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-The Project Gutenberg eBook of Der Marquis de Sade und seine Zeit.,
-by Iwan Bloch
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Marquis de Sade und seine Zeit.
-
-Author: Iwan Bloch
-
-Release Date: June 25, 2022 [eBook #68400]
-
-Language: German
-
-Produced by: Peter Becker, Reiner Ruf, and the Online Distributed
- Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
- produced from images generously made available by The
- Internet Archive)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MARQUIS DE SADE UND SEINE
-ZEIT. ***
-
-
- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
- nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten sowie
- fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
-
- Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen
- (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Die Fußnoten wurden an das Ende des Texts
- verschoben.
-
- In der gedruckten Ausgabe wurde durch Verdopplung einer Zeile an
- einer Stelle (zwischen ‚Die Namen von +Vol+-‘ und ‚IV, 8; V, 252
- u. ö.)‘) eine andere Zeile ausgelassen. Diese wurde mit Hilfe der
- Ausgabe von 1901, die den Text dieser Passage ansonsten wortgleich
- widerspiegelt, wiederhergestellt.
-
- Im Namen-Register wurden die Namen mit den Anfangsbuchstaben ‚I‘
- und ‚J‘ noch traditionell einheitlich mit ‚J‘ aufgeführt. In der
- vorliegenden Bearbeitung wurden diese Namen, entsprechend ihrer
- Schreibweise im Text, getrennt angegeben.
-
- Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
- Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Unterstrichen: _Unterstriche_
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
-
- Das Caret-Zeichen (^) zeigt ein nachfolgendes hochgestelltes Zeichen
- an, z. B. ‚8^o‘.
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Studien zur Geschichte
-
- des
-
- menschlichen Geschlechtslebens
-
- I.
-
- Der Marquis de Sade und seine Zeit.
-
- Von
-
- Dr. Eugen Dühren.
-
- Achte Auflage.
-
- Berlin W. 30
-
- Verlag von H. Barsdorf.
-
- 1922.
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
- Der Marquis de Sade
- und seine Zeit.
-
- _Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte
- des 18. Jahrhunderts. Mit besonderer
- Beziehung auf die Lehre von der_
-
- Psychopathia Sexualis.
-
- Von
-
- Dr. Eugen Dühren.
-
- Achte Auflage.
-
- Berlin W. 30
-
- Verlag von H. Barsdorf.
-
- 1922.
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
- [Illustration]
-
- Manuldruck
- der Spamerschen
- Buchdruckerei in Leipzig.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Vorwort Seite I.
-
- Einleitung „ 1.
-
- +Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen
- Geschlechtslebens+: 1. Die Liebe als physisches Problem. S. 2.
- -- Die Liebe als historisches Problem. S. 11. -- Die Liebe als
- metaphysisches Problem. S. 20. --
-
- I. Das Zeitalter des Marquis de Sade Seite 27.
-
- Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich S.
- 30. -- Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert S. 35.
- -- Das französische Königtum im 18. Jahrhundert S. 40. -- Adel
- und Geistlichkeit S. 48. -- Die Pariser Polizeiberichte über die
- Unsittlichkeit der Geistlichen S. 52. -- Die Jesuiten S. 63. --
- Die schwarze Messe S. 67. -- Die Nonnenklöster S. 72. -- Die Frau
- im 18. Jahrhundert S. 76. -- Die Litteratur S. 88. -- Die Kunst im
- 18. Jahrhundert S. 107. -- Die Mode S. 119. -- +Prostitution und
- Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert+ S. 124. -- Bordelle, geheime
- pornologische Klubs und Prostituierte S. 125. -- Das Freudenhaus
- der Madame Gourdan S. 127. -- Justine Paris und das Hôtel du Roule
- S. 132. -- Das Bordell der Richard S. 138. -- Ein Negerbordell
- S. 138. -- Die „petites maisons“ S. 139. -- Die geheimen
- pornologischen Klubs S. 141. -- Die Freudenmädchen S. 144. -- Das
- Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale S. 162. -- Die
- Onanie im 18. Jahrhundert S. 176. -- Tribadie im 18. Jahrhundert
- S. 178. -- Die Paederastie S. 202. -- Flagellation und Aderlass
- S. 209. -- Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv und Geheimmittel im
- 18. Jahrhundert S. 214. -- Gastronomie und Alkoholismus im 18.
- Jahrhundert S. 234. -- Diebstahl und Räuberwesen S. 238. -- Der
- Giftmord S. 243. -- Mord und Hinrichtungen S. 246. -- Ethnologische
- und historische Vorbilder S. 267. -- Italienische Zustände im
- 18. Jahrhundert S. 277. -- Papst Pius VI. S. 286. -- Die Königin
- Karoline von Neapel S. 288. --
-
- II. Das Leben des Marquis de Sade Seite 292.
-
- Die Vorfahren S. 292. -- Petrarca’s Laura S. 292. -- Die übrigen
- Vorfahren S. 294. -- Die Kindheit des Marquis de Sade S. 298.
- -- Die Jugendzeit S. 301. -- Das Gefängnisleben des Mannes S.
- 307. -- Die Affäre Keller (3. April 1768) S. 308 -- Der Skandal
- zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie) S. 316. -- Einkerkerung
- in Vincennes und in der Bastille S. 322. -- Teilnahme an der
- Revolution und litterarische Tätigkeit S. 327. -- Der Tod S. 344. --
-
- III. Die Werke des Marquis de Sade Seite 348.
-
- „+Justine+“ und „+Juliette+“. Geschichte der Entstehung S. 348. --
- Die Vorrede S. 350. -- Analyse der „Justine“ S. 351. -- Analyse der
- „Juliette“ S. 362. -- Die „Philosophie dans le Boudoir“ S. 393.
- -- Die übrigen Werke des Marquis de Sade S. 396. -- Charakter der
- Werke des Marquis de Sade S. 400. -- Die Philosophie des Marquis de
- Sade S. 403. --
-
- IV. Theorie und Geschichte des Sadismus Seite 431.
-
- Wollust und Grausamkeit S. 431. -- Anthropophagie und
- Hypochorematophilie S. 432. -- Weitere sexualpathologische Typen
- bei Sade S. 435. -- Versuch einer Aufstellung von erotischen
- Individualitäten S. 440. -- Sorgfalt im Arrangement obscöner
- Gruppen S. 441. -- Das Mysterium des Lasters S. 442. -- Die Lüge
- als Begleiterin sexueller Perversion S. 443. -- Sade’s Ansicht über
- die Natur der sexuellen Entartung S. 444. -- Unsere Definition des
- Sadismus S. 446. -- Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben
- und seinen Schriften S. 450. --
-
- V. Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert Seite 459.
-
- Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade S.
- 459. -- Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“ S. 464. -- Charles
- de Villers S. 466. -- Despaze S. 471. -- Der Sadismus in der
- Litteratur S. 471. -- Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen S.
- 486. -- Fall von Hypochorematophilie S. 488. -- Statuenschändung S.
- 488. -- Körperliche Gebrechen als Reizmittel S. 488. -- Sadistische
- Venaesectio. (Affäre T....) S. 489. -- Affäre Michel Bloch S. 489.
- -- Wort-Sadismus S. 491. -- Nachahmung des Marseiller Skandals S.
- 492. -- Schluss S. 493. --
-
- VI. Bibliographie Seite 507.
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk beschäftigt
-war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von +A.
-Eulenburg+ („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No.
-26, vom 25. März 1889, S. 497-515), dem geschätzten Neurologen und
-hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von
-+Eulenburg+ im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen
-die wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit
-ist auch in Frankreich durch die Studie des Dr. +Marciat+ über den
-Marquis +de Sade+ (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten
-Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem
-G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881)
-wenig Beachtung gefunden hatten. Mit +P. Ginisty’s+ dankenswerter
-Publikation unedierter Briefe der +Marquise+ und des Marquis +de Sade+
-(in der „Grande Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht
-worden, den bisher so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des
-Verfassers der „Justine“ der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen.
-
-Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis +de Sade+
-beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein
-bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis
-empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli
-Marquis“ unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch
-1895 schrieb +Eulenburg+ („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft
-habe ich die Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur
-dieses Gegenstandes fortwährend auf +de Sade+ und seine Werke bezieht,
-ohne die allergeringste wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies
-Dunkel zu lichten, war hohe Zeit.
-
-Seit früher Jugend wuchs ich in der buntesten, farbenreichsten
-aller Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem
-Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im
-beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit
-+Macaulay+ zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen
-Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft
-erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein
-Produkt des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert
-für die Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit
-liebevollem Herzen die +Menschen+. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern
-bleiben, nicht nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern
-auch, weil er ein Menschenfreund ist und sein will.
-
-Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste
-+wissenschaftliche+ Originalwerk über den Marquis +de Sade+ in einer
-lebenden europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch
-keine dürre Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein
-wirklich brauchbares „document humain“ zu liefern, das +dem Erforscher
-der Menschennatur von einigem Nutzen sein könne+. Es ist geschrieben
-für den Arzt -- ich selbst bin ein solcher -- für den Juristen, den
-Nationalökonomen, den Historiker, den Philosophen -- für alle die,
-welche im +sozialen+ Sinne thätig sind und das Wohl der menschlichen
-Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine „moralische“ Tendenz. Denn
-ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch ist, die Ehe als das
-Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der physischen Liebe
-mit +Plato+ und +Hegel+ nur ein Uebergangsstadium zu einer höheren
-geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles
-erreichbare Material über den Marquis +de Sade+ zusammengetragen.
-Nichts dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein
-Leben und seine Werke als Objekte der +geschichtlichen+ Erfahrung
-aufgefasst und damit -- wie ich glaube -- einen neuen Weg zur
-Erkenntnis der sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar
-ist, das mögen die Leser und die Kritiker beurteilen.
-
-Wenn der berühmte Nationalökonom +W. Roscher+ dem Herausgeber des
-„Hermaphroditus“ von +Antonius Panormita+, dem gelehrten und ehrlichen
-+F. C. Forberg+ eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht,
-wenn +Parent-Duchatelet+ sein grosses Werk über die Prostitution in
-Paris mit einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden
-Obscönitäten einleitet, so finde ich Beides unaufrichtig und eines
-+Forschers+ nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die
-moralisch Entrüsteten kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von
-mir sonst nicht sehr Geliebten: „Niemand +lügt+ so viel, als der
-Entrüstete“. (Fr. +Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus
-26, S. 48).
-
-Das Uebel ist in der Welt. Man +muss+ es erforschen, aufdecken und die
-Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im
-übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht
-das Weltgericht, sie führt nicht hinab zu +Minos+ und +Rhadamanthys+,
-sondern sie führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit
-der ehernen, nie ermüdenden Hand auf olympische Höhen.
-
- +Berlin+, den 15. Dezember 1899.
-
- Der Verfasser.
-
-
-
-
-Vorwort zur dritten Auflage.
-
-
-Diese vorliegende dritte Auflage ist vom Autor vollständig
-durchgesehen, verbessert und bedeutend vermehrt worden.
-
- +Berlin+, den 15. Januar 1901.
-
- Der Verleger.
-
-
-
-
-Vorwort zur vierten Auflage.
-
-
-Wiederum ist eine starke Auflage des „Marquis de Sade und seine Zeit“
-bis auf das letzte Exemplar vergriffen. Die begeisterte Aufnahme,
-welche das Werk bei seinem ersten Erscheinen in der wissenschaftlichen
-Presse gefunden hat, ist ihm auch ferner zu Teil geworden; es hat
-seinen Siegeszug durch die ganze Welt gemacht, und selten nur dürfte
-ein wissenschaftliches Buch eine so universelle Verbreitung gefunden
-haben!
-
-Diese neue, vierte, Auflage ist in jeder Hinsicht mit aller Sorgfalt
-zum Druck befördert worden. Möge auch ihr das Los ihrer Vorgängerinnen
-voll und ganz beschieden sein!
-
- +Berlin+, den 15. Dezember 1905.
-
- Der Verleger.
-
-
-
-
-Vorwort zur fünften Auflage.
-
-
-Diese fünfte Auflage ist ein unveränderter Neudruck der vierten und
-zeugt am besten von dem anhaltenden Interesse, das dieser ersten und
-erschöpfenden Monographie über den „célèbre marquis“ in aller Welt
-zuteil geworden ist
-
- +Berlin+, im Juli 1914.
-
- Der Verleger.
-
-
-
-
-Einleitung.
-
-Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens.
-
-(Phaenomenologie der Liebe.)
-
-
-Unter drei Gesichtspunkten ist eine wissenschaftliche Betrachtung
-des menschlichen Geschlechtslebens möglich. Zunächst tritt uns die
-Liebe als eine +Naturerscheinung+ entgegen, die als solche dem
-Gesetze der Kausalität unterworfen ist. Dann aber ist sie, entzogen
-der bewusstlosen Notwendigkeit, ein Objekt der +Geschichte+, jenes
-Prozesses, der, um mit einem geistesgewaltigen Worte +Hegel’s+ zu
-reden, den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ darstellt.
-Das Ziel der Liebe aber ist, wie alles menschliche Geschehen, die
-+Freiheit+, welche mit dem absoluten Geist, der höchsten Erkenntnis,
-identisch ist.
-
-So existieren nur drei Probleme der Liebe, nicht mehr: das +physische+,
-das +historische+ und das +metaphysische+ Problem.
-
-Für uns, die wir durchweg der historisch-kritischen und dialektischen
-Methode +Hegel’s+ folgen, sind diese Probleme ebenso viele +Stufen
-der Entwickelung+, deren genaue Erkenntnis zugleich das wahre Wesen
-der menschlichen liebe erleuchten und enthüllen wird. Es ist jener
-Weg von der sinnlichen (physischen) zur platonischen (metaphysischen)
-Liebe, den bereits +Plato+ erkannt hat, dessen Hauptpunkte wir kurz
-andeuten wollen. Dabei ist zu bemerken, dass die Liebe als Erscheinung
-der +Natur+ und als Erscheinung des +absoluten Geistes+, die Liebe
-im Reiche der Notwendigkeit und im Reiche der Freiheit bisher am
-meisten Gegenstand einer wissenschaftlichen Forschung gewesen ist. Wir
-besitzen ausgezeichnete Werke über das menschliche Geschlechtsleben
-in +naturwissenschaftlicher+ und +metaphysischer+ Beziehung. Dagegen
-ist jenes grosse Gebiet fortwährender +geistiger+ Befruchtung des
-+natürlichen+ Geschehens, welches sich in der +Geschichte+ darstellt,
-über Gebühr vernachlässigt worden. Und doch ist dieses wichtige
-Zwischenglied, die geschichtliche Erscheinung des Sexuallebens, ganz
-allein geeignet, uns über viele dunkle Punkte, die uns im Wesen und
-in der Entfaltung der Liebe begegnen, aufzuklären. Diese „Studien zur
-Geschichte des menschlichen Geschlechtsleben“ behandeln durchgängig die
-Liebe als +historisches+ Problem, aber nicht ohne Verknüpfung mit dem
-physischen und metaphysischen Probleme. Mehr als einmal hoffen wir den
-Beweis zu erbringen, dass diese geschichtlichen Betrachtungen manches
-Dunkel lichten, manches Rätsel des Eros lösen können.
-
-Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen
-Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst
-
-
-1. Die Liebe als physisches (natürliches) Problem.
-
-Die „Kosmogonie“, die Erschaffung der Welt selbst, des gestirnten
-Himmels und der seligen Götter wird in den Mythen vieler Völker als
-ein Akt der geschlechtlichen Zeugung gedacht. So erhaben, so wunderbar
-und rätselvoll erschien schon den ältesten Menschen in grauer Vorzeit
-der rein physische Vorgang der Paarung, Befruchtung und Geburt. Materie
-ist der „Mutter“ Stoff, das Weltganze, die „Natura“ ist das „Geborene“.
-Nach +G. Herman+[1] hat die neuere Schule der anthropologischen und
-mythologischen Forschung eine derartige Anthropomorphisierung der
-Weltentstehung als wahrscheinlichste Quelle aller Religionssysteme
-angenommen. Himmel und Erde sind dem Chinesen „Vater und Mutter aller
-Dinge.“ Auch das „Weltenei“ spielt in den Religionen und Mythen der
-verschiedensten Völker eine grosse Rolle.
-
-Die ersten Geschöpfe aber, Götter sowohl wie Menschen, sind Zwitter[2].
-Wer kennt nicht die berühmte Erzählung des +Aristophanes+ im
-platonischen „Gastmahl“ (Kap. 14)? Einst sei die Natur des Menschen
-eine andere gewesen als jetzt. „Denn zuerst gab es drei Geschlechter
-von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das
-weibliche, sondern noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche
-war von diesen beiden; sein Name ist noch übrig, während es selbst
-verschwunden ist. +Mannweib+ (ἀνδρόγυνος) nämlich war damals dieses
-eine.“ Auch aus dem anfangs zweigeschlechtlichen Adam der Bibel ging
-das erste Menschenpaar als Mann und Weib hervor.
-
-Die Liebe als kosmogonisches Prinzip spielt bei +Empedokles+ eine
-ganz besondere Rolle. Zwei Grundkräfte sind es, durch welche nach
-diesem Philosophen alle Veränderung in der Mischung und Trennung der
-Stoffe hervorgebracht wird: Die Liebe und der Hass. In unermesslichen
-Perioden der Weltentwickelung überwiegt bald die eine, bald die andere
-dieser beiden Grundkräfte als herrschende Macht. Ist die Liebe zur
-völligen Herrschaft gelangt, so ruhen alle Stoffe in seligem Frieden
-vereint in der Weltkugel als in Gott. Durch das Fortschreiten der Macht
-des Hasses, auf deren Höhepunkt alles zerstreut und zersprengt ist,
-oder umgekehrt, durch das Fortschreiten der Macht der Liebe werden
-verschiedene Uebergangszustände in der Weltentwickelung hervorgebracht.
-Durch das wiederholte Spiel von Zeugung und Vernichtung blieben
-schliesslich allein die Erzeugnisse übrig, welche die Bürgschaft
-der Dauer und Lebensfähigkeit in sich trugen. -- Wie die oben
-erwähnten kosmogonischen Theorien durchweg anthropomorphisierender
-Tendenz sind und auf Beobachtungen in der organischen Natur beruhen,
-so ist die Idee des Empedokles eine grossartige Konzeption einer
-naturwissenschaftlichen Vorstellung, wie sie im modernen Darwinismus
-ausgebildet worden ist.
-
-Die neuere Wissenschaft hat die naiven mythologischen und
-kosmogonischen Vorstellungen der Vorzeit bestätigt. Wir wissen auch,
-dass die +physische+ Liebe des Menschen, also das Anfangsglied der
-Entwickelung selbst erst ein sekundäres Erzeugnis, das Produkt
-einer Differenzierung ist, nur erklärbar durch die Entwickelung
-des organischen Lebens überhaupt. Die +Zwitterbildung+, d. h.
-die Vereinigung der beiden Geschlechtszellen in einem Individuum
-ist der älteste und ursprünglichste Zustand der geschlechtlichen
-Differenzierung. Erst später entstand die +Geschlechtstrennung+.
-Nach +Haeckel+[3] findet sich der Hermaphroditismus nicht nur bei
-niedersten Tieren, sondern auch alle älteren wirbellosen Vorfahren
-des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Prochordoniern aufwärts,
-werden Zwitter gewesen sein. Wahrscheinlich waren sogar die ältesten
-Schädellosen noch Hermaphroditen. Ein wichtiges Zeugnis dafür liefert
-der merkwürdige Umstand, dass mehrere Fisch-Gattungen noch heute
-Zwitter sind, und dass gelegentlich als Atavismus auch bei höheren
-Vertebraten aller Klassen der Hermaphroditismus noch heute wieder
-erscheint.
-
-Die +Geschlechtstrennung+, der Gonochorismus, wie +Haeckel+ dies nennt,
-erscheint später als die Verteilung der beiderlei Geschlechtszellen auf
-verschiedene Personen.[4] Dann treten zu den primären Geschlechtsdrüsen
-sekundäre Hilfsorgane wie Ausführgänge u. s. w. hinzu, und zuletzt
-entwickeln sich durch +geschlechtliche Zuchtwahl+, die Selectio
-sexualis, die sogenannten „sekundären Sexual-Charaktere“, d. h.
-diejenigen Unterschiede des männlichen und weiblichen Geschlechts,
-welche nicht die Geschlechtsorgane selbst, sondern andere Körperteile
-betreffen (z. B. der Bart des Mannes, die Brust des Weibes).
-
-Hierbei unterliegt die +morphologische+ Ausbildung der menschlichen
-Geschlechtsorgane dem berühmten, von Haeckel zuerst formulierten
-„biogenetischen Grundgesetz“, das die Ontogenie, die individuelle
-Entwickelung, einen abgekürzten, unvollständigen Abriss der Phylogenie,
-der Stammesentwickelung darstellt. In den grossen Lehrbüchern der
-Entwickelungsgeschichte von +Kölliker+ und +Hertwig+ findet man die
-zuverlässigsten Darstellungen der Ontogenie der Sexualorgane.
-
-In der Beschreibung der +ausgebildeten+ männlichen und weiblichen
-Geschlechtsorgane ist das klassische Werk von +Kobelt+[5] bisher
-noch nicht übertroffen worden, wenn auch die Beschreibung der
-Geschlechtsorgane in dem grossen „Handbuch der Anatomie des Menschen“
-von +K. von Bardeleben+ (Jena 1896 ff.) viele neue Aufschlüsse zu
-bringen verspricht.[6]
-
-Die Entstehung der +sekundären Geschlechtscharaktere+ ist Gegenstand
-der Darstellung in dem berühmten Buche von +Charles Darwin+.[7]
-
-Aus diesen +anatomischen+ Substraten der menschlichen Liebe wird man
-die +Physiologie+ derselben im weitesten Umfange ableiten müssen. Das
-Hauptwerk über den Vorgang der Zeugung im Gesamtgebiete des organischen
-Lebens und beim Menschen besitzen wir in dem Werke von +Hensen+.[8]
-
-+Der Fundamentalvorgang+ aller Liebe bei Mensch, Tier und Pflanze,
-die älteste Quelle der Liebe ist die +Wahlverwandtschaft+ zweier
-verschiedener erotischer Zellen: der männlichen +Spermazelle+ und
-der weiblichen +Eizelle+, das, was Haeckel[9] den „erotischen
-Chemotropismus“ genannt hat. Der Zweck und das Endziel der physischen
-Liebe ist die Verschmelzung oder Verwachsung dieser beiden erotischen
-Zellen. „Alle anderen Verhältnisse und alle die übrigen, höchst
-zusammengesetzten Erscheinungen, welche bei den höheren Tieren den
-geschlechtlichen Zeugungsakt begleiten, sind von untergeordneter und
-sekundärer Natur, sind erst nachträglich zu jenem einfachsten, primären
-Kopulations- und Befruchtungsprozess hinzugetreten.“ -- „Ueberall ist
-die Verwachsung zweier Zellen das einzige, ursprünglich treibende
-Motiv, überall übt dieser unscheinbare Vorgang den grössten Einfluss
-auf die Entwickelung der mannigfaltigsten Verhältnisse aus. Wir dürfen
-wohl behaupten, dass kein anderer organischer Prozess diesem an Umfang
-und Intensität der differenzierenden Wirkung nur entfernt an die Seite
-zu stellen ist.“ (+Haeckel.+)
-
-Nachdem dieser fundamentale Vorgang der Zeugung festgestellt ist,
-gelangen wir zu einer Betrachtung jener physischen Liebesregungen
-beim Menschen, welche sich in Form des +Geschlechtstriebes+[10]
-äussern. Diesen dunkeln Begriff hat +Moll+ in höchst geistvoller Weise
-aufgehellt.[11] Er zerlegt den Geschlechtstrieb beim erwachsenen
-Menschen in zwei Komponenten, den +Detumeszenztrieb+ und den
-+Kontrektationstrieb+. Der Detumeszenztrieb drängt zu einer +örtlichen
-Funktion an den Genitalien+, und zwar beim Manne zur Samenentleerung.
-Er ist als ein peripherer organischer Drang zur Entleerung eines
-Sekretes aufzufassen. Der Kontrektationstrieb drängt den Mann zur
-körperlichen und geistigen +Annäherung+ an das Weib, das letztere
-ebenso zur +Annäherung an den Mann+. Phylogenetisch ist die Detumeszenz
-als Mittel zur Fortpflanzung das Primäre, weil sie bei niederen und
-höheren Tieren stattfindet. Erst sekundär kam die Kontrektation
-hinzu, indem sich zwei Individuen zur Fortpflanzung verbanden. In
-der individuellen Entwickelung des Menschen ist die Anwesenheit der
-Keimdrüsen, der Erreger des Detumeszenztriebes, das Primäre. +Der
-Kontrektationstrieb ist ein sekundärer Geschlechtscharakter.+ Der
-Detumeszenztrieb des Mannes ist die unmittelbare Folge der Funktion
-der Hoden. Beim Weibe hängt zwar die Ausscheidung der Eizelle aus
-dem Ovarium mit dem Detumeszenztrieb nicht unmittelbar zusammen,
-ursprünglich fielen sie aber zusammen, wie man noch bei den Fischen
-sieht.
-
-Nunmehr geht +Moll+[12] zur Erörterung einer höchst wichtigen
-Frage über, welche für die Beurteilung vieler Erscheinungen von
-der grössten Bedeutung ist, nämlich zu dem Verhältnis zwischen
-+Ererbtem+ und +Erworbenem+ in der Geschlechtsliebe. Dies ist der
-Punkt, in welchem wir +ganz und gar von Moll abweichen+, weil wir
-durch die +geschichtliche+ Betrachtung zu ganz anderer Auffassung
-geführt werden als +Moll+, welcher durch seine allerdings ingeniöse
-naturwissenschaftliche Argumentation zu beweisen sucht, dass neben
-dem Detumeszenztriebe -- woran wir nicht zweifeln -- auch die
-mannigfaltigsten Erscheinungen des Kontrektationstriebes +ererbt+
-sind. Kurz, +Moll+ ist geneigt, sowohl die physischen als auch die
-pathologischen Erscheinungen des Geschlechtstriebes zum grössten
-Teile auf +Vererbung+ zurückzuführen, während nach seiner Ansicht die
-+erworbenen+ Faktoren nur eine sehr geringe Rolle spielen. +Normaler+
-und +abnormer+ Geschlechtstrieb („konträre Sexualempfindung“,
-Homosexualität) erklären sich nach +Moll+ eher aus der Vererbung als
-auch der durch die Umstände geschaffenen Gewohnheit. Wir wollen nicht
-leugnen, dass gewisse körperliche und geistige Dispositionen +vererbt+
-werden. Wir werden aber durch unsere Studien zu dem Bekenntnis
-gezwungen, dass die Vererbung in der Liebe eine +viel geringere+
-Rolle spielt, als die Erwerbung bestimmter Eigenschaften und die
-stete Wirkung äusserer Einflüsse. Dies auf +geschichtlichem+ Wege zu
-erweisen, ist unsere Aufgabe und wird schon im vorliegenden Bande mehr
-als einmal zu Tage treten. Aber auch das rein +naturwissenschaftliche+
-Räsonnement vermag diesen Standpunkt zu rechtfertigen und zu
-befestigen, wie die ganz vortreffliche kleine Schrift von +K. Neisser+
-aufs evidenteste dartut.[13]
-
-Den gleichen Standpunkt der kongenitalen Natur zahlreicher
-geschlechtlicher Perversionen vertritt +R. v. Krafft-Ebing+ in seinem
-ausserordentlich verbreiteten Werke über die „Psychopathia sexualis“,
-während hinwiederum +von Schrenk-Notzing+, sich mehr unserem Standpunkt
-nähernd, die +Suggestion+ als Ursache mancher sexuellen Abnormitäten
-betrachtet.[14]
-
-+Krafft-Ebing+ hat aber das unbestreitbare Verdienst, das gesamte
-menschliche Geschlechtsleben vom Standpunkt des +Irrenarztes+ einer
-eingehenden Würdigung unterzogen zu haben.
-
-Als Vorläuferin sexueller Ausschweifungen spielt ferner zweifelsohne
-die +Onanie+ eine grosse Rolle, welche ganz kürzlich in dem Buche
-von +Rohleder+[15] die erste kritische und als solche mustergiltige
-Bearbeitung gefunden hat.
-
-Wichtige Aufklärungen über die Natur der geschlechtlichen Beziehungen
-des Menschen werden auch durch das Studium jener körperlichen Vorgänge
-dargeboten, welche nur unmittelbare Einflüsse auf die sexuellen Akte
-ausüben. Vor allem gehören hierher die Sinne, der +Stoffwechsel+
-und die +psychischen+ Vorgänge.[16] Gerade aus der Untersuchung der
-Beziehung der Sinne zum Geschlechtsleben, vor allem des Geruchs und
-Gesichts, wird sich das häufige Erworbensein abnormer Zustände ergeben.
-Eine +experimentale Psychologie+ der Liebe existiert nicht.[17] Was
-bisher unter dem Namen einer „Psychologie der Liebe“ geboten wurde,
-ist in naturwissenschaftlicher Hinsicht kaum beachtenswert wie z. B.
-die nach anderer Richtung hin vortreffliche „Psychologie der Liebe“
-von +Julius Duboc+. „Einige wenige sorgfältige Untersuchungen, die
-aber noch der Bestätigung und weiterer Ausdehnung bedürfen, einige
-Beobachtungen über formlose Tatsachenmassen, die in praktischer
-Lebenserfahrung aufgehäuft sind und die ihren Wert haben, wenn sie
-auch in mannigfacher Weise missverstanden und falsch ausgelegt werden
-können -- das ist alles, was die empirische Psychologie bisher über
-die intellektuellen Unterschiede der Geschlechter zu bieten hat.“
-(+Havelock Ellis.+)
-
-Die breiteste Grundlage für eine naturwissenschaftliche Erforschung der
-psychischen Erscheinungen des menschlichen Geschlechtslebens bildet
-unzweifelhaft das von der +Anthropologie+ und +Ethnologie+ gesammelte
-Material, wie es in dem klassischen Werke von +Ploss+ und +Bartels+[18]
-vorliegt. Hier beginnen schon vielfach die Berührungen mit den
-soziologisch-historischen Problemen des Sexuallebens.
-
-Die Liebe, als physisches Problem betrachtet, umfasst auch, was
-wir zum Schluss nur noch kurz erwähnen wollen, die organischen
-+Geschlechtskrankheiten+ des Menschen.
-
-
-2. Die Liebe als historisches Problem.
-
-Die Liebe als geschichtliche Erscheinung ist nichts an und für sich.
-Sie ist, ganz evolutionistisch gefasst, das zu immer grösserer
-Freiheit fortschreitende Verhältnis zwischen der physischen Liebe und
-den aus der Selbstentfaltung des Geistes hervorgegangenen Formen der
-+Gesellschaft+, des +Rechtes+ und der +Moral+, der +Religion+, der
-+Sprache+ und +Dichtung+. Es ist wichtig zu betonen, dass es auf diesem
-Gebiete keine Kausalität, keine Gesetze in naturwissenschaftlichem
-Sinne geben kann, dass die von +Herbert Spencer+ inaugurierte
-„organische Methode“ der Soziologie den geschichtlichen Erscheinungen
-nicht gerecht zu werden vermag. Es gibt bei der Betrachtung sozialer
-Phänomene keine Gesetze, sondern +nur Rhythmen+[19]. „Den Schritt
-vom Rhythmus zum Gesetz können wir heute noch nicht wagen, wenn wir
-gleich der Ueberzeugung sind, dass Rhythmen letzten Endes auf (uns
-noch verborgene) soziale Gesetze zurückdeuten.“ (+Stein.+) Trotzdem
-ist hierbei blinder Zufall ausgeschlossen. Denn dieser soziale
-Rhythmus stellt sich bei bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen
-regelmässig wieder ein und nimmt damit für uns das Gepräge bestimmter
-Gesetzlichkeit an. +Achelis+ (a. a. O. S. 68) macht in dieser Beziehung
-auf die bekanntesten statistischen Erhebungen über Wiederkehr derselben
-Vergehen, über den wahren Zusammenhang von Moral und wirtschaftlichen
-Verhältnissen aufmerksam. Es handelt sich also auch, insofern die Liebe
-als +geschichtliche+ und +soziologische+ Erscheinung in Betracht kommt,
-nur um Auffindung jener Rhythmen, jener regelmässig wiederkehrenden
-Formen und Typen des Geschehens.
-
-Die Liebe als eine +soziale+ Erscheinung, als Produkt der Gesellschaft,
-erscheint wesentlich in den beiden Formen der +Ehe+ und der
-+Prostitution+.
-
-+Eduard Westermarck+, Professor an der Universität in Helsingfors,
-hat das für alle Zeit grundlegende Werk über die Geschichte der
-menschlichen Ehe geschrieben, welches wir nicht anstehen, den
-besten kulturhistorischen und soziologischen Werken eines +Buckle+,
-+Tylor+, +F. A. Lange+ u. a. ebenbürtig an die Seite zu stellen.[20]
-Dies Buch weist in der unwiderlegbarsten Weise mit der gediegensten
-wissenschaftlichen Argumentation die Ehe als die überall wiederkehrende
-+primitive soziologische Form+ und das +soziologische Endziel+ der
-Liebe nach und macht der noch bis in die neueste Zeit von +Bachofen+,
-+Mc.-Lennan+, +Morgan+, +Lubbock+, +Bastian+, +Lippert+, +Kohler+,
-+Post+ vertretenen Lehre von der ursprünglichen geschlechtlichen
-Ungebundenheit, der sogenannten +Promiscuität+ für immer ein Ende. Die
-„Kritik der Promiscuitätslehre“ (a. a. O. S. 46-130) gehört zu den
-glänzendsten Leistungen der modernen Soziologie. Ihr Ergebnis muss auf
-die Anschauungen über das menschliche Geschlechtsleben nicht blos in
-soziologischer, sondern auch in philosophischer Hinsicht den grössten
-Einfluss ausüben.
-
-Nach +Westermarck+ kommt die Ehe schon bei vielen niedrigen
-Tiergattungen vor, bildet bei den menschenähnlichen Affen die Regel
-und ist bei den Menschen allgemein. Ihr Ursprung muss offenbar einem
-durch den mächtigen Einfluss der natürlichen Zuchtwahl zur Entwickelung
-gebrachten Instinkt zugeschrieben werden. Dass der Urmensch die Ehe
-kannte, darf man mit grösster Zuversicht mutmassen. Denn die Ehe der
-Primaten (Menschen und Affen) scheint aus der kleinen Anzahl der
-Jungen und aus der Länge des Kindesalters hervorgegangen zu sein. Mit
-aller Wahrscheinlichkeit bezeichnet +Westermarck+ die menschliche
-Ehe als ein von den +affenähnlichen Urmenschen überkommenes Erbe+.
-Ferner weist er nach, dass gerade bei den am niedrigsten stehenden
-Völkerschaften die geschlechtlichen Beziehungen sich +am wenigsten+
-der Promiscuität nähern. Wir haben sogar Grund zu dem Glauben, +dass
-mit dem Fortschreiten der Kultur die ausserehelichen Beziehungen der
-Geschlechter zugenommen haben+. Demgemäss hat in Europa die Zahl der
-Ehelosen eine Zunahme, das Durchschnittsalter der Eheschliessung eine
-Hinaufschraubung erfahren.
-
-Allerdings ist die +Lebenslänglichkeit+ der Ehe durchaus nicht ganz
-allgemein. Bei den meisten unzivilisierten und vielen vorgeschrittenen
-Völkern darf der Mann der Gattin jederzeit nach Belieben den Abschied
-geben. Bei sehr vielen anderen jedoch -- auch solchen auf niedrigster
-Stufe -- bildet die Scheidung den Ausnahmefall. Es kommt auch vor,
-dass dem Weibe gestattet ist, dem Gatten den Laufpass zu geben. Im
-allgemeinen nimmt die Dauer der Ehe mit der Vervollkommnung des
-Menschengeschlechts stetig zu.
-
-Während die Ehe als die eminent +soziale+ Form der Liebe zu betrachten
-ist, in welche sich seit jeher das menschliche Geschlechtsleben
-gekleidet hat, muss als ihr Gegenpol, als absolut +antisoziale+
-Erscheinung die +Prostitution+ bezeichnet werden. Man nennt sie, wie
-bekannt, ein „notwendiges Uebel“. Eine wissenschaftliche, dem Stande
-der modernen Forschung entsprechende Geschichte der Prostitution
-existiert noch nicht. Das grosse achtbändige Werk von +Dufour+[21]
-enthält zwar eine grosse Menge Material, dasselbe ist aber gänzlich
-unübersichtlich zusammengestellt. Zudem verliert auch diese
-Zusammenstellung jeden Wert durch den gänzlichen Mangel der genauen
-Quellennachweise. Nur aus einer gleichmässig die Ergebnisse der
-Soziologie, Hygiene und Nationalökonomie verwertenden geschichtlichen
-Darstellung der Prostitution würde sich ein sicheres Urteil über
-die +Ursache+ und die +Abhilfe+ dieses sozialen Uebels gewinnen
-lassen. Besonders +Bebel’s+ Werk „Die Frau und der Sozialismus“ hat
-manche unrichtigen Anschauungen über die Ursachen der Prostitution
-verbreitet, indem dieser Autor dieselben auf die wirtschaftliche
-Ausbeutung und die Hungerlöhne zurückführt. Demgegenüber sei nur auf
-die gediegene, aus langjähriger Erfahrung hervorgegangene Arbeit über
-Prostitution von +G. Behrend+[22] hingewiesen, der ganz andere Ursachen
-derselben aufdeckt, dieselben vor allem in einer fast stets erworbenen
-Lasterhaftigkeit sieht und ganz richtig bemerkt, dass man meist die
-veranlassenden äusseren Momente für die eigentlichen Ursachen ansieht.
-Der bedeutendste Forscher über Prostitution neben +Behrend+ ist +B.
-Tarnowsky+[23], der bemerkenswerter Weise zu den gleichen Ergebnissen
-wie jener gelangt ist und als eine Fabel nachweist, dass die Armut die
-nie versiegende Quelle der Prostitution sei. Auch +A. Hegar+ hat den
-Versuch gemacht, +Bebels+ Behauptungen zu widerlegen, und zugleich in
-seiner sozialhygienischen Studie Vorschläge zu einer Beseitigung des
-„geschlechtlichen Elends“ gemacht.[24]
-
-Den kühnsten Vorstoss in der Erklärung der Prostitution hat aber wohl
-+Lombroso+ unternommen. Er geht von dem unzweifelhaften Zusammenhange
-zwischen Prostitution und Verbrechen aus und statuiert, dass die „Donna
-delinquente e prostituta“ nur eine besondere Abart des „reo nato“, des
-„geborenen Verbrechers“ sei[25]. Ganz richtig bemerkt er, dass daher
-die Dirnennatur nicht nur in den unteren Klassen vorkomme, sondern
-ihr Aequivalent auch in den höheren Gesellschaftsschichten habe, was
-wiederum ein Beleg dafür ist, dass man nicht die Armut als Ursache der
-Prostitution anschuldigen kann. Trotzdem halten wir die Theorie der
-„geborenen Prostituierten“ für verfehlt und müssen auch wiederum den
-äusseren Einflüssen wie falscher Erziehung, Umgebung u. s. w. mehr
-Bedeutung zuerkennen. Jedenfalls bringt das Buch +Lombrosos+ wertvolle
-Aufschlüsse über den niemals bestrittenen innigen Zusammenhang von
-Prostitution und Verbrechen.
-
-Das Verhältnis der Liebe zum öffentlichen +Recht+ spiegelt sich
-vor allem in der sogenannten +Frauenfrage+ wieder. Nimmt man,
-wie wir gesehen haben, die Ehe als Grundlage der Gesellschaft
-und als das soziologische Endziel der Liebe, so ist eine
-allgemeine „Frauenemanzipation“, d. h. die völlige Aufhebung aller
-gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Unterschiede
-zwischen Mann und Frau ein Widerspruch in sich selbst. Denn die
-Ehe bedingt allein schon durch die Geburt der Kinder, die Sorge
-für diese und die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Familie
-eine Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Auch lassen sich
-trotz glänzender Ausnahmen die grossen körperlichen und geistigen
-Verschiedenheiten von Mann und Weib nicht verleugnen. Hiermit ist das
-Zugeständnis grösserer Rechte und zahlreicherer Bildungsgelegenheiten
-an die Frauen wohl vereinbar, besonders angesichts des grossen
-Ueberschusses der Zahl derselben über diejenige der Männer, sowie der
-späten Heiraten der letzteren. Anfang und Ende der „Frauenfrage“
-ist für uns in dem einen Satze beschlossen: Die Frau ist die
-gleichberechtigte aber nicht gleichmächtige Gefährtin des Mannes.
-
-Die rechtliche Beurteilung des Verhältnisses zwischen Mann und Weib
-hängt aufs innigste zusammen mit der ethischen Seite. Eine wichtige
-Aufgabe einer Wissenschaft des Geschlechtslebens wird darin bestehen,
-den Einfluss der jeweiligen Lehren der Moral auf die menschliche Liebe
-und ihre Aeusserungen zu studieren und im Zusammenhange darzulegen.
-Für Deutschland ist in neuester Zeit ein derartiger, freilich noch
-unvollkommener Versuch unternommen worden.[26] In der Tat bildet die
-Regelung des sexualen Lebens „innerhalb der Oeffentlichkeit“ einen
-integrierenden Teil der Moralgeschichte überhaupt, und +Rudeck+
-hat Recht, wenn er diese zugleich als eine „Kritik der gesamten
-Kultur“ bezeichnet, deren Art und Bedeutung sich nirgends so treu
-wiederspiegelt wie auf geschlechtlichem Gebiete. Dass die moralische
-Beurteilung geschlechtlicher Verhältnisse zu verschiedenen Zeiten
-und bei verschiedenen Völkern eine ganz verschiedene gewesen ist,
-ist eine längst bekannte Tatsache. Und doch wird auch hier eine
-kritische Untersuchung gewisse Normen feststellen können, die
-Allgemeingültigkeit beanspruchen. Mit der +Vervollkommnung+ des
-Menschengeschlechts entwickelt sich auch eine Ethik des Sexuallebens.
-So führt +Westermarck+ in seiner „Geschichte der menschlichen Ehe“ den
-stringenten Nachweis, dass das +Schamgefühl+ etwas sekundäres und zwar
-die +Folge+, nicht die Ursache der Bekleidung ist.
-
-Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen
-zwischen Liebe und +Religion+. +G. Herman+, dessen Buch wir oben
-erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion
-auf +sexueller+ Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer
-höchst interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen
-Feiern und Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen
-geworden sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der
-Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst
-ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse +Mystik+
-mit ihren sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der
-„Satanskirche“, die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen
-Religionen, sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin
-um nichts besser als die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch
-schlimmer, und es liegt etwas Wahres in +Nietzsches+ Ausspruch[27]:
-„Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: -- er starb zwar nicht
-daran, aber entartete, zum Laster“. Die meisten +erotischen Epidemien+
-sind religiösen Ursprungs.
-
-Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern
-gewissermassen +nationale+ Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die
-Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die
-Liebe des Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft
-objektiven Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der
-+Sprache+. In ihr werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch
-die betreffenden Worte sichtbar. +Abel+ hat in einer höchst schätzbaren
-Abhandlung den ersten Versuch einer derartigen +linguistischen+
-Erforschung der Liebe gemacht.[28] Er untersucht so die Worte für Liebe
-in der lateinischen, englischen, hebräischen und russischen Sprache.
-
-Die Sprache führt uns zur +Dichtung+. Die Werke der Literatur bieten
-uns ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen
-über die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial
-für eine +historische Psychologie+ der Liebe. Sie bietet, wie +Stein+
-(a. a. O. S. 33) sagt, „den dankbarsten vergleichenden Stoff, der
-seiner sozialgeschichtlichen Bezwinger harrt“. Hier sind noch wahre
-wissenschaftliche Schätze zu heben. Homer und die Bibel, die Veden und
-Upanishaden, die gesamte Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen
-enthalten die getreuen Abbilder dessen, was die Liebe bei jedem Volke
-und zu jeder Zeit gewesen ist.
-
-Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die
-+materielle Kultur+ einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden,
-städtisches Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m.,
-verschieden nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die
-grössten Wirkungen aus.
-
-So ist die Liebe als +geschichtliche+ Erscheinung unendlich reich an
-Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen
-lassen als sie die rein +physische+ Liebe erkennen lässt. Untersuchen
-wir daher
-
-
-3. Die Liebe als metaphysisches Problem.
-
-Dass der menschlichen Liebe eine +höhere Bedeutung+ innewohnt,
-leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten
-dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist.
-Und zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige
-+innere Wesen+ der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt.
-Wie Don Cesar in der „Braut von Messina“ sagt:
-
- Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s,
- Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
- Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt --
- +Es war ihr tiefstes, ihr geheimstes Leben,
- Was mich ergriff mit heiliger Gewalt.+
-
-Was ist nun dieses „tiefste und geheimste“ Leben? Was ist der wahre
-Zweck, das wirkliche Endziel der Liebe?
-
-Zwei berühmte Philosophen der Neuzeit, +Arthur Schopenhauer+ und
-+Eduard von Hartmann+ haben die gleiche metaphysische Betrachtung
-über die Liebe angestellt, die das grösste Aufsehen erregte und viele
-Nachbeter fand. +A. Schopenhauer+[29] erblickt die Bedeutung der Liebe
-in der Erfüllung der Zwecke der +Gattung+, welche in der Reihenfolge
-und dem endlosen Flusse der Generationen ihr Leben führt. „Die
-sämtlichen +Liebeshändel+ der gegenwärtigen Generation zusammengenommen
-sind demnach des ganzen Menschengeschlechts ernstliche meditatio
-compositionis generationis futurae, e qua iterum pendent innumerae
-generationes“. Dabei verlarvt sich aber der Gattungszweck, indem
-er in der Gestalt der Geschlechtsliebe eingeht in den +persönlichen
-Zweck+ der Individuen und erscheint als deren höchstes Glück, als der
-Gipfel aller ihrer Wünsche, daher in der erhabensten Form, in den
-überschwenglichsten Gefühlen und Entzückungen, als das unerschöpfliche
-Thema aller Poesie, der lyrischen, epischen und dramatischen, als
-der Gegenstand des Lustspiels und des Trauerspiels. Eros spielt
-seine Rolle auf dem Sokkus und auf dem Kothurn. Dass die Liebenden
-die Erfüllung des Gattungszweckes für den Gipfel ihres persönlichen
-Glückes halten, darin besteht die tragische Illusion, der Wahn. Es ist
-ein schrecklicher Wahn. Denn im Genuss der Wollust kontrahiert der
-Mensch eine schwere Schuld, welche das erzeugte Individuum zu büssen
-und durch Leiden und Tod bezahlen muss. „Das Leben eines Menschen, mit
-seiner endlosen Mühe, Not und Leiden, ist anzusehen als die Erklärung
-und Paraphrase des Zeugungsaktes“. Der Eros als Ausdruck des Willens
-zum Leben, „wie ist er so sanft und zärtlich! Wohlsein will er, und
-ruhigen Genuss und sanfte Freude, für sich, für andere, für alle. Es
-ist das Thema des Anakreon. So lockt und schmeichelt er sich selbst ins
-Leben hinein. Ist er aber darin, dann zieht die Qual das Verbrechen,
-und das Verbrechen die Qual herbei. Greuel und Verwüstung füllen den
-Schauplatz. Es ist das Thema des Aeschylos“. (a. a. O. S. 670.)
-
-Die Illusion, die Täuschung und die Verzweiflung der Liebe schildert
-prachtvoll +E. v. Hartmann+[30]. Sein Schluss ist dieser: „Wer einmal
-das Illusorische des Liebesglückes nach der Vereinigung und damit
-auch desjenigen vor der Vereinigung, wer den in aller Liebe die Lust
-überwiegenden Schmerz verstanden hat, für den und in dem hat die
-Erscheinung der Liebe nichts Gesundes mehr, weil sich sein Bewusstsein
-gegen die Oktroyierung von Mitteln zu Zwecken wehrt, die nicht +seine+
-Zwecke sind; die Lust der Liebe ist ihm untergraben und zerfressen, nur
-ihr Schmerz bleibt ihm unverkürzt bestehen.“
-
-Wer, wie wir, den Begriff der Liebe +evolutionistisch+ fasst, kann
-eine solche Metaphysik der Geschlechtsliebe nicht anerkennen. Es ist
-richtig, dass das +rein Physische+ der Liebe mehr Unlust als Lust mit
-sich bringt durch Vorspiegelung seliger Freuden, die nachher zerrinnen
-wie Schaum. +Aber die physische Liebe ist nur der Anfang einer
-Entwickelung+, deren Ende gerade dem +Individuum+ die grösste Seligkeit
-verheisst. Die physische Liebe ist nur der als solcher +notwendige+
-Durchgangspunkt zu dem wirklichen Endziele, der +platonischen Liebe+.
-Das metaphysische Endziel der Liebe ist die +Erkenntnis+, die
-vollendete +Freiheit+. „Und Adam +erkannte+ Eva“ heisst es tiefsinnig
-in der Bibel!
-
-+Platos+ und +Hegels+ Dialektik haben aufs treffendste diese Wahrheit
-erleuchtet. Ganz richtig bemerkt +Wigand+[31], dass die platonische
-Liebe der natürlichen oder physischen Liebe gar nicht entgegengesetzt
-ist, sondern die Liebe zum +sinnlichen+ und +körperlichen+ Schönen
-ist die +Leiter+ und die +Leiterin+ zur Liebe und +Erkenntnis+ alles
-unsichtbaren Schönen und Guten in Natur- und Menschenwelt, in Kunst und
-Wissenschaft von Stufe zu Stufe bis zur letzten Sprosse dieser Leiter,
-zur Anschauung der Allgesetzlichkeit, des +Absoluten+.
-
-Noch deutlicher wird dies, wenn wir in den Sinn der Worte eindringen,
-welche die göttliche +Diotima+ im „Gastmahl“ des Plato spricht, Worte,
-die ewig und unvergänglich sind.
-
-„Denn dies ist die rechte Art, sich auf die +Liebe+ zu legen oder
-von einem anderen dazu angeführt zu werden, dass man von diesem
-+einzelnen+ Schönen beginnend, jenes einen Schönen wegen immer höher
-hinaufsteige, gleichsam stufenweise von einem zu zweien und von zweien
-zu +allen+ schönen Gestalten und von den schönen +Gestalten+ zu den
-schönen +Sitten+ und +Handlungsweisen+, und von den schönen Sitten
-zu den schönen +Kenntnissen+, bis man von den Kenntnissen endlich zu
-jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem als +eben von jenem
-Schönen+ selbst die Kenntnis ist, und man also zuletzt +jenes selbst,
-was schon ist+, erkenne. +Und an dieser Stelle des Lebens, lieber
-Sokrates, wenn irgendwo, ist es dem Menschen erst lebenswert, wenn er
-das Schöne selbst schaut.+“ (Platons Symposion 210, 11.)
-
-Das ist der wahre Sinn der platonischen Liebe. Sie ist der sinnlichen
-Liebe nicht entgegengesetzt, sondern geht von ihr aus und erhebt
-sich zu höheren Formen, indem sie den innigen Zusammenhang zwischen
-+physischer+ und +geistiger+ Zeugung ausdrückt, worin das Wesen jeder
-wahren und echten Liebe wurzelt.[32]
-
-Das Endziel der Liebe ist die Erkenntnis. Mit einer Ahnung dieses
-Sachverhaltes sagt +Schopenhauer+ in den „Paränesen und Maximen“:
-„Zumal wird uns oft da, wo wir Genuss, Glück, Freude suchten, statt
-ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, ein bleibendes, wahrhaftes Gut,
-statt eines vergänglichen und scheinbaren.“
-
-Die platonische Liebe, so rätselhaft wie sie auf den ersten Blick
-erscheint, empfängt ihre hellste Beleuchtung durch die dialektische
-Methode +Hegels+, des „Weltphilosophen“, wie ihn +C. L. Michelet+
-nennt, des Darwin der geistigen Welt, wie wir ihn nennen möchten.
-
-Für +Hegel+ ist auch der Begriff der Gattung +evolutionistisch+.[33]
-Das Leben enthält ein Problem in sich, welches durch die blossen
-Lebensfunktionen nicht aufgelöst wird. Die Aufgabe oder der Lebenszweck
-fordert die Erzeugung der Gattung. Die Lösung der Aufgabe bietet die
-Erzeugung immer neuer Individuen, welche selbst wieder Individuen
-ihrer Art hervorbringen. Das ist der Fluss der Generationen, die
-endlose Reihe der Geschlechter, welche entstehen und vergehen. +Es ist
-die Gattung in der Form des endlosen Prozesses. Nur in der zeugenden
-Generation lebt die Gattung wirklich.+
-
-In demselben Masse, als eine Generation den Gattungszweck erfüllt hat,
-in demselben Masse hat sie ihren Lebenszweck erfüllt. Sie stirbt daher
-ab wie ein verbrauchtes Mittel der Gattung, sie vergeht und mit ihr
-die Individuen dieser Generation.
-
-Es leuchtet demnach ein, dass in dem Zeugungsprozess die Aufgabe
-weder der Gattung noch des Individuums wirklich gelöst wird. +Das
-Individuum bringt es nur bis zur Generation, die Gattung bringt es
-auch nicht weiter.+ In dem beständigen Flusse der Generationen, in
-dem unaufhörlichen Wechsel der Geschlechter +wird die Gattung nicht
-wahrhaft objektiv und das Individuum nicht wirklich allgemein+. Das
-einzelne Individuum +vergeht wirklich+, und die Gattung, da sie nur
-in dem Wechsel der Geschlechter, in dem Entstehen und Vergehen der
-Individuen erscheint, +hört nicht auf zu vergehen+. So wird vermöge des
-blossen Lebens der Selbstzweck des Allgemeinen in der Tat nicht erfüllt
-und verwirklicht.
-
-Wenn man will, so kann man dies die Tragödie der physischen Welt nennen.
-
-Was aber in der physischen Welt unmöglich ist, ist in der geistigen
-Welt Regel und Selbstzweck.
-
-Das Individuum soll die Gattung erzeugen, die es im Zeugungsprozess
-nicht erreichen und objektiv machen kann. So fordert es der Selbstzweck
-der Gattung wie der des Individuums.
-
-Die Gattung will als solche erzeugt sein, als die erzeugende Macht der
-Individuen, als das wahrhaft +Allgemeine+. Es gibt nur eine Form, die
-das Allgemeine in diesem Sinne vollkommen ausdrückt: +der Begriff+. Es
-gibt nur eine hervorbringende Tätigkeit, die imstande ist, den Begriff
-zu erzeugen: +das Denken+. In dem begreifenden Denken allein wird das
-Allgemeine wahrhaft objektiv und das Individuum wahrhaft allgemein.
-Hier löst sich die Aufgabe, die der Begriff des Lebens fordert, aber
-selbst nicht löst. Sie löst sich im Denken, welches die wahren Begriffe
-erzeugt und dadurch die Objekte erkennt, welche die Begriffe bilden.
-
-Hier also erscheinen die Begriffe +Erzeugen+ und +Erkennen+ in einem
-Zusammenhange und in einer Verwandtschaft, wie sie bereits +Plato+
-erkannt hat, wenn er +Sokrates+ das Erkennen ein Erzeugen nennen
-lässt. Der philosophische Eros ist das Ziel des physischen. Das
-erzeugende Denken ist unsere wahrhaft +allgemeine+ Tätigkeit, unsere
-+wirkliche Gattung+, die in uns entbunden und frei wird in demselben
-Masse, als wir selbst frei werden von den individuellen und sinnlichen
-Lebenszwecken.
-
-So erscheint die sinnliche, physische Liebe als das notwendige, mit
-Bewusstsein zu ergreifende Anfangsglied einer Entwickelung, die zur
-Erkenntnis, zur Freiheit, zum Absoluten führt. Hier offenbart sich,
-dass dem reinen Wissen, der höchsten und wahrhaftigsten Erkenntnis
-niemals die +Wärme des Gefühls+ fehlen kann. Und die Liebe selbst, sie
-ist nichts Dunkles mehr, keine Illusion und kein täuschender Nebel,
-sondern ihr Anfang und Ende ist die Erkenntnis.[34]
-
-
-
-
-I.
-
-Das Zeitalter des Marquis de Sade.
-
-
-Der Marquis +de Sade+, dessen Leben, Werke und Persönlichkeit
-wir in diesem Bande behandeln, ist durchweg ein Mensch des 18.
-Jahrhunderts. Zugleich ist er ein Franzose. Wir glauben aber, indem
-wir uns anschicken, das erste wissenschaftliche Werk in deutscher
-Sprache über diesen seltsamen, dem +Namen+ nach aller Welt bekannten
-Mann zu schreiben, wahres Licht über ihn nur dadurch verbreiten zu
-können, dass wir ihn zunächst aus seiner Zeit, aus dem Frankreich des
-18. Jahrhunderts erklären. Die Medizin hat scheinbar ihre Meinung
-über den Marquis +de Sade+ schon ausgesprochen. Aber dieses Urteil,
-selbst aus dem Munde der bedeutendsten Nerven- und Irrenärzte, muss
-ein einseitiges bleiben, so lange man nicht das tut, was bisher
-unterblieben ist, so lange nicht die +äusseren Bedingungen+, das
-+Milieu+ erforscht werden, unter denen dieses merkwürdige Leben
-heranwuchs, sich bildete, seine Taten vollbrachte und seine Wirkungen
-ausübte. Denn es ist „jedesmal von +entscheidender Bedeutung+, aus
-welchem Jahrzehnt und Jahrhundert, von welchem Volk und Land die
-behandelten Tatsachen entlehnt sind.“[35] Mit einem Worte: nicht die
-individual-psychologische, sondern nur die +sozial-psychologische+
-Auffassung kann zu einer wahren Erkenntnis der Persönlichkeit
-+Sades+ führen. Eine wahrhaft wissenschaftliche Beurteilung gewisser
-typischer Persönlichkeiten ist nur auf diesem Wege möglich, wenn auch
-keineswegs die Bedeutung der einzelnen Individualität als solcher
-verkannt werden soll. Wir müssen uns auf Grund unserer Studien über den
-Marquis +de Sade+ durchaus den Ansichten eines bedeutenden Soziologen
-der Gegenwart anschliessen[36], dass „das persönliche Ich nur den
-Gipfel und Schlusspunkt psychischer Faktoren überhaupt bildet. Schon
-psychiatrische Untersuchungen über die Zersetzung und Entartung unseres
-Ich haben diesen Gedanken nahe gelegt, dass unsere Persönlichkeit
-nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer unendlich langen, in
-die Nacht des Unbewussten hinabreichenden psychischen Tätigkeit
-darstellt, die wir freilich nicht überall bis auf den letzten Ursprung
-hin erfassen können. Durch die Beobachtung des +gesellschaftlichen
-Lebens+ und insbesondere der +stetigen Wechselwirkung des Einzelnen
-mit der ihn umgebenden Gemeinschaft+ ist diese Hypothese zum Range
-einer wissenschaftlich beglaubigten +Tatsache+ erhoben. Hier ist in
-den allermeisten Fällen nicht vorbedachte Ueberlegung und völlig freie
-Selbstbestimmung entscheidend, sondern +gewohnheitsgemässe Anpassung+,
-das +Wirken dunkler, unbewusster Triebe und Regungen+, ohne dass der
-Einzelne sich jederzeit der treibenden Gründe klar bewusst wird.“
-Sitten und Bräuche, rechtliche, ästhetische und religiöse Gebilde
-sind grösstenteils +organische Entwickelungen+ ohne bestimmtes,
-zweckbewusstes Eingreifen seitens des Individuums. Unsere Gefühle
-und Empfindungen entspringen trotz ihres eigenartigen individuellen
-Charakters „aus jenen Tiefen des Unbewussten, welche der endgültigen
-Fixierung des Ichs vorausgehen.“ Das sind aber Gedanken +Hegels+, das
-ist +Hegels+ Lehre vom +objektiven Geist+, aus dem der subjektive
-immerwährend schöpft, und der seine eigene Entwickelung hat. Das ist
-in Wahrheit die berühmte und viel verschrieene „Selbstbewegung des
-Begriffs“. +Hegel+, dieser grösste Denker des neunzehnten Jahrhunderts,
-wird endlich zu Ehren kommen, und es ist kein Zweifel, dass seine Lehre
-im 20. Jahrhundert die grössten Triumphe feiern wird. Nach den Stürmen
-der +Schopenhauer-Hartmann+’schen und +Nietzsche+’schen Philosophie
-wird die Sonne +Hegel+’schen Geistes über der Erde leuchten. Die
-dialektische Methode hat die neuere Geschichtswissenschaft mit den
-wertvollsten Ideen befruchtet und zur Höhe ihrer gegenwärtigen
-Entwickelung geführt, sie wird auch der Naturwissenschaft neue Impulse
-geben, da sie, wie sich immer mehr herausstellen wird, nirgends der
-Erfahrung und den Gesetzen der Natur widerstreitet. +Hegel+, nicht
-+Schopenhauer+, ist der „wahre und echte Thronerbe Kants“.
-
-So wollen wir, in einer kurzen Formel ausgesprochen, in diesem
-Abschnitt die +Fäden+ aufsuchen, welche den subjektiven Geist
-des Marquis +de Sade+ mit dem objektiven Geist seines Zeitalters
-verknüpfen. Er ist zugleich ein Vertreter des „ancien régime“ und der
-Revolution. Seine beiden berüchtigten Hauptwerke sind unverkennbare
-Erzeugnisse der grossen französischen Revolution. Also haben wir zu
-untersuchen, was +Sade+ von seiner Zeit empfangen hat, um zu erfahren,
-was er ihr gegeben hat. Wir wiederholen nicht bekannte Tatsachen der
-französischen Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts, +sondern wir
-erklären die Werke des Marquis de Sade aus jener Zeit+, aus allen
-innerlichen und äusserlichen Verhältnissen des sozialen Lebens im 18.
-Jahrhundert.
-
-
-1. Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich.
-
-+Sade+ nennt (Justine I, S. 2) das 18. Jahrhundert „le siècle
-absolument corrompu“ und lässt an einer anderen Stelle (Juliette I,
-261) den Noirceuil sagen, dass es gefährlich sei „in einem +verderbten
-Jahrhundert+ tugendhaft sein zu wollen“. Ihm wie anderen drängte
-sich also das Bewusstsein der allgemeinen Schlechtigkeit in jener
-Zeit zur Genüge auf. Den treffendsten Ausdruck für alle Verhältnisse
-dieser Epoche hat +Hegel+ gefunden. Er sagt in seiner „Philosophie
-der Geschichte“[37]: „Der ganze Zustand Frankreichs in der damaligen
-Zeit ist ein wüstes Aggregat von Privilegien gegen alle Gedanken und
-Vernunft überhaupt, ein unsinniger Zustand, womit zugleich die höchste
-Verdorbenheit der Sitten, des Geistes verbunden ist, -- ein +Reich des
-Unrechts+, welches mit dem beginnenden Bewusstsein desselben schamloses
-Unrecht wird“. Sind nicht +Sades+ Werke ein getreuer Spiegel dieser
-Zeit des Unrechts? Auch sie predigen das Unrecht und verraten doch
-überall Spuren des Bewusstseins dieses Unrechts. Ist das „Glück des
-Lasters“, sind die „Verbrechen der Liebe“ nicht +schamloses+ Unrecht?
-
-Das 18. Jahrhundert gehört zu jenen +frivolen+ Zeitaltern, deren Wesen
-ein bedeutender Schüler +Hegels+, +Kuno Fischer+, in vollendeter
-Weise geschildert hat.[38] Frivole Zeiten sind jene, die immer ein
-ablaufendes Weltalter beschliessen und das Leben der Menschheit völlig
-zersetzen, damit es ganz von neuem wieder anfangen könne. +Fichte+
-nannte es einst die +vollendete Sündhaftigkeit+. „In allen grossen
-Wendepunkten der Geschichte gleichen sich die Züge der verschiedenen
-Zeiten; sie sind abgespannt von dem alten Tagewerke und sehen so welk
-und ohnmächtig aus, dass man an einem neuen verzweifeln möchte. Und in
-der Tat, wenn sich ein Weltalter völlig abgelebt hat, so bleibt von
-seinem sittlichen Leben nur noch das körperliche übrig, und dieses
-bedarf künstlicher Reize von aussen, um erregt zu werden, da ihm die
-innere Kraft fehlt, die es in jugendlicher Frische hervorbringt. Es
-ist ein ungebundenes und doch mattes Leben, es sind fessellose und
-doch abgestumpfte Kräfte, die das Drama des Lebens vollbringen, ohne
-irgend einen sittlichen Verstand in ihm darzustellen. Es gibt keine
-Natur, es gibt keine Bildung in diesen Zeiten, überall nur die Prosa
-der Selbstsucht ohne ihre Kraft, die Ohnmacht des Genusses ohne seine
-Poesie“. Die Welt der Cäsaren, die Zeit des ausgelebten Papsttums, das
-französische Königtum vor der Revolution sind solche Perioden. Jene
-zweite war die +vollendete Sündhaftigkeit des Katholizismus+, diese
-letzte ist die +vollendete Sündhaftigkeit des Königtums+.
-
-Der +Genuss+ à tout prix ist die Parole im 18. Jahrhundert. Der Mensch
-aber, der um jeden Preis geniessen will, ist der Egoist. Niemals war
-in Frankreich der +Egoismus+ so gross wie unter dem ancien régime
-und während der Revolution. Der Minister +Saint-Fond+, eine getreue
-Kopie eines Ministers unter +Ludwig XV.+ sagt (Juliette II, 37):
-„Der Staatsmann würde ein Narr sein, der nicht das Land für seine
-Vergnügungen bezahlen liesse. Was geht uns das Elend der Völker an,
-wenn nur unsere Leidenschaften befriedigt werden? Wenn ich glaubte,
-dass Gold aus den Adern der Menschen fliessen würde, dann würde ich
-einen nach dem anderen zur Ader lassen, um mich mit diesem Blut zu
-füttern“. Diese Aeusserung findet +Sade+ charakteristisch für das
-ancien régime.[39] Vor der Revolution war dieser Egoismus nur bei den
-herrschenden Ständen, bei Königtum, Adel und Geistlichkeit zu Tage
-getreten. In der Revolution ergriff er alle Schichten der Bevölkerung.
-+Adolf Schmidt+, der seine Schilderung der Revolutionszeit aus
-+authentischen, zeitgenössischen Dokumenten+ schöpft, sagt darüber[40]:
-„Das war der scharf ausgeprägte +Egoismus+, die Selbstsucht und
-Habgier, die nicht nur die höheren Schichten der Gesellschaft, sondern
-alle Klassen des Volks und vornehmlich den an Zahl weit überwiegenden
-Bauernstand durchdrang, ja dermassen beherrschte, dass darüber alle
-anderen Empfindungen, auch der Vaterlandsliebe und der Menschlichkeit
-weit zurücktraten. Es gereicht zum Erstaunen und zum Entsetzen, wenn
-man wahrnimmt, wie während der ganzen Revolutionszeit, und mitten
-unter den glänzendsten Deklamationen über Freiheit, Gleichheit und
-Brüderlichkeit, über Menschenrechte und Menschenliebe, über Aufopferung
-für Wohl, Grösse und Ruhm des Vaterlandes, in fast allen Schichten ein
-Wettrennen um Hab’ und Gut, eine kalte Berechnung zur Ausnutzung der
-Umstände, ein gieriges Spekulieren auf das Unglück des Staats und auf
-das Elend der Mitmenschen massgebend war und blieb. Jeder wollte den
-anderen übervorteilen und überlisten; jeder wollte im Trüben fischen,
-wollte persönlich sein Glück machen, sich bereichern und emporkommen“.
-Ebenso spricht der berühmte +Mercier+, der Cicerone +Schopenhauers+ bei
-dessen Aufenthalt in Paris, von diesem „siècle d’égoïsme renforcé“[41].
-Wir werden diesen Egoismus, diesen Hauptcharakterzug des 18.
-Jahrhunderts in seinen verschiedenen Formen zu studieren haben.
-
-Der Egoismus zeitigt die Genusssucht, die Genusssucht gipfelt aber
-in der geschlechtlichen Lust. +Das achtzehnte Jahrhundert ist
-das Jahrhundert der zum System erhobenen geschlechtlichen Lust.+
-+Moreau+[42] unterscheidet drei Epochen in der Geschichte der
-geschlechtlichen Ausschweifungen und Verirrungen. Die erste ist die
-Epoche der römischen Kaiserzeit, die zweite umfasst jene grossen
-Epidemien „de névropathie de toutes sortes“ im Mittelalter, besonders
-den Glauben an die Existenz des Incubus und Succubus, den Kult der
-sogenannten „Satanskirche“ mit seinen ungeheuerlichen geschlechtlichen
-Monstrositäten. Die dritte Periode fällt in das 18. Jahrhundert, hell
-erleuchtet in ihrer ganzen spezifisch französischen Eigenart durch die
-Saturnalien der Regentschaft und des fünfzehnten Ludwig.
-
-„+Wollust!+ das ist das Wort des achtzehnten Jahrhunderts, schreiben
-die besten Kenner dieser Zeit, +Edmond+ und +Jules de Goncourt+.[43]
-Das ist sein Geheimnis, sein Reiz, seine Seele. Es atmet Wollust und
-macht sie frei. Die Wollust ist die Luft, von der es sich nährt und
-welche es belebt. Sie ist seine Atmosphäre und sein Atem, sein Element,
-seine Inspiration, sein Leben und sein Genie. Sie zirkuliert in seinem
-Herzen, seinen Adern und seinem Kopfe. Sie gibt seinem Geschmack,
-seinen Gewohnheiten, seinen Sitten und seinen Werken einen eigenen
-Reiz. Die Wollust geht aus dem innersten Wesen dieser Zeit hervor, sie
-redet aus ihrem Munde. Sie fliegt über diese Welt dahin, nimmt sie in
-Besitz, ist ihre Fee, ihre Muse, das Bestimmende ihrer Moden, der Stil
-ihrer Kunst. Und nichts ist von dieser Zeit übrig geblieben, nichts
-hat dies Jahrhundert der Frau überlebt, was nicht von der Wollust
-geschaffen, berührt und bewahrt wurde, wie eine Reliquie der göttlichen
-Gnade in dem Dufte des Genusses.“
-
-Was das französische achtzehnte Jahrhundert vor allen übrigen
-auszeichnet und in dieser Art weder vorher noch nachher da war, das ist
-die +Systematisierung+ der geschlechtlichen Liebe. Diesem Jahrhundert
-blieb es vorbehalten, einen Codex der Immoralität aufzustellen. Das
-ganze Leben zielt auf den Geschlechtsakt ab, Wissenschaft, Kunst, die
-Konversation, die Gastronomie. Alles durchdringt der erschlaffende
-Hauch der rein physischen Liebe und hinterlässt jenen schweren Duft,
-welcher alle geistige Energie lähmt. Und als diese sich erhob in der
-grossen glorreichen und unvergesslichen Revolution, welche die neue
-Zeit geboren hat, da hing ihr jener schwere Duft noch an, zog sie
-wieder herab und knechtete sie und verkehrte die heftig angespannte in
-wilde Grausamkeit und erbarmungslosen Blutdurst.
-
-Haben wir also als die Hauptcharaktere dieses Jahrhunderts des Unrechts
-den Egoismus und die geschlechtliche Unsittlichkeit nachgewiesen,
-welche allgemeinen Züge in dem Leben und den Werken des Marquis +de
-Sade+ aufs höchste gesteigert, uns ebenfalls entgegentreten, so liegt
-uns nunmehr ob, immer in Beziehung auf die Persönlichkeit +Sades+
-die Ursachen jener Frivolität näher zu ergründen, zu erforschen, aus
-welchen Faktoren jene allgemeinen Charaktere des Jahrhunderts sich
-zusammensetzen.
-
-
-2. Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert.
-
-In der Philosophie stellt sich der Geist eines Zeitalters am reinsten
-und bestimmtesten dar. So war auch die französische Philosophie
-gleichsam der wissenschaftliche Ausdruck für den Egoismus, die
-Genusssucht und die Geschlechtslust jener Zeit. Sie war durchweg
-+sensualistisch+ und +materialistisch+ gerichtet. Sehr drastisch lässt
-+Sade+ die Dubois sagen (Justine I, 122): „Das Element der Philosophie
-ist der +Geschlechtsgenuss+!“ Die Philosophie spielt in den Werken
-+Sades+ eine grosse Rolle. Sehr häufig kehrt der Ausspruch wieder:
-„Das Feuer der Leidenschaft wird stets an der Fackel der Philosophie
-entzündet“ (z. B. Juliette I, 92, 158, 319 u. s. w.). Einen sehr
-grossen Teil der Bücher +Sades+ nehmen langatmige philosophische
-Exkurse ein, die wir in einem späteren Abschnitt zu würdigen haben.
-Dabei verfährt +Sade+ sehr eklektisch und unkritisch. Er nennt z. B.
-in einem Atem +Spinoza+, +Vanini+ und +Holbach+, den Verfasser des
-„Système de la Nature“ (Juliette I, 31). Dann +Buffon+ (Philosophie
-dans le Boudoir I, 77), welcher noch den Versuch einer Milderung des
-starren Materialismus macht. Die Namen von +Voltaire+ (Juliette I, 88)
-und +Montesquieu+ (Juliette IV, 8; V, 252 u. ö.) dürfen natürlich auch
-nicht fehlen. +Montesquieu+ ist aber nur ein „demi-philosophe.“ An
-+Rousseaus+ Ideen klingt der Ausdruck an: „Die Menschen sind nur rein
-im natürlichen Zustande, sobald sie sich daraus entfernen, erniedrigen
-sie sich“ (Juliette IV, 242). Den grössten Einfluss scheint +La
-Mettrie+ auf +Sade+ ausgeübt zu haben. Wenigstens erscheint uns das
-philosophische System des Marquis +de Sade+, wenn man den eklektischen
-Mischmasch als solchen bezeichnen darf, mit Vorliebe Gedanken +La
-Mettries+ zum Ausdruck zu bringen. Beide suchen die Legitimation und
-Erhöhung des Geschlechtsgenusses in der +philosophischen Analyse+.
-Hierbei wird +La Mettrie+ ausdrücklich erwähnt (Juliette III, 211).
-Als Philosoph ist entschieden +La Mettrie+ den Ideen Sades am nächsten
-gekommen.
-
-+Montesquieu+ und +Voltaire+ hatten die sensualistische Philosophie
-+Lockes+ in Frankreich bekannt gemacht, wo schon der Skeptizismus
-+Pierre Bayles+ die Philosophie dem christlichen Glauben als
-das Höhere und Wahrere entgegengestellt hatte. Während bei den
-englischen Philosophen, sowie bei +Voltaire+ und +Montesquieu+ die
-sensualistischen Anschauungen nur theoretisch entwickelt wurden, der
-Sensualismus wesentlich +Erkenntnislehre+ blieb, machten sich bald
-Bestrebungen geltend, den Sensualismus und seine natürliche Konsequenz,
-den Materialismus, auf das praktische Gebiet zu übertragen. Die
-Erkenntnis ist eine Funktion der Sinne. Die Grundlage der Moral ist
-das eigne Wohl, der Egoismus. Ewig ist nur die Bewegung, die aus sich
-selbst alle Dinge hervorbringt und keines Schöpfers bedarf. Freier
-Wille und Unsterblichkeit der Seele, sowie der Gottesbegriff sind
-daher Utopien. Die Materie ist das einzig Sichere. Eine Seele gibt es
-nicht. Der Atheismus ist die einzige Religion, die in der Anbetung der
-Natur, im glücklichen Leben und physischen Genuss ihre Befriedigung
-findet. Aus diesen vorzüglich von +La Mettrie+ und +Holbach+
-formulierten Sätzen ergab sich das, was die französische Philosophie
-des 18. Jahrhunderts besonders charakterisiert, ihre Opposition gegen
-+Kirche+ und +Religion+, ihr Eintreten für die Freiheit des einzelnen
-Individuums. Niemals ist die Philosophie mit solcher Energie auf alle
-Lebensverhältnisse angewendet worden, mit bewusster Tendenz, diese
-umzugestalten, wie im 18. Jahrhundert. Die französische Revolution war
-vor allem ein Werk der Philosophen; und das hat man schon frühzeitig
-erkannt. So sagt +Barruel+, ein fanatischer Verteidiger des ancien
-régime[44]: „Diese Revolution wurde seit langer Zeit von Menschen
-geplant, welche unter dem Namen von Philosophen sich in die Rolle
-geteilt hatten, Thron und Altar zu stürzen.“ Es gab daher +politische+
-und +religiöse+ Philosophen. Der Hauptrepräsentant der politischen
-Philosophie ist +Mirabeau+, der leidenschaftliche Anwalt des dritten
-Standes. Er tat aber auch den berühmten Ausspruch: „Wenn Ihr eine
-Revolution wollt, so müsst ihr zuerst Frankreich entkatholisieren.“ (Si
-vous voulez une révolution, il faut commencer par décatholiciser la
-France). Wie sehr der Atheismus eines +La Mettrie+ und +Holbach+[45]
-ins Volk gedrungen war, beweist folgender von +Dutard+ erzählte
-wirkliche Vorfall[46]: Drei Priester kehrten von einer traurigen
-Amtsverrichtung zurück. Der Vordere stiess mit dem silbernen Kreuz
-an einem beladenen Lastträger, der mit einem unbeladenen Kameraden
-daherschritt. „Nanu!“ rief der Gestossene, „du da, pack dich mit deinem
-Kreuz.“ -- „St!“ sprach sein Kamerad, „es ist ja der gute Gott!“ --
-„Ach was, der gute Gott!“ versetzte jener, „es gibt keinen guten Gott
-mehr!“ -- Man schritt daher konsequenterweise zu praktischer Ausführung
-dessen, was der Marquis +de Sade+ als Einer von +Vielen+ in seinen
-Werken immer und immer wieder predigt, zur Abschaffung der verhassten
-Religion. In der Sitzung des Konvents vom 17. November 1793 sagt
-+Cloots+, dass die Religion das grösste Hindernis der Glückseligkeit
-sei. Es gäbe keinen anderen Gott als die Natur, keinen anderen Herrn
-als das Menschengeschlecht, der Gott des Volkes, die Vernunft müsse
-alle Menschen vereinigen. -- Feierlich schwor am 7. November 1793
-im Schosse des Konventes der Bischof +Gobel+ mit einem Häuflein
-seiner Geistlichkeit den katholischen Kultus und das Christentum ab.
-Die priesterlichen Mitglieder des Konventes folgten sofort seinem
-Beispiel. Am 10. November wurde dann in der Kirche Notre-Dame der
-seltsame Kultus der Vernunft eingeweiht. Die Vernunft wurde Fleisch
-in Gestalt einer schönen jungen Frau, die der Präsident des Konventes
-mit dem Bruderkusse umarmte. „So wurde die abstrakte Vernunft zur
-sinnlichen Göttin gestempelt, die Göttin zum Menschenweibe degradiert
-und die Gottheit zu einer +Vielheit+ von menschlichen Göttinnen oder
-Gottweibern gestaltet.“[47] Man sieht also, dass der Atheismus, der
-bei +Sade+ oft abschreckende Formen annimmt, nichts ihm Eigentümliches
-ist, sondern jener Zeit gemäss war. Man sieht ferner, wie schliesslich
-dieses ganze atheistische Gebahren auf den geschlechtlichen Genuss
-hinausläuft, der in der Revolutionszeit wahrhaft ungeheuerliche
-Dimensionen annahm. Die „Vernunft“, deren Kultus aufgerichtet wurde,
-d. h. die Philosophie, hatte ihn längst verherrlicht. So erwähnt +Sade+
-(Juliette IV, 198) +La Mettries+ Schrift „Sur la volupté“, womit
-wahrscheinlich die „L’art de jouir“ (1751) gemeint ist. Hier entwickelt
-+La Mettrie+ die Regeln für den Genuss der physischen Liebe, die er als
-das Schönste und Begehrenswerteste auf der Welt preist, wobei er die
-Befriedigung aller „caprices de l’imagination“ für geheiligt erklärt.
-
-Die Philosophie, in welcher die geistige Bewegung jener Zeit ihren
-allgemeinsten und intensivsten Ausdruck fand, kämpfte für politische,
-religiöse und moralische Freiheit. Sie richtete sich gegen Staat,
-Kirche und konventionelles Herkommen. Alle diese Faktoren macht auch
-der Marquis +de Sade+ zum Gegenstande seiner heftigsten Angriffe. Wir
-gehen daher über zur Untersuchung der einzelnen konkreten Verhältnisse
-in Staat, Kirche, Literatur und öffentlichem Leben, insofern dieselben
-zur Erklärung der Persönlichkeit und der Werke des Marquis +de Sade+
-beizutragen vermögen.
-
-
-3. Das französische Königtum im 18. Jahrhundert.
-
-Die Jugend des Marquis +de Sade+ gehört der Regierungszeit +Ludwigs+
-XV. an, sein Mannesalter der Zeit +Ludwigs+ XVI. Er war 34 Jahre alt,
-als der verderbteste König, der Frankreich je regiert hat, Ludwig
-XV., starb (1774). Die politische Misswirtschaft der französischen
-Herrscher des 18. Jahrhunderts, welche mit dem grossen Staatskrache
-+Laws+ unter dem +Regenten+ ihren Anfang nahm, unter +Ludwig+ XV. zu
-dem Verluste der wichtigsten Kolonien und unter +Ludwig+ XVI. zur
-Revolution führte, die einseitige Begünstigung des Adels und des
-Klerus, übergehen wir als zu bekannte Tatsachen, welche unser Thema
-nicht näher berühren. Die +Genusssucht+ und die +geschlechtlichen
-Ausschweifungen+ des Königtums werden besonders von +Sade+
-gebrandmarkt. Auch hier hatte er die Vorbilder in der Wirklichkeit.
-„Wenn ein Prinz von Geblüt den Weg der Wollust betritt, betritt ihn die
-ganze Umgebung und Gesellschaft“ sagt +Moreau+ mit Recht[48]. Das von
-den französischen Herrschern des 18. Jahrhunderts gegebene Beispiel
-musste die verderblichste Wirkung auf die ohnehin durch und durch
-materialistisch gesinnte Gesellschaft des ancien régime ausüben. Die
-Zeit der Regentschaft schuf Namen und Typus des „Roué“, der eine für
-das ganze Jahrhundert charakteristische Erscheinung wurde. Der Roué
-par excellence war König Ludwig XV., berühmt durch die Zahl seiner
-Maitressen und durch seinen Hirschpark. Die Maitressenwirtschaft
-+Ludwigs+ XV. hat unübertroffene Schilderer gefunden in den beiden
-+Goncourts+, auf deren Werke wir verweisen[49]. Sein Leben war, wie
-+Moreau+ sagt, eine „beständige Unzucht.“ So konnten ihm bald seine
-Geliebten trotz ihrer grossen Zahl und des häufigen Wechsels nicht mehr
-genügen. Er schuf sich in seinem berühmten +Hirschpark+ das Vorbild
-aller +geheimen Bordelle+, die auch in den Werken des Marquis +de
-Sade+ eine grosse Rolle spielen. Man denke sich: ein +König+ unterhält
-ein eigenes Bordell für seinen Privatgebrauch! Erscheint dann nicht
-alles, was +Sade+ in seinen Werken gegen das Königtum sagt, in einem
-ganz anderen, milderen Lichte? -- Ueber den Hirschpark existiert ein
-Werk, welches uns leider nicht zugänglich war.[50] Der Hirschpark
-wurde um 1750 in der Eremitage zu Versailles in dem Parc-aux-Cerfs
-genannten Stadtviertel von der Marquise +de Pompadour+ für den König
-eingerichtet, dem sie, um sich am Ruder zu erhalten, diese neue Art
-von Vergnügungen verschaffte. Die Vorsteherin des Bordells war eine
-gewisse +Bertrand+, der Lieferant von jungen Mädchen hiess +Lebel+.
-Anfangs befanden sich nur zwei oder drei Insassinnen in dem Hause. Nach
-dem Tode der +Pompadour+ wurde es sehr bevölkert (très peuplée[51]).
-Nach einer anderen Darstellung musste schon die +Pompadour+, da
-„sie Oberaufseherin seiner (des Königs) Belustigungen geworden war,
-unaufhörlich im ganzen Lande neue und unbekannte Schönheiten anwerben
-lassen, um das Serail, worüber sie unumschränkt gebot, zu besetzen,
-dazu entstand der sogenannte +Hirschgarten+ (Parc-aux-Cerfs), diese
-Fallgrube der Unschuld und Aufrichtigkeit, der diese Menge von Opfern
-einschlang, die, wenn sie der menschlichen Gesellschaft wieder
-zurückgegeben wurden, Sittenverderbnis, Geschmack an Ausschweifungen
-und alle Laster in dieselbe zurückbrachten, womit sie notwendig
-durch den Umgang mit den infamen Unterhändlern dieses Aufenthaltes
-angesteckt werden mussten. Wenn man auch den Schaden bei Seite setzt,
-den dieses abscheuliche Institut den Sitten getan hat, so ist es
-schon schrecklich genug, wenn man das ungeheure Geld berechnet, das
-es dem Staate gekostet hat. Und wer kann sie berechnen, die Unkosten
-dieser Legion von Ober- und Unterkupplern, die in beständiger Bewegung
-waren, um an den entferntesten Grenzen des Reiches die Gegenstände
-ihrer Nachforschungen aufzuspüren und herbei zu holen, sie an den
-Ort ihrer Bestimmung zu bringen, ihnen daselbst die nötige Politur
-zu geben, sie auszustaffieren und zu räuchern und sie durch alle
-Mittel der Kunst reizend zu machen.“[52] Es wird ausgeführt, dass
-jede Einzelne dem öffentlichen Schatz eine Million Livres gekostet
-habe. „Wenn nun nur wöchentlich zwei an die Reihe gekommen sind,
-so beträgt dies in 10 Jahren tausend, und ist die Ausgabe also
-1000 Millionen.“ Dabei sind noch nicht einmal die zahlreichen im
-Hirschpark geborenen Kinder mitgerechnet, die freilich wohl weniger
-Kosten verursacht haben mögen. Es ist also einigermassen berechtigt,
-dass der Verfasser der letztgenannten Schrift den Hirschpark als die
-Hauptursache der finanziellen Zerrüttung unter Ludwig XV. angibt.
-Ueber die im Hirschpark veranstalteten Orgien schwirrten zahlreiche
-Gerüchte umher, die jedenfalls nichts übertrieben haben.[53] Nach
-einem deutschen, allerdings weniger glaubwürdigen Autor[54] waren
-„selbst die Saturnalien der Römer zur Zeit der Cäsarenherrschaft,
-die schauderhaften Lupercalien eines Tiberius, Caligula, Nero, einer
-Agrippina, Messalina, Locusta und anderer menschlichen Ungeheuer nur
-blosse Vorbilder solcher Auftritte, die im Hirschpark ausgeführt
-wurden“. „Der Rausch war hier ein vielfältiger, durch Spiel, durch
-Gewürze, Wein oder andere Getränke, durch Wohlgerüche, durch Visionen
-aus Zauberlaternen, durch Musik und jede Gattung tierischer Genüsse
-hervorgebracht.“ Der Verfasser lässt sogar den Marquis +de Sade+ an
-diesen Ausschweifungen teilnehmen![55] Authentisch ist, was +Moreau+
-nach dem „Journal de +Barbier+“, nach +Sismondi+ u. a. über jene
-eigentümliche Verknüpfung von +Religion+ und +Wollust+ berichtet,
-welche Ludwig XV. selbst im Hirschpark vornahm.[56] „Jedesmal, wenn
-Ludwig XV. eine Nacht im Hirschpark zubringen wollte, erfüllte er
-nicht nur mit Eifer seine religiösen Pflichten, sondern litt auch
-nicht, dass die jungen Priesterinnen eines anderen Kultus es an den
-Betätigungen ihres christlichen Glaubens fehlen liessen. Sobald er
-sich mit einer seiner Odalisken eingeschlossen hatte, befahl er
-ihr, sich hinter einem Vorhang zu entkleiden, während er selbst das
-gleiche tat. Sodann knieten beide in Adams Kostüm auf dem Teppich und
-verrichteten die Tagesgebete, indem sie sich die Stirn mit Weihwasser
-benetzten, welches sich in einem Krystallgefässe am Kopfende des
-Bettes befand. Nach beendetem Gebet und nach geschehener Bekreuzigung,
-streichelte der König den nackten Busen der Kleinen mit seinem frommen
-Finger. Man erhob sich, stieg ins Bett, zog die Vorhänge zu, und die
-Namen des Herrn, der Jungfrau Maria und der Heiligen wurden solange
-geflüstert, bis der Ritus der Liebe ein anderes Vokabular zum Ausdruck
-brachte“.[57] +Ludwig+ XV. besass auch, was ebenfalls wohl einzig in
-seiner Art dasteht, einen eigenen Beamten für das Arrangement seiner
-Orgien in der Person des „Intendant des Menus-Plaisirs“, +La Ferté+.
-Dieses ungeheuerliche Institut wurde dann auch sofort unter +Ludwig+
-XVI. abgeschafft. Am Donnerstag, 19. Mai 1774, als +Ludwig+ XVI., 9
-Tage nach dem Tode seines Vorgängers, mit der Königin und mit den
-Prinzen im Bois de la Boulogne lustwandelte, stellte sich Herr +La
-Ferté+ vor. Der König betrachtete ihn blinzelnd von oben bis unten und
-fragte dann: „Wer sind Sie?“ -- „Sire, ich heisse +La Ferté+.“ - „Was
-wollen Sie von mir?“ -- „Sire, ich komme, die Befehle Eurer Majestät
-entgegenzunehmen.“ -- „Weshalb?“ - „Weil -- weil ich der Intendant --
-der Menus --“ „Was heisst Menus?“ -- „Sire, es sind die Menus-Plaisirs
-Eurer Majestät“. -- „Meine Menus-Plaisirs bestehen darin, zu Fusse im
-Parke zu promenieren. Ich brauche Sie nicht.“ Darauf drehte ihm der
-König den Rücken zu und ging.[58] +Ludwig+ XV. hatte aber an seinen
-eigenen Ausschweifungen noch nicht genug, er musste auch die seiner
-Untertanen kennen lernen. So liess er sich von der Pariser Polizei
-regelmässig alle obscönen Vorkommnisse, alle pikanten Einzelheiten über
-die Skandalaffären der Hauptstadt berichten.[59]
-
-+Ludwig+ XVI. und seine Gemahlin +Marie Antoinette+ sind persönlich
-von dem Vorwurfs der Sittenlosigkeit freizusprechen. Doch da unter
-ihrer Regierung das Genussleben am Hofe fortdauerte und der Bruder des
-Königs, der Graf von +Artois+ in der Tat ein berüchtigter Wüstling
-war, so konnte es nicht ausbleiben, dass auch das Privatleben des
-Königs und besonders der Königin, welche sich als österreichische
-Prinzessin geringer Sympathien erfreute, verdächtigt wurde. Die
-bekannte Halsbandgeschichte wurde weidlich zur Verleumdung der Königin
-ausgebeutet. „Geheime und unversöhnliche Feinde machten aus einigen
-Leichtfertigkeiten und Unklugheiten +Marie Antoinettes+ verdächtige
-und verabscheuenswerte Handlungen.“[60] Schon 5 Jahre nach dem
-Regierungsantritt +Ludwigs+ XVI. erschien ein obscönes Gedicht, welches
-später in zahlreichen Nachdrucken verbreitet wurde, dessen erste
-Ausgabe zu einer Rarität geworden ist.[61] Das Gedicht behandelt die
-angebliche Liebschaft zwischen +Marie Antoinette+ und ihrem Schwager
-+d’Artois+ (späteren König +Karl+ X.). Die Königin wird hier in den
-obscönsten Versen als eine wahre Messalina geschildert, welche der
-impotente König nicht befriedigen kann.
-
-„Charlot“, der Graf +d’Artois+ war allerdings ein Hauptteilnehmer an
-den von dem höfischen Adel in der Residenz veranstalteten Orgien,
-ebenso wie der Herzog von +Orléans+, +Philippe Egalité+. Auf den
-berüchtigten nächtlichen Promenaden im Palais Royal war der Graf +von
-Artois+ eine gewöhnliche Erscheinung. „Der Herr Graf +von Artois+,
-der an diesen modernen Saturnalien Vergnügen findet, trägt viel zur
-Vermehrung des Vergnügens und des Zulaufes bei. Er begibt sich fast
-jeden Abend dorthin.“[62] In den „Nuits de Paris“ (Band XVI, S. 529)
-erzählt +Rétif de la Bretonne+, dass im Faubourg Saint-Antoine
-ein Bordell existierte, welches der Herzog von +Orléans+, der Graf
-von +Artois+ und andere häufig besuchten. „Dort gab man sich allen
-Infamien hin, +welche nachher von de Sade in seinem schrecklichen
-Roman ‚Justine ou les Malheurs de la vertu‘ beschrieben wurden+.“ Dort
-wurden jene Bestialitäten begangen, welche +Sade+ schildert.[63] Als
-die Gemahlin des Grafen +d’Artois+ 1775 in Paris einzog, wurde sie
-von den Fischweibern (poissardes) auf offener Strasse mit folgendem
-durchsichtigen Liede begrüsst, das ebenfalls ein charakteristischer
-Beweis dafür ist, wie sehr die Unzucht bereits eine +öffentliche+
-geworden war:
-
- Célébrons tous à Paris
- Un vaillant enfant de France;
- Au moment qu’il entre en danse --,
- Zeste, il vous a fait un fils!
- C’est un vi..... c’est un vi.....
- C’est un vigoureux mari!
-
- La moitié que nous voyons,
- On dirait qu’elle n’y touche,
- Mais en nuptiale couche
- A des talents non moins bons.
- Le beau con.... le beau con...
- Ah! le beau concert, dit-on.
-
- Pour chanter les deux époux
- En riant Bacchus s’avance;
- Déjà dans la cuve immense,
- S’entassent ses raisins doux.
- Allons fou.... allons fou.....
- Allons, allons fouler tous.[64]
-
-+Sade+ nennt (Juliette IV, 16) +Marie Antoinette+ „la première putain
-de France“, er lässt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie zu
-beschimpfen (Juliette V, 252, 235 u. s. w., Phil. dans le Boud. I, 82),
-wie er überhaupt gegen die ganze „morgue allemande“ einen wütenden Hass
-hegt (Jul. IV, 16), insbesondere gegen das Haus Oesterreich (Juliette
-V, 340). Darüber hinaus aber möchte er überhaupt alle Könige auf der
-Erde vertilgen, welche die Völker berauben, und mochte eine „république
-universelle“ begründen. (Jul. V, 119).
-
-
-4. Adel und Geistlichkeit.
-
-Adel und Geistlichkeit spielen in den Romanen des Marquis +de Sade+
-die Hauptrolle. Prinzen, Herzöge, Grafen, Marquis, Chevaliers treten
-neben dem Päpste, Kardinälen, Erzbischöfen, Bischöfen, Mönchen aller
-Orden, Geistlichen, Abbés, Aebtissinnen und Nonnen als erotische und
-atheistische Scheusale auf. Die ganze Korruption des ancien régime
-zieht vor unserem Auge vorüber. Adel und Klerus bildeten in Frankreich
-eigentlich nur einen einzigen Stand, da die Geistlichkeit grösstenteils
-aus dem Adel sich rekrutierte. Der älteste Sohn eines Edelmannes wurde
-Offizier, der zweite Sohn Priester oder Mönch, die Töchter, die sich
-aus Mangel an Mitgift nicht verheiraten konnten, wurden Nonnen.[65] Die
-Begünstigung des Adels von Seiten des Staates hatte im 18. Jahrhundert
-unerhörte Dimensionen angenommen. „Alle Staatsämter, Pfründe, Richter-
-und militärischen Stellen wurden zum grössten Teile an Adlige vergeben.
-Mit 18 bis 20 Jahren erlangten die jungen Edelleute ein Regiment, ohne
-von der militärischen Praxis eine Ahnung zu haben. Sie verbringen ihre
-Jugend in Luxus und Sinnengenuss mit Weibern.“[66]
-
-Eine merkwürdige Mittelstellung zwischen Klerus und Adel nahm das
-Institut der +Abbés+ ein, „jener entarteten Rasse und Amphibienart, die
-man überall fand und die nichts war.“[67] +Mercier+[68] erzählt, dass
-Paris voll von Abbés sei, Geistlichen mit Tonsur, die aber weder der
-Kirche dienten noch dem Staat, die im ödesten Müssiggange dahinlebten,
-und nur unnütze Dinge und Albernheiten trieben, nebenbei aber keine
-unwichtige Rolle als „Hausfreunde“, Erzieher, Schriftsteller u. s. w.
-spielten. Auch waren sie in allen Bordellen zu Hause, obgleich früher
-jede Kourtisane, die den Besuch eines Abbé anzeigte, 50 Francs
-bekam. Das hatte aber unter +Ludwig+ XVI. aufgehört. Eine köstliche
-Schilderung eines Abbé des 18. Jahrhunderts entwirft der berühmte
-Gastronom +Brillat-Savarin+[69]: „Wenn eine adlige Familie viele Söhne
-hatte, so bestimmte man einen der Kirche. Er bekam anfänglich einfache
-Präbenden, welche zu den Kosten seiner Erziehung hinreichten, später
-wurde er Domherr, Abt oder Bischof, je nachdem er mehr Fähigkeit zum
-geistigen Berufe zeigte. Das war der legitime Typus der Abbés. Aber
-es gab auch viele falsche, und viele wohlhabende junge Leute traten
-in Paris als Abbés auf. Nichts war bequemer -- durch eine leichte
-Veränderung der Kleidung gab man sich das Aussehen eines Benefiziaten
-und stellte sich jedermann gleich, man hatte Freunde, Geliebten
-und Gastgeber, denn jedes Haus hatte seinen Abbé! -- Die Abbés
-waren klein, dick, rund, wohlgekleidet, sanft, gefällig, neugierig,
-Feinschmecker, lebhaft und einschmeichelnd. Die, welche noch leben,
-sind fette Betbrüder geworden.“ +Sade+ hat diesen Typus im Abbé Chabert
-(Juliette III, 280 ff.), dem Freunde Juliettes und Erzieher ihrer
-Tochter gezeichnet. Die Abbés figurieren auch in den Polizeiberichten
-+Manuels+ über die Unzucht der Geistlichkeit in Paris, wie wir später
-sehen werden.
-
-Eine zweite für das 18. Jahrhundert spezifische Erscheinung war der
-„Ritter“, der Chevalier. Auch er hat in +Brillat-Savarin+ einen
-liebevollen Schilderer gefunden: „Viele Ritter hatten es vorteilhaft
-gefunden, sich selbst den Bruderkuss zu geben. Sie waren meist
-hübsche Männer. Sie trugen den Degen senkrecht, den Kopf hoch,
-die Nase im Winde, das Bein steif; sie waren Spieler, Verführer,
-Zänker und gehörten wesentlich zum Gefolge einer Modedame. Zu Anfang
-der Revolutionskriege gingen die meisten Ritter zur Armee, andere
-wanderten aus, die übrigen verloren sich unter der Menge. Die wenigen
-Ueberlebenden lassen sich noch am Gesichtsausdruck erkennen. Aber sie
-sind mager und können nur mühsam gehen. +Sie haben die Gicht.+“[70]
-
-Die Vertreter des Klerus sind in +Sades+ Romanen die Verüber der
-allerärgsten Greuel. Mit besonderer Vorliebe setzt +Sade+ die
-Schandtaten, die Heuchelei und die Gottlosigkeit der Geistlichen jeden
-Ranges ins rechte Licht, er überhäuft den Klerus mit den gemeinsten
-Schimpfworten. +Und er hat Grund dazu.+ Gerade bei der Erörterung der
-Lasterhaftigkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert werden
-wir uns stets auf authentische historische Dokumente stützen. Nicht
-wir reden, sondern der Bericht der Augenzeugen, die Entdeckungen der
-+Polizei+ reden und geben +Sade+ Recht, dessen Werke bekanntlich auf
-den Index gesetzt wurden, wohl weniger wegen ihrer Obscönität als wegen
-ihres antiklerikalen Inhaltes.
-
-So redet Juliette den Papst als „alter Affe“ an (Juliette IV, 285), und
-die übrigen Prälaten, Mönche u. s. w. werden nicht besser behandelt.
-Die Tribade Clairwil hält (Juliette II, 336) folgende Rede: „Welches
-sind die einzigen und wahren Zerstörer der Gesellschaft? Die Priester!
-Wer verführt und notzüchtigt täglich unsere Frauen und Kinder? Die
-Priester! Wer ist der grösste Feind jeder Regierung? Die Priester!
-Urheber der Bürgerkriege? Die Priester! Wer vergiftet uns beständig
-mit Lügen und Betrug? Bestiehlt uns bis aufs Letzte? Arbeitet am
-meisten an der Vernichtung des Menschengeschlechts? Beschmutzt sich am
-meisten mit Verbrechen und Infamien? Welche sind die gefährlichsten und
-grausamsten Menschen? +Und wir zögern noch, dieses Pestgewürm auf der
-Erde zu beseitigen?+ Wir verdienten dann wirklich alle Uebel.“ Alle
-Schmerzen Frankreichs sind das Werk der Jesuiten (Juliette III, 169).
-Zahllos sind die Orgien und Ausschweifungen, welche von Geistlichen
-in den Romanen +Sades+ veranstaltet werden. Alle sexualpathologischen
-Typen sind vertreten. Der Päderast, der Pathicus, der „lécheur“, der
-„sanguinaire“ u. s. w. Wir erwähnen nur die schauerlichen Orgien im
-Karmeliterkloster (Jul. III, 143), beim Erzbischof von Lyon (Jul. I,
-234), in der Abtei von Saint Victor (Jul. I, 238), in den Katakomben
-des Klosters Panthémont zwischen Mönchen und Nonnen (Jul. I, 96) beim
-Papst Pius V. und den Kardinälen +Albani+ und +Bernis+ in Rom (Jul.
-IV, 100 ff.). Diese Geistlichen sind alle Atheisten und Gotteslästerer,
-+Sade+ lässt sogar -- ein Unikum in seinen Werken -- im vierten
-Bande der „Juliette“ zwei obscöne, gotteslästerliche Gedichte des
-Kardinals +Bernis+ vorlesen (S. 162-169). Wir gehen dazu über, aus den
-Zeitberichten die Beweise zu liefern, dass der Marquis +de Sade+ nicht
-Unrecht hatte, wenn er gerade die Geistlichkeit in seinen Werken in so
-schimpflicher Weise blosstellt.
-
-
-5. Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen.
-
-+Pierre Manuel+ hat uns in seinem berühmten Werke „La Police de
-Paris dévoilée“ (Paris 1794) ein Werk hinterlassen, welches ein
-photographisch getreues Bild der sittlichen Zustände in der Stadt
-Paris vor dem Ausbruche der grossen Revolution genannt werden darf.
-+Adolf Schmidt+, einer der besten Kenner der französischen Geschichte
-im 18. Jahrhundert, welcher selbst in seinen „Tableaux de la
-Révolution Française“ ähnliche Berichte wie +Manuel+ zusammengestellt
-hat, bezeichnet das Buch von +Manuel+ als eine der zuverlässigsten
-Quellenschriften des 18. Jahrhunderts.[71]
-
-+Manuel+ hat in seinem berühmten Werke ein eignes Kapitel „De la police
-sur les prêtres.“[72] Er ergeht sich zunächst in bitteren satirischen
-Worten über die Keuschheitsgelübde der Priester und sagt (S. 294):
-„Ich will die wollüstigen Handlungen dieser Himmelsmissionare
-enthüllen, welche selbst die Leidenschaften der edlen und zartfühlenden
-Menschen in die Hölle verweisen. Diese Schuldigen zu nennen, heisst
-+nicht+ sie entehren. +Denn der keusche Mensch ist derjenige, welcher
-bei seiner Frau schläft.+“ Kann die Unsittlichkeit des Zölibats besser
-und würdiger charakterisiert werden, als +Manuel+ es mit diesen Worten
-getan hat?
-
-Die nun folgenden Berichte beruhen auf den Protokollen des
-Polizeiinspektors, auf den Berichten der Kommissare, auf den
-Geständnissen der Schuldigen und auf den Mitteilungen ihrer
-Vorgesetzten. Wir geben die hervorstechendsten Berichte wörtlich wieder.
-
-+Franziskaner+ (S. 295-297): 12. Februar 1760. Der Bruder François
-Lortal, Profess des Hauses von Toulouse, im Hause der Laurent, rue de
-Chantre, bei der Zéphire. Er hat die Maxime des Virgil ins Praktische
-umgesetzt: nudus ara? sere nudus! Kommissar Thierion, Inspektor Marais.
-
-2. Juli 1766. George le Payen, Pfarrverweser in Cerny, bei der Flora,
-sponsus super sponsam. Kommissar Grimperil, Inspektor Marais.
-
-+Bernhardiner+ (S. 297): 30. März 1764 J. Ignace-Xavier Dreux,
-Lizentiat, Professor der Theologie, bei der Agathe, oculoque manuque.
-Kommissar Mutel u. s. w.
-
-+Karmeliter+ (S. 298): 8. Februar 1763. Jacques Brebi, vom
-Maubert-Platze. Er war unter dem Namen Jacques Mazure bei der Garde
-„qu’il prenait pour un autel à la romaine.“ Bericht des Priora Amable
-Martin, Kommissar Duruiman u. s. w.
-
-+Dominikaner+ (S. 299): 4. November 1763. Pierre Simon, 46 Jahre
-im Beruf. Er hat mit zitternder Hand sein Vergnügen beschrieben.
-Kommissar Mutel u. s. w.
-
-+Kapuziner+ (S. 300): 14. Dezember 1762. Laurent Dilly, Bettelmönch
-aus der Rue St. Honoré, bei der Boyerie, wo er sang: tirez-moi par mon
-cordon! Bericht des Gardians, Pater Grégoire, Kommissar Sirebaud.
-
-9. November 1765. J. Joseph Biache, genannt Bruder Constant, und Joseph
-Etienne, genannt Bruder Constantini, aus dem Kloster Crépy, alle beide
-im Gasthause „Cerf montant“, wo sie ein Bett zu Dreien verlangten, da
-sie nur die Marin bei sich hatten. Kommissar Mutel u. s. w.
-
-+Rekollekten+ (Franziskaner strengster Observanz) S. 301: 30. Juni
-1763. Noel-Clément Berthe, genannt Bruder Paul, bei der Leblanc, welche
-ihn geisselte. Kommissar Mutel u. s. w.
-
-1. März 1765 Gabriel Anheiser, genannt Pater Gabriel, im Hemde unter
-dem Bette der Agnes Viard. Er lebte mit dieser früheren Marketenderin
-seit 7 oder 8 Jahren zusammen. Kommissar Fontaine u. s. w.
-
-19. Februar 1767. Der Pater Constance zwischen Victoire und Emilie,
-sich selbst dem Esel Buridans vergleichend. Kommissar de Ruisseau
-u. s. w.
-
-+Minimen+ (Pauliner) S. 302: 17. Januar 1760. André Carron, indem er
-auf die Wand im Zimmer der Zaire schrieb: ego ad flagella paratus sum.
-Kommissar Sirebeau u. s. w.
-
-+Feuillantiner+: 30. Dezember 1762. Dom Claude Jousse, 63 Jahre alt,
-bei Marie la Neuve, ubi non horruit virginis uterum. Bericht des
-Subpriors Jean Baptiste de St. Marie-Maddelaine. Kommisar de Ruisseau.
-
-+Augustiner+ (S. 303): 5. November 1763. Bernard-Nicolas, vom Hause
-Palais-Royal, in der Avenue von Vincennes mit drei Franziskanern und
-der Rosalie, qui leur faisait la chouette. Kommissar Mutel u. s. w.
-
-26. Oktober 1765. „Ich, der Unterzeichnete Honoré Regnard, 53 Jahre
-alt, Kanonikus des heiligen Augustinerordens, Prokurator des Hauses
-St.-Cathérine, bestätige, dass der Inspektor Marais mich bei der
-St.-Louis, rue du Figuier, gefunden hat, zu welcher ich gestern aus
-eigenem Antriebe gegangen bin, um mich mit der Félix zu vergnügen.
-Ich liess diese sich ausziehen und berührte sie mit der unter dem
-Mantel verborgenen Hand. Und heute spielte ich mit der Félix und ihrer
-Freundin Julie, die mir meine geistlichen Gewänder auszogen und mich
-als Frau kleideten und schminkten. Der Inspektor hat mich in diesem
-Zustande überrascht. Ich erkläre, dass ich seit mehreren Jahren diese
-Phantasie habe, welche ich aber bis heute nicht befriedigen konnte. Als
-Beweis der Glaubwürdigkeit unterzeichne ich die vorliegende Erklärung,
-welche die genaue Wahrheit enthält, mit meinem Namen Honoré Regnard.“
-Kommissar Mutel, Inspektor Marais.
-
-18. Juli 1768 Simon Boucel, bei den Prévilles, Louise und Sophie.
-
-+Praemonstratenser+ (S. 306): 17. März 1760. François de Maugre, von
-der rue Haute-Feuille, zwischen Desirée und Zaire, alle drei glücklich.
-Kommissar Sirebeau u. s. w.
-
-+Büsser von Nazareth+ (S. 307): 2. Mai 1766. Bruder Nicephorus, bei
-der Laville, welche ihm zeigt albentes coxas, inguina, crura, nates.
-Kommissar Mutel u. s. w.
-
-+Theatiner+ (S. 307): 28. Februar 1765. Laurent Durand, bei der
-Dumoulin, nach der Vorschrift handelnd:
-
- Entre la chair et la chemise
- Il faut cacher le bien qu’en fait.
-
-Kommissar Sirebeau u. s. w.
-
-+Coelestiner+ (S. 308): 3. Dezember 1760. J. D. Tordoir, Subprior von
-Nantes, bei der Mausy, in der Haltung des Propheten, welcher den Sohn
-der Sunamitin auferweckt.
-
-+Barmherzige Brüder+ (S. 308): 19. Oktober 1762. Jacques François
-Boulard, ehemaliger Aufseher der Novizen und Prior, bei der Lagarde,
-vor Victoire und Julie, quaerens quam devoret. Kommissar de Ruisseau
-u. s. w.
-
-+Oratorianer+ (S. 309): 14. November 1761. Etienne Leroi mit der
-Chantrelle, welche... Die Grazien hatten dem Amor die Flügel
-abgeschnitten. Venus nimmt ihn an ihren Busen, und sie wachsen wieder.
-Kommissar Mutel u. s. w.
-
-+Stiftsherren von St.-Geneviève+ (S. 311): 9. Mai 1761. Jean Pierre
-Bedosse bei der Zéphire, per ipsam, cum ipsa et in ipsa. Kommissar
-Sirebeau u, s. w.
-
-2. August 1752. Der Pater Bernard, berühmter Prediger. Er nahm sich
-zwei oder drei Dirnen bei der Lasolle. Das kostete ihn das Vermögen
-einer Herzogin. Er gab 6½ Louisdors. Und der Chirurg Pouce verlangt von
-ihm in der Folge 40 Taler, und drei Livres für den Besuch.[73]
-
-+Eremiten+ (S. 311): 5. August 1773. Bruder Camille, aus dem Kloster
-Hayet, bei Therese, wo er sich als „Portier des Chartreux“ bezeichnet.
-Kommissar Mutel u. s. w.[74]
-
-+Christliche Schulen+ (Ecoles Chrétiennes): 14. September 1763. Bruder
-Firmin bei der Royer, die ihn mit jenen schlechten Lesern verglich,
-welche ein Buch zu lesen anfangen, ohne die Lektüre zu vollenden,
-Kommissar Mutel u. s. w.
-
-+Stiftsherren von St.-Antoine+ (S. 312): 27. September 1765. François
-Canova, bei der Lamourette Kommissar Mutel, Inspector Marais, welche
-eintraten cum pariter victi, femina virque jacent.
-
-+Jesuiten+ (S. 313): 5. November 1764. François Terrasse-Desbillon,
-52 Jahre alt, bei der Mouton, wo er sich wie ein anderer vergnügte.
-Kommissar Mutel u s. w.[75]
-
-+Dekane, Würdenträger und Domherren+ (S. 313-315): 3. April 1764.
-Blaise Messier, Domherr von Beauvais, bei der Blampié. Er schien
-gleicher Ansicht mit +Rubens+ zu sein, welcher nur Schönheiten von 200
-Pfund Gewicht liebte. Kommissar Rochebrune u. s. w.
-
-14. August 1761. Marx-Antoine Montal, von der heiligen Kapelle, bei der
-Provençale, anhelantem alte stratis in lectis. Kommissar de Ruisseau
-u. s. w.
-
-8. Juli 1760. Marie Mocet, Erzpriester von Tours, 60 Jahre alt. Nudus
-una manu ad mammam, altera pudendis adhibita, inguniculabat.
-
-3. August 1760. Jean B. Thévenet, Domherr von Poitiers, bei der
-Adelaide, welche, wenn sie es gekonnt hätte, gern ihre Aktäons, den
-Kommissar Sirebeau und den Inspektor Marais, in Hunde verwandelt hätte.
-
-+Pfarrer+ (Curés) S. 316: 20. Juni 1765. Jean Pierre Pelletier bei der
-Lambert, per +cuncta cava+ corporis libidinem recipientem. Kommissar
-Mutel u. s. w.
-
-22. August 1760. Pierre Louis Thorin. Zaire in dextrum semisupina
-latus. Kommissar Sirebeau u. s. w.
-
-+Abbés+ (Clercstonsurés) S. 317: 27. Oktober 1763. Charles Marie
-Thibault de Monsauche wird nach Saint-Lazare geführt, weil er zum
-dritten Male bei der Aurora gefunden wurde. Man fand bei ihnen einen
-Brief in Versen, in denen der Abbé Tethon das besang, was Hebe den
-Göttern zeigte, und was die Könige sehen wollen, wenn sie, um Vergnügen
-zu haben, bis in den fünften Stock steigen, was endlich, nach ihm,
-einen Schemel bei Hofe haben sollte.
-
-+Doktoren der Sorbonne+ (S. 318): 8. Mai 1765. J. Baptiste R..... qui
-truncus iners jacuerat et inutile lignum bei der Guerin.
-
-23. Mai 1763. Fél. Auguste Tomolle quidquid liberet prolicito indicans
-bei der Desnoyers. Das war seine dritte These.
-
-+Erzieher+ (S. 319): 24. Februar 1761. P....; Hauslehrer der Kinder des
-Marquis de P. bei der Perle. Ille vero statim solvit zonam et leges
-inierunt benevolae Veneris. Kommissar Sirebeau u. s. w.
-
-+Auswärtige Priester+ (S. 319-320): 28. Oktober 1762. François
-Detraussin de Jausse, aus Florenz, Professor der Beredtsamkeit. Sophie
-kämpfte nicht ganz nach der Weise der Parther, indem sie beständig den
-Rücken wandte. Kommissar Fontaine u. s. w. --
-
-Das wäre einiges aus der langen Liste. Ein Kommentar ist überflüssig.
-Facta loquuntur. Schon diese Tatsachen, diese authentischen
-Dokumente geben eine genügende Erklärung und -- Rechtfertigung für
-den Löwenanteil, der dem Klerus an den Orgien in +Sades+ Romanen
-zukommt, und für den Hass, mit dem die Geistlichkeit nicht blos
-von +Sade+ bedacht wird. Denn Unsittlichkeit an sich ist schlimm,
-Unsittlichkeit aber, begangen von +Predigern+ der Sittlichkeit, ist das
-Verabscheuungwürdigste in dieser frommen Welt, welcher mehr Intelligenz
-gut täte als Frömmigkeit.
-
-+Manuel+ bemerkt am Schlusse dieser Aufzählung, dass kein
-+Bischof+ in derselben genannt sei. Das erklärt er daraus, dass
-man nicht einmal von einer Krankheit des Bischofs reden dürfe, um wie
-viel weniger von seinen geschlechtlichen Ausschweifungen. Er deutet
-aber doch diejenigen des Erzbischofs von Cambrai an, in dem wir
-vielleicht ein Vorbild für den Erzbischof von Lyon bei +Sade+ zu
-suchen haben.[76]
-
-Ausser diesen Berichten +Manuels+ existiert noch ein sehr grosses Werk
-über die Unsittlichkeit des französischen Klerus im 18. Jahrhundert.
-Nach der Erstürmung der Bastille im Jahre 1789 erschienen die in der
-Bastille gefundenen Prozessakten über die Sittlichkeitsvergehen der
-Geistlichkeit in zwei Bänden.[77] Ludwig XV. liess sich jeden Morgen
-über die Auffindung von Geistlichen in Bordellen berichten. Ebenso der
-Erzbischof von Paris. Diese Bulletins nannte man die „Nuits de Paris“.
-Die beiden Bände umfassen 189 Berichte vom 10. April 1755 bis zum
-7. Juni 1766, sie sollten wahrscheinlich eher „raviver la lubricité
-caduque du monarque“ als den Interessen der Moral und der Würde des
-Königs dienen.
-
-In dieselbe Kategorie gehört die Affäre des +Pfarrers von Bagnolet+
-und der +Mademoiselle Mimie+. In der Autographensammlung von
-+Lucas-Montigny+ befindet sich der folgende Brief des Erzbischofs von
-Paris, +M. de Inigué+ an den Polizeiintendanten +Le Noir+[78]:
-
- Le clerc de Inigué.
-
- +Conflans+, den 30. Juli 1786.
-
- Mein Herr!
-
- Man hat mir mitgeteilt, dass der Herr Pfarrer von Bagnolet bei Paris
- oft eine Dirne Mimie besucht, welche in der rue Pierre-Poissons
- wohnt. Wenn es Ihnen möglich wäre, diese Tatsache zu verifizieren,
- die zu erfahren ich sehr begierig bin, so würden Sie mich zu grösstem
- Danke verpflichten.
-
- Ich verbleibe mit respektvoller Anhänglichkeit Ihr gehorsamer und
- ergebener Diener.
-
- Antoine E. L., Erzbischof von Paris.
-
-Der sehr bezeichnende Brief enthält folgende Randbemerkung des
-Empfängers: „An den Herrn Quidor, um sofort und im Geheimen die
-Tatsache zu verifizieren und mir Material zu einer Antwort zu liefern.“
-
-Weitere interessante Einzelheiten über das Treiben der Pariser
-Geistlichkeit finden sich in den „Confessions d’une jeune fille.“[79]
-Wir werden in das Bordell der Madame +Richard+ geführt. Sapho (so
-heisst das junge Mädchen) beobachtet durch ein Guckloch das Tête-à-Tête
-der Richard mit einem Geistlichen. Diese nimmt aus einer Schublade
-einen doppelten Rosshaarpanzer (double cuirasse de crins), der innen
-mit einer unzähligen Menge von oben abgerundeten Eisenspitzen besetzt
-ist, legt ihn um Brust und Rücken des Geistlichen, bindet ihn an beiden
-Seiten mit Stricken fest und befestigt dann um den Unterleib eine
-Eisenkette, welche sie unter den Testikeln hindurchführt, so dass diese
-durch eine Art von Suspensorium unterstützt werden, das sich in der
-Mitte dieser Kette befindet. Auch dieses Suspensorium ist mit Haaren
-besetzt, aber weit geflochten, de manière à ne point empêcher les
-attouchements de la main sur ces sources de plaisir. Um die Handgelenke
-wurden ähnliche „Armbänder“ gelegt. Hierauf erfolgt Erektion. Nunmehr
-schreitet die Richard zur Flagellation aliaque incitamenta amoris.
-
-Weiter erzählt Sapho, wie sie die Geliebte eines Bischofs wird, dessen
-Vikare ihm in der Lebensweise sekundierten, und entwirft eine lebhafte
-Schilderung des unsittlichen Treibens der Geistlichkeit in dieser
-Diözese. Sie erlebt ein Abenteuer mit vier Pfarrern (S. 318 ff.) Einer
-von ihnen ist ein Paederast dessen Devise ist tout est c.. dans une
-femme.[80]
-
-Auch durch +Gedichte+ und +Bilder+ wurde die sexuelle Liederlichkeit
-des Klerus gegeisselt. Das kräftigste in dieser Beziehung hat wohl der
-Exjesuit +Cerutti+ geleistet, wenn er sagt[81]:
-
- Des mensonges sacrés le commerce sordide
- Partout du sacerdoce a grossi le trésor.
- Partout le sacerdoce a bu le sang et l’or.
- Souvenez-vous des Juifs que massacra Moïse;
- Contemplez les bûchers que Rome canonise;
- Tout prêtre est un bourreau, patenté par la foi.
-
-Die folgenden Verse führen ebenfalls eine nur zu deutliche Sprache[82]:
-
- On a choisi cinq Evêques paillards,
- Tous cinq ronges de vérole et de chancre,
- Pour réformer des Moines trop gaillards.
- Peut-on blanchir l’ébène avec de l’encre?
-
-Dies Gedicht bezieht sich auf eine Sittlichkeits-Enquête, mit welcher
-man die Erzbischöfe von Rheims, Arles, Narbonne, Bourges und Toulouse
-betraut hatte. Diese Enquête ist gewiss auch ein Zeichen der Zeit!
-Wie sie aber von der Volksmeinung beurteilt wurde, zeigen jene Verse
-und das zeigte noch deutlicher eine allegorische, nur in wenigen
-Exemplaren hergestellte Zeichnung, die der Verfasser des „Espion
-anglais“ sah. Auf derselben sind die fünf Erzbischöfe abgebildet. Der
-Erzbischof von Rheims (+De la Roche-Aymon+) befindet sich vor einer
-katholischen Kirche neben einer Frau, welche ihm Gesichter schneidet
-und einen Hut unter ihrem Kleide verbirgt. Mit der anderen Hand
-überreicht sie dem Erzbischof von Arles (+de Jumilhac+) den Orden vom
-heiligen Geiste, zieht ihn (den Erzbischof) an sich, streichelt ihn
-und spielt mit ihm. Ein Jagdwagen zieht die grösste Aufmerksamkeit
-des Erzbischofs von Narbonne (+Dillon+) auf sich. Der Erzbischof von
-Toulouse (+de Brienne+) ist in seinem Amtszimmer und hat zwei Bände
-der „Encyclopédie“ vor sich aufgeschlagen, den einen mit dem Artikel
-„Zölibat“, den andern mit dem Artikel „Mönche“. Endlich überreicht
-der Erzbischof von Bourges (+Phelyppeaux+) einer jungen Dame einen
-Blumenstrauss, die ihn liebkost und deutlich alle Kennzeichen eines
-Freudenmädchens trägt.
-
-
-6. Die Jesuiten.
-
-In seinen „persischen Briefen“ lässt +Montesquieu+ den Rica auch
-eine Klosterbibliothek besuchen, wo ein Mönch den Inhalt der Bücher
-erklärt. Unter den Theologen sind besonders die „Kasuisten“ zu nennen,
-welche „die Geheimnisse der Nacht ans Tageslicht ziehen; +welche
-in ihrer Phantasie alle Ungetüme erschaffen, die der Dämon der
-Liebe hervorbringen kann+, sie nebeneinander stellen, mit einander
-vergleichen und sie zum Gegenstand ihrer Gedanken machen. Glücklich
-noch, wenn sich das Herz nicht darin einmischt und nicht selbst der
-Spiessgesell so vieler Verirrungen wird, die so naiv geschildert und so
-nackt hingemalt werden!“[83]
-
-Auf diesem Gebiete der „sexuellen Kasuistik“ finden wir nun im 18.
-Jahrhundert die Jesuiten als Meister. Kein Orden hat es so verstanden,
-die Wollust durch die Religion zu +legitimieren+, und die eigenen
-unsittlichen Handlungen in ein mystisch-pietistisches Gewand zu
-kleiden. Der Jesuit hatte es nicht nötig, die Wollust in den Bordellen
-aufzusuchen. In seiner Eigenschaft als Beichtvater und Erzieher wurde
-es ihm leicht gemacht, seine niemals geringen sexuellen Gelüste zu
-befriedigen, die als „göttliche Eingebungen“ gegen polizeiliche
-Recherchen zur Genüge geschützt waren.
-
-Schon im 17. Jahrhundert musste +Cornelius Jansen+ gegen die
-jesuitischen Beichtväter auftreten, „welche an Höfen Galanteriesünden
-schonten und den Nonnen erlaubten, sich von ihren geistlichen Tröstern
-Brüste und Schenkel wollüstig betasten zu lassen“[84]. Denn der
-Jesuit +Benzi+ lehrt ausdrücklich: Vellicare genas, et mammillas
-monialium tangere, esse tactus subimpudicos atque de se veniales[85].
-In Konsequenz dieser Vorschriften schändete de la +Chaise+, der
-Beichtvater +Ludwigs+ XIV. die Hofdamen und führte dem Könige von
-England Maitressen zu[86]. Junge Damen in Holland liessen sich von
-Jesuiten aus Wollust geisseln. Ebenso die Hofdamen zu Lissabon unter
-+Nunez+.[87] Der Jesuit +Herreau+ lehrte 1642, dass es erlaubt sei,
-sich die Frucht abtreiben zu lassen, und diktierte dies seinen Schülern
-und Schülerinnen.[88] Jesuiten verleiteten im 16. Jahrhundert die Damen
-in Lyon dazu, geschlitzte Hemden zu tragen, was im Jahre 1789 wieder
-nachgeahmt wurde.[89]
-
-Bezüglich der berüchtigten „Mordtheologie“ der Jesuiten, welche der
-Apologie des Mordes durch +Sade+ in nichts nachgibt, sei auf die
-Abhandlung ihres Urhebers +J. de Mariana+[90], sowie auf die berühmten,
-die ganze Immoralität der Jesuiten in helles Licht setzenden „Lettres
-provinciales“ von +Blaise Pascal+ verwiesen (Cologne 1657). Auch im
-18. Jahrhundert erlaubten selbst die Ordensgenerale den Beichtvätern
-unzüchtige Handlungen, insofern dies dem Orden vorteilhaft war. So
-schrieb der letzte Ordensgeneral vor der Aufhebung, +Lorenzo Ricci+, in
-einem im Brüsseler Archiv aufbewahrten Briefe, wie die jungen Jesuiten
-sich gegenüber den jungen und -- reichen Witwen zu benehmen haben.
-Sie sollen sich alle mögliche Mühe geben, um sie von einer zweiten
-Heirat abzuhalten, indem sie ihnen die Unannehmlichkeiten derselben,
-die Gefahr für ihre Seele u. s. w. recht lebhaft schildern. Wenn aber
-trotz alledem die jungen Witwen grosse Sehnsucht nach einer zweiten Ehe
-haben, wenn sie sich in dem Falle befinden: melius est nubere quam uri,
-+dann darf ein kluger und diskreter Pater ihnen seine Dienste gegen
-die Verlockungen des Fleisches anbieten+.[91]
-
-Weltberühmt wurde die Skandalaffäre zwischen dem Jesuiten +Jean
-Baptiste Girard+ und seinem Beichtkind +Cathérine Cadière+ zu Toulon,
-die im Mai 1728 ihren Anfang nahm. Dieselbe hat eine ungeheure
-Literatur gezeitigt[92] und vielen pornographischen Romanen zum Vorbild
-gedient.[93] Die Prozessakten sind in dem „Recueil général des Pièces
-concernant le Procès entre la Demoiselle Cadière et le Père Girard“
-(1731) niedergelegt. Ein Folioband voll Kupfern soll die pikanten
-Situationen verbildlicht haben; seine Zusammenstellung wird dem Marquis
-+d’Argens+, dem Grafen +Caylus+, sowie +Mirabeau+ zugeschrieben. Auch
-hat man behauptet, +dass der Marquis de Sade zu seiner „Justine“ durch
-obiges Werk angeregt+ worden +sei+.[94]
-
-Der Jesuit +Girard+ hatte als Rektor des Seminars und Schiffsprediger
-in Toulon auch eine heimliche Bussanstalt für Frauen eingerichtet,
-in welche die schöne und fromme +Katharina Cadière+, Tochter eines
-reichen Kaufmanns, eintrat. Es gelang +Girard+, durch die Anwendung der
-raffiniertesten sexuellen Mystik das unschuldige Mädchen zu verführen
-und dessen Träume und Visionen für seine lüsternen Zwecke auszunutzen.
-Wollüstige Rutenschläge, oscula ad nates und die fürchterlichste
-geistige Unzucht führten bald zu schwerer Hysterie des armen Mädchens,
-in deren Verlaufe +Girard+ dasselbe schwängerte, aber sofort nach
-jesuitischer Moral durch ein wirksames Abtreibungsmittel die Folgen zu
-verhindern wusste. Endlich wurde gegen ihn der Prozess eröffnet, in dem
-er aber zur allgemeinen Entrüstung freigesprochen wurde.
-
-Dies Urteil veranlasste +Voltaire+ zu dem sarkastischen Ausspruche:
-
- Le P. Girard, rempli de flamme,
- D’une fille a fait une femme;
- Mais le parlement, plus habile,
- D’une femme a fait une fille.
-
-Derselbe Dichter schrieb unter ein Bild, das Girard und die Cadière
-darstellte, die Verse:
-
- Cette belle voit Dieu, Girard voit cette belle:
- Ah, Girard est plus heureux qu’elle.
-
-
-7. Die schwarze Messe.
-
-Den Gipfel erreicht die religiöse Sexualmystik in dem Kult
-der sogenannten Satanskirche. „Satan“ wird hier zu einer
-„Personifikation des physischen Begattungs-Mysteriums“ als
-Protest gegen die ausschliessliche Herrschaft der „metaphysischen
-Vergottungs-Mystik.“[95] Die Geschichte dieser merkwürdigen Sekte,
-die sogar in dem kürzlich dahingeschiedenen +Félicien Rops+ einen
-ihre entsetzlichen Phantasiegebilde bildnerisch festhaltenden Künstler
-besessen hat, ist von G. +Legué+[96] und vor allem von +Stanislaus
-Przybyszewski+[97] geschrieben worden. Satan-Satyr, Satan-Pan und
-Satan-Phallus war der antike „Gott der Instinkte und der fleischlichen
-Lust, im selben Masse verehrt von dem Höchsten im Geiste wie vom
-Niedrigsten, er war der unerschöpfliche Quell der Lebensfreude, der
-Begeisterung und des Rausches.
-
-Er hat das Weib die Verführungskünste gelehrt, die Menschen in doppelt
-geschlechtlichen Trieben ihre Lust befriedigen lassen, in Farben hat
-er geschwelgt, die Flöte erfunden und die Muskeln in rhythmische
-Bewegung gesetzt, bis die heilige Mania die Herzen umfing und der
-heilige Phallus mit seinem Ueberfluss den fruchtbaren Schoss besamte.“
-Das war die Zeit der naturfrohen Mutterschafts-Mysterien. Dann kam
-das juden-griechische Christentum und predigte die übernatürliche,
-asketische Vaterschafts-Mystik. Die Kirche riss den Menschen gewaltsam
-von der Natur los. „Sie zerstört die unbewusste Zuchtwahl der Natur,
-die sich nach aussen in Schönheit, Kraft und Herrlichkeit äussert, sie
-beschützt all’ das, was die Natur ausstossen will, den Schmutz, die
-Hässlichkeit, die Krankheit, den Krüppel und den Kastrierten“. Aber
-die Natur lässt sich nicht austreiben. Und so musste auch die Kirche
-nachgeben und schliesslich den heidnischen Kultus mit dem ihrigen
-verquicken. „Die Bacchanalien bei den Festen der Ceres Libera wurden
-bei den Prozessionen an den Mariafesten mit grösserer Ausgelassenheit
-gefeiert als je zuvor, und bis in das 13. Jahrhundert feierte das Volk
-zusammen mit dem Priester laszive und orgiastische Feste, das Fest des
-Esels,[98] das Fest der Idioten (fatuorum) -- Reste des Phalluskultus
-verkrochen sich in die Kirche, die Säulen-Kapitäle strotzten von
-obscönen Figuren, und ein beliebter Vorwurf für die Reliefs an den
-Kirchen war Noah, wie er den Beischlaf mit seinen Töchtern ausübt.“
-Der eigentliche Kult der Satanskirche wurde aber von dem Manichäismus
-im südlichen Frankreich geschaffen. „Von hier aus beginnt Satan
-den ungeheuren Triumphzug über ganz Europa.“ Die Geheimbünde der
-„Vollendeten“, der „Perfekti“ bilden sich überall, ausschliesslich der
-obscönsten Geschlechtslust frönend, mit einem glühenden Hasse gegen
-die christliche Lehre. „Sie beschimpften und töteten die Priester,
-wo sie sie nur auffangen konnten, benutzten die heiligen Geräte zu
-obscönsten Zwecken, und ein grosser Teil ihres Ritus ist nur die
-Parodie des katholischen Kultus. In ihren Zusammenkünften, ihren
-parodistischen Messen ist bereits der satanistische Sabbat völlig,
-sogar in Einzelheiten vorgeformt. Jeder Novize musste bei der Aufnahme
-allen katholischen Glauben abschwören, das Kreuz bespeien, der Taufe
-und der Oelung entsagen“. Trotz der Verfolgungen der Kirche erhielt
-sich die Sekte und ihr Wahlspruch: „Nemo potest peccare ab umbilico et
-inferius“ fand besonders unter „unbefriedigten“ Priestern Anhänger.
-Die Sünde durch die Sünde töten! Das war ihr grosses Prinzip der
-geschlechtlichen Orgien. Der Priester heiligt alle Weiber, die mit ihm
-sündigen. Die Nonnen sind die „Consakrierten“, d. h. Maitressen der
-Priester. Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert, der Flagellantismus, die
-Tanzwut, die Hungersnot steigerten die geschlechtliche Hysterie bis
-aufs Höchste. Jetzt feierte die Sekte der Satansanbeter ihre Triumphe.
-Seitdem ist sie trotz grausamster Verfolgungen bestehen geblieben und
-hat ihre unheimlichen Messen weiter gefeiert. Noch in der Neuzeit ist
-sie in einzelnen Verzweigungen wieder hervorgetreten. Die „Adamiten“
-oder „Nikolaiten“, „Picarden“ in Böhmen, die sich nackt versammeln,
-das Christentum verwerfen und Weibergemeinschaft haben, die schon 1421
-auf einer Insel im Flusse Luschwitz von +Johannes Ziska+ ausgerottet
-wurden, traten noch im Jahre 1848 in fünf Dörfern des Chrudimer Kreises
-als „Marokkaner“ wieder hervor. Dieser Name wurde deshalb gewählt,
-weil sie die Ausrottung aller Katholiken durch einen aus Marokko
-kommenden Feind erwarteten. Aehnlich ist die „Oneidagemeinde“ oder die
-den alten Namen der „Perfekti“ wieder erneuernden „Perfektionisten“ im
-Staate New-York (seit 1831). Noch heute wird der Satans-Kult in Paris
-gefeiert, wie dies die Werke von +Huysmans+[99] u. a. schildern.
-
-Berühmt wurde der Prozess der +Magdalaine Bavent+ im 17. Jahrhundert,
-der vieles über die schwarze oder Satans-Messe an die Oeffentlichkeit
-brachte[100]. Ferner derjenige des Abbé +Guibourg+, bei dem +Racine+,
-+Lord Buckingham+ und die Marquise +de Montespan+ die schwarze Messe
-hörten[101].
-
-Der Marquis +de Sade+ bekundet sich in seinen Romanen als einen
-fanatischen Anhänger des Satanskultus. Mehrere schwarze Messen kommen
-in „Justine“ und „Juliette“ vor. In „Justine“ (Bd. II, S. 239 ff.)
-wird eine solche Messe in einem Kloster ausführlich geschildert.
-Ein Mädchen wird als heilige Jungfrau in der Kirche in einer Nische
-festgebunden, mit zum Himmel erhobenen Armen. Später wird sie nackt
-auf einen grossen Tisch gelegt, Kerzen werden angezündet, ihr Gesäss
-wird mit einem Kruzifix geschmückt und „sie feierten auf ihrem Gesäss
-die absurdesten Mysterien des Christentums“. Dann wird auf den Nates
-der Justine eine Messe gelesen. „Sobald die Hostie Gott geworden ist,
-ergreift sie der Mönch Ambroise et in anum filiae immittit“, wobei der
-Hostienaberglauben mit den wütendsten Ausdrücken verhöhnt wird.
-
-Ein ander Mal erfolgt (Juliette III, 35) der Eintritt in den Saal der
-„Société des amis du crime“ nackt auf einem grossen Kruzifix, das mit
-Hostien bedeckt ist und an dessen Ende die Bibel liegt.
-
-Zwei Satansmessen werden (Juliette III, 147) in cunnis duarum tribadum
-gelesen, darauf die Hostie in faece posita ano inseritur, worauf der
-Hauptaltar zur Stätte der wildesten Orgien gewählt wird.
-
-Endlich liest Papst Pius VI. selbst (Juliette V, 1) in der Peterskirche
-eine schwarze Messe, wobei die Hostia in pene papae posita postea ano
-filiae inseritur.
-
-
-8. Die Nonnenklöster.
-
-Im Vorhergehenden sind auf das Leben der Nonnen im 16. Jahrhundert
-schon so viele Streiflichter gefallen, dass wir uns kürzer fassen
-können. Das bei +Sade+ (Juliette I, 1 ff.) geschilderte Nonnenkloster
-+Panthémont+ in Paris existierte wirklich! „Das grosse Kloster des
-18. Jahrhunderts nach dem Kloster von Fontevrault, das gewöhnliche
-Erziehungshaus der ‚Filles de France‘, ist das Kloster Panthémont,
-das Fürstenkloster der rue de Grenelle, wo die Prinzessinnen erzogen
-wurden, wohin der höchste Adel seine Töchter schickt.“[102] Panthémont
-war das teuerste aller Klöster. Die gewöhnliche Pension für junge
-Mädchen betrug 600 Livres, die aussergewöhnliche 800 Livres. Gegen Ende
-des Jahrhunderts stieg sie auf 800 bezw. 1000 Livres, welche letztere
-Summe die mit der Aebtissin speisenden Pensionärinnen zahlen mussten.
-
-Im 18. Jahrhundert waren die Klöster immer mehr verweltlicht. „Das
-über dem Giebel des Klosters der ‚Nouvelles Catholiques‘ stehende
-Wort: Vincit mundum fides nostra, war längst nur noch ein toter
-Buchstabe. Die Welt hatte im Kloster Fuss gefasst.“[103] Zwar wohnten
-die weltlichen Pensionärinnen getrennt von den eigentlichen Nonnen.
-Aber es fand trotzdem ein Verkehr zwischen ihnen statt, und durch
-die Laienschwestern wurden auch die Nonnen über die Ereignisse
-ausserhalb des Klosters unterrichtet. Der Klatsch und Skandal blieben
-dem Kloster nicht fern, wie auch der Verkehr mit den jesuitischen
-Beichtvätern und das intime Zusammensein so vieler junger und alter
-Frauen gewiss die aus früheren Jahrhunderten bekannten sexuellen
-Verirrungen in Nonnenklöstern nicht haben aufhören lassen. Wenn die
-Gebrüder +Goncourt+ sich darüber wundern, dass im Kloster Panthémont
-ein Buch wie die „Confidences d’une jolie femme“ der Mademoiselle
-+d’Albert+ geschrieben werden konnte, mit seinen wenig moralischen
-Enthüllungen, so wundert uns noch mehr, dass die +Goncourts+ in ihrer
-bekannten Vorliebe für das 18. Jahrhundert, für die „gute, alte Zeit“
-eine Unsittlichkeit in den geistigen Klöstern nicht anerkennen.
