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-The Project Gutenberg eBook of Jahreszahlen der Erdgeschichte, by
-Reinhold Lotze
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Jahreszahlen der Erdgeschichte
-
-Author: Reinhold Lotze
-
-Release Date: June 7, 2022 [eBook #68258]
-
-Language: German
-
-Produced by: Franz L Kuhlmann and the Online Distributed Proofreading
- Team at https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAHRESZAHLEN DER
-ERDGESCHICHTE ***
-
-
- ======================================================================
- Anmerkungen zur Transkription:
-
- Zeichensetzung und typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Das Inhaltsverzeichnis wurde dem Buchtext vorangestellt.
- Fußnoten wurden an das Ende betreffenden Absatzes angefügt.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Fettdruck wurde durch
- Rautenzeichen (#) symbolisiert; gesperrte Passagen sind von Tilden
- (~) umgeben; Antiqua wird durch Unterstriche (_) angezeigt. Das
- Caretsymbol (^) steht vor hochgestellten Zeichen.
- ======================================================================
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-
- Dr. R. Lotze
-
-
- Jahreszahlen der
- Erdgeschichte
-
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- [Illustration]
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-
- Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
- Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart
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- [Illustration: Kosmos Bändchen]
-
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-
-Jahreszahlen der Erdgeschichte
-
-
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-
- Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde ♦ Stuttgart
-
-
-Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften
-und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer
-Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.
--- Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter
-naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im
-
- #Kosmos#, Handweiser für Naturfreunde
-
- Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen.
-
-Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten
-Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.
-Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1922 festgelegt (Reihenfolge und
-Änderungen auch im Text vorbehalten):
-
- R. H. Francé, Das Leben im Ackerboden (Edaphon)
-
- Prof. Dr. K. Weule, Die Anfänge der Naturbeherrschung.
- II. Frühformen der Chemie
-
- Dr. Kurt Floericke, Heuschrecken und Libellen
-
- Dr. R. Lotze, Jahreszahlen der Erdgeschichte
-
- Jedes Bändchen reich illustriert.
-
-Diese Veröffentlichungen sind durch ~alle Buchhandlungen~ zu beziehen;
-daselbst werden Beitrittserklärungen zum #Kosmos, Gesellschaft der
-Naturfreunde,# entgegengenommen. Auch die früher erschienenen Jahrgänge
-sind noch erhältlich.
-
-
-Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.
-
-
-
-
- Jahreszahlen
- der Erdgeschichte
-
- Von
-
- Dr. R. Lotze
-
- Mit einem farbigen Umschlagbild
- und 20 Abbildungen im Text
-
- [Illustration]
-
- ~Stuttgart~
-
- Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
-
- Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
-
-
-
-
- Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht,
- vorbehalten. Für die Vereinigten Staaten
- von Nordamerika: _Copyright 1922 by
- Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart_
-
-
- STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI
- HOLZINGER & Co., STUTTGART
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- #I. Zeitrechnung in Geschichte und Geologie# 5-10
-
- Relative und absolute Altersbestimmung. Prinzipien
- geologischer Zeitmesser.
-
- #II. Geologische Zeitmessung durch Abtragung und 10-21
- Aufschüttung#
-
- Bildung der Steinkohlen und des Erdöls. Abtragung des
- schwäbischen Stufenlandes. Gesamtleistung aller Flüsse.
- Das Alter des Ozeans. Altersberechnung aus der maximalen
- Mächtigkeit und der Gesamtmenge der Sedimentgesteine.
-
- #III. Von der Eiszeit bis zum Beginn des Kambriums# 21-47
-
- Verlauf der Eiszeit. Astronomische Eiszeittheorie von Croll.
- Eisrückzug in Skandinavien nach de Geer. Dauer der
- Nacheiszeit. Alter der baltischen Endmoränen. Berechnungen im
- alpinen und nordamerikanischen Vereisungsgebiet. Dauer der
- ganzen Eiszeit. Alter des Menschen. Die Gefahr einer
- Wiederkehr der Eiszeit. Dauer des Tertiärs. Zeitlicher
- Abstand des Kambriums.
-
- #IV. Geologische Zeitmessung auf Grund radioaktiver Vorgänge# 47-71
-
- Entdeckungsgeschichte des Radiums. Zerfallstheorie.
- Zeitlicher Verlauf des Zerfalls. Die Uranreihe. Isotopie.
- Der Blei- und Heliumgehalt von Uranmineralien als Grundlage
- geologischer Zeitmessung. Praktische Durchführung und
- Ergebnisse der radioaktiven Methode. Dauer des Präkambriums.
-
- #V. Schlußbetrachtung und Ausblick# 71-77
-
- Zuverlässigkeit der geologischen Zeitmesser.
- Veranschaulichung der gewonnenen Zahlen. Die
- Menschheitsentwicklung im Rahmen der Erdgeschichte.
-
-
-
-
-I. Zeitrechnung in Geschichte und Geologie.
-
-
-Geschichte und Geologie sind zwei Wissenschaften, die im Grunde
-genommen dieselbe Absicht haben: Sie wollen die Folge aller Ereignisse
-aufzählen, die über unsere Erde und ihre Bewohner weggegangen sind.
-An der Hand des Geschichtsforschers beginnen wir den Weg zurück
-in die Vergangenheit. Vom Heute ausgehend, führt er uns über die
-Jahrhunderte weg bis zurück zu jenen Tagen, da römische Legionen zum
-erstenmal den Boden unseres Landes betraten und mit blonden Germanen
-die Waffen kreuzten. Aber nur wenige Jahre vermag er uns über jene
-Zeit hinaus in die Vergangenheit unserer Heimat zurückzuführen. Drüben
-im Orient können wir uns seiner Führung noch länger überlassen,
-denn dort lebten hochkultivierte Völker, deren Überlieferungen in
-stolzen Baudenkmälern und geheimnisvollen Urkunden noch weitere
-vier Jahrtausende zurückreichen. Aber in den Wäldern Germaniens muß
-der Geschichtsforscher schon lange vorher seine Führerrolle an den
-Vertreter einer Tochterwissenschaft, der Vorgeschichte, abgeben,
-dem für seine Forschung keine schriftliche Urkunde, kein Lied und
-Heldenbuch mehr zur Verfügung stehen, der vielmehr aus Gräbern und
-dürftigen Kulturresten ein Bild jener vorgeschichtlichen Zeiten
-hervorzuzaubern versucht. Er berichtet uns von Pfahlbauern und
-Höhlenbewohnern, von Menschen, die mit einfachen, roh behauenen
-Feuersteinwaffen den Tieren der Wälder zu Leibe rückten und die noch
-Zeitgenossen einer ungeheuren Vereisung waren, die weite Teile der
-Erdoberfläche heimsuchte. Mit der Schilderung dieses rätselhaften
-Ereignisses geht aber die Führung in die Vergangenheit an den Geologen
-über, der nicht nur Menschheitsgeschichte, sondern Erdgeschichte
-schreibt, der vom Wechsel der Meere und Festländer erzählt, von Zeiten,
-da der Mensch noch nicht bestand, und fremdartige, heute ausgestorbene
-Lebewesen die Erde bevölkerten.
-
-Um den Ablauf des Geschehens vergangener Zeiten handelt es sich also
-in Geschichte und in Geologie. Ihre Verwandtschaft beweisen beide
-schon dadurch, daß sie sich ein besonderes Verbindungsglied, die
-Vorgeschichte geschaffen haben, die je nachdem zur einen oder andern
-Seite hinneigt. Was die beiden Wissenschaften voneinander trennt, das
-ist zunächst die einfache Tatsache, daß sie verschiedene Abschnitte
-der Vergangenheit bearbeiten; daraus folgen allerdings tiefgreifende
-Unterschiede im Inhalt des Geschehens, von dem sie berichten können,
-und in der Art der Methoden, die sie zur Erforschung der Vergangenheit
-anwenden müssen. Der Geschichtsforscher beschäftigt sich nur mit dem
-Menschen; das Mittel, um in die Vergangenheit einzudringen, ist ihm
-in erster Linie die schriftliche Überlieferung. Er umspannt mit seiner
-Wissenschaft zwar nur wenige Jahrtausende, aber auf Jahr und Tag vermag
-er die Ereignisse festzulegen, von denen er berichtet. Anders der
-Geologe: In unendlich ferne Vergangenheit muß er zurückgreifen, um die
-Geschichte unserer Erde zu schreiben. Seine Urkunden sind die Gesteine;
-aus ihrer Beschaffenheit liest er die Umstände ihrer Entstehung heraus,
-und mit den Lebewesen, deren Reste er in ihnen vorfindet, bevölkert
-er in seiner Phantasie Länder und Meere längst vergangener Zeiten.
-Die Schichten der Erdrinde faßt er zu großen Formationen zusammen.
-Ihre Aufeinanderlagerung von unten nach oben gibt ihm zugleich die
-zeitliche Reihenfolge ihrer Entstehung und damit die Geschichte der
-Erdoberfläche. Nach der Entwicklung des Lebens, die er in den einzelnen
-Formationen beobachtet, kommt er zur Aufstellung großer Perioden, die
-als Urzeit, Frühzeit, Altzeit, Mittelzeit und Neuzeit der Erdgeschichte
-bezeichnet werden können. So entstand schließlich die geologische
-Formationstafel auf Seite 7, die zugleich eine Geschichtstafel ist.[1]
-In dieses Schema ordnet der Forscher die ganze Fülle der geologischen
-Ereignisse ein; er kann mit ihrer Hilfe das „~geologische Alter~“ der
-versteinerten Reste von Lebewesen bestimmen und das Nacheinander oder
-die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen scharf zum Ausdruck bringen.
-Wenn von einer Muschel bekannt ist, daß sie den mittleren Schichten
-des braunen Jura angehört, so ist damit ihr Alter im Verhältnis
-zu allen Formationen und den in ihnen enthaltenen Lebewesen genau
-bestimmt. Über das Alter der Muschel in Jahren ist allerdings damit gar
-nichts ausgesagt, denn die geologische Altersbestimmung ist eine rein
-relative. Sie gibt von einem Ereignis an, daß es früher oder später
-gewesen sei als ein anderes; von der Zahl der Jahre, die zwischen
-beiden liegt oder die von jenem Zeitpunkt bis zur Gegenwart verstrichen
-ist, weiß sie nichts zu sagen. Die Geologie kennt wohl die Zeitfolge,
-aber nicht die Zeitdauer des Geschehens, von dem sie berichtet. Sie ist
-eine Geschichte ohne Jahreszahlen.
-
- [1] Die Pfeile geben den genauen Zeitpunkt des angedeuteten
- geologischen Ereignisses an.
-
-
-Geologische Formationstafel
-
- +------------+-------------------------------+------------------------+
- | |Nacheiszeit |Metallzeit |
- | |(Alluvium) |Jüngere [Illustration]|
- | +-------------------------------+ } Steinzeit |
- |Neuzeit | { Würm-Vereisung |Ältere Neandertaler|
- |(Känozoikum)|Eiszeit { Riß-Vereisung | |
- | |(Diluvium){ Mindel-Vereisung |[Illustration] Homo |
- | | { Günz-Vereisung | Heidelbergensis |
- | | | |
- | +-------------------------------+1. Auftreten |
- | | { Pliozän | des Menschen |
- | | { Miozän | |
- | |Tertiär { Oligozän |Bildung der Alpen |
- | | { Eozän | |
- | | { Paleozän |[Illustration] |
- | +===============================+ |
- | |Kreide { obere Kreide | |
- | | { untere Kreide |Aufblühen des |
- | +-------------------------------+ Säugetierstammes|
- | | { weißer (Malm) | |
- |Mittelzeit |Jura { brauner (Dogger) |Blütezeit der |
- |(Mesozoikum)| { schwarzer (Lias) |Saurier |
- | +-------------------------------+ |
- | | { Keuper | |
- | |Trias { Muschelkalk |[Illustration] |
- | | { Buntsandstein | |
- +============+===============================+ |
- | |Perm { Zechstein |Bildg. der Kalisalzlager|
- | | { Rotliegendes |Mitteldeutschl. |
- | +-------------------------------+ |
- | |Karbon { oberes (produktiv.) K|[Illustration] |
- |Altzeit | { unt. K (Kohlenkalk) | |
- | (Paläo- +-------------------------------+ |
- | zoikum) |Devon |Bildung der Steinkohlen |
- | +-------------------------------+ |
- | |Silur |Die ersten Fische |
- | +-------------------------------+ [Illustration]|
- | |Kambrium | |
- +============+===============================+Die ersten wohlerh. |
- |Frühzeit | { oberes |organ. Reste |
- |(Eozoikum) |Präkambrium { mittleres | [Illustration]|
- | | { unteres | |
- +============+===============================+ [Illustration]|
- |Urzeit |Urgebirge (Gneise und |Beginn des |
- |(Archaikum) |kristalline Schiefer) |Lebens |
- +------------+-------------------------------+------------------------+
-
-Das ist aber ein ganz empfindlicher Mangel. „Ohne die Bestimmung der
-Zeiträume bleibt jede Entwicklungswissenschaft oder geschichtliche
-Wissenschaft im Zustand äußerster Unvollkommenheit“ (Ratzel). Was
-würde die Menschheitsgeschichte ohne Jahreszahlen bedeuten? Sie könnte
-wohl noch die Folge der Ereignisse aufzählen, über die Zeitdauer
-geschichtlicher Entwicklungen vermöchte sie nichts mehr auszusagen.
-Damit würde jede Vergleichsmöglichkeit mit dem Geschehen der Gegenwart
-und zugleich jedes tiefere Verständnis verloren gehen. Es ist
-ein gewaltiger Unterschied in der Bewertung einer geschichtlichen
-Entwicklung, ob zu ihrem Ablauf zehn Jahre oder zehn Generationen
-nötig waren. Genau wie in der Menschheitsgeschichte ist es aber auch
-in der Geologie eine dringende Notwendigkeit, eine klare Vorstellung
-von der Größe der Zeiträume zu besitzen, in denen sich die Ereignisse
-abspielen. Von der bloßen relativen Altersbestimmung drängt es
-den Forscher ganz von selber weiter zur ~absoluten geologischen
-Zeitmessung~. Es ist nicht nur müßige wissenschaftliche Neugier,
-wenn der Anfänger in der Geologie fragt, vor wieviel Jahren wohl das
-Muscheltier aus dem braunen Jura gelebt habe, das er in versteinertem
-Zustand am Straßenrand gefunden hat. In dieser Frage wird vielmehr
-der Wissenschaft ein überaus wichtiges Problem gestellt, dessen Lösung
-mit dem Geologen auch den Biologen und den Philosophen interessiert.
-Der Geologe möchte wissen, welche Zeiträume, Jahrtausende oder
-Jahrmillionen er seiner Geschichtschreibung zugrunde legen darf.
-Der Biologe wünscht eine Vorstellung davon zu gewinnen, mit welcher
-Geschwindigkeit die Stammesentwicklung der Lebewesen vor sich gegangen
-ist; für manche seiner Theorien spielt das Maß der verfügbaren Zeit
-eine entscheidende Rolle. Den Philosophen endlich beschäftigt die
-Frage, was für einen Abschnitt die Menschheitsentwicklung im Rahmen der
-ganzen Erdentwicklung einnimmt.
-
-Ist es nun möglich, geologische Zeiträume nach bestimmten Zeiteinheiten
-zu messen, ~Jahreszahlen auch für die Erdgeschichte~ zu gewinnen?
-Was wir dazu brauchen, ist einfach zu sagen: Es sind ~geologische
-Zeitmesser, geologische Uhren~. Wir werden sehen, daß sie uns von der
-Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden können; wir werden sogar
-finden, daß sie auf dieselbe Weise ihre Aufgabe erfüllen wie unsere
-allbekannten Zeitmesser.
-
- [Illustration: Abb. 1. Prinzipien geologischer Zeitmessung.]
-
-Die Uhren des Altertums und des Mittelalters waren fast ausschließlich
-~Wasseruhren~. Aus der Menge des aus einem Gefäß ausgeflossenen
-Wassers schloß man, wieviel Zeit „verflossen“ sei, und die mechanische
-Kunstfertigkeit der Griechen und späterhin der Araber schuf nach
-diesem Prinzip wahre Kunstwerke der Mechanik: Wasseruhren, die mit
-Glockenschlägen die Zeit kündeten, oder bei denen künstliche Figuren
-an einem Zifferblatt die Stunde wiesen. Noch weit herein in die
-Neuzeit waren Wasseruhren die gebräuchlichsten Zeitmesser, und von der
-~Sanduhr~, bei der eine bestimmte Menge Sand durch die enge Öffnung
-des Stundenglases läuft, haben sich sogar kümmerliche Überreste bis in
-unsere Zeit gerettet: die Eieruhr der Hausfrau und die kleine Sanduhr
-neben dem Telephon, welche die Gesprächsdauer erkennen läßt. Das
-Prinzip von Wasser- und Sanduhr ist folgendes: Man weiß, wieviel Wasser
-oder Sand in der Zeiteinheit aus einem höher gelegenen Gefäß in ein
-tieferes abfließen kann und schließt aus der Menge des Abgeflossenen
-auf die Zeit, die dazu nötig war. Wir werden sehen, daß geologische
-Vorgänge des Abfließens und der Aufschüttung zur erdgeschichtlichen
-Zeitmessung dienen können.
-
-Die ~Pendeluhren~ stellen eine zweite Art von Zeitmessern dar. Langsam,
-in immer gleichem Rhythmus, schwingt das Pendel unter der Einwirkung
-der Anziehungskraft der Erde hin und her. Damit es von der Reibung
-nicht zum Stillstand gebracht wird, erhält es im Innern des Werks
-bei jeder Schwingung einen neuen kleinen Anstoß. Wählt man ein Pendel
-von passender Länge, so kann man erreichen, daß es genau eine Sekunde
-zur Schwingung braucht; mit Hilfe sinnreicher Zahnradübertragung wird
-die Zahl seiner Schwingungen durch Zeiger zur Erscheinung gebracht.
-Die Bewegung dieser Zeiger bedeutet eigentlich nichts anderes als ein
-Abzählen der Pendelschwingungen unter Zusammenfassung von 60 und 60 ×
-60 Schwingungen zu größeren Einheiten.
-
-Das Prinzip der Pendeluhr beruht also auf dem Abzählen einer Bewegung,
-die unter dem Einfluß der Schwerkraft periodisch erfolgt. Wir werden
-wunderbar geheimnisvolle Bewegungen unseres Weltkörpers kennen
-lernen, die ebenso durch die Schwerkraft hervorgerufen werden und die
-vielleicht als Grundlage geologischer Zeitmessung dienen können. Es
-fragt sich nur, wie solche zweifellos vorhandene Bewegungen abgezählt
-werden sollen. Für die kleine Periode des Jahres vermag schon jeder
-Baum diese Aufgabe zu lösen. Schneidet man einen Baumstamm quer durch,
-so zeigt sich das bekannte regelmäßige Bild der ~Jahresringe~, an
-denen ohne weiteres das Alter des Baums in Jahren abgelesen werden
-kann; jeden Frühling bildet er eine weiche breite, jeden Herbst eine
-harte dünne Holzschicht. Wir werden auch geologische Jahresringe kennen
-lernen, die in der Art, wie sie dem Forscher Aufschluß über geologische
-Zeiträume geben, zwei Prinzipien der Zeitmessung vereinigen:
-Aufschüttung und Rhythmus.
-
-Und nun soll der Versuch gewagt werden, mit Hilfe der Zeitmesser,
-die uns die Geologie kennen lehrt, die ungeheuren Zeiträume der
-Vergangenheit in Maß und Zahl zu fassen!
-
-
-
-
-II. Geologische Zeitmessung durch Abtragung und Aufschüttung.
-
-
-Wir versetzen uns im Geist ins Ruhrrevier. Mit dem Förderkorb geht's
-sausend hinunter in die dunklen Tiefen eines Kohlenbergwerks. In dem
-Wirrsal unterirdischer Gänge arbeiten wir uns vor bis ans äußerste
-Ende, wo vom Häuer das kostbare schwarze Mineral losgebrochen wird.
-Und staunend sehen wir, daß wir nicht etwa mitten drin in der massiven
-Kohle stehen, sondern daß sie nur eine Schicht (ein „Flöz“) von kaum 1
-Meter Mächtigkeit bildet. Steigen wir allerdings in eine höhere oder
-tiefere Strecke des Bergwerks, so finden wir zwischen Sandsteinen
-und Schiefertonen noch eine ganze Reihe anderer Flöze eingebettet,
-mächtigere, bis zu einer Dicke von 2 Meter, die einen leichten,
-bequemen Abbau erlauben, und schwächere von 10-20 cm Mächtigkeit, bei
-denen sich der Abbau überhaupt nicht lohnt. Fragen wir den Geologen,
-der von allen Schächten und Tiefbohrungen des ganzen Kohlenreviers
-den Aufbau des Gebirges kennt, nach der Zahl der Kohlenschichten,
-so sagt er uns, daß im ganzen 176 Flöze übereinander liegen, durch
-Gesteine, die in einem Meere gebildet wurden, voneinander getrennt.
-Wie sollen wir das deuten? Die Wissenschaft lehrt uns, daß sich
-die Kohlen in mächtigen Waldmooren aus einer fremdartig anmutenden
-Pflanzenwelt gebildet haben, langsam und in ungeheuren Zeiträumen. Ein
-hundertjähriger kräftiger Buchenwald würde bei der Verkohlung nur eine
-Schicht von 16 mm ergeben. Nun senkte sich das Land; das Meer brach
-herein; Schlamm und Sand lagerten sich über dem jungen Kohlenlager ab
-und schützten es so vor der Zerstörung. Dann hob sich das Land wieder,
-das Wasser lief ab, und von neuem erwuchs der Sumpfwald, bildete
-sich Kohle, bis das Meer wieder hereinbrach und auch die neue Kohle
-zudeckte. Und das 176mal! Wie ein langsames Atemholen der scheinbar
-starren Erde mutet dieses Auf und Ab an, und daß dieser Wechsel von
-Steinkohlensumpfwald und Meer ungeheure Zeiträume umfaßt haben muß,
-ist uns ohne weiteres klar. Dabei zählt man im Saarkohlengebiet sogar
-325 Flöze, und die ganze Zeit, die zur Bildung all dieser wechselnden
-Schichten nötig war, bedeutet in der geologischen Zeitrechnung nur
-einen verhältnismäßig kleinen Teil einer einzigen geologischen Periode!
-
-Ein anderes Bild: Zu Tausenden ragen in Baku am Kaspischen Meer auf
-engstem Raum die Erdölbohrtürme in die Luft, und zwölf Milliarden Liter
-Rohöl haben sie in der Zeit vor dem Krieg jährlich zutage gefördert.
-Nun entsteht das Erdöl nach der Ansicht der heutigen Wissenschaft aus
-den Überresten abgestorbener Meerestiere. Wir können nicht annehmen,
-daß jene Meere wesentlich dichter bevölkert gewesen seien als unsere
-heutigen. Was für ungeheure Zeiträume müssen aber verstrichen sein,
-bis sich der Meeresboden mit derartig riesenhaften Mengen solcher
-Stoffe vollsaugen konnte! Und auch hier wieder müssen wir dasselbe
-feststellen wie bei den Steinkohlen: Die Zeit, die zur Bildung der
-erdölführenden Schichten nötig war, ist geringfügig im Rahmen der
-ganzen Erdgeschichte.
-
-Wir wollen aber doch versuchen, von diesen ersten, ganz allgemeinen
-Vorstellungen von der langen Dauer geologischer Zeiträume zu
-bestimmten, faßbaren Zahlen zu gelangen; die zahlenmäßige Untersuchung
-der ~geologischen Wirkung des fließenden Wassers~ soll uns diesen
-Fortschritt bringen. Überall, wo es in Bächen, Flüssen und Strömen zum
-Meere eilt, schafft es Stoffe aus dem Land hinaus, trägt dadurch ganz
-allmählich sein Einzugsgebiet ab (Vorgang der Denudation) und führt
-alles ins Meer, wo sich das mitgeführte Material niederschlägt und
-langsam neue Gesteinsschichten aufbaut (Vorgang der Sedimentation).
-Eine sehr genaue zahlenmäßige Untersuchung über die geologische
-Arbeit eines Flusses wurde von ~Schürmann~ vor wenigen Jahren am
-~Neckar~ ausgeführt. Während eines ganzen Jahres berechnete er Tag
-für Tag auf Grund genauer Methoden die Wassermengen, die der Fluß aus
-dem Schwabenland hinaus zum Rhein führt, und Tag für Tag entnahm er
-ihm Proben, aus denen er den Gehalt des Wassers an aufgelösten und
-schwebenden Bestandteilen sorgfältig bestimmte. Während die gelösten
-Bestandteile hauptsächlich Salze aller Art sind, die das Wasser bei
-seiner Berührung mit dem Gestein ausgelaugt hat (vor allem Kalk),
-sind die schwebenden Stoffe feinste Ton- und Sandteilchen, die als
-„Flußtrübe“ mechanisch vom Wasser mitgenommen werden und die es
-besonders bei Hochwasser bis zur vollständigen Undurchsichtigkeit
-trüben können. Das Ergebnis der Untersuchungen war, daß der Neckar
-unterhalb Heilbronn im Jahr 1,584 Millionen Tonnen fester Stoffe aus
-dem Lande hinausführt.
-
-Bei einem spezifischen Gewicht von 2,5 nimmt diese Stoffmenge
-einen Raum von etwas über 600000 Kubikmeter ein; würde man sie in
-gleichmäßiger Dicke über das ganze Einzugsgebiet des Flusses (12340
-Quadratkilometer) ausbreiten, so ergäbe sich eine Schicht von 1/20 mm
-Mächtigkeit. Wenn also der Neckar sein ganzes Flußgebiet gleichmäßig
-erniedrigen würde, so würde er in einem Jahr 1/20 mm, in 20 Jahren 1 mm,
-in 2000 Jahren eine Schicht von 1 m Mächtigkeit abtragen. Zur Abtragung
-von 100 m würde er infolgedessen 2 Millionen Jahre brauchen.
-
- [Illustration: Abb. 2. Querschnitt durch die Schwäbische Alb
- und ihr Vorland mit vulkanischen Durchschlagsröhren. Zur Zeit
- der Eruption muß noch eine Gesteinsdecke, wie sie durch die
- gestrichelte Linie angedeutet ist, über dem Vorland gelegen
- haben. 1 Muschelkalk, 2 Keuper, 3 Schwarzer Jura, 4 Brauner
- Jura, 5 Weißer Jura.]
-
-Nun können wir auf hochinteressante Weise feststellen, wie das ganze
-Gebiet zwischen Schwäbischer Alb und Odenwald in nicht allzuweit
-zurückliegender geologischer Vergangenheit ausgesehen haben muß.
-Zu den merkwürdigsten geologischen Erscheinungen der Erde zählt
-das Vulkangebiet der mittleren Schwäbischen Alb (um Kirchheim und
-Urach), in dem die Erdrinde von nicht weniger als 125 vulkanischen
-Explosionsröhren durchsetzt wird; sie zeigen sich von vulkanischem
-Material (Basalt) und von Gesteinsbruchstücken der durchschlagenen
-Schichten erfüllt. Eine Anzahl dieser Röhren steckt noch ganz innerhalb
-des Körpers der Alb, die sich südlich vom schwäbischen Keuperland
-über einem Unterbau von schwarzem und braunem Jura in wundervoller
-landschaftlicher Schönheit als eine steile, von Felszinnen gekrönte
-Mauer von Weißjura aufbaut; die übrigen liegen im Vorland (vgl. Abb.
-2). Der nördlichste der Vulkanschlote findet sich bei Scharnhausen
-(südlich von Stuttgart), über 20 km vom jetzigen Albrand entfernt,
-in den Keuper eingesenkt und trotzdem noch Brocken von weißem Jura
-enthaltend. Dieser Weiße Jura, ein viel jüngeres Gestein als der
-Keuper, in dessen Höhe er nun in der Vulkanröhre steckt, muß bei
-der Explosion von oben her in das offene Loch hereingefallen sein.
-Es müssen also damals noch die Schichten des Weißen Jura über der
-ganzen Gegend gelegen haben, und das gibt uns den sicheren Beweis,
-daß zu jener Zeit der Albrand, wenn er schon in der heutigen Art
-bestand, noch mindestens 20 km weiter nördlich gelegen sein muß.
-Weitere Beobachtungen machen es wahrscheinlich, daß das ~ganze
-schwäbische Stufenland~ zwischen Odenwald und Alb damals noch von einer
-Gesteinsdecke von mehreren hundert Metern Mächtigkeit bedeckt war. Hier
-können wir nun wieder mit der Rechnung einsetzen: 100 m deckt der Neckar
-in 2 Millionen Jahren ab; es werden also seit jener Vulkankatastrophe,
-die im Obermiozän, also schon gegen das Ende der Tertiärzeit,[2]
-stattgefunden hat, ungefähr 4-6 Millionen Jahre verflossen sein.
-
- [2] Vergleiche hierzu, wie bei allen andern geologischen
- Altersangaben, die Formationstafel auf Seite 7.
-
-Damit sind wir zum erstenmal auf das Zeitmaß gekommen, mit dem der
-Geologe rechnet, und an das sich auch der Leser gewöhnen muß, die
-Jahrmillion. Daß es nicht nur ein gedankenloses Umsichwerfen mit
-großen Zahlen ist, wenn in der Geologie von Jahrmillionen geredet
-wird, das zeigt schon dieser erste Versuch einer rechnerischen Lösung
-unserer Frage klar und deutlich, obwohl sich an ihn von kritisch
-gestimmten Geistern noch manches Wenn und Aber anknüpfen läßt. Aber
-daß Jahrtausende oder Jahrhunderttausende in der Erdgeschichte nicht
-zureichen, ist uns jetzt schon klar geworden. Die erste Vorstellung von
-der Größenordnung geologischer Zeiträume ist gewonnen, und das bedeutet
-eine neue Erkenntnis!
-
-Wenn der Neckar 20000 Jahre braucht, um sein Gebiet um 1 m zu
-erniedrigen, so ist er damit weder ein rascher noch ein besonders
-langsamer Arbeiter; seine Leistung bedeutet einen guten Durchschnitt.
-Ein Alpenfluß, der mit ganz anderer Wucht zu Tale stürzt und die
-Trümmer des rasch verwitternden Hochgebirges in die Ebene schafft,
-wird mehr leisten als der Neckar, der durch ein Mittelgebirgsland
-fließt, während ein langsam dahinfließender Strom des Flachlands nicht
-auf die Leistung des Neckars kommen wird. Es sind sehr lehrreiche
-Zahlen, die in dieser Beziehung von den Geologen gefunden wurden. Der
-erfolgreichste bekannte Zerstörer ist der Irawadi (Hinterindien), der
-sein Stromgebiet schon in 1300 Jahren um 1 m erniedrigt. Ihm kommen
-die Alpenflüsse Po und Reuß nahe, die in 2800 und 3000 Jahren dieselbe
-Arbeit verrichten, während das Gebiet der Hudson-Bai von seinen Flüssen
-erst in 165000 Jahren um 1 m erniedrigt wird.
-
-Es soll nun aber der kühne Versuch gewagt werden, für die ganze Erde
-die Abtragung zu berechnen. Wenn dabei auch viele Zahlen nicht ganz
-richtig sein werden, so müssen wir eben hoffen, daß ein Fehler nach
-der einen Seite wieder durch einen entgegengesetzten aufgehoben wird,
-und daß auf diese Weise doch eine Zahl von leidlicher Genauigkeit
-herauskommt. Will man wissen, was die gesamten Ströme der Erde im
-Jahr an Abtragungsarbeit leisten, so ist es nötig, zweierlei zu
-kennen: Die jährliche Wassermenge aller Flüsse und den Gehalt ihres
-Wassers an Gelöstem und Aufgeschwemmtem. Es ist klar, daß nur für
-wenige Stromsysteme solche Messungen vorliegen, wie vom Neckar. An
-ihre Stelle muß eine vorsichtige Schätzung treten, die aber in einer
-Reihe von meteorologischen, geographischen und geologischen Tatsachen
-zuverlässige Grundlagen hat. Nachdem schon die englischen Geologen
-~Mellard Reade~ und ~Murray~ die Berechnung versucht hatten, gab in
-neuerer Zeit der amerikanische Geologe ~Clarke~ die zuverlässigsten
-Zahlen. Er erhielt unter möglichst genauer Berücksichtigung aller
-Verhältnisse für die Flüsse der ganzen Erde eine Jahresleistung von
-2500 Millionen Tonnen gelöster und 6000 Millionen Tonnen schwebender
-fester Stoffe, was eine Gesamtjahresleistung von 8500 Mill. Tonnen
-ergibt. Würde diese Stoffmenge, die von den Flüssen in einem Jahr
-ins Meer getragen wird, über das von ihnen entwässerte Festland
-ausgebreitet, so erhielte man eine gleichmäßige Schicht von 1/28-1/30 mm
-Dicke; es vergeht also ein Zeitraum von 28000 bis 30000 Jahren, bis
-die Erdoberfläche von den Flüssen durchschnittlich um 1 m erniedrigt
-wird. Zu der Arbeit der Flüsse kommt noch die zerstörende Wirkung
-der Meereswogen an der Küste hinzu, die gleichfalls dem Meere Stoffe
-zu Sedimentgesteinen liefert und die Gesamtmenge der ihm jährlich
-zugeführten Stoffe auf etwa 9000 Millionen Tonnen erhöht. Über das
-Schicksal aller dieser Stoffe können wir aussagen, daß ein Teil der
-gelösten Stoffe, vor allem die Chloride (in erster Linie Natriumchlorid
-= Kochsalz) in Lösung bleibt und damit den Salzgehalt des Meeres
-erhöht, während z. B. der größte Teil des gelösten kohlensauren Kalks
-sich ausscheidet. Die aufgeschwemmten Stoffe setzen sich natürlich
-ohne weiteres im Meere ab und bilden die sog. mechanischen Sedimente.
-Clarke versuchte auch, die Menge der verschiedenen neu gebildeten
-Gesteinsarten zu berechnen, und fand, daß von den 9000 Millionen
-Tonnen 70% (6300·10^6 Tonnen) zu Ton- und Schiefergesteinen werden,
-16% (1440·10^6 Tonnen) zu Sandsteinen und 14% (1260·10^6 Tonnen) zu
-Kalkstein.
-
-Um Zahlen für die Zeitdauer geologischer Vorgänge zu gewinnen, halten
-wir uns nun zuerst an die gelösten Stoffe. ~Joly~ hat 1899 einen
-scheinbar sehr einfachen Weg angegeben, um das ~Alter des Ozeans~ zu
-berechnen. Sein Gedankengang ist folgender: Als sich bei zunehmender
-Abkühlung der Erde das Wasser in flüssiger Form an der Oberfläche
-niederschlug, da bestand dieser Urozean aus chemisch reinem Wasser,
-er war also ohne Salzbeimischung. Die Salze kamen auf die Weise in das
-Meer, daß die Verwitterung eine Reihe von Stoffen aus den Urgesteinen
-(Gneis, Granit) herauslöste und ins Meer führte. Die einen schieden
-sich hier aus und bildeten Gesteine, andere aber, vor allem die
-Alkalisalze (Salze des Natriums und Kaliums) blieben in Lösung und
-verursachen nun den Salzgehalt des Meeres. Die größte Rolle spielt
-dabei das Kochsalz (Chlornatrium). Auch heute noch werden von den
-Flüssen Natriumsalze in das Meer geführt, die aus der Verwitterung der
-Urgesteine stammen und den Salzgehalt des Meeres andauernd langsam
-vermehren. Wir kennen den Gehalt des ganzen Ozeans an Natriumsalzen
-(der Prozentgehalt des Meeres an Salzen ist bekannt, die Wassermenge
-des ganzen Ozeans läßt sich unschwierig berechnen) und die Menge des
-von den Flüssen jährlich ins Meer geführten Salzes. Dividieren wir
-beides, so erhalten wir die Zahl der Jahre, die nötig waren, um den
-Salzgehalt des Meeres bis zur heutigen Höhe anwachsen zu lassen. Die
-Berechnung geschieht nach folgender einfacher Gleichung:
-
- (Natrium im Ozean)
- ------------------------------------------ = Alter des Ozeans
- (jährl. Menge des Natriums in den Flüssen)
-
-Durch Einsetzung der für die Mengen der Natriumsalze bekannten Zahlen
-erhalten wir:
-
- (14,13·10^{12}t)
- ----------------- = 89222900 Jahre
- (158,357·10^{3}t)
-
-Die Methode scheint sehr einfach und einleuchtend zu sein, sie hat
-aber ganz bedenkliche Schwierigkeiten. Vor allem gründet sie sich
-auf die Annahme, daß das von den Flüssen in den Ozean geführte
-Salz einzig und allein aus der Verwitterung der Urgesteine stamme.
-Nun läßt sich nachweisen, daß ein großer Teil dieses Salzes nicht
-daher, sondern aus dem Meere stammt und als „zyklisches Salz“ einen
-Kreislauf vom Meer zum Land und wieder ins Meer ausführt. Vor allem
-reißt der Meerwind kleine Tröpfchen von Seewasser mit sich und trägt
-auf diese Weise Salz weit ins Land hinein. Für den Sambharsalzsee
-in Indien, der 400 km landeinwärts liegt und eine Fläche von 5700 qkm
-einnimmt, wurde berechnet, daß er jährlich durch den Wind 3000 Tonnen
-Seesalz zugeführt bekommt. Ein anderer Teil des Salzes der Flüsse
-stammt aus Salzlagern in den Sedimenten, die ihrerseits wieder aus
-der Eindunstung von Meerwasser hervorgegangen sind. Auch dieses Salz
-fließt also zum zweiten- oder öfterenmal dem Meere zu. Alles zyklische
-Salz darf natürlich nicht in die Berechnung eingestellt werden. Nach
-dem einen Forscher (Joly) soll seine Menge 33%, nach andern 95% oder
-gar 99% der von den Flüssen mitgebrachten Salzmenge betragen. Damit
-verringert sich die anzurechnende Menge des Natriums im Flußwasser ganz
-außerordentlich, und damit steigt nach einer einfachen mathematischen
-Überlegung das Alter des Ozeans bis zu ungeheuren Zahlen an. Bei der
-Annahme von 99% zyklischem Salz wäre es das 100fache, also gegen 9000
-Millionen Jahre. Wenn die Ergebnisse in einem solch ungeheuer weiten
-Spielraum sich bewegen, so wird es ganz aussichtslos, auf diese Weise
-zu einigermaßen brauchbaren Zahlen zu gelangen.
-
-Versuchen wir es deshalb mit den im Meere gebildeten Schicht-
-(Sediment-)gesteinen. Wenn wir die gesamte Mächtigkeit aller auf der
-Erde je gebildeten Sedimente kennen, dazu die Zeit, die zur Bildung von
-1 m nötig ist, so brauchen wir nur zu multiplizieren, und das Ergebnis
-liegt vor. Nun sind aber alle Zahlen, um die es sich hier handelt, so
-unsicher als nur denkbar. Bei der Berechnung der Gesamtmächtigkeit
-der Sedimente müssen wir berücksichtigen, daß an mancher Stelle der
-Erde lange geologische Zeiträume vorbeigingen, ohne eine Spur zu
-hinterlassen. Wenn wir bei der Berechnung der Schichtenmächtigkeit
-bei jeder Formation und jedem Formationsteil die Stelle in Rechnung
-setzen, an der sich die größte Mächtigkeit entwickelt hat, so erhalten
-wir die sogenannte ~maximale Mächtigkeit~. Diese beträgt nach ~Sollas~
-(1909) für die Neuzeit der Erde 19000 m, für das Mittelalter 21000 m,
-für das Altertum 37000 m, für das Präkambrium 25000 m; das ergibt eine
-Gesamtmächtigkeit von 102000 m. Andere Forscher bringen wesentlich
-andere Zahlen heraus. Wollen wir die Zeit berechnen, in der eine
-Schicht von 1 m Sedimentgestein gebildet wird, so müssen wir dabei
-festhalten, daß die Stoffe, die von den Flüssen ins Meer hinausgetragen
-werden, nicht über die ganze Fläche des Ozeans hin sich ablagern,
-sondern nur in der sog. Schelfregion, einem Gürtel, der mit ungefähr
-160 km Breite die Kontinente umsäumt. Bei einer Küstenlinie von
-160000 km nimmt auf diese Weise die Schelfregion einen Flächenraum von
-25,6·10^6 qkm ein. Nimmt man für die 9000·10^6 Tonnen ein spezifisches
-Gewicht von 2,5 an, so füllen sie einen Raum von 3600·10^6 cbm aus.
-Bauen wir aus dieser Masse eine Säule mit einer Grundfläche von
-1 qkm, so erreicht sie eine Höhe von 3,6 km. Breiten wir nun das Ganze
-gleichmäßig über die gesamte Schelfregion (25,6·10^6 qkm) aus, so ergibt
-sich eine Schicht von 0,140 mm Dicke. Wenn also in einem Jahr eine
-Schicht dieser Mächtigkeit gebildet wird, so sind 7000 Jahre nötig, um
-eine Schicht von 1 m Mächtigkeit zu bilden. Das ist natürlich nur ein
-Durchschnittswert. An einer Stelle geht die Arbeit viel rascher vor
-sich, an der andern viel langsamer.
-
-Würden wir diesen Wert als richtig annehmen, so erhielten wir für
-die Bildung von 102000 m Gesteinsmächtigkeit eine Zeit von über 700
-Millionen Jahren. Nun müssen wir dabei aber berücksichtigen, daß die
-Sedimente auch in der Schelfregion nicht gleichmäßig ausgebreitet
-werden (vgl. Abb. 3), sondern daß sie in größerer Küstennähe wesentlich
-stärker aufgehäuft werden als in 100 bis 160 km Entfernung von der
-Küste. Wir können für die größere Küstennähe annehmen, daß hier schon
-3000 Jahre genügen, um die Schicht von 1 m zu bilden. Wenn zuerst
-die „maximalen Schichtmächtigkeiten“ festgestellt wurden, so müssen
-wir jetzt den niedrigen Wert für die Bildungszeit von 1 m einsetzen
-und erhalten für 100000 m die Zeit von 300 Millionen Jahren. Es soll
-bei dieser Art Berechnung aber nicht verschwiegen werden, daß andere
-Forscher auf wesentlich andere Zahlen gekommen sind; sie bewegen sich
-zwischen 30 und 600 Millionen Jahren, und diese ungeheuren Unterschiede
-sind natürlich nicht dazu angetan, das Vertrauen in diese Methode
-allzusehr zu stärken.
-
-Etwas zuverlässigere Resultate ergibt ein anderer Weg: Man versucht,
-die ~Gesamtmenge der im ganzen Verlauf der Erdgeschichte gebildeten
-Sedimente~ zu berechnen. Auch dies ist natürlich ein schwieriges
-Unterfangen, denn das meiste, was die Erde im Laufe der Jahrmillionen
-aufbaute, ist schon längst wieder zerstört. Immerhin, es soll gewagt
-sein. Auf Grund vorsichtiger Schätzung erhält man für den Kubikinhalt
-der gesamten, im Lauf der Erdgeschichte gebildeten Sedimente einen
-Raum von 875·10^6 Kubikkilometer (ckm). Unsere 9000·10^6 Tonnen stellen
-einen Raum von 3,6 ckm dar, es waren also 875·10^6/3,6 = 245·10^6 Jahre
-nötig, um die Gesamtmenge der Sedimente zu bilden. Ein zweiter Versuch:
-Man rechnet mit der Gesamtmenge aller je gebildeten Kalksteine und der
-Menge Kalk, die durch die Verwitterung der Eruptivgesteine jährlich
-frei wird. Nach ähnlichen Methoden, wie sie oben angedeutet wurden,
-erhält man für die Bildung der gesamten irdischen Kalkschichten eine
-Zeit von 320 Millionen Jahren.
-
-Bei all den Zahlen, die wir bis jetzt errechnet haben, mußte nach
-der Mächtigkeit der erhaltenen Sedimente stark ⅔ auf die Zeit
-vom Kambrium bis heute, schwach ⅓ auf das Präkambrium entfallen.
-Jedenfalls ist damit aber, wenn wir die Zeitspanne seit dem Kambrium
-als zuverlässiger annehmen wollen, das Präkambrium stark unterschätzt.
-Nach Überlegungen allgemeiner Art muß seine Dauer ein Mehrfaches der
-aller anderen Formationen betragen; es ist aber fast vollständig
-zerstört und umgewandelt, und daher kommt seine Bedeutung in den
-Mächtigkeitszahlen lange nicht genügend zum Ausdruck.
-
- [Illustration: Abb. 3. Sedimentbildung in der Schelfregion.]
-
-Was läßt sich nun über die Zuverlässigkeit all dieser Berechnungen
-aussagen? Das Problem kann unmöglich auf einen Anlauf gelöst werden.
-Fast alle Zahlen sind nicht genau bestimmbar, sie beruhen nur auf mehr
-oder weniger zuverlässigen Schätzungen; deshalb bewegen sich auch die
-Ergebnisse zwischen sehr weiten Grenzen. Wohl wohnt den Zahlen ein
-verschiedenes Maß von Zuverlässigkeit inne; bei den einen, z. B. den
-Abtragungszahlen, wird wohl die richtige Zahl um nicht mehr als 50%
-nach oben oder unten von der angenommenen abweichen; andere dagegen
-sind wesentlich unsicherer. Und trotzdem, die Ergebnisse sind nicht
-wertlos. Haben wir gleich zu Anfang nachgewiesen, daß geologisch recht
-junge Ereignisse bereits einige Millionen Jahre zurückliegen müssen,
-so zeigen uns die Berechnungen über Abtragung und Aufschüttung, daß es
-sich für die Zeit, in der die Gesamtheit der Schichtgesteine gebildet
-wurde, jedenfalls schon um mehr als hundert Jahrmillionen handelt. Das
-ist ein sehr wesentliches und wertvolles Ergebnis. Wir erkennen zwar
-noch nicht die absolute Größe, aber doch die Größenordnung geologischer
-Zeiträume; die Zehner und Hunderter von Jahrmillionen haben bereits
-hohe Wahrscheinlichkeit gewonnen.
-
-Ungeheure ~Wasser- und Sanduhren~ sind es, die dem Geologen dieses
-Resultat verschafft haben. Ihr Prinzip der Zeitmessung ist genau
-das gleiche wie bei der Sanduhr am Telephon oder jenen kunstvollen
-Wasseruhren der Araber und Griechen. Wir wissen, was in einem Jahr in
-die großen Sammelbecken läuft, vermögen die Massen des Geleisteten zu
-messen oder zu schätzen und erhalten daraus durch einfache Rechnung die
-Zahl der dazu nötigen Jahre. Die Genauigkeit der Rechnung hängt von der
-Zuverlässigkeit der verwendeten Zahlen ab.
-
-Jedoch steckt in all diesen Rechnungen noch eine Voraussetzung, die
-wir bis jetzt unbesehen hingenommen haben, die aber durchaus nicht
-selbstverständlich ist, sondern einer sehr genauen Prüfung bedarf.
-Wenn wir aus der Gesamtmasse der Sedimente und der Jahresleistung der
-abtragenden Kräfte durch Division die Zeit gewonnen haben, so nahmen
-wir an, daß im ganzen Verlauf der Zeit die Uhr gleich schnell gegangen
-sei, die Flüsse in jedem Jahr so viel ins Meer getragen hätten wie
-heute. Das ist jedoch nicht ohne weiteres sicher. Wir können uns
-denken, daß in früheren Erdperioden die geologischen Kräfte rascher
-und stürmischer gearbeitet hätten als heute, daß die Zerstörung
-schneller vor sich gegangen wäre, und die Flüsse mehr ins Meer geführt
-hätten. Dann hätten wir mit einer zu kleinen Zahl dividiert, die
-durchschnittliche Jahresleistung wäre größer anzunehmen, und es kämen
-wesentlich kleinere Zeiträume bei der Rechnung heraus. Ebenso denkbar
-ist es aber auch, daß die geologische Sanduhr heutzutage rascher
-läuft als in der Vergangenheit; dann hätten wir für diese Zeiten
-geringere Jahresleistungen einzusetzen, und die Zeiträume würden sich
-erhöhen. Wo liegt hier die Wahrheit? Haben in der Vergangenheit die
-geologischen Kräfte stärker, gleichstark oder schwächer gewirkt wie in
-der Gegenwart? Noch vor einem halben Jahrhundert nahmen die Geologen
-das erste fast als selbstverständlich an; denn unscheinbar und nicht
-unmittelbar in die Augen fallend sind die Veränderungen der Erde, die
-sich heute vollziehen. Für die geologische Vorzeit war man geneigt, ein
-viel rascheres Tempo in der Umbildung der Erdoberfläche anzunehmen; in
-der Gegenwart aber sei die Erde aus der Sturm- und Drangzeit heraus in
-einen gemütlichen Alterszustand eingetreten, und von den an ihr tätigen
-Kräften werde nicht mehr viel an ihrem Antlitz geändert.
-
-Diese Ansicht ist gegenwärtig von den meisten Forschern verlassen.
-Die Erde befindet sich durchaus nicht in einer Periode besonderer
-Ruhe; wesentlich stärker können in der Vorzeit die geologischen Kräfte
-nicht gewirkt haben, als sie es auch heute noch tun. Ja, eine Anzahl
-englischer und amerikanischer Geologen vertritt mit guten Gründen die
-Ansicht, daß wir uns in einer Zeit übernormaler geologischer Tätigkeit
-befinden. Wir werden später auf die Besprechung dieser wichtigen Frage
-zurückkommen müssen.
-
-Es wäre gewiß zu kühn, die Frage nach der Dauer geologischer Zeiträume
-mit den bisherigen Methoden allein lösen zu wollen. Die Verfahren,
-die bis jetzt beschrieben wurden, sind doch gar zu summarisch. Wir
-wollen deshalb einen andern Weg einschlagen. Anstatt sofort auf
-das Ganze zu gehen, wollen wir bescheiden versuchen, zunächst für
-Ereignisse der jüngsten, uns zeitlich nächstliegenden geologischen
-Vergangenheit, brauchbare Zahlen zu finden und von da aus langsam
-weiter zurückzuschreiten.
-
-
-
-
-III. Von der Eiszeit bis zum Beginn des Kambriums.
-
-
-Unmittelbar vor der geologischen Gegenwart hat ein gewaltiges Ereignis,
-dessen Nachwirkungen heute noch nicht ganz verschwunden sind, unsere
-Erde betroffen: Eine ungeheure Vereisung ist über weite Teile der
-Erdoberfläche weggegangen. Aus den Tälern der Alpen drangen Eisströme
-von über 1000 m Mächtigkeit hinaus ins Vorland, wo sie sich zu einem
-riesigen Eisgürtel vereinigten, der im Norden bis nahe zur Linie
-der heutigen Donau reichte und sie an einigen Punkten (z. B. bei
-Sigmaringen) sogar noch überschritt. Unsere höheren Mittelgebirge,
-Vogesen, Schwarzwald, Böhmerwald und Riesengebirge trugen Gletscher,
-die weit in die Täler hinunterreichten. Das Gewaltigste aber war die
-ungeheure nordeuropäische Vereisung (Abb. 4). Von den skandinavischen
-Gebirgen schoben sich die Eismassen über die heutige Ostsee hinweg
-bis in das Herz Deutschlands. Sie reichten bis an den Harz und in
-die Lausitz, ja tief nach Polen und in die Ukraine hinein. Ungeheure
-Schuttmassen wurden von den Gletschern mitgebracht, zum Teil am Grund
-mitgeschoben (Grundmoränen), zum Teil auf dem Rücken herangetragen,
-gelegentlich in einzelnen großen Blöcken (Findlingsblöcke). Fast
-dem ganzen norddeutschen Tiefland ist durch die Bedeckung mit
-Gletscherschutt der geologische Stempel aufgedrückt. Das Merkwürdigste
-aber ist, daß jene Eiszeit nicht einheitlich war, sondern daß viermal
-nacheinander die Gletscher vorstießen, um sich in der Zwischenzeit
-jeweils vollständig zurückzuziehen und abzuschmelzen. Wohl sind
-gewisse Einzelfragen noch nicht gelöst, im allgemeinen aber kann die
-nebenstehende schematische Darstellung (Abb. 5) als Ausdruck unserer
-jetzigen Kenntnisse vom Verlauf der Eiszeit angesehen werden. Die
-Kurve gibt nach den Forschungen ~Pencks~ den Verlauf der Schneegrenze
-für die ganze Eiszeit im alpinen Vereisungsgebiet wieder. Jede
-Eiszeit wurde durch eine Temperaturerniedrigung verursacht; eine
-Senkung der Schneegrenze um mehrere hundert Meter war die Folge.
-In der Zwischeneiszeit stieg jedoch die Temperatur sogar über den
-Durchschnittsstand der Jetztzeit; die Gletscher zogen sich zurück.
-Die Kurve bringt deutlich durch die viermalige Senkung und Hebung der
-Schneegrenze das viermalige Kälter- und Wärmerwerden, das Vorrücken
-und Abschmelzen der Gletscher zur Darstellung. Die vier Eiszeiten
-führen nach Penck die Namen Günz-, Mindel-, Riß- und Würmeiszeit,
-nach Flüßchen der oberschwäbisch-bayrischen Hochebene, an denen
-ihre Bildungen besonders schön erhalten sind. Von der letzten, uns
-zeitlich am nächsten liegenden Eiszeit wissen wir natürlich am meisten,
-denn ihre Ablagerungen liegen zu oberst, während die der früheren
-Eiszeiten oft tief überschüttet oder gar schon wieder zerstört sind.
-So wissen wir auch, daß das Abschmelzen der Gletscher vom Höhepunkt
-der Würmeiszeit ab nicht ohne Unterbrechung erfolgte. Der Gletscher
-wich bei seinem Abschmelzen nicht gleichmäßig zurück, sondern machte an
-manchen Stellen eine längere Ruhepause, ja er konnte sogar wieder eine
-Strecke weit vorstoßen. So wurde das Abschmelzen des Würmgletschers
-durch den „Bühlvorstoß“ unterbrochen. Die Linie, an der der Eisrand
-längere Zeit verweilte, ist durch besondere Endmoränenwälle im Gelände
-gekennzeichnet. So liegen die Moränen des Bühlvorstoßes, der für die
-Berechnung der Eiszeitdauer von besonderer Wichtigkeit ist, an der
-Stelle, wo die Alpentäler sich in das Vorland öffnen.
-
- [Illustration: Abb. 4. Das nordeuropäische Vereisungsgebiet.
-
- 2 äußerster Stand der 2. (Mindel-) Vereisung.
- 4 äußerster Stand der 4. (Würm-) Vereisung.
- 4a baltische Endmoränen.
- Fsk-E fennoskandische Endmoränen.
-
- Nach Olbricht.]
-
- [Illustration: Abb. 5. Klimakurve der Eiszeit nach Penck.
- A Achsenschwankung (Rückzug der Gletscher). B Bühlvorstoß.]
-
-Die Frage nach der ~Ursache der Vereisung~ beschäftigt den Geologen,
-seit er überhaupt von diesem Ereignis weiß. Eine Unmenge von Theorien
-hat schon versucht, die Eiszeit mit ihrem mehrmaligen Klimawechsel
-zu erklären. Es ist ein Gebiet, das der Phantasie -- und die ist
-auch in der Wissenschaft nötig! -- den weitesten Spielraum läßt,
-und wo dem Forscher die Möglichkeit winkt, eines der dunkelsten
-Geheimnisse der Erdgeschichte aufzuklären. Da gibt es nun Theorien,
-die nicht nur die Ursache der Eiszeit erklären wollen, sondern die in
-ihrer mathematischen Durchführung auch gleich den zeitlichen Ablauf
-der ganzen Erscheinung ergeben. Es sind Theorien, die aus großen
-astronomischen Vorgängen das Ereignis verständlich zu machen versuchen.
