies war offenbar das Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier, -welche eigentlich nichts weiter ist, als ein potenzierter Egoismus, -macht zuerst gefühllos gegen das Geschick und die Leiden Anderer. Diese -Hartherzigkeit wandelt sich bei weiterem Fortschreiten der sexuellen -Entartung in Grausamkeit und Mordlust um. So geschah es auch in diesem -Falle. Erst nach längeren Ausschweifungen lernte die +Brinvilliers+ -von ihrem Geliebten +de Sainte-Croix+ die Giftmischerei kennen, die -sie dann mit einer wahren Wollust betrieb. Sie vergiftete ihren Vater, -ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und zahlreiche andere Personen. Nach -Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie am 16. Juli 1676 enthauptet; -ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut, -so dass, wie Madame +de Sévigné+ in ihren Briefen erzählt, „ganz Paris -Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und dadurch von gleichem -Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393] - -In der That trat diese Infektion ein. Die Giftmorde mehrten sich in -erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten -Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktive +Voisin+, -die +Vigouroux+, des +Œillets, Delagragne+ sind die berühmtesten -Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde -dies Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt. -Die bekanntesten Giftmischer sind +Desrues+ und seine Frau, die -sich um jeden Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der -ihnen im Wege stehenden Personen griffen.[394] +Sade+, der alle ihm -naheliegenden Vorbilder benutzt hat, lässt auch diesen +Desrues+ -zusammen mit dem grossen Räuber +Cartouche+ als Henker bei einer -Orgie fungieren, oder vielmehr durch Noirceuil zwei Männern diese -berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI, 323). Ebenso erzählt +Rétif -de la Bretonne+ im vierten Bande der „Année des dames nationales“ (S. -1166 ff.) die Affaire +Desrues+. - - -24. Mord und Hinrichtungen. - -Des Marquis +de Sade+ Werke triefen von Blut wie sein Jahrhundert. Das -ist es, was ihren unseligen Ruf begründet hat. Keiner hat vor ihm und -nach ihm mit so grässlicher Wahrheit jene verhängnisvolle Kombination -geschildert, die er unermüdlich und mit einer eisernen Konsequenz -in seinen Büchern walten lässt; die Kombination des Jahrhunderts: -+Wollust+ und +Blut+! Er hat sein Jahrhundert aufs Papier gebracht! -Deshalb wirken seine Schriften so verderblich, deshalb grinst uns -aus ihnen eine Welt der Hölle an. Denn der +Schrecken+ verging, alle -+wirklichen+ Qualen jener Zeit sind dahin und die ungeheuren Ströme von -Blut in die dunkle Erde hinabgeflossen, die sie mitleidig aufnahm. Aber -in +Sade’s+ Werken +lebt+ jener Schrecken noch, da wird er vielleicht -für ewige Zeit bis zur Vernichtung der Welt leben: „Justine“ und -„Juliette“ sind die wirklichen Reste einer grausen Zeit. Leichengeruch -weht uns aus ihnen an, und die mordende Wollust des 18. Jahrhunderts -wird wieder lebendig. Wir sind in Sodom. - -Konnte dies +ein+ Mensch ersinnen und erdenken? Nein! Auch hier -ist es das +Gemälde+ der +Zeit+. Wir wollen +Sade+ Gerechtigkeit -widerfahren lassen. Und das können wir nur, indem wir ihn +erkennen+. -Denn die Erkenntnis ist das Höchste in der Welt. Sie allein führt -zur Gerechtigkeit, nicht das blosse dumpfe Gefühl, welches sich von -solchem Graus mit Abscheu abwendet. Schon +Jules Janin+ sagte, dass der -Marquis +de Sade+ ein Objekt der „histoire naturelle“ sei, dass man -über ihn schreiben müsse, wie man die Monographie des Skorpions oder -der Kröte schreibt.[395] Nur die kalte wissenschaftliche Analyse kann -das Wesen dieses Mannes erleuchten und das endgiltige Urteil über ihn -feststellen. Nur sie hat ein Recht zu diesem Urteil. - -Sehen wir zu, ob dieses Jahrhundert der Wollust nicht auch eines der -unerhörtesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Mordlust gewesen ist! - -Die +Hinrichtungen+ waren im 18. Jahrhundert öffentlich. Wirkte vor -der Revolution die +Grausamkeit+ derselben depravierend auf die -Zuschauer, so wirkte +während+ der Revolution die +Massenhaftigkeit+ -der Enthauptungen vielleicht noch verderblicher. Mit Recht erklärte -der edle +Beccaria+ in seiner klassischen Schrift „Ueber Verbrechen -und Strafen“, die jeder Menschenfreund gelesen haben sollte, dass die -Hinrichtungen, für den grössten Teil der Zuschauer zu einem Schauspiel -werden und die Menschen grausam machen.[396] Das französische Volk, -von Natur zur Grausamkeit geneigt, war dieser Gefahr in höherem Grade -ausgesetzt als jedes andere. Die grossen Geister jener Zeit erkannten -dies wohl. So verdammt +Montesquieu+ im „Esprit des lois“ die Foltern -und die schrecklichen Martern bei der Hinrichtung, und +Voltaire+ hörte -niemals auf, gegen diese Unmenschlichkeiten zu protestieren. - -Bis zur Revolution waren in Frankreich als Arten der Todesstrafen -hauptsächlich die +Vierteilung+, das +Rad+ und der +Galgen+ -gebräuchlich. Die mildere Enthauptung wurde so selten ausgeübt, dass -sie sogar von den Henkern „verlernt“ wurde, wie die Hinrichtung des -Grafen +de Lally+ im Jahre 1766 bewies.[397] Die gewöhnliche Weise der -Hinrichtung war das +Rad+, das denn auch bei +Sade+ öfter vorkommt. Der -unglückliche Delinquent wurde auf „einem Wagenrade ausgestreckt.“ Der -Henker zerbrach ihm mit einer schweren eisernen Stange die Knochen -der oberen und unteren Extremitäten, und verfuhr dabei mit grosser -Geschicklichkeit, um sich den Beifall der Zuschauer (les suffrages -des spectateurs) zu erwerben.[398] Sodann wurde der Delinquent in die -Speichen des Rades geflochten und sterbend zur Schau gestellt. - -Die Strafe des Galgens ist bekannt. Die Vierteilung werden wir bei der -schauerlichen Hinrichtung des +Damiens+ kennen lernen. - -Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von -Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen -und genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese -Executionen auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die -des Strassenräubers +Cartouche+ und seiner Bande (27. November 1721), -des Räubers +Nivet+ und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des -+Deschauffonis+, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der -Gattenmörderin +Lescombat+ durch den Galgen (1755), des +Damiens+ durch -Vierteilung (1757), des Giftmörders +Desrues+ und seiner Frau durch das -Rad (1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung -und verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge -versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen -und oft leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder -nicht die am wenigsten Ungeduldigen. Jede folgte „avec ardeur“ allen -Peripetien der Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte. -Der Scharfrichter, umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines -Seigneur inmitten seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert, -ausgesucht vornehm in weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher. -Das Volk verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte -bekam es zu merken ob das Volk guter oder schlechter Laune war, da man -ihn je nachdem bald mit Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf- -und Zornesrufen überschüttete.[399] - -Die grässlichste Hinrichtung, die vielleicht jemals vollzogen worden -ist, war die des unglücklichen +Robert François Damiens+, der am 5. -Januar 1757 einen Mordversuch auf den König +Ludwig+ XV. machte und -dafür am 28. März dieses Jahres unter entsetzlichen Martern vom Leben -zum Tode gebracht wurde. +Thomas Carlyle+, dieser, was den Ausdruck des -Affects betrifft, ohne Zweifel grösste Geschichtschreiber der grossen -Revolution, bricht angesichts der blutigen Greuel der Schreckenszeit -in den Ruf aus: „Ach diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder, -wie glänzende von Thränen unsterblichen Mitleids perlende Augen, voll -Mitleid über der Menschen Los!“[400] Uns scheint, dass +tausend+ -Hinrichtungen mit der Guillotine nicht die eine furchtbare Exekution -des armen +Damiens+ aufwiegen können, die wirklich gen Himmel schreit -und das Mitleid der Sterne anruft, dass diese Schandtat des ancien -régime selbst durch die während der Revolution geflossenen Ströme -von Blut kaum gelöscht worden ist. Und wenn wir nun die Einzelheiten -derselben vernehmen, dann wird uns ein Blick in die Grausamkeit der -französischen Volksseele eröffnet, der mit einem Schlage die Werke -eines Marquis +de Sade+ begreiflich macht und den wollüstigen Blutdurst -der Revolution vorherahnen lässt. - -Ueber die Hinrichtung des +Damiens+ besitzen wir den Bericht eines -Augenzeugen, dem wir in der Hauptsache folgen.[401] - -An +Damiens+ wurde dasselbe Urteil vollstreckt wie an dem Mörder -+Heinrich’s+ IV., +François Ravaillac+, am 27. Mai 1610. Er (Damiens) -wurde zunächst am Morgen des 28. März 1757 gefoltert, wobei ihm mit -glühenden Zangen Brüste, Arme, Schenkel und Waden aufgerissen und in -die Wunden geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pech mit Wachs -und Schwefel vermischt, gegossen wurden. Gegen drei Uhr Nachmittags -wurde der Unglückliche dann zuerst nach Notre-Dame und darauf zum -Grève-Platze geführt. Alle Strassen, die er dorthin passieren musste, -waren von einer dichten Menschenmenge (monde affreux) besetzt, die -„weder Hass noch Mitleid“ bezeugte. +Charles Monselet+ berichtet: -„Wohin auch der Blick sich wendete, überall bemerkte er nur die Menge, -immer wieder die Menge. Die Menge unter der Arkade Saint-Jean! Die -Menge in den ersten Häusern der Rue de la Mortellerie! Die Menge in -der Rue de la Vannerie! Die Menge in der Rue de la Tannerie! Die Menge -an der Kreuzung der Rue de l’Epine und der Rue de Mouton! Die Menge -an allen Ausgängen des Platzes. Auf dem Platze selbst eine compakte -Menge, bestehend aus allen möglichen Elementen, aber vor allem aus dem -Pöbel. In den Fenstern eine geschmückte, kokette Menge; vornehme Herren -und grosse Damen, grosse Damen besonders, die mit dem Fächer spielten -und ihre Riechfläschchen im Fall einer Ohnmacht bereit hielten.“[402] -Um 4½ Uhr nahm dann jenes grässliche Schauspiel seinen Anfang, dessen -blosse Schilderung uns -- wir wollen dies nicht verschweigen -- noch -heute Thränen des Mitleids und des Wehs über die unsäglichen Leiden -eines längst in Staub Zerfallenen entlockt hat. - -In der Mitte des Platzes war eine niedrige Plattform errichtet, -auf welcher der Unglückliche, der weder Furcht noch Erstaunen -zeigte, sondern nur den Wunsch bekundete, schnell zu sterben, von -den sechs Henkern mit eisernen Ringen festgebunden wurde, so dass -der Rumpf vollkommen fixiert war. Darauf fesselte man ihm die -rechte Hand und liess sie in einem schwefligen Feuer verbrennen, -wobei der Bejammernswerte ein entsetzliches Geschrei erhob. Man sah -(nach +Monselet+), während die Hand verbrannt wurde, die Haare des -Unglücklichen sich auf dem Kopfe steil emporrichten! Darauf zwickte -man wieder den Körper mit glühenden Zangen und riss ihm Fleischstücke -aus der Brust und an anderen Stellen aus, goss dann flüssiges Blei und -kochendes Oel in die frischen Wunden, was, wie es in den „Mémoires“ -von +Richelieu+ heisst, die Luft auf dem ganzen Grève-Platze durch den -entsetzlichen Gestank verpestete. Nunmehr befestigte man um Oberarme -und Oberschenkel, um Hand- und Fussgelenke grosse Taue, die mit dem -Geschirr von vier Pferden verbunden wurden, welche an den vier Ecken -der Plattform standen. Dann trieb man diese Pferde an, die so den -Delinquenten zerreissen sollten. Allein diese waren nicht gewohnt, -solche Henkersdienste zu tun. +Mehr als eine Stunde+ hieb man auf sie -ein, ohne dass es ihnen gelang, eine der Extremitäten abzureissen. Nur -die gellenden Schmerzensschreie unterrichteten die „nombre prodigieux -de spectateurs“ von den unerhörten Qualen, die hier ein menschliches -Wesen erdulden musste. Man spannte sechs Pferde vor, die alle zugleich -in Bewegung gesetzt wurden. Das Geschrei des +Damiens+ steigerte sich -zu einem wahnsinnigen Gebrüll. „So kräftig war dieser Mensch.“ Wieder -blieb der Erfolg aus. Endlich bekamen die Henker von den Richtern die -Erlaubnis, das grauenvolle Werk durch Einschneiden der Gelenke zu -erleichtern. Zuerst durchtrennte man die Hüftgelenke. Der Unglückliche -„hob noch den Kopf, um zu sehen was man mit ihm machte,“ schrie aber -nicht, sondern drehte oft den Kopf nach dem ihm entgegengehaltenen -Kruzifix, das er küsste, während zwei Beichtväter auf ihn einsprachen. -Endlich nach 1½ Stunden dieser „Leiden ohne Beispiel“, wurde der -linke Schenkel zuerst abgerissen. +Das Volk klatschte in die Hände+! -Der Delinquent hatte sich bis jetzt nur „neugierig und gleichgültig“ -gezeigt. Als aber der andere Schenkel weggerissen wurde, fing er wieder -an zu schreien.[403] Nachdem man die Schultergelenke durchgehauen -hatte, wurde zuerst der rechte Arm abgetrennt. Das Geschrei des -Unseligen wurde schwächer, und der Kopf begann zu wackeln. Erst -beim Abreissen des linken Armes fiel derselbe hintenüber. So war -nur der zuckende Rumpf übrig, der noch lebte und ein Kopf, dessen -Haare plötzlich weiss geworden waren. Er lebte noch! Während man -die Haare abschnitt und die vier Gliedmassen sammelte, stürzten die -Beichtväter zu ihm. Aber +Henri Sanson+ (der Scharfrichter) hielt -sie zurück, indem er ihnen mitteilte, dass +Damiens+ soeben den -letzten Seufzer ausgehaucht habe. „Die Wahrheit ist“, schreibt der -zuverlässige +Bretonne+, „dass ich noch den Rumpf sich drehen und -den Unterkiefer, wie wenn er spräche, sich hin und herbewegen sah.“ -Dieser Rumpf atmete noch! Seine Augen wandten sich noch gegen die -Umstehenden. Man berichtet nicht, ob das Volk noch zum zweiten Male -in die Hände klatschte. Sicher ist, dass während der Dauer der ganzen -Hinrichtung Niemand daran dachte, seinen Platz zu verlassen, weder -in den Fenstern noch auf der Strasse. Die Reste des Märtyrers wurden -auf einem Scheiterhaufen verbrannt, und die Asche in die vier Winde -zerstreut.[404] „Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der -- man -möge es glauben -- die grössten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch -erlitten hat, was die +Dauer+ derselben anbetrifft.“ So schliesst -der Herzog von +Croy+, ein Augenzeuge, seinen Bericht, den wir fast -wörtlich übersetzt haben. Und +Monselet+ ruft aus: „Dass man mir nicht -mehr von der Anmut und dem Leichtsinn des achtzehnten Jahrhunderts -spricht! Dieses rosige Jahrhundert ist für ewig befleckt mit dem Blute -des +Damiens+!“ Noch einige andere Nachrichten von Augenzeugen teilen -wir mit, die jenem Bilde des Jammers eine infernalische Ruchlosigkeit -zur Seite stellen, wie sie selbst ein +Sade+ kaum hat schildern -können. Und man denke sich, dass das, was wir berichten, +wirklich+ -geschah! Ein ganzes Volk berauscht sich vier Stunden hindurch an den -entsetzlichsten Qualen, welche die Welt jemals gesehen hat! - -„Der Zusammenfluss von Menschen in Paris an diesem Tage war -unbeschreiblich. Die Bewohner der benachbarten Dörfer und der -entfernten Provinzen, sogar Ausländer waren herbeigekommen wie zu -der glänzendsten Lustbarkeit. Nicht allein die Fenster nach dem -Gerichtsplatz zu, sondern auch die Dachfenster und Bodenluken wurden -mit einem rasenden Preise bezahlt. Kopf an Kopf war auf den Dächern -zu sehen. +Am meisten erstaunte man über die hitzige Begierde der -Frauenzimmer+, die sonst so gefühlvoll, so mitleidig sind, diesem -grässlichen Schauspiel nachzugehen, +sich daran zu weiden+, und es mit -aller seiner Schrecklichkeit bis ans Ende thränenlos und ohne Rührung -zu betrachten, während alle Mannspersonen schauderten und ihr Gesicht -wegwandten.“[405] - -Madame +du Hausset+ erzählt in ihren Memoiren, dass man sogar -während der Hinrichtung spielte.[406] Ja, man that noch Schlimmeres. -+Casanova+, der einer von den Ausländern war, welche der Execution -beiwohnten, berichtet über eine Szene, welche eine schauerliche -Illustration zu der Lehre +Sade’s+ ist, dass die Qualen eines Anderen -die eigne Wollust aufstacheln. +Casanova+ erzählt: „Am 28. März, dem -Tage des Märtyrertums von +Damiens+, holte ich die Damen schon früh -bei der +Lambertini+ ab, und da der Wagen uns kaum fassen konnte, -nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoss -und wir begaben uns so nach dem Grèveplatze. Die drei Damen drängten -sich zusammen, so viel sie vermochten und nahmen die erste Reihe an -dem Fenster ein; sie bückten sich dabei und stützten sich auf die -Arme, um uns nicht zu verhindern, über ihre Köpfe hinwegzusehen. Das -Fenster hatte drei Stufen oder Tritte, und die Damen standen auf dem -zweiten. Um über sie wegsehen zu können, mussten wir uns auf dieselbe -Stufe stellen; denn auf dar ersten würden wir sie überragt haben. -Nicht ohne Grund gebe ich meinen Lesern diese näheren Umstände an. -Denn sonst würde es schwer sein, die Details zu erraten, die ich ihnen -verschweigen muss. - -„Wir besassen die Ausdauer, vier Stunden bei diesem abscheulichen -Schauspiel zu verharren. Die Hinrichtung des +Damiens+ ist zu bekannt, -als dass ich davon zu sprechen brauchte; zunächst, weil die Schilderung -zu lang sein würde, und dann, weil solche Greuelthaten die Natur -empören. Während der Hinrichtung dieses Opfers der Jesuiten[407] -musste ich die Augen abwenden und mir die Ohren zuhalten, wenn ich das -herzzerreissende Geschrei hörte, als er nur noch seinen halben Körper -hatte; aber die +Lambertini+ und die dicke Alte machten nicht die -geringste Bewegung; war das eine Wirkung der Grausamkeit ihres Herzens? -Ich musste mich stellen, als glaubte ich ihnen, indem sie mir sagten, -der Abscheu den ihnen das Attentat dieses Ungeheuers einflösste, hätte -sie gehindert, das Mitleid zu fühlen, welches notwendiger Weise der -Anblick der unerhörten Qualen, denen man ihn unterwarf, erregen musste. -Die Thatsache ist, dass +Tiretta+ die fromme Alte während der Zeit der -Hinrichtung auf eine eigentümliche Weise beschäftigt hielt. Vielleicht -war das auch die Ursache, dass diese tugendhafte Dame keine Bewegung -machte und auch den Kopf nicht umdrehte. Da er sehr nahe hinter ihr -stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihr Kleid in die Höhe zu -schlagen, um nicht die Füsse darauf zu setzen. Das war ohne Zweifel in -der Ordnung; allein als ich eine unwillkürliche Bewegung nach der Seite -machte, bemerkte ich, dass +Tiretta+ die Vorsicht zu weit getrieben -hatte.“[408] - -Jeder Commentar zu der Erzählung +Casanova’s+ ist überflüssig. Dass -es sich nicht um einen +momentanen+ Anfall von Satyriasis gehandelt, -sondern um eine die einzelnen Phasen der grauenvollen Hinrichtung -+begleitende+ und durch sie +hervorgerufene+ wollüstige Ekstase, geht -mit aller Evidenz daraus hervor, dass diese scheusslichen sexuellen -Manöver +zwei Stunden+ lang dauerten, wie +Casanova+ ausdrücklich -hervorhebt.[409] „Die Handlung wurde wiederholt und ohne einen -Widerstand.“ - -Dass +Ludwig+ XV. den Gesandten mit grossem Behagen alle Einzelheiten -dieser Execution mitteilte, wird nicht Wunder nehmen.[410] Auch die -Hinrichtung des Giftmischers +Desrues+, der am 6. Mai 1772 gerädert und -dann noch lebend verbrannt wurde, lockte eine grosse Zuschauermenge -an, „spectateurs distingués ont désiré jouir de cet épouvantable -spectacle“, und die Zimmer auf dem Grèveplatze wurden „sehr teuer -vermietet.“[411] - -Die Revolution fand also ein auf Hinrichtungen wohl dressiertes -Publikum vor. Wir betonen nochmals, dass +Sade+ alle Greuel der -Schreckenszeit mit erlebt hat, da er 1790 freigelassen wurde und -nur von Dezember 1793 bis zum 10. Thermidor (28. Juli) 1794 wieder -im Gefängnis sass. Gleich die ersten Vorläufer der Septembermorde, -die Erstürmung der Bastille (14. Juli 1789), der Zug nach Versailles -(5. Oktober 1789), die blutigen Ereignisse in Avignon in den Jahren -1790 und 1791, lassen erkennen, welche Rolle die +Frauen+ bei den -Hinrichtungen und Morden spielen würden, und dass keineswegs den -französischen Frauen des Volkes der Blutdurst und die Grausamkeit -eigentümlich war. In Avignon war der Streit zwischen den päpstlichen -Aristokraten und dem patriotischen Volke aufs heftigste entbrannt. -Schon Anfang 1790 forderte der „päpstliche Galgen“ seine Opfer, um -bald nach Ankunft des berüchtigten +Jourdan+ von dem „patriotischen“ -Galgen abgelöst zu werden. Am 14. September 1791 wurde Avignon -dem französischen Reich einverleibt und eine Regierung von „sechs -leitenden Patrioten“ eingesetzt. Am 16. Oktober 1791 begab sich -einer derselben, +l’Escuyer+ in die Cordelierskirche, um dort die -Päpstlichen zusammen zu treffen und „ein Wort der Ermahnung zu ihnen -zu sprechen“. Die Antwort darauf war „ein kreischendes Geheul der -+aristokratisch-päpstlichen+ Andächtigen, worunter +viele Weiber+ -waren. Ein tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da +l’Escuyer+ -nicht floh, zum tausendhändigen Drängen und Stossen wurde, zum -tausendfüssigen Treten, mit Niederfallen und Getretenwerden, mit -dem Stechen von Nadeln, Scheren und anderen weiblichen zugespitzten -Instrumenten. Grässlich zu sehen, wo rund herum die alten Toten und -Petrarcas Laura schlafen, der Hochaltar und brennende Kerzen und die -Jungfrau darauf herniederblicken; die Jungfrau ganz ohne Thränen -und von der natürlichen Farbe des Steins. -- +l’Escuyers+ Freunde -stürzen wie Hiobsboten zu +Jourdan+ und der Nationalmacht. Aber der -schwerfällige +Jourdan+ will sich vorerst der Stadtthore bemächtigen, -eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als man in der -Cordelierskirche anlangte, ist sie still und leer; +l’Escuyer+, ganz -allein, liegt da am Fusse des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend, -von Scheren zerstochen, unter die Füsse getreten, massakriert. Seufzt -noch einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.“[412] -Nun folgte das schreckliche Strafgericht, welches unter dem Namen des -„Eisturms“ von Avignon für immer einen traurigen Ruhm erlangt hat. -Männliche und weibliche Aristokraten wurden ins Schloss geschleppt und -in unterirdische Kerker am Rhonefluss geworfen. Neben diesen Verliessen -befand sich die „Glacière“ (auch „Trouillas“ oder „Pressoir“ genannt), -der berüchtigte „Eisturm“, ein „lieu de mort, lieu de supplice“, die -grosse Totenkammer, in welche früher die Opfer der Inquisition lebend -hinabgeworfen wurden, mitten unter Skelette, wo man sie verhungern -liess. Wieder sah dieser entsetzliche „Eisturm“ Thaten, „für die -die Sprache keine Namen besitzt.“ -- Undurchdringliches Dunkel und -Schatten entsetzlicher Grausamkeit umhüllen diese Schlosskerker, -diesen Glacièreturm. Nur dies ist klar, dass viele eintraten, wenige -zurückgekehrt sind. Als am 15. Novbr. 1791 der General +Choisi+ in -Avignon einrückte und +Jourdan+ absetzte, da fand man im Eisturme -„+hundertdreissig Leichname+ von Männern und Weibern, ja selbst Kindern -(denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt, konnte ihr Kind -nicht verlassen) lagen aufgehäuft in jener Glacière, faulend unter -Fäulnis, zum Entsetzen aller Welt.“ - -Unverkennbar hat der Marquis +de Sade+ diesen Eisturm von Avignon, -der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe -mit ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen -Gewölbe des Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine -Opfer schleppt. So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten -unterirdischen Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen -(Justine IV, 176, 221). - -Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August -1792, von der +Carlyle+ sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte -der Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche -Biederkeit und Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden -Schweizern sich wieder gezeigt habe, kam jene +Septemberwelt+ -„dunkel, voll Nebel, wie eine Lappländer Hexenmitternacht“; vom -Sonntag dem 2. September 1792 nachmittags bis zum Donnerstag, 6. -September 1792 abends folgen nacheinander „hundert Stunden, die man -der Bartholomäusmordnacht, den Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen -Vesper oder dem Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an -die Seite stellen muss. Schrecklich ist die Stunde, ruft +Carlyle+ -aus, wenn die Seele des Menschen in ihrem Wahnsinn alle Schranken und -Gesetze durchbricht und zeigt, welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen! -Aus ihrem unterirdischen Kerker sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen -hier in diesem Paris, wie wir sagten, wie es schon lange prophezeit -war; grässlich, verworren, peinlich anzusehen, und doch kann man, ja -man sollte wirklich nicht es jemals vergessen“.[413] - -Priester, Aristokraten, Schweizer wurden aus den Gefängnissen -hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke -gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein -hoher Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das -Geheul der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern, -das noch grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen -wird nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde -niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder -erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei, -das laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin +Lamballe+ -wird der schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt. -Ihr schöner Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten, -obscönen Greueln von Schnurrbart -- grands-lèvres, die die Menschheit -gern für unglaublich hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von -+Jourgniac’s 38stündiger Todesangst+[414], von +Matons Erlebnissen+ -vor seiner „Résurrection“[415] und von dem Dritten im Bunde, dem armen -+Abbé Sicard+.[416] Diese drei könnten wir hören in „wunderbarer -Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit sie gleichzeitig -ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen Nachtwachen, für -uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber „die anderen -+Tausendundneunundachtzig+, worunter Zweihundertzwei Priester, die -ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für immer in -schwarzem Tode erstickt.“[417] - -Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat -in den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei -+Carlyle+ nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die -„grands terroristes“, die +grossen Schreckensmänner+, Gestalten der -Hölle, die +Fouché+, +Collot+, +Couthon+ in Lyon, die +Saint-André+ -in Brest, die +Maiquet+ in Orange, +Lebon+ (der Namensvetter eines -modernen ebenso scheusslichen +Lebon+) in Arras und +Carrier+ in -Nantes, diese „Weltwunder“ (nach +Carlyle+) schwelgen in „Strömen sich -ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch wie die Gestalten des -Marquis +de Sade+ in -- Wollust. - -Schon +Brunet+ hat den grössten der grossen Terroristen, +Jean Baptiste -Carrier+ als einen derjenigen bezeichnet, die +Sade+ als Vorbild -für die blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und -ohne welche „letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben -würden“[420]. - -Neuere Forschungen, insbesondere die Schrift des Grafen +Fleury+[421] -haben dies vollauf bestätigt. +Carrier+ war ein Schlächter und Henker -aus Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner -Geliebten und Oberaufseherin +Caron+ sich den widerlichsten Orgien -hingab. Er „stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu -finden.“ Il faudrait un volume, pour rappeler les orgies auxquelles -présida le représentant. Er +liess schöne Frauen, nachdem er sie -genossen hatte, ertränken.+ In seinem Serail an der Barrière de -Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem Briefe +Julliens+ -an +Robespierre+ heisst, seine Nächte mit „frechen Sultaninnen und -niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten, während die -+Caron+ diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert worden -war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der -Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei -hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen müde -ward und zu den „+Noyades+“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt -geworden sind für alle Zeiten.“ - -In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im Dunkel -der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf -ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt -+Carrier+, „wurde +senkrecht+ vollstreckt“. (Déportation verticale). -Bald folgte eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu -Schiffen mit aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der -Todesangst die Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten, -liess der scheussliche +Grandmaison+, der Helfershelfer +Carrier’s+, -die Finger abhauen![422] Man warf auch die Opfer mit gebundenen Händen -ins Wasser, ergoss einen beständigen Bleihagel über die Flussstelle, -bis der letzte mit dem Wasser Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen -versichern, dass man oft die Frauen vollständig nackt auszog, dass man -kleine Kinder hineinwarf, deren jammernden Müttern erwidert wurde: -„Wölflein, die zu Wölfen heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden -zusammengebunden und hineingeworfen. Das sind die „+republikanischen -Hochzeiten+“ (mariages républicains), ebenso berühmt für alle Zeit. -Und als der Strom die Leichen wieder zurückwälzt, als Raben und -Wölfe sich gierig auf die am Flussufer liegenden Cadaver stürzen, da -ruft +Carrier+ aus: „Quel torrent révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da -verlässt dieser Nero der Revolution sein Serail, begleitet von seinen -Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“ Sie schauen dem grässlichen -Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il passait les nuits en -orgies bacchiques avec des femmes et ses ‚roués‘ ordinaires.“ So meldet -die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren, und dass im ganzen 4860 -Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder unter 15 Jahren.[423] -Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am Sonnenlicht -untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“ (+Carlyle+). - -Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem -Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie +Sade+ und mit -ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach -der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution -alle Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden -vor dem ‚+flambeau de la philosophie+‘.“ Ist das ein Zufall?[424] - -In +Lyon+, wo +Collot-d’Herbois+ haust, „fliessen die Gossen auf -der Place des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper -auf ihren Wellen dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über -den Fluss geführt, um auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und -Kanonen in Masse erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu -grässlich, um sie in Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die -Nationalgarden beim Feuern das Gesicht abwenden.“[425] - -Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so -zur +Gewohnheit+ geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis -1794. Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine, -+Mordbanden+ wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche -im Süden Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl -der Menschen, die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die -Guillotine, sei es auf andere Weise, war Legion. Vom Könige und der -Königin bis hinab zum Schuster +Simon+ mussten sie alle dahin. Und wahr -wurde auch das Wort des düsteren +Saint-Just+, dass „für Revolutionäre -es keine Ruhe gäbe als im Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie -Saturn, ihre eigenen Kinder (+Verguiaud+). - -In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern -vergewaltigt (Madame +Roland+ in ihren Memoiren); aus den Haaren -guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in -Meudon war nach +Montgaillard+ eine „Gerberei von menschlichen Häuten, -solcher Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und -woraus ein ganz gutes Waschleder gemacht wurde, zu Hosen und anderem -Gebrauch. Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die -Haut der Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im -Gewebe.“[426] - -Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er -sich im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des -Thermidor zu furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat -guillotiniert. Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen -Namen, der unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es -+Houssaye+ in erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427] -Unter ihnen glänzt ein Name (7. Thermidor) ganz besonders: +André -Chénier+. - -La sainte guillotine va tous les jours! - -Und endlich kommt jener +neunte Thermidor+, der das Ende der -Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen -+Robespierre+, jener Tag, dem +Marie-Joseph Chénier+ in der wunderbaren -„Hymne du 9 thermidor“ begeistert zujauchzt: - - Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance: - Tu vins purifier un sol ensanglanté: - Pour la seconde fois tu fis luire a la France - Les rayons de la Liberté! - - -25. Ethnologische und historische Vorbilder. - -Der Marquis +de Sade+ war ein scharfer Beobachter. Ausserdem hatte -er während seines Gefängnislebens die Kenntnis der zeitgenössischen -Litteratur sich in einem grossen Umfange zu eigen gemacht. Es ist daher -kein Wunder, dass wir die Spuren beider Eigenschaften in seinen Werken -antreffen. Was uns am charakteristischsten erscheint, ist die grosse -Rolle, welche bei +Sade+ die +Ethnologie+ spielt. Auch das ist kein -Zufall. Die ersten Anfänge der Völkerkunde gehören dem 18. Jahrhundert -und speziell Frankreich an, wo J. F. +Lafitau+ im Jahre 1724 das erste -bedeutende Werk dieser Art in seinen „Mœurs des Sauvages américains -comparées aux mœurs des premiers temps“ veröffentlichte,[428] über das -sich +Voltaire+ in einer Schrift von ähnlicher Art sehr anerkennend -äussert. („Essai sur les mœurs et l’esprit des nations“ 1756). Weiter -förderten dieses grosse Interesse an der Kenntnis wilder Völker -die zahlreichen Reiseexpeditionen hervorragender französischer -Gelehrter im 18. Jahrhundert. Wir nennen nur die bekannten Namen -eines +Bouguer+, +La Condamine+, +Bougainville+, +La Pérouse+, -+Marchand+, +d’Auteroche+, +Duhalde+, +Charlevoix+, +Savary+, +Le -Vaillant+, +Volney+, +Dumont+. Man fing an -- zwar noch in roher und -primitiver Weise -- die Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völker -zu vergleichen und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu -studieren. Dabei gefiel man sich in einer gewissen Verherrlichung der -europäischen Civilisation. Die Wilden waren noch nicht die „besseren -Menschen“ unseres +Seume+. +Lafitau+ schreibt: „Ich habe mit grosser -Betrübnis in den meisten Berichten gelesen, dass diejenigen, welche -über die Sitten wilder Völker geschrieben haben, sie uns geschildert -haben als Menschen, welche kein irgendwie religiöses Gefühl besitzen, -keine Kenntnis einer Gottheit, keine Persönlichkeit, der sie irgend -welchen Kultus widmen, wie Menschen, welche weder Gesetze, noch eine -Obrigkeit, noch irgend eine Form der Regierung haben, mit einem Worte -als Menschen, welche von Menschen ungefähr nichts haben als nur die -Gestalt. Man hat sich gewöhnt, eine Vorstellung von den Wilden zu -entwerfen, welche sie nicht von den Tieren unterscheidet.“[429] - -Diese Beurteilungsweise wilder Völker findet man auch bei +Sade+. Er -rechtfertigt durch die Laster und Grausamkeiten, welche man bei ihnen -findet, diejenigen seiner Zeit. So zählt er alle die Völker auf, -welche sich durch grosse +Schamlosigkeit+ auszeichnen, um dadurch der -von ihm gepredigten Unzucht eine feste Unterlage zu geben. (Juliette -I, 122-28). +James Cook+ hat in der Südsee überall die +Paederastie+ -verbreitet gefunden. Folglich ist dieselbe gut. („Philosophie dans le -Boudoir“ I, 201). Ja, wenn man mit einem Ballon den Mond erreichen -könnte, würde man sie dort ebenfalls finden, da sie allen Menschen im -Naturzustande eigentümlich ist. Die +Grausamkeit der Frauen+ ist in -der ganzen Welt eine und dieselbe. Zingua, Königin von Angola (ein -mit Vorliebe von +Sade+ immer und immer wieder genanntes Scheusal), -die „grausamste aller Frauen“ opferte ihre Geliebten nach dem -Genusse, liess Krieger mit einander kämpfen und gab sich dem Sieger -hin, und liess in einem grossen Mörser alle vor dem dreissigsten -Jahre geschwängerten Frauen zerstampfen. (Phil. dans le Boud. I, -156). Zoë, die Gemahlin eines chinesischen Kaisers, fand das grösste -Vergnügen daran, Verbrecher vor ihren Augen hinrichten zu lassen, und -liess Sklaven opfern, während sie dabei mit ihrem Gatten der Liebe -pflegte. Je grösser die Grausamkeiten waren, um so grösser war ihre -Wollust. Sie erfand jene hohe Erzsäule, in der man den Delinquenten -lebendig röstete (ibidem). Theodora amüsierte sich bei der Castration -von Männern. (Ib. S. 157.) Auch erzählt +Sade+ öfter die bekannte -Geschichte des +Amerigo Vespucci+ (den er freilich nicht nennt), dass -die Frauen von Florida ihren Männern kleine giftige Insekten ans Glied -setzten, die durch ihren Stich dasselbe anschwellen liessen, und neben -heftigem Schmerz und Geschwürsbildung auch eine unersättliche Libido -verursachten. (Phil. dans le Boud. I, 157).[430] So bringt +Sade+ -für alle Laster ethnologische Beispiele in Fülle bei, für Giftmord, -Prostitution, Anthropophagie, sexuelle Entartungen, Malthusianismus, -Atheismus u. s. w. Die Bibel liefert ihm viel Material. Dann kommen -die Lappen, die Afrikaner, die Asiaten, die Türken, die Chinesen, -Angola, die Neger der Pfefferküste. Er kennt alles. Er citiert +Cook’s+ -Reisen, +Paw’s+ „Recherches sur les Indiens, Egyptiens, Arméniens“ -(Anthropophagie), die „Coutumes de tous les peuples“. Er weiss, dass -es in Lappland, in der Tartarei, in Amerika eine „Ehre ist, seine Frau -zu prostituieren“, dass die Illyrier besondere Wollustorgien feiern -in grosser Versammlung, dass der Ehebruch bei den Griechen florierte, -und die Römer sich ihre eignen Frauen unter einander liehen; dass -seine geliebte Zingua ein Gesetz erliess, das die „vulgivaguibilité“ -der Weiber vorschrieb. Sparta, Formosa, Otaheiti, Cambodja, China, -Japan, Pegu, Cucuana, Riogabar, Schottland, die Balearen, die -Massageten liefern ihm eine Menge von überzeugenden Beispielen für die -Richtigkeit seiner Lehren. Aus +Peloutier’s+ berühmter „Geschichte -der Celten“ (Berlin 1754) beweist er, dass das von Roland geübte -„jeu de coupe-corde“, das Hängen aus Wollust, schon von den Celten -geübt wurde (Justine IV, 201) und versteigt sich sogar an dieser -Stelle zu folgendem charakteristischen halb wahren Ausspruch: „Fast -alle Ausschweifungen, die in der ‚Justine‘ beschrieben wurden, waren -früher ein Teil religiöser Ceremonien und wurden von unseren Vorfahren -geübt wie z. B. die Flagellation.“ Für die Geisselung beruft er sich -auch noch auf das seither oft citierte Werk von +Brantôme+, wobei er -ausnahmsweise aufs genaueste die von ihm benutzte Ausgabe angiebt: -Brantôme „Vies des Dames galantes“ Tome I. édition de Londres 1666. -(Juliette II, 133). - -Alle bizarren Ideen, alle merkwürdigen Einfälle berüchtigter erotischer -Scheusale verwertet +Sade+. So erklärt Noirceuil, dass er zweimal an -einem Tage heiraten will, und zwar um 10 Uhr früh als Frau verkleidet -einen Mann, um 12 Uhr als Mann einen Knaben, der als Frau verkleidet -ist. Juliette dagegen will in derselben Kirche zu derselben Zeit als -Mann verkleidet eine Tribade heiraten, die als Frau verkleidet ist -und eine andere Tribade, die als Mann verkleidet ist. So übertrifft -er durch diese vierfache Verbindung +Nero+, der den Tigellinus als -Frau und den Sporus als Mann heiratete. (Juliette VI, 319). Juliette, -die im Nachahmungstalent nicht hinter Noirceuil zurückbleiben will, -macht ein Stückchen der Kaiserin +Theodora+ nach. Sie streut sich -Gerstenkörner auf die Geschlechtsteile und lässt sich dieselben von -Gänsen aufpicken, was ihr eine unendliche Wonne bereitet (Juliette IV, -341). - -Ueberaus häufig citirt +Sade+ den berüchtigten Marschall +Gilles Laval -de Retz+ (+Rais+ -- z. B. Justine II, 171); Philosophie dans le Boudoir -I, 153 -- über den +Bossard+ und +de Maulle+ eine ausgezeichnete -Monographie geliefert haben.[431] Dieser „Ritter Blaubart“, ein Mann -von schöner, eleganter Erscheinung und grosser Gelehrsamkeit, verlässt -im 27. Jahre „den Hof, die bisherige, erfolggekrönte militärische -Laufbahn, verstösst Weib und Kind, verschwindet auf seinem einsamen -Schlosse, treibt unsinnige Verschwendung, ergiebt sich mystischen -Studien, Teufelsbeschwörungen und Aehnlichem, verfällt dann sexuellen -Ausschweifungen, wird Paederast, Kinderräuber, Mörder, Sadist, -Leichenschänder u. s. w.“[432]. Dieses Ungeheuer lockte nach und nach -140 Kinder in sein Schloss, wo sie in scheusslicher Weise ermordet -wurden. Das Opfer wurde niedergeworfen, entweder durch einen Knecht -oder durch +Gilles de Retz+ selber, der Hals abgeschnitten, wobei -+Gilles+ den Anblick des zuckenden Körpers wollüstig genoss. Dann -schnitt er die Extremitäten ab, öffnete Brust oder Bauch und riss die -Eingeweide heraus. Bisweilen setzte er sich auf den Körper des Opfers, -um den Todeskampf zu fühlen, „plus content de jouir des tortures, -des larmes, de l’effroi et du sang que de tout autre plaisir“. Auch -köpfte er den Leichnam, nahm den Kopf in die Hände, betrachtete ihn -mit wollüstigen Blicken und küsste ihn leidenschaftlich.[433] Der -vom Beichtvater des Marschalls aufgezeichneten Beichte entnehmen wir -noch die folgenden Details: „Egidius de Rays, sponte dixit, quamplures -pueros in magno numero, cujus amplius non est certus, cepisse et -capi fecisse, ipsosque pueros occidisse et occidi fecisse, seque cum -ipsis +vicium et peccatum sodomiticum+ commisisse,.. tam ante quam -post mortem ipsorum et in ipsa morte damnabiliter... cum quibus etiam -languentibus vicium sodomiticum committebat et exercebat mode supra -dicto.“ Gilles pflegte oft zu seinen Komplizen zu sagen: „Niemand -auf der Welt versteht oder könnte auch nur verstehen, was ich in -meinem Leben gethan habe. Es giebt Niemanden, der es thun könnte.“ -Mit ähnlichem Stolze sprechen die Helden +Sade’s+ über ihre Unthaten. -Schon +Eulenburg+ hat hervorgehoben, dass der Marquis +de Sade+ nicht -nur dem Marschall +Retz+ an „verschiedenen Stellen von ‚Justine et -Juliette‘ begeisterte Nachrufe widmet“, sondern dass er ihm auch -„würdige Genossen“ giebt, u. a. in jenem Jérôme (Bd. 3 der Justine), -der als Schlossherr in Sicilien durch seine Agentin Clementia überall -Kinder aufgreifen und ankaufen lässt, um sie ganz im Stile des +Gilles -de Rais+ zu Tode zu martern.[434] - -+Das eigene Zeitalter des Marquis de Sade war aber überreich an -einer Fülle ähnlicher Gestalten! Sade+ schildert, wenn er auch auf -ethnologische Vorbilder und Persönlichkeiten einer fernen Vergangenheit -zur Ergänzung des von ihm gezeichneten Sittenbildes zurückgreift, -immer doch noch mehr seine eigene Zeit mit all ihren wilden Trieben, -ihrer Wollust und ihrem Blutdurst. „Wie viele geheime, privilegierte -Verbrecher“, sagt J. +Michelet+, „gab es, die man nicht zu verfolgen -wagte! Die Mächtigen oder die durch Mächtige Geschützten überliessen -sich entsetzlichen Phantasien, die sie oft zum Morde führten“.[435] -+Michelet+ erzählt, dass ein Parlamentsrat ein junges Mädchen grausam -misshandelte und darauf vergewaltigte. Er tötete seinen Kutscher, der -sein Komplize war. Später, als die Sache doch ruchbar wurde, sich -selbst. - -+Sade+ erwähnt sehr häufig den Grafen +Charolais+ (z. B. Philosophie -dans le Boudoir I, 153, II, 131), der „Morde aus Wollust begangen -habe“. Dieser Graf von +Charolais+ (1700-1760) „düsteren Angedenkens“ -verband nach +Moreau+ den empörendsten Cynismus mit einer kaum -fassbaren Wildheit. Er liebte, Blut bei seinen Orgien fliessen zu -sehen und richtete die ihm zugeführten Courtisanen in grausamer Weise -zu. „Inmitten seiner Ausschweifungen mit seinen Maitressen war ihm -nichts angenehmer, als mit seiner Flinte Dachdecker oder Passanten zu -erschiessen“.[436] Das Herabrollen der Leichen vom Dache bereitete ihm -ein unendliches Vergnügen.[437] Auch der Abbé +de Beauffremont+ soll -die Menschen von den Dächern heruntergeschossen haben.[438] +Sade+ hat -ebenfalls diese eigenartige Monomanie in das Register seiner sexuellen -Perversionen aufgenommen. Juliette erschiesst ihren Vater, während sie -sich mit einem anderen Manne geschlechtlich befriedigt, um den Genuss -zu erhöhen (Juliette III, 115). - -Nach +Michelet+ (a. a. O.) liebte dieser +Charolais+ das schöne -Geschlecht nur „im blutigen Zustande“. Sein Vater, der Prinz +von -Condé+, hatte schon ein Vergnügen daran gefunden, Menschen zu -vergiften, so z. B. den Dichter +Santeul+, und hatte auf seine -beiden Söhne, den Herzog von +Bourgogne+ und den Grafen +Charolais+ -diese perversen Neigungen vererbt. Beide bedienten sich als einer -Helfershelferin bei ihren Orgien der Madame +de Prie+. Eines Tages -erschien, wie +Michelet+ erzählt, bei derselben eine Madame +de -Saint-S+., die alsbald von den sauberen Herren Prinzen nackt ausgezogen -wurde, et +Charolais+ la roula dans une serviette. Trotz dieses -Erlebnisses liess sich die Unglückliche noch einmal in das Haus der +de -Prie+ locken und wurde diesmal „wie ein Hühnchen gebraten“. Von ihren -schweren äusseren und inneren Brandwunden erholte sie sich erst nach -mehreren Jahren. Ausdrücklich erwähnt +Michelet+, dass der Herzog von -+Bourgogne+ diese grausame Idee hatte. Sollte dieses Scheusal nicht in -dem Herzog Dendemar in der „Juliette“ geschildert sein, der die nackten -Leiber von vier Freudenmädchen mit brennendem Oel begiesst (Juliette I, -352)? Es ist doch sehr wahrscheinlich. - -Ganz unverkennbar ist dagegen die folgende Uebereinstimmung und -Entlehnung. Die +Goncourts+ erzählen von dem Herzog von +Richelieu+, -dem Helden der berüchtigten Pastillen, dass es ihm ein besonderes -Vergnügen bereitete, die von ihm gequälten Menschen +weinen+ zu -sehen.[439] Bei +Sade+ (Justine I, 14) kommt ein Grosskaufmann Dubourg -vor, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder und -Mädchen weinen zu machen. - -Der berüchtigte Anthropophage +Blaize Ferrage+, genannt Seyé, scheint -ebenfalls dem Marquis +de Sade+ als Vorbild gedient zu haben. Dieser -Mensch „hauste 1779 und 1780 in den französischen Gebirgsabhängen der -Pyrenäen“ tötete Männer, Frauen und besonders junge Mädchen; Männer -ass er nur aus Hunger, hingegen benutzte er die Frauen vor dem Morde -zu sexuellen Genüssen, und es wurde berichtet, dass er besonders an -Kindern seine Wollust auf die brutalste Weise befriedigte. Am 12. -Dezember 1782 zum Tode durch das Rad verurteilt, wurde er, erst 25 -Jahre alt, schon am folgenden Tage hingerichtet.[440] +Sade+ schildert -ebenfalls einen solchen Anthropophagen, der wie +Ferrage+ im +Gebirge+ -sein Wesen treibt. Das ist Minski, der „Eremit der Apenninen“ (Juliette -III, 313). - -+Brunet+ erwähnt noch mehrere sadistische Typen des 18. -Jahrhunderts.[441] Ein vornehmer Pole, Verfasser verschiedener -historischer Werke, der Graf von +Potocki+, soll Missethaten „dans le -genre de ceux du marquis +de Sade+“ begangen haben und infolgedessen -aus seinem Vaterlande verbannt worden sein. In +Lyon+ waren vor -der Revolution die Sitten so verderbt, dass zahlreiche sadistische -Attentate sich ereigneten, und +Michelet+ mit Recht in seiner -„Geschichte der französischen Revolution“ behauptet, dass „nicht ohne -Grund ein nur zu berühmter Schriftsteller mehrere Episoden eines -verabscheuungswürdigen Romans in Lyon sich abspielen lasse“. - -Wir können diese Bemerkung +Brunet’s+ noch durch eine merkwürdige -Stelle bei +Sade+ bekräftigen. Im vierten Bande der „Justine“ entflieht -die Titelheldin nach Lyon, wo sie einen gewissen Saint-Florent -wiedertrifft, der die von ihm deflorierten jungen Mädchen sofort durch -einen Mädchenhändler verkaufen lässt. An dieser Stelle sagt +Sade+ -ausdrücklich, dass +dieser Mädchenhändler von Lyon eine historische -Persönlichkeit sei. Es sei keine Fabel+ (Justine IV, 64-71). - -+Jean Paul Marat+, auf den der Marquis +de Sade+ am 29. September 1793 -eine noch erhaltene emphatische Gedenkrede hielt, dieser ohne Zweifel -Blutdürstigste unter den grossen Revolutionären, wird dem Marquis -manche Ideen, die wir in dessen Romanen finden, eingegeben haben. Er -„geberdete sich wie ein Trunkener, der sich im Blute berauscht hat -und von dem Dunst des vergossenen Blutes zu immer rasenderer Gier -gereizt wird.“ Vor allem riet er in seinem „Ami du peuple“ die grossen -+Massenmorde+ an und forderte immer wieder zu deren Wiederholung -auf.[442] Wir werden die Pläne derartiger Massenmorde mehr als einmal -in den Romanen des Marquis +de Sade+ antreffen. - -Sonderbar ist die Behauptung des oben erwähnten phantasievollen -deutschen Autors, dass „Justine“ und „Juliette“ „eigentlich nichts -als eine Autobiographie des Marquis +de Sade+“ seien, dass Justine -identisch sei mit der Mademoiselle +Aroût+, Juliette mit der Gräfin +de -Bray+.[443] - -Ebenso merkwürdig ist, dass der Geschmack an menschlichen Excrementen, -der in +Sade’s+ Romanen eine so grosse Rolle spielt und der ja auch -heute noch als besonderes psychopathologisches Phaenomen vorkommt, auch -historisch in einer eigentümlichen Weise belegt werden kann. Unter -+Ludwig+ XIV. trug der Intendant +Bullion+ immer eine goldene Dose bei -sich, die, statt mit Tabak, mit menschlichen Faeces gefüllt war![444] -In einer obscönen Schrift „Merdiana, ou Manuel des chieurs“[445] ist -ein Mann dargestellt, wie er „tabak à la rose“ fabriciert. - - -26. Italienische Zustände im 18. Jahrhundert. - -Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis -+de Sade+ mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre -aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der -italienischen Zustände, die +mehr als drei Bände+ der „Juliette“ in -Anspruch nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten -Bandes.) Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er -Italien aus eigener Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III, -290): „Diejenigen, welche mich kennen, wissen, dass ich Italien mit -einer sehr hübschen Frau durchreist habe, dass ich ‚par unique principe -de philosophie lubrique‘, diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem -Papste, der Prinzessin Borghese, dem König und der Königin von Neapel -vorgestellt habe. Sie dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die -‚partie voluptueuse‘ betrifft, exakt ist, dass ich thatsächlich die -wirklichen Sitten der erwähnten Persönlichkeiten geschildert habe. -Wären die Leser Augenzeugen der Szenen gewesen, sie hätten sie auch -nicht aufrichtiger und getreuer beschreiben können. Auch in Betreff -der Reiseschilderungen darf der Leser versichert sein, dass ich mich -der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“ Trotz dieser Versicherung -kommen in +Sade’s+ Erzählung sehr viele Ungeheuerlichkeiten und -Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren Analyse der „Juliette“ -sehen werden. Aber ein +Kern+ von Wahrheit ist auch hier nachweisbar, -bestimmte von +Sade+ geschilderte Verhältnisse sind wieder auffindbar, -so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert einen -kurzen Blick werfen wollen. - -+Italien+ ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen, -raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den -spezifisch +katholischen+ Ländern, an den Stätten der +Askese+ und -des +Coelibats+ gediehen ist. Brauchen wir an +Pietro Aretino+, an -+Papst Alexander+ VI., an +Lucrecia+ und +Cesare Borgia+, an +Giulio -Romano+ und +Augusto+ und +Annibale Carracci+, diese grossen Praktiker -und Künstler der Wollust zu erinnern? Wie unschuldig und naiv muten -uns dagegen die Liebesabenteuer in +Boccaccio’s+ „Decamerone“ an! -Freilich, damals gab es auch noch keine Jesuiten. Die +Renaissance+ und -der +Jesuitismus+ bezeichnen eine neue Epoche in dem Geschlechtsleben -Italiens, die vielleicht die reichsten kulturhistorischen Beziehungen -aller Art aufweist und von uns in einer der folgenden Studien einer -genauen Untersuchung unterzogen werden wird. Hier berühren wir kurz die -Verhältnisse des 18. Jahrhunderts. - -Der Marquis +de Sade+ schildert die Verbreitung der +Prostitution+ in -Italien als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette -besucht, wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die -besonders bei den grossen mit Ausschweifungen verbundenen +Festen+ -in den Häusern des Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im -allgemeinen eines hohen Ansehens erfreuten. +Sade+ berichtet denn -auch häufig über solche Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des -Papstrechtes war ja der Begriff einer „Hure“ sehr weit gefasst. -Nur diejenige könne man eine +wahre Hure+ nennen, die 23000 Mal -- -gesündigt habe![446] +Casanova+ fand die Gärten des Grafen +Friedrich -Borromeo+ auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt mit „einem Schwarm -junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in Turin hielt -bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne -Geschlecht an“. -- Bologna, dessen sittliche Corruption auch von +Sade+ -geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und -tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben -in Venedig, von dem der Marquis +de Sade+ schreckliche Dinge erzählt -(Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten -„die Pest welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber -auch ein Ort in der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss -jeder Art? Wo war die Ehe der Intrigue zugänglicher als in der -Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats die Strenge der Pflicht längst zu -einem lächerlichen Vorurteil gestempelt? Wo waren die Courtisanen -schönere, gebildetere und vollkommenere Priesterinnen Cytherens? -Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die Prostitution der -Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik, erhöht durch -Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der Carneval und -die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden Sommernächten, -so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es ausgesuchtere -Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im Geschmacke -des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern, entzückendere -Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten? Wo konnte -der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich sättigen? -Nach +Venedig+ ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge; -verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue, -kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der -Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole -der raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen -Geschichte und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur -+ein+ bestimmt ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der -Lagunen.“[448] Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig -die Prostituierten des ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren -sogar der einzige erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze -streng verpönten Luxus der Nobili.[449] +Montesquieu+ schreibt: -„In Venedig zwingen die Gesetze die Adeligen zu einer bescheidenen -Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit gewöhnt, dass nur die -Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld auszugeben. Man bedient sich -dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu befördern: die verächtlichsten -Weibespersonen verschwenden dort ohne Gefahr, während ihre Liebhaber -das armseligste Leben von der Welt führen.“[450] +Casanova+ berichtet -interessante Einzelheiten über das Leben und Treiben der Venetianischen -Dirnen um 1750, speziell der berühmten Courtisane Juliette. +Sade+ -erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines alten Prokurators -im Bordell der Durand. Bei +Casanova+ kommen ebenfalls die galanten -Abenteuer des Prokurators +Bragadin+ vor.[451] - -Italien ist das gelobte Land der +Paederastie+, noch heute. Drastisch -sagt der Marquis +de Sade+, in diesem Punkte gewiss ein richtiger -Beobachter: „Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III, -290.) Das ist ein Erbteil aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von -Liebe zu den klassischen Studien und antiker Kunst leidenschaftlich -ergriffen, den Boden Italiens betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt, -wie das Beispiel unseres J. J. +Winckelmann+ beweist. Schon +Dante+ -erwähnt im 15. und 16. Gesange des „Inferno“, die grosse Verbreitung -der Männerliebe in Italien.[452] Papst +Sixtus+ IV. (1471 bis 1484) -huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie und soll seine Ganymede -zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle baten den Papst, in der -heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen, worauf der Papst die -Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf +Sixtus+ IV. fand der folgende -obscöne Vers Anwendung: - - +Roma+ quod inverso delectaretur amore - Nomen ab inverso nomine fecit +Amor+. - -+Sixtus+ war grausam und fand Gefallen am Ansehen blutiger Schauspiele. -Sein angeblicher Neffe +Pietro Riario+, wahrscheinlich aber sein -Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war -ebenfalls Paederast. +Michel Angelo+ soll der Knabenliebe gefröhnt -haben.[453] Der Maler +Giovanni Antonio Razzi+ (1479-1564) bekam wegen -dieser Neigungen den Beinamen +il Sodoma+.[454] Papst +Julius+ III. -(1550-1555) ist ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il -pratiquait l’acte de sodomie avec les jeunes pages attachés à son -service, et loin d’en faire un mystère, il affectait de se laisser -surprendre en flagrant délit par ses collègues.“[455] - -Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung. -Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu -werden. +Casanova+ erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann -auf ihn machte. Ebenso von einem Knaben +Petronius+, der als ein -gewerbsmässiger Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal -+Brancaforte+, einer der grössten Wüstlinge der Welt, der nach -+Casanova+ „nicht aus den Bordellen herauskam“, war der Paederastie -sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Paris -eine junge Paduanerin ihm in der Beichte gestand, dass ihr Mann -sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen hätte, die durch den -Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige Kardinal sein -Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe er ihr die -Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren. Bei -jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist -ungeheuer! -- Es ist monströs! -- Ach, meine Teure, Sie haben eine -abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456] -Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von +Casanova+ mitgeteilt. - -Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie -in keinem anderen Lande. In +Neapel+ „bieten sich abends auf der Via -Toledo junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler -preisen dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche -Ware an.“ +Moll+, der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die -Homosexualität stets etwas mehr hervortrat als in andern Ländern -Europas. J. L. +Casper+ berichtet 1854, dass in Neapel und Sicilien -dem Reisenden am hellen Tage von auf den Strassen lungernden Kupplern -un bellissimo ragazza schamlos angeboten wurde, wenn man ihre Anträge, -Weiber betreffend, zurückwies.[457] - -Dass der italienische +Klerus+ des 18. Jahrhunderts einen grossen -Anteil an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir -wohl nicht weiter anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu -ungeheuerliche Zahl der Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande -verbreitet waren. +Gorani+, dessen mit Recht berühmte Memoiren wir -mit grossem Vergnügen gelesen haben und dessen Glaubwürdigkeit durch -neuere Forschungen noch mehr bekräftigt worden ist, berichtet, dass -das Königreich Neapel ohne Sicilien unter 480000 Einwohnern etwa 60000 -Mönche, 3000 Laienbrüder und 22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von -einer „unglaublichen Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche -crapuleuse“. Seine Sitten seien noch verderbter als die der Mönche -aller übrigen katholischen Länder. „Mord, Schändung und Gift sind -ihnen vertraut.“ +Gorani+ berichtet über verschiedene haarsträubende -Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster seien Schauplätze der -wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich, dass er fast ein -Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen gaben denn -auch in der Liebe den Ton an. Das war seit +Boccaccio’s+ Zeiten nicht -anders geworden. +Casanova+ berichtet darüber aus dem 18. Jahrhundert -allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein +Mönch+ in Chiozza in -ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als -+Casanova+ noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf -der Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären -überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei -zugetraut haben.[459] Das scheussliche Unwesen der +Castraten+ für -geistliche Zwecke ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des -italienischen Klerus. - -+Zoophilie+ und +Sodomie+ waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr -verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis +de Sade lässt+ denn -auch bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn, -eine grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir -aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach -+Metzger+ die Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass -sie sich mit ihren Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal +Bellarmin+ trieb -seit 1624 mit Weibern verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier -schöne Ziegen auf der Streu.“[461] - -Einzelne von +Sade+ erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18. -Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der -„Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von +Francavilla+ -geschildert (S. 326 ff.). Diese Gartenfeste bei den neapolitanischen -Granden sind historisch. +Casanova+ berichtet ebenfalls, dass -+Francavilla+, „ein entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und -Unverschämtheit“, im Jahre 1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden -gab. Er liess seine jungen und schönen Pagen beim Schwimmkampfe im -Wasser „erotische Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen -sehr gut unterhielten“[462]. Der bei +Sade+ (Juliette IV, 156 u. ö.) -erwähnte Kardinal +Bernis+ wird auch von +Casanova+ als sehr unheilig -geschildert. - -+Leopold+ I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain -de France“ (Juliette IV, 36) soll nach +Sade+ ebenfalls ein erotisches -Scheusal gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus -Oesterreich ein Wort mitgeredet. +Casanova+, der ein fesselndes Bild -von dem Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über +Leopold+ aus, -dass er „eine entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber -hegte.“[463] Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des -Papstes +Pius+ VI. und der Königin +Karoline+ von +Neapel+ bei +Sade+. - - -1. Papst Pius VI. - -Dieser Papst war nach +Sade+ (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling, -dem Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller -Zeiten hält (IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV, -285). Nachher muss dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede -halten an deren Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die -„einfachste und legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und -in seinen nunmehr geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht -zurückbleibt (V, 1 ff.). - -War +Pius+ VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht werden. - -+Pius+ VI. (1775-1798), vorher +Giovanni Angelo, Graf Braschi+, war -einer der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem -Aussehen, blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand -mit einer Art von Koketterie und trug vor allem seine schönen -- Beine -zur Schau, indem er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas -aufhob, so dass wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses -Gewicht auf eine schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende -Distichon: - - Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum. - Luxuriante coma, luxuriante pede. - -Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen -gehörig anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal -ein ironischer Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen -mit ungeheuerem Gepränge. Draussen war +Pius+ ein Gott, im Vatican -ein vielfach verspotteter Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so -riefen die Frauen: Quanto è bello, quanto è bello! Und man behauptete, -dass +Pius+ sich dadurch mehr geschmeichelt gefühlt habe als durch -die Huldigung der Kardinäle. Der Kardinal +Bernis+ nannte ihn ein -lebhaftes Kind, das man immer bewachen müsse.[464] Auch +Coletta+ -schildert diesen Papst als einen „bildschönen Mann“, von grosser Liebe -zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er war im Gegensatz zu -seinem Vorgänger +Clemens+ XIV. den Jesuiten zugeneigt.[466] Was sein -Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so begünstigte -er nach +Casanova+ (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt nach -+Gorani+ selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer -natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller -Hinsicht ganz rein und sagt, dass +Pius+ VI. seine Zeit zwischen den -religiösen Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen -Bibliothek teilte.[468] - - -2. +Die Königin Karoline von Neapel.+ - -Die Königin +Karoline+ von +Neapel+ schildert der Marquis +de Sade+ als -vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach -der Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König +Ferdinand+ IV., -zeichnen sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, -die sich in verschiedenen von +Sade+ geschilderten wilden Ausbrüchen -äussert, so z. B. bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem -400 Personen getötet werden. (Juliette VI, 1.)[469] - -Hier hat der Marquis +de Sade+ wirklich durchaus „nach der Natur“ -geschildert. Man darf sagen, dass von +Helfert’s+ Aufsehen erregender -Versuch einer Ehrenrettung der Königin +Karoline+ von +Neapel+[470] -vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der -+Helfert’schen+ Ausführungen durch +Moritz Brosch+ wohl definitiv -dargethan hat.[471] Danach bestehen die von +Gorani, Coletta+ und -vielen anderen dargebotenen Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der -Königin +Karoline+ zu Recht. - -+Coletta+ sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass, -rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust -verblendet wurde“.[472] - -+Gorani+, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779 -bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders -gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto -seiner Memoiren gilt: - - Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes, - Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes. - Je vais le déchirer.... - -+Karoline+ ist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust -einer Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde. -Sie gab sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und -verworfensten Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine -Liaison. Dieses „unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre -Kinder oder machte sie krank. Einmal schrie ihr Gemahl +Ferdinand+ ihr -durch’s Schlüsselloch zu: „Ce n’est point une reine, une épouse, une -mère, que l’Autriche nous a’donnée, c’est une furie, une mégère, une -Messaline qu’elle a vomie dans sa colère et lancée parmi nous“.[473] - -Besonders berüchtigt wurde +Karolinen’s+ Verhältnis zu der berühmten -Lady +Emma Hamilton+, der Geliebten +Nelson’s+. +Coletta’s+ Urteil -über diese tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften -Forschern bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico -passeggio Emma sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali -della casa, la mensa, il bagno +il letto si godevan communi. Emma era -bellezza per tutte le lascivie+“.[474] - -Die von +Sade+ beschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und -Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert -worden. Denn im Jahre 1798 wurde zu Ehren +Nelson’s+ an diesen Stätten -ein solches üppiges Fest veranstaltet. - -Auch der grosse Massenmord, von dem +Sade+ spricht, ist historisch. -Am 18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen -Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele -verwundet wurden. - -Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit -ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. Nach -+Gorani+ soll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis -gesehen haben, wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche -Messalina, wie die Königin +Karoline+. +Nelson+ sagte von Neapel: „Von -den Frauen ist nicht eine tugendhaft, von den Männern ist nicht ein -einziger, der nicht an den Galgen oder auf die Galeere gehörte.“[475] -Ja, nach +Gorani+ muss Neapel lauter Gestalten aus den Romanen des -Marquis +de Sade+ enthalten haben. Der Neapolitaner sei von Natur -böse, überlege sich mit kaltem Blute die Verbrechen, die er begehen -wolle, und füge denselben noch tausend Grausamkeiten hinzu. 30000 -Menschen trieben sich obdachlos umher. Die Zahl der Gefangenen sei -ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre Geliebten durch -Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die öffentlichen -Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die schönsten seien -Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich und unreinlich, -aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse Mund -derselben komme von dem vielen Reden und Gesticulieren, so dass ein -hübscher kleiner Mund eine Rarität sei. - -König +Ferdinand+ IV. von +Neapel+ war nach +Gorani+ ein Lüstling von -grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen -und zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche -Liebesverhältnisse zu unterhalten, während +Acton+ und die Königin -+Karoline+ ohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476] - -Wir sehen, dass auch hier der Marquis +de Sade+ wiederum die -Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke -daher einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem -ersten Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben. - - - - -II. - -Das Leben des Marquis de Sade. - - -Die Vorfahren. - - -1. Petrarca’s Laura. - - Era ’l giorno ch’al sol si scoloraro - Per la pietà del suo Fattore i rai, - Quand’ i’ fui preso, e non me ne guardai, - Che i be’ vostr’ occhi, Donna, mi legaro. - - Es war der Tag, da um des Heilands Wunden - Die Sonne einen Trauerflor getragen, - Als ich in Amor’s Fesseln ward geschlagen, - Von Deinen schönen Augen überwunden. - -Wer kennt sie nicht, die berühmten Verse des berühmtesten Sonettes -von +Francesco Petrarca+, zum Preise der ersten Begegnung mit seiner -+Laura+, der Madonna +Laura+, der Vielgeliebten? Jener +Laura+, der -wir die duftigsten Blüten der Liebespoesie in der schönsten Sprache -der Welt verdanken. Wie kommt sie, diese Himmelserscheinung, dieses -Symbol der zartesten Gefühle in ein Buch über den Marquis +de Sade+? -Jene +Laura+, die Petrarca an dem denkwürdigen Montag der heiligen -Woche des Jahres 1327 (6. April) in der Kirche Santa Chiara zu Avignon -zum ersten Male erblickte, eine Tochter des Syndikus von Avignon, -Ritter +Audibert de Noves+, war die Gemahlin eines +Hugo de Sade+, des -Stammvaters der Familie +de Sade+.