-Freilich haben wir gerade über die französischen Nonnenklöster wenig
-zuverlässige Berichte. Wir haben z. B. über das Kloster Panthémont nur
-eine einzige Skandalgeschichte auffinden können.[104] Aber was beweist
-das? Die gesamte geistliche Korruption lag offen zu Tage. Sie war
-es, gegen die sich von Anfang des Jahrhunderts bis zur französischen
-Revolution die heftigsten Angriffe von Seiten der klar blickenden
-Geister richteten. Man lese z. B. die auf zuverlässige Berichte
-gestützte Darstellung dieser Verhältnisse bei dem freilich weniger für
-das ancien régime begeisterten +Buckle+.[105] Man denke an das früher
-Mitgeteilte, an die Aufhebung des Jesuitenordens, an den historisch
-beglaubigten Verkehr der „Confesseurs“ mit den Nonnen. Selbst
-+Tocqueville+, ein erklärter Gegner der freiheitlichen Bestrebungen
-des 18. Jahrhunderts, sagt: „Le clergé prêchait une morale, qu’il
-compromettait par sa conduite“, was +Buckle+ als besonders
-bemerkenswert hervorhebt.[106] Was ferner die +Goncourts+ ganz
-übersehen haben, ist der entscheidende Umstand, dass das Treiben in den
-Nonnenklöstern sogar Gegenstand der Verspottung in +Theaterstücken+
-wurde, wie +Lanjons+ „Kloster“, „Päpstin Johanna“; „Der Dragoner und
-die Benediktinerinnen“ dartun.[107] Das beweist ferner die ungeheure
-Verbreitung der +Tribadie+ in Frankreich im 18. Jahrhundert, die
-wir später untersuchen, und die doch in den Nonnenklöstern den
-geeignetsten Schauplatz ihrer Taten fand. Das beweist schliesslich der
-berühmte Roman +Diderots+ „Die Nonne“, und die vielen Darstellungen
-der Korruption in den Nonnenklöstern bei den übrigen erotischen
-Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[108]
-
-So dürfen wir +Sade+ schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt,
-dass aus dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten
-und unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er
-die Tribade Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises
-nous servent de bordels, und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes
-Instrument der Wollust als „bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette
-III, 56).
-
-Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die
-Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade
-gestiegen. +Gorani+, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr
-herausstellt, berichtet von wüsten Orgien in den neapolitanischen
-Nonnenklöstern.[109] Die Entdeckung der geschlechtlichen
-Ausschweifungen der +Nonnen von Prato+ (bei Florenz) hat einen der
-berüchtigsten geistlichen Skandale des 18. Jahrhunderts ans Licht
-gezogen. +v. Reumont+ gibt darüber folgende Nachricht[110]: „Sowohl in
-Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in Dominikanerinnen-Klöstern
-Unordnungen +schlimmster Art+ sich gewissermassen eingenistet, ein
-Gemisch von Pietismus und von fleischlichen Verirrungen, das an
-eine Art Wahnsinn grenzte und längst für die geistlichen Obern kein
-Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen Ordnung geschaffen,
-in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten Nonnen hatten
-übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch. Auf des
-Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen
-Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der
-vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz
-in das Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess
-unterwerfen. Zugleich +liess er allen Dominikanern die Verbindung mit
-den Frauenklöstern ihres Ordens untersagen+ und im Falle von Ungehorsam
-den Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte
-um so grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen
-Familien angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“
-Eine ausführliche Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht
-zwischen den Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben
-Ordens, wobei auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in
-der Biographie des edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato,
-+Scipione de’ Ricci+ (nicht zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral
-+Lorenzo Ricci+) von +Potter+.[111]
-
-
-9. Die Frau im 18. Jahrhundert.
-
-Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der
-Frau. Mit Recht meint +Georg Brandes+[112], dass die +Goncourts+, diese
-so fein empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von
-der Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der
-„Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der +Goncourts+
-über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten
-kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie
-mehr die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt.
-
-Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft
-und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene
-Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser
-Welt, der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles
-herabsteigt, das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die +Frau+.“
-Vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die
-allein sichtbare, die Regierung der Mesdames +de Prie+, +de Mailly+,
-+de Châteauroux+, +de Pompadour+, +du Barry+, +de Polignac+. Im Staat,
-in der Politik, in der Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss
-machte sich auf allen Gebieten des Lebens geltend. Ueber Krieg und
-Frieden wurde nach dem Willen einer Frau entschieden, nicht zum Heile
-Frankreichs. Und in den berühmten „Salons“ des 18. Jahrhunderts,
-einer +Du Deffand+, +Necker+, +Lespinasse+, +Geoffrin+, im Salon des
-+Grandval+, gaben Frauen als die Schöpferinnen dieser Einrichtungen den
-Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der wissenschaftlichen
-Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete Gesellschaft“
-geschaffen.[114]
-
-Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür,
-dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der
-Familie, dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die
-Liebe unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen
-Einflusse der Frauen ganz gut eine +Verachtung+ des weiblichen
-Geschlechts bestehen kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist.
-
-Die Liebe des 18. Jahrhunderts war durchweg sinnlich. Sie war Wollust
-geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der
-Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei.
-(+Goncourts+ a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust
-zu rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper
-im Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer +Quinault+,
-unter den unzüchtigen Reden eines +Duclos+ und +Saint-Lambert+,
-berauscht von den Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser
-Geistestrunkenheit von der +Scham+ sagen: Schöne Tugend! die man mit
-Nadeln an sich befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle
-sittlichen Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem
-Naturalismus und Materialismus als das Ideal verkündet worden war,
-welche von +Helvétius+ u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und
-von +Buffon+ in der berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der
-Liebe, verherrlicht wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer
-Brutalität“[116].
-
-Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und
-diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich
-darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung
-solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das
-Herz, schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“
-erhielt eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung,
-die sich nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung
-solcher Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und
-zur Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten.
-+Bernards+ berühmte Nachäffung des +Ovid+, die „l’art d’aimer“
-predigte conventionelles Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel
-besser waren die „amours platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de
-Société“, die „Commerces d’habitude“ jener Zeit. Der +Abbé Galiani+
-sagt: „Die Frauen dieser Zeit lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben
-mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist eine „libertinage de la pensée.“ Man
-verwirklichte in ihr die schmutzigen Träume einer künstlich erregten
-Einbildungskraft, die Versuchungen der geistigen Korruption, die
-sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen Wollust. Die Liebe wurde
-zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles Raffinement der geistigen
-Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu erhöhen.[118]
-
-Man bereitete sich durch die obscönste Unterhaltung auf die Genüsse
-vor. Immer wieder wird von +Sade+ in seinen Romanen betont, wie sehr
-durch die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer
-und gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese
-Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. +Mercier+ erzählt[119],
-dass die grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern
-einen sehr freien Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber
-den ehrbarsten Frauen bedienen, so dass man in diesem so höflichen
-Jahrhundert „grob in der Liebe sei“. Die Konversation mit den am
-meisten geachteten Frauen sei selten zartfühlend, sondern überreich
-an schlechten Scherzen, Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten.
-„Schmutzige, ungezogene Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit
-verschmähten: Stellungen und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen
-erweckten und überhaupt ein Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die
-geheimere ahnen liess, die kurz vorher eingetreten war, oder gleich
-darauf eintreten sollte“, das waren gewöhnliche Reizmittel der Liebe in
-jener Zeit.[120]
-
-Daraus resultierte eine unerhörte +Schamlosigkeit+ des Weibes. Mit
-30 Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren.
-Es blieb nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in
-der Wollust. Die Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings
-an; ihr grösstes Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu
-geniessen.“[121] So jauchzen und freuen sich auch die Frauen in +Sades+
-Romanen, dass sie Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den
-Ehrennamen der „putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt,
-eine so zart empfindende Seele wie Madame +Roland+ kennt kein Gefühl
-der Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich
-selbst und ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer
-Brust, ihren Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik
-einer Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B.
-bei +Sade+ (Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre
-eigenen Reize beschreibt?
-
-Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich
-männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites
-maisons der Roués mieteten, um wie die +Goncourts+ sich ausdrücken,
-„die Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in
-Bordellen ihr Vergnügen suchten. +Rétif de la Bretonne+ glaubte die
-Gräfin +d’Egmont+ in einem Freudenhaus als Dirne gesehen zu haben.[123]
-Umgekehrt war es keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme
-Kreise hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich
-habe wohl noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer
-Salzhökerin, nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen
-war, ein Kind gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure
-gelebt hatte, und in der neuen Halle nochmals war erwischt worden
-u. s. f., dass diese, sage ich, doch noch einem reichen Manne gefiel,
-ihn heiratete und ihm Kinder brachte.“ Wir brauchen nur noch ein
-weiteres Beispiel zu nennen: die +Du Barry+! Tochter eines niedrigen
-Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in Paris und kam dann in das
-Freudenhaus der Madame +Gourdan+, von dem später noch die Rede sein
-wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf +Jean Du Barry+ kennen,
-an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur Maitresse Ludwigs
-XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe Aristokratie solchem
-Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd auf die „beautés
-populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort, das Wort
-„s’encanailler“.[125]
-
-So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte,
-die sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet
-und genährt wurde sie durch die berühmten „+Convulsionen+“, jene
-merkwürdigen hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang
-(von 1727 bis 1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten
-herrschten. Sie hatten den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des
-einst durch seine Askese so berühmten Abbé +Paris+ zum Mittelpunkte.
-„Von allen Vierteln der Stadt bewegten sich die Massen zu dem
-St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu nehmen an den Verkrümmungen
-und Verzückungen. Der ganze Kirchhof mit den angrenzenden Strassen
-war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen, Kranken jeden Alters, die
-gewissermassen mit einander um die Wette convulsionierten.“[126] Frauen
-luden, hingestreckt in ganzer Länge, die Zuschauer ein, auf ihren
-Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher, als bis die Last
-von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt
-hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé +Bécherand+
-ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“ eine
-erotische Färbung. +Dulaure+ hat beschrieben, welche Rolle zuletzt
-die Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat,
-und wie diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die
-sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in
-diesen Konvulsionen daran erkennen, dass die jungen Mädchen bei ihren
-Anfällen „niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets
-Männer, und zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich
-höchst indecent, zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung,
-nahmen lascive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen
-zu Hilfe eilenden jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme:
-Da liberos, alioquin moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen
-nicht auf sich warten, und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer
-eingeladen hatten, ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden
-zu benutzen“, mit ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge
-„zahlreichen Entbindungen“ von Convulsionärinnen auf die natürlichste
-Weise erklärt werden.
-
-Die +Hysterie+ („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den
-französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame
-+Abricossoff+ zeigt.[128] +Sauvages+ hielt nicht mit Unrecht für
-die Ursachen dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif
-de soi-même), das weichliche, wollüstige Leben der Damen jener
-Zeit.[129] Die „Hysteria libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige
-Exzentrizitäten.
-
-Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere
-Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber
-später in einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden.
-Die „méchanceté“, die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die
-heimtückischen Streiche werden Mode in der Liebe, die verbrecherische
-Gesinnung („scélératesse“) wird ein notwendiger Bestandteil des
-Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine Kunst der Grausamkeit,
-der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der Macchiavellismus
-beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten nach den „petits
-maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf, die
-herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität.
-Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren
-Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“
-sie begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen,
-um zu verderben. Die Typen der Gestalten +Sades+ lebten! Darüber kann
-kein Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei
-ihren Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst.
-„Das Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum
-Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau,
-deren Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in
-boshafter Freude die Gegenstände ihres Hasses, aber auch ihrer -- Liebe
-aus dem Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die
-„libertinage des passions méchantes.“[132]
-
-Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden +Goncourts+, dass
-diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen,
-die dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch
-zahlreiche Persönlichkeiten bezeugt wird. Die +Goncourts+ nennen den
-Herzog von +Choiseul+, den Marquis +de Louvois+, den seine Geliebte,
-Madame +de Blot+, folternden Grafen +de Frise+ als solche männliche
-Wollust-Teufel. Und eine vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T.
-D. P. M., war das weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein
-Vorbild für +Sades+ Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe
-schon vor der Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen,
-noch bevor +Sade+, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf
-den Guillotinen, in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das
-ausmalte, was jener mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans
-l’Amour! Und als in der Schreckenszeit unter +Chaumettes+ Leitung die
-„theosophischen Orgien der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen
-der Vernunft“ wie die +Maillard+, die +Moncoro+, die +Aubry+ auf sehr
-irdische Weise verehrt wurden, da erschienen auch urplötzlich die
-„tricoteuses de Robespierre“, die „flagelleuses“ und die schrecklichen
-„furies de guillotine“.
-
- Da werden Weiber zu Hyänen
- Und treiben mit Entsetzen Scherz;
- Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
- Zerreissen sie des Feindes Herz,
-
-wie unser +Schiller+ mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten
-Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle
-charakterisiert, wie sie auch in einer französischen Gedichtsammlung
-jener Zeit, „La République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo
-es heisst:
-
- De ces effrayantes femelles
- Les intarissables mamelles
- Comme de publiques gamelles,
- Offrent à boire à tout passant;
- Et la liqueur qui toujours coule,
- Et dont l’abominable foule
- Avec avidité se saoule,
- +Ce n’est pas du lait, mais du sang+.[134]
-
-Wir haben gesehen, wie im 18. Jahrhundert in Frankreich die Frauen
-bestrebt waren, sich zum Teil wenigstens in Männer zu verwandeln, wie
-sie in der Politik, in der Liebe und in der Wissenschaft den grössten
-Einfluss ausübten, wie zwar eine Emanzipation de iure nicht bestand,
-de facto aber sich geltend machte. Und doch war die +Missachtung des
-Weibes+ nie so gross gewesen wie in diesem Jahrhundert. Was nützten
-alle geistreichen Einfälle, alles wissenschaftliche Streben der
-Frau, das z. B. die junge Gräfin +Crigny+ zur Teilnahme an Sektionen
-trieb[135], wenn dabei sichtlich das Familienleben zerstört wurde,
-wenn der Schwerpunkt des weiblichen Wirkens ausserhalb des eignen
-Hauses fiel. Wir fürchten beinahe, dass wir im Frankreich des 18.
-Jahrhunderts das Spiegelbild einer nahen Zukunft vor uns haben, und es
-wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wovon die wahre Schätzung
-des Weibes als solches abhängig ist, und ob wirklich die sogenannte
-Frauenemanzipation die Würde des Weibes für alle Zeit sichern wird.
-
-Die vier grössten Denker Frankreichs im 18. Jahrhundert: +Montesquieu+,
-+Rousseau+, +Voltaire+ und +Diderot+ haben die Verachtung des
-Weibes gepredigt. Man denke nur an +Voltaires+ bitter-sarkastische
-Aeusserungen über seine treue Freundin Madame +Du Châtelet+. Das Weib
-ist nach +Rousseau+ nur zum Vergnügen des Mannes geschaffen worden.
-Nach +Montesquieu+ hat der Mann die Kraft und Vernunft, die Frau nur
-Anmut, und +Diderot+ sah in der Frau einzig und allein ein Objekt der
-Sinnenlust. „So ist die Frau nach +Diderot+ eine Courtisane, nach
-+Montesquieu+ ein anmutiges Kind, nach +Rousseau+ ein Gegenstand des
-Vergnügens, nach +Voltaire+ -- Nichts.“[136] Als in der Revolution
-+Condorcet+ und +Siéyès+ für die häusliche und politische Emanzipation
-der Frauen eintraten, da „wurden ihre Proteste erstickt durch die
-mächtigen Stimmen der drei grossen Fortsetzer (continuateurs) des 18.
-Jahrhunderts, durch +Mirabeau+, +Danton+ und +Robespierre+.“ Und für
-+Napoléon+ I. gab es eins in der Welt, das nicht französisch sei:
-eine Frau tun zu lassen, was ihr gefällt. Einer der besten Kenner
-der Frau im 18. Jahrhundert, +Rétif de la Bretonne+, äussert oft in
-starken Worten seine Geringschätzung des Weibes.[137] Die Ursache
-dieser Verachtung ist klar. Die Ehe ist, wie +Westermarck+ in seinem
-klassischen Werke zur Evidenz nachgewiesen hat, dasjenige Institut,
-dem die Menschheit ihre sittliche Vervollkommnung verdankt, sie ist
-das +absolut sittliche Institut+. In der Ehe ist das Weib dem Manne
-+ebenbürtig+, weil es ihn ergänzt. +Ausserhalb+ der Ehe kann das
-Weib den Mann +nicht ersetzen+, wird folglich alsbald minderwertig
-erscheinen. Eine vollständige Emanzipation muss an den unleugbaren
-Verschiedenheiten zwischen männlichem und weiblichem Wesen scheitern.
-Eine Gefährdung der Ehe ist gleichbedeutend mit der Verringerung der
-sittlichen Achtung, die der Mann dem Weibe entgegenbringt. Dies zu
-sagen, klingt heute noch spiessbürgerlich, wird aber nach vollendeter
-Emanzipation des Weibes bestätigt werden.
-
-
-10. Die Litteratur.
-
-Die französische Litteratur des 18. Jahrhunderts steht unter dem
-Zeichen der Pornographie! Zu keiner Zeit der Weltgeschichte, selbst
-nicht unter den Cäsaren, ist die schöne Litteratur in so systematischer
-Weise zu einem Werkzeug der Wollust gemacht worden, wie unter dem
-ancien régime. Zwar ist „die Darstellung geschlechtlicher Lust alt
-in der französischen Literatur, wie zahlreiche mittelalterliche
-Fabliaux beweisen, +allein erst im 18. Jahrhundert begann man an
-die Stelle der gesunden, derben Natur und Naivität dieser älteren
-Produkte der Zotologie Gemälde der Sinnlichkeit zu setzen, deren
-raffinierte Absichtlichkeit einer erschlafften Gesellschaft zu giftigem
-Reizmittel diente+.“[138] Das 18. Jahrhundert hat den grössten Teil
-der heute existierenden pornographisches Litteratur hervorgebracht,
-an Zahl der einzelnen erotischen Werke sicher mehr als alle anderen
-vorhergehenden Jahrhunderte zusammengenommen. Den Löwenanteil an
-dieser Produktion pornographischer Werke beansprucht die Zeit von
-1770 bis 1800, jene Epoche, welche der geistvolle +Aubertin+ als die
-Periode der Talentlosigkeit, der „race intermédiaire“ bezeichnete,
-in welcher die platte Mittelmässigkeit den Ton angab und nur durch
-eine widerliche Erotik das Publikum zu reizen wusste.[139] Diese
-Bücher machen den +Kultus des Fleisches+ zu ihrem Hauptthema. Sie
-kennen nichts Höheres als wollüstige Formen und die mannigfachsten
-Varietäten des Liebesgenusses. Das Bordell ist ein Paradies, und die
-Dirne ehrbarer als die treueste Gattin. „Welches Zeitalter hat sich
-mit obscönen Büchern so beschmutzt wie dieses grosse Jahrhundert?“
-ruft +Jules Janin+ aus[140], „dass sogar Männer wie +Voltaire+,
-+Rousseau+, +Diderot+, +Montesquieu+ und +Mirabeau+ dem Geschmacke
-der Zeit nachgebend derartige Werke verfassten.“ Kurz vor und während
-der Revolution schien die Schmutzlitteratur alle edleren geistigen
-Erzeugnisse verdrängt zu haben. Die Bücherläden waren pornographische
-Bibliotheken geworden. Aus dem Jahre 1796 berichtet +Mercier+[141]:
-„Man stellt nur noch obscöne Bücher aus, deren Titel und Kupferstiche
-gleicherweise die Scham und den guten Geschmack verhöhnen. Ueberall
-verkauft man diese Ungeheuerlichkeiten auf Tischkörben, an den Seiten
-der Brücken, in den Türen der Theater, auf den Boulevards. Das Gift
-ist nicht teuer, 10 Sous das Stück. Die ausgelassensten Erzeugnisse der
-Wollust überbieten einander und greifen ohne Zügel und ohne Scheu den
-öffentlichen Anstand an. Diese Broschürenverkäufer sind gewissermassen
-privilegierte Zotenhändler; denn +jeder Titel, der nicht ein unflätiger
-ist, wird augenfällig von ihrem Schaubrett ausgeschlossen+. Die Jugend
-saugt hier ohne Hindernis und ohne Bedenken die Grundstoffe aller
-Laster ein“. Der hauptsächlichste Verkaufsort war das berüchtigte
-Palais-Royal, von dem später ausführlicher die Rede sein wird.
-Dieses Zentrum aller +Lustgenüsse+ war auch der Hauptmarkt für die
-obscönen Schriften, welche die Pariser Lebewelt mit einer Sündflut
-von +Lustreizen+ überschwemmten. Selbst auf den Toilettentisch der
-Pariser Damen wanderten diese Schandbücher[142], worüber auch +Bérard+
-eine interessante Geschichte erzählt, die zugleich ein Streiflicht auf
-die ungeheure Verbreitung der Werke des Marquis +de Sade+ wirft: „Ich
-erinnere mich, dass eine durch Stand und Alter achtbare Frau, die mich
-gebeten hatte, ihr für sich und ihre Kinder einige Bücher zum Mitnehmen
-aufs Land zu besorgen, +auf dieser Liste vermerkt hatte+: ‚Justine
-ou les Malheurs de la vertu‘, in welchem Buche sie wahrscheinlich
-ein pädagogisches Werk vermutete“[143]. Dass in Bordellen derartige
-Schriften in überreicher Fülle vorhanden waren, nimmt nicht Wunder und
-wird auch wohl heute noch der Fall sein. +Parent-Duchatelet+ erfuhr
-von +Peuchet+, einem ehemaligen Archivar der Polizeipräfektur, dass
-+Napoleon+ I. zu Ende seines Konsulats alle derartigen im Besitze von
-Dirnen befindlichen Bücher wegzunehmen und zu vernichten befahl. Nur
-ein Exemplar von jedem wurde in der Nationalbibliothek aufbewahrt.
-Diese Angabe +Peuchets+ ist nach +Parent-Duchatelet+ begründet, dem
-von dem Bibliothekar +Van-Praët+ das Verzeichnis der Bücher vorgelegt
-wurde, sowie diese selbst in einem Winkel des Erdgeschosses der
-Nationalbibliothek gezeigt wurden.[144]
-
-Von obscönen Büchern ist denn auch bei +Sade+ recht häufig die Rede.
-Die interessanteste Stelle ist diejenige im dritten Bande der Juliette
-(S. 96 ff.), wo Juliette und Clairwil die Wohnung des Karmelitermönches
-Claude durchstöbern und ausser „guten Weinen und weichen Sofas“
-eine ausgewählte pornographische Bibliothek finden. Juliette sagt
-darüber: „Man macht sich keine Vorstellung davon, was für obscöne
-Bilder und Bücher wir dort fanden!“ Zuerst bemerkten sie den „Portier
-des Chartreux“, ein mehr „scherzhaftes als wollüstiges Buch, dessen
-Abfassung der Verfasser trotzdem auf dem Sterbebette bereut haben
-soll.“ -- Zweitens die „Académie des Dames“, ein dem Plane nach gutes,
-der Ausführung nach schlechtes Buch. -- Drittens die „Education de
-Laure“, ein elendes Machwerk, das nach Juliette viel zu wenig Wollust,
-Mordtaten und „goûts cruels“ enthält. Endlich „Thérèse philosophe“,
-„das bezaubernde Buch des Marquis +d’Argens+“ mit den Bildern von
-+Caylus+, das einzige von diesen vier Büchern, welches Wollust mit
-Gottlosigkeit vereinigt. Ausserdem fanden Juliette und Clairwil bei dem
-Mönche noch zahllose „elende kleine Broschüren, die in den Cafés und
-Bordellen ausliegen“, zu denen auch die Werke des „nichtigen Mirabeau“
-gehören.
-
-Auch die Delbène hat in ihrer Bibliothek eine grosse Collektion
-schmutziger Bücher. Sie will der Juliette diese Werke leihen, damit
-diese sie während der Messe lese und so getröstet werde über den Zwang,
-einer „solchen abscheulichen Zeremonie“ beiwohnen zu müssen. (Juliette
-I, 32). +Sade+ hat sogar seine eigenen Werke als Muster obscöner
-Lektüre hingestellt. Ein Abbé liest in dem „Hinrichtungssaale“ des
-Erzbischofs von Grenoble die „Philosophie dans le Boudoir“ (Justine IV,
-263.)
-
-Zur Orientierung geben wir einen ganz kurzen Ueberblick über die
-wichtigsten französischen Erotica des 18. Jahrhunderts. Die grossen
-bibliographischen Werke von +Gay+[145] und +Cohen+[146] vermitteln eine
-weitgehende Kenntnis dieser pornographischen Riesenlitteratur, aus der
-wir nur die am meisten charakteristischen Beispiele anführen wollen.
-
-In +Pierre Joseph Bernard+ (1708-1775), von +Voltaire+ „Gentil-Bernard“
-genannt, hatte das 18. Jahrhundert seinen Ovid. Im Jahre 1761 erschien
-die „L’art d’aimer“[147] in drei Gesängen, eine vergröberte Nachahmung
-der ovidischen Ars amandi, die aber grosses Aufsehen erregte und auf
-dem Toilettentische keiner vornehmen Dame fehlte. „Die Verse sind
-mit einem Rosa-Bande an einander geknüpft. Die Gedanken darin sind
-nur ein Girren“[148]. Aber dieses Girren war sehr wollüstig, und
-die Deutlichkeit der Sprache konnte sich neben der des Ovid sehen
-lassen. +Bernard+ erteilte in seinem Gedicht einen ganzen Kursus der
-raffiniertesten Geschlechtsliebe, in dem er auch das Lesen schlüpfriger
-Schriftsteller empfahl.[149]
-
-Der jüngere +Crébillon+ (+Claude Prosper Jolyot de Crébillon+
-1707-1777) kann als der eigentliche Schöpfer der lasziven
-Schriftstellerei im 18. Jahrhundert bezeichnet werden. Seine Schriften
-sind charakterisiert durch einen „eleganten Zynismus und eine Grazie in
-der Wollust“.[150] Am berühmtesten ist das „Sofa“, dessen Titel schon
-den Inhalt verkündigt.[151] Aehnlicher Art sind „L’Ecumoire“ (Paris
-1735), „Les amours de Zeo Kinizal, roi de Cofirons“ (Amsterdam 1746),
-in denen die Liebesabenteuer des fünfzehnten Ludwig geschildert werden.
-Ferner „La nuit et le moment“ (Amsterdam 1755), „Ah! quel conte“ (Paris
-1751), „Les égarements du cœur et de l’esprit“ (Brüssel 1796) u. s. w.
-In +Crébillons+ Romanen macht sich bereits die Neigung bemerkbar, die
-gemeinste Sinnlichkeit durch Umkleidung mit einem philosophischen
-Gewande zu verschönern und zu rechtfertigen.
-
-+Jean François Marmontel+ (1723-1799) hat in seinen „Incas“ den Typus
-des +antiklerikalen+ Romans im 18. Jahrhundert geschaffen, dessen
-Inhalt auf spätere Darstellungen des Klerus in erotischen Romanen
-unverkennbar eingewirkt hat.[152]
-
-Die bei +Sade+ von Juliette erwähnte „Thérèse philosophe“,[153] stellt
-im Anschlusse an den Fall +Girard+ (Dirrag) und Cadière (Eradicée)
-die sexuellen Ausschweifungen der Jesuiten dar. Wie wir sahen,
-schreibt +Sade+ diesen Roman dem Marquis +d’Argens+ und die Bilder
-dem Grafen +Caylus+ zu, welche Ansicht auch von +Gay+ geteilt wird.
-Wahrscheinlicher ist aber die vom Abbé +Sephe+ und von +Barbier+ zuerst
-entdeckte Urheberschaft des Kriegskommissars +de Montigni+ (genannt
-+Lucas-Montigni+). Statt +Caylus+ soll +Antoine Pesne+, der bekannte
-Hofmaler +Friedrichs des Grossen+, die obscönen Bilder gezeichnet
-haben.[154]
-
-+André Robert Andréa de Nerciat+ (1739-1800) war zwei Jahre lang
-(1780-1882) Bibliothekar in Kassel und wurde später (von 1788
-an) Vertrauter der Königin +Karoline+ von Neapel. Er schrieb die
-berüchtigte „Félicia ou mes Frédaines“ (Paris 1778, 2 Bde.) und
-als Fortsetzung derselben „Monrose ou le libertin par fatalité“
-(Paris an V). Seine obscönste Schrift ist der „Diable au Corps“
-(Paris 1803, 6 Bde), der die angebliche Schrift eines Doktor
-„Cazzone“ (!), ausserordentlichen Mitgliedes der „joyeuse faculté
-phallo-coïro-pygo-glottonomique“ vorstellen soll, wie der Verfasser im
-Vorwort versichert.[155]
-
-Dass die Pornographie in jener Zeit Mode war und zum guten Ton gehörte,
-beweist ja am schlagendsten der Umstand, dass die hervorragendsten
-Geister des Jahrhunderts es nicht verschmähten, diesen billigen Ruhm
-zu erwerben. Wir haben schon auf den berühmten Altertumsforscher
-+Caylus+ hingewiesen. Aber auch Geisteshelden wie +Mirabeau+ und
-+Diderot+ haben sich nicht gescheut, ihre litterarische Tätigkeit
-durch die Veröffentlichung von schmutzigen Erzählungen zu schänden.
-Besonders +Mirabeau+ wird vom Marquis +de Sade+ öfter genannt, und es
-ist kein Zweifel, dass +Mirabeaus+ „Education de Laure“ das Vorbild der
-„Philosophie dans le Boudoir“ gewesen ist, wie dies schon +Eulenburg+
-erkannt hat.[156] In „Ma conversion“ (London 1783) hat +Mirabeau+
-die Erlebnisse eines männlichen Prostituierten geschildert, der sich
-für seine Dienstleistungen von den vornehmen Damen, Nonnen u. s. w.
-bezahlen lässt. Ein drittes obscönes Buch +Mirabeaus+ ist „Erotica
-Biblion“ (Rom 1783).
-
-In +Denis Diderots+ „Jacques le Fataliste“ (Paris 1746) kommen
-schlüpfrige Geschichten vor, die +Diderot+ „tief unter +Crébillon+
-herabsetzen“.[157] In der berühmten „Nonne“[158] bringt +Diderot+
-eine Schilderung des Klosterlebens, in der tribadische und andere
-lasterhafte Ausschweifungen der Nonnen und Oberinnen beschrieben
-werden. Auch die „Bijoux indiscrets“ (Paris 1748) haben erotischen
-Inhalt. Insbesondere hat vielleicht die auch bei +Sade+ wiederkehrende
-Vorliebe +Diderots+ für paradoxe Behauptungen auf sexuellem Gebiete auf
-Ersteren einen Einfluss ausgeübt.
-
-+Choderlos de Laclos+ war nach +Nodier+ der „+Petron+ einer weniger
-litterarischen und mehr verderbten Epoche als diejenige des wirklichen
-+Petronius+ war.“ Seine vielgenannten „Liaisons dangereuses“[159]
-schildern die Korruption der Aristokratie, welche der Verfasser als
-Freund des berüchtigten +Philippe Egalité+ aus eigenster Anschauung
-kennen gelernt hatte. +Charles Nodier+ erzählt in einer interessanten
-Notiz „über einige satirische Werke und ihren Schlüssel“, dass man
-ihm in seiner Jugend in verschiedenen Provinzialhauptstädten mehrere
-„unreine und lasterhafte Helden dieses Garnison-Satyricon gezeigt
-habe.“ Nach ihm verdienen die „Liaisons dangereuses“ dasselbe Schicksal
-(der Verachtung) wie die „scheusslichen Obscönitäten eines frechen
-Nachahmers des Herrn +Laclos+, des Marquis +de Sade+, welchem der
-Preis eines Ekel erregenden Cynismus gebührt.“[160]
-
-Weniger zynisch, aber ebenfalls die Lasterhaftigkeit des Adels
-schildernd, hat +J. B. Louvet de Couvray+ in seinem „Faublas“[161]
-den Typus des „Chevalier“ gezeichnet. In Faublas’ zahlreichen
-Liebesabenteuern spielt die der Wirklichkeit (des Chevalier +d’Eon+)
-entlehnte künstliche Effeminatio des Helden eine Rolle, die auch bei
-+Sade+ am Schlusse der Juliette Verwendung findet, wo Noirceuil als
-Frau verkleidet einen Mann heiratet.
-
-Neben dem Marquis +de Sade+ ist der berühmteste erotische
-Schriftsteller der Revolutionszeit der ungemein produktive +Restif+
-(+Rétif de la Bretonne+). Paul +Lacroix+ hat diesem merkwürdigen Manne
-ein Muster- und Meisterwerk der modernen Bibliographie gewidmet[162],
-das jeder Bücherliebhaber immer wieder mit neuem Vergnügen lesen
-wird. Wir werden später +Rétif de la Bretonne+ als einen der ersten
-Schriftsteller über +Sade+ zu würdigen haben. Hier interessiert er
-uns nur als ein gleichzeitig mit +Sade+ wirkender Autor, von dem
-dieser letztere sicher nicht unbeeinflusst geblieben ist. Es ist
-offenbar +Rétif+, den +Sade+ an einer Stelle in seiner Abhandlung
-über den Roman höchst ungünstig beurteilt. Er sagt dort: „R...
-überschwemmt das Publikum und braucht eine Druckpresse neben seinem
-Bette. Glücklicherweise seufzt diese allein unter seinen schrecklichen
-Geistesprodukten; ein platter und kriechender Stil, ekelhafte
-Abenteuer in schlechtester Gesellschaft; kein anderes Verdienst als
-eine grosse Weitschweifigkeit, für die ihm nur die -- Pfefferhändler
-dankbar sein werden.“[163] Sollte bei diesem Urteile +Sades+ nicht
-etwas Konkurrenzneid im Spiele sein? Wir werden später sehen, dass
-+Rétif+ über +Sade+ nicht besser dachte. Auch mochte sich wohl der
-hochgeborene Marquis weit erhaben dünken über dem aus niedrigstem
-Stande hervorgegangenen +Rétif+.
-
-In der Tat hat +Rétif de la Bretonne+ (1734 bis 1806), wenn er auch den
-Adel keineswegs vergessen hat, hauptsächlich die sittliche Korruption
-auch der niederen Volksschichten dargestellt[164] und ergänzt
-gewissermassen die Schriften des Marquis +de Sade+ nach dieser Richtung
-hin, mit dem er sonst viele Aehnlichkeit hat. +Eulenburg+ macht darüber
-folgende interessante Bemerkungen[165]: „Einem de Sade unendlich
-näher als die trotz allem grosse und ergreifende Gestalt Rousseaus
-steht jener ‚Rousseau du ruisseau‘“, +Rétif de la Bretonne+, über den
-+Dessoir+ urteilt: „Er wurde von wütendster Sinnlichkeit gepeitscht
-und durch den Götzendienst des eigenen Ich in eine Art Exhibitionismus
-hineingetrieben. Daher hat er wie kein Zweiter verstanden, die
-Entstehung, Eigentümlichkeit und Gewalt der Geschlechtsliebe zu
-analysieren und dem Ich einen geradezu raffinierten Kultus zu widmen.“
-Da haben wir im Keime den literarischen +de Sade+, nur schwächlicher,
-passiver, sozusagen unblutiger. Wäre +Rétif+ eine mehr aktiv und
-impulsiv., weniger kontemplativ veranlagte Natur gewesen und hätten
-ihm, dem armen Bauernsohne, die Mittel und die Atmosphäre des „célèbre
-Marquis“ von früh auf zur Verfügung gestanden, so wäre vielleicht ein
-zweiter +de Sade+ aus ihm geworden, der schriftstellerisch dem anderen
-an Kraft und jedenfalls an Feinfühligkeit der Schilderung überlegen
-gewesen wäre. Nicht umsonst ertönt bei +Rétif+ aus allen Tonarten das
-Lob dieser ungemeinen Feinfühligkeit dieser „sensibilité quelquefois
-délicieuse, quelquefois cuisante, affreuse, déchirante.“ Wir fügen noch
-zur Charakteristik dieses merkwürdigen Schriftstellers hinzu, dass er
-ein leidenschaftlicher Liebhaber der Frauen war und, sich mit seinen
-zahlreichen Maitressen nicht begnügend, auf der Strasse jedem hübschen
-Mädchen nachlief und nicht eher ruhte, als bis er ihre Bekanntschaft
-gemacht hatte. Dabei war er von der grössten Unreinlichkeit. Er
-erzählt höchst naiv in den „Contemporaines“: „Seit 1773 bis heute,
-6. Dezember 1796 habe ich keine Kleider gekauft. Es fehlt mir an
-Hemden. Ein alter blauer Rock ist meine tägliche Kleidung“. Dieser war
-zerrissen und voll von Flecken. Dabei liebt +Rétif+ die Reinlichkeit
-sehr bei den -- Frauen. Er spricht immer wieder davon, giebt in seinem
-„Pornographe“ genaue Vorschriften in dieser Beziehung und konstatiert
-mit Befriedigung die grosse Verbreitung dieser Tugend unter den Pariser
-Prostituierten.[166]
-
-Für die Art seiner Schriftstellerei ist bezeichnend, dass er neben der
-eigenen unermüdlichen Beobachtung auch diejenigen anderer verwertete.
-So erzählt Graf +Alexander von Tilly+ in seinen Memoiren[167], dass
-+Rétif de la Bretonne+ zu ihm kam mit der Bitte um Erzählung seiner
-erotischen Abenteuer, die er in einem Werke verarbeiten wolle. Sehr
-wichtig ist ferner das Verhältnis +Rétifs+ zu +Mathieu François
-Pidanzat de Mairobert+ (1727-1779), dem berühmten Verfasser des „Espion
-anglais“ und dem Sammler der Materialien zu den „Mémoires secrets de
-Bachaumont.“ Dieser liess nicht nur einzelne Werke in der geheimen
-Druckerei Rétifs herstellen, sondern war selbst Mitarbeiter an dessen
-eigenen Schriften. So rührt von ihm die wertvolle Abhandlung über
-die 16 Klassen der Prostituierten und über die Zuhälter in +Rétifs+
-„Pornographe“ her. Auch für die „Contemporaines“, den „Hibou“, und die
-„Malédiction paternelle“ hat +Pidanzat de Mairobert+ zahlreiche Notizen
-beigesteuert[168].
-
-Das ohne Zweifel wertvollste Werk +Rétifs+ sind die „Nuits de
-Paris“[169], eine unerschöpfliche Fundgrube für die Kenntnis des
-Sittenlebens der Revolutionszeit, eine „in ihrer Art einzige
-Darstellung der moralischen Physiognomie von Paris“ am Ende des 18.
-Jahrhunderts, das wahre „Tableau nocturne de Paris“, dessen Inhalt
-eine 20jährige Arbeit erfordert hat. „Jeden Morgen schrieb ich nieder,
-sagt +Rétif+, was ich in der Nacht gesehen hatte.“ +Lacroix+ gibt
-eine ausführliche Analyse des reichen Inhaltes dieses „nächtlichen
-Zuschauers“, auf dessen unzählige Details wir an dieser Stelle nicht
-näher eingehen können.
-
-In „Monsieur Nicolas“ (Paris 1794-1797. 16 Bde.) hat +Rétif de la
-Bretonne+ die Geschichte seines Lebens erzählt, wahrheitsgetreuer als
-dies in ähnlichen Büchern wie „Faublas“, „Clarissa“ und +Rousseaus+
-„Héloise“ geschieht. Von besonderem Interesse ist der dreizehnte
-Band („Mon Calendrier“), in welchem +Rétif+ Tag für Tag alle Frauen
-aufzeichnet, deren Bekanntschaft er gemacht, die er verführt und die er
-zu -- Müttern gemacht hat.[170]
-
-In Deutschland am bekanntesten sind die berühmten
-„Contemporaines“[171], eine Sammlung von Erzählungen, die auf
-wirklichen Ereignissen beruhen. Die Helden dieser Novellen sollen
-den Verfasser dazu ermächtigt haben, sie unter ihren wahren Namen zu
-nennen. Es sind wesentlich Sittendarstellungen aus dem Volksleben.
-
-„Le Paysan et la paysanne pervertis, ou les dangers de la ville“ (A la
-Haye 1784. 16 Teile in 4 Bänden) sind nach dem Grafen +von Tilly+ die
-„Liaisons dangereuses der niederen Volksklassen“, welche die traurige
-Wahrheit predigen, dass die Tugend durch beständigen Verkehr mit dem
-Laster notwendig vernichtet wird.
-
-Hieran reiht sich der „Pied de Fanchette“ (A la Haye 1769), die
-Geschichte einer jungen Modistin aus der Rue Saint-Denis, deren kleiner
-Fuss +Rétif+ bezaubert hatte. Ueberhaupt ist +Rétif+ ausgesprochener
-+Fussfetischist+. Für hübsche Frauenfüsse und Frauenschuhe hatte
-er eine fanatische Leidenschaft. Fanchettens Fuss ist wirklich der
-Held dieses Romans. „Son pied, le pied mignon, qui fera tourner tant
-de têtes, était chaussé d’un soulier rose, si bien fait, si digne
-d’enfermer un si joli pied, que mes yeux, une fois fixés sur ce pied
-charmant, ne purent s’en détourner... Beau pied! dis-je tout bas, tu
-ne foules pas les tapis de Perse et de Turquie, un brillant équipage
-ne te garantit pas de la fatigue de porter un corps, chef-d’œuvre des
-Grâces: +tu marches en personne+, mais tu vas avoir un trône dans
-mon cœur.“[172] Rétif gibt sogar in den Anmerkungen eine Geschichte
-der hübschen Frauenfüsse. In allen übrigen Werken kehren immer diese
-kleinen beschuhten Füsse wieder. Er sah eines Tages „Fanchette“
-wirklich in der Rue Saint-Denis, und ihr Fuss, ein „Wunder an
-Kleinheit“, inspirierte ihn zu seiner Erzählung.
-
-Ein Buch Rétifs, das am meisten an die Werke des Marquis +de Sade+
-erinnert, ist „Ingénue Saxancour, ou la femme séparée“ (Liège, 1789,
-3 Bände), angeblich die Geschichte seiner unglücklichen verheirateten
-Tochter Agnes. Rétif hat in diesem Buch „die Grenzen des kühnsten
-Zynismus überschritten“, und der Verfasser sagt selbst, dass man in
-dem Werke finden wird „ce qu’on nomme dans le monde +des horreurs+“.
-Die unglückliche Gattin wird nach der Hochzeit von ihrem Ehemanne
-allen Launen eines entnervten Wüstlings unterworfen, sie erduldet
-die unglaublichsten Infamien und Grausamkeiten ihres „wollüstigen
-Henkers“.[173] +Alexander Dumas+ der Aeltere, der im Jahre 1851 auf
-Veranlassung von +Paul Lacroix+ im „Siècle“ unter dem Titel „Ingénue“
-eine ganz harmlose Erzählung veröffentlicht hatte, deren Helden +Rétif+
-und seine Tochter Agnes waren, wurde von der Familie +Rétif de la
-Bretonne+ verklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt.[174]
-
-Einige andere Schriften unseres Autors werden wir an anderer Stelle
-anführen, weil sie weniger zur schönen Litteratur gehören. Zum Schlusse
-gedenken wir in unserer kurzen Uebersicht, welche nur das am meisten
-Charakteristische hervorheben sollte, noch zweier sehr bekannter
-obscöner Gedichte des 18. Jahrhunderts. Das erste ist „La Foutromanie.
-Poème lubrique, à Sardanopolis, aux dépens des amateurs. 1775“[175]. Es
-enthält sechs Gesänge zu je 300 Versen. Der Zensor +Le Noir+ bekam die
-strengsten Weisungen von der Regierung, die Verbreitung des Gedichtes
-zu verhindern. Trotzdem gelangten einige Exemplare zu dem hohen Preise
-von 9 Livres in den Handel. Das Gedicht beginnt mit den Versen:
-
- Vous les voulez... je vais souiller mes rimes,
- Poétiser en jargon ordurier...
- Toi dont les feux raniment la nature,
- Qui, maîtrisant l’homme et les animaux,
- Brûle en secret le cuistre et le héros,
- Sois ma déesse, adorable Luxure!
-
-Die „Foutromanie“ ist das Glück der Götter, das ihnen die Langeweile
-vertreibt. Aber auch die Menschen macht sie glücklich. Der Verfasser
-eröffnet den Reigen dieser Glücklichen mit Fräulein +Dubois+, einer
-Schauspielerin der Comédie Française. Dann folgen die Damen +Arnoux+
-und +Clairon+, letztere mit dem Grafen +Valbelle+, Madame +Allard+
-mit dem Duc +de Mazarin+. Auch die Opernsängerin Fräulein +Vestris+
-hat ihre Freude daran. Gegen Ende dieses +ersten+ Gesanges erscheinen
-die Herzoginnen und Hofdamen, die sich mit ihren Lakaien vergnügen.
-Zuletzt wird die unersättliche Libido der alten +Polignac de Paulien+
-geschildert.
-
-Der +zweite+ Gesang beginnt mit der Beschreibung der Reize einer
-jungen Anfängerin, welche der Leidenschaft eines jungen Wüstlings zum
-Opfer fällt. Eingeschaltet wird ein Gedicht „Père Chrysostome“ gegen
-die sexuellen Ausschweifungen in den Klöstern. Weiter dringt ein von
-Satyriasis Ergriffener in ein Nonnenkloster ein. Hier folgt ein Ausfall
-gegen Tribadie und Paederastie. Der alte +Duc d’Elbœuf+ war einer der
-ersten, der die Secte der Paederasten nach Frankreich einführte. Zum
-Schluss Excurs über Syphilis.
-
-Der +dritte+ Gesang ist fast ganz der Rolle der +Syphilis in der
-Liebe+ gewidmet. Zuerst wird die hohe Vollendung in der Heilkunst
-dieses galanten Leidens gepriesen; die „syphilitischen Liebeshelden“
-werden gefeiert, insbesondere die am Mal de Naples leidenden Prälaten.
-Herr +de Montazet+, Erzbischof von Lyon, wird hier im Verein mit der
-Duchesse +de Mazarin+ genannt. Nach höchst indezenten Aeusserungen über
-den Herzog von +Orléans+ und Madame +de Montesson+ wird die Liaison
-zwischen der verstorbenen Herzogin von Orléans und den Herren +de
-l’Aigle+ und +de Melfort+ enthüllt, welche letzteren von der Herzogin
-syphilitisch angesteckt wurden. Der Prinz +de Beauffremont+ fiel in
-Ungnade, weil er sich mit einem Schweizer abgab. Am Schlusse Lob des
-+Aretino+, des Erfinders der „plastischen Stellungen“.
-
-Der +vierte+ Gesang ist ein Loblied auf das Bordell. Die berühmtesten
-Kupplerinnen und Bordellwirtinnen werden vorgeführt, so die +Paris+,
-+Carlier+, +Rokingston+, +Montigny+, +d’Héricourt+ und +Gourdan+.
-Beschreibung der wollüstigen Orgien an diesen infamen Orten. „Bett und
-Tisch“ müssen sich folgen, daher sind die deutschen Frauen geeigneter
-für die „Foutromanie“. Der Autor verwünscht Italien, wo er Geld und
-Gesundheit verloren hat.
-
-Im +fünften+ Gesang werden zunächst die Syphilophoben ermutigt.
-Alle Frauen haben ja nicht die Syphilis. +Montesquieu+ war im Feuer
-ebenso wie +Rousseau+ und +Marmontel+. Grosses Lob des +Dorat+, des
-„poète foutromane“. Exkurs über die Holländer, die nur das Geld
-lieben. Schilderung der unkeuschen Kardinäle. +Spinola+ schläft bei
-+Palestrina+, +Albani+ bei +Altieri+, +Bernis+ bei +Saint-Croix+,
-+Borghese+ ist B..... Auch die Kaiserinnen +Maria Theresia+ und
-+Katharina+ II. verstehen ihre Sache, ebenso der König von Polen und
-die verstorbene Königin von Dänemark. Es ist nur ein Jammer, dass die
-„Dames de France“, die Tanten +Ludwigs+ XVI. im Zölibat leben.
-
-+Agyroni+ ist der Held des +sechsten+ Gesanges[176]. Dieser Charlatan
-hat den Verfasser wohl von einem galanten Leiden geheilt. Zahlreiche
-medizinische Details wie in +Robés+ Gedicht über Syphilis. Schliesslich
-wird wieder die „Foutromanie“ gepriesen als die Seele des Weltalls.[177]
-
-Das zweite Gedicht „Parapilla“ ist eine Uebersetzung des italienischen
-Originals „La Novella dell’ Angelo Gabriello oder Il Cazzo“ (=
-Phallus),[178] ein Wort, welches Papst +Benedikt+ XIV. beständig
-im Munde hatte. Als ihm ein Höfling die Schmutzigkeit des Wortes
-vorhielt, erwiderte er: „Cazzo, cazzo! Ich werde es so oft sagen, bis
-es nicht mehr schmutzig ist.“ Das französische Gedicht besteht aus fünf
-Gesängen, deren Inhalt ganz kurz dieser ist:
-
-+Rodric+ empfängt vom Himmel ein gewisses Instrument, das alle Damen
-beglückt. Zunächst in Florenz die berühmte Donna +Capponi+. Dann gerät
-es in ein Nonnenkloster, in die Hände der +Lucrezia+, der Tochter
-+Alexanders+ VI. Hierbei werden die Ausschweifungen in Rom unter diesem
-Papste geschildert, und das Gedicht schliesst mit einem obscönen
-Gespräch zwischen ihm und seiner Tochter.
-
-Erwähnen wir noch, dass ein gewisses Incitamentum amoris, das in den
-Romanen des Marquis +de Sade+ eine grosse Rolle spielt, sogar in
-einem eignen Poem als solches gepriesen wurde.[179]
-
-Wir konnten nur das Allerwichtigste aus der erotischen Literatur des
-18. Jahrhunderts flüchtig berühren. Der Einfluss derselben auf die
-Sitten war gewaltig, und der Marquis +de Sade+ selbst hat diesen
-Einfluss der Litteratur empfunden. Er hat selbst eine treffende
-Charakteristik derselben zu geben versucht, die erkennen lässt, dass
-er die Bedeutung dieser pornographischen Litteratur wohl erkannt
-hat. Er sagt[180]: „Der Epicuräismus der +Ninon-de-Lenclos+, der
-+Marion-de-Lorme+, der Marquise +de Sévigné+ und +de Lafare+, der
-+Chaulieu+, der +St.-Evremond+, dieser ganzen feinfühligen Gesellschaft
-fing endlich an, müde des cytherischen Liebessehnens, mit +Buffon+
-‚nur das Physische in der Liebe für gut zu halten‘ und veränderte
-bald den Ton in den Romanen. Die Schriftsteller empfanden, dass die
-galanten Schwätzer nicht mehr ein durch den Regenten entsittlichtes
-Jahrhundert, das von den Kavaliertorheiten, der religiösen Schwärmerei
-und der Verehrung der Frauen zurückgekommen war, unterhalten konnten.
-Sie fanden es einfacher, diese Frauen zu amüsieren und zu verderben,
-als ihnen zu dienen und sie zu verherrlichen. Sie schufen Ereignisse,
-Gemälde, Konversation mehr nach dem Geiste der Zeit und entwickelten in
-einem angenehmen, leichten und bisweilen selbst philosophischen Stile
-den Zynismus und die Immoralität.“
-
-
-11. Die Kunst im 18. Jahrhundert.
-
-Auch die französische Kunst des 18. Jahrhunderts ist ein getreuer
-Spiegel der Zeit. Baukunst, Malerei, Schauspiel- und Tanzkunst dienen
-dazu, die +Sinne zu erregen+. Das berühmte „Rococo“ ist nichts weniger
-als ein Bild der Harmonie. Es wäre dies ja auch ein Wunder gewesen.
-Denn niemand kann aus seiner Zeit heraus. Der Rococostil folgte in der
-Kunst den Eingebungen der künstlich erregten Sinne, die an überladenen
-Verzierungen, an unruhig verschlungenen Linien ein Gefallen fanden,
-sowie an den Darstellungen wollüstiger Szenen, raffiniert erdachter
-„Nudités.“ Eine prachtvolle Schilderung der bildenden Kunst, vorzüglich
-der Architektur im 18. Jahrhundert, entwirft +Georg Brandes+: „Was man
-unter Ludwig XIV. in der Baukunst erstrebt hatte, war das Imponierende.
-Man opferte sogar jede Rücksicht auf Behagen und Bequemlichkeit der
-kalten Prunksucht und der steifen Etikette auf. Wer das Schlafzimmer
-Ludwigs XIV. in Versailles gesehen hat, wird einräumen, dass ihm selten
-ein unleidlicher gelegenes Schlafgemach vor Augen kam. Jetzt werden
-die unbewohnbaren und majestätischen Säle von den ‚petites maisons‘
-abgelöst, wie damals jeder Mann von Welt sie besass, und in welchem
-die tändelnde Konversation und der üppige Leichtsinn sich ebenso gut
-befanden. Daher verschwinden in der Architektur die grossen, einfachen
-Verhältnisse, die reinen und klaren Massenwirkungen. Die Härte und
-Schwere des Steins wird verleugnet, die Strenge der Linien gebrochen,
-alles wird rund und schwellend, alle Linien werden ausschweifend und
-übermütig. Der Barockstil erreicht sowohl in der Baukunst wie in
-der Bildhauerkunst seinen Gipfel. Ueberall stösst man auf unendlich
-wiederholte Amoretten und Grazien, ganz wie auf den Kupferstichen zu
-Voltaires ‚Poésies fugitives‘. In den Gärten umarmt der bockfüssige
-Pan schlanke, weisse Nymphen am künstlichen Wasserfalle. In der
-Malerkunst entstehen jene ländlichen Bilder, deren entferntes Vorbild
-Rubens Liebesgarten ist, die aber statt seiner breiten Lebenslust und
-schweren Figuren gleichsam hingehauchte und feine Gestalten in koketten
-Trachten, und statt Rubens derber Sinnlichkeit ein erotisches Spiel,
-ein Liebeln und Flüstern aufweisen, einen Hintergrund schattiger
-Gänge, mit stillen Verstecken, mit üppigen Statuen und frischen
-Rasenteppichen.
-
-Unter Ludwig XIV. war die ganze Tracht steif gewesen; man trug grosse
-Ueberschläge und Kragen, selbst die Rock- und Westenschösse waren
-gesteift, Halskragen und Manschetten gestärkt, so dass nicht eine
-Falte sich verändern konnte; die unbequeme Allongeperrücke machte eine
-gravitätische Haltung zur Notwendigkeit. Unter der Regentschaft war
-alles auf Zwanglosigkeit und Leichtigkeit gerichtet. Das steife Futter
-der Schösse verschwand, an die Stelle der grossen Allongeperrücke trat
-das gepuderte Haar, steif frisiert, so dass keine noch so hastige
-Bewegung es in Unordnung bringen konnte; überall in Tracht und Benehmen
-überliess man sich einer gewissen Nachlässigkeit. Man verweilte in
-Boudoirs. Wie Tee und Kaffee aus dem Orient eingeführt wurden, so auch
-das orientalische Sofa, welches dem jüngeren Crébillon den Titel für
-seine bekannteste und berüchtigste Erzählung gibt.[181] Der weiche
-Lehnsessel verdrängt den hohen, unbequemen Armstuhl mit schnurgerader
-Rückwand. Das Zimmergerät besteht aus schweren Seidengardinen, welche
-wollüstig das Licht dämpfen, aus grossen Spiegeln in Goldrahmen, aus
-reich verzierten Pendeluhren, aus üppigen Malereien und schnörkelhaften
-Möbeln. Das ganze Zimmer duftet von einem wollüstigen Parfüm.“[182]
-
-Noch deutlicher als die Architektur bringt die +Malerei+ des 18.
-Jahrhunderts den Charakter desselben zum Ausdruck. Der Wunsch Neues
-zu bringen, den „blasierten Appetit zu reizen“ verlieh den Künstlern
-des 18. Jahrhunderts ein raffiniertes Erfindungstalent. +Boucher+,
-+Watteau+, +Fragonard+, +Lancret+, der Maler der „fêtes galantes“,
-verschmähten die einfache und naive Nacktheit der Göttinnen eines
-+Lebrun+ und +Nicolas Mignard+. Ihre „baigneuses“ und „bergères“ sind
-nicht mehr mythologische Figuren, sondern Pariser Dirnen, die sich
-gern den Beschauern nackt im Bade oder auf dem Ruhelager zeigen.
-Diese vorgeblichen Najaden und koketten Schäferinnen mit entblösstem
-Busen, mit mehr oder weniger aufgehobenem Kleide, sind Frauen der
-Zeit, Dämchen „fort en vogue aux petites soirées de Trianon et de
-Luciennes“.[183]
-
-+Richard Muther+ hat in seiner neuen Darstellung der Geschichte der
-Malerei[184] in dem Kapitel „Die Frivolen“ diese +erotische+ Richtung
-in der französischen Malerei des 18. Jahrhunderts glänzend geschildert.
-Er sagt u. a.: „Mit den zierlich gemessenen Menuetten +Watteaus+ hatte
-die Redoute begonnen. Um Mitternacht, unter der Anführung +Bouchers+,
-wurde der Cancan getanzt. Jetzt vor Tagesgrauen, folgt noch der
-Kotillon. Man hatte zu viel getanzt und zu viel geliebt. Statt sich
-selbst zu bemühen, will man nur noch zusehen, so wie der Pascha,
-Opium rauchend, apathisch in seinem Harem sitzt. Auch Balletteusen
-tanzen zu lassen, hat keinen Reiz mehr. So beginnt am Schlusse des
-Rokoko die eigentlich galante Kunst, das +Tableauvivant+. Stramme
-Burschen und hübsche Mädchen aus dem Volke müssen den vornehmen Herren
-Liebesszenen vorspielen, für die sie selbst zu blasiert geworden ....
-Als geistreichster dieser Gruppe, überhaupt als einer der feinsten des
-Jahrhunderts ist +Fragonard+, der nervöse Charmeur, zu feiern, in dem
-sich noch einmal alle Lebenslust und Leichtlebigkeit, die ganze Grazie
-des Rokoko sammelt... Wenn der Name +Fragonard+ genannt wird, denkt
-man an Reifröcke, seidene Garnierungen und hochgeschürzte Jupons, an
-lustige Schaukeln, die pikante graue Strümpfe sehen lassen, an feine
-Battisthemden, die von rosigen Schultern herabgleiten, an Amoretten,
-Küsse und Liebesspiel.“
-
-„Kurz nach Schluss der Salonausstellung 1763,“ erzählt +Fragonard+
-selbst, „schickte ein Herr zu mir und bat mich, ihn zu besuchen. Er
-befand sich, als ich bei ihm vorsprach, gerade mit seiner Maitresse auf
-dem Lande. Zuerst überschüttete er mich mit Lobsprüchen über mein Bild,
-und gestand mir dann, dass er ein anderes von mir wünschte, dessen Idee
-er angeben würde: ‚Ich möchte nämlich, dass Sie Madame malen auf einer
-Schaukel. Mich stellen Sie so, dass ich die Füsse des hübschen Kindes
-sehe -- oder auch mehr, wenn Sie mich besonders erfreuen wollen.‘“
-Diesem seltsamen Liebhaber dankt man das Bild „Die Schaukel“, das
-erste, das den eigentlichen +Fragonard+ zeigt.... +Fragonard+ ist der
-+Pierrot lunaire+, der beim Morgengrauen blass und geisterhaft seine
-Sprünge macht. Manche seiner Bilder, so toll sie sind, haben etwas von
-Gebeten. Altäre sind errichtet, Opferflammen züngeln lohend gen Himmel,
-und bleiche Menschen legen weisse Kränze zu Füssen des allmächtigen
-Eros nieder. Da heben Weiber flehend ihre Hände zu Satan empor und
-beten, ihnen das Geheimnis neuer unbekannter Sensationen zu enthüllen.
-
-Bildet schon die Verherrlichung der Geschlechtslust in einem gedruckten
-Buche einen die Sinne aufs Höchste anstachelnden Reiz, der daher im
-18. Jahrhundert sehr begehrt war, so muss die +bildliche+ Darstellung
-der Wollust noch tausendmal schlimmer wirken. „+Le réalisme de la
-peinture+, se traduisant dans les actes et les paroles, les livres
-et les chants, doit exercer une funeste influence sur la jeunesse en
-+surexcitant+ le sens génital“[185]. Und der Marquis +de Sade+, der in
-seinen Romanen alles aufzählt, was den sexuellen Genuss zu steigern
-vermag, lässt Saint-Fond (Juliette II, 15) nach einer wilden Orgie
-ausrufen: „O wie nötig hier ein Maler wäre, um der Nachwelt dieses
-wollüstige und göttliche Bild zu überliefern!“
-
-So konnte es denn nicht fehlen, dass neben den pikanten Nudités
-eines +Fragonard+ und +Lancret+ bald die +Schmutzbilder+ in der
-erschrecklichsten Weise sich verbreiteten. Dass die Maitressen sich
-für ihre Liebhaber nackt und in irgend einer plastischen Stellung
-malen liessen, war nichts seltenes. Bekannt ist die Geschichte der
-O’Morphi, einer Maitresse +Ludwigs+ XV. und Insassin des Hirschparks,
-deren Besitz der König dem berühmten Abenteurer +Casanova+ auf folgende
-Weise verdankte[186]. +Casanova+ hatte bei einem seiner zahlreichen
-Liebesabenteuer in Paris auch die Bekanntschaft einer flämischen
-Schauspielerin O’Morphi gemacht, welche eine junge Schwester von
-hervorragender Schönheit besass, in die +Casanova+ sich sterblich
-verliebte, und deren Reize er enthusiastisch schildert. Er bekam
-Lust, diesen herrlichen Körper gemalt zu besitzen, und ein deutscher
-Maler malte sie auf eine „göttliche“ Weise für sechs Louisdors. Die
-Lage, in der er sie darstellte, war „entzückend“. „Sie lag auf dem
-Bauche, stützte den Arm und den Busen auf ein Kissen und hielt den
-Kopf gewendet, als läge sie drei Viertel auf dem Rücken. Der gewandte
-und mit Geschmack begabte Künstler hatte ihren unteren Teil mit soviel
-Kunst und Wahrheit gemalt, dass man sich nichts Schöneres denken
-konnte.“ Ein Freund +Casanova’s+ bekam Lust, eine Copie dieses Bildes
-zu besitzen. Der Maler zeigte in Versailles diese Copie, welche Herr
-von +Saint-Quentin+ so schön fand, dass er nichts Eiligeres zu tun
-hatte, als sie dem König zu zeigen. „Seine allerchristliche Majestät,
-ein grosser Kenner auf diesem Gebiete, wollte sich mit eigenen Augen
-überzeugen, ob der Maler treu kopiert hätte, und wenn das Original
-ebenso schön war, wie die Copie, dann wusste der Enkel des heiligen
-Ludwig wohl, wozu es ihm dienen würde.“ So verlor +Casanova+ seine
-Geliebte an den König +Ludwig+ XV., der sie nach Zahlung von 1000
-Louisdors an die Schwester sofort in seinem Hirschpark unterbrachte, wo
-sie nach Ablauf eines Jahres mit einem Kinde niederkam, das „gleich so
-vielen weggetan wurde, ohne dass man wusste, wohin; denn so lange die
-Königin lebte, erfuhr man nie, wohin die natürlichen Kinder +Ludwig’s+
-XV. kamen.“
-
-Dieses berühmte Bild zeigte +Casanova+ später einer französischen Nonne
-in Aix, mit der er ein Liebesverhältnis angeknüpft hatte, +und diese
-Nonne liess sich in eben derselben obscönen Stellung für Casanova
-malen+![187]
-
-Nach +Parent-Duchatelet+[188] vertrieb man während des vorigen
-Jahrhunderts und besonders vor der Revolution in den Bordellen
-die unzüchtigsten Kupferstiche, ohne dass sich die Polizei darum
-bekümmerte. Von 1790 bis 1793 verteilte man an alle Bordellbesucher
-die schändlichsten Karikaturen auf +Ludwig+ XVI., +Marie Antoinette+
-und andere Personen. Man könnte daher wohl sagen, dass die Orte der
-Unzucht zu den politischen Unfällen Frankreichs wesentlich beigetragen
-hätten. Unter der Schreckensherrschaft fanden sich solche schändlichen
-Bilder nicht nur in den Bordellen, sondern viele Kaufleute schämten
-sich nicht, in den Gallerien des Palais Royal und an anderen Orten die
-frechsten Kupferstiche aufzuhängen, wo die Genüsse der Geilheit, der
-Paederastie, der seltsamsten Wollust den Blicken aller Vorübergehenden
-preisgegeben wurden.
-
-Dass die Erotica mit obscönen Bildern reichlich ausgestattet wurden,
-verstand sich von selbst. So sind auch die Romane das Marquis +de Sade+
-durch eine grosse Fülle von scheusslichen Darstellungen „schmackhafter“
-gemacht. Wir werden später auf diese Bilder zurückkommen.
-
-Ueber ein sehr merkwürdiges Versteck von obscönen Bildern berichtet die
-„Chronique scandaleuse“[189]. Eine derartige Idee konnte nur die nach
-immer neuen Reizen lüsterne Phantasie eines abgelebten Wollüstlings
-ersinnen. Es war eine „neue Art der Obscönität“, bis zu diesem
-Jahrhundert unbekannt, eine „epochemachende Entdeckung“. Das waren
-die „vestes de petits soupers“. Da nach der damaligen Mode die Röcke
-zugeknöpft wurden, konnte man den oberen Teil der Weste nicht sehen.
-Aber bei den Orgien „d’un certain genre“ knöpften die Wüstlinge den
-Rock auf und zeigten ihren Messalinen Bilder und Stickereien auf ihrer
-Weste, welche den Gegenstand der Orgien und alle Wollust derselben
-darstellten. Diese raffinierte Idee macht selbst den bekannten
-Ausspruch des +Ben Akiba+ illusorisch.
-
-Noch einer letzten Gattung von Schmutzbildern haben wir zu gedenken.
-Bei +Sade+ ist auch die +Defaecation+ wie alles Schmutzige und
-Widerliche ein Gegenstand der Wollust. Der Kot ist deliciös und wird
-von Männern und Weibern als Delicatesse verschlungen. Sollte man
-es glauben? Auch der Akt der Defaecation wurde den Parisern im 18.
-Jahrhundert bildlich vor Augen geführt. Konnte es ausbleiben, dass
-einige, besonders starker Reize bedürftige Wüstlinge auch an diesem
-Akte Gefallen fanden und ihn zur Erhöhung ihrer Genüsse verwendeten?
-+Johann Friedrich Reichardt+ erzählt, dass den Vorübergehenden an
-allen Ecken die schmutzigsten und niederträchtigsten Poissardenlieder
-und Gespräche, mit ekelhaften illuminierten Holzschnitten, +die alle
-den schmutzigsten Ausleerungsakt scheusslich natürlich darstellten+,
-angeboten und aufgedrungen wurden. Bei den Parisern sei dies Letzte
-nicht einmal nötig. Man sähe die anständigsten (?), ernsthaftesten
-Leute solche Blätter zu beliebiger Scherzanwendung in die Tasche
-stecken[190].
-
-Auch in der +Skulptur+ machte sich, wenn gleich natürlich in
-beschränkterer Weise, das Bestreben nach Hervorhebung des rein
-Sinnlichen geltend. Mit den drei +Coustou’s+ „versinkt die Kunst
-in die Wollust“. „Das jungfräulich Nackte wird durch den Ausdruck
-sinnlicher Liebe entweiht. Der Marmor wird Fleisch und zeigt das
-wollüstige Beben und die Weichheit der lebenden Arme und Brüste.
-Die Frauen werden dargestellt als ‚petites filles‘, bleich, in der
-wollüstigen Erschlaffung lasciver Courtisanen oder wie Fischerinnen
-am Hofe +Ludwig’s+ XV. und der +Pompadour+“[191]. Der berühmte
-+Houdon+, nach +Arsène Houssaye+ der „letzte Ausdruck (expression)
-des 18. Jahrhunderts“, stellte in seinen Büsten „alle Ideen, alle
-Leidenschaften und alle Physiognomien“ dar. Seine „Diana“, seine
-„Frileuses“ und „Baigneuses“ zeigen alle eine wollüstige Nacktheit.
-
-+André Grétry+, der Hauptvertreter der französischen +Musik+ des 18.
-Jahrhunderts, der stets mehrere „filles et fillettes“ zu gleicher Zeit
-liebte, zeigte in seinen musikalischen Werken keine echte Leidenschaft,
-sondern nur Wollust.[192] Wie sehr der Marquis +de Sade+ ein Mensch
-seiner Zeit war, der nur aus ihr erklärt werden kann, zeigt vor allem
-der Umstand, dass auch er von jener dem 18. Jahrhundert eigentümlichen
-Manie ergriffen war: der +Theaterwut+, der +Mimomanie+! +de Sade+
-hat nicht nur zahlreiche Theaterstücke geschrieben, sondern auch
-dilettantische Theateraufführungen veranstaltet.
-
-Die Leidenschaft des Theaterspielens, die „Mimomanie“, herrschte in
-Frankreich während des ganzen Jahrhunderts mit einer uns heute kaum
-verständlichen Macht. Ueberall im Lande bildeten sich förmliche
-Dilettantengesellschaften. Ein Haustheater gehörte zu jedem Schloss,
-zu jedem vornehmen Haus. „Es ist eine unglaubliche Manie“, heisst es
-in +Bachaumont’s+ Memoiren, „selbst jeder Prokurator will in seinem
-Landhäuschen eine Gauklerbühne und eine Komödientruppe haben.“ Sogar
-in die Kreise des Klerus drang die Theaterwut. Durch die +Pompadour+
-wurde das Theaterspielen am Hofe Ludwig’s XV. eingeführt. „Die
-Damen studieren mit den Schauspielern die Stücke ein, die sie an
-ihrer Privatbühne aufführen. Es war so lustig, bot so viel Stoff zu
-niedlichen Intriguen und galanten Erlebnissen, den bunten Flitter des
-Pierrot und der Colombine zu tragen.“ (+Muther+).
-
-Die Theaterstücke hatten, besonders seit dem letzten Jahrzehnt vor
-der Revolution, einen immer freieren Charakter angenommen. Wir
-haben schon auf +Lanjon’s+ Klosterstücke hingewiesen. Kurz vor und
-während der Revolution kam eine wahre Ueberschwemmung von obscönen,
-gegen das Königtum und die Kirche gerichteten Komödien. Die Zahl
-dieser sogenannten „Pièces révolutionnaires“ ist sehr gross. Die
-scheusslichsten sind von +Guigoud Pigale+ („Le triomphe de la
-raison publique“), +Léonard Bourdon+ („Le tombeau des imposteurs et
-l’inauguration du temple de la vérité sansculotide, dédiée au Pape“),
-+Sylvain Maréchal+ („Le jugement dernier des rois“), +Desbarreaux+
-(„Les potentats foudroyés par la montagne et la raison ou la
-déportation des rois de l’Europe“). In letzterem Stücke zanken sieh
-die Fürsten Europas um ein Stück Land. Die Kaiserin Katharina sagt zum
-Papst: As-tu avalé ton goujon, Saint-Père? Dieser antwortet: Vous avez
-un avaloir où les grands morceaux passent aisément. Hierauf giebt jene
-dem König von Preussen eine Ohrfeige, und dieser antwortet durch einen
-Fusstritt, und so gehen die Gemeinheiten und schmutzigen Reden fort.
-Der Marquis +de Sade+ hatte ein weiteres Vorbild für seine obscönen
-Komödien, die er in Bicêtre und in Charenton seine Mitgefangenen
-spielen liess, in dem berüchtigten „Théâtre gaillard“ (London 1788, 2
-Bände), für welches sogar +Grandval+, +Caylus+, +Crébillon+ und +Piron+
-Stücke geschrieben hatten[193]. Ja, es blieb nicht bei blossen Worten
-und unzüchtigen Gesten! Noch im April 1791 existierte nach +Mercier+ im
-Palais Royal ein öffentliches Theater, wo ein sogenannter Wilder und
-eine Wilde, ganz im Stand der Natur, vor den Augen eines zahlreichen
-Publikums beiderlei Geschlechts das Werk der Begattung vollzogen. Der
-Coitus als Schauspiel! Das war etwas für die zahlreichen „voyeurs“ der
-Hauptstadt, die auch in +Sade’s+ Romanen vertreten sind. „La vue des
-plaisirs d’autrui nous en donne“ hatte schon +La Mettrie+ in seiner
-„L’art de jouir“ (1751, S. 131) gesagt. Der Friedensrichter liess
-endlich die beiden Akteurs vorfordern und da fand es sich, dass der
-Wilde ein Kerl aus der Vorstadt St. Antoine und die Wilde eine gemeine
-Hure war, die sich sehr ansehnliche Summen Geldes von den neugierigen
-Zuschauern auf diese Art verdient hatten.[194]
-
-Die Schauspielerinnen, Opernsängerinnen, Choristinnen und Tänzerinnen
-bildeten einen sehr begehrten Bruchteil der Prostitution, wie wir
-später sehen werden. Aber auch die Foyers der Theater waren die
-„Bazare, auf denen die Liebhaber ihre Talente ausübten, um Intriguen
-anzuknüpfen“[195].
-
-
-12. Die Mode.
-
-Die Laster müssen das Volk beherrschen und unter demselben verbreitet
-werden. Sonst will es selbst herrschen. Viele Theater, der Luxus,
-viele Cabarets, Bordelle müssen diesem Zwecke dienen. Es muss eine
-Straflosigkeit für die Unzucht geben. Dann endlich die +Moden+, die ja
-in Frankreich so einflussreich sind! Männer und Frauen sollten Kleider
-tragen, die dass Gesäss besonders freilassen, Feste, ähnlich denen
-der Flora, sollten gegeben werden, wobei die Mädchen nackt tanzen. --
-Das ist die Rolle, welche der Marquis +de Sade+ durch den Minister
-Saint-Fond (Juliette II, 197) der Mode zuerteilen lässt. Derselbe
-Saint-Fond empfiehlt der Juliette, sie sollte sich, um den letzten Rest
-von Scham zu ersticken, halbnackt dem Publikum auf der Promenade zeigen
-(Juliette III, 125).
-
-Auch hier lässt +de Sade+ die Wirklichkeit sprechen. Der Rat des
-Saint-Fond wurde wirklich befolgt. „In der Kühnheit des Nackten gab es
-noch Kühnheiten! An einem Ruhetage des Jahres V spazierten zwei Frauen
-auf den Champs-Elysées, +vollständig nackt+, nur mit einer dünnen
-Gaze bekleidet. Eine andere zeigte sich dort mit gänzlich entblössten
-Brüsten. Bei diesem Gipfel der Schamlosigkeit ertönten laute Rufe. Man
-führte diese Griechinnen im Kostüm einer Statue unter Hohngelächter
-und heftigem Schelten zu ihren Wagen zurück.“[196]
-
-Kleidung der Frau und Detail der Kleidung wurden im 18. Jahrhundert
-von der Wollust erfunden. Die Kleidung wurde den Bedürfnissen
-einer üppigen Sinnlichkeit angepasst. Die Blasiertheit geriet auf
-merkwürdige Einfälle. Junge Männer und junge Frauen glaubten die
-Natur zu verbessern und ihr eine Lection zu erteilen, indem sie ihren
-Haaren das Weiss des Alters verliehen.[197] Die +Goncourts+ schildern
-unübertrefflich[198] die unaufhörlichen Wandlungen der Mode im 18.
-Jahrhundert mit ihren bizarren Einfällen, ihren raffinierten Ent- und
-Verhüllungen, die gigantischen Frisuren der Frauen, das Schminken, die
-Schönheitspflästerchen, die Schuhe, Schleifen und Bänder. Die Mode
-huldigte dem Moment. Nach dem Prozesse des Pater +Girard+ erschienen
-die Bänder +à la Cadière+, deren Stickereien Szenen aus dieser Affaire
-darstellten. Laws System hatte Schleifen „du système“ zur Folge. Den
-„rubans +à la Cadière+“ im Anfange des Jahrhunderts entsprechen am Ende
-die „rubans +à la Cagliostro+.“
-
-Je mehr man sich dem Zeitalter der Revolution näherte, desto mehr
-traten die +Nuditäten+ in der Mode hervor. Der +Cult der Gaze+, die
-Vorliebe für ausschliesslich gazeartige Umhüllungen trat auf. Die
-Kleidung der „Göttinnen der Vernunft“ wurde immer durchsichtiger. Das
-Kleid zog sich immer mehr vom Busen zurück, die Arme wurden bis zur
-Schulter entblösst. Dann folgten Beine und Füsse. Man trug Riemen
-um die entblössten Fussknöchel und goldene Ringe an den Zehen. In
-den öffentlichen Gärten ergingen sich nacktbeinige Terpsichoren, die
-nur mit einem Hemde bekleidet, ihre mit diamantverzierten Ringen
-geschmückten Oberschenkel sehen liessen.[199] Ein Journalist, welcher
-der Eröffnung des Pariser Tivoli beiwohnte, erzählt, dass an diesem
-Tage mehrere Göttinnen in so leichten und durchsichtigen Kostümen
-erschienen, dass man alles sehen konnte, was man sehen wollte. Die
-Baronin +de V...+ traf einmal in den Champs-Elysées eine ebensolche
-„nackte“ Dame am Arme eines vornehmen Herrn.[200] Ein deutscher
-Berichterstatter schrieb: „Besuchen Sie einmal das Konzert im Theater
-de la rue Feydeau, und Sie werden von der Menge Juwelen und Gold
-geblendet werden, womit die Damen bedeckt sind. Betrachten Sie diese
-brillanten Geschöpfe näher, und Sie werden leicht bemerken, dass sie
-entweder gar keine oder höchstens nur halbe Hemden tragen. Der ganze
-Arm, der halbe Nacken, die ganze Brust ist bloss. Verschiedene haben
-ihren dünnen Florrock noch auf jeder Seite hinaufgeschürzt, so dass sie
-auch noch die schöne Wade sehen sollen; kurz, die Indecenz der Trachten
-dieser Impossibles ist unbeschreiblich. Madame Tallien erschien auf
-dem letzten grossen Balle im Opernhaus und hatte nicht nur den Kopf,
-die Brust, Arme und Hände mit Juwelen bedeckt, sondern sie hatte
-sogar die Füsse auf römische Art mit Bändern umwunden und an jeder
-Zehe einen prächtigen Ring stecken“.[201] Diese Kostüme à la grecque,
-deren Trägerinnen die „Merveilleuses“ genannt wurden, hatte +Therese
-Cabarrus+, die Geliebte +Tallien’s+, in Paris eingeführt, nachdem sie
-schon während der Schreckenszeit in Bordeaux öffentlich sich in einer
-überfrivolen Kostümierung gezeigt hatte.[202] Den „Merveilleuses“
-entsprachen auf der männlichen Seite die „Incroyables“, die sich
-nach dem Ideale des Hässlichen kleideten. Denn beim Manne galt zur
-Revolutionszeit nicht die Schönheit, sondern die Kraft, die Stärke
-der Muskeln für das höchste Gut. Die Don Juans verwandeln sich in
-Herkulesse, die Wollust wird brutal.[203]
-
-Auch die perversen sexuellen Neigungen fanden im 18. Jahrhundert einen
-Ausdruck in der Mode. Die weit verbreitete, auch zwischen Frau und
-Mann geübte Paedicatio erzeugte im 18. Jahrhundert die merkwürdige
-Mode des sogenannten „Cul de Paris“. „Eben weil dieser wunderliche
-Teil, der in anderen Hinsichten doch so verrufen und so garstig ist,
-so sehr die Sinnlichkeit reizt und fesselt, haben die öffentlichen
-Weiber der Freude die Manier, eben diesen Teil, den die verschämte
-Sittsamkeit bescheiden in den gehörigen +Hintergrund+ zurückzieht,
-recht frechlüstig zu präsentieren, und durch Bewegungen im Gange alle
-seine Formen recht anschaulich zu machen.“[204] Unter +Ludwig+ XVI
-war bei den Frauen jene das Gesäss stark hervortretenlassende Mode
-sehr verbreitet, von der +Dulaure+ sagt, dass er die Trägerinnen der
-„Vénus Hottentotte“ ähnlich gemacht habe[205]. Damals besang +Piron+
-in „wilder Lust“ diese Spekulation auf die männliche Sinnlichkeit
-folgendermassen[206]:
-
- L’aimable C.. de Briséis
- N’a point de pareil ni de prix!
- Plus rond qu’une boule d’ivoire --
- Le croira qui le voudra croire.
-
- J’en ai presque mes sens ravis
- Mon cœur de joie en est épris
- Et j’ai toujours dans ma mémoire.
- L’aimable C...!
-
-Auch die Männer zeigten in der Blütezeit des Rokoko eine gewisse
-+Effeminatio+ in ihrer Kleidung. „Sammet und Seide in allen Nüancen,
-Spitzen als Halsschmuck und als Manschetten, Stickereien in Gold,
-Silber und Seide, werden selbst von alten Herren getragen. Alle sind
-so elastisch, schlank, so effeminiert und ewig jung, so anmutig und
-von Rosenduft umhaucht, als ob es gar keine Männer, sondern erwachsene
-Amoretten wären“[207].
-
-Andererseits war die immer mehr um sich greifende +Tribadie+ Ursache
-besonderer Kostümierung. Die Tribaden mit männlichen Neigungen hatten
-sich unter der Schreckenszeit auffallend vermehrt. Die Virago auf der
-Strasse war eine allbekannte Erscheinung.[208] Sie hatte ihr eigenes
-Kostüm. +Mercier+ erzählt: „Ich habe in meinem Laden, wo man oft
-über die Moden spricht, mir erzählen lassen, dass diejenigen Frauen
-+Tribaden+ sind, welche die Sitte aufgebracht haben, sich wie ein Mann
-zu frisieren, Hüte und Männerstiefel zu tragen.“[209]
-
-
-13. Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert.
-
-In Paris hat der Marquis +de Sade+ seine Studien für die beiden
-berüchtigten Romane „Justine“ und „Juliette“ gemacht. Hier hat er
-den grössten Teil des Inhalts derselben erlebt und erdacht. Pariser
-Ereignisse und Zustände haben fortwährend seine Phantasie befruchtet,
-und die Vorbilder für die Schilderungen einzelner Verhältnisse in
-seinen Werken sind leicht zu finden. Dies wird sich in geradezu
-überraschender Weise aus der Betrachtung der Prostitution und des
-Geschlechtslebens in Paris ergeben. Von Paris gilt ja heute noch,
-was +Montesquieu+ im 106ten persischen Briefe sagt, dass es die
-„sinnlichste Stadt der Welt“ sei, wo man die „raffiniertesten
-Vergnügungen“ ersinnt. Die Schilderungen der grossen Bordelle bei
-+Sade+ mit ihren ingeniösen Einrichtungen beziehen sich fast durchweg
-auf Pariser Bordelle. Die meisten Heldinnen in seinen Romanen sind
-Pariser Dirnen. Es wird daher angemessen sein, dass wir diese
-Verhältnisse zunächst ins Auge fassen.
-
-
-14. Bordelle, geheime pornologische Clubs und Prostituierte.
-
-In „Juliette“ (I, 187) schildert der Marquis +de Sade+ das Bordell der
-Duvergier in einer Vorstadt von Paris. Diese Kupplerin hat ein Frauen-
-und Männerbordell. In dem einsam in einem schönen Garten gelegenen
-Hause hält sich die Duvergier einen eigenen Koch, deliciöse Weine
-und charmante Mädchen, die für das einfache Tête-à-Tête 10 Louisdors
-bekommen. Das Haus hat zwei entgegengesetzte Ausgänge, so dass alle
-Rendez-vous mit dem nötigen Mysterium umgeben werden können. Die Möbel
-sind prächtig, die Boudoirs ebenso wollüstig wie vornehm ausgestattet.
-Ohne Moral und ohne Religion konnte die Duvergier, von der Polizei
-heimlich unterstützt, als Lieferantin sehr vornehmer Herren, sich
-mehr erlauben als ihre Concurrentinnen und straflos Greuel aller Art
-begehen. Das Bordell versorgt Prinzen, Adlige, reiche Bürger mit
-seiner Waare. Als Juliette später selbst in Paris ein Freudenhaus
-einrichtet, sind 6 Kupplerinnen (maquerelles) für dasselbe tätig, die
-aus Paris und den Provinzen die jungen Mädchen herbeiholen (Juliette
-VI, 306). Clairwil führt Juliette in das Haus der „Société des amis du
-crime“ ein, welches zwar im Herzen von Paris liegt, aber indiscreten
-Blicken durch die umgebenden Häuser entzogen wird. Es enthält herrliche
-Empfangssäle, düstere Zimmer, Galerien, Boudoirs, „cabinets d’aisance“
-und Harems oder +Serails+, wie +de Sade+ sie nennt, in denen die Opfer
-von beiden Geschlechtern für die Orgien gezüchtet und gepflegt werden.
-Diese Unglücklichen sind meist mit Gewalt ihren Eltern entrissen
-worden, unter dem Schutze der Polizei. Hier feiert die vornehme
-Welt ihre schauerlichen Wollustorgien unter Assistenz von Henkern,
-Abdeckern, Kerkermeistern und Flagellatoren! (Juliette III, 33 ff.).
-Aehnlich ist das Haus Vespoli’s zu Salerno eingerichtet (Juliette
-V, 343 ff.), ferner das Bordell, welches Juliette und die Durand
-gemeinschaftlich zu Venedig errichten (Juliette VI, 144).
-
-+Alcide Bonneau+ meint, dass der Hirschpark dem Marquis +de Sade+ als
-Vorbild für seine Bordell-Schilderungen gedient habe[210], die übrigens
-auch in der „Justine“ wiederkehren z. B. die der Benediktinerabtei
-Sainte-Marie-des-Bois (Justine II, 40 ff.). Indessen hat der Marquis
-+de Sade+ doch ganz sicher die Pariser Bordelle eingehend studiert und
-danach seine Schilderungen entworfen. Er spricht (Juliette I, 333)
-davon, dass „in mehreren Bordellen von Paris“ Truthähne zu wollüstigen
-Zwecken für Zoophile gehalten werden. Dass er, der beim Tode +Ludwig’s+
-XV. 34 Jahre alt war, den Hirschpark aus eigener Anschauung gekannt
-hat, halten wir allerdings auch für wahrscheinlich. Der oben erwähnte
-deutsche Autor, der ihn sogar als maître de plaisir des fünfzehnten
-Ludwig auftreten lässt, versichert, seine Nachrichten aus glaubwürdigen
-Quellen zu haben.
-
-Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass der Marquis +de
-Sade+ seine Schilderungen der Prostitution und des Geschlechtslebens
-der +Wirklichkeit+ entlehnt hat. Wir haben daher die Pflicht, diese
-Wirklichkeit näher zu untersuchen. Wir stützen uns auch hier durchweg
-auf authentische Berichte. Die berühmtesten Bordelle von Paris, die
-geheimen pornologischen Clubs und die Verhältnisse der Prostituierten
-sollen im Folgenden geschildert werden.
-
-
-a. +Das Freudenhaus der Madame Gourdan.+[211]
-
-Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen
-Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das
-Freudenhaus der Madame +Gourdan+ in der Rue des deux Portes, das unter
-den Regierungen +Ludwig’s+ XV. und +Ludwig’s+ XVI. als Bordell für den
-Hof und die vornehmen Fremden galt.
-
-Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen
-aus, welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu
-befriedigen versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben,
-
-1. +Das Serail.+ Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de
-corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend
-sein mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden
-die Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde
-alles aufs genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se
-débiter dans un pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent
-s’y commettre!“ ruft +Pidanzat de Mairobert+ bei dieser Schilderung
-aus. Es ist kein Zweifel, dass dies Serail der Gourdan den Namen für
-die „Serails“ bei +Sade+ hergegeben hat. Ebenso lässt +de Sade+ in
-seinen Romanen häufig den Preis der Liebe vereinbaren und vor allem die
-Details der zu veranstaltenden Orgie vorher genau analysieren.
-
-2. +Die+ „+Piscine+“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man
-zuerst die in der Provinz und in Paris für die +Gourdan+ aufgegriffenen
-Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich
-gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden
-sich verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das
-berühmte „Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem
-Madame +Gourdan+ etwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte
-und das wieder zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass
-der Marquis +de Sade+ dieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und
-praktisch anwenden lässt, wie wir später bei der Besprechung der
-Kosmetica und Aphrodisiaca sehen werden, beweist wohl schlagend seine
-Arbeit nach berühmten Mustern. -- Weiter fand sich in der „piscine“
-die „Essence à l’usage des monstres“, die durch ihren scharfen Geruch
-Impotente wieder potent machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger
-Grausamkeit anreizte. -- Das „Spezificum“ des Doktor +Guilbert de
-Préval+ (von welchem Charlatan später ausführlich die Rede sein wird),
-war ein wahres Wundermittel. Denn es diente zur Verhütung, Diagnostik
-und Heilung der Syphilis zugleich! Madame +Gourdan+ injicierte etwas
-davon den neu ankommenden Mädchen, um zu sehen, ob sie gesund seien.
-Also ein sexuelles +Tuberkulin+ des 18. Jahrhunderts! Alles ist schon
-dagewesen.
-
-3. +Das+ „+Cabinet de Toilette+“. Hier empfingen die Schülerinnen
-dieses Venusseminars ihre zweite Vorbereitung.
-
-4. +Die+ „+Salle de bal+.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer
-in das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit der
-+Gourdan+ unter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die
-Prälaten und Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer
-Abkunft in das Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider
-aller Art, sowie „Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der
-Geistliche in einen Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten,
-die Damen in Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier
-„erduldeten die vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen
-eines groben Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin
-ausgewählt hatte, um ihr unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“
-Andrerseits glaubte der Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und
-genierte sich wenig in Ausdrücken und Handlungen.
-
-5. Die „+Infirmerie+.“ Das war das Gemach für Impotente, deren
-erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt
-wurde. Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige
-Bilder und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische
-Kunstwerke, auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven
-befand sich ein Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände
-aus Spiegelglas bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen
-Boudoirs und alle Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte
-Stechginster-Ruten dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in
-allen Farben wurden zum Essen angeboten, von denen „man nur eine zu
-geniessen brauchte, um sich bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“
-Sie hiessen „Pastilles à la Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen
-als Aphrodisiacum gegeben hatte. Man sieht, dass die berüchtigte
-Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des Marquis +de Sade+ in jener
-Zeit nicht vereinzelt war. --- Auch für die Frauen war in dieser
-„Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein waren
-vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina eingeführt
-wurden. +Mairobert+ konnte nicht erfahren, ob „die Chemiker diesen
-Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische Zusammensetzung
-haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch machten.“ -- Der
-„Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den Nonnenklöstern
-erfunden“, um den Mann zu ersetzen. Die +Gourdan+ trieb mit diesen
-künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem Nachlass
-„zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der
-Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war
-unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption
-in den Nonnenklöstern nicht übertrieben. -- Grosser schwarzer Ringe,
-der sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen
-Irritation der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten
-Buckeln besetzt, was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war
-ein ganzes Arsenal von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute
-„Condome“ heissen und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das
-Gift der Liebe schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“.
-Also gebührt die Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen
-das Vergnügen und dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nicht +Ricord+,
-sondern +Pidanzat de Mairobert+, der es 70 Jahre früher aussprach![212]
-
-6. Die „+Chambre de la question+“. -- Das war ein Kabinet, in welches
-man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die
-Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören
-konnten, was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“.
-
-7. Der „+Salon des Vulcan+“. -- In ihm befand sich ein Fauteuil von
-sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort
-eine Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit
-gespreizten Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl
-war eine Erfindung des Herrn +de Fronsac+, Sohnes des Herzogs von
-+Richelieu+, welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt
-in diesen Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur
-zeitweilig, vom Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt
-fortzusetzen. Der „Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch
-die Schmerzensrufe, durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf
-keine Weise von Aussenstehenden gehört werden konnte.“ Dieses Mysterium
-des Lasters finden wir auch bei +de Sade+ wieder.
-
-Die +Gourdan+ war die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie
-konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. In
-+Villiers-le-Bel+ hatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus,
-wohin sie selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die
-Schwangeren. Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes
-Versteck für besonders raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten
-dasselbe ironisch das „Kloster“.
-
-Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die
-Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon
-deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass
-man sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. Die +Gourdan+ gehörte
-zu der zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst
-offiziell von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert
-wurden. Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht
-über die körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir
-werden später einen solchen Bericht mitteilen.[213]
-
-Im Hause der +Gourdan+ wurden die Maitressen für die vornehme Welt
-herangebildet. So hatte die spätere Gräfin +Du Barry+ ihre glänzende
-Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle der +Gourdan+ zu verdanken. Aber
-auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme
-Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei der +Gourdan+
-entdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte.
-
-
-b. +Justine Paris und das Hôtel du Roule.+
-
-Am 14. November 1773 hielt Madame +Gourdan+ auf ihre verstorbene
-Kollegin +Justine Paris+ eine Leichenrede, die im „Espion anglais“ (Bd.
-II, S. 401 bis 412) abgedruckt ist und so voll +sadischen Geistes+
-ist, dass wir einen kurzen Auszug aus derselben hier mitteilen. Die
-Idee zu dieser Leichenrede concipierte der Prinz +Conti+, einer der
-berüchtigsten Lebemänner des ancien régime. +Ausgeführt+ wurde sie
-von der +Gourdan+, welche die Rede bei einer Orgie in +Conti’s+
-Hause vorlas. Die „Oraison funèbre de la très-haute et très-puissante
-Dame, Madame Justine Paris, grande-prêtresse de Cythèrè, Paphos,
-Amathonte, etc. prononcée le 14. Novembre 1773, par Madame Gourdan,
-sa coadjutrice, en présence de toutes les nymphes de Vénus“ hatte das
-charakteristische Motto:
-
- La vérole, o mon Dieu,
- M’a criblé jusq’aux os.
-
-Justinen’s Eltern predigten ihr auf dem Sterbebett die Unzucht als
-einziges Heil der Zukunft. „Comptez pour rien tous les jours que vous
-n’aurez pas consacré au plaisir!“ Justine setzt diesen Rat, den man
-in den Romanen des +Marquis de Sade+ fast auf jeder Seite findet,
-schleunigst in die Tat um und giebt sich bereits auf dem Sarge ihrer
-Eltern hin. Darauf tritt sie in ein Pariser Bordell ein, wo sie
-schnell grosse Fortschritte im Dienste der Venus macht, und durch ein
-Verhältnis mit dem türkischen Gesandten bald berühmt wurde. Reisen
-nach England, Spanien und Deutschland lehrten sie phlegmatisch mit
-dem Engländer, ernst mit dem Spanier und hitzig (emportée) mit dem
-Deutschen zu sein. Zuletzt kommt sie nach +Italien+ und ist in Rom die
-„Königin der Welt und das Centrum der paillardise“. Sie durchreist ganz
-Italien, von Fürsten und Geistlichen verehrt und begehrt. Leider macht
-sich von Zeit zu Zeit ihre hereditäre Syphilis wieder geltend, die sie
-aber nicht abhält, nach ihrer Rückkehr in Paris neue Orgien zu feiern
-und neue Erfolge zu erringen und sich grosses Ansehen als Besitzerin
-eines Bordells zu erwerben. Doch endet sie im Hospital.
-
-Sollte dem Marquis +de Sade+ diese Leichenrede ganz unbekannt geblieben
-sein? Wir glauben es kaum und waren jedenfalls überrascht, in Madame
-+Paris+ und ihrer Reise durch Italien ein Vorbild der Juliette zu
-finden, die ebenfalls in Italien, in Florenz, Rom und Neapel als
-Königin der Welt und als Idealhure gefeiert wird.
-
-+Casanova+, dieser geniale Schilderer, dessen historische
-Glaubwürdigkeit u. a. durch die vortreffliche Schrift von
-+Barthold+[214] überzeugend dargetan ist, erzählt in seinen Memoiren
-von einem Besuche im Bordell der +Paris+ im Jahre 1750, dem sogenannten
-Hôtel du Roule, und führt uns ein lebendiges Bild von dem Leben und
-Treiben in einem Pariser Bordell des achtzehnten Jahrhunderts vor
-Augen, das als Ergänzung der mehr systematischen Beschreibung des
-Hauses +Gourdan+ hier Platz finden möge.[215] „Das Hôtel du Roule
-war in Paris berühmt, mir aber noch unbekannt. Die Besitzerin hatte
-+es elegant möbliert+ und hielt zwölf bis vierzehn +ausgezeichnete
-Nymphen+. Man fand bei ihr alle wünschenswerten Bequemlichkeiten; guten
-Tisch, gute Betten, Reinlichkeit, +Einsamkeit in herrlichen Gebüschen+;
-ihr Koch war vortrefflich, ihre +Weine+ ausgezeichnet.
-
-„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der aber
-Alle befriedigte.
-
-„+Durch die Polizei geschützt+, war sie weit genug von Paris entfernt,
-um überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die
-über der Mittelklasse standen.
-
-„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle Vergnügungen
-hatten einen gewissen Tarif.
-
-„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf für
-ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.
-
-Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese
-Schilderung +Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen
-Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“+
-übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris
-„einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“,
-ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die
-Polizei geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns,
-dass bei der genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch
-bei anderen Pariser Freudenhäusern nirgends ein +Koch+ erwähnt wird,
-dass die Reihenfolge der übrigen Epitheta bei +Casanova+ und +de Sade+
-genau dieselbe ist, endlich dass +Casanova+, der im Juni 1798 starb,
-nachdem seine nur bis 1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte
-vollendet waren, die im Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht
-mehr für diese verwertet hat und auch früher den Marquis +de Sade+
-nicht gekannt hat, dass ferner seine Memoiren erst im Jahre 1822 in
-der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich daraus der sichere
-Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb kulturhistorisch so
-wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch getreues Bild
-der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten wird,
-mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis
-+de Sade+ hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der +Justine
-Paris+ geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von
-uns gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus
-ergiebt sich, dass die Werke des Marquis +de Sade ebenso ein Objekt
-der Kulturgeschichte wie der Medizin sind+. Dieser merkwürdige Mensch
-hat uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten
-ihn +verstehen+, um ihn +erklären+ zu können, und wir überzeugten
-uns bald, dass auch der +Arzt+ hier die wichtigste Belehrung nur aus
-der +Kulturgeschichte+ empfangen kann. Das +Individuum de Sade+ wird
-erleuchtet durch den +geschichtlichen+ Menschen.
-
-Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung +Casanova’s+ zurück.
-„Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher: ‚Nach
-Chaillot‘.
-
-„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über
-dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.
-
-„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus einer
-Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns anständig,
-öffnete und wir fuhren hinein.
-
-„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch
-Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie
-uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.
-
-„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal,
-in welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und
-gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.
-
-„Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und machten uns eine sehr
-anmutige Verbeugung.
-
-„Alle waren ungefähr von gleichem Alter, die Einen blond, die Anderen
-braun oder brünett, oder mit schwarzem Haar.
-
-„Jeder Geschmack konnte hier befriedigt werden.
-
-„Wir sprachen mit allen ein Wort und bestimmten unsere Wahl.
-
-„Die beiden Erwählten stiessen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit
-einer Wollust, die ein Neuling für Zärtlichkeit hätte halten können,
-und wir gingen nach dem Garten, in Erwartung, dass man uns zum Diner
-rufen würde.
-
-„Dieser Garten war umfangreich und künstlich so eingerichtet, dass er
-den Freuden der Liebe dienen konnte.
-
-Madame +Paris+ sagte:
-
-„Gehen Sie, meine Herren, und geniessen Sie die frische Luft und halten
-Sie sich sicher in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der Ruhe
-und der Gesundheit.“
-
-„Während der süssesten Beschäftigung rief man uns zum Essen.
-
-„Wir wurden recht gut bedient; die Mahlzeit hatte in uns neue Neigung
-erregt, aber mit der Uhr in der Hand trat die Einäugige auf uns zu, um
-uns zu benachrichtigen, dass unsere Partie beendigt sei.
-
-„Das Vergnügen wurde hier nach der Stunde gemessen“.
-
-Schliesslich lassen sich +Casanova+ und sein Freund dazu bewegen, die
-Nacht in dem Bordell zu verleben.
-
-Das Hôtel du Roule ist auch in zwei galanten Gedichten des 18.
-Jahrhunderts verherrlicht worden. Das eine hat den Titel „Le Temple de
-l’Amour“ (Paris 1751; Neudruck: Brüssel 1869, 8 Seiten); es schildert
-die mannigfaltigen dort begangenen Ausschweifungen. Der Anfang lautet:
-
- Au milieu de Paris, dans un obscur séjour,
- Est un temple charmant consacré par l’Amour;
- C’est là que maint f......, dans l’ardeur qui le presse
- Va porter son encens an dieu de la tendresse.
-
-Das zweite Gedicht heisst „Les Reclusières de Vénus“ (Allégorie, A
-la nouvelle Cythéropolis 1750; Neudruck: Brüssel 1869, 16 Seiten).
-Ich citire eine interessante Stelle daraus, wo erzählt wird, dass die
-+Paris+ ihren Mädchen andere wohlklingendere, suggestivere Namen zu
-geben pflegte, ganz wie dies auch in unseren heutigen Bordellen noch
-geschieht:
-
- Des noms mignards, respirant la luxure,
- Feront an cœur la première blessure;
- Margot sera la charmant Aglaé,
- Fanchon Victoire, et Pernette Daphné,
- Dodon Fatime, et Charlotte Emilie,
- Cateau Lolotte, et Jeanette Julie.
-
-
-c. +Das Bordell der Richard.+[216]
-
-Dieses Freudenhaus wurde hauptsächlich von +Geistlichen+ besucht.
-Madame +Richard+ hatte ihre Thätigkeit damit begonnen, systematisch
-junge Beichtväter zu verführen. Diese Spezialität der Erotomanie gab
-ihr den Gedanken ein, ein Bordell für Geistliche zu eröffnen. Dasselbe
-florierte glänzend. Madame +Richard+ wurde die Lieferantin von jungen
-Mädchen für ein „Missionshaus, für Prälaten und andere Geistliche.“
-Eine erotische Szene aus diesem Freudenhause haben wir bereits erzählt.
-
-
-d. +Ein Negerbordell.+
-
-Ein Lüstling in Venedig bringt stets in das Bordell der Juliette zwei
-Negerinnen mit, weil der Kontrast zwischen weissen und schwarzen
-Menschen ihm besondere Befriedigung verschafft (Juliette VI, 152).
-Neger und Negerinnen spielen auch bei dem anthropophagischen Diner
-in Venedig eine Rolle (Juliette VI, 204). In dem Schlosse des
-Cardoville bei Grenoble, wohin Justine als ein Opfer der Lüste dieses
-Wüstlings geführt wird, sind zwei Neger als Helfershelfer bei diesen
-Orgien thätig. (Justine IV, 331.) -- Im dritten Bande von „Aline et
-Valcourt“ findet sich auf Seite 200 ein obscönes Bild, drei nackte
-Weiber darstellend und einen Mann, der die Genitalien des einen Weibes
-berührt, während von vier dabei stehenden Negern zwei mit wildem
-Ausdruck Keulen schwingen.
-
-+Die Neger sind auch keine Erfindung Sade+’s! Es existierte schon vor
-1790 in Paris ein +Negerbordell+! Dies befand sich im Hause einer Mlle.
-+Isabeau+, früher rue neuve de Montmorency, später rue Xaintonge,
-welches letztere Haus einem gewissen +Marchand+ gehörte. In diesem
-Bordell waren Negerinnen, Mestizen und Mulattinnen vorrätig. Es gab
-keine festen Preise, sondern die Insassinnen wurden „verkauft wie man
-die Sklavinnen einer Karawane verkauft.“[217]
-
-+Fraxi+ meint[218], dass der Geschmack für schwarze Frauen vielleicht
-den Franzosen eigentümlich sei. Jedenfalls findet man noch heute in
-mehreren Bordellen von Paris und in den Provinzen ständig Exemplare
-dieser schwarzen Schönheiten. Auch +Hagen+ macht in seiner „Sexuellen
-Osphresiologie“ (S. 179-181) ausführliche Mitteilungen über diese
-Vorliebe der Franzosen für Negerinnen, die er vielleicht mit Recht auf
-Geruchsreize zurückführt.
-
-
-e. +Die „petites maisons“.+
-
-Indem wir bezüglich der anderen grossen Pariser Bordelle des 18.
-Jahrhunderts auf das berühmte Werk von +Rétif de la Bretonne+
-verweisen[219], sowie auf die Schrift „Les bordels de Paris“ (1790),
-erwähnen wir nur noch das Freudenhaus im Faubourg Saint-Antoine,
-wo nach +Rétif’s+ Erzählung der Herzog von +Orléans+, der Graf
-von +Artois+ sich den wildesten Ausschweifungen und Grausamkeiten
-hingaben, wo man „Bestialitäten“ beging, die später der Marquis +de
-Sade+ in seinem „exécrable roman“: Justine ou les Malheurs de la vertu
-beschrieben habe.[220]
-
-Offenbar genügte diese grosse Zahl von Bordellen noch nicht dem
-Unsittlichkeitsbedürfnisse des ancien régime. Man musste die Wollust
-bei sich selbst einquartieren. So schufen sich die vornehmen Herren
-und reichen Wüstlinge jener Zeit in den sogenannten „petites maisons“
-gewissermassen ihre eignen Privatbordelle, Freudenhäuser en miniature.
-Jeder hat sein „kleines Haus“ mit mehreren Maitressen. Das gehörte
-zum vornehmen Ton bei Jung und Alt. +Casanova+ lernte in Paris den
-+80jährigen+ Chevalier d’+Arzigny+ kennen, den „Aeltesten der petits
-maîtres“, der sich rot schminkte, geblümte Kleider trug, die Perrücke
-pomadisierte, die Augenbrauen braun malte und ebenfalls parfümierte und
-ein Gebiss von Elfenbein trug. Selbst dieser alte Lebemann war „seiner
-Geliebten zärtlich zugetan, die ihm sein +kleines Haus+ führte, in
-welchem er stets in Gesellschaft ihrer Freundinnen zu Abend ass, die
-sämtlich jung, sämtlich liebenswürdig waren und jede Gesellschaft für
-die seinige aufgaben“.[221]
-
-Auch der Marquis +de Sade+ besass im Jahre 1772 auf der butte
-Saint-Roch sein „petite maison“.[222]
-
-
-f. +Die geheimen pornologischen Klubs.+
-
-Das, was der Marquis +de Sade+ in der „Société des amis du crime“
-geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den
-Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit.
-Es gab in Paris +geheime+ Klubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke
-des praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“
-hatten mit den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der
-geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen.
-
-Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder
-die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub.
-Gegründet wurde er vom Herrn von +Chambonas+.[223] Diese geheime
-Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle
-Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen
-an den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“;
-„Viceadmiral“ waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und
-„Ritterinnen“, die einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue
-und Verschwiegenheit geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel des
-Glückes führen liessen.[224] In ihren „mehr als galanten Versammlungen“
-wurden die obscönsten Reden geführt.[225] Ein sehr eifriges Mitglied
-dieses obscönen Klubs war +Moët+, der Verfasser des „Code de Cythère“
-(Paris 1746) und Uebersetzer der englischen Schrift „Lucina sine
-Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II von +Dühren+ „Das Geschlechtsleben
-in England“). Er verfasste für seinen Klub das merkwürdige Buch
-„L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de l’Ordre de la
-Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis
-(Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das
-„Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich
-einige Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse
-femme; „frégate“ = femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite;
-„goudron“ = fard; „hisser une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le
-corps; „mer“ = amour, intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des
-Klubs verkündigen folgende Verse:
-
- L’isle de la Félicité
- N’est pas une chimère;
- C’est où règne la volupté
- Et de l’amour la mère;
- Frères, courons, parcourons
- Tous les flots de Cythère
- Et nous la trouverons.[226]
-
-Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch
-einen heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr
-Geheimnis zu hüten suchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem
-Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227]
-
-Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten,
-der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms
-de plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses
-Manuscript gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in
-dem sich diese „sociétés de cynisme“, wie die +Goncourts+ sie nennen,
-wälzten.[228]
-
-Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte
-Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine
-Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen
-Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen.
-
-Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der
-Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken,
-da sie das einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit
-einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“ +de
-Sade’s+ Schilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde
-des Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm
-bekannten Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene
-Druckerei mit zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden
-sich zahlreiche „cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben
-bedient werden, die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser
-appetitlichen Orte hingeben müssen. Daselbst findet man „seringues,
-bidets, lieux à l’anglaise, linges très fins, odeurs“. Aber man kann
-auch linguam puellarum sive puerorum nachher zur Reinigung benutzen.
-
-In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer,
-Frauen und -- Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust
-gehalten. Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den
-Hauptversammlungssaal erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten
-Cruzifix, an dessen Ende die Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird
-Juliette befragt, ob sie die Arten der Unzucht und die Verbrechen, die
-man ihr nacheinander aufzählt, begehen würde. Nachdem sie bejaht hat,
-empfängt sie die „Instruktionen für die in die Gesellschaft der Freude
-aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen Club stattfindenden Orgien
-werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt werden.[229]
-
-
-g. +Die Freudenmädchen.+
-
-Es ist schon aus der bisherigen Darstellung zur Genüge hervorgegangen,
-dass das 18. Jahrhundert mit seiner Selbstsucht und seiner tierischen
-Wollust das Jahrhundert der +Dirne+ ist. Die Dirne wird vergöttert,
-idealisiert. Sie steht um so höher über der ehrbaren Frau, je mehr
-Wollust, je raffiniertere Genüsse sie geben kann. In der „Philosophie
-dans le Boudoir“ (I, 52) fragt die Novize Eugenie ihre Lehrerin in der
-Liebe, Madame de St.-Ange, was eine „putain“ sei, welches Wort sie
-zum ersten Male höre. Diese erwidert (S. 52-53): „So nennt man diese
-öffentlichen Opfer männlicher Ausschweifungen, welche stets bereit
-sind, sich ihrem Temperament oder ihrem Interesse zu ergeben. Es sind
-glückliche und ehrenwerte Geschöpfe, die aber von der allgemeinen
-Meinung entehrt werden, während die Wonne sie krönt. Sie sind der
-Gesellschaft nützlicher, als alle prüden Personen, weil sie den Mut
-besitzen, ihr zu dienen. Sie sind die wahrhaft liebenswürdigen Weiber,
-die einzigen Weltweisen! Was mich betrifft, die ich seit 12 Jahren
-diese Benennung zu verdienen mich bestrebe, so bin ich fern davon, mich
-dadurch beleidigt zu fühlen, wenn man mich so nennt. Es freut mich
-sogar und ich liebe es, wenn ich inmitten des Genusses diese Benennung
-höre. Denn diese Beschimpfung bringt mein Blut in Wallung“. Das ist
-das, was die +Goncourts+ „den Verlust seines guten Rufes geniessen“
-nennen und für ein allgemeines Merkmal der Frauen des 18. Jahrhunderts
-erklären.
-
-+Rétif de la Bretonne+ erhebt sich im „Monsieur Nicolas“ zu folgendem
-„Schwanengesange“ der Prostitution: „Wenn Ihr (die Dirnen) nicht
-zur Monandrie gelangen könnt, verzweifelt deshalb nicht. Ihr seid
-doch noch nützlich. Durch die ausgesuchten Vergnügungen, welche Ihr
-gewährt, durch die Wonnen Eures Berufes haltet Ihr die sinnlichsten
-Männer in den Schranken der Natur und verhindert sie, sich mit anderen
-unsittlicheren Weibern abzugeben oder bei weniger Vorsichtigen ihre
-Gesundheit einzubüssen. Seid niemals herausfordernd und zänkisch, denkt
-daran, dass Mädchen Eurer Art eine Erholung für den Mann sind, wahre
-Priesterinnen der Wollust. +Achtet Euch+!“[230]
-
-Diese Verherrlichung der Dirne nahm oft sonderbare Formen an. So sprach
-ein Chevalier +de Forges+ bei seinen Lebzeiten oft den Wunsch aus, in
-den Armen eines Freudenmädchens zu sterben. Er hatte im Leben seine
-Lust und sein Glück bei Dirnen gesucht. Er wollte sie auch im Sterben
-dort finden. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Er starb mitten im
-Genusse, in den Armen einer Prostituierten.[231]
-
-Dieses grosse Ansehen der Prostituierten im 18. Jahrhundert
-spiegelt sich am einleuchtendsten in dem Verhalten der +Polizei+
-ihnen gegenüber wieder. Wir sahen, dass +de Sade+ das Bordell der
-Duvergier ausdrücklich durch die Polizei geschützt sein lässt. So
-war es in der That zur Zeit der Entstehung der „Juliette“, während
-der Schreckensherrschaft und unter dem Direktorium. Doch unter der
-Regentschaft wurden aufgegriffene Dirnen bestraft, einzelne sogar
-nach Neu-Orléans geschickt. Es sei nur an „Manon Lescaut“ erinnert,
-jene berühmte Erzählung des Abbé +Prévost+, mit welcher übrigens
-die Verherrlichung der Dirne in der französischen Litteratur des
-18. Jahrhunderts beginnt. Bald aber fiel jede Aufsicht fort. Wohl
-wurden ab und zu kranke Dirnen nach Bicêtre geschickt. Wohl musste
-der bekannte Polizei-Inspektor +Marais+ dem Könige +Ludwig+ XV. über
-die Dirnen von Paris regelmässige Berichte erstatten[232]. Aber eine
-ernsthafte Aufsicht fehlte. +Parent-Duchatelet+ hat die Archive der
-Pariser Polizeipräfektur vom Jahre 1724 bis 1788 durchgesehen und
-aus dieser entnommen[233]: „Dass die Duldung der Polizei in Betreff
-der öffentlichen Dirnen und Häuser unbegrenzt war, dass sie nur in
-sehr argen Fällen einschritt und unsern jetzigen Duldungsscheinen
-entsprechende Bewilligung gab. Dass sie nie Haussuchungen anstellte,
-ausgenommen wenn von Seiten der Nachbarn Klagen angebracht wurden.
-
-„Dass in manchen Häusern Mordthaten vorfielen, in anderen Mädchen und
-Männer zum Fenster hinausgeworfen wurden, der Lärm hauptsächlich von
-verkleideten Soldaten herrührte, die Nachbarn beim Heimkehren die
-grösste Gefahr liefen und oft nicht heimkehren konnten.
-
-„Dass bei allen Verhaftungen die grösste Willkür obwaltete, durch
-keine Vorschrift etwas geordnet war, alles von der Laune der
-Polizeikommissare und ihrer Diener abhing.
-
-„Dass in dem Masse, als man sich von den ersten Zeiten des verflossenen
-Jahrhunderts entfernte, die Strafe minder hart, das Verfahren minder
-roh und eilig war“.
-
-Die Revolution war dann die goldene Zeit des Dirnentums. Jene Zustände,
-wie sie +de Sade+ in seinen Werken schildert, waren Wirklichkeit.
-Nach +Parent-Duchatelet+[234] wurden von 1791 an alle alten
-Einrichtungen abgeschafft. Das Gewerbe der Lustdirne war nicht mehr
-besonderer Gegenstand gesetzlicher Verfügungen. Das Gesetz vom 22.
-Juli dieses Jahres handelt zwar im zweiten Titel, unter dem Kapitel
-der Zuchtpolizei in sehr unbestimmter Art, unter Bezeichnung von
-öffentlichen Eingriffen in die Sitten, davon; allein offenbar wollte
-der Gesetzgeber jener Zeit nur die Geschöpfe erreichen, welche junge
-Leute des einen und des andern Geschlechts verführen, um sie einem
-Richter zu überliefern. Von dem Treiben der Lustdirnen sagt er nichts,
-und es scheint, dass er dies für ein Gewerbe ansah, welches jede zu
-üben berechtigt wäre, dass eine Vorschrift deshalb ein Eingriff gegen
-die persönliche Freiheit sei.
-
-So waren also diese Mädchen von aller Aufsicht befreit und denen gleich
-gestellt, welche irgend ein Gewerbe treiben, über ihre Tätigkeit
-frei gebieten können; durch einen unbegreiflichen Missgriff der
-Nationalversammlung sahen sie sich emanzipiert, eine Wohltat, die sie
-zu keiner Zeit und in keinem Lande genossen hatten.
-
-Eine zügellose Frechheit, ein +beispielloses+ Aergernis war die Folge.
-Schreckensherrschaft und Direktorium bezeichnen den höchsten Gipfel der
-Freiheit und Zuchtlosigkeit, welche die Prostitution zu irgend einer
-Zeit und bei irgend einem Volke jemals erreicht hat. Wir erinnern schon
-jetzt daran, dass der Marquis +de Sade+ diese ganze Zeit, von 1790
-bis 1801, mit der kurzen Unterbrechung eines halben Jahres, in voller
-Freiheit in Paris zugebracht hat, dass er also Zeuge des Triumphes des
-Dirnentums und der widerlichsten öffentlichen Unzucht gewesen ist.
-
-Jetzt wurde die +Dirne+ zur „Göttin der Vernunft“, die +alle+ anbeten
-müssen, und jedes Weib wurde Dirne. Im Juli 1793 wurde auf dem Theater
-der Republik ein neues Stück gegeben, betitelt „Die Freiheit der Frau“.
-Es schildert aber in Wirklichkeit die „Frechheit des Lasters“. Die
-Hauptfigur war ein Ehemann, der aus Neigung liederlich, von Charakter
-unbeständig, und aus Berechnung Feind des Anstandes, das Bekenntnis
-ablegt: „+Die Reize meiner Frau müssen mehr als Einem Glücklichen zu
-Teil werden+!“[235] Die öffentlichen Dirnen „vervielfältigten“ sich
-auf allen Strassen, hauptsächlich im Palais Royal, der Maison-Egalité
-und den Champs Elysées; in den Logen der Theater, in den Kneipen,
-in den grossen Restaurationen erblickte man die scheusslichste
-Unzucht. Paris wurde die „Kloake der ganzen Republik“, die allen
-Schmutz der Provinzen an sich zog, das Genussleben nahm einen immer
-unerträglicheren Charakter an und steigerte sich bis zur äussersten
-Brutalität. Namentlich bot im Sommer 1796 der Boulevard des Temple
-das Schauspiel der ekelhaftesten Unzucht dar, geübt von Militärs. In
-Gemeinschaft mit ganz in Lüsten verkommenen Weibern trugen sie ein
-wahrhaft viehisches Verhalten zur Schau, und mit diesen Weibern waren
-zugleich Mädchen von 12 und 13 Jahren, die hier einer empörenden
-Prostitution sich hingaben. Aber trotz aller Entrüstung, die selbst die
-Polizei darüber empfand, boten noch später das Palais-Royal und die
-Champs-Elysées mit der Fülle ihrer öffentlichen Orte tagtäglich völlig
-ähnliche „Schauspiele der scheusslichsten und unverschämtesten“ Unzucht
-dar.[236]
-
-Hier wurde das Ideal, das der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen
-aufstellt, verwirklicht: +Die Massensuggestion der Wollust+! Zu dem
-unzüchtigen Gebahren gesellten sich die Kostüme à la grecque, die
-unglaublichen Nuditäten der Kleidung, die wir oben geschildert haben,
-um auch die reinen Menschen schnell in den Strudel der wildesten
-Begierden hinabzuziehen. Diese +Infection+ der Moral durch das Gift
-der Wollust hat +Rétif de la Bretonne+ sehr schön wiedergegeben in
-seiner Schilderung des Treibens der Dirnen auf den Strassen[237]:
-„Die Mädchen gehen aus und spazieren; einige machen sich durch ihre
-elegante Kleidung, noch öfter aber durch die unanständige Blosstellung
-ihrer verführerischen Reize bemerklich. Junge unverständige Menschen
-erlauben sich, ganz öffentlich sogar, strafbare Freiheiten -- und
-unsere Kinder, die Zeugen der Abscheulichkeiten sind, schlürfen
-das Gift; es gährt, es entwickelt sich mit dem Alter, und der
-gefahrbringende Anblick leitet sie zum Verderben. Die Tochter eines
-Handwerkers, eines Bürgers wohl gar, noch in dem Alter stehend, wo die
-angeborene Unschuld sie nirgends etwas Böses argwöhnen lässt, sieht
-ein wohlgekleidetes Weib, welchem die jungen Federhelden auf dem Fusse
-nachgehen, sie anreden und liebkosen. Das unschuldige Mädchen fühlt
-ein Verlangen, ihr gleich zu sein; es ist allerdings noch schwach,
-aber wird schon an Stärke gewinnen und ihr eines Tags vielleicht die
-Bahn des Lasters öffnen. Dabei bleibt es noch nicht; junge Leute, die
-oft noch unter der Rute stehen, finden so leicht Gelegenheit, zu frühe
-Genüsse zu kosten und sich zu entkräften, ehe sie noch ausgebildet
-sind. Um dieser Gefahr zu entgehen, müsste eine Tugend vorhanden
-sein, die jede Probe besteht, oder alle Sinnlichkeit fehlen. Welche
-Unanständigkeit! Unter dem Schleier des Halbdunkels wagt man Derartiges
--- Kinder haben es vor Augen -- und man wundert sich noch über die
-Verderbnis der Sitten vom zartesten Alter an.“ Und als Illustration
-zu diesen Worten berichtet A. +Schmidt nach Polizeiberichten+ --
-wir betonen das, weil das Factum sonst kaum glaublich erscheint --
-dass im Oktober 1793 alltäglich der Revolutionsgarten und namentlich
-die Gallerien bei dem Theater Montansier mit ganz jungen Burschen
-und Mädchen +im Alter von 7 bis 14 und 15 Jahren+ angefüllt waren,
-die sich fast öffentlich den Ausschweifungen der infamsten Unzucht
-hingaben. Und dabei waren dieselben „fast nackt wie die Hand und boten
-den Vorübergehenden das entwürdigendste Schauspiel“.[238] Es ist kein
-Zufall, dass diese Monstrositäten sich in dem Herbste des Jahres 1793
-zeigten, nach jenen grauenvollen Septembertagen, an denen das Blut in
-Strömen floss. Es ist kein Zufall, dass der Gipfel der Wollust in der
-Zeit der Terroristen erreicht wurde. +de Sade+, der im Dezember dieses
-Jahres wieder gefangen gesetzt wurde, hatte während dieser Zeit mit
-Wollust im Blute gewatet, und die entsetzlichen Ideen seiner Werke
-eingesogen. Das war jene Zeit, wo sogar die geheimen pornologischen
-Clubs an die Oeffentlichkeit traten und im Opernhause „+nackte Bälle+“,
-bei denen nur das Gesicht maskiert war, feierten[239], wo die Zahl der
-+täglichen+ Dirnenbälle auf +mehrere Hundert+ stieg[240], auf denen die
-„Nacktheiten der Griechen und Römer“ zur Schau getragen wurden, wo in
-23 Theatern der Unzucht gefröhnt wurde.
-
-Was die Zahl der Pariser Prostituierten im 18. Jahrhundert betrifft, so
-betrug dieselbe um 1770 etwa 20000 bei einer Einwohnerzahl von 600000.
-Zur Zeit der Revolution wuchs die Zahl auf 30000 an[241].
-
-Wenn wir nun noch einen Blick auf die verschiedenen Arten der Dirnen
-werfen, so konstatieren wir zunächst, dass das Maitressentum des
-ancien régime sich grösstenteils aus der Theaterwelt rekrutierte.
-Schauspielerinnen, Operntänzerinnen, Opernsängerinnen kommen hier
-besonders in Betracht.
-
-+Mercier+ erzählt, dass die „filles d’Opéra“ auf die Männer einen
-ganz besonderen Reiz ausüben[242]. +La Mettrie+ ruft emphatisch aus:
-„Transportons-nous à l’Opéra, la Volupté n’a point du Temple plus
-magnifique, ni plus fréquenté“, und rühmt die Reize der berühmten
-Tänzerin +Camargo+ und der +Jalé+[243]. d’+Alembert+ meinte
-derb-cynisch, dass das häufige Glück und der Reichtum der Tänzerinnen
-und Sängerinnen „eine notwendige Folge des Gesetzes der Bewegung
-sei“.[244]
-
-Grelles Licht fällt auf diese Verhältnisse durch zwei von +Casanova+
-erzählte Erlebnisse. Sein Freund +Patu+ führte ihn zu einer berühmten
-Sängerin der Oper, der Mademoiselle +Le Fel+, beliebt in ganz Paris
-und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei
-allerliebste kleine Kinder, welche in dem Hause umherflatterten.
--- „Ich bete sie an,“ sagte sie. „Sie verdienen es durch ihre
-Schönheit“, erwiderte ich (Casanova), „obgleich ein jedes einen anderen
-Gesichtsausdruck hat.“ -- „Das glaube ich gern! Der älteste ist der
-Sohn des Herzogs von +Anneci+, der zweite der des Grafen von +Egmont+
-und der jüngste verdankt sein Leben +Maisonrouge+, der eben die
-+Romainville+ geheiratet hat.“ -- „Ach, entschuldigen Sie, ich glaubte
-Sie wären die Mutter der drei Knaben.“ -- „Darin haben Sie sich auch
-nicht getäuscht; ich bin es wirklich.“ Indem sie dies sagte, sah sie
-+Patu+ an und brach gemeinschaftlich mit ihm in ein lautes Gelächter
-aus. Ich war Neuling und nicht gewohnt die Frauen anmassende Angriffe
-auf das Privilegium der Männer machen zu sehen.
-
-„Mademoiselle +Le Fel+ war gleichwohl nicht frech und +gehörte sogar
-der guten Gesellschaft an+, aber sie war, was man ‚über die Vorurteile
-erhaben‘ nennt. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde
-ich gewusst haben, +dass dergleichen Dinge in der Ordnung waren+.
-Die grossen Herren, welche so ihre Nachkommenschaft umherstreuten,
-liessen ihre Kinder in den Händen der Mütter, indem sie denselben
-starke Pensionen zahlten. +Folglich lebten diese Damen um so mehr im
-Wohlstande, je fruchtbarer sie waren.+“[245]
-
-Die zweite Anekdote ist noch charakteristischer. Eines Tages sah
-+Casanova+ bei +Lani+, dem Balletmeister der Oper fünf bis sechs junge
-Mädchen von 13 bis 14 Jahren, sämtlich von ihren Müttern begleitet und
-von bescheidenem, feinem Wesen. Er sagte ihnen Schmeicheleien, die
-sie mit niedergeschlagenes Augen anhörten. Eine von ihnen beklagte
-sich über Kopfschmerz. Während +Casanova+ ihr sein Riechfläschchen
-bot, sagte eine ihrer Gefährtinnen: „Ohne Zweifel hast Du schlecht
-geschlafen.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte die unschuldige Agnes,
-„ich glaube ich bin in anderen Umständen.“ Bei dieser so unerwarteten
-Antwort eines jungen Mädchens, das er nach ihrem Alter und Aussehen für
-eine Jungfrau gehalten hatte, sagte +Casanova+: „Ich glaubte nicht,
-dass Madame verheiratet wären.“ Sie sah ihn einen Augenblick überrascht
-an. Dann wandte sie sich gegen ihre Gefährtin und beide lachten um die
-Wette.[246]
-
-Die Figurantinnen und Choristinnen der Oper empfingen keine Gage,
-sodass „zahlreiche Herren den Mangel des Honorars ersetzen mussten“.
-Diese Kaste suchte mit wenigen Ausnahmen einen Stolz darin zu setzen
-„verächtlich zu sein“. Es gab in jener Zeit bei der Oper mehrere
-Figurantinnen und Sängerinnen, die eher hässlich als nur leidlich zu
-nennen waren, kein Talent hatten und dennoch sehr behaglich lebten.
-Denn es verstand sich von selbst, dass ein solches Mädchen, auf jede
-Tugend verzichten musste, um nicht zu verhungern.[247]
-
-Aus einem im „Espion anglais“ mitgeteilten Dialog über die
-+berühmtesten Dirnen+ von Paris erfahren wir, dass dieselben fast
-durchweg der Theaterwelt angehören.[248]
-
-Die Opernsängerin +La Guerre+ war jene Dame, für welche der Herzog von
-+Bouillon+ in drei Monaten 800000 Livres verschwendet hatte.
-
-Die Dirne +La Prairie+ gehörte zu denjenigen Weibern, welche sich
-dem Marschall Prinzen von +Soubise+ in dessen „petite maison“ nackt
-zeigen mussten. „C’est le costume chez Son Altesse comme chez l’Abbé
-Terrai!“ Dieser moralische Geistliche hatte in seinem Hause in der Rue
-Notre-Dame ein Zimmer mit einem kostbaren Bette. Stieg die jeweilige
-Angebetete hinein, so fand sie ein verhülltes Gemälde, das nach der
-Enthüllung den schönen Körper einer nackten Frau zeigte. „Madame, c’est
-le costume“, bemerkte der +Abbé+ kaltblütig, indem er ihr durch diese
-Worte anzeigte, dass er auch sie in diesem Kostüm bei sich zu haben
-wünschte.
-
-Die berühmte Mademoiselle +Du Thé+ war anfänglich als „Rosalie“
-Choristin der Oper und als solche wurde sie ausersehen, den jungen
-Herzog von +Chartres+ in die „Uebungen der Venus“ einzuweihen. Als sie
-von diesem Prinzen verlassen wurde, ging sie nach London, ruinierte
-dort mehrere Lords, kehrte nach Paris zurück, wo sie eine Spielhölle
-eröffnete, die ihr viel Geld einbrachte und nur sehr Reichen Zutritt
-gestattete. Diese Messalina war überaus geldgierig und eigennützig.
-Später wurde sie die Geliebte des Grafen von +Artois+. Ein junger in
-sie verliebter Musketier, der keine Erhörung fand, sandte ihr folgendes
-malitiöse Gedicht:
-
- Du Thé tu cherches à plaire
- A qui peut t’enrichir;
- Moi qui suis mousquetaire
- Je n’ai rien à t’offrir.
- Mais je sais faire usage
- D’un moment de loisir,
- Un homme de mon âge
- Ne paie qu’en plaisir.[249]
-
-Die +Du Thé+ schwelgte nicht immer in Gold. In einem Bericht des
-Polizeiinspektors +Marais+ vom 12. Dezember 1766 heisst es: „Gestern
-hatte die +Du Thé+ keinen +Sou+! sie musste sich einen Thaler und 6
-Livres leihen, um in die Italienische Oper gehen zu können.“[250]
-
-Die Schauspielerin +Dubois+ von der Comédie française hatte einen
-Katalog ihrer Liebhaber angefertigt, deren sie im Jahre 1775 bereits
-16527 zählte, nach 20 jähriger Geschäftstätigkeit, d. h. etwa drei pro
-Tag, da sie mit mehreren zu gleicher Zeit vorlieb nahm. „Sie hat die
-gleiche Gier nach dem Gelde und nach dem Vergnügen.“
-
-Diese sehr bekannte Geschichte hat offenbar den Marquis +de Sade+
-beeinflusst, wenn er in der „Philosophie dans le Boudoir“ (I, 94)
-die Madame St.-Ange erzählen lässt, dass sie in 12 Jahren sich 10-
-bis 12000 Männern hingegeben habe. Wieder eine Entlehnung aus der
-Wirklichkeit.
-
-Die +La Chanterie+, ursprünglich Choristin an der Oper, war von einer
-seltenen Schönheit, ein weiblicher Engel. Die Maler benutzten sie als
-Modell. So wurde sie auch als Madonna für ein Bild über dem Hauptaltar
-einer Kirche gemalt. Als ein Engländer, der die Sehenswürdigkeiten der
-Pariser Kirchen besichtigte, nachdem er vorher diejenigen der Theater
-nicht ohne bitteren Nachgeschmack genossen hatte, in diese Kirche kam
-und den Kopf der Madonna erblickte, rief er überrascht aus: „Ah! voilà
-la Vierge qui m’a donné la chaude-p...!“[251]
-
-Neben den Theaterdamen erfreuten sich die +Modistinnen+ und
-+Verkäuferinnen+ einer grossen Beliebtheit. Die „+jeunes ouvrières+“
-kommen denn auch bei +de Sade+ mehr als einmal vor. +Rétif de la
-Bretonne+ hat diese Klasse der Prostituierten mit besonderer Vorliebe
-in seinen Werken geschildert. Er unterhielt lange Zeit einen heimlichen
-Briefwechsel mit den Modistinnen eines grossen Modewarengeschäftes in
-der rue de Grenelle-Saint-Honoré. Die Inhaberin dieses Ladens war eine
-Madame +Devilliers+, die für die Gräfin +du Barry+ arbeitete. Letztere
-war selbst früher Modistin gewesen, bevor sie in das Bordell der
-+Gourdan+ eintrat. Das Leben und Treiben dieser Modistinnen schildert
-+Rétif+ besonders in „Le Quadragénaire“ (Genf 1777, 2 Bände).[252] Nach
-+Parent-Duchatelet+[253] traten Lustdirnen während der Revolutionszeit
-mit Vorliebe in Verkaufsläden ein. Man rechnete mehr als 20 dergleichen
-im Palais-Royal und unter ihnen acht, die sich in den alten hölzernen
-Gallerien befanden. Sie hatten zum Zeichen Gefässe, die mit Pulver von
-verschiedener Farbe gefüllt und in ganz eigentümlicher Art aufgestellt
-waren, so dass sie Jedermann kannte. Bisweilen bekränzte man sie noch
-mit Blumen. Jetzt denke man sich, was in diesen Orten geschah, welche
-aus zwei Teilen bestanden, einem Vorder- und einem Hinterladen, die
-beide meist sehr eng waren, statt aller Geräte aber nur einige Stühle
-und -- eine spanische Wand hatten. Die Berichte jener Zeit schildern
-auch die Abscheulichkeiten, welche hier vorgingen, die täglichen
-Störungen, welche dadurch im Garten und in den Gallerien veranlasst
-wurden. Letztere konnte kein nur einigermassen anständiger Mensch mehr
-besuchen.
-
-Dass in den +Restaurationen+, +Cafés+, +Kneipen u. s. w.+ die
-Prostitution kühn ihr Haupt erhob, wird nicht Wunder nehmen. +Casanova+
-pflegte, wenn er Liebesabenteuer suchte, zuerst in ein Café zu gehen,
-um dort eine Schöne zu ergattern. Der Paragraph 14 der französischen
-Polizeiverordnung vom 8. Oktober 1780, der gegen alle Schankwirte,
-Limonadenverkäufer u. s. w., welche unzüchtige Mädchen bei sich hatten,
-100 Francs Strafe verhängte, wurde niemals angewendet. Ausserdem galt
-er nur für die, welche an solche Mädchen vermieteten, nicht aber für
-jene, welche den bei ihnen Eintretenden zu trinken vorsetzten, wobei
-man annahm, dass sie letztere gar nicht kannten.[254]
-
-Auch das +Zuhältertum+ war bereits im 18. Jahrhundert stark entwickelt.
-Der Marquis +de Sade+ zeichnet mehrere Typen desselben, z. B. den
-+Dorval+ (Juliette I, 196 ff.), der es bereits durch die Arbeit
-seiner Dirnen zum Besitz von 30 Häusern gebracht hat. Im Jahre 1789
-spricht +Peuchet+ in seiner Encyclopädie von den Zuhältern und +Rétif
-de la Bretonne+ ebenso in seinem 1770 zum ersten Male erschienenen
-„Pornographe“. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts wurde dem Pariser
-Polizeileutnant eine Denkschrift übergeben, deren Verfasser sich
-darüber so äusserte: „Die Mädchen können nicht ohne Beschützer
-bestehen. -- Gewöhnlich fällt ihre Wahl auf den ärgsten Bösewicht, um
-anderen desto mehr Schrecken einzuflössen und gegen sie im Guten wie im
-Bösen eine Stütze zu haben. Hat einmal ein Mädchen ihre Wahl getroffen,
-so vermag sie nicht mehr, sich von ihm loszumachen; sie muss ihn
-in seiner Faulheit, seinem Trinken, Spielen und Ausschweifungen mit
-anderen Mädchen unterhalten (denn es giebt unter diesen Menschen
-einige, welche wegen ihres Rufes mehrere auf einmal haben), und kann
-sie der Tyrannei desselben nicht mehr widerstehen. So muss sie, um ihn
-loszuwerden, einen noch furchtbareren finden, der aber gerade darum
-noch ärgerer Tyrann und Despot ist.“[255]
-
-Zahlreich waren endlich die +Unterhändlerinnen+, +Kupplerinnen+,
-+Begleiterinnen u. s. w.+, dieses notwendige Correlat der Prostitution,
-das natürlich bei +Sade+ in allen Gattungen vertreten ist. Auf den
-letzten Seiten des „Pornographe“ findet sich ein Verzeichnis dieser
-„mamans publiques“ von Paris im vorigen Jahrhundert. Solche Frauen
-hatten mannigfaltige Namen. Diejenigen „Begleiterinnen“, die nicht mehr
-ihr Gewerbe treiben konnten und sich an liederliche Orte begaben, um es
-wenigstens bei anderen zu befördern, hiessen „Pieds-levés“, welchen die
-verschiedenartigsten Vermittelungsgeschäfte oblagen.[256]
-
-Die eigentlichen Kupplerinnen und Mädchenverkäuferinnen hiessen
-„maquerelles“, „baillives“ („Amtmänninnen“), „abbesses“, „supérieures“,
-„mamans“. Der Name „Maîtresse“ oder „Dame de maison“ kam erst seit 1796
-auf.[257]
-
-In „Justine“ und „Juliette“ sind alle Bordelle und Häuser der Unzucht
-reichlich mit Knaben und besonders kleinen Mädchen versehen, die hier
-den Zwecken der Wollust dienen und oft in Menge den grausamen Gelüsten
-geopfert werden. Das lässt auf eine grosse Ausdehnung des +Knaben+-
-und +Mädchenhandels+ im 18. Jahrhundert schliessen. Wie wir sahen,
-musste schon allein für den Hirschpark ein umfassender Mädchenhandel
-ins Werk gesetzt werden. Aber auch für andere ähnliche Institute und
-für Privatbedürfnisse existierte derselbe in grösstem Umfange.[258]
-Im 16. Bande der „Nuits de Paris“ giebt +Rétif de la Bretonne+
-ausführliche Nachricht über diese Schändlichkeiten, die „haarsträubend“
-sind. Man sah 1792 unter den Arkaden des Palais-Royal Kinder
-beiderlei Geschlechts, im „zartesten Alter“, auffällig gekleidet, von
-Kupplerinnen geführt, die die Kindheit profanierten und frühzeitig zu
-Grunde richteten. Bisweilen starben die unglücklichen Opfer nach den
-Schändlichkeiten, die man mit ihnen vornahm. „Man bezahlt das Kind,“
-sagt +Rétif+, „wie man ein Tier bezahlt. Der Preis wird vorher zwischen
-Eltern und Kupplerin vereinbart, welche dabei immer den Vorteil hat.“
-Rétif berichtet, dass dieser Handel schon unter dem ancien régime
-existierte und -- horribile dictu -- eine +Haupteinnahmequelle des
-Inspektors der Prostituierten bildete+, der davon vielleicht dem
-Polizeileutnant abgegeben habe! Dieser Handel wurde daher niemals
-unterdrückt. Der Censor +Mairobert+ kannte alle Details und machte
-+Rétif+ damit bekannt. Dieser erfuhr noch näheres von einer solchen
-teuflischen Händlerin, die ihm alle Mysterien ihres Geschäftes
-enthüllte.[259]
-
-+Rétif de la Bretonne+ hat sich vielfach mit der +Organisation+ der
-Prostitution beschäftigt, vor allem in seinem „Pornographe“ (1769,
-1770, 1786), einem Buche, in dem man nach +Parent-Duchatelet+ „Fragen
-von Ernst und Zurückhaltung auf eine sehr leichtsinnige Art behandelt
-findet.“ Das Buch entstand unter Mitwirkung eines Engländers +Lewis
-Moore+, des Advokaten +Linguet+ und des königlichen Censors +Pidanzat
-de Mairobert+.[260] +Rétif+ schlug darin der Polizei vor, in grossen
-Städten mehr oder weniger weitläufige Gebäude zu errichten, in welche
-+alle+ (!) öffentlichen Mädchen gehen müssten. Er gab den Plan zu
-den Häusern an und entwarf ein Reglement von 70 Artikeln, in welchem
-sich die seltsamsten Dinge finden, die man sich nur vorstellen kann.
-So teilt er die Mädchen in verschiedene Klassen, nach Massgabe ihrer
-Schönheit und Reize; er setzt die Preise fest und organisiert ein
-Personal für den inneren wie für den äusseren Dienst des Hauses;
-ebenso nimmt er im Voraus auf die Verheirateten, auf die Mädchen,
-welche schwanger werden, auf ihre Kinder dem Alter und Geschlecht
-nach Rücksicht; er beschäftigt sich mit dem Schicksale der Kranken,
-Schwachen und Bejahrten. Selbst den Kaplan oder Pfarrer vergisst er
-nicht. Endlich geht er auf die kleinsten Umstände, auf Wäsche, Nahrung,
-wahrscheinlichen Aufwand des Hauses ein. Rétif wurde wegen dieser
-Schrift mit Recht vielfach verspottet. Fast zur gleichen Zeit gab
-ein vielleicht von +Rétif+’s Schrift begeisterter Anonymus in einer
-Handschrift seine besonderen Ansichten über die Lustdirnen in Paris
-heraus. Die von ihm vorgeschlagenen Verbesserungen gründeten sich
-auf Errichtung von besonderen Häusern, deren jedes eine +Superiorin+
-haben sollte. Ihre Anzahl wünschte er, um die Aufsicht darüber zu
-erleichtern, auf +fünfhundert+ (!) beschränkt.[261]
-
-+Rétif+’s „Pornographe“ wurde eine der bekanntesten Schriften dieses
-Genres und erlebte wiederholte Auflagen. Ein Arzt, Dr. +Robert+ nahm
-in einer Schrift „De l’influence de la révolution française sur la
-population“ (Paris, an X, 2 Bände) den Plan +Rétif+’s wieder auf und
-schlug für diese Art von Bordellen den Namen „Korinthenäen“ vor. Der
-Marquis +de Sade+, der vielfach ein grosses Nachahmungstalent zeigt,
-versuchte gleichfalls dieses Thema in seiner Weise zu bearbeiten.