-
-Seit dem großen Schwaben Kepler wissen wir, daß die Erde wie alle
-Planeten sich in ellipsenförmiger Bahn um die Sonne bewegt; die Sonne
-steht in einem Brennpunkt der Ellipse. Die Erdachse bildet mit der
-Ebene der Erdbahn einen Winkel von 66½°, und mit parallel bleibender
-Lage seiner Umdrehungsachse beschreibt unser Weltkörper seinen
-Umlauf um die Sonne, die ihn streng und fest nach den Gesetzen der
-Massenanziehung in seiner Bahn erhält. Nun bleibt aber die Gestalt
-der Erdbahn nicht ewig dieselbe; sie verändert sich in langen, aber
-meßbaren Zeiträumen. Langsam nimmt die Exzentrizität der Bahn zu und
-ab, d. h. die Bahnellipse wird periodisch flacher und dann wieder mehr
-kreisförmig. Dabei dreht sich die große Achse der Ellipse in der Ebene
-der Erdbahn, und schließlich bleibt auch die Lage der Erdachse nicht
-dauernd sich selbst parallel, die Erde führt vielmehr in einer Periode
-von 26000 Jahren die sogenannte Präzessionsbewegung aus, die darauf
-zurückzuführen ist, daß die Anziehungskraft der Sonne den Äquatorwulst
-der Erde in die Bahnebene hereinzuziehen versucht, diese aber als
-„Kreisel“ mit ihrer Umdrehungsachse ausweicht.[3]
-
- [3] Es ist natürlich im Rahmen dieses Buches nicht möglich,
- eine erschöpfende Darlegung der astronomischen
- Verhältnisse zu geben. Wer sich eingehender für diese
- Fragen interessiert, sei auf Bölsche „Eiszeit und
- Klimawechsel“ hingewiesen.
-
-Bei den Veränderungen in der Gestalt der Erdbahn setzt nun eine Theorie
-ein, die von ~Croll~ begründet wurde. Er führt dabei ungefähr folgenden
-Gedankengang durch: Im Maximum der Exzentrizität, das heißt zu der
-Zeit, in der die Bahnellipse am stärksten von der Kreisform abweicht,
-besteht ein großer Unterschied in der Dauer der Jahreszeiten. Nach
-dem zweiten Keplerschen Gesetz muß sich die Erde in der Sonnennähe
-rascher bewegen als in der Sonnenferne. Für die Erdhälfte, die in
-der Sonnennähe Sommer hat, ist diese Jahreszeit zwar sehr heiß, sie
-eilt aber rasch vorbei; das Winterhalbjahr dauert 36 Tage länger
-als das Sommerhalbjahr. Dabei ist der Winter in der Sonnenferne
-außerordentlich kalt und streng. Gegenwärtig befinden wir uns in einer
-Periode schwacher Exzentrizität, die Erdbahn ist beinahe kreisförmig,
-und Winter- und Sommerhalbjahr unterscheiden sich daher nur um acht
-Tage. Der Wechsel der Exzentrizität vollzieht sich in einer Periode
-von mehreren hunderttausend Jahren. Nun lehrt Croll: Ein Maximum der
-Exzentrizität hat für die Erde jedesmal eine Eiszeit zur Folge. In dem
-langen, kalten Winter, den diese Periode für eine Halbkugel mit sich
-bringt, sammelt sich so viel Schnee und Eis an, daß auch der folgende
-kurze und heiße Sommer sie nicht zum Verschwinden bringen kann. Im
-nächsten Jahr verstärkt sich noch diese Wirkung, die Jahr für Jahr
-weiter zunimmt und schließlich zur Vereisung führt. Währenddessen
-hat zwar die andere Erdhälfte recht günstige Verhältnisse: kurze,
-warme Winter und lange, kühle Sommer. Aber in der zweiten Hälfte
-der Präzessionsperiode, nach 10500 Jahren,[4] beginnt für sie die
-ungünstige Wärmeverteilung, während die erste Halbkugel sich auch
-in der für sie günstigen Zeit nicht von der angefangenen Vereisung
-erholen kann. Erst wenn die Erdbahn wieder mehr kreisförmig wird,
-geht die Vereisung zurück und verschwindet schließlich ganz. Ein
-Maximum der Exzentrizität mit seinen großen Gegensätzen in der Dauer
-der Jahreszeiten hat also eine Eiszeit zur Folge, das Minimum mit der
-gleichmäßigen Verteilung der Wärme eine Zwischeneiszeit. Die Periode,
-in der der Wechsel vor sich geht, läßt sich berechnen; die vorletzte
-Eiszeit müßte nach Croll in den Jahren 980000-720000, die letzte in den
-Jahren 240000 bis 80000 vor unserer Zeitrechnung gewesen sein.
-
- [4] Infolge der Verschiebung des Punkts der Sonnennähe
- verkürzt sich die Periode der klimatischen Einwirkung von
- 26000 auf 21000 Jahre.
-
-Das sind die Grundgedanken der Crollschen Theorie; sie ist geistreich
-und scharfsinnig, aber leider nicht zu halten. Wenn sie richtig wäre,
-so müßten ja in der ganzen Erdgeschichte regelmäßig Eiszeiten und
-Zwischeneiszeiten einander ablösen. Nun hat es wohl schon in früheren
-Perioden der Erdgeschichte Eiszeiten gegeben; die letzte große Eiszeit
-aber setzt nach einer langen Periode mit warmem, ja heißem Klima
-beinahe unvermittelt mit ihrer Kälte ein. Kein Geologe wird außerdem
-die Jahreszahlen, die Croll errechnet, für richtig halten können;
-das werden uns spätere Ausführungen zur Genüge beweisen. Es kann mit
-aller Bestimmtheit gesagt werden, daß das Ende der letzten Eiszeit
-nicht 80000 Jahre, sondern nur wenig mehr als 10000 Jahre hinter der
-Gegenwart zurückliegt. Die klimatischen Grundlagen der Theorie sind
-sogar so unsicher, daß neuerdings ein Forscher (~Hildebrand~) beweisen
-wollte, daß die Eiszeit in das Minimum der Exzentrizität fallen
-müsse! Schließlich hat Croll noch eine Reihe von meteorologischen
-Faktoren unberücksichtigt gelassen, die von ~Pilgrim~ in einer
-genauen mathematischen Nachprüfung der Theorie sorgfältig in die
-Rechnung eingestellt wurden. Aber auch sie vermochte die schweren
-Bedenken gegen die ganze Theorie nicht zu beheben; unser Urteil kann
-nur das eine sein, daß für die Gewinnung genauer Alterszahlen die
-astronomischen Theorien z. B. ausscheiden müssen. Wenn wir trotzdem
-die Crollsche Theorie in den Kreis unserer Betrachtungen gezogen haben,
-so hat das seinen Grund darin, daß sie ein wunderschönes Beispiel für
-eine Zeitmessung nach dem Prinzip der Pendeluhr darstellt. Wie das
-Pendel unter der Einwirkung der Schwerkraft rhythmisch hin und her
-schwingt, so verändert sich unter dem Einfluß derselben zwischen den
-Weltkörpern wirkenden Anziehungskraft die Bahn unserer Erde. Es ist ein
-geheimnisvoll großartiges Bild, wie die Bahnellipse unseres Gestirns
-nicht fest und starr im Weltraum liegt, sondern wie sie pulsiert,
-sich abflacht und wieder rundet, wie die Erdachse nicht ständig auf
-denselben Punkt des Fixsternhimmels weist, sondern langsam und gemessen
-als Kreiselachse ausweicht und in der Periode von 26000 Jahren ihre
-Präzessionsbewegung ausführt. Es ist tatsächlich der Pendelschlag
-der Weltuhr, der sich hier vor unserem Geistesauge vollzieht:
-Rhythmische Bewegung unter dem Zwange der Schwerkraft. Aber leider
-ist unsere Weltuhr recht unvollkommen. Die irdische Pendeluhr besitzt
-außer dem schwingenden Zeitmesser ein Zählwerk, das mit kunstvoll
-ineinandergefügten Rädern die Zahl der Schwingungen auf dem Zifferblatt
-sichtbar in die Erscheinung treten läßt. Unsere Weltpendeluhr schlägt
-wohl, aber ob und wie sie zählt, das ist uns noch ein Rätsel. Wohl
-konnte der Mensch vermuten, in den rhythmisch sich folgenden Eiszeiten
-ihre Schläge zu erkennen. Genauere Überlegung und Nachprüfung läßt
-uns jedoch diese Annahme wieder verwerfen. Vielleicht ist auch der
-Einfluß jener astronomischen Vorgänge viel zu geringfügig, um sich
-deutlich sichtbar in Erscheinungen der Erdoberfläche auszuwirken.
-Wir gehen daher von den weltumfassenden Theorien über die Eiszeit
-zur geologischen Einzelforschung über, die aus der peinlich genauen
-Untersuchung der Erdrinde ihre Schlüsse über die Dauer geologischer
-Zeiträume zu ziehen versucht.
-
- [Illustration: Abb. 6. Das Abschmelzen des Eises in Skandinavien.
- Das Stirnende des Gletschers ragt noch in das „Noldiameer“.
- Nach de Geer aus Kayser, Lehrbuch der Geologie.]
-
-Während der letzten Eiszeit lag die skandinavische Halbinsel ganz unter
-einem riesigen Eisschild verborgen, der vom Kamm des Gebirges aus bis
-weit nach England, Deutschland und Rußland hinein sich ausgebreitet
-hatte und der mit dem Wärmerwerden des Klimas langsam wieder
-abschmolz, sich auf seinen Ausgangspunkt, die Eisscheide, zurückzog und
-schließlich ganz verschwand. Einem schwedischen Geologen, ~de Geer~,
-fiel schon 1878 auf, daß fast das ganze Gebiet der früheren Vereisung
-zu oberst von einem Ton bedeckt ist, der ganz regelmäßig gebänderte
-Schichtung aufweist. Die Frage war: Wie sind diese Bändertone
-entstanden, und wie erklärt sich ihre Schichtung? Die Schichten
-der Tone sind vollständig ungestört, der Gletscher konnte also
-nicht mehr über sie hinweggegangen sein. Mannigfache Untersuchungen
-machten es allmählich zur Gewißheit, daß sie im Zusammenhang mit dem
-abschmelzenden Eis in einem Meer zum Niederschlag gekommen waren.
-
-Als die Eisdecke abschmolz, lag das Land noch unter dem Meeresspiegel,
-das Stirnende des Gletschers ragte ins Meer hinein (Abb. 6); auf der
-Oberfläche des Eises sank das Schmelzwasser in Spalten und Rissen
-in die Tiefe, bahnte sich unterhalb des Gletschers seinen Weg zum
-Eisrand und führte dabei die leichter ausschwemmbaren Bestandteile der
-Grundmoräne, Ton und Sand, mit sich. Wo nun dieser Schmelzwasserstrom
-unter dem Eis hervor ins Meer mündete, da riß er den Sand noch eine
-kurze Strecke mit sich, um ihn dann liegen zu lassen; die feineren
-Tonbestandteile wurden erst weiter draußen abgelagert. Im Winter
-bildeten sich im allgemeinen infolge der geringeren Menge des
-Schmelzwassers feinkörnige, hauptsächlich tonige Niederschläge, die
-durch organische Beimengungen dunklere Färbung annahmen, im Frühjahr
-und Sommer, wo die stärksten Wassermengen arbeiteten, waren die
-Niederschläge sandiger und von heller Farbe. Im nächsten Jahr kam
-im Wechsel der Jahreszeiten eine weitere Schicht Ton und Sand zur
-Ablagerung, die aber infolge des Zurückweichens des Gletschers nach
-Norden so viel weiter nördlich anfing, als der Gletscher im Lauf des
-Jahres zurückgewichen war und ebensoviel weiter nördlich auch wieder
-aufhörte (vgl. Abb. 7).
-
-Jahr für Jahr bildete sich also eine neue Schicht; alle Schichten,
-abwechselnd aus dunklen und helleren Lagen von Ton und Sand bestehend,
-mußten sich dachziegelförmig übereinander lagern, jede folgende weiter
-im Norden beginnend. Die wunderbar deutlich ausgeprägten Schichten der
-Bändertone hängen also mit der Periode des Jahres zusammen, sie stellen
-nichts anderes als ~Jahresringe~ dar.
-
- [Illustration: Abb. 7. Bildung der Bändertone.]
-
-Nun handelte es sich aber noch darum, die Zahl all dieser
-Jahresschichten, die über ganz Schweden weg sich ausbreiteten, zu
-bestimmen; damit mußte man die Frage beantworten können, wie lange
-der Gletscher zu ihrer Bildung gebraucht hatte, von der Zeit an, da
-er noch an der Spitze Schonens stand bis zu dem Augenblick, da sein
-letzter Rest auf der Eisscheide vollends abschmolz. Es winkte also
-die Möglichkeit, durch die Zählung der Schichten die Zahl der Jahre
-zu bestimmen, die der Gletscher zum Zurückweichen von Schonen bis
-zur Eisscheide nötig gehabt hatte. Das war keine leichte Aufgabe,
-denn es handelte sich ja um Schichten, die nirgends zusammenhängend,
-sondern immer nur an einzelnen Punkten aufgeschlossen waren. Man hätte
-daran denken können, von Süden nach Norden einen großen Einschnitt
-herzustellen, und damit nach Art des Bildes 6 einen zusammenhängenden
-Aufschluß in den Bändertonen zu schaffen, längs dessen man die Zahl
-der Schichten in der schönen dachziegelartigen Überlagerung leicht
-hätte feststellen können. Daß dies ein ungeheuer kostspieliges
-Riesenwerk hätte sein müssen, leuchtet ohne weiteres ein. De Geer
-fand einen einfacheren Weg. In zahlreichen einzelnen Aufschlüssen,
-in Tongruben, Ziegeleien, Eisenbahneinschnitten wurde von ihm und
-seinen Schülern, die er sich zur Mitarbeit heranzog, in den Jahren
-1905 und 1906 die Mächtigkeit der einzelnen Schichten genau mit dem
-Meßband gemessen. Es zeigte sich bald in benachbarten Aufschlüssen,
-daß die Mächtigkeitsverhältnisse aufeinanderfolgender Schichten in
-allen Profilen sich gleich blieben. Das ist auch leicht verständlich
-und erklärbar, denn das eine Jahr brachte mehr Wasser und damit auch
-mehr Sand und Ton mit als das andere. Die Abb. 8 und 9 sollen das
-Verfahren de Geers erklären. In den Punkten A, B und C der Karte wurde
-die Dicke der einzelnen Tonschichten gemessen, die Mächtigkeiten wurden
-in einzelnen übereinander angeordneten wagrechten Linien graphisch
-dargestellt und die Endpunkte miteinander verbunden, so daß sich für
-die drei Punkte die Bilder Nr. 9 ergaben.
-
- [Illustration: Abb. 8. Zurückweichen des Eises in der Gegend
- von Stockholm. Nach de Geer.]
-
-Es zeigte sich, daß die Schichten 1-19 des Punktes B in ihren
-Mächtigkeitsverhältnissen genau den Schichten 4-22 des Punktes A
-entsprachen; diese Schichten waren also in gleichen Jahren gebildet
-worden und mußten einander gleichgestellt werden. Im Profil B fehlten
-die drei untersten Schichten des Profils A, das Eis hatte somit zum
-Zurückweichen von A nach B den Zeitraum von drei Jahren gebraucht.
-Ebenso entsprachen die Schichten 1-18 des Profils C deutlich den
-Schichten 7-24 des Profils B, es fehlten also im Profil C die sechs
-untersten Schichten von B; das Eis hatte somit sechs Jahre zum Rückzug
-von B nach C gebraucht. Durch Aufnahmen einer größeren Anzahl von
-Schichtprofilen konnte auf diese Weise genau das Zurückweichen des
-Gletschers bestimmt werden, und so entstand das Kärtchen aus der Gegend
-von Stockholm (Abb. 8), das die aufeinander folgenden Eisrandlagen für
-einen Zeitraum von etwa 25 Jahren in Kurven darstellt. Dabei ergab
-sich noch ein weiteres interessantes Ergebnis: Es fanden mit dieser
-Aufnahme die zahlreichen kleinen, in Abständen von 100-200 m parallel
-hintereinander angeordneten Moränenrücken ihre Erklärung; sie zeigen
-gleichfalls das jährliche Zurückweichen des Gletschers an und sind als
-sogenannte „~Wintermoränen~“ in der kalten Jahreszeit gebildet worden,
-während der Eisrand einige Monate an Ort und Stelle blieb.
-
- [Illustration: Abb. 9. Mächtigkeiten der Bändertonschichten
- an den Punkten A, B und C der Karte Abb. 8. Nach de Geer.]
-
-Auf diese Weise war es möglich, die Schichten zu zählen, ohne große
-und kostspielige Einschnitte schaffen zu müssen. De Geer untersuchte
-die Bändertone längs mehrerer Linien von Schonen bis zur Eisscheide.
-Es ist ja nicht nötig, die ganze Zählung einer einzigen Linie entlang
-vorzunehmen, doch muß jedesmal eine neue Linie wieder in gleicher
-Höhe beginnen; das Bild 10 gibt die von ihm untersuchten Linien an.
-Seine Ergebnisse bei der Zählung der Schichten und der Eintragung
-der Ergebnisse in die Karte waren folgende: im Süden Schwedens,
-in Schonen, wich der Gletscher im Jahr um 50 m zurück, etwas weiter
-nördlich um 100 m, in der Gegend des Wener- und Wettersees erfolgte
-eine Pause im Zurückweichen. In dieser Stillstandszeit, die jedoch
-nur wenige Jahrhunderte dauerte, häufte der Gletscher den Gürtel der
-fennoskandischen Endmoränen auf, der von Kristiania an quer durch
-Mittelschweden hindurch zu verfolgen ist und jenseits der Ostsee in
-Finnland seine Fortsetzung findet. Die Zeit des Rückzugs von Schonen
-bis zu diesen Moränen, die ~gotiglaziale Epoche~, umfaßte einen
-Zeitraum von 3000 Jahren. In der folgenden ~finniglazialen Epoche~
-ging der Rückzug wesentlich schneller vor sich; im Jahr betrug er
-100 bis 300 m, denn der verhältnismäßig geringe Eisrest, der noch
-übrig geblieben war, schmolz vollends rasch zusammen. So brauchte der
-Gletscher zu seinem Rückzug von den fennoskandischen Endmoränen bis
-zur Eisscheide, also bis zu seinem völligen Verschwinden, nur noch
-2000 Jahre. Für den ganzen Rückzug von Schonen bis zur Eisscheide war
-demnach ein Zeitraum von 5000 Jahren nötig.
-
- [Illustration: Abb. 10. Zurückweichen des Eises in Skandinavien.
- Längs der punktierten Linien erfolgte die Zählung der
- Bändertonschichten durch de Geer.]
-
-Diese Bestimmung der Zeitdauer eines genau umschriebenen geologischen
-Vorgangs bedeutet einen außerordentlichen Fortschritt. Hier haben wir
-es nicht mit einer von unsicheren und zweifelhaften Voraussetzungen
-ausgehenden Berechnung zu tun, sondern es handelt sich um ein einfaches
-Abzählen der Spuren, die der Wechsel der Jahreszeiten sichtbar
-hinterlassen hat. So besitzt das Ergebnis de Geers die höchst mögliche
-Zuverlässigkeit und Sicherheit, die wir von einer geologischen
-Zeitmessung erwarten können; die Schönheit und Eleganz dieser Methode
-steht in ihrer Art einzig da. Nachprüfungen ihrer Ergebnisse in
-Finnland, wo dieselben geologischen Verhältnisse sind, haben zu einer
-vollkommenen Bestätigung geführt.
-
-Eine Reihe von Wünschen bleibt aber doch noch unerfüllt. Zunächst
-müssen wir feststellen, daß es nur ein verhältnismäßig kleiner
-Zeitraum ist, den die Zeitmessung de Geers umfaßt. Daran können wir
-aber leider nichts ändern. Zu bedauern ist aber auch, daß sie nicht
-unmittelbar an die Jetztzeit anschließt. Wir wissen wohl, daß das
-Eis zu seinem Abschmelzen von Südschweden bis zur Eisscheide 5000
-Jahre gebraucht hat, wir wissen aber nicht, wieviel Jahre seitdem
-wieder verstrichen sind. De Geer hat zwar versucht, auch diese Zeit
-zu bestimmen; er benützte dazu eine ganz ähnliche Methode wie früher
-für das Zurückweichen des Eises. In dem See ~Ragunda~, der nicht weit
-von der Eisscheide entfernt liegt und 1796 trocken gelegt wurde, fand
-er in dem alten Seeboden eine ganz ähnliche Schichtung, wie sie von
-den Eismeertonen beschrieben wurde. Es gelang ihm, auch hier die Zahl
-der Schichten zu zählen; er fand annähernd 7000 Schichten, die einen
-Zeitraum von 7000 Jahren vom vollständigen Verschwinden des Eises bis
-zum Jahr 1796 anzeigen würden.
-
-Seit dem Zeitpunkt, da das Eis an der Südspitze von Schonen stand,
-wären also bis heute rund 12000 Jahre verflossen. Während nun aber die
-Zahl von 5000 Jahren für die Zeit des Eisrückzugs als eine endgültig
-und sicher bestimmte Größe gelten kann, sieht auch de Geer die zweite
-Zahl nicht als ebenso sicher an. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit
-kann gesagt werden, daß die Zeit seit dem Verschwinden der Gletscher
-etwas größer sein muß; im Ostseegebiet hat sich seither eine ganze
-Reihe von geologischen Ereignissen abgespielt, für die ein zeitlicher
-Rahmen von 7000 Jahren nicht ausreicht. Aus dem kalten Eismeer, in
-das die Gletscher ihre Stirn getaucht haben, wurde zuerst durch Hebung
-des Landes ein Binnensee, der ~Ancylussee~ (Abb. 11). Nach dieser Zeit
-senkte sich das Land wieder und gestattete dem Meer von der Nordsee her
-erneut den Zutritt; der Geologe nennt diese Periode die ~Litorinazeit~.
-In interessanter Weise hat ein deutscher Forscher, ~Keilhack~, aus
-den Dünenbildungen an der Swinepforte bei Swinemünde die seit der
-Litorinasenkung verflossene Zeit berechnet. Er fand dort eine Zahl
-von etwa 200 kurzen Dünen hintereinander angeordnet, die erst nach
-der Mitte der Litorinazeit entstanden sein können. Durch Vergleich
-alter schwedischer Karten aus dem 17. Jahrhundert mit dem heutigen
-Zustand stellte er fest, daß seit dem Jahr 1700 sechs Dünenketten
-hinzugewachsen seien, daß also ein solcher Dünenzug 35 Jahre zu seiner
-Entstehung braucht. Seit der Litorinasenkung wären also 7000 Jahre
-verstrichen. Für die vorausgehende Ancyluszeit müssen dann mindestens
-4000 Jahre angesetzt werden, und wir bekämen so für die Zeit seit
-dem Abschmelzen der Gletscher 7000 + 4000 = 11 000 Jahre. Eine solche
-Zahl wird gegenwärtig von der Mehrzahl der Forscher (z. B. ~Werth~,
-~Olbricht~, ~Keilhack~) für wahrscheinlicher gehalten als die 7000
-Jahre de Geers. Vor 16 000 Jahren wäre demnach das Eis an der Südspitze
-Schonens gestanden.
-
- [Illustration: Abb. 11. Beginn der Ancyluszeit.
- Das Eis kurz vor dem endgültigen Abschmelzen.
- Nach de Geer aus Kayser.]
-
-Nachdem wir so den unmittelbaren Anschluß an die Gegenwart gefunden
-haben, soll es vom Zeitpunkt, da das Eis in Schonen stand, einen
-Schritt weiter in die geologische Vergangenheit zurückgehen.
-Die nächste Frage muß nun sein: wie lange brauchte das Eis zum
-Zurückweichen von dem großen ~baltischen Endmoränenrücken~ bis
-Südschweden? Dieser riesige Endmoränenzug (vgl. Abb. 5) bedeutet
-sicher einen größeren Einschnitt in der Geschichte der letzten Eiszeit;
-die meisten Forscher nehmen an, daß er dem ~Bühlvorstoß~ der alpinen
-Gletscher zeitlich gleichzusetzen sei.
-
-Es scheint, daß das Eis beim Abschmelzen vom Höhepunkt der Würmeiszeit
-seine Rückwärtsbewegung durch einen erheblichen Vorstoß wieder
-unterbrochen hat. Dieser Vorstoß prägt sich, da der Eisrand dann
-längere Zeit in seiner Lage verweilte, in ganz besonders starken
-Moränenzügen aus. Nun dürfen wir, um das Zurückweichen der Gletscher
-vom baltischen Höhenrücken bis Südschweden zu berechnen, nicht einfach
-die Rückzugsgeschwindigkeit einsetzen, die von de Geer in Südschweden
-nachgewiesen wurde (50 m in einem Jahr). Das Eis schmolz zu einem
-früheren Zeitpunkt, als der ganze Eisschild noch viel größer war, ohne
-Zweifel viel langsamer ab als später; dies zeigte sich ja auch mit
-vollkommener Deutlichkeit für den Rückzug des Eises in Schweden. Für
-seinen Rückzug vom baltischen Höhenrücken bis Schonen können daher
-etwa 4000 Jahre angesetzt werden; es wären also 20000 Jahre verflossen,
-seitdem das Eis in Schleswig, Mecklenburg, Pommern und Masuren stand.
-Das Mindestmaß für diese Zeit mag, wenn wir statt der 11000 Jahre seit
-dem vollständigen Verschwinden der Gletscher nur die 7000 Jahre de
-Geers einsetzen und für das Zurückweichen vom baltischen Höhenrücken
-bis Schonen nur 3000 Jahre annehmen, im ganzen 7000 + 5000 + 3000 =
-15000 Jahre betragen; das Höchstmaß beträgt etwa 25000 Jahre. -- Diese
-Abweichungen vom Mittelwert sind noch erträglich. Je weiter es aber
-in die Vergangenheit zurückgeht, um so mehr weichen die Ansichten der
-Forscher voneinander ab. Während der eine zum Höhepunkt der letzten
-Eiszeit (der Würmeiszeit) nur noch 2000-4000 Jahre zurückrechnet, kommt
-der andere bereits auf weitere 10000-20000 Jahre. Die geologischen
-Vorgänge sind eben noch keineswegs bis in alle Einzelheiten geklärt.
-Ehe wir weiter zurückschreiten, seien auch die Verhältnisse in anderen
-Vereisungsgebieten näher ins Auge gefaßt.
-
- [Illustration: Abb. 12.]
-
-Auch im Gebiet der ~Alpen~ wurde eine Reihe von Versuchen unternommen,
-Zahlen für die seit der letzten Vergletscherung verflossene Zeit zu
-gewinnen. Am bekanntesten ist die Rechnung des Schweizer Geologen
-~Heim~ geworden, der von Untersuchungen am ~Vierwaldstätter See~
-ausging. Im Gebiet dieses Sees sind fünf hintereinanderliegende
-Moränenzüge zu beobachten, die alle dem Bühlstadium zugerechnet
-werden; der äußerste liegt unterhalb des Sees, die vier andern sind
-durch Lotungen auf dem Seeboden deutlich nachweisbar (Abb. 12). Der
-innerste und östlichste Moränenrücken schließt das Gebiet des Urner
-Sees ab, in dem zwei Flüsse ihre Schlamm- und Geröllmassen ablagern:
-die größere Reuß, die bei Flüelen mündet und die kleinere Muota, die
-aus dem Kanton Schwyz kommt. Als der Gletscher noch durch das heutige
-Seebecken strömte, muß er es vollkommen ausgeräumt haben. Seit seinem
-Rückzug haben aber Reuß und Muota begonnen, jedes ein Delta in den
-See hineinzubauen und ihn so allmählich auszufüllen. Unter bestimmten
-Voraussetzungen läßt sich der Kubikinhalt der Deltabildungen berechnen.
-Da auch die jährlich durch die beiden Flüsse in den See geführte
-Schlamm- und Geröllmasse einigermaßen bekannt ist, so folgt daraus
-die Zeit, die zur Bildung der Aufschüttungen nötig war. Heim geht sehr
-vorsichtig in seiner Berechnung vor und erhält 10000-50000 Jahre; am
-wahrscheinlichsten erscheint ihm die Zahl von 16000 Jahren. So viel
-Jahre wären also verflossen, seit sich der große Reußgletscher nach dem
-Bühlvorstoß zurückzog und das Gebiet des Vierwaldstätter Sees freigab.
-
- [Illustration: Abb. 13. Thuner und Brienzer See.]
-
-Eine ganz ähnliche Berechnung führte ~Steck~ am ~Thuner~ und ~Brienzer
-See~ aus; der letztere wurde zur selben Zeit wie der Vierwaldstätter
-See vom Gletscher verlassen. In den Brienzer See ergießt sich die Aare,
-in den Thuner See die Kander, die seitlich einmündende Lütschine hat
-bei Interlaken in den früher einheitlichen See ein Delta hineingebaut,
-das ihn beim Größerwerden schließlich in zwei einzelne Seebecken
-trennte (Abb. 13). Steck erhielt für die Zeit, welche die Lütschine zur
-Aufschüttung ihres Deltas nötig hatte, 20000 Jahre, für die Bildung des
-Aaredeltas im Brienzer See 15000 Jahre.
-
-Von anderen Voraussetzungen ging ~Nüesch~ aus, der die Ablagerungen
-einer Höhle, des ~Schweizersbildes~, untersuchte. Die Höhle wurde
-erst nach dem Bühlstadium vom Gletscher freigegeben und war von da an
-eine Behausung des Steinzeitmenschen. In den Schichten, die sich im
-Lauf der Jahrtausende auf dem Boden der Höhle gebildet hatten, konnte
-Nüesch durch Funde von Werkzeugen eine Kulturentwicklung der Bewohner
-von der älteren Steinzeit bis zur Metallzeit nachweisen. Durch den
-Vergleich der Mächtigkeit der alten Kulturschichten mit der obersten
-Metallzeitschicht, für deren Bildungszeit 4000 Jahre angenommen werden
-können, fand er für die ältesten Schichten ein Alter von 24000 Jahren.
-
-Vergleicht man alle drei Altersberechnungen aus dem Gebiet der
-alpinen Vergletscherung, so zeigt sich eine nicht unbefriedigende
-Übereinstimmung: Die Zeit, als sich die Gletscher nach dem Bühlvorstoß
-in die Alpentäler zurückgezogen, liegt rund 20000 Jahre zurück. Dieses
-Ergebnis stimmt auch nicht schlecht mit dem Alter zusammen, das für
-die baltischen Endmoränen berechnet wurde; sie sind ja vermutlich dem
-Bühlvorstoß gleichzusetzen.
-
-Wir wenden uns jetzt noch ~Nordamerika~, dem dritten großen
-Vereisungsgebiet, zu, das, ähnlich wie Nordeuropa, unter einer
-ungeheuren Decke von Inlandeis begraben war. Beim Rückzug des Eises,
-der zur selben Zeit erfolgt sein muß wie in Europa, wurde allmählich
-das Gebiet der heutigen großen Seen (Abb. 14) eisfrei; ihr Wasser mußte
-dem Meere zu abfließen. Zwischen dem Erie- und dem tiefer gelegenen
-Ontariosee bildete sich ein Fluß, der über die dazwischenliegende
-Geländestufe hinabstürzte. Das war der Anfang der ~Niagarafälle~. Durch
-die ausstrudelnde Wirkung des stürzenden Wassers wurden am Grund des
-Falls die weicheren Schichten herausgewaschen, so daß die härteren
-nachstürzen mußten (Abb. 15). Auf diese Weise schnitt sich der Fall
-immer weiter rückwärts in die Gesteinstafel ein, und auch heute noch
-weicht er immer mehr in der Richtung gegen den Eriesee zurück. Er hat
-im Laufe der Zeit eine 11,3 km lange Schlucht eingenagt, die in ihren
-verschiedenen Teilen die Geschichte ihrer Entstehung noch deutlich
-erkennen läßt (Abb. 16). Der Fall war anfangs nur 11 m hoch. Da der
-Fluß damals nur den Eriesee entwässerte (die drei andern Seen hatten
-noch ihren besonderen Abfluß zum Meer), so betrug seine Wassermenge
-nur 15% der heutigen. Die Schlucht war eng, das Zurückweichen erfolgte
-langsam und betrug nur etwa 12 cm im Jahr. Nach wechselnden geologischen
-Ereignissen kam schließlich das Wasser aller fünf Seen durch den
-Niagara zum Abfluß, der gegenwärtig in zwei Fällen, dem schwächeren
-amerikanischen und dem Hufeisenfall, 50 ~m~ tief in die Schlucht
-stürzt, ein urgewaltiges Naturschauspiel bietend. In dem jüngsten
-Teil der Schlucht wurde das jährliche Zurückweichen des Falls zu 1,37 m
-berechnet. Eine Reihe von Geologen (~Spencer~, ~Taylor~, ~Gilbert~) hat
-auf Grund aller Einzelheiten im Ablauf der geologischen Ereignisse die
-Zeit zu berechnen versucht, die der Niagara zur Eintiefung der ganzen
-Schlucht benötigte; sie erhalten Zahlen, die sich zwischen 20000 und
-40000 Jahren, im Mittel um 30000 Jahre bewegen. So lange schon muß
-demnach die Gegend des Erie- und Ontariosees vom Eise verlassen sein.
-
- [Illustration: Abb. 14.]
-
- [Illustration: Abb. 15. Ausstrudelnde Wirkung
- des Wassers der Niagarafälle.]
-
- [Illustration: Abb. 16. Schlucht des Niagaraflusses.]
-
-Die Zahlen stimmen ungefähr mit dem Ergebnis der Berechnungen überein,
-die wir für die Zeit seit dem Abschmelzen der Gletscher im europäischen
-Vereisungsgebiet ausgeführt haben; allerdings scheint sich ein etwas
-höherer Wert zu ergeben, als wir ihn für das Alter der baltischen
-Endmoränen und des Bühlvorstoßes gewonnen haben; dies erklärt sich
-vielleicht so, daß die Gegend des Erie- und Ontariosees schon vor der
-Bühlzeit vom Gletscher verlassen wurde.
-
-Durch all diese Berechnungen, die sich bis jetzt nur auf die Spät-
-und Nacheiszeit bezogen haben, werden wir aber ganz von selber
-weitergeführt zur nächsten Frage: Wie erhalten wir Alterszahlen für
-die ~ganze Eiszeit~? Je weiter wir zurückgehen, um so schwieriger wird
-unsere Aufgabe, und es ist leicht verständlich, daß es so sein muß: Das
-uns zeitlich Nächstliegende übersehen wir mit all seinen Einzelheiten
-am besten und klarsten. Je weiter wir uns von der Gegenwart entfernen,
-um so lückenhafter werden unsere Kenntnisse, um so stärker sind die
-Ablagerungen umgewandelt oder gar teilweise schon wieder abgetragen.
-~Penck~, der Erforscher der „Alpen im Eiszeitalter“, geht bei der
-Berechnung folgendermaßen vor: Er weist darauf hin, daß die Flüsse
-in der Nacheiszeit und in den verschiedenen Zwischeneiszeiten eine
-riesige Arbeit geleistet haben. Sie haben die Moränen zum großen
-Teil aufgearbeitet und mächtige Schottermassen aufgeschüttet, die als
-Deckenschotter und Terrassenschotter dem Geologen bekannt sind. In den
-verschiedenen Zwischeneiszeiten und der Nacheiszeit konnte auch die
-Verwitterung auf die verschiedenen Eiszeitablagerungen einwirken und
-sie der Länge der Zeit entsprechend mehr oder weniger tief angreifen.
-Nach dem Maß der von den Flüssen in der Spät- und Nacheiszeit
-geleisteten Aufschüttungsarbeit und der Stärke der Verwitterung
-versucht nun Penck, Verhältniszahlen für die Dauer der verschiedenen
-Zeiten zu gewinnen. Er kommt zu folgendem Ergebnis: Nimmt man die Zeit
-seit dem Bühlvorstoß, die wir kurz als Nacheiszeit im weiteren Sinn
-bezeichnen wollen, als Einheit, so war die Riß-Würm-Zwischeneiszeit
-etwa dreimal so lang, die Mindel-Riß-Zwischeneiszeit etwa zwölfmal so
-lang, die Günz-Mindel-Zwischeneiszeit wieder etwa dreimal so lang wie
-die Nacheiszeit. Die Zeitdauer aller Zwischeneiszeiten beträgt somit
-das 18fache der Nacheiszeit. Gewiß hat sich auch jedesmal das Eis bei
-seinem Vorstoß einige Zeit auf dem höchsten Stand gehalten. Setzt man
-für diese eigentlichen Eiszeiten ungefähr das Sechs- bis Achtfache der
-Nacheiszeit an, so kommt man für die ganze Eiszeit auf das 25fache
-dieser Zeit. Nun haben wir für die Zeit seit dem Bühlvorstoß die
-Zahl von 20000 Jahren errechnet; wir kommen damit für die Dauer der
-ganzen Eiszeit auf rund 500000 Jahre.[5] Diese Zahl wird zurzeit von
-den meisten Forschern für ungefähr richtig gehalten, ob sie nun die
-nordeuropäischen (~Werth~, ~Olbricht~), die alpinen (~Penck~), oder die
-nordamerikanischen Eiszeiterscheinungen (~Grabau~) untersuchen. Penck,
-dem wir bisher in der Hauptsache gefolgt sind, ist allerdings eher
-geneigt, die Zahl noch etwas höher anzunehmen und sie auf ½-1 Million
-Jahre zu schätzen.
-
- [5] Vergleiche hierzu nochmals die Abb. 4, die auf Grund
- dieser Annahmen gezeichnet ist. Sie versucht, den
- ganzen Ablauf der Eiszeit in richtigen Zeitverhältnissen
- darzustellen.
-
-Leider haben die Alterszahlen für die ganze Eiszeit nicht mehr
-denselben Grad von Zuverlässigkeit wie die für die Nacheiszeit
-berechneten. Wenn wir für die Zeit seit der Aufschüttung der
-baltischen Endmoränen mit gutem Gewissen sagen können, daß sie von den
-angenommenen 20000 Jahren nicht mehr als um ein Viertel nach oben oder
-unten abweichen wird, so schwanken unsere Vorstellungen über die Länge
-der ganzen Eiszeit schon zwischen viel weiteren Grenzen. Mit recht
-großer Sicherheit können wir jedoch sagen, daß sie zwischen die Grenzen
-von 200000 und 1000000 Jahren einzuschließen ist. Das Verfahren,
-das wir bei diesem Übergang auf die ganze Eiszeit angewandt haben,
-bezeichnet der Mathematiker als ~Extrapolation~. Er versteht darunter
-den Versuch, von dem bekannten Verlauf einer Kurve zwischen zwei
-gegebenen Punkten auf ihren Verlauf außerhalb dieses bekannten Teils
-zu schließen. In derselben Lage ist der Geologe: Von der recht gut
-bekannten Nacheiszeit ausgehend, schließt er auf den außerhalb dieser
-Zeit liegenden Verlauf der Eiszeitkurve.
-
-Jede neue Erkenntnis hilft weiter, sie wirft auch Licht auf andere
-Probleme. Wir wissen jetzt ungefähr, wie lange die Eiszeit gedauert
-hat, und damit vermögen wir an eine Frage heranzugehen, die den
-Menschen beschäftigt, seit er Erdgeschichte treibt, und die ihm bis zu
-ihrer vollständigen Lösung keine Ruhe lassen wird. Es ist die Frage:
-~Wie alt ist der Mensch?~ Vor wieviel Jahren hat es zum erstenmal Wesen
-auf der Erde gegeben, die wir menschlich nennen müssen? Kein Wunder,
-daß den Menschen diese Frage besonders interessiert, ist er doch an
-ihr nicht nur rein wissenschaftlich, sondern sozusagen persönlich
-beteiligt. Leider sind wir aber zurzeit noch weit davon entfernt,
-die Antwort mit der wünschenswerten Bestimmtheit geben zu können.
-Um das absolute Alter des Menschengeschlechts zu berechnen, müßten
-wir zuerst sein relatives geologisches Alter einwandfrei kennen. Wir
-wissen jedoch nicht einmal, ob der Mensch schon im Tertiär gelebt hat
-oder ob er erst mit der Eiszeit auftrat. Körperliche Überreste des
-Menschen sind in Tertiärschichten zwar noch nicht gefunden worden, wohl
-aber Feuersteine, aus deren Gestalt viele Forscher schließen wollen,
-daß sie künstlich bearbeitet worden seien. Wären diese „~Eolithen~“
-wirklich absichtlich geformte Werkzeuge und nicht bloße Naturprodukte,
-so könnte ihre Herstellung nur durch ein vernunftbegabtes, in
-geistiger Hinsicht also menschenähnliches Wesen erfolgt sein. Über
-die körperliche Beschaffenheit eines solchen Vorfahren des Menschen
-können wir nichts aussagen, wenn wir ihn nicht am Ende in einem Fund
-vor uns haben, der 1911 bei Piltdown in England gemacht wurde. Hier
-wurden ein Schädeldach und der Teil eines Unterkiefers gefunden,
-über die zunächst ein heftiger Streit entbrannte, ob sie von ~einem~
-Lebewesen stammten oder zwei Wesen, der Schädel einem Menschen, der
-Unterkiefer einem Schimpansen, angehört hätten. Neuerdings vergrößerte
-sich die Wahrscheinlichkeit sehr stark, daß es sich um die Überreste
-eines einzigen Wesens handle, welches demnach anatomische Merkmale
-des Menschen und des Affen in sich vereinigt hätte. Leider läßt sich
-das geologische Alter der Lagerstätte, in welcher der _Eoanthropus
-Dawsoni_ (Dawsons „Mensch der Morgenröte“) gefunden wurde, nicht
-genau bestimmen. Wenn die Vermutung zutrifft, daß die Schichten in den
-letzten Zeiten des Tertiärs oder auf der Grenze von Tertiär und Eiszeit
-gebildet worden seien, so hätten wir hier den ältesten Rest eines
-menschenähnlichen Wesens vor uns; sein Alter könnte auf ½-1 Million
-Jahre, vielleicht sogar noch höher, angesetzt werden.
-
-Der älteste ganz sichere Menschenfund stammt von Mauer bei Heidelberg
-aus Schottern und Sanden einer alten, vom Fluß schon längst verlassenen
-Neckarschlinge. Leider ist es auch ein kümmerlicher Rest, nur ein
-Unterkiefer, der aber gut erhalten ist und außerordentlich interessante
-Merkmale aufweist. Ungeheuer stark und massig, ohne Kinn, muß er einem
-Wesen gehört haben, das noch recht roh und tierisch ausgesehen haben
-mag; die Form der Zähne ist jedoch durchaus menschlich. Auch das
-Alter des _Homo Heidelbergensis_ ist nicht mit völliger Sicherheit
-bekannt. Es läßt sich immerhin sagen, daß er der ersten oder zweiten
-Zwischeneiszeit angehören muß; die übrigen Fossilreste, die in
-den Sanden gefunden wurden, sprechen für die erste (Günz-Mindel-)
-Zwischeneiszeit. Das würde dem Menschen von Heidelberg auf alle
-Fälle ein Alter von mehreren Jahrhunderttausenden sichern. Erst in
-jüngeren Ablagerungen der Eiszeit werden die Überreste des Menschen
-häufiger, zugleich auch die Zeugnisse seiner Kunstfertigkeit:
-Feuersteinwerkzeuge, aus denen wir uns ein Bild der Kulturentwicklung
-machen können. Nach dem Fortschritt in der Verarbeitung der
-Feuersteine sind eine Reihe von Kulturstufen aufgestellt worden.
-Vielleicht war der Heidelberger Mensch Träger der ersten Stufe der
-älteren Steinzeitkultur; für die späteren Stufen dieser Epoche war
-es die bekannte ~Neandertalrasse~, von der Überreste aus der letzten
-Zwischeneiszeit in guter und vollständiger Erhaltung gefunden wurden.
-Diese Menschenreste haben demnach ein Alter von 50000-100000 Jahren.
-
-Gegen das Ende der letzten Eiszeit wurde dann die Neandertalrasse von
-Menschen abgelöst, die man anatomisch kaum mehr vom heute lebenden
-Europäer unterscheiden kann. Zusammenfassend können wir also sagen,
-daß das Auftreten des Menschen nach dem heutigen Stand unserer
-Kenntnisse ungefähr mit dem Beginn der Eiszeit zusammenfällt; sein
-Alter wird also rund ½-1 Million Jahre betragen. Die ersten Stufen
-der Kulturentwicklung müssen ungeheuer lange Zeiträume umfaßt haben.
-Die ältere Steinzeit reicht in unseren Gegenden bis ungefähr zum
-Jahre 10000 v. Chr., sie hat also gewiß mehrere hunderttausend Jahre
-gedauert, während die jüngere Steinzeit nur wenige Jahrtausende umfaßt
-und die Metallzeit, in der wir jetzt stehen, erst auf ein Alter von
-etwa 3-4 Jahrtausenden zurückblicken kann. Es sind merkwürdige und
-unerwartete Verhältnisse, in die wir durch die geologische Zeitmessung
-einen Einblick gewinnen.
-
-Noch an eine andere Frage können wir nach dem, was wir über den Verlauf
-der Eiszeit erfahren haben, herantreten. Es ist die Frage: An was für
-einem Punkt der geologischen Entwicklung stehen wir heute? ~Haben wir
-die Eiszeit endgültig hinter uns gelassen~ und können wir ohne Sorge
-für kommende Generationen in die Zukunft schauen? Oder sind wir am Ende
-nur in einer Zwischeneiszeit, der nach einer Reihe von Jahrtausenden
-wieder eine neue Vereisung folgen wird? Auch zur Beantwortung
-dieser Frage reichen unsere Kenntnisse nicht aus. Um sie sicher
-und entscheidend beantworten zu können, müßten wir die Ursache der
-mehrmaligen Vereisung kennen. Wir könnten dann feststellen, ob diese
-Ursache endgültig oder nur zeitweilig weggefallen ist, und damit die
-fernere Entwicklung voraussagen. Von einer Einsicht in die Ursachen der
-Eiszeit sind wir jedoch meilenweit entfernt, und über den zukünftigen
-Verlauf der Klimakurve können wir höchstens Vermutungen äußern. Da
-wir das innere Gesetz der Kurve in Abb. 4 nicht kennen, so wissen wir
-nicht, wie sie in den nächsten Jahrtausenden oder Jahrzehntausenden
-nach links weiter verlaufen wird. Sie kann auf der heutigen Höhe
-bleiben oder sogar noch etwas steigen, sie kann sich aber früher oder
-später auch wieder nach unten senken. Es ist möglich, daß wir über die
-große Eiszeit endgültig hinweg sind, es ist ebenso denkbar, daß wir in
-einigen Jahrzehntausenden wieder einer neuen Vereisung unterliegen.
-Auf alle Fälle aber gibt uns die kurze Zeit seit dem Abschmelzen der
-Eismassen auf ihren heutigen Stand -- es mögen 11000 Jahre sein --
-nicht das Recht zu der Behauptung, daß die Gefahr endgültig vorbei sei.
-Ist ja allein die letzte Zwischeneiszeit nach den Forschungen Pencks
-dreimal, die vorletzte zwölfmal so lang gewesen wie die Spät- und
-Nacheiszeit. Die Klimaschwankungen, die wir auch in der Jetztzeit noch
-beobachten, und die zu einem zeitweiligen Vorrücken oder Zurückweichen
-der heutigen Gletscher führen, sind zu unbedeutend in ihrer Auswirkung
-und zeitlichen Dauer, als daß wir daraus irgendwelche Prophezeiungen
-ableiten könnten. Die Menschheit geht also einer recht unsicheren
-Zukunft entgegen, und es liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit,
-daß in einigen Jahrtausenden oder Jahrzehntausenden die Gletscher
-Skandinaviens wieder zu wachsen beginnen, von den Höhen herabfließen,
-die ganze Halbinsel bedecken, über die Ostsee schreiten und in das
-blühende norddeutsche Land einbrechen, alles zerstörend und unter
-starren Eismassen begrabend. Es ist nur gut, daß wir Menschen von heute
-uns noch keine Sorgen darüber zu machen brauchen.
-
-Nach diesen Betrachtungen soll es aber mutig noch weiter zurückgehen
-in die geologische Vorzeit. In der Eiszeit fühlt sich der Geologe
-immer noch ganz nahe der Gegenwart. Ihre Lebewesen sind fast alle
-heute noch vorhanden, die Tier- und Pflanzenwelt zu Beginn der Eiszeit
-unterscheidet sich kaum wesentlich von der heutigen. Je weiter wir
-jedoch zurückschreiten, um so fremdartiger wird die Lebewelt, die
-wir in versteinerten Überresten vorfinden. Die Methode, mit der wir
-auch für frühere Perioden Alterszahlen gewinnen wollen, ist dieselbe,
-mit der wir von der Nacheiszeit aus den Übergang auf die ganze
-Eiszeit vollzogen haben: Wir schätzen das Verhältnis der Zeitdauer
-verschiedener Perioden ab und kommen dann unter Verwendung der zuerst
-gefundenen absoluten Zahlen auf ihren zeitlichen Abstand von der
-Jetztzeit. Diese Art der Altersberechnung soll zunächst für das Tertiär
-durchgeführt werden. ~Penck~ hat einen Weg hierfür angegeben. Er erhält
-durch Abschätzung der geologischen Arbeit und der Entwicklung der
-Lebewesen Vergleichszahlen für die Dauer von Eiszeit und Tertiär. Für
-das Pliozän nimmt er die 3-4fache, für das Miozän die 6-8fache Dauer
-der Eiszeit an. Wird diese zu ½ Million Jahre angesetzt, so erhalten
-wir für Miozän und Pliozän die Dauer von 4½-6 Millionen Jahren.
-Ohne Zweifel sind Oligozän und Eozän, denen von den Nordamerikanern
-neuerdings noch ein Paleozän vorausgestellt wird, zusammen mindestens
-doppelt so lang. Das ganze Tertiär würde demnach einen Zeitraum
-von 13½-18 Millionen Jahren umfassen. Dabei wurde jedoch mit einem
-Mittelwert der Eiszeit gerechnet; setzt man auch die Grenzwerte von
-200000 und 1000000 Jahren in die Rechnung ein, so erhält man für das
-Tertiär Werte zwischen 5 und 36 Millionen Jahren.
-
-Auf andere Weise ging ~Lyell~ vor. Um Verhältniszahlen zu finden,
-untersuchte er, wieviele von den Muschelarten der verschiedenen
-Schichten des Tertiärs sich bis heute erhalten haben, wieviele dagegen
-ausgestorben sind. Seit Beginn der Eiszeit sind nur wenige Prozent
-verschwunden, seit Beginn des Miozäns oder gar des Eozäns dagegen sehr
-viele. Durch genaue Zählungen der noch lebenden und der ausgestorbenen
-Formen kam Lyell zu der Annahme, der Beginn des Untermiozäns müsse
-20mal so weit zurückliegen wie der Beginn der Eiszeit, der Beginn des
-Eozäns sogar 60mal so weit. Die Dauer des Tertiärs würde also 12-60
-Millionen Jahre betragen, der wahrscheinlichste Mittelwert wäre 30
-Millionen Jahre.
-
-Ganz ähnlich verfuhr ~Matthew~, ein amerikanischer Säugetierforscher,
-der die Entwicklung der Pferde zur Gewinnung eines Verhältnismaßstabs
-benützte. Die Stammesgeschichte des Pferdes ist ja von jeher eines der
-„Paradepferde“ der Entwicklungslehre gewesen. Aus den versteinerten
-Überresten läßt sich eine fast lückenlose Reihe verschiedener Formen
-bilden, die, von einem fünfzehigen Ahnen ausgehend, unter allmählicher
-Rückbildung der äußeren Zehen und immer stärkerer Ausbildung der
-mittleren Zehe zum heutigen Pferd führt. Matthew versuchte nun, die
-Unterschiede zwischen den einzelnen Formen dieser Entwicklungsreihe
-in ein zahlenmäßiges Verhältnis zu bringen und kam dabei zu der
-Aufstellung folgender Tabelle:
-
- _Equus caballus_ Gegenwart
- 1
- _Equus Scotti_ Beginn der Eiszeit
- 10
- _Hipparion_ Pliozän
- 10
- _Meryhippus_ Obermiozän
- 15
- _Parahippus_ Untermiozän
- 5
- _Miohippus_ Oberoligozän
- 5
- _Mesohippus_ Unteroligozän
- 15
- _Epihippus_ Obereozän
- 10
- _Orohippus_ Mitteleozän
- 10
- _Eohippus_ Untereozän.
-
-Wir lesen aus ihr folgendes heraus: der Unterschied zwischen dem heute
-lebenden Pferd (_Equus caballus_) und dem Pferd, das zu Beginn der
-Eiszeit lebte (_Equus Scotti_), ist recht gering; er werde = 1 gesetzt.
-Viel stärker ist _Equus Scotti_ von seinem Vorfahren im Pliozän, dem
-_Hipparion_ verschieden. Ihr Unterschied kann der Zahl 10 gleichgesetzt
-werden; die Entwicklung von _Hipparion_ zu _Equus Scotti_ muß daher
-10mal so lang gedauert haben wie die von _Hipparion_ zu _Meryhippus_,
-während dessen Unterschied von _Parahippus_ mindestens 15 Einheiten
-beträgt. Die Zahlen der Tabelle geben also Verhältnisgrößen für die
-Unterschiede der einzelnen Formen und damit für die Zeitdauer der
-Einzelentwicklungen. Das Ergebnis ist, daß seit dem Untereozän etwa
-80mal so viel Zeit verstrichen ist wie seit dem Beginn der Eiszeit. Das
-ganze Tertiär (einschließlich des Paleozäns) wäre etwa das 100fache
-dieser Zeit. Die Einsetzung der Zahlen für die Eiszeit ergibt also
-eine Dauer des Tertiärs von 20-100 Millionen Jahren, der Mittelwert
-wäre 50 Millionen Jahre. Nun liegt allerdings der Rechnung die
-Voraussetzung zugrunde, daß sich die Entwicklung der Pferde während
-des ganzen Tertiärs in demselben Tempo vollzogen habe wie seit dem
-Beginn der Eiszeit, daß also die „biologische Uhr“, wie wir sie
-heißen wollen, einen gleichmäßigen Gang aufweise. Das ist gewiß nicht
-selbstverständlich. Es gibt Stämme im Tierreich, die sich zu gewissen
-Zeiten ungeheuer rasch entwickelt haben und dann wieder lange Zeit
-in der Entwicklung scheinbar still gestanden sind. Was die Ursachen
-derartiger Vorgänge sind, wissen wir nicht; Lebewesen sind eben keine
-mathematisch berechenbaren Uhrwerke. Außerdem fällt es natürlich sehr
-schwer, die Unterschiede von Lebensformen in Zahlen zu fassen. Es
-muß aber doch gesagt werden, daß der Stammbaum der Pferde eine solch
-ruhige, konsequente und zielsichere Entwicklung aufweist, daß die
-Berechnungen Matthews sicher nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen
-sind.
-
-Für das Tertiär berechnet also Penck einen Mittelwert von 15 Millionen
-Jahren, nach Lyell ergeben sich etwa 30 Millionen Jahre, nach Matthew
-50 Millionen Jahre; die äußersten Grenzwerte aller Berechnungen
-betragen 5,4-100 Millionen Jahre. Es zeigt sich damit die Erscheinung,
-die schon einmal kurz gestreift wurde: Zu der Unsicherheit der
-Ausgangszahl kommt die Unsicherheit der Verhältniszahlen hinzu,
-und durch Multiplikation rücken die Grenzen, zwischen denen die
-wirkliche Zahl liegen muß, immer weiter auseinander. Mit jedem neuen
-Rückwärtsschreiten wird die ganze Rechnung unsicherer. Immerhin können
-wir mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit sagen, daß die Zeitdauer des
-Tertiärs jedenfalls schon nach Zehnern von Jahrmillionen zu bemessen
-ist. Mit 20-40 Millionen Jahren werden wir von der Wahrheit nicht
-allzuweit entfernt sein.
-
-Den Abschluß der Berechnungen soll der ~Übergang vom Tertiär auf
-die ganze Reihe der übrigen Formationen~ bilden. Schon ~Lyell~, der
-Begründer der modernen Geologie, hat diesen weiteren Schritt gewagt.
-Er erhielt für das Unterkarbon ein Alter von 160 Millionen Jahren, für
-das Unterkambrium ein solches von 240 Millionen Jahren. ~Dana~ stellte
-für die Zeitdauer der einzelnen Formationen folgende Verhältniszahlen
-auf: wird das Tertiär zur Einheit genommen, so sind Kreide, Jura
-und Trias je etwa ebenso lang, die mesozoische Periode dauerte also
-dreimal so lang wie das Tertiär. Perm und Karbon entsprechen in ihrer
-Zeitdauer ebenfalls dem Tertiär, dagegen war das Devon zweimal, Silur
-und Kambrium je viermal so lang. Die ganze paläozoische Periode umfaßt
-daher das 12fache, die Erdgeschichte seit Beginn des Kambriums etwa
-das 16fache der Zeitdauer des Tertiärs. Setzen wir für das Tertiär den
-Mittelwert von 30 Millionen Jahren, so ergibt dies für das Alter der
-ältesten kambrischen Schichten 480 Millionen Jahre.
