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-The Project Gutenberg eBook of Reisen durch die Inselwelt der
-Südsee, by Max Prager
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Reisen durch die Inselwelt der Südsee
-
-Author: Max Prager
-
-Release Date: June 1, 2022 [eBook #68221]
-
-Language: German
-
-Produced by: Peter Becker, Franz L Kuhlmann and the Online Distributed
- Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISEN DURCH DIE INSELWELT
-DER SÜDSEE ***
-
- +-------------------------------------------------------------------+
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- | |
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-
-
-
-
- Reisen
-
- [Illustration: Rosette]
-
- durch die
-
- Inselwelt der Südsee.
-
- Mit einer kartographischen Skizze.
-
- Von
- •M. Prager•, Kapitän.
-
- [Illustration: Trennstrich]
-
- Kiel.
- Verlag von ~Carl Jansen~.
- Kommissions-Verlag für den Buchhandel: ~Robert Cordes~, Kiel.
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-In nachfolgender Schilderung ist versucht worden, dem geneigten Leser
-zwar ein beschränktes, aber doch möglichst anschauliches Bild über die
-Eigenart, Sitten und Gebräuche ihm unbekannter oder wenig gekannter
-Völker zu geben. Nicht minder ist die Entstehung der Koralleninseln,
-die Beschaffenheit hoher vulkanischer Berge und Inselmassen, sowie
-die in der Südsee entfaltete reiche Pflanzenwelt besprochen worden.
-Heftige Ausbrüche thätiger Vulkane, Stromverhältnisse des Ozeans und
-Wirbelstürme sind, soweit darüber persönliche Erfahrungen gesammelt
-werden konnten, in die Aufzählung der eigenen Erlebnisse des Verfassers
-mit hineingezogen.
-
-Die so große, vielgestaltige und fruchtbare Inselwelt des Stillen
-Ozeans zeigt dem Beobachter in allen Formen ein anmuthiges Bild,
-zu dem er sich hingezogen fühlt, und das, soweit eigenes Können es
-vermag, in einfacher Erzählung wiederzugeben versucht ist. Die Gefahren
-mancher Art, wie solche auch dem Seemanne zwischen den gefährlichen
-Koralleninseln auflauern, sind an gehöriger Stelle eingefügt.
-
-Sollte es mir gelingen, den Blick für die Werthschätzung auswärtiger
-Besitzungen zu schärfen, die Theilnahme für die kolonialen Bestrebungen
-der Reichsregierung zu mehren, so würde ich darin schon eine
-Anerkennung meiner Arbeit finden.
-
- Der Verfasser.
-
-
-
-
-I. Samoa. Land und Volk.
-
-
-Tief im Süden des Indischen Ozeans, auf jenen Breiten, wo der weite
-Weg nach Australien durch die Kugelform unserer Erde verkürzt wird
-und meistens günstige, westliche Winde die Fahrt eines Schiffes
-beschleunigen, zog im Jahre 1884 einsam ein deutsches Barkschiff seines
-Weges dem fernen Ziele entgegen.
-
-Monde waren hingegangen, ehe mit Hülfe wechselnder Winde der
-Atlantische Ozean von Nord bis Süd durchzogen war; die Hälfte des
-nahezu 14000 Seemeilen langen Weges, von der deutschen Küste bis
-zu den Gestaden Australiens, war ungefähr zurückgelegt, als der
-Längengrad vom Kap der guten Hoffnung 18° 29' Ost von Greenwich auf
-etwa 44° Süd Breite passirt wurde und das schöne Passatwetter, das
-bis zu der Insel Tristan d'Acunha vorherrschend gewesen, überging
-zu kühlerem und unfreundlicherem. Der Winter war auf der südlichen
-Halbkugel hereingebrochen; je tiefer südlich das Schiff vor umlaufenden
-westlichen Winden lief, desto kälter, ungemüthlicher wurde das Wetter.
-
-Hohe schaumgekrönte Wogen, die zischend längs den Borden des in
-bewegter See schwer rollenden Schiffes aufliefen und im wilden
-Wettlauf dieses überholten, fegten, vom Winde gepeitscht, ihren Gischt
-über das Deck. Kurz waren die Tage und nur selten blickten aus dem
-drohenden Gewölk, wenn es plötzlich zerrissen erschien, ein belebender
-Sonnenstrahl; die tiefe Bläue des Himmelsgewölbes Tage und Tage lang
-nicht gesehen, war dann für den einsam auf dem Weltmeer Hinziehenden
-ein Hoffnungsschimmer.
-
-Endlos scheint der Ozean, kein Schiff, kein Segel auf der weiten,
-wildbewegten Wasserwüste ist zu entdecken, ebenso einsam scheint der
-gewaltige Meerbewohner, der Walfisch, durch die Fluthen zu ziehen,
-der von Zeit zu Zeit die warme Athemluft aus seinem einfachen oder
-doppelten Spritzloch hervorstößt, um darauf, so lange es ihm an der
-Oberfläche gefällt, wieder frische Luft in die Lungen einzuziehen.
-In der kälteren Atmosphäre verdichtet sich die ausgestoßene feuchte
-Athemluft und bleibt um so länger sichtbar, je kälter die Temperatur
-auf der Oberfläche des Meeres ist. Mächtige Thiere sind es, in den sich
-überstürzenden Wogen kaum sichtbar, ihre Größe läßt sich nur ungefähr
-schätzen, wenn kurz nach dem Sichtbarwerden des Wasserdampfes das Thier
-in die Tiefe schießt und über die Wogenkämme emporragend, der Schwanz
-durch die Fluthen peitscht.
-
-Die Habsucht des Menschen hat in wenigen Jahrzehnten ungezählte
-Schaaren dieser nützlichen Thiergattung vernichtet, selten findet man
-heute noch eine Anzahl der mächtigen Thiere beisammen, die einsam über
-die gewaltige Meerestiefe hinziehen, welche einst von Abertausenden
-belebt war, denen sie reiche Nahrung geboten.
-
-Wind und Wogen sind in den Monaten Juli und August auf diesen südlichen
-Breiten meistens immer im Aufruhr; so setzte diesmal auf der Höhe der
-Krozet-Inseln ein äußerst schwerer, westlicher Sturm ein. Das Schiff,
-von den Fittichen des Windes getrieben, floh vor der brüllenden, wilden
-See; aber ob auch den Masten die denkbar größte Last aufgebürdet wurde,
-mußten doch nach und nach mit der wachsenden Kraft des Sturmes die
-Segel gekürzt werden und acht Tage lang lief das Schiff, während in
-der Luft die schwarzen Wolkenmassen dahinjagten wie ein gehetztes Wild,
-vor seinen dichtgerefften Sturmsegeln dahin, von den Wellen geschoben,
-die Bergen gleich von hinten heranrollten und deren Schaumkronen sich
-vernichtend über das in allen Fugen erzitternde Schiff ergossen.
-Uebermächtig war die Gewalt der Elemente, und hätte es ohne große
-Gefahr für Schiff und Mannschaft geschehen können, so würde der
-wilde Lauf vor solcher gefährlichen See durch Beidrehen an den Wind
-aufgegeben worden sein.
-
-Jedoch ein guter Renner war die Bark, saß ihr auch die wilde See
-drohend und verderbenbringend auf den Fersen, die sie, tief ins
-Wogenthal getaucht, kaum abzuschütteln vermochte, so hob sie sich doch
-immer wieder siegreich empor, hinjagend durch Nacht und Schrecken.
-
-Weit über den 80. Längengrad hinaus führte der erlahmende Sturm
-das wackere Schiff und mit von Norden bis Süd-Westen umspringenden
-steifen Winden wurde nach monatelanger Fahrt wieder Land, die Südküste
-Australiens, gesichtet.
-
-Im sicheren Hafen von Melbourne, jener jungen, aufblühenden Stadt der
-Paläste -- australischen Goldfeldern und dem Strome des Edelmetalls,
-der hier sich staute, verdankt sie ihr schnelles Wachsthum -- wurde, um
-die werthvolle Ladung zu entlöschen, wochenlang Rast gehalten.
-
-Das Goldfieber, das schon viel Tausende zur Pflichtverletzung
-trieb, übte auch auf die Mannschaft des deutschen Schiffes seinen
-verderblichen Einfluß aus, und die Hälfte derselben folgte dem
-lockenden Rufe nach goldenen Schätzen, den gewissenlose Agenten ertönen
-ließen. Gleich vielen anderen folgten die Bethörten und vertauschten
-den harten Seemannsberuf mit dem eines Diggers, um unter Entbehrungen,
-in harter Arbeit, fern in den wegelosen Steppen des wasserarmen Innern
-Australiens nach den begehrlichen Schätzen der Erde zu graben.
-
-Bitter Enttäuschte, die viel ärmer als sie einst ausgezogen, zur Küste
-zurückgekehrt waren und nur von Hunger, Durst und schlimmen Erfahrungen
-zu erzählen wußten (kaum daß sie im Stande gewesen, das äußerst theure
-Leben in der Wildniß zu fristen, so wenig hold war ihnen das Glück
-gewesen, so spärlich nur hatten sie Gold gefunden), ersetzten zum Theil
-die Flüchtigen. Froh noch konnte mancher Schiffsführer sein, wenn es
-ihm gelang, mit Angehörigen anderer Nationen sein Schiff wieder zu
-besetzen, da fast ohne Ausnahme jedem, wenn nicht die ganze, so doch
-ein Theil der Schiffsbesatzung entlaufen war. So mußten denn ebenfalls
-auf dem deutschen Schiffe Norweger, Schweden oder Engländer als Ersatz
-mit landesüblicher hoher Löhnung angenommen werden und das Kommando,
-sonst im biederen Plattdeutsch geführt, machte nothgedrungen dem
-englischen Platz.
-
-Das Schiff, auf welchem sich der Schreiber dieser Zeilen als Reisender
-befand, war gleich vor Beginn der Fahrt nach den Samoa-Inseln im
-Stillen Ozean bestimmt, und Ende Oktober des Jahres 1884 lichteten wir
-die Anker, um von Melbourne weiter die Fahrt nach Apia fortzusetzen.
-Widrige Winde in der Baßstraße, zwischen dem Festlande von Australien
-und der Insel Tasmanien, unfreundliches Wetter mit kalten Regenschauern
-erschwerten das Aufkreuzen in derselben, bis nach Tagen schließlich
-raumer Wind das Passiren der in dem östlichen Theile dieser Straße
-liegenden Inseln und Felsenrocks möglich machte.
-
-Als wir dann den freien Ozean gewonnen hatten, war es nothwendig,
-möglichst weit nach Osten aufzusegeln, und selbst als wir dicht
-unter der Nordspitze von Neu-Seeland gekommen waren und die drei
-König-Inseln sichteten, wurde noch immer der Kurs mehr östlich als
-nördlich gehalten, damit, wenn wir die Region des Süd-Ost-Passatwindes
-erreicht hätten, mit freiem Winde nordwärts gesteuert werden konnte.
-Schon auf der Höhe der Kermadec-Inseln wurde das Schiff von Windstillen
-befallen, die zeitweilig, von schweren Regenböen unterbrochen, nur
-ein sprungweises Vorwärtskommen gestatteten, bis auch dieser Gürtel
-unbeständiger Winde passirt war und auf etwa 25° S. Br. der Passatwind
-kräftig einsetzte.
-
-Jetzt hatte die langdauernde Stille, bei der die Segel in eintöniger
-Weise an die Masten klappten, auf einmal ein Ende; die spiegelglatten
-Fluthen des Ozeans durch aufspringende Böen zeitweilig aufgeregt,
-sprangen übermüthig die Schaumkronen der Wellen an der Bordwand
-des Schiffes empor, das unter voller Segelkraft mit schneller Fahrt
-dahineilte.
-
-Als wir östlich von den Tonga- (Freundschafts-) Inseln nordwärts
-steuerten, war das erste Land, welches in Sicht kam, die Insel Niue,
-aber zwei Tage später schon tauchte am Horizonte des tiefblauen
-Tropenhimmels die gebirgige Inselmasse der Samoagruppe klar und
-deutlich empor, immer höher aus den Fluthen des im Sonnenglanze
-blinkenden Meeres aufsteigend, je näher sich beflügelten Laufes das
-Schiff seinem endlichen Ziele näherte.
-
-Zur Rechten die Insel Tutuila mit ihren zerrissenen Bergen, einst
-thätigen Vulkanen, hebt sich zuerst, wenn man der Straße zwischen der
-Insel Upolu und Tutuila zusteuert, die über 30 Seemeilen breit ist,
-die mächtige Bergmasse aus den blauen Fluthen des Ozeans, während die
-langgestreckte Insel Upolu, massiver und höher, aus der Ferne wie
-in weißen Nebel getaucht erscheint, über der die blauen Bergkuppen
-vereinzelt emporragen. Immer deutlicher jedoch tritt auch hier das
-Unterland hervor, und die hochragenden Kronen der Kokospalmen, einen
-Kranz um alles sichtbare Land bildend, erscheinen wie ein endloser
-Wald, der sich längs dem Ufer hinstreckt. Sobald auch die Ufer ganz
-sichtbar geworden, zieht sich weit von Land ein weißer Silbergürtel
-hin, erzeugt durch die das Ufer umsäumenden Korallenriffe, an welchen
-sich wilddonnernd die ziemlich bewegte See unablässig bricht.
-
-Ein eigenartiges Bild blühender Tropenlandschaft bietet das Ganze,
-man fühlt sich unwillkürlich versucht, anzunehmen, unter diesem blauen
-Himmelsdome, unter den im Winde wogenden Palmenkronen müsse ein ewiger
-Friede wohnen, müsse die Natur ein Paradies geschaffen haben.
-
-Vorüber ziehen an der Ostseite der nach dem Innern immer höher
-sich aufthürmenden Berge dieser Insel, die mächtigen abgesprengten
-Rocks gleichenden Inseln Nuulua und Nuutele, und weiter, sobald
-nach Nord-Westen das Auge wieder den freien Ozean erblickt, die
-riffumkränzte Insel Fanuatapu. Wenn diese umsegelt ist, läuft das
-Schiff vor dem Winde nahezu westwärts längs der von Korallenriffen
-reinen Küste, und nur die reiche Tropenwelt vom Strande aufwärts bis
-zu den sanften Höhen zeigt sich im ewig grünen Schmucke, kein kahles
-Gestein wird sichtbar, dicht mit Busch und Wald scheint Thal und Hügel
-bedeckt -- als ein gesegnetes Land hebt sich diese Insel aus der Tiefe
-des mächtigen Ozeans. Hin und wieder treten zwischen den hohen Stämmen
-der schlanken Palmen am Strande wie dunklere Punkte die Hütten der
-Eingebornen, am steilen Ufer erbaut, von der grünschimmernden See ab,
-ebenso gleitet zeitweilig über eine tiefere Bucht ein Kanoe eilend hin,
-von kräftigen Armen vorwärts getrieben, obschon von den Insassen bei so
-großem Abstande nichts Genaues zu sehen ist.
-
-Ist man zwölf Seemeilen längs der Nord-Ostküste gesegelt, so öffnet
-sich hinter der Nannivi-Spitze der Hafen von Falisa, von hier aber
-läuft an der Küste weiter ein mächtiges Korallenriff, an dessen Kante
-die See schäumt und brandet. Das Land erhebt sich im Innern der Insel
-höher und höher, über die welligen Bergmassen ragt der Berg Fao spitz
-empor; ein Bergrücken durchschneidet die ganze Insel von Ost bis
-West, dessen einzelne Ausläufer nur hier und dort bis an die Küste
-vordringen.
-
-Ist die dem Lande vorgelagerte Riffmasse passirt, so öffnet sich der
-von Korallenbänken und Riffen umgebene sichere Hafen von Saluafata,
-der zu dieser Zeit schon von den deutschen Kriegsschiffen als bester
-Depotplatz und Gesundheitsstation anerkannt und benutzt wurde. Alle
-Riffe, von See aus gesehen, scheinen direkt mit dem Lande verbunden
-zu sein, wenigstens läßt das grünschimmernde Wasser, sobald die
-ausgedehnten Bänke damit bedeckt sind, solches anfänglich vermuthen,
-in der That aber bilden diese häufig ein zwar vielfach geformtes,
-doch getrenntes Ganze für sich, so daß selbst bei der Ebbe es für
-ein Boot möglich ist, dicht unter Land oder in geringer Entfernung
-davon innerhalb der Riffe im ruhigen Wasser zu fahren. Selbst die
-Kriegskanoes der Eingeborenen, 40 und mehr Mann fassend, benutzen nur
-diese Wasserstraßen, um von Ort zu Ort zu gelangen, obwohl diese sich
-auch nicht scheuen, mit den leichtgebauten Fahrzeugen auf die offene
-See hinauszurudern, wenn das Meer ruhig ist und eine Nothwendigkeit
-dazu vorliegt.
-
-Angebracht scheint es mir hier, gleich über die Entstehung,
-Fortpflanzung und Bildung der Korallenbänke eine kurze Beschreibung
-zu geben, weil im Laufe dieser Erzählung vielfach der gefährlichen
-Korallenbänke wird Erwähnung gethan werden.
-
-Die Koralle, eine Polypenart, siedelt sich am häufigsten in den
-tropischen Gegenden an, an geschützten Küsten oder auf nicht tiefer als
-50 Meter liegendem Meeresgrunde, sind die Bedingungen zur Fortpflanzung
-günstig, d. h. reichliche Nahrung und eine nicht unter 18° C. sinkende
-Wassertemperatur vorhanden, so breiten sie sich sehr schnell aus
-und bilden durch das Absterben der Milliarden kalkhaltiger Thiere
-allmählich eine feste steinige Masse.
-
-Sie wächst bis zur Ebbegrenze, d. h. bis zum niedrigsten Stande des
-Meeresspiegels, dann hört aus Mangel an genügender Nahrungszufuhr ihr
-Wachsthum auf, dafür aber dehnen sie sich nach der offenen See mehr und
-mehr aus, selbst die schweren, auf solchem Randriff brechenden Wogen
-hindern die Thierchen nicht am Weiterbau. Lücken, durch sehr schwere
-Brandung hervorgerufen, füllen sie schnell wieder. Meistens bildet der
-äußere Rand eines Riffes eine steile Wand, was namentlich der Fall ist,
-wenn an solchem die Wassertiefe schon beträchtlich ist.
-
-Um es zu verstehen, daß selbst auf abschüssigem Grunde ein Korallenriff
-an Ausdehnung gewinnen kann, muß man bedenken, wie die Korallenthiere
-bis zu der Tiefe von 50 Meter immer weiter an gebildeten Bänken
-fortbauen, so über großen Tiefen frei hängende Massen bilden, die
-schließlich durch die Gewalt der See oder ihrer eigenen Schwere
-abbrechen und versinken. Solche abgestürzten Massen aber, im Laufe
-der Zeiten übereinander gethürmt, geben den Thieren immer neue
-Ansiedelungspunkte und die Folge ist, daß an vielen Riffen eine steile,
-senkrechte Wand gefunden wird, die aus einer Tiefe von mehreren hundert
-Fuß bis zur Oberfläche des Meeres aufragt.
-
-Eine eigenthümliche Erscheinung ist ferner, daß an der Mündung von
-Bächen und Flüssen die Koralle sich nicht ausbreitet, es erklären
-sich hierdurch die kleineren oder größeren Riffpassagen, die man
-bei Wallriffen unter Inseln oder Festland immer findet. Der Grund
-dafür ist, daß den Korallenthieren durch das Süßwasser die benöthigte
-Nahrung entzogen wird und sie naturgemäß absterben, oder, wo durch
-brandende See ihnen solche doch noch zugeführt wird, sich nur äußerst
-langsam ausdehnen. Ebenso werden die Thierchen an der gedeihlichen
-Fortpflanzung unter Land auch dadurch gehindert, daß, während schon an
-und für sich das Meer ihnen geringere Nahrung zuführt, die Landwinde
-vom Ufer vielen feinen Staub abwehen. Dadurch erklärt es sich, wie
-häufig in der Nähe des Landes die Koralle das Weiterbauen eingestellt
-hat und Durchfahrten für Boote und Kanoes freigeblieben sind. Orte,
-wo die Koralle im Meere nicht gedeiht, sich vielleicht überhaupt nicht
-angesiedelt hat, wie man solchen Vorgang an Inseln beobachten kann --
-eine Seite derselben ist mit Riffen eingefaßt, die andere nicht -- ist
-fast immer auf eine kältere Meeresströmung zurückzuführen, die unter
-Küsten oder Inseln hinzieht.
-
-Das ausgedehnte Gebiet des Großen Ozeans, dessen weitverzweigte
-Inselwelt vielfach heute noch ein Vulkanheerd ist, bringt hin und
-wieder plötzliche Veränderungen hervor, für Jahrtausende beständig
-gebliebene Riffe versinken oder heben sich. Tritt solche Verschiebung
-ein, sinkt z. B. ein Riff unter die Meeresoberfläche, so baut sich die
-Koralle ungemein schnell auch auf schon erstorbenen Flächen wieder an
-und führt das Riff zur Meeresoberfläche; hingegen heben sich unter
-Wasser gebildete Bänke, was zur Folge hat, daß im größeren Umkreise
-auch der Meeresboden gehoben wird, so nimmt die Koralle am Randriff
-ihre Arbeit wieder auf, da sie auf einer Tiefenlinie von ungefähr
-2000 Meter nicht weiter bauen kann, weil der in solcher Tiefe große
-Kohlensäuregehalt des Meerwassers einen Weiterbau verhindert.
-
-Was die Bildung der Korallen-Inseln anbetrifft, so entstehen solche
-nur durch Anhäufung losgelöster Korallenblöcke, die durch schwere Seen
-bei Stürmen oder Orkanen auf das Riff getragen werden. Ueberwiegt auch
-am Riffrande das Wachsthum der Koralle den Verlust, welcher durch die
-unablässig anbrandenden Wogen entsteht, die solche Theile und Theilchen
-loslösen und auf dem Riffe ebenfalls ablagern, so tragen doch diese
-dazu bei, schon etwa über Fluthhöhe angehäufte harte Korallenmassen
-zu verbinden und heftige Winde thun das Ihre, zu Zeiten der Ebbe den
-leichten Korallenmörtel immer höher aufzuhäufen. Dann fehlt nur noch
-die Vegetation; angeschwemmte Kokosnuß und Pandanuß finden fruchtbaren
-Boden; Samen, von Seevögeln oder den Wogen zugetragen, keimen auf der
-kleinen Fläche, die hierdurch auch immer mehr an Ausdehnung gewinnt,
-bis im Laufe der Zeiten Inseln von beträchtlichem Umfange entstehen.
-
-Bei der Beschreibung des Marschall-Atolls und anderer werde ich auf
-deren muthmaßliche Bildung zurückkommen, obgleich die Entstehung der
-heutigen Inselgruppe auf ganz gleiche Vorgängen zurückzuführen ist.
-
-Sieben Seemeilen weiter westlich von dem, dem Hafen von Saluafata
-vorgelagerten Riffe -- die Küste zeigt auf dieser Strecke nur wenig
-Korallenbildungen -- erhebt sich von der Vailele-Bai erst wieder das
-massive, von hier die ganze Küste westwärts umfassende Korallenriff.
-Die brandenden Wogen an denselben mahnen zur Vorsicht, man ist deshalb
-gewohnt, einen größeren Abstand zu halten, als bei günstigem Winde
-nöthig wäre, da die Wassertiefe fast überall bis dicht unter das Riff
-beträchtlich ist.
-
-Erschwert wird daher auch das Auffinden der Einfahrt, die zum Hafen
-von Apia führt; namentlich für einen mit den Verhältnissen und den
-Strömungen nicht vertrauten Schiffsführer hat die erste Ansegelung
-etwas Schwieriges. Wohl geben der Apia-Berg, ferner auf diesem und
-die an dessen Fuße auf dem kleineren Waea-Hügel errichtete Baken und
-Feuer ein gutes Merkzeichen, doch diese sind nicht immer, wenn Dünste
-und feuchte Nebel darüber lagern und tiefhängende schwere Regenwolken
-das Innere der Insel verhüllen, aus größerer Entfernung sichtbar und
-selbst der Hafenlootse kann sich bei bewegter See auch nicht immer
-weit aus dem Schutze der Riffe herauswagen, um dem irrenden Schiffe als
-Wegweiser zu dienen. Dazu kommt, daß der nach Westen setzende Strom ein
-Schiff leicht über die Peilrichtung der gegebenen Zeichen hinaustreibt,
-und manchem Führer geht es so wie es auch mir ergangen ist, daß er,
-gegen schwachen Ostwind kreuzend, weit fortgetrieben wird und er Tage
-braucht, ehe er die Höhe des Hafens wieder erreicht.
-
-Man bezeichnet auch den durch den im Apia-Hafen mündenden
-Vaisigano-Fluß gebildeten Wasserfall, der landeinwärts bei dem Dorfe
-Maniani liegt, als gutes Merkzeichen, da er im Sonnenlichte hell
-blinkend seine Wasser aus beträchtlicher Höhe abstürzt und auch
-weit von See aus sichtbar ist; allein da solche Fälle bei günstiger
-Beleuchtung an der Nordseite der Insel mehrere zu sehen sind, so ist
-der Vaisigano-Wasserfall kein untrügliches Zeichen. In den Monaten Mai
-bis November wird man indes hier meistens immer klares Wetter antreffen
-und es dann nicht schwierig sein, die Einfahrt in den gut geschützten
-Hafen zu finden.
-
-Es war am 19. November 1884 als wir, schon nach hereingebrochener
-Dunkelheit, den sicheren Hafen erreichten und ich nach einer Reise
-von 175 Tagen (der Aufenthalt in Melbourne eingerechnet) das Land
-betrat, wo für mich eine jahrelange Thätigkeit im Dienste der deutschen
-Handels- und Plantagen-Gesellschaft vorgesehen war. Dem Fremdartigen,
-das einem in fern entlegenen Ländern entgegentritt, wendet man
-anfänglich seine ganze Aufmerksamkeit zu; so fühlte man sich auch hier,
-wo schon die reiche Tropenwelt, die ganze Großartigkeit der Scenerie
-die Sinne gefangen nahm, versucht, die gewonnenen Eindrücke auf sich
-wirken zu lassen, und das Wohlgefälligste, was dem Beobachter hier in
-diesem schönen Erdenparadiese entgegentritt, sind die Bewohner dieses
-gesegneten Landes selbst.
-
-Stolze, stattliche Gestalten sind die Männer, groß und schlank gebaut,
-Klugheit und Kraft verrathend, soweit letztere aus dem stolzen Gang und
-dem wohlgenährten Körper ersichtlich ist. Der Körper ist bis auf den
-Lendenschurz, den Lava-Lava, den sie gefällig um die Hüften tragen,
-nackt, die Beine fast bis zum Unterleib tätowirt, stechen die blauen
-Streifen oder Ringe von der lichtbraunen Farbe des Körpers auffällig
-ab. Die Frauen sind selten über Mittelgröße, haben hübsche, anmuthige
-Gestalten, zeigen Sanftmuth und gefälliges Wesen, vor allem, wenn noch
-Jugendreiz sie schmückt und sie ihre Schönheit durch die duftenden
-Kinder der hier üppig blühenden Flora zu heben bemüht sind, die sie
-kranzartig sich in das starke, mähnenartige, schwarze Haar einflechten.
-
-Ein sorglos glücklich Volk, dem die Natur ihre reichen Schätze ohne
-Arbeit und Müh in den Schooß wirft, scheinen diese Ureinwohner zu sein.
-Wohin man den Blick wendet, Früchte beladene Kokospalmen, vereinzelt
-oder in großen Gruppen, Apfelsinen und Brotfruchtbäume neben der
-zuckersüßen Banane, der wohlschmeckenden, nahrhaften Yamswurzel,
-dem Zuckerrohr und der Taroknolle, machen die Hauptbestandtheile
-der Nahrung der Eingeborenen aus, nur die letzten Arten bedürfen
-der Anpflanzung und sehr geringer Pflege. Der Palmenbaum, der Milch,
-Oel und saftigen Kern giebt, Gewebe und wohlschmeckendes Getränk, um
-Dörfer und Hütten gepflanzt, genügte allein schon den Eingebornen zu
-sättigen und zu befriedigen. Nicht die Größe des Flächenraumes schätzt
-dieser deshalb hoch, sondern die Zahl der Palmenbäume, die ihm zu eigen
-gehören.
-
-Der große Hafen von Apia, durch die vorspringende Matautuspitze und die
-weitgestreckte schmale Landzunge Mulinun gebildet, durch die weit in
-See sich erstreckenden Riffe eingeengt und eigentlich erst geschaffen,
-bietet genügenden Raum und Wassertiefe für eine ganze Anzahl großer
-Schiffe; der kleinere Hafen hingegen ist etwas beengt, bietet aber
-für jedes Schiff, wenn solches wegen seines Tiefganges nicht im großen
-verbleiben muß, eine noch gesichertere Lage. Uebrigens ist der kleine
-Hafen eigentlich nur der Ankerplatz für die der Plantagen-Gesellschaft
-zugehörenden Schiffe.
-
-Auffällig und sofort ins Auge fallend sind die großen Bauten der
-Deutschen Handels-Gesellschaft, vor allem das gefällige Hauptgebäude,
-das in seiner Ausdehnung nicht bloß die Kontore, sondern auch die
-Wohnung des derzeitigen Chefs, des Herrn Konsuls Weber, sowie aller im
-Innern-Dienst Angestellten enthält.
-
-Das Innere des großen Quadrats nimmt ein gefälliger Ziergarten ein,
-dessen Bäume und Pflanzen viel dazu beitragen, die heiße Schwüle der
-Abende zu mildern und erfrischende Kühle verbreiten. Alle Häuser der
-Europäer, aus Holz erbaut, das nach Bedarf von amerikanischen Schiffen
-eingeführt wird, stehen um einige Fuß über dem Erdboden erhöht meistens
-auf gemauerten Korallenpfeilern. Es ist dies insofern eine zwingende
-Nothwendigkeit, als, abgesehen davon, daß während der Regenzeit
-vom November bis April, die Feuchtigkeit fern gehalten wird, dem
-zahlreichen Ungeziefer nach Möglichkeit gewehrt werden muß.
-
-Ratten in Unmenge, Ameisen zu Milliarden bürgern sich in den Häusern
-gar zu gerne ein und namentlich gegen letztere, die durchaus nichts,
-was eßbar ist, verschonen, kämpft hier der Mensch vergeblich an.
-Um diese kleinen geschäftigen Thierchen, die unter Dielen, in den
-Holzfüllungen ihre Heimstätte aufschlagen, nur einigermaßen vom
-Genießbaren fernzuhalten, müssen Tischbeine, überhaupt alle Gefäße,
-die Eßbares enthalten, in Wasserbehälter gestellt werden, das ist die
-einzige Methode, mit einigem Erfolge Speisen, Früchte u. s. w. vor
-Verderben durch Ameisen zu schützen.
-
-Ein wahres Heer voll Ungeziefer aber beherbergen die Kopraschuppen,
-jene Gebäude, welche aufgespeicherte Vorräthe an getrockneter Kokosnuß
-enthalten. Kopra ist der in Stücke geschnittene und an der Sonne
-getrocknete Kern der Nuß, jenes werthvolle Erzeugniß, das in Europa
-die feinsten Oele, Seifen, Säuren u. s. w. giebt und jederzeit hoch
-im Preise steht. In solchen Gebäuden wimmelt es von Ratten, Käfern,
-Kakerlaken und Ameisen, die hier überreiche Nahrung finden, Tausendfuß
-und anderes gefährlicheres Gewürm, selbst den Skorpion habe ich
-zuweilen an anderen Orten bemerkt.
-
-Eine langandauernde Lagerung des Kopras, dessen reicher Oelgehalt
-bedeutende Wärme erzeugt, bringt durch Eintrocknen schon einen
-Gewichtsverlust mit sich, mehr aber verliert die Güte desselben
-durch die erwähnten Thierarten. Bei der Verschiffung des Kopras wird
-natürlich solch lästiges Gewürm mit in das Schiff übergeführt und
-monatelanges Lagern großer Mengen Kopra in einem Schiffsraume hat zur
-Folge, daß namentlich Ameisen und Kakerlaken sich einbürgern, gegen
-deren Vertilgung nordische Kälte nur das einzige durchgreifende Mittel
-abgiebt.
-
-Die ausgedehnten Bauten der deutschen Factorei und das dazu gehörige
-Gelände trägt den Namen „Savala“, die langgestreckte Landzunge, auf
-welcher sich mehrere kleinere Dörfer als „Songi“ und ganz am Ende die
-Wohnung des derzeitigen Königs „Maliatoa“ befindet, heißt „Mulinuu“.
-Gebüsch, Palmen und Brotfruchtbäume bedecken diese Landfläche, die im
-Hintergrunde ein dichter Mangrovensumpf umsäumt, die Brutstätte der
-lästigen Mosquitos und des zu Zeiten austretenden Malariafiebers.
-
-Das Klima der meerumrauschten Insel ist im Allgemeinen als ein gesundes
-zu bezeichnen; wie ich aus eigener Erfahrung weiß, hat der Europäer,
-den tödtliches Fieber befällt, es meist immer selbst verschuldet und
-zwar dadurch, daß er die in den Zimmern herrschende drückend heiße
-Luft durch Oeffnen von Thür und Fenstern während des Schlafes in der
-thaukalten Nacht zu mildern sucht, deren feuchte Luft zwar angenehm den
-Körper kühlt, aber auch eine verderbliche Einwirkung auf die Gesundheit
-ausübt. Wenige Monate nach meiner Ankunft (ein längerer Aufenthalt am
-Lande war mir vorgeschrieben) hatte ich durch solche Unachtsamkeit mir
-ein schlimmes Fieber zugezogen; zwischen Tod und Leben rang ich lange,
-bis doch die Natur, unterstützt durch die Kunst der Aerzte, Sieger
-blieb.
-
-Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen, das bestätigt sich auch
-hier selbst bei den Eingebornen; unter anderen Krankheiten sei nur die
-den Körper verunstaltende Elephantiasis angeführt. Häufig tritt diese
-Krankheit auf, und wenn sie auch im ersten Stadium noch schmerzlos ist,
-so schleppt doch der Betroffene ein meistens sehr dick angeschwollenes
-Bein, das ihm äußerst lästig und am Gehen hinderlich ist, herum, selbst
-langansässige Europäer befällt zuweilen dieses unangenehme Leiden.
-
-Von der äußersten Spitze der Landzunge Mulinuu führt ein bequemer Weg
-rings um die Bai nach Matautu, der als eine eigentliche Straße aber
-erst von der deutschen Factorei an zu betrachten ist. Zur Rechten
-liegen dort einige gefällige Cottages, im Styl englischer Landhäuser
-erbaut, mit vorliegenden Gärten und dem freien Ausblick auf den
-Hafen; die Straße selbst wird von hohen Apfelsinenbäumen beschattet,
-deren kugelrunde noch unreife Früchte den jungen Samoanerknaben als
-Spielbälle dienen, indem diese sich die fast nackende, lebhafte Schaar
-mit Geschick zuwirft.
-
-Weiterhin erst im eigentlichen Matafele, wie die Hauptansiedelung
-der Europäer benannt wird, reihen sich Häuser zu beiden Seiten der
-Straße, Hotels, Gastwirthschaften und Privatwohnungen, hinter diesen
-das Samoanerdorf Matafele. Dem Durstigen winkt hier in den geräumigen
-Wirthschaften ein kühler Trunk, durch künstliches Eis gekühlt; denn
-Durst, durch die Sonnengluth erzeugt, hat Jedermann, auch stehen neben
-Versandbier, das ausnahmslos deutsches Erzeugniß ist, Spirituosen, ja
-die theuersten Sorten edlerer Getränke jedem zur Verfügung, sofern der
-dafür geforderte hohe Preis nicht den Geldbeutel zu bedenklich leert,
-da unter einem Sixhenie, d. h. 50 Pfennigen, nichts erhältlich ist,
-eine Flasche Bier aber schon zwei Mark kostet und Weine noch bedeutend
-höher im Preise stehen.
-
-An Vergnügungen fehlt es auch nicht, die meisten Wirthe, dazumal
-vornehmlich Deutsche, haben neben einem Tanzsaal, wo gelegentlich
-zum Klavier oder Harmonika jeder mit den hübschen Samoanerinnen,
-die leidenschaftlich dem Tanze und Spiel sich hingeben, tüchtig das
-Tanzbein schwingen kann, auch für Liebhaber des Kegelsports gute
-Bahnen eingerichtet, und diese werden von dem zahlreichen Personal der
-Factorei und sonstigen Deutschen auch tüchtig benutzt.
-
-Damit freilich sind die hauptsächlichsten Vergnügungen lokaler Art
-erschöpft, Jagdliebhabern bietet sich solches in anderer Weise,
-da zahlreiche wilde Tauben und Hühner, selbst verwilderte Schweine
-in den Bergen zu finden sind; auch sonntägliche Reitausflüge nach
-den Plantagen Vailele, Vaivase, Vaitele, selbst bis nach Molefenua
-ausgedehnt, finden viele Theilnehmer, besonders aber sind Picknicks mit
-Damen, den Kindern einiger langansässiger Europäer, und Samoanerinnen,
-die ihre lichtbraunen Schwestern oftmals noch an Schönheit übertreffen,
-für die Jüngeren ein beliebtes Vergnügen, zu deren Veranstaltung
-Ausflüge in die schönsten Orte der Umgebung von Apia gemacht werden.
-
-Hierbei fehlt, was ich gleich erwähnen will, gewöhnlich nicht der
-bei den Samoanern so beliebte Schweinebraten, und wenn auch sonst der
-stolze Eingeborne sich nicht herbei läßt, eine Handreichung zu thun, so
-übernehmen bei solcher Gelegenheit die Aufgeforderten doch gerne das
-Amt eines Mundschenks und bereiten eigenhändig nach ihrer Weise den
-köstlich duftenden Braten.
-
-Nach der Anzahl der Theilnehmer wird ein mittelgroßes Schwein vorher
-geschlachtet, sehr sauber gereinigt und zerschnitten bereit gelegt. In
-einer Grube, die rings mit Steinen ausgefüllt ist, werden diese durch
-ein in derselben entzündetes Feuer glühend heiß gemacht, das Schwein in
-große Bananenblätter fest eingewickelt, wird nach Verlöschen des Feuers
-dasselbe dann in die Grube gebettet und auch mit ebenso heißen Steinen
-zugedeckt, worüber dann Erde geschüttet werden muß, um zu verhindern,
-daß die Hitze entweicht.
-
-Von Kraft und Fettgehalt gar nichts verloren, wird nach Verlauf
-mehrerer Stunden der äußerst zarte Braten behutsam herausgenommen und
-auf frische Bananenblätter gelegt, dann reißt der Vertheiler mit den
-Händen das Schwein auf. Allen im Kreise umhersitzenden Theilnehmern am
-Mahle sind vorher Bananenblätter als Teller vorgelegt worden. Auf diese
-wirft mit vielem Geschick der eine oder andere Gehülfe des Mundschenks
-die von diesem mit den Händen in Stücke zerrissenen Fleischtheile,
-dabei jedesmal den bezeichnend, dem sein Antheil zugeworfen werden
-soll.
-
-Nach unsern verfeinerten Begriffen ist solche Behandlung des Fleisches
-sowohl, wie auch der ganze Vorgang etwas unappetitlich, indes stößt man
-sich weniger daran, da vor den eigenen Augen alles mit peinlichster
-Sauberkeit vorgenommen wird, auch liegt ein gewisser Reiz darin,
-Unbekanntes und Eigenartiges kennen zu lernen. So viel ist gewiß,
-ein jeder läßt sich das zarte Fleisch eines so bereiteten Schweines,
-das nachträglich mit Salz gewürzt wird, vortrefflich schmecken, dazu
-die zarten Yamswurzeln und Bananen, duftende Ananas und Orangen als
-Nachtisch. So wird solches Essen ein lukullisches Mahl, das mit Bier,
-Whisky und Sodawasser heruntergespült wird.
-
-Gewöhnlich aber haben die theilnehmenden Samoanerinnen noch etwas
-zur Ueberraschung vorbereitet: nämlich das beliebte, pikante
-Palisami. In junge Bananenblätter mehrfach eingehüllt, liegt eine
-weiche, weiße Masse, unsern Windbeuteln vergleichbar, die, von den
-zartesten Blüthenblättern des Kokosbaumes umgeben, einen scharfen,
-aber angenehmen Geschmack hat, erzeugt durch die feinen Blättchen,
-die mit gegessen werden. Das Ganze besteht aus ganz fein geriebenen
-Kokosnußkernen, durchsetzt mit der weißen Kokosmilch. Der eintretende
-Säureprozeß trägt viel zum Wohlgeschmack bei.
-
-Die Fröhlichkeit wird dann durch die ungemein wohlklingenden Gesänge
-der blumengeschmückten Samoanerinnen eingeleitet. Einer Vorsängerin,
-die Melodien und Text angiebt, folgt der ganze Chor mit einer
-auffallenden Richtigkeit, die anmuthigen Bewegungen, das taktmäßige
-Wiegen des Oberkörpers nach dem Rhythmus, das Klatschen der Hände auf
-den Beinen, Armen, Schultern und Kopf geschieht mit solcher Präzision,
-daß nur ein angeborenes Talent solche Fertigkeit hervorbringen kann.
-Nicht minder interessant sind die Tänze; wie auf Kommando bewegen sich
-die Füße und Gliedmaßen, das Aufreihen und Schließen einer Kette oder
-Ringes geschieht mit unfehlbarer Sicherheit, dazu kommt der melodische
-Gesang, kurz, es ist ein Genuß, den Bewegungen der graziösen Gestalten
-zuzusehen.
-
-Oft habe ich in den Hütten der Eingebornen, wo gerne Gastfreundschaft
-geübt wird, bei kredenztem Kavatrunk Tanz und Spiel zusehen können
-und über die Sorglosigkeit der Eingebornen Betrachtungen anzustellen
-Gelegenheit gehabt, mit welcher die gütige Natur dieses glückliche
-Volk ausgestattet hat, das durch schöne Gestalt und heiteren Sinn ganz
-besonders bevorzugt ward.
-
-Bei solchen Vergnügungen sowohl, wie bei einem Besuch in der
-schmucklosen Hütte des Eingebornen, wird der Nationaltrunk
-herumgereicht und ist dieser in folgender Weise zubereitet: die grüne
-Kavawurzel, sonst giftig, wird vollständig an der Sonne getrocknet,
-bis sie gelb und die Fasern spröde geworden sind, wodurch sie ihre
-schädlichen Eigenschaften vollständig verliert. Die eigentliche und bei
-den Samoanern beliebte Zubereitung nun ist: es kauen die jungen Mädchen
-nach vorgenommener Reinigung des Mundes Theile dieser Wurzel mit ihrem
-vorzüglichen Gebiß klein, rollen solche in Kügelchen und legen diese
-in die Kavaschale, eine aus dem Holze des Brotfruchtbaumes künstlich
-geschnitzte und auf kurzen Füßen ruhende Mulde. Dann werden die
-Wasserbehälter, vollständige, möglichst große Kokosnüße, die so lange
-in Seewasser gelegen haben oder mit solchem angefüllt gewesen sind,
-bis der schmackhafte Kern in derselben sich aufgelöst hat und durch
-die kleinen Keimlöcher entfernt ist, herbeigebracht, die nach Bedarf
-vorräthig in oder außerhalb der Hütte hängen und nach vorgenommener
-Reinigung der Hände wird von ihnen so viel Wasser in die Schale
-gegossen, als erforderlich erscheint.
-
-Die den Kavatrank bereitende Frau rührt nun mit einem bereitgehaltenen
-Büschel feiner Fasern von der Banane das Ganze durcheinander, bis
-das Gebräu eine schmutzig-bräunlich-gelbe Färbung angenommen hat,
-dabei ist sie mit dem Büschel bemüht, auch das kleinste Fäserchen
-der aufgelösten Kavawurzel zu entfernen. Ist der Trank bereitet, was
-durch Händeklatschen den Anwesenden kundgethan wird, so bezeichnet
-der Hausherr den vornehmsten Gast durch Aufruf und eines der jungen
-Mädchen hält, sich erhebend, eine durch vielen Gebrauch schön polirte
-Kokosnußschale über den Kavabehälter und läßt sich den ausgeschwenkten
-und wieder eingetauchten Faserbüschel darin ausdrücken, oder richtiger,
-das oft über einen halben Liter fassende Gefäß mit dem Getränke
-volllaufen. In graziöser Bewegung schreitet das Mädchen dann auf den
-Bezeichneten zu und kredenzt, vor dem Sitzenden sich neigend, das
-Getränk.
-
-Hierbei ist es Regel (soll in einer Nichtannahme keine Beleidigung
-des Wirthes gefunden werden), daß die Schale geleert oder doch daraus
-getrunken wird, den Rest kann man seitwärts oder über den Kopf hinweg
-ausschütten und dann das leere Gefäß dem wartenden Mädchen zurückgeben.
-So geht es in der Runde fort, oft wird auch die große Schale nach
-Bedarf mehrmals aufs Neue gefüllt. Gesang, an welchem auch die Männer
-sich betheiligen, hilft ein solches Trinkgelage verschönern.
-
-Die Kavawurzel besitzt auch die Eigenschaft, einem kranken und
-ermatteten Körper Ruhe zu geben, sowie eine schmerzstillende Wirkung
-auszuüben, sie hat deshalb weite Verbreitung als Genußmittel auch bei
-den übrigen Südseeinsulanern gefunden.
-
-In größeren Mengen genossen, wirkt der Kavatrank aber doch berauschend,
-und bei vollständig klarem Kopfe hat man das Gefühl, als weiche der
-Erdboden unter den Füßen, eine Art Gefühllosigkeit macht sich in den
-Beinen bemerkbar und kaum spürt man die Berührung mit dem Boden.
-Bei einem Ausfluge zu einem landeinwärts lebenden Europäer, wo in
-Ermangelung von Bier und anderen Getränken von den gefälligen Samoanern
-reichlich Kava kredenzt wurde und ich als Neuling schließlich auch
-Gefallen an dem eigenartigen Getränke fand, dessen Wirkung ich nicht
-kannte, machte ich auf dem langen Heimwege in dunkler Nacht dann die
-Erfahrung, daß ein neckischer Kobold sein Spiel mit mir zu treiben
-versuche.
-
-Das Kauen der Kavawurzel ist, wie erwähnt, im Allgemeinen gebräuchlich,
-doch bürgert sich, wenigstens wo ein häufigerer Verkehr mit Europäern
-stattfindet, mehr und mehr die Methode ein, diese Wurzel zwischen
-Steine zu zerklopfen und das unappetitliche Zerkauen mit den Zähnen
-unterbleibt. Die Zubereitung des Trankes bleibt sonst dieselbe.
-
-Wie bei den meisten Naturvölkern, so herrscht auch bei den Samoanern
-keine strenge Sittlichkeit, doch darf als Beweis die Veranstaltung des
-Festes angesehen werden, welches zu Ehren der unbescholtenen Jungfrauen
-gefeiert wird. Bei diesem folgt Alt und Jung dem Zuge, an dessen Spitze
-die jungen Mädchen im reichsten Blumenschmuck einherschreiten. So
-allgemein ist diese Sitte, daß das Fest in jedem großen Dorfe begangen
-wird. Die Anwesenheit der Europäer ist bei solcher großen Festlichkeit
-sehr erwünscht, sind sie vorhanden, so wird ihnen der Ehrensitz an der
-Seite der Jungfrauen zutheil.
-
-In gleicher Weise wie bei den geschilderten Picknicks wird auch
-hierbei, nur im großartigeren Maßstab, ein opulentes Mahl im grünen
-Grase unter den Wipfeln rauschender Palmen abgehalten, dem Gesang und
-Tanz folgt ein Schauspiel in dieser herrlichen, pittoresken Gegend
-und Umgebung, wie solches eindrucksvoller und natürlicher von den
-frohsinnigen Kindern eines gesegneten Fleckchen Erde nicht vorgeführt
-werden kann.
-
-Reinlichkeit des Körpers ist eine Tugend des samoanischen Volkes,
-hervorgerufen durch die Anschauung, daß dadurch allerlei Krankheiten
-fern gehalten werden, zu jeder Tageszeit in den kühleren Stunden findet
-man an den Ufern der aus den Bergen kommenden Flüße und Bäche badende
-Mädchen und Frauen; ja dies ist so zu einem Bedürfnisse geworden, daß
-selbst Kranke sich zu den erfrischenden Wassern schleppen.
-
-Um Haut und Körper geschmeidig zu erhalten, reiben namentlich Frauen
-und Mädchen sich mit Kokosnußöl ein, welches dem Braun der Hautfarbe
-etwas Glänzendes giebt; gleichwohl geht auch ein scharfer Geruch von
-ihnen aus, der ein empfindliches Riechorgan beleidigen kann; auch eine
-aneinandergereihte haselnußgroße Frucht, mit Vorliebe neben Muscheln
-und Blumenranken als Schmuck getragen, vermehrt den scharfen Geruch des
-Oels, die Gegenwart eines weiblichen Wesens macht sich sofort dadurch
-bemerkbar.
-
-Bei beiden Geschlechtern ist das Kopfhaar auffallend stark, andere
-Haare am Körper, selbst oft der sprießende spärliche Bart des Mannes,
-werden durch Ausreißen entfernt und wo sie sich dennoch zeigen, solche
-mit scharfen Glasscherben oder Muscheln abrasirt. Während die Männer
-sich nach und nach den ganzen Unterkörper tätowiren, haben die Frauen
-nur einzelne Punkte auf der Brust, und ich muß sagen, erstere müssen
-bei dem schmerzhaften Verfahren recht starke, wenig empfindliche
-Nerven besitzen, denn eine Anzahl dicht aneinandergereihter Nadeln, die
-bis auf eine gewisse Länge in die Haut eindringen, werden, befestigt
-an einem Holzstück, mit leichten Schlägen eines kleinen Holzhammers
-eingetrieben und auf diese Weise die einfache Zeichnung ausgeführt.
-
-Das Kopfhaar der Samoaner ist stark und schwarz; findet man bei den
-Männern rothes, so ist dies künstlich erzeugt und beweist einen
-gewissen Grad von Eitelkeit. Schlanke Jünglinge, selbst Männer,
-erscheinen häufig am frühen Morgen mit einer eigenartig weißen
-Perrücke geschmückt, bis über die Schläfe hinaus ist der ganze Kopf
-in eine starre, weiße Kalkmasse eingehüllt, was den Trägern solcher
-Kopfbedeckung ein eigenthümliches Aussehen giebt. Dabei sind sie auch
-noch darauf bedacht, ihre Frisur vor Verletzungen und Unordnung zu
-schützen.
-
-Die Folge ist, daß unter beständiger Einwirkung von Kalk, der hier
-leicht aus gebrannten Korallensteinen zu gewinnen ist, das Haar
-allmählich bleicht und schließlich roth wird, neuer Nachwuchs muß
-natürlich immer auf gleiche Weise behandelt werden und die Eitelkeit
-legt dadurch dem sonst trägen und zur Arbeit wenig geneigten Samoaner
-doch gewisse Beschränkungen auf. Uebrigens ist ein Unterschied in der
-Sprache wie in der Bekleidung vorhanden. Während nämlich die Taimua, d.
-h. die Vornehmen, sich einer besonderen Sprache bedienen, im Gegensatz
-zu der der Faipule, d. h. des gemeinen Volkes, so ist es nur den
-Häuptlingen und den Mitgliedern einer Königsfamilie gestattet, weiße
-Lava-Lava, d. h. Lendenschurze zu tragen.
-
-Als um das Jahr 1830 die ersten Europäer sich hier festgesetzt und
-allmählich der Handel an Ausdehnung gewann, war die Ausfuhr nach Europa
-vornehmlich Kokosnußöl, welches die Eingebornen in größerer Menge
-bereiteten, davon ist man aber längst abgekommen und führt die viel
-billigere Kopra unter Ausnutzung ihrer reichhaltigen Stoffe, die bei
-der ursprünglichen Oelgewinnung vergeudet wurden, lieber in Mengen aus.
-
-Die Oelbereitung geschah, wie früher so auch heute noch, auf folgende
-Weise: die reife Kokosnuß wird aufgespalten und von der äußeren
-fasrigen Hülle befreit, so daß der ölhaltige Kern nur noch von der
-harten festen Schale umgeben bleibt, der Kern wird dann durch Hin- und
-Herscheuern auf einem wie eine Säge ausgezackten Stück Bandeisen oder
-hartem, schmalen Holz klein gerieben und die gewonnene Maße dann in
-eine Mulde oder alten Kanoe geschüttet. Dann wird sie mit Seewasser
-übergossen und dem Gährungsprozesse überlassen. Das Oel sammelt
-sich überm Wasser und kann leicht abgeschöpft werden. Es ist sehr
-säurehaltig, wird deshalb leicht ranzig und eignet sich schlecht zum
-Gebrauch, der widrige Geruch hat auch etwas unangenehm Belästigendes an
-sich.
-
-Um zu dem schon erwähnten Palisami oder zu einer Reisspeise,
-selbst Hühnersuppe, die benöthigte weiße Milch zu erhalten, braucht
-die kleingeriebene Kernmasse nur in einem Stückchen Zeug oder in
-Ermangelung dessen in einer weichen, feingewobenen Matte ausgedrückt
-zu werden, der weiße, wohlschmeckende Saft fließt durch das Gewebe ab,
-der Rest dient den Hühnern und Schweinen als Nahrung, die sehr gierig
-nach solchem Futter sind; namentlich muß vor letzteren die auf Matten
-ausgelegte Kopra geschützt werden, denn mit besonderer Vorliebe eignen
-sich diese Thiere den wohlschmeckenden, ihnen so mundgerecht gelegten
-Vorrath an.
-
-Die Kokospalme ist überhaupt der von der gütigen Natur für viele
-Volksstämme gespendete Universal-Baum; diese erhabene, majestätische
-Bauart, die vielfältig dem Menschen Nahrung, Kleidung und Obdach
-giebt, hat auch den zivilisirten Europäer nach Gegenden gezogen, die
-ein einsam freudloses Dasein bieten, wo er oft mit wilden, selbst
-kannibalischen Stämmen, schwere Kämpfe bestehen mußte, ehe ein
-Tauschhandel um die werthvolle Kokosnuß eingeleitet werden konnte.
-
-Die Kokospalme wächst überall in den Tropen, auf Korallen, wo sonst
-kein Gras noch Strauch zu sehen ist, senkt sie ihre Wurzeln tief ins
-Gestein und saugt das für sie nöthige Wasser auf, auch auf Hügeln und
-Bergen, wo der Boden gut ist und genügend Feuchtigkeit halten kann,
-findet man sie bis zu 500 Fuß überm Meeresspiegel. Auf verwittertem
-Lavagrunde gedeiht der Baum am besten; ist genügend Raum zur Ausdehnung
-vorhanden, so erreicht der astlose, schlanke Stamm oft eine Höhe von 90
-Fuß, über dem sich die mächtige frucht- und blätterreiche Krone stolz
-in den Lüften wiegt.
-
-Auf den Plantagen geht man in einem Tempel, der scheinbar endlos
-sein grünes Dach über viel Tausend Säulen wölbt; man ist wie in einem
-hehren, mächtigen Dome, unter dessen Wölbung ein reiner, stiller Friede
-waltet, ein Etwas, das jedem die Majestät der schaffenden Natur vor
-Augen führt.
-
-Die Blätter der Palme, bis zu 30 Fuß Länge reichend, dienen, ineinander
-geflochten und schichtweise aufeinander gelegt, dem Eingebornen zur
-Bedachung seiner Hütten, die meistens rund oder oval nur aus einer
-Anzahl in den Boden gesetzter Palmenstämme bestehen, in der Mitte
-ist ein höherer Stamm, der das schräge Dach zu unterstützen hat.
-Die Wandbekleidung sind aufrollbare Matten, die Nachts, wenn der
-mattenbelegte Raum als Schlafstätte benutzt wird, niedergelassen
-werden, höchstens giebt es ein abgetrenntes Heiligthum in jeder Hütte,
-das Schätze birgt und profanen Blicken nicht zugänglich ist, sonst ist
-bei Tage das Innere einer Hütte meist immer sichtbar.
-
-Große Geschicklichkeit zeigen die Samoaner im Flechten der Matten,
-ihrer praktischen Fächer u. s. w. Auch hierfür giebt ihnen die
-Palme wieder das Material. Die feinen Blätter werden aufgerollt,
-eine zeitlang gut gewässert, und dann mit einem flachen Stein oder
-Holz geklopft. Dann verliert sich die Sprödigkeit und jedes Blatt,
-selbst zu feinen Streifchen leicht auftrennbar, giebt einen weichen,
-handlichen Stoff. Körbe zum Heimschleppen etwaiger Feldfrüchte oder
-Nüsse verfertigt sich der Samoaner erst an Ort und Stelle, ein Theil
-des gewaltigen Palmenblattes genügt dazu, und zwar reißt er die starke
-Mittelrippe des Blattes so auf, daß er zwei Theile erhält, flicht die
-schmalen Blättchen in einander, so daß beide Theile nun ein Ganzes
-bilden, biegt die geschmeidigen Rippen, befestigt sie und in wenig
-Minuten ist ein starker, fester Korb hergestellt.
-
-Die zähen, biegsamen Rippen der schmalen, langen Blattstreifen werden
-auch nicht verworfen, sondern dienen, in Bündel gebunden, als Besen.
-In Ermangelung besserer habe ich mir häufig solche zum Schiffsgebrauch
-anfertigen lassen, die sich auch gut bewährten.
-
-Die Blüthe der Palme tritt unterhalb der Blätterkrone in länglicher
-blattähnlicher Form am Stamme hervor, in ihr sammelt sich der süße Saft
-und zwar in solchen Massen, daß, wenn die Blüthe angeschnitten wird und
-man die Wunde nicht vernarben läßt, weit über die Dauer der Wachszeit
-hinaus der Saft fortwährend läuft. Solch ein Baum, dessen Blüthen zur
-Gewinnung dieses Saftes einmal angeschnitten sind, bringt in Folge
-davon keine Früchte, giebt aber den wohlschmeckenden, süßen Stoff
-„Toddy“, den jeder gerne trinkt; frisch ist er ein angenehm kühles
-Getränk, in Gährung übergegangen, was bald geschieht, wirkt er aber
-stark berauschend.
-
-Der Palmenbaum wird durch die Entziehung des Saftes natürlich
-geschädigt, und wenn mit Nachlässigkeit verfahren wird, kann man sagen
-verblutet sich derselbe und stirbt langsam ab. Meistens werden immer
-dieselben Bäume zur Gewinnung des Toddy verwendet, da der Eingeborne
-den Werth der Palme ebenso wie der Europäer wohl zu schätzen weiß, auch
-ist das Toddystehlen, wozu der Samoaner große Neigung hat, arg verpönt
-und wird ein Europäer dadurch geschädigt, steht auf Toddy-Raub eine
-empfindliche Strafe.
-
-Die junge Kokospalme bedarf eines fünfjährigen Wachsthums, ehe sie
-Früchte bringt, und auch dann muß der Boden gut sein; auf Korallengrund
-gepflanzt, entwickelt sie sich langsamer und braucht etwa sieben Jahre.
-Von dieser Zeit aber an trägt sie auch immerwährend Nüsse, obwohl man
-eigentlich bei den zwei Mal im Jahr eintretenden Haupternten den Ertrag
-des einzelnen Baumes auf durchschnittlich 100 Nüsse rechnen kann. Drei
-Nüsse werden gemeinhin auf ein Pfund Kopra gerechnet.
-
-Reife, abgefallene Nüsse treiben, wenn sie längere Zeit unbeachtet
-bleiben, leicht Keime. Häufig sah ich Haufen Nüsse, die mit jungen
-Schößlingen bedeckt waren, auf freier Erde liegen, es bedurfte nur
-einer Auspflanzung und der Entwicklung der anspruchslosen Pflanze stand
-nichts im Wege. Regel ist, daß jeder Baum 30 Fuß Spielraum erhält,
-aufeinandergedrängt entwickeln die Palmen sich schwerer, wenigstens ist
-der Ertrag kein guter. Jung und grün gepflückt ist die äußere Schale
-der Nuß noch verhältnißmäßig weich und inwendig ganz mit farbloser,
-wohlschmeckender Milch gefüllt.
-
-Diese, wohlschmeckend, kühl und angenehm, stillt zwar den Durst, doch
-darf man nicht zu viel und zu häufig davon trinken, da sich dann leicht
-Unterleibsbeschwerden einstellen. Das innere, zarte Fleisch der Nuß,
-der in der Bildung begriffene Kern, ist für Mensch und Thier nicht
-minder angenehm.
-
-Zur Zeit der Fruchtbildung, wenn die Faserhülle noch weich und
-dünn ist, machen sich mit Vorliebe die Ratten daran, die die Bäume,
-namentlich die etwas geneigten, selbst die höchsten, erklimmen und die
-Nüsse anschneiden und der angerichtete Schaden ist ganz beträchtlich.
-Gegen diese Nagethiere vermag der Pflanzer die Früchte nur dadurch
-einigermassen zu schützen, daß er seine Bäume mit Blechstreifen, über
-welche die Ratten schlecht hinwegkommen, benagelt, auch gefallene Nüsse
-möglichst schnell aufsammelt, da die scharfen Zähne der Ratten selbst
-die zähe Faserhülle und die äußerst harte Schale der Nuß durchzufressen
-vermögen. Ein Laie, der in den Besitz einer beinahe reifen Nuß gelangt
-ist, wird schwerlich solche leicht öffnen können, da das Durchschneiden
-der zähen Faserhülle selbst mit einem scharfen Messer kaum möglich ist.
-
-Der Eingeborne bedient sich dazu eines 2-3 Fuß langen Stockes, den
-er an beiden Enden zugespitzt hat; dann stößt er das eine Ende in die
-Erde, faßt die Nuß mit beiden Händen und schlägt damit gegen die Spitze
-des Stockes, sodaß dieser tief in die äußere Hülle eindringt. Alsdann
-bricht er, mit der linken Hand den Stock festhaltend, mit der anderen
-die Schale auf indem er die Nuß kräftig zur Seite biegt; wenige Schläge
-genügen, und die Nuß ist von der zähen Hülle befreit. Um nun auch die
-harte innere Schale zu öffnen, schlägt man mit einem Stein oder Messer
-oder einer anderen Nuß dagegen, dann springt an der getroffenen Stelle
-die spröde Schale leicht auf, Kern und Milch wird frei.
-
-Soll die fasrige Hülle zu Matten oder Tauwerk verwendet werden, so
-wird solche für längere Zeit in einen Frischwassertümpel gelegt;
-die Fasern lösen sich dann auf und lassen sich, gereinigt, leicht
-auseinander ziehen. Gewöhnlich spinnen die Eingeborenen daraus den
-Cajar, einen zweidrilligen Faden, aber auch starkes, zähes Tauwerk,
-jener dient ihnen namentlich dazu, ihre Hütten zu befestigen, die mit
-Cajar gebunden, selbst vom wirbelnden Orkan nicht leicht niedergefegt
-werden können. Zuletzt sei noch die harte Kernschale erwähnt, diese,
-an und für sich nicht weiter verwendbar, wird zur Feuerung benutzt. Sie
-entwickelt, da sie leicht brennbar ist, eine ganz beträchtliche Hitze.
-
-Lehrreich ist es, zu beobachten, wie gewandt der Samoaner selbst die
-höchsten Palmen zu erklimmen vermag und die hochhängenden Früchte
-dieses Baumes zu erlangen versteht. Ein Hinaufklettern ist es freilich
-eigentlich nicht, eher ein Vorwärtsschieben des Körpers mit Händen
-und Füßen. Dabei weiß der Eingeborne sich auf eine einfache Weise
-zu helfen. Der Stamm der Palme, obgleich ziemlich glatt, hat doch
-eine beträchtliche Zahl leicht vorstehender Ringe, die ehemaligen
-Blätteransätze, diese geben dem Kletternden dann einen gewünschten
-Halt, wenn er sich mit dem erwähnten Cajar die Knöchel der Füße
-so verbindet, daß vielleicht sechs Zoll Abstand bleibt. Wird die
-Fußsohle gegen den Stamm gedrückt, so findet dieses kurze Tau an
-den vorspringenden Ringen Halt; mit den Händen immer höher greifend,
-schiebt sich der Körper bis zur schwankenden Höhe hinauf.
-
-Der hohe Werth der Kokospalme, den auch der Europäer sehr zu schätzen
-weiß, läßt sich aus dem Gesagten entnehmen; kein größerer Schade kann
-daher dem Eingebornen zugefügt werden, als wenn man seine Palmen
-vernichtet, was leider die Samoaner unter sich bei ihren häufigen
-Parteikämpfen nicht unterlassen. Der siegende Theil schlägt, wenn er
-Zeit findet, die Anpflanzungen der Besiegten nieder und fügt dadurch
-dem Unterliegenden einen unersetzlichen Verlust zu.
-
-Auffallend schnell hat der Samoaner sich dem Christenthume
-zugeneigt, da er sehr empfänglich für das Neue und mit schnellem
-Auffassungsvermögen ausgestattet ist. Das evangelische und katholische
-Bekenntniß zählt zahlreiche Anhänger, man kann sagen, dem Namen nach
-sind die meisten Bewohner der Samoagruppe Christen.
-
-Um so leichter hat der Eingeborne die göttliche Lehre angenommen, als
-er in ein Labyrinth von Göttern und Götzen gerathen war, aus dem ihm
-selbst seine reiche Phantasie durch Umstürzen alter und Aufstellung
-neuer Götter schwer einen Ausweg schuf. Im Allgemeinen war die
-Anschauung der Allbeseelung der Naturwelt und der Menschen in ihm
-lebendig.
-
-Etwas eigenartig liegen die politischen Verhältnisse auf Samoa.
-Das tapfere Volk, in Stämme und Parteien getheilt, schwingt trotz
-seiner monarchischen Staatsverfassung immer aufs Neue die Fackel des
-Bruderkrieges, schnell ist es zum Kampf bereit, schnell auch wieder zur
-Versöhnung, die es durch großartige Feste feiert. Den Frieden aber, der
-eigentlich nur ein Waffenstillstand ist, können geringfügige Vorfälle
-leicht wieder stören.
-
-Die Kriege sind, als noch Lanzen, Keulen und Schlachtbeile mehr im
-Gebrauch waren, wohl nie sehr blutig gewesen, da Mann gegen Mann
-gefochten wurde und schon bei einem geringen Verluste die schwächere
-Partei das Feld räumte, die erbeuteten Köpfe der gefallenen Krieger
-nahm der Sieger als Trophäe mit und legte sie seinem Oberhäuptling oder
-dem Könige zu Füßen.
-
-Von dieser scheußlichen Gewohnheit, den Todten und Verwundeten die
-Köpfe abzuschneiden, lassen die Samoaner auch heute noch nicht,
-zum mindesten wird, wenn keine Zeit vorhanden ist, die Schändung
-vorzunehmen, schnell ein Ohr abgeschnitten, dann hat nämlich der Kopf
-für einen anderen keinen Werth mehr. Missionare und strenge Gesetze
-sind machtlos dagegen; von der Gewohnheit ihrer Vorfahren, solche
-Trophäen heimzubringen, wollen sie durchaus nicht lassen.
-
-Besser wurde die Lage auf Samoa auch nicht nach der Ansiedelung
-der Europäer, und haben die Deutschen als die ersten auch großen
-Einfluß gewonnen, so hat doch die Nebenbuhlerschaft der Engländer und
-Amerikaner das Parteiwesen nur verschlimmert. Die Einfuhr von Waffen,
-namentlich des Winchester Gewehrs, haben den begabten Samoaner, der
-Landbesitz und große Mengen Kopra für die Erlangung solcher Waffe
-hergab, zu einem nicht zu verachtenden Gegner gemacht.
-
-Ja der Haß der Fremden gegen die Deutschen, welche den werthvollsten
-Theil der Insel Upolu in ihren Besitz gebracht hatten, ging so
-weit, daß sie trotz ihrer geringen Anzahl offen Partei gegen unsere
-Landsleute nahmen und die Samoaner gegen ihre einstigen Freunde
-aufstachelten, wodurch deutsches Eigenthum schwere Schädigung erlitt.
-
-Es ist genugsam bekannt, wie thatkräftig die Regierungen eingreifen
-mußten, um die blutigen Fehden einzuschränken, die blinder Haß und
-Neid entfacht hatte. Da der deutsche Reichstag im Jahre 1878 den Plan
-des eisernen Kanzlers, die Samoa-Inseln an Deutschland zu bringen,
-zunichte machte, als diese noch herrenlos und durch politische Wirren
-geschwächt waren, hat uns später viel Blut und Leben gekostet; damals
-war es eine geringe Summe, um welche es sich handelte, hätte man sie
-bewilligt, die Perle des Großen Ozeans wäre deutsch gewesen!
-
-Unsere aufblühenden Kolonien, die kaum ein Jahrzehnt in deutschem
-Besitz sind, haben gezeigt, daß der Deutsche auch in seinem eigenen
-außereuropäischen Besitzthum der rechte Mann der That sein kann, also
-nicht bloß versteht, anderen Nationen die leicht erworbenen Länder zu
-bebauen und zur Größe und zum Wohlstand zu verhelfen. Wahrlich genug
-deutsche Kraft und Einsicht ist anderen Völkern zu gut gekommen, so daß
-es fürwahr an der Zeit war, dem erstarkten deutschen Volksbewußtsein
-weitere Kreise zu ziehen, wie es der Begründer des neuen Reiches als
-ernste Nothwendigkeit erkannte; hemmen läßt sich der gewaltige Trieb
-einer aufflammenden Volkskraft wohl, aber niederhalten, in andere
-Bahnen lenken, niemals! Wie später die deutschen Pioniere in Afrika
-alles daransetzten, für ihr deutsches Vaterland das zu schützen, was
-das Schwert erkämpft hatte, so würde damals ein gut bebautes, reiches
-Land schnell unter den Fittichen des deutschen Aars den Frieden und das
-Volk die Ruhe nach langem Hader und blutigen Kämpfen gefunden haben.
-
-Dagegen wurde den drei betheiligten Mächten Deutschland, England,
-Amerika die Oberhoheit zugesprochen, dem kleinen Volke aber die
-Selbständigkeit gelassen. Ohne Zweifel ging das Bestreben dahin, auf
-diese Weise dem Volke den Frieden zu geben aber die Eifersucht der
-Fremden vereitelte die gute Absicht. Vor allem gönnten die Engländer
-und Amerikaner, so geringen Antheil sie auch an Samoa hatten, den
-Deutschen nicht die Früchte ihrer Mühen, und was im hohen Rathe der
-Mächte eine Möglichkeit schien, Land und Volk den Frieden zu geben,
-vereitelte auf Samoa selbst die Eifersucht der Ansiedler. Willkommen
-war jeder Anlaß, dem vorherrschenden deutschen Einflusse den Boden zu
-entziehen und dessen Ansehen zu schädigen.
-
-Fürsten und Volk der Samoaner lauschten den Einflüsterungen
-übelgesinnter Eingewanderter, welche den Zwiespalt der Parteien schlau
-benutzten und die Fackel des Aufruhrs und der Widersetzlichkeit
-entflammten. Daß die Deutschen endlich dieses Treibens müde wurden
-und 1885 auf Mulinuu, dem Gebiete des übel berathenen und feindlich
-gesinnten Königs Maliatoa, die deutsche Reichsflagge hißten, war
-ein Akt zwingender Nothwendigkeit. Standen auch 2000 Krieger um Apia
-bereit, die Flagge niederzureißen und die erklärte Schutzherrschaft
-aufzuheben, so wurden diese doch durch die Geschütze der deutschen
-Kriegsschiffe und die beträchtliche Zahl der bewaffneten Deutschen von
-einem Angriffe zurückgehalten.
-
-Wie jubelten wir alle der stolzen Flagge zu! Ein großer Festtag war es,
-als, geschützt durch Wall und Graben, durch die Waffen der deutschen
-Matrosen das Reichspanier sich hoch am schlanken Maste entfaltete.
-Jener 6. Januar 1885 schien endlich das Sehnen der Deutschen auf Samoa
-erfüllt zu haben.
-
-Es kam wirklich nach Hissung der Flagge ein kurzer Zeitabschnitt,
-wo Ruhe und Friede auf der Insel Upolu einzukehren schien; das
-thatkräftige Einschreiten der deutschen Beamten, der einheitliche
-Wille, der den Verhältnissen voll gewachsen war, sowie die entfaltete
-Macht, die den Eingebornen Achtung einflößte, schien bessere
-Verhältnisse herbeizuführen. Aber anders war es im Völkerrathe
-beschlossen. Kurz war die Freude aller Deutschen, kurz der Traum von
-Ruhe und Frieden. Muthlosigkeit, bittere Enttäuschung erfüllte alle,
-aussichtslos war der weitere Kampf, die Freudigkeit am Ringen um den
-Preis so hohen Gutes war dahin, als die deutsche Flagge niederging.
-
-Der Versuch, den deutschen Einfluß, der einst die ganze Inselwelt
-der Südsee beherrschte, zu brechen, war gelungen, wohl niemals wieder
-werden wir uns denselben in der ganzen Größe und dem ganzen Umfange wie
-einst erringen können. Die feste Hand, der starke Wille, dem Fürst und
-Volk Samoas allein sich unterordnen, fehlt hinfort und fehlt bis heute.
-Welche Kämpfe gefolgt sind -- keinem System, als dem der unbeschränkten
-Macht wird der Samoaner sich beugen -- hat die Folgezeit gezeigt.
-
-Um der Todten, um des deutschen Blutes willen, das den Boden Samoas
-getränkt, möge noch einmal die Zeit kommen, in welcher kräftig und
-dauernd der deutsche Aar sein Kleinod festhält und es niemals wieder
-fahren läßt.
-
-
-
-
-II. Reisen durch die Samoa- und Tonga-Inseln.
-
-
-Das im vorigen Kapitel Gesagte ist das Ergebniß solcher Beobachtungen,
-die zu machen ein Aufenthalt am Lande, oder im Hafen von Apia mir
-ermöglichte. Viele weitere Einzelheiten, deren Kenntniß der Verkehr
-mit den Samoanern und langansässigen Europäern mit sich bringt,
-verdienten zwar noch der Erwähnung, indes, da ich in großen Zügen nur
-meine Erlebnisse in der Südsee schildern will, muß Unwesentlicheres
-zurücktreten; darum sehe ich auch von der Beschreibung einzelner
-Fahrten und Reisen durch dieses weite Gebiet ab.
-
-Alle mit mir zugleich auf demselben Segelschiffe angekommenen
-Passagiere, die, wie ich, sich auf 3 Jahre der Plantagen-Gesellschaft
-verpflichtet hatten, wurden bald nach unser Ankunft ans Land beordert
-und nahmen die ihnen zugewiesene Beschäftigung auf. Meine Bestimmung
-dagegen lautete, sogleich an Bord des Schooners „Hapai“ zu gehen und
-dort vorläufig den Dienst des ersten Steuermanns zu versehen.
-
-Zwei Tage später schon lichteten wir Anker und segelten nach Matautu,
-dem Haupthafen der Insel Savai, von dort sollten wir schnell das
-daselbst lagernde Kopra, wie solches auf den verschiedensten Inseln von
-den Händlern der Gesellschaft aufgekauft wird, abholen.
-
-Auf Savai, das nur durch die Straße von Apolima von Upolu getrennt
-ist, erhebt sich die dunkle Bergmasse, gleich der auf Upolu, hoch und
-mächtig; ja, aus der Ferne gesehen, scheint ein gewaltiger Höhenrücken
-die ganze Insel auszumachen. 4000 Fuß hoch, die höchsten Krater
-auf Upolu, den Tofua, Maugalaila, Taitoelau und Sigaele um 1000 Fuß
-überragend, erhebt sich diese Kraterregion gleich einer Scheidewand,
-die zwar von reichem Pflanzenwuchse bedeckt, aber wenig bevölkert ist;
-nur einzelne Pfade führen durch Urwälder und tropische Wildniß über
-die von Lava starrenden wildzerklüfteten Berge. Jungfräulicher Boden,
-der zu den schönsten Hoffnungen berechtigt und für Kaffee, Vanille,
-Baumwolle geeignet ist, liegt brach und unbenutzt, denn es herrscht
-vollständiger Mangel an gut geschützten Häfen.
-
-Weniger als auf Upolu bildet das die Insel umgebende Korallenriff
-gesicherte Einfahrten, auch die größte vor Matautu wird durch schwer
-anrollende See gefährdet. Wohl vertraut mit der nicht so leicht
-aufzufindenden Durchfahrt im Riffe, führte mit günstigem Winde der
-Führer der „Hapai“ sein Schiff längs der schwer aufrollenden Grundsee
-am langgestreckten Riffe hin; die wild schäumende Brandung brach sich
-donnernd auf diesem, und die mächtigen Wogen schienen das Schiff dem
-Verderben zutragen zu wollen. Ich selber hielt es für sehr gewagt, so
-nahe dem gefährlichen Riffe zu laufen, jedoch als wir die Einfahrt nach
-Matautu gewonnen hatten, ließen wir bald die wilde Brandung hinter uns.
-
-Weit von Land ankernd, ist es Regel hier, da der Ankerplatz nur ein
-tiefer liegendes Riff ist, auf welchem sich einrollende See brechen
-kann, weit vom Lande zu ankern und muß man in der unbeständigen
-Jahreszeit immer bereit zum Auslaufen sein, sobald westlicher oder
-nordwestlicher Wind aufspringt, denn gefährlich würde jedem Schiffe die
-direkt einlaufende See werden.
-
-In Hast und Eile ging denn auch das Einschiffen der Ladung vor sich,
-da Wind und Wetter wenig Beständigkeit versprach; wohl 70 Savaileute
-brachten mit großen Brandungsbooten die oft von der am Strande
-laufenden See durchnäßte Ladung an Bord. Längsseit des Schiffes
-schöpften die Boote oft noch Wasser, so unruhig war selbst im Hafen
-noch die See; wildes Halloh erhoben die Kerle, die höchstens mit einem
-Grasschurze bekleidet waren, wenn sie der Länge nach niederstürzten
-und es auch deshalb vorzogen, auf das vor seinen Ankern schwer
-rollende Schiff zu springen. So kostete es mich viel Mühe, die braunen,
-zügellosen Kerle, deren Sprache ich noch nicht verstand, zur Arbeit
-anzuhalten.
-
-Obgleich die Bewohner Savai's gleicher Abstammung wie die Upolu-Leute
-sind, so herrscht doch zwischen der Bevölkerung beider Inseln
-fast immer Hader und Streit. Die Savai-Leute, vielleicht kühner im
-Angriffe, bemannen oft genug ihre großen Kriegskanoes und versuchen
-einen Ueberfall auf Upolu, um sich gelegentlich für die Schimpfworte,
-„Schweine von Savai“, bitter zu rächen.
-
-Schnell nach Apia zurückgekehrt, erhielt das Schiff Weisung, schon am
-24. November wieder in See zu gehen und zwar nach der einsamen Insel
-Niue, von wo ebenfalls Kopra und ein größerer Segelkutter, der in der
-schlechten Jahreszeit für den dortigen Händler nicht recht verwendbar
-und an der steilen Küste gefährdet war, abgeholt werden sollte.
-Aufkreuzend gegen wieder vorherrschenden Südost-Wind erreichten wir
-die Insel erst nach zehn Tagen. Als wir in deren Nähe kamen, waren
-die ersten Häuser, die wir sahen, das Missionshaus und die Kirche,
-die zurückliegenden Hütten der Eingebornen ließen sich, weil sie durch
-Busch und Palmen verdeckt waren, nicht unterscheiden. In einer kleinen
-Einbuchtung, wo ein Spalt in der steilen Uferwand allenfalls das Landen
-gestattete, 100 Fuß von Land dicht vor der Brandung -- ein Schwingen
-des Schiffes vor seinen Ankern war nicht möglich -- ankerten wir am
-steilen Korallenriff.
-
-Von der auffallenden Erscheinung, daß durch vulkanische Kräfte
-ganze Inseln gehoben werden, giebt die Insel Niue einen Beweis, mir
-war sie um so bemerkenswerther, als es die erste war, an welcher
-ich die unterseeische Korallenformation erkennen konnte. Wohl 30
-Fuß hoch zeigen die Uferwände der Insel die gewaltige Arbeit der
-Korallenpolypen, die von neuem, seit der vielleicht viele Jahrhunderte
-schon zurückliegenden Hebung dieser Insel, am steilabfallenden
-Meeresgrunde weitergebaut und an vielen Stellen wieder ein
-zusammenhängendes Riff aufgeführt haben. Später, als ich selbst mit
-eigenen Augen die ungeheure vulkanische Kraft, die zeitweise auf diesem
-ausgedehnten Kratergebiet in Erscheinung tritt, gesehen, war es mir
-klar, daß die schlummernde Naturkraft nicht bloß die Erdrinde und das
-Meer zu erschüttern vermag, sondern spielend Inseln hebt.
-
-Die wenigen Tage, die wir vor Niue zu Anker lagen, war eine Zeit
-ängstlichen Hastens, weil wir so schnell als möglich mit der aus Kopra,
-Fungos, einer Pilzart, und der aus Arrowroot-Wurzeln bestehenden
-Ladung fertig werden mußten, denn mit Gefahr für Boot und Ladung war
-eine jedesmalige Landung verbunden, da fast in der Brandung jedes Boot
-beladen werden mußte. Für das Schiff war Gefahr insofern vorhanden,
-als dieses durch auflandigen Wind trotz der Anker leicht aufs Riff
-getrieben werden konnte, wir also immer bereit sein mußten, bei einem
-Wechsel des Windes, wenn nöthig, schnell die Anker zu schlippen und
-die offene See zu gewinnen. Drohende Anzeichen für schlechtes Wetter
-gingen aber glücklicher Weise vorüber; übrigens war dieses die letzte
-glücklich vollbrachte Reise des Schiffes überhaupt, wenige Monate
-später schon lag es zerschellt auf einem Riffe der Neu-Hebriden.
-
-Die Bewohner dieser Insel Niue, ein kräftiger, stattlich gebauter
-Menschenschlag, der zwar der Samoa- und Tonga-Rasse an Gestalt und
-hohem Wuchs nicht gleichkommt, jedoch mehr Temperament als diese zeigt,
-auch Schlaffheit und Unlust zur Arbeit bemerkt man weniger an ihnen.
-Als tüchtige Seefahrer, welchem Gewerbe sie mit Vorliebe zugethan
-sind, werden sie in Apia, wo mit der Zeit eine Ansiedelung derselben
-stattgefunden, gerne als Matrosen angenommen, wenigstens dem Samoaner
-bei weitem vorgezogen.
-
-Savages-Eiland, Insel der Wilden, ist die Insel Niue, ihre Heimath,
-benannt worden, und soweit meine persönlichen Erfahrungen reichen,
-verdienen sie beinahe diesen Namen, als ich bei einem Streite mit ihnen
-beinahe das Leben hätte lassen müssen und nur ein Zufall mich aus den
-Händen dieser leicht erregbaren Menschen befreite.
-
-Da sie von hellerer Farbe als die Samoaner, stammen sie vermuthlich von
-einer weit östlich liegenden Inselbevölkerung ab. Die ersten Ansiedler,
-wahrscheinlich vor langer Zeit von ihrem Heimathlande verschlagen,
-fanden das rettende Eiland und bevölkerten es allmählich. Der Trieb,
-die unbekannte Welt kennen zu lernen, die im Schoße des mächtigen
-Ozeans für die fernen Inselbewohner verborgen lag, läßt sie noch heute
-oftmals das Wagniß unternehmen, sich mit ihren leichten Kanoes auf die
-unendliche See hinauszuwagen. Die Gewalt des Windes und der Strömungen
-unterschätzten sie und haben sie einmal Land aus Sicht verloren, sind
-sie den Elementen hülflos preisgegeben, so zahlten sie ihre Kühnheit
-mit einem qualvollen Sterben, wenn nicht ein gütiges Geschick nach
-schrecklichen Leiden sie Land finden läßt.
-
-Die Rettung von 16 solcher vertriebenen Menschenkinder, die ich in
-den Karolinen-Inseln auffand und Hülfe brachte, werde ich später
-eingehender erzählen.
-
-Mit Vorliebe tragen die Niue-Leute reichen Goldschmuck und zwar als
-Ohrgehänge; massive Goldstücke hämmern sie aus und befestigen solche
-geschickt an den Ohrlappen; das verdiente Goldgeld wird häufig dazu
-verwandt.
-
-Der ganze Südseehandel beschränkt sich in der Hauptsache auf Tabak,
-Seife und Zeug, namentlich für Volksstämme, die erst wenig mit dem
-weißen Manne in Berührung gekommen sind. So boten auch hier für ein
-Geringes die Eingebornen Speere, Muscheln und Nüsse feil, vor allem
-war Tabak der begehrteste Artikel. Im Gegensatze zu den Booten der
-Samoaner, die solche sich von ganz beträchtlicher Ausdehnung erbauen,
-sind die Kanoes dieser Niue-Leute nur klein und behende, aber nett mit
-Muscheln und anderem Zierrath ausgeschmückt, der vornehmlich rings
-um die Bordwand befestigt ist; auch sind diese Fahrzeuge vorne und
-hinten überdeckt, um das Einschlagen der See, wenn sie, zum Fischen
-ausziehend, die Brandung passiren müssen, zu verhindern.
-
-Sehr fischreich sind namentlich die Gestade aller Inseln, und wie ich
-gelegentlich anführen werde, wissen ihre Bewohner sich mit besonderem
-Geschick der wohlschmeckenden, fliegenden Fische zu bemächtigen. Auf
-freier See aber herrscht sehr zahlreich der gefürchtete und gefährliche
-Hai, ein Zeichen, daß derselbe auch im tiefen Wasser reichlich Nahrung
-findet, und solche sich nicht nur in Buchten oder in der Nähe des
-Landes zu suchen braucht.
-
-Auf der Rückreise, die durch Windstillen verzögert ward, fanden
-wir immer den Hai als treuen Begleiter, und war die See ruhig, die
-Fahrt des Schiffes gering, so kamen langsam die Haie durch die klare
-Fluth heran, das Schiff nach Beute umkreisend. Wenn wir einen dieser
-gefährlichen Gesellen fangen wollten, so wurde die Lockspeise, ein
-Stück Fleisch, an starker Leine ins Meer geführt, und war der Hai
-hungrig, besann er sich nicht lange, sondern faßte, sich auf den Rücken
-legend, gierig zu. War Fleisch und Haken verschluckt, so gab es keine
-Möglichkeit mehr für ihn, sich zu befreien; von Schmerz gepeinigt,
-peitschte der Hai mit dem kraftvollen Schwanze die Fluthen und es hatte
-dann seine Schwierigkeit, das gefangene 8-10 Fuß lange Thier an Deck
-zu bringen und nicht eher gelang es, bis es erschöpft war und auch
-der Schwanz fest in einer Schlinge lag. An Deck geschafft, peitschte
-der Hai die Planken, daß diese erzitterten, und rathsam war es nicht,
-sich in seine gefährliche Nähe zu wagen. Erst ein Axthieb, der die
-Schwanzflosse vom Rumpfe trennte, führte die Verblutung herbei und
-allmählich entfloh das zähe Leben des Thieres.
-
-Auch mit der Schlinge, auf deren Handhabung ich zurückkommen werde,
-habe ich viele Haifische gefangen, namentlich wenn ich Samoaner als
-Besatzung an Bord hatte, für die der Hai eine Leckerspeise ist, nahm
-ich mir dazu die Zeit und fing zuweilen 2-4 Stück hintereinander.
-Auffällig war mir dabei, daß die Leute immer erst die Leber eines
-getödteten Haies untersuchten; war diese nach ihrer Ansicht zu groß
-oder zeigte sie sonst besondere Eigenheiten, so wurde das Thier
-nicht gegessen, sondern über Bord geworfen. Aber nicht bloß bei
-den Samoanern, auch bei den benachbarten Insulanern fand ich solche
-auffällige Untersuchung der Leber des Haifisches. Mitunter wurden
-eingehende Betrachtungen über die Lage und Länge derselben vorgenommen;
-entstanden Zweifel und Meinungsverschiedenheiten darüber, so war meist
-immer der endgültige Beschluß, daß das Thier verworfen wurde.
-
-Fast bin ich jetzt geneigt, da ich nicht dahinter kommen konnte,
-was solche Untersuchung zu bedeuten habe, anzunehmen, daß ein
-weitverbreiteter Aberglaube damit in Verbindung gebracht, oder daß
-der Leber des Haies eine medizinische Eigenschaft zugesprochen wird.
-Vielleicht auch erkennen die Eingebornen an bestimmten Zeichen, ob
-das Thier gesund oder krank gewesen ist. In den Fällen, wo ich mir
-Klarheit darüber zu verschaffen suchte, erreichte ich solche nicht,
-möglicherweise aus dem Grunde, weil ich nicht der verschiedenen
-Sprachen mächtig genug war, um die Auseinandersetzung zu verstehen.
-
-Die treuen Begleiter der Haie, die Lotsenfische, schön gezeichnete
-Thierchen von der Größe eines Makrels, schwimmen gewöhnlich, 2-4 an
-der Zahl, über dem Hai, sie suchen, wie angenommen wird, für diesen
-Nahrung auf und kehren stets in dessen sichern Schutz zurück. Ein jeder
-Hai soll solche Führer haben; indes so häufig ich auch solche gesehen
-habe, ebenso oft fand ich, namentlich wenn mehrere Haie beisammen,
-diese ohne ihre Begleiter. So viel ist gewiß, der Hai, mag er noch so
-hungrig sein, wird sich doch nicht an seinen Wegweisern vergreifen;
-zum schnellen Schwimmen selbst zu träge, überläßt er vermuthlich es
-den flinken Fischen, für ihn Nahrung zu suchen. Wohl bekannt ist es
-den Seeleuten, daß der Pilotenfisch sehr schmackhaft ist, indes nur
-einmal war es mir möglich, einen solchen mit Mühe zu erlangen, obwohl
-dieselben längere Zeit noch beim Schiffe verbleiben, nachdem der Hai,
-den sie begleiteten, weggefangen worden. An Köder beißen die Piloten
-nicht, höchstens gelingt es ihrer mit dem Elker, d. h. Wurfeisen,
-habhaft zu werden.
-
-Im Anfang des Jahres 1885 mit der Führung eines der kleineren der
-Plantagen-Gesellschaft zugehörenden Schiffes betraut, wurde ich
-beordert, eine Reise durch die gesammte Tonga-Gruppe, den sogenannten
-Freundschafts-Inseln, zu unternehmen. Im Augenblick der Abreise wäre
-mir aus Mangel an Raum im kleinen Hafen (Apia) bald die Riffspitze
-Kap Horn, worunter vier Jahre später das deutsche Kriegsschiff „Eber“
-mit seiner braven Besatzung versank, verhängnißvoll geworden. Durch
-die Strömung wurde das Schiff aus seiner Richtung gedrängt, von der
-einlaufenden See, gegen welche die Kraft der das Schiff bugsirenden
-Mannschaft zu schwach war, nach dem Kap hingeworfen und nur ein schnell
-Hülfe leistendes Boot verhinderte die Katastrophe. Da wir schon zu nahe
-dem Riff waren, so hätte ein Aufstoß genügt, Ruder und Hintersteven
-des Schiffes, schwerbeladen wie es war, auf den Korallensteinen zu
-zertrümmern und aus der gurgelnden Tiefe des hier weit unterhöhlten
-Riffes hätte es für Schiff und Mannschaft keine Rettung gegeben -- aber
-zufällige Hülfe kam zur rechten Zeit.
-
-Nachdem wir die offene See gewonnen hatten, verlor ich mit umlaufenden
-Winden, wie sie in dieser Jahreszeit häufig sind, ostwärts steuernd,
-bald die in dichten Wolkenschleier gehüllte Insel Upolu aus Sicht.
-Bestrebt, westlich von der Tonga-Gruppe zu laufen und so Tonga-tabu zu
-erreichen, da der vorherrschend westliche Wind eine schnelle Reise in
-Aussicht stellte, hatte ich am dritten Tage bereits die Vulkan-Insel
-Amargura gesichtet, eine namentlich an der Süd- und Südostseite steile
-Insel mit dem 375 Meter hohen Krater, an dessen Abhängen leichte
-Rauchwolken hervorquollen, ein Zeichen, daß er nicht ganz erloschen
-ist. Da sprang mit schweren Gewittern und harten Windböen der Wind
-südlicher und zwang mich, der zehn Seemeilen südöstlich liegenden 30-40
-Meter hohen Insel Toku auszuweichen. Als der Wind immer härter wehte
-und schließlich bis zum Sturm wuchs, hatte ich noch Zeit, Schutz unter
-der hohen Insel Vavau zu suchen, ehe das Schiff von der wildlaufenden
-See zum Beidrehen gezwungen wurde.
-
-Unter dichtgerefften Segeln wurde eine schlimme Nacht verbracht, mit
-dem neuen Morgen aber brach sich die Gewalt des Sturmes und eine starke
-Nordwestbrise trieb das Schiff durch die wilde See nach Süden, östlich
-der Hapai-Gruppe, an den langgestreckten Korallen-Inseln Haano, Foua,
-Lefuka und Ouia entlang. Die vielen gefährlichen Riffe dieser Gruppe
-meidend, kam am 7. Tage früh die hohe Vulkan-Insel Eoua in Sicht.
-Nachdem wir darauf die gleichartige kleine Insel Enaigee erreicht
-hatten, kreuzte ich die tiefe östliche Einfahrt, welche zwischen der
-großen Insel Tonga-tabu und den vorgelagerten Korallenpatschen und
-Inseln hindurchführt, auf und gelangte sicher zum Hafen von Nukualofa.
-
-Im Schmucke immergrüner Palmen liegt die flache, wenige Erhebungen
-aufweisende Insel langgestreckt vor den Augen des Beobachters. Kultur
-und fortschreitende Gesittung haben auch hier festen Fuß gefaßt, hoch
-über die Wipfel der Palmen ragt die Kirche empor; großartig ist der
-Königspalast; freundlich aber und heimisch erscheinen die vom Strande
-zurückliegenden europäischen Gebäude und bekunden, daß auch hier eine
-Stätte regen Handels und Verkehrs geschaffen wurde.