-Ein Pariser Bibliophile (M. H. B.) besitzt unter anderen auf +Sade+
-sich beziehenden Autographen und Dokumenten auch den von dem Marquis
-entworfenen Plan eines Lupanars, in dem die Einrichtung des Hauses, das
-Vestibül, die Frauengemächer, die „Folterkammern“ -- jede derselben
-dient einer besonderen Art von Folterung -- genau beschrieben werden.
-Er vergisst sogar nicht den Kirchhof, auf dem die Opfer begraben
-werden, welche bei diesen Orgien getötet werden. Geheime Thüren
-erleichtern den unbemerkten Eintritt oder Austritt. Zum Schlusse wird
-das „Menu eines aufregenden Diners“ beschrieben.[262]
-
-
-15. Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale.
-
-Das Palais-Royal ist eine Stadt in der Stadt. Es ist die +Dirnenstadt+
-von Paris und zugleich das Centrum des Pariser Lebens im 18.
-Jahrhundert, ein gesondert zu betrachtendes kulturgeschichtliches
-Objekt, das „mit seinen Spielhäusern, seinen royalistischen und
-jacobinischen Verschwörern, seinen Dirnen und Banditen, seiner
-vornehmen und doch verkommenen Kundschaft, seinem Luxus und
-seinem Elend eine kleine, aber keineswegs schöne Welt für sich
-darstellte.“[263]
-
-Das Palais-Royal, nicht weit vom Louvre, wurde in den Jahren 1629 bis
-1634 von +Lemercier+ an der Stelle der ehemaligen Hôtels +de Mercœur+
-und +de Rambouillet+ für den Kardinal +de Richelieu+ erbaut und später
-eine Zeit lang von +Ludwig+ XIV. bewohnt, der es umbauen liess und es
-seinem Enkel, dem Herzog von +Chartres+ schenkte, wodurch es an die
-Familie Orléans kam. Der Regent +Philipp+ von +Orléans+ inaugurierte
-das Palais-Royal als Hauptstätte des Vergnügens und der Ausschweifungen
-für die vornehme Welt. Sein Urenkel, Herzog +Louis Philipp Joseph+ von
-+Orléans+, der berüchtigte +Philippe-Egalité+ liess in den Jahren 1781
-bis 1786 den Palast gänzlich umbauen, so dass er seine heutige Gestalt
-annahm und sich zu einem grossen Complexe von Palast, Garten, Arkaden,
-Kaufhallen, Theatern, Cafés, Spiel- und Speisehäusern und zahlreichen
-Vergnügungsorten gestaltete. Die Hauptgalerien des Palais-Royal
-waren im Osten die „Galerie de Valois“, im Westen die „Galerie de
-Montpensier“, an deren nördlichem Ende das seit 1784 bestehende Théâtre
-du Palais-Royal lag, im Norden die „Galerie de Beaujolais“. 186 Arkaden
-umgaben den prächtigen +Garten+ des Palais-Royal, der in Form eines
-Parallelogrammes sich ausdehnte. In seiner unmittelbaren Nähe wurde
-das Theater der „Comédie française“ erbaut.[264]
-
-In Palais-Royal entwickelte sich nun vor und während der Revolution
-jenes überaus lebhafte und bunte Treiben, das so viele vortreffliche
-Schilderer aus allen Ländern gefunden hat. Wie es hier im Jahre 1750,
-also vor dem Umbau aussah, erzählt +Casanova+[265]: „Neugierig auf
-diesen so vielgerühmten Ort, beobachtete ich Alles. Ich sah einen
-ziemlich hübschen Garten, Alleen grosser Bäume, Bassins, hohe Häuser,
-welche ihn umgaben, viele Männer und Frauen, die spazieren gingen, hier
-und dort Bänke, auf denen man Broschüren, Parfums, Zahnstocher und
-Kleinigkeiten verkaufte. Ich sah ganze Haufen von Strohstühlen, die man
-für einen Sou vermietete, Zeitungsleser die sich im Schatten hielten,
-Mädchen und Männer, die allein oder in Gesellschaft frühstückten,
-Kellner, welche schnell die unter Laubwerk verborgenen Treppen hinauf
-und hinabeilten.“ Ein Abbé nannte +Casanova+ die Namen aller Dirnen,
-die dort herumspazierten.
-
-Aus dem Beginne der Revolution besitzen wir eine höchst interessante
-und wahrheitsgetreue Schilderung des Palais-Royal, dieser „capitale de
-Paris“, wie er es nennt, von dem oldenburgischen Justizrat +Gerhard
-Anton von Halem+, dem Freunde der Grafen +Stolberg+ und Verfasser der
-Geschichte des Herzogtums Oldenburg. Er war im Jahre 1790 in Paris.
-Schon beim Einzug lernte er das Hauptmerkmal dieser Stadt kennen.[266]
-Als die Reisenden hineinfuhren, wanden sich Haufen von Buben in
-Ringelreihen und sangen ein Chanson mit dem Refrain:
-
- Viva l’amour
- Viva l’amour!
-
-Dann heisst es in dem dreissigsten Reisebriefe: „Die Inschrift von
-Epikurs Gärten:
-
- „Fremdling! hier wird dir wohl sein!
- Das grösste Gut ist hier Wollust,“
-
-würde ganz für das Palais-Royal passen. Das Detail von seinen
-Herrlichkeiten, sowie von denen der Boulevards und des Pont-neuf, las
-man schon vor meiner Abreise in mehreren deutschen Journalen; und
-wenn ich Sie also geradezu in die allée des Soupirs führe, so kommen
-Sie an keinen unbekannten Ort. Hier muss ich Sie aber Ihrem Schicksal
-überlassen. Sehen Sie zu, wie Sie sich durch Scylla und Charybdis, die
-Braune und die Blonde, ohne zu scheitern durchschiffen. Verbinden Sie
-Ihre Augen, um nicht die vorüberrauschenden Schönen, deren Reize der
-Abend hebt, nicht ihre schmachtenden Blicke, nicht die Blumensträusse,
-die sie so freundlich darbieten, zu sehen; verstopfen Sie, wie Ulyss,
-Ihre Ohren, um weder jenes sanfte Gelispel, jene Tassoischen sorrisi,
-parolette e dolci stille di pianto o sospiri, jene lockenden „Viquets“
-(wie geht’s) und „good night, my dear Sir!“ noch den Sirenengesang zu
-vernehmen:
-
- „Aimons au moment du réveil,
- Aimons au lever de l’Aurore,
- Aimons au coucher du soleil,
- Durant la nuit aimons encore.“
-
-Trotz der etwas idealisierenden Erzählung Halem’s erkennt man, dass
-das Palais-Royal nichts weiter war als der Hauptversammlungsort der
-Freudenmädchen. +Halem+’s Schilderung ist deswegen von Interesse,
-weil ihr die Ehre widerfahren ist, von +Arthur Chuquet+, dem treuen
-Teutophilen, Freunde unserer Literatur und alter deutscher Bücher,
-ins Französische übersetzt zu werden[267]. +Halem+, der Mitglied des
-Jakobinerklubs wurde, berichtet auch haarsträubende Dinge über die
-sittliche Korruption in dem Hause, wo er Wohnung genommen hatte.
-
-Wenn im Jahre 1772 der Marquis +de Carraccioli+ noch bemerkt, dass
-das Palais-Royal die Promenade der Elegants sei, der Luxembourg die
-der Träumer, die Tuilerien, die „von aller Welt“, vor und nach der
-Oper, besonders des Abends, so konzentrierte sich nach dem Brande
-der Oper (1781) und nach der Umgestaltung des Palais-Royal durch den
-Bau von Galerien und Arkaden das gesamte Nachtleben von Paris an
-diesem Orte.[268] Hier spielten sich dann, besonders mit beginnender
-Dunkelheit, während der Revolution und des Direktoriums alle jene
-scheusslichen Szenen ab, deren wir zum Teil schon oben gedacht haben.
-Das Palais-Royal wurde eine „Höhle der Schurken und Dirnen“[269],
-die „Kloake von Paris“, wie es +Mercier+ in „Le nouveau Paris“ und
-+Rétif de la Bretonne+ in seinem grossen Werke über das Palais-Royal
-geschildert haben. +Rétif+ hat das Leben im Palais-Royal untersucht
-wie „der Anatom den Leichnam“. Im „Monsieur Nicolas“ schreibt er 1796:
-„Man weiss, dass das neue Palais-Royal das allgemeine Rendez-vous der
-Leidenschaften, Unternehmungen, der Wollust, Prostitution, des Spiels,
-der Agiotage, des Geldverkehrs, der Assignaten, und daher das Zentrum
-für alle Beobachtungen geworden ist. Dieser berühmte Bazar zog mich
-nicht blos durch seine Sehenswürdigkeiten an, sondern auch durch die
-Vergnügungen, welche ich dort fand.“[270]
-
-+Mercier+ wünscht lebhaft, dass doch +Lavater+, der berühmte
-Physiognomiker, an einem Freitag Abend im Palais-Royal anwesend sein
-möge, um dort auf den Gesichtern alles zu lesen, was der Mensch sonst
-im innersten Herzen zu verbergen pflegt. Dort seien die Dirnen, die
-Courtisanen, die Herzoginnen und die ehrbaren Bürgerfrauen und +Niemand
-täusche sich dort+. Aber vielleicht würde dieser grosse Doktor mit
-all seiner Wissenschaft sich täuschen. Denn hier handelt es sich
-um Unterscheidung sehr feiner Nüancen, die man an Ort und Stelle
-studieren müsse. „Ich behaupte nun, dass Herr +Lavater+ sehr grosse
-Mühe haben würde, eine Frau von Stellung von einer unterhaltenen Dirne
-zu unterscheiden, und dass der gewöhnlichste Kaufmannsgehilfe ohne
-grosses Studieren mehr davon weiss als er.“ Dort betrachtet man sich
-mit einer Ungeniertheit, die nirgends in der Welt üblich als in Paris,
-und in Paris nur im Palais-Royal. Man spricht laut, man ruft sich an,
-man nennt die vorbeigehenden Frauen mit Namen, ebenso ihre Gatten, ihre
-Liebhaber. Man charakterisiert sie mit einem Wort. Man lacht sich ins
-Gesicht. Und alles ohne beleidigende Absicht. Man wird im Wirbel mit
-fortgerissen und lässt sich alle Blicke und Worte gefallen. +Ja, in
-Paris und im Palais-Royal hätte Lavater seine physiognomischen Studien
-machen müssen.+[271]
-
-Dort empfingen auch die geistvollen Leute ihre Anregungen, suchten dort
-ihre Gesellschaft, gaben sich dort ihren Gedanken hin. „Es mag schön
-oder hässlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um
-5 Uhr abends im Palais-Royal spazieren zu gehen. Mich sieht man immer
-allein, nachdenklich auf der Bank d’Argenson. Ich unterhalte mich mit
-mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie,
-und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. Mag er
-doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder
-thöricht! So sieht man in der Allée de Foi unsere jungen Liederlichen
-einer Courtisane auf den Fersen folgen, die mit unverschämtem Wesen,
-lachendem Gesicht, lebhaften Augen, stumpfer Nase dahingeht; aber
-gleich verlassen sie diese um eine andere, necken sie sämtlich und
-binden sich an keine. Meine Gedanken sind meine Dirnen.“ So spricht
-+Diderot+ im Anfange von „Rameaus Neffe“ nach der Uebersetzung unseres
-+Goethe+. Wieder ein köstliches Genrebild aus dem Palais-Royal und eine
-merkwürdige Vergleichung.
-
-Diese „nächtlichen Promenaden“ im Palais-Royal waren in der ganzen
-Welt berühmt und repräsentierten die erste Pariser Sehenswürdigkeit.
-Hier suchte man pikante Abenteuer und fand sie. Es kam oft vor, dass
-Männer, die im Palais-Royal ihr Vergnügen suchten, bei den nächtlichen
-Promenaden ihre eigenen Frauen in gleicher Absicht lustwandelnd
-ertappten oder gar mit einem Galan überraschten.[272] Die Frauen des
-Palais-Royal waren alle Dirnen, ob sie nun zur engeren Prostitution
-gehörten oder nicht. Wer sich nächtlicher Weile dorthin begab,
-hatte sich damit einen gewissen Stempel aufgedrückt. Ein galantes
-Gedicht feiert diese nächtlichen, sternenbeglänzten Schönheiten des
-Palais-Royal.[273]
-
- Vivent les nuits étoilées
- De ce jardin enchanteur
- Où nos femmes sont voilées,
- Aux dépens de la pudeur!
- Dessous ces fraiches allées
- La moins sage est à l’abri
- De la honte et du mari.
-
- Ce mélange d’impudence,
- De tendresse et de gaîté,
- Depuis quelque temps en France,
- Fait notre amabilité.
- La prude et froide décence
- Combat, brouille tous les goûts;
- La licence les joint tous.
-
-Die berühmte „Seufzerallee“ (Allée des Soupirs) war die Promenade der
-schönsten und verführerischsten Mädchen und Frauen, die sich aus allen
-Gesellschaftsklassen rekrutierten. Vornehme Damen, die Theaterwelt,
-die höhere Demi-monde und die feineren Dirnen waren hier das Ziel
-der beutelustigen Lebemänner. Aber auch in den übrigen Alléen, in
-der „Allée de la Foi“, den „Allées de Club“, unter den Colonnaden
-und Arcaden tummelten sich unzählige Spenderinnen der Lust, begehrt,
-verfolgt und umworben von jungen und alten Wüstlingen aus allen
-Teilen der Welt. Hier war das Eldorado der Prostitution. Hier waren
-ihre Schlupfwinkel in Gestalt zahlreicher Verkaufsläden, Kneipen,
-Spielhäuser, Variétés, Theater. Hier lernte +Rétif de la Bretonne+ von
-seinem Freunde, dem berüchtigten Charlatan +Guilbert de Préval+, der in
-alle Geheimnisse und Arten der Wollust im Palais-Royal eingeweiht war,
-„die verschiedenen Arten, sich mit Frauen zu amüsieren“ kennen oder
-„wie man die Frauen zum Vergnügen der Männer abrichtet“. +Rétif+ konnte
-aus der Erinnerung die Namen der Dirnen der Seufzerallee aufschreiben,
-er kannte auch die „Huris“, die „Exsunamitinnen“, die „Berceuses“,
-die „Chanteuses“, die „Converseuses“, lauter „dem 18. Jahrhundert
-eigentümliche moralische Phänomene“ oder wie wir heute sagen würden,
-lauter verschiedene sexualpathologische Typen. +Rétif+’s Werk über
-das Palais-Royal ist uns durch einen Neudruck (bei +A. Christiaens+
-in Brüssel, 3 Bände) zugänglich geworden. Der Verfasser sagt über
-den Inhalt desselben in der Vorrede: „Pfui! welch eine Geschichte!“
--- Ha! ha! gnädiger Herr, gnädige Frau, gnädige Fräulein, machen Sie
-nicht immer so ‚Pfui‘! Sie lesen doch die Geschichte des Affen, des
-Ochsen, des Elephanten, des Rhinoceros, und +Buffon+ hat Sie für den
-Esel zu interessieren gewusst. .. Wir werden Ihnen von menschlichen
-Wesen erzählen und ein sehr moralisches Buch über sehr unmoralische
-Geschöpfe schreiben, die trotz einiger Aehnlichkeiten sich weit über
-Stuten, Eselinnen und alles mögliche Getier erheben. Die Schönen des
-Palais-Royal sind sehr hübsch, besonders die jungen. Was die Alten
-betrifft, so ist es damit wie überall: ein altes Tier ist niemals
-schön. -- Wie es sich auch verhalte, wir werden Ihnen merkwürdige,
-unerhörte Sitten vorführen, viel pikantere als vor sechs Monaten. Aber
-vorher wollen wir eine Vorstellung geben von dem Gesichte, dem Alter,
-dem Wuchse, der Haltung, dem Gange, den Sitten und Talenten dieser
-Schönen, unter den „noms de guerre“, die sie angenommen haben.“ Hierauf
-beschreibt +Rétif+ 32 Freudenmädchen aus der „Allée des Soupirs“, die
-man auch auf einem dem ersten Bande beigegebenen Bilde erblickt. Er
-erzählt dann die Geschichte jedes einzelnen Mädchens, wobei häufig
-die interessantesten Streiflichter auf die Sitten der Revolutionszeit
-fallen. Der zweite Band führt uns in den berühmten „Cirkus“ des
-Palais-Royal. „Die Majestät dieses Saales, der Reiz des Orchesters,
-die anmutigen Bewegungen der Tänzerinnen, die Schönheit, die Eleganz
-der Zuschauerinnen, alles trug dazu bei, um diesem schönen Souterrain
-ein magisches Aussehen zu geben. Ferner wurde die Aufmerksamkeit durch
-Spiele erregt, durch Kaffeetische und heimliche Cabinette, welche
-der Wollust und selbst der Liebe als Zufluchtsort dienen konnten.
-Nachdem wir alles dies geprüft hatten, bemerkten wir gegen neun Uhr,
-in dem Augenblick, wo alle anständigen Frauen hinausgingen, um fein
-zu soupiren, dass nur die +öffentlichen Mädchen+ dort blieben. Wir
-beobachteten sie neugierig in unserer Eigenschaft als Aushorcher.“ Eins
-der zurückbleibenden Mädchen diente ihnen als Cicerona und berichtete
-ihnen über die anderen, die sogenannten „Sunamitinnen“.
-
-Die +Sunamitinnen+ trugen ihren Namen nach der bekannten Beischläferin
-des Königs +David+, welche durch ihre Lebenswärme die Kräfte des
-alternden Königs neu beleben sollte. In Paris gab es im vorigen
-Jahrhundert Unternehmerinnen im Palais-Royal, die sich zu diesem Zwecke
-zahlreiche Mädchen hielten, die in der ersten Blüte ihres Alters und
-vollkommen gesund sein mussten, was man durch den Genuss ausgewählter
-Speisen und durch tägliche Bewegung zu unterstützen suchte. Zu der
-Kur eines einzigen Mannes werden sechs Mädchen erfordert. Das erste
-Mal war die Matrone selbst gegenwärtig, liess den Patienten in ein
-aromatisches Bad steigen und nahm eine gründliche Reinigung seines
-Körpers vor. Dann legte sie ihm einen festen Maulkorb an, führte ihn
-zu Bette und legte zu beiden Seiten von ihm eine Sunamitin, deren Haut
-die seinige berührte. Ein paar Mädchen konnten diesen Dienst nur 8
-Nächte hintereinander versehen, dann lösten ein paar frische sich ab
-und die beiden ersten ruhten aus, badeten sich die ersten beiden Tage,
-und vergnügten sich 14 Tage lang, bis die Reihe wieder an sie kam. Der
-Alte musste nicht nur das dienstthuende, sondern auch die ausruhenden
-Mädchen bezahlen, im ganzen drei Louisdors. Jedes Mädchen bekam sechs
-Francs und die Matrone behielt die zwölf übrigen für sich. Man gab
-sorgfältig Acht, dass die jungfräuliche Keuschheit dieser Sunamitinnen
-unangetastet blieb. Denn sonst würden die Lebensverlängerinnen,
-besonders während der Schwangerschaft, schädlich statt nützlich
-sein. Erlaubte sich der Patient den Genuss eines solchen Mädchens,
-so würde er sich nicht allein sehr schaden, sondern musste auch eine
-beträchtliche Summe verlieren, die er gleich anfangs in die Hände der
-„Wiederherstellerin“ niederzulegen verpflichtet war. Ein Mädchen diente
-zu diesem Gebrauche drei Jahre, von dem Zeitpunkt an gerechnet, wo
-sie mannbar wurde. Später würde sie den Greis beherrschen und „seine
-Ausflüsse zurückstossen, statt durch ihre Einflüsse auf ihn zu wirken“,
-und würde sie ihm die „verderbten Auswurfsflüssigkeiten zurückgeben,
-die sie von ihm empfangen hatte.“ Ein Mädchen, das täglich gebraucht
-wurde, konnte höchstens nur ein Jahr tauglich bleiben. Die Periode
-des sunamitischen Dienstes war gleichsam das Noviziat zum Orden der
-Buhlerin. War jene vorüber, so wurden sie in diesen eingeweiht.[274]
-
-Auch in der „Justine“ des Marquis +de Sade+ muss die Titelheldin einem
-greisen Mönche diese nächtlichen sunamitischen Dienste leisten (Justine
-II, 228).
-
-Der dritte Band von +Rétif+’s „Palais-Royal“ spielt in den „Colonaden“
-und führt uns dort die „Converseuses“ oder „Exsunamitinnen“ vor, 43 an
-der Zahl, die vornehme Damen auf die mannigfaltigste Weise unterhalten
-mussten.
-
-Von einer anderen Spezialität des Palais-Royal erzählt +Mercier+[275].
-In einem Restaurant, das gleichzeitig ein Bordell war, öffnete sich
-während der Mahlzeit in einem Salon particulier auf ein gegebenes
-Zeichen beim Rauschen einer sanften Musik und unter einer Wolke von
-Wohlgerüchen der Balkon, und herabstiegen, wie aus einem Olymp, ebenso
-schön als -- leicht gekleidete Nymphen, die dann -- die Verdauung
-befördern halfen. Eine „satanisch geistreiche“ Erfindung.
-
-Die vierundvierzig Figurae Veneris, die ein lasciver französischer
-Schriftsteller zusammengestellt hat, könnten wohl bis aufs halbe
-Hundert vermehrt werden, wenn man alle die Anerbietungen addierte,
-welche einem zwischen elf und zwölf Uhr in einer schönen Sommernacht
-in den hölzernen Gallerien des Palais-Royal von den ebenso viele
-Spezialitäten der Liebe durch ihre verschiedenen Namen ausdrückendes
-Dienerinnen der Venus gemacht wurden[276].
-
-In der Schreckenszeit wurde das Palais-Royal ein Schauplatz der
-wüstesten Orgien und ein ständiger Aufenthaltsort für den Auswurf
-der Prostitution, für die +Soldatendirne+. Der Garten, die Gallerie
-und andere öffentliche Räumlichkeiten des Palais-Royal wurden
-„ebenso ekelhafte als ruhestörende Tummelplätze des Militärs und
-der Freudenmädchen. Auf die schamloseste Weise ergingen sie sich
-beiderseits öffentlich und rudelweise in den schmutzigsten Handlungen
-und Zoten, so dass die Passage gehemmt ward und kein anständiger Mensch
-sich blicken lassen durfte. Im Verlaufe des Jahres gestaltete sich
-auch die Wasserseite des Tuileriengartens abends zu einem ähnlichen
-Stelldichein in Masse zwischen Soldaten und liederlichen Weibsbildern,
-die, den Skandal nicht achtend, hier offen Unzucht trieben und
-Frechheiten aller Art. Ausserhalb und innerhalb der Stadt feierten die
-Soldaten schauerliche Orgien.“[277] Fast alle Soldaten in der Garde
-waren Zuhälter. Ja, viele nahmen in diesem Corps nur Dienste, um auf
-Kosten einiger Dirnen zu leben.[278]
-
-Schliessen wir unsere Schilderung des Palais-Royal mit den Worten eines
-der besten Kenner der gesamten Pariser Korruption im 18. Jahrhundert.
-+Mairobert+ ruft im „Espion anglais“ aus: „Tous ces monuments du luxe
-et de la volupté française +n’approchent pas+ d’une sorte de spectacle
-qui s’est établi naturellement et +sans frais+, bien supérieur, suivant
-moi, par l’aisance, la familiarité, l’abandon qui y règnent. +Ce sont
-les promenades nocturnes du Palais-Royal.+“[279]
-
-Gegenüber dem Palais-Royal verschwanden die übrigen Vergnügungslokale,
-die trotzdem in grosser Zahl vorhanden, aber nur von kurzer Dauer
-waren, zumal da sie im Gegensatze zum Palais-Royal ein Entrée
-erhoben. Die +Vaux-hall d’été+ und +d’hiver+, das +Colisée+ waren die
-besuchtesten Unterhaltungsorte, in denen man nach Entrichtung von 1
-bis 3 Livres Entrée sich ebenfalls der verschiedenartigsten Genüsse
-erfreuen konnte.
-
-Ein italienischer Artist +Torré+ oder +Torres+ eröffnete das +Vaux-hall
-d’été+ im Jahre 1764 am Boulevard Saint-Martin. Hier wurden Feuerwerk,
-Illuminationen veranstaltet, Ausstattungsstücke gegeben. Von 1768 an
-kamen Bälle, ländliche Feste, Pantomimen und Clownkunststücke hinzu.
-
-Das +Vaux-hall d’hiver+ befand sich im westlichen Teile des Stadtteils
-Saint-Germain, nahe der rue Guisard. 1769 erbaut, wurde es am 3.
-April 1770 eröffnet. Hier wurden hauptsächlich Ballets von schönen
-Tänzerinnen aufgeführt. Im Jahre 1785 musste das Unternehmen aufgegeben
-werden.
-
-Das +Colisée+ war ein Gebäude mit Garten für Tänze, Gesang,
-Schauspiele, Feste, Feuerwerk u. s. w. Es lag im äussersten Westen
-der Champs-Elysées, rechts von der Avenue Neuilly und wurde bei der
-Vermählung des Dauphins (späteren +Ludwig+ XVI.) eröffnet. Schon 1778
-ging das Etablissement ein.
-
-Nach +Dulaure+ war der öffentliche Zweck dieser Etablissements, wie der
-vieler ähnlicher, die Pariser zu amüsieren. Der geheime Zweck aber war
-der, sie „zu verderben, zu betäuben und auszuplündern.“ Es wimmelte
-dort von Tänzerinnen und öffentlichen Dirnen.[280]
-
-
-16. Die Onanie im 18. Jahrhundert.
-
-Wir gehen nach der Schilderung der Verhältnisse der Prostitution
-und nach der Beschreibung ihrer Hauptsitze nunmehr dazu über, die
-hauptsächlichsten Verirrungen des Geschlechtslebens zu untersuchen und
-beginnen mit der gewöhnlichsten, der +Onanie+.
-
-Das „branler“ wie der technische Ausdruck bei +Sade+ lautet, kehrt fast
-auf jeder Seite wieder. Gleich im Anfang der „Justine“, als Justine
-über den Verlust ihrer Eltern trauert, zeigt ihr Juliette, die im
-Kloster diese Praktiken erlernt hat, an sich selbst die Befriedigung
-durch Manustupration. Diese wollüstige Erregung, die man sich jeden
-Augenblick ohne einen anderen verschaffen könne, sei der beste Trost
-über alles Leid, da die Onanie mit Sicherheit alle Schmerzempfindungen
-zum Verschwinden bringe. (Justine I, 5). Delbène, die Oberin des
-Klosters, in dem Juliette erzogen wurde, eine sehr wollüstige Frau,
-hatte schon im Alter von neun Jahren „ihre Finger daran gewöhnt, den
-Wünschen ihres Kopfes zu antworten“ (Juliette I, 3). In der „Société
-des amis du crime“ existiert sogar ein eigner „Saal für Masturbation“
-(Juliette III, 65). Der Herzog von Chablais rühmt denn auch die
-„französische Methode“ der Onanie als die beste (Juliette III, 292).
-Madame de St-Ange, welche der Eugenie im Anfang der „Philosophie dans
-le Boudoir“ einen ganzen Lehrkursus in den Künsten und technischen
-Ausdrücken der Liebe erteilt, vergisst auch nicht, sie mit der Onanie
-bekannt zu machen, dieser bequemen Art „de se donner du plaisir“
-(Philosophie dans le Boudoir I, 43). --[281]
-
-+Mairobert+ lässt die Madame +Richard+ sich in charakteristischer Weise
-über die ungeheuere Verbreitung der Onanie in Frankreich äussern.
-Diese so raffinierte Kunst, welche, wie sie von einem Geistlichen und
-Mitglied der Akademie der schönen Wissenschaften erfahren habe, bei
-den Alten sehr in Flor gewesen, später aber vernachlässigt worden sei,
-werde immer mehr Mode in diesem Jahrhundert der Wollust und der --
-Philosophie. In den berühmten Bordellen der +Florence+, der +Paris+,
-der +Gourdan+, der +Brisson+, könne man diese Künste sehen. „Viele
-treiben auch einfache und mutuelle Onanie, um keine Kinder zu bekommen
-oder die syphilitische Ansteckung zu vermeiden.“[282]
-
-Höchst realistisch, in glühend sinnlichen Farben schildert +La Mettrie+
-die „voluptueuse approche des doigts libertins“[283], und die mutuelle
-Onanie zwischen Frauen muss sehr verbreitet gewesen sein, um das
-folgende boshafte Couplet hervorzurufen[284]:
-
- Il est des Dames cruelles,
- Et l’on s’en plaint chaque jour:
- Savez-vous pourquoi ces belles
- Sont si froides en amour?
- Ces Dames se font entr’elles,
- Par un généreux retour
- Ce qu’on appelle un doigt de cour.
-
-Für immer verewigt sind die zügellosen Ausschweifungen der Onanie im
-18. Jahrhundert durch die berühmte Monographie von +Simon André Tissot+
-über die Onanie,[285] das erste Werk seiner Art, das „in glühendsten
-Farben, in brillantem, geradezu klassischem Stile die Folgen unseres
-Lasters, überhaupt sexueller Ausschweifungen der damaligen verlotterten
-französischen Bourgeoisie vor Augen führte, ein Werk, das trotz seiner
-Ueberhebungen und Uebertreibungen der Folgen der Onanie oder wohl auch
-infolge derselben ein ungeheures Aufsehen erregte und zu europäischer
-Berühmtheit gelangte, das viele Auflagen erlebte und von der damaligen
-Zeit fast verschlungen wurde.“[286]
-
-
-17. Die Tribadie im 18. Jahrhundert.
-
-Dieses Kapitel ist vielleicht das kulturgeschichtlich merkwürdigste in
-Beziehung auf das Geschlechtsleben Frankreichs im 18. Jahrhundert. Wir
-glauben nicht, dass selbst das antike Lesbos derartige Zustände gesehen
-hat, wie sie in Frankreich im vorigen Jahrhundert herrschten. Auch hier
-spiegeln die Werke +de Sade’s+ getreu das Bild jener Zeit wieder und
-belehren über die Häufigkeit des amor lesbicus oder der sapphischen
-Liebe.
-
-Die „Juliette“ wird gleich eröffnet mit der Beschreibung der
-wollüstigsten tribadischen Szenen zwischen den Nonnen des Klosters
-Panthémont (Juliette I, 43 ff.); Mondor ergötzt sich an einer
-ihm vorgeführten lesbischen Liebesszene (Juliette I, 283). Ein
-ausgezeichneter Typus einer Tribade wird in der von einem glühenden
-Männerhasse erfüllten Clairwil gezeichnet (Juliette II, 106), die dann
-gleich mit Juliette und vier anderen Frauen eine Orgie veranstaltet
-(Juliette II, 138-150 auch III, 157.) Die höchste tribadische Kunst
-findet sich in Bologna (Juliette III, 306 ff.). Die Prinzessin Borghese
-(Juliette IV, 100 ff.), die Königin Karoline von Neapel (Juliette V,
-259, VI, 12 ff.) sind Tribaden. Sehr zahlreiche Anhänger hat diese
-Spezialität der Liebe in Venedig (Juliette VI, 156 ff.).
-
-In „Justine“ kommen ebenfalls, wenn auch nicht so häufig, lesbische
-Szenen vor, z. B. zwischen Dorothée und Madame Gernande (Justine III,
-284); Séraphine ist eine Verehrerin der sapphischen Kunst (Justine IV,
-116).
-
-Auch an Andeutungen zu einer +Erklärung+ der Tribadie lässt es +Sade+
-nicht fehlen. Eine tribadische Orgie zwischen Juliette und der Durand
-betrifft eine junge und alte Frau, welche letztere im Herbst ihres
-Lebens wohl keine Männer mehr anlockt und daher gern geneigt ist, als
-Surrogat die Liebe beim gleichen Geschlecht zu suchen (Juliette III,
-60-64). Vielleicht prädestinierte sie aber auch ihre „lange Clitoris“
-zu diesem Geschicke. Wenigstens hebt +Sade+ bei einer anderen Tribade
-Madame de Volmar (Juliette I, 34) dies ausdrücklich hervor. Diese, erst
-20 Jahre alt, ist „die wollüstigste Gefährtin der Delbène und hat eine
-‚clitoris de trois pouces‘, wodurch sie befähigt wird, die Rolle eines
-Mannes und Paederasten zu spielen.[287] Solch ein Weib mit männlichen
-Allüren ist auch die venezianische Tribade Zatta (Juliette VI, 194).
-+Sade+ behauptet, dass fast alle Tribaden die Praktik der Paedicatio
-übten. Denn mit den Leidenschaften der Männer hätten sie auch deren
-Raffinements sich angeeignet und „comme celui de la sodomie[288] est le
-plus délicat de tous, il est tout simple qu’elles en composent un de
-leurs plus divins plaisirs“. (Justine I, 253).
-
-Eine grosse von 30 Hofdamen ausgeführte Tribadenszene beschreibt auch
-+Mirabeau+ in „Ma conversion“.[289]
-
-Die Schilderungen dieser Autoren, denen sich noch +Diderot+ mit seiner
-„Nonne“ und zahlreiche Andere anreihen liessen, haben die Wirklichkeit
-nicht überboten. +Mairobert+ hat nämlich in seinem „Espion anglais“
-mehrere hochinteressante Dokumente beigebracht, welche uns einen
-überraschenden Einblick in das Treiben und die Organisation der Pariser
-Tribaden des 18. Jahrhunderts gewähren. Es ist die schon öfter erwähnte
-„Confession d’une jeune fille“, welcher wir hier folgen[290] und
-welche uns ein lebensvolles Bild der Mysterien der berüchtigten „Secte
-Anandryne“ entrollt, welche im „Tempel der Vesta“ ihre Orgien feierte.
-
-Ein junges Mädchen aus dem Dorfe Villiers-le-Bel, Tochter eines Bauern,
-war von der Madame +Gourdan+ für ihr Bordell eingefangen worden.
-Eines Tages traf der Vater sie als Dirne bei den Tuilerien. Es kam
-zu einem grossen öffentlichen Skandale. Die Tochter war aber bereits
-für die königliche Akademie der Musik verpflichtet worden, so dass
-der Vater unverrichteter Sache heimkehren musste. Ausserdem war sie
-schwanger. +Mairobert+, der dem Auftritte beiwohnte, liess sich von dem
-Mädchen, die sich Mademoiselle +Sapho+ nannte, ihre Lebensgeschichte
-erzählen. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, dass +Mairobert+,
-als königlicher Censor in alle Geheimnisse der Pariser Gesellschaft
-eingeweiht, in die „Confession d’une jeune fille“ seine eigenen
-Erfahrungen verwebt hat. Auf jeden Fall stellt diese seltsame Beichte
-einen der allerwichtigsten Beiträge zur Kultur und Sittengeschichte des
-vorigen Jahrhunderts dar, dem wir daher eine ausführliche Besprechung
-widmen.
-
-Von Jugend auf war Sapho zur Koketterie geneigt, putzsüchtig, eitel,
-faul und vergnügungssüchtig, kurz sie besass alle Anlagen, um eine
-Dirne zu werden. Mit 15 Jahren war sie bereits sehr lasciv, so dass
-sie sich in ihrer Nacktheit selbst bewunderte und den Spiegel häufig
-benutzte,[291] wobei sie sich selbst am ganzen Körper liebkoste. „Je
-caressais ma gorge, mes fesses, mon ventre; je jouais avec le poil noir
-qui ombrageait déjà le sanctuaire de l’amour;[292] j’en chatouillais
-légèrement l’entrée. Cependant je sentais en cette partie un feu
-dévorant; je me frottais avec délice contre les corps durs; +contre
-une petite sœur+ que j’avais.“ Dieses Geständnis ist sehr lehrreich
-und beweist, wie so häufig eine sexuelle Perversität zu Stande kommt.
-Nehmen wir an, Sapho wäre nicht von der +Gourdan+ entführt worden,
-wäre weiter so streng von ihren Eltern im Hause gehalten worden, ohne
-Gelegenheit zum Verkehr mit einem Manne zu finden, so ist es klar,
-dass eine solche zügellose und feurige Natur ganz von selbst auf den
-Weg der Tribadie gedrängt worden wäre, indem sie sich immer mehr an
-ihre Schwester gewöhnt hätte, und schliesslich dieser Umgang ihr ein
-Bedürfnis geworden wäre. Die +Gewohnheit+, das +Erworbensein+ der
-conträrsexuellen Gefühle spielt die Hauptrolle. Wir betrachten die
-Heredität sehr skeptisch.
-
-Eines Tages wurde Sapho bei diesen Manipulationen von ihrer Mutter
-überrascht und sehr hart bestraft, so dass sie beschloss, aus dem
-Elternhause zu entfliehen. Wie wir früher erwähnten, hatte Madame
-+Gourdan+ eine Filiale ihres Pariser Bordells in Villiers-le-Bel, deren
-Insassinnen Sapho oft schön geschmückt, lachend, singend und tanzend im
-Dorfe umhergehen sah. Sie beschloss, dorthin zu gehen, wurde natürlich
-mit Freuden aufgenommen und von der +Gourdan+ nach Paris gebracht, wo
-sie zunächst bei einem Helfershelfer, einem Gardisten, untergebracht
-wurde, dessen Frau die erste Prostituierung der +Gourdan+’schen
-Novizen besorgen musste. Nachdem dieselbe aber eine genaue Inspektion
-des Mädchens vorgenommen hatte, verzichtete sie auf ihr gewöhnliches
-Vorhaben und richtete folgenden charakteristischen Brief an die
-+Gourdan+[293]:
-
- „Sie haben ein Peru in diesem Kinde gefunden; sie ist bei meiner
- Ehre ‚pucelle‘, wenn sie nicht ‚vierge‘ ist. Aber sie hat clitoridem
- diabolicam. Sie wird sich daher mehr für Frauen als für Männer
- eignen. Unsere renommierten Tribaden müssen Ihnen diese Acquisition
- mit Gold aufwiegen.“
-
-Von dieser Entdeckung benachrichtigte die +Gourdan+ sofort Madame +de
-Furiel+, eine der berühmtesten Tribaden von Paris, durch den folgenden
-Brief:
-
- „Madame,
-
- ich habe für Sie ein Königs- oder vielmehr ein Königinnenstück
- entdeckt -- für diejenigen wenigstens ist es das, die Ihren
- depravierten Geschmack haben -- denn ich kann eine meinen Neigungen
- ganz entgegengesetzte Leidenschaft nicht anders beurteilen. Aber ich
- kenne Ihre Freigebigkeit, die mich veranlasst, meine Rigorosität
- etwas zurückzuhalten, und benachrichtige Sie, dass ich zu Ihren
- Diensten pulcherrimam clitoridem von Frankreich halte, eine Jungfrau
- von höchstens 15 Jahren. Probieren Sie dieselbe (essayez-la) und
- ich bin überzeugt, dass Sie mir nicht dankbar genug sein können.
- Andernfalls senden Sie mir dieselbe zurück, vorausgesetzt, dass
- Sie ihr nicht zu viel angethan haben. Es wird immer noch eine
- ausgezeichnete Jungfrauenschaft für die besten Feinschmecker sein.
-
- Verbleibe in Hochachtung u. s. w.
-
- Ihre +Gourdan+.“
-
-Das Geschäft kam zu Stande, und Sapho wurde für 100 Louisdors an die
-+Furiel+ verkauft.
-
-Es folgt nun eine Schilderung des üppigen Hauses der Madame +de
-Furiel+. Zuerst musste Sapho ein Bad nehmen, erhielt ein opulentes
-Souper und musste dann schlafen gehen. Am folgenden Morgen untersuchte
-zunächst der Zahnarzt der +Furiel+ Saphos Mund, brachte die Zähne
-in Ordnung, reinigte sie und gab ihr ein aromatisches Mundwasser.
-Dann erfolgte wieder ein Bad, sorgfältiges Beschneiden der Nägel an
-Händen und Füssen und Entfernen der Hühneraugen und -- überflüssigen
-Haare; Kämmen der Haare. Zwei junge Gartenmädchen reinigten ihr alle
-Körperöffnungen, aures, anum, vulvam,[294] massierten voluptueusement
-alle Gelenke nach Art der „Germanen“, um sie biegsamer zu machen.
-Darauf begoss man sie mit wohlriechenden Essenzen in grossen Mengen,
-frisierte sie mit einem sehr lockeren Chignon, dessen Locken auf
-Schultern und Busen wallten und steckte ihr Blumen ins Haar. Ein Hemd
-à la tribade, d. h. vorn und hinten offen (vom Gürtel an bis unten)
-und mit Bändern geschmückt, ein Mieder um die Brust und ein „Intime“
-d. h. ein aus Mousselinstoffen bestehender Unterrock, der sich eng an
-den Körper anschmiegte, darüber eine rotseidene Polonaise bildeten ihre
-neue Kleidung. So wurde sie zu Madame +de Furiel+ geführt.
-
-Madame +de Furiel+ empfing sie, auf einem Sopha ruhend. Sie war eine
-Frau von 30 bis 32 Jahren, brünett mit sehr schwarzen Brauen, etwas
-beleibt und etwas Männliches (hommasse) in ihrem ganzen Habitus
-darbietend. Doch geberdete sie sich als die zärtliche „Mama“, die nur
-„ein wenig Liebe“ beanspruchte, zeigte ihr das Symbol der Tribadie,
-zwei mit einander schnäbelnde Tauben. Elle darde sa langue dans la
-bouche, bewunderte die mammas duras, marmoreas und fragte, ob man ihr
-schon einmal das Gesäss gegeisselt habe. Das könne Niemand so gut wie
-sie. Nates levissime flagellavit quod maximam dedit voluptatem filiae.
-Defigit illa postremum in cunnum oculus. „O clitoridem pulcherrimam
-magna voce clamat, qua Sappho ipsa non habuit pulchriorem. Eris mihi
-Sappho.“ Et per duas horas artifex filiae fuit Veneris novae.
-
-Nach zweistündiger Einweihung Sapho’s in die Mysterien der lesbischen
-Liebe, rief Madame +de Furiel+ zwei Kammerfrauen, von denen sie Beide
-gewaschen und parfümiert wurden, um sich dann bei einem deliciösen
-Souper zu erholen, bei welchem die +Furiel+ Sapho Aufklärungen über
-die Tribadie in Paris gab, die als „Secte Anandryne“ organisiert
-im „Tempel der Vesta“ ihre geheimen Feste feierte. Nicht jede Frau
-erhielt Zutritt. Es gab Proben für die, welche den Eintritt wünschten.
-Besonders jene für verheiratete Frauen waren sehr streng und von zehn
-bestand dieselben nur eine. Man schloss die Betreffende in ein Boudoir
-ein, in dem sich eine Statue des Priapus „dans toute son énergie“
-befand. Ausserdem erblickte man verschiedene Gruppen sich paarender
-Männer und Frauen in den obscönsten Stellungen. Die Wandfresken
-stellten dieselben Bilder dar. Zahlreiche Nachbildungen männlicher
-Glieder reizten die Sinne; Bücher und Bilder obscönen Inhalts lagen
-auf einem Tische. Am Fusse der Statue befand sich ein Feuer, das durch
-sehr leicht verbrennbare Stoffe unterhalten werden musste, so dass die
-„postulante“ immerwährend Acht darauf haben musste und genötigt war,
-von diesen Materialien ununterbrochen etwas hineinzuwerfen; vergass
-sie dieses nur einige Minuten, indem sie beim Anschauen so vieler
-Gegenstände der männlichen Wollust ihrer Phantasie das kleinste Spiel
-einräumte, so erlosch das Feuer und gab den Beweis ihrer Zerstreuung
-und Schwäche. Diese Prüfungen dauerten drei Tage und an jedem Tage drei
-Stunden.
-
-Nach dieser Erzählung versprach Madame +de Furiel+ unserer Sapho schöne
-Kleider, Hüte, Diamanten, Kleinodien, Theater, Promenaden, Unterricht
-im Lesen, Schreiben, Tanzen und Singen, wenn sie ihr treu die Liebe
-bewahren wolle und nie mit Männern verkehren werde. Dazu erklärte sich
-Sapho bereit.
-
-Darauf begann am anderen Tag die grosse Metamorphose. Wäscherinnen,
-Modistinnen, Toilettenverkäuferinnen kamen und versorgten Sapho mit
-allem Comfort, worauf sie in die Oper geführt und von den übrigen
-Tribaden lebhaft bewundert wurde. Die Männer aber sagten in den
-Corridoren: „+Die Furiel+ hat frisches Fleisch; wirklich ganz neues;
-welch ein Jammer, dass es in so schlechte Hände fällt.“
-
-Am folgenden Tage geschah die Einführung der Sapho in die Mysterien
-der anandrynischen Sekte mit grosser Feierlichkeit und merkwürdigen
-Ceremonien. In der Mitte des „Tempels der Vesta“ befand sich ein Saal
-von runder Form, der durch eine Glasdecke von oben und von den Seiten
-Licht empfing. Eine kleine Statue der Vesta befand sich im Saale.
-Die Göttin war dargestellt, als ob sie, die Füsse auf einen Globus
-gestützt, majestätisch in die Versammlung herabstiege, um ihr zu
-präsidieren. +Sie schwebte ganz in der Luft+, ohne dass dies Wunder die
-Eingeweihten überraschte.[295]
-
-Um dieses Heiligtum der Göttin zog sich ein schmaler Korridor, in dem
-2 Tribaden während der Versammlung auf und ab gingen und alle Zugänge
-bewachten. Dem aus zwei Flügelthüren bestehenden Eingang gegenüber
-befand sich eine schwarze Marmortafel mit goldenen Versen, zu beiden
-Seiten Altäre mit dem vestalischen Feuer. Neben dem vornehmsten Altar
-stand die Büste der +Sappho+, der Schutzheiligen des Tempels, der
-ältesten und berühmtesten Tribade; neben dem anderen Altar die von
-+Houdon+ angefertigte Büste der Mademoiselle (alias Chevalier) +d’Eon+,
-der „berühmtesten neueren Tribade“.[296] Rund umher an der Wand standen
-die Büsten der von +Sappho+ besungenen griechischen Tribaden, der
-+Thelesyle+, +Amythone+, +Kydno+, +Megare+, +Pyrrhine+, +Andromeda+,
-+Cyrine+ u. s. w. In der Mitte des Saales stand ein grosses Ruhelager
-von mehr rundlicher Form, auf dem die Präsidentin und ihre Schülerin
-ruhten. Ringsherum sassen nach türkischer Sitte auf kleinen viereckigen
-Fusspolstern die einzelnen tribadischen Paare „les jambes entrelacées,
-chaque couple composée d’une mère et d’une novice“, oder nach
-mystischer Terminologie eine „Incuba“ und eine „Succuba“. Die Wände des
-Saales waren mit hundert Reliefs geschmückt, welche die verschiedenen
-geheimen Teile des Weibes darstellten, wie sie in dem „Tableau de
-l’amour conjugal“[297], in +Buffon’s+ „Histoire naturelle“ und bei den
-„geschicktesten“ Anatomen abgebildet waren.
-
-Die Aufnahme unserer +Sapho+ gestaltete sich folgendermassen: Alle
-Tribaden sassen auf ihren Plätzen, in ihren Festkleidern. Die „Mütter“
-trugen eine rote Levite mit blauem Gürtel, die Novizen eine weisse
-Levite und einen roten Gürtel, Jacke und Hemd, mit vorn offenen oder
-ganz empor geschlagenen Unterröcken. Als Sapho eintrat, erblickte sie
-zuerst das heilige Feuer das auf einer goldenen Pfanne mit lebhafter
-und aromatisch duftender Flamme brannte und durch Hineinwerfen
-gepulverter Substanzen fortwährend von zwei Tribaden unterhalten
-wurde. Sapho musste sich zu den Füssen der Präsidentin Mademoiselle
-+Raucourt+, einer berühmten Schauspielerin der Comédie Française,
-niederlassen, und ihre „Mutter“, Madame +Furiel+ sagte: „Schöne
-Präsidentin und Ihr, liebe Gefährtinnen, hier ist eine ‚postulante‘:
-Sie scheint alle verlangten Eigenschaften zu haben. Sie hat niemals
-mit einem Manne verkehrt, ist wunderbar schön gebaut, und hat bei
-den ‚Versuchen‘, die ich mit ihr angestellt habe, viel Feuer und
-Eifer gezeigt. Ich bitte Euch, dass sie unter dem Namen ‚Sapho‘ bei
-uns zugelassen werde.“ Nach dieser Rede mussten sich beide zusammen
-zurückziehen. Kurz darauf meldete eine der Wächterinnen der Sapho,
-dass sie einstimmig zur Probe zugelassen worden sei, und entkleidete
-sie vollständig, gab ihr ein Paar weiche Pantoffeln, hüllte sie in
-einen lichten Mantel und führte sie in die Versammlung zurück. Hier
-wurde sie auf den von der Präsidentin verlassenen Sitz geführt,
-gänzlich entblösst und von allen anwesenden Tribaden genau daraufhin
-untersucht,[298] wie viele von den auf der Marmortafel aufgezeichneten
-+dreissig+ Reizen des Weibes sie besässe. Hierbei las eine der
-ältesten Tribaden die folgende französische Uebersetzung eines alten
-lateinischen Gedichtes vor.[299]
-
- Que celles prétendant à l’honneur d’être belle,
- De reproduire en soi le superbe modèle.
- D’Hélène qui jadis embrasa l’univers,
- Etale en sa faveur trente charmes divers!
- Que la couvrant trois fois chacun par intervalle
- Et le blanc et le noir et le rouge mêlés
- Offrent autant de fois aux yeux émerveillés,
- D’une même couleur la nuance inégale.
- Puisque neuf fois envers ce chef d’œuvre d’amour
- La nature prodigue, avare tour à tour,
- Dans l’extrême opposé, d’une main toujours sûre
- De ses dimensions lui trace la mesure:
- Trois petits riens encore, elle aura dans ses traits,
- D’un ensemble divin les contrastes parfaits.
- Que ses cheveux soient blonds, ses dents comme l’ivoire,
- Que sa peau d’un lys pure surpasse la fraicheur,
- Tel que l’œil, les sureils, mais de couleur plus noire,
- Que son poil des entours relève la blancheur.
- Qu’elle ait l’ongle, la joue et la lèvre vermeille.
- La chevelure longue et la taille et la main,
- Ses dents, ses pieds soient courts ainsi que son oreille.
- Elevé soit son front, étendu soit son sein:
- Que la nymphe surtout aux fesses rebondies,
- Présente aux amateurs formes bien arrondies:
- Qu’u la chute des reins, l’amant sans la blesser,
- Puisse de ses deux mains fortement l’enlacer,
- Que sa bouche mignonne et d’augure infaillible,
- Annonce du plaisir l’accès étroit pénible.
- Que l’anus, que la vulve et le ventre assortis,
- Soient doucement gonflés et jamais applatis.
- Un petit nez plaît fort, une tête petite.
- Un tétin repoussant le baiser qu’il invite;
- Cheveux fins, lèvre mince, et doigts fort délicats
- Complettant ce beau tout qu’on ne rencontre pas.[300]
-
-Von diesen Reizen brauchte die zur Aufnahme bestimmte aber nur etwas
-mehr als die Hälfte zu besitzen, um aufgenommen zu werden, d. h.
-mindestens sechzehn. Jedes Tribadenpaar stimmte ab und sagte seine
-Meinung der Präsidentin ins Ohr. Diese zählte und verkündete das
-Resultat. Alle stimmten für die Aufnahme unserer Novize. Dieser
-Beschluss wurde dann durch einen „baiser à la florentine“ bekräftigt,
-worauf +Sapho+ als Tribade gekleidet ward und vor der Präsidentin
-einen Eid ablegen musste, nie mit Männern zu verkehren und nie die
-Mysterien der Versammlung zu verraten. Hierauf wurde auf jede Hälfte
-eines goldenen Ringes von Madame +Furiel+ und der Sapho ihr Name
-eingeritzt. Dann hielt die Präsidentin, Mademoiselle +Raucourt+ eine
-+Aufnahmerede+,[301] deren Inhalt in Kürze angegeben werde.
-
-„Femmes, recevez-moi dans votre sein, je suis digne de vous“. Diese
-Worte stehen in dem 2ten „Lettre aux femmes“ der Mlle. +d’Eon+.
-Diese d’Eon ist das Muster einer Tribade die überall dem männlichen
-Geschlechte Widerstand geleistet hat. Ihr Ausspruch kann als Motto der
-Rede gelten.
-
-Zunächst verbreitete sich die +Raucourt+ über den Ursprung der
-„Secte anandryne“. Schon Lykurg habe zu Sparta eine Tribadenschule
-eingerichtet. Die Nonnenklöster im modernen Europa, eine Emanation des
-Collegiums der Vestalinnen, +verkörperten das beständige Priestertum
-der Tribadie+, wenn auch nur als ein schwaches Abbild der +wahren+
-lesbischen Liebe wegen des Gemisches von „pratiques minutieuses et de
-formules puériles.“
-
-Weiter wird nur allzu wahr ausgeführt, wie ein junges Mädchen überall
-Gelegenheit findet, ihren wollüstigen Kitzel zu befriedigen, viel eher
-als ein Mann. „Elle les trouve dans presque tout ce qui l’environne,
-dans les instruments de ses travaux, dans les utensiles de sa chambre,
-dans ceux de sa toilette, dans ses promenades et jusque dans les
-comestibles.“ Dann helfe man sich gegenseitig und +werde einander
-unentbehrlich+,[302] und das neue Leben triumphiere über alle
-Eitelkeiten dieses Jahrhunderts. Die Busskleider verwandeln sich in
-Kleider der Lust. Die Tage der allgemeinen Geisselung würden zu Orgien;
-denn die Flagellation sei ein mächtiges Reizmittel der Wollust. So wird
-man im Kloster Tribade.
-
-Ueberallhin muss nun die Tribade den Kultus der Vesta bringen und
-eifrig Propaganda für denselben machen. Die +Raucourt+ nennt jetzt die
-bekanntesten Tribaden: die Herzogin von +Urbsrex+, die Marquise de
-+Terracenès+, Madame +de Furiel+ (die Beschützerin unserer Sapho und
-Gemahlin des Generalprocurators); die Marquise de +Téchul+[303] (die
-sich als Kammerfrau, Coiffeuse, Köchin verkleidete, um ihre Zwecke bei
-den Gegenständen ihrer Liebe zu erreichen), Mademoiselle +Clairon+
-(berühmte Schauspielerin des Théâtre Français), die Schauspielerin
-+Arnould+, die deutsche Tribade +Sonck+ (unterhalten von einem Bruder
-des preussischen Königs).
-
-Als Novize wird Mlle Julie, eine junge Tribade, erwähnt, die von der
-+Arnould+ und der +Raucourt+ in die lesbische Liebeskunst eingeweiht
-wurde. Zum Schluss verherrlichte die Rednerin die Freuden der Tribadie.
-Der Genuss zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern ist flüchtig, kurz
-und illusorisch. Nur der zwischen Frauen ist wahr, rein und dauerhaft
-und hinterlässt keine Reue. Sind Defloration, Schwangerschaft und
-Geburt ein Genuss?
-
-Die Tribadie gewährt nur reine, immer herrlicher werdende Freuden.
-Den Mann schwächen die Ausschweifungen mit zunehmendem Alter. Bei
-der Tribade wächst die Nymphomanie mit dem Alter. Sie wird aus
-einer Succuba zu einer Incuba d. h. activ. Sie bildet selbst neue
-Schülerinnen aus.
-
-„Die Tribadie hinterlässt keine Reue und ist die ‚sauve garde‘ unserer
-jungen Mädchen und Witwen, sie vermehrt unsere Reize, erhält sie
-länger, ist der Trost unseres Alters, wenn kein Mann uns mehr will,
-eine +wirkliche Rose ohne Dornen durch das ganze Leben+.“
-
-Nach dieser effektvollen Rede[304] liess man das heilige Feuer ausgehen
-und begab sich zum Bankett ins Vestibül, wobei die „feinsten Weine“,
-besonders griechische getrunken, heitere und sehr wollüstige Lieder
-gesungen wurden, meist aus den Werken der +Sappho+. Als alle berauscht
-waren und ihre Leidenschaft nicht mehr zügeln konnten, wurde das Feuer
-im Sanctuarium wieder angezündet, die Wächterinnen wurden wieder
-aufgestellt, und eine wilde Orgie nahm ihren Anfang. „Ce sénat auguste,
-sagt ein berühmter Schriftsteller, est composé des Tribades les plus
-renommées, et c’est dans ces assemblées que se passent des horreurs
-que l’écrivain le moins délicat ne peut citer sans rougir.“[305] Die
-Teilnehmerinnen erröteten jedenfalls nicht, und den beiden Heldinnen,
-welche am längsten die „Liebesstürme“ ausgehalten hatten, winkte als
-Belohnung eine goldene Medaille mit dem Bilde der Vesta und den
-Bildern und Namen der beiden Heldinnen. Das waren an diesem Tage Madame
-+de Furiel+ und +Sapho+.[306]
-
-Fräulein +Raucourt+,[307] die Präsidentin dieser etwas sehr
-emanzipierten Versammlung, wusste das Angenehme mit dem Nützlichen zu
-verbinden. Sie verliess den Marquis +de Bièvre+, dessen Maitresse sie
-gewesen war, um fortan sich ganz ihrem tribadischen Leben zu widmen.
-Aber nicht ohne sich vorher eine Rente von 12000 Livres zusichern zu
-lassen. Dieser Seigneur machte darüber einen Calembour, indem er seine
-ehemalige Freundin als „l’ingrate Amaranthe“ (l’ingrate à ma rente)
-bezeichnete.
-
-Eine französische Zeitschrift teilt den folgenden hochinteressanten
-sapphischen Brief der +Raucourt+ mit, der ebenfalls dazu beiträgt, die
-Mitteilungen des „Espion Anglais“ als vollkommen glaubwürdig erscheinen
-zu lassen:
-
- „An Madame de Ponty,
- Schloss La Chapelle-Saint-Mesmier, bei Orléans.
-
- Brüssel, 21. Messidor.
- Sonntag, 10. Juli.
-
- Wie mein Herz Dir dankt, meine Liebe, für Deinen schönen Brief vom
- fünften! Wie ich denselben nötig hatte, um mich von der Aufregung
- zu erholen, die mir Dein letzter verursacht hatte! Ich werde Dir
- niemals den Zustand schildern können, in den er mich versetzt
- hatte, die Gedanken, die er in mir hervorrief. Welch’ seltsames
- Ding ist doch das menschliche Herz! Ich würde verzweifeln, wenn
- Du Dich so sehr vergnügtest, dass Du meine Abwesenheit gar nicht
- bemerktest, und doch, wenn Du mir sagst dass Du Dich langweilst,
- dass Du traurig bist, so würde ich mich so sehr darüber grämen
- und beunruhigen, dass ich alles verlassen und mich in die Eilpost
- werfen würde, um Dich wieder aufzusuchen. Ja meine Henriette, ich
- fühle mich dessen fähig; für mich ist das einzige unmögliche Ding:
- ohne Deine Liebe zu leben. -- Ich bin entzückt, dass das Badezimmer
- und Deine Boudoirs nach englischer Art Dir gefallen; sie sind von
- mir für Dich eingerichtet worden, und ich darf wohl hoffen, dass
- Du, wenn Du sie benutzest, an diejenige denken wirst, welche die
- Arbeiten leitete. Du hast mir nicht gesagt, ob Du mit den Blumenvasen
- zufrieden bist, unglücklicher Weise giebt es augenblicklich keine
- mehr. Lass Nelken auf dem Markte kaufen, es können gewöhnliche sein.
- Wir brauchen sie für die Boudoirs. -- Ich bin überrascht, dass Du
- Mme. Dugazon nicht gesehen hast; sie sollte zwei Tage nach mir
- abreisen, wie mir Labuxière sagte. Riboutet hatte mir versprochen,
- dass seine Frau Dich bald besuchen würde. Aber ich wünsche, dass alle
- diese Zerstreuungen, für die ich gesorgt habe, Dir unbefriedigend
- erscheinen, und dass Du meiner inständigen Bitte nachkommst und
- mich besuchst. Ich versichere Dich, dass Du es nicht bereuen wirst.
- Von allen Ländern, die wir zusammen bereist haben, giebt es nicht
- eines, welches so vortreffliche Spaziergänge hat wie dieses; dies
- ist auch mein einziges Vergnügen. Ich ermüde meinen Körper, um meine
- Gedanken zu zerstreuen, immer wenden sie sich trotzdem zu Dir; dann
- krampft sich mein Herz zusammen; und alle meine Freuden sind in der
- Vergangenheit und in der Zukunft. Ich habe indessen gestern grosse
- Abenteuer erlebt. Ich habe Dir erzählt, dass Barras mich mehrere Male
- besucht hat; gestern hatte er mich zu Tische geladen. Ich war dort,
- ebenso Talma und seine Frau. Wir waren in guter Gesellschaft. Nach
- dem Essen fuhr er mit mir in einer Kalesche in der Force spazieren.
- In meinem Leben habe ich so etwas Schönes nicht gesehen. Wie ich Dich
- herbeiwünschte! Um 9 Uhr kehrte ich zurück und machte Toilette, um
- bei dem Praefekten zu soupiren, dessen Frau mich eingeladen hatte.
- Der Garten war illuminirt, es waren 60 Personen dort, unter ihnen
- wenigstens 20 Frauen, alle vortrefflich gekleidet, und mehr als die
- Hälfte sehr hübsch..... Oh, sage mir aufrichtig in Deiner Antwort,
- ob Dich meine Briefe nicht langweilen. Es ist mein einziger Genuss,
- mich in Gedanken zu Dir zu versetzen. Es ist mir als ob ich mit Dir
- spräche, wenn ich Dir schreibe, und wenn ich mir diese Illusion
- mache, habe ich täglich eine Stunde des Glückes. Gute Nacht, meine
- theure, vielgeliebte Henriette; denn ich schreibe Dir nächtlicher
- Weile. Ich komme gerade von einem Spaziergange mit Mlle Mars zurück,
- die von den Schönheiten dieses Landes entzückt ist. Bei jedem Schritt
- sagten wir alle Beide: Wenn Mme de Ponty hier wäre, würde sie das
- reizend finden. Du, immer Du, kann das anders sein, da Du ja mein
- einziger Gedanke bist? Noch einmal eine gute Nacht der Gefährtin,
- welche sich mein Herz erwählt hat. Es ist so voll von ihr, dass ich
- hoffe, dass ein tröstender Traum mich an ihre Seite, in ihre Arme
- trägt. Henriette! noch vierzehn Tag! und heute ist erst der sechste
- meiner +Enthaltsamkeit+.. Es ist zum Sterben.“[308]
-
-Auch einige witzige Verse über diese berühmteste Tribade haben sich
-erhalten:[309]
-
- Pour te fêter, belle +Raucourt+,
- Que n’ai-je obtenu la puissance
- De changer vingt fois en un jour
- Et de sexe et de jouissance!
- Qui, je voudrais, pour t’exprimer
- Jusqu’à quel degré tu m’es chère,
- Etre jeune homme pour t’aimer,
- Et jeune fille pour te plaire.
-
-Wer war aber die Mlle. +d’Eon+, deren Büste im Tribadenheiligtum der
-„Secte Anandryne“ aufgestellt war? Die Geschichte dieses Fräuleins
-+d’Eon+ bildet eines der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen
-Vorkommnisse, dessen wir kurz gedenken wollen.
-
-Der Chevalier +d’Eon+[310] war ein talentvoller burgundischer
-Landjunker, der sich in Paris zum Doktor der Rechte, Censor,
-litterarischen Dilettanten, vor Allem aber zum Liebling hochadliger
-Familien emporgearbeitet hatte. Er galt als findiger Kopf. Den
-entscheidenden Umschwung seines Geschickes führte aber seine
-+eigentümliche, frauenhaft zarte Erscheinung+ herbei. Als +Ludwig+
-XV. kurz vor dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges einen geheimen
-Agenten +Douglas+ nach Petersburg schickte, gesellte man diesem
-+d’Eon+ bei, der -- auf Wunsch +Conti’s+ oder des Königs +Frauentracht+
-anlegte und in dieser Verkleidung wirklich bei Hof Eingang gewann, der
-Kaiserin eigenhändige Briefe +Ludwigs+ XV. in die Hände spielte, das
-Wohlgefallen der Czarin erregte und sich so als geheimer diplomatischer
-Agent grosse Verdienste um sein Vaterland erwarb. Später, nach Ablegung
-seiner Frauentracht, machte er den siebenjährigen Krieg mit, ging
-dann wieder als geheimer Agent nach London, welche Rolle er jedoch
-als Mann durchführte. Hier geriet er aber mit dem französischen
-Gesandten +Guerchy+ in Zwist. Es kam soweit, dass d’Eon drohte, alle in
-seinem Besitze befindlichen geheimen Papiere der englischen Regierung
-auszuliefern. Es gelang jedoch +Ludwig+ XV. den Chevalier vorläufig
-durch eine Rente von 12000 Livres zu beschwichtigen, und damit
-dieser sich gegen seine Feinde schützen könne, riet der König ihm in
-einem unter dem 4. Oktober 1763 geschriebenen Briefe, dass er wieder
-Frauenkleider anlegen solle, was aber +d’Eon+ noch nicht befolgte. Nach
-dem Tode des Königs wiederholte +d’Eon+ seine Drohungen, als er Gefahr
-lief seine Rente zu verlieren. Nun taucht eine neue Person in dieser
-Komödie auf. Das war kein Geringerer als der Autor der „Hochzeit des
-Figaro“, +Beaumarchais+, der als Abgesandter König +Ludwig’s+ XVI. nach
-London ging, um +d’Eon+ zur Auslieferung der Geheimpapiere zu bewegen.
-Schon scheint die Rückkehr +d’Eons+ gesichert, die Auslieferung der
-Papiere unmittelbar bevorzustehen, da erklärt der Sohn des ehemaligen
-französischen Gesandten +Guerchy+, dass er das Andenken des Vaters an
-diesem Nichtswürdigen rächen würde, wann und wo er es immer wagen
-sollte, sich in seinem Vaterlande zu zeigen.
-
-Bei diesem precären Stand der Sache kam ein sinnreicher Kopf --
-wahrscheinlich +Beaumarchais+ selbst, -- auf den Einfall, alle
-Schwierigkeiten in der Art zu heben, dass man +d’Eon+ zu der
-öffentlichen Erklärung vermöchte: +er sei überhaupt kein Mann, sondern
-ein -- Weib+. Alle Weiterungen wären damit auf einen Schlag beseitigt:
-alle Vergehen wider die Beamten-Disciplin, alle litterarischen
-Anfeindungen +Guerchy’s+ würden dadurch als Unarten einer in ihrer
-Eitelkeit verletzten Frau entschuldbar und jede Forderung von
-Genugthuung als Narretei erscheinen. In den Friedens-Unterhandlungen
-+Beaumarchais+’ war es mithin der erste und der entscheidende Punkt,
-+d’Eon+ zu der unumwundenen, feierlichen Versicherung zu bestimmen,
-er sei seit jeher ein Weiblein gewesen, das nur durch wunderbare
-Schicksalsfügung sich alle Zeit als Mann im Leben umgethan habe.[311]
-
-So kam am 25. August 1775 der folgende seltsame Vertrag zu Stande, ein
-Unicum in der Weltgeschichte:
-
- „Wir Endesgefertigte, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais
- einerseits (mit besonderer Vollmacht des Königs von Frankreich ddo.
- 25. August 1775 beglaubigt, welche dem Chevalier d’Eon vorgewiesen
- und abschriftlich dem gegenwärtigen Protokolle angeschlossen wurde)
- und
-
- +Fräulein+ Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon
- de Beaumont, grossjährig, vormals Dragonerhauptmann, Ritter des
- königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und des Grafen
- von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen
- Rechtes, Advokat am Parlament von Paris, königlicher Censor für
- belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier Douglas nach
- Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen,
- französischer Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers
- am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital, Gesandtschaftssekretär des
- Herzogs von Nivernais etc. andererseits -- sind über folgende
- Vertrags-Bestimmungen einig geworden:
-
- Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der
- politischen Papiere.)
-
- Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der
- Correspondenz d’Eons.)
-
- Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie
- fortan in Frieden zu lassen.
-
- Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den
- Streitteilen aufgerichtet werde, fordere ich im Namen Sr. Majestät,
- +dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines
- Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen
- lassen, völlig aufhöre+. Und ohne weiter Charles Geneviève Louise
- Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf aus dieser
- Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld
- einzig und allein ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen
- und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen,
- das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt
- hat, verlange ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über
- ihr Geschlecht, welches bis heute unerschöpflichen Anlass zu
- Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die
- sich immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange
- ich also, dass das Phantom eines Chevalier d’Eon völlig verschwinde
- und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das wahrhaftige
- Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in
- Frankreich und vor der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese
- Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung bringe. Fräulein d’Eon
- kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen[312],
- als sie durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter,
- welche sie gleicherweise durch ihre Lebensführung, ihren Mut und
- ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird.
- Unter diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit
- zusichern, kraft dessen sie nach Frankreich gehen und daselbst unter
- dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht blos
- Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er
- hat auch die Güte, die Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr
- der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in einen
- Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“
-
-+d’Eon+ verpflichtete sich zur Annahme all dieser Bedingungen, erhob
-aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und
-Ehrenrechte. So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz
-tragen zu dürfen. Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung
-von -- Mädchenwäsche und Frauenkleidern.
-
-Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in
-ganz Frankreich -- mit Ausnahme der Eingeweihten -- als Mädchen.[313]
-Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel
-der Vesta“ errichteten. +Casanova+ erklärt geradezu: „Der König
-wusste und hat es stets gewusst, +dass er (d’Eon) eine Frau sei+, und
-der ganze Streit, den dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der
-auswärtigen Angelegenheiten hatte, war eine Posse, welche der König
-bis zu Ende spielen liess, um sich dadurch zu unterhalten.“[314]
-
-+Louvet de Couvray+ lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom
-Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur
-rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich -- enthüllt.
-
-Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen
-Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt.
-+Sade+ hat mehrere solche Typen geschildert.
-
-Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus
-einer Bemerkung des Grafen +von Tilly+ über die lesbische Freundin
-eines Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un
-genre de rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela
-m’amuse et j’ai l’immoralité, d’en rire.“[315]
-
-
-18. Die Paederastie.
-
-Der Marquis de +Sade+ singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten.
-Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in
-der „Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen
-Genuss in der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans
-l’un et l’autre sexe. Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore
-plus de volupté que celui d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir
-I. 99). Er beschreibt ausführlich die Freuden dieses Lasters und
-betont vor allem, dass es die Schwängerung mit absoluter Sicherheit
-verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich mehr zum männlichen
-Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er gelegentlich nicht
-paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie mit diesem
-„Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den Justine im
-Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein durchweg
-homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass gegen
-das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt.
-Er ist, soweit wir uns erinnern, +der einzige Typus mit hereditärer
-sexueller Inversion+, den +de Sade+ gezeichnet hat. +Alle übrigen haben
-die sexuellen Perversitäten während des Lebens allmählig erworben.+
-Wir sind überzeugt, dass +Sade+, der sich überall als ein genauer
-Kenner sexualpathologischer Persönlichkeiten und Neigungen erweist,
-hier nach der Wirklichkeit schildert. So ist es im Leben. Der Urning
-durch Heredität ist die Ausnahme, der Urning durch Verführung, durch
-lasterhafte Entartung, last not least durch Geisteskrankheit, ist die
-Regel. -- Bressac entwickelt (Justine I. 162-164) die Theorie, dass der
-+Pathicus+, der er ist, von Natur ein ganz anderer Mensch sei als die
-übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren, beruhend
-auf einer „construction toute différente“. +Es wäre eine „stupidité“,
-sie zu bestrafen+! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der
-Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen
-dürfte. „+Ah!+ sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas
-que nous f.... des culs, aurait-+elle aussi justement proportionné leur
-orifice à nos membres+; cet orifice n’est-il pas +rond+ comme eux, quel
-être assez ennemi du bon sens peut imaginer qu’un trou +ovale+ puisse
-avoir été créé par la nature pour des membres +ronds+. Ses intentions
-se lisent dans cette difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). --
-
-Selbst die Tribaden fröhnen bei +Sade+ der griechischen Liebe, sei
-es mit künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. -- Die
-Verbreitung dieses Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die
-Duvergier erzählt, wie sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die
-Paederastie werde. „Les cons ne valent plus rien, ma fille, on est
-en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“ Demgemäss wird manchmal
-der „coniste“ mit offenbarer Verachtung gegenüber dem „bougre“[316]
-behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr als einen Tempel auf
-Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass „le cul est
-bien recherché en Italie (III, 290).“
-
-Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in
-Frankreich gefunden. +Mirabeau+ versichert, dass während der Regierung
-+Heinrich’s+ III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les
-portiques du Louvre“, und dass unter +Ludwig+ XIV. die Paederastie
-ihre bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] +Heinrich+ III.
-war selbst homosexuell gewesen. +Heinrich+ IV. „trat zwar wieder sehr
-dagegen auf, konnte es aber nicht hindern, dass später unter +Ludwig+
-XIII. der homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte
-zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. +Philipp von
-Orléans+, Bruder +Ludwigs+ XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt,
-in wie unglücklicher Ehe durch +Philipp’s+ Vorliebe für Männer seine
-Frau, die deutsche Fürstentochter +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz,
-oft ‚Lieselotte‘ genannt, mit ihm lebte. Was +Ludwig+ XIV. anbetrifft,
-so wird berichtet, dass verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor
-seiner Grossjährigkeit lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln,
-um ihn ohne Vermittelung einer Maitresse beherrschen zu können. Der
-junge König soll allerdings bald eine Abneigung gegen jene Männer
-gefasst haben, die in dieser Weise ihn zu beeinflussen suchten. Der
-Kammerdiener des Königs, +Pierre de la Porte+, berichtet in seinen
-Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal +Mazarin+ im Jahre 1652
-nach einem Diner, das der damals 15jährige König bei ihm einnahm, mit
-ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache nicht aufgeklärt
-und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318]
-
-In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten
-Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von +Bussy-Rabutin+
-bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in
-dem über einen Paederasten-Club berichtet wird, den der Herzog von
-+Grammont+, der Malteserritter +de Tilladet+, +Manicamp+, der Marquis
-+de Biran+ als „Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden
-untersucht „pour voir si toutes les parties de leurs corps étaient
-saines, afin qu’ils pussent supporter les austérités“. Enthaltsamkeit
-vom Weibe war streng vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den
-„rigueurs du Noviciat, qui durerait jusques à ce que la barbe fut venue
-au menton“ unterwerfen. Wenn einer der „Brüder“ sich verheiratete,
-musste er die Erklärung abgeben, dass dies wegen der Regelung seiner
-Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil ihn seine Eltern dazu
-gezwungen hätten oder weil er einen Erben hinterlassen müsse. Zugleich
-musste er schwören, niemals seine Frau zu lieben, und nur so lange
-bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er bedurfte für dieses
-Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die ihm nur einmal
-wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier Klassen, damit
-jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte. Diejenigen,
-welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe von den
-vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die Vorgänge in
-diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der Neigung zur
-griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht eingeweiht
-werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause statt. Die
-Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein Kreuz, auf
-welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit Füssen
-trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm
-anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil
-gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319]
-
-Wenn +Bouchard+ von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass
-dieser „cour était extrêment impie et débauchée, +surtout pour les
-garçons+. M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler
-la pique; leur donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils
-voudraient, et quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur
-chambre, avec cinq ou six garces, qu’ils enfermaient avec eux une
-heure à deux“,[320] so sind wir geneigt, diese homosexuellen Neigungen
-der Knaben weniger auf ein noch „undifferenziertes Geschlechtsgefühl“
-zurückzuführen, wie +Havelock Ellis+ und +Symonds+ annehmen, als auf
-das ihnen am Hofe dieses Herzogs von +Orléans+ gegebene Beispiel und
-auf direkte Verführung. Und wenn +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz
-über eben diesen Herzog von +Orléans+ schreibt: „Monsieur denkt an
-nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach nichts;
-das Bedientenpack ist überall Herr und Meister“,[321] so möchten wir
-+Bouchard’s+ obige Angaben einigermassen bezweifeln.
-
-Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen
-Hofe auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen,
-wenn +Ludwig+ XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio
-und anderen homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird
-berichtet, dass er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae
-jussit hominem genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings
-wurden noch 1750 zwei Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323]
-
-Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der
-auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben
-gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet +Dupin+, der Regierungscommissar
-des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch
-+schändlichere+ Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über
-die Paederastie häufen sich in +schreckenerregender+ Weise. -- Die
-Sodomiterei und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit
-auf, wie die Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324]
-
-In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux
-Etats-généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt +Rétif de
-la Bretonne+ in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität
-und andere Formen der Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen
-Frankreich erniedrigen“.[325]
-
-+Rétif+ sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und
-weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die
-grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass
-auch jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert
-werde.[326]
-
-Auffällig ist allerdings, dass im vorigen Jahrhundert die Zeit der
-grössten Ausbreitung der sokratischen Liebe mit dem Auftreten der Moden
-à la grecque zusammenfiel, wodurch offenbar ein Beweis für den starken
-Einfluss der Mode auf diese Verhältnisse geliefert wird.
-
-
-19. Flagellation und Aderlass.
-
-Die Flagellation, dieses mächtige Hilfsmittel der Wollust, hat der
-Marquis +de Sade+ ausgiebig in seinen Werken verwendet. Wir erwähnen
-nur die +grossen Flagellationsszenen+ in der „Justine“ und „Juliette“
-(Justine III, 129; Juliette II, 138-150 zwischen Frauen; Juliette V,
-335). Juliette besuchte im Auftrage der Duvergier mit drei jungen
-Modistinnen den Herzog Dendemar in St. Maur, dessen sexuelle Monomanie
-darin besteht, junge Mädchen (und zwar selten Prostituierte) bis aufs
-Blut zu geisseln, wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlte.
-(Juliette I, 344 ff.).
-
-Der Marquis +de Sade+ hat auch auf diesem Gebiete litterarische Studien
-gemacht. Er verweist auf die zu seiner Zeit bedeutendsten Schriften
-über den Flagellantismus von +Meibom+ und +Boileau+ (Juliette V, 169).
-Diese Studien haben ihn belehrt, dass zu allen Zeiten die Männer es
-gewesen sind, welche bei der Flagellation die aktive Rolle übernahmen.
-Er wundert sich deshalb, dass bei der natürlichen Grausamkeit des
-Weibes dieses der aktiven Geisselung so wenig Geschmack abgewonnen
-habe (?)[327], und er lässt durch den Mund des Dolmancé die Hoffnung
-aussprechen, dass die Frauen auch dieser Spezialität bis zu dem „point
-où je le désire“ ausbilden möchten (Phil. dans le Boud. I. 157).
-
-Interessante Einzelheiten über die Flagellation im 18. Jahrhundert
-teilt +Cooper+ mit[328]. +Voltaire+ erwähnt die Rute oft in seinen
-Schriften, namentlich, wenn er die Jesuiten damit lächerlich machen
-kann. Auch in den Memoiren jener Zeit wird die Rutenstrafe häufig
-erwähnt.
-
-Die Schläge wurden schon an ganz kleine Kinder ausgeteilt, da die
-Bonnen behaupteten, dass dadurch Muskulatur und Haut „gestärkt“ würden.
-In allen französischen Klosterschulen war die Rutenstrafe für junge
-Mädchen etwas gebräuchliches, wie dies ja auch natürlich ist bei
-dem Flagellantismus, der unter den Nonnen herrschte. „Die heiligen
-Schwestern straften mit Entzücken ihre Schülerinnen auf dieselbe Weise,
-wie die heiligen Väter ihre Beichtkinder zu absolvieren pflegten.“
-
-Während der Schreckenszeit lauerten die Tricoteusen den Nonnen auf,
-um sie schimpflich auszupeitschen. Bekannt ist der tragische Fall
-der +Théroigne de Méricourt+, die auf der Terrasse „Des Feuillants“
-öffentlich von einer Bande von Weibern ausgepeitscht wurde und darüber
-den Verstand verlor. Auch nach dem Sturze +Robespierre’s+ wurden von
-den Anti-Terroristen junge Mädchen auf der Strasse entblösst und
-gegeisselt.
-
-Es soll sogar kurz vor der Schreckensherrschaft ein „+Rutenklub+“
-bestanden haben, dessen weibliche Mitglieder sich „gegenseitig mit
-entzückender Eleganz die Rute gaben.“ Viele vornehme Damen gehörten zu
-diesem Klub, über dessen sexuelle Tendenzen wohl kein Zweifel bestehen
-kann.
-
-Ueber +Jean Jacques Rousseau’s+ Vorliebe für diese Art geschlechtlicher
-Erregung ist schon so viel geschrieben worden, dass wir darauf
-verzichten, die Geschichte seiner Züchtigung durch Mademoiselle
-+Lambercier+ nochmals ausführlich darzustellen und auf R. v.
-+Krafft-Ebing+ verweisen[329]. Die französische Litteratur des letzten
-Jahrhunderts ist nach +Cooper+ reich an Geschichten von Prügelstrafen,
-die namentlich bei dem schönen Geschlecht grossen Anklang fanden. Ueber
-einige causes célèbres dieser Art berichtet ebenfalls +Cooper+.
-
-+England+ ist bekanntlich heute das klassische Land des sexuellen
-Flagellantismus, und seine berühmteste Geisslerin war +Theresa Berkley+
-in London, Charlotte-Street 28, welche in den zwanziger Jahren dieses
-Jahrhunderts sich grossen Ruhm und ein Vermögen durch ihre Kunst
-erwarb. Sie besass zahllose rutenartige Instrumente mit allen möglichen
-Reizvorrichtungen zur Erregung und Erhöhung der Wollust. „Thus, at her
-shop, whoever went with plenty of money, could be birched, whipped,
-fustigated, scourged, needle-pricked, half-hung, holly-brushed,
-furse-brushed, butcher-brushed, stinging-nettled, curry-combed,
-phlebotomized and tortured till he had a belly full.“[330] Auch hielt
-sie für die Ausübung der aktiven Flagellation Dirnen, u. a. eine
-Negerin und eine Zigeunerin. Sie erfand eine Maschine, auf der die
-Männer festgebunden wurden und die eine sehr sinnreich-wollüstige
-Einrichtung hatte. „There is a print in Mrs. Berkley’s memoirs,
-representing a man upon it quite naked. A woman is sitting in a
-chair exactly under it, with her bosom, belly and bush exposed: she
-is +manualizing+ his +embolon+, whilst Mrs. Berkley is birching his
-posteriors. The female acting as +frictrix+, was intended for Fisher,
-a fine, tall, dark haired girl, all must remember who visited
-Charlotte Street at that day, as well as the good humoured blonde,
-Willis; the plump, tight, frisky and merry arsed Thurlow. Grenville
-with the enormous bubbies; Bentinc, with breadth of hip and splendour
-of buttock; Olive, the gipsy, whose brown skin, wicked black eye, and
-medicean form would melt an anchorite; the mild and amiable Palmer with
-luxuriant and +well fledged+ wount, from whose tufted honors many a
-noble lord has stolen a sprig; and Pryce, the pleasing and complaisant,
-who, if birch was a question, could both give and take.“[331] Die
-+Berkley+ starb im September 1836, nachdem sie von 1828 bis 1836 über
-10000 Pfund Sterling erworben hatte. Ihre Korrespondenz, die Dr.
-+Vance+, ihr Testamentsvollstrecker aufbewahrte, enthielt Briefe von
-Personen beiderlei Geschlechts aus den höchsten Kreisen und wurde
-vernichtet.
-
-Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau
-+Berkley+ in den neueren Werken über Flagellantismus und auch
-sonst nicht erwähnt fanden, und dieses Curiosum um so eher für
-Forscher auf diesem Gebiete von Interesse sein wird, als auch in den
-Romanen des Marquis +de Sade+ ganz +ähnliche Maschinen+ vorkommen,
-auf denen die Opfer festgebunden werden. Wir bemerken gleich an
-dieser Stelle, dass wir auf die höchst interessante Geschichte des
-englischen Flagellantismus ausführlicher in demjenigen der folgenden
-Bände zurückkommen, in welchem wir das Geschlechtsleben in England,
-vorzüglich in +London+ untersuchen, das manche aus dem englischen Wesen
-sich ergebenden Eigentümlichkeiten darbietet.[332]
-
-Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der +Aderlass+ bei
-+Sade+ spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt
-ein Graf Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung
-verschaffen kann, dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er
-dieselben hat reichlich essen lassen. +Sade+ verfehlt nicht, solche
-Szenen darzustellen. Besonders schauerlich ist die, bei welcher der
-Graf seine eigene Frau venaeseciert und sich an der Bewusstlosen
-geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253).
-
-Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte
-Operation. +Brissaud+ erzählt, dass in den Klöstern die Regel des
-Aderlasses in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B.
-fünfmal, bei den Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct
-Valentin und St. Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen
-gefeiert:
-
- Seigneur du jour Saint Valentin
- Fait le sang net soir et matin
- Et la saignée du jour devant
- Garde des fièvres en tout l’an.
-
-+Raulin+ pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe
-zu heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von +Dyes+ u. A. in
-unseren Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt.
-Vielleicht kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines
-+Broussais+ und +Bouillaud+ mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder.
-Dann können wir auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. +Brierre
-de Boismont+ berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den
-Genitalien und dem After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen
-liess, wobei er sich in den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er
-Blut sah, steigerte sich seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er
-befriedigte dieselbe an dieser Person.[334]
-
-Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und
-einfach die Handlungen des Grafen Gernande +nachgeahmt+ hat. Später
-werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen
-einzelner Vorkommnisse in +Sade’s+ Romanen bringen.
-
-
-20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und Geheimmittel im 18.
-Jahrhundert.
-
-Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet +Sade+ in seinen Werken
-eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht
-deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie
-dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher
-Wert zukommt.
-
-Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche
-Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei +Sade+ künstlicher Anregung
-und sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch
-kein Mangel an den verschiedensten +Aphrodisiaca+ zur Belebung der
-entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse
-reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer
-Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon
-„composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro
-lässt sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223).
-Die Durand reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer
-„anregenden“ Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette
-(Seite 330) werden „stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“
-auf die Teilnehmer der Orgie gespritzt. -- Neben diesen äusserlichen
-Aphrodisiaca kennt +Sade+ auch innerliche. Juliette gebraucht als
-solche Wein und Liqueure, Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in
-Italien öffentlich verkauft werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand
-betreibt einen Handel mit Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette
-III, 229).
-
-Wir haben schon oben (S. 127 ff.) mitgeteilt, dass das Bordell der
-Madame +Gourdan+ reichlich mit sexuellen Stimulantien versehen war.
-Dort wurden auch die „Pastilles à la Richelieu“ erwähnt. Da dieselben
-gerade in Beziehung auf den Marquis +de Sade+ von Wichtigkeit sind und
-ihr Hauptbestandteil, die +Canthariden+ nach +Binz+ eine „berüchtigte
-Rolle im Frankreich des vorigen Jahrhunderts spielten“[337], so mag
-vielleicht ein Wort über diese cantharidenhaltigen Reizmittel hier am
-Platze sein. Bis schon von +Dioscurides+ (Materia medica Lib. II. Cap.
-65) erwähnten Canthariden gelten seit langer Zeit als ein sexuelles
-Stimulans. Soll doch schon der römische Dichter +Lucretius+ infolge
-des Genusses eines cantharidenhaltigen Aphrodisiacums gestorben
-sein. +Ambroise Paré+ berichtet über mehrere derartige Todesfälle.
-Zu +Paré’s+ Zeit war der Gebrauch der Pastillen oder Bonbons in
-Frankreich Mode geworden. Die Heimat dieser aphrodisisch wirkenden
-Bonbons war Italien, von wo besonders +Catharina von Medici+ dieselben
-in Frankreich einführte. Am Hofe +Heinrich’s+ III. und +Karl’s+ IX.,
-fanden dieselben reichliche Verwendung. Im 18. Jahrhundert war es
-besonders der Herzog von +Richelieu+, der von diesen so unschuldig
-aussehenden Bonbons bei seinen Liebesabenteuern ausgiebigen Gebrauch
-machte. Seine Propaganda für die nach ihm benannten Pastillen hatte
-zur Folge, dass dieselben in den letzten Regierungsjahren +Ludwig’s+
-XV. Mode wurden[338]. +Gerade in diese Zeit+ fällt die Affäre des
-Marquis +de Sade+ in Marseille, bei der diese Bonbons eine fatale Rolle
-spielten. Auch die „Tablettes secrètes de Magnanimité“ der Madame +Du
-Barry+, das „Poudre de joie“, die „Seragliopastillen“ waren höchst
-wahrscheinlich cantharidenhaltig.
-
-Die Canthariden sind ein gefährliches Mittel, da sie sehr leicht
-Entzündung der Niere, der Blase und der Harnröhre hervorrufen. Die
-durch sie erzeugten Erectionen kommen durch die entzündliche Reizung
-der Harnröhren- und Harnblasenschleimhaut auf reflectorischem Wege zu
-Stande. Eine Steigerung der Sexualität kann höchstens im Anfange der
-Wirkung beobachtet werden.[339]
-
-Die +Kosmetik+ erfreute sich ebenfalls im vorigen Jahrhundert einer
-besonderen Pflege. Auf diesem Gebiete gelangte der Charlatanismus zur
-höchsten Blüte. Und es waren oft wunderliche Blüten. So erhielt im
-Jahre 1769 eine Gesellschaft das Privilegium, an beiden Seiten des
-Pont-Neuf Vermietungsstände für +Sonnenschirme+ zu errichten, damit
-die für den zarten Teint ihrer Haut besorgten Personen sich gegen die
-Sonnenstrahlen durch diese Schirme schützend, die Brücke überschreiten
-könnten[340]. Die Schönheitsmittel wurden so wahllos und in solchen
-Mengen angewendet, dass +Casanova+ gewiss Recht hatte, wenn er --
-der von Zeit zu Zeit gern den Charlatan spielte -- der Herzogin von
-+Chartres+, die an Acne des Gesichtes litt, die Anwendung kosmetischer
-Mittel verbot. Er verschrieb ihr milde Abführmittel -- was gewiss sehr
-zweckmässig war -- und die Waschung mit Wegebreitwasser[341], welches
-im vorigen Jahrhundert bei Hautentzündungen vielfache Verwendung fand.
-
-Als +Enthaarungsmittel+ erwähnt der Marquis +de Sade+ das +Rusma+,
-das „dépilatoire turc, connue sous le nom de rusma“, das er in einer
-Anmerkung als „pierre minérale, atramentaire“ bezeichnet und aus
-Galatien stammen lässt. (Justine III, 120.) Das Rusma ist ein altes
-und sehr beliebtes orientalisches Enthaarungsmittel. Die „Pasta
-depilatoria“ oder „Rusma Turcorum“ (oder „Nurék Persarum“) wird
-hergestellt aus 2 Teilen Auripigment, 15 Teilen Calcaria viva und 2½
-Teilen Weizenmehl. Das ist die Vorschrift von J. J. +Plenck+, einem
-berühmten Dermatologen des 18. Jahrhunderts.[342] Zu bemerken ist
-noch an dieser Stelle das grosse Interesse, welches der Marquis +de
-Sade+ allen Gegenständen der Medicin und Anthropologie entgegenbringt.
-Er suchte sich darüber in allen ihm zugänglichen wissenschaftlichen
-Werken seiner Zeit zu unterrichten. Später werden wir noch erwähnen,
-dass seine Frau ihn während seines Aufenthaltes im Gefängnis stets mit
-Büchern versorgen musste. Dieser Gefängnisaufenthalt war wohl erst
-die Veranlassung, dass +Sade+ sich über die mannigfaltigsten Dinge zu
-belehren suchte.
-
-Eine merkwürdige Eigentümlichkeit des 18. Jahrhunderts waren
-die sogenannten +falschen Jungfrauschaften+, deren grosse
-Häufigkeit ausdrücklich hervorgehoben wird.[343] Man suchte durch
-adstringierende Mittel die Reste des Jungfernhäutchens künstlich wieder
-zusammenzubringen, überhaupt den Introitus vaginae zu verengern.
-Dieses Bestreben blickt gerade in Frankreich auf eine lange Geschichte
-zurück. In dem 13. Kapitel der Chirurgie des am Ende des 13. und
-Anfang des 14. Jahrhunderts lebenden französischen Arztes +Heinrich de
-Mondeville+, dessen für die Kulturgeschichte Frankreichs eine reiche
-Ausbeute liefernden Schriften von J. +Pagel+ im Urtext zum ersten Male
-herausgegeben wurden, findet sich folgende Anweisung zur Vortäuschung
-der Jungfrauschaft[344]: „Die Geschlechtsteile bedürfen einer doppelten
-Pflege: innen und aussen. Die innere Pflege haben Huren nötig, die
-in ihrem Geschäfte erprobt sind (antiquae), von ihnen insonderheit
-die, welche naturgemäss eine weite oder infolge des häufigen Coitus
-schlüpfrige und weiche Vulva haben, +um denen, die mit ihnen
-zusammenliegen, als Jungfern oder doch wenigstens nicht als öffentliche
-Dirnen zu erscheinen+. Zu dieser Pflege nehmen auch Mädchen, die +nicht
-verheiratet+, aber unseligerweise +defloriert+ sind, ihre Zuflucht,
-um als +unverfälschte Jungfern+ dazustehen, wenn es dazu kommt, sich
-mit dem von ihnen Erangelten im Ehebette zu vereinigen. Ihren Zweck
-suchen sie auf folgende Weise zu erreichen. Zu Pulver gestossenes Glas
-bringen sie in dem Augenblicke, wo es zu dem Coitus gehen soll, in
-die Vulva; die Folge davon ist, dass sie selbst und die Rute dessen,
-der mit ihnen den Coitus vollzieht, beblutet erscheint. Sonst bringe
-man in die Scheide Drachenblut und lege darüber Werg und Charpie,
-beides befeuchtet mit Regenwasser, in dem +adstringirende Pflanzen+,
-wie Rosen, Anthera, Sumach, Blutwegerich und dergl. abgekocht sind,
-oder man setze Blutegel an. Dabei aber sei man vorsichtig, dass sie
-nicht hineinschlüpfen. Sind diese entfernt, entstehen Schorfs an den
-Seitenwänden der Vulva. Diese reissen beim Coitus auf. Es fliesst Blut
-und man besudelt sich damit. Auch nehme man ein Stück Schwamm, benetze
-es mit beliebigem Blut oder fülle eine Fischblase mit Blut, bringe sie
-hinein und wasche noch die Vulva aussen mit dem Safte von der grossen
-Schwarzwurz“[345]. Derartige Praktiken waren im 18. Jahrhundert wieder
-an der Tagesordnung. Wir haben oben über das „Jungfrauenwasser“ der
-Madame +Gourdan+ berichtet. Auch +Sade+ kennt verschiedene Mittel zur
-Wiederherstellung der pucelage. Delbène rühmt ihre „pommade“, mit der
-sie die eben deflorierte Laurette wieder reparieren will (Juliette
-I, 171) und giebt der demselben Schicksal verfallenen Juliette eine
-„Myrthenextraktpomade“, mit der dieselbe sich 9 Tage lang einreiben
-soll, um am zehnten wieder eine Jungfrau zu sein (Juliette I, 179).
-Auch die Duvergier benutzt eine ähnliche Jungfrauensalbe. (Juliette I,
-187).[346]
-
-Ueberhaupt war diese ganze Zeit, ein volles Saeculum, die „goldene
-Zeit für alle Toilettenkünste und es ist merkwürdig, dass die
-Schminke und alle hierher gehörigen Utensilien herrschen konnten,
-obwohl gerade damals die Frische des Teints, der ‚Teint de couvent‘
-so ausserordentlich geschätzt und begehrt war“[347]. Es gab damals
-Hunderte von Pasten, von Essenzen, von Schönheitswässern und
-Schönheitspflästerchen. Besonders wichtig waren die +Schminken+, vor
-allem das Rot, „Le grand point est d’avoir un rouge, qui dise quelque
-chose.“ Für den Wert, den die Frauen auf das Schminken legten, zeugt
-folgende von Mercier erzählte Anekdote aus der Schreckenszeit.[348]
-
- (Die Marquise klingelt)
-
- Marton
-
- Gnädige Frau --
-
- Marquise
-
- +Marton+ ich stehe auf --
-
- Marton
-
- Hier bin ich, gnädige Frau --
-
- Marquise
-
- Mein Kind, was giebt’s Neues?
-
- Marton
-
- Gnädige Frau, man spricht von einem Aufstand der diesen Morgen
- losbrechen soll --
-
- Marquise
-
- Warum nicht gar?
-
- Marton
-
- Man spricht von Plünderung, von Zerstörung, von Weiberraub, ja sogar
- --
-
- Marquise
-
- Weiberraub ja sogar -- ei, Kind, du scherzest - Himmel, wenn man --
-
- Marton
-
- Ach! ich habe überall gehört, dass die Ungeheuer die Frauen töten
- werden, und man sagt, dass diejenigen, die ihnen gefallen, als
- unglückliche Opfer ihrer Lüste --
-
- Marquise (sehr lebhaft).
-
- Ich zittre -- Marton -- kleide mich doch an -- Marton -- +mein
- Rot! geschwind mein Rot+! Himmel! wie ich aussehe -- bleich --
- niedergeschlagen -- ich sehe scheusslich aus -- sie werden mich
- töten!.... --
-
-Die Männer trieben die gleichen Toilettenkunststücke, schminkten sich
-ebenfalls, vergossen „künstliche Thränen“ und enthaarten auf Verlangen
-der Geliebten den ganzen Körper. „C’est ainsi que M. le duc d’Orléans
-au témoignage de M. d. Valencay qui lui donna le chemise, se présenta
-dans le lit de Mme. de Montesson“[349]. Eine grosse Errungenschaft
-des 18. Jahrhunderts auf kosmetischem +Gebiete+ war das +Bad+. Die
-Badeeinrichtungen bildeten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts
-einen mit grossem Luxus ausgestatteten Bestandteil vornehmer Häuser
-und wurden hauptsächlich zu kosmetischen Bädern benutzt. Die Heldinnen
-+Sade’s+ steigen ebenfalls nach vollbrachtem Tages- oder Nachtwerk ins
-Bad.
-
-Die Schriften des Marquis +de Sade+ gewähren uns ein erschreckendes
-Bild von der Häufigkeit der auch einen gewissen Zusammenhang mit der
-+Kosmetik+ aufweisenden +Abortiv-+ und +Praeventivmittel+ im 18.
-Jahrhunderte. Jene Zeit brachte die Verhältnise hervor, welche zu der
-gegenwärtigen Abnahme der Bevölkerungsziffer in Frankreich geführt
-haben. Aus +Galliot’s+ Statistik, die mit dem Jahre 1789 beginnt,
-kann man die grosse Ausdehnung der Fruchtabtreibung in Frankreich
-entnehmen. Er schliesst seine Resultate mit den Worten: „On se plaint
-de tous côtés, en +France+, de la décroissance de la population. On
-a fait récemment de nombréuses lois pour protéger l’enfant; nous
-venons à notre tour demander une protection pour le foetus.“[350] Das
-vorige Jahrhundert kannte denn auch bereits alle Mittel, welche noch
-heute angewendet werden, um die Conception zu verhindern oder die
-Abtreibung der Frucht zu bewirken. Höchst charakteristisch ist jene
-Stelle in der „Philosophie dans le Boudoir“, wo Madame de St.-Ange
-auf eine Frage Eugeniens die anticonceptionellen Mittel aufzählt
-(Philosophie dans le Boudoir I, 99) und neben „éponges“, die sich die
-Frauen in die Vagina einführen und „condomes“, deren sich die Männer
-bedienen, als ein vorzügliches Mittel auch die Paedicatio empfiehlt,
-die am besten den malthusianischen Ideen des Jahrhunderts entspreche.
-Ist aber das „Unglück“ geschehen, so wissen die Helden und Heldinnen
-+Sade’s+ Mittel und Wege, um die Frucht im Mutterleibe zu töten. +Sade+
-erwähnt die Sabina als ein vortreffliches Abortivum. (Juliette III,
-204). Aber ein noch sicheres und gefahrloseres Mittel als Sabina, das
-zudem „den Magen nicht angreift“ ist dasjenige, welches die von ihrem
-Vater schwangere Juliette anwendet. Sie lässt sich nämlich von einem
-berühmten Accoucheur eine viermonatliche Frucht vermittelst einer Nadel
-abtreiben. (Juliette III, 212). Die Durand verkauft Emmenagoga m
-diesem Zwecke (Juliette III, 229).
-
-Als letzter Gruppe von sexuellen Mitteln gedenken wir noch der
-+antivenerischen+ Geheimmittel, mit welchen das Frankreich des
-vorigen Jahrhunderts in grosser Zahl überschwemmt wurde. Denn trotz
-aller Ausschweifungen in Venere war die Furcht vor der Syphilis sehr
-gross, und die Charlatane fanden ein nur zu williges Publikum für
-ihre Betrügereien. Wir wissen nicht, ob der Plan für ein Bordell mit
-der Aufschrift: „Du plaisir pour de l’or et santé garantie“[351] zur
-Ausführung gekommen ist Jedenfalls war die Vorsicht in dieser Beziehung
-gewiss gerechtfertigt. +Casanova+ hatte es sich zum Prinzip gemacht,
-niemals in einem fremden Bette zu schlafen.[352] Juliette untersucht
-ihre Kunden stets genau auf syphilitische Symptome hin. Ein Mann,
-der mit schwerer Syphilis behaftet ist und der daher als Spezialität
-seiner Wollust diejenige gewählt hat, die von ihm gebrauchten Weiber
-anzustecken, wäre beinahe der Juliette gefährlich geworden. (Juliette
-I, 238-240). Im „Espion anglais“ (Bd. II, S. 98) wird erzählt, wie
-ein Mann seinen Rivalen aus Rache syphilitisch infizierte damit
-dieser die Krankheit der früheren Geliebten mitteile. Eine ganz
-ähnliche Idee führt +Sade+ am Ende der „Philosophie dans le Boudoir“
-aus. Dort lässt man einen syphilitischen Knecht holen, der vor
-den Augen der triumphierenden Scheusale die unglückliche Madame de
-Mistival infizieren muss, wonach Dolmancé ausruft: Parbleu, voici une
-inoculation, comme Tronchin n’en fit de ses jours. (Philosophie dans le
-Boudoir II, 183-184).
-
-Medicamentöse Schutzmittel gegen Syphilis wurden vorzüglich in den
-Gewölben des Palais-Royal angepriesen. Es gab auch Manche, die ohne
-Scheu dieselben in Flugschriften bekannt machten und ihre Betrügerei
-durch Anschläge an den Mauern, durch Verteilung von Karten oder Zetteln
-auf der Strasse feilboten.[353]
-
-Wir haben früher schon den Charlatan +Agirony+ und das „Spezificum
-des Doktor +Préval+“ erwähnt. Der Letztere ist wohl der berüchtigste
-Charlatan des 18. Jahrhunderts gewesen, dessen Persönlichkeit um so
-mehr Interesse erweckt, als +Guilbert de Préval+ derjenige war, welcher
-+Rétif de la Bretonne+ in die Geheimnisse der Pariser Prostitution und
-die „Artes amandi“ des Palais-Royal einweihte, ein Mensch, der nur
-im schmutzigsten Sumpfe sich wohl fühlte.[354] Die Geschichte dieses
-Erzcharlatans wird im „Espion anglais“ ausführlich erzählt.[355]
-
-+Préval+ studierte seit 1746 in Caën, wo er dann eine umfangreiche
-Praxis ausübte, machte später noch anatomische Studien zu Paris und
-promovierte dort im Jahre 1750. Er beschäftigte sich nunmehr 20
-Jahre mit der Therapie der Syphilis und entdeckte nach Ablauf dieser
-Zeit ein „unfehlbares Specificum“ gegen diese Krankheit, mit welchem
-er mehr wie 8000 (!) Menschen heilte. Das Mittel besass übrigens die
-Kraft, auch alle übrigen „Haut- und Blutkrankheiten“ zu heilen. Selbst
-bis „nach Indien, Amerika und -- Martinique“ drang der Ruf dieses
-Mittels wo es „Pians und Scorbut“ zur Heilung brachte. Gleichzeitig war
-dieses Mittel, eine sogenannte „eau fondante“[356], ein zuverlässiges
-Vorbeugungsmittel der Syphilis. Endlich diente es sogar, wie das
-heutige Tuberkulin bei Tuberkulose, zur Diagnose der Syphilis, wozu es
-z. B. Madame +Gourdan+ benutze. Die Ankündigung dieses Mittels machte
-ausserordentliches Aufsehen und „brachte alle Köpfe der jungen damals
-am alten Hofe befindlichen Wüstlinge in Aufruhr.“[357] Man liess den
-Herrn +Préval+ kommen, überhäufte ihn mit Schmeicheleien, wie sie kaum
-dem Entdecker einer neuen Welt zu Teil geworden wären, verlangte aber,
-dass er selbst in Gegenwart von Zeugen den nötigen Versuch machen
-sollte, die Wirksamkeit des von ihm angegebenen Mittels zu beweisen.
-+Préval+ ging darauf ein. Im Juni 1772 geschah das Unglaubliche. In
-Gegenwart vornehmer Herren vollzog unser Charlatan an einer exquisit
-inficierten Dirne, die im Spital der barmherzigen Schwestern behandelt
-wurde, einen Coitus, nachdem er zuvor sein berühmtes Mittel eingenommen
-hatte.[358] Er blieb gesund, wobei aber nicht mitgeteilt wird, ob eine
-frühere, doch sehr wahrscheinliche Syphilis dieses Lebemannes Ursache
-dieser Immunität war. +Parent-Duchatelet+[359] „könnte noch die Zeugen
-dieser merkwürdigen Szene nennen“, allein der Rang, den sie im Staate
-einnahmen, „befahl ihm Stillschweigen.“
-
-Wir befinden uns nicht mehr in dieser Lage und nennen die Namen. Es
-waren der Herzog von +Chartres+, der Graf +de la Marche+, der Marschall
-+Richelieu+, der +Herzog von Nivernois+ und andere „Cavaliere“. Auch
-der Herzog von +Zweibrücken+ liess ähnliche Versuche anstellen, die
-günstig ausfielen. +Préval+ wurde vom Pariser Magistrat aufgefordert,
-die Syphilitischen im Bicêtre mit seinem Mittel zu behandeln. Es wurden
-ihm zu diesem Zweck 6 Männer und 4 Frauen zugewiesen. Von diesen Dingen
-bekam die medizinische Fakultät Kenntnis und trat zu einer merkwürdigen
-Sitzung am 8. August 1772 zusammen, in der +Préval+ aus der Liste
-ihrer Mitglieder gestrichen wurde, mit 154 gegen 6 Stimmen. Er fing
-darauf mit der Fakultät einen Prozess an und verklagte dieselbe vor
-dem Pariser Parlament. Nachdem dieses im Jahre 1777 den Beschluss der
-Fakultät aufgehoben hatte, wurde derselbe nach neuerlicher Weigerung
-der letzteren am 13. August 1777 bestätigt und +Préval+ ausserdem noch
-zu einer Geldstrafe von 3000 Francs verurteilt.
-
-Wenn man auch dem Beschlusse der Fakultät als solchem zustimmen kann,
-so ist doch die +Begründung+ desselben sehr fragwürdiger Natur. An
-einer Stelle derselben heisst es nämlich: „Es wäre Sache der Moral,
-zu prüfen, bis zu welchem Punkte eine Erfindung erlaubt sein könne,
-welche kein anderes Ziel habe, als den natürlichen Reiz des Lasters
-noch durch den der Straflosigkeit zu verstärken. Wir wissen oder
-glauben es doch zum mindesten, dass ein Schutzmittel gegen die in Rede
-stehende Krankheit eine Liederlichkeit veranlassen würde, wodurch die
-Bevölkerung und bürgerliche Ordnung, wir könnten auch hinzusetzen,
-die Reinheit der Sitten leiden müssten.“ Schon +Girtanner+, der sich
-in seinem Werke überall als einen rigorosen Moralisten erweist,
-bemerkt dazu: „Der Erfinder eines solchen Mittels, verdiente nicht
-Verachtung, sondern den Dank des menschlichen Geschlechts, weil
-dadurch, in kurzer Zeit, die Lustseuche ganz von der Erde vertilgt
-werden müsste. Und welcher Menschenfreund wünscht nicht, dass es
-möglich wäre, eine so glückliche Revolution zu bewirken!“[360]
-+Parent-Duchatelet+, der diesem Gutachten der Pariser medizinischen
-Fakultät ein enthusiastisches Lob zollt, wird von +Proksch+ mit Recht
-getadelt.[361] Denn man kann das Laster verdammen, ohne der Menschheit
-die Schutzmittel vor Krankheiten zu entziehen, und wenn die +Furcht+
-vor Krankheiten der einzige Beweggrund der Tugendhaftigkeit sein soll,
-dann dürfen wir +diese+ Tugend nicht allzuhoch einschätzen.
-
-Das Hauptschutzmittel gegen die venerischen Ansteckungen war im 18.
-Jahrhundert wie -- heute: +der Condom+. Wir haben bereits mehrere Male
-auf den weit verbreiteten Gebrauch dieses Praeservativs hingewiesen,
-von dem in jedem Bordell, ein „ganzes Arsenal“ vorhanden war. Auch die
-alleinwohnenden Prostituirten betrieben den Verkauf dieser „redingotes
-d’Angleterre“. Als +Casanova+ in Marseille ankam und nach seiner
-Gewohnheit die erste Erholung von den Reisestrapazen bei einer Dirne
-suchte, wobei er seine Furcht vor Ansteckung äusserte, bot ihm das
-Mädchen „englische Hüllen“ an, welche „Beruhigung gewähren“. Aber er
-mochte sie nicht, da sie „von zu geringer Qualität waren.“ Darauf
-offerierte die Schöne „+feinere+ zu +drei Francs+ das Stück“, welche
-„die Händlerin nur dutzendweise verkaufte“ worauf +Casanova+ sich
-bereit erklärte, das ganze Dutzend zu nehmen und sich zu diesem Behufe
-ein paar Specimina von einer kleinen 15jährigen Dienerin „anpassen“
-liess.[362]
-
-Der Condom wurde von dem unter +Karl+ II. lebenden Londoner Arzt Dr.
-+Conton+ erfunden, ist daher eigentlich „Contom“ zu nennen. Nach
-der Angabe dieses Arztes wurde diese zum Bedecken des männlichen
-Gliedes vor dem Beischlaf bestimmte Hülle aus den Blinddärmen der
-Lämmer bereitet. Zu diesem Behufe ward das entsprechende Darmstück
-in gehöriger Länge aus den geschlachteten Lämmern herausgeschnitten,
-getrocknet und dann durch Reiben mit einem feinen Oele und Kleien
-schlapp, weich und geschmeidig gemacht.[363]
-
-+Proksch+ macht über die weitere Geschichte und Beurteilung dieser
-Erfindung sehr interessante Mitteilungen und constatiert, dass in der
-Neuzeit „das hypermoralische Toben gegen den Condom“ beinahe ganz
-aufgehört hat. Die Aerzte erkennen den hohen Wert der Condome als
-Mittel zur Verhütung der venerischen Krankheiten fast einstimmig an.
-„Die meiste Anerkennung der Schutzkraft der Condome kam, freilich
-wider Willen, von einer Seite, von welcher man es gar nicht vermutet
-hätte.“ Im Jahre 1826 erschien nämlich ein päpstliches Breve (+Leo+
-XII.), welches diese Erfindung verdammte, „weil sie die Anordnungen
-der Vorsehung hindert, welche die Geschöpfe an dem Gliede strafen
-wollte, mit dem es gesündigt.“ +Proksch+ übt an diesem Breve eine
-vernichtende Kritik, auf die wir den Leser verweisen. -- „Die Condome
-aus Blinddärmen der Lämmer, aus Fischblasen und Goldschlägerhäutchen
-sind weniger zuverlässig, da diese tierischen Membranen sehr bald
-vertrocknen, brüchig und rissig werden, von kleinen Insekten an- oder
-durchfressen werden, und zudem fast gar keine Dehnbarkeit im trockenen
-Zustande besitzen, sodass sie bei einer geringen Gewaltanwendung
-entzwei gehen können.“[364] +Proksch+, dieser ernsthafte und gelehrte
-Forscher auf dem Gebiete der venerischen Krankheiten, hat aber durch
-sehr exakte Versuche nachgewiesen, dass die Condome aus +Kautschuk+
-die sichersten Schutzmittel gegen alle durch naturgemässen Beischlaf
-erworbenen venerischen Krankheiten sind.[365] Die moralischen Einwände,
-welche man gegen den Gebrauch dieser Condome erhoben hat, sind
-nicht stichhaltig für denjenigen, der weiss, dass +Alles+ in der
-Welt gemissbraucht werden kann, und dass das gesellschaftliche Wohl
-höher gestellt werden muss als die Bedenken des Einzelnen. Alle diese
-Einwürfe hat +Proksch+ im humansten Sinne widerlegt. Der +Arzt+, der
-die +Gesundheit+ des einzelnen Menschen, der Familie und der ganzen
-Gesellschaft zu schützen berufen ist, kann nicht den Standpunkt eines
-Theologen einnehmen, der sich, wie wir zugeben, auch vertheidigen
-lässt. Er muss auch einen +Missbrauch+ seiner Ratschläge von sich
-abweisen, der ihm doch gewiss nicht zur Last fällt. „Sollte durch den
-Condom einer jeden erdenklichen Unreinlichkeit und dem triefenden
-Schmutz einerseits und andrerseits den hirnverbrannten Einfällen eines
-jeden Wüstlings Rechnung getragen werden, dann müsste er freilich nicht
-nur die Geschlechtsteile, sondern auch den ganzen Körper überziehen.“
-(+Proksch+.)
-
-Endlich kommen wir zu einer letzten Gruppe von Aphrodisiaca. Das sind
-die +Surrogate+ des Mannes, wie wir sie nennen möchten, die künstlichen
-Apparate, welche der Frau die Abwesenheit des Mannes ersetzen sollen,
-vor allem die ledernen +Phalli+ oder +Godmichés+, die „Consolateurs“,
-wie sie bei der +Gourdan+ heissen die „bijoux indiscrets“, „bijoux
-de religieuse“ (englisch: Dildo, indiscreet toy; italienisch: Cazzo,
-Parapilla), deren Gebrauch aus dem Culte des Priapus entsprungen
-ist.[366] Diese schon seit dem Altertume[367] in Gebrauch befindlichen
-künstlichen Phalli erlangten im 18. Jahrhundert wieder eine weite
-Verbreitung, nicht blos in Frankreich[368], sondern auch in
-Deutschland, wo sie von den vornehmen Damen als „Samthanse“ bezeichnet
-wurden.[369] +Sade+ beschreibt sogar automatisch wirkende Godmichés
-(Juliette V 328), sowie kunstvoll mit verschiedenen scharfen Spitzen
-versehene Instrumente, wie sie z. B. die Tribade Zatta gebraucht
-(Juliette VI 124). Wie wir auf einer Abbildung in der „Philosophie dans
-le Boudoir“ (Band II, 31) ersehen, waren die Godmichés des vorigen
-Jahrhunderts ähnlich konstruiert wie diejenigen, welche noch heute in
-Frankreich Verwendung finden, und welche +Garnier+ folgendermassen
-beschreibt:[370] „On en fabrique ici (à Paris) en caoutchouc rouge
-durci, parfaitement imités, que l’on vend secrètement à des adresses
-connues de toutes les intéressées. Le mécanisme en est des plus
-ingénieux. Ils se gonflent à volonté et du lait ou tout autre liquide,
-placé à l’intérieur, s’échauffant au contact du vagin, s’échappe
-et se répand au moment psychologique, pour rendre l’illusion plus
-complète.“[371] Diese Dinge wurden übrigens nicht blos im Amor lesbicus
-gebraucht, sondern sogar auch zwischen Mann und Frau, w. z. B. Madame
-de St. Ange es zur Paedicatio des Dolmancé benutzt (Philosophie dans le
-Boudoir II, 31).
-
-+Garnier+ meint, dass die sogenannten „japanischen Kugeln“, welche
-in Japan, China und Indien seit alter Zeit von wollüstigen Frauen
-benutzt wurden, erst seit 1819 nach Europa gelangt und damals zuerst im
-„Dictionnaire des sciences médicales“ beschrieben worden seien.[372]
-Das ist ganz unrichtig. Wie wir oben (S. 130) zeigten, waren diese
-„pommes d’amour“ schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in
-Frankreich bekannt.
-
-
-21. Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert.
-
-„Sine Baccho et Cerere friget Venus“. Gut Essen und gut Trinken sind
-auch Aphrodisiaca, die nicht zu verachten sind. Dies weiss der Marquis
-+de Sade+ ganz genau. Gleich im Anfang der Juliette ruft Delbène nach
-einer Orgie aus: „Déjeunons, mes amies, restaurons nous; lorsqu’on a
-beaucoup déchargé il faut réparer ce qu’on a perdu.“ (Juliette I, 10).
-„Nur viel essen macht tüchtig zur physischen Liebe“ sagt Noirceuil
-(Juliette II, 72). Die „diners énormes“ sind daher recht häufig in
-+Sade’s+ Romanen (Juliette II, 268). Clairwil ist ebenso „capriciös
-in den Ausschweifungen der Tafel wie in denen des Bettes, in beiden
-gleich bizarr und unmässig, nährt sich nur von Geflügel und Wildpret,
-trinkt Zucker- und Eiswasser, viel Liqueur und Kaffee. Elle mangeait
-excessivement.“ (Juliette II, 151).
-
-„Trinken wir, sagt Rodin, ich liebe es, mich durch einen tüchtigen
-Trunk auf die Freuden der Liebe vorzubereiten“ (Justine I, 332).
-Ambroise sagt bezeichnend: „Die Kräfte, welche Bacchus der Venus
-leiht, kommen immer der letzteren zu Gute“ (Justine III, 126). Zu
-der fürchterlichen Orgie beim Minister Saint-Fond präparieren sich
-die Teilnehmer durch die „ausgesuchtesten Weine und die opulentesten
-Speisen“ (Juliette II, 15), und auch während der Orgien lässt man
-sich zu den Unmässigkeiten des Comus und der Cypris durch „fremde
-Weine elektrisieren“ (Juliette III, 62). Juliette und die Königin
-Karoline von Neapel trinken zwischen den Liebesszenen zwei Flaschen
-Champagner (Juliette IV, 18), was die Tribade Zanetti damit begründet,
-dass man „trinken muss après avoir f....“ (Juliette VI, 161). Ein
-entsetzlicher Vielfrass und Vielsaufer ist der Graf Gernande, der nach
-der kategorischen Erklärung: „Die Unmässigkeit ist meine Gottheit,
-ihr Bild steht in meinem Tempel neben dem der Venus“ und nach dem
-Vorbilde des von ihm zitierten „Gastmahl Trimalchio’s“ 12 Flaschen
-Wein verschiedener Sorten, 2 Flaschen Liqueur, 1 Flasche Rum, 2 Gläser
-Punsch und 10 Tassen Kaffee trinkt (!!), bevor er sich an die Freuden
-der Liebe macht (Justine III, 231-232).
-
-Das 18. Jahrhundert war „in Wahrheit das Jahrhundert der grossen
-Küche und der grossen Köche“ (le siècle de la grande cuisine et des
-grands cuisiniers).[373] Jedermann war in jener Zeit „Gourmand“,
-vorzüglich in der Aristokratie, wo man „so vortreffliche Mahle zu
-bereiten wusste.“ Die Indigestion war oft die „Strafe der grossen
-Esser“. Der Feldzug des Prinzen +Soubise+ in Deutschland wurde
-bekannter „durch seine opulenten Diners als durch seine Siege“. Der
-Prinz liebte eine besonders raffiniert zubereitete Omelette, die 100
-Thaler kostete.[374] +Voltaire+ sprach sich sehr scharf gegen die
-überhandnehmenden gastronomischen Ausschweifungen aus,[375] die nach
-seiner Ansicht den Geist ruinierten. Die alkoholischen Exzesse, welche
-unter der Regentschaft fast jeden Abend im Palais-Royal stattgefunden
-hatten,[376] bürgerten sich unter der Regierung +Ludwigs+ XVI.
-wieder ein. Die Weine aller Länder wurden gepflegt und eingeführt
-und in regelmässiger Ordnung beim Mahle gegeben, so der Madeira,
-der „den Laufgraben eröffnete, die französischen Weine, welche die
-Gänge unter sich teilten und die spanischen und Kapweine, welche das
-Werk krönten“.[377] Nach +Brillat-Savarin+ waren die Chevaliers und
-die Abbés die grössten Feinschmecker. Die „déjeuners littéraires et
-philosophiques“ wurden Mode, die aber, wie +Paul Lacroix+ bemerkt,
-ebenso sehr der Gastronomie gewidmet waren.[378]
-
-Präsident +Henault+, der intime Freund der Madame +Du Deffand+, war
-bekannt durch seine vortrefflichen Diners. +Voltaire+ redet ihn einmal
-an:
-
-Henault, fameux par vos soupers!
-
-+Rétif+ beschreibt in den „Nuits de Paris“ ein solches „Souper célèbre
-bei +Grimod de la Reynière fils+“[379] und berichtete über mehrere
-„pikante“ Soupers, denen er beiwohnte u. a. bei dem Charlatan +Guilbert
-de Préval+, wo der Dichter +Robé+ seine cynischen Poeme vorlas, bei
-Herrn +de Morfontaine+ und beim Grafen +de Gémonville+.[380] Ganz
-wie heute nahmen schon im 18. Jahrhundert die Lebemänner mit ihren
-„Freundinnen“ ein „vorbereitendes“ Souper ein. +Casanova+ schildert
-ein solches Souper in Marseille.[381]
-
-Wie in der Schreckenszeit die alkoholischen Ausschweifungen
-zur Verwilderung der Massen erheblich beitrugen, schildert
-+Reichardt+[382]. „Der sehr besonnene und von jeder Uebertreibung
-entfernte Geschichtschreiber fügt der Darstellung von den blutigen
-Septembertagen, indem er von den von Wut, Blut und Branntwein
-trunkenen, gedungenen Mördern spricht, die mit Säbel und Beil, mit
-Piken, Bajonetten und Kolben unter Anstimmung des Marseiller Marsches
-ihre Landsleute und Mitbürger wie Feinde, wie wilde Tiere mordeten,
-folgende Note hinzu: Es ist unwiderleglich dargetan, dass die Getränke,
-welche man den gedungenen Mördern reichte, mit einem besonderen
-Mittel vermischt waren, welches eine schreckliche Wut erzeugte, und
-diejenigen, die es verschluckten, gar nicht wieder zur vernünftigen
-Besinnung kommen liess. Ein Lastträger, der zum Morden im Kloster
-Saint-Firmin gedungen war, sagte: Sie haben mir dort was Rechtes zu
-trinken gegeben. Aber ich habe dafür auch ein tüchtig Stück Arbeit
-vollbracht, mehr als zwanzig Priester hab’ ich für mein Teil allein
-umgebracht. (Histoire de la Révolution de France par deux amis de la
-liberté)“.
-
-Merkwürdig ist, dass der Marquis +de Sade+ in seinen Romanen bereits
-den Typus des +Vegetarianers+ und des +Antialkoholisten+ gezeichnet
-hat. Der erste Codex des modernen Vegetarianismus war bekanntlich
-J. +Newtons’s+ Schrift „Return to nature or defence of vegetable
-regime“, die 1811 in London erschien. +Sade+ führt in Bandole einen
-typischen Vegetarianer und Antialkoholisten vor, der allerdings diese
-Enthaltsamkeit aus sexuellen Gründen übte. Er isst wenig, und nur
-Vegetabilien, trinkt nur Wasser. Ja, dieser Bandole ist bereits ein
-Vorläufer von +Leopold Schenk+. Zwar entwickelt er keine vollständige
-„Theorie Schenk“, aber er nimmt an, dass die Frau nur dann geschwängert
-wird, wenn sie eine gesunde und leichte Nahrung geniesst. Auch Zamé
-in „Aline et Valcour“ ist enragierter Vegetarianer, der sich des
-Fleischgenusses „par humanité et par régime“ enthält. Und er weist mit
-Stolz darauf hin, dass die Bewohner seiner Insel, die sich nur von
-Früchten ernähren, sich einer kräftigen Gesundheit erfreuen. Die jungen
-Leute sind stark und fruchtbar, der Geist gesund und frisch. Ihr Leben
-verlängert sich weit über das gewöhnliche Ziel hinaus, und sie werden
-durchaus glücklich.[383]
-
-
-22. Diebstahl und Räuberwesen.
-
-Die Tatsache, dass Prostitution und Verbrechen unzertrennlich mit
-einander verknüpft sind, tritt uns auch in den Romanen des Marquis +de
-Sade+ deutlich entgegen. Fatime, die 16jährige Freundin Juliettens,
-übt das Bestehlen ihrer Kunden als „Spezialität“ zu der einer der
-„berühmtesten Diebe“ der Vorstadt La Vilette, Dorval, sie angeleitet
-hat. (Juliette II, 193). Dieser wird durch seine Spione über alle in
-Paris ankommenden Fremden unterrichtet, die er dann durch seine Dirnen
-verführen und berauben lässt. Er empfindet einen besonderen sexuellen
-Genuss, wenn er bei der Ausführung solcher Diebstähle zugegen sein
-kann. Seine Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls werden wir später
-besprechen. -- Die Hauptleidenschaft der venezianischen Tribade Zanetti
-ist ebenfalls der Diebstahl. Derartige Persönlichkeiten, für die der
-Diebstahl eine Wonne ist, kommen noch mehrere vor.[384]
-
-Ungeheuerlich war ja die +Geldgier+ im Frankreich des 18. Jahrhunderts,
-was die Zeugnisse aller Zeitgenossen beweisen. Rameau’s Neffe erklärt:
-„Es giebt kein Vaterland mehr; von einem Pol zum andern sehe ich nur
-Tyrannen und Sklaven; man mag sich stellen wie man will, +man entehrt
-sich, wenn man nicht reich ist+. Gold ist Alles und das übrige ohne
-Gold ist nichts. Sobald ich einen Louisdor besitze, stelle ich mich
-vor meinen Knaben hin, ziehe das Goldstück aus meiner Tasche, zeige
-es ihm mit Verwunderung, hebe die Augen gen Himmel und küsse das
-Geld“. Graf +Tilly+ sagt in seinen Memoiren: „C’était connaître un
-siècle dont le devise pourrait être: laissons là les parchemins: nous
-parlerons un autre jour de vos vertus. +Montrez moi de l’or+“. Das
-Geld ist der „universelle Motor“ dieser Zeit geworden, wie Madame
-+du Hausset+ sagt[385]. Die Räuber und Diebe, von denen es auch
-in +Sade’s+ Romanen wimmelt, bildeten die wirksame Staffage der
-Revolutionszeit und waren im engsten Bunde mit der Prostitution in
-der Hauptstadt und in den Provinzen[386]. Seit 1789 nahmen Diebstahl,
-Raub und Mord einen immer steigenden Aufschwung und blieben fast
-während der ganzen Revolutionszeit an der Tagesordnung. Schon in der
-ersten Hälfte des Jahres 1792 waren in Paris „nächtliche Diebstähle
-und Morde zahlreicher als gewöhnlich“ geworden, so dass die Massnahmen
-der Wachsamkeit verschärft und vervielfältigt, die Gefängnisse und
-deren Dienstmannschaften vermehrt werden mussten. Der 10. Aug. und die
-Septembertage gaben beiden Arten des Verbrechens einen entsetzlichen
-Impuls. Die Schreckenszeit war begreiflicherweise nur dazu angethan,
-die Verbrechen noch häufiger und die Bestrafung noch seltener zu
-machen. Morde wurden ohne alle Scheu, Einbrüche und Diebstähle jeder
-Art mit der grössten Frechheit ausgeführt. Aus der Umgegend strömten
-immer neue „Schwärme von Spitzbuben“ nach Paris, die hier „in den
-zahllosen Freudenmädchen willkommene Hehlerinnen und Helferinnen
-fanden!“[387] Zugleich klagte man über den Mangel an Sicherheit auf
-den Landstrassen. Unter anderem wurden die Umgebungen von Mitry
-im Departement der Seine und Marne auf das Unverschämteste von
-Räuberbanden beunruhigt, die alles plünderten, was ihnen aufstiess
-und sogar durch +öffentliche Anschläge+ zum Eintritt in ihre Reihen
-einluden, indem sie jedem neuen Genossen 50 Livres für den Tag in
-Aussicht stellten! In den ersten Monaten des Jahres 1796 gestaltete
-sich der Zustand in Paris zu einem geradezu unerträglichen. Die
-Verbrechen vermehrten sich dermassen, dass „+tagtäglich Diebstähle+ und
-Morde begangen wurden“. Das Publikum erklärte laut, dass „die Ziffer
-der Spitzbuben und Betrüger diejenige der ehrbaren Leute überstiege“.
-Zu Anfang dieses Jahres lagerten zahlreiche Räuberbanden um Paris.
-Eine Menge von Raub- und Mordthaten, nicht selten mit „unerhörter
-Grausamkeit ausgeführt“ verbreiteten Angst und Schrecken. Ein gewisser
-+Bourdroux+ war besonders berüchtigt als Führer einer solchen Bande.
-Die Ueberfälle von Seiten der Räuberbanden „geschahen meist mit
-unerhörter Keckheit, die Häuser wurden förmlich erstürmt, die Insassen
-sämtlich auf grässliche Weise ermordet, und dann erst die Plünderung
-vollzogen“.[388]
-
-Als Gründe dieser trostlosen verbrecherischen Zustände von Paris und
-Umgegend bezeichnete damals ein offizieller Bericht: die Entartung
-der Sitten; die Fülle öffentlicher, den Lustbarkeiten und der
-Liederlichkeit gewidmeter Orte; die Schlupfwinkel der Prostitution,
-zumal die der niedrigsten Klasse, deren Inhaberinnen meist mit den
-Banden der Spitzbuben und Gauner in Verbindung ständen, und deren
-Besucher ausgeraubt und dann selbst zu Diebstahl und Raub angelernt
-würden; ferner die zahlreichen Volksbälle, die ebenfalls Schulen
-der Faulheit, der Liederlichkeit und des Gaunertums seien; die
-Spielhäuser.[389]
-
-In der Bevölkerung wurde jeder Sinn für die öffentlichen Interessen
-durch die Unsicherheit der örtlichen und privaten erstickt; alle
-Unterhaltung drehte sich nur um die neuesten Raub- und Mordfälle.
-Die Straflosigkeit der Verbrechen „reizte zur Nachahmung des bösen
-Beispiels oder zerstörte alle Begriffe von Recht und Unrecht, von Sein
-und Haben, von Mein und Dein. In dem Meere der allgemeinen Verderbnis
-ging jeder Anflug von Schuldbewusstsein zu Grunde“. Die Advokaten
-machten sich aus Eitelkeit und Schönrednerei zu Verfechtern des Lasters
-und des Verbrechens. „Der Pranger war ein Triumph“. Weiber benahmen
-sich am Pranger gegen „alle Zuschauenden oder Vorübergehenden nicht
-nur in ihren Zurufen, sondern auch in ihren Gebärden und Handlungen
-so überaus schamlos, frech und gemein, dass man schliesslich
-anordnen musste: allen ausgestellten Weibern die Hände und die Röcke
-festzubinden!“ +Schmidt+ betont besonders die „grauenhafte Thatsache“,
-dass selbst von vielen Leitern der Revolution ein Teil der blutigen und
-unblutigen Formen des Verbrechens öffentlich gelehrt und empfohlen, der
-andere heimlich geübt und geduldet wurde. „Gäbe es eine vollständige
-Statistik der Verbrechen in Frankreich, während der Revolutionszeit:
-man würde sicher nach allen Richtungen hin zu +schaudererregenden
-Ziffern+ kommen.“[390]
-
-Nach dieser Schilderung wird man die Häufigkeit der Diebstähle und
-Räubereien in +Sades+ Romanen verstehen.
-
-
-23. Der Giftmord.
-
-Auch der Giftmord schleicht im Gefolge der Prostitution und sexueller
-Ausschweifungen. Schon im alten Rom war der Dirnenstadtteil Suburra
-zugleich der Aufenthaltsort der Giftmischerinnen und Gifthändlerinnen.
-Und es ist kein Zufall, dass berüchtigte Giftmischerinnen, wie die
-+Brinvilliers+ und die +Voisin+ geschlechtlich ausschweifende Weiber
-waren. +Sade+, mit seiner feinen Kenntnis aller Verhältnisse des
-menschlichen Geschlechtslebens, hat diesen Zusammenhang durchaus
-erfasst und in der Schilderung seiner Typen zum Ausdruck gebracht.
-Höchst anschaulich malt er die Wonne und die Wollust der Giftmischerei
-aus, die eine ungeheuere sexuelle Befriedigung gewährt. (Juliette III,
-214.) Auch ist der Giftmord wegen seiner Unauffälligkeit den anderen
-Arten der Tötung vorzuziehen. Verneuil sagt: „Kein gewaltsamer Akt! Der
-Tod überrascht unter Deinen Augen die betreffende Person, ohne Lärm,
-ohne Skandal, kaum dass Du es merkst. O Justine! Justine! es ist eine
-herrliche Sache, das Gift! wie viel Dienste hat es schon geleistet!
-wie viel Leute bereichert, von wie viel unnützen Wesen die Welt
-befreit!“ (Justine III, 335). Die im Faubourg Saint-Jacques wohnende
-Giftmischerin Durand ist ein erotisches Scheusal par excellence.
-(Juliette III, 220 ff.) +Sade+ hat sie deutlich als krankhaft entartete
-Persönlichkeit geschildert. Er führt uns einen hysterischen Anfall
-der Durand vor, die mit ihrer kalten, berechnenden Grausamkeit, mit
-ihrem cynischen Atheismus, mit ihrer kolossalen sexuellen Erregbarkeit
-das Bild der klassischen Giftmörderin bietet. Sie besitzt einen
-ganzen Garten mit Giftpflanzen und eine grosse Zahl fertiger Gifte,
-Emmenagoga, Aphrodisiaca und Antiaphrodisiaca. Ihre Hauptgifte waren
-das „poudre du crapaud verdier“, mit dem ein Mädchen in coitu vergiftet
-wird, damit seine krampfhaften Zuckungen dem Coitirenden den höchsten
-Grad der Wollust bereiten, die „chair calcinee de l’engri, espèce de
-tigre d’Ethiopie“, mit der ein junger Mann aus der Welt geschafft
-wird, das „Königsgift“ (poison royal), durch welches nach +Sade+ unter
-+Ludwig+ XV. viele Mitglieder der königlichen Familie vergiftet wurden.
-Ferner vergiftete Nadeln und Pfeile, verschiedene Schlangengifte
-(„Cucurucu“, „Kokol“, „Polpoch“, „Aimorrhois“). Auch der Minister
-Saint-Fond betreibt Giftmord im Grossen, ebenso Noirceuil, der der
-+Brinvilliers+ einen Lobhymnus singt (Juliette II, 31 und 85).
-
-Juliette vergiftet ihren Mann, den Grafen Lorsange mit dem „poison
-royal“ und mischt dem Ungeheuer und Menschenfresser Minski Strammonium
-in die Chokolade (Juliette III, 285 und IV, 15). Als die Durand und
-Juliette in Venedig ein Bordell errichten, bildet der Handel mit Giften
-eine willkommene Nebeneinnahme für sie (Juliette VI, 251).
-
-Seit dem 17. Jahrhundert, wo unter der Regierung +Ludwig’s+ XIV. eine
-wahre „Epidemie von Giftmischerei“ besonders unter den aristokratischen
-Frauen auftrat, hatte sich der Giftmord gewissermassen in diesem
-Lande eingebürgert. Zu jener Zeit versorgte der berüchtigte Abbé
-+Guibourg+, der Veranstalter von „Satansmessen“, die ganze Aristokratie
-mit Giften und Liebesphiltren.[391] Der Giftmord nahm so überhand,
-dass der König am 7. April 1679 ein besonderes Tribunal, die „Chambre
-royale de l’arsénale“ oder „Chambre ardente“ errichten musste, die
-ausschliesslich sich mit Giftmordprozessen beschäftigen sollte. Am
-bekanntesten ist die Giftmischerin +Marie Madeleine Marquise de
-Brinvilliers+, die auch der Marquis +de Sade+ sehr häufig erwähnt.[392]
-Es ist interessant, dass dieses teuflische Weib, wie sich aus einer
-unter ihren Papieren aufgefundenen Autobiographie ergab, +von frühester
-Jugend an in sexuellen Ausschweifungen geradezu Exorbitantes leistete+.
-Eine unersättliche Geschlechtslust erfüllte sie durch ihr ganzes Leben.
-Dies war offenbar das Primäre. Die eigene Wollust und Geschlechtsgier,
-welche eigentlich nichts weiter ist, als ein potenzierter Egoismus,
-macht zuerst gefühllos gegen das Geschick und die Leiden Anderer. Diese
-Hartherzigkeit wandelt sich bei weiterem Fortschreiten der sexuellen
-Entartung in Grausamkeit und Mordlust um. So geschah es auch in diesem
-Falle. Erst nach längeren Ausschweifungen lernte die +Brinvilliers+
-von ihrem Geliebten +de Sainte-Croix+ die Giftmischerei kennen, die
-sie dann mit einer wahren Wollust betrieb. Sie vergiftete ihren Vater,
-ihre zwei Brüder, ihre Schwestern und zahlreiche andere Personen. Nach
-Entdeckung ihrer Missethaten wurde sie am 16. Juli 1676 enthauptet;
-ihre Leiche nachher verbrannt und die Asche in alle Winde zerstreut,
-so dass, wie Madame +de Sévigné+ in ihren Briefen erzählt, „ganz Paris
-Gefahr lief, Atome der kleinen Frau einzuatmen und dadurch von gleichem
-Vergiftungstriebe infiziert zu werden.“[393]
-
-In der That trat diese Infektion ein. Die Giftmorde mehrten sich in
-erschreckender Weise und gaben zu der Errichtung der oben erwähnten
-Kammer Veranlassung. Die geschlechtlich ebenfalls sehr aktive +Voisin+,
-die +Vigouroux+, des +Œillets, Delagragne+ sind die berühmtesten
-Giftmischerinnen des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert wurde
-dies Treiben, wenn auch in etwas geringerem Masse, fortgesetzt.
-Die bekanntesten Giftmischer sind +Desrues+ und seine Frau, die
-sich um jeden Preis bereichern wollten und daher zur Vergiftung der
-ihnen im Wege stehenden Personen griffen.[394] +Sade+, der alle ihm
-naheliegenden Vorbilder benutzt hat, lässt auch diesen +Desrues+
-zusammen mit dem grossen Räuber +Cartouche+ als Henker bei einer
-Orgie fungieren, oder vielmehr durch Noirceuil zwei Männern diese
-berüchtigten Namen beilegen (Juliette VI, 323). Ebenso erzählt +Rétif
-de la Bretonne+ im vierten Bande der „Année des dames nationales“ (S.
-1166 ff.) die Affaire +Desrues+.
-
-
-24. Mord und Hinrichtungen.
-
-Des Marquis +de Sade+ Werke triefen von Blut wie sein Jahrhundert. Das
-ist es, was ihren unseligen Ruf begründet hat. Keiner hat vor ihm und
-nach ihm mit so grässlicher Wahrheit jene verhängnisvolle Kombination
-geschildert, die er unermüdlich und mit einer eisernen Konsequenz
-in seinen Büchern walten lässt; die Kombination des Jahrhunderts:
-+Wollust+ und +Blut+! Er hat sein Jahrhundert aufs Papier gebracht!