[477] So hat ein „grausamer Witz der -Litteraturgeschichte die Objektivation selbstlosester, fast unirdischer -Liebessehnsucht und den litterarischen Hauptvertreter unerhörtester -erotischer Ausschweifung und Verirrung in derselben Familie zu greller -Kontrastwirkung vereinigt.“[478] Am Anfange Himmelglanz, am Ende -Finsternis der Hölle. Voilà, voilà, en effet, de tristes et amères -leçons d’égalité![479] In allen guten und bösen Stunden des Hauses -derer +de Sade+ blieb +Laura+ der Schutzengel derselben und vereint -mit +Petrarca+, dem göttlichen Sänger, Gegenstand einer hingebenden -Verehrung. Sie war nach +Janin+ die „weisse Dame“ des Hauses +de Sade+, -der Ruhm und Stolz desselben. Sehnsüchtig blickten alle Sprösslinge -dieser edlen provençalischen Familie immerdar nach dem stillen und -sonnigen Thal von Vaucluse, einst verherrlicht durch die goldenen -Lieder eines Dichters von Gottes Gnaden. Ihm, +Petrarca+, ewig Ruhm und -Dank! Selbst der Marquis +de Sade+, dem nichts mehr heilig ist, neigt -sich vor ihm, von dem der Glanz seines Hauses ausging, dem „aimable -chanteur de Vaucluse.“ (Juliette IV, 131.) - - -2. Die übrigen Vorfahren. - -+Hugo de Sade+, der Gatte +Laura’s+, der Stammvater der Familie, -genannt „der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen +Paul de Sade+ -Erzbischof von Marseille wurde und der Vertraute der Königin +Jolande+ -von +Aragonien+. Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale -von Marseille. - -+Hugo+ oder +Hugonin de Sade+, der dritte Sohn des ersten +Hugo de -Sade+ und der schönen +Laura+ war der Stammvater der drei Zweige des -Hauses, der von Mazan, Eiguières und Tarascon. - -Sein ältester Sohn +Jean de Sade+ war ein gelehrter Jurist, der -von Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten -Parlaments der Provence ernannt wurde, während sein Bruder +Elzéar -de Sade+, Grosskanzler des Gegenpapstes +Benedikt+ XIII., dem Kaiser -+Sigismund+ so grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in -sein Wappen den kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe -schmückt. - -+Pierre de Sade+, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste -Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen -schlechten Elementen. - -+Jean Baptiste de Sade+, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb -„Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698). -Er starb am 21. Dezember 1707. - -+Joseph de Sade+, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei -Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens, -nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein -und in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde -er hier von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte -belagert. Im Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761. - -+Hippolyte de Sade+, dem +Voltaire+ zu seiner Hochzeit am 12. November -1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben -Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef -(1776) und zeichnete sich in der Seeschlacht bei Onessant (1778) aus. -Er starb vor Cadix im Jahre 1788. - -+Jacques François Paul Alphonse de Sade+, der +Onkel+ unseres Marquis -+de Sade+, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss -deshalb ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren -als der dritte Sohn von +Gaspar François de Sade+ und widmete sich -dem Studium der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von -Toulouse und Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo -er „sehr profane und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame -+de la Popelinière+, der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte. -Er war ein eleganter Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich -„allen frivolen Genüssen des 18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur -rechten Zeit dem „Skepticismus, den wenig verhüllten Grazien, dem guten -Geschmack und Luxus von Paris“ Valet zu sagen und sich in die ländliche -Einsamkeit im Thale von Vaucluse zurückzuziehen, wo er sein Leben -fortan verbrachte, nicht in strenger Askese und unfruchtbarer Reue über -die bewegte Vergangenheit, sondern in dem Cultus, den er dem guten -Genius seines Hauses weihte. Die schöne +Laura+ wurde für +François de -Sade+ der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in Saumane schrieb er jenes -Werk über +Petrarca+ und seine +Laura+, welches noch heute durch die -Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung zahlreicher merkwürdiger -Details aus dem Leben der Beiden jedem Petrarca-Forscher unentbehrlich -ist: die „Mémoires sur la vie de François Pétrarque“ (Amsterdam 1764, -3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche Uebersetzung der Werke des -Dichters heraus, und endlich die nicht minder inhaltreichen und für die -Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen „Remarques sur les premiers -poètes français et les troubadours“. Er starb den 31. Dezember 1778. - -Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis +de Sade+ -sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist -häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des -Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung -des Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in -potenziertem Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität -und zu einem galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch -der Marquis +de Sade+ war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in -der Jugend der Liebe huldigte, so machte der Neffe die +Wollust+ in -Theorie und Praxis zu seiner +Lebensaufgabe+. - -Der +Vater+ des Marquis +de Sade+, der Graf +Jean Baptiste François -Joseph de Sade+ wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische -Laufbahn ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und -1733 nach London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen -durch seine Verheiratung mit +Marie Eléonore de Maillé+, der Nichte -des Kardinals +Richelieu+, Hofdame der Prinzessin +Condé+. Auch der -grosse +Condé+ hatte eine +Maillé+ geheiratet. Der Comte +de Sade+ -wurde 1738 zum Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey -ernannt, kaufte das Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als -Privatmann lebte und eifrig die Abtei Saint-Victor besuchte, die auch -in den Romanen seines Sohnes vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767 -und hinterliess mehrere Manuscripte von Anekdoten, moralischen und -philosophischen Gedanken, sowie eine grosse Korrespondenz über den -Krieg in den Jahren 1741-1746. - -Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis +de Sade+, der sich -als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das -ist +Louis-Marie de Sade+, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er -hatte zu Pathen den Prinzen +Condé+ und die Prinzessin +Conti+, wurde -Offizier, als welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben -rettete, wanderte beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794 -nach Paris zurück, wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb -dann eine auf gründlichen Forschungen beruhende „Histoire de la nation -française“ (Paris 1805) und wurde Mitglied der „Académie celtique“, -trat später wieder ins Heer ein, kämpfte bei Jena, wurde in der -Schlacht bei Friedland verwundet und am 9. Juni 1809 von Briganten in -Otranto ermordet.[482] - - -3. Die Kindheit des Marquis de Sade. - -Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der -merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen -Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause -des grossen +Condé+, wo +Donatien Alphonse François, Marquis+[483] -+de Sade+ geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur -de crime“, wie ihn +Michelet+ und nach ihm +Taine+ genannt haben. -Als 4jähriges Kind kam er zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die -sonnige Provence, einige Jahre darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem -Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und ihm den ersten Unterricht -erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-Grand in der Rue -Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses Unterrichtsinstitut -galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen Schülern die -Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung. Sie mussten -öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen, Disputationen -veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist als auf den -Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der Prügelstrafe -nicht besonders wohl fühlen konnte.[484] - -Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der -Persönlichkeit des Knaben +Sade+, die alle wenig verbürgt sind. Nach -+Uzanne+[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling, -mit zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse +schwarze+ Augen -hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre -des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche -verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche -Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. +Lacroix+ -verleiht ihm eine „zierliche Figur, +blaue+ Augen und blonde, schön -frisierte Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden -Phantasien: „Der junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit, -dass alle Damen, die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war, -stehen blieben, um ihn zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern -verband er eine natürliche Anmut in allen seinen Bewegungen und sein -Organ war so wohlklingend, dass schon seine Stimme allen Frauen ins -Innerste ihres Herzens dringen musste. Sein Vater liess ihn stets nach -der neusten Mode gekleidet einhergehen, und die damalige Rococotracht -hob die glänzende Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor. -Wer weiss, ob der Verfasser der Justine und Juliette unter anderen -Verhältnissen ein solcher Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er -den Damen so sehr aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres -Zeitalters.“[487] - -Richtig ist wohl nur, dass der Marquis +de Sade+ wenigstens als -Jüngling eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein -authentisches Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten -kleinen Werke „Les fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte -Lithographie, die den Marquis +de Sade+ darstellen soll, aber ein -blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere Porträts wurden in Brüssel -zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht ausgeführte, befindet sich -in einem ovalen Rahmen und soll aus der Sammlung des Herrn +de la -Porte+ stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild, stellt den Marquis -von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt die Bezeichnung -„H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn H*** in -Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische Nachbildungen -desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten Auflage des -vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (1900 Nr. -2/3 S. 122) eine sah. - -Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit. - -In welcher geistigen Verfassung der Marquis +de Sade+ das Collège -Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach -jenem deutschen Autor, der das Leben +Sade’s+ mit kühner Phantasie -aus seinen Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester -Kindheit ein Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes -philosophisches System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis. -Neben seinen Schulstudien lag er den schönen Künsten ob; er war ein -tüchtiger Musiker, gewandter Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in -Bildhauerei. Er brachte ganze Tage in den Gemäldegallerien, namentlich -in jenen des Louvre, von Fontainebleau und Versailles zu, wodurch -sein künstlerischer Geschmack immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass -+Sade+ die +Musik+ sehr liebte, bestätigt +Paul Lacroix+[490], und -dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die Beschreibung der -Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.). - -+Janin+ meint, dass +Sade+ schon als ein „Fanatiker des Lasters“ die -Schule verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als +Maximilian de -Robespierre+ in dieselbe eintrat.[491] - - -4. Die Jugendzeit. - -Nach dem Austritt aus dem Gymnasium trat der Marquis +de Sade+ in -das Regiment der Chevaux-Legers ein, wurde dann Unterlieutenant beim -Königsregiment, Lieutenant bei den Carabiniers und zuletzt Capitän -in einem Kavallerieregiment, bei welchem er den siebenjährigen -Krieg in Deutschland mitmachte. Er soll nach +Lacroix+[492] erst im -Jahre 1766 nach Paris zurückgekehrt sein, wo sein Vater, der ihm -„+mehrere Jugendthorheiten+“ zum Vorwurf machte, ihn zu verheiraten -suchte. +Marciat+[493] hat nachgewiesen, dass +Sade+ bereits im Jahre -1763 wieder in Paris war. In der im Mai 1880 in Paris verkauften -Autographensammlung von +Michelet+ aus Bordeaux, befand sich ein Brief -des Marquis +de Sade+, datiert Vincennes den 2. November 1763, in dem -als der Tag seiner Heirat der 17. Mai 1763 angegeben wird. Auch spricht -nach +Marciat+ für dieses Jahr der Umstand, dass der älteste Sohn des -Marquis, +Louis-Marie de Sade+ im Jahre 1783 Lieutenant im Regiment -Soubise wurde. Wenn dieser erst 1767 geboren wäre, so würde er mit 16 -Jahren Lieutenant gewesen sein. Die Rückkehr des Marquis +de Sade+ und -seine Heirat fand also im Jahre 1763 statt. - -Die Geschichte dieser Heirat ist von dem Bibliophilen +Jacob+ nach -den Mitteilungen eines Zeitgenossen, des Herrn +Lefébure+ sehr -ausführlich erzählt worden.[494] +Marciat+ ist geneigt, derselben -vom psychologischen Standpunkte aus einen grossen Wert beizumessen, -da sie die Erklärung für die moralische Entartung (déviation) des -Marquis +de Sade+ liefere. Wir können dem nicht beistimmen. Mag -auch jenes Ereignis, das wir gleich darstellen werden, irgend einen -Einfluss in dieser Beziehung auf +Sade+ ausgeübt haben: seine sittliche -Depravation war schon vorher da. Als er nach Paris zurückkehrte, warf -der Vater ihm bereits einige „Jugendthorheiten“ vor. Niemand hat -bisher daran gedacht, dass der Marquis +de Sade+ den ganzen 7jährigen -Krieg mitgemacht hat und ganz sicher teilnahm an jener „schrecklichen -Entsittlichung, welche durch die Anwesenheit des französischen Heeres“ -in Deutschland gepflanzt und genährt wurde[495] und deren auch -+Casanova+ in seinen Memoiren gedenkt. Der Vater wollte ferner den Sohn -verheiraten, um ihn aus seinem lasterhaften Leben herauszureissen, wie -doch deutlich aus allen Berichten hervorgeht. Wenn +Eulenburg+[496] -meint, dass sich bei +de Sade+ die „krankhafte Veränderung“ im Alter -von 26 Jahren äusserte, so ist das auch nicht ganz zutreffend, da er -schon, wie wir sehen werden, im Jahre 1763, wegen mehrerer „débauches“, -die also nicht so ganz harmlos gewesen sein müssen, ins Gefängnis kam. -Wir dürfen annehmen, dass die Neigung zu sexuellen Ausschweifungen -bei +Sade+ durch das +Kriegsleben+ erweckt worden ist und durch das -tausendfältig gegebene Beispiel gefördert wurde, ohne dass wir nötig -haben, an das plötzliche Auftreten eines krankhaften Geisteszustandes -zu denken. - -Herr von +Montreuil+, Präsident der „Cour des aides“, der durch eine -langjährige Freundschaft mit dem Vater des Marquis +de Sade+ verbunden -war, hatte zwei Töchter im Alter von 20 und 13 Jahren, beide gleich -hübsch und wohl erzogen, aber in Hinsicht auf Charakter und äussere -Figur verschieden. Die Aeltere, eine Brünette mit schwarzem Haar und -dunklen Augen, war eine grosse majestätische Erscheinung, sehr fromm, -ohne „Herzenswärme“ (?). Die Jüngere, eine blauäugige Blondine, trotz -ihrer Jugend schon von gereiftem Aussehen, war sehr intelligent, von -„himmlischer Milde und Anmut“ dabei aber eine leidenschaftliche Natur. - -Es war zwischen den Vätern vereinbart worden, dass der Marquis +de -Sade+ die ältere Tochter heiraten sollte. Ein merkwürdiges Geschick -fügte es, dass dieser bei seinem ersten Besuche im Hause des -Präsidenten +Montreuil+ nur die jüngere Tochter antraf, da die ältere -krank war. Er verliebte sich sofort leidenschaftlich in die erstere, -die den Musikenthusiasten besonders durch ihren schönen Gesang und ihr -wunderbares Harfenspiel für sich einnahm. Als +Sade+ bei einem zweiten -Besuche die ältere Schwester kennen lernte, fühlte er gegen dieselbe -nur Abneigung und erklärte, dass er die jüngere heiraten wolle. Hierzu -verweigerte der Präsident seine Zustimmung, und so liess der Comte +de -Sade+ seinen Sohn wählen zwischen Unterwerfung unter seinen Willen -und einer sofortigen Abreise zur Armee mit der Aussicht auf Enterbung -und Verstossung. So wurde der Marquis, dessen Appell an das Herz der -Mutter der beiden Mädchen nur eine „kalte und heroische Erwiderung“ -fand, gezwungen, die ältere Tochter zu heiraten. Schon damals erwiderte -die Jüngere die Liebe +de Sade’s+ und hatte vergeblich durch Bitten -und Thränen das Herz ihrer Eltern zu erweichen gesucht. +Lacroix+ -legt ausführlich dar, wie +Sade+ nur mit dem Gedanken des sofortigen -Ehebruchs mit der Jüngeren die ihm unsympathische ältere Schwester -geheiratet habe und vielleicht schon damals mit der zweiten Schwester -im Einverständnis war. Frau von +Montreuil+, die vom Anfang an die -Natur ihres Schwiegersohnes durchschaute, brachte ihre jüngere Tochter -in ein Kloster, um einem drohenden Skandal vorzubeugen. - -Es bleibe dahingestellt, ob diese Geschichte die Hauptursache der -Demoralisation des Marquis +de Sade+ gewesen ist, wie +Marciat+ -annimmt. Sicher erklärt sie die +Ehefeindlichkeit+, welche uns in -allen Schriften +Sade’s+ entgegentritt. Dass allerdings seine Frau, -der +Lacroix+ die Wärme des Herzens fehlen lässt, ihm dazu keinerlei -Veranlassung gab, haben die soeben von +Paul Ginisty+ veröffentlichten -„Lettres inédites de la Marquise de Sade“ gezeigt, die für die -Geschichte dieser Ehe und für das Verständnis des Charakters des -Marquis +de Sade+ sehr lehrreich sind.[497] Sie offenbart sich -in diesen Briefen als eine selbstlose, treue, ihrem Gatten mit -leidenschaftlicher Liebe zugethane Seele, die selbst dann nicht -aufhört mit heisser Sehnsucht an ihn zu denken, für ihn zu sorgen und -zu beten, wenn er -- wie dies gewöhnlich geschah -- diese Liebe mit -rohen, unedlen Worten und gemeinen Verdächtigungen erwiderte. Diese -Frau, die Zeugin des lasterhaften Lebens ihres Gatten, der dadurch -hervorgerufenen grossen Skandale, hörte niemals auf, ihn zärtlich zu -lieben, war ihm bei der Flucht aus dem Gefängnisse behilflich und -erwies ihm in seinem Gefängnisleben tausend Dienste, die nur eine -hingebende Liebe erweisen kann. Das deutet wirklich darauf hin, dass -der Marquis +de Sade+ etwas von dem an sich hatte, was er selbst als -die „Wonne des Lasters“ bezeichnet und was alle Frauen unwiderstehlich -anzog. Wie er selbst diese Liebe lohnte, hat +Ginisty+ ausführlich -dargestellt. Wir teilen nur eine Probe mit. Einmal schreibt ihm seine -Frau: „Du musst die Welt besser kennen als ich. Thue, was Du willst. -Ich will nur das Hörrohr für Deine Befehle sein. Du weisst, dass Du -auf mich als Deine beste und zärtlichste Freundin rechnen kannst.“ -+Sade+ schrieb an den Rand dieses Briefes: „Kann man so unverschämt -lügen?“[498] - -Bei dem Verhältnisse zwischen den beiden Ehegatten darf es nicht -Wunder nehmen, dass der Marquis +de Sade+, nachdem er vergeblich den -Aufenthaltsort des jüngeren Fräulein von +Montreuil+ zu erkunden -gesucht hatte, sich nach +Lacroix+[499] schon im ersten Jahre seiner -Ehe in den Strudel wilder Ausschweifungen stürzte, seine Gesundheit -und seine Reichtümer mit Hilfe der berüchtigsten Roués seiner Zeit -vergeudete, und die „Koryphäe der parfümierten Orgien“ des Herzogs -von +Fronsac+ und des Prinzen +Lamballe+ wurde, aber es auch nicht -verschmähte, sich mit Lakaien zu widerlichen Saturnalien zu vereinigen. -Eingeweiht in die „Geheimnisse der petites maisons und der Bordelle“ -suchte er seine Gefährten in dem Ersinnen neuer raffinierter Lüste -zu übertreffen. Das war jene Zeit, in welcher ein deutscher Autor -den Marquis +de Sade+ zum Arrangeur der Orgien des Hirschparks -macht,[500] was historisch nicht festgestellt, aber glaubwürdig sein -kann. Schon wenige Monate nach seiner Heirat wurde +Sade+, der erst -23 Jahre zählte, in Vincennes eingekerkert, weil er in einer „petite -maison“ grosse Excesse begangen hatte. Hier benahm er sich sehr -zurückhaltend und ruhig und fügte sich ohne Murren in die Tagesordnung -des Gefängnisses, bat nur, ihm seinen Kammerdiener zu lassen und -bisweilen den Genuss frischer Luft zu vergönnen. In einem Briefe vom -2. November bittet er, dass man seiner Frau von seiner Verhaftung -Nachricht gebe, aber den Grund derselben verschweige, und wünscht einen -Priester zu sehen. Er schliesst mit den Worten: „So unglücklich ich -bin, beklage ich mich nicht über mein Schicksal; denn ich verdiene die -göttliche Strafe; meine Fehler bereuen, meine Irrtümer verabscheuen, -soll meine einzige Beschäftigung sein.“[501] +Schon damals muss er -ein obscönes Buch geschrieben haben.+ Denn in diesem Briefe spricht -er von dem Datum des „unglückseligen Buches“, das erst aus dem Juni -stamme, während er sich am 17. Mai verheiratet habe. Auch habe er erst -im Juni jenes genannte Haus aufgesucht. Darauf habe er sich drei -Monate auf dem Lande aufgehalten und sei acht Tage nach seiner Rückkehr -verhaftet worden. Welche seiner +Schriften de Sade+ hier im Auge hat, -ist vorläufig noch nicht festzustellen. Wenn +Cabanès+ (a. a. O. Seite -262) meint, dass die „Justine“ gemeint sei, so ist das eben mit dem bis -heute vorliegenden litterarischen und archivalischen Material nicht zu -beweisen. Indessen geht doch aus dem vorliegenden wichtigen Briefe mit -aller Sicherheit hervor, dass +Sade+ frühzeitig, schon mit 23 Jahren, -anfing, pornographische Schriften zu verfassen. - -Vielleicht hat +Marciat+ Recht mit der Annahme, dass dieser an den -Gouverneur des Gefängnisses gerichtete Brief von einer heuchlerischen -Gesinnung eingegeben worden sei, vielleicht aber auch liegt hier -eine der bei sexuell ausschweifenden Menschen so häufig vorkommenden -religiösen Anwandlungen vor. Es hat sich noch ein kleines Billet -an den Gefängnispriester +Griffet+ vom 4. November 1763 erhalten -(veröffentlicht im „Amateur d’Autographes“ 1866 und bei +Cabanès+). Es -heisst in demselben: „Wir haben einen neuen Gefangenen in Vincennes, -welcher einen Beichtvater zu sprechen wünscht und sicherlich Ihre -Dienste nöthig hat, obgleich er nicht krank ist. Es ist der Marquis +de -Sade+, ein junger Mann von 22 Jahren. Ich bitte Sie, ihn sobald wie -möglich zu besuchen, und wenn Sie mit ihm gesprochen haben, so werden -Sie mir einen Gefallen thun, wenn Sie bei mir vorsprechen.“[502] - - -5. Das Gefängnisleben des Mannes. - -Aehnlich einem neueren französischen Dichter, +Paul Verlaine+, hat -der Marquis +de Sade+, nachdem er ins Mannesalter eingetreten war, -einen grosses Teil seines Lebens in Gefängnissen zugebracht.[503] -Wenn man den letzten Aufenthalt in Charenton hinzurechnet, hat er im -ganzen 27 +Jahre+ in 11 Gefängnissen verbracht: von diesen 27 Jahren -fallen 14 Jahre in sein Mannes-, 13 Jahre in sein Greisenalter. In der -Einsamkeit des Kerkers verarbeitete er den Stoff zu seinen Werken, was -bei deren späterer Beurteilung berücksichtigt werden muss. Das ganze -Mannesalter des Marquis +de Sade+ können wir als ein Gefängnisleben mit -Unterbrechungen bezeichnen, das reich ist an dramatischen Vorgängen, -die seinen Namen schnell berühmt machten, wenn auch dieser Ruhm -ein sehr trauriger war. Gleich die Veranlassung zu seiner zweiten -Einkerkerung war ein von den Zeitgenossen vielfach besprochener -Vorgang. Es war - - -1. Die Affäre Keller (3. April 1768). - -Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die wichtigste -ist die der Madame +du Deffand+ in einem nur +10 Tage+ nach dem -Ereignis geschriebenen Briefe an +Horace Walpole+, den englischen -Dichter und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben -Sie eine tragische und sehr sonderbare Geschichte! -- Ein gewisser -Comte de Sade, Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am -Osterdienstag einer grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die -ihn um ein Almosen bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel -Interesse, schlug ihr vor, sie aus ihrem Elend zu befreien und zur -Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in der Nähe von Paris zu machen. Die -Frau nahm dies an, wurde auf den folgenden Tag hinbestellt. Als sie -erschien, zeigte ihr der Marquis alle Zimmer und Winkel des Hauses und -führte sie zuletzt in eine Dachkammer, wo er sich mit ihr einschloss -und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden. Sie warf sich ihm zu -Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine anständige Frau sei. -Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche zog, und -befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die -Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit -Blut bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor, -bestrich die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob -er ihr zu trinken und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am -folgenden Morgen wieder, untersuchte ihre Wunden und sah, dass die -Salbe die erwartete Wirkung gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer -und machte ihr am ganzen Körper Einschnitte damit, bestrich wiederum -mit der Salbe die blutenden Stellen und ging fort. Es gelang der -Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und sich durchs Fenster auf die -Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich beim Hinunterspringen -verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der Polizeileutnant -wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn +de Sade+. -Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man weiss -nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser -Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den -Leuten von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser -abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit -der Salbe festzustellen. -- Das ist die Tragödie, die Sie etwas -unterhalten mag.“ Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame +Du -Deffand+: „Seit gestern kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des -Herrn +de Sade+. Das Dorf, in dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet, -ist Arcueil. Er peitschte und zerschnitt die Unglückliche am +selben+ -Tage und goss ihr „Balsam“ auf die Wunden und Striemen. Dann band er -ihr die Hände los, hüllte sie ein und legte sie in ein gutes Bett. Kaum -war sie allein, so bediente sie sich ihrer Arme und ihrer Decken, um -sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von Arcueil riet ihr, ihre -Klagen beim Generalprokurator und dem Polizeilieutenant vorzubringen. -Letzterer liess +Sade+ verhaften, der sich mit grosser Frechheit seines -Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte, da er dem Publikum -die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe, die auf der Stelle -alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung des Attentäters -Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer Geldsumme an sie. -So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen Bericht müssen wir, -weil er unmittelbar nach dem Ereignis niedergeschrieben wurde und die -Marquise +Du Deffand+, wie der zweite Brief beweist, genau informiert -war, als den +glaubwürdigsten+ bezeichnen. Die anderen Erzählungen -dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr von einander ab, dass -+Marciat+ mit Recht daraus schliesst, dass das eigentliche Attentat -auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt wird. -- +Jules -Janin+[505] erzählt, dass der Marquis +de Sade+ in Arcueil eine in -einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite -maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit -doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée), -so dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend, -den 3. April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei -gemeine Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich -zu dem nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau, -+Rosa Keller+, Witwe eines gewissen +Valentin+ begegnet, die wohl als -Prostituierte ihr Brot suchte. +Sade+ redete sie an, versprach ihr ein -Souper und ein Nachtlager, that sehr sanft und zärtlich, so dass sie -mit ihm in einen Fiaker stieg und nach Arcueil fuhr. Der Marquis führte -sie in den zweiten Stock seines abgelegenen, spärlich erleuchteten -Hauses, wo die beiden mit Blumen bekränzten Dirnen halbtrunken an -reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde sie geknebelt, vollständig -entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut gepeitscht, bis die -Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“, worauf die Orgie mit -den beiden Freudenmädchen begann. -- Dann folgt die Schilderung der -Flucht der +Keller+, des Auflaufs, der Verhaftung der Uebelthäter, -welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“ auffand. - -Diese Darstellung giebt auch +Eulenburg+[506] und findet darin jene -„eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die -freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck -‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme -grausamer Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich -als präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu -dienen bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem -Anschein nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in -„Stimmung“ zu bringen“. - -+Lacroix+ berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass -die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame -Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern -wagte, welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne -zu erröten, zu der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“. -Später, im Jahre 1845, fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem -Messer Einschnitte in die Haut machte und die Hautlappen mit spanischem -Wachs wieder zusammenklebte.[508] - -+Rétif de la Bretonne+, der den Marquis +de Sade+ seit 1768 kannte, -giebt in den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine -ganz andere Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“ -Nachdem der Marquis +de Sade+ die +Keller+ auf der Place des Victoires -getroffen hatte, führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in -einen „Anatomiesaal“ eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen -versammelt war, um der Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will -diese Unglückliche auf der Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem -Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll uns daher dazu dienen, in die -Geheimnisse der menschlichen Structur einzudringen“. Man band sie auf -dem Sectionstische fest; der Marquis als Prosector untersuchte alle -Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter Stimme die Resultate -vorher, welche die Section ergeben würde. Als die Frau laut schrie, -zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der Section die -Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein Gelassenen, -sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu entfliehen. -Draussen erzählte sie, dass in dem Saale drei Leichen gelegen hätten, -eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in einem -grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch. - -Nach dieser Erzählung scheint +Rosa Keller+ das Opfer einer indecenten -und abscheulichen Mystification geworden zu sein. +Cabanès+ hat von -Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten -in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre -die Dinge sich viel einfacher abgespielt hätten. +Rosa Keller+ sei, -erschreckt durch den Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne -weiteres in adamitischem Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf -der Strasse von Polizisten zur nächsten Wache gebracht worden.[509] - -Endlich existiert noch eine Erzählung von +Brierre de Boismont+[510], -die +Marciat+ auf die Affäre +Keller+ bezieht, die wir aber für einen -besonderen Fall halten. +Brierre de Boismont+ erfuhr den Inhalt dieser -Geschichte von einem Freunde, +der den Marquis de Sade persönlich -gekannt hatte+ und von diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über -galante Abenteuer „seine Augen blutig unterliefen und einen finsteren -und grausamen Ausdruck angenommen hätten“. - -Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor -der Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris -aus dem Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen. -Sie drangen durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer -Kammer eine splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem -Tische festgebunden. Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten -an den Armen; die Brüste waren leicht aufgeschnitten und entleerten -Flüssigkeit. Die Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen -gemacht hatte, waren „in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche -von der grossen Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch -den berüchtigten Marquis +de Sade+ in dieses Haus gelockt worden -sei. Nach beendigtem Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen, -entkleiden und auf dem Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr -die Adern mit einer Lancette und brachte ihr zahlreiche Incisionen am -Körper bei. Darauf zogen sich alle Uebrigen zurück, und der Marquis -befriedigte an ihr seine geschlechtliche Lust. Er wollte ihr, wie -er sagte, nichts übles anthun; aber als sie unaufhörlich schrie, -erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511] Nach +Brierre de -Boismont+ wurde diese Affäre unterdrückt, nachdem die Betreffende eine -Geldentschädigung bekommen hatte. - -Auch die Affäre +Keller+ verlief für den Marquis +de Sade+ sehr -glimpflich. Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in -der Feste Pierre-Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen -freigelassen, nachdem +Rosa Keller+ ein Schmerzensgeld von 100 -Louisdors bekommen hatte. - -Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären -der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten -von allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen -perversen Neigungen freien Lauf. Herr von +Montreuil+ erwirkte -schliesslich eine polizeiliche Verbannung des Marquis +de Sade+ auf -sein Schloss La Coste in der Provence, wo er an der Seite einer -Schauspielerin (wahrscheinlich der +Beauvoisin+ vom Théâtre-Français) -den dort ansässigen Adel mit seinen Lastern bekannt machte. Seine -Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, auf das Schloss Saumane -zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging die Unklugheit, ihm -die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen Schwester -anzukündigen. +Sade+, den die Begierde nach dem Besitze dieser -Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau -Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der -Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und -dass alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen -seien. Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde, -und erriet aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er -Erhörung finden werde. So fasste er nach +Lacroix+ den Plan, eine -besondere Missethat zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord -vorzuspiegeln, und sie dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512] -Die Ausführung dieses Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als - - -2. Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie). - -+Bachaumont’s+ geheime Memoiren bringen unter dem 25. Juli 1772 den -folgenden Bericht: „Man schreibt aus Marseille, dass der Graf +de -Sade+, der im Jahre 1768 soviel Aufsehen durch seine Verbrechen an -einer Dirne machte, an der er angeblich ein neues örtliches Heilmittel -erproben wollte, soeben hier ein zuerst amüsantes, später aber durch -seine Folgen schreckliches Schauspiel veranstaltet hat. Er gab einen -Ball, zu dem er viele Leute eingeladen hatte, und beim Dessert -verteilte er sehr schöne Chocoladepastillen, von denen viele Leute -assen. Denselben waren gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man -kennt die Wirkung dieses Mittels. Alle, die davon gegessen hatten, -wurden von einer schamlosen Brunst ergriffen und begingen die tollsten -Liebesexcesse. Das Fest artete zu einer wilden altrömischen Orgie aus. -Die keuschesten Frauen konnten der Mutterwut nicht widerstehen, welche -sie verzehrte. Der Marquis +de Sade+ missbrauchte seine Schwägerin, -mit der er dann entfloh, um der ihm drohenden Todesstrafe zu entgehen. -Mehrere Personen starben an den Folgen der Exzesse, andere sind noch -sehr krank.“[513] - -Diese Darstellung ist offenbar übertrieben. Nach +Lacroix+,[514] der -die Mitteilung von einem glaubwürdigen Augenzeugen hat, begab sich -der Marquis +de Sade+ mit seinem Diener nach Marseille. Er hatte -sich mit Cantharidenbonbons versehen, die er in einem öffentlichen -Hause verteilte. Eine Dirne sprang aus dem Fenster und verletzte -sich tötlich. Die anderen gaben sich halbnackt den infamsten -Ausschweifungen hin, selbst vor dem alsbald in Menge herbeieilenden -Volke. Zwei Mädchen starben an den Folgen der Vergiftung und der -im Tumult erlittenen Verletzungen. +Sade+ liess sich von einem -Parlamentsrat einen Brief mit der Ankündigung des ihm bevorstehenden -Urteils schicken, zeigte diesen Brief seiner Schwägerin, nannte sich -ein Ungeheuer und drohte, sich zu töten. Fräulein von +Montreuil+ -beschwor ihn, zu fliehen, und er bewog sie, ihn zu begleiten. So fuhren -sie nach einer Stunde davon. - -Nach der „Biographie universelle“ ist auch diese Erzählung unrichtig, -da überhaupt Niemand gestorben sei, sondern einige Personen nur „leicht -belästigt“ wurden. - -+Rétif de la Bretonne+ verlegt den Ort der Handlung nach Paris in den -Faubourg Saint-Honoré. Hier sind es Bauern und Bäuerinnen, welche die -verhängnisvollen Bonbons essen. Wichtig ist, dass +Rétif+, der stets -einen glühenden Hass gegen den Marquis +de Sade+ gehegt hat, +Niemanden -an den Folgen dieser Orgie sterben lässt+.[515] - -Danach ist mit Sicherheit anzunehmen, dass dieser Skandal nicht zu -Todesfällen geführt hat. Marseille sah auch gewiss öfter derartige -Scenen, da das extravagante Leben in dieser Stadt unter dem ancien -régime öfter hervorgehoben wird.[516] - -Vor einigen Monaten hat Dr. +Cabanès+ in seiner Studie über den -Marquis +de Sade+ ein neues, hochwichtiges Dokument über die Marseiller -Affäre ans Licht gezogen. Es ist ein in dem Archiv der Auswärtigen -Angelegenheiten aufbewahrtes Mémoire, welches den Titel trägt: -„+Darstellung der Thatsachen und kurzer Bericht über den Process, gegen -welchen der Marquis de Sade und seine Familie Einspruch erheben.+“ -Nach diesem Bericht weilte der Marquis +de Sade+ im Juni 1772 mit -seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern auf seinem Gute in der -Provence und unternahm Ende des Monats eine Reise nach Marseille, um -dort von Paris angekommenes Gepäck in Empfang zu nehmen. Er besuchte -während seines Aufenthaltes am 21. Juni 1772 mehrere öffentliche -Mädchen und kehrte darauf in vollster Seelenruhe auf sein Gut zurück, -ohne zu ahnen, dass man eine strafrechtliche Verfolgung gegen ihn -einleitete. Drei Tage nach seiner Abreise wurde er vor dem Landgerichte -in Marseille als des versuchten Giftmordes verdächtig angeklagt. Das -Dienstmädchen einer Prostituierten, zugleich Teilnehmerin an deren -Ausschweifungen, sagte aus, dass ihre Herrin seit einigen Tagen von -heftigen inneren Schmerzen und Erbrechen heimgesucht würde, welcher -Zustand nach dem Genuss einiger ihr von einem fremden Besucher -angebotenen Pastillen eingetreten sei. Der Richter begab sich in die -Wohnung der Dirne. Ein zweites Freudenmädchen berichtete, dass ein -Mann, +von dem man ihr gesagt habe+, dass es der Marquis +de Sade+ sei, -sie besucht habe und ihr gleich den übrigen im Zimmer versammelten -Mädchen verzuckerten Anis angeboten habe. Eine von ihnen habe nicht -davon gegessen. Die übrigen seien davon „belästigt“ worden. Man fand -bei gerichtlicher Haussuchung in dem erwähnten Zimmer noch zwei solche -Anis-Bonbons, deren chemische Untersuchung durch zwei Gerichtschemiker -die +Abwesenheit+ jeder Art von Gift oder reizender Substanz ergab. -Im Verlaufe der weiteren Untersuchung beschuldigte eine von den -Prostituierten, welche alle in demselben Zimmer gewesen waren, den -Marquis und seinen Bedienten eines widernatürlichen Verbrechens. Alle -diese Zeugenaussagen wurden während der Abwesenheit des Angeklagten -entgegengenommen. Die Familie desselben führt in dem Mémoire Klage -darüber, dass in diesem Prozesse so viele offenbare Verletzungen des -Rechts vorgekommen seien, weist auf das Gutachten der Chemiker hin, -sowie auf die Unschuldserklärung, welche zwei der angeblich vergifteten -Mädchen dem Marquis in einer Aussage vom 8. August 1772 hätten zu Teil -werden lassen. Trotzdem habe sowohl der Gerichtshof in Marseille, -wie derjenige in Aix in gesetzwidrig beschleunigtem Verfahren den -Marquis zu einer so schweren und schimpflichen Strafe verurteilt, nur -infolge der Aussage von Prostituierten, einer Menschenklasse, deren -Lügenhaftigkeit so bekannt sei. Gegen diese Rechtsverletzung erhebe -die Familie energischen Protest. (+Cabanès+ a. a. O. S. 266-272.) -Jedenfalls besitzen wir in diesem wichtigen Dokumente die ersten -authentischen Nachrichten über die geheimnisvolle Bonbons-Affäre, deren -Harmlosigkeit dadurch wohl aufs evidenteste bewiesen wird. Auch die -übrigen Aussagen der Prostituierten müssen mit der grössten Vorsicht -aufgenommen werden. So bleibt das einzig wirklich Thatsächliche in der -so berühmten Affäre +der Besuch eines oder mehrerer Marseiller Bordelle -durch den Marquis de Sade und die Verteilung unschuldiger Bonbons an -die Freudenmädchen+. - -Der Marquis +de Sade+ wurde vom Parlament in Aix am 11. September -1772, ebenso wie sein Kammerdiener, wegen Sodomie und Vergiftung -in contumaciam zum Tode verurteilt. Die Härte dieses Urteils wird -auf den Kanzler +Maupeou+ zurückgeführt, der ein Exempel statuieren -wollte.[517] Uebrigens wurde dasselbe nach sechs Jahren, am 30. Juni -1778, aufgehoben und der Marquis nur zu einer Geldstrafe von 50 Francs -verurteilt, oder sogar nach der „Biographie des Contemporains“ zu einer -Ermahnung durch den ersten Präsidenten des Gerichtshofes. - -Er war inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien geflohen, wo -er mit ihr ein stilles und züchtiges Leben führte, bis sie ihm nach -kurzer, heftiger Krankheit durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde, -und er nach dem Hinscheiden seines guten Engels wieder in die alten -Ausschweifungen zurückfiel.[518] Er wurde dann in Piemont verhaftet und -am 8. Dezember 1772 im Fort Miolans festgesetzt. Seine Familie wandte -sich durch Vermittelung des Grafen +Marmora+, Gesandter des Königs -von Sardinien in Paris, an den Grafen +de la Tour+, Generalkommandant -von Savoyen, und liess ihn bitten, den Namen des Gefangenen geheim -zu halten, ihn als Graf +de Mazan+ zu bezeichnen, ihm seine Effekten -zu lassen, da ein so +lebhafter Geist+ nicht ohne Beschäftigung -existieren könne. Nur seine Papiere, Manuscripte und Briefe möge -man seiner Familie zustellen. Man entsprach diesen Wünschen. +de la -Tour+ berichtet, dass +Sade+ zwei Zimmer bekam, welche von einem -Tapezierer aus Chambéry vortrefflich möbliert worden waren. +de -Sade+ hatte durch ein Schriftstück vom 9. Dezember 1772 versprochen, -keinen Fluchtversuch zu machen. Am 8. Januar 1773 erkrankte er, man -liess eines Arzt rufen, seine Gattin beschwor in zahlreichen Briefen -den Festungskommandanten +de Launay+, ihrem Gatten doch alle mögliche -Pflege angedeihen zu lassen, und bereitete damals schon die Flucht -des Marquis vor, sodass +Marmora+ in einem Briefe vom 1. März 1773 -+de la Tour+ bitten musste, für strengere Bewachung +de Sade’s+ Sorge -zu tragen und seine Frau von ihm fernzuhalten. Trotzdem gelang es dem -Marquis, die Wachsamkeit +de Launay’s+ einzuschläfern, der über die -angebliche Reue und Harmlosigkeit desselben an +de la Tour+ in mehreren -Briefen berichtet, und so wurde es der Marquise leicht, mit Hülfe von -15 entschlossenen Männern in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1773 die -Flucht ihres Gatten zu bewerkstelligen. Der bekannte +de Sougy+ („Baron -+de l’Allée+“) war sein Fluchtgenosse. Sie gingen nach Genf, von dort -nach Italien.[519] +de Sade+ liess dem Gouverneur, Herrn +de Launay+, -einen ironischen Brief zurück, traf in Italien seine Frau, deren -Gesellschaft er indessen bald mit der einer Maitresse vertauschte. -+Letztere+, nicht seine Schwägerin, wie +Eulenburg+ annimmt[520], ist -das Vorbild der Juliette. Im Jahre 1777 kehrte er nach Frankreich -zurück[521], wo seine Frau und Schwiegermutter sich bemühten, seine -Rehabilitation durchzusetzen, wie aus den unter No. 1741 und 1472 im -auswärtigen Archiv aufbewahrten und von +Cabanès+ veröffentlichten -Gesuchen hervorgeht (+Cabanès+ a. a. O. S. 282 bis 284). Doch war dies -vergeblich. - - -3. Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille. - -Nach kurzem Aufenthalt in der Provence, wo er wieder ein wüstes Leben -führte, wurde +Sade+ verhaftet, nach Paris geführt und im Hauptturm -der Festung Vincennes eingekerkert. In einem Briefe an den Gouverneur -von Vincennes fleht er diesen an, ihm das Wiedersehen mit seiner -Frau zu gestatten.[522] Jedenfalls setzte er sich wieder mit ihr in -Verbindung, wie aus der von +Ginisty+ mitgeteilten Korrespondenz -hervorgeht[523], und es gelang ihren Bemühungen, eine Revision des -Urteils durchzusetzen. +Sade+ wurde nach Aix gebracht, wo ihn der -Advokat +Siméon+ glänzend verteidigte und unter dem 30. Juni 1778 -die Annullirung des Urteils erwirkte. Aber durch den Einfluss der -Präsidentin +Montreuil+, die mit Recht +Sade’s+ Freiheit mehr fürchtete -als seine Gefangenschaft, wurde der Beschluss rückgängig gemacht -und er nach Vincennes überführt. Den Transport leitete der uns wohl -bekannte Polizeiinspektor +Marais+. Es gelang dem Marquis, bei einem -Aufenthalt in Lambesc, am 5. Juli 1778, wieder mit Hülfe seiner Frau -zu entfliehen. +Ginisty+ teilt den interessanten Polizeibericht über -diese sehr romantische Flucht ausführlich mit.[524] Er wurde aber -bald darauf (7. September) von +Marais+ auf seinem Schlosse Lacoste -entdeckt und diesmal ohne Zwischenfall nach Vincennes zurückgebracht, -von wo er im Jahre 1784 in die Bastille überführt wurde. Am Vorabend -des 14. Juli 1789 nach Charenton gebracht, soll er nach +Lacroix+ am -Tage der Erstürmung der Bastille, und der wohl richtigeren Angabe der -„Biographie universelle“ aber erst am 29. März 1790 durch Dekret der -constituierenden Versammlung befreit worden sein. - -Von 1777 bis 1790, in der Blüte des Mannesalters, sass also der Marquis -+de Sade+ im Gefängnis. Es ist kein Zweifel, dass hier die ersten -Entwürfe zu seinen berüchtigten Werken entstanden, und es dürfte daher -eine etwas eingehendere Schilderung jener Zeit von Nutzen sein. - -In Vincennes wurde er während der ersten Jahre in eine feuchte, kalte -Kammer eingesperrt, die keinerlei Möbel enthielt ausser einem Bette, -das er selbst in Ordnung zu bringen hatte. Sein Essen bekam er durch -ein Guckloch. Schreibzeug und Bücher wurden ihm vorenthalten. Dies -empfand er besonders schmerzlich, wie drei kleine auf der Auktion -+Fossé d’Arcosse+ im Jahre 1861 unter No. 1003 verkaufte Autographen -beweisen, wo er einmal sagt: „sans air, ni lettre, ni encre, ni quoi -que ce soit au monde“, ein anderes Mal: „une heure de promenade et -permission d’écrire, une seule fois par semaine.“[525] - -Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte -ihm Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge, -sogar Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis, -ihn zu besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale. -Man musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres -Gatten schützen. Am 25. September 1782 untersagte infolgedessen der -Polizeileutnant +Le Noir+ diese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte -sie den persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen -waren stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die -Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527] -+Sade+ heuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin -wieder mit ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen -zu überschütten. - -+Marciat+ findet in dem Leben des Marquis +de Sade+ vor seiner -Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau, -eine unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf -einen solchen Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an -Intelligenz überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38. -bis zum 51. Lebensjahre, +die ihm jede Befriedigung seines heftigen -Geschlechtstriebes unmöglich machte+, eine schwere psychische -Schädigung ausüben müsse. Dafür spricht auch die +krankhaft gesteigerte -Reizbarkeit+, das unendliche Misstrauen, welches sich in den von -+Ginisty+ veröffentlichten Briefen an seine Gattin ausspricht. -Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau die unflätigsten -Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen der Gattin -sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche bei -Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss der +Gefangenschaft+ -als eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“ -schildert +Schüle+ in ausgezeichneter Weise.[528] „Ungleich rascher, -als unter den Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch -die Schändlichkeiten der Einzelhaft der Uebergang in geistige -Schwäche.“ In der Einsamkeit der Zelle konnte die Phantasie +Sade’s+ -sich ungezügelt in Bildern der Wollust und Grausamkeit ergehen. -Ersatz für die ihm mit einem Male für lange Jahre abgeschnittene -reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes konnte er nur in -ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden Phantasien finden. -Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern bekam, suchte er -nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie universelle“ in der -Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und Vorbilder für seine -lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von zahllosen -Manuscripten niederlegte. Auch diese +Graphomanie+ scheint uns das -Bild einer gewissen +geistigen Schwäche+, die in dieser Zeit sich -bei +Sade+ ausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der -sehr fruchtbare Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen -lernen werden. Er las unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt -gehörig zu verdauen; er lernte aus ihnen nur ein oberflächliches -Raisonnement, während zahlreiche einzelne Beobachtungen einen mehr als -gewöhnlichen Scharfblick erkennen lassen. Er war wie so viele sexuell -sehr veranlagte Naturen gross in der +Analyse+ aller Dinge, die mit -dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber klein in der allgemeinen -+Synthese+, dem wahrhaft philosophischen Denken. Leider sind die -während der Gefangenschaft verfassten +Tagebücher Sade’s+ von 1777 bis -1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden, verbrannt worden, -so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur Erkenntnis seines -geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den Tagebüchern -alles vermerkt, was er während dieser 13 Jahre „gesagt, gethan, -gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“ (Biographie -universelle.)[529] So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung seiner -psychischen Persönlichkeit übrig geblieben. - -Von Interesse ist, dass der Marquis +de Sade+, wie es scheint, im -Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt. -Im April 1864 wurde bei der von +Charavay+ veranstalteten Auktion der -litterarischen Schätze des Grafen +H. de M.+ ein Brief von 2 Seiten -gezeigt, den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquis -+de Sade+ geschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen -versehen war.[530] - -Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen -Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossen +Mirabeau+, -der zu gleicher Zeit wie +Sade+ in Vincennes interniert war und hier -seine obscönen Bücher schrieb. - -Ein merkwürdiger Brief +Mirabeau’s+ über dieses Zusammensein mit -dem Marquis +de Sade+ hat sich erhalten, der gerade nicht für -freundschaftliche Beziehungen der Beiden spricht.[531] „Herr +de -Sade+“, so heisst es in diesem Briefe, „hat gestern die Festung in -Aufruhr versetzt und mir ohne die geringste Provokation meinerseits -die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich würde von Herrn +de Rougemont+ -(dem Gouverneur) begünstigt, und damit ich spazieren gehen könne, -verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat mich um Angabe meines -Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die Ohren abschneiden -könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein Name ist der eines -Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und eingesperrt hat, der -Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken schreiben wird. -- -Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu öffnen. Es ist -schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu wohnen“. - - -6. Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit. - -Die ersten Szenen der Revolution spielten sich vor dem Gefängnis -des Marquis +de Sade+ ab, der ihr von vornherein viele Sympathien -entgegenbrachte. Im Juni 1789 verzeichnet das Register der Bastille, -dass er „die Wachen vor seiner Thür und am Fuss des Thurmes -überwältigen wollte“, dass man ihn aber in sein Zimmer zurücktrieb, -„indem man ihm einen Flintenlauf ein wenig nahe zeigte.“ Er setzte -sich am 2. Juli 1789 vor der Erstürmung der Bastille mit Hilfe eines -Sprachrohres mit den Passanten der rue Saint-Antoine in Verbindung -und lockte durch sein fürchterliches Schimpfen auf den Gouverneur der -Bastille, +de Launay+, eine grosse Menschenmenge an, die mit ihren -Beifallsäusserungen nicht zurückhielt. Dieser Vorfall hatte zur Folge, -dass der Marquis +de Sade+ am 4. Juli nach Charenton gebracht wurde -und also den am 14. Juli 1789 unternommenen Sturm auf die Bastille -nicht mit erlebte.[532] Aus Charenton wurde er am 29. März 1790 durch -den Beschluss der constituierenden Versammlung entlassen.[533] Seine -erste Handlung war das Betreiben der Scheidung von seiner Frau.[534] -Auch sonst wurde er seiner Familie entfremdet, da seine Söhne beim -Beginne der Revolution auswanderten. Nach +Lacroix+ nahm er sich eine -Maitresse, die in seinem Hause die Honneurs machte. Er wohnte zuerst -in der Rue Pot-de-Fer, nahe bei Saint-Sulpice, später in der Rue -Neuve-des-Mathurins, Chaussée d’Antin No. 20.[535] Er soll dort den -Politikern ausgezeichnete Diners und Soupers gegeben und besonders -den Grafen +Clermont-Tonnerre+ als gleichgesinnten Lebemann ins Herz -geschlossen haben. Dies ist insofern wenig wahrscheinlich, als der -Marquis +de Sade+ durch die Revolution alle seine Güter verlor und -in eine traurige materielle Lage geriet. +Cabanès+ bemerkt noch nach -einer Notiz im „Amateur d’Autographes“ (1864 S. 105 bis 106): „Il avait -pris, pour sa maison, une jeune femme, plus gracieuse que belle qu’il -nommait sa +Justine+ tout bas et son amie tout haut. Cette femme se -distinguait par la décence de sa tenue et l’élégance de ses manières -aristocratiques. On disait en effet, que c’était la fille d’un noble -exilé; mais une tristesse indélébile se peignait sur son visage pâle, -lorsqu’elle faisait les honneurs de ces réunions, ou l’on parlait de -tout, excepté de politique, et toujours avec convenance et réserve. On -jouait quelquefois la comédie, et le marquis excellait dans les rôles -d’amoureux, qu’il choisissait d’habitude; il était plein de noblesse -dans son maintien et de sensibilité dans son jeu; +Molé+ avait été -son maître.“ Auf der oben erwähnten, durch +Charavay+ veranstalteten -Auction im Jahre 1864 figurierte ein an den Repräsentanten +Rabaut -Saint-Etienne+ gerichteter, mit einer Empfehlung von +Ant. de -Bernard-Saint-Afriques+ versehener Brief vom 8. Ventôse des Jahres -III, in welchem der Marquis +de Sade+ um eine Stelle als Bibliothekar -oder als Museumsconservator bittet, da er vollständig mittellos -geworden sei, nachdem sein litterarischer Besitz bei dem Sturm auf die -Bastille verloren gegangen, und seine Güter durch die Briganten von -Marseille konfisziert worden seien.[536] Die „Isographie des hommes -célèbres ou Collection de fac-simile“ (1823-1824, 4 Bde.) enthält einen -Brief +Sade’s+ vom 10. Pluviôse des Jahres VI, der sich im Besitz -des Herrn +de la Porte+ befindet, und in dem er um baldmöglichste -Einsendung des Honorars für ein Gedicht bittet und die Uebersendung -einer von ihm verfassten Komödie ankündigt, in der er selbst die -Rolle des Fabricius gespielt habe und wieder spielen wolle.[537] Bald -nach seiner Entlassung aus Charenton fing er an, zahlreiche Komödien -zu schreiben, diese an die verschiedenen, damals zahlreich wie -Pilze hervorschiessenden Theater zu verkaufen und selbst für einige -Louisdors eine Rolle darin zu spielen.[538] In den Archiven des -Théâtre-Français befinden sich mehrere Briefe des Marquis +de Sade+ an -die Direktion der Comédie Française aus den Jahren 1790 bis 1793, auf -die +O. Uzanne+ durch +François Coppée+ und +Georges Monval+ aufmerksam -gemacht wurde, und die er in seiner Schrift über +Sade+ veröffentlicht -hat.[539] Der Marquis bittet darin um die Annahme verschiedener von ihm -verfasster Theaterstücke zur Aufführung. Nur ein einziges von +Sade’s+ -zahlreichen dramatischen Produkten fand Beifall. Es war dies „Oxtiern -ou les Malheurs du libertinage“, das in den ersten Tagen des November -1791 mit Erfolg im Molière-Theater gespielt wurde.[540] Jedenfalls -gehörte auch +Sade+ nach +Uzanne+ zu den zahlreichen „auteurs -dramatiques monomanes“ der Revolutionszeit. - -Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die -berüchtigten Hauptwerke des Marquis +de Sade+, seine obscönen -Romane, die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr -nach seiner Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die -offenbar zum grössten Teile noch im Gefängnis abgefasst worden ist -und in dieser ersten Auflage +nur obscön+ ist, ohne die blutigen -Details der späteren, und besonders der letzten Auflage des Jahres -1797. Mit Recht vermutet +Marciat+, dass der Einfluss des Milieu, der -gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit, diese späteren Veränderungen -hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch in der Bastille entworfener -Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst: écrit à la Bastille -un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im Jahre 1793 -erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“ und 1797 -als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der „Justine“ -und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen Verhaftung -dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis +de Sade+, -die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im -Gefängnis +concipiert+, in der Revolution +ausgeführt+ und nach den -äusseren Eindrücken derselben +verändert+ wurden. - -Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis +de Sade+ -zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt -er in einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es -wird in Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine -ou les Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen -Roman ‚Aline et Valcour ou le Roman philosophique‘ veröffentlicht. -Zum Unglück für mich hat der schändliche Autor der ‚Justine‘ mir -eine Situation gestohlen, die er aber auf die gemeinste Weise durch -Obscönitäten verunstaltet hat.“[543] Auch in seiner „Idée sur les -romans“ protestiert er gegen seine angebliche Urheberschaft von -„Justine“ und „Juliette.“[544] Ebenso in einer Streitschrift gegen -einen gewissen +Villeterque+.[545] +Marciat+ macht darauf aufmerksam, -dass die letztere Schrift in das Jahr 1800 fällt, in welchem +Sade+ -schon von der Gefahr der Verhaftung bedroht wurde und dass daher -seine Versicherungen, nicht der Verfasser solcher Werke zu sein, -wohl angebracht waren. Uebrigens waren derartige Ableugnungen nach -+Marciat+ bei den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts etwas sehr -Gewöhnliches, z. B. bei +Voltaire+ und +Mirabeau+. Und man kann +Sade+ -daraus keinen besonderen Vorwurf machen. Jedenfalls scheint er in -Privatunterhaltungen die Wahrheit nicht verschwiegen zu haben, und es -ist ganz sicher, dass er jedem der fünf Direktoren eine Luxusausgabe -der 10bändigen „Justine“ und „Juliette“ überreicht hat, die man -nach dem „Intermédiaire des Chercheurs et des Curieux“ in einzelnen -Exemplaren wieder entdeckt hat.[546] - -Ueber das +Privatleben+ des Marquis +de Sade+ während der -Revolutionszeit sind wir im ganzen nur dürftig unterrichtet. Man -kann eigentlich nur aus seinem früheren Verhalten schliessen, dass -er sein ehemaliges lasterhaftes Leben wieder aufgenommen hat. Als -der Marquis +de Sade+ im Jahre 1801 aufs Neue verhaftet wurde, fand -man sein Schlafzimmer mit grossen Bildern ausgeschmückt, welche die -„hauptsächlichen Obscönitäten des Romans ‚Justine‘ darstellen.“[547] -+Cabanès+ berichtet -- +freilich ohne Quellenangabe+ -- dass, als die -aufrührerischen Bauern 1790 +de Sade’s+ Schloss Lacoste zerstörten, -man in diesem Schlosse Marterinstrumente gefunden habe, die von ihm -bei seinen Orgien benutzt worden seien. Auch existierte in diesem -Schlosse der berühmte „Klystier-Saal“ (Salle des Clystères), in dem -ein Maler von Talent die Wände mit Klystierspritzen und menschlichen -Figuren bedeckt hatte, welche letzteren eine Menge von ebenfalls -gemalten menschlichen Rückseiten durch Klystiere erfrischten! (??)[548] -+Rétif de la Bretonne+, der die Affäre +Keller+ und den Marseiller -Skandal nach Paris in die Revolutionszeit verlegt, erzählt noch mehrere -derartige Geschichten, deren Glaubwürdigkeit in keiner Weise feststeht, -wenn ihnen auch etwas Wahres zu Grunde liegen mag. So erzählt er in -den „Nuits de Paris“ (155te Nacht „Nefanda“): „Am selben Abend sah -ich eine andere Hochzeit. Der Graf de S..., ein grausamer Wüstling, -wollte sich an der Tochter eines Sattlers rächen, die er nicht hatte -verführen können. Er hatte alles so hergerichtet, dass er sich nicht -kompromittieren konnte. Als es ihm gelungen war... Virum trium luparum -connubio adjungere coëgit, coram alligata uxore, quae quandoque virgis -caedebatur ...“[549] - -Eine andere Geschichte +Rétifs+, in der +Sade+ unter dem Namen -+Bénavent+ vorkommt, erzählt von drei Schwestern, die der Marquis -zur Befriedigung seiner Lüste benutzte, indem er zwei in einen Käfig -sperrte und singen liess, die dritte in einem Zimmer, dessen Wände -Spiegel waren, nackt in ein Bad steigen liess, während er selbst sich -mit seiner Maitresse der Wollust hingab.[550] Der Bibliophile +Jacob+ -hält es für zweifellos, dass +Rétif+ den Marquis +de Sade+ persönlich -gekannt und wahrscheinlich einen Zwist mit ihm gehabt hat, der seinen -Hass erklärt. - -Besonders bemerkenswert ist die +politische+ Thätigkeit des Marquis -+de Sade+ während der französischen Revolution. Er hatte mit dem -ihm eigenen Scharfblick das Kommen dieser Revolution vorausgesehen. -So sagt er in „Aline et Valcour“ (II, S. 448), welcher Roman 1788 -in der Bastille geschrieben wurde: „Eine grosse Revolution wird -im Vaterlande vorbereitet; die Verbrechen unserer Herrscher, ihre -Grausamkeiten, Ausschweifungen und Narrheiten sind Frankreich zum -Ueberdruss geworden; es hat den Despotismus satt und ist im Begriff, -seine Fesseln zu zerbrechen.“ In der Einsamkeit der Zelle war er -dahin gelangt, seinerseits die revolutionären Grundsätze, vor allem -den Kampf gegen Gott, Königtum und Priestertum systematisch in seinen -Schriften zu entwickeln. Das „Opfer der Bastille“ nahm denn auch -lebhaften Anteil an den Ereignissen der Revolution und gerirte sich als -einen begeisterten Anhänger der Schreckensmänner. Seiner Freundschaft -mit +Clermont-Tonnerre+ haben wir schon gedacht. Er wurde Sekretär -der Sektion der „Pikenmänner“ (Section des Piques), auch genannt die -Sektion der Place Vendôme oder die Sektion des +Robespierre+. „In den -Unruhen des 2. September, wo jedermann zu Hause blieb, glaubte er sich -am sichersten im Schosse seiner Sektion aufgehoben. So verliess er -seine Wohnung in der Rue Neuve-des-Mathurins und begab sich am Abend -zu den Kapuzinern am Vendômeplatze. Die Freunde +Robespierre’s+ waren -nicht dort, sondern im Jakobinerklub. +Sade+ war nur als ein Mann -bekannt, der unter dem ancien régime im Gefängnis gewesen war. Er hatte -ein feines und sanftes Gesicht, war blond, schon ein wenig kahlköpfig -und grauhaarig. ‚Wollen Sie unser Sekretär sein? -- Gern?‘ Er nahm die -Feder.“[551] -- Er hielt sich aber, eingedenk seiner Vergangenheit, -in bescheidener Zurückhaltung und spielte in seiner Sektion die Rolle -des Philanthropen, verwendete seine ganze Zeit auf das Studium der -Verhältnisse in den Hospitälern, über welche er gute Berichte lieferte. - -+Sade+ war ein begeisterter Bewunderer des blutdürstigen +Marat+, -auf den er nach dessen Ermordung durch +Charlotte Corday+ die noch -erhaltene Gedächtnisrede hielt, die von revolutionären Phrasen erfüllt -ist, und in der er die „heilige und göttliche Freiheit“ als einzige -Göttin der Franzosen feiert (29. Sep. 1793).[552] Unter ein Bild -+Marat’s+ schrieb er die Verse: - - Du vrai républicain unique et chère idole, - De ta perte, Marat, ton image console. - Qui chérit un grand homme adopte ses vertus, - Les cendres de Scévole ont fait naître Brutus.[553] - -Uebereinstimmend wird aber berichtet, dass insgeheim der Marquis -+de Sade+ von den Mitgliedern der Sektion, sowie von den übrigen -Revolutionären verachtet und gehasst wurde. In der berühmten „Liste -des ci-devant nobles“ von +Jacques Dulaure+, die im Jahre 1791 -erschien, findet sich ein heftiger Artikel gegen unsern Marquis +de -Sade+ (Biographie universelle)[554]. Nach +Cabanès+ behielt er den -Titel „Marquis“ sogar bei, und „man kann sagen, dass das der einzige -Marquis war, den man unter der Herrschaft von +Robespierre+ und -+Fouquier-Tinville+ bestehen liess.“ (+Cabanès+ a. a. O. S. 289) Er -war vielleicht gar nicht Republikaner aus politischer Ueberzeugung, -sondern kämpfte gegen Recht und Gesetz überhaupt nur unter dem -Einflusse der von ihm gebildeten „théorie du libertinage.“ Er war der -Philosoph des Lasters, aber kein leidenschaftlicher Politiker. In der -Theorie absoluter Bösewicht, war er in Wirklichkeit recht sanftmütig, -vorsichtig und voll von Tugendphrasen.[555] Das konnte den grossen -Terroristen wenig passen. Eine schöne Handlung, die uns den Marquis -+de Sade+ menschlich näher bringt, gab ihnen den Vorwand, gegen ihn -vorzugehen. Er hatte durch seine Fürsprache seine Schwiegereltern, -obgleich sie ihm stets feindlich gesinnt gewesen waren, vom Schaffot -gerettet,[556] und wurde daher als ein „Gemässigter“ verdächtigt und am -6. Dez. 1793 auf Befehl des „Comité de la Sureté générale“ verhaftet -und nacheinander in die Gefängnisse des Madelonnettes, des Carmes und -Picpus gebracht, erlangte aber am 9. Thermidor 1794 durch +Rovère+ -seine Freiheit wieder, dem er sein Landgut La Coste verkaufte und so in -den Besitz einiger Geldmittel gelangte. - -+Sade+ lebte nunmehr zurückgezogen ganz seiner schriftstellerischen -Thätigkeit, der unter dem Direktorium weniger Hindernisse in den Weg -gelegt wurden. Wir erwähnten schon, dass er jedem der fünf Direktoren -ein Exemplar der Prachtausgabe seiner „Justine“ überreichte, über deren -Verbleib, besonders was das Exemplar des +Barras+ anbetrifft, man -genaue Nachrichten hat.[557] Ueberhaupt wurden damals die berüchtigten -Hauptwerke des Marquis +de Sade+ ganz öffentlich verkauft. Sie waren -bei allen Buchhändlern zu haben und waren in den Katalogen angeführt. -Ein grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über -das In- und Ausland erstreckte, und hatte Anteil am Gewinne. Dies -dauerte bis zum Jahre 1801. (Biographie universelle). Im Thermidor des -vorhergehenden Jahres (Jahr VIII) hatte der Marquis +de Sade+ einen -Roman „Zoloë et ses deux acolytes“ veröffentlicht, der nichts anderes -war als ein heftiges Pamphlet gegen +Joséphine de Beauharnais+ (Zoloë), -die Damen +Tallien+ (Laurenda) und +Visconti+ (Volsange), gegen -+Bonaparte+ (Baron d’Orsec), +Barras+ (Vicomte de Sabar), einen Senator -(Fessinot) u. s. w., welche Persönlichkeiten in einer „petite maison“ -sich der schändlichsten Unzucht hingeben. - -Wegen dieses Pasquills wurde +Sade+ am 15. Ventôse des Jahres IX -(5. März 1801) verhaftet. Ein Bericht des Polizeipräfekten an den -Polizeiminister vom 21. Fructidor des Jahres XII giebt Auskunft -über diese Verhaftung.[558] Er enthält viele Unrichtigkeiten, z. B. -gleich im Anfang die, dass der Marquis im Begriff gewesen wäre, die -„Juliette“ zu publizieren, die doch bereits mehrere Jahre vorher -erschienen war. +Sade+ wurde nach diesem Bericht ohne rechtsgiltiges -Urteil zunächst ins Gefängnis Sainte-Pélagie gebracht, da eine -Gerichtsverhandlung „einen zu grossen Skandal erregt haben würde“ und -auch die gerichtlichen Strafen „ungenügend und keineswegs den Delikten -angemessen gewesen sein würden“. Der Präfekt erzählt dann weiter, dass -+Sade+ in Sainte-Pélagie die jungen Leute zu unsittlichen Handlungen -verführt habe und er infolgedessen nach Bicêtre überführt worden sei. -„Dieser unverbesserliche Mensch war in einem Zustande ‚beständigen -wollüstigen Wahnsinns‘ (démence libertine).“ Auf Betreiben seiner -Familie wurde er dann am 26. April 1803 nach Charenton gebracht. -(+Cabanès+, S. 301.) Alle seine Manuscripte und Bücher waren wiederholt -confisciert worden. - -+Aulard+ hat in einem Artikel „La Liberté individuelle sous -Napoléon Ier“ (Revue du Palais, August 1897) auf die Häufigkeit der -willkürlichen Verhaftungen und Einsperrungen ohne rechtsgiltiges -Urteil unter dem Konsulat und ersten Kaiserreich aufmerksam gemacht. -Es scheint, dass man öfter unliebsame Persönlichkeiten für irrsinnig -erklärte und in Charenton unterbrachte. So wurde der Dichter +Th. -Desorgues+, der ein Chanson gegen Napoleon mit dem Refrain: - - Oui, le grand Napoléon - Est un grand caméléon - -verfasst hatte, in Charenton interniert, wo er 1803 starb. Das gleiche -Schicksal traf den Forstmeister +de Laage+, sowie den Abbé +Fournier+. -Beide wurden in Bicêtre eingesperrt. (+Cabanès+ S. 294-295). Bei +Sade+ -hatte man ausserdem noch den bequemen Vorwand, dass man den Verfasser -so vieler obscöner Bücher unschädlich machen müsse, obgleich +Marciat+ -mit Recht bemerkt, dass ohne das Pamphlet gegen Bonaparte diese Bücher -wohl nicht den Anstoss zu seiner Verhaftung gegeben haben würden. -+Sade+, der wiederholt gegen dieselbe protestierte, hielt es deshalb -für geraten, in seinen verschiedenen Briefen aus Sainte-Pélagie die -Urheberschaft der „Justine“ u. a. abzuleugnen.