-
-Vor allem ist es die deutsche Factorei, geleitet vom deutschen Konsul
-Herrn v. Treskow, die sofort ins Auge fällt; auf Pfeilern errichtet,
-wie alle Tropengebäude hier, war derzeit dieses Haus mit seinem
-freundlichen Wirth das besuchteste.
-
-Sämmtliche Tonga-Inseln, mit Ausnahme der meist hohen Vulkan-Inseln,
-sind Korallengebilde, einige sind von großer Ausdehnung, wie die
-Tonga-tabu und die schon erwähnten Haano und Foua. Diese haben
-eine fruchtbare Erdschicht und ein reiches Pflanzenleben hat sich
-darauf entwickelt; neben der stolzen Palme sind Brotfruchtbäume,
-Papiermaulbeerbäume, die den Bewohnern ihre Bekleidung, Tapa genannt,
-liefern, Zuckerrohr, Bananen, selbst Baumwollen- und Feigenbäume zu
-erwähnen.
-
-Die Eingebornen, derselben Rasse wie die Samoaner zugehörig, zeigen
-mehr Verständniß für Landbau und Fischfang, als diese, freilich können
-diese Inseln auch nicht mit Samoa einen Vergleich bestehen.
-
-Kein Naturvolk hat so schnell und leicht das Christenthum angenommen
-wie diese Tonga-Insulaner, rasch gewannen die Missionare großen
-Einfluß, Schulen und Bildungsanstalten förderten das Werk. Das Volk,
-bildungsfähig und begabt, hatte bald eigene Lehrer aufzuweisen;
-oft habe ich eingeborne Missionare von Insel zu Insel gebracht. Da
-die Kirchen und Schulen immer gut besucht, so ist ein Fortschritt
-in der Bildung dieses Volkes leicht erklärlich. Was aber leider
-ernste Besorgniß erwecken kann, ist der Umstand, daß verschiedene
-Religionssekten mit gleichem Eifer bestrebt sind, unter der nicht
-zahlreichen Bevölkerung ihren Glauben zu verbreiten. Es ist zu
-befürchten, daß auf diese Weise Spaltungen im Volke entstehen, die üble
-Folgen haben können.
-
-Der ehemalige englische Missionar Baker, langjähriger Premierminister
-des Königs Georg I., entging zwar dem Angriffe einer fanatischen Horde
-in Nukualofa, seine erwachsene Tochter aber, die die tödtliche Waffe
-traf, ward ein Krüppel. Soweit ich unterrichtet, war dieser Anschlag
-eine Ausgeburt wilden Hasses, gerichtet gegen den Vertreter einer
-großen Kirchengemeinde, den gefürchteten und gehaßten Staatsmann.
-
-Die ganze weitverzweigte Tonga-Gruppe bildet ein einheitliches Reich,
-das damals von dem alten Könige Georg regirt wurde. Neben unserm
-ehrwürdigen deutschen Kaiser Wilhelm der älteste Monarch, steht dem
-Herrscher eine gesetzgebende Versammlung von angesehenen Häuptlingen
-zur Seite, die auch als Statthalter die verschiedenen zum Reiche
-gehörenden Inselgruppen verwalten. Sitz der Regierung und Residenz des
-Königs ist Nukualofa.
-
-Ein Freundschaftsvertrag ist mit dem deutschen Reiche am 1. November
-1876 vom Könige Georg abgeschlossen. Trotz des englischen Einflusses
-hätte wohl erwartet werden können, daß die so erworbenen Vorrechte
-gewahrt bleiben würden, aber wie in Samoa, so ging auch hier der einst
-mächtige deutsche Einfluß allmählich verloren, englische Politik wand
-den Deutschen einen fast sicheren Besitz aus den Händen.
-
-Stolz prangt im Königspalaste zu Nukualofa das Reiterstandbild unseres
-großen Kaisers in natürlicher Größe, und nicht unbekannt sind diesem
-Volke dessen Thaten geblieben; auf dieses Bild sah mit Bewunderung
-jeder Insulaner und pries den großen, mächtigen Herrscher der
-Deutschen.
-
-Tags zuvor, ehe ich in Tonga-tabu eingelaufen, war der Sohn des Königs
-Georg, der Thronfolger, gestorben und große, allgemeine Landestrauer
-herrschte überall. Alle Vornehmen des Volkes, soviel ihrer nur die
-königlichen Schiffe zu fassen vermochten, waren nach der Insel Ouia,
-dem Begräbnißplatze der Königsfamilie, abgesegelt. Der deutsche
-Konsul, dem kein eigenes Schiff zur Verfügung stand, unmöglich aber als
-Europäer auf den überfüllten kleinen Segelfahrzeugen der Eingebornen
-die lange Reise unternehmen konnte, beeilte sich sehr, als sich nun
-doch noch Gelegenheit fand, mit meinem Schiffe die Reise zu machen, das
-Schiff abzufertigen und nach eintägigem Aufenthalt verließ ich, mit der
-Familie des Konsuls an Bord, nordwärts steuernd, Tonga-tabu.
-
-Günstiger, frischer Wind konnte es allein möglich machen, am
-Begräbnißtage Ouia noch zu erreichen. Aber obwohl ich den Weg zu
-kürzen suchte und durch mir unbekannte Korallenbänke lief, so kam doch
-erst am Abend des zweiten Tages Ouia in Sicht. Da ich inmitten von
-Korallenriffen nirgends sicheren Ankerplatz fand, die Insel selbst aber
-zu weit entfernt war, als daß ich solche gegen Ostwind aufkreuzend,
-in der Nacht erreichen konnte, so wurde ich gezwungen, die freie See
-wieder aufzusuchen. In dunkler Nacht die gewaltigen Krater-Inseln Kao
-(5000 Fuß) und Tasoa (etwa 2500 Fuß), nur durch eine schmale Straße
-von einander getrennt, als weit sichtbare Punkte im Auge haltend,
-suchte ich das Schiff in der Nähe der Außenriffe zu halten, um mit
-Tagesanbruch aufs Neue nach Ouia aufzukreuzen oder wenigstens die
-südliche Einfahrt durch die Hapai-Gruppe zu gewinnen.
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-Während sonst die Tropennächte in der guten Jahreszeit einen
-herrlichen Anblick bieten, wenn das Sternenheer magisches Licht
-über die weiten bewegten Fluthen streut, drohten in dieser Nacht
-gewitterschwere, unheilkündende Wolken und bald nach Mitternacht
-umfing uns rabenschwarze Dunkelheit. Dann brach das Unwetter über
-uns mit plötzlicher Gewalt herein, als wollte der furchtbare Wind
-das kleine Schiff niederpressen. Die heftigsten Stöße fegten von den
-hohen Vulkan-Inseln herab. Im Schiffe wurde alles, was nicht niet- und
-nagelfest war, durcheinander geworfen und das Fahrzeug schwer auf die
-Seite gedrückt; die schnell aufgewühlte See that das Ihre dazu, die
-Lage, namentlich für die Familie des Konsuls, recht ungemüthlich zu
-machen.
-
-In Lee waren die gefährlichen Riffe, von denen freizukommen die
-erste Sorge sein mußte, deshalb bot ich allmählich dem Winde wieder
-so viel Leinewand, als das Schiff zu tragen vermochte. Sobald ich
-frei von der Insel Kao war, hielt ich nördlicheren Kurs und obgleich
-die See schwerer wurde, so konnte ich doch mit volleren Segeln durch
-die Wogen pressen und größeren Abstand von den auch mehr ostwärts
-abfallenden Riffen gewinnen. Der neue Morgen fand uns westlich von der
-niedrigen Insel Otolonga, die, nördlich umsegelt, zur Nordeinfahrt der
-Hapai-Gruppe führte.
-
-Als ich nahe genug dieser Insel gekommen war, der einzuschlagende Kurs
-bedingte dies, wurde eine ehemalige Niederlassung der Walfischfänger
-sichtbar, die vor Zeiten in diesen Gewässern ertragreiche Beute
-gefunden, aber auch bald genug die Schaar der gewaltigen Meerbewohner
-so gelichtet hatten, daß ein Kreuzen auf Beute zwecklos war. Die
-Station wurde deshalb aufgegeben, ihre Trümmer am öden Korallenstrand
-sind jetzt werthlos und verkommen.
-
-Der Kurs nach Lefuka führte uns zwischen Inseln und Korallenpatschen
-hindurch. Erst am Nachmittage dieses Tages konnten wir die der Insel
-Lefuka vorgelagerten Riffe passiren und vor der deutschen Station zu
-Anker gehen.
-
-Solch ungünstiger Wind und zum Theil schlechtes Wetter hatten natürlich
-den Zweck der Reise vereitelt, noch nach Ouia zu laufen und an dem dort
-stattfindenden großartigen Todtenfeste theilzunehmen, war zwecklos. So
-entschied sich der deutsche Konsul, hier die Ankunft des Königs Georg
-abzuwarten und mit diesem dann die Rückreise nach Nukualofa anzutreten.
-
-Die Insel Lefuka, im Verhältniß zu ihrer Länge nur schmal, zeigt an der
-Ostseite, gegen welche der freie Ozean seine gewaltigen Wogen donnernd
-wirft, ein Riff übereinandergethürmter Korallenblöcke und Steine;
-man sieht hier so recht, wie die Gewalt der Wasser einen Schutzwall
-aufgeworfen, der das flachere Land selbst gegen die furchtbarste See
-zu schützen vermag. Immer weiter aber baut die Koralle in die offene
-See hinaus, immer breiter wird das Trümmerfeld, bis dieses auch durch
-Zersetzung zu anbauungsfähigem Lande umgestaltet wird.
-
-Die Erzeugnisse, die Tonga-tabu aufweist, sind hier auch vertreten,
-namentlich ist der Ertrag an Kokosnüssen groß auf dieser Insel. Was
-ich aber hier zuerst gesehen, war die Zubereitung des Tapa, jenes
-Stoffes, welches den Eingebornen zur Bekleidung dient, der schön
-gefärbt und gezeichnet ist. Selbst große Stücke, umfangreichen Decken
-ähnlich, werden aus dem Papiermaulbeerbaum angefertigt, dessen Bast
-dazu verwendet wird. Und zwar werden lappenförmige Streifen im feuchten
-Zustand aufeinander angelegt und dann tüchtig geklopft, hierdurch
-wird der Stoff geschmeidig und fest; ist dieser in gewünschter Größe
-fertiggestellt, wird der Stoff im Schatten getrocknet und nachher mit
-brauner oder schwarzer Naturfarbe reichlich bemalt.
-
-Fernhin hört man die Tapa klopfenden Weiber, die mit wuchtigen Schlägen
-den Bast bearbeiten; erklärlich ist dieses Geräusch, da sie meistens
-auf dem Boden eines umgekehrten Kanoes diese Arbeit vornehmen, wodurch
-die dumpf dröhnenden, lauten Schläge hervorgebracht werden.
-
-Wie bei fast allen Naturvölkern, bei denen der Aberglaube weiteste
-Verbreitung gefunden, so ist auch namentlich bei den Südsee-Insulanern
-das Zauberwort „Tabu“ in allgemeine Anwendung gekommen. Dieses
-Wort, eine Macht, ersetzt, möchte man sagen, die in zivilisirten
-Ländern nothwendige Sicherheitspolizei. Wenn eine als „tabut“, d. h.
-unverletzliche Person, z. B. ein König oder ein Häuptling, irgend etwas
-als tabut erklärt, so wird kein Rassenangehöriger es wagen, Person oder
-Sache anzurühren, oder eine Oertlichkeit, Haus oder Hütte, zu betreten.
-
-Im Allgemeinen aber findet das Tabu Anwendung, wenn irgend ein
-Gegenstand vor Berührung, Wegnahme u. s. w. geschützt werden soll, dann
-wird unter bestimmten Zeremonien dieser mit einer Schnur, in der Knoten
-mit oder ohne Zaubereien eingeknüpft sind, umgrenzt oder umwunden. Die
-Ueberzeugung, daß jedem, der es wagen würde, dieses Schutzmittel zu
-entfernen, alle Uebel unfehlbar zustoßen, welche der Knotenschürzer
-hineingeknüpft, hält jede unbefugte Verletzung fern. Mehrfach, und
-hauptsächlich auf dieser Insel Lefuko, wurden mir Gegenstände, Baum
-oder Hütte gezeigt, die so durch das „Tabu“ geschützt waren.
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-Geschickte Fischer sind die Eingebornen. Sie brachten, ehe der Europäer
-ihnen seine Angelhaken zugeführt, folgende Methode in Anwendung: Aus
-einer dicken Perlmutterschale verfertigten sie sich durch festes
-Verbinden einzelner zurechtgeschliffener Stücke starke Fanghaken,
-die, mit einem Bastbüschelchen versehen, an langer Leine hinter
-Kanoes geschleppt wurden. Die wie Silber im klaren Wasser schwimmende
-Perlmutter lockt größere Fische an, die gierig, vermeinend eine Beute
-zu haschen, den Haken verschlucken und so gefangen sind. Heute noch
-sind diese Haken im Gebrauch, nur mit dem Unterschied, daß im Büschel
-verborgen sich jetzt ein scharfer, eiserner Angelhaken befindet, der
-dem Fische ein Losreißen nicht mehr gestattet.
-
-In Mengen halten sich Fische unter den Riffen auf, wo sie Nahrung
-suchen und finden, namentlich befinden sich unter diesen zahlreiche
-fliegende. Um nun diese flinken Meerbewohner, welche die Natur so
-ausgestattet hat, daß sie durch die Größe ihrer Seitenflossen im
-Stande sind, eine beträchtliche Strecke über dem Wasser zu fliegen und
-dadurch ihren Vorfolgern zu entgehen, auf leichtere Art und Weise, als
-mit großen Netzen zu fangen, wendet der Eingeborne folgende Fangart
-an: Nachdem die leichten, flinken Kanoes bemannt sind, ziehen die
-Eingebornen in dunkler Abendstunde oft in beträchtlicher Zahl ins
-tiefe Wasser zum Riffe hinaus. Bald flammen, hell leuchtend, die aus
-den Blattrippen des Kokosbaumes verfertigten Fackeln auf; die Kanoes,
-bald hier- bald dorthin eilend, schwirren, von kräftiger Hand durchs
-Wasser getrieben, als sollte das Schauspiel eines Fackelreigens dort
-aufgeführt werden, im Kreise oder durcheinander umher. Die Fische,
-bekanntlich durch Feuerschein leicht angelockt, werden durch die grell
-leuchtenden Fackeln verwirrt, springen oder fliegen nach diesen, und
-sehr gewandt, mit nur kleinem Handnetze versehen, weiß der Fischer sich
-die Beute zu sichern.
-
-Meistens, wenn die Fackeln niedergebrannt sind, kehren die Kanoes
-zurück, und war der Fang lohnend, bringt jedes reiche Beute heim.
-Für wenig Tabak oder Geld bekam ich mitunter so viele von diesen
-wohlschmeckenden Fischen, daß es zuweilen der Schiffsbesatzung nicht
-gelang, alle aufzuzehren.
-
-Der Ankerplatz vor der Insel Lefuka (die Rhede von Pangal) ist durch
-die ringsum liegenden Riffe gut geschützt, aber schwer zugänglich für
-größere Segelschiffe; das meistens gegen konträren Wind nothwendige
-Einkreuzen in den schmalen, gewundenen Riffeinfahrten ist zudem nicht
-ungefährlich und erfordert die ganze Thatkraft einer Schiffsbesatzung.
-Die Tonga-Gruppe ist häufiger den verheerenden Orkanen und zeitweiligen
-Erschütterungen durch plötzlich in Thätigkeit tretende Vulkane
-ausgesetzt, erstere treten namentlich im Süden der Gruppe, um
-Tonga-tabu, fast alljährlich einmal auf; zieht, was freilich selten
-geschieht, das Zentrum solches furchtbaren Wirbelsturmes direkt über
-die Inseln, so ist die ganze Kultur auf Jahre hinaus vernichtet. Nicht
-Haus, nicht Hütte, weder Baum noch Strauch verschont der furchtbare
-Wirbelsturm; den Weg, den er mit rasender Schnelle genommen, bezeichnen
-unzählige Trümmer.
-
-Nach Norden zu werden solche atmosphärischen Erscheinungen seltener.
-Hat die Samoa-Gruppe ein Orkan heimgesucht, so herrscht bei den
-Eingebornen die Annahme vor, daß erst nach Verlauf von sieben Jahren
-ein neuer zu erwarten ist. Solche Voraussetzungen aber sind durchaus
-nicht zutreffend; die Orkane treten viel häufiger auf, und je nachdem
-sie in näherer oder weiterer Entfernung vorüberziehen, äußert sich ihre
-Gewalt mehr oder weniger.
-
-Da mein Aufenthalt in Lefuka nur von kurzer Dauer war, setzte ich,
-nachdem Güter u. s. w. gelandet und neue Passagiere für Vavau und
-Niuatobutabu an Bord gekommen waren, die Reise fort nach Neiafu, dem
-Haupthandelsplatz in der Vavau-Gruppe, diese besteht aus vielen und zum
-Theil hohen Inseln, die von Riffen umgeben und hierdurch untereinander
-verbunden sind, auch zeigt sich hier auffällig die einstige Thätigkeit
-der Vulkane. Steile hochaufstrebende Massen sind die meisten dieser
-eng aneinander gelagerten Inseln; nur die Hauptinsel Vavau, nach
-allen Seiten steil abfallend, ist eine Hochfläche, auf welcher auf
-verwitterter Lava eine unglaublich reiche Pflanzenwelt Fuß gefaßt
-und sich entwickelt hat. Dies ist das fruchtbarste Land, abgesehen
-vielleicht von der Insel Niua-fu, im ganzen Königreiche Tonga.
-Apfelsinenbäume, schwer beladen mit goldgelben Früchten, ausgedehnte
-Palmenwälder u. s. w., überhaupt alle herrlichen Tropengewächse der
-Südsee sind hier reich vertreten. Dazu giebt die im Sonnenglanze
-ausgebreitet liegende Bai, umgeben von hohen Inseln, dem ganzen
-Panorama so recht den Anblick einer echten Tropenlandschaft.
-
-Die Einfahrt befindet sich an der westlichen Seite zwischen den Inseln
-Hounga und Vavau. Die schmale aber tiefe Wasserstraße windet sich
-zwischen den hohen Inseln hin, und dicht unter den steil anstrebenden,
-mit Busch und Baum bedeckten Massen, kann man ungefährdet mit einem
-Schiffe segeln. Inmitten der Einfahrt nur liegt ein mächtiger
-Felsblock, der hunderte Fuß hoch ist und steil aus großer Tiefe
-aufragt, auch bemerkt man an diesem, welche zerstörende Einwirkung
-die Meereswogen selbst am harten Gestein ausüben können. Sie haben
-den Felsen tief unterwaschen und große Spalten ausgehöhlt. In diesen
-Höhlen und Riffen braust und zischt selbst die leicht wogende See.
-Das Geräusch wächst aber zum Donnern an, wenn sie ihre ganze Wucht
-gegen den starren Felsen anbranden läßt, der dann durch den gewaltigen
-Anprall wohl in seinen Grundfesten erschüttert werden mag.
-
-Ganz schmal, wenigstens für ein aufkreuzendes Schiff recht beengt, wird
-die Straße, sobald die weite Bai vor dem Dorfe Neiafu sichtbar geworden
-ist, die wie ein herrlicher, von allen Seiten geschützter Hafen,
-geräumig daliegt. Indes nur wenig Raum hat die Koralle übrig gelassen,
-die geschäftig fast die ganze Bai aufgefüllt hat und wo tiefes Wasser
-vorhanden, ist der Ankergrund schlecht, so daß größere Schiffe es
-vorziehen, wollen sie nicht auf 200 Fuß Wassertiefe vor Anker gehen,
-inmitten der Fahrstraße vor der Station Tuanuku zu ankern.
-
-Nach wenig Tagen schon verließ ich, da ich allen diesen Stationen in
-der Tonga-Gruppe neue europäische Waaren und Proviant zu bringen hatte,
-Ladung aber noch nicht einnehmen sollte -- die Hauptstationen, als
-Vavau, Lefuka und Tonga-tabu verschiffen direkt Kopra, Baumwolle u.
-s. w. nach Europa -- den Hafen von Neiafu, und segelte nordwärts nach
-Niuatobutabu (Keppels Eiland), das 180 Seemeilen entfernt ist.
-
-Begünstigt von Wind und Wetter, bekam ich am zweiten Tage bereits die
-2000 Fuß hohe Insel Boskaven in Sicht, welcher südwärts davon und durch
-eine Straße von etwa einer Seemeile Breite getrennt, die niedrige
-Korallen-Insel Niuatobutabu vorgelagert ist. Diese langgestreckte
-Insel umgiebt namentlich an der Nord- und Westseite ein mächtiges, 5-7
-Kilometer breites Riff, auf derselben sind zwei Kraterkegel, etwa 200
-Fuß hoch, die einzig nennenswerthen Erhöhungen.
-
-Nur eine einzige, sehr gewundene und gefährliche Einfahrt, führte
-von Norden durch das Riff, und zwar nur eine Strecke weit bis zu
-einem tieferen Becken, in welchem aber ein kleineres Schiff geschützt
-und sicher liegt. Da der Verkehr mit dem Lande allein zur Zeit des
-Hochwassers möglich, der Ankerplatz vor dem Riffe nur in der guten
-Jahreszeit einigermaßen sicher ist, suchte ich auf Anrathen des Lotsen,
-eines Eingebornen, doch lieber den kleinen gesicherten Hafen auf,
-obwohl das Durchbringen des Schiffes, das mehrfach auf Korallenblöcke
-fest kam, keine leichte und gefahrlose Arbeit war.
-
-Daß ich es gethan, war ein Glück, denn ein heftiger, plötzlich in
-einer der ersten Nächte aufspringenden Nordwestwind hätte das Schiff
-im Verein mit der hohen See sicher aufs Riff geworfen und zerschellt;
-ein Versuch, in tiefdunkler Nacht die offene See zu gewinnen und gegen
-den starken, auflandigen Wind von den Riffen freizukreuzen, wäre schier
-unmöglich gewesen.
-
-Nicht minder einsam wie diese Insel im weiten Ozean war das Leben,
-welches hier zwei Europäer (ein Deutscher und ein Engländer) führten,
-die nur mit der Außenwelt in Verbindung traten, wenn nach langer Zeit
-ein Schiff vor der Insel zu Anker ging. Freilich ist an Verkehr mit
-Menschen kein Mangel, nur kommt in Betracht, daß die Eingebornen für
-einen Europäer doch kein rechter Umgang sind; so freundlich gesinnt,
-friedfertig und zum Theil lernbegierig sie sich auch zeigen, so
-stehen sie dennoch auf einer zu tiefen Bildungsstufe. Zwar paßt sich
-ein einsam lebender Mensch schnell genug den Verhältnissen an, und
-in der Folge habe ich ja so viele gefunden, die, obgleich sie noch
-abgeschlossener von der Welt lebten, mit ihrem Loose ganz zufrieden
-waren. Hier aber kommt dem Europäer das zu statten, daß er hier ein
-bildungsfähiges, strebsames Volk um sich hat, dessen Häuptlinge und
-Lehrer nach Aufklärung trachten und stundenlang dem weißen Manne
-zuhören, wenn er ihnen von anderen Ländern und Völkern erzählt.
-
-So oft ich auch nach dieser Insel beordert worden war, konnte ich
-jedesmal die Beobachtung machen, mit wie großem Interesse alle
-Neuigkeiten aufgenommen wurden; hatte ich eingeborne Passagiere mit
-an Bord, so wurden diese sogleich nach der Landung von den Häuptlingen
-begrüßt und ausgefragt. Sonst kamen die Häuptlinge entweder insgesammt
-zum Hause der erwähnten Europäer oder luden uns zu sich ein, damit wir
-ihnen Abends bei einer Schale Kava Auskunft über etwaige Vorgänge im
-Tongareiche gaben.
-
-In langer, vielleicht gänzlicher Unthätigkeit verharren die kleinen,
-wohl für immer erloschenen Krater auf dieser Insel, sonst wären sie
-eine gefährliche Nachbarschaft, denn eine erhebliche Erschütterung
-würde genügen, die Insel in die Tiefe versinken zu lassen. Wo man auch
-immer auf der gut bewachsenen Insel geht, klingt jeder Fußtritt hohl
-und man gewinnt die Ueberzeugung, daß nur eine verhältnißmäßig dünne
-Schicht über wahrscheinlich ausgedehnte Höhlen gelagert liegt.
-
-Nirgendwo sonst auf Korallen-Inseln, deren Fundamente naturgemäß stets
-fest aufgebaut sind, habe ich solche Wahrnehmung wieder gemacht; würden
-hier nicht die beiden Kraterhügel eine genügende Erklärung für solche
-Erscheinung abgeben, ließe sich schwerlich die Ursache dafür ergründen.
-Das Eine scheint sicher (wie ich in diesem selben Jahre als Augenzeuge
-an einer anderen Stelle feststellen konnte), es sind am Rande eines
-hier schon vorhandenen Korallenriffes plötzlich unterseeische Vulkane
-in Thätigkeit getreten, die mit sich das Riff emporgehoben haben und
-dann nach einiger Zeit erloschen sind.
-
-Außerdem giebt eine vorhandene schmale, aber tiefe Frischwasserrinne,
-die im festen Korallengrund eingebettet ist und tieferliegend als
-der Meeresspiegel, einen neuen Beweis, daß die Insel hohl ist. Das
-Süßwasser in dieser Rinne ist natürlich durch Korallen filtrirtes
-Seewasser, aber der Zufluß erfolgt unterirdisch aus dem Innern der
-Insel; derselbe soll zu Zeiten stärker, zu Zeiten schwächer sein.
-Uebrigens beschleicht den Wanderer, namentlich in stiller Nachtzeit,
-ein eigenthümliches Gefühl, wenn jeder Tritt so hohl und dumpf
-wiedertönt und ihm zum Bewußtsein bringt, daß er auf einem Boden
-wandelt, der über Höhlen oder gar über tiefe Wasserbecken gewölbt
-liegt.
-
-Insbesondere weicht die Insel Niuatobutabu in nichts von anderen gut
-bewachsenen Koralleninseln ab, mit dem Unterschiede nur, daß auf
-dem verwitterten Lavagrunde eine überaus reiche Pflanzenwelt sich
-entwickelt hat. Salze und andere Chemikalien, die in der Lava enthalten
-sind, scheinen für die Entwicklung des Pflanzenlebens ungemein viel
-beizutragen, auch sonst, wo ich im weiten Inselmeer des Stillen Ozeans
-vulkanischen Grund betreten, fand ich dies ausnahmslos bestätigt.
-
-Das Thierreich auf allen Inseln ist sehr schwach vertreten, Schweine,
-Hühner und Tauben sind fast die einzigen Arten, indes fand ich
-auf Niuatobutabu außerdem noch eine große Fledermausgattung, den
-fliegenden Fuchs. Da jeder von der Nützlichkeit und noch mehr von der
-Harmlosigkeit dieser Thiere überzeugt war, belästigt dieselben niemand,
-kein Eingeborner verscheucht sie. Vielleicht kommt auch noch der
-Umstand hinzu, daß diesen lautlos erscheinenden Thieren ein gewisser
-Aberglaube anhaftet, denn wer nicht mit ihrer Eigenart, unhörbar und
-schnell durch die Dunkelheit zu fliegen, vertraut ist, dem wird ein
-gewisses Unbehagen zuerst nicht erspart bleiben. Vornehmlich fand
-ich diese Füchse in Sträuchern, wo sie sich, Schatten findend, an
-dünnen Zweigen an den Hinterfüßen aufgehängt hatten. Den Kopf nach
-unten gebogen, umschließen sie mit der großen Flughaut den Körper und
-verblieben in dieser Stellung, bis die Dämmerung der nach ganz kurzer
-Dauer die Nacht folgt, hereinbricht, dann erst werden sie munter und
-suchen, die Luft gleich gespenstigen Schatten durchfliegend, sich ihre
-Nahrung. Werden sie am Tage gestört oder berührt man mit der Hand ihr
-sammetweiches Fell, schauen die schwarzen, erbsengroßen Augen den
-Störenfried wohl an, scheinen aber geblendet zu sein, denn obwohl
-unruhig geworden, wagt das Thier doch keinen Flug, verändert seine
-Stellung auch nicht und wollte man die Hinterfüße lösen, müßte Gewalt
-angewendet werden. Ein Weibchen, das seine beiden Jungen wohlgeborgen
-an der Brust hängen hat, die diesen Platz nie verlassen, auch während
-des Fluges nicht, wird, wenn es gestört worden, leichter erregt und
-beißt wohl mit den kleinen, nadelspitzen Zähnen um sich. So sind
-in Folge davon, weil diesen Thieren nie etwas zu Leide geschieht,
-dieselben zutraulich und oft habe ich sie, selbst in der Nähe der
-Hütten der Eingebornen und vor den Wohnungen der Weißen in Menge
-vorgefunden.
-
-Höchst lästig und oft zu einer großen Plage werden hier Schaaren von
-Fliegen. In des Wortes vollster Bedeutung kann man sagen, es wimmelt
-davon. Ist in Europa die Hausfliege dreist und störend, ist sie dort,
-wo die Natur ihr den Tisch gedeckt, unglaublich lästig, und das vor
-allem zu der Zeit, wenn die Früchte des Brotfruchtbaumes reif geworden
-sind. Diese Früchte, an und für sich sehr schmackhaft, werden, sobald
-sie überreif geworden sind, eine wahre Brutstätte für Fliegen. Sind sie
-ausgeflogen, so ist jeder Ort, selbst Gras und Busch, dicht von ihnen
-besetzt; schon ihr Schwirren und Surren ist höchst lästig.
-
-Sind die Ameisen, vor denen nur mit Mühe Genießbares geschützt werden
-kann, schon unangenehm, so treiben es die Fliegen noch zehnfach ärger,
-in Wahrheit muß man diesen Plagegeistern jeden Bissen erst streitig
-machen, der gegessen werden soll, vornehmlich von solchen Speisen,
-die Zucker und andere leicht flüssige Stoffe enthalten, wie Reis,
-Brotfrucht, Ananas u. s. w.
-
-Geradezu eine Fliegenwolke schwebt über solchen aufgetragenen
-Speisen, selbst fortwährendes Abwehren scheucht diese gierigen
-Insekten nicht fort; machte es nicht die Gewohnheit und schließlich
-die Gleichgültigkeit, müßte sich Ekel und Widerwillen einstellen,
-Nahrung zu genießen, weil diese vom Unrath der Fliegen durchaus nicht
-freizuhalten ist.
-
-Die Insel Boskaven, ein mächtiger, unzugänglicher Bergkegel, ist aller
-Wahrscheinlichkeit nach, gleich den anderen Inseln, wie Lette, Kao
-u. a., ein erloschener Krater, der in der Neuzeit jedenfalls noch in
-Thätigkeit gewesen ist. Menschen wohnen darauf nicht, auch hat wohl
-noch keines Menschen Fuß den steilen Gipfel dieser Insel erklommen.
-An der Südostseite soll im Schutze eines kleinen Riffes an einer
-vorspingenden Felsenkante eine schwierige Landung möglich sein und
-Fischer von Niuatobutabu wagen es, zu Zeiten sich dort aufzuhalten,
-nachdem sie mit ihren leichten Kanoes den breiten Meeresarm, der beide
-Inseln trennt, durchquert haben.
-
-Basaltmassen, aus denen sie aufgebaut ist, steigen gleich steilen
-Wänden aus dem Meere auf, unterspült zum Theil von den brandenden
-Wogen, darüber aber, wo der das Pflanzenleben vernichtende Staubregen
-des Salzwassers nicht mehr hinaufreicht, hat sich an den sehr schrägen
-Flächen des Kegels ein starker Pflanzenwuchs entwickelt, welcher
-die Form und Lagerung der Gesteinmassen verdeckt, ein Zeichen, daß
-Eruptionen seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben.
-
-Mein Schiff war, wie erwähnt, inmitten des Riffes, in dem beschränkten
-Wasserbecken, gut verankert worden und lag wohl geschützt gegen die
-am Außenriff brüllende See. Aber da nach Verlauf von sieben Tagen der
-starke, nordwestliche Wind erst nachließ, der die ganze Osterwoche
-hindurch geweht hatte, durfte ich, obwohl längst segelfertig, es doch
-nicht wagen, in See zu gehen. Erst als günstiger Wind einsetzte,
-der stark genug war, das Schiff gegen die draußen anlaufende See
-durchzubringen, mußte ich Anstalten treffen und versuchen, die freie
-See zu gewinnen. Ohne Anstoßen am Korallenriff ging es in der engen
-Durchfahrt freilich nicht ab; eine unberechenbare Strömung, durch die
-einlaufenden Seen hervorgerufen, vereitelte alle Vorsicht. Dennoch
-gewann ich ohne Beschädigung das offene Meer, habe aber den Versuch nie
-wiederholt, sondern lieber vor dem Riffe mit zwei Ankern, diese klar
-zum Schlippen, Wind und See ausgeritten, um das Schiff nicht an den
-harten Kanten des Korallenriffes zu gefährden.
-
-Von Niuatobutabu hatte ich weiter nach Niua-fu zu segeln, einer hohen
-Vulkan-Insel, die in etwa West-Nord-West-Richtung 120 Seemeilen von
-hier entfernt liegt. Es war mir schon in Apia mitgetheilt worden,
-daß das Auffinden des Ankerplatzes und der Station vor Niua-fu seine
-Schwierigkeit habe; auch soll man sofort absegeln, wenn nördlicher Wind
-und Seegang einsetze, da dort auf hartem Lavagrund die Anker nicht
-genügend Halt finden und ein Freikommen von der Küste sehr schwierig
-sei.
-
-Vollauf fand ich denn auch diese Angaben bestätigt, als ich wenige
-Tage später unter der steilen, an Stellen mehrere hundert Fuß hohen
-Küste entlang segelte und hinter der etwas vorspringenden Nordost-Ecke
-nach der sehr hoch gelegenen Station nach einem Ankerplatz suchte. In
-der guten Jahreszeit, d. h. wenn der Süd-Ost-Passat weht, hat es keine
-besondere Gefahr, so nahe der Küste zu ankern; werden doch selbst große
-Segelschiffe hierher beordert, ihre Ladung Kopra aufzufüllen, allein in
-den Monaten Januar bis April machen häufig nördliche Winde ein Ankern
-und Landen hier unmöglich.
-
-Diese Insel ist etwa 550 Fuß hoch und in ihrer ganzen Ausdehnung ein
-vollständiges Lavafeld; man sieht vom Meeresspiegel, wie sich Schicht
-über Schicht die fließende Masse gelagert hat und wie steile Abhänge
-gebildet wurden, indem die schon erkaltete Lava abgesprengt oder als
-noch zähe Masse übereinander geschoben wurde. Unregelmäßig, bald hier,
-bald dort, scheinen die Lavaströme sich aufgestaut oder über steile
-Abhänge ergossen zu haben, denn nach Gestalt und Form der Abhänge und
-Wände zu urtheilen, hat die glühende Masse sich nur langsam fortbewegt.
-Auch scheint die Ausdehnung und Dicke der fließenden Lava nur eine
-geringe gewesen, dafür aber desto häufiger vorgekommen zu sein. Der
-ganzen Natur nach müssen, da der Hauptkrater meiner Schätzung nach
-mit dem Meeresspiegel fast gleich liegt, die verschiedenen Ausflüsse
-und die Anhäufung der Lava von einer Anzahl parasitischer Seitenkrater
-herrühren, die von Zeit zu Zeit, da die ganze Insel als ein Vulkan zu
-betrachten ist, hier oder dort die Lavakruste sprengten und flüßige
-Massen ausströmten. Es muß dies als feststehend angenommen werden, denn
-heute noch befürchten die Eingebornen, es könne sich überall der Boden
-plötzlich öffnen; ich selbst habe Stellen gefunden und zwar nahe der
-deutschen Station, wo die fließende Lava die starken Kokosbäume mehr
-als sechs Fuß hoch umschlossen und vernichtet hatte.
-
-Wie hier in der Nähe der deutschen Station, so habe ich auch an
-der Westseite der Insel Stellen gesehen, wo ebenfalls die blühende
-Pflanzenwelt zerstört wurde. Auch wird diese Insel sehr häufig von
-starken Erschütterungen heimgesucht, so daß die Eingebornen in steter
-Sorge leben müssen (die Alten erzählen von schrecklichen Zeiten,
-die sie durchgemacht haben). Etwas Unheimlicheres giebt es kaum,
-als zu fühlen, wie der Erdboden, auf dem man geht, durch heftige
-Erschütterungen wankt, also auf einem thätigen Vulkan zu leben, der
-mit furchtbarer Gewalt die Erdkruste zu spalten, Verderben und Tod
-auszustreuen im Stande ist.
-
-Der letzte große Ausbruch hatte um das Jahr 1870 stattgefunden,
-wohlbebaute Flächen und Dörfer auf dieser etwa eine deutsche
-Quadratmeile große Insel wurden zerstört; die Bevölkerung, auch hier
-Tonga-Insulaner, ersuchte, von Furcht erfüllt, selbst vorüberfahrende
-Schiffe, sie aufzunehmen. Es sind auf der Insel keine, höchstens ein
-paar elende Kanoes vorhanden, mit denen auf der fast immer erregten See
-kaum eine Fahrt unternommen werden kann. Bin ich recht unterrichtet,
-so gab es sogar ein Verbot, das der Bevölkerung geradezu untersagte,
-sich Kanoes zu halten, denn es war vorgekommen, daß bei einem Ausbruche
-viele Bewohner sich aufs offene Meer hinauswagten, um dem Verderben
-zu entfliehen und da sie mit ihren gebrechlichen Nußschalen kein Land
-auffinden konnten, ausnahmslos ein Opfer ihrer Angst und Tollkühnheit
-wurden. Den schwankenden, von heftigen Stößen erzitternden Boden ihrer
-Insel verließen sie, um einen langsamen, qualvollen Tod auf dem Meere
-zu finden.
-
-Daß dennoch Niua-fu gut bevölkert ist (es sollen 1200 Tonganer hier
-leben), muß der überaus reichen Vegetation zugeschrieben werden;
-ist doch die Fruchtbarkeit der verwitterten Lava so ungeheuer, daß
-überall, wo nicht jüngere Eruptionen weite Strecken zerstört haben, die
-Pflanzenwelt im reichsten Maße sich entwickelt hat, besonders gedeiht
-die Kokospalme hier in vorzüglicher Güte. Die größten Kokosnüße, die
-ich je gesehen habe, wachsen hier, deshalb ist der Ertrag an Kopra auch
-so bedeutend. Thatsache ist indes, daß die Furcht vor einem Ausbruche,
-dessen Ausdehnung niemand wissen kann, die Insel zeitweilig entvölkert,
-doch kehren die Einwohner immer wieder zurück, sobald die unheimliche
-Naturkraft ausgetobt hat und wieder Ruhe eingetreten ist.
-
-Meine Ordre lautete dahin, hier auf dieser Insel das Schiff mit Kopra
-aufzufüllen und nach Samoa (Apia) zurückzukehren. Ich hatte demnach
-also den Versuch zu machen, trotz der ziemlich unruhigen See, eine
-Landung ins Werk zu setzen. Ein Eingeborner, der es gewagt hatte, mit
-einem kleinen Kanoe abzukommen, aber kenterte, erreichte schwimmend das
-Schiff und zeigte mir alsdann den sicheren Ankerplatz.
-
-Der einzige Landungsplatz an dieser steilen, unzugänglichen Küste
-ist ein tiefer Spalt in den massiven Lava-Felsen, den rechts und im
-Hintergrunde hohe, senkrechte Wände umschließen, gegen welche die
-einlaufende See wild aufschäumt, während zur Linken eine zwar steile,
-aber niedrigere Wand mit einer Versenkung diesen einfaßt.
-
-Da der Spalt nur so breit ist, daß ein Boot einfahren kann, so muß
-dieses stets an einem sicheren Tau, welches vor der Mündung verankert
-und hinten an der Lavawand um einen Felsblock befestigt wird, mit der
-See eingeführt werden. Zwei Mann haben nur darauf zu achten, daß sie
-das Boot stets recht auf der mit wilder Macht eindringenden Woge halten
-und ebenso, daß das mit großem Getöse zurückfluthende Wasser das Boot
-nicht herumreißt und zum Kentern bringt.
-
-Ein vorspringender Lavablock an der linken Seite, längst von den ihn
-immerwährend umspülenden Fluthen geglättet und abgeschliffen, dient als
-Landungsplatz, auf den man aber ohne Hülfe nicht hinauf gelangen kann,
-außer wenn man den Sprung wagt, sobald eine einlaufende See das Boot so
-hoch gehoben hat, daß es mit dem Block in gleicher Höhe sich befindet.
-Wenn das Boot am starken Tau festgehalten wird, ist es natürlich,
-daß die See es mit Gewalt gegen den Block preßt und ein unablässiges
-Aufpassen der Leute ist nöthig, um ein Kentern zu verhindern. Halb am
-Felsen hängend, müßte sich sonst das Boot seitwärts umlegen, sobald die
-Woge, welche es gehoben, wieder niedersinkt.
-
-Ein wildes Donnern und Brausen (man kann mitunter sein eigenes Wort
-nicht verstehen) erfüllte den Spalt und wie ein mächtiger Sprühregen
-fällt der hochaufspritzende Gischt mancher Woge von der Felswand
-zurück, an welcher sie ohnmächtig zerstäubt ist, um immer wieder das
-Spiel zu erneuern.
-
-Will man zu dem etwa 350 Fuß überm Meeresspiegel liegenden Hause des
-deutschen Agenten gelangen, muß man auf Zickzackwegen die steile Höhe
-erklimmen; oben angelangt, kann der Blick frei über das endlose Meer
-schweifen, während zu Füßen die gewaltigen Formen erstarrter Lavamassen
-aufgehäuft liegen, bedeckt mit Aschenstaub oder sprießendem Gras.
-Große Erwartungen darf man an die Behausung eines so einsam lebenden
-Europäers nicht stellen. Ein solches Gebäude, nur aus Holz hergestellt,
-ist, dem Klima entsprechend, luftig und bequem, sonst aber baar aller
-Bequemlichkeit. Die einzigen Möbel sind ein paar Stühle und ein Tisch,
-alles andere hat sich der mehr oder weniger geschickte Bewohner aus
-Kisten und Kasten zusammengezimmert.
-
-Die gefüllten Koprasäcke von solcher Höhe herabzutragen wäre sehr
-mühevoll, man pflegt sich aber damit zu helfen, daß über Einsenkungen
-und Vorsprünge des Felsbodens hinweg eine Lattenbahn zur Tiefe geführt
-wird, auf der, wegen ihrer Steilheit, die Säcke leicht niedergleiten
-können.
-
-Ein unverzügliches Angreifen der Arbeit nach Ankunft eines Schiffes
-ist unter den obwaltenden Umständen hier eine Nothwendigkeit, man weiß
-nicht, was die nächsten Stunden bringen; eine nur gering zunehmende
-See macht oft der Arbeit ein Ende. Schwierig und namentlich für die
-Besatzung des Bootes gefährlich ist das Einschiffen der Ladung. Sicher
-sind die Leute erst, wenn die Oeffnung des Spaltes erreicht ist,
-denn oft genug wird das Boot von den einlaufenden Seen überschwemmt,
-und ist oft halb mit Wasser angefüllt, ehe es zum Schiffe gelangt.
-Gewohnheit aber macht ein Unternehmen weniger gefahrvoll. Um so
-mehr war ich erstaunt, daß anfangs meine Boote glücklich aus dem
-zischenden, brausenden Schlund herauskamen, mancher Zentner Kopra war
-bereits verschifft, da brachte mir unerwartet ein Bote die Nachricht,
-Boot und Ladung seien verloren. Sofort von der Höhe herab eilend,
-sah ich, wie frei von den Klippen die Mannschaft mit dem gekenterten
-Boote umherschwamm und bemüht war, dasselbe so längsseit des Schiffes
-zu bringen, was den Leuten auch nach langer Zeit gelang; in den
-Felsenspalt selbst aber tauchten die Eingebornen auf und nieder, um die
-gesunkene Bootsladung wieder heraufzuholen, indes gelang ihnen dies
-nur halb, da die einlaufenden Seen die Säcke gegen die Felsenwände
-warfen und diese sich öffneten oder zerrissen wurden. Veranlassung
-zum Kentern gab eine schwere See; das Boot wurde gegen den Felsblock
-gedrängt und schlug, während das Tau durch die Gewalt des Wassers den
-Händen des Mannes entrissen wurde, quer und war im nächsten Moment mit
-der Mannschaft und Ladung von der zischenden Wassermasse im brodelnden
-Kessel überspült. Das Boot zu retten, ehe es an die Felsenwand
-geschleudert und zerschellt wurde, war das Einzige, was die Leute thun
-konnten.
-
-Da die Bevölkerung der Insel Niua-fu aus lauter Christen besteht, so
-ist die Heilighaltung der Sonn- und Festtage auch hier eingeführt und
-die Arbeit ruht. So konnte ich ungehindert dem Wunsche, diese Insel
-näher kennen zu lernen und namentlich den im Innern tiefliegenden
-Krater zu besuchen, nachkommen. In früher Morgenstunde, die
-erfrischende Kühle benutzend, stiegen mit mir der deutsche Agent und
-einige Eingeborne bergaufwärts. Wir folgten den Windungen der breiten,
-festen Wege, auf denen nur das Eine unangenehm war, der pulverisirte,
-feine Aschenstaub, der überall dick lagert und bei jedem Schritte
-aufwirbelte. Auf der Höhe fand ich die Kokosbäume nicht besonders
-schlank gewachsen, vielmehr hatten viele Stämme eine mehr oder weniger
-starke Neigung nach Westen, was auf den Einfluß des mitunter recht
-stark wehenden Südostpassates zurückzuführen ist, sonst war der Anblick
-der zahllosen Palmen, die Höhen und Abgründe bedeckten, großartig.
-
-Der Weg führte uns bald am Rande eines senkrecht steilen Abgrundes
-hin, der hunderte Fuß tief, aber so mit Buschwerk bewachsen war, daß
-man nicht bis auf den Grund hinabsehen konnte. Nur eine Stelle gab es,
-wo man mühsam, an Gestein und Strauch sich haltend, hinabzusteigen
-vermochte, und als diese erreicht war, übernahmen die Eingebornen
-die Führung, denen wir, rückwärts rutschend, zu folgen hatten. In der
-Tiefe angelangt, zeigte sich ein großartiges Panorama, ringsum steile,
-unzugängliche Felswände. Inmitten dieses Randgebirges, wenn ich so
-die 4-500 Fuß steilen Wände bezeichnen darf, aber liegt ein weiter,
-tiefer See, aus dem sich drei Bergkegel erheben, die leicht rauchenden,
-zuweilen in Dampf gehüllten Krater.
-
-Kann diese so ausgedehnte Senkung, in die wir hinabgestiegen waren,
-auch als der eigentliche Kraterkessel bezeichnet werden und jene drei
-Hügel als die thätigen Vulkane in demselben, so steht doch außer Frage,
-daß größere Ausbrüche seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben,
-sondern höchstens starker Aschenregen ausgeworfen ist, der, wie wir
-gefunden, überall vertheilt lag. Bei einem stattfindenden heftigen
-Ausbruche würde die fließende Lava keinen Schaden thun können, diese
-würde vielmehr in den den weiten Krater umgebenden See fließen.
-
-Betrachtet man diesen großen Kraterkessel mit seinen steilen Wänden,
-in welchem wir in aller Seelenruhe gemüthlich umherspazirten und uns
-am breiten, flachliegenden Ufer des Sees tummelten, so kann man nicht
-annähernd die gewaltige Kraft ermessen, die diese Wände aufgebaut hat,
-die hier einst gewaltet und alles verändern und zerstören wird, sobald
-sie sich hier im Centralpunkt äußern sollte.
-
-Man muß wirklich die unheimliche Gewalt thätiger Krater gesehen, an
-solchen mit Schwefeldünsten und mächtigen Rauchwolken gefüllten Kesseln
-gestanden haben, um sich ein Bild davon machen zu können, mit welcher
-Furchtbarkeit auch hier Feuersäulen, Rauch und Gase emporgeschleudert
-worden sind. Was nun diesen salz- und schwefelhaltigen See anbelangt,
-dessen Wasser bitter und von keinem organischen Wesen belebt ist --
-so weit ich bei meiner flüchtigen Beobachtung das behaupten kann -- so
-hat er einst bis an die steilen Lavawände herangereicht; ob aber allein
-Verdunstungen oder andere Umstände den Rücktritt der Wasser verursacht
-haben, mag dahin gestellt sein. Soviel ist erwiesen, daß die jetzt mit
-Strauch und Buschwerk bewachsenen Flächen unter Wasser gestanden haben,
-denn feines Geröll, abgestürzte Lavablöcke geben den Beweis dafür.
-
-Es liegt eine wunderbare Kraft im Walten der Natur! Man glaubt todte,
-starre Oede dort zu finden, wo giftige Gase fast ununterbrochen den
-Schlünden thätiger Krater entströmen; hier aber blüht und wächst durch
-der Sonne Gluth, durch periodisch stark fallenden Regen, erfrischt
-durch nächtlichen, schweren Tau, selbst auf dem salzhaltigen,
-freigelegten Seegrunde eine üppige Vegetation. Das ganze Panorama,
-den See zu Füßen, dessen Wasser im Sonnenlicht wie flüssiges
-Silber glänzen, durch die Palmen gekrönten Höhen, den steilen,
-dichtbewachsenen Wänden, wird durch diese tropische Ueppigkeit ungemein
-verschönt. Das sonst schauerliche Empfinden, welches den Menschen
-befällt, wenn er sich hineinwagt in die Werkstätten der furchtbarsten
-Naturkraft, deren Hauch Land und Wasser erzittern macht, schwindet hier
-beim Anblick thätigen, blühenden Lebens.
-
-Die Heilkraft des Wassers, von der die Eingebornen erzählten, wollte
-ich auch nicht unversucht lassen; schnell folgten wir Europäer dem
-Beispiele unserer nackten Begleiter und tummelten uns in dem warmen
-Bade, bis eine wohlthuende Ermattung eintrat; daß den beiden Hunden,
-die wir mit uns hatten, das Bad ebenso gut bekam, will ich nicht
-behaupten; den Thieren, die mehrfach in das Wasser geschickt wurden, um
-ein weit weggeworfenes Holzstück zurückzubringen, schien wenigstens der
-bittere Geschmack desselben nicht besonders zu behagen.
-
-Bei näherer Untersuchung habe ich gefunden, daß die Wassertiefe
-dieses Sees überall schnell zunahm und nach der Schräge des Bodens zu
-urtheilen bis zur Mitte eine ganz beträchtliche sein muß, auch die
-Eingebornen bestätigten dies, sie gaben an, es sei in nicht großer
-Entfernung vom Ufer in weiter Runde kein Grund mehr zu finden, demnach
-wären also die drei Kraterhügel nur die über Wasser ragenden Kuppen
-vielleicht gewaltiger Vulkane.
-
-In tiefster Ruhe, im Sonnenglanz gebadet, liegt der weite See, in ihm
-schlummern Gigantenkräfte! Wann werden diese wieder erwachen, Menschen
-zittern und Felsen erbeben machen! Wir standen hier auf einem Vulkan,
-wir wußten das, aber nicht, daß unter uns, rings in der Runde, die
-unterirdischen Geister erwacht waren, die die Feuer schürten, um solche
-wenige Monate später schon mit verheerender Gewalt über diese Insel
-auszuspeien.
-
-Nicht so friedfertigen Sinnes wie heute waren die Tonga-Insulaner,
-als sie zuerst mit den weißen Männern in nähere Berührung kamen. Die
-erste Entdeckung dieser Insel erfolgte im Jahre 1643, dann wurden sie
-erst wieder 1773, also über ein Jahrhundert später, von dem berühmten
-Entdecker Cook aufgefunden, in der Folge dann von mehreren kühnen
-Forschern besucht, denen aber ihr langer Aufenthalt an einzelnen dieser
-Inseln, wie Tongatabu, Lefuka u. a. verhängnißvoll wurde.
-
-Im Vertrauen auf die freundliche Gesinnung dieser Insulaner wurden
-die Europäer zu sorglos, dahingegen die Eingebornen aber, welche die
-Schwächen der weißen Männer bald genug erkannten, planten Tod und
-Verderben. Wohl entgingen viele Europäer dem geplanten Anschlag auf
-ihr Leben und waren noch stark genug, ihre Schiffe zu schützen und zu
-fliehen, manche aber haben ihre Achtlosigkeit mit Verlusten von Gut und
-Leben büßen müssen. Heute hat Gesittung den verrätherischen Sinn der
-Eingebornen geändert, sie kennen zur Genüge die Macht des weißen Mannes
-und diese Erkenntniß ist der beste Schutz.
-
-
-
-
-III. König Maliatoa. Olosinga. Der Ausbruch eines unterseeischen
-Vulkans und die Entstehung einer neuen Insel.
-
-
-Bei meiner Rückkehr nach Samoa waren die politischen Verhältnisse
-auf Upolu noch verwickelter als früher und für die deutschen Beamten
-eine stete, ernste Sorge, namentlich da die ansässigen Amerikaner
-und Engländer ihre Wühlerei unvermindert fortsetzten. Mir, als einem
-Uneingeweihten, fehlt die genaue Kenntniß, um ein anschauliches Bild
-der politischen Wirren, der feindlichen Kundgebungen wahrheitsgetreu
-wiedergeben zu können -- viel Gutes wäre, nebenbei gesagt, nicht zu
-berichten gewesen -- nur so viel sei erwähnt, hätte gehandelt werden
-dürfen, wie es uns Deutschen hier zu jener Zeit ums Herz war, mit der
-kleinen Zahl jener Abenteurer, die desto lauter schrieen, je mehr sie
-beachtet wurden, wäre bald genug aufgeräumt worden; es wäre ein Glück
-für Land und Volk, eine wahre Wohlthat für uns Deutsche gewesen!
-
-Es lag mir viel daran, den Mann gelegentlich kennen zu lernen, in
-dessen schwachen Händen das Geschick Samoas lag, um dessen Gunst so
-viel Ausländer buhlten, dessen Macht ein Schein, dem nur sein Anhang --
-die stolzen, selbstbewußten Häuptlinge -- die Königskrone sicherten.
-Der Zufall fügte es, daß ich auf einem Spaziergange nach Mulinuu
-einen langansässigen Deutschen traf, der mir behülflich sein wollte,
-den König sprechen zu dürfen. Während kein Samoaner wagen darf, ohne
-Erlaubniß den geheiligten Grund zu betreten, auf welchem sein König
-wohnt und auch dann nur unter Beobachtung gewisser Zeremonien, fanden
-wir dort ungehinderten Zutritt und, ohne nach unserm Begehr gefragt zu
-sein, näherten wir uns dem im Schatten seines Hauses sitzenden Könige
-Maliatoa.
-
-Die Gastfreundschaft der Samoaner ist bekannt, und ihr König ist nicht
-minder bestrebt, solche seinen Gästen gegenüber auszuüben. Seine braune
-Majestät hieß uns willkommen und führte uns in den großen Vorraum
-des mit vielem Kunstsinn aufgeführten Palastes und lud uns ein, auf
-den mit Matten bedeckten Holzkisten Platz zu nehmen. Darauf rief der
-König dienstbare Geister, wohlgenährte Samoanerinnen erschienen und
-ließen sich geschäftig im Hintergrunde des Zimmers nieder. Schnell
-waren Steine, Becken und Wasser herbeigeschafft, das Zerklopfen der
-Kavawurzel begann und nach kurzer Zeit schon wurde durch Händeklatschen
-das Zeichen gegeben, daß der Trank bereitet sei.
-
-Mit vieler Grandezza sich auf ein Knie niederlassend, reichte eine junge
-Maid dem Könige zuerst die Kokosschale, wurde aber bedeutet, diese
-seinen Gästen erst zu reichen. Da nahm ich sie in die Hände und leerte
-sie mit einem Zuge, obgleich sie wohl einen halben Liter faßte; das
-Wort „_fafataii_“, d. h. danke, war ich kaum im Stande, vernehmbar
-auszusprechen, so hatte das etwas starke Getränk mir den Athem
-genommen. Während dessen setzte sich der König würdevoll nach samoaner
-Art mit untergeschlagenen Beinen, auf weichen, feinen Matten vor uns
-nieder und eröffnete erst die Unterhaltung, als auch er die Schale
-geleert und seinen Gästen Bescheid gethan hatte.
-
-Mit ausgesuchter Höflichkeit lenkte Maliatoa, nachdem er erfahren,
-daß nur der Wunsch uns hergeführt hatte, ihn kennen zu lernen (was
-besonders auf mich Bezug hatte), das Gespräch auf unsern großen Kaiser,
-er stand auch auf und holte unter anderen Sachen ein wohlgelungenes
-Bildniß des Kaiser Wilhelms herbei und fragte uns, ob der mächtige,
-deutsche Kaiser mit diesem Bilde sprechende Aehnlichkeit habe, wie
-ihm versichert worden sei. Unsere Bestätigung befriedigte ihn, und
-für einen Augenblick im Anschauen des Bildes versunken, fragte er dann
-plötzlich, wann ich eingelaufen sei und von welcher Insel ich gekommen
-wäre. Als ich Niua-fu erwähnte, lobte er die dort wachsenden großen
-Kokosnüsse; er wäre immer bestrebt, sagte er, solche zu bekommen und
-benutze sie gewöhnlich zur Auspflanzung, wenn anders nicht seine Frauen
-dieselben wegnähmen und zu Wasserbehältern oder Kavaschalen benutzten.
-Schiffsführer, die Niua-fu anliefen, brächten ihm mitunter schöne,
-große Nüsse mit, es wäre aber selten der Fall, weil dort wohl nur
-wenige Schiffe zu Anker gingen.
-
-Das Letzte war mehr eine Frage an mich, und die Höflichkeit gebot,
-diese so zu verstehen, als sei es ein ausgesprochener Wunsch, darum
-erbot ich mich sofort, diesen zu erfüllen, sobald mir Gelegenheit dazu
-gegeben wäre; ich wüßte zwar nicht, wohin ich beordert werden würde,
-aber solcher geringen Mühe wollte ich mich gerne unterziehen und
-gelegentlich Nüsse mitbringen. Dankend nahm Maliatoa das Anerbieten an.
-Dann wurde uns auf seinen Wink die zweite Schale Kava von schöner Hand
-gereicht, worauf wir uns bald vom Könige verabschiedeten.
-
-Während der kurzen Unterhaltung war es nicht uninteressant, zu
-beobachten, wie der König in nichts von den Gewohnheiten seiner
-Unterthanen abwich. Wie der Samoaner setzte er sich auf den mit Matten
-belegten Erdboden, stützte gewohnheitsgemäß den Oberkörper auf einen
-Arm oder gab bei nach vorne geneigter Haltung seinem Körper dadurch
-einen festen Stützpunkt, indem er die Ellbogen auf die fast flach
-am Boden liegenden Knie setzte. Bei solcher Haltung bleiben dann die
-Hände zur Vornahme beliebiger Verrichtungen frei. Wiewohl nach unseren
-Begriffen in der Haltung des Königs nicht allzuviel Majestätisches zu
-finden war, so gestehe ich doch offen, daß die ganze Erscheinung den
-Herrscher verrieth, dessen Blick Gehorsam zu heischen schien.
-
-Einige Monate später, ich war über Niuatobutabu nach Niua-fu beordert
-worden, löste ich meine Zusage ein, und kaufte dort die größten Nüsse,
-welche ich mit Hülfe des deutschen Agenten auftreiben konnte, für den
-König Maliatoa auf. Nach Apia zurückgekehrt, traf ich leider den König
-nicht in seinem Palaste bei Mulinuu an, ich gab daher die Kokosnüsse an
-anwesende Häuptlinge ab, die solche sogleich den aufwartenden Weibern
-einhändigten, somit mag der König wohl Recht haben, daß ihm geschenkte
-Nüsse meistens zu anderen Zwecken, als zur Auspflanzung Verwendung
-finden.
-
-Bei weiteren Reisen in der Südsee war ich insofern vom Glück
-begünstigt, als mir Gelegenheit gegeben wurde, auch die entlegensten
-Inseln der Samoa-Gruppe kennen zu lernen und dort Beobachtungen über
-Land und Bewohner zu machen. Auf solchen Fahrten zeigte freilich oft
-genug der gepriesene Stille Ozean ein recht unfreundliches Gesicht;
-widrige, stürmische Winde, gefährliche See, straften solche Bezeichnung
-Lügen. Ist man aber mit der wechselnden Eigenart der Witterung erst
-vertraut geworden, namentlich mit der unbeständigen, sogenannten
-schlechten Jahreszeit, so nimmt der Seemann alles ruhig mit in den
-Kauf und sucht dem Unfreundlichsten noch eine gemüthliche Seite
-abzugewinnen.
-
-In freier See, wenn dem Schiffe keine Gefahren weiter drohten, als
-durch Wind und Wetter, war ich immer zufrieden, hier war des Menschen
-Können den Elementen gewachsen, wenn diese es nicht gar zu böse
-meinten, hingegen vor gefährlichen Riffen auf schlechtem Ankergrunde,
-wo das Schiff gefährdet lag, schlich sich recht oft die Sorge bei mir
-ein.
-
-Kräftig hatte der Südost-Passat wieder eingesetzt, vor dessen Hauch
-das düstere Gewölk entfloh, das regenschwer oft genug über Land und
-Ozean gebreitet lag; ein dauernd heiterer Himmel lachte auf die blaue
-Fluth hernieder, deren schaumgekrönte Wellen sich im lustigen Spiele
-endlos jagten. Aufkreuzend gegen solchen steifen Wind und einer in
-Folge dessen recht bewegten See, brauchte ich, nach der Manua-Gruppe
-bestimmt, acht Tage, um die 130 Seemeilen lange Strecke von Apia bis
-zur Insel Ofu und Olosinga aufzusegeln; in Wirklichkeit aber hatte das
-Schiff annähernd 800 Seemeilen im Zickzackkurse zurückgelegt, ehe das
-Ziel erreicht war.
-
-Durchzieht die langgestreckte Insel Tutuila ein mächtiger Höhenrücken,
-der wegen seiner Form und Steilheit unübersteiglich ist, eine
-Basaltformation von solcher Zerrissenheit darstellend, daß thatsächlich
-zwischen der Nord- und Südküste keine Verbindung besteht, so bieten die
-beiden kleinen Inseln Ofu und Olosinga fast noch ein verzerrteres Bild
-vulkanischer Wildheit dar. Die Massen dieser Inseln, steil und hoch,
-gleich senkrechten Wänden aus der Tiefe des Meeres aufragend, zeigen
-nicht die stumpfe Kegelform vulkanischer Bildung, sondern die zackigen
-Bergspitzen sind hier und dort durchbrochen und getrennt, als wären
-diese durch Gigantenhände aufgethürmt worden, sie scheinen das Ergebniß
-übergewaltiger Eruptionen zu sein. Diese unzugänglichen Spitzen
-und Zacken, gesprengte Lavablöcke, ragen fast 3000 Fuß hoch über
-dem Meeresspiegel empor, in Wirklichkeit starre Zeugen einer längst
-entschwundenen Zeit, die auch hier einst die unterirdischen Gewalten
-schaffen und zerstören sah.
-
-An der Südseite der Insel Olosinga öffnet sich eine von Korallenriffen
-eingeengte Bucht, die durch vielzackige sehr steile Basaltfelsen
-abgeschlossen wird, namentlich sind drei spitze zusammenstehende Kegel
-auffallend und geben ein gutes Merkzeichen. Die große Wassertiefe in
-dieser Bucht bedingte es, daß ich sehr weit hineinlaufen mußte und
-erst ganz in deren Nähe Ankergrund fand; fast blieb für das Schiff
-kein genügender Raum frei von diesen zu schwingen, so nahe der Brandung
-war ich zu ankern gezwungen. Zudem war die Verbindung zwischen Schiff
-und Land nur zur Zeit des Hochwassers herzustellen, da das Riff ganz
-trocken fällt und nur während weniger Stunden des Tages, ebenso wie der
-Nacht, konnte Ladung an Bord geschafft werden.
-
-Eine schmale Fläche Landes liegt nur zwischen Strand und steiler
-Felswand, noch dazu bedeckt mit großen abgestürzten Lavablöcken,
-zwischen denen die Hütten der wenigen Bewohner dieser Insel zerstreut
-errichtet sind; aber wie drohend und kahl auch die gewaltigen
-Felsmassen von der Höhe herabschauen, ihnen zu Füßen auf fruchtbarster
-Erde, ja selbst aus jedem Felsspalt blüht und sprießt eine reiche
-Vegetation. Vornehmlich gedeihen hier der Kokosbaum und die Bananen
-vortrefflich, jener der genügsam ist, reckt am Felsengrat sowohl wie am
-Strande seine stolze Krone in die Lüfte und das in solcher Zahl, daß es
-sich verlohnt hatte hier eine kleine Handelsstation anzulegen.
-
-Die Händler an solchen entlegenen Orten, meistens Mischlinge, tauschen
-für geringe Waare den Ueberschuß an Nüssen von den Eingebornen ein
-und erzielen durch die Verarbeitung derselben zu Kopra für sich einen
-Gewinn, der ihnen sogar ermöglicht Ersparnisse zu machen, da ihre
-Bedürfnisse sehr gering sind. Zwei höchstens drei mal im Jahre versieht
-ein Schiff die Händler mit Tauschartikeln und holt die erhandelten
-Erzeugnisse ab, daher ist denn auch das Einlaufen eines Fahrzeuges
-immer ein Ereigniß von Bedeutung, sowohl für den Händler wie für die
-Eingebornen. In der Station Olosinga, die seit Kurzem durch einen von
-der Insel Tau hierher übergesiedelten Zwischenhändler errichtet war,
-schien hier ein weißer Mann kaum je gesehen worden zu sein, denn sowohl
-der älteste Greis wie der jüngste Sproß waren am Strande versammelt
-als ich landete und Neugierde mit auffallender Scheu gepaart, ließ sie
-die fremde Erscheinung anstarren; namentlich die Kinderschaar fürchtete
-sich und anfänglich genügte eine rasche Bewegung meinerseits schon die
-neugierige Menge auseinander zu treiben. Das kleine Haus des Händlers,
-mit dem ich den geschäftlichen Theil abzuwickeln hatte, war schon, noch
-ehe ich eintrat, voll von Menschen, so daß die Jüngeren herausgetrieben
-werden mußten, um Raum zu schaffen.
-
-Angenehm ist solches Anstarren und Umdrängtwerden nicht, und mancher
-würde es höchst lästig finden; weiß man aber, daß barsche Worte wenig
-nützen, zumal den Erwachsenen gegenüber nicht, so erduldet man schon
-solche Unbequemlichkeit, bald kommt man auch zu der Ueberzeugung
-wie vortheilhaft es ist, da bald die Neugierde dieser Naturvölker
-gestillt ist, Vertrauen erweckt zu haben. Frauen und Kinder laufen
-nicht ängstlich davon, Männer gehen nicht mit scheelen Blicken an einem
-vorüber, das „_talofa, ali_,“ guten Tag, Herr, hat einen freundlicheren
-Klang; ich muß sagen, natürliche oder sogar erzwungene Ruhe, die ein
-Europäer zeigt, imponirt den Eingebornen am meisten.
-
-In diesem Falle war es ein kurzer Sprung von auffälliger Scheu bis
-zur Vertraulichkeit. Der Händler wurde von allen Seiten mit Fragen
-bestürmt, seine Angaben schienen einigen Erwachsenen aber nicht zu
-genügen; diese wollten durchaus wissen, ob ich auf der Brust ebenso
-weiß sei wie im Gesicht und obwohl die Frage eigenthümlich genug klang,
-so war sie doch ernst gemeint, denn sie öffneten mein weißes Hemde und
-überzeugten sich selbst davon -- das war ihnen genügend, befriedigt
-gingen sie fort. Nun war nach Verlauf einer halben Stunde die erst so
-große Neugierde aller gestillt; ein Anstarren, geschweige denn eine
-Belästigung kam nicht mehr vor, höchstens trat ein kleiner Bursche noch
-heran und wagte mich um ein Stückchen Tabak anzusprechen.
-
-Zu den Pflichten eines Schiffsführers gehört es, stets für den Empfang
-einer Schiffsladung die Ladescheine zu zeichnen; so war es auch hier
-(gleichwie an anderen Orten war ich der einzige Europäer), es war
-meine Aufgabe, die zu empfangende Menge Kopra abzuwiegen. Schon um den
-Aufenthalt hier unter den gefährlichen Riffen abzukürzen, wurde die
-Verschiffung der Ladung auch während der Nacht bei lodernden Feuern,
-die immer von Neuem mit trockenen Palmenrippen angefacht wurden,
-ausgeführt. Dabei nun leisteten uns einige Kinder Gesellschaft, die
-es vorzogen wach zu bleiben, um die Feuer zu unterhalten. Unter diesen
-war ein etwa siebenjähriges Mädchen von auffallender Schönheit, wie ich
-noch keins unter farbigen Völkern gesehen; es mag sein, daß die leicht
-gebräunte Hautfarbe dies Kindergesicht so anziehend und interessant
-machte, so viel wenigstens kann ich behaupten, dieses Naturkind konnte
-mit seinen weißen Schwestern wetteifern und sich den Hübschesten seines
-Geschlechts an die Seite stellen. Manches hübsche Mädchen habe ich
-zwar unter den Samoanerinnen gesehen, ein solches aber, wie dieses in
-dieser weltentlegenen Gegend aufgewachsen, nicht wieder. Unter anderem
-erhielt ich noch Kenntniß von einem unterseeischen Vulkan, der sich an
-der Ostseite der Insel Olosinga befindet. Ich zog darüber Erkundigungen
-ein, erfuhr aber nur Folgendes: Die älteren Bewohner haben vor einer
-Reihe von Jahren einen Ausbruch desselben beobachtet, dabei aber
-nur leichte Erschütterungen des Bodens, sonst nichts Auffallendes
-wahrgenommen, und seit jener Zeit sei an der bezeichneten Stelle im
-Ozean weiter kein Ausbruch erfolgt. Immerhin ist das Vorhandensein
-eines solchen Vulkans, auch wenn ihn die Fluthen des Meeres bedecken,
-eine gefährliche Nachbarschaft und ein Zeichen, daß die Naturkraft
-fortbesteht, die diese gewaltigen Basaltmassen aufgethürmt hat, wenn
-auch längst die Krater dieser Inseln erloschen sind.
-
-Die größte der Inseln in der Manua-Gruppe ist Tau, ebenfalls
-vulkanischen Ursprungs, an Umfang aber viel bedeutender noch als Ofu
-und Olosinga zusammen genommen; in der Mitte dieser Insel erheben
-sich gegen 3000 Fuß hohe Krater, deren Umgebung indeß weniger wild
-und zerrissen erscheint, da sie von der Hügel- zur Bergform übergeht
-und ausgedehntes Vorland die ganze Erhebung umgiebt. Fraglos ist
-es, daß auf gehobenem Korallengrunde im Laufe der Zeiten die flachen
-Landstrecken gebildet wurden, die wiederum ein weites Riff umgiebt,
-das stetig an Ausdehnung durch den Fortbau der Korallenpolype gewinnt.
-Nimmt auch die Kratergegend den bei weitem größten Flächenraum
-dieser 16 Seemeilen im Umfang großen Inseln ein, so hat sich doch auf
-verwittertem Lavagrunde eine reiche Pflanzenwelt entfaltet und von
-See aus gesehen erscheint dieselbe sich bis zu den hohen Bergkuppen
-ausgedehnt zu haben; vor allem sind die Umgebungen der Dörfer Tau,
-Siufanga, Faleasao an der West- und Nordwestseite von ausgedehnten
-Kokospflanzungen umgeben. Bestimmt von Olosinga zunächst nach Tau zu
-segeln, mußte ich hier, nachdem mit Schwierigkeit Waaren gelandet,
-auch der Vertreter der deutschen Handelsgesellschaft abgeholt war,
-nach Faleasao weiter fahren, wo in der guten Jahreszeit der sicherste
-Ankerplatz sein sollte. Hier befand sich auch der Hauptstapelplatz
-für Kopra. Als ich vor Faleasao ankam, schien mir dort der Ankerplatz
-nahe dem Riffe einigermaßen sicher und ein Landen nicht zu schwierig
-zu sein. Weht der Südostwind, so hat Faleasao wohl den Vorzug der
-gesichertste Ort für ein Schiff zu sein, da sich hier ausgedehnte
-Korallenflächen unter Wasser hinstrecken, wenn auch bei schnell
-zunehmender Tiefe; weht derselbe aber östlicher, wie ich es fand, so
-läuft die schwere See längs der kreisförmigen Insel auf und erzeugt
-selbst hier noch eine gefährliche Brandung.
-
-Von einem Schiffe aus gesehen scheint freilich eine Brandung nie so
-schwer als sie in Wirklichkeit ist, befindet man sich aber mit einem
-Boote in derselben, erkennt man erst die gewaltige Kraft der mit großer
-Geschwindigkeit heranrollenden und sich überstürzenden Wogen.
-
-Genöthigt zu warten bis Hochwasser eingetreten war, wodurch am
-Riffe die Brandung vermindert wurde, machten wir doch beim ersten
-Landungsversuch eine unliebsame Bekanntschaft mit derselben. Obgleich
-die Bootsbesatzung tüchtig und geübt war, überlief uns dennoch die
-See; in dem Augenblicke, wo es galt, mit aller Kraft zu rudern, um
-die hinter uns brechende Woge nicht über das Boot stürzen zu lassen,
-unterlief die Kraft der neben dem Boote aufrollenden Vorwelle den
-Riemen (Ruder) eines Mannes, den dieser nicht schnell genug zu heben
-vermocht hatte. Trotz der Anstrengung des Steuerers wirbelte im
-Augenblick das Boot herum, die Welle brach über das breitseits liegende
-Boot herein, überschlug dasselbe, und Menschen, Boot und dessen Inhalt
-bildeten ein Chaos, daß die brüllende Woge strandaufwärts trug. Weil
-ich selbst kein Schwimmer war, und keinen Grund unter den Füßen fand,
-so wurde für mich die Lage bald bedenklich, zumal da ich nichts zu
-sehen im Stande war, und nur donnerndes Brausen mir in den Ohren
-gellte. Ein Spielball des Wassers, mußte ich das Schlimmste befürchten,
-wenn die rücklaufende Welle mich mit sich riß; aber plötzlich fühlte
-ich einen Halt, ein Eingeborner der Bootsbesatzung hatte mich gefaßt,
-ehe es zu spät gewesen, ich fand auch gleich wieder Grund und tummelte
-fort, nur beschleunigte die nächste Welle mein Bestreben, den Strand
-zu gewinnen dermaßen, daß ich durch den heftigen Stoß ziemlich unsanft
-auf die spitzen Korallen geworfen wurde; aber abgesehen von einigen
-Verletzungen an den Händen kam ich noch glimpflich davon. Weitere
-Verwundung erhielt keiner, nur der Mann, dessen Ungeschick alles
-verschuldet hatte, hatte sich den Kopf verletzt. Zum Glück war auch das
-große von Tau mitgenommene Brandungsboot unbeschädigt geblieben, die
-Besatzung desselben, an solche Fahrten gewöhnt und aus guten Schwimmern
-bestehend, wußte mit Geschick einen verderblichen Aufstoß des Bootes
-auf den harten Korallengrund zu vermeiden. Schnell war das Mißgeschick
-vergessen. Das Boot wurde ausgeschöpft und flott gemacht, dann mit dem
-Verschiffen der Ladung begonnen. Freilich manchmal glaubten wir Boot
-und Ladung nicht wieder zu sehen, wenn es in der Brandung verschwand
-oder in Gefahr war, von einer steilen Woge überworfen zu werden.
-
-Soweit die Leute Grund unter den Füßen hatten, schoben sie das Boot
-stets hinaus, dann wurde gewartet, bis drei schwere Seen herangelaufen
-waren, sofort aber hinter der dritten schwang sich die Besatzung in das
-Boot und ruderte mit aller Kraft der vierten, gewöhnlich schwächsten
-Woge entgegen, die passirt sein mußte, ehe sie sich brach; gelang dies
-nicht, kam häufig das Boot fast sinkend längsseit des Schiffes und es
-entstand dadurch eine Verzögerung.
-
-Dem Manne, der mich flüchtig gestützt, als ich kraftlos ein Spiel
-der Wogen gewesen, gab ich auf Anrathen des Händlers eine Hand voll
-Stangentaback, kaum aber hatte derselbe begriffen, daß solcher sein
-Eigenthum sein solle, als er wie besessen umhersprang, immer wieder
-sein „_fafataii_“, danke, brüllend, bis sich seine Genossen um ihn
-geschaart und er schnell die Hälfte seines Geschenkes los geworden war.
-
-Das Rauchen ist unter den Eingebornen der Südsee stark verbreitet,
-daher ist eigens für sie zubereiteter, kräftiger Taback ein bedeutender
-Tauschgegenstand geworden. Selten nur findet man die Tabackpfeife in
-Gebrauch, dagegen kommt allgemein die Cigarette in Anwendung, die mit
-Vorliebe von beiden Geschlechtern geraucht wird. Sehr oft habe ich
-mich ebenfalls derselben bedient und gefunden, daß der Europäer in
-der Hütte des Eingebornen stets willkommen ist, der seinen Vorrath mit
-ihnen theilt, wenigstens aber so viel abgiebt, um das augenblickliche
-Bedürfniß zum Rauchen zu befriedigen. Einfach genug ist die Herstellung
-einer Cigarette, als Umhüllung dient ein Streifen vom getrockneten
-Bananenblatt; der Taback, aus zusammengepreßten Blättern bestehend
-und meistens feucht, wird nach Bedarf auseinander gewickelt, über ein
-entzündetes Streichholz oder eine kleine Flamme, auch über Kohlengluth
-etwas angeröstet, eigentlich nur dadurch betrocknet und dann in den
-bereitgehaltenen Streifen eingewickelt. Auf diese Weise ist eine
-Cigarette schnell genug angefertigt; diese geht dann von Hand zu
-Hand und hat Jeder durch einige Züge das augenblickliche Verlangen
-befriedigt, so wird der Rest der Cigarette von einem der Anwesenden
-hinter der Ohrmuschel so lange aufbewahrt, bis sich wieder das
-Bedürfniß zum Rauchen einstellt.
-
-Es erwies sich übrigens als leichter, mit einem schwerbeladenen Boote
-gegen die starke Brandung zu rudern, als mit dem leeren vor derselben
-zu laufen, im letzteren Falle meistens von dem Kamme einer Woge
-riffaufwärts getragen, wird das Boot von ihr schließlich überlaufen und
-die darauf folgende gefährdet es. Zweimal geschah es während der 60-70
-Fahrten, welche das Boot zum Schiffe hin und zurück machen mußte, daß
-dieses in der Brandung überworfen wurde, jedoch ohne weiter Schaden
-zu nehmen. Ich habe manche Brandung an Korallenriffen mit weniger
-tüchtiger Mannschaft und schwächeren Booten passirt, bin aber niemals
-später genöthigt gewesen, wie hier, bei so hohem Seegange Ladung
-abzunehmen. Diese See, eigentlich nur längs und auf das Riff laufende
-Roller, war schon schwer genug; eine Möglichkeit hätte es aber nicht
-mehr gegeben, durch die Brandung zu kommen, wenn auch nur ein leichter
-Wind die Wogen verstärkt hätte; diese sind übrigens desto gefährlicher,
-je weiter vom Strande entfernt abflachender Grund der Wassermasse
-gestattet sich aufzurollen.
-
-Des Ungeziefers, welches mit einer Kopraladung an Bord gebracht wird
-und sich dort schnell einnistet, habe ich früher Erwähnung gethan,
-namentlich der Ameisen und der Kakerlaken. Mich jener zu erwehren,
-wenigstens sie möglichst aus der Kajüte zu vertreiben, wurden Fugen
-und Ritzen im Holz mit Petroleum angefeuchtet oder gut verkittet;
-solche Mittel lohnten zwar nicht viel, aber eine Zeit lang wenigstens
-etwas; hingegen die Kakerlaken zu vertreiben, wollte nichts verfangen.
-Unglaublich vermehren sich die bis zu 1½ Zoll und darüber wachsenden
-Thiere; da sie an feuchten Stellen mit Vorliebe sich aufhalten, ist
-ihnen zwischen den Rippen des Schiffes nicht beizukommen. Selbst wenn
-ich zeitweilig eine Ausräucherung des ganzen Schiffes mit Kohlengas
-vornahm, um die nicht minder lästigen Ratten zu vertilgen, gelang
-es wohl, die schlimmen Nager zu tödten, die meistens in der Nähe
-der erloschenen Kohlenbecken, wo sie wegen des hierher strömenden
-Sauerstoffes am längsten zu leben vermochten, aufgefunden wurden; den
-Kakerlaken hingegen schadete solche Ausräucherung nichts.
-
-Bei Tage nicht sichtbar, kommen die Kakerlaken Abends aus ihren
-Verstecken hervor, dann aber ist es in geschlossenen Räumen nicht
-auszuhalten, so groß ist die Menge der Thiere. Sehr lebhaft aber werden
-sie und die, welche fliegen können, schwirren umher, sobald sich eine
-Aenderung im Wetter bemerkbar macht; ich beobachtete, daß jedesmal
-Regen eintrat, wenn die Kakerlaken zu fliegen begannen.
-
-Doch nicht nur sehr unangenehm und widerwärtig sind diese Thiere,
-sondern sie sind auch im Stande, empfindlichen Schaden anzurichten;
-man darf kein unreines Zeug oder Leibwäsche frei liegen lassen, soll
-solche nicht angefressen werden. Anfänglich, ehe ich dahinter kam, maß
-ich den Ratten die Schuld bei, wenn mir gute wollene Hemden verdorben
-wurden. Glücklicherweise gab mir der Zufall ein Mittel an die Hand,
-diese Kakerlaken nach Möglichkeit zu vernichten. Eine entleerte Flasche
-Bier war unabsichtlich in eine leere Koje gesetzt worden und zwar so,
-daß es den durch den Biergeruch angelockten Thieren möglich geworden
-war, den Hals der Flasche zu erreichen und hinein zu kriechen. Einmal
-hinein gab es kein Zurück mehr, und ich fand, einem widerlichen Geruch
-nachspürend, diese Flasche ganz angefüllt mit todten Kakerlaken.
-
-Später ließ ich denn auch frisch geleerte Bierflaschen aufstellen
-und konnte bald, da oft Hunderte in einer Nacht gefangen wurden, eine
-Abnahme bemerken. Auf längeren Reisen, wenn der geringe Vorrath an Bier
-ausgetrunken war, setzte ich entweder eine Schüssel mit Seifenwasser
-oder mit einem Zusatz von Syrup den Kakerlaken hin und richtete es
-so ein, daß sie bequem hineinkommen konnten; war es auf solche Weise
-auch nicht möglich, die Thiere auszurotten, weil sie sich zu stark
-vermehrten, so wurde doch ihre Zahl sehr vermindert.
-
-In späterer Zeit hatte ich leider nie wieder Gelegenheit, die
-Manua-Gruppe anzusegeln und meine Beobachtungen zu vervollständigen,
-dagegen wurde ich mit den Tonga-Inseln, ihrer Beschaffenheit und
-Bevölkerung, vertrauter, da ich meistens längere Reisen durch diese
-ausgedehnte Gruppe zu machen hatte.
-
-Der bereits geschehenen Erwähnung, daß in freier See sowohl, wie unter
-den zahlreichen Inseln, eine große Zahl Haifische zu finden ist, wollte
-ich noch näher darauf eingehen, in welcher Weise es mir gelang, eine
-beträchtliche Anzahl dieser gefährlichen Meerbewohner zu fangen, die
-zum Theil dann von meiner Schiffsbesatzung verzehrt wurde. Möglich
-ist der Fang des Haifisches nur bei ruhiger See und bei Windstille;
-er wird um so leichter, wenn der Hai hungrig ist und nach allem gierig
-schnappt, was über Bord geworfen wird. War also Windstille eingetreten,
-wiegte das Schiff sich steuerlos auf der blauen Fluth, so währte es
-gewöhnlich nicht lange und die Rückenflosse eines oder mehrerer Haie
-wurde sichtbar, die langsam näher kamen und entweder hinter dem Schiffe
-verblieben, wenn dessen Fahrt vielleicht noch gering war, oder sonst um
-dieses herumschwammen.
-
-Kamen die Thiere nicht nahe genug heran, so wurde eine Lockspeise an
-dünner Leine befestigt, jedoch so, daß diese der Hai wohl befühlen,
-aber nicht erfassen konnte; die Leine wurde nämlich schnell eingeholt,
-sobald der Hai sich auf den Rücken legte und zuschnappen wollte.
-War der Hai erst gierig gemacht, so folgte er dem Köder schneller,
-besonders, wenn es ihm doch gelungen war, ein Stückchen Fleisch zu
-erfassen.
-
-Auf diese Weise bis dicht unter das Heck des Schiffes gelockt, schwamm
-der Hai achtlos auf die Gefahr, welche ihm drohte, in die weit in
-das Wasser reichende Schlinge hinein, schnell diese fallen gelassen
-und zusammengeholt, war solch großer Fisch immer gefangen, weil ein
-Uebergleiten der Schlinge wegen der unbiegsamen Schwanzflosse nicht
-mehr möglich war. Bot sich eine Gelegenheit in der Nähe der Insel Upolu
-einige Haie zu fangen, und war das Schiff nicht allzufern dem Hafen von
-Apia, gestattete ich der Besatzung meistens die Fische aufzubewahren,
-die dann außenbords in den Rüsten oder unter dem Bugspriet aufgehängt
-wurden, denn der Fischgeruch war nicht besonders angenehm. Verzögerte
-sich die Ankunft aber und hatte die heiße Sonne schon zersetzend
-eingewirkt, ließ ich die Haie losschneiden, was von den Samoanern immer
-bedauert wurde; hingegen, wenn wirklich ein todter Hai mitgebracht
-werden konnte, gab es einen Festschmaus bei den Anverwandten am Lande.
-
-Anstoß an dem strengen, widerlichen Geruch des Fisches nahmen die
-Samoaner nicht, vielmehr durch eingetretene Zersetzung ward das Fleisch
-desselben mürbe, das sonst hart, zähe und trocken ist. Aus Noth habe
-ich auch einmal versucht, das zubereitete Fleisch eines jungen, frisch
-gefangenen Haies zu essen, aber es wollte selbst gebraten nicht munden,
-obgleich sicher ein gewisser Widerwille das meiste dazu beitragen
-mochte.
-
-Das Gebiß eines großen Haifisches ist furchtbar, die vorderen festen
-Zähne im Unter- und Oberkiefer sind an der Wurzel breit und flach
-und scharf wie ein Messer, die Zähne fassen so ineinander, daß alles,
-was der Hai erfaßt, von diesen durchschnitten wird. Hinter den festen
-Vorderzähnen liegen noch sechs Reihen ebensolcher, jede kleiner als die
-andere und in den Rachenmuskeln beweglich. Faßt der Hai eine Beute,
-ist er nicht im Stande, solche wieder fahren zu lassen; die hinteren
-Zahnreihen richten sich auf und geben einmal Gefaßtes schwerlich wieder
-frei.
-
-Einmal, in der nördlichen Einfahrt von Tongatabu (ich war zwischen den
-Riffen von Windstille befallen worden) hielten sich schon längere Zeit
-zwei mächtige Haie von seltener Größe beim Schiffe auf. Schließlich
-machte ich mich daran, da diese Thiere ohne Scheu längsseit kamen,
-einen mit der Schlinge zu fangen. Ohne daß Köder angewandt war,
-hatte sich bald eines der Unthiere in der Schlinge festgelaufen; am
-Schwanz gefangen, peitschte der Hai wüthend das Wasser und die Leute
-hatten zu thun, das starke Thier zu halten, das erst jeden weiteren
-Versuch sich zu befreien aufgab, als es ermattet an der Schiffsseite
-hochgezogen war.
-
-Der zweite Hai, der anfänglich gleich verschwunden, kam bald wieder zum
-Vorschein und so nahe an seinen gefangenen Gefährten heran, daß auch
-er nach einigen Versuchen demselben Schicksal verfallen war. Die Leute
-sollten nun den zweiten nicht zu nahe dem schon hochgezogenen aufholen,
-aber in ihrer Hast zogen sie das heftig um sich schlagende Thier doch
-nahe an dem ersten Hai vorbei und dieser, ebenfalls unruhig gemacht,
-wohl auch von dem Schwanze des zweiten getroffen, schwang seinen
-Oberkörper im Wasser hin und her, dabei den mächtigen Rachen auf- und
-zuschnappend.
-
-Solange der Hai noch im Wasser war, sträubte er sich mit seiner ganzen
-Kraft und folgte nur widerwillig der angewendeten Gewalt, er entriß
-auch den Händen der Leute das Tau, ehe dasselbe befestigt werden konnte
-und schoß seitwärts in die Tiefe. Indeß da das Tau, womit der Hai
-gefangen worden war, zum Aufhissen eines der Vordersegel diente und an
-diesem befestigt war, so vermochte er nicht zu entkommen. Als er wieder
-herangeholt war, sollte gewartet werden, bis er sich müde gearbeitet
-hätte; aber übereifrig geworden, zogen die Leute weiter und als sie
-unachtsam wieder dem ersten Hai zu nahe gekommen waren, hielten sie
-plötzlich das lose Tau in Händen. Der hängende Hai hatte nämlich nach
-dem Schwanze des zweiten geschnappt, die halbe Flosse mitsammt dem
-starken Tau durchbissen und so seinem Gefährten die Freiheit gegeben.
-Ein kurzer, aber gewaltiger Schlag war es, den dieser Hai führte, als
-er gebissen sich zur Wehr setzte, doch bald schoß er frei mit einer
-Geschwindigkeit hinweg, wie man solche diesen sonst trägen Thieren
-nicht zutrauen sollte.
-
-Um nun den gefangenen Hai, dessen Körper noch halb im Wasser
-niederhing, sicher an Deck zu bringen, mußte ihm eine zweite Schlinge
-oberhalb der Rückenflosse umgelegt werden; an dieser wurde das Thier
-dann hochgezogen, der Schwanzwirbel durchgeschlagen und erst, als es
-sich verblutet hatte, an Deck genommen. Das Thier maß etwas über 13
-Fuß und hatte ein furchtbares Gebiß. Dieses sollte später ein Tonganer
-für mich präpariren und reinigen, nachdem der Kopf wochenlang in
-Salz-Seewasser gelegen und alles Fleisch sich abgelöst hatte; ich sah
-aber nie etwas davon wieder, es hieß, die Kiste mitsammt dem Kopfe des
-Haies, die am Riffe versenkt worden war, sei verschwunden.
-
-Auf meiner zweiten Reise, von Apia nach Tongatabu, lief ich, von
-Vavau kommend, westlich von der ganzen Tongagruppe, und befand mich
-eines Tages im Mai 1885, als voraus die Basaltkegel Hunga-hapei und
-Hunga-tonga gut in Sicht gekommen waren, nicht allzufern von den in der
-Karte angeführten Culebrasriffen. Mein Kurs, der südwärts gerichtet
-war, mußte mich gerade darauf führen. Aber als ich die hohen Inseln
-Kao und Tofua in Deckung gebracht hatte -- die Kreuzpeilung von der
-Insel Namuka und Hunga-tonga ergab, ich müsse zwischen den Riffen mich
-befinden -- wollte von den Riffen nichts sichtbar werden. Vergeblich
-hielt ich selbst von den Masten aus Umschau, ich konnte weit in der
-Runde kein Riff, noch flacheres Wasser sehen und ebensowenig die noch
-schärferen Augen meiner Leute.
-
-Fünf Monate später bekam ich auf ebensolcher Reise, die Hapai-Gruppe
-anlaufend, in Lefuka einen Lootsen als Passagier an Bord, der sich
-erbot, mir den Weg durch die Riffe der Kotu- und Namuka-Gruppe zu
-zeigen. Ich nahm das Anerbieten an, schon weil der Weg kürzer war
-und ich auch wußte, dieser Mann kenne die Durchfahrten ganz genau. Es
-war am Nachmittage des 12. October 1885, die Insel Namuka in Sicht,
-hielt ich den Kurs nach der freien See zu, um nicht während der Nacht
-zwischen gefährlichen Riffen laviren zu müssen.
-
-Westwärts mit freiem, leichtem Winde zog das Schiff, ich konnte hoffen,
-ehe die Nacht hereinbrach, die freie See zu gewinnen, bevor, wie
-ich fürchtete, westlicher Wind, der in der Ferne mächtige, drohende
-Wolkenmassen aufballte, mein Vorhaben, Namuka zu umsegeln, vereitelte.
-Keiner anderen Annahme konnte ich Raum geben, so ungewöhnlich in dieser
-Jahreszeit mir auch eine Aenderung in der Witterung erscheinen wollte,
-als der, es müsse ein schwerer Sturm heraufziehen. Das schönste Wetter
-war um uns, der Himmel blau und klar, ich konnte nicht verstehen,
-da auch das Barometer immer noch keine Aenderung zeigen wollte,
-was im Westen das Anstürmen der Wolkenmassen, die dunkel wie die
-heraufziehende Nacht waren, zu bedeuten habe.
-
-Unverändert, den ganzen Horizont im Südwesten bedeckend, blieb diese
-Erscheinung. Wider Erwarten entwickelte sich nicht ein heraufziehender
-Sturm, auch nicht das Gewölk, welches ein solcher vor sich hertreibt.
-Ein Räthsel war es, dessen Lösung ich nicht fand.
-
-Die Nacht brach herein, herrlich glänzte über uns der Sternenhimmel
-einer friedevollen Tropennacht. Nur von den Riffen, die die Insel
-umgeben, schallten vereinzelte Stimmen über das stille Gewässer,
-dort rüsteten sich die Bewohner zum Fischfange, und bald leuchteten
-die Kokosfackeln in den zahlreichen Kanoes auf, eine Beleuchtung,
-wie solche stimmungsvoller nicht der ganzen Umgebung angepaßt werden
-konnte.