-Deshalb wirken seine Schriften so verderblich, deshalb grinst uns
-aus ihnen eine Welt der Hölle an. Denn der +Schrecken+ verging, alle
-+wirklichen+ Qualen jener Zeit sind dahin und die ungeheuren Ströme von
-Blut in die dunkle Erde hinabgeflossen, die sie mitleidig aufnahm. Aber
-in +Sade’s+ Werken +lebt+ jener Schrecken noch, da wird er vielleicht
-für ewige Zeit bis zur Vernichtung der Welt leben: „Justine“ und
-„Juliette“ sind die wirklichen Reste einer grausen Zeit. Leichengeruch
-weht uns aus ihnen an, und die mordende Wollust des 18. Jahrhunderts
-wird wieder lebendig. Wir sind in Sodom.
-
-Konnte dies +ein+ Mensch ersinnen und erdenken? Nein! Auch hier
-ist es das +Gemälde+ der +Zeit+. Wir wollen +Sade+ Gerechtigkeit
-widerfahren lassen. Und das können wir nur, indem wir ihn +erkennen+.
-Denn die Erkenntnis ist das Höchste in der Welt. Sie allein führt
-zur Gerechtigkeit, nicht das blosse dumpfe Gefühl, welches sich von
-solchem Graus mit Abscheu abwendet. Schon +Jules Janin+ sagte, dass der
-Marquis +de Sade+ ein Objekt der „histoire naturelle“ sei, dass man
-über ihn schreiben müsse, wie man die Monographie des Skorpions oder
-der Kröte schreibt.[395] Nur die kalte wissenschaftliche Analyse kann
-das Wesen dieses Mannes erleuchten und das endgiltige Urteil über ihn
-feststellen. Nur sie hat ein Recht zu diesem Urteil.
-
-Sehen wir zu, ob dieses Jahrhundert der Wollust nicht auch eines der
-unerhörtesten Grausamkeit, der unmenschlichsten Mordlust gewesen ist!
-
-Die +Hinrichtungen+ waren im 18. Jahrhundert öffentlich. Wirkte vor
-der Revolution die +Grausamkeit+ derselben depravierend auf die
-Zuschauer, so wirkte +während+ der Revolution die +Massenhaftigkeit+
-der Enthauptungen vielleicht noch verderblicher. Mit Recht erklärte
-der edle +Beccaria+ in seiner klassischen Schrift „Ueber Verbrechen
-und Strafen“, die jeder Menschenfreund gelesen haben sollte, dass die
-Hinrichtungen, für den grössten Teil der Zuschauer zu einem Schauspiel
-werden und die Menschen grausam machen.[396] Das französische Volk,
-von Natur zur Grausamkeit geneigt, war dieser Gefahr in höherem Grade
-ausgesetzt als jedes andere. Die grossen Geister jener Zeit erkannten
-dies wohl. So verdammt +Montesquieu+ im „Esprit des lois“ die Foltern
-und die schrecklichen Martern bei der Hinrichtung, und +Voltaire+ hörte
-niemals auf, gegen diese Unmenschlichkeiten zu protestieren.
-
-Bis zur Revolution waren in Frankreich als Arten der Todesstrafen
-hauptsächlich die +Vierteilung+, das +Rad+ und der +Galgen+
-gebräuchlich. Die mildere Enthauptung wurde so selten ausgeübt, dass
-sie sogar von den Henkern „verlernt“ wurde, wie die Hinrichtung des
-Grafen +de Lally+ im Jahre 1766 bewies.[397] Die gewöhnliche Weise der
-Hinrichtung war das +Rad+, das denn auch bei +Sade+ öfter vorkommt. Der
-unglückliche Delinquent wurde auf „einem Wagenrade ausgestreckt.“ Der
-Henker zerbrach ihm mit einer schweren eisernen Stange die Knochen
-der oberen und unteren Extremitäten, und verfuhr dabei mit grosser
-Geschicklichkeit, um sich den Beifall der Zuschauer (les suffrages
-des spectateurs) zu erwerben.[398] Sodann wurde der Delinquent in die
-Speichen des Rades geflochten und sterbend zur Schau gestellt.
-
-Die Strafe des Galgens ist bekannt. Die Vierteilung werden wir bei der
-schauerlichen Hinrichtung des +Damiens+ kennen lernen.
-
-Eine grosse Hinrichtung war immer, besonders in Paris, „eine Art von
-Fest für das Volk“, das sich sehr begierig zeigte, ihr beizuwohnen
-und genau alle Einzelheiten derselben zu sehen. Meist fanden diese
-Executionen auf der Place de Grève statt. Die berühmtesten waren die
-des Strassenräubers +Cartouche+ und seiner Bande (27. November 1721),
-des Räubers +Nivet+ und seiner Complicen (1729) durch das Rad, des
-+Deschauffonis+, der erst erdrosselt, dann verbrannt wurde (1733), der
-Gattenmörderin +Lescombat+ durch den Galgen (1755), des +Damiens+ durch
-Vierteilung (1757), des Giftmörders +Desrues+ und seiner Frau durch das
-Rad (1777). Strassenrufer verkündigten Tag und Stunde der Hinrichtung
-und verkauften das gedruckte Urteil. Eine „ungeheure Menschenmenge
-versammelte sich auf dem Executionsplatze“. In dieser tumultuösen
-und oft leidenschaftlich erregten Menge waren die Frauen und Kinder
-nicht die am wenigsten Ungeduldigen. Jede folgte „avec ardeur“ allen
-Peripetien der Hinrichtung, die oft länger als eine Stunde dauerte.
-Der Scharfrichter, umgeben von seinen Knechten, trug die Miene eines
-Seigneur inmitten seiner Bedienten zur Schau, war frisiert, gepudert,
-ausgesucht vornehm in weisse Seide gekleidet und blickte stolz umher.
-Das Volk verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen. Der Verurteilte
-bekam es zu merken ob das Volk guter oder schlechter Laune war, da man
-ihn je nachdem bald mit Beifalls- und Mitleidsrufen, bald mit Schimpf-
-und Zornesrufen überschüttete.[399]
-
-Die grässlichste Hinrichtung, die vielleicht jemals vollzogen worden
-ist, war die des unglücklichen +Robert François Damiens+, der am 5.
-Januar 1757 einen Mordversuch auf den König +Ludwig+ XV. machte und
-dafür am 28. März dieses Jahres unter entsetzlichen Martern vom Leben
-zum Tode gebracht wurde. +Thomas Carlyle+, dieser, was den Ausdruck des
-Affects betrifft, ohne Zweifel grösste Geschichtschreiber der grossen
-Revolution, bricht angesichts der blutigen Greuel der Schreckenszeit
-in den Ruf aus: „Ach diese ewigen Sterne, blicken sie nicht hernieder,
-wie glänzende von Thränen unsterblichen Mitleids perlende Augen, voll
-Mitleid über der Menschen Los!“[400] Uns scheint, dass +tausend+
-Hinrichtungen mit der Guillotine nicht die eine furchtbare Exekution
-des armen +Damiens+ aufwiegen können, die wirklich gen Himmel schreit
-und das Mitleid der Sterne anruft, dass diese Schandtat des ancien
-régime selbst durch die während der Revolution geflossenen Ströme
-von Blut kaum gelöscht worden ist. Und wenn wir nun die Einzelheiten
-derselben vernehmen, dann wird uns ein Blick in die Grausamkeit der
-französischen Volksseele eröffnet, der mit einem Schlage die Werke
-eines Marquis +de Sade+ begreiflich macht und den wollüstigen Blutdurst
-der Revolution vorherahnen lässt.
-
-Ueber die Hinrichtung des +Damiens+ besitzen wir den Bericht eines
-Augenzeugen, dem wir in der Hauptsache folgen.[401]
-
-An +Damiens+ wurde dasselbe Urteil vollstreckt wie an dem Mörder
-+Heinrich’s+ IV., +François Ravaillac+, am 27. Mai 1610. Er (Damiens)
-wurde zunächst am Morgen des 28. März 1757 gefoltert, wobei ihm mit
-glühenden Zangen Brüste, Arme, Schenkel und Waden aufgerissen und in
-die Wunden geschmolzenes Blei, siedendes Oel, brennendes Pech mit Wachs
-und Schwefel vermischt, gegossen wurden. Gegen drei Uhr Nachmittags
-wurde der Unglückliche dann zuerst nach Notre-Dame und darauf zum
-Grève-Platze geführt. Alle Strassen, die er dorthin passieren musste,
-waren von einer dichten Menschenmenge (monde affreux) besetzt, die
-„weder Hass noch Mitleid“ bezeugte. +Charles Monselet+ berichtet:
-„Wohin auch der Blick sich wendete, überall bemerkte er nur die Menge,
-immer wieder die Menge. Die Menge unter der Arkade Saint-Jean! Die
-Menge in den ersten Häusern der Rue de la Mortellerie! Die Menge in
-der Rue de la Vannerie! Die Menge in der Rue de la Tannerie! Die Menge
-an der Kreuzung der Rue de l’Epine und der Rue de Mouton! Die Menge
-an allen Ausgängen des Platzes. Auf dem Platze selbst eine compakte
-Menge, bestehend aus allen möglichen Elementen, aber vor allem aus dem
-Pöbel. In den Fenstern eine geschmückte, kokette Menge; vornehme Herren
-und grosse Damen, grosse Damen besonders, die mit dem Fächer spielten
-und ihre Riechfläschchen im Fall einer Ohnmacht bereit hielten.“[402]
-Um 4½ Uhr nahm dann jenes grässliche Schauspiel seinen Anfang, dessen
-blosse Schilderung uns -- wir wollen dies nicht verschweigen -- noch
-heute Thränen des Mitleids und des Wehs über die unsäglichen Leiden
-eines längst in Staub Zerfallenen entlockt hat.
-
-In der Mitte des Platzes war eine niedrige Plattform errichtet,
-auf welcher der Unglückliche, der weder Furcht noch Erstaunen
-zeigte, sondern nur den Wunsch bekundete, schnell zu sterben, von
-den sechs Henkern mit eisernen Ringen festgebunden wurde, so dass
-der Rumpf vollkommen fixiert war. Darauf fesselte man ihm die
-rechte Hand und liess sie in einem schwefligen Feuer verbrennen,
-wobei der Bejammernswerte ein entsetzliches Geschrei erhob. Man sah
-(nach +Monselet+), während die Hand verbrannt wurde, die Haare des
-Unglücklichen sich auf dem Kopfe steil emporrichten! Darauf zwickte
-man wieder den Körper mit glühenden Zangen und riss ihm Fleischstücke
-aus der Brust und an anderen Stellen aus, goss dann flüssiges Blei und
-kochendes Oel in die frischen Wunden, was, wie es in den „Mémoires“
-von +Richelieu+ heisst, die Luft auf dem ganzen Grève-Platze durch den
-entsetzlichen Gestank verpestete. Nunmehr befestigte man um Oberarme
-und Oberschenkel, um Hand- und Fussgelenke grosse Taue, die mit dem
-Geschirr von vier Pferden verbunden wurden, welche an den vier Ecken
-der Plattform standen. Dann trieb man diese Pferde an, die so den
-Delinquenten zerreissen sollten. Allein diese waren nicht gewohnt,
-solche Henkersdienste zu tun. +Mehr als eine Stunde+ hieb man auf sie
-ein, ohne dass es ihnen gelang, eine der Extremitäten abzureissen. Nur
-die gellenden Schmerzensschreie unterrichteten die „nombre prodigieux
-de spectateurs“ von den unerhörten Qualen, die hier ein menschliches
-Wesen erdulden musste. Man spannte sechs Pferde vor, die alle zugleich
-in Bewegung gesetzt wurden. Das Geschrei des +Damiens+ steigerte sich
-zu einem wahnsinnigen Gebrüll. „So kräftig war dieser Mensch.“ Wieder
-blieb der Erfolg aus. Endlich bekamen die Henker von den Richtern die
-Erlaubnis, das grauenvolle Werk durch Einschneiden der Gelenke zu
-erleichtern. Zuerst durchtrennte man die Hüftgelenke. Der Unglückliche
-„hob noch den Kopf, um zu sehen was man mit ihm machte,“ schrie aber
-nicht, sondern drehte oft den Kopf nach dem ihm entgegengehaltenen
-Kruzifix, das er küsste, während zwei Beichtväter auf ihn einsprachen.
-Endlich nach 1½ Stunden dieser „Leiden ohne Beispiel“, wurde der
-linke Schenkel zuerst abgerissen. +Das Volk klatschte in die Hände+!
-Der Delinquent hatte sich bis jetzt nur „neugierig und gleichgültig“
-gezeigt. Als aber der andere Schenkel weggerissen wurde, fing er wieder
-an zu schreien.[403] Nachdem man die Schultergelenke durchgehauen
-hatte, wurde zuerst der rechte Arm abgetrennt. Das Geschrei des
-Unseligen wurde schwächer, und der Kopf begann zu wackeln. Erst
-beim Abreissen des linken Armes fiel derselbe hintenüber. So war
-nur der zuckende Rumpf übrig, der noch lebte und ein Kopf, dessen
-Haare plötzlich weiss geworden waren. Er lebte noch! Während man
-die Haare abschnitt und die vier Gliedmassen sammelte, stürzten die
-Beichtväter zu ihm. Aber +Henri Sanson+ (der Scharfrichter) hielt
-sie zurück, indem er ihnen mitteilte, dass +Damiens+ soeben den
-letzten Seufzer ausgehaucht habe. „Die Wahrheit ist“, schreibt der
-zuverlässige +Bretonne+, „dass ich noch den Rumpf sich drehen und
-den Unterkiefer, wie wenn er spräche, sich hin und herbewegen sah.“
-Dieser Rumpf atmete noch! Seine Augen wandten sich noch gegen die
-Umstehenden. Man berichtet nicht, ob das Volk noch zum zweiten Male
-in die Hände klatschte. Sicher ist, dass während der Dauer der ganzen
-Hinrichtung Niemand daran dachte, seinen Platz zu verlassen, weder
-in den Fenstern noch auf der Strasse. Die Reste des Märtyrers wurden
-auf einem Scheiterhaufen verbrannt, und die Asche in die vier Winde
-zerstreut.[404] „Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der -- man
-möge es glauben -- die grössten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch
-erlitten hat, was die +Dauer+ derselben anbetrifft.“ So schliesst
-der Herzog von +Croy+, ein Augenzeuge, seinen Bericht, den wir fast
-wörtlich übersetzt haben. Und +Monselet+ ruft aus: „Dass man mir nicht
-mehr von der Anmut und dem Leichtsinn des achtzehnten Jahrhunderts
-spricht! Dieses rosige Jahrhundert ist für ewig befleckt mit dem Blute
-des +Damiens+!“ Noch einige andere Nachrichten von Augenzeugen teilen
-wir mit, die jenem Bilde des Jammers eine infernalische Ruchlosigkeit
-zur Seite stellen, wie sie selbst ein +Sade+ kaum hat schildern
-können. Und man denke sich, dass das, was wir berichten, +wirklich+
-geschah! Ein ganzes Volk berauscht sich vier Stunden hindurch an den
-entsetzlichsten Qualen, welche die Welt jemals gesehen hat!
-
-„Der Zusammenfluss von Menschen in Paris an diesem Tage war
-unbeschreiblich. Die Bewohner der benachbarten Dörfer und der
-entfernten Provinzen, sogar Ausländer waren herbeigekommen wie zu
-der glänzendsten Lustbarkeit. Nicht allein die Fenster nach dem
-Gerichtsplatz zu, sondern auch die Dachfenster und Bodenluken wurden
-mit einem rasenden Preise bezahlt. Kopf an Kopf war auf den Dächern
-zu sehen. +Am meisten erstaunte man über die hitzige Begierde der
-Frauenzimmer+, die sonst so gefühlvoll, so mitleidig sind, diesem
-grässlichen Schauspiel nachzugehen, +sich daran zu weiden+, und es mit
-aller seiner Schrecklichkeit bis ans Ende thränenlos und ohne Rührung
-zu betrachten, während alle Mannspersonen schauderten und ihr Gesicht
-wegwandten.“[405]
-
-Madame +du Hausset+ erzählt in ihren Memoiren, dass man sogar
-während der Hinrichtung spielte.[406] Ja, man that noch Schlimmeres.
-+Casanova+, der einer von den Ausländern war, welche der Execution
-beiwohnten, berichtet über eine Szene, welche eine schauerliche
-Illustration zu der Lehre +Sade’s+ ist, dass die Qualen eines Anderen
-die eigne Wollust aufstacheln. +Casanova+ erzählt: „Am 28. März, dem
-Tage des Märtyrertums von +Damiens+, holte ich die Damen schon früh
-bei der +Lambertini+ ab, und da der Wagen uns kaum fassen konnte,
-nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoss
-und wir begaben uns so nach dem Grèveplatze. Die drei Damen drängten
-sich zusammen, so viel sie vermochten und nahmen die erste Reihe an
-dem Fenster ein; sie bückten sich dabei und stützten sich auf die
-Arme, um uns nicht zu verhindern, über ihre Köpfe hinwegzusehen. Das
-Fenster hatte drei Stufen oder Tritte, und die Damen standen auf dem
-zweiten. Um über sie wegsehen zu können, mussten wir uns auf dieselbe
-Stufe stellen; denn auf dar ersten würden wir sie überragt haben.
-Nicht ohne Grund gebe ich meinen Lesern diese näheren Umstände an.
-Denn sonst würde es schwer sein, die Details zu erraten, die ich ihnen
-verschweigen muss.
-
-„Wir besassen die Ausdauer, vier Stunden bei diesem abscheulichen
-Schauspiel zu verharren. Die Hinrichtung des +Damiens+ ist zu bekannt,
-als dass ich davon zu sprechen brauchte; zunächst, weil die Schilderung
-zu lang sein würde, und dann, weil solche Greuelthaten die Natur
-empören. Während der Hinrichtung dieses Opfers der Jesuiten[407]
-musste ich die Augen abwenden und mir die Ohren zuhalten, wenn ich das
-herzzerreissende Geschrei hörte, als er nur noch seinen halben Körper
-hatte; aber die +Lambertini+ und die dicke Alte machten nicht die
-geringste Bewegung; war das eine Wirkung der Grausamkeit ihres Herzens?
-Ich musste mich stellen, als glaubte ich ihnen, indem sie mir sagten,
-der Abscheu den ihnen das Attentat dieses Ungeheuers einflösste, hätte
-sie gehindert, das Mitleid zu fühlen, welches notwendiger Weise der
-Anblick der unerhörten Qualen, denen man ihn unterwarf, erregen musste.
-Die Thatsache ist, dass +Tiretta+ die fromme Alte während der Zeit der
-Hinrichtung auf eine eigentümliche Weise beschäftigt hielt. Vielleicht
-war das auch die Ursache, dass diese tugendhafte Dame keine Bewegung
-machte und auch den Kopf nicht umdrehte. Da er sehr nahe hinter ihr
-stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihr Kleid in die Höhe zu
-schlagen, um nicht die Füsse darauf zu setzen. Das war ohne Zweifel in
-der Ordnung; allein als ich eine unwillkürliche Bewegung nach der Seite
-machte, bemerkte ich, dass +Tiretta+ die Vorsicht zu weit getrieben
-hatte.“[408]
-
-Jeder Commentar zu der Erzählung +Casanova’s+ ist überflüssig. Dass
-es sich nicht um einen +momentanen+ Anfall von Satyriasis gehandelt,
-sondern um eine die einzelnen Phasen der grauenvollen Hinrichtung
-+begleitende+ und durch sie +hervorgerufene+ wollüstige Ekstase, geht
-mit aller Evidenz daraus hervor, dass diese scheusslichen sexuellen
-Manöver +zwei Stunden+ lang dauerten, wie +Casanova+ ausdrücklich
-hervorhebt.[409] „Die Handlung wurde wiederholt und ohne einen
-Widerstand.“
-
-Dass +Ludwig+ XV. den Gesandten mit grossem Behagen alle Einzelheiten
-dieser Execution mitteilte, wird nicht Wunder nehmen.[410] Auch die
-Hinrichtung des Giftmischers +Desrues+, der am 6. Mai 1772 gerädert und
-dann noch lebend verbrannt wurde, lockte eine grosse Zuschauermenge
-an, „spectateurs distingués ont désiré jouir de cet épouvantable
-spectacle“, und die Zimmer auf dem Grèveplatze wurden „sehr teuer
-vermietet.“[411]
-
-Die Revolution fand also ein auf Hinrichtungen wohl dressiertes
-Publikum vor. Wir betonen nochmals, dass +Sade+ alle Greuel der
-Schreckenszeit mit erlebt hat, da er 1790 freigelassen wurde und
-nur von Dezember 1793 bis zum 10. Thermidor (28. Juli) 1794 wieder
-im Gefängnis sass. Gleich die ersten Vorläufer der Septembermorde,
-die Erstürmung der Bastille (14. Juli 1789), der Zug nach Versailles
-(5. Oktober 1789), die blutigen Ereignisse in Avignon in den Jahren
-1790 und 1791, lassen erkennen, welche Rolle die +Frauen+ bei den
-Hinrichtungen und Morden spielen würden, und dass keineswegs den
-französischen Frauen des Volkes der Blutdurst und die Grausamkeit
-eigentümlich war. In Avignon war der Streit zwischen den päpstlichen
-Aristokraten und dem patriotischen Volke aufs heftigste entbrannt.
-Schon Anfang 1790 forderte der „päpstliche Galgen“ seine Opfer, um
-bald nach Ankunft des berüchtigten +Jourdan+ von dem „patriotischen“
-Galgen abgelöst zu werden. Am 14. September 1791 wurde Avignon
-dem französischen Reich einverleibt und eine Regierung von „sechs
-leitenden Patrioten“ eingesetzt. Am 16. Oktober 1791 begab sich
-einer derselben, +l’Escuyer+ in die Cordelierskirche, um dort die
-Päpstlichen zusammen zu treffen und „ein Wort der Ermahnung zu ihnen
-zu sprechen“. Die Antwort darauf war „ein kreischendes Geheul der
-+aristokratisch-päpstlichen+ Andächtigen, worunter +viele Weiber+
-waren. Ein tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da +l’Escuyer+
-nicht floh, zum tausendhändigen Drängen und Stossen wurde, zum
-tausendfüssigen Treten, mit Niederfallen und Getretenwerden, mit
-dem Stechen von Nadeln, Scheren und anderen weiblichen zugespitzten
-Instrumenten. Grässlich zu sehen, wo rund herum die alten Toten und
-Petrarcas Laura schlafen, der Hochaltar und brennende Kerzen und die
-Jungfrau darauf herniederblicken; die Jungfrau ganz ohne Thränen
-und von der natürlichen Farbe des Steins. -- +l’Escuyers+ Freunde
-stürzen wie Hiobsboten zu +Jourdan+ und der Nationalmacht. Aber der
-schwerfällige +Jourdan+ will sich vorerst der Stadtthore bemächtigen,
-eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als man in der
-Cordelierskirche anlangte, ist sie still und leer; +l’Escuyer+, ganz
-allein, liegt da am Fusse des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend,
-von Scheren zerstochen, unter die Füsse getreten, massakriert. Seufzt
-noch einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.“[412]
-Nun folgte das schreckliche Strafgericht, welches unter dem Namen des
-„Eisturms“ von Avignon für immer einen traurigen Ruhm erlangt hat.
-Männliche und weibliche Aristokraten wurden ins Schloss geschleppt und
-in unterirdische Kerker am Rhonefluss geworfen. Neben diesen Verliessen
-befand sich die „Glacière“ (auch „Trouillas“ oder „Pressoir“ genannt),
-der berüchtigte „Eisturm“, ein „lieu de mort, lieu de supplice“, die
-grosse Totenkammer, in welche früher die Opfer der Inquisition lebend
-hinabgeworfen wurden, mitten unter Skelette, wo man sie verhungern
-liess. Wieder sah dieser entsetzliche „Eisturm“ Thaten, „für die
-die Sprache keine Namen besitzt.“ -- Undurchdringliches Dunkel und
-Schatten entsetzlicher Grausamkeit umhüllen diese Schlosskerker,
-diesen Glacièreturm. Nur dies ist klar, dass viele eintraten, wenige
-zurückgekehrt sind. Als am 15. Novbr. 1791 der General +Choisi+ in
-Avignon einrückte und +Jourdan+ absetzte, da fand man im Eisturme
-„+hundertdreissig Leichname+ von Männern und Weibern, ja selbst Kindern
-(denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt, konnte ihr Kind
-nicht verlassen) lagen aufgehäuft in jener Glacière, faulend unter
-Fäulnis, zum Entsetzen aller Welt.“
-
-Unverkennbar hat der Marquis +de Sade+ diesen Eisturm von Avignon,
-der alten Heimat seines Geschlechtes, diese unterirdischen Gewölbe
-mit ihren Skeletten in dem von Skeletten erfüllten unterirdischen
-Gewölbe des Schlosses von Roland geschildert, in welches dieser seine
-Opfer schleppt. So wird auch Justine in diesen von Toten bewohnten
-unterirdischen Abgrund hinabgestossen und ihrem Schicksal überlassen
-(Justine IV, 176, 221).
-
-Nach der Massakrierung der unglücklichen Schweizer am 10. August
-1792, von der +Carlyle+ sagt, dass „wenige Fälle in der Geschichte
-der Blutbäder furchtbarer“ seien, und dass die alte „deutsche
-Biederkeit und Tapferkeit“ in den für den König todesmutig kämpfenden
-Schweizern sich wieder gezeigt habe, kam jene +Septemberwelt+
-„dunkel, voll Nebel, wie eine Lappländer Hexenmitternacht“; vom
-Sonntag dem 2. September 1792 nachmittags bis zum Donnerstag, 6.
-September 1792 abends folgen nacheinander „hundert Stunden, die man
-der Bartholomäusmordnacht, den Armagnacmetzeleien, der Sicilianischen
-Vesper oder dem Allerschrecklichsten in den Annalen dieser Welt an
-die Seite stellen muss. Schrecklich ist die Stunde, ruft +Carlyle+
-aus, wenn die Seele des Menschen in ihrem Wahnsinn alle Schranken und
-Gesetze durchbricht und zeigt, welche Höhlen und Tiefen in ihr liegen!
-Aus ihrem unterirdischen Kerker sind nun Nacht und Orkus ausgebrochen
-hier in diesem Paris, wie wir sagten, wie es schon lange prophezeit
-war; grässlich, verworren, peinlich anzusehen, und doch kann man, ja
-man sollte wirklich nicht es jemals vergessen“.[413]
-
-Priester, Aristokraten, Schweizer wurden aus den Gefängnissen
-hervorgeholt und auf der Strasse von der wütenden Volksmenge in Stücke
-gehauen. Allen voran die rasenden Weiber! „Und es bildet sich ein
-hoher Haufen von Leichen, und die Gassen strömen von Blut.“ Dazu das
-Geheul der Mörder mit den schweiss- und bluttriefenden Gesichtern,
-das noch grausamere Wutgeschrei der Weiber. „Und unter diese Menschen
-wird nackt ein Mitmensch geschleudert!“ Einer um den andern wurde
-niedergemacht, die Säbel müssen frisch geschliffen werden, die Mörder
-erfrischen sich aus Weinkrügen. Fort und fort dauert die Schlächterei,
-das laute Geheul wurde zum tiefen Knurren. Der Prinzessin +Lamballe+
-wird der schöne Kopf mit der Axt gespalten und vom Rumpfe getrennt.
-Ihr schöner Leib wird in Stücke gehauen, unter „Schändlichkeiten,
-obscönen Greueln von Schnurrbart -- grands-lèvres, die die Menschheit
-gern für unglaublich hielte“. Schweigen wir über alles Weitere, von
-+Jourgniac’s 38stündiger Todesangst+[414], von +Matons Erlebnissen+
-vor seiner „Résurrection“[415] und von dem Dritten im Bunde, dem armen
-+Abbé Sicard+.[416] Diese drei könnten wir hören in „wunderbarer
-Trilogie oder dreifachem Selbstgespräch, womit sie gleichzeitig
-ihre Nachtgedanken, während ihrer schrecklichen Nachtwachen, für
-uns hörbar machten.“ Die drei könnten wir hören, aber „die anderen
-+Tausendundneunundachtzig+, worunter Zweihundertzwei Priester, die
-ebenfalls ihre Nachtgedanken hatten, bleiben unhörbar für immer in
-schwarzem Tode erstickt.“[417]
-
-Nunmehr beginnt die Guillotine[418] ihr Werk. Wie sie es gethan hat
-in den Jahren 93 und 94, darüber möge man das ergreifende Kapitel bei
-+Carlyle+ nachlesen[419]. Aber über den Schrecken erhoben sich noch die
-„grands terroristes“, die +grossen Schreckensmänner+, Gestalten der
-Hölle, die +Fouché+, +Collot+, +Couthon+ in Lyon, die +Saint-André+
-in Brest, die +Maiquet+ in Orange, +Lebon+ (der Namensvetter eines
-modernen ebenso scheusslichen +Lebon+) in Arras und +Carrier+ in
-Nantes, diese „Weltwunder“ (nach +Carlyle+) schwelgen in „Strömen sich
-ergiessenden Todes“, sie schwelgen aber auch wie die Gestalten des
-Marquis +de Sade+ in -- Wollust.
-
-Schon +Brunet+ hat den grössten der grossen Terroristen, +Jean Baptiste
-Carrier+ als einen derjenigen bezeichnet, die +Sade+ als Vorbild
-für die blutigen Schilderungen in seinen Romanen gedient haben und
-ohne welche „letztere nicht diesen wilden Charakter gehabt haben
-würden“[420].
-
-Neuere Forschungen, insbesondere die Schrift des Grafen +Fleury+[421]
-haben dies vollauf bestätigt. +Carrier+ war ein Schlächter und Henker
-aus Wollust. Er errichtete in Nantes ein „Serail“, in dem er mit seiner
-Geliebten und Oberaufseherin +Caron+ sich den widerlichsten Orgien
-hingab. Er „stürzte sich in die Wollust hinein, ohne Sättigung zu
-finden.“ Il faudrait un volume, pour rappeler les orgies auxquelles
-présida le représentant. Er +liess schöne Frauen, nachdem er sie
-genossen hatte, ertränken.+ In seinem Serail an der Barrière de
-Richebourg in Nantes verbrachte er, wie es in einem Briefe +Julliens+
-an +Robespierre+ heisst, seine Nächte mit „frechen Sultaninnen und
-niedrigen Schmeichlern, die ihm als Eunuchen dienten, während die
-+Caron+ diese Orgien leitete.“ Nachdem in Nantes guillotiniert worden
-war, bis „des Scharfrichter todmüde hinsank“, füsilierte man in der
-Ebene von Saint-Maure „Kinder und Weiber mit Kindern an der Brust“ bei
-hundertundzwanzig, und Männer bei vierhundert, bis man auch dessen müde
-ward und zu den „+Noyades+“, den Ersäufungen griff, die „berüchtigt
-geworden sind für alle Zeiten.“
-
-In flachen Fahrzeugen, sogenannten „gabares“ fuhr man hinaus im Dunkel
-der Nacht. Neunzig Priester sind auf dem Schiffe, das plötzlich auf
-ein gegebenes Zeichen versinkt. „Das Urteil der Deportation“, schreibt
-+Carrier+, „wurde +senkrecht+ vollstreckt“. (Déportation verticale).
-Bald folgte eine zweite Noyade von 138 Personen. Und dann griff man zu
-Schiffen mit aufklappbaren Böden, die sich öffneten, und wenn in der
-Todesangst die Unglücklichen ihre Finger durch die Luken steckten,
-liess der scheussliche +Grandmaison+, der Helfershelfer +Carrier’s+,
-die Finger abhauen![422] Man warf auch die Opfer mit gebundenen Händen
-ins Wasser, ergoss einen beständigen Bleihagel über die Flussstelle,
-bis der letzte mit dem Wasser Kämpfende untergegangen war. Viele Zeugen
-versichern, dass man oft die Frauen vollständig nackt auszog, dass man
-kleine Kinder hineinwarf, deren jammernden Müttern erwidert wurde:
-„Wölflein, die zu Wölfen heranwachsen werden.“ Weiber und Männer werden
-zusammengebunden und hineingeworfen. Das sind die „+republikanischen
-Hochzeiten+“ (mariages républicains), ebenso berühmt für alle Zeit.
-Und als der Strom die Leichen wieder zurückwälzt, als Raben und
-Wölfe sich gierig auf die am Flussufer liegenden Cadaver stürzen, da
-ruft +Carrier+ aus: „Quel torrent révolutionnaire!“ Es ist Nacht. Da
-verlässt dieser Nero der Revolution sein Serail, begleitet von seinen
-Dirnen und Cumpanen „en joyeuse compagnie.“ Sie schauen dem grässlichen
-Schauspiele zu, und dann „la noyade faite, il passait les nuits en
-orgies bacchiques avec des femmes et ses ‚roués‘ ordinaires.“ So meldet
-die Geschichte. Auch dass es 25 Noyaden waren, und dass im ganzen 4860
-Menschen ertränkt wurden, darunter viele Kinder unter 15 Jahren.[423]
-Es geschah in der Dunkelheit, aber es „wird einst am Sonnenlicht
-untersucht und nicht vergessen werden Jahrhunderte lang.“ (+Carlyle+).
-
-Und merkwürdig! Spricht nicht auch dieser „grand terroriste“ in seinem
-Briefe an den Convent vom 8. Frimaire 1793 ganz wie +Sade+ und mit
-ebendemselben Ausdruck, den dieser so oft gebraucht davon, dass „nach
-der Aufrichtung des Apostolates der Vernunft inmitten der Revolution
-alle Vorurteile, aller Aberglauben und Fanatismus verschwinden werden
-vor dem ‚+flambeau de la philosophie+‘.“ Ist das ein Zufall?[424]
-
-In +Lyon+, wo +Collot-d’Herbois+ haust, „fliessen die Gossen auf
-der Place des Terreaux rot; es trägt die Rhône zerstückelte Körper
-auf ihren Wellen dahin. Zweihundertundneun Verurteilte werden über
-den Fluss geführt, um auf der Brotteaux-Promenade mit Musketen und
-Kanonen in Masse erschossen zu werden“. Es wird „eine Schlächterei, zu
-grässlich, um sie in Worten zu schildern, so grässlich, dass sogar die
-Nationalgarden beim Feuern das Gesicht abwenden.“[425]
-
-Man darf sagen, dass es keine Zeit gegeben hat, in der das Morden so
-zur +Gewohnheit+ geworden wäre, wie in diesen Jahren von 1792 bis
-1794. Es bildeten sich, gleichsam als Konkurrenten der Guillotine,
-+Mordbanden+ wie die berüchtigten „Jehus“ und die Sonnenbanden, welche
-im Süden Frankreichs den „weissen Schrecken“ verbreiteten. Die Zahl
-der Menschen, die gemordet wurden in jener Zeit, sei es durch die
-Guillotine, sei es auf andere Weise, war Legion. Vom Könige und der
-Königin bis hinab zum Schuster +Simon+ mussten sie alle dahin. Und wahr
-wurde auch das Wort des düsteren +Saint-Just+, dass „für Revolutionäre
-es keine Ruhe gäbe als im Grabe.“ Die Revolution verschlang, wie
-Saturn, ihre eigenen Kinder (+Verguiaud+).
-
-In den Gefängnissen wurden gefangene Frauen von den Kerkermeistern
-vergewaltigt (Madame +Roland+ in ihren Memoiren); aus den Haaren
-guillotinierter Frauen würden blonde Perrücken verfertigt, und in
-Meudon war nach +Montgaillard+ eine „Gerberei von menschlichen Häuten,
-solcher Häute der Guillotinierten, die des Schindens wert schienen, und
-woraus ein ganz gutes Waschleder gemacht wurde, zu Hosen und anderem
-Gebrauch. Die Haut der Männer übertraf das Gemsleder an Zähigkeit, die
-Haut der Weiber war fast zu gar nichts gut, da sie zu weich war im
-Gewebe.“[426]
-
-Doch bald ist das Ende des Schreckens nahe. Noch einmal erhebt er
-sich im Prairial des Jahres 1794 und in den ersten neun Tagen des
-Thermidor zu furchtbarer Grösse. 1400 Personen wurden in einem Monat
-guillotiniert. Wer kann ohne Zittern das Verzeichnis der zahllosen
-Namen, der unglücklichen Opfer der Thermidortage lesen, wie es
-+Houssaye+ in erschütternd dramatischer Darstellung mitteilt.[427]
-Unter ihnen glänzt ein Name (7. Thermidor) ganz besonders: +André
-Chénier+.
-
-La sainte guillotine va tous les jours!
-
-Und endlich kommt jener +neunte Thermidor+, der das Ende der
-Schreckensherrschaft bringt mit dem Sturze des gewaltigen
-+Robespierre+, jener Tag, dem +Marie-Joseph Chénier+ in der wunderbaren
-„Hymne du 9 thermidor“ begeistert zujauchzt:
-
- Salut, neuf thermidor, jour de la délivrance:
- Tu vins purifier un sol ensanglanté:
- Pour la seconde fois tu fis luire a la France
- Les rayons de la Liberté!
-
-
-25. Ethnologische und historische Vorbilder.
-
-Der Marquis +de Sade+ war ein scharfer Beobachter. Ausserdem hatte
-er während seines Gefängnislebens die Kenntnis der zeitgenössischen
-Litteratur sich in einem grossen Umfange zu eigen gemacht. Es ist daher
-kein Wunder, dass wir die Spuren beider Eigenschaften in seinen Werken
-antreffen. Was uns am charakteristischsten erscheint, ist die grosse
-Rolle, welche bei +Sade+ die +Ethnologie+ spielt. Auch das ist kein
-Zufall. Die ersten Anfänge der Völkerkunde gehören dem 18. Jahrhundert
-und speziell Frankreich an, wo J. F. +Lafitau+ im Jahre 1724 das erste
-bedeutende Werk dieser Art in seinen „Mœurs des Sauvages américains
-comparées aux mœurs des premiers temps“ veröffentlichte,[428] über das
-sich +Voltaire+ in einer Schrift von ähnlicher Art sehr anerkennend
-äussert. („Essai sur les mœurs et l’esprit des nations“ 1756). Weiter
-förderten dieses grosse Interesse an der Kenntnis wilder Völker
-die zahlreichen Reiseexpeditionen hervorragender französischer
-Gelehrter im 18. Jahrhundert. Wir nennen nur die bekannten Namen
-eines +Bouguer+, +La Condamine+, +Bougainville+, +La Pérouse+,
-+Marchand+, +d’Auteroche+, +Duhalde+, +Charlevoix+, +Savary+, +Le
-Vaillant+, +Volney+, +Dumont+. Man fing an -- zwar noch in roher und
-primitiver Weise -- die Sitten und Gewohnheiten der einzelnen Völker
-zu vergleichen und die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu
-studieren. Dabei gefiel man sich in einer gewissen Verherrlichung der
-europäischen Civilisation. Die Wilden waren noch nicht die „besseren
-Menschen“ unseres +Seume+. +Lafitau+ schreibt: „Ich habe mit grosser
-Betrübnis in den meisten Berichten gelesen, dass diejenigen, welche
-über die Sitten wilder Völker geschrieben haben, sie uns geschildert
-haben als Menschen, welche kein irgendwie religiöses Gefühl besitzen,
-keine Kenntnis einer Gottheit, keine Persönlichkeit, der sie irgend
-welchen Kultus widmen, wie Menschen, welche weder Gesetze, noch eine
-Obrigkeit, noch irgend eine Form der Regierung haben, mit einem Worte
-als Menschen, welche von Menschen ungefähr nichts haben als nur die
-Gestalt. Man hat sich gewöhnt, eine Vorstellung von den Wilden zu
-entwerfen, welche sie nicht von den Tieren unterscheidet.“[429]
-
-Diese Beurteilungsweise wilder Völker findet man auch bei +Sade+. Er
-rechtfertigt durch die Laster und Grausamkeiten, welche man bei ihnen
-findet, diejenigen seiner Zeit. So zählt er alle die Völker auf,
-welche sich durch grosse +Schamlosigkeit+ auszeichnen, um dadurch der
-von ihm gepredigten Unzucht eine feste Unterlage zu geben. (Juliette
-I, 122-28). +James Cook+ hat in der Südsee überall die +Paederastie+
-verbreitet gefunden. Folglich ist dieselbe gut. („Philosophie dans le
-Boudoir“ I, 201). Ja, wenn man mit einem Ballon den Mond erreichen
-könnte, würde man sie dort ebenfalls finden, da sie allen Menschen im
-Naturzustande eigentümlich ist. Die +Grausamkeit der Frauen+ ist in
-der ganzen Welt eine und dieselbe. Zingua, Königin von Angola (ein
-mit Vorliebe von +Sade+ immer und immer wieder genanntes Scheusal),
-die „grausamste aller Frauen“ opferte ihre Geliebten nach dem
-Genusse, liess Krieger mit einander kämpfen und gab sich dem Sieger
-hin, und liess in einem grossen Mörser alle vor dem dreissigsten
-Jahre geschwängerten Frauen zerstampfen. (Phil. dans le Boud. I,
-156). Zoë, die Gemahlin eines chinesischen Kaisers, fand das grösste
-Vergnügen daran, Verbrecher vor ihren Augen hinrichten zu lassen, und
-liess Sklaven opfern, während sie dabei mit ihrem Gatten der Liebe
-pflegte. Je grösser die Grausamkeiten waren, um so grösser war ihre
-Wollust. Sie erfand jene hohe Erzsäule, in der man den Delinquenten
-lebendig röstete (ibidem). Theodora amüsierte sich bei der Castration
-von Männern. (Ib. S. 157.) Auch erzählt +Sade+ öfter die bekannte
-Geschichte des +Amerigo Vespucci+ (den er freilich nicht nennt), dass
-die Frauen von Florida ihren Männern kleine giftige Insekten ans Glied
-setzten, die durch ihren Stich dasselbe anschwellen liessen, und neben
-heftigem Schmerz und Geschwürsbildung auch eine unersättliche Libido
-verursachten. (Phil. dans le Boud. I, 157).[430] So bringt +Sade+
-für alle Laster ethnologische Beispiele in Fülle bei, für Giftmord,
-Prostitution, Anthropophagie, sexuelle Entartungen, Malthusianismus,
-Atheismus u. s. w. Die Bibel liefert ihm viel Material. Dann kommen
-die Lappen, die Afrikaner, die Asiaten, die Türken, die Chinesen,
-Angola, die Neger der Pfefferküste. Er kennt alles. Er citiert +Cook’s+
-Reisen, +Paw’s+ „Recherches sur les Indiens, Egyptiens, Arméniens“
-(Anthropophagie), die „Coutumes de tous les peuples“. Er weiss, dass
-es in Lappland, in der Tartarei, in Amerika eine „Ehre ist, seine Frau
-zu prostituieren“, dass die Illyrier besondere Wollustorgien feiern
-in grosser Versammlung, dass der Ehebruch bei den Griechen florierte,
-und die Römer sich ihre eignen Frauen unter einander liehen; dass
-seine geliebte Zingua ein Gesetz erliess, das die „vulgivaguibilité“
-der Weiber vorschrieb. Sparta, Formosa, Otaheiti, Cambodja, China,
-Japan, Pegu, Cucuana, Riogabar, Schottland, die Balearen, die
-Massageten liefern ihm eine Menge von überzeugenden Beispielen für die
-Richtigkeit seiner Lehren. Aus +Peloutier’s+ berühmter „Geschichte
-der Celten“ (Berlin 1754) beweist er, dass das von Roland geübte
-„jeu de coupe-corde“, das Hängen aus Wollust, schon von den Celten
-geübt wurde (Justine IV, 201) und versteigt sich sogar an dieser
-Stelle zu folgendem charakteristischen halb wahren Ausspruch: „Fast
-alle Ausschweifungen, die in der ‚Justine‘ beschrieben wurden, waren
-früher ein Teil religiöser Ceremonien und wurden von unseren Vorfahren
-geübt wie z. B. die Flagellation.“ Für die Geisselung beruft er sich
-auch noch auf das seither oft citierte Werk von +Brantôme+, wobei er
-ausnahmsweise aufs genaueste die von ihm benutzte Ausgabe angiebt:
-Brantôme „Vies des Dames galantes“ Tome I. édition de Londres 1666.
-(Juliette II, 133).
-
-Alle bizarren Ideen, alle merkwürdigen Einfälle berüchtigter erotischer
-Scheusale verwertet +Sade+. So erklärt Noirceuil, dass er zweimal an
-einem Tage heiraten will, und zwar um 10 Uhr früh als Frau verkleidet
-einen Mann, um 12 Uhr als Mann einen Knaben, der als Frau verkleidet
-ist. Juliette dagegen will in derselben Kirche zu derselben Zeit als
-Mann verkleidet eine Tribade heiraten, die als Frau verkleidet ist
-und eine andere Tribade, die als Mann verkleidet ist. So übertrifft
-er durch diese vierfache Verbindung +Nero+, der den Tigellinus als
-Frau und den Sporus als Mann heiratete. (Juliette VI, 319). Juliette,
-die im Nachahmungstalent nicht hinter Noirceuil zurückbleiben will,
-macht ein Stückchen der Kaiserin +Theodora+ nach. Sie streut sich
-Gerstenkörner auf die Geschlechtsteile und lässt sich dieselben von
-Gänsen aufpicken, was ihr eine unendliche Wonne bereitet (Juliette IV,
-341).
-
-Ueberaus häufig citirt +Sade+ den berüchtigten Marschall +Gilles Laval
-de Retz+ (+Rais+ -- z. B. Justine II, 171); Philosophie dans le Boudoir
-I, 153 -- über den +Bossard+ und +de Maulle+ eine ausgezeichnete
-Monographie geliefert haben.[431] Dieser „Ritter Blaubart“, ein Mann
-von schöner, eleganter Erscheinung und grosser Gelehrsamkeit, verlässt
-im 27. Jahre „den Hof, die bisherige, erfolggekrönte militärische
-Laufbahn, verstösst Weib und Kind, verschwindet auf seinem einsamen
-Schlosse, treibt unsinnige Verschwendung, ergiebt sich mystischen
-Studien, Teufelsbeschwörungen und Aehnlichem, verfällt dann sexuellen
-Ausschweifungen, wird Paederast, Kinderräuber, Mörder, Sadist,
-Leichenschänder u. s. w.“[432]. Dieses Ungeheuer lockte nach und nach
-140 Kinder in sein Schloss, wo sie in scheusslicher Weise ermordet
-wurden. Das Opfer wurde niedergeworfen, entweder durch einen Knecht
-oder durch +Gilles de Retz+ selber, der Hals abgeschnitten, wobei
-+Gilles+ den Anblick des zuckenden Körpers wollüstig genoss. Dann
-schnitt er die Extremitäten ab, öffnete Brust oder Bauch und riss die
-Eingeweide heraus. Bisweilen setzte er sich auf den Körper des Opfers,
-um den Todeskampf zu fühlen, „plus content de jouir des tortures,
-des larmes, de l’effroi et du sang que de tout autre plaisir“. Auch
-köpfte er den Leichnam, nahm den Kopf in die Hände, betrachtete ihn
-mit wollüstigen Blicken und küsste ihn leidenschaftlich.[433] Der
-vom Beichtvater des Marschalls aufgezeichneten Beichte entnehmen wir
-noch die folgenden Details: „Egidius de Rays, sponte dixit, quamplures
-pueros in magno numero, cujus amplius non est certus, cepisse et
-capi fecisse, ipsosque pueros occidisse et occidi fecisse, seque cum
-ipsis +vicium et peccatum sodomiticum+ commisisse,.. tam ante quam
-post mortem ipsorum et in ipsa morte damnabiliter... cum quibus etiam
-languentibus vicium sodomiticum committebat et exercebat mode supra
-dicto.“ Gilles pflegte oft zu seinen Komplizen zu sagen: „Niemand
-auf der Welt versteht oder könnte auch nur verstehen, was ich in
-meinem Leben gethan habe. Es giebt Niemanden, der es thun könnte.“
-Mit ähnlichem Stolze sprechen die Helden +Sade’s+ über ihre Unthaten.
-Schon +Eulenburg+ hat hervorgehoben, dass der Marquis +de Sade+ nicht
-nur dem Marschall +Retz+ an „verschiedenen Stellen von ‚Justine et
-Juliette‘ begeisterte Nachrufe widmet“, sondern dass er ihm auch
-„würdige Genossen“ giebt, u. a. in jenem Jérôme (Bd. 3 der Justine),
-der als Schlossherr in Sicilien durch seine Agentin Clementia überall
-Kinder aufgreifen und ankaufen lässt, um sie ganz im Stile des +Gilles
-de Rais+ zu Tode zu martern.[434]
-
-+Das eigene Zeitalter des Marquis de Sade war aber überreich an
-einer Fülle ähnlicher Gestalten! Sade+ schildert, wenn er auch auf
-ethnologische Vorbilder und Persönlichkeiten einer fernen Vergangenheit
-zur Ergänzung des von ihm gezeichneten Sittenbildes zurückgreift,
-immer doch noch mehr seine eigene Zeit mit all ihren wilden Trieben,
-ihrer Wollust und ihrem Blutdurst. „Wie viele geheime, privilegierte
-Verbrecher“, sagt J. +Michelet+, „gab es, die man nicht zu verfolgen
-wagte! Die Mächtigen oder die durch Mächtige Geschützten überliessen
-sich entsetzlichen Phantasien, die sie oft zum Morde führten“.[435]
-+Michelet+ erzählt, dass ein Parlamentsrat ein junges Mädchen grausam
-misshandelte und darauf vergewaltigte. Er tötete seinen Kutscher, der
-sein Komplize war. Später, als die Sache doch ruchbar wurde, sich
-selbst.
-
-+Sade+ erwähnt sehr häufig den Grafen +Charolais+ (z. B. Philosophie
-dans le Boudoir I, 153, II, 131), der „Morde aus Wollust begangen
-habe“. Dieser Graf von +Charolais+ (1700-1760) „düsteren Angedenkens“
-verband nach +Moreau+ den empörendsten Cynismus mit einer kaum
-fassbaren Wildheit. Er liebte, Blut bei seinen Orgien fliessen zu
-sehen und richtete die ihm zugeführten Courtisanen in grausamer Weise
-zu. „Inmitten seiner Ausschweifungen mit seinen Maitressen war ihm
-nichts angenehmer, als mit seiner Flinte Dachdecker oder Passanten zu
-erschiessen“.[436] Das Herabrollen der Leichen vom Dache bereitete ihm
-ein unendliches Vergnügen.[437] Auch der Abbé +de Beauffremont+ soll
-die Menschen von den Dächern heruntergeschossen haben.[438] +Sade+ hat
-ebenfalls diese eigenartige Monomanie in das Register seiner sexuellen
-Perversionen aufgenommen. Juliette erschiesst ihren Vater, während sie
-sich mit einem anderen Manne geschlechtlich befriedigt, um den Genuss
-zu erhöhen (Juliette III, 115).
-
-Nach +Michelet+ (a. a. O.) liebte dieser +Charolais+ das schöne
-Geschlecht nur „im blutigen Zustande“. Sein Vater, der Prinz +von
-Condé+, hatte schon ein Vergnügen daran gefunden, Menschen zu
-vergiften, so z. B. den Dichter +Santeul+, und hatte auf seine
-beiden Söhne, den Herzog von +Bourgogne+ und den Grafen +Charolais+
-diese perversen Neigungen vererbt. Beide bedienten sich als einer
-Helfershelferin bei ihren Orgien der Madame +de Prie+. Eines Tages
-erschien, wie +Michelet+ erzählt, bei derselben eine Madame +de
-Saint-S+., die alsbald von den sauberen Herren Prinzen nackt ausgezogen
-wurde, et +Charolais+ la roula dans une serviette. Trotz dieses
-Erlebnisses liess sich die Unglückliche noch einmal in das Haus der +de
-Prie+ locken und wurde diesmal „wie ein Hühnchen gebraten“. Von ihren
-schweren äusseren und inneren Brandwunden erholte sie sich erst nach
-mehreren Jahren. Ausdrücklich erwähnt +Michelet+, dass der Herzog von
-+Bourgogne+ diese grausame Idee hatte. Sollte dieses Scheusal nicht in
-dem Herzog Dendemar in der „Juliette“ geschildert sein, der die nackten
-Leiber von vier Freudenmädchen mit brennendem Oel begiesst (Juliette I,
-352)? Es ist doch sehr wahrscheinlich.
-
-Ganz unverkennbar ist dagegen die folgende Uebereinstimmung und
-Entlehnung. Die +Goncourts+ erzählen von dem Herzog von +Richelieu+,
-dem Helden der berüchtigten Pastillen, dass es ihm ein besonderes
-Vergnügen bereitete, die von ihm gequälten Menschen +weinen+ zu
-sehen.[439] Bei +Sade+ (Justine I, 14) kommt ein Grosskaufmann Dubourg
-vor, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder und
-Mädchen weinen zu machen.
-
-Der berüchtigte Anthropophage +Blaize Ferrage+, genannt Seyé, scheint
-ebenfalls dem Marquis +de Sade+ als Vorbild gedient zu haben. Dieser
-Mensch „hauste 1779 und 1780 in den französischen Gebirgsabhängen der
-Pyrenäen“ tötete Männer, Frauen und besonders junge Mädchen; Männer
-ass er nur aus Hunger, hingegen benutzte er die Frauen vor dem Morde
-zu sexuellen Genüssen, und es wurde berichtet, dass er besonders an
-Kindern seine Wollust auf die brutalste Weise befriedigte. Am 12.
-Dezember 1782 zum Tode durch das Rad verurteilt, wurde er, erst 25
-Jahre alt, schon am folgenden Tage hingerichtet.[440] +Sade+ schildert
-ebenfalls einen solchen Anthropophagen, der wie +Ferrage+ im +Gebirge+
-sein Wesen treibt. Das ist Minski, der „Eremit der Apenninen“ (Juliette
-III, 313).
-
-+Brunet+ erwähnt noch mehrere sadistische Typen des 18.
-Jahrhunderts.[441] Ein vornehmer Pole, Verfasser verschiedener
-historischer Werke, der Graf von +Potocki+, soll Missethaten „dans le
-genre de ceux du marquis +de Sade+“ begangen haben und infolgedessen
-aus seinem Vaterlande verbannt worden sein. In +Lyon+ waren vor
-der Revolution die Sitten so verderbt, dass zahlreiche sadistische
-Attentate sich ereigneten, und +Michelet+ mit Recht in seiner
-„Geschichte der französischen Revolution“ behauptet, dass „nicht ohne
-Grund ein nur zu berühmter Schriftsteller mehrere Episoden eines
-verabscheuungswürdigen Romans in Lyon sich abspielen lasse“.
-
-Wir können diese Bemerkung +Brunet’s+ noch durch eine merkwürdige
-Stelle bei +Sade+ bekräftigen. Im vierten Bande der „Justine“ entflieht
-die Titelheldin nach Lyon, wo sie einen gewissen Saint-Florent
-wiedertrifft, der die von ihm deflorierten jungen Mädchen sofort durch
-einen Mädchenhändler verkaufen lässt. An dieser Stelle sagt +Sade+
-ausdrücklich, dass +dieser Mädchenhändler von Lyon eine historische
-Persönlichkeit sei. Es sei keine Fabel+ (Justine IV, 64-71).
-
-+Jean Paul Marat+, auf den der Marquis +de Sade+ am 29. September 1793
-eine noch erhaltene emphatische Gedenkrede hielt, dieser ohne Zweifel
-Blutdürstigste unter den grossen Revolutionären, wird dem Marquis
-manche Ideen, die wir in dessen Romanen finden, eingegeben haben. Er
-„geberdete sich wie ein Trunkener, der sich im Blute berauscht hat
-und von dem Dunst des vergossenen Blutes zu immer rasenderer Gier
-gereizt wird.“ Vor allem riet er in seinem „Ami du peuple“ die grossen
-+Massenmorde+ an und forderte immer wieder zu deren Wiederholung
-auf.[442] Wir werden die Pläne derartiger Massenmorde mehr als einmal
-in den Romanen des Marquis +de Sade+ antreffen.
-
-Sonderbar ist die Behauptung des oben erwähnten phantasievollen
-deutschen Autors, dass „Justine“ und „Juliette“ „eigentlich nichts
-als eine Autobiographie des Marquis +de Sade+“ seien, dass Justine
-identisch sei mit der Mademoiselle +Aroût+, Juliette mit der Gräfin +de
-Bray+.[443]
-
-Ebenso merkwürdig ist, dass der Geschmack an menschlichen Excrementen,
-der in +Sade’s+ Romanen eine so grosse Rolle spielt und der ja auch
-heute noch als besonderes psychopathologisches Phaenomen vorkommt, auch
-historisch in einer eigentümlichen Weise belegt werden kann. Unter
-+Ludwig+ XIV. trug der Intendant +Bullion+ immer eine goldene Dose bei
-sich, die, statt mit Tabak, mit menschlichen Faeces gefüllt war![444]
-In einer obscönen Schrift „Merdiana, ou Manuel des chieurs“[445] ist
-ein Mann dargestellt, wie er „tabak à la rose“ fabriciert.
-
-
-26. Italienische Zustände im 18. Jahrhundert.
-
-Im Jahre 1772, nach der Marseiller Skandalaffäre, entfloh der Marquis
-+de Sade+ mit seiner Schwägerin nach Italien, wo er sich 5 bis 6 Jahre
-aufhielt. Die Frucht dieses Aufenthaltes war die Schilderung der
-italienischen Zustände, die +mehr als drei Bände+ der „Juliette“ in
-Anspruch nimmt. (Vom Ende des dritten Bandes bis zum Ende des sechsten
-Bandes.) Er selbst macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass er
-Italien aus eigener Anschauung kenne, indem er sagt (Juliette III,
-290): „Diejenigen, welche mich kennen, wissen, dass ich Italien mit
-einer sehr hübschen Frau durchreist habe, dass ich ‚par unique principe
-de philosophie lubrique‘, diese Frau dem Grossherzog von Toskana, dem
-Papste, der Prinzessin Borghese, dem König und der Königin von Neapel
-vorgestellt habe. Sie dürfen also überzeugt sein, dass alles, was die
-‚partie voluptueuse‘ betrifft, exakt ist, dass ich thatsächlich die
-wirklichen Sitten der erwähnten Persönlichkeiten geschildert habe.
-Wären die Leser Augenzeugen der Szenen gewesen, sie hätten sie auch
-nicht aufrichtiger und getreuer beschreiben können. Auch in Betreff
-der Reiseschilderungen darf der Leser versichert sein, dass ich mich
-der grössten Genauigkeit befleissigt habe.“ Trotz dieser Versicherung
-kommen in +Sade’s+ Erzählung sehr viele Ungeheuerlichkeiten und
-Uebertreibungen vor, wie wir bei der späteren Analyse der „Juliette“
-sehen werden. Aber ein +Kern+ von Wahrheit ist auch hier nachweisbar,
-bestimmte von +Sade+ geschilderte Verhältnisse sind wieder auffindbar,
-so dass wir auf die italienischen Zustände im 18. Jahrhundert einen
-kurzen Blick werfen wollen.
-
-+Italien+ ist ja ohne Zweifel die Pflanzschule der echt modernen,
-raffinierten Unzucht, die, nebenbei bemerkt, stets am besten in den
-spezifisch +katholischen+ Ländern, an den Stätten der +Askese+ und
-des +Coelibats+ gediehen ist. Brauchen wir an +Pietro Aretino+, an
-+Papst Alexander+ VI., an +Lucrecia+ und +Cesare Borgia+, an +Giulio
-Romano+ und +Augusto+ und +Annibale Carracci+, diese grossen Praktiker
-und Künstler der Wollust zu erinnern? Wie unschuldig und naiv muten
-uns dagegen die Liebesabenteuer in +Boccaccio’s+ „Decamerone“ an!
-Freilich, damals gab es auch noch keine Jesuiten. Die +Renaissance+ und
-der +Jesuitismus+ bezeichnen eine neue Epoche in dem Geschlechtsleben
-Italiens, die vielleicht die reichsten kulturhistorischen Beziehungen
-aller Art aufweist und von uns in einer der folgenden Studien einer
-genauen Untersuchung unterzogen werden wird. Hier berühren wir kurz die
-Verhältnisse des 18. Jahrhunderts.
-
-Der Marquis +de Sade+ schildert die Verbreitung der +Prostitution+ in
-Italien als eine geradezu ungeheuerliche. Alle Städte, die Juliette
-besucht, wimmeln von Dirnen aus hohem und niederem Stande, die
-besonders bei den grossen mit Ausschweifungen verbundenen +Festen+
-in den Häusern des Adels ihre Reize glänzen liessen und sich im
-allgemeinen eines hohen Ansehens erfreuten. +Sade+ berichtet denn
-auch häufig über solche Dirnentriumphe. Nach den Glossatoren des
-Papstrechtes war ja der Begriff einer „Hure“ sehr weit gefasst.
-Nur diejenige könne man eine +wahre Hure+ nennen, die 23000 Mal --
-gesündigt habe![446] +Casanova+ fand die Gärten des Grafen +Friedrich
-Borromeo+ auf den „borromeischen Inseln“ angefüllt mit „einem Schwarm
-junger Schönheiten“. Der venetianische Gesandte in Turin hielt
-bei sich offene Tafel, und man „betete hier öffentlich das schöne
-Geschlecht an“. -- Bologna, dessen sittliche Corruption auch von +Sade+
-geschildert wird (Juliette III, 306), wimmelte von „singenden und
-tanzenden Nymphen“[447]. Besonders ausgeartet war das Geschlechtsleben
-in Venedig, von dem der Marquis +de Sade+ schreckliche Dinge erzählt
-(Juliette IV, S. 144 ff.). Die Courtisane, schon seit Jahrhunderten
-„die Pest welscher Städte“, wurde in Venedig vergöttert. Wo bot aber
-auch ein Ort in der Welt, „so reizende Verlockung und Sinnengenuss
-jeder Art? Wo war die Ehe der Intrigue zugänglicher als in der
-Stadt, wo die Sitte des Cicisbeats die Strenge der Pflicht längst zu
-einem lächerlichen Vorurteil gestempelt? Wo waren die Courtisanen
-schönere, gebildetere und vollkommenere Priesterinnen Cytherens?
-Wo bot die Licenz adliger Jungfrauenklöster, die Prostitution der
-Vestalinnen, einen feineren Reiz für sinnliche Romantik, erhöht durch
-Gefahr, als zu Marano und San Giorgio? Wo gewährte der Carneval und
-die Maskenfreiheit, mitten in lauen, schmeichelnden Sommernächten,
-so mühelos die entzückendsten Abenteuer? Wo gab es ausgesuchtere
-Tafelfreuden und köstlicheren heisseren Wein bei Orgien im Geschmacke
-des klassischen Altertums? Wo prachtvollere Opern, entzückendere
-Stimmen, nacktere Terpsichoren, pikantere Festlichkeiten? Wo konnte
-der adlige Hang zum Glücksspiele in volleren Goldhaufen sich sättigen?
-Nach +Venedig+ ging daher der erste Zug aller vornehmen Lüstlinge;
-verdorben, ärmer an Glücksgütern und an Lebenskraft, selten mit Reue,
-kehrten sie heim, nachdem jedes Einzelnen Sünde die Sündhaftigkeit der
-Stadt gesteigert hatte. Diese Bedeutung Venedigs, als der Metropole
-der raffinierten Freiheit des Sinnengenusses, geht aus der geheimen
-Geschichte und den Memoiren der Fürsten und Vornehmen hervor. Nur
-+ein+ bestimmt ausgesprochener Zweck führte alle nach der Stadt der
-Lagunen.“[448] Infolge dessen erfreuten sich in der Republik Venedig
-die Prostituierten des ganz besonderen Schutzes der Regierung und waren
-sogar der einzige erlaubte Gegenstand des sonst durch die Gesetze
-streng verpönten Luxus der Nobili.[449] +Montesquieu+ schreibt:
-„In Venedig zwingen die Gesetze die Adeligen zu einer bescheidenen
-Lebensweise. Sie sind so an Sparsamkeit gewöhnt, dass nur die
-Buhlerinnen sie dazu vermögen können, Geld auszugeben. Man bedient sich
-dieses Wegs, um die Betriebsamkeit zu befördern: die verächtlichsten
-Weibespersonen verschwenden dort ohne Gefahr, während ihre Liebhaber
-das armseligste Leben von der Welt führen.“[450] +Casanova+ berichtet
-interessante Einzelheiten über das Leben und Treiben der Venetianischen
-Dirnen um 1750, speziell der berühmten Courtisane Juliette. +Sade+
-erzählt (Juliette VI, 147) von den Besuchen eines alten Prokurators
-im Bordell der Durand. Bei +Casanova+ kommen ebenfalls die galanten
-Abenteuer des Prokurators +Bragadin+ vor.[451]
-
-Italien ist das gelobte Land der +Paederastie+, noch heute. Drastisch
-sagt der Marquis +de Sade+, in diesem Punkte gewiss ein richtiger
-Beobachter: „Le cul est bien recherché en Italie“. (Juliette III,
-290.) Das ist ein Erbteil aus Griechenland und Rom. Und jeder, der von
-Liebe zu den klassischen Studien und antiker Kunst leidenschaftlich
-ergriffen, den Boden Italiens betrat, war dieser Gefahr ausgesetzt,
-wie das Beispiel unseres J. J. +Winckelmann+ beweist. Schon +Dante+
-erwähnt im 15. und 16. Gesange des „Inferno“, die grosse Verbreitung
-der Männerliebe in Italien.[452] Papst +Sixtus+ IV. (1471 bis 1484)
-huldigte in ausgedehntem Masse der Paederastie und soll seine Ganymede
-zu Kardinälen erhoben haben. Einige Kardinäle baten den Papst, in der
-heissen Jahreszeit Paederastie treiben zu dürfen, worauf der Papst die
-Erlaubnis hierzu erteilt haben soll. Auf +Sixtus+ IV. fand der folgende
-obscöne Vers Anwendung:
-
- +Roma+ quod inverso delectaretur amore
- Nomen ab inverso nomine fecit +Amor+.
-
-+Sixtus+ war grausam und fand Gefallen am Ansehen blutiger Schauspiele.
-Sein angeblicher Neffe +Pietro Riario+, wahrscheinlich aber sein
-Sohn, lebte inter scorta atque exoletos adolescentes, und war
-ebenfalls Paederast. +Michel Angelo+ soll der Knabenliebe gefröhnt
-haben.[453] Der Maler +Giovanni Antonio Razzi+ (1479-1564) bekam wegen
-dieser Neigungen den Beinamen +il Sodoma+.[454] Papst +Julius+ III.
-(1550-1555) ist ebenfalls hier zu nennen. „Dans le conclave même, il
-pratiquait l’acte de sodomie avec les jeunes pages attachés à son
-service, et loin d’en faire un mystère, il affectait de se laisser
-surprendre en flagrant délit par ses collègues.“[455]
-
-Im 18. Jahrhundert war die Paederastie in Italien an der Tagesordnung.
-Man konnte sogar Gefahr laufen, von Paederasten vergewaltigt zu
-werden. +Casanova+ erzählt einen solchen Ueberfall, den ein Mann
-auf ihn machte. Ebenso von einem Knaben +Petronius+, der als ein
-gewerbsmässiger Prostituierter in Ancona thätig war. Der Kardinal
-+Brancaforte+, einer der grössten Wüstlinge der Welt, der nach
-+Casanova+ „nicht aus den Bordellen herauskam“, war der Paederastie
-sehr verdächtig. Als bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Paris
-eine junge Paduanerin ihm in der Beichte gestand, dass ihr Mann
-sich bei ihr gewisse Freiheiten herausgenommen hätte, die durch den
-Ehecodex streng verboten würden, fesselte der üppige Kardinal sein
-Beichtkind sehr lange an diesen kitzlichen Gegenstand. Ehe er ihr die
-Absolution erteilte, wollte er die genauesten Umstände erfahren. Bei
-jeder Mitteilung wurde er von Begierde verzehrt und rief aus: „Es ist
-ungeheuer! -- Es ist monströs! -- Ach, meine Teure, Sie haben eine
-abscheuliche Sünde begangen, aber es ist eine sehr hübsche Sache.“[456]
-Noch eine andere ähnliche Anekdote wird von +Casanova+ mitgeteilt.
-
-Noch heute ist die männliche Prostitution in Italien so öffentlich wie
-in keinem anderen Lande. In +Neapel+ „bieten sich abends auf der Via
-Toledo junge Männer dem Vorübergehenden an, und die Zwischenhändler
-preisen dort nicht nur ihre weibliche, sondern auch die männliche
-Ware an.“ +Moll+, der dies mitteilt, meint auch, dass in Italien die
-Homosexualität stets etwas mehr hervortrat als in andern Ländern
-Europas. J. L. +Casper+ berichtet 1854, dass in Neapel und Sicilien
-dem Reisenden am hellen Tage von auf den Strassen lungernden Kupplern
-un bellissimo ragazza schamlos angeboten wurde, wenn man ihre Anträge,
-Weiber betreffend, zurückwies.[457]
-
-Dass der italienische +Klerus+ des 18. Jahrhunderts einen grossen
-Anteil an diesen sexuellen Ausschweifungen hatte, brauchen wir
-wohl nicht weiter anzuführen. Dafür spricht schon die geradezu
-ungeheuerliche Zahl der Geistlichen jeder Art, die im ganzen Lande
-verbreitet waren. +Gorani+, dessen mit Recht berühmte Memoiren wir
-mit grossem Vergnügen gelesen haben und dessen Glaubwürdigkeit durch
-neuere Forschungen noch mehr bekräftigt worden ist, berichtet, dass
-das Königreich Neapel ohne Sicilien unter 480000 Einwohnern etwa 60000
-Mönche, 3000 Laienbrüder und 22000 Nonnen zählte. Dieser Klerus war von
-einer „unglaublichen Ignoranz“, von einer ungeheuerlichen „débauche
-crapuleuse“. Seine Sitten seien noch verderbter als die der Mönche
-aller übrigen katholischen Länder. „Mord, Schändung und Gift sind
-ihnen vertraut.“ +Gorani+ berichtet über verschiedene haarsträubende
-Verbrechen von Priestern. Die Nonnenklöster seien Schauplätze der
-wüstesten Orgien. Dabei war der Klerus so reich, dass er fast ein
-Drittel aller Güter im Lande besass.[458] Die Geistlichen gaben denn
-auch in der Liebe den Ton an. Das war seit +Boccaccio’s+ Zeiten nicht
-anders geworden. +Casanova+ berichtet darüber aus dem 18. Jahrhundert
-allerlei Ergötzliches. So z. B. führt ihn ein +Mönch+ in Chiozza in
-ein Bordell, wo er freilich das Unglück hat, sich zu inficieren. Als
-+Casanova+ noch selbst als Geistlicher mit einem Franziskaner auf
-der Wanderschaft war, wurden sie von zwei nymphomanischen Megären
-überfallen. Man muss also damals gerade den Geistlichen allerlei
-zugetraut haben.[459] Das scheussliche Unwesen der +Castraten+ für
-geistliche Zwecke ist ein weiterer Beweis für die tiefe Depravation des
-italienischen Klerus.
-
-+Zoophilie+ und +Sodomie+ waren ebenfalls seit jeher in Italien mehr
-verbreitet als in einem andern Lande. Der Marquis +de Sade lässt+ denn
-auch bei einer Orgie im Hause der Prinzessin Borghese einen Truthahn,
-eine grosse Dogge, einen Affen und eine Ziege als maîtres de plaisir
-aufmarschieren! (Juliette IV, 262). Noch heutzutage sollen nach
-+Metzger+ die Ziegenhirten in Sicilien im allgemeinen Ruf stehen, dass
-sie sich mit ihren Ziegen abgeben.[460] Der Kardinal +Bellarmin+ trieb
-seit 1624 mit Weibern verbotenen Umgang und hatte noch nebenher „vier
-schöne Ziegen auf der Streu.“[461]
-
-Einzelne von +Sade+ erwähnte italienische Persönlichkeiten des 18.
-Jahrhunderts bedürfen noch besonderer Erwähnung. Im fünften Bande der
-„Juliette“ wird ein üppiges Gartenfest beim Fürsten von +Francavilla+
-geschildert (S. 326 ff.). Diese Gartenfeste bei den neapolitanischen
-Granden sind historisch. +Casanova+ berichtet ebenfalls, dass
-+Francavilla+, „ein entschiedener Epikuräer, voll Geist, Anmut und
-Unverschämtheit“, im Jahre 1770 ein glänzendes Fest für alle Fremden
-gab. Er liess seine jungen und schönen Pagen beim Schwimmkampfe im
-Wasser „erotische Verschlingungen“ ausführen, bei denen sich „die Damen
-sehr gut unterhielten“[462]. Der bei +Sade+ (Juliette IV, 156 u. ö.)
-erwähnte Kardinal +Bernis+ wird auch von +Casanova+ als sehr unheilig
-geschildert.
-
-+Leopold+ I. von Toskana, der „grand successeur de la première putain
-de France“ (Juliette IV, 36) soll nach +Sade+ ebenfalls ein erotisches
-Scheusal gewesen sein. Hierbei hat wohl der Hass gegen das Haus
-Oesterreich ein Wort mitgeredet. +Casanova+, der ein fesselndes Bild
-von dem Abenteurerleben in Florenz entwirft, sagt über +Leopold+ aus,
-dass er „eine entschiedene Leidenschaft für das Geld und die Weiber
-hegte.“[463] Besonderes Interesse beanspruchen die Schilderungen des
-Papstes +Pius+ VI. und der Königin +Karoline+ von +Neapel+ bei +Sade+.
-
-
-1. Papst Pius VI.
-
-Dieser Papst war nach +Sade+ (Juliette IV, 268) ein grosser Lüstling,
-dem Juliette eine lange Rede über die Zuchtlosigkeit der Päpste aller
-Zeiten hält (IV, 270 ff.), wobei sie ihn mit „alter Affe“ anredet (IV,
-285). Nachher muss dann auch Seine Heiligkeit eine ebenso lange Rede
-halten an deren Schlusse dieser Wahrheitsapostel den Mord für die
-„einfachste und legitimste Handlung auf der Welt“ erklärt (IV, 370) und
-in seinen nunmehr geschilderten Orgien hinter dieser Versicherung nicht
-zurückbleibt (V, 1 ff.).
-
-War +Pius+ VI. ein solcher Mensch? Dies kann nur zum Teil bejaht werden.
-
-+Pius+ VI. (1775-1798), vorher +Giovanni Angelo, Graf Braschi+, war
-einer der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem
-Aussehen, blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand
-mit einer Art von Koketterie und trug vor allem seine schönen -- Beine
-zur Schau, indem er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas
-aufhob, so dass wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses
-Gewicht auf eine schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende
-Distichon:
-
- Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum.
- Luxuriante coma, luxuriante pede.
-
-Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen
-gehörig anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal
-ein ironischer Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen
-mit ungeheuerem Gepränge. Draussen war +Pius+ ein Gott, im Vatican
-ein vielfach verspotteter Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so
-riefen die Frauen: Quanto è bello, quanto è bello! Und man behauptete,
-dass +Pius+ sich dadurch mehr geschmeichelt gefühlt habe als durch
-die Huldigung der Kardinäle. Der Kardinal +Bernis+ nannte ihn ein
-lebhaftes Kind, das man immer bewachen müsse.[464] Auch +Coletta+
-schildert diesen Papst als einen „bildschönen Mann“, von grosser Liebe
-zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er war im Gegensatz zu
-seinem Vorgänger +Clemens+ XIV. den Jesuiten zugeneigt.[466] Was sein
-Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so begünstigte
-er nach +Casanova+ (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt nach
-+Gorani+ selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer
-natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller
-Hinsicht ganz rein und sagt, dass +Pius+ VI. seine Zeit zwischen den
-religiösen Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen
-Bibliothek teilte.[468]
-
-
-2. +Die Königin Karoline von Neapel.+
-
-Die Königin +Karoline+ von +Neapel+ schildert der Marquis +de Sade+ als
-vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach
-der Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König +Ferdinand+ IV.,
-zeichnen sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus,
-die sich in verschiedenen von +Sade+ geschilderten wilden Ausbrüchen
-äussert, so z. B. bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem
-400 Personen getötet werden. (Juliette VI, 1.)[469]
-
-Hier hat der Marquis +de Sade+ wirklich durchaus „nach der Natur“
-geschildert. Man darf sagen, dass von +Helfert’s+ Aufsehen erregender
-Versuch einer Ehrenrettung der Königin +Karoline+ von +Neapel+[470]
-vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der
-+Helfert’schen+ Ausführungen durch +Moritz Brosch+ wohl definitiv
-dargethan hat.[471] Danach bestehen die von +Gorani, Coletta+ und
-vielen anderen dargebotenen Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der
-Königin +Karoline+ zu Recht.
-
-+Coletta+ sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass,
-rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust
-verblendet wurde“.[472]
-
-+Gorani+, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779
-bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders
-gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto
-seiner Memoiren gilt:
-
- Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,
- Trop longtemps on a mis un voile sur leurs crimes.
- Je vais le déchirer....
-
-+Karoline+ ist die „österreichische Megäre“, die die ganze Wollust
-einer Messalina mit den unnatürlichen Gelüsten einer Sappho verbinde.
-Sie gab sich ohne Wahl und ohne Scham den verächtlichsten und
-verworfensten Männern hin und unterhielt mit ihrem Minister Acton eine
-Liaison. Dieses „unique monstre de cette espèce“ tötete alle ihre
-Kinder oder machte sie krank. Einmal schrie ihr Gemahl +Ferdinand+ ihr
-durch’s Schlüsselloch zu: „Ce n’est point une reine, une épouse, une
-mère, que l’Autriche nous a’donnée, c’est une furie, une mégère, une
-Messaline qu’elle a vomie dans sa colère et lancée parmi nous“.[473]
-
-Besonders berüchtigt wurde +Karolinen’s+ Verhältnis zu der berühmten
-Lady +Emma Hamilton+, der Geliebten +Nelson’s+. +Coletta’s+ Urteil
-über diese tribadische Liaison der Beiden ist von allen gewissenhaften
-Forschern bestätigt worden: „Nella reggia, nei teatri, al publico
-passeggio Emma sedeva al fianco della regina; e spesso, ne’ penetrali
-della casa, la mensa, il bagno +il letto si godevan communi. Emma era
-bellezza per tutte le lascivie+“.[474]
-
-Die von +Sade+ beschriebene Orgie in den Ruinen von Herculanum und
-Pompeji (Juliette V, 340 ff.) ist wohl in Wirklichkeit öfter gefeiert
-worden. Denn im Jahre 1798 wurde zu Ehren +Nelson’s+ an diesen Stätten
-ein solches üppiges Fest veranstaltet.
-
-Auch der grosse Massenmord, von dem +Sade+ spricht, ist historisch.
-Am 18. Oktober 1794 gab es einen grossen, mutwillig hervorgerufenen
-Strassenkampf in Neapel, bei dem 30 Menschen getötet und viele
-verwundet wurden.
-
-Alle übrigen neapolitanischen Zustände erscheinen in der Wirklichkeit
-ebenso schlimm, wie sie in der „Juliette“ dargestellt werden. Nach
-+Gorani+ soll die römische Kaiserzeit keine solche Sittenverderbnis
-gesehen haben, wie diejenige am Hofe von Neapel, keine solche
-Messalina, wie die Königin +Karoline+. +Nelson+ sagte von Neapel: „Von
-den Frauen ist nicht eine tugendhaft, von den Männern ist nicht ein
-einziger, der nicht an den Galgen oder auf die Galeere gehörte.“[475]
-Ja, nach +Gorani+ muss Neapel lauter Gestalten aus den Romanen des
-Marquis +de Sade+ enthalten haben. Der Neapolitaner sei von Natur
-böse, überlege sich mit kaltem Blute die Verbrechen, die er begehen
-wolle, und füge denselben noch tausend Grausamkeiten hinzu. 30000
-Menschen trieben sich obdachlos umher. Die Zahl der Gefangenen sei
-ausserordentlich gross. Die Frauen liessen ihre Geliebten durch
-Spione bewachen, während sie selbst treulos seien. Die öffentlichen
-Mädchen seien sehr schön, wohnten aber schlecht. Die schönsten seien
-Ausländerinnen, die eingeborenen Frauen seien hässlich und unreinlich,
-aber „très ardentes pour le plaisir“. Der ungeheuer grosse Mund
-derselben komme von dem vielen Reden und Gesticulieren, so dass ein
-hübscher kleiner Mund eine Rarität sei.
-
-König +Ferdinand+ IV. von +Neapel+ war nach +Gorani+ ein Lüstling von
-grausamem Herzen, dessen Passion es war, Kaninchen, Hunde, Katzen
-und zuletzt Menschen zu quälen und zu töten, daneben zahlreiche
-Liebesverhältnisse zu unterhalten, während +Acton+ und die Königin
-+Karoline+ ohne ihn ihre nächtlichen Orgien veranstalteten.[476]
-
-Wir sehen, dass auch hier der Marquis +de Sade+ wiederum die
-Wirklichkeit ziemlich getreu abkonterfeit hat, und dass seine Werke
-daher einen hohen kulturhistorischen Wert besitzen, den wir in diesem
-ersten Abschnitt zur Genüge nachgewiesen zu haben glauben.
-
-
-
-
-II.
-
-Das Leben des Marquis de Sade.
-
-
-Die Vorfahren.
-
-
-1. Petrarca’s Laura.
-
- Era ’l giorno ch’al sol si scoloraro
- Per la pietà del suo Fattore i rai,
- Quand’ i’ fui preso, e non me ne guardai,
- Che i be’ vostr’ occhi, Donna, mi legaro.
-
- Es war der Tag, da um des Heilands Wunden
- Die Sonne einen Trauerflor getragen,
- Als ich in Amor’s Fesseln ward geschlagen,
- Von Deinen schönen Augen überwunden.
-
-Wer kennt sie nicht, die berühmten Verse des berühmtesten Sonettes
-von +Francesco Petrarca+, zum Preise der ersten Begegnung mit seiner
-+Laura+, der Madonna +Laura+, der Vielgeliebten? Jener +Laura+, der
-wir die duftigsten Blüten der Liebespoesie in der schönsten Sprache
-der Welt verdanken. Wie kommt sie, diese Himmelserscheinung, dieses
-Symbol der zartesten Gefühle in ein Buch über den Marquis +de Sade+?
-Jene +Laura+, die Petrarca an dem denkwürdigen Montag der heiligen
-Woche des Jahres 1327 (6. April) in der Kirche Santa Chiara zu Avignon
-zum ersten Male erblickte, eine Tochter des Syndikus von Avignon,
-Ritter +Audibert de Noves+, war die Gemahlin eines +Hugo de Sade+, des
-Stammvaters der Familie +de Sade+.[477] So hat ein „grausamer Witz der
-Litteraturgeschichte die Objektivation selbstlosester, fast unirdischer
-Liebessehnsucht und den litterarischen Hauptvertreter unerhörtester
-erotischer Ausschweifung und Verirrung in derselben Familie zu greller
-Kontrastwirkung vereinigt.“[478] Am Anfange Himmelglanz, am Ende
-Finsternis der Hölle. Voilà, voilà, en effet, de tristes et amères
-leçons d’égalité![479] In allen guten und bösen Stunden des Hauses
-derer +de Sade+ blieb +Laura+ der Schutzengel derselben und vereint
-mit +Petrarca+, dem göttlichen Sänger, Gegenstand einer hingebenden
-Verehrung. Sie war nach +Janin+ die „weisse Dame“ des Hauses +de Sade+,
-der Ruhm und Stolz desselben. Sehnsüchtig blickten alle Sprösslinge
-dieser edlen provençalischen Familie immerdar nach dem stillen und
-sonnigen Thal von Vaucluse, einst verherrlicht durch die goldenen
-Lieder eines Dichters von Gottes Gnaden. Ihm, +Petrarca+, ewig Ruhm und
-Dank! Selbst der Marquis +de Sade+, dem nichts mehr heilig ist, neigt
-sich vor ihm, von dem der Glanz seines Hauses ausging, dem „aimable
-chanteur de Vaucluse.“ (Juliette IV, 131.)
-
-
-2. Die übrigen Vorfahren.
-
-+Hugo de Sade+, der Gatte +Laura’s+, der Stammvater der Familie,
-genannt „der Alte“, hinterliess mehrere Söhne, von denen +Paul de Sade+
-Erzbischof von Marseille wurde und der Vertraute der Königin +Jolande+
-von +Aragonien+. Er starb 1433 und vermachte seine Güter der Kathedrale
-von Marseille.
-
-+Hugo+ oder +Hugonin de Sade+, der dritte Sohn des ersten +Hugo de
-Sade+ und der schönen +Laura+ war der Stammvater der drei Zweige des
-Hauses, der von Mazan, Eiguières und Tarascon.
-
-Sein ältester Sohn +Jean de Sade+ war ein gelehrter Jurist, der
-von Ludwig II., König von Anjou, zum ersten Präsidenten des ersten
-Parlaments der Provence ernannt wurde, während sein Bruder +Elzéar
-de Sade+, Grosskanzler des Gegenpapstes +Benedikt+ XIII., dem Kaiser
-+Sigismund+ so grosse Dienste erwies, dass es ihm gestattet wurde, in
-sein Wappen den kaiserlichen Adler aufzunehmen, der noch heute dasselbe
-schmückt.
-
-+Pierre de Sade+, vom Zweige d’Eiguières oder Tarascon, war der erste
-Landvogt von Marseille (1565 bis 1568). Er reinigte die Stadt von allen
-schlechten Elementen.
-
-+Jean Baptiste de Sade+, Bischof von Cavaillon seit 1665, schrieb
-„Réflexions chrétiennes sur les psaumes pénitentiaux“. (Avignon 1698).
-Er starb am 21. Dezember 1707.
-
-+Joseph de Sade+, Seigneur d’Eiguières, geboren 1684, focht 1713 bei
-Landau und Friedberg, wurde im Jahre 1716 Ritter des Malteserordens,
-nahm als Oberst 1736 bis 1745 an den Feldzügen in Böhmen, am Rhein
-und in Flandern teil. 1746 zum Gouverneur von Antibes ernannt, wurde
-er hier von den Oesterreichern, Sardiniern und der englischen Flotte
-belagert. Im Jahre 1747 Feldmarschall, starb er den 29. Januar 1761.
-
-+Hippolyte de Sade+, dem +Voltaire+ zu seiner Hochzeit am 12. November
-1733 ein Gedicht schickte, das der Empfänger sofort in demselben
-Versmass erwiderte,[480] war Marineoffizier, wurde Geschwaderchef
-(1776) und zeichnete sich in der Seeschlacht bei Onessant (1778) aus.
-Er starb vor Cadix im Jahre 1788.
-
-+Jacques François Paul Alphonse de Sade+, der +Onkel+ unseres Marquis
-+de Sade+, hat auf diesen den grössten Einfluss ausgeübt und muss
-deshalb ausführlicher behandelt werden. Er wurde im Jahre 1705 geboren
-als der dritte Sohn von +Gaspar François de Sade+ und widmete sich
-dem Studium der Theologie, wurde Generalvikar der Erzbischöfe von
-Toulouse und Narbonne (1735), hielt sich lange Jahre in Paris auf, wo
-er „sehr profane und glückliche Tage“ an der Seite der schönen Madame
-+de la Popelinière+, der Geliebten des Marschalls von Sachsen verlebte.
-Er war ein eleganter Schriftsteller, ein geistvoller Mann, der sich
-„allen frivolen Genüssen des 18. Jahrhunderts“ hingab,[481] um zur
-rechten Zeit dem „Skepticismus, den wenig verhüllten Grazien, dem guten
-Geschmack und Luxus von Paris“ Valet zu sagen und sich in die ländliche
-Einsamkeit im Thale von Vaucluse zurückzuziehen, wo er sein Leben
-fortan verbrachte, nicht in strenger Askese und unfruchtbarer Reue über
-die bewegte Vergangenheit, sondern in dem Cultus, den er dem guten
-Genius seines Hauses weihte. Die schöne +Laura+ wurde für +François de
-Sade+ der ganze Inhalt seines Lebens. Hier in Saumane schrieb er jenes
-Werk über +Petrarca+ und seine +Laura+, welches noch heute durch die
-Sorgfalt der Untersuchungen und die Mitteilung zahlreicher merkwürdiger
-Details aus dem Leben der Beiden jedem Petrarca-Forscher unentbehrlich
-ist: die „Mémoires sur la vie de François Pétrarque“ (Amsterdam 1764,
-3 Bände). Ferner gab er eine vorzügliche Uebersetzung der Werke des
-Dichters heraus, und endlich die nicht minder inhaltreichen und für die
-Geschichte des 14. Jahrhunderts wichtigen „Remarques sur les premiers
-poètes français et les troubadours“. Er starb den 31. Dezember 1778.
-
-Wenn man von einer „hereditären Belastung“ des Marquis +de Sade+
-sprechen will, so kann man nur an diesen Oheim denken. Denn es ist
-häufig, dass der Neffe die Eigenschaften des Onkels und nicht die des
-Vaters erbt. Hierzu kommt, dass der Oheim eine Zeit lang die Erziehung
-des Neffen leitete. Jedenfalls teilte der Letztere, allerdings in
-potenziertem Masse, die Neigungen des Oheims einerseits zu Frivolität
-und zu einem galanten Leben, andererseits zur Schriftstellerei. Auch
-der Marquis +de Sade+ war ein Bibliophile. Und wenn der Oheim nur in
-der Jugend der Liebe huldigte, so machte der Neffe die +Wollust+ in
-Theorie und Praxis zu seiner +Lebensaufgabe+.
-
-Der +Vater+ des Marquis +de Sade+, der Graf +Jean Baptiste François
-Joseph de Sade+ wurde im Jahre 1700 geboren, schlug die militärische
-Laufbahn ein, um dann im Jahre 1730 als Gesandter nach Russland und
-1733 nach London zu gehen. Er verschwägerte sich mit den Bourbonen
-durch seine Verheiratung mit +Marie Eléonore de Maillé+, der Nichte
-des Kardinals +Richelieu+, Hofdame der Prinzessin +Condé+. Auch der
-grosse +Condé+ hatte eine +Maillé+ geheiratet. Der Comte +de Sade+
-wurde 1738 zum Generallieutenant für Bresse, Bugey und Valromey
-ernannt, kaufte das Landgut Montreuil bei Versailles, wo er als
-Privatmann lebte und eifrig die Abtei Saint-Victor besuchte, die auch
-in den Romanen seines Sohnes vorkommt. Er starb am 24. Januar 1767
-und hinterliess mehrere Manuscripte von Anekdoten, moralischen und
-philosophischen Gedanken, sowie eine grosse Korrespondenz über den
-Krieg in den Jahren 1741-1746.
-
-Gleich hier gedenken wir eines Sohnes des Marquis +de Sade+, der sich
-als Schriftsteller und Mensch einen geachteten Namen erworben hat. Das
-ist +Louis-Marie de Sade+, der älteste Sohn, geboren 1764 zu Paris. Er
-hatte zu Pathen den Prinzen +Condé+ und die Prinzessin +Conti+, wurde
-Offizier, als welcher er einem Menschen mit eigner Gefahr das Leben
-rettete, wanderte beim Beginne der Revolution aus und kam Ende 1794
-nach Paris zurück, wo er Anfangs als Graveur thätig war. Er schrieb
-dann eine auf gründlichen Forschungen beruhende „Histoire de la nation
-française“ (Paris 1805) und wurde Mitglied der „Académie celtique“,
-trat später wieder ins Heer ein, kämpfte bei Jena, wurde in der
-Schlacht bei Friedland verwundet und am 9. Juni 1809 von Briganten in
-Otranto ermordet.[482]
-
-
-3. Die Kindheit des Marquis de Sade.
-
-Der zweite Juni des Jahres 1740 war der Tag, an welchem einer der
-merkwürdigsten Menschen des 18. Jahrhunderts, ja der modernen
-Menschheit überhaupt, das Licht der Welt erblickte. Es war im Hause
-des grossen +Condé+, wo +Donatien Alphonse François, Marquis+[483]
-+de Sade+ geboren wurde: der Philosoph des Lasters, der „professeur
-de crime“, wie ihn +Michelet+ und nach ihm +Taine+ genannt haben.
-Als 4jähriges Kind kam er zu seiner Grossmutter nach Avignon, in die
-sonnige Provence, einige Jahre darauf in die Abtei Ebreuil zu seinem
-Oheim, der ihn mit Sorgfalt erzog und ihm den ersten Unterricht
-erteilte, bis er im Jahre 1750 im Collège Louis-le-Grand in der Rue
-Saint-Jacques in Paris untergebracht wurde. Dieses Unterrichtsinstitut
-galt für das beste in Frankreich und gewährte seinen Schülern die
-Möglichkeit einer gründlichen und vielseitigen Ausbildung. Sie mussten
-öffentliche Vorträge halten, Theaterstücke aufführen, Disputationen
-veranstalten u. s. w. Man nahm mehr Rücksicht auf den Geist als auf den
-Körper, der sich zudem bei der sehr häufigen Anwendung der Prügelstrafe
-nicht besonders wohl fühlen konnte.[484]
-
-Auf jene Periode beziehen sich verschiedene Schilderungen der
-Persönlichkeit des Knaben +Sade+, die alle wenig verbürgt sind. Nach
-+Uzanne+[485] war er zu dieser Zeit ein „anbetungswürdiger Jüngling,
-mit zartem, blassem Gesicht, aus dem zwei grosse +schwarze+ Augen
-hervorleuchteten.“ Aber schon war um sein ganzes Wesen eine Atmosphäre
-des Lasters verbreitet, die seine Umgebung mit ihrem giftigen Hauche
-verpestete und um so gefährlicher war, als das Kind eine unwillkürliche
-Sympathie durch eine fast „weibliche Anmut“ einflösste. +Lacroix+
-verleiht ihm eine „zierliche Figur, +blaue+ Augen und blonde, schön
-frisierte Haare.“[486] Ein deutscher Autor ergeht sich in folgenden
-Phantasien: „Der junge Vicomte war von so aussergewöhnlicher Schönheit,
-dass alle Damen, die ihn erblickten, selbst als er noch ein Knabe war,
-stehen blieben, um ihn zu bewundern. Mit seinem reizenden Aeussern
-verband er eine natürliche Anmut in allen seinen Bewegungen und sein
-Organ war so wohlklingend, dass schon seine Stimme allen Frauen ins
-Innerste ihres Herzens dringen musste. Sein Vater liess ihn stets nach
-der neusten Mode gekleidet einhergehen, und die damalige Rococotracht
-hob die glänzende Erscheinung des jungen Mannes noch mehr hervor.
-Wer weiss, ob der Verfasser der Justine und Juliette unter anderen
-Verhältnissen ein solcher Ausbund von Verruchtheit geworden und ob er
-den Damen so sehr aufgefallen wäre in der geschmacklosen Tracht unseres
-Zeitalters.“[487]
-
-Richtig ist wohl nur, dass der Marquis +de Sade+ wenigstens als
-Jüngling eine angenehme Erscheinung war. Leider existiert kein
-authentisches Porträt von ihm. In einem um 1840 veröffentlichten
-kleinen Werke „Les fous célèbres“ findet sich eine sehr schlechte
-Lithographie, die den Marquis +de Sade+ darstellen soll, aber ein
-blosses Phantasieprodukt ist. Zwei weitere Porträts wurden in Brüssel
-zu Tage gefördert. Das eine, sehr schlecht ausgeführte, befindet sich
-in einem ovalen Rahmen und soll aus der Sammlung des Herrn +de la
-Porte+ stammen.[488] Das andere, sehr gute Bild, stellt den Marquis
-von Dämonen umgeben dar, die ihm ins Ohr blasen, trägt die Bezeichnung
-„H. Biberstein sc.“ und soll aus der Sammlung eines Herrn H*** in
-Paris stammen.[489] Es existieren auch lithographische Nachbildungen
-desselben, von denen der Verfasser der Recension der ersten Auflage des
-vorliegenden Werkes in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (1900 Nr.
-2/3 S. 122) eine sah.
-
-Nach ihm ist dies Bild ein Phantasieprodukt aus viel späterer Zeit.
-
-In welcher geistigen Verfassung der Marquis +de Sade+ das Collège
-Louis-le-Grand verlassen hat, wissen wir ebenfalls nicht. Nach
-jenem deutschen Autor, der das Leben +Sade’s+ mit kühner Phantasie
-aus seinen Büchern construiert, war „der junge Mann seit frühester
-Kindheit ein Bücherwurm und gründete sich so zu sagen ein eigenes
-philosophisches System auf ausgebreiteter epikuräischer Basis.
-Neben seinen Schulstudien lag er den schönen Künsten ob; er war ein
-tüchtiger Musiker, gewandter Tänzer, Fechter und versuchte sich auch in
-Bildhauerei. Er brachte ganze Tage in den Gemäldegallerien, namentlich
-in jenen des Louvre, von Fontainebleau und Versailles zu, wodurch
-sein künstlerischer Geschmack immer mehr ausgebildet wurde.“ Dass
-+Sade+ die +Musik+ sehr liebte, bestätigt +Paul Lacroix+[490], und
-dass er die Gemäldegallerien besuchte, bestätigt die Beschreibung der
-Gemäldesammlung in Florenz (Juliette IV, 19 ff.).
-
-+Janin+ meint, dass +Sade+ schon als ein „Fanatiker des Lasters“ die
-Schule verlassen habe, in demselben Jahre (1754) als +Maximilian de
-Robespierre+ in dieselbe eintrat.[491]
-
-
-4. Die Jugendzeit.
-
-Nach dem Austritt aus dem Gymnasium trat der Marquis +de Sade+ in
-das Regiment der Chevaux-Legers ein, wurde dann Unterlieutenant beim
-Königsregiment, Lieutenant bei den Carabiniers und zuletzt Capitän
-in einem Kavallerieregiment, bei welchem er den siebenjährigen
-Krieg in Deutschland mitmachte. Er soll nach +Lacroix+[492] erst im
-Jahre 1766 nach Paris zurückgekehrt sein, wo sein Vater, der ihm
-„+mehrere Jugendthorheiten+“ zum Vorwurf machte, ihn zu verheiraten
-suchte. +Marciat+[493] hat nachgewiesen, dass +Sade+ bereits im Jahre
-1763 wieder in Paris war. In der im Mai 1880 in Paris verkauften
-Autographensammlung von +Michelet+ aus Bordeaux, befand sich ein Brief
-des Marquis +de Sade+, datiert Vincennes den 2. November 1763, in dem
-als der Tag seiner Heirat der 17. Mai 1763 angegeben wird. Auch spricht
-nach +Marciat+ für dieses Jahr der Umstand, dass der älteste Sohn des
-Marquis, +Louis-Marie de Sade+ im Jahre 1783 Lieutenant im Regiment
-Soubise wurde. Wenn dieser erst 1767 geboren wäre, so würde er mit 16
-Jahren Lieutenant gewesen sein. Die Rückkehr des Marquis +de Sade+ und
-seine Heirat fand also im Jahre 1763 statt.
-
-Die Geschichte dieser Heirat ist von dem Bibliophilen +Jacob+ nach
-den Mitteilungen eines Zeitgenossen, des Herrn +Lefébure+ sehr
-ausführlich erzählt worden.[494] +Marciat+ ist geneigt, derselben
-vom psychologischen Standpunkte aus einen grossen Wert beizumessen,
-da sie die Erklärung für die moralische Entartung (déviation) des
-Marquis +de Sade+ liefere. Wir können dem nicht beistimmen. Mag
-auch jenes Ereignis, das wir gleich darstellen werden, irgend einen
-Einfluss in dieser Beziehung auf +Sade+ ausgeübt haben: seine sittliche
-Depravation war schon vorher da. Als er nach Paris zurückkehrte, warf
-der Vater ihm bereits einige „Jugendthorheiten“ vor. Niemand hat
-bisher daran gedacht, dass der Marquis +de Sade+ den ganzen 7jährigen
-Krieg mitgemacht hat und ganz sicher teilnahm an jener „schrecklichen
-Entsittlichung, welche durch die Anwesenheit des französischen Heeres“
-in Deutschland gepflanzt und genährt wurde[495] und deren auch
-+Casanova+ in seinen Memoiren gedenkt. Der Vater wollte ferner den Sohn
-verheiraten, um ihn aus seinem lasterhaften Leben herauszureissen, wie
-doch deutlich aus allen Berichten hervorgeht. Wenn +Eulenburg+[496]
-meint, dass sich bei +de Sade+ die „krankhafte Veränderung“ im Alter
-von 26 Jahren äusserte, so ist das auch nicht ganz zutreffend, da er
-schon, wie wir sehen werden, im Jahre 1763, wegen mehrerer „débauches“,
-die also nicht so ganz harmlos gewesen sein müssen, ins Gefängnis kam.
-Wir dürfen annehmen, dass die Neigung zu sexuellen Ausschweifungen
-bei +Sade+ durch das +Kriegsleben+ erweckt worden ist und durch das
-tausendfältig gegebene Beispiel gefördert wurde, ohne dass wir nötig
-haben, an das plötzliche Auftreten eines krankhaften Geisteszustandes
-zu denken.
-
-Herr von +Montreuil+, Präsident der „Cour des aides“, der durch eine
-langjährige Freundschaft mit dem Vater des Marquis +de Sade+ verbunden
-war, hatte zwei Töchter im Alter von 20 und 13 Jahren, beide gleich
-hübsch und wohl erzogen, aber in Hinsicht auf Charakter und äussere
-Figur verschieden. Die Aeltere, eine Brünette mit schwarzem Haar und
-dunklen Augen, war eine grosse majestätische Erscheinung, sehr fromm,
-ohne „Herzenswärme“ (?). Die Jüngere, eine blauäugige Blondine, trotz
-ihrer Jugend schon von gereiftem Aussehen, war sehr intelligent, von
-„himmlischer Milde und Anmut“ dabei aber eine leidenschaftliche Natur.
-
-Es war zwischen den Vätern vereinbart worden, dass der Marquis +de
-Sade+ die ältere Tochter heiraten sollte. Ein merkwürdiges Geschick
-fügte es, dass dieser bei seinem ersten Besuche im Hause des
-Präsidenten +Montreuil+ nur die jüngere Tochter antraf, da die ältere
-krank war. Er verliebte sich sofort leidenschaftlich in die erstere,
-die den Musikenthusiasten besonders durch ihren schönen Gesang und ihr
-wunderbares Harfenspiel für sich einnahm. Als +Sade+ bei einem zweiten
-Besuche die ältere Schwester kennen lernte, fühlte er gegen dieselbe
-nur Abneigung und erklärte, dass er die jüngere heiraten wolle. Hierzu
-verweigerte der Präsident seine Zustimmung, und so liess der Comte +de
-Sade+ seinen Sohn wählen zwischen Unterwerfung unter seinen Willen
-und einer sofortigen Abreise zur Armee mit der Aussicht auf Enterbung
-und Verstossung. So wurde der Marquis, dessen Appell an das Herz der
-Mutter der beiden Mädchen nur eine „kalte und heroische Erwiderung“
-fand, gezwungen, die ältere Tochter zu heiraten. Schon damals erwiderte
-die Jüngere die Liebe +de Sade’s+ und hatte vergeblich durch Bitten
-und Thränen das Herz ihrer Eltern zu erweichen gesucht. +Lacroix+
-legt ausführlich dar, wie +Sade+ nur mit dem Gedanken des sofortigen
-Ehebruchs mit der Jüngeren die ihm unsympathische ältere Schwester
-geheiratet habe und vielleicht schon damals mit der zweiten Schwester
-im Einverständnis war. Frau von +Montreuil+, die vom Anfang an die
-Natur ihres Schwiegersohnes durchschaute, brachte ihre jüngere Tochter
-in ein Kloster, um einem drohenden Skandal vorzubeugen.
-
-Es bleibe dahingestellt, ob diese Geschichte die Hauptursache der
-Demoralisation des Marquis +de Sade+ gewesen ist, wie +Marciat+
-annimmt. Sicher erklärt sie die +Ehefeindlichkeit+, welche uns in
-allen Schriften +Sade’s+ entgegentritt. Dass allerdings seine Frau,
-der +Lacroix+ die Wärme des Herzens fehlen lässt, ihm dazu keinerlei
-Veranlassung gab, haben die soeben von +Paul Ginisty+ veröffentlichten
-„Lettres inédites de la Marquise de Sade“ gezeigt, die für die
-Geschichte dieser Ehe und für das Verständnis des Charakters des
-Marquis +de Sade+ sehr lehrreich sind.[497] Sie offenbart sich
-in diesen Briefen als eine selbstlose, treue, ihrem Gatten mit
-leidenschaftlicher Liebe zugethane Seele, die selbst dann nicht
-aufhört mit heisser Sehnsucht an ihn zu denken, für ihn zu sorgen und
-zu beten, wenn er -- wie dies gewöhnlich geschah -- diese Liebe mit
-rohen, unedlen Worten und gemeinen Verdächtigungen erwiderte. Diese
-Frau, die Zeugin des lasterhaften Lebens ihres Gatten, der dadurch
-hervorgerufenen grossen Skandale, hörte niemals auf, ihn zärtlich zu
-lieben, war ihm bei der Flucht aus dem Gefängnisse behilflich und
-erwies ihm in seinem Gefängnisleben tausend Dienste, die nur eine
-hingebende Liebe erweisen kann. Das deutet wirklich darauf hin, dass
-der Marquis +de Sade+ etwas von dem an sich hatte, was er selbst als
-die „Wonne des Lasters“ bezeichnet und was alle Frauen unwiderstehlich
-anzog. Wie er selbst diese Liebe lohnte, hat +Ginisty+ ausführlich
-dargestellt. Wir teilen nur eine Probe mit. Einmal schreibt ihm seine
-Frau: „Du musst die Welt besser kennen als ich. Thue, was Du willst.
-Ich will nur das Hörrohr für Deine Befehle sein. Du weisst, dass Du
-auf mich als Deine beste und zärtlichste Freundin rechnen kannst.“
-+Sade+ schrieb an den Rand dieses Briefes: „Kann man so unverschämt
-lügen?“[498]
-
-Bei dem Verhältnisse zwischen den beiden Ehegatten darf es nicht
-Wunder nehmen, dass der Marquis +de Sade+, nachdem er vergeblich den
-Aufenthaltsort des jüngeren Fräulein von +Montreuil+ zu erkunden
-gesucht hatte, sich nach +Lacroix+[499] schon im ersten Jahre seiner
-Ehe in den Strudel wilder Ausschweifungen stürzte, seine Gesundheit
-und seine Reichtümer mit Hilfe der berüchtigsten Roués seiner Zeit
-vergeudete, und die „Koryphäe der parfümierten Orgien“ des Herzogs
-von +Fronsac+ und des Prinzen +Lamballe+ wurde, aber es auch nicht
-verschmähte, sich mit Lakaien zu widerlichen Saturnalien zu vereinigen.
-Eingeweiht in die „Geheimnisse der petites maisons und der Bordelle“
-suchte er seine Gefährten in dem Ersinnen neuer raffinierter Lüste
-zu übertreffen. Das war jene Zeit, in welcher ein deutscher Autor
-den Marquis +de Sade+ zum Arrangeur der Orgien des Hirschparks
-macht,[500] was historisch nicht festgestellt, aber glaubwürdig sein
-kann. Schon wenige Monate nach seiner Heirat wurde +Sade+, der erst
-23 Jahre zählte, in Vincennes eingekerkert, weil er in einer „petite
-maison“ grosse Excesse begangen hatte. Hier benahm er sich sehr
-zurückhaltend und ruhig und fügte sich ohne Murren in die Tagesordnung
-des Gefängnisses, bat nur, ihm seinen Kammerdiener zu lassen und
-bisweilen den Genuss frischer Luft zu vergönnen. In einem Briefe vom
-2. November bittet er, dass man seiner Frau von seiner Verhaftung
-Nachricht gebe, aber den Grund derselben verschweige, und wünscht einen
-Priester zu sehen. Er schliesst mit den Worten: „So unglücklich ich
-bin, beklage ich mich nicht über mein Schicksal; denn ich verdiene die
-göttliche Strafe; meine Fehler bereuen, meine Irrtümer verabscheuen,
-soll meine einzige Beschäftigung sein.“[501] +Schon damals muss er
-ein obscönes Buch geschrieben haben.+ Denn in diesem Briefe spricht
-er von dem Datum des „unglückseligen Buches“, das erst aus dem Juni
-stamme, während er sich am 17. Mai verheiratet habe. Auch habe er erst
-im Juni jenes genannte Haus aufgesucht. Darauf habe er sich drei
-Monate auf dem Lande aufgehalten und sei acht Tage nach seiner Rückkehr
-verhaftet worden. Welche seiner +Schriften de Sade+ hier im Auge hat,
-ist vorläufig noch nicht festzustellen. Wenn +Cabanès+ (a. a. O. Seite
-262) meint, dass die „Justine“ gemeint sei, so ist das eben mit dem bis
-heute vorliegenden litterarischen und archivalischen Material nicht zu
-beweisen. Indessen geht doch aus dem vorliegenden wichtigen Briefe mit
-aller Sicherheit hervor, dass +Sade+ frühzeitig, schon mit 23 Jahren,
-anfing, pornographische Schriften zu verfassen.
-
-Vielleicht hat +Marciat+ Recht mit der Annahme, dass dieser an den
-Gouverneur des Gefängnisses gerichtete Brief von einer heuchlerischen
-Gesinnung eingegeben worden sei, vielleicht aber auch liegt hier
-eine der bei sexuell ausschweifenden Menschen so häufig vorkommenden
-religiösen Anwandlungen vor. Es hat sich noch ein kleines Billet
-an den Gefängnispriester +Griffet+ vom 4. November 1763 erhalten
-(veröffentlicht im „Amateur d’Autographes“ 1866 und bei +Cabanès+). Es
-heisst in demselben: „Wir haben einen neuen Gefangenen in Vincennes,
-welcher einen Beichtvater zu sprechen wünscht und sicherlich Ihre
-Dienste nöthig hat, obgleich er nicht krank ist. Es ist der Marquis +de
-Sade+, ein junger Mann von 22 Jahren. Ich bitte Sie, ihn sobald wie
-möglich zu besuchen, und wenn Sie mit ihm gesprochen haben, so werden
-Sie mir einen Gefallen thun, wenn Sie bei mir vorsprechen.“[502]
-
-
-5. Das Gefängnisleben des Mannes.
-
-Aehnlich einem neueren französischen Dichter, +Paul Verlaine+, hat
-der Marquis +de Sade+, nachdem er ins Mannesalter eingetreten war,
-einen grosses Teil seines Lebens in Gefängnissen zugebracht.[503]
-Wenn man den letzten Aufenthalt in Charenton hinzurechnet, hat er im
-ganzen 27 +Jahre+ in 11 Gefängnissen verbracht: von diesen 27 Jahren
-fallen 14 Jahre in sein Mannes-, 13 Jahre in sein Greisenalter. In der
-Einsamkeit des Kerkers verarbeitete er den Stoff zu seinen Werken, was
-bei deren späterer Beurteilung berücksichtigt werden muss. Das ganze
-Mannesalter des Marquis +de Sade+ können wir als ein Gefängnisleben mit
-Unterbrechungen bezeichnen, das reich ist an dramatischen Vorgängen,
-die seinen Namen schnell berühmt machten, wenn auch dieser Ruhm
-ein sehr trauriger war. Gleich die Veranlassung zu seiner zweiten
-Einkerkerung war ein von den Zeitgenossen vielfach besprochener
-Vorgang. Es war
-
-
-1. Die Affäre Keller (3. April 1768).
-
-Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die wichtigste
-ist die der Madame +du Deffand+ in einem nur +10 Tage+ nach dem
-Ereignis geschriebenen Briefe an +Horace Walpole+, den englischen
-Dichter und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben
-Sie eine tragische und sehr sonderbare Geschichte! -- Ein gewisser
-Comte de Sade, Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am
-Osterdienstag einer grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die
-ihn um ein Almosen bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel
-Interesse, schlug ihr vor, sie aus ihrem Elend zu befreien und zur
-Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in der Nähe von Paris zu machen. Die
-Frau nahm dies an, wurde auf den folgenden Tag hinbestellt. Als sie
-erschien, zeigte ihr der Marquis alle Zimmer und Winkel des Hauses und
-führte sie zuletzt in eine Dachkammer, wo er sich mit ihr einschloss
-und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden. Sie warf sich ihm zu
-Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine anständige Frau sei.
-Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche zog, und
-befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die
-Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit
-Blut bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor,
-bestrich die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob
-er ihr zu trinken und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am
-folgenden Morgen wieder, untersuchte ihre Wunden und sah, dass die
-Salbe die erwartete Wirkung gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer
-und machte ihr am ganzen Körper Einschnitte damit, bestrich wiederum
-mit der Salbe die blutenden Stellen und ging fort. Es gelang der
-Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und sich durchs Fenster auf die
-Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich beim Hinunterspringen
-verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der Polizeileutnant
-wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn +de Sade+.
-Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man weiss
-nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser
-Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den
-Leuten von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser
-abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit
-der Salbe festzustellen. -- Das ist die Tragödie, die Sie etwas
-unterhalten mag.“ Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame +Du
-Deffand+: „Seit gestern kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des
-Herrn +de Sade+. Das Dorf, in dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet,
-ist Arcueil. Er peitschte und zerschnitt die Unglückliche am +selben+
-Tage und goss ihr „Balsam“ auf die Wunden und Striemen. Dann band er
-ihr die Hände los, hüllte sie ein und legte sie in ein gutes Bett. Kaum
-war sie allein, so bediente sie sich ihrer Arme und ihrer Decken, um
-sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von Arcueil riet ihr, ihre
-Klagen beim Generalprokurator und dem Polizeilieutenant vorzubringen.
-Letzterer liess +Sade+ verhaften, der sich mit grosser Frechheit seines
-Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte, da er dem Publikum
-die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe, die auf der Stelle
-alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung des Attentäters
-Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer Geldsumme an sie.
-So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen Bericht müssen wir,
-weil er unmittelbar nach dem Ereignis niedergeschrieben wurde und die
-Marquise +Du Deffand+, wie der zweite Brief beweist, genau informiert
-war, als den +glaubwürdigsten+ bezeichnen. Die anderen Erzählungen
-dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr von einander ab, dass
-+Marciat+ mit Recht daraus schliesst, dass das eigentliche Attentat
-auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt wird. -- +Jules
-Janin+[505] erzählt, dass der Marquis +de Sade+ in Arcueil eine in
-einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite
-maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit
-doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée),
-so dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend,
-den 3. April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei
-gemeine Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich
-zu dem nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau,
-+Rosa Keller+, Witwe eines gewissen +Valentin+ begegnet, die wohl als
-Prostituierte ihr Brot suchte. +Sade+ redete sie an, versprach ihr ein
-Souper und ein Nachtlager, that sehr sanft und zärtlich, so dass sie
-mit ihm in einen Fiaker stieg und nach Arcueil fuhr. Der Marquis führte
-sie in den zweiten Stock seines abgelegenen, spärlich erleuchteten
-Hauses, wo die beiden mit Blumen bekränzten Dirnen halbtrunken an
-reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde sie geknebelt, vollständig
-entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut gepeitscht, bis die
-Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“, worauf die Orgie mit
-den beiden Freudenmädchen begann. -- Dann folgt die Schilderung der
-Flucht der +Keller+, des Auflaufs, der Verhaftung der Uebelthäter,
-welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“ auffand.
-
-Diese Darstellung giebt auch +Eulenburg+[506] und findet darin jene
-„eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die
-freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck
-‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme
-grausamer Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich
-als präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu
-dienen bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem
-Anschein nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in
-„Stimmung“ zu bringen“.
-
-+Lacroix+ berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass
-die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame
-Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern
-wagte, welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne
-zu erröten, zu der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“.
-Später, im Jahre 1845, fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem
-Messer Einschnitte in die Haut machte und die Hautlappen mit spanischem
-Wachs wieder zusammenklebte.[508]
-
-+Rétif de la Bretonne+, der den Marquis +de Sade+ seit 1768 kannte,
-giebt in den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine
-ganz andere Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“
-Nachdem der Marquis +de Sade+ die +Keller+ auf der Place des Victoires
-getroffen hatte, führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in
-einen „Anatomiesaal“ eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen
-versammelt war, um der Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will
-diese Unglückliche auf der Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem
-Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll uns daher dazu dienen, in die
-Geheimnisse der menschlichen Structur einzudringen“. Man band sie auf
-dem Sectionstische fest; der Marquis als Prosector untersuchte alle
-Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter Stimme die Resultate
-vorher, welche die Section ergeben würde. Als die Frau laut schrie,
-zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der Section die
-Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein Gelassenen,
-sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu entfliehen.
-Draussen erzählte sie, dass in dem Saale drei Leichen gelegen hätten,
-eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in einem
-grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch.
-
-Nach dieser Erzählung scheint +Rosa Keller+ das Opfer einer indecenten
-und abscheulichen Mystification geworden zu sein. +Cabanès+ hat von
-Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten
-in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre
-die Dinge sich viel einfacher abgespielt hätten. +Rosa Keller+ sei,
-erschreckt durch den Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne
-weiteres in adamitischem Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf
-der Strasse von Polizisten zur nächsten Wache gebracht worden.[509]
-
-Endlich existiert noch eine Erzählung von +Brierre de Boismont+[510],
-die +Marciat+ auf die Affäre +Keller+ bezieht, die wir aber für einen
-besonderen Fall halten. +Brierre de Boismont+ erfuhr den Inhalt dieser
-Geschichte von einem Freunde, +der den Marquis de Sade persönlich
-gekannt hatte+ und von diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über
-galante Abenteuer „seine Augen blutig unterliefen und einen finsteren
-und grausamen Ausdruck angenommen hätten“.
-
-Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor
-der Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris
-aus dem Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen.
-Sie drangen durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer
-Kammer eine splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem
-Tische festgebunden. Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten
-an den Armen; die Brüste waren leicht aufgeschnitten und entleerten
-Flüssigkeit. Die Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen
-gemacht hatte, waren „in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche
-von der grossen Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch
-den berüchtigten Marquis +de Sade+ in dieses Haus gelockt worden
-sei. Nach beendigtem Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen,
-entkleiden und auf dem Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr
-die Adern mit einer Lancette und brachte ihr zahlreiche Incisionen am
-Körper bei. Darauf zogen sich alle Uebrigen zurück, und der Marquis
-befriedigte an ihr seine geschlechtliche Lust. Er wollte ihr, wie
-er sagte, nichts übles anthun; aber als sie unaufhörlich schrie,
-erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511] Nach +Brierre de
-Boismont+ wurde diese Affäre unterdrückt, nachdem die Betreffende eine
-Geldentschädigung bekommen hatte.
-
-Auch die Affäre +Keller+ verlief für den Marquis +de Sade+ sehr
-glimpflich. Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in
-der Feste Pierre-Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen
-freigelassen, nachdem +Rosa Keller+ ein Schmerzensgeld von 100
-Louisdors bekommen hatte.
-
-Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären
-der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten
-von allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen
-perversen Neigungen freien Lauf. Herr von +Montreuil+ erwirkte
-schliesslich eine polizeiliche Verbannung des Marquis +de Sade+ auf
-sein Schloss La Coste in der Provence, wo er an der Seite einer
-Schauspielerin (wahrscheinlich der +Beauvoisin+ vom Théâtre-Français)
-den dort ansässigen Adel mit seinen Lastern bekannt machte. Seine
-Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, auf das Schloss Saumane
-zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging die Unklugheit, ihm
-die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen Schwester
-anzukündigen. +Sade+, den die Begierde nach dem Besitze dieser
-Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau
-Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der
-Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und
-dass alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen
-seien. Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde,
-und erriet aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er
-Erhörung finden werde. So fasste er nach +Lacroix+ den Plan, eine
-besondere Missethat zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord
-vorzuspiegeln, und sie dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512]
-Die Ausführung dieses Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als
-
-
-2. Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie).
-
-+Bachaumont’s+ geheime Memoiren bringen unter dem 25. Juli 1772 den
-folgenden Bericht: „Man schreibt aus Marseille, dass der Graf +de
-Sade+, der im Jahre 1768 soviel Aufsehen durch seine Verbrechen an
-einer Dirne machte, an der er angeblich ein neues örtliches Heilmittel
-erproben wollte, soeben hier ein zuerst amüsantes, später aber durch
-seine Folgen schreckliches Schauspiel veranstaltet hat. Er gab einen
-Ball, zu dem er viele Leute eingeladen hatte, und beim Dessert
-verteilte er sehr schöne Chocoladepastillen, von denen viele Leute
-assen. Denselben waren gepulverte spanische Fliegen beigemischt. Man
-kennt die Wirkung dieses Mittels. Alle, die davon gegessen hatten,
-wurden von einer schamlosen Brunst ergriffen und begingen die tollsten
-Liebesexcesse. Das Fest artete zu einer wilden altrömischen Orgie aus.
-Die keuschesten Frauen konnten der Mutterwut nicht widerstehen, welche
-sie verzehrte. Der Marquis +de Sade+ missbrauchte seine Schwägerin,
-mit der er dann entfloh, um der ihm drohenden Todesstrafe zu entgehen.
-Mehrere Personen starben an den Folgen der Exzesse, andere sind noch
-sehr krank.“[513]
-
-Diese Darstellung ist offenbar übertrieben. Nach +Lacroix+,[514] der
-die Mitteilung von einem glaubwürdigen Augenzeugen hat, begab sich
-der Marquis +de Sade+ mit seinem Diener nach Marseille. Er hatte
-sich mit Cantharidenbonbons versehen, die er in einem öffentlichen
-Hause verteilte. Eine Dirne sprang aus dem Fenster und verletzte
-sich tötlich. Die anderen gaben sich halbnackt den infamsten
-Ausschweifungen hin, selbst vor dem alsbald in Menge herbeieilenden
-Volke. Zwei Mädchen starben an den Folgen der Vergiftung und der
-im Tumult erlittenen Verletzungen. +Sade+ liess sich von einem
-Parlamentsrat einen Brief mit der Ankündigung des ihm bevorstehenden
-Urteils schicken, zeigte diesen Brief seiner Schwägerin, nannte sich
-ein Ungeheuer und drohte, sich zu töten. Fräulein von +Montreuil+
-beschwor ihn, zu fliehen, und er bewog sie, ihn zu begleiten. So fuhren
-sie nach einer Stunde davon.
-
-Nach der „Biographie universelle“ ist auch diese Erzählung unrichtig,
-da überhaupt Niemand gestorben sei, sondern einige Personen nur „leicht
-belästigt“ wurden.
-
-+Rétif de la Bretonne+ verlegt den Ort der Handlung nach Paris in den
-Faubourg Saint-Honoré. Hier sind es Bauern und Bäuerinnen, welche die
-verhängnisvollen Bonbons essen. Wichtig ist, dass +Rétif+, der stets
-einen glühenden Hass gegen den Marquis +de Sade+ gehegt hat, +Niemanden
-an den Folgen dieser Orgie sterben lässt+.[515]
-
-Danach ist mit Sicherheit anzunehmen, dass dieser Skandal nicht zu
-Todesfällen geführt hat. Marseille sah auch gewiss öfter derartige
-Scenen, da das extravagante Leben in dieser Stadt unter dem ancien
-régime öfter hervorgehoben wird.[516]
-
-Vor einigen Monaten hat Dr. +Cabanès+ in seiner Studie über den
-Marquis +de Sade+ ein neues, hochwichtiges Dokument über die Marseiller
-Affäre ans Licht gezogen. Es ist ein in dem Archiv der Auswärtigen
-Angelegenheiten aufbewahrtes Mémoire, welches den Titel trägt:
-„+Darstellung der Thatsachen und kurzer Bericht über den Process, gegen
-welchen der Marquis de Sade und seine Familie Einspruch erheben.+“
-Nach diesem Bericht weilte der Marquis +de Sade+ im Juni 1772 mit
-seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern auf seinem Gute in der
-Provence und unternahm Ende des Monats eine Reise nach Marseille, um
-dort von Paris angekommenes Gepäck in Empfang zu nehmen. Er besuchte
-während seines Aufenthaltes am 21. Juni 1772 mehrere öffentliche
-Mädchen und kehrte darauf in vollster Seelenruhe auf sein Gut zurück,
-ohne zu ahnen, dass man eine strafrechtliche Verfolgung gegen ihn
-einleitete. Drei Tage nach seiner Abreise wurde er vor dem Landgerichte
-in Marseille als des versuchten Giftmordes verdächtig angeklagt. Das
-Dienstmädchen einer Prostituierten, zugleich Teilnehmerin an deren
-Ausschweifungen, sagte aus, dass ihre Herrin seit einigen Tagen von
-heftigen inneren Schmerzen und Erbrechen heimgesucht würde, welcher
-Zustand nach dem Genuss einiger ihr von einem fremden Besucher
-angebotenen Pastillen eingetreten sei. Der Richter begab sich in die
-Wohnung der Dirne. Ein zweites Freudenmädchen berichtete, dass ein
-Mann, +von dem man ihr gesagt habe+, dass es der Marquis +de Sade+ sei,
-sie besucht habe und ihr gleich den übrigen im Zimmer versammelten
-Mädchen verzuckerten Anis angeboten habe. Eine von ihnen habe nicht
-davon gegessen. Die übrigen seien davon „belästigt“ worden. Man fand
-bei gerichtlicher Haussuchung in dem erwähnten Zimmer noch zwei solche
-Anis-Bonbons, deren chemische Untersuchung durch zwei Gerichtschemiker
-die +Abwesenheit+ jeder Art von Gift oder reizender Substanz ergab.
-Im Verlaufe der weiteren Untersuchung beschuldigte eine von den
-Prostituierten, welche alle in demselben Zimmer gewesen waren, den
-Marquis und seinen Bedienten eines widernatürlichen Verbrechens. Alle
-diese Zeugenaussagen wurden während der Abwesenheit des Angeklagten
-entgegengenommen. Die Familie desselben führt in dem Mémoire Klage
-darüber, dass in diesem Prozesse so viele offenbare Verletzungen des
-Rechts vorgekommen seien, weist auf das Gutachten der Chemiker hin,
-sowie auf die Unschuldserklärung, welche zwei der angeblich vergifteten
-Mädchen dem Marquis in einer Aussage vom 8. August 1772 hätten zu Teil
-werden lassen. Trotzdem habe sowohl der Gerichtshof in Marseille,
-wie derjenige in Aix in gesetzwidrig beschleunigtem Verfahren den
-Marquis zu einer so schweren und schimpflichen Strafe verurteilt, nur
-infolge der Aussage von Prostituierten, einer Menschenklasse, deren
-Lügenhaftigkeit so bekannt sei. Gegen diese Rechtsverletzung erhebe
-die Familie energischen Protest. (+Cabanès+ a. a. O. S. 266-272.)
-Jedenfalls besitzen wir in diesem wichtigen Dokumente die ersten
-authentischen Nachrichten über die geheimnisvolle Bonbons-Affäre, deren
-Harmlosigkeit dadurch wohl aufs evidenteste bewiesen wird. Auch die
-übrigen Aussagen der Prostituierten müssen mit der grössten Vorsicht
-aufgenommen werden. So bleibt das einzig wirklich Thatsächliche in der
-so berühmten Affäre +der Besuch eines oder mehrerer Marseiller Bordelle
-durch den Marquis de Sade und die Verteilung unschuldiger Bonbons an
-die Freudenmädchen+.
-
-Der Marquis +de Sade+ wurde vom Parlament in Aix am 11. September
-1772, ebenso wie sein Kammerdiener, wegen Sodomie und Vergiftung
-in contumaciam zum Tode verurteilt. Die Härte dieses Urteils wird
-auf den Kanzler +Maupeou+ zurückgeführt, der ein Exempel statuieren
-wollte.[517] Uebrigens wurde dasselbe nach sechs Jahren, am 30. Juni
-1778, aufgehoben und der Marquis nur zu einer Geldstrafe von 50 Francs
-verurteilt, oder sogar nach der „Biographie des Contemporains“ zu einer
-Ermahnung durch den ersten Präsidenten des Gerichtshofes.
-
-Er war inzwischen mit seiner Schwägerin nach Italien geflohen, wo
-er mit ihr ein stilles und züchtiges Leben führte, bis sie ihm nach
-kurzer, heftiger Krankheit durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde,
-und er nach dem Hinscheiden seines guten Engels wieder in die alten
-Ausschweifungen zurückfiel.[518] Er wurde dann in Piemont verhaftet und
-am 8. Dezember 1772 im Fort Miolans festgesetzt. Seine Familie wandte
-sich durch Vermittelung des Grafen +Marmora+, Gesandter des Königs
-von Sardinien in Paris, an den Grafen +de la Tour+, Generalkommandant
-von Savoyen, und liess ihn bitten, den Namen des Gefangenen geheim
-zu halten, ihn als Graf +de Mazan+ zu bezeichnen, ihm seine Effekten
-zu lassen, da ein so +lebhafter Geist+ nicht ohne Beschäftigung
-existieren könne. Nur seine Papiere, Manuscripte und Briefe möge
-man seiner Familie zustellen. Man entsprach diesen Wünschen. +de la
-Tour+ berichtet, dass +Sade+ zwei Zimmer bekam, welche von einem
-Tapezierer aus Chambéry vortrefflich möbliert worden waren. +de
-Sade+ hatte durch ein Schriftstück vom 9. Dezember 1772 versprochen,
-keinen Fluchtversuch zu machen. Am 8. Januar 1773 erkrankte er, man
-liess eines Arzt rufen, seine Gattin beschwor in zahlreichen Briefen
-den Festungskommandanten +de Launay+, ihrem Gatten doch alle mögliche
-Pflege angedeihen zu lassen, und bereitete damals schon die Flucht
-des Marquis vor, sodass +Marmora+ in einem Briefe vom 1. März 1773
-+de la Tour+ bitten musste, für strengere Bewachung +de Sade’s+ Sorge
-zu tragen und seine Frau von ihm fernzuhalten. Trotzdem gelang es dem
-Marquis, die Wachsamkeit +de Launay’s+ einzuschläfern, der über die
-angebliche Reue und Harmlosigkeit desselben an +de la Tour+ in mehreren
-Briefen berichtet, und so wurde es der Marquise leicht, mit Hülfe von
-15 entschlossenen Männern in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1773 die
-Flucht ihres Gatten zu bewerkstelligen. Der bekannte +de Sougy+ („Baron
-+de l’Allée+“) war sein Fluchtgenosse. Sie gingen nach Genf, von dort
-nach Italien.[519] +de Sade+ liess dem Gouverneur, Herrn +de Launay+,
-einen ironischen Brief zurück, traf in Italien seine Frau, deren
-Gesellschaft er indessen bald mit der einer Maitresse vertauschte.
-+Letztere+, nicht seine Schwägerin, wie +Eulenburg+ annimmt[520], ist
-das Vorbild der Juliette. Im Jahre 1777 kehrte er nach Frankreich
-zurück[521], wo seine Frau und Schwiegermutter sich bemühten, seine
-Rehabilitation durchzusetzen, wie aus den unter No. 1741 und 1472 im
-auswärtigen Archiv aufbewahrten und von +Cabanès+ veröffentlichten
-Gesuchen hervorgeht (+Cabanès+ a. a. O. S. 282 bis 284). Doch war dies
-vergeblich.
-
-
-3. Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille.
-
-Nach kurzem Aufenthalt in der Provence, wo er wieder ein wüstes Leben
-führte, wurde +Sade+ verhaftet, nach Paris geführt und im Hauptturm
-der Festung Vincennes eingekerkert. In einem Briefe an den Gouverneur
-von Vincennes fleht er diesen an, ihm das Wiedersehen mit seiner
-Frau zu gestatten.[522] Jedenfalls setzte er sich wieder mit ihr in
-Verbindung, wie aus der von +Ginisty+ mitgeteilten Korrespondenz
-hervorgeht[523], und es gelang ihren Bemühungen, eine Revision des
-Urteils durchzusetzen. +Sade+ wurde nach Aix gebracht, wo ihn der
-Advokat +Siméon+ glänzend verteidigte und unter dem 30. Juni 1778
-die Annullirung des Urteils erwirkte. Aber durch den Einfluss der
-Präsidentin +Montreuil+, die mit Recht +Sade’s+ Freiheit mehr fürchtete
-als seine Gefangenschaft, wurde der Beschluss rückgängig gemacht
-und er nach Vincennes überführt. Den Transport leitete der uns wohl
-bekannte Polizeiinspektor +Marais+. Es gelang dem Marquis, bei einem
-Aufenthalt in Lambesc, am 5. Juli 1778, wieder mit Hülfe seiner Frau
-zu entfliehen. +Ginisty+ teilt den interessanten Polizeibericht über
-diese sehr romantische Flucht ausführlich mit.[524] Er wurde aber
-bald darauf (7. September) von +Marais+ auf seinem Schlosse Lacoste
-entdeckt und diesmal ohne Zwischenfall nach Vincennes zurückgebracht,
-von wo er im Jahre 1784 in die Bastille überführt wurde. Am Vorabend
-des 14. Juli 1789 nach Charenton gebracht, soll er nach +Lacroix+ am
-Tage der Erstürmung der Bastille, und der wohl richtigeren Angabe der
-„Biographie universelle“ aber erst am 29. März 1790 durch Dekret der
-constituierenden Versammlung befreit worden sein.
-
-Von 1777 bis 1790, in der Blüte des Mannesalters, sass also der Marquis
-+de Sade+ im Gefängnis. Es ist kein Zweifel, dass hier die ersten
-Entwürfe zu seinen berüchtigten Werken entstanden, und es dürfte daher
-eine etwas eingehendere Schilderung jener Zeit von Nutzen sein.
-
-In Vincennes wurde er während der ersten Jahre in eine feuchte, kalte
-Kammer eingesperrt, die keinerlei Möbel enthielt ausser einem Bette,
-das er selbst in Ordnung zu bringen hatte. Sein Essen bekam er durch
-ein Guckloch. Schreibzeug und Bücher wurden ihm vorenthalten. Dies
-empfand er besonders schmerzlich, wie drei kleine auf der Auktion
-+Fossé d’Arcosse+ im Jahre 1861 unter No. 1003 verkaufte Autographen
-beweisen, wo er einmal sagt: „sans air, ni lettre, ni encre, ni quoi
-que ce soit au monde“, ein anderes Mal: „une heure de promenade et
-permission d’écrire, une seule fois par semaine.“[525]
-
-Seine Frau, die mit unerschütterlicher Liebe an ihm hing, schickte
-ihm Bücher, Schreibutensilien und andere von ihm verlangte Dinge,
-sogar Kölnisches Wasser[526]. Sie erhielt auch später die Erlaubnis,
-ihn zu besuchen. Aber jeder Besuch gestaltete sich zu einem Skandale.
-Man musste die Marquise vor der Wut und den Zornesausbrüchen ihres
-Gatten schützen. Am 25. September 1782 untersagte infolgedessen der
-Polizeileutnant +Le Noir+ diese Besuche. Erst am 13. Juli 1786 durfte
-sie den persönlichen Verkehr mit dem Marquis wieder aufnehmen. Indessen
-waren stets andere Personen dabei anwesend, um die Marquise gegen die
-Gewaltthätigkeiten ihres cynischen und rohen Gatten zu schützen.[527]
-+Sade+ heuchelte dann Liebe, um in seinen Briefen die treue Gattin
-wieder mit ungerechtfertigten Vorwürfen und schändlichen Beleidigungen
-zu überschütten.
-
-+Marciat+ findet in dem Leben des Marquis +de Sade+ vor seiner
-Einkerkerung einen Hang zur Grausamkeit, eine Verachtung der Frau,
-eine unzähmbare Geschlechtslust und schliesst mit Recht, dass auf
-einen solchen Menschen, der zudem sich seinen Wollustkumpanen an
-Intelligenz überlegen zeigt, eine 13jährige Einkerkerung vom 38.
-bis zum 51. Lebensjahre, +die ihm jede Befriedigung seines heftigen
-Geschlechtstriebes unmöglich machte+, eine schwere psychische
-Schädigung ausüben müsse. Dafür spricht auch die +krankhaft gesteigerte
-Reizbarkeit+, das unendliche Misstrauen, welches sich in den von
-+Ginisty+ veröffentlichten Briefen an seine Gattin ausspricht.
-Interessant ist, dass er zu den Briefen seiner Frau die unflätigsten
-Randbemerkungen machte, und hinter allen Handlungen der Gattin
-sexuelle Motive wittert. Ebenso sind die rohen Zornesausbrüche bei
-Besuchen derselben charakteristisch. Den Einfluss der +Gefangenschaft+
-als eines „mächtigen Factors zur Erzeugung von Seelenstörungen“
-schildert +Schüle+ in ausgezeichneter Weise.[528] „Ungleich rascher,
-als unter den Bedingungen des freien Lebens, vollzieht sich durch
-die Schändlichkeiten der Einzelhaft der Uebergang in geistige
-Schwäche.“ In der Einsamkeit der Zelle konnte die Phantasie +Sade’s+
-sich ungezügelt in Bildern der Wollust und Grausamkeit ergehen.
-Ersatz für die ihm mit einem Male für lange Jahre abgeschnittene
-reale Befriedigung übermässigen Geschlechtstriebes konnte er nur in
-ungeheuerlichen, die Wirklichkeit überbietenden Phantasien finden.
-Und sobald er die Erlaubnis zur Lectüre von Büchern bekam, suchte er
-nach dem treffenden Ausspruch der „Biographie universelle“ in der
-Vergangenheit und Gegenwart die Beispiele und Vorbilder für seine
-lasterhaften Anschauungen, die er dann in Gestalt von zahllosen
-Manuscripten niederlegte. Auch diese +Graphomanie+ scheint uns das
-Bild einer gewissen +geistigen Schwäche+, die in dieser Zeit sich
-bei +Sade+ ausprägte, zu vervollständigen. Er wurde im Gefängnis der
-sehr fruchtbare Schriftsteller, als welchen wir ihn später kennen
-lernen werden. Er las unendlich viele Bücher, ohne deren Inhalt
-gehörig zu verdauen; er lernte aus ihnen nur ein oberflächliches
-Raisonnement, während zahlreiche einzelne Beobachtungen einen mehr als
-gewöhnlichen Scharfblick erkennen lassen. Er war wie so viele sexuell
-sehr veranlagte Naturen gross in der +Analyse+ aller Dinge, die mit
-dem Geschlechtsleben zusammenhängen, aber klein in der allgemeinen
-+Synthese+, dem wahrhaft philosophischen Denken. Leider sind die
-während der Gefangenschaft verfassten +Tagebücher Sade’s+ von 1777 bis
-1798 in 13 Heften, von denen sich 11 noch vorfanden, verbrannt worden,
-so dass uns dadurch ein wichtiges Hülfsmittel zur Erkenntnis seines
-geistigen Zustandes verloren gegangen ist. Er hatte in den Tagebüchern
-alles vermerkt, was er während dieser 13 Jahre „gesagt, gethan,
-gehört, gelesen, geschrieben, gefühlt oder gedacht hatte.“ (Biographie
-universelle.)[529] So sind nur noch seine Werke zur Beurteilung seiner
-psychischen Persönlichkeit übrig geblieben.
-
-Von Interesse ist, dass der Marquis +de Sade+, wie es scheint, im
-Gefängnis auch eine Correspondenz mit seinen Maitressen unterhielt.
-Im April 1864 wurde bei der von +Charavay+ veranstalteten Auktion der
-litterarischen Schätze des Grafen +H. de M.+ ein Brief von 2 Seiten
-gezeigt, den eine Maitresse am 18. September 1778 an den Marquis
-+de Sade+ geschrieben hatte, und der von diesem mit Randbemerkungen
-versehen war.[530]
-
-Dass die Gefangenschaft das Geistesleben oft nach der sexuellen
-Richtung hin ablenkt, beweist auch das Beispiel des grossen +Mirabeau+,
-der zu gleicher Zeit wie +Sade+ in Vincennes interniert war und hier
-seine obscönen Bücher schrieb.