[559] - -Ueber den Aufenthalt des Marquis +de Sade+ im Irrenhaus zu -+Charenton+ besitzen wir mancherlei interessante Nachrichten. -Vor allem ist merkwürdig ein Gutachten des berühmten Irrenarztes -+Royer-Collard+[560] über den Marquis aus dem Jahre 1808, das wir -vollständig mitteilen. - - Paris, den 2. August 1808. - - Der Chefarzt des Hospizes zu Charenton an Seine Excellenz den Senator - und Polizeiminister. - - Gnädiger Herr, - - Ich habe die Ehre, an die Autorität Eurer Exzellenz zu appellieren, - in einer Angelegenheit, die ebenso meine amtliche Thätigkeit angeht, - wie die gute Ordnung in dem Hause, dessen ärztlicher Dienst mir - anvertraut ist. - - In Charenton befindet sich ein Mann, den seine kühne Immoralität - unglücklicherweise zu berühmt gemacht hat, und dessen Anwesenheit - die schwersten Unzuträglichkeiten nach sich zieht. Ich spreche von - dem Autor des schändlichen Romans „Justine“. +Dieser Mann ist nicht - geisteskrank. Sein einziges Delirium ist das des Lasters+, und - dieses kann nicht in einer Irrenanstalt beseitigt werden. Er muss - der strengsten Isolierung unterworfen werden, um andere vor seinen - Ausbrüchen zu schützen und um ihn selbst von allen Gegenständen zu - trennen, die seine hässliche Leidenschaft mehren könnten. Nun erfüllt - das Haus Charenton keine dieser Bedingungen. Herr +de Sade+ geniesst - hier eine zu grosse Freiheit. Er kann mit einer grossen Zahl von - Kranken und Rekonvalescenten beiderlei Geschlechts verkehren, sie - bei sich empfangen oder sie in ihren Zimmern besuchen. Er hat die - Erlaubnis, im Park spazieren zu gehen und trifft dort ebenfalls oft - Kranke. Er predigt einigen seine schreckliche Lehre und leiht ihnen - Bücher. Endlich geht das Gerücht im Hause, dass er mit einer Frau - zusammen lebt, die für seine Tochter gilt. - - Das ist noch nicht alles. Man ist so unvorsichtig gewesen, in der - Anstalt ein Theater einzurichten, um die Irren Komödie spielen - zu lassen, und hat nicht die unheilvolle Wirkung einer solchen - tumultuösen Veranstaltung auf die Phantasie bedacht. +Herr de Sade - ist der Direktor dieses Theaters. Er giebt die Stücke an, verteilt - die Rollen und leitet die Wiederholungen. Er unterrichtet die - Schauspieler und Schauspielerinnen in der Deklamation und bildet - sie in der grossen Bühnenkunst aus. Am Tage der öffentlichen - Vorstellungen verfügt er stets über eine gewisse Zahl von - Eintrittsbillets und macht inmitten seiner Gehilfen die Honneurs im - Saale.+ - - +Zugleich ist er der Gelegenheitsdichter. Beim Feste des Direktors - zum Beispiel, verfasst er entweder ein allegorisches Stück zu dessen - Ehren oder wenigstens einige Couplets zu seinem Lobe.+ - - Ich brauche Eurer Excellenz das Skandalöse eines derartigen - Vorkommnisses nicht näher zu begründen, sowie die Gefahren aller Art, - welche sich daraus ergeben. Wenn die Oeffentlichkeit diese Dinge - erführe, welche Ansichten würde man über eine Anstalt bekommen, - in welcher so seltsame Missbräuche geduldet werden? Wie verträgt - sich eine sittliche Behandlung der Geisteskranken mit demselben? - Werden die Kranken, welche täglich mit diesem schrecklichen Manne - in Berührung kommen, nicht unaufhörlich durch seine Verderbtheit - infiziert, und genügt die blosse Idee seiner Gegenwart in diesem - Hause nicht, um die Phantasie selbst derjenigen aufzuregen, die ihn - nicht sehen? - - Ich hoffe, dass Eure Excellenz diese Gründe gewichtig genug finden - wird, um einen anderen Internirungsort als Charenton für Herrn - +de Sade+ anzuordnen. Ein Verbot, dass er nicht mehr mit den - Irren verkehren soll, würde nichts fruchten und nur vorübergehend - Besserung herbeiführen. Ich verlange nicht, dass man ihn nach - Bicêtre zurückschicke, wo er früher war, aber ich kann nicht umhin, - Eurer Excellenz vorzustellen, dass eine „maison de santé“ oder - ein festes Schloss für ihn besser passen würde als eine Anstalt, - in der zahlreiche Kranke behandelt werden, und wo eine beständige - Ueberwachung und die hingebendste moralische Aufsicht nötig ist. - - +Royer-Collard+, D. M.[561] - -Dieser Bericht hatte keinen Erfolg. Der Marquis +de Sade+ blieb in -Charenton. Es ist sogar die Vermutung gerechtfertigt, dass er den -dortigen Aufenthalt dem Gefängnisse, vielleicht auch der Freiheit -vorzog. Nach der „Biographie universelle“ war er der besondere -Günstling des Direktors von Charenton, des Abbé +Coulmier+. Dadurch -würden die grossen Freiheiten, die er sich gestatten durfte, die -Rolle als Theaterdirektor u. s. w. verständlich werden. Er hatte also -Ursache, die Bemühungen des Dr. +Royer-Collard+, ihn aus der Anstalt -zu entfernen, zu hintertreiben, wovon die folgende merkwürdige Adresse -zeugt[562]: - -„Frau Delphine de T... beehrt sich Seiner Excellenz Herrn Fouché (dem -Polizeiminister) die Petitionen zu schicken, von denen sie heute morgen -mit ihm sprach. Die erste ist für Herrn +de Sade+ und bittet darum, -dass man möglichst baldige Anordnungen für das definitive Bleiben des -Herrn +de Sade+ in Charenton treffe, wo er sich seit 8 Jahren befindet -und die Pflege hat, die sein Befinden erfordert. +Seine Vorgesetzten -sind mit seinem Betragen durchaus zufrieden.+ - -Frau von T... fügt ihrer Petition ein ärztliches Zeugnis bei, welches -bestätigt, dass der Zustand des Herrn +de Sade+ sein Verbleiben in -Charenton notwendig macht. - -Sie dankt von neuem Seiner Excellenz für den gütigen Empfang von heute -Morgen.“ - -Vielleicht ist +Sade+ selbst, wie +Marciat+ vermutet[563], der -Anstifter dieser Petition gewesen, und vielleicht erklärt sich ein Teil -der Anklagen von +Royer-Collard+ aus einer Meinungsverschiedenheit, -wenn nicht Rivalität zwischen dem Arzte und dem Direktor der Anstalt. -+Dieser+, der Abbé +Coulmier+, war nach der „Biographie universelle“ -ein Mann von sehr leichtfertigen Sitten. +Royer-Collard’s+ wiederholte -Klagen über das Theaterspielen in Charenton hatten endlich das Verbot -desselben zur Folge. Aber an seine Stelle traten Konzerte und Bälle! -+Royer-Collard+ erlangte endlich am 6. Mai 1813 auch das Verbot dieser -einer Irrenanstalt wenig angemessenen Unterhaltungen.[564] - -Die „Revue anecdotique“ hat zwei auf die Thätigkeit des Marquis -+de Sade+ als Theaterregisseur sich beziehende Dokumente -veröffentlicht.[565] - -Seine Graphomanie trieb +Sade+ bei jeder Gelegenheit zu dichterischen -Ergüssen. Besonders liebte er das „couplet laudatif“. So verfasste -er zahlreiche anonyme Couplets zu Ehren des Cardinals +Maury+, -Erzbischofs von Paris, die am 6. Oktober 1812 in der „maison de santé“ -bei Charenton gesungen wurden, von deren Geringwertigkeit eins Zeugnis -ablegen möge: - - Semblable au fils de l’Eternel - Par une bonté peu commune, - Sous l’apparence d’un mortel - Venant consoler l’infortune, - Votre âme, pleine de grandeur, - Toujours ferme, toujours égale, - Sous la pourpre pontificale - Ne dédaigne point le malheur.[566] - -Ueber den +Eindruck der Persönlichkeit+ des Marquis +de Sade+ während -seines Aufenthaltes in Charenton liegen mehrere, aber wenig beglaubigte -Nachrichten vor. +Janin+ schildert recht lebhaft den corrumpierenden -Einfluss, den +Sade+ in der Irrenanstalt ausübte, sowie die zärtliche -Sympathie, die er „jungen und hübschen Frauen“ einflösste.[567] -+Lacroix+ erzählt[568]: „Ich habe oft achtungswerte Personen gefragt, -von denen einige noch, mehr als 80jährig, leben, und von ihnen mit -einer indiscreten Neugierde merkwürdige Enthüllungen über den Marquis -de Sade verlangt, und war nicht wenig erstaunt, dass diese Personen, -die durch ihre Moral, ihre Stellung und ehrenwerten Antecedentien -vor jedem Verdacht geschützt sind, +keinerlei Widerwillen dagegen -empfanden+, sich an den Autor der ‚Justine‘ zu erinnern und von ihm -als einem „aimable mauvais sujet“ zu sprechen.“ +Charles Nodier+, der -den Marquis +de Sade+ einmal flüchtig sah, erinnert sich nur, dass -er „höflich war bis zur Unterwürfigkeit, feierlich bis zur Salbung -(onction) und dass er respectvoll von allem sprach, was Respect -verdient.“ Dabei war er „enorm fett“, so dass seine Bewegungen durch -diese Körperfülle gehindert wurden und ein Rest von „Grazie und -Eleganz“, der sich in seinem ganzen Wesen aussprach, nicht recht zur -Geltung kam. Seine müden Augen leuchteten plötzlich auf.[569] Nach -der „Biographie universelle“ bewahrte +Sade+ bis zu seinem Tode seine -schmutzigen Gewohnheiten. Wenn er im Hofe promenierte, zeichnete er -obscöne Figuren in den Sand, besuchte man ihn, so war sein erstes Wort -eine Zote; dabei war seine Stimme sanft. Er hatte schöne weisse Haare, -eine liebenswürdige Miene und war von ausgesuchter Höflichkeit. Er war -ein robuster Greis ohne jede Schwäche. - - -7. Der Tod. - -Der Marquis +de Sade+ starb 74 Jahre alt, am 2. Dezember des Jahres -1814, 10 Uhr abends, sanft, ruhig, an den Folgen einer längeren -Krankheit, die indessen seine Rüstigkeit nicht beeinträchtigt hatte. -Ueber diese Krankheit berichtet +de Sade+ schon in einem Briefe vom -17. Juni 1808 an den Kaiser +Napoléon+. Der Brief ist gegenwärtig im -Besitze des Herrn +Noël Charavay+, der +Cabanès+ die Einsicht und den -Abdruck (+Cabanès+ a. a. O. S. 312) gestattete. +de Sade+ beklagt -sich in demselben bitterlich darüber, dass er seit 20 Jahren in drei -verschiedenen Gefängnissen das unglücklichste Leben führe. Er sei 70 -Jahre alt, fast blind, von der +Gicht+ heimgesucht (der Krankheit -aller Lebemänner) und von heftigen Brust- und Magenschmerzen, die -ihn schrecklich peinigten. Das könne durch die Zeugnisse der Aerzte -von Charenton bestätigt werden. Er flehe daher Seine Majestät an, -ihm endlich die Freiheit zu geben. -- Eine von Dr. +Ramon+, dem -Arzte +de Sade’s+, aufgezeichnete Notiz besagt, dass der Marquis an -„Lungenanschoppung infolge von Asthma“ gestorben sei. In den Archiven -von Charenton findet sich ein Bericht über den Tod des Marquis +de -Sade+ an den Generaldirektor der Polizei, in dem es heisst, dass seine -Gesundheit seit einiger Zeit sich zusehends verschlechtert habe. -Er sei aber noch zwei Tage vor seinem Tode umhergegangen. Das Ende -selbst sei schnell eingetreten, im Beginne eines „adynamischen und -ganggränösen Fiebers“. Interessant ist die weitere Mitteilung, dass, -da der Sohn +Armand de Sade+ anwesend sei, die Behörde es wohl nicht -nötig haben werde, Vorsichtsmassregeln zu ergreifen, da der Sohn selbst -gewiss etwaige „gefährliche Papiere“ seines Vaters vernichten würde. -(+Cabanès+ a. a. O. S. 311-312). Am Abend vorher hatte er noch diese -Papiere in Ordnung gebracht. Kaum war er tot, als sich „die Schüler -+Gall’s+ auf seinen Schädel stürzten, als auf eine unschätzbare Beute, -die ihnen mit einem Schlage das Geheimnis der seltsamsten menschlichen -Organisation enthüllen würde, von der man jemals hatte sprechen hören. -Dieser Schädel glich allen Greisenschädeln. Es war eine merkwürdige -Mischung von Lastern und Tugenden, von Wohlthun und Verbrechen, -von Hass und Liebe. Er war klein, wohl geformt. Man könnte ihn für -den Schädel einer Frau halten, an dem die Organe der mütterlichen -Zärtlichkeit (!) ebenso entwickelt sind, wie an dem Kopfe der Héloïse -‚ce modèle de tendresse et d’amour‘.“[570] - -Nach seinem Tode fand man das folgende Testament, das +Jules Janin+ -zuerst veröffentlicht hat:[571] - -„Ich verbiete, dass mein Körper unter irgend einem Vorwande geöffnet -werde, ich verlange aufs dringendste, dass er 48 Stunden in dem Zimmer, -in dem ich sterben werde, liegen bleibe, in einem Holzsarge, der erst -nach Ablauf dieser Zeit zugemacht werden soll. Dann soll ein Bote zu -dem Holzhändler Lenormand in Versailles, Boulevard de l’Egalité No. -101, geschickt werden, damit er selbst mit einem Wagen komme und meine -Leiche unter seiner Begleitung auf diesem Wagen in das Gehölz auf -meinem Landgute Malmaison, Gemeinde Maucé nahe bei Epernon, gebracht -werde, wo sie ohne jede Ceremonie in dem ersten Gebüsche bestattet -werden soll, das sich rechts in dem Gehölze findet, wenn man durch die -grosse Allée von der Seite des alten Schlosses hineintritt. Die Grube -soll durch den Pächter von Malmaison unter der Aufsicht des Herrn -Lenormand geschaufelt werden, der nicht vor vollendeter Bestattung -fortgehen soll. Bei dieser Ceremonie können diejenigen meiner -Verwandten oder Freunde zugegen sein, die mir dieses letzte Zeichen -ihrer Liebe geben wollen. Das Terrain soll bepflanzt werden, damit -die Spuren meines Grabes von der Erdoberfläche verschwinden, +wie ich -hoffe, dass mein Andenken in der Erinnerung der Menschen ausgelöscht -werden wird+. - -Geschrieben zu Charenton-Saint-Maurice, im Zustand der Vernunft und -Gesundheit, am 30. Januar 1806. - -D.-A.-F. +Sade+.“[572] - -+Marciat+ meint, dass dieses Testament den Marquis +de Sade+ am Ende -seines Lebens noch als denjenigen zeige, der er während seines ganzen -Lebens war: als einen vollkommenen +Atheisten+. - - - - -III. - -Die Werke des Marquis de Sade. - - -„Justine“ und „Juliette“. - - -1. Geschichte der Entstehung. - -Die Hauptwerke des Marquis +de Sade+, denen er seine „herostratische -Unsterblichkeit“ dankt, wie +Eulenburg+ sagt, und denen wir eine -besondere Aufmerksamkeit zu widmen haben, sind die „Justine“ und -„Juliette“, anfangs getrennt veröffentlicht, später vereinigt unter -dem Titel „La nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu +suivi+ de -l’Histoire de Juliette, sa sœur, ou les Prospérités du vice“, Hollande -(Paris, Bertrandet?) 1797 10 Bände in 18^o, davon 4 der „Justine“, 6 -der „Juliette“ angehörend. Selbst die +Titel+ sind, wie +Nodier+ -(a. a. O.) sagt „obscön geworden“. - -Der Entwurf der „Justine“ reicht in die Gefängniszeit des Marquis +de -Sade+ zurück. Nach der „Biographie universelle“ verfasste er „Aline -et Valcour“ und die „Justine“ in der Bastille. Nachdem er 1790 seine -Freiheit erlangt hatte, erschienen im Jahre 1791 zwei Ausgaben der -„Justine“, die eine mit einem Titelbild von +Chéry+, die zweite schon -vergrösserte mit einem solchen von +Texier+ und 12 obscönen Bildern. -Die dritte Auflage im Jahre 1792 wurde von +Cazin+ gedruckt[573] und -ist noch cynischer als die beiden ersten, da z. B. Bressac seine -Greuelthaten an der Mutter statt wie früher an der Tante verübt. Eine -vierte Ausgabe erschien 1794. - -Die „Juliette“ erschien zum ersten Male im Jahre 1796. Alle diese -Angaben sind für das Studium des Marquis +de Sade+ entbehrlich, da die -grosse vereinigte Ausgabe der „Justine“ und „Juliette“ im Jahre 1797 -nicht nur die verbreitetste geworden ist, sondern auch diejenige ist, -in welcher die Ideen des Verfassers bis zu den äussersten Konsequenzen -entwickelt werden, diejenige also, auf welche allein man sich beziehen -kann. In dieser Gesamtausgabe umfasst die „Histoire de Justine ou -les malheurs de la Vertu par le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797) -+vier+ Bände, die „Histoire de Juliette ou les prospérités du vice par -le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797), +sechs+ Bände. Die „Justine“ -enthält 40, die „Juliette“ 60 obscöne Abbildungen, zu denen noch 4 -Titelbilder kommen, so dass es im Ganzen 104 Abbildungen sind. Als -Motto für beide Werke ist der den Inhalt richtig bezeichnende Spruch -gewählt: - - On n’est point criminel pour faire la peinture - Des bizarres penchants qu’inspire la nature. - -Es wird berichtet, dass diese Ausgabe in einem Keller gedruckt -wurde.[574] - - -2. Die Vorrede. - -Sie befindet sich im ersten Bande der „Justine.“ Sie führt aus, -dass die Conception des Werkes ins Jahr 1788 fällt, dass der Autor -verstorben sei und ein ungetreuer Freund, dem das Manuscript schon -zu Lebzeiten desselben anvertraut war, mehrere schlechte Ausgaben -des Werkes veranstaltet habe. Die vorliegende sei ein getreuer -Abdruck des Originals. Die kühnen Gedanken in demselben würden ja in -einem „philosophischen Jahrhundert“ keinen Anstoss erregen, und der -Schriftsteller, dem alle „Zustände der Seele“ zur Verfügung ständen, -dürfe von allen möglichen Situationen und cynischen Gemälden Gebrauch -machen. „Nur die Dummen nehmen daran Anstoss. Die wahre Tugend -erschrickt nicht über die Gemälde des Lasters. Sie findet in ihnen nur -eine weitere Förderung. Man wird vielleicht gegen dieses Werk schreien. -Aber wer wird schreien? Die Wüstlinge, wie ehemals die Heuchler gegen -den ‚Tartuffe‘ schrieen. Kein Buch wird eine lebhaftere Erwartung -erwecken und das Interesse so anhaltend fesseln. In keinem sind die -Herzensregungen der Lüstlinge geschickter dargestellt und die Einfälle -ihrer Phantasie so lebenswahr ausgeführt. +Nirgendwo ist geschrieben, -was man hier lesen wird.+ Haben wir daher nicht Grund zu glauben, dass -dies Werk bis in die fernste Zukunft dauern wird? Die Tugend selbst, -müsste sie auch einen Augenblick zittern, muss vielleicht einmal ihre -Thränen vergessen, aus Stolz, in Frankreich ein so pikantes Werk zu -besitzen, in dem die cynischste Sprache mit dem stärksten und kühnsten -System, den unsittlichsten und gottlosesten Ideen verbunden ist.“ - -Man sieht, dass der Marquis +de Sade+ selbst von der Einzigartigkeit -seines Werkes überzeugt war und ausspricht, dass er mit Bewusstsein -alle ähnlichen Werke an Cynismus überbieten wollte. Gehen wir nun -dazu über, uns mit dem Inhalt der „Justine“ und „Juliette“ bekannt zu -machen. Wir sind dabei um so ausführlicher, als in deutscher Sprache -keine zuverlässige Analyse des +Sade+’schen Hauptwerkes existiert, -dass vielmehr, trotzdem so viel davon gesprochen wird, zu den -bestunbekannten Dingen gehört.[575] - - -3. Analyse der „Justine“. - -Es sind die „Malheurs de la vertu“, die in der „Justine“ geschildert -werden. Die +Tugend+, verkörpert durch die Titelheldin Justine, gerät -immer ins Unglück und wird vom Laster und vom Bösen erwürgt. Das ist -die Fabel des Romans. -- - -Justine und Juliette sind die Töchter eines sehr reichen Pariser -Bankiers, die bis zum 14. und 15. Lebensjahre in einem berühmten -Kloster von Paris erzogen werden. Durch den plötzlichen Bankerott des -Vaters, dem sein Tod und der der Mutter nach kurzer Zeit folgt, werden -sie genötigt, das Kloster zu verlassen und, da sie mittellos sind, sich -selbst den Lebensunterhalt zu verschaffen. - -Juliette, die Aeltere, „lebhaft, leichtsinnig, boshaft, mutwillig und -sehr hübsch“, freut sich der goldenen Freiheit. Justine, die Jüngere, -14 Jahre alt, naiver und interessanter als ihre Schwester, eine -zärtliche, zur Melancholie und Phantasterei geneigte Natur, empfindet -weit mehr ihr beklagenswertes Geschick. Juliette sucht sie zu trösten -durch den Hinweis auf die Freuden sexueller Erregungen und zeigt ihr, -wie sie durch ihre körperliche Schönheit reich und glücklich werden -könne. Ihre Vorschläge werden aber von der tugendhaften Justine mit -Entrüstung zurückgewiesen, worauf sich Beide von einander trennen, um -sich später unter eigentümlichen Umständen wieder zu treffen. - -Zunächst wird also das Schicksal der tugendhaften Justine erzählt. -Diese wendet sich in ihrer Verlassenheit an die früheren Bekannten -ihrer Eltern, wird aber schnöde abgewiesen. Ein Pfarrer versucht -sogar, sie zu verführen. Schliesslich kommt sie zu einem Grosskaufmann -Dubourg, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder -zum Weinen zu bringen, und der natürlich infolgedessen über die -weinend ihre Klagen vorbringende Justine sehr entzückt ist. Als sie -aber im Laufe des Gespräches seinen sexuellen Gelüsten einen heftigen -Widerstand entgegensetzt, wird sie von ihm hinausgeworfen. Inzwischen -hat eine gewisse Madame Desroches, bei der Justine abgestiegen ist, -in deren Abwesenheit ihre Kommode geöffnet und Justines geringe -Habseligkeiten gestohlen, sodass das arme Mädchen ganz in die Hände -dieser Megäre geliefert ist. Letztere macht Justine mit einer -Demimondaine, Madame Delmonse, bekannt, welche ihr eine grosse Rede -über die Vorteile und die Freuden der Prostitution hält. (Justine I, -28 ff.). „+Man fordert nicht die Tugend von uns, sondern nur deren -Maske+“. Daher „bin ich (Delmonse) eine Hure wie Messalina; man hält -mich aber für so keusch wie Lucretia. Ich bin Atheistin wie Vanini; -man hält mich für so fromm wie die heilige Therese. Ich bin falsch wie -Tiberius; man hält mich für so freimütig wie Sokrates. Man glaubt, ich -sei nüchtern wie Diogenes; aber Apicius war weniger unmässig als ich -es bin. Ich bete alle diese Laster an und verabscheue alle Tugenden. -Aber wenn Du meinen Gatten, meine Familie fragtest, würden sie sagen: -Delmonse ist ein Engel!“ - -Justine wird nun von beiden Frauen zusammen zu verführen gesucht und -schliesslich dem alten Dubourg wieder zugeführt, dem sie aber wiederum -Widerstand leistet. Man lockt sie dann in das Haus der Delmonse, wo -Dubourg später zum dritten Male sein Heil versuchen soll und wo Justine -zunächst die tribadischen Attacken der geilen Delmonse abzuwehren hat. -Endlich kommt der alte, impotente Dubourg an, wird zunächst von der -Delmonse, die ihm die Testes mit einer scharfen Flüssigkeit einreibt -und ihn eine wunderbare Bouillon trinken lässt, gehörig präpariert. -Im kritischen Moment entwischt Justine zum dritten Male, indem sie -unter das Bett kriecht. Der arme Dubourg ist wiederum betrogen, und -man schwört dem widerspenstigen Mädchen schlimme Rache. Delmonse -beschuldigt Justine, ihr eine goldene Uhr gestohlen zu haben, und so -wird die Unglückliche ins Gefängnis geschickt. - -Hier macht sie die Bekanntschaft einer gewissen Dubois, die alle -möglichen schändlichen Verbrechen begangen hat. Sie und Justine werden -zum Tode verurteilt. Die Dubois legt Feuer im Gefängnisse an, bei dem -60 Personen verbrennen. Justine und Dubois entfliehen und gesellen sich -zu einer Räuber- und Wildererbande im Walde von Bondy. Als Justine -sich weigert, ihrer Gefährtin weiter auf der Bahn des Verbrechens zu -folgen, wird sie durch Todesdrohungen dazu gezwungen und muss Zeugin -und Gehilfin einer wilden Orgie der vier Männer mit der Dubois sein: -Der Bruder der Dubois, Cœur-de-Fer, hält nach derselben eine grosse -Lobrede auf die Paederastie, die besonders bei Beichtvätern beliebt -sei. (Justine I, 88-99.) Nach verschiedenen Schandthaten dieser Bande -entflieht Justine mit einem Kaufmann Saint-Florent, den sie vor der -Erschiessung gerettet hat, und der sich als ihr Onkel zu erkennen -giebt. Sie steigen in einem Gasthause ab. Bald zeigt sich, dass die -arme Justine vom Regen in die Traufe gekommen ist. Dieser Saint-Florent -enthüllt sich als ein bösartiger Lüstling. Schon im Hotel schleicht er -herbei, um Justine bei der Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses -zu beobachten. Bei anbrechender Nacht verlassen sie das Städtchen und -kommen in einen Wald. Hier versetzt Saint-Florent ihr plötzlich einen -Schlag mit dem Stocke, so dass sie ohnmächtig hinfällt, befriedigt -seine Lüste an ihr und lässt sie in einem traurigen Zustande und -bewusstlos liegen. Beim Erwachen kann nur das Gebet die unglückliche -Justine trösten. Sie hat sich bei Tagesanbruch versteckt, da sie -das Wiederkommen des elenden Saint-Florent fürchtet, und wird so -unfreiwillige Zeugin einer paederastischen Szene zwischen einem jungen -Edelmann, Herrn de Bressac, und dessen 20 Jahre älteren Lakaien Jasmin. -Justine wird von ihnen entdeckt, an einen Baum gebunden, aber wieder -befreit und der Mutter des Herrn de Bressac als Kammerzofe zugeführt. -Madame de Bressac ist eine Frau von strengster Tugend, die ihren -Sohn sehr karg hält. Daher herrscht zwischen diesen Beiden ein sehr -schlechtes Einvernehmen. Frau von Bressac sucht Justine in Paris zu -rehabilitieren. Die Delmonse ist aber nach Amerika ausgewandert, so -dass die Sache nicht aufgeklärt wird. Merkwürdiger Weise wird Justine -von einer heftigen Leidenschaft für den vollkommen degenerierten -und im höchsten Grade misogynen Bressac ergriffen. Dieser benutzt -die Annäherung Justinens nur dazu, um sie mit seinen lasterhaften -Grundsätzen bekannt zu machen und ihren Charakter zu verderben. Auch -veranstaltet er in ihrer Gegenwart eine sexuelle Orgie, bei der er -die eigene Mutter vergewaltigt. Er kündigt darauf Justine an, dass er -seine Mutter beseitigen wolle, die ihm schon längst im Wege sei. Das -Entsetzliche geschieht dann auch inmitten wildester Ausschweifungen. -Justine, die sich geweigert hat, an dem Morde teilzunehmen, soll -ebenfalls getötet werden, entflieht aber nach dem Städtchen -Saint-Marcel in ein Haus, das eine von einem gewissen Rodin geleitete -Schule sein soll. Dieser empfängt die nunmehr 17jährige Justine sehr -freundlich und macht sie mit seiner Tochter Rosalie bekannt. Rodin ist -36 Jahre alt, von Beruf ein Chirurg und wohnt mit seiner 30jährigen -Schwester Coelestine zusammen. Letztere ist eine Tribade, und ein -ebensolches erotisches Scheusal wie ihr Bruder. Ausserdem befindet -sich noch die 19jährige Gouvernante Martha im Hause. Rodin hat eine -Pension und Schule für beide Geschlechter, 100 Knaben und 100 Mädchen -zwischen 12 und 17 Jahren. Hässliche Kinder werden nicht aufgenommen. -Rodin unterrichtet die Knaben, Coelestine die Mädchen. Kein fremder -Lehrer wird zugelassen, damit die Geheimnisse des Hauses gewahrt werden -können. Gleich in den ersten Tagen beobachtet Justine mit Rosalie -das geheime Treiben der Geschwister. Rodin scheint Saint-Florent’s -Neigungen zu teilen, er beobachtet von einem Nebengelass aus Justine, -die sich in einem cabinet d’aisance aufhält, et defaecatione filiae -delectatur. Da im weiteren Verlaufe ihres Aufenthaltes in diesem -Hause der Wollust Justine den Anerbietungen der Geschwister -hartnäckig widersteht und schliesslich mit Rosalie zu entfliehen -sucht, beschliesst Rodin, Beide mit Hilfe eines Kollegen Rombeau zu -ermorden, nachdem man sie vorher zu physiologischen Experimenten -benutzt habe. Zuerst wird an Rosalie unter schrecklichen Orgien die --- Sectio caesarea ausgeführt. Justine aber kommt glücklich mit einer -Brandmarkung davon und wird fortgejagt. - -Auf der Flucht gelangt sie in die Nähe von Sens. Als sie in der -Abenddämmerung am Ufer eines Teiches sitzt, hört und sieht sie, wie ein -kleines Kind ins Wasser geworfen wird. Sie rettet dasselbe, wird aber -von dem Mörder, einem Herrn von Bandole, dabei überrascht. Er giebt das -Kind sofort wieder demselben Schicksal preis und führt Justine mit sich -auf sein Schloss. Dieses Ungeheuer lebt einsam in seinem entlegenen -Schlosse. Er hat die Manie, jedes Weib nur einmal zu missbrauchen und -sie dabei sofort zu schwängern. Die Kinder werden bis zum Alter von 18 -Monaten von ihm erzogen und dann in den Teich geworfen. Augenblicklich -hat er 30 Mädchen in seinem Schlosse. Er ist Antialkoholist und -Vegetarier und hält auch die Mädchen zu einer knappen Kost an, damit -sie Kinder bekommen. Auch bindet er sie ante coitum auf eine Maschine, -und lässt sie nachher 9 Tage im Bette liegen, Kopf niedrig und Füsse -hoch. Das sind seine conceptionsbefördernden Mittel. Er wohnt dann -dem Gebärakt bei, was ihm stets besonderen Genuss bereitet, und führt -selbst allerlei Operationen dabei aus, u. a. die Sectio caesarea. -Justine wird, gerade als an ihr die Reihe ist, von Cœur-de-Fer befreit, -den sie ins Schloss einlässt, und der ihr die Freiheit giebt. - -Sie gerät nun in eine Benediktiner-Abtei, Sainte-Marie-des-Bois, -dessen Prior Severino, ein Verwandter des Papstes, sich als -gefährlicher Wüstling und Paederast entpuppt, der mit den nicht -weniger ausschweifenden Mönchen in unterirdischen Sälen teuflische -Orgien feiert. Zwei „Serails“ von Knaben und Mädchen sind im Kloster, -die von einer Messalina namens Victorine beaufsichtigt werden. Bei -den nun geschilderten Ausschweifungen sind die verschiedensten -sexualpathologischen Typen vertreten. Einer sucht seine Befriedigung -darin, Frauen zu ohrfeigen, ein Anderer liebt besonders Menstruirende, -ein dritter den Geruch der Achseln. Der Mönch Jérôme sagt: „Ich -möchte sie (die Frauen) verschlingen, ich möchte sie lebend essen, -ich habe lange keine Frau gegessen und ihr Blut geschlürft.“ Justine, -die mit einem jungen Mädchen Omphale Freundschaft geschlossen hat, -wird von dieser mit den geradezu raffinierten Einrichtungen dieses -klösterlichen Bordelles, mit den darin geltenden Vorschriften und den -Strafen gegen das Uebertreten derselben bekannt gemacht. Die Mönche -vollziehen die Todesstrafe in Form des Röstens, Kochens, Räderns, -Vierteilens, Zerstückelns und Totpeitschens. Zwischen den zahlreichen -Orgien werden grosse Reden zur Rechtfertigung derselben gehalten, so -von Clément. Der scheussliche Jérôme erzählt seine lange wollustreiche -und bluttriefende Lebensgeschichte. Im Beginn seiner Thätigkeit hat es -ihm nach der Verführung seiner eigenen Schwester besonderes Vergnügen -bereitet, Schwestern durch ihre Brüder verführen zu lassen. Er ist -auch im Jahre 1760 in Deutschland gewesen und hat in Paderborn und -Berlin seine Schandthaten verübt[576]. Dann geht er nach Sizilien, wo -die Giftmischerei in höchster Blüte steht und die Geistlichen das -verderbteste Leben führen. Er wird mit dem Chemiker Almani bekannt, -der ein grosser Liebhaber von Ziegen ist, und bei dem der Ausbruch -des Aetna einen sexuellen Orgasmus auslöst. Mit Hülfe einer gewissen -Clementia verübt Jérôme dann die Greuelthaten eines Gilles de Retz. -Von Sizilien geht Jérôme nach Tunis und kehrt darauf nach Frankreich -zurück, wo er, bevor er ins Kloster kommt, in Marseille Gelegenheit -hat, die dortige Corruption zu studieren. - -Diese Erzählung begeistert die Mönche zur Hinrichtung einiger Mädchen. -Auch Justine soll, als ihr einziger Beschützer Severino, der zum -Ordensgeneral der Benediktiner ernannt wird, das Kloster verlässt, an -die Reihe kommen. Doch gelingt ihr die Flucht. Sie trifft unterwegs -Dorothée d’Esterval, eine abgefeimte Heuchlerin, die Gattin des -Besitzers einer einsam gelegenen Herberge, der alle seine Gäste -ausplündert und bestialisch ermordet. Dorothée lebt, wie sie sagt, -mit ihrem Manne in sehr schlechtem Einvernehmen und bittet Justine, -mit ihr zu gehen. Justine ist aber wieder einmal in eine Falle -gegangen. Dieser d’Esterval, der stets seinen Opfern das an ihnen zu -begehende Verbrechen vorher verkündet, braucht nämlich jedes Mal nach -vollbrachter That eine Frau, die ihm die eigene Gattin besorgen muss, -die übrigens ebenso verderbt ist, wie ihr Mann. Justine soll ihren und -seinen Lüsten dienen und ausserdem die Reisenden anlocken und umgarnen. -Mehrere solche Greuelszenen werden geschildert. Eines Tages kommt -ein alter Bekannter Justinens, Herr de Bressac, der ein Verwandter -d’Estervals ist. Sie begeben sich alle vier zu dem Grafen Gernande, -ebenfalls einem Verwandten. Dieser ist ein Vielfrass und Säufer und -befriedigt seine Blutgier durch Aderlässe und Incisionen an seinen -Frauen, deren er bereits die sechste besitzt. Solche Szenen werden in -schauerlichster Weise vorgeführt, während Dorothée später die Madame -Gernande zu tribadischen Manövern verführt. Dann repräsentiert sich in -der Familie Verneuil, ein neuer Zweig der würdigen Verwandtschaft. Herr -de Verneuil kommt mit seiner Frau, seinem Sohne Viktor, seiner Tochter -Cécile und Gefolge an. Der alte Verneuil betreibt auch eine besondere -Spezialität des sexuellen Genusses. Er bezahlt +reiche+ Frauen und -bestiehlt +arme+! Er veranstaltet alsbald eine Orgie auf einer -„Ottomane sacrée“, über der ein Bild Gottes hängt, das Veranlassung -zu schrecklichen Gotteslästerungen giebt. Nach mehreren ähnlichen -Szenen, wobei Justine einmal in einen tiefen Brunnen fällt, aber wieder -herausgezogen wird, und Bressac grosse Reden gegen die Unsterblichkeit -der Seele hält, werden die Tochter und die Frau Verneuils getötet. -Justine entflieht nach Lyon, trifft dort Saint-Florent wieder, dessen -Spezialität die Verführung von Jungfrauen bildet, die er sofort durch -einen Mädchenhändler verkaufen lässt. Justine soll Gehilfin bei seinen -Schandthaten werden, weigert sich aber und wird von ihm eingesperrt und -muss den von Saint-Florent ausgespuckten Speichel auflecken. Nach der -unerlässlichen Orgie wird Justine freigelassen und begegnet ausserhalb -Lyons einer Bettlerin, die um Geld bittet und dann Justine die Börse -raubt. Beim Verfolgen gerät Justine in die Höhle einer Bettlerbande, -bei deren geschlechtlichen Ausschweifungen der Paederast und Jesuit -Gareau und die Tribade Séraphine, deren Geschichte ganz weitläufig -erzählt wird, als Hauptpersonen thätig sind. Justine entkommt auch -aus dieser Verbrecherhöhle, findet einen von zwei Cavalieren halbtot -geschlagenen Mann namens Roland, dem sie ihre Hilfe angedeihen lässt. -Dieser Roland ist das Haupt einer Falschmünzerbande und haust auf einem -hoch oben im Gebirge gelegenen Schlosse. Er ist natürlich ebenfalls -ein gefährlicher Wüstling, wie die arme Justine, die er mit auf sein -Schloss gelockt hat, bald erfährt. In einem unterirdischen Gewölbe -seines Schlosses, wo zahlreiche Skelette, Waffen aller Art, kirchliche -Geräte, Krucifixe, Kerzen u. s. w. sich befinden, betreibt dieses -Scheusal als sexuellen Sport das „jeu de coupe-corde“, das Erhängen -seiner weiblichen Opfer, da dies ein unsäglich wollüstiger Tod sei, wie -Roland an sich selbst öfters erprobt hat und Justinen demonstriert, die -ihn aber zur rechten Zeit wieder abschneiden muss. Schliesslich wird -Justine von Roland in einen mit Toten gefüllten Abgrund hinabgestossen, -aus dem sie am folgenden Tage, da er das Schloss verlässt, von seinem -menschlicheren Nachfolger Deville gerettet wird. Eines Tages wird die -ganze Falschmünzerbande verhaftet, nach Grenoble gebracht und zum -Galgen verurteilt. Justine wird aber durch die aufopfernde Thätigkeit -eines Herrn S... (Sade?), Advokaten am Gerichtshofe in Grenoble, -befreit, der auch eine Sammlung für sie veranstaltet. - -In einem Gasthofe zu Grenoble trifft Justine die inzwischen zur -Baronin avancierte Dubois wieder, ihre einstige Gefährtin im Gefängnis -zu Paris, die sich bei ihr mit einer „Dissertation philosophique“ -einführt und sie zur Beraubung eines jungen Kaufmanns zu verleiten -sucht. Justine verrät diesem die Pläne der Dubois, aber zu spät. Denn -er ist bereits von der den Verrat ahnenden Dubois vergiftet worden. -Justine wird auf der Landstrasse von drei Männern überfallen, die -sie in ein Landhaus des Erzbischofs von Grenoble führen, in dem die -rachedurstige Dubois als Aufseherin fungiert. Dieser Erzbischof ist -natürlich auch ein Ausbund von Lasterhaftigkeit und Grausamkeit; -ein „Faun aus der Fabel“, ein Monomane des Köpfens. Er hat sich -einen eigenen „Hinrichtungssaal“ eingerichtet[577], in dem vor den -Augen der schaudernden Justine ein Mädchen Eulalie archiepiscopo eam -paedicante geköpft wird. Justine entflieht, wird aber von der Dubois -wieder eingefangen, als Brandstifterin und Mörderin denunziert, und -ins Lyoner Gefängnis eingeliefert, von wo sie nächtlicher Weile durch -den wieder einmal auftauchenden Saint-Florent einem der Richter, -Cardoville, zugeführt wird. In dessen Schlosse feiert eine Gesellschaft -von Anthropophagen ihre Orgien, unter Assistenz von 12 Negern. Justine -wird eine Zeit lang aufs Rad geflochten. Sodann machen zwei Mädchen -an ihr die Operation der Infibulation. Dann muss sie Spiessruten -laufen. Danach legen sich sämtliche Teilnehmer auf ein mit eisernen -Stacheln besetztes Kreuz, das die Wollust unermesslich reizt und zu -wilden Ausbrüchen derselben Veranlassung giebt. Danach wird Justine -ins Gefängnis zurückgeführt und vom Gericht unter dem Präsidium des -Wüstlings Cardoville zum Feuertode verurteilt. Doch lässt sie der -Gefängniswärter, für den sie aber vorher einen Diebstahl begehen muss, -entschlüpfen. - -Auf ihrer Wanderung bemerkt sie gegen Abend eine elegante Dame mit vier -Herren. +Es+ ist ihre Schwester Juliette. Bei der Erkennungsszene ruft -Juliette aus: „O Kleinmütige, höre auf, Dich zu wundern. Ich hatte Dir -alles das vorausgesagt. Ich habe den Weg des Lasters eingeschlagen und -auf ihm nur Rosen gefunden. Du warst weniger Philosophin, und Deine -verwünschten Vorurteile liessen Dich Chimären träumen. Du siehst, -wohin sie Dich gebracht haben.“ Justine wird mit Kleidern und Nahrung -versehen, und einer der Cavaliere sagt, auf sie deutend: „Oui, voilà -bien ici les +Malheurs de la Vertu+!“ Und auf Juliette zeigend: „Et là, -là, mes amis, les +Prospérités du Vice+!“ - -Am anderen Tage kündigt Juliette an, dass sie ihrer Schwester ihre -eigene Geschichte erzählen will. „Sie, Noirceuil und Chabert, die -Sie alles wissen, brauchen nicht zuzuhören. Gehen Sie einige Tage -aufs Land. Aber Sie, Marquis, und Sie, Chevalier, Sie müssen zuhören; -um sich von der Wahrheit der Worte Chaberts und Noirceuils’s zu -überzeugen, dass es keine extravagantere Frau giebt als mich.“ Man geht -in einen Salon des Schlosses, setzt sich auf Canapés. Justine nimmt auf -einem Stuhle Platz, und Juliette fängt an zu erzählen. - - -4. Analyse der „Juliette“. - -Das „Glück des Lasters“ bildet das Thema der sechsbändigen „Juliette“, -die in der Gesamtausgabe von 1797 als eine Fortsetzung und Ergänzung -der „Justine“ erscheint und den Triumph des Lasters in wahrhaft -infernalischen Bildern schildert. - -Justine und Juliette werden, wie schon erwähnt, im Kloster Panthémont -erzogen, aus dem die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris“ -seit vielen Jahren hervorgegangen sind. Seit fünf Jahren ist Madame -Delbène die Aebtissin dieses Klosters, eine 80jährige Tribade, die -Juliette und ihre 15jährige, später in ein Bordell übertretende -Freundin Euphrosine in die Geheimnisse der lesbischen Liebe einweiht. -Sie besitzt „le tempérament le plus actif“, 60000 Livres Rente und -ist von einer „deliciösen Perversität“. Sie entwickelt vor jungen -Mädchen von 8 bis 15 Jahren ihr materialistisches und antimoralisches -System der Philosophie, hat +Holbach+ und +La Mettrie+ studiert, -definiert das Gewissen als ein „Vorurteil, das durch die Erziehung -eingepflanzt wird“, spricht von Nerven- und Elektricitätsfluida, -objektiven Existenzen, von Gott, der Seele u. s. w. Sie inszeniert -grosse Tribadenszenen, an denen die 20jährige Madame de Volmar, -„die wollüstige Gefährtin Delbène’s“, ein richtiges Mannweib, die -17jährige Saint-Elme, die 13- und 18jährigen Elisabeth und Flavie, -sowie Juliette teilnehmen. Alle gelten in der Welt als schamhaft und -bescheiden. Hier sind sie von einer „energischen Indecenz“. Dabei wird -die Virginität ängstlich behütet. Später wird aber Juliette von Delbène -vermittelst eines Godmiché defloriert, und danach steigt die ganze -Gesellschaft nachts durch ein Grab in der Kirche in die Katakomben des -Klosters hinab. In diesen befindet sich ein niedriger mit Luftlöchern -versehener, künstlerisch ausgestatteter Saal, in dem die 10jährige -Laurette ihrer Defloration harrt neben zwei Mönchen, dem 30jährigen -Abbé Ducroz, Grossvikar des Erzbischofs von Paris, der besonders -mit der Aufsicht über das Kloster Panthémont betraut ist, und dem -36jährigen Pater Télème, einem Franziskaner und Beichtvater der Novizen -und Pensionärinnen des Klosters. Mit cynischer Offenheit erklärt die -Delbène der erstaunten Juliette, dass man sich hier mit den Priestern -zum Zwecke sexueller Ausschweifungen und Grausamkeiten (horreurs, -atrocités), versammle, möglichst fern von der Oberwelt. Hier werden -die grossen „Verbrechen“ begangen. Bei den nun folgenden Orgien spielt -die natürliche und künstliche Paedicatio inter mulieres et viros eine -grosse Rolle; sie wird besonders den unverheirateten Mädchen empfohlen -mit der Begründung: point d’enfants, presque jamais de maladies, et -des plaisirs mille fois plus doux. Juliette muss die auf einem Tische -festgeschnallte Laurette deflorieren, worauf ein opulentes Mahl mit -den feinsten Weinen in einem Nebengemach aufgetragen wird, bei dem die -arme Laurette bedienen muss und alle Personen nackt am Tische sitzen. -Die Volmar manustuprat monachos über einer Punschbowle, in die Juliette -mingit, worauf die andern Frauen aus derselben trinken. Dann kehrt man -in den Saal zurück, und Delbène giebt sich auf dem Sarge einer von -ihr ermordeten Nonne hin. Plötzlich werden dann durch den Flug einer -Nachteule die Lichter verlöscht, und die Orgie hat ein Ende. - -Nach dem Bankerott und Tode ihrer Eltern wird Juliette von der Delbène -sofort entlassen und ihr der Rat erteilt, in das Bordell einer gewissen -Duvergier einzutreten, wo auch ihre Freundin Euphrosine sich befindet. -Juliette befolgt den Rat und trennt sich von ihrer Schwester Justine. - -Vom Kloster kommt also Juliette ins Bordell, wo sie allerlei Abenteuer -erlebt. Die einsame Lage dieses Bordells haben wir bereits geschildert -(S. 135). Juliette verkehrt hier mit Prinzen, Edelleuten, reichen -Bürgern u. s. w., ist bald als Hofdame, bald als Grisette, bald als -„Poissarde“ gekleidet und kommt allen möglichen Gelüsten entgegen. Sie -schliesst Freundschaft mit Fatime, einer 16jährigen Prostituierten, -deren Spezialität das Bestehlen ihrer Kunden ist, wozu einer der -berühmtesten Diebe von Paris, Dorval, sie angeleitet hat, der sich -durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden unterrichten, -diese durch Dirnen verführen und berauben lässt, wobei er heimlich -zuschaut, unter starker sexueller Erregung. Er besitzt bereits 30 -Häuser. Eines Tages müssen Juliette und Fatime zwei ehrliche Deutsche -Scheffner und Conrad, bestehlen, nachdem sie dieselben durch Weine -berauscht haben. Diese werden dann nackt in einer finsteren Strasse -ausgesetzt. +Dorval+, dessen sexuelle Perversität der cunnilingus -post coitum alterius viri ist, entwickelt in einer langen Rede seine -Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls, dieser „pierre angulaire -de la société.“ Darauf lässt er Fatime und Juliette in eine dunkle -Folterkammer werfen, wo er sie durch zwei Knechte entkleiden lässt -und dann unter ungeheurer erotischer Erregung seinerseits ihnen das -Todesurteil verkündet, das an dem bereitstehenden Galgen vollzogen -werden soll. Es wird dann an Beiden eine Scheinhinrichtung vollzogen. -Dorval befriedigt seine Lust an den Scheintoten, die darauf nackt in -einem Wagen zur Duvergier zurückgebracht werden. - -Hierauf wird Juliette zu dem Erzbischof von Lyon in die Abtei von -Saint-Victor in Paris geschickt. Dieser Gotteshirte paedicat eam unter -Assistenz einer gewissen Lacroix und wird zum Schluss von einer -dritten Frau mit Ruthen gepeitscht. - -Nachdem Juliette glücklich der Gefahr der Ansteckung durch einen mit -schwerer Syphilis behafteten Mann entgangen ist, der besonders durch -den Gedanken ergötzt wird, seine Schönen zu infizieren, macht sie die -Bekanntschaft eines gewissen Noirceuil, eines reichen Wüstlings und -grandiosen Bösewichts. Dieser empfindet das absonderliche Bedürfniss, -dass seine Frauen -- er besitzt deren bereits die 18te -- Zeuginnen -aller seiner Ausschweifungen und ihm sogar dabei behilflich sein -müssen. Ausserdem begehrt er nur Jungfern. Zwei nackte Knaben müssen -während dieser Orgien seine eigene Frau schlagen und stechen. Diese -muss dann ebenfalls in adamitischer Tracht bei dem der Orgie folgenden -Mahl Noirceuil und seine Maitressen bedienen. - -Noirceuil macht der Juliette ein überraschendes Geständnis: „Ich -habe Ihren Vater wohl gekannt. Ich bin nämlich der Urheber seines -Bankerotts. Ich habe ihn ruiniert. Ich verfügte einen Augenblick über -sein ganzes Vermögen, konnte es verdoppeln, oder es in meine Hände -übergehen lassen! Consequent meinen Principien habe ich +mich+ ihm -vorgezogen. Er ist im Ruin gestorben, und ich habe 300000 Livres -Rente. Nach diesem Geständnis müsste ich nun eigentlich das Unglück -gut machen, in das ich Sie gestürzt habe. Aber das wäre eine Tugend. -Ich werde das nicht tun; denn ich verabscheue die Tugend zu sehr. -Dies richtet unübersteigliche Schranken zwischen uns auf. Ich kann -Sie nicht wiedersehen.“ -- Nach dieser gemütlichen Auseinandersetzung -des Verderbers ihres Vaters bricht Juliette in ein Jubelgeschrei aus: -„Schrecklicher Mensch, wie sehr ich auch das Opfer Deiner Laster -bin, ich liebe dieselben! Ja, ich bete Deine Grundsätze an.“ -- „O, -Juliette, wenn Du alles wüsstest!“ -- „Lass mich alles erfahren!“ --- „Dein Vater, Deine Mutter!“ -- „Was denn?“ -- „Ihre Existenz -konnte mich verraten... Ich musste sie opfern; ich habe sie kurz -hintereinander durch ein Gift umgebracht, das ich ihnen beim Souper in -meinem Hause ins Essen mischte.“ Nach dieser schrecklichen Enthüllung -ruft Juliette: „Ungeheuer, Du machst mich schaudern, aber ich liebe -Dich!...“ „Den Henker Deiner Familie?“ -- „Was macht das? Ich urteile -über alles ‚par les sensations‘. Die von Dir Gemordeten haben mir -keine solchen Sensationen erregt, aber Dein Geständnis, dass Du ihr -Mörder bist, entflammt mich, und erregt meine Geschlechtslust.“ -Die Idee, de devenir la putain du bourreau de tous ses parents, -verursacht ihr höchste Wonne. Noirceuil, hoch erfreut, eine solche -Gesinnungsgenossin gefunden zu haben, behält sie bei sich in seinem -Hause. Sie besucht aber immer noch das Bordell der Duvergier. Diese -hält auch ein Absteigequartier für vornehme, sich prostituierende Damen -und junge Mädchen, die alle mit einem mehr oder weniger hohen Grade von -Nymphomanie behaftet sind und ihr Leben teils in der Predigt und Messe, -teils im Bordell verbringen. Darunter befinden sich wieder verschiedene -sexualpathologische Typen. Die Herzogin von Saint-Fal, die Tochter -eines Parlamentsrates, verkauft gern ihre „pucelage antiphysique“ und -eine Frau liebt nur den Umgang mit Priestern.[578] Noirceuil bekommt -jeden Abend von der Duvergier eine Jungfrau geliefert, die in Gegenwart -Juliettens, der beiden Knaben und seiner Gattin ein Opfer seiner -Lüste wird. Einmal lässt die Duvergier Juliette und sechs andere -Mädchen an einer Orgie bei einem Millionär Mondor teilnehmen. Mondor, -ein decrepider Greis von 66 Jahren, bedarf endloser Vorbereitungen, -um sein Ziel zu erreichen. Er muss durch eine tribadische Szene der -sechs Mädchen, durch künstliche Paedicatio und durch defaecatio in -os potent gemacht werden ad paedicationem. Juliette stiehlt diesem -erotischen Scheusal 60000 Fr., findet aber bei ihrer Rückkehr nach -dem Hause Noirceuil, dass sie dort gleichfalls bestohlen worden ist -und zwar von Noirceuil selber, der aber Juliettens Kammermädchen -Gode anschuldigt und ins Gefängnis Bicêtre werfen lässt, nicht ohne -vorher diese Heldenthat durch eine Orgie gefeiert zu haben und nicht -ohne nachher einen grossen Vortrag über das Verbrechen und dessen -Nützlichkeit zu halten. -- Juliette trifft sich dann im Auftrage der -Duvergier mit drei jungen Modistinnen im Café de la Port Saint-Antoine, -um zu einem Herzog Dendemar in St.-Maur zu fahren, dessen Manie die -Flagellation von Mädchen, am liebsten von nicht prostituierten ist, -wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlt. Auch lacerat -digitis cunnum, bindet um Juliettens Leib einen Dornenkranz, giesst -brennendes Oel über die nackten Leiber der vier Mädchen. Juliette -bestiehlt ihn ebenfalls um eine grosse Summe, trennt sich dann -endgültig von der Duvergier und lebt ein Jahr im Hause Noirceuils, ab -und zu auf eigene Abenteuer ausgehend, bis Lubin, der Kammerdiener -des von ihr bestohlenen Herzogs Dendemar sie eines Tages sieht, sie -überfallen und gefangen setzen lässt. Sie wird aber von Noirceuil durch -Vermittelung des Staatsministers Saint-Fond befreit und veranlasst, -dass eine ihrer Begleiterinnen zu dem Herzog Dendemar als die Diebin -denunciert wird, worauf sich Noirceuil und Juliette an dem Gedanken -wollüstig berauschen, dass nun die unschuldige Minette wegen des ihr -aufgebürdeten Diebstahls gehängt werden wird. Noirceuil teilt Juliette -mit, dass sein Freund Saint-Fond aus Freude über ihr Verbrechertalent -ihr eine sehr bedeutende Summe schenkt. Darauf begeben sie sich zu -einem Souper bei diesem Minister. - -Saint-Fond ist ein Mann von 50 Jahren, ein falscher und grausamer -Wüstling, Verräter und Dieb. Er hat zahlreiche „lettres de cachet“ -angefertigt, und mehr als 20000 Menschen schmachten auf seine -Veranlassung in den königlichen Festungen, von denen, wie er sagt, -„nicht ein einziger schuldig ist.“ Der erste Parlamentspräsident -d’Albert ist ebenfalls beim Souper anwesend. Ausserdem Madame -Noirceuil, vier Jungfrauen und Juliette. Sechs nackte als Frauen -frisierte Knaben servieren. Jeder der drei Wüstlinge hat also je -zwei Knaben zu seiner Verfügung. d’Albert verspricht Julietten einen -Sicherheitsbrief, der sie gegen jede gerichtliche Verfolgung, für -welches Verbrechen es auch sei, schütze, und Saint-Fond sichert ihr -das gleiche zu, verlangt aber, stets von ihr mit der gebührenden -Hochachtung behandelt zu werden und stets von ihr mit dem seinem -Reichtum und Range gebührenden Titel „Monseigneur“ angeredet zu werden. -Er gehört zu den wenigen „Genossen“, die wie die Gestirne am Firmament -die Welt erleuchten, ohne jemals zu ihr herabzusteigen, kurz, er -leidet an Grössenwahn und dünkt sich mehr zu sein als der König. Er -hasst die ganze Welt ausser Noirceuil, d’Albert und einigen Anderen. -In sexueller Beziehung non amat anum nisi sordidum, faeces edit -atque ejaculatio ejus maximo fit cum delirio. Dabei wird er als der -Typus eines schönen, kraftvollen und gesunden Menschen beschrieben. -Er ist Alkoholist. Im Verlauf der nun folgenden Orgie wird die Frau -des Noirceuil auf schreckliche Weise getötet. Man reibt ihr den ganzen -Körper mit Spiritus ein, steckt brennende Lichter in omnia orifica -corporis, so dass sie am ganzen Leibe verbrannt wird und vergiftet sie -schliesslich, wobei unter dem Jauchzen des Gatten Noirceuil die übrigen -Anwesenden dem Todeskampfe zuschauen. Juliette wird dann von dem -Minister Saint-Fond zur Arrangeurin seiner geheimen Orgien bestimmt, -richtet sich mit seinem Gelde ein grosses Hôtel in der Rue du Faubourg -Saint-Honoré ein, erwirbt ein hübsches Landgut oberhalb von Sceaux, -eine sehr wollüstig eingerichtete „petite maison“ an der Barrière -Blanche, das für die Soupers seiner Excellenz bestimmt ist. Sie wird -als 17jährige Schönheit in die sie bewundernde Gesellschaft eingeführt, -hat vier Kammerfrauen, eine Vorleserin, zwei Nachtwärterinnen, eine -Haushälterin, einen Coiffeur, einen Koch, zwei Dienerinnen, drei -Equipagen, zehn Pferde, zwei Kutscher, vier Lakaien und zwölf -- -Tribaden zu ihrer Verfügung. Ausserdem setzt sie der Minister, der -Giftmord im Grossen betreibt, an die Spitze des „Departements der -Vergiftungen“. Er setzt ihr die Notwendigkeit auseinander, in der -sich oft der Staat befindet, irgend eine unbequeme Persönlichkeit zu -beseitigen. Juliette soll diese Leute vergiften und für jeden Mord -30000 Francs bekommen. Es sind wohl fünfzig in jedem Jahr. Das macht -für sie eine Rente von 1500000 Francs. Die Opfer der geheimen Orgien --- denn man tötet gewöhnlich drei Mädchen bei jedem Souper -- es -giebt zwei Soupers in der Woche -- werden das Stück mit 20000 Francs -bezahlt. Juliette erhält also 12000 Livres Rente aus ihren persönlichen -Einkünften, eine monatliche Pension von Noirceuil, eine Million von -Saint-Fond für die allgemeinen Kosten der Soupers, die Anweisungen -auf 20 oder 30000 Francs für jedes Opfer, im ganzen jährlich 6734000 -Francs. Saint-Fond fügt noch 210000 „Livres de menus plaisirs“ hinzu. -Er kann dies ja mit Leichtigkeit thun, da es nicht sein Geld ist, -sondern das des Staates, den er ausplündert. - -Die Amüsements bei den „petits soupers“ und in den wollüstigen Boudoirs -der Barrière-Blanche beginnen nunmehr und werden von Juliette in der -vortrefflichsten Weise geleitet. Saint-Fond, der zu diesen Vergnügungen -auch einen königlichen Prinzen zugezogen hat, lässt durch Juliette -seinen eigenen Vater vergiften, führt dann zusammen mit Noirceuil -seine Tochter, mit der er längst im Incest lebt, zu dem Sterbenden -und ante oculos ejus eam paedicat. Dasselbe thut Noirceuil. Welch ein -Genuss für Saint-Fond! Er ruft triumphierend aus: „Je parricidais, -j’incestais, j’assassinais, je prostituais, je sodomisais!“ Hierauf -folgt ein luxuriöses Mahl, bei dem kleine Mädchen brennende Lichter ano -inseruntur, so dass sie schliesslich verbrannt werden. Andere Mädchen -werden auf den Bratspiess gesteckt und lebendig geröstet. Juliette -wünscht noch eine jüngere Freundin und in Grausamkeiten erfinderische -Gehilfin, worauf man sie mit Lady Clairwil, einer kalten, herzlosen -englischen Schönheit bekannt macht. Diese, den Freuden der Tafel bis -zum Uebermass huldigende Gourmande, ist leidenschaftliche Tribade und -Männerfeindin. Sie verübt nur gegen Männer ihre Grausamkeiten. Sie -liebt passive und aktive Flagellation in gleicher Weise, was sie -gleich bei einer tribadischen Orgie mit Juliette und vier anderen -Frauen beweist. Zum Ueberfluss engagiert Saint-Fond noch den Henker -von Nantes, Delcour, zur Vollziehung der geheimen Hinrichtungen. -Der Gedanke, mit einem veritablen Henker zusammen zu sein, erregt -in Juliette die höchste Wollust. Sie lässt sich von Delcour, der -ausführt, dass besonders die Libertinage zur Grausamkeit und zum -Verbrechen führe, flagellieren und zugleich mulier ei cunnilingum -facere debet. Darauf werden unter Assistenz von Clairwil und Delcour -die entsetzlichsten Grausamkeiten verübt. Cloris, ein Verwandter -Saint-Fond’s, dem dieser seine ganze Carrière verdankt, wird gerade -deswegen zum Opfer ausersehen, zumal da seine Frau und Tochter dem -begehrlichen Ansinnen des Saint-Fond nicht nachgegeben haben. Dieser -hat die beiden Frauen bei der Königin Marie-Antoinette verleumdet, -die ihm drei Millionen (!) für ihre Ermordung zur Verfügung stellt. -Nachdem die ganze Familie in die Falle gelockt ist, wird sie zunächst -gezwungen, die scheusslichsten Arten von Incest mit einander zu -begehen. Dann werden Vater, Mutter und Kinder, einer nach dem anderen, -hingemordet. Recht langsam muss der Henker Delcour der Tochter des -Cloris den Hals abschneiden, damit Saint-Fond als ihr Paedico maximam -habeat voluptatem. Juliette hat einen Saal schwarz drapieren lassen, -in dessen zahlreichen Nischen sich puellae nudae befinden. Die Köpfe -der Getöteten werden dort aufgehängt, um später der Königin gebracht -zu werden. Ausserdem befestigt man an den Wänden die -- Nates! -Zahlreiche Folterinstrumente werden herangeschleppt. Ein Mädchen Fulvie -wird gerädert. Anderen werden die Augen ausgestochen, die Glieder -zerbrochen. Ein Jüngling wird in einen hohlen, innen mit scharfen -Klingen besetzten Cylinder, den ein Folterknecht wie eine Kaffeemühle -dreht, in kleine Stücke zerschnitten. - -Nach einigen Tagen werden Clairwil und Juliette von Verwandten des -ermordeten Cloris überfallen, aber durch Saint-Fond befreit, wobei -Clairwil und Juliette in coitu zwei Männer erschiessen. Saint-Fond -erdrosselt in derselben Situation ein Mädchen. Faustine und Felicitas, -Dormon und Delnos, die beiden Schwestern der Frau Cloris und ihre -Verlobten, werden nach einem „enormen Diner“ geopfert. Dormon wird -„in einem Augenblick“ geknebelt, die Clairwil zerfleischt ihn mit den -Zähnen, worauf er von zwei alten Weibern aufs Rad geflochten wird. -Faustine, die mit den Haaren an der Decke aufgehängt ist, stirbt vor -Schreck. Delnos wird von Juliette mit Nadeln zerstochen[579], Felicitas -wird lebend „gepfählt“. Clairwil lässt den noch lebenden Delnos wie -„Jésus, ce plat coquin de Galilée“, kreuzigen. Zum Schluss wird ein -natürlicher Sohn des Saint-Fond, der Marquis de Rose vergiftet. Ebenso -lässt Saint-Fond die Mutter des Marquis umbringen, um sich in den -Besitz ihres grossen Vermögens zu setzen. - -Auch auf ihrem Landgut verübt Juliette Greuelthaten. So fährt sie eines -Tages in der Umgebung von Sceaux spazieren, kommt an die Hütte eines -braven Bauern, der über den Besuch einer „so grossen Dame“ ganz ausser -sich gerät. Sie lobt die Reinlichkeit und Ordnung in dem Häuschen, die -heiteren Mienen der Kinder, das anständige Verhalten der Familie und --- benutzt einen Augenblick der Abwesenheit des armen Mannes, um Feuer -anzulegen. Dieser findet bei seiner Rückkehr die Hütte in Flammen, -die Kinder lebendig verbrannt, da Juliette Sorge getragen hat, alle -Ausgänge verschliessen zu lassen. Sie amüsiert sich über den Schmerz -des Unglücklichen und eilt dann nach Paris, um ihr Heldenstück der Lady -Clairwil zu erzählen. Diese runzelt beim Anhören der Geschichte die -Stirne wie ein Institutsprofessor. Denn es fehlt noch etwas. Man hätte -den Bauern selbst als Brandstifter anzeigen müssen, damit er gehängt -oder gerädert worden wäre! - -Diese vortreffliche Lehrerin führt Juliette, um deren mangelhafte -Erziehung zu vollenden, in die „Gesellschaft der Freunde des -Verbrechens“ ein, deren Haus sich in einer Vorstadt von Paris befindet. -Die Einrichtung desselben ist bereits beschrieben worden (S. 137). -Nach Vorlesung der 45 Statuten, aus denen hervorgeht, dass nur die -grössten Verbrecher und Lüstlinge in diese ehrenwerte Gesellschaft -aufgenommen werden, wird Juliette aufgenommen, und unerhörte erotische -Ausschweifungen folgen, an denen wiederum die Geistlichkeit sehr stark -beteiligt ist. Episcopus in nasum suum mingi imperat. Femina ad feminae -alterius mammam defaecat. Julia clysteribus excitatur. Ein Mann lässt -sich eine grosse Zahl von Nadeln in die testes et nates stossen. -Ein Anderer per duas horas lingit os, oculos, aures, nares, spatia -interdigitalia pedum, anum. Senex devorat faecem filiae, quam paedicat. -Depilat alter cunnum filiae lingua lambens anum. Clairwil trinkt das -Blut eines von ihr getöteten Knaben und edit testes. In +vier+ Sälen -für „Masturbation, Geisselung, Folter und Hinrichtungen“ werden diese -scheusslichen Wollustorgien gefeiert und die grässlichsten Inceste -begangen. An bombastischen Reden über die Herrlichkeit des Lasters -fehlt es ebenfalls nicht, und man ist im Zweifel, wer das meiste -Vergnügen hat, der „coniste“, der „bougre“, der „masturbateur“ oder der -„f...... en bouche“! - -Aber weder Saint-Fond, noch Noirceuil, weder ihr halbes Dutzend -Lakaien, das aus den stärksten Kerlen ausgewählt ist, noch ihre -zwölf Tribaden, noch Clairwil, die alle zusammen aufwiegt, weder -die zahllosen männlichen und weiblichen Opfer, die Soupers und die -Harems der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“, können dem -unersättlichen Temperament unserer Heldin Genüge leisten. Sie braucht -noch allerlei sonstige Zerstreuungen. Clairwil und Juliette gehen -bei dem Karmelitermönch Claude zur Beichte, bei welcher Gelegenheit -sie entdecken, dass dieser wunderbare Mann drei -- Testikel hat und -er ihnen gesteht, dass er seinen Klosterbrüdern als Pathicus diene -und auch ein grosser Atheist sei. An der Barrière de Vaugirard hat -dieser Diener Gottes ein kleines Separatlogis, in dem die beiden -Freundinnen gute Weine, mollige (mœlleux) Sophas und eine ausgewählte -pornographische Bibliothek finden, ausserdem Godmichés, Condome und -„Martinets“. Aber lange soll die Freude des braven Mönches nicht -dauern. Er wird eines Tages von den Beiden in einen Hinterhalt gelockt -und ablatione membri virilis facta, das Clairwil als Godmiché benutzt, -getötet. - -Kurz darauf präsentiert sich bei Juliette ein gewisser Bernole, -ein schmutziges und zerlumptes Individuum und erklärt ihr wichtige -Enthüllungen machen zu wollen. Sie erfährt, dass der reiche Banquier, -dessen Tochter sie zu sein glaubt und der als ihr angeblicher Vater -durch Noirceuil ruiniert wurde, ihr Vater nur kraft des juristischen -Grundsatzes sei: Pater is est, quem nuptiae demonstrant. +Bernole ist -ihr wirklicher Vater+ und liefert ihr den Beweis dafür. Alsbald keimt -der Gedanke eines Incestes mit diesem Elenden in der zartfühlenden -jungen Dame auf. Sie realisiert diese Idee und lässt sich absichtlich -von ihrem eigenen Vater schwängern, den sie dann in Gegenwart der -sich an ihr sexuell bethätigenden Noirceuil, Saint-Fond und Clairwil -erschiesst! Sie übernimmt dann die Erziehung der Tochter Saint-Fond’s, -die Noirceuils Frau werden soll, aber, wie wir wissen, bereits von -ihrem eigenen Vater in alle sexuellen Geheimnisse eingeweiht ist, -trotzdem von Juliette darin noch „vervollkommnet“ wird. Sie muss einer -Orgie in dem Karmeliterkloster beiwohnen, bei der zwei „Satansmessen“ -gelesen werden. Von dem Grafen Belmor, dessen Bekanntschaft sie durch -Noirceuil machen, können Beide viel lernen. Er hat die Manie, kleine -Knaben auf den Schultern einer schönen Frau festbinden zu lassen, -sie bis aufs Blut zu flagellieren und dann anum pueri ex quo sanguis -decurrit usque ad anum feminae lingua lambere. Vor allem aber ist er -ein vorzüglicher Statistiker der Wollust und hat ausgerechnet, dass -ein Wüstling leicht im Laufe eines Jahres 300 Kinder verderben kann; -das macht in 30 Jahren 9000. Und wenn jedes verderbte Kind ihm nur -zum vierten Teil nachahmt, was mehr als wahrscheinlich ist, und jede -Generation nach 30 Jahren ebenso handelt, so wird jener Wüstling nach -zwei Menschenaltern 9 Millionen Lasterhafte um sich sehen! - -Juliette, die sich von einem berühmten Accoucheur ihr im Incest -empfangenes Kind hat abtreiben lassen, besucht mit Clairwil die im -Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin und Kartenlegerin Durand, -die nur wahrsagen kann, nachdem sie das Blut der betreffenden Person -hat fliessen sehen. Sie prophezeit, dass Clairwil nicht länger als -fünf Jahre leben wird, und dass Juliette ins Unglück gerät, sobald -sie aufhört, lasterhaft zu sein. Nach einem hysterischen Anfalle -dieser blutdürstigen Giftmischerin werden Clairwil und Juliette in die -Geheimnisse der Giftmischerei eingeweiht, und mehrere Vergiftungen -werden ausgeführt, die von den Messalinen bejubelt und durch -anthropophagische und fetischistische Excesse gewürzt werden. (Clairwil -cor pueri eripit et vaginae inserit.) - -So vergehen zwei Jahre, in denen Juliette ganz vertiert und nur -noch an den seltsamsten und aussergewöhnlichsten Genüssen Geschmack -findet. Sie ist bald 22 Jahre alt. Da teilt ihr Saint-Fond in einer -vertraulichen Unterhaltung einen wahrhaft infernalischen Plan mit. Er -will Frankreich entvölkern und zwei Drittel der Einwohner verhungern -lassen! Dies macht selbst die hartgesottene Juliette schaudern. -Saint-Fond bemerkt es und zieht sich wütend zurück. Juliette empfängt -von Noirceuil ein Billet mit der Mitteilung, dass Saint-Fond sie wegen -ihres „Rückfalles in die Tugend“ zu verderben trachte und dass sie -daher so schnell wie möglich Paris verlassen möge. So verlässt sie -Hals über Kopf das Haus Saint-Fond’s und ruft bei der Flucht aus: „O -verhängnisvolle +Tugend+! Du hast mich wieder einmal einen Augenblick -getäuscht! Jetzt fürchte ich aber nicht mehr, dass man mich nochmals zu -den Füssen Deiner schändlichen Altäre finden wird. Ersticken wir die -Tugend für immer. Sie ist nur dazu da, um den Menschen zu verderben. -Und das grösste Unglück, das einem in dieser ganz verderbten Welt -zustossen kann, ist das, sich allein vor dieser allgemeinen Corruption -schützen zu wollen!“ Sie begiebt sich, nachdem sie 1500 Livres, ihre -Diamanten und Kleinodien, sowie ihre „geschickteste“ Tribade als -Kammerfrau mitgenommen hat nach Angers, wo sie ein Bordell im Stil der -Duvergier eröffnet, bald den Adel der Provinz bei sich versammelt und -viele Liebhaber findet. Der reiche vierzigjährige Graf von Lorsange, -der über eine jährliche Rente von 50000 Livres verfügt, heiratet sie, -nachdem sie ihm unter scheinheiligen Thränen ihr ganzes früheres Leben -enthüllt hat. In einem tugendreichen Vortrage, der dem Redner selbst -Thränen entlockt, sucht der treuherzige Graf die büssende Magdalena -in ihrer neuen Tugendhaftigkeit zu befestigen. Aber diese „hübsche -kleine Rede“ hat Juliette keineswegs überzeugt. Nachdem sie eine -Zeit lang das ihr allerdings neue eheliche Leben ertragen hat, siegt -ihre „Vernunft“ über „Vorurteil und Aberglauben“. Sie versüsst sich -die zwei mit dem „harmlosen“ Manne verlebten „monotonen“ Jahre durch -heimliche Excesse, besonders durch tribadische Genüsse, bis sie bei -einer Messe den famosen Abbé Chabert, eines der früheren Mitglieder der -„Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ trifft. Jetzt beginnt die -alte Herrlichkeit wieder. Feste und Orgien werden gefeiert, obgleich -Juliette die Zeit findet, einem Töchterchen das Leben zu geben, um „das -Vermögen des Mannes sich zu sichern“. Doch fängt dessen Existenz schon -an, sie zu genieren, und als sie nun gar erfährt, dass Saint-Fond ihr -nachstellt, beschliesst sie, Frankreich zu verlassen, vergiftet ihren -Mann, der in den Armen des Heuchlers Chabert stirbt und seine Witwe -als Besitzerin von 50000 Livres Rente zurücklässt. Versehen mit vielen -Empfehlungsbriefen des Abbé geht Juliette nach Italien und lässt ihre -Tochter bei Chabert zurück. - -Wie wohl fühlt sie sich in der Heimat eines Nero und einer Messalina! -Sie will das Land nicht als einfache Reisende kennen lernen, sondern -ihr Plan geht dahin, als „berühmte Courtisane“ zu reisen und sich -überall als solche anzukündigen. So kommt sie zuerst nach Turin, -der „regelmässigsten und langweiligsten“ Stadt Italiens, wo ihr das -fromme abergläubische Volk, das wenig Sinn für Vergnügungen hat, -gar nicht gefällt. Sofort nach ihrer Ankunft lässt sie die Signora -Diana, die berühmteste „appareilleuse“ der Stadt benachrichtigen, -dass eine junge und hübsche Französin zu „vermieten“ sei. Alsbald -kommen Grafen, Herzöge, Marquis u. s. w. in hellen Scharen zu der -Abenteurerin gewallfahrtet. Denn wie der Herzog von Chablais sagt, -bei dessen Soupers Juliette glänzt, es ist „die Geschichte aller -Französinnen: ihr Wuchs und ihre Haut sind entzückend. Es giebt hier -so etwas nicht.“ Auch der König von Sardinien lässt nicht auf sich -warten, dessen Manie das -- Klystieren ist. Juliette sagt dem „Kaiser -der Murmeltiere“ einige Wahrheiten über Savoyen. Von einem gewissen -Sbrigani, einer Molière’schen Figur, lernt sie die Geheimnisse des -Falschspielens kennen und nimmt dann in einer von ihr errichteten -Spielhölle den Grafen und Marquis fabelhafte Summen ab. Sbrigani -soll sie als Gatte auf ihrer weiteren Reise begleiten. Sie gelangen -zunächst nach Alessandria, wo ein reicher Herzog ausgeplündert wird -und ihnen die Kleinstaaterei Italiens bei der Flucht vortrefflich -zustatten kommt. In Bologna finden sie die tribadische Kunst aufs -höchste entwickelt und beteiligen sich an einer derartigen Orgie in -einem Nonnenkloster. Die Reise über die Apenninen verschafft ihnen -die Bekanntschaft mit einem sieben Fuss drei Zoll hohen Riesen und -anthropophagischen Ungeheuer. Minski -- so heisst das Scheusal -- lebt -als „Eremit des Apennin“ in einem befestigten Hause auf der Insel eines -Teiches. Die Stühle in diesem Hause sind aus menschlichen Knochen -angefertigt; das Haus selbst ist voll von Skeletten. In unterirdischen -Kellern sind die zur Verspeisung bestimmten Opfer eingesperrt. Minski -stammt aus dem Grossfürstentum Moskau, hat grosse Reisen gemacht, um -die „Unzucht und die Verbrechen auf der ganzen Erde zu studieren und -nachzuahmen“. Er hat sich jetzt in die Einsamkeit zurückgezogen, um im -Verborgenen seinen verbrecherischen Gelüsten freien Lauf zu lassen. -Er ist hauptsächlich Menschenfresser und schreibt dieser lieblichen -Gewohnheit seine aussergewöhnliche Kraft zu. Er lauert den Reisenden -auf, die dann später als Braten und Ragoûts auf seinem Tische serviert -werden. Auch Juliette, ihre Kammerfrau und Sbrigani sollen diesem -Schicksale nicht entgehen. Aber vorher macht er ihnen die Honneurs -in seiner Wohnung und zeigt ihnen die sehr bevölkerten Harems, die -Keller mit ungeheuren Schätzen. Bethört durch die Liebenswürdigkeit -Juliettens verspricht er ihr schliesslich, sie am Leben zu lassen; -wenn sie niemals einen Fluchtversuch machen werde. Nun giebt es jeden -Tag eine neue Unterhaltung. Zunächst geht es zu Tische. Minski, ein -extremer Alkoholist, trinkt 60 Flaschen Wein! Man isst an „lebenden -Tafeln!“ Eine Reihe nackter Frauen, eine an die andere gedrückt, mit -gebeugtem Rücken, unbeweglich, bilden die „Tafel“, auf welcher die -Lakaien servieren. Kein Tischtuch ist nötig bei diesen schönen „croupes -satinées“. Man trocknet sich die Finger an den wehenden Haaren der -Frauen. Die Speisen sind vorzüglich. Juliette fragt nach dem Genusse -eines besonders wohlschmeckenden Ragoûts, was es sei. Sie findet nicht -heraus, ob es Rind- oder Kalbfleisch, Wildpret oder Geflügel ist. „Es -ist Ihre Kammerfrau“, antwortet das Ungeheuer mit einem liebenswürdigen -Lächeln. Die arme Tribade und treue Gefährtin ihrer Herrin ist -in ein Ragoût verwandelt worden! Hiernach zeigt dieser charmante -Menschenfresser seinen Gästen eine Menagerie wilder Tiere, lässt -einige Frauen aus dem Harem holen und zwischen die Löwen und Tiger -werfen. Das grösste Wunder aber ist eine Maschine, die 16 Menschen -auf einmal erhängt, erdolcht und enthauptet. Das alles ist zwar recht -amüsant, und Minski verspricht ihnen für die nächsten Tage noch mehr -Ueberraschungen, aber Juliette traut der Sache nicht. Auch Sbrigani -teilt ihre Befürchtungen. Sie beschliessen zu entfliehen. Sie mischt -dem Menschenfresser Strammonium in die Chokolade aber nur soviel, dass -er betäubt wird, denn „ein solches Scheusal darf man nicht töten“. Sie -raubt aus seinen Schränken alle Schätze und nimmt zwei Frauen, Elise -und Raymonde, mit. So kommen sie, beladen mit Bergen von Gold und -Silber, nach Florenz. - -Hier errichten sie eine Spielhölle, verbunden mit einem Bordell und -einer Giftbude. Geld haben sie zwar nicht nötig, aber es macht ihnen -Vergnügen, die Welt zu sehen, die Familiengeheimnisse zu erfahren, -Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. In Florenz herrscht der Bruder -der Marie-Antoinette, Leopold, Grossherzog von Toscana, bei dem „toute -la morgue allemande éclate“. Bald werden Juliette und ihr Begleiter -zu einer Orgie, die der Grossherzog und sein Beichtvater in Pratolino -veranstalten und bei der Juliette sehr hochmütig als „Französin“ -auftritt, eingeladen. Leopold, dieser „grand successeur de la première -putain de France“ betreibt als Sport die künstliche Herbeiführung des -Abortus der von ihm geschwängerten Frauen. Heute aber hat er etwas ganz -Besonderes darzubieten. Er bewirtet Juliette mit einer Aufführung von -Enthauptungen mit Musikbegleitung! Die Köpfe fallen nach dem Takte und -à la ritournelle! - -Interessant ist die Beobachtung Juliettens, dass in Florenz die Männer -sich wie die Frauen und die Frauen wie die Männer kleiden und daher -nirgends so viel Neigung zum gleichen Geschlecht vorhanden ist wie -dort. Die Prostituierten leben in einem besonderen Stadtviertel. -Tizians „Venus“ in den Uffizien veranlasst einen Excurs über die -obscönen Darstellungen in der Malerei, wobei die „Venus von Medici“, -der „Hermaphrodit“, „Caligula caressant sa sœur“ erwähnt werden. - -Nachdem unsere Abenteurer noch eine tribadische Mutter und Tochter -ermordet haben, kommen sie nach Rom, wo sie, mit reichlichen -Empfehlungen versehen, bald die vornehmsten Beziehungen anknüpfen, -Zutritt in alle Paläste finden und besonders die Gunst der tribadischen -Prinzessin Olympia Borghese, der Kardinäle Albani und Bernis und -des Herzogs von Grillo gewinnen und mit diesen alsbald sich den -gewöhnlichen Ausschweifungen hingeben. Bernis dichtet in cynischer -Selbstironie eine die Kaste der Jesuiten geisselnde Paraphrase der „Ode -auf dem Priapus“. Die Borghese vergiftet ihren Vater und Juliette die -Herzogin von Grillo. Beide beobachten in einem Bordell, wie Priester, -Mönche, Abbés u. s. w. sich dort einschleichen. Dann kommt die Borghese -auf die Idee, alle Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten von Rom in -Brand zu stecken. Sie will dieselbe durch den Polizeidirektor Ghigi und -den Grafen Bracciani, den ersten Physiker Europa’s, ausführen lassen. -Ghigi lässt besonders gern die Menschen aufhängen, da er als Zuschauer -gerade dadurch sexuell erregt wird, und führt auf Verlangen Juliettens -und der Borghese eine solche Szene vor. Bracciani, dieser grosse -Physiker, tötet durch einen „künstlichen Blitz“ ein Mädchen. Endlich -werden die 37 Hospitäler Roms angezündet, wobei mehr als 20000 Menschen -umkommen, und Olympia und Juliette in grösster sexueller Erregung -zuschauen. Der Brand dauert acht Tage. Bei einer Orgie im Hause der -Borghese erscheinen als Festteilnehmer ein Eunuch, ein Hermaphrodit, -ein Zwerg, eine Frau von 80 Jahren, ein kleiner Knabe von 4 Jahren, -eine grosse Dogge, eine Ziege[580], ein Affe und ein Truthahn! -Bracciani nimmt sich des Truthahns an, dem die Borghese im Moment der -Ejaculatio viri den Hals abschneidet. Die alte Frau hat natürlich in -ihrem langen Leben viele Sünden begangen. Dafür wird sie zum Feuertode -verurteilt und sofort auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt. - -Juliette wird darauf dem Papste Pius VI. vorgestellt, den sie mit -seinem früheren Namen Braschi nennt und dem sie eine derbe Predigt -über den kirchlichen Aberglauben und die Unzucht der Päpste hält, -was Pius VI., der selbst als schrecklicher Atheist und als ein -geschlechtliches Ungeheuer geschildert wird, mit grossem Beifall -aufnimmt. Bisweilen versucht er zwar, sie zu unterbrechen, wird aber -durch ein: „Schweig, alter Affe!