-
-Etwas andere Verhältniszahlen gibt ~Walcott~ an. Er setzt für
-das Tertiär 1, für das Mesozoikum 2,5, für das Paläozoikum 6; die
-Erdgeschichte seit dem Kambrium entspricht also der Zahl 9-22, und für
-das Alter des Kambriums würden sich 285 Millionen Jahre ergeben. Ganz
-ähnliche Zahlen wie Dana nennt ~Häckel~. Er setzt für die Zeit seit dem
-Beginn des Lebens bis heute die Zahl 100. Davon entfallen auf die Zeit
-bis zum Beginn des Kambriums 52 Teile, auf das Paläozoikum 34 Teile,
-das Mesozoikum 11 Teile, auf das Tertiär 3 Teile, die Eiszeit 0,1 Teil.
-Das ergibt für das Alter des Kambriums etwa 480 Millionen Jahre. Die
-Zeit, die vor Beginn des Lebens verflossen ist, wollen wir für die
-Berechnung außer Betracht lassen.
-
-Fassen wir die verschiedenen Ergebnisse zusammen, so erhalten wir,
-von dem Wert von 30 Millionen Jahren für das Tertiär ausgehend, einen
-Zeitraum von 285-480 Millionen Jahren, von den Grenzwerten (5,4 und 100
-Millionen Jahren) ausgehend 50-1600 Millionen Jahre seit dem Beginn des
-Kambriums.
-
-Die Erscheinung, die wir schon besprochen haben, zeigt sich jetzt am
-stärksten: mit jeder weiteren Extrapolation werden die Grenzen weiter,
-die Zahlen unsicherer. Doch dürfen wir den Wert der gewonnenen Zahlen
-auch nicht gar zu sehr unterschätzen. Es ist nicht anzunehmen, daß
-bei all den Vermutungen und Rechnungen immer gerade die niederste
-oder die höchste Zahl die richtige gewesen sei; in den meisten Fällen
-wird eine mittlere Zahl das Richtige treffen, und wo die wirklichen
-Zahlen von der Mitte abweichen, da wird sich wohl nach den Regeln der
-Wahrscheinlichkeit eine zu niedrige mit einer zu hohen Zahl wieder
-ausgleichen, so daß zum Schluß die Wahrheit doch ungefähr in der Mitte
-liegen wird. So können wir mit ziemlicher Sicherheit für das Alter
-des Kambriums einige Hunderte von Jahrmillionen ansetzen. Wir kennen
-zwar noch nicht die genaue Größe selber, aber doch die Größenordnung
-der seit dem Kambrium verflossenen Zeit. Weiter wollen wir aber
-nicht zurückgehen, denn die Unsicherheiten, die uns im Präkambrium
-erwarten, sind derartig groß, daß wir die Hoffnung auf ein einigermaßen
-brauchbares Resultat von vornherein aufgeben müssen. Wir können
-zunächst nur sagen, daß das Präkambrium ungeheure Zeiträume umfassen
-muß, denen gegenüber vielleicht die ganze übrige Erdgeschichte auf ein
-kleines Maß zusammenschrumpft.
-
-Ein gewisses Unbehagen können wir aber trotz allem bei der nunmehr bis
-zum Ende durchgeführten Methode der Extrapolation nicht los werden.
-Die einzige ganz sichere Grundlage für die Berechnung sind eben allein
-die 5000 Jahre, die das Eis zu seinem Zurückweichen von Schonen bis
-zur Eisscheide brauchte. Von dieser Zahl aus mußten wir nach der einen
-Seite den nicht unmittelbar gegebenen Anschluß an die Gegenwart finden,
-nach der anderen Seite hin zurück in die geologische Vergangenheit
-schließen.
-
-Wie weit haben wir uns von unserer unbedeutenden Berechnungsgrundlage
-aus zurückgewagt! Es bedeutet eine Grundschwierigkeit der Methode, die
-mit Vergleichungen und Schätzungen immer weiter zurückgreift, daß die
-Gefahr der perspektivischen Fehler, wie wir sie nennen wollen, kaum
-umgangen werden kann: das Nächstliegende übersehen wir verhältnismäßig
-klar und deutlich, das Fernliegende rückt schon mehr zusammen, und das
-Fernste, das in Wirklichkeit den weitaus größten Raum einnimmt, gibt
-uns gar keine Einzelheiten mehr. So sind wir nur zu sehr geneigt, die
-nächstliegende Vergangenheit wegen der Fülle der aus ihr bekannten
-Ereignisse zu überschätzen, die fernliegende Vergangenheit wegen
-der Geringfügigkeit des aus ihr Bekannten zu unterschätzen. Ja, wenn
-uns die Möglichkeit gegeben wäre, weit draußen in der grauen Ferne
-geologischer Vergangenheit auch nur einen Punkt fest zu bestimmen und
-mit absoluter Sicherheit sein Alter anzugeben, dann wären wir über alle
-Schwierigkeiten der Schätzung und der Extrapolation mit einem Schlage
-hinaus. Mit der Bestimmung jenes Punktes wäre uns ein fester Rahmen
-gegeben, in den wir die gesamte geologische Geschichte einspannen
-könnten.
-
-Und diese Möglichkeit besteht! Das nächste Kapitel soll zeigen, wie uns
-wunderbare Fortschritte der Physik und Chemie die Mittel dazu in die
-Hand geben.
-
-
-
-
-IV. Geologische Zeitmessung auf Grund radioaktiver Vorgänge
-
-
-Es ist kaum mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, seit im
-physikalischen Institut der Universität Würzburg eine Entdeckung gemacht
-wurde, die zu den glücklichsten der ganzen Wissenschaftsgeschichte
-gehört und die in ihren Folgen für die Entwicklung der Physik und
-Chemie von der allergrößten Bedeutung werden sollte.
-
-Im Jahr 1895 fand Professor ~Röntgen~, daß von der Wand der
-Geißlerschen Röhren, mit denen er experimentierte, Strahlen
-auszugehen schienen, die auch undurchsichtige Körper zu durchdringen
-vermochten und durch die Wand der photographischen Kassette hindurch
-die lichtempfindliche Platte beeinflußten. Die Entdeckung dieser
-merkwürdigen X-Strahlen, wie er sie nannte, erregte das größte
-Aufsehen. Während den Laien vor allem die geheimnisvollen Möglichkeiten
-interessierten, mit diesen Strahlen auch undurchsichtige Körper
-durchdringen zu können, reizte den Gelehrten in erster Linie das
-wissenschaftliche Problem, und die Wissenschaft aller Länder ging
-voll Spannung an die neuen Aufgaben heran. Der französische Physiker
-~Becquerel~ vermutete einen Zusammenhang der Erscheinung mit der
-Phosphoreszenz des Glases der Geißlerröhre und kam auf den Gedanken,
-phosphoreszierende Uransalze auf eine lichtempfindliche Platte
-einwirken zu lassen, mit dem Erfolg, daß auch er eine Schwärzung
-der Platte erhielt (1896). Der zuerst vermutete Zusammenhang mit der
-Phosphoreszenz, bei der immer eine Belichtung des Salzes vorausgehen
-muß, stellte sich bald als unrichtig heraus; es ergab sich vielmehr,
-daß einfach alle uranhaltigen Salze oder Erze die Eigenschaft hatten,
-chemisch wirksame Strahlen auszusenden. Nun galt es, an dem neuen
-Geheimnis der Uran- oder Becquerelstrahlen weiter zu arbeiten, und
-schon nach zwei Jahren (1898) konnte das Ehepaar ~Pierre~ und ~Marya
-Curie~ nach unendlichen Mühen aus einem Uranerz, der Uranpechblende,
-einen Stoff abscheiden, der die strahlenden Eigenschaften in ungeheuer
-verstärktem Maße aufwies und der daher von seinen Entdeckern den Namen
-~Radium~, das Strahlende, bekam.
-
- [Illustration: Abb. 17. Strahlung des Radiums.]
-
-Jede neue Entdeckung gibt der Wissenschaft wieder neue Rätsel auf,
-und nicht leicht sind ihr jemals schwierigere Aufgaben gestellt
-worden als mit diesem neuentdeckten Element Radium. Eine der
-ersten Beobachtungen war, daß das Radium andauernd ganz bedeutende
-Energiemengen hervorbringt. 1 g Radium vermag in einer Stunde das
-1-1,3fache seines Gewichts an Wasser vom Gefrierpunkt bis zum
-Siedepunkt zu erhitzen, und das geht so fort, Tag für Tag und Monat
-für Monat, ohne daß die Erzeugung von Wärme eine merkbare Abnahme
-erfährt. Diese Erscheinung widersprach in auffallender Weise dem
-Gesetz der Erhaltung der Energie: Hier schien tatsächlich Energie ohne
-nachweisbare Ursache von selbst zu entstehen, hier schien wirklich
-das Perpetuum mobile vorzuliegen, von dem die Physiker doch bewiesen
-zu haben glaubten, daß es nicht existieren könne. Es zeigte sich
-bald, daß die Wärmeerzeugung mit den Strahlen zusammenhängt, die
-das Radium fortwährend aussendet. Wenn man die Radiumstrahlen dem
-Einfluß eines kräftigen Elektromagneten unterwirft, so findet man,
-daß es drei Arten von Strahlen sind, die von dem geheimnisvollen
-Stoff ausgehen. Die nebenstehende Abb. 17 soll diese Erscheinung
-darstellen. Das Radium sei in einem Bleiblock eingeschlossen, der die
-Strahlen nur nach einer Richtung austreten läßt; ein Elektromagnet sei
-so angebracht, daß sein Nordpol vor der Ebene des Papiers zu denken
-ist, der Südpol hinter ihr. Erzeugt man nun durch Einschalten des
-Stroms ein elektromagnetisches Feld, so trennen sich die verschiedenen
-Strahlenarten, die zuerst einheitlich in gleicher Richtung austreten.
-Nach links werden die sogenannten α-Strahlen abgelenkt; diese Art der
-Ablenkung beweist für sie eine positive elektrische Ladung. Sie führen
-wohl den größten Teil der gesamten Strahlungsenergie mit, haben aber
-die geringste Durchdringungskraft; in der Luft vermögen sie nur 3-7 cm
-weit vorzudringen. Anders verhalten sich die β-Strahlen, die sehr
-stark nach rechts abgelenkt werden und dadurch ihre negativ elektrische
-Ladung erkennen lassen. Gar nicht vom Elektromagneten beeinflußt werden
-die γ-Strahlen, die auf größere Entfernung hin wirken wie die anderen
-Strahlenarten und in ihren wesentlichen Eigenschaften durchaus den
-Röntgenstrahlen entsprechen.
-
-Eine Reihe von hervorragenden Physikern und Chemikern warf sich
-auf die Erforschung dieser neuen, eine vollständige Umwälzung alter
-Anschauungen versprechenden Erscheinungen. Es war noch jene Zeit, in
-der die Wissenschaft international war, und wo deutsche, englische
-und französische Forscher von Monat zu Monat durch neue Entdeckungen
-sich gegenseitig weiterhalfen. So zeigte sich bald, daß in jedem Raum,
-in dem Radium sich befand, nach einiger Zeit auch die Luft und die
-Wände Strahlen aussandten, daß auch sie „radioaktiv“ wurden. Leitete
-man die aktiv gewordene Luft vom Radium fort, so sank allerdings die
-Strahlung nach einiger Zeit beträchtlich, um schließlich nach einigen
-Wochen oder Monaten zu verschwinden. Die Erscheinung wies darauf
-hin, daß die Aktivität der Luft von einem Gas herrühre, das aus dem
-Radium entstanden sei. Diese Annahme erwies sich tatsächlich als
-richtig; es konnte nachgewiesen werden, daß sich aus dem Radium ein
-Gas, die Radium-Emanation bildet, das seinerseits wieder radioaktive
-Eigenschaften aufweist, dessen Strahlung aber schon in wenigen Tagen
-ganz beträchtlich in ihrer Wirksamkeit sinkt. Das rührt daher, daß die
-Radium-Emanation verschwindet und an ihrer Stelle ein anderer fester
-Stoff, das Radium A, entsteht. Aber auch dieser Stoff bleibt nicht
-bestehen; nacheinander bilden sich noch eine ganze Reihe von Stoffen,
-bis die Entwicklung in einem Stoff Radium G ihr Ende findet. Die
-Vorgänge können nur so verstanden werden, daß sich jeder Stoff unter
-ganz bestimmten Strahlungserscheinungen in den nächsten umwandelt;
-die ganze Umwandlungsreihe, die sich so ergibt, wird durch Abb. 18
-dargestellt. Dabei stellte sich weiterhin heraus, daß bei diesen
-Umwandlungen auch Helium entsteht, ein Gas, das vor seiner Entdeckung
-auf der Erde schon durch seine Linien im Sonnenspektrum bekannt war und
-daher seinen Namen erhalten hat.
-
-Wie sollten nun alle diese rätselhaften Erscheinungen gedeutet werden?
-
- [Illustration: Abb. 18. Zerfallsreihe des Radiums.]
-
-Die Erklärung geschah durch die ~Theorie vom Zerfall der radioaktiven
-Elemente~, die 1902 von ~Rutherford~ und ~Soddy~ begründet wurde und
-die sich seither in jeder Beziehung bewährt hat. Sie hängt eng zusammen
-mit der Atomtheorie, die in den beiden letzten Jahrzehnten zu einem
-vollständig gesicherten Besitz der Wissenschaft geworden ist. Wir
-haben in den Atomen unendlich kleine Bausteine der Materie vor uns;
-der Forscher vermag sie genau zu zählen und ihre Größe zu bestimmen;
-ihr verschiedenartiger Aufbau bedingt das Wesen und die Eigenschaften
-der uns bekannten chemischen Grundstoffe oder Elemente. Nun lehrt die
-Zerfallstheorie, daß in den Atomen der radioaktiven Elemente gewaltige
-Spannungen bestehen, die zu einem explosionsartigen, von rätselhaften
-Strahlungserscheinungen begleiteten Zerfall führen können. Damit ist
-auch erklärt, woher die andauernde Energieabgabe des Radiums stammt:
-Ein Atom müssen wir uns mit geradezu gewaltigen Energiemengen geladen
-denken; beim Zerfall des Atoms wird, ähnlich wie bei der Explosion
-eines Sprengstoffs, ein Teil dieser Energie frei.
-
-Die Untersuchung der Atomgewichte ergab weiterhin, daß es sich um
-ein richtiges Auseinanderfallen der Atome in verschiedene Bruchstücke
-handelt. Für das Radium (Abkürzung Ra) wurde ein Atomgewicht von 226
-bestimmt; das heißt, das Radiumatom ist 226 mal so schwer wie das
-leichteste bekannte Atom, das Wasserstoffatom. Radium-Emanation hat ein
-Atomgewicht von 222, Radium A von 218, Radium B und C von 214, Radium
-D, E und F (Polonium) von 210 und Radium G von 206. Die Atome verlieren
-also bei ihrem Zerfall Teile ihrer Masse, und es zeigt sich, daß
-regelmäßig die α-Strahlung eines Radioelements eine Verminderung des
-Atomgewichts um 4 hervorbringt; das Atomgewicht des neu entstandenen
-Stoffes ist um 4 geringer wie desjenigen, der die α-Strahlen aussandte.
-Der Zusammenhang gab sich durch die Entdeckung, daß die ~α-Strahlen~
-nichts anderes sind als ~positiv elektrisch geladene Heliumatome~.
-Helium besitzt das Atomgewicht 4; das Sinken der Atomgewichte in
-der Zerfallsreihe erklärt sich also daraus, daß beim Atomzerfall
-Heliumatome explosiv fortgeschleudert werden.
-
-Die Umwandlung chemischer Grundstoffe ineinander war damit zur
-wissenschaftlichen Tatsache geworden. Das Radium wandelt sich über
-verschiedene Zwischenstufen hinweg unter Abspaltung von Heliumatomen in
-das Endprodukt Radium G um. Das bedeutete für die gesamte Chemie eine
-ungeheure Umwälzung; es war damit bewiesen, daß die chemischen Elemente
-nicht unter allen Umständen unveränderlich sind, sondern daß sie sich
-zum Teil in andere umwandeln können. Der Traum der Alchimisten des
-Mittelalters, welche die chemischen Grundstoffe ineinander verwandeln
-wollten, war damit in gewissem Sinne zur Wirklichkeit geworden.
-
-Nach diesen ersten grundlegenden Entdeckungen galt es nun, den Zerfall
-bei den einzelnen Radioelementen in seinem zeitlichen Verlauf genau
-zu untersuchen. Schon bald hatte es sich nämlich gezeigt, daß sich die
-verschiedenen Stoffe mit ganz verschiedener Geschwindigkeit umwandeln.
-Das Grundgesetz, nach dem der Zerfall vor sich geht, ist jedoch
-bei allen Umwandlungen gleich; die Abb. 19 soll es zunächst für die
-Radium-Emanation veranschaulichen.
-
-Sind zu einem gewissen Zeitpunkt eine bestimmte Anzahl (n) Atome
-Radium-Emanation vorhanden, so existieren nach einer gewissen Zeit (t =
-3,85 Tage) nur noch die Hälfte der Atome (n/2), nach der doppelten Zeit
-(2 t = 7,70 Tage) nur noch die Hälfte von diesem, also n/4 Atome, nach
-der dreifachen Zeit (3 t) nur noch n/8 Atome. Im Verlauf der Zeit von
-3,85 Tagen, der „~Halbwertszeit~“, sinkt die Zahl der Atome regelmäßig
-durch Zerfall auf die Hälfte; sie wird infolgedessen immer geringer
-werden, das gänzliche Verschwinden tritt aber erst nach ungeheuer
-langer Zeit ein.[6]
-
- [6] Würde der Zerfall der Emanation gleichmäßig mit
- derselben Zahl von Atomen weitergehen, wie er zu Beginn
- der Untersuchung einsetzt, so wäre schon nach 5,54
- Tagen nichts mehr vorhanden. Diese Zahl nennt man die
- „~mittlere Lebensdauer~“ der Radium-Emanation; sie steht
- in einem genau berechenbaren mathematischen Verhältnis
- zur Halbwertszeit und ist das 1,44fache von dieser. In
- der bildlichen Darstellung der Zerfallskurve muß dieser
- gleichbleibende Zerfall durch die Berührungsgerade
- (Tangente) dargestellt werden, die im Beginn der Kurve
- an sie gelegt wird; sie trifft die Gerade im Punkt
- 1,44 t. Während die Kurve des tatsächlichen Zerfalls in
- ihrem Gefälle ständig abnimmt und sich der Geraden immer
- mehr anschmiegt, ohne sie ganz zu erreichen, behält
- die Tangente ihr Gefälle, welches im Beginn zugleich
- dasjenige der Zerfallskurve ist, gleichmäßig bei; sie ist
- daher schon nach der Zeit 1,44 t auf Null angelangt.
-
- [Illustration: Abb. 19. Zerfallskurve radioaktiver Elemente.]
-
-Merkwürdig und bezeichnend ist nun, daß jedes Element seine besondere
-Zerfallsgeschwindigkeit besitzt. Während die Radium-Emanation nach 3,85
-Tagen zur Hälfte zerfallen ist, tritt dieser Fall beim Radium selbst
-nach 1600 Jahren ein, beim Radium A dagegen schon nach 3 Minuten. Wenn
-der Wert für t in Abb. 20 für jedes strahlende Element von anderer
-Größe gedacht wird, so vermag also die Kurve den Zerfall von jedem
-dieser Elemente zu veranschaulichen.
-
-Wir wollen versuchen, das Wesen des Zerfallgesetzes, das im Grunde
-genommen ein Wahrscheinlichkeitsgesetz ist, durch einen Vergleich noch
-anschaulicher zu machen: Ein Regiment zieht ins Feld und verliert hier
-in jedem Monat die Hälfte seiner Mannschaften, ohne zunächst wieder
-aufgefüllt zu werden. Es wird dann nach einem Monat noch die Hälfte,
-nach 2 Monaten noch ¼, nach 3 Monaten noch ⅛, nach 6 Monaten
-noch 1/64 der ursprünglich ins Feld gerückten Mannschaft vorhanden
-sein. Die Wahrscheinlichkeit, daß Soldaten durch Tod, Krankheit oder
-Gefangennahme ausscheiden, ist bei diesem Regiment so groß, daß
-jeden Monat die Hälfte der Mannschaften davon getroffen wird, die
-„Halbwertszeit“ des Regiments wäre ein Monat. Ein anderes Regiment,
-das an weniger gefährdeter Stelle steht, verliert erst in 3 Monaten
-die Hälfte seiner Leute; es hat also nach 6 Monaten noch ¼, nach
-einem Jahr noch 1/16 der ursprünglichen Mannschaft. Seine Halbwertszeit
-ist drei Monate; sie ist größer als die des ersten Regiments, weil
-die Wahrscheinlichkeit des Ausscheidens seiner Soldaten geringer ist.
-Der Vergleich mit dem Zerfall der verschiedenen Radioelemente ergibt
-sich ohne weiteres. Die Atome des einen Elements sind in ihrem inneren
-Bau noch verhältnismäßig beständig, so daß es viele Jahre oder gar
-Jahrtausende dauert, bis die Hälfte der Atome zerfallen ist; bei andern
-führen die Spannungen im inneren Bau so häufig zu Explosionen, daß
-schon nach wenigen Tagen die Hälfte verschwunden ist. Beim Radium A
-sind die Atome schließlich so unsicher gebaut, daß dieser Fall schon
-nach 3 Minuten eintritt; kaum sind sie aus der vorhergehenden Stufe
-entstanden, so wandeln sie sich schon in die nächste um.
-
-Die Wissenschaft hat eine Reihe von Verfahren ausgearbeitet, um
-die Zerfallzeit eines Radiumelements zu messen. Am einfachsten
-ist die Aufgabe bei einem Element mittlerer Zerfallsdauer wie der
-Radium-Emanation zu lösen. Mit feinen Elektrometern wird das Maß der
-Strahlung in bestimmten Zwischenräumen untersucht und genau bestimmt,
-wann es auf die Hälfte, ein Viertel, ein Achtel des ursprünglichen
-Werts gesunken ist. Bei Elementen mit längerer Lebensdauer wie dem
-Radium selbst wird die Menge des in einer bestimmten Zeit von ihm
-erzeugten neuen Stoffs gemessen und daraus berechnet, wann es sich
-bei gleich bleibendem Zerfall erschöpfen würde. Unter Umständen kann
-bei ganz geringen Mengen strahlender Substanz, deren Menge und damit
-deren Atomzahl bekannt ist, unmittelbar die Zahl der abgeschleuderten
-α-Teilchen einzeln gezählt werden; die Wissenschaft ist mit der
-Verfeinerung ihrer Apparate bereits so weit vorgeschritten, daß sie die
-Wirkung eines einzigen Atoms nachweisen kann.
-
-Es ist also daran festzuhalten, daß die Zerfallserscheinungen von einer
-Unbeständigkeit im inneren Bau des Atoms herrühren, daß die Gefahr
-des Zerspringens für verschiedene Radiumelemente zwar verschieden,
-für ein- und dasselbe immer gleich ist. Die Zerfallsgeschwindigkeit
-eines Radioelements, ausgedrückt in den Begriffen „Halbwertszeit“
-und „mittlere Lebensdauer“, bedeutet eine seiner bezeichnendsten
-Eigenschaften. Der Zerfall geht mit einer solchen inneren Notwendigkeit
-vor sich, daß seine Geschwindigkeit durch keinerlei äußere Einwirkungen
-auch nur im geringsten verändert werden kann. Man hat strahlende
-Substanzen einem Druck von 24400 Atmosphären ausgesetzt, den Einfluß
-von Temperaturen von -240° bis zu 2500° untersucht, die stärksten
-elektrischen und magnetischen Felder auf sie wirken lassen, ohne daß
-sich die Zerfallsgeschwindigkeit auch nur im mindesten verringert
-oder vermehrt hätte. Das bedeutet ganz andere Verhältnisse wie beim
-Zerfall von chemischen Verbindungen, bei dem der Einfluß der Druck- und
-Temperaturverhältnisse eine außerordentlich große Rolle spielt. Während
-es sich hier darum handelt, daß verschiedene Atome ihre gegenseitige
-Verbindung lösen, liegt beim radioaktiven Zerfall die Ursache tiefer,
-sie ruht im Bau der Atome selber.
-
-Wir haben bis jetzt bei der Untersuchung der merkwürdigen Strahlungs-
-und Umwandlungserscheinungen nur das Radium und seine Folgeprodukte
-ins Auge gefaßt; da es aber, wie sich schon bei seiner Entdeckung
-zeigte, immer nur in gesetzmäßiger Verbindung mit Uran in der Natur
-vorkommt, so drängt sich ganz von selber die Frage auf, ob nicht auch
-ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Uran und Radium besteht. Das
-ist tatsächlich der Fall. Es kann nachgewiesen werden, daß das Radium
-auf dem Weg über einige Zwischenstufen aus dem Uran entsteht. Von
-diesem stammen also alle genannten Elemente ab, sie bilden zusammen
-eine Zerfallsreihe, die ~Uranreihe~. Vom Chemiker Ostwald stammt das
-witzige Wortspiel: „Der Urahn dieser Elemente ist das Uran.“ Uran
-hat mit 238 das höchste bekannte Atomgewicht. Sein Zerfall geht ganz
-außerordentlich langsam vor sich; die Halbwertszeit des Urans beträgt
-5000 Millionen Jahre. Über mehrere Zwischenstufen hinweg, die auch zum
-Teil sehr hohe Halbwertszeiten haben, führt der Zerfall mit dreimaliger
-α-Strahlung, also dreimaligem Verlust von Heliumatomen zum Radium mit
-der Halbwertszeit von 1600 Jahren und von diesem aus in der bekannten
-Weise weiter. Die folgende Tabelle gibt eine Zusammenstellung der
-Glieder der ~Uran-Radiumreihe~ und ihrer wichtigsten Eigenschaften.
-
- +-------------------+----------+-------+---------+-----------------+
- | Name des Elements |chemisches| Atom- |Strahlung| Halbwertszeit |
- | | Symbol |gewicht| | |
- +-------------------+----------+-------+---------+-----------------+
- | Uran I | U | 238,2 | α | 5000·10^6 Jahre |
- | Uran X_{1} | UX_{1} | 234 | β γ | 24 Tage |
- | Uran X_{2} | UX_{2} | 234 | β γ | 1,15 Minuten |
- | Uran II | U II | 234 | α | 2·10^6 Jahre |
- | Jonium | Jo | 230 | α | 100000 Jahre |
- | Radium | Ra | 225,97| α | 1600 Jahre |
- | Radium-Emanat. | Ra Em | 222 | α | 3,85 Tage |
- | Radium A | Ra A | 218 | α | 3 Minuten |
- | Radium B | Ra B | 214 | β | 26,8 Minuten |
- | Radium C | Ra C | 214 | α β | 19,5 Minuten |
- | Radium D | Ra D | 210 | β | 16 Jahre |
- | Radium E | Ra E | 210 | β | 5 Tage |
- | Radium F | Ra F | 210 | α | 136 Tage |
- | (Polonium) | | | | |
- | Radium G | Ra G | 206 | -- | -- |
- | (Radiumblei, | | | | |
- | Uranblei) | | | | |
- +-------------------+----------+-------+---------+-----------------+
-
-Neben dieser Reihe radioaktiver Elemente, die sich vom Uran herleiten,
-gibt es noch eine zweite Reihe, die von dem Element ~Thorium~
-(Atomgewicht 232,15) ausgeht. Mit verschiedenen Zwischenstufen
-führt der Zerfall in ähnlicher Weise wie bei der Uranreihe zu einem
-Endprodukt, das als Thorium D (Atomgewicht 208,0) bezeichnet wird.
-
-Eine überaus wichtige Tatsache haben wir bis jetzt noch übergangen;
-es ist nötig, sie jetzt näher ins Auge zu fassen. Für das Radium
-G, das als Endprodukt der Uranreihe auftritt, ergab sich durch
-genaue Untersuchung, daß es in allen physikalischen und chemischen
-Eigenschaften vollständig mit einem schon längst bekannten Element
-übereinstimmte, nämlich mit dem Blei. Nur in einer Eigenschaft zeigte
-sich ein Unterschied, es besaß ein anderes Atomgewicht. Moderne
-Methoden der Atomgewichtsbestimmung erlauben es, diese Zahl auf das
-allergenaueste festzustellen. Für das gewöhnliche Blei erhielt man
-ein Atomgewicht von 207,2, für Radium G (Uranblei, Radiumblei) ein
-solches von 206,0. Diese letztere Zahl paßte sehr gut zu den übrigen
-Tatsachen des radioaktiven Zerfalls; vom Radium (Atomgewicht 226) führt
-dieser mit einer fünffachen Abspaltung von α-Teilchen, deren jedes ein
-Heliumatom vom Atomgewicht 4 bedeutet, zum Endprodukt Radium G, das
-also nach theoretischer Voraussage ein Atomgewicht von 226 - 5 × 4 =
-206 haben muß. Theoretisch berechnetes und experimentell bestimmtes
-Atomgewicht stimmten also sehr befriedigend überein. Wie nun weiterhin
-das Thorium D genauer untersucht wurde, da zeigte sich, daß auch
-dieser Stoff in jeder Beziehung die Eigenschaften des Bleis besaß,
-nur daß auch sein Atomgewicht von dem des Bleis abwich; für Thorium
-D ergab sich ein solches von 208, also ein höheres als dasjenige des
-normalen Bleis. Nun kannte man also drei verschiedene Bleiarten, die im
-wesentlichen nur durch ihre Atomgewichte voneinander zu unterscheiden
-waren, eine rätselhafte Sache, die großes Kopfzerbrechen hervorrufen
-mußte. Auf Ungenauigkeiten der Bestimmungen konnte der merkwürdige
-Widerspruch nicht zurückgeführt werden, denn die Methoden der
-Atomgewichtsbestimmung sind zu solcher Vollkommenheit geführt worden,
-daß auch noch die zweite Dezimale der Zahl mit ziemlicher Sicherheit
-angegeben werden kann. In den letzten Jahren hat sich aber die Tatsache
-des Vorkommens mehrerer Bleiarten mit verschiedenem Atomgewicht in
-allgemeine Zusammenhänge eingefügt. Es wurde nachgewiesen, daß eine
-Reihe von chemischen Elementen aus zwei oder mehr Stoffen besteht,
-die verschiedenes, dabei ganzzahliges Atomgewicht aufweisen, sich
-im übrigen aber kaum voneinander unterscheiden lassen. Die ~moderne
-Atomtheorie~, die sich in ungeahnter Weise entwickelt hat, hat
-diese Erscheinung auch zu erklären vermocht. Kommende Generationen
-werden das verflossene Vierteljahrhundert ohne Zweifel als eines der
-denkwürdigsten Entdeckungszeitalter in der Wissenschaftsgeschichte
-verzeichnen. Die Atome, die vor 25 Jahren einer strengen Wissenschaft
-noch als vollkommen hypothetisch gelten mußten, haben sich als
-greifbare Wesenheiten entpuppt, die der Forscher zählt und wägt und
-die ihm wundersame Geheimnisse ihres Baus enthüllt haben. Im folgenden
-können nur einige Ergebnisse dieser Forschungen angegeben werden, ohne
-daß eine nähere Begründung möglich wäre.
-
-Ein Atom ist nach modernen Anschauungen ein Planetensystem im Kleinen,
-aufgebaut aus einem Kern mit positiv elektrischer Ladung und einer
-Anzahl kleinster negativer Elektrizitätsteilchen (Elektronen), die
-in kreis- und ellipsenförmigen Bahnen um diesen Kern kreisen. Eine
-merkwürdige und unausdenkbare Vorstellung: Das, was wir Materie
-heißen, löst sich auf in positive und negative Elektrizität und ihre
-Bewegung! Die chemischen Eigenschaften eines Elements hängen ab von
-der Ladung des Kerns und der Zahl der ihn umkreisenden Elektronen,
-sein Atomgewicht von der Zahl der positiven Elektrizitätsteilchen im
-Kern. Das ist nämlich aus folgenden Gründen nicht dasselbe: Im Kern
-stecken positive und negative Elektrizitätsteilchen in verschiedener
-Anzahl; die positiven überwiegen, der Unterschied ergibt die Größe der
-positiven Ladung. Wenn nun aus einem Kern gleichzeitig ein positives
-und ein negatives Teilchen austritt, so bleibt die Ladung gleich,
-die Masse, das Gewicht, wird jedoch vermindert. Zwei solche Arten
-von Atomen werden sich chemisch vollständig gleich verhalten, weil
-die Ladung des Kerns und die Zahl der ihn umkreisenden Elektronen
-gleich ist, sie werden aber verschiedenes Atomgewicht aufweisen.
-Derartige Stoffe nennt die Chemie ~isotope Elemente~,[7] weil ihnen
-im periodischen System der Elemente derselbe Platz zugewiesen werden
-muß. Es hat sich ergeben, daß eine Reihe von Elementen nichts anderes
-darstellt als ein Gemenge verschiedener isotoper Bestandteile. So
-ist z. B. das Gas Neon mit dem Atomgewicht 20,2 ein Gemenge zweier
-isotoper Elemente vom Atomgewicht 20 und 22, von denen das erste 90%,
-das zweite 10% des Gemenges bildet. Durch diese im Feinbau der Materie
-begründete Isotopie wird nun auch für das Rätsel der verschiedenen
-Atomgewichtszahlen von Uranblei, gewöhnlichem Blei und Thoriumblei eine
-Erklärung gegeben: Alle drei Bleiarten haben die gleiche Kernladung und
-die gleiche Zahl von kreisenden Elektronen, jedoch verschiedene Masse.
-Dabei sind Uranblei (Ra G) und Thoriumblei (Th D) zwei einheitliche
-Stoffe mit verschiedenem Atomgewicht, während das gewöhnliche Blei
-wahrscheinlich ein Gemenge gleichbleibender Zusammensetzung aus diesen
-zwei isotopen Bleisorten darstellt.
-
- [7] Von griechisch: _isos_ = gleich, _topos_ = Lage.
-
-Nachdem wir alles dies vorausgenommen haben, vermögen wir den
-ganzen Zerfallsvorgang in seinem zeitlichen Verlauf einheitlich zu
-verstehen und zu erklären. Haben wir ein frisch hergestelltes, reines
-Radiumpräparat vor uns, das frei von allen Beimengungen ist, so
-finden wir, daß die Stärke seiner Strahlung von Tag zu Tag zunimmt,
-um schließlich einen gleichbleibenden Wert zu erreichen. Das hängt
-folgendermaßen zusammen: Das Radium erzeugt zunächst Emanation,
-diese zerfällt ihrerseits wieder und erzeugt die weiteren Elemente
-der Zerfallsreihe bis hinab zum Radium G. Das Präparat ist also
-nach einiger Zeit zu einem Gemenge aller Zerfallsprodukte geworden.
-Da zur Strahlung des Radiums allmählich die Strahlen aller seiner
-Zerfallsprodukte hinzukommen, so nimmt die Gesamtstrahlung immer
-mehr zu; die α-Strahlung steigt zum Schluß bis auf den fünffachen
-Betrag. Wenn sie diesen Betrag erreicht hat, so ist das sogenannte
-„~radioaktive Gleichgewicht~“ eingetreten, das darin besteht, daß von
-der höheren Stufe so viel Atome der nächst niedrigen gebildet werden,
-wie von dieser wieder durch Zerfall verschwinden. Es kann daher von
-den schnell zerfallenden Stoffen jeweils immer nur eine geringe
-Menge vorhanden sein, von den langsamer zerfallenden Stoffen kann
-sich mehr halten, und wenn wir die Sache mathematisch durchdenken,
-so kommen wir zu dem Resultat, daß die Atomzahlen der verschiedenen
-Zerfallsprodukte (mit Ausnahme des Endprodukts) schließlich im
-Verhältnis der Zerfallsgeschwindigkeiten (der Halbwertszeiten) stehen
-müssen. Das hat sich tatsächlich als richtig ergeben, und ganz dasselbe
-ließ sich auch für das Uran feststellen. Ursprünglich chemisch reines
-Uran wird mit der Zeit alle seine Zerfallsprodukte einschließen müssen.
-Da jedoch der Zerfall verschiedener Zwischenprodukte sehr langsam
-vor sich geht, so wird der Gleichgewichtszustand erst nach ungeheuer
-langer Zeit eintreten. Es werden dann alle Zerfallsprodukte bis hinab
-zum Radium G innerhalb des Urans oder eines in der Natur vorkommenden
-Uranminerals im Verhältnis der Zerfallszeiten enthalten sein. Nehmen
-wir an, es sei so viel Uran vorhanden, daß in der Sekunde 1000 seiner
-Atome zerfallen, so muß nach dem Eintritt des Gleichgewichts von
-jedem der Zwischenprodukte so viel vorhanden sein, daß von ihm nach
-seiner eigenen Zerfallsgeschwindigkeit in der Sekunde gleichfalls 1000
-Atome zerfallen. Wäre von einem Zwischenprodukt so viel anwesend, daß
-mehr als 1000 Atome in der Sekunde zerspringen würden, so würde der
-Zerfall seine Menge verringern, und es könnte sich auf die Dauer nur
-so viel von dem Stoff halten, daß die Zahl der von der höheren Stufe
-hinzukommenden Atome der Zahl der zerfallenden entspricht. Da das
-Radium rund 3100000mal so rasch zerfällt wie das Uran, so braucht
-von ihm zur sekundlichen Erzeugung von 1000 Atomexplosionen nur der
-3100000ste Teil der Zahl der Uranatome vorhanden zu sein. Ein Mehr
-würde sich selbst aufzehren, ein Weniger würde sich durch stärkeren
-Zuwachs vom Uran her aufstauen. Tatsächlich hat man in sämtlichen
-Uranerzen und Uranmineralien der ganzen Welt immer und überall einen
-genau gleichbleibenden Gehalt an Radium gefunden: 0,0003 mg auf 1 g
-Uran.
-
-Was aber in jeder Sekunde gleichmäßig zunimmt, weil von ihm aus nichts
-weiter abfließt, das ist das Endprodukt Radium G, das Uranblei. Sekunde
-für Sekunde strömen ihm über alle Zwischenstufen weg ebenso viele Atome
-zu, wie oben beim Uran zerfallen. In einem Uranmineral reichert sich
-auf diese Weise immer mehr das Endprodukt an; je älter es ist, um so
-mehr Uranblei muß es enthalten. ~In dem Bleigehalt eines Uranminerals
-ist somit ein Maß für sein Alter gegeben.~ Das ist das außerordentlich
-wichtige Ergebnis, zu dem uns die bisherigen Überlegungen geführt
-haben. Uran ist allerdings nicht das einzige Endprodukt des Zerfalls.
-Wir dürfen nicht vergessen, daß die bei den verschiedenen Strahlungen
-abgeschleuderten α-Teilchen nichts anderes als elektrisch geladene
-Heliumatome sind, die ihre Ladung abgeben und sich dann nicht weiter
-verändern. Bei den äußeren Partien des Erzes wird wohl das gasförmige
-Helium zum Teil nach außen entweichen können, in der Hauptsache werden
-aber die Heliumatome in dem festen Erz zwischen den andern Atomen
-eingeschlossen bleiben.
-
-Mit diesen Tatsachen der Bildung von Blei und Helium in Uranmineralien
-ist die ~Grundlage einer geologischen Zeitmessung~ gewonnen, die
-hauptsächlich von englischen und amerikanischen Forschern (~Boltwood~,
-~Strutt~, ~Holmes~) begründet wurde und deren Prinzip uns durch ein
-Bild noch klarer werden soll (Abb. 20). Wir denken uns einen großen mit
-Wasser gefüllten Behälter, aus dem in der Zeiteinheit eine bestimmte
-Menge ausfließt. Das Wasser fließt über eine Anzahl verschieden großer
-Schalen weg. Jede Schale ist gefüllt, aber jede, ob klein oder groß,
-spendet der nächsten dieselbe Wassermenge; soviel oben ausfließt,
-fließt unten einem Sammelbecken zu, dessen Wassermenge sich dadurch
-ständig vermehrt. Je kleiner eine der Zwischenschalen ist, um so
-weniger Zeit braucht das Wasser, um sie zu durchlaufen. Umgekehrt
-gefaßt: wenn bekannt ist, daß eine dieser Schalen in ganz kurzer Zeit
-ohne Zufluß entleert würde, so kann daraus geschlossen werden, daß sie
-sehr klein sein muß. Größe und Entleerungszeit der Schalen stehen also
-in gesetzmäßigem Verhältnis zueinander.
-
-Der Vergleich springt ohne weiteres in die Augen. Der oberste Behälter
-soll das Uran bedeuten, die verschiedenen Zwischenschalen die mittleren
-Stufen des Zerfalls, von denen jede ebensoviel Atome zu gleicher
-Zeit empfängt wie sie weiter gibt. Schließlich bedeutet der Inhalt
-des letzten Behälters das Endprodukt Uranblei, das sich in seiner
-Menge ständig vermehrt. Die Heliumatome springen bei jedem Sturz in
-die nächst tiefere Schale gesondert für sich ab. Das Verhältnis von
-Größe und Entleerungszeit einer Schale entspricht dem Verhältnis von
-prozentualer Menge und Zerfallszeit der radioaktiven Zwischenprodukte.
-Je länger der Vorgang sich abspielt, um so mehr sammelt sich unten
-an. An der Menge des entstandenen Uranbleis messe ich die verflossene
-Zeit wie in meinem künstlichen Wasserwerk an der durchgelaufenen
-Wassermenge.
-
-In einem Punkt vermag sich unser Modell allerdings nicht ganz der
-Wirklichkeit anzupassen. Von dem Ausgangsmaterial Uran zerfallen
-allmählich nach dem uns bekannten Gesetz in der Zeiteinheit immer
-weniger Atome. Wenn die Ausgangsmenge des Urans geringer wird, so muß
-sich auch allmählich die Zahl der zerfallenden Atome und die Menge der
-Zwischenprodukte verringern. In unserm Modell müßte sich das in der
-Weise geltend machen, daß mit der Abnahme der Wassermenge im obersten
-Behälter auch der Strahl schwächer werden, und entsprechend die Größe
-der Zwischenschalen sich verringern sollte. Das letzte Sammelbecken
-bliebe jedoch unverändert. Doch müssen wir uns klar machen, daß die
-Abnahme des Urans so unendlich langsam vor sich geht, daß der Zerfall
-für die ersten 500 Millionen Jahre ohne großen Fehler als gleichmäßig
-angenommen werden kann.
-
-Das Modell, das wir uns ausgedacht haben, ergab das Bild eines
-reichen und kunstvollen Wasserwerks, aus dem aber das Prinzip doch
-klar herausleuchtet. Daß die Berechnung, die wir auf diese Weise
-ausführen, das denkbar schönste Beispiel für eine Zeitmessung nach
-dem Prinzip der Wasseruhr ist, das ist ja schon längst klar geworden.
-Eines steht jedoch noch aus: die mathematische Berechnung des Gangs
-der geologisch-mineralogischen Uranuhr. Es ist nur nötig, in einem
-Uranmineral die Menge des Urans und des durch den Zerfall gebildeten
-Uranbleis zu bestimmen, um die seit seiner Bildung verstrichene Zeit
-berechnen zu können.[8] Die Grundlagen hierzu sind folgende: 1 g Uran
-bildet in einem Jahr 1/7900000000 g Radioblei. Diese Zahl folgt aus der
-mittleren Lebensdauer des Uran, die durch genaue Einzeluntersuchungen
-bestimmt wurde. 100g Uran bilden also jährlich 1/79000000 g Radioblei,
-d. h. es sind 79000000 Jahre nötig, bis 100 g Uran 1 g oder 1% Uranblei
-gebildet haben. Das Alter eines Uranminerals wird also gefunden, indem
-die Zahl von 79000000 Jahren mit dem auf die erzeugende Uranmenge[9]
-bezogenen Prozentgehalt an Blei multipliziert wird.
-
- [8] Die nachstehende Berechnung ist nur angenähert richtig;
- die exakte Berechnung würde höhere Mathematik erfordern.
-
- [9] Die „erzeugende“ Uranmenge wird als Durchschnitt zwischen
- der ursprünglich und zum Schluß vorhandenen Uranmenge
- berechnet.
-
- [Illustration: Abb. 20. Die Uranuhr.
-
- Die Zwischenprodukte mit gleichem Atomgewicht wurden
- der Vereinfachung halber zusammengefaßt. Die Größe der
- Zwischenschalen mußte, um sie überhaupt darstellen zu
- können, stark übertrieben werden.]
-
-Auf ganz ähnliche Weise kann aus der gebildeten Menge Helium das
-Alter des Minerals berechnet werden. Es stehen dem Forscher also
-zwei Wege zur Altersbestimmung zur Verfügung: die ~Blei- und die
-Heliummethode~.[10]
-
- [10] Auf vollständig dieselbe Weise kann aus den Tatsachen
- des Zerfalls in der Thoriumreihe das Alter eines
- Thoriumminerals durch Bestimmung seines Gehalts an
- Thorium und Thoriumblei (Th D) oder Helium berechnet
- werden.
-
-Die wissenschaftlichen Grundlagen der Altersbestimmung radioaktiver
-Mineralien haben wir damit kennen gelernt. Es ist jedoch noch nötig,
-die Möglichkeiten ihrer ~praktischen Anwendung~ zu überlegen.
-Wir können mit der neuen Methode nur das ~Alter von Uran- und
-Thoriummineralien~ bestimmen. Die bekannten Uranmineralien kommen in
-der Hauptsache in ehemals feuerflüssigen Gesteinen vor. Als ein solches
-Gestein einst als glutflüssiger Brei aus dem Erdinnern hervorbrach,
-enthielt es noch keine einzelnen Mineralien; alle Stoffe waren vielmehr
-gleichmäßig verteilt in dem Gesteinsbrei enthalten. Als das Gestein
-dann allmählich erkaltete, da fingen die verschiedenen Stoffe an, sich
-zusammenzufinden und auszukristallisieren. Die uranhaltigen Mineralien
-gehörten zu den ersten, die sich aus dem Gesteinsbrei ausschieden.
-Besonders schöne und große derartige Mineralien findet man auch in den
-sogenannten pegmatitischen Gängen, deren Stoffe sich der Geologe durch
-glühende, aus einem feuerflüssigen Herd entbundene Gase in Spalten des
-bereits erkaltenden Gesteins hergetragen denkt.
-
-Es kann als so gut wie sicher angenommen werden, daß das Uran bei
-der Ausscheidung aus dem feuerflüssigen Gesteinsbrei in chemisch
-reiner Form, also ohne Zerfallsprodukte, in den Aufbau des Minerals
-eingetreten ist. Die Anforderungen, die der Forscher an die auf
-ihr Alter zu untersuchenden Uranmineralien stellen muß, sind
-außerordentlich hohe: Für die Untersuchungen sollten möglichst große
-und reine Stücke genommen werden, die dabei vollständig frisch und
-unverändert sein müssen. Es könnte sonst sein, daß durch zerstörende
-oder umwandelnde Einflüsse der eine oder andere wichtige Stoff
-fortgeführt worden wäre, so daß ein irreführendes Ergebnis die Folge
-sein müßte. Haben sich nun Mineralien gefunden, die allen Anforderungen
-entsprechen, so wird nach den Regeln der chemischen Scheidekunst der
-Gehalt des Minerals an Uran und an Blei bestimmt; daraus kann das
-Verhältnis der beiden Elemente berechnet werden, und aus dem Gehalt
-an Blei in Prozenten der vorhandenen Uranmenge folgt ohne weiteres das
-Alter des Minerals, dessen Entstehung mit dem Ausbruch des vulkanischen
-Gesteins, in dem es enthalten ist, nahe übereinstimmt. Damit ist die
-Untersuchung aber noch nicht zu Ende. Es muß festgestellt werden,
-ob das in dem Mineral enthaltene Blei tatsächlich reines Uranblei
-ist. Es könnte ja sein, daß schon bei der Entstehung des Minerals
-auch gewöhnliches Blei sich am Aufbau beteiligt hätte, oder daß das
-Uranmineral noch Thorium enthalten würde; in diesem Fall wäre in dem
-erhaltenen Blei auch das Endprodukt der Thoriumreihe, Thoriumblei,
-enthalten. Hierüber kann nur eine Atomgewichtsbestimmung von höchster
-Genauigkeit Aufschluß geben. Stellt sich durch sie heraus, daß das
-Atomgewicht des erhaltenen Bleis 206 beträgt, so hat damit der Forscher
-den unwiderleglichen Beweis, daß reines Uranblei vorliegt. Wir sehen
-hieraus, daß die Unterscheidung der verschiedenen isotopen Bleiarten
-von außerordentlich großer praktischer Bedeutung für die ganze Methode
-ist. Ohne diese Möglichkeit käme man niemals über die Unsicherheit
-hinweg, ob nicht am Ende eine Verunreinigung des Uranminerals durch
-gewöhnliches Blei oder Thoriumblei das Ergebnis verfälscht habe.
-
-Eine solche Gefahr besteht zwar bei der ~Heliummethode~ nicht, dafür
-tritt aber bei ihr eine andere Schwierigkeit auf. Es ist für sie ganz
-besonders wichtig, möglichst frische Mineralien zur Untersuchung
-zu bekommen, weil das gasförmige Helium wohl zunächst im Innern
-des Kristalls festgehalten wird, bei der Verwitterung aber rasch
-entweicht. Das Mineral wird bei der Untersuchung aufgelöst; dabei
-muß das gasförmige Helium aufgefangen und seine Menge ganz genau
-bestimmt werden. Es ist nun ohne weiteres verständlich, daß bei diesen
-Vorgängen ein großer Teil des Heliums verloren gehen kann, daß also für
-gewöhnlich die Menge des gefundenen Heliums viel zu gering ist und die
-daraus errechneten Alterszahlen zu niedrig ausfallen müssen.
-
-Ehe wir die Ergebnisse solcher Altersbestimmungen kennenlernen
-wollen, müssen wir uns aber zuerst noch darüber klar werden, was
-wir von ihnen auf alle Fälle verlangen müssen. Die neue Methode muß
-zeigen, daß sie auch vor einer strengen Kritik bestehen kann. Ihre
-unmittelbare Nachprüfung, die sich auf Millionen von Jahren erstrecken
-müßte, ist nun allerdings nicht möglich, und so muß sie in erster
-Linie durch die innere Folgerichtigkeit und Widerspruchslosigkeit
-ihrer Ergebnisse für sich sprechen. Wir müssen zuerst von den zu
-erhaltenden Alterszahlen verlangen, daß sie sich dem Altersrahmen,
-den wir aus den früher besprochenen geologischen Methoden gewonnen
-haben, ohne Zwang einfügen. Wenn wir z. B. für ein Gestein, das
-nach der geologischen Altersbestimmung im Kambrium ausgebrochen und
-erstarrt ist, nach der Uranmethode ein Alter von 10 Millionen Jahren
-finden würden, so müßten wir von vornherein die schwersten Zweifel
-gegen die Richtigkeit der Methode hegen, ebenso aber, wenn wir für
-ein Gestein aus dem Miozän etwa 100 Mill. Jahre erhalten sollten.
-Wir sind bei der Aufstellung der Rahmenzahlen mit größter Vorsicht
-vorgegangen, wir können dafür aber auch als sicher annehmen, daß die
-richtige Zahl innerhalb dieses Rahmens liegen muß. Weiter muß von den
-radioaktiven Methoden der Altersbestimmung verlangt werden, daß ihre
-Ergebnisse mit dem sicher festgelegten, relativen Alter der Gesteine
-übereinstimmen. Es darf also nicht sein, daß sich für ein zweifellos
-karbonisches Gestein ein höheres Alter ergibt wie für ein solches, das
-nach seiner Lagerung in die präkambrische Zeit versetzt werden muß. Der
-Prozentgehalt an Blei muß also mit dem relativen geologischen Alter der
-Muttergesteine zunehmen. Schließlich muß sich bei Altersbestimmungen
-von verschiedenen Mineralien aus ein und demselben Gestein, also
-etwa aus einem einheitlichen Granitstock, für alle dasselbe Alter
-ergeben, ihr Prozentgehalt an Blei muß derselbe sein. Würde man bei
-einer Untersuchung für ein Mineral das doppelte Alter errechnen wie
-für ein anderes, so wäre wiederum unser Glaube an die Methode schwer
-erschüttert. Mit diesen Gesichtspunkten wollen wir überlegend an die
-~Ergebnisse der Altersbestimmungen nach der Bleimethode~ herantreten,
-die in der nachfolgenden Tabelle nach ~Lawson~ und ~Holmes~
-zusammengestellt sind.
-
- +-----+---------+-------------+---------------+----------------------+
- | G | | | | |
- | r | | | Gehalt an | Mittleres Alter |
- | u | Mineral | Fundort | Blei in % des | in Millionen Jahren |
- | p | | | erzeugenden |und geologische Epoche|
- | p | | | Urans | |
- | e | | | | |
- +-----+---------+-------------+------+--------+----------------------+
- | 1. |Uraninit | | 4,1 | | |
- | | „ | Glastonbury | 4,3 | Mittel | Karbon |
- | | „ | Connecticut | 4,0 | 4,1% | 320 Mill. Jahre |
- | | „ | USA. | 4,2 | | |
- | | „ | | 4,0 | | |
- | | | | | | |
- | 2. |Uraninit | |5,1*) | |Zwischen Kambrium und |
- | | „ | Nord- |5,5*) | | Tertiär, jedenfalls |
- | | „ | Karolina |4,9*) | Mittel | auch Karbon (wie 1) |
- | | „ | USA. | 4,6 | 4,8% | 370 (260) Mill. Jahre|
- | | Zirkon | | 4,7 | | *) Atomgewicht |
- | | „ | | 4,2 | | des Bleis 206,4 |
- | | | | | | |
- | 3. | Zirkon | | 4,0 | | |
- | | „ | Brevig | 4,6 | Mittel | Mitteldevon |
- | |Pyrochlor| (Norwegen) | 4,8 | 4,4% | 340 Mill. Jahre |
- | | Biotit | | 4,4 | | |
- | | Zirkon | | 4,1 | | |
- | | | | | | |
- | 4. |Uraninit | | 5,2 | | |
- | | „ | Branchville | 5,1 | Mittel | Untersilur |
- | | „ | Connecticut | 5,2 | 5,1% | (Ordovician) |
- | | „ | USA. | 5,1 | | 400 Mill. Jahre |
- | | | | | | |
- | 5. | Uranin. |Geg. v. Moos |9 Analysen mit | Mittel-Präkambrium |
- | | u. | (südl. |einem Bleigeh. | 1000 Mill. Jahre |
- | |Bröggerit| Norwegen) |v. 12-14%; | Atomgewicht |
- | | | | Mitt. 13% | des Bleis 206,06 |
- | | | | | | |
- | 6. |Uraninit | | 17 | | Mittel-Präkambrium |
- | | „ | Arendal | 18 | Mittel | 1300 Mill. Jahre |
- | | „ | (Norwegen) | 18 | 18% | *) Atomgewicht |
- | | Cleveit | | 19*) | | des Bleis 206,08 |
- | | | | | | |
- | 7. |Uraninit | Villeneuve | 17 | | Mittel-Präkambrium |
- | | | (Kanada) | | | 1200 Mill. Jahre |
- | | | | | | |
- | | | | | | Geologisches Alter |
- | 8. |Uraninit | Morogoro | 9,4 | Mittel | unbestimmt |
- | | „ |D.-Ostafrika | 9,2*)| 9,3% | 700 Mill. Jahre |
- | | | | | | *) Atomgewicht |
- | | | | | | des Bleis 206,05 |
- | | | | | | |
- | | | | | | |
- | 9. | Zirkon |Portugiesisch| 17 | Mittel | |
- | | „ | Ostafrika | 15 | 15% | 1100 Mill. Jahre |
- | | Biotit | Mozambique | 14 | | |
- | | | | | | |
- | | | | | | Von den ältesten |
- | 10. | Zirkon | Mozambique | 21 | | gneisähnlichen |
- | | | | | | Graniten |
- | | | | | | 1500 Mill. Jahre |
- +-----+---------+-------------+------+--------+----------------------+
-
-Die Mineralien der ersten Gruppe kommen in einem Granit vor, der
-nach der geologischen Altersbestimmung im Karbon aufgedrungen ist.