-
-Ein merkwürdiger Brief +Mirabeau’s+ über dieses Zusammensein mit
-dem Marquis +de Sade+ hat sich erhalten, der gerade nicht für
-freundschaftliche Beziehungen der Beiden spricht.[531] „Herr +de
-Sade+“, so heisst es in diesem Briefe, „hat gestern die Festung in
-Aufruhr versetzt und mir ohne die geringste Provokation meinerseits
-die infamsten Gemeinheiten gesagt. Ich würde von Herrn +de Rougemont+
-(dem Gouverneur) begünstigt, und damit ich spazieren gehen könne,
-verweigere man ihm die Erlaubnis dazu. Er bat mich um Angabe meines
-Namens, damit er mir nach seiner Freilassung die Ohren abschneiden
-könne. Ich verlor die Geduld und sagte ihm: Mein Name ist der eines
-Ehrenmannes, der niemals Frauen zerstückelt und eingesperrt hat, der
-Ihnen diesen Namen mit dem Stocke auf den Rücken schreiben wird. --
-Er schwieg und wagte seitdem nicht mehr, den Mund zu öffnen. Es ist
-schlimm in demselben Hause mit einem solchen Monstrum zu wohnen“.
-
-
-6. Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit.
-
-Die ersten Szenen der Revolution spielten sich vor dem Gefängnis
-des Marquis +de Sade+ ab, der ihr von vornherein viele Sympathien
-entgegenbrachte. Im Juni 1789 verzeichnet das Register der Bastille,
-dass er „die Wachen vor seiner Thür und am Fuss des Thurmes
-überwältigen wollte“, dass man ihn aber in sein Zimmer zurücktrieb,
-„indem man ihm einen Flintenlauf ein wenig nahe zeigte.“ Er setzte
-sich am 2. Juli 1789 vor der Erstürmung der Bastille mit Hilfe eines
-Sprachrohres mit den Passanten der rue Saint-Antoine in Verbindung
-und lockte durch sein fürchterliches Schimpfen auf den Gouverneur der
-Bastille, +de Launay+, eine grosse Menschenmenge an, die mit ihren
-Beifallsäusserungen nicht zurückhielt. Dieser Vorfall hatte zur Folge,
-dass der Marquis +de Sade+ am 4. Juli nach Charenton gebracht wurde
-und also den am 14. Juli 1789 unternommenen Sturm auf die Bastille
-nicht mit erlebte.[532] Aus Charenton wurde er am 29. März 1790 durch
-den Beschluss der constituierenden Versammlung entlassen.[533] Seine
-erste Handlung war das Betreiben der Scheidung von seiner Frau.[534]
-Auch sonst wurde er seiner Familie entfremdet, da seine Söhne beim
-Beginne der Revolution auswanderten. Nach +Lacroix+ nahm er sich eine
-Maitresse, die in seinem Hause die Honneurs machte. Er wohnte zuerst
-in der Rue Pot-de-Fer, nahe bei Saint-Sulpice, später in der Rue
-Neuve-des-Mathurins, Chaussée d’Antin No. 20.[535] Er soll dort den
-Politikern ausgezeichnete Diners und Soupers gegeben und besonders
-den Grafen +Clermont-Tonnerre+ als gleichgesinnten Lebemann ins Herz
-geschlossen haben. Dies ist insofern wenig wahrscheinlich, als der
-Marquis +de Sade+ durch die Revolution alle seine Güter verlor und
-in eine traurige materielle Lage geriet. +Cabanès+ bemerkt noch nach
-einer Notiz im „Amateur d’Autographes“ (1864 S. 105 bis 106): „Il avait
-pris, pour sa maison, une jeune femme, plus gracieuse que belle qu’il
-nommait sa +Justine+ tout bas et son amie tout haut. Cette femme se
-distinguait par la décence de sa tenue et l’élégance de ses manières
-aristocratiques. On disait en effet, que c’était la fille d’un noble
-exilé; mais une tristesse indélébile se peignait sur son visage pâle,
-lorsqu’elle faisait les honneurs de ces réunions, ou l’on parlait de
-tout, excepté de politique, et toujours avec convenance et réserve. On
-jouait quelquefois la comédie, et le marquis excellait dans les rôles
-d’amoureux, qu’il choisissait d’habitude; il était plein de noblesse
-dans son maintien et de sensibilité dans son jeu; +Molé+ avait été
-son maître.“ Auf der oben erwähnten, durch +Charavay+ veranstalteten
-Auction im Jahre 1864 figurierte ein an den Repräsentanten +Rabaut
-Saint-Etienne+ gerichteter, mit einer Empfehlung von +Ant. de
-Bernard-Saint-Afriques+ versehener Brief vom 8. Ventôse des Jahres
-III, in welchem der Marquis +de Sade+ um eine Stelle als Bibliothekar
-oder als Museumsconservator bittet, da er vollständig mittellos
-geworden sei, nachdem sein litterarischer Besitz bei dem Sturm auf die
-Bastille verloren gegangen, und seine Güter durch die Briganten von
-Marseille konfisziert worden seien.[536] Die „Isographie des hommes
-célèbres ou Collection de fac-simile“ (1823-1824, 4 Bde.) enthält einen
-Brief +Sade’s+ vom 10. Pluviôse des Jahres VI, der sich im Besitz
-des Herrn +de la Porte+ befindet, und in dem er um baldmöglichste
-Einsendung des Honorars für ein Gedicht bittet und die Uebersendung
-einer von ihm verfassten Komödie ankündigt, in der er selbst die
-Rolle des Fabricius gespielt habe und wieder spielen wolle.[537] Bald
-nach seiner Entlassung aus Charenton fing er an, zahlreiche Komödien
-zu schreiben, diese an die verschiedenen, damals zahlreich wie
-Pilze hervorschiessenden Theater zu verkaufen und selbst für einige
-Louisdors eine Rolle darin zu spielen.[538] In den Archiven des
-Théâtre-Français befinden sich mehrere Briefe des Marquis +de Sade+ an
-die Direktion der Comédie Française aus den Jahren 1790 bis 1793, auf
-die +O. Uzanne+ durch +François Coppée+ und +Georges Monval+ aufmerksam
-gemacht wurde, und die er in seiner Schrift über +Sade+ veröffentlicht
-hat.[539] Der Marquis bittet darin um die Annahme verschiedener von ihm
-verfasster Theaterstücke zur Aufführung. Nur ein einziges von +Sade’s+
-zahlreichen dramatischen Produkten fand Beifall. Es war dies „Oxtiern
-ou les Malheurs du libertinage“, das in den ersten Tagen des November
-1791 mit Erfolg im Molière-Theater gespielt wurde.[540] Jedenfalls
-gehörte auch +Sade+ nach +Uzanne+ zu den zahlreichen „auteurs
-dramatiques monomanes“ der Revolutionszeit.
-
-Während der Revolutionszeit erschienen nun nacheinander die
-berüchtigten Hauptwerke des Marquis +de Sade+, seine obscönen
-Romane, die seinen herostratischen Ruhm begründet haben. Ein Jahr
-nach seiner Freilassung, im Jahre 1791 erschien die „Justine“, die
-offenbar zum grössten Teile noch im Gefängnis abgefasst worden ist
-und in dieser ersten Auflage +nur obscön+ ist, ohne die blutigen
-Details der späteren, und besonders der letzten Auflage des Jahres
-1797. Mit Recht vermutet +Marciat+, dass der Einfluss des Milieu, der
-gewaltigen Ereignisse der Revolutionszeit, diese späteren Veränderungen
-hervorgerufen habe.[541] Ein ebenfalls noch in der Bastille entworfener
-Roman, auf dessen Titel es ausdrücklich heisst: écrit à la Bastille
-un an avant la Révolution, ist „Aline et Valcour“, der im Jahre 1793
-erschien. Dann folgten 1795 die „Philosophie dans le Boudoir“ und 1797
-als Gipfel und Krönung die gemeinschaftliche Ausgabe der „Justine“
-und der „Juliette“.[542] Bis 1801, dem Jahre seiner neuen Verhaftung
-dauerte die sehr fruchtbare Schriftstellerei des Marquis +de Sade+,
-die wir später zu würdigen haben. Man kann sagen, dass seine Werke im
-Gefängnis +concipiert+, in der Revolution +ausgeführt+ und nach den
-äusseren Eindrücken derselben +verändert+ wurden.
-
-Man hat viel Aufhebens davon gemacht, dass der Marquis +de Sade+
-zeitweise die Urheberschaft seiner Werke geleugnet hat. So schreibt
-er in einem Briefe vom 24. Fructidor 1795 (Auction Font... 1861): „Es
-wird in Paris ein scheussliches Werk verbreitet mit dem Titel ‚Justine
-ou les Malheurs de la vertu‘. Vor mehr als 2 Jahren habe ich einen
-Roman ‚Aline et Valcour ou le Roman philosophique‘ veröffentlicht.
-Zum Unglück für mich hat der schändliche Autor der ‚Justine‘ mir
-eine Situation gestohlen, die er aber auf die gemeinste Weise durch
-Obscönitäten verunstaltet hat.“[543] Auch in seiner „Idée sur les
-romans“ protestiert er gegen seine angebliche Urheberschaft von
-„Justine“ und „Juliette.“[544] Ebenso in einer Streitschrift gegen
-einen gewissen +Villeterque+.[545] +Marciat+ macht darauf aufmerksam,
-dass die letztere Schrift in das Jahr 1800 fällt, in welchem +Sade+
-schon von der Gefahr der Verhaftung bedroht wurde und dass daher
-seine Versicherungen, nicht der Verfasser solcher Werke zu sein,
-wohl angebracht waren. Uebrigens waren derartige Ableugnungen nach
-+Marciat+ bei den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts etwas sehr
-Gewöhnliches, z. B. bei +Voltaire+ und +Mirabeau+. Und man kann +Sade+
-daraus keinen besonderen Vorwurf machen. Jedenfalls scheint er in
-Privatunterhaltungen die Wahrheit nicht verschwiegen zu haben, und es
-ist ganz sicher, dass er jedem der fünf Direktoren eine Luxusausgabe
-der 10bändigen „Justine“ und „Juliette“ überreicht hat, die man
-nach dem „Intermédiaire des Chercheurs et des Curieux“ in einzelnen
-Exemplaren wieder entdeckt hat.[546]
-
-Ueber das +Privatleben+ des Marquis +de Sade+ während der
-Revolutionszeit sind wir im ganzen nur dürftig unterrichtet. Man
-kann eigentlich nur aus seinem früheren Verhalten schliessen, dass
-er sein ehemaliges lasterhaftes Leben wieder aufgenommen hat. Als
-der Marquis +de Sade+ im Jahre 1801 aufs Neue verhaftet wurde, fand
-man sein Schlafzimmer mit grossen Bildern ausgeschmückt, welche die
-„hauptsächlichen Obscönitäten des Romans ‚Justine‘ darstellen.“[547]
-+Cabanès+ berichtet -- +freilich ohne Quellenangabe+ -- dass, als die
-aufrührerischen Bauern 1790 +de Sade’s+ Schloss Lacoste zerstörten,
-man in diesem Schlosse Marterinstrumente gefunden habe, die von ihm
-bei seinen Orgien benutzt worden seien. Auch existierte in diesem
-Schlosse der berühmte „Klystier-Saal“ (Salle des Clystères), in dem
-ein Maler von Talent die Wände mit Klystierspritzen und menschlichen
-Figuren bedeckt hatte, welche letzteren eine Menge von ebenfalls
-gemalten menschlichen Rückseiten durch Klystiere erfrischten! (??)[548]
-+Rétif de la Bretonne+, der die Affäre +Keller+ und den Marseiller
-Skandal nach Paris in die Revolutionszeit verlegt, erzählt noch mehrere
-derartige Geschichten, deren Glaubwürdigkeit in keiner Weise feststeht,
-wenn ihnen auch etwas Wahres zu Grunde liegen mag. So erzählt er in
-den „Nuits de Paris“ (155te Nacht „Nefanda“): „Am selben Abend sah
-ich eine andere Hochzeit. Der Graf de S..., ein grausamer Wüstling,
-wollte sich an der Tochter eines Sattlers rächen, die er nicht hatte
-verführen können. Er hatte alles so hergerichtet, dass er sich nicht
-kompromittieren konnte. Als es ihm gelungen war... Virum trium luparum
-connubio adjungere coëgit, coram alligata uxore, quae quandoque virgis
-caedebatur ...“[549]
-
-Eine andere Geschichte +Rétifs+, in der +Sade+ unter dem Namen
-+Bénavent+ vorkommt, erzählt von drei Schwestern, die der Marquis
-zur Befriedigung seiner Lüste benutzte, indem er zwei in einen Käfig
-sperrte und singen liess, die dritte in einem Zimmer, dessen Wände
-Spiegel waren, nackt in ein Bad steigen liess, während er selbst sich
-mit seiner Maitresse der Wollust hingab.[550] Der Bibliophile +Jacob+
-hält es für zweifellos, dass +Rétif+ den Marquis +de Sade+ persönlich
-gekannt und wahrscheinlich einen Zwist mit ihm gehabt hat, der seinen
-Hass erklärt.
-
-Besonders bemerkenswert ist die +politische+ Thätigkeit des Marquis
-+de Sade+ während der französischen Revolution. Er hatte mit dem
-ihm eigenen Scharfblick das Kommen dieser Revolution vorausgesehen.
-So sagt er in „Aline et Valcour“ (II, S. 448), welcher Roman 1788
-in der Bastille geschrieben wurde: „Eine grosse Revolution wird
-im Vaterlande vorbereitet; die Verbrechen unserer Herrscher, ihre
-Grausamkeiten, Ausschweifungen und Narrheiten sind Frankreich zum
-Ueberdruss geworden; es hat den Despotismus satt und ist im Begriff,
-seine Fesseln zu zerbrechen.“ In der Einsamkeit der Zelle war er
-dahin gelangt, seinerseits die revolutionären Grundsätze, vor allem
-den Kampf gegen Gott, Königtum und Priestertum systematisch in seinen
-Schriften zu entwickeln. Das „Opfer der Bastille“ nahm denn auch
-lebhaften Anteil an den Ereignissen der Revolution und gerirte sich als
-einen begeisterten Anhänger der Schreckensmänner. Seiner Freundschaft
-mit +Clermont-Tonnerre+ haben wir schon gedacht. Er wurde Sekretär
-der Sektion der „Pikenmänner“ (Section des Piques), auch genannt die
-Sektion der Place Vendôme oder die Sektion des +Robespierre+. „In den
-Unruhen des 2. September, wo jedermann zu Hause blieb, glaubte er sich
-am sichersten im Schosse seiner Sektion aufgehoben. So verliess er
-seine Wohnung in der Rue Neuve-des-Mathurins und begab sich am Abend
-zu den Kapuzinern am Vendômeplatze. Die Freunde +Robespierre’s+ waren
-nicht dort, sondern im Jakobinerklub. +Sade+ war nur als ein Mann
-bekannt, der unter dem ancien régime im Gefängnis gewesen war. Er hatte
-ein feines und sanftes Gesicht, war blond, schon ein wenig kahlköpfig
-und grauhaarig. ‚Wollen Sie unser Sekretär sein? -- Gern?‘ Er nahm die
-Feder.“[551] -- Er hielt sich aber, eingedenk seiner Vergangenheit,
-in bescheidener Zurückhaltung und spielte in seiner Sektion die Rolle
-des Philanthropen, verwendete seine ganze Zeit auf das Studium der
-Verhältnisse in den Hospitälern, über welche er gute Berichte lieferte.
-
-+Sade+ war ein begeisterter Bewunderer des blutdürstigen +Marat+,
-auf den er nach dessen Ermordung durch +Charlotte Corday+ die noch
-erhaltene Gedächtnisrede hielt, die von revolutionären Phrasen erfüllt
-ist, und in der er die „heilige und göttliche Freiheit“ als einzige
-Göttin der Franzosen feiert (29. Sep. 1793).[552] Unter ein Bild
-+Marat’s+ schrieb er die Verse:
-
- Du vrai républicain unique et chère idole,
- De ta perte, Marat, ton image console.
- Qui chérit un grand homme adopte ses vertus,
- Les cendres de Scévole ont fait naître Brutus.[553]
-
-Uebereinstimmend wird aber berichtet, dass insgeheim der Marquis
-+de Sade+ von den Mitgliedern der Sektion, sowie von den übrigen
-Revolutionären verachtet und gehasst wurde. In der berühmten „Liste
-des ci-devant nobles“ von +Jacques Dulaure+, die im Jahre 1791
-erschien, findet sich ein heftiger Artikel gegen unsern Marquis +de
-Sade+ (Biographie universelle)[554]. Nach +Cabanès+ behielt er den
-Titel „Marquis“ sogar bei, und „man kann sagen, dass das der einzige
-Marquis war, den man unter der Herrschaft von +Robespierre+ und
-+Fouquier-Tinville+ bestehen liess.“ (+Cabanès+ a. a. O. S. 289) Er
-war vielleicht gar nicht Republikaner aus politischer Ueberzeugung,
-sondern kämpfte gegen Recht und Gesetz überhaupt nur unter dem
-Einflusse der von ihm gebildeten „théorie du libertinage.“ Er war der
-Philosoph des Lasters, aber kein leidenschaftlicher Politiker. In der
-Theorie absoluter Bösewicht, war er in Wirklichkeit recht sanftmütig,
-vorsichtig und voll von Tugendphrasen.[555] Das konnte den grossen
-Terroristen wenig passen. Eine schöne Handlung, die uns den Marquis
-+de Sade+ menschlich näher bringt, gab ihnen den Vorwand, gegen ihn
-vorzugehen. Er hatte durch seine Fürsprache seine Schwiegereltern,
-obgleich sie ihm stets feindlich gesinnt gewesen waren, vom Schaffot
-gerettet,[556] und wurde daher als ein „Gemässigter“ verdächtigt und am
-6. Dez. 1793 auf Befehl des „Comité de la Sureté générale“ verhaftet
-und nacheinander in die Gefängnisse des Madelonnettes, des Carmes und
-Picpus gebracht, erlangte aber am 9. Thermidor 1794 durch +Rovère+
-seine Freiheit wieder, dem er sein Landgut La Coste verkaufte und so in
-den Besitz einiger Geldmittel gelangte.
-
-+Sade+ lebte nunmehr zurückgezogen ganz seiner schriftstellerischen
-Thätigkeit, der unter dem Direktorium weniger Hindernisse in den Weg
-gelegt wurden. Wir erwähnten schon, dass er jedem der fünf Direktoren
-ein Exemplar der Prachtausgabe seiner „Justine“ überreichte, über deren
-Verbleib, besonders was das Exemplar des +Barras+ anbetrifft, man
-genaue Nachrichten hat.[557] Ueberhaupt wurden damals die berüchtigten
-Hauptwerke des Marquis +de Sade+ ganz öffentlich verkauft. Sie waren
-bei allen Buchhändlern zu haben und waren in den Katalogen angeführt.
-Ein grosser Kapitalist unterstützte den Vertrieb, der sich über
-das In- und Ausland erstreckte, und hatte Anteil am Gewinne. Dies
-dauerte bis zum Jahre 1801. (Biographie universelle). Im Thermidor des
-vorhergehenden Jahres (Jahr VIII) hatte der Marquis +de Sade+ einen
-Roman „Zoloë et ses deux acolytes“ veröffentlicht, der nichts anderes
-war als ein heftiges Pamphlet gegen +Joséphine de Beauharnais+ (Zoloë),
-die Damen +Tallien+ (Laurenda) und +Visconti+ (Volsange), gegen
-+Bonaparte+ (Baron d’Orsec), +Barras+ (Vicomte de Sabar), einen Senator
-(Fessinot) u. s. w., welche Persönlichkeiten in einer „petite maison“
-sich der schändlichsten Unzucht hingeben.
-
-Wegen dieses Pasquills wurde +Sade+ am 15. Ventôse des Jahres IX
-(5. März 1801) verhaftet. Ein Bericht des Polizeipräfekten an den
-Polizeiminister vom 21. Fructidor des Jahres XII giebt Auskunft
-über diese Verhaftung.[558] Er enthält viele Unrichtigkeiten, z. B.
-gleich im Anfang die, dass der Marquis im Begriff gewesen wäre, die
-„Juliette“ zu publizieren, die doch bereits mehrere Jahre vorher
-erschienen war. +Sade+ wurde nach diesem Bericht ohne rechtsgiltiges
-Urteil zunächst ins Gefängnis Sainte-Pélagie gebracht, da eine
-Gerichtsverhandlung „einen zu grossen Skandal erregt haben würde“ und
-auch die gerichtlichen Strafen „ungenügend und keineswegs den Delikten
-angemessen gewesen sein würden“. Der Präfekt erzählt dann weiter, dass
-+Sade+ in Sainte-Pélagie die jungen Leute zu unsittlichen Handlungen
-verführt habe und er infolgedessen nach Bicêtre überführt worden sei.
-„Dieser unverbesserliche Mensch war in einem Zustande ‚beständigen
-wollüstigen Wahnsinns‘ (démence libertine).“ Auf Betreiben seiner
-Familie wurde er dann am 26. April 1803 nach Charenton gebracht.
-(+Cabanès+, S. 301.) Alle seine Manuscripte und Bücher waren wiederholt
-confisciert worden.
-
-+Aulard+ hat in einem Artikel „La Liberté individuelle sous
-Napoléon Ier“ (Revue du Palais, August 1897) auf die Häufigkeit der
-willkürlichen Verhaftungen und Einsperrungen ohne rechtsgiltiges
-Urteil unter dem Konsulat und ersten Kaiserreich aufmerksam gemacht.
-Es scheint, dass man öfter unliebsame Persönlichkeiten für irrsinnig
-erklärte und in Charenton unterbrachte. So wurde der Dichter +Th.
-Desorgues+, der ein Chanson gegen Napoleon mit dem Refrain:
-
- Oui, le grand Napoléon
- Est un grand caméléon
-
-verfasst hatte, in Charenton interniert, wo er 1803 starb. Das gleiche
-Schicksal traf den Forstmeister +de Laage+, sowie den Abbé +Fournier+.
-Beide wurden in Bicêtre eingesperrt. (+Cabanès+ S. 294-295). Bei +Sade+
-hatte man ausserdem noch den bequemen Vorwand, dass man den Verfasser
-so vieler obscöner Bücher unschädlich machen müsse, obgleich +Marciat+
-mit Recht bemerkt, dass ohne das Pamphlet gegen Bonaparte diese Bücher
-wohl nicht den Anstoss zu seiner Verhaftung gegeben haben würden.
-+Sade+, der wiederholt gegen dieselbe protestierte, hielt es deshalb
-für geraten, in seinen verschiedenen Briefen aus Sainte-Pélagie die
-Urheberschaft der „Justine“ u. a. abzuleugnen.[559]
-
-Ueber den Aufenthalt des Marquis +de Sade+ im Irrenhaus zu
-+Charenton+ besitzen wir mancherlei interessante Nachrichten.
-Vor allem ist merkwürdig ein Gutachten des berühmten Irrenarztes
-+Royer-Collard+[560] über den Marquis aus dem Jahre 1808, das wir
-vollständig mitteilen.
-
- Paris, den 2. August 1808.
-
- Der Chefarzt des Hospizes zu Charenton an Seine Excellenz den Senator
- und Polizeiminister.
-
- Gnädiger Herr,
-
- Ich habe die Ehre, an die Autorität Eurer Exzellenz zu appellieren,
- in einer Angelegenheit, die ebenso meine amtliche Thätigkeit angeht,
- wie die gute Ordnung in dem Hause, dessen ärztlicher Dienst mir
- anvertraut ist.
-
- In Charenton befindet sich ein Mann, den seine kühne Immoralität
- unglücklicherweise zu berühmt gemacht hat, und dessen Anwesenheit
- die schwersten Unzuträglichkeiten nach sich zieht. Ich spreche von
- dem Autor des schändlichen Romans „Justine“. +Dieser Mann ist nicht
- geisteskrank. Sein einziges Delirium ist das des Lasters+, und
- dieses kann nicht in einer Irrenanstalt beseitigt werden. Er muss
- der strengsten Isolierung unterworfen werden, um andere vor seinen
- Ausbrüchen zu schützen und um ihn selbst von allen Gegenständen zu
- trennen, die seine hässliche Leidenschaft mehren könnten. Nun erfüllt
- das Haus Charenton keine dieser Bedingungen. Herr +de Sade+ geniesst
- hier eine zu grosse Freiheit. Er kann mit einer grossen Zahl von
- Kranken und Rekonvalescenten beiderlei Geschlechts verkehren, sie
- bei sich empfangen oder sie in ihren Zimmern besuchen. Er hat die
- Erlaubnis, im Park spazieren zu gehen und trifft dort ebenfalls oft
- Kranke. Er predigt einigen seine schreckliche Lehre und leiht ihnen
- Bücher. Endlich geht das Gerücht im Hause, dass er mit einer Frau
- zusammen lebt, die für seine Tochter gilt.
-
- Das ist noch nicht alles. Man ist so unvorsichtig gewesen, in der
- Anstalt ein Theater einzurichten, um die Irren Komödie spielen
- zu lassen, und hat nicht die unheilvolle Wirkung einer solchen
- tumultuösen Veranstaltung auf die Phantasie bedacht. +Herr de Sade
- ist der Direktor dieses Theaters. Er giebt die Stücke an, verteilt
- die Rollen und leitet die Wiederholungen. Er unterrichtet die
- Schauspieler und Schauspielerinnen in der Deklamation und bildet
- sie in der grossen Bühnenkunst aus. Am Tage der öffentlichen
- Vorstellungen verfügt er stets über eine gewisse Zahl von
- Eintrittsbillets und macht inmitten seiner Gehilfen die Honneurs im
- Saale.+
-
- +Zugleich ist er der Gelegenheitsdichter. Beim Feste des Direktors
- zum Beispiel, verfasst er entweder ein allegorisches Stück zu dessen
- Ehren oder wenigstens einige Couplets zu seinem Lobe.+
-
- Ich brauche Eurer Excellenz das Skandalöse eines derartigen
- Vorkommnisses nicht näher zu begründen, sowie die Gefahren aller Art,
- welche sich daraus ergeben. Wenn die Oeffentlichkeit diese Dinge
- erführe, welche Ansichten würde man über eine Anstalt bekommen,
- in welcher so seltsame Missbräuche geduldet werden? Wie verträgt
- sich eine sittliche Behandlung der Geisteskranken mit demselben?
- Werden die Kranken, welche täglich mit diesem schrecklichen Manne
- in Berührung kommen, nicht unaufhörlich durch seine Verderbtheit
- infiziert, und genügt die blosse Idee seiner Gegenwart in diesem
- Hause nicht, um die Phantasie selbst derjenigen aufzuregen, die ihn
- nicht sehen?
-
- Ich hoffe, dass Eure Excellenz diese Gründe gewichtig genug finden
- wird, um einen anderen Internirungsort als Charenton für Herrn
- +de Sade+ anzuordnen. Ein Verbot, dass er nicht mehr mit den
- Irren verkehren soll, würde nichts fruchten und nur vorübergehend
- Besserung herbeiführen. Ich verlange nicht, dass man ihn nach
- Bicêtre zurückschicke, wo er früher war, aber ich kann nicht umhin,
- Eurer Excellenz vorzustellen, dass eine „maison de santé“ oder
- ein festes Schloss für ihn besser passen würde als eine Anstalt,
- in der zahlreiche Kranke behandelt werden, und wo eine beständige
- Ueberwachung und die hingebendste moralische Aufsicht nötig ist.
-
- +Royer-Collard+, D. M.[561]
-
-Dieser Bericht hatte keinen Erfolg. Der Marquis +de Sade+ blieb in
-Charenton. Es ist sogar die Vermutung gerechtfertigt, dass er den
-dortigen Aufenthalt dem Gefängnisse, vielleicht auch der Freiheit
-vorzog. Nach der „Biographie universelle“ war er der besondere
-Günstling des Direktors von Charenton, des Abbé +Coulmier+. Dadurch
-würden die grossen Freiheiten, die er sich gestatten durfte, die
-Rolle als Theaterdirektor u. s. w. verständlich werden. Er hatte also
-Ursache, die Bemühungen des Dr. +Royer-Collard+, ihn aus der Anstalt
-zu entfernen, zu hintertreiben, wovon die folgende merkwürdige Adresse
-zeugt[562]:
-
-„Frau Delphine de T... beehrt sich Seiner Excellenz Herrn Fouché (dem
-Polizeiminister) die Petitionen zu schicken, von denen sie heute morgen
-mit ihm sprach. Die erste ist für Herrn +de Sade+ und bittet darum,
-dass man möglichst baldige Anordnungen für das definitive Bleiben des
-Herrn +de Sade+ in Charenton treffe, wo er sich seit 8 Jahren befindet
-und die Pflege hat, die sein Befinden erfordert. +Seine Vorgesetzten
-sind mit seinem Betragen durchaus zufrieden.+
-
-Frau von T... fügt ihrer Petition ein ärztliches Zeugnis bei, welches
-bestätigt, dass der Zustand des Herrn +de Sade+ sein Verbleiben in
-Charenton notwendig macht.
-
-Sie dankt von neuem Seiner Excellenz für den gütigen Empfang von heute
-Morgen.“
-
-Vielleicht ist +Sade+ selbst, wie +Marciat+ vermutet[563], der
-Anstifter dieser Petition gewesen, und vielleicht erklärt sich ein Teil
-der Anklagen von +Royer-Collard+ aus einer Meinungsverschiedenheit,
-wenn nicht Rivalität zwischen dem Arzte und dem Direktor der Anstalt.
-+Dieser+, der Abbé +Coulmier+, war nach der „Biographie universelle“
-ein Mann von sehr leichtfertigen Sitten. +Royer-Collard’s+ wiederholte
-Klagen über das Theaterspielen in Charenton hatten endlich das Verbot
-desselben zur Folge. Aber an seine Stelle traten Konzerte und Bälle!
-+Royer-Collard+ erlangte endlich am 6. Mai 1813 auch das Verbot dieser
-einer Irrenanstalt wenig angemessenen Unterhaltungen.[564]
-
-Die „Revue anecdotique“ hat zwei auf die Thätigkeit des Marquis
-+de Sade+ als Theaterregisseur sich beziehende Dokumente
-veröffentlicht.[565]
-
-Seine Graphomanie trieb +Sade+ bei jeder Gelegenheit zu dichterischen
-Ergüssen. Besonders liebte er das „couplet laudatif“. So verfasste
-er zahlreiche anonyme Couplets zu Ehren des Cardinals +Maury+,
-Erzbischofs von Paris, die am 6. Oktober 1812 in der „maison de santé“
-bei Charenton gesungen wurden, von deren Geringwertigkeit eins Zeugnis
-ablegen möge:
-
- Semblable au fils de l’Eternel
- Par une bonté peu commune,
- Sous l’apparence d’un mortel
- Venant consoler l’infortune,
- Votre âme, pleine de grandeur,
- Toujours ferme, toujours égale,
- Sous la pourpre pontificale
- Ne dédaigne point le malheur.[566]
-
-Ueber den +Eindruck der Persönlichkeit+ des Marquis +de Sade+ während
-seines Aufenthaltes in Charenton liegen mehrere, aber wenig beglaubigte
-Nachrichten vor. +Janin+ schildert recht lebhaft den corrumpierenden
-Einfluss, den +Sade+ in der Irrenanstalt ausübte, sowie die zärtliche
-Sympathie, die er „jungen und hübschen Frauen“ einflösste.[567]
-+Lacroix+ erzählt[568]: „Ich habe oft achtungswerte Personen gefragt,
-von denen einige noch, mehr als 80jährig, leben, und von ihnen mit
-einer indiscreten Neugierde merkwürdige Enthüllungen über den Marquis
-de Sade verlangt, und war nicht wenig erstaunt, dass diese Personen,
-die durch ihre Moral, ihre Stellung und ehrenwerten Antecedentien
-vor jedem Verdacht geschützt sind, +keinerlei Widerwillen dagegen
-empfanden+, sich an den Autor der ‚Justine‘ zu erinnern und von ihm
-als einem „aimable mauvais sujet“ zu sprechen.“ +Charles Nodier+, der
-den Marquis +de Sade+ einmal flüchtig sah, erinnert sich nur, dass
-er „höflich war bis zur Unterwürfigkeit, feierlich bis zur Salbung
-(onction) und dass er respectvoll von allem sprach, was Respect
-verdient.“ Dabei war er „enorm fett“, so dass seine Bewegungen durch
-diese Körperfülle gehindert wurden und ein Rest von „Grazie und
-Eleganz“, der sich in seinem ganzen Wesen aussprach, nicht recht zur
-Geltung kam. Seine müden Augen leuchteten plötzlich auf.[569] Nach
-der „Biographie universelle“ bewahrte +Sade+ bis zu seinem Tode seine
-schmutzigen Gewohnheiten. Wenn er im Hofe promenierte, zeichnete er
-obscöne Figuren in den Sand, besuchte man ihn, so war sein erstes Wort
-eine Zote; dabei war seine Stimme sanft. Er hatte schöne weisse Haare,
-eine liebenswürdige Miene und war von ausgesuchter Höflichkeit. Er war
-ein robuster Greis ohne jede Schwäche.
-
-
-7. Der Tod.
-
-Der Marquis +de Sade+ starb 74 Jahre alt, am 2. Dezember des Jahres
-1814, 10 Uhr abends, sanft, ruhig, an den Folgen einer längeren
-Krankheit, die indessen seine Rüstigkeit nicht beeinträchtigt hatte.
-Ueber diese Krankheit berichtet +de Sade+ schon in einem Briefe vom
-17. Juni 1808 an den Kaiser +Napoléon+. Der Brief ist gegenwärtig im
-Besitze des Herrn +Noël Charavay+, der +Cabanès+ die Einsicht und den
-Abdruck (+Cabanès+ a. a. O. S. 312) gestattete. +de Sade+ beklagt
-sich in demselben bitterlich darüber, dass er seit 20 Jahren in drei
-verschiedenen Gefängnissen das unglücklichste Leben führe. Er sei 70
-Jahre alt, fast blind, von der +Gicht+ heimgesucht (der Krankheit
-aller Lebemänner) und von heftigen Brust- und Magenschmerzen, die
-ihn schrecklich peinigten. Das könne durch die Zeugnisse der Aerzte
-von Charenton bestätigt werden. Er flehe daher Seine Majestät an,
-ihm endlich die Freiheit zu geben. -- Eine von Dr. +Ramon+, dem
-Arzte +de Sade’s+, aufgezeichnete Notiz besagt, dass der Marquis an
-„Lungenanschoppung infolge von Asthma“ gestorben sei. In den Archiven
-von Charenton findet sich ein Bericht über den Tod des Marquis +de
-Sade+ an den Generaldirektor der Polizei, in dem es heisst, dass seine
-Gesundheit seit einiger Zeit sich zusehends verschlechtert habe.
-Er sei aber noch zwei Tage vor seinem Tode umhergegangen. Das Ende
-selbst sei schnell eingetreten, im Beginne eines „adynamischen und
-ganggränösen Fiebers“. Interessant ist die weitere Mitteilung, dass,
-da der Sohn +Armand de Sade+ anwesend sei, die Behörde es wohl nicht
-nötig haben werde, Vorsichtsmassregeln zu ergreifen, da der Sohn selbst
-gewiss etwaige „gefährliche Papiere“ seines Vaters vernichten würde.
-(+Cabanès+ a. a. O. S. 311-312). Am Abend vorher hatte er noch diese
-Papiere in Ordnung gebracht. Kaum war er tot, als sich „die Schüler
-+Gall’s+ auf seinen Schädel stürzten, als auf eine unschätzbare Beute,
-die ihnen mit einem Schlage das Geheimnis der seltsamsten menschlichen
-Organisation enthüllen würde, von der man jemals hatte sprechen hören.
-Dieser Schädel glich allen Greisenschädeln. Es war eine merkwürdige
-Mischung von Lastern und Tugenden, von Wohlthun und Verbrechen,
-von Hass und Liebe. Er war klein, wohl geformt. Man könnte ihn für
-den Schädel einer Frau halten, an dem die Organe der mütterlichen
-Zärtlichkeit (!) ebenso entwickelt sind, wie an dem Kopfe der Héloïse
-‚ce modèle de tendresse et d’amour‘.“[570]
-
-Nach seinem Tode fand man das folgende Testament, das +Jules Janin+
-zuerst veröffentlicht hat:[571]
-
-„Ich verbiete, dass mein Körper unter irgend einem Vorwande geöffnet
-werde, ich verlange aufs dringendste, dass er 48 Stunden in dem Zimmer,
-in dem ich sterben werde, liegen bleibe, in einem Holzsarge, der erst
-nach Ablauf dieser Zeit zugemacht werden soll. Dann soll ein Bote zu
-dem Holzhändler Lenormand in Versailles, Boulevard de l’Egalité No.
-101, geschickt werden, damit er selbst mit einem Wagen komme und meine
-Leiche unter seiner Begleitung auf diesem Wagen in das Gehölz auf
-meinem Landgute Malmaison, Gemeinde Maucé nahe bei Epernon, gebracht
-werde, wo sie ohne jede Ceremonie in dem ersten Gebüsche bestattet
-werden soll, das sich rechts in dem Gehölze findet, wenn man durch die
-grosse Allée von der Seite des alten Schlosses hineintritt. Die Grube
-soll durch den Pächter von Malmaison unter der Aufsicht des Herrn
-Lenormand geschaufelt werden, der nicht vor vollendeter Bestattung
-fortgehen soll. Bei dieser Ceremonie können diejenigen meiner
-Verwandten oder Freunde zugegen sein, die mir dieses letzte Zeichen
-ihrer Liebe geben wollen. Das Terrain soll bepflanzt werden, damit
-die Spuren meines Grabes von der Erdoberfläche verschwinden, +wie ich
-hoffe, dass mein Andenken in der Erinnerung der Menschen ausgelöscht
-werden wird+.
-
-Geschrieben zu Charenton-Saint-Maurice, im Zustand der Vernunft und
-Gesundheit, am 30. Januar 1806.
-
-D.-A.-F. +Sade+.“[572]
-
-+Marciat+ meint, dass dieses Testament den Marquis +de Sade+ am Ende
-seines Lebens noch als denjenigen zeige, der er während seines ganzen
-Lebens war: als einen vollkommenen +Atheisten+.
-
-
-
-
-III.
-
-Die Werke des Marquis de Sade.
-
-
-„Justine“ und „Juliette“.
-
-
-1. Geschichte der Entstehung.
-
-Die Hauptwerke des Marquis +de Sade+, denen er seine „herostratische
-Unsterblichkeit“ dankt, wie +Eulenburg+ sagt, und denen wir eine
-besondere Aufmerksamkeit zu widmen haben, sind die „Justine“ und
-„Juliette“, anfangs getrennt veröffentlicht, später vereinigt unter
-dem Titel „La nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu +suivi+ de
-l’Histoire de Juliette, sa sœur, ou les Prospérités du vice“, Hollande
-(Paris, Bertrandet?) 1797 10 Bände in 18^o, davon 4 der „Justine“, 6
-der „Juliette“ angehörend. Selbst die +Titel+ sind, wie +Nodier+
-(a. a. O.) sagt „obscön geworden“.
-
-Der Entwurf der „Justine“ reicht in die Gefängniszeit des Marquis +de
-Sade+ zurück. Nach der „Biographie universelle“ verfasste er „Aline
-et Valcour“ und die „Justine“ in der Bastille. Nachdem er 1790 seine
-Freiheit erlangt hatte, erschienen im Jahre 1791 zwei Ausgaben der
-„Justine“, die eine mit einem Titelbild von +Chéry+, die zweite schon
-vergrösserte mit einem solchen von +Texier+ und 12 obscönen Bildern.
-Die dritte Auflage im Jahre 1792 wurde von +Cazin+ gedruckt[573] und
-ist noch cynischer als die beiden ersten, da z. B. Bressac seine
-Greuelthaten an der Mutter statt wie früher an der Tante verübt. Eine
-vierte Ausgabe erschien 1794.
-
-Die „Juliette“ erschien zum ersten Male im Jahre 1796. Alle diese
-Angaben sind für das Studium des Marquis +de Sade+ entbehrlich, da die
-grosse vereinigte Ausgabe der „Justine“ und „Juliette“ im Jahre 1797
-nicht nur die verbreitetste geworden ist, sondern auch diejenige ist,
-in welcher die Ideen des Verfassers bis zu den äussersten Konsequenzen
-entwickelt werden, diejenige also, auf welche allein man sich beziehen
-kann. In dieser Gesamtausgabe umfasst die „Histoire de Justine ou
-les malheurs de la Vertu par le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797)
-+vier+ Bände, die „Histoire de Juliette ou les prospérités du vice par
-le Marquis de Sade“ (En Hollande 1797), +sechs+ Bände. Die „Justine“
-enthält 40, die „Juliette“ 60 obscöne Abbildungen, zu denen noch 4
-Titelbilder kommen, so dass es im Ganzen 104 Abbildungen sind. Als
-Motto für beide Werke ist der den Inhalt richtig bezeichnende Spruch
-gewählt:
-
- On n’est point criminel pour faire la peinture
- Des bizarres penchants qu’inspire la nature.
-
-Es wird berichtet, dass diese Ausgabe in einem Keller gedruckt
-wurde.[574]
-
-
-2. Die Vorrede.
-
-Sie befindet sich im ersten Bande der „Justine.“ Sie führt aus,
-dass die Conception des Werkes ins Jahr 1788 fällt, dass der Autor
-verstorben sei und ein ungetreuer Freund, dem das Manuscript schon
-zu Lebzeiten desselben anvertraut war, mehrere schlechte Ausgaben
-des Werkes veranstaltet habe. Die vorliegende sei ein getreuer
-Abdruck des Originals. Die kühnen Gedanken in demselben würden ja in
-einem „philosophischen Jahrhundert“ keinen Anstoss erregen, und der
-Schriftsteller, dem alle „Zustände der Seele“ zur Verfügung ständen,
-dürfe von allen möglichen Situationen und cynischen Gemälden Gebrauch
-machen. „Nur die Dummen nehmen daran Anstoss. Die wahre Tugend
-erschrickt nicht über die Gemälde des Lasters. Sie findet in ihnen nur
-eine weitere Förderung. Man wird vielleicht gegen dieses Werk schreien.
-Aber wer wird schreien? Die Wüstlinge, wie ehemals die Heuchler gegen
-den ‚Tartuffe‘ schrieen. Kein Buch wird eine lebhaftere Erwartung
-erwecken und das Interesse so anhaltend fesseln. In keinem sind die
-Herzensregungen der Lüstlinge geschickter dargestellt und die Einfälle
-ihrer Phantasie so lebenswahr ausgeführt. +Nirgendwo ist geschrieben,
-was man hier lesen wird.+ Haben wir daher nicht Grund zu glauben, dass
-dies Werk bis in die fernste Zukunft dauern wird? Die Tugend selbst,
-müsste sie auch einen Augenblick zittern, muss vielleicht einmal ihre
-Thränen vergessen, aus Stolz, in Frankreich ein so pikantes Werk zu
-besitzen, in dem die cynischste Sprache mit dem stärksten und kühnsten
-System, den unsittlichsten und gottlosesten Ideen verbunden ist.“
-
-Man sieht, dass der Marquis +de Sade+ selbst von der Einzigartigkeit
-seines Werkes überzeugt war und ausspricht, dass er mit Bewusstsein
-alle ähnlichen Werke an Cynismus überbieten wollte. Gehen wir nun
-dazu über, uns mit dem Inhalt der „Justine“ und „Juliette“ bekannt zu
-machen. Wir sind dabei um so ausführlicher, als in deutscher Sprache
-keine zuverlässige Analyse des +Sade+’schen Hauptwerkes existiert,
-dass vielmehr, trotzdem so viel davon gesprochen wird, zu den
-bestunbekannten Dingen gehört.[575]
-
-
-3. Analyse der „Justine“.
-
-Es sind die „Malheurs de la vertu“, die in der „Justine“ geschildert
-werden. Die +Tugend+, verkörpert durch die Titelheldin Justine, gerät
-immer ins Unglück und wird vom Laster und vom Bösen erwürgt. Das ist
-die Fabel des Romans. --
-
-Justine und Juliette sind die Töchter eines sehr reichen Pariser
-Bankiers, die bis zum 14. und 15. Lebensjahre in einem berühmten
-Kloster von Paris erzogen werden. Durch den plötzlichen Bankerott des
-Vaters, dem sein Tod und der der Mutter nach kurzer Zeit folgt, werden
-sie genötigt, das Kloster zu verlassen und, da sie mittellos sind, sich
-selbst den Lebensunterhalt zu verschaffen.
-
-Juliette, die Aeltere, „lebhaft, leichtsinnig, boshaft, mutwillig und
-sehr hübsch“, freut sich der goldenen Freiheit. Justine, die Jüngere,
-14 Jahre alt, naiver und interessanter als ihre Schwester, eine
-zärtliche, zur Melancholie und Phantasterei geneigte Natur, empfindet
-weit mehr ihr beklagenswertes Geschick. Juliette sucht sie zu trösten
-durch den Hinweis auf die Freuden sexueller Erregungen und zeigt ihr,
-wie sie durch ihre körperliche Schönheit reich und glücklich werden
-könne. Ihre Vorschläge werden aber von der tugendhaften Justine mit
-Entrüstung zurückgewiesen, worauf sich Beide von einander trennen, um
-sich später unter eigentümlichen Umständen wieder zu treffen.
-
-Zunächst wird also das Schicksal der tugendhaften Justine erzählt.
-Diese wendet sich in ihrer Verlassenheit an die früheren Bekannten
-ihrer Eltern, wird aber schnöde abgewiesen. Ein Pfarrer versucht
-sogar, sie zu verführen. Schliesslich kommt sie zu einem Grosskaufmann
-Dubourg, dessen grösster geschlechtlicher Genuss darin besteht, Kinder
-zum Weinen zu bringen, und der natürlich infolgedessen über die
-weinend ihre Klagen vorbringende Justine sehr entzückt ist. Als sie
-aber im Laufe des Gespräches seinen sexuellen Gelüsten einen heftigen
-Widerstand entgegensetzt, wird sie von ihm hinausgeworfen. Inzwischen
-hat eine gewisse Madame Desroches, bei der Justine abgestiegen ist,
-in deren Abwesenheit ihre Kommode geöffnet und Justines geringe
-Habseligkeiten gestohlen, sodass das arme Mädchen ganz in die Hände
-dieser Megäre geliefert ist. Letztere macht Justine mit einer
-Demimondaine, Madame Delmonse, bekannt, welche ihr eine grosse Rede
-über die Vorteile und die Freuden der Prostitution hält. (Justine I,
-28 ff.). „+Man fordert nicht die Tugend von uns, sondern nur deren
-Maske+“. Daher „bin ich (Delmonse) eine Hure wie Messalina; man hält
-mich aber für so keusch wie Lucretia. Ich bin Atheistin wie Vanini;
-man hält mich für so fromm wie die heilige Therese. Ich bin falsch wie
-Tiberius; man hält mich für so freimütig wie Sokrates. Man glaubt, ich
-sei nüchtern wie Diogenes; aber Apicius war weniger unmässig als ich
-es bin. Ich bete alle diese Laster an und verabscheue alle Tugenden.
-Aber wenn Du meinen Gatten, meine Familie fragtest, würden sie sagen:
-Delmonse ist ein Engel!“
-
-Justine wird nun von beiden Frauen zusammen zu verführen gesucht und
-schliesslich dem alten Dubourg wieder zugeführt, dem sie aber wiederum
-Widerstand leistet. Man lockt sie dann in das Haus der Delmonse, wo
-Dubourg später zum dritten Male sein Heil versuchen soll und wo Justine
-zunächst die tribadischen Attacken der geilen Delmonse abzuwehren hat.
-Endlich kommt der alte, impotente Dubourg an, wird zunächst von der
-Delmonse, die ihm die Testes mit einer scharfen Flüssigkeit einreibt
-und ihn eine wunderbare Bouillon trinken lässt, gehörig präpariert.
-Im kritischen Moment entwischt Justine zum dritten Male, indem sie
-unter das Bett kriecht. Der arme Dubourg ist wiederum betrogen, und
-man schwört dem widerspenstigen Mädchen schlimme Rache. Delmonse
-beschuldigt Justine, ihr eine goldene Uhr gestohlen zu haben, und so
-wird die Unglückliche ins Gefängnis geschickt.
-
-Hier macht sie die Bekanntschaft einer gewissen Dubois, die alle
-möglichen schändlichen Verbrechen begangen hat. Sie und Justine werden
-zum Tode verurteilt. Die Dubois legt Feuer im Gefängnisse an, bei dem
-60 Personen verbrennen. Justine und Dubois entfliehen und gesellen sich
-zu einer Räuber- und Wildererbande im Walde von Bondy. Als Justine
-sich weigert, ihrer Gefährtin weiter auf der Bahn des Verbrechens zu
-folgen, wird sie durch Todesdrohungen dazu gezwungen und muss Zeugin
-und Gehilfin einer wilden Orgie der vier Männer mit der Dubois sein:
-Der Bruder der Dubois, Cœur-de-Fer, hält nach derselben eine grosse
-Lobrede auf die Paederastie, die besonders bei Beichtvätern beliebt
-sei. (Justine I, 88-99.) Nach verschiedenen Schandthaten dieser Bande
-entflieht Justine mit einem Kaufmann Saint-Florent, den sie vor der
-Erschiessung gerettet hat, und der sich als ihr Onkel zu erkennen
-giebt. Sie steigen in einem Gasthause ab. Bald zeigt sich, dass die
-arme Justine vom Regen in die Traufe gekommen ist. Dieser Saint-Florent
-enthüllt sich als ein bösartiger Lüstling. Schon im Hotel schleicht er
-herbei, um Justine bei der Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses
-zu beobachten. Bei anbrechender Nacht verlassen sie das Städtchen und
-kommen in einen Wald. Hier versetzt Saint-Florent ihr plötzlich einen
-Schlag mit dem Stocke, so dass sie ohnmächtig hinfällt, befriedigt
-seine Lüste an ihr und lässt sie in einem traurigen Zustande und
-bewusstlos liegen. Beim Erwachen kann nur das Gebet die unglückliche
-Justine trösten. Sie hat sich bei Tagesanbruch versteckt, da sie
-das Wiederkommen des elenden Saint-Florent fürchtet, und wird so
-unfreiwillige Zeugin einer paederastischen Szene zwischen einem jungen
-Edelmann, Herrn de Bressac, und dessen 20 Jahre älteren Lakaien Jasmin.
-Justine wird von ihnen entdeckt, an einen Baum gebunden, aber wieder
-befreit und der Mutter des Herrn de Bressac als Kammerzofe zugeführt.
-Madame de Bressac ist eine Frau von strengster Tugend, die ihren
-Sohn sehr karg hält. Daher herrscht zwischen diesen Beiden ein sehr
-schlechtes Einvernehmen. Frau von Bressac sucht Justine in Paris zu
-rehabilitieren. Die Delmonse ist aber nach Amerika ausgewandert, so
-dass die Sache nicht aufgeklärt wird. Merkwürdiger Weise wird Justine
-von einer heftigen Leidenschaft für den vollkommen degenerierten
-und im höchsten Grade misogynen Bressac ergriffen. Dieser benutzt
-die Annäherung Justinens nur dazu, um sie mit seinen lasterhaften
-Grundsätzen bekannt zu machen und ihren Charakter zu verderben. Auch
-veranstaltet er in ihrer Gegenwart eine sexuelle Orgie, bei der er
-die eigene Mutter vergewaltigt. Er kündigt darauf Justine an, dass er
-seine Mutter beseitigen wolle, die ihm schon längst im Wege sei. Das
-Entsetzliche geschieht dann auch inmitten wildester Ausschweifungen.
-Justine, die sich geweigert hat, an dem Morde teilzunehmen, soll
-ebenfalls getötet werden, entflieht aber nach dem Städtchen
-Saint-Marcel in ein Haus, das eine von einem gewissen Rodin geleitete
-Schule sein soll. Dieser empfängt die nunmehr 17jährige Justine sehr
-freundlich und macht sie mit seiner Tochter Rosalie bekannt. Rodin ist
-36 Jahre alt, von Beruf ein Chirurg und wohnt mit seiner 30jährigen
-Schwester Coelestine zusammen. Letztere ist eine Tribade, und ein
-ebensolches erotisches Scheusal wie ihr Bruder. Ausserdem befindet
-sich noch die 19jährige Gouvernante Martha im Hause. Rodin hat eine
-Pension und Schule für beide Geschlechter, 100 Knaben und 100 Mädchen
-zwischen 12 und 17 Jahren. Hässliche Kinder werden nicht aufgenommen.
-Rodin unterrichtet die Knaben, Coelestine die Mädchen. Kein fremder
-Lehrer wird zugelassen, damit die Geheimnisse des Hauses gewahrt werden
-können. Gleich in den ersten Tagen beobachtet Justine mit Rosalie
-das geheime Treiben der Geschwister. Rodin scheint Saint-Florent’s
-Neigungen zu teilen, er beobachtet von einem Nebengelass aus Justine,
-die sich in einem cabinet d’aisance aufhält, et defaecatione filiae
-delectatur. Da im weiteren Verlaufe ihres Aufenthaltes in diesem
-Hause der Wollust Justine den Anerbietungen der Geschwister
-hartnäckig widersteht und schliesslich mit Rosalie zu entfliehen
-sucht, beschliesst Rodin, Beide mit Hilfe eines Kollegen Rombeau zu
-ermorden, nachdem man sie vorher zu physiologischen Experimenten
-benutzt habe. Zuerst wird an Rosalie unter schrecklichen Orgien die
--- Sectio caesarea ausgeführt. Justine aber kommt glücklich mit einer
-Brandmarkung davon und wird fortgejagt.
-
-Auf der Flucht gelangt sie in die Nähe von Sens. Als sie in der
-Abenddämmerung am Ufer eines Teiches sitzt, hört und sieht sie, wie ein
-kleines Kind ins Wasser geworfen wird. Sie rettet dasselbe, wird aber
-von dem Mörder, einem Herrn von Bandole, dabei überrascht. Er giebt das
-Kind sofort wieder demselben Schicksal preis und führt Justine mit sich
-auf sein Schloss. Dieses Ungeheuer lebt einsam in seinem entlegenen
-Schlosse. Er hat die Manie, jedes Weib nur einmal zu missbrauchen und
-sie dabei sofort zu schwängern. Die Kinder werden bis zum Alter von 18
-Monaten von ihm erzogen und dann in den Teich geworfen. Augenblicklich
-hat er 30 Mädchen in seinem Schlosse. Er ist Antialkoholist und
-Vegetarier und hält auch die Mädchen zu einer knappen Kost an, damit
-sie Kinder bekommen. Auch bindet er sie ante coitum auf eine Maschine,
-und lässt sie nachher 9 Tage im Bette liegen, Kopf niedrig und Füsse
-hoch. Das sind seine conceptionsbefördernden Mittel. Er wohnt dann
-dem Gebärakt bei, was ihm stets besonderen Genuss bereitet, und führt
-selbst allerlei Operationen dabei aus, u. a. die Sectio caesarea.
-Justine wird, gerade als an ihr die Reihe ist, von Cœur-de-Fer befreit,
-den sie ins Schloss einlässt, und der ihr die Freiheit giebt.
-
-Sie gerät nun in eine Benediktiner-Abtei, Sainte-Marie-des-Bois,
-dessen Prior Severino, ein Verwandter des Papstes, sich als
-gefährlicher Wüstling und Paederast entpuppt, der mit den nicht
-weniger ausschweifenden Mönchen in unterirdischen Sälen teuflische
-Orgien feiert. Zwei „Serails“ von Knaben und Mädchen sind im Kloster,
-die von einer Messalina namens Victorine beaufsichtigt werden. Bei
-den nun geschilderten Ausschweifungen sind die verschiedensten
-sexualpathologischen Typen vertreten. Einer sucht seine Befriedigung
-darin, Frauen zu ohrfeigen, ein Anderer liebt besonders Menstruirende,
-ein dritter den Geruch der Achseln. Der Mönch Jérôme sagt: „Ich
-möchte sie (die Frauen) verschlingen, ich möchte sie lebend essen,
-ich habe lange keine Frau gegessen und ihr Blut geschlürft.“ Justine,
-die mit einem jungen Mädchen Omphale Freundschaft geschlossen hat,
-wird von dieser mit den geradezu raffinierten Einrichtungen dieses
-klösterlichen Bordelles, mit den darin geltenden Vorschriften und den
-Strafen gegen das Uebertreten derselben bekannt gemacht. Die Mönche
-vollziehen die Todesstrafe in Form des Röstens, Kochens, Räderns,
-Vierteilens, Zerstückelns und Totpeitschens. Zwischen den zahlreichen
-Orgien werden grosse Reden zur Rechtfertigung derselben gehalten, so
-von Clément. Der scheussliche Jérôme erzählt seine lange wollustreiche
-und bluttriefende Lebensgeschichte. Im Beginn seiner Thätigkeit hat es
-ihm nach der Verführung seiner eigenen Schwester besonderes Vergnügen
-bereitet, Schwestern durch ihre Brüder verführen zu lassen. Er ist
-auch im Jahre 1760 in Deutschland gewesen und hat in Paderborn und
-Berlin seine Schandthaten verübt[576]. Dann geht er nach Sizilien, wo
-die Giftmischerei in höchster Blüte steht und die Geistlichen das
-verderbteste Leben führen. Er wird mit dem Chemiker Almani bekannt,
-der ein grosser Liebhaber von Ziegen ist, und bei dem der Ausbruch
-des Aetna einen sexuellen Orgasmus auslöst. Mit Hülfe einer gewissen
-Clementia verübt Jérôme dann die Greuelthaten eines Gilles de Retz.
-Von Sizilien geht Jérôme nach Tunis und kehrt darauf nach Frankreich
-zurück, wo er, bevor er ins Kloster kommt, in Marseille Gelegenheit
-hat, die dortige Corruption zu studieren.
-
-Diese Erzählung begeistert die Mönche zur Hinrichtung einiger Mädchen.
-Auch Justine soll, als ihr einziger Beschützer Severino, der zum
-Ordensgeneral der Benediktiner ernannt wird, das Kloster verlässt, an
-die Reihe kommen. Doch gelingt ihr die Flucht. Sie trifft unterwegs
-Dorothée d’Esterval, eine abgefeimte Heuchlerin, die Gattin des
-Besitzers einer einsam gelegenen Herberge, der alle seine Gäste
-ausplündert und bestialisch ermordet. Dorothée lebt, wie sie sagt,
-mit ihrem Manne in sehr schlechtem Einvernehmen und bittet Justine,
-mit ihr zu gehen. Justine ist aber wieder einmal in eine Falle
-gegangen. Dieser d’Esterval, der stets seinen Opfern das an ihnen zu
-begehende Verbrechen vorher verkündet, braucht nämlich jedes Mal nach
-vollbrachter That eine Frau, die ihm die eigene Gattin besorgen muss,
-die übrigens ebenso verderbt ist, wie ihr Mann. Justine soll ihren und
-seinen Lüsten dienen und ausserdem die Reisenden anlocken und umgarnen.
-Mehrere solche Greuelszenen werden geschildert. Eines Tages kommt
-ein alter Bekannter Justinens, Herr de Bressac, der ein Verwandter
-d’Estervals ist. Sie begeben sich alle vier zu dem Grafen Gernande,
-ebenfalls einem Verwandten. Dieser ist ein Vielfrass und Säufer und
-befriedigt seine Blutgier durch Aderlässe und Incisionen an seinen
-Frauen, deren er bereits die sechste besitzt. Solche Szenen werden in
-schauerlichster Weise vorgeführt, während Dorothée später die Madame
-Gernande zu tribadischen Manövern verführt. Dann repräsentiert sich in
-der Familie Verneuil, ein neuer Zweig der würdigen Verwandtschaft. Herr
-de Verneuil kommt mit seiner Frau, seinem Sohne Viktor, seiner Tochter
-Cécile und Gefolge an. Der alte Verneuil betreibt auch eine besondere
-Spezialität des sexuellen Genusses. Er bezahlt +reiche+ Frauen und
-bestiehlt +arme+! Er veranstaltet alsbald eine Orgie auf einer
-„Ottomane sacrée“, über der ein Bild Gottes hängt, das Veranlassung
-zu schrecklichen Gotteslästerungen giebt. Nach mehreren ähnlichen
-Szenen, wobei Justine einmal in einen tiefen Brunnen fällt, aber wieder
-herausgezogen wird, und Bressac grosse Reden gegen die Unsterblichkeit
-der Seele hält, werden die Tochter und die Frau Verneuils getötet.
-Justine entflieht nach Lyon, trifft dort Saint-Florent wieder, dessen
-Spezialität die Verführung von Jungfrauen bildet, die er sofort durch
-einen Mädchenhändler verkaufen lässt. Justine soll Gehilfin bei seinen
-Schandthaten werden, weigert sich aber und wird von ihm eingesperrt und
-muss den von Saint-Florent ausgespuckten Speichel auflecken. Nach der
-unerlässlichen Orgie wird Justine freigelassen und begegnet ausserhalb
-Lyons einer Bettlerin, die um Geld bittet und dann Justine die Börse
-raubt. Beim Verfolgen gerät Justine in die Höhle einer Bettlerbande,
-bei deren geschlechtlichen Ausschweifungen der Paederast und Jesuit
-Gareau und die Tribade Séraphine, deren Geschichte ganz weitläufig
-erzählt wird, als Hauptpersonen thätig sind. Justine entkommt auch
-aus dieser Verbrecherhöhle, findet einen von zwei Cavalieren halbtot
-geschlagenen Mann namens Roland, dem sie ihre Hilfe angedeihen lässt.
-Dieser Roland ist das Haupt einer Falschmünzerbande und haust auf einem
-hoch oben im Gebirge gelegenen Schlosse. Er ist natürlich ebenfalls
-ein gefährlicher Wüstling, wie die arme Justine, die er mit auf sein
-Schloss gelockt hat, bald erfährt. In einem unterirdischen Gewölbe
-seines Schlosses, wo zahlreiche Skelette, Waffen aller Art, kirchliche
-Geräte, Krucifixe, Kerzen u. s. w. sich befinden, betreibt dieses
-Scheusal als sexuellen Sport das „jeu de coupe-corde“, das Erhängen
-seiner weiblichen Opfer, da dies ein unsäglich wollüstiger Tod sei, wie
-Roland an sich selbst öfters erprobt hat und Justinen demonstriert, die
-ihn aber zur rechten Zeit wieder abschneiden muss. Schliesslich wird
-Justine von Roland in einen mit Toten gefüllten Abgrund hinabgestossen,
-aus dem sie am folgenden Tage, da er das Schloss verlässt, von seinem
-menschlicheren Nachfolger Deville gerettet wird. Eines Tages wird die
-ganze Falschmünzerbande verhaftet, nach Grenoble gebracht und zum
-Galgen verurteilt. Justine wird aber durch die aufopfernde Thätigkeit
-eines Herrn S... (Sade?), Advokaten am Gerichtshofe in Grenoble,
-befreit, der auch eine Sammlung für sie veranstaltet.
-
-In einem Gasthofe zu Grenoble trifft Justine die inzwischen zur
-Baronin avancierte Dubois wieder, ihre einstige Gefährtin im Gefängnis
-zu Paris, die sich bei ihr mit einer „Dissertation philosophique“
-einführt und sie zur Beraubung eines jungen Kaufmanns zu verleiten
-sucht. Justine verrät diesem die Pläne der Dubois, aber zu spät. Denn
-er ist bereits von der den Verrat ahnenden Dubois vergiftet worden.
-Justine wird auf der Landstrasse von drei Männern überfallen, die
-sie in ein Landhaus des Erzbischofs von Grenoble führen, in dem die
-rachedurstige Dubois als Aufseherin fungiert. Dieser Erzbischof ist
-natürlich auch ein Ausbund von Lasterhaftigkeit und Grausamkeit;
-ein „Faun aus der Fabel“, ein Monomane des Köpfens. Er hat sich
-einen eigenen „Hinrichtungssaal“ eingerichtet[577], in dem vor den
-Augen der schaudernden Justine ein Mädchen Eulalie archiepiscopo eam
-paedicante geköpft wird. Justine entflieht, wird aber von der Dubois
-wieder eingefangen, als Brandstifterin und Mörderin denunziert, und
-ins Lyoner Gefängnis eingeliefert, von wo sie nächtlicher Weile durch
-den wieder einmal auftauchenden Saint-Florent einem der Richter,
-Cardoville, zugeführt wird. In dessen Schlosse feiert eine Gesellschaft
-von Anthropophagen ihre Orgien, unter Assistenz von 12 Negern. Justine
-wird eine Zeit lang aufs Rad geflochten. Sodann machen zwei Mädchen
-an ihr die Operation der Infibulation. Dann muss sie Spiessruten
-laufen. Danach legen sich sämtliche Teilnehmer auf ein mit eisernen
-Stacheln besetztes Kreuz, das die Wollust unermesslich reizt und zu
-wilden Ausbrüchen derselben Veranlassung giebt. Danach wird Justine
-ins Gefängnis zurückgeführt und vom Gericht unter dem Präsidium des
-Wüstlings Cardoville zum Feuertode verurteilt. Doch lässt sie der
-Gefängniswärter, für den sie aber vorher einen Diebstahl begehen muss,
-entschlüpfen.
-
-Auf ihrer Wanderung bemerkt sie gegen Abend eine elegante Dame mit vier
-Herren. +Es+ ist ihre Schwester Juliette. Bei der Erkennungsszene ruft
-Juliette aus: „O Kleinmütige, höre auf, Dich zu wundern. Ich hatte Dir
-alles das vorausgesagt. Ich habe den Weg des Lasters eingeschlagen und
-auf ihm nur Rosen gefunden. Du warst weniger Philosophin, und Deine
-verwünschten Vorurteile liessen Dich Chimären träumen. Du siehst,
-wohin sie Dich gebracht haben.“ Justine wird mit Kleidern und Nahrung
-versehen, und einer der Cavaliere sagt, auf sie deutend: „Oui, voilà
-bien ici les +Malheurs de la Vertu+!“ Und auf Juliette zeigend: „Et là,
-là, mes amis, les +Prospérités du Vice+!“
-
-Am anderen Tage kündigt Juliette an, dass sie ihrer Schwester ihre
-eigene Geschichte erzählen will. „Sie, Noirceuil und Chabert, die
-Sie alles wissen, brauchen nicht zuzuhören. Gehen Sie einige Tage
-aufs Land. Aber Sie, Marquis, und Sie, Chevalier, Sie müssen zuhören;
-um sich von der Wahrheit der Worte Chaberts und Noirceuils’s zu
-überzeugen, dass es keine extravagantere Frau giebt als mich.“ Man geht
-in einen Salon des Schlosses, setzt sich auf Canapés. Justine nimmt auf
-einem Stuhle Platz, und Juliette fängt an zu erzählen.
-
-
-4. Analyse der „Juliette“.
-
-Das „Glück des Lasters“ bildet das Thema der sechsbändigen „Juliette“,
-die in der Gesamtausgabe von 1797 als eine Fortsetzung und Ergänzung
-der „Justine“ erscheint und den Triumph des Lasters in wahrhaft
-infernalischen Bildern schildert.
-
-Justine und Juliette werden, wie schon erwähnt, im Kloster Panthémont
-erzogen, aus dem die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris“
-seit vielen Jahren hervorgegangen sind. Seit fünf Jahren ist Madame
-Delbène die Aebtissin dieses Klosters, eine 80jährige Tribade, die
-Juliette und ihre 15jährige, später in ein Bordell übertretende
-Freundin Euphrosine in die Geheimnisse der lesbischen Liebe einweiht.
-Sie besitzt „le tempérament le plus actif“, 60000 Livres Rente und
-ist von einer „deliciösen Perversität“. Sie entwickelt vor jungen
-Mädchen von 8 bis 15 Jahren ihr materialistisches und antimoralisches
-System der Philosophie, hat +Holbach+ und +La Mettrie+ studiert,
-definiert das Gewissen als ein „Vorurteil, das durch die Erziehung
-eingepflanzt wird“, spricht von Nerven- und Elektricitätsfluida,
-objektiven Existenzen, von Gott, der Seele u. s. w. Sie inszeniert
-grosse Tribadenszenen, an denen die 20jährige Madame de Volmar,
-„die wollüstige Gefährtin Delbène’s“, ein richtiges Mannweib, die
-17jährige Saint-Elme, die 13- und 18jährigen Elisabeth und Flavie,
-sowie Juliette teilnehmen. Alle gelten in der Welt als schamhaft und
-bescheiden. Hier sind sie von einer „energischen Indecenz“. Dabei wird
-die Virginität ängstlich behütet. Später wird aber Juliette von Delbène
-vermittelst eines Godmiché defloriert, und danach steigt die ganze
-Gesellschaft nachts durch ein Grab in der Kirche in die Katakomben des
-Klosters hinab. In diesen befindet sich ein niedriger mit Luftlöchern
-versehener, künstlerisch ausgestatteter Saal, in dem die 10jährige
-Laurette ihrer Defloration harrt neben zwei Mönchen, dem 30jährigen
-Abbé Ducroz, Grossvikar des Erzbischofs von Paris, der besonders
-mit der Aufsicht über das Kloster Panthémont betraut ist, und dem
-36jährigen Pater Télème, einem Franziskaner und Beichtvater der Novizen
-und Pensionärinnen des Klosters. Mit cynischer Offenheit erklärt die
-Delbène der erstaunten Juliette, dass man sich hier mit den Priestern
-zum Zwecke sexueller Ausschweifungen und Grausamkeiten (horreurs,
-atrocités), versammle, möglichst fern von der Oberwelt. Hier werden
-die grossen „Verbrechen“ begangen. Bei den nun folgenden Orgien spielt
-die natürliche und künstliche Paedicatio inter mulieres et viros eine
-grosse Rolle; sie wird besonders den unverheirateten Mädchen empfohlen
-mit der Begründung: point d’enfants, presque jamais de maladies, et
-des plaisirs mille fois plus doux. Juliette muss die auf einem Tische
-festgeschnallte Laurette deflorieren, worauf ein opulentes Mahl mit
-den feinsten Weinen in einem Nebengemach aufgetragen wird, bei dem die
-arme Laurette bedienen muss und alle Personen nackt am Tische sitzen.
-Die Volmar manustuprat monachos über einer Punschbowle, in die Juliette
-mingit, worauf die andern Frauen aus derselben trinken. Dann kehrt man
-in den Saal zurück, und Delbène giebt sich auf dem Sarge einer von
-ihr ermordeten Nonne hin. Plötzlich werden dann durch den Flug einer
-Nachteule die Lichter verlöscht, und die Orgie hat ein Ende.
-
-Nach dem Bankerott und Tode ihrer Eltern wird Juliette von der Delbène
-sofort entlassen und ihr der Rat erteilt, in das Bordell einer gewissen
-Duvergier einzutreten, wo auch ihre Freundin Euphrosine sich befindet.
-Juliette befolgt den Rat und trennt sich von ihrer Schwester Justine.
-
-Vom Kloster kommt also Juliette ins Bordell, wo sie allerlei Abenteuer
-erlebt. Die einsame Lage dieses Bordells haben wir bereits geschildert
-(S. 135). Juliette verkehrt hier mit Prinzen, Edelleuten, reichen
-Bürgern u. s. w., ist bald als Hofdame, bald als Grisette, bald als
-„Poissarde“ gekleidet und kommt allen möglichen Gelüsten entgegen. Sie
-schliesst Freundschaft mit Fatime, einer 16jährigen Prostituierten,
-deren Spezialität das Bestehlen ihrer Kunden ist, wozu einer der
-berühmtesten Diebe von Paris, Dorval, sie angeleitet hat, der sich
-durch seine Spione über alle in Paris ankommenden Fremden unterrichten,
-diese durch Dirnen verführen und berauben lässt, wobei er heimlich
-zuschaut, unter starker sexueller Erregung. Er besitzt bereits 30
-Häuser. Eines Tages müssen Juliette und Fatime zwei ehrliche Deutsche
-Scheffner und Conrad, bestehlen, nachdem sie dieselben durch Weine
-berauscht haben. Diese werden dann nackt in einer finsteren Strasse
-ausgesetzt. +Dorval+, dessen sexuelle Perversität der cunnilingus
-post coitum alterius viri ist, entwickelt in einer langen Rede seine
-Theorie und Rechtfertigung des Diebstahls, dieser „pierre angulaire
-de la société.“ Darauf lässt er Fatime und Juliette in eine dunkle
-Folterkammer werfen, wo er sie durch zwei Knechte entkleiden lässt
-und dann unter ungeheurer erotischer Erregung seinerseits ihnen das
-Todesurteil verkündet, das an dem bereitstehenden Galgen vollzogen
-werden soll. Es wird dann an Beiden eine Scheinhinrichtung vollzogen.
-Dorval befriedigt seine Lust an den Scheintoten, die darauf nackt in
-einem Wagen zur Duvergier zurückgebracht werden.
-
-Hierauf wird Juliette zu dem Erzbischof von Lyon in die Abtei von
-Saint-Victor in Paris geschickt. Dieser Gotteshirte paedicat eam unter
-Assistenz einer gewissen Lacroix und wird zum Schluss von einer
-dritten Frau mit Ruthen gepeitscht.
-
-Nachdem Juliette glücklich der Gefahr der Ansteckung durch einen mit
-schwerer Syphilis behafteten Mann entgangen ist, der besonders durch
-den Gedanken ergötzt wird, seine Schönen zu infizieren, macht sie die
-Bekanntschaft eines gewissen Noirceuil, eines reichen Wüstlings und
-grandiosen Bösewichts. Dieser empfindet das absonderliche Bedürfniss,
-dass seine Frauen -- er besitzt deren bereits die 18te -- Zeuginnen
-aller seiner Ausschweifungen und ihm sogar dabei behilflich sein
-müssen. Ausserdem begehrt er nur Jungfern. Zwei nackte Knaben müssen
-während dieser Orgien seine eigene Frau schlagen und stechen. Diese
-muss dann ebenfalls in adamitischer Tracht bei dem der Orgie folgenden
-Mahl Noirceuil und seine Maitressen bedienen.
-
-Noirceuil macht der Juliette ein überraschendes Geständnis: „Ich
-habe Ihren Vater wohl gekannt. Ich bin nämlich der Urheber seines
-Bankerotts. Ich habe ihn ruiniert. Ich verfügte einen Augenblick über
-sein ganzes Vermögen, konnte es verdoppeln, oder es in meine Hände
-übergehen lassen! Consequent meinen Principien habe ich +mich+ ihm
-vorgezogen. Er ist im Ruin gestorben, und ich habe 300000 Livres
-Rente. Nach diesem Geständnis müsste ich nun eigentlich das Unglück
-gut machen, in das ich Sie gestürzt habe. Aber das wäre eine Tugend.
-Ich werde das nicht tun; denn ich verabscheue die Tugend zu sehr.
-Dies richtet unübersteigliche Schranken zwischen uns auf. Ich kann
-Sie nicht wiedersehen.“ -- Nach dieser gemütlichen Auseinandersetzung
-des Verderbers ihres Vaters bricht Juliette in ein Jubelgeschrei aus:
-„Schrecklicher Mensch, wie sehr ich auch das Opfer Deiner Laster
-bin, ich liebe dieselben! Ja, ich bete Deine Grundsätze an.“ -- „O,
-Juliette, wenn Du alles wüsstest!“ -- „Lass mich alles erfahren!“
--- „Dein Vater, Deine Mutter!“ -- „Was denn?“ -- „Ihre Existenz
-konnte mich verraten... Ich musste sie opfern; ich habe sie kurz
-hintereinander durch ein Gift umgebracht, das ich ihnen beim Souper in
-meinem Hause ins Essen mischte.“ Nach dieser schrecklichen Enthüllung
-ruft Juliette: „Ungeheuer, Du machst mich schaudern, aber ich liebe
-Dich!...“ „Den Henker Deiner Familie?“ -- „Was macht das? Ich urteile
-über alles ‚par les sensations‘. Die von Dir Gemordeten haben mir
-keine solchen Sensationen erregt, aber Dein Geständnis, dass Du ihr
-Mörder bist, entflammt mich, und erregt meine Geschlechtslust.“
-Die Idee, de devenir la putain du bourreau de tous ses parents,
-verursacht ihr höchste Wonne. Noirceuil, hoch erfreut, eine solche
-Gesinnungsgenossin gefunden zu haben, behält sie bei sich in seinem
-Hause. Sie besucht aber immer noch das Bordell der Duvergier. Diese
-hält auch ein Absteigequartier für vornehme, sich prostituierende Damen
-und junge Mädchen, die alle mit einem mehr oder weniger hohen Grade von
-Nymphomanie behaftet sind und ihr Leben teils in der Predigt und Messe,
-teils im Bordell verbringen. Darunter befinden sich wieder verschiedene
-sexualpathologische Typen. Die Herzogin von Saint-Fal, die Tochter
-eines Parlamentsrates, verkauft gern ihre „pucelage antiphysique“ und
-eine Frau liebt nur den Umgang mit Priestern.[578] Noirceuil bekommt
-jeden Abend von der Duvergier eine Jungfrau geliefert, die in Gegenwart
-Juliettens, der beiden Knaben und seiner Gattin ein Opfer seiner
-Lüste wird. Einmal lässt die Duvergier Juliette und sechs andere
-Mädchen an einer Orgie bei einem Millionär Mondor teilnehmen. Mondor,
-ein decrepider Greis von 66 Jahren, bedarf endloser Vorbereitungen,
-um sein Ziel zu erreichen. Er muss durch eine tribadische Szene der
-sechs Mädchen, durch künstliche Paedicatio und durch defaecatio in
-os potent gemacht werden ad paedicationem. Juliette stiehlt diesem
-erotischen Scheusal 60000 Fr., findet aber bei ihrer Rückkehr nach
-dem Hause Noirceuil, dass sie dort gleichfalls bestohlen worden ist
-und zwar von Noirceuil selber, der aber Juliettens Kammermädchen
-Gode anschuldigt und ins Gefängnis Bicêtre werfen lässt, nicht ohne
-vorher diese Heldenthat durch eine Orgie gefeiert zu haben und nicht
-ohne nachher einen grossen Vortrag über das Verbrechen und dessen
-Nützlichkeit zu halten. -- Juliette trifft sich dann im Auftrage der
-Duvergier mit drei jungen Modistinnen im Café de la Port Saint-Antoine,
-um zu einem Herzog Dendemar in St.-Maur zu fahren, dessen Manie die
-Flagellation von Mädchen, am liebsten von nicht prostituierten ist,
-wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlt. Auch lacerat
-digitis cunnum, bindet um Juliettens Leib einen Dornenkranz, giesst
-brennendes Oel über die nackten Leiber der vier Mädchen. Juliette
-bestiehlt ihn ebenfalls um eine grosse Summe, trennt sich dann
-endgültig von der Duvergier und lebt ein Jahr im Hause Noirceuils, ab
-und zu auf eigene Abenteuer ausgehend, bis Lubin, der Kammerdiener
-des von ihr bestohlenen Herzogs Dendemar sie eines Tages sieht, sie
-überfallen und gefangen setzen lässt. Sie wird aber von Noirceuil durch
-Vermittelung des Staatsministers Saint-Fond befreit und veranlasst,
-dass eine ihrer Begleiterinnen zu dem Herzog Dendemar als die Diebin
-denunciert wird, worauf sich Noirceuil und Juliette an dem Gedanken
-wollüstig berauschen, dass nun die unschuldige Minette wegen des ihr
-aufgebürdeten Diebstahls gehängt werden wird. Noirceuil teilt Juliette
-mit, dass sein Freund Saint-Fond aus Freude über ihr Verbrechertalent
-ihr eine sehr bedeutende Summe schenkt. Darauf begeben sie sich zu
-einem Souper bei diesem Minister.
-
-Saint-Fond ist ein Mann von 50 Jahren, ein falscher und grausamer
-Wüstling, Verräter und Dieb. Er hat zahlreiche „lettres de cachet“
-angefertigt, und mehr als 20000 Menschen schmachten auf seine
-Veranlassung in den königlichen Festungen, von denen, wie er sagt,
-„nicht ein einziger schuldig ist.“ Der erste Parlamentspräsident
-d’Albert ist ebenfalls beim Souper anwesend. Ausserdem Madame
-Noirceuil, vier Jungfrauen und Juliette. Sechs nackte als Frauen
-frisierte Knaben servieren. Jeder der drei Wüstlinge hat also je
-zwei Knaben zu seiner Verfügung. d’Albert verspricht Julietten einen
-Sicherheitsbrief, der sie gegen jede gerichtliche Verfolgung, für
-welches Verbrechen es auch sei, schütze, und Saint-Fond sichert ihr
-das gleiche zu, verlangt aber, stets von ihr mit der gebührenden
-Hochachtung behandelt zu werden und stets von ihr mit dem seinem
-Reichtum und Range gebührenden Titel „Monseigneur“ angeredet zu werden.
-Er gehört zu den wenigen „Genossen“, die wie die Gestirne am Firmament
-die Welt erleuchten, ohne jemals zu ihr herabzusteigen, kurz, er
-leidet an Grössenwahn und dünkt sich mehr zu sein als der König. Er
-hasst die ganze Welt ausser Noirceuil, d’Albert und einigen Anderen.
-In sexueller Beziehung non amat anum nisi sordidum, faeces edit
-atque ejaculatio ejus maximo fit cum delirio. Dabei wird er als der
-Typus eines schönen, kraftvollen und gesunden Menschen beschrieben.
-Er ist Alkoholist. Im Verlauf der nun folgenden Orgie wird die Frau
-des Noirceuil auf schreckliche Weise getötet. Man reibt ihr den ganzen
-Körper mit Spiritus ein, steckt brennende Lichter in omnia orifica
-corporis, so dass sie am ganzen Leibe verbrannt wird und vergiftet sie
-schliesslich, wobei unter dem Jauchzen des Gatten Noirceuil die übrigen
-Anwesenden dem Todeskampfe zuschauen. Juliette wird dann von dem
-Minister Saint-Fond zur Arrangeurin seiner geheimen Orgien bestimmt,
-richtet sich mit seinem Gelde ein grosses Hôtel in der Rue du Faubourg
-Saint-Honoré ein, erwirbt ein hübsches Landgut oberhalb von Sceaux,
-eine sehr wollüstig eingerichtete „petite maison“ an der Barrière
-Blanche, das für die Soupers seiner Excellenz bestimmt ist. Sie wird
-als 17jährige Schönheit in die sie bewundernde Gesellschaft eingeführt,
-hat vier Kammerfrauen, eine Vorleserin, zwei Nachtwärterinnen, eine
-Haushälterin, einen Coiffeur, einen Koch, zwei Dienerinnen, drei
-Equipagen, zehn Pferde, zwei Kutscher, vier Lakaien und zwölf --
-Tribaden zu ihrer Verfügung. Ausserdem setzt sie der Minister, der
-Giftmord im Grossen betreibt, an die Spitze des „Departements der
-Vergiftungen“. Er setzt ihr die Notwendigkeit auseinander, in der
-sich oft der Staat befindet, irgend eine unbequeme Persönlichkeit zu
-beseitigen. Juliette soll diese Leute vergiften und für jeden Mord
-30000 Francs bekommen. Es sind wohl fünfzig in jedem Jahr. Das macht
-für sie eine Rente von 1500000 Francs. Die Opfer der geheimen Orgien
--- denn man tötet gewöhnlich drei Mädchen bei jedem Souper -- es
-giebt zwei Soupers in der Woche -- werden das Stück mit 20000 Francs
-bezahlt. Juliette erhält also 12000 Livres Rente aus ihren persönlichen
-Einkünften, eine monatliche Pension von Noirceuil, eine Million von
-Saint-Fond für die allgemeinen Kosten der Soupers, die Anweisungen
-auf 20 oder 30000 Francs für jedes Opfer, im ganzen jährlich 6734000
-Francs. Saint-Fond fügt noch 210000 „Livres de menus plaisirs“ hinzu.
-Er kann dies ja mit Leichtigkeit thun, da es nicht sein Geld ist,
-sondern das des Staates, den er ausplündert.
-
-Die Amüsements bei den „petits soupers“ und in den wollüstigen Boudoirs
-der Barrière-Blanche beginnen nunmehr und werden von Juliette in der
-vortrefflichsten Weise geleitet. Saint-Fond, der zu diesen Vergnügungen
-auch einen königlichen Prinzen zugezogen hat, lässt durch Juliette
-seinen eigenen Vater vergiften, führt dann zusammen mit Noirceuil
-seine Tochter, mit der er längst im Incest lebt, zu dem Sterbenden
-und ante oculos ejus eam paedicat. Dasselbe thut Noirceuil. Welch ein
-Genuss für Saint-Fond! Er ruft triumphierend aus: „Je parricidais,
-j’incestais, j’assassinais, je prostituais, je sodomisais!“ Hierauf
-folgt ein luxuriöses Mahl, bei dem kleine Mädchen brennende Lichter ano
-inseruntur, so dass sie schliesslich verbrannt werden. Andere Mädchen
-werden auf den Bratspiess gesteckt und lebendig geröstet. Juliette
-wünscht noch eine jüngere Freundin und in Grausamkeiten erfinderische
-Gehilfin, worauf man sie mit Lady Clairwil, einer kalten, herzlosen
-englischen Schönheit bekannt macht. Diese, den Freuden der Tafel bis
-zum Uebermass huldigende Gourmande, ist leidenschaftliche Tribade und
-Männerfeindin. Sie verübt nur gegen Männer ihre Grausamkeiten. Sie
-liebt passive und aktive Flagellation in gleicher Weise, was sie
-gleich bei einer tribadischen Orgie mit Juliette und vier anderen
-Frauen beweist. Zum Ueberfluss engagiert Saint-Fond noch den Henker
-von Nantes, Delcour, zur Vollziehung der geheimen Hinrichtungen.
-Der Gedanke, mit einem veritablen Henker zusammen zu sein, erregt
-in Juliette die höchste Wollust. Sie lässt sich von Delcour, der
-ausführt, dass besonders die Libertinage zur Grausamkeit und zum
-Verbrechen führe, flagellieren und zugleich mulier ei cunnilingum
-facere debet. Darauf werden unter Assistenz von Clairwil und Delcour
-die entsetzlichsten Grausamkeiten verübt. Cloris, ein Verwandter
-Saint-Fond’s, dem dieser seine ganze Carrière verdankt, wird gerade
-deswegen zum Opfer ausersehen, zumal da seine Frau und Tochter dem
-begehrlichen Ansinnen des Saint-Fond nicht nachgegeben haben. Dieser
-hat die beiden Frauen bei der Königin Marie-Antoinette verleumdet,
-die ihm drei Millionen (!) für ihre Ermordung zur Verfügung stellt.
-Nachdem die ganze Familie in die Falle gelockt ist, wird sie zunächst
-gezwungen, die scheusslichsten Arten von Incest mit einander zu
-begehen. Dann werden Vater, Mutter und Kinder, einer nach dem anderen,
-hingemordet. Recht langsam muss der Henker Delcour der Tochter des
-Cloris den Hals abschneiden, damit Saint-Fond als ihr Paedico maximam
-habeat voluptatem. Juliette hat einen Saal schwarz drapieren lassen,
-in dessen zahlreichen Nischen sich puellae nudae befinden. Die Köpfe
-der Getöteten werden dort aufgehängt, um später der Königin gebracht
-zu werden. Ausserdem befestigt man an den Wänden die -- Nates!
-Zahlreiche Folterinstrumente werden herangeschleppt. Ein Mädchen Fulvie
-wird gerädert. Anderen werden die Augen ausgestochen, die Glieder
-zerbrochen. Ein Jüngling wird in einen hohlen, innen mit scharfen
-Klingen besetzten Cylinder, den ein Folterknecht wie eine Kaffeemühle
-dreht, in kleine Stücke zerschnitten.
-
-Nach einigen Tagen werden Clairwil und Juliette von Verwandten des
-ermordeten Cloris überfallen, aber durch Saint-Fond befreit, wobei
-Clairwil und Juliette in coitu zwei Männer erschiessen. Saint-Fond
-erdrosselt in derselben Situation ein Mädchen. Faustine und Felicitas,
-Dormon und Delnos, die beiden Schwestern der Frau Cloris und ihre
-Verlobten, werden nach einem „enormen Diner“ geopfert. Dormon wird
-„in einem Augenblick“ geknebelt, die Clairwil zerfleischt ihn mit den
-Zähnen, worauf er von zwei alten Weibern aufs Rad geflochten wird.
-Faustine, die mit den Haaren an der Decke aufgehängt ist, stirbt vor
-Schreck. Delnos wird von Juliette mit Nadeln zerstochen[579], Felicitas
-wird lebend „gepfählt“. Clairwil lässt den noch lebenden Delnos wie
-„Jésus, ce plat coquin de Galilée“, kreuzigen. Zum Schluss wird ein
-natürlicher Sohn des Saint-Fond, der Marquis de Rose vergiftet. Ebenso
-lässt Saint-Fond die Mutter des Marquis umbringen, um sich in den
-Besitz ihres grossen Vermögens zu setzen.
-
-Auch auf ihrem Landgut verübt Juliette Greuelthaten. So fährt sie eines
-Tages in der Umgebung von Sceaux spazieren, kommt an die Hütte eines
-braven Bauern, der über den Besuch einer „so grossen Dame“ ganz ausser
-sich gerät. Sie lobt die Reinlichkeit und Ordnung in dem Häuschen, die
-heiteren Mienen der Kinder, das anständige Verhalten der Familie und
--- benutzt einen Augenblick der Abwesenheit des armen Mannes, um Feuer
-anzulegen. Dieser findet bei seiner Rückkehr die Hütte in Flammen,
-die Kinder lebendig verbrannt, da Juliette Sorge getragen hat, alle
-Ausgänge verschliessen zu lassen. Sie amüsiert sich über den Schmerz
-des Unglücklichen und eilt dann nach Paris, um ihr Heldenstück der Lady
-Clairwil zu erzählen. Diese runzelt beim Anhören der Geschichte die
-Stirne wie ein Institutsprofessor. Denn es fehlt noch etwas. Man hätte
-den Bauern selbst als Brandstifter anzeigen müssen, damit er gehängt
-oder gerädert worden wäre!
-
-Diese vortreffliche Lehrerin führt Juliette, um deren mangelhafte
-Erziehung zu vollenden, in die „Gesellschaft der Freunde des
-Verbrechens“ ein, deren Haus sich in einer Vorstadt von Paris befindet.
-Die Einrichtung desselben ist bereits beschrieben worden (S. 137).
-Nach Vorlesung der 45 Statuten, aus denen hervorgeht, dass nur die
-grössten Verbrecher und Lüstlinge in diese ehrenwerte Gesellschaft
-aufgenommen werden, wird Juliette aufgenommen, und unerhörte erotische
-Ausschweifungen folgen, an denen wiederum die Geistlichkeit sehr stark
-beteiligt ist. Episcopus in nasum suum mingi imperat. Femina ad feminae
-alterius mammam defaecat. Julia clysteribus excitatur. Ein Mann lässt
-sich eine grosse Zahl von Nadeln in die testes et nates stossen.
-Ein Anderer per duas horas lingit os, oculos, aures, nares, spatia
-interdigitalia pedum, anum. Senex devorat faecem filiae, quam paedicat.
-Depilat alter cunnum filiae lingua lambens anum. Clairwil trinkt das
-Blut eines von ihr getöteten Knaben und edit testes. In +vier+ Sälen
-für „Masturbation, Geisselung, Folter und Hinrichtungen“ werden diese
-scheusslichen Wollustorgien gefeiert und die grässlichsten Inceste
-begangen. An bombastischen Reden über die Herrlichkeit des Lasters
-fehlt es ebenfalls nicht, und man ist im Zweifel, wer das meiste
-Vergnügen hat, der „coniste“, der „bougre“, der „masturbateur“ oder der
-„f...... en bouche“!
-
-Aber weder Saint-Fond, noch Noirceuil, weder ihr halbes Dutzend
-Lakaien, das aus den stärksten Kerlen ausgewählt ist, noch ihre
-zwölf Tribaden, noch Clairwil, die alle zusammen aufwiegt, weder
-die zahllosen männlichen und weiblichen Opfer, die Soupers und die
-Harems der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“, können dem
-unersättlichen Temperament unserer Heldin Genüge leisten. Sie braucht
-noch allerlei sonstige Zerstreuungen. Clairwil und Juliette gehen
-bei dem Karmelitermönch Claude zur Beichte, bei welcher Gelegenheit
-sie entdecken, dass dieser wunderbare Mann drei -- Testikel hat und
-er ihnen gesteht, dass er seinen Klosterbrüdern als Pathicus diene
-und auch ein grosser Atheist sei. An der Barrière de Vaugirard hat
-dieser Diener Gottes ein kleines Separatlogis, in dem die beiden
-Freundinnen gute Weine, mollige (mœlleux) Sophas und eine ausgewählte
-pornographische Bibliothek finden, ausserdem Godmichés, Condome und
-„Martinets“. Aber lange soll die Freude des braven Mönches nicht
-dauern. Er wird eines Tages von den Beiden in einen Hinterhalt gelockt
-und ablatione membri virilis facta, das Clairwil als Godmiché benutzt,
-getötet.
-
-Kurz darauf präsentiert sich bei Juliette ein gewisser Bernole,
-ein schmutziges und zerlumptes Individuum und erklärt ihr wichtige
-Enthüllungen machen zu wollen. Sie erfährt, dass der reiche Banquier,
-dessen Tochter sie zu sein glaubt und der als ihr angeblicher Vater
-durch Noirceuil ruiniert wurde, ihr Vater nur kraft des juristischen
-Grundsatzes sei: Pater is est, quem nuptiae demonstrant. +Bernole ist
-ihr wirklicher Vater+ und liefert ihr den Beweis dafür. Alsbald keimt
-der Gedanke eines Incestes mit diesem Elenden in der zartfühlenden
-jungen Dame auf. Sie realisiert diese Idee und lässt sich absichtlich
-von ihrem eigenen Vater schwängern, den sie dann in Gegenwart der
-sich an ihr sexuell bethätigenden Noirceuil, Saint-Fond und Clairwil
-erschiesst! Sie übernimmt dann die Erziehung der Tochter Saint-Fond’s,
-die Noirceuils Frau werden soll, aber, wie wir wissen, bereits von
-ihrem eigenen Vater in alle sexuellen Geheimnisse eingeweiht ist,
-trotzdem von Juliette darin noch „vervollkommnet“ wird. Sie muss einer
-Orgie in dem Karmeliterkloster beiwohnen, bei der zwei „Satansmessen“
-gelesen werden. Von dem Grafen Belmor, dessen Bekanntschaft sie durch
-Noirceuil machen, können Beide viel lernen. Er hat die Manie, kleine
-Knaben auf den Schultern einer schönen Frau festbinden zu lassen,
-sie bis aufs Blut zu flagellieren und dann anum pueri ex quo sanguis
-decurrit usque ad anum feminae lingua lambere. Vor allem aber ist er
-ein vorzüglicher Statistiker der Wollust und hat ausgerechnet, dass
-ein Wüstling leicht im Laufe eines Jahres 300 Kinder verderben kann;
-das macht in 30 Jahren 9000. Und wenn jedes verderbte Kind ihm nur
-zum vierten Teil nachahmt, was mehr als wahrscheinlich ist, und jede
-Generation nach 30 Jahren ebenso handelt, so wird jener Wüstling nach
-zwei Menschenaltern 9 Millionen Lasterhafte um sich sehen!
-
-Juliette, die sich von einem berühmten Accoucheur ihr im Incest
-empfangenes Kind hat abtreiben lassen, besucht mit Clairwil die im
-Faubourg Saint-Jacques wohnende Giftmischerin und Kartenlegerin Durand,
-die nur wahrsagen kann, nachdem sie das Blut der betreffenden Person
-hat fliessen sehen. Sie prophezeit, dass Clairwil nicht länger als
-fünf Jahre leben wird, und dass Juliette ins Unglück gerät, sobald
-sie aufhört, lasterhaft zu sein. Nach einem hysterischen Anfalle
-dieser blutdürstigen Giftmischerin werden Clairwil und Juliette in die
-Geheimnisse der Giftmischerei eingeweiht, und mehrere Vergiftungen
-werden ausgeführt, die von den Messalinen bejubelt und durch
-anthropophagische und fetischistische Excesse gewürzt werden. (Clairwil
-cor pueri eripit et vaginae inserit.)
-
-So vergehen zwei Jahre, in denen Juliette ganz vertiert und nur
-noch an den seltsamsten und aussergewöhnlichsten Genüssen Geschmack
-findet. Sie ist bald 22 Jahre alt. Da teilt ihr Saint-Fond in einer
-vertraulichen Unterhaltung einen wahrhaft infernalischen Plan mit. Er
-will Frankreich entvölkern und zwei Drittel der Einwohner verhungern
-lassen! Dies macht selbst die hartgesottene Juliette schaudern.
-Saint-Fond bemerkt es und zieht sich wütend zurück. Juliette empfängt
-von Noirceuil ein Billet mit der Mitteilung, dass Saint-Fond sie wegen
-ihres „Rückfalles in die Tugend“ zu verderben trachte und dass sie
-daher so schnell wie möglich Paris verlassen möge. So verlässt sie
-Hals über Kopf das Haus Saint-Fond’s und ruft bei der Flucht aus: „O
-verhängnisvolle +Tugend+! Du hast mich wieder einmal einen Augenblick
-getäuscht! Jetzt fürchte ich aber nicht mehr, dass man mich nochmals zu
-den Füssen Deiner schändlichen Altäre finden wird. Ersticken wir die
-Tugend für immer. Sie ist nur dazu da, um den Menschen zu verderben.
-Und das grösste Unglück, das einem in dieser ganz verderbten Welt
-zustossen kann, ist das, sich allein vor dieser allgemeinen Corruption
-schützen zu wollen!“ Sie begiebt sich, nachdem sie 1500 Livres, ihre
-Diamanten und Kleinodien, sowie ihre „geschickteste“ Tribade als
-Kammerfrau mitgenommen hat nach Angers, wo sie ein Bordell im Stil der
-Duvergier eröffnet, bald den Adel der Provinz bei sich versammelt und
-viele Liebhaber findet. Der reiche vierzigjährige Graf von Lorsange,
-der über eine jährliche Rente von 50000 Livres verfügt, heiratet sie,
-nachdem sie ihm unter scheinheiligen Thränen ihr ganzes früheres Leben
-enthüllt hat. In einem tugendreichen Vortrage, der dem Redner selbst
-Thränen entlockt, sucht der treuherzige Graf die büssende Magdalena
-in ihrer neuen Tugendhaftigkeit zu befestigen. Aber diese „hübsche
-kleine Rede“ hat Juliette keineswegs überzeugt. Nachdem sie eine
-Zeit lang das ihr allerdings neue eheliche Leben ertragen hat, siegt
-ihre „Vernunft“ über „Vorurteil und Aberglauben“. Sie versüsst sich
-die zwei mit dem „harmlosen“ Manne verlebten „monotonen“ Jahre durch
-heimliche Excesse, besonders durch tribadische Genüsse, bis sie bei
-einer Messe den famosen Abbé Chabert, eines der früheren Mitglieder der
-„Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ trifft. Jetzt beginnt die
-alte Herrlichkeit wieder. Feste und Orgien werden gefeiert, obgleich
-Juliette die Zeit findet, einem Töchterchen das Leben zu geben, um „das
-Vermögen des Mannes sich zu sichern“. Doch fängt dessen Existenz schon
-an, sie zu genieren, und als sie nun gar erfährt, dass Saint-Fond ihr
-nachstellt, beschliesst sie, Frankreich zu verlassen, vergiftet ihren
-Mann, der in den Armen des Heuchlers Chabert stirbt und seine Witwe
-als Besitzerin von 50000 Livres Rente zurücklässt. Versehen mit vielen
-Empfehlungsbriefen des Abbé geht Juliette nach Italien und lässt ihre
-Tochter bei Chabert zurück.
-
-Wie wohl fühlt sie sich in der Heimat eines Nero und einer Messalina!
-Sie will das Land nicht als einfache Reisende kennen lernen, sondern
-ihr Plan geht dahin, als „berühmte Courtisane“ zu reisen und sich
-überall als solche anzukündigen. So kommt sie zuerst nach Turin,
-der „regelmässigsten und langweiligsten“ Stadt Italiens, wo ihr das
-fromme abergläubische Volk, das wenig Sinn für Vergnügungen hat,
-gar nicht gefällt. Sofort nach ihrer Ankunft lässt sie die Signora
-Diana, die berühmteste „appareilleuse“ der Stadt benachrichtigen,
-dass eine junge und hübsche Französin zu „vermieten“ sei. Alsbald
-kommen Grafen, Herzöge, Marquis u. s. w. in hellen Scharen zu der
-Abenteurerin gewallfahrtet. Denn wie der Herzog von Chablais sagt,
-bei dessen Soupers Juliette glänzt, es ist „die Geschichte aller
-Französinnen: ihr Wuchs und ihre Haut sind entzückend. Es giebt hier
-so etwas nicht.“ Auch der König von Sardinien lässt nicht auf sich
-warten, dessen Manie das -- Klystieren ist. Juliette sagt dem „Kaiser
-der Murmeltiere“ einige Wahrheiten über Savoyen. Von einem gewissen
-Sbrigani, einer Molière’schen Figur, lernt sie die Geheimnisse des
-Falschspielens kennen und nimmt dann in einer von ihr errichteten
-Spielhölle den Grafen und Marquis fabelhafte Summen ab. Sbrigani
-soll sie als Gatte auf ihrer weiteren Reise begleiten. Sie gelangen
-zunächst nach Alessandria, wo ein reicher Herzog ausgeplündert wird
-und ihnen die Kleinstaaterei Italiens bei der Flucht vortrefflich
-zustatten kommt. In Bologna finden sie die tribadische Kunst aufs
-höchste entwickelt und beteiligen sich an einer derartigen Orgie in
-einem Nonnenkloster. Die Reise über die Apenninen verschafft ihnen
-die Bekanntschaft mit einem sieben Fuss drei Zoll hohen Riesen und
-anthropophagischen Ungeheuer. Minski -- so heisst das Scheusal -- lebt
-als „Eremit des Apennin“ in einem befestigten Hause auf der Insel eines
-Teiches. Die Stühle in diesem Hause sind aus menschlichen Knochen
-angefertigt; das Haus selbst ist voll von Skeletten. In unterirdischen
-Kellern sind die zur Verspeisung bestimmten Opfer eingesperrt. Minski
-stammt aus dem Grossfürstentum Moskau, hat grosse Reisen gemacht, um
-die „Unzucht und die Verbrechen auf der ganzen Erde zu studieren und
-nachzuahmen“. Er hat sich jetzt in die Einsamkeit zurückgezogen, um im
-Verborgenen seinen verbrecherischen Gelüsten freien Lauf zu lassen.
-Er ist hauptsächlich Menschenfresser und schreibt dieser lieblichen
-Gewohnheit seine aussergewöhnliche Kraft zu. Er lauert den Reisenden
-auf, die dann später als Braten und Ragoûts auf seinem Tische serviert
-werden. Auch Juliette, ihre Kammerfrau und Sbrigani sollen diesem
-Schicksale nicht entgehen. Aber vorher macht er ihnen die Honneurs
-in seiner Wohnung und zeigt ihnen die sehr bevölkerten Harems, die
-Keller mit ungeheuren Schätzen. Bethört durch die Liebenswürdigkeit
-Juliettens verspricht er ihr schliesslich, sie am Leben zu lassen;
-wenn sie niemals einen Fluchtversuch machen werde. Nun giebt es jeden
-Tag eine neue Unterhaltung. Zunächst geht es zu Tische. Minski, ein
-extremer Alkoholist, trinkt 60 Flaschen Wein! Man isst an „lebenden
-Tafeln!“ Eine Reihe nackter Frauen, eine an die andere gedrückt, mit
-gebeugtem Rücken, unbeweglich, bilden die „Tafel“, auf welcher die
-Lakaien servieren. Kein Tischtuch ist nötig bei diesen schönen „croupes
-satinées“. Man trocknet sich die Finger an den wehenden Haaren der
-Frauen. Die Speisen sind vorzüglich. Juliette fragt nach dem Genusse
-eines besonders wohlschmeckenden Ragoûts, was es sei. Sie findet nicht
-heraus, ob es Rind- oder Kalbfleisch, Wildpret oder Geflügel ist. „Es
-ist Ihre Kammerfrau“, antwortet das Ungeheuer mit einem liebenswürdigen
-Lächeln. Die arme Tribade und treue Gefährtin ihrer Herrin ist
-in ein Ragoût verwandelt worden! Hiernach zeigt dieser charmante
-Menschenfresser seinen Gästen eine Menagerie wilder Tiere, lässt
-einige Frauen aus dem Harem holen und zwischen die Löwen und Tiger
-werfen. Das grösste Wunder aber ist eine Maschine, die 16 Menschen
-auf einmal erhängt, erdolcht und enthauptet. Das alles ist zwar recht
-amüsant, und Minski verspricht ihnen für die nächsten Tage noch mehr
-Ueberraschungen, aber Juliette traut der Sache nicht. Auch Sbrigani
-teilt ihre Befürchtungen. Sie beschliessen zu entfliehen. Sie mischt
-dem Menschenfresser Strammonium in die Chokolade aber nur soviel, dass
-er betäubt wird, denn „ein solches Scheusal darf man nicht töten“. Sie
-raubt aus seinen Schränken alle Schätze und nimmt zwei Frauen, Elise
-und Raymonde, mit. So kommen sie, beladen mit Bergen von Gold und
-Silber, nach Florenz.
-
-Hier errichten sie eine Spielhölle, verbunden mit einem Bordell und
-einer Giftbude. Geld haben sie zwar nicht nötig, aber es macht ihnen
-Vergnügen, die Welt zu sehen, die Familiengeheimnisse zu erfahren,
-Sitten und Gebräuche kennen zu lernen. In Florenz herrscht der Bruder
-der Marie-Antoinette, Leopold, Grossherzog von Toscana, bei dem „toute
-la morgue allemande éclate“. Bald werden Juliette und ihr Begleiter
-zu einer Orgie, die der Grossherzog und sein Beichtvater in Pratolino
-veranstalten und bei der Juliette sehr hochmütig als „Französin“
-auftritt, eingeladen. Leopold, dieser „grand successeur de la première
-putain de France“ betreibt als Sport die künstliche Herbeiführung des
-Abortus der von ihm geschwängerten Frauen. Heute aber hat er etwas ganz
-Besonderes darzubieten. Er bewirtet Juliette mit einer Aufführung von
-Enthauptungen mit Musikbegleitung! Die Köpfe fallen nach dem Takte und
-à la ritournelle!
-
-Interessant ist die Beobachtung Juliettens, dass in Florenz die Männer
-sich wie die Frauen und die Frauen wie die Männer kleiden und daher
-nirgends so viel Neigung zum gleichen Geschlecht vorhanden ist wie
-dort. Die Prostituierten leben in einem besonderen Stadtviertel.
-Tizians „Venus“ in den Uffizien veranlasst einen Excurs über die
-obscönen Darstellungen in der Malerei, wobei die „Venus von Medici“,
-der „Hermaphrodit“, „Caligula caressant sa sœur“ erwähnt werden.
-
-Nachdem unsere Abenteurer noch eine tribadische Mutter und Tochter
-ermordet haben, kommen sie nach Rom, wo sie, mit reichlichen
-Empfehlungen versehen, bald die vornehmsten Beziehungen anknüpfen,
-Zutritt in alle Paläste finden und besonders die Gunst der tribadischen
-Prinzessin Olympia Borghese, der Kardinäle Albani und Bernis und
-des Herzogs von Grillo gewinnen und mit diesen alsbald sich den
-gewöhnlichen Ausschweifungen hingeben. Bernis dichtet in cynischer
-Selbstironie eine die Kaste der Jesuiten geisselnde Paraphrase der „Ode
-auf dem Priapus“. Die Borghese vergiftet ihren Vater und Juliette die
-Herzogin von Grillo. Beide beobachten in einem Bordell, wie Priester,
-Mönche, Abbés u. s. w. sich dort einschleichen. Dann kommt die Borghese
-auf die Idee, alle Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten von Rom in
-Brand zu stecken. Sie will dieselbe durch den Polizeidirektor Ghigi und
-den Grafen Bracciani, den ersten Physiker Europa’s, ausführen lassen.
-Ghigi lässt besonders gern die Menschen aufhängen, da er als Zuschauer
-gerade dadurch sexuell erregt wird, und führt auf Verlangen Juliettens
-und der Borghese eine solche Szene vor. Bracciani, dieser grosse
-Physiker, tötet durch einen „künstlichen Blitz“ ein Mädchen. Endlich
-werden die 37 Hospitäler Roms angezündet, wobei mehr als 20000 Menschen
-umkommen, und Olympia und Juliette in grösster sexueller Erregung
-zuschauen. Der Brand dauert acht Tage. Bei einer Orgie im Hause der
-Borghese erscheinen als Festteilnehmer ein Eunuch, ein Hermaphrodit,
-ein Zwerg, eine Frau von 80 Jahren, ein kleiner Knabe von 4 Jahren,
-eine grosse Dogge, eine Ziege[580], ein Affe und ein Truthahn!
-Bracciani nimmt sich des Truthahns an, dem die Borghese im Moment der
-Ejaculatio viri den Hals abschneidet. Die alte Frau hat natürlich in
-ihrem langen Leben viele Sünden begangen. Dafür wird sie zum Feuertode
-verurteilt und sofort auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt.
-
-Juliette wird darauf dem Papste Pius VI. vorgestellt, den sie mit
-seinem früheren Namen Braschi nennt und dem sie eine derbe Predigt
-über den kirchlichen Aberglauben und die Unzucht der Päpste hält,
-was Pius VI., der selbst als schrecklicher Atheist und als ein
-geschlechtliches Ungeheuer geschildert wird, mit grossem Beifall
-aufnimmt. Bisweilen versucht er zwar, sie zu unterbrechen, wird aber
-durch ein: „Schweig, alter Affe!“ eingeschüchtert und ruft nach
-Beendigung dieser Rede aus: „O Juliette, man hat mir zwar gesagt,
-dass Du Geist hättest. Aber so viel hätte ich nicht erwartet. Ein
-solcher Grad von Hochflug der Ideen ist sehr selten bei einer Frau.“
-Ein solches Weib möchte natürlich der heilige Vater gern besitzen.
-Juliette stellt ihm für ihre Hingabe die unwürdigsten Bedingungen,
-lässt sich dann von ihm den Vatikan und seine Gärten zeigen, wobei
-sie sehr cynische Bemerkungen macht. Die Zusammenkunft endet mit
-einer sehr intimen Szene, die auch dem Papste Anlass giebt, seine
-materialistischen und gotteslästerlichen Maximen zu entwickeln.[581]
-Beim nächsten Male wird eine grosse Orgie in der Peterskirche gefeiert.
-Der Papst celebriert selbst mehrere Satansmessen, an deren Schlusse
-einige Menschen getötet werden. Juliette siedelt nunmehr in das
-Schlafgemach des heiligen Vaters über und benutzt die Gelegenheit
-einer in der grossen Gallerie stattfindenden sexuellen Unterhaltung,
-um den Papst zu bestehlen. Hierauf reist sie mit Empfehlungen an die
-königliche Familie nach Neapel ab. Unterwegs wird sie von den Räubern
-des berüchtigten Brisa-Testa überfallen, auf dessen Schloss geführt
-und mit ihren Begleitern in einem dunklen Verliess eingesperrt. Sie
-hören von der blutdürstigen Frau des Räuberhauptmanns sprechen, der
-sie geopfert werden sollen. Juliette erkennt in derselben ihre alte
-Freundin Clairwil wieder, die eine Schwester des Brisa-Testa ist,
-aber mit diesem im Incest lebt. Brisa-Testa erzählt seine lange
-Lebensgeschichte, die ihn nach England, Schweden, Russland, Sibirien
-und der Türkei geführt hat. Er schildert die perversen Neigungen und
-Grausamkeiten der Kaiserin Katharina II., die sich im Winterpalais
-tribadischen Genüssen hingiebt, wobei sie die Knute weidlich gebraucht.
-Nach verschiedenen Vergnügungen bei den Räubern, die ebenfalls den
-Genuss von Menschenfleisch lieben, bricht Juliette mit Clairwil nach
-Neapel auf. Sie wird von König Ferdinand in Portici empfangen, hält
-ihm einen hochweisen politischen Vortrag über das Königreich Neapel
-und dessen Zustände, über die sittliche Verkommenheit der Bevölkerung,
-dieser „halbspanischen“ Nation,[582] und würzt ihre Rede mit heftigen
-Ausfällen gegen die Schwägerin des Königs, Marie-Antoinette. Die
-Königin Charlotte (Karoline) von Neapel ist eine leidenschaftliche
-Tribade, deren Reize „d’après nature“ Juliette gleich bei der ersten
-Bekanntschaft kennen lernt, bei der es zu einer tribadischen Szene
-zwischen den beiden kommt und der Godmiché sowie die defaecatio ad os
-eine Rolle spielen. Ferdinand ist Nekrophile. Paedicat cadaver eines
-von ihm erdrosselten Pagen. Die herrlichen Umgebungen Neapels, die
-aber auch die Erinnerungen an die Greuel Nero’s wachrufen, werden
-durch Orgien am Cap Misenum, in Puzzoli, in den Ruinen der Insel
-Procida, auf Ischia und Niceta entweiht. Im Venustempel zu Bajae
-geben sich Clairwil, Juliette und Olympia Borghese gemeinen Fischern
-hin, um dann zu vornehmeren Genüssen beim Prinzen von Francavilla,
-einem vollendeten Paederasten, zurückzukehren. -- Er veranstaltet ein
-üppiges Gartenfest, wo herrliche Pavillons, wollüstig ausgestattete
-Kioske, stimulierende Flüssigkeiten, Massenflagellationen und --
-automatisch wirkende Phallusmaschinerien die Sinne erhitzen, und die
-Königin Karoline „trunken von Wollust und sehr erregt durch Weine und
-Liköre“ bacchantisch wütet. -- Bei einem Besuch des Antikenmuseums in
-Portici sehen unsere Reisenden ein Gemälde, das einen Satyr mit einer
-Ziege in Verkehr zeigt, welcher Akt nach dem den Führer spielenden
-König Ferdinand noch heute in Italien oft ausgeführt werde.[583] Die
-Ruinen von Herculanum und Pompeji dienen als Stätten der Lust. Vespoli,
-der Beichtvater des Königs und Leiter seiner Orgien, hat in Salerno
-ein Haus für geheime Hinrichtungen und Folterungen eingerichtet. Er
-findet hauptsächlich Genuss an der Kreuzigung und an der sexuellen
-Befriedigung mit -- Irrsinnigen! In Paestum wohnen die drei teuflischen
-Weiber bei einer tugendhaften Witwe, die drei junge unschuldige Töchter
-hat. Natürlich werden alle vergewaltigt und getötet genitalibus
-laceratis. Sorrent, Castellamare und die blaue Grotte werden dann
-besucht. Und auf Capri ahmt man die Thaten des ehemaligen Bewohners
-der Insel, des Kaisers Tiberius, nach. Man kehrt gerade zur rechten
-Zeit nach Neapel zurück, um ein grosses Volksfest mitzufeiern, bei
-dem es wild hergeht und 400 Personen getötet werden. Karoline und
-Juliette schmieden ein Complott gegen den König Ferdinand, das durch
-den folgenden von der Königin unterschriebenen Kontrakt gekennzeichnet
-wird: „Ich werde meinem Gatten alle Schätze stehlen und sie derjenigen
-geben, die mir das Gift liefern wird, das notwendig ist, um ihn
-in die andere Welt zu befördern“. Dieser Vertrag wird durch eine
-tribadische Szene besiegelt. Der nichts ahnende König erfreut Juliette
-noch durch zwei besonders seltene Darbietungen. Er lässt zwei Frauen
-auf eiserne Platten binden und diese mit solcher Gewalt auf einander
-stossen, dass die beiden Körper zerquetscht werden. Das Merkwürdigste
-aber ist das „Theater der Grausamkeiten“, dessen Aufführungen etwas
-ungewöhnlicher Art sind. Hinrichtungen und wieder Hinrichtungen! Das
-ist das beständige Programm der Vorstellungen. Jeder Eingeladene hat
-seine eigene Loge, in der sieben Gemälde mit sieben verschiedenen Arten
-von Hinrichtungen hängen: Feuer, Peitschung, Strick, Rad, Pfählung,
-Enthauptung, Zerstückelung. Ferner befinden sich in der Loge 50
-Porträts von Frauen, Männern und Kindern. Jedem Porträt und jeder Art
-der Hinrichtung entspricht ein Apparat, den man durch einen Druck auf
-einen Knopf in Gang setzt, nachdem der Maschinist durch den Glockenton
-benachrichtigt worden ist. Erster Glockenton: Bezeichnung des
-Opfers, welches alsbald auf der Bühne erscheint. Zweiter Glockenton:
-Bezeichnung der Hinrichtung, welche alsbald von vier Henkern, „nackt
-und schön wie Mars“ vollzogen wird. O, das ist unerhört, das ist
-herrlich! Die Eingeladenen geben sich alle Mühe die amüsantesten
-Combinationen zu finden, und bei dieser einen „Vorstellung“ werden
-1176 Personen vom Leben zum Tode gebracht. Der Autor versichert, dass
-das alles ganz genau so zugegangen sei und, wenn wir die Vorstellung
-gesehen hätten, wir sie nicht treuer hätten beschreiben können!
-Dieses Schauspiel begeistert Juliette und Clairwil zu einem besonders
-pikanten Verbrechen. Sie schwören ihrer treuen Begleiterin Olympia
-Borghese Verderben. Auf einer Spazierfahrt, die sie auf den Gipfel
-des Vesuv führt, stürzen sich die Beiden auf die ahnungslose Olympia,
-entkleiden sie und werfen sie in den Krater hinein, worauf sich ihre
-sexuelle Erregung in einer tribadischen Orgie Luft macht. Bei dieser
-erfolgt ein Ausbruch des Vesuv! „Ah, Olympia verlangt ihre Kleider!“
-ruft die cynische Juliette, die sie ihr auch, aber erst, nachdem sie
-alle Wertgegenstände herausgenommen hat, hinunterwirft. -- Inzwischen
-hat die Königin Karoline die Millionen des Königs bei Juliette in
-Sicherheit gebracht und will mit ihr nach Ermordung des Königs nach
-Frankreich entfliehen. Juliette denunciert sie aber bei Ferdinand, der
-die Königin einkerkern lässt, während die Anstifterin des Complotts mit
-allen Schätzen entflieht.
-
-Clairwil und Juliette treffen die Giftmischerin Durand wieder, die
-aber Clairwil hasst und Juliette überredet, sie zu vergiften, indem
-sie ihr vorspiegelt, dass Clairwil ihr nach dem Leben trachte. Nach
-der Ermordung sagt die Durand kaltblütig: „Ich habe Dich belogen. Sie
-dachte nicht daran, Dich umzubringen. Aber ihre Zeit war um. Sie musste
-sterben.“ Der Vorfall wird bald über einigen ingeniösen Unterhaltungen
-mit Matrosen, denen die Beiden sich nächtlicherweile im Hafen von
-Ancona hingeben, vergessen. Sie kommen dazu, wie der Kaufmann Cordelli
-in einer Kirche den Leichnam seiner eigenen Tochter schändet. Dieses
-blutdürstige Scheusal besitzt ein „Schloss am Meer“, aus dem er seine
-Opfer ins Meer stürzen lässt, oder sie auch wie die unglückliche
-Raymonde in einen Schlangenkäfig sperrt, wo sie von den Schlangen
-gefressen werden. Aber er treibts nicht mehr lange. Die Durand und
-Juliette vergiften ihn und seine Genossen und bemächtigen sich seiner
-ungeheuren Reichtümer.
-
-Sie reisen nach Venedig, wo sie ein Bordell im Stile der Madame Gourdan
-errichten, das sich eines eifrigen Besuchs von Seiten der vornehmen
-Welt zu erfreuen hat und wiederum Veranlassung zur Schilderung
-sexualpathologischer Typen giebt. Zuerst erscheint ein alter Prokurator
-von St.-Marcus, dessen Passion menstruirende Mädchen sind. Aber es
-darf nie dasselbe sein. Raimondi ist ein exquisiter „Voyeur“. Der
-Dritte ist ein „Lécheur“. Der Vierte bringt stets zwei Negerinnen mit,
-da er die Contrastwirkung liebt. Der Fünfte lässt sich anbinden und
-eine „Scheinhinrichtung“ an sich vollziehen. Der französische Gesandte
-stürzt Mädchen in einen flammenden Abgrund. Auch die Tribaden Venedigs
-erscheinen auf der Bildfläche. Die Zanetti sucht ihre Opfer in Kirchen
-und ist sehr erfahren in der „Bildung obscöner Gruppen“. Sie leidet an
-Kleptomanie. Ihr Geliebter ist Moberti, das Oberhaupt einer eleganten
-Verbrecherbande, der wie seine Freundin conträrsexual ist. Dieses
-Mannes grösster Kummer ist, dass es keinen Gott giebt und er ihn daher
-nicht beschimpfen kann. Eines Tages verwandelt sich der zärtliche
-Liebhaber in einen wilden Tiger. Er lässt sich nämlich im Bordell der
-Durand mit einem Tigerfell bekleiden und tötet durch seine „Bisse und
-Tatzen“ die Zanetti. -- Eine zweite Tribade ist Signora Zatta, in
-ihren Allüren ganz Mann. Sie hat einen kunstvollen Phallus construirt,
-der mit Spitzen für mehrere orificia corporis versehen ist. -- Ganz
-eigentümliche Gewohnheiten hat ein gewisser Cornaro. Er befriedigt sich
-an kleinen Knaben, aber nur, wenn deren -- Mutter und Tante zugegen
-sind. Er giebt ein „anthropophagisches Souper“, bei dem die Durand,
-Juliette und Laurentia, die „verderbteste, lascivste und geistreichste
-Frau von ganz Italien“ zugegen sind. Neger und Negerinnen,
-Flagellanten, alte Weiber, kleine Knaben und Mädchen assistieren bei
-den nach dem Souper verübten Grausamkeiten, die Cornaro zu dem Ausruf
-begeistern: „Combien la nature corrompue est belle dans ses détails!“
--- Silvia, eine vornehme Dame, angefeuert durch die sechste Satire
-des Juvenal, prostituirt sich wie Messalina im Bordell der Durand et
-dentibus lacerat genitalia. Ber Senator Beanchi bringt seine seit
-langem gehegte fixe Idee zur Ausführung, seine beiden Nichten zu
-prostituiren. -- Alberti untersucht seine Opfer wie „Pferde“, hat
-es besonders auf gravide Frauen abgesehen, die er langsam zu Tode
-martert, indem er ihnen allmählich die Nahrung entzieht. -- Der Senator
-Contanini bringt seine Tochter ins Bordell und gebraucht sie. Man
-spiegelt ihm später ihren Tod vor, um sie als Prostituirte auszubilden.
-Auch mit Giften und Wahrsagekünsten machen Juliette und die Durand gute
-Geschäfte. Sie werden von Zeno, dem Kanzler der Republik, zu einer
-Orgie geladen und geniessen mit Venetianerinnen bei einer Gondelfahrt
-die Freuden der lesbischen Liebe, die noch erhöht werden durch einen
-Sturm, der auf offenem Meere ausbricht. Juliette muss in dem Palais
-einer vornehmen Venetianerin deren Sohn und Tochter verführen. Auch der
-Rat der Zehn stellt sich ein.
-
-Schliesslich nimmt aber die Herrlichkeit ein Ende. Das Bordell wird
-aufgehoben; das Vermögen der Durand und Juliettens konfisciert.
-Juliette geht nach Lyon, von wo sie Noirceuil über ihre bevorstehende
-Rückkehr nach Paris benachrichtigt und dem Abbé Chabert mitteilt,
-dass er ihre nun schon sieben Jahre alte Tochter Marianne ebenfalls
-nach Paris bringe, damit sie dort zur „Verbrecherin“ erzogen werde.
-Die Freude des Wiedersehens mit Noirceuil ist gross. Dieser hält
-gleich eine seiner grossen Reden und sagt, dass Juliette ihn noch
-tausend Mal schlechter wieder fände, als sie ihn verlassen habe.
-Er hat inzwischen auch Saint-Fond umgebracht. Sie feiern dann ihr
-Wiedersehen mit einem Morde. Juliette richtet sich in Paris ein Bordell
-ein, für Männer und Frauen, für welches sechs Kupplerinnen die Waren
-herbeischaffen. Juliette und Noirceuil schwelgen in wahrhaft grandiosen
-Ausschweifungen, in denen sie den Kaiser Nero und die Kaiserin Theodora
-zu übertreffen suchen. Noirceuil heiratet in einer Kirche unter Gebet,
-Segen und mit Zeugen seine beiden Söhne, Juliette ihre Tochter und
-ein von ihr verführtes Fräulein Fontanges! Die Freuden dieser in der
-Weltgeschichte einzigen Ehen dauern nicht lange. Bei einer Orgie, die
-Desrues und Cartouche als Henker mit ihrer Gegenwart beehren, werden
-die Söhne Noirceuils und Mademoiselle Fontanges unter grässlichen
-Foltern ermordet. Juliettens Tochter wird ins Feuer geworfen!
-
-Hier endet Juliette ihre Erzählung vor den staunenden Zuhörern, nachdem
-sie noch hinzugefügt hat, dass sie in dem Dorfe, wo das Landgut
-Noirceuil’s liegt und wo das Wiedersehen mit Justine stattgefunden hat,
-alle Brunnen vergiftet und so den Tod sämtlicher Bauern herbeigeführt
-habe. Juliette schliesst ihren langen Bericht mit einer glühenden
-Apotheose des Lasters. Das ist die glückliche Lage, in der Ihr mich
-jetzt seht, meine Freunde! Ich gestehe es, ich liebe das Verbrechen
-leidenschaftlich. Dieses allein reizt meine Sinne, und ich werde
-seine Grundsätze bis zum letzten Tage meines Lebens verkünden. Frei
-von jeder religiösen Furcht, erhaben über die Gesetze durch meine
-Verschwiegenheit und meine Reichtümer, möchte ich die göttliche oder
-menschliche Gewalt kennen lernen, die mir meine Wünsche verbieten
-könnte. Die Vergangenheit ermutigt mich; die Gegenwart elektrisiert
-mich; ich fürchte wenig die Zukunft und hoffe, dass der Rest meines
-Lebens die Ausschweifungen meiner Jugend bei weitem noch übertreffen
-wird. Die Natur hat die Menschen dazu geschaffen, damit sie sich über
-alles auf der Erde amüsieren. Das ist ihr höchstes Gesetz und wird
-immer dasjenige meines Herzens sein. Um so schlimmer für die Opfer,
-die es geben muss. Alles würde im Universum zu Grunde gehen ohne die
-erhabenen Gesetze des Gleichgewichtes. Nur durch Frevelthaten erhält
-sich die Natur und erobert die ihr von der Tugend entrissenen Rechte
-wieder. Wir gehorchen ihr also, indem wir uns dem Bösen überliefern.
-Ein Widerstand wäre das einzige Verbrechen, das sie niemals verzeihen
-darf. O meine Freunde, überzeugen wir uns von diesen Grundsätzen, aus
-deren Verwirklichung alle Quellen des menschlichen Glückes entspringen.“
-
-Mehr als einmal hat Justine während dieser langen Erzählung geweint.
-Nicht so der Chevalier und der Marquis. Nach der Rückkehr Noirceuils
-und Chaberts wird die Opferung dieser unverbesserlichen „Tugendhaften“
-beschlossen. Im letzten Augenblick aber schlägt Noirceuil einen
-Schicksalsspruch vor, da eben ein heftiges Gewitter heraufzieht. Man
-bringt Justine ins Freie. Und siehe da! sie wird auf der Stelle vom
-Blitz erschlagen. Darob begeisterter Jubel der Genossen des Lasters.
-Die Natur hat gesprochen. Das Laster ist des Menschen einziges Glück.
-Während sie noch an der Leiche der unglücklichen Justine ihre Greuel
-verüben, erscheint plötzlich die Durand wieder auf der Bildfläche.
-Sie hat einen grossen Teil des in Venedig konfiszierten Vermögens
-gerettet. Zum Schluss wird Noirceuil zum Minister ernannt, Chabert
-wird Erzbischof, der Marquis wird Gesandter in Konstantinopel und der
-Chevalier bekommt eine Rente von 400000 Livres. Juliette und die Durand
-folgen ihrem geliebten Noirceuil zu neuen Herrlichkeiten, bis nach zehn
-Jahren glänzender Erfolge des Lasters Juliette stirbt.
-
-„Wer einmal meine Geschichte schreibt“, hat sie ausgerufen, „der
-betitle sie: Die Wonne des Lasters!“
-
-
-5. Die „Philosophie dans le Boudoir“.
-
-Die „Philosophie dans le Boudoir ou les instituteurs immoraux“ erschien
-zum ersten Male 1795 als „Ouvrage posthume par l’auteur de Justine“
-in 2 Bänden mit 5 Bildern, zum zweiten Male 1805 in 2 Bänden mit 10
-Bildern und seitdem öfter.
-
-Das Werk ist eine Nachahmung der „Education de Laure“ von +Mirabeau+
-und zum Teil auch der „Aloysia Sigaea“ des +Nicolas Chorier+. Das
-Hauptthema: die +Erziehung eines jungen Mädchens zum Laster+ wird in
-Form von Dialogen und langen lehrhaften Vorträgen erörtert, die nur ab
-und zu von praktischen Ausführungen der gepredigten Ausschweifungen
-unterbrochen werden. Die Handlung tritt zurück hinter den theoretischen
-Erörterungen.
-
-Charakteristisch für den Ton des Ganzen ist die Vorrede an die
-Wüstlinge: „Wüstlinge jeden Alters und beiderlei Geschlechts! Nur Euch
-widme ich dieses Werk; nährt Euch mit dessen Grundsätzen, die Euren
-Leidenschaften günstig sind. Diese Leidenschaften, von welchen Euch
-kleinliche und kalte Moralisten zurückschrecken, sind nichts weiter
-als Mittel, welche die Natur anwendet, um den Menschen ihre Zwecke in
-Beziehung auf ihn zukommen und sie ihn erkennen zu lassen; hört nur auf
-diese wonnigen Leidenschaften, ihr Organ ist das einzige, welches Euch
-zum Glück zu leiten im Stande ist.
-
-„Schlüpfrige Weiber, deren Modell die wollüstige Saint-Ange sein möge,
-verachtet, ihrem Beispiele folgend, Alles, was mit den göttlichen
-Gesetzen des Vergnügens im Widerspruch steht und was das ganze Leben in
-Fesseln hält.
-
-„Junge Mädchen, die Ihr lange in widersinniger Sklaverei gehalten
-worden seid, welche von einer phantastischen Tugend und ekelhaften
-Moral erfunden, Euch nur gefährlich werden muss, ahmt das Beispiel der
-glühenden Eugenie nach; reisset nieder und tretet mit Füssen, wie sie
-es thut, alle lächerlichen Lehren, die Euch von einfältigen Eltern
-eingeprägt wurden.
-
-„Und Ihr liebenswürdige Wüstlinge, die Ihr seit Eurer Jugend keine
-anderen Zügel kanntet, als diejenigen, mit welchen Euch Eure Begierden
-leiten, anerkennt keine anderen Gesetze als Eure Launen; möge Euch
-der Cyniker Dolmancé zum Beispiel dienen! Geht so weit wie er, damit,
-wenn Ihr die ganze Bahn durchlaufen, welche von der Wollust mit Blumen
-bestreut, sich Euren Blicken darbietet, Ihr Euch überzeugt, dass es nur
-eine Lebensschule giebt, in welcher Ihr den Horizont Eures Geschmackes
-und Eurer Phantasien ausdehnen möget, dass man nur dann, wenn man
-seinem Genusse Alles opfert, seinen Lebenszweck erfüllt, dass endlich
-der Mensch, welcher diese sonst so traurige Welt bewohnt, nur auf diese
-Weise aus den Dornen des Lebens Rosen zu pflücken vermag.“
-
-Skizzieren wir in aller Kürze die dürftige Handlung des Stückes. Im
-ersten Gespräch treten Madame de St.-Ange und ihr Bruder, der Chevalier
-de Mirvel auf. Die Erstere ist ein Juliette-Typus, die alles, was mit
-ihr in Berührung kommt, vergiftet. Ihr Bruder dagegen ist mehr receptiv
-und tritt in dem Buche hinter der kraftvolleren Individualität des
-Dolmancé zurück. Dieser ist ein im Laster consequenter Cyniker, der mit
-seiner geistreichen Sophistik stets die ganze Situation beherrscht. Er
-ist nach Mirvels Beschreibung durch seinen frühbegonnenen lasterhaften
-Lebenswandel hart geworden und besitzt anstatt des Herzens nur
-tierische Begierden. Er ist Paederast und hört nicht auf, in Apologien
-dieses Lasters zu schwelgen.
-
-Eugenie von Mistival ist ein junges Mädchen, deren Mutter eine
-Betschwester ist und deren Vater ein Verhältnis mit Madame de St.-Ange
-unterhält. Letztere hat ihr schon einen theoretischen Unterricht im
-Laster erteilt, ihr alle Lehren der Religion und der reinen Moral
-ausgeredet und sie so umgarnt, dass Eugenie sich ganz ihrer Leitung
-anvertrauen will. So soll sie denn heute -- die ganze Handlung
-spielt sich im Laufe eines einzigen Tages ab -- in die Mysterien des
-Venusdienstes und -- Sodoms eingeweiht werden. Eugenie kommt und
-verrät ihre wahre Natur sofort durch das Bekenntnis, dass sie ihre
-Mutter, diese alte Betschwester, hasse. Dolmancé erscheint als Letzter
-und nunmehr wird Eugenie, die errötend im Anfange Scham heuchelt,
-zuerst über die Anatomie und Physiologie der männlichen und weiblichen
-Genitalien cum demonstratione[584] belehrt und empfängt darauf in
-den Künsten der „amour physique“ und „antiphysique“ Unterricht.
-Später werden zu dem praktischen Unterricht auch der Chevalier und
-ein Gärtnerbursche und Idiot Augustin zugezogen, so dass Eugenie das
-Arrangement obscöner Gruppen kennen lernt. Gegen Abend, als Eugenie
-sich bereits in das grausamste erotische Scheusal verwandelt hat, kommt
-ihre Mutter, Madame de Mistival gerade zur rechten Zeit. Unter den
-Augen der jauchzenden Tochter wird sie scheusslich vergewaltigt, von
-einem Knecht Lapierre syphilitisch infiziert, und bevor man zu Tische
-geht, muss Eugenie an ihrer Mutter die Infibulation vollziehen.
-
-Dies der Gang der Handlung. Mehr als Dreiviertel des Buches werden
-durch lehrhafte Excurse ausgefüllt.
-
-
-6. Die übrigen Werke des Marquis de Sade.
-
-„Justine“, „Juliette“ und die „Philosophie dans le Boudoir“ sind
-die Werke, denen der Marquis +de Sade+ seinen herostratischen Ruhm
-verdankt. Alle übrigen zahlreichen Schriften desselben sind milde und
-erträglich im Vergleich mit den eben genannten. +Marciat+ nennt deshalb
-die in ihnen zum Ausdruck kommenden Ideen den „petit sadisme“, den
-„kleinen Sadismus“.[585]
-
-„Aline et Valcour ou le Roman philosophique, écrit à la Bastille un an
-avant la Révolution“, erschien zuerst 1793 in 4 Bänden, später im Jahre
-1795. +Girouard+ wurde 1792 mit dem Drucke dieses Werkes von +Sade+
-beauftragt. Der Drucker wurde aber in eine royalistische Verschwörung
-verwickelt, verhaftet und guillotiniert. Inzwischen war der Roman
-heimlich gedruckt worden, und erschien 1793 unter der Firma der Frau
-+Girouard’s+. Er fand wenig Käufer. 1795 wurden Exemplare mit neuem
-Titel in den Handel gebracht. In demselben Jahre erwarb der Buchhändler
-+Maradan+ die Restexemplare, änderte nur Titel und Titelbild, und
-brachte das Werk so in den Handel.[586] Es ist, wie +Marciat+ richtig
-vermutet, unzweifelhaft ein Vorbild der „Justine et Juliette“, da es
-fast dieselben Charaktere schildert. Valcour, ein tugendhafter junger
-Mann liebt Aline, die edle Tochter der edlen Frau des grausamen und
-lasterhaften Präsidenten de Blamont. Dieser möchte seine Tochter
-gern an den alten Wüstling Dolbourg verheiraten, zumal da er schon
-früher die tugendhafte Sophie, die er für seine Tochter hält, diesem
-alten Freunde als Maitresse ausgeliefert hat. Er will, wenn dieser
-Heiratsplan gelungen ist, dem Dolbourg seine Frau zur Geliebten geben,
-um von ihm dessen Frau, also seine Tochter, in gleicher Eigenschaft
-zurückzuerhalten. Der Plan misslingt. Aline tötet sich. Madame de
-Blamont wird auf Befehl des Gatten vergiftet. Valcour geht ins Kloster,
-Dolbourg wird tugendhaft, und der Präsident muss fliehen. In Rosa
-und Leonore sind zwei lasterhafte weibliche Personen geschildert.
-Leonore, die überall Glück hat, erscheint als Pendant zu Juliette. Auch
-an sonstigen interessanten Persönlichkeiten ist das Werk reich. Bis
-auf die Vergiftung und einige Flagellationsszenen enthält „Aline et
-Valcour“ keine Schilderungen von Grausamkeiten.[587]
-
-+Quérard+ meint, dass der Autor als Valcour sich selbst geschildert
-habe und bisweilen dort seine eigene Geschichte erzähle.[588]
-
-Die „Crimes de l’Amour ou le Délice des passions; Nouvelles héroiques
-et tragiques, précédé d’une Idée sur les Romans“ Paris 1800, sind eine
-Sammlung romantischer Erzählungen wie z. B. „Juliette et Raunai“,
-„Clarisse“, „Laurence et Antonio“, „Eugène de Franval“ u. s. w., in
-denen der Kampf zwischen Laster und Tugend geschildert wird. Gewöhnlich
-aber siegt die Tugend. Der Marquis +de Sade+ handelt über diese
-Sammlung in seiner polemischen Schrift gegen +Villeterque+.[589]
-
-Als Vorrede zu den „Crimes de l’Amour“ schrieb +Sade+ die „Idée
-sur les Romans“, eine nicht ungeschickte Uebersicht über die
-Romanschriftstellerei des 18. Jahrhunderts, eingeleitet durch eine
-historische Skizze der Entwickelung des Romans, den er als „Gemälde
-der Sitten des Jahrhunderts“ definiert, das in gewissem Sinne die
-Geschichte ersetzen müsse. Nur ein Menschenkenner kann einen guten
-Roman schreiben. Diese Menschenkenntnis erwirbt man durch Unglück
-oder Reisen. Am Schlusse weist er die Vorwürfe, die man ihm über
-die cynische Ausdrucksweise in „Aline et Valcour“ gemacht hat,
-als ungerechtfertigt zurück. Man muss das Laster zeigen, damit es
-verabscheut werde. Die gefährlichsten Werke sind die, welche es
-verschönern und in glänzenden Farben schildern. Nein, es muss in seiner
-ganzen Nacktheit vor Augen stehen, damit es in seinem wahren Wesen
-erkannt und gemieden werde.
-
-Endlich erwähnen wir noch das Pamphlet, welches +Sade+ die Ungnade
-+Napoléon’s+ zuzog. „Zoloé et ses deux acolytes“ erschien 1800 in
-Paris. Zoloé ist +Josephine de Beauharnais+, die Gattin +Bonaparte’s+.
-Sie wird als eine lascive, geldgierige Amerikanerin geschildert. Ihre
-Freundin Laureda (Madame +Tallien+), eine Spanierin, ist „ganz Feuer
-und ganz Liebe“, sehr reich und kann daher alle ihre perversen Gelüste
-befriedigen. Sie und Volsange (Mad. +Visconti+) nehmen mit Zoloé an den
-Orgien mit ausschweifenden Wüstlingen Teil. Unter den letzteren erkennt
-man +Bonaparte+ in dem Baron d’Orsec und +Barras+ in dem Vicomte de
-Sabar. Ein Wort allein würde genügt haben, wie +Cabanès+ sagt, um den
-Verfasser zu enthüllen. Das ist das Wort „Tugend“ (Les malheurs de la
-+vertu+). Er erklärt in „Zoloé“: „Qu’on se rappelle que nous parlons
-en historien. Ce n’est pas notre faute si nos tableaux sont chargés
-des couleurs de l’immoralité, de la perfidie et de l’intrigue. Nous
-avons peint les hommes d’un siècle qui n’est plus. Puisse celui-ce
-en produire de meilleurs et prêter à nos pinceaux +les charmes de la
-vertu+!“
-
-Von den +Komödien+ des Marquis +de Sade+ sind nur „Oxtiern ou les
-Malheurs du libertinage“ Versailles 1800, in der die Wonne des
-Verbrechens gerühmt wird, und „Julia, ou le Mariage sans femme“
-(Manuscript), eine Verherrlichung der Paederastie, erwähnenswert.