“ eingeschüchtert und ruft nach -Beendigung dieser Rede aus: „O Juliette, man hat mir zwar gesagt, -dass Du Geist hättest. Aber so viel hätte ich nicht erwartet. Ein -solcher Grad von Hochflug der Ideen ist sehr selten bei einer Frau.“ -Ein solches Weib möchte natürlich der heilige Vater gern besitzen. -Juliette stellt ihm für ihre Hingabe die unwürdigsten Bedingungen, -lässt sich dann von ihm den Vatikan und seine Gärten zeigen, wobei -sie sehr cynische Bemerkungen macht. Die Zusammenkunft endet mit -einer sehr intimen Szene, die auch dem Papste Anlass giebt, seine -materialistischen und gotteslästerlichen Maximen zu entwickeln.[581] -Beim nächsten Male wird eine grosse Orgie in der Peterskirche gefeiert. -Der Papst celebriert selbst mehrere Satansmessen, an deren Schlusse -einige Menschen getötet werden. Juliette siedelt nunmehr in das -Schlafgemach des heiligen Vaters über und benutzt die Gelegenheit -einer in der grossen Gallerie stattfindenden sexuellen Unterhaltung, -um den Papst zu bestehlen. Hierauf reist sie mit Empfehlungen an die -königliche Familie nach Neapel ab. Unterwegs wird sie von den Räubern -des berüchtigten Brisa-Testa überfallen, auf dessen Schloss geführt -und mit ihren Begleitern in einem dunklen Verliess eingesperrt. Sie -hören von der blutdürstigen Frau des Räuberhauptmanns sprechen, der -sie geopfert werden sollen. Juliette erkennt in derselben ihre alte -Freundin Clairwil wieder, die eine Schwester des Brisa-Testa ist, -aber mit diesem im Incest lebt. Brisa-Testa erzählt seine lange -Lebensgeschichte, die ihn nach England, Schweden, Russland, Sibirien -und der Türkei geführt hat. Er schildert die perversen Neigungen und -Grausamkeiten der Kaiserin Katharina II., die sich im Winterpalais -tribadischen Genüssen hingiebt, wobei sie die Knute weidlich gebraucht. -Nach verschiedenen Vergnügungen bei den Räubern, die ebenfalls den -Genuss von Menschenfleisch lieben, bricht Juliette mit Clairwil nach -Neapel auf. Sie wird von König Ferdinand in Portici empfangen, hält -ihm einen hochweisen politischen Vortrag über das Königreich Neapel -und dessen Zustände, über die sittliche Verkommenheit der Bevölkerung, -dieser „halbspanischen“ Nation,[582] und würzt ihre Rede mit heftigen -Ausfällen gegen die Schwägerin des Königs, Marie-Antoinette. Die -Königin Charlotte (Karoline) von Neapel ist eine leidenschaftliche -Tribade, deren Reize „d’après nature“ Juliette gleich bei der ersten -Bekanntschaft kennen lernt, bei der es zu einer tribadischen Szene -zwischen den beiden kommt und der Godmiché sowie die defaecatio ad os -eine Rolle spielen. Ferdinand ist Nekrophile. Paedicat cadaver eines -von ihm erdrosselten Pagen. Die herrlichen Umgebungen Neapels, die -aber auch die Erinnerungen an die Greuel Nero’s wachrufen, werden -durch Orgien am Cap Misenum, in Puzzoli, in den Ruinen der Insel -Procida, auf Ischia und Niceta entweiht. Im Venustempel zu Bajae -geben sich Clairwil, Juliette und Olympia Borghese gemeinen Fischern -hin, um dann zu vornehmeren Genüssen beim Prinzen von Francavilla, -einem vollendeten Paederasten, zurückzukehren. -- Er veranstaltet ein -üppiges Gartenfest, wo herrliche Pavillons, wollüstig ausgestattete -Kioske, stimulierende Flüssigkeiten, Massenflagellationen und -- -automatisch wirkende Phallusmaschinerien die Sinne erhitzen, und die -Königin Karoline „trunken von Wollust und sehr erregt durch Weine und -Liköre“ bacchantisch wütet. -- Bei einem Besuch des Antikenmuseums in -Portici sehen unsere Reisenden ein Gemälde, das einen Satyr mit einer -Ziege in Verkehr zeigt, welcher Akt nach dem den Führer spielenden -König Ferdinand noch heute in Italien oft ausgeführt werde.[583] Die -Ruinen von Herculanum und Pompeji dienen als Stätten der Lust. Vespoli, -der Beichtvater des Königs und Leiter seiner Orgien, hat in Salerno -ein Haus für geheime Hinrichtungen und Folterungen eingerichtet. Er -findet hauptsächlich Genuss an der Kreuzigung und an der sexuellen -Befriedigung mit -- Irrsinnigen! In Paestum wohnen die drei teuflischen -Weiber bei einer tugendhaften Witwe, die drei junge unschuldige Töchter -hat. Natürlich werden alle vergewaltigt und getötet genitalibus -laceratis. Sorrent, Castellamare und die blaue Grotte werden dann -besucht. Und auf Capri ahmt man die Thaten des ehemaligen Bewohners -der Insel, des Kaisers Tiberius, nach. Man kehrt gerade zur rechten -Zeit nach Neapel zurück, um ein grosses Volksfest mitzufeiern, bei -dem es wild hergeht und 400 Personen getötet werden. Karoline und -Juliette schmieden ein Complott gegen den König Ferdinand, das durch -den folgenden von der Königin unterschriebenen Kontrakt gekennzeichnet -wird: „Ich werde meinem Gatten alle Schätze stehlen und sie derjenigen -geben, die mir das Gift liefern wird, das notwendig ist, um ihn -in die andere Welt zu befördern“. Dieser Vertrag wird durch eine -tribadische Szene besiegelt. Der nichts ahnende König erfreut Juliette -noch durch zwei besonders seltene Darbietungen. Er lässt zwei Frauen -auf eiserne Platten binden und diese mit solcher Gewalt auf einander -stossen, dass die beiden Körper zerquetscht werden. Das Merkwürdigste -aber ist das „Theater der Grausamkeiten“, dessen Aufführungen etwas -ungewöhnlicher Art sind. Hinrichtungen und wieder Hinrichtungen! Das -ist das beständige Programm der Vorstellungen. Jeder Eingeladene hat -seine eigene Loge, in der sieben Gemälde mit sieben verschiedenen Arten -von Hinrichtungen hängen: Feuer, Peitschung, Strick, Rad, Pfählung, -Enthauptung, Zerstückelung. Ferner befinden sich in der Loge 50 -Porträts von Frauen, Männern und Kindern. Jedem Porträt und jeder Art -der Hinrichtung entspricht ein Apparat, den man durch einen Druck auf -einen Knopf in Gang setzt, nachdem der Maschinist durch den Glockenton -benachrichtigt worden ist. Erster Glockenton: Bezeichnung des -Opfers, welches alsbald auf der Bühne erscheint. Zweiter Glockenton: -Bezeichnung der Hinrichtung, welche alsbald von vier Henkern, „nackt -und schön wie Mars“ vollzogen wird. O, das ist unerhört, das ist -herrlich! Die Eingeladenen geben sich alle Mühe die amüsantesten -Combinationen zu finden, und bei dieser einen „Vorstellung“ werden -1176 Personen vom Leben zum Tode gebracht. Der Autor versichert, dass -das alles ganz genau so zugegangen sei und, wenn wir die Vorstellung -gesehen hätten, wir sie nicht treuer hätten beschreiben können! -Dieses Schauspiel begeistert Juliette und Clairwil zu einem besonders -pikanten Verbrechen. Sie schwören ihrer treuen Begleiterin Olympia -Borghese Verderben. Auf einer Spazierfahrt, die sie auf den Gipfel -des Vesuv führt, stürzen sich die Beiden auf die ahnungslose Olympia, -entkleiden sie und werfen sie in den Krater hinein, worauf sich ihre -sexuelle Erregung in einer tribadischen Orgie Luft macht. Bei dieser -erfolgt ein Ausbruch des Vesuv! „Ah, Olympia verlangt ihre Kleider!“ -ruft die cynische Juliette, die sie ihr auch, aber erst, nachdem sie -alle Wertgegenstände herausgenommen hat, hinunterwirft. -- Inzwischen -hat die Königin Karoline die Millionen des Königs bei Juliette in -Sicherheit gebracht und will mit ihr nach Ermordung des Königs nach -Frankreich entfliehen. Juliette denunciert sie aber bei Ferdinand, der -die Königin einkerkern lässt, während die Anstifterin des Complotts mit -allen Schätzen entflieht. - -Clairwil und Juliette treffen die Giftmischerin Durand wieder, die -aber Clairwil hasst und Juliette überredet, sie zu vergiften, indem -sie ihr vorspiegelt, dass Clairwil ihr nach dem Leben trachte. Nach -der Ermordung sagt die Durand kaltblütig: „Ich habe Dich belogen. Sie -dachte nicht daran, Dich umzubringen. Aber ihre Zeit war um. Sie musste -sterben.“ Der Vorfall wird bald über einigen ingeniösen Unterhaltungen -mit Matrosen, denen die Beiden sich nächtlicherweile im Hafen von -Ancona hingeben, vergessen. Sie kommen dazu, wie der Kaufmann Cordelli -in einer Kirche den Leichnam seiner eigenen Tochter schändet. Dieses -blutdürstige Scheusal besitzt ein „Schloss am Meer“, aus dem er seine -Opfer ins Meer stürzen lässt, oder sie auch wie die unglückliche -Raymonde in einen Schlangenkäfig sperrt, wo sie von den Schlangen -gefressen werden. Aber er treibts nicht mehr lange. Die Durand und -Juliette vergiften ihn und seine Genossen und bemächtigen sich seiner -ungeheuren Reichtümer. - -Sie reisen nach Venedig, wo sie ein Bordell im Stile der Madame Gourdan -errichten, das sich eines eifrigen Besuchs von Seiten der vornehmen -Welt zu erfreuen hat und wiederum Veranlassung zur Schilderung -sexualpathologischer Typen giebt. Zuerst erscheint ein alter Prokurator -von St.-Marcus, dessen Passion menstruirende Mädchen sind. Aber es -darf nie dasselbe sein. Raimondi ist ein exquisiter „Voyeur“. Der -Dritte ist ein „Lécheur“. Der Vierte bringt stets zwei Negerinnen mit, -da er die Contrastwirkung liebt. Der Fünfte lässt sich anbinden und -eine „Scheinhinrichtung“ an sich vollziehen. Der französische Gesandte -stürzt Mädchen in einen flammenden Abgrund. Auch die Tribaden Venedigs -erscheinen auf der Bildfläche. Die Zanetti sucht ihre Opfer in Kirchen -und ist sehr erfahren in der „Bildung obscöner Gruppen“. Sie leidet an -Kleptomanie. Ihr Geliebter ist Moberti, das Oberhaupt einer eleganten -Verbrecherbande, der wie seine Freundin conträrsexual ist. Dieses -Mannes grösster Kummer ist, dass es keinen Gott giebt und er ihn daher -nicht beschimpfen kann. Eines Tages verwandelt sich der zärtliche -Liebhaber in einen wilden Tiger. Er lässt sich nämlich im Bordell der -Durand mit einem Tigerfell bekleiden und tötet durch seine „Bisse und -Tatzen“ die Zanetti. -- Eine zweite Tribade ist Signora Zatta, in -ihren Allüren ganz Mann. Sie hat einen kunstvollen Phallus construirt, -der mit Spitzen für mehrere orificia corporis versehen ist. -- Ganz -eigentümliche Gewohnheiten hat ein gewisser Cornaro. Er befriedigt sich -an kleinen Knaben, aber nur, wenn deren -- Mutter und Tante zugegen -sind. Er giebt ein „anthropophagisches Souper“, bei dem die Durand, -Juliette und Laurentia, die „verderbteste, lascivste und geistreichste -Frau von ganz Italien“ zugegen sind. Neger und Negerinnen, -Flagellanten, alte Weiber, kleine Knaben und Mädchen assistieren bei -den nach dem Souper verübten Grausamkeiten, die Cornaro zu dem Ausruf -begeistern: „Combien la nature corrompue est belle dans ses détails!“ --- Silvia, eine vornehme Dame, angefeuert durch die sechste Satire -des Juvenal, prostituirt sich wie Messalina im Bordell der Durand et -dentibus lacerat genitalia. Ber Senator Beanchi bringt seine seit -langem gehegte fixe Idee zur Ausführung, seine beiden Nichten zu -prostituiren. -- Alberti untersucht seine Opfer wie „Pferde“, hat -es besonders auf gravide Frauen abgesehen, die er langsam zu Tode -martert, indem er ihnen allmählich die Nahrung entzieht. -- Der Senator -Contanini bringt seine Tochter ins Bordell und gebraucht sie. Man -spiegelt ihm später ihren Tod vor, um sie als Prostituirte auszubilden. -Auch mit Giften und Wahrsagekünsten machen Juliette und die Durand gute -Geschäfte. Sie werden von Zeno, dem Kanzler der Republik, zu einer -Orgie geladen und geniessen mit Venetianerinnen bei einer Gondelfahrt -die Freuden der lesbischen Liebe, die noch erhöht werden durch einen -Sturm, der auf offenem Meere ausbricht. Juliette muss in dem Palais -einer vornehmen Venetianerin deren Sohn und Tochter verführen. Auch der -Rat der Zehn stellt sich ein. - -Schliesslich nimmt aber die Herrlichkeit ein Ende. Das Bordell wird -aufgehoben; das Vermögen der Durand und Juliettens konfisciert. -Juliette geht nach Lyon, von wo sie Noirceuil über ihre bevorstehende -Rückkehr nach Paris benachrichtigt und dem Abbé Chabert mitteilt, -dass er ihre nun schon sieben Jahre alte Tochter Marianne ebenfalls -nach Paris bringe, damit sie dort zur „Verbrecherin“ erzogen werde. -Die Freude des Wiedersehens mit Noirceuil ist gross. Dieser hält -gleich eine seiner grossen Reden und sagt, dass Juliette ihn noch -tausend Mal schlechter wieder fände, als sie ihn verlassen habe. -Er hat inzwischen auch Saint-Fond umgebracht. Sie feiern dann ihr -Wiedersehen mit einem Morde. Juliette richtet sich in Paris ein Bordell -ein, für Männer und Frauen, für welches sechs Kupplerinnen die Waren -herbeischaffen. Juliette und Noirceuil schwelgen in wahrhaft grandiosen -Ausschweifungen, in denen sie den Kaiser Nero und die Kaiserin Theodora -zu übertreffen suchen. Noirceuil heiratet in einer Kirche unter Gebet, -Segen und mit Zeugen seine beiden Söhne, Juliette ihre Tochter und -ein von ihr verführtes Fräulein Fontanges! Die Freuden dieser in der -Weltgeschichte einzigen Ehen dauern nicht lange. Bei einer Orgie, die -Desrues und Cartouche als Henker mit ihrer Gegenwart beehren, werden -die Söhne Noirceuils und Mademoiselle Fontanges unter grässlichen -Foltern ermordet. Juliettens Tochter wird ins Feuer geworfen! - -Hier endet Juliette ihre Erzählung vor den staunenden Zuhörern, nachdem -sie noch hinzugefügt hat, dass sie in dem Dorfe, wo das Landgut -Noirceuil’s liegt und wo das Wiedersehen mit Justine stattgefunden hat, -alle Brunnen vergiftet und so den Tod sämtlicher Bauern herbeigeführt -habe. Juliette schliesst ihren langen Bericht mit einer glühenden -Apotheose des Lasters. Das ist die glückliche Lage, in der Ihr mich -jetzt seht, meine Freunde! Ich gestehe es, ich liebe das Verbrechen -leidenschaftlich. Dieses allein reizt meine Sinne, und ich werde -seine Grundsätze bis zum letzten Tage meines Lebens verkünden. Frei -von jeder religiösen Furcht, erhaben über die Gesetze durch meine -Verschwiegenheit und meine Reichtümer, möchte ich die göttliche oder -menschliche Gewalt kennen lernen, die mir meine Wünsche verbieten -könnte. Die Vergangenheit ermutigt mich; die Gegenwart elektrisiert -mich; ich fürchte wenig die Zukunft und hoffe, dass der Rest meines -Lebens die Ausschweifungen meiner Jugend bei weitem noch übertreffen -wird. Die Natur hat die Menschen dazu geschaffen, damit sie sich über -alles auf der Erde amüsieren. Das ist ihr höchstes Gesetz und wird -immer dasjenige meines Herzens sein. Um so schlimmer für die Opfer, -die es geben muss. Alles würde im Universum zu Grunde gehen ohne die -erhabenen Gesetze des Gleichgewichtes. Nur durch Frevelthaten erhält -sich die Natur und erobert die ihr von der Tugend entrissenen Rechte -wieder. Wir gehorchen ihr also, indem wir uns dem Bösen überliefern. -Ein Widerstand wäre das einzige Verbrechen, das sie niemals verzeihen -darf. O meine Freunde, überzeugen wir uns von diesen Grundsätzen, aus -deren Verwirklichung alle Quellen des menschlichen Glückes entspringen.“ - -Mehr als einmal hat Justine während dieser langen Erzählung geweint. -Nicht so der Chevalier und der Marquis. Nach der Rückkehr Noirceuils -und Chaberts wird die Opferung dieser unverbesserlichen „Tugendhaften“ -beschlossen. Im letzten Augenblick aber schlägt Noirceuil einen -Schicksalsspruch vor, da eben ein heftiges Gewitter heraufzieht. Man -bringt Justine ins Freie. Und siehe da! sie wird auf der Stelle vom -Blitz erschlagen. Darob begeisterter Jubel der Genossen des Lasters. -Die Natur hat gesprochen. Das Laster ist des Menschen einziges Glück. -Während sie noch an der Leiche der unglücklichen Justine ihre Greuel -verüben, erscheint plötzlich die Durand wieder auf der Bildfläche. -Sie hat einen grossen Teil des in Venedig konfiszierten Vermögens -gerettet. Zum Schluss wird Noirceuil zum Minister ernannt, Chabert -wird Erzbischof, der Marquis wird Gesandter in Konstantinopel und der -Chevalier bekommt eine Rente von 400000 Livres. Juliette und die Durand -folgen ihrem geliebten Noirceuil zu neuen Herrlichkeiten, bis nach zehn -Jahren glänzender Erfolge des Lasters Juliette stirbt. - -„Wer einmal meine Geschichte schreibt“, hat sie ausgerufen, „der -betitle sie: Die Wonne des Lasters!“ - - -5. Die „Philosophie dans le Boudoir“. - -Die „Philosophie dans le Boudoir ou les instituteurs immoraux“ erschien -zum ersten Male 1795 als „Ouvrage posthume par l’auteur de Justine“ -in 2 Bänden mit 5 Bildern, zum zweiten Male 1805 in 2 Bänden mit 10 -Bildern und seitdem öfter. - -Das Werk ist eine Nachahmung der „Education de Laure“ von +Mirabeau+ -und zum Teil auch der „Aloysia Sigaea“ des +Nicolas Chorier+. Das -Hauptthema: die +Erziehung eines jungen Mädchens zum Laster+ wird in -Form von Dialogen und langen lehrhaften Vorträgen erörtert, die nur ab -und zu von praktischen Ausführungen der gepredigten Ausschweifungen -unterbrochen werden. Die Handlung tritt zurück hinter den theoretischen -Erörterungen. - -Charakteristisch für den Ton des Ganzen ist die Vorrede an die -Wüstlinge: „Wüstlinge jeden Alters und beiderlei Geschlechts! Nur Euch -widme ich dieses Werk; nährt Euch mit dessen Grundsätzen, die Euren -Leidenschaften günstig sind. Diese Leidenschaften, von welchen Euch -kleinliche und kalte Moralisten zurückschrecken, sind nichts weiter -als Mittel, welche die Natur anwendet, um den Menschen ihre Zwecke in -Beziehung auf ihn zukommen und sie ihn erkennen zu lassen; hört nur auf -diese wonnigen Leidenschaften, ihr Organ ist das einzige, welches Euch -zum Glück zu leiten im Stande ist. - -„Schlüpfrige Weiber, deren Modell die wollüstige Saint-Ange sein möge, -verachtet, ihrem Beispiele folgend, Alles, was mit den göttlichen -Gesetzen des Vergnügens im Widerspruch steht und was das ganze Leben in -Fesseln hält. - -„Junge Mädchen, die Ihr lange in widersinniger Sklaverei gehalten -worden seid, welche von einer phantastischen Tugend und ekelhaften -Moral erfunden, Euch nur gefährlich werden muss, ahmt das Beispiel der -glühenden Eugenie nach; reisset nieder und tretet mit Füssen, wie sie -es thut, alle lächerlichen Lehren, die Euch von einfältigen Eltern -eingeprägt wurden. - -„Und Ihr liebenswürdige Wüstlinge, die Ihr seit Eurer Jugend keine -anderen Zügel kanntet, als diejenigen, mit welchen Euch Eure Begierden -leiten, anerkennt keine anderen Gesetze als Eure Launen; möge Euch -der Cyniker Dolmancé zum Beispiel dienen! Geht so weit wie er, damit, -wenn Ihr die ganze Bahn durchlaufen, welche von der Wollust mit Blumen -bestreut, sich Euren Blicken darbietet, Ihr Euch überzeugt, dass es nur -eine Lebensschule giebt, in welcher Ihr den Horizont Eures Geschmackes -und Eurer Phantasien ausdehnen möget, dass man nur dann, wenn man -seinem Genusse Alles opfert, seinen Lebenszweck erfüllt, dass endlich -der Mensch, welcher diese sonst so traurige Welt bewohnt, nur auf diese -Weise aus den Dornen des Lebens Rosen zu pflücken vermag.“ - -Skizzieren wir in aller Kürze die dürftige Handlung des Stückes. Im -ersten Gespräch treten Madame de St.-Ange und ihr Bruder, der Chevalier -de Mirvel auf. Die Erstere ist ein Juliette-Typus, die alles, was mit -ihr in Berührung kommt, vergiftet. Ihr Bruder dagegen ist mehr receptiv -und tritt in dem Buche hinter der kraftvolleren Individualität des -Dolmancé zurück. Dieser ist ein im Laster consequenter Cyniker, der mit -seiner geistreichen Sophistik stets die ganze Situation beherrscht. Er -ist nach Mirvels Beschreibung durch seinen frühbegonnenen lasterhaften -Lebenswandel hart geworden und besitzt anstatt des Herzens nur -tierische Begierden. Er ist Paederast und hört nicht auf, in Apologien -dieses Lasters zu schwelgen. - -Eugenie von Mistival ist ein junges Mädchen, deren Mutter eine -Betschwester ist und deren Vater ein Verhältnis mit Madame de St.-Ange -unterhält. Letztere hat ihr schon einen theoretischen Unterricht im -Laster erteilt, ihr alle Lehren der Religion und der reinen Moral -ausgeredet und sie so umgarnt, dass Eugenie sich ganz ihrer Leitung -anvertrauen will. So soll sie denn heute -- die ganze Handlung -spielt sich im Laufe eines einzigen Tages ab -- in die Mysterien des -Venusdienstes und -- Sodoms eingeweiht werden. Eugenie kommt und -verrät ihre wahre Natur sofort durch das Bekenntnis, dass sie ihre -Mutter, diese alte Betschwester, hasse. Dolmancé erscheint als Letzter -und nunmehr wird Eugenie, die errötend im Anfange Scham heuchelt, -zuerst über die Anatomie und Physiologie der männlichen und weiblichen -Genitalien cum demonstratione[584] belehrt und empfängt darauf in -den Künsten der „amour physique“ und „antiphysique“ Unterricht. -Später werden zu dem praktischen Unterricht auch der Chevalier und -ein Gärtnerbursche und Idiot Augustin zugezogen, so dass Eugenie das -Arrangement obscöner Gruppen kennen lernt. Gegen Abend, als Eugenie -sich bereits in das grausamste erotische Scheusal verwandelt hat, kommt -ihre Mutter, Madame de Mistival gerade zur rechten Zeit. Unter den -Augen der jauchzenden Tochter wird sie scheusslich vergewaltigt, von -einem Knecht Lapierre syphilitisch infiziert, und bevor man zu Tische -geht, muss Eugenie an ihrer Mutter die Infibulation vollziehen. - -Dies der Gang der Handlung. Mehr als Dreiviertel des Buches werden -durch lehrhafte Excurse ausgefüllt. - - -6. Die übrigen Werke des Marquis de Sade. - -„Justine“, „Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“ sind -die Werke, denen der Marquis +de Sade+ seinen herostratischen Ruhm -verdankt. Alle übrigen zahlreichen Schriften desselben sind milde und -erträglich im Vergleich mit den eben genannten. +Marciat+ nennt deshalb -die in ihnen zum Ausdruck kommenden Ideen den „petit sadisme“, den -„kleinen Sadismus“.[585] - -„Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille un an -avant la Révolution“, erschien zuerst 1793 in 4 Bänden, später im Jahre -1795. +Girouard+ wurde 1792 mit dem Drucke dieses Werkes von +Sade+ -beauftragt. Der Drucker wurde aber in eine royalistische Verschwörung -verwickelt, verhaftet und guillotiniert. Inzwischen war der Roman -heimlich gedruckt worden, und erschien 1793 unter der Firma der Frau -+Girouard’s+. Er fand wenig Käufer. 1795 wurden Exemplare mit neuem -Titel in den Handel gebracht. In demselben Jahre erwarb der Buchhändler -+Maradan+ die Restexemplare, änderte nur Titel und Titelbild, und -brachte das Werk so in den Handel.[586] Es ist, wie +Marciat+ richtig -vermutet, unzweifelhaft ein Vorbild der „Justine et Juliette“, da es -fast dieselben Charaktere schildert. Valcour, ein tugendhafter junger -Mann liebt Aline, die edle Tochter der edlen Frau des grausamen und -lasterhaften Präsidenten de Blamont. Dieser möchte seine Tochter -gern an den alten Wüstling Dolbourg verheiraten, zumal da er schon -früher die tugendhafte Sophie, die er für seine Tochter hält, diesem -alten Freunde als Maitresse ausgeliefert hat. Er will, wenn dieser -Heiratsplan gelungen ist, dem Dolbourg seine Frau zur Geliebten geben, -um von ihm dessen Frau, also seine Tochter, in gleicher Eigenschaft -zurückzuerhalten. Der Plan misslingt. Aline tötet sich. Madame de -Blamont wird auf Befehl des Gatten vergiftet. Valcour geht ins Kloster, -Dolbourg wird tugendhaft, und der Präsident muss fliehen. In Rosa -und Leonore sind zwei lasterhafte weibliche Personen geschildert. -Leonore, die überall Glück hat, erscheint als Pendant zu Juliette. Auch -an sonstigen interessanten Persönlichkeiten ist das Werk reich. Bis -auf die Vergiftung und einige Flagellationsszenen enthält „Aline et -Valcour“ keine Schilderungen von Grausamkeiten.[587] - -+Quérard+ meint, dass der Autor als Valcour sich selbst geschildert -habe und bisweilen dort seine eigene Geschichte erzähle.[588] - -Die „Crimes de l’Amour ou le Délice des passions; Nouvelles héroiques -et tragiques, précédé d’une Idée sur les Romans“ Paris 1800, sind eine -Sammlung romantischer Erzählungen wie z. B. „Juliette et Raunai“, -„Clarisse“, „Laurence et Antonio“, „Eugène de Franval“ u. s. w., in -denen der Kampf zwischen Laster und Tugend geschildert wird. Gewöhnlich -aber siegt die Tugend. Der Marquis +de Sade+ handelt über diese -Sammlung in seiner polemischen Schrift gegen +Villeterque+.[589] - -Als Vorrede zu den „Crimes de l’Amour“ schrieb +Sade+ die „Idée -sur les Romans“, eine nicht ungeschickte Uebersicht über die -Romanschriftstellerei des 18. Jahrhunderts, eingeleitet durch eine -historische Skizze der Entwickelung des Romans, den er als „Gemälde -der Sitten des Jahrhunderts“ definiert, das in gewissem Sinne die -Geschichte ersetzen müsse. Nur ein Menschenkenner kann einen guten -Roman schreiben. Diese Menschenkenntnis erwirbt man durch Unglück -oder Reisen. Am Schlusse weist er die Vorwürfe, die man ihm über -die cynische Ausdrucksweise in „Aline et Valcour“ gemacht hat, -als ungerechtfertigt zurück. Man muss das Laster zeigen, damit es -verabscheut werde. Die gefährlichsten Werke sind die, welche es -verschönern und in glänzenden Farben schildern. Nein, es muss in seiner -ganzen Nacktheit vor Augen stehen, damit es in seinem wahren Wesen -erkannt und gemieden werde. - -Endlich erwähnen wir noch das Pamphlet, welches +Sade+ die Ungnade -+Napoléon’s+ zuzog. „Zoloé et ses deux acolytes“ erschien 1800 in -Paris. Zoloé ist +Josephine de Beauharnais+, die Gattin +Bonaparte’s+. -Sie wird als eine lascive, geldgierige Amerikanerin geschildert. Ihre -Freundin Laureda (Madame +Tallien+), eine Spanierin, ist „ganz Feuer -und ganz Liebe“, sehr reich und kann daher alle ihre perversen Gelüste -befriedigen. Sie und Volsange (Mad. +Visconti+) nehmen mit Zoloé an den -Orgien mit ausschweifenden Wüstlingen Teil. Unter den letzteren erkennt -man +Bonaparte+ in dem Baron d’Orsec und +Barras+ in dem Vicomte de -Sabar. Ein Wort allein würde genügt haben, wie +Cabanès+ sagt, um den -Verfasser zu enthüllen. Das ist das Wort „Tugend“ (Les malheurs de la -+vertu+). Er erklärt in „Zoloé“: „Qu’on se rappelle que nous parlons -en historien. Ce n’est pas notre faute si nos tableaux sont chargés -des couleurs de l’immoralité, de la perfidie et de l’intrigue. Nous -avons peint les hommes d’un siècle qui n’est plus. Puisse celui-ce -en produire de meilleurs et prêter à nos pinceaux +les charmes de la -vertu+!“ - -Von den +Komödien+ des Marquis +de Sade+ sind nur „Oxtiern ou les -Malheurs du libertinage“ Versailles 1800, in der die Wonne des -Verbrechens gerühmt wird, und „Julia, ou le Mariage sans femme“ -(Manuscript), eine Verherrlichung der Paederastie, erwähnenswert. - - -7. Charakter der Werke des Marquis de Sade. - -Von den berüchtigten Hauptwerken des Marquis +de Sade gilt+, was -+Macaulay+ von den „Denkwürdigkeiten“ des Dr. +Burney+ sagt. Es -ist kein Vergnügen, sie zu lesen, sondern eine +Aufgabe+. Wer sich -überzeugen will, eine wie trostlose geistige und körperliche Oede die -ausschliessliche Beschäftigung mit dem +rein Geschlechtlichen+ im -Menschen hervorbringt, der lese die Werke des Marquis +de Sade+. Man -wird dies aus der blossen Analyse, die wir von „Justine“ und „Juliette“ -gegeben haben, entnehmen können. Und dann hat +Sade+ das gethan, was -+Fritz Friedmann+ in seiner lesenswerten Studie über „Verbrechen -und Krankheit im Roman und auf der Bühne“ als eine „litterarische -Sünde“ bezeichnet[590]: er hat das +kalte und nackte Verbrechen+ zum -Ausgangs- und Kernpunkt der Handlung gemacht! Diese Verbindung des -Geschlechtlichen mit Verbrechen und destruktiven Vorgängen aller Art -muss um so furchtbarer wirken, als sie durch eine +Einbildungskraft -ohnegleichen+ tausendfach variirt wird. Schon +Janin+ hat erkannt, dass -+de Sade+ die „unermüdlichste Einbildungskraft besass, die vielleicht -jemals die Welt in Schrecken gesetzt hat.“[591] So allein konnte ein -pornographisches Riesenwerk von zehn Bänden entstehen, das „durch -den blossen Umfang und das Maass der damit geleisteten geistigen -und rein mechanischen Arbeit unwillkürlich imponierend wirkt“[592]. -Diese enorme Einbildungskraft spricht sich nach +Eulenburg+ ferner -aus in dem „bizarren Entwurf dieser ungeheuerlichen, langgedehnten, -vielgliedrigen Komposition und seiner bis ins Einzelne gehenden -Ausgestaltung mit all ihren fast unentwirrbaren Fäden, mit der Unzahl -der nacheinander auftretenden Personen, mit der sehr raffiniert -durchgeführten allmählichen Steigerung und mit der fast nie versagenden -Treue der Erinnerung und Rückbeziehung!“ Dazu kommt der Grundton der -+Sade’schen+ Werke, den Juliette als „corruption réfléchie“ (Juliette -IV, 87) bezeichnet, die endlosen, immer wiederkehrenden, immer dasselbe -wiederholenden +philosophischen Discussionen und Dialoge+. - -Endlich, um das abschreckende Bild zu vollenden, die wahrhaft -+ungeheuerlichen Behauptungen und Uebertreibungen+, stupide Hyperbeln -einer ausschweifenden Phantasie. Minski trinkt 60 Flaschen Wein auf -einmal (Juliette III, 332); der Karmelitermönch Claude hat drei -Testikel (Juliette III, 77); im „Theater der Grausamkeiten“ zu Neapel -werden 1176 Menschen auf ein Mal getötet (Juliette VI, 22-26) u. s. w. -u. s. w. Nicht selten sind auch, wie sich bei einem solchen Graphomanen -erwarten lässt, grobe chronologische und geographische Irrtümer. So -lässt er Moses die Geschichte Loths während der Gefangenschaft der -Juden zu Babylon schreiben (Philosophie dans le Boudoir I, 195) und -Pompeji und Herculanum in Griechenland liegen (ib. 196), u. a. m.[593] - -Mögen also auch die Werke des Marquis +de Sade+ in kulturhistorischer -und allgemein menschlicher Beziehung sehr wichtig und lehrreich sein, -wie wir glauben, so wirkt entschieden ihre äussere Form abstossend. -Die Geistesöde und sinnlosen Tautologien in den Hauptschriften müssen -auf ein schwaches Gehirn, welches sich nicht zu kulturhistorischer -Betrachtung und wissenschaftlicher Analyse erheben kann, eine -verderbliche Wirkung ausüben, wie schon +Janin+ erkannt hat, wenn er -in beredten Worten diese Wirkung an einem Beispiel veranschaulicht. -Weniger gefährlich sind die den Werken beigegebenen +obscönen -Bilder+. Nach +Renouvier+ sollen die berühmten Künstler +Chéry+ und -+Carrée+ die Zeichnungen zu diesem „Werke eines Maniakus geliefert -haben, das die Zeit der Freiheit beschmutzt hat“.[594] Wir haben -die Originalzeichnungen, welche noch in dem Besitze eines Pariser -Bibliophilen existieren sollen,[595] nicht gesehen, und können also -nicht beurteilen, ob diese den Angaben +Renouviers+ entsprechen. Nach -den der „Justine et Juliette“ beigegebenen 104 Stichen können wir -nur dem Urteil beistimmen, welches der geistreiche +Eulenburg+ über -diese Bilder gefällt hat: „Ganz abgesehen von der Schauerlichkeit -des Dargestellten ist der künstlerische Wert dieser Illustrationen -überaus gering. Grobe Fehler der Zeichnung, der Perspektive, -gänzlicher Mangel an Individualisierung, dürftige, fast ärmliche -Erfassung der Szenerie frappieren bei der Mehrzahl der Bilder, denen -man höchstens die kompositionelle Treue in Anlehnungen an die oft -recht komplizierten Gruppenbeschreibungen des Textes als ein immerhin -zweifelhaftes Verdienst zusprechen könnte. Hier hätte es, wenn schon -Derartiges gewagt werden sollte, der entfesselten und vor nichts -zurückschaudernden Phantasie bedurft, mit der ein Doré die Gestalten -von Dantes Inferno nachzuschaffen gewusst hat.“[596] Etwas besser -ausgeführt sind die zehn Lithographien in der „Philosophie dans le -boudoir“ in der uns vorliegenden Ausgabe von 1805. Uebrigens zeichnen -sich auch andere pornographische Werke des 18. Jahrhunderts durch -schlechte Bilder aus wie z. B. +Mirabeau’s+ „Ma conversion“. Die -Neuzeit leistet dank ihrer verbesserten Technik darin leider mehr. - - -8. Die Philosophie des Marquis de Sade. - -Der Marquis ist der erste und einzige uns bekannte +Philosoph des -Lasters+. Vergeblich wird man bei modernen Philosophen wie +Stirner+ -und +Nietzsche+, die doch auch mit Nachdruck den Egoismus, die -„Herrenmoral“ und andere hyperindividualistische Ideen predigen, jene --- wir möchten es so nennen -- „Vergeistigung“ des nackten, gemeinen, -teuflischen Verbrechens finden wie bei +Sade+. - -Noch ein anderer Gesichtspunkt macht die Werke des Marquis +de Sade+ -für den Culturhistoriker, Arzt, Juristen, Nationalökonomen und -Ethiker zu einer wahren Fundgrube des Wissens und der Erkenntnis. -Diese Werke sind vor allem lehrreich dadurch, dass sie zeigen, +was -alles im Leben mit dem Geschlechtstriebe zusammenhängt+, der, wie der -Marquis +de Sade+ mit unleugbarem Scharfsinn erklärt hat, +fast alle -menschlichen Verhältnisse in irgend einer Weise beeinflusst+. Jeder, -der die +soziologische+ Bedeutung der Liebe untersuchen will, muss -die Hauptwerke des Marquis +de Sade+ gelesen haben. Nicht +neben+ dem -Hunger, sondern +mehr als+ der Hunger regiert die Liebe die Welt! - -Das an sich grässliche Gemälde der körperlichen Ausschweifungen in -den Romanen des Marquis +de Sade+ soll durch eine gewisse geistige -Tünche verschönert werden, in Gestalt der in denselben Schriften in -grosser Ausführlichkeit entwickelten +philosophischen Betrachtungen+. -In ihnen offenbart sich ebenfalls jene Gewohnheit der Franzosen, wie -+d’Alembert+ sagt, „die nichtswürdigsten Dinge ernsthaft zu behandeln.“ -Delbène meint: „Man muss die Erregungen nicht nur empfinden, sondern -auch analysieren. Es ist bisweilen ebenso süss, davon sprechen zu hören -als sie selbst zu geniessen. Und wenn man den Genuss nicht mehr haben -kann, ist es göttlich, über ihn zu sprechen.“ (Juliette I, 105.) Jérôme -sagt, dass die in Sicilien gefeierten Orgien nur durch philosophische -Discussionen unterbrochen wurden, und man nicht eher neue Grausamkeiten -beging, bevor man sie nicht dadurch „legitimiert“ hatte (Juliette -III, 45). Diese theoretischen Wollustgemälde sind auch nötig zur -„Entwickelung der Seele“ (Justine IV, 173). - -Gerade diese philosophischen Erörterungen beweisen, dass „wir es -bei +de Sade+ nicht mit dem ersten besten pornographischen Autor -gewöhnlichen Schlages zu thun haben, sondern dass es sich hier um eine -ganz ungewöhnliche und litterarische Erscheinung, +um eine direkt aus -dem Urquell des Bösen schöpfende antimoralische Kraft handelt+“[597]. -Daher wird ein kurzer Blick auf das +philosophische System+ des Marquis -+de Sade+ gerechtfertigt sein. - -Alle Anschauungen +Sade’s+ entspringen, wie dies nicht anders zu -erwarten ist, aus seinem mit Consequenz durchgeführten +Materialismus+. -Er vergöttert die Natur, die er stets als das +gute+ Prinzip der ihr -feindlichen Tugend gegenüberstellt. Das Weltall wird durch seine eigene -Kraft bewegt, und seine ewigen der Natur inhaerenten Gesetze genügen, -um ohne eine „erste Ursache“ alles, was wir sehen, hervorzubringen. -+Die beständige Bewegung der Materie erklärt alles.+ Wozu brauchen -wir einen Beweger (moteur) für das, was immer in Bewegung ist? Das -Weltall ist eine Versammlung von verschiedenen Wesen, die wechselseitig -und succesive auf einander wirken und gegenwirken. Nirgends ist eine -Grenze. Ueberall ist ein continuierlicher Uebergang von einem Zustande -zu einem andern in Beziehung auf die Einzelwesen, die nach einander -verschiedene neue Formen annehmen. (Juliette I, 72-73.) - -Bewegung und Stoss der materiellen Moleküle erklären alle körperlichen -und geistigen Erscheinungen. Die Seele muss daher als „aktives“ und -als „denkendes“ Prinzip materiell sein. Als aktives Prinzip ist sie -teilbar. Denn „das Herz schlägt noch, nachdem es aus dem Körper -herausgenommen worden ist.“ Alles, was teilbar ist, ist aber Materie. --- Ferner ist das Materie, was Fährlichkeiten unterliegt (périclite). -Der „Geist“ könnte nicht gefährdet sein. Die Seele folgt aber den -Eindrücken des Körpers, ist schwach in der Jugend, niedergedrückt im -Alter, unterliegt also allen Gefahren des Körpers, ist also = Materie. -(Juliette I, 86.) Noch leichter macht sich Bressac die Beweisführung. -Als der Körper der toten Frau des Grafen Gernande noch eine zuckende -Bewegung macht, ruft er entzückt aus: „Seht Ihr, dass die Materie zu -ihrer Bewegung keine Seele braucht!“ (Justine IV, 40.) - -Die +Unsterblichkeit der Seele+ ist daher natürlich eine Chimäre. -Dieses blödsinnige Dogma hat die Menschen zu Narren, Heuchlern, -Bösewichtern gemacht und „schwarzgallige“ Individuen gezüchtet. Nur -dort ist Tugend, wo man die Unsterblichkeit nicht kennt. Juliette -erlaubt sich gegenüber der Delbène die schüchterne Frage, ob der -Gedanke der Unsterblichkeit nicht tröstlich für manche Unglückliche -sei. Delbène antwortet, dass man seine Wünsche nicht zum Massstabe der -Wahrheit nehmen dürfte. „Habe Mut, glaube an das allgemeine Gesetz, -füge Dich mit Resignation in den Gedanken, dass Du in den Schoss der -Natur zurückkehrst, um in anderen Formen wieder aus ihm hervorzugehen. -Ein ewiger Lorbeer wächst auf dem Grabe Virgil’s, und es ist besser, -für immer vernichtet zu werden, als in der sogenannten Hölle zu -brennen“. „Aber“, fragt Juliette angsterfüllt, „was wird aus mir -werden? Diese ewige Vernichtung erschreckt mich, diese Dunkelheit macht -mich schaudern.“ -- „Was +warst+ Du vorher, vor Deiner Geburt? Dasselbe -wirst Du wieder werden. Genossest Du damals? Nein. Aber littest -Du? Nein. +Welches Wesen würde nicht alle Genüsse opfern+ für die -Gewissheit, nie wieder Schmerzen zu leiden!“ (Juliette I, 83-85.)[598] - -Uebrigens sind diese Doctrinen von der Seele nicht die einzigen, die -man als Materialist haben kann. Die Durand behauptet z. B., dass die -Seele ein Feuer sei, das nach dem Tode erlösche und seine Stoffe in -die Weltmaterie übergehen lässt (Juliette III, 247). Und der Bösewicht -Saint-Fond konstruiert die Welt aus „molécules malfaisantes“, aus -„bösen Elementen“. Er sieht daher im Universum nur die Schlechtigkeit, -das Uebel, die Unordnung und das Verbrechen. +Das Böse existierte vor -Erschaffung der Welt+ und wird nachher existieren. Warum ist das Alter -schlechter als die Jugend, verderbter und entarteter? Weil die bösen -Elemente in den Busen der „molécules malfaisantes“ zurückzukehren sich -anschicken. Saint-Fond glaubt daher, dass das Böse den Menschen nach -dem Tode erwarte, also an eine ewige Hölle. Wer auf der Erde böse -gewesen ist, dem wird die Vereinigung mit dem „Bösen“ leicht werden. -Die Tugendhaften werden grosse Qualen dabei leiden. Giebt es aber eine -Hölle, dann ist der Gedanke an den Himmel nicht fern. Thatsächlich -glaubt Saint-Fond an das Jenseits, an Belohnungen und Strafen. Um nun -zu verhindern, dass seine Opfer in den Himmel kommen, schliesst er -sich mit ihnen auf eine geheimnisvolle Weise ein und lässt sie mit -ihrem Blute auf einem Stück Papier ihre Seele dem Teufel verschreiben, -quam chartam membro suo ano eorum inserit, wobei die Betreffenden -schrecklich gefoltert werden. (Juliette II, 287, 341.) Clairwil dagegen -erklärt die Hölle für eine Erfindung der Priester. (Juliette II, 292 -ff.) - -Nach dem Vorgange +Holbach’s+, der jede religiöse Regung als geistige -Verirrung bezeichnete, wird +Sade+ nicht müde, über die Begriffe -„Gott“ und „Religion“ die Schale seines Spottes auszugiessen. Sein -+Atheismus+ geberdet sich „in konsequenter Weise zugleich als -fanatischer +Misotheismus+, der von dem bekannten Worte: ‚si Dieu -n’existait pas, il faudrait l’inventer‘, nur Gebrauch zu machen -scheint, um diesen eigens dazu erfundenen Gott blasphemisch zu -beschimpfen und zu verhöhnen.“[599] Die Idee einer solchen Chimäre -und die Aufrichtung eines solchen Monstrums ist das einzige Unrecht, -das Delbène den Menschen nicht verzeihen kann. „Mein Blut kocht bei -seinem Namen selbst. Ich glaube um mich die zitternden Schatten aller -Unglücklichen zu sehen, welche dieser abscheuliche Aberglaube auf der -Erde geopfert hat.“ Sie erinnert an die Unthaten des Klerikalismus und -der Inquisition. Würde sie heute leben, sie würde gewiss die auch im -Namen dieses klerikalen Gottes erfolgte Folterung des unglücklichen -+Dreyfus+ nicht vergessen haben. Delbène unterzieht hierauf die -verschiedenen Gottestheorien einer Kritik. Die Juden sprechen zwar von -einem Gotte, aber sie erklären diesen Begriff nicht und reden nur in -kindlichen Allegorien von ihm. Die Bibel ist von verschiedenen Menschen -und „dummen Charlatans“ lange nach Moses geschrieben worden. Dieser -behauptet, die Gesetze von Gott selbst empfangen zu haben. Ist diese -Vorliebe Gottes für ein kleines unwissendes Volk nicht lächerlich? Die -in der Bibel erzählten Wunder werden von keinem Historiker berichtet. -Und wie hat dieser Gott die Juden behandelt! Wie hat er sie in alle -Welt zerstreut als das odium generis humani. Bei den Juden darf -man Gott nicht suchen. Da ist er nur ein „fantôme dégoûtant“. Aber -vielleicht bei den Christen? Doch hier findet Delbène noch grössere -Absurditäten. Jesus ist nach ihr entschieden schlauer als Moses. Dieser -lässt das Wunder durch Gott geschehen. Jener macht es selbst! La -religion prouve le prophète, et le prophète la religion. - -Da also weder durch das Judentum noch durch das Christentum die -Existenz Gottes bewiesen wird, so müssen wir uns an unsere eigene -Vernunft halten. Diese ist aber bei Mensch und Tier das Resultat des -gröbsten Mechanismus. Erinnert man sich der Dinge als abwesender -Objekte, so ist das Gedächtnis, Erinnerung. Erinnert man sich ihrer, -ohne dass man von ihrer Abwesenheit unterrichtet ist, also sie als -wirklich vorhandene Objekte ansieht, so ist das +Einbildung+, und -diese Einbildung ist die wahre Ursache aller unserer Irrtümer. Die -Imagination besteht aus „objektiven Ideen“, die uns nichts Wirkliches -anzeigen, und die Erinnerung besteht aus „reellen Ideen“, die uns -wirklich existierende Dinge anzeigen. Gott ist nun das Produkt der -Imagination, der „erschöpften Einbildungskraft“ derer, die zu träge -sind, um die lange Reihe der Ursachen und Wirkungen zu durchdenken -und mit einem kühnen Salto mortale zu einer letzten Ursache greifen, -deren Wirkung alle anderen Ursachen sind, die selbst aber keine -Ursache mehr hat. Das ist Gott. Die „dumme Chimäre“ einer „débile -imagination“, die nur eine „idée objective“ ohne reale Existenz zu -denken vermag. Gott ist ein „Vampyr“, der das Blut der Menschen -aussaugt. (Juliette I, 49-62.) In Wirklichkeit kann Gott gar nicht -existieren, da die ewig wirkende Natur in fortwährender Bewegung sich -befindet, sie aber diese Kraft nur aus sich selber besitzt, nicht aber -vom Schöpfer zum Geschenk erhalten haben kann. Denn dann müsste man an -das Vorhandensein eines trägen Wesens glauben, das, nachdem es seine -Arbeit gethan, in Nichtsthun dahinlebt. Ein solches Wesen wäre aber -lächerlich wegen seiner Ueberflüssigkeit. Denn es hätte nur so lange -gewirkt, bis es erschaffen, dann aber hätte es während Jahrtausenden -ruhen müssen. (Philosophie dans le Boudoir I, 56). Wenn die Materie -nach Begriffen, die uns unbekannt sind, wirkt, wenn die Bewegung -der Materie inhaerent ist, wenn nur sie allein im Stande ist, nach -Massgabe ihrer Kraft zu schaffen, hervorzubringen, zu erhalten und -fortzuführen, wie wir dies in dem unseren Sinnen fassbaren Universum -erblicken, in welchem wir eine Unzahl von Weltkörpern um und über uns -sehen, deren Anblick uns überrascht, deren gleichmässiger, geregelter -Gang uns mit Bewunderung und Staunen erfüllt, wozu brauchen wir dann -noch einen fremden, ausserhalb des Universums stehenden Faktor, da -die bewegende und schaffende Kraft sich schon in der Natur selbst -befindet? Diese Natur ist aber an und für sich nichts anderes als -eine wirkende Materie (ib. I, 58). Nach allem dem ist dieser Gott -ein launenhaftes Wesen, welches das von ihm geschaffene Geschöpf dem -Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch ein Ungeheuer ist ein solcher -Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören. Nicht zufrieden mit einer so -grossen Aufgabe, ertränkt er den Menschen, um ihn zu bekehren, er -verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran, dieser hohe Gott, -ja, er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich, indem er das -Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu trotzen -vermag, der im Stande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren, -zu verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans -über uns zu besiegen. So hat ihn die Religion geschaffen, samt -seinem einzigen Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen -sterblichen weiblichen Leib bannt. Man wäre geneigt, zu glauben, dieser -Sohn Gottes müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von -glänzenden Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften -Jüdin in einem Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor -dem ewigen Tode retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er thut, hören -wir, was er spricht! Welche erhabene Mission vollführt er? Welches -Geheimnis offenbart er uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche -That lässt er uns seine Grösse erkennen? Wir sehen vor allem eine -unbekannte Kindheit, einige Dienste, die er den jüdischen Priestern -des Tempels von Jerusalem leistet, dann ein 15jähriges Verschwinden, -während welcher Zeit er sich vom alten ägyptischen Kultus vergiften -lässt, den er nach Judäa bringt. Er geht so weit, sich für einen Sohn -Gottes zu erklären, der dem Vater an Macht gleich ist; er verbindet -mit diesem Bündnis die Erschaffung eines dritten Wesens, des heiligen -Geistes, indem er uns glauben machen will, diese drei Personen seien -nur eine. Er sagt, er habe eine menschliche Form angenommen, um uns -zu retten. Der sublime Geist musste also Materie, Fleisch werden und -setzt die einfältige Welt durch seine Wunder in Erstaunen. Während -eines Abendmahles betrunkener Menschen verwandelt er Wasser in Wein. -Er speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen -gehaltenen Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten, -um sich von ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier -oder dreier seiner Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte -Taschenspielerkunststücke aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler -schämen müsste. Dabei aber verflucht er alle, die ihm nicht glauben -wollen, und verspricht den Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt -nichts Geschriebenes, spricht sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch -bringt er durch seine aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird -endlich gekreuzigt. In seinen letzten Augenblicken verspricht er -seinen Gläubigen, zu erscheinen, so oft sie ihn anrufen, um sich von -ihnen -- essen zu lassen. Er lässt sich also hinrichten, ohne dass -sein Herr Papa (Monsieur son papa), dieser erhabene Gott, auch nur das -Geringste thäte, um ihn von dem schimpflichen Tode zu retten. Seine -Anhänger versammeln sich jetzt und sagen, die Menschheit sei verloren, -wenn sie dieselbe durch einen auffallenden Handstreich nicht retteten. -Lasst uns die Grabwächter einschläfern, stehlen wir den Leichnam, -verkünden wir seine Auferstehung! Dies ist ein sicheres Mittel, um an -dieses Wunder glauben zu machen; es soll uns dazu helfen, die neue -Lehre zu verbreiten. Der Streich gelingt. Alle Einfältigen, die Weiber -und Kinder faseln von einem geschehenen Wunder und dennoch will in -dieser mit dem Blute Gottes getränkten Stadt niemand an diesen Gott -glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das -Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit -halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in -den Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen -werden zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern -verkündet, so wird die Liebe des Nächsten und Wohlthätigkeit zur ersten -Tugend erhoben. Verschiedene bizarre Ceremonien werden unter der -Benennung „Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die -ist, dass ein sündenbelasteter Priester mittelst einiger Worte, eines -Galimathias, ein Stück Brod in den Leib Jesu verwandelt. (Philosophie -dans le Boudoir I, 60-64.) -- Man darf sich nicht wundern, wenn nach -diesen Anschauungen der Marquis +de Sade+ oft die Heiligenschändung für -ein Pflichtgebot erklärt und in scharfen Ausdrücken gegen Reliquien, -Heiligenbilder, Crucifixe u. s. w. wettert und z. B. Dolmancé sagen -lässt, dass es sein grösstes Vergnügen sei, Gott zu beschimpfen, -gegen dieses Phantom unflätige Worte auszustossen. Dieser möchte gern -eine Art ausfindig machen, um diese dégoûtante chimère noch mehr zu -insultieren, und ist wie Moberti böse darüber, dass es gar keinen Gott -giebt, so dass er in solchen Augenblicken seine Existenz herbeiwünscht -(Philosophie dans le Boudoir I, 125-126). - -Von diesen +theoretischen+ Maximen gelangt der Marquis +de Sade+ zur -Begründung einer +praktischen Lebensphilosophie+, eben der „Philosophie -des Lasters.“ - -Um den Triumph des Lasters in der menschlichen Gesellschaft zu -verwirklichen, muss eine zweckentsprechende +Paedagogik+ gehandhabt -werden. Der Marquis +de Sade+ hat richtig erkannt, dass die +Jugend+ -verderben gleichbedeutend ist mit der Untergrabung aller Sittlichkeit -überhaupt. Diese Jugend, von der +Alexander von Humboldt+ in seinen -unvergleichlichen Briefen an den König +Friedrich Wilhelm+ IV. sagt, -dass sie das „+unzerstörbare+ uralte sich immer erneuernde Institut -der Menschheit“ sei[600], die muss man nach +Sade+ für sich gewinnen. -„C’est dans la jeunesse qu’il faut s’occuper de détruire avec énergie -les préjugés inculqués dès l’enfance.“ (Juliette IV 134.) So hat denn -+Sade+ in der „Philosophie dans le Boudoir“ gewissermassen einen -Leitfaden der Erziehung zum Laster nach dem Vorbilde von +Mirabeau’s+ -„Education de Laure“ geschaffen, in dem er seine theoretischen -Grundsätze entwickelt und ihre praktische Anwendung in der Verführung -und Demoralisierung eines jungen Mädchens zeigt. -- Die Erziehung -muss alle unsinnigen Religionslehren verbannen, durch welche die -„jungen Organe“ der Kinder nur ermüdet werden und an deren Stelle den -Unterricht in den „sozialen Grundsätzen“ einführen. Auch sollen sie in -den schwer zu lösenden Fragen der Naturkunde unterrichtet werden. Wenn -es aber Jemand versuchen sollte, religiösen Firlefanz einschmuggeln zu -wollen, so soll er als ein Verbrecher behandelt werden. (Phil. dans le -Boud. II, 62 ff.) +Sade+ hat richtig erkannt, dass die +Gewohnheit+ in -der Erziehung alles macht. Daher soll auch das Laster dem jugendlichen -Menschen zu einer Gewohnheit gemacht werden. Denn diese hebt alle -lästigen Gewissensbisse auf. „Also sei so oft als möglich lasterhaft! -Dann wird das Laster allmählich zu einem wollüstigen Kitzel, den man -nicht mehr entbehren kann. Das Laster muss eine +Tugend+ werden! Und -die Tugend ein +Laster+! Dann wird sich ein neues Weltall vor Deinen -Blicken aufthun, ein verzehrendes und wollüstiges Feuer wird Deine -Nerven durchglühen; es wird die ‚elektrische Flüssigkeit‘ entflammen, -in welcher das Prinzip des Lebens sich befindet. Jeden Tag entwirfst -Du neue ruchlose Pläne und siehst in allen Wesen die Opfer Deiner -perversen Gelüste. So gelangst Du auf einem mit Blumen bekränzten Wege -zu den letzten Excessen der Unnatur. Nie darfst Du auf diesem Wege Halt -machen, zögern und zurückweichen, weil Dir sonst der höchste Genuss -für immer verloren geht. Vor allem nimm Dich vor der Religion in Acht, -deren gefährliche Einflüsterungen Dich vom guten Wege abhalten, die der -Hydra gleicht, deren Kopfe wiederwachsen, so oft man sie abschlägt.“ -Diese Worte ruft Delbène der 14jährigen Juliette zu. (Juliette I, -27-30.) Diese selbst wiederum erzieht später die Tochter Saint-Fond’s, -ihre eigene Tochter und Fräulein Fontanges in ähnlichen Grundsätzen, -deren verderbliche Wirkungen in der bereits oben erwähnten Statistik -des Grafen Belmor zur Anschauung gebracht werden. - -So wird das Laster planmässig in alle sozialen Verhältnisse eingeführt, -von denen wir nur die wichtigsten hervorheben. - -+Liebe und Ehe+ sind für +Sade+ chimärische Begriffe. Mit einer Art -von jesuitischer Casuistik unterscheidet die Duvergier zwei Arten -der Liebe, die +moralische+ und die +physische+. Eine Frau kann -moralisch ihren Geliebten oder Gatten anbeten und physisch und temporär -denjenigen lieben, der ihr den Hof macht. Zudem hat die Frau von -Temperament stets mehrere Liebhaber nötig. (Juliette I, 268.) Delbène, -diese grosse Paedagogin des Lasters, monologisiert lange für die -Nutzlosigkeit der Moral für junge Mädchen und Frauen. Sie fragt gleich -im Anfang erstaunt: Ist ein weibliches Wesen besser oder schlechter, -wenn sie einen gewissen Körperteil mehr oder weniger „ouverte“ hat? -Nach ihr müssen die Sitten das individuelle +Glück+ verbürgen. -Sonst sind sie wertlos. Man darf also ein Mädchen nicht zwingen, -die Jungfrauschaft zu bewahren, wenn es +glücklich+ ist und danach -brennt, dieselbe zu verlieren. Je mehr ein Mädchen sich hingiebt, -um so liebenswerter ist es, um so mehr Menschen macht es glücklich. -Daher höre man auf, ein entjungfertes Mädchen zu missachten.[601] -(Jul. I, 108.) Was die Ehe betrifft, so handelt es sich nicht um die -Frage, ob der Ehebruch ein Verbrechen in den Augen des Lappen ist, der -ihn erlaubt, oder des Franzosen, der ihn verbietet, sondern ob die -Menschheit und die Natur durch diese Handlung beleidigt werden. Der -Coitus ist notwendig wie Essen und Trinken, die Keuschheit ist nur eine -„conventionelle Mode“, +deren erster Ursprung nur ein+ „+raffinement -du libertinage+“ war. Jetzt ist sie nur eine Tugend der „Dummen und -Enthusiasten“. Sie schadet der Gesundheit, da sie wichtige Secrete -zurückhält.[602] +Der gemeinschaftliche Besitz der Frauen+ ist das -einzig wahre Naturgesetz, nicht die Monogamie, die Polyandrie und die -Polygamie. Die freie und schrankenlose Vereinigung und Trennung der -beiden Geschlechter entspricht allein den natürlichen Verhältnissen. -Und da auch die Ehre ein ganz subjektiver Begriff ist, der nicht von -Andern abhängt, so kann der Ehebruch der Gattin die Ehre des Gatten -in keiner Weise tangieren. Delbène erteilt daher den Frauen mit gutem -Gewissen Ratschläge, wie sie ihre Männer am besten betrügen. (Jul. I, -109-131.) - -Man kann sich denken, welche Stellung nach diesen Maximen die -Prostitution in der Gesellschaft einnimmt. Nur ein Weib, welches -genossen und Männer mit ihren Umarmungen beglückt hat, lebt in der -Erinnerung der Menschen. Man hat +Lucretia+ sehr bald vergessen, -während man sich +Theodoras+ und +Messalina’s+ erinnert, die in tausend -und abertausend Gedichten besungen werden. Weshalb sollten die Weiber -den blumenbestreuten Weg nicht lieber betreten, der ihnen noch nach dem -Grabe einen Cultus zusichert, anstatt sich dem verachtenden Lächeln -der Aufgeklärten auszusetzen, welches ihnen durch ihre Askese zu Teil -werden würde? (Phil. dans le Boud. I, 80.) Die Frau sei wie die Hündin -und die Wölfin, die allen angehören (ib. I, 76). So erscheint die Ehe -selbst als ein Vergehen.[603] - -Sehr merkwürdig sind bei +Sade+ die vielfachen Anklänge an die -Ideen eines +Malthus+. Die heute ja zu einer brennenden Frage -gewordene Entvölkerung Frankreichs ist keine neue Erscheinung. Nach -einem Bericht, den wir der „Vossischen Zeitung“ vom 11. Juli 1899 -entnehmen, veröffentlichte Professor +Rossignol+ in Bordeaux vor -kurzem das im Jahre 1767 herausgekommene Werk des Abbé +Joubert+ -„Die Entvölkerung und die Mittel ihr abzuhelfen“. +Es geht daraus -hervor, dass fast im ganzen vorigen Jahrhundert diese Frage die -Geister beschäftigte.+ Schon 1700 bis 1715 wurde eine thatsächliche -Verminderung der Bevölkerung festgestellt. Das Parlament von Dijon -hatte 1764, das Parlament von Bordeaux 1765 auf die Gefahren der -Entvölkerung hingewiesen. Der Abbé Joubert gab 1767 als Ursachen der -Entvölkerung an: Sittenlosigkeit, Verwendung bezahlter Ammen, schlechte -gesundheitliche Beschaffenheit der Häuser und Strassen; Missbrauch -geistiger Getränke, Steuerveranlagung. Von den wohlhabenden Klassen -sagt er: „Um einen reichen Erben zu lassen, um einen zügellosen Aufwand -fortzusetzen, ist man taub für den Schrei der Natur und zieht vor, die -Zahl der Kinder nicht zu vermehren“. Der gute Abbé betont besonders -die tollen Ansprüche vieler Frauen, deren schlechte Erziehung und -Verschwendungssucht die Ehescheu so vieler Männer erklären. - -Auch bei +Sade+ sind hauptsächlich +Frauen+ die Vertreterinnen des -Malthusianismus. Delbène meint, dass die Natur sich wenig um die -Fortpflanzung der Geschöpfe kümmere, und das Aufhören aller Zeugung -würde sie nicht betrüben. Nur unser Stolz glaubt an die Notwendigkeit -und Nützlichkeit der Fortpflanzung, während die Natur gleichgültig -Tausende von Wesen vernichtet (Juliette I, 118). Dolmancé behauptet -sogar, dass dem Zwecke des menschlichen Lebens die Vermehrung seiner -Rasse sehr fern liegt. Es sei beinahe zum Verwundern, dass sie von -Einzelnen geduldet werde. Wie hätte die Natur dem Menschen ein Gesetz -aufbinden können, welches sie ihrer Allmacht beraubt? Wäre es nicht -vernunftgemässer, wenige Menschen ewig jung bleiben und ewig leben zu -sehen, als zu altern und zu sterben. Die Fortpflanzung der Menschheit -ist ein „schwaches Ersatzmittel“ dafür. Es wäre sogar „schmeichelhaft“ -für die ursprüngliche Absicht der Natur, wenn das Menschengeschlecht -ausstürbe. Nur die Verminderung der Bevölkerung kann die Uebervölkerung -und alle Uebel, die damit verbunden sind, hindern. Die Kriege, -Seuchen, Hungersnöte[604], Mordthaten, Schiffbrüche, Explosionen -u. s. w. bewirken positiv die Verminderung der Menschenrasse, während -jene Handlung, die ein blödsinniger Jude als ein solches Verbrechen -bezeichnet, dass um seinetwillen eine ganze Stadt durch himmlisches -Feuer zu Grunde gegangen ist, nicht nur kein Verbrechen, sondern -lobenswert ist; denn sie verbindet zwei nützliche Dinge, sie schafft -Vergnügen und hindert die Vermehrung der Menschenrasse. (Phil. dans le -Boud. I, 100-101.) Daher ist eine der Hauptsünden aller Regierungen -die Vermehrung der Bevölkerung, die ohnehin nicht den Reichtum des -Staates bildet, da sie alsbald in höherem Grade wachsen wird als die -Existenzmittel. Seht auf Frankreich und Ihr werdet erkennen, was -daraus resultiert. Die viel weiseren Chinesen haben seit jeher Mittel -gegen einen solchen Ueberfluss an Bevölkerung getroffen, indem sie -Findel- und Armenhäuser unterdrückten und Bettler ohne Almosen liessen -(ibid. S. 69). Wenn Delbène bemerkt, dass Frankreich’s allzugrosse -Bevölkerung zu einer künstlichen Beschränkung der Kinderzahl zwinge -und die überzähligen getötet werden müssten, die gleichgeschlechtliche -Liebe zu begünstigen sei (Juliette I, 124), so bezieht sich diese -vorübergehende Zunahme der Bevölkerung nach dem oben genannten Werke -von +Rossignol+ auf das letzte Jahrzehnt vor der Revolution. Madame -Saint-Ange empfiehlt (Phil. dans le Boud. I, 99) ähnlich wie unsere -modernen Malthusianer, die längst über +Malthus’+ späte Heiraten -und „moral restraint“ sich hinweggesetzt haben, die bekannten -Praeventivmittel (Condome, éponges etc....)[605] -- Der entschlossenste -Malthusianer ist Saint-Fond. Er behauptet, dass Frankreich „einen -kräftigen Aderlass nötig habe.“ Die Künstler und Philosophen müssen -vertrieben werden, die Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten müssen -zerstört werden, und ein Krieg, sowie eine künstlich zu veranstaltende -Hungersnot müssen das Uebrige thun. Auf diese Weise will er zwei -Drittel der Bevölkerung beseitigen. (Juliette III, 126, 261.) Ein -derartiger Versuch wird von der Borghese in Rom ausgeführt. Es -werden 37 Hospitäler verbrannt, in denen mehr als 20000 Menschen -umkommen! (Jul. IV, 258.) In der „Justine“ entwickelt der Bischof ein -vollkommenes System des praktischen Malthusianismus. Erstens muss der -Kindermord nicht nur gestattet, sondern sogar befohlen werden. Zweitens -müssen Regierungskommissare jährliche Rundreisen bei allen Bauern -machen und alle überflüssigen, die zulässige Zahl überschreitenden -Familienglieder aus dem Wege räumen. Drittens die durch die Revolution -gewonnene Freiheit muss dem Volke wieder genommen werden; es muss -wieder unters Joch. Viertens totale Unterdrückung aller öffentlichen -Almosen und Wohlthätigkeiten. Fünftens Ehrung der Coelibatäre, -Paederasten, Tribaden, Masturbanten, kurz aller geschworenen Feinde der -Fortpflanzung. Auch der Mörder muss belohnt werden! Sechstens einfache -Wegnahme aller Lebensmittel. (Justine IV, 280-293.) - -Der berühmte „Essay on the principle of population“ von Th. R. -+Malthus+ erschien zum ersten Male 1798 in London. Der Marquis +de -Sade+, der gleich +Malthus+ die Gefahren der Uebervölkerung schildert, -kann also als ein Vorläufer desselben gelten. Indessen haben schon die -französischen Physiokraten wie +Quesnay+ in seinen „Maximes générales“ -und +Mirabeau+ in der „Philosophie rurale“ und im „Ami des hommes“ sich -mit den Problemen der Populationistik beschäftigt und ähnliche Ideen -wie Malthus entwickelt,[606] wenn diesem auch das grosse Verdienst -gebührt, in einer Spezialarbeit über die Theorie der Bevölkerungslehre -diese zuerst formuliert zu haben und ein Werk zu schaffen, das „in -den Mittelpunkt der Nationalökonomik hinableuchtete, ja ihre Untiefen -erst aufgedeckt hat.“[607] Jedenfalls hat auch der Marquis +de Sade+ -dieser wichtigen Frage ein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Dass -er nicht blos Personen geschildert hat, die Praeventiv- und sogar -positiv destruktiven Massregeln in der Populationistik das Wort reden, -beweist Zamé in „Aline et Valcour“, der den Incest und die Paederastie -verbietet, die Klöster aufhebt, indem er die Nonne mit dem Paederasten -vergleicht, die beide „frustrent la société“. Auch sorgt er für Findel- -und Waisenhäuser und unterdrückt den sich breitmachenden Egoismus.[608] - -Seine +Theorien des Verbrechens+, welche mit den malthusianischen Ideen -aufs engste zusammenhängen, hat der Marquis +de Sade+ an verschiedenen -Stellen seiner Hauptwerke entwickelt, am ausführlichsten aber in der -„Philosophie dans le Boudoir“, wo er Dolmancé dieselben aus einer im -Palais Royal gekauften Broschüre vorlesen lässt. In „Justine“ erklärt -Bressac das Verbrechen überhaupt für eine Chimäre. Denn ein Mord -verändert nur die +Form+ der Materie, vernichtet diese letztere aber -nicht. Nichts geht verloren in der Natur. Auch sind ja alle Handlungen -von der Natur eingegeben und daher keine Sünde. (Justine I, 209 ff.) --- Noch anders begründet Delbène die Notwendigkeit des Verbrechens. -Die Natur hat die Menschen verschieden schön und stark u. s. w. -gemacht. Dabei will sie auch +verschiedene+ Schicksale derselben, und -es wird von ihr bestimmt, dass die Einen glücklich werden, die Anderen -unglücklich. Letztere sollen von den Glücklichen gequält und gefoltert -werden. Das Verbrechen liegt also im „Plane der Natur“ und ist ihr so -nötig wie Krieg, Pest und Hungersnot. (Juliette I, 176.) Noirceuil -findet das ganze Geheimnis der +Civilisation+ darin, dass die Schurken -und Schlauen sich bereichern, die Dummen unterdrückt werden. Der -Schwache ist von +Natur+ schwach und dem Starken auf Gnade und Ungnade -preisgegeben. Man handelt also +gegen die Natur+, wenn man als Starker -dem Schwachen hilft, statt ihn zu quälen und zu vernichten (Juliette I, -311-312). - -In der „Philosophie dans le Boudoir“ (II, S. 77 ff.) werden die -Verbrechen mit dem „flambeau de la philosophie“ analysiert. Sie -können im allgemeinen auf +vier+ verschiedene Hauptverbrechen -zurückgeführt werden, auf die +Verleumdung+, den +Diebstahl+, die -+Sittlichkeitsverbrechen+ und den +Mord+. - -Die +Verleumdung+ trifft entweder einen schlechten oder einen -tugendhaften Menschen. Im ersten Falle liegt nicht viel daran, ob man -über ihn etwas mehr oder weniger Schlimmes sagt. Einem tugendhaften -Menschen hingegen schadet sie nicht, und das Gift des Verleumders -wird auf ihn selbst zurückfallen. Die Verleumdung dient sogar als ein -läuterndes und rechtfertigendes Mittel. Denn durch sie wird die Tugend -erst ins rechte Licht gesetzt. Dem Verleumdeten muss nämlich daran -gelegen sein, die Verleumdung zu widerlegen, und seine tugendhaften -Handlungen werden dann weltbekannt. Ein Verleumder ist also nicht -gefährlich im sozialen Leben. Denn er dient als Mittel, um sowohl die -Laster der schlechten Menschen als auch die Tugenden der guten ans -Licht zu fördern, darf somit nicht bestraft werden. (Phil. dans le -Boud. II, 78-81.) - -Der +Diebstahl+ war zu allen Zeiten erlaubt und wurde sogar belohnt, -z. B. in Sparta. Andere Völker haben ihn als eine kriegerische Tugend -betrachtet. Es ist gewiss, dass er Mut, Stärke und Geschicklichkeit -erheischt, also für eine Republik sehr notwendige Tugenden. Es hat -sogar Völker gegeben, wo der +Bestohlene+ bestraft wurde, weil er -sein Eigentum nicht wohl verwahrte. (!!) Es ist ungerecht, den Besitz -durch ein Gesetz zu sanctionieren, da hierdurch allen Verbrechern die -Thüren geöffnet werden, welche den Menschen dazu verleiten, sich diesen -Besitz zu sichern.[609] Viel vernünftiger wäre es, den Bestohlenen -zu züchtigen als den Dieb. (Phil. dans le Boud. II, 81-84.) Nach -Dorval, diesem grossen Diebe und Theoretiker seines Berufes, ist die -+Macht+ die erste Ursache des Diebstahls. Der Mächtige bestiehlt den -Schwächeren. So will es die Natur. Die Gesetze gegen den Diebstahl -sind ungültiges Menschenwerk. Man stiehlt jetzt „juridiquement“. Die -Justiz stiehlt, indem sie sich ihre Rechtsprechung bezahlen lässt, die -eigentlich umsonst dargeboten werden sollte. Der Priester stiehlt, -indem er sich für seine Vermittelung zwischen Gott und Mensch bezahlen -lässt. Der Kaufmann stiehlt, indem er Ware weit über den reellen Wert -verkauft. Die Souveräne stehlen durch die Auferlegung von Steuern. -Dann giebt Dorval eine Geschichte des Diebstahls bei den verschiedenen -Völkern und schliesst mit der Erklärung, dass gegen Ende der Regierung -+Ludwig’s+ XIV. das Volk 750 Millionen Steuern jährlich bezahlte, wovon -nur 250 Millionen in die Staatskasse gelangten. Folglich sind 500 -Millionen gestohlen worden! (Juliette I, 203-222.) - -+Alcide Bonneau+ macht darauf aufmerksam, dass +Proudhon+ in seinem -berühmten Buche „La Propriété, c’est le vol“ fast genau dieselben -Ansichten über den Diebstahl, wie Dorval bei +Sade+, entwickelt. -+Proudhon+ zählt sogar 15 Arten des „juristischen“ Diebstahls auf.[610] -Im 18. Jahrhundert waren diese Ideen häufig, wie +Roscher+ ausführlich -darlegt.[611] - -Auch die +Sittlichkeitsverbrechen+ müssen in einem republikanischen -Staate als ganz gleichgültig betrachtet werden, da diesem nichts daran -liegen kann, ob seine Bürger keusch sind oder nicht. - -Die +Schamhaftigkeit+ ist ein Produkt der Civilisation, vor allem der -Koketterie der Frauen, denen auch die Kleidung viel mehr zu danken ist -als der Ungunst der Witterung u. s. w. Viele Völker gehen noch heute -nackt, ohne unsittlich zu sein. Im Gegenteil entsittlicht die Kleidung -durch Erregung von Begierden, Reize zu sehen, die durch sie versteckt -werden, von denen man kaum Notiz nehme; wenn sie unbedeckt wären. Die -+Prostitution+ ist die natürliche Folge der Sittlichkeitsgesetze. -Sie wird deshalb als eine Schande betrachtet, weil die Prostituierten -für die Genüsse, die sie den Männern bieten, die sie aber auch selber -empfinden, Geschenke annehmen. Dann ist die Ehe auch Prostitution. Denn -der Mann bekommt in den meisten Fällen nur dann eine Frau, wenn er sie -zu erhalten im Stande ist. Ebenso, wie wir allen Männern das Recht zum -Genusse einräumen, müssen wir es auch den Weibern geben, da ohnehin im -Naturzustande der Menschheit die Weiber allen Männern gehören, ebenso -wie dies im Tierreich der Fall ist. Ausserdem wird das Weib mit einem -brennenden Hang zum Genuss geboren. Die Folgen einer solchen Freiheit, -Kinder ohne Väter, sind in einer Republik nicht nachteilig; denn alle -Menschen haben eine gemeinschaftliche Mutter, das Vaterland (!!). Die -Freiheit des Genusses muss dem Mädchen vom zartesten Alter gestattet -werden. Durch Liebesgenüsse werden die Weiber ausserordentlich -verschönert. (!!) - -Der +Ehebruch+ ist eine Tugend. Es giebt nichts Naturwidrigeres als die -„Ewigkeit“ der ehelichen Bande. Dies ist das drückendste, was es giebt. -Die Nützlichkeit des Ehebruchs wird durch zahlreiche ethnologische -Beispiele bewiesen. - -Ebenso ist die +Blutschande+, der +Incest+ eine Tugend! Sie „dehnt -die Freiheit aus“ und schärft die verwandtschaftliche Liebe (!!). -Die Urinstitutionen waren sogar der Blutschande günstig. Man findet -sie überall beim Ursprung des „Gesellschafts-Vertrages“. Wiederum -werden zahlreiche ethnologische Beweise dafür beigebracht. -- Diese -Sitte müsste sogar zum Gesetz (!!!) gemacht werden, weil hier die -„Brüderlichkeit“ als Basis dient. Wie konnten auch die Menschen so -einfältig sein, gerade denen, die berufen sind, einander am meisten zu -lieben, dies nicht zu gestatten. Die Gemeinschaft der Weiber schliesst -natürlicherweise auch die Blutschande in sich. - -Die +Notzucht+ ist ebenfalls kein Verbrechen und sogar weniger -schädlich als der Diebstahl. Denn dieser raubt das Eigentum, während -jene es nur verschlechtert. Ausserdem begeht der Notzüchter eine -Handlung, die früher oder später mittelst einer kirchlichen Sanction -doch von einem Anderen begangen worden wäre. - -Die +Paederastie+ zu bestrafen, ist eine Barbarei, da eine „Abnormität -des Geschmackes“ kein Verbrechen sein kann. Ebensowenig ist die -+Tribadie+ ein Laster. Beide Gewohnheiten standen bei den Alten -in hoher Achtung. Die Paederastie, insbesondere war stets bei -kriegerischen Völkern im Schwange, da sie Mut und Tapferkeit einflösst. -(Phil. dans le Boud. II, 84-114.) - -Endlich ist als vierte Gattung der sogenannten und angeblichen -„Verbrechen“ der +Mord+ zu untersuchen, und zwar muss man fragen, ob -diese Handlung in Bezug auf die Naturgesetze und auf die politischen -Gesetze, ob sie der Gesellschaft schädlich ist, wie sie unter einer -republikanischen Regierung betrachtet werden muss, und ob der Mord -durch einen Mord gerächt werden soll. - -Vom Standpunkt der Natur ist der Mord kein Verbrechen. Denn zwischen -den Menschen, den Pflanzen und den Tieren existiert kein Unterschied. -Denn auch der Mensch wird geboren, er wächst, vermehrt sich, stirbt -ab und wird zu Staub und Asche nach einiger Zeit, zufolge seiner -organischen Beschaffenheit. Es wäre also ein ebenso grosses -Verbrechen, ein Tier zu töten, denn nur unsere Eitelkeit hat einen -Unterschied erfunden. Von welchem Werte kann überhaupt ein Geschöpf -sein, welches zu schaffen die Natur keine Mühe kostet? Auch sind die -schaffenden Stoffe der Natur gerade diejenigen, die aus der Auflösung -anderer Körper hervorgehen. Die Vernichtung ist ein Naturgesetz, ist -aber nur eine Veränderung der Form, der Uebergang von einer Existenz -zur andern, die Metempsychose des Pythagoras. Also ist das Töten kein -Verbrechen, da eine +Veränderung+ keine +Vernichtung+ ist. Sobald ein -Tier zu leben aufhört, bilden sich aus demselben sofort kleinere Tiere. -(!) Daher ist es sehr vernunftgemäss, zu behaupten, dass die Hülfe, die -wir der Natur in der Veränderung der Form leisten, ihre Zwecke fördert. -Es sind +Naturtriebe+, dass der Mensch den anderen töte, wie die Pest, -die Hungersnot und die Elementarereignisse. Nur die Natur hat uns den -Hass, die Rache, den Krieg gegeben. Mithin ist der Mord kein Verbrechen -gegen die Natur. - -Auch ist er ein grosser Faktor in der Politik. Durch Morde wurde -Frankreich frei. Was ist der Krieg? Eine Wissenschaft des Verderbens. -Sonderbar, die Menschen lehren die Kunst des Ermordens öffentlich, -belohnen diejenigen, die ihre Feinde töten, und verdammen den Mord doch -als Verbrechen. - -In sozialer Hinsicht ist der Mord ebenfalls kein Verbrechen. Was liegt -der Gesellschaft an einem einzelnen Mitgliede? Der Tod eines Menschen -übt keinerlei Einfluss auf die ganze Volksmasse. Selbst wenn drei -Viertel der Menschen ausstürben, würde keine Aenderung im Zustande der -Uebriggebliebenen eintreten. - -Wie muss ein Mord im kriegerischen und republikanischen Staate -betrachtet werden? Eine Nation, die das Joch der Tyrannei abwirft, um -die Republik einzuführen, wird sich nur durch Verbrechen behaupten. -Alle intellectuellen Ideen sind in einer Republik der „Physik der -Natur“ unterworfen, und so geben sich gerade die freiesten Völker dem -Morde am meisten hin. Hierfür führt +Sade+ zahlreiche Beispiele an. -Z. B. wirft man in China die Kinder, die man nicht behalten will, -ins Wasser, und der berühmte Reisende +Duhalde+ giebt die Zahl der -täglich so Ausgesetzten auf mehr als 30000 an! Ist es nicht sehr -weise, der stets wachsenden Zahl der Menschen in einer Republik Dämme -entgegenzusetzen? In Monarchien muss die Bevölkerung begünstigt werden, -weil die Tyrannen nur durch die Zahl der Einwohner reich werden können. -Revolutionen sind nichts anderes als die Wirkung der Uebervölkerung. - -Der Mord darf nicht durch einen Mord gerächt werden. „Ich begnadige -Dich“, sagte +Ludwig+ XV. zu +Charolais+, der einen Menschen zur -Unterhaltung tötete, „doch begnadige ich auch denjenigen, der Dich -töten wird“. Die ganze Basis des Gesetzes gegen die Mörder liegt in -diesen „erhabenen“ Worten. Da der Mord kein Verbrechen ist, kann man -ihn nicht bestrafen. - -Diese vom Marquis +de Sade+ entwickelten Ideen entspringen keineswegs -dem Gehirn eines Wahnsinnigen. +Es sind ganz ähnliche Ideen von den -grossen Terroristen der ersten französischen Revolution entwickelt -worden+. Es spricht sich in ihnen jene „starke Erschütterung, wohl -gar Verwirrung des öffentlichen Rechtsgefühls +durch Revolutionen+“ -aus.