-
-Aber auch die tiefdunkle Nacht in der Ferne wurde erleuchtet,
-Feuergarben zuckten zum Himmel empor, momentan die dunkle Masse wie
-mit magischem Lichte erhellend. Unerklärlich, wußte ich doch, daß
-dorthin auf hunderte Seemeilen kein Land zu finden war; die kleinen
-Felseninseln Hunga-tonga und Hunga-hapai lagen südlicher. Es war nicht
-der Blitz, der durch die Wolken zuckte, aus der Tiefe des Meeres herauf
-glühte es, sekundenlang immer wieder mit graufahlem Schimmer, mit
-blitzendem Feuerschein, den Horizont durchleuchtend.
-
-Nichts veränderte sich während dieser Nacht, das Phänomen blieb sich
-gleich, auch trotz der größer werdenden Entfernung, bemerkte ich keine
-wesentliche Veränderung; erst der neue Tag bleichte den Feuerschein,
-der, was ich schließlich als positiv habe annehmen müssen, nur von
-einem zum Ausbruch gelangten Vulkan herrühren konnte. In Nukualofa
-eingelaufen, erfuhr ich, daß am 11. Oktober ein zeitweise heftiges
-Erdbeben die Insel Tongatabu erschüttert habe, und die Feuergarben, die
-ich gesehen hatte, waren auch hier beobachtet worden.
-
-Natürlich war jedermann auf Tongatabu in Spannung versetzt, als nach
-meinen Angaben, die ich zu machen im Stande gewesen, kein Zweifel
-blieb, daß nördlich der Inseln Hunga-tonga und Hunga-hapai der Ausbruch
-eines unterseeischen Vulkans stattgefunden habe; das Erdbeben also
-hiermit in Verbindung zu bringen sei. Selbst begierig, den näheren
-Zusammenhang zu erfahren, kam ich mit Herrn von Treskow überein, das
-Schiff so schnell wie möglich abzufertigen, und ich nahm mir vor, so
-eingehend als möglich zu erforschen, welche Bewandtniß es mit dieser
-Erscheinung habe.
-
-Am 14. Oktober früh, nach eintägigem Aufenthalt, segelte ich wieder
-ab, und meinen Kurs direkt auf jene Gegend setzend, fand ich am
-Nachmittage, sobald die Felseninsel Hunga-tonga querab lag, daß in
-nordwestlicher Richtung eine neue Insel entstanden war, genau auf
-derselben Stelle, wo ich vor 5 Monaten vergeblich das in der Karte
-angegebene Culebrasriff gesucht hatte. Der frisch wehende Südost-Passat
-trieb das Schiff schnell vor sich her und ehe der Abend hereinbrach,
-war ich keine halbe deutsche Meile von dieser Insel und dem in
-furchtbarer Thätigkeit befindlichen Vulkan entfernt. An der Ostseite
-dieser neuentstandenen Erhebung, die etwa 300 Fuß hoch und ¾ deutsche
-Meile im Umfang haben mochte, befand sich ziemlich in der Mitte dicht
-am Strande der Krater. Am Südende der Insel stieg eine etwa 40 Fuß
-hohe, weiße Dampfsäule ebenfalls unmittelbar am Strande auf, die wie
-ein mächtiger Springbrunnen ununterbrochen emporschoß, und soweit ich
-es unterscheiden konnte, war es heißes Wasser.
-
-Hatte der Anblick dieser entfesselten Naturgewalt schon etwas
-Furchtbares, so wurde das grollende Rauschen, der gewaltigsten
-Brandung, dem dumpfen Rollen entfernter Donnerwogen vergleichbar, fast
-unheimlich. Meine Leute, Eingeborne der Samoa-Gruppe und der Insel
-Niue, erzitterten, und ich selbst konnte mich eines Schauders nicht
-erwehren. Die Sprache, möcht' ich sagen, ist zu arm, um das Empfinden
-bei solchem Anblicke wiedergeben zu können.
-
-Jede Minute brachen fünf gewaltige Rauchmassen aus dem tiefen Schlunde
-herauf, abwechselnd ein schwererer, dann ein etwas leichterer Ausbruch,
-unter diesen war immer einer, der mit solcher Gewalt zum Himmel fuhr,
-daß erst in gewaltiger Höhe die geballte Rauchmasse sich vertheilte;
-kaum daß der starke Wind seinen Einfluß ausgeübt hatte, war schon die
-nächste aus dem rauschenden, zischenden Schlunde emporgefahren.
-
-Mit diesem günstigen Südost-Winde, der mich, das wußte ich wohl, nicht
-im Stiche ließ, hätte ich es gewagt, so nahe als möglich heranzusegeln,
-obgleich die See, durch den starken Wind erregt, um mich schäumte und
-brüllte; es waren keine langgestreckten Wellen mehr, sondern ein Chaos
-weißköpfiger, tummelnder Wogen. Aber wie wohl ich bis zum Strande
-nirgends Brandung sah, fürchtete ich schließlich doch, daß mit der
-Insel auch Untiefen, die dem tiefgehenden Schiffe verderblich werden
-können, gehoben sein möchten.
-
-Ich stand hoch oben im Vordermast und schaute scharf voraus, bis
-plötzlich ein Blick unter mir auf die brausende See mich erschauern
-machte; einer gewaltigen Stromkabelung nämlich gleich war die See,
-durch welche mit schneller Fahrt das Schiff sich Bahn brach. Noch
-wartete ich, obgleich ich nicht mehr als eine Seemeile vom Krater
-entfernt war, da geschah ein furchtbarer Ausbruch, um den Krater,
-der noch immer die schwarzen Massen scheinbar direkt aus der See
-herausschleuderte, hoben sich die Wogen, was ich mit einem guten Glase
-deutlich unterscheiden konnte, als wallten sie auf von einer gewaltigen
-Kraft zurückgeschleudert, das Meer erzitterte, und ich fühlte das Beben
-des Schiffskörpers. Nun war es genug, die Unruhe meiner Leute war zu
-groß, ich mußte fürchten, ein plötzlicher Befehl würde ungeschickt
-ausgeführt werden -- in so unheimlicher Nähe einer solchen Naturgewalt
-hätten auch wohl andere Herzen gezittert -- und „hart an den Wind“
-durch das Zischen der See, durch das Brausen der Eruption, rief ich
-das Kommando. Da ich schwerlich von den Leuten verstanden wurde, war
-eine Handbewegung bezeichnender, unter dem Druck seiner Segel fuhr das
-Schiff herum und stampfte, seine Fahrt vermindernd, auf und nieder in
-dieser wild durcheinander laufenden Wassermasse.
-
-Als ich aber die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß keine Gefahr
-vorhanden, die Erschütterung nur durch den heftigen Ausbruch verursacht
-worden war, vergrößerte ich den Abstand nicht, und hielt, überall
-frei Wasser auch vor mir sehend, wieder nach Norden ab, nur lief ich
-nicht näher heran. Bald wurde um das Schiff die See wieder ruhiger,
-lief wenigstens gleichmäßiger und als ich die Nordspitze bei gleichem
-Abstande umsegelte, hatte ich große Lust, hier im ruhigen Wasser, an
-der Westseite zu landen. Doch freiwillig wäre keiner meiner Leute
-in das Boot gegangen und, da ich als einziger Europäer -- meinen
-Steuermann hatte ich in Apia für ein anderes Schiff abgeben müssen
--- mein Schiff nicht verlassen durfte, hätte der Anbruch des nächsten
-Tages abgewartet werden müssen, um eine genaue Ortsbestimmung vornehmen
-zu können, für diesen Tag war es zu spät.
-
-Mit dem Lothe die Tiefe zu sondiren und vorsichtig heranzulaufen hätte
-uns solche Untersuchung, obgleich auf einer Seemeile Abstand noch
-kein Grund gefunden wurde, viel Zeit weggenommen; auch lag eine tiefe
-Dämmerung, verursacht durch die über die Insel getriebenen Rauchwolken,
-an der Westseite. Einer tiefschwarzen Nacht fuhr ich entgegen, es war,
-als läge in ihr das Verderben vor uns.
-
-Diesen Plan gab ich auf, wendete und fuhr, beim Winde haltend, so
-weit wieder ostwärts, daß der Krater in seiner unheimlichen Schönheit
-vor Augen blieb. Bald kam der Abend, bald entzog die dunkle Nacht, da
-ich nun den richtigen Kurs wieder aufgenommen hatte, die Insel unsern
-Augen; nur der Krater spie fort und fort seine dunklen Massen empor,
-aber nicht mehr wie am Tage, wo das unterseeische Feuer nur hellgrau
-den Fuß der emporgeschleuderten Massen färbte, sondern jetzt glühte es,
-als wenn ein undenkbar gewaltiger Schlot seine Feuergarben zum Himmel
-sendete.
-
-Wie schnell das Schiff auch vor dem Winde seines Weges zog, so
-verminderte sich doch nicht diese gewaltige Erscheinung, und während
-dieser langen Nacht wandte ich kein Auge von diesem grausig schönem
-Schauspiele. Erst die im Osten aufsteigende Morgenröthe eines neuen
-Tages, die, wer sie einmal in ihrer Pracht auf dem endlosen Meere
-gesehen, nie vergißt, und immer wieder sehen möchte, bleichte den
-Schimmer der Feuersäule und in der hier friedevollen Natur zogen wir
-beflügelt unseres Weges dem fernen Ziele entgegen.
-
-Andere Schiffe nach mir haben diese Insel in Sicht gelaufen, aber viel
-größeren Abstand gehalten, nach den Berichten ist, soweit ich solche
-verfolgen kann, die Landmasse noch weiter gehoben worden, und der
-Krater noch lange in Thätigkeit gewesen; auch wird berichtet, daß am
-Südende später drei Dampfsäulen gesehen worden sind. Sehr leid hat es
-mir nachher gethan, daß ich nicht den nächsten Tag abgewartet und nach
-einer Möglichkeit gesucht habe, an der Nordwestseite eine Landung zu
-versuchen, nicht dem ersten Drange, die deutsche Flagge dort aufstecken
-zu lassen, gefolgt bin.
-
-Meinem Berichte über den Ausbruch dieses unterseeischen Vulkans und
-die Entstehung dieser neuen Insel, scheint das deutsche Konsulat in
-Apia keine Bedeutung beigemessen zu haben, bekannt geworden sind nur
-Berichte von englischer Seite und der des deutschen Kriegsschiffes
-„Albatros“, das wenige Monate nach mir, am 21. Januar 1886, die neu
-entstandene Insel sichtete. Direkt von Tongatabu nach der Insel Niua-fu
-bestimmt, fand ich dort die ganze Bevölkerung in großer Aufregung, denn
-heftige Erdbeben hatten zur selben Zeit auch diese Insel erschüttert;
-ein Ausbruch wurde erwartet. Der Hauptkrater, die drei Hügel im See,
-rauchten heftiger, dennoch wurde hier kein Ausbruch vorausgesetzt,
-vielmehr befürchtet, an irgend einer anderen Stelle würde ein solcher
-erfolgen.
-
-Eine Beruhigung für alle war die Kunde, die ich hierher gebracht, daß
-im Süden ein gewaltiger Ausbruch stattgefunden habe, die Annahme,
-ein Ausgleich der Naturkräfte hätte sich dadurch ergeben, wirkte
-beruhigend auf die Gemüther, zumal da schon während der letzten Tage
-die Erschütterungen auf Niua-fu immer schwächer geworden waren.
-
-Aber mag auch der Ausbruch jenes unterseeischen Vulkans ein Ableiter
-gewesen sein, am Ende des Jahres 1885 mehrten sich doch wieder die
-Anzeichen einer drohenden Gefahr; die heftigen Erschütterungen mehrten
-sich, bis plötzlich am Südende von Niua-fu ein sehr starker Ausbruch
-erfolgte, und ob ich auch nie wieder diese Insel betreten habe, hörte
-ich doch in den fernen Marschallinseln, daß die Verheerung durch
-fließende Lava auf Niua-fu furchtbar gewesen sein soll.
-
-Ein beschränktes Feld nur ist es, im Verhältniß zur ausgedehnten
-Inselwelt des großen Ozeans, dessen ich hier Erwähnung gethan, und doch
-im Gegensatz zu den einzelnen, erwähnten Inselgruppen, den niedrigen
-Koralleninseln, muß die beträchtliche Anzahl erloschener, und zum
-Theil noch thätiger Vulkane auffällig erscheinen. Sie alle aufzuzählen
-scheint mir unnöthig, zumal jede hohe Insel vulkanischen Ursprungs ist,
-fast ohne Ausnahme ließen sich auf allen erloschene Krater nachweisen.
-
-Bedenkt man nun, daß schon dieses kleine Gebiet seit grauer Vorzeit
-ein ausgedehnter Kraterheerd gewesen ist, worauf der Einfluß der stets
-thätigen Naturkraft Veränderungen hervorgerufen haben mag, deren
-Größe und Bedeutung wir heute kaum zu ermessen im Stande sind, so
-tritt, wenn wir die ganze ausgedehnte Inselwelt in Bereich der Frage
-ziehen, welchem Ursprung entstammen diese Ländermassen, unwillkürlich
-beim Nachdenken die Möglichkeit heran, wir könnten es hier mit einem
-ehemaligen, versunkenen Festlande zu thun haben. Und ganz erklärlich
-muß dies erscheinen, sofern nur in Betracht gezogen wird, daß
-bedeutende Umwälzungen und Veränderungen auf unserer Erdoberfläche
-stattgefunden haben, ehe die heutige Lage und Gestaltung stetig
-geworden ist. Wir wissen, daß die Festlande aus der Tiefe der Ozeane
-gehoben wurden, die mächtigen Gebirge als vereinzelte Inseln oder
-Inselmassen über die Oberfläche der Wasser hervorragten an denen sich
-dieselben Vorgänge, während zehn Jahrtausenden vielleicht abspielten,
-wie an den Vulkaninseln des heutigen stillen Ozeans.
-
-Fußen wir auf diese Theorie, dann sind die vereinzelten und
-zusammenhängenden Bergmassen im großen Ozean, die höchsten Punkte
-eines versunkenen, gewaltigen Festlandes deren vulkanischer Charakter
-im Laufe der Zeiten zur Erhöhung durch häufige, heftige Ausbrüche viel
-beigetragen hat. Die Koralleninseln, ebenfalls unter der Meeresfläche
-gesunkene Gebirgsrücken, auf denen es der Korallenpolype ermöglicht
-wurde sich anzubauen, haben die Thierchen trotz des langsamen,
-allmählichen Sinkens der Ländermassen immer höher und höher zur
-Meeresoberfläche gebaut, bis auch hier Stetigkeit eingetreten ist und
-ausgedehnte Inseln gebildet wurden.
-
-Die Tiefenverhältnisse im großen Ozean ergeben ein Bild, wonach
-mächtige Gebirgszüge diesen durchziehen, ausgedehnte Thäler
-umschließend, und zum Theil sehr steil anstreben bis zu 18000 Fuß und
-darüber; hohe Inseln im Ozean kämen demnach unsern höchsten Bergen
-gleich.
-
-Die Annahme nun, daß die ganze große Inselwelt ehemals eine
-zusammenhängende Landmasse gewesen, führt dahin, daß diese auch von
-verschiedenen Völkerstämmen bewohnt worden ist; streng geschiedene
-Rassen, vielleicht getrennt durch natürliche Grenzen, haben hierauf
-weite Strecken bewohnt. Im Westen die schwarze, die Papuarasse, ganz
-Melanesien umfassend, östlich davon die kupferfarbene, die Polynesier,
-und im Norden von beiden, Mikronesien, Mischarten der Malaien.
-Kann angenommen werden, daß die heutige Bevölkerung Ueberreste der
-Urbewohner sind, die durch Versinken der Landmassen isolirt wurden,
-wäre die Erklärung dafür gefunden, wie allmählich selbst die niedrigen
-Koralleninseln bevölkert worden sind. Denn der Drang nach Ausdehnung,
-Aufsuchen neuer Wohnsitze, kann nach ostwärts nur im beschränkten Maaße
-stattgefunden haben, die Strom- und Windverhältnisse im Ozean mußten
-Versuche auf großen Wasserflächen vereiteln, hingegen nach Westen
-begünstigen, zumal da bessere Verkehrsmittel als die heutigen Kanoes
-schwerlich den einzelnen Stämmen zur Verfügung gestanden haben.
-
-Der in früherer Zeit bei diesen Rassen und einzelnen Stämmen
-gebräuchliche Kannibalismus hat alle Spuren vertilgt, die über die
-Verbreitung derselben Aufschluß geben könnten, es bleibt also nur die
-Gewißheit übrig, daß die einzelnen Rassen ihr ursprünglich bewohntes
-Gebiet heute noch innehaben, was namentlich auf die Polynesier und
-Melanesier Bezug hat.
-
-
-
-
-IV. Die Marschall-Inseln.
-
-
-Sowie im Bereich der deutschen Handelsgesellschaft die ausgedehnte
-Tonga-Gruppe, früher auch die Vitji-Inseln, gezogen wurden, sind
-nördlich und westlich von Samoa in der Phoenix, Ellis, Gilbert-Gruppe,
-auf Una und Rotomah Handelsbeziehungen eröffnet worden und die Schiffe
-der Gesellschaft hielten auf diesem weiten Gebiet den Verkehr aufrecht.
-Verbindungen mit den Neu-Hebriden und Salomon-Inseln wurden ferner zu
-dem Zwecke unterhalten, um dort die Anwerbungen der so sehr benöthigten
-Plantagenarbeiter vorzunehmen, da der träge Samoaner sich zur dauernden
-Arbeit nicht bereit finden läßt. Ein Gemisch verschiedener Stämme,
-zu denen Rotumah- und Tapituwea-Leute (Gilbert-Inseln), sowie auch
-Marschall-Insulaner sich gesellen, findet man auf den deutschen
-Plantagen, und doch genügt oft die Arbeitskraft nicht, da nicht immer
-für heimbeförderte Arbeiter, nach Ablauf ihres dreijährigen Vertrages
-hinreichender Ersatz geschafft werden kann.
-
-Die Marschall-Inseln und, im Zusammenhang mit diesen, die weite
-Karolinen-Gruppe und die Gilbert-Inseln bildeten in den achtziger
-Jahren getrennte Niederlagen für sich, gleichwie ein solches auch
-in Matupi (Neu-Pommern) errichtet war, unter Leitung von Beamten
-der deutschen Gesellschaft. Den Handelsverkehr hielten auf diesen
-Stationen, ebenso wie in Apia, die daselbst stationirten Schiffe
-aufrecht. Ablösungen der Schiffe erfolgten je nach Maßgabe der
-Verhältnisse, oder sobald sie reparaturbedürftig geworden waren, dem
-nur in Apia, der Hauptstation, abgeholfen werden konnte.
-
-Aus dem Grunde schon, um meine Kenntniß über die Inselwelt des stillen
-Ozeans zu bereichern, begrüßte ich freudig die Weisung, mit einem
-anderen Schiffe auf den Marschall-Inseln stationirt zu werden, und
-im Anfang Januar 1886 segelte ich von Apia nach Jaluit, um erst nach
-Verlauf von zwei Jahren nach Samoa zurückzukehren.
-
-Ziemlich nordwärts durch die Phönix-Gruppe ging mein Kurs, dem
-zu Folge die Marschall-Inseln weit westlich bleiben mußten, wenn
-keine oder nur schwache Aequatorialströmung vorhanden gewesen wäre;
-auch war es nöthig, wegen des nördlich vom Aequator zu erwartenden
-Nordost-Passatwindes, möglichst östlich von der Gilbert-Gruppe zu
-bleiben, um, sobald dieser einsetzen würde, mit freiem Winde die Fahrt
-des Schiffes zu beschleunigen; denn wenn diese Inseln in Lee blieben,
-wäre es zwecklos gewesen, gegen den starken Strom und Wind nordwärts zu
-kreuzen.
-
-Wider Erwarten fand ich schon nördlich der Phönix-Gruppe einen starken
-Strom, der in 24 Stunden das Schiff 70-80 Seemeilen nach Westen
-versetzte, dessen Gürtel so schnell als möglich passirt werden mußte,
-wollte ich nicht in absehbarer Zeit gezwungen werden, mir durch die
-Gilbert-Gruppe hindurch einen Weg zu suchen. Zum Glück aber trat
-keine Windstille ein, der östliche Wind blieb beständig, wenn auch
-leicht, bis ich aus dem stärksten Strom heraus mit immer nördlichem
-Kurs die Insel Milli sichtete; ich hatte also in Wirklichkeit durch
-die Stromversetzung einen nordwestlichen Kurs gesegelt. Gerade drei
-Wochen waren vergangen, als ich den Bestimmungsort Jaluit erreichte,
-und begünstigt von anhaltend schönem Wetter die 1800 Seemeilen lange
-Entfernung in dieser Zeit zurückgelegt hatte.
-
-Zum allgemeinen bessern Verständniß und, ehe ich zu einzelnen
-bemerkenswerthen Reisen durch die Marschall-Gruppe übergehe, scheint
-es mir angebrachter, vorher schon eine kurz gefaßte Uebersicht von
-diesen Inseln und deren Bevölkerung zu geben, um so mehr als besondere
-Eigenthümlichkeiten in der Bildung und Entstehung dieser Inseln zu
-erwähnen sind. Eine Gruppe verschieden geformter Atolls, oft von
-beträchtlicher Ausdehnung, umfassen, vom 4-12° nördlicher Breite und
-166-172° östlicher Länge, die Marschall-Inseln ein weites Gebiet. Ihrer
-Bauart nach, sind es Randriffe der verschiedensten Bildung, die ein
-mehr oder weniger tiefes Korallenbett umschließen. Und wenn ich auf
-ihre Entstehung hinweisen soll, so haben wir die viel tausendjährige
-Arbeit der Korallenpolypen vor uns, die aus großer Tiefe Schicht auf
-Schicht bis zur Meeresfläche aufgebaut haben, und schwere See, Wind und
-Witterungseinfluß haben mit der Zeit zwar schmale, aber langgestreckte
-Inseln in beträchtlicher Zahl auf den Randriffen gebildet.
-
-Die eigentliche Bezeichnung dieser Randriffe wäre Korallenwälle, da
-diese sehr steil bis zu einer großen Tiefe abfallen, und jeder Atoll
-erscheint wie ein langgestreckter, steiler Bergrücken, in einzelnen
-Fällen auch wie eine Bergkuppe, sofern man sich die thatsächliche
-Bildung des Meeresbodens vergegenwärtigt. Da nun die Koralle nicht
-tiefer als etwa 200 Fuß zu bauen beginnt, müssen in der That diese
-Erhebungen gleich Bergkuppen aus der Tiefe des Meeres aufragen, worauf
-als Grundlage die Polypen ihre Werke aufgebaut haben. Aber erwiesen
-ist es, daß die Korallenwälle viel hundert Fuß tief sich unter der
-Meeresfläche erstrecken, mithin kann der schichtweise Aufbau aus so
-bedeutender Tiefe nicht begonnen worden sein.
-
-Es bleibt also nur die Annahme übrig, fast die Gewißheit, daß auch
-hier versunkene Höhen, besser gesagt Gebirgskuppen, das Fundament
-abgegeben haben, auf welchem die Koralle sich ansiedelte. Hätte nun
-nach erfolgtem Verschwinden der höchsten Bergspitzen ein Tiefersinken
-der Landmassen nicht stattgefunden, würden feste Riffflächen
-entstanden sein, auf denen sich im Laufe der Zeiten niedrige Inseln
-gebildet hätten, eine Bildung der heutigen Atolle würde naturgemäß
-dann nicht möglich gewesen sein. Einen anderen Anschein hingegen
-gewinnt es, sofern man der Vermuthung Folge giebt, daß, worauf ich
-schon hingewiesen, die ganze ausgedehnte Inselwelt des stillen Ozeans
-einst aus verschiedenen mächtigen Gebirgszügen, mit sehr zahlreichen
-thätigen Vulkanen bestanden hat, deren Kratersenkungen oft einen sehr
-bedeutenden Umfang gehabt haben müssen.
-
-Wird dieses als erwiesen betrachtet, dann sind sämmtliche Atolls einst
-für lange Zeit noch über die Meeresfläche ragende Krater gewesen,
-Inseln, an deren Rändern die Koralle fortgebaut hat. Je tiefer die
-Kraterinseln langsam versanken und ein gänzliches Erlöschen der
-Vulkane die Folge war, ebenso schnell baute die Koralle fort und
-füllte schließlich die weiten Oeffnungen aus. Die Randriffe schon weit
-im Vorsprung konnten diese durch die bessere Ernährung der Polypen
-auch schneller anwachsen, aber der innere Aufbau und die allmähliche
-Auffüllung blieb zurück, was natürlich war, sobald das allmähliche
-Sinken der Landmassen aufgehört hatte, denn jetzt gestatteten die
-zusammenhängenden Randriffe den bauenden Polypen nicht mehr oder
-doch zum Theil nur, durch die von der Strömung offen gehaltenen
-Durchfahrten, die Zufuhr frischen Meerwassers und mit diesem frische
-Nahrung.
-
-Die eine Gewißheit aber liegt bestimmt vor, ehe die heutige
-Beschaffenheit der Atolle herbeigeführt worden ist, sind große
-Zeiträume hingegangen, die alle Spuren der Entstehung verwischt haben.
-
-Geht man von der Annahme aus, daß auffallende Veränderungen nicht mehr
-stattfinden, vor allem ein weiteres Sinken seit vielen Jahrhunderten
-unterblieben ist, dann müssen, da kein Stillstand im Schaffen
-der Natur eintreten kann, der einst sämmtliche Atolls durch die
-theils an der Innenseite, theils an den Außenriffen weiter bauenden
-Korallen geschlossen werden, wie es bei zwei kleineren Atolls in der
-Marschall-Gruppe bereits geschehen ist. Es werden, wenn dadurch auch
-der innere Aufbau der Korallen zum Stillstand gekommen ist, mehr oder
-weniger tiefe Wasserbecken zurückbleiben, die naturgemäß versumpfen
-müssen, sobald der vordringende Pflanzenwuchs festen Fuß faßt. Es ist
-erwiesen, daß starke Strömungen, wie solche durch den gleichmäßigen
-Wechsel von Ebbe und Fluth hervorgerufen werden, der Koralle am
-Weiterbau hinderlich sind, wenigstens nur langsame Fortschritte
-gestatten, dagegen findet man bei solchen Atolls, wo nur noch durch
-enge Zufahrten ein Zugang möglich, daß die Koralle diese von innen
-zu verbauen sucht. Begünstigt durch die immerwährend frische Zufuhr
-an reichhaltigen Nährstoffen, führen die Polypen in der Nähe der
-Durchfahrten allmählich kleinere Bänke auf, und bauen so weiter, bis
-jede Oeffnung im Randriff schließlich verschlossen wird, was bei den
-südlich liegenden Atolls zunächst zu erwarten ist.
-
-Die Marschall-Gruppe bildet zwei nahezu parallel laufende Ketten
-von Insel-Atolls in Nord-Nord-West- und Süd-Süd-Ost-Richtung, die
-östliche die Ratock-, die westliche die Ralik-Gruppe; die Bezeichnung
-beider Ketten ist der Sprache der Marschall-Insulaner entlehnt. Die
-Ralik-Kette zählt 15, die Ratock- 14 Korallengruppen, unter denen sich
-einige kleinere Inseln befinden, die keine Atolle sind.
-
-Soweit die geschichtliche Kunde reicht, soll bereits im Jahre 1529
-der spanische Kommandant Alvaro de Saavedra einige Atolls gesehen und
-besucht haben; nähere Nachrichten liegen aber erst seit 1788 vor und
-zwar von den englischen Befehlshabern Marschall und Gilbert, nach denen
-auch die beiden großen Inselgruppen benannt worden sind. Trotzdem nun
-in den folgenden Jahrzehnten der stille Ozean mehr und mehr von Kriegs-
-und Kauffahrteischiffen befahren und erforscht wurde, sind doch nur
-spärliche Nachrichten von jener fernen Inselwelt zu uns gekommen;
-bisweilen meldeten sie auch von dort verschollenen oder ermordeten
-Schiffsbesatzungen.
-
-So befand sich im Jahre 1824 der amerikanische Walfischfänger „Globe“
-in der Nähe der Insel Milli, wo der größte Theil der Besatzung
-dieses Schiffes meuterte und landete. Es gelang zwar einigen von der
-zahlreichen Mannschaft, die gezwungen den Meuterern hatten folgen
-müssen, ihr Schiff wieder zu erreichen und die offene See zu gewinnen,
-auch waren diese, obschon es ihnen an Offizieren fehlte im Stande
-die Sandwich-Inseln zu erreichen; auf ihren Bericht hin wurde dann
-im folgenden Jahre der Schooner „Delphin“ ausgesandt, um wenn möglich
-die Meuterer zu ergreifen. Aber nur zwei ganz junge Leute, die keinen
-Antheil an der Meuterei gehabt, wurden noch lebend vorgefunden, alle
-übrigen waren von den Eingebornen erschlagen worden, weil diese die
-ihnen überlassenen Frauen roh behandelt hatten, sie verfielen der Rache
-der Eingebornen und ernteten so den Lohn ihrer Thaten.
-
-1834 landete Kapitän Dowsett auf den Marschall-Inseln. Dieser
-unterhielt freundlichen Verkehr mit den Eingebornen und nichts
-befürchtend, landete er eines Tages, und ging allein in ein Dorf, nicht
-ahnend, daß inzwischen seine Mannschaft am Strande ermordet worden war.
-Die an Bord zurückgebliebenen, die den Vorgang mit ansahen, waren der
-Meinung, ihr Führer sei auch erschlagen worden. Sie lichteten sofort
-die Anker und entflohen. Als das Schiff nach Honolulu zurückgekehrt
-war, wurde sogleich die „Waverley“ ausgerüstet, um nach Kapitän
-Dowsett oder dessen Schicksal zu forschen. Es wurde aber nichts weiter
-gefunden, als einige dem verschollenen Kapitän gehörende Sachen, und
-sein, in die Rinde verschiedener Bäume eingeschnittener Name. Die
-Eingebornen, mit denen wohl schwer eine Verständigung erzielt werden
-konnte, erzählten, der Kapitän sei mit seinem Boote in See gegangen;
-jedoch der Führer des „Waverley“ glaubte ihnen nicht und ließ eine
-ganze Anzahl niederschießen. Darauf segelte das Schiff weiter nach
-Ponape, der größten Insel der Karolinengruppe, und lief auch die
-östlichste dieser Inseln, „Kusai“ an, hier aber ereilte alle das
-Schicksal, das Schiff wurde von den Eingebornen genommen und die ganze
-Besatzung getödtet. Späteren Nachrichten zu Folge hat Kapitän Dowsett
-noch im Jahre 1843 auf einer Insel in der Ralikkette, die er mit
-seinem Boote erreichte, gelebt, wahrscheinlich aber hat er von hier die
-Karolinen erreicht und ist auf einer dieser Inseln getödtet worden.
-
-Ich könnte noch mehrere solcher Fälle anführen, wo an verschiedenen
-Inseln Schiffe genommen, oder der Versuch dazu gemacht wurde, selbst
-schiffbrüchige Seeleute wurden nicht verschont; noch im Jahre 1852
-wurde vor der Insel Ebon ein Schiff erobert, dessen Besatzung der Rache
-der Eingebornen verfiel, weil Jahre vorher dort von Weißen ein großer
-Häuptling getödtet worden war.
-
-Selbst auf Jaluit, der heutigen Hauptinsel, wurde, wie ich aus
-sicherster Quelle erfahren, wenige Jahre später ein amerikanisches
-Handelsschiff die „See-Nymphe“ genommen. Es ankerte in der Lagune unter
-der Insel „Medjado“, und, hier mit den Bewohnern Tauschhandel treibend,
-ließ sich der Führer hinreißen, einen Häuptling thätlich zu beleidigen.
-Die Folge war, daß dieser mit seinen Verwandten und seinem Anhang
-einen Ueberfall plante, der, sobald die Mannschaft des Schiffes wieder
-landete, ins Werk gesetzt wurde. Es heißt, der damals noch junge Kabua,
-der jetzige König in der Ralik-Kette, habe selbst den nichtsahnenden
-Schiffsführer auf seinen Schultern über das Riff getragen, andere
-Eingeborne trugen auf gleiche Weise die Besatzung zum Lande. Weit
-genug vom Schiffe entfernt, wehrlos in die Gewalt der Eingebornen
-gegeben, wurden die Ahnungslosen auf ein gegebenes Zeichen hinterrücks
-niedergeschlagen. Das Schiff wurde darauf ausgeraubt und es entging
-keiner dem Tode.
-
-Die Ursache dieser Metzeleien, der so viele Unschuldige zum Opfer
-gefallen sind, ist in der Roheit zu suchen, welche die Führer
-amerikanischer Walfischfänger, die in diesem Gebiete reiche Beute
-erjagten, an Eingebornen verübt haben. Sie litten es, daß oft mit
-Gewalt den Eingebornen die Weiber entrissen wurden, auch verhängten sie
-ungerechte Strafen. Mehr aber noch haben die zügellosen Mannschaften
-solcher Schiffe, deren brutales Auftreten die Führer nicht zu hindern
-vermochten, verschuldet, und bitteren Haß gegen den weißen Mann in die
-Herzen der Inselbewohner gesät.
-
-Schlimmer noch, sie hinterließen scheußliche Krankheiten, die sich
-von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, tausende hinwegrafften und ein
-gesundes Volk zur Verzweiflung brachten. Erst nachdem die Meerbewohner
-vernichtet, die Walfischjagden nicht mehr lohnend genug geworden
-waren, wurden die Marschall-Insulaner seltener belästigt. Als dann die
-Missionare kamen, (zuerst 1857 auf der Insel Ebon) predigten diese das
-Evangelium und fanden willige Hörer bei denen, die so oft ihre Hände
-in das Blut des weißen Mannes getaucht hatten; eifrig befolgten die
-Eingebornen die göttliche Lehre und vergaßen ihre Rachsucht.
-
-Heute, unter deutschen Schutz gestellt, mögen diese Insulaner, die so
-manche gute Eigenschaft besitzen, aufathmen, und sich in Sicherheit,
-ihres Daseins freuen; aber leider ward mit der Zivilisation auch der
-Todeskeim ausgestreut, langsam, aber sicher geht diese Menschenrasse
-dem endlichen Verfall entgegen.
-
-Sowie geographisch der Marschall-Archipel in zwei Gruppen getheilt
-wird, so kann dies auch in Bezug auf Bevölkerung und politische
-Verhältnisse geschehen, denn sowohl die Ralik- als auch die Ratak-Kette
-ist in dieser Beziehung jede für sich als ein getrenntes Ganzes zu
-betrachten. Schon die Sprache beider Gruppen ist verschieden, nicht in
-ihrem Bau, vielmehr im Dialekt, und gleiche Unterschiede zeigen sich in
-den politischen Verhältnissen der Bewohner. Während auf der Ratak-Kette
-fast jeder Atoll von einem, oder mehreren Häuptlingen beherrscht
-wird, die oft in gegenseitiger Fehde leben und sich der Herrschaft zu
-bemächtigen trachten, selbst zur Eroberung anderer Gruppen (Atolls)
-lang vorbereitete Kriegszüge unternehmen, liegt die ganze Macht auf der
-Ralik-Kette in den Händen eines Königs, jenes schon erwähnten Kabua,
-besser gesagt, in den Händen seiner Familie.
-
-Die Macht richtet sich hier nach Besitz und Anhang, und obgleich Kabua
-nicht der reichste der Häuptlinge, ist er doch als der älteste als
-König anerkannt worden, zumal da die Besitzungen seiner Stiefsöhne
-und deren Einfluß sein Ansehn erhöhte. Sein Stiefsohn Nelu (Lojab),
-dessen Bruder Lagajime, Litokua und neben diesen Launa sind die
-einflußreichsten Häuptlinge auf der Ralik-Kette; namentlich Nelu, seine
-Brüder und seinen Anhang habe ich häufig an Bord gehabt und mit diesen
-Reisen von Atoll zu Atoll gemacht.
-
-Bei den meisten ungebildeten, sogenannten wilden Völkern findet man,
-daß das Weib nicht als gleichberechtigt angesehen wird, vielmehr
-die Sklavin des Mannes ist, auf deren Schulter alle Lasten und Mühen
-abgewälzt werden. Doch die Polynesier zeichnen sich darin aus, daß
-sie das Weib höher stellen, mehr noch ist dieses bei den Mikronesiern
-der Fall; vor allem bei den Marschall-Insulanern, bei welchen es volle
-Gleichberechtigung hat, d. h. keine Beschränkung im Handeln, in Haus
-und Hütte, und soweit des Weibes Einfluß reicht, der, da Rang und Würde
-nur vom weiblichen Geschlechte abgeleitet wird, häufig groß ist.
-
-Die Bevölkerung ist zum großen Theil besitzlos, aller Landbesitz
-liegt in den Händen der Häuptlinge, deshalb ist es den Bewohnern nur
-gestattet, eine Frau zu haben, wo hingegen die Häuptlinge mehrere
-haben dürfen, doch bleibt die erste Frau, sofern sie Kinder hat, die
-rechtmäßige; sie ist bei den Vornehmen gewöhnlich die Tochter eines
-Besitzenden. Steht die Frau im Range höher als der Mann, so erhält
-dieser auch eine höhere Würde, nur über das Eigenthum der Frau hat
-er kein Verfügungsrecht, das verbleibt als mütterliches Erbtheil den
-Kindern. Die Tochter eines Häuptlings kann einen gewöhnlichen Mann
-heirathen, durch diese Verbindung wird derselbe ebenfalls in den
-Häuptlingsrang erhoben, auch auf die Kinder geht diese Würde über.
-Dem Häuptlinge steht es frei, sich die Frau eines seiner Untergebenen
-anzueignen, nie aber kann ein Besitzloser sich wiederum eine
-Häuptlingsfrau (also Wittwe) zum Weibe nehmen.
-
-Etwas auffallend will es mir scheinen, daß nach meiner eigenen
-Wahrnehmung selbst im Innern Afrikas, bei den Völkern am Nyassa-See
-und oberen Schire, die ganz gleiche Einrichtung der weiblichen
-Erbfolge besteht, nur daß dort nicht direkt der Sohn als Nachfolger
-bestimmt wird, sondern der Neffe, und trotz des dem Weibe zugestandenen
-Vorrechtes, dieses doch nur sehr gering geachtet und mehr als Sklavin
-betrachtet wird.
-
-Die Ehe bei den Marschall-Insulanern ist nur ein lockeres Band,
-leicht geschlossen und leicht gelöst. Der Eingeborne nimmt sich das
-Mädchen zur Frau, die ihm gefällt, sofern die Eltern desselben damit
-einverstanden sind, gefällt sie ihm aber nicht mehr, so schickt er
-sie einfach fort und sucht sich eine andere. Zwar hat wie in anderen
-Gewohnheiten auch hierin der Einfluß der Missionare Wandel geschaffen,
-namentlich auf den südlicheren Atolls, wo das Christenthum große
-Verbreitung gefunden hat, doch hat auf Gesittung die neue Lehre wenig
-Einfluß gehabt; Keuschheit ist keine Tugend der Insulaner, schon sehr
-jung verkehren, ohne daran gehindert zu werden, die Geschlechter mit
-einander und üble Folgen bleiben nicht aus, ebenso ist selbst die
-nächste Verwandtschaft kein Hinderungsgrund für solchen Umgang.
-
-Als Beweis recht lockerer Sitten gilt der Umstand, daß es keiner Frau
-verargt wird, wenn sie sich einen anderen Verkehr sucht, sobald der
-Mann auf längere Zeit abwesend ist oder sich auf Reisen befindet;
-indeß schwinden solche Gewohnheiten immer mehr und mehr, häufiger
-trifft man sie nur noch auf den nördlicheren Atolls an. Von Erziehung
-kann eigentlich keine Rede sein, den Kindern wird in jeder Hinsicht
-volle Freiheit gelassen, Arbeit lernen die Kinder nicht kennen, das
-einzige was ihnen vielleicht von Seiten der Eltern beigebracht wird,
-ist die Einübung der Tänze und Gesänge. Auffallend ist auch die große
-Sterblichkeit unter den Kindern, wohl eine Folge zu geringer Aufsicht
-und schon früh entwickelter Krankheitskeime; die stetige Abnahme der
-Bevölkerung ist darauf zurückzuführen.
-
-Der Körperbau der Männer überschreitet selten das Mittelmaß; die Weiber
-sind durchweg von kleinerem Wuchse. Diese verlieren auch schnell ihre
-Reize, schon im Alter von zwanzig Jahren ist alle Schönheit vergangen,
-wenn überhaupt von solcher die Rede sein kann, obgleich im jugendlichen
-Alter vielen der Reiz der Anmuth eigen ist, aber im Alter werden sie
-recht häßlich.
-
-Daß auf den nördlichen Atolls sich ein kräftiger Menschenschlag
-erhalten hat, liegt wohl daran, daß dieser mit einer etwas rauheren
-Natur zu kämpfen, auch weniger durch die von Weißen eingeführten
-Krankheiten zu leiden gehabt hat. Auch zeichnen sich hier die Könige
-und Häuptlinge meistens von ihren Untergebenen durch eine stattlichere
-Gestalt aus, weil sie bemüht sind, möglichst reines Blut in ihrem
-Kreise zu erhalten, wovon freilich der bereits erwähnte große Häuptling
-Nelu eine Ausnahme macht, denn fast klein und schwächlich gebaut, hat
-er durchaus nichts Achtunggebietendes an sich.
-
-Um Sitten und Gewohnheiten dieser Insulaner zu erforschen, muß man
-sich zu solchen Inseln und Atolls wenden, wo noch nicht der Einfluß
-der Zivilisation bemerkbar geworden ist, was besonders in Bezug auf
-Trachten der Fall. So tragen auch heute noch sowohl Männer als Frauen
-langes Haar, das stark und schwarz, von jenen am Hinterkopfe in einem
-Büschel oder Knoten zusammengebunden wird, die Frauen tragen es dagegen
-lose. Als besonderen Schmuck bei feierlichen Gelegenheiten, Tänzen
-und auch Kriegszügen, bedienen sich die Männer der Hühnerfedern; die
-tätowirten Gestalten mit aufrechtstehenden Federn in den Haaren, und
-oft unnatürlich erweiterten Ohrlappen geben sich dadurch ein wildes,
-Furcht erweckendes Aussehen.
-
-Die Tätowirung ist allgemein und wurde früher mit Festlichkeiten
-verbunden, heute, wer die Kosten erschwingen kann, läßt solche ohne
-weiteres vornehmen, und entspricht eine solche dem Stande, welchem
-der Mann angehört. Dieses schmerzhafte Verfahren -- ich habe oft,
-wenn hunderte Nadelstiche in die Haut getrieben wurden, die Nerven
-der Eingebornen bewundert -- wird nach und nach auf dem ganzen Körper
-vorgenommen, sodaß die eigentlich helle Kupferfarbe der Haut unter den
-blauen Streifen verschwindet, sogar die Ohren, Augenlider, selbst
-die Finger werden tätowirt. Die Zeichnung ist immer streifenförmig,
-die Striche sind auf einem bestimmten Körpertheil stets gleichmäßig,
-entweder wagrecht oder senkrecht; auf Brust und Rücken laufen die
-Streifen meistens unter einem Winkel zusammen.
-
-Wie bei den Samoanern, so benutzt man auch hier ein Instrument, das aus
-vielen Nadeln zusammengesetzt ist und die Breite der Streifen hat. Die
-Häuptlinge sind auch im Gesicht tätowirt und haben auf den Schultern
-undeutliche verschwommene Zeichnungen. Die Frauen sind weniger
-gezeichnet, in gleicher Weise höchstens an den Beinen, die Arme und die
-Brust werden seltener tätowirt.
-
-Nicht zufrieden mit solcher langwierigen, schmerzhaften Operation,
-setzten diese Insulaner einen gewissen Stolz darin, unnatürlich
-erweiterte Ohrlappen auf künstlichem Wege herzustellen. Schon von
-früher Jugend an wird in beide Ohrlappen ein Loch geschnitten
-und dieses durch Einzwängen von einem Streifen des dehnbaren
-Pandanusblattes allmählich erweitert. Auf diese Weise wird das Loch im
-Ohrlappen bis vier Zentimeter und darüber lang, genügt dies nicht, wird
-der Fleischring dicht an der Backe abgeschnitten und mit einem Schnitt
-im Backenfleisch weiter unterhalb des Ohres verwachsen gelassen.
-Ist die Heilung erfolgt, so wird nun im Backenfleische selbst weiter
-geschnitten, bis ein Ring entstanden ist, durch den man bequem die Hand
-hindurchstecken könnte. Wird solches Loch nun mit einem aufgerollten
-Pandanusblatte ausgedehnt, so gewinnt es den Anschein, als hingen zwei
-hohle Röhren an den Backen herunter, was freilich etwas besonderes
-vorstellen soll, aber gewiß nichts zur Schönheit, vor allem nicht beim
-weiblichen Geschlechte beiträgt, bei alten Frauen und auch Männern
-sogar recht widerlich aussieht.
-
-Uebrigens habe ich solche Erweiterung der Ohrlappen nur bei ganz alten
-Leuten gefunden, ein Zeichen, daß die Operation seit vielen Jahren
-fortgesetzt wurde; gewöhnlich aber ist das Loch nur einige Zentimeter
-groß und dient als Aufbewahrungsort für Schmuckgegenstände, als
-Muscheln, Blätter und Blumen, namentlich einer lilienartigen Blüthe,
-auch für Tabak, Pfeifen u. a.
-
-Die Willkürherrschaft der Häuptlinge, unter denen der reichste auch
-der mächtigste ist, hat dahin geführt, daß, wie schon erwähnt, die
-Bevölkerung nur in zwei Klassen, die Besitzenden und Besitzlosen,
-zerfällt und der großen Masse eigentlich nichts gehört, diese vielmehr
-vollständig von den Landbesitzern abhängig ist. Ein solcher giebt dem
-Besitzlosen ein Stück seines Landes, auf welchem jener seine Hütte
-erbauen, sowie die Erzeugnisse, als Pandanus, Brotfrucht und Taro
-verwerthen kann, nur die Kokospalmen gehören ihm nicht.
-
-Für Land, Schutz und Obdach ist der Besitzlose verpflichtet, gemeinhin
-sechs Monate zu arbeiten und zwar während dieser Zeit die Kokosnüsse
-für den Besitzer einzuernten, den Ertrag der Palmen in der anderen
-Jahreshälfte kann er für sich selbst verwenden, aber, da die Kokosnuß
-so gut wie baar Geld im Tauschhandel ist, muß er häufig noch seinen
-Antheil abgeben und ihm verbleibt nur wenig.
-
-Dennoch kennt der Eingeborne keine Nahrungssorgen, und will er nur
-verwenden, was die Natur so reichlich ihm zugedacht hat, so kann er
-mit geringer Müh' und Arbeit sich ein sorgenloses Dasein schaffen,
-Bequemlichkeit, oft Gleichgültigkeit jedoch verhindern ihn daran,
-er ißt, was er gerade hat und sobald er das Bedürfniß fühlt, sich zu
-sättigen, ihm genügen schon die Milch und der Kern einer Kokosnuß, oder
-die süße Pandanus.
-
-Letztere Frucht, die ich überall auf den Marschall-Inseln gefunden
-habe, dient namentlich zur Zeit der Reife als ein Hauptnahrungsmittel.
-Sehr zuckerhaltig, wird der süße Saft aus der fasrigen, prismatisch
-geformten Frucht, aufgesogen und da dieser nahrhaft genug ist, genügt
-er schon zur Sättigung. Mehr aber noch eignet sich der darin enthaltene
-Zuckerstoff zur dauernden Erhaltung einer Art Speise Pyru genannt.
-Dieselbe wird aus der Arrowroot-Wurzel, Brotfrucht und Kokosnuß
-hergestellt; auf heißen Steinen gebacken, durch den reichlichen Zusatz
-von Pandanussaft äußerst dauerhaft gemacht, hat sie einen der Feige
-ähnlichen Geschmack. Die Masse wird in etwa Zolldicke auf Blättern
-zubereitet, fertiggestellt wird sie dann aufgerollt und sehr dicht in
-trockenen Pandanusblättern eingepackt und mit dem schon beschriebenen
-Cajar kunstvoll verschnürt. So erhält man eine angenehme Dauerspeise,
-die jahrelang sich hält, selbst im Wasser nicht verdirbt.
-
-Die so verfertigten Rollen, von gewöhnlich einem Meter Länge und
-fünfzehn Zentimeter Durchmesser, haben ein beträchtliches Gewicht,
-sie werden im Haushalte nur verbraucht, wenn Mangel an anderen
-Nahrungsmitteln eintritt; gewöhnlich aber dient diese Speise dazu, um
-auf weiten Seereisen oder an entlegenen Orten, wo nichts Genießbares
-erhältlich ist, die benöthigte Nahrung zu ersetzen.
-
-Der Pandanusbaum, ein schlanker, fester Stamm, der zuweilen die Höhe
-einer mittelhohen Palme erreicht, trägt eine Blätterkrone, deren
-Zweige ähnlich den einzelnen Blattstreifen einer Kokospalme, tief
-herabhängen; die Frucht, ein bis 70 Pfund schwerer Kolben besteht aus
-vielen prismatisch geformten, nach innen spitz zulaufenden, faustgroßen
-Fruchtkernen, die, gut gereift, sich leicht loslösen lassen.
-
-Für die Marschall-Insulaner, kann man sagen, ist dieser Baum fast
-werthvoller als die Kokospalme; mit den Blättern deckt er das
-Dach seiner Hütte, der Stamm giebt ihm die Stützen, die Frucht
-nahrhafte Speisen, und aus dem Blatte verfertigt er sich seine
-kunstvoll gearbeitete Kleidung, dazu geben Handstöcke und Knüttel
-die Luftwurzeln. Das Pandanusblatt läßt sich, wenn es getrocknet
-ist, nach Belieben in ganz feine Streifen zertheilen; um diesem aber
-die Sprödigkeit zu nehmen, wird das Blatt erst für längere Zeit
-in Frischwassertümpel gelegt, dann aufgerollt und feucht tüchtig
-geklopft. Dadurch gewinnt der Eingeborne einen dauerhaften Stoff zu
-seinem Mattengewebe und zu Hüten die dem echten Panama an Güte fast
-gleich kommen und lange halten. Ueberhaupt entwickeln die Frauen im
-Handflechten eine Geschicklichkeit, die kaum übertroffen werden möchte.
-
-Sucht sich der Mann keine angemessene Beschäftigung -- Trägheit ist
-ihm angeboren -- so hilft er den Frauen beim Flechten der Matten, oder
-bereitet das Material dazu vor, auch übernimmt er wohl selbst solche
-Arbeit. Hierbei bedienen sie sich nicht allein der Hände, sondern auch
-die Füße müssen helfen, und zwar dienen die beweglichen Zehen dazu, die
-Gewebe fest und straff zu halten.
-
-Die Tracht der Frauen ist einfach genug, ihre ganze Bekleidung
-besteht bei Erwachsenen aus zwei lang herunterhängenden Matten,
-von denen eine vorne, die andere hinten angebracht ist und zwar so,
-daß sie übereinander fassen und mittels eines Gürtels um die Hüften
-festgehalten werden. Dieser Gurt, ein weiß und schwarz gesprenkeltes
-dünnes Tau, häufig mehrere Meter lang, wird um den Leib gewickelt und
-der obere Theil der Matten um dieses eingesteckt, so bleibt von diesem
-nichts sichtbar. Junge Mädchen tragen eine kürzere, ebenso befestigte
-Matte, aber nur nach vorne und je nach Alter und Größe ist eine solche
-breiter oder schmäler; der Oberkörper bleibt unbedeckt, Kinder sind
-ganz nackt. Aehnlich wie die Samoaner, tragen auch die Männer einen
-Bastrock, verfertigt aus den Fasern des Boa-Busches, indeß ist die
-Herstellung eines solchen kostspielig und seltener habe ich solche
-Bekleidung gefunden; gewöhnlich macht eine zwischen die Beine gelegte
-und um den Leib mit einer Schnur befestigten Matte den ganzen Anzug des
-Mannes aus. Von meiner Schiffsbesatzung, die meistens nur aus diesen
-Insulanern bestand, hatten die meisten selten mehr in ihrem Besitz als
-solch Bekleidungsstück und eine Schlafmatte; liebten es aber, sobald
-ihr Verdienst groß genug geworden, der gewöhnlich 52-60 Mark monatlich
-betrug, sich nach europäischer Art, mit Hose und Hemd zu bekleiden.
-
-Was den Bau der Wohnungen der Marschall-Insulaner anbetrifft, so findet
-man sowohl recht ärmlich und einfach, als auch großartig und kunstvoll
-aufgeführte Bauten. Oft genügen ihnen als Aufenthaltsort sogar die
-denkbar einfachsten Hütten; ein schrägliegendes Dach, das vorne auf
-Stützen, hinten auf der Erde ruht, und mit Wänden aus Flechtwerk
-hergestellt ist. Dennoch ist die Bauart der Hütten und Häuser auf
-einigen Atolls verschieden, nicht in der Form vielmehr in der Größe
-und Festigkeit, größere Häuser sind mit bemerkenswerthem Geschick
-erbaut. Das Dach, das gewöhnlich aus einem Geflecht von Pandanus- oder
-Kokosblättern wasserdicht hergestellt wird, ist eine feine Arbeit.
-Man findet das Innere eines Hauses meistens reinlich und sauber,
-oft auch mit feinen Matten ausgeschmückt; der Boden ist mit kleinen
-Korallensteinen bedeckt und gewöhnlich mit großen, reinlichen Matten
-belegt. Auch die nähere Umgebung zeugt von einem Sinn für Reinlichkeit,
-der Erdboden ist ringsum geebnet und ebenfalls mit kleinen Steinen
-besät. Man kann sagen, je nach Zahl der Familienglieder begnügt sich
-der Eingeborne entweder mit einer unscheinbaren Hütte oder er baut sich
-ein stattliches Haus.
-
-In größeren Bauten ist meistens auf den Sparren noch eine besondere
-Schlafstätte für das Ehepaar oder vornehmere Gäste errichtet, sonst
-schlafen alle durcheinander auf dem mit Matten bedecktem Fußboden.
-War ich gelegentlich gezwungen die Gastfreundschaft der Eingeborenen
-in Anspruch zu nehmen, dann wurde stets ein besonderes Lager für mich
-hergestellt.
-
-Geschick und Kunstfertigkeit der Insulaner lassen sich erst recht
-beurtheilen, wenn man in ihre Kirchen eintritt; alles Schöne, was
-sie durch ihrer Hände Arbeit herzustellen im Stande sind, ist darin
-vereinigt und eine wahre Ausstellung weisen die langen Wände auf,
-die ganz mit feinen, in Form und Muster verschiedenen Matten behängt
-sind. Es finden sich darunter Gewebe, die Zeugniß ablegen von großer
-Geschicklichkeit und außerordentlichem Fleiße.
-
-Die Lebensweise der Eingebornen ist ein sorgloses Dahinträumen, das
-nur unterbrochen wird, wenn sie sich gelegentlich zur ernsten Arbeit
-aufraffen. Vor Tagesanbruch, wenn noch frische Kühle über Meer und
-Land gebreitet liegt, sorgt der Insulaner schon für den täglichen
-Unterhalt, d. h. er erklettert die hohe Palme und bricht genügend Nüsse
-ab oder schafft andere Lebensmittel herbei; er liebt nicht die heißen
-Sonnenstrahlen und sucht Kühlung und Schatten unter seiner Hütte oder
-unter breitästigen Bäumen. Auch mehrmaliges Baden am Tage in der See
-ist ihm zur Gewohnheit geworden, als tüchtiger Schwimmer und Taucher
-scheut er selbst nicht vor schwerer Brandung zurück. Sonst, wenn keine
-Nothwendigkeit zur Arbeit vorliegt, verträumt er den Tag, und essen,
-schlafen, rauchen, gelegentliche Handreichung, füllt die Tagesstunden
-aus. Lebendig und lebhaft wird er erst, sobald das Tagesgestirn zur
-Rüste geht, der Hauch vom endlosen Ozean ihm Kühlung zufächelt, auch
-sucht er erst zur späten Nachtstunde sein Lager auf; vor allem liebt
-er es in mondhellen Nächten im Kreise Vertrauter zu rauchen und zu
-plaudern, wobei es recht laut und lebhaft hergeht. Für den Europäer,
-der die Ruhe der Nacht nicht gestört wissen will und gerne schlafen
-möchte, was oft Mosquitos und drückende Schwüle verhindern, sind solche
-Ausführungen, Gesang und Tänze, nächtlicher Weile, manchmal recht
-unangenehm.
-
-Die Gesänge sind eintönig und wenig melodienreich; im Chor gesungen,
-werden sie stets langsam und halblaut begonnen, allmählich aber lauter
-und schneller, begleitet mit Händeklatschen und dem taktmäßigen Wiegen
-des Oberkörpers, bis sie schließlich zu einem Tempo übergehen, das
-mehr Aehnlichkeit mit Schreien als mit Singen hat. Vor allem haben die
-Frauen große Fertigkeit darin, und jede Bewegung mit der Hand oder dem
-Körper wird stets sorgfältig ausgeführt, genau wie bei den Samoanern;
-freilich habe ich auf diesen Inseln die Frauen nie tanzen sehen,
-nur Männer zuweilen, mit Federbusch, Muscheln und sonstigem Zierrath
-geschmückt, führten vor meinen Augen Tänze auf, zu denen die Frauen im
-Chor sangen.
-
-Anlaß zu Tänzen und Aufführungen giebt jedes geringe Vorkommniß, z. B.
-das Eintreffen eines Europäers, eines Schiffes u. a.; der Vorsänger
-erzählt darüber, was ihm gerade in den Sinn kommt, oft den tollsten
-Unsinn, und zwar in kurzen Sätzen, hinter denen der Chor irgend einen
-Kehrreim unermüdlich absingt, bis der Gegenstand erschöpft ist und der
-Schluß durch lautes Klatschen schon allseitige Zustimmung gefunden hat.
-
-Auch von Häuptlingen aufgeführte Einzeltänze sind nicht selten, solche
-haben aber immer ein kriegerisches Gepräge; wilde Geberden, Sprünge,
-Gliederverrenkungen, ein möglichst wildes Aussehen gehören dazu und
-können bei dem Zuschauer das Gefühl erwecken, als würde man es im
-Ernstfalle mit einem furchtbaren Gegner zu thun haben. Der Gesang ist
-mehr Geheul, ein Rühmen nie ausgeführter Thaten, zu dem ein Chor von
-Männern und auch Frauen ein entsprechendes Lied oder den passenden
-Kehrreim absingen.
-
-Eine Eigenthümlichkeit dieser Insulaner ist ferner, daß sie ihre Todten
-nicht der Erde, sondern dem Meere übergeben, wobei sie eine Ausnahme
-mit den Häuptlingen machen. Ist ein gewöhnlicher Mann gestorben, wird
-er in Matten fest eingehüllt und bereits am zweiten Tage mit einem
-Kanoe in die See hinaus geführt, wo, fern dem Lande unter Beobachtung
-einiger Zeremonien der Todte den Wellen übergeben wird. Ans Land wird
-die Leiche wohl sehr selten wieder angeschwemmt, dafür sorgen schon
-die zahlreichen Haie, welche diese als willkommene Beute ansehen und
-schnell genug damit aufräumen.
-
-So lange die Beerdigung am Lande oder in der See nicht erfolgt ist,
-werden Klagelieder um den Todten gesungen, auch Tänze aufgeführt, dann
-aber ist es Sitte, daß die Verwandten die Hinterbliebenen besuchen und
-beschenken.
-
-Die Grabstätten der Häuptlinge werden gewöhnlich außerhalb eines
-Dorfes angelegt, wenn möglich in Korallensand gegraben; ist das Grab
-zugeschüttet, wird der Hügel abgeflacht und mit Steinen glatt bedeckt.
-Unter Palmen und Gebüsch liegen solche Stätten, oft nur noch erkennbar
-an den Steinhaufen, aus denen als einziges Zeichen verwitterte
-Kanoe-Paddeln hervorragen, die der Todte einst geführt oder angefertigt
-hat. Einem Todten wird alles mögliche mit in das Grab gelegt, Eßwaaren,
-Tabak, Pfeifen, u. a. m., damit derselbe auf der langen Reise, die er
-angetreten hat, nichts entbehrt. Auf frischen Gräbern habe ich fast
-immer Tabak und Nahrungsmittel vorgefunden, die dem Todten gespendet
-waren, sie dienen freilich nur dazu, die zahllosen Ratten, die gierig
-über solche Speisen herfallen zu sättigen.
-
-Eine gewisse Scheu hat der Eingeborne auch davor, die Gräber der
-Verstorbenen zu öffnen; da er glaubt, der Geist des Todten könne ihm
-Uebels thun, so läßt er sich nicht dazu bewegen. So ist die deutsche
-Station auf der Insel Jabor (Jaluit) auf einem verfallenen Kirchhofe
-erbaut worden, die Zeit hat aber alle äußeren Spuren verwischt
-und nichts mehr deutet darauf hin, daß hier vor langen Jahren die
-Angesehensten und Vornehmsten der Bevölkerung begraben worden sind.
-Ich wußte es auch nicht eher, als bis ich, mit der Aufrichtung eines
-hohen Flaggenmastes betraut, mit meiner Mannschaft die nöthigen
-Vorbereitungen dazu treffen wollte. Die Leute weigerten sich aus den
-angeführten Gründen, an der bezeichneten Stelle eine Grube zu graben,
-und, unnöthiger Weise einen Zwang befürchtend, entfernten sie sich,
-und kehrten erst zum Schiffe und ihrer Pflicht zurück, nachdem der
-Flaggenmast errichtet war. Sie ernstlich zu tadeln wäre thöricht
-gewesen, da sie sonst stets willig und gehorsam waren, und nur
-abergläubische Furcht sie hinweggetrieben hatte, worauf eben Rücksicht
-genommen werden mußte.
-
-Als die Ausschachtung von Arbeitern der Station
-(Neu-Hebriden-Insulanern) vorgenommen ward, in der eine feste Mauerung
-aufgeführt werden sollte, um das Grundwasser vom Fuß des Mastes
-fernzuhalten, stießen diese auf ein Grab; vorsichtig ließ ich das
-gefundene Skelett freilegen und gedachte den Schädel zu erhalten,
-aber das vermoderte Knochengerüst fiel zusammen und da nichts
-davon verwendbar war, wurden die Ueberreste an einer anderen Stelle
-vergraben.
-
-Wie im weiten Ozean, und namentlich unter den Riffen und Inseln
-viele Fischarten angetroffen werden, so sind auch die Lagunen sehr
-fischreich. Schillernd in den schönsten Farben findet man hier die
-merkwürdigsten Arten und Größen. Aber leider was das Auge erfreut, ist
-dem Magen nicht dienlich, der Genuß solcher schönen Meerbewohner bringt
-dem Menschen den Tod oder langes Siechthum.
-
-Durch das klare Meerwasser bis auf den Grund schauend, sieht man auf
-wachsenden Korallenriffen ein wunderbares Gebilde, bunte Sträucher,
-kleine Bäume, schöne Blumen, ein bunter, blühender Garten dehnt sich
-in der Tiefe aus; Gewächse in einer Mannigfaltigkeit, wie sie auf
-der Erdoberfläche schwerlich könnten zusammengestellt werden. Und
-alles dies ist nur das Werk der unscheinbaren Korallenpolype, die
-die wunderbarsten Gebilde auf dem tiefen Grunde erbaut. Ein reges,
-ungeahntes und nie geschautes Leben herrscht weiter unten, vieltausend
-Thiere, nicht sichtbar für des Menschen Auge leben und weben in
-dieser verborgenen Welt. Stahlblaue Fischlein spielen umher, bald hier
-bald dort an einem Strauche oder einer Blume naschend; naht sich ein
-größerer Fisch oder erschreckt sie irgend etwas, fliehen sie im Nu in
-das Labyrinth der Pflanzenwelt, oder suchen Schutz und Deckung zwischen
-den Zweigen, unter den Aesten der vielgestaltigen Korallenformen, wohin
-kein Feind ihnen zu folgen vermag.
-
-Das Wenige, was in dieser unterseeischen Welt sichtbar ist, die
-Schönheit derselben und ihre Bewohner, kann keine Feder schildern,
-selbst wenn man die Phantasie zu Hilfe nähme, würde man hinter der
-Wirklichkeit zurückbleiben. Stundenlang über den Bord meines Bootes
-geneigt, achtlos die Angel in der Hand, trieb ich oft über ein
-Korallenfeld, und ward gefesselt von der Schönheit dessen, was ich
-unter mir vorüberziehen sah. Geradezu Wunderwerke erbaut die Koralle,
-die nicht vergehen und die Zeit die rastlose Schaffenskraft der Natur,
-selbst zu Inseln gestaltet, auf denen der vergängliche Mensch, der
-Schöpfung vollkommenstes Wesen, leben und auch leiden kann -- die Werke
-von Menschenhand verfallen, die der winzigen Polype bleiben bestehen!
-
-Nicht selten ist unter dem Schönen und Schönsten, was die Natur
-erschaffen, ein bitterer Kern, ein Tropfen Gift enthalten; so birgt
-auch die Koralle, unter einer schönen Hülle, ein tödtliches Gift, das
-den Meerbewohnern, den bunt schillernden Fischen nichts schadet, diese
-selbst aber giftig und gefährlich macht. So finden sich denn unter
-der großen Zahl von Fischen viele Arten, die nicht gegessen werden
-dürfen; stets muß ein gemachter Fang dem Gutachten eines erfahrenen
-Eingeborenen unterbreitet werden, will der Europäer nicht Gefahr
-laufen, Gesundheit und Leben zu gefährden.
-
-Trotzdem machen die Eingebornen den Versuch, die Beschaffenheit eines
-ihnen unbekannten Fisches durch Essen zu erproben, bezahlen diesen
-aber, da sie keine Gegenmittel haben, oft mit dem Leben.
-
-Tüchtige Fischer sind aber diese Insulaner doch, durch Erfahrung
-klug gemacht, stellen sie gewöhnlich nur solchen Fischen nach, die
-ungefährlich sind, unter anderen einem der Sardine ähnlichen Fische,
-der in größeren Schwärmen in den Lagunen angetroffen wird. Ist ein
-solcher Schwarm entdeckt und nahe genug dem Lande, treiben sie ihn
-mit Kanoes allmählich dem Strande zu; schnell werden dann Matten
-und Schnüre zwischen den einzelnen Fahrzeugen ausgespannt, der Kreis
-immer dichter gezogen, und die Fische, durch Geschrei, Schlagen mit
-den Paddeln gezwungen, in Massen auf ein Riff oder dem flachen Lande
-zu laufen, wo sie mit Matten, Körben und Händen leicht eingefangen
-werden können.
-
-Beim Einzelfang auf großer Tiefe bedienen sie sich ihrer aus Perlmutter
-gefertigten Haken, die denen der Samoaner ähnlich sind; tauschen sich
-aber mit Vorliebe auch von den Weißen eiserne Angelhaken ein, die dem
-Zwecke besser entsprechen. Den fliegenden Fisch, der seltener in den
-Lagunen zu finden ist, fangen sie sich außerhalb der Riffe in ganz
-gleicher Weise wie ich es bei den Polynesiern gesehen und beschrieben
-habe.
-
-Seit jeher waren die Marschall-Insulaner kühne entschlossene Seefahrer
-und verdienten den Namen „Schiffer“ eher, als die Samoaner. Sie sind
-nicht bloß in den Grenzen ihrer Inselwelt geblieben, sondern weit
-über diese hinaus, haben sie sich dem trügerischen Meer anvertraut und
-namentlich mit den Bewohnern der Karolinengruppe Verbindungen gesucht.
-Welch ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Volksstämmen bestanden
-haben mag, die in Sprache, Gebräuchen und Sitten sehr vieles gemeinsam
-haben, ist schwer zu sagen.
-
-Am glaubwürdigsten scheint es, daß durch Wind und Strömungen große
-Kanoes (Proas) von den Marschall-Inseln verschlagen wurden, deren
-Insassen dann auch glücklich Land gefunden haben. So soll noch im
-Jahre 1855 eine kleine Flotte die östlichste der Karolinen-Inseln
-„Kusai“ erreicht haben und nach monatelangem Aufenthalt wieder nach den
-Marschall-Inseln zurückgekehrt sein; auch noch größere Entfernungen,
-wie berichtet, sollen sie zurückgelegt und glücklich ihr Heimathland
-wieder gefunden haben. Aber so einsichtig und wagemuthig in dieser
-Hinsicht der Eingeborne auch ist, so ist doch anzunehmen, daß nur
-glückliche Zufälle es gewesen sind, die ihn nach langer Irrfahrt haben
-Land finden lassen. Darnach zu urtheilen, daß sie oft viele Wochen
-gebraucht haben, um von einer Insel zur anderen zu gelangen, müssen
-ihre Kenntnisse in der Seefahrt doch recht bescheidene sein; was aber
-jedenfalls für viele verderblich geworden, ist die Gewohnheit, sobald
-sie nach längerem Suchen ihr Ziel nicht finden können, die Segel
-niederzuführen und sich ihrem Schicksale zu überlassen.
-
-Besondere Beachtung nun verdienen die Fahrzeuge, mit denen der
-Inselbewohner sich auf den gefährlichen Ozean hinauswagt. Den
-Kanoebau muß man entschieden als ihre bedeutendste Leistung ansehen,
-Geschick, ja Kunstfertigkeit ist ihnen dabei nicht abzusprechen.
-Schon die Anforderungen, die sie an ihre größeren Fahrzeuge stellen,
-bedingen eine eigenartige Bauart; ihnen genügen nicht mehr ausgehöhlte
-Baumstämme, wie sich andere Völker solcher bedienen, hier gilt es
-vielmehr einen regelrechten Bau aufzuführen. Und zieht man in Betracht,
-daß früher (und heute noch vielfach) ihre einzigen Werkzeuge die
-Meermuschel und die Fischgräte waren, und das mit Geschick verwendete
-Feuer bei solcher Arbeit ihr bester Helfer ist, so kann man sich
-vergegenwärtigen, was es heißt, solche Fahrzeuge, die oft 50 und mehr
-Menschen zu fassen vermögen, herzustellen.
-
-Ihre Geschicklichkeit und Ausdauer finden deshalb staunende Anerkennung
-bei den Fremden, ja ich möchte den Europäer sehen, der an die Stelle
-der Eingebornen gestellt, sich mittelst Feuer und Muscheln aus einem
-dicken Baumstamm eine Planke verfertigen könnte!
-
-Die Kanoes, zu deren Bau das nicht sehr harte Holz des Brotfruchtbaumes
-verwendet wird, sind aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Der
-Kiel wird aus einem Stücke gefertigt, dies ist so ausgehöhlt, daß er an
-und für sich schon ein kleines Kanoe bilden würde; auf diesem werden
-dann die scharfen Vorder- und Hintertheile aufgesetzt, und dazwischen
-wieder die oft aus mehreren Stücken bestehenden Seitenwände eingefügt;
-die Höhe eines mittelgroßen Kanoes beträgt etwa 4 Fuß.
-
-Alle Theile werden stumpf auf- und aneinander gesetzt; aber um die
-dauernde Befestigung derselben, die Dauerhaftigkeit des Ganzen zu
-erreichen, dazu gehört eine wahre Engelsgeduld, denn um dieses zu
-erreichen müssen durch zolldicke Wände oft viele hundert Löcher
-mittelst Fischgräten oder Knochen gebohrt werden, die nahe aneinander,
-in den einzelnen Theilen sich stets gegenüber liegen.
-
-Naturgemäß können mit so unvollkommenen Instrumenten, Werkzeugen
-gearbeitete, stumpf aufeinander stoßende Hölzer nicht dicht halten,
-auch glatte Flächen sind damit nicht herzustellen; um aber dennoch
-eine gewisse Dichtigkeit zu erzielen, werden die Nähte mit zwischen
-gelegten trockenen Pandanusblättern ausgefüllt, dann werden durch die
-einander gegenüber liegenden Löcher Cajarfäden eingezogen und diese
-sehr fest angeholt. Die große Zahl solcher Laschungen ermöglicht
-es, jeden Theil des Kanoes dauernd und gut zu befestigen, und was
-Menschenkraft nicht fertig bringt, thut das Wasser, indem durchnäßt,
-sowohl die Pandanusblätter aufquellen, als auch die Cajarfäden sich
-zusammenziehen.
-
-Finden sich sichtbare Undichtigkeiten, namentlich in den Löchern, so
-bereitet sich der Erbauer aus fein geriebenem Holz und dem klebrigen
-Safte der Pandanusfrucht eine Art Kitt, mit dem er gefundene lecke
-Stellen zustopft und verkittet. Da unbedingte Dichtigkeit natürlich
-nicht herzustellen ist, so lecken ohne Ausnahme alle Kanoes ziemlich
-stark, indeß mit einer aus demselben Holze hergestellten Mulde,
-einer Art Schöpfkelle, die der Eingeborne geschickt zu handhaben
-weiß, bewältigt ein Mann bequem ohne sonderliche Anstrengung das
-eingedrungene Wasser leicht; auch Kokosnußschalen, Blechbüchsen, selbst
-die hohlen Handflächen dienen ihm als geeignete Schöpfgefäße.
-
-Alle Kanoes haben an einer Seite einen Ausleger, ein dem Kanoe parallel
-gelegtes und dem Bau desselben entsprechendes Stück Holz, mit diesem
-durch eine Anzahl biegsamer Zweige, die über beide Seitenwände des
-Kanoes hinreichen, verbunden ist. Weit genug abstehend, dient dieser
-als eine Art Schwebe, ein Kentern der scharf gebauten Fahrzeuge wird
-dadurch verhindert; namentlich beim Segeln giebt er ein Gegengewicht
-ab. Bei großen Kanoes liegt der Ausleger oft 6-8 Fuß von der Bordseite
-entfernt und besteht aus einem schweren Holzstücke, das, an sich
-möglichst stark, durch Träger und schräg liegende Gegenstützen,
-am Kanoe befestigt ist. Auf solchen Trägern, d. h. den einzelnen
-Verbindungen mit deren Ausleger, die unter sich ebenfalls gut verbunden
-sind, findet man oft noch eine kleine Hütte erbaut, worin für mehrere
-Mann Raum vorhanden ist, sie dient dem angesehensten der Besatzung
-gewöhnlich als Aufenthalt. Auch wenn befürchtet wird, der starke Wind
-könnte durch seinen Druck auf das Segel das Kanoe trotz des Auslegers
-zum Kentern bringen, setzen sich außerhalb der Bordwand mehrere
-Insassen auf das Flechtwerk des Trägers, so daß durch ihr Körpergewicht
-ein gewisser Gegendruck erzielt wird.
-
-Im ruhigen Wasser, oder in leicht bewegter See, sind diese Kanoes
-sehr schnelle Fahrzeuge. Ein europäisch gebautes Boot muß sehr gute
-Eigenschaften haben, wenn es eine Wettfahrt mit ihnen aufnehmen will,
-würde aber stets, sobald ein Ziel windwärts erreicht werden sollte,
-also ein Aufkreuzen gegen den Wind nöthig wäre, glänzend geschlagen
-werden; denn die scharf gebauten Kanoes mit ihren Mattensegeln
-liegen so dicht am Winde und werden dennoch so schnell durchs Wasser
-getrieben, wie es mit einem gewöhnlichen Boote nicht möglich ist.
-Ich habe in den großen Lagunen, Majuro, Arno, Malonlab u. a., wenn
-ich auf entfernteren Inseln in solchen Atolls kleinere Aufkäufe an
-Kopra oder Nüssen machen wollte, des öfteren diese Kanoes benutzt
-und muß bezeugen, flinkere Fahrzeuge habe ich bei keinem ungesitteten
-Volksstamme gefunden.
-
-So praktisch der Ausleger aber auch ist, ja so nothwendig für größere
-Fahrzeuge, um das Segeln mit diesen zu ermöglichen, so wird er doch
-auf freier und bewegter See oft verhängnißvoll. Obgleich er nach
-Möglichkeit zwar festgefügt und durch Cajar mit dem Kanoe verbunden
-ist, so löst er sich doch und bricht jede Verbindung leicht und geht,
-wenn die Wellen unablässig diesen hin und her zerren, verloren. Da
-eine Ausbesserung kaum vorgenommen werden kann, so ist, sobald diese
-Stütze verloren gegangen, das Schicksal der Insassen eines Kanoes auch
-besiegelt. Und diese Gefahr liegt immer vor, sie wächst mit dem Winde
-und den Wellen.
-
-Ich habe erwähnt, daß diese Proas sehr scharf gebaut sind, sie sind es
-aber nicht nur vorne und hinten, sondern auch längs des ganzen Kiels;
-was aber besonders von Verständniß und Nachdenken zeugt, ist die Form,
-welche solchen Kanoes gegeben wird. Beim Vorwärtstreiben durch Wind
-und Paddeln ist der Ausleger, der zwar ebenso scharf geformt ist, doch
-naturgemäß ein Hinderniß und würde ein Kanoe immer nach der Seite
-hin abweichen, an welcher sich dieser befindet. Diesem Uebelstande
-abzuhelfen, baut nun der Insulaner sein Kanoe so, daß die Seite, an
-welcher der Ausleger nicht angebracht werden soll, vom Kiel aufwärts
-bis zur Bordwand fast ganz flach verläuft, die andere dagegen ist
-erhaben ausgebaut. Natürlich ergiebt sich daraus, daß im Verhältniß zur
-Länge ein Kanoe nur sehr schmal sein kann, aber durch die flache Seite
-wird der Vortheil gewonnen, das tiefgehende Kanoe kann beim Segeln am
-Winde nicht oder nur sehr wenig abgedrängt werden.
-
-Zudem bleibt der Ausleger stets an der Windseite, andernfalls würde
-durch den Druck des Segels das Kanoe sofort kentern; ein wenden,
-wenn eine andere Kursrichtung genommen werden soll, geschieht nicht,
-vielmehr wird das gehißte Segel nur von vorne nach hinten oder
-umgekehrt geschiftet. Der Mast, in der Mitte des Kanoes in einer Spur
-feststehend, wird vom Ausleger aus durch Cajartaue gehalten, ist aber
-beweglich, so daß er nach vorne oder hinten geneigt werden kann, was
-stets beim Umschiften des immer in der Spitze festgesetzten Segels
-geschehen muß. Das Tau, mit dem das an langer Raa befestigte Segel
-gehißt ist, dient gewöhnlich nach hinten zu dem Maste als Stütze,
-seltener sind noch Hilfstaue angebracht.
-
-Ein Reffen, d. h. verkleinern der Mattensegel, sowie diese gebildet
-sind, ist nicht wohl angängig; wird der Wind zu stark oder überrascht
-eine starke Böe ein Kanoe, kann man nichts weiter thun, als das Segel
-einfach niederzuführen, oder frei im Winde peitschen zu lassen. Im
-ersteren Falle kommt es oft vor, daß das vom Winde aufgebauschte
-Segel ins Wasser zu liegen kommt, und wüßten die Eingebornen nicht
-so geschickt mit den Fahrzeugen umzugehen, müßte häufig genug, wenn
-die nicht selten äußerst heftigen Windböen einfallen, ein Unglück
-eintreten. Für einen Europäer wäre das Kentern eine unangenehme
-Sache, der Eingeborne dagegen macht sich nicht viel daraus, er bringt
-schwimmend sein gekentertes Kanoe wieder in Ordnung.
-
-Die Mattensegel, stets dreieckig, sind aus einem Geflecht von
-Pandanusblättern hergestellt, das aus etwa zehn Zentimeter breiten
-Streifen besteht, die sauber zusammengenäht, dicht und biegsam sind.
-
-Von Religion kann bei diesen Inselbewohnern eigentlich keine Rede
-sein; sie haben nur eine unbestimmte Vorstellung von einem höheren
-Wesen, welches ihnen Gutes und Böses zufügen kann, sonst sind sie
-wie alle ungesitteten Völker dem Aberglauben verfallen. Da sie nur
-wenige Ueberlieferungen besitzen, so beschränkt sich ihr Gottesdienst
-lediglich auf einige Gebräuche. Gewöhnlich wenn ein Unternehmen
-geplant ist, z. B. eine Reise, ein Kriegszug, wahrsagen weise Männer
-aus loderndem Feuer und das gute oder böse Vorzeichen ist für die
-Ausführung oder Unterlassung maßgebend; auch wird zum Weissagen ein
-zusammengefaltetes Pandanusblatt angewandt, man fängt an dem einen Ende
-zu kniffen an und benutzt die so gewonnene Breite als Maßstab für die
-übrige Blattlänge, bleibt nichts übrig, so ist es ein gutes Zeichen, im
-anderen Falle ein schlechtes.
-
-Erklärlich ist, da Götter und Gottheiten nicht vorhanden, die Insulaner
-nur eine sehr beschränkte Vorstellung von einem höheren Wesen hatten,
-daß sie, als die Missionare unter ihnen erschienen, willig der neuen
-Lehre lauschten, und sich zu ihr bekannten. Das Ansehen der Missionare
-war groß; diese verwandten dann ihren Einfluß dazu, der Unsittlichkeit,
-der Vielweiberei und anderen Lastern entgegen zu treten, sie haben aber
-nur dort Erfolg gehabt, wo sie selbst ansässig waren, d. h. auf den
-südlicheren Atolls, als Ebon, Jaluit und Milli.
-
-Anscheinend ist das Begriffsvermögen des Eingebornen nicht groß,
-er erfaßt bei weitem nicht alles, was ihm gelehrt wird, auch hat
-er nur eine unklare Vorstellung von allem, was außerhalb seines
-Gesichtskreises liegt, und nur das natürliche Empfinden von Recht und
-Unrecht ist bei ihm geschärft worden; er folgt zwar aus Furcht vor
-einer strafenden Gerechtigkeit nicht so willig mehr den natürlichen
-Trieben, erliegt aber trotzdem leicht einer Versuchung.
-
-Ausgebildete einheimische Missionszöglinge sind heute die eigentlichen
-Lehrer, und es ist zu hoffen, daß unter dem Schutze der deutschen
-Verwaltung das Christenthum mehr und mehr an Ausbreitung gewinnt, das
-ist um so eher zu erwarten, wenn erst die Häuptlinge bekehrt sind und
-durch maßvolles Vorgehen, unparteiische Rechtspflege, das Vertrauen der
-Eingebornen ganz gewonnen ist.
-
-Da die Marschall-Inseln heute deutsches Besitzthum, die Bewohner also
-in gewissem Sinne unsere Landsleute sind, so mag es vielleicht an der
-Stelle sein, hier in ihrer Sprache das Gebet des Herrn, das „Vater
-unser“, anzuführen.
-
-_Yememuij i lon, en kwojarjar etom. Ea itok am ailin. Yen komonmon
-ankil am i lol enwot dri lon._
-
-_Ranin, letok non kim kijim ranin: Im jolok annuij jerawiwi, enwot
-kimuij jolok an armij jerawiwi jen kim. Im jab tellok non mon, ak
-drebij kim jennana, Bwe am ailin, im kajur, im wijaak in driv._
-
-Erwähnt habe ich bereits, daß eine Stammverwandtschaft zwischen den
-Bewohnern der Marschall-Inseln und der Karolinen-Gruppe besteht, ihre
-Sprache und Sitten in vielen übereinstimmen. Deshalb will ich das
-gleiche Gebet auch in der Sprache dieser Inselbewohner, mit denen
-ich oft genug zusammengekommen und die auch zu jener Zeit, leider nur
-vorübergehend, unter dem Schutze der deutschen Flagge gestanden haben,
-hier anführen. Es lautet:
-
-_Papa tumus su in kosav, E'los val payi. Pogasai lalos tuku. Orek ma nu
-fwalu, ou elos oru in kosav. Frite kit len si ini ma kut mono misini:
-et nunok munas nu seske ma koluk las, oanu kut nunok munas sin met orek
-ma kuluk nu ses. A tie kot kit kut in mel, a es kit la liki ma koluk,
-tu togusai lalos, a ku, a mwolanu, ma patpat._
-
-Mit dem Versuche, in obiger Schilderung ein anschauliches Bild von den
-Marschall-Inseln zu geben, möchte ich noch gleichzeitig eine wichtige
-Frage, nämlich die Deportationsfrage, verbinden.
-
-Unzweifelhaft wird auch in unserem Vaterlande einst entschieden
-werden müssen, ob Deutschland nicht auch, wie seit langem Rußland
-und Frankreich, die Deportation als ein Mittel ansehen muß, um sich
-der Elemente der Bevölkerung zu entledigen, die heute die Zucht- und
-Gefängnißhäuser anfüllen, wenigstens die unverbesserlichen Individuen
-und schweren Verbrecher auszustoßen und solche, so der menschlichen
-Gesellschaft, ihrer Gefährlichkeit halber, zu entziehen. Zwar wird in
-Deutschland wohl nur die zwingende Nothwendigkeit dahin führen die
-Deportation rechtskräftig zu machen, zumal die Ansicht, mit dieser
-sei sowohl das geistige wie körperliche Verderben eines Individuums
-verbunden, noch eine allgemeine ist. Indeß man kann doch zu einer
-anderen Beurtheilung der Frage gelangen, wenn zugleich mit der
-zweifellos harten aber gerechten Strafe die Menschlichkeit durchaus
-gewahrt wird und ein Deportirter nicht als ein bereits dem Tode
-Verfallener anzusehen ist, eher noch die Möglichkeit vorliegt, ein
-solcher kann der menschlichen Gesellschaft wieder als ein nützliches
-Mitglied zugeführt werden.
-
-Wohl zu berücksichtigen ist natürlich bei einer in Frage kommenden
-Deportation, daß eine der Hauptbedingungen, der nöthige Abschluß
-von jeder Gesellschaft ist und dabei doch, anders als in Zucht- und
-Gefängnißhäusern, den Verurtheilten ein bestimmtes Maß der Freiheit
-gegeben wird. Das Nächstliegende, um solche unerläßliche Vorbedingung zu
-erfüllen, wird immer das sein, daß man naturgemäß einsame, dem Verkehr
-entzogene Landstrecken, wie es größere oder kleinere Inselgruppen
-sind, dazu in Aussicht nimmt. Und nicht mit Unrecht, denn der schwer
-zu bändige Trieb nach persönlicher Freiheit wohnt jedem Wesen inne und
-wird daher bei verwegenen Naturen weit eher zum Durchbruch kommen.
-
-Indeß, ist eine natürliche, unübersteigliche Grenze gezogen, stellt
-dem menschlichen Willen und Wollen sich ein Element, der Ozean,
-entgegen, ist die Folge, daß bei nicht gänzlich empfindungslosen
-Naturen schon der großartige Anblick des Weltmeers, die ruhige oft aber
-wildgrollende Sprache des Ozeans, eine wirksame Besserung im Naturell
-eines Verbannten erwarten läßt. Und fraglos werden demjenigen, dessen
-Gesichtskreis nicht enge Zellen beschränken, sondern dem sich die
-Wunder der Natur, der Ozean und das Firmament, in ihrer erhabensten
-Schönheit zeigen, sich Empfindungen aufdrängen, die schließlich die
-Erkenntniß herbeiführen, daß der Mensch dazu berufen ist, im Einzelnen,
-wie in der Gesammtheit einem höheren Zwecke zu dienen.
-
-Wohl läßt sich erwarten, daß prinzipielle Fragen sich einer
-gesetzlichen Deportation entgegen stellen werden, indeß, mögen sich
-auch noch so große Einwendungen dagegen erheben lassen, eines ist
-sicher, dem in Freiheit gebornen, wenn auch verbrecherisch veranlagten
-Menschen, bringt nicht die Strafe, bringt nicht die enge Zellenhaft,
-sondern die goldene, wenn auch beschränkte Freiheit zur besseren
-Erkenntniß. Um nun zu begründen inwiefern die Deportationsfrage
-nicht so ohne weiteres als unausführbar abzuweisen ist, ziehe ich
-die Möglichkeit in Betracht, daß die einsamen sehr wenig bevölkerten
-und dem Weltverkehr entlegenen Marschall-Inseln als eine Heimstätte
-für schwerer Verbrechen wegen Verbannte angesehen werden könnten und
-zwar aus triftigen Gründen 1. als das Klima auf diesen Inseln als ein
-gesundes anzusehen ist; 2. die Ernährung, selbst für eine große Zahl,
-mit Leichtigkeit durchzuführen ist; 3. die Bewachung auf so einsamen
-von jeder Verbindung abgeschlossenen Inseln keine strenge zu sein
-braucht; 4. Feste Häuser unnöthig sind und nur Baracken des milden
-Klimas wegen in Frage kommen können. Sollten aber dennoch feste Häuser
-nothwendig sein, sind solche leicht durch das im Ueberfluß vorhandene
-Korallenmaterial herzustellen; 5. geregelte Thätigkeit wird durch
-Anbau von Kokosplantagen, Anpflanzung tropischer Gewächse als Taro,
-Arrowroot etc. der Züchtung von Schweinen und Hühnern und schließlich
-Bereitung der Kopra, der Herstellung von Matten und Tauwerk aus den
-Fasern der Kokosnuß etc. für zahlreiche Verbannte vorhanden sein und
-mit der Zeit sich aus Anpflanzungen Erträge ergeben, die die zweifellos
-anfänglich erheblichen Kosten reichlich decken werden.
-
-Was speziell die Ernährung anbetrifft, die für einen Europäer
-besondere Beachtung verdient, so würde solche durch Zufuhr geeigneter
-Nahrungsmittel in Verbindung mit den leicht zu züchtenden und zu
-erhaltenden Schweinen und Hühnern eine ausreichende sein, zudem bietet
-der Ozean selbst durch seinen überaus großen Fischreichthum eine
-beliebige Abwechslung dar, und für keinen Kenner jener Koralleninseln
-kann ein Zweifel bestehen, daß dort nicht ausreichende gesunde
-Nahrungsmittel vorhanden sind. Anders freilich würde die Frage betreffs
-des guten Trinkwassers zu lösen sein, da das gefundene Grundwasser
-(durch Korallen filtrirtes Seewasser) auf die Dauer doch schädlich sein
-könnte, auch angelegte Cisternen in regenarmer Zeit nicht ausreichen
-möchten. Jedoch die Anlage von Condensatoren, die Seewasser in
-Süßwasser verwandeln, das auf großen Passagierschiffen fast ausnahmslos
-verwendet wird, würde jeden Bedarf decken.
-
-Der berechtigte Einwand, den auf tiefer Kulturstufe stehenden
-Eingebornen sollte man nicht, um nicht das Ansehen der Europäer zu
-schädigen, den Transport gefangen gehaltener Weißer vor Augen führen,
-wird bei der Anlage einer Verbrecherstation auf den gedachten Inseln
-hinfällig. Denn wie erwähnt ist die Bevölkerung eine geringe und manche
-Korallen-Inseln sind fast unbewohnt auf denen aber nicht minder die
-Anlage von ausgedehnten Kokosplantagen möglich ist. Zieht man das
-Facit, so kann der Gedanke, auf einsamen Inseln der Marschall- resp.
-Browns-Gruppe Deportirte unterzubringen, durchaus nichts abschreckendes
-haben, zumal alle Vorbedingungen gegeben sind und neben der großen
-Entlastung der Zellengefängnisse käme der Vortheil dazu, daß mit einer
-verhältnißmäßig billigen Arbeitskraft ein Kulturwerk gefördert würde,
-das die Eingebornen niemals zu vollbringen im Stande sein werden;
-auf solche Weise der Werth der Marschall-Inseln für Deutschland ganz
-besonders gesteigert werden würde.
-
-
-
-
-V. Reisen durch die Marschall- und Karolinengruppe.
-
-
-Wie erwähnt, weisen sämmtliche Atolls der Marschall-Gruppe dieselbe
-Eigenthümlichkeit auf, nur in Form und Größe sind sie verschieden;
-auffallend aber ist, daß fast bei allen die Leeseite der Atolle, d. h.
-also die, welche dem schweren Anprall der Ozeanwogen, die der oft sehr
-starke Nordost-Passat an diese Gestade treibt, nicht ausgesetzt sind,
-größere Landmassen aufweisen, hingegen an der Luv, d. h. Nordostseite,
-nur dort sich Anhäufungen von Sand und kleine oder größere Inseln
-sich finden, wo die Koralle ein weites mächtiges Riff erbaut hat. Ich
-habe nachgewiesen, daß Korallen-Inseln allein nur durch losgelöste
-Rifftheile entstanden sind, naturgemäß also die Wind- oder Wetterseite
-zuerst solche aufweisen müßte, daß dies nun auf diesen Atolls
-weniger der Fall, liegt daran, daß der starke Wind den von den Wellen
-gebildeten Korallensand hinwegfegt, über die Lagunen treibt und eine
-Anhäufung an der Leeseite begünstigt. Deshalb sind auch, mit wenigen
-Ausnahmen alle Stationen und Ansiedelungen der Weißen dort angelegt,
-zumal da dort bequeme Zugänge zu den Lagunen sich befinden, theils für
-die Schiffahrt günstiger Ankergrund vorhanden ist.
-
-Da die Lagunen eine ganz beträchtliche Ausdehnung haben, zwischen 5
-bis 70 Seemeilen lang sind, wird es erklärlich, daß in den Einfahrten
-sowohl bei Fluth, als auch Ebbe, eine starke und unter Umständen sehr
-starke Strömung vorhanden ist. Die Einfahrten im Jaluit-Atoll und auch
-in anderen sind gewöhnlich, weil sie nur schmal, für ein Segelschiff
-nicht zu passiren, so lange der Strom mit großer Kraft ein- oder
-ausläuft; erst kurz vor oder nach eingetretenen Stillstand, d. h.
-wenn Fluth oder Ebbe wechselt, sucht man ein- oder auszulaufen; und am
-besten ist es, wenn Durchfahrten auch bei niedrigstem Wasserstand noch
-tief genug sind, mit steigendem Wasser dies zu unternehmen; man sieht
-dann die Riffe besser und läuft auch keine Gefahr, wenn das Schiff an
-oder auf einem Riffe festkommen sollte, sitzen zu bleiben.