-Das Verhältnis von Blei und Uran stimmt bei allen untersuchten
-Mineralien in sehr befriedigender Weise überein; leider wurde keine
-Atomgewichtsbestimmung des Bleis ausgeführt, so daß das Alter von 320
-Millionen Jahren nicht als ganz gesichert gelten kann.
-
-Der Granit, in dem die Mineralien der zweiten Gruppe vorkommen,
-gehört jedenfalls auch der Karbonformation an. Der Mittelwert des
-Bleigehalts ergibt ein Alter von 370 Millionen Jahren. Da aber das
-Atomgewicht zu 206,4 bestimmt wurde, so ist anzunehmen, daß nur 70% der
-Gesamtbleimenge radioaktiven Ursprungs sind. Wird das berücksichtigt,
-so ergibt sich das Alter zu 260 Millionen Jahren.
-
-Bei der dritten Gruppe handelt es sich um Mineralien aus Gesteinen
-von mitteldevonischem Alter der Umgegend von Kristiania. Der etwas
-wechselnde Bleigehalt läßt auf nachträgliche Veränderungen der
-Mineralien schließen; sein Mittelwert ergibt ein Alter von 340
-Millionen Jahren.
-
-Die Mineralien der 4. Gruppe stammen aus einem Gestein vom Alter des
-Untersilurs (nach nordamerikanischer Bezeichnung Ordovician). Der
-Bleigehalt bleibt in allen Analysen sehr befriedigend derselbe. Die
-Alterszahl von 400 Millionen Jahren erscheint in ihrem Verhältnis zu
-den Ergebnissen der 1.-3. Gruppe als sehr wahrscheinlich.
-
-Die Analysen und Alterszahlen der Gruppe 5 dürfen als außerordentlich
-zuverlässig gelten: Bei neun Analysen schwankt der Bleigehalt nur
-zwischen 12 und 14%. Die Atomgewichtsbestimmung des Bleis (206,06)
-bedeutet den sicheren Beweis, daß es sich um reines Uranblei handelt.
-
-Die Mineralien der Gruppe 6 stammen aus einem anderen Granitmassiv
-Norwegens; der Altersunterschied gegenüber 5 findet dadurch seine
-Erklärung. Die Untersuchung eines Uranminerals aus dem mittleren
-Präkambrium Nordamerikas (6) ergibt bezeichnenderweise dasselbe Alter,
-wie es für das Mittelpräkambrium Norwegens gefunden wurde.
-
-Leider läßt sich das relative geologische Alter der in Gruppe 8 bis 10
-aufgeführten ostafrikanischen Gesteine nicht mit Sicherheit angeben;
-die Analyse der deutsch-ostafrikanischen Mineralien läßt jedoch infolge
-des gleichbleibenden Gehalts an Blei vom Atomgewicht 206 die errechnete
-Alterszahl als sehr zuverlässig erscheinen.
-
-Diesen Ergebnissen der Bleimethode seien in der folgenden
-Zusammenstellung die der ~Heliummethode~ gegenübergestellt; wo
-gleichzeitig für ein Mineral die Bestimmung nach beiden Methoden
-vorliegt, ist das Ergebnis der Bleimethode in Klammern beigesetzt.
-
- +-------------------+---------+-----------+----------+-------------+
- | Geologische | Mineral | Fundort | ccm He | Alter in |
- | Zeit | | | auf 1 g |Jahrmillionen|
- | | | | Uranoxyd | |
- +-------------------+---------+-----------+----------+-------------+
- | Diluvium | Zirkon | Vesuv | 0,01 | 0,1 |
- | -- | -- | Eifel | 0,09 | 0,96 |
- | Pliozän | -- |Neuseeland | 0,146 | 1,56 |
- | Miozän | -- | Auvergne | 0,57 | 6,1 |
- | Eozän | Hämatit | Irland | 2,38 | 25,5 |
- | Oberkarbon | Limonit | England | 12,8 | 137 (320) |
- | Mitteldevon | Zirkon | Brevig, | 4,31 | 46,1 (340) |
- | | | Norwg. | | |
- | Silur |Thorianit| Ceylon | 22,6 | 242 (500) |
- | Ober-Präkambrium | Zirkon | Ceylon | 25 | 267 (1200) |
- | Unter-Präkambrium | -- | Kanada | 56 | 600 (1500) |
- +-------------------+---------+-----------+----------+-------------+
-
-Die Heliummethode gibt demnach durchweg kleinere Zahlen als die
-Bleimethode, was sich aus den bereits angeführten Tatsachen leicht
-erklärt. Es scheint, daß im allgemeinen nur ungefähr der dritte Teil
-des gebildeten Heliums im Mineral festgehalten bleibt; daher erreichen
-auch die Alterszahlen im Durchschnitt nur ein Drittel der nach der
-Bleimethode bestimmten Zahlen.
-
-Versuchen wir unsere Überlegungen zusammenzufassen, so können
-wir auf alle Fälle sagen: Die Ergebnisse der radioaktiven
-Methode der Altersbestimmung machen durchaus den Eindruck großer
-Zuverlässigkeit. Sie fügen sich zwanglos dem Rahmen ein, den die
-Geologie aufgestellt hat. Die absoluten Alterszahlen stehen mit der
-relativen Altersbestimmung nirgends in Widerspruch. Das gleichbleibende
-Verhältnis von Uran und Blei bei Mineralien desselben Vorkommens zeigt
-deutlich, daß ihm ein bestimmtes Gesetz zugrunde liegt.
-
-So erfüllt tatsächlich die neue Methode alle Anforderungen, die
-an ihre Ergebnisse gestellt werden müssen. Die Grenzen ihrer
-Anwendungsmöglichkeit sollen allerdings auch nicht verschwiegen werden.
-Leider sind die Mineralien, die sie braucht, recht selten und nur in
-vollständig unverwittertem Zustand verwendbar. Mit der radioaktiven
-Methode kann nur das Alter von Uranmineralien, und damit der Zeitpunkt
-des Ausbruchs und der Erstarrung ihres Muttergesteins bestimmt werden.
-Nun ist es oftmals unmöglich, das relative Alter eines solchen Gesteins
-genau festzulegen; es kann von ihm (wie bei 2) unter Umständen nur
-ausgesagt werden, daß es jünger als Kambrium, aber älter als Tertiär
-sein müsse, und das sind sehr weit gezogene Grenzen. In einem solchen
-Fall ist leider auch die schönste Altersbestimmung für die Festlegung
-eines Punktes in der Erdgeschichte verloren. Wenn die Wissenschaft
-in Anwendung der neuen Methode später einmal vollständige Sicherheit
-erlangt hat, so besitzt sie allerdings damit die Möglichkeit, mit
-Hilfe des absoluten Alters eines Gesteins auch die Formation zu
-bestimmen, der es angehören muß. Bedauerlich ist es, daß bis jetzt
-noch keine ganz zuverlässige Altersbestimmung für ein jüngeres
-Gestein, etwa aus der Jura- oder Tertiärzeit, vorliegt. Es fehlen
-eben bis jetzt aus Gesteinen dieser Formationen die zur Untersuchung
-verwendbaren Uranmineralien. Leicht und bequem zu handhaben ist die
-Methode nicht. Die chemische Analyse wäre zwar an sich nicht besonders
-schwierig; sie fordert aber, um zuverlässig zu sein, jedesmal noch eine
-besondere Atomgewichtsbestimmung des Bleis, die in der notwendigen
-Genauigkeit nur von ganz wenigen Spezialforschern ausgeführt werden
-kann. Alles in allem können wir aber sagen, daß die neue Methode der
-Altersbestimmung einen ~ungeheuren Fortschritt~ bedeutet: das rohe
-Schätzen und Extrapolieren haben wir verlassen; wir sind mit ihr in
-den Bezirk exakter physikalisch-chemischer Forschung eingetreten. Ihre
-wissenschaftliche Grundlage, die Zerfallstheorie der radioaktiven
-Elemente, darf schon heute als gesicherter Bestand der Wissenschaft
-gelten, obwohl sich die einzelnen Angaben über Zerfallszeiten bei
-zukünftigen genaueren Bestimmungen noch etwas ändern können. Zwei
-grundlegende Voraussetzungen sind allerdings noch in den Berechnungen
-enthalten: Wir müssen einmal annehmen, daß das Uranmetall rein und
-ohne seine Folgeprodukte bei der Bildung des Minerals in dieses
-eingetreten sei. Das ist eine Annahme, die von der Mineralogie
-überaus wahrscheinlich gemacht wird. Das zweite muß in seiner Art
-bei jedem geologischen Zeitmesser zugrunde gelegt werden. Wir müssen
-voraussetzen, daß die „Uranuhr“, wie wir sie kurz heißen wollen, im
-ganzen Verlauf der geologischen Vorzeit gleich rasch gegangen sei wie
-heute. Wir werden auf diese Frage nochmals zurückkommen.
-
-Mit diesen Altersbestimmungen nach radioaktiver Methode ist ein
-Wunsch in Erfüllung gegangen, den wir zum Schluß des zweiten Kapitels
-ausgesprochen haben: Wir haben durch physikalisch-chemische Messung die
-sichere zeitliche Festlegung mehrerer Punkte in früher geologischer
-Vergangenheit erreicht. Damit ergeben sich ohne weiteres auch
-brauchbare Werte für die dazwischenliegende Zeit. Vom Extrapolieren
-können wir, wie der Mathematiker sagen würde, zum ~Interpolieren~
-übergehen; wir bestimmen den Verlauf der Zeitkurve zwischen zwei
-festen, weit auseinanderliegenden Punkten. Es ist ja nötig, durch eine
-größere Zahl von Altersbestimmungen die Sicherheit der Ergebnisse noch
-zu verstärken; aber es kann gesagt werden, daß auch schon die heute
-vorliegenden Zahlen infolge ihrer Widerspruchslosigkeit einen sehr
-hohen Grad von Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen. Das ist alles,
-was überhaupt erwartet werden kann, sind wir doch Eintagsfliegen,
-denen jedes unmittelbare Herantreten an die Messung geologischer
-Zeiträume immer versagt bleiben wird. Stellen wir die zuverlässigsten
-Zahlen heraus, so sind es die für das Alter des Karbons mit 320
-Millionen Jahren (vielleicht etwas zu hoch), des Untersilurs mit 400
-Millionen Jahren, des Mittel-Präkambriums mit 1000 und 1300 Millionen
-Jahren. Es gilt nun, in diesen Rahmen die übrigen Ereignisse der
-Erdgeschichte schätzungsweise einzufügen, wie der Kartograph nach
-der genauen Festlegung seiner trigonometrischen Punkte das übrige
-in seine Karte einzeichnet. Einer der wichtigsten Punkte ist der
-~Beginn des Kambriums~. Nach den obigen Zeitbestimmungen können wir
-als wahrscheinliche Zahl etwa 500 Millionen Jahre für ihn einsetzen
-(Barrell nimmt 600 Millionen Jahre an). Auf diesen Zeitraum verteilen
-sich die zehn Formationen des Geologen, deren jede etwa 40-80 Millionen
-Jahre zu ihrer Bildung beansprucht haben mag. Für das Tertiär wird ein
-Wert in der Nähe der unteren Grenze anzusetzen sein, ein Ergebnis, das
-unsere frühere Schätzung aufs schönste bestätigt.
-
-Für das ~Präkambrium~, das noch weit über das Kambrium zurückführt,
-muß auf alle Fälle ein Zeitraum angenommen werden, der die Dauer aller
-späteren Epochen um das Mehrfache übersteigt. Alle Gesteine dieser
-Periode sind in ihren Mächtigkeiten verändert, in der stärksten Weise
-umgebildet und zum größten Teil zu kristallinen Schiefern geworden,
-deren Ursprung man kaum mehr zu erkennen vermag. Die Zeitdauer ihrer
-Bildung muß noch weit das Maß übersteigen, das schon ihre ungeheure
-Schichtmächtigkeit erwarten läßt. Tatsächlich ergibt ja die radioaktive
-Methode für das Präkambrium einen Zeitraum von weit über einer
-Milliarde Jahre, wenn die Zeit vom Mittelpräkambrium bis zum Beginn des
-Kambriums allein schon 800 Millionen Jahre beträgt. Daß ganz ungeheure
-Zeiträume dem Präkambrium zugrunde liegen müssen, ergeben vor allem
-auch entwicklungsgeschichtliche Überlegungen. Weist doch die Tierwelt
-des Kambriums Vertreter von außerordentlich hoher Entwicklung auf;
-vom Anfang des Lebens überhaupt bis zu dieser Entwicklungshöhe muß der
-Weg vielmal weiter gewesen sein als vom Beginn des Kambriums bis zur
-Jetztzeit. War er dreimal, war er zehnmal, oder gar hundertmal so weit?
-Niemand vermag es zu sagen. Alle Anhaltspunkte fehlen uns; die Anfänge
-des Lebens sind vielleicht in uralten Schichten des Präkambriums
-begraben, aber ihre Spuren sind bereits vollständig verwischt und
-es ist so gut wie aussichtslos, über sie jemals etwas Bestimmtes zu
-erfahren.
-
-Noch viel unsicherer werden unsere Vermutungen, wenn wir Jahreszahlen
-für noch weiter zurückliegende Entwicklungszustände unserer alten Erde
-finden wollen. Wir haben bereits die Altersbestimmung des Ozeans aus
-seinem Salzgehalt abgelehnt; dasselbe wird mit gewissen physikalischen
-Methoden der Fall sein müssen. Eine große Rolle hat bis vor kurzer
-Zeit der Versuch des englischen Physikers ~Thomson~ (~Lord Kelvin~)
-gespielt, aus der Abkühlung der Erde ihr Alter zu berechnen (1897).
-Von den physikalischen Gesetzen der Wärmestrahlung ausgehend, kam er
-auf das Ergebnis, daß eine Kugel von der Größe und Beschaffenheit der
-Erde zur Abkühlung von einem feuerflüssigen Zustand bis zur heutigen
-Oberflächentemperatur etwa 40 Millionen Jahre nötig habe. Diese Zahl
-hatte von vornherein sehr wenig innere Wahrscheinlichkeit. Es läßt
-sich überzeugend nachweisen, daß im Kambrium keine wesentlich höhere
-Temperatur bestanden haben kann als heute. In dem großen Vorgang der
-Abkühlung könnte daher der Zeitspanne vom Kambrium bis zur Jetztzeit
-nur ein ganz geringer Prozentsatz der 40 Millionen Jahre zufallen,
-und daraus würden sich so geringe Zahlen für die Bildungszeiten der
-einzelnen geologischen Formationen ergeben, daß kein Geologe ihre
-Richtigkeit zugeben könnte. Nun hat sich aber weiterhin im Zusammenhang
-mit der radioaktiven Forschung eine Tatsache ergeben, die allein
-für sich genügt, die Berechnung Thomsons ungültig zu machen. Thomson
-kannte nämlich die Tatsachen des radioaktiven Zerfalls noch nicht und
-konnte daher in seine Wärmerechnung einen überaus wichtigen Aktivposten
-nicht einstellen: den Zuwachs an Wärme, den die Erde durch den Zerfall
-radioaktiver Substanzen andauernd erfährt. Es ist versucht worden,
-die Menge der radioaktiven Stoffe in den uns zugänglichen Teilen der
-Erdrinde zu bestimmen; dabei ergaben sich so erhebliche Mengen, daß
-ihre Wärmeerzeugung beim Zerfall vollständig genügt, um den Verlust
-aufzuheben, den die Erde durch Wärmeausstrahlung erleidet. Ja es
-ist sogar für die Wissenschaft zum Problem geworden, wie es möglich
-sei, daß die Erde nicht dauernd heißer werde! Es müssen besondere
-Annahmen über die Verteilung der radioaktiven Stoffe in größerer
-Tiefe gemacht werden, um die ziemlich gleichbleibende Wärme der
-Erdrinde verständlich zu machen. Wir sehen, dieser eine Umstand genügt
-vollständig, um die Berechnung Thomsons unbrauchbar zu machen. Wir tun
-am besten, mit unsern Versuchen absoluter Altersbestimmungen nicht
-weiter zurückzugehen als bis zu einem Zeitpunkt, den wir noch mit
-erprobten Methoden erfassen können. Die Wissenschaft vermag im heutigen
-Augenblick noch nicht das „Alter der Erde“ schlechthin zu bestimmen.
-Wir wollen bescheidener sein und uns an der Berechnung von Zahlen für
-das Alter des Kambriums oder des Präkambriums genügen lassen.
-
-
-
-
-V. Schlußbetrachtung und Ausblick
-
-
-Drei große Gruppen von Methoden haben uns zu unsern Ergebnissen
-geführt; es ist zum Schluß nötig, die eingeschlagenen Wege nochmals im
-Zusammenhang zu überblicken. Die erste Methode versuchte, die auf der
-Erde gebildeten Sedimentgesteine als die Leistung immerfort arbeitender
-geologischer Kräfte zu erklären und daraus die Zeitdauer ihrer Bildung
-zu berechnen. Das wahrscheinlichste Ergebnis waren etwa 300 Millionen
-Jahre; diese Zeit wäre zur Bildung aller, auch der präkambrischen
-Sedimente nötig gewesen. Nach dem Verhältnis der bekannten
-Sedimentmächtigkeiten würde hiervon mehr als die Hälfte, mindestens
-200 Millionen Jahre, auf die Zeit vom Kambrium bis zur Jetztzeit
-entfallen. Dazu muß aber gesagt werden, daß auf diese Weise die Zeit
-des Präkambriums sicher bedeutend unterschätzt wird. Die zweite Methode
-geht von schönen und zuverlässigen Zeitmessungen geologischer Vorgänge
-der Nacheiszeit aus und führt unter Verwendung von Verhältniszahlen
-durch kühne Extrapolation auf den weiten Rahmen von 40-1600 Millionen
-Jahren für das Alter des Kambriums, wobei sich als wahrscheinlichste
-Werte 200-600 Millionen Jahre ergeben. Die radioaktive Methode gibt
-schließlich die Möglichkeit, ganz bestimmte Alterszahlen zu berechnen,
-die für das Karbon rund 300 Millionen Jahre, für das Kambrium etwa 500
-Millionen Jahre, für frühe Zeitpunkte des Präkambriums mindestens 1500
-Millionen Jahre betragen. Wie lassen sich nun all diese Ergebnisse
-vereinigen? Zunächst ist zu sagen, daß sich die Ergebnisse des ersten
-und zweiten Wegs durchaus nicht widersprechen. Die nach der ersten
-Methode berechneten Alterszahlen fallen in den Rahmen der zweiten, und
-auch die mittleren Werte kommen einander recht nahe. Ebenso führen
-die Altersbestimmungen von Uranmineralien zu Zahlen, die sich ohne
-weiteres in den Rahmen der zweiten Methode einfügen. Dagegen besteht
-tatsächlich ein Widerspruch zwischen den Ergebnissen des ersten und
-dritten Wegs, die beide bestimmte Zahlen nennen, der erste für das
-Alter des Kambriums 200 Millionen Jahre, des Präkambriums ungefähr
-300 Millionen Jahre, der zweite 500 und 1500 Millionen Jahre. Wie ist
-dieser Widerspruch zu lösen? Beide Methoden haben die Voraussetzung,
-daß ihre geologische Uhr in der ganzen Vergangenheit gleich schnellen
-Gang gehabt habe wie in der Gegenwart. Nun ist es denkbar, daß die
-Sedimentationsuhr, wie wir sie kurz heißen wollen, in der Vergangenheit
-langsamer gegangen wäre als in der Gegenwart. Dann hätte uns die Uhr
-mit ihrem gegenwärtigen raschen Lauf für die Vergangenheit zu kleine
-Zeitwerte angegeben; wir müßten also die höheren Jahreszahlen der
-Uranuhr als die richtigen annehmen. Es wäre aber auch denkbar, daß die
-Uranuhr heute langsamer ginge als in geologischer Vorzeit. Dann hätte
-sie uns zu große Zeiträume vorgetäuscht und die Sedimentationsuhr hätte
-recht.[11]
-
- [11] Den dritten Fall, daß beide Uhren falsch gehen könnten,
- wollen wir außer Betracht lassen.
-
-Die Frage nach der Größe der Zeiträume kommt also auf eine Untersuchung
-über die Zuverlässigkeit unserer geologischen Zeitmesser hinaus, und
-daß hier der Uranuhr größeres Vertrauen entgegengebracht werden kann
-wie der Sedimentationsuhr, das kann kaum einem Zweifel unterliegen.
-Die Uranuhr beruht auf einem einheitlichen physikalisch-chemischen
-Vorgang, der im Aufbau der Atome begründet ist und dessen Ablauf mit
-keinem uns zugänglichen Mittel auch nur im geringsten verändert werden
-kann. Es wurde schon angeführt, daß Drucke von 25000 Atmosphären
-zusammen mit Temperaturunterschieden von mehreren tausend Graden den
-Zerfall der Atome nicht beeinflussen konnten. Die Annahme, daß der
-Zerfall früher schneller vor sich gegangen sei, kann in keiner Weise
-begründet oder auch nur wahrscheinlich gemacht werden; sie würde
-bedeuten, daß Naturgesetze nicht unveränderlich wären, sondern sich
-im Verlauf geologischer Zeiträume ändern könnten. Dagegen hängt die
-Sedimentationsgeschwindigkeit der Jetztzeit von einer Unzahl von
-Faktoren ab, die ohne Zweifel im Lauf der Erdgeschichte nicht immer
-dieselben gewesen sind. Um eine Übereinstimmung mit der Uranuhr
-zu erzielen, müßten wir annehmen, daß die Sedimentationsuhr heute
-mindestens 2½mal, vielleicht sogar 4-5mal schneller ginge wie im
-Durchschnitt der geologischen Vergangenheit. Tatsächlich vertreten nun
-besonders eine Reihe englischer und amerikanischer Geologen (Holmes,
-Chamberlin, Barrell) diese Ansicht sehr lebhaft. Sie behaupten, daß
-das Maß der Abtragung und damit auch der Sedimentation heute ein
-überdurchschnittlich großes sei. Unsere Flüsse haben an den immer noch
-hochragenden Resten der im Tertiär aufgetürmten Kettengebirge und an
-den lockeren und leicht zerstörbaren Bildungen der jüngstvergangenen
-Eiszeit leichtes Spiel für ihre Zerstörungsarbeit; sie tragen daher
-wesentlich mehr ins Meer hinaus als in früheren Erdperioden, in denen
-die Gebirge der Erde bis fast zu ihren Grundmauern abgeschliffen
-waren. Lebhafte Schollenbewegungen, die Hebungen und Senkungen von
-Ländern zur Folge haben, halten heute die Arbeit der Flüsse in Atem.
-Der Vulkanismus ist gegenwärtig recht lebhaft und liefert in seinen
-Aushauchungen Gase, die die Verwitterung beschleunigen. So hat die
-Ansicht jener Geologen, die Sedimentationsuhr gehe heute wesentlich
-rascher als in der Vorzeit, sehr gewichtige Gründe für sich; ihre
-Annahme hätte zur Folge, daß wir die durch die Uranmethode gewonnenen
-Zahlen als die richtigen ansehen müßten.
-
-Damit sind wir am Ende unserer Untersuchungen über absolute geologische
-Altersbestimmung angelangt. Von höchstem wissenschaftlichem Reiz ist
-es gewesen, all den verschlungenen Wegen nachzugehen, auf denen die
-Forschung eines der packendsten und interessantesten Probleme der
-Erdgeschichte zu lösen versuchte. Wir können zwar noch nicht sagen, daß
-die Frage heute schon restlos gelöst sei, aber wir haben den lebhaften
-Eindruck gewonnen: sehr weit sind wir von der endgültigen Lösung des
-Problems nicht mehr entfernt, wahrscheinlich haben wir sie sogar in
-den Altersbestimmungen nach radioaktiver Methode heute schon in der
-Hand. Wo die Jahreszahlen der Geschichte beim Rückwärtsschreiten in die
-Vergangenheit abbrechen, da würden die Jahreszahlen der Geologie sich
-anschließen und bis in die fernste Vergangenheit zurückführen.
-
-Mit diesen exakten Altersbestimmungen hat die Geologie ein Problem
-gelöst, das sie seit ihren ersten Anfängen beschäftigte: Die Bezwingung
-der geologischen Zeiträume durch Maß und Zahl. Schon vor achtzig Jahren
-hat die Astronomie ein ähnliches Ziel erreicht. Die Geologie weist den
-Menschen zurück in unvorstellbar große Zeiträume der Vergangenheit,
-die Astronomie führt ihn von unserem Planeten und dem engen Bezirk
-unseres Sonnensystems hinaus in die endlosen Fernen des Weltalls. Wohl
-kannte man schon lange mit befriedigender Genauigkeit die Entfernung
-aller Glieder des Sonnensystems, vollständig unbekannt waren aber
-die Entfernungen der Fixsterne, bis es im Jahr 1837 dem berühmten
-Königsberger Astronomen ~Bessel~ gelang, die Entfernung des kleinen
-Sterns 61 im Schwan zu messen; er erhielt für sie 80 Billionen km. Im
-nächsten Jahr wurde am südlichen Sternhimmel die Entfernung unseres
-nächsten Nachbars im Fixsternsystem, des Sterns α im Zentauren zu
-41 Billionen km oder 4½ Lichtjahren bestimmt, d. h. der Stern ist so
-weit entfernt, daß sein Licht bei einer Sekundengeschwindigkeit von
-300000 km 4½ Jahre braucht, um auf unsere Erde zu gelangen. Damit war
-zum erstenmal die Entfernung eines Punktes außerhalb des Sonnensystems
-gemessen. An die Stelle des verschwommenen Begriffs „unmeßbar weit“
-war die genaue Zahl getreten. Mit den ersten sicheren Messungen,
-denen bald noch weitere folgten, konnten sich klare Begriffe von der
-Entfernung und Größe all der Sonnen im Weltall bilden und damit auch
-eine Vorstellung vom Bau des Ganzen. So bedeutet das Jahr 1837 für
-die Astronomie einen Markstein ersten Rangs. Heute ist die Geologie
-mit den Altersbestimmungen auf radioaktiver Grundlage an demselben
-Punkt angelangt, wie damals die Astronomie mit der ersten Messung
-einer Fixsternentfernung. An die Stelle unsicherer Zeitschätzungen
-treten ganz bestimmte, durch eine exakte physikalisch-chemische Methode
-gewonnene Zahlen; die erste sichere Zeitmessung ist erreicht. Hoffen
-wir, daß die neue Errungenschaft der Geologie ebenso reiche Früchte
-bringen möge wie die Tat Bessels der Astronomie!
-
-Wie die Entfernungsgrößen im Weltall unvorstellbar groß sind, so sind
-es auch die Zahlen, die wir für die Zeitdauer geologischer Perioden
-erhalten haben. Nicht einmal ein Jahrhundert vermag der Mensch mit
-seiner persönlichen Erinnerung zu umspannen, ein Jahrtausend ist ihm
-unfaßbar lang, und bei der Jahrmillion schwindet auch der letzte Rest
-einer Vorstellung. Es fängt die Gedankenlosigkeit an, die mit solchen
-Maßen nur spielt, ohne irgend einen Sinn damit zu verbinden. Wir müssen
-daher versuchen, diese Zeiträume durch Bilder zu veranschaulichen,
-die der menschlichen Vorstellungskraft noch zugänglich sind. Die
-Erdgeschichte seit Beginn des Kambriums werde durch eine gerade
-Linie von Berlin nach Stuttgart dargestellt. Das sind 500 Kilometer;
-sie sollen den 500 Millionen Jahren entsprechen, die seit Beginn
-des Kambriums verflossen sind. Dann bedeutet ein Kilometer eine
-Jahrmillion, die letzten 500-1000 m wären die Eiszeit, die 6000 Jahre
-der Geschichte würden auf 6 m -- eine Zimmerlänge -- zusammenschrumpfen
-und ein Menschenleben von 70 Jahren auf 7 cm. Ließen wir eine Schnecke
-in einem normalen Schneckentempo von 3,1 mm in der Sekunde die Strecke
-entlang kriechen, so würde sie dazu genau 5 Jahre brauchen, die Strecke
-des Tertiärs würde sie in etwa 4 Monaten zurücklegen, die Eiszeit in
-2-3 Tagen, die letzten 8 mm -- die Strecke vom Beginn des Weltkriegs
-bis zur Gegenwart -- könnte sie aber in 2½ Sekunden erledigen! Wo aber
-auf der anderen Seite der Beginn des Lebens liegt, von dem die Linie
-herkommt, vermögen wir nicht zu sagen. Mindestens noch weitere 1000 km
-zurück, vielleicht sogar weit drüben in Asien!
-
-An diesem Bild wird uns mit einem Schlage klar, wie klein und winzig
-im Verhältnis zur Erdgeschichte die Zeiträume sind, die der Mensch
-zu überblicken vermag. Wie geringfügig erscheint uns auf einmal die
-ganze Menschheitsgeschichte, die der Mensch voll Überhebung die
-„Weltgeschichte“ zu nennen pflegt, und was bedeutet vollends ein
-Menschenleben im Strome des Weltgeschehens!
-
- „Ein kleiner Ring begrenzt unser Leben
- Und viele Geschlechter reihen sich dauernd
- An ihres Daseins unendliche Kette.“
-
-Nun verstehen wir auch, warum die Erdentwicklung dem menschlichen Auge
-stillzustehen scheint. Wir sind so kurzlebig, daß wir selbst im Laufe
-eines ganzen Menschenlebens die Veränderungen nicht gewahr werden,
-die mit der Erde und ihren Lebewesen vor sich gehen. Berg und Tal,
-Festland und Meer, der anatomische Bau von Tieren und Pflanzen, sie
-scheinen uns starr und unveränderlich, nicht in lebendiger Umwandlung
-begriffen. Es ist, wie wenn unser Auge bei der Vorführung eines Films
-nur ein einziges Bildchen von all den Tausenden sehen würde, die durch
-ihr Nacheinander das Leben auf der Leinwand erzeugen. Setzen wir ein
-Menschenleben von 70 Jahren dem Anschauen eines Einzelbildchens gleich,
-von denen in der Sekunde 20 auf der Leinwand vorbeihuschen, so wäre die
-ganze Erdgeschichte seit dem Kambrium ein Riesenfilm von 129 km Länge,
-der 100 Stunden zur ununterbrochenen Vorführung brauchen würde!
-
-Während so die Erde in ihrer Entwicklung stillzustehen scheint, tritt
-eine andere Erscheinung hierzu in den denkbar schärfsten Gegensatz:
-Die Entwicklung der menschlichen Kultur. Hunderttausende von Jahren
-verweilte der Mensch der Steinzeit auf derselben Kulturstufe; in
-den letzten Jahrhunderten und vollends in den letzten Jahrzehnten
-hat sich aber ein Tempo der Kulturentwicklung herausgebildet, das
-geradezu beängstigend ist. 45 cm vor dem Ende jener Strecke von Berlin
-nach Stuttgart erfand Gutenberg seine schwarze Kunst, die zwanzig
-letzten Zentimeter brachten die Entwicklung der Wissenschaft von
-Newton bis Einstein, der Musik von Bach bis Richard Strauß, die
-letzten drei die Funkentelegraphie, das Flugzeug, die Entdeckungen der
-Radioaktivität und der Geheimnisse des Atombaus. Geistesströmungen
-und Kunstrichtungen zählen ihre Lebensdauer nicht mehr nach
-Jahrhunderten, sondern höchstens nach Jahren. Wenn wir all das an der
-Erd- und Menschheitsentwicklung messen, so kommt uns das geradezu
-Explosionsartige moderner Kulturentwicklung erst vollständig zum
-Bewußtsein. Und dabei gibt es Leute, denen es immer noch zu langsam
-geht! Wie ist es überhaupt denkbar, daß die Menschheit in ihren frühen
-Perioden Jahrzehntausende oder gar Jahrhunderttausende auf derselben
-Kulturstufe blieb, während heute ihre Entwicklung im Guten und im
-Bösen in diesem Wahnsinnstempo fortschreitet? Wir können versuchen,
-eine Reihe von Tatsachen zur Erklärung beizubringen: Das erste ist
-der Zusammenschluß der Menschheit zu immer größeren Verbänden, die
-Erfindung der Schrift und späterhin des Buchdrucks. Was früher an
-Fortschritten erreicht wurde, mußte durch mündliche Überlieferung
-innerhalb der kleinen Horde weitergegeben werden. Wie unendlich
-viel ging dabei verloren und mußte immer wieder von neuem entdeckt
-werden! Heute stellen unsere Bücher ein ins Ungeheuerliche gewachsenes
-menschliches Gedächtnis dar, das alles aufzubewahren vermag, was jemals
-Menschen gedacht und empfunden haben, und bei dem nicht so leicht etwas
-Wichtiges in Vergessenheit geraten kann. Dabei wird mit den Mitteln
-des modernen Verkehrs ein neuer Gedanke, eine neue Entdeckung in
-kürzester Zeit Allgemeingut der ganzen zivilisierten Menschheit. Vor
-dem unseligen Weltkrieg bildeten die Forscher aller Länder eine einzige
-große Arbeitsgemeinschaft, die mit fortwährend sich verbessernden
-Methoden jedes neu auftauchende Problem anzugreifen vermochte und für
-jede Frage fieberhaft arbeitende Spezialgehirne sich heranbildete.
-So kann man versuchen, das Tempo der Entwicklung mit der Zauberformel
-zunehmender Organisation zu erklären, welche die Leistungen nicht nur
-multipliziert, sondern potenziert.
-
-Ob damit alles gesagt ist und die Fortschritte menschlichen
-Geisteslebens in ihrer Tiefe erfaßt sind? Wir wissen es nicht. Klein,
-lächerlich klein läßt die Wissenschaft den Menschen erscheinen und
-groß, rätselhaft groß ist doch wieder derselbe Mensch, der seine
-Stellung in Raum und Zeit denkend erfaßt und mit seinem Geist
-Sternweiten und Jahrmillionen zu umspannen vermag. Und so steht auch
-hier die Wissenschaft nach dem Flug durch die endlosen Zeiträume der
-Vergangenheit am Ende wieder vor ihrem letzten und tiefsten Geheimnis,
-dem Rätsel des Menschen.
-
-
-
-
-Verzeichnis der wichtigsten Werke
-
-
- ~Kayser~, Lehrbuch der Geologie (in zwei Teilen),
- 6. Auflage.
-
- ~Lindemann~, Die Erde.
-
- ~Ratzel~, Raum und Zeit in Geographie und Geologie (Natur-
- und kulturphilosophische Bibliothek, Band 5), Leipzig
- 1907.
-
- ~Holmes~, _The Age of the Earth_, _Harpers Library_ London
- und Neuyork 1913.
-
- ~Penck~ und ~Brückner~, Die Alpen im Eiszeitalter, 3 Bände,
- Leipzig 1901-1909.
-
- ~de Geer~, Geochronologie der letzten 12000 Jahre
- (Geologische Rundschau, 3. Band, 1912).
-
- ~Lawson~, Über absolute Zeitmessung in der Geologie
- auf Grund der radioaktiven Erscheinungen.
- (Naturwissenschaften 5. Jahrg., 1917.)
-
- ~Meyer~ und ~Schweidler~, Radioaktivität, Leipzig 1916.
-
- ~Fajans~, Radioaktivität, 3. Auflage 1921 (Sammlung Vieweg).
-
-
-
-
-Sachregister
-
-
-Alb, Schwäbische 18
-
-Alter des Menschen 39
-
-Alter des Ozeans 15
-
-Ancylussee 32
-
-Atomtheorie 56
-
-
-Baltische Endmoränenrücken 33
-
-Bändertone 27
-
-Barrell 69, 73
-
-Becquerel 48
-
-Bessel 74
-
-Bleimethode 62, 64
-
-Boltwood 60
-
-Brienzer See 35
-
-Bühlvorstoß 22, 33
-
-
-Chamberlin 73
-
-Clarke 15
-
-Croll 24
-
-Curie 48
-
-
-Dane 45
-
-
-Elemente, isotope 57
-
-Endmoränen, fennoskandische 31
-
-_Eoanthropus Dawsoni_ 40
-
-Eolithen 40
-
-Extrapolation 39
-
-Exzentrizität 24
-
-
-Finniglaziale Epoche 31
-
-
-Geer, de 27-32
-
-Gilbert 37
-
-Gotiglaziale Epoche 31
-
-Grabau 39
-
-
-Häckel 46
-
-Halbwertszeit 52
-
-Heim 34
-
-Helium 51
-
-Heliummethode 62, 63, 67
-
-Hildebrandt 26
-
-Holmes 60, 64, 73
-
-_Homo Heidelbergensis_ 40
-
-
-Jahresringe 10, 28
-
-Interpolieren 69
-
-Joly 15
-
-Irawadi 14
-
-
-Keilhack 33
-
-Kepler 24
-
-
-Lawson 64
-
-Litorinazeit 32
-
-Lyell 43, 45
-
-
-Matthew 43
-
-Mauer b. Heidelberg 40
-
-Mellard Reade 15
-
-Muota 35
-
-Murray 15
-
-
-Neandertalrasse 41
-
-Neckar 12
-
-Niagarafälle 36
-
-Nüesch 35
-
-
-Olbricht 33, 39
-
-
-Penck 22, 43
-
-Pendeluhren 10, 26
-
-Pilgrim 26
-
-Po 14
-
-Präzessionsbewegung 24
-
-
-Radium 48
-
-Ragunda 32
-
-Reuß 14, 35
-
-Röntgen 47
-
-Rutherford 50
-
-
-Salz, zyklisches 16
-
-Sanduhren 20
-
-Scharnhausen 13
-
-Schelfregion 17
-
-Schürmann 12
-
-Schweizersbild 35
-
-Soddy 50
-
-Sollas 17
-
-Spencer 37
-
-Steck 35
-
-Strutt 60
-
-
-Taylor 37
-
-Tertiär 43
-
-Thomson 70
-
-Thorium 55, 62
-
-Thuner See 35
-
-
-Uranblei 56
-
-Uranreihe 54
-
-Uranuhr 59, 61, 72, 73
-
-
-Vierwaldstätter See 34
-
-Walcott 45
-
-Wasseruhren 9, 20, 61
-
-Werth 33, 39
-
-Wintermoränen 30
-
-
-Zerfall 50
-
-
-
-
- Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen
- erhalten Mitglieder, solange vorrätig zu ~Ausnahmepreisen~:
-
-
-1. Gruppe 1904-1907. Broschiert M 1050.--, gebunden M 1660.--
-
- #1904# Bölsche, W., Abstammung des Menschen. -- Meyer, Dr. M. W.,
- Weltuntergang. -- Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.)
- -- Meyer, Dr. M. W., Weltschöpfung.
-
- #1905# Bölsche, Stammbaum der Tiere. -- Francé, Sinnesleben der
- Pflanzen. -- Zell, Tierfabeln. -- Teichmann, Dr. E., Leben und
- Tod. -- Meyer, Dr. M. W., Sonne und Sterne.
-
- #1906# Francé, Liebesleben der Pflanzen. -- Meyer, Dr. M. W., Rätsel
- der Erdpole. -- Zell, Dr. Th., Streifzüge durch die Tierwelt.
- -- Bölsche, W., Im Steinkohlenwald. -- Ament, Dr. W., Die
- Seele des Kindes.
-
- #1907# Francé, Streifzüge im Wassertropfen. -- Zell, Dr. Th.,
- Straußenpolitik. -- Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. --
- Teichmann, Fortpflanzung und Zeugung. -- Floericke, Dr. K.,
- Die Vögel des deutschen Waldes.
-
-
-2. Gruppe 1908-1911. Broschiert M 1050.--, gebunden M 1660.--
-
- #1908# Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. -- Teichmann, Dr. E.,
- Die Vererbung. -- Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat.
- -- Dekker, Naturgeschichte des Kindes. -- Floericke, Dr. K.,
- Säugetiere des deutschen Waldes.
-
- #1909# Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. -- Meyer, Dr. M. W.,
- Der Mond. -- Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. -- Floericke,
- Kriechtiere und Lurche Deutschlands. -- Bölsche, W., Der
- Mensch in der Tertiärzeit.
-
- #1910# Koelsch, Pflanzen zwischen Dorf und Trift. -- Dekker,
- Fühlen und Hören. -- Meyer, Dr. M. W., Welt der Planeten. --
- Floericke, Säugetiere fremder Länder. -- Weule, Kultur der
- Kulturlosen.
-
- #1911# Koelsch, Durch Heide und Moor. -- Dekker, Sehen, Riechen
- und Schmecken. -- Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. --
- Floericke, Vögel fremder Länder. -- Weule, Kulturelemente der
- Menschheit.
-
-
-3. Gruppe 1912-1916. Broschiert M 1310.--, gebunden M 2075.--
-
- #1912# Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? -- Dannemann, Wie
- unser Weltbild entstand. -- Floericke, Fremde Kriechtiere und
- Lurche. -- Weule, Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge.
- -- Koelsch, Würger im Pflanzenreich.
-
- #1913# Bölsche, Festländer und Meere. -- Floericke, Einheimische
- Fische. -- Koelsch, Der blühende See. -- Zart, Bausteine des
- Weltalls. -- Dekker, Vom sieghaften Zellenstaat.
-
- #1914# Bölsche, Wilh., Tierwanderungen in der Urwelt. -- Floericke,
- Dr. Kurt, Meeresfische. -- Lipschütz, Dr. A., Warum wir
- sterben. -- Kahn, Dr. Fritz, Die Milchstraße. -- Nagel, Dr.
- Osk., Romantik der Chemie.
-
- #1915# Bölsche, Wilh., Der Mensch der Zukunft. -- Floericke, Dr. K.,
- Gepanzerte Ritter. -- Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum
- Alphabet. -- Müller, A. L., Gedächtnis und seine Pflege. --
- Besser, H., Raubwild und Dickhäuter.
-
- #1916# Bölsche, Stammbaum der Insekten. -- Fabre, Blick ins
- Käferleben. -- Sieberg, Wetterbüchlein. -- Zell, Pferd als
- Steppentier. -- Bölsche, Sieg des Lebens.
-
-
-4. Gruppe 1917-1921. Broschiert M 1050.--, gebunden M 1660.--
-
- #1917# Besser, Natur- und Jagdstudien in Deutsch-Ostafrika. --
- Floericke, Dr., Plagegeister. -- Hasterlik, Dr., Speise und
- Trank. -- Bölsche, Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur.
-
- #1918# Floericke, Forscherfahrt in Feindesland. -- Fischer-Defoy,
- Schlafen und Träumen. -- Kurth, Zwischen Keller und Dach. --
- Hasterlik, Dr., Von Reiz- und Rauschmitteln.
-
- #1919# Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. -- Zell, Neue
- Tierbeobachtungen. -- Floericke, Spinnen und Spinnenleben. --
- Kahn, Die Zelle.
-
- #1920# Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus und Hof. -- Francé, Die
- Pflanze als Erfinder. -- Floericke, Schnecken und Muscheln. --
- Lämmel, Wege zur Relativitätstheorie.
-
- #1921# Weule, Naturbeherrschung I. -- Floericke, Gewürm. -- Günther,
- Radiotechnik. -- Sanders, Hypnose und Suggestion.
-
-
-Alle 4 Gruppen auf einmal bezogen: brosch. M 4025.--, geb. M 6600.--
-
-#Einzeln bezogen# jeder Band brosch. M 63.--, geb. M 100.--, (für
-Nichtmitgl. je M 76.-- bzw. 115.--) Die Jahrgänge 1904-1916 (je 5
-Bände) kosten für Mitglieder brosch. je M 288.--, geb. je M 455.-- Die
-Jahrgänge 1917-1921 (je 4 Bände) kosten für Mitglieder brosch. je M
-232.--, geb. je M 364.--
-
-#Vom Kosmos-Handweiser# sind noch geringe Vorräte von 1911, 1913, 1914,
-1918, 1919, 1920, 1921 vorhanden. Jeder Band kostet für Mitglieder
-brosch. M 85.--, geb. M 200.--, (für Nichtmitglieder brosch. M 120.--,
-geb. M 250.--).
-
- Preise Anfang September 1922. Zeitentsprechende Preiserhöhungen
- vorbehalten.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK JAHRESZAHLEN DER
-ERDGESCHICHTE ***
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-1.E.8.
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-used on or associated in any way with an electronic work by people who
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
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-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
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-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
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-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
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-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
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-remaining provisions.
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-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
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-Archive Foundation
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- Jahreszahlen der Erdgeschichte, by Reinhold Lotze&mdash;A Project Gutenberg eBook
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Jahreszahlen der Erdgeschichte</span>, by Reinhold Lotze</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Jahreszahlen der Erdgeschichte</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Reinhold Lotze</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: June 7, 2022 [eBook #68258]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Franz L Kuhlmann and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>JAHRESZAHLEN DER ERDGESCHICHTE</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
-
-<p class="p0">Zeichensetzung und typographische Fehler wurden
-stillschweigend korrigiert. Das Inhaltsverzeichnis wurde dem Buchtext
-vorangestellt. Fußnoten wurden an das Ende betreffenden Absatzes
-angefügt.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt.
-<span class="antiqua">Antiquaschrift</span> wird kursiv dargestellt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="titelei">
-
-<p class="s3 center"><b>Dr. R. Lotze</b></p>
-
-<p class="s1 center"><b>Jahreszahlen der<br />
-Erdgeschichte</b></p>
-
-<p class="s4 center">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde<br />
-Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart</p>
-
-<div class="figcenter illowe30" id="frontispiece">
- <img class="w100" src="images/frontispiece.jpg" alt="Original-Titelblatt" />
-</div>
-
-<div class="break-before padtop3">
-
-<div class="figright illowe5r" id="signet_1">
- <img class="w100" src="images/signet_1.png" alt="Kosmos Bändchen" />
-</div>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center padtop5 mbot3">Jahreszahlen der Erdgeschichte</p>
-
-<div class="schmal">
-
-<p class="s4 center"><b class="bb bt">Kosmos, Gesellschaft der
-Naturfreunde ♦ Stuttgart</b></p>
-
-<p class="s5 p0"><span class="dc">D</span>ie Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften
-und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer
-Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.
-&mdash; Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter
-naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im</p>
-
-<p class="s4 center"><b>Kosmos</b>, Handweiser für Naturfreunde</p>
-
-<p class="center">Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen.</p>
-
-<p class="s5">Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten
-Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.
-Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1922 festgelegt (Reihenfolge und
-Änderungen auch im Text vorbehalten):</p>
-
-<p class="p0 s4"><b>R. H. Francé, Das Leben im Ackerboden (Edaphon)</b></p>
-
-<p class="p0 s4"><b>Prof. Dr. K. Weule, Die Anfänge der Naturbeherrschung.
-<span class="s5">II. Frühformen der Chemie</span></b></p>
-
-<p class="p0 s4"><b>Dr. Kurt Floericke, Heuschrecken und Libellen</b></p>
-
-<p class="p0 s4"><b>Dr. R. Lotze, Jahreszahlen der Erdgeschichte</b></p>
-
-<p class="s5 center mtop2 mbot2">Jedes Bändchen reich illustriert.</p>
-
-<p class="s5">Diese Veröffentlichungen sind durch <em class="gesperrt">alle Buchhandlungen</em> zu beziehen;
-daselbst werden Beitrittserklärungen zum <b>Kosmos, Gesellschaft der
-Naturfreunde,</b> entgegengenommen. Auch die früher erschienenen Jahrgänge
-sind noch erhältlich.</p>
-
-<p class="s4 center"><span class="bb bt"><span class="s6">Geschäftsstelle des
-Kosmos:</span> Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart.</span></p>
-
-</div>
-
-<h1><b>Jahreszahlen<br />
-der Erdgeschichte</b></h1>
-
-<p class="s5 center mtop3">Von</p>
-
-<p class="s3 center"><b>Dr. R. Lotze</b></p>
-
-<p class="s5 center mtop3">Mit einem farbigen Umschlagbild<br />
-und 20 Abbildungen im Text</p>
-
-<div class="figcenter illowe5" id="signet_2">
- <img class="w100 padtop3" src="images/signet_2.png" alt="Verlagssignet" />
-</div>
-
-<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Stuttgart</em></p>
-
-<p class="s4 center">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde</p>
-
-<p class="center">Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung</p>
-
-<p class="s5 center padtop5 break-before">Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht,<br />
-vorbehalten. Für die Vereinigten Staaten<br />
-von Nordamerika: <span class="antiqua">Copyright 1922 by<br />
-Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart</span></p>
-
-<p class="s6 center padtop5"><span class="bt">STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI</span><br />
-<span class="bb">HOLZINGER &amp; Co., STUTTGART</span></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</h2>
-
-</div>
-
-<table class="inhaltsverzeichnis" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="titel">
- <div class="left">I. Zeitrechnung in Geschichte und Geologie</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#I_Zeitrechnung_in_Geschichte_und_Geologie">5&ndash;10</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="inhalt" colspan="2">
- Relative und absolute Altersbestimmung. Prinzipien geologischer Zeitmesser.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="titel">
- <div class="left">II. Geologische Zeitmessung durch Abtragung und Aufschüttung</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#II_Geologische_Zeitmessung_durch_Abtragung_und_Aufschuettung">10&ndash;21</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="inhalt" colspan="2">
- Bildung der Steinkohlen und des Erdöls. Abtragung des schwäbischen Stufenlandes.
- Gesamtleistung aller Flüsse. Das Alter des Ozeans. Altersberechnung aus der
- maximalen Mächtigkeit und der Gesamtmenge der Sedimentgesteine.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="titel">
- <div class="left">III. Von der Eiszeit bis zum Beginn des Kambriums</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#III_Von_der_Eiszeit_bis_zum_Beginn_des_Kambriums">21&ndash;47</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="inhalt" colspan="2">
- Verlauf der Eiszeit. Astronomische Eiszeittheorie von Croll. Eisrückzug in
- Skandinavien nach de Geer. Dauer der Nacheiszeit. Alter der baltischen
- Endmoränen. Berechnungen im alpinen und nordamerikanischen Vereisungsgebiet.
- Dauer der ganzen Eiszeit. Alter des Menschen. Die Gefahr einer Wiederkehr der
- Eiszeit. Dauer des Tertiärs. Zeitlicher Abstand des Kambriums.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="titel">
- <div class="left">IV. Geologische Zeitmessung auf Grund radioaktiver Vorgänge</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#IV_Geologische_Zeitmessung_auf_Grund_radioaktiver_Vorgaenge">47&ndash;71</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="inhalt" colspan="2">
- Entdeckungsgeschichte des Radiums. Zerfallstheorie. Zeitlicher Verlauf des
- Zerfalls. Die Uranreihe. Isotopie. Der Blei- und Heliumgehalt von Uranmineralien
- als Grundlage geologischer Zeitmessung. Praktische Durchführung und Ergebnisse
- der radioaktiven Methode. Dauer des Präkambriums.
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="titel">
- <div class="left">V. Schlußbetrachtung und Ausblick</div>
- </td>
- <td>
- <div class="right"><a href="#V_Schlussbetrachtung_und_Ausblick">71&ndash;77</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="inhalt" colspan="2">
- Zuverlässigkeit der geologischen Zeitmesser. Veranschaulichung der gewonnenen
- Zahlen. Die Menschheitsentwicklung im Rahmen der Erdgeschichte.
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="I_Zeitrechnung_in_Geschichte_und_Geologie">I. Zeitrechnung
-in Geschichte und Geologie.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Geschichte und Geologie sind zwei Wissenschaften, die im Grunde
-genommen dieselbe Absicht haben: Sie wollen die Folge aller Ereignisse
-aufzählen, die über unsere Erde und ihre Bewohner weggegangen sind.
-An der Hand des Geschichtsforschers beginnen wir den Weg zurück
-in die Vergangenheit. Vom Heute ausgehend, führt er uns über die
-Jahrhunderte weg bis zurück zu jenen Tagen, da römische Legionen zum
-erstenmal den Boden unseres Landes betraten und mit blonden Germanen
-die Waffen kreuzten. Aber nur wenige Jahre vermag er uns über jene
-Zeit hinaus in die Vergangenheit unserer Heimat zurückzuführen. Drüben
-im Orient können wir uns seiner Führung noch länger überlassen,
-denn dort lebten hochkultivierte Völker, deren Überlieferungen in
-stolzen Baudenkmälern und geheimnisvollen Urkunden noch weitere
-vier Jahrtausende zurückreichen. Aber in den Wäldern Germaniens muß
-der Geschichtsforscher schon lange vorher seine Führerrolle an den
-Vertreter einer Tochterwissenschaft, der Vorgeschichte, abgeben,
-dem für seine Forschung keine schriftliche Urkunde, kein Lied und
-Heldenbuch mehr zur Verfügung stehen, der vielmehr aus Gräbern und
-dürftigen Kulturresten ein Bild jener vorgeschichtlichen Zeiten
-hervorzuzaubern versucht. Er berichtet uns von Pfahlbauern und
-Höhlenbewohnern, von Menschen, die mit einfachen, roh behauenen
-Feuersteinwaffen den Tieren der Wälder zu Leibe rückten und die noch
-Zeitgenossen einer ungeheuren Vereisung waren, die weite Teile der
-Erdoberfläche heimsuchte. Mit der Schilderung dieses rätselhaften
-Ereignisses geht aber die Führung in die Vergangenheit an den Geologen
-über, der nicht nur Menschheitsgeschichte, sondern Erdgeschichte
-schreibt, der vom Wechsel der Meere und Festländer erzählt, von Zeiten,
-da der Mensch noch nicht bestand, und fremdartige, heute ausgestorbene
-Lebewesen die Erde bevölkerten.</p>
-
-<p>Um den Ablauf des Geschehens vergangener Zeiten handelt es sich also
-in Geschichte und in Geologie. Ihre Verwandtschaft beweisen beide
-schon dadurch, daß sie sich ein besonderes Verbindungsglied, die
-Vorgeschichte geschaffen haben, die je nachdem zur einen oder andern
-Seite hinneigt. Was die beiden Wissenschaften voneinander <span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span>trennt, das
-ist zunächst die einfache Tatsache, daß sie verschiedene Abschnitte
-der Vergangenheit bearbeiten; daraus folgen allerdings tiefgreifende
-Unterschiede im Inhalt des Geschehens, von dem sie berichten können,
-und in der Art der Methoden, die sie zur Erforschung der Vergangenheit
-anwenden müssen. Der Geschichtsforscher beschäftigt sich nur mit dem
-Menschen; das Mittel, um in die Vergangenheit einzudringen, ist ihm
-in erster Linie die schriftliche Überlieferung. Er umspannt mit seiner
-Wissenschaft zwar nur wenige Jahrtausende, aber auf Jahr und Tag vermag
-er die Ereignisse festzulegen, von denen er berichtet. Anders der
-Geologe: In unendlich ferne Vergangenheit muß er zurückgreifen, um die
-Geschichte unserer Erde zu schreiben. Seine Urkunden sind die Gesteine;
-aus ihrer Beschaffenheit liest er die Umstände ihrer Entstehung heraus,
-und mit den Lebewesen, deren Reste er in ihnen vorfindet, bevölkert
-er in seiner Phantasie Länder und Meere längst vergangener Zeiten.
-Die Schichten der Erdrinde faßt er zu großen Formationen zusammen.
-Ihre Aufeinanderlagerung von unten nach oben gibt ihm zugleich die
-zeitliche Reihenfolge ihrer Entstehung und damit die Geschichte der
-Erdoberfläche. Nach der Entwicklung des Lebens, die er in den einzelnen
-Formationen beobachtet, kommt er zur Aufstellung großer Perioden, die
-als Urzeit, Frühzeit, Altzeit, Mittelzeit und Neuzeit der Erdgeschichte
-bezeichnet werden können. So entstand schließlich die <a href="#formationstafel">geologische
-Formationstafel</a> auf Seite 7, die zugleich eine Geschichtstafel ist.<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a>
-In dieses Schema ordnet der Forscher die ganze Fülle der geologischen
-Ereignisse ein; er kann mit ihrer Hilfe das „<em class="gesperrt">geologische Alter</em>“ der
-versteinerten Reste von Lebewesen bestimmen und das Nacheinander oder
-die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen scharf zum Ausdruck bringen.