[612] Es ist bemerkenswert, dass der Marquis +de Sade+ in seinen -vorrevolutionären Schriften wie „Aline et Valcour“ dem Diebstahl und -Morde keine oder doch nur eine geringe Rolle eingeräumt hat, während -unter den Eindrücken der Revolution beide in sein System der sexuellen -Theorien aufgenommen wurden. - - - - -IV. - -Theorie und Geschichte des Sadismus. - - -1. Wollust und Grausamkeit. - -Der sehr bekannte Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit ist -nach dem Marquis +de Sade kein unmittelbarer+. Zuerst ist die Wollust -da. Diese erstickt zunächst das +Mitleid+ im Menschen, macht das Herz -hart und gefühllos. (Juliette I, 148.) Zugleich aber bedarf der in der -Wollust ganz aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt -zu werden. Die Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag -aufgerüttelt und erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass -der +Schmerz+ die Nerven +heftiger+ angreift, als die Freude und daher -dieselben lebhafter erregt. Der Schmerz Anderer erzeugt in dem Wüstling -eine angenehme Empfindung. Die Natur spricht uns niemals von Anderen, -sondern nur von uns. Es giebt nichts Egoistischeres als ihre Stimme. -Sie preist uns das Suchen der Lust an, und es ist ihr einerlei, ob dies -Anderen angenehm ist oder nicht. - -Dieses Gefühl des Vergnügens an Grausamkeit, welches bei dem -Wollüstigen, dessen Herz hart geworden ist, besonders hervortritt, ist -ein angebornes. Das Kind zerbricht sein Spielzeug, beisst in die Brust -seiner Säugamme, erdrosselt den Vogel. Die Grausamkeit ist keine Folge -der Entartung, da sie bei wilden Völkern besonders hervortritt. Sie ist -nichts anderes als die Energie des Mannes, den Civilisation noch nicht -verdorben hat, also eher eine Tugend als ein Laster. - -Die Grausamkeit der Frauen ist viel intensiver als diejenige der -Männer, eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer -Organe. Die überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und -verbrecherisch. Wollt Ihr sie kennen lernen? Kündigt ihnen ein -grausames Schauspiel an, ein Duell, eine Hinrichtung, einen Brand, -eine Schlacht, einen Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie -herzuströmen. Weitere Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber -liefert ihre Vorliebe für den Giftmord und die Flagellation. - -Unser Nervensystem ist einmal so wunderbar eingerichtet, dass uns -Verzerrungen, Zuckungen, Blutvergiessen aufregt, mithin angenehm ist. -Sogar Personen, die beim Anblick des Blutes, einerlei ob es ihr eigenes -oder das einer fremden Person ist, in Ohnmacht fallen, fühlen dies. Es -ist nämlich erwiesen, dass eine Ohnmacht die höchste Potenz der Wollust -ist (Phil. dans le Boudoir I, 148-158, Juliette II, 94-102.) - - -2. Anthropophagie und Hypochorematophilie. - -Das Menschenfleisch ist für den Wüstling die beste Nahrung, da es -die Bildung eines reichlichen und guten Sperma befördert und für -schnellen Ersatz des verlorenen sorgt. Wer einmal diese süsse Speise -genossen hat, kann von ihr nicht mehr lassen. Dagegen ist Brot die -unverdaulichste und ungesündeste Nahrung, welche erschlafft und den -Körper zerrüttet. Daher füttern Tyrannen ihr sklavisches Volk mit -Wasser und Brot (Juliette II, 323 ff.). Auch Minski schreibt dem -Genusse von Menschenfleisch eine aussergewöhnliche Kraft zu (Juliette -III, 313). - -Eng verbunden mit dieser Anthroprophagie ist der Anblick, die -Aneignung und der Genuss +abgetrennter Körperteile+, eine Art von -+anthropophagischem Fetischismus+. So werden die Gesässe der bei den -Orgien getöteten Personen abgeschnitten und zum Zwecke wollüstiger -Erregung aufgehängt (Juliette II, 231)[613]. Die Silvia zerreisst -die Genitalien ihrer Opfer mit den Zähnen und isst sie (Juliette VI, -235). Ebenso benutzt Clairwil das abgeschnittene Membrum des Mönches -Claude zu wollüstigen Zwecken (Juliette III, 101) und erklärt, dass -sie semper penem videat, den sie, nisi habeat in cunno vel ano, doch -+so sehr in ihrer Phantasie+ habe, dass sie glaubt, dass man ihn nach -ihrem Tode wirklich in ihrem Gehirne finden wird! (Juliette III, 154.) -Dieses anthropophagische Weib trinkt das Blut und isst die Testikel der -von ihr getöteten Knaben (Juliette III, 72). Auch reisst sie das Herz -derselben heraus und gebraucht es als Phallus (Juliette III, 252)[614]. -Auch Minski, die Räuber des Brisa-Testa, Cornaro sind Anthropophagen -(Juliette III, 313; V, 206; VI, 204). - -Kannibalische Gelüste gehörten nach +Bettelheim+ offenbar zu dem -Bestand der Racheschwüre des 18. Jahrhunderts. Der Herzog von -+Chaulnes+, der wegen einer Liebesaffäre mit +Beaumarchais+ in Streit -geriet, übrigens bei anderer Gelegenheit seine eigene Mutter aufs -gröblichste beschimpfte, brüllte mit entsetzlicher Stimme: „Ich werde -diesen Beaumarchais töten, und wenn ich ihm erst den Degen in den -Leib gerannt und +das Herz mit den Zähnen ausgerissen haben werde+, -mag diese Mesuard sehen, was aus ihr wird.“ In der ersten Fassung des -+Goethe+’schen „Clavigo“ heisst es ebenfalls: - -„Meine Zähne gelüstet’s nach seinem Fleische, meinen Gaumen nach seinem -Blute u. s. w.“[615] - -Die +Hypochorematophilie+[616] spielt ebenfalls bei +Sade+ eine grosse -Rolle. Saint-Florent und Rodin finden grosse Befriedigung in der -Beobachtung des Aktes der Defaecation (Justine I, 136 und 304). Mondor, -Saint-Fond und viele andere sind Kotfresser. Der Gatte der St.-Ange -lässt sich in os defaecieren. (Phil. dans le Boud. I, 92.) Dass auch -diese liebliche Eigenschaft nicht vielleicht etwas Erbliches ist, -sondern von abgelebten Wüstlingen, wie ja z. B. der 66jährige Mondor -einer ist, als letztes Reizmittel in Anwendung gezogen wird, kann man -aus den mehr als merkwürdigen Worten der Juliette schliessen. Sie sagt: -„Man täuscht sich im allgemeinen über die Entleerungen des caput -mortuum unserer Verdauungsorgane. Sie sind nicht ungesund, sondern -sogar sehr angenehm. Es wohnt in ihnen derselbe Spiritus rector wie -in allen übrigen Körperbestandteilen. An nichts +gewöhnt man sich so -leicht+ als an den Geruch des Kotes. Ihn zu essen, ist deliciös! C’est -absolument la saveur piquante de l’olive. +Man muss allerdings zuerst -ein wenig die Imagination nach dieser Richtung hin beeinflussen+! Aber -wenn man so weit ist, so ist es ein höchst wonnevoller und aufregender -Genuss.“ (Juliette I, 289.) Die sexuelle Hypochorematophilie hat -mit dem Kotschmieren der Geisteskranken nichts zu thun. Ja, gerade -diese seltsame und ekelerregende Monomanie bildet den besten Beweis -für unsere Anschauung, dass alle diese Dinge bei +Geistesgesunden+ -vorkommen können, wie ja auch aus den Ausführungen +Sades+ hervorgeht. -Nach +Taxil+ bilden die „stercoraires“, wie man sie nennt, nicht -mehr eine Ausnahmeerscheinung. „In den öffentlichen Häusern sind zu -diesem Zwecke besondere Vorrichtungen getroffen, und +gesunde+ junge -Leute wiederholen +aus Nachahmungstrieb+ die krankhaften Handlungen -schwachsinniger Subjekte, die einst durch ihr unmässiges Leben sich -berühmt gemacht hatten.“[617] - - -3. Weitere sexualpathologische Typen bei Sade. - -Schon vor +R. v. Krafft-Ebing+ gebührt ohne Zweifel dem Marquis +de -Sade+ das Verdienst, fast alle +sexualpathologischen Typen+, die es -giebt, in seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein -Zweifel, dass diese grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten -sexuellen Perversionen, die genaue Individualisierung der einzelnen -Typen auf der +aus dem Leben schöpfenden Beobachtung+ beruht. - -Sämtliche +Sinne+ dienen bei +Sade+ der Erregung sexueller Gefühle. -Beginnen wir mit dem +Gehör+. Es giebt auch einen +Wort-Sadismus+! -Es ist nach Dolmancé angenehm und aufregend, +stark tönende Worte -von unflätiger Bedeutung+ im Rausche der Wollust auszusprechen, -weil sie die Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht; -sondern variire sie ins Unendliche, damit sie um so mehr Skandal -erregen. Es verursacht eine ganz eigene Wonne, wenn man in Gegenwart -tugendhafter Leute sich durch Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu -demoralisieren vermag, zu ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie -nicht gutwillig hören wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil. -dans le Boud. I, 146-147.) So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie -erfreut aus: Comme tu blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben -Gelegenheit der stummen Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure -donc! (Phil. dans le Boud. I, 125 und 129.) - -Das +Gesicht+ nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti -liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast -ihn besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die -zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu -beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind -ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer -„die Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz -aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu. -(Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem -blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.) - -Der +Geruchssinn+ wird zunächst durch die mannigfaltigsten Parfüms, -deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der -Freunde des Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen -Mädchen und Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618]. -Das Beriechen der weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette -III, 54), ebenso der Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die -Nase urinieren (Juliette III, 51).[619] - -Der +Geschmack+ findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind -deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172). -Die „Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie -(z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen -Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr -thätig. - -Der +Tastsinn+ wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu -einer Orgie benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der -verschiedenen Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung -verschafft. - -Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die -ja zum grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die -bemerkenswertesten heraus. -- Den +Exhibitionismus+ predigt Dolmancé, -indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu -enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I, -147.) Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche -die Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die -Befriedigung +grausamer+ Gelüste findet auf die verschiedenste Weise -statt: durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen -zwei Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt -eine Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225-230). Ein Anderer -wieder empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche -Schein-Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem -Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III, -65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285). -Die aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar -in einem eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen -grausamen Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der -Incisionen (Justine III, 223). - -Die +Zoophilie+ wird von +Sade+ als sexuelles Raffinement -hochgepriesen. „Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals -im Augenblick der Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous -comble alors la volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich -im vierten Bande der Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer -Dogge, um die sexuellen Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.) - -Ferdinand von Neapel ist +Nekrophile+, er befriedigt sich an der Leiche -eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die +Statuenschändung+ wird -erwähnt. Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge. -(Juliette I, 333.) - -Endlich erhöht die Verwirklichung +bizarrer Einfälle+ den sexuellen -Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König -von Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an -einer anderen Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54), -Vespoli liebt besonders Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer -Prokurator Menstruierende (ib. VI, 147), ein Dritter die Depilation -der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter steckt brennende Lichter in -die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt sich auf den Särgen -früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w. - -+Seltsame Naturerzeugnisse+ und +Naturerscheinungen+ dienen der -Wollust. Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene -Genüsse (Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die -Sinne. (ib. IV, 258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des -Vesuvs (Jul. VI, 35), der Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269) -verschaffen sexuelle Genüsse. - -Auch +geschichtliche Erinnerungen+ werden im selben Sinne verwertet. -Man ahmt die Thaten des +Tiberius+, des +Nero+ und der +Theodora+ -nach (Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den -historisch denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V, -340-341), im Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w. - - -4. Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten. - -Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer -Beziehung ist der Versuch des Marquis +de Sade+, die einzelnen -Neigungen der Personen in seinen Romanen aus ihrer +körperlichen -Beschaffenheit+ abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des -Geschwisterpaares Rodin und Coelestine. - -„Rodin war ein Mann von 36 Jahren, brünett, mit dichten Augenbrauen, -lebhaftem Auge, heroischer Miene, hohem Wuchs. Sein ganzes Wesen atmete -Gesundheit, aber gleichzeitig Wollust. Membrum erectum valde durum -erat.“ (Justine I, 252.) - -Noch interessanter ist die Beschreibung des Mannweibes Coelestine. -„Coelestine, die 30jährige Schwester Rodin’s, war gross, mager, wohl -gewachsen, hatte die ausdrucksvollsten Augen und die allersinnlichste -Physiognomie. Sie war brünett, sehr behaart, hatte clitoridem -perlongam, anum virilem, wenig Busen, ein leidenschaftliches -Temperament, viel Boshaftigkeit und Wollust. Sie besass „tous les -goûts‘, besonders die Vorliebe für Frauen und gab sich den Männer nur -als Pathica hin“. (Justine I, 253.) - -Wie man sieht, schildert der Marquis +de Sade+ die Coelestine als -+sehr behaart+. Genau dieselbe Eigenschaft legt +Tardieu+ den erotisch -besonders stark veranlagten Frauen bei. Auch er spricht von einer -„abondance du système pileux“, ferner von dem besonderen Glanze der -Augen, dem wollüstigen Blicke (flamme brûlante du regard), den dicken -roten Lippen und einer auffälligen starken Entwickelung der Brüste -und Geschlechtsteile. Der von Satyriasis ergriffene Mann zeichnet -sich nach +Tardieu+ durch einen starren, gierigen Blick aus, hat -blutunterlaufene Augen, einen wollüstigen Mund, blasse Gesichtsfarbe, -indecente Manieren und nimmt eine herausfordernde Haltung an.[620] - - -5. Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen. - -Da an den Orgien in den Romanen des Marquis +de Sade+ stets zahlreiche -Personen teilnehmen, so erwächst den Leitern derselben eine besondere -Aufgabe und auch ein sexueller Genuss daraus, jeder einzelnen Person -ihre Rolle vorzuschreiben, die von ihr einzunehmende Stellung und -die auszuführenden sexuellen Handlungen vorherzubestimmen. Delbène -sagt: Bringen wir ein wenig Ordnung in unsere Vergnügungen. Man -geniesst dieselben besser, indem man sie vorher fixirt (Juliette I, -6). Auch die Tribade Zanetti ist sehr erfahren in der Bildung solcher -obscöner Gruppen (Juliette VI, 160). In der „Philosophie dans le -Boudoir“, diesem Lehrbuche des Sexualgenusses, werden natürlich der -Schülerin Eugenie von Madame St.-Ange und insbesondere von Dolmancé -diese Arrangements ausführlich eröffnet. Madame de St.-Ange führt -dann Eugenie in eine Nische, deren Wände aus Spiegelglas bestehen -und die „die verschiedenen Stellungen tausendfach wiederholen und -so die eigenen Genüsse den Augen der auf einer Ottomane sich ihnen -Hingebenden recht deutlich machen, da kein Körperteil auf diese Weise -verborgen bleibt. So erblicken die Liebenden lauter ähnliche Gruppen -und Nachahmer ihrer eigenen Vergnügungen, lauter wunderbare Gemälde, -der Wollust.“ (Philosophie dans le Boudoir I, 40.) Ein ganz besonderes -Stück ist die „Cavalcade“, welche der lebenslustige Mönch Clément in -der „Justine“ ausführen lässt. Dabei dienen zwei auf allen Vieren -kriechende Mädchen als Pferde. (Justine II, 201.) Aehnliche obscöne -Arrangements kehren fast auf jeder Seite der „Justine“ und „Juliette“ -wieder. - - -6. Das Mysterium des Lasters. - -Delbène sagt: Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das -einzige Glück unseres Lebens sind (Juliette I, 25). +Man muss sie -nur mit einem solchen Mysterium umgeben+, dass man niemals ertappt -wird. Dieses Mysterium ist zugleich ein besonderer Reiz. Juliette -wundert sich über das Schweigen und die Ruhe bei der grossen Orgie -in der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ und zieht daraus -den Schluss, dass der Mensch nichts in der Welt so sehr achte, wie -seine Leidenschaften. (Jul. III, 53.) Darum finden alle Orgien an -dunklen, abgelegenen Orten statt, in einsamen Schlössern, in Höhlen, -unterirdischen Gewölben, im Walde, im Gebirge, am und auf dem Meere, -in Folterkammern und Hinrichtungssälen. Daher wird der Anthropophage -Minski zum „Einsiedler der Apenninen“, der in einem wohlbefestigten -Hause auf der Insel eines Teiches lebt (Juliette III, 313). Für -Dolmancé giebt es gewisse Dinge, die „absolut des Schleiers bedürfen“ -und die er selbst vor den Augen der würdigen Madame St.-Ange verbirgt -(Philosophie dans le Boudoir II, 153). - - -7. Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion. - -Die +Lüge+ ist zu allen Zeiten die stete Begleiterin der Prostitution -und der geschlechtlichen Ausschweifungen jeder Art gewesen. Man darf -mit Recht behaupten, dass jeder Wollüstige ein Lügner ist, und dass -man sich auf die Angaben eines Wüstlings niemals verlassen darf. „Die -Sucht zu lügen, sagt +Parent-Duchatelet+, ist bei den öffentlichen -Mädchen allgemein und ein Kind der immer falschen Stellung, des -peinlichen Zustandes, worin sie leben, der Meinung, die man, wie sie -wissen, von ihnen hegt... Man muss daher bei Benutzung ihrer Aussagen -sehr vorsichtig sein“.[621] Ein anderer ausgezeichneter Kenner der -Prostitution äussert sich noch schärfer: „Die Prostituierte lügt aus -Hang zur Lüge, und zwar nicht nur bei vollkommen gleichgiltigen Dingen, -nach denen sie gefragt wird, sie lügt selbst dort, wo es leicht ist, -sie der Unwahrheit zu überführen, sie lügt ohne Rücksicht darauf, ob -sie Jemandem dadurch Schaden zufügt, ja sie thut es unter Umständen -selbst zu ihrem eigenen Nachteil“.[622] - -Fast alle Helden und Heldinnen der +Sade+’schen Romane lügen. Die Lüge -ist als eine Bedingung der Aufnahme in den Club der „Gesellschaft der -Freunde des Verbrechens“ vorgeschrieben, und es wird denn auch bei -der grossen Orgie dieses Clubs furchtbar gelogen (Juliette III, 59). -Allen diesen Wüstlingen gewährt die Lüge sogar einen sexuellen Genuss. -Zwar rühmt sich Dolmancé seiner Wahrheitsliebe, die aber mit Recht -sofort von der des Lasters der Lüge überaus kundigen Madame St.-Ange -bezweifelt wird, worauf Dolmancé lustig erwidert: „Ja wohl, ein wenig -falsch und lügenhaft! Das muss doch in der heutigen Gesellschaft sein, -in der man mit Leuten zusammen lebt, die uns ihre Laster verbergen -und nur ihre Tugenden zeigen. Es wäre gefährlich, freimütig zu sein. -Denn dann würde man ihnen gegenüber im Nachteil sein. Die +Heuchelei -und die Lüge sind uns von der Gesellschaft auferlegt worden+. Niemand -ist so verderbt wie ich. Und doch halten mich alle für anständig“. -(Philosophie dans le Boudoir II, S. 7-8.) Die Delmonse proklamiert -ebenfalls die Lüge als die Beschützerin der Wollust (Justine I, 28-29). - - -8. Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung. - -Die Mehrzahl der von +Sade+ geschilderten sexuell perversen -Persönlichkeiten fröhnt diesen Lastern aus Angewöhnung; die meisten -Lüstlinge sind erst allmählig durch Erfahrung und aus Raffinement -zu diesen verschiedenen Arten unnatürlicher Wollust gekommen. Auch -ist ja die Tendenz der ganzen „Philosophie dans le Boudoir“ darauf -gerichtet, die junge Eugenie allmählig mit allen Lastern, auch den -conträrsexualen Genüssen bekannt zu machen, und +Sade+ schildert -mit richtiger Erkenntnis, wie diese Novize der Wollust alle Lehren -begierig in sich aufnimmt und praktisch nachahmt. Dolmancé sagt, dass -die +Einbildungskraft+ der Stachel des Vergnügens sei und immer neue -Arten der geschlechtlichen Befriedigung erfinde. (Phil. dans le -Boud. I, 104.) Und nach Madame St.-Ange ist die Einbildungskraft die -„capricieuse portière de notre esprit“, Feindin aller Regel, Anbeterin -der Unordnung (ib. S. 105). Nach der sehr gelehrigen Eugenie muss man -der Imagination freien Lauf lassen in Bezug auf die unnatürlichen -Dinge. Dann vergrössert sich der Genuss nach dem Massstabe des -„Weges, den der Kopf gemacht hat“ (ib. S. 109). Sehr drastisch -schildert Dolmancé, wie die jungen Mädchen zuerst Widerwillen gegen -die Paedicatio empfinden, dann immer mehr Geschmack daran bekommen -und schliesslich diese Art der sexuellen Befriedigung allen anderen -vorziehen (ib. S. 131). Dolmancé selbst, dieser cynische Apostel der -Paederastie, bekennt sehr freimütig den Grund, weshalb er Paedico -geworden ist. Dieser Grund ist, wie wir schon früher sahen, ein rein -- -anatomischer (ib. S. 176). Der Chemiker Almani, ein Zoophile, ist durch -das „Studium der Natur“ ein sexuell Perverser geworden (Justine III, -67). - -Nur an zwei Stellen haben wir eine Andeutung der +hereditären+ Natur -der conträren Sexualempfindung gefunden. Clément erklärt, dass die -sexuelle Perversion des Menschen eine +Funktion seiner Organe sei+. -Daher ist der sexuell perverse Mensch ein +Kranker+, er ist „wie eine -hysterische Frau.“ Man kann ihn ebenso wenig bestrafen, wie man einen -anderen Kranken bestraft. Denn er ist nicht Herr seiner selbst. Er ist -zu beklagen, aber nicht zu tadeln. Und wenn die Anatomie noch mehr -vervollkommnet sein wird, wird man leicht den Zusammenhang zwischen der -Organisation des Menschen und den Leidenschaften nachweisen. Was wird -aus den Gesetzen, der Moral, der Religion, dem Galgen, dem Paradiese, -den Göttern und der Hölle werden, wenn man gezeigt haben wird, dass -ein bestimmter Lauf einer Flüssigkeit, eine bestimmte Art von Fasern, -ein bestimmter Grad von „Schärfe“ im Blute oder den tierischen Geistern -genügen, um aus einem Menschen ein Objekt der Strafe und Belohnung -zu machen. (Justine II, 212-213.) Ebenso meint Bressac, dass der -Pathicus von Natur ein Anderer sei als die übrigen Männer. Er erklärt -diese Leidenschaft für angeboren und Folge einer „ganz verschiedenen -Struktur“. Es wäre eine Dummheit, sie zu bestrafen (Justine I, 162 bis -164). - - -9. Unsere Definition des Sadismus. - -Wir fassen den Begriff „Sadismus“ bedeutend weiter, als dies bisher -geschehen ist. Sehen wir uns also zunächst die Definitionen desselben -bei anderen Autoren an. - -+Lacassagne+ erklärt den Sadismus für einen „Geisteszustand“, bei -welchem der +Sexualtrieb+ erregt oder befriedigt wird unter dem -Einflusse des +Zerstörungstriebes+.[623] - -Nach R. v. +Krafft-Ebing+ ist der Sadismus jene Form der Perversion -der Vita sexualis, bei welcher die Person einen sexuellen Genuss darin -findet, Anderen Schmerz zuzufügen und auf Andere Gewalt auszuüben. -Er stellt dem Sadismus den +Masochismus+ (nach dem Schriftsteller -+Sacher-Masoch+) gegenüber, die mit Wollust betonte Vorstellung, -von einem Anderen herrisch behandelt, gedemütigt und misshandelt -zu werden.[624] Er betrachtet Masochismus und Sadismus als die -„+Grundformen psychosexualer Perversion, die+ auf dem ganzen Gebiete -der Verirrungen des Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen -zu Tage treten können.“[625] - -Demgegenüber macht v. +Schrenck-Notzing+ geltend, dass zunächst der -Unterschied der aktiven und passiven Rolle in den Romanen des Marquis -+de Sade+ und von +Sacher-Masoch+ nicht so scharf durchgeführt sei, wie -dies v. +Krafft-Ebing+ annimmt. Zudem kämen beide Formen der Perversion -oft bei demselben Individuum vor. Er ordnete also beide Begriffe einem -einzigen höheren Begriffe, der +Algolagnie+ (von ἄλγος = Schmerz und -λάγνος = geschlechtlich erregt) und bezeichnet den Sadismus als +aktive -Algolagnie+, den Masochismus als +passive Algolagnie+. Es giebt aber -nach diesem Autor noch andere Formen der Algolagnie: die +onanistische+ -Algolagnie (Selbstverstümmelung, Autoflagellantismus), die +visuelle+ -Algolagnie (geschlechtliche Erregung beim Anblick von Prügelszenen), -+zoophile+ und +bestiale+ Algolagnie, +nekrophile+ Algolagnie, endlich -die +ideelle+ oder +symbolische+ Algolagnie, bei welcher „der Schmerz -ohne jede Nebenbedeutung und phantastische Ausschmückung um seiner -selbst willen eine Rolle spielt, ohne Rücksicht auf aktive oder passive -Bethätigung.“[626] - -+Thoinot+ giebt folgende Definition des Sadismus: „Sadismus ist die -Perversion des Sexuallebens, bei welcher der Betreffende sexuellen -Genuss darin findet, Schmerzen von +sehr verschiedenen Graden+ einem -Anderen zuzufügen, sei es, dass er selbst sie +zufügt+, oder zufügen -+lässt+ oder, ohne dass er der Urheber derselben ist, dabei +zuschaut+. -Diese leidende Person muss immer ein +menschliches+ Wesen sein.“[627] - -+Thoinot+ und +von Schrenck-Notzing+ stimmen darin überein, dass die -Verbindung von +Grausamkeit+ und +Wollust+ der +höhere+ Begriff ist, -dem die anderen untergeordnet werden müssen, dass also der Masochismus -nicht etwas Besonderes neben dem Sadismus darstellt, sondern wie dieser -eine +Form+ der Algolagnie ist. Unzweifelhaft hat aber +Thoinot+ -Unrecht, dass er den Begriff Sadismus (welches Wort er für Algolagnie -setzt) nur +menschlichen+ Wesen gegenüber angewendet wissen will. - -A. +Eulenburg+ hat wohl noch vor +von Schrenck-Notzing+ darauf -aufmerksam gemacht, dass der Begriff der Algolagnie, den er durch die -Worte +Lagnänomanie+ (= Sadismus) und +Machlänomanie+ (= Masochismus) -ersetzt, +sehr viele Ab- und Unterarten+ umfasst. Auch er betont, dass -„sich das nämliche Individuum abwechselnd aktiv und passiv verhalten, -und aus Beidem geschlechtliche Erregung und Befriedigung schöpfen -kann.“ Ferner erinnert +Eulenburg+ an die Mittelformen, wobei „das -Individuum zum Behufe geschlechtlicher Erregung weder selbst gewaltsame -Handlungen vornimmt noch solche erduldet -- wohl aber dergleichen von -Anderen +provociert+, sie mit +ansieht+ und durch den +Anblick+, oder -unter Umständen schon durch die +blosse Vorstellung des Anblicks+ -in die gewünschte Befriedigung versetzt wird.“ Also eine Art von -+ideeller+ oder +illusionärer+ Lagnänomanie und Machlänomanie. Ferner -ist die +Begehung grausamer Akte gegen Tiere+ in Betracht zu ziehen. -Schliesslich erklärt +Eulenburg+ das Beobachtungsmaterial für „noch bei -Weitem nicht abgeschlossen“.[628] - -Es handelt sich nun unseres Erachtens darum, eine +allgemeine+ und -+für alle Fälle zutreffende+ Definition des Sadismus zu finden, die -kurz und prägnant den +Grundton+ der +Sade+’schen Werke ausdrückt und -unter die sich alle Formen der passiven und aktiven Algolagnie der -Zoo- und Nekrophilie, der symbolischen Algolagnie u. s. w. unterordnen -lassen. Bedenkt man, dass in den Werken des Marquis +de Sade+ auch alle -+wirklichen+ und ideellen +destruktiven+ Vorgänge in der +lebenden+ -und +toten+ Natur als Ursachen +sexueller Erregung und Befriedigung+ -betrachtet werden, wie Mord, Folter, Nekrophilie, Zoophilie, aber auch -Ausbrüche von Vulkanen, Schiffbrüche, Feuersbrünste, Diebstähle -u. s. w., so wird man den +typischen Sadismus+ folgendermassen -definieren: - -+Der Sadismus ist die absichtlich gesuchte oder zufällig dargebotene -Verbindung der geschlechtlichen Erregung und des Geschlechtsgenusses -mit dem wirklichen oder auch nur symbolischen (ideellen, illusionären) -Eintreten furchtbarer und erschreckender Ereignisse, destruktiver -Vorgänge und Handlungen, welche Leben, Gesundheit und Eigentum des -Menschen und der übrigen lebenden Wesen bedrohen oder vernichten und -die Continuität toter Gegenstände bedrohen und aufheben, wobei der aus -diesen Vorgängen einen geschlechtlichen Genuss schöpfende Mensch selbst -ihr direkter Urheber sein kann, oder sie durch Andere herbeiführen -lässt, oder blosser Zuschauer bei denselben ist, oder endlich -freiwillig oder unfreiwillig ein Angriffsobjekt dieser Vorgänge ist.+ - -Uns scheint, dass diese Definition dem Wortsadismus ebenso gerecht -wird wie dem Lustmorde, der Folter und der Freude an zerstörenden -Ereignissen. - - -10. Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen -Schriften. - -Die wichtigste Frage ist die: War der Marquis +de Sade geisteskrank+ -oder nicht? - -Heute, wo die +hereditäre+ und krankhafte Natur der sogenannten -conträren Sexualempfindung so sehr betont und energisch die Aufhebung -des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verlangt wird, ist man nur -zu leicht geneigt, jede schwerere sexuelle Perversion als Zeichen -einer Geisteskrankheit zu deuten. Demgegenüber betonen wir als -unsere feste, aus kulturhistorischen Studien und Erfahrungen des -modernen Lebens geschöpfte Ueberzeugung, dass wir die +Mehrzahl+ -der sexuellen perversen Personen für +geistig gesund halten+ und -ihre Perversion auf Verführung und geschlechtliche Ueberreizung -zurückführen. Die Anschauungen v. +Krafft-Ebing’s+, der die hereditäre -Natur vieler sexueller Perversionen vertritt, werden gegenüber den -durchaus berechtigten Ausführungen v. +Schrenck-Notzing’s+, der -die Erziehung, occasionelle Momente, wie Verführung u. dgl. m. -verantwortlich macht, immer mehr an Boden verlieren, wie weitere -Studien erweisen werden. Selbst +von Krafft-Ebing+ sagt einmal (Arch. -f. Psychiatrie Bd. VII, S. 304): „Wer +Tardieus+ bekannte Studie, -+Caspers+ gerichtsärztliche Werke, +Legrand du Saulles+ Mitteilungen -in den Annales médico-psychologiques, März 1876, gelesen hat, wird -zugeben müssen, dass die greulichsten geschlechtlichen Verirrungen mit -geistiger Gesundheit verträglich sind.“ Es geht daraus, wie +Moll+ -richtig bemerkt, hervor, +dass Krafft-Ebing selbst die greulichsten -geschlechtlichen Perversitäten an sich nicht als Beweis einer -Geisteskrankheit ansieht+.[629] - -Was speziell den +Sadismus+ betrifft, so bemerkt auch +Eulenburg+, -ein Anhänger der Aufhebung des § 175, dass „bei weitem nicht alle, -namentlich aktiven Algolagnisten als geisteskrank im engeren Sinne zu -betrachten seien. Gewiss sind es die ‚schweren‘ und ‚schwersten‘ unter -ihnen, die eigentlichen sexualen Verbrecher, Lustmörder u. s. w. wohl -ausnahmslos, obgleich man auch von ihnen mehrere als geistesgesund -hingerichtet hat (was ich übrigens nicht als ein Unglück, noch weniger -als einen Justizmord ansehen möchte).“[630] - -Ueber den Geisteszustand des +Marquis de Sade+, der bekanntlich von -Royer-Collard für gesund erklärt wurde, haben sich in diesem Jahre zwei -Aerzte geäussert, Dr. +Marciat+ in Lyon und Professor A. +Eulenburg+ -in Berlin. Der letztere hervorragende Neurologe hat ohne Zweifel das -eingehendere und scharfsinnigere Gutachten über +Sade+ geliefert. Er -kommt zu dem Schlusse, dass „auch die Irrenärzte unserer Zeit der -Mehrzahl nach sich kaum in der Lage befunden haben würden, +de Sade+ -vor dem Strafrichter für geisteskrank und ‚der freien Willensbestimmung -beraubt‘ zu erklären und ihn der +unzweifelhaften+ gerichtlichen -Verurteilung damit zu entziehen.“[631] +Marciat kommt+ zu einem -ähnlichen Resultat. Der Marquis +de Sade+ war „+nicht geisteskrank im -genauen+ Sinne des Wortes“. Höchstens könnte man an moral insanity -denken, aber nur im Hinblick auf die Hauptwerke. Aber „man muss -sich erinnern, dass +Mirabeau, Musset+ und viele Andere auch sehr -schlüpfrige Bücher veröffentlicht haben.“[632] - -Die Annahme einer „moral insanity“ (folie morale), die +Marciat+ -eventuell zulassen würde, hat +Eulenburg+ (a. a. O. S. 514) -bereits zurückgewiesen, da es eine Form der Seelenstörung, die sich -„lediglich durch eine krankhafte Umwandlung, eine Perversion der -natürlichen sittlichen Antriebe und Gefühle und durch eine daraus -entspringende Neigung zu unsittlichen Handlungen, ohne sonstige -Störungen der Intelligenz charakterisierte“, nicht giebt, vielmehr -„immer und überall die auf angeborener Anlage beruhende +Abschwächung -der Intelligenz+ neben der Gefühlsstörung hervortritt und dass -es sich demnach +um Fälle angeborenen Schwachsinns+, meist auf -degenerativer Grundlage handelt“ (a. a. O. S. 514). - -Wir glauben, dass speziell bei +Sade+ jene Form der Entartung in -Betracht kommen könnte, welche +Kraepelin+ als „+impulsives Irresein+“ -bezeichnet. Es sind „alle jene Formen des Entartungsirreseins, denen -die Entwickelung +krankhafter Neigungen+ und +Triebe+ eigentümlich -ist.“ Dieselben können entweder dauernd den Willen beherrschen oder nur -zeitweise, in einzelnen Anwandlungen, hervortreten. Der Kranke handelt -dabei +ohne klaren Beweggrund+. So tragen seine Willensäusserungen -vielfach den Stempel des Unvorbedachten und Zwecklosen, Widersinnigen. -Gerade auf dem Gebiete des impulsiven Irreseins „tritt uns am -deutlichsten +die häufige Verbindung krankhafter Antriebe mit dem -Geschlechtstriebe+ entgegen.“ Die +geistige Begabung+ braucht keine -schärfer hervortretenden Störungen aufzuweisen. Doch ist in +schweren+ -Fällen meist +Schwachsinn+ vorhanden. In allen Fällen findet sich -eine gewisse Beschränktheit, Zerfahrenheit, Verschwommenheit, -eine haltlose Schwäche des Charakters, kindischer Eigensinn, -Menschenscheu, Roheit. Das impulsive Irresein tritt besonders in -den +Entwickelungsjahren+ hervor und zeitigt auch später meist -+periodische+ Krankheitserscheinungen. Man soll aber nach +Kraepelin+ -das Bestehen des impulsiven Irreseins nur dort annehmen, +wo wirklich -der triebartige Ursprung des Handelns ohne klares vernünftiges Ziel+ -hervortritt und wo auch im übrigen Bereiche des Seelenlebens die -Anzeichen einer krankhaften Veranlagung erkennbar sind. +Kraepelin+ -lässt die Möglichkeit zu, dass plötzliche Antriebe von unbezwinglicher -Stärke im Zustande geistiger Gesundheit bei den „heissblütigen -Völkern des Südens“ häufiger sind als bei uns, und daher die „forza -irresistibile“ des italienischen und spanischen Gesetzbuches vielleicht -eine Berechtigung habe.[633] - -Nach diesen orientierenden Vorbemerkungen gehen wir daran, das Leben -und die Werke des Marquis +de Sade+ mit der Absicht zu untersuchen, -daraus Schlüsse auf seinen Geisteszustand zu ziehen. Wir können nur -wenige sichere Anhaltspunkte aus seinem Leben verwerten. - -1. +Sade+ war ein +Provenzale+ und besass als solcher das südlich -heisse Blut und die Leidenschaftlichkeit seiner Landsleute. - -2. In Beziehung auf die +Heredität+ ist wenig nachweisbar. Doch ist -wahrscheinlich, dass +Sade+ die Neigung zum galanten Leben und zur -Schriftstellerei von seinem Oheim geerbt hat. Wie wir jetzt wissen, -schrieb +de Sade+ schon mit 23 Jahren ein obscönes Buch. Es geschah -dies nach der Rückkehr aus dem Kriege. - -3. Ueber +Sade’s+ Leben in der Kindheit liegen keine verlässlichen -Beobachtungen vor. - -4. Bemerkenswert ist, dass +Sade+ mit 17 Jahren, also im Beginn der -Pubertät, in den Krieg zog und sechs Jahre lang fern von Haus und -Familie weilte. Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass während der -Kriegszeit unter dem Einflusse der unerhörten sittlichen Corruption in -der französischen Armee auch die Ausschweifungen des Marquis +de Sade+ -ihren Anfang nahmen. - -5. Die unglückliche Ehe spielt nicht die Rolle im Leben +Sade’s+, -welche +Marciat+ ihr zuschreibt. - -6. Es ist jetzt genau festgestellt, dass der Marquis +de Sade+ bei den -beiden grossen Skandalaffären seine Opfer nicht erheblich verletzt oder -gar getötet hat. - -7. Es ist sicher, dass der langjährige Aufenthalt im Gefängnisse eine -körperliche und psychische Schädigung auf +Sade+ ausgeübt hat. (S. oben -S. 324.) - -8. Dass +Sade+ eine starke geschlechtliche Erregbarkeit besass, geht -aus der Beobachtung des Freundes von +Brierre de Boismont+ hervor. - -9. Sehr bemerkenswert erscheinen einige geistige Eigentümlichkeiten, -die während des Gefängnislebens +Sades’s+ hervortreten: das Misstrauen, -die Lügenhaftigkeit, die wilden Zornesausbrüche bei den Besuchen seiner -Frau. - -10. Nach dem Austritt aus dem Gefängnisse scheint der Marquis +de Sade+ -solche Eigenschaften weniger gezeigt zu haben und sogar durch die -Rettung seiner Schwiegereltern zu bekunden, dass sein sittliches Gefühl -nicht ganz erstorben war. - -Betrachten wir nunmehr die Werke des Marquis +de Sade+, so ergiebt sich -Folgendes: - -11. Erstaunlich und schon von +Eulenburg+ hervorgehoben ist der blosse -Umfang der Hauptwerke und das „Mass der damit geleisteten geistigen und -der rein mechanischen Arbeit.“ - -12. Die überaus zahlreichen, geschickt aneinander geknüpften Details, -die raffiniert durchgeführte allmähliche Steigerung und fast nie -versagende Treue der Erinnerung und Rückbeziehung zeugen von einer -grossen geistigen Kraft. - -13. Die Verschiedenheit der Schriften lässt deutlich den Einfluss der -Zeit und des Milieu erkennen. - -14. Mit Recht haben +Michelet+ und nach ihm +Taine+ („Les origines -de la France contemporaine“, Paris 1885, Bd. III, S. 307) den -Marquis +de Sade+ als den „Professeur du crime“ bezeichnet. Er ist -der Theoretiker des Lasters, insofern er nach +eigener Lektüre und -Beobachtung+ alle geschichtlich nachweisbaren und zu seiner Zeit sich -ereignenden Anomalien des Geschlechtslebens in seinen Hauptwerken mit -unleugbarem Scharfsinn beschrieben und zusammengestellt hat. Was R. v. -+Krafft-Ebing+ in Form einer +wissenschaftlichen Monographie+ gethan -hat, das hat schon hundert Jahre früher der Marquis +de Sade+ in Form -eines +Romans+ geleistet. - -15. Hierdurch gewinnen seine Hauptwerke einen +kulturhistorischen -und zeitgeschichtlichen Wert+, indem sie alle Phasen, Nüancen und -Eigentümlichkeiten des französischen Geschlechtslebens im Frankreich -des ancien régime und der grossen Revolution, erkennen lassen, wie wir -im ersten Teile dieses Werkes nachgewiesen haben. - -16. Die von +Sade+ vorgetragene +Theorie des Lasters+ ist ein Produkt -der Revolution und findet in dieser zahlreiche Analogien. - -17. In Werken, die früher und später fallen als „Justine et Juliette“ -und die „Philosophie dans le Boudoir“, hat +Sade+ durchaus moralische -Ansichten entwickelt. - -18. Auch in den berüchtigten Hauptwerken finden sich zahlreiche -Andeutungen, dass +Sade+ in ihnen vorzüglich +Tendenzschriften+ gegen -das ancien régime erblickte. - -19. Es darf daher nicht ohne weiteres aus dem Inhalt dieser Schriften -auf den Charakter des Verfassers geschlossen werden, zumal da häufig -genug das Verbrechen als Laster gebrandmarkt wird und auch andere -scheinbare Inkonsequenzen -- beruhigende Wirkung des Gebets (Justine I, -141 ff.), Glaube an Unsterblichkeit (Juliette II, 287), Ueberdruss an -Ausschweifungen (Juliette III, 283-284) -- vorkommen. - -20. +Sade+ zeigt in allen Werken eine ausgebreitete Belesenheit in der -zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Litteratur. - -21. Als +philosophischer+ Denker ist er jedoch mehr als mittelmässig. -Seine Philosophie ist eklektischer Mischmasch. Seine Beweisführung -besteht aus sinnlosen Tautologien und noch sinnloseren Anticipationen. - -Nach diesen Ausführungen lautet unser Urteil: Der Marquis +de Sade -war nicht geisteskrank+. Er war eine vielleicht durch Heredität -+neuropathische+ Persönlichkeit, die, inmitten eines verhängnisvollen -Milieu, frühzeitig auf die Bahn des Lasters geriet und wie so viele -Zeitgenossen durch Verführung und Gewöhnung sexuell pervers wurde, -deren hohe +geistige Begabung+ zweifellos durch eine langjährige -Gefängnishaft eminent geschädigt wurde, so dass besonders in den -+philosophischen Deduktionen+ seiner Hauptwerke ein gewisser Grad von -+geistiger Schwäche+ deutlich hervortritt, während dies in den realen -Schilderungen, die mit unleugbarer Beobachtungsgabe ein +Gemälde -der Zeit+ entwerfen, viel weniger sichtbar ist. Wir haben im ersten -Teile den engen Zusammenhang des Inhalts von +Sade’s+ berüchtigten -Hauptwerken mit der Kultur seines Zeitalters zur Genüge nachgewiesen. -Die grosse Kluft, die zwischen +Sade+ als Persönlichkeit und +Sade+ -als Schriftsteller liegt, wird dadurch zum Teil überbrückt. Um die -Brücke ganz herzustellen, genügt es, daran zu erinnern, dass die -+Einbildungskraft+ sexuell perverser Personen fast stets ungeheuerliche -Blüten treibt. „Zahlreiche Patienten dieser Art, Conträrsexuale, -Masturbanten und besonders Algolagnisten wurden enttäuscht, sobald -sie die Produkte ihrer Einbildungskraft zu realisieren versuchten. -+Sie erleben sozusagen in ihren traumhaften Schwärmereien+ sexuelle -+Orgien+, und werden durch die Wirklichkeit ernüchtert.“[634] Da -es nicht erwiesen ist, dass der Marquis +de Sade+ die Thaten eines -+Gilles de Retz+, mit dem wir ihn als Menschen nicht so ohne weiteres -vergleichen möchten, wie +Eulenburg+ dies thut, oder diejenigen eines -+Charolais+ ausgeführt hat, so muss vorläufig die hier gegebene -Erklärung des geistigen Zustandes +Sade’s+, die sich im ganzen mit der -+Eulenburg+’schen deckt, als die einzige mögliche angesehen werden, -da wir die allerdings verdächtigen plötzlichen Zornesausbrüche als -Ausfluss jener oben erwähnten „forza irresistibile“ betrachten, und -die Periodicität der Erscheinungen, die an das wirkliche Vorhandensein -eines impulsiven Irreseins denken lassen könnte, doch zu wenig -ausgesprochen ist.[635] - - - - -V. - -Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert. - - -1. Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade. - -Wir haben, schon erwähnt (S. 336 ff.), dass die pornographischen -Schriften des Marquis +de Sade+ wenigstens unter dem Direktorium -öffentlich verkauft wurden, bei allen Buchhändlern zu haben waren und -in den Katalogen aufgeführt wurden. Ein grosser Kapitalist unterstützte -den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte. Daher nimmt -es nicht Wunder, dass trotz der Konfiskation und Vernichtung der Werke -unter +Napoleon+ I. (1801) die Verbreitung derselben durch häufige -Nachdrucke sich zu einer geradezu ungeheueren gestaltete. Auch neue -Konfiskationen vom 19. Mai 1815, vom Jahre 1825[636], vom 15. Dezember -1843[637] trugen nur dazu bei, die Begierde nach der Lektüre und dem -Besitze dieser berüchtigten Bücher zu steigern. Im vorigen Jahrhundert -suchten sogar die Verleger das Verbot eines Buches direkt zu erlangen, -weil sie dann sicher waren, viele Abnehmer für dasselbe zu finden. -+Lalanne+ erzählt davon ein ergötzliches Beispiel.[638] Unser +Goethe+ -sah auf dem Frankfurter Marktplatz einen verbotenen französischen Roman -verbrannt werden, und ruhte nicht eher, als bis er ein Exemplar erlangt -hatte. Dabei war nach seiner Erzählung dieses Exemplar durchaus nicht -das einzige, welches nach dieser Exekution gekauft wurde.[639] - -+Bereits im Jahre+ 1797 schreibt +Villers+ über die Verbreitung der -„Justine“: „Jedermann will wissen, was dies für ein Buch ist; man -verlangt es, man sucht es, es wird verbreitet, die Ausgaben werden -vergriffen, neu aufgelegt, und so zirkuliert das greulichste Gift, -in verhängnisvollstem Ueberfluss.“[640] Auch in Deutschland waren -die Schriften +de Sade’s+ verbreitet. +Villers+ sah in Lübeck bei -einem Buchhändler „noch drei Exemplare“. Hamburg, wo +Villers+ seine -Abhandlung für den dort erscheinenden „Spectateur du Nord“ schrieb, war -der hauptsächlichste Ort für den Druck und Nachdruck der französischen -erotischen und pornographischen Autoren. +Janin+ schildert im Jahre -1834 in anschaulicher Weise, welch eine beliebte Lektüre die Schriften -des Marquis +de Sade+ unter dem ersten Kaiserreich und unter der -Restauration waren. Und er wagt auch nur von ihnen zu sprechen, +weil -er weiss, dass seine Leser diese Werke längst kennen+. „Denn, man -täusche sich nicht darüber, der Marquis +de Sade ist überall+; er ist -in allen Bibliotheken, wo er allerdings sich versteckt hinter anderen -unschuldigen Werken. Man frage jeden Auktionator, ob sie nicht bei -der Inventarisation fast jeden Nachlasses die Bücher des Marquis +de -Sade+ gefunden haben. Ja, durch die Polizei werden sie am meisten -verbreitet.“[641] - -Was die gegenwärtige Verbreitung der Hauptwerke des Marquis +de Sade+ -betrifft, so sind die ersten Auflagen der „Justine“ und „Juliette“ aus -den Jahren 1791-1796 äusserst selten und kosten wenigstens 600 bis 800 -Francs.[642] Herr +Joachim Gomez de la Cortina+ in Madrid bezahlte -nach der Angabe in dem Kataloge seiner Bibliothek (1855 No. 3908) -die 10 Bände der Original-Ausgabe von 1897 mit 750 Francs! Dieselbe -Ausgabe findet sich im Katalog einer Büchersammlung, die der Pariser -Buchhändler +Techener+ im Jahre 1865 nach London schickte.[643] Ein -Pariser Antiquar bot kürzlich ein „exemplaire délicieux, reliure de -Petit“ dieser Ausgabe für 1200 Fr. an. (Zeitschr. f. Bücherfr. Mai/Juni -1900 S. 123.) In der Neuzeit - - -wurden besonders von der Firma +Gay+ und +Doucé+ in Brüssel Neudrucke -veranstaltet, von denen nach ihrem Kataloge die „Justine“ mit 150 -Francs, die „Juliette“ mit 200 Francs berechnet werden. In einem -deutschen Kataloge vom Jahre 1899 finden wir die „Justine“ zum Preise -von 120 Mark, die „Philosophie dans le Boudoir“ für 25 Mark und -„Aline et Valcour“ für 45 Mark angeboten. Die Werke sind auch heute -noch trotz ihres hohen Preises in allen Ländern des europäischen -Westens verbreitet und fehlen selten in den Bibliotheken (sit venia -verbo) geheimer Bordelle und vornehmer Absteigequartiere. So fand der -frühere Chef der Pariser Sittenpolizei, +Macé+, in einer „maison de -rendez-vous“ einer Wittwe F.... in der pornographischen Bücher- und -Bildersammlung auch die „Justine“ des Marquis +de Sade+.[644] - -Es ist eine alte Thatsache, dass alle Obscönitäten und unreinen -Schilderungen im +Druck+ ungleich verderblicher wirken als das -gesprochene Wort. Der „Zauber des Wortes“ wirkt im Druck gewissermassen -auf zwei Sinne, auf das Gehör und Gesicht, im Sprechen nur auf -das Gehör. +Lino Ferriani+ hat in einer wertvollen Schrift[645] -sich eingehend mit dem namenlosen Schaden beschäftigt, den die -pornographischen Schriften und Bilder in jungen Seelen anstiften. - -+Wir behaupten, dass die pornographischen Schriften -- ein Uebel, das -fortzeugend Böses gebärt -- zu einem grossen Teile die mannigfaltigsten -sexuellen Perversionen miterzeugen helfen.+ Schon der heilige -+Basilius+ sagte in seiner herrlichen Rede an die Jünglinge: „Wer -sich an schlechte Lektüre gewöhnt, ist bereits auf dem Wege zur bösen -That.“ Höchst bemerkenswert ist das Geständnis des berüchtigten -Marschalls +Gilles de Rais+, der erzählt, dass er in der Bibliothek -seines Grossvaters einen +Sueton+ gefunden und darin gelesen habe, -wie +Tiberius+, +Caracalla+ und andere Caesaren Kinder gemartert -hätten. „Sur quoi je voulus +imiter+ les dits Césars, et +le même -soir me+ mit à le faire en suivant les +images de la leçon et du -livre+“[646]. Ein Masochist erklärt in seiner von +von Krafft-Ebing+ -mitgeteilten Autobiographie „Ueberhaupt scheint mir, dass die Schriften -des Sacher-Masoch viel zur Entwickelung dieser Perversion bei -Disponierten beigetragen haben“[647]. Auch +Eulenburg+ warnt davor, -den „vergiftenden Einfluss der überhandnehmenden pornographischen -Litteratur und einer gewissen Presse, die mit Vorliebe über jedes -sensationelle Verbrechen, zumal über Unzuchtdelicte, Lustmorde u. dgl. -berichtet, zu unterschätzen.“[648] - -Es ist +sicher+, dass die Schriften des Marquis +de Sade+ noch heute -auf schwache und geistig wenig widerstandsfähige Personen denselben -vernichtenden, depravierenden Einfluss ausüben, den einst +Janin+ -so dramatisch geschildert hat.[649] Wenn es auch unwahrscheinlich -ist, dass +Saint-Just+ sich von den Szenen der „Justine“ zu seinen -Grausamkeiten hat inspirieren lassen, und dass +Napoléon+ I. die -Lektüre der Sade’schen Werke seinen Soldaten verboten hat[650], -so kann nicht bezweifelt werden, dass die Schriften praktische -Nachahmer ihres Inhalts gefunden haben und noch fort und fort die in -ihnen geschilderten sonderbaren sexuellen Perversionen bei gewissen -Lesern hervorrufen. Was +Sade+ für das vornehme +Wüstlingstum+ -ist, das sind manche entsetzlichen +Hintertreppenromane+, die die -schauerlichsten Einzelheiten von Lustmorden, Hinrichtungen, Foltern -u. s. w. mit wonnigem Behagen ausmalen, für die +Lustmörder+ und -+Sittlichkeitsverbrecher aus dem Volke+. Man forsche nur nach, und man -wird mehr als einmal den unheilvollen Einfluss derartiger Lektüre auch -auf die Seele des niederen Volkes bestätigt finden und sich Manches -erklären können, was sonst unerklärlich sein würde. - - -2. Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“. - -Zwei bedeutende französische Schriftsteller, +Rétif de la Bretonne+ und -+Charles Villers+ eröffnen fast zu gleicher Zeit die „Sadelitteratur“. -Zunächst beschäftigen wir uns mit +Rétif’s+ „L’Anti-Justine, ou -les délices de l’amour. Par M. Linguet, av. au et en Parlem. etc.“ -Au Palais-Royal 1798, chez feue la veuve Girouard, très-connue. (2 -Bände in 12^o.) Auf dem Titel werden 60 Bilder angegeben, die aber -nie erschienen sind. Von den 8 Teilen, die +Rétif+ in der Vorrede -ankündigt, ist nur der erste veröffentlicht worden. +Monselet+ -glaubte, dass nur ein einziges Exemplar dieses ersten Teiles gedruckt -worden sei, nach dem Bibliophilen +Jacob+ giebt es aber +sechs+ -bekannte Exemplare dieses Werkes, das +Rétif+ in seiner kleinen -Druckerei fertigstellte. +Drei+ zum Teil unvollständige von diesen -sechs Exemplaren besitzt die Geheimabteilung (L’enfer) der Pariser -Nationalbibliothek, welche aus der grossen Confiscation stammen, die -der erste Consul im Jahre 1803 bei den Buchhändlern des Palais-Royal -und in den Bordellen vornehmen liess, wobei bestimmt wurde, dass zwei -Exemplare jedes pornographischen Werkes auf der Nationalbibliothek -secretiert werden sollten; die übrigen wurden vernichtet.[651] Eins -von den wenigen ersten Exemplaren kaufte ein reicher englischer -Bücherliebhaber. Es befand Sich später in der Bibliothek des Herrn -+Cigongne+ und kam dann in den Besitz des Herzogs von +Aumale+. Heute -ist das Werk durch zahlreiche Neudrucke, die in Belgien veranstaltet -wurden, (2 Bände in 18^o mit schlechten kolorierten Lithographien; -die anderen Ausgaben sorgfältiger, in 12^o mit Gravuren) sehr -verbreitet[652]. +Rétif+ veröffentlichte das Werk unter dem Namen des -bekannten Advokaten +Linguet+, den er als +Jean Pierre Linguet+ die -Erklärung abgeben lässt, dass er dieses „schlechte Buch“ in guter -Absicht verfasst habe. Nun hiess aber der Verfasser der „Cacomonade“ -nicht Jean Pierre, sondern +Simon Nicolas Henri Linguet+. - -Nach +Monselet+ enthält die „Anti-Justine“ obscöne Schilderungen aus -dem +eignen Leben Rétifs+ und bildet ein Supplément zum „Monsieur -Nicolas“[653]. Das Werk ist in 48 Kapitel eingeteilt, von denen bei -einigen die Titel angegeben sind: „Du bon Mari spartiate“ -- „Des -Conditions du Mariage“ -- „Du Dédommagement“ -- „Du chef-d’œuvre de -tendresse paternelle“ -- „D’une nouvelle Actrice“. -- Das Buch strotzt -von Obscönitäten, die aber nach +Rétif+ einen moralischen Zweck -verfolgen und eine „Art von Gegengift“ gegen die „infame Justine“ -bilden sollten. „Il est destiné à ramener les maris blases auxquels -les femmes n’inspirent plus rien. Tel est le but de cette étonnante -production que le nom de Linguet rendra immortelle.“ Er will die Frauen -vor der Grausamkeit bewahren. Die „Anti-Justine“ ist deswegen ebenso -+obscön+ wie die „Justine“, damit die Männer für diese einen Ersatz -+ohne+ die Grausamkeiten des +Sade+’schen Werkes haben. Er hält die -Publikation dieses „Antidots“ für dringend notwendig (urgente). Es muss -also damals wohl die Verbreitung der „Justine“ eine ausserordentliche -gewesen sein. +Rétif+ erklärt endlich noch in der cynischsten Weise -die Darstellungen auf den Bildern, die dem Werk beigegeben werden -sollten.[654] - - -3. Charles de Villers.[655] - -Unter den zahlreichen französischen Emigranten, welche die grosse -Revolution nach Deutschland führte und welche hier zwischen -französischem und deutschem Geistesleben vermittelten, nimmt -der edle +Karl von Villers+, der wie +Adalbert von Chamisso der -Unsrige+ geworden ist, eine ganz hervorragende Stelle ein. +Charles -François Dominique de Villers+, geboren den 4. November 1765 in dem -lothringischen Städtchen Bolchen von französischen Eltern aus dem -Languedoc, war anfangs Offizier, ging nach Deutschland, wo er in Lübeck -von seiner Freundin +Dorothea Schlözer+, der Tochter des berühmten -Göttinger Historikers und der +ersten+ deutschen Frau, die (am 17. -September 1787) in Göttingen den Grad eines Doktors (der Philosophie) -erlangte, in den geist- und lebensvollen Kreis eingeführt wurde, -dessen Mittelpunkt das Haus ihres Gatten, des Lübeckischen Senators -+Rodde+ war. Diese Frau erschloss unserem +Villers+ das Verständnis für -deutsches Geistesleben und machte ihn zu einem begeisterten Apostel des -Deutschtumes in Frankreich. Er wurde später Professor der Philologie -in Göttingen und starb dort am 26. Februar 1815. Um die Bedeutung -dieses Mannes, der für die +direkten+ geistigen Beziehungen zwischen -Deutschland und Frankreich durch seine vortrefflichen Schriften über -+Luther, Kant+ und über die Provinz +Westfalen+ sicher mehr gethan -hat als +Chamisso+, ins rechte Licht zu setzen, genügt es, daran zu -erinnern, dass +Goethe+ von +Villers+ in einem Brief an +Reinhard+ -sagt, dass er „wie eine Art von Janus bifrons herüber und hinüber -sieht“ und selbst an ihn schrieb: „Sie haben mich im ästhetischen -Sinne bei Ihren Landsleuten eingeführt.“[656] +Viller’s+ Beispiel -hat bekanntlich +Benjamin Constant+ und Frau von +Staël+ zu gleichen -teutophilen Bestrebungen ermuntert. - -Es wurden in Deutschland von den Emigranten verschiedene französische -Zeitschriften herausgegeben, deren eifriger Mitarbeiter +Villers+ -war, hauptsächlich im Sinne der Propaganda für deutsches Wesen und -deutsche Litteratur, aber auch um die Deutschen mit den französischen -Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Wissenschaft -bekannt zu machen. Besonders war +Hamburg+ auch schon vor der -Revolution ein Centrum für solche Bestrebungen gewesen, sowohl im guten -wie im schlimmen Sinne. Denn in Hamburg wurden viele französische -Erotica zum ersten Male veröffentlicht oder nachgedruckt.[657] Hier -gaben +Bandus+ (Marie +Jean Louis Amable de Bandus+, lebte von 1791 bis -1802 in Hamburg), +Boudens de Vanderbourg+ und +Villers+ vom Januar -1797 bis zum Dezember 1802 den „Spectateur du Nord“, ein „journal -politique, littéraire et moral“ heraus, welches es in diesen 6 Jahren -auf 24 Bände brachte. Die Zeitschrift wurde in Frankreich verboten.[658] - -Im vierten Bande dieses „Spectateur du Nord“ erschien nun im Jahre 1797 -die „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu“, -welche +M. L. Hoffmann+ mit Recht dem +Charles de Villers+ zuschreibt. -Eine Neuausgabe dieser interessanten Notiz über den Roman des Marquis -+de Sade+ wurde im Jahre 1877 von +A. P. Malassis+ veranstaltet, der -wir in der Analyse folgen.[659] - -+Villers+ erklärt in der Vorrede, dass das berüchtigte Buch „Justine“ -viel verlangt werde, in immer neuen Auflagen erscheine und so, damit -den Lesern des „Spectateur“ die Lektüre des schrecklichen Buches -erspart werde, eine kurze Inhaltsangabe gerechtfertigt erscheine. -Speziell ist er von einer +Dame+ zur Lektüre des Buches und zum Bericht -über dasselbe aufgefordert worden (S. 13). Zwar haben ihm „zwanzig Mal -Ekel und Entrüstung das Buch aus der Hand fallen lassen“, aber die -„grosse Berühmtheit“ desselben habe ihn bewogen, dasselbe bis zu Ende -durchzulesen. Dann „habe ich es denen zurückgegeben, von denen ich es -bekommen hatte, froh, das geistige Spiessrutenlaufen überstanden zu -haben und das abscheuliche Buch nicht mehr unter den Augen zu haben. Es -war ohne Zweifel +unserem Jahrhundert+ vorbehalten, es hervorzubringen. -+Denn dies Buch konnte nur inmitten der Barbareien und der blutigen -Erschütterungen concipiert werden+, die Frankreich heimgesucht haben. -Es ist eine der +widerlichsten Früchte der revolutionären Krisis+, -eines der stärksten Argumente gegen die Freiheit der Presse“ (S. -14). In der That ist das Werk „ausserordentlich“ in Beziehung auf -die bizarrsten und grausamsten Ausschweifungen und eine raffinierte -Grausamkeit. Es giebt Werke, die von den +Grazien+ inspiriert zu -sein scheinen. Dieses haben die +Furien+ inspiriert. „Es ist mit -Blut geschrieben. Es ist unter den Büchern, was +Robespierre+ -unter den Menschen war. Man erzählt, dass, als dieser Tyrann, als -+Couthon+, +Saint-Just+, +Collot+, seine Minister, der Mordthaten -und Verurteilungen müde waren und diese steinernen Herzen etwas -wie Gewissensbisse empfanden und die Feder ihnen angesichts der -zahlreichen, noch zu unterzeichnenden Urteile aus den Händen glitt, sie -nur einige Seiten der ‚Justine‘ zu lesen brauchten, um wieder schreiben -zu können. Man erzählt diese Anekdote in Frankreich und glaubt an sie.“ -(S. 16.) - -+Villers+ setzt dann in Kürze die uns bekannten philosophischen -Theorien des Marquis +de Sade+ auseinander und sagt, dass dieses Buch -„alle pornographischen Werke, die seit der Regentschaft Frankreich -überschwemmt haben“, hinter sich lässt. (S. 18.) Er schildert dann den -Gang der Handlung in der „Justine“. Er hält zwar den Roman, der nur -auf Scheusale wie +Robespierre+ und +Couthon+ Eindruck machen könne, -nicht für gefährlich, fordert aber doch zu einer „Verschwörung“ aller -anständigen Menschen, die noch Moral auf der Erde haben wollen, auf, -damit alle noch vorhandenen Exemplare dieses Romans vernichtet werden. -„Ich werde drei Exemplare kaufen, die noch bei meinem Buchhändler sind, -und sie ins Feuer werfen.“ Er hofft, dass in drei Jahren die Exemplare -nur noch in Bibliotheken zu finden sein werden. (S. 21.) Trügerische -Hoffnung! - -+Villers+ kommt zu dem Schlusse, dass die „Justine“ in gleicher -Weise die Wahrscheinlichkeit, den gesunden Menschenverstand und das -Zartgefühl „selbst der Wüstlinge“ verletzt, dass dieses Buch platt -und dumm sei, lächerliche Uebertreibungen und widernatürliche Dinge -enthalte, und dass es sogar das Theorem in +Boileau’s+ „Art poétique“ -verleugne: - - Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux, - Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux. - -Denn diese Monstra sind sehr „odieux“, gefallen aber weder dem Auge -noch dem Geiste. Indessen „was werden Sie dazu sagen, dass wenig Werke -so viele Auflagen erlebt haben, wie die elende ‚Justine‘? Was soll man -von einer Zeit denken, in der sich ein Schriftsteller zur Abfassung -eines solchen Romans fand, Buchhändler, um ihn zu verkaufen und ein -Publikum, um ihn zu kaufen?“ (S. 22-23.) - -Das Gift war ein Contagium animatum, das sich trotz des ehrlichen -+Villers+ ins Ungemessene vermehrte. Es lebt noch heute. - - -4. Despaze. - -Der Dichter +Despaze+ (gestorben 1814) erwähnt den Marquis +de Sade+ -ebenfalls und zeigt ihn in drastischer Weise in einer seiner Satiren -als Verkünder seiner schrecklichen Theorien: - - Si votre sœur vous plaît, oubliez tout le reste - Savourez avec joi les douceurs de l’inceste; - Servez-vous du poison, et du fer et du feu; - La vertu n’est qu’un nom, le vice n’est qu’un jeu. - Telle est, de point en point, son infâme doctrine. - L’ami de la morale, en parcourant +Justine+, - Noir roman que l’enfer semble avoir inventé, - Se trouble, et malgré lui demande, épouvanté, - Comment +le monstre affreux+ qui traça ces peintures, - Ne l’a pas expié dans l’horreur des tortures?[660] - - -5. Der Sadismus in der Litteratur. - -Der Marquis +de Sade+ hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden. -Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche -einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis +de Sade+ deutlich -erkennen lassen. - -Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der -+Sade+’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach +Gay+ -„denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der -Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. +Toulotte+ verfasste Roman „Le -Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat -réligieux par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12^o). Das -Buch enthält mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist -sonst aber uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch -Urteil vom 12. Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661] - -Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen -sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de -la vertu“ (2 Bände in 8^o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug -aus der Vorrede des Marquis +de Sade+ aus dessen echter „Justine“. -Diese Erzählung, in welcher Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte -ihre wenig erbaulichen Grundsätze verkünden, soll von einem sehr -untergeordneten Autor, dem Vielschreiber +Raban+ verfasst und von einem -Verleger +Bordeaux+ (Fr. M. J.) veröffentlicht worden sein. Das Buch -wurde öffentlich angekündigt. Der Skandal war gross. Die Obrigkeit -schritt ein und der Verleger wurde zu sechs Monaten Gefängnis und 2000 -Francs Geldstrafe verurteilt.[662] - -Ein Schriftsteller, dem die Lektüre der +Sade+’schen Romane direkt -gefährlich geworden zu sein scheint, ist +Jacques Baron Révérony de -Saint-Cyr+, wohl der +erste+ sadistische Autor. Er wurde im Jahre -1767 geboren, wurde Geniecommandant, daneben ein sehr fruchtbarer -Schriftsteller, Verfasser von Theaterstücken, wissenschaftlichen -Werken und Romanen. Er starb im Jahre 1829 im Wahnsinn.[663] Auf ihn -haben die Werke +Sade’s+ offenbar grossen Eindruck gemacht. Denn in -seinem Roman „Pauliska ou la Perversité moderne, mémoires récents d’une -Polonaise“, Lemierre et chez Courcier an VI, (1798) (2 Bde. in 12^o mit -2 Bildern in der Art von +Chaillu+) schildert er ähnliche grausame -Akte aus Wollust wie der Marquis +de Sade+, hinter dem er aber weit -zurückbleibt.[664] Nach +Cohen+ enthalten auch die übrigen Romane -dieses Autors wie „Sabina d’Herfeld, ou les Dangers de l’imagination“ -Paris 1797-1798 (2 Bde. in 12^o) und „La Torrent des passions, ou -les Dangers de la galanterie“ Paris 1818 (2 Bde.) Schilderungen und -Doctrine im Genre des Marquis +de Sade+[665]. - -„Ein anständiger Mensch hat immer einen Band des Marquis +de Sade+ -in seiner Tasche“ heisst es in einem Romane von +Borel+ (P. +Borel+, -Le Lycanthrope „Madame Potiphar“)[666], und ein Journalist, +Capo de -Feuillade+ schrieb, dass die „Lelia“ der +George Sand+ ihm ähnliche -Doctrinen zu lehren scheine, wie die Werke des Marquis +de Sade+. -+Proudhon+ nannte deswegen diese berühmte Schriftstellerin die würdige -Tochter des Marquis +de Sade+.[667] Wie wir sahen, hat übrigens -Proudhon selbst über den Diebstahl ähnliche Ansichten wie +Sade+ -entwickelt. - -Der französische Sozialist +Fourier+ entwickelt eine sadistische -Theorie der Liebe. In seiner „Harmonie“ darf jede Frau gleichzeitig -besitzen: einen époux, von dem sie zwei Kinder hat; einen géniteur, -von dem sie ein Kind hat; einen favori, ausserdem noch beliebig -viele amants, die gesetzlich keine besonderen Rechte haben. Gegen -Uebervölkerung wird diese harmonische Welt durch vier organische Mittel -geschützt: la régime gastrosophique, la vigueur des femmes, l’exercice -intégral, und -- les mœurs phanérogames![668] - -Bei den modernen französischen Parnassiern, Diabolikern, Decadenten -und Aestheten wimmelt es von sadistischen Naturen. Wir verweisen zum -genaueren Studium dieser Poeten aller perversen Gefühle auf +Nordau’s+ -„Entartung.“[669] Wir erwähnen nur das Wichtigste. - -+Baudelaire+ ist nach +Bourget+ „ein Wollüstling; und Vorstellungen, -+die bis zum Sadismus verderbt+ sind, erregen denselben Mann, der den -erhobenen Finger seiner Madonna anbetet. Die mürrischen Trunkenheiten -der gemeinen Venus, die berauschende Glut der schwarzen Venus, die -kunstvollen Wonnen der erfahrenen Venus, die verbrecherischen Wagnisse -der blutgierigen Venus haben ihre Erinnerungen in den durchgeistigsten -seiner Gedichte gelassen. Ein übelriechender Dunst niederträchtiger -Schlafzimmer entweicht seinen Gedichten“. (S. 74.) +Baudelaire+ besingt -die „geheimnisvolle Wut“ der Wollust: - - Quelquefois pour apaiser - Ta rage mystérieuse, - Tu prodigues, serieuse, - La morsure et le baiser.[670] - -„Les Diaboliques“, die „Teuflischen“ von +Barbey d’Aurévilly+ sind eine -Sammlung wahnwitziger Geschichten, in denen Männer und Weiber sich in -der scheusslichsten Unzucht wälzen und dabei fortwährend den Teufel -anrufen, ihn preisen und ihm dienen. Es lässt sich nicht leugnen, dass -sadistische Ideen in diesem Buche vielfach zu Tage treten. - -Echt sadistische Typen schildert +Paulhan+ in seinem Buche „Le nouveau -mysticisme“ (Paris 1891) in dem Kapitel „L’amour du mal“ (S. 57-99). -Ein reicher Fabrikant beschuldigt einen jungen Mann auf Freiersfüssen -fälschlich, an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und erhält seine -Behauptung „um des Vergnügens willen“ aufrecht. Ein junger Strolch -geniesst die Wonne des Diebstahls so sehr, dass er ausruft: „Selbst -wenn ich reich wäre, möchte ich immer stehlen.“ Viele Leute suchen den -Anblick körperlicher Leiden. +Paulhan+ meint sogar, dass „im Geiste -eines Menschen unserer eigenen Zeit +eine gewisse Freude daran erwacht, -die Ordnung der Natur zu stören, die früher+ nicht mit solcher Stärke -aufgetreten zu sein scheint“.[671] - -Aehnliche Theorien werden in +Joseph Péladan’s+ „Vice suprême“, dem -„äussersten Laster“ entwickelt. - -Die von +Sade+ so sehr goutierte Hypochorematophilie findet sich bei -dem Decadenten +Maurice Barrès+. Er lässt seine „kleine Prinzessin“ -erzählen: „Als ich zwölf Jahre alt war, liebte ich es, wenn ich allein -war, meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die nackten Füsse in -warmen Kot zu stecken. So verbrachte ich Stunden und das gab mir -Lustschauer über den ganzen Körper“, und ähnlich wie +Sade+ seine -Helden an Personen mit leiblichen Gebrechen, wie einem Eunuchen, Zwerge -und Hermaphroditen Gefallen finden lässt, wird auch +Barrès+ von diesen -Eigenschaften angezogen. Im „Garten der Berenice“ heisst es: „Als -Berenice ein kleines Mädchen war, bedauerte ich in meiner Begierde, -sie zu lieben, ungemein, dass sie nicht ein leibliches Gebrechen -hatte.“[672] - -J. K. +Huysmans+ rollt in seinem Roman „à rebours“ das -Erziehungsproblem der „Philosophie dans le Boudoir“ wieder auf. -Dem Herzog des Esseintes begegnet in der Rue de Rivoli ein etwa -sechzehnjähriger, bleich und verschmitzt aussehender Bursche, der eine -schlechte Cigarette raucht und von ihm Feuer verlangt. Des Esseintes -schenkt ihm eine duftige türkische Cigarette, führt ihn in ein Café -und lässt ihm kräftige Pünsche vorsetzen. Dann führt er ihn in ein -Freudenhaus, wo seine Jugend und Verwirrung die Dirnen verwundert. -Während der Knabe von einem Frauenzimmer weggeschleppt wird, fragt -die Wirtin des Esseintes, wie er dazu komme, diesen Knaben zu ihr -zu führen. Der Decadent antwortet: „+Ich suche einfach einen Mörder -anzufertigen+. Zunächst führe ich ihn alle vierzehn Tage hierher, und -gewöhne ihn an Genüsse, zu denen er die Mittel nicht besitzt. Später -wird er stehlen, um zu Dir kommen zu können. Ich hoffe, er wird auch -morden. Dann wird mein Ziel erreicht sein.“ Er entlässt den Knaben mit -den Worten: „So, nun gehe. Thu den Anderen, was du nicht willst, dass -sie dir thun. Mit diesem Grundsatz kommst du weit.“ - -In +Huysmans’+ „Là bas“ schreibt des Esseintes eine Geschichte -von +Gilles de Rays+, dem Massen-Lustmörder des fünfzehnten -Jahrhunderts, auf den nach +Nordau Moreau de Tours’+ Werk über die -Geschlechtsverirrungen die „im Allgemeinen zwar unwissende, aber auf -dem Sondergebiete der Erotomanie sehr belesene Bande der Diaboliker -aufmerksam gemacht hat, und dies giebt +Huysmans+ Gelegenheit, mit -Schweinebehagen im schauerlichsten Unrat zu wühlen und zu nüstern.“[673] - -Auf einen typischen sadistischen Dichter, der +Nordau+ anscheinend -entgangen ist, hat +Alcide Bonneau+ aufmerksam gemacht. Es ist dies -+Emile Chevé+, der im Jahre 1882 eine Gedichtsammlung „Virilités“ -veröffentlichte, in der ein Gedicht „Le Fauve“ eine glühende -Verherrlichung des Marquis +de Sade+ und des Sadismus darstellt. Wir -zitieren einige der charakteristischsten Verse aus dem sehr langen -Gedichte:[674] - - Au fond, l’homme est un fauve. Il a l’amour du sang; - Il aime à le verser dans des luttes sauvages; - Son cœur bat et se gonfle an bruit retentissant - Des clairons précurseurs du meutre et des ravages. - - Partout où le sang coule, où plane la terreur, - Où le trépas répand sa morne et sombre ivresse, - Homme, femme, chacun veut savourer l’horreur; - La brise des charniers nous flatte et nous caresse. - - L’échafaud, le supplice, ont pour nous des appas - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - Nous aimons la naja, le tigre, l’assassin - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - Car nous aimons aussi le désespoir, les pleurs, - Le drame palpitant des angoisses secrètes, - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - Un attrait monstrueux, un prurit sensuel, - Sort pour nous de la mort, du combat, du supplice. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - +Oh! qu’il est dans le vrai, ce marquis, ce Satan, - Qui mariant le sang, la fange et le blasphème, - D’un Olympe de boue effroyable Titan, - Dans la férocité mit le plaisir suprême!+ - - +Marquis, ton livre est fort, et nul dans l’avenir - Ne plongera jamais aussi bas sous l’infâme; - Nul ne pourra jamais après toi réunir, - En un pareil bouquet, tous les poisons de l’âme.+ - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Tu brilles comme un tigre au milieu des cochons - Dans l’effrayant musée où la hideur s’étale. - - Auprès de toi, Marquis, comme ils sont épiciers, - Les Piron, les Zola, dans leurs fades ébauches! - Qu’ils rampent platement sur leurs bas-fonds grossiers, - Dans l’étroit horizon de leurs maigres débauches. - - +Au moins, toi tu fis grand dans ton obscénité!+ - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - L’homme est un fauve. En lui le monstre vit toujours - Utopistes niais dont la sensiblerie, - Rêve un monde baigné d’éternelles amours, - Nous n’entrerons jamais dans votre bergerie, - - Car, jeune homme au cœur fier ou vieillard aux yeux doux, - Vierge dont le front pur a des reflets d’opale, - Petit enfant rieur jouant sur nos genoux, - Tout être humain en lui renferme un cannibale. - -+Paul Bourget+ lässt in seiner „Physiologie der modernen Liebe“ Claude -Larcher halbträumend folgendermassen monologisieren: „Ich sehe vor mir -diesen Leib, an dem ich jeden Umriss kenne, die Schultern voll und -zart zugleich, den wallenden Busen, die schlanken Hüften, ganz nackt, -und mich mit einem Messer, wie ich diesen Leib zerfleischte, diese -Glieder mit Blut besudelte, und wie sie unter der Schärfe des Stahls -erzitterten, -- und +ihren Schmerz+... Nein, das werde ich nie thun, -weil bei mir, dem Kulturmenschen in der Periode des Niederganges, die -Handlung nie die Schwester der Begierde sein kann.... Himmel! wie oft -habe ich mir das schon geträumt, und nichts schafft mir Linderung als -dieser Traum.“[675] - -Eine sadistisch veranlagte Tribade wird in der Schrift „Gamiani -ou deux nuits d’excès“ geschildert, die 1836 in nur 20 Exemplaren -gedruckt wurde, und 1865 in Brüssel gleichfalls in nur 75 Exemplaren -nachgedruckt ward. Eins von diesen Exemplaren befindet sich im Besitze -des Schriftstellers +Paul Lindau+, der es A. +Moll+ zur Durchsicht -liess. Dieser teilt mit, das in dem Nachdruck der Autor als A. D. M. -bezeichnet wird. Es soll +Alfred de Musset+ sein, und „man glaubt, -dass +Musset+ sich als der ehemalige Geliebte der +George Sand+ an -dieser durch die Schrift rächen wollte, indem er in der Heldin Gamiani -eine Tribade wildester Art, die George Sand schilderte“.[676] Wir -sahen schon oben, dass +Capo de Feuillade+ ebenfalls die +George Sand+ -sadistischer Neigungen bezichtigte. Uebrigens wird in „Gamiani“ die -Unzucht zwischen einem Weibe und einem Esel geschildert, nach dem -Vorbilde von +Apulejus’+ „goldnem Esel“.[677] - -Auch die +deutsche+ Litteratur weist einige sadistische Specimina -auf. So hat +Heinrich von Kleist+ in seiner „Penthesilea“ ein von -rasender Liebeswut ergriffenes Weib geschildert, das schliesslich -ihren geliebten Achilles mit einem Pfeile erschiesst, ihn von Hunden -zerreissen lässt, und - - Er, in dem Purpur seines Blutes sich wälzend, - Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft: - Penthesilea! meine Braut! was thust du? - Ist dies das Rosenfest, das du versprachst? - Doch sie -- - Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend, - Den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust, - Sie und die Hunde, die wetteifernden, - Oxus und Sphinx den Zahn in seine rechte, - In seine linke sie; als ich erschien, - Treff Blut von Mund und Händen ihr herab.[678] - -Ein deutscher Roman, in dem der Marquis +de Sade+ sehr häufig erwähnt -wird, und sadistische Akte eine grosse Rolle spielen, ist das -berüchtigte Buch „Aus den Memoiren einer Sängerin“ Boston, Reginald -Chesterfield (Altona 1862 kl. 8^o 2 Bände und neuere Ausgabe Budapest, -Jac. Casanova). Es soll dies eine Autobiographie der berühmten -Sängerin +Wilhelmine Schröder-Devrient+ (1804-1860) sein. Der Roman -schildert in Briefen an einen Arzt die Fortschritte, welche die -Sängerin in der Ars amandi macht. Die „Justine“ des Marquis +de Sade+ -hat besonders den zweiten Band des Werkes beeinflusst, aus dem wir -daher das in dieser Richtung Wichtigste mitteilen. In Budapest lernt -die +Schröder-Devrient+ eine gewisse Anna kennen, eine Demimondaine -und genaue Kennerin der seit langer Zeit berüchtigten Corruption in -der ungarischen Hauptstadt. Sie fragt Anna nach ihrer Ansicht über -die „Justine“, die sie in Frankfurt am Main gekauft habe, von der sie -aber mehr abgestossen als angezogen werde. Anna giebt ihr darauf den -Rat, einmal der Auspeitschung einer Diebin beizuwohnen. Dies bereitet -der Sängerin einen grossen Genuss, und das Opfer, die Diebin Rosa -wird nach der Execution von den Beiden zu einer Orgie mitgenommen, -bei der unsere Heldin in Liebe zu ihr entbrennt. „Es war eine so -ausschliesslich reine Liebe, dass mich alle anderen Weiber anekelten -und die Männer noch viel mehr.“ (Bd. II, S. 84.) Sie nimmt Rosa in -Dienst und präpariert sie im Kaiserbade für den amor lesbicus. Der -Gedanke an die künstliche Defloration von Rosa bereitet ihr schon -im voraus eine unendliche Wonne, und am selben Abend vollzieht sie -diesen Akt in Gesellschaft ihrer Freundinnen Anna und Nina mit einem -„doppelten“ künstlichen Phallus, während Anna nach der Operation -„das Jungfernblut aufleckte.“ Nunmehr besuchen sie die berühmtesten -Budapester Bordelle. In dem Freudenhaus der Resi Luft feiern sie mit -Damen und Herren der vornehmen Budapester Gesellschaft eine grosse -Orgie, bei der alle Anwesenden maskiert, aber sonst nackt erscheinen, -und deren Einzelheiten zum grossen Teil der „Justine“ des Marquis -+de Sade+ entnommen werden. Die +Schröder-Devrient+ lernt hier einen -gewissen Ferry kennen, der die arme Rosa aufs neue defloriert, und die -Sängerin den paederastischen Ausschweifungen einer Räuberbande im -Walde beiwohnen lässt, bei denen er selbst den „Voyeur“ spielt. Die -+Schröder-Devrient+ kommt darauf in Begleitung von Rosa nach Florenz, -wo sie einen 59jährigen englischen Wüstling Sir Ethelred Merwyn, kennen -lernt, der sie über alle sexuellen Laster in Italien unterrichtet und -sie in Rom nach der Hinrichtung einer Frau und eines Mannes in eine -Kirche führt, wo eine unglaubliche Orgie zwischen Priestern, Nonnen, -Knaben und verschiedenen Tieren stattfindet, bei welcher die Körper -der beiden Hingerichteten geschändet werden. Hier ist das Vorbild -der „Juliette“ deutlich erkennbar. Offenbar beruhen aber auch diese -Memoiren zum Teil auf persönlichen Beobachtungen, wie die Schilderungen -aus Paris und London beweisen. Die Pariser Halbwelt und besonders -die Laufbahn einer gewissen Camilla wird ausführlich geschildert und -zahlreicher sadistischer Verbrechen Erwähnung gethan. Darauf reist sie -mit dem Sänger Sarolta nach London, wo sie drei Jahre lang bleibt. -Sie besucht eine Frau Meredyth, eine reiche Lebedame, die sie mit -allen öffentlichen und geheimen Freuden Londons bekannt macht, sie -nach Vauxhall Gardens, in den Piccadilly Saloon, ins Holborn Casino, -in die Portland Rooms führt. Dann suchen sie als Prostituierte in den -Strassen Abenteuer. Trotzdem schlägt die Sängerin die verlockendsten -Anerbietungen des englischen Adels aus und bleibt ihrer geliebten -Rosa treu. Hier endet die Erzählung. -- Der Einfluss +Sade’s+ ist -unverkennbar, sowohl in der Schilderung der Persönlichkeiten als des -Inhaltes. Auch Unwahrscheinlichkeiten und Uebertreibungen wie bei -+Sade+ kommen vor. So z. B. hält sich in London im Garten der Mrs. -Meredyth eine Gesellschaft von Frauen +drei Tage lang+ nackt auf! Und -das im englischen Klima! „Justine“ wird oft erwähnt.[679] Im ersten -Bande (S. 177) spricht die Sängerin von den „Denkwürdigkeiten des Herrn -von H...“, von dem „Portier des Chartreux“, „Faublas“, „Félicia“ u. a. -als von „wahrem Gift für unverheiratete Frauen“, wobei sie ihr eigenes -Buch auszunehmen scheint. - -In +Sacher-Masoch’s+ „schwarzer Czarin“ ist Narda eine Sadistin. Aber -neben Narda stellt +Sacher-Masoch+ eine Afrikanerin, die dieselbe noch -an Wollust und Grausamkeit übertrifft, „ein Weib wie aus Ebenholz -geschnitzt, berauschend in dem schwarzen Glanze ihres bacchantischen -Leibes, in dem grausamen Lachen des Tigerkopfes, in dem mordlustigen -Funkeln ihrer wollüstigen Augen.“ Auf Narda’s Frage, weshalb sie einen -Menschen getötet habe, antwortet sie beinahe stolz: „Aus Mordlust! -- -Lass mich sterben, ich kann nicht leben, wenn ich Niemanden töten soll. -Mein Herz verlangt nach Blut, wie das Eure nach Küssen.“[680] - -+Eulenburg+ zitiert den modernen Dichter +Detlev von Liliencron+, der -„die im Liebeskampf sich gewaltsam vollziehende körperlich-seelische -Entladung“ in folgenden Versen schildert: - - Wollen zwei Panther sich rasend zerreissen, - Feuer und Flammen entlodern der Haft, - Ringen und Raufen und Balgen und Beissen, - Sinkende Wimpern, entstürzende Kraft.[681] - -Auch in +Kretzers+ Roman „Drei Weiber“, in +Karl Bleibtreu’s+ Novellen -„Schlechte Gesellschaft“, in M. G. +Conrad’s+ „Die klugen Jungfrauen“ -werden sadistische Typen und Szenen geschildert. Vielfach werden im -modernen sogenannten „naturalistischen“ (sit venia verbo!) Roman -die „Sodomie, Paederastie, lesbische Liebe, Notzucht, Blutschande, -Ehebruch studiert, pragmatisiert, auf unglückselige Vererbung, falsche -Erziehung, überreizte Nerven zurückgeführt und -- verteidigt.“[682] - -Dass einzelne Doctrinen des Marquis +de Sade+ sich bei neueren -deutschen Philosophen, sogar noch potenziert, wiederfinden, wie z. B. -bei +Stirner+ und +Nietzsche+, ist ja bekannt. - -Von +Nietzsche+, diesem vielvergötterten dreimal Weisen, seien nur -die folgenden bezeichnenden Aphorismen zitiert: +Wink+. -- Aus alten -florentinischen Novellen, +überdies+ -- +aus dem Leben+. buona femmina -e mala femmina vuol bastone. (Sachhetti Nov. 86[683]) und: +Ueber allen -Gesetzen+ -- Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von -Gut und Böse.[684] Auf +Nietzsche’s+ allmählich schon zum Ueberdruss -werdende „Herrenmoral“ und seinen köstlichen „Uebermenschen“ näher -einzugehen, halten wir für überflüssig und teilen damit die Ansichten -der übrigen „Bildungsphilister“. - -Ein noch grösserer Sophist als der Marquis +de Sade+ und +Nietzsche+ -ist +Max Stirner+, der leider die dialektische Methode für seine -geistigen Salti morali missbrauchte. Dieser Weisheitsjongleur betet das -+Ich+ auf eine geradezu ungeheuerliche Weise an. Er schreibt es stets -gross, um seine Ehrfurcht vor dieser Majestät gehörig auszudrücken. -„Ob, was Ich denke und thue christlich sei, was kümmert’s Mich? ob es -menschlich, liberal, human, ob es unmenschlich, illiberal, inhuman, was -frag’ Ich danach? Wenn es nur bezweckt, was Ich will, wenn Ich nur Mich -darin befriedige, dann belegt es mit Praedikaten wie Ihr wollt: es gilt -Mir gleich.“ -- „Es giebt keinen Sünder und keinen sündigen Egoismus! --- Wir sind allzumal vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein -Mensch, der ein Sünder wäre!“ -- „+Eigner+ bin Ich Meiner Gewalt, und -Ich bin es dann, wenn Ich Mich als +Einzigen+ weiss. Im +Einzigen+ -kehrt selbst der Eigene in sein schöpferisches Nichts zurück, aus -welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei -es der Mensch, schwächt das Gefühl Meiner Einzigkeit und erbleicht erst -vor der Sonne dieses Bewusstseins. Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen, -meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen -Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen: - - Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt.“[685] - -Die Sittlichkeit ist bei solchen Ansichten eine fixe Idee, ein -„Sparren“, mit dem die Menschen behaftet sind. Die Ehe ist ein Nonsens, -die Keuschheit ist ganz besonders eine fixe Idee, und +selbst die -Blutschande ist nichts anderes.+ „O Laïs, o Ninon, wie that Ihr wohl, -diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen Tausend -in der Tugend grau gewordene Jungfern.“ Der Mord ist für +Stirner+ -ebenfalls ein Nichts. „Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden, -wenn Ich mir’s selbst nicht verbiete, wenn ich selbst Mich nicht vor -dem Morde als vor einem ‚Unrecht‘ fürchte.“ - -Schon +H. Ströbel+ hat hervorgehoben, dass +Stirner’s+ Theorie des -Egoismus nicht neu sei und an die Ideen der Aufklärungsphilosophen -+Holbach+, +La Mettrie+ und +Helvetius+ erinnere.[686] Wir können uns -dem Gedanken nicht verschliessen, dass +Stirner+ auch die Schriften des -Marquis +de Sade+ gekannt hat. Denn weder +Holbach+ noch +La Mettrie+ -und +Helvetius+ verteidigen Blutschande und Mord. Das sind echt -+sadische+ Gedanken. - - -6. Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen. - -Dass die Schriften des Marquis +de Sade+ viele Proselyten gemacht -haben, erscheint uns sehr wahrscheinlich angesichts der merkwürdigen -Arten von sexuellen Vergehen, die auch heute noch beobachtet werden -und manchmal geradezu eine Szene aus der „Justine“ und „Juliette“ -zum Vorbilde zu haben scheinen. Nach +Eulenburg+ fehlt es bis in -die Gegenwart hinein durchaus nicht „an modernen Nachahmungen, -natürlich nur im Kleinen und in schwächlicher Form, wie die in -regelmässiger Wiederkehr nicht allzu selten die Polizei und die -Gerichte beschäftigenden, öfters mit wahrhaft bestialischen Akten der -Verstümmelung, mit Anthropophagie, Nekromanie u. s. w. verbundenen -Lustmorde an Kindern und Frauen beweisen. Unsere Zeit, bekanntlich die -Zeit der Spezialitäten, weiss sich auch auf diesem Gebiete eigenartige -Spezialisten zu züchten. Der Eine verschafft sich durch Erwürgen von -Mädchen und Frauen eines wollüstigen Reiz; der Andere schlitzt der -Geschändeten den Leib auf, um gewisse Eingeweide herauszureissen; noch -Andere trinken das Blut ihrer Opfer oder verzehren kannibalisch Stücke -der ausgeschnittenen Eingeweide (Brüste und Genitalien). Die nicht ganz -so Gefährlichen begnügen sich damit, ihren Opfern -- ausschliesslich -jungen Mädchen -- Schnitt- und Stichwunden an verschiedenen -Körperteilen, mit Vorliebe am Unterleib, beizubringen, um sich durch -den Anblick des herabfliessenden Blutes geschlechtlich zu erregen (die -vielzitierten Geschichten des ‚Mädchenschneiders‘ von Augsburg und des -‚Mädchenstechers‘ von Bozen).“[687] - -In einem grossen Werke über den berüchtigten Lustmörder +Vacher+, der -1898 in Lyon hingerichtet wurde, hat +Lacassagne+ alle „sadistischen -Verbrechen“ des 19. Jahrhunderts zusammengestellt. Hier finden sich -ausführliche Nachrichten über den berüchtigten Londoner Lustmörder -„Jack the Ripper“, den +Paul Lindau+ in Amerika bereits in einem -Sensationsdrama verewigt sah (+Eulenburg+ a. a. O. S. 109), über Ben -Ali in New-York, Piper und Pomeroy in Boston, über die Affäre von -Pont-Laval u. a. m.[688] - -Eine weitere Aufzählung derartiger Attentate geben +Brierre de -Boismont+[689], ferner A. +Moll+[690], v. +Krafft-Ebing+[691], auf die -wir den Leser verweisen. - -Wir heben nur einige +ganz direkt an Szenen+ aus +Sade’s Romanen+ -erinnernde Fälle hervor. - - -a) Fall von Hypochorematophilie. - -Ein im höchsten Grade decrepider russischer Fürst liess sich von seiner -Maitresse, die sich über ihn, ihm den Rücken wendend, setzen musste, -auf die Brust defäcieren und regte nur auf diese Weise die Reste -seiner Libido an. -- Nach v. +Krafft-Ebing+ a. a. O. S. 67 (Vergl. die -ähnliche Szene bei Juliette Bd. III, S. 54.)[692] - - -b) Statuenschändung. - -Das Journal L’évènement vom 4. März 1877 teilt die Geschichte eines -Gärtners mit, der sich in die Statue der Venus von Milo verliebte und -über Coitusversuchen an dieser Bildsäule betroffen wurde. -- Nach +von -Krafft-Ebing+ a. a. O. S. 79 (Vergl. dazu Juliette I, 334). - - -c) Körperliche Gebrechen als Reizmittel. - -Der berühmte französische Schriftsteller +Charles Baudelaire+ hatte -Liebesverhältniss mit hässlichen, widerwärtigen Personen, Negerinnen, -Zwergdamen, Riesinnen. Gegen eine sehr schöne Frau äusserte er den -Wunsch, sie an den Händen aufgehängt zu sehen und ihr die Füsse -küssen zu dürfen. -- Nach v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen etc.“ -(Unzweifelhafte Entlehnungen aus +Sade+). - - -d) Sadistische Venaesectio. (Affäre T.....).[693] - -Ein 36jähriger Kommandant, der ein Verhältnis mit einer jungen Dame -angeknüpft hatte, zwang dieselbe, nachdem er sie mit Schimpfworten -überhäuft hatte, unter schrecklichen Drohungen, sich Blutegel an die -Geschlechtsteile und den Anus ansetzen oder sich zur Ader zu lassen. -Sobald Blut floss, verwandelte sich seine Wut in Zärtlichkeit, und er -zwang sie, ihm zu Willen zu sein. - -Ein verheirateter Mann stellte sich +Krafft-Ebing+ mit zahlreichen -Schnittwunden an den Armen vor und gab an, dass, wenn er sich seiner -jungen nervösen Frau nähern wolle, er sich stets zuvor einen Schnitt -beibringen müsse. Sie sauge dann an der Wunde, worauf sich erst bei ihr -die sexuelle Erregung einstelle.[694] (Vergl. „Juliette“ III, 233 ff.). - - -e) Affäre Michel Bloch.[695] - -Die Einzelheiten über diese echt sadistische Affäre finden wir in -der Pariser Zeitung „Gil Blas“ (Nummern vom 14. und 16. August -1891). Die Anklage richtete sich gegen einen in Paris wohlbekannten -+Michel Bloch+, Diamantenmakler, vielfachen Millionär, Besitzer -der Herrschaft La Marche u. s. w., einen Mann von etwa 60 Jahren, -glücklich verheiratet, Vater einer 18jährigen und einer 16jährigen -Tochter. Mitangeklagt war eine Kupplerin Frau Marchand, bei der die -Zusammenkünfte Bloch’s mit seinen Opfern gewöhnlich stattfanden. -Die erste Zusammenkunft Bloch’s mit der Klägerin Claudine Buron -gestaltete sich folgendermassen. Das Mädchen wurde in ein Zimmer der -Marchand geführt und musste sich mit zwei Altersgenossinnen, die sie -dort vorfand (schon früheren Bekanntschaften Bloch’s) vollständig -entkleiden. Ganz nackt, ein Spitzentaschentuch in der Hand, betraten -alle drei ein blaues Zimmer, in dem ein älterer Herr sie erwartete. -Dieser Herr, den Clientinnen des Hauses unter dem Namen „l’homme qui -pique“ bekannt, war der Angeklagte Bloch. Er empfing seine Opfer, -nachlässig auf einem Sopha hingestreckt, in einem Rosa-Atlas-Peignoir, -das reich mit weissen Spitzen garniert war. Die Mädchen mussten sich -ihm einzeln, stillschweigend und mit einem Lächeln auf den Lippen -(dies war ausdrücklich verlangt) nähern; man reichte ihm Nadeln, -Batisttaschentücher und eine Art Geissel. Die Novize, Claudine Buron, -musste vor ihm niederknieen; er stach ihr in die Brüste, ins Gesäss, -fast in alle Teile des Körpers im Ganzen gegen hundert Nadeln. Dann -faltete er ein Taschentuch dreieckig zusammen und befestigte es mit -etwa zwanzig Nadeln auf dem Busen des jungen Mädchens, so dass ein -Zipfel zwischen die Brüste, die beiden übrigen auf die Schultern zu -liegen kamen, und riss das so festgesteckte Tuch mit einem brutalen -Griff plötzlich ab. Nun erst, wie es scheint, recht erhitzt, fiel -er über das junge Mädchen her, peitschte sie, riss ihr Büschel von -Haaren am Unterleib aus, presste ihr die Brustwarzen u. s. w. und -- -befriedigte sich endlich an ihr vor den Augen ihrer Genossinnen. Diese -hatten während der Zeit ihm den Schweiss von der Stirne abtrocknen und -plastische Stellungen annehmen müssen. Alle drei wurden nun entlassen -und empfingen von Herrn Bloch ein Honorar von 40 Francs. -- Derartige -Sitzungen wiederholten sich noch mehrmals. -- Bloch, der als ein Mann -von abschreckendem säuferartigen Aussehen, mit fliehender Stirn, gelber -Perrücke, kleinen bläulichen Augen, roter Plattnase und Knebelbart -geschildert wird, legte sich bei den Verhandlungen anfangs aufs -Leugnen, lachte dann, als man ihn an die Einzelheiten der obigen Szene -erinnerte, und nahm eine Miene der Verwunderung darüber an, dass man um -solche Lumpereien so viel Aufhebens mache. Der Gerichtshof verurteilte -ihn zu einem halben Jahre Gefängnis und 200 Francs Geldbusse, ausserdem -civilrechtlich zu einem Schadenersatz von 1000 Francs an Claudine -Buron; seine Helfershelferin, die Marchand, zu einem Jahre Gefängnis. -(Vergl. die ähnlichen Szenen in „Juliette“ II, 284; III, 55.) - - -f) Wort-Sadismus. - -Ein dem Anschein nach sehr respectabler älterer Herr knüpft im -Palais-Royal Garten, den er regelmässig besucht, mit einem für seine -Zwecke geeignet scheinenden weiblichen Wesen Bekanntschaft an, lässt -sich auf derselben Bank, jedoch immer in geziemender Entfernung von -ihr nieder und bringt im Laufe der Unterhaltung die Frau, die in ihm -einen Kunden wittert, dahin, sich in ihren Reden immer freier und -unzweideutiger zu ergehen. Ist das erreicht, so zittert und „gluckst“ -er vor Entzücken, händigt seiner Partnerin fünf Franken zum Lohn ein, -und empfiehlt sich[696]. (Vergl. „Philosophie dans le Boudoir“ I, 129 -u. ö.). - - -g) Nachahmung des Marseiller Skandals.[697] - -Im Jahre 1840 erregte der amerikanische Gesandte in Madrid grosses -Aufsehen durch eine Skandalaffäre ähnlich derjenigen, welche der -Marquis +de Sade+ im Jahre 1772 in Marseille veranstaltet hatte. -Der Gesandte hatte schon öfter Excentricitäten im Genre des Marquis -+de Sade+ begangen. Eines Tages lud er etwa 20 „Manolas“ zu einem -Souper ein, bei dem er an diese Mädchen stark irritierende Substanzen -verteilte, die sie in eine hochgradig wollüstige Aufregung versetzten. - - * * * * * - -Wir könnten die Liste dieser offenbaren Imitationen des Marquis +de -Sade+ noch vergrössern, halten es aber für unnötig und erwähnen -nur noch, dass augenblicklich in „einer kleinen Strasse im Südwesten -Berlins“ ein sadistisch veranlagter Arzt wohnen soll.[698] - - - - -Schluss. - - -Es ist kein Zweifel, dass den Werken des Marquis +de Sade+ eine -Bedeutung in der Geschichte der menschlichen Kultur zukommt, die -ganz anderswo liegt als auf dem Gebiet der Pornographie oder der -aberwitzigen antimoralischen Ideen, welche wir in diesen Schriften -finden. Der Marquis +de Sade+ ist der Erste gewesen, +der bewusst -alle Erscheinungen der Natur und des sozialen Geschehens unter dem -Gesichtspunkte des menschlichen Geschlechtslebens betrachtet hat+. -Ueber den entsetzlichen Bildern entarteter Geschlechtslust, welche aus -einer genauen Kenntnis sexualpathologischer Phaenomene entsprungen -sind, darf jene eben angedeutete Grundtendenz der Schriftstellerei -des Marquis +de Sade+ nicht vergessen werden. Sie verdient in -kulturhistorischer, nationalökonomischer, juristischer und ärztlicher -Beziehung die ernsteste Beachtung des wissenschaftlichen Forschers. -Es giebt auch hier nur, wie +Eulenburg+ -- der mit seiner wertvollen -Abhandlung in der „Zukunft“ recht eigentlich in Deutschland die -Sade-Forschung inauguriert hat -- sich ausdrückt, ein +Objekt und -ein Problem des Erkennens+. Ein geistvoller Psychiater, Dr. +Paul -Naecke+ in Hubertusburg, beginnt seine neueste Studie über die -Psychopathia sexualis mit den charakteristischen Worten: „Immer -klarer und klarer tritt der kolossale Einfluss der Genitalsphäre auf -die Bildung des Ich-Complexes, auf den Charakter des Menschen zu -Tage.“[699] Wir fügen hinzu: immer klarer wird auch die Bedeutung des -sexuellen Faktors in +Gesellschaft+ und +Staat+. Wir haben selten -ein solches Denkerurteil gehört, wie uns gegenüber ein berühmter -Anthropologe, der früher mehrere Jahre in Paris gelebt hatte, über die -gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich fällte. Er führte zu unserem -nicht geringen Erstaunen die sozialpathologischen Erscheinungen, wie -sie besonders in der Dreyfus-Affäre grell zu Tage traten, auf zwei -Ursachen zurück: auf die geradezu ungeheuerliche Verbreitung der -+sexuellen Perversionen+ aller Art und auf den -- Absynth! Dies ist -ein erleuchtendes Wort. Wenn in der französischen Zeitung „Siècle“ -der ehemalige Dominikaner +Hyacinthe Loyson+ und der Schriftsteller -+Yves Guyot+ den Gedanken entwickelten, dass der Katholicismus den, -wie uns scheint, unaufhaltsamen Verfall Frankreichs herbeigeführt -hätte, und Frankreich daher nach +Mirabeau’s+ Rezept zunächst -entkatholisiert werden müsse, so ist das nur eine halbe Wahrheit. -Denn die Ursache des Triumphes der schwarzen Bande in Frankreich -ist nach unserer Ueberzeugung vor allem die geradezu grauenhafte -geschlechtliche Entartung in Frankreich, von der man in Deutschland -kaum eine Ahnung hat. Dieses sexuell perverse Frankreich stürzt sich -mit Wonne in die finsterste Mystik, in religiöse Ekstasen, und bedarf -der jesuitischen Moral und Casuistik wie der Hungrige des Brodes. -Es ist kein Zufall, dass z. B. +Maurice Barrès+, dieser dekadente -Lüstling, das Banner des nationalistischen Clericalismus schwingt. -Nur vom Standpunkte einer sexualpathologischen Erklärung kann man -gewisse direkt an +sadistische+ Vorkommnisse erinnernde Aeusserungen -und Ausschreitungen des französischen Volksgeistes verstehen, wie -z. B. die planmässig durchgeführte Attacke gegen den unglücklichen -+Dreyfus+. +Mercier+ bekommt vom General +Boisdeffre+ den Auftrag, ein -belastendes Document gegen +Dreyfus+ herzustellen. Er lässt dasselbe -durch den berüchtigten +Esterhazy+ schreiben und dann in den Papierkorb -der deutschen Botschaft werfen. Nun folgt die Verhaftung, Degradation -und Deportation eines Unschuldigen, von dessen Unschuld der ganze -Generalstab, und nicht weniger die Herren +Drumont+ und +Rochefort+ -genaue Kenntnis hatten. Aber das Opfer auf der Teufelsinsel muss noch -weiter gemartert werden. Man entzog ihm die Nahrung oder reichte ihm -ungeniessbare, widerliche Speisen, man belog ihn und spiegelte ihm die -Untreue seiner Frau vor; schrieb er in der entsetzlichen Einsamkeit -ein Wort auf Papier, so wurde ihm dieses entrissen; schliesslich legte -man ihn in Ketten, die ins Fleisch schnitten. +Max Nordau+ hat mit -Lebhaftigkeit geschildert, wie sich an diesen Grausamkeiten gegen einen -Unschuldigen die ganze Lügner- und Fälscherbande in echt sadistischer -Weise geradezu berauschte.[700] Er hat auch darauf aufmerksam -gemacht, dass der grösste Teil der tonangebenden Antidreyfusards aus -Lebemännern und Wüstlingen bestand. Aehnlich wie bei der Dreyfus-Affäre -zeigten sich auch in der Affäre +Voulet-Chanoine+ sadistische -Anwandlungen im französischen Volke. Diese beiden Helden hatten -ihren Vorgesetzten, den Obersten +Klobb+, mitten in Afrika einfach -erschiessen lassen. Auch sie fanden -- so unglaublich es klingt -- -in der nationalistisch-antisemitischen Presse leidenschaftliche -Verteidiger, die von Heldenmut, von der Besonderheit afrikanischer -Verhältnisse u. s. w. faselten.[701] -- In allen diesen Dingen macht -sich jenes „eigentümliche gallokeltische Element des französischen -Volkscharakters bemerkbar, dem neben dem +frivol-erotischen+ auch der -+lüstern-grausame+ Zug von jeher nicht fehlte und der in +Voltaire’s+ -Kennzeichnung seiner Landsleute als ‚Tigeraffen‘ den zutreffendsten -Ausdruck findet.“[702] - -Wir haben oft ernsthaft die Frage erwogen, ob unserm Vaterlande -auch ähnliche Gefahren drohen, wie sie in Frankreich aus der -zunehmenden sexuellen Entartung sich ergeben, die bereits zu einem -Bevölkerungsstillstande geführt hat. Nun besteht zwar zwischen dem -deutschen und französischen Volke auch in sexueller Hinsicht ein -gewaltiger Unterschied, und schon +Kurtz+ hat darauf aufmerksam -gemacht, dass in diesem Punkte seit alter Zeit ein greller Kontrast -zwischen beiden Nationen besteht, wie er sich schon in der Schilderung -der germanischen Sitte und Zucht bei +Tacitus+ und der bei +Gregor von -Tours+ in dessen Geschichte der Franken offenbart. Dort rohe, aber -edle Einfalt, Gradheit der Sitten, Zucht und Keuschheit des Lebens, -Heilighaltung der Ehe, Treue, Ehrenhaftigkeit; hier die kolossale -Entartung der merowingischen Zeit, brutale Zuchtlosigkeit, treulose -Verräterei, Meineidigkeit, Heimtücke, Mordpläne, Giftmischerei, -Unersättlichkeit nach Schätzen, Ausschweifungen im geschlechtlichen -Leben. Und obschon die schwärzesten Farben des Gregor’schen Gemäldes -den Kreisen des Hoflebens angehören, so behauptet +Kurtz+ ganz richtig, -dass Entartung auch im Volke eingerissen war.[703] Schon +Salvian+ von -Marseille († 485 n. Chr.), der von der sittlichen Verwilderung seiner -Zeit in Frankreich ein schreckliches, aber getreues Bild entwirft, -behauptet, dass Gott den deutschen Eroberern das Reich hingegeben, weil -sie frömmer als die Römer seien.[704] - -Indessen seien wir im Hinblick auf diese angeborene und immer wieder -durchbrechende sittliche Kraft unseres Volkes nicht zu vertrauensvoll -in Beziehung auf unsere Widerstandsfähigkeit gegen die immer mehr -Platz greifenden verderblichen Einflüsse aller Art. - -Es ist unsere feste Ueberzeugung, die wir mit einem der grössten -deutschen Irrenärzte, unserem langjährigen Lehrer +E. Kraepelin+ -teilen, dass die grösste Zahl der geschlechtlichen Perversitäten -+erworben+ und nicht angeboren ist. Nichts reizt so zur Nachahmung wie -sexuelle Dinge und Praktiken aller Art, seien sie noch so ekelhaft! In -der dritten Szene von +Molière’s+ „La Critique de l’Ecole des Femmes“ -kommt ein Zwiegespräch vor, das auf eine höchst naive Weise diese -Wahrheit ausdrückt: - -„+Climène.+ -- Il a une obscénité qui n’est pas supportable. - -+Elise.+ -- Comment dites-vous ce mot-là, madame? - -+Climène.+ -- Obscénité, madame. - -+Elise.+ -- Ah! mon dieu, obscénité. +Je ne sais ce que ce mot veut -dire; mais je le trouve le plus joli du monde.+“ - -Ja, das Wollüstige, das Obscöne zieht unwiderstehlich an, +fast jeden -Menschen+! Denn der Geschlechtstrieb ist nun einmal, wenigstens eine -lange Zeit, der Brennpunkt des menschlichen Lebens, und dann ist -Manches „le plus joli du monde.“ - -Wir haben immer diejenige Paedagogik für die beste gehalten, welche -mehr negativ ist und das Böse von dem jugendlichen Gemüte abwehrt, -statt dieses mit frommen Lehren vollzupfropfen. Am gefährlichsten -sind für die Jugend schriftliche und bildliche Darstellungen der -+Entartungen des Geschlechtstriebes+. Eine traurige Wahrheit spricht -+Rétif de la Bretonne+ in der Einleitung seiner „Anti-Justine“ aus, -wenn er schreibt: „+Fontenelle+ sagte: ‚Es giebt keinen Kummer, -der gegen eine Stunde Lektüre Stand hielte.‘ -- Nun ist aber von -allen Lektüren diejenige der erotischen Werke die anziehendste (la -plus entraînante), besonders wenn dieselben mit ausdrucksvollen -(expressives) Figuren ausgestattet sind.“ Man sollte die Worte -beherzigen, die +Emile Zola+, dieser freie und grosse Geist, an einen -Vater schrieb, der ihm die Frage vorlegte, ob seine Tochter den -„Doktor Pascal“ lesen dürfe. Er antwortete: „+Ich schreibe nicht für -junge Mädchen+, und ich denke, dass nicht jede Lektüre für Gehirne -gut ist, die noch in der Entwickelung begriffen sind. -- Später, wenn -das Leben sie frei macht, werden sie lesen, was sie wollen.“[705] -Den verderblichen Einfluss der modernen naturalistischen Litteratur -schildert +Seved Ribbing+ in seinem ausgezeichneten Buche über die -„sexuelle Hygiene“, dessen Lektüre wir jedem Paedagogen empfehlen -möchten.[706] - -Auch die +Kunst+ hat sich leider zu allen Zeiten in den Dienst der -Wollust und der sexuellen Perversion gestellt. +Seved Ribbing+ -versichert, dass er öfter bei einem Besuche von Studenten oder -anderen jungen Männern Wände und Schreibtisch derselben mit -Abbildungen mehr oder weniger entblösster Frauen bedeckt gefunden -habe, mit Photographien der Fräulein X. und Y., von Kunstreiterinnen, -Café-Sängerinnen, welche „mit und ohne Kleidung in den unglaublichsten -Stellungen und Verrichtungen dargestellt sind.“ Rechnet man noch -allerlei andere obscöne Bilder hinzu, welche mit „Cigarrenetuis, -Breloques, Stöcken und auf tausend anderen Wegen eingeschmuggelt, wohl -auch öffentlich in den Tagesblättern angezeigt werden, so findet -man, dass die Verführung auf recht vielfache Weise arbeitet.“[707] -Nach +Eulenburg+ existiert sogar ein +Sadismus in der Kunst+ oder -„mindestens eine nicht geringe Zahl oft mit virtuoser Technik -ausgeführter, aber in bedenklicher Weise sadistisch wirkender -Schöpfungen in Malerei und Sculptur.“ Er erwähnt +Rodin’s+ „Pforte -der Danteschen Hölle“, +Frémiet’s+ „Gorilla, der ein Weib raubt“, -+Galliard-Sansonetti’s+ „Brunhild“, +Rochegrosse’s+ „Andromache“, -„Jacquerie“, „Eroberung Babylons“, +Albert Keller’s+ „Mondschein“, -+Richir’s+ „Verderbtheit“ und +Klinger’s+ „Salome“.[708] Dass +J. -J. Winckelmann+ durch das Studium des griechischen Altertums und -der griechischen Kunst zur Knabenliebe sich bekehrte, ist uns sehr -wahrscheinlich und bei der Betrachtung des von ihm so sehr geliebten -„Pan“ in der Münchener Glyptothek noch mehr zur Gewissheit geworden. -+Hössli+ sagt in seinem gedankenreichen Werke über den „Eros“[709]: -„Nach unseren Meinungen und Auslegungen müsste das Studium der -Antike eigentlich ein gefährliches Bestreben, und London, Paris, Rom -und München mit ihren antiken Kunstschätzen gefährliche Orte sein, -welche unsere Zeit der reinen Moral und Sittlichkeit mit der Pest der -naturabtrünnigen Griechen bedrohen!“ - -Zweifellos wird der Einfluss der Litteratur und Kunst bei weitem -überboten durch die +direkte Verführung+, von der sich behaupten -lässt, dass sie alle Arten der sexuellen Perversion zu erzeugen -vermag. +Tarnowsky+ erklärt paederastische Kreise als „mächtige -Centren für die Propaganda der Sittenverderbnis“, die durch „Erfahrung -und Beispiel“ junge Subjekte verführen. In Paris werden zehn- bis -zwölfjährige Kinder durch Ueberredung und Drohungen allmählich zur -Masturbation und Sodomie verleitet und dann zu denunzierenden Kynaeden -herangebildet -- „les petits Jésus“, wie man sie nennt.[710] Und -angesichts dieser Thatsachen denkt man an Aufhebung des § 175 des -deutschen Strafgesetzbuches! Das hiesse den Teufel durch Beelzebub -austreiben. Mögen lieber die paar unglücklichen hereditären Urninge -leiden als dass die Paederastie, das entsittlichendste aller sexuellen -Laster, für erlaubt und straflos erklärt wird. - -Dass es sogar Kotesser aus blosser Gewöhnung giebt, erwähnt +Tarnowsky+ -ebenfalls (S. 70). - -Nichts erscheint uns ungereimter als der Ausspruch von +Hobbes+ in -seinem „Leviathan“ (Pars I, cap. 6). „Alienae calamitatis contemptus -nominatur crudelitas, proceditque a propiae securitatis opinione. +Nam -ut aliquis sibi placeat in malis alienis sine alio fine, videtur mihi -impossibile.+“ Würden die Hinrichtungen wieder öffentlich oder die -altrömischen Gladiatorenkämpfe wieder eingeführt werden, dann würde -auch die Zahl der Lustmorde sich vermehren. Noch neuerdings haben wir -in den Komorner Folterern Anklänge an die alte Inquisition wieder -bekommen. +Hobbes+ kannte die menschliche Natur zu schlecht. - -Wie die einzelnen sexuellen Perversionen +allmählich erworben+ werden, -schildert unübertrefflich +Tarnowsky+: „Der entsittlichte Mensch wendet -Alles an, was zur Steigerung der Wollust beitragen kann. Das Gesicht, -das Tastgefühl, Gehör, Geruch, sogar der Geschmack zuweilen, kurz alle -Sinne werden nacheinander, oder zugleich, in gewisser Weise gereizt, -um die geschlechtliche Erregung zur möglichsten Intensität zu bringen. -Unter diesen Erregungsmitteln kommt auch die passive Paederastie -vor, als zufällige Nebenerscheinung, als ein neuer Reiz, welcher die -Erregung steigern kann, die gewöhnlich zum Schluss durch Beischlaf -mit einem Weibe befriedigt wird. Zuweilen wird auch der Gebrauch -äusserer und innerer Reizmittel, die Lektüre pornographischer Schriften -hinzugezogen u. s. w.“[711] - -Und als eine Illustration der erschreckenden Wahrheit des -+Molière+’schen „le plus joli du monde“ erscheint der Ausspruch dieses -erfahrenen Kenners des modernen Lebens: „Gegenwärtig erscheint das -Laster in den Augen der Mehrheit nicht nur verführerisch durch die -Kraft, Neuheit oder Mannigfaltigkeit der Empfindungen, sondern es -verleiht in der Sphäre der eigentlichen Geschlechtsthätigkeit dem -Wüstling einen gewissen Anstrich von Epikuräismus, Ausgesuchtheit, -Verwöhntheit und Ueberlegenheit vor anderen Menschen, die anscheinend -weniger entwickelt, aber sittsamer und enthaltsamer sind.“[712] - -Der geschlechtlichen Corruption kann nur auf eine einzige Weise -entgegen gearbeitet werden. Die Bekämpfung der Prostitution, des -Mädchenhandels, der, wie die Verhandlungen der internationalen -kriminalistischen Vereinigung in Budapest (1899) gezeigt haben, wieder -eine grosse Ausdehnung angenommen hat, des Alkoholismus, der Verführung -durch Bücher, Schaustellungen u. s. w. sind nur Palliativmittel. Schon -+Seved Ribbing+ betont, dass nur die +Aufklärung+, d. h. geistige -Bildung, das nun einmal in der Welt vorhandene Uebel paralysieren könne -(a. a. O. S. 93). Wir haben in der Einleitung dieses Werkes als das -wahre Ziel der menschlichen Liebe die geistige Freiheit, den Gedanken, -den Begriff, als das wahrhaft Objektive und Unvergängliche kennen -gelernt. Die Grundlage jeder Ethik ist die Reflexion, der Verstand, -den +W. Stern+ mit grossem Unrecht ganz aus der Ethik entfernen -will.[713] Er will die Ethik ganz auf die Gemütswelt basieren. Das -ist Utopie. Nur wo der Geist, der Begriff in der Welt herrscht, -kann wahre Sittlichkeit gedeihen. Denn die wahre geistige Natur des -Menschen entbehrt nicht des Gemütslebens, sie hebt es nur mit sich -empor und adelt es. Mit dem Gemüte allein verdirbt man alles in „einer -eisernen Zeit, inmitten ernster Erforschung des Wirklichen“.[714] -Schön sagt +Hegel+, dass gerade „aus dem Ueberdruss an den Bewegungen -der unmittelbaren Leidenschaften“ sich der Mensch zur Betrachtung -und geistigen Durchdringung der Dinge heraus macht. Weder die Liebe, -noch die Freundschaft, noch die Familie, noch Kunst und Religion +an -und für sich+ vermögen die dem Menschen innewohnende Sehnsucht nach -dem Ewigen zu befriedigen. Alles gipfelt im Erkennen. „Die +Seligkeit -des Erkennens+ ist die höchste menschliche Befriedigung, sie ist die -unvergängliche Quelle, von der ein Trunk den Durst auf ewig stillt; -sie ist das, was ich den +absoluten Genuss+ nenne. Die Sehnsucht nach -dem Ewigen, dieser Heimat des Geistes, kann sich nur im +Wissen+ -befriedigen; in allen früheren Formen der Befriedigung, in dem -natürlichen Genusse, in der Liebe, dem Staate, der Kunst, der Religion, -konnte sich das wahre Bedürfnis des Geistes nie ganz erfüllen, jede -dieser Formen blieb mit einem Widerspruch behaftet, der erst in der -Philosophie sich zur vollen Befriedigung auflöste.“[715] - -Niemand hat wohl begeisterter die veredelnde Wirkung der geistigen -Bildung auf die Moralität gepriesen, als die beiden grossen -englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, die wahren praktischen -Lebenskünstler +Buckle+ und +Lecky+. Nach Letzterem versteht es sich -von selbst, dass „jeder Einfluss, welcher den Bereich und die Kraft des -Vorstellungsvermögens vergrössert, auch die liebenswürdigen Tugenden -befördert, und ist es ebenso klar, dass die Erziehung diese Wirkung -im höchsten Grad besitzt. Ein ungebildeter Mensch kann sich von den -ihm fremd gebliebenen Menschenklassen, Völkern, Gedankenrichtungen -und Existenzen keine Vorstellung machen, +während jede Erweiterung -des Wissens eine Erweiterung der Einsicht und daher des Mitgefühles -mit sich bringt+. -- Dieselbe intellectuelle Kultur, welche die -Vergegenwärtigung des Schmerzes erleichtert und daher Mitleid erzeugt, -erleichtert auch die Vergegenwärtigung der Charaktere und Meinungen, -und erzeugt daher Milde. Die Errungenschaft dieses Vermögens der -intellectuellen Sympathie ist die gewöhnliche Begleiterin eines grossen -und gebildeten Geistes.“[716] - -Der Gedanke an den Tod und an die ewige Vergeltung, mit welcher -manche Moralisten und fast alle Confessionen den fleischlichen Sünder -bedrohen, ist nach unserer Ansicht eher geeignet, +die Sinnlichkeit -zu schüren+, wie ja auch gerade die mit Hölle und Fegefeuer drohende -katholische Kirche unter ihren Bekennern nicht eben sittlich reinere -Menschen zählt als die übrigen Confessionen. Uns erschien immer der -siebenundsechzigste Lehrsatz des vierten Teiles der Ethik des +Spinoza+ -als eine der erhabensten Maximen der Lebensweisheit: - - „Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach, als über den Tod; - und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern - über das Leben.“ - -Was nach dem Tode sein wird, das hat +Sokrates+ in den herrlichen -Schlussworten der platonischen „Apologie“ verkündigt[717]. Wir aber -sind im Leben, welches dem Geiste so unendlich viele, anziehende -und der Erforschung würdige Probleme bietet. Beherzigen wir des -+Septimius Severus+ gedankenschweres Wort „Laboremus“, arbeiten wir -unausgesetzt an unserer Vervollkommnung, die nicht anders möglich ist -als durch geistige Thätigkeit, und lehren wir auch unsere Kinder die -„Seligkeit des Erkennens“, dann werden wir unseren Nachkommen ein -Bekenntnis ersparen, in welches eines jener verderblichen Bücher des -18. Jahrhunderts, der „Faublas“ elegisch ausklingt: „Beklagen Sie mich -nicht, beneiden Sie vielmehr mein Loos und sagen Sie nur, dass es für -glühende und gefühlvolle Menschen, die in der ersten Jugend den Stürmen -der Leidenschaften preisgegeben waren, nie mehr ein vollkommenes Glück -auf Erden giebt.“ - - - - -VI. - -Bibliographie. - - -1. Romane und Novellen. - -1. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, en Hollande, chez les -Libraires associés, 1791, 2 Bände in 8^o, 283 und 191 Seiten. Titelbild -von Chéry. (Erwähnt im Katalog von Pixérécourt unter No. 1239) Neudruck -als „Liber Sadicus“ Paris 1884 in 8^o 340 Seiten (bei I. Liseux). Auch -englisch. - -2. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, en Hollande, chez les -Libraires associés, 1791. 2 Bände in 12^o. Kleines Titelbild von -Texier. Einige Exemplare dieser Ausgabe enthalten 12 obscöne Bilder mit -Totenköpfen, Ketten und Hinrichtungsinstrumenten. Enthält bereits die -ersten textlichen Vergröberungen. - -3. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, à Londres (Paris, Cazin). -1792. 2 Bände in 16^o von 337 und 288 Seiten. Hübsches Titelbild nach -Chéry und 5 obscöne Bilder ohne Namen. Aus der geheimen Druckerei von -Cazin. Hier sind ganze Szenen umgearbeitet. - -4. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, 3me édition (4me) corrigée -et augmentée, à Philadelphie, 1704, 2 Bände in 18^o, mit 8 obscönen -Bildern, unter ihnen ein allegorisches Titelbild ohne Namen. Im Vorwort -ein „avis de l’éditeur“ und eine Widmung des Autors „A ma bonne Amie“. -Sehr schöne Ausgabe. - -5. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, à Londres (Paris) 1797, 4 -Bände in 18^o mit 6 Bildern und neuen Episoden. Eine typographische -Luxusausgabe. - -6. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, en Hollande, 1800, 4 Bände, -in 18^o von 136, 134 und 132 Seiten, 12 obscöne Bilder, von denen 4 -Titelbilder sind. Nachdruck der Ausgabe Cazin von 1792. - -7. +Juliette ou la Suite de Justine+, 1ère édition S. L. 1796, in 8^o 4 -Bände. -- Ferner Kehl 1797 (ohne Bilder) und 1798 (60 Bilder) 6 Bände -in 18^o. - -8. +La Nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu, suivi de -l’Histoire de Juliette sa sœur, ou les Prospérités du vice+, Hollande -(Paris, Bertrandet oder Didot?), 1797, 10 Bände in 18^o. Die „Justine“ -umfasst 4, die „Juliette“ 6 Bände. Ein Titelbild und 100 Bilder, bei -dem 2ten Nachdruck 104. Am Ende von Band VI Anweisung an den Buchbinder -betreffs Reihenfolge der Bilder, fehlt meistens. Die Zahl der Bilder -ist in vielen Exemplaren eine geringere als 104, meist 100. Häufige -Nachdrucke des Werkes schon in den ersten Jahren nach Erscheinen, mit -Lithographien, z. B. eine durch +Colnet+ besorgte. Die modernen in -Belgien seit 1830 veranstalteten Ausgaben haben denselben Titel und -dasselbe Datum. (Eine vollendet im Oktober 1875 zu Brüssel.) - -9. +La Philosophie dans le boudoir ou les Instituteurs libertins+, -Dialogue. Ouvrage posthume de l’auteur de Justine. A Londres (Paris), -aux dépens de la Compagnie, MDCCXCXC (für 1795), 2 Bände klein 18^o, -290 und 216 Seiten, 1 Titelbild und 4 obscöne Bilder. Diese Ausgabe -neuerdings in Belgien mehrere Male (1868 u. ö.) nachgedruckt. Motto: La -mère en prescrira la lecture à sa fille. - -10. +La Philosophie dans le boudoir, ou les Instituteurs immoraux+, -Ouvrage Posthume par l’auteur de Justine. London, aux dépens de la -Compagnie MDCCCV. 2 Bände, klein 8^o, 203 und 191 Seiten, 10 obscöne -Lithographien. - -11. +La Philosophie dans le boudoir+, Londres (Paris), 1830, 2 -Bände in 18^o mit 10 Lithographien. In einigen Exemplaren schlechte -Photographien. - -12. +Aline et Valcour ou le Roman philosophique.+ Ecrit à la Bastille -un an avant la Révolution de France. Orné de quatorze gravures. Par le -Citoyen S***. A Paris, Chez Girouard, Libraire, rue du Bout-du-Monde, -no. 47, 1793. 4 Bände in 18^o (8 Teile) XIV, 315, 503, 575, 374 Seiten. -14 nicht obscöne Bilder. - -13. +Aline et Valcour ou le Roman philosophique.+ Ecrit à la Bastille -un an avant la Révolution de France. Orné de quatorze gravures. Par -le Citoyen S***. A Paris. Chez la veuve Girouard, Libraire, au Palais -Egalité, Galerie de Bois, No. 196. 1795. -- Eine andere gleiche Ausgabe -desselben Jahres enthält 16 Bilder. Im Vorwort 7 lateinische Verse aus -Lucrez. - -14. +Aline et Valcour ou le Roman philosophique+, écrit à la Bastille, -un an avant la Révolution, par le Citoyen S***. Paris, Maradan, 1795, -8 Teile in 18^o mit Bildern und neuem Titelbild (Veritas impavida). -Von „Aline et Valcour“ existieren mehrere Neudrucke. Letzte Ausgabe, -Brüssel 1883 bei J. J. +Gay+, 4 Bände in 8^o. - -15. +Valmor et Lydia ou Voyage autour du monde de deux amants qui -se cherchent+, Paris, Pigoreau ou Leroux, an VII, 3 Bände in 12^o. -Abgekürzte Copie von „Aline et Valcour.“ - -16. +Alzonde et Koradin+, Paris, Cercoux et Montardier, 1799, 2 Bände -in 18^o. Abgekürzte Copie von „Aline et Valcour“. - -17. +La Marquise de Ganges+, Paris, Béchet, 1813, 2 Bände in 12^o. -Langweiliger Roman, der dem Marquis de Sade zugeschrieben wird, (von -+Pigoreau+ in der „Petite Bibliographie biographico-romancière“ -Paris Oktober 1831 S. 309.) Nach +Quérard+ hat +de Sade+ hier eine -historische Thatsache verändert, indem er die Marquise zum Werkzeug -und Opfer ihrer unwürdigen Schwäger und ihres Gatten werden lässt. -Das Motto des Werkes lautet: „Le ciel qui ne laisse rien d’impuni -sur la terre, vengera la vertu des outrages dont le crime cherche à -l’écraser.“ +Gay+ citirt die folgende Stelle, die nach seiner Ansicht -sadischen Geistes ist: „Le crime est si cruel à peindre, les couleurs -dont un historien fidèle doit le nuancer, sont à la fin si sombres -et si lugubres, qu’au lieu de l’offrir à nu, en préférerait souvent -se laisser deviner ou se tracer lui même plus par les faits qui le -constituent que par les crayons dégoûtants, dont en est forcé de le -dessiner. Il est si facile d’éluder les lois; il est tant de crimes -secrets qu’elles n’atteignent pas, et l’homme puissant les brave avec -tant d’audace.“ +Gay+ „Bibliogr. de l’amour“ IV, S. 428-429. - -18. +Pauline et Belval ou les Victimes d’un amour criminel+, anecdote -parisienne du XVIIIe siècle, avec romances et figures Paris an VI -(1798), 3 Bände in 12^o, und Paris, chez +Chambon+, 1817, 2 Bände in -12^o mit Bildern. -- Nach +Pigoreau+ von Sade. - -19. +L’Etourdi+, Lampsaque, 1784. 2 Bände in 18^o. Nach +Paul Lacroix+ -von Sade. Enthält ein Kapitel („La comédie“) über +Sade’s+ Theater in -La Coste. Wird auch dem +Andréa de Nerciat+ zugeschrieben. Neuausgabe -Brüssel (+Gay+ et +Doucé+) 1882, 2 Bände kl. 8^o. 138 und 104 S.; mit 2 -Titelbildern von +Chauvet+. Vgl. +Gay-Lemonnyer+ „Bibliogr. de l’am.“ -II, 176. - -20. +Les Crimes de l’Amour ou le Délire des passions+; Nouvelles -historiques et tragiques, précédées d’une Idée sur les Romans et ornées -de gravures, par D. A. F. Sade, auteur d’Aline et Valcour. A Paris, -chez Massé, an VIII. 2 Bände in 8^o und 4 Bände in 12^o. 4 Titelbilder. -Motto, aus den „Nights“ von Young entlehnt: Amour, fruit délicieux -que le ciel permet à la terre de produire pour le bonheur de la vie, -pourquoi faut-il que tu fasses naître des crimes, et pourquoi l’homme -abuse-t-il de tout? -- Die Titel der 11 in dieser Sammlung enthaltenen -Novellen lauten: Juliette et Raunai, ou la Conspiration d’Amboise -- La -Double épreuve -- Miss Henriette Stralsond -- Faxelange -- Florville et -Courval -- Rodrigue -- Laurence et Antonio -- Ernestine -- Dorgeville, -ou le Criminel par vertu -- La comtesse de Sancerre -- Eugène de -Franval. - -21. +Zoloé et ses deux acolythes (sic) ou Quelques Décades de la vie -de trois jolies femmes. Histoire véritable du siècle dernier, par un -contemporain.+ A. Turin (Paris) chez tous les marchands de nouveautés. -De l’Imprimerie de l’auteur. Thermidor, an VIII, in 12. Ein Titelbild, -welches Josephine de Beauharnais, Madame Tallien und die Visconti -darstellt (Laureda, Volsange sind die beiden letzteren, Zoloé die -erstere). - -22. +Zoloé et ses deux Acolytes Discours aux Manes de Marat L’Auteur -des Crimes de l’Amour à Villeterque Avec Notices Biographiques+ -Bruxelles Chez tous les Libraires 1867 und 1870, in 12^o. CII und 178 -S. Titelbild von +F. Rops+. - -23. +Dorci ou la Bizarrerie du Sort+, Conte inédit de de Sade, chez -Charavay Paris 12^o, 1 Titelbild, 1881, enthält auch +An. France+ -„Notice sur de Sade“, 22 Seiten. - -24. +L’Auteur des Crimes de l’Amour à Villeterque, folliculaire.+ -Paris, Massé an IX, in 12^o, 19 S. (Antwort auf einen Angriff von -Villeterque im Journal de Paris von 1800.) - -25. +Couplets+ chantés à Son Eminence le Cardinal Maury, le 6 octobre -1812 à la maison de santé près de Charenton, in Revue rétrospective -Paris 1833. Bd. I, S. 262 ff. - - -2. Dramatische Werke. - -26. +Oxtiern ou les Malheurs du libertinage+, drame en 3 actes et en -prose, par D. A. F. S. Versailles, Blaizot, an VIII, in 8^o, 48 Seiten. -(Im November 1791 und Dezember 1799 aufgeführt.) - - -3. Manuscripte. - -27. +Trente+ „+Contes+“. - -28. +Le Portefeuille d’un homme de lettres+, (4 Bände, geschrieben 1788 -in der Bastille). - -29. +Conrad+; historischer Roman aus der Albigenserzeit. (Confisciert -1801.) - -30. +Marcel+; Roman. - -31. +Isabelle de Bavière+; ein historischer Roman, in Charenton -verfasst. - -32. +Adélaide de Brunswick+; ein historischer Roman eben dort -geschrieben. Beide Romane düster, aber ohne Blasphemien und -Obscönitäten. - -33. +5 Hefte Bemerkungen, Gedanken, Auszüge+, Lieder u. s. w. aus der -Zeit des letzten Aufenthaltes in Charenton. - -34. +Les+ 120 +Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage+, écrites -en 20 soirées, de 7 à 10 heures, et finies le 12 November 1785. Ein -Manuscript des Marquis +de Sade+ besitzt gegenwärtig der Marquis -+de+ V.--, dessen Grossvater es von +Armoux de St. Maximin+ erhielt, -der bei der Zerstörung der Bastille zugegen war und dieses kostbare -Manuscript in dem Raume fand, in dem der Marquis +de Sade+ gefangen -gesessen hatte. Pisanus Fraxi (Index librorum prohibitorum, London -1877 S. 422-424) beschreibt es folgendermassen: Das Manuscript besteht -aus einer Reihe von Papierstücken, 4½ Zoll oder 11 Zentimeter breit, -alle zusammengeheftet und eine Rolle von 12-1/10 Meter bildend. Jedes -Stück Papier ist auf beiden Seiten beschrieben +mit der Handschrift des -Marquis de Sade+ und so kleiner Schrift, dass man die Buchstaben mit -einem Vergrösserungsglase lesen muss. Das Manuscript enthält eine kurze -Vorrede und 52 Kapitel; es werden darin die +Thaten einer Gesellschaft -von Wüstlingen beider Geschlechter erzählt+, die zwei Häuser in der -Nachbarschaft von Paris hat und enorm reich ist. Der Roman ist so -obscön wie die „Justine“, aber nicht so reich an philosophischen -Excursen. Er schliesst: „terminée le 25. Nov. 1783.“[718] +Fraxi+ hält -dies Ms. für die von +Rétif de la Bretonne+ häufig erwähnte „Théorie -du libertinage“. Gegenwärtig befindet sich dies Manuscript in den -Händen eines Marseiller Buchhändlers, der es für 5000 Frcs. zum Verkauf -anbietet.[719] - -35. +Entwurf einer Bordelleinrichtung+, im Besitz des Pariser -Bibliophilen M. H. B.[720] Dieses Project des Marquis +de Sade+ erwähnt -+Rétif de la Bretonne+ in „Monsieur Nicolas“ Bd. XVI, S. 4783. - -36. +Julia ou la Mariage sans femme+, folie-vaudeville en 1 acte. -Katalog der dramatischen Bibliothek des Herrn de Soleinne No. 3879. Die -Handschrift gleicht derjenigen des Marquis +de Sade+. Obscönes Stück, -das die Paederastie verherrlicht. - -37. +Le Misanthrope par amour ou Sophie et Desfrancs+, comédie en 5 -actes et en vers. Aufgeführt im Théâtre-Français im Jahre 1790. - -38. +L’Homme dangereux ou le Suborneur+, comédie en 1 acte et en vers -de dix syllabes. Aufgeführt im Théâtre Favart 1790. - -39. +La France f.....+, comédie lubrique et royaliste, no. 5796 (1796), -in 8^o +gedruckt+. Wird von +Paul Lacroix+ (im Katalog Soleinne unter -No. 3876) dem Marquis +de Sade+ zugeschrieben. Das Stück muss erst nach -1796 gedruckt worden sein, wie die folgenden Verse beweisen: - - Buonaparte règne en maître - A sa guise il nous fait des lois - Puis, en despote, il nous les donne, - Petit-fils d’un petit bourgois, - Assis sur le trône des rois, - Que lui manque-t-il? la couronne. - -Das deutet auf die Zeit des Consulates. Das Stück figuriert in -verschiedenen Katalogen (Saint-Mauris, Baillet, Leber No. 5016 und -Pixérécourt’s Katalog des Jahres 1839 S. 368). Am Anfang der 70er -Jahre dieses Jahrhunderts wurde ein Neudruck von wenigen Exemplaren -(Strassburg 1871, 12^o, VIII, 118) veranstaltet. Die Personen der -Komödie sind Frankreich, England, die Vendée, der Herzog von Orléans, -der Graf de Puisaye, der König von Preussen, Kaiser Franz II. und König -Karl IV. von Spanien. Das Stück ist dem Polizeiminister mit folgenden -Worten gewidmet: „Devine si tu peux, et choisis si tu l’oses.“ Die -Vorrede beginnt: „J’ai cherché à être lu par tout le monde. Si mon -ouvrage va jusqu’à la postérité, je la supplie de ne pas me juger sur -le style, mais sur le fond. Lecteurs, ne vous prévenez pas contre le -titre; femmes aimables pardonnez-le moi! plus vous me lirez, plus je -réclame votre indulgence. Libertins, hommes de lettres, politiques, -historiens, philosophes, patriotes, royalistes, étrangers, lisez-moi; -j’écris pour vous tous. Et vous, souveraine, de ma pensée, vous que -j’adore, si vous me devinez, ne craignez rien pour le sentiment. -J’ai écrit avec ma plume; mon cœur n’y est pour rien.“ Das obscöne -Stück enthält zahlreiche Noten mit Anspielungen auf zeitgenössische -Ereignisse. Echt sadisch ist das Geständnis: „Lorsqu’il s’agit du -bien, qu’importe comment on l’opère? N’avez vous jamais pris de poison -pour vous guerir?“ Unter den zahlreichen bissigen Ausfällen gegen -hervorragende Zeitgenossen sind hervorzuheben: „Notre Brutus de Douay -(+Merlin+), de mauvais mari devint mauvais père, autant qu’il était -mauvais Français. -- Notre Caïn (+J. M. Chénier+) dénonça son frère -Abel, et le fit assassiner, non par la jalousie de ses succès, mais -pour avoir ses ouvrages, qu’il nous donne comme les siens.“ - -40. +L’Epreuve+, comédie en 1 acte et en vers. Confisziert 1782 wegen -anstössiger Stellen. - -41. +L’École des jaloux; le Boudoir.+ Aufgeführt 1791 im Théâtre Favart. - -42. +Cléontine ou la fille malheureuse+, drame en 3 actes et en prose. -1792? - -43. +Le Prévaricateur ou le Magistrat du temps passé.+ - -44. +Le Capricieux ou l’Homme inégal.+ Angenommen vom Théâtre Louvois, -aber vom Autor zurückgezogen. - -45. +Les Jumelles+, 2 actes et en vers. - -46. +Les Antiquaires+, 1 acte et en prose. - -47. +Henriette et Saint-Clair ou la Force du sang.+ Drame. - -48. +L’Egarement de l’infortune.+ - -49. +Le Père de famille.+ - -Ueber diese drei letzten Manuscripte schreibt die Marquise +de Sade+ -im Jahre 1787 an ihren Gatten (+Ginisty+ a. a. O. S. 28): „+J’ai lu -Henriette+, et j’y ai reconnu l’auteur de +l’Egarement de l’infortune+. -Je la trouve bonne foncièrement et faite pour faire le plus grand -effet vis à vis ceux qui ont de l’âme. Elle ne révoltera que les âmes -pusillanimes qui ne sentiront pas la position et la situation. Elle -est assez différente du +Père de famille+ pour n’être pas crue calquée -dessus. En général, elle a de grandes beautés. Voila mon avis sur une -simple lecture. Je la relirai encore plus d’une fois, parce que j’aime -à la folie tout ce qui vient de toi, étant trop partiale pour en juger -sévèrement.“ Danach fällt die Abfassung dieser Manuscripte in das Ende -der 80er Jahre. - -50. +Franchise et trahison.+ - -51. +Fanny ou les Effets du désespoir.+ - -52. +Entwurf eines Gladiatorenschauspiels.+ - -Diese und noch zahlreiche andere Manuscripte befinden sich im Besitze -der Familie +de Sade+. Durch die kürzlich erfolgte Veröffentlichung -der Briefe der Marquise +de Sade+ durch +Paul Ginisty+ ist hoffentlich -diejenige der übrigen auf den Marquis +de Sade+ sich beziehenden -Schriftstücke inauguriert worden. Ihm ist im Jahre 1900 +Cabanès+ mit -seiner wertvollen Studie gefolgt, die neue zahlreiche archivalische -Dokumente zur Sade-Biographie beibringt. Die Sade-Forschung, welche in -der letzten Zeit in ein lebhafteres Tempo zu geraten scheint, bedarf -dringend weiteren Materials zum Studium eines der merkwürdigsten -Menschen und Schriftsteller. - - -4. Schriften im Sinne des Marquis de Sade. - -53. +L’Anti-Justine ou les Délices de l’Amour.+ Par M. Linguet, av. -au et en Parlem. Epigraphe: Casta placent superis. -- Manibus puris -sumite (cunnos). Avec soixante figures. Première partie. Fleuron: Tête -de faune couronnée de feuilles et de raisins. Au Palais-Royal: chez -feu la veuve Girouard, très-connue. 1798. Deux parties in 12. Mehrere -Neudrucke in Brüssel, einer (1863) in 2 Bänden, in-18^o, mit schlechten -colorierten Lithographien, die andern sorgfältiger, in-12^o, mit -Gravüren. Weitere Neudrucke „conformes à l’édition originale“ s. l. -(Brüssel 1864) 12^o, VIII, 260 S. (6 obsc. Gravüren); s. l. (Brüssel, -16 mittelm. Lithogr.); s. l. (Brüssel J. Gay) 16^o; Amsterdam chez de -Kick (Brüssel) 12^o 2 Bde. VIII, 114 und 166 S.; 6 freie Bilder; -s. l. (Amsterdam) 2 versch. Ausgaben, (eine blosser Text, andere mit -38 freien Bildern); Brüssel 1890 XVI, 103, 143 S. (in 1 Bd.) 8^o ohne -Bilder. -- In der Vorrede heisst es über +Sade+: „Blasé sur les femmes, -depuis longtemps, la Justine de Dsds. me tomba sous la main; elle me -mit en feu... Personne n’a été plus indigné que moi des ouvrages de -l’infame de Sades, que je lis dans une prison. Ce scélérat ne présente -les délices de l’amour, qu’accompagnés de tourments, de la mort même.“ -Der Zweck des Verfassers (+Rétif de la Bretonne+) ist ein anderer: -„Mon but est de faire un livre plus savoureux que les siens, et que -les épouses pourront faire lire à leurs maris; un livre où les sens -parleront an cœur; où le libertinage n’ait rien de cruel pour le sexe -des Grâces, où l’amour, ramené à la Nature, exempt de scrupules et de -préjugés, ne présente que des images riantes et voluptueuses.“ Die auf -dem Titel angegebenen 60 Bilder fehlen. - -54. +Pauliska, ou la Perversité moderne+, mémoires récents d’une -Polonaise. Paris, Lemierre et chez Courcier, an VI (1798), 2 Bände -in 12^o. 2 Bilder nach Art des Chaillu. Verfasser ist +Jacques Baron -Révérony de Saint-Cyr+ (1767-1829). Das eine Bild stellt eines Mann -dar, der vor einer Frau kniet und ihren Arm beisst, bis das Blut -kommt; das zweite zwei Frauen und ein Kind inmitten des Brandes und -Zusammensturzes eines Schlosses. -- Im „+Tribunal d’Apollon+“ Petit -Dictionnaire des auteurs contemporains (Paris, an VIII, 2 Bde.) wurde -der Roman sofort als einer „+à la Sade+“ qualificiert. Mit Bezug auf -die Stellung des Verfassers im Géniecorps wird hinzugefügt: „De grâce, -citoyen +Révéroni+, employez votre génie au génie.“ - -55. +Sabina d’Herfeld ou les Dangers de l’imagination.+ Paris -1757-1758. 2 Bände in 12^o. Verf. +Révérony de Saint-Cyr+. - -56. +Le Torrent des passions, ou les Dangers de la galanterie.+ Paris, -+Barba+, 1818. 2 Bde. Verf. +Révérony de Saint-Cyr.+ - -57. +Le Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets -du célibat réligieux+ par +T......e+ (+E. L. J. Toulotte+), Paris, -Pigoreau, 1803, 4 Bände in 12^o. - -58. +Justine ou les Malheurs de la vertu+ avec préface par Marquis de -Sade. Paris, Olivier, Impr. Maltesse, 1835, 2 Bände in 8^o, und Paris, -bei Bordeaux, éditeur, Hôtel Bullion, 1836, 2 Bände in 8^o. Verfasser -+Raban+. Eine buchhändlerische Speculation, die nur durch den Titel -an den gleichnamigen Roman des Marquis +de Sade+ erinnert. Verwässerte -Imitation desselben. - -59. +Aus den Memoiren einer Sängerin.+ Boston. Reginald Chesterfield -(Verlagsbureau Altona) kl. 8^o, 2 Bände, VII, 244 und 251 S. Bd. I -erschien 1862 (nach +Fraxi+ 1868) und 1870. Bd. II 1875. -- Neudruck, -Bucarest, Jacob Casanova (sic!) 2 Bde. - -Soll Autobiographie der +Schröder-Devrient+ sein. Das einzige uns -bekannte deutsche Buch im Genre der Schriften des Marquis +de Sade+. - -60. +Virilités+ par +Émile Chevet+, Paris, A. Lemerre, 1882, in 18^o. -Sammlung von Gedichten. Besonders „Le Fauve“ ist eine glühende Apologie -des Sadismus und des Marquis +de Sade+. - -Betreffs der übrigen sadistischen Romane verweisen wir auf das betr. -Kapitel in Abschnitt IV. - -61. Im Fructidor des Jahres VII liess +Prévost+, Direktor des Théâtre -sans prétention ein Stück „+Justine ou les Malheurs de la vertu+“ -ankündigen, dessen Aufführung die Polizei verbot. - - -5. Schriften über den Marquis de Sade und den Sadismus. - -62. +Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la vertu+ -par +Charles Villers+ Paris 1877. Kl. 8^o 23 S. Neuausgabe von +A. P. -Malassis+. Das Original erschien im Jahre 1797 im „Spectateur du Nord“ -Band IV. - -63. Interessante Mitteilungen über die +Theateraufführungen Sades+ in -Charenton, Brief vom 23. Mai 1810 an Madame +Cochelet+, an den Direktor -+Coulmier+ in „Revue anecdotique“, Bd. X (Nouvelle Série, Bd. I) 1860. -S. 101 bis 106. - -64. +Mémoires secrets pour servir à l’histoire de la République des -Lettres en France ou Journal d’un observateur+, Bd. VI, S. 162-163. -(Affäre von Marseille.) - -65. +Lettres de la Marquise Du Deffand à Horace Walpole+, depuis -comte d’Orford, écrites dans les années 1766 à 1780 etc. Nouv. édit. -corrigée. Paris 1812. Bd. I, S. 225 bis 227; 228-229 (Affäre Keller). - -66. +Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de -la Bretonne par P. L. Jacob+, bibliophile. Paris 1875 S. 413-423 -(+Rétif’s+ Beziehungen zum Marquis +de Sade+ nach Stellen aus seinen -Schriften). - -67. +Détention du marquis de Sade+ in: Revue rétrospective Bd. I, Paris -1833 S. 256 ff. - -68. +L’espion Anglais+ London 1784 Bd. II, S. 393 bis 395 (Affären von -Marseille und der Keller). - -69. +Journal de la cour et de Paris, depuis le+ 28 +novembre+ 1732 -jusqu’au 30 +novembre+ 1733 in: Revue rétrospective Bd. VII, 1836 S. -118-119 (+Voltaire+ und die Familie +Sade+). - -70. +Histoire physique, civile et morale de Paris+ par +J. A. Dulaure+. -Paris 1821 Bd. VI, S. 224. (Urteil über den Marquis +de Sade+). - -71. +Charles Nodier+ „Souvenirs, épisodes et portraits pour servir à -l’histoire de la révolution et de l’empire“. Paris 1831 Bd. II, S. -57-60. (Ueber die Persönlichkeit +Sade’s+). - -72. +Petite Bibliographie biographico-romancière etc.+ par +Pigoreau+ -Paris, Octobre 1821 S. 309. (Ueber Leben und Schriften.) - -73. +J. S. Ersch, „Supplément à la France littéraire de+ 1771-1796“, -Hamburg 1802 S. 412. - -74. +J. S. Ersch+, „La France littéraire“ Hamburg 1798 Bd. III, S. -221-222. - -75. +Jules Janin+ „Le Marquis de Sade“ in: Revue de Paris. Bd. XI, -1834, S. 321-360. Nachgedruckt in den „Catacombes“ Bd. I, 1839 und -abgekürzt in „Le Livre“ Paris 1870 S. 279-292. Auch deutsch Leipzig -1835 8^o. - -76. +Paul L. Jacob+, bibliophile „La Vérité sur les deux procès -criminels du Marquis de Sade“ Revue de Paris 1837. Bd. XXXVIII, S. -135-144. Später als eine der „Dissertations sur quelques points curieux -de l’Histoire et de l’Histoire littéraire par le Bibliophile Jacob“ -wieder erschienen. Endlich nochmals abgedruckt in „Curiosités de -l’Histoire de France, 2e série: Les Procès célèbres.“ Paris 1858, in -12^o S. 225 ff. - -77. +Le Marquis de Sade+, Paris, chez les Marchands de nouveautés, -1834. Ein Band in 12^o VIII, 62 S. mit einem Phantasieporträt des -Marquis +de Sade+ aus der Sammlung des Herrn +de la Porte+. Das Datum -ist falsch, da diese Publikation nur ein Nachdruck der Artikel von -+Janin+ und +Lacroix+ ist, letzterer aber erst 1837 seine Abhandlung -schrieb. - -78. +Dictionnaire des Athées+ par +Sylvain Maréchal+ 2e éd, par +J. -Lalande+, Bruxelles 1833 Supplément S. 84. (+Sade+ als Atheist). - -79. +Biographie universelle ancienne et moderne+ (+Michaud+) Paris -1863. Bd. 37, S. 217-224. (Artikel des jüngeren +Michaud+). - -80. +Biographie universelle et portative des contemporains+ depuis 1788 -jusqu à nos jours. Paris 1836. Band V, S. 698-699. - -81. +Biographie générale+ Bd. XLII. (Artikel von J. M. r. i.) - -82. +Jules Renouvier+ „Histoire de l’art pendant la révolution“ Paris -1863 S. 269. (Obscöne Bilder zu den Werken +Sade’s+). - -83. +Le Marquis de Sade, l’Homme et ses écrits.+ Etude -bio-bibliographique. Sadopolis, chez Justin Valcourt, à l’enseigne de -la „Vertu malheureuse“, l’an 0000 (Bruxelles, J. Gay, 1866) in 12^o, 72 -S., Verfasser +P. G. Brunet+. Confisziert 1874. Enthält den Anhang: Le -Discours prononcé à la Section des Piques, par Sade, citoyen de cette -section et membre de la Société populaire. -- Die Schrift ist wieder -abgedruckt in „Zoloé et ses deux Acolytes etc.“ (Siehe No. 22.) - -84. +Index librorum prohibitorum+ being Notes bio-biblio-iconographical -and critical on curious and uncommon Books by +Pisanus Fraxi+, London -1877. S. 30-39 (Analyse von „Aline et Valcour“ Mitteilungen über -+Sade+), S. 406-410 (Analyse von „Zoloé et ses deux Acolytes“) S. -422-424 (Ueber ein +Sade+’sches Manuscript). - -85. +Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne -des Lasters.+ Kritische Ausgabe nach dem Französischen des Marquis -de Sade. Leipzig Carl Minde (1874) kl. 8^o 155 S. Im wesentlichen ein -Phantasieprodukt, doch nicht ohne einige treffende Bemerkungen. - -86. +Die Schule der Wonne.+ Aus dem Französischen des Werkes „La -philosophie dans le boudoir“ vom Marquis de Sade, Verfasser von -„Justine und Juliette“ Leipzig. Carl Minde. (1875?) Enthält eine -Analyse der philosophischen Excurse in der „Philosophie dans le -Boudoir“ und ebenfalls schätzbare Bemerkungen. - -87. +Idée sur les Romans+ par D. A. F. de Sade publiée avec préface, -notes et documents inédits par +Octave Uzanne+ Paris 1876 Edouard -Rouveyre gr. 8^o XLVIII, 50 S. Die „Préface“ enthält eine Biographie -+Sade’s+ und eine Bibliographie von 37 Nummern, sowie einige Briefe des -Marquis +de Sade+ an die Direktion der Comédie Française. Dann folgt -der Abdruck der „Idée sur les Romans“ mit Anmerkungen. - -88. +Le Livre+ par +J. Janin+, Paris 1870. 8^o S. 291 (Testament) - -89. +Cazin, sa vie et ses éditions+, Cazinopolis 1863 kl. 8^o S. 149. -(Ueber die zweite Ausgabe der „Justine“.) - -90. +Les Crimes de l’amour.+ Précédé d’un Avant-propos, suivi des -Idées sur les romans, de l’auteur des crimes de l’amour à Villeterque, -d’une notice bio-bibliographique du marquis de Sade: l’homme et ses -écrits et du discours prononcé par le marquis de Sade à la section -des Piques. gr. 8^o Bruxelles Gay et Doucé 1881, VI, 273 S. Eine sehr -schätzbare Kollection von Sadiana. Von uns im Text stets als „Les -Crimes de l’Amour etc.“ zitiert. Inhalt: Abdruck der historischen -Novelle „Juliette et Raunai ou la conspiration d’Amboise“ (aus der -Novellensammlung „Les crimes de l’amour“) S. 1-96; die „Idée sur les -Romans“ S. 97-135. „L’auteur des crimes de l’amour à Villeterque -folliculaire“. S. 137-153; „Le Marquis de Sade, l’homme et ses écrits“ -S. 155-264 (neuer und bedeutend vermehrter Abdruck der +Brunet+’schen -Bio-Bibliographie); „Section des Piques. Discours etc. par Sade, -citoyen de cette section, et membre de la Société populaire“, S. -265-272. - -91. +La curiosité littéraire et bibliographique 1e et 3e+ série. Paris -1882. Enthält im 1. Bande kurz Analyse der „Justine“, im 3. Bande S. -131-169 eine zwar sehr unvollständige, aber an treffenden Bemerkungen -reiche Analyse der „Juliette“, sowie S. 169-176 den Abdruck des -sadistischen Gedichtes „Le Fauve“ von +E. Chevé+. - -92. +A. Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft VII. Jahrgang -No. 26, vom 25. März 1899 S. 497-515. Eine geistvolle Studie, welche -die Sade-Forschung in Deutschland eröffnet. Inhalt: Allgemeines über -die Bedeutung des Marquis +de Sade+ S. 497-499; das Leben S. 499-504; -die Werke S. 504 bis 507; geistig-sittliches Niveau und Zusammenhang -mit anderen Zeitrichtungen S. 507-512; krankhafter Geisteszustand de -Sades S. 512-515. - -93. +Lettres inédites de la Marquise de Sade+ par +Paul Ginisty+ in: La -Grande Revue 3e Année No. 1. Paris 1er janvier 1899 S. 1-31. -- Höchst -wertvolle Studie über das Verhältnis zwischen dem Marquis +de Sade+ und -seiner Frau, nebst neuen Beiträgen zur Lebensgeschichte. - -94. +Le Marquis de Sade et le Sadisme+ par le Dr. +Marciat+ in: „Vacher -l’éventreur et les crimes sadiques“ par +A. Lacassagne+ Lyon et Paris -1899 gr. 8^o S. 185 bis 237 und S. 411. Eine schätzbare Abhandlung mit -mehreren neuen Beiträgen und originellen Bemerkungen. - -95. R. v. +Krafft Ebing+ „+Neue Forschungen auf dem Gebiete der -Psychopathia sexualis+“ 2. Auflage Stuttgart 1891; enthält ein Kapitel -„Ueber Masochismus und Sadismus“ S. 1-45. - -96. +Léo Taxil+ „+La corruption fin de siècle+“ Nouv. édit. Paris 1894. -Enthält S. 213-246 ein Kapitel „Le sadisme“ mit einer Biographie des -Marquis +de Sade+. - -97. +A. Eulenburg+ „+Sexuale Neuropathie+“ Leipzig 1895 S. 108-125. -Reich an lichtvollen Bemerkungen über den Sadismus. - -98. +Le Sadisme au point de vue de la médecine légale, les crimes -sadiques par A. Lacassagne+ in: Vacher l’éventreur etc. Lyon et Paris -1899, S. 239 bis 282. - -99. +Brierre de Boismont+ „+Remarques médico-légales sur la perversion -de l’instinct génésique+“ in: Gaz. médicale de Paris No. 29 vom 21. -Juli 1849. - -100. Bemerkungen über Sadismus an verschiedenen Stellen bei -+von Schrenck-Notzing. „Die Suggestionstherapie bei krankhaften -Erscheinungen des Geschlechtssinnes u. s. w.+“ Stuttgart 1892, R. +von -Krafft-Ebing+ „+Psychopathia sexualis+“ 5. Aufl. Stuttgart 1890 u. ö., -+A. Moll+ „+Die konträre Sexualempfindung+“ 2. Aufl. Berlin 1893 u. ö., -+A. Moll+ „+Untersuchungen über die Libido sexualis+“ Berlin 1898 -Bd. I, (der +zweite+ Band soll speziell den Sadismus behandeln), +B. -Tarnowsky+. „+Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes+“ -Berlin 1886. - -101. +W. Russalkow+ „+Grausamkeit und Verbrechen im sexuellen Leben+“ -Leipzig 1899, speziell: „Der Masochismus“ S. 45-56, der „Sadismus“ S. -57-77. - -102. +Etude sur la Flagellation au point de vue médical et historique+ -Paris 1899, Prachtwerk. - -103. +L. Thoinot+ „+Attentats aux mœurs et perversions du sens -génital+“ Paris 1898. - -104. Ganz kurze Erwähnungen des Marquis +de Sade+ in +Mercier’s+ -„+Nouveau Tableau de Paris+“, +Houssaye’s+ „+Notre Dame de Thermidor+“, -+Michelet’s+ „+Histoire de la Révolution+“, +Maxime du Camp’s+ -„+Paris, sa vie, ses fonctions et ses organes+“ Bd. V., +Piazzolli’s+ -„+Catalogue de livres rares et curieux+“ Mailand 1880 S. 394-396, -+Thevenot de Morande’s+ „Gazette noire par un homme qui n’est pas -blanc“ 1784, +Soulié’s+ „Mémoires du Diable“, +Meyer’s+ „+Fragmente -aus Paris+“, Bd. I, „+Dictionnaire Larousse+“, +H. Taine’s+ „Origines -de la France contemporaine“, in +Tullio Dandolo’s+ „Schizzi litterari“ -Turin 1840, „Chronik des Œil de Bœuf“ Bd. VIII (Marseiller Affaire); -+O. L. B. Wolff+ „Allg. Geschichte des Romans“ (über „Justine“); +Jean -de Villiot+ „La flagellation à travers le Monde“ Paris 1900 Bd. II -(Aff. Keller); „Denkwürdigkeiten der Marie Antoinette“ Leipzig 1836; -+Böttiger’s+ „Sabina“ Ausgabe von 1810 (in einer Anmerkung); +Frusta+ -„Der Flagellantismus und die Jesuitenbeichte“ Stuttgart 1849; „Magazin -für Litteratur“ Jahrg. 1891; +Karl Goldmann+ „Masochismus und Sadismus -in der Litteratur“; +Oettinger’s+ „Moniteur des Dates“, Artikel „Sade“ - -105. +Le Marquis de Sade, ses aventures, ses œuvres, passions -mystérieuses, folies, érotiques.+ Arthème Fayard, éditeur, 78 boulevard -Saint-Michel, Paris O. J. lex. 8^o. 932 Seiten, 116 Bilder. Ein -Hintertreppenroman von riesigem Umfange, dessen 5 Teile folgende Titel -haben: 1. L’orgie de Marseille, 2. La femme écorchée vive, 3. Les faux -bonnets rouges, 4. L’or tout-puissant, 5. Le pensionnaire de Charenton. --- Das Ganze eine seltsam-romantische Mischung von Dichtung und -Wahrheit, unter Benutzung historischer Werke wie +Michelet’s+ „Histoire -de la révolution“ u. s. w. Die Bilder sind sehr schlecht und zum Teil -abschreckend. - -106. +La marquise de Sade par Rachilde.