-
-Im Jaluit-Atoll wird meistens die zwischen den Inseln Jabor und
-Enübor befindliche Südost-Passage, als Einfahrt, und die von hier nach
-Südwesten, zwischen Ai und Medjerrurik, liegende Passage, als Ausfahrt
-benutzt, seltener die Nordost-Passagen. Gegen widrige Winde diese engen
-Fahrstraßen zu benutzen ist für ein größeres Schiff schier unmöglich,
-ich habe es mit einlaufendem Strome öfter versucht, nie aber gewagt ein
-großes Segelschiff auf diese Weise, wenn ich in Jaluit anwesend, und
-zeitweilig als Lootse thätig war, ein- oder auszubringen.
-
-Sehr häßlich ist es, wenn zwischen zwei Inselspitzen der vorher starke
-Wind plötzlich abflaut, oder sogar für den Augenblick entgegengesetzt
-weht; hat dann das Schiff keine genügende Fahrt oder ist sogar
-Gegenstrom vorhanden, ist die Lage für einen Führer oder Lootsen
-geradezu peinlich. Für den Schiffsführer der aus der Südwest-Ausfahrt
-von Jaluit segeln will, bedarf es einer genauen Kenntniß der
-Oertlichkeit, vor allem namentlich am Nachmittage, wo er die Sonne
-recht voraus hat, die das Wasser wie eine Silberfluth erscheinen läßt.
-
-Als ich einst beordert war eine Bark hier hinaus zu lootsen, wurde
-der Wind zwischen den Inseln Ai und Medjerrurik still, die Untersegel
-schlugen back, während die Oberbramsegel noch den vollen Wind hatten
-und das Schiff trieb dem nahen Riffe zu. Nichts war dagegen zu
-machen, da aber jede Zögerung die Gefahr vergrößerte, so gab ich kurz
-entschlossen die nöthigen Befehle. Die Raaen flogen an den Wind, die
-klar gehaltenen Boote rauschten ins Wasser und wurden schnell voraus
-gebracht, nachdem das Schiff mit Tauen an ihnen befestigt war, ruderten
-kräftige Seemannsfäuste aus Leibeskräften, um das steuerlose Schiff
-wieder in Fahrt zu bringen. Bald half der stoßweise umspringende Wind,
-bald hemmte er, doch ging es langsam vorwärts, bis die Brise wieder mit
-voller Kraft einfiel und es ermöglichte, das Schiff zu regieren.
-
-Als ich mit meinem Boote zurückkehrte, hoffte ich die zehn Seemeilen
-weite Entfernung bis Jabor aufkreuzen zu können, da brach aber in
-einer Böe der Mast, und die zwei Mann im Boote konnten gegen Strom
-und Wind nicht vorwärts kommen. Nirgends war wegen der Riffe Land
-zu erreichen, so mußten wir ohne Wasser und Lebensmittel wachend
-die Nacht verbringen. Am nächsten Vormittage mußte irgendwo Land
-aufgesucht werden, wir landeten auch an einer unbewohnten Stelle, wo
-wir, nachdem meine Leute aufgefundene Kokospalmen erklettert hatten,
-Durst und Hunger an jungen Nüssen stillen konnten. Darnach als hiervon
-genügend Vorrath eingesammelt war, ruderten wir in heißer Sonnengluth
-längs der Riffe weiter, erreichten aber die Station erst in der frühen
-Morgenstunde des dritten Tages.
-
-Die erste Reise im Marschall-Archipel hatte ich nach Ebon, Namorik,
-Kili u. a. zu unternehmen und besuchte auf dieser zuerst die kleinsten,
-aber auch fruchtbarsten Atolle. Die einzige Einfahrt in der Ebon-Lagune
-liegt an der Südwestseite zwischen den Inseln Juridi und Meidj, diese
-ist zwar tief, aber sehr schmal und ausgedehnte Riffpatschen nach innen
-machen diese sehr schwer zugänglich, dazu läuft ein wirbelnder Strom
-ein und aus, der einem Schiffe gefährlich werden kann, wenn dieser in
-voller Stärke einsetzt, ehe frei Wasser gewonnen ist.
-
-Der Wind ist zum Durchsegeln dieser Einfahrt selten günstig, ein
-Ankern außerhalb am Riffe nicht immer rathsam, und so begegnete es mir
-beim Einkreuzen, daß der über das Riff auslaufende Strom das Schiff
-innerhalb der langen Einfahrt an das Riff trieb, und dieses auf der
-schräg abfallenden Korallenwand sitzen blieb. Das Wasser fiel und, kam
-ich nicht frei, mußte das Schiff schließlich sich auf die Seite legen,
-umfallen und volllaufen. Deshalb wurde schnell ein Anker ausgebracht,
-der auf hundert Fuß Wassertiefe erst den Grund erreichte, und nun
-versucht, das Schiff abzuwinden; allein die starke Leine riß sehr bald
-von scharfen Korallen durchschnitten entzwei, und der Anker, an dem
-die Bojenleine zu kurz gewesen, war verloren. In Ermangelung eines
-schweren geeigneten Ankers, wurde nun als letzter Versuch schnell
-einer der Buganker zum gegenüber liegenden Riffe gebracht und gut
-hinter Korallensteine versenkt, dann versuchten wir aufs neue, das sich
-langsam neigende Schiff mit aller Gewalt abzubringen, und es gelang.
-
-Wäre diese Anordnung erfolglos geblieben oder nochmals die Leine
-gerissen, so hätte ich nur noch versuchen können, schnell Gaffeln oder
-Segelbäume abzutakeln von den Masten, und senkrecht an der gefährdeten
-Seite im Wasser aufzustellen; wären diese an der Bordwand festgebunden
-worden, so wäre vielleicht durch solche Stützen, wenn das Wasser nicht
-zu tief fiel, ein Unglück vermieden worden sein.
-
-Ich war fast jedesmal gezwungen, in der Ebon-Lagune einzulaufen, selbst
-später mit dem größten Schiffe der Gesellschaft und bin immer ohne
-besondere Schaden weggekommen. Nur einmal in dunkler Abendstunde in
-der Ost-Durchfahrt, der kleineren, aufkreuzend, lief ich noch, von den
-Riffen frei, auf Anrathen eines guten Lootsen, den der König von Ebon,
-der Häuptling Nelu, mir gestellt hatte, der mit seinem ganzen Gefolge
-sich an Bord befand, weiter nach der Insel Eninaitok, zwischen vielen
-Riffpatschen und Untiefen hindurch. Als die Insel in Sicht kam, war
-wegen der Dunkelheit der Abstand vom Lande schwer zu schätzen, und
-hätte ich mich nur auf die Kenntniß des Lootsen verlassen, und nicht
-lothen lassen, würde dieser mir das Schiff mit voller Fahrt aufs Riff
-gesetzt haben. Plötzlich nur drei Meter Wassertiefe findend, jagte
-ich gerade noch zur rechten Zeit das Schiff in den Wind und brachte es
-zum Stillstand; darauf segelte ich vom Lande ab und ging auf größerer
-Tiefe zu Anker, mich wenig daran kehrend, daß nun die Häuptlinge etwas
-länger im Boote sitzen mußten und die Ausschiffung länger dauerte. Um
-die schon tagelang an Bord befindlichen Eingebornen noch ans Land zu
-bringen, hätte ich, vertrauend der besseren Kenntniß derselben, bald
-mein Schiff arg gefährdet gesehen.
-
-Manchem anderen Schiffe ist es beim Einkreuzen in dieser Lagune nicht
-sonderlich gut ergangen, Beschädigungen am Schiffsboden, leichter
-oder schwererer Art, waren nicht selten, und wer nicht durchaus hinein
-segeln mußte, vielleicht nicht unter der Insel Juridi ankern durfte,
-kreuzte lieber tagelang vor der Einfahrt hin und her; was ich mitunter
-auch that, wenn in der schlechten Jahreszeit die See am Riffe zu schwer
-oder nur wenig Ladung zu landen oder abzunehmen war.
-
-Die Lagune selbst bietet, sobald man die schlechte Durchfahrt
-durchsegelt hat, einem Schiffe überall sichern Ankergrund; ein
-geschützter Hafen ist das weite Becken, in welchem heftiger Wind nur
-selten das ruhige klare Gewässer erregen kann.
-
-Ein flüchtiger Ueberblick auf dieses weite Becken läßt vermuthen,
-daß nur noch wenig Riffe mehr, außer den der Ausfahrt vorgelagerten,
-vorhanden sind, und doch befindet sich eine große Zahl kleiner und
-größerer Riffpatschen in demselben; die Thätigkeit der bauenden
-Koralle, welche im Laufe der Zeit diese Lagune verschließen wird,
-ist in vollem Gange. Recht in die Augen fallend erweist sich diese
-Thatsache, langsam zwar, aber immer weiter bauen die Polypen, und
-nach menschlicher Voraussicht wird sich hier von allen offenen Atolls
-zuerst der Vorgang abspielen, daß diese Lagune für jeden Schiffsverkehr
-durch die unzerstörbare Arbeit der winzigen Thierchen geschlossen
-wird. Fahrten durch die ganze Lagune von Insel zu Insel bestätigten
-mir diese Annahme, da ich unter Land sowohl wie auch im großen freien
-Wasserbecken weit ausgedehnte Riffe vorfand.
-
-Die meisten der langgestreckten Inseln dieses Atolls sind flach und
-ohne besondere Erhebungen, der Unterbau, Korallensteine, die aber
-schon so hoch mit einer Humusschicht bedeckt sind, daß solche wenig
-sichtbar werden, auch hat die reiche Vegetation, das Eindringen der
-Pflanzen im Gestein, das ihre zur Verwitterung desselben beigetragen.
-Ueberhaupt habe ich kaum auf einem anderen Atoll so dichtes Gebüsch,
-hohe Bäume und wuchernde Pflanzen angetroffen, wie auf Ebon; anzunehmen
-ist, daß dazu der reichlich fallende Regen, der die Verwesung in der
-Pflanzenwelt befördert, viel beigetragen hat.
-
-Vor allem erwähnenswerth ist hier neben den sehr zahlreichen
-Kokospalmen der mächtige Brotfruchtbaum, dessen schmackhafte Frucht
-eine Hauptnahrung der Eingebornen ist. Der Baum wird über 60 Fuß
-hoch und trägt auf hohem Stamme, der oft mehrere Fuß im Durchmesser
-hat, eine gewaltige Krone, er könnte in seinem Bau mit unserer Eiche
-verglichen werden. Seine Früchte, am Ende der Zweige hängend, haben
-eine länglich runde Form und werden ein bis zwei Pfund schwer. Sie
-werden gewöhnlich zwischen heißen Steinen oder am Feuer geröstet und
-bieten selbst dem weißen Manne einen Ersatz für Brot und Kartoffeln,
-vor allem auf Inseln, wo die Jamswurzel oder Taro nicht erhältlich
-sind.
-
-Hier auf Ebon, wo ich öfter an den Mahlzeiten der Eingebornen
-theilnehmen mußte, lernte ich eine neue Art der Zubereitung dieser
-Brotfrucht kennen, wodurch dieselbe ganz besonders schmackhaft gemacht
-wurde. Das Herz der Frucht wird mit einem Stückchen Holz oder mit den
-Fingern entfernt, in die entstandene Höhlung dann weiße Kokosnußmilch
-gefüllt, und so in Blätter eingewickelt, zwischen heißen Steinen
-gebacken. Das goldgelbe Fleisch, dessen Nährgehalt durch die Milch noch
-erhöht ist, wird so ein noch vorzüglicheres Nahrungsmittel. Auf anderen
-Inseln wo man diese Art der Zubereitung nicht kannte, fanden alle
-vereinzelt lebenden weißen Händler stets ganz besonderes Wohlgefallen
-an der auf diese Weise zubereiteten Brotfrucht.
-
-Aeußerst fischreich ist auch die Ebon-Lagune, namentlich in der
-starken Strömung der Einfahrt hält sich ein wohlschmeckender,
-giftfreier Fisch auf, ähnlich unserem Blei. Um solche Fische nun zu
-erhalten, die weder nach der Weise der Eingebornen, noch mit Angeln zu
-fangen sind, benutzen hier die Händler von San Franzisko eingeführte
-Dynamitpatronen, die angezündet und zur rechten Zeit ins Wasser
-geworfen, durch Zerspringen alle am Orte befindlichen Fische betäuben.
-Diese kommen dann für wenige Minuten an die Oberfläche und werden, ehe
-sie wieder sinken, in die Kanoes oder Boote schnell eingesammelt; ist
-das Wasser nicht zu tief, werden die Fische durch Taucher vom Grunde
-heraufgeholt.
-
-Die Verwendung solcher Patronen bedingt aber große Vorsicht; ein
-Verpassen des rechten Augenblickes, eine fehlerhafte Zusammenstellung
-des Sprengstoffes, bringt immer große Gefahr für den, der nicht
-ganz genau mit der Anwendung Bescheid weiß. Mehrfach habe ich Leute
-getroffen, denen durch das explodirende Dynamit, wenn eine solche
-Patrone nicht gut geladen war, mehrere Finger weggerissen waren, einige
-aber auch, die ihre Unkenntniß oder Ungeschick mit dem Verluste der
-rechten Hand bezahlt haben.
-
-Als ich einst unter der Insel Juridi vor Ebon zu Anker lag, erbat sich
-mein Steuermann Kitimatu, ein Japaner, die Erlaubniß, mit dem Boote
-fischen zu dürfen. Da mir unbekannt war, daß derselbe sich von einem
-Händler Dynamitpatronen gekauft hatte -- übrigens eine verbotene Waare,
-die nur im Geheimen zur Einführung gelangt -- wurde ich erst durch
-den dumpfen Knall darauf aufmerksam gemacht. Bald sah ich, wie die
-Besatzung des Bootes in das Wasser sprang und eine beträchtliche Menge
-großer Fische in dasselbe hineinwarf. Der Japaner, ein vorzüglicher
-Taucher, holte vom Grunde immer mehr herauf, so daß nach der Zahl der
-angesammelten Fische zu urtheilen, mehrere hundert derselben betäubt
-oder getödtet sein mußten.
-
-Dulden durfte ich nicht, daß fernerhin solche Art von Fischerei
-betrieben wurde, vor allem nicht die Mitführung des gefährlichen
-Dynamits an Bord, und obwohl mir, wie auch der Mannschaft, die große
-Menge schöner Fische nicht unwillkommen war, so mußte für die Folge
-doch die Verwendung solcher Patronen unterbleiben. Ziemlich erstaunt
-war daher der Japaner und die Freude seines Erfolges gedämpft, als ich
-vor seinen Augen die mir ausgehändigten übrigen Patronen über Bord
-warf; es wollte ihm nicht recht einleuchten, wie ein so nützlicher
-Gegenstand anderen gefährlich werden könne.
-
-Ehe ich meine Angaben über den Ebon-Atoll schließe, will ich noch
-eines Vorganges erwähnen, der mir später an den Außenriffen leicht
-den Verlust des Schiffes „Futuna“ eingetragen hätte. Leichter,
-südwestlicher Wind wehte, als ich einst in der schlechten Jahreszeit,
-im Anfang Oktober, vor Ebon anlangte und wegen einiger Bootsladungen
-Güter nicht erst einlaufen wollte, sondern die Boote an Land sandte und
-durch den Steuermann das Geschäftliche erledigen ließ. Darauf segelte
-ich, da ich von hier nach den Karolineninseln beordert war, beim Winde
-liegend längs der Riffe nordwestwärts; zwar nahe dem Riffe, jedoch frei
-genug, um gegebenen Falls ein Segelmanöver ausführen zu können. Querab
-der Insel Toka aber, als ich schon hoffen konnte das Riff nach kurzer
-Entfernung mehr nach rechts abfallen zu sehen, wurde das Schiff von
-einer unerwarteten Strömung dem Riffe, auf welchem eine mittelmäßige
-Brandung lief, zugedrängt und erkennend, ich würde nicht frei davon
-kommen, gab ich Befehl zum wenden.
-
-Nie hatte der Schooner, selbst in gefährlichen Engen, eine Wendung
-versagt, jetzt aber ging er nicht durch den Wind. Ein zweiter Versuch,
-mit ganzer seemännischer Geschicklichkeit ausgeführt, schlug wieder
-fehl; einen dritten wagen, da ich schon der Brandung sehr nahe gekommen
-war und der sicher fehl gehen mußte, da das Schiff nicht mehr Raum
-genug hatte um gute Fahrt zu gewinnen, hieß es geradezu aufs Riff
-setzen. Verloren schien das Schiff auf jeden Fall, da ich wegen des
-kurzen Abstandes vom Riffe keine Möglichkeit mehr sah, dieses vor den
-Wind herumzubringen, welches ja das einzige Manöver ist, wenn Strömung
-und schwerer Seegang ein Wenden verhindern. Doch um alles zu thun,
-mußte ich auch dies wagen; wie ich auf das Riff kam, angetrieben, oder
-mit vollen Segeln vor dem Winde, war jetzt gleichgültig; einmal in
-der Brandung mußte das Schiff doch nach kurzer Zeit am steilen Riff
-zerschlagen und in die Tiefe sinken; die einzige Aussicht war, daß sich
-die Mannschaft noch unter Umständen retten könnte.
-
-Es ist ein Haupterforderniß für den Seemann auch in der gefahrvollsten
-Lage nicht den Kopf zu verlieren, sondern entschlossen zu handeln, so
-gab auch ich ohne Besinnen ehe noch das Schiff durch den Druck seiner
-Segel wieder an den Wind gekommen war, den Befehl, das Ruder hart
-Backbord zu legen, die Raasegel vierkant zu führen, alle Schooten der
-Schratsegel los zu werfen, und siehe wie ein Schwan mit ausgespannten
-Fittichen lief das Schiff mit schneller Fahrt seinem Verderben
-entgegen. Noch aber war seine Stunde nicht gekommen; das wackere
-Schiff, mit dem ich noch manche Noth und Sturm durchkämpfen sollte,
-ehe es in diesem Ozean an einer anderen Insel „Kili“ in die Tiefe sank,
-gehorchte über Erwarten gut dem Steuer. Die 150 Fuß, die das Schiff vom
-Riffe entfernt gewesen, hatte es noch nicht durchlaufen, als es durch
-den Druck der sehr schnell hantirten Segel wieder an den Wind gebracht
-war. Zwar lief die hohle See schon unter dem Kiel und hob das Schiff
-zum vernichtenden Stoße, -- keine zehn Fuß hinter dem Heck donnerten
-die Schaumkronen der Brandung -- und doch, mit freiem Winde die Fahrt
-beschleunigend, entkam ich dem sicher erwarteten Verderben.
-
-Auf einer Fahrt von Jaluit nach Ebon und zurück, traf ich in der
-Ebon-Lagune den Häuptling Launa mit einigen seiner Proas an, mit
-denen er, zur Abreise nach Jaluit gerüstet, nur auf gutes Wetter
-wartete. Da die Gelegenheit günstig war, mit dem deutschen Schiffe nun
-die Ueberfahrt zu machen, trat Launa mit mir in Unterhandlung wegen
-des Fahrgeldes, dessen Höhe ihm zwar gut genug bekannt, das er aber
-herabgesetzt wissen wollte. Als ich darauf nicht eingehen konnte,
-erklärte er mir, dann solle auch keiner seiner Leute mit mir fahren,
-er segele mit seinen Kanoes billiger. Thatsächlich ging er am Abend
-desselben Tages in See und erreichte glücklich Jaluit.
-
-Die Kunst, mit Geschick und Verständniß, solche nicht ungefährliche
-Fahrten in leicht zerbrechlichen Kanoes zu unternehmen, ist heute nur
-noch wenig Inselbewohnern eigen, obwohl sie früher im Bereich dieses
-Archipels nichts Ungewöhnliches waren. In der Nalik-Kette bedienen sich
-die Häuptlinge aber mehr der europäischen Segelschiffe, auch besitzt
-der König Kabua, eigentlich Nelu, ein solches, mit dem sie von Insel zu
-Insel fahren und es auch selber, ohne Hilfe eines Weißen führen.
-
-Dieses Verständniß der Navigirung nur war einst ein streng gehütetes
-Geheimniß erfahrener Häuptlinge. Der es den Weißen verrieth, büßte es
-mit dem Tode. Obgleich die Inselbewohner sich auf ihren Fahrten nach
-dem Stand der Sonne und des Nachts nach den Sternen richten, worüber
-sie zu ihrem Zwecke genügend Bescheid wissen, haben sie sich doch eine
-Seekarte angefertigt, die unzweifelhaft beweißt, daß sie über die
-Lage der einzelnen Gruppen sowohl, wie über Wind und Strömungen gut
-unterrichtet waren.
-
-Diese Karte besteht nur aus geraden oder gebogenen dünnen untereinander
-verbundenen Stäben, auf denen an bestimmten Stellen die einzelnen
-Inseln durch kleine Muscheln oder Steine angezeigt werden, die
-gebogenen Stäbe geben den Strom oder auch den Seegang an, was
-gleichbedeutend mit der Windrichtung sein würde. Alle Atolle sind
-auf diese Weise bezeichnet, und die Abstände derselben von einander
-verhältnißmäßig ziemlich genau angegeben. Hieraus ersieht man, daß
-in früheren Zeiten ein reger Verkehr im Bereiche dieses Archipels
-stattgefunden hat, die Eingebornen von Insel zu Insel segelten und so
-ihre Kenntnisse erweiterten; die vor sehr langer Zeit einfach genug
-gewesen sind, z. Z. als die heutigen Atolle noch nicht vorhanden waren,
-oder doch deren Ränder noch hohe zusammenhängende Landmassen bildeten,
-die im Laufe der Zeiten erst gesunken. Keine oder nur sagenhafte
-Ueberlieferungen haben diese Eingebornen, von denen die eine Beachtung
-verdient, daß nach der vor langer, langer Zeit an Stelle der jetzigen
-Atolle hohe Inseln gestanden haben, aber welche Veränderungen hier
-stattgefunden, was ihre Vorfahren geschaut, darüber schweigt ihr Mund!
-
-Der Namorik-Atoll, in Nordwest-Richtung etwa 70 Seemeilen von
-Ebon entfernt, ist einer der wenigen, die durch die Korallen schon
-geschlossen sind. Nur zwei langgestreckte Inseln, von einander durch
-Riffe getrennt, die früher den Zugang zur Lagune gestatteten, bilden
-die ganze Landmasse, sind aber ebenso fruchtbar und ertragreich, wie
-die Inseln des Ebon-Atolls.
-
-Steile Korallenwände, an denen kein Ankergrund gefunden werden kann,
-heben sich aus großer Tiefe empor. Und wenig angenehm ist es für einen
-Schiffsführer, sich stets unter Segel hier halten zu müssen; oft habe
-ich daselbst tagelang an der Westseite unter Land kreuzen müssen, ehe
-mit Booten, die häufig am steilen Strande gefährdet sind, die Ladung
-abgenommen war. Wohl ist heute noch das Wasser in der Lagune klar
-und rein, da von außen über die Riffe hinweg der Ozean seine Wogen
-hineinspült und damit der noch langsam bauenden Koralle frische Nahrung
-zuführt; wird dies aber einst durch Anhäufungen von Gestein und Sand
-unmöglich, so muß durch die heiße Sonne eine Verdunstung und damit eine
-Versumpfung eintreten.
-
-Diesen Prozeß hat bereits die von Namorik in Ost-Richtung etwa 65
-Seemeilen entfernt liegende Insel „Kili“ durchgemacht. Eine Seemeile
-lang, ist die kleine Lagune schon vollständig umschlossen und ein
-großer Sumpf, in welchem die Pflanzenwelt Fuß gefaßt hat und überreich
-wuchert. Anfänglich war das Eiland unbewohnt, weil Kokospalmen und
-Pandanus nur spärlich vorhanden waren und einzig wilde Hühner und
-Schweine dort ungestört hausten; jetzt hat man mit der Lichtung
-des wilden Busches begonnen, und die Anpflanzung einer ausgedehnten
-Kokosplantage verspricht einen lohnenden Ertrag.
-
-Die Insel ist ebenso steil und unzugänglich wie Namorik, nur am Südende
-erstreckt sich ein langes Riff in die See hinein, auf welchem stets
-schwere Brandung steht und beim Kreuzen unter Land einem Schiffe
-gefährlich werden kann. Auf diesem ging auch der, einst von mir
-geführte Schooner „Futuna“ gänzlich in einer dunklen Nacht verloren.
-
-Solche Schiffsverluste sind gewöhnlich auf unbekannte Strömungen
-zurückzuführen, die vorherrschend sind oder zeitweise auch von den
-Winden hervorgerufen werden. Muß man sich des Nachts unter Land halten,
-um nicht zu weit abzutreiben und dadurch Zeit zu verlieren, so ist
-es immer nöthig, sich über die Stromverhältnisse erst Gewißheit zu
-verschaffen.
-
-In dieser Hinsicht ist die auf 0° 25' Süd-Breite und 167° 10'
-Ost-Länge liegende Insel „Pleasant-Eiland“ besonders bemerkenswerth,
-da dort der starke Aequatorialstrom, sobald der Wind nachläßt, jedes
-Schiff hinwegführt und Tage auch Wochen hingehen, ehe die Insel
-wieder erreicht werden kann. Fast jedem Schiffe, das dorthin Reisen
-unternommen hat, ist diese Strömung verhängnißvoll geworden, auch
-mir, unter den sechs Malen, daß ich dort habe anlaufen müssen, in zwei
-Fällen.
-
-Anfang April 1886 nach Pleasant-Eiland beordert, erreichte ich die
-Insel mit günstigem Winde schnell. Da auch hier nirgends Ankergrund
-gefunden wird, ist es Gebrauch, sich Tag und Nacht ganz dicht unter
-Land zu halten, vor allem nicht nord- oder südwärts über die Insel
-hinauszusegeln, sonst führt der starke Strom das Schiff mit sich fort
-und kann nur bei frischem Winde und ein guter Segler den verlorenen
-Abstand wieder gewinnen.
-
-Die Insel ist sehr fruchtbar, daher auch die Kopraausfuhr recht
-bedeutend; aber eigenthümliche Verhältnisse unter der Bevölkerung
-schädigen den Handel sehr, da zwischen den Bewohnern der elf Bezirke
-fast fortwährend gekämpft wird, und das Niederschlagen der Palmen durch
-den Sieger, das Aufblühen dieses gesegneten Ländchens verhindert. Die
-Eingebornen waren anfänglich den Fremden feindlich gesinnt und haben
-lange der Niederlassung europäischer Händler widerstanden; erst als
-ihnen die Wirkung der Feuerwaffen, die namentlich von Amerikanern
-eingeführt wurden, bekannt war, gelang es einzelnen Fremden, dort Fuß
-zu fassen.
-
-Im Innern dieser etwa 15 Seemeilen im Umfange haltenden Insel erheben
-sich zwei kegelförmige Krater, einige hundert Fuß hoch, die längst
-erloschen sind und auf deren verwitterten Lavafeldern sich eine überaus
-reiche Pflanzenwelt entfaltet hat. Selbst ein Kratersee ist vorhanden,
-in dem die Eingebornen Fische züchten; auch Höhlen sollen vorhanden
-sein, die wahrscheinlich durch vulkanische Erhebungen entstanden sind.
-
-An jenem Tage, als ich die Nordspitze zum ersten Male umsegelte und
-dicht unter dem etwa 200 Meter breiten Riffe mich aufhielt, hörte man
-am Nordende der Insel fortwährendes Gewehrfeuer. Die Eingebornen waren
-wieder in einen Kampf verwickelt. Zum Glück wußte ich wie harmlos im
-Grunde genommen solche Kämpfe sind, daß es in der Hauptsache dabei
-nur auf zweckloses Knallen, wildes Geschrei und lautes Geschimpfe
-ankommt. Selten fällt ein Gegner, auch genügen einige Verwundungen, um
-die Kampflust zu befriedigen, und bald beenden feierliche Verträge,
-die nie gehalten werden, die Raufereien. Das Schlimmste dabei ist,
-daß die anfänglich zügellose Wuth dieser wilden Menschen den Europäer
-gefährdet, daher ist dessen Haus gewöhnlich eine kleine Festung,
-geeignet, im Nothfall sich dahinter zu vertheidigen; sie fürchten aber
-auch die Treffsicherheit des weißen Mannes und wagen es daher selten,
-Wunden oder Tod sich durch einen Angriff zu holen.
-
-Ist ein Kampf eröffnet, so nimmt der ganze Stamm daran theil; auch wenn
-der Europäer selbst nicht gefährdet ist, kann er zu solcher Zeit keine
-Arbeiter erhalten, um Ladung in Empfang zu nehmen oder zu verschiffen.
-
-So war es auch an diesem Tage. Der Superkargo, Herr Tuchtfeldt, ein
-Beamter der Gesellschaft, den ich abgesetzt hatte, theilte mir mit,
-daß nichts zu machen sei; ich hatte also zu warten, und unablässig
-mit vollen Segeln auf- und abkreuzend d. h. ich ließ das Schiff eine
-gewisse Strecke treiben und segelte dann wieder dem Lande zu. Als nun
-die dunkle Nacht hereinbrach, deren Schatten die Insel den Blicken
-entzog und es schwer wurde, den sichern Abstand vom Lande zu schätzen
-auch vor Mitternacht noch die Kraft des Windes nachließ, erkannte ich
-bald, daß die Fahrt des Schiffes geringer sei als der entgegenlaufende
-Strom.
-
-Mehr und mehr verschwanden die dunklen Umrisse der Insel, und als
-der Morgen tagte, sah ich nichts mehr von dieser, nur vom hohen Maste
-aus entdeckte ich, weit im Osten noch einen dunklen Punkt. Fünfzehn
-Seemeilen hatte der Strom das Schiff schon nach Westen getrieben,
-und Tage, dachte ich, würden hingehen, ehe ich diese Entfernung mit
-frischem Winde wieder aufgekreuzt hätte. Ich konnte über Backbord
-Bug am meisten Ost gewinnen, deshalb segelte ich 24 Stunden in
-Südost-Richtung fort.
-
-Hatte ich aber geglaubt, südlich weniger Strom zu finden, so war dies
-eine bittere Täuschung, denn ich ermittelte am nächsten Mittag, daß
-das Schiff einen Grad in Südsüdwest-Richtung versetzt worden war,
-mithin ein Strom von vier Seemeilen in der Stunde nach Westen lief.
-Eine solche Stärke des Stromes von dessen Vorhandensein ich ja Kenntniß
-hatte, kam mir unerwartet, doch brachte sie mich nicht in Verlegenheit,
-besonders da nichts zu ändern war.
-
-Unter den Schiffsführern, die bereits abgetrieben waren, war wie ich
-später erfuhr die Ansicht verbreitet, daß man in solchem Falle nicht
-gegen den Strom kreuzen dürfte, sondern sofort über den Aequator
-hinauszukommen suchen müsse, weil man erst auf 4 bis 5 Grad nördlicher
-Breite mit dem Gegenstrome erfolgreich nach Osten aufsegeln könne. Daß
-ich dies nicht wußte, hat mir großen Nachtheil gebracht, denn als ich
-nun überzeugt, daß ich auf südlichem Kurse nichts gewinnen würde und
-wieder nordwärts auf Nordnordwest Kurs beim Winde lag, wurde dieser
-immer schwächer, so daß ich nur wenig Nord gewann. Am dritten Tage erst
-hatte ich wieder den Breitengrad der Insel Pleasant-Eiland erreicht,
-befand mich aber bereits 70 Seemeilen weit von dieser entfernt; was
-ich befürchtet und in dieser Gegend nicht selten ist, traf ein, der
-Wind wurde ganz still und auf dem spiegelglatten Meere, das kaum
-eine langgezogene Dünung bewegte, trieben wir unter der brennenden
-Sonnengluth immer weiter westwärts, mit einer Geschwindigkeit von
-durchschnittlich 72 Seemeilen in 24 Stunden.
-
-Jeden Lufthauch, der hin und wieder aufsprang nutzte ich aus, um bloß
-aus dieser häßlichen Lage herauszukommen, denn am zehnten Tage (die
-Linie war wieder passirt) war das Schiff bereits 750 Seemeilen von
-der Insel abgetrieben worden. Am 14. Tage auf etwa ein Grad nördlicher
-Breite angelangt, fand ich keinen oder nur noch sehr geringen Strom,
-aber kein Wind wollte aufkommen; was aber das Schlimmste war, der
-Wasservorrath ging zu Ende; das Tagesmaß war längst schon so weit
-herabgesetzt worden, daß jeder Mann nur einen Tassenkopf voll per Tag
-empfing, und nach einigen Tagen war kein Tropfen mehr an Bord.
-
-Der Grund, daß dieser Mangel eintreten konnte, war folgender: es hatte
-in Jaluit längere Zeit nicht geregnet, die Wasserbehälter, die das von
-den Dächern abfließende Wasser auffangen, waren fast leer, so ging
-ich mit wenig Wasser in See, fest darauf rechnend, in der Nähe des
-Aequators Regen anzutreffen. Die Wassernoth an Bord wurde schließlich
-sehr groß, hatte ich doch außer der Mannschaft noch 6 Eingeborne von
-Pleasant-Eiland mit mir, die während der Ladezeit als Arbeiter helfen
-sollten und vom Händler, damit er dieser Leute sicher wäre, sofort mit
-dem ersten Boote abgeschickt worden waren.
-
-Um die Qual des Durstes zu stillen, durchsuchten die Leute alle
-Räumlichkeiten des Schiffes, wo eine Kokosnuß verborgen sein konnte,
-und in der höchsten Noth war ein Tropfen halb verdorbener Kokosmilch
-ein Labsal für uns alle. Die nächste Insel „Greenwich-Eiland“ sollte
-etwa 120 Seemeilen östlich von uns liegen, aber auch wenn ich Wind
-gehabt, hätte ich Tage gebraucht, diese niedrige Koralleninsel zu
-erreichen. So von Tag zu Tag hoffend, daß endlich eine Aenderung
-eintreten oder doch Regen kommen werde, suchte ich mit den schwachen
-Lüften, die das Schiff kaum eine Seemeile in der Stunde durchs Wasser
-trieben, nur nördlich zu kommen. War ich erst hoch genug und ständiger
-Wind wieder vorherrschend, konnte ich die nächste Insel in der
-Karolinen-Gruppe aufsuchen, fand ich voraussichtlich dort auch kein
-Wasser, so würden doch Kokosnüsse zu erhalten gewesen sein.
-
-Regenschwere Wolken hingen am Horizonte schon tagelang, und wie
-sehnsuchtsvoll nach dem Himmelsnaß ausgeschaut wurde, daß jene Wolken
-heraufkommen und sich öffnen möchten, kann nur der ermessen, der
-qualvollen Durst gelitten hat und bereits die Verzweiflung in den Augen
-der Gefährten blitzen sah, die lechzend nach Wasser riefen.
-
-Doch Gottes Hilfe ist am nächsten, wenn die Noth am größten. Drei
-Wochen waren hingegangen, da setzte ein frischer Ostwind ein, neue
-Hoffnung beseelte uns, in 36 Stunden konnte ich die Mortlok-Inseln
-erreichen, und alle Noth hatte ein Ende. Aber noch gnädiger war der
-Himmel, nach dem Winde kam bald der Regen und so reichlich, daß alle
-Behälter gefüllt werden konnten; die furchtbare Qual des Durstes war
-vorüber. An der Grenze der äquatorialen Gegenströmung, mit der ich
-jetzt auf etwa 4 Grad nördlicher Breite schneller ostwärts zu kommen
-suchte, fand ich verhältnißmäßig schlechtes und kühles Wetter vor,
-schwere Regenböen nöthigten mich häufig nur gereffte Segel zu führen.
-
-Ueber fünf Wochen waren hingegangen, ehe ich wieder Pleasant-Eiland
-sichtete und diesmal mich drei Tage dort halten konnte. Ein besserer
-Segler, ein amerikanischer Schooner, war bald nach mir eingetroffen,
-derselbe trieb auch in den ersten Nächten ab, kehrte aber in drei
-Wochen wieder zurück und, da dies das einzige Schiff blieb, welches in
-diesem Zeitraum die Insel angelaufen, hatte der Vertreter der Firma
-dasselbe nicht zur Rückreise nach Jaluit benutzt, sondern auf meine
-Rückkehr gewartet. Somit fand ich denselben wohlbehalten dort wieder
-vor, wiewohl sich schon bei den Weißen die Ueberzeugung Bahn gebrochen,
-es müsse meinem Schiffe etwas zugestoßen sein; auch nach Jaluit
-zurückgekehrt, fand ich dort die Nachricht verbreitet, ich sei verloren
-gegangen.
-
-Weitere Reisen nach der Ratak-Kette, zunächst nach dem Milli-Atoll,
-machten mich auch dort mit den staatlichen Verhältnissen bekannt.
-Bald sah ich, daß die Bewohner weniger Nutzen von der vordringenden
-Civilisation gehabt hatten, als die der Ralik-Kette. Während erstere
-die monarchische Regierungsform zur Einigung geführt und Auflehnungen
-einzelner Häuptlinge verhindert hat, hat auf der Ratak-Kette die
-Herrschsucht der Häuptlinge viele Unzuträglichkeiten geschaffen, vor
-allen wenn zwei oder mehrere sich in den Landbesitz eines Atolls zu
-theilen hatten.
-
-Vielfach fand ich auch um Dörfer und an den Grenzen einzelner
-Besitzungen, gerade oder in Kreisform aus Korallensteinen aufgeführte
-Mauern. Diese bilden die Grenzscheide, wo gelegentlich Belagerer, die
-immer die stärkeren sind, und Belagerte zusammentreffen. Es ist kein
-Kriegführen, nur ein Zerstören, als das Gebiet des Unterliegenden
-außerhalb der Mauer vernichtet wird. Selten, wiewohl die Eingebornen
-bereits europäische Waffen in Menge besitzen, selbst die Häuptlinge
-die besten Hinterlader haben, fällt aus Zufall ein Gegner von einer
-verirrten Kugel getroffen. Fertigkeit im Zielen haben sie noch nicht
-erlangt, was ein Glück ist, denn hätten sie diese, so würden sie, mit
-ihrem scharfen Gesicht sehr gefährliche Gegner sein.
-
-Eigenthümlich ist, daß der Belagerer fast nie die Mauer zu nehmen wagt
-und ein Handgemenge möglichst vermeidet, eher versucht der Belagerte
-nächtliche Ausfälle, freilich ohne dabei etwas zu gewinnen. Der
-Streit endet gewöhnlich durch Uebergabe oder Aushungern, auch durch
-freiwilliges Abziehen des Stärkeren, der bei der Zerstörung der Palmen
-und Pandanusbäume sein Müthchen gekühlt hat; nicht selten aber auch
-durch so unvernünftige Handlungen eine Hungersnoth heraufbeschwört.
-
-Helden sind die Männer alle nicht, sinn- und zweckloses Schießen ist
-ihnen die Hauptsache, mehr noch das gegenseitige Beschimpfen und die
-Aufführung kriegerischer Tänze. Nicht genug aber, daß verschiedene
-Häuptlinge sich auf einem Atoll bekriegen, sie rüsten sich auch mit
-ihren Proas Kriegszüge nach anderen Atolls zu unternehmen. Noch im
-Jahre 1885 zogen von Majuro 16 Kanoes mit 300 Mann unter Lailik aus um
-einen Häuptling auf Aurh zu bekriegen. Diese große Zahl Menschen ist
-aber niemals dort angekommen, obwohl der Abstand beider Atolle nicht
-besonders groß ist, sondern nur etwa 70 Seemeilen beträgt, es müssen
-Wind und Strömungen sie vertrieben haben, wenigstens wurde nie wieder
-etwas über das Schicksal dieser Schaar bekannt. Ich fand einmal sechs
-Monate nach jenem Aufbruche zwischen den nördlichen Atolls einen Theil
-eines großen Kriegskanoes treiben, theilte dieses den Händlern später
-auf Majuro mit und die Eingebornen entnahmen aus dieser Mittheilung,
-daß sie nun völlig ihre Angehörigen als verloren zu betrachten hätten.
-
-Unter den Häuptlingen der Ratak-Kette war der angesehenste der
-verstorbene Kaibuke, dessen Neffe Leaugnat über Milli herrschte,
-andere, der junge Kaibuke, neben dem Häuptling Jiberik herrschte
-auf Majuro, auf Maloebab, Murijil; außer diesen war noch eine ganze
-Anzahl kleinerer Despoten vorhanden, die durch persönliche Zänkereien
-die Entwicklung der Inseln hinderten und auf einem Atoll oft
-solche Zustände schufen, daß jahrelang ein Verkehr einzelner Stämme
-untereinander unmöglich ward.
-
-Zwar ist nach der Besitzergreifung der Marschall-Atolle durch
-Deutschland entschieden Wandel geschaffen worden, das Erscheinen der
-großen Kriegsschiffe, oft innerhalb der ausgedehnten mit Untiefen
-besäeten Lagunen, hat gewaltigen Eindruck gemacht. Jetzt, wo eine neue
-Obrigkeit vorhanden, haben die Privatkriege zu unterbleiben, jetzt gilt
-nicht mehr das Recht des Stärkeren, sondern die Streitigkeiten müssen
-vor das deutsche Gericht gebracht werden. Mancher Häuptling, der die
-Einmischung der Weißen in seine Angelegenheiten, d. h. in die eines
-muthwillig herbeigeführten Streites, unbequem fand und widersetzlich
-wurde, hat zum eigenen Nachtheil empfinden müssen, daß Verletzung der
-Pflichten und Gewaltthätigkeiten schwer geahndet werden.
-
-Von Apia aus hatte ich einen langjährigen Diener des Herrn Konsuls
-Weber an Bord, ein Marschall-Insulaner, mit Namen Angenang, der in
-seine Heimat zurückbefördert werden sollte und so lange an Bord die
-Pflichten eines Kochs zu versehen hatte, bis sich Gelegenheit gefunden,
-ihn auf Milli abzusetzen. Es hatte diesem im Dienste der deutschen
-Gesellschaft so gut gefallen, daß er mit dem Plane umging, seine ganze
-Verwandtschaft zu beeinflußen, ebenfalls auf drei Jahre sich nach Samoa
-zu verpflichten. Als sich nun die Gelegenheit bot, den Milli-Atoll
-anzulaufen, erhielt ich Weisung die Anwerbung der freiwillig sich
-Meldenden an Bord vorzunehmen. Mehrere Tage in der Milli-Lagune hin
-und her segelnd, (es waren allerlei Förmlichkeiten mit einzelnen
-Häuptlingen zu erledigen) landete ich schließlich im Nordosten unter
-der Insel Ennanlik. Nicht lange währte es, bis sich einige Familien,
-Männer und Frauen, im ganzen 26 Personen, bereit fanden, auf einige
-Jahre nach einem fernen, unbekannten Lande auszuwandern, das freilich
-im Gegensatz zur öden, wenig fruchtbaren Korallen-Insel ein Paradies
-war.
-
-Den Abschied zu verkürzen, der endlos zwischen den Scheidenden und
-den Zurückbleibenden zu werden drohte -- viel Herzlichkeit, wie ich
-solche den Eingebornen kaum zugetraut, zeigten sie gegen Verwandte und
-Eltern -- beschleunigte ich die Abreise und befand mich am ersten Abend
-bereits weit von Milli entfernt, als sich ein Vorfall ereignete, der
-Schiff und Mannschaft, sowie Fahrgästen einen schrecklichen Tod hätte
-bereiten können.
-
-Da wenig Ladung Kopra im Raum war, hatte ich, um die kaum bekleideten
-Menschen Nachts nicht unnütz an Deck frieren zu lassen, auf alten
-Segeln eine Lagerstatt bereiten lassen. Aber anstatt die Ruhe zu
-suchen, unterhielten sie sich nach alter Gewohnheit, dabei war ihnen
-die Dunkelheit im Schiffsraume wohl nicht genehm, sie suchten also
-aus ihrem wenigen Gepäck eine einfache Petroleumlampe, von deren
-Vorhandensein ich nichts wußte, hervor und zündeten sie an. Lampe
-und Brennmaterial war recht schlechte Waare, von Händlern auf Milli
-eingetauscht, von deren Gefährlichkeit diese Naturkinder natürlich
-keine Ahnung hatten, und so kam es, daß die auf den Kopra gesetzte
-Lampe umfiel und explodirte.
-
-Schon waren nach 8 Uhr Abends längst die Wachen abgelöst. Die Wache
-an Deck hatte ihre Posten, Ausguck und Ruder bezogen, und unter dem
-sternenklaren Himmel einer friedevollen Nacht herrschte völlige Ruhe
-auf dem einsam durch den Ozean ziehenden Schiffe. Da plötzlich ein
-gellender Aufschrei, ein helles Aufblitzen einer Feuerwelle -- wie ich
-vom Hinterdeck aufgesprungen bin und im Augenblick die Größe der Gefahr
-erkannt habe, wußte ich nachher selber nicht. Die Männer, welche vor
-den Frauen die befestigte Leiter emporkletterten, stieß ich mit Gewalt
-zurück und sprang, der von allen Seiten herbeistürzenden Mannschaft
-befehlend, mir zu folgen, mitten unter die vor Schrecken gelähmten
-Menschen.
-
-Zum Glück war nur die Hauptluke geöffnet geblieben, kein Luftzug
-regte die Flammen an, der von hinten wehende Wind trieb den schnell
-entwickelten beißenden Qualm zum leeren Vorraum; da glücklicher Weise
-die Lampe auf unbedeckten Kopra, von den Sachen und der Schlafstätte
-der Leute, weit entfernt aufgestellt gewesen war, so brannte auch erst
-das umhergespritzte Petroleum allein und von diesem mit entzündet der
-oelhaltige Kopra. Als einziger Europäer an Bord, (ich hatte nur einen
-Insulaner als Bootsmann, Lajibid, da es eigentliche Steuerleute nicht
-gab, vielmehr oft genug solchen Posten irgendwo entlaufene Matrosen,
-die das Schicksal bis hierher verschlagen, ausfüllen mußten) galt es
-zuerst die im Hinterraum zusammengedrängten Frauen herauszubringen,
-was ich schnell dem Lajibid übertrug, während ich mit den inzwischen
-ebenfalls herabgesprungenen Leuten die Schlafmatten ergriff, und
-solche ausgebreitet in das Feuer schleuderte, um es etwas zu dämpfen.
-So erreichte ich es, daß die nackten Leute, welche sich sonst der
-entwickelten Gluth nicht nähern konnten, muthig vordrangen und so
-schnell Matte auf Matte deckten, daß diese selbst nicht anbrennen
-konnten, auf die Weise wurde das Feuer erstickt.
-
-Ueber dem Feuerheerde wurden dann alte Segel ganz ausgebreitet und
-nun, da hilfreiche Hände genug vorhanden waren, (den Milli-Leuten ließ
-ich nicht lange Zeit sich zu besinnen) wurden Ströme Wasser mit Eimern
-oder mit dem was gerade zur Hand war ausgegossen. Nachdem dann dem
-furchtbaren Rauche durch Oeffnen aller Luken Abzug geschafft war, wurde
-schnell mit Schaufeln, freiliegende Kopra haufenweise über Segel und
-Matten aufgeschüttet; als auch diese wieder durchnäßt war, war nach
-mehrstündiger Arbeit jede Gefahr beseitigt.
-
-Welch ein Schicksal aber wäre uns beschieden gewesen, wenn wir des
-furchtbaren Elementes nicht Herr geworden wären! Nicht die Hälfte der
-Leute hätte ich retten können, das einzige Boot würde mit 20 Menschen
-schon bei bewegtem Seegange überladen gewesen sein und ehe es möglich
-geworden wäre Land zu erreichen, -- Jaluit lag noch annähernd 120
-Meilen vor uns, zurück gegen Wind und See zu rudern war ausgeschlossen
--- wären wir sicher eine Beute der Haie geworden wie alle anderen.
-
-Selbst für den mit allen Gefahren der See vertrauten Seemann --
-Gefahren von denen der Landbewohner sich nichts träumen läßt -- sind
-solche Augenblicke schrecklich, vor allem für einen Führer, der weiß,
-daß Menschenkraft im Kampfe gegen drei Elemente erliegen muß. Er selber
-harrt auf seinem Posten aus und stirbt, wenn er das Schicksal der ihm
-anvertrauten Wesen nicht mehr wenden kann, aber er weiß auch, daß die,
-die sich vielleicht auf Trümmern gerettet, einem grausamen Geschick
-verfallen sind.
-
-Solche Gedanken geben einem Menschen übernatürliche Kräfte und
-Fähigkeiten -- die Gefahr liegt vor ihm, Tod oder Leben hängt von
-seiner Entschlossenheit und seinem Können ab -- und mit dem Muthe der
-Verzweiflung stürzt er sich ihr entgegen, um die Planke zu schützen,
-auf der er steht, die ihn und die Gefährten über die blau schimmernde
-Tiefe, über den Ozean trägt.
-
-Nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort mein früher geführtes Schiff,
-das von Apia hierher beordert worden war, als Ablösung vor und hoffte
-schon die Milli-Leute nach Samoa bringen zu können; indeß ich hatte nur
-die Schiffe zu wechseln und befand mich bald wieder auf einer Monate
-langen Reise durch die Karolinen-Gruppe. Da die Mannschaft, Niue-Leute,
-für längere Zeit an Bord zu verbleiben verpflichtet war, so hatte ich
-nun wieder eine geübte Besatzung.
-
-Ich muß mich darauf beschränken von dieser ausgedehnten Gruppe hoher
-Vulkan-Inseln und zahlreicher Korallen-Atolle ein begrenztes Bild zu
-entwerfen und kann nur aufrichtig bedauern, daß den zur Kolonialarbeit
-wenig tauglichen Spaniern diese reiche Inselwelt zurückgegeben war und
-über ein zukunftreiches Gebiet die entfaltete deutsche Flagge wieder
-eingezogen wurde. Die Atolle der Karolinen, zwar nicht an Umfang
-denen der Marschall-Inseln gleich, sind aber doch ebenso reich an
-Erzeugnissen wie diese, auch meist in größerer Ausdehnung bebaut, da
-die Bevölkerung zahlreicher ist.
-
-Die hohen Basalt-Inseln wie Yap, Ruk, Ponapè, und Kufat, Stammvesten
-der Bevölkerung, sind dagegen in Wahrheit Edelsteine im weiten Ozean,
-die an Fruchtbarkeit in nichts den Samoa-Inseln nachstehen, vielmehr
-diese noch übertreffen. Die überreiche Natur wartet nur der fleißigen
-Hand, welche die aufgespeicherten Schätze heben soll. Soll man ein
-Urtheil über die gesammte Gruppe abgeben, so trifft noch immer der von
-früheren Entdeckern gethane Ausspruch zu „Das ganze Meer ist besät mit
-Edelsteinen, gerade wie der Spiegel des sternenbesäten Himmels über
-diesem.“ „_The whole is studded with ocean gems, as if the mirror of
-the starry sky above it._“
-
-Wenn ich hauptsächlich bei den östlichen Inseln verweile, so geschieht
-es darum, weil auch ich mit diesen besser bekannt geworden und hier
-zum Theil Augenzeuge von Vorgängen gewesen bin, die wenigen noch in der
-Erinnerung, vielen nie wahrheitsgemäß geschildert worden sind.
-
-Zunächst nach Ponapè bestimmt, sah ich diese weithin sichtbare große
-Insel bereits am sechsten Tage. Einen hochwillkommenen Anblick boten
-die hohen Felsenmassen dem einsam auf weitem Meere hinziehenden
-Schiffer; geschmückt mit ewigen Grün vom höchsten Bergesgipfel bis
-zum blauen Ozean, breitete sie sich gleich einem Paradiese aus vor
-den staunenden Augen, wie solches von der Hand der Natur nicht schöner
-geschaffen, wie es einem sorglos glücklichen Volke nicht besser geboten
-werden kann.
-
-Wie ausgestorben, scheinbar unbewohnt, liegt im smaragdenen Kleide
-im Ozean gebettet die Insel da, nichts als das Laub zahlloser Bäume
-ist sichtbar, aus dem vom Strande aufwärts die hochragenden Palmen
-sich vereinzelt oder in Massen abheben. Wenn man dicht unter die weit
-abliegenden Riffe, die mit schmalen Inseln besät sind, vorübersegelt,
-erblickt man hinter diesen ein weites ruhiges Becken, das von den
-draußen stürmenden Wogen des Ozeans nicht im geringsten bewegt wird
-und, wie weit man auch an diesem Riffe und Inselkranze entlang segelt,
-sich immer gleich bleibt. Zwischen dem dichten Laube der Bäume wird
-keine Hütte sichtbar, doch Rauch steigt hier und dort auf; unter
-den steilen Felswänden zieht phantastisch ein Kanoe, um bald zu
-verschwinden.
-
-Ein bloßer Punkt auf meiner Karte, war diese 60 Seemeilen im Umfang
-große Insel. Sie war nur nicht genau bekannt, auch wußte ich nicht wo
-ich die Einfahrt zur deutschen Station zu suchen hatte, darum lief ich
-unter der Ostküste nach Süden und suchte westwärts weiter nach einer
-Durchfahrt. Da das Wasser still war, wagte ich es als ich gegen Abend
-eine ganz schmale Durchfahrt zwischen zwei Riffinseln fand, für mein
-Schiff gerade breit und tief genug, einzulaufen. Zwar lagen anfänglich
-schlecht sichtbare Riffpatschen umher, die gefährlich werden konnten,
-doch näher dem Lande verschwanden auch diese, und bald lag wie im
-sichersten Hafen das Schiff ruhig vor seinem Anker.
-
-War vorher nichts von Menschen sichtbar gewesen, so erschien jetzt
-bald hier und dort ein Kanoe, und nicht lange währte es, dann lag eine
-Anzahl derselben längsseit; Hühner, Eier, Yams, Ananas, Bananen,
-Fische und Kokosnüsse, sowie Perlmutterschalen u. s. w. wurden zum
-Kaufe angeboten, gegen wenig Tabak konnten von den nackten Eingebornen
-die wohlschmeckenden Erzeugnisse dieses reichen Landes eingetauscht
-werden. Lungur-Eiland, den Bestimmungsort, mir zu zeigen, ließen sich
-willig einige Leute gegen geringes Entgelt bereit finden, sie meinten
-eine freie Durchfahrt führe innerhalb der Riffe dahin.
-
-Wohl segelte ich am anderen Morgen einige Stunden weiter nördlich im
-ganz stillen Wasser, doch unter der 1000 Fuß hohen senkrechten Felswand
-von Jocoits an der Nordseite, fand ich zwischen den hier zahlreichen
-großen und ausgedehnten Riffen nur schmale gewundene Engen, die mit
-konträrem Winde nicht gut zu durchsegeln waren. Ich nahm deshalb
-das Kanoe der Eingebornen an Deck, und suchte durch eine Oeffnung
-im Hauptriffe wieder die freie See auf, um so nach der eigentlichen
-Jocoits-Einfahrt zu gelangen. In der That wurde bald Lungur-Eiland und
-die Station erreicht.
-
-Durch dieses theilweise Umsegeln der ganzen Insel, ward mir die
-Gelegenheit gegeben, die mächtigen Felsenpyramiden sowohl, wie auch
-die überaus reiche Pflanzenwelt aus der Nähe zu beobachten; machte
-ich mich später auch mit dem Innern der Insel näher bekannt und sah
-die Großartigkeit der Natur in ihrer vollen Pracht und Wildheit, so
-schwächte dies doch nicht den zuerst gewonnenen Eindruck ab.
-
-Die Insel muß in früherer Zeit eine öde Felsenmasse gewesen sein, bis
-die allmähliche Zersetzung der Lava und Basaltmassen auf der Oberfläche
-für das Pflanzenleben fruchtbaren Boden geliefert hat. Heute krönt
-die Höhen ein fast undurchdringlicher Urwald, reicher Humus hat sich
-abgelagert, die Verwesung der Pflanzen, die gestürzten Baumriesen
-erzeugten ihn, hohe Schichten der fruchtbarsten Erde deckten Thal und
-Höhen überall. Kurze reißende Ströme, aus tausend Quellen genährt,
-stürzen zu Thal, an ihren Mündungen weite Flächen abgeschwemmtes
-Land wieder ablagernd, das oft weithin bis zum Fuße der Felsen mit
-Seewasser überdeckt wird und doch dem Mangroven-Baum und vielen anderen
-ein Fortkommen gestattet, so daß, gleichwie in der Höhe, auch hier,
-mächtige Wälder sich ausgebreitet haben.
-
-Silberklar und kühl ist das herrliche Wasser dieser Flüsse, oft
-bin ich, so weit ich nur mit einem Boote kommen konnte, diese
-hinaufgefahren, um die Großartigkeit der Urnatur zu betrachten; selbst
-im Innern des dunklen Erdtheils (Afrika) habe ich in den jungfräulichen
-Urwäldern kaum solche eigenartige Schönheit der Natur gefunden, wie sie
-sich hier auf so kleinem Raume dem Auge darbot. Gestürzte Baumriesen
-lagen, gestützt auf ihre mächtigen Zweige, von Ufer zu Ufer, Brücken,
-auf denen die zahllosen Insekten hin und her wanderten; auch See- und
-bunt gefiederte Singvögel liefen ohne Scheu auf solchen auf und ab.
-Tausende von Luftwurzeln, Lianen und Schmarotzerpflanzen strebten von
-den Bäumen herab zur Erde, um sich wieder in endloser unentwirrbarer
-Kette zu heben. Girrend lockt die Taube überall, nicht erkennbar wegen
-ihres dunklen Gefieders, im dichten Laub der Bäume, und nur das scharfe
-Auge des Eingebornen weiß sie zu finden und mit sicherem, unfehlbarem
-Schusse aus der luftigen Höhe herab zu holen.
-
-Die Arten der Pflanzen und Bäume mit ihren Abarten, die Nahrung und
-Kleidung geben, sind sehr zahlreich; hauptsächlich aber sind es von den
-Bäumen Brotfrucht, Pandanus, Kokosnuß und Bananen, von den Erdpflanzen
-Yams, Taro, Ananas und andere, die ohne jegliche Pflege überall wachsen
-bis weit hinaus auf dem Inselkranz, woran gleich einer schäumenden
-weißen Linie die Wogen des Ozeans sich unablässig brechen.
-
-In geologischer Hinsicht weist Ponapè besondere Merkmale auf. Der
-Unterbau ist fester Basalt, darüber thürmen sich aus gleichem Gesteine
-2-3000 Fuß hohe Bergkuppen und Höhenzüge auf und darauf wieder
-vielfach schichtweise gelagerte Lavamassen. Ebenso fand ich auch im
-südlichen Theil der Insel, nahe dem Kiti-Hafen, als ich zu den schwer
-zugänglichen Höhen aufstieg, zu Tage tretenden rothen Lehm in ziemlich
-starken Schichten abgelagert vor, sicher ein Erzeugniß vulkanischer
-Ausbrüche. Auffallend aber ist, daß das Berggefüge in seiner Masse
-sowohl, wie in einzelnen Theilen, ein Spielball furchtbarster
-Naturkräfte gewesen zu sein scheint, denn entkleidet des überaus
-reichen Pflanzenwuchses böte sich dem Auge des Beobachters ein Gemenge
-übereinander gethürmter Felsen und Gesteine dar. Nicht die alles
-zersetzende Zeit allein hat ihnen hier ihren Stempel aufgedrückt,
-vielmehr sind die zahllosen Sprengstücke, mit denen die ganze Insel
-besät ist, sicher nur Erzeugnisse der gewaltigsten Erschütterungen und
-Umwälzungen schon erstarrt gewesener Massen.
-
-Der Hauptheerd der vulkanischen Thätigkeit muß an der Nord- und
-Nordostseite gelegen haben, da hier eine Reihe kleinerer und größerer
-Inseln, die getrennt von der gewaltigen Masse der Insel Ponapè liegen,
-sich als muthmaßliche Krater erwiesen haben. So die Inseln Mutok,
-Yokocts, 800-1000 Fuß hoch, Yarum, Momts, Takain und Lungur. Die
-genannten sind alle Basaltgebilde, oft steil und schwer zugänglich,
-und steigen bis zu 300 Fuß und darüber. Allerdings habe ich keine
-Krateröffnungen gefunden, wohl aber Lavageschiebe, wenn auch nur in
-geringerer Menge.
-
-Eine von Fachleuten unternommene Durchforschung der Inselgruppe
-dürfte zur Bestätigung meiner Ansicht führen. Diese stützt sich auch
-namentlich darauf, daß Lungur ein stumpfer von allen Seiten steil
-abfallender Kegel ist (ich habe ihn öfter an steiler Wand erklettert)
-und oben im Gestein eine geschlossene kahle Vertiefung zu Tage tritt.
-Auch ist das weite fruchtbare Vorland mit mächtigen Felsblöcken
-bedeckt, die von der Hauptmasse eine gewaltige Kraft abgesprengt haben
-muß.
-
-Auffallend ist die oft bedeutende Tiefe innerhalb des mächtigen
-Riffes, welches die ganze Insel in einem Umkreise von 60 Seemeilen
-umgiebt; einzig erklärlich dadurch, daß in früherer Zeit ein Sinken der
-Gebirgsmasse stattgefunden hat, ein neuer Anbau der Korallen aber durch
-das frische Wasser der Flüsse verhindert wurde und nur dort die Polypen
-den äußeren Riffwall schaffen konnten, wo ihnen der Ozean reichlich
-Nahrung bot, so daß schließlich um die ganze Insel Ponapè eine Lagune
-entstanden ist.
-
-Das Innere der Insel mit seinen Urwäldern ist zum Theil selbst für
-den Eingeborenen noch unzugänglich und unbekannt, nur wenige schmale
-Thäler, gebildet von steilen Felswänden, führen durch die einzelnen
-Gebirgspartien; auch längs der Flüsse, deren Wasserkraft sich im
-Gestein breite Wege gebahnt hat, ist ein Aufstieg zu den steilen Höhen
-möglich. Aber der Eingeborene trägt kein Verlangen, sich in der Wildniß
-umzuschauen, überall in gleich großartiger Weise tritt sie hervor.
-Am Strande wie auch am Fuße der unzugänglichen Höhen und verborgen im
-Gebüsch, an Felswänden, im Schatten gewaltiger Bäume hat er sich seine
-Dörfer erbaut.
-
-Die Entdeckung der Karolinen-Inseln ist den Spaniern zuzuschreiben
-und zwar soll Quirosa bereits im Jahre 1595 Ponapè gesehen haben.
-Versuche der Spanier im 17. Jahrhundert, auf den westlichen Inseln Fuß
-zu fassen, scheiterten aber gänzlich an der Wildheit der Eingebornen,
-die stets die Priester und Kolonisten ermordeten. Die Folge war, daß
-das weite Gebiet bis zum 19. Jahrhundert fast ein unbekanntes Land
-geblieben ist. Jedenfalls war der Anspruch der Spanier auf diese reiche
-Inselgruppe unberechtigt, da sie sich nie darum bekümmert haben, auch
-kaum Kenntniß von dem dort verborgenen Reichthum hatten. Deutschen und
-Amerikanern blieb es überlassen diesen Völkern die Gesittung zu bringen
-und sie an den Anblick des weißen Mannes zu gewöhnen.
-
-Ueberfälle und Wegnahme einzelner Schiffe haben auch hier wie anderswo
-in früherer Zeit stattgefunden. Die Eingeborenen, lüstern nach
-fremden Schätzen, bemächtigten sich meist durch Verrath der fremden
-Fahrzeuge, nachdem ihrer Uebermacht die Besatzungen erlegen waren.
-Nach Ueberlieferungen haben die Spanier mehrmals Ponapè besucht, sind
-aber, da sie den Eingebornen vertrauten, in deren Hände gefallen und
-niedergemacht. Unter anderen soll im Süden der Insel, wahrscheinlich
-im Kiti-Hafen, ein Schiff genommen sein, dessen Leute nicht anders
-getödtet werden konnten, als dadurch, daß man ihnen die Augen ausstach;
-sie hätten eine solche feste Haut gehabt, daß sie vor jeder Verletzung
-geschützt gewesen wären. Unzweifelhaft sind es in Panzern gehüllte
-Spanier gewesen, die hier der Uebermacht erlagen.
-
-Auch im Metalanim-Hafen soll ein Schiff gestrandet sein und die
-ersten Hühner zu dieser Insel gebracht haben. Die Angabe scheint
-richtig zu sein, denn man fand später in den Händen der Eingebornen
-eine Messingkanone, ein silbernes Kruzifix, einen kupfernen Kessel,
-spanisches Geld u. a. m. Die eigentliche Entdeckung Ponapès
-erfolgte aber erst im Jahre 1828 durch die russische Korvette
-„Seniavina“ (Commandant Lutke) und die genauere Kenntniß verdanken wir
-amerikanischen Walfischfängern und den Missionaren.
-
-Die Bewohner Ponapès, deren Zahl 5000 nicht überschreiten mag, sind,
-soweit ich sie kennen gelernt, im Umgange ein friedliches Völkchen,
-gefällig und gastfreundlich; trotzdem zeigen sie dem Europäer gegenüber
-eine gewisse Zurückhaltung im Benehmen. Etwas Lauerndes liegt in ihrem
-Gesichtsausdrucke, sie verleugnen das malayische Blut nicht, das, zum
-Theil wenigstens, durch ihre Adern rollt. Es ist die gezähmte Wildheit,
-die in dem funkelnden Blick der schwarzen Augen liegt; wie dem Malayen
-gegenüber hat der Fremde das unbestimmte Gefühl, als hätte er es mit
-einer Katzennatur zu thun und die scharfen Krallen könnten unerwartet
-den Arglosen packen.
-
-Der freie Mann duldet kein Unrecht, Blut allein ist die Sühne dafür;
-bin ich recht unterrichtet, so ist unter diesen Eingeborenen die
-Blutrache weit verbreitet, auch heute noch ersteht in manchen Familien
-immer wieder ein Rächer für die beleidigte Ehre oder für das einst
-vergossene Blut.
-
-Unter sich, im Verkehr mit einander und im Familienleben sind die
-Eingeborenen gütig und liebevoll, ganz anders als im Verkehr mit dem
-Fremden, dem gegenüber sie nicht selten sich unfreundlich und abstoßend
-zeigen; sie haben nur zu wohl dessen Selbstsucht begriffen, daher
-treten sie auch kalt und zurückhaltend ihm entgegen. Wohl findet der
-Europäer überall in den Hütten Schutz und Obdach, Speise und Trank und
-konnte zu jener Zeit unbelästigt wandern, wohin er wollte, aber solche
-geübte Gastfreundschaft ist nicht selbstlos, der Gastgeber erwartet
-stets eine Entschädigung, die seiner Mühe entsprechend ausfallen muß,
-und zwar ein Gegengeschenk, das in seinen Augen werthvoll genug ist.
-
-Von kräftigem Körperbau, stehen die Männer nach Gestalt dem Weißen
-nicht nach, ebenso ist Klugheit ihnen nicht abzusprechen; auch
-gewisser Wissensdurst macht sich bei ihnen bemerkbar, und solche, die
-Gelegenheit gefunden, andere Länder und Völker zu sehen, stehen bei
-ihnen in hoher Achtung. Dennoch scheint die eingedrungene Gesittung
-niederdrückend auf das jetzige Geschlecht eingewirkt zu haben, sei
-es auch nur, daß sie mehr und mehr grollend, sich in sich selbst
-zurückziehen. Die große Fruchtbarkeit, welche diese hohen vulkanischen
-Inseln aufweisen, ist durch reichlichen Regenfall bedingt. Ueber
-der Gebirgsmasse lagert sehr oft ein dichter Wolkenschleier, der
-vorübergehend heftige Regenschauer herabsendet. Im Jahresdurchschnitt
-sollen nur 97 schöne, klare Tage vorkommen, 155 bedeckt mit
-Regenschauer und 72 Tage ständiger Regen.
-
-Selten sind elektrische Ansammlungen, Blitz und Donner, und nach dem
-Glauben der Eingeborenen besucht dann ihr Gott „Ani“ die Insel und
-kündet seine Nähe durch zuckende Blitze und rollenden Donner an.
-
-Ganz auffallend ist, wie wenig Ueberlieferung bei diesen Volksstämmen
-vorgefunden wird, nichts vernimmt man von großen Thaten, nichts von
-hervorragenden Häuptlingen; das Leben und Wirken früherer Geschlechter
-ist einfach ausgewischt, selbst im Gedächtnisse der Alten. Ob so
-geringe Theilnahme vorhanden, ob wirklich nichts Wichtiges in Sagen
-und Gesängen zu überliefern war, steht dahin, jedenfalls ist das,
-was an Ueberlieferungen vorhanden ist, so gering und unbestimmt, daß
-kein Schluß daraus auf das Vorleben dieser Stämme zu machen ist. Nur
-die Steine reden, wo der Menschen Mund schweigt -- gewaltige Bauten,
-heute noch ausgedehnte Ruinen, stehen als Wahrzeichen einer längst
-entschwundenen Zeit und bezeugen die Thatkraft und Klugheit, welche
-den vergangenen Geschlechter innegewohnt hat. Woher sie stammen,
-darüber fehlt jede Spur; so staunend der Europäer die gewaltigen von
-Menschenhand errichteten Werke betrachtet, ebenso kopfschüttelnd
-und zweifelnd steht der heutige Eingeborene vor den Werken seiner
-Vorfahren. Die Antwort, die ich auf meine Frage erhielt, wer diese
-gewaltigen Mauern und Bauten aufgeführt habe, wie es möglich gewesen
-sei, Felsblöcke so übereinander zu thürmen und genau in passende Lage
-zu bringen, war; daß habe Niemand gethan; vor langer, langer Zeit habe
-ein schöner junger Mensch, ein Gott, in den Bergen gewohnt, der habe
-zu den Steinen gesagt, sie sollten sich aufeinander legen und so wären
-diese Mauern und Bauten entstanden.
-
-Ich ging durch die Ruinen von Kusai, als ich diese Antwort erhielt;
-der Eingeborne, der sie mir gab, schien mir einer der aufgeweckteren zu
-sein, überzeugen aber ließ er sich von der Nichtigkeit seiner Angaben
-nicht und ich erhielt damit den Beweis, daß diese von den Vorfahren
-aufgeführten Werke heute von den Nachkommen als etwas Unnatürliches
-angesehen werden.
-
-Aus gleicher Veranlassung müssen sowohl auf Ponapè wie auf Kusai vor
-Jahrhunderten diese Bauten errichtet worden sein und demselben Zweck
-gedient haben, da die Lage und Wahl des Ortes auf beiden Insel die
-gleiche ist. Diese am Metalanim-Hafen auf Ponapè und im Lela-Hafen auf
-Kusai liegenden Ruinen erzählen eine Geschichte, mit Felsentrümmern
-aufgeführt, mit Steinen geschrieben und sind eine Ueberlieferung aus
-der großen längst entschwundenen Zeit eines einsichtigen Volkes. Die
-Eingebornen, von einem einheitlichen Willen einst beherrscht und
-geleitet, haben wahrscheinlich diese sowohl zur Vertheidigung wie
-zum Wohnsitz geeigneten Bauten aufgeführt. Weniger auffällig wäre
-es, wenn aus kleinerem Gestein solche mächtigen Mauern, die große
-Quadrate umschließen, aufgeführt worden wären. Das ist aber nicht der
-Fall, Felsstücke von ungeheurem Gewichte sind aufeinander gethürmt;
-Zwischenräume mit kleineren ausgefüllt; 20 Fuß hoch und 12 Fuß breit
-liegen Gesteinmassen in dieser Höhe, die mit ungewöhnlichem Aufwand von
-Kraft und Geschick hinaufgeschafft sein müssen.
-
-Selbst wenn man annimmt, die mächtigen Blöcke seien auf schrägliegender
-Unterlage aufgerollt worden, so fehlt doch die Erklärung dafür, auf
-welche Art diese an Stelle geschafft wurden, zumal da auf der Insel
-Lela die Steine erst über eine weite Wasserfläche haben geschafft
-werden müssen. Möglich ist auch, daß die Eingeborenen die so großen
-und schweren Felsstücke auf Flöße gerollt und weiter geschafft haben,
-aber dann müssen solche auch eine ganz bedeutende Tragfähigkeit
-besessen haben. Jedenfalls muß der Gedanke, daß dies alles ohne unsere
-heutigen Hülfsmittel ausgeführt ist, jeden, der diese Bauten gesehen,
-in höchstes Erstaunen versetzen. Jedes Quadrat in den Ruinen ist durch
-Gänge mit einander verbunden, es führen lange Kanäle zum Wasser, und
-an der Südseite von Lela münden diese in eine Art von künstlichen
-Hafen, dessen Umrisse zwar noch erkennbar, doch zum größten Theil
-durch Anschwemmungen verwischt und mit Mangrovengebüsch bedeckt sind.
-Uebrigens, als der Aufbau dieser Steinmassen vor nicht festzustellenden
-Jahrhunderten begonnen, ist die heute verschwemmte weite Bucht des
-Lelahafens bis zum Fuße der Bergmassen auf der Insel Kusai frei
-gewesen, heute erstrecken sich dagegen in der Runde große ausgedehnte
-Mangrovensümpfe, durch die nur einige wenige Wasserstraßen führen, und
-sind höchstens mit einem Kanoe bis zum festen Lande befahrbar.
-
-Ein Beweis dafür, welch ein gewaltiger Zeitraum hingegangen ist, seit
-diese Werke ausgeführt wurden, ist, daß das Innere der Ruinen sowohl,
-wie selbst die Steinwälle vollständig überwuchert sind. Hohe Bäume
-stehen auf den Mauern, tief sind deren Wurzel ins Gestein eingedrungen
-und haben selbst die mächtigen Blöcke durch ihr Wachsthum auseinander
-gesprengt. Wie lange diese Ruinen als einstige Residenz der Könige
-gedient haben, sei dahingestellt, sie wurden schließlich ein Mausoleum
-der großen Todten und sind heute noch die Grabstätte der „Tokesau“
-(Häuptlinge).
-
-* * * * *
-
-Die Insel Kusai, die östlichste der Karolinen-Gruppe, unterscheidet
-sich von Ponapè nach Form und Größe, sowie dadurch, daß das diese
-Insel umgebende Riff bei weitem nicht die lagunenartige Bildung
-aufweist, sondern mit dem Lande mehr verbunden bleibt, und nur größere
-Ausdehnung an der Nordwest, Nord und Nordostseite hat. An der ersteren,
-durch einen Durchbruch im Riff, wird dort der Coquille-Hafen, an
-der letzteren durch die Insel Lela „Nin-molchon“ von den Eingebornen
-genannt, der Lelahafen gebildet, während im Süden durch Inselchen auf
-dem Riffe selbst, durch eine Einbuchtung der Felsenmassen, die hiervon
-umgeben sind, der kleine aber sichere Lottin-Hafen entstanden ist.
-
-In jeder Hinsicht stimmen sonst die beiden Inseln überein, was von
-der einen gesagt, gilt auch von der anderen; dieselbe Großartigkeit
-der wilden Natur, dieselbe Unzugänglichkeit zu dem Innern und zu den
-steilen Bergen, wie auch dieselbe furchtbare einstige vulkanische
-Thätigkeit.
-
-Vorauszusetzen ist, daß auf dieser so fruchtbaren Insel eine ebenso
-zahlreiche Bevölkerung gelebt hat, wie auf Ponapè; selbst im ersten
-Drittel dieses Jahrhunderts war die Zahl der Bewohner noch mehr als
-doppelt so groß wie heute. Früher sollen sogar nach Angabe der ältesten
-Eingebornen viel tausende rings auf der Insel gelebt und gewohnt haben.
-Die einst zahlreich genug waren, stark bemannte Schiffe zu nehmen, und
-im heißen Kampfe die gut bewährten weißen Männer zu überwältigen, sind
-heute nur noch ein kleines Häuflein Menschen, 300 an Zahl.
-
-Furchtbar hat eine schreckliche Seuche, eingeschleppt durch
-amerikanische Walfischfänger, unter dieser Bevölkerung besonders
-gehaust. In absehbarer Zeit wird auch der letzte Bewohner Kusais bei
-seinen Vätern versammelt sein, denn keine menschliche Hilfe kann dem
-Aussterben derselben mehr halt gebieten.
-
-Schrecklich war es solche Kranke zu sehen, noch schrecklicher ihnen
-mit Rath und That beizustehen. Manchem verband ich die Wunden, andere
-lehrte ich wie solche rein zu halten und zu behandeln sind. Dafür waren
-sie auch sehr erkenntlich; lag ich im Hafen von Lela, wurde mir von
-Fischen, Schweinen und Schildkröten immer ein Antheil vom Könige Keru,
-der mit christlichem Namen Georg II. hieß, an Bord gesandt. Es ist
-nämlich Gebrauch, daß alle Speisen für den König sowohl, wie für die
-Angesehensten insgesammt, bereitet werden, diese werden dann vor das
-Haus des Königs gebracht und dieser bestimmt jedem seinen Theil.
-
-Sehr unterwürfig sind die Unterthanen gegen ihren mit unbeschränkter
-Gewalt ausgerüsteten König, keiner wird unaufgefordert dessen
-hochgelegenes und kunstvoll aufgebautes Haus betreten, tief verneigt
-sich jeder Vorübergehende; hat einer aber ein persönliches Anliegen,
-kniet er auf der untersten Stufe der Treppe, die zum Hause hinaufführt
-nieder und bringt in solcher Stellung sein Anliegen vor. Des Königs
-Ausspruch ist Gesetz; so oft ich auch bei solcher Gelegenheit im
-Königshause anwesend war, fand ich dies bestätigt.
-
-Durch beiderseitiges Entgegenkommen stand ich mit dem Könige und den
-Häuptlingen auf besonders gutem Fuße, was darauf zurückzuführen war,
-daß ich auch ihnen unentgeltlich Arznei gab, ihre Wunden verband
-und Schmerzen linderte. Sie lohnten mir dafür mit den Erzeugnissen
-des Landes, oft brachten sie mir so viel, daß meine Leute kaum
-alle Nahrungsmittel zu verzehren im Stande waren. Bei einer solchen
-Gelegenheit erhielt ich Kenntniß von einem merkwürdigen Aberglauben.
-Ich war im Lelahafen eingelaufen, und da ich Wassermangel an Bord
-hatte, fuhr ich sofort mit einem Boote durch das Mangrovengebüsch den
-Fluß hinauf zum festen Lande um die mitgenommenen Fässer auffüllen zu
-lassen. Im Flußbett bemerkte ich auf klarem sandigen Grunde viele Aale,
-die aber zu gewandt waren, als daß sie mit den Händen zu greifen waren,
-nur ein mächtiges Thier von 4 Fuß Länge, dessen Schwanz wahrscheinlich
-von einem Hai abgebissen war, konnte sich nur mühsam fortbewegen.
-Diesen Aal im flachen Wasser zu ergreifen wäre zwecklos gewesen,
-deshalb befestigte ich, um ihn doch zu erhalten, ein starkes Messer an
-einer Stange, stieß dieses dem Aale durch den Kopf und nagelte ihn am
-Grunde fest. Bald waren die Kräfte des Thieres erschöpft, und es gelang
-die Beute zu sichern.
-
-Zurückgekehrt zum Schiffe, fand ich dort eine ganze Zahl Eingeborner,
-auch Häuptlinge versammelt, die wieder Geschenke gebracht hatten; kaum
-aber hatten die Niue-Leute den großen Aal, den sie essen wollten, an
-Deck gebracht und aufgehängt, als die Eingebornen zum großen Theil
-auffällig verschwanden, ohne ihr Anliegen vorgebracht zu haben. Ich
-las in aller Mienen Abscheu und Furcht, und einen Häuptling befragend,
-warum sie sich vor solchem todten Thiere fürchteten, sagte er mir,
-daß in den Aalen, die von niemand gegessen werden, der böse Geist sich
-aufhalte, und wer solches Thier tödtet oder gar davon ißt, wird sicher
-gestraft.
-
-Dieser Ausspruch war genügend, um die gewiß von thörichtem Aberglauben
-erfüllten Niue-Leute stutzig zu machen; sie ließen den Aal, dem sie die
-Haut schon abgezogen hängen, und wiewohl ich sie thöricht und unklug
-schalt, wollte doch keiner mehr etwas damit zu thun haben, viel weniger
-davon essen; es blieb nichts anderes übrig als den „bösen Geist“
-über Bord zu werfen, worauf dann erst die in ihren Kanoes wartenden
-Eingebornen an Bord zurückkehrten.
-
-Bemerkenswerth ist, daß Hundefleisch als besonderer Leckerbissen auf
-Ponapè gilt und werden Hunde dort gerne eingetauscht und gemästet.
-Ich hatte gelegentlich einmal einen elenden alten Hund, der mir von
-Eingebornen der Marschall-Inseln angeboten wurde, angenommen, um das
-Thier nicht elendiglich verkommen zu lassen; da es aber gar nichts
-werth, dazu bissig und häßlich war, so nahm ich in Ponapè das Angebot,
-es für zwei große Schweine abzugeben, an, zufrieden auf solche Weise
-den Hund loszuwerden, dem keiner nahen durfte und der mit Vorliebe
-seine Zähne in die nackten Beine der Leute einzugraben liebte.
-
-Zeigen die Marschall-Insulaner im Flechten der Matten u. a. ganz
-besonderes Geschick, so übertreffen die Frauen und Mädchen auf Kusai
-in einer Hinsicht diese dennoch. Auf einem kleinen Webestuhle,
-der eigenartig gebaut ist, weben sie aus feinem Baumbast sehr
-kunstvolle Lendengurte, so fein und sauber -- die Zeichnungen und die
-Zusammenstellung der verschiedenen Farben sind sorgfältig ausgeführt
--- wie es die kunstfertige Hand einer europäischen Dame nicht
-fertigbringen würde. Als Schere, um die oft kaum zolllangen Fädchen
-abzuschneiden, bedienen sie sich der messerscharfen Kante einer kleinen
-Seemuschel.
-
-Staunend habe ich oft in ihren Hütten dieser kunstvollen mühseligen
-Arbeit zugeschaut. Wie der Knabe von Jugend auf sich mit dem Speere
-übt, den schnellen Fisch im Wasser zu tödten, so sitzen die Mädchen
-im jugendlichen Alter schon flechtend und webend, um ihre einfache
-Kleidung so schön wie möglich zu schmücken, denn wie alle Evastöchter
-sind auch diese einfachen Naturkinder nicht gänzlich frei von
-Eitelkeit.
-
-Daß früher schon die Bewohner Kusais unter sich nicht allein
-Tauschhandel getrieben, sondern eine Art Werthgegenstand als Geld
-benutzten, gleichwie afrikanische Völker die Kauri-Muschel, ist
-erwiesen, und zwar haben sie die werthvolle Perlmutterschale dazu
-benutzt, die auf tiefem Korallengrunde, namentlich in Ponapè häufig
-gefunden wird. Von einer großen, sauber bearbeiteten Schale hatte
-das Kernstück, nach Größe und Breite, einen entsprechenden Werth,
-ein solches, etwa zwei Zoll breit und 6 bis 7 Zoll lang, wurde einem
-Arbeiter als Tagelohn ausbezahlt, die kleineren Stücke galten weniger.
-Wann aber dieses Geld, von dem ich einige Stücke noch in Lottin-Hafen
-bekam, in Kurs gewesen, darüber konnte ich gewisses nicht erfahren.
-
-Einst nach längerer Abwesenheit nach Jaluit zurückgekehrt, erfuhr
-ich, daß in der Zwischenzeit, ein mir auch bekannter Europäer am
-Strande ermordet worden sei. In dunkler Abendstunde aus einer der
-Wirthschaften, deren zwei vorhanden waren, heraustretend, sei er von
-Malayen die irgend ein Schiff zurückgelassen, überfallen und getödtet
-worden. Ein Racheakt sei es gewesen und eine Verwechslung habe in
-der Dunkelheit stattgefunden, und ihr sei dieser junge Mann zum Opfer
-gefallen.
-
-Der Mörder und seine Mitschuldigen waren schnell gefaßt und dem
-eingelaufenen deutschen Kriegsschiffe „Bismarck“ ausgeliefert worden;
-der Thäter büßte seine Schuld mit dem Leben.
-
-Am Abend jenes Tages, an welchem ich in Jaluit eingelaufen war, folgte
-ich der Aufforderung des Leiters unserer Gesellschaft, den Abend
-mit Billardspielen gemeinschaftlich hinzubringen. Um diese Absicht
-auszuführen begaben wir uns zu dem Hause des deutschen Wirthes, das
-gewöhnlich von den Europäern besucht wurde. Nicht weit davon lag die
-Wirthschaft eines Schwarzen, der mehr Zuspruch von den zu Zeiten im
-Hafen anwesenden Schiffsbesatzungen hatte; hier pflegte es öfter auch
-recht lebhaft zuzugehen. Es mochte etwa 9 Uhr abends geworden sein, als
-ein wilder Lärm von jenem Hause herüberschallte, unter anderen hörte
-ich die lärmenden Stimmen meiner Niue-Leute heraus. Daß einige an Land
-gegangen waren wußte ich, ich hatte ihnen selber Urlaub gegeben, daß
-aber der Steuermann, ein von mir in Ponapè aufgenommener Matrose, der
-dort von einem Schiffe krank zurückgelassen worden war, ein Norweger,
-entgegen meiner Weisung die ganze Besatzung an Land gelassen und ihr
-noch dazu Geld zu Schnaps gegeben hatte, ahnte ich nicht.
-
-Sogleich unterbrach ich das Spiel und eilte in der Meinung meine Leute
-seien mit anderen in Händel gerathen, zu dem anderen Wirthshause. Als
-ich schnell das Haus erreicht, fand ich in der Schenkstube eintretend
-allerlei Volk vor, darunter meine ganze Besatzung. Alle waren
-angetrunken und zwei Parteien befanden sich im heftigen Streite, der
-augenblicklich verstummte, als ich meinen Leuten befahl, sofort an Bord
-zu gehen. Aber nur einige waren vernünftig und folgten der Weisung,
-vier weigerten sich entschieden zu gehorchen; als sie auch einer
-zweiten Aufforderung nicht Folge leisteten, faßte ich schließlich,
-durch die Widersetzlichkeit aufgebracht, einen an, und schob ihn der
-Thüre zu. Kaum aber war meine Absicht den Umstehenden klar, als ich
-von hinten gefaßt und mit Faustschlägen zu Boden gestreckt wurde;
-im Fallen riß ich den Angefaßten mit mir, der auf mich fiel, dieser
-Umstand rettete mich, denn so kurz die Zeit auch war, bis der Mann aus
-meinen Händen befreit werden konnte, sie genügte um die Schaar, welche
-mit gezückten Messern und dem Rufe „tödtet den weißen Mann“ „_kill the
-white man_“, von der Mordthat zurückzuhalten.
-
-Wider Erwarten war ich plötzlich frei und von dem Eigenthümer des
-Hauses, einem riesigen Neger, aufgerichtet sah ich, wie ein Weißer
-einen wuchtigen Stock auf die Köpfe der braunen Gesellen niedersausen
-ließ, die durch Fenster und Thüren entflohen. Der Retter in der Noth
-war ein amerikanischer Schiffsführer, von Honolulu, der gegen Abend
-noch in den Hafen eingelaufen, hier zufällig vorbeigekommen und mit
-angesehen hatte, wie ich niedergeschlagen wurde.
-
-Meine Leute, soviel ich gesehen, waren es nicht gewesen, welche
-die Messer gezogen, die Uebelthäter aber wollten oder konnten sie
-nicht nennen, wenigstens konnten diese nicht ermittelt werden. Der
-deutsche Konsul mußte sich also damit begnügen die vier Mann, die
-Widersetzlichkeit gezeigt, dafür drei Tage lang in Eisen zu legen.
-
-Nicht lange nach diesem Vorfall war mein Schiff wieder segelfertig, um
-eine Reise nach den Karolinen anzutreten; ich wurde von verschiedenen
-Seiten gewarnt, mit solcher Besatzung wieder in See zu gehen, denn dem
-rachsüchtigen Charakter der Niue-Leute sei nicht zu trauen. Indes ich
-verließ mich darauf, daß es keiner wagen würde, eine Meuterei an Bord
-auszuführen, da sie wohl wußten, daß sie vielleicht elendig auf See
-verhungern müßten, wenn sie ihren Führer überfallen und tödten würden.
-Wieder ging ich, ohne einen Europäer an Bord zu haben (der vorige wurde
-nach jenem Vorfall an Land sofort abbezahlt) in See, machte dafür aber
-einen der Niue-Leute jetzt zum Bootsmann, und als am Horizonte das
-letzte Land verschwunden war, rief ich die Leute alle zusammen und
-machte ihnen den Standpunkt klar.
-
-Ihr vier, Bela, Sepona, Fiticefu und Mißcoffi, erklärte ich, seid dafür
-bestraft worden, was ihr in der Trunkenheit an Land begangen habt,
-zehnfach härter aber fällt die Strafe aus, wenn ihr ein Gleiches an
-Bord versuchen solltet. Für mich ist die Sache abgethan und ich hoffe
-für euch ebenfalls, doch, da ich euch nicht unbedingt vertrauen kann,
-so bin ich auf alles gefaßt und vorbereitet; zeigt ihr Ungehorsam oder
-gar Widersetzlichkeit, dann fallen die Folgen auf euch, also thut wie
-früher eure Pflicht.
-
-Und die Leute thaten sie. Ich hatte nicht zu klagen, es schien als
-wollten sie durch Willfährigkeit gut machen, was sie in einer schwachen
-Stunde, als sie nicht Herr ihrer Sinne mehr gewesen, begangen hatten.
-
-Auf dieser Reise nun lief ich die Insel Kusai zuerst an, um dann über
-Ponapè nach dem Providenz-Atoll weiterzusegeln. Nach erfolgter Ankunft
-im Lela-Hafen kamen am anderen Morgen 16 Eingeborene der Gilbert-Gruppe
-mit einem großen Brandungsboote zu mir an Bord und baten, ich möchte
-sie nach Jaluit mitnehmen.
-
-Sie wären, erzählten sie, vor wenigen Tagen auf Kusai gelandet, nachdem
-sie zehn Tage auf dem Ozean zugebracht, kraftlos und nahezu verhungert,
-hätten sie die größten Qualen erduldet, ehe sie an dieser Insel in
-dunkler Nacht angetrieben wären. Ihre Heimath, die Insel Apamama,
-hätten sie mit ihrem Boote verlassen, um nach der nördlicher gelegenen
-Insel Maiana zu segeln, der starke Aequatorialstrom aber hätte sie
-weggeführt.
-
-Bis ihre letzten Kräfte erschöpft gewesen, so lange hätten sie
-verzweifelt gegen Strom und Wogen angekämpft, dann aber, als die
-wenigen im Boot befindlichen Kokosnüsse aufgezehrt waren, Hunger und
-Durst sich eingestellt, hätten sie ihr Segel gesetzt und wären immer
-vor dem Winde laufend, nach Westen gesegelt, wo, wie sie früher gehört,
-große Inseln liegen sollten. Einsam auf dem unendlichen Ozean in einem
-offenen Boote fahrend, den schrecklichsten Leiden preisgegeben, hätten
-sie keine andere Hoffnung gehegt, als die, vielleicht im fernen Westen
-Land zu finden. Aber nie hätten sie Land angetroffen. Da alle zum Tode
-erschöpft waren, so würden sie so, wenn sie nur wenige Meilen südlich
-von Kusai, vorbeigetrieben wären, in wenig Tagen schon dem Hunger und
-Durst erlegen sein.
-
-Welche Qualen diese 10 Männer und 6 Frauen erduldet hatten konnte man
-daran sehen, daß die Hölzer im Boot mit den Zähnen angebissen waren;
-das Grüne, welches sich durch faulendes Wasser im Boot angesetzt hatte,
-war mit den Fingernägeln ausgekratzt worden, selbst ihre mangelhafte
-Bekleidung aus Grasschurzen bestehend, hatten sie aufgegessen und damit
-den furchtbaren Hunger zu stillen versucht. Daß das Boot am Riffe in
-der Brandung nicht zerschlagen, die zum Tode erschöpften Menschen nicht
-am sicheren Gestade zu Grunde gingen, hatten sie einzig dem Zufall zu
-danken. Todesmatt waren sie von Bewohnern Kusais aufgefunden, gespeist
-und getränkt, nicht nach Art eines barbarischen Volkes als Feinde
-angesehen worden; sie wurden zum König nach Lela gebracht, der ihnen
-Speisen geben und eine Wohnstätte auf der Hauptinsel anweisen ließ, wo
-sie warten könnten, bis ein Schiff sie mitnehmen würde. Ihren Wunsch
-gleich mitgenommen zu werden mußte ich freilich auch abschlagen, da
-ich noch eine weite Fahrt vor mir hatte, allein ich versprach, sie auf
-meiner Rückreise von den Providenz-Inseln, abzuholen, und verwandte
-mich beim König Keru für sie, daß derselbe sie auf einige Wochen noch
-behalten möchte.
-
-Von Ponapè segelte ich weiter nach Ujelang, der Hauptinsel im
-Providenz-Atoll, die etwa 240 Seemeilen nordost von der hohen
-Karolinen-Insel entfernt liegt, hier auf diesem einsamen Atoll fand
-ich nur etwa 40 Menschen vor, weißköpfige Greise unter ihnen, die
-erzählten, daß ihre Voreltern von den Marschall-Inseln mit Kanoes
-vertrieben seien, diese wären einst auf der einsamen Insel gelandet und
-hätten viele, viele Jahre verlassen gelebt, bis der weiße Mann gekommen
-sei und sich hier niedergelassen habe.
-
-Einsam und trostlos genug fließt die Zeit und das Leben den wenigen
-Bewohnern auf dieser weltentlegenen Insel hin, vor allem für den
-Europäer, einem Deutschen, der höchstens alle acht Monate einmal, wenn
-ein Schiff einläuft, sich mit einem gebildeten Menschen unterhalten und
-freuen kann. Die Aufgabe die diesem Manne gestellt, ist nicht leicht,
-ein arbeitsames Leben muß ihn vor Schwermuth bewahren; die eigentliche
-Kultur soll er hier einführen und auf dem steinigen Korallenboden
-Kokosplantagen anlegen, deren Ertrag in späterer Zeit die aufgewendete
-Müh' und Arbeit lohnen soll.