-
-
-7. Charakter der Werke des Marquis de Sade.
-
-Von den berüchtigten Hauptwerken des Marquis +de Sade gilt+, was
-+Macaulay+ von den „Denkwürdigkeiten“ des Dr. +Burney+ sagt. Es
-ist kein Vergnügen, sie zu lesen, sondern eine +Aufgabe+. Wer sich
-überzeugen will, eine wie trostlose geistige und körperliche Oede die
-ausschliessliche Beschäftigung mit dem +rein Geschlechtlichen+ im
-Menschen hervorbringt, der lese die Werke des Marquis +de Sade+. Man
-wird dies aus der blossen Analyse, die wir von „Justine“ und „Juliette“
-gegeben haben, entnehmen können. Und dann hat +Sade+ das gethan, was
-+Fritz Friedmann+ in seiner lesenswerten Studie über „Verbrechen
-und Krankheit im Roman und auf der Bühne“ als eine „litterarische
-Sünde“ bezeichnet[590]: er hat das +kalte und nackte Verbrechen+ zum
-Ausgangs- und Kernpunkt der Handlung gemacht! Diese Verbindung des
-Geschlechtlichen mit Verbrechen und destruktiven Vorgängen aller Art
-muss um so furchtbarer wirken, als sie durch eine +Einbildungskraft
-ohnegleichen+ tausendfach variirt wird. Schon +Janin+ hat erkannt, dass
-+de Sade+ die „unermüdlichste Einbildungskraft besass, die vielleicht
-jemals die Welt in Schrecken gesetzt hat.“[591] So allein konnte ein
-pornographisches Riesenwerk von zehn Bänden entstehen, das „durch
-den blossen Umfang und das Maass der damit geleisteten geistigen
-und rein mechanischen Arbeit unwillkürlich imponierend wirkt“[592].
-Diese enorme Einbildungskraft spricht sich nach +Eulenburg+ ferner
-aus in dem „bizarren Entwurf dieser ungeheuerlichen, langgedehnten,
-vielgliedrigen Komposition und seiner bis ins Einzelne gehenden
-Ausgestaltung mit all ihren fast unentwirrbaren Fäden, mit der Unzahl
-der nacheinander auftretenden Personen, mit der sehr raffiniert
-durchgeführten allmählichen Steigerung und mit der fast nie versagenden
-Treue der Erinnerung und Rückbeziehung!“ Dazu kommt der Grundton der
-+Sade’schen+ Werke, den Juliette als „corruption réfléchie“ (Juliette
-IV, 87) bezeichnet, die endlosen, immer wiederkehrenden, immer dasselbe
-wiederholenden +philosophischen Discussionen und Dialoge+.
-
-Endlich, um das abschreckende Bild zu vollenden, die wahrhaft
-+ungeheuerlichen Behauptungen und Uebertreibungen+, stupide Hyperbeln
-einer ausschweifenden Phantasie. Minski trinkt 60 Flaschen Wein auf
-einmal (Juliette III, 332); der Karmelitermönch Claude hat drei
-Testikel (Juliette III, 77); im „Theater der Grausamkeiten“ zu Neapel
-werden 1176 Menschen auf ein Mal getötet (Juliette VI, 22-26) u. s. w.
-u. s. w. Nicht selten sind auch, wie sich bei einem solchen Graphomanen
-erwarten lässt, grobe chronologische und geographische Irrtümer. So
-lässt er Moses die Geschichte Loths während der Gefangenschaft der
-Juden zu Babylon schreiben (Philosophie dans le Boudoir I, 195) und
-Pompeji und Herculanum in Griechenland liegen (ib. 196), u. a. m.[593]
-
-Mögen also auch die Werke des Marquis +de Sade+ in kulturhistorischer
-und allgemein menschlicher Beziehung sehr wichtig und lehrreich sein,
-wie wir glauben, so wirkt entschieden ihre äussere Form abstossend.
-Die Geistesöde und sinnlosen Tautologien in den Hauptschriften müssen
-auf ein schwaches Gehirn, welches sich nicht zu kulturhistorischer
-Betrachtung und wissenschaftlicher Analyse erheben kann, eine
-verderbliche Wirkung ausüben, wie schon +Janin+ erkannt hat, wenn er
-in beredten Worten diese Wirkung an einem Beispiel veranschaulicht.
-Weniger gefährlich sind die den Werken beigegebenen +obscönen
-Bilder+. Nach +Renouvier+ sollen die berühmten Künstler +Chéry+ und
-+Carrée+ die Zeichnungen zu diesem „Werke eines Maniakus geliefert
-haben, das die Zeit der Freiheit beschmutzt hat“.[594] Wir haben
-die Originalzeichnungen, welche noch in dem Besitze eines Pariser
-Bibliophilen existieren sollen,[595] nicht gesehen, und können also
-nicht beurteilen, ob diese den Angaben +Renouviers+ entsprechen. Nach
-den der „Justine et Juliette“ beigegebenen 104 Stichen können wir
-nur dem Urteil beistimmen, welches der geistreiche +Eulenburg+ über
-diese Bilder gefällt hat: „Ganz abgesehen von der Schauerlichkeit
-des Dargestellten ist der künstlerische Wert dieser Illustrationen
-überaus gering. Grobe Fehler der Zeichnung, der Perspektive,
-gänzlicher Mangel an Individualisierung, dürftige, fast ärmliche
-Erfassung der Szenerie frappieren bei der Mehrzahl der Bilder, denen
-man höchstens die kompositionelle Treue in Anlehnungen an die oft
-recht komplizierten Gruppenbeschreibungen des Textes als ein immerhin
-zweifelhaftes Verdienst zusprechen könnte. Hier hätte es, wenn schon
-Derartiges gewagt werden sollte, der entfesselten und vor nichts
-zurückschaudernden Phantasie bedurft, mit der ein Doré die Gestalten
-von Dantes Inferno nachzuschaffen gewusst hat.“[596] Etwas besser
-ausgeführt sind die zehn Lithographien in der „Philosophie dans le
-boudoir“ in der uns vorliegenden Ausgabe von 1805. Uebrigens zeichnen
-sich auch andere pornographische Werke des 18. Jahrhunderts durch
-schlechte Bilder aus wie z. B. +Mirabeau’s+ „Ma conversion“. Die
-Neuzeit leistet dank ihrer verbesserten Technik darin leider mehr.
-
-
-8. Die Philosophie des Marquis de Sade.
-
-Der Marquis ist der erste und einzige uns bekannte +Philosoph des
-Lasters+. Vergeblich wird man bei modernen Philosophen wie +Stirner+
-und +Nietzsche+, die doch auch mit Nachdruck den Egoismus, die
-„Herrenmoral“ und andere hyperindividualistische Ideen predigen, jene
--- wir möchten es so nennen -- „Vergeistigung“ des nackten, gemeinen,
-teuflischen Verbrechens finden wie bei +Sade+.
-
-Noch ein anderer Gesichtspunkt macht die Werke des Marquis +de Sade+
-für den Culturhistoriker, Arzt, Juristen, Nationalökonomen und
-Ethiker zu einer wahren Fundgrube des Wissens und der Erkenntnis.
-Diese Werke sind vor allem lehrreich dadurch, dass sie zeigen, +was
-alles im Leben mit dem Geschlechtstriebe zusammenhängt+, der, wie der
-Marquis +de Sade+ mit unleugbarem Scharfsinn erklärt hat, +fast alle
-menschlichen Verhältnisse in irgend einer Weise beeinflusst+. Jeder,
-der die +soziologische+ Bedeutung der Liebe untersuchen will, muss
-die Hauptwerke des Marquis +de Sade+ gelesen haben. Nicht +neben+ dem
-Hunger, sondern +mehr als+ der Hunger regiert die Liebe die Welt!
-
-Das an sich grässliche Gemälde der körperlichen Ausschweifungen in
-den Romanen des Marquis +de Sade+ soll durch eine gewisse geistige
-Tünche verschönert werden, in Gestalt der in denselben Schriften in
-grosser Ausführlichkeit entwickelten +philosophischen Betrachtungen+.
-In ihnen offenbart sich ebenfalls jene Gewohnheit der Franzosen, wie
-+d’Alembert+ sagt, „die nichtswürdigsten Dinge ernsthaft zu behandeln.“
-Delbène meint: „Man muss die Erregungen nicht nur empfinden, sondern
-auch analysieren. Es ist bisweilen ebenso süss, davon sprechen zu hören
-als sie selbst zu geniessen. Und wenn man den Genuss nicht mehr haben
-kann, ist es göttlich, über ihn zu sprechen.“ (Juliette I, 105.) Jérôme
-sagt, dass die in Sicilien gefeierten Orgien nur durch philosophische
-Discussionen unterbrochen wurden, und man nicht eher neue Grausamkeiten
-beging, bevor man sie nicht dadurch „legitimiert“ hatte (Juliette
-III, 45). Diese theoretischen Wollustgemälde sind auch nötig zur
-„Entwickelung der Seele“ (Justine IV, 173).
-
-Gerade diese philosophischen Erörterungen beweisen, dass „wir es
-bei +de Sade+ nicht mit dem ersten besten pornographischen Autor
-gewöhnlichen Schlages zu thun haben, sondern dass es sich hier um eine
-ganz ungewöhnliche und litterarische Erscheinung, +um eine direkt aus
-dem Urquell des Bösen schöpfende antimoralische Kraft handelt+“[597].
-Daher wird ein kurzer Blick auf das +philosophische System+ des Marquis
-+de Sade+ gerechtfertigt sein.
-
-Alle Anschauungen +Sade’s+ entspringen, wie dies nicht anders zu
-erwarten ist, aus seinem mit Consequenz durchgeführten +Materialismus+.
-Er vergöttert die Natur, die er stets als das +gute+ Prinzip der ihr
-feindlichen Tugend gegenüberstellt. Das Weltall wird durch seine eigene
-Kraft bewegt, und seine ewigen der Natur inhaerenten Gesetze genügen,
-um ohne eine „erste Ursache“ alles, was wir sehen, hervorzubringen.
-+Die beständige Bewegung der Materie erklärt alles.+ Wozu brauchen
-wir einen Beweger (moteur) für das, was immer in Bewegung ist? Das
-Weltall ist eine Versammlung von verschiedenen Wesen, die wechselseitig
-und succesive auf einander wirken und gegenwirken. Nirgends ist eine
-Grenze. Ueberall ist ein continuierlicher Uebergang von einem Zustande
-zu einem andern in Beziehung auf die Einzelwesen, die nach einander
-verschiedene neue Formen annehmen. (Juliette I, 72-73.)
-
-Bewegung und Stoss der materiellen Moleküle erklären alle körperlichen
-und geistigen Erscheinungen. Die Seele muss daher als „aktives“ und
-als „denkendes“ Prinzip materiell sein. Als aktives Prinzip ist sie
-teilbar. Denn „das Herz schlägt noch, nachdem es aus dem Körper
-herausgenommen worden ist.“ Alles, was teilbar ist, ist aber Materie.
--- Ferner ist das Materie, was Fährlichkeiten unterliegt (périclite).
-Der „Geist“ könnte nicht gefährdet sein. Die Seele folgt aber den
-Eindrücken des Körpers, ist schwach in der Jugend, niedergedrückt im
-Alter, unterliegt also allen Gefahren des Körpers, ist also = Materie.
-(Juliette I, 86.) Noch leichter macht sich Bressac die Beweisführung.
-Als der Körper der toten Frau des Grafen Gernande noch eine zuckende
-Bewegung macht, ruft er entzückt aus: „Seht Ihr, dass die Materie zu
-ihrer Bewegung keine Seele braucht!“ (Justine IV, 40.)
-
-Die +Unsterblichkeit der Seele+ ist daher natürlich eine Chimäre.
-Dieses blödsinnige Dogma hat die Menschen zu Narren, Heuchlern,
-Bösewichtern gemacht und „schwarzgallige“ Individuen gezüchtet. Nur
-dort ist Tugend, wo man die Unsterblichkeit nicht kennt. Juliette
-erlaubt sich gegenüber der Delbène die schüchterne Frage, ob der
-Gedanke der Unsterblichkeit nicht tröstlich für manche Unglückliche
-sei. Delbène antwortet, dass man seine Wünsche nicht zum Massstabe der
-Wahrheit nehmen dürfte. „Habe Mut, glaube an das allgemeine Gesetz,
-füge Dich mit Resignation in den Gedanken, dass Du in den Schoss der
-Natur zurückkehrst, um in anderen Formen wieder aus ihm hervorzugehen.
-Ein ewiger Lorbeer wächst auf dem Grabe Virgil’s, und es ist besser,
-für immer vernichtet zu werden, als in der sogenannten Hölle zu
-brennen“. „Aber“, fragt Juliette angsterfüllt, „was wird aus mir
-werden? Diese ewige Vernichtung erschreckt mich, diese Dunkelheit macht
-mich schaudern.“ -- „Was +warst+ Du vorher, vor Deiner Geburt? Dasselbe
-wirst Du wieder werden. Genossest Du damals? Nein. Aber littest
-Du? Nein. +Welches Wesen würde nicht alle Genüsse opfern+ für die
-Gewissheit, nie wieder Schmerzen zu leiden!“ (Juliette I, 83-85.)[598]
-
-Uebrigens sind diese Doctrinen von der Seele nicht die einzigen, die
-man als Materialist haben kann. Die Durand behauptet z. B., dass die
-Seele ein Feuer sei, das nach dem Tode erlösche und seine Stoffe in
-die Weltmaterie übergehen lässt (Juliette III, 247). Und der Bösewicht
-Saint-Fond konstruiert die Welt aus „molécules malfaisantes“, aus
-„bösen Elementen“. Er sieht daher im Universum nur die Schlechtigkeit,
-das Uebel, die Unordnung und das Verbrechen. +Das Böse existierte vor
-Erschaffung der Welt+ und wird nachher existieren. Warum ist das Alter
-schlechter als die Jugend, verderbter und entarteter? Weil die bösen
-Elemente in den Busen der „molécules malfaisantes“ zurückzukehren sich
-anschicken. Saint-Fond glaubt daher, dass das Böse den Menschen nach
-dem Tode erwarte, also an eine ewige Hölle. Wer auf der Erde böse
-gewesen ist, dem wird die Vereinigung mit dem „Bösen“ leicht werden.
-Die Tugendhaften werden grosse Qualen dabei leiden. Giebt es aber eine
-Hölle, dann ist der Gedanke an den Himmel nicht fern. Thatsächlich
-glaubt Saint-Fond an das Jenseits, an Belohnungen und Strafen. Um nun
-zu verhindern, dass seine Opfer in den Himmel kommen, schliesst er
-sich mit ihnen auf eine geheimnisvolle Weise ein und lässt sie mit
-ihrem Blute auf einem Stück Papier ihre Seele dem Teufel verschreiben,
-quam chartam membro suo ano eorum inserit, wobei die Betreffenden
-schrecklich gefoltert werden. (Juliette II, 287, 341.) Clairwil dagegen
-erklärt die Hölle für eine Erfindung der Priester. (Juliette II, 292
-ff.)
-
-Nach dem Vorgange +Holbach’s+, der jede religiöse Regung als geistige
-Verirrung bezeichnete, wird +Sade+ nicht müde, über die Begriffe
-„Gott“ und „Religion“ die Schale seines Spottes auszugiessen. Sein
-+Atheismus+ geberdet sich „in konsequenter Weise zugleich als
-fanatischer +Misotheismus+, der von dem bekannten Worte: ‚si Dieu
-n’existait pas, il faudrait l’inventer‘, nur Gebrauch zu machen
-scheint, um diesen eigens dazu erfundenen Gott blasphemisch zu
-beschimpfen und zu verhöhnen.“[599] Die Idee einer solchen Chimäre
-und die Aufrichtung eines solchen Monstrums ist das einzige Unrecht,
-das Delbène den Menschen nicht verzeihen kann. „Mein Blut kocht bei
-seinem Namen selbst. Ich glaube um mich die zitternden Schatten aller
-Unglücklichen zu sehen, welche dieser abscheuliche Aberglaube auf der
-Erde geopfert hat.“ Sie erinnert an die Unthaten des Klerikalismus und
-der Inquisition. Würde sie heute leben, sie würde gewiss die auch im
-Namen dieses klerikalen Gottes erfolgte Folterung des unglücklichen
-+Dreyfus+ nicht vergessen haben. Delbène unterzieht hierauf die
-verschiedenen Gottestheorien einer Kritik. Die Juden sprechen zwar von
-einem Gotte, aber sie erklären diesen Begriff nicht und reden nur in
-kindlichen Allegorien von ihm. Die Bibel ist von verschiedenen Menschen
-und „dummen Charlatans“ lange nach Moses geschrieben worden. Dieser
-behauptet, die Gesetze von Gott selbst empfangen zu haben. Ist diese
-Vorliebe Gottes für ein kleines unwissendes Volk nicht lächerlich? Die
-in der Bibel erzählten Wunder werden von keinem Historiker berichtet.
-Und wie hat dieser Gott die Juden behandelt! Wie hat er sie in alle
-Welt zerstreut als das odium generis humani. Bei den Juden darf
-man Gott nicht suchen. Da ist er nur ein „fantôme dégoûtant“. Aber
-vielleicht bei den Christen? Doch hier findet Delbène noch grössere
-Absurditäten. Jesus ist nach ihr entschieden schlauer als Moses. Dieser
-lässt das Wunder durch Gott geschehen. Jener macht es selbst! La
-religion prouve le prophète, et le prophète la religion.
-
-Da also weder durch das Judentum noch durch das Christentum die
-Existenz Gottes bewiesen wird, so müssen wir uns an unsere eigene
-Vernunft halten. Diese ist aber bei Mensch und Tier das Resultat des
-gröbsten Mechanismus. Erinnert man sich der Dinge als abwesender
-Objekte, so ist das Gedächtnis, Erinnerung. Erinnert man sich ihrer,
-ohne dass man von ihrer Abwesenheit unterrichtet ist, also sie als
-wirklich vorhandene Objekte ansieht, so ist das +Einbildung+, und
-diese Einbildung ist die wahre Ursache aller unserer Irrtümer. Die
-Imagination besteht aus „objektiven Ideen“, die uns nichts Wirkliches
-anzeigen, und die Erinnerung besteht aus „reellen Ideen“, die uns
-wirklich existierende Dinge anzeigen. Gott ist nun das Produkt der
-Imagination, der „erschöpften Einbildungskraft“ derer, die zu träge
-sind, um die lange Reihe der Ursachen und Wirkungen zu durchdenken
-und mit einem kühnen Salto mortale zu einer letzten Ursache greifen,
-deren Wirkung alle anderen Ursachen sind, die selbst aber keine
-Ursache mehr hat. Das ist Gott. Die „dumme Chimäre“ einer „débile
-imagination“, die nur eine „idée objective“ ohne reale Existenz zu
-denken vermag. Gott ist ein „Vampyr“, der das Blut der Menschen
-aussaugt. (Juliette I, 49-62.) In Wirklichkeit kann Gott gar nicht
-existieren, da die ewig wirkende Natur in fortwährender Bewegung sich
-befindet, sie aber diese Kraft nur aus sich selber besitzt, nicht aber
-vom Schöpfer zum Geschenk erhalten haben kann. Denn dann müsste man an
-das Vorhandensein eines trägen Wesens glauben, das, nachdem es seine
-Arbeit gethan, in Nichtsthun dahinlebt. Ein solches Wesen wäre aber
-lächerlich wegen seiner Ueberflüssigkeit. Denn es hätte nur so lange
-gewirkt, bis es erschaffen, dann aber hätte es während Jahrtausenden
-ruhen müssen. (Philosophie dans le Boudoir I, 56). Wenn die Materie
-nach Begriffen, die uns unbekannt sind, wirkt, wenn die Bewegung
-der Materie inhaerent ist, wenn nur sie allein im Stande ist, nach
-Massgabe ihrer Kraft zu schaffen, hervorzubringen, zu erhalten und
-fortzuführen, wie wir dies in dem unseren Sinnen fassbaren Universum
-erblicken, in welchem wir eine Unzahl von Weltkörpern um und über uns
-sehen, deren Anblick uns überrascht, deren gleichmässiger, geregelter
-Gang uns mit Bewunderung und Staunen erfüllt, wozu brauchen wir dann
-noch einen fremden, ausserhalb des Universums stehenden Faktor, da
-die bewegende und schaffende Kraft sich schon in der Natur selbst
-befindet? Diese Natur ist aber an und für sich nichts anderes als
-eine wirkende Materie (ib. I, 58). Nach allem dem ist dieser Gott
-ein launenhaftes Wesen, welches das von ihm geschaffene Geschöpf dem
-Verderben weiht. Wie fürchterlich, welch ein Ungeheuer ist ein solcher
-Gott! Gegen ihn müssten wir uns empören. Nicht zufrieden mit einer so
-grossen Aufgabe, ertränkt er den Menschen, um ihn zu bekehren, er
-verbrennt, er verflucht ihn, er ändert nichts daran, dieser hohe Gott,
-ja, er duldet ein noch viel mächtigeres Wesen neben sich, indem er das
-Reich Satans aufrecht erhält, welcher seinem Erschaffer zu trotzen
-vermag, der im Stande ist, die Geschöpfe, die sich Gott auserkoren,
-zu verderben und zu verführen. Denn nichts vermag die Energie Satans
-über uns zu besiegen. So hat ihn die Religion geschaffen, samt
-seinem einzigen Sohne, den er vom Himmel herabgeschickt und in einen
-sterblichen weiblichen Leib bannt. Man wäre geneigt, zu glauben, dieser
-Sohn Gottes müsste die Erde inmitten eines Engelchores, beleuchtet von
-glänzenden Strahlen betreten. Aber nein, er wird von einer sündhaften
-Jüdin in einem Stalle geboren. Wird uns seine ehrenvolle Sendung vor
-dem ewigen Tode retten? Folgen wir ihm, sehen wir, was er thut, hören
-wir, was er spricht! Welche erhabene Mission vollführt er? Welches
-Geheimnis offenbart er uns? Welche Lehre predigt er uns? Durch welche
-That lässt er uns seine Grösse erkennen? Wir sehen vor allem eine
-unbekannte Kindheit, einige Dienste, die er den jüdischen Priestern
-des Tempels von Jerusalem leistet, dann ein 15jähriges Verschwinden,
-während welcher Zeit er sich vom alten ägyptischen Kultus vergiften
-lässt, den er nach Judäa bringt. Er geht so weit, sich für einen Sohn
-Gottes zu erklären, der dem Vater an Macht gleich ist; er verbindet
-mit diesem Bündnis die Erschaffung eines dritten Wesens, des heiligen
-Geistes, indem er uns glauben machen will, diese drei Personen seien
-nur eine. Er sagt, er habe eine menschliche Form angenommen, um uns
-zu retten. Der sublime Geist musste also Materie, Fleisch werden und
-setzt die einfältige Welt durch seine Wunder in Erstaunen. Während
-eines Abendmahles betrunkener Menschen verwandelt er Wasser in Wein.
-Er speist in einer Wüste einige Faseler mit den von ihm verborgen
-gehaltenen Lebensmitteln. Einer von seinen Genossen spielt den Toten,
-um sich von ihm erwecken zu lassen. Er besteigt in Gegenwart zweier
-oder dreier seiner Freunde einen Berg und führt hier ungeschickte
-Taschenspielerkunststücke aus, deren sich jetzt ein Tausendkünstler
-schämen müsste. Dabei aber verflucht er alle, die ihm nicht glauben
-wollen, und verspricht den Gläubigen das Himmelreich. Er hinterlässt
-nichts Geschriebenes, spricht sehr wenig und tut noch weniger. Dennoch
-bringt er durch seine aufrührerischen Reden die Behörden auf und wird
-endlich gekreuzigt. In seinen letzten Augenblicken verspricht er
-seinen Gläubigen, zu erscheinen, so oft sie ihn anrufen, um sich von
-ihnen -- essen zu lassen. Er lässt sich also hinrichten, ohne dass
-sein Herr Papa (Monsieur son papa), dieser erhabene Gott, auch nur das
-Geringste thäte, um ihn von dem schimpflichen Tode zu retten. Seine
-Anhänger versammeln sich jetzt und sagen, die Menschheit sei verloren,
-wenn sie dieselbe durch einen auffallenden Handstreich nicht retteten.
-Lasst uns die Grabwächter einschläfern, stehlen wir den Leichnam,
-verkünden wir seine Auferstehung! Dies ist ein sicheres Mittel, um an
-dieses Wunder glauben zu machen; es soll uns dazu helfen, die neue
-Lehre zu verbreiten. Der Streich gelingt. Alle Einfältigen, die Weiber
-und Kinder faseln von einem geschehenen Wunder und dennoch will in
-dieser mit dem Blute Gottes getränkten Stadt niemand an diesen Gott
-glauben. Nicht ein Mensch lässt sich bekehren. Man veröffentlicht das
-Leben Jesu. Dieser schale Roman findet Menschen, die ihn für Wahrheit
-halten. Seine Apostel legen ihrem selbsterschaffenen Erlöser Worte in
-den Mund, an die er niemals gedacht hat. Einige überspannte Maximen
-werden zur Basis ihrer Moral gemacht, und da man dies alles Bettlern
-verkündet, so wird die Liebe des Nächsten und Wohlthätigkeit zur ersten
-Tugend erhoben. Verschiedene bizarre Ceremonien werden unter der
-Benennung „Sakramente“ eingeführt, unter welchen die unsinnigste die
-ist, dass ein sündenbelasteter Priester mittelst einiger Worte, eines
-Galimathias, ein Stück Brod in den Leib Jesu verwandelt. (Philosophie
-dans le Boudoir I, 60-64.) -- Man darf sich nicht wundern, wenn nach
-diesen Anschauungen der Marquis +de Sade+ oft die Heiligenschändung für
-ein Pflichtgebot erklärt und in scharfen Ausdrücken gegen Reliquien,
-Heiligenbilder, Crucifixe u. s. w. wettert und z. B. Dolmancé sagen
-lässt, dass es sein grösstes Vergnügen sei, Gott zu beschimpfen,
-gegen dieses Phantom unflätige Worte auszustossen. Dieser möchte gern
-eine Art ausfindig machen, um diese dégoûtante chimère noch mehr zu
-insultieren, und ist wie Moberti böse darüber, dass es gar keinen Gott
-giebt, so dass er in solchen Augenblicken seine Existenz herbeiwünscht
-(Philosophie dans le Boudoir I, 125-126).
-
-Von diesen +theoretischen+ Maximen gelangt der Marquis +de Sade+ zur
-Begründung einer +praktischen Lebensphilosophie+, eben der „Philosophie
-des Lasters.“
-
-Um den Triumph des Lasters in der menschlichen Gesellschaft zu
-verwirklichen, muss eine zweckentsprechende +Paedagogik+ gehandhabt
-werden. Der Marquis +de Sade+ hat richtig erkannt, dass die +Jugend+
-verderben gleichbedeutend ist mit der Untergrabung aller Sittlichkeit
-überhaupt. Diese Jugend, von der +Alexander von Humboldt+ in seinen
-unvergleichlichen Briefen an den König +Friedrich Wilhelm+ IV. sagt,
-dass sie das „+unzerstörbare+ uralte sich immer erneuernde Institut
-der Menschheit“ sei[600], die muss man nach +Sade+ für sich gewinnen.
-„C’est dans la jeunesse qu’il faut s’occuper de détruire avec énergie
-les préjugés inculqués dès l’enfance.“ (Juliette IV 134.) So hat denn
-+Sade+ in der „Philosophie dans le Boudoir“ gewissermassen einen
-Leitfaden der Erziehung zum Laster nach dem Vorbilde von +Mirabeau’s+
-„Education de Laure“ geschaffen, in dem er seine theoretischen
-Grundsätze entwickelt und ihre praktische Anwendung in der Verführung
-und Demoralisierung eines jungen Mädchens zeigt. -- Die Erziehung
-muss alle unsinnigen Religionslehren verbannen, durch welche die
-„jungen Organe“ der Kinder nur ermüdet werden und an deren Stelle den
-Unterricht in den „sozialen Grundsätzen“ einführen. Auch sollen sie in
-den schwer zu lösenden Fragen der Naturkunde unterrichtet werden. Wenn
-es aber Jemand versuchen sollte, religiösen Firlefanz einschmuggeln zu
-wollen, so soll er als ein Verbrecher behandelt werden. (Phil. dans le
-Boud. II, 62 ff.) +Sade+ hat richtig erkannt, dass die +Gewohnheit+ in
-der Erziehung alles macht. Daher soll auch das Laster dem jugendlichen
-Menschen zu einer Gewohnheit gemacht werden. Denn diese hebt alle
-lästigen Gewissensbisse auf. „Also sei so oft als möglich lasterhaft!
-Dann wird das Laster allmählich zu einem wollüstigen Kitzel, den man
-nicht mehr entbehren kann. Das Laster muss eine +Tugend+ werden! Und
-die Tugend ein +Laster+! Dann wird sich ein neues Weltall vor Deinen
-Blicken aufthun, ein verzehrendes und wollüstiges Feuer wird Deine
-Nerven durchglühen; es wird die ‚elektrische Flüssigkeit‘ entflammen,
-in welcher das Prinzip des Lebens sich befindet. Jeden Tag entwirfst
-Du neue ruchlose Pläne und siehst in allen Wesen die Opfer Deiner
-perversen Gelüste. So gelangst Du auf einem mit Blumen bekränzten Wege
-zu den letzten Excessen der Unnatur. Nie darfst Du auf diesem Wege Halt
-machen, zögern und zurückweichen, weil Dir sonst der höchste Genuss
-für immer verloren geht. Vor allem nimm Dich vor der Religion in Acht,
-deren gefährliche Einflüsterungen Dich vom guten Wege abhalten, die der
-Hydra gleicht, deren Kopfe wiederwachsen, so oft man sie abschlägt.“
-Diese Worte ruft Delbène der 14jährigen Juliette zu. (Juliette I,
-27-30.) Diese selbst wiederum erzieht später die Tochter Saint-Fond’s,
-ihre eigene Tochter und Fräulein Fontanges in ähnlichen Grundsätzen,
-deren verderbliche Wirkungen in der bereits oben erwähnten Statistik
-des Grafen Belmor zur Anschauung gebracht werden.
-
-So wird das Laster planmässig in alle sozialen Verhältnisse eingeführt,
-von denen wir nur die wichtigsten hervorheben.
-
-+Liebe und Ehe+ sind für +Sade+ chimärische Begriffe. Mit einer Art
-von jesuitischer Casuistik unterscheidet die Duvergier zwei Arten
-der Liebe, die +moralische+ und die +physische+. Eine Frau kann
-moralisch ihren Geliebten oder Gatten anbeten und physisch und temporär
-denjenigen lieben, der ihr den Hof macht. Zudem hat die Frau von
-Temperament stets mehrere Liebhaber nötig. (Juliette I, 268.) Delbène,
-diese grosse Paedagogin des Lasters, monologisiert lange für die
-Nutzlosigkeit der Moral für junge Mädchen und Frauen. Sie fragt gleich
-im Anfang erstaunt: Ist ein weibliches Wesen besser oder schlechter,
-wenn sie einen gewissen Körperteil mehr oder weniger „ouverte“ hat?
-Nach ihr müssen die Sitten das individuelle +Glück+ verbürgen.
-Sonst sind sie wertlos. Man darf also ein Mädchen nicht zwingen,
-die Jungfrauschaft zu bewahren, wenn es +glücklich+ ist und danach
-brennt, dieselbe zu verlieren. Je mehr ein Mädchen sich hingiebt,
-um so liebenswerter ist es, um so mehr Menschen macht es glücklich.
-Daher höre man auf, ein entjungfertes Mädchen zu missachten.[601]
-(Jul. I, 108.) Was die Ehe betrifft, so handelt es sich nicht um die
-Frage, ob der Ehebruch ein Verbrechen in den Augen des Lappen ist, der
-ihn erlaubt, oder des Franzosen, der ihn verbietet, sondern ob die
-Menschheit und die Natur durch diese Handlung beleidigt werden. Der
-Coitus ist notwendig wie Essen und Trinken, die Keuschheit ist nur eine
-„conventionelle Mode“, +deren erster Ursprung nur ein+ „+raffinement
-du libertinage+“ war. Jetzt ist sie nur eine Tugend der „Dummen und
-Enthusiasten“. Sie schadet der Gesundheit, da sie wichtige Secrete
-zurückhält.[602] +Der gemeinschaftliche Besitz der Frauen+ ist das
-einzig wahre Naturgesetz, nicht die Monogamie, die Polyandrie und die
-Polygamie. Die freie und schrankenlose Vereinigung und Trennung der
-beiden Geschlechter entspricht allein den natürlichen Verhältnissen.
-Und da auch die Ehre ein ganz subjektiver Begriff ist, der nicht von
-Andern abhängt, so kann der Ehebruch der Gattin die Ehre des Gatten
-in keiner Weise tangieren. Delbène erteilt daher den Frauen mit gutem
-Gewissen Ratschläge, wie sie ihre Männer am besten betrügen. (Jul. I,
-109-131.)
-
-Man kann sich denken, welche Stellung nach diesen Maximen die
-Prostitution in der Gesellschaft einnimmt. Nur ein Weib, welches
-genossen und Männer mit ihren Umarmungen beglückt hat, lebt in der
-Erinnerung der Menschen. Man hat +Lucretia+ sehr bald vergessen,
-während man sich +Theodoras+ und +Messalina’s+ erinnert, die in tausend
-und abertausend Gedichten besungen werden. Weshalb sollten die Weiber
-den blumenbestreuten Weg nicht lieber betreten, der ihnen noch nach dem
-Grabe einen Cultus zusichert, anstatt sich dem verachtenden Lächeln
-der Aufgeklärten auszusetzen, welches ihnen durch ihre Askese zu Teil
-werden würde? (Phil. dans le Boud. I, 80.) Die Frau sei wie die Hündin
-und die Wölfin, die allen angehören (ib. I, 76). So erscheint die Ehe
-selbst als ein Vergehen.[603]
-
-Sehr merkwürdig sind bei +Sade+ die vielfachen Anklänge an die
-Ideen eines +Malthus+. Die heute ja zu einer brennenden Frage
-gewordene Entvölkerung Frankreichs ist keine neue Erscheinung. Nach
-einem Bericht, den wir der „Vossischen Zeitung“ vom 11. Juli 1899
-entnehmen, veröffentlichte Professor +Rossignol+ in Bordeaux vor
-kurzem das im Jahre 1767 herausgekommene Werk des Abbé +Joubert+
-„Die Entvölkerung und die Mittel ihr abzuhelfen“. +Es geht daraus
-hervor, dass fast im ganzen vorigen Jahrhundert diese Frage die
-Geister beschäftigte.+ Schon 1700 bis 1715 wurde eine thatsächliche
-Verminderung der Bevölkerung festgestellt. Das Parlament von Dijon
-hatte 1764, das Parlament von Bordeaux 1765 auf die Gefahren der
-Entvölkerung hingewiesen. Der Abbé Joubert gab 1767 als Ursachen der
-Entvölkerung an: Sittenlosigkeit, Verwendung bezahlter Ammen, schlechte
-gesundheitliche Beschaffenheit der Häuser und Strassen; Missbrauch
-geistiger Getränke, Steuerveranlagung. Von den wohlhabenden Klassen
-sagt er: „Um einen reichen Erben zu lassen, um einen zügellosen Aufwand
-fortzusetzen, ist man taub für den Schrei der Natur und zieht vor, die
-Zahl der Kinder nicht zu vermehren“. Der gute Abbé betont besonders
-die tollen Ansprüche vieler Frauen, deren schlechte Erziehung und
-Verschwendungssucht die Ehescheu so vieler Männer erklären.
-
-Auch bei +Sade+ sind hauptsächlich +Frauen+ die Vertreterinnen des
-Malthusianismus. Delbène meint, dass die Natur sich wenig um die
-Fortpflanzung der Geschöpfe kümmere, und das Aufhören aller Zeugung
-würde sie nicht betrüben. Nur unser Stolz glaubt an die Notwendigkeit
-und Nützlichkeit der Fortpflanzung, während die Natur gleichgültig
-Tausende von Wesen vernichtet (Juliette I, 118). Dolmancé behauptet
-sogar, dass dem Zwecke des menschlichen Lebens die Vermehrung seiner
-Rasse sehr fern liegt. Es sei beinahe zum Verwundern, dass sie von
-Einzelnen geduldet werde. Wie hätte die Natur dem Menschen ein Gesetz
-aufbinden können, welches sie ihrer Allmacht beraubt? Wäre es nicht
-vernunftgemässer, wenige Menschen ewig jung bleiben und ewig leben zu
-sehen, als zu altern und zu sterben. Die Fortpflanzung der Menschheit
-ist ein „schwaches Ersatzmittel“ dafür. Es wäre sogar „schmeichelhaft“
-für die ursprüngliche Absicht der Natur, wenn das Menschengeschlecht
-ausstürbe. Nur die Verminderung der Bevölkerung kann die Uebervölkerung
-und alle Uebel, die damit verbunden sind, hindern. Die Kriege,
-Seuchen, Hungersnöte[604], Mordthaten, Schiffbrüche, Explosionen
-u. s. w. bewirken positiv die Verminderung der Menschenrasse, während
-jene Handlung, die ein blödsinniger Jude als ein solches Verbrechen
-bezeichnet, dass um seinetwillen eine ganze Stadt durch himmlisches
-Feuer zu Grunde gegangen ist, nicht nur kein Verbrechen, sondern
-lobenswert ist; denn sie verbindet zwei nützliche Dinge, sie schafft
-Vergnügen und hindert die Vermehrung der Menschenrasse. (Phil. dans le
-Boud. I, 100-101.) Daher ist eine der Hauptsünden aller Regierungen
-die Vermehrung der Bevölkerung, die ohnehin nicht den Reichtum des
-Staates bildet, da sie alsbald in höherem Grade wachsen wird als die
-Existenzmittel. Seht auf Frankreich und Ihr werdet erkennen, was
-daraus resultiert. Die viel weiseren Chinesen haben seit jeher Mittel
-gegen einen solchen Ueberfluss an Bevölkerung getroffen, indem sie
-Findel- und Armenhäuser unterdrückten und Bettler ohne Almosen liessen
-(ibid. S. 69). Wenn Delbène bemerkt, dass Frankreich’s allzugrosse
-Bevölkerung zu einer künstlichen Beschränkung der Kinderzahl zwinge
-und die überzähligen getötet werden müssten, die gleichgeschlechtliche
-Liebe zu begünstigen sei (Juliette I, 124), so bezieht sich diese
-vorübergehende Zunahme der Bevölkerung nach dem oben genannten Werke
-von +Rossignol+ auf das letzte Jahrzehnt vor der Revolution. Madame
-Saint-Ange empfiehlt (Phil. dans le Boud. I, 99) ähnlich wie unsere
-modernen Malthusianer, die längst über +Malthus’+ späte Heiraten
-und „moral restraint“ sich hinweggesetzt haben, die bekannten
-Praeventivmittel (Condome, éponges etc....)[605] -- Der entschlossenste
-Malthusianer ist Saint-Fond. Er behauptet, dass Frankreich „einen
-kräftigen Aderlass nötig habe.“ Die Künstler und Philosophen müssen
-vertrieben werden, die Hospitäler und Wohlthätigkeitsanstalten müssen
-zerstört werden, und ein Krieg, sowie eine künstlich zu veranstaltende
-Hungersnot müssen das Uebrige thun. Auf diese Weise will er zwei
-Drittel der Bevölkerung beseitigen. (Juliette III, 126, 261.) Ein
-derartiger Versuch wird von der Borghese in Rom ausgeführt. Es
-werden 37 Hospitäler verbrannt, in denen mehr als 20000 Menschen
-umkommen! (Jul. IV, 258.) In der „Justine“ entwickelt der Bischof ein
-vollkommenes System des praktischen Malthusianismus. Erstens muss der
-Kindermord nicht nur gestattet, sondern sogar befohlen werden. Zweitens
-müssen Regierungskommissare jährliche Rundreisen bei allen Bauern
-machen und alle überflüssigen, die zulässige Zahl überschreitenden
-Familienglieder aus dem Wege räumen. Drittens die durch die Revolution
-gewonnene Freiheit muss dem Volke wieder genommen werden; es muss
-wieder unters Joch. Viertens totale Unterdrückung aller öffentlichen
-Almosen und Wohlthätigkeiten. Fünftens Ehrung der Coelibatäre,
-Paederasten, Tribaden, Masturbanten, kurz aller geschworenen Feinde der
-Fortpflanzung. Auch der Mörder muss belohnt werden! Sechstens einfache
-Wegnahme aller Lebensmittel. (Justine IV, 280-293.)
-
-Der berühmte „Essay on the principle of population“ von Th. R.
-+Malthus+ erschien zum ersten Male 1798 in London. Der Marquis +de
-Sade+, der gleich +Malthus+ die Gefahren der Uebervölkerung schildert,
-kann also als ein Vorläufer desselben gelten. Indessen haben schon die
-französischen Physiokraten wie +Quesnay+ in seinen „Maximes générales“
-und +Mirabeau+ in der „Philosophie rurale“ und im „Ami des hommes“ sich
-mit den Problemen der Populationistik beschäftigt und ähnliche Ideen
-wie Malthus entwickelt,[606] wenn diesem auch das grosse Verdienst
-gebührt, in einer Spezialarbeit über die Theorie der Bevölkerungslehre
-diese zuerst formuliert zu haben und ein Werk zu schaffen, das „in
-den Mittelpunkt der Nationalökonomik hinableuchtete, ja ihre Untiefen
-erst aufgedeckt hat.“[607] Jedenfalls hat auch der Marquis +de Sade+
-dieser wichtigen Frage ein lebhaftes Interesse entgegengebracht. Dass
-er nicht blos Personen geschildert hat, die Praeventiv- und sogar
-positiv destruktiven Massregeln in der Populationistik das Wort reden,
-beweist Zamé in „Aline et Valcour“, der den Incest und die Paederastie
-verbietet, die Klöster aufhebt, indem er die Nonne mit dem Paederasten
-vergleicht, die beide „frustrent la société“. Auch sorgt er für Findel-
-und Waisenhäuser und unterdrückt den sich breitmachenden Egoismus.[608]
-
-Seine +Theorien des Verbrechens+, welche mit den malthusianischen Ideen
-aufs engste zusammenhängen, hat der Marquis +de Sade+ an verschiedenen
-Stellen seiner Hauptwerke entwickelt, am ausführlichsten aber in der
-„Philosophie dans le Boudoir“, wo er Dolmancé dieselben aus einer im
-Palais Royal gekauften Broschüre vorlesen lässt. In „Justine“ erklärt
-Bressac das Verbrechen überhaupt für eine Chimäre. Denn ein Mord
-verändert nur die +Form+ der Materie, vernichtet diese letztere aber
-nicht. Nichts geht verloren in der Natur. Auch sind ja alle Handlungen
-von der Natur eingegeben und daher keine Sünde. (Justine I, 209 ff.)
--- Noch anders begründet Delbène die Notwendigkeit des Verbrechens.
-Die Natur hat die Menschen verschieden schön und stark u. s. w.
-gemacht. Dabei will sie auch +verschiedene+ Schicksale derselben, und
-es wird von ihr bestimmt, dass die Einen glücklich werden, die Anderen
-unglücklich. Letztere sollen von den Glücklichen gequält und gefoltert
-werden. Das Verbrechen liegt also im „Plane der Natur“ und ist ihr so
-nötig wie Krieg, Pest und Hungersnot. (Juliette I, 176.) Noirceuil
-findet das ganze Geheimnis der +Civilisation+ darin, dass die Schurken
-und Schlauen sich bereichern, die Dummen unterdrückt werden. Der
-Schwache ist von +Natur+ schwach und dem Starken auf Gnade und Ungnade
-preisgegeben. Man handelt also +gegen die Natur+, wenn man als Starker
-dem Schwachen hilft, statt ihn zu quälen und zu vernichten (Juliette I,
-311-312).
-
-In der „Philosophie dans le Boudoir“ (II, S. 77 ff.) werden die
-Verbrechen mit dem „flambeau de la philosophie“ analysiert. Sie
-können im allgemeinen auf +vier+ verschiedene Hauptverbrechen
-zurückgeführt werden, auf die +Verleumdung+, den +Diebstahl+, die
-+Sittlichkeitsverbrechen+ und den +Mord+.
-
-Die +Verleumdung+ trifft entweder einen schlechten oder einen
-tugendhaften Menschen. Im ersten Falle liegt nicht viel daran, ob man
-über ihn etwas mehr oder weniger Schlimmes sagt. Einem tugendhaften
-Menschen hingegen schadet sie nicht, und das Gift des Verleumders
-wird auf ihn selbst zurückfallen. Die Verleumdung dient sogar als ein
-läuterndes und rechtfertigendes Mittel. Denn durch sie wird die Tugend
-erst ins rechte Licht gesetzt. Dem Verleumdeten muss nämlich daran
-gelegen sein, die Verleumdung zu widerlegen, und seine tugendhaften
-Handlungen werden dann weltbekannt. Ein Verleumder ist also nicht
-gefährlich im sozialen Leben. Denn er dient als Mittel, um sowohl die
-Laster der schlechten Menschen als auch die Tugenden der guten ans
-Licht zu fördern, darf somit nicht bestraft werden. (Phil. dans le
-Boud. II, 78-81.)
-
-Der +Diebstahl+ war zu allen Zeiten erlaubt und wurde sogar belohnt,
-z. B. in Sparta. Andere Völker haben ihn als eine kriegerische Tugend
-betrachtet. Es ist gewiss, dass er Mut, Stärke und Geschicklichkeit
-erheischt, also für eine Republik sehr notwendige Tugenden. Es hat
-sogar Völker gegeben, wo der +Bestohlene+ bestraft wurde, weil er
-sein Eigentum nicht wohl verwahrte. (!!) Es ist ungerecht, den Besitz
-durch ein Gesetz zu sanctionieren, da hierdurch allen Verbrechern die
-Thüren geöffnet werden, welche den Menschen dazu verleiten, sich diesen
-Besitz zu sichern.[609] Viel vernünftiger wäre es, den Bestohlenen
-zu züchtigen als den Dieb. (Phil. dans le Boud. II, 81-84.) Nach
-Dorval, diesem grossen Diebe und Theoretiker seines Berufes, ist die
-+Macht+ die erste Ursache des Diebstahls. Der Mächtige bestiehlt den
-Schwächeren. So will es die Natur. Die Gesetze gegen den Diebstahl
-sind ungültiges Menschenwerk. Man stiehlt jetzt „juridiquement“. Die
-Justiz stiehlt, indem sie sich ihre Rechtsprechung bezahlen lässt, die
-eigentlich umsonst dargeboten werden sollte. Der Priester stiehlt,
-indem er sich für seine Vermittelung zwischen Gott und Mensch bezahlen
-lässt. Der Kaufmann stiehlt, indem er Ware weit über den reellen Wert
-verkauft. Die Souveräne stehlen durch die Auferlegung von Steuern.
-Dann giebt Dorval eine Geschichte des Diebstahls bei den verschiedenen
-Völkern und schliesst mit der Erklärung, dass gegen Ende der Regierung
-+Ludwig’s+ XIV. das Volk 750 Millionen Steuern jährlich bezahlte, wovon
-nur 250 Millionen in die Staatskasse gelangten. Folglich sind 500
-Millionen gestohlen worden! (Juliette I, 203-222.)
-
-+Alcide Bonneau+ macht darauf aufmerksam, dass +Proudhon+ in seinem
-berühmten Buche „La Propriété, c’est le vol“ fast genau dieselben
-Ansichten über den Diebstahl, wie Dorval bei +Sade+, entwickelt.
-+Proudhon+ zählt sogar 15 Arten des „juristischen“ Diebstahls auf.[610]
-Im 18. Jahrhundert waren diese Ideen häufig, wie +Roscher+ ausführlich
-darlegt.[611]
-
-Auch die +Sittlichkeitsverbrechen+ müssen in einem republikanischen
-Staate als ganz gleichgültig betrachtet werden, da diesem nichts daran
-liegen kann, ob seine Bürger keusch sind oder nicht.
-
-Die +Schamhaftigkeit+ ist ein Produkt der Civilisation, vor allem der
-Koketterie der Frauen, denen auch die Kleidung viel mehr zu danken ist
-als der Ungunst der Witterung u. s. w. Viele Völker gehen noch heute
-nackt, ohne unsittlich zu sein. Im Gegenteil entsittlicht die Kleidung
-durch Erregung von Begierden, Reize zu sehen, die durch sie versteckt
-werden, von denen man kaum Notiz nehme; wenn sie unbedeckt wären. Die
-+Prostitution+ ist die natürliche Folge der Sittlichkeitsgesetze.
-Sie wird deshalb als eine Schande betrachtet, weil die Prostituierten
-für die Genüsse, die sie den Männern bieten, die sie aber auch selber
-empfinden, Geschenke annehmen. Dann ist die Ehe auch Prostitution. Denn
-der Mann bekommt in den meisten Fällen nur dann eine Frau, wenn er sie
-zu erhalten im Stande ist. Ebenso, wie wir allen Männern das Recht zum
-Genusse einräumen, müssen wir es auch den Weibern geben, da ohnehin im
-Naturzustande der Menschheit die Weiber allen Männern gehören, ebenso
-wie dies im Tierreich der Fall ist. Ausserdem wird das Weib mit einem
-brennenden Hang zum Genuss geboren. Die Folgen einer solchen Freiheit,
-Kinder ohne Väter, sind in einer Republik nicht nachteilig; denn alle
-Menschen haben eine gemeinschaftliche Mutter, das Vaterland (!!). Die
-Freiheit des Genusses muss dem Mädchen vom zartesten Alter gestattet
-werden. Durch Liebesgenüsse werden die Weiber ausserordentlich
-verschönert. (!!)
-
-Der +Ehebruch+ ist eine Tugend. Es giebt nichts Naturwidrigeres als die
-„Ewigkeit“ der ehelichen Bande. Dies ist das drückendste, was es giebt.
-Die Nützlichkeit des Ehebruchs wird durch zahlreiche ethnologische
-Beispiele bewiesen.
-
-Ebenso ist die +Blutschande+, der +Incest+ eine Tugend! Sie „dehnt
-die Freiheit aus“ und schärft die verwandtschaftliche Liebe (!!).
-Die Urinstitutionen waren sogar der Blutschande günstig. Man findet
-sie überall beim Ursprung des „Gesellschafts-Vertrages“. Wiederum
-werden zahlreiche ethnologische Beweise dafür beigebracht. -- Diese
-Sitte müsste sogar zum Gesetz (!!!) gemacht werden, weil hier die
-„Brüderlichkeit“ als Basis dient. Wie konnten auch die Menschen so
-einfältig sein, gerade denen, die berufen sind, einander am meisten zu
-lieben, dies nicht zu gestatten. Die Gemeinschaft der Weiber schliesst
-natürlicherweise auch die Blutschande in sich.
-
-Die +Notzucht+ ist ebenfalls kein Verbrechen und sogar weniger
-schädlich als der Diebstahl. Denn dieser raubt das Eigentum, während
-jene es nur verschlechtert. Ausserdem begeht der Notzüchter eine
-Handlung, die früher oder später mittelst einer kirchlichen Sanction
-doch von einem Anderen begangen worden wäre.
-
-Die +Paederastie+ zu bestrafen, ist eine Barbarei, da eine „Abnormität
-des Geschmackes“ kein Verbrechen sein kann. Ebensowenig ist die
-+Tribadie+ ein Laster. Beide Gewohnheiten standen bei den Alten
-in hoher Achtung. Die Paederastie, insbesondere war stets bei
-kriegerischen Völkern im Schwange, da sie Mut und Tapferkeit einflösst.
-(Phil. dans le Boud. II, 84-114.)
-
-Endlich ist als vierte Gattung der sogenannten und angeblichen
-„Verbrechen“ der +Mord+ zu untersuchen, und zwar muss man fragen, ob
-diese Handlung in Bezug auf die Naturgesetze und auf die politischen
-Gesetze, ob sie der Gesellschaft schädlich ist, wie sie unter einer
-republikanischen Regierung betrachtet werden muss, und ob der Mord
-durch einen Mord gerächt werden soll.
-
-Vom Standpunkt der Natur ist der Mord kein Verbrechen. Denn zwischen
-den Menschen, den Pflanzen und den Tieren existiert kein Unterschied.
-Denn auch der Mensch wird geboren, er wächst, vermehrt sich, stirbt
-ab und wird zu Staub und Asche nach einiger Zeit, zufolge seiner
-organischen Beschaffenheit. Es wäre also ein ebenso grosses
-Verbrechen, ein Tier zu töten, denn nur unsere Eitelkeit hat einen
-Unterschied erfunden. Von welchem Werte kann überhaupt ein Geschöpf
-sein, welches zu schaffen die Natur keine Mühe kostet? Auch sind die
-schaffenden Stoffe der Natur gerade diejenigen, die aus der Auflösung
-anderer Körper hervorgehen. Die Vernichtung ist ein Naturgesetz, ist
-aber nur eine Veränderung der Form, der Uebergang von einer Existenz
-zur andern, die Metempsychose des Pythagoras. Also ist das Töten kein
-Verbrechen, da eine +Veränderung+ keine +Vernichtung+ ist. Sobald ein
-Tier zu leben aufhört, bilden sich aus demselben sofort kleinere Tiere.
-(!) Daher ist es sehr vernunftgemäss, zu behaupten, dass die Hülfe, die
-wir der Natur in der Veränderung der Form leisten, ihre Zwecke fördert.
-Es sind +Naturtriebe+, dass der Mensch den anderen töte, wie die Pest,
-die Hungersnot und die Elementarereignisse. Nur die Natur hat uns den
-Hass, die Rache, den Krieg gegeben. Mithin ist der Mord kein Verbrechen
-gegen die Natur.
-
-Auch ist er ein grosser Faktor in der Politik. Durch Morde wurde
-Frankreich frei. Was ist der Krieg? Eine Wissenschaft des Verderbens.
-Sonderbar, die Menschen lehren die Kunst des Ermordens öffentlich,
-belohnen diejenigen, die ihre Feinde töten, und verdammen den Mord doch
-als Verbrechen.
-
-In sozialer Hinsicht ist der Mord ebenfalls kein Verbrechen. Was liegt
-der Gesellschaft an einem einzelnen Mitgliede? Der Tod eines Menschen
-übt keinerlei Einfluss auf die ganze Volksmasse. Selbst wenn drei
-Viertel der Menschen ausstürben, würde keine Aenderung im Zustande der
-Uebriggebliebenen eintreten.
-
-Wie muss ein Mord im kriegerischen und republikanischen Staate
-betrachtet werden? Eine Nation, die das Joch der Tyrannei abwirft, um
-die Republik einzuführen, wird sich nur durch Verbrechen behaupten.
-Alle intellectuellen Ideen sind in einer Republik der „Physik der
-Natur“ unterworfen, und so geben sich gerade die freiesten Völker dem
-Morde am meisten hin. Hierfür führt +Sade+ zahlreiche Beispiele an.
-Z. B. wirft man in China die Kinder, die man nicht behalten will,
-ins Wasser, und der berühmte Reisende +Duhalde+ giebt die Zahl der
-täglich so Ausgesetzten auf mehr als 30000 an! Ist es nicht sehr
-weise, der stets wachsenden Zahl der Menschen in einer Republik Dämme
-entgegenzusetzen? In Monarchien muss die Bevölkerung begünstigt werden,
-weil die Tyrannen nur durch die Zahl der Einwohner reich werden können.
-Revolutionen sind nichts anderes als die Wirkung der Uebervölkerung.
-
-Der Mord darf nicht durch einen Mord gerächt werden. „Ich begnadige
-Dich“, sagte +Ludwig+ XV. zu +Charolais+, der einen Menschen zur
-Unterhaltung tötete, „doch begnadige ich auch denjenigen, der Dich
-töten wird“. Die ganze Basis des Gesetzes gegen die Mörder liegt in
-diesen „erhabenen“ Worten. Da der Mord kein Verbrechen ist, kann man
-ihn nicht bestrafen.
-
-Diese vom Marquis +de Sade+ entwickelten Ideen entspringen keineswegs
-dem Gehirn eines Wahnsinnigen. +Es sind ganz ähnliche Ideen von den
-grossen Terroristen der ersten französischen Revolution entwickelt
-worden+. Es spricht sich in ihnen jene „starke Erschütterung, wohl
-gar Verwirrung des öffentlichen Rechtsgefühls +durch Revolutionen+“
-aus.[612] Es ist bemerkenswert, dass der Marquis +de Sade+ in seinen
-vorrevolutionären Schriften wie „Aline et Valcour“ dem Diebstahl und
-Morde keine oder doch nur eine geringe Rolle eingeräumt hat, während
-unter den Eindrücken der Revolution beide in sein System der sexuellen
-Theorien aufgenommen wurden.
-
-
-
-
-IV.
-
-Theorie und Geschichte des Sadismus.
-
-
-1. Wollust und Grausamkeit.
-
-Der sehr bekannte Zusammenhang zwischen Wollust und Grausamkeit ist
-nach dem Marquis +de Sade kein unmittelbarer+. Zuerst ist die Wollust
-da. Diese erstickt zunächst das +Mitleid+ im Menschen, macht das Herz
-hart und gefühllos. (Juliette I, 148.) Zugleich aber bedarf der in der
-Wollust ganz aufgehende Mensch immer stärkerer Reize, um befriedigt
-zu werden. Die Nervenmasse muss durch einen sehr starken Schlag
-aufgerüttelt und erschüttert werden. Es ist aber unzweifelhaft, dass
-der +Schmerz+ die Nerven +heftiger+ angreift, als die Freude und daher
-dieselben lebhafter erregt. Der Schmerz Anderer erzeugt in dem Wüstling
-eine angenehme Empfindung. Die Natur spricht uns niemals von Anderen,
-sondern nur von uns. Es giebt nichts Egoistischeres als ihre Stimme.
-Sie preist uns das Suchen der Lust an, und es ist ihr einerlei, ob dies
-Anderen angenehm ist oder nicht.
-
-Dieses Gefühl des Vergnügens an Grausamkeit, welches bei dem
-Wollüstigen, dessen Herz hart geworden ist, besonders hervortritt, ist
-ein angebornes. Das Kind zerbricht sein Spielzeug, beisst in die Brust
-seiner Säugamme, erdrosselt den Vogel. Die Grausamkeit ist keine Folge
-der Entartung, da sie bei wilden Völkern besonders hervortritt. Sie ist
-nichts anderes als die Energie des Mannes, den Civilisation noch nicht
-verdorben hat, also eher eine Tugend als ein Laster.
-
-Die Grausamkeit der Frauen ist viel intensiver als diejenige der
-Männer, eine Folge der grösseren Energie und Empfindlichkeit ihrer
-Organe. Die überspannte Einbildungskraft macht sie wütend und
-verbrecherisch. Wollt Ihr sie kennen lernen? Kündigt ihnen ein
-grausames Schauspiel an, ein Duell, eine Hinrichtung, einen Brand,
-eine Schlacht, einen Gladiatorenkampf, und Ihr werdet sehen, wie sie
-herzuströmen. Weitere Beweise für die wollüstige Grausamkeit der Weiber
-liefert ihre Vorliebe für den Giftmord und die Flagellation.
-
-Unser Nervensystem ist einmal so wunderbar eingerichtet, dass uns
-Verzerrungen, Zuckungen, Blutvergiessen aufregt, mithin angenehm ist.
-Sogar Personen, die beim Anblick des Blutes, einerlei ob es ihr eigenes
-oder das einer fremden Person ist, in Ohnmacht fallen, fühlen dies. Es
-ist nämlich erwiesen, dass eine Ohnmacht die höchste Potenz der Wollust
-ist (Phil. dans le Boudoir I, 148-158, Juliette II, 94-102.)
-
-
-2. Anthropophagie und Hypochorematophilie.
-
-Das Menschenfleisch ist für den Wüstling die beste Nahrung, da es
-die Bildung eines reichlichen und guten Sperma befördert und für
-schnellen Ersatz des verlorenen sorgt. Wer einmal diese süsse Speise
-genossen hat, kann von ihr nicht mehr lassen. Dagegen ist Brot die
-unverdaulichste und ungesündeste Nahrung, welche erschlafft und den
-Körper zerrüttet. Daher füttern Tyrannen ihr sklavisches Volk mit
-Wasser und Brot (Juliette II, 323 ff.). Auch Minski schreibt dem
-Genusse von Menschenfleisch eine aussergewöhnliche Kraft zu (Juliette
-III, 313).
-
-Eng verbunden mit dieser Anthroprophagie ist der Anblick, die
-Aneignung und der Genuss +abgetrennter Körperteile+, eine Art von
-+anthropophagischem Fetischismus+. So werden die Gesässe der bei den
-Orgien getöteten Personen abgeschnitten und zum Zwecke wollüstiger
-Erregung aufgehängt (Juliette II, 231)[613]. Die Silvia zerreisst
-die Genitalien ihrer Opfer mit den Zähnen und isst sie (Juliette VI,
-235). Ebenso benutzt Clairwil das abgeschnittene Membrum des Mönches
-Claude zu wollüstigen Zwecken (Juliette III, 101) und erklärt, dass
-sie semper penem videat, den sie, nisi habeat in cunno vel ano, doch
-+so sehr in ihrer Phantasie+ habe, dass sie glaubt, dass man ihn nach
-ihrem Tode wirklich in ihrem Gehirne finden wird! (Juliette III, 154.)
-Dieses anthropophagische Weib trinkt das Blut und isst die Testikel der
-von ihr getöteten Knaben (Juliette III, 72). Auch reisst sie das Herz
-derselben heraus und gebraucht es als Phallus (Juliette III, 252)[614].
-Auch Minski, die Räuber des Brisa-Testa, Cornaro sind Anthropophagen
-(Juliette III, 313; V, 206; VI, 204).
-
-Kannibalische Gelüste gehörten nach +Bettelheim+ offenbar zu dem
-Bestand der Racheschwüre des 18. Jahrhunderts. Der Herzog von
-+Chaulnes+, der wegen einer Liebesaffäre mit +Beaumarchais+ in Streit
-geriet, übrigens bei anderer Gelegenheit seine eigene Mutter aufs
-gröblichste beschimpfte, brüllte mit entsetzlicher Stimme: „Ich werde
-diesen Beaumarchais töten, und wenn ich ihm erst den Degen in den
-Leib gerannt und +das Herz mit den Zähnen ausgerissen haben werde+,
-mag diese Mesuard sehen, was aus ihr wird.“ In der ersten Fassung des
-+Goethe+’schen „Clavigo“ heisst es ebenfalls:
-
-„Meine Zähne gelüstet’s nach seinem Fleische, meinen Gaumen nach seinem
-Blute u. s. w.“[615]
-
-Die +Hypochorematophilie+[616] spielt ebenfalls bei +Sade+ eine grosse
-Rolle. Saint-Florent und Rodin finden grosse Befriedigung in der
-Beobachtung des Aktes der Defaecation (Justine I, 136 und 304). Mondor,
-Saint-Fond und viele andere sind Kotfresser. Der Gatte der St.-Ange
-lässt sich in os defaecieren. (Phil. dans le Boud. I, 92.) Dass auch
-diese liebliche Eigenschaft nicht vielleicht etwas Erbliches ist,
-sondern von abgelebten Wüstlingen, wie ja z. B. der 66jährige Mondor
-einer ist, als letztes Reizmittel in Anwendung gezogen wird, kann man
-aus den mehr als merkwürdigen Worten der Juliette schliessen. Sie sagt:
-„Man täuscht sich im allgemeinen über die Entleerungen des caput
-mortuum unserer Verdauungsorgane. Sie sind nicht ungesund, sondern
-sogar sehr angenehm. Es wohnt in ihnen derselbe Spiritus rector wie
-in allen übrigen Körperbestandteilen. An nichts +gewöhnt man sich so
-leicht+ als an den Geruch des Kotes. Ihn zu essen, ist deliciös! C’est
-absolument la saveur piquante de l’olive. +Man muss allerdings zuerst
-ein wenig die Imagination nach dieser Richtung hin beeinflussen+! Aber
-wenn man so weit ist, so ist es ein höchst wonnevoller und aufregender
-Genuss.“ (Juliette I, 289.) Die sexuelle Hypochorematophilie hat
-mit dem Kotschmieren der Geisteskranken nichts zu thun. Ja, gerade
-diese seltsame und ekelerregende Monomanie bildet den besten Beweis
-für unsere Anschauung, dass alle diese Dinge bei +Geistesgesunden+
-vorkommen können, wie ja auch aus den Ausführungen +Sades+ hervorgeht.
-Nach +Taxil+ bilden die „stercoraires“, wie man sie nennt, nicht
-mehr eine Ausnahmeerscheinung. „In den öffentlichen Häusern sind zu
-diesem Zwecke besondere Vorrichtungen getroffen, und +gesunde+ junge
-Leute wiederholen +aus Nachahmungstrieb+ die krankhaften Handlungen
-schwachsinniger Subjekte, die einst durch ihr unmässiges Leben sich
-berühmt gemacht hatten.“[617]
-
-
-3. Weitere sexualpathologische Typen bei Sade.
-
-Schon vor +R. v. Krafft-Ebing+ gebührt ohne Zweifel dem Marquis +de
-Sade+ das Verdienst, fast alle +sexualpathologischen Typen+, die es
-giebt, in seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein
-Zweifel, dass diese grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten
-sexuellen Perversionen, die genaue Individualisierung der einzelnen
-Typen auf der +aus dem Leben schöpfenden Beobachtung+ beruht.
-
-Sämtliche +Sinne+ dienen bei +Sade+ der Erregung sexueller Gefühle.
-Beginnen wir mit dem +Gehör+. Es giebt auch einen +Wort-Sadismus+!
-Es ist nach Dolmancé angenehm und aufregend, +stark tönende Worte
-von unflätiger Bedeutung+ im Rausche der Wollust auszusprechen,
-weil sie die Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht;
-sondern variire sie ins Unendliche, damit sie um so mehr Skandal
-erregen. Es verursacht eine ganz eigene Wonne, wenn man in Gegenwart
-tugendhafter Leute sich durch Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu
-demoralisieren vermag, zu ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie
-nicht gutwillig hören wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil.
-dans le Boud. I, 146-147.) So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie
-erfreut aus: Comme tu blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben
-Gelegenheit der stummen Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure
-donc! (Phil. dans le Boud. I, 125 und 129.)
-
-Das +Gesicht+ nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti
-liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast
-ihn besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die
-zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu
-beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind
-ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer
-„die Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz
-aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu.
-(Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem
-blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.)
-
-Der +Geruchssinn+ wird zunächst durch die mannigfaltigsten Parfüms,
-deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der
-Freunde des Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen
-Mädchen und Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618].
-Das Beriechen der weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette
-III, 54), ebenso der Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die
-Nase urinieren (Juliette III, 51).[619]
-
-Der +Geschmack+ findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind
-deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172).
-Die „Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie
-(z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen
-Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr
-thätig.
-
-Der +Tastsinn+ wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu
-einer Orgie benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der
-verschiedenen Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung
-verschafft.
-
-Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die
-ja zum grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die
-bemerkenswertesten heraus. -- Den +Exhibitionismus+ predigt Dolmancé,
-indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu
-enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I,
-147.) Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche
-die Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die
-Befriedigung +grausamer+ Gelüste findet auf die verschiedenste Weise
-statt: durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen
-zwei Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt
-eine Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225-230). Ein Anderer
-wieder empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche
-Schein-Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem
-Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III,
-65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285).
-Die aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar
-in einem eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen
-grausamen Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der
-Incisionen (Justine III, 223).
-
-Die +Zoophilie+ wird von +Sade+ als sexuelles Raffinement
-hochgepriesen. „Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals
-im Augenblick der Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous
-comble alors la volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich
-im vierten Bande der Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer
-Dogge, um die sexuellen Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.)
-
-Ferdinand von Neapel ist +Nekrophile+, er befriedigt sich an der Leiche
-eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die +Statuenschändung+ wird
-erwähnt. Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge.
-(Juliette I, 333.)
-
-Endlich erhöht die Verwirklichung +bizarrer Einfälle+ den sexuellen
-Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König
-von Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an
-einer anderen Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54),
-Vespoli liebt besonders Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer
-Prokurator Menstruierende (ib. VI, 147), ein Dritter die Depilation
-der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter steckt brennende Lichter in
-die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt sich auf den Särgen
-früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w.
-
-+Seltsame Naturerzeugnisse+ und +Naturerscheinungen+ dienen der
-Wollust. Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene
-Genüsse (Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die
-Sinne. (ib. IV, 258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des
-Vesuvs (Jul. VI, 35), der Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269)
-verschaffen sexuelle Genüsse.
-
-Auch +geschichtliche Erinnerungen+ werden im selben Sinne verwertet.
-Man ahmt die Thaten des +Tiberius+, des +Nero+ und der +Theodora+
-nach (Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den
-historisch denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V,
-340-341), im Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w.
-
-
-4. Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten.
-
-Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer
-Beziehung ist der Versuch des Marquis +de Sade+, die einzelnen
-Neigungen der Personen in seinen Romanen aus ihrer +körperlichen
-Beschaffenheit+ abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des
-Geschwisterpaares Rodin und Coelestine.
-
-„Rodin war ein Mann von 36 Jahren, brünett, mit dichten Augenbrauen,
-lebhaftem Auge, heroischer Miene, hohem Wuchs. Sein ganzes Wesen atmete
-Gesundheit, aber gleichzeitig Wollust. Membrum erectum valde durum
-erat.“ (Justine I, 252.)
-
-Noch interessanter ist die Beschreibung des Mannweibes Coelestine.
-„Coelestine, die 30jährige Schwester Rodin’s, war gross, mager, wohl
-gewachsen, hatte die ausdrucksvollsten Augen und die allersinnlichste
-Physiognomie. Sie war brünett, sehr behaart, hatte clitoridem
-perlongam, anum virilem, wenig Busen, ein leidenschaftliches
-Temperament, viel Boshaftigkeit und Wollust. Sie besass „tous les
-goûts‘, besonders die Vorliebe für Frauen und gab sich den Männer nur
-als Pathica hin“. (Justine I, 253.)
-
-Wie man sieht, schildert der Marquis +de Sade+ die Coelestine als
-+sehr behaart+. Genau dieselbe Eigenschaft legt +Tardieu+ den erotisch
-besonders stark veranlagten Frauen bei. Auch er spricht von einer
-„abondance du système pileux“, ferner von dem besonderen Glanze der
-Augen, dem wollüstigen Blicke (flamme brûlante du regard), den dicken
-roten Lippen und einer auffälligen starken Entwickelung der Brüste
-und Geschlechtsteile. Der von Satyriasis ergriffene Mann zeichnet
-sich nach +Tardieu+ durch einen starren, gierigen Blick aus, hat
-blutunterlaufene Augen, einen wollüstigen Mund, blasse Gesichtsfarbe,
-indecente Manieren und nimmt eine herausfordernde Haltung an.[620]
-
-
-5. Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen.
-
-Da an den Orgien in den Romanen des Marquis +de Sade+ stets zahlreiche
-Personen teilnehmen, so erwächst den Leitern derselben eine besondere
-Aufgabe und auch ein sexueller Genuss daraus, jeder einzelnen Person
-ihre Rolle vorzuschreiben, die von ihr einzunehmende Stellung und
-die auszuführenden sexuellen Handlungen vorherzubestimmen. Delbène
-sagt: Bringen wir ein wenig Ordnung in unsere Vergnügungen. Man
-geniesst dieselben besser, indem man sie vorher fixirt (Juliette I,
-6). Auch die Tribade Zanetti ist sehr erfahren in der Bildung solcher
-obscöner Gruppen (Juliette VI, 160). In der „Philosophie dans le
-Boudoir“, diesem Lehrbuche des Sexualgenusses, werden natürlich der
-Schülerin Eugenie von Madame St.-Ange und insbesondere von Dolmancé
-diese Arrangements ausführlich eröffnet. Madame de St.-Ange führt
-dann Eugenie in eine Nische, deren Wände aus Spiegelglas bestehen
-und die „die verschiedenen Stellungen tausendfach wiederholen und
-so die eigenen Genüsse den Augen der auf einer Ottomane sich ihnen
-Hingebenden recht deutlich machen, da kein Körperteil auf diese Weise
-verborgen bleibt. So erblicken die Liebenden lauter ähnliche Gruppen
-und Nachahmer ihrer eigenen Vergnügungen, lauter wunderbare Gemälde,
-der Wollust.“ (Philosophie dans le Boudoir I, 40.) Ein ganz besonderes
-Stück ist die „Cavalcade“, welche der lebenslustige Mönch Clément in
-der „Justine“ ausführen lässt. Dabei dienen zwei auf allen Vieren
-kriechende Mädchen als Pferde. (Justine II, 201.) Aehnliche obscöne
-Arrangements kehren fast auf jeder Seite der „Justine“ und „Juliette“
-wieder.
-
-
-6. Das Mysterium des Lasters.
-
-Delbène sagt: Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das
-einzige Glück unseres Lebens sind (Juliette I, 25). +Man muss sie
-nur mit einem solchen Mysterium umgeben+, dass man niemals ertappt
-wird. Dieses Mysterium ist zugleich ein besonderer Reiz. Juliette
-wundert sich über das Schweigen und die Ruhe bei der grossen Orgie
-in der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ und zieht daraus
-den Schluss, dass der Mensch nichts in der Welt so sehr achte, wie
-seine Leidenschaften. (Jul. III, 53.) Darum finden alle Orgien an
-dunklen, abgelegenen Orten statt, in einsamen Schlössern, in Höhlen,
-unterirdischen Gewölben, im Walde, im Gebirge, am und auf dem Meere,
-in Folterkammern und Hinrichtungssälen. Daher wird der Anthropophage
-Minski zum „Einsiedler der Apenninen“, der in einem wohlbefestigten
-Hause auf der Insel eines Teiches lebt (Juliette III, 313). Für
-Dolmancé giebt es gewisse Dinge, die „absolut des Schleiers bedürfen“
-und die er selbst vor den Augen der würdigen Madame St.-Ange verbirgt
-(Philosophie dans le Boudoir II, 153).
-
-
-7. Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion.
-
-Die +Lüge+ ist zu allen Zeiten die stete Begleiterin der Prostitution
-und der geschlechtlichen Ausschweifungen jeder Art gewesen. Man darf
-mit Recht behaupten, dass jeder Wollüstige ein Lügner ist, und dass
-man sich auf die Angaben eines Wüstlings niemals verlassen darf. „Die
-Sucht zu lügen, sagt +Parent-Duchatelet+, ist bei den öffentlichen
-Mädchen allgemein und ein Kind der immer falschen Stellung, des
-peinlichen Zustandes, worin sie leben, der Meinung, die man, wie sie
-wissen, von ihnen hegt... Man muss daher bei Benutzung ihrer Aussagen
-sehr vorsichtig sein“.[621] Ein anderer ausgezeichneter Kenner der
-Prostitution äussert sich noch schärfer: „Die Prostituierte lügt aus
-Hang zur Lüge, und zwar nicht nur bei vollkommen gleichgiltigen Dingen,
-nach denen sie gefragt wird, sie lügt selbst dort, wo es leicht ist,
-sie der Unwahrheit zu überführen, sie lügt ohne Rücksicht darauf, ob
-sie Jemandem dadurch Schaden zufügt, ja sie thut es unter Umständen
-selbst zu ihrem eigenen Nachteil“.[622]
-
-Fast alle Helden und Heldinnen der +Sade+’schen Romane lügen. Die Lüge
-ist als eine Bedingung der Aufnahme in den Club der „Gesellschaft der
-Freunde des Verbrechens“ vorgeschrieben, und es wird denn auch bei
-der grossen Orgie dieses Clubs furchtbar gelogen (Juliette III, 59).
-Allen diesen Wüstlingen gewährt die Lüge sogar einen sexuellen Genuss.
-Zwar rühmt sich Dolmancé seiner Wahrheitsliebe, die aber mit Recht
-sofort von der des Lasters der Lüge überaus kundigen Madame St.-Ange
-bezweifelt wird, worauf Dolmancé lustig erwidert: „Ja wohl, ein wenig
-falsch und lügenhaft! Das muss doch in der heutigen Gesellschaft sein,
-in der man mit Leuten zusammen lebt, die uns ihre Laster verbergen
-und nur ihre Tugenden zeigen. Es wäre gefährlich, freimütig zu sein.
-Denn dann würde man ihnen gegenüber im Nachteil sein. Die +Heuchelei
-und die Lüge sind uns von der Gesellschaft auferlegt worden+. Niemand
-ist so verderbt wie ich. Und doch halten mich alle für anständig“.
-(Philosophie dans le Boudoir II, S. 7-8.) Die Delmonse proklamiert
-ebenfalls die Lüge als die Beschützerin der Wollust (Justine I, 28-29).
-
-
-8. Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung.
-
-Die Mehrzahl der von +Sade+ geschilderten sexuell perversen
-Persönlichkeiten fröhnt diesen Lastern aus Angewöhnung; die meisten
-Lüstlinge sind erst allmählig durch Erfahrung und aus Raffinement
-zu diesen verschiedenen Arten unnatürlicher Wollust gekommen. Auch
-ist ja die Tendenz der ganzen „Philosophie dans le Boudoir“ darauf
-gerichtet, die junge Eugenie allmählig mit allen Lastern, auch den
-conträrsexualen Genüssen bekannt zu machen, und +Sade+ schildert
-mit richtiger Erkenntnis, wie diese Novize der Wollust alle Lehren
-begierig in sich aufnimmt und praktisch nachahmt. Dolmancé sagt, dass
-die +Einbildungskraft+ der Stachel des Vergnügens sei und immer neue
-Arten der geschlechtlichen Befriedigung erfinde. (Phil. dans le
-Boud. I, 104.) Und nach Madame St.-Ange ist die Einbildungskraft die
-„capricieuse portière de notre esprit“, Feindin aller Regel, Anbeterin
-der Unordnung (ib. S. 105). Nach der sehr gelehrigen Eugenie muss man
-der Imagination freien Lauf lassen in Bezug auf die unnatürlichen
-Dinge. Dann vergrössert sich der Genuss nach dem Massstabe des
-„Weges, den der Kopf gemacht hat“ (ib. S. 109). Sehr drastisch
-schildert Dolmancé, wie die jungen Mädchen zuerst Widerwillen gegen
-die Paedicatio empfinden, dann immer mehr Geschmack daran bekommen
-und schliesslich diese Art der sexuellen Befriedigung allen anderen
-vorziehen (ib. S. 131). Dolmancé selbst, dieser cynische Apostel der
-Paederastie, bekennt sehr freimütig den Grund, weshalb er Paedico
-geworden ist. Dieser Grund ist, wie wir schon früher sahen, ein rein --
-anatomischer (ib. S. 176). Der Chemiker Almani, ein Zoophile, ist durch
-das „Studium der Natur“ ein sexuell Perverser geworden (Justine III,
-67).
-
-Nur an zwei Stellen haben wir eine Andeutung der +hereditären+ Natur
-der conträren Sexualempfindung gefunden. Clément erklärt, dass die
-sexuelle Perversion des Menschen eine +Funktion seiner Organe sei+.
-Daher ist der sexuell perverse Mensch ein +Kranker+, er ist „wie eine
-hysterische Frau.“ Man kann ihn ebenso wenig bestrafen, wie man einen
-anderen Kranken bestraft. Denn er ist nicht Herr seiner selbst. Er ist
-zu beklagen, aber nicht zu tadeln. Und wenn die Anatomie noch mehr
-vervollkommnet sein wird, wird man leicht den Zusammenhang zwischen der
-Organisation des Menschen und den Leidenschaften nachweisen. Was wird
-aus den Gesetzen, der Moral, der Religion, dem Galgen, dem Paradiese,
-den Göttern und der Hölle werden, wenn man gezeigt haben wird, dass
-ein bestimmter Lauf einer Flüssigkeit, eine bestimmte Art von Fasern,
-ein bestimmter Grad von „Schärfe“ im Blute oder den tierischen Geistern
-genügen, um aus einem Menschen ein Objekt der Strafe und Belohnung
-zu machen. (Justine II, 212-213.) Ebenso meint Bressac, dass der
-Pathicus von Natur ein Anderer sei als die übrigen Männer. Er erklärt
-diese Leidenschaft für angeboren und Folge einer „ganz verschiedenen
-Struktur“. Es wäre eine Dummheit, sie zu bestrafen (Justine I, 162 bis
-164).
-
-
-9. Unsere Definition des Sadismus.
-
-Wir fassen den Begriff „Sadismus“ bedeutend weiter, als dies bisher
-geschehen ist. Sehen wir uns also zunächst die Definitionen desselben
-bei anderen Autoren an.
-
-+Lacassagne+ erklärt den Sadismus für einen „Geisteszustand“, bei
-welchem der +Sexualtrieb+ erregt oder befriedigt wird unter dem
-Einflusse des +Zerstörungstriebes+.[623]
-
-Nach R. v. +Krafft-Ebing+ ist der Sadismus jene Form der Perversion
-der Vita sexualis, bei welcher die Person einen sexuellen Genuss darin
-findet, Anderen Schmerz zuzufügen und auf Andere Gewalt auszuüben.
-Er stellt dem Sadismus den +Masochismus+ (nach dem Schriftsteller
-+Sacher-Masoch+) gegenüber, die mit Wollust betonte Vorstellung,
-von einem Anderen herrisch behandelt, gedemütigt und misshandelt
-zu werden.[624] Er betrachtet Masochismus und Sadismus als die
-„+Grundformen psychosexualer Perversion, die+ auf dem ganzen Gebiete
-der Verirrungen des Geschlechtstriebes an den verschiedensten Stellen
-zu Tage treten können.“[625]
-
-Demgegenüber macht v. +Schrenck-Notzing+ geltend, dass zunächst der
-Unterschied der aktiven und passiven Rolle in den Romanen des Marquis
-+de Sade+ und von +Sacher-Masoch+ nicht so scharf durchgeführt sei, wie
-dies v. +Krafft-Ebing+ annimmt. Zudem kämen beide Formen der Perversion
-oft bei demselben Individuum vor. Er ordnete also beide Begriffe einem
-einzigen höheren Begriffe, der +Algolagnie+ (von ἄλγος = Schmerz und
-λάγνος = geschlechtlich erregt) und bezeichnet den Sadismus als +aktive
-Algolagnie+, den Masochismus als +passive Algolagnie+. Es giebt aber
-nach diesem Autor noch andere Formen der Algolagnie: die +onanistische+
-Algolagnie (Selbstverstümmelung, Autoflagellantismus), die +visuelle+
-Algolagnie (geschlechtliche Erregung beim Anblick von Prügelszenen),
-+zoophile+ und +bestiale+ Algolagnie, +nekrophile+ Algolagnie, endlich
-die +ideelle+ oder +symbolische+ Algolagnie, bei welcher „der Schmerz
-ohne jede Nebenbedeutung und phantastische Ausschmückung um seiner
-selbst willen eine Rolle spielt, ohne Rücksicht auf aktive oder passive
-Bethätigung.“[626]
-
-+Thoinot+ giebt folgende Definition des Sadismus: „Sadismus ist die
-Perversion des Sexuallebens, bei welcher der Betreffende sexuellen
-Genuss darin findet, Schmerzen von +sehr verschiedenen Graden+ einem
-Anderen zuzufügen, sei es, dass er selbst sie +zufügt+, oder zufügen
-+lässt+ oder, ohne dass er der Urheber derselben ist, dabei +zuschaut+.
-Diese leidende Person muss immer ein +menschliches+ Wesen sein.“[627]
-
-+Thoinot+ und +von Schrenck-Notzing+ stimmen darin überein, dass die
-Verbindung von +Grausamkeit+ und +Wollust+ der +höhere+ Begriff ist,
-dem die anderen untergeordnet werden müssen, dass also der Masochismus
-nicht etwas Besonderes neben dem Sadismus darstellt, sondern wie dieser
-eine +Form+ der Algolagnie ist. Unzweifelhaft hat aber +Thoinot+
-Unrecht, dass er den Begriff Sadismus (welches Wort er für Algolagnie
-setzt) nur +menschlichen+ Wesen gegenüber angewendet wissen will.
-
-A. +Eulenburg+ hat wohl noch vor +von Schrenck-Notzing+ darauf
-aufmerksam gemacht, dass der Begriff der Algolagnie, den er durch die
-Worte +Lagnänomanie+ (= Sadismus) und +Machlänomanie+ (= Masochismus)
-ersetzt, +sehr viele Ab- und Unterarten+ umfasst. Auch er betont, dass
-„sich das nämliche Individuum abwechselnd aktiv und passiv verhalten,
-und aus Beidem geschlechtliche Erregung und Befriedigung schöpfen
-kann.“ Ferner erinnert +Eulenburg+ an die Mittelformen, wobei „das
-Individuum zum Behufe geschlechtlicher Erregung weder selbst gewaltsame
-Handlungen vornimmt noch solche erduldet -- wohl aber dergleichen von
-Anderen +provociert+, sie mit +ansieht+ und durch den +Anblick+, oder
-unter Umständen schon durch die +blosse Vorstellung des Anblicks+
-in die gewünschte Befriedigung versetzt wird.“ Also eine Art von
-+ideeller+ oder +illusionärer+ Lagnänomanie und Machlänomanie. Ferner
-ist die +Begehung grausamer Akte gegen Tiere+ in Betracht zu ziehen.
-Schliesslich erklärt +Eulenburg+ das Beobachtungsmaterial für „noch bei
-Weitem nicht abgeschlossen“.[628]
-
-Es handelt sich nun unseres Erachtens darum, eine +allgemeine+ und
-+für alle Fälle zutreffende+ Definition des Sadismus zu finden, die
-kurz und prägnant den +Grundton+ der +Sade+’schen Werke ausdrückt und
-unter die sich alle Formen der passiven und aktiven Algolagnie der
-Zoo- und Nekrophilie, der symbolischen Algolagnie u. s. w. unterordnen
-lassen. Bedenkt man, dass in den Werken des Marquis +de Sade+ auch alle
-+wirklichen+ und ideellen +destruktiven+ Vorgänge in der +lebenden+
-und +toten+ Natur als Ursachen +sexueller Erregung und Befriedigung+
-betrachtet werden, wie Mord, Folter, Nekrophilie, Zoophilie, aber auch
-Ausbrüche von Vulkanen, Schiffbrüche, Feuersbrünste, Diebstähle
-u. s. w., so wird man den +typischen Sadismus+ folgendermassen
-definieren:
-
-+Der Sadismus ist die absichtlich gesuchte oder zufällig dargebotene
-Verbindung der geschlechtlichen Erregung und des Geschlechtsgenusses
-mit dem wirklichen oder auch nur symbolischen (ideellen, illusionären)
-Eintreten furchtbarer und erschreckender Ereignisse, destruktiver
-Vorgänge und Handlungen, welche Leben, Gesundheit und Eigentum des
-Menschen und der übrigen lebenden Wesen bedrohen oder vernichten und
-die Continuität toter Gegenstände bedrohen und aufheben, wobei der aus
-diesen Vorgängen einen geschlechtlichen Genuss schöpfende Mensch selbst
-ihr direkter Urheber sein kann, oder sie durch Andere herbeiführen
-lässt, oder blosser Zuschauer bei denselben ist, oder endlich
-freiwillig oder unfreiwillig ein Angriffsobjekt dieser Vorgänge ist.+
-
-Uns scheint, dass diese Definition dem Wortsadismus ebenso gerecht
-wird wie dem Lustmorde, der Folter und der Freude an zerstörenden
-Ereignissen.
-
-
-10. Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen
-Schriften.
-
-Die wichtigste Frage ist die: War der Marquis +de Sade geisteskrank+
-oder nicht?
-
-Heute, wo die +hereditäre+ und krankhafte Natur der sogenannten
-conträren Sexualempfindung so sehr betont und energisch die Aufhebung
-des § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verlangt wird, ist man nur
-zu leicht geneigt, jede schwerere sexuelle Perversion als Zeichen
-einer Geisteskrankheit zu deuten. Demgegenüber betonen wir als
-unsere feste, aus kulturhistorischen Studien und Erfahrungen des
-modernen Lebens geschöpfte Ueberzeugung, dass wir die +Mehrzahl+
-der sexuellen perversen Personen für +geistig gesund halten+ und
-ihre Perversion auf Verführung und geschlechtliche Ueberreizung
-zurückführen. Die Anschauungen v. +Krafft-Ebing’s+, der die hereditäre
-Natur vieler sexueller Perversionen vertritt, werden gegenüber den
-durchaus berechtigten Ausführungen v. +Schrenck-Notzing’s+, der
-die Erziehung, occasionelle Momente, wie Verführung u. dgl. m.
-verantwortlich macht, immer mehr an Boden verlieren, wie weitere
-Studien erweisen werden. Selbst +von Krafft-Ebing+ sagt einmal (Arch.
-f. Psychiatrie Bd. VII, S. 304): „Wer +Tardieus+ bekannte Studie,
-+Caspers+ gerichtsärztliche Werke, +Legrand du Saulles+ Mitteilungen
-in den Annales médico-psychologiques, März 1876, gelesen hat, wird
-zugeben müssen, dass die greulichsten geschlechtlichen Verirrungen mit
-geistiger Gesundheit verträglich sind.“ Es geht daraus, wie +Moll+
-richtig bemerkt, hervor, +dass Krafft-Ebing selbst die greulichsten
-geschlechtlichen Perversitäten an sich nicht als Beweis einer
-Geisteskrankheit ansieht+.[629]
-
-Was speziell den +Sadismus+ betrifft, so bemerkt auch +Eulenburg+,
-ein Anhänger der Aufhebung des § 175, dass „bei weitem nicht alle,
-namentlich aktiven Algolagnisten als geisteskrank im engeren Sinne zu
-betrachten seien. Gewiss sind es die ‚schweren‘ und ‚schwersten‘ unter
-ihnen, die eigentlichen sexualen Verbrecher, Lustmörder u. s. w. wohl
-ausnahmslos, obgleich man auch von ihnen mehrere als geistesgesund
-hingerichtet hat (was ich übrigens nicht als ein Unglück, noch weniger
-als einen Justizmord ansehen möchte).“[630]
-
-Ueber den Geisteszustand des +Marquis de Sade+, der bekanntlich von
-Royer-Collard für gesund erklärt wurde, haben sich in diesem Jahre zwei
-Aerzte geäussert, Dr. +Marciat+ in Lyon und Professor A. +Eulenburg+
-in Berlin. Der letztere hervorragende Neurologe hat ohne Zweifel das
-eingehendere und scharfsinnigere Gutachten über +Sade+ geliefert. Er
-kommt zu dem Schlusse, dass „auch die Irrenärzte unserer Zeit der
-Mehrzahl nach sich kaum in der Lage befunden haben würden, +de Sade+
-vor dem Strafrichter für geisteskrank und ‚der freien Willensbestimmung
-beraubt‘ zu erklären und ihn der +unzweifelhaften+ gerichtlichen
-Verurteilung damit zu entziehen.“[631] +Marciat kommt+ zu einem
-ähnlichen Resultat. Der Marquis +de Sade+ war „+nicht geisteskrank im
-genauen+ Sinne des Wortes“. Höchstens könnte man an moral insanity
-denken, aber nur im Hinblick auf die Hauptwerke. Aber „man muss
-sich erinnern, dass +Mirabeau, Musset+ und viele Andere auch sehr
-schlüpfrige Bücher veröffentlicht haben.“[632]
-
-Die Annahme einer „moral insanity“ (folie morale), die +Marciat+
-eventuell zulassen würde, hat +Eulenburg+ (a. a. O. S. 514)
-bereits zurückgewiesen, da es eine Form der Seelenstörung, die sich
-„lediglich durch eine krankhafte Umwandlung, eine Perversion der
-natürlichen sittlichen Antriebe und Gefühle und durch eine daraus
-entspringende Neigung zu unsittlichen Handlungen, ohne sonstige
-Störungen der Intelligenz charakterisierte“, nicht giebt, vielmehr
-„immer und überall die auf angeborener Anlage beruhende +Abschwächung
-der Intelligenz+ neben der Gefühlsstörung hervortritt und dass
-es sich demnach +um Fälle angeborenen Schwachsinns+, meist auf
-degenerativer Grundlage handelt“ (a. a. O. S. 514).
-
-Wir glauben, dass speziell bei +Sade+ jene Form der Entartung in
-Betracht kommen könnte, welche +Kraepelin+ als „+impulsives Irresein+“
-bezeichnet. Es sind „alle jene Formen des Entartungsirreseins, denen
-die Entwickelung +krankhafter Neigungen+ und +Triebe+ eigentümlich
-ist.“ Dieselben können entweder dauernd den Willen beherrschen oder nur
-zeitweise, in einzelnen Anwandlungen, hervortreten. Der Kranke handelt
-dabei +ohne klaren Beweggrund+. So tragen seine Willensäusserungen
-vielfach den Stempel des Unvorbedachten und Zwecklosen, Widersinnigen.
-Gerade auf dem Gebiete des impulsiven Irreseins „tritt uns am
-deutlichsten +die häufige Verbindung krankhafter Antriebe mit dem
-Geschlechtstriebe+ entgegen.“ Die +geistige Begabung+ braucht keine
-schärfer hervortretenden Störungen aufzuweisen. Doch ist in +schweren+
-Fällen meist +Schwachsinn+ vorhanden. In allen Fällen findet sich
-eine gewisse Beschränktheit, Zerfahrenheit, Verschwommenheit,
-eine haltlose Schwäche des Charakters, kindischer Eigensinn,
-Menschenscheu, Roheit. Das impulsive Irresein tritt besonders in
-den +Entwickelungsjahren+ hervor und zeitigt auch später meist
-+periodische+ Krankheitserscheinungen. Man soll aber nach +Kraepelin+
-das Bestehen des impulsiven Irreseins nur dort annehmen, +wo wirklich
-der triebartige Ursprung des Handelns ohne klares vernünftiges Ziel+
-hervortritt und wo auch im übrigen Bereiche des Seelenlebens die
-Anzeichen einer krankhaften Veranlagung erkennbar sind. +Kraepelin+
-lässt die Möglichkeit zu, dass plötzliche Antriebe von unbezwinglicher
-Stärke im Zustande geistiger Gesundheit bei den „heissblütigen
-Völkern des Südens“ häufiger sind als bei uns, und daher die „forza
-irresistibile“ des italienischen und spanischen Gesetzbuches vielleicht
-eine Berechtigung habe.[633]
-
-Nach diesen orientierenden Vorbemerkungen gehen wir daran, das Leben
-und die Werke des Marquis +de Sade+ mit der Absicht zu untersuchen,
-daraus Schlüsse auf seinen Geisteszustand zu ziehen. Wir können nur
-wenige sichere Anhaltspunkte aus seinem Leben verwerten.
-
-1. +Sade+ war ein +Provenzale+ und besass als solcher das südlich
-heisse Blut und die Leidenschaftlichkeit seiner Landsleute.
-
-2. In Beziehung auf die +Heredität+ ist wenig nachweisbar. Doch ist
-wahrscheinlich, dass +Sade+ die Neigung zum galanten Leben und zur
-Schriftstellerei von seinem Oheim geerbt hat. Wie wir jetzt wissen,
-schrieb +de Sade+ schon mit 23 Jahren ein obscönes Buch. Es geschah
-dies nach der Rückkehr aus dem Kriege.
-
-3. Ueber +Sade’s+ Leben in der Kindheit liegen keine verlässlichen
-Beobachtungen vor.
-
-4. Bemerkenswert ist, dass +Sade+ mit 17 Jahren, also im Beginn der
-Pubertät, in den Krieg zog und sechs Jahre lang fern von Haus und
-Familie weilte. Es ist mit Sicherheit festgestellt, dass während der
-Kriegszeit unter dem Einflusse der unerhörten sittlichen Corruption in
-der französischen Armee auch die Ausschweifungen des Marquis +de Sade+
-ihren Anfang nahmen.
-
-5. Die unglückliche Ehe spielt nicht die Rolle im Leben +Sade’s+,
-welche +Marciat+ ihr zuschreibt.
-
-6. Es ist jetzt genau festgestellt, dass der Marquis +de Sade+ bei den
-beiden grossen Skandalaffären seine Opfer nicht erheblich verletzt oder
-gar getötet hat.
-
-7. Es ist sicher, dass der langjährige Aufenthalt im Gefängnisse eine
-körperliche und psychische Schädigung auf +Sade+ ausgeübt hat. (S. oben
-S. 324.)
-
-8. Dass +Sade+ eine starke geschlechtliche Erregbarkeit besass, geht
-aus der Beobachtung des Freundes von +Brierre de Boismont+ hervor.
-
-9. Sehr bemerkenswert erscheinen einige geistige Eigentümlichkeiten,
-die während des Gefängnislebens +Sades’s+ hervortreten: das Misstrauen,
-die Lügenhaftigkeit, die wilden Zornesausbrüche bei den Besuchen seiner
-Frau.
-
-10. Nach dem Austritt aus dem Gefängnisse scheint der Marquis +de Sade+
-solche Eigenschaften weniger gezeigt zu haben und sogar durch die
-Rettung seiner Schwiegereltern zu bekunden, dass sein sittliches Gefühl
-nicht ganz erstorben war.
-
-Betrachten wir nunmehr die Werke des Marquis +de Sade+, so ergiebt sich
-Folgendes:
-
-11. Erstaunlich und schon von +Eulenburg+ hervorgehoben ist der blosse
-Umfang der Hauptwerke und das „Mass der damit geleisteten geistigen und
-der rein mechanischen Arbeit.“
-
-12. Die überaus zahlreichen, geschickt aneinander geknüpften Details,
-die raffiniert durchgeführte allmähliche Steigerung und fast nie
-versagende Treue der Erinnerung und Rückbeziehung zeugen von einer
-grossen geistigen Kraft.
-
-13. Die Verschiedenheit der Schriften lässt deutlich den Einfluss der
-Zeit und des Milieu erkennen.
-
-14. Mit Recht haben +Michelet+ und nach ihm +Taine+ („Les origines
-de la France contemporaine“, Paris 1885, Bd. III, S. 307) den
-Marquis +de Sade+ als den „Professeur du crime“ bezeichnet. Er ist
-der Theoretiker des Lasters, insofern er nach +eigener Lektüre und
-Beobachtung+ alle geschichtlich nachweisbaren und zu seiner Zeit sich
-ereignenden Anomalien des Geschlechtslebens in seinen Hauptwerken mit
-unleugbarem Scharfsinn beschrieben und zusammengestellt hat. Was R. v.
-+Krafft-Ebing+ in Form einer +wissenschaftlichen Monographie+ gethan
-hat, das hat schon hundert Jahre früher der Marquis +de Sade+ in Form
-eines +Romans+ geleistet.
-
-15. Hierdurch gewinnen seine Hauptwerke einen +kulturhistorischen
-und zeitgeschichtlichen Wert+, indem sie alle Phasen, Nüancen und
-Eigentümlichkeiten des französischen Geschlechtslebens im Frankreich
-des ancien régime und der grossen Revolution, erkennen lassen, wie wir
-im ersten Teile dieses Werkes nachgewiesen haben.
-
-16. Die von +Sade+ vorgetragene +Theorie des Lasters+ ist ein Produkt
-der Revolution und findet in dieser zahlreiche Analogien.
-
-17. In Werken, die früher und später fallen als „Justine et Juliette“
-und die „Philosophie dans le Boudoir“, hat +Sade+ durchaus moralische
-Ansichten entwickelt.
-
-18. Auch in den berüchtigten Hauptwerken finden sich zahlreiche
-Andeutungen, dass +Sade+ in ihnen vorzüglich +Tendenzschriften+ gegen
-das ancien régime erblickte.
-
-19. Es darf daher nicht ohne weiteres aus dem Inhalt dieser Schriften
-auf den Charakter des Verfassers geschlossen werden, zumal da häufig
-genug das Verbrechen als Laster gebrandmarkt wird und auch andere
-scheinbare Inkonsequenzen -- beruhigende Wirkung des Gebets (Justine I,
-141 ff.), Glaube an Unsterblichkeit (Juliette II, 287), Ueberdruss an
-Ausschweifungen (Juliette III, 283-284) -- vorkommen.
-
-20. +Sade+ zeigt in allen Werken eine ausgebreitete Belesenheit in der
-zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Litteratur.
-
-21. Als +philosophischer+ Denker ist er jedoch mehr als mittelmässig.
-Seine Philosophie ist eklektischer Mischmasch. Seine Beweisführung
-besteht aus sinnlosen Tautologien und noch sinnloseren Anticipationen.
-
-Nach diesen Ausführungen lautet unser Urteil: Der Marquis +de Sade
-war nicht geisteskrank+. Er war eine vielleicht durch Heredität
-+neuropathische+ Persönlichkeit, die, inmitten eines verhängnisvollen
-Milieu, frühzeitig auf die Bahn des Lasters geriet und wie so viele
-Zeitgenossen durch Verführung und Gewöhnung sexuell pervers wurde,
-deren hohe +geistige Begabung+ zweifellos durch eine langjährige
-Gefängnishaft eminent geschädigt wurde, so dass besonders in den
-+philosophischen Deduktionen+ seiner Hauptwerke ein gewisser Grad von
-+geistiger Schwäche+ deutlich hervortritt, während dies in den realen
-Schilderungen, die mit unleugbarer Beobachtungsgabe ein +Gemälde
-der Zeit+ entwerfen, viel weniger sichtbar ist. Wir haben im ersten
-Teile den engen Zusammenhang des Inhalts von +Sade’s+ berüchtigten
-Hauptwerken mit der Kultur seines Zeitalters zur Genüge nachgewiesen.
-Die grosse Kluft, die zwischen +Sade+ als Persönlichkeit und +Sade+
-als Schriftsteller liegt, wird dadurch zum Teil überbrückt. Um die
-Brücke ganz herzustellen, genügt es, daran zu erinnern, dass die
-+Einbildungskraft+ sexuell perverser Personen fast stets ungeheuerliche
-Blüten treibt. „Zahlreiche Patienten dieser Art, Conträrsexuale,
-Masturbanten und besonders Algolagnisten wurden enttäuscht, sobald
-sie die Produkte ihrer Einbildungskraft zu realisieren versuchten.
-+Sie erleben sozusagen in ihren traumhaften Schwärmereien+ sexuelle
-+Orgien+, und werden durch die Wirklichkeit ernüchtert.“[634] Da
-es nicht erwiesen ist, dass der Marquis +de Sade+ die Thaten eines
-+Gilles de Retz+, mit dem wir ihn als Menschen nicht so ohne weiteres
-vergleichen möchten, wie +Eulenburg+ dies thut, oder diejenigen eines
-+Charolais+ ausgeführt hat, so muss vorläufig die hier gegebene
-Erklärung des geistigen Zustandes +Sade’s+, die sich im ganzen mit der
-+Eulenburg+’schen deckt, als die einzige mögliche angesehen werden,
-da wir die allerdings verdächtigen plötzlichen Zornesausbrüche als
-Ausfluss jener oben erwähnten „forza irresistibile“ betrachten, und
-die Periodicität der Erscheinungen, die an das wirkliche Vorhandensein
-eines impulsiven Irreseins denken lassen könnte, doch zu wenig
-ausgesprochen ist.[635]
-
-
-
-
-V.
-
-Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert.
-
-
-1. Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade.
-
-Wir haben, schon erwähnt (S. 336 ff.), dass die pornographischen
-Schriften des Marquis +de Sade+ wenigstens unter dem Direktorium
-öffentlich verkauft wurden, bei allen Buchhändlern zu haben waren und
-in den Katalogen aufgeführt wurden. Ein grosser Kapitalist unterstützte
-den Vertrieb, der sich über das In- und Ausland erstreckte. Daher nimmt
-es nicht Wunder, dass trotz der Konfiskation und Vernichtung der Werke
-unter +Napoleon+ I. (1801) die Verbreitung derselben durch häufige
-Nachdrucke sich zu einer geradezu ungeheueren gestaltete. Auch neue
-Konfiskationen vom 19. Mai 1815, vom Jahre 1825[636], vom 15. Dezember
-1843[637] trugen nur dazu bei, die Begierde nach der Lektüre und dem
-Besitze dieser berüchtigten Bücher zu steigern. Im vorigen Jahrhundert
-suchten sogar die Verleger das Verbot eines Buches direkt zu erlangen,
-weil sie dann sicher waren, viele Abnehmer für dasselbe zu finden.
-+Lalanne+ erzählt davon ein ergötzliches Beispiel.[638] Unser +Goethe+
-sah auf dem Frankfurter Marktplatz einen verbotenen französischen Roman
-verbrannt werden, und ruhte nicht eher, als bis er ein Exemplar erlangt
-hatte. Dabei war nach seiner Erzählung dieses Exemplar durchaus nicht
-das einzige, welches nach dieser Exekution gekauft wurde.[639]
-
-+Bereits im Jahre+ 1797 schreibt +Villers+ über die Verbreitung der
-„Justine“: „Jedermann will wissen, was dies für ein Buch ist; man
-verlangt es, man sucht es, es wird verbreitet, die Ausgaben werden
-vergriffen, neu aufgelegt, und so zirkuliert das greulichste Gift,
-in verhängnisvollstem Ueberfluss.“[640] Auch in Deutschland waren
-die Schriften +de Sade’s+ verbreitet. +Villers+ sah in Lübeck bei
-einem Buchhändler „noch drei Exemplare“. Hamburg, wo +Villers+ seine
-Abhandlung für den dort erscheinenden „Spectateur du Nord“ schrieb, war
-der hauptsächlichste Ort für den Druck und Nachdruck der französischen
-erotischen und pornographischen Autoren. +Janin+ schildert im Jahre
-1834 in anschaulicher Weise, welch eine beliebte Lektüre die Schriften
-des Marquis +de Sade+ unter dem ersten Kaiserreich und unter der
-Restauration waren. Und er wagt auch nur von ihnen zu sprechen, +weil
-er weiss, dass seine Leser diese Werke längst kennen+. „Denn, man
-täusche sich nicht darüber, der Marquis +de Sade ist überall+; er ist
-in allen Bibliotheken, wo er allerdings sich versteckt hinter anderen
-unschuldigen Werken. Man frage jeden Auktionator, ob sie nicht bei
-der Inventarisation fast jeden Nachlasses die Bücher des Marquis +de
-Sade+ gefunden haben. Ja, durch die Polizei werden sie am meisten
-verbreitet.“[641]
-
-Was die gegenwärtige Verbreitung der Hauptwerke des Marquis +de Sade+
-betrifft, so sind die ersten Auflagen der „Justine“ und „Juliette“ aus
-den Jahren 1791-1796 äusserst selten und kosten wenigstens 600 bis 800
-Francs.[642] Herr +Joachim Gomez de la Cortina+ in Madrid bezahlte
-nach der Angabe in dem Kataloge seiner Bibliothek (1855 No. 3908)
-die 10 Bände der Original-Ausgabe von 1897 mit 750 Francs! Dieselbe
-Ausgabe findet sich im Katalog einer Büchersammlung, die der Pariser
-Buchhändler +Techener+ im Jahre 1865 nach London schickte.[643] Ein
-Pariser Antiquar bot kürzlich ein „exemplaire délicieux, reliure de
-Petit“ dieser Ausgabe für 1200 Fr. an. (Zeitschr. f. Bücherfr. Mai/Juni
-1900 S. 123.) In der Neuzeit
-
-
-wurden besonders von der Firma +Gay+ und +Doucé+ in Brüssel Neudrucke
-veranstaltet, von denen nach ihrem Kataloge die „Justine“ mit 150
-Francs, die „Juliette“ mit 200 Francs berechnet werden. In einem
-deutschen Kataloge vom Jahre 1899 finden wir die „Justine“ zum Preise
-von 120 Mark, die „Philosophie dans le Boudoir“ für 25 Mark und
-„Aline et Valcour“ für 45 Mark angeboten. Die Werke sind auch heute
-noch trotz ihres hohen Preises in allen Ländern des europäischen
-Westens verbreitet und fehlen selten in den Bibliotheken (sit venia
-verbo) geheimer Bordelle und vornehmer Absteigequartiere. So fand der
-frühere Chef der Pariser Sittenpolizei, +Macé+, in einer „maison de
-rendez-vous“ einer Wittwe F.... in der pornographischen Bücher- und
-Bildersammlung auch die „Justine“ des Marquis +de Sade+.[644]
-
-Es ist eine alte Thatsache, dass alle Obscönitäten und unreinen
-Schilderungen im +Druck+ ungleich verderblicher wirken als das
-gesprochene Wort. Der „Zauber des Wortes“ wirkt im Druck gewissermassen
-auf zwei Sinne, auf das Gehör und Gesicht, im Sprechen nur auf
-das Gehör. +Lino Ferriani+ hat in einer wertvollen Schrift[645]
-sich eingehend mit dem namenlosen Schaden beschäftigt, den die
-pornographischen Schriften und Bilder in jungen Seelen anstiften.
-
-+Wir behaupten, dass die pornographischen Schriften -- ein Uebel, das
-fortzeugend Böses gebärt -- zu einem grossen Teile die mannigfaltigsten
-sexuellen Perversionen miterzeugen helfen.+ Schon der heilige
-+Basilius+ sagte in seiner herrlichen Rede an die Jünglinge: „Wer
-sich an schlechte Lektüre gewöhnt, ist bereits auf dem Wege zur bösen
-That.“ Höchst bemerkenswert ist das Geständnis des berüchtigten
-Marschalls +Gilles de Rais+, der erzählt, dass er in der Bibliothek
-seines Grossvaters einen +Sueton+ gefunden und darin gelesen habe,
-wie +Tiberius+, +Caracalla+ und andere Caesaren Kinder gemartert
-hätten. „Sur quoi je voulus +imiter+ les dits Césars, et +le même
-soir me+ mit à le faire en suivant les +images de la leçon et du
-livre+“[646]. Ein Masochist erklärt in seiner von +von Krafft-Ebing+
-mitgeteilten Autobiographie „Ueberhaupt scheint mir, dass die Schriften
-des Sacher-Masoch viel zur Entwickelung dieser Perversion bei
-Disponierten beigetragen haben“[647]. Auch +Eulenburg+ warnt davor,
-den „vergiftenden Einfluss der überhandnehmenden pornographischen
-Litteratur und einer gewissen Presse, die mit Vorliebe über jedes
-sensationelle Verbrechen, zumal über Unzuchtdelicte, Lustmorde u. dgl.
-berichtet, zu unterschätzen.“[648]
-
-Es ist +sicher+, dass die Schriften des Marquis +de Sade+ noch heute
-auf schwache und geistig wenig widerstandsfähige Personen denselben
-vernichtenden, depravierenden Einfluss ausüben, den einst +Janin+
-so dramatisch geschildert hat.[649] Wenn es auch unwahrscheinlich
-ist, dass +Saint-Just+ sich von den Szenen der „Justine“ zu seinen
-Grausamkeiten hat inspirieren lassen, und dass +Napoléon+ I. die
-Lektüre der Sade’schen Werke seinen Soldaten verboten hat[650],
-so kann nicht bezweifelt werden, dass die Schriften praktische
-Nachahmer ihres Inhalts gefunden haben und noch fort und fort die in
-ihnen geschilderten sonderbaren sexuellen Perversionen bei gewissen
-Lesern hervorrufen. Was +Sade+ für das vornehme +Wüstlingstum+
-ist, das sind manche entsetzlichen +Hintertreppenromane+, die die
-schauerlichsten Einzelheiten von Lustmorden, Hinrichtungen, Foltern
-u. s. w. mit wonnigem Behagen ausmalen, für die +Lustmörder+ und
-+Sittlichkeitsverbrecher aus dem Volke+. Man forsche nur nach, und man
-wird mehr als einmal den unheilvollen Einfluss derartiger Lektüre auch
-auf die Seele des niederen Volkes bestätigt finden und sich Manches
-erklären können, was sonst unerklärlich sein würde.
-
-
-2. Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“.
-
-Zwei bedeutende französische Schriftsteller, +Rétif de la Bretonne+ und
-+Charles Villers+ eröffnen fast zu gleicher Zeit die „Sadelitteratur“.
-Zunächst beschäftigen wir uns mit +Rétif’s+ „L’Anti-Justine, ou
-les délices de l’amour. Par M. Linguet, av. au et en Parlem. etc.“
-Au Palais-Royal 1798, chez feue la veuve Girouard, très-connue. (2
-Bände in 12^o.) Auf dem Titel werden 60 Bilder angegeben, die aber
-nie erschienen sind. Von den 8 Teilen, die +Rétif+ in der Vorrede
-ankündigt, ist nur der erste veröffentlicht worden. +Monselet+
-glaubte, dass nur ein einziges Exemplar dieses ersten Teiles gedruckt
-worden sei, nach dem Bibliophilen +Jacob+ giebt es aber +sechs+
-bekannte Exemplare dieses Werkes, das +Rétif+ in seiner kleinen
-Druckerei fertigstellte. +Drei+ zum Teil unvollständige von diesen
-sechs Exemplaren besitzt die Geheimabteilung (L’enfer) der Pariser
-Nationalbibliothek, welche aus der grossen Confiscation stammen, die
-der erste Consul im Jahre 1803 bei den Buchhändlern des Palais-Royal
-und in den Bordellen vornehmen liess, wobei bestimmt wurde, dass zwei
-Exemplare jedes pornographischen Werkes auf der Nationalbibliothek
-secretiert werden sollten; die übrigen wurden vernichtet.[651] Eins
-von den wenigen ersten Exemplaren kaufte ein reicher englischer
-Bücherliebhaber. Es befand Sich später in der Bibliothek des Herrn
-+Cigongne+ und kam dann in den Besitz des Herzogs von +Aumale+. Heute
-ist das Werk durch zahlreiche Neudrucke, die in Belgien veranstaltet
-wurden, (2 Bände in 18^o mit schlechten kolorierten Lithographien;
-die anderen Ausgaben sorgfältiger, in 12^o mit Gravuren) sehr
-verbreitet[652]. +Rétif+ veröffentlichte das Werk unter dem Namen des
-bekannten Advokaten +Linguet+, den er als +Jean Pierre Linguet+ die
-Erklärung abgeben lässt, dass er dieses „schlechte Buch“ in guter
-Absicht verfasst habe. Nun hiess aber der Verfasser der „Cacomonade“
-nicht Jean Pierre, sondern +Simon Nicolas Henri Linguet+.
-
-Nach +Monselet+ enthält die „Anti-Justine“ obscöne Schilderungen aus
-dem +eignen Leben Rétifs+ und bildet ein Supplément zum „Monsieur
-Nicolas“[653]. Das Werk ist in 48 Kapitel eingeteilt, von denen bei
-einigen die Titel angegeben sind: „Du bon Mari spartiate“ -- „Des
-Conditions du Mariage“ -- „Du Dédommagement“ -- „Du chef-d’œuvre de
-tendresse paternelle“ -- „D’une nouvelle Actrice“. -- Das Buch strotzt
-von Obscönitäten, die aber nach +Rétif+ einen moralischen Zweck
-verfolgen und eine „Art von Gegengift“ gegen die „infame Justine“
-bilden sollten. „Il est destiné à ramener les maris blases auxquels
-les femmes n’inspirent plus rien. Tel est le but de cette étonnante
-production que le nom de Linguet rendra immortelle.“ Er will die Frauen
-vor der Grausamkeit bewahren. Die „Anti-Justine“ ist deswegen ebenso
-+obscön+ wie die „Justine“, damit die Männer für diese einen Ersatz
-+ohne+ die Grausamkeiten des +Sade+’schen Werkes haben. Er hält die
-Publikation dieses „Antidots“ für dringend notwendig (urgente). Es muss
-also damals wohl die Verbreitung der „Justine“ eine ausserordentliche
-gewesen sein. +Rétif+ erklärt endlich noch in der cynischsten Weise
-die Darstellungen auf den Bildern, die dem Werk beigegeben werden
-sollten.[654]
-
-
-3. Charles de Villers.[655]
-
-Unter den zahlreichen französischen Emigranten, welche die grosse
-Revolution nach Deutschland führte und welche hier zwischen
-französischem und deutschem Geistesleben vermittelten, nimmt
-der edle +Karl von Villers+, der wie +Adalbert von Chamisso der
-Unsrige+ geworden ist, eine ganz hervorragende Stelle ein. +Charles
-François Dominique de Villers+, geboren den 4. November 1765 in dem
-lothringischen Städtchen Bolchen von französischen Eltern aus dem
-Languedoc, war anfangs Offizier, ging nach Deutschland, wo er in Lübeck
-von seiner Freundin +Dorothea Schlözer+, der Tochter des berühmten
-Göttinger Historikers und der +ersten+ deutschen Frau, die (am 17.
-September 1787) in Göttingen den Grad eines Doktors (der Philosophie)
-erlangte, in den geist- und lebensvollen Kreis eingeführt wurde,
-dessen Mittelpunkt das Haus ihres Gatten, des Lübeckischen Senators
-+Rodde+ war. Diese Frau erschloss unserem +Villers+ das Verständnis für
-deutsches Geistesleben und machte ihn zu einem begeisterten Apostel des
-Deutschtumes in Frankreich. Er wurde später Professor der Philologie
-in Göttingen und starb dort am 26. Februar 1815. Um die Bedeutung
-dieses Mannes, der für die +direkten+ geistigen Beziehungen zwischen
-Deutschland und Frankreich durch seine vortrefflichen Schriften über
-+Luther, Kant+ und über die Provinz +Westfalen+ sicher mehr gethan
-hat als +Chamisso+, ins rechte Licht zu setzen, genügt es, daran zu
-erinnern, dass +Goethe+ von +Villers+ in einem Brief an +Reinhard+
-sagt, dass er „wie eine Art von Janus bifrons herüber und hinüber
-sieht“ und selbst an ihn schrieb: „Sie haben mich im ästhetischen
-Sinne bei Ihren Landsleuten eingeführt.“[656] +Viller’s+ Beispiel
-hat bekanntlich +Benjamin Constant+ und Frau von +Staël+ zu gleichen
-teutophilen Bestrebungen ermuntert.
-
-Es wurden in Deutschland von den Emigranten verschiedene französische
-Zeitschriften herausgegeben, deren eifriger Mitarbeiter +Villers+
-war, hauptsächlich im Sinne der Propaganda für deutsches Wesen und
-deutsche Litteratur, aber auch um die Deutschen mit den französischen
-Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Wissenschaft
-bekannt zu machen. Besonders war +Hamburg+ auch schon vor der
-Revolution ein Centrum für solche Bestrebungen gewesen, sowohl im guten
-wie im schlimmen Sinne. Denn in Hamburg wurden viele französische
-Erotica zum ersten Male veröffentlicht oder nachgedruckt.[657] Hier
-gaben +Bandus+ (Marie +Jean Louis Amable de Bandus+, lebte von 1791 bis
-1802 in Hamburg), +Boudens de Vanderbourg+ und +Villers+ vom Januar
-1797 bis zum Dezember 1802 den „Spectateur du Nord“, ein „journal
-politique, littéraire et moral“ heraus, welches es in diesen 6 Jahren
-auf 24 Bände brachte. Die Zeitschrift wurde in Frankreich verboten.[658]
-
-Im vierten Bande dieses „Spectateur du Nord“ erschien nun im Jahre 1797
-die „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu“,
-welche +M. L. Hoffmann+ mit Recht dem +Charles de Villers+ zuschreibt.
-Eine Neuausgabe dieser interessanten Notiz über den Roman des Marquis
-+de Sade+ wurde im Jahre 1877 von +A. P. Malassis+ veranstaltet, der
-wir in der Analyse folgen.[659]
-
-+Villers+ erklärt in der Vorrede, dass das berüchtigte Buch „Justine“
-viel verlangt werde, in immer neuen Auflagen erscheine und so, damit
-den Lesern des „Spectateur“ die Lektüre des schrecklichen Buches
-erspart werde, eine kurze Inhaltsangabe gerechtfertigt erscheine.
-Speziell ist er von einer +Dame+ zur Lektüre des Buches und zum Bericht
-über dasselbe aufgefordert worden (S. 13). Zwar haben ihm „zwanzig Mal
-Ekel und Entrüstung das Buch aus der Hand fallen lassen“, aber die
-„grosse Berühmtheit“ desselben habe ihn bewogen, dasselbe bis zu Ende
-durchzulesen. Dann „habe ich es denen zurückgegeben, von denen ich es
-bekommen hatte, froh, das geistige Spiessrutenlaufen überstanden zu
-haben und das abscheuliche Buch nicht mehr unter den Augen zu haben. Es
-war ohne Zweifel +unserem Jahrhundert+ vorbehalten, es hervorzubringen.
-+Denn dies Buch konnte nur inmitten der Barbareien und der blutigen
-Erschütterungen concipiert werden+, die Frankreich heimgesucht haben.
-Es ist eine der +widerlichsten Früchte der revolutionären Krisis+,
-eines der stärksten Argumente gegen die Freiheit der Presse“ (S.
-14). In der That ist das Werk „ausserordentlich“ in Beziehung auf
-die bizarrsten und grausamsten Ausschweifungen und eine raffinierte
-Grausamkeit. Es giebt Werke, die von den +Grazien+ inspiriert zu
-sein scheinen. Dieses haben die +Furien+ inspiriert. „Es ist mit
-Blut geschrieben. Es ist unter den Büchern, was +Robespierre+
-unter den Menschen war. Man erzählt, dass, als dieser Tyrann, als
-+Couthon+, +Saint-Just+, +Collot+, seine Minister, der Mordthaten
-und Verurteilungen müde waren und diese steinernen Herzen etwas
-wie Gewissensbisse empfanden und die Feder ihnen angesichts der
-zahlreichen, noch zu unterzeichnenden Urteile aus den Händen glitt, sie
-nur einige Seiten der ‚Justine‘ zu lesen brauchten, um wieder schreiben
-zu können. Man erzählt diese Anekdote in Frankreich und glaubt an sie.“
-(S. 16.)
-
-+Villers+ setzt dann in Kürze die uns bekannten philosophischen
-Theorien des Marquis +de Sade+ auseinander und sagt, dass dieses Buch
-„alle pornographischen Werke, die seit der Regentschaft Frankreich
-überschwemmt haben“, hinter sich lässt. (S. 18.) Er schildert dann den
-Gang der Handlung in der „Justine“. Er hält zwar den Roman, der nur
-auf Scheusale wie +Robespierre+ und +Couthon+ Eindruck machen könne,
-nicht für gefährlich, fordert aber doch zu einer „Verschwörung“ aller
-anständigen Menschen, die noch Moral auf der Erde haben wollen, auf,
-damit alle noch vorhandenen Exemplare dieses Romans vernichtet werden.
-„Ich werde drei Exemplare kaufen, die noch bei meinem Buchhändler sind,
-und sie ins Feuer werfen.“ Er hofft, dass in drei Jahren die Exemplare
-nur noch in Bibliotheken zu finden sein werden. (S. 21.) Trügerische
-Hoffnung!
-
-+Villers+ kommt zu dem Schlusse, dass die „Justine“ in gleicher
-Weise die Wahrscheinlichkeit, den gesunden Menschenverstand und das
-Zartgefühl „selbst der Wüstlinge“ verletzt, dass dieses Buch platt
-und dumm sei, lächerliche Uebertreibungen und widernatürliche Dinge
-enthalte, und dass es sogar das Theorem in +Boileau’s+ „Art poétique“
-verleugne:
-
- Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,
- Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.
-
-Denn diese Monstra sind sehr „odieux“, gefallen aber weder dem Auge
-noch dem Geiste. Indessen „was werden Sie dazu sagen, dass wenig Werke
-so viele Auflagen erlebt haben, wie die elende ‚Justine‘? Was soll man
-von einer Zeit denken, in der sich ein Schriftsteller zur Abfassung
-eines solchen Romans fand, Buchhändler, um ihn zu verkaufen und ein
-Publikum, um ihn zu kaufen?“ (S. 22-23.)
-
-Das Gift war ein Contagium animatum, das sich trotz des ehrlichen
-+Villers+ ins Ungemessene vermehrte. Es lebt noch heute.
-
-
-4. Despaze.
-
-Der Dichter +Despaze+ (gestorben 1814) erwähnt den Marquis +de Sade+
-ebenfalls und zeigt ihn in drastischer Weise in einer seiner Satiren
-als Verkünder seiner schrecklichen Theorien:
-
- Si votre sœur vous plaît, oubliez tout le reste
- Savourez avec joi les douceurs de l’inceste;
- Servez-vous du poison, et du fer et du feu;
- La vertu n’est qu’un nom, le vice n’est qu’un jeu.
- Telle est, de point en point, son infâme doctrine.
- L’ami de la morale, en parcourant +Justine+,
- Noir roman que l’enfer semble avoir inventé,
- Se trouble, et malgré lui demande, épouvanté,
- Comment +le monstre affreux+ qui traça ces peintures,
- Ne l’a pas expié dans l’horreur des tortures?[660]
-
-
-5. Der Sadismus in der Litteratur.
-
-Der Marquis +de Sade+ hat zahlreiche litterarische Nachahmer gefunden.
-Wir nennen nur die wichtigsten Schriften und Namen, diejenigen, welche
-einen direkten Einfluss der Lehren des Marquis +de Sade+ deutlich
-erkennen lassen.
-
-Ein Werk, welches als eine allerdings gemilderte Nachahmung der
-+Sade+’schen Schriften betrachtet werden kann und welches nach +Gay+
-„denselben Geschmack für die Vereinigung der Grausamkeit mit der
-Wollust“ zeigt, ist der von E. L. J. +Toulotte+ verfasste Roman „Le
-Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets du célibat
-réligieux par T....e“ Paris 1803 chez Pigoreau (4 Bde. in 12^o). Das
-Buch enthält mehrere Episoden aus dem Leben des „célèbre marquis“, ist
-sonst aber uninteressant und ohne Geschick abgefasst. Es wurde durch
-Urteil vom 12. Juli 1827 und von 5. April 1828 confisciert.[661]
-
-Im Jahre 1835 hatte ein buchhändlerischer Spekulant die Idee, einen
-sehr schlechten Roman mit dem Titel „Justine ou les Malheurs de
-la vertu“ (2 Bände in 8^o) schreiben zu lassen, mit einem Auszug
-aus der Vorrede des Marquis +de Sade+ aus dessen echter „Justine“.
-Diese Erzählung, in welcher Diebe und Taugenichtse schlimmster Sorte
-ihre wenig erbaulichen Grundsätze verkünden, soll von einem sehr
-untergeordneten Autor, dem Vielschreiber +Raban+ verfasst und von einem
-Verleger +Bordeaux+ (Fr. M. J.) veröffentlicht worden sein. Das Buch
-wurde öffentlich angekündigt. Der Skandal war gross. Die Obrigkeit
-schritt ein und der Verleger wurde zu sechs Monaten Gefängnis und 2000
-Francs Geldstrafe verurteilt.[662]
-
-Ein Schriftsteller, dem die Lektüre der +Sade+’schen Romane direkt
-gefährlich geworden zu sein scheint, ist +Jacques Baron Révérony de
-Saint-Cyr+, wohl der +erste+ sadistische Autor. Er wurde im Jahre
-1767 geboren, wurde Geniecommandant, daneben ein sehr fruchtbarer
-Schriftsteller, Verfasser von Theaterstücken, wissenschaftlichen
-Werken und Romanen. Er starb im Jahre 1829 im Wahnsinn.[663] Auf ihn
-haben die Werke +Sade’s+ offenbar grossen Eindruck gemacht. Denn in
-seinem Roman „Pauliska ou la Perversité moderne, mémoires récents d’une
-Polonaise“, Lemierre et chez Courcier an VI, (1798) (2 Bde. in 12^o mit
-2 Bildern in der Art von +Chaillu+) schildert er ähnliche grausame
-Akte aus Wollust wie der Marquis +de Sade+, hinter dem er aber weit
-zurückbleibt.[664] Nach +Cohen+ enthalten auch die übrigen Romane
-dieses Autors wie „Sabina d’Herfeld, ou les Dangers de l’imagination“
-Paris 1797-1798 (2 Bde. in 12^o) und „La Torrent des passions, ou
-les Dangers de la galanterie“ Paris 1818 (2 Bde.) Schilderungen und
-Doctrine im Genre des Marquis +de Sade+[665].
-
-„Ein anständiger Mensch hat immer einen Band des Marquis +de Sade+
-in seiner Tasche“ heisst es in einem Romane von +Borel+ (P. +Borel+,
-Le Lycanthrope „Madame Potiphar“)[666], und ein Journalist, +Capo de
-Feuillade+ schrieb, dass die „Lelia“ der +George Sand+ ihm ähnliche
-Doctrinen zu lehren scheine, wie die Werke des Marquis +de Sade+.
-+Proudhon+ nannte deswegen diese berühmte Schriftstellerin die würdige
-Tochter des Marquis +de Sade+.[667] Wie wir sahen, hat übrigens
-Proudhon selbst über den Diebstahl ähnliche Ansichten wie +Sade+
-entwickelt.
-
-Der französische Sozialist +Fourier+ entwickelt eine sadistische
-Theorie der Liebe. In seiner „Harmonie“ darf jede Frau gleichzeitig
-besitzen: einen époux, von dem sie zwei Kinder hat; einen géniteur,
-von dem sie ein Kind hat; einen favori, ausserdem noch beliebig
-viele amants, die gesetzlich keine besonderen Rechte haben. Gegen
-Uebervölkerung wird diese harmonische Welt durch vier organische Mittel
-geschützt: la régime gastrosophique, la vigueur des femmes, l’exercice
-intégral, und -- les mœurs phanérogames![668]
-
-Bei den modernen französischen Parnassiern, Diabolikern, Decadenten
-und Aestheten wimmelt es von sadistischen Naturen. Wir verweisen zum
-genaueren Studium dieser Poeten aller perversen Gefühle auf +Nordau’s+
-„Entartung.“[669] Wir erwähnen nur das Wichtigste.
-
-+Baudelaire+ ist nach +Bourget+ „ein Wollüstling; und Vorstellungen,
-+die bis zum Sadismus verderbt+ sind, erregen denselben Mann, der den
-erhobenen Finger seiner Madonna anbetet. Die mürrischen Trunkenheiten
-der gemeinen Venus, die berauschende Glut der schwarzen Venus, die
-kunstvollen Wonnen der erfahrenen Venus, die verbrecherischen Wagnisse
-der blutgierigen Venus haben ihre Erinnerungen in den durchgeistigsten
-seiner Gedichte gelassen. Ein übelriechender Dunst niederträchtiger
-Schlafzimmer entweicht seinen Gedichten“. (S. 74.) +Baudelaire+ besingt
-die „geheimnisvolle Wut“ der Wollust:
-
- Quelquefois pour apaiser
- Ta rage mystérieuse,
- Tu prodigues, serieuse,
- La morsure et le baiser.[670]
-
-„Les Diaboliques“, die „Teuflischen“ von +Barbey d’Aurévilly+ sind eine
-Sammlung wahnwitziger Geschichten, in denen Männer und Weiber sich in
-der scheusslichsten Unzucht wälzen und dabei fortwährend den Teufel
-anrufen, ihn preisen und ihm dienen. Es lässt sich nicht leugnen, dass
-sadistische Ideen in diesem Buche vielfach zu Tage treten.
-
-Echt sadistische Typen schildert +Paulhan+ in seinem Buche „Le nouveau
-mysticisme“ (Paris 1891) in dem Kapitel „L’amour du mal“ (S. 57-99).
-Ein reicher Fabrikant beschuldigt einen jungen Mann auf Freiersfüssen
-fälschlich, an einer ansteckenden Krankheit zu leiden und erhält seine
-Behauptung „um des Vergnügens willen“ aufrecht. Ein junger Strolch
-geniesst die Wonne des Diebstahls so sehr, dass er ausruft: „Selbst
-wenn ich reich wäre, möchte ich immer stehlen.“ Viele Leute suchen den
-Anblick körperlicher Leiden. +Paulhan+ meint sogar, dass „im Geiste
-eines Menschen unserer eigenen Zeit +eine gewisse Freude daran erwacht,
-die Ordnung der Natur zu stören, die früher+ nicht mit solcher Stärke
-aufgetreten zu sein scheint“.[671]
-
-Aehnliche Theorien werden in +Joseph Péladan’s+ „Vice suprême“, dem
-„äussersten Laster“ entwickelt.
-
-Die von +Sade+ so sehr goutierte Hypochorematophilie findet sich bei
-dem Decadenten +Maurice Barrès+. Er lässt seine „kleine Prinzessin“
-erzählen: „Als ich zwölf Jahre alt war, liebte ich es, wenn ich allein
-war, meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die nackten Füsse in
-warmen Kot zu stecken. So verbrachte ich Stunden und das gab mir
-Lustschauer über den ganzen Körper“, und ähnlich wie +Sade+ seine
-Helden an Personen mit leiblichen Gebrechen, wie einem Eunuchen, Zwerge
-und Hermaphroditen Gefallen finden lässt, wird auch +Barrès+ von diesen
-Eigenschaften angezogen. Im „Garten der Berenice“ heisst es: „Als
-Berenice ein kleines Mädchen war, bedauerte ich in meiner Begierde,
-sie zu lieben, ungemein, dass sie nicht ein leibliches Gebrechen
-hatte.“[672]
-
-J. K. +Huysmans+ rollt in seinem Roman „à rebours“ das
-Erziehungsproblem der „Philosophie dans le Boudoir“ wieder auf.
-Dem Herzog des Esseintes begegnet in der Rue de Rivoli ein etwa
-sechzehnjähriger, bleich und verschmitzt aussehender Bursche, der eine
-schlechte Cigarette raucht und von ihm Feuer verlangt. Des Esseintes
-schenkt ihm eine duftige türkische Cigarette, führt ihn in ein Café
-und lässt ihm kräftige Pünsche vorsetzen. Dann führt er ihn in ein
-Freudenhaus, wo seine Jugend und Verwirrung die Dirnen verwundert.
-Während der Knabe von einem Frauenzimmer weggeschleppt wird, fragt
-die Wirtin des Esseintes, wie er dazu komme, diesen Knaben zu ihr
-zu führen. Der Decadent antwortet: „+Ich suche einfach einen Mörder
-anzufertigen+. Zunächst führe ich ihn alle vierzehn Tage hierher, und
-gewöhne ihn an Genüsse, zu denen er die Mittel nicht besitzt. Später
-wird er stehlen, um zu Dir kommen zu können. Ich hoffe, er wird auch
-morden. Dann wird mein Ziel erreicht sein.“ Er entlässt den Knaben mit
-den Worten: „So, nun gehe. Thu den Anderen, was du nicht willst, dass
-sie dir thun. Mit diesem Grundsatz kommst du weit.“
-
-In +Huysmans’+ „Là bas“ schreibt des Esseintes eine Geschichte
-von +Gilles de Rays+, dem Massen-Lustmörder des fünfzehnten
-Jahrhunderts, auf den nach +Nordau Moreau de Tours’+ Werk über die
-Geschlechtsverirrungen die „im Allgemeinen zwar unwissende, aber auf
-dem Sondergebiete der Erotomanie sehr belesene Bande der Diaboliker
-aufmerksam gemacht hat, und dies giebt +Huysmans+ Gelegenheit, mit
-Schweinebehagen im schauerlichsten Unrat zu wühlen und zu nüstern.“[673]
-
-Auf einen typischen sadistischen Dichter, der +Nordau+ anscheinend
-entgangen ist, hat +Alcide Bonneau+ aufmerksam gemacht. Es ist dies
-+Emile Chevé+, der im Jahre 1882 eine Gedichtsammlung „Virilités“
-veröffentlichte, in der ein Gedicht „Le Fauve“ eine glühende
-Verherrlichung des Marquis +de Sade+ und des Sadismus darstellt. Wir
-zitieren einige der charakteristischsten Verse aus dem sehr langen
-Gedichte:[674]
-
- Au fond, l’homme est un fauve. Il a l’amour du sang;
- Il aime à le verser dans des luttes sauvages;
- Son cœur bat et se gonfle an bruit retentissant
- Des clairons précurseurs du meutre et des ravages.
-
- Partout où le sang coule, où plane la terreur,
- Où le trépas répand sa morne et sombre ivresse,
- Homme, femme, chacun veut savourer l’horreur;
- La brise des charniers nous flatte et nous caresse.
-
- L’échafaud, le supplice, ont pour nous des appas
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Nous aimons la naja, le tigre, l’assassin
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Car nous aimons aussi le désespoir, les pleurs,
- Le drame palpitant des angoisses secrètes,
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- Un attrait monstrueux, un prurit sensuel,
- Sort pour nous de la mort, du combat, du supplice.
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- +Oh! qu’il est dans le vrai, ce marquis, ce Satan,
- Qui mariant le sang, la fange et le blasphème,
- D’un Olympe de boue effroyable Titan,
- Dans la férocité mit le plaisir suprême!+
-
- +Marquis, ton livre est fort, et nul dans l’avenir
- Ne plongera jamais aussi bas sous l’infâme;
- Nul ne pourra jamais après toi réunir,
- En un pareil bouquet, tous les poisons de l’âme.+
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Tu brilles comme un tigre au milieu des cochons
- Dans l’effrayant musée où la hideur s’étale.
-
- Auprès de toi, Marquis, comme ils sont épiciers,
- Les Piron, les Zola, dans leurs fades ébauches!
- Qu’ils rampent platement sur leurs bas-fonds grossiers,
- Dans l’étroit horizon de leurs maigres débauches.
-
- +Au moins, toi tu fis grand dans ton obscénité!+
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
- L’homme est un fauve. En lui le monstre vit toujours
- Utopistes niais dont la sensiblerie,
- Rêve un monde baigné d’éternelles amours,
- Nous n’entrerons jamais dans votre bergerie,
-
- Car, jeune homme au cœur fier ou vieillard aux yeux doux,
- Vierge dont le front pur a des reflets d’opale,
- Petit enfant rieur jouant sur nos genoux,
- Tout être humain en lui renferme un cannibale.
-
-+Paul Bourget+ lässt in seiner „Physiologie der modernen Liebe“ Claude
-Larcher halbträumend folgendermassen monologisieren: „Ich sehe vor mir
-diesen Leib, an dem ich jeden Umriss kenne, die Schultern voll und
-zart zugleich, den wallenden Busen, die schlanken Hüften, ganz nackt,
-und mich mit einem Messer, wie ich diesen Leib zerfleischte, diese
-Glieder mit Blut besudelte, und wie sie unter der Schärfe des Stahls
-erzitterten, -- und +ihren Schmerz+... Nein, das werde ich nie thun,
-weil bei mir, dem Kulturmenschen in der Periode des Niederganges, die
-Handlung nie die Schwester der Begierde sein kann.... Himmel! wie oft
-habe ich mir das schon geträumt, und nichts schafft mir Linderung als
-dieser Traum.“[675]
-
-Eine sadistisch veranlagte Tribade wird in der Schrift „Gamiani
-ou deux nuits d’excès“ geschildert, die 1836 in nur 20 Exemplaren
-gedruckt wurde, und 1865 in Brüssel gleichfalls in nur 75 Exemplaren
-nachgedruckt ward. Eins von diesen Exemplaren befindet sich im Besitze
-des Schriftstellers +Paul Lindau+, der es A. +Moll+ zur Durchsicht
-liess. Dieser teilt mit, das in dem Nachdruck der Autor als A. D. M.
-bezeichnet wird. Es soll +Alfred de Musset+ sein, und „man glaubt,
-dass +Musset+ sich als der ehemalige Geliebte der +George Sand+ an
-dieser durch die Schrift rächen wollte, indem er in der Heldin Gamiani
-eine Tribade wildester Art, die George Sand schilderte“.[676] Wir
-sahen schon oben, dass +Capo de Feuillade+ ebenfalls die +George Sand+
-sadistischer Neigungen bezichtigte. Uebrigens wird in „Gamiani“ die
-Unzucht zwischen einem Weibe und einem Esel geschildert, nach dem
-Vorbilde von +Apulejus’+ „goldnem Esel“.[677]
-
-Auch die +deutsche+ Litteratur weist einige sadistische Specimina
-auf. So hat +Heinrich von Kleist+ in seiner „Penthesilea“ ein von
-rasender Liebeswut ergriffenes Weib geschildert, das schliesslich
-ihren geliebten Achilles mit einem Pfeile erschiesst, ihn von Hunden
-zerreissen lässt, und
-
- Er, in dem Purpur seines Blutes sich wälzend,
- Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
- Penthesilea! meine Braut! was thust du?
- Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?