+ Ein moderner Roman, der von -+A. Eulenburg+ „Sexuale Neuropathie“ S. 86 zitiert wird. - - -Nachträge. - -107. +Jeanne Laisné, ou le Siège de Beaucis+, tragédie en 5 actes. Mit -8 gegen 3 Stimmen im Théâtre-Français abgelehnt (1791), wegen einer -Verherrlichung +Ludwig’s+ XI. MS. - -108. +Les Ruses d’amour+, comédie épisodique, en 1 acte, en prose. MS. - -109. +Euphemie de Melen, ou le Siège d’Alger+: trag. en 1 acte, en -vers. MS. - -110. +Azelis ou la coquette punie+, comédie féerie en 1 acte, en vers -libres. Angenommen im Théâtre de la rue de Bondi (1790). MS. - -111. +Divertissement.+ MS. - -112. +Tancrède+, scène lyrique, en vers. MS. - -113. +La Tour mystérieuse+, opéra-comique en 1 acte. MS. - -114. La +Fête de l’amitié+, prologue. MS. - -115. +L’hommage de la reconnaissance+, vaudeville en 1 acte (In -Charenton aufgeführt). MS. - -116. „+Journal de l’amateur de livres.+“ Paris 1849. Bd. III, S. 3-6 -(Ueber „Zoloé et ses deux Acolytes“). - -117. „+Journal de la librairie+“ Paris 1815. S. 38. - -118. „+Les fous célèbres+“ in 18^o, 1840. (Mit Phantasiebild +Sade’s+). - -119. +Le Livre.+ Sept. 1883. S. 589 (Nachrichten über „Aline et -Valcour“). - -120. +A. Cabanès+ „La prétendue folie du Marquis de Sade“ in: Le -Cabinet Secret de l’Histoire, 8^o, Paris, A. Maloine, 1900 S. 259-320. --- Ein neuer, höchst wichtiger Beitrag zur Sade-Forschung. Enthält -hauptsächlich neues Material zur Lebensgeschichte +de Sade’s+ aus dem -Archiv der auswärtigen Angelegenheiten und dem Archiv des Irrenhauses -in Charenton. In Kürze werden wir wohl neuen Veröffentlichungen -entgegensehen dürfen. - -121. -- +bl+ --, Recension meines Werkes in: Zeitschrift für -Bücherfreunde, IV. Jahrgang, Heft 2/3 (Mai/Juni 1900) S. 122-124. -- -Vortreffliche, höchst schätzbare Correcturen und Nachträge enthaltende -Kritik der vorliegenden Schrift. Der Verfasser ist ein genauer -Sade-Kenner. - -122. +Menabrea+ „Les Origines féodales dans les Alpes occidentales“ -Turin 1865, 4^o, S. 573 ff. -- (Ueber +de Sade’s+ Aufenthalt in Fort -Miolans). - -123. Alfred Bégis „Notes de Police“ über den Aufenthalt Sade’s in der -Bastille in: „Nouvelle Revue“ November-December 1880 S. 528 ff. - -124. +L’Amateur d’Autographes+ 1863 S. 279; 1864 S. 105-106; 1866 -(Briefe und Mitteilungen über +de Sade+). - -125. +M. A. Baudot+ „Notes historiques“ publiées par Mme +Edgar+ Quinet -S. 62-65 (über +Désorgues+, +de Laage+, Abbé +Fournier+ und den Marquis -+de Sade+ als Opfer der napoleonischen Polizeiwillkür). - -126. +Oswald Zimmermann+ „Die Wonne des Leids. Beiträge zur Erkenntnis -des menschlichen Empfindens in Kunst und Leben.“ 2. Auflage, Leipzig, -C. Reissner 1885 enthält S. 107-114 ein Kapitel „Die Association von -Wollust und Grausamkeit“, aber auch sonst vielfache Erörterungen über -das Verhältnis zwischen Schmerz und Wollust. - -127. +Justine+, or the Misfortunes of Virtue, by the Marquis +de -Sade+ for the first time translated from the French original -edition (Holland, 1791) Paris, +J. Liseux+, 1883, 8^o 400 S. -- -Englische Ausgabe des „Liber Sadicus“ von +J. Liseux+. -- Nach „Z. f. -Bücherfreunde“ Mai/Juni 1900 S. 122 wurden in letzter Zeit „Justine“ -und „Juliette“ mehrfach ins Englische übertragen. - -128. +Episodischer Auszug der Nouvelle Justine.+ Darüber heisst es -in „Z. f. Bücherfreunde“ a. a. O. S. 121-122: „Eine Analyse der -‚Juliette‘, vermischt mit biographischen Details über deren Verfasser, -leitet auch einen episodischen Auszug des Werkes ein, der vor kurzem -erschienen ist und der Ankündigung nach auch in das Deutsche übersetzt -werden sollte. Es würde dies die erste Uebersetzung eines Werkes Sade’s -in das Deutsche sein.“ - -129. +Le Libertin hollandais.+ Ein jüngst in Brüssel neugedruckter -Roman, dessen Verfasser angeblich der Marquis +de Sade+ ist. (Z. f. B. -S. 123.) - -130. +The Double Life of Cuthbert Cockerton+, Esq. Attorney-at-law -of the city of London. His History and that of his daughter and some -curious anecdotes of other ladies and their lovers. From +The Original -Ms. Dated+ 1798. Penzane Jn the Year of our Lord. 1894 (1900) 8^o, -450 Seiten. -- Nach der Vorrede ein unter dem Einflusse der Schriften -+Sade’s+ entstandenes Werk. Wenn es echt wäre, würde es das früheste -sadistische Werk in England sein. Es ist höchstwahrscheinlich neueren -Ursprungs. - -131. +The Sword and Womankind.+ Being a study of the Influence of „The -Queen of Weapons“ upon the moral and social statuts of women. Adapted -from +Ed. de Beaumont’s+ „L’Epée et les Femmes“ with additions and -an index by +Alfred Allison+ M. A., Oxon, and an etched frontispice -by +Albert Bessé+. Paris 1900 8^o, 360 S. -- Interessantes Werk über -Masochismus des Weibes. Kapitel XI des dritten Teiles handelt von den -„Lady-Killers.“ - -132. +The Pleasures of Cruelty+ being a sequel to the reading of -+Justine et Juliette+ by the Marquis de Sade. Paris et London 1898. 8^o -3 Bände 84, 122, 114 Seiten. -- Exquisit sadistische Erzählung. - -133. +G. Brunet+ „Fantaisies bibliographiques“, Paris, +J. Gay+, 1864. -12^o. (Enthält Bemerkungen über „Zoloé“). - -134. +L’Esprit des mœurs au+ XVIIIe +siècle; ou la petite Maison+ prov. -en 3 a. et en pr., traduit du Congo; par M. +d’Unsi-Terma+ (+Mérard -de St. Just+). Lampsaque (Paris) 1790, 8^o 40 und 120 S. -- Ein sehr -freies und seltenes Stück. Auch bekannt unter dem Titel „La folle -journée“. Zuerst in Bd. II der „Espiègleries, joyeusetés etc.“ (Londres -1777), aber nur in 2 Akten veröffentlicht. Enthält Anspielungen auf -zeitgenössische Persönlichkeiten. Wiedergedruckt im „Théâtre gaillard“. -Ausg. von Brüssel 1865 (Bd. II, S. 81-182). -- +Paul Lacroix+ (im -„Catalogue Soleinne“ unter Nr. 3865) glaubt nicht, dass ein solches -obscönes Stück von +Mérard de St.-Just+ geschrieben sein könne, und -schreibt es seinem Inhalt nach dem Marquis +de Sade+ zu, besonders die -Ausgabe von 1790 in 3 Acten. - -135. +Elica, ou les Malheurs de la vertu+, par +J. A. Gardy+, Paris, -Tiger, 1813, 1818, in 18^o. -- Inhalt mir unbekannt, dem Titel nach -aber offenbar von „Justine, ou les Malheurs de la vertu“ beeinflusst. - -136. +The Inutility of Virtue.+ Translated from the French by Dr. --, -of Magdalene College, Oxford. London: Published as the Act directs, By -Madame +Le Duck+, Mortimer Street; And to be had of all Respectable -Booksellers. 1830. Price 2 l. 2 s. -- 12^o 72 S., 9 obscöne, gut -ausgeführte Kupfer. Veröffentlicht von +J. B. Brookes+. -- Neudruck von -+W. Dugdale+ um 1860 mit dem folgenden neuen Titel: - - „O Virtue! What art thou but an empty name?“ - - +Brutus.+ - -„+The Inutility of Virtue+, A Tale of Lust and Licentiousness, -Exemplified in the History of a Young and Beautiful Lady, Modest and -Virtuous, who, by a Series of Unfortunate Circumstances, is first -+Ravished by a Robber+, Then become successively the victim of Lust -and Sensuality; till overpowered by Debauchery, her passions become -Predominant, her Mind remaining Pure, while her Body is contaminated. -The whole richly and beautifully Narrated, and illustrated with -+Numerous Elegant Engravings. Showing the Triumphs of Vice, and the -Degradation of Virtue. London, Printed for the Society of Vice+.“ 8^o -59 S., 8 schlechte, colorierte obscöne Lithographien, keine Copien der -früheren Bilder. -- Im Anfange der „Justine“ fällt bekanntlich die -Titelheldin in die Hände von Briganten. Dieses Buch ist gewissermassen -eine weitere Ausführung und Nachahmung jener Episode der „Justine“ -und offenbar unter dem Einflusse der Schriften des Marquis +de Sade+ -entstanden. - -137. +Josef von Görres+ „Die christliche Mystik“ Regensburg 1842, Bd. -IV, 2te Abteilung, S. 421-470, Kapitel: „Der Zeugungstrieb und die -Blutgier als Anknüpfungspunkte dämonischer Rapporte“. -- Lesenswert -wegen der merkwürdigen Auffassung und Erklärung der sadistischen -Erscheinungen. - -138. +Le Tartuffe libertin, ou le Triomphe du vice.+ A. Cythère, -chez le gardien du temple (gegen 1831). 18^o 107 S. Mit 6 schlechten -erotischen Lithographien. Sehr obscöne Schrift mit sadistischen -Maximen, die man, offenbar ohne sie gelesen zu haben, dem Marquis -+de Sade+ zuschrieb. Denn es ist darin von Personen der Zeit des -Bürgerkönigs +Louis-Philippe+ die Rede. -- Englische Uebersetzung, -London ohne J. (1840) 8^o mit 4 Bildern. -- Französischer Neudruck: -+Le Tartufe+ (sic.) +Libertin+ ou le Triomphe du Vice (Par le Marquis -+de Sade+). En Hollande Chez Les Libraires Associés 1789 in: Le -Parc-aux-Cerfs Episcopal-Histoire Edifiante et Curieuse du Séminaire de -Vénus etc. Brüssel 1876 (bei +Vital Puissant+) 12^o 180 S. (Inhalt: 1) -Le Bordel Episcopal; 2) Le Tartufe Libertin; 3) La Bulle d’Alexandre -VI.; 4) Les Réclusières de Vénus). - - -2. Nachtrag - -(Zusätze des Verlegers). - -139. Les 120 Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage par le -Marquis de Sade. Publié pour la première fois d’après le manuscrit -original, avec des annotations scientifiques par le Dr. Eugène Dühren. -Paris, Club des Bibliophiles MCMIV. Ein starker Band in Lex. 8^o von -IV und 543 Seiten. Privatdruck in 200 Exemplaren. Sehr schöne Ausgabe. -Vergl. auch No. 36. - -140. +Die Geschichte der Justine oder die Nachteile der Tugend.+ Aus -dem Französischen zum ersten Male ins Deutsche übertragen von Dr. -Martin Isenbiel. 1906. Privatdruck. 4 Bände in 1 Band. Gr. 8^o. 420 -Seiten. -- +Die Geschichte der Juliette oder die Vorteile des Lasters.+ -Aus dem Französischen zum ersten Male ins Deutsche übertragen von Dr. -Martin Isenbiel. 1906. Privatdruck. 6 Bände in 1 Band. Gr. 8^o. 607 -Seiten. In 550 in der Maschine numerierten Exemplaren hergestellt. - -141. Neue Forschungen über den Marquis de Sade und seine Zeit von Dr. -Eugen Dühren. Gr. 8^o. 480 Seiten. Berlin 1902. - -142. Rétif de la Bretonne, Der Mensch, der Schriftsteller, der -Reformator. Von Dr. Eugen Dühren. Gr. 8^o 515 Seiten. Berlin 1906. - - - - -Namen-Register. - - - A. - - =Abel, C.=, 18. - - =Abricossoff=, Madame, 83, 213. - - =Achelis=, Th., 11, 12, 27, 28, 267. - - =Agrippa=, Cornelius, 220. - - =Agirony=, 105, 225. - - =l’Aigle=, de, 104. - - =Albani=, Kardinal, 52, 105. - - =d’Albert=, Mademoiselle, 73. - - =Albert=, Henri, 495, 496. - - =d’Alembert=, 152, 404. - - =Alexander VI.=, Papst, 106, 278, 384. - - =Allard=, Madame, 103. - - =Altieri=, Kardinal, 105. - - =Amythone=, 187. - - =Andromeda=, 187. - - =Anneci=, Herzog von, 152. - - =Apulejus=, 480. - - =Aremberg=, Prosp. v., 496. - - =Aretino=, P., 104, 278. - - =d’Argens=, Marquis, 66, 74, 91, 94. - - =Aristophanes=, 3. - - =Arnould=, Schauspielerin, 156, 192. - - =Arnoux=, 103. - - =Aroût=, Mademoiselle, 277. - - =d’Artagnan=, 383. - - =Artois=, Graf von, 45, 46, 47, 140, 155. - - =d’Arzigny=, Chevalier, 140. - - =Aubertin=, Ch., 89. - - =Aubry=, 85. - - =Aulard=, 338. - - =Aumale=, Duc. d’, 465. - - =l’Auteroche=, 267. - - =Avé-Lallemant=, 240. - - =Avicenna=, 220. - - - B. - - =Bachaumont=, 117, 316. - - =Bachofen=, 13. - - =Bagnolet=, Pfarrer von, 60. - - =Bandus=, M. J. L. A. de, 468. - - =Barbey d’Aurévilly=, 475. - - =Barbier=, 44, 94. - - =Bardeleben=, K. von, 6. - - =Barras=, 336, 337, 399. - - =Barrès=, M., 475, 476. 493. - - =Barruel=, 37, 38. - - =Barry=, Madame du, 77, 81, 132, 157, 217. - - =Barry=, Graf Jean du, 82. - - =Bartels=, M., 11, 223. - - =Barthold=, F. W., 134, 280. - - =Basilius=, 462. - - =Bastian=, A., 13. - - =Báthory=, Elisabeth, 272. - - =Baudelaire=, Ch., 474, 488. - - =Bavant=, Magdalaine, 70. - - =Bayle=, P., 36, 189, 383. - - =Beauffremont=, Prince de, 104, 273. - - =Beauharnais=, Josephine de, 337, 399. - - =Beaumarchais=, 198 ff., 434. - - =Beauvoisin=, 315. - - =Bebel=, A., 14, 15. - - =Beccaria=, C., 248. - - =Bécherand=, Abbé, 82. - - =Bechterew=, W. v., 82, 245. - - =Behrend=, G., 15, 443. - - =Bellarmin=, 285. - - =Ben Akiba=, 115. - - =Ben Ali=, 487. - - =Benedikt XIII.=, Papst, 294. - - =Benedikt XIV.=, Papst, 106. - - =Benzi=, 64. - - =Bérard=, 90. - - =Bergh=, R., 224. - - =Berkley=, Theresa, 211/12. - - =Bernard=, P. J., 79, 92, 93. - - =Bernard-Saint-Afriques=, A. de, 329. - - =Bernis=, Cardinal, 52, 105, 188, 285, 287. - - =Bertrand=, 41. - - =Bettelheim=, A., 201, 434. - - =Bièvre=, Marquis de, 194. - - =Binz=, C., 216. - - =Biran=, Marquis de, 205. - - =Blanchon=, J., 189. - - =Blanquet=, 44. - - =Bleibtreu=, K., 484. - - =Blennerhasset=, 86. - - =Bloch=, J., 232. - - =Bloch=, Michel, 489. - - =Blot=, Madame de, 85. - - =Boccaccio=, 278, 284. - - =Boileau=, 209, 470. - - =Boisdeffre=, 495. - - =Bois-Reymond=, E. du, 77, 503. - - =Bonaparte=, 337, 399. - - =Bonneau=, A., 126, 425, 477. - - =Borde=, Cl., 106. - - =Bordeaux=, 472. - - =Borel=, P., 473. - - =Borgia=, Cesare, 278. - - =Borghese=, Kardinal, 105, 179. - - =Borromeo=, Graf Friedrich, 279. - - =Bossard=, 271. - - =Bouchard=, 206, 207. - - =Boucher=, 110. - - =Bougainville=, 267. - - =Bouguer=, 267. - - =Bouillaud=, 214. - - =Bouillon=, Duc de, 154. - - =Bourdon=, G., 117. - - =Bourdroux=, 241. - - =Bourget=, P., 474, 478, 479. - - =Bourgogne=, Herzog von, 274. - - =Bourgoing=, 287. - - =Bouvier=, 62. - - =Bragadin=, 281. - - =Brancaforte=, 283. - - =Brandes=, G., 76, 108, 109. - - Brantôme, 270. - - =Braschi=, G. A. Graf, siehe =Pius VI.= - - =Bray=, Comtesse de, 277. - - =Brienne=, de, 63. - - =Brierre de Boismont=, 214, 313, 314, 455, 488, 489. - - =Brillat-Savarin=, 50, 236. - - =Brinvilliers=, Marquise de, 243 ff. - - =Brissaud=, 213. - - =Brisson=, Madame, 177. - - =Brosch=, Moritz, 288. - - =Broussais=, 214. - - =Brücke=, E. W. v., 190. - - =Brunet=, G., 262, 275, 276. - - =Buckingham=, Lord, 71. - - =Buckle=, Th., 12, 73, 74, 87, 504. - - =Buffon=, 36, 78, 107, 188, 416. - - =Bullion=, 277. - - =Burney=, 400. - - =Bussy-Rabutin=, 205. - - - C. - - =Cabanès=, 298, 306, 307, 308, 313, 318, 319, 321, 322, 326, 328, - 329, 332, 338, 345, 346, 347, 399, 452. - - =Cabarrus=, Thérèse, (Mad. Tallien), 122. - - =Cadière=, Cathérine, 66, 67, 94, 120. - - =Cagliostro=, 120. - - =Camargo=, Tänzerin, 152. - - =Camp=, Maxime, du, 146, 155. - - =Capo de Feuillade=, 479. - - =Capponi=, Donna, 106. - - =Caracalla=, 462. - - =Carlier=, 104. - - =Carlyle=, Th., 250, 259, 260, 262, 264. - - =Caron=, 263. - - =Carracci=, Augusto u. Annibale, 278. - - =Carraccioli=, Marquis de, 166. - - =Carrée=, 402. - - =Carrier=, J. B., 262, 263 ff. - - =Cartouche=, 246, 249. - - =Casanova=, J. de, 43, 59, 79, 112, 113, 119, 134, 135, 136, 140, - 141, 152, 153, 164, 201, 202, 217, 218, 224, 255 ff., 279, 281 ff., - 302, 317. - - =Casper=, J. L., 283, 451. - - =Caylus=, Graf, 66, 91, 94, 95, 118. - - =Cazin=, 349. - - =Cérutti=, 38, 62. - - =Chaillu=, 473. - - =Chaise=, de la, 64. - - =Chambonas=, de, 141. - - =Chamisso=, A. v., 466, 467. - - =Chanoine=, 496. - - =Chantilly=, Schauspielerin, 87. - - =Charavay=, 326, 329, 345. - - =Charlevoix=, 267. - - =Charolais=, Graf, 278 ff., 429, 458. - - =Chartres=, Duc de, 155, 163, 227. - - =Chartres=, Duchesse de, 217. - - =Château-fort=, Opernsängerin, 156. - - =Château-neuf=, Opernsängerin, 156. - - =Châteauroux=, Duchesse de, 77 - - =Château-vieux=, Opernsängerin, 156. - - =Chaulieu=, 107. - - =Chaulnes=, Herzog von, 434. - - =Chaumette=, 85. - - =Chénier=, André, 266. - - =Chénier=, Marie-Joseph, 266. - - =Chéry=, 349, 402. - - =Cheve=, E., 477. - - =Choderlos de Laclos=, 96. - - =Choiseul=, Herzog von, 85. - - =Chorier=, Nicolas, 398. - - =Chuquet=, A., 166. - - =Cigogne=, 465. - - =Clairon=, 103, 192. - - =Clemens XIV.=, Papst, 287. - - =Clermont-Tonnerre=, Graf, 328, 334. - - =Cloots=, 38. - - =Cohen=, Henry, 92, 94, 473. - - =Coletta=, P., 287, 288. - - =Collot=, d’Herbois, 262, 265, 469. - - =Condé=, Prinz von, 274, 297, 298. - - =Condorcet=, 87. - - =Conrad=, M. G., 484. - - =Constant=, B., 467. - - =Conti=, Prinz, 132, 198, 297. - - =Conton=, 229. - - =Cook=, J., 268. - - =Cooper=, W. M., 209, 211. - - =Coppee=, Fr. 330. - - =Corday=, Charl., 335. - - =Corniger=, Franciscus, 189. - - =Cortina=, J. G. de la, 461. - - =Coulmier=, Abbé, 341, 342. - - =Coustou=, 116. - - =Couthon=, 469, 470. - - =Crébillon=, Cl. Pr. Jolyot de, 93, 96, 118. - - =Crigny=, Gräfin, 86. - - =Croy=, Duc de, 254. - - =Cyrine=, 187. - - - D. - - =Damiens=, R. Fr., 249 ff. - - =Dante=, 281. - - =Danton=, 87. - - =Darimajou=, 60. - - =Darwin=, Ch., 6. - - =Delagragne=, 246. - - =Desbarreaux=, 117. - - =Deschauffonis=, 249. - - =Desorgues=, Th., 338. - - =Despaze=, 471. - - =Desrues=, 246, 249, 257. - - =Dessoir=, M., 98. - - =Devilliers=, Madame, 157. - - =Diderot=, 74, 87, 89, 95, 96, 168, 170. - - =Dillen=, 63. - - =Dinaux=, 142. - - =Dioscorides=, 216. - - =Diotima=, 22. - - =Dittrich=, 479. - - =Dorat=, 105. - - =Douglas=, 198. - - =Dreyfus=, Alfred, 408, 495. - - =Drujon=, 397, 459, 472. - - =Drumont=, J., 495. - - =Duboc=, Julius, 10. - - =Dubois=, Schauspielerin, 103, 155. - - =Du Châtelet=, Madame, 87. - - =Duclos=, 78. - - =Du Deffand=, Marquise, 77, 308, 310. - - =Dufour=, P., 14. - - =Duhalde=, 267, 429. - - =Dulaure=, J. A., 83, 123, 141, 142, 175, 176, 217, 277, 335. - - =Dumas=, Alexandre der Aeltere, 102. - - =Dumont=, 267. - - =Dupin=, 208. - - =Dutard=, 38. - - =Du Thé=, Mademoiselle, 155. - - =Dyes=, 214. - - - E. - - =d’Egmont=, Comtesse, 81. - - =d’Egmont=, Comte, 152. - - =Eisenhart=, H., 422. - - =d’Elbœuf=, Duc, 104. - - =Elisabeth=, Charlotte, von der Pfalz, 205, 207. - - =Ellis Havelock=, 10, 11, 177, 202, 207. - - =d’Eon=, 95, 187, 191, 197. - - =Empedokles=, 8. - - =l’Escuyer=, 258 ff., 373. - - =Esterhazy=, 495. - - =Eulenburg=, A., 95, 98, 216, 271, 272, 293, 302, 311, 321, 348, 401 - ff., 408, 443, 448, 449, 451, 455, 458, 463, 474, 483, 484, 486, 487, - 491, 492, 496, 500. - - - F. - - =Faverolle=, 41. - - =Ferdinand IV.=, König von Neapel, 288 ff. - - =Ferrage=, Blaize, 275. - - =Ferriani=, L., 462. - - =Feuerbach=, L., 18. - - =Fichte=, 31. - - =Fischer=, K., 24, 31, 504. - - =Fleury=, Comte, 263, 264. - - =Floegel=, 69. - - =Florence=, 177. - - =Fontenelle=, 498. - - =Forberg=, F. C.. 194, 207. - - =Forges=, Chevalier de, 145. - - =Fouché=., 262. - - =Fouquier-Tinville=, 335. - - =Fourier=, Chr., 473. - - =Fournier=, 338. - - =Fragonard=, 110, 111, 112. - - =Francavilla=, Fürst von, 285. - - =Fraxi=, 66, 90, 139, 211, 212, 300. - - =Frémiet=, 500. - - =Frenzel=, K., 77, 96. - - =Friedländer=, B., 233. - - =Friedmann=, Fr., 406, 484. - - =Friedrich= der Große, 94. - - =Friedrich Wilhelm IV.=, 414. - - =Friese=, Comte de, 85. - - =Fronsac=, Duc de, 131, 306. - - =Furiel=, Madame de, 183-194. - - - G. - - =Gagnières=, 290. - - =Galiani=, Abbé, 79. - - =Galien=, J., 186. - - =Gall=, 345. - - =Galliard-Sansonetti=, 500. - - =Galliot=, 223. - - =Garnier=, P., 62, 179, 441. - - =Gay=, J., 92, 94, 472. - - =Gay= und =Doucé=, 461. - - =Gémonville=, Graf de, 236. - - =Geoffrin=, Madame, 77. - - =Gerland=, E., 178. - - =Ginisty=, P., 304, 305, 321, 324, 328. - - =Girard=, J. B., 66, 67, 94, 120. - - =Girtanner=, Chr., 226, 228. - - =Gobel=, 38. - - =Goethe=, J. W. von, 168, 434, 460, 467. - - =Goldsmith=, Oliver 422. - - =Goncourt=, E. u. J. de, 34, 41, 72, 85, 93, 120, 142, 143, 145, 166, - 274, 275. - - =Gorani=, 75, 284, 287 ff., 385. - - =Gourdan=, Madame, 81, 104, 127, 132, 133, 135, 157, 177 180, 182, - 183, 216, 220. - - =Grammont=, Duc de, 205. - - =Grandmaison=, 264. - - =Grandval=, 75, 118. - - =Grässe=, 118. - - =Gregor von Tours=, 497. - - =Grétry=, A., 116. - - =Griffet=, 307. - - =Grimod de la Reynière=, fils, 236. - - =Guerchy=, 198. - - =Guibourg=, Abbé, 71, 244. - - =Guillotin=, J., 262. - - =Guyot=, J., 499. - - =Guzmann=, Pater, 187. - - - H. - - =Haeckel=, E., 5, 6, 7. - - =Hagen=, Alb., 106, 139, 173. - - =Halem=, G. A. von, 164-166. - - =Haller=, A. von, 179. - - =Hamilton=, Lady, Emma, 289. - - =Hammonic=, 213. - - =Harenberg=, 64. - - =Hartmann=, E. v., 20, 21, 29. - - =Hausset=, Madame du, 239, 255. - - =Hegar=, A., 15. - - =Hegel=, 1, 22, 24, 29, 30, 503. - - =Heinrich III.=, 204, 216. - - =Heinrich IV.=, 204, 251. - - =Heinse=, W., 232. - - =Helfert=, v., 288. - - =Helvétius=, 78, 486. - - =Hensen=, V., 6. - - =d’Héricourt=, 104. - - =Herman=, G., 3, 17, 67, 71. - - =Herondas=, 232. - - =Herreau=, 65. - - =Hertwig=, O., 6. - - =Hieronymus=, 433. - - =Hobbes=, 501. - - =Hoffmann=, M. L., 468. - - =Holbach=, 36, 37, 38, 363, 408, 486. - - =Hössli=, H., 500. - - =Houdon=, 116, 187. - - =Houssaye=, Arsène, 116, 121, 266. - - =Humboldt=, Al. von, 414. - - =Huysmans=, J. C., 70, 476, 477. - - =Hyrtl=, J., 220. - - - I. - - =Inigué=, de, 60. - - =Isabeau=, Mademoiselle, 139. - - - J. - - =Jack=, the Ripper, 487. - - =Jacob=, Biblioph., 97, 99, 101, 102, 124, 140, 141, 145, 156, 157, - 160, 161, 167, 208, 301, 333, 335, 464, 465. - - =Jalé=, 152. - - =Janin=, J., 89, 151, 247, 293, 295, 301, 310, 336, 346, 401, 402, - 460, 461. - - =Jansen=, Cornelius, 64. - - =Jolande=, Königin v. Arragonien, 294. - - =Joubert=, Abbé, 418. - - =Jourdan=, 258 ff. - - =Jourgniac=, 261. - - =Julius III.=, Papst, 282. - - =Jullien=, 263. - - =Jumilhac=, de, 63. - - - K. - - =Kant=, 467. - - =Karl II.=, 229. - - =Karl IX.=, 216. - - =Karl X.=, 45. - - =Karoline=, Königin von Neapel, 94, 179, 286, 288 ff. - - =Katharina von Medici=, 216. - - =Keben=, G., 240. - - =Keller=, Albert, 500. - - =Keller=, Rosa, 308, 311 ff., 332. - - =Kleist=, H. v., 480. - - =Klinger=, M., 500. - - =Klobb=, Oberst, 496. - - =Kobelt=, G. L., 6. - - =Kobert=, R., 215, 217. - - =Kohut=, 245. - - =Kölliker=, A., 6. - - =Kraepelin=, E., 453, 454, 498. - - =Krafft-Ebing=, R. von, 9, 211, 435, 446, 447, 450, 451, 456, 463, - 488, 489. - - =Kretzer=, 484. - - =Kühn=, J., 14. - - =Kurtz=, 497. - - =Kurtzel=, A., 66. - - =Kydno=, 187. - - - L. - - =Laage=, de, 338. - - =Lacassagne=, A., 272, 299, 446, 448, 487. - - =La Chanterie=, Mademoiselle, 156. - - =Lacome=, 156. - - =La Condamine=, 267. - - =Lacour=, 43. - - =Lacretelle=, 273. - - =Lacroix=, Paul (Bibliophile), 46, 90, 97, 100, 102, 166, 293, 298, - 299, 301, 304, 305, 312, 315, 316, 320, 323, 328, 343. - - =Lafare=, Marquise de, 107. - - =La Ferté=, 45. - - =Lafitau=, J. F., 267. - - =La Guerre=, Opernsängerin, 154. - - =Lairtullier=, 86. - - =Lalanne=, L., 460. - - =Lally=, Graf de, 248. - - =Lamballe=, Pinzessin, 261, 306. - - =Lambercier=, Mademoiselle, 211. - - =La Mettrie=, 36, 38, 39, 62, 118, 152, 177, 363. - - =Lancret=, 110, 112. - - =Lange=, F. A., 12. - - =Lani=, Balletmeister, 153. - - =Lanjon=, 74, 117. - - =La Pérouse=, 267. - - =La Prairie=, Mademoiselle, 154. - - =Launay=, de, 321, 327. - - =Laura= (Petrarca’s), 292 ff. - - =Lavater=, 167. - - =Law=, J., 40, 120. - - =Lebel=, 41. - - =Lebon=, 262. - - =Lebrun=, 110. - - =Lecky=, W. E. H., 504, 505. - - =Lefébure=, 302. - - =Le Fel=, Mademoiselle, 152, 153. - - =Legrand du Saulle=, 451. - - =Legué=, G., 68. - - =Lemercier=, 163. - - =Lemonnyer=, 57, 74, 92. - - =Le Noir=, 60, 101, 103. - - =Leo XII.=, Papst, 230. - - =Leopold I.=, Großhzg. v. Toskana, 286. - - =Lescombat=, 249. - - =Lespinasse=, Mademoiselle, 77. - - =Letorières=, Vicomte de, 159. - - =Le Vaillant=, 267. - - =Lewin=, L., 215. - - =Liliencron=, D. von, 483. - - =Limore=, 59. - - =Lindau=, P., 479, 487. - - =Linguet=, 161, 461, 465. - - =Lippert=, J., 13. - - =Lipps=, F. G., 10. - - =Lombroso=, C., 15, 16, 239. - - =Lotheissen=, 163, 276. - - =Louvet de Couvray=, J. B., 97, 202. - - =Louvois=, Marquis de, 85. - - =Loyson=, H., 494. - - =Lubbock=, J., 13. - - =Lucas-Montigny=, 60, 94. - - =Lucretius=, 216, 417. - - =Lucrezia=, Borgia, 106, 278. - - =Ludwig XIII.=, 204. - - =Ludwig XIV.=, 64, 109, 163, 204, 205, 244, 277, 425. - - =Ludwig XV.=, 32, 40, 41, 44, 45, 60, 82, 110, 112, 113, 116, 117, - 126, 127, 146, 197, 198, 207, 217, 244, 250, 257, 429. - - =Ludwig XVI.=, 40, 45, 49, 105, 114, 127, 175, 198. - - =Luther=, 467. - - - M. - - =Macaulay=, Th. B., 400. - - =Macé=, 462. - - =Maillard=, 85. - - =Maillé=, Marie, Eléonore de, 297. - - =Mailly=, Madame de, 77. - - =Mainländer=, Ph., 23. - - =Maiquet=, 262. - - =Maisonrouge=, 152. - - =Maizeau=, 383. - - =Malassis=, A. P., 192, 468. - - =Malthus=, 418, 420, 421. - - =Manicamp=, 205. - - =Manuel=, P., 45, 50, 52, 53, 57, 60. - - =Maradan=, Buchhänd., 397. - - =Marais=, Polizei-Inspektor, 146, 155, 322. - - =Marat=, J. P., 146, 276, 322, 335. - - =Marchand=, 139, 252, 267. - - =Marche=, Graf de la, 227. - - =Marciat=, 299, 301, 302, 304, 310, 313, 316, 320, 324, 326, 330-332, - 338, 342, 343, 347, 397, 422, 451, 452, 454, 463. - - =Maréchal=, S., 117. - - =Mariana=, J. de, 65. - - =Marie-Antoinette=, 45, 47, 114. - - =Maria Theresia=, Kaiserin, 105. - - =Marion de Lorme=, 107. - - =Marmontel=, J. Fr., 97, 105. - - =Marmora=, 320, 321. - - =Maton=, 261. - - =Maulle=, R. de, 276. - - =Maupeou=, 320. - - =Maury=, Kardinal, 343. - - =Mayeur=, 41. - - =Mazarin=, Duchesse de, 104. - - =Mazarin=, Kardinal, 205. - - =Mazarin=, Duc de, 103, 320. - - =Mc-Lennan=, 13. - - =Medwin=, Th., 230. - - =Megare=, 187. - - =Meibom=, 209. - - =Melfort=, de, 104. - - =Mercier=, Cl. Fr. X., 180. - - =Mercier=, L. S., 33, 49, 80, 89, 118, 123, 152, 166, 167, 173, 220. - - =Mercier=, General, 495. - - =Méricourt=, Théroigne de, 210. - - =Messalina=, 417. - - =Metzger=, 285. - - =Michel-Angelo=, 282. - - =Michelet=, C. L., 24. - - =Michelet=, J., 273, 274, 276, 298, 301, 334, 456. - - =Mignard=, 110. - - =Mimie=, Mademoiselle, 60. - - =Mirabeau=, 37, 44, 66, 87, 89, 92, 95, 106, 180, 204, 224, 326, 332, - 393, 408, 414, 421, 452, 494, 496. - - =Mirbeau=, O., 496. - - =Moebius=, P. J., 211. - - =Moët=, 142. - - =Molière=, 498, 502. - - =Moll=, A., 7, 8, 9, 205, 207, 208, 275, 282, 283, 416, 479, 488. - - =Moncaut=, C., 82, 110, 120. - - =Moncoro=, 85 - - =Mondeville=, Heinrich, de, 219. - - =Mondor=, 219. - - =Monselet=, Ch., 251 ff., 464. - - =Montazet=, de, 104. - - =Montespan=, Marquise de, 71. - - =Montesquieu=, 36, 63, 64, 87, 89, 105, 124, 248, 281. - - =Montesson=, Madame de, 104, 222. - - =Montgaillard=, 266. - - =Montgolfier=, Gebrüder, 177. - - =Montigny=, 94, 104. - - =Montreuil=, de, 303 ff., 315, 317, 322. - - =Monval=, G., 330. - - =Moore=, Lewis, 161. - - =Moreau=, (de Tours) P., 33, 40, 41, 43, 144, 273, 477. - - =Morfontaine=, de, 236. - - =Morgan=, 13. - - =Musset=, A. de, 452, 479. - - =Muther=, R., 110, 117, 123. - - - N. - - =Naecke=, P., 494. - - =Nagel=, W., 6. - - =Napoléon I.=, 87, 91, 345, 399, 459, 463. - - =Necker=, Madame, 77. - - =Neisser=, K., 9. - - =Nemours=, Duc de, 383. - - =Nelson=, 289, 290. - - =Nero=, 270, 439. - - =Nerciat=, A. R. A. de, 94, 143. - - =Nevizan=, Jean de, 189. - - =Newton=, 237. - - =Nietzsche=, Fr., 18, 29, 403, 484, 485. - - =Ninon-de-Lenclos=, 107. - - =Nivernois=, Duc de, 227. - - =Nivet=, 249. - - =Nodier=, Ch., 96, 344, 348. - - =Nordau=, M., 474, 475, 477, 495. - - =Noves=, A. de, 293. - - =Nunez=, 65. - - - O. - - =Œillets=, des, 246. - - =d’Oppy=, Madame, 132. - - =Orford=, 281. - - =Orléans=, der Regent Philipp von, 163. - - =Orléans=, Herzog Philipp von, 46, 47, 101, 163, 201, 206, 207. - - =Orléans=, Herzog Philipp Égalité von, 46, 94, 104, 140, 163. - - =Ovid=, 79, 146. - - - P. - - =Pagel=, J. L., 219. - - =Palestrina=, Kardinal, 105. - - =Paré=, Ambroise, 216. - - =Parent-Duchatelet=, A. J. B., 90, 91, 114, 146, 147, 149, 151, 157, - 159, 160, 161, 174, 443. - - =Paris=, Abbé, 82. - - =Paris=, Justine, 104, 132 ff., 177. - - =Pascal=, Blaise, 65. - - =Paschkis=, H., 218, 220. - - =Patu=, 152. - - =Paulhan=, 475. - - =Paw=, 269. - - =Péladan=, J., 475. - - =Pelletier=, 335. - - =Peloutier=, 270. - - =Pesne=, A., 94. - - =Petrarca=, Francesco, 292 ff. - - =Petronius=, 96, 282. - - =Peuchet=, 90, 96, 158. - - =Phelyppeaux=, 63. - - =Pidanzat de Mairobert=, M. Fr., 46, 100, 101, 127, 130, 160, 161, - 174, 177, 180, 181, 186, 189. - - =Pigale=, G., 117. - - =Piper=, 487. - - =Pius VI.=, Papst, 71, 286 ff. - - =Piron=, 118, 123. - - =Plato=, 2, 22, 23, 25. - - =Plenck=, J. J., 218. - - =Ploss=, 10, 223. - - =Polignac=, Madame de, 77, 104. - - =Pomeroy=, 487. - - =Pompadour=, Marqse. de, 41, 42, 77, 116. - - =Popelinière=, Madame de la, 295. - - =Porte=, de la, 300, 329. - - =Porte=, Pierre de la, 205. - - =Post=, 13. - - =Potocki=, Graf von, 275. - - =Préval=, Guilbert de, 128, 170, 225 ff., 236. - - =Prévost=, Abbé, 146. - - =Prie=, Madame de, 77, 274. - - =Proksch=, J. K., 105, 226, 228-229, 281. - - =Proudhon=, 425, 473. - - =Przybyszewski=, St., 68. - - =Pyrrhine=, 187. - - - Q. - - =Quérard=, 398. - - =Quesnay=, 421. - - =Quinault=, Mademoiselle, 78. - - - R. - - =Raban=, 472. - - =Rabaud=, Saint-=Etienne=, 329. - - =Rabelais=, 437. - - =Racine=, 71. - - =Ramdohr=, 80. - - =Ramon=, Arzt, 345. - - =Raucourt=, Mademoiselle, 188, 191, 194, 197. - - =Raulin=, 213. - - =Ravaillac=, Fr., 251. - - =Reichardt=, J. F., 115, 237, 468. - - =Reinhardt=, 467. - - =Renouvier=, J., 121, 402. - - =Rétif de la Bretonne=, 46, 71, 87, 97 ff., 140, 145, 149, 156, 157, - 159, 160, 161, 162, 166, 170, 173, 208, 246, 254, 312, 317, 332, 333, - 464, 465, 466, 498. - - =Retz= (=Rais=), Gilles de, 271 ff., 458, 462, 477. - - =Reumont=, A. von, 75. - - =Révérony de Saint-Cyr=, J., Baron, 472. - - =Riario=, P., 282. - - =Ribbing=, S., 499, 502. - - =Ricci=, Lorenzo, 65, 76. - - =Ricci=, Scipione de, 76. - - =Richard=, Madame, 61, 138, 367. - - =Richelieu=, Kardinal von, 163, 297. - - =Richelieu=, Duc de, 131, 216, 252, 275. - - =Richir=, 500. - - =Ricord=, 130. - - =Ritti=, Arzt, 328. - - =Robé=, 105. - - =Robert=, 162. - - =Robespierre=, 85, 87, 210, 263, 266, 301, 334, 335, 469, 470. - - =Roche-Aymon=, De la, 63. - - =Rochefort=, 495. - - =Rochegrosse=, 500. - - =Rodde=, 467. - - =Rodin=, 500. - - =Rohleder=, H., 7, 10, 178. - - =Rockingston=, 104. - - =Roland=, Madame, 80, 266. - - =Romano=, G., 278. - - =Rops=, Félicien, 68. - - =Roscher=, W., 421, 425, 474. - - =Rosenbaum=, J., 232. - - =Roskoff=, G., 497. - - =Rossignol=, 418, 420. - - =Rougemont=, de, 327. - - =Rousseau=, J. J., 36, 87, 89, 101, 105, 210. - - =Rovère=, 336. - - =Royer-Collard=, A. A., 339-341. - - =Rubens=, 57. - - =Rudeck=, W., 17, 122. - - =Russalkow=, 483, 489. - - - S. - - =Sacher-Masoch=, L. v., 446, 447, 483. - - =Sachsen=, Marschall, Moritz von, 87. - - =Sade, D. A. F., Marquis de=, S. 27 u. a. v. O. - - -- Armand, 297, 345. - - =Sade=, Elzéar de, 294. - - =Sade=, Gaspar François de, 295, 296. - - =Sade=, Hippolyte de, 293. - - =Sade=, Hugo de, 294. - - =Sade=, Hugonin de, 294. - - =Sade=, Jacques François Paul Alphonse de, 295. - - =Sade=, Jean de, 294. - - =Sade=, Jean Baptiste, 294, 298. - - =Sade=, Jean Baptiste François Joseph de, 296, 297. - - =Sade=, Joseph de, 294. - - =Sade=, Louis Marie de, 297, 301. - - =Sade=, Paul de, 294. - - =Sade=, Pierre de, 294. - - =Saint-Albin=, Erzbischof von Cambrai, 59. - - =Saint-André=, 262. - - =Saint-Croix=, Kardinal, 105. - - =Sainte-Croix=, de, 245. - - =St.-Evremond=, 107. - - =Saint-Just=, 265, 463, 469. - - =Saint-Lambert=, 78. - - =Saint-Quentin=, de, 113. - - =Salionci=, 187. - - =Salvian=, 497. - - =Sand=, George, 473, 479. - - =Sanson=, 254. - - =Santeul=, 274. - - =Sappho=, 10, 187, 193. - - =Sauvages=, 83. - - =Savary=, 267. - - =Schenk=, Leopold, 238. - - =Scheer=, J., 88, 302. - - =Schiller=, 85. - - =Schloezer=, Dorothea, 466. - - =Schmidt=, A., 32, 52, 89, 122, 148, 150, 151, 174, 208, 241, 242. - - =Schmitt=, 262. - - =Schopenhauer=, A., 20, 23, 29, 33. - - =Schrank=, J., 226. - - =Schrenck-Notzing=, von, 9, 447, 448, 451, 458. - - =Schröder-Devrient=, W., 480-482. - - =Schüle=, A., 239, 324. - - =Sénac de Meilhan=, 103. - - =Sephé=, Abbé, 94. - - =Septimius Severus=, 505. - - =Seume=, 267. - - =Sévigné=, Marquise de, 107, 130, 245. - - =Sicard=, Abbé, 261. - - =Siéyès=, Abbé, 87. - - =Sigismund=, Kaiser, 294. - - =Sinibaldus=, 189. - - =Sismondi=, 44. - - =Sixtus IV.=, Papst, 282. - - =Sodoma= (G. A. Razzi), 282. - - =Sokrates=, 23, 26, 505. - - =Sonck=, Fräulein, 192. - - =Soubise=, Prinz von, 154. - - =Souffrance=, 70. - - =Sougy de= (Baron de l’Allée), 321. - - =Spencer=, H., 11. - - =Spinola=, Kardinal, 105. - - =Spinoza=, 36, 505. - - =Staël=, Madame de, 467. - - =Statius=, 417. - - =Stein=, L., 11, 12, 19. - - =Stern=, W., 503. - - =Stirner=, M., 403, 484, 486. - - =Stolberg=, Grafen, 164. - - =Stratz=, C. H., 190. - - =Ströbel=, H., 486. - - =Sueton=, 462. - - =Sunamitinnen=, 171 ff. - - =Symonds=, J. A., 207. - - - T. - - =Tacitus=, 497. - - =Taine=, H., 298. - - =Tallien=, Madame, 121, 337, 399. - - =Tardieu=, 440, 441, 451. - - =Tarnowsky=, B., 15, 435, 458, 488, 500, 502. - - =Taxil=, 130, 435, 462. - - =Techener=, 461. - - =Téchul=, Marquis de, 192. - - =Teniers=, 96. - - =Terracenès=, Marquis de, 192. - - =Terrai=, Abbé, 154, 192. - - =Tertullian=, 419. - - =Texier=, 349. - - =Thelesyle=, 187. - - =Theodora=, Kaiserin, 271, 417, 439. - - =Thoinot=, 447, 448. - - =Tiberius=, 439, 462. - - =Tilladet=, de, 205. - - =Tilly=, A. Graf von, 98, 99, 101, 202. - - =Tissot=, S. A., 178. - - =Tocqueville=, A., 73. - - =Torré=, Artist, 175. - - =Toulotte=, E. L. J., 472. - - =Tour=, de la, Graf, 320, 321. - - =Tylor=, E., 12. - - - U. - - =Ulrich=, O., 466. - - =Urbsrex=, Duchesse de, 192. - - =Uzanne=, 98, 107, 127, 197, 298, 328, 330, 331, 397. - - - V. - - =Vacher=, 487. - - =Valbelle=, Graf, 103. - - =Valentin=, 311. - - =Vance=, 212. - - =Vanderbourg=, B. de, 468. - - =Vanini=, 36. - - =Van-Praët=, 91. - - =Venette=, 187. - - =Vergniaud=, 265. - - =Verlaine=, Paul, 307. - - =Vespucci=, Amerigo, 269. - - =Vestris=, Mademoiselle, 103. - - =Vicetelly=, 202. - - =Vigouroux=, 246. - - =Villers=, Ch. de, 97, 460, 464, 466-471. - - =Villeterque=, 331, 398. - - =Visconti=, Madame, 337, 399. - - =Voisin=, 243, 246. - - =Volney=, 267. - - =Voltaire=, 36, 67, 87, 89, 92, 209, 218, 267, 295, 332, 496. - - =Voulet=, 496. - - - W. - - =Walpole=, H., 308. - - =Watteau=, 110. - - =Weber=, C. J., 56, 279, 285, 287. - - =Weinhold=, K. A., 420. - - =Westermarck=, E., 12, 13, 17, 87. - - =Wigand=, F. W., 22. - - =Winckelmann=, J. J., 281, 500. - - =Wolff=, Peter Phil., 64, 65. - - =Wrede=, R., 66. - - - Z. - - =Ziska=, J., 70. - - =Zola=, E., 499. - - =Zweibrücken=, Herzog von, 227. - - - - - FUSSNOTEN: - -[1] „Genesis“. Das Gesetz der Zeugung Bd. III. Leipzig 1899. S. 10. - -[2] +G. Herman+ a. a. O. S. 8. - -[3] +Ernst Haeckel+ „Anthropogenie“ Bd. II, Leipzig 1891. S. 793. - -[4] Ueber „Hermaphroditismus“ und „Gonochorismus“ handelt +Haeckel+ -ausführlich in seiner „Generellen Morphologie“ Leipzig 1866. Bd. II. S. -58-71. - -[5] +G. L. Kobelt+ „Die männlichen und weiblichen Wollustorgane des -Menschen und einiger Säugetiere“. Freiburg 1844. - -[6] Bisher erschienen Bd. VII Abt. 1 Teil 2: „Die weiblichen -Geschlechtsorgane“ von Dr. +W. Nagel+. - -[7] „Die Abstammung des Menschen u. die geschlechtl. Zuchtwahl“ -übersetzt von J. V. Carus. 5. Auflage. Stuttgart 1890. - -[8] +Victor Hensen+ „Physiologie der Zeugung“ in +Hermann’s+ „Handbuch -der Physiologie.“ Bd. VI. Leipzig 1880. - -[9] „Anthropogenie“ Bd. II. S. 793. - -[10] Eine allgemeine, übersichtliche Darstellung des Geschlechtstriebes -nach seiner physischen Erscheinungsweise giebt +H. Rohleder+ in seinen -„Vorlesungen über Sexualtrieb und Sexualleben des Menschen“. Berlin -1901. - -[11] +Albert Moll+ „Untersuchungen über die Libido sexualis.“ Bd. I. -Berlin 1897. S. 1-95. - -[12] M. a. a. O. S. 96-310. - -[13] +Karl Neisser+ „Die Entstehung der Liebe“. Wien 1897. - -[14] „Die Suggestions-Therapie bei krankhaften Erscheinungen des -Geschlechtssinnes“. Stuttgart 1892. - -[15] +H. Rohleder+ „Die Masturbation.“ Berlin 1899. - -[16] Eine zusammenfassende Behandlung dieser drei Faktoren giebt -+Havelock Ellis+ „Mann u. Weib.“ Leipzig 1894. - -[17] +Sappho+ hat in einer ihrer berühmten Oden eine Psychophysik der -Liebe gegeben. Vergl. +F. G. Lipps+ „Grundriss der Psychophysik.“ -Leipzig 1899. S. 143. - -[18] „Das Weib in der Natur- und Völkerkunde.“ 6. Auflage, Leipzig 1899. - -[19] Vergl. hierüber: +L. Stein+ „Wesen und Aufgabe der Soziologie“ -1898. -- Th. +Achelis+ „Soziologie“ Leipzig 1899. - -[20] +E. Westermarck+ „Geschichte der menschlichen Ehe“. A. d. Engl. -von +L. Katscher+ und +R. Grazer+. 2. Auflage. Berlin 1902. - -[21] +P. Dufour+ „Histoire de la prostitution“ 8 Bde. Brüssel. 1851-54. --- Eine recht gute Arbeit über die Prostitution im 19. Jahrhundert ist -das Werk von Dr. +Jul. Kühn+ „Die Prostitution im 19. Jahrhundert“. 4. -Aufl. Leipzig 1897. -- +Rabutaux’+ besonders durch eine vorzügliche -Bibliographie (von +Paul Lacroix+) sich auszeichnende „Prostitution en -Europe“ Paris 1851 reicht nur bis zum 16. Jahrhundert. - -[22] In „+Eulenburg’s+ Real-Encyclopaedie der gesamten Heilkunde“ 3. -Auflage, Berlin u. Wien 1898 Bd. 19. S. 436-450. - -[23] +Tarnowsky+ „Prostitution u. Abolitionismus“ Hamburg 1890. - -[24] +A. Hegar+ „Der Geschlechtstrieb“ Stuttgart 1894. - -[25] +C. Lombroso+ „Das Weib als Verbrecherin und Prostituirte“ Hamburg -1894. - -[26] +W. Rudeck+ „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in -Deutschland“. 2. Aufl. m. 58 Illustr. Berlin 1905. - -[27] Fr. +Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse.“ 4. Auflage. Leipzig -1895 S. 111. -- +L. Feuerbach+ hat in seinem Aufsatze „Ueber die Glorie -der heiligen Jungfrau Maria“ (Werke Bd. I Leipzig 1845) das Verhältnis -zwischen Religion und Liebe sehr deutlich gemacht. Vgl. auch das -interessante Werk von Laurent-Nagour, „Okkultismus und Liebe“ Berlin -1903. - -[28] +C. Abel+ „Ueber den Begriff der Liebe in einigen alten und neuen -Sprachen“ Berlin 1872. Samml. gemeinverständlicher wissenschaftlicher -Vorträge von +Virchow+ u. +Holtzendorf+ No. 158/159. - -[29] „Die Welt als Wille u. Vorstellung“ ed. +E. Griesebach+ Bd. 2. -Leipzig 1891. „Metaphysik der Geschlechtstriebe“ S. 623-668. - -[30] +E. v. Hartmann+ „Philosophie des Unbewussten.“ 6. Auflage. Berlin -1874. S. 671-681. - -[31] +W. Wigand+ „Die wahre Bedeutung der platonischen Liebe.“ Berlin -1877. S. 27. - -[32] „Neben der physischen Zeugung wandelt die geistige in der Welt“, -sagt +Ph. Mainländer+. („Die Philosophie der Erlösung“ Leipzig 1894 Bd. -II S. 489.) - -[33] +Hegel’s+ Ideen hat am klarsten und überzeugendsten -entwickelt +Kuno Fischer+ „System der Logik und Metaphysik oder -Wissenschaftslehre.“ 2. Auflage. Heidelberg 1865. S. 527-530. -Vgl. jetzt auch +K. Fischer+ „Geschichte der neuern Philosophie“, -Jubiliäumsausgabe, Heidelberg 1899. Bd. VIII (+Hegel+) S. 556-561. - -[34] Diese Einleitung enthält die Grundzüge einer „Philosophie -der Liebe nach dialektischer Methode“, die wir später in weiterer -Ausführung darzustellen die Absicht haben. - -[35] Th. +Achelis+ „Soziologie“ Leipzig 1899. S. 37. - -[36] +Achelis+ a. a. O. S. 73-74. - -[37] +M. Schasler+, „Populäre Gedanken aus +Hegels+ Werken“ Berlin 1870 -S. 213. - -[38] +K. Fischer+ „Diotima. Die Idee des Schönen“. Stuttgart 1852. S. -67 ff. - -[39] a. a. O.: „Les voilà, les voilà, ces monstres de l’ancien régime? -Nous ne les avons pas promis beaux, mais vrais, nous tenons parole“. - -[40] +Adolf Schmidt+ „Pariser Zustände während der Revolutionszeit -1789-1800.“ Bd. I. Jena 1874 S. 19. - -[41] +L. S. Mercier+ „Le nouveau Paris“. Band IV. Paris 1800. S. 190. - -[42] +Paul Moreau+ (de Tours) „Des aberrations du sens génésique“ 4. -éd. Paris 1887. S. 13. - -[43] +Edmond et Jules de Goncourt+ „La femme au dix-huitième siècle“. -Paris 1898. S. 151. - -[44] „Histoire du clergé pendant la révolution française“ par l’Abbé -+Barruel+, London 1793 S. 2-3. - -[45] Nach +Barruel+ a. a. O. S. 4 hatte sogar +Cérutti+, der eine -Apologie des Jesuitismus schrieb, sterbend geäussert: Le seul regret -que j’emporte en mourant, c’est de laisser encore une religion sur la -terre. - -[46] +A. Schmidt+ a. a. O. Bd. III 1876 S. 229. - -[47] +Schmidt+ a. a. O. III S. 236. - -[48] a. a. O. S. 58. - -[49] E. u. +J. Goncourt+ „Les maîtresses de Louis XV“. Paris 1860. 2 -Bde. -- „La duchesse de Châteauxroux et ses sœurs“. Paris 1878. -- -Neuerdings erschien +Comte Fleury+ „Louis XV intime et ses petites -maîtresses.“ Paris 1899. - -[50] „Le Parc au Cerf, ou l’Origine de l’affreux Deficit.“ Paris 1798 -(von +François Mayeur de Saint Paul+). Vgl. ferner +Faverolle+ „Le -Parc aux cerfs, Histoire secrète des jeunes demoiselles qui y ont été -renfermées.“ Paris 1808, 4 Bde. - -[51] +J. A. Dulaure+, Histoire physique, civile et morale de Paris. Bd. -V. Paris 1821. S. 367-369. - -[52] „Geschichte des Privatlebens Ludwig’s XV.“ Teil III. Berlin 1781. -S. 17-18. - -[53] +Casanova+ erzählt in seinen Memoiren (ed. +Alvensleben-Schmidt+, -Bd. V, S. 126), dass der Hirschpark von Niemandem besucht werden -durfte, ausser von den bei Hofe vorgestellten Damen. - -[54] „Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne -des Lasters“. Leipzig 1874. S. 31 ff. - -[55] In neuerer Zeit hat +Louis Lacour+, zuerst in der „Revue -française“ Jahrg. 1858, Bd. XIV S. 546 ff., später in einer -selbständigen Schrift „Le Parc-aux-cerfs du roi Louis XV“ (Paris -1859) sehr interessante kritische Untersuchungen über den Hirschpark -veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass die Ausgaben über den -kolossalen Luxus in diesem königlichen Bordelle sehr übertrieben -waren. In Wirklichkeit war der „Hirschpark“ nach +Lacour+ ein sehr -versteckt gelegenes Haus in der Rue Saint-Méderic, welches höchst -einfach, ohne jeden Luxus eingerichtet war. -- Der Inhalt eines -ein Jahr später veröffentlichten Werkes von +Albert Blanquet+ „Le -Parc-aux-cerfs“ (Paris, 1860, 5 Bände) ist mir nicht bekannt. Nach dem -Umfange vermute ich in demselben einen Roman. -- Ein sehr merkwürdiges, -den verschiedensten Quellen entnommenes Kapitel über den Hirschpark -findet sich bei Th. F. +Debray+ „Histoire de la prostitution et de la -débauche“ Paris o. J. S. 686-698. - -[56] +Moreau+ a. a. O. S. 59-60. - -[57] Aehnliche fromme Ausrufe bei gleicher Gelegenheit in +Mirabeau+, -„Ma conversion“. London 1783 S. 12. - -[58] „Chronique sécrète de Paris sous le règne de Louis XVI. (1774)“ in -„Revue rétrospective.“ Bd. III. Paris 1834. S. 46. - -[59] +P. Manuel+ „La police de Paris dévoilée“. Bd. II. Paris L’an II. -S. 86 u. 200. - -[60] +P. Lacroix+, „XVIIIme Siècle. Institutions, Usages et Costumes“ -Paris 1875. S. 35. - -[61] „Les amours de Charlot et Toinete“. Paris (Londres) 1779. - -[62] „L’espion Anglais ou Correspondance secrète entre Milord All’ eye -et Milord All’ ear.“ London 1784. Bd. II, S. 82 (von M. Fr. +Pidanzat -de Mairobert+; das wertvollste, durchweg authentische Werk über die -Sittenlosigkeit Frankreichs im 18. Jahrhundert). - -[63] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de +Réstif de -la Bretonne+“ par P. L. Jacob Bibliophile. Paris 1875. S. 422. - -[64] L’espion anglais II. S. 117. - -[65] P. Lacroix „XVIIIme siècle etc.“ S. 45. - -[66] +P. Lacroix+ „XVIIIme siècle etc.“ S. 45. - -[67] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V. S. 435. - -[68] +L. S. Mercier+ „Tableau de Paris“. Bd. I. Hamburg 1781. S. 180. - -[69] +Brillat-Savarin+ „Physiologie des Geschmackes.“ 2. Aufl. -Braunschweig. 1866. S. 363. - -[70] +Brillat-Savarin+ a. a. O. S. 362. - -[71] +A. Schmidt+ „Tableaux de la Révolution Française.“ Leipzig 1867. -Bd. I. S. 125. - -[72] +Pierre Manuel+ „La Police de Paris dévoilée, Tome I. A Paris L’an -second de la liberté.“ „De la Police sur les prêtres.“ S. 292-321. - -[73] Dieser lakonische, aber vielsagende Bericht erinnert fast wörtlich -an ein deutsches Epigramm des 18. Jahrhunderts: - - „Gestern schwor ich unter tausend Küssen - Im Genusse ihrer Zärtlichkeit - Ewige Verschwiegenheit -- - Heute muss es der Chirurgus wissen!“ - -(Siehe +C. J. Weber+ „Demokritos“ Stuttgart 1868 Bd. V. S. 166.) - -[74] Der „Portier des Chartreux ou Histoire de Dom Bougre“ ist ein -die Paederastie verherrlichender Roman, der dem Marquis +de Sade+ von -einigen zugeschrieben wird. Dies ist aber unmöglich, da die erste -Ausgabe dieses Buches 1745 erschien, als +de Sade+ erst fünf Jahre -alt war. Vgl. Le C. d’J... „Bibliographie des ouvrages relatifs à -l’amour etc.“ Neue Ausgabe von +J. Lemonnyer+, Lille 1897 Bd. II S. 496 -(citiert als +Lemonnyer+). - -[75] Hierzu bemerkt +Manuel+: „Ich finde nur einen Jesuiten bei -den Dirnen. Es wäre mir angenehm gewesen, ihnen mehr Gerechtigkeit -widerfahren zu lassen.“ Diese Gerechtigkeit werden wir ihnen weiter -unten in gebührender Weise zu Teil werden lassen. Die Jesuiten waren zu -klug, um sich in Bordellen ertappen zu lassen. - -[76] +Casanova+ fand die Gräfin +Limore+ als Maitresse „in Gesellschaft -des Herrn von +Saint-Albin+, Erzbischofs von Cambrai, eines -hochbetagten Liebhabers, der für sie die ganzen Einkünfte seines -Erzbistums verschwendete“. „+Jacob Casanova v. Seingalt’s+ Memoiren“ -Deutsch v. +L. v. Alvensleben+ u. +C. F. Schmidt+ Bd. XIII. S. 99. - -[77] „La Chasteté du Clergé dévoilée, ou Procès-verbaux des séances du -clergé chez les filles de Paris, trouvés à la Bastille.“ Paris 1790. -2 Bde. Einer der Verfasser war +Dominique Darimajou+, Referendar am -Rechnungshofe. - -[78] Mitgeteilt in „Revue rétrospective.“ Bd. III. Paris 1834. S. -153-154. - -[79] „L’espion Anglais.“ Bd. X. London 1784. Brief XIV „Suite et fin de -la Confession d’une jeune fille.“ S. 309-327. - -[80] Etwas anders sagt +La Mettrie+ „Œuvres philosophiques“, 1741 -citirt nach +P. Garnier+ „Onanisme“ Paris 1888 S. 122: „Tout est femme -dans ce qu’on aime, l’empire de l’amour ne connaît d’autres bornes que -celles du plaisir.“ -- Eine erotische Novelle „Confession galante d’une -femme du Monde“ (Brüssel 1873) hat das Motto: „Dans la femme aimée tout -est c..“ - -[81] Vgl. „Manuel des Confesseurs ou les Diaconales“. Par Bouvier, -Verviers o. J. (Titelblatt). - -[82] „L’espion anglais“ London 1784 Bd. I S. 241 ff. - -[83] +Montesqieu’s+ „Persische Briefe“ deutsch von +A. Strodtmann+, -Berlin 1866 S. 247 (Brief 134). - -[84] +Peter Philipp Wolf+ „Allgemeine Geschichte der Jesuiten“. Zürich -1790. Bd. II. S. 390. - -[85] +J. C. Harenberg+ „Pragmatische Geschichte des Ordens der -Jesuiten.“ Bd. II. Kap. 7. Abschn. XII. § 437. S. 1412 zitiert nach -+Wolf+ a. a. O. - -[86] +Wolf+ a. a. O. Bd. II. S. 321 u. 428. - -[87] +Wolf+ a. a. O. Bd. I S. 201 u. Bd. II S. 403. - -[88] +Wolf+ a. a. O. Bd. II S. 281. - -[89] +Wolf+ a. a. O. I S. 240. - -[90] +Juan de Mariana+ „De rege et regis institutione“, Toledo 1599. - -[91] +Wolf+ a. a. O. Bd. III. S. 290. - -[92] Eine zuverlässige Darstellung giebt +A. Kurtzel+: „Der -Jesuit Girard und seine Heilige. Ein Beitrag zur geistlichen -Geschichte des vorigen Jahrhunderts“ in „Histor. Taschenbuch“ von -+Friedr. Raumer+. N. F. 4. Jahrg. Leipzig 1843. S. 413-485. Dort -auch zahlreiche literarische Nachweise. Die gründlichste neuere -kritisch-bibliographische Untersuchung findet sich bei +P. Fraxi+ -„Centuria librorum absconditorum“ London 1879 S. 225-253. - -[93] Die älteste derartige Erzählung erschien bereits 1729: „Les amours -de Sainfroid Jesuite, et d’Eulalie fille devote. Histoire véritable. -Suivie de quelques nouvelles nouvelles.“ A la Haye 1729. - -[94] +R. Wrede+ „Die Körperstrafen bei allen Völkern von den ältesten -Zeiten bis zur Gegenwart.“ Dresden 1899. S. 167. +P. Fraxi+ bemerkt: -„The Marquis +de Sade+ no doubt had it in mind when writing several of -his cruelest chapters“ a. a. O. S. 253. - -[95] +G. Herman+ „Genesis.“ Das Gesetz der Zeugung. Bd. III. Leipzig -1899. S. 84 ff. - -[96] +G. Legué+ „Médecins et empoisonneurs au XVIIe siècle“ Paris 1896. -S. 139-168. - -[97] St. +Przybyszewski+ „Die Entstehung und der Kult der Satanskirche“ -in „Die Kritik“ 1879 No. 134, 135, 148, 149, 150. - -[98] Vgl. +Floegel+, Geschichte des Grotesk-Komischen. 5. Aufl. m. 41 -z. Teil sehr interess. Abbildungen. Leipzig 1888. S. 205 ff. - -[99] +J. C. Huysmans+ „La-bas“ Paris 1891. „En route“ Paris 1887. Siehe -Näheres bei +Herman+ a. a. O. S. 113 ff. - -[100] „Histoire de +Magdalaine Bavent+, religieuse du monastère -de Saint Louis de Louviers etc.“ Paris 1652. Die Geschichte der -+Magdalaine Bavent+ ist auch zu einem neueren Roman verarbeitet worden: -„Le Couvent de Gomorrhe“ von +Jacques Souffrance+, Paris o. J. - -[101] Schilderung derselben bei +Herman+ a. a. O. S. 110 ff. - -[102] E. u. J. de +Goncourt+ „La femme au dix-huitième siècle.“ Paris -1898. S. 17. - -[103] E. u. J. +Goncourt+ a. a. O. S. 10. - -[104] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1789. Bd. IV. S. 110. - -[105] H. Th. +Buckle+ „Geschichte der Zivilisation in England.“ Deutsch -von A. +Ruge+. Leipzig und Heidelberg 1874. Bd. I. S. 227 ff. - -[106] +Buckle+ a. a. O. S. 229. - -[107] F. +Lotheissen+ „Zur Sittengeschichte Frankreichs.“ Leipzig 1885. -S. 136. - -[108] Z. B. „Les Nonnes galantes“ des +Marquis d’Argens+. La Haye -1740. -- „Les délices du cloître ou la nonne éclairée.“ 1760. -- -Wie sehr gesucht von den Wüstlingen die Liebe einer „femme dévote“ -im 18. Jahrhundert war, schildern übrigens die +Goncourts+ selbst -sehr anschaulich a. a. O. S. 455. ff. Vergl. endlich noch „Lettres -galantes et philosophiques de deux Nonnes, publiées par un apôtre du -libertinage.“ Au Paraclet 1777, und unzählige andere, die Corruption in -den Nonnenklöstern schildernde Schriften, die man bei +Lemonnyer+ -a. a. O. findet. - -[109] +Joseph Gorani+ „Mémoires secrets et critiques des cours et des -mœurs des principaux etats de l’Italie.“ Paris 1794 Bd. II. S. 86. - -[110] +Alfred v. Reumont+ „Geschichte Toskanas seit dem Ende des -florentinischen Freistaates.“ Gotha 1877. Bd. II. S. 173 ff. - -[111] „Vie de Scipion de Ricci“ par +de Potter+, Brüssel 1825. Bd. -I. Anhang Note 13 bis Note 47. S. 331-500 (Ausführliches Verhör der -Angeklagten) -- Auch bei A. +Gelli+ „Memorie de Scipione de’ Ricci.“ -Florenz 1865. Bd. I. S. 54 ff. - -[112] G. +Brandes+ „Essays“. 2. Band. 2. Auflage Leipzig, Verlag von H. -Barsdorf 1897. S. 278. - -[113] E. u. J. de +Goncourt+. „La femme au dix-huitième siècle;“ Paris -1898. B. 471. - -[114] Eine ausgezeichnete Schilderung dieser Salons entwirft +Karl -Frenzel+ „Renaissance und Rococo.“ Berlin 1876 in dem Aufsatze -„Pariser Gesellschaftsleben im achtzehnten Jahrhundert“ S. 298-331. -- -Vergl. auch E. +du Bois-Reymond+ „Darwin versus Galiani“ in „Reden“. -Bd. I. Leipzig 1886. S. 211 ff. -- Den Einfluss der Salons kann man -deutlich bei +Sade+ in dem Bedürfnis der zahllosen „philosophischen -Diskussionen“ erkennen. - -[115] „Mémoires de Mme. d’Epinay“ Bd. I cit. nach E. u. J. de -+Goncourt+ a. a. O. S. 159. - -[116] E. u. J. de +Goncourt+ a. a. O. S. 175. - -[117] E. u. J. +Goncourt+ a. a. O. S. 181. - -[118] +Casanova+ erzählt in seinen Memoiren, dass ein gewisser -+Blondel+ seine +eigene Frau+ nicht bei sich, sondern getrennt in einer -„petite maison“ wohnen liess, damit sie ihm als Maitresse erschiene und -so der Umgang mit ihr ihm mehr Genuss verschaffte. („+Jacob Casanova -von Seingalt’s Memoiren.+“ Deutsch von L. +v. Alvensleben+ u. C. F. -+Schmidt+. Bd. XIII, S. 97.) - -[119] L. S. +Mercier+ „Tableau de Paris“. Hamburg 1781. Bd. II, S. 6-7. - -[120] +Friedr. Wilh. Basil. Ramdohr+ „Venus Urania“, Leipzig 1798. Bd. -III, Abt. 2, S. 288. - -[121] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 173. - -[122] F. +Lotheisen+ „Litteratur und Gesellschaft in Frankreich zur -Zeit der Revolution 1789-94.“ Wien 1872. S. 56. - -[123] +Rétif de la Bretonne+ „La fille entretenue et vertueuse, ou les -progrès de la vertu“. Paris 1774. S. 175 ff. - -[124] +Rétif de la Bretonne+ „Die Zeitgenossinnen.“ Berlin 1781. Bd. -VI, S. 9-10. - -[125] +Cénac Moncaut+ „Histoire de l’amour dans les temps modernes“. -Paris 1863. S. 396. - -[126] W. +von Bechterew+ „Suggestion und ihre soziale Bedeutung.“ -Leipzig 1899. S. 29-30. - -[127] J. A. +Dulaure+. „Histoire physique, civile et morale de Paris“. -Paris 1821. Bd. V, S. 145-147. - -[128] Mad. G. +Abricosoff+ „L’hystérie an XVIIe et XVIIIe siècle.“ -Paris 1897. - -[129] +Abricossoff+ a. a. O. S. 73-74. - -[130] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 194. - -[131] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 196. - -[132] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 198. - -[133] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 199. -- Ein Teil der „Justine“ -spielt in Grenoble. - -[134] Vergl. das Kapitel „Les furies de guillotine“ bei E. -+Lairtullier+, „Les femmes célèbres de 1789 à 1795“. Paris 1840. Bd. -II, S. 199-207. - -[135] Lady +Blennerhassett+, „Frau von Staël.“ Berlin 1887. Bd. I, 6. -63. - -[136] E. +Legouvé+, „Histoire morale des femmes.“ Paris 1864. S. 4. - -[137] Das unglaublichste Beispiel der Verachtung der Frau findet -sich bei +Buckle+ a. a. O. I. S. 219-20, wo erzählt wird, dass die -Schauspielerin +Chantilly+, die eben den Dichter +Favart+ geheiratet -hatte, von der +französischen Regierung+ gezwungen wurde, gleichzeitig -die Maitresse des Marschalls +Moritz von Sachsen+ zu werden. - -[138] +Johannes Scherr+, „Allgemeine Geschichte der Litteratur“. -Stuttgart 1887. Bd. I, S. 267. - -[139] +Charles Aubertin+, „L’esprit public au XVIIIe siècle.“ Paris -1873. S. 481. - -[140] J. +Janin+, „Le marquis de Sade.“ Revue de Paris 1834. Bd. XI, S. -333. - -[141] A. +Schmidt+ a. a. O, Bd. II. Jena 1875. S. 86 ff. - -[142] +Paul Lacroix+ a. a. O. S. 506. - -[143] P. +Fraxi+ „Index librorum prohibitorum.“ London 1877. S. XXIX - -[144] A. J. B. +Parent-Duchatelet+, „Die Sittenverderbnis des -weiblichen Geschlechts in Paris“, übers. von G. W. +Becker+, Leipzig -1837. Bd. II. S. 183. - -[145] Comte d’J*** (J. +Gay+) „Bibliographie des ouvrages relatifs à -l’Amour etc.“ 3. éd. Turin 1871. 6 Bde. Neuerdings hat J. +Lemonnyer+ -eine neue vierte Ausgabe dieses höchst schätzbaren Werkes veranstaltet -(Lille 1897-1900, 4 Bände), die wohl durch Nachträge, sowie durch -vortreffliche Indices vervollkommnet ist, andrerseits aber zahlreiche -drastische Zitate der alten Auflage fortgelassen hat, so dass die -dritte Auflage immer noch unentbehrlich ist. - -[146] +Henry Cohen+ „Guide de l’amateur de livres à figures et à -vignettes du XVIIIe siècle“ 3. éd. Paris 1876. Neue Auflage 1880. Das -Buch zeigt viele Mängel. - -[147] „Œuvres de +Gentil-Bernard+“. Paris 1834. Bd. I, S. 25-88. - -[148] E. u. +J. de Goncourt+ a. a. O. S. 154. est certaine. a. a. O. -Gesang II, S. 51. - -[149] L’Amour a ses auteurs -- Agens secrets, dont l’atteinte est -certaine, a. a. O. Gesang II, S. 51. - -[150] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. 201. +Sade+ erwähnt Crébillons -„Sopha“, „Tanzai“, „Les égarements du cœur“, als Romane „qui flattaient -le vice et s’éloignaient de la vertu“, in „Idée sur les Romans“ ed. O. -+Uzanne+, Paris 1878. S. 23. - -[151] „Le sopha, conte moral“ (!) A la Haye 1742. Nachgeahmt in „Le -canapé couleur de feu“. London 1745. - -[152] „Les Incas“. Paris 1767. +Sade+ erwähnt +Marmontel+ in „Idée sur -les Romans etc.“ S. 24-25. - -[153] „Thérèse philosophe ou mémoires pour servir à l’histoire de M. -Dirrag et de Mlle. Eradicée“ à la Haye s. a. (1748). - -[154] +Henry Cohen+ a. a. O. col. 477. +Caylus+ hat übrigens sehr viele -schlüpfrige Romane geschrieben, was in jener Zeit seinen wohlverdienten -Ruhm als Archaeolog nicht beeinträchtigen konnte. - -[155] Vgl. die vortreffliche „Bibliographie anecdotique et raisonnée -de tous les ouvrages d’Andréa de Nerciat“ par M. de C., Bibliophile -Anglais, London 1876, wo auch die übrigen, hier nicht genannten Werke -von +Nerciat+ besprochen werden. - -[156] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ in „Die Zukunft“. Bd. -VII. 1899, No. 26. S. 507. Nach neueren Forschungen soll weder die -„Education de Laure“ noch „Ma conversion“ von +Mirabeau+ geschrieben -worden sein. Lemonnyer a. a. O. III. S. 1019. - -[157] +Carl Frenzel+ „+Diderot+“ in „Renaissance und Rococo“. Berlin -1876. S. 284. - -[158] „La Réligieuse“. Paris 1798. Das Modell für die tribadische -Aebtissin in +Diderot’s+ „Réligieuse“ soll die Aebtissin von Chelle -gewesen sein, eine Tochter des Regenten, (H. +Ellis+ u. J. A. +Symonds+ -„Das konträre Geschlechtsgefühl“ Leipzig 1896. S. 285). - -[159] +Choderlos de Laclos+ „Les liaisons dangereuses“. Paris u. -Amsterdam 1782. 4 Bände. - -[160] „Les crimes de l’amour. Precédé d’un avant-propos etc.“ Brüssel -1881. S. 158. Nach +Villers+ wurde sogar, wie wir später sehen werden, -die „Justine“ von einigen dem +Laclos+ zugeschrieben. - -[161] „Les amours du Chevalier de Faublas“, 3 éd. An VI de la -République. (Erste Ausgabe 1787). - -[162] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Restif de -la Bretonne“ par P. L. +Jacob+, Bibliophile. Paris 1875. - -[163] +de Sade+ „Idée sur les Romans“ éd. O. +Uzanne+. Paris 1878. S. -31. - -[164] Der Graf +v. Tilly+ nennt ihn in seinen Memoiren (II, 430) den -„+Teniers+ des Romans“. - -[165] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 512. - -[166] P. L. +Jacob+ Bibliophile a. a. O. S. 54 u. 56. - -[167] Memoiren des Grafen Alexander von Tilly, A. d. Französischen. -Berlin 1826. Bd. II. S. 426-430. - -[168] P. L. +Jacob+ Bibliophile a. a. O. S. 33, 103, 161, 180, 441. - -[169] „Les nuits de Paris, ou le Spectateur nocturne“. A Londres, Et se -trouve a Paris 1788-1794, 16 Teile in 8 Bänden (mit 18 Bildern). - -[170] P. L. +Jacob+ Bibliophile a. a. O. S. 394. - -[171] „Les Contemporaines ou aventures des plus jolies Femmes -de l’âge présent.“ Leipzig und Paris 1780-1782, 17 Bände; „Les -contemporaines-du-commun, ou aventures des belles Marchandes etc.“ -ebenda 1782-1783, 13 Bände: „Les contemporaines-par-gradation“ ebenda -1783, 12 Bände. - -[172] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 87. - -[173] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 315. - -[174] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 316. - -[175] Der Verfasser war +Senac de Meilhan+, dem ebenfalls der „Portier -des Chartreux“ zugeschrieben wird. (Jacob, Bibl. a. a. O. S. 460). -Später erschienen zahlreiche neue Auflagen, die letzte in Brüssel 1866. - -[176] Er war Verfasser einer populären Schrift über die Therapie der -Syphilis. Siehe J. K. +Proksch+ „Die Litteratur über die venerischen -Krankheiten.“ Bonn 1889. Bd. I. S. 472, wo angeführt ist: +Agyrony+ -„Des bons effets d’un remède végétal antivénérien, autorisé par lettres -patentes du Roi, enrégistrées au Parlament etc.“ Paris 1771. - -[177] „L’observateur anglais.“ London 1778. Bd. 4, Brief III vom 21. -Juli 1776. S. 40-47. - -[178] Dieses Gedicht findet man in dem seltenen Buche „Il Libro -del perchè“ (1757). Die französische Version „Parapilla“, um deren -Autorschaft sich +Charles Borde+ und +Mirabeau+ streiten, ist -abgedruckt in den „Contes-Grivois du dix-huitième siècle.“ Brüssel o. -J. (H. Kistemaeckers) S. 27-67. - -[179] „L’art de péter etc.“ En Westphalie 1776. Ueber die „Scatologie“, -eine besondere Liebhaberei der Franzosen vergl. A. +Hagen+ „Sexuelle -Osphresiologie“ Chorlottenburg 1901 (Verlag von H. +Barsdorf+) S. 115 -ff. - -[180] „Idée sur les Romans“ ed. +Uzanne+ etc. S. 22. - -[181] Auch in den Romanen des Marquis +de Sade+ ist fast immer das -Sopha, selten das Bett, das Lager der Liebe. - -[182] G. +Brandes+ „Die Hauptströmungen der Litteratur des 19. -Jahrhunderts“. Bd. I, 8. Aufl. S. 42-44. Leipzig 1900. Verlag H. -+Barsdorf+. - -[183] +Cenac Moncaut+ a. a. O. S. 394. - -[184] „Geschichte der Malerei“ von R. +Muther+, Leipzig 1900. Bd. V, S. -88-93. - -[185] +Garnier+ a. a. O. S. 125. - -[186] J. +Casanova v. Seingalt+ a. a. O. Band V, S. 121 ff. - -[187] J. +Casanova+ a. a. O. Band XI, S. 109 u. 128. - -[188] J. B. +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. II, S. 182. - -[189] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1791. Bd. II, S. 157. - -[190] J. F. +Reichardt’s+ „vertraute Briefe aus Paris, geschrieben in -den Jahren 1802 und 1803.“ Hamburg 1805. Bd. II, S. 14. - -[191] +Arsène Houssaye+ „Histoire de l’art français au dix-huitième -siècle“. Paris 1860. S. 29. - -[192] +Arsène Houssaye+ a. a. O. S. 418. - -[193] J. G. Th. +Grässe+ „Geschichte der Poesie Europas und der -bedeutendsten aussereuropäischen Länder vom Anfang des sechzehnten -Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit.“ Leipzig 1850. S. 271. - -[194] „Die Geschlechtsausschweifungen unter den Völkern der alten und -neuen Welt etc.“ Neue Auflage o. O. S. 161. - -[195] +Casanova+ a. a. O. Bd. VIII, S. 140. - -[196] E. u. J. +de Goncourt+ „Histoire de la société française pendant -le Directoire“. Paris 1855. S. 422. - -[197] +Cénac Moncaut+ a. a. O. S. 396. - -[198] E. u. J. +de Goncourt+ „La femme au dix-huitième siècle,“ S. -313-370. - -[199] J. u. E. +de Goncourt+ „Histoire de la société française pendant -le Directoire.“ S. 420. - -[200] J. +Renouvier+ „Histoire de l’art pendant la Revolution.“ Paris -1863. S. 476. -- „Schon mehr als 2000 Jahre tragen die Frauen Hemden,“ -schrieb ein Journalist jener Zeit, „das ist zum Sterben langweilig.“ Er -wollte die Frauen lieber ohne Hemd sehen, vollkommen nackt als „lebende -Statuen“. Vergl. A. +Houssaye+ „Notre-Dame de Thermidor.“ Paris 1806. -S. 421. - -[201] W. +Rudeck+ „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in -Deutschland.“ 2. Aufl. 1905. Mit 58 Illustrationen. S. 85. - -[202] A. +Schmidt+ a. a. O. Bd. II, S. 66. - -[203] E. u. J. +de Goncourt+ „Histoire de la société française pendant -le Directoire“. S. 183. - -[204] „Eros.“ Stuttgart 1849. Bd. I, S. 234. -- Die Italiener haben das -Sprichwort: - - Donna cui camminando il cul traballa - Se puttana non è, proverbio falla. - -[205] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V, S. 585. - -[206] „Eros“. S. 233. - -[207] +Muther+ a. a. O. Bd. V, S. 46. - -[208] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 184. - -[209] P. L. +Jacob+, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie etc.“ -S. 32, Anmerkung. - -[210] „La curiosité littéraire et bibliographique.“ Paris 1882. S. -148-149. - -[211] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. II. Brief 24. S. 386-401. -Vgl. auch die „Correspondance de Madame Gourdan“, herausgegeben von -+Octave Uzanne+, Brüssel 1883, mit einer Einleitung über die „Sérails“ -des 18. Jahrhunderts (S. I-LVIII). - -[212] Nachträglich finden wir, dass auch +Mairobert+ nicht der Erfinder -dieses Wortspiels war, sondern dass schon +viel früher+ eine Frau, -+Madame de Sévigné+, in einem Briefe die Condome „cuirasses contre la -volupté et toiles d’araignée contre le mal“ nennt. (L. +Taxil+ „La -corruption fin de siècle“. Paris 1894. S. 211). - -[213] Dass die +Gourdan+ die körperliche Beschaffenheit ihrer Mädchen -genau kennen musste, beweist ein Brief eines Engländers an sie, der die -Reize der gewünschten Person ausführlich beschreibt. („La chronique -scandaleuse“. Band II, Seite 127.) - -[214] F. W. +Barthold+ „Die geschichtlichen Persönlichkeiten in Jacob -Casanova’s Memoiren“. Berlin 1846. 2 Bände. - -[215] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 60 ff. - -[216] „L’espion anglais“. London 1784. Bd. X, S. 363 ff. - -[217] „Les bordels de Paris.“ 1790. S. 17. - -[218] P. +Fraxi+ a. a. O. S. XXXVIII. - -[219] +Rétif de la Bretonne+ „Le Pornographe, ou Idées d’un honnête -homme sur un projet de règlement pour les prostituées.“ A la Haye 1769. - -[220] P. L. +Jacob+, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie de tous -les ouvrages de +Rétif de la Bretonne+.“ Paris 1875. S. 422. - -[221] J. +Casanova+ a. a. O. VIII. S. 163. (III, 257). - -[222] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 421-422. - -[223] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V, S. 227-228. Die Schrift „L’ordre -hermaphrodite, ou les secrets de la sublime Félicité, avec un discours -prononcé par le chevalier H..., orateur au jardin d’Éden, chez Nicolas -Martin, au Grand Mât,“ 1748, war uns nicht zugänglich. - -[224] E. u. J. +de Goncourt+, „La femme etc.“ S. 176. - -[225] +Dulaure+ a. a. O. S. 227. - -[226] +Arthur Dinaux+ „Les sociétés badines.“ Paris 1867. Bd. I, S. -301-314. - -[227] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 176. Die Ausschweifungen -derselben hat +Andréa de Nerciat+ in seinen „Aphrodites“, einem -„theoretischen und praktischen Kursus der Wollust“ beschrieben. -(Lampsaque [Paris] 1793.) - -[228] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 177. - -[229] Die geheimen pornologischen Klubs wurden auch nach Russland -verpflanzt. In Moskau existierte unter +Katharina+ II. ein „Club -physique“ und ein „Club d’Adam“. Siehe +Moreau+ a. a. O. S. 63. - -[230] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 395. - -[231] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1789. Bd. IV, S. 111. Eine -ähnliche Stelle hat auch +Ovid+ in der „Ars amandi.“ - -[232] Das Manuscript derselben befindet sich in der Nationalbibliothek, -Dép. des mss. fr., 11395; suppl. fr., 2996 (+Maxime du Camp+. „Paris, -ses organes, ses fonctions et sa vie etc.“ Paris 1875. Bd. III, S. -323). -- - -[233] A. B. +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. II, S. 205-206. - -[234] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. II. S. 209-210. - -[235] A. +Schmidt+ a. a. O. Bd. II, S. 64. - -[236] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S. 85. - -[237] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I, S. 239. - -[238] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S. 66. - -[239] +Jules Janin+ a. a. O. S. 332. - -[240] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S. 67. - -[241] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I, S. 13. - -[242] L. S. +Mercier+ „Tableau de Paris“. I, S. 393-395. - -[243] +La Mettrie+ „L’art de jouir“. A Cythère 1751. S. 103. - -[244] „La chronique scandaleuse.“ Bd. IV, S. 190. Bei einem am 15. -Juni 1731 von dem Direktor der Oper, +Gruer+ veranstalteten Feste -tanzten die +Camargo+ und mehrere andere Tänzerinnen +vollkommen nackt+ -vor der Festversammlung. (Max Schönau „Allerlei Koulissenscherze.“ -Charlottenburg o. J. S. 65-67.) - -[245] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 50-51. - -[246] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 52. - -[247] +Casanova+ a. a. O. V, 114-116. - -[248] „Dialogue entre M. le Comte de Lau.... et Mylord All’Eye, au -sujet des filles les plus célèbres de la Capitale.“ In: „L’Espion -anglais.“ Bd. II, S. 86-113. - -[249] Diese ausführlicheren Nachrichten über die +Du Thé+ entnehmen wir -der „Correspondance sécrète, politique et littéraire etc.“ London 1787. -Bd. I, S. 57 u. 58. - -[250] +Maxime du Camp+ a. a. O. Bd. III, S. 324. - -[251] Ein höchst interessantes Werk über die Pariser Theaterheldinnen -des 18. Jahrhunderts sind P. +Lacome’s+ „Thèmes variés. Les étoiles du -passé“, Paris 1897. -- - -Ueber einen höchst obscönen Witz der berühmten Schauspielerin Arnould -über die verrufenen Opernsängerinnen +Château-neuf+, +Château-vieux+ -und +Château-fort+ vergl. „L’espion anglais“ II, S. 86. Ueber das -pornographische Poëm einer anderen Schauspielerin +P. L. Jacob+, -Bibliophile „Bibliographie etc.“ S. 8, Anmerkung. - -[252] +P. L. Jacob+, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie de tous -ouvrages de Rétif de la Bretonne“. Paris 1875. Seite 145-147. - -[253] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 127. - -[254] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 233. -- Ueber -Soldatendirnen und einige andere Klassen von Prostituierten weiter -unten. - -[255] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I, S. 70. -- Es gab sogar vornehme -Zuhälter, z. B. den Vicomte +de Letorières+. (Maxime du Camp. a. a. O. -S. 324.) - -[256] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I, S. 81-82. - -[257] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I. 184. - -[258] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 38 ff. - -[259] +P. L. Jacob+, Bibliographie a. a. O; S. 340-341. +Casanova+ -erzählt, dass Graf +Jean Du Barry+ einer Dame in Bologna 100000 Taler -für ihre 14jährige Tochter bot (XVII, S. 198). - -[260] +P. L. Jacob+, Bibliographie a. a. O. S. 99-103. -- Neue -vortreffliche Ausgabe des „Pornographe“ von H. +Mireur+, Brüssel 1879 -(mit Einleitung). - -[261] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 139-140. - -[262] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 235-236. - -[263] F. +Lotheissen+ „Literatur und Gesellschaft in Frankreich etc.“ -Wien 1872. S. 43. - -[264] P. +Joanne+ „Paris Diamant.“ Paris 1895. S. 33 u. 100. - -[265] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 37-38. II, 176. - -[266] +G. A. von Halem+ „Ein Blick auf einen Teil Deutschlands, der -Schweiz und Frankreichs bei einer Reise vom Jahre 1790.“ Hamburg 1791. -Bd. II, S. 1 u. S. 20. - -[267] A. +Chuquet+ „Paris en 1790. Voyage de Halem, traduction, -introduction et notes.“ Paris 1890. - -[268] P. +Lacroix+ „XVIIIe Siècle. Institutions, Usages et costumes.“ -Paris 1875. S. 368. Auf Seite 359 dieses Prachtwerkes findet sich eine -colorierte Abbildung, die ein anziehendes Bild vom Leben und Treiben im -Garten des Palais-Royal gewährt. - -[269] +E. u. J. de Goncourt+ „Histoire de la société française pendant -le Directorat.“ S. 210. - -[270] +P. L. Jacob+, Bibliophile „Bibliographie etc.“ S. 340. - -[271] L. S. +Mercier+ „Tableau de Paris.“ Bd. I, S. 267-271. - -[272] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1791. Bd. I, S. 202. - -[273] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 213. - -[274] +Rétif de la Bretonne+ „Le Palais-Royal.“ Bd. II, S. 17-230. -„Die Geschlechtsausschweifungen unter den Völkern etc.“ o. O. u. -J. S. 161-163. -- Vgl. auch Hagen, die sexuelle Osphresiologie. -Die Beziehungen des Geruchssinnes und der Gerüche zur menschlichen -Geschlechtstätigkeit. 2. Aufl. Leipzig 1906. S. 191 ff. - -[275] „Eros.“ Bd. I, S. 412. - -[276] „Eros.“ Bd. I, S. 156. - -[277] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S. 70. - -[278] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 70. - -[279] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. II, S. 81. - -[280] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V, S. 285; S. 307-310. - -[281] Wie richtig +de Sade+ beobachtet hat, wenn er in der „Justine“ -(I, 5) die Onanie als ein Linderungsmittel von Schmerzen bezeichnet, -beweisen die Ausführungen von Dr. +Havelock Ellis+ in seinem neuesten -Werke „Geschlechtstrieb und Schamgefühl.“ Leipzig 1900. S. 272 ff., wo -er über mehrere Fälle von Masturbation zur Beseitigung von Schmerzen -berichtet. - -[282] „L’espion anglais.“ Bd. X, S. 271-272. - -[283] +La Mettrie+ „L’art de jouir.“ A Cythère 1751. S. 131. - -[284] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 167. - -[285] +S. A. Tissot+ „De l’onanisme, ou dissertation sur les maladies -produites par la masturbation.“ Lausanne 1760. - -[286] +H. Rohleder+ „Die Masturbation.“ Berlin 1899. S. 19. - -[287] +Garnier+ a. a. O. S. 432 berichtet, dass +Haller+ eine Clitoris -von 7 Zoll Länge gesehen habe, ja dass Phantasten sogar eine von einem --- Fuss Länge gesehen haben wollen! - -[288] Die Franzosen bezeichnen mit dem Worte „Sodomie“ unsere -Paederastie, während wir bekanntlich unter „Sodomie“ die Unzucht -zwischen Mensch und Tier verstehen. - -[289] „Ma conversion.“ London 1783. S. 165-168 - -[290] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. X, Lettre IX „Confession -d’une jeune fille.“ S. 179-208; Lettre XI „Suite de la confession d’une -jeune fille.“ S. 248-275; Lettre XIV „Suite et fin de la confession -d’une jeune fille“. - -[291] Wir finden in den Werken über Psychopathia sexualis den +Spiegel+ -nirgends erwähnt, der nach unserer Ansicht oft sehr viel Unheil -anrichtet. - -[292] Hier bediente sich +Sapho+ -- sagte +Mairobert+ -- wie auch -später eines viel obscöneren Ausdrucks. - -[293] a. a. O. S. 190. - -[294] Hier sieht man wieder deutlich, wie der Marquis +de Sade+ nach -der Wirklichkeit gearbeitet hat. Dieses Reinigen der orificia corporis -durch junge Mädchen kommt in seinen Romanen unzählige Male vor. - -[295] Hierzu macht +Mairobert+ folgende interessante Anmerkung: „Il y -a grande apparence, que cette statue et le globe sont creux et remplis -+d’un air plus léger que celui de l’atmosphère du salon+, en sorte -qu’ils sont dans un parfait équilibre. Voila comme d’habiles physiciens -présents à ce récit expliquèrent ce prodige qui tient beaucoup du -roman. Ils citent même l’ouvrage d’un père +Joseph Galien+, dominicain, -ancien professeur de philosophie et de théologie dans l’université -d’Avignon qui en 1755 a publié ‚L’art de naviger dans les airs‘ établi -sur des principes de physique et de géométrie.