-
-Alle Bewohner dieser Insel leben nahe der deutschen Station und
-arbeiten für diese und von Fleiß und stetiger Arbeit zeugt es,
-daß 70000 Kokosnüsse und junge Bäume in weniger als zwei Jahren
-ausgepflanzt worden sind. Heute stehen auf einst ödem Korallengrunde
-Palmenhaine, deren Wipfel stolz im Winde rauschen, ein melodischer
-Gesang zu der donnernden Woge, die sich ewig in ohnmächtiger Wuth an
-diesen Gestaden bricht. Auch hier werden in ferner Zukunft einst, wenn
-die jetzt schon mit Korallenpatschen dicht besäte Lagune geschlossen
-worden ist, sich ausgedehnte Landflächen bilden, auf denen die
-Tropenwelt ihre ganze Pracht entfalten kann. Der Lebensunterhalt der
-wenigen Bewohner besteht aus der Kokosnuß, Taro, Fischen und Hühnern,
-letztere sind in großer Zahl vorhanden, ebenso Enten, die, da kein
-Eingeborner auf allen diesen Koralleninseln die Eier als Nahrung
-betrachtet, sich stark vermehren können. Jedesmal erhielt ich in
-Ujelang hunderte in Seesalz aufbewahrte Eier, die mir stets willkommen
-waren.
-
-An solchen einsamen Gestaden halten sich auch mit Vorliebe die
-mächtigen Riesenschildkröten auf, um zur Brutzeit am Strande ihre Eier
-im Korallensande einzuscharren, die allein die heißen Strahlen der
-Sonne auszubrüten vermag. In der Brutzeit kommt das Weibchen dreimal
-an's Land und setzt jedesmal etwa 140 Eier ab, hält sich aber stets in
-der Nähe auf, um die aufgekommenen Jungen, die instinktmäßig dem Wasser
-zustreben, zu schützen. Wie mir versichert wurde, lauert das Männchen
-der jungen Brut auf und frißt eine große Zahl der jungen Thierchen,
-denen außerdem auch von großen Seevögeln viele Gefahren drohen, in
-Wirklichkeit gelangen aus der großen Anzahl Eier nur verhältnißmäßig
-wenige zur Entwicklung.
-
-Der Fang solcher Riesenschildkröten, der in mondhellen Nächten
-ausgeführt wird, ist nicht so ganz ungefährlich, gewandt und schnell
-muß man dabei verfahren, das Thier von der Seite am Panzer zu fassen
-suchen und es auf den Rücken werfen. Um nicht durch Bisse oder die
-scharfen Krallen verwundet zu werden, bedienen sich die Eingebornen
-gewöhnlich bei großen Thieren starker Stöcke, die sie unter den
-Brustpanzer schieben und so das Thier umzuwerfen versuchen, das auf
-ebenen Boden dann unfähig ist, sich wieder umzuwälzen und zu entkommen.
-
-Bei Gelegenheit meiner zweiten Anwesenheit auf Ujelang wurde einer
-großen Schildkröte nächtlicherweile aufgelauert, deren Brutstätte
-bekannt geworden war, es gelang uns wirklich, das mächtige Thier
-abzufangen. Nachdem das Thier mit schweren Knütteln getödtet war, wurde
-ihm der Brustpanzer mit scharfen Messern abgelöst; neben dem fetten
-wohlschmeckenden Fleische fanden wir 140 reife Eier vor, die kugelrund
-und mit einer weichen, lederartigen Schale umgeben sind. Letztere
-werden als besondere Leckerbissen angesehen, doch fand ich, daß sie,
-gekocht oder gebraten, einen etwas strengen Geschmack haben; wenn auch
-sehr nahrhaft, so sind sie doch nicht frischen Hühner- oder Enteneiern
-gleichzustellen. Diese Schildkröte wog etwas über 500 Pfund, doch waren
-auf Ujelang schon größere und schwerere gefangen worden. Zieht man bei
-solchen Thieren ihr langsames Wachsthum in Betracht, so müssen solche
-Meerbewohner ein hohes Alter erreichen.
-
-In keinem Atoll habe ich so viele ausgedehnte Riffpatschen gefunden wie
-gerade hier, deshalb hat das Hindurchwinden mit einem Schiffe seine
-Schwierigkeit, ehe man von der Hauptdurchfahrt aus die Insel Ujelang
-erreicht. Mir fehlte es stets an Zeit und Gelegenheit nachzuforschen,
-ob die Angaben der Bewohner, im Westen der 12 Seemeilen langen Lagune
-steigen zeitweilig heiße Dämpfe auf, wahr seien, was auf vulkanische
-Thätigkeit schließen lassen würde. Daß solchen Angaben etwas
-Richtiges zu Grunde liegen müsse, daran zweifelte auch der deutsche
-Händler nicht, besonders deshalb, weil die Bewohner nur ungern den
-westlichen Theil der Lagune aufsuchten; hat dort jedoch wirklich eine
-unterseeische Kraft sich geäußert, so liegt ein stattgehabter Ausbruch
-doch jedenfalls eine Reihe von Jahren zurück.
-
-Von Ujelang segelte ich geradewegs nach Kusai zurück, holte dort die 16
-vertriebenen Gilbert-Insulaner ab und brachte sie mit ihrem Boote nach
-Jaluit, von wo sie später mit einem anderen Schiffe in ihre Heimath
-zurückbefördert wurden.
-
-Es war gegen Ende des Jahres 1886, als ich von der Karolinengruppe
-zurückkommend Kusai auf dem Rückwege anzulaufen hatte, um dort vom
-Könige Georg eine alte Schuld einzufordern, die aus einem Quantum
-von 20000 Pfund Kopra bestand. Ich lag allein im Lela-Hafen und
-weilte gerade auf dem höchsten Punkte der Insel, Nin-moschon, als von
-Eingebornen der Ruf erscholl ein „Schiff in Sicht“. Wirklich kam von
-Norden mit schneller Fahrt ein in diesen Gewässern nicht oft gesehenes
-Fahrzeug, ein Dampfer, heran. Als dieser näher gekommen war, erkannte
-ich ein deutsches Kriegsschiff, das dem Anscheine nach im Lela-Hafen
-einlaufen wollte. Ehe ich aber vom Berge herab an Bord meines Schiffes
-gelangen konnte, hatte es vor der Einfahrt beigedreht und nur ein
-niedergeführter Kutter nahte sich mit raschen Ruderschlägen. Das
-Boot fuhr geradezu zum Hause des Königs, es landete ein Offizier mit
-mehreren der Bootsbesatzung und, noch erstaunt, was der plötzliche
-Besuch zu bedeuten habe, sah ich bald nach kurzer Verhandlung mit dem
-Könige und den Häuptlingen, wie mit kräftigen Axtschlägen das deutsche
-Protektoratsschild niedergeschlagen wurde.
-
-Für uns Deutsche in dieser weltentlegenen Inselwelt, die stets der
-Ansicht waren, daß die einmal gehißte stolze deutsche Flagge nimmermehr
-würde niedergeholt, die reichen Karolinen-Inseln für alle Zukunft
-ein Theil des deutschen Reiches bleiben würden, war die unerwartete
-Rückgabe derselben an ein Volk, das sich nie um den beanspruchten
-Besitz und um sein zweifelhaftes Recht gekümmert hatte, ein harter
-Schlag. Wie auf Samoa, so mußten auch hier die Deutschen ihr kühnes
-Hoffen, auf deutschem Grund und Boden zu streben und zu ringen, so
-bald zu Grabe tragen. Ja, was ich später erfuhr, auf Ponapè haben
-die weißen Händler, als das Niederholen der Flagge angekündigt war,
-trauernd am Fuße des Flaggenmastes auf Lungur-Eiland gestanden und
-über sich die Flagge halbstocks wehen lassen, aus Leid darüber, daß die
-lange, friedevolle Zeit vorüber, daß ein Volk, dessen Ansprüche keiner
-begreifen konnte, fortan hier herrschen sollte.
-
-Und es kam der gefürchtete Kampf, furchtbar und ernst, verhängnißvoll
-für die, welche ein freies unabhängiges Volk geknechtet, das noch
-nie den Weißen hatte gehorchen gelernt, unheilvoll auch für die, die
-Jahrzehnte schon in Frieden hier gelebt hatten.
-
-Der kommandirende Offizier kam später zu mir an Bord und ich vernahm
-die traurige Nachricht, daß von nun an die Karolinen-Inseln unter
-spanischer Oberhoheit gestellt seien. Nach kaum zwei Stunden zog der
-„Albatros“, der auf allen Inseln die deutsche Flagge niedergeholt
-hatte, seines Weges weiter, und das, was wir Deutsche mit Stolz unser
-genannt, es war dahin! --
-
-Noch am selben Abend besuchte ich den König, um das Nähere wegen der
-Einschiffung der Ladung mit ihm zu verabreden, doch kam ich jetzt bei
-diesem schön an, er weigerte sich entschieden, die Schuld zu bezahlen,
-unter dem Vorwand, er stünde nicht mehr unter deutscher, sondern
-spanischer Protektion. Eine Verständigung über den streitigen Punkt war
-nicht möglich, der sonst immer freundlich und entgegenkommende König
-kehrte plötzlich ganz andere Seiten heraus, mir blieb nichts übrig,
-als die Forderung fallen zu lassen und unverrichteter Dinge abzusegeln.
-Aber daß der König und seine Häuptlinge ein volles Verständniß von dem
-Protektoratswechsel gehabt haben, bezweifele ich -- doch wie so bald
-sollten sie den Unterschied kennen lernen.
-
-Dahin war die Zeit friedevoller Ruhe, dahin die Zeit, wo wir Weiße
-sicher in den Hütten der Eingebornen aus- und eingehen konnten, der
-besten Gastfreundschaft, des Schutzes und der Führung gewiß. Was die
-neuen Herren ihnen angethan, das reizte sie zur hellen Empörung, weckte
-die schlummernde Rache, und nicht diese allein sollten dem Verderben
-geweiht werden, sondern auch alle Fremden, weiße oder braune.
-
-
-
-
-VI. Der Aufstand und Kampf auf Ponapè.
-
-
-Schnell, als wollten die Spanier sich ihres neuen Besitzes auf alle
-Fälle sichern, und was sie in Jahrhunderten versäumt hatten, jetzt
-plötzlich nachholen, entfalteten sie ihre Macht auf allen Mittelpunkten
-d. h. auf den Inseln Yap, Ruck, Ponapè und anderen. Wenig Rücksicht
-nahmen sie auf die Gefühle bisher ganz unabhängiger Stämme, sie führten
-jene bekannte Gewaltherrschaft ein, durch welche Spanien im Laufe der
-Zeiten sich um seine blühendsten Kolonien gebracht hat. Durch Militär-
-und Priesterherrschaft sollte die Kultur dem freien Volke aufgedrängt
-werden.
-
-Da den Eingebornen keine Zeit gelassen ward sich allmählich an die
-neuen Verhältnisse zu gewöhnen, so fühlten sie den ihnen auferlegten
-Zwang doppelt hart. Die Strenge, die angewendet wurde, sie zum
-Gehorsam und zur Ergebenheit zu zwingen empörte sie; Wege und andere
-Bauten auszuführen, wie sie es für die langansässigen, amerikanischen
-Missionare freiwillig gethan, weigerten sie sich, sie fügten sich auch
-nicht gutwillig der Forderung, umsonst schwere Tagesarbeit zu leisten.
-Grollend zogen sich die Eingebornen zurück, im Herzen Wuth und Rache
-schnaubend. Ganz sorglos müssen die Spanier gewesen sein, oder sie
-haben gar zu gering einen möglichen Widerstand geachtet, sonst hätten
-sie den Anzeichen eines kommenden Sturmes, der warnenden Stimme eines
-hier ansässigen spanischen Abkömmlings von der Insel Guam, Manuel de
-Tores, mehr Beachtung geschenkt.
-
-So nahte das Verhängniß, durch Gewalt und Ungerechtigkeit
-heraufbeschworen. Die beleidigten Häuptlinge, der zumeist betroffenen
-Bezirke im Norden von Ponapè, nämlich Jokoits, Nut, Mants, Tohuak und
-andere, sammelten ihre Schaaren, und es wurde beschlossen die Spanier
-einfach aus dem Lande zu jagen. Festgesetzt als Tag der Rache wurde der
-vierte Juli 1887; also nach nur wenigen Monaten hatten die Spanier sich
-schon so verhaßt gemacht, daß die Eingebornen verzweifelt zu den Waffen
-griffen und sich ihre Freiheit um jeden Preis erkaufen wollten.
-
-Gegenüber der Insel Lungur, der deutschen Station, nach Süden am festen
-Lande war das spanische Regierungsgebäude errichtet worden und war in
-gewisser Hinsicht durch die Kanonen der im Hafen liegenden spanischen
-Korvette „Maria de Melina“ gedeckt, obwohl 130 Soldaten, meistens
-Malayen von den Philippinen-Inseln, als persönliche Bedeckung dem
-Statthalter zur Verfügung standen.
-
-Am 1. Juli 1887 (vorher war schon manche Versammlung der Eingebornen
-verboten und zersprengt worden) sandte der Statthalter zum gleichen
-Zwecke eine Abtheilung unter den Offizieren Don Ricardo Martinez und
-Don Alferes ab, um abermals eine große Versammlung aufzulösen, auch
-hatten die Führer wohl den Auftrag, den Häuptling des Bezirks mit
-sich zu bringen. Auf welcher Seite nun die Schuld gewesen, das bleibe
-dahingestellt; die Eingebornen sagen, wie mir später ein Theilnehmer
-erzählte, die Spanier hätten auf sie gefeuert, wenn dies der Fall
-gewesen, so war es das Signal für die zu hunderten versammelten
-Bewohner, den Kampf schon jetzt zu eröffnen.
-
-Wer diese Schluchten und Berge gesehen, die oft mit undurchdringlichem
-Gebüsche bewachsen sind, worin jedes Felsstück jeder Baum einen
-Hinterhalt bietet, kann sich denken, daß ein Widerstand gegen diese
-einsichtigen, gut bewaffneten Bewohner vergeblich war.
-
-In kurzer Zeit endete der Kampf mit der gänzlichen Vernichtung der
-Spanier, auch der den Eingebornen auf Ponapè und uns Weißen so wohl
-bekannte Dolmetscher Manuel de Tores fiel; ihm, einem langjährigen, mit
-allem wohl vertrauter Händler, war bittere Rache zugeschworen worden,
-weil er sich in die Dienste der Spanier gestellt; er wurde buchstäblich
-in Stücke gehauen.
-
-Nur zwei verwundete Malayen entkamen dem Blutbade und brachten die
-Schreckenskunde von der Niedermetzelung der Abtheilung zum Fort. Zur
-Stunde, als im Fort noch nichts über diese Vorgänge bekannt geworden,
-weilte der Vertreter der deutschen Plantagen-Gesellschaft Herr Ruß beim
-Gouverneur, der ihn zu sich gebeten, um über die gefährliche Lage, die
-keinem unbekannt geblieben, zu berathen; auch sollte Herr Ruß so viele
-Gewehre und Schießbedarf übersenden, als er irgend entbehren konnte.
-Da traf die schlimme Kunde ein. Herr Ruß übernahm es, dem Kommandanten
-des Kriegsschiffes die traurige Botschaft zu bringen, deren Tragweite
-keiner ermessen konnte, und der ersucht wurde die nothwendigen
-Maßregeln sofort zu treffen; Herr Ruß aber fuhr zu seiner Station und
-übersandte dem Gouverneur das Gewünschte.
-
-Die Eingebornen, durch den ersten Erfolg kühn gemacht, und längst
-vorbereitet, den verderblichen Schlag zu führen, stürmten nun bald zu
-tausenden nach dem Fort, und umstellten es so, daß kein Entkommen mehr
-möglich war. Ihre Führer waren der Häuptling Lab in Nut und Nanamariki
-von Jokoits.
-
-Der Kommandant der „Maria de Melina“ führte sofort, auf die ihm
-gewordene Nachricht, fast seine ganze Besatzung (nur 28 Mann blieben
-an Bord zurück), in sämmtlichen Boten dem Statthalter zu Hilfe, aber
-die flinken Eingebornen hatten das Fort schon umzingelt und warteten im
-sichern Hinterhalt nur, so lange bis alle Boote in Schußweite gekommen,
-um die Besatzung niederschießen zu können.
-
-Kein Einziger der Offiziere und Soldaten kam mit dem Leben davon, die
-meisten lagen alle todt in ihren Booten und die, welche schwimmend sich
-zu retten suchten, traf die tödtliche Kugel im Wasser. Die Gemahlin
-des Kommandanten, die sich an Bord befand, wurde durch solchen Anblick
-tief erschüttert und vor Angst wahnsinnig. Der überraschende Erfolg
-mochte wohl die Aufständigen stutzig gemacht haben oder sie waren über
-die Zahl der Besatzung der „Melina“ ungenügend unterrichtet, denn sie
-führten ihren Plan, das Schiff zuerst zu nehmen, nicht aus. Wären sie
-gleich in der entstandenen Verwirrung mit ihrer Uebermacht vorgegangen,
-würde es ihnen ein leichtes gewesen sein das Schiff zu nehmen.
-
-So aber langwierige Berathungen pflegend, ließen sie den Ueberlebenden
-an Bord Zeit, sich so zu verschanzen, daß ein Angriff auf das Schiff
-nur unter schweren Verlusten noch möglich war.
-
-Das Boot, welches Herr Ruß von Lungur mit Waffen und Munition
-abgesandt, wurde auf dem Wege zum Fort angehalten und weggenommen,
-dadurch bekamen die Häuptlinge den Beweis in die Hände, daß der
-angesehenste aller Händler auf Ponapè die Spanier unterstützt hatte;
-deshalb beschlossen sie, auch die Deutschen, welche auf ihrer Station
-bisher nicht gefährdet waren, nieder zu machen.
-
-Noch aber war das Fort erst umschlossen, in welchem eine kleine Schaar
-sich vorbereitete, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Hätten
-die Feinde es unternommen am Tage die leichte Feste zu nehmen, wären
-die Eingeschlossenen nicht ungerächt gefallen, so aber wählte der
-verschlagene Feind die Nacht zum Angriffe, und nahm den größten Theil
-der Befestigungen ein, nur wenige der Eingeschlossenen sahen den neuen
-Morgen wieder, doch auch diese kleine Zahl sank vom tödtlichen Blei
-getroffen, ehe aufs Neue Dunkelheit die Erde deckte.
-
-Einen letzten verzweifelten Ausfall mit denen die die Schreckensnacht
-überstanden hatten, unternahm der Statthalter am 2. Juli. Priester und
-Klosterbrüder voran, verließen alle die unhaltbare Feste, um sich zum
-Strande durchzuschlagen, aber der hinter Stein und Baum gedeckte Feind
-mähte fast alle bis auf die durch ihre Kleidung kenntlichen Priester
-nieder. Nur der Statthalter mit wenigen erreichte den Strand, fand aber
-den Tod mit den letzten Getreuen, ehe er ein rettendes Boot erreichen
-konnte, und wurde, ebenso wie der Dolmetscher de Tores, in Stücke
-gehauen.
-
-Später sah ich selbst die Klosterbrüder, die keine Waffe geführt und
-deshalb unbelästigt das Schiff erreicht hatten, an Bord der „Melina“,
-und ich muß sagen, auf ihren bleichen Gesichtern waren noch nicht alle
-Spuren jener schrecklichen Tage und Stunden verwischt.
-
-Der Eingeborne scheut den offenen Kampf, seine liebsten Waffen sind
-Verschlagenheit und List. Das bewies auch die Botschaft, welche
-die Häuptlinge am 2. Juli nach Lungur sandten, die die Zusicherung
-enthielt, den Deutschen würde nichts geschehen. Wenn die Spanier
-alle todt wären, wollten sie kommen und die deutsche Flagge wieder
-aufhissen, es solle wieder so wie früher sein. Doch aus anderen
-Nachrichten, welche überbracht wurden, war mit Sicherheit zu schließen,
-daß alles nur ein Vorwand wäre, sogar, daß der Häuptling Lojap auf
-Lungur schon Befehl erhalten hätte, die Station zu nehmen, keinesfalls
-aber die Umschlossenen fliehen zu lassen.
-
-Um das zu verstehen, muß man die Sinnesart der Eingebornen
-berücksichtigen, Verschwiegenheit, auf die bei einem planmäßigen
-Vorgehen gegen Feinde alles ankommt, kennen sie nicht, sie verrathen
-sich und ihre Absichten selbst. So soll es auch ein offenes Geheimniß
-gewesen sein, daß am 4. Juli ein Ueberfall auf die Melina geplant
-war, der den Aufstand einleiten sollte; sie wollten wie sonst mit
-Tauschgegenständen an Bord fahren, nur in größerer Zahl, und im
-gegebenen Augenblick die ahnungslose Besatzung überwältigen.
-
-Wären sie so vorgegangen, so hätten die Spanier unverzeihlich sorglos
-sein müssen, wenn sie nicht im Kampfe Sieger geblieben wären und
-die unbewaffneten Eingebornen von Bord geschlagen hätten. Dann
-hätte der Aufstand auch einen ganz anderen, für die Spanier sicher
-vortheilhafteren Ausgang genommen; ihr Verderben war jene erzwungene
-Auflösung der am 1. Juli stattgehabten Versammlung.
-
-Wie vorbereitet der Aufstand war, ist daraus zu schließen, daß selbst
-die Bewohner der Inselgruppe Parkim, die 26 Seemeilen von Ponapè in
-WNW.-Richtung gelegen ist, sich daran betheiligen wollten und alle
-Vorbereitungen trafen, zum bestimmten Tage auf Ponapè einzutreffen.
-
-Der deutsche Händler auf jenen Inseln Namens Schmidt, fuhr aber
-unauffällig, wie schon sehr oft, als wüßte er nichts von allem, in
-der Nacht zum 2. Juli ab und traf mit seinem Boote und seiner Familie
-auf Lungur ein, gerade als Herr Ruß die bedenkliche Botschaft der
-Häuptlinge empfangen hatte. Jetzt zu dreien auf der Station mit einer
-Anzahl nicht einheimischer Arbeiter beschlossen diese, wenn möglich,
-die Station zu halten. Doch am nächsten Tage wurde ihre Lage sehr
-ernst, nach vollbrachter Niedermetzelung der Spanier, sammelten sich
-die Aufständigen, um den Deutschen dasselbe Schicksal zu bereiten. Alle
-anderen Händler auf Ponapè in den verschiedenen Häfen als Mants, Kiti
-und anderen ansässig, waren gleich auf die Nachricht hin, die Spanier
-seien alle gefallen mit ihren Booten auf die weite See entflohen,
-mit Recht befürchtend, sie würden demselben Schicksal und der Rache
-der Eingebornen verfallen, die jetzt, bis auf die amerikanischen
-Missionare, jeden Fremden tödten wollten und sich bemühten, völligen
-Kehraus zu halten.
-
-Daß der Häuptling Lojap allein nicht einen Angriff auf die deutsche
-Station unternommen hatte, lag daran, daß er wußte, wie gefährlich
-im offenen Kampf die Waffe in der Hand der Deutschen war und, daß sie
-die Drohung, auf jeden, der sich nähern würde, zu feuern, wahr machen
-würden. Hatte er doch häufig genug unsern Schießübungen beigewohnt,
-wenn wir auf bewegtem Wasser Flaschen oder andere Gegenstände
-zerschossen und selten nur das Ziel verfehlten.
-
-Die Häuser der Station, nur aus Holz erbaut, waren freilich
-insofern ein ungenügender Schutz, als jede Kugel die schwachen Wände
-durchschlagen mußte und so war die erste gemeinsam durchwachte Nacht
-aufregend genug, da die Umschlossenen wohl bemerkten, wie die Feinde zu
-ihrer Orientirung umherschlichen, ohne jedoch zum Angriff überzugehen.
-
-Jene erwähnte Eigenschaft der Eingeborenen, nichts geheim halten zu
-können, versetzte die Eingeschlossenen in die Lage, durch Kundschaft
-die Absichten ihrer Feinde kennen zu lernen und zwar wurde die Frau
-des Händlers Schmidt, eine Eingeborene von Ponapè am nächsten Morgen
-ausgesandt, um sichere Nachrichten einzuholen. Dieselbe brachte denn
-auch die Gewißheit, daß in der kommenden Nacht der erwartete Angriff
-würde ausgeführt werden -- die Eingeborenen sammelten sich am Ostende
-der Insel Lungur.
-
-Dem gewissen Tode zu entgehen gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit --
-es mußte versucht werden, mit den Booten die offene See zu erreichen,
-und wenn das gelungen war, dem Schicksale vertraut werden. Die drei
-Deutschen, zwar bereit zu kämpfen, hatten doch aber auch Weiber und
-Kinder zu schützen und sahen wohl ein, daß es ein Unding sei, die
-große Station gegen eine hundertfache Uebermacht zu halten. Darum
-wurden so geheim als möglich alle Vorbereitungen getroffen, um mit der
-hereinbrechenden Dunkelheit die Flucht zu wagen.
-
-Da die deutsche Station ziemlich frei gelegen war, konnte ungesehen
-so leicht keiner herankommen, auch war es möglich, mit Schußwaffen
-alle Seiten zu bestreichen. So führten denn die Arbeiter ungehindert
-die Aufträge ihres Herrn aus und brachten so unauffällig als möglich
-Lebensmittel u. s. w. zum Werfthause und legten Bootsgeschirr, Segel
-und Ruder bereit.
-
-Aber trotzdem wurde dies alles doch vom Feinde bemerkt und die Absicht
-erkannt. Da die Werft ganz links von der Station lag, so konnte
-nicht bemerkt werden, wie einige durchs Gebüsch und durchs Wasser
-längs derselben sich hinschlichen und sämmtliche Boote, drei an Zahl,
-losschnitten und treiben ließen. Die Bedrängten, die nun ihre letzte
-Hoffnung schwinden sahen, setzten, als der Vorgang gleich darauf
-bemerkt wurde, alles daran, die Boote wieder zu erhalten und einige
-Arbeiter, tüchtige Schwimmer, brachten denn auch nach vieler Mühe zwei
-derselben zurück.
-
-Die Boote wurden nun auf dem Riffe gegenüber der Station im Bereich
-der Waffen festgelegt, aber da man nicht daran gedacht hatte, daß
-sie mit der ablaufenden Ebbe festkommen mußten, so kostete es viel
-Zeit und Mühe, als um 8 Uhr Abends alles bereit war, nur eins der
-Boote wieder abzubringen, und dieses, zum Ende der Werft gerudert,
-sollte dort bemannt werden. Mit größter Vorsicht wurden die Frauen und
-Kinder dorthin gebracht, die Männer trugen Geld, Bücher und Waffen
-hin und fast schien es, als würden sie unbelästigt entkommen. Herr
-Ruß aber, der als der letzte das Wohnhaus verschloß und zwei Behälter
-mit Trinkwasser dann zum Boote schleppen wollte, wurde von einem
-Kundschafter gestellt und angehalten, der schnell erkennend, was hier
-vorging, seine Genossen durch einen lauten Ruf herbeizulocken suchte.
-
-Wie groß die Gefahr, sah Herr Ruß schnell ein, er setzte also
-die Behälter schnell nieder, und zwang mit gezogenem Revolver den
-Verräther, der unbewaffnet war, dies Wasser selber in schnellster
-Gangart zum Boote zu tragen. In größter Eile wurde darauf ins Boot
-geworfen, was zur Hand war, vor allem Korallensteine aus der Werft
-gerissen, um das Boot zu beschweren, dann sprangen die Nahestehenden
-hinein und losgeschnitten trieb das Boot in die Nacht hinaus. Die
-meisten der Arbeiter, die zurückbleiben mußten, sprangen seitwärts auf
-das Riff und flohen strandaufwärts.
-
-Keine Minute zu früh waren die Flüchtlinge entkommen, denn von allen
-Seiten stürmten die Feinde heran; schnell folgten flinke Kanoes
-den Fliehenden, die aber den Vorsprung ausnutzend und mit rasch
-entfaltetem Segel vor dem Winde laufend, durch die Riffenge die offene
-See gewannen, wo im bewegtem Wasser kein Kanoe ihnen mehr zu folgen
-vermochte.
-
-Man könnte fragen, warum die Deutschen sich nicht auf die „Maria
-de Melina“ geflüchtet haben. Solcher Versuch aber wäre wohl
-fehlgeschlagen, denn die Spanier hätten höchst wahrscheinlich auf das
-in der Dunkelheit sich nähernde Boot Feuer gegeben. So würden sie den
-Feinden entronnen, von Freunden niedergeschossen worden sein. Auch war
-ihnen bekannt, daß in dieser Nacht der Versuch gemacht werden sollte,
-die so schwach vertheidigte Korvette zu nehmen. Daß dieses unterblieb,
-das hatte die schwache Besatzung der geglückten Flucht der Deutschen
-zu danken, denn da diese nun den Händen der Aufständigen entgangen
-waren, so wurde die Unschlüssigkeit unter den Häuptlingen wieder groß,
-die vermeiden wollten, daß über die Vorgänge auf Ponapè irgend welche
-Nachricht verbreitet würde. Sobald die Deutschen die freie See gewonnen
-und keine Verfolgung mehr zu befürchten war, wurde beschlossen nach
-der 75 Seemeilen von Ponapè in Südwest-Richtung liegenden Inselgruppe
-Ngatik zu segeln, dem nächsten Land außer Parkim. Sie wurden aber durch
-die Verhältnisse gezwungen diesen Plan aufzugeben, denn wie gut nämlich
-auch alles vorher bedacht und überlegt worden war, in der Hast war
-im letzten Augenblicke nicht darauf geachtet worden, was in das Boot
-hineingeworfen wurde und nun stellte sich, als auf bewegtem Meere eine
-Untersuchung vorgenommen wurde, zum allgemeinen Schrecken heraus, daß
-nur sehr wenig Mundvorrath im Boote war.
-
-Es blieb also nichts übrig, als den Kurs nach Parkim zu nehmen, wo es
-vielleicht noch möglich war, aus dem Hause des Händlers Lebensmittel zu
-holen, sofern die Eingeborenen es noch nicht erbrochen und ausgeraubt
-hatten. Der frische Wind trieb das schnelle Boot durch die Wogen und
-schon nach Mitternacht fanden die Flüchtlinge sich in der Nähe der
-Station. Hier ließen Ruß und Schmidt ihr Boot mit seinen Insassen
-zurück und gingen mit einigen Leuten auf Kundschaft aus; der dritte
-Deutsche und ein Eingeborener von Guam (Marianen-Archipel) San Jago,
-der mit den Deutschen alle Gefahren redlich theilte, blieben im Boote
-zurück und bewachten einen der Parkim-Leute, der zur Bootsbesatzung
-des Herrn Schmidt gehörte, und da ihm nicht zu trauen war, nicht
-freigelassen werden durfte.
-
-Was Eßbares noch im unversehrten Hause vorgefunden wurde (wenig genug
-war es), wurde so schnell und geräuschlos als möglich fortgeschafft,
-ebenfalls noch frische Kopra und zahlreiche Kokosnüsse. Alles ging gut,
-in früher Morgenstunde konnte wieder abgesegelt werden, um jetzt den
-Kurs südwärts nach Ngatik zu richten. Der gefangen gehaltene Mann wurde
-vorher frei gelassen, schon um einen Esser weniger zu haben, es waren
-ihrer im Boote doch genug.
-
-Es war ein gefährliches Unternehmen. Die in dieser Jahreszeit
-eintretenden Windstillen, die unbekannten Meeresströmungen, sowie
-öfters sturmartige Böen von langer Dauer machten es mehr als
-zweifelhaft, ob es den Seefahrern überhaupt gelingen würde, so
-niedriges Land, wie die kleinen Koralleninseln es sind, aufzufinden;
-doch im schlimmsten Falle konnte man das hohe Land von Ponapè immer
-wieder aufsuchen, das bei klarem Wetter doch beinahe 60 Seemeilen weit
-sichtbar blieb.
-
-Mit dem seetüchtigen Boote war es auch nicht so sehr gefährlich
-große Strecken zu machen, dennoch mag ihnen allen nicht sonderlich zu
-Muthe gewesen sein, da keiner auf dem Ozean die Wege, die zu Land und
-friedlichen Menschen führten, kannte.
-
-So kam der Tag mit seiner Gluth, einsam zogen sie auf weitem Meere
-dahin -- es kam die Nacht und brachte einen Gewittersturm, der sie
-weit aus ihrem Kurs verschlug -- und wieder kam trostlos ein Tag für
-sie; nun wußte keiner mehr wohin, auf bewegtem Ozean irrten sie umher,
-kein Land in weiter Runde -- die Inselgruppe Ngatik fanden sie nicht
-und mußten nun, um bloß zu wissen, wo sie sich befanden, nach Osten
-gegen den Wind aufkreuzen. Tage sahen sie kommen und gehen, bis endlich
-Ponapè wieder in Sicht kam.
-
-Der Insel nahe, erkannte Herr Ruß, daß sie sich an der Südseite von
-Ponapè befanden und wollte nun versuchen, in Kiti-Hafen einzulaufen,
-wo, wie er wußte, im Hause des dort ansässig gewesenen amerikanischen
-Händlers sich eine Seekarte befand, die, wenn noch vorhanden, ihnen
-wenigstens einen Anhalt bot, wo sie weiter Land finden könnten. Wohl
-erinnerte sich Herr Ruß, daß ich ihm den genauen Kurs nach Mokil, der
-nächsten östlich von Ponapè liegenden Insel, einst angegeben hatte,
-aber muthlos geworden, mit wenig Mundvorrath im Boote -- Wasser hatten
-sie sich bei verschiedenen Regengüssen mit ihrem Segel aufgefangen --
-mochte keiner mehr zu einer neuen Irrfahrt rathen.
-
-Im Kiti-Hafen eingelaufen, bemerkten sie, daß die dortigen Bewohner,
-die längst das sich nahende Boot erkannt, die Absicht hatten, mit
-Kanoes ihnen den Weg zu verlegen, und nur mit genauer Noth entgingen
-sie zum zweiten Male ihren Verfolgern. Auf Ponapè durften sie also
-nirgends landen, sie segelten deshalb wieder nordwärts unter dem
-Außenriffe hin und suchten die Parkim-Inseln abermals auf.
-
-Ueberrascht, am Strande vor der Station das Boot des Herrn Schmidt
-zu finden, erfuhren sie bald, daß die auf Ponapè zurückgebliebenen
-Arbeiter noch in derselben Nacht, als sie selbst geflohen waren, dem
-Beispiel ihres Herrn gefolgt und das zweite Boot mit steigender Fluth
-vom Riffe frei gemacht hatten, um ihr Heil auf dem Meere zu suchen; ein
-ungewisses Schicksal zogen die Leute dem gewissen Tode von der Hand der
-erbitterten Feinde vor.
-
-Die Deutschen fanden die Hauptinsel gänzlich verlassen, die Eingebornen
-waren mit ihren Kanoes abgesegelt, nachdem sie die Station gänzlich
-ausgeraubt hatten, um sich am Aufstand auf Ponapè zu betheiligen. So
-konnten sie denn in Ruhe sich nach Lebensmitteln umsehen, sie fanden
-fast nur Kokosnüsse und Brotfrucht, doch gelang es ihnen auch noch
-einige Schweine zu schießen und Hühner einzufangen, die sie zubereitet
-mit sich nahmen.
-
-So ausgerüstet, wollte Herr Ruß zum zweiten Male versuchen Ngatik
-aufzufinden. Auf Parkim durften sie nicht bleiben; die siegestrunkenen
-Eingebornen hätten sie nach ihrer Rückkehr sicher nicht geschont. Sie
-segelten also mit beiden Booten wieder ab und vertrauten sich abermals
-dem Ozean an. Aber als der zweite Tag anbrach, fanden sie wieder
-kein Land -- schon muthlos, zum Theil verzweifelt, wollten sie jetzt
-das Boot westwärts laufen lassen, auf gut Glück einem unbestimmten
-Schicksal entgegen gehen.
-
-Doch nur kurze Zeit hielten sie diesen Kurs, da entdeckte einer
-ihrer Leute, der auf den schwankenden Mast geklettert war, mit seinen
-scharfen Augen in weiter Ferne südwärts die Kronen hoher Palmenbäume
-über den im Sonnenlicht glitzernden Wogen, sein Ruf „Land, Land“ riß
-alle aus ihrer Versunkenheit empor -- nach Stunden schon lag vor ihnen
-das ersehnte und so vergeblich gesuchte Ziel -- hier wenigstens waren
-sie sicher vor ihren einst so guten Freunden, nun aber um so mehr
-erbitterten Feinden. --
-
-
-
-
-VII. Das Auffinden der Entflohenen. Rückreise nach Samoa. Ende.
-
-
-Die geschilderten Vorgänge sind die wortgetreue Wiedergabe dessen,
-was mir die später Aufgefundenen erzählt haben und ich überzeugte mich
-selber davon, daß alle Angaben der Wahrheit entsprachen, ja selbst, daß
-die Irrenden auf weitem Meer viel Härteres erduldet hatten, als sie zu
-berichten imstande waren.
-
-Von jenen Ereignissen auf Ponapè, insonderheit davon, daß ein Aufstand
-dort befürchtet wurde, ahnte auf den Marschall-Inseln Niemand
-etwas. Ich lag mit meinem Schiffe „Futuna“ bereit, in wenig Tagen
-über Pleasant-Eiland nach Ponapè abzusegeln, ebenso der deutsche
-Dreimast-Schooner „Brigitta“, der, wie bestimmt, mit mir zusammen
-dort eintreffen sollte. Es war am 6. Juli um die Mittagsstunde, als,
-wie gewöhnlich, wenn ein Schiff in Sicht gekommen, das laute „Sail
-ho“ von den Eingebornen auf Jaluit gerufen wurde und von den hohen
-Schiffsmasten über die niedrige Insel hinweg auf den Ozean schauend,
-erkannte man bald, daß das Missionsschiff, der Dampfer „Morningstar“
-auf die Südostdurchfahrt von Jaluit abhielt. Doch wie sonst lief das
-Schiff nicht in den Hafen ein, sondern drehte bei und sandte nur ein
-Boot hinein, das geradewegs zum deutschen Reichskommissar fuhr und
-diesem wichtige Nachrichten überbrachte.
-
-Ohne Verweilen fuhr das Boot wieder ab; bald hatte sich die Kunde wie
-ein Lauffeuer verbreitet, auf Ponapè hätten die Eingebornen unter den
-Spaniern ein furchtbares Blutbad angerichtet, die deutschen und anderen
-Händler seien diesem zwar glücklich entronnen, irrten aber auf dem
-weiten Meere umher, dem sie sich in leichten Booten anvertraut hätten.
-Alle Schiffe, die in Ponapè einliefen, ließen die Bewohner nicht wieder
-fort, um zu verhindern, daß nach Westen den Spaniern Nachricht über den
-Aufstand gebracht würde.
-
-Welche Gefahr für die deutschen Stationen auf Ponapè entstanden war,
-ließ sich gar nicht beurtheilen, vielleicht war der ganze Handel auf
-dieser reichen Insel zerstört, vielleicht durch Vernichtung der Bauten
-und Güter, der Gesellschaft ein ungeheurer Schaden zugefügt worden.
-
-Leider war die mir gegebene Weisung, daß ich zuerst nach
-Pleasant-Eiland laufen sollte, nicht mehr zu ändern, so wurden denn
-schleunigst Waffen und Schießbedarf an Bord geschafft, damit wir, wenn
-nöthig, uns vertheidigen könnten. In aller Frühe des 7. Juli verließ
-ich den Hafen von Jaluit mit der Weisung, die Reise nach Möglichkeit
-zu beschleunigen und, wenn ich Ponapè erreicht hätte, vorerst nach den
-Entflohenen zu suchen; in dem Hafen dort aber nicht eher einzulaufen,
-als bis ich mich vergewissert, ob solches ohne große Gefährdung für
-Schiff und Mannschaft geschehen könne.
-
-Nach Pleasant-Eiland, von welcher Insel ich eine beträchtliche Menge
-Kopra für die „Brigitta“ abzuholen und auf welcher ich auch viel
-Ladung, Güter und Holz, zu landen hatte, gelangte ich schon nach
-wenigen Tagen und kreuzte hier unablässig drei Tage und Nächte. Schon
-war am vierten Tage die Ladung zum größten Theil an Bord gebracht,
-als der Wind plötzlich schwächer wurde, der Abstand von der Insel
-vergrößerte sich immer mehr und sah ich ein, daß ich gegen den
-Strom mich nicht mehr halten würde, deshalb Signale für den an Land
-befindlichen Geschäftsführer aufhißend, kam dieser schließlich ab;
-brachte jedoch den deutschen Händler ebenfalls mit, weil er mit diesem
-noch nicht alles Geschäftliche erledigt hatte.
-
-In der Voraussetzung, der Wind würde wieder stärker werden, blieb der
-Händler auf Anrathen des Geschäftsleiters an Bord und ließ sein Boot
-zur Insel zurückfahren; aber die Hoffnung erwies sich als trügerisch,
-der Wind wurde ganz still und am nächsten Morgen war kein Land mehr in
-Sicht. Ob das Boot, da der Abstand zwischen Land und Schiff schon ganz
-beträchtlich gewesen war, die Insel wieder erreicht hat, darüber habe
-ich Gewisses nie erfahren können.
-
-Wie verhängnißvoll der Strom für die Insassen eines Bootes werden kann,
-zeigt folgender Vorfall, der sich im Jahre 1889 zutrug und den auf
-Pleasant-Eiland ansässigen Europäern, die mir persönlich wohl bekannt
-waren, nebst ihren Leuten das Leben kostete.
-
-Im Juli 1889 wurde im Bismarck-Archipel die Nachricht verbreitet, es
-seien auf der Insel Tatan drei Weiße und eine Anzahl Kanaken von den
-dortigen Eingebornen ermordet worden. Da S. M. Schiffe „Alexandrine“
-und „Sophie“, im Bismarck-Archipel anwesend waren, unternahm die
-„Sophie“ es, nähere Erkundigungen einzuziehen und es bestätigte sich,
-daß zwar keine Europäer, aber sieben Eingeborne von Pleasant-Eiland,
-sowie zwei Frauen erschlagen waren, zwei Frauen aber noch lebten, von
-denen eine, ein junges Mädchen, Irivon mit Namen, ermittelt werden
-konnte und auf ihren Wunsch an Bord des Kriegsschiffes nach Matupi
-gebracht wurde.
-
-Der dort ansässige Vertreter der Firma Hernsheim & Co., Herr Thiel, der
-mehrere Jahre auf den Marschall-Inseln (Jaluit) gelebt hatte und die
-Sprache dieser Insulaner verstand, erfuhr aus dem Munde des Mädchens
-Folgendes:
-
-Sie selbst sei einst mit dem Schooner „Mangaribien“ (Kapt. Reiher) von
-Pleasant-Eiland nach Likieb gekommen und habe dort gearbeitet, später
-sei sie längere Zeit auf Jaluit thätig gewesen, dann aber, als sich
-Gelegenheit geboten, in ihre Heimath zurückkehren, habe sie sich mit
-noch drei anderen Weibern auf einem nach Pleasant-Eiland bestimmten
-Fahrzeuge eingeschifft. Als die Insel schon in Sicht war, sei dieses
-wahrscheinlich vom harten Strom gefaßt, und abgetrieben worden. Vorher
-aber sei noch ein Boot mit den Europäern von der Insel gekommen, die
-Waaren aufgekauft hätten; es waren dies die Händler Harris, van Been
-(ein Holländer) und Bair, begleitet von dem Häuptlinge Banegain und 6
-Kanaken.
-
-Diese nun hätten sie und die anderen Weiber zu ihrer Freude mit in das
-Boot genommen, doch wegen des zu starken Stromes, den zu überwinden
-die Mannschaft zu schwach gewesen, hätten sie die Insel nicht erreicht
-sondern wären drei Monate auf dem Ozean umher getrieben; das Leben
-hätten sie von den aufgekauften Lebensmitteln, Hartbrod und Reis
-gefristet. Nach entsetzlichen Leiden wären dann zuerst Bair, dann van
-Been, zuletzt Harris gestorben, wohl aus Mangel an Wasser. Längere Zeit
-nach dem Tode der Weißen wären sie an eine Insel angetrieben, auf der
-sie sich für den im Boote befindlichen Taback Kokosnüsse hätten kaufen
-wollen.
-
-Sie hätten auch Nüsse erhalten, darauf aber wären die Eingeborenen in
-das Boot gekommen und hätten mit Tomahawks die sieben männlichen Kanaken
-und zwei Weiber erschlagen. Sie selbst und ein Weib, Namens Bananie,
-waren ins Wasser gesprungen und weggeschwommen. Aus dem Wasser hätten
-die Eingeborenen Papilin und Mamalu sie gezogen und vor der Wuth der
-anderen dadurch gerettet, daß sie sie in ihre Hütten aufnahmen und zu
-ihren Frauen machten.
-
-In ähnlicher Weise wie das erwähnte Schiff war auch ich wieder von
-dieser Insel abgetrieben und hatte keine Aussicht schnell dorthin
-zurückzukehren, um wenigstens den Händler wieder abzusetzen; versuchte
-ich es, konnten Wochen hingehen, ehe es mir gelang, die Insel zu
-erreichen, was mit meiner Weisung, schnell nach Ponapè zu segeln, nicht
-zu vereinbaren war. Deshalb besann ich mich nicht lange, als jede
-Aussicht auf frischen Wind geschwunden war, sondern ließ das Schiff
-nordwärts vom schwachen Windhauch langsam durch die spiegelglatte See
-treiben, um aus dem widrigen Strom herauszukommen; viel nöthiger schien
-es mir, den von Ponapè Entflohenen Hilfe zu bringen, als unersetzliche
-Zeit zu opfern, um Pleasant-Eiland wieder aufzusuchen.
-
-48 Stunden waren hingegangen, als gegen Abend wie gewöhnlich die Pumpen
-untersucht wurden, weil das im Schiffe angesammelte Wasser ausgepumpt
-werden sollte. Da fand sich, daß über 3 Fuß Wasser im Schiffsraum war.
-Bald wurde es zur Gewißheit, daß wir uns auf einem leckenden Schiffe
-befanden, denn obgleich unablässig die Nacht hindurch gepumpt wurde,
-war erst gegen Morgen das Wasser bewältigt.
-
-Unter anderen Verhältnissen wäre es, wenn nicht die dringende Sorge um
-die von Ponapè geflüchteten Deutschen mich gezwungen hätte, die Reise
-fortzusetzen, meine Pflicht gewesen, wieder nach Jaluit zu segeln,
-da ich nicht wissen konnte, ob ich in der Folge mit der Mannschaft
-würde das Schiff halten können. So wurde der Kurs nicht geändert --
-aber es war, als sollten wir nicht vorwärts kommen, denn selbst in
-den äquatorialen Gegenstrom gelangt, fanden wir wenig Wind und trieben
-eigentlich mehr nach Westen, als daß wir segelten.
-
-Die Ursache, daß das Schiff leck geworden, war der Seewurm gewesen,
-der an einer vom Kupfer entblößten Stelle nahe am Kiel zwei Planken
-durchfressen hatte. Dieser Wurm bohrt sich als unscheinbares Thierchen
-in das Holz hinein, wächst darin bis zur Fingerstärke, und wenn eine
-Planke ganz durchbohrt ist, genügt ein größeres Loch, das Schiff in
-ernstliche Gefahr zu bringen.
-
-Als ich im Januar 1887 das von Apia gekommene Schiff übernahm, wurde
-mir nicht bekannt gegeben, daß dieses vorher auf einer Reise nach der
-Gilbert-Gruppe in der Lagune von Tapetuea auf ein Riff gerathen war
-und dort wahrscheinlich am Kupfer Beschädigungen erlitten hatte; wären
-diese gleich in Apia in Stand gesetzt, d. h. das beschädigte Kupfer
-ausgebessert worden, so hätte das sonst so gute Schiff der Seewurm
-nicht durchfressen können. Doch es war geschehen und vorläufig nichts
-weiter zu machen, als durch ständiges Pumpen das Schiff über Wasser zu
-halten.
-
-Es ist übrigens eine besondere Vorsicht nöthig, wenn man die nicht mit
-Kupfer oder Zink beschlagenen Fahrzeuge, wie Boote, aussetzen will,
-denn sehr zahlreich bohren sich diese kleinen Würmer ein und sind im
-Stande, Bootsplanken von ½ bis 1 Zoll Stärke schon nach mehreren Wochen
-völlig zu zerstören. Darum dürfen selbst mit Kohlentheer bestrichene
-Boote nie lange im Wasser liegen bleiben, sondern müssen stets aufs
-Land geholt werden, sobald sie außer Gebrauch gesetzt sind.
-
-Auch die Eingebornen im weiten Ozean auf jeder Insel befolgen diese
-Regel, ob ihre Kanoes klein oder groß sind, stets holen sie diese nach
-dem Gebrauche aufs trockene Land.
-
-Meine Absicht war, zuerst die Insel Mokil anzulaufen, da ich vermuthen
-konnte, daß dorthin die von Ponapè entkommenen Händler geflohen wären,
-oder wenigstens von mehreren der Versuch gemacht sein würde diese Insel
-zu erreichen, da es für sie dort eher möglich war, ein vorübersegelndes
-oder dort anlaufendes Schiff anzutreffen. Aber trotzdem, daß tagelang
-die Insel in Sicht war, konnte ich wegen Windstille doch nicht
-herankommen, und als endlich wieder leichter Wind aufsprang, war ich zu
-weit entfernt, so daß es besser war, geradewegs nach Ponapè zu laufen.
-
-Vor der Nordeinfahrt angekommen sah ich die „Brigitta“ im Hafen liegen,
-nicht weit entfernt vom spanischen Kriegsschiff, und als ich auch
-Boote zwischen beiden Schiffen verkehren sah, hielt ich jede Gefahr für
-ausgeschlossen und lief hinein.
-
-Die „Brigitta“, später von Jaluit abgegangen, hatte zwar leichten aber
-ständig guten Wind auf ihrem viel nördlicheren Kurse gefunden, hatte
-auch Mokil angelaufen und einige dorthin geflüchtete amerikanische
-Händler gesprochen, dieselben waren aber vollständig unwissend über
-das Schicksal der Deutschen. Das Schiff umsegelte darauf Ponapè, lief
-nach Parkim und Ngatik, fand aber auf letzterer Gruppe die Geflüchteten
-nicht mehr vor. Diese hatten dort, entblößt von allen Mitteln, kaum
-ihr Leben fristen können und, als der Zeitpunkt gekommen, wo Herr
-Ruß ein Schiff erwarten konnte, daß von Jaluit nach Ponapè unterwegs
-wäre, hatte er es mit den Gefährten gewagt, ihm nach Mokil entgegen zu
-segeln.
-
-Dort angelangt hörte er, daß die „Brigitta“ vor kurzem ihn dort gesucht
-hätte und nochmals dieserhalb nach Ngatik gesegelt wäre. Da sich gerade
-günstige Gelegenheit bot schleunigst dem Schiffe zu folgen, nahm er
-einen Platz auf einem amerikanischen Schooner und ließ sich auf Ngatik,
-wo er sein zweites Boot zurückgelassen hatte, wieder absetzen. Aber
-auch hier kam er wieder zu spät an und mußte sich nun zum zweiten Male
-mit seinem Boote der trügerischen See anvertrauen. Doch als er abermals
-Mokil erreicht hatte, war die Brigitta, die ihn vergeblich gesucht, vor
-ihm zu dieser Insel zurückgekehrt, hatte sein großes Boot mitgenommen
-und war nach Ponapè weiter gegangen.
-
-Diese langwierigen und im offenen Boote nicht ungefährlichen Reisen
-hatte denn auch die Umherirrenden stark mitgenommen; vor allem hatte
-die seit langen Wochen schlechte Ernährung ihr körperliches Befinden
-schädlich beeinflußt. Doch nichts anderes blieb übrig, als nochmals
-dem Schiffe zu folgen; endlich wurde es an der Nordseite von Ponapè
-umhertreibend aufgefunden.
-
-Seit dem 2. Juli bis zu dem Tage, an welchem die deutschen Schiffe
-eingelaufen waren (ich traf etwa 36 Stunden nach der „Brigitta“ ein)
-war inzwischen ein spanischer Kriegsdampfer, der während des Aufstandes
-schon auf der Reise nach Ponapè gewesen, angekommen, hatte die fast
-verlassene „Maria de Melina“ neu besetzt und war dann mit der traurigen
-Nachricht von der Niedermetzlung der Garnison und der Schiffsbesatzung
-schnell nach Manilla zurückgedampft.
-
-Unter dem Schutze des jetzt wieder starken Kriegsschiffes konnten wir
-auf Lungur landen; doch wie verändert war dort alles! Wo einst schöne
-Wege, wucherten Gras und Unkraut, was in schönster Ordnung gewesen,
-war verfallen. Zwar hatten die Eingebornen die Station nicht zerstört,
-sondern nur erbrochen und Waffen und Munition herausgeholt, auch sonst
-mitgehen heißen, was ihnen nützlich schien, doch war der Schaden und
-die Zerstörung groß genug.
-
-Nachdem die „Maria de Melina“ Verstärkung erhalten, eröffnete der neue
-Kommandant Jose de Concha sehr bald die Beschießung, alle im Bereiche
-der Geschütze liegenden Inseln und Ortschaften wurden unter Feuer
-genommen; doch, da diese eine ausrangirte Segelkorvette mit alten
-Vorderladern war, die ihren Ankerplatz nicht verlassen konnte, blieb
-die Beschießung so gut wie erfolglos.
-
-Wie die Eingebornen erzählten und auch von anderer Seite verbürgt
-wurde, sind sie, sobald ein Geschoß eingeschlagen hingelaufen und
-haben, überzeugt von seiner Gefahrlosigkeit, den Zünder herausgerissen;
-der solches unternahm, dem gehörte dann auch das in dem Halbgeschosse
-enthaltene Pulver. Nur eine Kugel, die auf solche Weise erlangt
-wurde, platzte, als ein Verwegener die Lunte fassen wollte, und
-riß ihm beide Beine weg. So unglaublich dies auch klingen mag, so
-ist es doch wahrscheinlich, denn die jedenfalls längst nicht mehr
-zeitgemäßigen Geschütze und die ganz veralteten Geschosse waren zu
-einer erfolgreichen Beschießung nicht mehr geeignet.
-
-Der Verkehr mit den spanischen Offizieren, während unserer Anwesenheit
-auf Lungur, war recht freundlich, sie zeigten sich uns in jeder Weise
-gefällig, auch hatten sie keinen anderen Verkehr und konnten mit
-Sicherheit nur auf der Insel Lungur landen, da jedes Betreten der
-Hauptinsel selbst ihnen mit Waffengewalt von den Eingebornen verwehrt
-wurde. In welcher Weise die Spanier, wenn die erwartete Verstärkung
-von Manilla eingetroffen sei, vorgehen würden, darüber äußerte sich der
-Kommandant Jose de Concha folgendermaßen:
-
-Es sollten rund um Ponapè befestigte Stationen unter dem Schutze
-mehrerer dort stationirter Kriegsschiffe errichtet werden und würden
-dann tausend Mann genügen, bei allmählichem Vordringen die Aufständigen
-zu Paaren zu treiben. Namentlich sollten die Bezirke Jokoits, Nut, Aru,
-Mants und Tahunk gesäubert werden. Wären einmal die Eingebornen in das
-unwirthliche Innere der Insel getrieben, würden sie durch Hunger und
-Mangel an Schießbedarf genöthigt, bald genug zu Kreuze kriechen.
-
-Doch die Erwartungen, die dieser Kommandant gehegt, haben sich nicht
-erfüllt, Spanien konnte vorläufig solche Macht nicht entfalten und
-als diese später zur Stelle war, mußte es sich mit der Bestrafung der
-Hauptbetheiligten begnügen, denn inzwischen waren auch die Bewohner von
-Ruk und Yab in den Aufstand eingetreten, und bald versuchten auf der
-ganzen Gruppe der Karolinen im Osten wie im Westen fast gleichzeitig
-die kriegerischen Stämme, sich von dem ihnen auferlegten Zwange zu
-befreien.
-
-Es ist eine Eigenthümlichkeit der Spanier, daß sie so schnell zu
-strengen Maßregeln in neuerworbenen Ländern den Eingebornen gegenüber
-schreiten und immer geschritten sind und so wenig ihre Gebräuche und
-Sitten berücksichtigen. Und gerade auf den Karolinen war Gewalt am
-wenigsten angebracht, hier, wo diese Völker noch nie die Hand einer
-stärkeren Macht gefühlt, wo sie unabhängig, frei und zufrieden lebten.
-
-Unausgesetzte Kämpfe werden die Spanier, so lange diese Inseln in ihren
-Händen verbleiben, führen müssen, bis der letzte Rest dieses begabten
-Volkes dem Verderben geweiht ist, bis die weiten blühenden Fluren, auf
-denen hundertfacher Segen die geringe Arbeit lohnt, Brandstätten und
-Trümmer geworden sind; die Spanier werden endlich Sieger bleiben, aber
-um welchen Preis!
-
-Die Kulturarbeit auf diesen Inseln wird ein ander Volk, wenn das jetzt
-dort lebende Geschlecht in seinem Heimathlande begraben und vergessen
-ist, zum späteren Segen vollbringen müssen. --
-
-Sobald beide Schiffe segelfertig waren, verließen wir die deutsche
-Station auf Lungur: Herrn Ruß nahm ich mit nach Jaluit, er durfte
-nicht zurückbleiben, über kurz oder lang wäre er doch der Rache der
-Eingebornen verfallen. Die „Brigitta“ steuerte westwärts nach Yab, wo
-sie vollständig verloren ging, mit der „Futuna“ aber ging ich nordwärts
-nach dem Providenz-Atoll. Obgleich das Schiff noch immer stark leckte,
-die Pumpen zu bestimmten Stunden bei Tag und Nacht stets in Betrieb
-gehalten werden mußten, so hatten doch tüchtige Taucher dem Schlimmsten
-durch Uebernageln eines Stückes Kupfer am Schiffsboden abgeholfen, und
-da ich auch u. A. für den einsam auf jenem Atoll lebenden Deutschen
-Proviant an Bord hatte, wo seit 8 Monaten kein Schiff erschienen war,
-hielt ich es für nothwendig auch dort noch einzulaufen.
-
-Von Ujelang segelte ich zurück nach Pingelap, einer zwischen Ponapè
-und Kusai liegenden Insel; dort holte ich mir von dieser eine neue
-Besatzung, Leute die ich mir erst auszubilden hatte, welche aber wegen
-geringerer Heuer eine Ersparniß ermöglichten, und kehrte von hier
-geradenwegs nach Jaluit zurück.
-
-Die „Futuna“ war in den Marschall-Inseln nicht auszubessern, darum
-beschloß der Vertreter der Gesellschaft, Herr Brandt, dieselbe nach
-Apia zu senden; doch mußten vorerst noch sämmtliche Stationen mit
-Handelsgegenständen versehen werden, und auf dieser langen Rundreise
-durch die Marschall-Gruppe lernte ich verschiedene mir noch nicht
-bekannte Atolle kennen.
-
-Was die Kulturfrage anbelangt, die das deutsche Reich auf diesen fernen
-Inseln besonders berücksichtigen muß, so kann ich erwähnen, daß die
-Ertragfähigkeit noch einer ganz bedeutenden Steigerung fähig ist,
-sofern der Sinn der einheimischen Bevölkerung für den Handel immer mehr
-geweckt und diese angeleitet wird, mehr zu erzielen als bisher, was
-darauf hinausläuft, die vielen brachliegenden Inseln mit Kokosbäumen
-zu bepflanzen. Dadurch würde nicht bloß ein greifbarer Vortheil
-erzielt, sondern auch der Gefahr vorgebeugt, daß die Wogen des Ozeans
-zeitweilige Zerstörungen auf diesen niedrigen Koralleninseln anrichten
-können. Findet doch jede hier wachsende Baumart, vornehmlich die
-Kokospalme, selbst auf steinigen Korallengrund, einen dankbaren Boden
-und gutes Fortkommen.
-
-Im Begriffe nach Samoa abzusegeln, mußte ich meinen Obersteuermann
-Kannegießer, der die Führung des Schooners „Ebon“ erhielt, welches
-Schiff dem König Kabua und Nelu gehörte, zurücklassen, und an seiner
-Stelle den Japanesen Kitimatu nehmen. Kannegießer, der auf den
-Marschall-Inseln seit jener Zeit verblieben ist, wurde 1894 auf der
-Insel Butaritari (Gilbert-Gruppe) von den Eingebornen dort, die im
-Verkehr viel unzugänglicher sind als die Marschall-Insulaner, ermordet.
-In den letzten Tagen des Jahres 1887 verließ ich Jaluit; gegen starken
-östlichen Wind aufkreuzend, hoffte ich östlich von der Gilbert- und
-Ellis-Gruppe nach Süden segeln zu können, fand aber noch nördlich vom
-Aequator wieder solchen starken Strom, daß ich gezwungen war, diesen
-Plan aufzugeben, und zwischen 8 bis 12 Grad nördlicher Breite fortan
-Ost zu gewinnen suchte.
-
-Oft genug hatte ich die Erfahrung gemacht, daß, während im südlichen
-Theil der Marschall-Inseln gutes Wetter vorherrschend war, im
-nördlichen zur Zeit des Nordost-Passates starke Winde wehten, so daß
-an den Gestaden der nördlichsten Atolle sich eine schwere See brach; ob
-die Annahme, jene Atolle sinken noch langsam, erwiesen ist oder nicht,
-steht dahin, soviel aber ist sicher, daß die nördlichsten Atolle wegen
-der immer weiter vordringenden See von ihren Bewohnern haben verlassen
-werden müssen und die wenigen noch über dem Meere liegenden Inseln
-heute unbewohnt sind.
-
-Auf 176 Grad westlicher Länge, nahe der Linie, die ich in wenig
-Stunden zu passiren erwarten konnte, sahen wir, als die Sonne in
-ihrer wunderbaren Schönheit über den endlosen Ozean aufgegangen war,
-plötzlich wenige Seemeilen voraus eine niedrige, unbewachsene und
-unbewohnte kleine Insel. Als wir näher gekommen waren und dieser
-auf der Westseite vorüberfuhren -- ich hatte schon tags vorher weit
-nördlicher erwartet eine Insel zu sehen und war überrascht jetzt noch
-eine unerwartet in Sicht zu laufen -- sah ich, daß nahe derselben eine
-große Menge Haifische umherschwamm, auf dem niedrigen Sande aber saßen
-abertausend Seevögel, die noch mit ihrer Morgentoilette beschäftigt
-sich erst in Schwärmen erhoben, als der ungewohnte Anblick des immer
-näher kommenden Schiffes sie aufscheuchte.
-
-Nicht das geringste war auf diesem öden Sand weiter zu entdecken,
-nur hin und wieder leuchteten im Sonnenstrahl weiße Flecken auf,
-es waren die angehäuften Ausleerungen der Seevögel, die in Schaaren
-noch saßen oder mit krächzendem Geschrei in der Luft umherschwirrten.
-Die Gelegenheit wäre günstig gewesen, hier frische Eier in Mengen zu
-erhalten, doch sah ich nirgends an der Westseite flacheren Grund und
-erst ganz dicht heranzulaufen und danach zu suchen schien mir der Mühe
-nicht werth. So segelte ich weiter, zufrieden, daß die im direkten Kurs
-gelegene Insel erst am frühen Morgen in Sicht gekommen und nicht, als
-noch Dunkelheit herrschte, von uns getroffen war, denn dann hätte sie
-uns und dem Schiffe verhängnißvoll werden können.
-
-Uebrigens war ich auf alle Möglichkeiten vorbereitet, wenn das
-schon stark leckende Schiff nicht mehr zu halten gewesen wäre -- die
-Mannschaft konnte nichts weiter thun, als nur die Segel bedienen und
-unablässig jede halbe Stunde pumpen, -- dann hätte ich dieses mit den
-bereit gehaltenen Booten, in denen für Wochen Mundvorrath und Wasser
-bereit lag, verlassen.
-
-Schon darum war ich soweit nach Osten aufgesegelt und suchte, als der
-Aequatorialstrom schwächer geworden, noch immer etwas Ost zu gewinnen,
-damit ich die Phönix-Gruppe durchschneiden oder in Lee von mir zu
-liegen hatte. Wäre auch keine große Gefahr damit verbunden gewesen, mit
-den guten Booten auf freiem Meer vor dem Winde zu segeln und Land zu
-suchen, so wäre solche Fahrt für zwei Frauen, Samoanerinnen, die ich
-als Fahrgäste an Bord hatte, doch recht unangenehm geworden.
-
-Die Walfischfänger, die in früheren Jahrzehnten so zahlreich diesen
-Theil des Ozeans durchkreuzt und reiche Beute fanden, haben wenige der
-gewaltigen Meerbewohner verschont, und doch sah ich hin und wieder noch
-einige riesige Walfische in der dunkelblauen Fluth sich tummeln.
-
-Mit langsamer Fahrt nach Süden segelnd, (die Phönix-Gruppe lag hinter
-uns) wurden wir eines Tages von einem, jungen Walfisch begleitet,
-dem es Vergnügen zu bereiten schien bald vor, bald mit dem Schiffe
-zu laufen, und gar leicht wäre es gewesen, dem Thiere in den dicken,
-plumpen Körper eine Harpune hineinzuwerfen, doch sah ich ein, daß,
-wenn wir auch wirklich mit sicherem Wurfe das Thier hätten tödten
-können, wir schwerlich einen Nutzen davon gehabt hätten, und Harpune
-und Leine wollte ich nicht darum opfern. Doch versessen darauf, den
-Walfisch zu erlangen, oder wenigstens den Versuch zu machen, bot der
-Steuermann Kitimatu mir immer wieder, wenn der Fisch dem Schiffe recht
-nahe gekommen, seine werthvolle Harpune an. Er wollte diese verlieren,
-sollte der Fisch entkommen, nur möchte ich ihm gestatten, eine der
-besten langen Leinen zu nehmen. Schließlich selbst neugierig gemacht,
-wie wohl der Fang verlaufen würde, ließ ich alle Vorbereitungen
-dazu treffen und um sicher zu gehen, damit der harpunirte Fisch die
-gute Leine nicht zerreißen könnte, beauftragte ich Kitimatu, diese,
-solange der Wal in die Tiefe schießen sollte, immer weiter auslaufen
-zu lassen. Ich selbst ging auf den Klüverbaum hinaus und unter diesem
-am Stammstocke Fuß fassend, durch eine Brustleine gut gehalten, daß
-beide Arme frei blieben, wartete ich auf den Augenblick, wann der
-Wal wurfgerecht wieder vor dem Schiffe laufen würde, um dann die
-bleibeschwerte Harpune dem Thiere in oder neben das Spritzloch mit
-voller Wucht zuzuwerfen.
-
-Nicht lange brauchte ich zu warten, der Wal kam heran und mit sicherem
-Wurfe geschleudert, fuhr ihm die tödtliche Harpune seitwärts unter
-dem Spritzloch tief in den Leib. Zu Tode getroffen, den Schwanz hoch
-über Wasser schnellend, schoß das Thier mit gewaltiger Kraft in die
-Tiefe. Die starke Leine fuhr rauchend hinterher; um den Spillkopf zum
-Wegführen belegt, war sie, da Kitimatu sie nicht fahren lassen wollte,
-mit furchtbarer Geschwindigkeit um dieses Holzstück herumgerissen
-worden, sodaß Rauch und Feuer heraussprangen und die Leine zum Theil
-verbrannt war. Kitimatu, dessen Hände ebenfalls verbrannt wurden in
-Folge der Reibung, konnte nicht mehr festhalten. Schon war ich selbst
-inzwischen an Deck gekommen und hatte das Messer gezogen, um diese zu
-kappen, als plötzlich die Leine aufhörte, weiter auszulaufen. Die Kraft
-des Thieres war gebrochen oder es kam herauf, um Luft zu schöpfen, die
-ihm aus der tödtlichen Wunde schnell entflohen sein mochte, -- doch
-diese schnelle Fahrt in die Tiefe war sein Todeslauf gewesen. Weit
-entfernt an der Steuerbordseite -- die ganze 450 Fuß lange Leine war
-fast ausgelaufen -- kam der Wal hoch, Blut und Wasser spritzte er in
-die Luft, in Strömen floß sein Blut aus der klaffenden Wunde und färbte
-rings um ihn das Meerwasser roth.
-
-Sich hin und her wälzend, peitschte er noch mit letzter Kraft einige
-Male das Wasser mit dem Schwanze, dann lag er still. Das Schiff, an
-den Wind gebracht, trieb mit backgebrassten Raaen; darauf ward der Wal
-herangeholt, und lag bald in Schlingen aufgefangen sicher längsseit.
-Nun war die Frage, wie wohl das schwere Thier an Deck gehißt werden
-könnte, nicht, weil wir nicht gewußt hätten, wie das anzufangen wäre,
-sondern es fragte sich, ob die stärksten Takel (Flaschenzüge) an Bord
-ausreichend sein würden.
-
-Im Großtop wurde das stärkste Takel aufgebracht, dann wurde der todte
-Wal am Schwanze, mit Hilfe unserer Winde hochgeholt, doch der Körper
-erwies sich, als die Tragfähigkeit des Wassers aufgehoben, zu schwer.
-Ihn fahren lassen wollten wir nicht, deshalb wurde, um das Gewicht
-des Körpers zu erleichtern, der ganze Leib, soweit anzukommen war,
-aufgeschnitten, der Inhalt entfernt, und der Wal schließlich so hoch
-gewunden, daß sein Uebergewicht über Deck zu liegen kam. Jetzt wurde
-ein anderes Takel vom Vortop an der Harpune befestigt -- am Kopfe war
-durchaus keine festsitzende Schlinge anzubringen, zumal da dieser
-nicht frei vom Wasser zu bringen war -- an Bord sicher festgelegt,
-dann stürzte, indem wir plötzlich das Hintertakel fahren ließen, mit
-gewaltigem Krach der schwere Körper, 22 Fuß lang, über die Regeling
-(Bordwand) weggleitend, an Deck. Obgleich wir unvollkommene Mittel an
-Bord hatten, um den nicht besonders dicken Speck des Wals auszulassen,
-wurden dennoch gegen hundert Liter Thran gewonnen, vom Fleische
-jedoch wurde soviel als die Leute irgend unterbringen konnten, in
-Salzlacke gelegt, dann in Streifen geschnitten und an der heißen Sonne
-getrocknet. Der Vorrath war so groß, daß die Mannschaft noch in Apia
-damit Tauschhandel trieb.
-
-Da beim schönsten Wetter mit leichtem Ostwind die östlichste Insel
-der Unionsgruppe in Sicht gekommen war, konnte ich darauf rechnen, in
-einigen Tagen die hohen Berge von Upolu nach zwei Jahren wiederzusehen.
-Wir erübrigten uns trotz des häufigen Pumpens die Zeit, dem Schiffe
-ein schmuckes Aussehen zu geben und arbeiteten fleißig um die Takelage
-sauber in Stand zu setzen.
-
-Schon war die Arbeit beendet, und ich freute mich darüber ohne zu
-ahnen, daß alles vergeblich gewesen, und obwohl ich wußte, wie leicht
-in dieser schlechten Jahreszeit südlich vom Aequator stürmische
-Westwinde plötzlich auftreten, dachte ich doch nicht daran, nur noch
-200 Seemeilen von Samoa entfernt, von einem Sturm überrascht zu werden.
-
-Am Morgen des 25. Januars 1888, der ebenso golden und friedlich
-angebrochen, wie seit Wochen schon ein jeder Tag, fand ich eine
-Aenderung am Aneroid-Barometer, der langsam fallend auf ungewöhnliche
-Vorgänge in der Atmosphäre hinzuweisen schien, obgleich kein Wölkchen
-am azurblauen Himmelsgewölbe sich zeigte. Zog weit vom Standorte des
-Schiffes ein Sturm oder gar ein Orkan vorüber? Das konnte ich noch
-nicht wissen, ist doch der Umkreis des letzteren oft gewaltig groß.
-Doch das Barometer sank mehr und mehr, der leichte Ostwind ward ganz
-still, und auf der spiegelglatten Fluth wiegte sich das Schiff. Der
-Mittag kam und noch dieselbe Ungewißheit blieb, nur im Nordwest und
-Norden kamen am Horizonte weiße Wölkchen auf, näherten sich mit großer
-Geschwindigkeit, als fegten sie, leichten Federn gleich, vor einem
-entfesselten Sturm dahin!
-
-Die Gewißheit jedoch erhielt ich bald, mehr und immer drohender kam
-schweres Gewölk herauf, die Luft, bisher klar und rein, ging in ein
-fahles Graugelb über, kein Zweifel war mehr, daß ein Orkan heranziehe,
-der, wenn wir ihm nicht entfliehen konnten, seine Mitte sich nach
-Osten fortschiebe, uns mit seinen wirbelnden Armen erfassen und in die
-schweigende Tiefe des Ozeans unfehlbar ziehen würde.
-
-Was geschehen konnte, geschah, obwohl ich überzeugt war, daß das schwer
-lecke Schiff kaum einen heftigen, anhaltenden Sturm überdauern würde.
-
-Sehr erstaunt war die in solchen Dingen unerfahrene Mannschaft, als
-während der tiefsten Stille, -- kein Windhauch regte sich, -- der
-Befehl zum Dichtreffen sämmtlicher Segel gegeben wurde, und nach kurzer
-Zeit lag das Schiff unter Sturmsegeln, selbst die Zeit fand ich noch,
-ein neues Vorstagsegel, das auf der Reise fertig geworden, anschlagen
-(anbinden) zu lassen.
-
-Da kam von Norden her, (am wirbelnden Wasser, das mit tausend kleinen
-Wellen und weißen Köpfen wie tanzenden Kobolden aufwallte, war es schon
-von weitem erkennbar,) der erste heftige Windstoß. In immer kürzeren
-Pausen mit immer wachsender Gewalt, kam der Sturm daher und trieb trotz
-der wenigen Segel das Schiff vor sich her, durch die immer wilder und
-höher schäumende Fluth.
-
-Ich befand mich in dem äußern Kreise des wirbelnden Sturmes, der von
-Stunde zu Stunde wuchs; wohin aber zog die Mitte? Ihr mußte ich mit
-aller Gewalt entfliehen, so lange es noch eine Möglichkeit dazu gab.
-Mit großer Besorgniß beobachtete ich das Barometer, das bis 5½ Uhr
-Nachmittags ständig fiel, dann stand es, der Sturm hatte seine höchste
-Gewalt erreicht.
-
-Ich wußte nun, da der Wind von Zeit zu Zeit in der nördlichen Richtung,
-woher er wehte, wenig hin und her umsprang, daß der Orkan nach Süden
-zog, seine Mitte vielleicht sehr weit entfernt im Westen lag. Aber
-doch war seine Gewalt so furchtbar, daß er den Athem benahm, und die
-See so wild und furchtbar, wie ich sie selten gesehen. Das Schiff
-ächzte in allen Fugen, den Kopf niedergedrückt in die brandenden
-Wogen, raste es vor dem heulenden Sturm dahin. Die Leute, zitternd und
-unfähig ernstlich noch zu kämpfen, festgebunden an den Pumpen, damit
-die überbrechenden Seen sie nicht mit fortrissen, arbeiteten, doch
-vergeblich; denn die Pumpen warfen kein Wasser auf, obgleich durch die
-donnernden Wogen, durch den heulenden Wind, das unheimliche Geräusch
-davon zu vernehmen war, wie die Wassermassen im Raume hin und her
-spülten; wenn das Schiff ein Spielball der Wogen recht schwer rollte,
-wollte es mir scheinen, als könne es sich nur schwer wieder aufrichten,
-die große Wassermasse im Raume drückte es auf die Seite und wenn diese
-reißend anwuchs, konnte es geschehen, daß das sinkende Schiff sich auf
-die Seite legte, um sich nie mehr aufzurichten.
-
-Mit andern Mitteln dem Verderben zu wehren war unmöglich, keine Luke
-konnte geöffnet werden, denn fußhoch spülten die Wellen über das Deck,
-die Wassergewalt war so groß, daß an beiden Seiten die Verschanzung zum
-Theil weggerissen war, und jede von hinten oder seitwärts aufstauende
-See fegte Wasserberge über das Schiff.
-
-So konnte es nicht weiter gehen, ich sah den Untergang vor Augen,
-nicht die wilde See und den rasenden Sturm fürchtete ich, vielmehr das
-steigende Wasser im Schiffsraume, das in absehbarer Zeit uns in die
-Tiefe des brüllenden Ozeans ziehen mußte. Das Schiff an den Wind zu
-bringen, war das einzige, was noch geschehen konnte, aber ob es nicht
-schon zu spät, ob bei dem Versuche nicht eine einzige wilde See, die
-mit voller Gewalt beim Anluven sich über das Schiff brechen mußte,
-genügte, dasselbe auf die Seite zu drücken und es mit allen an Bord
-verschwinden ließ! Das ließ sich nicht sagen. Das Untermarssegel stand
-noch immer wie ein Brett geschanzt, dahinter setzte sich der Sturm
-und so klein auch die Fläche Leinewand war, mit größerer Gewalt und
-Geschwindigkeit war das Schiff noch nie durch die Fluthen getrieben
-worden. Dies Segel mußte verschwinden wollte ich das gefährliche
-Manöver noch ausführen, solch Oberdruck, wenn erst der Wind von einer
-Seite einfiel, mußte verderblich werden. Der Gedanke, das Segel noch
-aufgeien und bergen zu können, wäre thöricht gewesen, keiner meiner
-Leute, mit denen, vom Japanesen abgesehen, gar nichts mehr anzufangen
-war, hätte auch nur den Versuch gemacht, den wie eine Gerte hin und her
-schwankenden Mast zu erklettern.
-
-Ein matter Tagesschimmer lag noch über dem erregten Ozean, den
-furchtbaren Kampf der Elemente verdeckte noch nicht die dunkle Nacht
--- so durfte ich denn nicht mehr zögern, vielleicht beschleunigte ich
-das unabwendbare Schicksal, vielleicht auch, war das Manöver, wenn es
-gelang, unsere Rettung.
-
-Mit Kitimatu besprach ich das Nothwendigste, er sollte mit einigen
-Leuten vorne im Schiff aufpassen, vorerst die Schoten des Marssegels
-fliegen lassen, damit dieses in Stücke peitschen könne, dann das
-dichtgereffte Vorstagsegel setzen, während ich hinten ein wenig das
-Großsegel anhissen lassen wollte, um durch dessen Druck das Schiff
-schnell an den Wind zu bringen. Ehe aber die Mannschaft verzweifelt
-und muthlos, wie es kaum anders von solchen braunen Menschen erwartet
-werden konnte auf ihren Posten stand, fegte plötzlich der Sturm mit
-seiner wildesten Gewalt daher, die See war nur ein Schaum, keine
-hohe Welle hob sich -- es war, als hielt der Druck der Atmosphäre
-die schäumenden Wogen nieder -- da, ein furchtbares Krachen, das den
-heulenden Sturm übertönte, das Marssegel, gespalten und mit wenigen
-Schlägen aus seinen Tauen geflogen, flog im Winde wie leichtes Papier
-dahin. Vor Top und Takel lief jetzt das Schiff. Hatte es aber vorher
-den von hinten heranstürmenden Wogen entrinnen können, so drohten diese
-nun, da die Geschwindigkeit vermindert worden, über das Heck herein zu
-brechen.
-
-Kaum hatte ich diese Gefahr in den wenigen Augenblicken erkannt, so
-rollte auch schon eine furchtbare Woge heran, die grüne Kopfmasse
-glitzerte selbst schon im Abenddunkel -- das Herz im Leibe machte
-die Erwartung, was die nächste Sekunde bringen mußte, stille stehen
--- den unvermeidlichen Tod, wenn diese Woge das Schiff überlief. Als
-wollte das Schiff sich in seine Länge überwerfen, so hoch auf dem Kamm
-der Woge hob sich das Hintertheil, dann brach die See. Instinktmäßig
-sprang jeder fußhoch in die Wanten, um von der brüllenden Gischt nicht
-fortgerissen zu werden, das Deck war sogleich von der See überspielt,
-daß nur die Masten, das Karten- und Deckhaus hervorragten. Krachend
-waren beide Boote unter ihre Träger gepreßt, die Böden eingedrückt
-worden und vollgefüllt mit Wasser waren die starken Befestigungen wie
-Bindfaden zerrissen.
-
-Eine zweite See, eine dritte kam heran, gleich drohend und
-verderbenbringend, dann war es still, als hätte die Wuth des Meeres
-ausgetobt -- jetzt oder nie war der Augenblick gekommen, das Schiff an
-den Wind zu bringen. Indem ich Kitimatu das Zeichen gab, sein Segel
-zu hissen, und selbst den letzten Halt des Großsegels fahren ließ,
-dem Manne am Ruder den Befehl gab, das Steuer nach Backbord zu legen,
-wirbelte unter dem Drucke der Leinewand das Schiff herum, und die
-nächste See schon, wie ein Wasserberg herankommend, faßte es von vorne.
-
-Doch war die Gewalt des Windes groß, als wir vor der See liefen, war
-diese, von vorne kommend, derart, daß man den Kopf wegwenden mußte, um
-geduckt hinter der Verschanzung, nur athmen zu können. Mit dem letzten
-harten Stoße hatte sich der Wind etwas nach Osten gedreht und da dort
-der Kopf des Schiffes den Wellen zugekehrt war, so brachen diese nicht
-so schwer über das stampfende Fahrzeug. Aber schlimmer kam es. Das
-Vorsegel nicht ganz aufgehißt, holte zu furchtbaren Schlägen aus; ehe
-ich selbst bei der jetzt herrschenden Dunkelheit nach vorne gekommen,
-war schon das Vorstag gebrochen; das neue Segel an seiner Schot nur
-noch gehalten, wehte, auf die heranrollenden Seen peitschend, in Lee.
-Dieses bargen wir; doch was schlimm war, der Vordermast hatte seinen
-besten Halt verloren, und, konnte der Schaden nicht ausgebessert
-werden, so brachen die stehenden schwächeren Befestigungen, brach auch
-durch das furchtbare Arbeiten des Schiffes der Mast und mußte, um das
-Schlimmste zu verhindern, gekappt werden.
-
-Hatte der Japaner in den Stunden der höchsten Gefahr gezeigt, daß er
-nicht nur ein unerschrockener Seemann war, so zeigte er jetzt kühnen
-Muth und Verachtung jeder Gefahr, ohne diesen Helfer wäre mir nichts
-gelungen. Die Pingelap-Leute hielten sich nur fest und kein Zureden,
-kein Schelten half -- der böse Geist, sagten sie, sei gekommen und
-würde sie alle holen. --
-
-Da keine Mittel zur Hand waren, in solcher Dunkelheit die nothwendige
-Arbeit auszuführen, so wurde zunächst das große zerschlagene Boot an
-Deck geführt, die Taljen abgenommen und mit diesen und dem zerrissenen
-Stag eine vorläufige Verbindung zwischen Mast und Bugspriet hergestellt,
-die stark genug war, dem Maste den verlorenen Halt wieder zu geben.
-
-Als dies gethan war, mußte Wind und Wellen anheimgegeben werden, was
-ihre Gewalt uns noch Schlimmes zufügen wollte. In all der Noth dieser
-Stunden, in dem verzweifelten Kampfe mit den Elementen, hatte keiner
-mehr darauf geachtet, daß eigentlich um eine sinkende Planke gerungen
-wurde, bis der Augenblick gekommen, wo wir uns wieder darauf besinnen
-konnten und das im Schiffsraum so unheimlich spülende Wasser uns an die
-Gefährlichkeit unserer Lage mahnte.
-
-Mit beiden Pumpen, die jetzt Wasser warfen, wurde unablässig
-fortgepumpt, standen wir auch bis zum Halse im Wasser, drohten die Seen
-uns wegzuspülen, wir mußten ausharren und die letzten Kräfte einsetzen.
-Es war ungefähr 10 Uhr Abends geworden, rabenschwarze Nacht umgab uns,
-bei der Arbeit war der Nebenmann nicht zu sehen, nur fühlen oder durch
-Anruf konnte man sich überzeugen, ob keiner fehlte, da öffneten sich
-die Schleusen des Himmels, eine Regenfluth stürzte herab, wie solche
-kein Wolkenbruch furchtbarer ausgießen kann.
-
-Waren wir aber nicht im Stande gewesen, uns Lichter anzuzünden, so
-leuchteten plötzlich, gleich einer magischen Erscheinung, solche an
-den Enden jeder Raa auf, flüchtig erscheinend und schwindend. Es waren
-die Elmsfeuer, die durch Ausgleichung entgegengesetzter Elektrizitäten
-entstehen. So lange der furchtbare Regen anhielt, zeigten diese sich
-bald einzeln, auch zu mehreren, nur sekundenlang waren sie auf allen
-Raaen zugleich sichtbar.
-
-Eine wunderbare Wirkung übte aber der strömende Regen; die See, so wild
-und furchtbar, beruhigte sich sehr schnell, das Zischen der weißen
-Schaumkronen verstummte allmählich und gegen Mitternacht, da auch
-in gleicher Weise der Sturm sich gelegt, hoben nur noch langlaufende
-Wellen das Schiff auf ihren Rücken, es war, als wenn der im wildesten
-Aufruhr tobende Ozean wieder ruhig zu athmen begann. Der goldene
-Morgen kam, so freundlich grüßte die Sonne vom wolkenlosen azurblauen
-Himmelszelt hernieder, als hätte sie nichts vom Verzweiflungskampfe
-der Menschen mit den entfesselten Naturkräften gesehen. Fast hätte man
-aus diesem Frieden, der wieder über den breiten Ozean gebreitet lag,
-schließen mögen, daß jener heiße Kampf um das Leben, nur ein böser,
-schrecklicher Traum gewesen sei, wenn nicht jeder Blick über das arg
-zugerichtete Schiff das Gegentheil bewiesen hätte.
-
-36 Stunden unausgesetzter, schwerer Arbeit waren hingegangen, als
-endlich das Wasser im Schiff, das durch den verwaschenen Ballast nicht
-zu den Pumpen gelangen konnte und mit Eimern ausgeschöpft werden mußte,
-bewältigt war und auch so viel Segel wieder gesetzt waren, daß das
-Schiff langsam mit wieder leichtem Ostwinde durch die Fluthen zog. Am
-30. Januar 1888 erreichte ich wohlbehalten den Hafen von Apia.
-
-Unverändert in der äußeren Erscheinung fluthete auf Samoa das Leben,
-nichts verrieth, welche Kämpfe in einem Zeitraum von zwei Jahren hier
-gewüthet hatten, welch' Parteizwist die Bevölkerung zu blutigen Kriegen
-verleitet hatte. König Maliatoa war entthront und verbannt, Tamasessi,
-König von Samoa, gegen den aber, als Schützling der Deutschen, die
-feindlich gesinnten Häuptlinge zu Felde zogen, deren großer Zahl
-dieser König auch erliegen mußte, für die deutsche Sache floß selbst
-das Blut der deutschen Marine-Matrosen, die im heldenhaften Kampfe der
-Uebermacht erliegen mußten!
-
-Schlimmer aber als früher war der Konkurrenzneid entfacht, die
-Parole war „gegen die Deutschen“. Weigerte sich schon der Samoaner
-der betreffenden Behörde, damals der deutschen, die geringe Steuer
-zu zahlen, welche für den Kopf einen Dollar betrug, so war es um so
-bedauerlicher, wenn auch Weiße durch ihre Weigerung den Eingebornen zu
-noch größerem Widerstand aufreizten.
-
-Eines Falles will ich nur Erwähnung thun: Im Frühjahr 1888 wurde von
-der damals deutschen Munizipalität einem in Apia ansässigen Franzosen,
-der jede Steuerzahlung verweigert, mehrere Kisten mit Getränken
-gepfändet und ihm in Folge dessen die Schankgerechtigkeit entzogen.
-Amerikaner und Engländer, die, wo es sich gegen Deutsche handelte,
-stets alles in Bewegung setzten, was nur irgend zu Schwierigkeiten
-führen konnte, hatten sich vorgenommen, am Tage der Versteigerung,
-die in den Räumen des deutschen Konsulats stattfinden sollte, einen
-Putsch zu veranstalten, der zu Thätlichkeiten führen sollte. Auch
-standen hinter ihnen eine Anzahl Halb-Samoaner, meistens Abkömmlinge
-von Engländern, eine Menschensorte, die alle Untugenden der Weißen und
-Eingebornen in sich vereinigt.
-
-Diese löbliche Absicht war jedoch nicht geheim genug geblieben und
-so fanden sich am festgesetzten Tage der größte Theil der in Apia
-anwesenden Deutschen ebenfalls zur Versteigerung ein. Es war ein
-stilles Uebereinkommen unter allen, das bedrohte deutsche Ansehen zu
-schützen, auch, wenn nöthig, die Beamten vor Beleidigungen zu bewahren.
-
-Doch die verhältnißmäßig große Zahl von Deutschen, die wir erschienen,
-sowie der strömende Tropenregen kühlten wunderbar schnell die Rauflust
-der Gegenpartei ab, die, weil in der Minderzahl, keine Bekanntschaft
-mehr mit den deutschen Fäusten zu machen wünschte und alles verlief zur
-vollsten Zufriedenheit. Daß bei einem Straßenkampfe vor dem deutschen
-Konsulat, der durch das Eingreifen der aufgehetzten Eingebornen große
-Ausdehnung annehmen konnte, die deutschen Kriegsschiffe im Hafen nicht
-unthätig bleiben würden, wußten wir, denn der angesammelte Groll war
-so groß, daß aus einer kleinen Reiberei sich schnell ein ernster Kampf
-entwickelt hätte.
-
-Noch waren die Vorbereitungen, die „Futuna“ zur eingehensten
-Ausbesserung aufs Land zu holen, nicht beendet, als eines Tages Ende
-Februar die untrüglichen Anzeichen eines Orkans sich bemerkbar machten.
-
-
-Blutroth stand die Sonne am Himmel, ihre Strahlen durchdrangen nicht
-mehr das dichte Dunstgebilde, immer drohender wurde die Luft, die,
-schließlich eine gelbe Dunstmasse bildend, den ganzen Horizont umzog.
-
-Wie furchtbar frühere Orkane gewüthet hatten, davon zeugten an den
-Riffen die zahlreichen zerschmetterten Schiffskörper, die selbst von
-der furchtbaren See bis zum festen Lande geschleudert worden waren.
-Gefahr beim Ausbruch eines Wirbelsturms war hauptsächlich für die im
-Hafen liegenden Schiffe, unter denen sich die deutschen Kriegsschiffe
-„Olga“, „Adler“ und „Eber“ befanden und für die Sicherung dieser
-Fahrzeuge unterblieb wohl nichts, was in der Möglichkeit menschlichen
-Könnens lag.
-
-Mein Schiff zu sichern, mit dem ich unter dem Schutze des
-vorspringenden Korallenriffes „Kap Horn“ lag, brachte ich vier Anker
-aus mit so viel Kette, als es der beschränkte Raum gestattete. Vor
-mir lag mit ihrem Heck, dem genannten Riffe zugekehrt, die „Olga“ und
-dampfte, als die einlaufende See immer höher und wilder wurde, gegen
-diese an zu dem Zwecke, ihre aufs Aeußerste angespannten Ankerketten zu
-entlasten.
-
-Berge gleich rollte die See in den Hafen und es war ein großartiger,
-wenn auch wenig erhebender Anblick, die Schiffe mit der immer mehr
-zunehmenden See kämpfen zu sehen.
-
-Furchtbar arbeitete die „Olga“; im Wellenthal, wenn zwischen meinem
-Schiffe und diesem ein Wasserberg heranrollte, der sich mit donnernder
-Gewalt auf dem Riffe brach, sah ich mitunter nichts weiter von dem
-Kriegsschiffe als dessen obere Masten und Marsraaen, so hoch, so
-gewaltig war die See. Wirbelnd, ohne Widerstand zu finden, raste
-die Schraube jedesmal in freier Luft, wenn der Bug des Schiffes tief
-hinabsank, das Heck dagegen von anlaufender See hochgehoben wurde.
-
-Die in den Hafen aus nordöstlicher Richtung einlaufenden Wassermassen
-mußten naturgemäß sich einen Abfluß suchen und fanden diesen, einen
-wirbelnden Strom verursachend, unter Land nach der See zu auslaufend.
-Dieser Strom, oft so breit wie das ganze Riff und namentlich im kleinen
-Hafen sich verbreitend, hatte zur Folge, daß die in diesem liegenden
-Schiffe dessen ganzer Gewalt ausgesetzt waren und ein Spiel der See und
-des Stromes wurden.
-
-Aengstlich wartete jeder auf den Ausbruch des Orkans; die wilde See
-kam bei vollständiger Windstille heran, aber so schwer und hoch, daß,
-hätte hinter dieser die Gewalt des Windes sich gesetzt, das Unglück
-jetzt schon eingetreten wäre, das ein Jahr später so vielen Schiffen
-verderblich geworden ist und hunderten deutscher Seeleute ein frühes
-Grab bereitete. Wo an diesem Tage die „Olga“ mit Erfolg der wilden See
-widerstand, sank 1889 der „Eber“ mit seiner ganzen braven Besatzung,
-von den Wogen hinabgerissen unter das hohle Riff, das selbst die Todten
-nicht zurückgab.
-
-Ein Schiff nur widerstand der Gewalt der Seen nicht; im großen Hafen an
-jener Stelle, wo keine steinigen Riffe das Ufer umsäumen, wurde es hoch
-auf den Strand geworfen, es ist dies derselbe Ort, auf welchen 1889 die
-„Olga“, nachdem ihre Ankerketten zerrissen, von den Wogen geschleudert
-worden ist, der einzige Punkt, wo es möglich ist, ein gestrandetes
-Schiff wieder flott zu machen.