-Wenn von einer Muschel bekannt ist, daß sie den mittleren Schichten
-des braunen Jura angehört, so ist damit ihr Alter im Verhältnis
-zu allen Formationen und den in ihnen enthaltenen Lebewesen genau
-bestimmt. Über das Alter der Muschel in Jahren ist allerdings damit gar
-nichts ausgesagt, denn die geologische Altersbestimmung ist eine rein
-relative. Sie gibt von einem Ereignis an, daß es früher oder später
-gewesen sei als ein anderes; von der Zahl der Jahre, die zwischen
-beiden liegt oder die von jenem Zeitpunkt bis zur Gegenwart verstrichen
-ist, weiß sie nichts zu sagen. Die Geologie kennt wohl die Zeitfolge,
-aber nicht die Zeitdauer des Geschehens, von dem sie berichtet. Sie ist
-eine Geschichte ohne Jahreszahlen.</p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a>Die Pfeile geben den genauen Zeitpunkt des angedeuteten
-geologischen Ereignisses an.</p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center mtop2" id="formationstafel">Geologische Formationstafel</p>
-
-<table class="formationstafel" summary="Geologische Formationstafel">
- <tr>
- <td class="bl br bt bbd" rowspan="3">
- <div class="center"><b>Neuzeit</b><br />
- <span class="s5">(Käno-<br />
- zoikum)</span></div>
- </td>
- <td class="bt bb br" colspan="3">
- <div class="left">Nacheiszeit<br />
- (Alluvium)</div>
- </td>
- <td class="bt br vam" rowspan="2">
- <div class="figtable illowe12" id="img_tab1_1">
- <img class="w100" src="images/img_tab1_1.png" alt="" />
- <div class="caption">1. Auftreten des Menschen</div>
- </div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bb vam">
- <div class="center">Eiszeit<br />
- (Diluvium)</div>
- </td>
- <td class="bb vam">
- <div class="figcenter illowe0_6" id="klammer_h3">
- <img class="w100" src="images/klammer_h3.png" alt="geschweifte Klammer links" />
- </div>
- </td>
- <td class="bb br vam">
- <div class="left">Würm-Vereisung<br />
- Riß-Vereisung<br />
- Mindel-Vereisung<br />
- Günz-Vereisung</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bbd vam">
- <div class="center">Tertiär</div>
- </td>
- <td class="bbd vam">
- <div class="figcenter illowe0_6" id="klammer_h3a">
- <img class="w100" src="images/klammer_h3.png" alt="geschweifte Klammer links" />
- </div>
- </td>
- <td class="bbd br vam">
- <div class="left">Pliozän<br />
- Miozän<br />
- Oligozän<br />
- Eozän<br />
- Paleozän</div>
- </td>
- <td class="br vam" rowspan="2">
- <div class="left mleft1">Bildung der Alpen</div>
- <div class="figtable illowe12" id="img_tab1_2">
- <img class="w100" src="images/img_tab1_2.png" alt="" />
- <div class="caption">Aufblühen des Säugetierstammes</div>
- </div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br bbd" rowspan="3">
- <div class="center"><b>Mittelzeit</b><br />
- <span class="s5">(Meso-<br />
- zoikum)</span></div>
- </td>
- <td class="bb vam">
- <div class="center">Kreide</div>
- </td>
- <td class="bb vam">
- <div class="figcenter illowe0_3" id="klammer_h1_5">
- <img class="w100" src="images/klammer_h3.png" alt="geschweifte Klammer links" />
- </div>
- </td>
- <td class="bb br vam">
- <div class="left">obere Kreide<br />
- untere Kreide</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bb vam">
- <div class="center">Jura</div>
- </td>
- <td class="bb vam">
- <div class="figcenter illowe0_4" id="klammer_h2">
- <img class="w100" src="images/klammer_h3.png" alt="geschweifte Klammer links" />
- </div>
- </td>
- <td class="bb br vam">
- <div class="left">weißer (Malm)<br />
- brauner (Dogger)<br />
- schwarzer (Lias)</div>
- </td>
- <td class="br vam" rowspan="2">
- <div class="figtable illowe12" id="img_tab1_3">
- <img class="w100" src="images/img_tab1_3.png" alt="Saurier" />
- </div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bbd vam">
- <div class="center">Trias</div>
- </td>
- <td class="bbd vam">
- <div class="figcenter illowe0_4" id="klammer_h3_2">
- <img class="w100" src="images/klammer_h3.png" alt="geschweifte Klammer links" />
- </div>
- </td>
- <td class="bbd br vam">
- <div class="left">Keuper<br />
- Muschelkalk<br />
- Buntsandstein</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br bbd" rowspan="5">
- <div class="center"><b>Altzeit</b><br />
- <span class="s5">(Paläo-<br />
- zoikum)</span></div>
- </td>
- <td class="bb vam">
- <div class="center">Perm</div>
- </td>
- <td class="bb vam">
- <div class="figcenter illowe0_3" id="klammer_h1_5a">
- <img class="w100" src="images/klammer_h3.png" alt="geschweifte Klammer links" />
- </div>
- </td>
- <td class="bb br vam">
- <div class="left">Zechstein<br />
- Rotliegendes</div>
- </td>
- <td class="br bb vam" rowspan="7">
- <div class="s5 left mtop2">Bildg. der Kalisalzlager Mitteldeutschl.</div>
- <div class="figtable illowe15" id="img_tab1_4">
- <img class="w100 padtop1" src="images/img_tab1_4.png" alt="" />
- <div class="caption mbot1">Bildung der Steinkohlen</div>
- </div>
- <div class="figtable illowe15" id="img_tab1_5">
- <img class="w100 padtop1" src="images/img_tab1_5.png" alt="" />
- </div>
- <div class="figtable illowe15" id="img_tab1_6">
- <img class="w100" src="images/img_tab1_6.png" alt="" />
- </div>
- <div class="figtable illowe15" id="img_tab1_7">
- <img class="w100" src="images/img_tab1_7.png" alt="" />
- </div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bb vam">
- <div class="center">Karbon</div>
- </td>
- <td class="bb vam">
- <div class="figcenter illowe0_3" id="klammer_h1_5b">
- <img class="w100" src="images/klammer_h3.png" alt="geschweifte Klammer links" />
- </div>
- </td>
- <td class="bb br vam">
- <div class="left">oberes (produktiv.) K<br />
- unt. K (Kohlenkalk)</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bb br vam" colspan="3">
- <div class="left">Devon</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bb br vam" colspan="3">
- <div class="left">Silur</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bbd br vam" colspan="3">
- <div class="left">Kambrium</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br bbd">
- <div class="center"><b>Frühzeit</b><br />
- <span class="s5">(Eozoikum)</span></div>
- </td>
- <td class="bbd vam">
- <div class="center">Präkambrium</div>
- </td>
- <td class="bbd vam">
- <div class="figcenter illowe0_4" id="klammer_h3_2a">
- <img class="w100" src="images/klammer_h3.png" alt="geschweifte Klammer links" />
- </div>
- </td>
- <td class="bbd br vam">
- <div class="left">oberes<br />
- mittleres<br />
- unteres</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br bb">
- <div class="center"><b>Urzeit</b><br />
- <span class="s5">(Archaikum)</span></div>
- </td>
- <td class="bb br vam" colspan="3">
- <div class="left">Urgebirge (Gneise und<br /> kristalline Schiefer)</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span></p>
-
-<p>Das ist aber ein ganz empfindlicher Mangel. „Ohne die Bestimmung der
-Zeiträume bleibt jede Entwicklungswissenschaft oder geschichtliche
-Wissenschaft im Zustand äußerster Unvollkommenheit“ (Ratzel). Was
-würde die Menschheitsgeschichte ohne Jahreszahlen bedeuten? Sie könnte
-wohl noch die Folge der Ereignisse aufzählen, über die Zeitdauer
-geschichtlicher Entwicklungen vermöchte sie nichts mehr auszusagen.
-Damit würde jede Vergleichsmöglichkeit mit dem Geschehen der Gegenwart
-und zugleich jedes tiefere Verständnis verloren gehen. Es ist
-ein gewaltiger Unterschied in der Bewertung einer geschichtlichen
-Entwicklung, ob zu ihrem Ablauf zehn Jahre oder zehn Generationen
-nötig waren. Genau wie in der Menschheitsgeschichte ist es aber auch
-in der Geologie eine dringende Notwendigkeit, eine klare Vorstellung
-von der Größe der Zeiträume zu besitzen, in denen sich die Ereignisse
-abspielen. Von der bloßen relativen Altersbestimmung drängt es
-den Forscher ganz von selber weiter zur <em class="gesperrt">absoluten geologischen
-Zeitmessung</em>. Es ist nicht nur müßige wissenschaftliche Neugier,
-wenn der Anfänger in der Geologie fragt, vor wieviel Jahren wohl das
-Muscheltier aus dem braunen Jura gelebt habe, das er in versteinertem
-Zustand am Straßenrand gefunden hat. In dieser Frage wird vielmehr
-der Wissenschaft ein überaus wichtiges Problem gestellt, dessen Lösung
-mit dem Geologen auch den Biologen und den Philosophen interessiert.
-Der Geologe möchte wissen, welche Zeiträume, Jahrtausende oder
-Jahrmillionen er seiner Geschichtschreibung zugrunde legen darf.
-Der Biologe wünscht eine Vorstellung davon zu gewinnen, mit welcher
-Geschwindigkeit die Stammesentwicklung der Lebewesen vor sich gegangen
-ist; für manche seiner Theorien spielt das Maß der verfügbaren Zeit
-eine entscheidende Rolle. Den Philosophen endlich beschäftigt die
-Frage, was für einen Abschnitt die Menschheitsentwicklung im Rahmen der
-ganzen Erdentwicklung einnimmt.</p>
-
-<p>Ist es nun möglich, geologische Zeiträume nach bestimmten Zeiteinheiten
-zu messen, <em class="gesperrt">Jahreszahlen auch für die Erdgeschichte</em> zu gewinnen?
-Was wir dazu brauchen, ist einfach zu sagen: Es sind <em class="gesperrt">geologische
-Zeitmesser, geologische Uhren</em>. Wir werden sehen, daß sie uns von der
-Wissenschaft zur Verfügung <span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span>gestellt werden können; wir werden sogar
-finden, daß sie auf dieselbe Weise ihre Aufgabe erfüllen wie unsere
-allbekannten Zeitmesser.</p>
-
-<div class="figcenter illowe30" id="abb_01">
- <img class="w100" src="images/abb_01.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 1. Prinzipien geologischer Zeitmessung.</div>
-</div>
-
-<p>Die Uhren des Altertums und des Mittelalters waren fast ausschließlich
-<em class="gesperrt">Wasseruhren</em>. Aus der Menge des aus einem Gefäß ausgeflossenen
-Wassers schloß man, wieviel Zeit „verflossen“ sei, und die mechanische
-Kunstfertigkeit der Griechen und späterhin der Araber schuf nach
-diesem Prinzip wahre Kunstwerke der Mechanik: Wasseruhren, die mit
-Glockenschlägen die Zeit kündeten, oder bei denen künstliche Figuren
-an einem Zifferblatt die Stunde wiesen. Noch weit herein in die
-Neuzeit waren Wasseruhren die gebräuchlichsten Zeitmesser, und von der
-<em class="gesperrt">Sanduhr</em>, bei der eine bestimmte Menge Sand durch die enge Öffnung
-des Stundenglases läuft, haben sich sogar kümmerliche Überreste bis in
-unsere Zeit gerettet: die Eieruhr der Hausfrau und die kleine Sanduhr
-neben dem Telephon, welche die Gesprächsdauer erkennen läßt. Das
-Prinzip von Wasser- und Sanduhr ist folgendes: Man weiß, wieviel Wasser
-oder Sand in der Zeiteinheit aus einem höher gelegenen Gefäß in ein
-tieferes abfließen kann und schließt aus der Menge des Abgeflossenen
-auf die Zeit, die dazu nötig war. Wir werden sehen, daß geologische
-Vorgänge des Abfließens und der Aufschüttung zur erdgeschichtlichen
-Zeitmessung dienen können.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Pendeluhren</em> stellen eine zweite Art von Zeitmessern dar. Langsam,
-in immer gleichem Rhythmus, schwingt das Pendel unter der Einwirkung
-der Anziehungskraft der Erde hin und her. Damit es von der Reibung
-nicht zum Stillstand gebracht wird, erhält es im Innern des Werks
-bei jeder Schwingung einen neuen kleinen Anstoß. Wählt man ein Pendel
-von passender Länge, so kann man erreichen, daß es genau eine Sekunde
-zur Schwingung braucht; mit Hilfe sinnreicher Zahnradübertragung wird
-die Zahl seiner Schwingungen durch Zeiger zur Erscheinung gebracht.
-Die Bewegung dieser Zeiger bedeutet eigentlich nichts anderes als ein
-Abzählen der Pendelschwingungen unter Zusammenfassung von 60 und 60 ×
-60 Schwingungen zu größeren Einheiten.</p>
-
-<p>Das Prinzip der Pendeluhr beruht also auf dem Abzählen einer Bewegung,
-die unter dem Einfluß der Schwerkraft periodisch erfolgt. Wir werden
-wunderbar geheimnisvolle Bewegungen unseres Weltkörpers kennen
-lernen, die ebenso durch die Schwerkraft hervorgerufen werden und die
-vielleicht als Grundlage geologischer Zeitmessung dienen können. Es
-fragt sich nur, wie solche zweifellos vorhandene Bewegungen abgezählt
-werden sollen. Für die kleine Periode des Jahres vermag schon jeder
-Baum diese Aufgabe zu lösen. Schneidet man einen Baumstamm quer durch,
-so zeigt sich das bekannte regelmäßige Bild der <em class="gesperrt">Jahresringe</em>, an
-denen ohne weiteres das Alter des Baums in Jahren abgelesen werden
-kann; jeden Frühling bildet er eine weiche breite, jeden Herbst eine
-harte dünne Holzschicht. Wir werden auch geologische Jahresringe kennen
-lernen, die in der Art, wie sie dem Forscher Aufschluß über geologische
-Zeiträume geben, zwei Prinzipien der Zeitmessung vereinigen:
-Aufschüttung und Rhythmus.</p>
-
-<p>Und nun soll der Versuch gewagt werden, mit Hilfe der Zeitmesser,
-die uns die Geologie kennen lehrt, die ungeheuren Zeiträume der
-Vergangenheit in Maß und Zahl zu fassen!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="II_Geologische_Zeitmessung_durch_Abtragung_und_Aufschuettung">II.
-Geologische Zeitmessung durch Abtragung und Aufschüttung.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Wir versetzen uns im Geist ins Ruhrrevier. Mit dem Förderkorb geht’s
-sausend hinunter in die dunklen Tiefen eines Kohlenbergwerks. In dem
-Wirrsal unterirdischer Gänge arbeiten wir uns <span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span>vor bis ans äußerste
-Ende, wo vom Häuer das kostbare schwarze Mineral losgebrochen wird.
-Und staunend sehen wir, daß wir nicht etwa mitten drin in der massiven
-Kohle stehen, sondern daß sie nur eine Schicht (ein „Flöz“) von kaum 1
-Meter Mächtigkeit bildet. Steigen wir allerdings in eine höhere oder
-tiefere Strecke des Bergwerks, so finden wir zwischen Sandsteinen
-und Schiefertonen noch eine ganze Reihe anderer Flöze eingebettet,
-mächtigere, bis zu einer Dicke von 2 Meter, die einen leichten,
-bequemen Abbau erlauben, und schwächere von 10&ndash;20 cm Mächtigkeit, bei
-denen sich der Abbau überhaupt nicht lohnt. Fragen wir den Geologen,
-der von allen Schächten und Tiefbohrungen des ganzen Kohlenreviers
-den Aufbau des Gebirges kennt, nach der Zahl der Kohlenschichten,
-so sagt er uns, daß im ganzen 176 Flöze übereinander liegen, durch
-Gesteine, die in einem Meere gebildet wurden, voneinander getrennt.
-Wie sollen wir das deuten? Die Wissenschaft lehrt uns, daß sich
-die Kohlen in mächtigen Waldmooren aus einer fremdartig anmutenden
-Pflanzenwelt gebildet haben, langsam und in ungeheuren Zeiträumen. Ein
-hundertjähriger kräftiger Buchenwald würde bei der Verkohlung nur eine
-Schicht von 16 mm ergeben. Nun senkte sich das Land; das Meer brach
-herein; Schlamm und Sand lagerten sich über dem jungen Kohlenlager ab
-und schützten es so vor der Zerstörung. Dann hob sich das Land wieder,
-das Wasser lief ab, und von neuem erwuchs der Sumpfwald, bildete
-sich Kohle, bis das Meer wieder hereinbrach und auch die neue Kohle
-zudeckte. Und das 176mal! Wie ein langsames Atemholen der scheinbar
-starren Erde mutet dieses Auf und Ab an, und daß dieser Wechsel von
-Steinkohlensumpfwald und Meer ungeheure Zeiträume umfaßt haben muß,
-ist uns ohne weiteres klar. Dabei zählt man im Saarkohlengebiet sogar
-325 Flöze, und die ganze Zeit, die zur Bildung all dieser wechselnden
-Schichten nötig war, bedeutet in der geologischen Zeitrechnung nur
-einen verhältnismäßig kleinen Teil einer einzigen geologischen Periode!</p>
-
-<p>Ein anderes Bild: Zu Tausenden ragen in Baku am Kaspischen Meer auf
-engstem Raum die Erdölbohrtürme in die Luft, und zwölf Milliarden Liter
-Rohöl haben sie in der Zeit vor dem Krieg jährlich zutage gefördert.
-Nun entsteht das Erdöl nach der Ansicht der heutigen Wissenschaft aus
-den Überresten abgestorbener Meerestiere. Wir können nicht annehmen,
-daß jene Meere wesentlich dichter bevölkert gewesen seien als unsere
-heutigen. Was für ungeheure Zeiträume <span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span>müssen aber verstrichen sein,
-bis sich der Meeresboden mit derartig riesenhaften Mengen solcher
-Stoffe vollsaugen konnte! Und auch hier wieder müssen wir dasselbe
-feststellen wie bei den Steinkohlen: Die Zeit, die zur Bildung der
-erdölführenden Schichten nötig war, ist geringfügig im Rahmen der
-ganzen Erdgeschichte.</p>
-
-<p>Wir wollen aber doch versuchen, von diesen ersten, ganz allgemeinen
-Vorstellungen von der langen Dauer geologischer Zeiträume zu
-bestimmten, faßbaren Zahlen zu gelangen; die zahlenmäßige Untersuchung
-der <em class="gesperrt">geologischen Wirkung des fließenden Wassers</em> soll uns diesen
-Fortschritt bringen. Überall, wo es in Bächen, Flüssen und Strömen zum
-Meere eilt, schafft es Stoffe aus dem Land hinaus, trägt dadurch ganz
-allmählich sein Einzugsgebiet ab (Vorgang der Denudation) und führt
-alles ins Meer, wo sich das mitgeführte Material niederschlägt und
-langsam neue Gesteinsschichten aufbaut (Vorgang der Sedimentation).
-Eine sehr genaue zahlenmäßige Untersuchung über die geologische
-Arbeit eines Flusses wurde von <em class="gesperrt">Schürmann</em> vor wenigen Jahren am
-<em class="gesperrt">Neckar</em> ausgeführt. Während eines ganzen Jahres berechnete er Tag
-für Tag auf Grund genauer Methoden die Wassermengen, die der Fluß aus
-dem Schwabenland hinaus zum Rhein führt, und Tag für Tag entnahm er
-ihm Proben, aus denen er den Gehalt des Wassers an aufgelösten und
-schwebenden Bestandteilen sorgfältig bestimmte. Während die gelösten
-Bestandteile hauptsächlich Salze aller Art sind, die das Wasser bei
-seiner Berührung mit dem Gestein ausgelaugt hat (vor allem Kalk),
-sind die schwebenden Stoffe feinste Ton- und Sandteilchen, die als
-„Flußtrübe“ mechanisch vom Wasser mitgenommen werden und die es
-besonders bei Hochwasser bis zur vollständigen Undurchsichtigkeit
-trüben können. Das Ergebnis der Untersuchungen war, daß der Neckar
-unterhalb Heilbronn im Jahr 1,584 Millionen Tonnen fester Stoffe aus
-dem Lande hinausführt.</p>
-
-<p>Bei einem spezifischen Gewicht von 2,5 nimmt diese Stoffmenge
-einen Raum von etwas über 600000 Kubikmeter ein; würde man sie in
-gleichmäßiger Dicke über das ganze Einzugsgebiet des Flusses (12340
-Quadratkilometer) ausbreiten, so ergäbe sich eine Schicht von <span class="zhl">1</span>&frasl;<span class="nen">20</span> mm
-Mächtigkeit. Wenn also der Neckar sein ganzes Flußgebiet gleichmäßig
-erniedrigen würde, so würde er in einem Jahr <span class="zhl">1</span>&frasl;<span class="nen">20</span> mm, in 20 Jahren 1 mm,
-in 2000 Jahren eine Schicht von 1 m Mächtigkeit abtragen. Zur Abtragung
-von 100 m würde er infolgedessen 2 Millionen Jahre brauchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_02">
- <img class="w100" src="images/abb_02.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 2. Querschnitt durch die Schwäbische Alb und ihr
-Vorland mit vulkanischen Durchschlagsröhren. Zur Zeit der Eruption
-muß noch eine Gesteinsdecke, wie sie durch die gestrichelte Linie
-angedeutet ist, über dem Vorland gelegen haben. 1 Muschelkalk, 2
-Keuper, 3 Schwarzer Jura, 4 Brauner Jura, 5 Weißer Jura.</div>
-</div>
-
-<p>Nun können wir auf hochinteressante Weise feststellen, wie das ganze
-Gebiet zwischen Schwäbischer Alb und Odenwald in nicht allzuweit
-zurückliegender geologischer Vergangenheit ausgesehen haben muß.
-Zu den merkwürdigsten geologischen Erscheinungen der Erde zählt
-das Vulkangebiet der mittleren Schwäbischen Alb (um Kirchheim und
-Urach), in dem die Erdrinde von nicht weniger als 125 vulkanischen
-Explosionsröhren durchsetzt wird; sie zeigen sich von vulkanischem
-Material (Basalt) und von Gesteinsbruchstücken der durchschlagenen
-Schichten erfüllt. Eine Anzahl dieser Röhren steckt noch ganz innerhalb
-des Körpers der Alb, die sich südlich vom schwäbischen Keuperland
-über einem Unterbau von schwarzem und braunem Jura in wundervoller
-landschaftlicher Schönheit als eine steile, von Felszinnen gekrönte
-Mauer von Weißjura aufbaut; die übrigen liegen im Vorland (vgl. <a href="#abb_02">Abb. 2</a>).
-Der nördlichste der Vulkanschlote findet sich bei Scharnhausen
-(südlich von Stuttgart), über 20 km vom jetzigen Albrand entfernt,
-in den Keuper eingesenkt und trotzdem noch Brocken von weißem Jura
-enthaltend. Dieser Weiße Jura, ein viel jüngeres Gestein als der
-Keuper, in dessen Höhe er nun in der Vulkanröhre steckt, muß bei
-der Explosion von oben her in das offene Loch hereingefallen sein.
-Es müssen also damals noch die Schichten des Weißen Jura über der
-ganzen Gegend gelegen haben, und das gibt uns den sicheren Beweis,
-daß zu jener Zeit der Albrand, wenn er schon in der heutigen Art
-bestand, noch mindestens 20 km weiter nördlich gelegen sein muß.
-Weitere Beobachtungen machen es wahrscheinlich, daß das <em class="gesperrt">ganze
-schwäbische Stufenland</em> zwischen Odenwald und Alb damals noch von einer
-Gesteinsdecke von mehreren hundert Metern Mächtigkeit bedeckt war. Hier
-können wir nun wieder mit der Rechnung einsetzen: 100 m deckt der Neckar
-in 2 Millionen Jahren ab; es werden also seit jener Vulkankatastrophe,
-die im Obermiozän, also schon gegen das Ende der <span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span>Tertiärzeit,<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a>
-stattgefunden hat, ungefähr 4&ndash;6 Millionen Jahre verflossen sein.</p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Vergleiche hierzu, wie bei allen andern geologischen
-Altersangaben, die Formationstafel auf Seite 7.</p>
-
-</div>
-
-<p>Damit sind wir zum erstenmal auf das Zeitmaß gekommen, mit dem der
-Geologe rechnet, und an das sich auch der Leser gewöhnen muß, die
-Jahrmillion. Daß es nicht nur ein gedankenloses Umsichwerfen mit
-großen Zahlen ist, wenn in der Geologie von Jahrmillionen geredet
-wird, das zeigt schon dieser erste Versuch einer rechnerischen Lösung
-unserer Frage klar und deutlich, obwohl sich an ihn von kritisch
-gestimmten Geistern noch manches Wenn und Aber anknüpfen läßt. Aber
-daß Jahrtausende oder Jahrhunderttausende in der Erdgeschichte nicht
-zureichen, ist uns jetzt schon klar geworden. Die erste Vorstellung von
-der Größenordnung geologischer Zeiträume ist gewonnen, und das bedeutet
-eine neue Erkenntnis!</p>
-
-<p>Wenn der Neckar 20000 Jahre braucht, um sein Gebiet um 1 m zu
-erniedrigen, so ist er damit weder ein rascher noch ein besonders
-langsamer Arbeiter; seine Leistung bedeutet einen guten Durchschnitt.
-Ein Alpenfluß, der mit ganz anderer Wucht zu Tale stürzt und die
-Trümmer des rasch verwitternden Hochgebirges in die Ebene schafft,
-wird mehr leisten als der Neckar, der durch ein Mittelgebirgsland
-fließt, während ein langsam dahinfließender Strom des Flachlands nicht
-auf die Leistung des Neckars kommen wird. Es sind sehr lehrreiche
-Zahlen, die in dieser Beziehung von den Geologen gefunden wurden. Der
-erfolgreichste bekannte Zerstörer ist der Irawadi (Hinterindien), der
-sein Stromgebiet schon in 1300 Jahren um 1 m erniedrigt. Ihm kommen
-die Alpenflüsse Po und Reuß nahe, die in 2800 und 3000 Jahren dieselbe
-Arbeit verrichten, während das Gebiet der Hudson-Bai von seinen Flüssen
-erst in 165000 Jahren um 1 m erniedrigt wird.</p>
-
-<p>Es soll nun aber der kühne Versuch gewagt werden, für die ganze Erde
-die Abtragung zu berechnen. Wenn dabei auch viele Zahlen nicht ganz
-richtig sein werden, so müssen wir eben hoffen, daß ein Fehler nach
-der einen Seite wieder durch einen entgegengesetzten aufgehoben wird,
-und daß auf diese Weise doch eine Zahl von leidlicher Genauigkeit
-herauskommt. Will man wissen, was die gesamten Ströme der Erde im
-Jahr an Abtragungsarbeit leisten, so ist es nötig, zweierlei zu
-kennen: Die jährliche Wassermenge aller <span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span>Flüsse und den Gehalt ihres
-Wassers an Gelöstem und Aufgeschwemmtem. Es ist klar, daß nur für
-wenige Stromsysteme solche Messungen vorliegen, wie vom Neckar. An
-ihre Stelle muß eine vorsichtige Schätzung treten, die aber in einer
-Reihe von meteorologischen, geographischen und geologischen Tatsachen
-zuverlässige Grundlagen hat. Nachdem schon die englischen Geologen
-<em class="gesperrt">Mellard Reade</em> und <em class="gesperrt">Murray</em> die Berechnung versucht hatten, gab in
-neuerer Zeit der amerikanische Geologe <em class="gesperrt">Clarke</em> die zuverlässigsten
-Zahlen. Er erhielt unter möglichst genauer Berücksichtigung aller
-Verhältnisse für die Flüsse der ganzen Erde eine Jahresleistung von
-2500 Millionen Tonnen gelöster und 6000 Millionen Tonnen schwebender
-fester Stoffe, was eine Gesamtjahresleistung von 8500 Mill. Tonnen
-ergibt. Würde diese Stoffmenge, die von den Flüssen in einem Jahr
-ins Meer getragen wird, über das von ihnen entwässerte Festland
-ausgebreitet, so erhielte man eine gleichmäßige Schicht von
-<span class="zhl">1</span>&frasl;<span class="nen">28</span>&ndash;<span class="zhl">1</span>&frasl;<span class="nen">30</span> mm
-Dicke; es vergeht also ein Zeitraum von 28000 bis 30000 Jahren, bis
-die Erdoberfläche von den Flüssen durchschnittlich um 1 m erniedrigt
-wird. Zu der Arbeit der Flüsse kommt noch die zerstörende Wirkung
-der Meereswogen an der Küste hinzu, die gleichfalls dem Meere Stoffe
-zu Sedimentgesteinen liefert und die Gesamtmenge der ihm jährlich
-zugeführten Stoffe auf etwa 9000 Millionen Tonnen erhöht. Über das
-Schicksal aller dieser Stoffe können wir aussagen, daß ein Teil der
-gelösten Stoffe, vor allem die Chloride (in erster Linie Natriumchlorid
-= Kochsalz) in Lösung bleibt und damit den Salzgehalt des Meeres
-erhöht, während z.&nbsp;B. der größte Teil des gelösten kohlensauren Kalks
-sich ausscheidet. Die aufgeschwemmten Stoffe setzen sich natürlich
-ohne weiteres im Meere ab und bilden die sog. mechanischen Sedimente.
-Clarke versuchte auch, die Menge der verschiedenen neu gebildeten
-Gesteinsarten zu berechnen, und fand, daß von den 9000 Millionen
-Tonnen 70% (6300·10<sup>6</sup> Tonnen) zu Ton- und Schiefergesteinen werden,
-16% (1440·10<sup>6</sup> Tonnen) zu Sandsteinen und 14% (1260·10<sup>6</sup> Tonnen) zu
-Kalkstein.</p>
-
-<p>Um Zahlen für die Zeitdauer geologischer Vorgänge zu gewinnen, halten
-wir uns nun zuerst an die gelösten Stoffe. <em class="gesperrt">Joly</em> hat 1899 einen
-scheinbar sehr einfachen Weg angegeben, um das <em class="gesperrt">Alter des Ozeans</em> zu
-berechnen. Sein Gedankengang ist folgender: Als sich bei zunehmender
-Abkühlung der Erde das Wasser in flüssiger Form an der Oberfläche
-niederschlug, da bestand dieser <span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span>Urozean aus chemisch reinem Wasser,
-er war also ohne Salzbeimischung. Die Salze kamen auf die Weise in das
-Meer, daß die Verwitterung eine Reihe von Stoffen aus den Urgesteinen
-(Gneis, Granit) herauslöste und ins Meer führte. Die einen schieden
-sich hier aus und bildeten Gesteine, andere aber, vor allem die
-Alkalisalze (Salze des Natriums und Kaliums) blieben in Lösung und
-verursachen nun den Salzgehalt des Meeres. Die größte Rolle spielt
-dabei das Kochsalz (Chlornatrium). Auch heute noch werden von den
-Flüssen Natriumsalze in das Meer geführt, die aus der Verwitterung der
-Urgesteine stammen und den Salzgehalt des Meeres andauernd langsam
-vermehren. Wir kennen den Gehalt des ganzen Ozeans an Natriumsalzen
-(der Prozentgehalt des Meeres an Salzen ist bekannt, die Wassermenge
-des ganzen Ozeans läßt sich unschwierig berechnen) und die Menge des
-von den Flüssen jährlich ins Meer geführten Salzes. Dividieren wir
-beides, so erhalten wir die Zahl der Jahre, die nötig waren, um den
-Salzgehalt des Meeres bis zur heutigen Höhe anwachsen zu lassen. Die
-Berechnung geschieht nach folgender einfacher Gleichung:</p>
-
-<p class="center"><span class="hbruch"><span class="zaehler">(Natrium im Ozean)</span><span
-class="nenner">(jährl. Menge des Natriums in den Flüssen)</span></span>&nbsp;=
-Alter des Ozeans.</p>
-
-<p class="p0">Durch Einsetzung der für die Mengen der Natriumsalze bekannten Zahlen
-erhalten wir:</p>
-
-<p class="center"><span class="hbruch">
-<span class="zaehler">&#8199;14,13&#8199;&nbsp;·&nbsp;10<sup>12</sup>&nbsp;t</span>
-<span class="nenner">158,357&nbsp;·&nbsp;10<sup>3</sup>&#8199;t</span></span>&nbsp;=
-89222900 Jahre.</p>
-
-<p>Die Methode scheint sehr einfach und einleuchtend zu sein, sie hat
-aber ganz bedenkliche Schwierigkeiten. Vor allem gründet sie sich
-auf die Annahme, daß das von den Flüssen in den Ozean geführte
-Salz einzig und allein aus der Verwitterung der Urgesteine stamme.
-Nun läßt sich nachweisen, daß ein großer Teil dieses Salzes nicht
-daher, sondern aus dem Meere stammt und als „zyklisches Salz“ einen
-Kreislauf vom Meer zum Land und wieder ins Meer ausführt. Vor allem
-reißt der Meerwind kleine Tröpfchen von Seewasser mit sich und trägt
-auf diese Weise Salz weit ins Land hinein. Für den Sambharsalzsee
-in Indien, der 400 km landeinwärts liegt und eine Fläche von 5700 qkm
-einnimmt, wurde berechnet, daß er jährlich durch den Wind 3000 Tonnen
-Seesalz zugeführt bekommt. Ein anderer Teil des Salzes der Flüsse
-stammt aus Salzlagern in den Sedimenten, die ihrerseits wieder aus
-der Eindunstung von Meerwasser hervorgegangen sind. Auch dieses <span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span>Salz
-fließt also zum zweiten- oder öfterenmal dem Meere zu. Alles zyklische
-Salz darf natürlich nicht in die Berechnung eingestellt werden. Nach
-dem einen Forscher (Joly) soll seine Menge 33%, nach andern 95% oder
-gar 99% der von den Flüssen mitgebrachten Salzmenge betragen. Damit
-verringert sich die anzurechnende Menge des Natriums im Flußwasser ganz
-außerordentlich, und damit steigt nach einer einfachen mathematischen
-Überlegung das Alter des Ozeans bis zu ungeheuren Zahlen an. Bei der
-Annahme von 99% zyklischem Salz wäre es das 100fache, also gegen 9000
-Millionen Jahre. Wenn die Ergebnisse in einem solch ungeheuer weiten
-Spielraum sich bewegen, so wird es ganz aussichtslos, auf diese Weise
-zu einigermaßen brauchbaren Zahlen zu gelangen.</p>
-
-<p>Versuchen wir es deshalb mit den im Meere gebildeten Schicht-
-(Sediment-)gesteinen. Wenn wir die gesamte Mächtigkeit aller auf der
-Erde je gebildeten Sedimente kennen, dazu die Zeit, die zur Bildung von
-1 m nötig ist, so brauchen wir nur zu multiplizieren, und das Ergebnis
-liegt vor. Nun sind aber alle Zahlen, um die es sich hier handelt, so
-unsicher als nur denkbar. Bei der Berechnung der Gesamtmächtigkeit
-der Sedimente müssen wir berücksichtigen, daß an mancher Stelle der
-Erde lange geologische Zeiträume vorbeigingen, ohne eine Spur zu
-hinterlassen. Wenn wir bei der Berechnung der Schichtenmächtigkeit
-bei jeder Formation und jedem Formationsteil die Stelle in Rechnung
-setzen, an der sich die größte Mächtigkeit entwickelt hat, so erhalten
-wir die sogenannte <em class="gesperrt">maximale Mächtigkeit</em>. Diese beträgt nach <em class="gesperrt">Sollas</em>
-(1909) für die Neuzeit der Erde 19000 m, für das Mittelalter 21000 m,
-für das Altertum 37000 m, für das Präkambrium 25000 m; das ergibt eine
-Gesamtmächtigkeit von 102000 m. Andere Forscher bringen wesentlich
-andere Zahlen heraus. Wollen wir die Zeit berechnen, in der eine
-Schicht von 1 m Sedimentgestein gebildet wird, so müssen wir dabei
-festhalten, daß die Stoffe, die von den Flüssen ins Meer hinausgetragen
-werden, nicht über die ganze Fläche des Ozeans hin sich ablagern,
-sondern nur in der sog. Schelfregion, einem Gürtel, der mit ungefähr
-160 km Breite die Kontinente umsäumt. Bei einer Küstenlinie von
-160000 km nimmt auf diese Weise die Schelfregion einen Flächenraum von
-25,6·10<sup>6</sup> qkm ein. Nimmt man für die 9000·10<sup>6</sup> Tonnen ein spezifisches
-Gewicht von 2,5 an, so füllen sie einen Raum von 3600·10<sup>6</sup> cbm aus.
-Bauen wir aus dieser Masse eine Säule mit einer Grundfläche von
-1 qkm, so erreicht sie eine Höhe von 3,6 km. Breiten wir nun das Ganze
-gleichmäßig über die gesamte Schelfregion (25,6·10<sup>6</sup> qkm) aus, so ergibt
-sich eine Schicht von 0,140 mm Dicke. Wenn also in einem Jahr eine
-Schicht dieser Mächtigkeit gebildet wird, so sind 7000 Jahre nötig, um
-eine Schicht von 1 m Mächtigkeit zu bilden. Das ist natürlich nur ein
-Durchschnittswert. An einer Stelle geht die Arbeit viel rascher vor
-sich, an der andern viel langsamer.</p>
-
-<p>Würden wir diesen Wert als richtig annehmen, so erhielten wir für
-die Bildung von 102000 m Gesteinsmächtigkeit eine Zeit von über 700
-Millionen Jahren. Nun müssen wir dabei aber berücksichtigen, daß die
-Sedimente auch in der Schelfregion nicht gleichmäßig ausgebreitet
-werden (vgl. <a href="#abb_03">Abb. 3</a>), sondern daß sie in größerer<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> Küstennähe wesentlich
-stärker aufgehäuft werden als in 100 bis 160 km Entfernung von der
-Küste. Wir können für die größere Küstennähe annehmen, daß hier schon
-3000 Jahre genügen, um die Schicht von 1 m zu bilden. Wenn zuerst
-die „maximalen Schichtmächtigkeiten“ festgestellt wurden, so müssen
-wir jetzt den niedrigen Wert für die Bildungszeit von 1 m einsetzen
-und erhalten für 100000 m die Zeit von 300 Millionen Jahren. Es soll
-bei dieser Art Berechnung aber nicht verschwiegen werden, daß andere
-Forscher auf wesentlich andere Zahlen gekommen sind; sie bewegen sich
-zwischen 30 und 600 Millionen Jahren, und diese ungeheuren Unterschiede
-sind natürlich nicht dazu angetan, das Vertrauen in diese Methode
-allzusehr zu stärken.</p>
-
-<p>Etwas zuverlässigere Resultate ergibt ein anderer Weg: Man versucht,
-die <em class="gesperrt">Gesamtmenge der im ganzen Verlauf der Erdgeschichte gebildeten
-Sedimente</em> zu berechnen. Auch dies ist natürlich ein schwieriges
-Unterfangen, denn das meiste, was die Erde im Laufe der Jahrmillionen
-aufbaute, ist schon längst wieder zerstört. Immerhin, es soll gewagt
-sein. Auf Grund vorsichtiger Schätzung erhält man für den Kubikinhalt
-der gesamten, im Lauf der Erdgeschichte gebildeten Sedimente einen
-Raum von 875·10<sup>6</sup> Kubikkilometer (ckm). Unsere 9000·10<sup>6</sup> Tonnen stellen
-einen Raum von 3,6 ckm dar, es waren also 875·10<sup>6</sup>/3,6 = 245·10<sup>6</sup> Jahre
-nötig, um die Gesamtmenge der Sedimente zu bilden. Ein zweiter Versuch:
-Man rechnet mit der <span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span>Gesamtmenge aller je gebildeten Kalksteine und der
-Menge Kalk, die durch die Verwitterung der Eruptivgesteine jährlich
-frei wird. Nach ähnlichen Methoden, wie sie oben angedeutet wurden,
-erhält man für die Bildung der gesamten irdischen Kalkschichten eine
-Zeit von 320 Millionen Jahren.</p>
-
-<p>Bei all den Zahlen, die wir bis jetzt errechnet haben, mußte nach
-der Mächtigkeit der erhaltenen Sedimente stark ⅔ auf die Zeit
-vom Kambrium bis heute, schwach ⅓ auf das Präkambrium entfallen.
-Jedenfalls ist damit aber, wenn wir die Zeitspanne seit dem Kambrium
-als zuverlässiger annehmen wollen, das Präkambrium stark unterschätzt.
-Nach Überlegungen allgemeiner Art muß seine Dauer ein Mehrfaches der
-aller anderen Formationen betragen; es ist aber fast vollständig
-zerstört und umgewandelt, und daher kommt seine Bedeutung in den
-Mächtigkeitszahlen lange nicht genügend zum Ausdruck.</p>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_03">
- <img class="w100" src="images/abb_03.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 3. Sedimentbildung in der Schelfregion.</div>
-</div>
-
-<p>Was läßt sich nun über die Zuverlässigkeit all dieser Berechnungen
-aussagen? Das Problem kann unmöglich auf einen Anlauf gelöst werden.
-Fast alle Zahlen sind nicht genau bestimmbar, sie beruhen nur auf mehr
-oder weniger zuverlässigen Schätzungen; deshalb bewegen sich auch die
-Ergebnisse zwischen sehr weiten Grenzen. Wohl wohnt den Zahlen ein
-verschiedenes Maß von Zuverlässigkeit inne; bei den einen, z.&nbsp;B. den
-Abtragungszahlen, wird wohl die richtige Zahl um nicht mehr als 50%
-nach oben oder unten von der angenommenen abweichen; andere dagegen
-sind wesentlich unsicherer. Und trotzdem, die Ergebnisse sind nicht
-wertlos. Haben wir gleich zu Anfang nachgewiesen, daß geologisch recht
-junge Ereignisse bereits einige Millionen Jahre zurückliegen müssen,
-so zeigen uns die Berechnungen über Abtragung und Aufschüttung, daß es
-sich für die Zeit, in der die Gesamtheit der Schichtgesteine gebildet
-wurde, jedenfalls schon um mehr als hundert Jahrmillionen handelt. Das
-ist ein sehr wesentliches und wertvolles <span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span>Ergebnis. Wir erkennen zwar
-noch nicht die absolute Größe, aber doch die Größenordnung geologischer
-Zeiträume; die Zehner und Hunderter von Jahrmillionen haben bereits
-hohe Wahrscheinlichkeit gewonnen.</p>
-
-<p>Ungeheure <em class="gesperrt">Wasser- und Sanduhren</em> sind es, die dem Geologen dieses
-Resultat verschafft haben. Ihr Prinzip der Zeitmessung ist genau
-das gleiche wie bei der Sanduhr am Telephon oder jenen kunstvollen
-Wasseruhren der Araber und Griechen. Wir wissen, was in einem Jahr in
-die großen Sammelbecken läuft, vermögen die Massen des Geleisteten zu
-messen oder zu schätzen und erhalten daraus durch einfache Rechnung die
-Zahl der dazu nötigen Jahre. Die Genauigkeit der Rechnung hängt von der
-Zuverlässigkeit der verwendeten Zahlen ab.</p>
-
-<p>Jedoch steckt in all diesen Rechnungen noch eine Voraussetzung, die
-wir bis jetzt unbesehen hingenommen haben, die aber durchaus nicht
-selbstverständlich ist, sondern einer sehr genauen Prüfung bedarf.
-Wenn wir aus der Gesamtmasse der Sedimente und der Jahresleistung der
-abtragenden Kräfte durch Division die Zeit gewonnen haben, so nahmen
-wir an, daß im ganzen Verlauf der Zeit die Uhr gleich schnell gegangen
-sei, die Flüsse in jedem Jahr so viel ins Meer getragen hätten wie
-heute. Das ist jedoch nicht ohne weiteres sicher. Wir können uns
-denken, daß in früheren Erdperioden die geologischen Kräfte rascher
-und stürmischer gearbeitet hätten als heute, daß die Zerstörung
-schneller vor sich gegangen wäre, und die Flüsse mehr ins Meer geführt
-hätten. Dann hätten wir mit einer zu kleinen Zahl dividiert, die
-durchschnittliche Jahresleistung wäre größer anzunehmen, und es kämen
-wesentlich kleinere Zeiträume bei der Rechnung heraus. Ebenso denkbar
-ist es aber auch, daß die geologische Sanduhr heutzutage rascher
-läuft als in der Vergangenheit; dann hätten wir für diese Zeiten
-geringere Jahresleistungen einzusetzen, und die Zeiträume würden sich
-erhöhen. Wo liegt hier die Wahrheit? Haben in der Vergangenheit die
-geologischen Kräfte stärker, gleichstark oder schwächer gewirkt wie in
-der Gegenwart? Noch vor einem halben Jahrhundert nahmen die Geologen
-das erste fast als selbstverständlich an; denn unscheinbar und nicht
-unmittelbar in die Augen fallend sind die Veränderungen der Erde, die
-sich heute vollziehen. Für die geologische Vorzeit war man geneigt, ein
-viel rascheres Tempo in der Umbildung der Erdoberfläche anzunehmen; in
-der Gegenwart <span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>aber sei die Erde aus der Sturm- und Drangzeit heraus in
-einen gemütlichen Alterszustand eingetreten, und von den an ihr tätigen
-Kräften werde nicht mehr viel an ihrem Antlitz geändert.</p>
-
-<p>Diese Ansicht ist gegenwärtig von den meisten Forschern verlassen.
-Die Erde befindet sich durchaus nicht in einer Periode besonderer
-Ruhe; wesentlich stärker können in der Vorzeit die geologischen Kräfte
-nicht gewirkt haben, als sie es auch heute noch tun. Ja, eine Anzahl
-englischer und amerikanischer Geologen vertritt mit guten Gründen die
-Ansicht, daß wir uns in einer Zeit übernormaler geologischer Tätigkeit
-befinden. Wir werden später auf die Besprechung dieser wichtigen Frage
-zurückkommen müssen.</p>
-
-<p>Es wäre gewiß zu kühn, die Frage nach der Dauer geologischer Zeiträume
-mit den bisherigen Methoden allein lösen zu wollen. Die Verfahren,
-die bis jetzt beschrieben wurden, sind doch gar zu summarisch. Wir
-wollen deshalb einen andern Weg einschlagen. Anstatt sofort auf
-das Ganze zu gehen, wollen wir bescheiden versuchen, zunächst für
-Ereignisse der jüngsten, uns zeitlich nächstliegenden geologischen
-Vergangenheit, brauchbare Zahlen zu finden und von da aus langsam
-weiter zurückzuschreiten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="III_Von_der_Eiszeit_bis_zum_Beginn_des_Kambriums">III.
-Von der Eiszeit bis zum Beginn des Kambriums.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Unmittelbar vor der geologischen Gegenwart hat ein gewaltiges Ereignis,
-dessen Nachwirkungen heute noch nicht ganz verschwunden sind, unsere
-Erde betroffen: Eine ungeheure Vereisung ist über weite Teile der
-Erdoberfläche weggegangen. Aus den Tälern der Alpen drangen Eisströme
-von über 1000 m Mächtigkeit hinaus ins Vorland, wo sie sich zu einem
-riesigen Eisgürtel vereinigten, der im Norden bis nahe zur Linie
-der heutigen Donau reichte und sie an einigen Punkten (z.&nbsp;B. bei
-Sigmaringen) sogar noch überschritt. Unsere höheren Mittelgebirge,
-Vogesen, Schwarzwald, Böhmerwald und Riesengebirge trugen Gletscher,
-die weit in die Täler hinunterreichten. Das Gewaltigste aber war die
-ungeheure nordeuropäische Vereisung (<a href="#abb_04">Abb. 4</a>). Von den skandinavischen
-Gebirgen schoben sich die Eismassen über die heutige Ostsee hinweg
-bis in das Herz Deutschlands. Sie reichten bis an den Harz und in
-die Lausitz, ja tief nach Polen und in die Ukraine hinein. Ungeheure
-Schuttmassen wurden von den Gletschern mitgebracht, zum Teil am <span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span>Grund
-mitgeschoben (Grundmoränen), zum Teil auf dem Rücken herangetragen,
-gelegentlich in einzelnen großen Blöcken (Findlingsblöcke). Fast
-dem ganzen norddeutschen Tiefland ist durch die Bedeckung mit
-Gletscherschutt der geologische Stempel aufgedrückt. Das Merkwürdigste
-aber ist, daß jene Eiszeit nicht einheitlich war, sondern daß viermal
-nacheinander die Gletscher vorstießen, um sich in der Zwischenzeit
-jeweils vollständig zurückzuziehen und abzuschmelzen. Wohl sind
-gewisse Einzelfragen noch nicht gelöst, im allgemeinen aber kann die
-nebenstehende schematische Darstellung (<a href="#abb_05">Abb. 5</a>) als Ausdruck unserer
-jetzigen Kenntnisse vom Verlauf der Eiszeit angesehen werden. Die
-Kurve gibt nach den Forschungen <em class="gesperrt">Pencks</em> den Verlauf der Schneegrenze
-für die ganze Eiszeit im alpinen Vereisungsgebiet wieder. Jede
-Eiszeit wurde durch eine Temperaturerniedrigung verursacht; eine
-Senkung der Schneegrenze um mehrere hundert Meter war die Folge.
-In der Zwischeneiszeit stieg jedoch die Temperatur sogar über den
-Durchschnittsstand der Jetztzeit; die Gletscher zogen sich zurück.
-Die Kurve bringt deutlich durch die viermalige Senkung und Hebung der
-Schneegrenze das viermalige Kälter- und Wärmerwerden, das Vorrücken
-und Abschmelzen der Gletscher zur Darstellung. Die vier Eiszeiten
-führen nach Penck die Namen Günz-, Mindel-, Riß- und Würmeiszeit,
-nach Flüßchen der oberschwäbisch-bayrischen Hochebene, an denen
-ihre Bildungen besonders schön erhalten sind. Von der letzten, uns
-zeitlich am nächsten liegenden Eiszeit wissen wir natürlich am meisten,
-denn ihre Ablagerungen liegen zu oberst, während die der früheren
-Eiszeiten oft tief überschüttet oder gar schon wieder zerstört sind.
-So wissen wir auch, daß das Abschmelzen der Gletscher vom Höhepunkt
-der Würmeiszeit ab nicht ohne Unterbrechung erfolgte. Der Gletscher
-wich bei seinem Abschmelzen nicht gleichmäßig zurück, sondern machte an
-manchen Stellen eine längere Ruhepause, ja er konnte sogar wieder eine
-Strecke weit vorstoßen. So wurde das Abschmelzen des Würmgletschers
-durch den „Bühlvorstoß“ unterbrochen. Die Linie, an der der Eisrand
-längere Zeit verweilte, ist durch besondere Endmoränenwälle im Gelände
-gekennzeichnet. So liegen die Moränen des Bühlvorstoßes, der für die
-Berechnung der Eiszeitdauer von besonderer Wichtigkeit ist, an der
-Stelle, wo die Alpentäler sich in das Vorland öffnen.</p>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_04">
- <img class="w100" src="images/abb_04.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 4. Das nordeuropäische Vereisungsgebiet.<br />
- 2 äußerster Stand der 2. (Mindel-) Vereisung. 4 äußerster Stand
- der 4. (Würm-) Vereisung. 4a baltische Endmoränen. Fsk-E fennoskandische
- Endmoränen.<br />
- Nach Olbricht.</div>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_05">
- <img class="w100" src="images/abb_05.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 5. Klimakurve der Eiszeit nach Penck.<br />
- A Achsenschwankung (Rückzug der Gletscher). B Bühlvorstoß.</div>
-</div>
-
-<p>Die Frage nach der <em class="gesperrt">Ursache der Vereisung</em> beschäftigt den Geologen,
-seit er überhaupt von diesem Ereignis weiß. Eine Unmenge <span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span>von Theorien
-hat schon versucht, die Eiszeit mit ihrem mehrmaligen Klimawechsel
-zu erklären. Es ist ein Gebiet, das der Phantasie &mdash; und die ist
-auch in der Wissenschaft nötig! &mdash; den weitesten Spielraum läßt,
-und wo dem Forscher die Möglichkeit winkt, eines <span class="pagenum" id="Seite_24">[S. 24]</span>der dunkelsten
-Geheimnisse der Erdgeschichte aufzuklären. Da gibt es nun Theorien,
-die nicht nur die Ursache der Eiszeit erklären wollen, sondern die in
-ihrer mathematischen Durchführung auch gleich den zeitlichen Ablauf
-der ganzen Erscheinung ergeben. Es sind Theorien, die aus großen
-astronomischen Vorgängen das Ereignis verständlich zu machen versuchen.</p>
-
-<p>Seit dem großen Schwaben Kepler wissen wir, daß die Erde wie alle
-Planeten sich in ellipsenförmiger Bahn um die Sonne bewegt; die Sonne
-steht in einem Brennpunkt der Ellipse. Die Erdachse bildet mit der
-Ebene der Erdbahn einen Winkel von 66½°, und mit parallel bleibender
-Lage seiner Umdrehungsachse beschreibt unser Weltkörper seinen
-Umlauf um die Sonne, die ihn streng und fest nach den Gesetzen der
-Massenanziehung in seiner Bahn erhält. Nun bleibt aber die Gestalt
-der Erdbahn nicht ewig dieselbe; sie verändert sich in langen, aber
-meßbaren Zeiträumen. Langsam nimmt die Exzentrizität der Bahn zu und
-ab, d.&nbsp;h. die Bahnellipse wird periodisch flacher und dann wieder mehr
-kreisförmig. Dabei dreht sich die große Achse der Ellipse in der Ebene
-der Erdbahn, und schließlich bleibt auch die Lage der Erdachse nicht
-dauernd sich selbst parallel, die Erde führt vielmehr in einer Periode
-von 26000 Jahren die sogenannte Präzessionsbewegung aus, die darauf
-zurückzuführen ist, daß die Anziehungskraft der Sonne den Äquatorwulst
-der Erde in die Bahnebene hereinzuziehen versucht, diese aber als
-„Kreisel“ mit ihrer Umdrehungsachse ausweicht.<a id="FNAnker_3" href="#Fussnote_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_3" href="#FNAnker_3" class="label">[3]</a> Es ist natürlich im Rahmen dieses Buches nicht möglich,
-eine erschöpfende Darlegung der astronomischen Verhältnisse zu geben.