“ Bei +E. Gerland+ -„Geschichte der Physik“. Leipzig 1892. S. 199, finden wir diesen -+Galien+ als Vorläufer der +Montgolfier+ nicht erwähnt, sondern nur den -Pater +Guzman+ in Lissabon. - -[296] Ueber den Chevalier d’Eon siehe weiter unten. - -[297] Gemeint ist das berühmte Werk von +Nicolaus Venette+ (1633-1698) -„De la genération de l’homme, ou tableau de l’amour conjugal“. -Amsterdam 1688 unter dem Pseudonym +Salionci+; später unter wahrem -Namen zahlreiche Neuauflagen. - -[298] Hierbei wurde ein Vers des Kardinals +Bernis+ erwähnt. -- Der -Kardinal +Bernis+ kommt auch bei +Sade+ vor. - -[299] Diese Darstellung +Mairobert’s+ ist nicht ganz richtig. -Ursprünglich war das Gedicht +altfranzösisch+, von +Jean de Nevizan+ -verfasst. +Franciscus Corniger+ übertrug es dann ins Lateinische. -Später entstanden zahlreiche französische Nachübersetzungen z. B. -von +J. Blanchon+. Man findet diese Versionen in dem pikanten Buche -von Cl. Fr. X. Mercier „Eloge du sein des femmes“ Nouvelle édition. -Brüssel 1879. Kapitel II, S. 35 ff. -- +Bayle+ hat im Artikel „Hélène“ -seines berühmten Wörterbuchs nur die ersten sechs Verse zitiert, -dem Scharfsinn des Lesers das Erraten der übrigen überlassend. Eine -+deutsche+ und +spanische+ Version siehe im „Eros“. Stuttgart 1849. Bd. -I, S. 231-234. Vergleiche ferner die Aufzählung dieser 30 Schönheiten -in dem alten Werke „Geneanthropeia Jo. Benedicti Sinibaldi Archiatri et -Professoris Romani.“ Rom 1642 col. 147. Auch die Aloysia Sigaea kennt -dieselben. - -[300] Kenner -- und deren soll es nicht wenige geben -- brauchen wir -wohl kaum auf die vortrefflichen ästhetischen Werke von +E. W. v. -Brücke+ „Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt“ Wien 1891, und -+C. H. Stratz+ „Die Schönheit des weiblichen Körpers.“ 7. Auflage. -Stuttgart 1900 hinzuweisen. - -[301] „Apologie de la secte Anandryne ou Exhortation à une jeune -tribade par Mlle de Raucourt, prononcée le 23. mars 1778“. „L’espion -anglais.“ X, 208-228. Hier gilt die Rede zwar einer Mlle Aurore. Doch -ist anzunehmen, dass die +Raucourt+ immer dieselben Gedanken vorbrachte. - -[302] Auch diese Schilderung ist wieder ein Beweis für unsere Ansicht -von dem +allmählichen Erworbenwerden+ der Homosexualität. Man +gewöhnt+ -sich an den neuen Reiz, der allmählich +unentbehrlich+ wird. Man -beachte, dass dieses Bekenntnis aus dem Munde einer +echten+ Anhängerin -des amor lesbicus kommt, die nicht etwa temporäre Tribade war. - -[303] +Poulet-Malassis+ hat in seiner Ausgabe dieser Abschnitte des -„Espion Anglais“ („Anandria, ou Confession de mademoiselle Sapho“ -Lesbos [Brüssel] 1866) den Schlüssel zu diesen Namen gegeben. -„+Furiel+“ ist Mme +de Fleury+, „+Urbsrex+“ ist die Herzogin von -+Villeroy+; „+Terracenès+“ ist die Marquise +de Senecterre+ und -„+Téchul+“ ist die Marquise +de Luchet+. - -[304] Dass der Marquis +de Sade+ stets Gelegenheit nimmt, seine Helden, -besonders +vor+ den Orgien mit einer grossen Rede +über+ dieselben -paradieren zu lassen, haben wir schon öfter hervorgehoben. - -[305] „Eros“ Bd. II. S. 413. - -[306] Fr. C. +Forberg+ giebt eine kurze lateinische Darstellung -dieser Feier und berichtet, dass in +London+ am Ende des vorigen -Jahrhunderts eine ähnliche Secte existiert habe. („Antonii Panormitae -Hermaphroditus“ Coburg 1824 S. 365-366.) - -[307] +Françoise Clairien+, genannt +Saucerotte+, genannt +Raucourt+, -geboren zu Dombasle in Lothringen am 29. November 1753, starb in Paris -am 15. Januar 1815. Sie erschien zum ersten Male am 23. September 1772 -auf der Bühne als „Dido“. - -[308] „Le livre moderne“ herausgegeben von +Octave Uzanne+, Paris 1891 -Bd. IV S. 245-247. - -[309] „La chronique scandaleuse“ Paris 1789. Bd. III. S. 32 und 280. - -[310] +Charles Geneviève Louis Auguste André Thimothée d’Eon de -Beaumont+ geb. 1728 zu Tonnerre in Burgund, gestorben 1810 in London. - -[311] +d’Eon+ stellt allerdings die Sache so dar, als ob +Beaumarchais+ -von ihm zum Besten gehalten sei und wirklich an seine weibliche Natur -geglaubt habe. - -[312] +d’Eon+ wollte hier einschalten: „als das Geschlecht der Dame -durch +Zeugen, Aerzte, Matronen+ und rechtsförmliche Urkunden erwiesen -erscheint“, ein Zusatz, den +Beaumarchais+ tilgte. - -[313] Die ganze Darstellung der „Affaire d’Eon“ nach A. +Bettelheim+ -„Beaumarchais“, Frankfurt a. M. 1876. S. 356-370. - -[314] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 87. Ueber den Aufenthalt des -Chevalier +d’Eon+ in England vgl. den dritten Band dieser Studien („Das -Geschlechtsleben in England“, Bd. II, Cap. 7), sowie die Schrift von H. -+Vizetelly+ „The true story of the Chevalier d’Eon“, London 1895. - -[315] H. +Ellis+ u. J. A. +Symonds+ „Das conträre Geschlechtsgefühl“ -Leipzig 1896. S. 186. - -[316] „Bougre“ kommt von „Bulgar“, da man der Sekte der Bulgaren die -erste Einführung des Lasters in Frankreich zuschrieb. - -[317] „Erotica Biblion“ Cap. Kadhésh. Amsterdam 1890 (Neudruck) S. 114. - -[318] A. +Moll+ „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘“ Berlin 1898 -Bd. I. S. 460. - -[319] Vgl. +Bussy-Rabutin+ „Histoire amoureuse des Gaules“ Edition -+Auguste Poitevin+ Paris 1858 Bd. II S. 254-261. - -[320] H. +Ellis+ u. J. A. +Symonds+ a. a. O. S. 127. - -[321] A. +Moll+ „Die konträre Sexualempfindung“ 2. Auflage Berlin 1893 -S. 68. - -[322] F. C. +Forberg+ a, a. O. S. 164. - -[323] „Eros“ I, S. 602. -- Die „Hermaphroditen“ waren ein -Paederasten-Club, wie aus der Schrift „Description de l’Isle des -Hermaphrodites“ Köln 1724 hervorgeht. Vergl. ferner bezüglich der -Verbreitung der Paederastie im 18. Jahrhundert die „Anecdotes pour -servir à l’Histoire Sécrète des Ebugors“. Medoso MMMCCCXXXIII. - -[324] A. +Schmidt+ a. a. O. Bd. II S. 87-88. - -[325] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 460. Diese Schrift enthält -6 Capitel: I. Des filles de joie; II. Des Sodomites; III. De la -Bestialité; IV. De l’Inceste; V. Du Gamahuchage; VI. De quelques autres -abus qui nuisent à la population. - -[326] A. +Moll+ „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘.“ I, S. 499. - -[327] Angesichts der Vorgänge im Potsdamer Waisenhause und anderer -kultur-historischer Thatsachen erscheint diese Meinung des Marquis +de -Sade+ etwas sonderbar. - -[328] W. M. +Cooper+ „Der Flagellantismus und die Flagellanten“. -Deutsch von H. +Dohrn+. Dresden 1899. S. 102-108. - -[329] R. v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen auf dem Gebiete der -Psychopathia sexualis.“ 2. Auflage. Stuttgart 1891. S. 35-36. -- Vergl. -auch P. J. +Moebius+ „J. J. +Rousseau’s+ Krankengeschichte“. Leipzig -1889. Und K. G. Lenz, Ueber Rousseaus Verbindung mit Weibern. 2. Aufl. -Berlin 1906. p. 8 ff. - -[330] P. +Fraxi+ a. a. O. S. XLIV. - -[331] P. +Fraxi+ a. a. O. S. XLIV-XLV. Dort findet sich auch eine -Abbildung dieses merkwürdigen „Berkley Horse“. - -[332] Vgl. „Studien“ Bd. III. Das Geschlechtsleben in England. Zweiter -Teil. Kap. 6. - -[333] G. +Abricossoff+ a. a. O. S. 70. -- Dass der Aderlass eine -+Modesache+ bei Aerzten und Laien war, bemerkt Dr. P. +Hamonic+ („La -Chirurgie et la Médecine d’autrefois“ Paris 1900 S. 90-91): „Le -XVIIIe siècle a marqué l’apogée de la saignée. Jamais la phlébotomie -n’a autant prévalu en chirurgie et en médecine. On pratiquait cette -opération dans les circonstances les plus diverses. On en avait fait -une panacée qui guérissait tout. Elle était plus répandue que la -purgation. Bien des gens se faisaient saigner préventiment pour éviter -des maladies qu’ils n’avaient pas, d’autres par habitude; il en était -même qui n’obéissaient qu’à la mode.“ - -[334] „Gazette médicale de Paris“ vom 21. Juli 1849 S. 560. - -[335] Ein uraltes Mittel +der Perser+ ist das Gummi von Ferula Asa -foetida (Stinkasant, Teufelsdreck), welches „beim Beischlafe zum -höchsten Genusse verhilft, wenn man den Penis damit einreibt.“ (R. -+Kobert+ „Historische Studien aus dem pharmakologischen Institut in -Dorpat“. Halle. 1893. Bd. III S. 188). - -[336] Ueber das Opium als sexuelles Stimulans urteilt man heute -anders. L. +Lewin+ bemerkt darüber: „Durch einmalige oder nur kurze -Zeit gereichte mittlere Opiummengen soll die +Geschlechtstätigkeit+ -erhöht werden. Diese Angabe muss insofern als unrichtig angesehen -werden, als wohl während des Opiumrausches dem Opiumraucher eine -Reihe von wollüstigen Bildern in der abnorm erregten, ungeordneten -und wirren Sinnesthätigkeit auftauchen können, dass aber die dadurch -hervorgerufenen Erectionen schnell vorübergehen und hiermit wohl nicht -eine erhöhte Libido sexualis oder Potentia coeundi verbunden ist. Zu -bemerken ist freilich, dass von Opiophagen eine erhebliche Steigerung -der geschlechtlichen Funktionen in der ersten Zeit des Opiumgebrauches -angegeben wird. Dieselbe macht später einer Impotenz Platz.“ (Artikel -„Opium“ in +Eulenburg’s+ „Real-Encyklopädie der gesamten Heilkunde“. -Wien und Leipzig 1898 Bd. XVII S. 625.) -- In einem der folgenden Bände -dieser Studien gedenken wir über die Aphrodisiaca in +cultur-+ und -+sittengeschichtlicher+ Beziehung zu handeln. - -[337] C. +Binz+ „Vorlesungen über Pharmakologie“ 2. Auflage. Berlin -1891 S. 690. - -[338] „Eros“ Bd. I. S. 41-42. - -[339] R. +Kobert+ „Lehrbuch der Pharmakotherapie“. 1897. S. 488. - -[340] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V. S. 434. - -[341] +Casanova+ a. a. O. S. 137. - -[342] L. +Waldenburg+ und C. E. +Simon+,„Handbuch der allgemeinen und -speziellen Arzneiverordnungslehre“ 7. Auflage. Berlin 1870 S. 177. -Viele Männer epilirten sich am ganzen Körper (H. +Paschkis+ „Kosmetik -für Aerzte“ Wien 1893 S. 28.) -- Vgl. Stern, Medizin, Aberglaube und -Geschlechtsleben in der Türkei. Berlin 1903. Bd. 2, p. 132. - -[343] „La chronique scandaleuse“. Paris 1791. Bd. I, S. 139. - -[344] F. +Hering+ „Kosmetik nach Heinrich de Mondeville“. -Inauguraldissertation. Berlin 1898. S. 17-18. (Unter der Aegide von J. -+Pagel+). - -[345] Nach J. +Hyrtl+ „Handbuch der topographischen Anatomie“ 7. -Auflage. Wien 1882 Bd. II, S. 191 sprechen auch +Avicenna+ und -+Cornelius Agrippa+ von Mitteln, deren Gebrauch ein zerstörtes Hymen -reproduzieren soll. In unseren kulturhistorischen Studien über die -Aphrodisiaca werden wir diese interessante Frage weiter verfolgen. - -[346] Weitere Mitteilungen über die Restauration der Virginität findet -man im zweiten Bande dieser Studien: das Geschlechtsleben in England. -Bd. 1, S. 370-377. - -[347] P. +Paschkis+ „Kosmetik für Aerzte“. Wien 1893 S. 27. - -[348] „Eros“ II. S. 261. - -[349] H. +Paschkis+ a. a. O. S. 23. - -[350] H. +Ploss+ und M. +Bartels+ „Das Weib in der Natur- und -Völkerkunde“ 6. Auflage. Leipzig 1899. Bd. I, S. 750. - -[351] „Les bordels de Paris“. Paris 1790. S. 17. -- „Höre Hortense“, -sagt der Graf in +Mirabeaus+ „Ma conversion“ (S. 175 ff.) zu einer -Dirne, „Ich habe von Dir einen Tripper bekommen. Das ist ja eine Regel. -Ich beklage mich nicht darüber. Denn es ist ‚le bonbon du métier‘.“ - -[352] +Casanova+ a. a. O. Bd. XI, S. 226. Dass die Ansteckung auf -diesem Wege erfolgen kann, bestätigt auch R. +Bergh+, der selbst einen -solchen Fall beobachtet hat. („Ueber Ansteckung und Ansteckungswege bei -Syphilis“, Hamburg und Leipzig 1888. S. 21.) - -[353] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. II, S. 227. -- Eine höchst witzige -Anecdote über eine Madame D**. erzählt die „chron. scand.“ (IV, S. -10): „On disait à un souper que Madame D**. avait la +petite+ vérole -(Blattern). Je n’en suis pas étonné, répondit quelqu’un, je l’ai -toujours connue très modeste.“ -- +Grande+ vérole ist nämlich Syphilis. - -[354] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 340 und S. 44. - -[355] „L’espion anglais“. Bd. VI, S. 217-235. „Historique du spécifique -du Docteur Guilbert de Préval“. - -[356] Es war eine Auflösung von Sublimat in Kalkwasser. (+Chr. -Girtanner+ „Abhandlung über die Venerische Krankheit“ Göttingen 1789 -Bd. III, S. 782.) - -[357] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. II, S. 229. - -[358] J. K. +Proksch+ „Geschichte der venerischen Krankheiten“ Bonn -1895 Bd. II, S. 509; J. +Schrank+ „Die Prostitution in Wien.“ Bd. I, S. -237. Wien 1886. - -[359] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. II, S. 230. - -[360] +Girtanner+ a. a. O. Bd. III, S. 781. - -[361] J. K. +Proksch+ „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“. -Wien 1872. S. 48 ff. -- Die Litteratur über die „Affaire +Guilbert -de Préval+“ bei +Girtanner+ a. a. O. S. 782 und J. K. Proksch „Die -Litteratur über die venerischen Krankheiten“. Bonn 1889. Bd. I, S. 473. --- Als Kuriosum möge hier +Linguet’s+ „Cacomonade, histoire politique -et morale“ Köln 1769 erwähnt werden, eine Paraphrase von +Voltaire’s+ -bekannter cynischer Anecdote über den Ursprung der Syphilis im 4. Kap. -des „Candide“. - -[362] +Casanova+ a. a. O. Bd. XI, S. 226. - -[363] J. K. +Proksch+ „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“. Wien -1872. S. 48. - -[364] J. K. +Proksch+ a. a. O. S. 50. - -[365] +Proksch+ a. a. O. S. 50-51. „Unter 48 Condomen der -verschiedensten Grösse, die ich mir von Verschleissern und ohne eine -Auswahl zu meinen Experimenten anschaffte, fand ich keinen einzigen, -welchen ich als schlecht gemacht und unsicher bezeichnen könnte. Die -meisten Condome liessen sich mittelst einer Compressionsluftpumpe bis -an das Vierfache des Volums, welches sie im Zustande der Contraction -hatten, ausdehnen, ehe sie mit einem starken Knalle platzten; kein -einziger Condom barst, wenn ich die Ausdehnung seines Umfanges nur bis -auf das Dreifache trieb, was ich an allen durch genaue Messungen sicher -stellte. Bemerkenswert war bei diesen Versuchen der Umstand, dass die -Condome nach einer stärkeren Ausdehnung knapp vor der Stelle abrissen, -wo ich sie mittelst eines Bändchens an die Compressions-Luftpumpe -befestigt hatte. Wäre es mir also möglich gewesen, die Condome auf eine -Weise zu befestigen, die es zugelassen hätte, die ganzen Condome zu -erweitern, so würde ich gewiss noch bedeutendere Ausdehnungen erzielt -haben.“ Auch rasche und ungleichmässige Ausdehnungen ergaben dasselbe -Resultat wodurch nach +Proksch+ sichergestellt ist, dass, wenn „die -Condome aus Kautschuk im unversehrten Zustande verkauft werden, sie -durch den Beischlaf unmöglich zerrissen werden können, auch wenn sie -noch so ungeschickt angelegt und gebraucht werden, und dass sie selbst -bei ihrer stärksten Ausdehnung impermeabel bleiben. Damit sind die -gewichtigsten Einwände, welche gegen die Schutzfähigkeit der Condome -bis nun gethan wurden, widerlegt.“ - -[366] J. A. +Dulaure+ hat in seinem grossen Werke „Des divinités -génératrices ou du culte du Phallus chez les Anciens et Modernes“ -Nouv. édit. Paris 1885 eine ausführliche Darstellung der Geschichte -des Phalluscultus gegeben. -- Wertvolle Beiträge dazu auch bei J. -+Rosenbaum+ „Geschichte der Lustseuche im Altertume“. 7. Auflage. -Berlin 1904. S. 59-70. - -[367] Dr. +Iwan Bloch+. „Kannten die Alten die Contagiosität -venerischer Krankheiten?“ Deutsche med. Wochenschr. 1899 No. 5, -teilt eine interessante Stelle aus den kürzlich wieder aufgefundenen -Mimiamben des hellenistischen Dichters +Herondas+ mit. In dem Mimiambus -„Die beiden Freundinnen“ oder „Das vertrauliche Gespräch“ handelt -es sich um einen Lederphallus, den die Frauen der Insel Kos unter -einander zur Befriedigung ihrer Lüste benutzen, welche Unsitte damals -selbst unter den ehrbaren Bürgerinnen ganz verbreitet war, wie aus dem -Gespräche zweier Freundinnen hervorgeht. -- Die Behauptung +Bloch’s+, -dass die Syphilis im Altertums nicht existiert habe, scheint uns noch -entschieden weiterer Beweise bedürftig zu sein. - -[368] Selbst dieses Instrument wurde zu einer Satire gegen das Königtum -missbraucht, in der Schrift „Le Godmiché Royal“ Paris 1790. - -[369] W. +Heinse+ in seiner Uebersetzung des „Petronius. Begebenheiten -des Enkolp.“ Neue Ausgabe. Leipzig 1898. Bd. I, S. 70. - -[370] +Garnier+ a. a. O. S. 378. - -[371] Derselbe Autor erzählt a. a. O. S. 125, dass die Chinesen auch -diese Wollustapparate schon erfunden hatten, bevor sie mit Europäern -in Berührung kamen, und dass man heute in Tient-sin künstliche -männliche Glieder in „natürlichen Farben“ verkauft, sowie Bilder, -welche Frauen darstellen, wie sie von „Tröstern“ Gebrauch machen. -Selbst auf Porzellan wurden derartige Szenen gemalt. -- Wir selbst -haben in letzter Zeit mehrfach im Besitz von jungen Kaufleuten eine -hektographierte Zeichnung gesehen, auf der dieser Apparat in Form einer -grossen Maschine dargestellt war, die von einer Frau zum Zwecke der -sexuellen Befriedigung in Bewegung gesetzt wird. So ähnlich wird man -sich +Sade’s+ „automatische Godmichés“ zu denken haben. -- „Analuma, -eigentlich die Gesellschaft der unverheirateten jungen Damen, ist -ein sinnig-euphemistisch-verschämter Ausdruck für den Penis.“ (B. -+Friedländer+ „Notizen über Samoa“. Zeitschr. für Ethnologie. 1899. S. -31). - -[372] +Garnier+ a. a. O. S. 373. - -[373] +Paul Lacroix+ „XVIIIe Siècle. Institutions, Usages et Costumes.“ -Paris 1875. S. 389. - -[374] +Paul Lacroix+ a. a. O. S. 390. - -[375] ib. S. 388. - -[376] +Paul Lacroix+ a. a. O. S. 11. - -[377] +Brillat-Savarin+ „Physiologie des Geschmacks“, übersetzt von -+Carl Vogt+. 2. Aufl. Braunschweig 1866. S. 269. - -[378] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 263. - -[379] ib. S. 269. - -[380] ib. S. 56. - -[381] +Casanova+ a. a. O. Bd. XI, S. 224 ff. - -[382] J. F. +Reichardt+ a. a. O. Bd. III. S. 77-78. - -[383] „Aline et Valcour“ Brüssel 1883 Bd. II, S. 293. - -[384] Es ist eine interessante Frage, ob die Kleptomanie vornehmer -Damen nicht mit +sexuellen Perversitäten+ zusammenhängt, wie wir -vermuten, nach den blossen Schilderungen, die +Sade+ von der -+Wollust+ des Diebstahls entwirft. Der Fall +Lombroso’s+, in dem ein -15jähriges Mädchen stets während der +Menstruation+ von Kleptomanie -ergriffen wurde, spricht auch dafür. („Das Weib als Verbrecherin und -Prostituirte“ Hamburg 1894. S. 527.) - -[385] A. +Bettelheim+ a. a. O. S. 615. -- Wie diese Geldgier -den moralischen und physischen Menschen corrumpiert, schildert -unübertrefflich A. +Schüle+ „Handbuch der Geisteskrankheiten“ 2. -Auflage. Leipzig 1880. S. 194. - -[386] G. +Keben+ „Die Prostitution und ihre Beziehungen zur modernen -realistischen Litteratur“. Zürich 1892 S. 52 führt ein bemerkenswertes -Wort von +Avé-Lallemant+ an: „Mehrere Räuber verfluchten auf dem -Schaffot die Bordelle als die Ursache ihres Unglücks.“ - -[387] A. +Schmidt+ a a. O. Bd. II, S. 33-36. - -[388] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S 39-43. - -[389] A. +Schmidt+ a. a. O. II, 51. - -[390] A. +Schmidt+ a. a. O. Bd. II, S. 56. -- +Schmidt+ macht darauf -aufmerksam, dass die einmal erweckten verbrecherischen Neigungen sich -in einem Teile der französischen und besonders der Pariser Bevölkerung -forterbten und daher in jedem späteren, die Bande der bürgerlichen -Ordnung lockernden Zeitpunkt mit Unwiderstehlichkeit und Heftigkeit -wieder hervorbrachen. - -[391] G. +Hermann+ a. a. O. S. 111. - -[392] A. +Kohut+ „Berühmte und berüchtigte Giftmischerinnen“. Berlin -1893. S. 55-65. - -[393] Ueberraschend ähnlich (wenn auch natürlich in anderem Sinne) -heisst es bei W. v. +Bechterew+ „Suggestion und ihre soziale Bedeutung“ -Leipzig 1899, S. 82 von der Suggestion überhaupt: „Es kann nicht -zweifelhaft sein, dass +suggestive Mikroben+ in gewissen Fällen -gleich verderbenbringend wirken müssen wie physische Infektion... -Der ‚psychische Bacillus‘ der Suggestion kann je nach seinem inneren -Gehalt segenbringende, aber auch schädliche und verheerende Wirkungen -entfalten.“ - -[394] „L’espion anglais“. Bd. VI. London 1783. S. 1-15. („Exécution de -Desrues et son histoire“.) - -[395] +Jules Janin+ a. a. O. S. 322. - -[396] +Cesare Beccaria+ „Ueber Verbrechen und Strafen“, übersetzt von -M. +Waldeck+. Berlin 1870. S. 63. - -[397] +Paul Lacroix+ „XVIIIe siècle. Institutions, Usages et Costumes.“ -Paris 1875. S. 307 -- Adlige wurden enthauptet. - -[398] +Paul Lacroix+ a. a. O. S. 307. - -[399] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 309. - -[400] Th. +Carlyle+ „Die französische Revolution“ übersetzt von +Franz -Kwest+. Halle 1899 Bd. II, S. 419. - -[401] „Assassinat de Louis XV. et supplice de Damiens“ (Extrait par -Lemonty des Mémoires manuscrits du duc de +Croy+ Bd. XIV) in „Revue -rétrospective“ Paris 1833 Bd. I, S. 357-370. - -[402] +Charles Monselet+ „Le Supplice de Damiens“ in: Bibliothèque -choisie Band 1154 Paris 1873 S. 119. - -[403] +Monselet+ sagt hier: „Ich erzähle, gestützt auf Documente -von unbestreitbarer Authenticität. Ich übertreibe nichts, was infam -sein würde! Ich mildere sogar den Ausdruck und lasse nur die blossen -Thatsachen reden. Ich bin zu dieser Erklärung genötigt, um fortfahren -zu können.“ (a. a. O. S. 128.) - -[404] +Monselet+ a. a. O. S. 130. - -[405] „Geschichte des Privatlebens Ludwigs XIV. u. s. w.“ A. d. -Französ. Berlin u. Stettin 1781. Bd. III, S. 113. - -[406] F. W. +Barthold+ a. a. O. S. 261. - -[407] Das Attentat des +Damiens+ soll auf Anstiften der Jesuiten -erfolgt sein. Vergl. P. P. +Wolf+ „Allgemeine Geschichte der Jesuiten“. -Bd. III, S. 316. - -[408] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. VIII. S. 74-76. - -[409] S. 77. - -[410] „Revue rétrospective.“ Bd. I. S. 370. - -[411] „L’espion anglais.“ Bd. VI. S. 14. - -[412] +Thomas Carlyle+ „Die französische Revolution.“ Halle 1899. Bd. -II, S. 67-68. - -[413] +Th. Carlyle+ a. a. O. Bd. II, S. 165 und 185. - -[414] +Jourgniac St.-Méard+ „Mon Agonie de trente-huit heures“ in -„Histoire parlamentaire de la Révolution Française“. Paris 1835. Bd. -XVIII, S. 103-135. - -[415] +Maton de la Varenne+ „Ma résurrection“ ibid. S. 135-156. - -[416] +Abbé Sicard+ „Relation adressée à un de ses amis“ ibid. S. -98-103. - -[417] +Th. Carlyle+ a. a. O. S. 196. -- +Mercier+ sah aus einem Haufen -von Leichen einen Fuss hervorragen. „Ich sah jenen Fuss“, sagt er, -„ich werde ihn wieder erkennen am grossen Tage des Gerichts, wenn der -Ewige, auf seinen Donnern thronend, richten wird über beide, Könige und -Septembermänner.“ („Le nouveau Paris.“ Paris 1800. Bd. VI, S. 21.) - -[418] Die Guillotine, deren Erfindung irrtümlich dem Arzte -+Joseph-Ignace Guillotin+ (1738-1814) zugeschrieben wird, war schon im -Mittelalter bekannt. Die Köpfmaschine der französischen Revolution war -nach den Vorschlägen des Chirurgen +Louis+ von dem deutschen Mechaniker -+Schmitt+ angefertigt worden und wurde zum ersten Male im April 1792 -auf dem Grèveplatz aufgestellt. Vergl. G. +Korn+ „Joseph-Ignace -Guillotin“ Inauguraldissertation. Berlin 1891, S. 20. - -[419] +Th. Carlyle+ a. a. O. Bd. II. „Schrecken an der Tagesordnung“. -S. 358-398. - -[420] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 262. - -[421] Comte +Fleury+ „Les grands Terroristes. Carrier à +Nantes+ -(1793-1794).“ Paris 1897. Besonders Seite 197-202. - -[422] Comte +Fleury+ a. a. O. S. 121. - -[423] Comte +Fleury+ a. a. O. S. 175. - -[424] Auch über die Priester äusserte sich +Carrier+ fast in denselben -obscönen Ausdrücken, deren sich +Sade+ ihnen gegenüber bedient. So -sagte er von 60 verurteilten Priestern aus Angres: „Pas tant de -mystère, f... tous ces bougres-là à l’eau.“ (+Fleury+ a. a. O. S. 112.) - -[425] +Carlyle+ a. a. O. II, S. 374. - -[426] +Carlyle+ a. a. O. Bd. II, S. 402. -- Ein Exemplar von Sades -„Philosophie dans le Boudoir“ (Londres 1795. 2 vols. in 16^o), das -in +Menschenhaut+ eingebunden ist, wird jetzt in Paris für 500 frs. -ausgeboten. - -[427] +Arsène Houssaye+ „Notre-Dame de Thermidor“ Paris 1806. S. -361-368. - -[428] +Th. Achelis+ „Moderne Völkerkunde“. Stuttgart 1896. S. 3. - -[429] +Th. Achelis+ a. a. O. S. 4. - -[430] Siehe +Chr. Girtanner+, a. a. O. Bd. I, S. 57-59. - -[431] „Gilles de Rays, maréchal de France, dit Barbe-Bleue (1404-1440)“ -par l’abbé E. +Bossard+ et R. +de Maulle+. Paris 1886. - -[432] A. +Eulenburg+ „Sexuale Neuropathie. Leipzig 1895“ S. 116. - -[433] A. +Lacassagne+ „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“ Lyon -u. Paris 1899. Seite 246-247. - -[434] A. +Eulenburg+ „sexuale Neuropathie“ S. 116. -- Die dort erwähnte -ungarische „Blutgräfin“ +Elisabeth Báthory+, die im 17. Jahrhundert -lebte, ist +Sade+ nicht bekannt gewesen. Vergl. „Die Blutgräfin -(Elisabeth Báthory) ein Sitten- und Charakterbild“ von R. A. +von -Elsberg+. Breslau 1893. - -[435] J. +Michelet+ „Histoire de France (Louis XV.)“ Bd. XVII. Paris -1879. S. 126 ff. - -[436] +Paul Moreau+ a. a. O. S. 64. - -[437] Ch. J. D. +de Lacretelle+ „Histoire de France pendant le 18me -siècle“ Paris 1819. Bd. I, S. 271. - -[438] „Biographie universelle“ Paris 1844. Bd. VII, S. 673. Die hier -erzählte Anekdote über +Charolais+ teilt auch +Sade+ mit (Phil. dans le -Boud. II, 131). - -[439] E. u. J. +de Goncourt+ „La femme etc.“ S. 275. - -[440] A. +Moll+ „Untersuchungen über die Libido sexualis“. Berlin 1808. -Bd. I, S. 701. - -[441] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 239. -- Dort wird -auch auf die „blutigen Ausschweifungen“ des im 17. Jahrhundert lebenden -Duc d’Epernon hingewiesen. - -[442] F. +Lotheissen+ „Litteratur und Gesellschaft“ u. s. w. S. 104. - -[443] „Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne -des Lasters.“ Leipzig 1874. S. 14 und 18. - -[444] J. A. +Dulaure+ „Histoire physique, civile et morale de Paris“. -Paris 1821. Bd. V, S. 19. - -[445] Dies ist ein Nachdruck einer scatologischen Gedichtsammlung -„Merdiana, recueil propre à certain usage“ Paris 1803. Die „Bibliotheca -Scatologica“ (Paris 1853) enthält u. a. auch zahlreiche Titel von -Schriften, die den menschlichen Excrementen alles erdenkliche Lob -zollen. - -[446] C. J. +Weber+ „Das Papsttum und die Päpste“ Stuttgart 1834. Bd. -III, S. 209. - -[447] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. XVII, S. 104 und 189. - -[448] F. W. +Barthold+ a. a. O. S. 56. -- Ein bezeichnendes Sprichwort -der Venetianer heisst: La mattina una messetta, l’apodimar una -bassetta, e la sera una donnetta. -- Vgl. auch. +Thomas Medwin+, „Lord -Byron-Erinnerungen“. 3. Auflage. S. 47 ff. Leipzig 1900. Verlag von H. -Barsdorf. - -[449] Sehr viel Material in dieser Beziehung enthalten die auf -Kosten des Earl of +Orford+ gedruckten „Leggi e Memoire Venete sulla -Prostituzione fine alla caduta della republica“ Venedig 1780-1872. - -[450] J. K. +Proksch+ „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“ Wien -1872, S. 26. - -[451] J. +Casanova+ a. a. O. I, 125 ff und III, 186. - -[452] Näheres bei A. +Moll+ „Die konträre Sexualempfindung“ 2. Auflage. -Berlin 1893. S. 44. - -[453] H. +Fuchs+, Richard Wagner u. d. Homosexualität. Berlin 1903. S. -16-20. - -[454] A. +Moll+ a. a. O. S. 56-62. - -[455] 4: „Histoire des Papes. Crimes, Meurtres, Empoisonnements, -Parricides, Adultères, Incestes etc.“ Paris 1843. Bd. 7, S. 197. - -[456] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. II, S. 41 und 177 und XVII, S. 186. - -[457] A. +Moll+ a. a. O. S. 51-52. -- Italien hat auch den berühmtesten -aller Paederasten-Romane hervorgebracht, das äusserst selten gewordene -Buch „Alcibiade fanciullo a scuola“, Oranges 1652. (Französisch: -„Alcibiade Enfant à l’Ecole“. Amsterdam 1866.) - -[458] +Joseph Gorani+ „Mémoires secrets et critiques des cours et des -mœurs des principaux états de l’Italie“. Paris 1794. Bd. I, S. 79, -85-86. - -[459] J. +Casanova+ a. a. O. II, 15 und 45. - -[460] „Eros“. Bd. II, S. 350. - -[461] C. J. +Weber+ „Das Papsttum und die Päpste“. Stuttgart 1834. Bd. -III S. 157. - -[462] J. +Casanova+ a. a. O. XVII, S. 126-27. - -[463] J. +Casanova+ a. a. O. Bd XVII, S. 134; 177 ff. - -[464] +Bourgoing+ „Mémoires historiques et philosophiques sur Pie VI et -son pontificat“ Paris An 7 de la République. S. 101 bis 111. - -[465] P. +Coletta+ „Geschichte des Königreich Neapel“ 2. Aufl. Cassel -1855. Bd. I, S. 246. - -[466] C. J. +Weber+ a. a. O. Bd. III, S. 255. - -[467] J. +Gorani+ a. a. O. Bd. II, S. 357. - -[468] +Bourgoing+ a. a. O. S. 120-121. -- Der Lüstling und Klosterprior -Severino bei +Sade+ wird als Verwandter des Papstes +Pius+ VI. -bezeichnet (Justine II, 176.) - -[469] +Karoline+ nennt sich in ihren Briefen Charlotte. Daher heisst -sie auch bei +Sade+ so. - -[470] v. +Helfert+ „Maria Karoline von Oesterreich, Königin von -Neapel“, Wien 1884. - -[471] M. +Brosch+ „Königin Maria Karolina von Neapel“ in: Historische -Zeitschrift Bd. 53. München und Leipzig 1885. S. 72-94. - -[472] P. +Coletta+ a. a. O. Bd. I, S. 240. - -[473] J. +Gorani+ a. a. O. Bd. I, S. 96, 135, 209, 256-64. -- J. -+Gorani+, geboren 15. Febr. 1740 in Mailand, starb nach einem -abenteuerlichen Leben am 13. Dezember 1819 in Genf. - -[474] A. +Gagnières+ „La Reine Marie-Caroline de Naples d’après les -documents nouveaux.“ Paris 1886. S. 31. -- J. C. +Jeaffreson+ hat in -seinem vortrefflichen kritischen Werke über „Lady Hamilton and Lord -Nelson“ (London 1888) die wirkliche Natur des Verhältnisses zwischen -+Emma+ und +Karoline+ vollkommen übergangen. -- Ueber das Verhältnis -beider vgl. auch das ausführliche Kapitel (III, 3) im +zweiten+ Bande -von „Das Geschlechtsleben in England“ („Studien“ Bd. 3.) - -[475] +Gagnières+ a. a. O. S. 66. - -[476] J. +Gorani+ a. a. O. Bd. I, S. 39-41, S. 20 ff; S. 98. - -[477] K. M. +Sauer+ „Geschichte der italienischen Litteratur“. Leipzig -1883. S. 63. - -[478] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft. 1899. Nr. -26, S. 499. - -[479] J. +Janin+ „Le Marquis de Sade“. Revue de Paris. Bd. XI. Paris -1834. S. 327. - -[480] „Journal de la cour et de Paris, depuis le 28. Novembre 1732 -jusqu’au 30. Novembre 1733 in: Revue rétrospective.“ Paris 1836. Bd. -VII, S. 118-119. - -[481] J. +Janin+ a. a. O. S. 328. - -[482] Die Darstellung der Genealogie des Marquis +de Sade+ im -wesentlichen nach „Biographie ancienne et moderne.“ Paris 1837. Bd. 37, -S. 217-224. In neuerdings veröffentlichten Dokumenten aus dem Archiv -des Irrenhauses Charenton werden noch als zweiter Sohn des Marquis -+de Sade Armande+, als dritter +Jean Baptiste Joseph David de Sade+ -genannt. Vgl. A. +Cabanes+ „La prétendue folie du marquis de Sade“ in: -Le Cabinet secret de l’Histoire, 4me Série, Paris 1900, S. 316 u. ö. - -[483] Er hätte eigentlich nach dem Tode seines Vaters den Titel „Comte“ -annehmen müssen, war aber als +Marquis de Sade+ berüchtigt geworden, so -dass ihm dieser Name blieb. - -[484] P. +Lacroix+ „XVIIIe Siècle etc.“ Paris 1875. S. 258 bis 259. - -[485] O. +Uzanne+ „Idée sur les Romans par D. A. F. de Sade“ Paris 1878 -S. XIV-XV. - -[486] +Marciat+ „Le marquis de Sade et le Sadisme“ in: +Lacassagne+ -„Vacher l’Eventreur et les crimes sadiques“ Lyon 1889 S. 187. - -[487] „Justine und Juliette u. s. w.“ Leipzig 1874 S. 11. - -[488] „Les crimes de l’amour u. s. w.“ Brüssel 1881. S. 237. - -[489] P. +Fraxi+ a. a. O. S. 39. - -[490] „La vérité sur les deux procès criminels du Marquis de Sade“ par -+Paul L. Jacob+, Bibliophile, in „Revue de Paris“ 1837. Bd. 38, S. 138. - -[491] J. +Janin+ a. a. O. S. 331. - -[492] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 137. - -[493] +Marciat+ a. a. O. S. 187-188. - -[494] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 137-139. - -[495] J. +Scherr+ „Deutsche Kultur- und Sittengeschichte“ 9. Auflage. -Leipzig 1887. S. 449. - -[496] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 514 Anmerkung. - -[497] +Paul Ginisty+ „Lettres inédites de la Marquise de Sade“ in: „La -Grande Revue“ 1899 Nr. 1, S. 1-31. - -[498] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 17. - -[499] a. a. O. S. 140. - -[500] „Justine und Juliette“ S. 33-34. - -[501] +Marciat+ a. a. O. S. 190. +Cabanes+ a. a. O. S. 261 bis 263. - -[502] +Cabanès+ a. a. O. S. 263. - -[503] +Cabanès+ sagt ähnlich: „S’il en avait eu le loisir, le marquis -de Sade aurait pu donner à son autobiographie ce titre, que devait -illustrer plus tard Silvio Pellico: +Mes Prisons+.“ - -[504] „Lettres de la Marquise Du Deffand à Horace Walpole depuis comte -d’Orford, écrites dans les années 1766 à 1780 etc.“ Nouv. ed. corrigée. -Paris 1812. Bd. I. S. 225-227; 228-229 (Brief 46 vom 12. und 13. April -1768). - -[505] J. +Janin+ a. a. O. S. 348. - -[506] a. a. O. S. 500-501. - -[507] a. a. O. S. 141. - -[508] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de -la Bretonne“ S. 418. -- Dort auch die Erzählung +Rétif’s+. - -[509] +Cabanès+ a. a. O. S. 265-266. - -[510] „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct -génésique“ in Gazette médicale de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849. S. -559-560. - -[511] Hier bildet +Sade+ selbst das Vorbild für den aderlasswütigen -Grafen Gernande in der „Justine“. - -[512] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 142. - -[513] +Marciat+ a. a. O. S. 194. - -[514] +Lacroix+ a. a. O. S. 143. - -[515] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de +Rétif de -la Bretonne+.“ S. 420. - -[516] „Marseille à la fin de l’ancien régime“ par F. +Dollieule+ etc. -Marseille 1896. S. 49. -- +Casanova+ a. a. O. Bd. X. S. 224 ff. - -[517] +Marciat+ a. a. O. S. 195. - -[518] +Lacroix+ a. a. O. S. 144. - -[519] +Cabanès+ a. a. O. S. 272-282. - -[520] +Eulenburg+ a. a. O. S. 501. - -[521] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 2-3. - -[522] „Les crimes de l’amour.“ S. 181-182. - -[523] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 3 ff. - -[524] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 7-8. - -[525] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 182 - -[526] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 14. - -[527] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 24 und 27. - -[528] H. +Schüle+ „Handbuch der Geisteskrankheiten“ 2. Aufl. Leipzig -1880. S. 221-225. - -[529] Einzelnes hat sich aus den Tagebüchern noch erhalten. So teilt -+Cabanès+ a. a. O. S. 287-288 einige Urteile +Sade’s+ über -- geistige -Getränke mit, von denen er verschiedene Sorten Branntwein aufzählt und -als „gut“, „schlecht“, „abscheulich“, „nichts wert“ und „mittelmässig“ -bezeichnet; ferner ein kurzes Verzeichnis seiner täglichen Ausgaben, -unter denen solche für Orangenparfüm, Briefporto, Lichter, Federn, -Blumen figuriren. - -[530] +Marciat+ a. a. O. S. 197. - -[531] „Détention du marquis de Sade“ in: Revue rétrospective. Bd. I, -Paris 1833, S. 256. - -[532] +Cabanès+ a. a. O. S. 288. - -[533] Wie Dr. +Ritti+, der gegenwärtige Arzt von Charenton an Dr. -+Cabanès+ unter dem 27. December 1899 schreibt, ist es auch möglich, -dass +de Sade+ Charenton verliess, als diese Anstalt auf Befehl des -„Comité du Salut public“ geschlossen wurde. - -[534] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 31. -- Sie starb in einsamer -Zurückgezogenheit am 7. Juli 1810 zu Echauffour. - -[535] O. +Uzanne+ a. a. O. S. XLVIII. - -[536] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 183. +Cabanès+ a. a. O. S. -291-292. - -[537] ibidem S. 179. - -[538] J. +Janin+ a. a. O. S. 353. - -[539] O. +Uzanne+ a. a. O. S. XLV-XLVIII. - -[540] +Uzanne+ S. XXVI. - -[541] J. +Janin+ a. a. O. S. 353. - -[542] Das von dem Verf. dieses Buches entdeckte Manuscript von Sades -+erstem+ Roman „Les 120 journées de Sodome ou l’école du libertinage“ -wurde gleichfalls in der Bastille, in der Zeit vom 22. Oktober bis zum -27. November 1785 verfasst. Es erschien im Jahre 1904 in 200 Exemplaren -als +Privatdruck+. A. d. U. - -[543] O. +Uzanne+ a. a. O. S. XXIX. - -[544] +Uzanne+, ibid. S. 47 und 49. - -[545] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 138 ff. - -[546] +Marciat+ a. a. O. S. 203. - -[547] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 163. - -[548] +Cabanès+ a. a. O. S. 280-290. - -[549] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Restif de -la Bretonne“. S. 421. - -[550] ibid. S. 422-423. - -[551] +Jules Michelet+ „Histoire de la révolution française“. Paris -1869. Bd. VI, S. 220. - -[552] „Discours prononcé à la fête décernée par la Section des Piques, -aux mânes de +Marat+ et de +Le Pelletier+, par Sade, citoyen, de cette -section et membre de la Société populaire“ abgedruckt in „Les crimes de -l’amour etc.“ S. 265-272. - -[553] „Revue rétrospective.“ Paris 1833. Bd. I, S. 257. - -[554] Ueber den hochinteressanten Inhalt dieser Liste vergl. P. L. -+Jacob+, Bibliophile „Curiosités de l’histoire de France“. Paris 1858. -(„La liste des nobles de Dulaure“. S. 265-348.) - -[555] J. +Janin+ a. a. O. S. 352. - -[556] Biogr. universelle. S. 222. - -[557] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 263. - -[558] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 161 ff. - -[559] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 172 ff. - -[560] +Antoine Athanase Royer-Collard+ geb. 7. Februar 1768, seit 1806 -Arzt der Irrenanstalt in Charenton, † 27. November 1825. - -[561] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 165-169. - -[562] „Revue rétrospective“. Paris 1833. Bd. I. S. 263. - -[563] +Marciat+ a. a. O. S. 214. - -[564] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 170. - -[565] Abgedruckt bei +Marciat+ a. a. O. S. 215. - -[566] „Revue rétrospective“ Paris 1833 Bd. I, S. 262. - -[567] J. +Janin+ a. a. O. S. 357. - -[568] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 136. - -[569] +Charles Nodier+ „Souvenirs, épisodes et portraits pour servir à -l’histoire de la révolution et de l’empire“ Paris 1831, Bd. II, S. 57 -und S. 60. - -[570] +J. Janin+ a. a. O. S. 358. Nach +Cabanès+ fand diese -phrenologische Untersuchung später statt, und zwar bei der Exhumation -der Leiche. (+Cabanès+ S. 312.) - -[571] +J. Janin+ „Le Livre“ Paris 1870. S. 291-292. - -[572] Sogar über die +Kosten des Begräbnisses+ dieses merkwürdigen -Mannes hat sich in Charenton ein Dokument erhalten. Sie betrugen 65 -Livres. (Sarg 10 L., Grab 6 L., Träger 8 L., Prediger 6 L., Wachskerzen -9 L., für die Kapelle 6 L., Steinkreuz auf dem Grab 20 L.) +Cabanès+ -a. a. O. S. 312. - -[573] „Cazin, sa vie et ses éditions“ Cazinopolis 1863. S. 140. - -[574] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 203. - -[575] Gegen Ende des Jahres 1905 erschien hingegen eine vollständige -deutsche Uebersetzung der „Justine und Juliette“ als Privatdruck. A. d. -U. - -[576] Hier dürfte wohl eine Anspielung auf den Aufenthalt des Marquis -+de Sade+ in Deutschland, der mit in jenes Jahr fällt, zu finden sein. - -[577] In diesem Hinrichtungssaale liest ein Abbé die „Philosophie -dans le Boudoir“, die bekanntlich erst im Jahre 1795 zum ersten Male -erschien. Diese Lektüre der „Philosophie dans le Boudoir“ wird schon -in der Cazin-Ausgabe der „Justine“ von 1792 erwähnt, als ersteres -Werk noch gar nicht erschienen war. Das „beweist, dass +Sade+ die -‚Philosophie‘ längst vor der ‚Justine‘ im Manuscript beendet hatte, sie -jedoch aus irgend welchen Gründen, vielleicht weil sie dem ‚professeur -du crime‘ in der ersten Fassung zu ‚milde‘ erschien, erst später -herausgeben wollte.“ („Zeitschrift f. Bücherfreunde“ Mai/Juni 1900 - - -S. 123.) - -[578] Sollte hier nicht Madame Richard das Vorbild gewesen sein? - -[579] Unzweifelhaft eine Erinnerung an den schrecklichen Tod -+l’Escuyer’s+ in der Franziskanerkirche zu Avignon. (1790.) - -[580] Die Sodomie mit Ziegen muss ein uraltes spezifisch italienisches -Laster sein. Die italienischen Soldaten, welche 1562 unter dem -Herzog von +Nemours+ Lyon belagerten, führten eine Unzahl Ziegen mit -sich „couvertes de caparaçons de velours verts, avec de gros galons -d’or“, zum Zwecke der Sodomie. (P. Bayle „Dictionnaire hist. et -crit.“ éd. +Des Maizeau+, Amsterdam. 1740. Bd. I. Art. „Bathyllus“). -Nach +d’Artagnan+ waren es +zweitausend+ Ziegen! („Mémoires de Mr. -d’Artagnan“, Cologne 1701. Bd. I, S. 466.) - -[581] Es gab wirklich einen Papst, der seine Ueberzeugung als Atheist -offen ausgesprochen hat. Das war +Alexander+ VI. Vergl. C. J. +Weber+ -„Das Papsttum und die Päpste“ Stuttgart 1834 Bd. III, S. 157. - -[582] Hier klingen offenbar Eindrücke aus +Gorani’s+ 1794 erschienenen -Memoiren nach. - -[583] Vergl. Anmerkung auf Seite 383. - -[584] Dies Kapitel ist sichtlich dem Dialog III („Anatomie“) der -„Aloysia Sigaea“ nachgebildet. Vergl. „Les dialogues de Luisa Sigea -etc.“ Paris 1881. Bd. I, S. 47-71. - -[585] +Marciat+ a. a. O. S. 218. - -[586] F. +Drujon+ in „Le Livre“ herausgegeb. von O. +Uzanne+ Sept. 1883 -(Bibliogr. moderne) S. 589. - -[587] Der Recensent in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (Mai/Juni -1900 S. 123) bemerkt hierzu: „+Dühren+ hält ‚Aline - - -et Valcour‘ für ziemlich zahm. +Im Vergleich zu der ‚Nouvelle -Justine‘ und der ‚Philosophie‘+ ist der +Roman es auch+; aber in -den Geschmacksrichtungen der Hauptpersonen und in einzelnen Scenen -(z. B. Band III bei dem Verhör der Leonore durch den, den köstlich -bezeichnenden Namen Dom Crispe Brutaldi Barbaribos de Torturentia -führenden Grossinquisitor) atmet er ganz Sadischen Geist aus.“ - -[588] „La France littéraire“ Paris 1827. Bd. 8, S. 303. - -[589] „L’auteur des crimes de l’amour à Villeterque folliculaire“ in: -Les crimes de l’amour etc. Brüssel 1881. S. 137-153. - -[590] +Fritz Friedmann+ „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der -Bühne“ Berlin 1889, S. 8. - -[591] J. +Janin+ a. a. O. S. 358. - -[592] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 513. - -[593] Man trifft also auch bei +Sade+ -- wenn auch seltener -- die -sprichwörtliche Ignoranz der Franzosen in der Geschichte und Geographie. - -[594] J. +Renouvier+ „Histoire de l’art pendant la révolution“ Paris. -1863. S. 269. - -[595] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 209-210. - -[596] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 504. - -[597] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 499. - -[598] Interessant ist der hier hervortretende Zusammenhang zwischen -Materialismus und Pessimismus, der bei +Sade+ mehr als einmal zu finden -ist. - -[599] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 509-510. - -[600] „Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense“. 3. -Auflage. Leipzig 1860. S. 190. - -[601] A. +Moll+ sagt („Untersuchungen über die Libido sexualis“. -Bd. I, 202): „Ich habe den Eindruck, dass die Reizstärke, die die -Jungfrauschaft bezw. Keuschheit des Weibes auf den Mann ausübt, auch -bei uns abnimmt. Zum grossen Teile sind es heute mehr soziale Gründe -oder die Eitelkeit, die den Mann hindern, ein defloriertes Mädchen zu -heiraten. Die eigentlich abstossende Wirkung der Defloration durch -einen anderen Mann ist nicht immer in genügender Stärke vorhanden.“ - -[602] Am bekanntesten wurden die „schrecklichen Folgen“ der sexuellen -Abstinenz durch die erotischen Träume und Wahnideen des Pfarrers von -Cours bei Réole in Guyenne, die +Buffon+ in seiner „Histoire naturelle“ -geschildert hat und die man am ausführlichsten im „Espion Anglais“, Bd. -I, London 1784, S. 409 bis 456 dargestellt findet. - -[603] Merkwürdiger Weise hat man auch vom Standpunkt der Moral aus die -Ehe ein Verbrechen genannt. So z. B. +Statius+ in den berühmten Versen -der „Thebais“ Lib. II, 232-234: - - Tacite subit ille supremus - Virginitatis amor, primaeque modestia culpae - Confundit vultus. Tunc ora rigantur honestis - Imbribus. - -[604] Aehnlich +Tertullian+ „De anima“ Cap. 30: Fames bella et -voragines civitatum pro remedio deputanda. - -[605] Einen sehr merkwürdigen Versuch, die Kindererzeugung unmittelbar -zu beschränken, hat +Weinhold+ empfohlen. Es soll nämlich jeder -Jüngling im 14. Jahre infibuliert werden. Die Vorhaut wird vorgezogen, -sanft zwischen zwei durchlöcherte Metallplatten eingeklemmt, mit einer -hohlen Nadel durchstochen, sodass ein 4 bis 5 Zoll langer Bleidraht -eingeführt werden kann. Dessen Enden werden hernach zusammengelötet -und die Lötstelle gestempelt. Die Infibulation dauert so lange, bis -der Betroffene genug besitzt, um zu heiraten oder uneheliche Kinder zu -ernähren. Gegen eigenmächtiges Oeffnen harte Strafe und wiederholte -Visitation. +Weinhold+ versichert, die Operation, die selbst bei Juden -möglich sei (?), ohne den geringsten Nachteil für die Gesundheit bei -Onanisten u. s. w. vollzogen zu haben. Vergl. +Karl August Weinhold+ -„Von der Uebervölkerung in Mitteleuropa“ Leipzig 1827; „Ueber das -menschliche Elend, welches durch Missbrauch der Zeugung herbeigeführt -wird“ 1828 u. a. m. - -[606] W. +Roscher+ „System der Volkswirtschaft“ 20. Auflage Stuttgart -1892. S. 734. - -[607] H. +Eisenhart+ „Geschichte der Nationalökonomik“ 2. Auflage. Jena -1891. S. 80. - -[608] +Marciat+ a. a. O. S. 224 -- Wie sehr das Bevölkerungsproblem die -Menschen des 18. Jahrhunderts beschäftigte, beweisen auch die bekannten -Anfangsworte des im Jahre 1766 erschienenen „Vicar of Wakefield“ von -+Oliver Goldsmith+: „Meine Meinung war stets, ein wackerer Mann, der -sich verheiratet und eine hübsche Nachkommenschaft auferzieht, leiste -der Gesellschaft grössere Dienste, als einer, der ledig bleibt und blos -von der Bevölkerung plaudert“. - -[609] Hier spricht +Sade+ also von dem Verbrechen als einem Verbrechen, -nachdem er es vorher für eine naturgemässe und nützliche Handlung -erklärt hat. - -[610] „La curiosité littéraire et bibliographique“. Troisième Série. -Paris 1882. S. 139-142. - -[611] W. +Roscher+ a. a. O. S. 192 ff. - -[612] W. +Roscher+ a. a. O. S. 185. - -[613] Der heilige +Hieronymus+ schildert als Augenzeuge, dass die -Atticoten in Britannien sich von Menschenfleisch nährten und den Busen -der Weiber und den +Hintern+ als besondere Leckerbissen genossen. (R. -+Andree+, „Die Anthropophagie“. Leipzig 1887. S. 14.) - -[614] Bei den Menschenopfern der alten Mexikaner wurde zuerst das Herz -den lebenden Opfern aus der Brust herausgerissen. (R. +Andree+ a. a. O. -S. 74.) - -[615] A. +Bettelheim+ „Beaumarchais“. Frankfurt a. M. 1886. S. 176 und -207. - -[616] So bezeichnen wir den Kotfetischismus und die Leidenschaft, Kot -zu essen, nach dem griechischen Wort τό ὑποχώρημα = Kot. - -[617] B. +Tarnowsky+ „Die krankhaften Erscheinungen des -Geschlechtssinnes“ Berlin 1886 S. 70. - -[618] +Rabelais+ schildert in seiner „Gargantua“ ein „weltliches -Kloster“, in dem vor den Zimmern der Frauen Haaraufputzer und -Parfümeure stehen, „durch deren Hände die Männer gingen, wenn sie die -Frauen besuchen wollten“ und die zugleich alle Morgen die Zimmer mit -wohlriechenden Essenzen besprengten. (F. E. +Schneegans+, „Die Abtei -Thélème in Rabelais’ Gargantua“. Neue Heidelb. Jahrbücher. Heidelberg -1898. Bd. VIII, S. 143-159). Vielleicht ist der Name des Paters Thélème -im ersten Band der „Juliette“ diesem Kloster entlehnt. - -[619] Vgl. auch den „Ergänzungsband“: +Hagen, Dr. Alb.+ „Die sexuelle -Osphresiologie. Die Beziehungen des Geruchssinnes und der Gerüche -zur menschlichen Geschlechtsthätigkeit“, der dieses Thema ergiebig -behandelt. Charlottb. 1901. Verlag von H. Barsdorf. -- 2. Aufl. Berlin -1906. - -[620] P. +Garnier+ „Onanisme“ 6. Auflage. Paris 1888 S. 76-77. - -[621] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 63. - -[622] G. +Behrend+. Artikel „Prostitution“ in +Eulenburg’s+ -„Real-Encyclopädie der gesamten Heilkunde“. 3. Aufl. Berlin und Wien -1898. Bd. XIX, S. 437 - -[623] A. +Lacassagne+ „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“. S. -239. - -[624] R. v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen auf dem Gebiete der -Psychopathia sexualis.“ 2. Auflage. Stuttgart 1891. S. 1 und 45. - -[625] R. v. +Krafft-Ebing+ a. a. O. S. 48. - -[626] v. +Schrenck-Notzing+ „Litteraturzusammenstellung über die -Psychologie und Psychopathologie der Vita sexualis“. (3. Forts.) -Zeitschrift für Hypnotismus. Bd. 9, Heft 2. Leipzig 1899. S. 111-112. - -[627] A. +Lacassagne+ a. a. O. S. 239. - -[628] A. +Eulenburg+ „Sexuale Neuropathie“ Leipzig 1895 S. 112. Das -Wort „Lagnänomanie“ leitet +Eulenburg+ von λαγνός (wollüstig) αἰνός -(wild), und μανία ab; „Machlänomanie“ von μάχλος (wollüstig vom -+weiblichen+ Geschlecht) αἰνος und μανία. - -[629] A. +Moll+ „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘“ Berlin 1898 -S. 557. - -[630] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 115. - -[631] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 513-514. - -[632] +Marciat+ a. a. O. S. 216. Neuerdings hat auch +Cabanès+ die -Frage der Geisteskrankheit des Marquis +de Sade+ berührt und sie -verneint. Nach ihm litt derselbe mehr an „Satyro-graphomanie“ als an -wirklicher Erotomanie. +Cabanès+ a. a. O. S. 260. - -[633] E. +Kraepelin+ „Psychiatrie“ 6. Auflage. Leipzig 1899. Bd. II, S. -557-560. - -[634] v. +Schrenck-Notzing+ a. a. O. S. 111. - -[635] +Tarnowsky+ erklärt den Marquis +de Sade+ für einen „geborenen -Paederasten“ (?), der am Schlusse seines Lebens in „Altersblödsinn“ -verfiel. Seine Werke enthalten nur „Ratschläge eines Geisteskranken“. -(„Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes“ Berlin 1886, S. -70-71). Ein kühnes Urteil! - -[636] F. +Drujon+ „Catalogue des ouvrages, écrits et dessins -poursuivis, supprimes ou condamnés“ Paris 1879 S. 13, S. 111, S. 216. - -[637] „Catalogue des écrits, gravures et dessins condamnés depuis 1814 -jusqu’au 1er janvier 1850“ Paris 1850 S. 109. - -[638] L. +Lalanne+ „Curiosités bibliographiques“ Paris 1857. S. 401. - -[639] E. +Edwards+ „Libraries and founders of libraries“ London 1864 S. -85. - -[640] +Ch. Villers+ „Lettre sur le roman intitulé Justine ou les -Malheurs de la Vertu“. Neudruck Paris 1877 S. 12. - -[641] J. +Janin+ a. a. O. S. 337. - -[642] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 205. Neuerdings wurde die erste -Ausgabe der „Justine“ für 180 Fr. angeboten. - -[643] ibidem S. 209. - -[644] +Léo Taxil+ „La corruption fin-de-siècle“ Paris 1894 S. 293. - -[645] +Lino Ferriani+ „Delinquenti che scrivono“. Como 1899. - -[646] +Marciat+ a. a. O. S. 247. - -[647] R. v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen auf dem Gebiete der -Psychopathia sexualis“. Stuttgart 1891, S. 9. - -[648] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 120. - -[649] J. +Janin+ a. a. O. S. 340 ff - -[650] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 203 und 209. - -[651] +Paul L. Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 413-415. - -[652] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 211. - -[653] +Paul L. Jacob+ etc. S. 415. - -[654] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 212-214. - -[655] Allen Bibliophilen sei die neueste, schön ausgestattete -Monographie von +Ulrich+ empfohlen. Sie enthält aber merkwürdiger Weise -nichts über +Villers’+ Besprechung der „Justine“. (O. +Ulrich+ „Charles -de +Villers+. Sein Leben und seine Schriften.“ Leipzig 1899). - -[656] „Briefe von Benjamin Constant, Görres, Goethe etc.“ Auswahl aus -dem handschriftlichen Nachlass des Charles de Villers herausgegeben von -M. +Isler+. Hamburg 1879. S. 98. - -[657] +Reichard+ sagt (a. a. O. III, S. 16): „Französische Sendungen, -schweizerische und deutsche Nachdrucke und die Ankündigungen von -Uebersetzungen jagten und kreuzten sich von allen Seiten.“ -- Vergl. -dazu die interessante Schrift „La presse périodique française à -Hambourg, depuis 1686 jusqu’en 1848.“ Brüssel 1854. -- In Hamburg -erschien auch im Jahre 1807 jener berüchtigte +ultratribadische+ Roman -„Julie ou j’ai sauvé ma rose“ (2 Bände), dessen Heldin, nachdem sie mit -Energie und Konsequenz die oft mehr als kühnen Angriffe zahlreicher -Männer abgewehrt hat, schliesslich wohl ihrer ursprünglichen Neigung -folgend, eins der vielen Opfer einer gefährlichen Tribade wird. - -[658] +M. Isler+ a. a. O. S. 152. - -[659] „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu -par +Charles de Villers+“. Paris 1877. - -[660] „Les Crimes de l’amour etc.“ S. 183-184. - -[661] F. +Drujon+ a. a. O. S. 130. - -[662] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 210. - -[663] „Biographie universelle“ Bd. XXXV, S. 494-495. - -[664] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 242. - -[665] H. +Cohen+ „Guide de l’amateur de livres etc.“ Col. 418 bis 419. - -[666] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 237. - -[667] ibidem S. 241. - -[668] W. +Roscher+ a. a. O. S. 719. - -[669] M. +Nordau+ „Entartung“ Berlin 1892 S. 43-152. - -[670] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 109. - -[671] +Nordau+ a. a. O. S. 60. - -[672] ibidem. S. 115-116. - -[673] ibidem S. 105-107. - -[674] „La Curiosité littéraire et bibliographique“. Troisième Série. -Paris 1882. S. 169-174. - -[675] +Paul Bourget+ „Physiologie der modernen Liebe.“ Deutsch von A. -+Dittrich+. Budapest 1891. S. 2. Dies Buch ist eine reiche Fundgrube -für die Arten und Raffinerien der modernen französischen Liebe. - -[676] A. +Moll+ „Untersuchungen über die Libido sexualis“ Bd. I, -S. 698-699. Deutsche Uebersetzung: „+Gamiani+ oder zwei Nächte in -Ausgelassenheit“. Von A. D. M. Holland 1873, 8^o, 109 S. - -[677] Eine wortgetreue Ausgabe der trefflichen Uebersetzung von Rode -erschien kürzlich im Verlage von H. Barsdorf in Leipzig. Vgl. die -Ankündigung am Schluss der „Bibliographie.“ - -[678] +Heinrich von Kleist+ „Penthesilea“ 23. Auftritt. - -[679] „Das einzige Buch +Sade’s+ hielt er zurück, weil er es für mich -zu gefährlich hielt: ich fand es erst nach seinem Tode sorgfältig -versteckt in einem Schranke, welcher einen doppelten Boden hatte. Ich -machte mich daran, das Buch zu lesen... Dieses Buch hat zweierlei -Wirkungen, je nach dem Naturell des Lesers oder der Leserin, je nach -der Empfänglichkeit und Auffassungsgabe derselben. So wie es Duvalin -halb blasiert gemacht hatte, so fühlte ich einen Ekel vor diesen -Abscheulichkeiten, die zu lesen mich viel Ueberwindung kostete.“ -Memoiren einer Sängerin Bd. II, S. 12-13. - -[680] W. +Russalkow+ „Grausamkeit und Verbrechen im sexuellen Leben“ 3. -Aufl. Leipzig 1899. S. 76. - -[681] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 109. - -[682] +Fritz Friedmann+ „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der -Bühne“ Berlin 1889 S. 27. - -[683] +Fr. Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse“ 4. Aufl. Leipzig -1895. S. 108. (Aphor. 149.) - -[684] ibid. S. 109 (Aphor. 155). - -[685] +Max Stirner+ „Der Einzige und sein Eigentum“ 2. Aufl. Leipzig -1892. S. 369, 372, 379. - -[686] +H. Ströbel+ „Stirner’s Einziger und sein Eigentum“ in Neuland, -Band II, Nr. 2. Berlin 1897 S. 89. - -[687] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 117. - -[688] A. +Lacassagne+ „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“ Lyon -und Paris 1899 S. 245-282. -- Vgl. Laurent, Sadismus und Masochismus. -6. Aufl. Berlin 1904. Anm. d. V. - -[689] „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct -génésique“ Gaz. méd. de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849 S. 555 bis 564. - -[690] a. a. O. S. 701 ff. - -[691] „Psychopathia sexualis“. 5. Aufl. Stuttg. 1890 S. 46 ff. - -[692] Einen ähnlichen Fall berichtet +Tarnowsky+ a. a. O. S. 76. - -[693] +Brierre de Boismont+ a. a. O. S. 560. - -[694] +Russalkow+ a. a. O. S. 76, 77. - -[695] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 118-119. - -[696] +Eulenburg+ a. a. O. S. 107. - -[697] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 264. - -[698] „Deutsche medizinische Presse.“ 1899. Nr. 21. Wenn +Eulenburg+ -„Sexuale Neuropathie“ (S. 101) von einem Manne berichtet, der nudas -feminas mit brennenden Lichtern in ano um sich herumtanzen liess, -so ist diese Idee ganz offenbar von +Sade+ suggerirt, der mehrere -derartige Scenen schildert. - -[699] „Kritisches zum Kapitel der normalen und pathologischen -Sexualität“ von P. +Näcke+. Archiv für Psychiatrie. Berlin 1899. Bd. -32. Heft 2, S. 356. - -[700] Voss. Zeitung vom 31. Juli 1899. -- Wenn Herr +Henri Albert+ -im „Mercure de France“ (April 1900) mich wegen dieser Vergleichung -der Dreyfusgegner mit Sadisten verspottet, so erwidere ich ihm, dass -dieselbe so nahe liegt, dass ich sogar nicht einmal die Priorität -habe. Denn sein Landsmann +Octave Mirbeau+ hat in seinem +vor+ meinem -Buche erschienenen Roman „Le Jardin des supplices“ Paris 1900 S. -XII +dieselbe Analogie+. „L’affaire Dreyfus nous en est un exemple -admirable, +et jamais, je crois, la passion du meurtre et la joie de -la chasse à l’homme, ne s’étaient aussi complètement et cyniquement -étalées+.“ Nun, Herr +Albert+? - -[701] Dass auch hier meine Ansicht, dass es sich um zwei Sadisten -handelt, richtig ist, beweisen die geradezu ungeheuerlichen -Enthüllungen des Abgeordneten +Vigné+ in der Sitzung der französischen -Deputiertenkammer vom 23. Nov. 1900. +Voulet+ und +Chanoine+ liessen -+Hunderte+ von Eingeborenen rein aus Vergnügen am Morden töten, -liessen Hände und Köpfe abschneiden, mit Lanzen erstechen und dgl. -Scheusslichkeiten mehr verüben. Freilich sind nicht blos Franzosen -solche Bluthunde. Auch wir Deutschen haben einen Prinzen +Prosper v. -Aremberg+! - -[702] +A. Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ S. 510. - -[703] +G. Roskoff+ „Geschichte des Teufels“. Leipzig 1869, Bd. II, S. -60. - -[704] ibidem. - -[705] Vossische Zeitung No. 520 vom 4. November 1899. - -[706] +S. Ribbing+ „Die sexuelle Hygiene und ihre ethischen -Konsequenzen“. 9. Aufl. Leipzig 1892. S. 84-94. - -[707] a. a. O. S. 94-95. - -[708] +A. Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 120. - -[709] +H. Hössli+ „Eros. Die Männerliebe der Griechen etc.“ 2. Aufl. -Münster i. d. Schweiz 1892. S. 113. - -[710] +B. Tarnowsky+ a. a. O. S. 90 und 101. - -[711] +Tarnowsky+ a. a. O. S. 141. - -[712] a. a. O. S. 147. - -[713] +W. Stern+ „Kritische Grundlegung der Ethik als positive -Wissenschaft“. Berlin 1897. S. 238. - -[714] +E. Du Bois-Reymond+ „Adalbert v. Chamisso als Naturforscher“. -Leipzig 1889. S. 57. - -[715] +K. Fischer+ „Diotima“. Stuttgart 1852. S. 4. - -[716] +W. E. H. Lecky+ „Sittengeschichte Europas von Augustus bis -auf Karl den Grossen“ übers. von +H. Jolowicz+. 2. Aufl. Leipzig und -Heidelberg 1879. S. 120-121. - -[717] Eine der schönsten von den vielen halb heidnischen Sagen des -mittelalterlichen Irlands ist die von den Inseln des Lebens und -des Todes. In einem gewissen See in Munster gab es zwei Inseln; in -die eine konnte der Tod nicht dringen, aber Alter und Krankheit -und Lebensüberdruss und Paroxysmen fürchterlichen Leidens waren -dort heimisch und verrichteten ihr Werk, bis die Einwohner ihrer -Unsterblichkeit müde, auf die gegenüberliegende Insel als auf einen -Hafen der Ruhe schauen lernten, ihre Barken in das dunkle Gewässer -steuerten, das Ufer erreichten und zur Ruhe gelangten. -- +Lecky+ -a. a. O. I, S. 183. - -[718] Titel und Schluss des Werkes geben also ein verschiedenes Datum -an. Dies deutet auf eine wiederholte Durchsicht des Manuscriptes hin. - -[719] Dies Manuscript wurde durch Vermittelung des Autors dieses Werkes -angekauft und im Jahre 1904 zum Druck befördert. Anm. d. Verl. - -[720] Ist das der bekannte Bibliophile und Kunsthistoriker +Henri -Béraldi+? - - - - - -------------------------------------------------------------------- - - - - -Im Verlage von HERMANN BARSDORF In BERLIN W 30 erschien: - - -Das - -KAMASUTRAM DES VATSYAYANA - -(DIE INDISCHE LIEBESKUNST) - -NEBST DEM VOLLSTÄNDIGEN KOMMENTARE DES YASODHARA. - -Aus dem Sanskrit übersetzt und eingeleitet von - -RICHARD SCHMIDT - -_Sechste_, verbesserte Auflage. 500 Seiten. Broschiert M. 40.--, -gebunden M. 50.--. - -INHALT: I. Allgemeiner Teil. -- II. Über den Liebesgenuß. -- III. Über -den Verkehr mit Mädchen. -- IV. Über die verheirateten Frauen. -- V. -Über die fremden Frauen. -- VI. Über die Hetären. -- VII. Die Upanisad -(d. erot. Geheimlehre). - -_Das Kamasutram ist das interessanteste Werk aus der ganzen großen -Sanskritliteratur_, und es dürfte _kein Erzeugnis der Weltliteratur_ -geben, _das so wie das Kamasutram den engen Rahmen der Indologie -sprengt und zu allen Völkern, auch den der Rasse nach fremdesten, seine -allen verständliche Sprache redet. Es führt uns den Inder in aller -Intimität der Häuslichkeit vor; denn der Inder war von jeher gewöhnt, -auch das Allzumenschliche als etwas ganz Natürliches anzusehen, dessen -man sich nicht zu schämen braucht._ - - -BEITRÄGE ZUR INDISCHEN EROTIK - -DAS LIEBESLEBEN DES SANSKRITVOLKES - -nach den Quellen dargestellt von Prof. Dr. +RICHARD SCHMIDT+. - -Zweite, durchgesehene Auflage. Lex.-8^o. 692 Seiten. - -Elegant broschiert M. 70.--. Originalband M. 80.--. - -INHALT: Die erotische Literatur im Sanskrit. Die Stellung der Liebe im -trivarga und ihre Definition. Der Liebhaber. Die Liebhaberin. Die Lehre -vom Coitus. Die tithis und candrakalas. Die Liebkosungen. Nägelmale. -Zahnmale. Haarzausen. Schläge und Schreie. Freien und Heiraten. Die -verheiratete Frau. Verkehr mit den Frauen anderer. Die Hetären. Die -Geheimlehre auf erotisch-sexuellem Gebiet usw. usw. - -Die „Beiträge zur indischen Erotik“ sind der erste Versuch, -_alles_ zusammenzustellen, was in den bisher bekanntgewordenen -Sanskritwerken über die Liebe gesagt wird. - -Es ergänzt das „Kamasutram“. - -=_Zur gefl. Beachtung_=: Diesem Werke muß mein -=ausführliches Verlagsverzeichnis= beiliegen, bei evtl. Fehlen -wolle man es =direkt vom Verlage= gratis und franko verlangen. -Jede bessere Buchhandlung vermittelt den Bezug der darin angezeigten -Werke. HERMANN BARSDORF VERLAG in BERLIN W 30, Barbarossastraße 21. -II. - - - - -Im Verlage von =H. Barsdorf= in =Berlin W. 30= erschien - -Apulejus, der goldne Esel. - -Satyrisch-mystischer Roman. Uebersetzt von Rode. Nach dem Original von -1783. 2 Teile. 7. Aufl. mit 16 Illustrationen. 1922. Eingeleitet von M. -G. Conrad. - -Brosch. M. 20.--. Gebd. M. 28.-- - - - Der berühmte antike Sittenroman des +Apulejus+ aus +Madaura+ liegt - hier in einer neuen eleganten Ausgabe vor, welche die vorzügliche - Uebersetzung von +August Rode+ mit einem geistvoll-satyrischen, - moderne Verhältnisse vom Standpunkte des Apulejus beleuchtenden - Vorwort aus der Feder von +M. G. Conrad+ darbietet. Kein Gebildeter - wird ohne hohen geistigen Genuss dieses dem „Satyricon“ des - +Petronius+ ebenbürtige sittengeschichtliche Kunstwerk lesen, das - nicht nur wegen der allbekannten reizenden Episode von Amor und - Psyche den Leser fesselt. Die frivole Welt des ausgehenden Alterthums - wird in diesem durch die Sorgfalt der Composition ausgezeichneten - Romane wieder lebendig. Der bunte Wechsel der oft sehr verfänglichen - Episoden, die merkwürdigen Situationen und kulturhistorisch - wertvollen Schilderungen antiken Lebens, die mit dem glänzenden - Schauspiel der aegyptischen Mysterien schliessen, machen die Lectüre - zu einer höchst spannenden. Die alte, schon von Lucian verwendete - Fabel von der Verwandlung eines Menschen in einen Esel, welche - Apulejus zu dem Märchen vom „goldnen Esel“ verarbeitet hat, giebt - dem Autor die Veranlassung, in der üppigen Lascivität einzelner - Scenen und mit eigenartiger erotisch-satyrischer Phantastik ein - getreues Bild der sittlichen Corruption in der römischen Kaiserzeit - vorzuführen. - - - - -Im Verlag von =H. Barsdorf= in Berlin W. 30 erschien: - -Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland. - -Von =Dr. Wilhelm Rudeck=. - -Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. 1905. Grosses Format 514 -Seiten mit 58 Illustrationen. - -Vornehm ausgestattet Mk. 32 --. In Originalband M. 42 --. - - -Dr. +Wilhelm Rudeck+, der bekannte Verfasser von „Medizin und Recht, -ein Handbuch bei Ehescheidungs- und Vaterschaftsklagen,“ wendet -sich mit dem vorliegenden Buche einem der auffälligsten Faktoren -der moralischen Entwicklung zu: +der Regelung des sexuellen Lebens -innerhalb der Oeffentlichkeit+. Die Entwicklung der Begriffe der -öffentlichen Sittlichkeit hat das ganze moralische Aussehen der -bürgerlichen Gesellschaft so vielfach umgestaltet, wie wohl nur noch -die Frömmigkeit und Humanität! - -Unter öffentlicher Sittlichkeit versteht der Verfasser die Summe aller -Sitten einer Zeit, in denen Beziehungen zum sexuellen Leben enthalten -sind. In welchen tatsächlich anerkannten und geübten gesellschaftlichen -Normen sich das sexuelle Leben der einzelnen äussert, ob die Sexualität -von der Oeffentlichkeit überhaupt ausgeschlossen, oder wie sie in ihr -geduldet und geordnet wird, das ist das Thema, das eine Geschichte der -öffentlichen Sittlichkeit zu behandeln hat. - -In diesem Sinne könnte man also den Begriff der öffentlichen -Sittlichkeit dem der öffentlichen Schamhaftigkeit gleichsetzen, -übrigens auch aus dem Grunde, weil es sich selbstverständlich nicht um -die Oeffentlichkeit des geschlechtlichen Aktes selbst, sondern um die -näheren oder entfernteren Beziehungen zu ihm handelt. - -Das +beiliegende Inhalts-Verzeichnis+ bietet einen Ueberblick über -Rudecks hochinteressantes Werk, das soeben in +zweiter, vermehrter und -verbesserter Auflage+ erschien -- allein die Illustrationen sind von 32 -auf 58 vermehrt. -- - - - - -Im Verlage von HERMANN BARSDORF in BERLIN W 30 erschien: - - - Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in - DEUTSCHLAND - -Von Dr. +WILHELM RUDECK+ - -Dritte Auflage. 514 Seiten. Lexikon-Oktav. Mit 58 interessanten -Illustrationen. Elegant broschiert M. 32.--. Gebunden M. 42.--. - - - MEDIZIN, ABERGLAUBE UND - GESCHLECHTSLEBEN IN DER TÜRKEI - -MIT BERÜCKSICHTIGUNG DER MOSLEMISCHEN NACHBARLÄNDER UND EHEMALIGEN -VASALLENSTAATEN - -Von +BERNHARD STERN+ - - _Zwei Bände. Lexikon-Oktav. 854 Seiten. Broschiert à M. 32.--, - gebunden à M. 42.--. EINZELN KÄUFLICH. BAND I behandelt Medizin, - Aberglauben. -- BAND II das intime Geschlechtsleben. Eine - unerschöpfliche Fundgrube für Ärzte, Kultur- und Sittenschilderer - usw._ - - - Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in - RUSSLAND - -KULTUR, ABERGLAUBE, SITTEN, GEBRÄUCHE - -Von +BERNHARD STERN+ - - _Zwei Bände. Lexikon-Oktav. Ca. 1000 Seiten. Mit vielen teils - farb. interessanten Illustrationen. Preis für beide Bände broschiert - M. 64.--, gebunden M. 84.--._ EINZELN KÄUFLICH: I. Brosch. - M. 32.--, geb. M. 42.--. II. Brosch. M. 32.--, geb. M. 42.--. - +ABTEILUNGSÜBERSCHRIFTEN+ (jede Abteilung zerfällt in zahlreiche - Kapitel). _I. +BAND+: I. Kultur und Aberglaube. II. Die - russische Kirche, der Klerus, die Sekten. III. Russische Laster. IV. - Russische Vergnügungen. V. Russische Leiden. +ZWEITER BAND+: - VI. Russische Grausamkeit. VII. Weib und Ehe. VIII. Freie Liebe und - wilde Ehe. IX. Unsittlichkeit_ (Prostitution, Onanie, Päderastie, - Sodomie, Syphilis). X. Dokumente der Unsittlichkeit. (Gesetze - gegen die Unsittlichkeit. Unsittlichkeit in Kunst und Literatur. - Folkloristisches, geheime obszöne Lieder usw., erotische Erzählungen.) - - -SEXUELLE VERIRRUNGEN: SADISMUS UND MASOCHISMUS - -Von Dr. E. +LAURENT+. Deutsch von +DOLOROSA+ - - Zehnte Auflage. 264 Seiten. Elegant brosch. M. 20.--. Originalband - M. 28.--. INHALT: ERSTER TEIL: +Wollust und Grausamkeit+. Der - Sadismus und die sadistischen Verbrechen: 1. Ursprung des - Sadismus. 2. Ursachen des Sadismus. 3. Formen und Manifestationen - desselben. 4. Sadismus des Weibes. 5. Leichensadismus. 6. Die - sadistischen Verbrechen. 7. Der Sadismus in der Literatur. 8. In der - Weltgeschichte. 9. Der Sadismus der Massen. 10. Verantwortlichkeit - der Sadisten. 11. Gerichtliche Medizin und Sadismus. 12. Therapie - des Sadismus. ZWEITER TEIL: +Wollust und Leiden+. Der Masochismus: - 1. Begriff des Masochismus. 2. Ursprung des Masochismus. 3. - Ursachen desselben. 4. Masochismus des Weibes. 5. Formen und Arten - des Masochismus. 6. Masochismus und Selbstmord. 7. Masochismus in - sozialer Hinsicht. 8. Bibliographie. - - Dieses zumeist auf französischen Quellen beruhende Werk ist von der - bekannten Schriftstellerin DOLOROSA geradezu meisterhaft übersetzt, - es erfordert aber mehr wie jedes andere Buch außerordentlich starke - Nerven, da der Verfasser in die tiefsten Abgründe der Nachtseite des - menschlichen Lebens hinableuchtet. - - -_Neue Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtslebens_ - -(Folge der „=Studien zur Geschichte des menschlichen -Geschlechtslebens=“ herausgegeben von Dr. EUGEN DÜHREN: 1. Band: Der -Marquis de Sade und seine Zeit. 2.-4. Band: Das Geschlechtsleben in -England.) - -ERSTER BAND: - -Marias jungfräuliche Mutterschaft - -Ein völkerpsychologisches Fragment über =Sexualsymbolik= - -Von A. J. STORFER - - Mit Abbildungen. Elegant broschiert M. 12.--. In Originalband M. 20.--. - - +Inhalt+: =I.= =Einleitung.= Über den Stoff. Über die Methode. - -- =II.= =Analyse.= Marias Darbringung: Der mythische Stoff. - Weihe und Tempelprostitution. Fackel, Kerze. Der Segen des - Priesters. Ausgebreitete Arme. Stufensteigen. Weben. Aufgelöstes - Haar. Gottgeweihte Jungfrauen. Schleier, Lilie, Myrte. -- Josefs - Auserwählung: Der mythische Stoff. Stab, Rute. Wettbewerb. Sieg. -- - Marias Verkündigung: Der mythische Stoff. Schlange. Wort. Zunge. - Hauch, Wind. Blick. Strahl, Regen. Flügel. Zweig, Szepter. Schwert, - Einhornjagd, Mühle. -- Maria-Symbole: Vorbemerkung. Arche, Schiff. - Buch. Erde, Paradies. Brunnen, Quelle. Gefäß. Stadt, Festung. Tempel, - Brautgemach, Bundeslade. Verschlossen. Tor, Tür, Fenster. Schwarz. -- - Die phallische Komponente der Christus-Vorstellung: Vorbemerkung. Ego - et pater unum sumus. Die Geburt des Helden. Der Medizinmann. Vorhaut. - Fisch. Esel. Hammer. Kreuz. Tod und Auferstehung. =III.= =Schluß.= - Register. - -ZWEITER BAND: - -Isoldes Gottesurteil in seiner erotischen Bedeutung - -Von J. J. MEYER, Professor an der Universität Chicago - -Mit einleitendem Vorwort von Prof. Dr. +RICHARD SCHMIDT+ - - Ca. 300 Seiten. Elegant broschiert M. 12.--. In Originalband M. 20.--. - - +Inhalt+: Einleitung. Sitte, Sittlichkeit, Sittsamkeit. Das Weib - ist Eigentum. Geringe Wertschätzung weiblicher Tugend. Warum ist - Ehebruch ein Vergehen? Altdeutsche Anschauung vom Weibe. Anschauung - im Mittelalter. Die Anstandspflicht der mittelalterlichen Frau - war Ehebruch und Unzucht. Die mittelalterliche Anschauung von - der Liebe. Sie ist allmächtige Urkraft; bringt Leid; bringt den - Tod; bringt Freude und alles Große; bringt Ehre und ist Pflicht. - Die Frau muß „lohnen“. Zorn gegen die, die nicht „lohnt“. Die - „romantische“ Minne unwahr. Wirkliche Treue beim Mann nicht nötig, - ja lächerlich. „Doppelte Moral.“ Verschwiegenheit in der Liebe. Die - huote Rücksichtslosigkeit der Minner. Die Minne und die Religion. - Das Mittelalter ist nicht die Zeit der wirklich romantischen - Liebe. Nur Wolfram und Gottfried haben die vertiefte Liebe. - Gottfrieds Anschauung von der Liebe. Ist sein Tristan unsittlich? - Parteilichkeit für die Verliebten. Auch für Gottfried ist die Liebe - eine unwiderstehliche Macht. Die Liebe ist die völlig freie Königin. - Die bürgerliche Moral ist eigentlich die schlimmste Unsittlichkeit. - Sein Ideal der Liebe und ihre Herrlichkeit. Gottfrieds idealistischer - Pessimismus. Gottfrieds moralische Rechtfertigung seines - Liebespaares. Seine Ansicht von den Betrügerstückchen der beiden und - seine Parteilichkeit für sie. Religion und Liebe bei Gottfried. Beim - Gottesurteil hat Isolde recht! Gott ist hantierlich wie ein Ärmel - usw. usw. Parallelstellen. Register. - - -Russische Grausamkeit _Einst und jetzt_ - -Ein Kapitel aus der Geschichte der öffentl. Sittlichkeit in Rußland - -Von BERNHARD STERN - -279 Seiten mit 12 Illustrationen. Broschiert M. 20.--. Gebunden M. -28.--. - - +Inhalt+: 1. Grausamkeit der Herrschenden. 2. Grausamkeit in der - Verwaltung. 3. Todesstrafen und Gliederstrafen. 4. Prügelstrafen - und Züchtigungsinstrumente. 5. Gefängnisse, Verbannung, Folter. 6. - Sklavensinn und Leibeigenschaft. Grausamkeit im Familienleben. - -Die Grausamkeit - -Mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle Faktoren - -Von H. RAU - - Vierte Auflage. 272 Seiten. Mit 24 Illustrationen. 1921. - Elegant broschiert M. 20.--. Gebunden M. 28.--. - - +Inhalt+: Einleitung. 1. Die Grausamkeit in der Philosophie; 2. in - der Psychologie; 3. in der Religion; 4. in der Rechtspflege; 5. in - der Sklaverei; 6. in der Erziehung; 7. im Verbrechen; 8. im Kriege - und im Volksleben; 9. in der Gegenwart; 10. in der Literatur. Jedes - Kapitel enthält zahlreiche „Fälle“. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MARQUIS DE SADE UND SEINE -ZEIT. *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. 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