-
-Die gefürchtete Nacht kam mit ihren Schrecken -- doch der erwartete
-Orkan blieb aus, wo dieser geweht, welche Inseln er mit seiner
-verheerenden Gewalt heimgesucht, wer konnte das sagen! Samoa verschonte
-er dieses Mal, um dafür ein Jahr später desto furchtbarer zu wüthen,
-mit seinem mächtigen Arme die stolzen Schiffe und ihre braven
-Besatzungen in den Grund, in den Tod zu wirbeln. --
-
-Meine Absicht, die deutsche Heimath nach langer Abwesenheit wieder
-aufzusuchen, konnte erst im Monat Mai zur Ausführung gelangen und, da
-in Apia Mangel an Schiffsführern war, mußte ich die Aufsicht über die
-Ausbesserung der „Futuna“ aufgeben und mehrmals noch kürzere Fahrten
-nach Tutuila und anderen Orten unternehmen. Unter anderem hatte ich
-im Monat März nach den Tonga-Inseln zu segeln; als ich am 27. März
-im Hafen von Vavau „Neiafu“ zu Anker lag, lief dort ein englisches
-Segelschiff, von den australischen Kolonien kommend, ein, dieses
-brachte die Trauerkunde von dem Ableben unseres Heldenkaisers „Wilhelm
-des Großen“, der am 9. März seine irdische Laufbahn vollendet hatte.
-
-Ich konnte diese Kunde nicht sofort nach Samoa bringen, weil ich erst
-nach den Keppels-Inseln, Niuatobutabu, segeln mußte, deshalb setzte das
-englische Schiff seine Fahrt nach Samoa fort.
-
-Auf Niuatobutabu angelangt, senkte sich dort, sobald der Tod des
-deutschen Kaisers bekannt geworden, die Flagge des Königs Georg von
-Tonga, als Zeichen der Trauer für den ruhmgekrönten, edlen Herrscher.
-War doch sein Name und seine Thaten selbst diesem weltentlegenen
-Inselvolke nicht unbekannt geblieben; unter ihnen lebende Deutsche
-hatten in mancher Mußestunde den staunenden Eingebornen von dem
-mächtigen Volke erzählt, über das der große Kaiser geherrscht, das er
-zu großen Thaten, zu ungeahnter Höhe geführt.
-
-So lange ich auf Niuatobutabu weilte, drei Tage, wehten die
-Trauerflaggen sowohl an Land wie an Bord des außen am Riffe in bewegter
-See verankerten Schiffes.
-
-Auch diese Inseln sah ich zum letzten Mal. Nachdem ich Abschied
-genommen, segelte ich am dritten Tage in später Nachmittagsstunde
-weiter, jedoch frei von den Riffen, begann das Schiff durch die
-querlaufende See heftig zu rollen -- ich suchte westlich von Boskaven
-zu passiren, um nicht gegen Wind und See zu kreuzen, da ich hoffen
-konnte, den freien Ozean zu gewinnen ehe die Nacht hereinbrach.
-
-Nachdem an Deck vorher alles gut zur Reise versichert war, ließ der
-Obersteuermann Goede noch die Pumpen ansetzen, ehe die Mannschaft,
-Niueleute, theils auf ihren Posten, theils zur Ruhe ging. Da plötzlich
--- ich war in die Kajüte hinabgegangen die Papiere zu ordnen --
-erscholl der Schreckensruf „Mann über Bord“ und an Deck springend,
-sah ich eine Schiffslänge hinter dem Schiffe den Obersteuermann noch
-auftauchen.
-
-Mit starrem Blicke, in dem die Todesangst geschrieben, schaute er
-dem enteilenden Schiffe nach -- die nächste Woge bedeckte ihn und wir
-sahen nichts mehr. Eine Rettungsboje ergreifend und über Bord werfend,
-das Schiff in den Wind jagend, war das Werk weniger Sekunden -- so
-furchtbar vom starken Winde auch die Segel gepeitscht wurden, das
-Schiff stand und ging durch den Wind -- es mußte der Stelle zutreiben,
-wo der Steuermann zuletzt gesehen wurde.
-
-Auf den Befehl „ein Ausguck in die Masten“ enterten vier eingeborene
-Passagiere auf, sie sahen die treibende Rettungsboje, aber nicht mehr
-den Steuermann. Das nächste war, das an Deck befestigte Boot über Bord
-zu setzen; ohne Rücksicht wurden die Befestigungen durchschnitten, das
-Boot nur vorne hoch gehißt, halb über die Verschanzung geschwungen,
-wurde dieses von der ganzen Besatzung an Deck hochgehoben und im
-gegebenen Augenblick mit aller Kraft in die unruhige See geworfen;
-mitunter bei schwerem Seegange die einzige Art ein Boot von der
-Schiffsseite freizuhalten, ehe es an dieser zerschlagen und unbrauchbar
-wird. Vier Mann sprangen mit kühnem Satze von der Regeling sogleich
-hinterher ins Boot, das, sobald die haltende lange Leine losgeworfen
-war, nach hinten trieb. Die Richtung, wohin die Leute, die in der
-hohen See nicht um sich sehen konnten -- das Boot war bald vom Schiffe
-aus nur hin und wieder sichtbar, wenn es hoch auf dem Kamm einer
-Woge tanzte -- zu rudern hatten, wurde von den Leuten in den Masten
-angegeben.
-
-In drei Minuten war das Boot über Bord und bemannt, doch suchte dieses
-vergeblich in der hohen See hin und her, die Boje wurde gefunden aber
-der Steuermann war und blieb verschwunden. Wie furchtbar solch' ein
-Augenblick, weiß nur der, welcher einen Kameraden von seiner Seite in
-den jähen Tod gerissen sieht und doch nicht helfen, nicht retten kann!
-
-Lange, bis zur schnell hereinbrechenden Dunkelheit, trieb ich mit dem
-Schiffe umher, dem Boote folgend, das vom Schiffe aus geleitet, immer
-größere Kreise zog, in der eitlen Hoffnung, es könnte doch noch etwas
-vom Steuermann gesehen werden, obgleich ich wußte, daß alles längst
-vorbei war; hatte der Verunglückte mir doch selbst gesagt, er könne
-nicht schwimmen und wenn auch, in solcher See wäre die Kraft des besten
-Schwimmers bald erlahmt.
-
-Erst als alles nutzlos war, als die Nacht hereinbrach und die
-Mannschaft im Boote äußerst ermüdet sein mußte, nahm ich dieses wieder
-auf und jetzt die nördliche Durchfahrt wegen dort liegender unbekannter
-Riffe nicht mehr als sicher ansehend, kreuzte ich die ganze Nacht
-zwischen Boskaven und den gefährlichen Riffen von Niuatobutabu, um den
-freien Ozean zu gewinnen.
-
-Nach Aussage der Mannschaft wollte der Steuermann, nachdem das Pumpen
-beendet, nach dem Hinterdeck gehen, das Schiff schwer rollend, habe
-er jeden Halt auf dem freien Deck verloren und sei, mit voller Wucht
-gegen die Verschanzung fahrend, über diese hinweggestürzt, eine schnell
-geworfene Leine ergriff er nicht mehr. So fand er den Seemannstod, im
-weiten Ozean ein stilles, unbekanntes Grab, die donnernde Woge sang ihm
-hier sein letztes Schlummerlied. --
-
-[Illustration: Schlussstrich]
-
-[Illustration: Kartenskizze]
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISEN DURCH DIE INSELWELT DER
-SÜDSEE ***
-
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Reisen durch die Inselwelt der Südsee</span>, by Max Prager</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Reisen durch die Inselwelt der Südsee</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Max Prager</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: June 1, 2022 [eBook #68221]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Peter Becker, Franz L Kuhlmann and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>REISEN DURCH DIE INSELWELT DER SÜDSEE</span> ***</div>
-
-<div class="center pgbreak">
-<img width="400" src="images/cover.jpg" alt="coverpage" />
-</div>
-
-<div class="tnotes pgbreak space-below">
-<p class="h4like">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p class="covernote">
-Das Deckblatt wurde vom Einband des Originals übernommen und geht damit
-in die "public domain".
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche typografische und Fehler bei der Zeichensetzung
-sind stillschweigend bereinigt.
-</p>
-</div>
-
-<div class="center pgbreak">
-<p class="center abst0-o2">&nbsp;</p>
-
-<h1>
-Reisen
-
-<span class="margel">
- <img src="images/rosette.jpg" alt="rosette" />
-</span>
-<br />
-<span class="fs40"><br />durch die<br /></span>
-<br />
-Inselwelt der Südsee.
-<br />
-<br />
-</h1>
-
-<hr class="title" />
-<p class="fs120 center abst0-ou05">
-Mit einer kartographischen Skizze.
-</p>
-<hr class="title" />
-
-<p class="center abst0-o2">
-Von
-</p>
-
-<p class="center fs120 abst0-ou1">
-<span class="fett">M. Prager</span>, Kapitän.
-</p>
-
-<div class="center clrboth">
- <img src="images/zierstrich.jpg" alt="zierstrich" />
-</div>
-
-<p class="fs120 center fett abst0-o3">
-Kiel.
-</p>
-<p class="center">
-Verlag von <em class="gesperrt">Carl Jansen</em>.<br />
-Kommissions-Verlag für den Buchhandel: <em class="gesperrt">Robert Cordes</em>, Kiel.
-</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Vorwort.
-</h2>
-</div>
-
-<p class="chap-cap">
-In nachfolgender Schilderung ist versucht worden, dem geneigten
-Leser zwar ein beschränktes, aber doch möglichst anschauliches Bild
-über die Eigenart, Sitten und Gebräuche ihm unbekannter oder
-wenig gekannter Völker zu geben. Nicht minder ist die Entstehung
-der Koralleninseln, die Beschaffenheit hoher vulkanischer Berge und
-Inselmassen, sowie die in der Südsee entfaltete reiche Pflanzenwelt
-besprochen worden. Heftige Ausbrüche thätiger Vulkane, Stromverhältnisse
-des Ozeans und Wirbelstürme sind, soweit darüber
-persönliche Erfahrungen gesammelt werden konnten, in die Aufzählung
-der eigenen Erlebnisse des Verfassers mit hineingezogen.
-</p>
-
-<p>
-Die so große, vielgestaltige und fruchtbare Inselwelt des
-Stillen Ozeans zeigt dem Beobachter in allen Formen ein anmuthiges
-Bild, zu dem er sich hingezogen fühlt, und das, soweit
-eigenes Können es vermag, in einfacher Erzählung wiederzugeben
-versucht ist. Die Gefahren mancher Art, wie solche auch dem
-Seemanne zwischen den gefährlichen Koralleninseln auflauern, sind
-an gehöriger Stelle eingefügt.
-</p>
-
-<p>
-Sollte es mir gelingen, den Blick für die Werthschätzung
-auswärtiger Besitzungen zu schärfen, die Theilnahme für die
-kolonialen Bestrebungen der Reichsregierung zu mehren, so würde
-ich darin schon eine Anerkennung meiner Arbeit finden.
-</p>
-
-<div class="ralign">
-<p>
-Der Verfasser.
-</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-I. Samoa. Land und Volk.
-</h2>
-</div>
-
-<hr class="chapend" />
-
-<p>
-Tief im Süden des Indischen Ozeans, auf jenen Breiten,
-wo der weite Weg nach Australien durch die Kugelform unserer
-Erde verkürzt wird und meistens günstige, westliche Winde die
-Fahrt eines Schiffes beschleunigen, zog im Jahre 1884 einsam ein
-deutsches Barkschiff seines Weges dem fernen Ziele entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Monde waren hingegangen, ehe mit Hülfe wechselnder Winde
-der Atlantische Ozean von Nord bis Süd durchzogen war; die
-Hälfte des nahezu 14000 Seemeilen langen Weges, von der
-deutschen Küste bis zu den Gestaden Australiens, war ungefähr
-zurückgelegt, als der Längengrad vom Kap der guten Hoffnung
-18° 29' Ost von Greenwich auf etwa 44° Süd Breite passirt
-wurde und das schöne Passatwetter, das bis zu der Insel Tristan
-d'Acunha vorherrschend gewesen, überging
-zu kühlerem und unfreundlicherem.
-Der Winter war auf der südlichen Halbkugel hereingebrochen;
-je tiefer südlich das Schiff vor umlaufenden westlichen
-Winden lief, desto kälter, ungemüthlicher wurde das Wetter.
-</p>
-
-<p>
-Hohe schaumgekrönte Wogen, die zischend längs den Borden
-des in bewegter See schwer rollenden Schiffes aufliefen und im
-wilden Wettlauf dieses überholten, fegten, vom Winde gepeitscht,
-ihren Gischt über das Deck. Kurz waren die Tage und nur selten
-blickten aus dem drohenden Gewölk, wenn es plötzlich zerrissen
-erschien, ein belebender Sonnenstrahl;
-die tiefe Bläue des Himmelsgewölbes
-Tage und Tage lang nicht gesehen, war dann für den
-einsam auf dem Weltmeer Hinziehenden ein Hoffnungsschimmer.
-</p>
-
-<p>
-Endlos scheint der Ozean, kein Schiff, kein Segel auf der
-weiten, wildbewegten Wasserwüste ist zu entdecken, ebenso einsam
-scheint der gewaltige Meerbewohner, der Walfisch, durch die Fluthen
-zu ziehen, der von Zeit zu Zeit die warme Athemluft aus seinem
-einfachen oder doppelten Spritzloch hervorstößt, um darauf, so lange
-es ihm an der Oberfläche gefällt, wieder frische Luft in die Lungen
-einzuziehen. In der kälteren Atmosphäre verdichtet sich die ausgestoßene
-<span class="pagenum"><a id="Page_2" name="Page_2" href="#Page_2">[2]</a></span>
-feuchte Athemluft und bleibt um so länger sichtbar, je
-kälter die Temperatur auf der Oberfläche des Meeres ist. Mächtige
-Thiere sind es, in den sich überstürzenden Wogen kaum sichtbar,
-ihre Größe läßt sich nur ungefähr schätzen, wenn kurz nach dem
-Sichtbarwerden des Wasserdampfes das Thier in die Tiefe schießt
-und über die Wogenkämme emporragend, der Schwanz durch die
-Fluthen peitscht.
-</p>
-
-<p>
-Die Habsucht des Menschen hat in wenigen Jahrzehnten
-ungezählte Schaaren dieser nützlichen Thiergattung vernichtet, selten
-findet man heute noch eine Anzahl der mächtigen Thiere beisammen,
-die einsam über die gewaltige Meerestiefe hinziehen, welche einst
-von Abertausenden belebt war, denen sie reiche Nahrung geboten.
-</p>
-
-<p>
-Wind und Wogen sind in den Monaten Juli und August
-auf diesen südlichen Breiten meistens immer im Aufruhr; so setzte
-diesmal auf der Höhe der Krozet-Inseln ein äußerst schwerer,
-westlicher Sturm ein. Das Schiff, von den Fittichen des Windes
-getrieben, floh vor der brüllenden, wilden See; aber ob auch den
-Masten die denkbar größte Last aufgebürdet wurde, mußten doch
-nach und nach mit der wachsenden Kraft des Sturmes die Segel
-gekürzt werden und acht Tage lang lief das Schiff, während in
-der Luft die schwarzen Wolkenmassen dahinjagten wie ein gehetztes
-Wild, vor seinen dichtgerefften Sturmsegeln dahin, von den Wellen
-geschoben, die Bergen gleich von hinten heranrollten und deren
-Schaumkronen sich vernichtend über das in allen Fugen erzitternde
-Schiff ergossen. Uebermächtig war die Gewalt der Elemente, und
-hätte es ohne große Gefahr für Schiff und Mannschaft geschehen
-können, so würde der wilde Lauf vor solcher gefährlichen See
-durch Beidrehen an den Wind aufgegeben worden sein.
-</p>
-
-<p>
-Jedoch ein guter Renner war die Bark, saß ihr auch die
-wilde See drohend und verderbenbringend auf den Fersen, die sie,
-tief ins Wogenthal getaucht, kaum abzuschütteln vermochte, so hob
-sie sich doch immer wieder siegreich empor, hinjagend durch Nacht
-und Schrecken.
-</p>
-
-<p>
-Weit über den 80. Längengrad hinaus führte der erlahmende
-Sturm das wackere Schiff und mit von Norden bis Süd-Westen
-umspringenden steifen Winden wurde nach monatelanger Fahrt
-wieder Land, die Südküste Australiens, gesichtet.
-</p>
-
-<p>
-Im sicheren Hafen von Melbourne, jener jungen, aufblühenden
-Stadt der Paläste &mdash; australischen Goldfeldern und dem Strome
-des Edelmetalls, der hier sich staute, verdankt sie ihr schnelles
-Wachsthum &mdash; wurde, um die werthvolle Ladung zu entlöschen,
-wochenlang Rast gehalten.
-</p>
-
-<p>
-Das Goldfieber, das schon viel Tausende zur Pflichtverletzung
-trieb, übte auch auf die Mannschaft des deutschen Schiffes seinen
-verderblichen Einfluß aus, und die Hälfte derselben folgte dem
-lockenden Rufe nach goldenen Schätzen, den gewissenlose Agenten
-<span class="pagenum"><a id="Page_3" name="Page_3" href="#Page_3">[3]</a></span>
-ertönen ließen. Gleich vielen anderen folgten die Bethörten und
-vertauschten den harten Seemannsberuf mit dem eines Diggers,
-um unter Entbehrungen, in harter Arbeit, fern in den wegelosen
-Steppen des wasserarmen Innern Australiens nach den begehrlichen
-Schätzen der Erde zu graben.
-</p>
-
-<p>
-Bitter Enttäuschte, die viel ärmer als sie einst ausgezogen,
-zur Küste zurückgekehrt waren und nur von Hunger, Durst und
-schlimmen Erfahrungen zu erzählen wußten (kaum daß sie im
-Stande gewesen, das äußerst theure Leben in der Wildniß zu
-fristen, so wenig hold war ihnen das Glück gewesen, so spärlich
-nur hatten sie Gold gefunden), ersetzten zum Theil die Flüchtigen.
-Froh noch konnte mancher Schiffsführer sein, wenn es ihm gelang,
-mit Angehörigen anderer Nationen sein Schiff wieder zu besetzen,
-da fast ohne Ausnahme jedem, wenn nicht die ganze, so doch ein
-Theil der Schiffsbesatzung entlaufen war. So mußten denn ebenfalls
-auf dem deutschen Schiffe Norweger, Schweden oder Engländer
-als Ersatz mit landesüblicher hoher Löhnung angenommen
-werden und das Kommando, sonst im biederen Plattdeutsch geführt,
-machte nothgedrungen dem englischen Platz.
-</p>
-
-<p>
-Das Schiff, auf welchem sich der Schreiber dieser Zeilen als
-Reisender befand, war gleich vor Beginn der Fahrt nach den
-Samoa-Inseln im Stillen Ozean bestimmt, und Ende Oktober des
-Jahres 1884 lichteten wir die Anker, um von Melbourne weiter
-die Fahrt nach Apia fortzusetzen. Widrige Winde in der Baßstraße,
-zwischen dem Festlande von Australien und der Insel Tasmanien,
-unfreundliches Wetter mit kalten Regenschauern erschwerten
-das Aufkreuzen in derselben, bis nach Tagen schließlich raumer
-Wind das Passiren der in dem östlichen Theile dieser Straße
-liegenden Inseln und Felsenrocks möglich machte.
-</p>
-
-<p>
-Als wir dann den freien Ozean gewonnen hatten, war es
-nothwendig, möglichst weit nach Osten aufzusegeln, und selbst als
-wir dicht unter der Nordspitze von Neu-Seeland gekommen waren
-und die drei König-Inseln sichteten, wurde noch immer der Kurs
-mehr östlich als nördlich gehalten, damit, wenn wir die Region des
-Süd-Ost-Passatwindes erreicht hätten, mit freiem Winde nordwärts
-gesteuert werden konnte. Schon auf der Höhe der Kermadec-Inseln
-wurde das Schiff von Windstillen befallen, die zeitweilig, von
-schweren Regenböen unterbrochen, nur ein sprungweises Vorwärtskommen
-gestatteten, bis auch dieser Gürtel unbeständiger Winde
-passirt war und auf etwa 25° S. Br. der Passatwind kräftig einsetzte.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt hatte die langdauernde Stille, bei der die Segel in
-eintöniger Weise an die Masten klappten, auf einmal ein Ende;
-die spiegelglatten Fluthen des Ozeans durch aufspringende Böen
-zeitweilig aufgeregt, sprangen übermüthig die Schaumkronen der
-Wellen an der Bordwand des Schiffes empor, das unter voller
-Segelkraft mit schneller Fahrt dahineilte.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_4" name="Page_4" href="#Page_4">[4]</a></span>
-Als wir östlich von den Tonga- (Freundschafts-) Inseln
-nordwärts steuerten, war das erste Land, welches in Sicht kam,
-die Insel Niue, aber zwei Tage später schon tauchte am Horizonte
-des tiefblauen Tropenhimmels die gebirgige Inselmasse der Samoagruppe
-klar und deutlich empor, immer höher aus den Fluthen des
-im Sonnenglanze blinkenden Meeres aufsteigend, je näher sich
-beflügelten Laufes das Schiff seinem endlichen Ziele näherte.
-</p>
-
-<p>
-Zur Rechten die Insel Tutuila mit ihren zerrissenen Bergen,
-einst thätigen Vulkanen, hebt sich zuerst, wenn man der Straße
-zwischen der Insel Upolu und Tutuila zusteuert, die über 30 Seemeilen
-breit ist, die mächtige Bergmasse aus den blauen Fluthen
-des Ozeans, während die langgestreckte Insel Upolu, massiver und
-höher, aus der Ferne wie in weißen Nebel getaucht erscheint, über
-der die blauen Bergkuppen vereinzelt emporragen. Immer deutlicher
-jedoch tritt auch hier das Unterland hervor, und die hochragenden
-Kronen der Kokospalmen, einen Kranz um alles sichtbare
-Land bildend, erscheinen wie ein endloser Wald, der sich längs
-dem Ufer hinstreckt. Sobald auch die Ufer ganz sichtbar geworden,
-zieht sich weit von Land ein weißer Silbergürtel hin, erzeugt durch
-die das Ufer umsäumenden Korallenriffe, an welchen sich wilddonnernd
-die ziemlich bewegte See unablässig bricht.
-</p>
-
-<p>
-Ein eigenartiges Bild blühender Tropenlandschaft bietet das
-Ganze, man fühlt sich unwillkürlich versucht, anzunehmen, unter
-diesem blauen Himmelsdome, unter den im Winde wogenden
-Palmenkronen müsse ein ewiger Friede wohnen, müsse die Natur
-ein Paradies geschaffen haben.
-</p>
-
-<p>
-Vorüber ziehen an der Ostseite der nach dem Innern immer
-höher sich aufthürmenden Berge dieser Insel, die mächtigen abgesprengten
-Rocks gleichenden Inseln Nuulua und Nuutele, und
-weiter, sobald nach Nord-Westen das Auge wieder den freien
-Ozean erblickt, die riffumkränzte Insel Fanuatapu. Wenn diese
-umsegelt ist, läuft das Schiff vor dem Winde nahezu westwärts
-längs der von Korallenriffen reinen Küste, und nur die reiche
-Tropenwelt vom Strande aufwärts bis zu den sanften Höhen
-zeigt sich im ewig grünen Schmucke, kein kahles Gestein wird
-sichtbar, dicht mit Busch und Wald scheint Thal und Hügel bedeckt
-&mdash; als ein gesegnetes Land hebt sich diese Insel aus der Tiefe
-des mächtigen Ozeans. Hin und wieder treten zwischen den hohen
-Stämmen der schlanken Palmen am Strande wie dunklere Punkte
-die Hütten der Eingebornen, am steilen Ufer erbaut,
-von der grünschimmernden
-See ab, ebenso gleitet zeitweilig über eine tiefere
-Bucht ein Kanoe eilend hin, von kräftigen Armen vorwärts getrieben,
-obschon von den Insassen bei so großem Abstande nichts
-Genaues zu sehen ist.
-</p>
-
-<p>
-Ist man zwölf Seemeilen längs der Nord-Ostküste gesegelt,
-so öffnet sich hinter der Nannivi-Spitze der Hafen von Falisa, von
-<span class="pagenum"><a id="Page_5" name="Page_5" href="#Page_5">[5]</a></span>
-hier aber läuft an der Küste weiter ein mächtiges Korallenriff, an
-dessen Kante die See schäumt und brandet. Das Land erhebt sich
-im Innern der Insel höher und höher, über die welligen Bergmassen
-ragt der Berg Fao spitz empor; ein Bergrücken durchschneidet
-die ganze Insel von Ost bis West, dessen einzelne Ausläufer
-nur hier und dort bis an die Küste vordringen.
-</p>
-
-<p>
-Ist die dem Lande vorgelagerte Riffmasse passirt, so öffnet
-sich der von Korallenbänken und Riffen umgebene sichere Hafen
-von Saluafata, der zu dieser Zeit schon von den deutschen Kriegsschiffen
-als bester Depotplatz und Gesundheitsstation anerkannt und
-benutzt wurde. Alle Riffe, von See aus gesehen, scheinen direkt
-mit dem Lande verbunden zu sein, wenigstens läßt das grünschimmernde
-Wasser, sobald die ausgedehnten Bänke damit bedeckt
-sind, solches anfänglich vermuthen, in der That aber bilden diese
-häufig ein zwar vielfach geformtes, doch getrenntes Ganze für sich,
-so daß selbst bei der Ebbe es für ein Boot möglich ist, dicht unter
-Land oder in geringer Entfernung davon innerhalb der Riffe im
-ruhigen Wasser zu fahren. Selbst die Kriegskanoes der Eingeborenen,
-40 und mehr Mann fassend, benutzen nur diese Wasserstraßen,
-um von Ort zu Ort zu gelangen, obwohl diese sich auch
-nicht scheuen, mit den leichtgebauten Fahrzeugen auf die offene
-See hinauszurudern, wenn das Meer ruhig ist und eine Nothwendigkeit
-dazu vorliegt.
-</p>
-
-<p>
-Angebracht scheint es mir hier, gleich über die Entstehung,
-Fortpflanzung und Bildung der Korallenbänke eine kurze Beschreibung
-zu geben, weil im Laufe dieser Erzählung vielfach der
-gefährlichen Korallenbänke wird Erwähnung gethan werden.
-</p>
-
-<p>
-Die Koralle, eine Polypenart, siedelt sich am häufigsten in
-den tropischen Gegenden an, an geschützten Küsten oder auf nicht
-tiefer als 50 Meter liegendem Meeresgrunde, sind die Bedingungen
-zur Fortpflanzung günstig, d. h. reichliche Nahrung und eine nicht
-unter 18° C. sinkende Wassertemperatur vorhanden, so breiten sie
-sich sehr schnell aus und bilden durch das Absterben der Milliarden
-kalkhaltiger Thiere allmählich eine feste steinige Masse.
-</p>
-
-<p>
-Sie wächst bis zur Ebbegrenze, d. h. bis zum niedrigsten
-Stande des Meeresspiegels, dann hört aus Mangel an genügender
-Nahrungszufuhr ihr Wachsthum auf, dafür aber dehnen sie sich
-nach der offenen See mehr und mehr aus, selbst die schweren, auf
-solchem Randriff brechenden Wogen hindern die Thierchen nicht
-am Weiterbau. Lücken, durch sehr schwere Brandung hervorgerufen,
-füllen sie schnell wieder. Meistens bildet der äußere Rand
-eines Riffes eine steile Wand, was namentlich der Fall ist, wenn
-an solchem die Wassertiefe schon beträchtlich ist.
-</p>
-
-<p>
-Um es zu verstehen, daß selbst auf abschüssigem Grunde ein
-Korallenriff an Ausdehnung gewinnen kann, muß man bedenken,
-wie die Korallenthiere bis zu der Tiefe von 50 Meter immer
-<span class="pagenum"><a id="Page_6" name="Page_6" href="#Page_6">[6]</a></span>
-weiter an gebildeten Bänken fortbauen, so über großen Tiefen frei
-hängende Massen bilden, die schließlich durch die Gewalt der See
-oder ihrer eigenen Schwere abbrechen und versinken. Solche abgestürzten
-Massen aber, im Laufe der Zeiten übereinander gethürmt,
-geben den Thieren immer neue Ansiedelungspunkte und die Folge
-ist, daß an vielen Riffen eine steile, senkrechte Wand gefunden
-wird, die aus einer Tiefe von mehreren hundert Fuß bis zur
-Oberfläche des Meeres aufragt.
-</p>
-
-<p>
-Eine eigenthümliche Erscheinung ist ferner, daß an der
-Mündung von Bächen und Flüssen die Koralle sich nicht ausbreitet,
-es erklären sich hierdurch die kleineren oder größeren Riffpassagen,
-die man bei Wallriffen unter Inseln oder Festland immer
-findet. Der Grund dafür ist, daß den Korallenthieren durch das
-Süßwasser die benöthigte Nahrung entzogen wird und sie naturgemäß
-absterben, oder, wo durch brandende See ihnen solche doch
-noch zugeführt wird, sich nur äußerst langsam ausdehnen. Ebenso
-werden die Thierchen an der gedeihlichen Fortpflanzung unter Land
-auch dadurch gehindert, daß, während schon an und für sich das
-Meer ihnen geringere Nahrung zuführt, die Landwinde vom Ufer
-vielen feinen Staub abwehen. Dadurch erklärt es sich, wie häufig
-in der Nähe des Landes die Koralle das Weiterbauen eingestellt
-hat und Durchfahrten für Boote und Kanoes freigeblieben sind.
-Orte, wo die Koralle im Meere nicht gedeiht, sich vielleicht überhaupt
-nicht angesiedelt hat, wie man solchen Vorgang an Inseln
-beobachten kann &mdash; eine Seite derselben ist mit Riffen eingefaßt,
-die andere nicht &mdash; ist fast immer auf eine kältere Meeresströmung
-zurückzuführen, die unter Küsten oder Inseln hinzieht.
-</p>
-
-<p>
-Das ausgedehnte Gebiet des Großen Ozeans, dessen weitverzweigte
-Inselwelt vielfach heute noch ein Vulkanheerd ist, bringt
-hin und wieder plötzliche Veränderungen hervor, für Jahrtausende
-beständig gebliebene Riffe versinken oder heben sich. Tritt solche
-Verschiebung ein, sinkt z. B. ein Riff unter die Meeresoberfläche,
-so baut sich die Koralle ungemein schnell auch auf schon erstorbenen
-Flächen wieder an und führt das Riff zur Meeresoberfläche;
-hingegen heben sich unter Wasser gebildete Bänke, was zur
-Folge hat, daß im größeren Umkreise auch der Meeresboden gehoben
-wird, so nimmt die Koralle am Randriff ihre Arbeit wieder
-auf, da sie auf einer Tiefenlinie von ungefähr 2000 Meter nicht
-weiter bauen kann, weil der in solcher Tiefe große Kohlensäuregehalt
-des Meerwassers einen Weiterbau verhindert.
-</p>
-
-<p>
-Was die Bildung der Korallen-Inseln anbetrifft, so entstehen
-solche nur durch Anhäufung losgelöster Korallenblöcke, die durch
-schwere Seen bei Stürmen oder Orkanen auf das Riff getragen
-werden. Ueberwiegt auch am Riffrande das Wachsthum der
-Koralle den Verlust, welcher durch die unablässig anbrandenden
-Wogen entsteht, die solche Theile und Theilchen loslösen und auf
-<span class="pagenum"><a id="Page_7" name="Page_7" href="#Page_7">[7]</a></span>
-dem Riffe ebenfalls ablagern, so tragen doch diese dazu bei, schon
-etwa über Fluthhöhe angehäufte harte Korallenmassen zu verbinden
-und heftige Winde thun das Ihre, zu Zeiten der Ebbe den leichten
-Korallenmörtel immer höher aufzuhäufen. Dann fehlt nur noch
-die Vegetation; angeschwemmte Kokosnuß und Pandanuß finden
-fruchtbaren Boden; Samen, von Seevögeln oder den Wogen zugetragen,
-keimen auf der kleinen Fläche, die hierdurch auch immer
-mehr an Ausdehnung gewinnt, bis im Laufe der Zeiten Inseln
-von beträchtlichem Umfange entstehen.
-</p>
-
-<p>
-Bei der Beschreibung des Marschall-Atolls und anderer werde
-ich auf deren muthmaßliche Bildung zurückkommen, obgleich die
-Entstehung der heutigen Inselgruppe auf ganz gleiche Vorgänge
-zurückzuführen ist.
-</p>
-
-<p>
-Sieben Seemeilen weiter westlich von dem, dem Hafen von
-Saluafata vorgelagerten Riffe &mdash; die Küste zeigt auf dieser Strecke
-nur wenig Korallenbildungen &mdash; erhebt sich von der Vailele-Bai
-erst wieder das massive, von hier die ganze Küste westwärts umfassende
-Korallenriff. Die brandenden Wogen an denselben mahnen
-zur Vorsicht, man ist deshalb gewohnt, einen größeren Abstand zu
-halten, als bei günstigem Winde nöthig wäre, da die Wassertiefe
-fast überall bis dicht unter das Riff beträchtlich ist.
-</p>
-
-<p>
-Erschwert wird daher auch das Auffinden der Einfahrt, die
-zum Hafen von Apia führt; namentlich für einen mit den Verhältnissen
-und den Strömungen nicht vertrauten Schiffsführer hat
-die erste Ansegelung etwas Schwieriges. Wohl geben der Apia-Berg,
-ferner auf diesem und die an dessen Fuße auf dem kleineren
-Waea-Hügel errichtete Baken und Feuer ein gutes Merkzeichen,
-doch diese sind nicht immer, wenn Dünste und feuchte Nebel darüber
-lagern und tiefhängende schwere Regenwolken das Innere der
-Insel verhüllen, aus größerer Entfernung sichtbar und selbst der
-Hafenlootse kann sich bei bewegter See auch nicht immer weit aus
-dem Schutze der Riffe herauswagen, um dem irrenden Schiffe als
-Wegweiser zu dienen. Dazu kommt, daß der nach Westen setzende
-Strom ein Schiff leicht über die Peilrichtung der gegebenen Zeichen
-hinaustreibt, und manchem Führer geht es so wie es auch mir
-ergangen ist, daß er, gegen schwachen Ostwind kreuzend,
-weit fortgetrieben
-wird und er Tage braucht, ehe er die Höhe des Hafens
-wieder erreicht.
-</p>
-
-<p>
-Man bezeichnet auch den durch den im Apia-Hafen mündenden
-Vaisigano-Fluß gebildeten Wasserfall, der landeinwärts bei
-dem Dorfe Maniani liegt, als gutes Merkzeichen, da er im Sonnenlichte
-hell blinkend seine Wasser aus beträchtlicher Höhe abstürzt
-und auch weit von See aus sichtbar ist; allein da solche Fälle bei
-günstiger Beleuchtung an der Nordseite der Insel mehrere zu sehen
-sind, so ist der Vaisigano-Wasserfall kein untrügliches Zeichen. In
-den Monaten Mai bis November wird man indes hier meistens
-<span class="pagenum"><a id="Page_8" name="Page_8" href="#Page_8">[8]</a></span>
-immer klares Wetter antreffen und es dann nicht schwierig sein,
-die Einfahrt in den gut geschützten Hafen zu finden.
-</p>
-
-<p>
-Es war am 19. November 1884 als wir, schon nach hereingebrochener
-Dunkelheit, den sicheren Hafen erreichten und ich nach
-einer Reise von 175 Tagen (der Aufenthalt in Melbourne eingerechnet)
-das Land betrat, wo für mich eine jahrelange Thätigkeit
-im Dienste der deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft vorgesehen
-war. Dem Fremdartigen, das einem in fern entlegenen
-Ländern entgegentritt, wendet man anfänglich seine ganze Aufmerksamkeit
-zu; so fühlte man sich auch hier, wo schon die reiche
-Tropenwelt, die ganze Großartigkeit der Scenerie die Sinne gefangen
-nahm, versucht, die gewonnenen Eindrücke auf sich wirken
-zu lassen, und das Wohlgefälligste, was dem Beobachter hier in
-diesem schönen Erdenparadiese entgegentritt, sind die Bewohner
-dieses gesegneten Landes selbst.
-</p>
-
-<p>
-Stolze, stattliche Gestalten sind die Männer, groß und schlank
-gebaut, Klugheit und Kraft verrathend, soweit letztere aus dem
-stolzen Gang und dem wohlgenährten Körper ersichtlich ist. Der
-Körper ist bis auf den Lendenschurz, den Lava-Lava, den sie gefällig
-um die Hüften tragen, nackt, die Beine fast bis zum Unterleib
-tätowirt, stechen die blauen Streifen oder Ringe von der lichtbraunen
-Farbe des Körpers auffällig ab. Die Frauen sind selten
-über Mittelgröße, haben hübsche, anmuthige Gestalten, zeigen Sanftmuth
-und gefälliges Wesen, vor allem, wenn noch Jugendreiz sie
-schmückt und sie ihre Schönheit durch die duftenden Kinder der
-hier üppig blühenden Flora zu heben bemüht sind, die sie kranzartig
-sich in das starke, mähnenartige, schwarze Haar einflechten.
-</p>
-
-<p>
-Ein sorglos glücklich Volk, dem die Natur ihre reichen
-Schätze ohne Arbeit und Müh in den Schooß wirft, scheinen diese
-Ureinwohner zu sein. Wohin man den Blick wendet, Früchte
-beladene Kokospalmen, vereinzelt oder in großen Gruppen, Apfelsinen
-und Brotfruchtbäume neben der zuckersüßen Banane, der
-wohlschmeckenden, nahrhaften Yamswurzel, dem Zuckerrohr und der
-Taroknolle, machen die Hauptbestandtheile der Nahrung der Eingeborenen
-aus, nur die letzten Arten bedürfen der Anpflanzung
-und sehr geringer Pflege. Der Palmenbaum, der Milch, Oel und
-saftigen Kern giebt, Gewebe und wohlschmeckendes Getränk, um
-Dörfer und Hütten gepflanzt, genügte allein schon den Eingebornen
-zu sättigen und zu befriedigen. Nicht die Größe des Flächenraumes
-schätzt dieser deshalb hoch, sondern die Zahl der Palmenbäume,
-die ihm zu eigen gehören.
-</p>
-
-<p>
-Der große Hafen von Apia, durch die vorspringende Matautuspitze
-und die weitgestreckte schmale Landzunge Mulinun gebildet,
-durch die weit in See sich erstreckenden Riffe eingeengt und eigentlich
-erst geschaffen, bietet genügenden Raum und Wassertiefe für eine
-ganze Anzahl großer Schiffe; der kleinere Hafen hingegen ist etwas
-<span class="pagenum"><a id="Page_9" name="Page_9" href="#Page_9">[9]</a></span>
-beengt, bietet aber für jedes Schiff, wenn solches wegen seines
-Tiefganges nicht im großen verbleiben muß, eine noch gesichertere
-Lage. Uebrigens ist der kleine Hafen eigentlich nur der Ankerplatz
-für die der Plantagen-Gesellschaft zugehörenden Schiffe.
-</p>
-
-<p>
-Auffällig und sofort ins Auge fallend sind die großen Bauten
-der Deutschen Handels-Gesellschaft,
-vor allem das gefällige Hauptgebäude,
-das in seiner Ausdehnung nicht bloß die Kontore, sondern
-auch die Wohnung des derzeitigen Chefs, des Herrn Konsuls
-Weber, sowie aller im Innern-Dienst Angestellten enthält.
-</p>
-
-<p>
-Das Innere des großen Quadrats nimmt ein gefälliger
-Ziergarten ein, dessen Bäume und Pflanzen viel dazu beitragen,
-die heiße Schwüle der Abende zu mildern und erfrischende Kühle
-verbreiten. Alle Häuser der Europäer, aus Holz erbaut, das nach
-Bedarf von amerikanischen Schiffen eingeführt wird, stehen um
-einige Fuß über dem Erdboden erhöht meistens auf gemauerten
-Korallenpfeilern. Es ist dies insofern eine zwingende Nothwendigkeit,
-als, abgesehen davon, daß während der Regenzeit vom
-November bis April, die Feuchtigkeit fern gehalten wird, dem zahlreichen
-Ungeziefer nach Möglichkeit gewehrt werden muß.
-</p>
-
-<p>
-Ratten in Unmenge, Ameisen zu Milliarden bürgern sich in
-den Häusern gar zu gerne ein und namentlich gegen letztere, die
-durchaus nichts, was eßbar ist, verschonen, kämpft hier der Mensch
-vergeblich an. Um diese kleinen geschäftigen Thierchen, die unter
-Dielen, in den Holzfüllungen ihre Heimstätte aufschlagen, nur
-einigermaßen vom Genießbaren fernzuhalten, müssen Tischbeine,
-überhaupt alle Gefäße, die Eßbares enthalten, in Wasserbehälter
-gestellt werden, das ist die einzige Methode, mit einigem Erfolge
-Speisen, Früchte u. s. w. vor Verderben durch Ameisen zu schützen.
-</p>
-
-<p>
-Ein wahres Heer voll Ungeziefer aber beherbergen die Kopraschuppen,
-jene Gebäude, welche aufgespeicherte Vorräthe an getrockneter
-Kokosnuß enthalten. Kopra ist der in Stücke geschnittene
-und an der Sonne getrocknete Kern der Nuß, jenes werthvolle
-Erzeugniß, das in Europa die feinsten Oele, Seifen, Säuren u. s. w.
-giebt und jederzeit hoch im Preise steht. In solchen Gebäuden
-wimmelt es von Ratten, Käfern, Kakerlaken und Ameisen, die hier
-überreiche Nahrung finden, Tausendfuß und anderes gefährlicheres Gewürm,
-selbst den Skorpion habe ich zuweilen an anderen Orten bemerkt.
-</p>
-
-<p>
-Eine langandauernde Lagerung des Kopras, dessen reicher
-Oelgehalt bedeutende Wärme erzeugt, bringt durch Eintrocknen
-schon einen Gewichtsverlust mit sich, mehr aber verliert die Güte
-desselben durch die erwähnten Thierarten. Bei der Verschiffung
-des Kopras wird natürlich solch lästiges Gewürm mit in das
-Schiff übergeführt und monatelanges Lagern großer Mengen Kopra
-in einem Schiffsraume hat zur Folge, daß namentlich Ameisen und
-Kakerlaken sich einbürgern, gegen deren Vertilgung nordische Kälte
-nur das einzige durchgreifende Mittel abgiebt.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_10" name="Page_10" href="#Page_10">[10]</a></span>
-Die ausgedehnten Bauten der deutschen Factorei und das
-dazu gehörige Gelände trägt den Namen „Savala“, die langgestreckte
-Landzunge, auf welcher sich mehrere kleinere Dörfer als
-„Songi“ und ganz am Ende die Wohnung des derzeitigen Königs
-„Maliatoa“ befindet, heißt „Mulinuu“. Gebüsch, Palmen und
-Brotfruchtbäume bedecken diese Landfläche, die im Hintergrunde ein
-dichter Mangrovensumpf umsäumt, die Brutstätte der lästigen
-Mosquitos und des zu Zeiten austretenden Malariafiebers.
-</p>
-
-<p>
-Das Klima der meerumrauschten Insel ist im Allgemeinen
-als ein gesundes zu bezeichnen; wie ich aus eigener Erfahrung
-weiß, hat der Europäer, den tödtliches Fieber befällt, es meist
-immer selbst verschuldet und zwar dadurch, daß er die in den
-Zimmern herrschende drückend heiße Luft durch Oeffnen von Thür
-und Fenstern während des Schlafes in der thaukalten Nacht zu
-mildern sucht, deren feuchte Luft zwar angenehm den Körper kühlt,
-aber auch eine verderbliche Einwirkung auf die Gesundheit ausübt.
-Wenige Monate nach meiner Ankunft (ein längerer Aufenthalt
-am Lande war mir vorgeschrieben) hatte ich durch solche Unachtsamkeit
-mir ein schlimmes Fieber zugezogen; zwischen Tod und
-Leben rang ich lange, bis doch die Natur, unterstützt durch
-die Kunst der Aerzte, Sieger blieb.
-</p>
-
-<p>
-Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen, das bestätigt
-sich auch hier selbst bei den Eingebornen; unter anderen Krankheiten
-sei nur die den Körper verunstaltende Elephantiasis angeführt.
-Häufig tritt diese Krankheit auf, und wenn sie auch im
-ersten Stadium noch schmerzlos ist, so schleppt doch der Betroffene
-ein meistens sehr dick angeschwollenes Bein, das ihm äußerst lästig
-und am Gehen hinderlich ist, herum, selbst langansässige Europäer
-befällt zuweilen dieses unangenehme Leiden.
-</p>
-
-<p>
-Von der äußersten Spitze der Landzunge Mulinuu führt ein
-bequemer Weg rings um die Bai nach Matautu, der als eine
-eigentliche Straße aber erst von der deutschen Factorei an zu betrachten
-ist. Zur Rechten liegen dort einige gefällige Cottages, im
-Styl englischer Landhäuser erbaut, mit vorliegenden Gärten und
-dem freien Ausblick auf den Hafen; die Straße selbst wird von
-hohen Apfelsinenbäumen beschattet, deren kugelrunde noch unreife
-Früchte den jungen Samoanerknaben als Spielbälle dienen, indem
-diese sich die fast nackende, lebhafte Schaar mit Geschick zuwirft.
-</p>
-
-<p>
-Weiterhin erst im eigentlichen Matafele, wie die Hauptansiedelung
-der Europäer benannt wird, reihen sich Häuser zu
-beiden Seiten der Straße, Hotels, Gastwirthschaften und Privatwohnungen,
-hinter diesen das Samoanerdorf Matafele. Dem
-Durstigen winkt hier in den geräumigen Wirthschaften ein kühler
-Trunk, durch künstliches Eis gekühlt; denn Durst, durch die Sonnengluth
-erzeugt, hat Jedermann, auch stehen neben Versandbier, das
-ausnahmslos deutsches Erzeugniß ist, Spirituosen, ja die theuersten
-<span class="pagenum"><a id="Page_11" name="Page_11" href="#Page_11">[11]</a></span>
-Sorten edlerer Getränke jedem zur Verfügung, sofern der dafür
-geforderte hohe Preis nicht den Geldbeutel zu bedenklich leert, da
-unter einem Sixhenie, d. h. 50 Pfennigen, nichts erhältlich ist,
-eine Flasche Bier aber schon zwei Mark kostet und Weine noch
-bedeutend höher im Preise stehen.
-</p>
-
-<p>
-An Vergnügungen fehlt es auch nicht, die meisten Wirthe,
-dazumal vornehmlich Deutsche, haben neben einem Tanzsaal, wo
-gelegentlich zum Klavier oder Harmonika jeder mit den hübschen
-Samoanerinnen, die leidenschaftlich dem Tanze und Spiel sich hingeben,
-tüchtig das Tanzbein schwingen kann, auch für Liebhaber
-des Kegelsports gute Bahnen eingerichtet, und diese werden von
-dem zahlreichen Personal der Factorei und sonstigen Deutschen
-auch tüchtig benutzt.
-</p>
-
-<p>
-Damit freilich sind die hauptsächlichsten Vergnügungen lokaler
-Art erschöpft, Jagdliebhabern bietet sich solches in anderer Weise,
-da zahlreiche wilde Tauben und Hühner, selbst verwilderte Schweine
-in den Bergen zu finden sind; auch sonntägliche Reitausflüge nach
-den Plantagen Vailele, Vaivase, Vaitele, selbst bis nach Molefenua
-ausgedehnt, finden viele Theilnehmer, besonders aber sind Picknicks
-mit Damen, den Kindern einiger langansässiger Europäer, und
-Samoanerinnen, die ihre lichtbraunen Schwestern oftmals noch an
-Schönheit übertreffen, für die Jüngeren ein beliebtes Vergnügen,
-zu deren Veranstaltung Ausflüge in die schönsten Orte der Umgebung
-von Apia gemacht werden.
-</p>
-
-<p>
-Hierbei fehlt, was ich gleich erwähnen will, gewöhnlich nicht
-der bei den Samoanern so beliebte Schweinebraten, und wenn
-auch sonst der stolze Eingeborne sich nicht herbei läßt,
-eine Handreichung
-zu thun, so übernehmen bei solcher Gelegenheit die Aufgeforderten
-doch gerne das Amt eines Mundschenks und bereiten
-eigenhändig nach ihrer Weise den köstlich duftenden Braten.
-</p>
-
-<p>
-Nach der Anzahl der Theilnehmer wird ein mittelgroßes
-Schwein vorher geschlachtet, sehr sauber gereinigt und zerschnitten
-bereit gelegt. In einer Grube, die rings mit Steinen ausgefüllt
-ist, werden diese durch ein in derselben entzündetes Feuer glühend
-heiß gemacht, das Schwein in große Bananenblätter fest eingewickelt,
-wird nach Verlöschen des Feuers dasselbe dann in die Grube
-gebettet und auch mit ebenso heißen Steinen zugedeckt, worüber
-dann Erde geschüttet werden muß, um zu verhindern, daß die Hitze
-entweicht.
-</p>
-
-<p>
-Von Kraft und Fettgehalt gar nichts verloren, wird nach
-Verlauf mehrerer Stunden der äußerst zarte Braten behutsam
-herausgenommen und auf frische Bananenblätter gelegt, dann
-reißt der Vertheiler mit den Händen das Schwein auf. Allen im
-Kreise umhersitzenden Theilnehmern am Mahle sind vorher Bananenblätter
-als Teller vorgelegt worden. Auf diese wirft mit vielem
-Geschick der eine oder andere Gehülfe des Mundschenks die von
-<span class="pagenum"><a id="Page_12" name="Page_12" href="#Page_12">[12]</a></span>
-diesem mit den Händen in Stücke zerrissenen Fleischtheile, dabei
-jedesmal den bezeichnend, dem sein Antheil zugeworfen werden soll.
-</p>
-
-<p>
-Nach unsern verfeinerten Begriffen ist solche Behandlung des
-Fleisches sowohl, wie auch der ganze Vorgang etwas unappetitlich,
-indes stößt man sich weniger daran, da vor den eigenen Augen
-alles mit peinlichster Sauberkeit vorgenommen wird, auch liegt ein
-gewisser Reiz darin, Unbekanntes und Eigenartiges kennen zu
-lernen. So viel ist gewiß, ein jeder läßt sich das zarte Fleisch
-eines so bereiteten Schweines, das nachträglich mit Salz gewürzt
-wird, vortrefflich schmecken, dazu die zarten Yamswurzeln und
-Bananen, duftende Ananas und Orangen als Nachtisch. So wird
-solches Essen ein lukullisches Mahl, das mit Bier, Whisky und
-Sodawasser heruntergespült wird.
-</p>
-
-<p>
-Gewöhnlich aber haben die theilnehmenden Samoanerinnen
-noch etwas zur Ueberraschung vorbereitet: nämlich das beliebte,
-pikante Palisami. In junge Bananenblätter mehrfach eingehüllt,
-liegt eine weiche, weiße Masse, unsern Windbeuteln vergleichbar,
-die, von den zartesten Blüthenblättern des Kokosbaumes umgeben,
-einen scharfen, aber angenehmen Geschmack hat, erzeugt durch die
-feinen Blättchen, die mit gegessen werden. Das Ganze besteht
-aus ganz fein geriebenen Kokosnußkernen, durchsetzt mit der weißen
-Kokosmilch. Der eintretende Säureprozeß trägt viel zum Wohlgeschmack
-bei.
-</p>
-
-<p>
-Die Fröhlichkeit wird dann durch die ungemein wohlklingenden
-Gesänge der blumengeschmückten Samoanerinnen eingeleitet.
-Einer Vorsängerin, die Melodien und Text angiebt, folgt der ganze
-Chor mit einer auffallenden Richtigkeit, die anmuthigen Bewegungen,
-das taktmäßige Wiegen des Oberkörpers nach dem Rhythmus, das
-Klatschen der Hände auf den Beinen, Armen, Schultern und Kopf
-geschieht mit solcher Präzision, daß nur ein angeborenes Talent
-solche Fertigkeit hervorbringen kann. Nicht minder interessant sind
-die Tänze; wie auf Kommando bewegen sich die Füße und Gliedmaßen,
-das Aufreihen und Schließen einer Kette oder Ringes geschieht
-mit unfehlbarer Sicherheit, dazu kommt der melodische
-Gesang, kurz, es ist ein Genuß, den Bewegungen der graziösen
-Gestalten zuzusehen.
-</p>
-
-<p>
-Oft habe ich in den Hütten der Eingebornen, wo gerne
-Gastfreundschaft geübt wird, bei kredenztem Kavatrunk Tanz und
-Spiel zusehen können und über die Sorglosigkeit der Eingebornen
-Betrachtungen anzustellen Gelegenheit gehabt, mit welcher die gütige
-Natur dieses glückliche Volk ausgestattet hat, das durch schöne
-Gestalt und heiteren Sinn ganz besonders bevorzugt ward.
-</p>
-
-<p>
-Bei solchen Vergnügungen sowohl, wie bei einem Besuch in
-der schmucklosen Hütte des Eingebornen, wird der Nationaltrunk
-herumgereicht und ist dieser in folgender Weise zubereitet: die grüne
-Kavawurzel, sonst giftig, wird vollständig an der Sonne getrocknet,
-<span class="pagenum"><a id="Page_13" name="Page_13" href="#Page_13">[13]</a></span>
-bis sie gelb und die Fasern spröde geworden sind, wodurch sie
-ihre schädlichen Eigenschaften vollständig verliert. Die eigentliche
-und bei den Samoanern beliebte Zubereitung nun ist: es kauen
-die jungen Mädchen nach vorgenommener Reinigung des Mundes
-Theile dieser Wurzel mit ihrem vorzüglichen Gebiß klein, rollen
-solche in Kügelchen und legen diese in die Kavaschale, eine aus
-dem Holze des Brotfruchtbaumes künstlich geschnitzte und auf kurzen
-Füßen ruhende Mulde. Dann werden die Wasserbehälter, vollständige,
-möglichst große Kokosnüße, die so lange in Seewasser
-gelegen haben oder mit solchem angefüllt gewesen sind, bis der
-schmackhafte Kern in derselben sich aufgelöst hat und durch die
-kleinen Keimlöcher entfernt ist, herbeigebracht, die nach Bedarf
-vorräthig in oder außerhalb der Hütte hängen und nach vorgenommener
-Reinigung der Hände wird von ihnen so viel Wasser
-in die Schale gegossen, als erforderlich erscheint.
-</p>
-
-<p>
-Die den Kavatrank bereitende Frau rührt nun mit einem
-bereitgehaltenen Büschel feiner Fasern von der Banane das Ganze
-durcheinander, bis das Gebräu eine schmutzig-bräunlich-gelbe
-Färbung angenommen hat, dabei ist sie mit dem Büschel bemüht,
-auch das kleinste Fäserchen der aufgelösten Kavawurzel zu entfernen.
-Ist der Trank bereitet, was durch Händeklatschen den
-Anwesenden kundgethan wird, so bezeichnet der Hausherr den vornehmsten
-Gast durch Aufruf und eines der jungen Mädchen hält,
-sich erhebend, eine durch vielen Gebrauch schön polirte Kokosnußschale
-über den Kavabehälter und läßt sich den ausgeschwenkten
-und wieder eingetauchten Faserbüschel darin ausdrücken, oder
-richtiger, das oft über einen halben Liter fassende Gefäß mit dem
-Getränke volllaufen. In graziöser Bewegung schreitet das Mädchen
-dann auf den Bezeichneten zu und kredenzt, vor dem Sitzenden sich
-neigend, das Getränk.
-</p>
-
-<p>
-Hierbei ist es Regel (soll in einer Nichtannahme keine Beleidigung
-des Wirthes gefunden werden), daß die Schale geleert
-oder doch daraus getrunken wird, den Rest kann man seitwärts
-oder über den Kopf hinweg ausschütten und dann das leere Gefäß
-dem wartenden Mädchen zurückgeben. So geht es in der
-Runde fort, oft wird auch die große Schale nach Bedarf mehrmals
-aufs Neue gefüllt. Gesang, an welchem auch die Männer
-sich betheiligen, hilft ein solches Trinkgelage verschönern.
-</p>
-
-<p>
-Die Kavawurzel besitzt auch die Eigenschaft, einem kranken
-und ermatteten Körper Ruhe zu geben, sowie eine schmerzstillende
-Wirkung auszuüben, sie hat deshalb weite Verbreitung als Genußmittel
-auch bei den übrigen Südseeinsulanern gefunden.
-</p>
-
-<p>
-In größeren Mengen genossen, wirkt der Kavatrank aber
-doch berauschend, und bei vollständig klarem Kopfe hat man das
-Gefühl, als weiche der Erdboden unter den Füßen,
-eine Art Gefühllosigkeit
-macht sich in den Beinen bemerkbar und kaum spürt
-<span class="pagenum"><a id="Page_14" name="Page_14" href="#Page_14">[14]</a></span>
-man die Berührung mit dem Boden. Bei einem Ausfluge zu
-einem landeinwärts lebenden Europäer, wo in Ermangelung von
-Bier und anderen Getränken von den gefälligen Samoanern reichlich
-Kava kredenzt wurde und ich als Neuling schließlich auch Gefallen
-an dem eigenartigen Getränke fand, dessen Wirkung ich nicht kannte,
-machte ich auf dem langen Heimwege in dunkler Nacht dann die
-Erfahrung, daß ein neckischer Kobold sein Spiel mit mir zu treiben
-versuche.
-</p>
-
-<p>
-Das Kauen der Kavawurzel ist, wie erwähnt, im Allgemeinen
-gebräuchlich, doch bürgert sich, wenigstens wo ein häufigerer Verkehr
-mit Europäern stattfindet, mehr und mehr die Methode ein,
-diese Wurzel zwischen Steine zu zerklopfen und das unappetitliche
-Zerkauen mit den Zähnen unterbleibt. Die Zubereitung des
-Trankes bleibt sonst dieselbe.
-</p>
-
-<p>
-Wie bei den meisten Naturvölkern, so herrscht auch bei den
-Samoanern keine strenge Sittlichkeit, doch darf als Beweis die
-Veranstaltung des Festes angesehen werden, welches zu Ehren der
-unbescholtenen Jungfrauen gefeiert wird. Bei diesem folgt Alt
-und Jung dem Zuge, an dessen Spitze die jungen Mädchen im
-reichsten Blumenschmuck einherschreiten. So allgemein ist diese
-Sitte, daß das Fest in jedem großen Dorfe begangen wird. Die
-Anwesenheit der Europäer ist bei solcher großen Festlichkeit sehr
-erwünscht, sind sie vorhanden, so wird ihnen der Ehrensitz an der
-Seite der Jungfrauen zutheil.
-</p>
-
-<p>
-In gleicher Weise wie bei den geschilderten Picknicks wird
-auch hierbei, nur im großartigeren Maßstab, ein opulentes Mahl
-im grünen Grase unter den Wipfeln rauschender Palmen abgehalten,
-dem Gesang und Tanz folgt ein Schauspiel in dieser herrlichen,
-pittoresken Gegend und Umgebung, wie solches eindrucksvoller und
-natürlicher von den frohsinnigen Kindern eines gesegneten Fleckchen
-Erde nicht vorgeführt werden kann.
-</p>
-
-<p>
-Reinlichkeit des Körpers ist eine Tugend des samoanischen
-Volkes, hervorgerufen durch die Anschauung, daß dadurch allerlei
-Krankheiten fern gehalten werden, zu jeder Tageszeit in den kühleren
-Stunden findet man an den Ufern der aus den Bergen kommenden
-Flüße und Bäche badende Mädchen und Frauen; ja dies ist so zu
-einem Bedürfnisse geworden, daß selbst Kranke sich zu den erfrischenden
-Wassern schleppen.
-</p>
-
-<p>
-Um Haut und Körper geschmeidig zu erhalten, reiben namentlich
-Frauen und Mädchen sich mit Kokosnußöl ein, welches dem
-Braun der Hautfarbe etwas Glänzendes giebt; gleichwohl geht auch
-ein scharfer Geruch von ihnen aus, der ein empfindliches Riechorgan
-beleidigen kann; auch eine aneinandergereihte haselnußgroße
-Frucht, mit Vorliebe neben Muscheln und Blumenranken als Schmuck
-getragen, vermehrt den scharfen Geruch des Oels, die Gegenwart
-eines weiblichen Wesens macht sich sofort dadurch bemerkbar.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_15" name="Page_15" href="#Page_15">[15]</a></span>
-Bei beiden Geschlechtern ist das Kopfhaar auffallend stark,
-andere Haare am Körper, selbst oft der sprießende spärliche Bart
-des Mannes, werden durch Ausreißen entfernt und wo sie sich
-dennoch zeigen, solche mit scharfen Glasscherben oder Muscheln
-abrasirt. Während die Männer sich nach und nach den ganzen
-Unterkörper tätowiren, haben die Frauen nur einzelne Punkte auf
-der Brust, und ich muß sagen, erstere müssen bei dem schmerzhaften
-Verfahren recht starke, wenig empfindliche Nerven besitzen, denn eine
-Anzahl dicht aneinandergereihter Nadeln, die bis auf eine gewisse
-Länge in die Haut eindringen, werden, befestigt an einem Holzstück,
-mit leichten Schlägen eines kleinen Holzhammers eingetrieben und
-auf diese Weise die einfache Zeichnung ausgeführt.
-</p>
-
-<p>
-Das Kopfhaar der Samoaner ist stark und schwarz; findet
-man bei den Männern rothes, so ist dies künstlich erzeugt und
-beweist einen gewissen Grad von Eitelkeit. Schlanke Jünglinge,
-selbst Männer, erscheinen häufig am frühen Morgen mit einer
-eigenartig weißen Perücke geschmückt, bis über die Schläfe hinaus
-ist der ganze Kopf in eine starre, weiße Kalkmasse eingehüllt, was
-den Trägern solcher Kopfbedeckung ein eigenthümliches Aussehen
-giebt. Dabei sind sie auch noch darauf bedacht, ihre Frisur vor
-Verletzungen und Unordnung zu schützen.
-</p>
-
-<p>
-Die Folge ist, daß unter beständiger Einwirkung von Kalk,
-der hier leicht aus gebrannten Korallensteinen zu gewinnen ist, das
-Haar allmählich bleicht und schließlich roth wird, neuer Nachwuchs
-muß natürlich immer auf gleiche Weise behandelt werden und die
-Eitelkeit legt dadurch dem sonst trägen und zur Arbeit wenig geneigten
-Samoaner doch gewisse Beschränkungen auf. Uebrigens ist
-ein Unterschied in der Sprache wie in der Bekleidung vorhanden.
-Während nämlich die Taimua, d. h. die Vornehmen, sich einer
-besonderen Sprache bedienen, im Gegensatz zu der der Faipule,
-d. h. des gemeinen Volkes, so ist es nur den Häuptlingen und den
-Mitgliedern einer Königsfamilie gestattet, weiße Lava-Lava, d. h.
-Lendenschurze zu tragen.
-</p>
-
-<p>
-Als um das Jahr 1830 die ersten Europäer sich hier festgesetzt
-und allmählich der Handel an Ausdehnung gewann, war die
-Ausfuhr nach Europa vornehmlich Kokosnußöl, welches die Eingebornen
-in größerer Menge bereiteten, davon ist man aber längst
-abgekommen und führt die viel billigere Kopra unter Ausnutzung
-ihrer reichhaltigen Stoffe, die bei der ursprünglichen Oelgewinnung
-vergeudet wurden, lieber in Mengen aus.
-</p>
-
-<p>
-Die Oelbereitung geschah, wie früher so auch heute noch,
-auf folgende Weise: die reife Kokosnuß wird aufgespalten und von
-der äußeren fasrigen Hülle befreit, so daß der ölhaltige Kern nur
-noch von der harten festen Schale umgeben bleibt, der Kern wird
-dann durch Hin- und Herscheuern auf einem wie eine Säge ausgezackten
-Stück Bandeisen oder hartem, schmalen Holz klein gerieben
-<span class="pagenum"><a id="Page_16" name="Page_16" href="#Page_16">[16]</a></span>
-und die gewonnene Maße dann in eine Mulde oder alten
-Kanoe geschüttet. Dann wird sie mit Seewasser übergossen und
-dem Gährungsprozesse überlassen. Das Oel sammelt sich überm
-Wasser und kann leicht abgeschöpft werden. Es ist sehr säurehaltig,
-wird deshalb leicht ranzig und eignet sich schlecht zum Gebrauch,
-der widrige Geruch hat auch etwas unangenehm Belästigendes
-an sich.
-</p>
-
-<p>
-Um zu dem schon erwähnten Palisami oder zu einer Reisspeise,
-selbst Hühnersuppe, die benöthigte weiße Milch zu erhalten,
-braucht die kleingeriebene Kernmasse nur in einem Stückchen Zeug
-oder in Ermangelung dessen in einer weichen, feingewobenen Matte
-ausgedrückt zu werden, der weiße, wohlschmeckende Saft fließt durch
-das Gewebe ab, der Rest dient den Hühnern und Schweinen als
-Nahrung, die sehr gierig nach solchem Futter sind; namentlich muß
-vor letzteren die auf Matten ausgelegte Kopra geschützt werden,
-denn mit besonderer Vorliebe eignen sich diese Thiere den
-wohlschmeckenden,
-ihnen so mundgerecht gelegten Vorrath an.
-</p>
-
-<p>
-Die Kokospalme ist überhaupt der von der gütigen Natur
-für viele Volksstämme gespendete Universal-Baum; diese erhabene,
-majestätische Bauart, die vielfältig dem Menschen Nahrung, Kleidung
-und Obdach giebt, hat auch den zivilisirten Europäer nach Gegenden
-gezogen, die ein einsam freudloses Dasein bieten, wo er oft
-mit wilden, selbst kannibalischen Stämmen, schwere Kämpfe bestehen
-mußte, ehe ein Tauschhandel um die werthvolle Kokosnuß eingeleitet
-werden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Die Kokospalme wächst überall in den Tropen, auf Korallen,
-wo sonst kein Gras noch Strauch zu sehen ist, senkt sie ihre Wurzeln
-tief ins Gestein und saugt das für sie nöthige Wasser auf, auch
-auf Hügeln und Bergen, wo der Boden gut ist und genügend
-Feuchtigkeit halten kann, findet man sie bis zu 500 Fuß überm
-Meeresspiegel. Auf verwittertem Lavagrunde gedeiht der Baum
-am besten; ist genügend Raum zur Ausdehnung vorhanden, so
-erreicht der astlose, schlanke Stamm oft eine Höhe von 90 Fuß,
-über dem sich die mächtige frucht- und blätterreiche Krone stolz in
-den Lüften wiegt.
-</p>
-
-<p>
-Auf den Plantagen geht man in einem Tempel, der scheinbar
-endlos sein grünes Dach über viel Tausend Säulen wölbt; man
-ist wie in einem hehren, mächtigen Dome, unter dessen Wölbung
-ein reiner, stiller Friede waltet, ein Etwas, das jedem die Majestät
-der schaffenden Natur vor Augen führt.
-</p>
-
-<p>
-Die Blätter der Palme, bis zu 30 Fuß Länge reichend,
-dienen, ineinander geflochten und schichtweise aufeinander gelegt,
-dem Eingebornen zur Bedachung seiner Hütten, die meistens rund
-oder oval nur aus einer Anzahl in den Boden gesetzter Palmenstämme
-bestehen, in der Mitte ist ein höherer Stamm, der das
-schräge Dach zu unterstützen hat.
-Die Wandbekleidung sind aufrollbare Matten,
-<span class="pagenum"><a id="Page_17" name="Page_17" href="#Page_17">[17]</a></span>
-die Nachts, wenn der mattenbelegte Raum als
-Schlafstätte benutzt wird, niedergelassen werden, höchstens giebt es
-ein abgetrenntes Heiligthum in jeder Hütte, das Schätze birgt und
-profanen Blicken nicht zugänglich ist, sonst ist bei Tage das Innere
-einer Hütte meist immer sichtbar.
-</p>
-
-<p>
-Große Geschicklichkeit zeigen die Samoaner im Flechten der
-Matten, ihrer praktischen Fächer u. s. w. Auch hierfür giebt ihnen
-die Palme wieder das Material. Die feinen Blätter werden aufgerollt,
-eine zeitlang gut gewässert, und dann mit einem flachen
-Stein oder Holz geklopft. Dann verliert sich die Sprödigkeit und
-jedes Blatt, selbst zu feinen Streifchen leicht auftrennbar, giebt einen
-weichen, handlichen Stoff. Körbe zum Heimschleppen etwaiger
-Feldfrüchte oder Nüsse verfertigt sich der Samoaner erst an Ort
-und Stelle, ein Theil des gewaltigen Palmenblattes genügt dazu,
-und zwar reißt er die starke Mittelrippe des Blattes so auf, daß
-er zwei Theile erhält, flicht die schmalen Blättchen in einander, so
-daß beide Theile nun ein Ganzes bilden, biegt die geschmeidigen
-Rippen, befestigt sie und in wenig Minuten ist ein starker, fester
-Korb hergestellt.
-</p>
-
-<p>
-Die zähen, biegsamen Rippen der schmalen, langen Blattstreifen
-werden auch nicht verworfen, sondern dienen, in Bündel
-gebunden, als Besen. In Ermangelung besserer habe ich mir
-häufig solche zum Schiffsgebrauch anfertigen lassen, die sich auch
-gut bewährten.
-</p>
-
-<p>
-Die Blüthe der Palme tritt unterhalb der Blätterkrone in
-länglicher blattähnlicher Form am Stamme hervor, in ihr sammelt
-sich der süße Saft und zwar in solchen Massen, daß, wenn die
-Blüthe angeschnitten wird und man die Wunde nicht vernarben
-läßt, weit über die Dauer der Wachszeit hinaus der Saft fortwährend
-läuft. Solch ein Baum, dessen Blüthen zur Gewinnung
-dieses Saftes einmal angeschnitten sind, bringt in Folge davon
-keine Früchte, giebt aber den wohlschmeckenden, süßen Stoff „Toddy“,
-den jeder gerne trinkt; frisch ist er ein angenehm kühles Getränk,
-in Gährung übergegangen, was bald geschieht, wirkt er aber stark
-berauschend.
-</p>
-
-<p>
-Der Palmenbaum wird durch die Entziehung des Saftes
-natürlich geschädigt, und wenn mit Nachlässigkeit verfahren wird,
-kann man sagen verblutet sich derselbe und stirbt langsam ab.
-Meistens werden immer dieselben Bäume zur Gewinnung des
-Toddy verwendet, da der Eingeborne den Werth der Palme ebenso
-wie der Europäer wohl zu schätzen weiß, auch ist das Toddystehlen,
-wozu der Samoaner große Neigung hat, arg verpönt und wird
-ein Europäer dadurch geschädigt, steht auf Toddy-Raub eine
-empfindliche Strafe.
-</p>
-
-<p>
-Die junge Kokospalme bedarf eines fünfjährigen Wachsthums,
-ehe sie Früchte bringt, und auch dann muß der Boden gut sein;
-<span class="pagenum"><a id="Page_18" name="Page_18" href="#Page_18">[18]</a></span>
-auf Korallengrund gepflanzt, entwickelt sie sich langsamer und braucht
-etwa sieben Jahre. Von dieser Zeit aber an trägt sie auch immerwährend
-Nüsse, obwohl man eigentlich bei den zwei Mal im Jahr
-eintretenden Haupternten den Ertrag des einzelnen Baumes auf
-durchschnittlich 100 Nüsse rechnen kann. Drei Nüsse werden gemeinhin
-auf ein Pfund Kopra gerechnet.
-</p>
-
-<p>
-Reife, abgefallene Nüsse treiben, wenn sie längere Zeit unbeachtet
-bleiben, leicht Keime. Häufig sah ich Haufen Nüsse, die
-mit jungen Schößlingen bedeckt waren, auf freier Erde liegen, es
-bedurfte nur einer Auspflanzung und der Entwicklung der anspruchslosen
-Pflanze stand nichts im Wege. Regel ist, daß jeder
-Baum 30 Fuß Spielraum erhält, aufeinandergedrängt entwickeln
-die Palmen sich schwerer, wenigstens ist der Ertrag kein guter.
-Jung und grün gepflückt ist die äußere Schale der Nuß noch
-verhältnißmäßig
-weich und inwendig ganz mit farbloser, wohlschmeckender
-Milch gefüllt.
-</p>
-
-<p>
-Diese, wohlschmeckend, kühl und angenehm, stillt zwar den
-Durst, doch darf man nicht zu viel und zu häufig davon trinken,
-da sich dann leicht Unterleibsbeschwerden einstellen. Das innere,
-zarte Fleisch der Nuß, der in der Bildung begriffene Kern, ist für
-Mensch und Thier nicht minder angenehm.
-</p>
-
-<p>
-Zur Zeit der Fruchtbildung, wenn die Faserhülle noch weich
-und dünn ist, machen sich mit Vorliebe die Ratten daran, die die
-Bäume, namentlich die etwas geneigten, selbst die höchsten, erklimmen
-und die Nüsse anschneiden und der angerichtete Schaden
-ist ganz beträchtlich. Gegen diese Nagethiere vermag der Pflanzer
-die Früchte nur dadurch einigermassen zu schützen, daß er seine
-Bäume mit Blechstreifen, über welche die Ratten schlecht hinwegkommen,
-benagelt, auch gefallene Nüsse möglichst schnell aufsammelt,
-da die scharfen Zähne der Ratten selbst die zähe Faserhülle und
-die äußerst harte Schale der Nuß durchzufressen vermögen. Ein
-Laie, der in den Besitz einer beinahe reifen Nuß gelangt ist, wird
-schwerlich solche leicht öffnen können, da das Durchschneiden der
-zähen Faserhülle selbst mit einem scharfen Messer kaum möglich ist.
-</p>
-
-<p>
-Der Eingeborne bedient sich dazu eines 2-3 Fuß langen
-Stockes, den er an beiden Enden zugespitzt hat; dann stößt er das
-eine Ende in die Erde, faßt die Nuß mit beiden Händen und
-schlägt damit gegen die Spitze des Stockes, sodaß dieser tief in
-die äußere Hülle eindringt. Alsdann bricht er, mit der linken
-Hand den Stock festhaltend, mit der anderen die Schale auf indem
-er die Nuß kräftig zur Seite biegt; wenige Schläge genügen, und
-die Nuß ist von der zähen Hülle befreit. Um nun auch die harte
-innere Schale zu öffnen, schlägt man mit einem Stein oder Messer
-oder einer anderen Nuß dagegen, dann springt an der getroffenen
-Stelle die spröde Schale leicht auf, Kern und Milch wird frei.
-</p>
-
-<p>
-Soll die fasrige Hülle zu Matten oder Tauwerk verwendet
-<span class="pagenum"><a id="Page_19" name="Page_19" href="#Page_19">[19]</a></span>
-werden, so wird solche für längere Zeit in einen Frischwassertümpel
-gelegt; die Fasern lösen sich dann auf und lassen sich, gereinigt,
-leicht auseinander ziehen. Gewöhnlich spinnen die Eingeborenen
-daraus den Cajar, einen zweidrilligen Faden, aber auch starkes,
-zähes Tauwerk, jener dient ihnen namentlich dazu, ihre Hütten zu
-befestigen, die mit Cajar gebunden, selbst vom wirbelnden Orkan
-nicht leicht niedergefegt werden können. Zuletzt sei noch die harte
-Kernschale erwähnt, diese, an und für sich nicht weiter verwendbar,
-wird zur Feuerung benutzt. Sie entwickelt, da sie leicht brennbar
-ist, eine ganz beträchtliche Hitze.
-</p>
-
-<p>
-Lehrreich ist es, zu beobachten, wie gewandt der Samoaner
-selbst die höchsten Palmen zu erklimmen vermag und die hochhängenden
-Früchte dieses Baumes zu erlangen versteht. Ein
-Hinaufklettern ist es freilich eigentlich nicht,
-eher ein Vorwärtsschieben
-des Körpers mit Händen und Füßen. Dabei weiß der
-Eingeborne sich auf eine einfache Weise zu helfen. Der Stamm
-der Palme, obgleich ziemlich glatt, hat doch eine beträchtliche Zahl
-leicht vorstehender Ringe, die ehemaligen Blätteransätze, diese geben
-dem Kletternden dann einen gewünschten Halt, wenn er sich mit
-dem erwähnten Cajar die Knöchel der Füße so verbindet, daß
-vielleicht sechs Zoll Abstand bleibt. Wird die Fußsohle gegen den
-Stamm gedrückt, so findet dieses kurze Tau an den vorspringenden
-Ringen Halt; mit den Händen immer höher greifend, schiebt sich
-der Körper bis zur schwankenden Höhe hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Der hohe Werth der Kokospalme, den auch der Europäer
-sehr zu schätzen weiß, läßt sich aus dem Gesagten entnehmen; kein
-größerer Schade kann daher dem Eingebornen zugefügt werden,
-als wenn man seine Palmen vernichtet, was leider die Samoaner
-unter sich bei ihren häufigen Parteikämpfen nicht unterlassen. Der
-siegende Theil schlägt, wenn er Zeit findet, die Anpflanzungen der
-Besiegten nieder und fügt dadurch dem Unterliegenden einen unersetzlichen
-Verlust zu.
-</p>
-
-<p>
-Auffallend schnell hat der Samoaner sich dem Christenthume
-zugeneigt, da er sehr empfänglich für das Neue und mit schnellem
-Auffassungsvermögen ausgestattet ist. Das evangelische und
-katholische Bekenntniß zählt zahlreiche Anhänger, man kann sagen,
-dem Namen nach sind die meisten Bewohner der Samoagruppe
-Christen.
-</p>
-
-<p>
-Um so leichter hat der Eingeborne die göttliche Lehre angenommen,
-als er in ein Labyrinth von Göttern und Götzen
-gerathen war, aus dem ihm selbst seine reiche Phantasie durch
-Umstürzen alter und Aufstellung neuer Götter schwer einen Ausweg
-schuf. Im Allgemeinen war die Anschauung der Allbeseelung der
-Naturwelt und der Menschen in ihm lebendig.
-</p>
-
-<p>
-Etwas eigenartig liegen die politischen Verhältnisse auf Samoa.
-Das tapfere Volk, in Stämme und Parteien getheilt, schwingt trotz
-<span class="pagenum"><a id="Page_20" name="Page_20" href="#Page_20">[20]</a></span>
-seiner monarchischen Staatsverfassung immer aufs Neue die Fackel
-des Bruderkrieges, schnell ist es zum Kampf bereit, schnell auch
-wieder zur Versöhnung, die es durch großartige Feste feiert. Den
-Frieden aber, der eigentlich nur ein Waffenstillstand ist, können
-geringfügige Vorfälle leicht wieder stören.
-</p>
-
-<p>
-Die Kriege sind, als noch Lanzen, Keulen und Schlachtbeile
-mehr im Gebrauch waren, wohl nie sehr blutig gewesen, da Mann
-gegen Mann gefochten wurde und schon bei einem geringen Verluste
-die schwächere Partei das Feld räumte, die erbeuteten Köpfe
-der gefallenen Krieger nahm der Sieger als Trophäe mit und legte
-sie seinem Oberhäuptling oder dem Könige zu Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Von dieser scheußlichen Gewohnheit, den Todten und Verwundeten
-die Köpfe abzuschneiden, lassen die Samoaner auch heute
-noch nicht, zum mindesten wird, wenn keine Zeit vorhanden ist,
-die Schändung vorzunehmen, schnell ein Ohr abgeschnitten, dann
-hat nämlich der Kopf für einen anderen keinen Werth mehr.
-Missionare und strenge Gesetze sind machtlos dagegen; von der
-Gewohnheit ihrer Vorfahren, solche Trophäen heimzubringen, wollen
-sie durchaus nicht lassen.
-</p>
-
-<p>
-Besser wurde die Lage auf Samoa auch nicht nach der Ansiedelung
-der Europäer, und haben die Deutschen als die ersten
-auch großen Einfluß gewonnen, so hat doch die Nebenbuhlerschaft
-der Engländer und Amerikaner das Parteiwesen nur verschlimmert.
-Die Einfuhr von Waffen, namentlich des Winchester Gewehrs,
-haben den begabten Samoaner, der Landbesitz und große Mengen
-Kopra für die Erlangung solcher Waffe hergab, zu einem nicht zu
-verachtenden Gegner gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Ja der Haß der Fremden gegen die Deutschen, welche den
-werthvollsten Theil der Insel Upolu in ihren Besitz gebracht hatten,
-ging so weit, daß sie trotz ihrer geringen Anzahl offen Partei
-gegen unsere Landsleute nahmen und die Samoaner gegen ihre
-einstigen Freunde aufstachelten, wodurch deutsches Eigenthum schwere
-Schädigung erlitt.
-</p>
-
-<p>
-Es ist genugsam bekannt, wie thatkräftig die Regierungen
-eingreifen mußten, um die blutigen Fehden einzuschränken, die
-blinder Haß und Neid entfacht hatte. Da der deutsche Reichstag
-im Jahre 1878 den Plan des eisernen Kanzlers, die Samoa-Inseln
-an Deutschland zu bringen, zunichte machte, als diese noch
-herrenlos und durch politische Wirren geschwächt waren, hat uns
-später viel Blut und Leben gekostet; damals war es eine geringe
-Summe, um welche es sich handelte, hätte man sie bewilligt, die
-Perle des Großen Ozeans wäre deutsch gewesen!
-</p>
-
-<p>
-Unsere aufblühenden Kolonien, die kaum ein Jahrzehnt in
-deutschem Besitz sind, haben gezeigt, daß der Deutsche auch in seinem
-eigenen außereuropäischen Besitzthum der rechte Mann der That
-sein kann, also nicht bloß versteht, anderen Nationen die leicht
-<span class="pagenum"><a id="Page_21" name="Page_21" href="#Page_21">[21]</a></span>
-erworbenen Länder zu bebauen und zur Größe und zum Wohlstand
-zu verhelfen. Wahrlich genug deutsche Kraft und Einsicht
-ist anderen Völkern zu gut gekommen, so daß es fürwahr an der
-Zeit war, dem erstarkten deutschen Volksbewußtsein weitere Kreise
-zu ziehen, wie es der Begründer des neuen Reiches als ernste
-Nothwendigkeit erkannte; hemmen läßt sich der gewaltige Trieb einer
-aufflammenden Volkskraft wohl, aber niederhalten, in andere
-Bahnen lenken, niemals! Wie später die deutschen Pioniere in
-Afrika alles daransetzten, für ihr deutsches Vaterland das zu
-schützen, was das Schwert erkämpft hatte, so würde damals ein
-gut bebautes, reiches Land schnell unter den Fittichen des deutschen
-Aars den Frieden und das Volk die Ruhe nach langem Hader
-und blutigen Kämpfen gefunden haben.
-</p>
-
-<p>
-Dagegen wurde den drei betheiligten Mächten Deutschland,
-England, Amerika die Oberhoheit zugesprochen, dem kleinen Volke
-aber die Selbständigkeit gelassen. Ohne Zweifel ging das Bestreben
-dahin, auf diese Weise dem Volke den Frieden zu geben
-aber die Eifersucht der Fremden vereitelte die gute Absicht. Vor
-allem gönnten die Engländer und Amerikaner, so geringen Antheil
-sie auch an Samoa hatten, den Deutschen nicht die Früchte ihrer
-Mühen, und was im hohen Rathe der Mächte eine Möglichkeit
-schien, Land und Volk den Frieden zu geben, vereitelte auf Samoa
-selbst die Eifersucht der Ansiedler. Willkommen war jeder Anlaß,
-dem vorherrschenden deutschen Einflusse den Boden zu entziehen
-und dessen Ansehen zu schädigen.
-</p>
-
-<p>
-Fürsten und Volk der Samoaner lauschten den Einflüsterungen
-übelgesinnter Eingewanderter, welche den Zwiespalt der Parteien
-schlau benutzten und die Fackel des Aufruhrs und der Widersetzlichkeit
-entflammten. Daß die Deutschen endlich dieses Treibens
-müde wurden und 1885 auf Mulinuu, dem Gebiete des übel
-berathenen und feindlich gesinnten Königs Maliatoa, die deutsche
-Reichsflagge hißten, war ein Akt zwingender Nothwendigkeit.
-Standen auch 2000 Krieger um Apia bereit, die Flagge niederzureißen
-und die erklärte Schutzherrschaft aufzuheben, so wurden
-diese doch durch die Geschütze der deutschen Kriegsschiffe und die
-beträchtliche Zahl der bewaffneten Deutschen von einem Angriffe
-zurückgehalten.
-</p>
-
-<p>
-Wie jubelten wir alle der stolzen Flagge zu! Ein großer
-Festtag war es, als, geschützt durch Wall und Graben, durch die
-Waffen der deutschen Matrosen das Reichspanier sich hoch am
-schlanken Maste entfaltete. Jener 6. Januar 1885 schien endlich
-das Sehnen der Deutschen auf Samoa erfüllt zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Es kam wirklich nach Hissung der Flagge ein kurzer Zeitabschnitt,
-wo Ruhe und Friede auf der Insel Upolu einzukehren
-schien; das thatkräftige Einschreiten der deutschen Beamten, der
-einheitliche Wille, der den Verhältnissen voll gewachsen war, sowie
-<span class="pagenum"><a id="Page_22" name="Page_22" href="#Page_22">[22]</a></span>
-die entfaltete Macht, die den Eingebornen Achtung einflößte, schien
-bessere Verhältnisse herbeizuführen. Aber anders war es im Völkerrathe
-beschlossen. Kurz war die Freude aller Deutschen, kurz der
-Traum von Ruhe und Frieden. Muthlosigkeit, bittere Enttäuschung
-erfüllte alle, aussichtslos war der weitere Kampf, die Freudigkeit
-am Ringen um den Preis so hohen Gutes war dahin, als die
-deutsche Flagge niederging.
-</p>
-
-<p>
-Der Versuch, den deutschen Einfluß, der einst die ganze
-Inselwelt der Südsee beherrschte, zu brechen, war gelungen, wohl
-niemals wieder werden wir uns denselben in der ganzen Größe
-und dem ganzen Umfange wie einst erringen können. Die feste
-Hand, der starke Wille, dem Fürst und Volk Samoas allein sich
-unterordnen, fehlt hinfort und fehlt bis heute. Welche Kämpfe
-gefolgt sind &mdash; keinem System, als dem der unbeschränkten Macht
-wird der Samoaner sich beugen &mdash; hat die Folgezeit gezeigt.
-</p>
-
-<p>
-Um der Todten, um des deutschen Blutes willen, das den
-Boden Samoas getränkt, möge noch einmal die Zeit kommen, in
-welcher kräftig und dauernd der deutsche Aar sein Kleinod festhält
-und es niemals wieder fahren läßt.
-</p>
-
-<hr class="chapend" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-II. Reisen durch die Samoa- und
-Tonga-Inseln.
-</h2>
-</div>
-
-<p>
-Das im vorigen Kapitel Gesagte ist das Ergebniß solcher
-Beobachtungen, die zu machen ein Aufenthalt am Lande, oder im
-Hafen von Apia mir ermöglichte. Viele weitere Einzelheiten, deren
-Kenntniß der Verkehr mit den Samoanern und langansässigen
-Europäern mit sich bringt, verdienten zwar noch der Erwähnung,
-indes, da ich in großen Zügen nur meine Erlebnisse in der Südsee
-schildern will, muß Unwesentlicheres zurücktreten; darum sehe ich
-auch von der Beschreibung einzelner Fahrten und Reisen durch
-dieses weite Gebiet ab.
-</p>
-
-<p>
-Alle mit mir zugleich auf demselben Segelschiffe angekommenen
-Passagiere, die, wie ich, sich auf 3 Jahre der Plantagen-Gesellschaft
-verpflichtet hatten, wurden bald nach unser Ankunft ans
-Land beordert und nahmen die ihnen zugewiesene Beschäftigung
-auf. Meine Bestimmung dagegen lautete, sogleich an Bord des
-Schooners „Hapai“ zu gehen und dort vorläufig den Dienst des
-ersten Steuermanns zu versehen.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Tage später schon lichteten wir Anker und segelten
-nach Matautu, dem Haupthafen der Insel Savai, von dort sollten
-wir schnell das daselbst lagernde Kopra, wie solches auf den verschiedensten
-Inseln von den Händlern der Gesellschaft aufgekauft
-wird, abholen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_23" name="Page_23" href="#Page_23">[23]</a></span>
-Auf Savai, das nur durch die Straße von Apolima von
-Upolu getrennt ist, erhebt sich die dunkle Bergmasse, gleich der auf
-Upolu, hoch und mächtig; ja, aus der Ferne gesehen, scheint ein
-gewaltiger Höhenrücken die ganze Insel auszumachen. 4000 Fuß
-hoch, die höchsten Krater auf Upolu, den Tofua, Maugalaila,
-Taitoelau und Sigaele um 1000 Fuß überragend, erhebt sich diese
-Kraterregion gleich einer Scheidewand, die zwar von reichem
-Pflanzenwuchse bedeckt, aber wenig bevölkert ist; nur einzelne Pfade
-führen durch Urwälder und tropische Wildniß über die von Lava
-starrenden wildzerklüfteten Berge. Jungfräulicher Boden, der zu
-den schönsten Hoffnungen berechtigt und für Kaffee, Vanille, Baumwolle
-geeignet ist, liegt brach und unbenutzt, denn es herrscht vollständiger
-Mangel an gut geschützten Häfen.
-</p>
-
-<p>
-Weniger als auf Upolu bildet das die Insel umgebende
-Korallenriff gesicherte Einfahrten, auch die größte vor Matautu
-wird durch schwer anrollende See gefährdet. Wohl vertraut mit
-der nicht so leicht aufzufindenden Durchfahrt im Riffe, führte mit
-günstigem Winde der Führer der „Hapai“ sein Schiff längs der
-schwer aufrollenden Grundsee am langgestreckten Riffe hin; die
-wild schäumende Brandung brach sich donnernd auf diesem, und
-die mächtigen Wogen schienen das Schiff dem Verderben zutragen
-zu wollen. Ich selber hielt es für sehr gewagt, so nahe dem gefährlichen
-Riffe zu laufen, jedoch als wir die Einfahrt nach
-Matautu gewonnen hatten, ließen wir bald die wilde Brandung
-hinter uns.
-</p>
-
-<p>
-Weit von Land ankernd, ist es Regel hier, da der Ankerplatz
-nur ein tiefer liegendes Riff ist, auf welchem sich einrollende See
-brechen kann, weit vom Lande zu ankern und muß man in der
-unbeständigen Jahreszeit immer bereit zum Auslaufen sein, sobald
-westlicher oder nordwestlicher Wind aufspringt, denn gefährlich
-würde jedem Schiffe die direkt einlaufende See werden.
-</p>
-
-<p>
-In Hast und Eile ging denn auch das Einschiffen der Ladung
-vor sich, da Wind und Wetter wenig Beständigkeit versprach; wohl
-70 Savaileute brachten mit großen Brandungsbooten die oft von
-der am Strande laufenden See durchnäßte Ladung an Bord.
-Längsseit des Schiffes schöpften die Boote oft noch Wasser, so
-unruhig war selbst im Hafen noch die See; wildes Halloh erhoben
-die Kerle, die höchstens mit einem Grasschurze bekleidet waren,
-wenn sie der Länge nach niederstürzten und es auch deshalb vorzogen,
-auf das vor seinen Ankern schwer rollende Schiff zu springen.
-So kostete es mich viel Mühe, die braunen, zügellosen Kerle, deren
-Sprache ich noch nicht verstand, zur Arbeit anzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-Obgleich die Bewohner Savai's gleicher Abstammung wie
-die Upolu-Leute sind, so herrscht doch zwischen der Bevölkerung beider
-Inseln fast immer Hader und Streit. Die Savai-Leute, vielleicht
-kühner im Angriffe, bemannen oft genug ihre großen Kriegskanoes
-<span class="pagenum"><a id="Page_24" name="Page_24" href="#Page_24">[24]</a></span>
-und versuchen einen Ueberfall auf Upolu, um sich gelegentlich für
-die Schimpfworte, „Schweine von Savai“, bitter zu rächen.
-</p>
-
-<p>
-Schnell nach Apia zurückgekehrt, erhielt das Schiff Weisung,
-schon am 24. November wieder in See zu gehen und zwar nach
-der einsamen Insel Niue, von wo ebenfalls Kopra und ein größerer
-Segelkutter, der in der schlechten Jahreszeit für den dortigen
-Händler nicht recht verwendbar und an der steilen Küste gefährdet
-war, abgeholt werden sollte. Aufkreuzend gegen wieder vorherrschenden
-Südost-Wind erreichten wir die Insel erst nach zehn
-Tagen. Als wir in deren Nähe kamen, waren die ersten Häuser,
-die wir sahen, das Missionshaus und die Kirche, die zurückliegenden
-Hütten der Eingebornen ließen sich, weil sie durch Busch und
-Palmen verdeckt waren, nicht unterscheiden. In einer kleinen Einbuchtung,
-wo ein Spalt in der steilen Uferwand allenfalls das
-Landen gestattete, 100 Fuß von Land dicht vor der Brandung
-&mdash; ein Schwingen des Schiffes vor seinen Ankern war nicht
-möglich &mdash; ankerten wir am steilen Korallenriff.
-</p>
-
-<p>
-Von der auffallenden Erscheinung, daß durch vulkanische
-Kräfte ganze Inseln gehoben werden, giebt die Insel Niue einen
-Beweis, mir war sie um so bemerkenswerther, als es die erste
-war, an welcher ich die unterseeische Korallenformation erkennen
-konnte. Wohl 30 Fuß hoch zeigen die Uferwände der Insel die
-gewaltige Arbeit der Korallenpolypen, die von neuem, seit der
-vielleicht viele Jahrhunderte schon zurückliegenden Hebung dieser
-Insel, am steilabfallenden Meeresgrunde weitergebaut und an
-vielen Stellen wieder ein zusammenhängendes Riff aufgeführt haben.
-Später, als ich selbst mit eigenen Augen die ungeheure vulkanische
-Kraft, die zeitweise auf diesem ausgedehnten Kratergebiet in
-Erscheinung tritt, gesehen, war es mir klar, daß die schlummernde
-Naturkraft nicht bloß die Erdrinde und das Meer zu erschüttern
-vermag, sondern spielend Inseln hebt.