- Doch sie --
- Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend,
- Den Zahn schlägt sie in seine weisse Brust,
- Sie und die Hunde, die wetteifernden,
- Oxus und Sphinx den Zahn in seine rechte,
- In seine linke sie; als ich erschien,
- Treff Blut von Mund und Händen ihr herab.[678]
-
-Ein deutscher Roman, in dem der Marquis +de Sade+ sehr häufig erwähnt
-wird, und sadistische Akte eine grosse Rolle spielen, ist das
-berüchtigte Buch „Aus den Memoiren einer Sängerin“ Boston, Reginald
-Chesterfield (Altona 1862 kl. 8^o 2 Bände und neuere Ausgabe Budapest,
-Jac. Casanova). Es soll dies eine Autobiographie der berühmten
-Sängerin +Wilhelmine Schröder-Devrient+ (1804-1860) sein. Der Roman
-schildert in Briefen an einen Arzt die Fortschritte, welche die
-Sängerin in der Ars amandi macht. Die „Justine“ des Marquis +de Sade+
-hat besonders den zweiten Band des Werkes beeinflusst, aus dem wir
-daher das in dieser Richtung Wichtigste mitteilen. In Budapest lernt
-die +Schröder-Devrient+ eine gewisse Anna kennen, eine Demimondaine
-und genaue Kennerin der seit langer Zeit berüchtigten Corruption in
-der ungarischen Hauptstadt. Sie fragt Anna nach ihrer Ansicht über
-die „Justine“, die sie in Frankfurt am Main gekauft habe, von der sie
-aber mehr abgestossen als angezogen werde. Anna giebt ihr darauf den
-Rat, einmal der Auspeitschung einer Diebin beizuwohnen. Dies bereitet
-der Sängerin einen grossen Genuss, und das Opfer, die Diebin Rosa
-wird nach der Execution von den Beiden zu einer Orgie mitgenommen,
-bei der unsere Heldin in Liebe zu ihr entbrennt. „Es war eine so
-ausschliesslich reine Liebe, dass mich alle anderen Weiber anekelten
-und die Männer noch viel mehr.“ (Bd. II, S. 84.) Sie nimmt Rosa in
-Dienst und präpariert sie im Kaiserbade für den amor lesbicus. Der
-Gedanke an die künstliche Defloration von Rosa bereitet ihr schon
-im voraus eine unendliche Wonne, und am selben Abend vollzieht sie
-diesen Akt in Gesellschaft ihrer Freundinnen Anna und Nina mit einem
-„doppelten“ künstlichen Phallus, während Anna nach der Operation
-„das Jungfernblut aufleckte.“ Nunmehr besuchen sie die berühmtesten
-Budapester Bordelle. In dem Freudenhaus der Resi Luft feiern sie mit
-Damen und Herren der vornehmen Budapester Gesellschaft eine grosse
-Orgie, bei der alle Anwesenden maskiert, aber sonst nackt erscheinen,
-und deren Einzelheiten zum grossen Teil der „Justine“ des Marquis
-+de Sade+ entnommen werden. Die +Schröder-Devrient+ lernt hier einen
-gewissen Ferry kennen, der die arme Rosa aufs neue defloriert, und die
-Sängerin den paederastischen Ausschweifungen einer Räuberbande im
-Walde beiwohnen lässt, bei denen er selbst den „Voyeur“ spielt. Die
-+Schröder-Devrient+ kommt darauf in Begleitung von Rosa nach Florenz,
-wo sie einen 59jährigen englischen Wüstling Sir Ethelred Merwyn, kennen
-lernt, der sie über alle sexuellen Laster in Italien unterrichtet und
-sie in Rom nach der Hinrichtung einer Frau und eines Mannes in eine
-Kirche führt, wo eine unglaubliche Orgie zwischen Priestern, Nonnen,
-Knaben und verschiedenen Tieren stattfindet, bei welcher die Körper
-der beiden Hingerichteten geschändet werden. Hier ist das Vorbild
-der „Juliette“ deutlich erkennbar. Offenbar beruhen aber auch diese
-Memoiren zum Teil auf persönlichen Beobachtungen, wie die Schilderungen
-aus Paris und London beweisen. Die Pariser Halbwelt und besonders
-die Laufbahn einer gewissen Camilla wird ausführlich geschildert und
-zahlreicher sadistischer Verbrechen Erwähnung gethan. Darauf reist sie
-mit dem Sänger Sarolta nach London, wo sie drei Jahre lang bleibt.
-Sie besucht eine Frau Meredyth, eine reiche Lebedame, die sie mit
-allen öffentlichen und geheimen Freuden Londons bekannt macht, sie
-nach Vauxhall Gardens, in den Piccadilly Saloon, ins Holborn Casino,
-in die Portland Rooms führt. Dann suchen sie als Prostituierte in den
-Strassen Abenteuer. Trotzdem schlägt die Sängerin die verlockendsten
-Anerbietungen des englischen Adels aus und bleibt ihrer geliebten
-Rosa treu. Hier endet die Erzählung. -- Der Einfluss +Sade’s+ ist
-unverkennbar, sowohl in der Schilderung der Persönlichkeiten als des
-Inhaltes. Auch Unwahrscheinlichkeiten und Uebertreibungen wie bei
-+Sade+ kommen vor. So z. B. hält sich in London im Garten der Mrs.
-Meredyth eine Gesellschaft von Frauen +drei Tage lang+ nackt auf! Und
-das im englischen Klima! „Justine“ wird oft erwähnt.[679] Im ersten
-Bande (S. 177) spricht die Sängerin von den „Denkwürdigkeiten des Herrn
-von H...“, von dem „Portier des Chartreux“, „Faublas“, „Félicia“ u. a.
-als von „wahrem Gift für unverheiratete Frauen“, wobei sie ihr eigenes
-Buch auszunehmen scheint.
-
-In +Sacher-Masoch’s+ „schwarzer Czarin“ ist Narda eine Sadistin. Aber
-neben Narda stellt +Sacher-Masoch+ eine Afrikanerin, die dieselbe noch
-an Wollust und Grausamkeit übertrifft, „ein Weib wie aus Ebenholz
-geschnitzt, berauschend in dem schwarzen Glanze ihres bacchantischen
-Leibes, in dem grausamen Lachen des Tigerkopfes, in dem mordlustigen
-Funkeln ihrer wollüstigen Augen.“ Auf Narda’s Frage, weshalb sie einen
-Menschen getötet habe, antwortet sie beinahe stolz: „Aus Mordlust! --
-Lass mich sterben, ich kann nicht leben, wenn ich Niemanden töten soll.
-Mein Herz verlangt nach Blut, wie das Eure nach Küssen.“[680]
-
-+Eulenburg+ zitiert den modernen Dichter +Detlev von Liliencron+, der
-„die im Liebeskampf sich gewaltsam vollziehende körperlich-seelische
-Entladung“ in folgenden Versen schildert:
-
- Wollen zwei Panther sich rasend zerreissen,
- Feuer und Flammen entlodern der Haft,
- Ringen und Raufen und Balgen und Beissen,
- Sinkende Wimpern, entstürzende Kraft.[681]
-
-Auch in +Kretzers+ Roman „Drei Weiber“, in +Karl Bleibtreu’s+ Novellen
-„Schlechte Gesellschaft“, in M. G. +Conrad’s+ „Die klugen Jungfrauen“
-werden sadistische Typen und Szenen geschildert. Vielfach werden im
-modernen sogenannten „naturalistischen“ (sit venia verbo!) Roman
-die „Sodomie, Paederastie, lesbische Liebe, Notzucht, Blutschande,
-Ehebruch studiert, pragmatisiert, auf unglückselige Vererbung, falsche
-Erziehung, überreizte Nerven zurückgeführt und -- verteidigt.“[682]
-
-Dass einzelne Doctrinen des Marquis +de Sade+ sich bei neueren
-deutschen Philosophen, sogar noch potenziert, wiederfinden, wie z. B.
-bei +Stirner+ und +Nietzsche+, ist ja bekannt.
-
-Von +Nietzsche+, diesem vielvergötterten dreimal Weisen, seien nur
-die folgenden bezeichnenden Aphorismen zitiert: +Wink+. -- Aus alten
-florentinischen Novellen, +überdies+ -- +aus dem Leben+. buona femmina
-e mala femmina vuol bastone. (Sachhetti Nov. 86[683]) und: +Ueber allen
-Gesetzen+ -- Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von
-Gut und Böse.[684] Auf +Nietzsche’s+ allmählich schon zum Ueberdruss
-werdende „Herrenmoral“ und seinen köstlichen „Uebermenschen“ näher
-einzugehen, halten wir für überflüssig und teilen damit die Ansichten
-der übrigen „Bildungsphilister“.
-
-Ein noch grösserer Sophist als der Marquis +de Sade+ und +Nietzsche+
-ist +Max Stirner+, der leider die dialektische Methode für seine
-geistigen Salti morali missbrauchte. Dieser Weisheitsjongleur betet das
-+Ich+ auf eine geradezu ungeheuerliche Weise an. Er schreibt es stets
-gross, um seine Ehrfurcht vor dieser Majestät gehörig auszudrücken.
-„Ob, was Ich denke und thue christlich sei, was kümmert’s Mich? ob es
-menschlich, liberal, human, ob es unmenschlich, illiberal, inhuman, was
-frag’ Ich danach? Wenn es nur bezweckt, was Ich will, wenn Ich nur Mich
-darin befriedige, dann belegt es mit Praedikaten wie Ihr wollt: es gilt
-Mir gleich.“ -- „Es giebt keinen Sünder und keinen sündigen Egoismus!
--- Wir sind allzumal vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein
-Mensch, der ein Sünder wäre!“ -- „+Eigner+ bin Ich Meiner Gewalt, und
-Ich bin es dann, wenn Ich Mich als +Einzigen+ weiss. Im +Einzigen+
-kehrt selbst der Eigene in sein schöpferisches Nichts zurück, aus
-welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei
-es der Mensch, schwächt das Gefühl Meiner Einzigkeit und erbleicht erst
-vor der Sonne dieses Bewusstseins. Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen,
-meine Sache, dann steht sie auf dem vergänglichen, dem sterblichen
-Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:
-
- Ich hab’ mein Sach’ auf Nichts gestellt.“[685]
-
-Die Sittlichkeit ist bei solchen Ansichten eine fixe Idee, ein
-„Sparren“, mit dem die Menschen behaftet sind. Die Ehe ist ein Nonsens,
-die Keuschheit ist ganz besonders eine fixe Idee, und +selbst die
-Blutschande ist nichts anderes.+ „O Laïs, o Ninon, wie that Ihr wohl,
-diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen Tausend
-in der Tugend grau gewordene Jungfern.“ Der Mord ist für +Stirner+
-ebenfalls ein Nichts. „Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden,
-wenn Ich mir’s selbst nicht verbiete, wenn ich selbst Mich nicht vor
-dem Morde als vor einem ‚Unrecht‘ fürchte.“
-
-Schon +H. Ströbel+ hat hervorgehoben, dass +Stirner’s+ Theorie des
-Egoismus nicht neu sei und an die Ideen der Aufklärungsphilosophen
-+Holbach+, +La Mettrie+ und +Helvetius+ erinnere.[686] Wir können uns
-dem Gedanken nicht verschliessen, dass +Stirner+ auch die Schriften des
-Marquis +de Sade+ gekannt hat. Denn weder +Holbach+ noch +La Mettrie+
-und +Helvetius+ verteidigen Blutschande und Mord. Das sind echt
-+sadische+ Gedanken.
-
-
-6. Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen.
-
-Dass die Schriften des Marquis +de Sade+ viele Proselyten gemacht
-haben, erscheint uns sehr wahrscheinlich angesichts der merkwürdigen
-Arten von sexuellen Vergehen, die auch heute noch beobachtet werden
-und manchmal geradezu eine Szene aus der „Justine“ und „Juliette“
-zum Vorbilde zu haben scheinen. Nach +Eulenburg+ fehlt es bis in
-die Gegenwart hinein durchaus nicht „an modernen Nachahmungen,
-natürlich nur im Kleinen und in schwächlicher Form, wie die in
-regelmässiger Wiederkehr nicht allzu selten die Polizei und die
-Gerichte beschäftigenden, öfters mit wahrhaft bestialischen Akten der
-Verstümmelung, mit Anthropophagie, Nekromanie u. s. w. verbundenen
-Lustmorde an Kindern und Frauen beweisen. Unsere Zeit, bekanntlich die
-Zeit der Spezialitäten, weiss sich auch auf diesem Gebiete eigenartige
-Spezialisten zu züchten. Der Eine verschafft sich durch Erwürgen von
-Mädchen und Frauen eines wollüstigen Reiz; der Andere schlitzt der
-Geschändeten den Leib auf, um gewisse Eingeweide herauszureissen; noch
-Andere trinken das Blut ihrer Opfer oder verzehren kannibalisch Stücke
-der ausgeschnittenen Eingeweide (Brüste und Genitalien). Die nicht ganz
-so Gefährlichen begnügen sich damit, ihren Opfern -- ausschliesslich
-jungen Mädchen -- Schnitt- und Stichwunden an verschiedenen
-Körperteilen, mit Vorliebe am Unterleib, beizubringen, um sich durch
-den Anblick des herabfliessenden Blutes geschlechtlich zu erregen (die
-vielzitierten Geschichten des ‚Mädchenschneiders‘ von Augsburg und des
-‚Mädchenstechers‘ von Bozen).“[687]
-
-In einem grossen Werke über den berüchtigten Lustmörder +Vacher+, der
-1898 in Lyon hingerichtet wurde, hat +Lacassagne+ alle „sadistischen
-Verbrechen“ des 19. Jahrhunderts zusammengestellt. Hier finden sich
-ausführliche Nachrichten über den berüchtigten Londoner Lustmörder
-„Jack the Ripper“, den +Paul Lindau+ in Amerika bereits in einem
-Sensationsdrama verewigt sah (+Eulenburg+ a. a. O. S. 109), über Ben
-Ali in New-York, Piper und Pomeroy in Boston, über die Affäre von
-Pont-Laval u. a. m.[688]
-
-Eine weitere Aufzählung derartiger Attentate geben +Brierre de
-Boismont+[689], ferner A. +Moll+[690], v. +Krafft-Ebing+[691], auf die
-wir den Leser verweisen.
-
-Wir heben nur einige +ganz direkt an Szenen+ aus +Sade’s Romanen+
-erinnernde Fälle hervor.
-
-
-a) Fall von Hypochorematophilie.
-
-Ein im höchsten Grade decrepider russischer Fürst liess sich von seiner
-Maitresse, die sich über ihn, ihm den Rücken wendend, setzen musste,
-auf die Brust defäcieren und regte nur auf diese Weise die Reste
-seiner Libido an. -- Nach v. +Krafft-Ebing+ a. a. O. S. 67 (Vergl. die
-ähnliche Szene bei Juliette Bd. III, S. 54.)[692]
-
-
-b) Statuenschändung.
-
-Das Journal L’évènement vom 4. März 1877 teilt die Geschichte eines
-Gärtners mit, der sich in die Statue der Venus von Milo verliebte und
-über Coitusversuchen an dieser Bildsäule betroffen wurde. -- Nach +von
-Krafft-Ebing+ a. a. O. S. 79 (Vergl. dazu Juliette I, 334).
-
-
-c) Körperliche Gebrechen als Reizmittel.
-
-Der berühmte französische Schriftsteller +Charles Baudelaire+ hatte
-Liebesverhältniss mit hässlichen, widerwärtigen Personen, Negerinnen,
-Zwergdamen, Riesinnen. Gegen eine sehr schöne Frau äusserte er den
-Wunsch, sie an den Händen aufgehängt zu sehen und ihr die Füsse
-küssen zu dürfen. -- Nach v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen etc.“
-(Unzweifelhafte Entlehnungen aus +Sade+).
-
-
-d) Sadistische Venaesectio. (Affäre T.....).[693]
-
-Ein 36jähriger Kommandant, der ein Verhältnis mit einer jungen Dame
-angeknüpft hatte, zwang dieselbe, nachdem er sie mit Schimpfworten
-überhäuft hatte, unter schrecklichen Drohungen, sich Blutegel an die
-Geschlechtsteile und den Anus ansetzen oder sich zur Ader zu lassen.
-Sobald Blut floss, verwandelte sich seine Wut in Zärtlichkeit, und er
-zwang sie, ihm zu Willen zu sein.
-
-Ein verheirateter Mann stellte sich +Krafft-Ebing+ mit zahlreichen
-Schnittwunden an den Armen vor und gab an, dass, wenn er sich seiner
-jungen nervösen Frau nähern wolle, er sich stets zuvor einen Schnitt
-beibringen müsse. Sie sauge dann an der Wunde, worauf sich erst bei ihr
-die sexuelle Erregung einstelle.[694] (Vergl. „Juliette“ III, 233 ff.).
-
-
-e) Affäre Michel Bloch.[695]
-
-Die Einzelheiten über diese echt sadistische Affäre finden wir in
-der Pariser Zeitung „Gil Blas“ (Nummern vom 14. und 16. August
-1891). Die Anklage richtete sich gegen einen in Paris wohlbekannten
-+Michel Bloch+, Diamantenmakler, vielfachen Millionär, Besitzer
-der Herrschaft La Marche u. s. w., einen Mann von etwa 60 Jahren,
-glücklich verheiratet, Vater einer 18jährigen und einer 16jährigen
-Tochter. Mitangeklagt war eine Kupplerin Frau Marchand, bei der die
-Zusammenkünfte Bloch’s mit seinen Opfern gewöhnlich stattfanden.
-Die erste Zusammenkunft Bloch’s mit der Klägerin Claudine Buron
-gestaltete sich folgendermassen. Das Mädchen wurde in ein Zimmer der
-Marchand geführt und musste sich mit zwei Altersgenossinnen, die sie
-dort vorfand (schon früheren Bekanntschaften Bloch’s) vollständig
-entkleiden. Ganz nackt, ein Spitzentaschentuch in der Hand, betraten
-alle drei ein blaues Zimmer, in dem ein älterer Herr sie erwartete.
-Dieser Herr, den Clientinnen des Hauses unter dem Namen „l’homme qui
-pique“ bekannt, war der Angeklagte Bloch. Er empfing seine Opfer,
-nachlässig auf einem Sopha hingestreckt, in einem Rosa-Atlas-Peignoir,
-das reich mit weissen Spitzen garniert war. Die Mädchen mussten sich
-ihm einzeln, stillschweigend und mit einem Lächeln auf den Lippen
-(dies war ausdrücklich verlangt) nähern; man reichte ihm Nadeln,
-Batisttaschentücher und eine Art Geissel. Die Novize, Claudine Buron,
-musste vor ihm niederknieen; er stach ihr in die Brüste, ins Gesäss,
-fast in alle Teile des Körpers im Ganzen gegen hundert Nadeln. Dann
-faltete er ein Taschentuch dreieckig zusammen und befestigte es mit
-etwa zwanzig Nadeln auf dem Busen des jungen Mädchens, so dass ein
-Zipfel zwischen die Brüste, die beiden übrigen auf die Schultern zu
-liegen kamen, und riss das so festgesteckte Tuch mit einem brutalen
-Griff plötzlich ab. Nun erst, wie es scheint, recht erhitzt, fiel
-er über das junge Mädchen her, peitschte sie, riss ihr Büschel von
-Haaren am Unterleib aus, presste ihr die Brustwarzen u. s. w. und --
-befriedigte sich endlich an ihr vor den Augen ihrer Genossinnen. Diese
-hatten während der Zeit ihm den Schweiss von der Stirne abtrocknen und
-plastische Stellungen annehmen müssen. Alle drei wurden nun entlassen
-und empfingen von Herrn Bloch ein Honorar von 40 Francs. -- Derartige
-Sitzungen wiederholten sich noch mehrmals. -- Bloch, der als ein Mann
-von abschreckendem säuferartigen Aussehen, mit fliehender Stirn, gelber
-Perrücke, kleinen bläulichen Augen, roter Plattnase und Knebelbart
-geschildert wird, legte sich bei den Verhandlungen anfangs aufs
-Leugnen, lachte dann, als man ihn an die Einzelheiten der obigen Szene
-erinnerte, und nahm eine Miene der Verwunderung darüber an, dass man um
-solche Lumpereien so viel Aufhebens mache. Der Gerichtshof verurteilte
-ihn zu einem halben Jahre Gefängnis und 200 Francs Geldbusse, ausserdem
-civilrechtlich zu einem Schadenersatz von 1000 Francs an Claudine
-Buron; seine Helfershelferin, die Marchand, zu einem Jahre Gefängnis.
-(Vergl. die ähnlichen Szenen in „Juliette“ II, 284; III, 55.)
-
-
-f) Wort-Sadismus.
-
-Ein dem Anschein nach sehr respectabler älterer Herr knüpft im
-Palais-Royal Garten, den er regelmässig besucht, mit einem für seine
-Zwecke geeignet scheinenden weiblichen Wesen Bekanntschaft an, lässt
-sich auf derselben Bank, jedoch immer in geziemender Entfernung von
-ihr nieder und bringt im Laufe der Unterhaltung die Frau, die in ihm
-einen Kunden wittert, dahin, sich in ihren Reden immer freier und
-unzweideutiger zu ergehen. Ist das erreicht, so zittert und „gluckst“
-er vor Entzücken, händigt seiner Partnerin fünf Franken zum Lohn ein,
-und empfiehlt sich[696]. (Vergl. „Philosophie dans le Boudoir“ I, 129
-u. ö.).
-
-
-g) Nachahmung des Marseiller Skandals.[697]
-
-Im Jahre 1840 erregte der amerikanische Gesandte in Madrid grosses
-Aufsehen durch eine Skandalaffäre ähnlich derjenigen, welche der
-Marquis +de Sade+ im Jahre 1772 in Marseille veranstaltet hatte.
-Der Gesandte hatte schon öfter Excentricitäten im Genre des Marquis
-+de Sade+ begangen. Eines Tages lud er etwa 20 „Manolas“ zu einem
-Souper ein, bei dem er an diese Mädchen stark irritierende Substanzen
-verteilte, die sie in eine hochgradig wollüstige Aufregung versetzten.
-
- * * * * *
-
-Wir könnten die Liste dieser offenbaren Imitationen des Marquis +de
-Sade+ noch vergrössern, halten es aber für unnötig und erwähnen
-nur noch, dass augenblicklich in „einer kleinen Strasse im Südwesten
-Berlins“ ein sadistisch veranlagter Arzt wohnen soll.[698]
-
-
-
-
-Schluss.
-
-
-Es ist kein Zweifel, dass den Werken des Marquis +de Sade+ eine
-Bedeutung in der Geschichte der menschlichen Kultur zukommt, die
-ganz anderswo liegt als auf dem Gebiet der Pornographie oder der
-aberwitzigen antimoralischen Ideen, welche wir in diesen Schriften
-finden. Der Marquis +de Sade+ ist der Erste gewesen, +der bewusst
-alle Erscheinungen der Natur und des sozialen Geschehens unter dem
-Gesichtspunkte des menschlichen Geschlechtslebens betrachtet hat+.
-Ueber den entsetzlichen Bildern entarteter Geschlechtslust, welche aus
-einer genauen Kenntnis sexualpathologischer Phaenomene entsprungen
-sind, darf jene eben angedeutete Grundtendenz der Schriftstellerei
-des Marquis +de Sade+ nicht vergessen werden. Sie verdient in
-kulturhistorischer, nationalökonomischer, juristischer und ärztlicher
-Beziehung die ernsteste Beachtung des wissenschaftlichen Forschers.
-Es giebt auch hier nur, wie +Eulenburg+ -- der mit seiner wertvollen
-Abhandlung in der „Zukunft“ recht eigentlich in Deutschland die
-Sade-Forschung inauguriert hat -- sich ausdrückt, ein +Objekt und
-ein Problem des Erkennens+. Ein geistvoller Psychiater, Dr. +Paul
-Naecke+ in Hubertusburg, beginnt seine neueste Studie über die
-Psychopathia sexualis mit den charakteristischen Worten: „Immer
-klarer und klarer tritt der kolossale Einfluss der Genitalsphäre auf
-die Bildung des Ich-Complexes, auf den Charakter des Menschen zu
-Tage.“[699] Wir fügen hinzu: immer klarer wird auch die Bedeutung des
-sexuellen Faktors in +Gesellschaft+ und +Staat+. Wir haben selten
-ein solches Denkerurteil gehört, wie uns gegenüber ein berühmter
-Anthropologe, der früher mehrere Jahre in Paris gelebt hatte, über die
-gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich fällte. Er führte zu unserem
-nicht geringen Erstaunen die sozialpathologischen Erscheinungen, wie
-sie besonders in der Dreyfus-Affäre grell zu Tage traten, auf zwei
-Ursachen zurück: auf die geradezu ungeheuerliche Verbreitung der
-+sexuellen Perversionen+ aller Art und auf den -- Absynth! Dies ist
-ein erleuchtendes Wort. Wenn in der französischen Zeitung „Siècle“
-der ehemalige Dominikaner +Hyacinthe Loyson+ und der Schriftsteller
-+Yves Guyot+ den Gedanken entwickelten, dass der Katholicismus den,
-wie uns scheint, unaufhaltsamen Verfall Frankreichs herbeigeführt
-hätte, und Frankreich daher nach +Mirabeau’s+ Rezept zunächst
-entkatholisiert werden müsse, so ist das nur eine halbe Wahrheit.
-Denn die Ursache des Triumphes der schwarzen Bande in Frankreich
-ist nach unserer Ueberzeugung vor allem die geradezu grauenhafte
-geschlechtliche Entartung in Frankreich, von der man in Deutschland
-kaum eine Ahnung hat. Dieses sexuell perverse Frankreich stürzt sich
-mit Wonne in die finsterste Mystik, in religiöse Ekstasen, und bedarf
-der jesuitischen Moral und Casuistik wie der Hungrige des Brodes.
-Es ist kein Zufall, dass z. B. +Maurice Barrès+, dieser dekadente
-Lüstling, das Banner des nationalistischen Clericalismus schwingt.
-Nur vom Standpunkte einer sexualpathologischen Erklärung kann man
-gewisse direkt an +sadistische+ Vorkommnisse erinnernde Aeusserungen
-und Ausschreitungen des französischen Volksgeistes verstehen, wie
-z. B. die planmässig durchgeführte Attacke gegen den unglücklichen
-+Dreyfus+. +Mercier+ bekommt vom General +Boisdeffre+ den Auftrag, ein
-belastendes Document gegen +Dreyfus+ herzustellen. Er lässt dasselbe
-durch den berüchtigten +Esterhazy+ schreiben und dann in den Papierkorb
-der deutschen Botschaft werfen. Nun folgt die Verhaftung, Degradation
-und Deportation eines Unschuldigen, von dessen Unschuld der ganze
-Generalstab, und nicht weniger die Herren +Drumont+ und +Rochefort+
-genaue Kenntnis hatten. Aber das Opfer auf der Teufelsinsel muss noch
-weiter gemartert werden. Man entzog ihm die Nahrung oder reichte ihm
-ungeniessbare, widerliche Speisen, man belog ihn und spiegelte ihm die
-Untreue seiner Frau vor; schrieb er in der entsetzlichen Einsamkeit
-ein Wort auf Papier, so wurde ihm dieses entrissen; schliesslich legte
-man ihn in Ketten, die ins Fleisch schnitten. +Max Nordau+ hat mit
-Lebhaftigkeit geschildert, wie sich an diesen Grausamkeiten gegen einen
-Unschuldigen die ganze Lügner- und Fälscherbande in echt sadistischer
-Weise geradezu berauschte.[700] Er hat auch darauf aufmerksam
-gemacht, dass der grösste Teil der tonangebenden Antidreyfusards aus
-Lebemännern und Wüstlingen bestand. Aehnlich wie bei der Dreyfus-Affäre
-zeigten sich auch in der Affäre +Voulet-Chanoine+ sadistische
-Anwandlungen im französischen Volke. Diese beiden Helden hatten
-ihren Vorgesetzten, den Obersten +Klobb+, mitten in Afrika einfach
-erschiessen lassen. Auch sie fanden -- so unglaublich es klingt --
-in der nationalistisch-antisemitischen Presse leidenschaftliche
-Verteidiger, die von Heldenmut, von der Besonderheit afrikanischer
-Verhältnisse u. s. w. faselten.[701] -- In allen diesen Dingen macht
-sich jenes „eigentümliche gallokeltische Element des französischen
-Volkscharakters bemerkbar, dem neben dem +frivol-erotischen+ auch der
-+lüstern-grausame+ Zug von jeher nicht fehlte und der in +Voltaire’s+
-Kennzeichnung seiner Landsleute als ‚Tigeraffen‘ den zutreffendsten
-Ausdruck findet.“[702]
-
-Wir haben oft ernsthaft die Frage erwogen, ob unserm Vaterlande
-auch ähnliche Gefahren drohen, wie sie in Frankreich aus der
-zunehmenden sexuellen Entartung sich ergeben, die bereits zu einem
-Bevölkerungsstillstande geführt hat. Nun besteht zwar zwischen dem
-deutschen und französischen Volke auch in sexueller Hinsicht ein
-gewaltiger Unterschied, und schon +Kurtz+ hat darauf aufmerksam
-gemacht, dass in diesem Punkte seit alter Zeit ein greller Kontrast
-zwischen beiden Nationen besteht, wie er sich schon in der Schilderung
-der germanischen Sitte und Zucht bei +Tacitus+ und der bei +Gregor von
-Tours+ in dessen Geschichte der Franken offenbart. Dort rohe, aber
-edle Einfalt, Gradheit der Sitten, Zucht und Keuschheit des Lebens,
-Heilighaltung der Ehe, Treue, Ehrenhaftigkeit; hier die kolossale
-Entartung der merowingischen Zeit, brutale Zuchtlosigkeit, treulose
-Verräterei, Meineidigkeit, Heimtücke, Mordpläne, Giftmischerei,
-Unersättlichkeit nach Schätzen, Ausschweifungen im geschlechtlichen
-Leben. Und obschon die schwärzesten Farben des Gregor’schen Gemäldes
-den Kreisen des Hoflebens angehören, so behauptet +Kurtz+ ganz richtig,
-dass Entartung auch im Volke eingerissen war.[703] Schon +Salvian+ von
-Marseille († 485 n. Chr.), der von der sittlichen Verwilderung seiner
-Zeit in Frankreich ein schreckliches, aber getreues Bild entwirft,
-behauptet, dass Gott den deutschen Eroberern das Reich hingegeben, weil
-sie frömmer als die Römer seien.[704]
-
-Indessen seien wir im Hinblick auf diese angeborene und immer wieder
-durchbrechende sittliche Kraft unseres Volkes nicht zu vertrauensvoll
-in Beziehung auf unsere Widerstandsfähigkeit gegen die immer mehr
-Platz greifenden verderblichen Einflüsse aller Art.
-
-Es ist unsere feste Ueberzeugung, die wir mit einem der grössten
-deutschen Irrenärzte, unserem langjährigen Lehrer +E. Kraepelin+
-teilen, dass die grösste Zahl der geschlechtlichen Perversitäten
-+erworben+ und nicht angeboren ist. Nichts reizt so zur Nachahmung wie
-sexuelle Dinge und Praktiken aller Art, seien sie noch so ekelhaft! In
-der dritten Szene von +Molière’s+ „La Critique de l’Ecole des Femmes“
-kommt ein Zwiegespräch vor, das auf eine höchst naive Weise diese
-Wahrheit ausdrückt:
-
-„+Climène.+ -- Il a une obscénité qui n’est pas supportable.
-
-+Elise.+ -- Comment dites-vous ce mot-là, madame?
-
-+Climène.+ -- Obscénité, madame.
-
-+Elise.+ -- Ah! mon dieu, obscénité. +Je ne sais ce que ce mot veut
-dire; mais je le trouve le plus joli du monde.+“
-
-Ja, das Wollüstige, das Obscöne zieht unwiderstehlich an, +fast jeden
-Menschen+! Denn der Geschlechtstrieb ist nun einmal, wenigstens eine
-lange Zeit, der Brennpunkt des menschlichen Lebens, und dann ist
-Manches „le plus joli du monde.“
-
-Wir haben immer diejenige Paedagogik für die beste gehalten, welche
-mehr negativ ist und das Böse von dem jugendlichen Gemüte abwehrt,
-statt dieses mit frommen Lehren vollzupfropfen. Am gefährlichsten
-sind für die Jugend schriftliche und bildliche Darstellungen der
-+Entartungen des Geschlechtstriebes+. Eine traurige Wahrheit spricht
-+Rétif de la Bretonne+ in der Einleitung seiner „Anti-Justine“ aus,
-wenn er schreibt: „+Fontenelle+ sagte: ‚Es giebt keinen Kummer,
-der gegen eine Stunde Lektüre Stand hielte.‘ -- Nun ist aber von
-allen Lektüren diejenige der erotischen Werke die anziehendste (la
-plus entraînante), besonders wenn dieselben mit ausdrucksvollen
-(expressives) Figuren ausgestattet sind.“ Man sollte die Worte
-beherzigen, die +Emile Zola+, dieser freie und grosse Geist, an einen
-Vater schrieb, der ihm die Frage vorlegte, ob seine Tochter den
-„Doktor Pascal“ lesen dürfe. Er antwortete: „+Ich schreibe nicht für
-junge Mädchen+, und ich denke, dass nicht jede Lektüre für Gehirne
-gut ist, die noch in der Entwickelung begriffen sind. -- Später, wenn
-das Leben sie frei macht, werden sie lesen, was sie wollen.“[705]
-Den verderblichen Einfluss der modernen naturalistischen Litteratur
-schildert +Seved Ribbing+ in seinem ausgezeichneten Buche über die
-„sexuelle Hygiene“, dessen Lektüre wir jedem Paedagogen empfehlen
-möchten.[706]
-
-Auch die +Kunst+ hat sich leider zu allen Zeiten in den Dienst der
-Wollust und der sexuellen Perversion gestellt. +Seved Ribbing+
-versichert, dass er öfter bei einem Besuche von Studenten oder
-anderen jungen Männern Wände und Schreibtisch derselben mit
-Abbildungen mehr oder weniger entblösster Frauen bedeckt gefunden
-habe, mit Photographien der Fräulein X. und Y., von Kunstreiterinnen,
-Café-Sängerinnen, welche „mit und ohne Kleidung in den unglaublichsten
-Stellungen und Verrichtungen dargestellt sind.“ Rechnet man noch
-allerlei andere obscöne Bilder hinzu, welche mit „Cigarrenetuis,
-Breloques, Stöcken und auf tausend anderen Wegen eingeschmuggelt, wohl
-auch öffentlich in den Tagesblättern angezeigt werden, so findet
-man, dass die Verführung auf recht vielfache Weise arbeitet.“[707]
-Nach +Eulenburg+ existiert sogar ein +Sadismus in der Kunst+ oder
-„mindestens eine nicht geringe Zahl oft mit virtuoser Technik
-ausgeführter, aber in bedenklicher Weise sadistisch wirkender
-Schöpfungen in Malerei und Sculptur.“ Er erwähnt +Rodin’s+ „Pforte
-der Danteschen Hölle“, +Frémiet’s+ „Gorilla, der ein Weib raubt“,
-+Galliard-Sansonetti’s+ „Brunhild“, +Rochegrosse’s+ „Andromache“,
-„Jacquerie“, „Eroberung Babylons“, +Albert Keller’s+ „Mondschein“,
-+Richir’s+ „Verderbtheit“ und +Klinger’s+ „Salome“.[708] Dass +J.
-J. Winckelmann+ durch das Studium des griechischen Altertums und
-der griechischen Kunst zur Knabenliebe sich bekehrte, ist uns sehr
-wahrscheinlich und bei der Betrachtung des von ihm so sehr geliebten
-„Pan“ in der Münchener Glyptothek noch mehr zur Gewissheit geworden.
-+Hössli+ sagt in seinem gedankenreichen Werke über den „Eros“[709]:
-„Nach unseren Meinungen und Auslegungen müsste das Studium der
-Antike eigentlich ein gefährliches Bestreben, und London, Paris, Rom
-und München mit ihren antiken Kunstschätzen gefährliche Orte sein,
-welche unsere Zeit der reinen Moral und Sittlichkeit mit der Pest der
-naturabtrünnigen Griechen bedrohen!“
-
-Zweifellos wird der Einfluss der Litteratur und Kunst bei weitem
-überboten durch die +direkte Verführung+, von der sich behaupten
-lässt, dass sie alle Arten der sexuellen Perversion zu erzeugen
-vermag. +Tarnowsky+ erklärt paederastische Kreise als „mächtige
-Centren für die Propaganda der Sittenverderbnis“, die durch „Erfahrung
-und Beispiel“ junge Subjekte verführen. In Paris werden zehn- bis
-zwölfjährige Kinder durch Ueberredung und Drohungen allmählich zur
-Masturbation und Sodomie verleitet und dann zu denunzierenden Kynaeden
-herangebildet -- „les petits Jésus“, wie man sie nennt.[710] Und
-angesichts dieser Thatsachen denkt man an Aufhebung des § 175 des
-deutschen Strafgesetzbuches! Das hiesse den Teufel durch Beelzebub
-austreiben. Mögen lieber die paar unglücklichen hereditären Urninge
-leiden als dass die Paederastie, das entsittlichendste aller sexuellen
-Laster, für erlaubt und straflos erklärt wird.
-
-Dass es sogar Kotesser aus blosser Gewöhnung giebt, erwähnt +Tarnowsky+
-ebenfalls (S. 70).
-
-Nichts erscheint uns ungereimter als der Ausspruch von +Hobbes+ in
-seinem „Leviathan“ (Pars I, cap. 6). „Alienae calamitatis contemptus
-nominatur crudelitas, proceditque a propiae securitatis opinione. +Nam
-ut aliquis sibi placeat in malis alienis sine alio fine, videtur mihi
-impossibile.+“ Würden die Hinrichtungen wieder öffentlich oder die
-altrömischen Gladiatorenkämpfe wieder eingeführt werden, dann würde
-auch die Zahl der Lustmorde sich vermehren. Noch neuerdings haben wir
-in den Komorner Folterern Anklänge an die alte Inquisition wieder
-bekommen. +Hobbes+ kannte die menschliche Natur zu schlecht.
-
-Wie die einzelnen sexuellen Perversionen +allmählich erworben+ werden,
-schildert unübertrefflich +Tarnowsky+: „Der entsittlichte Mensch wendet
-Alles an, was zur Steigerung der Wollust beitragen kann. Das Gesicht,
-das Tastgefühl, Gehör, Geruch, sogar der Geschmack zuweilen, kurz alle
-Sinne werden nacheinander, oder zugleich, in gewisser Weise gereizt,
-um die geschlechtliche Erregung zur möglichsten Intensität zu bringen.
-Unter diesen Erregungsmitteln kommt auch die passive Paederastie
-vor, als zufällige Nebenerscheinung, als ein neuer Reiz, welcher die
-Erregung steigern kann, die gewöhnlich zum Schluss durch Beischlaf
-mit einem Weibe befriedigt wird. Zuweilen wird auch der Gebrauch
-äusserer und innerer Reizmittel, die Lektüre pornographischer Schriften
-hinzugezogen u. s. w.“[711]
-
-Und als eine Illustration der erschreckenden Wahrheit des
-+Molière+’schen „le plus joli du monde“ erscheint der Ausspruch dieses
-erfahrenen Kenners des modernen Lebens: „Gegenwärtig erscheint das
-Laster in den Augen der Mehrheit nicht nur verführerisch durch die
-Kraft, Neuheit oder Mannigfaltigkeit der Empfindungen, sondern es
-verleiht in der Sphäre der eigentlichen Geschlechtsthätigkeit dem
-Wüstling einen gewissen Anstrich von Epikuräismus, Ausgesuchtheit,
-Verwöhntheit und Ueberlegenheit vor anderen Menschen, die anscheinend
-weniger entwickelt, aber sittsamer und enthaltsamer sind.“[712]
-
-Der geschlechtlichen Corruption kann nur auf eine einzige Weise
-entgegen gearbeitet werden. Die Bekämpfung der Prostitution, des
-Mädchenhandels, der, wie die Verhandlungen der internationalen
-kriminalistischen Vereinigung in Budapest (1899) gezeigt haben, wieder
-eine grosse Ausdehnung angenommen hat, des Alkoholismus, der Verführung
-durch Bücher, Schaustellungen u. s. w. sind nur Palliativmittel. Schon
-+Seved Ribbing+ betont, dass nur die +Aufklärung+, d. h. geistige
-Bildung, das nun einmal in der Welt vorhandene Uebel paralysieren könne
-(a. a. O. S. 93). Wir haben in der Einleitung dieses Werkes als das
-wahre Ziel der menschlichen Liebe die geistige Freiheit, den Gedanken,
-den Begriff, als das wahrhaft Objektive und Unvergängliche kennen
-gelernt. Die Grundlage jeder Ethik ist die Reflexion, der Verstand,
-den +W. Stern+ mit grossem Unrecht ganz aus der Ethik entfernen
-will.[713] Er will die Ethik ganz auf die Gemütswelt basieren. Das
-ist Utopie. Nur wo der Geist, der Begriff in der Welt herrscht,
-kann wahre Sittlichkeit gedeihen. Denn die wahre geistige Natur des
-Menschen entbehrt nicht des Gemütslebens, sie hebt es nur mit sich
-empor und adelt es. Mit dem Gemüte allein verdirbt man alles in „einer
-eisernen Zeit, inmitten ernster Erforschung des Wirklichen“.[714]
-Schön sagt +Hegel+, dass gerade „aus dem Ueberdruss an den Bewegungen
-der unmittelbaren Leidenschaften“ sich der Mensch zur Betrachtung
-und geistigen Durchdringung der Dinge heraus macht. Weder die Liebe,
-noch die Freundschaft, noch die Familie, noch Kunst und Religion +an
-und für sich+ vermögen die dem Menschen innewohnende Sehnsucht nach
-dem Ewigen zu befriedigen. Alles gipfelt im Erkennen. „Die +Seligkeit
-des Erkennens+ ist die höchste menschliche Befriedigung, sie ist die
-unvergängliche Quelle, von der ein Trunk den Durst auf ewig stillt;
-sie ist das, was ich den +absoluten Genuss+ nenne. Die Sehnsucht nach
-dem Ewigen, dieser Heimat des Geistes, kann sich nur im +Wissen+
-befriedigen; in allen früheren Formen der Befriedigung, in dem
-natürlichen Genusse, in der Liebe, dem Staate, der Kunst, der Religion,
-konnte sich das wahre Bedürfnis des Geistes nie ganz erfüllen, jede
-dieser Formen blieb mit einem Widerspruch behaftet, der erst in der
-Philosophie sich zur vollen Befriedigung auflöste.“[715]
-
-Niemand hat wohl begeisterter die veredelnde Wirkung der geistigen
-Bildung auf die Moralität gepriesen, als die beiden grossen
-englischen Philosophen des 19. Jahrhunderts, die wahren praktischen
-Lebenskünstler +Buckle+ und +Lecky+. Nach Letzterem versteht es sich
-von selbst, dass „jeder Einfluss, welcher den Bereich und die Kraft des
-Vorstellungsvermögens vergrössert, auch die liebenswürdigen Tugenden
-befördert, und ist es ebenso klar, dass die Erziehung diese Wirkung
-im höchsten Grad besitzt. Ein ungebildeter Mensch kann sich von den
-ihm fremd gebliebenen Menschenklassen, Völkern, Gedankenrichtungen
-und Existenzen keine Vorstellung machen, +während jede Erweiterung
-des Wissens eine Erweiterung der Einsicht und daher des Mitgefühles
-mit sich bringt+. -- Dieselbe intellectuelle Kultur, welche die
-Vergegenwärtigung des Schmerzes erleichtert und daher Mitleid erzeugt,
-erleichtert auch die Vergegenwärtigung der Charaktere und Meinungen,
-und erzeugt daher Milde. Die Errungenschaft dieses Vermögens der
-intellectuellen Sympathie ist die gewöhnliche Begleiterin eines grossen
-und gebildeten Geistes.“[716]
-
-Der Gedanke an den Tod und an die ewige Vergeltung, mit welcher
-manche Moralisten und fast alle Confessionen den fleischlichen Sünder
-bedrohen, ist nach unserer Ansicht eher geeignet, +die Sinnlichkeit
-zu schüren+, wie ja auch gerade die mit Hölle und Fegefeuer drohende
-katholische Kirche unter ihren Bekennern nicht eben sittlich reinere
-Menschen zählt als die übrigen Confessionen. Uns erschien immer der
-siebenundsechzigste Lehrsatz des vierten Teiles der Ethik des +Spinoza+
-als eine der erhabensten Maximen der Lebensweisheit:
-
- „Der freie Mensch denkt über nichts weniger nach, als über den Tod;
- und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern
- über das Leben.“
-
-Was nach dem Tode sein wird, das hat +Sokrates+ in den herrlichen
-Schlussworten der platonischen „Apologie“ verkündigt[717]. Wir aber
-sind im Leben, welches dem Geiste so unendlich viele, anziehende
-und der Erforschung würdige Probleme bietet. Beherzigen wir des
-+Septimius Severus+ gedankenschweres Wort „Laboremus“, arbeiten wir
-unausgesetzt an unserer Vervollkommnung, die nicht anders möglich ist
-als durch geistige Thätigkeit, und lehren wir auch unsere Kinder die
-„Seligkeit des Erkennens“, dann werden wir unseren Nachkommen ein
-Bekenntnis ersparen, in welches eines jener verderblichen Bücher des
-18. Jahrhunderts, der „Faublas“ elegisch ausklingt: „Beklagen Sie mich
-nicht, beneiden Sie vielmehr mein Loos und sagen Sie nur, dass es für
-glühende und gefühlvolle Menschen, die in der ersten Jugend den Stürmen
-der Leidenschaften preisgegeben waren, nie mehr ein vollkommenes Glück
-auf Erden giebt.“
-
-
-
-
-VI.
-
-Bibliographie.
-
-
-1. Romane und Novellen.
-
-1. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, en Hollande, chez les
-Libraires associés, 1791, 2 Bände in 8^o, 283 und 191 Seiten. Titelbild
-von Chéry. (Erwähnt im Katalog von Pixérécourt unter No. 1239) Neudruck
-als „Liber Sadicus“ Paris 1884 in 8^o 340 Seiten (bei I. Liseux). Auch
-englisch.
-
-2. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, en Hollande, chez les
-Libraires associés, 1791. 2 Bände in 12^o. Kleines Titelbild von
-Texier. Einige Exemplare dieser Ausgabe enthalten 12 obscöne Bilder mit
-Totenköpfen, Ketten und Hinrichtungsinstrumenten. Enthält bereits die
-ersten textlichen Vergröberungen.
-
-3. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, à Londres (Paris, Cazin).
-1792. 2 Bände in 16^o von 337 und 288 Seiten. Hübsches Titelbild nach
-Chéry und 5 obscöne Bilder ohne Namen. Aus der geheimen Druckerei von
-Cazin. Hier sind ganze Szenen umgearbeitet.
-
-4. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, 3me édition (4me) corrigée
-et augmentée, à Philadelphie, 1704, 2 Bände in 18^o, mit 8 obscönen
-Bildern, unter ihnen ein allegorisches Titelbild ohne Namen. Im Vorwort
-ein „avis de l’éditeur“ und eine Widmung des Autors „A ma bonne Amie“.
-Sehr schöne Ausgabe.
-
-5. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, à Londres (Paris) 1797, 4
-Bände in 18^o mit 6 Bildern und neuen Episoden. Eine typographische
-Luxusausgabe.
-
-6. +Justine ou les Malheurs de la vertu+, en Hollande, 1800, 4 Bände,
-in 18^o von 136, 134 und 132 Seiten, 12 obscöne Bilder, von denen 4
-Titelbilder sind. Nachdruck der Ausgabe Cazin von 1792.
-
-7. +Juliette ou la Suite de Justine+, 1ère édition S. L. 1796, in 8^o 4
-Bände. -- Ferner Kehl 1797 (ohne Bilder) und 1798 (60 Bilder) 6 Bände
-in 18^o.
-
-8. +La Nouvelle Justine ou les Malheurs de la vertu, suivi de
-l’Histoire de Juliette sa sœur, ou les Prospérités du vice+, Hollande
-(Paris, Bertrandet oder Didot?), 1797, 10 Bände in 18^o. Die „Justine“
-umfasst 4, die „Juliette“ 6 Bände. Ein Titelbild und 100 Bilder, bei
-dem 2ten Nachdruck 104. Am Ende von Band VI Anweisung an den Buchbinder
-betreffs Reihenfolge der Bilder, fehlt meistens. Die Zahl der Bilder
-ist in vielen Exemplaren eine geringere als 104, meist 100. Häufige
-Nachdrucke des Werkes schon in den ersten Jahren nach Erscheinen, mit
-Lithographien, z. B. eine durch +Colnet+ besorgte. Die modernen in
-Belgien seit 1830 veranstalteten Ausgaben haben denselben Titel und
-dasselbe Datum. (Eine vollendet im Oktober 1875 zu Brüssel.)
-
-9. +La Philosophie dans le boudoir ou les Instituteurs libertins+,
-Dialogue. Ouvrage posthume de l’auteur de Justine. A Londres (Paris),
-aux dépens de la Compagnie, MDCCXCXC (für 1795), 2 Bände klein 18^o,
-290 und 216 Seiten, 1 Titelbild und 4 obscöne Bilder. Diese Ausgabe
-neuerdings in Belgien mehrere Male (1868 u. ö.) nachgedruckt. Motto: La
-mère en prescrira la lecture à sa fille.
-
-10. +La Philosophie dans le boudoir, ou les Instituteurs immoraux+,
-Ouvrage Posthume par l’auteur de Justine. London, aux dépens de la
-Compagnie MDCCCV. 2 Bände, klein 8^o, 203 und 191 Seiten, 10 obscöne
-Lithographien.
-
-11. +La Philosophie dans le boudoir+, Londres (Paris), 1830, 2
-Bände in 18^o mit 10 Lithographien. In einigen Exemplaren schlechte
-Photographien.
-
-12. +Aline et Valcour ou le Roman philosophique.+ Ecrit à la Bastille
-un an avant la Révolution de France. Orné de quatorze gravures. Par le
-Citoyen S***. A Paris, Chez Girouard, Libraire, rue du Bout-du-Monde,
-no. 47, 1793. 4 Bände in 18^o (8 Teile) XIV, 315, 503, 575, 374 Seiten.
-14 nicht obscöne Bilder.
-
-13. +Aline et Valcour ou le Roman philosophique.+ Ecrit à la Bastille
-un an avant la Révolution de France. Orné de quatorze gravures. Par
-le Citoyen S***. A Paris. Chez la veuve Girouard, Libraire, au Palais
-Egalité, Galerie de Bois, No. 196. 1795. -- Eine andere gleiche Ausgabe
-desselben Jahres enthält 16 Bilder. Im Vorwort 7 lateinische Verse aus
-Lucrez.
-
-14. +Aline et Valcour ou le Roman philosophique+, écrit à la Bastille,
-un an avant la Révolution, par le Citoyen S***. Paris, Maradan, 1795,
-8 Teile in 18^o mit Bildern und neuem Titelbild (Veritas impavida).
-Von „Aline et Valcour“ existieren mehrere Neudrucke. Letzte Ausgabe,
-Brüssel 1883 bei J. J. +Gay+, 4 Bände in 8^o.
-
-15. +Valmor et Lydia ou Voyage autour du monde de deux amants qui
-se cherchent+, Paris, Pigoreau ou Leroux, an VII, 3 Bände in 12^o.
-Abgekürzte Copie von „Aline et Valcour.“
-
-16. +Alzonde et Koradin+, Paris, Cercoux et Montardier, 1799, 2 Bände
-in 18^o. Abgekürzte Copie von „Aline et Valcour“.
-
-17. +La Marquise de Ganges+, Paris, Béchet, 1813, 2 Bände in 12^o.
-Langweiliger Roman, der dem Marquis de Sade zugeschrieben wird, (von
-+Pigoreau+ in der „Petite Bibliographie biographico-romancière“
-Paris Oktober 1831 S. 309.) Nach +Quérard+ hat +de Sade+ hier eine
-historische Thatsache verändert, indem er die Marquise zum Werkzeug
-und Opfer ihrer unwürdigen Schwäger und ihres Gatten werden lässt.
-Das Motto des Werkes lautet: „Le ciel qui ne laisse rien d’impuni
-sur la terre, vengera la vertu des outrages dont le crime cherche à
-l’écraser.“ +Gay+ citirt die folgende Stelle, die nach seiner Ansicht
-sadischen Geistes ist: „Le crime est si cruel à peindre, les couleurs
-dont un historien fidèle doit le nuancer, sont à la fin si sombres
-et si lugubres, qu’au lieu de l’offrir à nu, en préférerait souvent
-se laisser deviner ou se tracer lui même plus par les faits qui le
-constituent que par les crayons dégoûtants, dont en est forcé de le
-dessiner. Il est si facile d’éluder les lois; il est tant de crimes
-secrets qu’elles n’atteignent pas, et l’homme puissant les brave avec
-tant d’audace.“ +Gay+ „Bibliogr. de l’amour“ IV, S. 428-429.
-
-18. +Pauline et Belval ou les Victimes d’un amour criminel+, anecdote
-parisienne du XVIIIe siècle, avec romances et figures Paris an VI
-(1798), 3 Bände in 12^o, und Paris, chez +Chambon+, 1817, 2 Bände in
-12^o mit Bildern. -- Nach +Pigoreau+ von Sade.
-
-19. +L’Etourdi+, Lampsaque, 1784. 2 Bände in 18^o. Nach +Paul Lacroix+
-von Sade. Enthält ein Kapitel („La comédie“) über +Sade’s+ Theater in
-La Coste. Wird auch dem +Andréa de Nerciat+ zugeschrieben. Neuausgabe
-Brüssel (+Gay+ et +Doucé+) 1882, 2 Bände kl. 8^o. 138 und 104 S.; mit 2
-Titelbildern von +Chauvet+. Vgl. +Gay-Lemonnyer+ „Bibliogr. de l’am.“
-II, 176.
-
-20. +Les Crimes de l’Amour ou le Délire des passions+; Nouvelles
-historiques et tragiques, précédées d’une Idée sur les Romans et ornées
-de gravures, par D. A. F. Sade, auteur d’Aline et Valcour. A Paris,
-chez Massé, an VIII. 2 Bände in 8^o und 4 Bände in 12^o. 4 Titelbilder.
-Motto, aus den „Nights“ von Young entlehnt: Amour, fruit délicieux
-que le ciel permet à la terre de produire pour le bonheur de la vie,
-pourquoi faut-il que tu fasses naître des crimes, et pourquoi l’homme
-abuse-t-il de tout? -- Die Titel der 11 in dieser Sammlung enthaltenen
-Novellen lauten: Juliette et Raunai, ou la Conspiration d’Amboise -- La
-Double épreuve -- Miss Henriette Stralsond -- Faxelange -- Florville et
-Courval -- Rodrigue -- Laurence et Antonio -- Ernestine -- Dorgeville,
-ou le Criminel par vertu -- La comtesse de Sancerre -- Eugène de
-Franval.
-
-21. +Zoloé et ses deux acolythes (sic) ou Quelques Décades de la vie
-de trois jolies femmes. Histoire véritable du siècle dernier, par un
-contemporain.+ A. Turin (Paris) chez tous les marchands de nouveautés.
-De l’Imprimerie de l’auteur. Thermidor, an VIII, in 12. Ein Titelbild,
-welches Josephine de Beauharnais, Madame Tallien und die Visconti
-darstellt (Laureda, Volsange sind die beiden letzteren, Zoloé die
-erstere).
-
-22. +Zoloé et ses deux Acolytes Discours aux Manes de Marat L’Auteur
-des Crimes de l’Amour à Villeterque Avec Notices Biographiques+
-Bruxelles Chez tous les Libraires 1867 und 1870, in 12^o. CII und 178
-S. Titelbild von +F. Rops+.
-
-23. +Dorci ou la Bizarrerie du Sort+, Conte inédit de de Sade, chez
-Charavay Paris 12^o, 1 Titelbild, 1881, enthält auch +An. France+
-„Notice sur de Sade“, 22 Seiten.
-
-24. +L’Auteur des Crimes de l’Amour à Villeterque, folliculaire.+
-Paris, Massé an IX, in 12^o, 19 S. (Antwort auf einen Angriff von
-Villeterque im Journal de Paris von 1800.)
-
-25. +Couplets+ chantés à Son Eminence le Cardinal Maury, le 6 octobre
-1812 à la maison de santé près de Charenton, in Revue rétrospective
-Paris 1833. Bd. I, S. 262 ff.
-
-
-2. Dramatische Werke.
-
-26. +Oxtiern ou les Malheurs du libertinage+, drame en 3 actes et en
-prose, par D. A. F. S. Versailles, Blaizot, an VIII, in 8^o, 48 Seiten.
-(Im November 1791 und Dezember 1799 aufgeführt.)
-
-
-3. Manuscripte.
-
-27. +Trente+ „+Contes+“.
-
-28. +Le Portefeuille d’un homme de lettres+, (4 Bände, geschrieben 1788
-in der Bastille).
-
-29. +Conrad+; historischer Roman aus der Albigenserzeit. (Confisciert
-1801.)
-
-30. +Marcel+; Roman.
-
-31. +Isabelle de Bavière+; ein historischer Roman, in Charenton
-verfasst.
-
-32. +Adélaide de Brunswick+; ein historischer Roman eben dort
-geschrieben. Beide Romane düster, aber ohne Blasphemien und
-Obscönitäten.
-
-33. +5 Hefte Bemerkungen, Gedanken, Auszüge+, Lieder u. s. w. aus der
-Zeit des letzten Aufenthaltes in Charenton.
-
-34. +Les+ 120 +Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage+, écrites
-en 20 soirées, de 7 à 10 heures, et finies le 12 November 1785. Ein
-Manuscript des Marquis +de Sade+ besitzt gegenwärtig der Marquis
-+de+ V.--, dessen Grossvater es von +Armoux de St. Maximin+ erhielt,
-der bei der Zerstörung der Bastille zugegen war und dieses kostbare
-Manuscript in dem Raume fand, in dem der Marquis +de Sade+ gefangen
-gesessen hatte. Pisanus Fraxi (Index librorum prohibitorum, London
-1877 S. 422-424) beschreibt es folgendermassen: Das Manuscript besteht
-aus einer Reihe von Papierstücken, 4½ Zoll oder 11 Zentimeter breit,
-alle zusammengeheftet und eine Rolle von 12-1/10 Meter bildend. Jedes
-Stück Papier ist auf beiden Seiten beschrieben +mit der Handschrift des
-Marquis de Sade+ und so kleiner Schrift, dass man die Buchstaben mit
-einem Vergrösserungsglase lesen muss. Das Manuscript enthält eine kurze
-Vorrede und 52 Kapitel; es werden darin die +Thaten einer Gesellschaft
-von Wüstlingen beider Geschlechter erzählt+, die zwei Häuser in der
-Nachbarschaft von Paris hat und enorm reich ist. Der Roman ist so
-obscön wie die „Justine“, aber nicht so reich an philosophischen
-Excursen. Er schliesst: „terminée le 25. Nov. 1783.“[718] +Fraxi+ hält
-dies Ms. für die von +Rétif de la Bretonne+ häufig erwähnte „Théorie
-du libertinage“. Gegenwärtig befindet sich dies Manuscript in den
-Händen eines Marseiller Buchhändlers, der es für 5000 Frcs. zum Verkauf
-anbietet.[719]
-
-35. +Entwurf einer Bordelleinrichtung+, im Besitz des Pariser
-Bibliophilen M. H. B.[720] Dieses Project des Marquis +de Sade+ erwähnt
-+Rétif de la Bretonne+ in „Monsieur Nicolas“ Bd. XVI, S. 4783.
-
-36. +Julia ou la Mariage sans femme+, folie-vaudeville en 1 acte.
-Katalog der dramatischen Bibliothek des Herrn de Soleinne No. 3879. Die
-Handschrift gleicht derjenigen des Marquis +de Sade+. Obscönes Stück,
-das die Paederastie verherrlicht.
-
-37. +Le Misanthrope par amour ou Sophie et Desfrancs+, comédie en 5
-actes et en vers. Aufgeführt im Théâtre-Français im Jahre 1790.
-
-38. +L’Homme dangereux ou le Suborneur+, comédie en 1 acte et en vers
-de dix syllabes. Aufgeführt im Théâtre Favart 1790.
-
-39. +La France f.....+, comédie lubrique et royaliste, no. 5796 (1796),
-in 8^o +gedruckt+. Wird von +Paul Lacroix+ (im Katalog Soleinne unter
-No. 3876) dem Marquis +de Sade+ zugeschrieben. Das Stück muss erst nach
-1796 gedruckt worden sein, wie die folgenden Verse beweisen:
-
- Buonaparte règne en maître
- A sa guise il nous fait des lois
- Puis, en despote, il nous les donne,
- Petit-fils d’un petit bourgois,
- Assis sur le trône des rois,
- Que lui manque-t-il? la couronne.
-
-Das deutet auf die Zeit des Consulates. Das Stück figuriert in
-verschiedenen Katalogen (Saint-Mauris, Baillet, Leber No. 5016 und
-Pixérécourt’s Katalog des Jahres 1839 S. 368). Am Anfang der 70er
-Jahre dieses Jahrhunderts wurde ein Neudruck von wenigen Exemplaren
-(Strassburg 1871, 12^o, VIII, 118) veranstaltet. Die Personen der
-Komödie sind Frankreich, England, die Vendée, der Herzog von Orléans,
-der Graf de Puisaye, der König von Preussen, Kaiser Franz II. und König
-Karl IV. von Spanien. Das Stück ist dem Polizeiminister mit folgenden
-Worten gewidmet: „Devine si tu peux, et choisis si tu l’oses.“ Die
-Vorrede beginnt: „J’ai cherché à être lu par tout le monde. Si mon
-ouvrage va jusqu’à la postérité, je la supplie de ne pas me juger sur
-le style, mais sur le fond. Lecteurs, ne vous prévenez pas contre le
-titre; femmes aimables pardonnez-le moi! plus vous me lirez, plus je
-réclame votre indulgence. Libertins, hommes de lettres, politiques,
-historiens, philosophes, patriotes, royalistes, étrangers, lisez-moi;
-j’écris pour vous tous. Et vous, souveraine, de ma pensée, vous que
-j’adore, si vous me devinez, ne craignez rien pour le sentiment.
-J’ai écrit avec ma plume; mon cœur n’y est pour rien.“ Das obscöne
-Stück enthält zahlreiche Noten mit Anspielungen auf zeitgenössische
-Ereignisse. Echt sadisch ist das Geständnis: „Lorsqu’il s’agit du
-bien, qu’importe comment on l’opère? N’avez vous jamais pris de poison
-pour vous guerir?“ Unter den zahlreichen bissigen Ausfällen gegen
-hervorragende Zeitgenossen sind hervorzuheben: „Notre Brutus de Douay
-(+Merlin+), de mauvais mari devint mauvais père, autant qu’il était
-mauvais Français. -- Notre Caïn (+J. M. Chénier+) dénonça son frère
-Abel, et le fit assassiner, non par la jalousie de ses succès, mais
-pour avoir ses ouvrages, qu’il nous donne comme les siens.“
-
-40. +L’Epreuve+, comédie en 1 acte et en vers. Confisziert 1782 wegen
-anstössiger Stellen.
-
-41. +L’École des jaloux; le Boudoir.+ Aufgeführt 1791 im Théâtre Favart.
-
-42. +Cléontine ou la fille malheureuse+, drame en 3 actes et en prose.
-1792?
-
-43. +Le Prévaricateur ou le Magistrat du temps passé.+
-
-44. +Le Capricieux ou l’Homme inégal.+ Angenommen vom Théâtre Louvois,
-aber vom Autor zurückgezogen.
-
-45. +Les Jumelles+, 2 actes et en vers.
-
-46. +Les Antiquaires+, 1 acte et en prose.
-
-47. +Henriette et Saint-Clair ou la Force du sang.+ Drame.
-
-48. +L’Egarement de l’infortune.+
-
-49. +Le Père de famille.+
-
-Ueber diese drei letzten Manuscripte schreibt die Marquise +de Sade+
-im Jahre 1787 an ihren Gatten (+Ginisty+ a. a. O. S. 28): „+J’ai lu
-Henriette+, et j’y ai reconnu l’auteur de +l’Egarement de l’infortune+.
-Je la trouve bonne foncièrement et faite pour faire le plus grand
-effet vis à vis ceux qui ont de l’âme. Elle ne révoltera que les âmes
-pusillanimes qui ne sentiront pas la position et la situation. Elle
-est assez différente du +Père de famille+ pour n’être pas crue calquée
-dessus. En général, elle a de grandes beautés. Voila mon avis sur une
-simple lecture. Je la relirai encore plus d’une fois, parce que j’aime
-à la folie tout ce qui vient de toi, étant trop partiale pour en juger
-sévèrement.“ Danach fällt die Abfassung dieser Manuscripte in das Ende
-der 80er Jahre.
-
-50. +Franchise et trahison.+
-
-51. +Fanny ou les Effets du désespoir.+
-
-52. +Entwurf eines Gladiatorenschauspiels.+
-
-Diese und noch zahlreiche andere Manuscripte befinden sich im Besitze
-der Familie +de Sade+. Durch die kürzlich erfolgte Veröffentlichung
-der Briefe der Marquise +de Sade+ durch +Paul Ginisty+ ist hoffentlich
-diejenige der übrigen auf den Marquis +de Sade+ sich beziehenden
-Schriftstücke inauguriert worden. Ihm ist im Jahre 1900 +Cabanès+ mit
-seiner wertvollen Studie gefolgt, die neue zahlreiche archivalische
-Dokumente zur Sade-Biographie beibringt. Die Sade-Forschung, welche in
-der letzten Zeit in ein lebhafteres Tempo zu geraten scheint, bedarf
-dringend weiteren Materials zum Studium eines der merkwürdigsten
-Menschen und Schriftsteller.
-
-
-4. Schriften im Sinne des Marquis de Sade.
-
-53. +L’Anti-Justine ou les Délices de l’Amour.+ Par M. Linguet, av.
-au et en Parlem. Epigraphe: Casta placent superis. -- Manibus puris
-sumite (cunnos). Avec soixante figures. Première partie. Fleuron: Tête
-de faune couronnée de feuilles et de raisins. Au Palais-Royal: chez
-feu la veuve Girouard, très-connue. 1798. Deux parties in 12. Mehrere
-Neudrucke in Brüssel, einer (1863) in 2 Bänden, in-18^o, mit schlechten
-colorierten Lithographien, die andern sorgfältiger, in-12^o, mit
-Gravüren. Weitere Neudrucke „conformes à l’édition originale“ s. l.
-(Brüssel 1864) 12^o, VIII, 260 S. (6 obsc. Gravüren); s. l. (Brüssel,
-16 mittelm. Lithogr.); s. l. (Brüssel J. Gay) 16^o; Amsterdam chez de
-Kick (Brüssel) 12^o 2 Bde. VIII, 114 und 166 S.; 6 freie Bilder;
-s. l. (Amsterdam) 2 versch. Ausgaben, (eine blosser Text, andere mit
-38 freien Bildern); Brüssel 1890 XVI, 103, 143 S. (in 1 Bd.) 8^o ohne
-Bilder. -- In der Vorrede heisst es über +Sade+: „Blasé sur les femmes,
-depuis longtemps, la Justine de Dsds. me tomba sous la main; elle me
-mit en feu... Personne n’a été plus indigné que moi des ouvrages de
-l’infame de Sades, que je lis dans une prison. Ce scélérat ne présente
-les délices de l’amour, qu’accompagnés de tourments, de la mort même.“
-Der Zweck des Verfassers (+Rétif de la Bretonne+) ist ein anderer:
-„Mon but est de faire un livre plus savoureux que les siens, et que
-les épouses pourront faire lire à leurs maris; un livre où les sens
-parleront an cœur; où le libertinage n’ait rien de cruel pour le sexe
-des Grâces, où l’amour, ramené à la Nature, exempt de scrupules et de
-préjugés, ne présente que des images riantes et voluptueuses.“ Die auf
-dem Titel angegebenen 60 Bilder fehlen.
-
-54. +Pauliska, ou la Perversité moderne+, mémoires récents d’une
-Polonaise. Paris, Lemierre et chez Courcier, an VI (1798), 2 Bände
-in 12^o. 2 Bilder nach Art des Chaillu. Verfasser ist +Jacques Baron
-Révérony de Saint-Cyr+ (1767-1829). Das eine Bild stellt eines Mann
-dar, der vor einer Frau kniet und ihren Arm beisst, bis das Blut
-kommt; das zweite zwei Frauen und ein Kind inmitten des Brandes und
-Zusammensturzes eines Schlosses. -- Im „+Tribunal d’Apollon+“ Petit
-Dictionnaire des auteurs contemporains (Paris, an VIII, 2 Bde.) wurde
-der Roman sofort als einer „+à la Sade+“ qualificiert. Mit Bezug auf
-die Stellung des Verfassers im Géniecorps wird hinzugefügt: „De grâce,
-citoyen +Révéroni+, employez votre génie au génie.“
-
-55. +Sabina d’Herfeld ou les Dangers de l’imagination.+ Paris
-1757-1758. 2 Bände in 12^o. Verf. +Révérony de Saint-Cyr+.
-
-56. +Le Torrent des passions, ou les Dangers de la galanterie.+ Paris,
-+Barba+, 1818. 2 Bde. Verf. +Révérony de Saint-Cyr.+
-
-57. +Le Dominicain, ou les crimes de l’intolérance et les effets
-du célibat réligieux+ par +T......e+ (+E. L. J. Toulotte+), Paris,
-Pigoreau, 1803, 4 Bände in 12^o.
-
-58. +Justine ou les Malheurs de la vertu+ avec préface par Marquis de
-Sade. Paris, Olivier, Impr. Maltesse, 1835, 2 Bände in 8^o, und Paris,
-bei Bordeaux, éditeur, Hôtel Bullion, 1836, 2 Bände in 8^o. Verfasser
-+Raban+. Eine buchhändlerische Speculation, die nur durch den Titel
-an den gleichnamigen Roman des Marquis +de Sade+ erinnert. Verwässerte
-Imitation desselben.
-
-59. +Aus den Memoiren einer Sängerin.+ Boston. Reginald Chesterfield
-(Verlagsbureau Altona) kl. 8^o, 2 Bände, VII, 244 und 251 S. Bd. I
-erschien 1862 (nach +Fraxi+ 1868) und 1870. Bd. II 1875. -- Neudruck,
-Bucarest, Jacob Casanova (sic!) 2 Bde.
-
-Soll Autobiographie der +Schröder-Devrient+ sein. Das einzige uns
-bekannte deutsche Buch im Genre der Schriften des Marquis +de Sade+.
-
-60. +Virilités+ par +Émile Chevet+, Paris, A. Lemerre, 1882, in 18^o.
-Sammlung von Gedichten. Besonders „Le Fauve“ ist eine glühende Apologie
-des Sadismus und des Marquis +de Sade+.
-
-Betreffs der übrigen sadistischen Romane verweisen wir auf das betr.
-Kapitel in Abschnitt IV.
-
-61. Im Fructidor des Jahres VII liess +Prévost+, Direktor des Théâtre
-sans prétention ein Stück „+Justine ou les Malheurs de la vertu+“
-ankündigen, dessen Aufführung die Polizei verbot.
-
-
-5. Schriften über den Marquis de Sade und den Sadismus.
-
-62. +Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la vertu+
-par +Charles Villers+ Paris 1877. Kl. 8^o 23 S. Neuausgabe von +A. P.
-Malassis+. Das Original erschien im Jahre 1797 im „Spectateur du Nord“
-Band IV.
-
-63. Interessante Mitteilungen über die +Theateraufführungen Sades+ in
-Charenton, Brief vom 23. Mai 1810 an Madame +Cochelet+, an den Direktor
-+Coulmier+ in „Revue anecdotique“, Bd. X (Nouvelle Série, Bd. I) 1860.
-S. 101 bis 106.
-
-64. +Mémoires secrets pour servir à l’histoire de la République des
-Lettres en France ou Journal d’un observateur+, Bd. VI, S. 162-163.
-(Affäre von Marseille.)
-
-65. +Lettres de la Marquise Du Deffand à Horace Walpole+, depuis
-comte d’Orford, écrites dans les années 1766 à 1780 etc. Nouv. édit.
-corrigée. Paris 1812. Bd. I, S. 225 bis 227; 228-229 (Affäre Keller).
-
-66. +Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de
-la Bretonne par P. L. Jacob+, bibliophile. Paris 1875 S. 413-423
-(+Rétif’s+ Beziehungen zum Marquis +de Sade+ nach Stellen aus seinen
-Schriften).
-
-67. +Détention du marquis de Sade+ in: Revue rétrospective Bd. I, Paris
-1833 S. 256 ff.
-
-68. +L’espion Anglais+ London 1784 Bd. II, S. 393 bis 395 (Affären von
-Marseille und der Keller).
-
-69. +Journal de la cour et de Paris, depuis le+ 28 +novembre+ 1732
-jusqu’au 30 +novembre+ 1733 in: Revue rétrospective Bd. VII, 1836 S.
-118-119 (+Voltaire+ und die Familie +Sade+).
-
-70. +Histoire physique, civile et morale de Paris+ par +J. A. Dulaure+.
-Paris 1821 Bd. VI, S. 224. (Urteil über den Marquis +de Sade+).
-
-71. +Charles Nodier+ „Souvenirs, épisodes et portraits pour servir à
-l’histoire de la révolution et de l’empire“. Paris 1831 Bd. II, S.
-57-60. (Ueber die Persönlichkeit +Sade’s+).
-
-72. +Petite Bibliographie biographico-romancière etc.+ par +Pigoreau+
-Paris, Octobre 1821 S. 309. (Ueber Leben und Schriften.)
-
-73. +J. S. Ersch, „Supplément à la France littéraire de+ 1771-1796“,
-Hamburg 1802 S. 412.
-
-74. +J. S. Ersch+, „La France littéraire“ Hamburg 1798 Bd. III, S.
-221-222.
-
-75. +Jules Janin+ „Le Marquis de Sade“ in: Revue de Paris. Bd. XI,
-1834, S. 321-360. Nachgedruckt in den „Catacombes“ Bd. I, 1839 und
-abgekürzt in „Le Livre“ Paris 1870 S. 279-292. Auch deutsch Leipzig
-1835 8^o.
-
-76. +Paul L. Jacob+, bibliophile „La Vérité sur les deux procès
-criminels du Marquis de Sade“ Revue de Paris 1837. Bd. XXXVIII, S.
-135-144. Später als eine der „Dissertations sur quelques points curieux
-de l’Histoire et de l’Histoire littéraire par le Bibliophile Jacob“
-wieder erschienen. Endlich nochmals abgedruckt in „Curiosités de
-l’Histoire de France, 2e série: Les Procès célèbres.“ Paris 1858, in
-12^o S. 225 ff.
-
-77. +Le Marquis de Sade+, Paris, chez les Marchands de nouveautés,
-1834. Ein Band in 12^o VIII, 62 S. mit einem Phantasieporträt des
-Marquis +de Sade+ aus der Sammlung des Herrn +de la Porte+. Das Datum
-ist falsch, da diese Publikation nur ein Nachdruck der Artikel von
-+Janin+ und +Lacroix+ ist, letzterer aber erst 1837 seine Abhandlung
-schrieb.
-
-78. +Dictionnaire des Athées+ par +Sylvain Maréchal+ 2e éd, par +J.
-Lalande+, Bruxelles 1833 Supplément S. 84. (+Sade+ als Atheist).
-
-79. +Biographie universelle ancienne et moderne+ (+Michaud+) Paris
-1863. Bd. 37, S. 217-224. (Artikel des jüngeren +Michaud+).
-
-80. +Biographie universelle et portative des contemporains+ depuis 1788
-jusqu à nos jours. Paris 1836. Band V, S. 698-699.
-
-81. +Biographie générale+ Bd. XLII. (Artikel von J. M. r. i.)
-
-82. +Jules Renouvier+ „Histoire de l’art pendant la révolution“ Paris
-1863 S. 269. (Obscöne Bilder zu den Werken +Sade’s+).
-
-83. +Le Marquis de Sade, l’Homme et ses écrits.+ Etude
-bio-bibliographique. Sadopolis, chez Justin Valcourt, à l’enseigne de
-la „Vertu malheureuse“, l’an 0000 (Bruxelles, J. Gay, 1866) in 12^o, 72
-S., Verfasser +P. G. Brunet+. Confisziert 1874. Enthält den Anhang: Le
-Discours prononcé à la Section des Piques, par Sade, citoyen de cette
-section et membre de la Société populaire. -- Die Schrift ist wieder
-abgedruckt in „Zoloé et ses deux Acolytes etc.“ (Siehe No. 22.)
-
-84. +Index librorum prohibitorum+ being Notes bio-biblio-iconographical
-and critical on curious and uncommon Books by +Pisanus Fraxi+, London
-1877. S. 30-39 (Analyse von „Aline et Valcour“ Mitteilungen über
-+Sade+), S. 406-410 (Analyse von „Zoloé et ses deux Acolytes“) S.
-422-424 (Ueber ein +Sade+’sches Manuscript).
-
-85. +Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne
-des Lasters.+ Kritische Ausgabe nach dem Französischen des Marquis
-de Sade. Leipzig Carl Minde (1874) kl. 8^o 155 S. Im wesentlichen ein
-Phantasieprodukt, doch nicht ohne einige treffende Bemerkungen.
-
-86. +Die Schule der Wonne.+ Aus dem Französischen des Werkes „La
-philosophie dans le boudoir“ vom Marquis de Sade, Verfasser von
-„Justine und Juliette“ Leipzig. Carl Minde. (1875?) Enthält eine
-Analyse der philosophischen Excurse in der „Philosophie dans le
-Boudoir“ und ebenfalls schätzbare Bemerkungen.
-
-87. +Idée sur les Romans+ par D. A. F. de Sade publiée avec préface,
-notes et documents inédits par +Octave Uzanne+ Paris 1876 Edouard
-Rouveyre gr. 8^o XLVIII, 50 S. Die „Préface“ enthält eine Biographie
-+Sade’s+ und eine Bibliographie von 37 Nummern, sowie einige Briefe des
-Marquis +de Sade+ an die Direktion der Comédie Française. Dann folgt
-der Abdruck der „Idée sur les Romans“ mit Anmerkungen.
-
-88. +Le Livre+ par +J. Janin+, Paris 1870. 8^o S. 291 (Testament)
-
-89. +Cazin, sa vie et ses éditions+, Cazinopolis 1863 kl. 8^o S. 149.
-(Ueber die zweite Ausgabe der „Justine“.)
-
-90. +Les Crimes de l’amour.+ Précédé d’un Avant-propos, suivi des
-Idées sur les romans, de l’auteur des crimes de l’amour à Villeterque,
-d’une notice bio-bibliographique du marquis de Sade: l’homme et ses
-écrits et du discours prononcé par le marquis de Sade à la section
-des Piques. gr. 8^o Bruxelles Gay et Doucé 1881, VI, 273 S. Eine sehr
-schätzbare Kollection von Sadiana. Von uns im Text stets als „Les
-Crimes de l’Amour etc.“ zitiert. Inhalt: Abdruck der historischen
-Novelle „Juliette et Raunai ou la conspiration d’Amboise“ (aus der
-Novellensammlung „Les crimes de l’amour“) S. 1-96; die „Idée sur les
-Romans“ S. 97-135. „L’auteur des crimes de l’amour à Villeterque
-folliculaire“. S. 137-153; „Le Marquis de Sade, l’homme et ses écrits“
-S. 155-264 (neuer und bedeutend vermehrter Abdruck der +Brunet+’schen
-Bio-Bibliographie); „Section des Piques. Discours etc. par Sade,
-citoyen de cette section, et membre de la Société populaire“, S.
-265-272.
-
-91. +La curiosité littéraire et bibliographique 1e et 3e+ série. Paris
-1882. Enthält im 1. Bande kurz Analyse der „Justine“, im 3. Bande S.
-131-169 eine zwar sehr unvollständige, aber an treffenden Bemerkungen
-reiche Analyse der „Juliette“, sowie S. 169-176 den Abdruck des
-sadistischen Gedichtes „Le Fauve“ von +E. Chevé+.
-
-92. +A. Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft VII. Jahrgang
-No. 26, vom 25. März 1899 S. 497-515. Eine geistvolle Studie, welche
-die Sade-Forschung in Deutschland eröffnet. Inhalt: Allgemeines über
-die Bedeutung des Marquis +de Sade+ S. 497-499; das Leben S. 499-504;
-die Werke S. 504 bis 507; geistig-sittliches Niveau und Zusammenhang
-mit anderen Zeitrichtungen S. 507-512; krankhafter Geisteszustand de
-Sades S. 512-515.
-
-93. +Lettres inédites de la Marquise de Sade+ par +Paul Ginisty+ in: La
-Grande Revue 3e Année No. 1. Paris 1er janvier 1899 S. 1-31. -- Höchst
-wertvolle Studie über das Verhältnis zwischen dem Marquis +de Sade+ und
-seiner Frau, nebst neuen Beiträgen zur Lebensgeschichte.
-
-94. +Le Marquis de Sade et le Sadisme+ par le Dr. +Marciat+ in: „Vacher
-l’éventreur et les crimes sadiques“ par +A. Lacassagne+ Lyon et Paris
-1899 gr. 8^o S. 185 bis 237 und S. 411. Eine schätzbare Abhandlung mit
-mehreren neuen Beiträgen und originellen Bemerkungen.
-
-95. R. v. +Krafft Ebing+ „+Neue Forschungen auf dem Gebiete der
-Psychopathia sexualis+“ 2. Auflage Stuttgart 1891; enthält ein Kapitel
-„Ueber Masochismus und Sadismus“ S. 1-45.
-
-96. +Léo Taxil+ „+La corruption fin de siècle+“ Nouv. édit. Paris 1894.
-Enthält S. 213-246 ein Kapitel „Le sadisme“ mit einer Biographie des
-Marquis +de Sade+.
-
-97. +A. Eulenburg+ „+Sexuale Neuropathie+“ Leipzig 1895 S. 108-125.
-Reich an lichtvollen Bemerkungen über den Sadismus.
-
-98. +Le Sadisme au point de vue de la médecine légale, les crimes
-sadiques par A. Lacassagne+ in: Vacher l’éventreur etc. Lyon et Paris
-1899, S. 239 bis 282.
-
-99. +Brierre de Boismont+ „+Remarques médico-légales sur la perversion
-de l’instinct génésique+“ in: Gaz. médicale de Paris No. 29 vom 21.
-Juli 1849.
-
-100. Bemerkungen über Sadismus an verschiedenen Stellen bei
-+von Schrenck-Notzing. „Die Suggestionstherapie bei krankhaften
-Erscheinungen des Geschlechtssinnes u. s. w.+“ Stuttgart 1892, R. +von
-Krafft-Ebing+ „+Psychopathia sexualis+“ 5. Aufl. Stuttgart 1890 u. ö.,
-+A. Moll+ „+Die konträre Sexualempfindung+“ 2. Aufl. Berlin 1893 u. ö.,
-+A. Moll+ „+Untersuchungen über die Libido sexualis+“ Berlin 1898
-Bd. I, (der +zweite+ Band soll speziell den Sadismus behandeln), +B.
-Tarnowsky+. „+Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes+“
-Berlin 1886.
-
-101. +W. Russalkow+ „+Grausamkeit und Verbrechen im sexuellen Leben+“
-Leipzig 1899, speziell: „Der Masochismus“ S. 45-56, der „Sadismus“ S.
-57-77.
-
-102. +Etude sur la Flagellation au point de vue médical et historique+
-Paris 1899, Prachtwerk.
-
-103. +L. Thoinot+ „+Attentats aux mœurs et perversions du sens
-génital+“ Paris 1898.
-
-104. Ganz kurze Erwähnungen des Marquis +de Sade+ in +Mercier’s+
-„+Nouveau Tableau de Paris+“, +Houssaye’s+ „+Notre Dame de Thermidor+“,
-+Michelet’s+ „+Histoire de la Révolution+“, +Maxime du Camp’s+
-„+Paris, sa vie, ses fonctions et ses organes+“ Bd. V., +Piazzolli’s+
-„+Catalogue de livres rares et curieux+“ Mailand 1880 S. 394-396,
-+Thevenot de Morande’s+ „Gazette noire par un homme qui n’est pas
-blanc“ 1784, +Soulié’s+ „Mémoires du Diable“, +Meyer’s+ „+Fragmente
-aus Paris+“, Bd. I, „+Dictionnaire Larousse+“, +H. Taine’s+ „Origines
-de la France contemporaine“, in +Tullio Dandolo’s+ „Schizzi litterari“
-Turin 1840, „Chronik des Œil de Bœuf“ Bd. VIII (Marseiller Affaire);
-+O. L. B. Wolff+ „Allg. Geschichte des Romans“ (über „Justine“); +Jean
-de Villiot+ „La flagellation à travers le Monde“ Paris 1900 Bd. II
-(Aff. Keller); „Denkwürdigkeiten der Marie Antoinette“ Leipzig 1836;
-+Böttiger’s+ „Sabina“ Ausgabe von 1810 (in einer Anmerkung); +Frusta+
-„Der Flagellantismus und die Jesuitenbeichte“ Stuttgart 1849; „Magazin
-für Litteratur“ Jahrg. 1891; +Karl Goldmann+ „Masochismus und Sadismus
-in der Litteratur“; +Oettinger’s+ „Moniteur des Dates“, Artikel „Sade“
-
-105. +Le Marquis de Sade, ses aventures, ses œuvres, passions
-mystérieuses, folies, érotiques.+ Arthème Fayard, éditeur, 78 boulevard
-Saint-Michel, Paris O. J. lex. 8^o. 932 Seiten, 116 Bilder. Ein
-Hintertreppenroman von riesigem Umfange, dessen 5 Teile folgende Titel
-haben: 1. L’orgie de Marseille, 2. La femme écorchée vive, 3. Les faux
-bonnets rouges, 4. L’or tout-puissant, 5. Le pensionnaire de Charenton.
--- Das Ganze eine seltsam-romantische Mischung von Dichtung und
-Wahrheit, unter Benutzung historischer Werke wie +Michelet’s+ „Histoire
-de la révolution“ u. s. w. Die Bilder sind sehr schlecht und zum Teil
-abschreckend.
-
-106. +La marquise de Sade par Rachilde.+ Ein moderner Roman, der von
-+A. Eulenburg+ „Sexuale Neuropathie“ S. 86 zitiert wird.
-
-
-Nachträge.
-
-107. +Jeanne Laisné, ou le Siège de Beaucis+, tragédie en 5 actes. Mit
-8 gegen 3 Stimmen im Théâtre-Français abgelehnt (1791), wegen einer
-Verherrlichung +Ludwig’s+ XI. MS.
-
-108. +Les Ruses d’amour+, comédie épisodique, en 1 acte, en prose. MS.
-
-109. +Euphemie de Melen, ou le Siège d’Alger+: trag. en 1 acte, en
-vers. MS.
-
-110. +Azelis ou la coquette punie+, comédie féerie en 1 acte, en vers
-libres. Angenommen im Théâtre de la rue de Bondi (1790). MS.
-
-111. +Divertissement.+ MS.
-
-112. +Tancrède+, scène lyrique, en vers. MS.
-
-113. +La Tour mystérieuse+, opéra-comique en 1 acte. MS.
-
-114. La +Fête de l’amitié+, prologue. MS.
-
-115. +L’hommage de la reconnaissance+, vaudeville en 1 acte (In
-Charenton aufgeführt). MS.
-
-116. „+Journal de l’amateur de livres.+“ Paris 1849. Bd. III, S. 3-6
-(Ueber „Zoloé et ses deux Acolytes“).
-
-117. „+Journal de la librairie+“ Paris 1815. S. 38.
-
-118. „+Les fous célèbres+“ in 18^o, 1840. (Mit Phantasiebild +Sade’s+).
-
-119. +Le Livre.+ Sept. 1883. S. 589 (Nachrichten über „Aline et
-Valcour“).
-
-120. +A. Cabanès+ „La prétendue folie du Marquis de Sade“ in: Le
-Cabinet Secret de l’Histoire, 8^o, Paris, A. Maloine, 1900 S. 259-320.
--- Ein neuer, höchst wichtiger Beitrag zur Sade-Forschung. Enthält
-hauptsächlich neues Material zur Lebensgeschichte +de Sade’s+ aus dem
-Archiv der auswärtigen Angelegenheiten und dem Archiv des Irrenhauses
-in Charenton. In Kürze werden wir wohl neuen Veröffentlichungen
-entgegensehen dürfen.
-
-121. -- +bl+ --, Recension meines Werkes in: Zeitschrift für
-Bücherfreunde, IV. Jahrgang, Heft 2/3 (Mai/Juni 1900) S. 122-124. --
-Vortreffliche, höchst schätzbare Correcturen und Nachträge enthaltende
-Kritik der vorliegenden Schrift. Der Verfasser ist ein genauer
-Sade-Kenner.
-
-122. +Menabrea+ „Les Origines féodales dans les Alpes occidentales“
-Turin 1865, 4^o, S. 573 ff. -- (Ueber +de Sade’s+ Aufenthalt in Fort
-Miolans).
-
-123. Alfred Bégis „Notes de Police“ über den Aufenthalt Sade’s in der
-Bastille in: „Nouvelle Revue“ November-December 1880 S. 528 ff.
-
-124. +L’Amateur d’Autographes+ 1863 S. 279; 1864 S. 105-106; 1866
-(Briefe und Mitteilungen über +de Sade+).
-
-125. +M. A. Baudot+ „Notes historiques“ publiées par Mme +Edgar+ Quinet
-S. 62-65 (über +Désorgues+, +de Laage+, Abbé +Fournier+ und den Marquis
-+de Sade+ als Opfer der napoleonischen Polizeiwillkür).
-
-126. +Oswald Zimmermann+ „Die Wonne des Leids. Beiträge zur Erkenntnis
-des menschlichen Empfindens in Kunst und Leben.“ 2. Auflage, Leipzig,
-C. Reissner 1885 enthält S. 107-114 ein Kapitel „Die Association von
-Wollust und Grausamkeit“, aber auch sonst vielfache Erörterungen über
-das Verhältnis zwischen Schmerz und Wollust.
-
-127. +Justine+, or the Misfortunes of Virtue, by the Marquis +de
-Sade+ for the first time translated from the French original
-edition (Holland, 1791) Paris, +J. Liseux+, 1883, 8^o 400 S. --
-Englische Ausgabe des „Liber Sadicus“ von +J. Liseux+. -- Nach „Z. f.
-Bücherfreunde“ Mai/Juni 1900 S. 122 wurden in letzter Zeit „Justine“
-und „Juliette“ mehrfach ins Englische übertragen.
-
-128. +Episodischer Auszug der Nouvelle Justine.+ Darüber heisst es
-in „Z. f. Bücherfreunde“ a. a. O. S. 121-122: „Eine Analyse der
-‚Juliette‘, vermischt mit biographischen Details über deren Verfasser,
-leitet auch einen episodischen Auszug des Werkes ein, der vor kurzem
-erschienen ist und der Ankündigung nach auch in das Deutsche übersetzt
-werden sollte. Es würde dies die erste Uebersetzung eines Werkes Sade’s
-in das Deutsche sein.“
-
-129. +Le Libertin hollandais.+ Ein jüngst in Brüssel neugedruckter
-Roman, dessen Verfasser angeblich der Marquis +de Sade+ ist. (Z. f. B.
-S. 123.)
-
-130. +The Double Life of Cuthbert Cockerton+, Esq. Attorney-at-law
-of the city of London. His History and that of his daughter and some
-curious anecdotes of other ladies and their lovers. From +The Original
-Ms. Dated+ 1798. Penzane Jn the Year of our Lord. 1894 (1900) 8^o,
-450 Seiten. -- Nach der Vorrede ein unter dem Einflusse der Schriften
-+Sade’s+ entstandenes Werk. Wenn es echt wäre, würde es das früheste
-sadistische Werk in England sein. Es ist höchstwahrscheinlich neueren
-Ursprungs.
-
-131. +The Sword and Womankind.+ Being a study of the Influence of „The
-Queen of Weapons“ upon the moral and social statuts of women. Adapted
-from +Ed. de Beaumont’s+ „L’Epée et les Femmes“ with additions and
-an index by +Alfred Allison+ M. A., Oxon, and an etched frontispice
-by +Albert Bessé+. Paris 1900 8^o, 360 S. -- Interessantes Werk über
-Masochismus des Weibes. Kapitel XI des dritten Teiles handelt von den
-„Lady-Killers.“
-
-132. +The Pleasures of Cruelty+ being a sequel to the reading of
-+Justine et Juliette+ by the Marquis de Sade. Paris et London 1898. 8^o
-3 Bände 84, 122, 114 Seiten. -- Exquisit sadistische Erzählung.
-
-133. +G. Brunet+ „Fantaisies bibliographiques“, Paris, +J. Gay+, 1864.
-12^o. (Enthält Bemerkungen über „Zoloé“).
-
-134. +L’Esprit des mœurs au+ XVIIIe +siècle; ou la petite Maison+ prov.
-en 3 a. et en pr., traduit du Congo; par M. +d’Unsi-Terma+ (+Mérard
-de St. Just+). Lampsaque (Paris) 1790, 8^o 40 und 120 S. -- Ein sehr
-freies und seltenes Stück. Auch bekannt unter dem Titel „La folle
-journée“. Zuerst in Bd. II der „Espiègleries, joyeusetés etc.“ (Londres
-1777), aber nur in 2 Akten veröffentlicht. Enthält Anspielungen auf
-zeitgenössische Persönlichkeiten. Wiedergedruckt im „Théâtre gaillard“.
-Ausg. von Brüssel 1865 (Bd. II, S. 81-182). -- +Paul Lacroix+ (im
-„Catalogue Soleinne“ unter Nr. 3865) glaubt nicht, dass ein solches
-obscönes Stück von +Mérard de St.-Just+ geschrieben sein könne, und
-schreibt es seinem Inhalt nach dem Marquis +de Sade+ zu, besonders die
-Ausgabe von 1790 in 3 Acten.
-
-135. +Elica, ou les Malheurs de la vertu+, par +J. A. Gardy+, Paris,
-Tiger, 1813, 1818, in 18^o. -- Inhalt mir unbekannt, dem Titel nach
-aber offenbar von „Justine, ou les Malheurs de la vertu“ beeinflusst.
-
-136. +The Inutility of Virtue.+ Translated from the French by Dr. --,
-of Magdalene College, Oxford. London: Published as the Act directs, By
-Madame +Le Duck+, Mortimer Street; And to be had of all Respectable
-Booksellers. 1830. Price 2 l. 2 s. -- 12^o 72 S., 9 obscöne, gut
-ausgeführte Kupfer. Veröffentlicht von +J. B. Brookes+. -- Neudruck von
-+W. Dugdale+ um 1860 mit dem folgenden neuen Titel:
-
- „O Virtue! What art thou but an empty name?“
-
- +Brutus.+
-
-„+The Inutility of Virtue+, A Tale of Lust and Licentiousness,
-Exemplified in the History of a Young and Beautiful Lady, Modest and
-Virtuous, who, by a Series of Unfortunate Circumstances, is first
-+Ravished by a Robber+, Then become successively the victim of Lust
-and Sensuality; till overpowered by Debauchery, her passions become
-Predominant, her Mind remaining Pure, while her Body is contaminated.
-The whole richly and beautifully Narrated, and illustrated with
-+Numerous Elegant Engravings. Showing the Triumphs of Vice, and the
-Degradation of Virtue. London, Printed for the Society of Vice+.“ 8^o
-59 S., 8 schlechte, colorierte obscöne Lithographien, keine Copien der
-früheren Bilder. -- Im Anfange der „Justine“ fällt bekanntlich die
-Titelheldin in die Hände von Briganten. Dieses Buch ist gewissermassen
-eine weitere Ausführung und Nachahmung jener Episode der „Justine“
-und offenbar unter dem Einflusse der Schriften des Marquis +de Sade+
-entstanden.
-
-137. +Josef von Görres+ „Die christliche Mystik“ Regensburg 1842, Bd.
-IV, 2te Abteilung, S. 421-470, Kapitel: „Der Zeugungstrieb und die
-Blutgier als Anknüpfungspunkte dämonischer Rapporte“. -- Lesenswert
-wegen der merkwürdigen Auffassung und Erklärung der sadistischen
-Erscheinungen.
-
-138. +Le Tartuffe libertin, ou le Triomphe du vice.+ A. Cythère,
-chez le gardien du temple (gegen 1831). 18^o 107 S. Mit 6 schlechten
-erotischen Lithographien. Sehr obscöne Schrift mit sadistischen
-Maximen, die man, offenbar ohne sie gelesen zu haben, dem Marquis
-+de Sade+ zuschrieb. Denn es ist darin von Personen der Zeit des
-Bürgerkönigs +Louis-Philippe+ die Rede. -- Englische Uebersetzung,
-London ohne J. (1840) 8^o mit 4 Bildern. -- Französischer Neudruck:
-+Le Tartufe+ (sic.) +Libertin+ ou le Triomphe du Vice (Par le Marquis
-+de Sade+). En Hollande Chez Les Libraires Associés 1789 in: Le
-Parc-aux-Cerfs Episcopal-Histoire Edifiante et Curieuse du Séminaire de
-Vénus etc. Brüssel 1876 (bei +Vital Puissant+) 12^o 180 S. (Inhalt: 1)
-Le Bordel Episcopal; 2) Le Tartufe Libertin; 3) La Bulle d’Alexandre
-VI.; 4) Les Réclusières de Vénus).
-
-
-2. Nachtrag
-
-(Zusätze des Verlegers).
-
-139. Les 120 Journées de Sodome ou l’Ecole du Libertinage par le
-Marquis de Sade. Publié pour la première fois d’après le manuscrit
-original, avec des annotations scientifiques par le Dr. Eugène Dühren.
-Paris, Club des Bibliophiles MCMIV. Ein starker Band in Lex. 8^o von
-IV und 543 Seiten. Privatdruck in 200 Exemplaren. Sehr schöne Ausgabe.
-Vergl. auch No. 36.
-
-140. +Die Geschichte der Justine oder die Nachteile der Tugend.+ Aus
-dem Französischen zum ersten Male ins Deutsche übertragen von Dr.
-Martin Isenbiel. 1906. Privatdruck. 4 Bände in 1 Band. Gr. 8^o. 420
-Seiten. -- +Die Geschichte der Juliette oder die Vorteile des Lasters.+
-Aus dem Französischen zum ersten Male ins Deutsche übertragen von Dr.
-Martin Isenbiel. 1906. Privatdruck. 6 Bände in 1 Band. Gr. 8^o. 607
-Seiten. In 550 in der Maschine numerierten Exemplaren hergestellt.
-
-141. Neue Forschungen über den Marquis de Sade und seine Zeit von Dr.
-Eugen Dühren. Gr. 8^o. 480 Seiten. Berlin 1902.
-
-142. Rétif de la Bretonne, Der Mensch, der Schriftsteller, der
-Reformator. Von Dr. Eugen Dühren. Gr. 8^o 515 Seiten. Berlin 1906.
-
-
-
-
-Namen-Register.
-
-
- A.
-
- =Abel, C.=, 18.
-
- =Abricossoff=, Madame, 83, 213.
-
- =Achelis=, Th., 11, 12, 27, 28, 267.
-
- =Agrippa=, Cornelius, 220.
-
- =Agirony=, 105, 225.
-
- =l’Aigle=, de, 104.
-
- =Albani=, Kardinal, 52, 105.
-
- =d’Albert=, Mademoiselle, 73.
-
- =Albert=, Henri, 495, 496.
-
- =d’Alembert=, 152, 404.
-
- =Alexander VI.=, Papst, 106, 278, 384.
-
- =Allard=, Madame, 103.
-
- =Altieri=, Kardinal, 105.
-
- =Amythone=, 187.
-
- =Andromeda=, 187.
-
- =Anneci=, Herzog von, 152.
-
- =Apulejus=, 480.
-
- =Aremberg=, Prosp. v., 496.
-
- =Aretino=, P., 104, 278.
-
- =d’Argens=, Marquis, 66, 74, 91, 94.
-
- =Aristophanes=, 3.
-
- =Arnould=, Schauspielerin, 156, 192.
-
- =Arnoux=, 103.
-
- =Aroût=, Mademoiselle, 277.
-
- =d’Artagnan=, 383.
-
- =Artois=, Graf von, 45, 46, 47, 140, 155.
-
- =d’Arzigny=, Chevalier, 140.
-
- =Aubertin=, Ch., 89.
-
- =Aubry=, 85.
-
- =Aulard=, 338.
-
- =Aumale=, Duc. d’, 465.
-
- =l’Auteroche=, 267.
-
- =Avé-Lallemant=, 240.
-
- =Avicenna=, 220.
-
-
- B.
-
- =Bachaumont=, 117, 316.
-
- =Bachofen=, 13.
-
- =Bagnolet=, Pfarrer von, 60.
-
- =Bandus=, M. J. L. A. de, 468.
-
- =Barbey d’Aurévilly=, 475.
-
- =Barbier=, 44, 94.
-
- =Bardeleben=, K. von, 6.
-
- =Barras=, 336, 337, 399.
-
- =Barrès=, M., 475, 476. 493.
-
- =Barruel=, 37, 38.
-
- =Barry=, Madame du, 77, 81, 132, 157, 217.
-
- =Barry=, Graf Jean du, 82.
-
- =Bartels=, M., 11, 223.
-
- =Barthold=, F. W., 134, 280.
-
- =Basilius=, 462.
-
- =Bastian=, A., 13.
-
- =Báthory=, Elisabeth, 272.
-
- =Baudelaire=, Ch., 474, 488.
-
- =Bavant=, Magdalaine, 70.
-
- =Bayle=, P., 36, 189, 383.
-
- =Beauffremont=, Prince de, 104, 273.
-
- =Beauharnais=, Josephine de, 337, 399.
-
- =Beaumarchais=, 198 ff., 434.
-
- =Beauvoisin=, 315.
-
- =Bebel=, A., 14, 15.
-
- =Beccaria=, C., 248.
-
- =Bécherand=, Abbé, 82.
-
- =Bechterew=, W. v., 82, 245.
-
- =Behrend=, G., 15, 443.
-
- =Bellarmin=, 285.
-
- =Ben Akiba=, 115.
-
- =Ben Ali=, 487.
-
- =Benedikt XIII.=, Papst, 294.
-
- =Benedikt XIV.=, Papst, 106.
-
- =Benzi=, 64.
-
- =Bérard=, 90.
-
- =Bergh=, R., 224.
-
- =Berkley=, Theresa, 211/12.
-
- =Bernard=, P. J., 79, 92, 93.
-
- =Bernard-Saint-Afriques=, A. de, 329.
-
- =Bernis=, Cardinal, 52, 105, 188, 285, 287.
-
- =Bertrand=, 41.
-
- =Bettelheim=, A., 201, 434.
-
- =Bièvre=, Marquis de, 194.
-
- =Binz=, C., 216.
-
- =Biran=, Marquis de, 205.
-
- =Blanchon=, J., 189.
-
- =Blanquet=, 44.
-
- =Bleibtreu=, K., 484.
-
- =Blennerhasset=, 86.
-
- =Bloch=, J., 232.
-
- =Bloch=, Michel, 489.
-
- =Blot=, Madame de, 85.
-
- =Boccaccio=, 278, 284.
-
- =Boileau=, 209, 470.
-
- =Boisdeffre=, 495.
-
- =Bois-Reymond=, E. du, 77, 503.
-
- =Bonaparte=, 337, 399.
-
- =Bonneau=, A., 126, 425, 477.
-
- =Borde=, Cl., 106.
-
- =Bordeaux=, 472.
-
- =Borel=, P., 473.
-
- =Borgia=, Cesare, 278.
-
- =Borghese=, Kardinal, 105, 179.
-
- =Borromeo=, Graf Friedrich, 279.
-
- =Bossard=, 271.
-
- =Bouchard=, 206, 207.
-
- =Boucher=, 110.
-
- =Bougainville=, 267.
-
- =Bouguer=, 267.
-
- =Bouillaud=, 214.
-
- =Bouillon=, Duc de, 154.
-
- =Bourdon=, G., 117.
-
- =Bourdroux=, 241.
-
- =Bourget=, P., 474, 478, 479.
-
- =Bourgogne=, Herzog von, 274.
-
- =Bourgoing=, 287.
-
- =Bouvier=, 62.
-
- =Bragadin=, 281.
-
- =Brancaforte=, 283.
-
- =Brandes=, G., 76, 108, 109.
-
- Brantôme, 270.
-
- =Braschi=, G. A. Graf, siehe =Pius VI.=
-
- =Bray=, Comtesse de, 277.
-
- =Brienne=, de, 63.
-
- =Brierre de Boismont=, 214, 313, 314, 455, 488, 489.
-
- =Brillat-Savarin=, 50, 236.
-
- =Brinvilliers=, Marquise de, 243 ff.
-
- =Brissaud=, 213.
-
- =Brisson=, Madame, 177.
-
- =Brosch=, Moritz, 288.
-
- =Broussais=, 214.
-
- =Brücke=, E. W. v., 190.
-
- =Brunet=, G., 262, 275, 276.
-
- =Buckingham=, Lord, 71.
-
- =Buckle=, Th., 12, 73, 74, 87, 504.
-
- =Buffon=, 36, 78, 107, 188, 416.
-
- =Bullion=, 277.
-
- =Burney=, 400.
-
- =Bussy-Rabutin=, 205.
-
-
- C.
-
- =Cabanès=, 298, 306, 307, 308, 313, 318, 319, 321, 322, 326, 328,
- 329, 332, 338, 345, 346, 347, 399, 452.
-
- =Cabarrus=, Thérèse, (Mad. Tallien), 122.
-
- =Cadière=, Cathérine, 66, 67, 94, 120.
-
- =Cagliostro=, 120.
-
- =Camargo=, Tänzerin, 152.
-
- =Camp=, Maxime, du, 146, 155.
-
- =Capo de Feuillade=, 479.
-
- =Capponi=, Donna, 106.
-
- =Caracalla=, 462.
-
- =Carlier=, 104.
-
- =Carlyle=, Th., 250, 259, 260, 262, 264.
-
- =Caron=, 263.
-
- =Carracci=, Augusto u. Annibale, 278.
-
- =Carraccioli=, Marquis de, 166.
-
- =Carrée=, 402.
-
- =Carrier=, J. B., 262, 263 ff.
-
- =Cartouche=, 246, 249.
-
- =Casanova=, J. de, 43, 59, 79, 112, 113, 119, 134, 135, 136, 140,
- 141, 152, 153, 164, 201, 202, 217, 218, 224, 255 ff., 279, 281 ff.,
- 302, 317.
-
- =Casper=, J. L., 283, 451.
-
- =Caylus=, Graf, 66, 91, 94, 95, 118.
-
- =Cazin=, 349.
-
- =Cérutti=, 38, 62.
-
- =Chaillu=, 473.
-
- =Chaise=, de la, 64.
-
- =Chambonas=, de, 141.
-
- =Chamisso=, A. v., 466, 467.
-
- =Chanoine=, 496.
-
- =Chantilly=, Schauspielerin, 87.
-
- =Charavay=, 326, 329, 345.
-
- =Charlevoix=, 267.
-
- =Charolais=, Graf, 278 ff., 429, 458.
-
- =Chartres=, Duc de, 155, 163, 227.
-
- =Chartres=, Duchesse de, 217.
-
- =Château-fort=, Opernsängerin, 156.
-
- =Château-neuf=, Opernsängerin, 156.
-
- =Châteauroux=, Duchesse de, 77
-
- =Château-vieux=, Opernsängerin, 156.
-
- =Chaulieu=, 107.
-
- =Chaulnes=, Herzog von, 434.
-
- =Chaumette=, 85.
-
- =Chénier=, André, 266.
-
- =Chénier=, Marie-Joseph, 266.
-
- =Chéry=, 349, 402.
-
- =Cheve=, E., 477.
-
- =Choderlos de Laclos=, 96.
-
- =Choiseul=, Herzog von, 85.
-
- =Chorier=, Nicolas, 398.
-
- =Chuquet=, A., 166.
-
- =Cigogne=, 465.
-
- =Clairon=, 103, 192.
-
- =Clemens XIV.=, Papst, 287.
-
- =Clermont-Tonnerre=, Graf, 328, 334.
-
- =Cloots=, 38.
-
- =Cohen=, Henry, 92, 94, 473.
-
- =Coletta=, P., 287, 288.
-
- =Collot=, d’Herbois, 262, 265, 469.
-
- =Condé=, Prinz von, 274, 297, 298.
-
- =Condorcet=, 87.
-
- =Conrad=, M. G., 484.
-
- =Constant=, B., 467.
-
- =Conti=, Prinz, 132, 198, 297.
-
- =Conton=, 229.
-
- =Cook=, J., 268.
-
- =Cooper=, W. M., 209, 211.
-
- =Coppee=, Fr. 330.
-
- =Corday=, Charl., 335.
-
- =Corniger=, Franciscus, 189.
-
- =Cortina=, J. G. de la, 461.
-
- =Coulmier=, Abbé, 341, 342.
-
- =Coustou=, 116.
-
- =Couthon=, 469, 470.
-
- =Crébillon=, Cl. Pr. Jolyot de, 93, 96, 118.
-
- =Crigny=, Gräfin, 86.
-
- =Croy=, Duc de, 254.
-
- =Cyrine=, 187.
-
-
- D.
-
- =Damiens=, R. Fr., 249 ff.
-
- =Dante=, 281.
-
- =Danton=, 87.
-
- =Darimajou=, 60.
-
- =Darwin=, Ch., 6.
-
- =Delagragne=, 246.
-
- =Desbarreaux=, 117.
-
- =Deschauffonis=, 249.
-
- =Desorgues=, Th., 338.
-
- =Despaze=, 471.
-
- =Desrues=, 246, 249, 257.
-
- =Dessoir=, M., 98.
-
- =Devilliers=, Madame, 157.
-
- =Diderot=, 74, 87, 89, 95, 96, 168, 170.
-
- =Dillen=, 63.
-
- =Dinaux=, 142.
-
- =Dioscorides=, 216.
-
- =Diotima=, 22.
-
- =Dittrich=, 479.
-
- =Dorat=, 105.
-
- =Douglas=, 198.
-
- =Dreyfus=, Alfred, 408, 495.
-
- =Drujon=, 397, 459, 472.
-
- =Drumont=, J., 495.
-
- =Duboc=, Julius, 10.
-
- =Dubois=, Schauspielerin, 103, 155.
-
- =Du Châtelet=, Madame, 87.
-
- =Duclos=, 78.
-
- =Du Deffand=, Marquise, 77, 308, 310.
-
- =Dufour=, P., 14.
-
- =Duhalde=, 267, 429.
-
- =Dulaure=, J. A., 83, 123, 141, 142, 175, 176, 217, 277, 335.
-
- =Dumas=, Alexandre der Aeltere, 102.
-
- =Dumont=, 267.
-
- =Dupin=, 208.
-
- =Dutard=, 38.
-
- =Du Thé=, Mademoiselle, 155.
-
- =Dyes=, 214.
-
-
- E.
-
- =d’Egmont=, Comtesse, 81.
-
- =d’Egmont=, Comte, 152.
-
- =Eisenhart=, H., 422.
-
- =d’Elbœuf=, Duc, 104.
-
- =Elisabeth=, Charlotte, von der Pfalz, 205, 207.
-
- =Ellis Havelock=, 10, 11, 177, 202, 207.
-
- =d’Eon=, 95, 187, 191, 197.
-
- =Empedokles=, 8.
-
- =l’Escuyer=, 258 ff., 373.
-
- =Esterhazy=, 495.
-
- =Eulenburg=, A., 95, 98, 216, 271, 272, 293, 302, 311, 321, 348, 401
- ff., 408, 443, 448, 449, 451, 455, 458, 463, 474, 483, 484, 486, 487,
- 491, 492, 496, 500.
-
-
- F.
-
- =Faverolle=, 41.
-
- =Ferdinand IV.=, König von Neapel, 288 ff.
-
- =Ferrage=, Blaize, 275.
-
- =Ferriani=, L., 462.
-
- =Feuerbach=, L., 18.
-
- =Fichte=, 31.
-
- =Fischer=, K., 24, 31, 504.
-
- =Fleury=, Comte, 263, 264.
-
- =Floegel=, 69.
-
- =Florence=, 177.
-
- =Fontenelle=, 498.
-
- =Forberg=, F. C.. 194, 207.
-
- =Forges=, Chevalier de, 145.
-
- =Fouché=., 262.
-
- =Fouquier-Tinville=, 335.
-
- =Fourier=, Chr., 473.
-
- =Fournier=, 338.
-
- =Fragonard=, 110, 111, 112.
-
- =Francavilla=, Fürst von, 285.
-
- =Fraxi=, 66, 90, 139, 211, 212, 300.
-
- =Frémiet=, 500.
-
- =Frenzel=, K., 77, 96.
-
- =Friedländer=, B., 233.
-
- =Friedmann=, Fr., 406, 484.
-
- =Friedrich= der Große, 94.
-
- =Friedrich Wilhelm IV.=, 414.
-
- =Friese=, Comte de, 85.
-
- =Fronsac=, Duc de, 131, 306.
-
- =Furiel=, Madame de, 183-194.
-
-
- G.
-
- =Gagnières=, 290.
-
- =Galiani=, Abbé, 79.
-
- =Galien=, J., 186.
-
- =Gall=, 345.
-
- =Galliard-Sansonetti=, 500.
-
- =Galliot=, 223.
-
- =Garnier=, P., 62, 179, 441.
-
- =Gay=, J., 92, 94, 472.
-
- =Gay= und =Doucé=, 461.
-
- =Gémonville=, Graf de, 236.
-
- =Geoffrin=, Madame, 77.
-
- =Gerland=, E., 178.
-
- =Ginisty=, P., 304, 305, 321, 324, 328.
-
- =Girard=, J. B., 66, 67, 94, 120.
-
- =Girtanner=, Chr., 226, 228.
-
- =Gobel=, 38.
-
- =Goethe=, J. W. von, 168, 434, 460, 467.
-
- =Goldsmith=, Oliver 422.
-
- =Goncourt=, E. u. J. de, 34, 41, 72, 85, 93, 120, 142, 143, 145, 166,
- 274, 275.
-
- =Gorani=, 75, 284, 287 ff., 385.
-
- =Gourdan=, Madame, 81, 104, 127, 132, 133, 135, 157, 177 180, 182,
- 183, 216, 220.
-
- =Grammont=, Duc de, 205.
-
- =Grandmaison=, 264.
-
- =Grandval=, 75, 118.
-
- =Grässe=, 118.
-
- =Gregor von Tours=, 497.
-
- =Grétry=, A., 116.
-
- =Griffet=, 307.
-
- =Grimod de la Reynière=, fils, 236.
-
- =Guerchy=, 198.
-
- =Guibourg=, Abbé, 71, 244.
-
- =Guillotin=, J., 262.
-
- =Guyot=, J., 499.
-
- =Guzmann=, Pater, 187.
-
-
- H.
-
- =Haeckel=, E., 5, 6, 7.
-
- =Hagen=, Alb., 106, 139, 173.
-
- =Halem=, G. A. von, 164-166.
-
- =Haller=, A. von, 179.
-
- =Hamilton=, Lady, Emma, 289.
-
- =Hammonic=, 213.
-
- =Harenberg=, 64.
-
- =Hartmann=, E. v., 20, 21, 29.
-
- =Hausset=, Madame du, 239, 255.
-
- =Hegar=, A., 15.
-
- =Hegel=, 1, 22, 24, 29, 30, 503.
-
- =Heinrich III.=, 204, 216.
-
- =Heinrich IV.=, 204, 251.
-
- =Heinse=, W., 232.
-
- =Helfert=, v., 288.
-
- =Helvétius=, 78, 486.
-
- =Hensen=, V., 6.
-
- =d’Héricourt=, 104.
-
- =Herman=, G., 3, 17, 67, 71.
-
- =Herondas=, 232.
-
- =Herreau=, 65.
-
- =Hertwig=, O., 6.
-
- =Hieronymus=, 433.
-
- =Hobbes=, 501.
-
- =Hoffmann=, M. L., 468.
-
- =Holbach=, 36, 37, 38, 363, 408, 486.
-
- =Hössli=, H., 500.
-
- =Houdon=, 116, 187.
-
- =Houssaye=, Arsène, 116, 121, 266.
-
- =Humboldt=, Al. von, 414.
-
- =Huysmans=, J. C., 70, 476, 477.
-
- =Hyrtl=, J., 220.
-
-
- I.
-
- =Inigué=, de, 60.
-
- =Isabeau=, Mademoiselle, 139.
-
-
- J.
-
- =Jack=, the Ripper, 487.
-
- =Jacob=, Biblioph., 97, 99, 101, 102, 124, 140, 141, 145, 156, 157,
- 160, 161, 167, 208, 301, 333, 335, 464, 465.
-
- =Jalé=, 152.
-
- =Janin=, J., 89, 151, 247, 293, 295, 301, 310, 336, 346, 401, 402,
- 460, 461.
-
- =Jansen=, Cornelius, 64.
-
- =Jolande=, Königin v. Arragonien, 294.
-
- =Joubert=, Abbé, 418.
-
- =Jourdan=, 258 ff.
-
- =Jourgniac=, 261.
-
- =Julius III.=, Papst, 282.
-
- =Jullien=, 263.
-
- =Jumilhac=, de, 63.
-
-
- K.
-
- =Kant=, 467.
-
- =Karl II.=, 229.
-
- =Karl IX.=, 216.
-
- =Karl X.=, 45.
-
- =Karoline=, Königin von Neapel, 94, 179, 286, 288 ff.
-
- =Katharina von Medici=, 216.
-
- =Keben=, G., 240.
-
- =Keller=, Albert, 500.
-
- =Keller=, Rosa, 308, 311 ff., 332.
-
- =Kleist=, H. v., 480.
-
- =Klinger=, M., 500.
-
- =Klobb=, Oberst, 496.
-
- =Kobelt=, G. L., 6.
-
- =Kobert=, R., 215, 217.
-
- =Kohut=, 245.
-
- =Kölliker=, A., 6.
-
- =Kraepelin=, E., 453, 454, 498.
-
- =Krafft-Ebing=, R. von, 9, 211, 435, 446, 447, 450, 451, 456, 463,
- 488, 489.
-
- =Kretzer=, 484.
-
- =Kühn=, J., 14.
-
- =Kurtz=, 497.
-
- =Kurtzel=, A., 66.
-
- =Kydno=, 187.
-
-
- L.
-
- =Laage=, de, 338.
-
- =Lacassagne=, A., 272, 299, 446, 448, 487.
-
- =La Chanterie=, Mademoiselle, 156.
-
- =Lacome=, 156.
-
- =La Condamine=, 267.
-
- =Lacour=, 43.
-
- =Lacretelle=, 273.
-
- =Lacroix=, Paul (Bibliophile), 46, 90, 97, 100, 102, 166, 293, 298,
- 299, 301, 304, 305, 312, 315, 316, 320, 323, 328, 343.
-
- =Lafare=, Marquise de, 107.
-
- =La Ferté=, 45.
-
- =Lafitau=, J. F., 267.
-
- =La Guerre=, Opernsängerin, 154.
-
- =Lairtullier=, 86.
-
- =Lalanne=, L., 460.
-
- =Lally=, Graf de, 248.
-
- =Lamballe=, Pinzessin, 261, 306.
-
- =Lambercier=, Mademoiselle, 211.
-
- =La Mettrie=, 36, 38, 39, 62, 118, 152, 177, 363.
-
- =Lancret=, 110, 112.
-
- =Lange=, F. A., 12.
-
- =Lani=, Balletmeister, 153.
-
- =Lanjon=, 74, 117.
-
- =La Pérouse=, 267.
-
- =La Prairie=, Mademoiselle, 154.
-
- =Launay=, de, 321, 327.
-
- =Laura= (Petrarca’s), 292 ff.
-
- =Lavater=, 167.
-
- =Law=, J., 40, 120.
-
- =Lebel=, 41.
-
- =Lebon=, 262.
-
- =Lebrun=, 110.
-
- =Lecky=, W. E. H., 504, 505.
-
- =Lefébure=, 302.
-
- =Le Fel=, Mademoiselle, 152, 153.
-
- =Legrand du Saulle=, 451.
-
- =Legué=, G., 68.
-
- =Lemercier=, 163.
-
- =Lemonnyer=, 57, 74, 92.
-
- =Le Noir=, 60, 101, 103.
-
- =Leo XII.=, Papst, 230.
-
- =Leopold I.=, Großhzg. v. Toskana, 286.
-
- =Lescombat=, 249.
-
- =Lespinasse=, Mademoiselle, 77.
-
- =Letorières=, Vicomte de, 159.
-
- =Le Vaillant=, 267.
-
- =Lewin=, L., 215.
-
- =Liliencron=, D. von, 483.
-
- =Limore=, 59.
-
- =Lindau=, P., 479, 487.
-
- =Linguet=, 161, 461, 465.
-
- =Lippert=, J., 13.
-
- =Lipps=, F. G., 10.
-
- =Lombroso=, C., 15, 16, 239.
-
- =Lotheissen=, 163, 276.
-
- =Louvet de Couvray=, J. B., 97, 202.
-
- =Louvois=, Marquis de, 85.
-
- =Loyson=, H., 494.
-
- =Lubbock=, J., 13.
-
- =Lucas-Montigny=, 60, 94.
-
- =Lucretius=, 216, 417.
-
- =Lucrezia=, Borgia, 106, 278.
-
- =Ludwig XIII.=, 204.
-
- =Ludwig XIV.=, 64, 109, 163, 204, 205, 244, 277, 425.
-
- =Ludwig XV.=, 32, 40, 41, 44, 45, 60, 82, 110, 112, 113, 116, 117,
- 126, 127, 146, 197, 198, 207, 217, 244, 250, 257, 429.
-
- =Ludwig XVI.=, 40, 45, 49, 105, 114, 127, 175, 198.
-
- =Luther=, 467.
-
-
- M.
-
- =Macaulay=, Th. B., 400.
-
- =Macé=, 462.
-
- =Maillard=, 85.
-
- =Maillé=, Marie, Eléonore de, 297.
-
- =Mailly=, Madame de, 77.
-
- =Mainländer=, Ph., 23.
-
- =Maiquet=, 262.
-
- =Maisonrouge=, 152.
-
- =Maizeau=, 383.
-
- =Malassis=, A. P., 192, 468.
-
- =Malthus=, 418, 420, 421.
-
- =Manicamp=, 205.
-
- =Manuel=, P., 45, 50, 52, 53, 57, 60.
-
- =Maradan=, Buchhänd., 397.
-
- =Marais=, Polizei-Inspektor, 146, 155, 322.
-
- =Marat=, J. P., 146, 276, 322, 335.
-
- =Marchand=, 139, 252, 267.
-
- =Marche=, Graf de la, 227.
-
- =Marciat=, 299, 301, 302, 304, 310, 313, 316, 320, 324, 326, 330-332,
- 338, 342, 343, 347, 397, 422, 451, 452, 454, 463.
-
- =Maréchal=, S., 117.
-
- =Mariana=, J. de, 65.
-
- =Marie-Antoinette=, 45, 47, 114.
-
- =Maria Theresia=, Kaiserin, 105.
-
- =Marion de Lorme=, 107.
-
- =Marmontel=, J. Fr., 97, 105.
-
- =Marmora=, 320, 321.
-
- =Maton=, 261.
-
- =Maulle=, R. de, 276.
-
- =Maupeou=, 320.
-
- =Maury=, Kardinal, 343.
-
- =Mayeur=, 41.
-
- =Mazarin=, Duchesse de, 104.
-
- =Mazarin=, Kardinal, 205.
-
- =Mazarin=, Duc de, 103, 320.
-
- =Mc-Lennan=, 13.
-
- =Medwin=, Th., 230.
-
- =Megare=, 187.
-
- =Meibom=, 209.
-
- =Melfort=, de, 104.
-
- =Mercier=, Cl. Fr. X., 180.
-
- =Mercier=, L. S., 33, 49, 80, 89, 118, 123, 152, 166, 167, 173, 220.
-
- =Mercier=, General, 495.
-
- =Méricourt=, Théroigne de, 210.
-
- =Messalina=, 417.
-
- =Metzger=, 285.
-
- =Michel-Angelo=, 282.
-
- =Michelet=, C. L., 24.
-
- =Michelet=, J., 273, 274, 276, 298, 301, 334, 456.
-
- =Mignard=, 110.
-
- =Mimie=, Mademoiselle, 60.
-
- =Mirabeau=, 37, 44, 66, 87, 89, 92, 95, 106, 180, 204, 224, 326, 332,
- 393, 408, 414, 421, 452, 494, 496.
-
- =Mirbeau=, O., 496.
-
- =Moebius=, P. J., 211.
-
- =Moët=, 142.
-
- =Molière=, 498, 502.
-
- =Moll=, A., 7, 8, 9, 205, 207, 208, 275, 282, 283, 416, 479, 488.
-
- =Moncaut=, C., 82, 110, 120.
-
- =Moncoro=, 85
-
- =Mondeville=, Heinrich, de, 219.
-
- =Mondor=, 219.
-
- =Monselet=, Ch., 251 ff., 464.
-
- =Montazet=, de, 104.
-
- =Montespan=, Marquise de, 71.
-
- =Montesquieu=, 36, 63, 64, 87, 89, 105, 124, 248, 281.
-
- =Montesson=, Madame de, 104, 222.
-
- =Montgaillard=, 266.
-
- =Montgolfier=, Gebrüder, 177.
-
- =Montigny=, 94, 104.
-
- =Montreuil=, de, 303 ff., 315, 317, 322.
-
- =Monval=, G., 330.
-
- =Moore=, Lewis, 161.
-
- =Moreau=, (de Tours) P., 33, 40, 41, 43, 144, 273, 477.
-
- =Morfontaine=, de, 236.
-
- =Morgan=, 13.
-
- =Musset=, A. de, 452, 479.
-
- =Muther=, R., 110, 117, 123.
-
-
- N.
-
- =Naecke=, P., 494.
-
- =Nagel=, W., 6.
-
- =Napoléon I.=, 87, 91, 345, 399, 459, 463.
-
- =Necker=, Madame, 77.
-
- =Neisser=, K., 9.
-
- =Nemours=, Duc de, 383.
-
- =Nelson=, 289, 290.
-
- =Nero=, 270, 439.
-
- =Nerciat=, A. R. A. de, 94, 143.
-
- =Nevizan=, Jean de, 189.
-
- =Newton=, 237.
-
- =Nietzsche=, Fr., 18, 29, 403, 484, 485.
-
- =Ninon-de-Lenclos=, 107.
-
- =Nivernois=, Duc de, 227.
-
- =Nivet=, 249.
-
- =Nodier=, Ch., 96, 344, 348.
-
- =Nordau=, M., 474, 475, 477, 495.
-
- =Noves=, A. de, 293.
-
- =Nunez=, 65.
-
-
- O.
-
- =Œillets=, des, 246.
-
- =d’Oppy=, Madame, 132.
-
- =Orford=, 281.
-
- =Orléans=, der Regent Philipp von, 163.
-
- =Orléans=, Herzog Philipp von, 46, 47, 101, 163, 201, 206, 207.
-
- =Orléans=, Herzog Philipp Égalité von, 46, 94, 104, 140, 163.
-
- =Ovid=, 79, 146.
-
-
- P.
-
- =Pagel=, J. L., 219.
-
- =Palestrina=, Kardinal, 105.
-
- =Paré=, Ambroise, 216.
-
- =Parent-Duchatelet=, A. J. B., 90, 91, 114, 146, 147, 149, 151, 157,
- 159, 160, 161, 174, 443.
-
- =Paris=, Abbé, 82.
-
- =Paris=, Justine, 104, 132 ff., 177.
-
- =Pascal=, Blaise, 65.
-
- =Paschkis=, H., 218, 220.
-
- =Patu=, 152.
-
- =Paulhan=, 475.
-
- =Paw=, 269.
-
- =Péladan=, J., 475.
-
- =Pelletier=, 335.
-
- =Peloutier=, 270.
-
- =Pesne=, A., 94.
-
- =Petrarca=, Francesco, 292 ff.
-
- =Petronius=, 96, 282.
-
- =Peuchet=, 90, 96, 158.
-
- =Phelyppeaux=, 63.
-
- =Pidanzat de Mairobert=, M. Fr., 46, 100, 101, 127, 130, 160, 161,
- 174, 177, 180, 181, 186, 189.
-
- =Pigale=, G., 117.
-
- =Piper=, 487.
-
- =Pius VI.=, Papst, 71, 286 ff.
-
- =Piron=, 118, 123.
-
- =Plato=, 2, 22, 23, 25.
-
- =Plenck=, J. J., 218.
-
- =Ploss=, 10, 223.
-
- =Polignac=, Madame de, 77, 104.
-
- =Pomeroy=, 487.
-
- =Pompadour=, Marqse. de, 41, 42, 77, 116.
-
- =Popelinière=, Madame de la, 295.
-
- =Porte=, de la, 300, 329.
-
- =Porte=, Pierre de la, 205.
-
- =Post=, 13.
-
- =Potocki=, Graf von, 275.
-
- =Préval=, Guilbert de, 128, 170, 225 ff., 236.
-
- =Prévost=, Abbé, 146.
-
- =Prie=, Madame de, 77, 274.
-
- =Proksch=, J. K., 105, 226, 228-229, 281.
-
- =Proudhon=, 425, 473.
-
- =Przybyszewski=, St., 68.
-
- =Pyrrhine=, 187.
-
-
- Q.
-
- =Quérard=, 398.
-
- =Quesnay=, 421.
-
- =Quinault=, Mademoiselle, 78.
-
-
- R.
-
- =Raban=, 472.
-
- =Rabaud=, Saint-=Etienne=, 329.
-
- =Rabelais=, 437.
-
- =Racine=, 71.
-
- =Ramdohr=, 80.
-
- =Ramon=, Arzt, 345.
-
- =Raucourt=, Mademoiselle, 188, 191, 194, 197.
-
- =Raulin=, 213.
-
- =Ravaillac=, Fr., 251.
-
- =Reichardt=, J. F., 115, 237, 468.
-
- =Reinhardt=, 467.
-
- =Renouvier=, J., 121, 402.
-
- =Rétif de la Bretonne=, 46, 71, 87, 97 ff., 140, 145, 149, 156, 157,
- 159, 160, 161, 162, 166, 170, 173, 208, 246, 254, 312, 317, 332, 333,
- 464, 465, 466, 498.
-
- =Retz= (=Rais=), Gilles de, 271 ff., 458, 462, 477.
-
- =Reumont=, A. von, 75.
-
- =Révérony de Saint-Cyr=, J., Baron, 472.
-
- =Riario=, P., 282.
-
- =Ribbing=, S., 499, 502.
-
- =Ricci=, Lorenzo, 65, 76.
-
- =Ricci=, Scipione de, 76.
-
- =Richard=, Madame, 61, 138, 367.
-
- =Richelieu=, Kardinal von, 163, 297.
-
- =Richelieu=, Duc de, 131, 216, 252, 275.
-
- =Richir=, 500.
-
- =Ricord=, 130.
-
- =Ritti=, Arzt, 328.
-
- =Robé=, 105.
-
- =Robert=, 162.
-
- =Robespierre=, 85, 87, 210, 263, 266, 301, 334, 335, 469, 470.
-
- =Roche-Aymon=, De la, 63.
-
- =Rochefort=, 495.
-
- =Rochegrosse=, 500.
-
- =Rodde=, 467.
-
- =Rodin=, 500.
-
- =Rohleder=, H., 7, 10, 178.
-
- =Rockingston=, 104.
-
- =Roland=, Madame, 80, 266.
-
- =Romano=, G., 278.
-
- =Rops=, Félicien, 68.
-
- =Roscher=, W., 421, 425, 474.
-
- =Rosenbaum=, J., 232.
-
- =Roskoff=, G., 497.
-
- =Rossignol=, 418, 420.
-
- =Rougemont=, de, 327.
-
- =Rousseau=, J. J., 36, 87, 89, 101, 105, 210.
-
- =Rovère=, 336.
-
- =Royer-Collard=, A. A., 339-341.
-
- =Rubens=, 57.
-
- =Rudeck=, W., 17, 122.
-
- =Russalkow=, 483, 489.
-
-
- S.
-
- =Sacher-Masoch=, L. v., 446, 447, 483.
-
- =Sachsen=, Marschall, Moritz von, 87.
-
- =Sade, D. A. F., Marquis de=, S. 27 u. a. v. O.
-
- -- Armand, 297, 345.
-
- =Sade=, Elzéar de, 294.
-
- =Sade=, Gaspar François de, 295, 296.
-
- =Sade=, Hippolyte de, 293.
-
- =Sade=, Hugo de, 294.
-
- =Sade=, Hugonin de, 294.
-
- =Sade=, Jacques François Paul Alphonse de, 295.
-
- =Sade=, Jean de, 294.
-
- =Sade=, Jean Baptiste, 294, 298.
-
- =Sade=, Jean Baptiste François Joseph de, 296, 297.
-
- =Sade=, Joseph de, 294.
-
- =Sade=, Louis Marie de, 297, 301.
-
- =Sade=, Paul de, 294.
-
- =Sade=, Pierre de, 294.
-
- =Saint-Albin=, Erzbischof von Cambrai, 59.
-
- =Saint-André=, 262.
-
- =Saint-Croix=, Kardinal, 105.
-
- =Sainte-Croix=, de, 245.
-
- =St.-Evremond=, 107.
-
- =Saint-Just=, 265, 463, 469.
-
- =Saint-Lambert=, 78.
-
- =Saint-Quentin=, de, 113.
-
- =Salionci=, 187.
-
- =Salvian=, 497.
-
- =Sand=, George, 473, 479.
-
- =Sanson=, 254.
-
- =Santeul=, 274.
-
- =Sappho=, 10, 187, 193.
-
- =Sauvages=, 83.
-
- =Savary=, 267.
-
- =Schenk=, Leopold, 238.
-
- =Scheer=, J., 88, 302.
-
- =Schiller=, 85.
-
- =Schloezer=, Dorothea, 466.
-
- =Schmidt=, A., 32, 52, 89, 122, 148, 150, 151, 174, 208, 241, 242.
-
- =Schmitt=, 262.
-
- =Schopenhauer=, A., 20, 23, 29, 33.
-
- =Schrank=, J., 226.
-
- =Schrenck-Notzing=, von, 9, 447, 448, 451, 458.
-
- =Schröder-Devrient=, W., 480-482.
-
- =Schüle=, A., 239, 324.
-
- =Sénac de Meilhan=, 103.
-
- =Sephé=, Abbé, 94.
-
- =Septimius Severus=, 505.
-
- =Seume=, 267.
-
- =Sévigné=, Marquise de, 107, 130, 245.
-
- =Sicard=, Abbé, 261.
-
- =Siéyès=, Abbé, 87.
-
- =Sigismund=, Kaiser, 294.
-
- =Sinibaldus=, 189.
-
- =Sismondi=, 44.
-
- =Sixtus IV.=, Papst, 282.
-
- =Sodoma= (G. A. Razzi), 282.
-
- =Sokrates=, 23, 26, 505.
-
- =Sonck=, Fräulein, 192.
-
- =Soubise=, Prinz von, 154.
-
- =Souffrance=, 70.
-
- =Sougy de= (Baron de l’Allée), 321.
-
- =Spencer=, H., 11.
-
- =Spinola=, Kardinal, 105.
-
- =Spinoza=, 36, 505.
-
- =Staël=, Madame de, 467.
-
- =Statius=, 417.
-
- =Stein=, L., 11, 12, 19.
-
- =Stern=, W., 503.
-
- =Stirner=, M., 403, 484, 486.
-
- =Stolberg=, Grafen, 164.
-
- =Stratz=, C. H., 190.
-
- =Ströbel=, H., 486.
-
- =Sueton=, 462.
-
- =Sunamitinnen=, 171 ff.
-
- =Symonds=, J. A., 207.
-
-
- T.
-
- =Tacitus=, 497.
-
- =Taine=, H., 298.
-
- =Tallien=, Madame, 121, 337, 399.
-
- =Tardieu=, 440, 441, 451.
-
- =Tarnowsky=, B., 15, 435, 458, 488, 500, 502.
-
- =Taxil=, 130, 435, 462.
-
- =Techener=, 461.
-
- =Téchul=, Marquis de, 192.
-
- =Teniers=, 96.
-
- =Terracenès=, Marquis de, 192.
-
- =Terrai=, Abbé, 154, 192.
-
- =Tertullian=, 419.
-
- =Texier=, 349.
-
- =Thelesyle=, 187.
-
- =Theodora=, Kaiserin, 271, 417, 439.
-
- =Thoinot=, 447, 448.
-
- =Tiberius=, 439, 462.
-
- =Tilladet=, de, 205.
-
- =Tilly=, A. Graf von, 98, 99, 101, 202.
-
- =Tissot=, S. A., 178.
-
- =Tocqueville=, A., 73.
-
- =Torré=, Artist, 175.
-
- =Toulotte=, E. L. J., 472.
-
- =Tour=, de la, Graf, 320, 321.
-
- =Tylor=, E., 12.
-
-
- U.
-
- =Ulrich=, O., 466.
-
- =Urbsrex=, Duchesse de, 192.
-
- =Uzanne=, 98, 107, 127, 197, 298, 328, 330, 331, 397.
-
-
- V.
-
- =Vacher=, 487.
-
- =Valbelle=, Graf, 103.
-
- =Valentin=, 311.
-
- =Vance=, 212.
-
- =Vanderbourg=, B. de, 468.
-
- =Vanini=, 36.
-
- =Van-Praët=, 91.
-
- =Venette=, 187.
-
- =Vergniaud=, 265.
-
- =Verlaine=, Paul, 307.
-
- =Vespucci=, Amerigo, 269.
-
- =Vestris=, Mademoiselle, 103.
-
- =Vicetelly=, 202.
-
- =Vigouroux=, 246.
-
- =Villers=, Ch. de, 97, 460, 464, 466-471.
-
- =Villeterque=, 331, 398.
-
- =Visconti=, Madame, 337, 399.
-
- =Voisin=, 243, 246.
-
- =Volney=, 267.
-
- =Voltaire=, 36, 67, 87, 89, 92, 209, 218, 267, 295, 332, 496.
-
- =Voulet=, 496.
-
-
- W.
-
- =Walpole=, H., 308.
-
- =Watteau=, 110.
-
- =Weber=, C. J., 56, 279, 285, 287.
-
- =Weinhold=, K. A., 420.
-
- =Westermarck=, E., 12, 13, 17, 87.
-
- =Wigand=, F. W., 22.
-
- =Winckelmann=, J. J., 281, 500.
-
- =Wolff=, Peter Phil., 64, 65.
-
- =Wrede=, R., 66.
-
-
- Z.
-
- =Ziska=, J., 70.
-
- =Zola=, E., 499.
-
- =Zweibrücken=, Herzog von, 227.
-
-
-
-
- FUSSNOTEN:
-
-[1] „Genesis“. Das Gesetz der Zeugung Bd. III. Leipzig 1899. S. 10.
-
-[2] +G. Herman+ a. a. O. S. 8.
-
-[3] +Ernst Haeckel+ „Anthropogenie“ Bd. II, Leipzig 1891. S. 793.
-
-[4] Ueber „Hermaphroditismus“ und „Gonochorismus“ handelt +Haeckel+
-ausführlich in seiner „Generellen Morphologie“ Leipzig 1866. Bd. II. S.
-58-71.
-
-[5] +G. L. Kobelt+ „Die männlichen und weiblichen Wollustorgane des
-Menschen und einiger Säugetiere“. Freiburg 1844.
-
-[6] Bisher erschienen Bd. VII Abt. 1 Teil 2: „Die weiblichen
-Geschlechtsorgane“ von Dr. +W. Nagel+.
-
-[7] „Die Abstammung des Menschen u. die geschlechtl. Zuchtwahl“
-übersetzt von J. V. Carus. 5. Auflage. Stuttgart 1890.
-
-[8] +Victor Hensen+ „Physiologie der Zeugung“ in +Hermann’s+ „Handbuch
-der Physiologie.“ Bd. VI. Leipzig 1880.
-
-[9] „Anthropogenie“ Bd. II. S. 793.
-
-[10] Eine allgemeine, übersichtliche Darstellung des Geschlechtstriebes
-nach seiner physischen Erscheinungsweise giebt +H. Rohleder+ in seinen
-„Vorlesungen über Sexualtrieb und Sexualleben des Menschen“. Berlin
-1901.
-
-[11] +Albert Moll+ „Untersuchungen über die Libido sexualis.“ Bd. I.