-Wer sich eingehender für diese Fragen interessiert, sei auf Bölsche
-„Eiszeit und Klimawechsel“ hingewiesen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Bei den Veränderungen in der Gestalt der Erdbahn setzt nun eine Theorie
-ein, die von <em class="gesperrt">Croll</em> begründet wurde. Er führt dabei ungefähr folgenden
-Gedankengang durch: Im Maximum der Exzentrizität, das heißt zu der
-Zeit, in der die Bahnellipse am stärksten von der Kreisform abweicht,
-besteht ein großer Unterschied in der Dauer der Jahreszeiten. Nach
-dem zweiten Keplerschen Gesetz muß sich die Erde in der Sonnennähe
-rascher bewegen als in der Sonnenferne. Für die Erdhälfte, die in
-der Sonnennähe Sommer hat, ist diese Jahreszeit zwar sehr heiß, sie
-eilt aber rasch vorbei; das Winterhalbjahr dauert 36 Tage länger
-als das Sommerhalbjahr. Dabei ist der Winter in der Sonnenferne
-außerordentlich kalt und streng. <span class="pagenum" id="Seite_25">[S. 25]</span>Gegenwärtig befinden wir uns in einer
-Periode schwacher Exzentrizität, die Erdbahn ist beinahe kreisförmig,
-und Winter- und Sommerhalbjahr unterscheiden sich daher nur um acht
-Tage. Der Wechsel der Exzentrizität vollzieht sich in einer Periode
-von mehreren hunderttausend Jahren. Nun lehrt Croll: Ein Maximum der
-Exzentrizität hat für die Erde jedesmal eine Eiszeit zur Folge. In dem
-langen, kalten Winter, den diese Periode für eine Halbkugel mit sich
-bringt, sammelt sich so viel Schnee und Eis an, daß auch der folgende
-kurze und heiße Sommer sie nicht zum Verschwinden bringen kann. Im
-nächsten Jahr verstärkt sich noch diese Wirkung, die Jahr für Jahr
-weiter zunimmt und schließlich zur Vereisung führt. Währenddessen
-hat zwar die andere Erdhälfte recht günstige Verhältnisse: kurze,
-warme Winter und lange, kühle Sommer. Aber in der zweiten Hälfte
-der Präzessionsperiode, nach 10500 Jahren,<a id="FNAnker_4" href="#Fussnote_4" class="fnanchor">[4]</a> beginnt für sie die
-ungünstige Wärmeverteilung, während die erste Halbkugel sich auch
-in der für sie günstigen Zeit nicht von der angefangenen Vereisung
-erholen kann. Erst wenn die Erdbahn wieder mehr kreisförmig wird,
-geht die Vereisung zurück und verschwindet schließlich ganz. Ein
-Maximum der Exzentrizität mit seinen großen Gegensätzen in der Dauer
-der Jahreszeiten hat also eine Eiszeit zur Folge, das Minimum mit der
-gleichmäßigen Verteilung der Wärme eine Zwischeneiszeit. Die Periode,
-in der der Wechsel vor sich geht, läßt sich berechnen; die vorletzte
-Eiszeit müßte nach Croll in den Jahren 980000&ndash;720000, die letzte in den
-Jahren 240000 bis 80000 vor unserer Zeitrechnung gewesen sein.</p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4" href="#FNAnker_4" class="label">[4]</a> Infolge der
-Verschiebung des Punkts der Sonnennähe verkürzt sich die Periode der
-klimatischen Einwirkung von 26000 auf 21000 Jahre.</p>
-
-</div>
-
-<p>Das sind die Grundgedanken der Crollschen Theorie; sie ist geistreich
-und scharfsinnig, aber leider nicht zu halten. Wenn sie richtig wäre,
-so müßten ja in der ganzen Erdgeschichte regelmäßig Eiszeiten und
-Zwischeneiszeiten einander ablösen. Nun hat es wohl schon in früheren
-Perioden der Erdgeschichte Eiszeiten gegeben; die letzte große Eiszeit
-aber setzt nach einer langen Periode mit warmem, ja heißem Klima
-beinahe unvermittelt mit ihrer Kälte ein. Kein Geologe wird außerdem
-die Jahreszahlen, die Croll errechnet, für richtig halten können;
-das werden uns spätere Ausführungen zur Genüge beweisen. Es kann mit
-aller Bestimmtheit gesagt werden, daß das Ende der letzten Eiszeit
-nicht 80000 Jahre, sondern nur wenig mehr als 10000 Jahre hinter der
-Gegenwart zurückliegt. <span class="pagenum" id="Seite_26">[S. 26]</span>Die klimatischen Grundlagen der Theorie sind
-sogar so unsicher, daß neuerdings ein Forscher (<em class="gesperrt">Hildebrand</em>) beweisen
-wollte, daß die Eiszeit in das Minimum der Exzentrizität fallen
-müsse! Schließlich hat Croll noch eine Reihe von meteorologischen
-Faktoren unberücksichtigt gelassen, die von <em class="gesperrt">Pilgrim</em> in einer
-genauen mathematischen Nachprüfung der Theorie sorgfältig in die
-Rechnung eingestellt wurden. Aber auch sie vermochte die schweren
-Bedenken gegen die ganze Theorie nicht zu beheben; unser Urteil kann
-nur das eine sein, daß für die Gewinnung genauer Alterszahlen die
-astronomischen Theorien z.&nbsp;B. ausscheiden müssen. Wenn wir trotzdem
-die Crollsche Theorie in den Kreis unserer Betrachtungen gezogen haben,
-so hat das seinen Grund darin, daß sie ein wunderschönes Beispiel für
-eine Zeitmessung nach dem Prinzip der Pendeluhr darstellt. Wie das
-Pendel unter der Einwirkung der Schwerkraft rhythmisch hin und her
-schwingt, so verändert sich unter dem Einfluß derselben zwischen den
-Weltkörpern wirkenden Anziehungskraft die Bahn unserer Erde. Es ist ein
-geheimnisvoll großartiges Bild, wie die Bahnellipse unseres Gestirns
-nicht fest und starr im Weltraum liegt, sondern wie sie pulsiert,
-sich abflacht und wieder rundet, wie die Erdachse nicht ständig auf
-denselben Punkt des Fixsternhimmels weist, sondern langsam und gemessen
-als Kreiselachse ausweicht und in der Periode von 26000 Jahren ihre
-Präzessionsbewegung ausführt. Es ist tatsächlich der Pendelschlag
-der Weltuhr, der sich hier vor unserem Geistesauge vollzieht:
-Rhythmische Bewegung unter dem Zwange der Schwerkraft. Aber leider
-ist unsere Weltuhr recht unvollkommen. Die irdische Pendeluhr besitzt
-außer dem schwingenden Zeitmesser ein Zählwerk, das mit kunstvoll
-ineinandergefügten Rädern die Zahl der Schwingungen auf dem Zifferblatt
-sichtbar in die Erscheinung treten läßt. Unsere Weltpendeluhr schlägt
-wohl, aber ob und wie sie zählt, das ist uns noch ein Rätsel. Wohl
-konnte der Mensch vermuten, in den rhythmisch sich folgenden Eiszeiten
-ihre Schläge zu erkennen. Genauere Überlegung und Nachprüfung läßt
-uns jedoch diese Annahme wieder verwerfen. Vielleicht ist auch der
-Einfluß jener astronomischen Vorgänge viel zu geringfügig, um sich
-deutlich sichtbar in Erscheinungen der Erdoberfläche auszuwirken.
-Wir gehen daher von den weltumfassenden Theorien über die Eiszeit
-zur geologischen Einzelforschung über, die aus der peinlich genauen
-Untersuchung der Erdrinde ihre Schlüsse über die Dauer geologischer
-Zeiträume zu ziehen versucht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
-
-<div class="figright illowe20" id="abb_06">
- <img class="w100" src="images/abb_06.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 6. Das Abschmelzen des Eises in Skandinavien. Das Stirnende
- des Gletschers ragt noch in das „Noldiameer“.<br />
- Nach de Geer aus Kayser, Lehrbuch der Geologie.</div>
-</div>
-
-<p>Während der letzten Eiszeit lag die skandinavische Halbinsel ganz unter
-einem riesigen Eisschild verborgen, der vom Kamm des Gebirges aus bis
-weit nach England, Deutschland und Rußland hinein sich ausgebreitet
-hatte und der mit dem Wärmerwerden des Klimas langsam wieder
-abschmolz, sich auf seinen Ausgangspunkt, die Eisscheide, zurückzog und
-schließlich ganz verschwand. Einem schwedischen Geologen, <em class="gesperrt">de Geer</em>,
-fiel schon 1878 auf, daß fast das ganze Gebiet der früheren Vereisung
-zu oberst von einem Ton bedeckt ist, der ganz regelmäßig gebänderte
-Schichtung aufweist. Die Frage war: Wie sind diese Bändertone
-entstanden, und wie erklärt sich ihre Schichtung? Die Schichten
-der Tone sind vollständig ungestört, der Gletscher konnte also
-nicht mehr über sie hinweggegangen sein. Mannigfache Untersuchungen
-machten es allmählich zur Gewißheit, daß sie im Zusammenhang mit dem
-abschmelzenden Eis in einem Meer zum Niederschlag gekommen waren.</p>
-
-<p>Als die Eisdecke abschmolz, lag das Land noch unter dem Meeresspiegel,
-das Stirnende des Gletschers ragte ins Meer hinein (<a href="#abb_06">Abb. 6</a>); auf der
-Oberfläche des Eises sank das Schmelzwasser in Spalten und Rissen
-in die Tiefe, bahnte sich unterhalb des Gletschers seinen Weg zum
-Eisrand und führte dabei die leichter ausschwemmbaren Bestandteile der
-Grundmoräne, Ton und Sand, mit sich. Wo nun dieser Schmelzwasserstrom
-unter dem Eis hervor ins Meer mündete, da riß er den Sand noch eine
-kurze Strecke mit sich, um ihn dann liegen zu lassen; die feineren
-Tonbestandteile wurden erst weiter draußen abgelagert. Im Winter
-bildeten sich im allgemeinen infolge der geringeren Menge des
-Schmelzwassers feinkörnige, hauptsächlich tonige Niederschläge, die
-durch organische Beimengungen dunklere Färbung annahmen, im Frühjahr
-und Sommer, wo die stärksten Wassermengen arbeiteten, waren die
-Niederschläge sandiger und von heller Farbe. Im nächsten Jahr kam
-<span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span>im Wechsel der Jahreszeiten eine weitere Schicht Ton und Sand zur
-Ablagerung, die aber infolge des Zurückweichens des Gletschers nach
-Norden so viel weiter nördlich anfing, als der Gletscher im Lauf des
-Jahres zurückgewichen war und ebensoviel weiter nördlich auch wieder
-aufhörte (vgl. <a href="#abb_07">Abb. 7</a>).</p>
-
-<p>Jahr für Jahr bildete sich also eine neue Schicht; alle Schichten,
-abwechselnd aus dunklen und helleren Lagen von Ton und Sand bestehend,
-mußten sich dachziegelförmig übereinander lagern, jede folgende weiter
-im Norden beginnend. Die wunderbar deutlich ausgeprägten Schichten der
-Bändertone hängen also mit der Periode des Jahres zusammen, sie stellen
-nichts anderes als <em class="gesperrt">Jahresringe</em> dar.</p>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_07">
- <img class="w100" src="images/abb_07.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 7. Bildung der Bändertone.</div>
-</div>
-
-<p>Nun handelte es sich aber noch darum, die Zahl all dieser
-Jahresschichten, die über ganz Schweden weg sich ausbreiteten, zu
-bestimmen; damit mußte man die Frage beantworten können, wie lange
-der Gletscher zu ihrer Bildung gebraucht hatte, von der Zeit an, da
-er noch an der Spitze Schonens stand bis zu dem Augenblick, da sein
-letzter Rest auf der Eisscheide vollends abschmolz. Es winkte also
-die Möglichkeit, durch die Zählung der Schichten die Zahl der Jahre
-zu bestimmen, die der Gletscher zum Zurückweichen von Schonen bis
-zur Eisscheide nötig gehabt hatte. Das war keine leichte Aufgabe,
-denn es handelte sich ja um Schichten, die nirgends zusammenhängend,
-sondern immer nur an einzelnen Punkten aufgeschlossen waren. Man hätte
-daran denken können, von Süden nach Norden einen großen Einschnitt
-herzustellen, und damit nach Art des Bildes 6 einen zusammenhängenden
-Aufschluß in den Bändertonen zu schaffen, längs dessen man die Zahl
-der Schichten in der schönen dachziegelartigen Überlagerung leicht
-hätte feststellen können. Daß dies ein ungeheuer kostspieliges
-Riesenwerk hätte sein müssen, leuchtet ohne weiteres ein. De Geer
-fand einen einfacheren <span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>Weg. In zahlreichen einzelnen Aufschlüssen,
-in Tongruben, Ziegeleien, Eisenbahneinschnitten wurde von ihm und
-seinen Schülern, die er sich zur Mitarbeit heranzog, in den Jahren
-1905 und 1906 die Mächtigkeit der einzelnen Schichten genau mit dem
-Meßband <span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span>gemessen. Es zeigte sich bald in benachbarten Aufschlüssen,
-daß die Mächtigkeitsverhältnisse aufeinanderfolgender Schichten in
-allen Profilen sich gleich blieben. Das ist auch leicht verständlich
-und erklärbar, denn das eine Jahr brachte mehr Wasser und damit auch
-mehr Sand und Ton mit als das andere. Die <a href="#abb_08">Abb. 8</a> und <a href="#abb_09">9</a> sollen das
-Verfahren de Geers erklären. In den Punkten A, B und C der Karte wurde
-die Dicke der einzelnen Tonschichten gemessen, die Mächtigkeiten wurden
-in einzelnen übereinander angeordneten wagrechten Linien graphisch
-dargestellt und die Endpunkte miteinander verbunden, so daß sich für
-die drei Punkte die Bilder <a href="#abb_09">Nr. 9</a> ergaben.</p>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_08">
- <img class="w100" src="images/abb_08.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 8. Zurückweichen des Eises in der Gegend von
- Stockholm. Nach de Geer.</div>
-</div>
-
-<p>Es zeigte sich, daß die Schichten 1&ndash;19 des Punktes B in ihren
-Mächtigkeitsverhältnissen genau den Schichten 4&ndash;22 des Punktes A
-entsprachen; diese Schichten waren also in gleichen Jahren gebildet
-worden und mußten einander gleichgestellt werden. Im Profil B fehlten
-die drei untersten Schichten des Profils A, das Eis hatte somit zum
-Zurückweichen von A nach B den Zeitraum von drei Jahren gebraucht.
-Ebenso entsprachen die Schichten 1&ndash;18 des Profils C deutlich den
-Schichten 7&ndash;24 des Profils B, es fehlten also im Profil C die sechs
-untersten Schichten von B; das Eis hatte somit sechs Jahre zum Rückzug
-von B nach C gebraucht. Durch Aufnahmen einer größeren Anzahl von
-Schichtprofilen konnte auf diese Weise genau das Zurückweichen des
-Gletschers bestimmt werden, und so entstand das Kärtchen aus der Gegend
-von Stockholm (<a href="#abb_08">Abb. 8</a>), das die aufeinander folgenden Eisrandlagen für
-einen Zeitraum von etwa 25 Jahren in Kurven darstellt. Dabei ergab
-sich noch ein weiteres interessantes Ergebnis: Es fanden mit dieser
-Aufnahme die zahlreichen kleinen, in Abständen von 100&ndash;200 m parallel
-hintereinander angeordneten Moränenrücken ihre Erklärung; sie zeigen
-gleichfalls das jährliche Zurückweichen des Gletschers an und sind als
-sogenannte „<em class="gesperrt">Wintermoränen</em>“ in der kalten Jahreszeit gebildet worden,
-während der Eisrand einige Monate an Ort und Stelle blieb.</p>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_09">
- <img class="w100" src="images/abb_09.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 9. Mächtigkeiten der Bändertonschichten an den
- Punkten A, B und C der Karte <a href="#abb_08">Abb. 8</a>. Nach de Geer.</div>
-</div>
-
-<p>Auf diese Weise war es möglich, die Schichten zu zählen, ohne große
-und kostspielige Einschnitte schaffen zu müssen. De Geer untersuchte
-die Bändertone längs mehrerer Linien von Schonen bis zur Eisscheide.
-Es ist ja nicht nötig, die ganze Zählung einer einzigen Linie entlang
-vorzunehmen, doch muß jedesmal eine neue Linie wieder in gleicher
-Höhe beginnen; das Bild 10 gibt die von <span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span>ihm untersuchten Linien an.
-Seine Ergebnisse bei der Zählung der Schichten und der Eintragung
-der Ergebnisse in die Karte waren folgende: im Süden Schwedens,
-in Schonen, wich der Gletscher im Jahr um 50 m zurück, etwas weiter
-nördlich um 100 m, in der Gegend des Wener- und Wettersees erfolgte
-eine Pause im Zurückweichen. In dieser Stillstandszeit, die jedoch
-nur wenige Jahrhunderte dauerte, häufte der Gletscher den Gürtel der
-fennoskandischen Endmoränen auf, der von Kristiania an quer durch
-Mittelschweden hindurch zu verfolgen ist und jenseits der Ostsee in
-Finnland seine Fortsetzung findet. Die Zeit des Rückzugs von Schonen
-bis zu diesen Moränen, die <em class="gesperrt">gotiglaziale Epoche</em>, umfaßte einen
-Zeitraum von 3000 Jahren. In der folgenden <em class="gesperrt">finniglazialen Epoche</em>
-ging der Rückzug wesentlich schneller vor sich; im Jahr betrug er
-100 bis 300 m, denn der verhältnismäßig geringe Eisrest, der noch
-übrig geblieben war, schmolz vollends rasch zusammen. So brauchte der
-Gletscher zu seinem Rückzug von den fennoskandischen Endmoränen bis
-zur Eisscheide, also bis zu seinem völligen Verschwinden, nur noch
-2000 Jahre. Für den ganzen Rückzug von Schonen bis zur Eisscheide war
-demnach ein Zeitraum von 5000 Jahren nötig.</p>
-
-<div class="figright illowe22" id="abb_10">
- <img class="w100" src="images/abb_10.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 10. Zurückweichen des Eises in Skandinavien. Längs
- der punktierten Linien erfolgte die Zählung der Bändertonschichten
- durch de Geer.</div>
-</div>
-
-<p>Diese Bestimmung der Zeitdauer eines genau umschriebenen geologischen
-Vorgangs bedeutet einen außerordentlichen Fortschritt. Hier haben wir
-es nicht mit einer von unsicheren und zweifelhaften Voraussetzungen
-ausgehenden Berechnung zu tun, sondern es handelt sich um ein einfaches
-Abzählen der Spuren, die der Wechsel <span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span>der Jahreszeiten sichtbar
-hinterlassen hat. So besitzt das Ergebnis de Geers die höchst mögliche
-Zuverlässigkeit und Sicherheit, die wir von einer geologischen
-Zeitmessung erwarten können; die Schönheit und Eleganz dieser Methode
-steht in ihrer Art einzig da. Nachprüfungen ihrer Ergebnisse in
-Finnland, wo dieselben geologischen Verhältnisse sind, haben zu einer
-vollkommenen Bestätigung geführt.</p>
-
-<p>Eine Reihe von Wünschen bleibt aber doch noch unerfüllt. Zunächst
-müssen wir feststellen, daß es nur ein verhältnismäßig kleiner
-Zeitraum ist, den die Zeitmessung de Geers umfaßt. Daran können wir
-aber leider nichts ändern. Zu bedauern ist aber auch, daß sie nicht
-unmittelbar an die Jetztzeit anschließt. Wir wissen wohl, daß das
-Eis zu seinem Abschmelzen von Südschweden bis zur Eisscheide 5000
-Jahre gebraucht hat, wir wissen aber nicht, wieviel Jahre seitdem
-wieder verstrichen sind. De Geer hat zwar versucht, auch diese Zeit
-zu bestimmen; er benützte dazu eine ganz ähnliche Methode wie früher
-für das Zurückweichen des Eises. In dem See <em class="gesperrt">Ragunda</em>, der nicht weit
-von der Eisscheide entfernt liegt und 1796 trocken gelegt wurde, fand
-er in dem alten Seeboden eine ganz ähnliche Schichtung, wie sie von
-den Eismeertonen beschrieben wurde. Es gelang ihm, auch hier die Zahl
-der Schichten zu zählen; er fand annähernd 7000 Schichten, die einen
-Zeitraum von 7000 Jahren vom vollständigen Verschwinden des Eises bis
-zum Jahr 1796 anzeigen würden.</p>
-
-<p>Seit dem Zeitpunkt, da das Eis an der Südspitze von Schonen stand,
-wären also bis heute rund 12000 Jahre verflossen. Während nun aber die
-Zahl von 5000 Jahren für die Zeit des Eisrückzugs als eine endgültig
-und sicher bestimmte Größe gelten kann, sieht auch de Geer die zweite
-Zahl nicht als ebenso sicher an. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit
-kann gesagt werden, daß die Zeit seit dem Verschwinden der Gletscher
-etwas größer sein muß; im Ostseegebiet hat sich seither eine ganze
-Reihe von geologischen Ereignissen abgespielt, für die ein zeitlicher
-Rahmen von 7000 Jahren nicht ausreicht. Aus dem kalten Eismeer, in
-das die Gletscher ihre Stirn getaucht haben, wurde zuerst durch Hebung
-des Landes ein Binnensee, der <em class="gesperrt">Ancylussee</em> (<a href="#abb_11">Abb. 11</a>). Nach dieser Zeit
-senkte sich das Land wieder und gestattete dem Meer von der Nordsee her
-erneut den Zutritt; der Geologe nennt diese Periode die <em class="gesperrt">Litorinazeit</em>.
-In interessanter Weise hat ein deutscher Forscher, <em class="gesperrt">Keilhack</em>, <span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>aus
-den Dünenbildungen an der Swinepforte bei Swinemünde die seit der
-Litorinasenkung verflossene Zeit berechnet. Er fand dort eine Zahl
-von etwa 200 kurzen Dünen hintereinander angeordnet, die erst nach
-der Mitte der Litorinazeit entstanden sein können. Durch Vergleich
-alter schwedischer Karten aus dem 17. Jahrhundert mit dem heutigen
-Zustand stellte er fest, daß seit dem Jahr 1700 sechs Dünenketten
-hinzugewachsen seien, daß also ein solcher Dünenzug 35 Jahre zu seiner
-Entstehung braucht. Seit der Litorinasenkung wären also 7000 Jahre
-verstrichen. Für die vorausgehende Ancyluszeit müssen dann mindestens
-4000 Jahre angesetzt werden, und wir bekämen so für die Zeit seit
-dem Abschmelzen der Gletscher 7000 + 4000 = 11 000 Jahre. Eine solche
-Zahl wird gegenwärtig von der Mehrzahl der Forscher (z.&nbsp;B. <em class="gesperrt">Werth</em>,
-<em class="gesperrt">Olbricht</em>, <em class="gesperrt">Keilhack</em>) für wahrscheinlicher gehalten als die 7000
-Jahre de Geers. Vor 16 000 Jahren wäre demnach das Eis an der Südspitze
-Schonens gestanden.</p>
-
-<div class="figright illowe16" id="abb_11">
- <img class="w100" src="images/abb_11.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 11. Beginn der Ancyluszeit. Das Eis kurz vor dem
- endgültigen Abschmelzen. Nach de Geer aus Kayser.</div>
-</div>
-
-<p>Nachdem wir so den unmittelbaren Anschluß an die Gegenwart gefunden
-haben, soll es vom Zeitpunkt, da das Eis in Schonen stand, einen
-Schritt weiter in die geologische Vergangenheit zurückgehen.
-Die nächste Frage muß nun sein: wie lange brauchte das Eis zum
-Zurückweichen von dem großen <em class="gesperrt">baltischen Endmoränenrücken</em> bis
-Südschweden? Dieser riesige Endmoränenzug (vgl. <a href="#abb_05">Abb. 5</a>) bedeutet
-sicher einen größeren Einschnitt in der Geschichte der letzten Eiszeit;
-die meisten Forscher nehmen an, daß er dem <em class="gesperrt">Bühlvorstoß</em> der alpinen
-Gletscher zeitlich gleichzusetzen sei.</p>
-
-<p>Es scheint, daß das Eis beim Abschmelzen vom Höhepunkt der Würmeiszeit
-seine Rückwärtsbewegung durch einen erheblichen Vorstoß wieder
-unterbrochen hat. Dieser Vorstoß prägt sich, da der Eisrand dann
-längere Zeit in seiner Lage verweilte, in ganz besonders starken
-Moränenzügen aus. Nun dürfen wir, um das Zurückweichen der Gletscher
-vom baltischen Höhenrücken bis <span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>Südschweden zu berechnen, nicht einfach
-die Rückzugsgeschwindigkeit einsetzen, die von de Geer in Südschweden
-nachgewiesen wurde (50 m in einem Jahr). Das Eis schmolz zu einem
-früheren Zeitpunkt, als der ganze Eisschild noch viel größer war, ohne
-Zweifel viel langsamer ab als später; dies zeigte sich ja auch mit
-vollkommener Deutlichkeit für den Rückzug des Eises in Schweden. Für
-seinen Rückzug vom baltischen Höhenrücken bis Schonen können daher
-etwa 4000 Jahre angesetzt werden; es wären also 20000 Jahre verflossen,
-seitdem das Eis in Schleswig, Mecklenburg, Pommern und Masuren stand.
-Das Mindestmaß für diese Zeit mag, wenn wir statt der 11000 Jahre seit
-dem vollständigen Verschwinden der Gletscher nur die 7000 Jahre de
-Geers einsetzen und für das Zurückweichen vom baltischen Höhenrücken
-bis Schonen nur 3000 Jahre annehmen, im ganzen 7000 + 5000 + 3000 =
-15000 Jahre betragen; das Höchstmaß beträgt etwa 25000 Jahre. &mdash; Diese
-Abweichungen vom Mittelwert sind noch erträglich. Je weiter es aber
-in die Vergangenheit zurückgeht, um so mehr weichen die Ansichten der
-Forscher voneinander ab. Während der eine zum Höhepunkt der letzten
-Eiszeit (der Würmeiszeit) nur noch 2000&ndash;4000 Jahre zurückrechnet, kommt
-der andere bereits auf weitere 10000&ndash;20000 Jahre. Die geologischen
-Vorgänge sind eben noch keineswegs bis in alle Einzelheiten geklärt.
-Ehe wir weiter zurückschreiten, seien auch die Verhältnisse in anderen
-Vereisungsgebieten näher ins Auge gefaßt.</p>
-
-<div class="figleft illowe17" id="abb_12">
- <img class="w100" src="images/abb_12.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 12.</div>
-</div>
-
-<p>Auch im Gebiet der <em class="gesperrt">Alpen</em> wurde eine Reihe von Versuchen unternommen,
-Zahlen für die seit der letzten Vergletscherung verflossene Zeit zu
-gewinnen. Am bekanntesten ist die Rechnung des Schweizer Geologen
-<em class="gesperrt">Heim</em> geworden, der von Untersuchungen am <em class="gesperrt">Vierwaldstätter See</em>
-ausging. Im Gebiet dieses Sees sind fünf hintereinanderliegende
-Moränenzüge zu beobachten, die alle dem Bühlstadium zugerechnet
-werden; der äußerste liegt unterhalb des Sees, die vier andern sind
-durch Lotungen auf dem Seeboden deutlich nachweisbar (<a href="#abb_12">Abb. 12</a>). Der
-innerste und östlichste Moränenrücken <span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span>schließt das Gebiet des Urner
-Sees ab, in dem zwei Flüsse ihre Schlamm- und Geröllmassen ablagern:
-die größere Reuß, die bei Flüelen mündet und die kleinere Muota, die
-aus dem Kanton Schwyz kommt. Als der Gletscher noch durch das heutige
-Seebecken strömte, muß er es vollkommen ausgeräumt haben. Seit seinem
-Rückzug haben aber Reuß und Muota begonnen, jedes ein Delta in den
-See hineinzubauen und ihn so allmählich auszufüllen. Unter bestimmten
-Voraussetzungen läßt sich der Kubikinhalt der Deltabildungen berechnen.
-Da auch die jährlich durch die beiden Flüsse in den See geführte
-Schlamm- und Geröllmasse einigermaßen bekannt ist, so folgt daraus
-die Zeit, die zur Bildung der Aufschüttungen nötig war. Heim geht sehr
-vorsichtig in seiner Berechnung vor und erhält 10000&ndash;50000 Jahre; am
-wahrscheinlichsten erscheint ihm die Zahl von 16000 Jahren. So viel
-Jahre wären also verflossen, seit sich der große Reußgletscher nach dem
-Bühlvorstoß zurückzog und das Gebiet des Vierwaldstätter Sees freigab.</p>
-
-<div class="figright illowe19" id="abb_13">
- <img class="w100" src="images/abb_13.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 13. Thuner und Brienzer See.</div>
-</div>
-
-<p>Eine ganz ähnliche Berechnung führte <em class="gesperrt">Steck</em> am <em class="gesperrt">Thuner</em> und <em class="gesperrt">Brienzer
-See</em> aus; der letztere wurde zur selben Zeit wie der Vierwaldstätter
-See vom Gletscher verlassen. In den Brienzer See ergießt sich die Aare,
-in den Thuner See die Kander, die seitlich einmündende Lütschine hat
-bei Interlaken in den früher einheitlichen See ein Delta hineingebaut,
-das ihn beim Größerwerden schließlich in zwei einzelne Seebecken
-trennte (<a href="#abb_13">Abb. 13</a>). Steck erhielt für die Zeit, welche die Lütschine zur
-Aufschüttung ihres Deltas nötig hatte, 20000 Jahre, für die Bildung des
-Aaredeltas im Brienzer See 15000 Jahre.</p>
-
-<p>Von anderen Voraussetzungen ging <em class="gesperrt">Nüesch</em> aus, der die Ablagerungen
-einer Höhle, des <em class="gesperrt">Schweizersbildes</em>, untersuchte. Die Höhle wurde
-erst nach dem Bühlstadium vom Gletscher freigegeben und war von da an
-eine Behausung des Steinzeitmenschen. In den Schichten, die sich im
-Lauf der Jahrtausende auf dem Boden der Höhle gebildet hatten, konnte
-Nüesch durch Funde von Werkzeugen eine Kulturentwicklung der Bewohner
-von der älteren <span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span>Steinzeit bis zur Metallzeit nachweisen. Durch den
-Vergleich der Mächtigkeit der alten Kulturschichten mit der obersten
-Metallzeitschicht, für deren Bildungszeit 4000 Jahre angenommen werden
-können, fand er für die ältesten Schichten ein Alter von 24000 Jahren.</p>
-
-<p>Vergleicht man alle drei Altersberechnungen aus dem Gebiet der
-alpinen Vergletscherung, so zeigt sich eine nicht unbefriedigende
-Übereinstimmung: Die Zeit, als sich die Gletscher nach dem Bühlvorstoß
-in die Alpentäler zurückgezogen, liegt rund 20000 Jahre zurück. Dieses
-Ergebnis stimmt auch nicht schlecht mit dem Alter zusammen, das für
-die baltischen Endmoränen berechnet wurde; sie sind ja vermutlich dem
-Bühlvorstoß gleichzusetzen.</p>
-
-<p>Wir wenden uns jetzt noch <em class="gesperrt">Nordamerika</em>, dem dritten großen
-Vereisungsgebiet, zu, das, ähnlich wie Nordeuropa, unter einer
-ungeheuren Decke von Inlandeis begraben war. Beim Rückzug des Eises,
-der zur selben Zeit erfolgt sein muß wie in Europa, wurde allmählich
-das Gebiet der heutigen großen Seen (<a href="#abb_14">Abb. 14</a>) eisfrei; ihr Wasser mußte
-dem Meere zu abfließen. Zwischen dem Erie- und dem tiefer gelegenen
-Ontariosee bildete sich ein Fluß, der über die dazwischenliegende
-Geländestufe hinabstürzte. Das war der Anfang der <em class="gesperrt">Niagarafälle</em>. Durch
-die ausstrudelnde Wirkung des stürzenden Wassers wurden am Grund des
-Falls die weicheren Schichten herausgewaschen, so daß die härteren
-nachstürzen mußten (<a href="#abb_15">Abb. 15</a>). Auf diese Weise schnitt sich der Fall
-immer weiter rückwärts in die Gesteinstafel ein, und auch heute noch
-weicht er immer mehr in der Richtung gegen den Eriesee zurück. Er hat
-im Laufe der Zeit eine 11,3 km lange Schlucht eingenagt, die in ihren
-verschiedenen Teilen die Geschichte ihrer Entstehung noch deutlich
-erkennen läßt (<a href="#abb_16">Abb. 16</a>). Der Fall war anfangs nur 11 m hoch. Da der
-Fluß damals nur den Eriesee entwässerte (die drei andern Seen hatten
-noch ihren besonderen Abfluß zum Meer), so betrug seine Wassermenge
-nur 15% der heutigen. Die Schlucht war eng, das Zurückweichen erfolgte
-langsam und betrug nur etwa 12 cm im Jahr. Nach wechselnden geologischen
-Ereignissen kam schließlich das Wasser aller fünf Seen durch den
-Niagara zum Abfluß, der gegenwärtig in zwei Fällen, dem schwächeren
-amerikanischen und dem Hufeisenfall, 50 m tief in die Schlucht
-stürzt, ein urgewaltiges Naturschauspiel bietend. In dem jüngsten
-Teil der Schlucht wurde das jährliche <span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>Zurückweichen des Falls zu 1,37 m
-berechnet. Eine Reihe von Geologen (<em class="gesperrt">Spencer</em>, <em class="gesperrt">Taylor</em>, <em class="gesperrt">Gilbert</em>) hat
-auf Grund aller Einzelheiten im Ablauf der geologischen Ereignisse die
-Zeit zu berechnen versucht, die der Niagara zur Eintiefung der ganzen
-Schlucht benötigte; sie erhalten Zahlen, die sich zwischen 20000 und
-40000 Jahren, im Mittel um 30000 Jahre bewegen. So lange schon muß
-demnach die Gegend des Erie- und Ontariosees vom Eise verlassen sein.</p>
-
-<div class="figright illowe12" id="abb_16">
- <img class="w100" src="images/abb_16.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 16. Schlucht des Niagaraflusses.</div>
-</div>
-
-<div class="figleft illowe22" id="abb_14">
- <img class="w100" src="images/abb_14.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 14.</div>
-</div>
-
-<div class="figleft illowe16" id="abb_15">
- <img class="w100" src="images/abb_15.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 15. Ausstrudelnde Wirkung des Wassers der
- Niagarafälle.</div>
-</div>
-
-<p>Die Zahlen stimmen ungefähr mit dem Ergebnis der Berechnungen überein,
-die wir für die Zeit seit dem Abschmelzen der Gletscher im europäischen
-Vereisungsgebiet ausgeführt haben; allerdings <span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span>scheint sich ein etwas
-höherer Wert zu ergeben, als wir ihn für das Alter der baltischen
-Endmoränen und des Bühlvorstoßes gewonnen haben; dies erklärt sich
-vielleicht so, daß die Gegend des Erie- und Ontariosees schon vor der
-Bühlzeit vom Gletscher verlassen wurde.</p>
-
-<p>Durch all diese Berechnungen, die sich bis jetzt nur auf die Spät-
-und Nacheiszeit bezogen haben, werden wir aber ganz von selber
-weitergeführt zur nächsten Frage: Wie erhalten wir Alterszahlen für
-die <em class="gesperrt">ganze Eiszeit</em>? Je weiter wir zurückgehen, um so schwieriger wird
-unsere Aufgabe, und es ist leicht verständlich, daß es so sein muß: Das
-uns zeitlich Nächstliegende übersehen wir mit all seinen Einzelheiten
-am besten und klarsten. Je weiter wir uns von der Gegenwart entfernen,
-um so lückenhafter werden unsere Kenntnisse, um so stärker sind die
-Ablagerungen umgewandelt oder gar teilweise schon wieder abgetragen.
-<em class="gesperrt">Penck</em>, der Erforscher der „Alpen im Eiszeitalter“, geht bei der
-Berechnung folgendermaßen vor: Er weist darauf hin, daß die Flüsse
-in der Nacheiszeit und in den verschiedenen Zwischeneiszeiten eine
-riesige Arbeit geleistet haben. Sie haben die Moränen zum großen
-Teil aufgearbeitet und mächtige Schottermassen aufgeschüttet, die als
-Deckenschotter und Terrassenschotter dem Geologen bekannt sind. In den
-verschiedenen Zwischeneiszeiten und der Nacheiszeit konnte auch die
-Verwitterung auf die verschiedenen Eiszeitablagerungen einwirken und
-sie der Länge der Zeit entsprechend mehr oder weniger tief angreifen.
-Nach dem Maß der von den Flüssen in der Spät- und Nacheiszeit
-geleisteten Aufschüttungsarbeit und der Stärke der Verwitterung
-versucht nun Penck, Verhältniszahlen für die Dauer der verschiedenen
-Zeiten zu gewinnen. Er kommt zu folgendem Ergebnis: Nimmt man die Zeit
-seit dem Bühlvorstoß, die wir kurz als Nacheiszeit im weiteren Sinn
-bezeichnen wollen, als Einheit, so war die Riß-Würm-Zwischeneiszeit
-etwa dreimal so lang, die Mindel-Riß-Zwischeneiszeit etwa zwölfmal so
-lang, die Günz-Mindel-Zwischeneiszeit wieder etwa dreimal so lang wie
-die Nacheiszeit. Die Zeitdauer aller Zwischeneiszeiten beträgt somit
-das 18fache der Nacheiszeit. Gewiß hat sich auch jedesmal das Eis bei
-seinem Vorstoß einige Zeit auf dem höchsten Stand gehalten. Setzt man
-für diese eigentlichen Eiszeiten ungefähr das Sechs- bis Achtfache der
-Nacheiszeit an, so kommt man für die ganze Eiszeit auf das 25fache
-dieser Zeit. Nun haben wir für die Zeit seit dem <span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span>Bühlvorstoß die
-Zahl von 20000 Jahren errechnet; wir kommen damit für die Dauer der
-ganzen Eiszeit auf rund 500000 Jahre.<a id="FNAnker_4a" href="#Fussnote_4a" class="fnanchor">[5]</a> Diese Zahl wird zurzeit von
-den meisten Forschern für ungefähr richtig gehalten, ob sie nun die
-nordeuropäischen (<em class="gesperrt">Werth</em>, <em class="gesperrt">Olbricht</em>), die alpinen (<em class="gesperrt">Penck</em>), oder die
-nordamerikanischen Eiszeiterscheinungen (<em class="gesperrt">Grabau</em>) untersuchen. Penck,
-dem wir bisher in der Hauptsache gefolgt sind, ist allerdings eher
-geneigt, die Zahl noch etwas höher anzunehmen und sie auf ½&ndash;1 Million
-Jahre zu schätzen.</p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_4a" href="#FNAnker_4a" class="label">[5]</a> Vergleiche hierzu nochmals die <a href="#abb_04">Abb. 4</a>, die auf Grund
-dieser Annahmen gezeichnet ist. Sie versucht, den ganzen Ablauf der
-Eiszeit in richtigen Zeitverhältnissen darzustellen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Leider haben die Alterszahlen für die ganze Eiszeit nicht mehr
-denselben Grad von Zuverlässigkeit wie die für die Nacheiszeit
-berechneten. Wenn wir für die Zeit seit der Aufschüttung der
-baltischen Endmoränen mit gutem Gewissen sagen können, daß sie von den
-angenommenen 20000 Jahren nicht mehr als um ein Viertel nach oben oder
-unten abweichen wird, so schwanken unsere Vorstellungen über die Länge
-der ganzen Eiszeit schon zwischen viel weiteren Grenzen. Mit recht
-großer Sicherheit können wir jedoch sagen, daß sie zwischen die Grenzen
-von 200000 und 1000000 Jahren einzuschließen ist. Das Verfahren,
-das wir bei diesem Übergang auf die ganze Eiszeit angewandt haben,
-bezeichnet der Mathematiker als <em class="gesperrt">Extrapolation</em>. Er versteht darunter
-den Versuch, von dem bekannten Verlauf einer Kurve zwischen zwei
-gegebenen Punkten auf ihren Verlauf außerhalb dieses bekannten Teils
-zu schließen. In derselben Lage ist der Geologe: Von der recht gut
-bekannten Nacheiszeit ausgehend, schließt er auf den außerhalb dieser
-Zeit liegenden Verlauf der Eiszeitkurve.</p>
-
-<p>Jede neue Erkenntnis hilft weiter, sie wirft auch Licht auf andere
-Probleme. Wir wissen jetzt ungefähr, wie lange die Eiszeit gedauert
-hat, und damit vermögen wir an eine Frage heranzugehen, die den
-Menschen beschäftigt, seit er Erdgeschichte treibt, und die ihm bis zu
-ihrer vollständigen Lösung keine Ruhe lassen wird. Es ist die Frage:
-<em class="gesperrt">Wie alt ist der Mensch?</em> Vor wieviel Jahren hat es zum erstenmal Wesen
-auf der Erde gegeben, die wir menschlich nennen müssen? Kein Wunder,
-daß den Menschen diese Frage besonders interessiert, ist er doch an
-ihr nicht nur rein wissenschaftlich, sondern sozusagen persönlich
-beteiligt. Leider <span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span>sind wir aber zurzeit noch weit davon entfernt,
-die Antwort mit der wünschenswerten Bestimmtheit geben zu können.
-Um das absolute Alter des Menschengeschlechts zu berechnen, müßten
-wir zuerst sein relatives geologisches Alter einwandfrei kennen. Wir
-wissen jedoch nicht einmal, ob der Mensch schon im Tertiär gelebt hat
-oder ob er erst mit der Eiszeit auftrat. Körperliche Überreste des
-Menschen sind in Tertiärschichten zwar noch nicht gefunden worden, wohl
-aber Feuersteine, aus deren Gestalt viele Forscher schließen wollen,
-daß sie künstlich bearbeitet worden seien. Wären diese „<em class="gesperrt">Eolithen</em>“
-wirklich absichtlich geformte Werkzeuge und nicht bloße Naturprodukte,
-so könnte ihre Herstellung nur durch ein vernunftbegabtes, in
-geistiger Hinsicht also menschenähnliches Wesen erfolgt sein. Über
-die körperliche Beschaffenheit eines solchen Vorfahren des Menschen
-können wir nichts aussagen, wenn wir ihn nicht am Ende in einem Fund
-vor uns haben, der 1911 bei Piltdown in England gemacht wurde. Hier
-wurden ein Schädeldach und der Teil eines Unterkiefers gefunden,
-über die zunächst ein heftiger Streit entbrannte, ob sie von <em class="gesperrt">einem</em>
-Lebewesen stammten oder zwei Wesen, der Schädel einem Menschen, der
-Unterkiefer einem Schimpansen, angehört hätten. Neuerdings vergrößerte
-sich die Wahrscheinlichkeit sehr stark, daß es sich um die Überreste
-eines einzigen Wesens handle, welches demnach anatomische Merkmale
-des Menschen und des Affen in sich vereinigt hätte. Leider läßt sich
-das geologische Alter der Lagerstätte, in welcher der <span class="antiqua">Eoanthropus
-Dawsoni</span> (Dawsons „Mensch der Morgenröte“) gefunden wurde, nicht
-genau bestimmen. Wenn die Vermutung zutrifft, daß die Schichten in den
-letzten Zeiten des Tertiärs oder auf der Grenze von Tertiär und Eiszeit
-gebildet worden seien, so hätten wir hier den ältesten Rest eines
-menschenähnlichen Wesens vor uns; sein Alter könnte auf ½&ndash;1 Million
-Jahre, vielleicht sogar noch höher, angesetzt werden.</p>
-
-<p>Der älteste ganz sichere Menschenfund stammt von Mauer bei Heidelberg
-aus Schottern und Sanden einer alten, vom Fluß schon längst verlassenen
-Neckarschlinge. Leider ist es auch ein kümmerlicher Rest, nur ein
-Unterkiefer, der aber gut erhalten ist und außerordentlich interessante
-Merkmale aufweist. Ungeheuer stark und massig, ohne Kinn, muß er einem
-Wesen gehört haben, das noch recht roh und tierisch ausgesehen haben
-mag; die Form der Zähne ist jedoch durchaus menschlich. Auch das
-Alter des <span class="antiqua">Homo Heidelbergensis</span> ist <span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span>nicht mit völliger Sicherheit
-bekannt. Es läßt sich immerhin sagen, daß er der ersten oder zweiten
-Zwischeneiszeit angehören muß; die übrigen Fossilreste, die in
-den Sanden gefunden wurden, sprechen für die erste (Günz-Mindel-)
-Zwischeneiszeit. Das würde dem Menschen von Heidelberg auf alle
-Fälle ein Alter von mehreren Jahrhunderttausenden sichern. Erst in
-jüngeren Ablagerungen der Eiszeit werden die Überreste des Menschen
-häufiger, zugleich auch die Zeugnisse seiner Kunstfertigkeit:
-Feuersteinwerkzeuge, aus denen wir uns ein Bild der Kulturentwicklung
-machen können. Nach dem Fortschritt in der Verarbeitung der
-Feuersteine sind eine Reihe von Kulturstufen aufgestellt worden.
-Vielleicht war der Heidelberger Mensch Träger der ersten Stufe der
-älteren Steinzeitkultur; für die späteren Stufen dieser Epoche war
-es die bekannte <em class="gesperrt">Neandertalrasse</em>, von der Überreste aus der letzten
-Zwischeneiszeit in guter und vollständiger Erhaltung gefunden wurden.
-Diese Menschenreste haben demnach ein Alter von 50000&ndash;100000 Jahren.</p>
-
-<p>Gegen das Ende der letzten Eiszeit wurde dann die Neandertalrasse von
-Menschen abgelöst, die man anatomisch kaum mehr vom heute lebenden
-Europäer unterscheiden kann. Zusammenfassend können wir also sagen,
-daß das Auftreten des Menschen nach dem heutigen Stand unserer
-Kenntnisse ungefähr mit dem Beginn der Eiszeit zusammenfällt; sein
-Alter wird also rund ½&ndash;1 Million Jahre betragen. Die ersten Stufen
-der Kulturentwicklung müssen ungeheuer lange Zeiträume umfaßt haben.
-Die ältere Steinzeit reicht in unseren Gegenden bis ungefähr zum
-Jahre 10000 v. Chr., sie hat also gewiß mehrere hunderttausend Jahre
-gedauert, während die jüngere Steinzeit nur wenige Jahrtausende umfaßt
-und die Metallzeit, in der wir jetzt stehen, erst auf ein Alter von
-etwa 3&ndash;4 Jahrtausenden zurückblicken kann. Es sind merkwürdige und
-unerwartete Verhältnisse, in die wir durch die geologische Zeitmessung
-einen Einblick gewinnen.</p>
-
-<p>Noch an eine andere Frage können wir nach dem, was wir über den Verlauf
-der Eiszeit erfahren haben, herantreten. Es ist die Frage: An was für
-einem Punkt der geologischen Entwicklung stehen wir heute? <em class="gesperrt">Haben wir
-die Eiszeit endgültig hinter uns gelassen</em> und können wir ohne Sorge
-für kommende Generationen in die Zukunft schauen? Oder sind wir am Ende
-nur in einer Zwischeneiszeit, der nach einer Reihe von Jahrtausenden
-wieder eine neue Vereisung folgen wird? Auch zur Beantwortung
-dieser Frage reichen unsere Kenntnisse nicht aus. Um sie sicher
-und entscheidend beantworten <span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span>zu können, müßten wir die Ursache der
-mehrmaligen Vereisung kennen. Wir könnten dann feststellen, ob diese
-Ursache endgültig oder nur zeitweilig weggefallen ist, und damit die
-fernere Entwicklung voraussagen. Von einer Einsicht in die Ursachen der
-Eiszeit sind wir jedoch meilenweit entfernt, und über den zukünftigen
-Verlauf der Klimakurve können wir höchstens Vermutungen äußern. Da
-wir das innere Gesetz der Kurve in <a href="#abb_04">Abb. 4</a> nicht kennen, so wissen wir
-nicht, wie sie in den nächsten Jahrtausenden oder Jahrzehntausenden
-nach links weiter verlaufen wird. Sie kann auf der heutigen Höhe
-bleiben oder sogar noch etwas steigen, sie kann sich aber früher oder
-später auch wieder nach unten senken. Es ist möglich, daß wir über die
-große Eiszeit endgültig hinweg sind, es ist ebenso denkbar, daß wir in
-einigen Jahrzehntausenden wieder einer neuen Vereisung unterliegen.
-Auf alle Fälle aber gibt uns die kurze Zeit seit dem Abschmelzen der
-Eismassen auf ihren heutigen Stand &mdash; es mögen 11000 Jahre sein &mdash;
-nicht das Recht zu der Behauptung, daß die Gefahr endgültig vorbei sei.
-Ist ja allein die letzte Zwischeneiszeit nach den Forschungen Pencks
-dreimal, die vorletzte zwölfmal so lang gewesen wie die Spät- und
-Nacheiszeit. Die Klimaschwankungen, die wir auch in der Jetztzeit noch
-beobachten, und die zu einem zeitweiligen Vorrücken oder Zurückweichen
-der heutigen Gletscher führen, sind zu unbedeutend in ihrer Auswirkung
-und zeitlichen Dauer, als daß wir daraus irgendwelche Prophezeiungen
-ableiten könnten. Die Menschheit geht also einer recht unsicheren
-Zukunft entgegen, und es liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit,
-daß in einigen Jahrtausenden oder Jahrzehntausenden die Gletscher
-Skandinaviens wieder zu wachsen beginnen, von den Höhen herabfließen,
-die ganze Halbinsel bedecken, über die Ostsee schreiten und in das
-blühende norddeutsche Land einbrechen, alles zerstörend und unter
-starren Eismassen begrabend. Es ist nur gut, daß wir Menschen von heute
-uns noch keine Sorgen darüber zu machen brauchen.</p>
-
-<p>Nach diesen Betrachtungen soll es aber mutig noch weiter zurückgehen
-in die geologische Vorzeit. In der Eiszeit fühlt sich der Geologe
-immer noch ganz nahe der Gegenwart. Ihre Lebewesen sind fast alle
-heute noch vorhanden, die Tier- und Pflanzenwelt zu Beginn der Eiszeit
-unterscheidet sich kaum wesentlich von der heutigen. Je weiter wir
-jedoch zurückschreiten, um so fremdartiger wird die Lebewelt, die
-wir in versteinerten Überresten vorfinden. Die Methode, mit der wir
-<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span>auch für frühere Perioden Alterszahlen gewinnen wollen, ist dieselbe,
-mit der wir von der Nacheiszeit aus den Übergang auf die ganze
-Eiszeit vollzogen haben: Wir schätzen das Verhältnis der Zeitdauer
-verschiedener Perioden ab und kommen dann unter Verwendung der zuerst
-gefundenen absoluten Zahlen auf ihren zeitlichen Abstand von der
-Jetztzeit. Diese Art der Altersberechnung soll zunächst für das Tertiär
-durchgeführt werden. <em class="gesperrt">Penck</em> hat einen Weg hierfür angegeben. Er erhält
-durch Abschätzung der geologischen Arbeit und der Entwicklung der
-Lebewesen Vergleichszahlen für die Dauer von Eiszeit und Tertiär. Für
-das Pliozän nimmt er die 3&ndash;4fache, für das Miozän die 6&ndash;8fache Dauer
-der Eiszeit an. Wird diese zu ½ Million Jahre angesetzt, so erhalten
-wir für Miozän und Pliozän die Dauer von 4½&ndash;6 Millionen Jahren.
-Ohne Zweifel sind Oligozän und Eozän, denen von den Nordamerikanern
-neuerdings noch ein Paleozän vorausgestellt wird, zusammen mindestens
-doppelt so lang. Das ganze Tertiär würde demnach einen Zeitraum
-von 13½&ndash;18 Millionen Jahren umfassen. Dabei wurde jedoch mit einem
-Mittelwert der Eiszeit gerechnet; setzt man auch die Grenzwerte von
-200000 und 1000000 Jahren in die Rechnung ein, so erhält man für das
-Tertiär Werte zwischen 5 und 36 Millionen Jahren.</p>
-
-<p>Auf andere Weise ging <em class="gesperrt">Lyell</em> vor. Um Verhältniszahlen zu finden,
-untersuchte er, wieviele von den Muschelarten der verschiedenen
-Schichten des Tertiärs sich bis heute erhalten haben, wieviele dagegen
-ausgestorben sind. Seit Beginn der Eiszeit sind nur wenige Prozent
-verschwunden, seit Beginn des Miozäns oder gar des Eozäns dagegen sehr
-viele. Durch genaue Zählungen der noch lebenden und der ausgestorbenen
-Formen kam Lyell zu der Annahme, der Beginn des Untermiozäns müsse
-20mal so weit zurückliegen wie der Beginn der Eiszeit, der Beginn des
-Eozäns sogar 60mal so weit. Die Dauer des Tertiärs würde also 12&ndash;60
-Millionen Jahre betragen, der wahrscheinlichste Mittelwert wäre 30
-Millionen Jahre.</p>
-
-<p>Ganz ähnlich verfuhr <em class="gesperrt">Matthew</em>, ein amerikanischer Säugetierforscher,
-der die Entwicklung der Pferde zur Gewinnung eines Verhältnismaßstabs
-benützte. Die Stammesgeschichte des Pferdes ist ja von jeher eines der
-„Paradepferde“ der Entwicklungslehre gewesen. Aus den versteinerten
-Überresten läßt sich eine fast lückenlose Reihe verschiedener Formen
-bilden, die, von einem fünfzehigen Ahnen ausgehend, unter allmählicher
-Rückbildung der äußeren Zehen und immer stärkerer Ausbildung der
-mittleren Zehe zum heutigen Pferd führt. <span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span>Matthew versuchte nun, die
-Unterschiede zwischen den einzelnen Formen dieser Entwicklungsreihe
-in ein zahlenmäßiges Verhältnis zu bringen und kam dabei zu der
-Aufstellung folgender Tabelle:</p>
-
-<table class="pferde" summary="Entwicklung des Pferdes">
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Equus caballus</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Gegenwart</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">1</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Equus Scotti</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Beginn der Eiszeit</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">10</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Hipparion</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Pliozän</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">10</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Meryhippus</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Obermiozän</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">15</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Parahippus</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Untermiozän</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">5</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Miohippus</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Oberoligozän</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">5</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Mesohippus</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Unteroligozän</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">15</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Epihippus</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Obereozän</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">10</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Orohippus</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Mitteleozän</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="center padlr0_5">10</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">&nbsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td>
- <div class="left"><span class="antiqua">Eohippus</span></div>
- </td>
- <td>
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td>
- <div class="left">Untereozän.</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Wir lesen aus ihr folgendes heraus: der Unterschied zwischen dem heute
-lebenden Pferd (<span class="antiqua">Equus caballus</span>) und dem Pferd, das zu Beginn der
-Eiszeit lebte (<span class="antiqua">Equus Scotti</span>), ist recht gering; er werde = 1 gesetzt.
-Viel stärker ist <span class="antiqua">Equus Scotti</span> von seinem Vorfahren im Pliozän, dem
-<span class="antiqua">Hipparion</span> verschieden. Ihr Unterschied kann der Zahl 10 gleichgesetzt
-werden; die Entwicklung von <span class="antiqua">Hipparion</span> zu <span class="antiqua">Equus Scotti</span> muß daher
-10mal so lang gedauert haben wie die von <span class="antiqua">Hipparion</span> zu <span class="antiqua">Meryhippus</span>,
-während dessen Unterschied von <span class="antiqua">Parahippus</span> mindestens 15 Einheiten
-beträgt. Die Zahlen der Tabelle geben also Verhältnisgrößen für die
-Unterschiede der einzelnen Formen und damit für die Zeitdauer der
-Einzelentwicklungen. Das Ergebnis ist, daß seit dem Untereozän etwa
-80mal so viel Zeit verstrichen ist wie seit dem Beginn der Eiszeit. Das
-ganze Tertiär (einschließlich des Paleozäns) wäre etwa das 100fache
-dieser Zeit. Die Einsetzung der Zahlen für die Eiszeit ergibt also
-eine Dauer des Tertiärs von 20&ndash;100 Millionen Jahren, der Mittelwert
-wäre 50 Millionen Jahre. Nun liegt allerdings der Rechnung die
-Voraussetzung zugrunde, daß sich die Entwicklung der Pferde während
-des ganzen Tertiärs in demselben Tempo vollzogen habe wie seit dem
-Beginn der Eiszeit, daß also die „biologische Uhr“, wie wir sie
-heißen wollen, einen gleichmäßigen Gang aufweise. Das ist gewiß nicht
-selbstverständlich. Es gibt Stämme im Tierreich, die sich zu gewissen
-Zeiten ungeheuer rasch entwickelt haben und dann wieder lange Zeit
-in der Entwicklung scheinbar still gestanden sind. Was die Ursachen
-derartiger Vorgänge sind, wissen wir nicht; Lebewesen sind eben keine
-mathematisch berechenbaren Uhrwerke. <span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span>Außerdem fällt es natürlich sehr
-schwer, die Unterschiede von Lebensformen in Zahlen zu fassen. Es
-muß aber doch gesagt werden, daß der Stammbaum der Pferde eine solch
-ruhige, konsequente und zielsichere Entwicklung aufweist, daß die
-Berechnungen Matthews sicher nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen
-sind.</p>
-
-<p>Für das Tertiär berechnet also Penck einen Mittelwert von 15 Millionen
-Jahren, nach Lyell ergeben sich etwa 30 Millionen Jahre, nach Matthew
-50 Millionen Jahre; die äußersten Grenzwerte aller Berechnungen
-betragen 5,4&ndash;100 Millionen Jahre. Es zeigt sich damit die Erscheinung,
-die schon einmal kurz gestreift wurde: Zu der Unsicherheit der
-Ausgangszahl kommt die Unsicherheit der Verhältniszahlen hinzu,
-und durch Multiplikation rücken die Grenzen, zwischen denen die
-wirkliche Zahl liegen muß, immer weiter auseinander. Mit jedem neuen
-Rückwärtsschreiten wird die ganze Rechnung unsicherer. Immerhin können
-wir mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit sagen, daß die Zeitdauer des
-Tertiärs jedenfalls schon nach Zehnern von Jahrmillionen zu bemessen
-ist. Mit 20&ndash;40 Millionen Jahren werden wir von der Wahrheit nicht
-allzuweit entfernt sein.</p>
-
-<p>Den Abschluß der Berechnungen soll der <em class="gesperrt">Übergang vom Tertiär auf
-die ganze Reihe der übrigen Formationen</em> bilden. Schon <em class="gesperrt">Lyell</em>, der
-Begründer der modernen Geologie, hat diesen weiteren Schritt gewagt.