-</p>
-
-<p>
-Die wenigen Tage, die wir vor Niue zu Anker lagen, war
-eine Zeit ängstlichen Hastens, weil wir so schnell als möglich mit
-der aus Kopra, Fungos, einer Pilzart, und der aus Arrowroot-Wurzeln
-bestehenden Ladung fertig werden mußten, denn mit Gefahr
-für Boot und Ladung war eine jedesmalige Landung verbunden,
-da fast in der Brandung jedes Boot beladen werden
-mußte. Für das Schiff war Gefahr insofern vorhanden, als dieses
-durch auflandigen Wind trotz der Anker leicht aufs Riff getrieben
-werden konnte, wir also immer bereit sein mußten, bei einem
-Wechsel des Windes, wenn nöthig, schnell die Anker zu schlippen
-und die offene See zu gewinnen. Drohende Anzeichen für schlechtes
-Wetter gingen aber glücklicher Weise vorüber; übrigens war dieses
-die letzte glücklich vollbrachte Reise des Schiffes überhaupt, wenige
-Monate später schon lag es zerschellt auf einem Riffe der Neu-Hebriden.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_25" name="Page_25" href="#Page_25">[25]</a></span>
-Die Bewohner dieser Insel Niue, ein kräftiger, stattlich gebauter
-Menschenschlag, der zwar der Samoa- und Tonga-Rasse
-an Gestalt und hohem Wuchs nicht gleichkommt, jedoch mehr
-Temperament als diese zeigt, auch Schlaffheit und Unlust zur
-Arbeit bemerkt man weniger an ihnen. Als tüchtige Seefahrer,
-welchem Gewerbe sie mit Vorliebe zugethan sind, werden sie in
-Apia, wo mit der Zeit eine Ansiedelung derselben stattgefunden,
-gerne als Matrosen angenommen, wenigstens dem Samoaner bei
-weitem vorgezogen.
-</p>
-
-<p>
-Savages-Eiland, Insel der Wilden, ist die Insel Niue, ihre
-Heimath, benannt worden, und soweit meine persönlichen Erfahrungen
-reichen, verdienen sie beinahe diesen Namen, als ich bei einem
-Streite mit ihnen beinahe das Leben hätte lassen müssen und nur
-ein Zufall mich aus den Händen dieser leicht erregbaren Menschen
-befreite.
-</p>
-
-<p>
-Da sie von hellerer Farbe als die Samoaner, stammen sie
-vermuthlich von einer weit östlich liegenden Inselbevölkerung ab.
-Die ersten Ansiedler, wahrscheinlich vor langer Zeit von ihrem
-Heimathlande verschlagen, fanden das rettende Eiland und bevölkerten
-es allmählich. Der Trieb, die unbekannte Welt kennen
-zu lernen, die im Schoße des mächtigen Ozeans für die fernen
-Inselbewohner verborgen lag, läßt sie noch heute oftmals das
-Wagniß unternehmen, sich mit ihren leichten Kanoes auf die unendliche
-See hinauszuwagen. Die Gewalt des Windes und der
-Strömungen unterschätzten sie und haben sie einmal Land aus
-Sicht verloren, sind sie den Elementen hülflos preisgegeben, so zahlten
-sie ihre Kühnheit mit einem qualvollen Sterben, wenn nicht ein
-gütiges Geschick nach schrecklichen Leiden sie Land finden läßt.
-</p>
-
-<p>
-Die Rettung von 16 solcher vertriebenen Menschenkinder, die
-ich in den Karolinen-Inseln auffand und Hülfe brachte, werde ich
-später eingehender erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Mit Vorliebe tragen die Niue-Leute reichen Goldschmuck und
-zwar als Ohrgehänge; massive Goldstücke hämmern sie aus und
-befestigen solche geschickt an den Ohrlappen; das verdiente Goldgeld
-wird häufig dazu verwandt.
-</p>
-
-<p>
-Der ganze Südseehandel beschränkt sich in der Hauptsache
-auf Tabak, Seife und Zeug, namentlich für Volksstämme, die erst
-wenig mit dem weißen Manne in Berührung gekommen sind. So
-boten auch hier für ein Geringes die Eingebornen Speere, Muscheln
-und Nüsse feil, vor allem war Tabak der begehrteste Artikel. Im
-Gegensatze zu den Booten der Samoaner, die solche sich von ganz
-beträchtlicher Ausdehnung erbauen, sind die Kanoes dieser Niue-Leute
-nur klein und behende, aber nett mit Muscheln und anderem
-Zierrath ausgeschmückt, der vornehmlich rings um die Bordwand
-befestigt ist; auch sind diese Fahrzeuge vorne und hinten überdeckt,
-<span class="pagenum"><a id="Page_26" name="Page_26" href="#Page_26">[26]</a></span>
-um das Einschlagen der See, wenn sie, zum Fischen ausziehend,
-die Brandung passiren müssen, zu verhindern.
-</p>
-
-<p>
-Sehr fischreich sind namentlich die Gestade aller Inseln, und
-wie ich gelegentlich anführen werde, wissen ihre Bewohner sich mit
-besonderem Geschick der wohlschmeckenden, fliegenden Fische zu
-bemächtigen. Auf freier See aber herrscht sehr zahlreich der gefürchtete
-und gefährliche Hai, ein Zeichen, daß derselbe auch im
-tiefen Wasser reichlich Nahrung findet, und solche sich nicht nur in
-Buchten oder in der Nähe des Landes zu suchen braucht.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Rückreise, die durch Windstillen verzögert ward,
-fanden wir immer den Hai als treuen Begleiter, und war die
-See ruhig, die Fahrt des Schiffes gering, so kamen langsam die
-Haie durch die klare Fluth heran, das Schiff nach Beute umkreisend.
-Wenn wir einen dieser gefährlichen Gesellen fangen
-wollten, so wurde die Lockspeise, ein Stück Fleisch, an starker Leine
-ins Meer geführt, und war der Hai hungrig, besann er sich nicht
-lange, sondern faßte, sich auf den Rücken legend, gierig zu. War
-Fleisch und Haken verschluckt, so gab es keine Möglichkeit mehr
-für ihn, sich zu befreien; von Schmerz gepeinigt, peitschte der Hai
-mit dem kraftvollen Schwanze die Fluthen und es hatte dann seine
-Schwierigkeit, das gefangene 8-10 Fuß lange Thier an Deck zu
-bringen und nicht eher gelang es, bis es erschöpft war und auch
-der Schwanz fest in einer Schlinge lag. An Deck geschafft, peitschte
-der Hai die Planken, daß diese erzitterten, und rathsam war es
-nicht, sich in seine gefährliche Nähe zu wagen. Erst ein Axthieb,
-der die Schwanzflosse vom Rumpfe trennte, führte die Verblutung
-herbei und allmählich entfloh das zähe Leben des Thieres.
-</p>
-
-<p>
-Auch mit der Schlinge, auf deren Handhabung ich zurückkommen
-werde, habe ich viele Haifische gefangen, namentlich wenn ich
-Samoaner als Besatzung an Bord hatte, für die der Hai eine
-Leckerspeise ist, nahm ich mir dazu die Zeit und fing zuweilen
-2-4 Stück hintereinander. Auffällig war mir dabei, daß die
-Leute immer erst die Leber eines getödteten Haies untersuchten;
-war diese nach ihrer Ansicht zu groß oder zeigte sie sonst besondere
-Eigenheiten, so wurde das Thier nicht gegessen, sondern über Bord
-geworfen. Aber nicht bloß bei den Samoanern, auch bei den
-benachbarten Insulanern fand ich solche auffällige Untersuchung der
-Leber des Haifisches. Mitunter wurden eingehende Betrachtungen
-über die Lage und Länge derselben vorgenommen; entstanden
-Zweifel und Meinungsverschiedenheiten darüber, so war meist
-immer der endgültige Beschluß, daß das Thier verworfen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Fast bin ich jetzt geneigt, da ich nicht dahinter kommen konnte,
-was solche Untersuchung zu bedeuten habe, anzunehmen, daß ein
-weitverbreiteter Aberglaube damit in Verbindung gebracht, oder
-daß der Leber des Haies eine medizinische Eigenschaft zugesprochen
-wird. Vielleicht auch erkennen die Eingebornen an bestimmten
-<span class="pagenum"><a id="Page_27" name="Page_27" href="#Page_27">[27]</a></span>
-Zeichen, ob das Thier gesund oder krank gewesen ist. In den
-Fällen, wo ich mir Klarheit darüber zu verschaffen suchte, erreichte
-ich solche nicht, möglicherweise aus dem Grunde, weil ich nicht der
-verschiedenen Sprachen mächtig genug war, um die Auseinandersetzung
-zu verstehen.
-</p>
-
-<p>
-Die treuen Begleiter der Haie, die Lotsenfische, schön gezeichnete
-Thierchen von der Größe eines Makrels, schwimmen
-gewöhnlich, 2-4 an der Zahl, über dem Hai, sie suchen, wie angenommen
-wird, für diesen Nahrung auf und kehren stets in dessen
-sichern Schutz zurück. Ein jeder Hai soll solche Führer haben;
-indes so häufig ich auch solche gesehen habe, ebenso oft fand ich,
-namentlich wenn mehrere Haie beisammen, diese ohne ihre Begleiter.
-So viel ist gewiß, der Hai, mag er noch so hungrig sein, wird sich
-doch nicht an seinen Wegweisern vergreifen; zum schnellen Schwimmen
-selbst zu träge, überläßt er vermuthlich es den flinken Fischen, für
-ihn Nahrung zu suchen. Wohl bekannt ist es den Seeleuten, daß
-der Pilotenfisch sehr schmackhaft ist, indes nur einmal war es mir
-möglich, einen solchen mit Mühe zu erlangen, obwohl dieselben
-längere Zeit noch beim Schiffe verbleiben, nachdem der Hai, den
-sie begleiteten, weggefangen worden. An Köder beißen die Piloten
-nicht, höchstens gelingt es ihrer mit dem Elker, d. h. Wurfeisen,
-habhaft zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Im Anfang des Jahres 1885 mit der Führung eines der
-kleineren der Plantagen-Gesellschaft zugehörenden Schiffes betraut,
-wurde ich beordert, eine Reise durch die gesammte Tonga-Gruppe,
-den sogenannten Freundschafts-Inseln, zu unternehmen. Im Augenblick
-der Abreise wäre mir aus Mangel an Raum im kleinen
-Hafen (Apia) bald die Riffspitze Kap Horn, worunter vier Jahre später
-das deutsche Kriegsschiff „Eber“ mit seiner braven Besatzung versank,
-verhängnißvoll geworden. Durch die Strömung wurde das
-Schiff aus seiner Richtung gedrängt, von der einlaufenden See,
-gegen welche die Kraft der das Schiff bugsirenden Mannschaft zu
-schwach war, nach dem Kap hingeworfen und nur ein schnell Hülfe
-leistendes Boot verhinderte die Katastrophe. Da wir schon zu nahe
-dem Riff waren, so hätte ein Aufstoß genügt, Ruder und Hintersteven
-des Schiffes, schwerbeladen wie es war, auf den Korallensteinen
-zu zertrümmern und aus der gurgelnden Tiefe des hier
-weit unterhöhlten Riffes hätte es für Schiff und Mannschaft keine
-Rettung gegeben &mdash; aber zufällige Hülfe kam zur rechten Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem wir die offene See gewonnen hatten, verlor ich
-mit umlaufenden Winden, wie sie in dieser Jahreszeit häufig sind,
-ostwärts steuernd, bald die in dichten Wolkenschleier gehüllte Insel
-Upolu aus Sicht. Bestrebt, westlich von der Tonga-Gruppe zu
-laufen und so Tonga-tabu zu erreichen, da der vorherrschend westliche
-Wind eine schnelle Reise in Aussicht stellte, hatte ich am
-dritten Tage bereits die Vulkan-Insel Amargura gesichtet, eine
-<span class="pagenum"><a id="Page_28" name="Page_28" href="#Page_28">[28]</a></span>
-namentlich an der Süd- und Südostseite steile Insel mit dem
-375 Meter hohen Krater, an dessen Abhängen leichte Rauchwolken
-hervorquollen, ein Zeichen, daß er nicht ganz erloschen ist. Da
-sprang mit schweren Gewittern und harten Windböen der Wind
-südlicher und zwang mich, der zehn Seemeilen südöstlich liegenden
-30-40 Meter hohen Insel Toku auszuweichen. Als der Wind
-immer härter wehte und schließlich bis zum Sturm wuchs, hatte
-ich noch Zeit, Schutz unter der hohen Insel Vavau zu suchen,
-ehe das Schiff von der wildlaufenden See zum Beidrehen gezwungen
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Unter dichtgerefften Segeln wurde eine schlimme Nacht verbracht,
-mit dem neuen Morgen aber brach sich die Gewalt des
-Sturmes und eine starke Nordwestbrise trieb das Schiff durch die
-wilde See nach Süden, östlich der Hapai-Gruppe, an den langgestreckten
-Korallen-Inseln Haano, Foua, Lefuka und Ouia entlang.
-Die vielen gefährlichen Riffe dieser Gruppe meidend, kam am
-7. Tage früh die hohe Vulkan-Insel Eoua in Sicht. Nachdem
-wir darauf die gleichartige kleine Insel Enaigee erreicht hatten,
-kreuzte ich die tiefe östliche Einfahrt, welche zwischen der großen
-Insel Tonga-tabu und den vorgelagerten Korallenpatschen und
-Inseln hindurchführt, auf und gelangte sicher zum Hafen von
-Nukualofa.
-</p>
-
-<p>
-Im Schmucke immergrüner Palmen liegt die flache, wenige
-Erhebungen aufweisende Insel langgestreckt vor den Augen des
-Beobachters. Kultur und fortschreitende Gesittung haben auch hier
-festen Fuß gefaßt, hoch über die Wipfel der Palmen ragt die Kirche
-empor; großartig ist der Königspalast; freundlich aber und heimisch
-erscheinen die vom Strande zurückliegenden europäischen Gebäude
-und bekunden, daß auch hier eine Stätte regen Handels und Verkehrs
-geschaffen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem ist es die deutsche Factorei, geleitet vom deutschen
-Konsul Herrn v. Treskow, die sofort ins Auge fällt; auf Pfeilern
-errichtet, wie alle Tropengebäude hier, war derzeit dieses Haus
-mit seinem freundlichen Wirth das besuchteste.
-</p>
-
-<p>
-Sämmtliche Tonga-Inseln, mit Ausnahme der meist hohen
-Vulkan-Inseln, sind Korallengebilde, einige sind von großer Ausdehnung,
-wie die Tonga-tabu und die schon erwähnten Haano und
-Foua. Diese haben eine fruchtbare Erdschicht und ein reiches
-Pflanzenleben hat sich darauf entwickelt; neben der stolzen Palme
-sind Brotfruchtbäume, Papiermaulbeerbäume, die den Bewohnern
-ihre Bekleidung, Tapa genannt, liefern, Zuckerrohr, Bananen, selbst
-Baumwollen- und Feigenbäume zu erwähnen.
-</p>
-
-<p>
-Die Eingebornen, derselben Rasse wie die Samoaner zugehörig,
-zeigen mehr Verständniß für Landbau und Fischfang, als
-diese, freilich können diese Inseln auch nicht mit Samoa einen
-Vergleich bestehen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_29" name="Page_29" href="#Page_29">[29]</a></span>
-Kein Naturvolk hat so schnell und leicht das Christenthum
-angenommen wie diese Tonga-Insulaner, rasch gewannen die
-Missionare großen Einfluß, Schulen und Bildungsanstalten förderten
-das Werk. Das Volk, bildungsfähig und begabt, hatte bald eigene
-Lehrer aufzuweisen; oft habe ich eingeborne Missionare von Insel
-zu Insel gebracht. Da die Kirchen und Schulen immer gut besucht,
-so ist ein Fortschritt in der Bildung dieses Volkes leicht erklärlich.
-Was aber leider ernste Besorgniß erwecken kann, ist der Umstand,
-daß verschiedene Religionssekten mit gleichem Eifer bestrebt sind,
-unter der nicht zahlreichen Bevölkerung ihren Glauben zu verbreiten.
-Es ist zu befürchten, daß auf diese Weise Spaltungen
-im Volke entstehen, die üble Folgen haben können.
-</p>
-
-<p>
-Der ehemalige englische Missionar Baker, langjähriger Premierminister
-des Königs Georg I., entging zwar dem Angriffe einer
-fanatischen Horde in Nukualofa, seine erwachsene Tochter aber, die
-die tödtliche Waffe traf, ward ein Krüppel. Soweit ich unterrichtet,
-war dieser Anschlag eine Ausgeburt wilden Hasses, gerichtet gegen
-den Vertreter einer großen Kirchengemeinde, den gefürchteten und
-gehaßten Staatsmann.
-</p>
-
-<p>
-Die ganze weitverzweigte Tonga-Gruppe bildet ein einheitliches
-Reich, das damals von dem alten Könige Georg regirt
-wurde. Neben unserm ehrwürdigen deutschen Kaiser Wilhelm der
-älteste Monarch, steht dem Herrscher eine gesetzgebende Versammlung
-von angesehenen Häuptlingen zur Seite, die auch als Statthalter
-die verschiedenen zum Reiche gehörenden Inselgruppen verwalten.
-Sitz der Regierung und Residenz des Königs ist Nukualofa.
-</p>
-
-<p>
-Ein Freundschaftsvertrag ist mit dem deutschen Reiche am
-1. November 1876 vom Könige Georg abgeschlossen. Trotz des
-englischen Einflusses hätte wohl erwartet werden können, daß die
-so erworbenen Vorrechte gewahrt bleiben würden, aber wie in
-Samoa, so ging auch hier der einst mächtige deutsche Einfluß
-allmählich verloren, englische Politik wand den Deutschen einen fast
-sicheren Besitz aus den Händen.
-</p>
-
-<p>
-Stolz prangt im Königspalaste zu Nukualofa das Reiterstandbild
-unseres großen Kaisers in natürlicher Größe, und nicht unbekannt
-sind diesem Volke dessen Thaten geblieben; auf dieses Bild sah
-mit Bewunderung jeder Insulaner und pries den großen, mächtigen
-Herrscher der Deutschen.
-</p>
-
-<p>
-Tags zuvor, ehe ich in Tonga-tabu eingelaufen, war der
-Sohn des Königs Georg, der Thronfolger, gestorben und große,
-allgemeine Landestrauer herrschte überall. Alle Vornehmen des
-Volkes, soviel ihrer nur die königlichen Schiffe zu fassen vermochten,
-waren nach der Insel Ouia, dem Begräbnißplatze der Königsfamilie,
-abgesegelt. Der deutsche Konsul, dem kein eigenes Schiff
-zur Verfügung stand, unmöglich aber als Europäer auf den überfüllten
-kleinen Segelfahrzeugen der Eingebornen die lange Reise
-<span class="pagenum"><a id="Page_30" name="Page_30" href="#Page_30">[30]</a></span>
-unternehmen konnte, beeilte sich sehr, als sich nun doch noch Gelegenheit
-fand, mit meinem Schiffe die Reise zu machen, das Schiff
-abzufertigen und nach eintägigem Aufenthalt verließ ich, mit der
-Familie des Konsuls an Bord, nordwärts steuernd, Tonga-tabu.
-</p>
-
-<p>
-Günstiger, frischer Wind konnte es allein möglich machen,
-am Begräbnißtage Ouia noch zu erreichen. Aber obwohl ich den
-Weg zu kürzen suchte und durch mir unbekannte Korallenbänke lief,
-so kam doch erst am Abend des zweiten Tages Ouia in Sicht.
-Da ich inmitten von Korallenriffen nirgends sicheren Ankerplatz
-fand, die Insel selbst aber zu weit entfernt war, als daß ich solche
-gegen Ostwind aufkreuzend, in der Nacht erreichen konnte, so wurde
-ich gezwungen, die freie See wieder aufzusuchen. In dunkler Nacht
-die gewaltigen Krater-Inseln Kao (5000 Fuß) und Tasoa (etwa
-2500 Fuß), nur durch eine schmale Straße von einander getrennt,
-als weit sichtbare Punkte im Auge haltend, suchte ich das Schiff
-in der Nähe der Außenriffe zu halten, um mit Tagesanbruch aufs
-Neue nach Ouia aufzukreuzen oder wenigstens die südliche Einfahrt
-durch die Hapai-Gruppe zu gewinnen.
-</p>
-
-<p>
-Während sonst die Tropennächte in der guten Jahreszeit
-einen herrlichen Anblick bieten, wenn das Sternenheer magisches
-Licht über die weiten bewegten Fluthen streut, drohten in dieser
-Nacht gewitterschwere, unheilkündende Wolken und bald nach Mitternacht
-umfing uns rabenschwarze Dunkelheit. Dann brach das
-Unwetter über uns mit plötzlicher Gewalt herein, als wollte der
-furchtbare Wind das kleine Schiff niederpressen. Die heftigsten
-Stöße fegten von den hohen Vulkan-Inseln herab. Im Schiffe
-wurde alles, was nicht niet- und nagelfest war, durcheinander
-geworfen und das Fahrzeug schwer auf die Seite gedrückt; die
-schnell aufgewühlte See that das Ihre dazu, die Lage, namentlich
-für die Familie des Konsuls, recht ungemüthlich zu machen.
-</p>
-
-<p>
-In Lee waren die gefährlichen Riffe, von denen freizukommen
-die erste Sorge sein mußte, deshalb bot ich allmählich dem Winde
-wieder so viel Leinewand, als das Schiff zu tragen vermochte.
-Sobald ich frei von der Insel Kao war, hielt ich nördlicheren
-Kurs und obgleich die See schwerer wurde, so konnte ich doch
-mit volleren Segeln durch die Wogen pressen und größeren Abstand
-von den auch mehr ostwärts abfallenden Riffen gewinnen. Der
-neue Morgen fand uns westlich von der niedrigen Insel Otolonga,
-die, nördlich umsegelt, zur Nordeinfahrt der Hapai-Gruppe führte.
-</p>
-
-<p>
-Als ich nahe genug dieser Insel gekommen war, der einzuschlagende
-Kurs bedingte dies, wurde eine ehemalige Niederlassung
-der Walfischfänger sichtbar, die vor Zeiten in diesen Gewässern
-ertragreiche Beute gefunden, aber auch bald genug die Schaar der
-gewaltigen Meerbewohner so gelichtet hatten, daß ein Kreuzen auf
-Beute zwecklos war. Die Station wurde deshalb aufgegeben, ihre
-Trümmer am öden Korallenstrand sind jetzt werthlos und verkommen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_31" name="Page_31" href="#Page_31">[31]</a></span>
-Der Kurs nach Lefuka führte uns zwischen Inseln und
-Korallenpatschen hindurch. Erst am Nachmittage dieses Tages
-konnten wir die der Insel Lefuka vorgelagerten Riffe passiren und
-vor der deutschen Station zu Anker gehen.
-</p>
-
-<p>
-Solch ungünstiger Wind und zum Theil schlechtes Wetter
-hatten natürlich den Zweck der Reise vereitelt, noch nach Ouia zu
-laufen und an dem dort stattfindenden großartigen Todtenfeste
-theilzunehmen, war zwecklos. So entschied sich der deutsche Konsul,
-hier die Ankunft des Königs Georg abzuwarten und mit diesem
-dann die Rückreise nach Nukualofa anzutreten.
-</p>
-
-<p>
-Die Insel Lefuka, im Verhältniß zu ihrer Länge nur schmal,
-zeigt an der Ostseite, gegen welche der freie Ozean seine gewaltigen
-Wogen donnernd wirft, ein Riff übereinandergethürmter Korallenblöcke
-und Steine; man sieht hier so recht, wie die Gewalt der
-Wasser einen Schutzwall aufgeworfen, der das flachere Land selbst
-gegen die furchtbarste See zu schützen vermag. Immer weiter aber
-baut die Koralle in die offene See hinaus, immer breiter wird
-das Trümmerfeld, bis dieses auch durch Zersetzung zu anbauungsfähigem
-Lande umgestaltet wird.
-</p>
-
-<p>
-Die Erzeugnisse, die Tonga-tabu aufweist, sind hier auch
-vertreten, namentlich ist der Ertrag an Kokosnüssen groß auf dieser
-Insel. Was ich aber hier zuerst gesehen, war die Zubereitung des
-Tapa, jenes Stoffes, welches den Eingebornen zur Bekleidung
-dient, der schön gefärbt und gezeichnet ist. Selbst große Stücke,
-umfangreichen Decken ähnlich, werden aus dem Papiermaulbeerbaum
-angefertigt, dessen Bast dazu verwendet wird. Und zwar werden
-lappenförmige Streifen im feuchten Zustand aufeinander angelegt
-und dann tüchtig geklopft, hierdurch wird der Stoff geschmeidig
-und fest; ist dieser in gewünschter Größe fertiggestellt, wird der
-Stoff im Schatten getrocknet und nachher mit brauner oder schwarzer
-Naturfarbe reichlich bemalt.
-</p>
-
-<p>
-Fernhin hört man die Tapa klopfenden Weiber, die mit
-wuchtigen Schlägen den Bast bearbeiten; erklärlich ist dieses Geräusch,
-da sie meistens auf dem Boden eines umgekehrten Kanoes
-diese Arbeit vornehmen, wodurch die dumpf dröhnenden, lauten
-Schläge hervorgebracht werden.
-</p>
-
-<p>
-Wie bei fast allen Naturvölkern, bei denen der Aberglaube
-weiteste Verbreitung gefunden, so ist auch namentlich bei den
-Südsee-Insulanern das Zauberwort „Tabu“ in allgemeine Anwendung
-gekommen. Dieses Wort, eine Macht, ersetzt, möchte man
-sagen, die in zivilisirten Ländern nothwendige Sicherheitspolizei.
-Wenn eine als „tabut“, d. h. unverletzliche Person, z. B. ein
-König oder ein Häuptling, irgend etwas als tabut erklärt, so wird
-kein Rassenangehöriger es wagen, Person oder Sache anzurühren,
-oder eine Oertlichkeit, Haus oder Hütte, zu betreten.
-</p>
-
-<p>
-Im Allgemeinen aber findet das Tabu Anwendung, wenn
-<span class="pagenum"><a id="Page_32" name="Page_32" href="#Page_32">[32]</a></span>
-irgend ein Gegenstand vor Berührung, Wegnahme u. s. w. geschützt
-werden soll, dann wird unter bestimmten Zeremonien dieser mit
-einer Schnur, in der Knoten mit oder ohne Zaubereien eingeknüpft
-sind, umgrenzt oder umwunden. Die Ueberzeugung, daß jedem,
-der es wagen würde, dieses Schutzmittel zu entfernen, alle Uebel
-unfehlbar zustoßen, welche der Knotenschürzer hineingeknüpft, hält
-jede unbefugte Verletzung fern. Mehrfach, und hauptsächlich auf
-dieser Insel Lefuko, wurden mir Gegenstände, Baum oder Hütte
-gezeigt, die so durch das „Tabu“ geschützt waren.
-</p>
-
-<p>
-Geschickte Fischer sind die Eingebornen. Sie brachten, ehe
-der Europäer ihnen seine Angelhaken zugeführt, folgende Methode
-in Anwendung: Aus einer dicken Perlmutterschale verfertigten sie
-sich durch festes Verbinden einzelner zurechtgeschliffener Stücke starke
-Fanghaken, die, mit einem Bastbüschelchen versehen, an langer Leine
-hinter Kanoes geschleppt wurden. Die wie Silber im klaren
-Wasser schwimmende Perlmutter lockt größere Fische an, die gierig,
-vermeinend eine Beute zu haschen, den Haken verschlucken und so
-gefangen sind. Heute noch sind diese Haken im Gebrauch, nur mit
-dem Unterschied, daß im Büschel verborgen sich jetzt ein scharfer,
-eiserner Angelhaken befindet, der dem Fische ein Losreißen nicht
-mehr gestattet.
-</p>
-
-<p>
-In Mengen halten sich Fische unter den Riffen auf, wo sie
-Nahrung suchen und finden, namentlich befinden sich unter diesen
-zahlreiche fliegende. Um nun diese flinken Meerbewohner, welche
-die Natur so ausgestattet hat, daß sie durch die Größe ihrer
-Seitenflossen im Stande sind, eine beträchtliche Strecke über dem
-Wasser zu fliegen und dadurch ihren Vorfolgern zu entgehen, auf
-leichtere Art und Weise, als mit großen Netzen zu fangen, wendet
-der Eingeborne folgende Fangart an: Nachdem die leichten, flinken
-Kanoes bemannt sind, ziehen die Eingebornen in dunkler Abendstunde
-oft in beträchtlicher Zahl ins tiefe Wasser zum Riffe hinaus.
-Bald flammen, hell leuchtend, die aus den Blattrippen des Kokosbaumes
-verfertigten Fackeln auf; die Kanoes, bald hier- bald dorthin
-eilend, schwirren, von kräftiger Hand durchs Wasser getrieben,
-als sollte das Schauspiel eines Fackelreigens dort aufgeführt werden,
-im Kreise oder durcheinander umher. Die Fische, bekanntlich durch
-Feuerschein leicht angelockt, werden durch die grell leuchtenden
-Fackeln verwirrt, springen oder fliegen nach diesen, und sehr gewandt,
-mit nur kleinem Handnetze versehen, weiß der Fischer sich
-die Beute zu sichern.
-</p>
-
-<p>
-Meistens, wenn die Fackeln niedergebrannt sind, kehren die
-Kanoes zurück, und war der Fang lohnend, bringt jedes reiche
-Beute heim. Für wenig Tabak oder Geld bekam ich mitunter so
-viele von diesen wohlschmeckenden Fischen, daß es zuweilen der
-Schiffsbesatzung nicht gelang, alle aufzuzehren.
-</p>
-
-<p>
-Der Ankerplatz vor der Insel Lefuka (die Rhede von Pangal)
-<span class="pagenum"><a id="Page_33" name="Page_33" href="#Page_33">[33]</a></span>
-ist durch die ringsum liegenden Riffe gut geschützt, aber schwer
-zugänglich für größere Segelschiffe; das meistens gegen konträren
-Wind nothwendige Einkreuzen in den schmalen, gewundenen Riffeinfahrten
-ist zudem nicht ungefährlich und erfordert die ganze
-Thatkraft einer Schiffsbesatzung. Die Tonga-Gruppe ist häufiger
-den verheerenden Orkanen und zeitweiligen Erschütterungen durch
-plötzlich in Thätigkeit tretende Vulkane ausgesetzt, erstere treten
-namentlich im Süden der Gruppe, um Tonga-tabu, fast alljährlich
-einmal auf; zieht, was freilich selten geschieht, das Zentrum solches
-furchtbaren Wirbelsturmes direkt über die Inseln, so ist die ganze
-Kultur auf Jahre hinaus vernichtet. Nicht Haus, nicht Hütte,
-weder Baum noch Strauch verschont der furchtbare Wirbelsturm;
-den Weg, den er mit rasender Schnelle genommen, bezeichnen unzählige
-Trümmer.
-</p>
-
-<p>
-Nach Norden zu werden solche atmosphärischen Erscheinungen
-seltener. Hat die Samoa-Gruppe ein Orkan heimgesucht, so herrscht
-bei den Eingebornen die Annahme vor, daß erst nach Verlauf von
-sieben Jahren ein neuer zu erwarten ist. Solche Voraussetzungen
-aber sind durchaus nicht zutreffend; die Orkane treten viel häufiger
-auf, und je nachdem sie in näherer oder weiterer Entfernung vorüberziehen,
-äußert sich ihre Gewalt mehr oder weniger.
-</p>
-
-<p>
-Da mein Aufenthalt in Lefuka nur von kurzer Dauer war,
-setzte ich, nachdem Güter u. s. w. gelandet und neue Passagiere
-für Vavau und Niuatobutabu an Bord gekommen waren, die Reise
-fort nach Neiafu, dem Haupthandelsplatz in der Vavau-Gruppe,
-diese besteht aus vielen und zum Theil hohen Inseln, die von
-Riffen umgeben und hierdurch untereinander verbunden sind, auch
-zeigt sich hier auffällig die einstige Thätigkeit der Vulkane. Steile
-hochaufstrebende Massen sind die meisten dieser eng aneinander gelagerten
-Inseln; nur die Hauptinsel Vavau, nach allen Seiten
-steil abfallend, ist eine Hochfläche, auf welcher auf verwitterter Lava
-eine unglaublich reiche Pflanzenwelt Fuß gefaßt und sich entwickelt
-hat. Dies ist das fruchtbarste Land, abgesehen vielleicht von der
-Insel Niua-fu, im ganzen Königreiche Tonga. Apfelsinenbäume,
-schwer beladen mit goldgelben Früchten, ausgedehnte Palmenwälder
-u. s. w., überhaupt alle herrlichen Tropengewächse der Südsee sind
-hier reich vertreten. Dazu giebt die im Sonnenglanze ausgebreitet
-liegende Bai, umgeben von hohen Inseln, dem ganzen Panorama
-so recht den Anblick einer echten Tropenlandschaft.
-</p>
-
-<p>
-Die Einfahrt befindet sich an der westlichen Seite zwischen
-den Inseln Hounga und Vavau. Die schmale aber tiefe Wasserstraße
-windet sich zwischen den hohen Inseln hin, und dicht unter
-den steil anstrebenden, mit Busch und Baum bedeckten Massen,
-kann man ungefährdet mit einem Schiffe segeln. Inmitten der
-Einfahrt nur liegt ein mächtiger Felsblock, der hunderte Fuß hoch
-ist und steil aus großer Tiefe aufragt, auch bemerkt man an diesem,
-<span class="pagenum"><a id="Page_34" name="Page_34" href="#Page_34">[34]</a></span>
-welche zerstörende Einwirkung die Meereswogen selbst am harten
-Gestein ausüben können. Sie haben den Felsen tief unterwaschen
-und große Spalten ausgehöhlt. In diesen Höhlen und Riffen
-braust und zischt selbst die leicht wogende See. Das Geräusch
-wächst aber zum Donnern an, wenn sie ihre ganze Wucht gegen
-den starren Felsen anbranden läßt, der dann durch den gewaltigen
-Anprall wohl in seinen Grundfesten erschüttert werden mag.
-</p>
-
-<p>
-Ganz schmal, wenigstens für ein aufkreuzendes Schiff recht
-beengt, wird die Straße, sobald die weite Bai vor dem Dorfe
-Neiafu sichtbar geworden ist, die wie ein herrlicher, von allen Seiten
-geschützter Hafen, geräumig daliegt. Indes nur wenig Raum hat
-die Koralle übrig gelassen, die geschäftig fast die ganze Bai aufgefüllt
-hat und wo tiefes Wasser vorhanden, ist der Ankergrund
-schlecht, so daß größere Schiffe es vorziehen, wollen sie nicht auf
-200 Fuß Wassertiefe vor Anker gehen, inmitten der Fahrstraße
-vor der Station Tuanuku zu ankern.
-</p>
-
-<p>
-Nach wenig Tagen schon verließ ich, da ich allen diesen
-Stationen in der Tonga-Gruppe neue europäische Waaren und
-Proviant zu bringen hatte, Ladung aber noch nicht einnehmen
-sollte &mdash; die Hauptstationen, als Vavau, Lefuka und Tonga-tabu
-verschiffen direkt Kopra, Baumwolle u. s. w. nach Europa &mdash; den
-Hafen von Neiafu, und segelte nordwärts nach Niuatobutabu
-(Keppels Eiland), das 180 Seemeilen entfernt ist.
-</p>
-
-<p>
-Begünstigt von Wind und Wetter, bekam ich am zweiten
-Tage bereits die 2000 Fuß hohe Insel Boskaven in Sicht, welcher
-südwärts davon und durch eine Straße von etwa einer Seemeile
-Breite getrennt, die niedrige Korallen-Insel Niuatobutabu vorgelagert
-ist. Diese langgestreckte Insel umgiebt namentlich an der
-Nord- und Westseite ein mächtiges, 5-7 Kilometer breites Riff,
-auf derselben sind zwei Kraterkegel, etwa 200 Fuß hoch, die einzig
-nennenswerthen Erhöhungen.
-</p>
-
-<p>
-Nur eine einzige, sehr gewundene und gefährliche Einfahrt,
-führte von Norden durch das Riff, und zwar nur eine Strecke
-weit bis zu einem tieferen Becken, in welchem aber ein kleineres
-Schiff geschützt und sicher liegt. Da der Verkehr mit dem Lande
-allein zur Zeit des Hochwassers möglich, der Ankerplatz vor dem
-Riffe nur in der guten Jahreszeit einigermaßen sicher ist, suchte
-ich auf Anrathen des Lotsen, eines Eingebornen, doch lieber den
-kleinen gesicherten Hafen auf, obwohl das Durchbringen des Schiffes,
-das mehrfach auf Korallenblöcke fest kam, keine leichte und gefahrlose
-Arbeit war.
-</p>
-
-<p>
-Daß ich es gethan, war ein Glück, denn ein heftiger, plötzlich
-in einer der ersten Nächte aufspringenden Nordwestwind hätte
-das Schiff im Verein mit der hohen See sicher aufs Riff geworfen
-und zerschellt; ein Versuch, in tiefdunkler Nacht die offene
-<span class="pagenum"><a id="Page_35" name="Page_35" href="#Page_35">[35]</a></span>
-See zu gewinnen und gegen den starken, auflandigen Wind von
-den Riffen freizukreuzen, wäre schier unmöglich gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Nicht minder einsam wie diese Insel im weiten Ozean war
-das Leben, welches hier zwei Europäer (ein Deutscher und ein
-Engländer) führten, die nur mit der Außenwelt in Verbindung
-traten, wenn nach langer Zeit ein Schiff vor der Insel zu Anker
-ging. Freilich ist an Verkehr mit Menschen kein Mangel, nur
-kommt in Betracht, daß die Eingebornen für einen Europäer doch
-kein rechter Umgang sind; so freundlich gesinnt, friedfertig und zum
-Theil lernbegierig sie sich auch zeigen, so stehen sie dennoch auf
-einer zu tiefen Bildungsstufe. Zwar paßt sich ein einsam lebender
-Mensch schnell genug den Verhältnissen an, und in der Folge habe
-ich ja so viele gefunden, die, obgleich sie noch abgeschlossener von
-der Welt lebten, mit ihrem Loose ganz zufrieden waren. Hier
-aber kommt dem Europäer das zu statten, daß er hier ein bildungsfähiges,
-strebsames Volk um sich hat, dessen Häuptlinge und Lehrer
-nach Aufklärung trachten und stundenlang dem weißen Manne zuhören,
-wenn er ihnen von anderen Ländern und Völkern erzählt.
-</p>
-
-<p>
-So oft ich auch nach dieser Insel beordert worden war,
-konnte ich jedesmal die Beobachtung machen, mit wie großem
-Interesse alle Neuigkeiten aufgenommen wurden; hatte ich eingeborne
-Passagiere mit an Bord, so wurden diese sogleich nach der
-Landung von den Häuptlingen begrüßt und ausgefragt. Sonst
-kamen die Häuptlinge entweder insgesammt zum Hause der erwähnten
-Europäer oder luden uns zu sich ein, damit wir ihnen
-Abends bei einer Schale Kava Auskunft über etwaige Vorgänge
-im Tongareiche gaben.
-</p>
-
-<p>
-In langer, vielleicht gänzlicher Unthätigkeit verharren die
-kleinen, wohl für immer erloschenen Krater auf dieser Insel, sonst
-wären sie eine gefährliche Nachbarschaft, denn eine erhebliche Erschütterung
-würde genügen, die Insel in die Tiefe versinken zu lassen.
-Wo man auch immer auf der gut bewachsenen Insel geht, klingt
-jeder Fußtritt hohl und man gewinnt die Ueberzeugung, daß nur
-eine verhältnißmäßig dünne Schicht über wahrscheinlich ausgedehnte
-Höhlen gelagert liegt.
-</p>
-
-<p>
-Nirgendwo sonst auf Korallen-Inseln, deren Fundamente
-naturgemäß stets fest aufgebaut sind, habe ich solche Wahrnehmung
-wieder gemacht; würden hier nicht die beiden Kraterhügel eine genügende
-Erklärung für solche Erscheinung abgeben, ließe sich
-schwerlich die Ursache dafür ergründen. Das Eine scheint sicher
-(wie ich in diesem selben Jahre als Augenzeuge an einer anderen
-Stelle feststellen konnte), es sind am Rande eines hier schon vorhandenen
-Korallenriffes plötzlich unterseeische Vulkane in Thätigkeit
-getreten, die mit sich das Riff emporgehoben haben und dann nach
-einiger Zeit erloschen sind.
-</p>
-
-<p>
-Außerdem giebt eine vorhandene schmale, aber tiefe Frischwasserrinne,
-<span class="pagenum"><a id="Page_36" name="Page_36" href="#Page_36">[36]</a></span>
-die im festen Korallengrund eingebettet ist und tieferliegend
-als der Meeresspiegel, einen neuen Beweis, daß die Insel
-hohl ist. Das Süßwasser in dieser Rinne ist natürlich durch
-Korallen filtrirtes Seewasser, aber der Zufluß erfolgt unterirdisch
-aus dem Innern der Insel; derselbe soll zu Zeiten stärker, zu
-Zeiten schwächer sein. Uebrigens beschleicht den Wanderer,
-namentlich in stiller Nachtzeit, ein eigenthümliches Gefühl, wenn
-jeder Tritt so hohl und dumpf wiedertönt und ihm zum Bewußtsein
-bringt, daß er auf einem Boden wandelt, der über Höhlen oder
-gar über tiefe Wasserbecken gewölbt liegt.
-</p>
-
-<p>
-Insbesondere weicht die Insel Niuatobutabu in nichts von
-anderen gut bewachsenen Koralleninseln ab, mit dem Unterschiede
-nur, daß auf dem verwitterten Lavagrunde eine überaus reiche
-Pflanzenwelt sich entwickelt hat. Salze und andere Chemikalien,
-die in der Lava enthalten sind, scheinen für die Entwicklung des
-Pflanzenlebens ungemein viel beizutragen, auch sonst, wo ich im
-weiten Inselmeer des Stillen Ozeans vulkanischen Grund betreten,
-fand ich dies ausnahmslos bestätigt.
-</p>
-
-<p>
-Das Thierreich auf allen Inseln ist sehr schwach vertreten,
-Schweine, Hühner und Tauben sind fast die einzigen Arten, indes
-fand ich auf Niuatobutabu außerdem noch eine große Fledermausgattung,
-den fliegenden Fuchs. Da jeder von der Nützlichkeit und
-noch mehr von der Harmlosigkeit dieser Thiere überzeugt war, belästigt
-dieselben niemand, kein Eingeborner verscheucht sie. Vielleicht
-kommt auch noch der Umstand hinzu, daß diesen lautlos erscheinenden
-Thieren ein gewisser Aberglaube anhaftet, denn wer nicht mit
-ihrer Eigenart, unhörbar und schnell durch die Dunkelheit zu fliegen,
-vertraut ist, dem wird ein gewisses Unbehagen zuerst nicht erspart
-bleiben. Vornehmlich fand ich diese Füchse in Sträuchern, wo sie
-sich, Schatten findend, an dünnen Zweigen an den Hinterfüßen
-aufgehängt hatten. Den Kopf nach unten gebogen, umschließen sie
-mit der großen Flughaut den Körper und verblieben in dieser
-Stellung, bis die Dämmerung der nach ganz kurzer Dauer die
-Nacht folgt, hereinbricht, dann erst werden sie munter und suchen,
-die Luft gleich gespenstigen Schatten durchfliegend, sich ihre Nahrung.
-Werden sie am Tage gestört oder berührt man mit der Hand ihr
-sammetweiches Fell, schauen die schwarzen, erbsengroßen Augen den
-Störenfried wohl an, scheinen aber geblendet zu sein, denn obwohl
-unruhig geworden, wagt das Thier doch keinen Flug, verändert
-seine Stellung auch nicht und wollte man die Hinterfüße lösen,
-müßte Gewalt angewendet werden. Ein Weibchen, das seine
-beiden Jungen wohlgeborgen an der Brust hängen hat, die diesen
-Platz nie verlassen, auch während des Fluges nicht, wird, wenn
-es gestört worden, leichter erregt und beißt wohl mit den kleinen,
-nadelspitzen Zähnen um sich. So sind in Folge davon, weil diesen
-Thieren nie etwas zu Leide geschieht, dieselben zutraulich und oft
-<span class="pagenum"><a id="Page_37" name="Page_37" href="#Page_37">[37]</a></span>
-habe ich sie, selbst in der Nähe der Hütten der Eingebornen und
-vor den Wohnungen der Weißen in Menge vorgefunden.
-</p>
-
-<p>
-Höchst lästig und oft zu einer großen Plage werden hier
-Schaaren von Fliegen. In des Wortes vollster Bedeutung kann
-man sagen, es wimmelt davon. Ist in Europa die Hausfliege
-dreist und störend, ist sie dort, wo die Natur ihr den Tisch gedeckt,
-unglaublich lästig, und das vor allem zu der Zeit, wenn die
-Früchte des Brotfruchtbaumes reif geworden sind. Diese Früchte,
-an und für sich sehr schmackhaft, werden, sobald sie überreif geworden
-sind, eine wahre Brutstätte für Fliegen. Sind sie ausgeflogen,
-so ist jeder Ort, selbst Gras und Busch, dicht von ihnen
-besetzt; schon ihr Schwirren und Surren ist höchst lästig.
-</p>
-
-<p>
-Sind die Ameisen, vor denen nur mit Mühe Genießbares
-geschützt werden kann, schon unangenehm, so treiben es die Fliegen
-noch zehnfach ärger, in Wahrheit muß man diesen Plagegeistern
-jeden Bissen erst streitig machen, der gegessen werden soll, vornehmlich
-von solchen Speisen, die Zucker und andere leicht flüssige
-Stoffe enthalten, wie Reis, Brotfrucht, Ananas u. s. w.
-</p>
-
-<p>
-Geradezu eine Fliegenwolke schwebt über solchen aufgetragenen
-Speisen, selbst fortwährendes Abwehren scheucht diese
-gierigen Insekten nicht fort; machte es nicht die Gewohnheit und
-schließlich die Gleichgültigkeit, müßte sich Ekel und Widerwillen einstellen,
-Nahrung zu genießen, weil diese vom Unrath der Fliegen
-durchaus nicht freizuhalten ist.
-</p>
-
-<p>
-Die Insel Boskaven, ein mächtiger, unzugänglicher Bergkegel,
-ist aller Wahrscheinlichkeit nach, gleich den anderen Inseln, wie
-Lette, Kao u. a., ein erloschener Krater, der in der Neuzeit jedenfalls
-noch in Thätigkeit gewesen ist. Menschen wohnen darauf
-nicht, auch hat wohl noch keines Menschen Fuß den steilen Gipfel
-dieser Insel erklommen. An der Südostseite soll im Schutze eines
-kleinen Riffes an einer vorspingenden Felsenkante eine schwierige
-Landung möglich sein und Fischer von Niuatobutabu wagen es,
-zu Zeiten sich dort aufzuhalten, nachdem sie mit ihren leichten
-Kanoes den breiten Meeresarm, der beide Inseln trennt, durchquert
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Basaltmassen, aus denen sie aufgebaut ist, steigen gleich
-steilen Wänden aus dem Meere auf, unterspült zum Theil von
-den brandenden Wogen, darüber aber, wo der das Pflanzenleben
-vernichtende Staubregen des Salzwassers nicht mehr hinaufreicht,
-hat sich an den sehr schrägen Flächen des Kegels ein starker
-Pflanzenwuchs entwickelt, welcher die Form und Lagerung der
-Gesteinmassen verdeckt, ein Zeichen, daß Eruptionen seit langer
-Zeit nicht mehr stattgefunden haben.
-</p>
-
-<p>
-Mein Schiff war, wie erwähnt, inmitten des Riffes, in dem
-beschränkten Wasserbecken, gut verankert worden und lag wohl
-geschützt gegen die am Außenriff brüllende See. Aber da nach
-<span class="pagenum"><a id="Page_38" name="Page_38" href="#Page_38">[38]</a></span>
-Verlauf von sieben Tagen der starke, nordwestliche Wind erst nachließ,
-der die ganze Osterwoche hindurch geweht hatte, durfte ich,
-obwohl längst segelfertig, es doch nicht wagen, in See zu gehen.
-Erst als günstiger Wind einsetzte, der stark genug war, das Schiff
-gegen die draußen anlaufende See durchzubringen, mußte ich
-Anstalten treffen und versuchen, die freie See zu gewinnen. Ohne
-Anstoßen am Korallenriff ging es in der engen Durchfahrt freilich
-nicht ab; eine unberechenbare Strömung, durch die einlaufenden
-Seen hervorgerufen, vereitelte alle Vorsicht. Dennoch gewann ich
-ohne Beschädigung das offene Meer, habe aber den Versuch nie
-wiederholt, sondern lieber vor dem Riffe mit zwei Ankern, diese
-klar zum Schlippen, Wind und See ausgeritten, um das Schiff
-nicht an den harten Kanten des Korallenriffes zu gefährden.
-</p>
-
-<p>
-Von Niuatobutabu hatte ich weiter nach Niua-fu zu segeln,
-einer hohen Vulkan-Insel, die in etwa West-Nord-West-Richtung
-120 Seemeilen von hier entfernt liegt. Es war mir schon in
-Apia mitgetheilt worden, daß das Auffinden des Ankerplatzes und
-der Station vor Niua-fu seine Schwierigkeit habe; auch soll man
-sofort absegeln, wenn nördlicher Wind und Seegang einsetze, da
-dort auf hartem Lavagrund die Anker nicht genügend Halt finden
-und ein Freikommen von der Küste sehr schwierig sei.
-</p>
-
-<p>
-Vollauf fand ich denn auch diese Angaben bestätigt, als ich
-wenige Tage später unter der steilen, an Stellen mehrere hundert
-Fuß hohen Küste entlang segelte und hinter der etwas vorspringenden
-Nordost-Ecke nach der sehr hoch gelegenen Station nach einem
-Ankerplatz suchte. In der guten Jahreszeit, d. h. wenn der Süd-Ost-Passat
-weht, hat es keine besondere Gefahr, so nahe der Küste
-zu ankern; werden doch selbst große Segelschiffe hierher beordert,
-ihre Ladung Kopra aufzufüllen, allein in den Monaten Januar
-bis April machen häufig nördliche Winde ein Ankern und Landen
-hier unmöglich.
-</p>
-
-<p>
-Diese Insel ist etwa 550 Fuß hoch und in ihrer ganzen
-Ausdehnung ein vollständiges Lavafeld; man sieht vom Meeresspiegel,
-wie sich Schicht über Schicht die fließende Masse gelagert
-hat und wie steile Abhänge gebildet wurden, indem die schon erkaltete
-Lava abgesprengt oder als noch zähe Masse übereinander
-geschoben wurde. Unregelmäßig, bald hier, bald dort, scheinen die
-Lavaströme sich aufgestaut oder über steile Abhänge ergossen zu
-haben, denn nach Gestalt und Form der Abhänge und Wände zu
-urtheilen, hat die glühende Masse sich nur langsam fortbewegt.
-Auch scheint die Ausdehnung und Dicke der fließenden Lava nur
-eine geringe gewesen, dafür aber desto häufiger vorgekommen zu
-sein. Der ganzen Natur nach müssen, da der Hauptkrater meiner
-Schätzung nach mit dem Meeresspiegel fast gleich liegt, die verschiedenen
-Ausflüsse und die Anhäufung der Lava von einer Anzahl
-parasitischer Seitenkrater herrühren, die von Zeit zu Zeit, da die
-<span class="pagenum"><a id="Page_39" name="Page_39" href="#Page_39">[39]</a></span>
-ganze Insel als ein Vulkan zu betrachten ist, hier oder dort die
-Lavakruste sprengten und flüßige Massen ausströmten. Es muß
-dies als feststehend angenommen werden, denn heute noch befürchten
-die Eingebornen, es könne sich überall der Boden plötzlich
-öffnen; ich selbst habe Stellen gefunden und zwar nahe der
-deutschen Station, wo die fließende Lava die starken Kokosbäume
-mehr als sechs Fuß hoch umschlossen und vernichtet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Wie hier in der Nähe der deutschen Station, so habe ich
-auch an der Westseite der Insel Stellen gesehen, wo ebenfalls die
-blühende Pflanzenwelt zerstört wurde. Auch wird diese Insel sehr
-häufig von starken Erschütterungen heimgesucht, so daß die Eingebornen
-in steter Sorge leben müssen (die Alten erzählen von
-schrecklichen Zeiten, die sie durchgemacht haben). Etwas Unheimlicheres
-giebt es kaum, als zu fühlen, wie der Erdboden, auf dem
-man geht, durch heftige Erschütterungen wankt, also auf einem
-thätigen Vulkan zu leben, der mit furchtbarer Gewalt die Erdkruste
-zu spalten, Verderben und Tod auszustreuen im Stande ist.
-</p>
-
-<p>
-Der letzte große Ausbruch hatte um das Jahr 1870 stattgefunden,
-wohlbebaute Flächen und Dörfer auf dieser etwa eine
-deutsche Quadratmeile große Insel wurden zerstört; die Bevölkerung,
-auch hier Tonga-Insulaner, ersuchte, von Furcht erfüllt, selbst
-vorüberfahrende Schiffe, sie aufzunehmen. Es sind auf der Insel
-keine, höchstens ein paar elende Kanoes vorhanden, mit denen
-auf der fast immer erregten See kaum eine Fahrt unternommen
-werden kann. Bin ich recht unterrichtet, so gab es sogar ein
-Verbot, das der Bevölkerung geradezu untersagte, sich Kanoes zu
-halten, denn es war vorgekommen, daß bei einem Ausbruche viele
-Bewohner sich aufs offene Meer hinauswagten, um dem Verderben
-zu entfliehen und da sie mit ihren gebrechlichen Nußschalen kein
-Land auffinden konnten, ausnahmslos ein Opfer ihrer Angst und
-Tollkühnheit wurden. Den schwankenden, von heftigen Stößen
-erzitternden Boden ihrer Insel verließen sie, um einen langsamen,
-qualvollen Tod auf dem Meere zu finden.
-</p>
-
-<p>
-Daß dennoch Niua-fu gut bevölkert ist (es sollen 1200
-Tonganer hier leben), muß der überaus reichen Vegetation zugeschrieben
-werden; ist doch die Fruchtbarkeit der verwitterten Lava
-so ungeheuer, daß überall, wo nicht jüngere Eruptionen weite
-Strecken zerstört haben, die Pflanzenwelt im reichsten Maße sich
-entwickelt hat, besonders gedeiht die Kokospalme hier in vorzüglicher
-Güte. Die größten Kokosnüße, die ich je gesehen habe,
-wachsen hier, deshalb ist der Ertrag an Kopra auch so bedeutend.
-Thatsache ist indes, daß die Furcht vor einem Ausbruche, dessen
-Ausdehnung niemand wissen kann, die Insel zeitweilig entvölkert,
-doch kehren die Einwohner immer wieder zurück, sobald die unheimliche
-Naturkraft ausgetobt hat und wieder Ruhe eingetreten ist.
-</p>
-
-<p>
-Meine Ordre lautete dahin, hier auf dieser Insel das Schiff
-<span class="pagenum"><a id="Page_40" name="Page_40" href="#Page_40">[40]</a></span>
-mit Kopra aufzufüllen und nach Samoa (Apia) zurückzukehren. Ich
-hatte demnach also den Versuch zu machen, trotz der ziemlich unruhigen
-See, eine Landung ins Werk zu setzen. Ein Eingeborner,
-der es gewagt hatte, mit einem kleinen Kanoe abzukommen, aber
-kenterte, erreichte schwimmend das Schiff und zeigte mir alsdann
-den sicheren Ankerplatz.
-</p>
-
-<p>
-Der einzige Landungsplatz an dieser steilen, unzugänglichen
-Küste ist ein tiefer Spalt in den massiven Lava-Felsen, den rechts
-und im Hintergrunde hohe, senkrechte Wände umschließen, gegen
-welche die einlaufende See wild aufschäumt, während zur Linken
-eine zwar steile, aber niedrigere Wand mit einer Versenkung diesen
-einfaßt.
-</p>
-
-<p>
-Da der Spalt nur so breit ist, daß ein Boot einfahren kann,
-so muß dieses stets an einem sicheren Tau, welches vor der
-Mündung verankert und hinten an der Lavawand um einen Felsblock
-befestigt wird, mit der See eingeführt werden. Zwei Mann
-haben nur darauf zu achten, daß sie das Boot stets recht auf der
-mit wilder Macht eindringenden Woge halten und ebenso, daß das
-mit großem Getöse zurückfluthende Wasser das Boot nicht herumreißt
-und zum Kentern bringt.
-</p>
-
-<p>
-Ein vorspringender Lavablock an der linken Seite, längst von
-den ihn immerwährend umspülenden Fluthen geglättet und abgeschliffen,
-dient als Landungsplatz, auf den man aber ohne Hülfe
-nicht hinauf gelangen kann, außer wenn man den Sprung wagt,
-sobald eine einlaufende See das Boot so hoch gehoben hat, daß
-es mit dem Block in gleicher Höhe sich befindet. Wenn das Boot
-am starken Tau festgehalten wird, ist es natürlich, daß die See es
-mit Gewalt gegen den Block preßt und ein unablässiges Aufpassen
-der Leute ist nöthig, um ein Kentern zu verhindern. Halb am
-Felsen hängend, müßte sich sonst das Boot seitwärts umlegen,
-sobald die Woge, welche es gehoben, wieder niedersinkt.
-</p>
-
-<p>
-Ein wildes Donnern und Brausen (man kann mitunter sein
-eigenes Wort nicht verstehen) erfüllte den Spalt und wie ein
-mächtiger Sprühregen fällt der hochaufspritzende Gischt mancher
-Woge von der Felswand zurück, an welcher sie ohnmächtig zerstäubt
-ist, um immer wieder das Spiel zu erneuern.
-</p>
-
-<p>
-Will man zu dem etwa 350 Fuß überm Meeresspiegel
-liegenden Hause des deutschen Agenten gelangen, muß man auf
-Zickzackwegen die steile Höhe erklimmen; oben angelangt, kann der
-Blick frei über das endlose Meer schweifen, während zu Füßen
-die gewaltigen Formen erstarrter Lavamassen aufgehäuft liegen,
-bedeckt mit Aschenstaub oder sprießendem Gras. Große Erwartungen
-darf man an die Behausung eines so einsam lebenden Europäers
-nicht stellen. Ein solches Gebäude, nur aus Holz hergestellt, ist,
-dem Klima entsprechend, luftig und bequem, sonst aber baar aller
-Bequemlichkeit. Die einzigen Möbel sind ein paar Stühle und ein
-<span class="pagenum"><a id="Page_41" name="Page_41" href="#Page_41">[41]</a></span>
-Tisch, alles andere hat sich der mehr oder weniger geschickte Bewohner
-aus Kisten und Kasten zusammengezimmert.
-</p>
-
-<p>
-Die gefüllten Koprasäcke von solcher Höhe herabzutragen
-wäre sehr mühevoll, man pflegt sich aber damit zu helfen, daß
-über Einsenkungen und Vorsprünge des Felsbodens hinweg eine
-Lattenbahn zur Tiefe geführt wird, auf der, wegen ihrer Steilheit,
-die Säcke leicht niedergleiten können.
-</p>
-
-<p>
-Ein unverzügliches Angreifen der Arbeit nach Ankunft eines
-Schiffes ist unter den obwaltenden Umständen hier eine Nothwendigkeit,
-man weiß nicht, was die nächsten Stunden bringen;
-eine nur gering zunehmende See macht oft der Arbeit ein Ende.
-Schwierig und namentlich für die Besatzung des Bootes gefährlich
-ist das Einschiffen der Ladung. Sicher sind die Leute erst, wenn
-die Oeffnung des Spaltes erreicht ist, denn oft genug wird das
-Boot von den einlaufenden Seen überschwemmt, und ist oft halb
-mit Wasser angefüllt, ehe es zum Schiffe gelangt. Gewohnheit
-aber macht ein Unternehmen weniger gefahrvoll. Um so mehr war
-ich erstaunt, daß anfangs meine Boote glücklich aus dem zischenden,
-brausenden Schlund herauskamen, mancher Zentner Kopra war
-bereits verschifft, da brachte mir unerwartet ein Bote die Nachricht,
-Boot und Ladung seien verloren. Sofort von der Höhe herab
-eilend, sah ich, wie frei von den Klippen die Mannschaft mit dem
-gekenterten Boote umherschwamm und bemüht war, dasselbe so längsseit
-des Schiffes zu bringen, was den Leuten auch nach langer
-Zeit gelang; in den Felsenspalt selbst aber tauchten die Eingebornen
-auf und nieder, um die gesunkene Bootsladung wieder heraufzuholen,
-indes gelang ihnen dies nur halb, da die einlaufenden Seen die
-Säcke gegen die Felsenwände warfen und diese sich öffneten oder
-zerrissen wurden. Veranlassung zum Kentern gab eine schwere
-See; das Boot wurde gegen den Felsblock gedrängt und schlug,
-während das Tau durch die Gewalt des Wassers den Händen des
-Mannes entrissen wurde, quer und war im nächsten Moment mit
-der Mannschaft und Ladung von der zischenden Wassermasse im
-brodelnden Kessel überspült. Das Boot zu retten, ehe es an die
-Felsenwand geschleudert und zerschellt wurde, war das Einzige,
-was die Leute thun konnten.
-</p>
-
-<p>
-Da die Bevölkerung der Insel Niua-fu aus lauter Christen
-besteht, so ist die Heilighaltung der Sonn- und Festtage auch hier
-eingeführt und die Arbeit ruht. So konnte ich ungehindert dem
-Wunsche, diese Insel näher kennen zu lernen und namentlich den
-im Innern tiefliegenden Krater zu besuchen, nachkommen. In
-früher Morgenstunde, die erfrischende Kühle benutzend, stiegen mit
-mir der deutsche Agent und einige Eingeborne bergaufwärts. Wir
-folgten den Windungen der breiten, festen Wege, auf denen nur
-das Eine unangenehm war, der pulverisirte, feine Aschenstaub, der
-überall dick lagert und bei jedem Schritte aufwirbelte. Auf der Höhe
-<span class="pagenum"><a id="Page_42" name="Page_42" href="#Page_42">[42]</a></span>
-fand ich die Kokosbäume nicht besonders schlank gewachsen, vielmehr
-hatten viele Stämme eine mehr oder weniger starke Neigung
-nach Westen, was auf den Einfluß des mitunter recht stark wehenden
-Südostpassates zurückzuführen ist, sonst war der Anblick der
-zahllosen Palmen, die Höhen und Abgründe bedeckten, großartig.
-</p>
-
-<p>
-Der Weg führte uns bald am Rande eines senkrecht steilen
-Abgrundes hin, der hunderte Fuß tief, aber so mit Buschwerk
-bewachsen war, daß man nicht bis auf den Grund hinabsehen
-konnte. Nur eine Stelle gab es, wo man mühsam, an Gestein
-und Strauch sich haltend, hinabzusteigen vermochte, und als diese
-erreicht war, übernahmen die Eingebornen die Führung, denen
-wir, rückwärts rutschend, zu folgen hatten. In der Tiefe angelangt,
-zeigte sich ein großartiges Panorama, ringsum steile, unzugängliche
-Felswände. Inmitten dieses Randgebirges, wenn ich so
-die 4-500 Fuß steilen Wände bezeichnen darf, aber liegt ein
-weiter, tiefer See, aus dem sich drei Bergkegel erheben, die leicht
-rauchenden, zuweilen in Dampf gehüllten Krater.
-</p>
-
-<p>
-Kann diese so ausgedehnte Senkung, in die wir hinabgestiegen
-waren, auch als der eigentliche Kraterkessel bezeichnet werden und
-jene drei Hügel als die thätigen Vulkane in demselben, so steht
-doch außer Frage, daß größere Ausbrüche seit langer Zeit nicht
-mehr stattgefunden haben, sondern höchstens starker Aschenregen
-ausgeworfen ist, der, wie wir gefunden, überall vertheilt lag. Bei
-einem stattfindenden heftigen Ausbruche würde die fließende Lava
-keinen Schaden thun können, diese würde vielmehr in den den
-weiten Krater umgebenden See fließen.
-</p>
-
-<p>
-Betrachtet man diesen großen Kraterkessel mit seinen steilen
-Wänden, in welchem wir in aller Seelenruhe gemüthlich umherspazirten
-und uns am breiten, flachliegenden Ufer des Sees
-tummelten, so kann man nicht annähernd die gewaltige Kraft
-ermessen, die diese Wände aufgebaut hat, die hier einst gewaltet
-und alles verändern und zerstören wird, sobald sie sich hier im
-Centralpunkt äußern sollte.
-</p>
-
-<p>
-Man muß wirklich die unheimliche Gewalt thätiger Krater
-gesehen, an solchen mit Schwefeldünsten und mächtigen Rauchwolken
-gefüllten Kesseln gestanden haben, um sich ein Bild davon
-machen zu können, mit welcher Furchtbarkeit auch hier Feuersäulen,
-Rauch und Gase emporgeschleudert worden sind. Was nun diesen
-salz- und schwefelhaltigen See anbelangt, dessen Wasser bitter und
-von keinem organischen Wesen belebt ist &mdash; so weit ich bei meiner
-flüchtigen Beobachtung das behaupten kann &mdash; so hat er einst bis
-an die steilen Lavawände herangereicht; ob aber allein Verdunstungen
-oder andere Umstände den Rücktritt der Wasser verursacht haben,
-mag dahin gestellt sein. Soviel ist erwiesen, daß die jetzt mit
-Strauch und Buschwerk bewachsenen Flächen unter Wasser gestanden
-<span class="pagenum"><a id="Page_43" name="Page_43" href="#Page_43">[43]</a></span>
-haben, denn feines Geröll, abgestürzte Lavablöcke geben den Beweis
-dafür.
-</p>
-
-<p>
-Es liegt eine wunderbare Kraft im Walten der Natur!
-Man glaubt todte, starre Oede dort zu finden, wo giftige Gase
-fast ununterbrochen den Schlünden thätiger Krater entströmen; hier
-aber blüht und wächst durch der Sonne Gluth, durch periodisch
-stark fallenden Regen, erfrischt durch nächtlichen, schweren Tau,
-selbst auf dem salzhaltigen, freigelegten Seegrunde eine üppige
-Vegetation. Das ganze Panorama, den See zu Füßen, dessen
-Wasser im Sonnenlicht wie flüssiges Silber glänzen, durch die
-Palmen gekrönten Höhen, den steilen, dichtbewachsenen Wänden,
-wird durch diese tropische Ueppigkeit ungemein verschönt. Das
-sonst schauerliche Empfinden, welches den Menschen befällt, wenn
-er sich hineinwagt in die Werkstätten der furchtbarsten Naturkraft,
-deren Hauch Land und Wasser erzittern macht, schwindet hier beim
-Anblick thätigen, blühenden Lebens.
-</p>
-
-<p>
-Die Heilkraft des Wassers, von der die Eingebornen erzählten,
-wollte ich auch nicht unversucht lassen; schnell folgten
-wir Europäer dem Beispiele unserer nackten Begleiter und tummelten
-uns in dem warmen Bade, bis eine wohlthuende Ermattung eintrat;
-daß den beiden Hunden, die wir mit uns hatten, das Bad
-ebenso gut bekam, will ich nicht behaupten; den Thieren, die mehrfach
-in das Wasser geschickt wurden, um ein weit weggeworfenes
-Holzstück zurückzubringen, schien wenigstens der bittere Geschmack
-desselben nicht besonders zu behagen.
-</p>
-
-<p>
-Bei näherer Untersuchung habe ich gefunden, daß die Wassertiefe
-dieses Sees überall schnell zunahm und nach der Schräge des
-Bodens zu urtheilen bis zur Mitte eine ganz beträchtliche sein
-muß, auch die Eingebornen bestätigten dies, sie gaben an, es sei
-in nicht großer Entfernung vom Ufer in weiter Runde kein Grund
-mehr zu finden, demnach wären also die drei Kraterhügel nur die
-über Wasser ragenden Kuppen vielleicht gewaltiger Vulkane.
-</p>
-
-<p>
-In tiefster Ruhe, im Sonnenglanz gebadet, liegt der weite
-See, in ihm schlummern Gigantenkräfte! Wann werden diese
-wieder erwachen, Menschen zittern und Felsen erbeben machen!
-Wir standen hier auf einem Vulkan, wir wußten das, aber nicht,
-daß unter uns, rings in der Runde, die unterirdischen Geister
-erwacht waren, die die Feuer schürten, um solche wenige Monate
-später schon mit verheerender Gewalt über diese Insel auszuspeien.
-</p>
-
-<p>
-Nicht so friedfertigen Sinnes wie heute waren die Tonga-Insulaner,
-als sie zuerst mit den weißen Männern in nähere
-Berührung kamen. Die erste Entdeckung dieser Insel erfolgte im
-Jahre 1643, dann wurden sie erst wieder 1773, also über ein
-Jahrhundert später, von dem berühmten Entdecker Cook aufgefunden,
-in der Folge dann von mehreren kühnen Forschern besucht,
-<span class="pagenum"><a id="Page_44" name="Page_44" href="#Page_44">[44]</a></span>
-denen aber ihr langer Aufenthalt an einzelnen dieser Inseln, wie
-Tongatabu, Lefuka u. a. verhängnißvoll wurde.
-</p>
-
-<p>
-Im Vertrauen auf die freundliche Gesinnung dieser Insulaner
-wurden die Europäer zu sorglos, dahingegen die Eingebornen aber,
-welche die Schwächen der weißen Männer bald genug erkannten,
-planten Tod und Verderben. Wohl entgingen viele Europäer dem
-geplanten Anschlag auf ihr Leben und waren noch stark genug,
-ihre Schiffe zu schützen und zu fliehen, manche aber haben ihre
-Achtlosigkeit mit Verlusten von Gut und Leben büßen müssen.
-Heute hat Gesittung den verrätherischen Sinn der Eingebornen
-geändert, sie kennen zur Genüge die Macht des weißen Mannes
-und diese Erkenntniß ist der beste Schutz.
-</p>
-
-<hr class="chapend" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-III. König Maliatoa. Olosinga.
-<br />Der Ausbruch eines unterseeischen Vulkans
-<br />und die Entstehung einer neuen Insel.
-</h2>
-</div>
-
-<p>
-Bei meiner Rückkehr nach Samoa waren die politischen Verhältnisse
-auf Upolu noch verwickelter als früher und für die deutschen
-Beamten eine stete, ernste Sorge, namentlich da die ansässigen
-Amerikaner und Engländer ihre Wühlerei unvermindert fortsetzten.
-Mir, als einem Uneingeweihten, fehlt die genaue Kenntniß, um ein
-anschauliches Bild der politischen Wirren, der feindlichen Kundgebungen
-wahrheitsgetreu wiedergeben zu können &mdash; viel Gutes
-wäre, nebenbei gesagt, nicht zu berichten gewesen &mdash; nur so viel
-sei erwähnt, hätte gehandelt werden dürfen, wie es uns Deutschen
-hier zu jener Zeit ums Herz war, mit der kleinen Zahl jener
-Abenteurer, die desto lauter schrieen, je mehr sie beachtet wurden,
-wäre bald genug aufgeräumt worden; es wäre ein Glück für Land
-und Volk, eine wahre Wohlthat für uns Deutsche gewesen!
-</p>
-
-<p>
-Es lag mir viel daran, den Mann gelegentlich kennen zu
-lernen, in dessen schwachen Händen das Geschick Samoas lag, um
-dessen Gunst so viel Ausländer buhlten, dessen Macht ein Schein,
-dem nur sein Anhang &mdash; die stolzen, selbstbewußten Häuptlinge &mdash;
-die Königskrone sicherten. Der Zufall fügte es, daß ich auf einem
-Spaziergange nach Mulinuu einen langansässigen Deutschen traf,
-der mir behülflich sein wollte, den König sprechen zu dürfen.
-Während kein Samoaner wagen darf, ohne Erlaubniß den geheiligten
-Grund zu betreten, auf welchem sein König wohnt und
-auch dann nur unter Beobachtung gewisser Zeremonien, fanden
-wir dort ungehinderten Zutritt und, ohne nach unserm Begehr
-gefragt zu sein, näherten wir uns dem im Schatten seines Hauses
-sitzenden Könige Maliatoa.
-</p>
-
-<p>
-Die Gastfreundschaft der Samoaner ist bekannt, und ihr
-<span class="pagenum"><a id="Page_45" name="Page_45" href="#Page_45">[45]</a></span>
-König ist nicht minder bestrebt, solche seinen Gästen gegenüber auszuüben.
-Seine braune Majestät hieß uns willkommen und führte
-uns in den großen Vorraum des mit vielem Kunstsinn aufgeführten
-Palastes und lud uns ein, auf den mit Matten bedeckten Holzkisten
-Platz zu nehmen. Darauf rief der König dienstbare Geister, wohlgenährte
-Samoanerinnen erschienen und ließen sich geschäftig im
-Hintergrunde des Zimmers nieder. Schnell waren Steine, Becken
-und Wasser herbeigeschafft, das Zerklopfen der Kavawurzel begann
-und nach kurzer Zeit schon wurde durch Händeklatschen das Zeichen
-gegeben, daß der Trank bereitet sei.
-</p>
-
-<p>
-Mit vieler Grandezza sich auf ein Knie niederlassend, reichte
-eine junge Maid dem Könige zuerst die Kokosschale, wurde aber
-bedeutet, diese seinen Gästen erst zu reichen. Da nahm ich sie in
-die Hände und leerte sie mit einem Zuge, obgleich sie wohl einen
-halben Liter faßte; das Wort „<em class="itals">fafataii</em>“, d. h. danke, war ich
-kaum im Stande, vernehmbar auszusprechen, so hatte das etwas
-starke Getränk mir den Athem genommen. Während dessen setzte
-sich der König würdevoll nach samoaner Art mit untergeschlagenen
-Beinen, auf weichen, feinen Matten vor uns nieder und eröffnete
-erst die Unterhaltung, als auch er die Schale geleert und seinen
-Gästen Bescheid gethan hatte.
-</p>
-
-<p>
-Mit ausgesuchter Höflichkeit lenkte Maliatoa, nachdem er erfahren,
-daß nur der Wunsch uns hergeführt hatte, ihn kennen zu
-lernen (was besonders auf mich Bezug hatte), das Gespräch auf
-unsern großen Kaiser, er stand auch auf und holte unter anderen
-Sachen ein wohlgelungenes Bildniß des Kaiser Wilhelms herbei
-und fragte uns, ob der mächtige, deutsche Kaiser mit diesem Bilde
-sprechende Aehnlichkeit habe, wie ihm versichert worden sei. Unsere
-Bestätigung befriedigte ihn, und für einen Augenblick im Anschauen
-des Bildes versunken, fragte er dann plötzlich, wann ich eingelaufen
-sei und von welcher Insel ich gekommen wäre. Als ich Niua-fu
-erwähnte, lobte er die dort wachsenden großen Kokosnüsse; er wäre
-immer bestrebt, sagte er, solche zu bekommen und benutze sie gewöhnlich
-zur Auspflanzung, wenn anders nicht seine Frauen dieselben
-wegnähmen und zu Wasserbehältern oder Kavaschalen benutzten.
-Schiffsführer, die Niua-fu anliefen, brächten ihm mitunter
-schöne, große Nüsse mit, es wäre aber selten der Fall, weil dort
-wohl nur wenige Schiffe zu Anker gingen.
-</p>
-
-<p>
-Das Letzte war mehr eine Frage an mich, und die Höflichkeit
-gebot, diese so zu verstehen, als sei es ein ausgesprochener
-Wunsch, darum erbot ich mich sofort, diesen zu erfüllen, sobald
-mir Gelegenheit dazu gegeben wäre; ich wüßte zwar nicht, wohin
-ich beordert werden würde, aber solcher geringen Mühe wollte ich
-mich gerne unterziehen und gelegentlich Nüsse mitbringen. Dankend
-nahm Maliatoa das Anerbieten an. Dann wurde uns auf seinen
-<span class="pagenum"><a id="Page_46" name="Page_46" href="#Page_46">[46]</a></span>
-Wink die zweite Schale Kava von schöner Hand gereicht, worauf
-wir uns bald vom Könige verabschiedeten.
-</p>
-
-<p>
-Während der kurzen Unterhaltung war es nicht uninteressant,
-zu beobachten, wie der König in nichts von den Gewohnheiten
-seiner Unterthanen abwich. Wie der Samoaner setzte er sich auf
-den mit Matten belegten Erdboden, stützte gewohnheitsgemäß den
-Oberkörper auf einen Arm oder gab bei nach vorne geneigter
-Haltung seinem Körper dadurch einen festen Stützpunkt, indem er
-die Ellbogen auf die fast flach am Boden liegenden Knie setzte.
-Bei solcher Haltung bleiben dann die Hände zur Vornahme beliebiger
-Verrichtungen frei. Wiewohl nach unseren Begriffen in
-der Haltung des Königs nicht allzuviel Majestätisches zu finden
-war, so gestehe ich doch offen, daß die ganze Erscheinung den
-Herrscher verrieth, dessen Blick Gehorsam zu heischen schien.
-</p>
-
-<p>
-Einige Monate später, ich war über Niuatobutabu nach
-Niua-fu beordert worden, löste ich meine Zusage ein, und kaufte
-dort die größten Nüsse, welche ich mit Hülfe des deutschen Agenten
-auftreiben konnte, für den König Maliatoa auf. Nach Apia zurückgekehrt,
-traf ich leider den König nicht in seinem Palaste bei
-Mulinuu an, ich gab daher die Kokosnüsse an anwesende Häuptlinge
-ab, die solche sogleich den aufwartenden Weibern einhändigten,
-somit mag der König wohl Recht haben, daß ihm geschenkte Nüsse
-meistens zu anderen Zwecken, als zur Auspflanzung Verwendung
-finden.
-</p>
-
-<p>
-Bei weiteren Reisen in der Südsee war ich insofern vom
-Glück begünstigt, als mir Gelegenheit gegeben wurde, auch die
-entlegensten Inseln der Samoa-Gruppe kennen zu lernen und dort
-Beobachtungen über Land und Bewohner zu machen. Auf solchen
-Fahrten zeigte freilich oft genug der gepriesene Stille Ozean ein
-recht unfreundliches Gesicht; widrige, stürmische Winde, gefährliche
-See, straften solche Bezeichnung Lügen. Ist man aber mit der
-wechselnden Eigenart der Witterung erst vertraut geworden,
-namentlich mit der unbeständigen, sogenannten schlechten Jahreszeit,
-so nimmt der Seemann alles ruhig mit in den Kauf und sucht
-dem Unfreundlichsten noch eine gemüthliche Seite abzugewinnen.
-</p>
-
-<p>
-In freier See, wenn dem Schiffe keine Gefahren weiter
-drohten, als durch Wind und Wetter, war ich immer zufrieden,
-hier war des Menschen Können den Elementen gewachsen, wenn
-diese es nicht gar zu böse meinten, hingegen vor gefährlichen Riffen
-auf schlechtem Ankergrunde, wo das Schiff gefährdet lag, schlich
-sich recht oft die Sorge bei mir ein.
-</p>
-
-<p>
-Kräftig hatte der Südost-Passat wieder eingesetzt, vor dessen
-Hauch das düstere Gewölk entfloh, das regenschwer oft genug über
-Land und Ozean gebreitet lag; ein dauernd heiterer Himmel lachte
-auf die blaue Fluth hernieder, deren schaumgekrönte Wellen sich
-im lustigen Spiele endlos jagten. Aufkreuzend gegen solchen steifen
-<span class="pagenum"><a id="Page_47" name="Page_47" href="#Page_47">[47]</a></span>
-Wind und einer in Folge dessen recht bewegten See, brauchte ich,
-nach der Manua-Gruppe bestimmt, acht Tage, um die 130 Seemeilen
-lange Strecke von Apia bis zur Insel Ofu und Olosinga
-aufzusegeln; in Wirklichkeit aber hatte das Schiff annähernd 800
-Seemeilen im Zickzackkurse zurückgelegt, ehe das Ziel erreicht war.
-</p>
-
-<p>
-Durchzieht die langgestreckte Insel Tutuila ein mächtiger
-Höhenrücken, der wegen seiner Form und Steilheit unübersteiglich
-ist, eine Basaltformation von solcher Zerrissenheit darstellend, daß
-thatsächlich zwischen der Nord- und Südküste keine Verbindung
-besteht, so bieten die beiden kleinen Inseln Ofu und Olosinga fast
-noch ein verzerrteres Bild vulkanischer Wildheit dar. Die Massen
-dieser Inseln, steil und hoch, gleich senkrechten Wänden aus der
-Tiefe des Meeres aufragend, zeigen nicht die stumpfe Kegelform
-vulkanischer Bildung, sondern die zackigen Bergspitzen sind hier und
-dort durchbrochen und getrennt, als wären diese durch Gigantenhände
-aufgethürmt worden, sie scheinen das Ergebniß übergewaltiger
-Eruptionen zu sein. Diese unzugänglichen Spitzen und Zacken,
-gesprengte Lavablöcke, ragen fast 3000 Fuß hoch über dem Meeresspiegel
-empor, in Wirklichkeit starre Zeugen einer längst entschwundenen
-Zeit, die auch hier einst die unterirdischen Gewalten
-schaffen und zerstören sah.
-</p>
-
-<p>
-An der Südseite der Insel Olosinga öffnet sich eine von
-Korallenriffen eingeengte Bucht, die durch vielzackige sehr steile
-Basaltfelsen abgeschlossen wird, namentlich sind drei spitze zusammenstehende
-Kegel auffallend und geben ein gutes Merkzeichen. Die
-große Wassertiefe in dieser Bucht bedingte es, daß ich sehr weit
-hineinlaufen mußte und erst ganz in deren Nähe Ankergrund fand;
-fast blieb für das Schiff kein genügender Raum frei von diesen
-zu schwingen, so nahe der Brandung war ich zu ankern gezwungen.
-Zudem war die Verbindung zwischen Schiff und Land nur zur
-Zeit des Hochwassers herzustellen, da das Riff ganz trocken fällt
-und nur während weniger Stunden des Tages, ebenso wie der
-Nacht, konnte Ladung an Bord geschafft werden.
-</p>
-
-<p>
-Eine schmale Fläche Landes liegt nur zwischen Strand und
-steiler Felswand, noch dazu bedeckt mit großen abgestürzten Lavablöcken,
-zwischen denen die Hütten der wenigen Bewohner dieser
-Insel zerstreut errichtet sind; aber wie drohend und kahl auch die
-gewaltigen Felsmassen von der Höhe herabschauen, ihnen zu Füßen
-auf fruchtbarster Erde, ja selbst aus jedem Felsspalt blüht und
-sprießt eine reiche Vegetation. Vornehmlich gedeihen hier der
-Kokosbaum und die Bananen vortrefflich, jener der genügsam ist,
-reckt am Felsengrat sowohl wie am Strande seine stolze Krone in
-die Lüfte und das in solcher Zahl, daß es sich verlohnt hatte hier
-eine kleine Handelsstation anzulegen.
-</p>
-
-<p>
-Die Händler an solchen entlegenen Orten, meistens Mischlinge,
-tauschen für geringe Waare den Ueberschuß an Nüssen von den
-<span class="pagenum"><a id="Page_48" name="Page_48" href="#Page_48">[48]</a></span>
-Eingebornen ein und erzielen durch die Verarbeitung derselben zu
-Kopra für sich einen Gewinn, der ihnen sogar ermöglicht Ersparnisse
-zu machen, da ihre Bedürfnisse sehr gering sind. Zwei
-höchstens drei mal im Jahre versieht ein Schiff die Händler
-mit Tauschartikeln und holt die erhandelten Erzeugnisse ab, daher
-ist denn auch das Einlaufen eines Fahrzeuges immer ein Ereigniß
-von Bedeutung, sowohl für den Händler wie für die Eingebornen.
-In der Station Olosinga, die seit Kurzem durch einen von der
-Insel Tau hierher übergesiedelten Zwischenhändler errichtet war,
-schien hier ein weißer Mann kaum je gesehen worden zu sein,
-denn sowohl der älteste Greis wie der jüngste Sproß waren am
-Strande versammelt als ich landete und Neugierde mit auffallender
-Scheu gepaart, ließ sie die fremde Erscheinung anstarren; namentlich
-die Kinderschaar fürchtete sich und anfänglich genügte eine
-rasche Bewegung meinerseits schon die neugierige Menge auseinander
-zu treiben. Das kleine Haus des Händlers, mit dem ich
-den geschäftlichen Theil abzuwickeln hatte, war schon, noch ehe ich
-eintrat, voll von Menschen, so daß die Jüngeren herausgetrieben
-werden mußten, um Raum zu schaffen.
-</p>
-
-<p>
-Angenehm ist solches Anstarren und Umdrängtwerden nicht,
-und mancher würde es höchst lästig finden; weiß man aber, daß
-barsche Worte wenig nützen, zumal den Erwachsenen gegenüber
-nicht, so erduldet man schon solche Unbequemlichkeit, bald kommt
-man auch zu der Ueberzeugung wie vortheilhaft es ist, da bald
-die Neugierde dieser Naturvölker gestillt ist, Vertrauen erweckt zu
-haben. Frauen und Kinder laufen nicht ängstlich davon, Männer
-gehen nicht mit scheelen Blicken an einem vorüber, das „<em class="itals">talofa,
-ali</em>,“ guten Tag, Herr, hat einen freundlicheren Klang; ich muß
-sagen, natürliche oder sogar erzwungene Ruhe, die ein Europäer
-zeigt, imponirt den Eingebornen am meisten.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Falle war es ein kurzer Sprung von auffälliger
-Scheu bis zur Vertraulichkeit. Der Händler wurde von allen
-Seiten mit Fragen bestürmt, seine Angaben schienen einigen Erwachsenen
-aber nicht zu genügen; diese wollten durchaus wissen,
-ob ich auf der Brust ebenso weiß sei wie im Gesicht und obwohl
-die Frage eigenthümlich genug klang, so war sie doch ernst gemeint,
-denn sie öffneten mein weißes Hemde und überzeugten sich
-selbst davon &mdash; das war ihnen genügend, befriedigt gingen sie
-fort. Nun war nach Verlauf einer halben Stunde die erst so
-große Neugierde aller gestillt; ein Anstarren, geschweige denn eine
-Belästigung kam nicht mehr vor, höchstens trat ein kleiner Bursche
-noch heran und wagte mich um ein Stückchen Tabak anzusprechen.
-</p>
-
-<p>
-Zu den Pflichten eines Schiffsführers gehört es, stets für
-den Empfang einer Schiffsladung die Ladescheine zu zeichnen;
-so war es auch hier (gleichwie an anderen Orten war ich der
-einzige Europäer), es war meine Aufgabe, die zu empfangende Menge
-<span class="pagenum"><a id="Page_49" name="Page_49" href="#Page_49">[49]</a></span>
-Kopra abzuwiegen. Schon um den Aufenthalt hier unter den
-gefährlichen Riffen abzukürzen, wurde die Verschiffung der Ladung
-auch während der Nacht bei lodernden Feuern, die immer von
-Neuem mit trockenen Palmenrippen angefacht wurden, ausgeführt.
-Dabei nun leisteten uns einige Kinder Gesellschaft, die es vorzogen
-wach zu bleiben, um die Feuer zu unterhalten. Unter
-diesen war ein etwa siebenjähriges Mädchen von auffallender
-Schönheit, wie ich noch keins unter farbigen Völkern gesehen; es
-mag sein, daß die leicht gebräunte Hautfarbe dies Kindergesicht so
-anziehend und interessant machte, so viel wenigstens kann ich
-behaupten, dieses Naturkind konnte mit seinen weißen Schwestern
-wetteifern und sich den Hübschesten seines Geschlechts an die Seite
-stellen. Manches hübsche Mädchen habe ich zwar unter den
-Samoanerinnen gesehen, ein solches aber, wie dieses in dieser
-weltentlegenen Gegend aufgewachsen, nicht wieder. Unter anderem
-erhielt ich noch Kenntniß von einem unterseeischen Vulkan, der sich
-an der Ostseite der Insel Olosinga befindet. Ich zog darüber
-Erkundigungen ein, erfuhr aber nur Folgendes: Die älteren
-Bewohner haben vor einer Reihe von Jahren einen Ausbruch
-desselben beobachtet, dabei aber nur leichte Erschütterungen des
-Bodens, sonst nichts Auffallendes wahrgenommen, und seit jener
-Zeit sei an der bezeichneten Stelle im Ozean weiter kein Ausbruch
-erfolgt. Immerhin ist das Vorhandensein eines solchen Vulkans,
-auch wenn ihn die Fluthen des Meeres bedecken, eine gefährliche
-Nachbarschaft und ein Zeichen, daß die Naturkraft fortbesteht, die
-diese gewaltigen Basaltmassen aufgethürmt hat, wenn auch längst
-die Krater dieser Inseln erloschen sind.
-</p>
-
-<p>
-Die größte der Inseln in der Manua-Gruppe ist Tau,
-ebenfalls vulkanischen Ursprungs, an Umfang aber viel bedeutender
-noch als Ofu und Olosinga zusammen genommen; in der Mitte
-dieser Insel erheben sich gegen 3000 Fuß hohe Krater, deren
-Umgebung indeß weniger wild und zerrissen erscheint, da sie von
-der Hügel- zur Bergform übergeht und ausgedehntes Vorland die
-ganze Erhebung umgiebt. Fraglos ist es, daß auf gehobenem
-Korallengrunde im Laufe der Zeiten die flachen Landstrecken
-gebildet wurden, die wiederum ein weites Riff umgiebt, das stetig
-an Ausdehnung durch den Fortbau der Korallenpolype gewinnt.
-Nimmt auch die Kratergegend den bei weitem größten Flächenraum
-dieser 16 Seemeilen im Umfang großen Inseln ein, so hat
-sich doch auf verwittertem Lavagrunde eine reiche Pflanzenwelt
-entfaltet und von See aus gesehen erscheint dieselbe sich bis zu
-den hohen Bergkuppen ausgedehnt zu haben; vor allem sind die
-Umgebungen der Dörfer Tau, Siufanga, Faleasao an der West-
-und Nordwestseite von ausgedehnten Kokospflanzungen umgeben.
-Bestimmt von Olosinga zunächst nach Tau zu segeln, mußte ich
-hier, nachdem mit Schwierigkeit Waaren gelandet, auch der Vertreter
-<span class="pagenum"><a id="Page_50" name="Page_50" href="#Page_50">[50]</a></span>
-der deutschen Handelsgesellschaft abgeholt war, nach Faleasao
-weiter fahren, wo in der guten Jahreszeit der sicherste Ankerplatz
-sein sollte. Hier befand sich auch der Hauptstapelplatz für Kopra.
-Als ich vor Faleasao ankam, schien mir dort der Ankerplatz nahe
-dem Riffe einigermaßen sicher und ein Landen nicht zu schwierig
-zu sein. Weht der Südostwind, so hat Faleasao wohl den Vorzug
-der gesichertste Ort für ein Schiff zu sein, da sich hier ausgedehnte
-Korallenflächen unter Wasser hinstrecken, wenn auch bei
-schnell zunehmender Tiefe; weht derselbe aber östlicher, wie ich es
-fand, so läuft die schwere See längs der kreisförmigen Insel auf
-und erzeugt selbst hier noch eine gefährliche Brandung.
-</p>
-
-<p>
-Von einem Schiffe aus gesehen scheint freilich eine Brandung
-nie so schwer als sie in Wirklichkeit ist, befindet man sich aber
-mit einem Boote in derselben, erkennt man erst die gewaltige
-Kraft der mit großer Geschwindigkeit heranrollenden und sich überstürzenden
-Wogen.
-</p>
-
-<p>
-Genöthigt zu warten bis Hochwasser eingetreten war, wodurch
-am Riffe die Brandung vermindert wurde, machten wir doch
-beim ersten Landungsversuch eine unliebsame Bekanntschaft mit
-derselben. Obgleich die Bootsbesatzung tüchtig und geübt war,
-überlief uns dennoch die See; in dem Augenblicke, wo es galt,
-mit aller Kraft zu rudern, um die hinter uns brechende Woge
-nicht über das Boot stürzen zu lassen, unterlief die Kraft der
-neben dem Boote aufrollenden Vorwelle den Riemen (Ruder)
-eines Mannes, den dieser nicht schnell genug zu heben vermocht
-hatte. Trotz der Anstrengung des Steuerers wirbelte im Augenblick
-das Boot herum, die Welle brach über das breitseits liegende
-Boot herein, überschlug dasselbe, und Menschen, Boot und dessen
-Inhalt bildeten ein Chaos, daß die brüllende Woge strandaufwärts
-trug. Weil ich selbst kein Schwimmer war, und keinen Grund
-unter den Füßen fand, so wurde für mich die Lage bald bedenklich,
-zumal da ich nichts zu sehen im Stande war, und nur
-donnerndes Brausen mir in den Ohren gellte. Ein Spielball des
-Wassers, mußte ich das Schlimmste befürchten, wenn die rücklaufende
-Welle mich mit sich riß; aber plötzlich fühlte ich einen
-Halt, ein Eingeborner der Bootsbesatzung hatte mich gefaßt, ehe
-es zu spät gewesen, ich fand auch gleich wieder Grund und
-tummelte fort, nur beschleunigte die nächste Welle mein Bestreben,
-den Strand zu gewinnen dermaßen, daß ich durch den heftigen
-Stoß ziemlich unsanft auf die spitzen Korallen geworfen wurde;
-aber abgesehen von einigen Verletzungen an den Händen kam ich
-noch glimpflich davon. Weitere Verwundung erhielt keiner, nur
-der Mann, dessen Ungeschick alles verschuldet hatte, hatte sich den
-Kopf verletzt. Zum Glück war auch das große von Tau mitgenommene
-Brandungsboot unbeschädigt geblieben, die Besatzung
-desselben, an solche Fahrten gewöhnt und aus guten Schwimmern
-<span class="pagenum"><a id="Page_51" name="Page_51" href="#Page_51">[51]</a></span>
-bestehend, wußte mit Geschick einen verderblichen Aufstoß des
-Bootes auf den harten Korallengrund zu vermeiden. Schnell war
-das Mißgeschick vergessen. Das Boot wurde ausgeschöpft und
-flott gemacht, dann mit dem Verschiffen der Ladung begonnen.