-Berlin 1897. S. 1-95.
-
-[12] M. a. a. O. S. 96-310.
-
-[13] +Karl Neisser+ „Die Entstehung der Liebe“. Wien 1897.
-
-[14] „Die Suggestions-Therapie bei krankhaften Erscheinungen des
-Geschlechtssinnes“. Stuttgart 1892.
-
-[15] +H. Rohleder+ „Die Masturbation.“ Berlin 1899.
-
-[16] Eine zusammenfassende Behandlung dieser drei Faktoren giebt
-+Havelock Ellis+ „Mann u. Weib.“ Leipzig 1894.
-
-[17] +Sappho+ hat in einer ihrer berühmten Oden eine Psychophysik der
-Liebe gegeben. Vergl. +F. G. Lipps+ „Grundriss der Psychophysik.“
-Leipzig 1899. S. 143.
-
-[18] „Das Weib in der Natur- und Völkerkunde.“ 6. Auflage, Leipzig 1899.
-
-[19] Vergl. hierüber: +L. Stein+ „Wesen und Aufgabe der Soziologie“
-1898. -- Th. +Achelis+ „Soziologie“ Leipzig 1899.
-
-[20] +E. Westermarck+ „Geschichte der menschlichen Ehe“. A. d. Engl.
-von +L. Katscher+ und +R. Grazer+. 2. Auflage. Berlin 1902.
-
-[21] +P. Dufour+ „Histoire de la prostitution“ 8 Bde. Brüssel. 1851-54.
--- Eine recht gute Arbeit über die Prostitution im 19. Jahrhundert ist
-das Werk von Dr. +Jul. Kühn+ „Die Prostitution im 19. Jahrhundert“. 4.
-Aufl. Leipzig 1897. -- +Rabutaux’+ besonders durch eine vorzügliche
-Bibliographie (von +Paul Lacroix+) sich auszeichnende „Prostitution en
-Europe“ Paris 1851 reicht nur bis zum 16. Jahrhundert.
-
-[22] In „+Eulenburg’s+ Real-Encyclopaedie der gesamten Heilkunde“ 3.
-Auflage, Berlin u. Wien 1898 Bd. 19. S. 436-450.
-
-[23] +Tarnowsky+ „Prostitution u. Abolitionismus“ Hamburg 1890.
-
-[24] +A. Hegar+ „Der Geschlechtstrieb“ Stuttgart 1894.
-
-[25] +C. Lombroso+ „Das Weib als Verbrecherin und Prostituirte“ Hamburg
-1894.
-
-[26] +W. Rudeck+ „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in
-Deutschland“. 2. Aufl. m. 58 Illustr. Berlin 1905.
-
-[27] Fr. +Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse.“ 4. Auflage. Leipzig
-1895 S. 111. -- +L. Feuerbach+ hat in seinem Aufsatze „Ueber die Glorie
-der heiligen Jungfrau Maria“ (Werke Bd. I Leipzig 1845) das Verhältnis
-zwischen Religion und Liebe sehr deutlich gemacht. Vgl. auch das
-interessante Werk von Laurent-Nagour, „Okkultismus und Liebe“ Berlin
-1903.
-
-[28] +C. Abel+ „Ueber den Begriff der Liebe in einigen alten und neuen
-Sprachen“ Berlin 1872. Samml. gemeinverständlicher wissenschaftlicher
-Vorträge von +Virchow+ u. +Holtzendorf+ No. 158/159.
-
-[29] „Die Welt als Wille u. Vorstellung“ ed. +E. Griesebach+ Bd. 2.
-Leipzig 1891. „Metaphysik der Geschlechtstriebe“ S. 623-668.
-
-[30] +E. v. Hartmann+ „Philosophie des Unbewussten.“ 6. Auflage. Berlin
-1874. S. 671-681.
-
-[31] +W. Wigand+ „Die wahre Bedeutung der platonischen Liebe.“ Berlin
-1877. S. 27.
-
-[32] „Neben der physischen Zeugung wandelt die geistige in der Welt“,
-sagt +Ph. Mainländer+. („Die Philosophie der Erlösung“ Leipzig 1894 Bd.
-II S. 489.)
-
-[33] +Hegel’s+ Ideen hat am klarsten und überzeugendsten
-entwickelt +Kuno Fischer+ „System der Logik und Metaphysik oder
-Wissenschaftslehre.“ 2. Auflage. Heidelberg 1865. S. 527-530.
-Vgl. jetzt auch +K. Fischer+ „Geschichte der neuern Philosophie“,
-Jubiliäumsausgabe, Heidelberg 1899. Bd. VIII (+Hegel+) S. 556-561.
-
-[34] Diese Einleitung enthält die Grundzüge einer „Philosophie
-der Liebe nach dialektischer Methode“, die wir später in weiterer
-Ausführung darzustellen die Absicht haben.
-
-[35] Th. +Achelis+ „Soziologie“ Leipzig 1899. S. 37.
-
-[36] +Achelis+ a. a. O. S. 73-74.
-
-[37] +M. Schasler+, „Populäre Gedanken aus +Hegels+ Werken“ Berlin 1870
-S. 213.
-
-[38] +K. Fischer+ „Diotima. Die Idee des Schönen“. Stuttgart 1852. S.
-67 ff.
-
-[39] a. a. O.: „Les voilà, les voilà, ces monstres de l’ancien régime?
-Nous ne les avons pas promis beaux, mais vrais, nous tenons parole“.
-
-[40] +Adolf Schmidt+ „Pariser Zustände während der Revolutionszeit
-1789-1800.“ Bd. I. Jena 1874 S. 19.
-
-[41] +L. S. Mercier+ „Le nouveau Paris“. Band IV. Paris 1800. S. 190.
-
-[42] +Paul Moreau+ (de Tours) „Des aberrations du sens génésique“ 4.
-éd. Paris 1887. S. 13.
-
-[43] +Edmond et Jules de Goncourt+ „La femme au dix-huitième siècle“.
-Paris 1898. S. 151.
-
-[44] „Histoire du clergé pendant la révolution française“ par l’Abbé
-+Barruel+, London 1793 S. 2-3.
-
-[45] Nach +Barruel+ a. a. O. S. 4 hatte sogar +Cérutti+, der eine
-Apologie des Jesuitismus schrieb, sterbend geäussert: Le seul regret
-que j’emporte en mourant, c’est de laisser encore une religion sur la
-terre.
-
-[46] +A. Schmidt+ a. a. O. Bd. III 1876 S. 229.
-
-[47] +Schmidt+ a. a. O. III S. 236.
-
-[48] a. a. O. S. 58.
-
-[49] E. u. +J. Goncourt+ „Les maîtresses de Louis XV“. Paris 1860. 2
-Bde. -- „La duchesse de Châteauxroux et ses sœurs“. Paris 1878. --
-Neuerdings erschien +Comte Fleury+ „Louis XV intime et ses petites
-maîtresses.“ Paris 1899.
-
-[50] „Le Parc au Cerf, ou l’Origine de l’affreux Deficit.“ Paris 1798
-(von +François Mayeur de Saint Paul+). Vgl. ferner +Faverolle+ „Le
-Parc aux cerfs, Histoire secrète des jeunes demoiselles qui y ont été
-renfermées.“ Paris 1808, 4 Bde.
-
-[51] +J. A. Dulaure+, Histoire physique, civile et morale de Paris. Bd.
-V. Paris 1821. S. 367-369.
-
-[52] „Geschichte des Privatlebens Ludwig’s XV.“ Teil III. Berlin 1781.
-S. 17-18.
-
-[53] +Casanova+ erzählt in seinen Memoiren (ed. +Alvensleben-Schmidt+,
-Bd. V, S. 126), dass der Hirschpark von Niemandem besucht werden
-durfte, ausser von den bei Hofe vorgestellten Damen.
-
-[54] „Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne
-des Lasters“. Leipzig 1874. S. 31 ff.
-
-[55] In neuerer Zeit hat +Louis Lacour+, zuerst in der „Revue
-française“ Jahrg. 1858, Bd. XIV S. 546 ff., später in einer
-selbständigen Schrift „Le Parc-aux-cerfs du roi Louis XV“ (Paris
-1859) sehr interessante kritische Untersuchungen über den Hirschpark
-veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass die Ausgaben über den
-kolossalen Luxus in diesem königlichen Bordelle sehr übertrieben
-waren. In Wirklichkeit war der „Hirschpark“ nach +Lacour+ ein sehr
-versteckt gelegenes Haus in der Rue Saint-Méderic, welches höchst
-einfach, ohne jeden Luxus eingerichtet war. -- Der Inhalt eines
-ein Jahr später veröffentlichten Werkes von +Albert Blanquet+ „Le
-Parc-aux-cerfs“ (Paris, 1860, 5 Bände) ist mir nicht bekannt. Nach dem
-Umfange vermute ich in demselben einen Roman. -- Ein sehr merkwürdiges,
-den verschiedensten Quellen entnommenes Kapitel über den Hirschpark
-findet sich bei Th. F. +Debray+ „Histoire de la prostitution et de la
-débauche“ Paris o. J. S. 686-698.
-
-[56] +Moreau+ a. a. O. S. 59-60.
-
-[57] Aehnliche fromme Ausrufe bei gleicher Gelegenheit in +Mirabeau+,
-„Ma conversion“. London 1783 S. 12.
-
-[58] „Chronique sécrète de Paris sous le règne de Louis XVI. (1774)“ in
-„Revue rétrospective.“ Bd. III. Paris 1834. S. 46.
-
-[59] +P. Manuel+ „La police de Paris dévoilée“. Bd. II. Paris L’an II.
-S. 86 u. 200.
-
-[60] +P. Lacroix+, „XVIIIme Siècle. Institutions, Usages et Costumes“
-Paris 1875. S. 35.
-
-[61] „Les amours de Charlot et Toinete“. Paris (Londres) 1779.
-
-[62] „L’espion Anglais ou Correspondance secrète entre Milord All’ eye
-et Milord All’ ear.“ London 1784. Bd. II, S. 82 (von M. Fr. +Pidanzat
-de Mairobert+; das wertvollste, durchweg authentische Werk über die
-Sittenlosigkeit Frankreichs im 18. Jahrhundert).
-
-[63] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de +Réstif de
-la Bretonne+“ par P. L. Jacob Bibliophile. Paris 1875. S. 422.
-
-[64] L’espion anglais II. S. 117.
-
-[65] P. Lacroix „XVIIIme siècle etc.“ S. 45.
-
-[66] +P. Lacroix+ „XVIIIme siècle etc.“ S. 45.
-
-[67] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V. S. 435.
-
-[68] +L. S. Mercier+ „Tableau de Paris“. Bd. I. Hamburg 1781. S. 180.
-
-[69] +Brillat-Savarin+ „Physiologie des Geschmackes.“ 2. Aufl.
-Braunschweig. 1866. S. 363.
-
-[70] +Brillat-Savarin+ a. a. O. S. 362.
-
-[71] +A. Schmidt+ „Tableaux de la Révolution Française.“ Leipzig 1867.
-Bd. I. S. 125.
-
-[72] +Pierre Manuel+ „La Police de Paris dévoilée, Tome I. A Paris L’an
-second de la liberté.“ „De la Police sur les prêtres.“ S. 292-321.
-
-[73] Dieser lakonische, aber vielsagende Bericht erinnert fast wörtlich
-an ein deutsches Epigramm des 18. Jahrhunderts:
-
- „Gestern schwor ich unter tausend Küssen
- Im Genusse ihrer Zärtlichkeit
- Ewige Verschwiegenheit --
- Heute muss es der Chirurgus wissen!“
-
-(Siehe +C. J. Weber+ „Demokritos“ Stuttgart 1868 Bd. V. S. 166.)
-
-[74] Der „Portier des Chartreux ou Histoire de Dom Bougre“ ist ein
-die Paederastie verherrlichender Roman, der dem Marquis +de Sade+ von
-einigen zugeschrieben wird. Dies ist aber unmöglich, da die erste
-Ausgabe dieses Buches 1745 erschien, als +de Sade+ erst fünf Jahre
-alt war. Vgl. Le C. d’J... „Bibliographie des ouvrages relatifs à
-l’amour etc.“ Neue Ausgabe von +J. Lemonnyer+, Lille 1897 Bd. II S. 496
-(citiert als +Lemonnyer+).
-
-[75] Hierzu bemerkt +Manuel+: „Ich finde nur einen Jesuiten bei
-den Dirnen. Es wäre mir angenehm gewesen, ihnen mehr Gerechtigkeit
-widerfahren zu lassen.“ Diese Gerechtigkeit werden wir ihnen weiter
-unten in gebührender Weise zu Teil werden lassen. Die Jesuiten waren zu
-klug, um sich in Bordellen ertappen zu lassen.
-
-[76] +Casanova+ fand die Gräfin +Limore+ als Maitresse „in Gesellschaft
-des Herrn von +Saint-Albin+, Erzbischofs von Cambrai, eines
-hochbetagten Liebhabers, der für sie die ganzen Einkünfte seines
-Erzbistums verschwendete“. „+Jacob Casanova v. Seingalt’s+ Memoiren“
-Deutsch v. +L. v. Alvensleben+ u. +C. F. Schmidt+ Bd. XIII. S. 99.
-
-[77] „La Chasteté du Clergé dévoilée, ou Procès-verbaux des séances du
-clergé chez les filles de Paris, trouvés à la Bastille.“ Paris 1790.
-2 Bde. Einer der Verfasser war +Dominique Darimajou+, Referendar am
-Rechnungshofe.
-
-[78] Mitgeteilt in „Revue rétrospective.“ Bd. III. Paris 1834. S.
-153-154.
-
-[79] „L’espion Anglais.“ Bd. X. London 1784. Brief XIV „Suite et fin de
-la Confession d’une jeune fille.“ S. 309-327.
-
-[80] Etwas anders sagt +La Mettrie+ „Œuvres philosophiques“, 1741
-citirt nach +P. Garnier+ „Onanisme“ Paris 1888 S. 122: „Tout est femme
-dans ce qu’on aime, l’empire de l’amour ne connaît d’autres bornes que
-celles du plaisir.“ -- Eine erotische Novelle „Confession galante d’une
-femme du Monde“ (Brüssel 1873) hat das Motto: „Dans la femme aimée tout
-est c..“
-
-[81] Vgl. „Manuel des Confesseurs ou les Diaconales“. Par Bouvier,
-Verviers o. J. (Titelblatt).
-
-[82] „L’espion anglais“ London 1784 Bd. I S. 241 ff.
-
-[83] +Montesqieu’s+ „Persische Briefe“ deutsch von +A. Strodtmann+,
-Berlin 1866 S. 247 (Brief 134).
-
-[84] +Peter Philipp Wolf+ „Allgemeine Geschichte der Jesuiten“. Zürich
-1790. Bd. II. S. 390.
-
-[85] +J. C. Harenberg+ „Pragmatische Geschichte des Ordens der
-Jesuiten.“ Bd. II. Kap. 7. Abschn. XII. § 437. S. 1412 zitiert nach
-+Wolf+ a. a. O.
-
-[86] +Wolf+ a. a. O. Bd. II. S. 321 u. 428.
-
-[87] +Wolf+ a. a. O. Bd. I S. 201 u. Bd. II S. 403.
-
-[88] +Wolf+ a. a. O. Bd. II S. 281.
-
-[89] +Wolf+ a. a. O. I S. 240.
-
-[90] +Juan de Mariana+ „De rege et regis institutione“, Toledo 1599.
-
-[91] +Wolf+ a. a. O. Bd. III. S. 290.
-
-[92] Eine zuverlässige Darstellung giebt +A. Kurtzel+: „Der
-Jesuit Girard und seine Heilige. Ein Beitrag zur geistlichen
-Geschichte des vorigen Jahrhunderts“ in „Histor. Taschenbuch“ von
-+Friedr. Raumer+. N. F. 4. Jahrg. Leipzig 1843. S. 413-485. Dort
-auch zahlreiche literarische Nachweise. Die gründlichste neuere
-kritisch-bibliographische Untersuchung findet sich bei +P. Fraxi+
-„Centuria librorum absconditorum“ London 1879 S. 225-253.
-
-[93] Die älteste derartige Erzählung erschien bereits 1729: „Les amours
-de Sainfroid Jesuite, et d’Eulalie fille devote. Histoire véritable.
-Suivie de quelques nouvelles nouvelles.“ A la Haye 1729.
-
-[94] +R. Wrede+ „Die Körperstrafen bei allen Völkern von den ältesten
-Zeiten bis zur Gegenwart.“ Dresden 1899. S. 167. +P. Fraxi+ bemerkt:
-„The Marquis +de Sade+ no doubt had it in mind when writing several of
-his cruelest chapters“ a. a. O. S. 253.
-
-[95] +G. Herman+ „Genesis.“ Das Gesetz der Zeugung. Bd. III. Leipzig
-1899. S. 84 ff.
-
-[96] +G. Legué+ „Médecins et empoisonneurs au XVIIe siècle“ Paris 1896.
-S. 139-168.
-
-[97] St. +Przybyszewski+ „Die Entstehung und der Kult der Satanskirche“
-in „Die Kritik“ 1879 No. 134, 135, 148, 149, 150.
-
-[98] Vgl. +Floegel+, Geschichte des Grotesk-Komischen. 5. Aufl. m. 41
-z. Teil sehr interess. Abbildungen. Leipzig 1888. S. 205 ff.
-
-[99] +J. C. Huysmans+ „La-bas“ Paris 1891. „En route“ Paris 1887. Siehe
-Näheres bei +Herman+ a. a. O. S. 113 ff.
-
-[100] „Histoire de +Magdalaine Bavent+, religieuse du monastère
-de Saint Louis de Louviers etc.“ Paris 1652. Die Geschichte der
-+Magdalaine Bavent+ ist auch zu einem neueren Roman verarbeitet worden:
-„Le Couvent de Gomorrhe“ von +Jacques Souffrance+, Paris o. J.
-
-[101] Schilderung derselben bei +Herman+ a. a. O. S. 110 ff.
-
-[102] E. u. J. de +Goncourt+ „La femme au dix-huitième siècle.“ Paris
-1898. S. 17.
-
-[103] E. u. J. +Goncourt+ a. a. O. S. 10.
-
-[104] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1789. Bd. IV. S. 110.
-
-[105] H. Th. +Buckle+ „Geschichte der Zivilisation in England.“ Deutsch
-von A. +Ruge+. Leipzig und Heidelberg 1874. Bd. I. S. 227 ff.
-
-[106] +Buckle+ a. a. O. S. 229.
-
-[107] F. +Lotheissen+ „Zur Sittengeschichte Frankreichs.“ Leipzig 1885.
-S. 136.
-
-[108] Z. B. „Les Nonnes galantes“ des +Marquis d’Argens+. La Haye
-1740. -- „Les délices du cloître ou la nonne éclairée.“ 1760. --
-Wie sehr gesucht von den Wüstlingen die Liebe einer „femme dévote“
-im 18. Jahrhundert war, schildern übrigens die +Goncourts+ selbst
-sehr anschaulich a. a. O. S. 455. ff. Vergl. endlich noch „Lettres
-galantes et philosophiques de deux Nonnes, publiées par un apôtre du
-libertinage.“ Au Paraclet 1777, und unzählige andere, die Corruption in
-den Nonnenklöstern schildernde Schriften, die man bei +Lemonnyer+
-a. a. O. findet.
-
-[109] +Joseph Gorani+ „Mémoires secrets et critiques des cours et des
-mœurs des principaux etats de l’Italie.“ Paris 1794 Bd. II. S. 86.
-
-[110] +Alfred v. Reumont+ „Geschichte Toskanas seit dem Ende des
-florentinischen Freistaates.“ Gotha 1877. Bd. II. S. 173 ff.
-
-[111] „Vie de Scipion de Ricci“ par +de Potter+, Brüssel 1825. Bd.
-I. Anhang Note 13 bis Note 47. S. 331-500 (Ausführliches Verhör der
-Angeklagten) -- Auch bei A. +Gelli+ „Memorie de Scipione de’ Ricci.“
-Florenz 1865. Bd. I. S. 54 ff.
-
-[112] G. +Brandes+ „Essays“. 2. Band. 2. Auflage Leipzig, Verlag von H.
-Barsdorf 1897. S. 278.
-
-[113] E. u. J. de +Goncourt+. „La femme au dix-huitième siècle;“ Paris
-1898. B. 471.
-
-[114] Eine ausgezeichnete Schilderung dieser Salons entwirft +Karl
-Frenzel+ „Renaissance und Rococo.“ Berlin 1876 in dem Aufsatze
-„Pariser Gesellschaftsleben im achtzehnten Jahrhundert“ S. 298-331. --
-Vergl. auch E. +du Bois-Reymond+ „Darwin versus Galiani“ in „Reden“.
-Bd. I. Leipzig 1886. S. 211 ff. -- Den Einfluss der Salons kann man
-deutlich bei +Sade+ in dem Bedürfnis der zahllosen „philosophischen
-Diskussionen“ erkennen.
-
-[115] „Mémoires de Mme. d’Epinay“ Bd. I cit. nach E. u. J. de
-+Goncourt+ a. a. O. S. 159.
-
-[116] E. u. J. de +Goncourt+ a. a. O. S. 175.
-
-[117] E. u. J. +Goncourt+ a. a. O. S. 181.
-
-[118] +Casanova+ erzählt in seinen Memoiren, dass ein gewisser
-+Blondel+ seine +eigene Frau+ nicht bei sich, sondern getrennt in einer
-„petite maison“ wohnen liess, damit sie ihm als Maitresse erschiene und
-so der Umgang mit ihr ihm mehr Genuss verschaffte. („+Jacob Casanova
-von Seingalt’s Memoiren.+“ Deutsch von L. +v. Alvensleben+ u. C. F.
-+Schmidt+. Bd. XIII, S. 97.)
-
-[119] L. S. +Mercier+ „Tableau de Paris“. Hamburg 1781. Bd. II, S. 6-7.
-
-[120] +Friedr. Wilh. Basil. Ramdohr+ „Venus Urania“, Leipzig 1798. Bd.
-III, Abt. 2, S. 288.
-
-[121] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 173.
-
-[122] F. +Lotheisen+ „Litteratur und Gesellschaft in Frankreich zur
-Zeit der Revolution 1789-94.“ Wien 1872. S. 56.
-
-[123] +Rétif de la Bretonne+ „La fille entretenue et vertueuse, ou les
-progrès de la vertu“. Paris 1774. S. 175 ff.
-
-[124] +Rétif de la Bretonne+ „Die Zeitgenossinnen.“ Berlin 1781. Bd.
-VI, S. 9-10.
-
-[125] +Cénac Moncaut+ „Histoire de l’amour dans les temps modernes“.
-Paris 1863. S. 396.
-
-[126] W. +von Bechterew+ „Suggestion und ihre soziale Bedeutung.“
-Leipzig 1899. S. 29-30.
-
-[127] J. A. +Dulaure+. „Histoire physique, civile et morale de Paris“.
-Paris 1821. Bd. V, S. 145-147.
-
-[128] Mad. G. +Abricosoff+ „L’hystérie an XVIIe et XVIIIe siècle.“
-Paris 1897.
-
-[129] +Abricossoff+ a. a. O. S. 73-74.
-
-[130] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 194.
-
-[131] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 196.
-
-[132] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 198.
-
-[133] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 199. -- Ein Teil der „Justine“
-spielt in Grenoble.
-
-[134] Vergl. das Kapitel „Les furies de guillotine“ bei E.
-+Lairtullier+, „Les femmes célèbres de 1789 à 1795“. Paris 1840. Bd.
-II, S. 199-207.
-
-[135] Lady +Blennerhassett+, „Frau von Staël.“ Berlin 1887. Bd. I, 6.
-63.
-
-[136] E. +Legouvé+, „Histoire morale des femmes.“ Paris 1864. S. 4.
-
-[137] Das unglaublichste Beispiel der Verachtung der Frau findet
-sich bei +Buckle+ a. a. O. I. S. 219-20, wo erzählt wird, dass die
-Schauspielerin +Chantilly+, die eben den Dichter +Favart+ geheiratet
-hatte, von der +französischen Regierung+ gezwungen wurde, gleichzeitig
-die Maitresse des Marschalls +Moritz von Sachsen+ zu werden.
-
-[138] +Johannes Scherr+, „Allgemeine Geschichte der Litteratur“.
-Stuttgart 1887. Bd. I, S. 267.
-
-[139] +Charles Aubertin+, „L’esprit public au XVIIIe siècle.“ Paris
-1873. S. 481.
-
-[140] J. +Janin+, „Le marquis de Sade.“ Revue de Paris 1834. Bd. XI, S.
-333.
-
-[141] A. +Schmidt+ a. a. O, Bd. II. Jena 1875. S. 86 ff.
-
-[142] +Paul Lacroix+ a. a. O. S. 506.
-
-[143] P. +Fraxi+ „Index librorum prohibitorum.“ London 1877. S. XXIX
-
-[144] A. J. B. +Parent-Duchatelet+, „Die Sittenverderbnis des
-weiblichen Geschlechts in Paris“, übers. von G. W. +Becker+, Leipzig
-1837. Bd. II. S. 183.
-
-[145] Comte d’J*** (J. +Gay+) „Bibliographie des ouvrages relatifs à
-l’Amour etc.“ 3. éd. Turin 1871. 6 Bde. Neuerdings hat J. +Lemonnyer+
-eine neue vierte Ausgabe dieses höchst schätzbaren Werkes veranstaltet
-(Lille 1897-1900, 4 Bände), die wohl durch Nachträge, sowie durch
-vortreffliche Indices vervollkommnet ist, andrerseits aber zahlreiche
-drastische Zitate der alten Auflage fortgelassen hat, so dass die
-dritte Auflage immer noch unentbehrlich ist.
-
-[146] +Henry Cohen+ „Guide de l’amateur de livres à figures et à
-vignettes du XVIIIe siècle“ 3. éd. Paris 1876. Neue Auflage 1880. Das
-Buch zeigt viele Mängel.
-
-[147] „Œuvres de +Gentil-Bernard+“. Paris 1834. Bd. I, S. 25-88.
-
-[148] E. u. +J. de Goncourt+ a. a. O. S. 154. est certaine. a. a. O.
-Gesang II, S. 51.
-
-[149] L’Amour a ses auteurs -- Agens secrets, dont l’atteinte est
-certaine, a. a. O. Gesang II, S. 51.
-
-[150] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. 201. +Sade+ erwähnt Crébillons
-„Sopha“, „Tanzai“, „Les égarements du cœur“, als Romane „qui flattaient
-le vice et s’éloignaient de la vertu“, in „Idée sur les Romans“ ed. O.
-+Uzanne+, Paris 1878. S. 23.
-
-[151] „Le sopha, conte moral“ (!) A la Haye 1742. Nachgeahmt in „Le
-canapé couleur de feu“. London 1745.
-
-[152] „Les Incas“. Paris 1767. +Sade+ erwähnt +Marmontel+ in „Idée sur
-les Romans etc.“ S. 24-25.
-
-[153] „Thérèse philosophe ou mémoires pour servir à l’histoire de M.
-Dirrag et de Mlle. Eradicée“ à la Haye s. a. (1748).
-
-[154] +Henry Cohen+ a. a. O. col. 477. +Caylus+ hat übrigens sehr viele
-schlüpfrige Romane geschrieben, was in jener Zeit seinen wohlverdienten
-Ruhm als Archaeolog nicht beeinträchtigen konnte.
-
-[155] Vgl. die vortreffliche „Bibliographie anecdotique et raisonnée
-de tous les ouvrages d’Andréa de Nerciat“ par M. de C., Bibliophile
-Anglais, London 1876, wo auch die übrigen, hier nicht genannten Werke
-von +Nerciat+ besprochen werden.
-
-[156] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ in „Die Zukunft“. Bd.
-VII. 1899, No. 26. S. 507. Nach neueren Forschungen soll weder die
-„Education de Laure“ noch „Ma conversion“ von +Mirabeau+ geschrieben
-worden sein. Lemonnyer a. a. O. III. S. 1019.
-
-[157] +Carl Frenzel+ „+Diderot+“ in „Renaissance und Rococo“. Berlin
-1876. S. 284.
-
-[158] „La Réligieuse“. Paris 1798. Das Modell für die tribadische
-Aebtissin in +Diderot’s+ „Réligieuse“ soll die Aebtissin von Chelle
-gewesen sein, eine Tochter des Regenten, (H. +Ellis+ u. J. A. +Symonds+
-„Das konträre Geschlechtsgefühl“ Leipzig 1896. S. 285).
-
-[159] +Choderlos de Laclos+ „Les liaisons dangereuses“. Paris u.
-Amsterdam 1782. 4 Bände.
-
-[160] „Les crimes de l’amour. Precédé d’un avant-propos etc.“ Brüssel
-1881. S. 158. Nach +Villers+ wurde sogar, wie wir später sehen werden,
-die „Justine“ von einigen dem +Laclos+ zugeschrieben.
-
-[161] „Les amours du Chevalier de Faublas“, 3 éd. An VI de la
-République. (Erste Ausgabe 1787).
-
-[162] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Restif de
-la Bretonne“ par P. L. +Jacob+, Bibliophile. Paris 1875.
-
-[163] +de Sade+ „Idée sur les Romans“ éd. O. +Uzanne+. Paris 1878. S.
-31.
-
-[164] Der Graf +v. Tilly+ nennt ihn in seinen Memoiren (II, 430) den
-„+Teniers+ des Romans“.
-
-[165] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 512.
-
-[166] P. L. +Jacob+ Bibliophile a. a. O. S. 54 u. 56.
-
-[167] Memoiren des Grafen Alexander von Tilly, A. d. Französischen.
-Berlin 1826. Bd. II. S. 426-430.
-
-[168] P. L. +Jacob+ Bibliophile a. a. O. S. 33, 103, 161, 180, 441.
-
-[169] „Les nuits de Paris, ou le Spectateur nocturne“. A Londres, Et se
-trouve a Paris 1788-1794, 16 Teile in 8 Bänden (mit 18 Bildern).
-
-[170] P. L. +Jacob+ Bibliophile a. a. O. S. 394.
-
-[171] „Les Contemporaines ou aventures des plus jolies Femmes
-de l’âge présent.“ Leipzig und Paris 1780-1782, 17 Bände; „Les
-contemporaines-du-commun, ou aventures des belles Marchandes etc.“
-ebenda 1782-1783, 13 Bände: „Les contemporaines-par-gradation“ ebenda
-1783, 12 Bände.
-
-[172] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 87.
-
-[173] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 315.
-
-[174] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 316.
-
-[175] Der Verfasser war +Senac de Meilhan+, dem ebenfalls der „Portier
-des Chartreux“ zugeschrieben wird. (Jacob, Bibl. a. a. O. S. 460).
-Später erschienen zahlreiche neue Auflagen, die letzte in Brüssel 1866.
-
-[176] Er war Verfasser einer populären Schrift über die Therapie der
-Syphilis. Siehe J. K. +Proksch+ „Die Litteratur über die venerischen
-Krankheiten.“ Bonn 1889. Bd. I. S. 472, wo angeführt ist: +Agyrony+
-„Des bons effets d’un remède végétal antivénérien, autorisé par lettres
-patentes du Roi, enrégistrées au Parlament etc.“ Paris 1771.
-
-[177] „L’observateur anglais.“ London 1778. Bd. 4, Brief III vom 21.
-Juli 1776. S. 40-47.
-
-[178] Dieses Gedicht findet man in dem seltenen Buche „Il Libro
-del perchè“ (1757). Die französische Version „Parapilla“, um deren
-Autorschaft sich +Charles Borde+ und +Mirabeau+ streiten, ist
-abgedruckt in den „Contes-Grivois du dix-huitième siècle.“ Brüssel o.
-J. (H. Kistemaeckers) S. 27-67.
-
-[179] „L’art de péter etc.“ En Westphalie 1776. Ueber die „Scatologie“,
-eine besondere Liebhaberei der Franzosen vergl. A. +Hagen+ „Sexuelle
-Osphresiologie“ Chorlottenburg 1901 (Verlag von H. +Barsdorf+) S. 115
-ff.
-
-[180] „Idée sur les Romans“ ed. +Uzanne+ etc. S. 22.
-
-[181] Auch in den Romanen des Marquis +de Sade+ ist fast immer das
-Sopha, selten das Bett, das Lager der Liebe.
-
-[182] G. +Brandes+ „Die Hauptströmungen der Litteratur des 19.
-Jahrhunderts“. Bd. I, 8. Aufl. S. 42-44. Leipzig 1900. Verlag H.
-+Barsdorf+.
-
-[183] +Cenac Moncaut+ a. a. O. S. 394.
-
-[184] „Geschichte der Malerei“ von R. +Muther+, Leipzig 1900. Bd. V, S.
-88-93.
-
-[185] +Garnier+ a. a. O. S. 125.
-
-[186] J. +Casanova v. Seingalt+ a. a. O. Band V, S. 121 ff.
-
-[187] J. +Casanova+ a. a. O. Band XI, S. 109 u. 128.
-
-[188] J. B. +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. II, S. 182.
-
-[189] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1791. Bd. II, S. 157.
-
-[190] J. F. +Reichardt’s+ „vertraute Briefe aus Paris, geschrieben in
-den Jahren 1802 und 1803.“ Hamburg 1805. Bd. II, S. 14.
-
-[191] +Arsène Houssaye+ „Histoire de l’art français au dix-huitième
-siècle“. Paris 1860. S. 29.
-
-[192] +Arsène Houssaye+ a. a. O. S. 418.
-
-[193] J. G. Th. +Grässe+ „Geschichte der Poesie Europas und der
-bedeutendsten aussereuropäischen Länder vom Anfang des sechzehnten
-Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit.“ Leipzig 1850. S. 271.
-
-[194] „Die Geschlechtsausschweifungen unter den Völkern der alten und
-neuen Welt etc.“ Neue Auflage o. O. S. 161.
-
-[195] +Casanova+ a. a. O. Bd. VIII, S. 140.
-
-[196] E. u. J. +de Goncourt+ „Histoire de la société française pendant
-le Directoire“. Paris 1855. S. 422.
-
-[197] +Cénac Moncaut+ a. a. O. S. 396.
-
-[198] E. u. J. +de Goncourt+ „La femme au dix-huitième siècle,“ S.
-313-370.
-
-[199] J. u. E. +de Goncourt+ „Histoire de la société française pendant
-le Directoire.“ S. 420.
-
-[200] J. +Renouvier+ „Histoire de l’art pendant la Revolution.“ Paris
-1863. S. 476. -- „Schon mehr als 2000 Jahre tragen die Frauen Hemden,“
-schrieb ein Journalist jener Zeit, „das ist zum Sterben langweilig.“ Er
-wollte die Frauen lieber ohne Hemd sehen, vollkommen nackt als „lebende
-Statuen“. Vergl. A. +Houssaye+ „Notre-Dame de Thermidor.“ Paris 1806.
-S. 421.
-
-[201] W. +Rudeck+ „Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in
-Deutschland.“ 2. Aufl. 1905. Mit 58 Illustrationen. S. 85.
-
-[202] A. +Schmidt+ a. a. O. Bd. II, S. 66.
-
-[203] E. u. J. +de Goncourt+ „Histoire de la société française pendant
-le Directoire“. S. 183.
-
-[204] „Eros.“ Stuttgart 1849. Bd. I, S. 234. -- Die Italiener haben das
-Sprichwort:
-
- Donna cui camminando il cul traballa
- Se puttana non è, proverbio falla.
-
-[205] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V, S. 585.
-
-[206] „Eros“. S. 233.
-
-[207] +Muther+ a. a. O. Bd. V, S. 46.
-
-[208] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 184.
-
-[209] P. L. +Jacob+, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie etc.“
-S. 32, Anmerkung.
-
-[210] „La curiosité littéraire et bibliographique.“ Paris 1882. S.
-148-149.
-
-[211] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. II. Brief 24. S. 386-401.
-Vgl. auch die „Correspondance de Madame Gourdan“, herausgegeben von
-+Octave Uzanne+, Brüssel 1883, mit einer Einleitung über die „Sérails“
-des 18. Jahrhunderts (S. I-LVIII).
-
-[212] Nachträglich finden wir, dass auch +Mairobert+ nicht der Erfinder
-dieses Wortspiels war, sondern dass schon +viel früher+ eine Frau,
-+Madame de Sévigné+, in einem Briefe die Condome „cuirasses contre la
-volupté et toiles d’araignée contre le mal“ nennt. (L. +Taxil+ „La
-corruption fin de siècle“. Paris 1894. S. 211).
-
-[213] Dass die +Gourdan+ die körperliche Beschaffenheit ihrer Mädchen
-genau kennen musste, beweist ein Brief eines Engländers an sie, der die
-Reize der gewünschten Person ausführlich beschreibt. („La chronique
-scandaleuse“. Band II, Seite 127.)
-
-[214] F. W. +Barthold+ „Die geschichtlichen Persönlichkeiten in Jacob
-Casanova’s Memoiren“. Berlin 1846. 2 Bände.
-
-[215] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 60 ff.
-
-[216] „L’espion anglais“. London 1784. Bd. X, S. 363 ff.
-
-[217] „Les bordels de Paris.“ 1790. S. 17.
-
-[218] P. +Fraxi+ a. a. O. S. XXXVIII.
-
-[219] +Rétif de la Bretonne+ „Le Pornographe, ou Idées d’un honnête
-homme sur un projet de règlement pour les prostituées.“ A la Haye 1769.
-
-[220] P. L. +Jacob+, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie de tous
-les ouvrages de +Rétif de la Bretonne+.“ Paris 1875. S. 422.
-
-[221] J. +Casanova+ a. a. O. VIII. S. 163. (III, 257).
-
-[222] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 421-422.
-
-[223] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V, S. 227-228. Die Schrift „L’ordre
-hermaphrodite, ou les secrets de la sublime Félicité, avec un discours
-prononcé par le chevalier H..., orateur au jardin d’Éden, chez Nicolas
-Martin, au Grand Mât,“ 1748, war uns nicht zugänglich.
-
-[224] E. u. J. +de Goncourt+, „La femme etc.“ S. 176.
-
-[225] +Dulaure+ a. a. O. S. 227.
-
-[226] +Arthur Dinaux+ „Les sociétés badines.“ Paris 1867. Bd. I, S.
-301-314.
-
-[227] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 176. Die Ausschweifungen
-derselben hat +Andréa de Nerciat+ in seinen „Aphrodites“, einem
-„theoretischen und praktischen Kursus der Wollust“ beschrieben.
-(Lampsaque [Paris] 1793.)
-
-[228] E. u. J. +de Goncourt+ a. a. O. S. 177.
-
-[229] Die geheimen pornologischen Klubs wurden auch nach Russland
-verpflanzt. In Moskau existierte unter +Katharina+ II. ein „Club
-physique“ und ein „Club d’Adam“. Siehe +Moreau+ a. a. O. S. 63.
-
-[230] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 395.
-
-[231] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1789. Bd. IV, S. 111. Eine
-ähnliche Stelle hat auch +Ovid+ in der „Ars amandi.“
-
-[232] Das Manuscript derselben befindet sich in der Nationalbibliothek,
-Dép. des mss. fr., 11395; suppl. fr., 2996 (+Maxime du Camp+. „Paris,
-ses organes, ses fonctions et sa vie etc.“ Paris 1875. Bd. III, S.
-323). --
-
-[233] A. B. +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. II, S. 205-206.
-
-[234] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. II. S. 209-210.
-
-[235] A. +Schmidt+ a. a. O. Bd. II, S. 64.
-
-[236] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S. 85.
-
-[237] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I, S. 239.
-
-[238] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S. 66.
-
-[239] +Jules Janin+ a. a. O. S. 332.
-
-[240] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S. 67.
-
-[241] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I, S. 13.
-
-[242] L. S. +Mercier+ „Tableau de Paris“. I, S. 393-395.
-
-[243] +La Mettrie+ „L’art de jouir“. A Cythère 1751. S. 103.
-
-[244] „La chronique scandaleuse.“ Bd. IV, S. 190. Bei einem am 15.
-Juni 1731 von dem Direktor der Oper, +Gruer+ veranstalteten Feste
-tanzten die +Camargo+ und mehrere andere Tänzerinnen +vollkommen nackt+
-vor der Festversammlung. (Max Schönau „Allerlei Koulissenscherze.“
-Charlottenburg o. J. S. 65-67.)
-
-[245] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 50-51.
-
-[246] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 52.
-
-[247] +Casanova+ a. a. O. V, 114-116.
-
-[248] „Dialogue entre M. le Comte de Lau.... et Mylord All’Eye, au
-sujet des filles les plus célèbres de la Capitale.“ In: „L’Espion
-anglais.“ Bd. II, S. 86-113.
-
-[249] Diese ausführlicheren Nachrichten über die +Du Thé+ entnehmen wir
-der „Correspondance sécrète, politique et littéraire etc.“ London 1787.
-Bd. I, S. 57 u. 58.
-
-[250] +Maxime du Camp+ a. a. O. Bd. III, S. 324.
-
-[251] Ein höchst interessantes Werk über die Pariser Theaterheldinnen
-des 18. Jahrhunderts sind P. +Lacome’s+ „Thèmes variés. Les étoiles du
-passé“, Paris 1897. --
-
-Ueber einen höchst obscönen Witz der berühmten Schauspielerin Arnould
-über die verrufenen Opernsängerinnen +Château-neuf+, +Château-vieux+
-und +Château-fort+ vergl. „L’espion anglais“ II, S. 86. Ueber das
-pornographische Poëm einer anderen Schauspielerin +P. L. Jacob+,
-Bibliophile „Bibliographie etc.“ S. 8, Anmerkung.
-
-[252] +P. L. Jacob+, Bibliophile „Bibliographie et Iconographie de tous
-ouvrages de Rétif de la Bretonne“. Paris 1875. Seite 145-147.
-
-[253] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 127.
-
-[254] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 233. -- Ueber
-Soldatendirnen und einige andere Klassen von Prostituierten weiter
-unten.
-
-[255] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I, S. 70. -- Es gab sogar vornehme
-Zuhälter, z. B. den Vicomte +de Letorières+. (Maxime du Camp. a. a. O.
-S. 324.)
-
-[256] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I, S. 81-82.
-
-[257] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. I. 184.
-
-[258] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 38 ff.
-
-[259] +P. L. Jacob+, Bibliographie a. a. O; S. 340-341. +Casanova+
-erzählt, dass Graf +Jean Du Barry+ einer Dame in Bologna 100000 Taler
-für ihre 14jährige Tochter bot (XVII, S. 198).
-
-[260] +P. L. Jacob+, Bibliographie a. a. O. S. 99-103. -- Neue
-vortreffliche Ausgabe des „Pornographe“ von H. +Mireur+, Brüssel 1879
-(mit Einleitung).
-
-[261] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 139-140.
-
-[262] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 235-236.
-
-[263] F. +Lotheissen+ „Literatur und Gesellschaft in Frankreich etc.“
-Wien 1872. S. 43.
-
-[264] P. +Joanne+ „Paris Diamant.“ Paris 1895. S. 33 u. 100.
-
-[265] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 37-38. II, 176.
-
-[266] +G. A. von Halem+ „Ein Blick auf einen Teil Deutschlands, der
-Schweiz und Frankreichs bei einer Reise vom Jahre 1790.“ Hamburg 1791.
-Bd. II, S. 1 u. S. 20.
-
-[267] A. +Chuquet+ „Paris en 1790. Voyage de Halem, traduction,
-introduction et notes.“ Paris 1890.
-
-[268] P. +Lacroix+ „XVIIIe Siècle. Institutions, Usages et costumes.“
-Paris 1875. S. 368. Auf Seite 359 dieses Prachtwerkes findet sich eine
-colorierte Abbildung, die ein anziehendes Bild vom Leben und Treiben im
-Garten des Palais-Royal gewährt.
-
-[269] +E. u. J. de Goncourt+ „Histoire de la société française pendant
-le Directorat.“ S. 210.
-
-[270] +P. L. Jacob+, Bibliophile „Bibliographie etc.“ S. 340.
-
-[271] L. S. +Mercier+ „Tableau de Paris.“ Bd. I, S. 267-271.
-
-[272] „La chronique scandaleuse.“ Paris 1791. Bd. I, S. 202.
-
-[273] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 213.
-
-[274] +Rétif de la Bretonne+ „Le Palais-Royal.“ Bd. II, S. 17-230.
-„Die Geschlechtsausschweifungen unter den Völkern etc.“ o. O. u.
-J. S. 161-163. -- Vgl. auch Hagen, die sexuelle Osphresiologie.
-Die Beziehungen des Geruchssinnes und der Gerüche zur menschlichen
-Geschlechtstätigkeit. 2. Aufl. Leipzig 1906. S. 191 ff.
-
-[275] „Eros.“ Bd. I, S. 412.
-
-[276] „Eros.“ Bd. I, S. 156.
-
-[277] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S. 70.
-
-[278] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 70.
-
-[279] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. II, S. 81.
-
-[280] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V, S. 285; S. 307-310.
-
-[281] Wie richtig +de Sade+ beobachtet hat, wenn er in der „Justine“
-(I, 5) die Onanie als ein Linderungsmittel von Schmerzen bezeichnet,
-beweisen die Ausführungen von Dr. +Havelock Ellis+ in seinem neuesten
-Werke „Geschlechtstrieb und Schamgefühl.“ Leipzig 1900. S. 272 ff., wo
-er über mehrere Fälle von Masturbation zur Beseitigung von Schmerzen
-berichtet.
-
-[282] „L’espion anglais.“ Bd. X, S. 271-272.
-
-[283] +La Mettrie+ „L’art de jouir.“ A Cythère 1751. S. 131.
-
-[284] „La chronique scandaleuse.“ Bd. II, S. 167.
-
-[285] +S. A. Tissot+ „De l’onanisme, ou dissertation sur les maladies
-produites par la masturbation.“ Lausanne 1760.
-
-[286] +H. Rohleder+ „Die Masturbation.“ Berlin 1899. S. 19.
-
-[287] +Garnier+ a. a. O. S. 432 berichtet, dass +Haller+ eine Clitoris
-von 7 Zoll Länge gesehen habe, ja dass Phantasten sogar eine von einem
--- Fuss Länge gesehen haben wollen!
-
-[288] Die Franzosen bezeichnen mit dem Worte „Sodomie“ unsere
-Paederastie, während wir bekanntlich unter „Sodomie“ die Unzucht
-zwischen Mensch und Tier verstehen.
-
-[289] „Ma conversion.“ London 1783. S. 165-168
-
-[290] „L’espion anglais.“ London 1784. Bd. X, Lettre IX „Confession
-d’une jeune fille.“ S. 179-208; Lettre XI „Suite de la confession d’une
-jeune fille.“ S. 248-275; Lettre XIV „Suite et fin de la confession
-d’une jeune fille“.
-
-[291] Wir finden in den Werken über Psychopathia sexualis den +Spiegel+
-nirgends erwähnt, der nach unserer Ansicht oft sehr viel Unheil
-anrichtet.
-
-[292] Hier bediente sich +Sapho+ -- sagte +Mairobert+ -- wie auch
-später eines viel obscöneren Ausdrucks.
-
-[293] a. a. O. S. 190.
-
-[294] Hier sieht man wieder deutlich, wie der Marquis +de Sade+ nach
-der Wirklichkeit gearbeitet hat. Dieses Reinigen der orificia corporis
-durch junge Mädchen kommt in seinen Romanen unzählige Male vor.
-
-[295] Hierzu macht +Mairobert+ folgende interessante Anmerkung: „Il y
-a grande apparence, que cette statue et le globe sont creux et remplis
-+d’un air plus léger que celui de l’atmosphère du salon+, en sorte
-qu’ils sont dans un parfait équilibre. Voila comme d’habiles physiciens
-présents à ce récit expliquèrent ce prodige qui tient beaucoup du
-roman. Ils citent même l’ouvrage d’un père +Joseph Galien+, dominicain,
-ancien professeur de philosophie et de théologie dans l’université
-d’Avignon qui en 1755 a publié ‚L’art de naviger dans les airs‘ établi
-sur des principes de physique et de géométrie.“ Bei +E. Gerland+
-„Geschichte der Physik“. Leipzig 1892. S. 199, finden wir diesen
-+Galien+ als Vorläufer der +Montgolfier+ nicht erwähnt, sondern nur den
-Pater +Guzman+ in Lissabon.
-
-[296] Ueber den Chevalier d’Eon siehe weiter unten.
-
-[297] Gemeint ist das berühmte Werk von +Nicolaus Venette+ (1633-1698)
-„De la genération de l’homme, ou tableau de l’amour conjugal“.
-Amsterdam 1688 unter dem Pseudonym +Salionci+; später unter wahrem
-Namen zahlreiche Neuauflagen.
-
-[298] Hierbei wurde ein Vers des Kardinals +Bernis+ erwähnt. -- Der
-Kardinal +Bernis+ kommt auch bei +Sade+ vor.
-
-[299] Diese Darstellung +Mairobert’s+ ist nicht ganz richtig.
-Ursprünglich war das Gedicht +altfranzösisch+, von +Jean de Nevizan+
-verfasst. +Franciscus Corniger+ übertrug es dann ins Lateinische.
-Später entstanden zahlreiche französische Nachübersetzungen z. B.
-von +J. Blanchon+. Man findet diese Versionen in dem pikanten Buche
-von Cl. Fr. X. Mercier „Eloge du sein des femmes“ Nouvelle édition.
-Brüssel 1879. Kapitel II, S. 35 ff. -- +Bayle+ hat im Artikel „Hélène“
-seines berühmten Wörterbuchs nur die ersten sechs Verse zitiert,
-dem Scharfsinn des Lesers das Erraten der übrigen überlassend. Eine
-+deutsche+ und +spanische+ Version siehe im „Eros“. Stuttgart 1849. Bd.
-I, S. 231-234. Vergleiche ferner die Aufzählung dieser 30 Schönheiten
-in dem alten Werke „Geneanthropeia Jo. Benedicti Sinibaldi Archiatri et
-Professoris Romani.“ Rom 1642 col. 147. Auch die Aloysia Sigaea kennt
-dieselben.
-
-[300] Kenner -- und deren soll es nicht wenige geben -- brauchen wir
-wohl kaum auf die vortrefflichen ästhetischen Werke von +E. W. v.
-Brücke+ „Schönheit und Fehler der menschlichen Gestalt“ Wien 1891, und
-+C. H. Stratz+ „Die Schönheit des weiblichen Körpers.“ 7. Auflage.
-Stuttgart 1900 hinzuweisen.
-
-[301] „Apologie de la secte Anandryne ou Exhortation à une jeune
-tribade par Mlle de Raucourt, prononcée le 23. mars 1778“. „L’espion
-anglais.“ X, 208-228. Hier gilt die Rede zwar einer Mlle Aurore. Doch
-ist anzunehmen, dass die +Raucourt+ immer dieselben Gedanken vorbrachte.
-
-[302] Auch diese Schilderung ist wieder ein Beweis für unsere Ansicht
-von dem +allmählichen Erworbenwerden+ der Homosexualität. Man +gewöhnt+
-sich an den neuen Reiz, der allmählich +unentbehrlich+ wird. Man
-beachte, dass dieses Bekenntnis aus dem Munde einer +echten+ Anhängerin
-des amor lesbicus kommt, die nicht etwa temporäre Tribade war.
-
-[303] +Poulet-Malassis+ hat in seiner Ausgabe dieser Abschnitte des
-„Espion Anglais“ („Anandria, ou Confession de mademoiselle Sapho“
-Lesbos [Brüssel] 1866) den Schlüssel zu diesen Namen gegeben.
-„+Furiel+“ ist Mme +de Fleury+, „+Urbsrex+“ ist die Herzogin von
-+Villeroy+; „+Terracenès+“ ist die Marquise +de Senecterre+ und
-„+Téchul+“ ist die Marquise +de Luchet+.
-
-[304] Dass der Marquis +de Sade+ stets Gelegenheit nimmt, seine Helden,
-besonders +vor+ den Orgien mit einer grossen Rede +über+ dieselben
-paradieren zu lassen, haben wir schon öfter hervorgehoben.
-
-[305] „Eros“ Bd. II. S. 413.
-
-[306] Fr. C. +Forberg+ giebt eine kurze lateinische Darstellung
-dieser Feier und berichtet, dass in +London+ am Ende des vorigen
-Jahrhunderts eine ähnliche Secte existiert habe. („Antonii Panormitae
-Hermaphroditus“ Coburg 1824 S. 365-366.)
-
-[307] +Françoise Clairien+, genannt +Saucerotte+, genannt +Raucourt+,
-geboren zu Dombasle in Lothringen am 29. November 1753, starb in Paris
-am 15. Januar 1815. Sie erschien zum ersten Male am 23. September 1772
-auf der Bühne als „Dido“.
-
-[308] „Le livre moderne“ herausgegeben von +Octave Uzanne+, Paris 1891
-Bd. IV S. 245-247.
-
-[309] „La chronique scandaleuse“ Paris 1789. Bd. III. S. 32 und 280.
-
-[310] +Charles Geneviève Louis Auguste André Thimothée d’Eon de
-Beaumont+ geb. 1728 zu Tonnerre in Burgund, gestorben 1810 in London.
-
-[311] +d’Eon+ stellt allerdings die Sache so dar, als ob +Beaumarchais+
-von ihm zum Besten gehalten sei und wirklich an seine weibliche Natur
-geglaubt habe.
-
-[312] +d’Eon+ wollte hier einschalten: „als das Geschlecht der Dame
-durch +Zeugen, Aerzte, Matronen+ und rechtsförmliche Urkunden erwiesen
-erscheint“, ein Zusatz, den +Beaumarchais+ tilgte.
-
-[313] Die ganze Darstellung der „Affaire d’Eon“ nach A. +Bettelheim+
-„Beaumarchais“, Frankfurt a. M. 1876. S. 356-370.
-
-[314] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. V, S. 87. Ueber den Aufenthalt des
-Chevalier +d’Eon+ in England vgl. den dritten Band dieser Studien („Das
-Geschlechtsleben in England“, Bd. II, Cap. 7), sowie die Schrift von H.
-+Vizetelly+ „The true story of the Chevalier d’Eon“, London 1895.
-
-[315] H. +Ellis+ u. J. A. +Symonds+ „Das conträre Geschlechtsgefühl“
-Leipzig 1896. S. 186.
-
-[316] „Bougre“ kommt von „Bulgar“, da man der Sekte der Bulgaren die
-erste Einführung des Lasters in Frankreich zuschrieb.
-
-[317] „Erotica Biblion“ Cap. Kadhésh. Amsterdam 1890 (Neudruck) S. 114.
-
-[318] A. +Moll+ „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘“ Berlin 1898
-Bd. I. S. 460.
-
-[319] Vgl. +Bussy-Rabutin+ „Histoire amoureuse des Gaules“ Edition
-+Auguste Poitevin+ Paris 1858 Bd. II S. 254-261.
-
-[320] H. +Ellis+ u. J. A. +Symonds+ a. a. O. S. 127.
-
-[321] A. +Moll+ „Die konträre Sexualempfindung“ 2. Auflage Berlin 1893
-S. 68.
-
-[322] F. C. +Forberg+ a, a. O. S. 164.
-
-[323] „Eros“ I, S. 602. -- Die „Hermaphroditen“ waren ein
-Paederasten-Club, wie aus der Schrift „Description de l’Isle des
-Hermaphrodites“ Köln 1724 hervorgeht. Vergl. ferner bezüglich der
-Verbreitung der Paederastie im 18. Jahrhundert die „Anecdotes pour
-servir à l’Histoire Sécrète des Ebugors“. Medoso MMMCCCXXXIII.
-
-[324] A. +Schmidt+ a. a. O. Bd. II S. 87-88.
-
-[325] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 460. Diese Schrift enthält
-6 Capitel: I. Des filles de joie; II. Des Sodomites; III. De la
-Bestialité; IV. De l’Inceste; V. Du Gamahuchage; VI. De quelques autres
-abus qui nuisent à la population.
-
-[326] A. +Moll+ „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘.“ I, S. 499.
-
-[327] Angesichts der Vorgänge im Potsdamer Waisenhause und anderer
-kultur-historischer Thatsachen erscheint diese Meinung des Marquis +de
-Sade+ etwas sonderbar.
-
-[328] W. M. +Cooper+ „Der Flagellantismus und die Flagellanten“.
-Deutsch von H. +Dohrn+. Dresden 1899. S. 102-108.
-
-[329] R. v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen auf dem Gebiete der
-Psychopathia sexualis.“ 2. Auflage. Stuttgart 1891. S. 35-36. -- Vergl.
-auch P. J. +Moebius+ „J. J. +Rousseau’s+ Krankengeschichte“. Leipzig
-1889. Und K. G. Lenz, Ueber Rousseaus Verbindung mit Weibern. 2. Aufl.
-Berlin 1906. p. 8 ff.
-
-[330] P. +Fraxi+ a. a. O. S. XLIV.
-
-[331] P. +Fraxi+ a. a. O. S. XLIV-XLV. Dort findet sich auch eine
-Abbildung dieses merkwürdigen „Berkley Horse“.
-
-[332] Vgl. „Studien“ Bd. III. Das Geschlechtsleben in England. Zweiter
-Teil. Kap. 6.
-
-[333] G. +Abricossoff+ a. a. O. S. 70. -- Dass der Aderlass eine
-+Modesache+ bei Aerzten und Laien war, bemerkt Dr. P. +Hamonic+ („La
-Chirurgie et la Médecine d’autrefois“ Paris 1900 S. 90-91): „Le
-XVIIIe siècle a marqué l’apogée de la saignée. Jamais la phlébotomie
-n’a autant prévalu en chirurgie et en médecine. On pratiquait cette
-opération dans les circonstances les plus diverses. On en avait fait
-une panacée qui guérissait tout. Elle était plus répandue que la
-purgation. Bien des gens se faisaient saigner préventiment pour éviter
-des maladies qu’ils n’avaient pas, d’autres par habitude; il en était
-même qui n’obéissaient qu’à la mode.“
-
-[334] „Gazette médicale de Paris“ vom 21. Juli 1849 S. 560.
-
-[335] Ein uraltes Mittel +der Perser+ ist das Gummi von Ferula Asa
-foetida (Stinkasant, Teufelsdreck), welches „beim Beischlafe zum
-höchsten Genusse verhilft, wenn man den Penis damit einreibt.“ (R.
-+Kobert+ „Historische Studien aus dem pharmakologischen Institut in
-Dorpat“. Halle. 1893. Bd. III S. 188).
-
-[336] Ueber das Opium als sexuelles Stimulans urteilt man heute
-anders. L. +Lewin+ bemerkt darüber: „Durch einmalige oder nur kurze
-Zeit gereichte mittlere Opiummengen soll die +Geschlechtstätigkeit+
-erhöht werden. Diese Angabe muss insofern als unrichtig angesehen
-werden, als wohl während des Opiumrausches dem Opiumraucher eine
-Reihe von wollüstigen Bildern in der abnorm erregten, ungeordneten
-und wirren Sinnesthätigkeit auftauchen können, dass aber die dadurch
-hervorgerufenen Erectionen schnell vorübergehen und hiermit wohl nicht
-eine erhöhte Libido sexualis oder Potentia coeundi verbunden ist. Zu
-bemerken ist freilich, dass von Opiophagen eine erhebliche Steigerung
-der geschlechtlichen Funktionen in der ersten Zeit des Opiumgebrauches
-angegeben wird. Dieselbe macht später einer Impotenz Platz.“ (Artikel
-„Opium“ in +Eulenburg’s+ „Real-Encyklopädie der gesamten Heilkunde“.
-Wien und Leipzig 1898 Bd. XVII S. 625.) -- In einem der folgenden Bände
-dieser Studien gedenken wir über die Aphrodisiaca in +cultur-+ und
-+sittengeschichtlicher+ Beziehung zu handeln.
-
-[337] C. +Binz+ „Vorlesungen über Pharmakologie“ 2. Auflage. Berlin
-1891 S. 690.
-
-[338] „Eros“ Bd. I. S. 41-42.
-
-[339] R. +Kobert+ „Lehrbuch der Pharmakotherapie“. 1897. S. 488.
-
-[340] +Dulaure+ a. a. O. Bd. V. S. 434.
-
-[341] +Casanova+ a. a. O. S. 137.
-
-[342] L. +Waldenburg+ und C. E. +Simon+,„Handbuch der allgemeinen und
-speziellen Arzneiverordnungslehre“ 7. Auflage. Berlin 1870 S. 177.
-Viele Männer epilirten sich am ganzen Körper (H. +Paschkis+ „Kosmetik
-für Aerzte“ Wien 1893 S. 28.) -- Vgl. Stern, Medizin, Aberglaube und
-Geschlechtsleben in der Türkei. Berlin 1903. Bd. 2, p. 132.
-
-[343] „La chronique scandaleuse“. Paris 1791. Bd. I, S. 139.
-
-[344] F. +Hering+ „Kosmetik nach Heinrich de Mondeville“.
-Inauguraldissertation. Berlin 1898. S. 17-18. (Unter der Aegide von J.
-+Pagel+).
-
-[345] Nach J. +Hyrtl+ „Handbuch der topographischen Anatomie“ 7.
-Auflage. Wien 1882 Bd. II, S. 191 sprechen auch +Avicenna+ und
-+Cornelius Agrippa+ von Mitteln, deren Gebrauch ein zerstörtes Hymen
-reproduzieren soll. In unseren kulturhistorischen Studien über die
-Aphrodisiaca werden wir diese interessante Frage weiter verfolgen.
-
-[346] Weitere Mitteilungen über die Restauration der Virginität findet
-man im zweiten Bande dieser Studien: das Geschlechtsleben in England.
-Bd. 1, S. 370-377.
-
-[347] P. +Paschkis+ „Kosmetik für Aerzte“. Wien 1893 S. 27.
-
-[348] „Eros“ II. S. 261.
-
-[349] H. +Paschkis+ a. a. O. S. 23.
-
-[350] H. +Ploss+ und M. +Bartels+ „Das Weib in der Natur- und
-Völkerkunde“ 6. Auflage. Leipzig 1899. Bd. I, S. 750.
-
-[351] „Les bordels de Paris“. Paris 1790. S. 17. -- „Höre Hortense“,
-sagt der Graf in +Mirabeaus+ „Ma conversion“ (S. 175 ff.) zu einer
-Dirne, „Ich habe von Dir einen Tripper bekommen. Das ist ja eine Regel.
-Ich beklage mich nicht darüber. Denn es ist ‚le bonbon du métier‘.“
-
-[352] +Casanova+ a. a. O. Bd. XI, S. 226. Dass die Ansteckung auf
-diesem Wege erfolgen kann, bestätigt auch R. +Bergh+, der selbst einen
-solchen Fall beobachtet hat. („Ueber Ansteckung und Ansteckungswege bei
-Syphilis“, Hamburg und Leipzig 1888. S. 21.)
-
-[353] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. II, S. 227. -- Eine höchst witzige
-Anecdote über eine Madame D**. erzählt die „chron. scand.“ (IV, S.
-10): „On disait à un souper que Madame D**. avait la +petite+ vérole
-(Blattern). Je n’en suis pas étonné, répondit quelqu’un, je l’ai
-toujours connue très modeste.“ -- +Grande+ vérole ist nämlich Syphilis.
-
-[354] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 340 und S. 44.
-
-[355] „L’espion anglais“. Bd. VI, S. 217-235. „Historique du spécifique
-du Docteur Guilbert de Préval“.
-
-[356] Es war eine Auflösung von Sublimat in Kalkwasser. (+Chr.
-Girtanner+ „Abhandlung über die Venerische Krankheit“ Göttingen 1789
-Bd. III, S. 782.)
-
-[357] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. II, S. 229.
-
-[358] J. K. +Proksch+ „Geschichte der venerischen Krankheiten“ Bonn
-1895 Bd. II, S. 509; J. +Schrank+ „Die Prostitution in Wien.“ Bd. I, S.
-237. Wien 1886.
-
-[359] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. II, S. 230.
-
-[360] +Girtanner+ a. a. O. Bd. III, S. 781.
-
-[361] J. K. +Proksch+ „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“.
-Wien 1872. S. 48 ff. -- Die Litteratur über die „Affaire +Guilbert
-de Préval+“ bei +Girtanner+ a. a. O. S. 782 und J. K. Proksch „Die
-Litteratur über die venerischen Krankheiten“. Bonn 1889. Bd. I, S. 473.
--- Als Kuriosum möge hier +Linguet’s+ „Cacomonade, histoire politique
-et morale“ Köln 1769 erwähnt werden, eine Paraphrase von +Voltaire’s+
-bekannter cynischer Anecdote über den Ursprung der Syphilis im 4. Kap.
-des „Candide“.
-
-[362] +Casanova+ a. a. O. Bd. XI, S. 226.
-
-[363] J. K. +Proksch+ „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“. Wien
-1872. S. 48.
-
-[364] J. K. +Proksch+ a. a. O. S. 50.
-
-[365] +Proksch+ a. a. O. S. 50-51. „Unter 48 Condomen der
-verschiedensten Grösse, die ich mir von Verschleissern und ohne eine
-Auswahl zu meinen Experimenten anschaffte, fand ich keinen einzigen,
-welchen ich als schlecht gemacht und unsicher bezeichnen könnte. Die
-meisten Condome liessen sich mittelst einer Compressionsluftpumpe bis
-an das Vierfache des Volums, welches sie im Zustande der Contraction
-hatten, ausdehnen, ehe sie mit einem starken Knalle platzten; kein
-einziger Condom barst, wenn ich die Ausdehnung seines Umfanges nur bis
-auf das Dreifache trieb, was ich an allen durch genaue Messungen sicher
-stellte. Bemerkenswert war bei diesen Versuchen der Umstand, dass die
-Condome nach einer stärkeren Ausdehnung knapp vor der Stelle abrissen,
-wo ich sie mittelst eines Bändchens an die Compressions-Luftpumpe
-befestigt hatte. Wäre es mir also möglich gewesen, die Condome auf eine
-Weise zu befestigen, die es zugelassen hätte, die ganzen Condome zu
-erweitern, so würde ich gewiss noch bedeutendere Ausdehnungen erzielt
-haben.“ Auch rasche und ungleichmässige Ausdehnungen ergaben dasselbe
-Resultat wodurch nach +Proksch+ sichergestellt ist, dass, wenn „die
-Condome aus Kautschuk im unversehrten Zustande verkauft werden, sie
-durch den Beischlaf unmöglich zerrissen werden können, auch wenn sie
-noch so ungeschickt angelegt und gebraucht werden, und dass sie selbst
-bei ihrer stärksten Ausdehnung impermeabel bleiben. Damit sind die
-gewichtigsten Einwände, welche gegen die Schutzfähigkeit der Condome
-bis nun gethan wurden, widerlegt.“
-
-[366] J. A. +Dulaure+ hat in seinem grossen Werke „Des divinités
-génératrices ou du culte du Phallus chez les Anciens et Modernes“
-Nouv. édit. Paris 1885 eine ausführliche Darstellung der Geschichte
-des Phalluscultus gegeben. -- Wertvolle Beiträge dazu auch bei J.
-+Rosenbaum+ „Geschichte der Lustseuche im Altertume“. 7. Auflage.
-Berlin 1904. S. 59-70.
-
-[367] Dr. +Iwan Bloch+. „Kannten die Alten die Contagiosität
-venerischer Krankheiten?“ Deutsche med. Wochenschr. 1899 No. 5,
-teilt eine interessante Stelle aus den kürzlich wieder aufgefundenen
-Mimiamben des hellenistischen Dichters +Herondas+ mit. In dem Mimiambus
-„Die beiden Freundinnen“ oder „Das vertrauliche Gespräch“ handelt
-es sich um einen Lederphallus, den die Frauen der Insel Kos unter
-einander zur Befriedigung ihrer Lüste benutzen, welche Unsitte damals
-selbst unter den ehrbaren Bürgerinnen ganz verbreitet war, wie aus dem
-Gespräche zweier Freundinnen hervorgeht. -- Die Behauptung +Bloch’s+,
-dass die Syphilis im Altertums nicht existiert habe, scheint uns noch
-entschieden weiterer Beweise bedürftig zu sein.
-
-[368] Selbst dieses Instrument wurde zu einer Satire gegen das Königtum
-missbraucht, in der Schrift „Le Godmiché Royal“ Paris 1790.
-
-[369] W. +Heinse+ in seiner Uebersetzung des „Petronius. Begebenheiten
-des Enkolp.“ Neue Ausgabe. Leipzig 1898. Bd. I, S. 70.
-
-[370] +Garnier+ a. a. O. S. 378.
-
-[371] Derselbe Autor erzählt a. a. O. S. 125, dass die Chinesen auch
-diese Wollustapparate schon erfunden hatten, bevor sie mit Europäern
-in Berührung kamen, und dass man heute in Tient-sin künstliche
-männliche Glieder in „natürlichen Farben“ verkauft, sowie Bilder,
-welche Frauen darstellen, wie sie von „Tröstern“ Gebrauch machen.
-Selbst auf Porzellan wurden derartige Szenen gemalt. -- Wir selbst
-haben in letzter Zeit mehrfach im Besitz von jungen Kaufleuten eine
-hektographierte Zeichnung gesehen, auf der dieser Apparat in Form einer
-grossen Maschine dargestellt war, die von einer Frau zum Zwecke der
-sexuellen Befriedigung in Bewegung gesetzt wird. So ähnlich wird man
-sich +Sade’s+ „automatische Godmichés“ zu denken haben. -- „Analuma,
-eigentlich die Gesellschaft der unverheirateten jungen Damen, ist
-ein sinnig-euphemistisch-verschämter Ausdruck für den Penis.“ (B.
-+Friedländer+ „Notizen über Samoa“. Zeitschr. für Ethnologie. 1899. S.
-31).
-
-[372] +Garnier+ a. a. O. S. 373.
-
-[373] +Paul Lacroix+ „XVIIIe Siècle. Institutions, Usages et Costumes.“
-Paris 1875. S. 389.
-
-[374] +Paul Lacroix+ a. a. O. S. 390.
-
-[375] ib. S. 388.
-
-[376] +Paul Lacroix+ a. a. O. S. 11.
-
-[377] +Brillat-Savarin+ „Physiologie des Geschmacks“, übersetzt von
-+Carl Vogt+. 2. Aufl. Braunschweig 1866. S. 269.
-
-[378] P. L. +Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 263.
-
-[379] ib. S. 269.
-
-[380] ib. S. 56.
-
-[381] +Casanova+ a. a. O. Bd. XI, S. 224 ff.
-
-[382] J. F. +Reichardt+ a. a. O. Bd. III. S. 77-78.
-
-[383] „Aline et Valcour“ Brüssel 1883 Bd. II, S. 293.
-
-[384] Es ist eine interessante Frage, ob die Kleptomanie vornehmer
-Damen nicht mit +sexuellen Perversitäten+ zusammenhängt, wie wir
-vermuten, nach den blossen Schilderungen, die +Sade+ von der
-+Wollust+ des Diebstahls entwirft. Der Fall +Lombroso’s+, in dem ein
-15jähriges Mädchen stets während der +Menstruation+ von Kleptomanie
-ergriffen wurde, spricht auch dafür. („Das Weib als Verbrecherin und
-Prostituirte“ Hamburg 1894. S. 527.)
-
-[385] A. +Bettelheim+ a. a. O. S. 615. -- Wie diese Geldgier
-den moralischen und physischen Menschen corrumpiert, schildert
-unübertrefflich A. +Schüle+ „Handbuch der Geisteskrankheiten“ 2.
-Auflage. Leipzig 1880. S. 194.
-
-[386] G. +Keben+ „Die Prostitution und ihre Beziehungen zur modernen
-realistischen Litteratur“. Zürich 1892 S. 52 führt ein bemerkenswertes
-Wort von +Avé-Lallemant+ an: „Mehrere Räuber verfluchten auf dem
-Schaffot die Bordelle als die Ursache ihres Unglücks.“
-
-[387] A. +Schmidt+ a a. O. Bd. II, S. 33-36.
-
-[388] A. +Schmidt+ a. a. O. II, S 39-43.
-
-[389] A. +Schmidt+ a. a. O. II, 51.
-
-[390] A. +Schmidt+ a. a. O. Bd. II, S. 56. -- +Schmidt+ macht darauf
-aufmerksam, dass die einmal erweckten verbrecherischen Neigungen sich
-in einem Teile der französischen und besonders der Pariser Bevölkerung
-forterbten und daher in jedem späteren, die Bande der bürgerlichen
-Ordnung lockernden Zeitpunkt mit Unwiderstehlichkeit und Heftigkeit
-wieder hervorbrachen.
-
-[391] G. +Hermann+ a. a. O. S. 111.
-
-[392] A. +Kohut+ „Berühmte und berüchtigte Giftmischerinnen“. Berlin
-1893. S. 55-65.
-
-[393] Ueberraschend ähnlich (wenn auch natürlich in anderem Sinne)
-heisst es bei W. v. +Bechterew+ „Suggestion und ihre soziale Bedeutung“
-Leipzig 1899, S. 82 von der Suggestion überhaupt: „Es kann nicht
-zweifelhaft sein, dass +suggestive Mikroben+ in gewissen Fällen
-gleich verderbenbringend wirken müssen wie physische Infektion...
-Der ‚psychische Bacillus‘ der Suggestion kann je nach seinem inneren
-Gehalt segenbringende, aber auch schädliche und verheerende Wirkungen
-entfalten.“
-
-[394] „L’espion anglais“. Bd. VI. London 1783. S. 1-15. („Exécution de
-Desrues et son histoire“.)
-
-[395] +Jules Janin+ a. a. O. S. 322.
-
-[396] +Cesare Beccaria+ „Ueber Verbrechen und Strafen“, übersetzt von
-M. +Waldeck+. Berlin 1870. S. 63.
-
-[397] +Paul Lacroix+ „XVIIIe siècle. Institutions, Usages et Costumes.“
-Paris 1875. S. 307 -- Adlige wurden enthauptet.
-
-[398] +Paul Lacroix+ a. a. O. S. 307.
-
-[399] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 309.
-
-[400] Th. +Carlyle+ „Die französische Revolution“ übersetzt von +Franz
-Kwest+. Halle 1899 Bd. II, S. 419.
-
-[401] „Assassinat de Louis XV. et supplice de Damiens“ (Extrait par
-Lemonty des Mémoires manuscrits du duc de +Croy+ Bd. XIV) in „Revue
-rétrospective“ Paris 1833 Bd. I, S. 357-370.
-
-[402] +Charles Monselet+ „Le Supplice de Damiens“ in: Bibliothèque
-choisie Band 1154 Paris 1873 S. 119.
-
-[403] +Monselet+ sagt hier: „Ich erzähle, gestützt auf Documente
-von unbestreitbarer Authenticität. Ich übertreibe nichts, was infam
-sein würde! Ich mildere sogar den Ausdruck und lasse nur die blossen
-Thatsachen reden. Ich bin zu dieser Erklärung genötigt, um fortfahren
-zu können.“ (a. a. O. S. 128.)
-
-[404] +Monselet+ a. a. O. S. 130.
-
-[405] „Geschichte des Privatlebens Ludwigs XIV. u. s. w.“ A. d.
-Französ. Berlin u. Stettin 1781. Bd. III, S. 113.
-
-[406] F. W. +Barthold+ a. a. O. S. 261.
-
-[407] Das Attentat des +Damiens+ soll auf Anstiften der Jesuiten
-erfolgt sein. Vergl. P. P. +Wolf+ „Allgemeine Geschichte der Jesuiten“.
-Bd. III, S. 316.
-
-[408] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. VIII. S. 74-76.
-
-[409] S. 77.
-
-[410] „Revue rétrospective.“ Bd. I. S. 370.
-
-[411] „L’espion anglais.“ Bd. VI. S. 14.
-
-[412] +Thomas Carlyle+ „Die französische Revolution.“ Halle 1899. Bd.
-II, S. 67-68.
-
-[413] +Th. Carlyle+ a. a. O. Bd. II, S. 165 und 185.
-
-[414] +Jourgniac St.-Méard+ „Mon Agonie de trente-huit heures“ in
-„Histoire parlamentaire de la Révolution Française“. Paris 1835. Bd.
-XVIII, S. 103-135.
-
-[415] +Maton de la Varenne+ „Ma résurrection“ ibid. S. 135-156.
-
-[416] +Abbé Sicard+ „Relation adressée à un de ses amis“ ibid. S.
-98-103.
-
-[417] +Th. Carlyle+ a. a. O. S. 196. -- +Mercier+ sah aus einem Haufen
-von Leichen einen Fuss hervorragen. „Ich sah jenen Fuss“, sagt er,
-„ich werde ihn wieder erkennen am grossen Tage des Gerichts, wenn der
-Ewige, auf seinen Donnern thronend, richten wird über beide, Könige und
-Septembermänner.“ („Le nouveau Paris.“ Paris 1800. Bd. VI, S. 21.)
-
-[418] Die Guillotine, deren Erfindung irrtümlich dem Arzte
-+Joseph-Ignace Guillotin+ (1738-1814) zugeschrieben wird, war schon im
-Mittelalter bekannt. Die Köpfmaschine der französischen Revolution war
-nach den Vorschlägen des Chirurgen +Louis+ von dem deutschen Mechaniker
-+Schmitt+ angefertigt worden und wurde zum ersten Male im April 1792
-auf dem Grèveplatz aufgestellt. Vergl. G. +Korn+ „Joseph-Ignace
-Guillotin“ Inauguraldissertation. Berlin 1891, S. 20.
-
-[419] +Th. Carlyle+ a. a. O. Bd. II. „Schrecken an der Tagesordnung“.
-S. 358-398.
-
-[420] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 262.
-
-[421] Comte +Fleury+ „Les grands Terroristes. Carrier à +Nantes+
-(1793-1794).“ Paris 1897. Besonders Seite 197-202.
-
-[422] Comte +Fleury+ a. a. O. S. 121.
-
-[423] Comte +Fleury+ a. a. O. S. 175.
-
-[424] Auch über die Priester äusserte sich +Carrier+ fast in denselben
-obscönen Ausdrücken, deren sich +Sade+ ihnen gegenüber bedient. So
-sagte er von 60 verurteilten Priestern aus Angres: „Pas tant de
-mystère, f... tous ces bougres-là à l’eau.“ (+Fleury+ a. a. O. S. 112.)
-
-[425] +Carlyle+ a. a. O. II, S. 374.
-
-[426] +Carlyle+ a. a. O. Bd. II, S. 402. -- Ein Exemplar von Sades
-„Philosophie dans le Boudoir“ (Londres 1795. 2 vols. in 16^o), das
-in +Menschenhaut+ eingebunden ist, wird jetzt in Paris für 500 frs.
-ausgeboten.
-
-[427] +Arsène Houssaye+ „Notre-Dame de Thermidor“ Paris 1806. S.
-361-368.
-
-[428] +Th. Achelis+ „Moderne Völkerkunde“. Stuttgart 1896. S. 3.
-
-[429] +Th. Achelis+ a. a. O. S. 4.
-
-[430] Siehe +Chr. Girtanner+, a. a. O. Bd. I, S. 57-59.
-
-[431] „Gilles de Rays, maréchal de France, dit Barbe-Bleue (1404-1440)“
-par l’abbé E. +Bossard+ et R. +de Maulle+. Paris 1886.
-
-[432] A. +Eulenburg+ „Sexuale Neuropathie. Leipzig 1895“ S. 116.
-
-[433] A. +Lacassagne+ „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“ Lyon
-u. Paris 1899. Seite 246-247.
-
-[434] A. +Eulenburg+ „sexuale Neuropathie“ S. 116. -- Die dort erwähnte
-ungarische „Blutgräfin“ +Elisabeth Báthory+, die im 17. Jahrhundert
-lebte, ist +Sade+ nicht bekannt gewesen. Vergl. „Die Blutgräfin
-(Elisabeth Báthory) ein Sitten- und Charakterbild“ von R. A. +von
-Elsberg+. Breslau 1893.
-
-[435] J. +Michelet+ „Histoire de France (Louis XV.)“ Bd. XVII. Paris
-1879. S. 126 ff.
-
-[436] +Paul Moreau+ a. a. O. S. 64.
-
-[437] Ch. J. D. +de Lacretelle+ „Histoire de France pendant le 18me
-siècle“ Paris 1819. Bd. I, S. 271.
-
-[438] „Biographie universelle“ Paris 1844. Bd. VII, S. 673. Die hier
-erzählte Anekdote über +Charolais+ teilt auch +Sade+ mit (Phil. dans le
-Boud. II, 131).
-
-[439] E. u. J. +de Goncourt+ „La femme etc.“ S. 275.
-
-[440] A. +Moll+ „Untersuchungen über die Libido sexualis“. Berlin 1808.
-Bd. I, S. 701.
-
-[441] „Les crimes de l’amour etc.“ Brüssel 1881. S. 239. -- Dort wird
-auch auf die „blutigen Ausschweifungen“ des im 17. Jahrhundert lebenden
-Duc d’Epernon hingewiesen.
-
-[442] F. +Lotheissen+ „Litteratur und Gesellschaft“ u. s. w. S. 104.
-
-[443] „Justine und Juliette oder die Gefahren der Tugend und die Wonne
-des Lasters.“ Leipzig 1874. S. 14 und 18.
-
-[444] J. A. +Dulaure+ „Histoire physique, civile et morale de Paris“.
-Paris 1821. Bd. V, S. 19.
-
-[445] Dies ist ein Nachdruck einer scatologischen Gedichtsammlung
-„Merdiana, recueil propre à certain usage“ Paris 1803. Die „Bibliotheca
-Scatologica“ (Paris 1853) enthält u. a. auch zahlreiche Titel von
-Schriften, die den menschlichen Excrementen alles erdenkliche Lob
-zollen.
-
-[446] C. J. +Weber+ „Das Papsttum und die Päpste“ Stuttgart 1834. Bd.
-III, S. 209.
-
-[447] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. XVII, S. 104 und 189.
-
-[448] F. W. +Barthold+ a. a. O. S. 56. -- Ein bezeichnendes Sprichwort
-der Venetianer heisst: La mattina una messetta, l’apodimar una
-bassetta, e la sera una donnetta. -- Vgl. auch. +Thomas Medwin+, „Lord
-Byron-Erinnerungen“. 3. Auflage. S. 47 ff. Leipzig 1900. Verlag von H.
-Barsdorf.
-
-[449] Sehr viel Material in dieser Beziehung enthalten die auf
-Kosten des Earl of +Orford+ gedruckten „Leggi e Memoire Venete sulla
-Prostituzione fine alla caduta della republica“ Venedig 1780-1872.
-
-[450] J. K. +Proksch+ „Die Vorbauung der venerischen Krankheiten“ Wien
-1872, S. 26.
-
-[451] J. +Casanova+ a. a. O. I, 125 ff und III, 186.
-
-[452] Näheres bei A. +Moll+ „Die konträre Sexualempfindung“ 2. Auflage.
-Berlin 1893. S. 44.
-
-[453] H. +Fuchs+, Richard Wagner u. d. Homosexualität. Berlin 1903. S.
-16-20.
-
-[454] A. +Moll+ a. a. O. S. 56-62.
-
-[455] 4: „Histoire des Papes. Crimes, Meurtres, Empoisonnements,
-Parricides, Adultères, Incestes etc.“ Paris 1843. Bd. 7, S. 197.
-
-[456] J. +Casanova+ a. a. O. Bd. II, S. 41 und 177 und XVII, S. 186.
-
-[457] A. +Moll+ a. a. O. S. 51-52. -- Italien hat auch den berühmtesten
-aller Paederasten-Romane hervorgebracht, das äusserst selten gewordene
-Buch „Alcibiade fanciullo a scuola“, Oranges 1652. (Französisch:
-„Alcibiade Enfant à l’Ecole“. Amsterdam 1866.)
-
-[458] +Joseph Gorani+ „Mémoires secrets et critiques des cours et des
-mœurs des principaux états de l’Italie“. Paris 1794. Bd. I, S. 79,
-85-86.
-
-[459] J. +Casanova+ a. a. O. II, 15 und 45.
-
-[460] „Eros“. Bd. II, S. 350.
-
-[461] C. J. +Weber+ „Das Papsttum und die Päpste“. Stuttgart 1834. Bd.
-III S. 157.
-
-[462] J. +Casanova+ a. a. O. XVII, S. 126-27.
-
-[463] J. +Casanova+ a. a. O. Bd XVII, S. 134; 177 ff.
-
-[464] +Bourgoing+ „Mémoires historiques et philosophiques sur Pie VI et
-son pontificat“ Paris An 7 de la République. S. 101 bis 111.
-
-[465] P. +Coletta+ „Geschichte des Königreich Neapel“ 2. Aufl. Cassel
-1855. Bd. I, S. 246.
-
-[466] C. J. +Weber+ a. a. O. Bd. III, S. 255.
-
-[467] J. +Gorani+ a. a. O. Bd. II, S. 357.
-
-[468] +Bourgoing+ a. a. O. S. 120-121. -- Der Lüstling und Klosterprior
-Severino bei +Sade+ wird als Verwandter des Papstes +Pius+ VI.
-bezeichnet (Justine II, 176.)
-
-[469] +Karoline+ nennt sich in ihren Briefen Charlotte. Daher heisst
-sie auch bei +Sade+ so.
-
-[470] v. +Helfert+ „Maria Karoline von Oesterreich, Königin von
-Neapel“, Wien 1884.
-
-[471] M. +Brosch+ „Königin Maria Karolina von Neapel“ in: Historische
-Zeitschrift Bd. 53. München und Leipzig 1885. S. 72-94.
-
-[472] P. +Coletta+ a. a. O. Bd. I, S. 240.
-
-[473] J. +Gorani+ a. a. O. Bd. I, S. 96, 135, 209, 256-64. -- J.
-+Gorani+, geboren 15. Febr. 1740 in Mailand, starb nach einem
-abenteuerlichen Leben am 13. Dezember 1819 in Genf.
-
-[474] A. +Gagnières+ „La Reine Marie-Caroline de Naples d’après les
-documents nouveaux.“ Paris 1886. S. 31. -- J. C. +Jeaffreson+ hat in
-seinem vortrefflichen kritischen Werke über „Lady Hamilton and Lord
-Nelson“ (London 1888) die wirkliche Natur des Verhältnisses zwischen
-+Emma+ und +Karoline+ vollkommen übergangen. -- Ueber das Verhältnis
-beider vgl. auch das ausführliche Kapitel (III, 3) im +zweiten+ Bande
-von „Das Geschlechtsleben in England“ („Studien“ Bd. 3.)
-
-[475] +Gagnières+ a. a. O. S. 66.
-
-[476] J. +Gorani+ a. a. O. Bd. I, S. 39-41, S. 20 ff; S. 98.
-
-[477] K. M. +Sauer+ „Geschichte der italienischen Litteratur“. Leipzig
-1883. S. 63.
-
-[478] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft. 1899. Nr.
-26, S. 499.
-
-[479] J. +Janin+ „Le Marquis de Sade“. Revue de Paris. Bd. XI. Paris
-1834. S. 327.
-
-[480] „Journal de la cour et de Paris, depuis le 28. Novembre 1732
-jusqu’au 30. Novembre 1733 in: Revue rétrospective.“ Paris 1836. Bd.
-VII, S. 118-119.
-
-[481] J. +Janin+ a. a. O. S. 328.
-
-[482] Die Darstellung der Genealogie des Marquis +de Sade+ im
-wesentlichen nach „Biographie ancienne et moderne.“ Paris 1837. Bd. 37,
-S. 217-224. In neuerdings veröffentlichten Dokumenten aus dem Archiv
-des Irrenhauses Charenton werden noch als zweiter Sohn des Marquis
-+de Sade Armande+, als dritter +Jean Baptiste Joseph David de Sade+
-genannt. Vgl. A. +Cabanes+ „La prétendue folie du marquis de Sade“ in:
-Le Cabinet secret de l’Histoire, 4me Série, Paris 1900, S. 316 u. ö.
-
-[483] Er hätte eigentlich nach dem Tode seines Vaters den Titel „Comte“
-annehmen müssen, war aber als +Marquis de Sade+ berüchtigt geworden, so
-dass ihm dieser Name blieb.
-
-[484] P. +Lacroix+ „XVIIIe Siècle etc.“ Paris 1875. S. 258 bis 259.
-
-[485] O. +Uzanne+ „Idée sur les Romans par D. A. F. de Sade“ Paris 1878
-S. XIV-XV.
-
-[486] +Marciat+ „Le marquis de Sade et le Sadisme“ in: +Lacassagne+
-„Vacher l’Eventreur et les crimes sadiques“ Lyon 1889 S. 187.
-
-[487] „Justine und Juliette u. s. w.“ Leipzig 1874 S. 11.
-
-[488] „Les crimes de l’amour u. s. w.“ Brüssel 1881. S. 237.
-
-[489] P. +Fraxi+ a. a. O. S. 39.
-
-[490] „La vérité sur les deux procès criminels du Marquis de Sade“ par
-+Paul L. Jacob+, Bibliophile, in „Revue de Paris“ 1837. Bd. 38, S. 138.
-
-[491] J. +Janin+ a. a. O. S. 331.
-
-[492] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 137.
-
-[493] +Marciat+ a. a. O. S. 187-188.
-
-[494] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 137-139.
-
-[495] J. +Scherr+ „Deutsche Kultur- und Sittengeschichte“ 9. Auflage.
-Leipzig 1887. S. 449.
-
-[496] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 514 Anmerkung.
-
-[497] +Paul Ginisty+ „Lettres inédites de la Marquise de Sade“ in: „La
-Grande Revue“ 1899 Nr. 1, S. 1-31.
-
-[498] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 17.
-
-[499] a. a. O. S. 140.
-
-[500] „Justine und Juliette“ S. 33-34.
-
-[501] +Marciat+ a. a. O. S. 190. +Cabanes+ a. a. O. S. 261 bis 263.
-
-[502] +Cabanès+ a. a. O. S. 263.
-
-[503] +Cabanès+ sagt ähnlich: „S’il en avait eu le loisir, le marquis
-de Sade aurait pu donner à son autobiographie ce titre, que devait
-illustrer plus tard Silvio Pellico: +Mes Prisons+.“
-
-[504] „Lettres de la Marquise Du Deffand à Horace Walpole depuis comte
-d’Orford, écrites dans les années 1766 à 1780 etc.“ Nouv. ed. corrigée.
-Paris 1812. Bd. I. S. 225-227; 228-229 (Brief 46 vom 12. und 13. April
-1768).
-
-[505] J. +Janin+ a. a. O. S. 348.
-
-[506] a. a. O. S. 500-501.
-
-[507] a. a. O. S. 141.
-
-[508] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Rétif de
-la Bretonne“ S. 418. -- Dort auch die Erzählung +Rétif’s+.
-
-[509] +Cabanès+ a. a. O. S. 265-266.
-
-[510] „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct
-génésique“ in Gazette médicale de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849. S.
-559-560.
-
-[511] Hier bildet +Sade+ selbst das Vorbild für den aderlasswütigen
-Grafen Gernande in der „Justine“.
-
-[512] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 142.
-
-[513] +Marciat+ a. a. O. S. 194.
-
-[514] +Lacroix+ a. a. O. S. 143.
-
-[515] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de +Rétif de
-la Bretonne+.“ S. 420.
-
-[516] „Marseille à la fin de l’ancien régime“ par F. +Dollieule+ etc.
-Marseille 1896. S. 49. -- +Casanova+ a. a. O. Bd. X. S. 224 ff.
-
-[517] +Marciat+ a. a. O. S. 195.
-
-[518] +Lacroix+ a. a. O. S. 144.
-
-[519] +Cabanès+ a. a. O. S. 272-282.
-
-[520] +Eulenburg+ a. a. O. S. 501.
-
-[521] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 2-3.
-
-[522] „Les crimes de l’amour.“ S. 181-182.
-
-[523] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 3 ff.
-
-[524] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 7-8.
-
-[525] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 182
-
-[526] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 14.
-
-[527] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 24 und 27.
-
-[528] H. +Schüle+ „Handbuch der Geisteskrankheiten“ 2. Aufl. Leipzig
-1880. S. 221-225.
-
-[529] Einzelnes hat sich aus den Tagebüchern noch erhalten. So teilt
-+Cabanès+ a. a. O. S. 287-288 einige Urteile +Sade’s+ über -- geistige
-Getränke mit, von denen er verschiedene Sorten Branntwein aufzählt und
-als „gut“, „schlecht“, „abscheulich“, „nichts wert“ und „mittelmässig“
-bezeichnet; ferner ein kurzes Verzeichnis seiner täglichen Ausgaben,
-unter denen solche für Orangenparfüm, Briefporto, Lichter, Federn,
-Blumen figuriren.
-
-[530] +Marciat+ a. a. O. S. 197.
-
-[531] „Détention du marquis de Sade“ in: Revue rétrospective. Bd. I,
-Paris 1833, S. 256.
-
-[532] +Cabanès+ a. a. O. S. 288.
-
-[533] Wie Dr. +Ritti+, der gegenwärtige Arzt von Charenton an Dr.
-+Cabanès+ unter dem 27. December 1899 schreibt, ist es auch möglich,
-dass +de Sade+ Charenton verliess, als diese Anstalt auf Befehl des
-„Comité du Salut public“ geschlossen wurde.
-
-[534] P. +Ginisty+ a. a. O. S. 31. -- Sie starb in einsamer
-Zurückgezogenheit am 7. Juli 1810 zu Echauffour.
-
-[535] O. +Uzanne+ a. a. O. S. XLVIII.
-
-[536] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 183. +Cabanès+ a. a. O. S.
-291-292.
-
-[537] ibidem S. 179.
-
-[538] J. +Janin+ a. a. O. S. 353.
-
-[539] O. +Uzanne+ a. a. O. S. XLV-XLVIII.
-
-[540] +Uzanne+ S. XXVI.
-
-[541] J. +Janin+ a. a. O. S. 353.
-
-[542] Das von dem Verf. dieses Buches entdeckte Manuscript von Sades
-+erstem+ Roman „Les 120 journées de Sodome ou l’école du libertinage“
-wurde gleichfalls in der Bastille, in der Zeit vom 22. Oktober bis zum
-27. November 1785 verfasst. Es erschien im Jahre 1904 in 200 Exemplaren
-als +Privatdruck+. A. d. U.
-
-[543] O. +Uzanne+ a. a. O. S. XXIX.
-
-[544] +Uzanne+, ibid. S. 47 und 49.
-
-[545] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 138 ff.
-
-[546] +Marciat+ a. a. O. S. 203.
-
-[547] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 163.
-
-[548] +Cabanès+ a. a. O. S. 280-290.
-
-[549] „Bibliographie et Iconographie de tous les ouvrages de Restif de
-la Bretonne“. S. 421.
-
-[550] ibid. S. 422-423.
-
-[551] +Jules Michelet+ „Histoire de la révolution française“. Paris
-1869. Bd. VI, S. 220.
-
-[552] „Discours prononcé à la fête décernée par la Section des Piques,
-aux mânes de +Marat+ et de +Le Pelletier+, par Sade, citoyen, de cette
-section et membre de la Société populaire“ abgedruckt in „Les crimes de
-l’amour etc.“ S. 265-272.
-
-[553] „Revue rétrospective.“ Paris 1833. Bd. I, S. 257.
-
-[554] Ueber den hochinteressanten Inhalt dieser Liste vergl. P. L.
-+Jacob+, Bibliophile „Curiosités de l’histoire de France“. Paris 1858.
-(„La liste des nobles de Dulaure“. S. 265-348.)
-
-[555] J. +Janin+ a. a. O. S. 352.
-
-[556] Biogr. universelle. S. 222.
-
-[557] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 263.
-
-[558] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 161 ff.
-
-[559] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 172 ff.
-
-[560] +Antoine Athanase Royer-Collard+ geb. 7. Februar 1768, seit 1806
-Arzt der Irrenanstalt in Charenton, † 27. November 1825.
-
-[561] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 165-169.
-
-[562] „Revue rétrospective“. Paris 1833. Bd. I. S. 263.
-
-[563] +Marciat+ a. a. O. S. 214.
-
-[564] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 170.
-
-[565] Abgedruckt bei +Marciat+ a. a. O. S. 215.
-
-[566] „Revue rétrospective“ Paris 1833 Bd. I, S. 262.
-
-[567] J. +Janin+ a. a. O. S. 357.
-
-[568] P. +Lacroix+ a. a. O. S. 136.
-
-[569] +Charles Nodier+ „Souvenirs, épisodes et portraits pour servir à
-l’histoire de la révolution et de l’empire“ Paris 1831, Bd. II, S. 57
-und S. 60.
-
-[570] +J. Janin+ a. a. O. S. 358. Nach +Cabanès+ fand diese
-phrenologische Untersuchung später statt, und zwar bei der Exhumation
-der Leiche. (+Cabanès+ S. 312.)
-
-[571] +J. Janin+ „Le Livre“ Paris 1870. S. 291-292.
-
-[572] Sogar über die +Kosten des Begräbnisses+ dieses merkwürdigen
-Mannes hat sich in Charenton ein Dokument erhalten. Sie betrugen 65
-Livres. (Sarg 10 L., Grab 6 L., Träger 8 L., Prediger 6 L., Wachskerzen
-9 L., für die Kapelle 6 L., Steinkreuz auf dem Grab 20 L.) +Cabanès+
-a. a. O. S. 312.
-
-[573] „Cazin, sa vie et ses éditions“ Cazinopolis 1863. S. 140.
-
-[574] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 203.
-
-[575] Gegen Ende des Jahres 1905 erschien hingegen eine vollständige
-deutsche Uebersetzung der „Justine und Juliette“ als Privatdruck. A. d.
-U.
-
-[576] Hier dürfte wohl eine Anspielung auf den Aufenthalt des Marquis
-+de Sade+ in Deutschland, der mit in jenes Jahr fällt, zu finden sein.
-
-[577] In diesem Hinrichtungssaale liest ein Abbé die „Philosophie
-dans le Boudoir“, die bekanntlich erst im Jahre 1795 zum ersten Male
-erschien. Diese Lektüre der „Philosophie dans le Boudoir“ wird schon
-in der Cazin-Ausgabe der „Justine“ von 1792 erwähnt, als ersteres
-Werk noch gar nicht erschienen war. Das „beweist, dass +Sade+ die
-‚Philosophie‘ längst vor der ‚Justine‘ im Manuscript beendet hatte, sie
-jedoch aus irgend welchen Gründen, vielleicht weil sie dem ‚professeur
-du crime‘ in der ersten Fassung zu ‚milde‘ erschien, erst später
-herausgeben wollte.“ („Zeitschrift f. Bücherfreunde“ Mai/Juni 1900
-
-
-S. 123.)
-
-[578] Sollte hier nicht Madame Richard das Vorbild gewesen sein?
-
-[579] Unzweifelhaft eine Erinnerung an den schrecklichen Tod
-+l’Escuyer’s+ in der Franziskanerkirche zu Avignon. (1790.)
-
-[580] Die Sodomie mit Ziegen muss ein uraltes spezifisch italienisches
-Laster sein. Die italienischen Soldaten, welche 1562 unter dem
-Herzog von +Nemours+ Lyon belagerten, führten eine Unzahl Ziegen mit
-sich „couvertes de caparaçons de velours verts, avec de gros galons
-d’or“, zum Zwecke der Sodomie. (P. Bayle „Dictionnaire hist. et
-crit.“ éd. +Des Maizeau+, Amsterdam. 1740. Bd. I. Art. „Bathyllus“).
-Nach +d’Artagnan+ waren es +zweitausend+ Ziegen! („Mémoires de Mr.
-d’Artagnan“, Cologne 1701. Bd. I, S. 466.)
-
-[581] Es gab wirklich einen Papst, der seine Ueberzeugung als Atheist
-offen ausgesprochen hat. Das war +Alexander+ VI. Vergl. C. J. +Weber+
-„Das Papsttum und die Päpste“ Stuttgart 1834 Bd. III, S. 157.
-
-[582] Hier klingen offenbar Eindrücke aus +Gorani’s+ 1794 erschienenen
-Memoiren nach.
-
-[583] Vergl. Anmerkung auf Seite 383.
-
-[584] Dies Kapitel ist sichtlich dem Dialog III („Anatomie“) der
-„Aloysia Sigaea“ nachgebildet. Vergl. „Les dialogues de Luisa Sigea
-etc.“ Paris 1881. Bd. I, S. 47-71.
-
-[585] +Marciat+ a. a. O. S. 218.
-
-[586] F. +Drujon+ in „Le Livre“ herausgegeb. von O. +Uzanne+ Sept. 1883
-(Bibliogr. moderne) S. 589.
-
-[587] Der Recensent in der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ (Mai/Juni
-1900 S. 123) bemerkt hierzu: „+Dühren+ hält ‚Aline
-
-
-et Valcour‘ für ziemlich zahm. +Im Vergleich zu der ‚Nouvelle
-Justine‘ und der ‚Philosophie‘+ ist der +Roman es auch+; aber in
-den Geschmacksrichtungen der Hauptpersonen und in einzelnen Scenen
-(z. B. Band III bei dem Verhör der Leonore durch den, den köstlich
-bezeichnenden Namen Dom Crispe Brutaldi Barbaribos de Torturentia
-führenden Grossinquisitor) atmet er ganz Sadischen Geist aus.“
-
-[588] „La France littéraire“ Paris 1827. Bd. 8, S. 303.
-
-[589] „L’auteur des crimes de l’amour à Villeterque folliculaire“ in:
-Les crimes de l’amour etc. Brüssel 1881. S. 137-153.
-
-[590] +Fritz Friedmann+ „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der
-Bühne“ Berlin 1889, S. 8.
-
-[591] J. +Janin+ a. a. O. S. 358.
-
-[592] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 513.
-
-[593] Man trifft also auch bei +Sade+ -- wenn auch seltener -- die
-sprichwörtliche Ignoranz der Franzosen in der Geschichte und Geographie.
-
-[594] J. +Renouvier+ „Histoire de l’art pendant la révolution“ Paris.
-1863. S. 269.
-
-[595] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 209-210.
-
-[596] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 504.
-
-[597] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 499.
-
-[598] Interessant ist der hier hervortretende Zusammenhang zwischen
-Materialismus und Pessimismus, der bei +Sade+ mehr als einmal zu finden
-ist.
-
-[599] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 509-510.
-
-[600] „Briefe von Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense“. 3.
-Auflage. Leipzig 1860. S. 190.
-
-[601] A. +Moll+ sagt („Untersuchungen über die Libido sexualis“.
-Bd. I, 202): „Ich habe den Eindruck, dass die Reizstärke, die die
-Jungfrauschaft bezw. Keuschheit des Weibes auf den Mann ausübt, auch
-bei uns abnimmt. Zum grossen Teile sind es heute mehr soziale Gründe
-oder die Eitelkeit, die den Mann hindern, ein defloriertes Mädchen zu
-heiraten. Die eigentlich abstossende Wirkung der Defloration durch
-einen anderen Mann ist nicht immer in genügender Stärke vorhanden.“
-
-[602] Am bekanntesten wurden die „schrecklichen Folgen“ der sexuellen
-Abstinenz durch die erotischen Träume und Wahnideen des Pfarrers von
-Cours bei Réole in Guyenne, die +Buffon+ in seiner „Histoire naturelle“
-geschildert hat und die man am ausführlichsten im „Espion Anglais“, Bd.
-I, London 1784, S. 409 bis 456 dargestellt findet.
-
-[603] Merkwürdiger Weise hat man auch vom Standpunkt der Moral aus die
-Ehe ein Verbrechen genannt. So z. B. +Statius+ in den berühmten Versen
-der „Thebais“ Lib. II, 232-234:
-
- Tacite subit ille supremus
- Virginitatis amor, primaeque modestia culpae
- Confundit vultus. Tunc ora rigantur honestis
- Imbribus.
-
-[604] Aehnlich +Tertullian+ „De anima“ Cap. 30: Fames bella et
-voragines civitatum pro remedio deputanda.
-
-[605] Einen sehr merkwürdigen Versuch, die Kindererzeugung unmittelbar
-zu beschränken, hat +Weinhold+ empfohlen. Es soll nämlich jeder
-Jüngling im 14. Jahre infibuliert werden. Die Vorhaut wird vorgezogen,
-sanft zwischen zwei durchlöcherte Metallplatten eingeklemmt, mit einer
-hohlen Nadel durchstochen, sodass ein 4 bis 5 Zoll langer Bleidraht
-eingeführt werden kann. Dessen Enden werden hernach zusammengelötet
-und die Lötstelle gestempelt. Die Infibulation dauert so lange, bis
-der Betroffene genug besitzt, um zu heiraten oder uneheliche Kinder zu
-ernähren. Gegen eigenmächtiges Oeffnen harte Strafe und wiederholte
-Visitation. +Weinhold+ versichert, die Operation, die selbst bei Juden
-möglich sei (?), ohne den geringsten Nachteil für die Gesundheit bei
-Onanisten u. s. w. vollzogen zu haben. Vergl. +Karl August Weinhold+
-„Von der Uebervölkerung in Mitteleuropa“ Leipzig 1827; „Ueber das
-menschliche Elend, welches durch Missbrauch der Zeugung herbeigeführt
-wird“ 1828 u. a. m.
-
-[606] W. +Roscher+ „System der Volkswirtschaft“ 20. Auflage Stuttgart
-1892. S. 734.
-
-[607] H. +Eisenhart+ „Geschichte der Nationalökonomik“ 2. Auflage. Jena
-1891. S. 80.
-
-[608] +Marciat+ a. a. O. S. 224 -- Wie sehr das Bevölkerungsproblem die
-Menschen des 18. Jahrhunderts beschäftigte, beweisen auch die bekannten
-Anfangsworte des im Jahre 1766 erschienenen „Vicar of Wakefield“ von
-+Oliver Goldsmith+: „Meine Meinung war stets, ein wackerer Mann, der
-sich verheiratet und eine hübsche Nachkommenschaft auferzieht, leiste
-der Gesellschaft grössere Dienste, als einer, der ledig bleibt und blos
-von der Bevölkerung plaudert“.
-
-[609] Hier spricht +Sade+ also von dem Verbrechen als einem Verbrechen,
-nachdem er es vorher für eine naturgemässe und nützliche Handlung
-erklärt hat.
-
-[610] „La curiosité littéraire et bibliographique“. Troisième Série.
-Paris 1882. S. 139-142.
-
-[611] W. +Roscher+ a. a. O. S. 192 ff.
-
-[612] W. +Roscher+ a. a. O. S. 185.
-
-[613] Der heilige +Hieronymus+ schildert als Augenzeuge, dass die
-Atticoten in Britannien sich von Menschenfleisch nährten und den Busen
-der Weiber und den +Hintern+ als besondere Leckerbissen genossen. (R.
-+Andree+, „Die Anthropophagie“. Leipzig 1887. S. 14.)
-
-[614] Bei den Menschenopfern der alten Mexikaner wurde zuerst das Herz
-den lebenden Opfern aus der Brust herausgerissen. (R. +Andree+ a. a. O.
-S. 74.)
-
-[615] A. +Bettelheim+ „Beaumarchais“. Frankfurt a. M. 1886. S. 176 und
-207.
-
-[616] So bezeichnen wir den Kotfetischismus und die Leidenschaft, Kot
-zu essen, nach dem griechischen Wort τό ὑποχώρημα = Kot.
-
-[617] B. +Tarnowsky+ „Die krankhaften Erscheinungen des
-Geschlechtssinnes“ Berlin 1886 S. 70.
-
-[618] +Rabelais+ schildert in seiner „Gargantua“ ein „weltliches
-Kloster“, in dem vor den Zimmern der Frauen Haaraufputzer und
-Parfümeure stehen, „durch deren Hände die Männer gingen, wenn sie die
-Frauen besuchen wollten“ und die zugleich alle Morgen die Zimmer mit
-wohlriechenden Essenzen besprengten. (F. E. +Schneegans+, „Die Abtei
-Thélème in Rabelais’ Gargantua“. Neue Heidelb. Jahrbücher. Heidelberg
-1898. Bd. VIII, S. 143-159). Vielleicht ist der Name des Paters Thélème
-im ersten Band der „Juliette“ diesem Kloster entlehnt.
-
-[619] Vgl. auch den „Ergänzungsband“: +Hagen, Dr. Alb.+ „Die sexuelle
-Osphresiologie. Die Beziehungen des Geruchssinnes und der Gerüche
-zur menschlichen Geschlechtsthätigkeit“, der dieses Thema ergiebig
-behandelt. Charlottb. 1901. Verlag von H. Barsdorf. -- 2. Aufl. Berlin
-1906.
-
-[620] P. +Garnier+ „Onanisme“ 6. Auflage. Paris 1888 S. 76-77.
-
-[621] +Parent-Duchatelet+ a. a. O. Bd. I, S. 63.
-
-[622] G. +Behrend+. Artikel „Prostitution“ in +Eulenburg’s+
-„Real-Encyclopädie der gesamten Heilkunde“. 3. Aufl. Berlin und Wien
-1898. Bd. XIX, S. 437
-
-[623] A. +Lacassagne+ „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“. S.
-239.
-
-[624] R. v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen auf dem Gebiete der
-Psychopathia sexualis.“ 2. Auflage. Stuttgart 1891. S. 1 und 45.
-
-[625] R. v. +Krafft-Ebing+ a. a. O. S. 48.
-
-[626] v. +Schrenck-Notzing+ „Litteraturzusammenstellung über die
-Psychologie und Psychopathologie der Vita sexualis“. (3. Forts.)
-Zeitschrift für Hypnotismus. Bd. 9, Heft 2. Leipzig 1899. S. 111-112.
-
-[627] A. +Lacassagne+ a. a. O. S. 239.
-
-[628] A. +Eulenburg+ „Sexuale Neuropathie“ Leipzig 1895 S. 112. Das
-Wort „Lagnänomanie“ leitet +Eulenburg+ von λαγνός (wollüstig) αἰνός
-(wild), und μανία ab; „Machlänomanie“ von μάχλος (wollüstig vom
-+weiblichen+ Geschlecht) αἰνος und μανία.
-
-[629] A. +Moll+ „Untersuchungen über die ‚Libido sexualis‘“ Berlin 1898
-S. 557.
-
-[630] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 115.
-
-[631] A. +Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ a. a. O. S. 513-514.
-
-[632] +Marciat+ a. a. O. S. 216. Neuerdings hat auch +Cabanès+ die
-Frage der Geisteskrankheit des Marquis +de Sade+ berührt und sie
-verneint. Nach ihm litt derselbe mehr an „Satyro-graphomanie“ als an
-wirklicher Erotomanie. +Cabanès+ a. a. O. S. 260.
-
-[633] E. +Kraepelin+ „Psychiatrie“ 6. Auflage. Leipzig 1899. Bd. II, S.
-557-560.
-
-[634] v. +Schrenck-Notzing+ a. a. O. S. 111.
-
-[635] +Tarnowsky+ erklärt den Marquis +de Sade+ für einen „geborenen
-Paederasten“ (?), der am Schlusse seines Lebens in „Altersblödsinn“
-verfiel. Seine Werke enthalten nur „Ratschläge eines Geisteskranken“.
-(„Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes“ Berlin 1886, S.
-70-71). Ein kühnes Urteil!
-
-[636] F. +Drujon+ „Catalogue des ouvrages, écrits et dessins
-poursuivis, supprimes ou condamnés“ Paris 1879 S. 13, S. 111, S. 216.
-
-[637] „Catalogue des écrits, gravures et dessins condamnés depuis 1814
-jusqu’au 1er janvier 1850“ Paris 1850 S. 109.
-
-[638] L. +Lalanne+ „Curiosités bibliographiques“ Paris 1857. S. 401.
-
-[639] E. +Edwards+ „Libraries and founders of libraries“ London 1864 S.
-85.
-
-[640] +Ch. Villers+ „Lettre sur le roman intitulé Justine ou les
-Malheurs de la Vertu“. Neudruck Paris 1877 S. 12.
-
-[641] J. +Janin+ a. a. O. S. 337.
-
-[642] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 205. Neuerdings wurde die erste
-Ausgabe der „Justine“ für 180 Fr. angeboten.
-
-[643] ibidem S. 209.
-
-[644] +Léo Taxil+ „La corruption fin-de-siècle“ Paris 1894 S. 293.
-
-[645] +Lino Ferriani+ „Delinquenti che scrivono“. Como 1899.
-
-[646] +Marciat+ a. a. O. S. 247.
-
-[647] R. v. +Krafft-Ebing+ „Neue Forschungen auf dem Gebiete der
-Psychopathia sexualis“. Stuttgart 1891, S. 9.
-
-[648] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 120.
-
-[649] J. +Janin+ a. a. O. S. 340 ff
-
-[650] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 203 und 209.
-
-[651] +Paul L. Jacob+, Bibliophile a. a. O. S. 413-415.
-
-[652] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 211.
-
-[653] +Paul L. Jacob+ etc. S. 415.
-
-[654] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 212-214.
-
-[655] Allen Bibliophilen sei die neueste, schön ausgestattete
-Monographie von +Ulrich+ empfohlen. Sie enthält aber merkwürdiger Weise
-nichts über +Villers’+ Besprechung der „Justine“. (O. +Ulrich+ „Charles
-de +Villers+. Sein Leben und seine Schriften.“ Leipzig 1899).
-
-[656] „Briefe von Benjamin Constant, Görres, Goethe etc.“ Auswahl aus
-dem handschriftlichen Nachlass des Charles de Villers herausgegeben von
-M. +Isler+. Hamburg 1879. S. 98.
-
-[657] +Reichard+ sagt (a. a. O. III, S. 16): „Französische Sendungen,
-schweizerische und deutsche Nachdrucke und die Ankündigungen von
-Uebersetzungen jagten und kreuzten sich von allen Seiten.“ -- Vergl.
-dazu die interessante Schrift „La presse périodique française à
-Hambourg, depuis 1686 jusqu’en 1848.“ Brüssel 1854. -- In Hamburg
-erschien auch im Jahre 1807 jener berüchtigte +ultratribadische+ Roman
-„Julie ou j’ai sauvé ma rose“ (2 Bände), dessen Heldin, nachdem sie mit
-Energie und Konsequenz die oft mehr als kühnen Angriffe zahlreicher
-Männer abgewehrt hat, schliesslich wohl ihrer ursprünglichen Neigung
-folgend, eins der vielen Opfer einer gefährlichen Tribade wird.
-
-[658] +M. Isler+ a. a. O. S. 152.
-
-[659] „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu
-par +Charles de Villers+“. Paris 1877.
-
-[660] „Les Crimes de l’amour etc.“ S. 183-184.
-
-[661] F. +Drujon+ a. a. O. S. 130.
-
-[662] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 210.
-
-[663] „Biographie universelle“ Bd. XXXV, S. 494-495.
-
-[664] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 242.
-
-[665] H. +Cohen+ „Guide de l’amateur de livres etc.“ Col. 418 bis 419.
-
-[666] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 237.
-
-[667] ibidem S. 241.
-
-[668] W. +Roscher+ a. a. O. S. 719.
-
-[669] M. +Nordau+ „Entartung“ Berlin 1892 S. 43-152.
-
-[670] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 109.
-
-[671] +Nordau+ a. a. O. S. 60.
-
-[672] ibidem. S. 115-116.
-
-[673] ibidem S. 105-107.
-
-[674] „La Curiosité littéraire et bibliographique“. Troisième Série.
-Paris 1882. S. 169-174.
-
-[675] +Paul Bourget+ „Physiologie der modernen Liebe.“ Deutsch von A.
-+Dittrich+. Budapest 1891. S. 2. Dies Buch ist eine reiche Fundgrube
-für die Arten und Raffinerien der modernen französischen Liebe.
-
-[676] A. +Moll+ „Untersuchungen über die Libido sexualis“ Bd. I,
-S. 698-699. Deutsche Uebersetzung: „+Gamiani+ oder zwei Nächte in
-Ausgelassenheit“. Von A. D. M. Holland 1873, 8^o, 109 S.
-
-[677] Eine wortgetreue Ausgabe der trefflichen Uebersetzung von Rode
-erschien kürzlich im Verlage von H. Barsdorf in Leipzig. Vgl. die
-Ankündigung am Schluss der „Bibliographie.“
-
-[678] +Heinrich von Kleist+ „Penthesilea“ 23. Auftritt.
-
-[679] „Das einzige Buch +Sade’s+ hielt er zurück, weil er es für mich
-zu gefährlich hielt: ich fand es erst nach seinem Tode sorgfältig
-versteckt in einem Schranke, welcher einen doppelten Boden hatte. Ich
-machte mich daran, das Buch zu lesen... Dieses Buch hat zweierlei
-Wirkungen, je nach dem Naturell des Lesers oder der Leserin, je nach
-der Empfänglichkeit und Auffassungsgabe derselben. So wie es Duvalin
-halb blasiert gemacht hatte, so fühlte ich einen Ekel vor diesen
-Abscheulichkeiten, die zu lesen mich viel Ueberwindung kostete.“
-Memoiren einer Sängerin Bd. II, S. 12-13.
-
-[680] W. +Russalkow+ „Grausamkeit und Verbrechen im sexuellen Leben“ 3.
-Aufl. Leipzig 1899. S. 76.
-
-[681] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 109.
-
-[682] +Fritz Friedmann+ „Verbrechen und Krankheit im Roman und auf der
-Bühne“ Berlin 1889 S. 27.
-
-[683] +Fr. Nietzsche+ „Jenseits von Gut und Böse“ 4. Aufl. Leipzig
-1895. S. 108. (Aphor. 149.)
-
-[684] ibid. S. 109 (Aphor. 155).
-
-[685] +Max Stirner+ „Der Einzige und sein Eigentum“ 2. Aufl. Leipzig
-1892. S. 369, 372, 379.
-
-[686] +H. Ströbel+ „Stirner’s Einziger und sein Eigentum“ in Neuland,
-Band II, Nr. 2. Berlin 1897 S. 89.
-
-[687] A. +Eulenburg+ a. a. O. S. 117.
-
-[688] A. +Lacassagne+ „Vacher l’éventreur et les crimes sadiques“ Lyon
-und Paris 1899 S. 245-282. -- Vgl. Laurent, Sadismus und Masochismus.
-6. Aufl. Berlin 1904. Anm. d. V.
-
-[689] „Remarques médico-légales sur la perversion de l’instinct
-génésique“ Gaz. méd. de Paris No. 29 vom 21. Juli 1849 S. 555 bis 564.
-
-[690] a. a. O. S. 701 ff.
-
-[691] „Psychopathia sexualis“. 5. Aufl. Stuttg. 1890 S. 46 ff.
-
-[692] Einen ähnlichen Fall berichtet +Tarnowsky+ a. a. O. S. 76.
-
-[693] +Brierre de Boismont+ a. a. O. S. 560.
-
-[694] +Russalkow+ a. a. O. S. 76, 77.
-
-[695] A. +Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 118-119.
-
-[696] +Eulenburg+ a. a. O. S. 107.
-
-[697] „Les crimes de l’amour etc.“ S. 264.
-
-[698] „Deutsche medizinische Presse.“ 1899. Nr. 21. Wenn +Eulenburg+
-„Sexuale Neuropathie“ (S. 101) von einem Manne berichtet, der nudas
-feminas mit brennenden Lichtern in ano um sich herumtanzen liess,
-so ist diese Idee ganz offenbar von +Sade+ suggerirt, der mehrere
-derartige Scenen schildert.
-
-[699] „Kritisches zum Kapitel der normalen und pathologischen
-Sexualität“ von P. +Näcke+. Archiv für Psychiatrie. Berlin 1899. Bd.
-32. Heft 2, S. 356.
-
-[700] Voss. Zeitung vom 31. Juli 1899. -- Wenn Herr +Henri Albert+
-im „Mercure de France“ (April 1900) mich wegen dieser Vergleichung
-der Dreyfusgegner mit Sadisten verspottet, so erwidere ich ihm, dass
-dieselbe so nahe liegt, dass ich sogar nicht einmal die Priorität
-habe. Denn sein Landsmann +Octave Mirbeau+ hat in seinem +vor+ meinem
-Buche erschienenen Roman „Le Jardin des supplices“ Paris 1900 S.
-XII +dieselbe Analogie+. „L’affaire Dreyfus nous en est un exemple
-admirable, +et jamais, je crois, la passion du meurtre et la joie de
-la chasse à l’homme, ne s’étaient aussi complètement et cyniquement
-étalées+.“ Nun, Herr +Albert+?
-
-[701] Dass auch hier meine Ansicht, dass es sich um zwei Sadisten
-handelt, richtig ist, beweisen die geradezu ungeheuerlichen
-Enthüllungen des Abgeordneten +Vigné+ in der Sitzung der französischen
-Deputiertenkammer vom 23. Nov. 1900. +Voulet+ und +Chanoine+ liessen
-+Hunderte+ von Eingeborenen rein aus Vergnügen am Morden töten,
-liessen Hände und Köpfe abschneiden, mit Lanzen erstechen und dgl.
-Scheusslichkeiten mehr verüben. Freilich sind nicht blos Franzosen
-solche Bluthunde. Auch wir Deutschen haben einen Prinzen +Prosper v.
-Aremberg+!
-
-[702] +A. Eulenburg+ „Der Marquis de Sade“ S. 510.
-
-[703] +G. Roskoff+ „Geschichte des Teufels“. Leipzig 1869, Bd. II, S.
-60.
-
-[704] ibidem.
-
-[705] Vossische Zeitung No. 520 vom 4. November 1899.
-
-[706] +S. Ribbing+ „Die sexuelle Hygiene und ihre ethischen
-Konsequenzen“. 9. Aufl. Leipzig 1892. S. 84-94.
-
-[707] a. a. O. S. 94-95.
-
-[708] +A. Eulenburg+ „Neuropathia sexualis“ S. 120.
-
-[709] +H. Hössli+ „Eros. Die Männerliebe der Griechen etc.“ 2. Aufl.
-Münster i. d. Schweiz 1892. S. 113.
-
-[710] +B. Tarnowsky+ a. a. O. S. 90 und 101.
-
-[711] +Tarnowsky+ a. a. O. S. 141.
-
-[712] a. a. O. S. 147.
-
-[713] +W. Stern+ „Kritische Grundlegung der Ethik als positive
-Wissenschaft“. Berlin 1897. S. 238.
-
-[714] +E. Du Bois-Reymond+ „Adalbert v. Chamisso als Naturforscher“.
-Leipzig 1889. S. 57.
-
-[715] +K. Fischer+ „Diotima“. Stuttgart 1852. S. 4.
-
-[716] +W. E. H. Lecky+ „Sittengeschichte Europas von Augustus bis
-auf Karl den Grossen“ übers. von +H. Jolowicz+. 2. Aufl. Leipzig und
-Heidelberg 1879. S. 120-121.
-
-[717] Eine der schönsten von den vielen halb heidnischen Sagen des
-mittelalterlichen Irlands ist die von den Inseln des Lebens und
-des Todes. In einem gewissen See in Munster gab es zwei Inseln; in
-die eine konnte der Tod nicht dringen, aber Alter und Krankheit
-und Lebensüberdruss und Paroxysmen fürchterlichen Leidens waren
-dort heimisch und verrichteten ihr Werk, bis die Einwohner ihrer
-Unsterblichkeit müde, auf die gegenüberliegende Insel als auf einen
-Hafen der Ruhe schauen lernten, ihre Barken in das dunkle Gewässer
-steuerten, das Ufer erreichten und zur Ruhe gelangten. -- +Lecky+
-a. a. O. I, S. 183.
-
-[718] Titel und Schluss des Werkes geben also ein verschiedenes Datum
-an. Dies deutet auf eine wiederholte Durchsicht des Manuscriptes hin.
-
-[719] Dies Manuscript wurde durch Vermittelung des Autors dieses Werkes
-angekauft und im Jahre 1904 zum Druck befördert. Anm. d. Verl.
-
-[720] Ist das der bekannte Bibliophile und Kunsthistoriker +Henri
-Béraldi+?
-
-
-
-
- --------------------------------------------------------------------
-
-
-
-
-Im Verlage von HERMANN BARSDORF In BERLIN W 30 erschien:
-
-
-Das
-
-KAMASUTRAM DES VATSYAYANA
-
-(DIE INDISCHE LIEBESKUNST)
-
-NEBST DEM VOLLSTÄNDIGEN KOMMENTARE DES YASODHARA.
-
-Aus dem Sanskrit übersetzt und eingeleitet von
-
-RICHARD SCHMIDT
-
-_Sechste_, verbesserte Auflage. 500 Seiten. Broschiert M. 40.--,
-gebunden M. 50.--.
-
-INHALT: I. Allgemeiner Teil. -- II. Über den Liebesgenuß. -- III. Über
-den Verkehr mit Mädchen. -- IV. Über die verheirateten Frauen. -- V.
-Über die fremden Frauen. -- VI. Über die Hetären. -- VII. Die Upanisad
-(d. erot. Geheimlehre).
-
-_Das Kamasutram ist das interessanteste Werk aus der ganzen großen
-Sanskritliteratur_, und es dürfte _kein Erzeugnis der Weltliteratur_
-geben, _das so wie das Kamasutram den engen Rahmen der Indologie
-sprengt und zu allen Völkern, auch den der Rasse nach fremdesten, seine
-allen verständliche Sprache redet. Es führt uns den Inder in aller
-Intimität der Häuslichkeit vor; denn der Inder war von jeher gewöhnt,
-auch das Allzumenschliche als etwas ganz Natürliches anzusehen, dessen
-man sich nicht zu schämen braucht._
-
-
-BEITRÄGE ZUR INDISCHEN EROTIK
-
-DAS LIEBESLEBEN DES SANSKRITVOLKES
-
-nach den Quellen dargestellt von Prof. Dr. +RICHARD SCHMIDT+.
-
-Zweite, durchgesehene Auflage. Lex.-8^o. 692 Seiten.
-
-Elegant broschiert M. 70.--. Originalband M. 80.--.
-
-INHALT: Die erotische Literatur im Sanskrit. Die Stellung der Liebe im
-trivarga und ihre Definition. Der Liebhaber. Die Liebhaberin. Die Lehre
-vom Coitus. Die tithis und candrakalas. Die Liebkosungen. Nägelmale.
-Zahnmale. Haarzausen. Schläge und Schreie. Freien und Heiraten. Die
-verheiratete Frau. Verkehr mit den Frauen anderer. Die Hetären. Die
-Geheimlehre auf erotisch-sexuellem Gebiet usw. usw.
-
-Die „Beiträge zur indischen Erotik“ sind der erste Versuch,
-_alles_ zusammenzustellen, was in den bisher bekanntgewordenen
-Sanskritwerken über die Liebe gesagt wird.
-
-Es ergänzt das „Kamasutram“.
-
-=_Zur gefl. Beachtung_=: Diesem Werke muß mein
-=ausführliches Verlagsverzeichnis= beiliegen, bei evtl. Fehlen
-wolle man es =direkt vom Verlage= gratis und franko verlangen.
-Jede bessere Buchhandlung vermittelt den Bezug der darin angezeigten
-Werke. HERMANN BARSDORF VERLAG in BERLIN W 30, Barbarossastraße 21.
-II.
-
-
-
-
-Im Verlage von =H. Barsdorf= in =Berlin W. 30= erschien
-
-Apulejus, der goldne Esel.
-
-Satyrisch-mystischer Roman. Uebersetzt von Rode. Nach dem Original von
-1783. 2 Teile. 7. Aufl. mit 16 Illustrationen. 1922. Eingeleitet von M.
-G. Conrad.
-
-Brosch. M. 20.--. Gebd. M. 28.--
-
-
- Der berühmte antike Sittenroman des +Apulejus+ aus +Madaura+ liegt
- hier in einer neuen eleganten Ausgabe vor, welche die vorzügliche
- Uebersetzung von +August Rode+ mit einem geistvoll-satyrischen,
- moderne Verhältnisse vom Standpunkte des Apulejus beleuchtenden
- Vorwort aus der Feder von +M. G. Conrad+ darbietet. Kein Gebildeter
- wird ohne hohen geistigen Genuss dieses dem „Satyricon“ des
- +Petronius+ ebenbürtige sittengeschichtliche Kunstwerk lesen, das
- nicht nur wegen der allbekannten reizenden Episode von Amor und
- Psyche den Leser fesselt. Die frivole Welt des ausgehenden Alterthums
- wird in diesem durch die Sorgfalt der Composition ausgezeichneten
- Romane wieder lebendig. Der bunte Wechsel der oft sehr verfänglichen
- Episoden, die merkwürdigen Situationen und kulturhistorisch
- wertvollen Schilderungen antiken Lebens, die mit dem glänzenden
- Schauspiel der aegyptischen Mysterien schliessen, machen die Lectüre
- zu einer höchst spannenden. Die alte, schon von Lucian verwendete
- Fabel von der Verwandlung eines Menschen in einen Esel, welche
- Apulejus zu dem Märchen vom „goldnen Esel“ verarbeitet hat, giebt
- dem Autor die Veranlassung, in der üppigen Lascivität einzelner
- Scenen und mit eigenartiger erotisch-satyrischer Phantastik ein
- getreues Bild der sittlichen Corruption in der römischen Kaiserzeit
- vorzuführen.
-
-
-
-
-Im Verlag von =H. Barsdorf= in Berlin W. 30 erschien:
-
-Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland.
-
-Von =Dr. Wilhelm Rudeck=.
-
-Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. 1905. Grosses Format 514
-Seiten mit 58 Illustrationen.
-
-Vornehm ausgestattet Mk. 32 --. In Originalband M. 42 --.
-
-
-Dr. +Wilhelm Rudeck+, der bekannte Verfasser von „Medizin und Recht,
-ein Handbuch bei Ehescheidungs- und Vaterschaftsklagen,“ wendet
-sich mit dem vorliegenden Buche einem der auffälligsten Faktoren
-der moralischen Entwicklung zu: +der Regelung des sexuellen Lebens
-innerhalb der Oeffentlichkeit+. Die Entwicklung der Begriffe der
-öffentlichen Sittlichkeit hat das ganze moralische Aussehen der
-bürgerlichen Gesellschaft so vielfach umgestaltet, wie wohl nur noch
-die Frömmigkeit und Humanität!
-
-Unter öffentlicher Sittlichkeit versteht der Verfasser die Summe aller
-Sitten einer Zeit, in denen Beziehungen zum sexuellen Leben enthalten
-sind. In welchen tatsächlich anerkannten und geübten gesellschaftlichen
-Normen sich das sexuelle Leben der einzelnen äussert, ob die Sexualität
-von der Oeffentlichkeit überhaupt ausgeschlossen, oder wie sie in ihr
-geduldet und geordnet wird, das ist das Thema, das eine Geschichte der
-öffentlichen Sittlichkeit zu behandeln hat.
-
-In diesem Sinne könnte man also den Begriff der öffentlichen
-Sittlichkeit dem der öffentlichen Schamhaftigkeit gleichsetzen,
-übrigens auch aus dem Grunde, weil es sich selbstverständlich nicht um
-die Oeffentlichkeit des geschlechtlichen Aktes selbst, sondern um die
-näheren oder entfernteren Beziehungen zu ihm handelt.
-
-Das +beiliegende Inhalts-Verzeichnis+ bietet einen Ueberblick über
-Rudecks hochinteressantes Werk, das soeben in +zweiter, vermehrter und
-verbesserter Auflage+ erschien -- allein die Illustrationen sind von 32
-auf 58 vermehrt. --
-
-
-
-
-Im Verlage von HERMANN BARSDORF in BERLIN W 30 erschien:
-
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- Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in
- DEUTSCHLAND
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-Von Dr. +WILHELM RUDECK+
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-Dritte Auflage. 514 Seiten. Lexikon-Oktav. Mit 58 interessanten
-Illustrationen. Elegant broschiert M. 32.--. Gebunden M. 42.--.
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-MIT BERÜCKSICHTIGUNG DER MOSLEMISCHEN NACHBARLÄNDER UND EHEMALIGEN
-VASALLENSTAATEN
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-Von +BERNHARD STERN+
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- _Zwei Bände. Lexikon-Oktav. 854 Seiten. Broschiert à M. 32.--,
- gebunden à M. 42.--. EINZELN KÄUFLICH. BAND I behandelt Medizin,
- Aberglauben. -- BAND II das intime Geschlechtsleben. Eine
- unerschöpfliche Fundgrube für Ärzte, Kultur- und Sittenschilderer
- usw._
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- Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in
- RUSSLAND
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-KULTUR, ABERGLAUBE, SITTEN, GEBRÄUCHE
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- _Zwei Bände. Lexikon-Oktav. Ca. 1000 Seiten. Mit vielen teils
- farb. interessanten Illustrationen. Preis für beide Bände broschiert
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- M. 32.--, geb. M. 42.--. II. Brosch. M. 32.--, geb. M. 42.--.
- +ABTEILUNGSÜBERSCHRIFTEN+ (jede Abteilung zerfällt in zahlreiche
- Kapitel). _I. +BAND+: I. Kultur und Aberglaube. II. Die
- russische Kirche, der Klerus, die Sekten. III. Russische Laster. IV.
- Russische Vergnügungen. V. Russische Leiden. +ZWEITER BAND+:
- VI. Russische Grausamkeit. VII. Weib und Ehe. VIII. Freie Liebe und
- wilde Ehe. IX. Unsittlichkeit_ (Prostitution, Onanie, Päderastie,
- Sodomie, Syphilis). X. Dokumente der Unsittlichkeit. (Gesetze
- gegen die Unsittlichkeit. Unsittlichkeit in Kunst und Literatur.
- Folkloristisches, geheime obszöne Lieder usw., erotische Erzählungen.)
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- Zehnte Auflage. 264 Seiten. Elegant brosch. M. 20.--. Originalband
- M. 28.--. INHALT: ERSTER TEIL: +Wollust und Grausamkeit+. Der
- Sadismus und die sadistischen Verbrechen: 1. Ursprung des
- Sadismus. 2. Ursachen des Sadismus. 3. Formen und Manifestationen
- desselben. 4. Sadismus des Weibes. 5. Leichensadismus. 6. Die
- sadistischen Verbrechen. 7. Der Sadismus in der Literatur. 8. In der
- Weltgeschichte. 9. Der Sadismus der Massen. 10. Verantwortlichkeit
- der Sadisten. 11. Gerichtliche Medizin und Sadismus. 12. Therapie
- des Sadismus. ZWEITER TEIL: +Wollust und Leiden+. Der Masochismus:
- 1. Begriff des Masochismus. 2. Ursprung des Masochismus. 3.
- Ursachen desselben. 4. Masochismus des Weibes. 5. Formen und Arten
- des Masochismus. 6. Masochismus und Selbstmord. 7. Masochismus in
- sozialer Hinsicht. 8. Bibliographie.
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- Dieses zumeist auf französischen Quellen beruhende Werk ist von der
- bekannten Schriftstellerin DOLOROSA geradezu meisterhaft übersetzt,
- es erfordert aber mehr wie jedes andere Buch außerordentlich starke
- Nerven, da der Verfasser in die tiefsten Abgründe der Nachtseite des
- menschlichen Lebens hinableuchtet.
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-_Neue Studien zur Geschichte des menschlichen Geschlechtslebens_
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-(Folge der „=Studien zur Geschichte des menschlichen
-Geschlechtslebens=“ herausgegeben von Dr. EUGEN DÜHREN: 1. Band: Der
-Marquis de Sade und seine Zeit. 2.-4. Band: Das Geschlechtsleben in
-England.)
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-ERSTER BAND:
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-Marias jungfräuliche Mutterschaft
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-Ein völkerpsychologisches Fragment über =Sexualsymbolik=
-
-Von A. J. STORFER
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- Mit Abbildungen. Elegant broschiert M. 12.--. In Originalband M. 20.--.
-
- +Inhalt+: =I.= =Einleitung.= Über den Stoff. Über die Methode.
- -- =II.= =Analyse.= Marias Darbringung: Der mythische Stoff.
- Weihe und Tempelprostitution. Fackel, Kerze. Der Segen des
- Priesters. Ausgebreitete Arme. Stufensteigen. Weben. Aufgelöstes
- Haar. Gottgeweihte Jungfrauen. Schleier, Lilie, Myrte. -- Josefs
- Auserwählung: Der mythische Stoff. Stab, Rute. Wettbewerb. Sieg. --
- Marias Verkündigung: Der mythische Stoff. Schlange. Wort. Zunge.
- Hauch, Wind. Blick. Strahl, Regen. Flügel. Zweig, Szepter. Schwert,
- Einhornjagd, Mühle. -- Maria-Symbole: Vorbemerkung. Arche, Schiff.
- Buch. Erde, Paradies. Brunnen, Quelle. Gefäß. Stadt, Festung. Tempel,
- Brautgemach, Bundeslade. Verschlossen. Tor, Tür, Fenster. Schwarz. --
- Die phallische Komponente der Christus-Vorstellung: Vorbemerkung. Ego
- et pater unum sumus. Die Geburt des Helden. Der Medizinmann. Vorhaut.
- Fisch. Esel. Hammer. Kreuz. Tod und Auferstehung. =III.= =Schluß.=
- Register.
-
-ZWEITER BAND:
-
-Isoldes Gottesurteil in seiner erotischen Bedeutung
-
-Von J. J. MEYER, Professor an der Universität Chicago
-
-Mit einleitendem Vorwort von Prof. Dr. +RICHARD SCHMIDT+
-
- Ca. 300 Seiten. Elegant broschiert M. 12.--. In Originalband M. 20.--.
-
- +Inhalt+: Einleitung. Sitte, Sittlichkeit, Sittsamkeit. Das Weib
- ist Eigentum. Geringe Wertschätzung weiblicher Tugend. Warum ist
- Ehebruch ein Vergehen? Altdeutsche Anschauung vom Weibe. Anschauung
- im Mittelalter. Die Anstandspflicht der mittelalterlichen Frau
- war Ehebruch und Unzucht. Die mittelalterliche Anschauung von
- der Liebe. Sie ist allmächtige Urkraft; bringt Leid; bringt den
- Tod; bringt Freude und alles Große; bringt Ehre und ist Pflicht.
- Die Frau muß „lohnen“. Zorn gegen die, die nicht „lohnt“. Die
- „romantische“ Minne unwahr. Wirkliche Treue beim Mann nicht nötig,
- ja lächerlich. „Doppelte Moral.“ Verschwiegenheit in der Liebe. Die
- huote Rücksichtslosigkeit der Minner. Die Minne und die Religion.
- Das Mittelalter ist nicht die Zeit der wirklich romantischen
- Liebe. Nur Wolfram und Gottfried haben die vertiefte Liebe.
- Gottfrieds Anschauung von der Liebe. Ist sein Tristan unsittlich?
- Parteilichkeit für die Verliebten. Auch für Gottfried ist die Liebe
- eine unwiderstehliche Macht. Die Liebe ist die völlig freie Königin.
- Die bürgerliche Moral ist eigentlich die schlimmste Unsittlichkeit.
- Sein Ideal der Liebe und ihre Herrlichkeit. Gottfrieds idealistischer
- Pessimismus. Gottfrieds moralische Rechtfertigung seines
- Liebespaares. Seine Ansicht von den Betrügerstückchen der beiden und
- seine Parteilichkeit für sie. Religion und Liebe bei Gottfried. Beim
- Gottesurteil hat Isolde recht! Gott ist hantierlich wie ein Ärmel
- usw. usw. Parallelstellen. Register.
-
-
-Russische Grausamkeit _Einst und jetzt_
-
-Ein Kapitel aus der Geschichte der öffentl. Sittlichkeit in Rußland
-
-Von BERNHARD STERN
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-279 Seiten mit 12 Illustrationen. Broschiert M. 20.--. Gebunden M.
-28.--.
-
- +Inhalt+: 1. Grausamkeit der Herrschenden. 2. Grausamkeit in der
- Verwaltung. 3. Todesstrafen und Gliederstrafen. 4. Prügelstrafen
- und Züchtigungsinstrumente. 5. Gefängnisse, Verbannung, Folter. 6.
- Sklavensinn und Leibeigenschaft. Grausamkeit im Familienleben.
-
-Die Grausamkeit
-
-Mit besonderer Bezugnahme auf sexuelle Faktoren
-
-Von H. RAU
-
- Vierte Auflage. 272 Seiten. Mit 24 Illustrationen. 1921.
- Elegant broschiert M. 20.--. Gebunden M. 28.--.
-
- +Inhalt+: Einleitung. 1. Die Grausamkeit in der Philosophie; 2. in
- der Psychologie; 3. in der Religion; 4. in der Rechtspflege; 5. in
- der Sklaverei; 6. in der Erziehung; 7. im Verbrechen; 8. im Kriege
- und im Volksleben; 9. in der Gegenwart; 10. in der Literatur. Jedes
- Kapitel enthält zahlreiche „Fälle“.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MARQUIS DE SADE UND SEINE
-ZEIT. ***
-
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-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
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-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
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