-Er erhielt für das Unterkarbon ein Alter von 160 Millionen Jahren, für
-das Unterkambrium ein solches von 240 Millionen Jahren. <em class="gesperrt">Dana</em> stellte
-für die Zeitdauer der einzelnen Formationen folgende Verhältniszahlen
-auf: wird das Tertiär zur Einheit genommen, so sind Kreide, Jura
-und Trias je etwa ebenso lang, die mesozoische Periode dauerte also
-dreimal so lang wie das Tertiär. Perm und Karbon entsprechen in ihrer
-Zeitdauer ebenfalls dem Tertiär, dagegen war das Devon zweimal, Silur
-und Kambrium je viermal so lang. Die ganze paläozoische Periode umfaßt
-daher das 12fache, die Erdgeschichte seit Beginn des Kambriums etwa
-das 16fache der Zeitdauer des Tertiärs. Setzen wir für das Tertiär den
-Mittelwert von 30 Millionen Jahren, so ergibt dies für das Alter der
-ältesten kambrischen Schichten 480 Millionen Jahre.</p>
-
-<p>Etwas andere Verhältniszahlen gibt <em class="gesperrt">Walcott</em> an. Er setzt für
-das Tertiär 1, für das Mesozoikum 2,5, für das Paläozoikum 6; die
-Erdgeschichte seit dem Kambrium entspricht also der Zahl 9&ndash;22, <span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span>und für
-das Alter des Kambriums würden sich 285 Millionen Jahre ergeben. Ganz
-ähnliche Zahlen wie Dana nennt <em class="gesperrt">Häckel</em>. Er setzt für die Zeit seit dem
-Beginn des Lebens bis heute die Zahl 100. Davon entfallen auf die Zeit
-bis zum Beginn des Kambriums 52 Teile, auf das Paläozoikum 34 Teile,
-das Mesozoikum 11 Teile, auf das Tertiär 3 Teile, die Eiszeit 0,1 Teil.
-Das ergibt für das Alter des Kambriums etwa 480 Millionen Jahre. Die
-Zeit, die vor Beginn des Lebens verflossen ist, wollen wir für die
-Berechnung außer Betracht lassen.</p>
-
-<p>Fassen wir die verschiedenen Ergebnisse zusammen, so erhalten wir,
-von dem Wert von 30 Millionen Jahren für das Tertiär ausgehend, einen
-Zeitraum von 285&ndash;480 Millionen Jahren, von den Grenzwerten (5,4 und 100
-Millionen Jahren) ausgehend 50&ndash;1600 Millionen Jahre seit dem Beginn des
-Kambriums.</p>
-
-<p>Die Erscheinung, die wir schon besprochen haben, zeigt sich jetzt am
-stärksten: mit jeder weiteren Extrapolation werden die Grenzen weiter,
-die Zahlen unsicherer. Doch dürfen wir den Wert der gewonnenen Zahlen
-auch nicht gar zu sehr unterschätzen. Es ist nicht anzunehmen, daß
-bei all den Vermutungen und Rechnungen immer gerade die niederste
-oder die höchste Zahl die richtige gewesen sei; in den meisten Fällen
-wird eine mittlere Zahl das Richtige treffen, und wo die wirklichen
-Zahlen von der Mitte abweichen, da wird sich wohl nach den Regeln der
-Wahrscheinlichkeit eine zu niedrige mit einer zu hohen Zahl wieder
-ausgleichen, so daß zum Schluß die Wahrheit doch ungefähr in der Mitte
-liegen wird. So können wir mit ziemlicher Sicherheit für das Alter
-des Kambriums einige Hunderte von Jahrmillionen ansetzen. Wir kennen
-zwar noch nicht die genaue Größe selber, aber doch die Größenordnung
-der seit dem Kambrium verflossenen Zeit. Weiter wollen wir aber
-nicht zurückgehen, denn die Unsicherheiten, die uns im Präkambrium
-erwarten, sind derartig groß, daß wir die Hoffnung auf ein einigermaßen
-brauchbares Resultat von vornherein aufgeben müssen. Wir können
-zunächst nur sagen, daß das Präkambrium ungeheure Zeiträume umfassen
-muß, denen gegenüber vielleicht die ganze übrige Erdgeschichte auf ein
-kleines Maß zusammenschrumpft.</p>
-
-<p>Ein gewisses Unbehagen können wir aber trotz allem bei der nunmehr bis
-zum Ende durchgeführten Methode der Extrapolation nicht los werden.
-Die einzige ganz sichere Grundlage für die Berechnung sind eben allein
-die 5000 Jahre, die das Eis zu seinem <span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span>Zurückweichen von Schonen bis
-zur Eisscheide brauchte. Von dieser Zahl aus mußten wir nach der einen
-Seite den nicht unmittelbar gegebenen Anschluß an die Gegenwart finden,
-nach der anderen Seite hin zurück in die geologische Vergangenheit
-schließen.</p>
-
-<p>Wie weit haben wir uns von unserer unbedeutenden Berechnungsgrundlage
-aus zurückgewagt! Es bedeutet eine Grundschwierigkeit der Methode, die
-mit Vergleichungen und Schätzungen immer weiter zurückgreift, daß die
-Gefahr der perspektivischen Fehler, wie wir sie nennen wollen, kaum
-umgangen werden kann: das Nächstliegende übersehen wir verhältnismäßig
-klar und deutlich, das Fernliegende rückt schon mehr zusammen, und das
-Fernste, das in Wirklichkeit den weitaus größten Raum einnimmt, gibt
-uns gar keine Einzelheiten mehr. So sind wir nur zu sehr geneigt, die
-nächstliegende Vergangenheit wegen der Fülle der aus ihr bekannten
-Ereignisse zu überschätzen, die fernliegende Vergangenheit wegen
-der Geringfügigkeit des aus ihr Bekannten zu unterschätzen. Ja, wenn
-uns die Möglichkeit gegeben wäre, weit draußen in der grauen Ferne
-geologischer Vergangenheit auch nur einen Punkt fest zu bestimmen und
-mit absoluter Sicherheit sein Alter anzugeben, dann wären wir über alle
-Schwierigkeiten der Schätzung und der Extrapolation mit einem Schlage
-hinaus. Mit der Bestimmung jenes Punktes wäre uns ein fester Rahmen
-gegeben, in den wir die gesamte geologische Geschichte einspannen
-könnten.</p>
-
-<p>Und diese Möglichkeit besteht! Das nächste Kapitel soll zeigen, wie uns
-wunderbare Fortschritte der Physik und Chemie die Mittel dazu in die
-Hand geben.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="IV_Geologische_Zeitmessung_auf_Grund_radioaktiver_Vorgaenge">IV.
-Geologische Zeitmessung auf Grund radioaktiver Vorgänge.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es ist kaum mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, seit im
-physikalischen Institut der Universität Würzburg eine Entdeckung gemacht
-wurde, die zu den glücklichsten der ganzen Wissenschaftsgeschichte
-gehört und die in ihren Folgen für die Entwicklung der Physik und
-Chemie von der allergrößten Bedeutung werden sollte.</p>
-
-<p>Im Jahr 1895 fand Professor <em class="gesperrt">Röntgen</em>, daß von der Wand der
-Geißlerschen Röhren, mit denen er experimentierte, Strahlen
-<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span>auszugehen schienen, die auch undurchsichtige Körper zu durchdringen
-vermochten und durch die Wand der photographischen Kassette hindurch
-die lichtempfindliche Platte beeinflußten. Die Entdeckung dieser
-merkwürdigen X-Strahlen, wie er sie nannte, erregte das größte
-Aufsehen. Während den Laien vor allem die geheimnisvollen Möglichkeiten
-interessierten, mit diesen Strahlen auch undurchsichtige Körper
-durchdringen zu können, reizte den Gelehrten in erster Linie das
-wissenschaftliche Problem, und die Wissenschaft aller Länder ging
-voll Spannung an die neuen Aufgaben heran. Der französische Physiker
-<em class="gesperrt">Becquerel</em> vermutete einen Zusammenhang der Erscheinung mit der
-Phosphoreszenz des Glases der Geißlerröhre und kam auf den Gedanken,
-phosphoreszierende Uransalze auf eine lichtempfindliche Platte
-einwirken zu lassen, mit dem Erfolg, daß auch er eine Schwärzung
-der Platte erhielt (1896). Der zuerst vermutete Zusammenhang mit der
-Phosphoreszenz, bei der immer eine Belichtung des Salzes vorausgehen
-muß, stellte sich bald als unrichtig heraus; es ergab sich vielmehr,
-daß einfach alle uranhaltigen Salze oder Erze die Eigenschaft hatten,
-chemisch wirksame Strahlen auszusenden. Nun galt es, an dem neuen
-Geheimnis der Uran- oder Becquerelstrahlen weiter zu arbeiten, und
-schon nach zwei Jahren (1898) konnte das Ehepaar <em class="gesperrt">Pierre</em> und <em class="gesperrt">Marya
-Curie</em> nach unendlichen Mühen aus einem Uranerz, der Uranpechblende,
-einen Stoff abscheiden, der die strahlenden Eigenschaften in ungeheuer
-verstärktem Maße aufwies und der daher von seinen Entdeckern den Namen
-<em class="gesperrt">Radium</em>, das Strahlende, bekam.</p>
-
-<div class="figright illowe18" id="abb_17">
- <img class="w100" src="images/abb_17.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 17. Strahlung des Radiums.</div>
-</div>
-
-<p>Jede neue Entdeckung gibt der Wissenschaft wieder neue Rätsel auf,
-und nicht leicht sind ihr jemals schwierigere Aufgaben gestellt
-worden als mit diesem neuentdeckten Element Radium. Eine der
-ersten Beobachtungen war, daß das Radium andauernd ganz bedeutende
-Energiemengen hervorbringt. 1 g Radium vermag in einer Stunde das
-1&ndash;1,3fache seines Gewichts an Wasser vom Gefrierpunkt bis zum
-Siedepunkt zu erhitzen, und das geht so fort, Tag für Tag und Monat
-für Monat, ohne daß die Erzeugung von Wärme eine merkbare Abnahme
-erfährt. Diese Erscheinung widersprach in auffallender Weise dem
-Gesetz der Erhaltung der Energie: Hier schien tatsächlich Energie ohne
-nachweisbare Ursache von selbst zu entstehen, hier schien wirklich
-das Perpetuum mobile vorzuliegen, von dem die Physiker doch bewiesen
-zu haben glaubten, daß es nicht existieren könne. Es zeigte sich
-bald, daß die Wärmeerzeugung mit den Strahlen <span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span>zusammenhängt, die
-das Radium fortwährend aussendet. Wenn man die Radiumstrahlen dem
-Einfluß eines kräftigen Elektromagneten unterwirft, so findet man,
-daß es drei Arten von Strahlen sind, die von dem geheimnisvollen
-Stoff ausgehen. Die nebenstehende <a href="#abb_17">Abb. 17</a> soll diese Erscheinung
-darstellen. Das Radium sei in einem Bleiblock eingeschlossen, der die
-Strahlen nur nach einer Richtung austreten läßt; ein Elektromagnet sei
-so angebracht, daß sein Nordpol vor der Ebene des Papiers zu denken
-ist, der Südpol hinter ihr. Erzeugt man nun durch Einschalten des
-Stroms ein elektromagnetisches Feld, so trennen sich die verschiedenen
-Strahlenarten, die zuerst einheitlich in gleicher Richtung austreten.
-Nach links werden die sogenannten α-Strahlen abgelenkt; diese Art der
-Ablenkung beweist für sie eine positive elektrische Ladung. Sie führen
-wohl den größten Teil der gesamten Strahlungsenergie mit, haben aber
-die geringste Durchdringungskraft; in der Luft vermögen sie nur 3&ndash;7 cm
-weit vorzudringen. Anders verhalten sich die β-Strahlen, die sehr
-stark nach rechts abgelenkt werden und dadurch ihre negativ elektrische
-Ladung erkennen lassen. Gar nicht vom Elektromagneten beeinflußt werden
-die γ-Strahlen, die auf größere Entfernung hin wirken wie die anderen
-Strahlenarten und in ihren wesentlichen Eigenschaften durchaus den
-Röntgenstrahlen entsprechen.</p>
-
-<p>Eine Reihe von hervorragenden Physikern und Chemikern warf sich
-auf die Erforschung dieser neuen, eine vollständige Umwälzung alter
-Anschauungen versprechenden Erscheinungen. Es war noch jene Zeit, in
-der die Wissenschaft international war, und wo deutsche, englische
-und französische Forscher von Monat zu Monat durch neue Entdeckungen
-sich gegenseitig weiterhalfen. So zeigte sich bald, daß in jedem Raum,
-in dem Radium sich befand, nach einiger Zeit auch die Luft und die
-Wände Strahlen aussandten, daß auch sie „radioaktiv“ wurden. Leitete
-man die aktiv gewordene Luft vom Radium fort, so sank allerdings die
-Strahlung nach einiger Zeit beträchtlich, um schließlich nach einigen
-Wochen oder Monaten zu verschwinden. Die <span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span>Erscheinung wies darauf
-hin, daß die Aktivität der Luft von einem Gas herrühre, das aus dem
-Radium entstanden sei. Diese Annahme erwies sich tatsächlich als
-richtig; es konnte nachgewiesen werden, daß sich aus dem Radium ein
-Gas, die Radium-Emanation bildet, das seinerseits wieder radioaktive
-Eigenschaften aufweist, dessen Strahlung aber schon in wenigen Tagen
-ganz beträchtlich in ihrer Wirksamkeit sinkt. Das rührt daher, daß die
-Radium-Emanation verschwindet und an ihrer Stelle ein anderer fester
-Stoff, das Radium A, entsteht. Aber auch dieser Stoff bleibt nicht
-bestehen; nacheinander bilden sich noch eine ganze Reihe von Stoffen,
-bis die Entwicklung in einem Stoff Radium G ihr Ende findet. Die
-Vorgänge können nur so verstanden werden, daß sich jeder Stoff unter
-ganz bestimmten Strahlungserscheinungen in den nächsten umwandelt;
-die ganze Umwandlungsreihe, die sich so ergibt, wird durch <a href="#abb_18">Abb. 18</a>
-dargestellt. Dabei stellte sich weiterhin heraus, daß bei diesen
-Umwandlungen auch Helium entsteht, ein Gas, das vor seiner Entdeckung
-auf der Erde schon durch seine Linien im Sonnenspektrum bekannt war und
-daher seinen Namen erhalten hat.</p>
-
-<p>Wie sollten nun alle diese rätselhaften Erscheinungen gedeutet werden?</p>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_18">
- <img class="w100" src="images/abb_18.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 18. Zerfallsreihe des Radiums.</div>
-</div>
-
-<p>Die Erklärung geschah durch die <em class="gesperrt">Theorie vom Zerfall der radioaktiven
-Elemente</em>, die 1902 von <em class="gesperrt">Rutherford</em> und <em class="gesperrt">Soddy</em> begründet wurde und
-die sich seither in jeder Beziehung bewährt hat. Sie hängt eng zusammen
-mit der Atomtheorie, die in den beiden letzten Jahrzehnten zu einem
-vollständig gesicherten Besitz der Wissenschaft geworden ist. Wir
-haben in den Atomen unendlich kleine Bausteine der Materie vor uns;
-der Forscher vermag sie genau zu zählen und ihre Größe zu bestimmen;
-ihr verschiedenartiger Aufbau bedingt das Wesen und die Eigenschaften
-der uns bekannten chemischen Grundstoffe oder Elemente. Nun lehrt die
-Zerfallstheorie, daß in den Atomen der radioaktiven Elemente gewaltige
-Spannungen bestehen, die zu einem explosionsartigen, von rätselhaften
-Strahlungserscheinungen <span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span>begleiteten Zerfall führen können. Damit ist
-auch erklärt, woher die andauernde Energieabgabe des Radiums stammt:
-Ein Atom müssen wir uns mit geradezu gewaltigen Energiemengen geladen
-denken; beim Zerfall des Atoms wird, ähnlich wie bei der Explosion
-eines Sprengstoffs, ein Teil dieser Energie frei.</p>
-
-<p>Die Untersuchung der Atomgewichte ergab weiterhin, daß es sich um
-ein richtiges Auseinanderfallen der Atome in verschiedene Bruchstücke
-handelt. Für das Radium (Abkürzung Ra) wurde ein Atomgewicht von 226
-bestimmt; das heißt, das Radiumatom ist 226 mal so schwer wie das
-leichteste bekannte Atom, das Wasserstoffatom. Radium-Emanation hat ein
-Atomgewicht von 222, Radium A von 218, Radium B und C von 214, Radium
-D, E und F (Polonium) von 210 und Radium G von 206. Die Atome verlieren
-also bei ihrem Zerfall Teile ihrer Masse, und es zeigt sich, daß
-regelmäßig die α-Strahlung eines Radioelements eine Verminderung des
-Atomgewichts um 4 hervorbringt; das Atomgewicht des neu entstandenen
-Stoffes ist um 4 geringer wie desjenigen, der die α-Strahlen aussandte.
-Der Zusammenhang gab sich durch die Entdeckung, daß die <em class="gesperrt">α-Strahlen</em>
-nichts anderes sind als <em class="gesperrt">positiv elektrisch geladene Heliumatome</em>.
-Helium besitzt das Atomgewicht 4; das Sinken der Atomgewichte in
-der Zerfallsreihe erklärt sich also daraus, daß beim Atomzerfall
-Heliumatome explosiv fortgeschleudert werden.</p>
-
-<p>Die Umwandlung chemischer Grundstoffe ineinander war damit zur
-wissenschaftlichen Tatsache geworden. Das Radium wandelt sich über
-verschiedene Zwischenstufen hinweg unter Abspaltung von Heliumatomen in
-das Endprodukt Radium G um. Das bedeutete für die gesamte Chemie eine
-ungeheure Umwälzung; es war damit bewiesen, daß die chemischen Elemente
-nicht unter allen Umständen unveränderlich sind, sondern daß sie sich
-zum Teil in andere umwandeln können. Der Traum der Alchimisten des
-Mittelalters, welche die chemischen Grundstoffe ineinander verwandeln
-wollten, war damit in gewissem Sinne zur Wirklichkeit geworden.</p>
-
-<p>Nach diesen ersten grundlegenden Entdeckungen galt es nun, den Zerfall
-bei den einzelnen Radioelementen in seinem zeitlichen Verlauf genau
-zu untersuchen. Schon bald hatte es sich nämlich gezeigt, daß sich die
-verschiedenen Stoffe mit ganz verschiedener Geschwindigkeit umwandeln.
-Das Grundgesetz, nach dem der Zerfall vor sich geht, ist jedoch
-bei allen Umwandlungen gleich; die <a href="#abb_19">Abb. 19</a> soll es zunächst für die
-Radium-Emanation veranschaulichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span></p>
-
-<p>Sind zu einem gewissen Zeitpunkt eine bestimmte Anzahl (n) Atome
-Radium-Emanation vorhanden, so existieren nach einer gewissen Zeit (t =
-3,85 Tage) nur noch die Hälfte der Atome <span class="s3">(</span><span class="hbruch_2">
-<span class="zaehler">n</span><span class="nenner">2</span></span><span class="s3">)</span>, nach der doppelten Zeit
-(2 t = 7,70 Tage) nur noch die Hälfte von diesem, also <span class="hbruch_2">
-<span class="zaehler">n</span><span class="nenner">4</span></span> Atome, nach
-der dreifachen Zeit (3 t) nur noch <span class="hbruch_2">
-<span class="zaehler">n</span><span class="nenner">8</span></span> Atome. Im Verlauf der Zeit von
-3,85 Tagen, der „<em class="gesperrt">Halbwertszeit</em>“, sinkt die Zahl der Atome regelmäßig
-durch Zerfall auf die Hälfte; sie wird infolgedessen immer geringer
-werden, das gänzliche Verschwinden tritt aber erst nach ungeheuer
-langer Zeit ein.<a id="FNAnker_5" href="#Fussnote_5" class="fnanchor">[6]</a></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_5" href="#FNAnker_5" class="label">[6]</a> Würde der Zerfall der Emanation gleichmäßig mit derselben
-Zahl von Atomen weitergehen, wie er zu Beginn der Untersuchung
-einsetzt, so wäre schon nach 5,54 Tagen nichts mehr vorhanden. Diese
-Zahl nennt man die „<em class="gesperrt">mittlere Lebensdauer</em>“ der Radium-Emanation;
-sie steht in einem genau berechenbaren mathematischen Verhältnis zur
-Halbwertszeit und ist das 1,44fache von dieser. In der bildlichen
-Darstellung der Zerfallskurve muß dieser gleichbleibende Zerfall durch
-die Berührungsgerade (Tangente) dargestellt werden, die im Beginn
-der Kurve an sie gelegt wird; sie trifft die Gerade im Punkt 1,44 t.
-Während die Kurve des tatsächlichen Zerfalls in ihrem Gefälle ständig
-abnimmt und sich der Geraden immer mehr anschmiegt, ohne sie ganz zu
-erreichen, behält die Tangente ihr Gefälle, welches im Beginn zugleich
-dasjenige der Zerfallskurve ist, gleichmäßig bei; sie ist daher schon
-nach der Zeit 1,44 t auf Null angelangt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter illowe35" id="abb_19">
- <img class="w100" src="images/abb_19.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 19. Zerfallskurve radioaktiver Elemente.</div>
-</div>
-
-<p>Merkwürdig und bezeichnend ist nun, daß jedes Element seine besondere
-Zerfallsgeschwindigkeit besitzt. Während die Radium-Emanation nach 3,85
-Tagen zur Hälfte zerfallen ist, tritt dieser Fall beim Radium selbst
-nach 1600 Jahren ein, beim Radium A dagegen schon nach 3 Minuten. Wenn
-der Wert für t in <a href="#abb_20">Abb. 20</a> für jedes strahlende Element von anderer
-Größe gedacht wird, so vermag also die Kurve den Zerfall von jedem
-dieser Elemente zu veranschaulichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span></p>
-
-<p>Wir wollen versuchen, das Wesen des Zerfallgesetzes, das im Grunde
-genommen ein Wahrscheinlichkeitsgesetz ist, durch einen Vergleich noch
-anschaulicher zu machen: Ein Regiment zieht ins Feld und verliert hier
-in jedem Monat die Hälfte seiner Mannschaften, ohne zunächst wieder
-aufgefüllt zu werden. Es wird dann nach einem Monat noch die Hälfte,
-nach 2 Monaten noch ¼, nach 3 Monaten noch ⅛, nach 6 Monaten
-noch <span class="zhl">1</span>&frasl;<span class="nen">64</span> der ursprünglich ins Feld gerückten Mannschaft vorhanden
-sein. Die Wahrscheinlichkeit, daß Soldaten durch Tod, Krankheit oder
-Gefangennahme ausscheiden, ist bei diesem Regiment so groß, daß
-jeden Monat die Hälfte der Mannschaften davon getroffen wird, die
-„Halbwertszeit“ des Regiments wäre ein Monat. Ein anderes Regiment,
-das an weniger gefährdeter Stelle steht, verliert erst in 3 Monaten
-die Hälfte seiner Leute; es hat also nach 6 Monaten noch ¼, nach
-einem Jahr noch <span class="zhl">1</span>&frasl;<span class="nen">16</span> der ursprünglichen Mannschaft. Seine Halbwertszeit
-ist drei Monate; sie ist größer als die des ersten Regiments, weil
-die Wahrscheinlichkeit des Ausscheidens seiner Soldaten geringer ist.
-Der Vergleich mit dem Zerfall der verschiedenen Radioelemente ergibt
-sich ohne weiteres. Die Atome des einen Elements sind in ihrem inneren
-Bau noch verhältnismäßig beständig, so daß es viele Jahre oder gar
-Jahrtausende dauert, bis die Hälfte der Atome zerfallen ist; bei andern
-führen die Spannungen im inneren Bau so häufig zu Explosionen, daß
-schon nach wenigen Tagen die Hälfte verschwunden ist. Beim Radium A
-sind die Atome schließlich so unsicher gebaut, daß dieser Fall schon
-nach 3 Minuten eintritt; kaum sind sie aus der vorhergehenden Stufe
-entstanden, so wandeln sie sich schon in die nächste um.</p>
-
-<p>Die Wissenschaft hat eine Reihe von Verfahren ausgearbeitet, um
-die Zerfallzeit eines Radiumelements zu messen. Am einfachsten
-ist die Aufgabe bei einem Element mittlerer Zerfallsdauer wie der
-Radium-Emanation zu lösen. Mit feinen Elektrometern wird das Maß der
-Strahlung in bestimmten Zwischenräumen untersucht und genau bestimmt,
-wann es auf die Hälfte, ein Viertel, ein Achtel des ursprünglichen
-Werts gesunken ist. Bei Elementen mit längerer Lebensdauer wie dem
-Radium selbst wird die Menge des in einer bestimmten Zeit von ihm
-erzeugten neuen Stoffs gemessen und daraus berechnet, wann es sich
-bei gleich bleibendem Zerfall erschöpfen würde. Unter Umständen kann
-bei ganz geringen Mengen strahlender Substanz, deren Menge und damit
-deren Atomzahl bekannt ist, unmittelbar die Zahl der abgeschleuderten
-α-Teilchen einzeln gezählt werden; <span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span>die Wissenschaft ist mit der
-Verfeinerung ihrer Apparate bereits so weit vorgeschritten, daß sie die
-Wirkung eines einzigen Atoms nachweisen kann.</p>
-
-<p>Es ist also daran festzuhalten, daß die Zerfallserscheinungen von einer
-Unbeständigkeit im inneren Bau des Atoms herrühren, daß die Gefahr
-des Zerspringens für verschiedene Radiumelemente zwar verschieden,
-für ein- und dasselbe immer gleich ist. Die Zerfallsgeschwindigkeit
-eines Radioelements, ausgedrückt in den Begriffen „Halbwertszeit“
-und „mittlere Lebensdauer“, bedeutet eine seiner bezeichnendsten
-Eigenschaften. Der Zerfall geht mit einer solchen inneren Notwendigkeit
-vor sich, daß seine Geschwindigkeit durch keinerlei äußere Einwirkungen
-auch nur im geringsten verändert werden kann. Man hat strahlende
-Substanzen einem Druck von 24400 Atmosphären ausgesetzt, den Einfluß
-von Temperaturen von &minus;240° bis zu 2500° untersucht, die stärksten
-elektrischen und magnetischen Felder auf sie wirken lassen, ohne daß
-sich die Zerfallsgeschwindigkeit auch nur im mindesten verringert
-oder vermehrt hätte. Das bedeutet ganz andere Verhältnisse wie beim
-Zerfall von chemischen Verbindungen, bei dem der Einfluß der Druck- und
-Temperaturverhältnisse eine außerordentlich große Rolle spielt. Während
-es sich hier darum handelt, daß verschiedene Atome ihre gegenseitige
-Verbindung lösen, liegt beim radioaktiven Zerfall die Ursache tiefer,
-sie ruht im Bau der Atome selber.</p>
-
-<p>Wir haben bis jetzt bei der Untersuchung der merkwürdigen Strahlungs-
-und Umwandlungserscheinungen nur das Radium und seine Folgeprodukte
-ins Auge gefaßt; da es aber, wie sich schon bei seiner Entdeckung
-zeigte, immer nur in gesetzmäßiger Verbindung mit Uran in der Natur
-vorkommt, so drängt sich ganz von selber die Frage auf, ob nicht auch
-ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Uran und Radium besteht. Das
-ist tatsächlich der Fall. Es kann nachgewiesen werden, daß das Radium
-auf dem Weg über einige Zwischenstufen aus dem Uran entsteht. Von
-diesem stammen also alle genannten Elemente ab, sie bilden zusammen
-eine Zerfallsreihe, die <em class="gesperrt">Uranreihe</em>. Vom Chemiker Ostwald stammt das
-witzige Wortspiel: „Der Urahn dieser Elemente ist das Uran.“ Uran
-hat mit 238 das höchste bekannte Atomgewicht. Sein Zerfall geht ganz
-außerordentlich langsam vor sich; die Halbwertszeit des Urans beträgt
-5000 Millionen Jahre. Über mehrere Zwischenstufen hinweg, die auch zum
-Teil sehr hohe Halbwertszeiten haben, führt der <span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span>Zerfall mit dreimaliger
-α-Strahlung, also dreimaligem Verlust von Heliumatomen zum Radium mit
-der Halbwertszeit von 1600 Jahren und von diesem aus in der bekannten
-Weise weiter. Die folgende Tabelle gibt eine Zusammenstellung der
-Glieder der <em class="gesperrt">Uran-Radiumreihe</em> und ihrer wichtigsten Eigenschaften.</p>
-
-<table class="uran_radium" summary="Die Uran-Radium-Reihe">
- <tr>
- <th class="bl bt br">
- <div class="center">Name des Elements</div>
- </th>
- <th class="bt br">
- <div class="center">chemisches<br />
- Symbol</div>
- </th>
- <th class="bt br">
- <div class="center">Atomgewicht</div>
- </th>
- <th class="bt br">
- <div class="center">Strahlung</div>
- </th>
- <th class="bt br">
- <div class="center">Halbwertszeit</div>
- </th>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl bt br">
- <div class="left">Uran I</div>
- </td>
- <td class="bt br">
- <div class="center">U</div>
- </td>
- <td class="bt br">
- <div class="center">238,2</div>
- </td>
- <td class="bt br">
- <div class="center">α</div>
- </td>
- <td class="bt br">
- <div class="left">5000·10<sup>6</sup> Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Uran X<sub>1</sub></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">UX<sub>1</sub></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">234</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">β γ</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">24 Tage</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Uran X<sub>2</sub></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">UX<sub>2</sub></div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">234</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">β γ</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">1,15 Minuten</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Uran II</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">U II</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">234</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">α</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">2·10<sup>6</sup> Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Jonium</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Jo</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">230</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">α</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">100000 Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Radium</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ra</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">225,97</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">α</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">1600 Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Radium-Emanat.</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ra Em</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">222</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">α</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">3,85 Tage</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Radium A</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ra A</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">218</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">α</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">3 Minuten</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Radium B</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ra B</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">214</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">β</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">26,8 Minuten</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Radium C</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ra C</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">214</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">α β</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">19,5 Minuten</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Radium D</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ra D</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">210</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">β</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">16 Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Radium E</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ra E</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">210</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">β</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="left">5 Tage</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="left">Radium F</div>
- <div class="left mleft1">(Polonium)</div>
- </td>
- <td class="br vat">
- <div class="center">Ra F</div>
- </td>
- <td class="br vat">
- <div class="center">210</div>
- </td>
- <td class="br vat">
- <div class="center">α</div>
- </td>
- <td class="br vat">
- <div class="left">136 Tage</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl bb br">
- <div class="left">Radium G</div>
- <div class="left mleft1">(Radiumblei,<br />
- Uranblei)</div>
- </td>
- <td class="br bb vat">
- <div class="center">Ra G</div>
- </td>
- <td class="br bb vat">
- <div class="center">206</div>
- </td>
- <td class="br bb vat">
- <div class="center">—</div>
- </td>
- <td class="br bb vat">
- <div class="left">—</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Neben dieser Reihe radioaktiver Elemente, die sich vom Uran herleiten,
-gibt es noch eine zweite Reihe, die von dem Element <em class="gesperrt">Thorium</em>
-(Atomgewicht 232,15) ausgeht. Mit verschiedenen Zwischenstufen
-führt der Zerfall in ähnlicher Weise wie bei der Uranreihe zu einem
-Endprodukt, das als Thorium D (Atomgewicht 208,0) bezeichnet wird.</p>
-
-<p>Eine überaus wichtige Tatsache haben wir bis jetzt noch übergangen;
-es ist nötig, sie jetzt näher ins Auge zu fassen. Für das Radium
-G, das als Endprodukt der Uranreihe auftritt, ergab sich durch
-genaue Untersuchung, daß es in allen physikalischen und chemischen
-Eigenschaften vollständig mit einem schon längst bekannten Element
-übereinstimmte, nämlich mit dem Blei. Nur in einer Eigenschaft zeigte
-sich ein Unterschied, es besaß ein anderes Atomgewicht. Moderne
-Methoden der Atomgewichtsbestimmung erlauben es, diese Zahl auf das
-allergenaueste festzustellen. Für das <span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span>gewöhnliche Blei erhielt man
-ein Atomgewicht von 207,2, für Radium G (Uranblei, Radiumblei) ein
-solches von 206,0. Diese letztere Zahl paßte sehr gut zu den übrigen
-Tatsachen des radioaktiven Zerfalls; vom Radium (Atomgewicht 226) führt
-dieser mit einer fünffachen Abspaltung von α-Teilchen, deren jedes ein
-Heliumatom vom Atomgewicht 4 bedeutet, zum Endprodukt Radium G, das
-also nach theoretischer Voraussage ein Atomgewicht von 226 &minus; 5 × 4 =
-206 haben muß. Theoretisch berechnetes und experimentell bestimmtes
-Atomgewicht stimmten also sehr befriedigend überein. Wie nun weiterhin
-das Thorium D genauer untersucht wurde, da zeigte sich, daß auch
-dieser Stoff in jeder Beziehung die Eigenschaften des Bleis besaß,
-nur daß auch sein Atomgewicht von dem des Bleis abwich; für Thorium
-D ergab sich ein solches von 208, also ein höheres als dasjenige des
-normalen Bleis. Nun kannte man also drei verschiedene Bleiarten, die im
-wesentlichen nur durch ihre Atomgewichte voneinander zu unterscheiden
-waren, eine rätselhafte Sache, die großes Kopfzerbrechen hervorrufen
-mußte. Auf Ungenauigkeiten der Bestimmungen konnte der merkwürdige
-Widerspruch nicht zurückgeführt werden, denn die Methoden der
-Atomgewichtsbestimmung sind zu solcher Vollkommenheit geführt worden,
-daß auch noch die zweite Dezimale der Zahl mit ziemlicher Sicherheit
-angegeben werden kann. In den letzten Jahren hat sich aber die Tatsache
-des Vorkommens mehrerer Bleiarten mit verschiedenem Atomgewicht in
-allgemeine Zusammenhänge eingefügt. Es wurde nachgewiesen, daß eine
-Reihe von chemischen Elementen aus zwei oder mehr Stoffen besteht,
-die verschiedenes, dabei ganzzahliges Atomgewicht aufweisen, sich
-im übrigen aber kaum voneinander unterscheiden lassen. Die <em class="gesperrt">moderne
-Atomtheorie</em>, die sich in ungeahnter Weise entwickelt hat, hat
-diese Erscheinung auch zu erklären vermocht. Kommende Generationen
-werden das verflossene Vierteljahrhundert ohne Zweifel als eines der
-denkwürdigsten Entdeckungszeitalter in der Wissenschaftsgeschichte
-verzeichnen. Die Atome, die vor 25 Jahren einer strengen Wissenschaft
-noch als vollkommen hypothetisch gelten mußten, haben sich als
-greifbare Wesenheiten entpuppt, die der Forscher zählt und wägt und
-die ihm wundersame Geheimnisse ihres Baus enthüllt haben. Im folgenden
-können nur einige Ergebnisse dieser Forschungen angegeben werden, ohne
-daß eine nähere Begründung möglich wäre.</p>
-
-<p>Ein Atom ist nach modernen Anschauungen ein Planetensystem <span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span>im Kleinen,
-aufgebaut aus einem Kern mit positiv elektrischer Ladung und einer
-Anzahl kleinster negativer Elektrizitätsteilchen (Elektronen), die
-in kreis- und ellipsenförmigen Bahnen um diesen Kern kreisen. Eine
-merkwürdige und unausdenkbare Vorstellung: Das, was wir Materie
-heißen, löst sich auf in positive und negative Elektrizität und ihre
-Bewegung! Die chemischen Eigenschaften eines Elements hängen ab von
-der Ladung des Kerns und der Zahl der ihn umkreisenden Elektronen,
-sein Atomgewicht von der Zahl der positiven Elektrizitätsteilchen im
-Kern. Das ist nämlich aus folgenden Gründen nicht dasselbe: Im Kern
-stecken positive und negative Elektrizitätsteilchen in verschiedener
-Anzahl; die positiven überwiegen, der Unterschied ergibt die Größe der
-positiven Ladung. Wenn nun aus einem Kern gleichzeitig ein positives
-und ein negatives Teilchen austritt, so bleibt die Ladung gleich,
-die Masse, das Gewicht, wird jedoch vermindert. Zwei solche Arten
-von Atomen werden sich chemisch vollständig gleich verhalten, weil
-die Ladung des Kerns und die Zahl der ihn umkreisenden Elektronen
-gleich ist, sie werden aber verschiedenes Atomgewicht aufweisen.
-Derartige Stoffe nennt die Chemie <em class="gesperrt">isotope Elemente</em>,<a id="FNAnker_6" href="#Fussnote_6" class="fnanchor">[7]</a> weil ihnen
-im periodischen System der Elemente derselbe Platz zugewiesen werden
-muß. Es hat sich ergeben, daß eine Reihe von Elementen nichts anderes
-darstellt als ein Gemenge verschiedener isotoper Bestandteile. So
-ist z.&nbsp;B. das Gas Neon mit dem Atomgewicht 20,2 ein Gemenge zweier
-isotoper Elemente vom Atomgewicht 20 und 22, von denen das erste 90%,
-das zweite 10% des Gemenges bildet. Durch diese im Feinbau der Materie
-begründete Isotopie wird nun auch für das Rätsel der verschiedenen
-Atomgewichtszahlen von Uranblei, gewöhnlichem Blei und Thoriumblei eine
-Erklärung gegeben: Alle drei Bleiarten haben die gleiche Kernladung und
-die gleiche Zahl von kreisenden Elektronen, jedoch verschiedene Masse.
-Dabei sind Uranblei (Ra G) und Thoriumblei (Th D) zwei einheitliche
-Stoffe mit verschiedenem Atomgewicht, während das gewöhnliche Blei
-wahrscheinlich ein Gemenge gleichbleibender Zusammensetzung aus diesen
-zwei isotopen Bleisorten darstellt.</p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_6" href="#FNAnker_6" class="label">[7]</a> Von griechisch: <span class="antiqua">isos</span> = gleich, <span class="antiqua">topos</span> = Lage.</p>
-
-</div>
-
-<p>Nachdem wir alles dies vorausgenommen haben, vermögen wir den
-ganzen Zerfallsvorgang in seinem zeitlichen Verlauf einheitlich zu
-verstehen und zu erklären. Haben wir ein frisch <span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span>hergestelltes, reines
-Radiumpräparat vor uns, das frei von allen Beimengungen ist, so
-finden wir, daß die Stärke seiner Strahlung von Tag zu Tag zunimmt,
-um schließlich einen gleichbleibenden Wert zu erreichen. Das hängt
-folgendermaßen zusammen: Das Radium erzeugt zunächst Emanation,
-diese zerfällt ihrerseits wieder und erzeugt die weiteren Elemente
-der Zerfallsreihe bis hinab zum Radium G. Das Präparat ist also
-nach einiger Zeit zu einem Gemenge aller Zerfallsprodukte geworden.
-Da zur Strahlung des Radiums allmählich die Strahlen aller seiner
-Zerfallsprodukte hinzukommen, so nimmt die Gesamtstrahlung immer
-mehr zu; die α-Strahlung steigt zum Schluß bis auf den fünffachen
-Betrag. Wenn sie diesen Betrag erreicht hat, so ist das sogenannte
-„<em class="gesperrt">radioaktive Gleichgewicht</em>“ eingetreten, das darin besteht, daß von
-der höheren Stufe so viel Atome der nächst niedrigen gebildet werden,
-wie von dieser wieder durch Zerfall verschwinden. Es kann daher von
-den schnell zerfallenden Stoffen jeweils immer nur eine geringe
-Menge vorhanden sein, von den langsamer zerfallenden Stoffen kann
-sich mehr halten, und wenn wir die Sache mathematisch durchdenken,
-so kommen wir zu dem Resultat, daß die Atomzahlen der verschiedenen
-Zerfallsprodukte (mit Ausnahme des Endprodukts) schließlich im
-Verhältnis der Zerfallsgeschwindigkeiten (der Halbwertszeiten) stehen
-müssen. Das hat sich tatsächlich als richtig ergeben, und ganz dasselbe
-ließ sich auch für das Uran feststellen. Ursprünglich chemisch reines
-Uran wird mit der Zeit alle seine Zerfallsprodukte einschließen müssen.
-Da jedoch der Zerfall verschiedener Zwischenprodukte sehr langsam
-vor sich geht, so wird der Gleichgewichtszustand erst nach ungeheuer
-langer Zeit eintreten. Es werden dann alle Zerfallsprodukte bis hinab
-zum Radium G innerhalb des Urans oder eines in der Natur vorkommenden
-Uranminerals im Verhältnis der Zerfallszeiten enthalten sein. Nehmen
-wir an, es sei so viel Uran vorhanden, daß in der Sekunde 1000 seiner
-Atome zerfallen, so muß nach dem Eintritt des Gleichgewichts von
-jedem der Zwischenprodukte so viel vorhanden sein, daß von ihm nach
-seiner eigenen Zerfallsgeschwindigkeit in der Sekunde gleichfalls 1000
-Atome zerfallen. Wäre von einem Zwischenprodukt so viel anwesend, daß
-mehr als 1000 Atome in der Sekunde zerspringen würden, so würde der
-Zerfall seine Menge verringern, und es könnte sich auf die Dauer nur
-so viel von dem Stoff halten, daß die Zahl der von der höheren Stufe
-hinzukommenden <span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>Atome der Zahl der zerfallenden entspricht. Da das
-Radium rund 3100000mal so rasch zerfällt wie das Uran, so braucht
-von ihm zur sekundlichen Erzeugung von 1000 Atomexplosionen nur der
-3100000ste Teil der Zahl der Uranatome vorhanden zu sein. Ein Mehr
-würde sich selbst aufzehren, ein Weniger würde sich durch stärkeren
-Zuwachs vom Uran her aufstauen. Tatsächlich hat man in sämtlichen
-Uranerzen und Uranmineralien der ganzen Welt immer und überall einen
-genau gleichbleibenden Gehalt an Radium gefunden: 0,0003 mg auf 1 g
-Uran.</p>
-
-<p>Was aber in jeder Sekunde gleichmäßig zunimmt, weil von ihm aus nichts
-weiter abfließt, das ist das Endprodukt Radium G, das Uranblei. Sekunde
-für Sekunde strömen ihm über alle Zwischenstufen weg ebenso viele Atome
-zu, wie oben beim Uran zerfallen. In einem Uranmineral reichert sich
-auf diese Weise immer mehr das Endprodukt an; je älter es ist, um so
-mehr Uranblei muß es enthalten. <em class="gesperrt">In dem Bleigehalt eines Uranminerals
-ist somit ein Maß für sein Alter gegeben.</em> Das ist das außerordentlich
-wichtige Ergebnis, zu dem uns die bisherigen Überlegungen geführt
-haben. Uran ist allerdings nicht das einzige Endprodukt des Zerfalls.
-Wir dürfen nicht vergessen, daß die bei den verschiedenen Strahlungen
-abgeschleuderten α-Teilchen nichts anderes als elektrisch geladene
-Heliumatome sind, die ihre Ladung abgeben und sich dann nicht weiter
-verändern. Bei den äußeren Partien des Erzes wird wohl das gasförmige
-Helium zum Teil nach außen entweichen können, in der Hauptsache werden
-aber die Heliumatome in dem festen Erz zwischen den andern Atomen
-eingeschlossen bleiben.</p>
-
-<p>Mit diesen Tatsachen der Bildung von Blei und Helium in Uranmineralien
-ist die <em class="gesperrt">Grundlage einer geologischen Zeitmessung</em> gewonnen, die
-hauptsächlich von englischen und amerikanischen Forschern (<em class="gesperrt">Boltwood</em>,
-<em class="gesperrt">Strutt</em>, <em class="gesperrt">Holmes</em>) begründet wurde und deren Prinzip uns durch ein
-Bild noch klarer werden soll (<a href="#abb_20">Abb. 20</a>). Wir denken uns einen großen mit
-Wasser gefüllten Behälter, aus dem in der Zeiteinheit eine bestimmte
-Menge ausfließt. Das Wasser fließt über eine Anzahl verschieden großer
-Schalen weg. Jede Schale ist gefüllt, aber jede, ob klein oder groß,
-spendet der nächsten dieselbe Wassermenge; soviel oben ausfließt,
-fließt unten einem Sammelbecken zu, dessen Wassermenge sich dadurch
-ständig vermehrt. Je kleiner eine der Zwischenschalen ist, um so
-weniger Zeit braucht das Wasser, um sie zu durchlaufen. <span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span>Umgekehrt
-gefaßt: wenn bekannt ist, daß eine dieser Schalen in ganz kurzer Zeit
-ohne Zufluß entleert würde, so kann daraus geschlossen werden, daß sie
-sehr klein sein muß. Größe und Entleerungszeit der Schalen stehen also
-in gesetzmäßigem Verhältnis zueinander.</p>
-
-<p>Der Vergleich springt ohne weiteres in die Augen. Der oberste Behälter
-soll das Uran bedeuten, die verschiedenen Zwischenschalen die mittleren
-Stufen des Zerfalls, von denen jede ebensoviel Atome zu gleicher
-Zeit empfängt wie sie weiter gibt. Schließlich bedeutet der Inhalt
-des letzten Behälters das Endprodukt Uranblei, das sich in seiner
-Menge ständig vermehrt. Die Heliumatome springen bei jedem Sturz in
-die nächst tiefere Schale gesondert für sich ab. Das Verhältnis von
-Größe und Entleerungszeit einer Schale entspricht dem Verhältnis von
-prozentualer Menge und Zerfallszeit der radioaktiven Zwischenprodukte.
-Je länger der Vorgang sich abspielt, um so mehr sammelt sich unten
-an. An der Menge des entstandenen Uranbleis messe ich die verflossene
-Zeit wie in meinem künstlichen Wasserwerk an der durchgelaufenen
-Wassermenge.</p>
-
-<p>In einem Punkt vermag sich unser Modell allerdings nicht ganz der
-Wirklichkeit anzupassen. Von dem Ausgangsmaterial Uran zerfallen
-allmählich nach dem uns bekannten Gesetz in der Zeiteinheit immer
-weniger Atome. Wenn die Ausgangsmenge des Urans geringer wird, so muß
-sich auch allmählich die Zahl der zerfallenden Atome und die Menge der
-Zwischenprodukte verringern. In unserm Modell müßte sich das in der
-Weise geltend machen, daß mit der Abnahme der Wassermenge im obersten
-Behälter auch der Strahl schwächer werden, und entsprechend die Größe
-der Zwischenschalen sich verringern sollte. Das letzte Sammelbecken
-bliebe jedoch unverändert. Doch müssen wir uns klar machen, daß die
-Abnahme des Urans so unendlich langsam vor sich geht, daß der Zerfall
-für die ersten 500 Millionen Jahre ohne großen Fehler als gleichmäßig
-angenommen werden kann.</p>
-
-<p>Das Modell, das wir uns ausgedacht haben, ergab das Bild eines
-reichen und kunstvollen Wasserwerks, aus dem aber das Prinzip doch
-klar herausleuchtet. Daß die Berechnung, die wir auf diese Weise
-ausführen, das denkbar schönste Beispiel für eine Zeitmessung nach
-dem Prinzip der Wasseruhr ist, das ist ja schon längst klar geworden.
-Eines steht jedoch noch aus: die mathematische Berechnung des Gangs
-der geologisch-mineralogischen Uranuhr. Es <span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span>ist nur nötig, in einem
-Uranmineral die Menge des Urans und des durch den Zerfall gebildeten
-Uranbleis zu bestimmen, um die seit seiner Bildung verstrichene Zeit
-berechnen zu können.<a id="FNAnker_7" href="#Fussnote_7" class="fnanchor">[8]</a> Die Grundlagen hierzu sind folgende: 1 g Uran
-bildet in einem Jahr <span class="hbruch_2">
-<span class="zaehler">1</span><span class="nenner">7900000000</span></span> g Radioblei. Diese Zahl folgt aus der
-mittleren Lebensdauer des Uran, die durch genaue Einzeluntersuchungen
-bestimmt <span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>wurde. 100g Uran bilden also jährlich
-<span class="hbruch_2"><span class="zaehler">1</span><span class="nenner">79000000</span></span> g Radioblei,
-d.&nbsp;h. es sind 79000000 Jahre nötig, bis 100 g Uran 1 g oder 1% Uranblei
-gebildet haben. Das Alter eines Uranminerals wird also gefunden, indem
-die Zahl von 79000000 Jahren mit dem auf die erzeugende Uranmenge<a id="FNAnker_8" href="#Fussnote_8" class="fnanchor">[9]</a>
-bezogenen Prozentgehalt an Blei multipliziert wird.</p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_7" href="#FNAnker_7" class="label">[8]</a> Die nachstehende Berechnung ist nur angenähert richtig;
-die exakte Berechnung würde höhere Mathematik erfordern.</p>
-
-</div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_8" href="#FNAnker_8" class="label">[9]</a> Die „erzeugende“ Uranmenge wird als Durchschnitt zwischen
-der ursprünglich und zum Schluß vorhandenen Uranmenge berechnet.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter illowe30" id="abb_20">
- <img class="w100" src="images/abb_20.png" alt="" />
- <div class="caption">Abb. 20. Die Uranuhr.</div>
- <div class="caption">Die Zwischenprodukte mit gleichem Atomgewicht wurden der
- Vereinfachung halber zusammengefaßt. Die Größe der Zwischenschalen mußte, um sie
- überhaupt darstellen zu können, stark übertrieben werden.</div>
-</div>
-
-<p>Auf ganz ähnliche Weise kann aus der gebildeten Menge Helium das
-Alter des Minerals berechnet werden. Es stehen dem Forscher also
-zwei Wege zur Altersbestimmung zur Verfügung: die <em class="gesperrt">Blei- und die
-Heliummethode</em>.<a id="FNAnker_9" href="#Fussnote_9" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_9" href="#FNAnker_9" class="label">[10]</a> Auf vollständig dieselbe Weise kann aus den Tatsachen
-des Zerfalls in der Thoriumreihe das Alter eines Thoriumminerals durch
-Bestimmung seines Gehalts an Thorium und Thoriumblei (Th D) oder Helium
-berechnet werden.</p>
-
-</div>
-
-<p>Die wissenschaftlichen Grundlagen der Altersbestimmung radioaktiver
-Mineralien haben wir damit kennen gelernt. Es ist jedoch noch nötig,
-die Möglichkeiten ihrer <em class="gesperrt">praktischen Anwendung</em> zu überlegen.
-Wir können mit der neuen Methode nur das <em class="gesperrt">Alter von Uran- und
-Thoriummineralien</em> bestimmen. Die bekannten Uranmineralien kommen in
-der Hauptsache in ehemals feuerflüssigen Gesteinen vor. Als ein solches
-Gestein einst als glutflüssiger Brei aus dem Erdinnern hervorbrach,
-enthielt es noch keine einzelnen Mineralien; alle Stoffe waren vielmehr
-gleichmäßig verteilt in dem Gesteinsbrei enthalten. Als das Gestein
-dann allmählich erkaltete, da fingen die verschiedenen Stoffe an, sich
-zusammenzufinden und auszukristallisieren. Die uranhaltigen Mineralien
-gehörten zu den ersten, die sich aus dem Gesteinsbrei ausschieden.
-Besonders schöne und große derartige Mineralien findet man auch in den
-sogenannten pegmatitischen Gängen, deren Stoffe sich der Geologe durch
-glühende, aus einem feuerflüssigen Herd entbundene Gase in Spalten des
-bereits erkaltenden Gesteins hergetragen denkt.</p>
-
-<p>Es kann als so gut wie sicher angenommen werden, daß das Uran bei
-der Ausscheidung aus dem feuerflüssigen Gesteinsbrei in chemisch
-reiner Form, also ohne Zerfallsprodukte, in den Aufbau des Minerals
-eingetreten ist. Die Anforderungen, die der Forscher an die auf
-ihr Alter zu untersuchenden Uranmineralien stellen <span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span>muß, sind
-außerordentlich hohe: Für die Untersuchungen sollten möglichst große
-und reine Stücke genommen werden, die dabei vollständig frisch und
-unverändert sein müssen. Es könnte sonst sein, daß durch zerstörende
-oder umwandelnde Einflüsse der eine oder andere wichtige Stoff
-fortgeführt worden wäre, so daß ein irreführendes Ergebnis die Folge
-sein müßte. Haben sich nun Mineralien gefunden, die allen Anforderungen
-entsprechen, so wird nach den Regeln der chemischen Scheidekunst der
-Gehalt des Minerals an Uran und an Blei bestimmt; daraus kann das
-Verhältnis der beiden Elemente berechnet werden, und aus dem Gehalt
-an Blei in Prozenten der vorhandenen Uranmenge folgt ohne weiteres das
-Alter des Minerals, dessen Entstehung mit dem Ausbruch des vulkanischen
-Gesteins, in dem es enthalten ist, nahe übereinstimmt. Damit ist die
-Untersuchung aber noch nicht zu Ende. Es muß festgestellt werden,
-ob das in dem Mineral enthaltene Blei tatsächlich reines Uranblei
-ist. Es könnte ja sein, daß schon bei der Entstehung des Minerals
-auch gewöhnliches Blei sich am Aufbau beteiligt hätte, oder daß das
-Uranmineral noch Thorium enthalten würde; in diesem Fall wäre in dem
-erhaltenen Blei auch das Endprodukt der Thoriumreihe, Thoriumblei,
-enthalten. Hierüber kann nur eine Atomgewichtsbestimmung von höchster
-Genauigkeit Aufschluß geben. Stellt sich durch sie heraus, daß das
-Atomgewicht des erhaltenen Bleis 206 beträgt, so hat damit der Forscher
-den unwiderleglichen Beweis, daß reines Uranblei vorliegt. Wir sehen
-hieraus, daß die Unterscheidung der verschiedenen isotopen Bleiarten
-von außerordentlich großer praktischer Bedeutung für die ganze Methode
-ist. Ohne diese Möglichkeit käme man niemals über die Unsicherheit
-hinweg, ob nicht am Ende eine Verunreinigung des Uranminerals durch
-gewöhnliches Blei oder Thoriumblei das Ergebnis verfälscht habe.</p>
-
-<p>Eine solche Gefahr besteht zwar bei der <em class="gesperrt">Heliummethode</em> nicht, dafür
-tritt aber bei ihr eine andere Schwierigkeit auf. Es ist für sie ganz
-besonders wichtig, möglichst frische Mineralien zur Untersuchung
-zu bekommen, weil das gasförmige Helium wohl zunächst im Innern
-des Kristalls festgehalten wird, bei der Verwitterung aber rasch
-entweicht. Das Mineral wird bei der Untersuchung aufgelöst; dabei
-muß das gasförmige Helium aufgefangen und seine Menge ganz genau
-bestimmt werden. Es ist nun ohne weiteres verständlich, daß bei diesen
-Vorgängen ein großer Teil des Heliums verloren gehen kann, daß also für
-gewöhnlich die Menge <span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span>des gefundenen Heliums viel zu gering ist und die
-daraus errechneten Alterszahlen zu niedrig ausfallen müssen.</p>
-
-<p>Ehe wir die Ergebnisse solcher Altersbestimmungen kennenlernen
-wollen, müssen wir uns aber zuerst noch darüber klar werden, was
-wir von ihnen auf alle Fälle verlangen müssen. Die neue Methode muß
-zeigen, daß sie auch vor einer strengen Kritik bestehen kann. Ihre
-unmittelbare Nachprüfung, die sich auf Millionen von Jahren erstrecken
-müßte, ist nun allerdings nicht möglich, und so muß sie in erster
-Linie durch die innere Folgerichtigkeit und Widerspruchslosigkeit
-ihrer Ergebnisse für sich sprechen. Wir müssen zuerst von den zu
-erhaltenden Alterszahlen verlangen, daß sie sich dem Altersrahmen,
-den wir aus den früher besprochenen geologischen Methoden gewonnen
-haben, ohne Zwang einfügen. Wenn wir z.&nbsp;B. für ein Gestein, das
-nach der geologischen Altersbestimmung im Kambrium ausgebrochen und
-erstarrt ist, nach der Uranmethode ein Alter von 10 Millionen Jahren
-finden würden, so müßten wir von vornherein die schwersten Zweifel
-gegen die Richtigkeit der Methode hegen, ebenso aber, wenn wir für
-ein Gestein aus dem Miozän etwa 100 Mill. Jahre erhalten sollten.
-Wir sind bei der Aufstellung der Rahmenzahlen mit größter Vorsicht
-vorgegangen, wir können dafür aber auch als sicher annehmen, daß die
-richtige Zahl innerhalb dieses Rahmens liegen muß. Weiter muß von den
-radioaktiven Methoden der Altersbestimmung verlangt werden, daß ihre
-Ergebnisse mit dem sicher festgelegten, relativen Alter der Gesteine
-übereinstimmen. Es darf also nicht sein, daß sich für ein zweifellos
-karbonisches Gestein ein höheres Alter ergibt wie für ein solches, das
-nach seiner Lagerung in die präkambrische Zeit versetzt werden muß. Der
-Prozentgehalt an Blei muß also mit dem relativen geologischen Alter der
-Muttergesteine zunehmen. Schließlich muß sich bei Altersbestimmungen
-von verschiedenen Mineralien aus ein und demselben Gestein, also
-etwa aus einem einheitlichen Granitstock, für alle dasselbe Alter
-ergeben, ihr Prozentgehalt an Blei muß derselbe sein. Würde man bei
-einer Untersuchung für ein Mineral das doppelte Alter errechnen wie
-für ein anderes, so wäre wiederum unser Glaube an die Methode schwer
-erschüttert. Mit diesen Gesichtspunkten wollen wir überlegend an die
-<em class="gesperrt">Ergebnisse der Altersbestimmungen nach der Bleimethode</em> herantreten,
-die in der nachfolgenden Tabelle nach <em class="gesperrt">Lawson</em> und <em class="gesperrt">Holmes</em>
-zusammengestellt sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span></p>
-
-<table class="altersbestimmungen" summary="Geologische Altersbestimmungen">
- <tr>
- <td class="blb btb brb">
- <div class="center">Gruppe</div>
- </td>
- <td class="btb brb">
- <div class="center">Mineral</div>
- </td>
- <td class="btb brb">
- <div class="center">Fundort</div>
- </td>
- <td class="btb brb" colspan="2">
- <div class="center">Gehalt an<br />
- Blei in %<br />
- <span class="s6">des erzeugenden<br />
- Urans</span></div>
- </td>
- <td class="btb brb">
- <div class="center">Mittleres Aler<br />
- in Millionen Jahren<br />
- und geologische Epoche</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb btb brb" rowspan="5">
- <div class="center">&#8199;1.</div>
- </td>
- <td class="btb brb">
- <div class="center">Uraninit</div>
- </td>
- <td class="vam btb brb" rowspan="5">
- <div class="center">Glastonbury<br />
- Connecticut<br />
- USA.</div>
- </td>
- <td class="btb br">
- <div class="center">4,1&emsp;</div>
- </td>
- <td class="vam btb brb" rowspan="5">
- <div class="center">Mittel<br />
- 4,1%</div>
- </td>
- <td class="vam btb brb" rowspan="5">
- <div class="s6 center">Karbon<br />
- 320 Mill. Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,3&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,0&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,2&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,0&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb" rowspan="6">
- <div class="center">&#8199;2.</div>
- </td>
- <td class="brb">
- <div class="center">Uraninit</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="6">
- <div class="center">Nord-<br />
- Karolina<br />
- USA.</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">5,1*)</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="6">
- <div class="center">Mittel<br />
- 4,8%</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="6">
- <div class="s6 center">Zwischen Kambrium und Tertiär,<br />
- jedenfalls auch Karbon (wie 1)<br />
- *) Atomgewicht des Bleis 206,4<br />
- 370 (260) Mill. Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">5,5*)</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,9*)</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,6&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">Zirkon</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,4&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,2&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb" rowspan="5">
- <div class="center">&#8199;3.</div>
- </td>
- <td class="brb">
- <div class="center">Zirkon</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="5">
- <div class="center">Brevig<br />
- (Norwegen)</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,0&emsp;</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="5">
- <div class="center">Mittel<br />
- 4,4%</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="5">
- <div class="s6 center">Mitteldevon<br />
- 340 Mill. Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,6&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">Pyrochlor</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,8&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">Biotit</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,4&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">Zirkon</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">4,1&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb" rowspan="4">
- <div class="center">&#8199;4.</div>
- </td>
- <td class="brb">
- <div class="center">Uraninit</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="4">
- <div class="center">Branchville<br />
- Connecticut<br />
- USA.</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">5,2&emsp;</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="4">
- <div class="center">Mittel<br />
- 5,1%</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="4">
- <div class="s6 center">Untersilur<br />
- (Ordovician)<br />
- 400 Mill. Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">5,1&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">5,2&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">5,1&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb">
- <div class="center">&#8199;5.</div>
- </td>
- <td class="brb">
- <div class="center">Uranin. u.<br />
- Bröggerit</div>
- </td>
- <td class="vam brb">
- <div class="center s6"><span class="s3">Geg. v. Moos</span><br />
- (südl. Norwegen)</div>
- </td>
- <td class="vam brb" colspan="2">
- <div class="s6 center">9 Analysen mit<br />
- einem Bleigeh. v.<br />
- 12–14%; Mittl. 13%</div>
- </td>
- <td class="vam brb">
- <div class="s6 center">Mittel-Präkambrium<br />
- 1000 Mill. Jahre<br />
- Atomgewicht des Bleis 206,06</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb" rowspan="4">
- <div class="center">&#8199;6.</div>
- </td>
- <td class="brb">
- <div class="center">Uraninit</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="4">
- <div class="center">Arendal<br />
- (Norwegen)</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">17&emsp;</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="4">
- <div class="center">Mittel<br />
- 18%</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="4">
- <div class="s6 center">Mittel-Präkambrium<br />
- 1300 Mill. Jahre<br />
- *) Atomgewicht des Bleis 206,08</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">18&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">18&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">19*)</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb">
- <div class="center">&#8199;7.</div>
- </td>
- <td class="brb">
- <div class="center">Uraninit<br />
- Bröggerit</div>
- </td>
- <td class="vam brb">
- <div class="center">Villeneuve<br />
- (Kanada)</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">17&emsp;</div>
- </td>
- <td class="vam brb">
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td class="vam brb">
- <div class="s6 center">Mittel-Präkambrium<br />
- 1200 Mill. Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb" rowspan="2">
- <div class="center">&#8199;8.</div>
- </td>
- <td class="brb">
- <div class="center">Uraninit</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="2">
- <div class="center">Morogoro<br />
- D.-Ostafrika</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">9,4&emsp;</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="2">
- <div class="center">Mittel<br />
- 9,3%</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="2">
- <div class="s6 center">Geologisches Alter unbestimmt<br />
- 700 Mill. Jahre<br />
- *) Atomgewicht des Bleis 206,05</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">9,2&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb" rowspan="3">
- <div class="center">&#8199;9.</div>
- </td>
- <td class="brb">
- <div class="center">Zirkon</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="3">
- <div class="center">Portugiesisch<br />
- Ostafrika<br />
- Mozambique</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">17&emsp;</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="3">
- <div class="center">Mittel<br />
- 15%</div>
- </td>
- <td class="vam brb" rowspan="3">
- <div class="s6 center">1100 Mill. Jahre</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">15&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="brb">
- <div class="center">Biotit</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">14&emsp;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat blb brb bbb">
- <div class="center">10.</div>
- </td>
- <td class="vat brb bbb">
- <div class="center">Zirkon</div>
- </td>
- <td class="vat brb bbb">
- <div class="center">Mozambique</div>
- </td>
- <td class="vat br bbb">
- <div class="center">21&emsp;</div>
- </td>
- <td class="vat brb bbb">
- <div class="center">&nbsp;</div>
- </td>
- <td class="vam brb bbb">
- <div class="s6 center">Von den ältesten gneisähnlichen<br />
- Graniten 1500 Mill. Jahre</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span></p>
-
-<p>Die Mineralien der ersten Gruppe kommen in einem Granit vor, der
-nach der geologischen Altersbestimmung im Karbon aufgedrungen ist.
-Das Verhältnis von Blei und Uran stimmt bei allen untersuchten
-Mineralien in sehr befriedigender Weise überein; leider wurde keine
-Atomgewichtsbestimmung des Bleis ausgeführt, so daß das Alter von 320
-Millionen Jahren nicht als ganz gesichert gelten kann.</p>
-
-<p>Der Granit, in dem die Mineralien der zweiten Gruppe vorkommen,
-gehört jedenfalls auch der Karbonformation an. Der Mittelwert des
-Bleigehalts ergibt ein Alter von 370 Millionen Jahren. Da aber das
-Atomgewicht zu 206,4 bestimmt wurde, so ist anzunehmen, daß nur 70% der
-Gesamtbleimenge radioaktiven Ursprungs sind. Wird das berücksichtigt,
-so ergibt sich das Alter zu 260 Millionen Jahren.</p>
-
-<p>Bei der dritten Gruppe handelt es sich um Mineralien aus Gesteinen
-von mitteldevonischem Alter der Umgegend von Kristiania. Der etwas
-wechselnde Bleigehalt läßt auf nachträgliche Veränderungen der
-Mineralien schließen; sein Mittelwert ergibt ein Alter von 340
-Millionen Jahren.</p>
-
-<p>Die Mineralien der 4. Gruppe stammen aus einem Gestein vom Alter des
-Untersilurs (nach nordamerikanischer Bezeichnung Ordovician). Der
-Bleigehalt bleibt in allen Analysen sehr befriedigend derselbe. Die
-Alterszahl von 400 Millionen Jahren erscheint in ihrem Verhältnis zu
-den Ergebnissen der 1.&ndash;3. Gruppe als sehr wahrscheinlich.</p>
-
-<p>Die Analysen und Alterszahlen der Gruppe 5 dürfen als außerordentlich
-zuverlässig gelten: Bei neun Analysen schwankt der Bleigehalt nur
-zwischen 12 und 14%. Die Atomgewichtsbestimmung des Bleis (206,06)
-bedeutet den sicheren Beweis, daß es sich um reines Uranblei handelt.</p>
-
-<p>Die Mineralien der Gruppe 6 stammen aus einem anderen Granitmassiv
-Norwegens; der Altersunterschied gegenüber 5 findet dadurch seine
-Erklärung. Die Untersuchung eines Uranminerals aus dem mittleren
-Präkambrium Nordamerikas (6) ergibt bezeichnenderweise dasselbe Alter,
-wie es für das Mittelpräkambrium Norwegens gefunden wurde.</p>
-
-<p>Leider läßt sich das relative geologische Alter der in Gruppe 8 bis 10
-aufgeführten ostafrikanischen Gesteine nicht mit Sicherheit angeben;
-die Analyse der deutsch-ostafrikanischen Mineralien läßt <span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span>jedoch infolge
-des gleichbleibenden Gehalts an Blei vom Atomgewicht 206 die errechnete
-Alterszahl als sehr zuverlässig erscheinen.</p>
-
-<p>Diesen Ergebnissen der Bleimethode seien in der folgenden
-Zusammenstellung die der <em class="gesperrt">Heliummethode</em> gegenübergestellt; wo
-gleichzeitig für ein Mineral die Bestimmung nach beiden Methoden
-vorliegt, ist das Ergebnis der Bleimethode in Klammern beigesetzt.</p>
-
-<table class="heliummethode" summary="Altersbestimmungen mit der Heliummethode">
- <tr>
- <th class="bl bt br">
- <div class="center">Geologische Zeit</div>
- </th>
- <th class="bt br">
- <div class="center">Mineral</div>
- </th>
- <th class="bt br">
- <div class="center">Fundort</div>
- </th>
- <th class="bt br">
- <div class="center"><span class="antiqua">ccm He</span><br />
- auf 1 <span class="antiqua">g</span><br />
- Uranoxyd</div>
- </th>
- <th class="bt br">
- <div class="center">Alter in<br />
- Jahrmillionen</div>
- </th>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl bt br">
- <div class="center">Diluvium</div>
- </td>
- <td class="bt br">
- <div class="center">Zirkon</div>
- </td>
- <td class="bt br">
- <div class="center">Vesuv</div>
- </td>
- <td class="bt br">
- <div class="center">&#8199;0,01&#8199;</div>
- </td>
- <td class="bt br">
- <div class="center">&#8199;0,1&#8199;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Eifel</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;0,09&#8199;</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;0,96</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="center">Pliozän</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Neuseeland</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;0,146</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;1,56</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="center">Miozän</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Auvergne</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;0,57&#8199;</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;6,1&#8199;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="center">Eozän</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Hämatit</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Irland</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;2,38&#8199;</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">25,5&#8199;</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="center">Oberkarbon</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Limonit</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">England</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">12,8&#8199;&#8199;</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">137 (320)</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="center">Mitteldevon</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Zirkon</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Brevig, Norwg.</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">&#8199;4,31&#8199;</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">46,1 (340)</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="center">Silur</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Thorianit</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ceylon</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">22,6&#8199;&#8199;</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">242 (500)</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br">
- <div class="center">Ober-Präkambrium</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Zirkon</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">Ceylon</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">25</div>
- </td>
- <td class="br">
- <div class="center">267 (1200)</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="bl br bb">
- <div class="center">Unter-Präkambrium</div>
- </td>
- <td class="br bb">
- <div class="center">„</div>
- </td>
- <td class="br bb">
- <div class="center">Kanada</div>
- </td>
- <td class="br bb">
- <div class="center">56</div>
- </td>
- <td class="br bb">
- <div class="center">600 (1500)</div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<p>Die Heliummethode gibt demnach durchweg kleinere Zahlen als die
-Bleimethode, was sich aus den bereits angeführten Tatsachen leicht
-erklärt. Es scheint, daß im allgemeinen nur ungefähr der dritte Teil
-des gebildeten Heliums im Mineral festgehalten bleibt; daher erreichen
-auch die Alterszahlen im Durchschnitt nur ein Drittel der nach der
-Bleimethode bestimmten Zahlen.</p>
-
-<p>Versuchen wir unsere Überlegungen zusammenzufassen, so können
-wir auf alle Fälle sagen: Die Ergebnisse der radioaktiven
-Methode der Altersbestimmung machen durchaus den Eindruck großer
-Zuverlässigkeit. Sie fügen sich zwanglos dem Rahmen ein, den die
-Geologie aufgestellt hat. Die absoluten Alterszahlen stehen mit der
-relativen Altersbestimmung nirgends in Widerspruch. Das gleichbleibende
-Verhältnis von Uran und Blei bei Mineralien desselben Vorkommens zeigt
-deutlich, daß ihm ein bestimmtes Gesetz zugrunde liegt.</p>
-
-<p>So erfüllt tatsächlich die neue Methode alle Anforderungen, die
-an ihre Ergebnisse gestellt werden müssen. Die Grenzen ihrer
-Anwendungsmöglichkeit sollen allerdings auch nicht verschwiegen werden.
-Leider sind die Mineralien, die sie braucht, recht selten <span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span>und nur in
-vollständig unverwittertem Zustand verwendbar. Mit der radioaktiven
-Methode kann nur das Alter von Uranmineralien, und damit der Zeitpunkt
-des Ausbruchs und der Erstarrung ihres Muttergesteins bestimmt werden.
-Nun ist es oftmals unmöglich, das relative Alter eines solchen Gesteins
-genau festzulegen; es kann von ihm (wie bei 2) unter Umständen nur
-ausgesagt werden, daß es jünger als Kambrium, aber älter als Tertiär
-sein müsse, und das sind sehr weit gezogene Grenzen. In einem solchen
-Fall ist leider auch die schönste Altersbestimmung für die Festlegung
-eines Punktes in der Erdgeschichte verloren. Wenn die Wissenschaft
-in Anwendung der neuen Methode später einmal vollständige Sicherheit
-erlangt hat, so besitzt sie allerdings damit die Möglichkeit, mit
-Hilfe des absoluten Alters eines Gesteins auch die Formation zu
-bestimmen, der es angehören muß. Bedauerlich ist es, daß bis jetzt
-noch keine ganz zuverlässige Altersbestimmung für ein jüngeres
-Gestein, etwa aus der Jura- oder Tertiärzeit, vorliegt. Es fehlen
-eben bis jetzt aus Gesteinen dieser Formationen die zur Untersuchung
-verwendbaren Uranmineralien. Leicht und bequem zu handhaben ist die
-Methode nicht. Die chemische Analyse wäre zwar an sich nicht besonders
-schwierig; sie fordert aber, um zuverlässig zu sein, jedesmal noch eine
-besondere Atomgewichtsbestimmung des Bleis, die in der notwendigen
-Genauigkeit nur von ganz wenigen Spezialforschern ausgeführt werden
-kann. Alles in allem können wir aber sagen, daß die neue Methode der
-Altersbestimmung einen <em class="gesperrt">ungeheuren Fortschritt</em> bedeutet: das rohe
-Schätzen und Extrapolieren haben wir verlassen; wir sind mit ihr in
-den Bezirk exakter physikalisch-chemischer Forschung eingetreten. Ihre
-wissenschaftliche Grundlage, die Zerfallstheorie der radioaktiven
-Elemente, darf schon heute als gesicherter Bestand der Wissenschaft
-gelten, obwohl sich die einzelnen Angaben über Zerfallszeiten bei
-zukünftigen genaueren Bestimmungen noch etwas ändern können. Zwei
-grundlegende Voraussetzungen sind allerdings noch in den Berechnungen
-enthalten: Wir müssen einmal annehmen, daß das Uranmetall rein und
-ohne seine Folgeprodukte bei der Bildung des Minerals in dieses
-eingetreten sei. Das ist eine Annahme, die von der Mineralogie
-überaus wahrscheinlich gemacht wird. Das zweite muß in seiner Art
-bei jedem geologischen Zeitmesser zugrunde gelegt werden. Wir müssen
-voraussetzen, daß die „Uranuhr“, wie wir sie kurz heißen wollen, im
-ganzen Verlauf der geologischen <span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span>Vorzeit gleich rasch gegangen sei wie
-heute. Wir werden auf diese Frage nochmals zurückkommen.</p>
-
-<p>Mit diesen Altersbestimmungen nach radioaktiver Methode ist ein
-Wunsch in Erfüllung gegangen, den wir zum Schluß des zweiten Kapitels
-ausgesprochen haben: Wir haben durch physikalisch-chemische Messung die
-sichere zeitliche Festlegung mehrerer Punkte in früher geologischer
-Vergangenheit erreicht. Damit ergeben sich ohne weiteres auch
-brauchbare Werte für die dazwischenliegende Zeit. Vom Extrapolieren
-können wir, wie der Mathematiker sagen würde, zum <em class="gesperrt">Interpolieren</em>
-übergehen; wir bestimmen den Verlauf der Zeitkurve zwischen zwei
-festen, weit auseinanderliegenden Punkten. Es ist ja nötig, durch eine
-größere Zahl von Altersbestimmungen die Sicherheit der Ergebnisse noch
-zu verstärken; aber es kann gesagt werden, daß auch schon die heute
-vorliegenden Zahlen infolge ihrer Widerspruchslosigkeit einen sehr
-hohen Grad von Wahrscheinlichkeit beanspruchen dürfen. Das ist alles,
-was überhaupt erwartet werden kann, sind wir doch Eintagsfliegen,
-denen jedes unmittelbare Herantreten an die Messung geologischer
-Zeiträume immer versagt bleiben wird. Stellen wir die zuverlässigsten
-Zahlen heraus, so sind es die für das Alter des Karbons mit 320
-Millionen Jahren (vielleicht etwas zu hoch), des Untersilurs mit 400
-Millionen Jahren, des Mittel-Präkambriums mit 1000 und 1300 Millionen
-Jahren. Es gilt nun, in diesen Rahmen die übrigen Ereignisse der
-Erdgeschichte schätzungsweise einzufügen, wie der Kartograph nach
-der genauen Festlegung seiner trigonometrischen Punkte das übrige
-in seine Karte einzeichnet. Einer der wichtigsten Punkte ist der
-<em class="gesperrt">Beginn des Kambriums</em>. Nach den obigen Zeitbestimmungen können wir
-als wahrscheinliche Zahl etwa 500 Millionen Jahre für ihn einsetzen
-(Barrell nimmt 600 Millionen Jahre an). Auf diesen Zeitraum verteilen
-sich die zehn Formationen des Geologen, deren jede etwa 40&ndash;80 Millionen
-Jahre zu ihrer Bildung beansprucht haben mag. Für das Tertiär wird ein
-Wert in der Nähe der unteren Grenze anzusetzen sein, ein Ergebnis, das
-unsere frühere Schätzung aufs schönste bestätigt.</p>
-
-<p>Für das <em class="gesperrt">Präkambrium</em>, das noch weit über das Kambrium zurückführt,
-muß auf alle Fälle ein Zeitraum angenommen werden, der die Dauer aller
-späteren Epochen um das Mehrfache übersteigt. Alle Gesteine dieser
-Periode sind in ihren Mächtigkeiten verändert, in der stärksten Weise
-umgebildet und zum größten Teil <span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span>zu kristallinen Schiefern geworden,
-deren Ursprung man kaum mehr zu erkennen vermag. Die Zeitdauer ihrer
-Bildung muß noch weit das Maß übersteigen, das schon ihre ungeheure
-Schichtmächtigkeit erwarten läßt. Tatsächlich ergibt ja die radioaktive
-Methode für das Präkambrium einen Zeitraum von weit über einer
-Milliarde Jahre, wenn die Zeit vom Mittelpräkambrium bis zum Beginn des
-Kambriums allein schon 800 Millionen Jahre beträgt. Daß ganz ungeheure
-Zeiträume dem Präkambrium zugrunde liegen müssen, ergeben vor allem
-auch entwicklungsgeschichtliche Überlegungen. Weist doch die Tierwelt
-des Kambriums Vertreter von außerordentlich hoher Entwicklung auf;
-vom Anfang des Lebens überhaupt bis zu dieser Entwicklungshöhe muß der
-Weg vielmal weiter gewesen sein als vom Beginn des Kambriums bis zur
-Jetztzeit. War er dreimal, war er zehnmal, oder gar hundertmal so weit?
-Niemand vermag es zu sagen. Alle Anhaltspunkte fehlen uns; die Anfänge
-des Lebens sind vielleicht in uralten Schichten des Präkambriums
-begraben, aber ihre Spuren sind bereits vollständig verwischt und
-es ist so gut wie aussichtslos, über sie jemals etwas Bestimmtes zu
-erfahren.</p>
-
-<p>Noch viel unsicherer werden unsere Vermutungen, wenn wir Jahreszahlen
-für noch weiter zurückliegende Entwicklungszustände unserer alten Erde
-finden wollen. Wir haben bereits die Altersbestimmung des Ozeans aus
-seinem Salzgehalt abgelehnt; dasselbe wird mit gewissen physikalischen
-Methoden der Fall sein müssen. Eine große Rolle hat bis vor kurzer
-Zeit der Versuch des englischen Physikers <em class="gesperrt">Thomson</em> (<em class="gesperrt">Lord Kelvin</em>)
-gespielt, aus der Abkühlung der Erde ihr Alter zu berechnen (1897).
-Von den physikalischen Gesetzen der Wärmestrahlung ausgehend, kam er
-auf das Ergebnis, daß eine Kugel von der Größe und Beschaffenheit der
-Erde zur Abkühlung von einem feuerflüssigen Zustand bis zur heutigen
-Oberflächentemperatur etwa 40 Millionen Jahre nötig habe. Diese Zahl
-hatte von vornherein sehr wenig innere Wahrscheinlichkeit. Es läßt
-sich überzeugend nachweisen, daß im Kambrium keine wesentlich höhere
-Temperatur bestanden haben kann als heute. In dem großen Vorgang der
-Abkühlung könnte daher der Zeitspanne vom Kambrium bis zur Jetztzeit
-nur ein ganz geringer Prozentsatz der 40 Millionen Jahre zufallen,
-und daraus würden sich so geringe Zahlen für die Bildungszeiten der
-einzelnen geologischen Formationen ergeben, daß kein Geologe ihre
-Richtigkeit zugeben könnte. <span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span>Nun hat sich aber weiterhin im Zusammenhang
-mit der radioaktiven Forschung eine Tatsache ergeben, die allein
-für sich genügt, die Berechnung Thomsons ungültig zu machen. Thomson
-kannte nämlich die Tatsachen des radioaktiven Zerfalls noch nicht und
-konnte daher in seine Wärmerechnung einen überaus wichtigen Aktivposten
-nicht einstellen: den Zuwachs an Wärme, den die Erde durch den Zerfall
-radioaktiver Substanzen andauernd erfährt. Es ist versucht worden,
-die Menge der radioaktiven Stoffe in den uns zugänglichen Teilen der
-Erdrinde zu bestimmen; dabei ergaben sich so erhebliche Mengen, daß
-ihre Wärmeerzeugung beim Zerfall vollständig genügt, um den Verlust
-aufzuheben, den die Erde durch Wärmeausstrahlung erleidet. Ja es
-ist sogar für die Wissenschaft zum Problem geworden, wie es möglich
-sei, daß die Erde nicht dauernd heißer werde! Es müssen besondere
-Annahmen über die Verteilung der radioaktiven Stoffe in größerer
-Tiefe gemacht werden, um die ziemlich gleichbleibende Wärme der
-Erdrinde verständlich zu machen. Wir sehen, dieser eine Umstand genügt
-vollständig, um die Berechnung Thomsons unbrauchbar zu machen. Wir tun
-am besten, mit unsern Versuchen absoluter Altersbestimmungen nicht
-weiter zurückzugehen als bis zu einem Zeitpunkt, den wir noch mit
-erprobten Methoden erfassen können. Die Wissenschaft vermag im heutigen
-Augenblick noch nicht das „Alter der Erde“ schlechthin zu bestimmen.
-Wir wollen bescheidener sein und uns an der Berechnung von Zahlen für
-das Alter des Kambriums oder des Präkambriums genügen lassen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="V_Schlussbetrachtung_und_Ausblick">V.
-Schlußbetrachtung und Ausblick.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Drei große Gruppen von Methoden haben uns zu unsern Ergebnissen
-geführt; es ist zum Schluß nötig, die eingeschlagenen Wege nochmals im
-Zusammenhang zu überblicken. Die erste Methode versuchte, die auf der
-Erde gebildeten Sedimentgesteine als die Leistung immerfort arbeitender
-geologischer Kräfte zu erklären und daraus die Zeitdauer ihrer Bildung
-zu berechnen. Das wahrscheinlichste Ergebnis waren etwa 300 Millionen
-Jahre; diese Zeit wäre zur Bildung aller, auch der präkambrischen
-Sedimente nötig gewesen. Nach dem Verhältnis der bekannten
-Sedimentmächtigkeiten würde hiervon mehr als die Hälfte, mindestens
-200 Millionen Jahre, <span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span>auf die Zeit vom Kambrium bis zur Jetztzeit
-entfallen. Dazu muß aber gesagt werden, daß auf diese Weise die Zeit
-des Präkambriums sicher bedeutend unterschätzt wird. Die zweite Methode
-geht von schönen und zuverlässigen Zeitmessungen geologischer Vorgänge
-der Nacheiszeit aus und führt unter Verwendung von Verhältniszahlen
-durch kühne Extrapolation auf den weiten Rahmen von 40&ndash;1600 Millionen
-Jahren für das Alter des Kambriums, wobei sich als wahrscheinlichste
-Werte 200&ndash;600 Millionen Jahre ergeben. Die radioaktive Methode gibt
-schließlich die Möglichkeit, ganz bestimmte Alterszahlen zu berechnen,
-die für das Karbon rund 300 Millionen Jahre, für das Kambrium etwa 500
-Millionen Jahre, für frühe Zeitpunkte des Präkambriums mindestens 1500
-Millionen Jahre betragen. Wie lassen sich nun all diese Ergebnisse
-vereinigen? Zunächst ist zu sagen, daß sich die Ergebnisse des ersten
-und zweiten Wegs durchaus nicht widersprechen. Die nach der ersten
-Methode berechneten Alterszahlen fallen in den Rahmen der zweiten, und
-auch die mittleren Werte kommen einander recht nahe. Ebenso führen
-die Altersbestimmungen von Uranmineralien zu Zahlen, die sich ohne
-weiteres in den Rahmen der zweiten Methode einfügen. Dagegen besteht
-tatsächlich ein Widerspruch zwischen den Ergebnissen des ersten und
-dritten Wegs, die beide bestimmte Zahlen nennen, der erste für das
-Alter des Kambriums 200 Millionen Jahre, des Präkambriums ungefähr
-300 Millionen Jahre, der zweite 500 und 1500 Millionen Jahre. Wie ist
-dieser Widerspruch zu lösen? Beide Methoden haben die Voraussetzung,
-daß ihre geologische Uhr in der ganzen Vergangenheit gleich schnellen
-Gang gehabt habe wie in der Gegenwart. Nun ist es denkbar, daß die
-Sedimentationsuhr, wie wir sie kurz heißen wollen, in der Vergangenheit
-langsamer gegangen wäre als in der Gegenwart. Dann hätte uns die Uhr
-mit ihrem gegenwärtigen raschen Lauf für die Vergangenheit zu kleine
-Zeitwerte angegeben; wir müßten also die höheren Jahreszahlen der
-Uranuhr als die richtigen annehmen. Es wäre aber auch denkbar, daß die
-Uranuhr heute langsamer ginge als in geologischer Vorzeit. Dann hätte
-sie uns zu große Zeiträume vorgetäuscht und die Sedimentationsuhr hätte
-recht.<a id="FNAnker_10" href="#Fussnote_10" class="fnanchor">[11]</a></p>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a id="Fussnote_10" href="#FNAnker_10" class="label">[11]</a> Den dritten Fall, daß beide Uhren falsch gehen könnten,
-wollen wir außer Betracht lassen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Die Frage nach der Größe der Zeiträume kommt also auf eine <span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span>Untersuchung
-über die Zuverlässigkeit unserer geologischen Zeitmesser hinaus, und
-daß hier der Uranuhr größeres Vertrauen entgegengebracht werden kann
-wie der Sedimentationsuhr, das kann kaum einem Zweifel unterliegen.
-Die Uranuhr beruht auf einem einheitlichen physikalisch-chemischen
-Vorgang, der im Aufbau der Atome begründet ist und dessen Ablauf mit
-keinem uns zugänglichen Mittel auch nur im geringsten verändert werden
-kann. Es wurde schon angeführt, daß Drucke von 25000 Atmosphären
-zusammen mit Temperaturunterschieden von mehreren tausend Graden den
-Zerfall der Atome nicht beeinflussen konnten. Die Annahme, daß der
-Zerfall früher schneller vor sich gegangen sei, kann in keiner Weise
-begründet oder auch nur wahrscheinlich gemacht werden; sie würde
-bedeuten, daß Naturgesetze nicht unveränderlich wären, sondern sich
-im Verlauf geologischer Zeiträume ändern könnten. Dagegen hängt die
-Sedimentationsgeschwindigkeit der Jetztzeit von einer Unzahl von
-Faktoren ab, die ohne Zweifel im Lauf der Erdgeschichte nicht immer
-dieselben gewesen sind. Um eine Übereinstimmung mit der Uranuhr
-zu erzielen, müßten wir annehmen, daß die Sedimentationsuhr heute
-mindestens 2½mal, vielleicht sogar 4&ndash;5mal schneller ginge wie im
-Durchschnitt der geologischen Vergangenheit. Tatsächlich vertreten nun
-besonders eine Reihe englischer und amerikanischer Geologen (Holmes,
-Chamberlin, Barrell) diese Ansicht sehr lebhaft. Sie behaupten, daß
-das Maß der Abtragung und damit auch der Sedimentation heute ein
-überdurchschnittlich großes sei. Unsere Flüsse haben an den immer noch
-hochragenden Resten der im Tertiär aufgetürmten Kettengebirge und an
-den lockeren und leicht zerstörbaren Bildungen der jüngstvergangenen
-Eiszeit leichtes Spiel für ihre Zerstörungsarbeit; sie tragen daher
-wesentlich mehr ins Meer hinaus als in früheren Erdperioden, in denen
-die Gebirge der Erde bis fast zu ihren Grundmauern abgeschliffen
-waren. Lebhafte Schollenbewegungen, die Hebungen und Senkungen von
-Ländern zur Folge haben, halten heute die Arbeit der Flüsse in Atem.
-Der Vulkanismus ist gegenwärtig recht lebhaft und liefert in seinen
-Aushauchungen Gase, die die Verwitterung beschleunigen. So hat die
-Ansicht jener Geologen, die Sedimentationsuhr gehe heute wesentlich
-rascher als in der Vorzeit, sehr gewichtige Gründe für sich; ihre
-Annahme hätte zur Folge, daß wir die durch die Uranmethode gewonnenen
-Zahlen als die richtigen ansehen müßten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span></p>
-
-<p>Damit sind wir am Ende unserer Untersuchungen über absolute geologische
-Altersbestimmung angelangt. Von höchstem wissenschaftlichem Reiz ist
-es gewesen, all den verschlungenen Wegen nachzugehen, auf denen die
-Forschung eines der packendsten und interessantesten Probleme der
-Erdgeschichte zu lösen versuchte. Wir können zwar noch nicht sagen, daß
-die Frage heute schon restlos gelöst sei, aber wir haben den lebhaften
-Eindruck gewonnen: sehr weit sind wir von der endgültigen Lösung des
-Problems nicht mehr entfernt, wahrscheinlich haben wir sie sogar in
-den Altersbestimmungen nach radioaktiver Methode heute schon in der
-Hand. Wo die Jahreszahlen der Geschichte beim Rückwärtsschreiten in die
-Vergangenheit abbrechen, da würden die Jahreszahlen der Geologie sich
-anschließen und bis in die fernste Vergangenheit zurückführen.</p>
-
-<p>Mit diesen exakten Altersbestimmungen hat die Geologie ein Problem
-gelöst, das sie seit ihren ersten Anfängen beschäftigte: Die Bezwingung
-der geologischen Zeiträume durch Maß und Zahl. Schon vor achtzig Jahren
-hat die Astronomie ein ähnliches Ziel erreicht. Die Geologie weist den
-Menschen zurück in unvorstellbar große Zeiträume der Vergangenheit,
-die Astronomie führt ihn von unserem Planeten und dem engen Bezirk
-unseres Sonnensystems hinaus in die endlosen Fernen des Weltalls. Wohl
-kannte man schon lange mit befriedigender Genauigkeit die Entfernung
-aller Glieder des Sonnensystems, vollständig unbekannt waren aber
-die Entfernungen der Fixsterne, bis es im Jahr 1837 dem berühmten
-Königsberger Astronomen <em class="gesperrt">Bessel</em> gelang, die Entfernung des kleinen
-Sterns 61 im Schwan zu messen; er erhielt für sie 80 Billionen km. Im
-nächsten Jahr wurde am südlichen Sternhimmel die Entfernung unseres
-nächsten Nachbars im Fixsternsystem, des Sterns α im Zentauren zu
-41 Billionen km oder 4½ Lichtjahren bestimmt, d.&nbsp;h. der Stern ist so
-weit entfernt, daß sein Licht bei einer Sekundengeschwindigkeit von
-300000 km 4½ Jahre braucht, um auf unsere Erde zu gelangen. Damit war
-zum erstenmal die Entfernung eines Punktes außerhalb des Sonnensystems
-gemessen. An die Stelle des verschwommenen Begriffs „unmeßbar weit“
-war die genaue Zahl getreten. Mit den ersten sicheren Messungen,
-denen bald noch weitere folgten, konnten sich klare Begriffe von der
-Entfernung und Größe all der Sonnen im Weltall bilden und damit auch
-eine Vorstellung vom Bau des Ganzen. So bedeutet das Jahr 1837 für
-die Astronomie einen Markstein ersten Rangs. <span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span>Heute ist die Geologie
-mit den Altersbestimmungen auf radioaktiver Grundlage an demselben
-Punkt angelangt, wie damals die Astronomie mit der ersten Messung
-einer Fixsternentfernung. An die Stelle unsicherer Zeitschätzungen
-treten ganz bestimmte, durch eine exakte physikalisch-chemische Methode
-gewonnene Zahlen; die erste sichere Zeitmessung ist erreicht. Hoffen
-wir, daß die neue Errungenschaft der Geologie ebenso reiche Früchte
-bringen möge wie die Tat Bessels der Astronomie!</p>
-
-<p>Wie die Entfernungsgrößen im Weltall unvorstellbar groß sind, so sind
-es auch die Zahlen, die wir für die Zeitdauer geologischer Perioden
-erhalten haben. Nicht einmal ein Jahrhundert vermag der Mensch mit
-seiner persönlichen Erinnerung zu umspannen, ein Jahrtausend ist ihm
-unfaßbar lang, und bei der Jahrmillion schwindet auch der letzte Rest
-einer Vorstellung. Es fängt die Gedankenlosigkeit an, die mit solchen
-Maßen nur spielt, ohne irgend einen Sinn damit zu verbinden. Wir müssen
-daher versuchen, diese Zeiträume durch Bilder zu veranschaulichen,
-die der menschlichen Vorstellungskraft noch zugänglich sind. Die
-Erdgeschichte seit Beginn des Kambriums werde durch eine gerade
-Linie von Berlin nach Stuttgart dargestellt. Das sind 500 Kilometer;
-sie sollen den 500 Millionen Jahren entsprechen, die seit Beginn
-des Kambriums verflossen sind. Dann bedeutet ein Kilometer eine
-Jahrmillion, die letzten 500&ndash;1000 m wären die Eiszeit, die 6000 Jahre
-der Geschichte würden auf 6 m &mdash; eine Zimmerlänge &mdash; zusammenschrumpfen
-und ein Menschenleben von 70 Jahren auf 7 cm. Ließen wir eine Schnecke
-in einem normalen Schneckentempo von 3,1 mm in der Sekunde die Strecke
-entlang kriechen, so würde sie dazu genau 5 Jahre brauchen, die Strecke
-des Tertiärs würde sie in etwa 4 Monaten zurücklegen, die Eiszeit in
-2&ndash;3 Tagen, die letzten 8 mm &mdash; die Strecke vom Beginn des Weltkriegs
-bis zur Gegenwart &mdash; könnte sie aber in 2½ Sekunden erledigen! Wo aber
-auf der anderen Seite der Beginn des Lebens liegt, von dem die Linie
-herkommt, vermögen wir nicht zu sagen. Mindestens noch weitere 1000 km
-zurück, vielleicht sogar weit drüben in Asien!</p>
-
-<p>An diesem Bild wird uns mit einem Schlage klar, wie klein und winzig
-im Verhältnis zur Erdgeschichte die Zeiträume sind, die der Mensch
-zu überblicken vermag. Wie geringfügig erscheint uns auf einmal die
-ganze Menschheitsgeschichte, die der Mensch voll <span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span>Überhebung die
-„Weltgeschichte“ zu nennen pflegt, und was bedeutet vollends ein
-Menschenleben im Strome des Weltgeschehens!</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">„Ein kleiner Ring begrenzt unser Leben</div>
- <div class="verse indent0">Und viele Geschlechter reihen sich dauernd</div>
- <div class="verse indent0">An ihres Daseins unendliche Kette.“</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Nun verstehen wir auch, warum die Erdentwicklung dem menschlichen Auge
-stillzustehen scheint. Wir sind so kurzlebig, daß wir selbst im Laufe
-eines ganzen Menschenlebens die Veränderungen nicht gewahr werden,
-die mit der Erde und ihren Lebewesen vor sich gehen. Berg und Tal,
-Festland und Meer, der anatomische Bau von Tieren und Pflanzen, sie
-scheinen uns starr und unveränderlich, nicht in lebendiger Umwandlung
-begriffen. Es ist, wie wenn unser Auge bei der Vorführung eines Films
-nur ein einziges Bildchen von all den Tausenden sehen würde, die durch
-ihr Nacheinander das Leben auf der Leinwand erzeugen. Setzen wir ein
-Menschenleben von 70 Jahren dem Anschauen eines Einzelbildchens gleich,
-von denen in der Sekunde 20 auf der Leinwand vorbeihuschen, so wäre die
-ganze Erdgeschichte seit dem Kambrium ein Riesenfilm von 129 km Länge,
-der 100 Stunden zur ununterbrochenen Vorführung brauchen würde!</p>
-
-<p>Während so die Erde in ihrer Entwicklung stillzustehen scheint, tritt
-eine andere Erscheinung hierzu in den denkbar schärfsten Gegensatz:
-Die Entwicklung der menschlichen Kultur. Hunderttausende von Jahren
-verweilte der Mensch der Steinzeit auf derselben Kulturstufe; in
-den letzten Jahrhunderten und vollends in den letzten Jahrzehnten
-hat sich aber ein Tempo der Kulturentwicklung herausgebildet, das
-geradezu beängstigend ist. 45 cm vor dem Ende jener Strecke von Berlin
-nach Stuttgart erfand Gutenberg seine schwarze Kunst, die zwanzig
-letzten Zentimeter brachten die Entwicklung der Wissenschaft von
-Newton bis Einstein, der Musik von Bach bis Richard Strauß, die
-letzten drei die Funkentelegraphie, das Flugzeug, die Entdeckungen der
-Radioaktivität und der Geheimnisse des Atombaus. Geistesströmungen
-und Kunstrichtungen zählen ihre Lebensdauer nicht mehr nach
-Jahrhunderten, sondern höchstens nach Jahren. Wenn wir all das an der
-Erd- und Menschheitsentwicklung messen, so kommt uns das geradezu
-Explosionsartige moderner Kulturentwicklung erst vollständig zum
-Bewußtsein. Und dabei gibt es Leute, denen es immer noch zu langsam
-geht! Wie ist es überhaupt denkbar, daß die Menschheit in <span class="pagenum" id="Seite_77">[S. 77]</span>ihren frühen
-Perioden Jahrzehntausende oder gar Jahrhunderttausende auf derselben
-Kulturstufe blieb, während heute ihre Entwicklung im Guten und im
-Bösen in diesem Wahnsinnstempo fortschreitet? Wir können versuchen,
-eine Reihe von Tatsachen zur Erklärung beizubringen: Das erste ist
-der Zusammenschluß der Menschheit zu immer größeren Verbänden, die
-Erfindung der Schrift und späterhin des Buchdrucks. Was früher an
-Fortschritten erreicht wurde, mußte durch mündliche Überlieferung
-innerhalb der kleinen Horde weitergegeben werden. Wie unendlich
-viel ging dabei verloren und mußte immer wieder von neuem entdeckt
-werden! Heute stellen unsere Bücher ein ins Ungeheuerliche gewachsenes
-menschliches Gedächtnis dar, das alles aufzubewahren vermag, was jemals
-Menschen gedacht und empfunden haben, und bei dem nicht so leicht etwas
-Wichtiges in Vergessenheit geraten kann. Dabei wird mit den Mitteln
-des modernen Verkehrs ein neuer Gedanke, eine neue Entdeckung in
-kürzester Zeit Allgemeingut der ganzen zivilisierten Menschheit. Vor
-dem unseligen Weltkrieg bildeten die Forscher aller Länder eine einzige
-große Arbeitsgemeinschaft, die mit fortwährend sich verbessernden
-Methoden jedes neu auftauchende Problem anzugreifen vermochte und für
-jede Frage fieberhaft arbeitende Spezialgehirne sich heranbildete.
-So kann man versuchen, das Tempo der Entwicklung mit der Zauberformel
-zunehmender Organisation zu erklären, welche die Leistungen nicht nur
-multipliziert, sondern potenziert.</p>
-
-<p>Ob damit alles gesagt ist und die Fortschritte menschlichen
-Geisteslebens in ihrer Tiefe erfaßt sind? Wir wissen es nicht. Klein,
-lächerlich klein läßt die Wissenschaft den Menschen erscheinen und
-groß, rätselhaft groß ist doch wieder derselbe Mensch, der seine
-Stellung in Raum und Zeit denkend erfaßt und mit seinem Geist
-Sternweiten und Jahrmillionen zu umspannen vermag. Und so steht auch
-hier die Wissenschaft nach dem Flug durch die endlosen Zeiträume der
-Vergangenheit am Ende wieder vor ihrem letzten und tiefsten Geheimnis,
-dem Rätsel des Menschen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[S. 78]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Verzeichnis_der_wichtigsten_Werke">Verzeichnis der wichtigsten Werke</h2>
-
-</div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Kayser</em>, Lehrbuch der Geologie (in zwei Teilen),
-6. Auflage.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Lindemann</em>, Die Erde.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Ratzel</em>, Raum und Zeit in Geographie und Geologie (Natur-
-und kulturphilosophische Bibliothek, Band 5), Leipzig
-1907.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Holmes</em>, <span class="antiqua">The Age of the Earth</span>, <span class="antiqua">Harpers Library</span> London
-und Neuyork 1913.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Penck</em> und <em class="gesperrt">Brückner</em>, Die Alpen im Eiszeitalter, 3 Bände,
-Leipzig 1901&ndash;1909.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">de Geer</em>, Geochronologie der letzten 12000 Jahre
-(Geologische Rundschau, 3. Band, 1912).</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Lawson</em>, Über absolute Zeitmessung in der Geologie
-auf Grund der radioaktiven Erscheinungen.
-(Naturwissenschaften 5. Jahrg., 1917.)</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Meyer</em> und <em class="gesperrt">Schweidler</em>, Radioaktivität, Leipzig 1916.</p>
-
-<p class="p0"><em class="gesperrt">Fajans</em>, Radioaktivität, 3. Auflage 1921 (Sammlung Vieweg).</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p><h2 class="nobreak" id="Sachregister">Sachregister</h2>
-
-</div>
-
-<ul class="index">
-
-<li class="ifrst">Alb, Schwäbische <a href="#Seite_18">18</a></li>
-
-<li class="indx">Alter des Menschen <a href="#Seite_39">39</a></li>
-
-<li class="indx">Alter des Ozeans <a href="#Seite_15">15</a></li>
-
-<li class="indx">Ancylussee <a href="#Seite_32">32</a></li>
-
-<li class="indx">Atomtheorie <a href="#Seite_56">56</a></li>
-
-<li class="ifrst">Baltische Endmoränenrücken <a href="#Seite_33">33</a></li>
-
-<li class="indx">Bändertone <a href="#Seite_27">27</a></li>
-
-<li class="indx">Barrell <a href="#Seite_69">69</a>, <a href="#Seite_73">73</a></li>
-
-<li class="indx">Becquerel <a href="#Seite_48">48</a></li>
-
-<li class="indx">Bessel <a href="#Seite_74">74</a></li>
-
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-
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-<li class="indx">Rutherford <a href="#Seite_50">50</a></li>
-
-<li class="ifrst">Salz, zyklisches <a href="#Seite_16">16</a></li>
-
-<li class="indx">Sanduhren <a href="#Seite_20">20</a></li>
-
-<li class="indx">Scharnhausen <a href="#Seite_13">13</a></li>
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-<li class="indx">Schelfregion <a href="#Seite_17">17</a></li>
-
-<li class="indx">Schürmann <a href="#Seite_12">12</a></li>
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-<li class="ifrst">Vierwaldstätter See <a href="#Seite_34">34</a></li>
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-<li class="ifrst">Walcott <a href="#Seite_45">45</a></li>
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-<li class="indx">Wasseruhren <a href="#Seite_9">9</a>, <a href="#Seite_20">20</a>, <a href="#Seite_61">61</a></li>
-
-<li class="indx">Werth <a href="#Seite_33">33</a>, <a href="#Seite_39">39</a></li>
-
-<li class="indx">Wintermoränen <a href="#Seite_30">30</a></li>
-
-<li class="ifrst">Zerfall <a href="#Seite_50">50</a></li>
-
-</ul>
-
-<table class="buchbeilagen" summary="Kosmos-Buchbeilagen">
- <tr>
- <td class="s4 bboxb" colspan="2">
- <div class="center"><b>Folgende seit Bestehen des Kosmos erschienene Buchbeilagen</b></div>
- <div class="s5 center">erhalten Mitglieder, solange vorrätig zu <em class="gesperrt">Ausnahmepreisen</em>:</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb brb" colspan="2">
- <div class="center"><b><span class="s3">1. Gruppe 1904&ndash;1907.</span> Broschiert
- M 1050.&mdash;, gebunden M 1660.&mdash;</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1904</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Bölsche, W., Abstammung des Menschen. &mdash; Meyer, Dr.
- M. W., Weltuntergang. &mdash; Zell, Ist das Tier unvernünftig? (Dopp.-Bd.)
- &mdash; Meyer, Dr. M. W., Weltschöpfung.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1905</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Bölsche, Stammbaum der Tiere. &mdash; Francé, Sinnesleben der
- Pflanzen. &mdash; Zell, Tierfabeln. &mdash; Teichmann, Dr. E., Leben und
- Tod. &mdash; Meyer, Dr. M. W., Sonne und Sterne.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1906</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Francé, Liebesleben der Pflanzen. &mdash; Meyer, Dr. M. W.,
- Rätsel der Erdpole. &mdash; Zell, Dr. Th., Streifzüge durch die Tierwelt.
- &mdash; Bölsche, W., Im Steinkohlenwald. &mdash; Ament, Dr. W., Die Seele
- des Kindes.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb bbb vat">
- <div class="s4 left"><b>1907</b></div>
- </td>
- <td class="brb bbb vam">
- <div class="s5 left">Francé, Streifzüge im Wassertropfen. &mdash; Zell, Dr. Th.,
- Straußenpolitik. &mdash; Meyer, Dr. M. W., Kometen und Meteore. &mdash;
- Teichmann, Fortpflanzung und Zeugung. &mdash; Floericke, Dr. K., Die Vögel
- des deutschen Waldes.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb brb" colspan="2">
- <div class="center"><b><span class="s3">2. Gruppe 1908&ndash;1911.</span> Broschiert
- M 1050.&mdash;, gebunden M 1660.&mdash;</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1908</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Meyer, Dr. M. W., Erdbeben und Vulkane. &mdash; Teichmann,
- Dr. E., Die Vererbung. &mdash; Sajó, Krieg und Frieden im Ameisenstaat.
- &mdash; Dekker, Naturgeschichte des Kindes. &mdash; Floericke, Dr. K.,
- Säugetiere des deutschen Waldes.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1909</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Francé, Bilder aus dem Leben des Waldes. &mdash; Meyer,
- Dr. M. W., Der Mond. &mdash; Sajó, Prof. K., Die Honigbiene. &mdash; Floericke,
- Kriechtiere und Lurche Deutschlands. &mdash; Bölsche, W., Der Mensch in der
- Tertiärzeit.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1910</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Koelsch, Pflanzen zwischen Dorf und Trift. &mdash; Dekker,
- Fühlen und Hören. &mdash; Meyer, Dr. M. W., Welt der Planeten. &mdash;
- Floericke, Säugetiere fremder Länder. &mdash; Weule, Kultur der Kulturlosen.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb bbb vat">
- <div class="s4 left"><b>1911</b></div>
- </td>
- <td class="brb bbb vam">
- <div class="s5 left">Koelsch, Durch Heide und Moor. &mdash; Dekker, Sehen,
- Riechen und Schmecken. &mdash; Bölsche, Der Mensch der Pfahlbauzeit. &mdash;
- Floericke, Vögel fremder Länder. &mdash; Weule, Kulturelemente der Menschheit.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb brb" colspan="2">
- <div class="center"><b><span class="s3">3. Gruppe 1912&ndash;1916.</span> Broschiert
- M 1310.&mdash;, gebunden M 2075.&mdash;</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1912</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Gibson-Günther, Was ist Elektrizität? &mdash; Dannemann,
- Wie unser Weltbild entstand. &mdash; Floericke, Fremde Kriechtiere und
- Lurche. &mdash; Weule, Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge.
- &mdash; Koelsch, Würger im Pflanzenreich.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1913</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Bölsche, Festländer und Meere. &mdash; Floericke,
- Einheimische Fische. &mdash; Koelsch, Der blühende See. &mdash; Zart, Bausteine
- des Weltalls. &mdash; Dekker, Vom sieghaften Zellenstaat.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1914</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Bölsche, Wilh., Tierwanderungen in der Urwelt. &mdash;
- Floericke, Dr. Kurt, Meeresfische. &mdash; Lipschütz, Dr. A., Warum wir
- sterben. &mdash; Kahn, Dr. Fritz, Die Milchstraße. &mdash; Nagel, Dr.
- Osk., Romantik der Chemie.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1915</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Bölsche, Wilh., Der Mensch der Zukunft. &mdash; Floericke,
- Dr. K., Gepanzerte Ritter. &mdash; Weule, Prof. Dr. K., Vom Kerbstock zum
- Alphabet. &mdash; Müller, A. L., Gedächtnis und seine Pflege. &mdash;
- Besser, H., Raubwild und Dickhäuter.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb bbb vat">
- <div class="s4 left"><b>1916</b></div>
- </td>
- <td class="brb bbb vam">
- <div class="s5 left">Bölsche, Stammbaum der Insekten. &mdash; Fabre, Blick ins
- Käferleben. &mdash; Sieberg, Wetterbüchlein. &mdash; Zell, Pferd als
- Steppentier. &mdash; Bölsche, Sieg des Lebens.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb brb" colspan="2">
- <div class="center"><b><span class="s3">4. Gruppe 1917&ndash;1921.</span> Broschiert
- M 1050.&mdash;, gebunden M 1660.&mdash;</b></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1917</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Besser, Natur- und Jagdstudien in Deutsch-Ostafrika. &mdash;
- Floericke, Dr., Plagegeister. &mdash; Hasterlik, Dr., Speise und Trank. &mdash;
- Bölsche, Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1918</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Floericke, Forscherfahrt in Feindesland. &mdash;
- Fischer-Defoy, Schlafen und Träumen. &mdash; Kurth, Zwischen Keller und Dach.
- &mdash; Hasterlik, Dr., Von Reiz- und Rauschmitteln.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1919</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Bölsche, Eiszeit und Klimawechsel. &mdash; Zell, Neue
- Tierbeobachtungen. &mdash; Floericke, Spinnen und Spinnenleben. &mdash;
- Kahn, Die Zelle.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb vat">
- <div class="s4 left"><b>1920</b></div>
- </td>
- <td class="brb vam">
- <div class="s5 left">Fischer-Defoy, Lebensgefahr in Haus und Hof. &mdash;
- Francé, Die Pflanze als Erfinder. &mdash; Floericke, Schnecken und Muscheln.
- &mdash; Lämmel, Wege zur Relativitätstheorie.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb bbb vat">
- <div class="s4 left"><b>1921</b></div>
- </td>
- <td class="brb bbb vam">
- <div class="s5 left">Weule, Naturbeherrschung I. &mdash; Floericke, Gewürm.
- &mdash; Günther, Radiotechnik. &mdash; Sanders, Hypnose und Suggestion.</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="blb bbb brb" colspan="2">
- <div class="left"><b>Alle 4 Gruppen auf einmal bezogen: brosch. M 4025.&mdash;,
- geb. M 6600.&mdash;</b></div>
- <div class="s5 left"><b>Einzeln bezogen</b> jeder Band brosch. M 63.&mdash;, geb.
- M 100.&mdash;, (für Nichtmitgl. je M 76.&mdash; bzw. 115.&mdash;) Die Jahrgänge
- 1904&ndash;1916 (je 5 Bände) kosten für Mitglieder brosch. je M 288.&mdash;, geb. je
- M 455.&mdash; Die Jahrgänge 1917&ndash;1921 (je 4 Bände) kosten für Mitglieder brosch.
- je M 232.&mdash;, geb. je M 364.&mdash;</div>
- <div class="left"><b class="bbb">Vom Kosmos-Handweiser</b> <span class="s5">
- sind noch geringe Vorräte von 1911, 1913, 1914, 1918, 1919, 1920, 1921 vorhanden.
- Jeder Band kostet für Mitglieder brosch. M 85.&mdash;, geb. M 200.&mdash;,
- (für Nichtmitglieder brosch. M 120.&mdash;, geb. M 250.&mdash;)</span></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2">
- <div class="s5 center"><b>Preise Anfang September 1922. Zeitentsprechende
- Preiserhöhungen vorbehalten.</b></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>JAHRESZAHLEN DER ERDGESCHICHTE</span> ***</div>
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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