-Freilich manchmal glaubten wir Boot und Ladung nicht wieder
-zu sehen, wenn es in der Brandung verschwand oder in Gefahr
-war, von einer steilen Woge überworfen zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Soweit die Leute Grund unter den Füßen hatten, schoben
-sie das Boot stets hinaus, dann wurde gewartet, bis drei schwere
-Seen herangelaufen waren, sofort aber hinter der dritten schwang
-sich die Besatzung in das Boot und ruderte mit aller Kraft der
-vierten, gewöhnlich schwächsten Woge entgegen, die passirt sein
-mußte, ehe sie sich brach; gelang dies nicht, kam häufig das Boot
-fast sinkend längsseit des Schiffes und es entstand dadurch eine
-Verzögerung.
-</p>
-
-<p>
-Dem Manne, der mich flüchtig gestützt, als ich kraftlos ein Spiel
-der Wogen gewesen, gab ich auf Anrathen des Händlers eine Hand
-voll Stangentaback, kaum aber hatte derselbe begriffen, daß solcher
-sein Eigenthum sein solle, als er wie besessen umhersprang, immer
-wieder sein „<em class="itals">fafataii</em>“, danke, brüllend, bis sich seine Genossen um
-ihn geschaart und er schnell die Hälfte seines Geschenkes los
-geworden war.
-</p>
-
-<p>
-Das Rauchen ist unter den Eingebornen der Südsee stark
-verbreitet, daher ist eigens für sie zubereiteter, kräftiger Taback
-ein bedeutender Tauschgegenstand geworden. Selten nur findet
-man die Tabackpfeife in Gebrauch, dagegen kommt allgemein die
-Cigarette in Anwendung, die mit Vorliebe von beiden Geschlechtern
-geraucht wird. Sehr oft habe ich mich ebenfalls derselben bedient
-und gefunden, daß der Europäer in der Hütte des Eingebornen
-stets willkommen ist, der seinen Vorrath mit ihnen theilt, wenigstens
-aber so viel abgiebt, um das augenblickliche Bedürfniß zum Rauchen
-zu befriedigen. Einfach genug ist die Herstellung einer Cigarette,
-als Umhüllung dient ein Streifen vom getrockneten Bananenblatt;
-der Taback, aus zusammengepreßten Blättern bestehend und
-meistens feucht, wird nach Bedarf auseinander gewickelt, über ein
-entzündetes Streichholz oder eine kleine Flamme, auch über Kohlengluth
-etwas angeröstet, eigentlich nur dadurch betrocknet und dann
-in den bereitgehaltenen Streifen eingewickelt. Auf diese Weise ist
-eine Cigarette schnell genug angefertigt; diese geht dann von Hand
-zu Hand und hat Jeder durch einige Züge das augenblickliche
-Verlangen befriedigt, so wird der Rest der Cigarette von einem
-der Anwesenden hinter der Ohrmuschel so lange aufbewahrt, bis
-sich wieder das Bedürfniß zum Rauchen einstellt.
-</p>
-
-<p>
-Es erwies sich übrigens als leichter, mit einem schwerbeladenen
-Boote gegen die starke Brandung zu rudern, als mit
-dem leeren vor derselben zu laufen, im letzteren Falle meistens
-<span class="pagenum"><a id="Page_52" name="Page_52" href="#Page_52">[52]</a></span>
-von dem Kamme einer Woge riffaufwärts getragen, wird das
-Boot von ihr schließlich überlaufen und die darauf folgende
-gefährdet es. Zweimal geschah es während der 60-70 Fahrten,
-welche das Boot zum Schiffe hin und zurück machen mußte, daß
-dieses in der Brandung überworfen wurde, jedoch ohne weiter
-Schaden zu nehmen. Ich habe manche Brandung an Korallenriffen
-mit weniger tüchtiger Mannschaft und schwächeren Booten
-passirt, bin aber niemals später genöthigt gewesen, wie hier, bei
-so hohem Seegange Ladung abzunehmen. Diese See, eigentlich
-nur längs und auf das Riff laufende Roller, war schon schwer
-genug; eine Möglichkeit hätte es aber nicht mehr gegeben, durch
-die Brandung zu kommen, wenn auch nur ein leichter Wind die
-Wogen verstärkt hätte; diese sind übrigens desto gefährlicher, je
-weiter vom Strande entfernt abflachender Grund der Wassermasse
-gestattet sich aufzurollen.
-</p>
-
-<p>
-Des Ungeziefers, welches mit einer Kopraladung an Bord
-gebracht wird und sich dort schnell einnistet, habe ich früher Erwähnung
-gethan, namentlich der Ameisen und der Kakerlaken. Mich
-jener zu erwehren, wenigstens sie möglichst aus der Kajüte zu vertreiben,
-wurden Fugen und Ritzen im Holz mit Petroleum angefeuchtet
-oder gut verkittet; solche Mittel lohnten zwar nicht viel,
-aber eine Zeit lang wenigstens etwas; hingegen die Kakerlaken
-zu vertreiben, wollte nichts verfangen. Unglaublich vermehren sich
-die bis zu 1½ Zoll und darüber wachsenden Thiere; da sie an
-feuchten Stellen mit Vorliebe sich aufhalten, ist ihnen zwischen den
-Rippen des Schiffes nicht beizukommen. Selbst wenn ich zeitweilig
-eine Ausräucherung des ganzen Schiffes mit Kohlengas
-vornahm, um die nicht minder lästigen Ratten zu vertilgen, gelang
-es wohl, die schlimmen Nager zu tödten, die meistens in der Nähe
-der erloschenen Kohlenbecken, wo sie wegen des hierher strömenden
-Sauerstoffes am längsten zu leben vermochten, aufgefunden wurden;
-den Kakerlaken hingegen schadete solche Ausräucherung nichts.
-</p>
-
-<p>
-Bei Tage nicht sichtbar, kommen die Kakerlaken Abends aus
-ihren Verstecken hervor, dann aber ist es in geschlossenen Räumen
-nicht auszuhalten, so groß ist die Menge der Thiere. Sehr lebhaft
-aber werden sie und die, welche fliegen können, schwirren umher,
-sobald sich eine Aenderung im Wetter bemerkbar macht; ich beobachtete,
-daß jedesmal Regen eintrat, wenn die Kakerlaken zu
-fliegen begannen.
-</p>
-
-<p>
-Doch nicht nur sehr unangenehm und widerwärtig sind diese
-Thiere, sondern sie sind auch im Stande, empfindlichen Schaden
-anzurichten; man darf kein unreines Zeug oder Leibwäsche frei
-liegen lassen, soll solche nicht angefressen werden. Anfänglich, ehe
-ich dahinter kam, maß ich den Ratten die Schuld bei, wenn mir
-gute wollene Hemden verdorben wurden. Glücklicherweise gab mir
-der Zufall ein Mittel an die Hand, diese Kakerlaken nach Möglichkeit
-<span class="pagenum"><a id="Page_53" name="Page_53" href="#Page_53">[53]</a></span>
-zu vernichten. Eine entleerte Flasche Bier war unabsichtlich
-in eine leere Koje gesetzt worden und zwar so, daß es den durch
-den Biergeruch angelockten Thieren möglich geworden war, den
-Hals der Flasche zu erreichen und hinein zu kriechen. Einmal hinein
-gab es kein Zurück mehr, und ich fand, einem widerlichen Geruch
-nachspürend, diese Flasche ganz angefüllt mit todten Kakerlaken.
-</p>
-
-<p>
-Später ließ ich denn auch frisch geleerte Bierflaschen aufstellen
-und konnte bald, da oft Hunderte in einer Nacht gefangen
-wurden, eine Abnahme bemerken. Auf längeren Reisen, wenn der
-geringe Vorrath an Bier ausgetrunken war, setzte ich entweder
-eine Schüssel mit Seifenwasser oder mit einem Zusatz von Syrup
-den Kakerlaken hin und richtete es so ein, daß sie bequem hineinkommen
-konnten; war es auf solche Weise auch nicht möglich, die
-Thiere auszurotten, weil sie sich zu stark vermehrten, so wurde
-doch ihre Zahl sehr vermindert.
-</p>
-
-<p>
-In späterer Zeit hatte ich leider nie wieder Gelegenheit, die
-Manua-Gruppe anzusegeln und meine Beobachtungen zu vervollständigen,
-dagegen wurde ich mit den Tonga-Inseln, ihrer Beschaffenheit
-und Bevölkerung, vertrauter, da ich meistens längere
-Reisen durch diese ausgedehnte Gruppe zu machen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der bereits geschehenen Erwähnung, daß in freier See sowohl,
-wie unter den zahlreichen Inseln, eine große Zahl Haifische
-zu finden ist, wollte ich noch näher darauf eingehen, in welcher
-Weise es mir gelang, eine beträchtliche Anzahl dieser gefährlichen
-Meerbewohner zu fangen, die zum Theil dann von meiner Schiffsbesatzung
-verzehrt wurde. Möglich ist der Fang des Haifisches
-nur bei ruhiger See und bei Windstille; er wird um so leichter,
-wenn der Hai hungrig ist und nach allem gierig schnappt, was
-über Bord geworfen wird. War also Windstille eingetreten, wiegte
-das Schiff sich steuerlos auf der blauen Fluth, so währte es gewöhnlich
-nicht lange und die Rückenflosse eines oder mehrerer Haie
-wurde sichtbar, die langsam näher kamen und entweder hinter dem
-Schiffe verblieben, wenn dessen Fahrt vielleicht noch gering war,
-oder sonst um dieses herumschwammen.
-</p>
-
-<p>
-Kamen die Thiere nicht nahe genug heran, so wurde eine
-Lockspeise an dünner Leine befestigt, jedoch so, daß diese der Hai
-wohl befühlen, aber nicht erfassen konnte; die Leine wurde nämlich
-schnell eingeholt, sobald der Hai sich auf den Rücken legte und
-zuschnappen wollte. War der Hai erst gierig gemacht, so folgte er
-dem Köder schneller, besonders, wenn es ihm doch gelungen war,
-ein Stückchen Fleisch zu erfassen.
-</p>
-
-<p>
-Auf diese Weise bis dicht unter das Heck des Schiffes gelockt,
-schwamm der Hai achtlos auf die Gefahr, welche ihm drohte,
-in die weit in das Wasser reichende Schlinge hinein, schnell diese
-fallen gelassen und zusammengeholt, war solch großer Fisch immer
-gefangen, weil ein Uebergleiten der Schlinge wegen der unbiegsamen
-<span class="pagenum"><a id="Page_54" name="Page_54" href="#Page_54">[54]</a></span>
-Schwanzflosse nicht mehr möglich war. Bot sich eine Gelegenheit
-in der Nähe der Insel Upolu einige Haie zu fangen, und
-war das Schiff nicht allzufern dem Hafen von Apia, gestattete ich
-der Besatzung meistens die Fische aufzubewahren, die dann außenbords
-in den Rüsten oder unter dem Bugspriet aufgehängt wurden,
-denn der Fischgeruch war nicht besonders angenehm. Verzögerte
-sich die Ankunft aber und hatte die heiße Sonne schon zersetzend
-eingewirkt, ließ ich die Haie losschneiden, was von den Samoanern
-immer bedauert wurde; hingegen, wenn wirklich ein todter Hai
-mitgebracht werden konnte, gab es einen Festschmaus bei den Anverwandten
-am Lande.
-</p>
-
-<p>
-Anstoß an dem strengen, widerlichen Geruch des Fisches
-nahmen die Samoaner nicht, vielmehr durch eingetretene Zersetzung
-ward das Fleisch desselben mürbe, das sonst hart, zähe und trocken
-ist. Aus Noth habe ich auch einmal versucht, das zubereitete
-Fleisch eines jungen, frisch gefangenen Haies zu essen, aber es
-wollte selbst gebraten nicht munden, obgleich sicher ein gewisser
-Widerwille das meiste dazu beitragen mochte.
-</p>
-
-<p>
-Das Gebiß eines großen Haifisches ist furchtbar, die vorderen
-festen Zähne im Unter- und Oberkiefer sind an der Wurzel breit
-und flach und scharf wie ein Messer, die Zähne fassen so ineinander,
-daß alles, was der Hai erfaßt, von diesen durchschnitten
-wird. Hinter den festen Vorderzähnen liegen noch sechs Reihen
-ebensolcher, jede kleiner als die andere und in den Rachenmuskeln
-beweglich. Faßt der Hai eine Beute, ist er nicht im Stande, solche
-wieder fahren zu lassen; die hinteren Zahnreihen richten sich auf
-und geben einmal Gefaßtes schwerlich wieder frei.
-</p>
-
-<p>
-Einmal, in der nördlichen Einfahrt von Tongatabu (ich war
-zwischen den Riffen von Windstille befallen worden) hielten sich
-schon längere Zeit zwei mächtige Haie von seltener Größe beim
-Schiffe auf. Schließlich machte ich mich daran, da diese Thiere
-ohne Scheu längsseit kamen, einen mit der Schlinge zu fangen.
-Ohne daß Köder angewandt war, hatte sich bald eines der Unthiere
-in der Schlinge festgelaufen; am Schwanz gefangen, peitschte
-der Hai wüthend das Wasser und die Leute hatten zu thun, das
-starke Thier zu halten, das erst jeden weiteren Versuch sich zu befreien
-aufgab, als es ermattet an der Schiffsseite hochgezogen war.
-</p>
-
-<p>
-Der zweite Hai, der anfänglich gleich verschwunden, kam
-bald wieder zum Vorschein und so nahe an seinen gefangenen Gefährten
-heran, daß auch er nach einigen Versuchen demselben
-Schicksal verfallen war. Die Leute sollten nun den zweiten nicht
-zu nahe dem schon hochgezogenen aufholen, aber in ihrer Hast
-zogen sie das heftig um sich schlagende Thier doch nahe an dem
-ersten Hai vorbei und dieser, ebenfalls unruhig gemacht, wohl auch
-von dem Schwanze des zweiten getroffen, schwang seinen Oberkörper
-<span class="pagenum"><a id="Page_55" name="Page_55" href="#Page_55">[55]</a></span>
-im Wasser hin und her, dabei den mächtigen Rachen auf-
-und zuschnappend.
-</p>
-
-<p>
-Solange der Hai noch im Wasser war, sträubte er sich mit
-seiner ganzen Kraft und folgte nur widerwillig der angewendeten
-Gewalt, er entriß auch den Händen der Leute das Tau, ehe dasselbe
-befestigt werden konnte und schoß seitwärts in die Tiefe.
-Indeß da das Tau, womit der Hai gefangen worden war, zum
-Aufhissen eines der Vordersegel diente und an diesem befestigt war,
-so vermochte er nicht zu entkommen. Als er wieder herangeholt
-war, sollte gewartet werden, bis er sich müde gearbeitet hätte;
-aber übereifrig geworden, zogen die Leute weiter und als sie unachtsam
-wieder dem ersten Hai zu nahe gekommen waren, hielten
-sie plötzlich das lose Tau in Händen. Der hängende Hai hatte
-nämlich nach dem Schwanze des zweiten geschnappt, die halbe
-Flosse mitsammt dem starken Tau durchbissen und so seinem Gefährten
-die Freiheit gegeben. Ein kurzer, aber gewaltiger Schlag
-war es, den dieser Hai führte, als er gebissen sich zur Wehr setzte,
-doch bald schoß er frei mit einer Geschwindigkeit hinweg, wie man
-solche diesen sonst trägen Thieren nicht zutrauen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Um nun den gefangenen Hai, dessen Körper noch halb im
-Wasser niederhing, sicher an Deck zu bringen, mußte ihm eine
-zweite Schlinge oberhalb der Rückenflosse umgelegt werden; an
-dieser wurde das Thier dann hochgezogen, der Schwanzwirbel
-durchgeschlagen und erst, als es sich verblutet hatte, an Deck genommen.
-Das Thier maß etwas über 13 Fuß und hatte ein
-furchtbares Gebiß. Dieses sollte später ein Tonganer für mich
-präpariren und reinigen, nachdem der Kopf wochenlang in Salz-Seewasser
-gelegen und alles Fleisch sich abgelöst hatte; ich sah
-aber nie etwas davon wieder, es hieß, die Kiste mitsammt dem
-Kopfe des Haies, die am Riffe versenkt worden war, sei verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Auf meiner zweiten Reise, von Apia nach Tongatabu, lief
-ich, von Vavau kommend, westlich von der ganzen Tongagruppe,
-und befand mich eines Tages im Mai 1885, als voraus die
-Basaltkegel Hunga-hapei und Hunga-tonga gut in Sicht gekommen
-waren, nicht allzufern von den in der Karte angeführten Culebrasriffen.
-Mein Kurs, der südwärts gerichtet war, mußte mich gerade
-darauf führen. Aber als ich die hohen Inseln Kao und
-Tofua in Deckung gebracht hatte &mdash; die Kreuzpeilung von der
-Insel Namuka und Hunga-tonga ergab, ich müsse zwischen den
-Riffen mich befinden &mdash; wollte von den Riffen nichts sichtbar
-werden. Vergeblich hielt ich selbst von den Masten aus Umschau,
-ich konnte weit in der Runde kein Riff, noch flacheres Wasser sehen
-und ebensowenig die noch schärferen Augen meiner Leute.
-</p>
-
-<p>
-Fünf Monate später bekam ich auf ebensolcher Reise, die
-Hapai-Gruppe anlaufend, in Lefuka einen Lootsen als Passagier
-<span class="pagenum"><a id="Page_56" name="Page_56" href="#Page_56">[56]</a></span>
-an Bord, der sich erbot, mir den Weg durch die Riffe der Kotu-
-und Namuka-Gruppe zu zeigen. Ich nahm das Anerbieten an,
-schon weil der Weg kürzer war und ich auch wußte, dieser Mann
-kenne die Durchfahrten ganz genau. Es war am Nachmittage des
-12. October 1885, die Insel Namuka in Sicht, hielt ich den Kurs
-nach der freien See zu, um nicht während der Nacht zwischen gefährlichen
-Riffen laviren zu müssen.
-</p>
-
-<p>
-Westwärts mit freiem, leichtem Winde zog das Schiff, ich
-konnte hoffen, ehe die Nacht hereinbrach, die freie See zu gewinnen,
-bevor, wie ich fürchtete, westlicher Wind, der in der Ferne mächtige,
-drohende Wolkenmassen aufballte, mein Vorhaben, Namuka zu umsegeln,
-vereitelte. Keiner anderen Annahme konnte ich Raum geben,
-so ungewöhnlich in dieser Jahreszeit mir auch eine Aenderung in
-der Witterung erscheinen wollte, als der, es müsse ein schwerer
-Sturm heraufziehen. Das schönste Wetter war um uns, der Himmel
-blau und klar, ich konnte nicht verstehen, da auch das Barometer
-immer noch keine Aenderung zeigen wollte, was im Westen das
-Anstürmen der Wolkenmassen, die dunkel wie die heraufziehende
-Nacht waren, zu bedeuten habe.
-</p>
-
-<p>
-Unverändert, den ganzen Horizont im Südwesten bedeckend,
-blieb diese Erscheinung. Wider Erwarten entwickelte sich nicht ein
-heraufziehender Sturm, auch nicht das Gewölk, welches ein solcher
-vor sich hertreibt. Ein Räthsel war es, dessen Lösung ich nicht fand.
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht brach herein, herrlich glänzte über uns der Sternenhimmel
-einer friedevollen Tropennacht. Nur von den Riffen, die
-die Insel umgeben, schallten vereinzelte Stimmen über das stille
-Gewässer, dort rüsteten sich die Bewohner zum Fischfange, und bald
-leuchteten die Kokosfackeln in den zahlreichen Kanoes auf, eine
-Beleuchtung, wie solche stimmungsvoller nicht der ganzen Umgebung
-angepaßt werden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch die tiefdunkle Nacht in der Ferne wurde erleuchtet,
-Feuergarben zuckten zum Himmel empor, momentan die dunkle
-Masse wie mit magischem Lichte erhellend. Unerklärlich, wußte ich
-doch, daß dorthin auf hunderte Seemeilen kein Land zu finden
-war; die kleinen Felseninseln Hunga-tonga und Hunga-hapai lagen
-südlicher. Es war nicht der Blitz, der durch die Wolken zuckte,
-aus der Tiefe des Meeres herauf glühte es, sekundenlang immer
-wieder mit graufahlem Schimmer, mit blitzendem Feuerschein, den
-Horizont durchleuchtend.
-</p>
-
-<p>
-Nichts veränderte sich während dieser Nacht, das Phänomen
-blieb sich gleich, auch trotz der größer werdenden Entfernung, bemerkte
-ich keine wesentliche Veränderung; erst der neue Tag bleichte
-den Feuerschein, der, was ich schließlich als positiv habe annehmen
-müssen, nur von einem zum Ausbruch gelangten Vulkan herrühren
-konnte. In Nukualofa eingelaufen, erfuhr ich, daß am 11. Oktober
-ein zeitweise heftiges Erdbeben die Insel Tongatabu erschüttert
-<span class="pagenum"><a id="Page_57" name="Page_57" href="#Page_57">[57]</a></span>
-habe, und die Feuergarben, die ich gesehen hatte, waren auch hier
-beobachtet worden.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich war jedermann auf Tongatabu in Spannung versetzt,
-als nach meinen Angaben, die ich zu machen im Stande
-gewesen, kein Zweifel blieb, daß nördlich der Inseln Hunga-tonga
-und Hunga-hapai der Ausbruch eines unterseeischen Vulkans stattgefunden
-habe; das Erdbeben also hiermit in Verbindung zu bringen
-sei. Selbst begierig, den näheren Zusammenhang zu erfahren, kam
-ich mit Herrn von Treskow überein, das Schiff so schnell wie
-möglich abzufertigen, und ich nahm mir vor, so eingehend
-als möglich zu erforschen, welche Bewandtniß es mit dieser Erscheinung
-habe.
-</p>
-
-<p>
-Am 14. Oktober früh, nach eintägigem Aufenthalt, segelte ich
-wieder ab, und meinen Kurs direkt auf jene Gegend setzend, fand
-ich am Nachmittage, sobald die Felseninsel Hunga-tonga querab
-lag, daß in nordwestlicher Richtung eine neue Insel entstanden war,
-genau auf derselben Stelle, wo ich vor 5 Monaten vergeblich das
-in der Karte angegebene Culebrasriff gesucht hatte. Der frisch
-wehende Südost-Passat trieb das Schiff schnell vor sich her und ehe der
-Abend hereinbrach, war ich keine halbe deutsche Meile von dieser
-Insel und dem in furchtbarer Thätigkeit befindlichen Vulkan entfernt.
-An der Ostseite dieser neuentstandenen Erhebung, die etwa 300 Fuß
-hoch und ¾ deutsche Meile im Umfang haben mochte, befand sich
-ziemlich in der Mitte dicht am Strande der Krater. Am Südende
-der Insel stieg eine etwa 40 Fuß hohe, weiße Dampfsäule ebenfalls
-unmittelbar am Strande auf, die wie ein mächtiger Springbrunnen
-ununterbrochen emporschoß, und soweit ich es unterscheiden konnte,
-war es heißes Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Hatte der Anblick dieser entfesselten Naturgewalt schon etwas
-Furchtbares, so wurde das grollende Rauschen, der gewaltigsten
-Brandung, dem dumpfen Rollen entfernter Donnerwogen vergleichbar,
-fast unheimlich. Meine Leute, Eingeborne der Samoa-Gruppe
-und der Insel Niue, erzitterten, und ich selbst konnte mich eines
-Schauders nicht erwehren. Die Sprache, möcht' ich sagen, ist zu
-arm, um das Empfinden bei solchem Anblicke wiedergeben zu können.
-</p>
-
-<p>
-Jede Minute brachen fünf gewaltige Rauchmassen aus dem
-tiefen Schlunde herauf, abwechselnd ein schwererer, dann ein etwas
-leichterer Ausbruch, unter diesen war immer einer, der mit solcher
-Gewalt zum Himmel fuhr, daß erst in gewaltiger Höhe die geballte
-Rauchmasse sich vertheilte; kaum daß der starke Wind seinen Einfluß
-ausgeübt hatte, war schon die nächste aus dem rauschenden,
-zischenden Schlunde emporgefahren.
-</p>
-
-<p>
-Mit diesem günstigen Südost-Winde, der mich, das wußte
-ich wohl, nicht im Stiche ließ, hätte ich es gewagt, so nahe als
-möglich heranzusegeln, obgleich die See, durch den starken Wind
-erregt, um mich schäumte und brüllte; es waren keine langgestreckten
-<span class="pagenum"><a id="Page_58" name="Page_58" href="#Page_58">[58]</a></span>
-Wellen mehr, sondern ein Chaos weißköpfiger, tummelnder Wogen.
-Aber wie wohl ich bis zum Strande nirgends Brandung sah,
-fürchtete ich schließlich doch, daß mit der Insel auch Untiefen, die
-dem tiefgehenden Schiffe verderblich werden können, gehoben sein
-möchten.
-</p>
-
-<p>
-Ich stand hoch oben im Vordermast und schaute scharf voraus,
-bis plötzlich ein Blick unter mir auf die brausende See mich erschauern
-machte; einer gewaltigen Stromkabelung nämlich gleich
-war die See, durch welche mit schneller Fahrt das Schiff sich Bahn
-brach. Noch wartete ich, obgleich ich nicht mehr als eine Seemeile
-vom Krater entfernt war, da geschah ein furchtbarer Ausbruch, um
-den Krater, der noch immer die schwarzen Massen scheinbar direkt
-aus der See herausschleuderte, hoben sich die Wogen, was ich mit
-einem guten Glase deutlich unterscheiden konnte, als wallten sie
-auf von einer gewaltigen Kraft zurückgeschleudert, das Meer erzitterte,
-und ich fühlte das Beben des Schiffskörpers. Nun war es genug,
-die Unruhe meiner Leute war zu groß, ich mußte fürchten, ein
-plötzlicher Befehl würde ungeschickt ausgeführt werden &mdash; in so
-unheimlicher Nähe einer solchen Naturgewalt hätten auch wohl
-andere Herzen gezittert &mdash; und „hart an den Wind“ durch das
-Zischen der See, durch das Brausen der Eruption, rief ich das
-Kommando. Da ich schwerlich von den Leuten verstanden wurde,
-war eine Handbewegung bezeichnender, unter dem Druck seiner
-Segel fuhr das Schiff herum und stampfte, seine Fahrt vermindernd,
-auf und nieder in dieser wild durcheinander laufenden Wassermasse.
-</p>
-
-<p>
-Als ich aber die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß keine
-Gefahr vorhanden, die Erschütterung nur durch den heftigen Ausbruch
-verursacht worden war, vergrößerte ich den Abstand nicht,
-und hielt, überall frei Wasser auch vor mir sehend, wieder nach
-Norden ab, nur lief ich nicht näher heran. Bald wurde um das
-Schiff die See wieder ruhiger, lief wenigstens gleichmäßiger und
-als ich die Nordspitze bei gleichem Abstande umsegelte, hatte ich
-große Lust, hier im ruhigen Wasser, an der Westseite zu landen.
-Doch freiwillig wäre keiner meiner Leute in das Boot gegangen
-und, da ich als einziger Europäer &mdash; meinen Steuermann hatte
-ich in Apia für ein anderes Schiff abgeben müssen &mdash; mein Schiff
-nicht verlassen durfte, hätte der Anbruch des nächsten Tages abgewartet
-werden müssen, um eine genaue Ortsbestimmung vornehmen
-zu können, für diesen Tag war es zu spät.
-</p>
-
-<p>
-Mit dem Lothe die Tiefe zu sondiren und vorsichtig heranzulaufen
-hätte uns solche Untersuchung, obgleich auf einer Seemeile
-Abstand noch kein Grund gefunden wurde, viel Zeit weggenommen;
-auch lag eine tiefe Dämmerung, verursacht durch die über die Insel
-getriebenen Rauchwolken, an der Westseite. Einer tiefschwarzen
-Nacht fuhr ich entgegen, es war, als läge in ihr das Verderben
-vor uns.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_59" name="Page_59" href="#Page_59">[59]</a></span>
-Diesen Plan gab ich auf, wendete und fuhr, beim Winde
-haltend, so weit wieder ostwärts, daß der Krater in seiner unheimlichen
-Schönheit vor Augen blieb. Bald kam der Abend, bald
-entzog die dunkle Nacht, da ich nun den richtigen Kurs wieder
-aufgenommen hatte, die Insel unsern Augen; nur der Krater spie
-fort und fort seine dunklen Massen empor, aber nicht mehr wie
-am Tage, wo das unterseeische Feuer nur hellgrau den Fuß der
-emporgeschleuderten Massen färbte, sondern jetzt glühte es, als wenn
-ein undenkbar gewaltiger Schlot seine Feuergarben zum Himmel
-sendete.
-</p>
-
-<p>
-Wie schnell das Schiff auch vor dem Winde seines Weges
-zog, so verminderte sich doch nicht diese gewaltige Erscheinung, und
-während dieser langen Nacht wandte ich kein Auge von diesem
-grausig schönem Schauspiele. Erst die im Osten aufsteigende
-Morgenröthe eines neuen Tages, die, wer sie einmal in ihrer Pracht
-auf dem endlosen Meere gesehen, nie vergißt, und immer wieder
-sehen möchte, bleichte den Schimmer der Feuersäule und in der
-hier friedevollen Natur zogen wir beflügelt unseres Weges dem
-fernen Ziele entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Andere Schiffe nach mir haben diese Insel in Sicht gelaufen,
-aber viel größeren Abstand gehalten, nach den Berichten ist, soweit
-ich solche verfolgen kann, die Landmasse noch weiter gehoben worden,
-und der Krater noch lange in Thätigkeit gewesen; auch wird berichtet,
-daß am Südende später drei Dampfsäulen gesehen worden
-sind. Sehr leid hat es mir nachher gethan, daß ich nicht den
-nächsten Tag abgewartet und nach einer Möglichkeit gesucht habe,
-an der Nordwestseite eine Landung zu versuchen, nicht dem ersten
-Drange, die deutsche Flagge dort aufstecken zu lassen, gefolgt bin.
-</p>
-
-<p>
-Meinem Berichte über den Ausbruch dieses unterseeischen
-Vulkans und die Entstehung dieser neuen Insel, scheint das deutsche
-Konsulat in Apia keine Bedeutung beigemessen zu haben, bekannt
-geworden sind nur Berichte von englischer Seite und der des
-deutschen Kriegsschiffes „Albatros“, das wenige Monate nach mir,
-am 21. Januar 1886, die neu entstandene Insel sichtete. Direkt
-von Tongatabu nach der Insel Niua-fu bestimmt, fand ich dort
-die ganze Bevölkerung in großer Aufregung, denn heftige Erdbeben
-hatten zur selben Zeit auch diese Insel erschüttert; ein Ausbruch
-wurde erwartet. Der Hauptkrater, die drei Hügel im See, rauchten
-heftiger, dennoch wurde hier kein Ausbruch vorausgesetzt, vielmehr
-befürchtet, an irgend einer anderen Stelle würde ein solcher erfolgen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Beruhigung für alle war die Kunde, die ich hierher
-gebracht, daß im Süden ein gewaltiger Ausbruch stattgefunden
-habe, die Annahme, ein Ausgleich der Naturkräfte hätte sich dadurch
-ergeben, wirkte beruhigend auf die Gemüther, zumal da schon
-während der letzten Tage die Erschütterungen auf Niua-fu immer
-schwächer geworden waren.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_60" name="Page_60" href="#Page_60">[60]</a></span>
-Aber mag auch der Ausbruch jenes unterseeischen Vulkans
-ein Ableiter gewesen sein, am Ende des Jahres 1885 mehrten
-sich doch wieder die Anzeichen einer drohenden Gefahr; die heftigen
-Erschütterungen mehrten sich, bis plötzlich am Südende von Niua-fu
-ein sehr starker Ausbruch erfolgte, und ob ich auch nie wieder diese
-Insel betreten habe, hörte ich doch in den fernen Marschallinseln,
-daß die Verheerung durch fließende Lava auf Niua-fu furchtbar
-gewesen sein soll.
-</p>
-
-<p>
-Ein beschränktes Feld nur ist es, im Verhältniß zur ausgedehnten
-Inselwelt des großen Ozeans, dessen ich hier Erwähnung
-gethan, und doch im Gegensatz zu den einzelnen, erwähnten Inselgruppen,
-den niedrigen Koralleninseln, muß die beträchtliche Anzahl
-erloschener, und zum Theil noch thätiger Vulkane auffällig erscheinen.
-Sie alle aufzuzählen scheint mir unnöthig, zumal jede hohe Insel
-vulkanischen Ursprungs ist, fast ohne Ausnahme ließen sich auf
-allen erloschene Krater nachweisen.
-</p>
-
-<p>
-Bedenkt man nun, daß schon dieses kleine Gebiet seit grauer
-Vorzeit ein ausgedehnter Kraterheerd gewesen ist, worauf der Einfluß
-der stets thätigen Naturkraft Veränderungen hervorgerufen
-haben mag, deren Größe und Bedeutung wir heute kaum zu ermessen
-im Stande sind, so tritt, wenn wir die ganze ausgedehnte
-Inselwelt in Bereich der Frage ziehen, welchem Ursprung entstammen
-diese Ländermassen, unwillkürlich beim Nachdenken die Möglichkeit
-heran, wir könnten es hier mit einem ehemaligen, versunkenen
-Festlande zu thun haben. Und ganz erklärlich muß dies erscheinen,
-sofern nur in Betracht gezogen wird, daß bedeutende Umwälzungen
-und Veränderungen auf unserer Erdoberfläche stattgefunden haben,
-ehe die heutige Lage und Gestaltung stetig geworden ist. Wir
-wissen, daß die Festlande aus der Tiefe der Ozeane gehoben wurden,
-die mächtigen Gebirge als vereinzelte Inseln oder Inselmassen über
-die Oberfläche der Wasser hervorragten an denen sich dieselben
-Vorgänge, während zehn Jahrtausenden vielleicht abspielten, wie
-an den Vulkaninseln des heutigen stillen Ozeans.
-</p>
-
-<p>
-Fußen wir auf diese Theorie, dann sind die vereinzelten und
-zusammenhängenden Bergmassen im großen Ozean, die höchsten
-Punkte eines versunkenen, gewaltigen Festlandes deren vulkanischer
-Charakter im Laufe der Zeiten zur Erhöhung durch häufige, heftige
-Ausbrüche viel beigetragen hat. Die Koralleninseln, ebenfalls unter
-der Meeresfläche gesunkene Gebirgsrücken, auf denen es der Korallenpolype
-ermöglicht wurde sich anzubauen, haben die Thierchen trotz
-des langsamen, allmählichen Sinkens der Ländermassen immer
-höher und höher zur Meeresoberfläche gebaut, bis auch hier Stetigkeit
-eingetreten ist und ausgedehnte Inseln gebildet wurden.
-</p>
-
-<p>
-Die Tiefenverhältnisse im großen Ozean ergeben ein Bild,
-wonach mächtige Gebirgszüge diesen durchziehen, ausgedehnte Thäler
-umschließend, und zum Theil sehr steil anstreben bis zu 18000
-<span class="pagenum"><a id="Page_61" name="Page_61" href="#Page_61">[61]</a></span>
-Fuß und darüber; hohe Inseln im Ozean kämen demnach unsern
-höchsten Bergen gleich.
-</p>
-
-<p>
-Die Annahme nun, daß die ganze große Inselwelt ehemals
-eine zusammenhängende Landmasse gewesen, führt dahin, daß diese
-auch von verschiedenen Völkerstämmen bewohnt worden ist; streng
-geschiedene Rassen, vielleicht getrennt durch natürliche Grenzen,
-haben hierauf weite Strecken bewohnt. Im Westen die schwarze,
-die Papuarasse, ganz Melanesien umfassend, östlich davon die kupferfarbene,
-die Polynesier, und im Norden von beiden, Mikronesien,
-Mischarten der Malaien. Kann angenommen werden, daß die
-heutige Bevölkerung Ueberreste der Urbewohner sind, die durch
-Versinken der Landmassen isolirt wurden, wäre die Erklärung dafür
-gefunden, wie allmählich selbst die niedrigen Koralleninseln bevölkert
-worden sind. Denn der Drang nach Ausdehnung, Aufsuchen neuer
-Wohnsitze, kann nach ostwärts nur im beschränkten Maaße stattgefunden
-haben, die Strom- und Windverhältnisse im Ozean mußten
-Versuche auf großen Wasserflächen vereiteln, hingegen nach Westen
-begünstigen, zumal da bessere Verkehrsmittel als die heutigen
-Kanoes schwerlich den einzelnen Stämmen zur Verfügung gestanden
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Der in früherer Zeit bei diesen Rassen und einzelnen Stämmen
-gebräuchliche Kannibalismus hat alle Spuren vertilgt, die über die
-Verbreitung derselben Aufschluß geben könnten, es bleibt also nur
-die Gewißheit übrig, daß die einzelnen Rassen ihr ursprünglich
-bewohntes Gebiet heute noch innehaben, was namentlich auf die
-Polynesier und Melanesier Bezug hat.
-</p>
-
-<hr class="chapend" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-IV. Die Marschall-Inseln.
-</h2>
-</div>
-
-<p>
-Sowie im Bereich der deutschen Handelsgesellschaft die ausgedehnte
-Tonga-Gruppe, früher auch die Vitji-Inseln, gezogen
-wurden, sind nördlich und westlich von Samoa in der Phoenix,
-Ellis, Gilbert-Gruppe, auf Una und Rotomah Handelsbeziehungen
-eröffnet worden und die Schiffe der Gesellschaft hielten auf diesem
-weiten Gebiet den Verkehr aufrecht. Verbindungen mit den Neu-Hebriden
-und Salomon-Inseln wurden ferner zu dem Zwecke
-unterhalten, um dort die Anwerbungen der so sehr benöthigten
-Plantagenarbeiter vorzunehmen, da der träge Samoaner sich zur
-dauernden Arbeit nicht bereit finden läßt. Ein Gemisch verschiedener
-Stämme, zu denen Rotumah- und Tapituwea-Leute (Gilbert-Inseln),
-sowie auch Marschall-Insulaner sich gesellen, findet man auf den
-deutschen Plantagen, und doch genügt oft die Arbeitskraft nicht,
-da nicht immer für heimbeförderte Arbeiter, nach Ablauf ihres
-dreijährigen Vertrages hinreichender Ersatz geschafft werden kann.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_62" name="Page_62" href="#Page_62">[62]</a></span>
-Die Marschall-Inseln und, im Zusammenhang mit diesen,
-die weite Karolinen-Gruppe und die Gilbert-Inseln bildeten in
-den achtziger Jahren getrennte Niederlagen für sich, gleichwie ein
-solches auch in Matupi (Neu-Pommern) errichtet war, unter Leitung
-von Beamten der deutschen Gesellschaft. Den Handelsverkehr hielten
-auf diesen Stationen, ebenso wie in Apia, die daselbst stationirten
-Schiffe aufrecht. Ablösungen der Schiffe erfolgten je nach Maßgabe
-der Verhältnisse, oder sobald sie reparaturbedürftig geworden
-waren, dem nur in Apia, der Hauptstation, abgeholfen werden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Grunde schon, um meine Kenntniß über die Inselwelt
-des stillen Ozeans zu bereichern, begrüßte ich freudig die
-Weisung, mit einem anderen Schiffe auf den Marschall-Inseln
-stationirt zu werden, und im Anfang Januar 1886 segelte ich von
-Apia nach Jaluit, um erst nach Verlauf von zwei Jahren nach
-Samoa zurückzukehren.
-</p>
-
-<p>
-Ziemlich nordwärts durch die Phönix-Gruppe ging mein
-Kurs, dem zu Folge die Marschall-Inseln weit westlich bleiben
-mußten, wenn keine oder nur schwache Aequatorialströmung vorhanden
-gewesen wäre; auch war es nöthig, wegen des nördlich
-vom Aequator zu erwartenden Nordost-Passatwindes, möglichst
-östlich von der Gilbert-Gruppe zu bleiben, um, sobald dieser einsetzen
-würde, mit freiem Winde die Fahrt des Schiffes zu beschleunigen;
-denn wenn diese Inseln in Lee blieben, wäre es zwecklos gewesen,
-gegen den starken Strom und Wind nordwärts zu kreuzen.
-</p>
-
-<p>
-Wider Erwarten fand ich schon nördlich der Phönix-Gruppe
-einen starken Strom, der in 24 Stunden das Schiff 70-80 Seemeilen
-nach Westen versetzte, dessen Gürtel so schnell als möglich
-passirt werden mußte, wollte ich nicht in absehbarer Zeit gezwungen
-werden, mir durch die Gilbert-Gruppe hindurch einen Weg zu
-suchen. Zum Glück aber trat keine Windstille ein, der östliche
-Wind blieb beständig, wenn auch leicht, bis ich aus dem stärksten
-Strom heraus mit immer nördlichem Kurs die Insel Milli sichtete;
-ich hatte also in Wirklichkeit durch die Stromversetzung einen nordwestlichen
-Kurs gesegelt. Gerade drei Wochen waren vergangen,
-als ich den Bestimmungsort Jaluit erreichte, und begünstigt von
-anhaltend schönem Wetter die 1800 Seemeilen lange Entfernung
-in dieser Zeit zurückgelegt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Zum allgemeinen bessern Verständniß und, ehe ich zu einzelnen
-bemerkenswerthen Reisen durch die Marschall-Gruppe übergehe,
-scheint es mir angebrachter, vorher schon eine kurz gefaßte Uebersicht
-von diesen Inseln und deren Bevölkerung zu geben, um so
-mehr als besondere Eigenthümlichkeiten in der Bildung und Entstehung
-dieser Inseln zu erwähnen sind. Eine Gruppe verschieden
-geformter Atolls, oft von beträchtlicher Ausdehnung, umfassen,
-vom 4-12° nördlicher Breite und 166-172° östlicher Länge,
-die Marschall-Inseln ein weites Gebiet. Ihrer Bauart nach, sind
-<span class="pagenum"><a id="Page_63" name="Page_63" href="#Page_63">[63]</a></span>
-es Randriffe der verschiedensten Bildung, die ein mehr oder weniger
-tiefes Korallenbett umschließen. Und wenn ich auf ihre Entstehung
-hinweisen soll, so haben wir die viel tausendjährige Arbeit der
-Korallenpolypen vor uns, die aus großer Tiefe Schicht auf Schicht
-bis zur Meeresfläche aufgebaut haben, und schwere See, Wind
-und Witterungseinfluß haben mit der Zeit zwar schmale, aber
-langgestreckte Inseln in beträchtlicher Zahl auf den Randriffen
-gebildet.
-</p>
-
-<p>
-Die eigentliche Bezeichnung dieser Randriffe wäre Korallenwälle,
-da diese sehr steil bis zu einer großen Tiefe abfallen, und
-jeder Atoll erscheint wie ein langgestreckter, steiler Bergrücken, in
-einzelnen Fällen auch wie eine Bergkuppe, sofern man sich die
-thatsächliche Bildung des Meeresbodens vergegenwärtigt. Da nun
-die Koralle nicht tiefer als etwa 200 Fuß zu bauen beginnt, müssen
-in der That diese Erhebungen gleich Bergkuppen aus der Tiefe
-des Meeres aufragen, worauf als Grundlage die Polypen ihre
-Werke aufgebaut haben. Aber erwiesen ist es, daß die Korallenwälle
-viel hundert Fuß tief sich unter der Meeresfläche erstrecken,
-mithin kann der schichtweise Aufbau aus so bedeutender Tiefe nicht
-begonnen worden sein.
-</p>
-
-<p>
-Es bleibt also nur die Annahme übrig, fast die Gewißheit,
-daß auch hier versunkene Höhen, besser gesagt Gebirgskuppen, das
-Fundament abgegeben haben, auf welchem die Koralle sich ansiedelte.
-Hätte nun nach erfolgtem Verschwinden der höchsten Bergspitzen
-ein Tiefersinken der Landmassen nicht stattgefunden, würden feste
-Riffflächen entstanden sein, auf denen sich im Laufe der Zeiten
-niedrige Inseln gebildet hätten, eine Bildung der heutigen Atolle
-würde naturgemäß dann nicht möglich gewesen sein. Einen anderen
-Anschein hingegen gewinnt es, sofern man der Vermuthung Folge
-giebt, daß, worauf ich schon hingewiesen, die ganze ausgedehnte
-Inselwelt des stillen Ozeans einst aus verschiedenen mächtigen
-Gebirgszügen, mit sehr zahlreichen thätigen Vulkanen bestanden
-hat, deren Kratersenkungen oft einen sehr bedeutenden Umfang
-gehabt haben müssen.
-</p>
-
-<p>
-Wird dieses als erwiesen betrachtet, dann sind sämmtliche
-Atolls einst für lange Zeit noch über die Meeresfläche ragende
-Krater gewesen, Inseln, an deren Rändern die Koralle fortgebaut
-hat. Je tiefer die Kraterinseln langsam versanken und ein gänzliches
-Erlöschen der Vulkane die Folge war, ebenso schnell baute
-die Koralle fort und füllte schließlich die weiten Oeffnungen aus.
-Die Randriffe schon weit im Vorsprung konnten diese durch die
-bessere Ernährung der Polypen auch schneller anwachsen, aber der
-innere Aufbau und die allmähliche Auffüllung blieb zurück, was
-natürlich war, sobald das allmähliche Sinken der Landmassen aufgehört
-hatte, denn jetzt gestatteten die zusammenhängenden Randriffe
-den bauenden Polypen nicht mehr oder doch zum Theil nur,
-<span class="pagenum"><a id="Page_64" name="Page_64" href="#Page_64">[64]</a></span>
-durch die von der Strömung offen gehaltenen Durchfahrten, die
-Zufuhr frischen Meerwassers und mit diesem frische Nahrung.
-</p>
-
-<p>
-Die eine Gewißheit aber liegt bestimmt vor, ehe die heutige
-Beschaffenheit der Atolle herbeigeführt worden ist, sind große Zeiträume
-hingegangen, die alle Spuren der Entstehung verwischt haben.
-</p>
-
-<p>
-Geht man von der Annahme aus, daß auffallende Veränderungen
-nicht mehr stattfinden, vor allem ein weiteres Sinken
-seit vielen Jahrhunderten unterblieben ist, dann müssen, da kein
-Stillstand im Schaffen der Natur eintreten kann, der einst sämmtliche
-Atolls durch die theils an der Innenseite, theils an den Außenriffen
-weiter bauenden Korallen geschlossen werden, wie es bei
-zwei kleineren Atolls in der Marschall-Gruppe bereits geschehen ist.
-Es werden, wenn dadurch auch der innere Aufbau der Korallen
-zum Stillstand gekommen ist, mehr oder weniger tiefe Wasserbecken
-zurückbleiben, die naturgemäß versumpfen müssen, sobald der vordringende
-Pflanzenwuchs festen Fuß faßt. Es ist erwiesen, daß
-starke Strömungen, wie solche durch den gleichmäßigen Wechsel von
-Ebbe und Fluth hervorgerufen werden, der Koralle am Weiterbau
-hinderlich sind, wenigstens nur langsame Fortschritte gestatten, dagegen
-findet man bei solchen Atolls, wo nur noch durch enge Zufahrten
-ein Zugang möglich, daß die Koralle diese von innen zu
-verbauen sucht. Begünstigt durch die immerwährend frische Zufuhr
-an reichhaltigen Nährstoffen, führen die Polypen in der Nähe der
-Durchfahrten allmählich kleinere Bänke auf, und bauen so weiter,
-bis jede Oeffnung im Randriff schließlich verschlossen wird, was
-bei den südlich liegenden Atolls zunächst zu erwarten ist.
-</p>
-
-<p>
-Die Marschall-Gruppe bildet zwei nahezu parallel laufende
-Ketten von Insel-Atolls in Nord-Nord-West- und Süd-Süd-Ost-Richtung,
-die östliche die Ratock-, die westliche die Ralik-Gruppe;
-die Bezeichnung beider Ketten ist der Sprache der Marschall-Insulaner
-entlehnt. Die Ralik-Kette zählt 15, die Ratock- 14 Korallengruppen,
-unter denen sich einige kleinere Inseln befinden, die keine
-Atolle sind.
-</p>
-
-<p>
-Soweit die geschichtliche Kunde reicht, soll bereits im Jahre
-1529 der spanische Kommandant Alvaro de Saavedra einige
-Atolls gesehen und besucht haben; nähere Nachrichten liegen aber
-erst seit 1788 vor und zwar von den englischen Befehlshabern
-Marschall und Gilbert, nach denen auch die beiden großen Inselgruppen
-benannt worden sind. Trotzdem nun in den folgenden
-Jahrzehnten der stille Ozean mehr und mehr von Kriegs- und
-Kauffahrteischiffen befahren und erforscht wurde, sind doch nur
-spärliche Nachrichten von jener fernen Inselwelt zu uns gekommen;
-bisweilen meldeten sie auch von dort verschollenen oder ermordeten
-Schiffsbesatzungen.
-</p>
-
-<p>
-So befand sich im Jahre 1824 der amerikanische Walfischfänger
-„Globe“ in der Nähe der Insel Milli, wo der größte Theil
-<span class="pagenum"><a id="Page_65" name="Page_65" href="#Page_65">[65]</a></span>
-der Besatzung dieses Schiffes meuterte und landete. Es gelang
-zwar einigen von der zahlreichen Mannschaft, die gezwungen den
-Meuterern hatten folgen müssen, ihr Schiff wieder zu erreichen und
-die offene See zu gewinnen, auch waren diese, obschon es ihnen
-an Offizieren fehlte im Stande die Sandwich-Inseln zu erreichen;
-auf ihren Bericht hin wurde dann im folgenden Jahre der Schooner
-„Delphin“ ausgesandt, um wenn möglich die Meuterer zu ergreifen.
-Aber nur zwei ganz junge Leute, die keinen Antheil an der Meuterei
-gehabt, wurden noch lebend vorgefunden, alle übrigen waren von
-den Eingebornen erschlagen worden, weil diese die ihnen überlassenen
-Frauen roh behandelt hatten, sie verfielen der Rache der Eingebornen
-und ernteten so den Lohn ihrer Thaten.
-</p>
-
-<p>
-1834 landete Kapitän Dowsett auf den Marschall-Inseln.
-Dieser unterhielt freundlichen Verkehr mit den Eingebornen und
-nichts befürchtend, landete er eines Tages, und ging allein in ein
-Dorf, nicht ahnend, daß inzwischen seine Mannschaft am Strande
-ermordet worden war. Die an Bord zurückgebliebenen, die den
-Vorgang mit ansahen, waren der Meinung, ihr Führer sei auch
-erschlagen worden. Sie lichteten sofort die Anker und entflohen.
-Als das Schiff nach Honolulu zurückgekehrt war, wurde sogleich
-die „Waverley“ ausgerüstet, um nach Kapitän Dowsett oder dessen
-Schicksal zu forschen. Es wurde aber nichts weiter gefunden, als
-einige dem verschollenen Kapitän gehörende Sachen, und sein, in
-die Rinde verschiedener Bäume eingeschnittener Name. Die Eingebornen,
-mit denen wohl schwer eine Verständigung erzielt werden
-konnte, erzählten, der Kapitän sei mit seinem Boote in See
-gegangen; jedoch der Führer des „Waverley“ glaubte ihnen nicht
-und ließ eine ganze Anzahl niederschießen. Darauf segelte das
-Schiff weiter nach Ponape, der größten Insel der Karolinengruppe,
-und lief auch die östlichste dieser Inseln, „Kusai“ an, hier aber
-ereilte alle das Schicksal, das Schiff wurde von den Eingebornen
-genommen und die ganze Besatzung getödtet. Späteren Nachrichten
-zu Folge hat Kapitän Dowsett noch im Jahre 1843 auf einer
-Insel in der Ralikkette, die er mit seinem Boote erreichte, gelebt,
-wahrscheinlich aber hat er von hier die Karolinen erreicht und
-ist auf einer dieser Inseln getödtet worden.
-</p>
-
-<p>
-Ich könnte noch mehrere solcher Fälle anführen, wo an verschiedenen
-Inseln Schiffe genommen, oder der Versuch dazu gemacht
-wurde, selbst schiffbrüchige Seeleute wurden nicht verschont; noch
-im Jahre 1852 wurde vor der Insel Ebon ein Schiff erobert,
-dessen Besatzung der Rache der Eingebornen verfiel, weil Jahre
-vorher dort von Weißen ein großer Häuptling getödtet worden war.
-</p>
-
-<p>
-Selbst auf Jaluit, der heutigen Hauptinsel, wurde, wie ich
-aus sicherster Quelle erfahren, wenige Jahre später ein amerikanisches
-Handelsschiff die „See-Nymphe“ genommen. Es ankerte in der
-<span class="pagenum"><a id="Page_66" name="Page_66" href="#Page_66">[66]</a></span>
-Lagune unter der Insel „Medjado“, und, hier mit den Bewohnern
-Tauschhandel treibend, ließ sich der Führer hinreißen, einen Häuptling
-thätlich zu beleidigen. Die Folge war, daß dieser mit seinen
-Verwandten und seinem Anhang einen Ueberfall plante, der, sobald
-die Mannschaft des Schiffes wieder landete, ins Werk gesetzt wurde.
-Es heißt, der damals noch junge Kabua, der jetzige König
-in der Ralik-Kette, habe selbst den nichtsahnenden Schiffsführer
-auf seinen Schultern über das Riff getragen, andere Eingeborne
-trugen auf gleiche Weise die Besatzung zum Lande. Weit genug
-vom Schiffe entfernt, wehrlos in die Gewalt der Eingebornen
-gegeben, wurden die Ahnungslosen auf ein gegebenes Zeichen
-hinterrücks niedergeschlagen. Das Schiff wurde darauf ausgeraubt
-und es entging keiner dem Tode.
-</p>
-
-<p>
-Die Ursache dieser Metzeleien, der so viele Unschuldige zum
-Opfer gefallen sind, ist in der Roheit zu suchen, welche die Führer
-amerikanischer Walfischfänger, die in diesem Gebiete reiche Beute
-erjagten, an Eingebornen verübt haben. Sie litten es, daß oft
-mit Gewalt den Eingebornen die Weiber entrissen wurden, auch
-verhängten sie ungerechte Strafen. Mehr aber noch haben die
-zügellosen Mannschaften solcher Schiffe, deren brutales Auftreten
-die Führer nicht zu hindern vermochten, verschuldet, und bitteren
-Haß gegen den weißen Mann in die Herzen der Inselbewohner gesät.
-</p>
-
-<p>
-Schlimmer noch, sie hinterließen scheußliche Krankheiten, die
-sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, tausende hinwegrafften
-und ein gesundes Volk zur Verzweiflung brachten. Erst nachdem
-die Meerbewohner vernichtet, die Walfischjagden nicht mehr lohnend
-genug geworden waren, wurden die Marschall-Insulaner seltener
-belästigt. Als dann die Missionare kamen, (zuerst 1857 auf der
-Insel Ebon) predigten diese das Evangelium und fanden willige
-Hörer bei denen, die so oft ihre Hände in das Blut des weißen
-Mannes getaucht hatten; eifrig befolgten die Eingebornen die göttliche
-Lehre und vergaßen ihre Rachsucht.
-</p>
-
-<p>
-Heute, unter deutschen Schutz gestellt, mögen diese Insulaner,
-die so manche gute Eigenschaft besitzen, aufathmen, und sich in
-Sicherheit, ihres Daseins freuen; aber leider ward mit der
-Zivilisation auch der Todeskeim ausgestreut, langsam, aber sicher
-geht diese Menschenrasse dem endlichen Verfall entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Sowie geographisch der Marschall-Archipel in zwei Gruppen
-getheilt wird, so kann dies auch in Bezug auf Bevölkerung und
-politische Verhältnisse geschehen, denn sowohl die Ralik- als auch
-die Ratak-Kette ist in dieser Beziehung jede für sich als ein getrenntes
-Ganzes zu betrachten. Schon die Sprache beider Gruppen
-ist verschieden, nicht in ihrem Bau, vielmehr im Dialekt, und gleiche
-Unterschiede zeigen sich in den politischen Verhältnissen der Bewohner.
-Während auf der Ratak-Kette fast jeder Atoll von einem, oder
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-mehreren Häuptlingen beherrscht wird, die oft in gegenseitiger Fehde
-leben und sich der Herrschaft zu bemächtigen trachten, selbst zur
-Eroberung anderer Gruppen (Atolls) lang vorbereitete Kriegszüge
-unternehmen, liegt die ganze Macht auf der Ralik-Kette in den
-Händen eines Königs, jenes schon erwähnten Kabua, besser gesagt,
-in den Händen seiner Familie.
-</p>
-
-<p>
-Die Macht richtet sich hier nach Besitz und Anhang, und
-obgleich Kabua nicht der reichste der Häuptlinge, ist er doch als
-der älteste als König anerkannt worden, zumal da die Besitzungen
-seiner Stiefsöhne und deren Einfluß sein Ansehn erhöhte. Sein
-Stiefsohn Nelu (Lojab), dessen Bruder Lagajime, Litokua und neben
-diesen Launa sind die einflußreichsten Häuptlinge auf der Ralik-Kette;
-namentlich Nelu, seine Brüder und seinen Anhang habe ich
-häufig an Bord gehabt und mit diesen Reisen von Atoll zu Atoll
-gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Bei den meisten ungebildeten, sogenannten wilden Völkern
-findet man, daß das Weib nicht als gleichberechtigt angesehen wird,
-vielmehr die Sklavin des Mannes ist, auf deren Schulter alle
-Lasten und Mühen abgewälzt werden. Doch die Polynesier zeichnen
-sich darin aus, daß sie das Weib höher stellen, mehr noch ist dieses
-bei den Mikronesiern der Fall; vor allem bei den Marschall-Insulanern,
-bei welchen es volle Gleichberechtigung hat, d. h. keine Beschränkung
-im Handeln, in Haus und Hütte, und soweit des Weibes Einfluß
-reicht, der, da Rang und Würde nur vom weiblichen Geschlechte
-abgeleitet wird, häufig groß ist.
-</p>
-
-<p>
-Die Bevölkerung ist zum großen Theil besitzlos, aller Landbesitz
-liegt in den Händen der Häuptlinge, deshalb ist es den Bewohnern
-nur gestattet, eine Frau zu haben, wo hingegen die
-Häuptlinge mehrere haben dürfen, doch bleibt die erste Frau, sofern
-sie Kinder hat, die rechtmäßige; sie ist bei den Vornehmen gewöhnlich
-die Tochter eines Besitzenden. Steht die Frau im Range höher
-als der Mann, so erhält dieser auch eine höhere Würde, nur über
-das Eigenthum der Frau hat er kein Verfügungsrecht, das verbleibt
-als mütterliches Erbtheil den Kindern. Die Tochter eines Häuptlings
-kann einen gewöhnlichen Mann heirathen, durch diese Verbindung
-wird derselbe ebenfalls in den Häuptlingsrang erhoben,
-auch auf die Kinder geht diese Würde über. Dem Häuptlinge
-steht es frei, sich die Frau eines seiner Untergebenen anzueignen,
-nie aber kann ein Besitzloser sich wiederum eine Häuptlingsfrau
-(also Wittwe) zum Weibe nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Etwas auffallend will es mir scheinen, daß nach meiner
-eigenen Wahrnehmung selbst im Innern Afrikas, bei den Völkern
-am Nyassa-See und oberen Schire, die ganz gleiche Einrichtung
-der weiblichen Erbfolge besteht, nur daß dort nicht direkt der Sohn
-als Nachfolger bestimmt wird, sondern der Neffe, und trotz des
-<span class="pagenum"><a id="Page_68" name="Page_68" href="#Page_68">[68]</a></span>
-dem Weibe zugestandenen Vorrechtes, dieses doch nur sehr gering
-geachtet und mehr als Sklavin betrachtet wird.
-</p>
-
-<p>
-Die Ehe bei den Marschall-Insulanern ist nur ein lockeres
-Band, leicht geschlossen und leicht gelöst. Der Eingeborne nimmt
-sich das Mädchen zur Frau, die ihm gefällt, sofern die Eltern
-desselben damit einverstanden sind, gefällt sie ihm aber nicht mehr,
-so schickt er sie einfach fort und sucht sich eine andere. Zwar hat
-wie in anderen Gewohnheiten auch hierin der Einfluß der Missionare
-Wandel geschaffen, namentlich auf den südlicheren Atolls, wo das
-Christenthum große Verbreitung gefunden hat, doch hat auf Gesittung
-die neue Lehre wenig Einfluß gehabt; Keuschheit ist keine
-Tugend der Insulaner, schon sehr jung verkehren, ohne daran gehindert
-zu werden, die Geschlechter mit einander und üble Folgen bleiben
-nicht aus, ebenso ist selbst die nächste Verwandtschaft kein Hinderungsgrund
-für solchen Umgang.
-</p>
-
-<p>
-Als Beweis recht lockerer Sitten gilt der Umstand, daß es
-keiner Frau verargt wird, wenn sie sich einen anderen Verkehr sucht,
-sobald der Mann auf längere Zeit abwesend ist oder sich auf
-Reisen befindet; indeß schwinden solche Gewohnheiten immer mehr
-und mehr, häufiger trifft man sie nur noch auf den nördlicheren
-Atolls an. Von Erziehung kann eigentlich keine Rede sein, den
-Kindern wird in jeder Hinsicht volle Freiheit gelassen, Arbeit lernen
-die Kinder nicht kennen, das einzige was ihnen vielleicht von
-Seiten der Eltern beigebracht wird, ist die Einübung der Tänze
-und Gesänge. Auffallend ist auch die große Sterblichkeit unter
-den Kindern, wohl eine Folge zu geringer Aufsicht und schon
-früh entwickelter Krankheitskeime; die stetige Abnahme der Bevölkerung
-ist darauf zurückzuführen.
-</p>
-
-<p>
-Der Körperbau der Männer überschreitet selten das Mittelmaß;
-die Weiber sind durchweg von kleinerem Wuchse. Diese
-verlieren auch schnell ihre Reize, schon im Alter von zwanzig Jahren
-ist alle Schönheit vergangen, wenn überhaupt von solcher die Rede
-sein kann, obgleich im jugendlichen Alter vielen der Reiz der Anmuth
-eigen ist, aber im Alter werden sie recht häßlich.
-</p>
-
-<p>
-Daß auf den nördlichen Atolls sich ein kräftiger Menschenschlag
-erhalten hat, liegt wohl daran, daß dieser mit einer etwas
-rauheren Natur zu kämpfen, auch weniger durch die von Weißen
-eingeführten Krankheiten zu leiden gehabt hat. Auch zeichnen sich
-hier die Könige und Häuptlinge meistens von ihren Untergebenen
-durch eine stattlichere Gestalt aus, weil sie bemüht sind, möglichst
-reines Blut in ihrem Kreise zu erhalten, wovon freilich der bereits
-erwähnte große Häuptling Nelu eine Ausnahme macht, denn fast
-klein und schwächlich gebaut, hat er durchaus nichts Achtunggebietendes
-an sich.
-</p>
-
-<p>
-Um Sitten und Gewohnheiten dieser Insulaner zu erforschen,
-<span class="pagenum"><a id="Page_69" name="Page_69" href="#Page_69">[69]</a></span>
-muß man sich zu solchen Inseln und Atolls wenden, wo noch nicht
-der Einfluß der Zivilisation bemerkbar geworden ist, was besonders
-in Bezug auf Trachten der Fall. So tragen auch heute noch
-sowohl Männer als Frauen langes Haar, das stark und schwarz,
-von jenen am Hinterkopfe in einem Büschel oder Knoten zusammengebunden
-wird, die Frauen tragen es dagegen lose. Als besonderen
-Schmuck bei feierlichen Gelegenheiten, Tänzen und auch Kriegszügen,
-bedienen sich die Männer der Hühnerfedern; die tätowirten
-Gestalten mit aufrechtstehenden Federn in den Haaren, und oft
-unnatürlich erweiterten Ohrlappen geben sich dadurch ein wildes,
-Furcht erweckendes Aussehen.
-</p>
-
-<p>
-Die Tätowirung ist allgemein und wurde früher mit Festlichkeiten
-verbunden, heute, wer die Kosten erschwingen kann, läßt
-solche ohne weiteres vornehmen, und entspricht eine solche dem
-Stande, welchem der Mann angehört. Dieses schmerzhafte Verfahren
-&mdash; ich habe oft, wenn hunderte Nadelstiche in die Haut
-getrieben wurden, die Nerven der Eingebornen bewundert &mdash; wird
-nach und nach auf dem ganzen Körper vorgenommen, sodaß die
-eigentlich helle Kupferfarbe der Haut unter den blauen Streifen
-verschwindet, sogar die Ohren, Augenlider, selbst die Finger werden
-tätowirt. Die Zeichnung ist immer streifenförmig, die Striche sind
-auf einem bestimmten Körpertheil stets gleichmäßig, entweder wagrecht
-oder senkrecht; auf Brust und Rücken laufen die Streifen
-meistens unter einem Winkel zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Wie bei den Samoanern, so benutzt man auch hier ein
-Instrument, das aus vielen Nadeln zusammengesetzt ist und die
-Breite der Streifen hat. Die Häuptlinge sind auch im Gesicht
-tätowirt und haben auf den Schultern undeutliche verschwommene
-Zeichnungen. Die Frauen sind weniger gezeichnet, in gleicher
-Weise höchstens an den Beinen, die Arme und die Brust werden
-seltener tätowirt.
-</p>
-
-<p>
-Nicht zufrieden mit solcher langwierigen, schmerzhaften
-Operation, setzten diese Insulaner einen gewissen Stolz darin,
-unnatürlich erweiterte Ohrlappen auf künstlichem Wege herzustellen.
-Schon von früher Jugend an wird in beide Ohrlappen ein Loch
-geschnitten und dieses durch Einzwängen von einem Streifen des
-dehnbaren Pandanusblattes allmählich erweitert. Auf diese Weise
-wird das Loch im Ohrlappen bis vier Zentimeter und darüber
-lang, genügt dies nicht, wird der Fleischring dicht an der Backe
-abgeschnitten und mit einem Schnitt im Backenfleisch weiter unterhalb
-des Ohres verwachsen gelassen. Ist die Heilung erfolgt, so
-wird nun im Backenfleische selbst weiter geschnitten, bis ein Ring
-entstanden ist, durch den man bequem die Hand hindurchstecken
-könnte. Wird solches Loch nun mit einem aufgerollten Pandanusblatte
-ausgedehnt, so gewinnt es den Anschein, als hingen zwei
-<span class="pagenum"><a id="Page_70" name="Page_70" href="#Page_70">[70]</a></span>
-hohle Röhren an den Backen herunter, was freilich etwas besonderes
-vorstellen soll, aber gewiß nichts zur Schönheit, vor allem nicht
-beim weiblichen Geschlechte beiträgt, bei alten Frauen und auch
-Männern sogar recht widerlich aussieht.
-</p>
-
-<p>
-Uebrigens habe ich solche Erweiterung der Ohrlappen nur bei
-ganz alten Leuten gefunden, ein Zeichen, daß die Operation seit
-vielen Jahren fortgesetzt wurde; gewöhnlich aber ist das Loch nur
-einige Zentimeter groß und dient als Aufbewahrungsort für
-Schmuckgegenstände, als Muscheln, Blätter und Blumen, namentlich
-einer lilienartigen Blüthe, auch für Tabak, Pfeifen u. a.
-</p>
-
-<p>
-Die Willkürherrschaft der Häuptlinge, unter denen der reichste
-auch der mächtigste ist, hat dahin geführt, daß, wie schon erwähnt,
-die Bevölkerung nur in zwei Klassen, die Besitzenden und Besitzlosen,
-zerfällt und der großen Masse eigentlich nichts gehört, diese
-vielmehr vollständig von den Landbesitzern abhängig ist. Ein
-solcher giebt dem Besitzlosen ein Stück seines Landes, auf welchem
-jener seine Hütte erbauen, sowie die Erzeugnisse, als Pandanus,
-Brotfrucht und Taro verwerthen kann, nur die Kokospalmen
-gehören ihm nicht.
-</p>
-
-<p>
-Für Land, Schutz und Obdach ist der Besitzlose verpflichtet,
-gemeinhin sechs Monate zu arbeiten und zwar während dieser
-Zeit die Kokosnüsse für den Besitzer einzuernten, den Ertrag der
-Palmen in der anderen Jahreshälfte kann er für sich selbst verwenden,
-aber, da die Kokosnuß so gut wie baar Geld im Tauschhandel
-ist, muß er häufig noch seinen Antheil abgeben und ihm
-verbleibt nur wenig.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch kennt der Eingeborne keine Nahrungssorgen, und
-will er nur verwenden, was die Natur so reichlich ihm zugedacht
-hat, so kann er mit geringer Müh' und Arbeit sich ein sorgenloses
-Dasein schaffen, Bequemlichkeit, oft Gleichgültigkeit jedoch verhindern
-ihn daran, er ißt, was er gerade hat und sobald er das Bedürfniß
-fühlt, sich zu sättigen, ihm genügen schon die Milch und der Kern
-einer Kokosnuß, oder die süße Pandanus.
-</p>
-
-<p>
-Letztere Frucht, die ich überall auf den Marschall-Inseln
-gefunden habe, dient namentlich zur Zeit der Reife als ein Hauptnahrungsmittel.
-Sehr zuckerhaltig, wird der süße Saft aus der
-fasrigen, prismatisch geformten Frucht, aufgesogen und da dieser
-nahrhaft genug ist, genügt er schon zur Sättigung. Mehr aber
-noch eignet sich der darin enthaltene Zuckerstoff zur dauernden
-Erhaltung einer Art Speise Pyru genannt. Dieselbe wird aus
-der Arrowroot-Wurzel, Brotfrucht und Kokosnuß hergestellt; auf
-heißen Steinen gebacken, durch den reichlichen Zusatz von Pandanussaft
-äußerst dauerhaft gemacht, hat sie einen der Feige ähnlichen
-Geschmack. Die Masse wird in etwa Zolldicke auf Blättern zubereitet,
-fertiggestellt wird sie dann aufgerollt und sehr dicht in
-<span class="pagenum"><a id="Page_71" name="Page_71" href="#Page_71">[71]</a></span>
-trockenen Pandanusblättern eingepackt und mit dem schon beschriebenen
-Cajar kunstvoll verschnürt. So erhält man eine angenehme
-Dauerspeise, die jahrelang sich hält, selbst im Wasser nicht
-verdirbt.
-</p>
-
-<p>
-Die so verfertigten Rollen, von gewöhnlich einem Meter
-Länge und fünfzehn Zentimeter Durchmesser, haben ein beträchtliches
-Gewicht, sie werden im Haushalte nur verbraucht, wenn Mangel
-an anderen Nahrungsmitteln eintritt; gewöhnlich aber dient diese
-Speise dazu, um auf weiten Seereisen oder an entlegenen Orten,
-wo nichts Genießbares erhältlich ist, die benöthigte Nahrung zu
-ersetzen.
-</p>
-
-<p>
-Der Pandanusbaum, ein schlanker, fester Stamm, der zuweilen
-die Höhe einer mittelhohen Palme erreicht, trägt eine Blätterkrone,
-deren Zweige ähnlich den einzelnen Blattstreifen einer
-Kokospalme, tief herabhängen; die Frucht, ein bis 70 Pfund
-schwerer Kolben besteht aus vielen prismatisch geformten, nach innen
-spitz zulaufenden, faustgroßen Fruchtkernen, die, gut gereift, sich
-leicht loslösen lassen.
-</p>
-
-<p>
-Für die Marschall-Insulaner, kann man sagen, ist dieser
-Baum fast werthvoller als die Kokospalme; mit den Blättern
-deckt er das Dach seiner Hütte, der Stamm giebt ihm die Stützen,
-die Frucht nahrhafte Speisen, und aus dem Blatte verfertigt er
-sich seine kunstvoll gearbeitete Kleidung, dazu geben Handstöcke und
-Knüttel die Luftwurzeln. Das Pandanusblatt läßt sich, wenn es
-getrocknet ist, nach Belieben in ganz feine Streifen zertheilen; um
-diesem aber die Sprödigkeit zu nehmen, wird das Blatt erst für
-längere Zeit in Frischwassertümpel gelegt, dann aufgerollt und
-feucht tüchtig geklopft. Dadurch gewinnt der Eingeborne einen
-dauerhaften Stoff zu seinem Mattengewebe und zu Hüten die dem
-echten Panama an Güte fast gleich kommen und lange halten.
-Ueberhaupt entwickeln die Frauen im Handflechten eine Geschicklichkeit,
-die kaum übertroffen werden möchte.
-</p>
-
-<p>
-Sucht sich der Mann keine angemessene Beschäftigung &mdash;
-Trägheit ist ihm angeboren &mdash; so hilft er den Frauen beim Flechten
-der Matten, oder bereitet das Material dazu vor, auch übernimmt
-er wohl selbst solche Arbeit. Hierbei bedienen sie sich nicht allein
-der Hände, sondern auch die Füße müssen helfen, und zwar dienen
-die beweglichen Zehen dazu, die Gewebe fest und straff zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Die Tracht der Frauen ist einfach genug, ihre ganze Bekleidung
-besteht bei Erwachsenen aus zwei lang herunterhängenden
-Matten, von denen eine vorne, die andere hinten angebracht ist
-und zwar so, daß sie übereinander fassen und mittels eines Gürtels
-um die Hüften festgehalten werden. Dieser Gurt, ein weiß und
-schwarz gesprenkeltes dünnes Tau, häufig mehrere Meter lang,
-wird um den Leib gewickelt und der obere Theil der Matten um
-<span class="pagenum"><a id="Page_72" name="Page_72" href="#Page_72">[72]</a></span>
-dieses eingesteckt, so bleibt von diesem nichts sichtbar. Junge
-Mädchen tragen eine kürzere, ebenso befestigte Matte, aber nur
-nach vorne und je nach Alter und Größe ist eine solche breiter
-oder schmäler; der Oberkörper bleibt unbedeckt, Kinder sind ganz
-nackt. Aehnlich wie die Samoaner, tragen auch die Männer einen
-Bastrock, verfertigt aus den Fasern des Boa-Busches, indeß ist die
-Herstellung eines solchen kostspielig und seltener habe ich solche
-Bekleidung gefunden; gewöhnlich macht eine zwischen die Beine
-gelegte und um den Leib mit einer Schnur befestigten Matte den
-ganzen Anzug des Mannes aus. Von meiner Schiffsbesatzung, die
-meistens nur aus diesen Insulanern bestand, hatten die meisten
-selten mehr in ihrem Besitz als solch Bekleidungsstück und eine
-Schlafmatte; liebten es aber, sobald ihr Verdienst groß genug
-geworden, der gewöhnlich 52-60 Mark monatlich betrug, sich nach
-europäischer Art, mit Hose und Hemd zu bekleiden.
-</p>
-
-<p>
-Was den Bau der Wohnungen der Marschall-Insulaner
-anbetrifft, so findet man sowohl recht ärmlich und einfach, als auch
-großartig und kunstvoll aufgeführte Bauten. Oft genügen ihnen
-als Aufenthaltsort sogar die denkbar einfachsten Hütten; ein schrägliegendes
-Dach, das vorne auf Stützen, hinten auf der Erde ruht,
-und mit Wänden aus Flechtwerk hergestellt ist. Dennoch ist die
-Bauart der Hütten und Häuser auf einigen Atolls verschieden,
-nicht in der Form vielmehr in der Größe und Festigkeit, größere
-Häuser sind mit bemerkenswerthem Geschick erbaut. Das Dach,
-das gewöhnlich aus einem Geflecht von Pandanus- oder Kokosblättern
-wasserdicht hergestellt wird, ist eine feine Arbeit. Man
-findet das Innere eines Hauses meistens reinlich und sauber, oft
-auch mit feinen Matten ausgeschmückt; der Boden ist mit kleinen
-Korallensteinen bedeckt und gewöhnlich mit großen, reinlichen Matten
-belegt. Auch die nähere Umgebung zeugt von einem Sinn für
-Reinlichkeit, der Erdboden ist ringsum geebnet und ebenfalls mit
-kleinen Steinen besät. Man kann sagen, je nach Zahl der Familienglieder
-begnügt sich der Eingeborne entweder mit einer unscheinbaren
-Hütte oder er baut sich ein stattliches Haus.
-</p>
-
-<p>
-In größeren Bauten ist meistens auf den Sparren noch eine
-besondere Schlafstätte für das Ehepaar oder vornehmere Gäste
-errichtet, sonst schlafen alle durcheinander auf dem mit Matten bedecktem
-Fußboden. War ich gelegentlich gezwungen die Gastfreundschaft
-der Eingeborenen in Anspruch zu nehmen, dann wurde
-stets ein besonderes Lager für mich hergestellt.
-</p>
-
-<p>
-Geschick und Kunstfertigkeit der Insulaner lassen sich erst recht
-beurtheilen, wenn man in ihre Kirchen eintritt; alles Schöne, was
-sie durch ihrer Hände Arbeit herzustellen im Stande sind, ist darin
-vereinigt und eine wahre Ausstellung weisen die langen Wände
-auf, die ganz mit feinen, in Form und Muster verschiedenen Matten
-<span class="pagenum"><a id="Page_73" name="Page_73" href="#Page_73">[73]</a></span>
-behängt sind. Es finden sich darunter Gewebe, die Zeugniß ablegen
-von großer Geschicklichkeit und außerordentlichem Fleiße.
-</p>
-
-<p>
-Die Lebensweise der Eingebornen ist ein sorgloses Dahinträumen,
-das nur unterbrochen wird, wenn sie sich gelegentlich zur
-ernsten Arbeit aufraffen. Vor Tagesanbruch, wenn noch frische
-Kühle über Meer und Land gebreitet liegt, sorgt der Insulaner
-schon für den täglichen Unterhalt, d. h. er erklettert die hohe Palme
-und bricht genügend Nüsse ab oder schafft andere Lebensmittel
-herbei; er liebt nicht die heißen Sonnenstrahlen und sucht Kühlung
-und Schatten unter seiner Hütte oder unter breitästigen Bäumen.
-Auch mehrmaliges Baden am Tage in der See ist ihm zur Gewohnheit
-geworden, als tüchtiger Schwimmer und Taucher scheut
-er selbst nicht vor schwerer Brandung zurück. Sonst, wenn keine
-Nothwendigkeit zur Arbeit vorliegt, verträumt er den Tag, und
-essen, schlafen, rauchen, gelegentliche Handreichung, füllt die Tagesstunden
-aus. Lebendig und lebhaft wird er erst, sobald das Tagesgestirn
-zur Rüste geht, der Hauch vom endlosen Ozean ihm Kühlung
-zufächelt, auch sucht er erst zur späten Nachtstunde sein Lager auf;
-vor allem liebt er es in mondhellen Nächten im Kreise Vertrauter
-zu rauchen und zu plaudern, wobei es recht laut und lebhaft hergeht.
-Für den Europäer, der die Ruhe der Nacht nicht gestört
-wissen will und gerne schlafen möchte, was oft Mosquitos und
-drückende Schwüle verhindern, sind solche Ausführungen, Gesang
-und Tänze, nächtlicher Weile, manchmal recht unangenehm.
-</p>
-
-<p>
-Die Gesänge sind eintönig und wenig melodienreich; im Chor
-gesungen, werden sie stets langsam und halblaut begonnen, allmählich
-aber lauter und schneller, begleitet mit Händeklatschen und
-dem taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers, bis sie schließlich zu
-einem Tempo übergehen, das mehr Aehnlichkeit mit Schreien als
-mit Singen hat. Vor allem haben die Frauen große Fertigkeit
-darin, und jede Bewegung mit der Hand oder dem Körper wird
-stets sorgfältig ausgeführt, genau wie bei den Samoanern; freilich
-habe ich auf diesen Inseln die Frauen nie tanzen sehen, nur
-Männer zuweilen, mit Federbusch, Muscheln und sonstigem Zierrath
-geschmückt, führten vor meinen Augen Tänze auf, zu denen die
-Frauen im Chor sangen.
-</p>
-
-<p>
-Anlaß zu Tänzen und Aufführungen giebt jedes geringe
-Vorkommniß, z. B. das Eintreffen eines Europäers, eines Schiffes
-u. a.; der Vorsänger erzählt darüber, was ihm gerade in den
-Sinn kommt, oft den tollsten Unsinn, und zwar in kurzen Sätzen,
-hinter denen der Chor irgend einen Kehrreim unermüdlich absingt,
-bis der Gegenstand erschöpft ist und der Schluß durch lautes
-Klatschen schon allseitige Zustimmung gefunden hat.
-</p>
-
-<p>
-Auch von Häuptlingen aufgeführte Einzeltänze sind nicht
-selten, solche haben aber immer ein kriegerisches Gepräge; wilde
-<span class="pagenum"><a id="Page_74" name="Page_74" href="#Page_74">[74]</a></span>
-Geberden, Sprünge, Gliederverrenkungen, ein möglichst wildes
-Aussehen gehören dazu und können bei dem Zuschauer das Gefühl
-erwecken, als würde man es im Ernstfalle mit einem furchtbaren
-Gegner zu thun haben. Der Gesang ist mehr Geheul, ein
-Rühmen nie ausgeführter Thaten, zu dem ein Chor von Männern
-und auch Frauen ein entsprechendes Lied oder den passenden Kehrreim
-absingen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Eigenthümlichkeit dieser Insulaner ist ferner, daß sie
-ihre Todten nicht der Erde, sondern dem Meere übergeben, wobei
-sie eine Ausnahme mit den Häuptlingen machen. Ist ein gewöhnlicher
-Mann gestorben, wird er in Matten fest eingehüllt und
-bereits am zweiten Tage mit einem Kanoe in die See hinaus
-geführt, wo, fern dem Lande unter Beobachtung einiger Zeremonien
-der Todte den Wellen übergeben wird. Ans Land wird die Leiche
-wohl sehr selten wieder angeschwemmt, dafür sorgen schon die
-zahlreichen Haie, welche diese als willkommene Beute ansehen und
-schnell genug damit aufräumen.
-</p>
-
-<p>
-So lange die Beerdigung am Lande oder in der See nicht
-erfolgt ist, werden Klagelieder um den Todten gesungen, auch
-Tänze aufgeführt, dann aber ist es Sitte, daß die Verwandten
-die Hinterbliebenen besuchen und beschenken.
-</p>
-
-<p>
-Die Grabstätten der Häuptlinge werden gewöhnlich außerhalb
-eines Dorfes angelegt, wenn möglich in Korallensand gegraben;
-ist das Grab zugeschüttet, wird der Hügel abgeflacht und mit
-Steinen glatt bedeckt. Unter Palmen und Gebüsch liegen solche
-Stätten, oft nur noch erkennbar an den Steinhaufen, aus denen
-als einziges Zeichen verwitterte Kanoe-Paddeln hervorragen, die
-der Todte einst geführt oder angefertigt hat. Einem Todten wird
-alles mögliche mit in das Grab gelegt, Eßwaaren, Tabak, Pfeifen,
-u. a. m., damit derselbe auf der langen Reise, die er angetreten
-hat, nichts entbehrt. Auf frischen Gräbern habe ich fast immer
-Tabak und Nahrungsmittel vorgefunden, die dem Todten gespendet
-waren, sie dienen freilich nur dazu, die zahllosen Ratten, die gierig
-über solche Speisen herfallen zu sättigen.
-</p>
-
-<p>
-Eine gewisse Scheu hat der Eingeborne auch davor, die
-Gräber der Verstorbenen zu öffnen; da er glaubt, der Geist des
-Todten könne ihm Uebels thun, so läßt er sich nicht dazu bewegen.
-So ist die deutsche Station auf der Insel Jabor (Jaluit) auf
-einem verfallenen Kirchhofe erbaut worden, die Zeit hat aber alle
-äußeren Spuren verwischt und nichts mehr deutet darauf hin, daß
-hier vor langen Jahren die Angesehensten und Vornehmsten der
-Bevölkerung begraben worden sind. Ich wußte es auch nicht eher,
-als bis ich, mit der Aufrichtung eines hohen Flaggenmastes betraut,
-mit meiner Mannschaft die nöthigen Vorbereitungen dazu treffen
-wollte. Die Leute weigerten sich aus den angeführten Gründen,
-<span class="pagenum"><a id="Page_75" name="Page_75" href="#Page_75">[75]</a></span>
-an der bezeichneten Stelle eine Grube zu graben, und, unnöthiger
-Weise einen Zwang befürchtend, entfernten sie sich, und kehrten erst
-zum Schiffe und ihrer Pflicht zurück, nachdem der Flaggenmast
-errichtet war. Sie ernstlich zu tadeln wäre thöricht gewesen, da
-sie sonst stets willig und gehorsam waren, und nur abergläubische
-Furcht sie hinweggetrieben hatte, worauf eben Rücksicht genommen
-werden mußte.
-</p>
-
-<p>
-Als die Ausschachtung von Arbeitern der Station (Neu-Hebriden-Insulanern)
-vorgenommen ward, in der eine feste
-Mauerung aufgeführt werden sollte, um das Grundwasser vom
-Fuß des Mastes fernzuhalten, stießen diese auf ein Grab; vorsichtig
-ließ ich das gefundene Skelett freilegen und gedachte den Schädel
-zu erhalten, aber das vermoderte Knochengerüst fiel zusammen und
-da nichts davon verwendbar war, wurden die Ueberreste an einer
-anderen Stelle vergraben.
-</p>
-
-<p>
-Wie im weiten Ozean, und namentlich unter den Riffen und
-Inseln viele Fischarten angetroffen werden, so sind auch die Lagunen
-sehr fischreich. Schillernd in den schönsten Farben findet man hier
-die merkwürdigsten Arten und Größen. Aber leider was das Auge
-erfreut, ist dem Magen nicht dienlich, der Genuß solcher schönen
-Meerbewohner bringt dem Menschen den Tod oder langes Seichthum.
-</p>
-
-<p>
-Durch das klare Meerwasser bis auf den Grund schauend,
-sieht man auf wachsenden Korallenriffen ein wunderbares Gebilde,
-bunte Sträucher, kleine Bäume, schöne Blumen, ein bunter, blühender
-Garten dehnt sich in der Tiefe aus; Gewächse in einer Mannigfaltigkeit,
-wie sie auf der Erdoberfläche schwerlich könnten zusammengestellt
-werden. Und alles dies ist nur das Werk der unscheinbaren
-Korallenpolype, die die wunderbarsten Gebilde auf dem tiefen
-Grunde erbaut. Ein reges, ungeahntes und nie geschautes Leben
-herrscht weiter unten, vieltausend Thiere, nicht sichtbar für des
-Menschen Auge leben und weben in dieser verborgenen Welt.
-Stahlblaue Fischlein spielen umher, bald hier bald dort an einem
-Strauche oder einer Blume naschend; naht sich ein größerer Fisch
-oder erschreckt sie irgend etwas, fliehen sie im Nu in das Labyrinth
-der Pflanzenwelt, oder suchen Schutz und Deckung zwischen den
-Zweigen, unter den Aesten der vielgestaltigen Korallenformen,
-wohin kein Feind ihnen zu folgen vermag.
-</p>
-
-<p>
-Das Wenige, was in dieser unterseeischen Welt sichtbar ist,
-die Schönheit derselben und ihre Bewohner, kann keine Feder schildern,
-selbst wenn man die Phantasie zu Hilfe nähme, würde man hinter
-der Wirklichkeit zurückbleiben. Stundenlang über den Bord meines
-Bootes geneigt, achtlos die Angel in der Hand, trieb ich oft über
-ein Korallenfeld, und ward gefesselt von der Schönheit dessen, was
-ich unter mir vorüberziehen sah. Geradezu Wunderwerke erbaut
-die Koralle, die nicht vergehen und die Zeit die rastlose Schaffenskraft
-<span class="pagenum"><a id="Page_76" name="Page_76" href="#Page_76">[76]</a></span>
-der Natur, selbst zu Inseln gestaltet, auf denen der vergängliche
-Mensch, der Schöpfung vollkommenstes Wesen, leben und
-auch leiden kann &mdash; die Werke von Menschenhand verfallen, die
-der winzigen Polype bleiben bestehen!
-</p>
-
-<p>
-Nicht selten ist unter dem Schönen und Schönsten, was die
-Natur erschaffen, ein bitterer Kern, ein Tropfen Gift enthalten;
-so birgt auch die Koralle, unter einer schönen Hülle, ein tödtliches
-Gift, das den Meerbewohnern, den bunt schillernden Fischen nichts
-schadet, diese selbst aber giftig und gefährlich macht. So finden
-sich denn unter der großen Zahl von Fischen viele Arten, die nicht
-gegessen werden dürfen; stets muß ein gemachter Fang dem Gutachten
-eines erfahrenen Eingeborenen unterbreitet werden, will der
-Europäer nicht Gefahr laufen, Gesundheit und Leben zu gefährden.
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem machen die Eingebornen den Versuch, die Beschaffenheit
-eines ihnen unbekannten Fisches durch Essen zu erproben, bezahlen
-diesen aber, da sie keine Gegenmittel haben, oft mit dem Leben.
-</p>
-
-<p>
-Tüchtige Fischer sind aber diese Insulaner doch, durch Erfahrung
-klug gemacht, stellen sie gewöhnlich nur solchen Fischen
-nach, die ungefährlich sind, unter anderen einem der Sardine ähnlichen
-Fische, der in größeren Schwärmen in den Lagunen angetroffen
-wird. Ist ein solcher Schwarm entdeckt und nahe genug
-dem Lande, treiben sie ihn mit Kanoes allmählich dem Strande
-zu; schnell werden dann Matten und Schnüre zwischen den einzelnen
-Fahrzeugen ausgespannt, der Kreis immer dichter gezogen, und die
-Fische, durch Geschrei, Schlagen mit den Paddeln gezwungen, in
-Massen auf ein Riff oder dem flachen Lande zu laufen, wo sie mit
-Matten, Körben und Händen leicht eingefangen werden können.
-</p>
-
-<p>
-Beim Einzelfang auf großer Tiefe bedienen sie sich ihrer aus
-Perlmutter gefertigten Haken, die denen der Samoaner ähnlich sind;
-tauschen sich aber mit Vorliebe auch von den Weißen eiserne
-Angelhaken ein, die dem Zwecke besser entsprechen. Den fliegenden
-Fisch, der seltener in den Lagunen zu finden ist, fangen sie sich
-außerhalb der Riffe in ganz gleicher Weise wie ich es bei den
-Polynesiern gesehen und beschrieben habe.
-</p>
-
-<p>
-Seit jeher waren die Marschall-Insulaner kühne entschlossene
-Seefahrer und verdienten den Namen „Schiffer“ eher, als die
-Samoaner. Sie sind nicht bloß in den Grenzen ihrer Inselwelt
-geblieben, sondern weit über diese hinaus, haben sie sich dem
-trügerischen Meer anvertraut und namentlich mit den Bewohnern
-der Karolinengruppe Verbindungen gesucht. Welch ein Zusammenhang
-zwischen diesen beiden Volksstämmen bestanden haben mag,
-die in Sprache, Gebräuchen und Sitten sehr vieles gemeinsam haben,
-ist schwer zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-Am glaubwürdigsten scheint es, daß durch Wind und
-Strömungen große Kanoes (Proas) von den Marschall-Inseln verschlagen
-<span class="pagenum"><a id="Page_77" name="Page_77" href="#Page_77">[77]</a></span>
-wurden, deren Insassen dann auch glücklich Land gefunden
-haben. So soll noch im Jahre 1855 eine kleine Flotte die östlichste
-der Karolinen-Inseln „Kusai“ erreicht haben und nach
-monatelangem Aufenthalt wieder nach den Marschall-Inseln zurückgekehrt
-sein; auch noch größere Entfernungen, wie berichtet, sollen
-sie zurückgelegt und glücklich ihr Heimathland wieder gefunden haben.
-Aber so einsichtig und wagemuthig in dieser Hinsicht der Eingeborne
-auch ist, so ist doch anzunehmen, daß nur glückliche Zufälle es gewesen
-sind, die ihn nach langer Irrfahrt haben Land finden lassen.
-Darnach zu urtheilen, daß sie oft viele Wochen gebraucht haben,
-um von einer Insel zur anderen zu gelangen, müssen ihre Kenntnisse
-in der Seefahrt doch recht bescheidene sein; was aber jedenfalls
-für viele verderblich geworden, ist die Gewohnheit, sobald sie
-nach längerem Suchen ihr Ziel nicht finden können, die Segel
-niederzuführen und sich ihrem Schicksale zu überlassen.
-</p>
-
-<p>
-Besondere Beachtung nun verdienen die Fahrzeuge, mit denen
-der Inselbewohner sich auf den gefährlichen Ozean hinauswagt.
-Den Kanoebau muß man entschieden als ihre bedeutendste Leistung
-ansehen, Geschick, ja Kunstfertigkeit ist ihnen dabei nicht abzusprechen.
-Schon die Anforderungen, die sie an ihre größeren Fahrzeuge
-stellen, bedingen eine eigenartige Bauart; ihnen genügen nicht
-mehr ausgehöhlte Baumstämme, wie sich andere Völker solcher bedienen,
-hier gilt es vielmehr einen regelrechten Bau aufzuführen.
-Und zieht man in Betracht, daß früher (und heute noch vielfach)
-ihre einzigen Werkzeuge die Meermuschel und die Fischgräte waren,
-und das mit Geschick verwendete Feuer bei solcher Arbeit ihr bester
-Helfer ist, so kann man sich vergegenwärtigen, was es heißt, solche
-Fahrzeuge, die oft 50 und mehr Menschen zu fassen vermögen,
-herzustellen.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Geschicklichkeit und Ausdauer finden deshalb staunende
-Anerkennung bei den Fremden, ja ich möchte den Europäer sehen,
-der an die Stelle der Eingebornen gestellt, sich mittelst Feuer und
-Muscheln aus einem dicken Baumstamm eine Planke verfertigen könnte!
-</p>
-
-<p>
-Die Kanoes, zu deren Bau das nicht sehr harte Holz des
-Brotfruchtbaumes verwendet wird, sind aus verschiedenen Theilen
-zusammengesetzt. Der Kiel wird aus einem Stücke gefertigt, dies
-ist so ausgehöhlt, daß er an und für sich schon ein kleines Kanoe
-bilden würde; auf diesem werden dann die scharfen Vorder- und
-Hintertheile aufgesetzt, und dazwischen wieder die oft aus mehreren
-Stücken bestehenden Seitenwände eingefügt; die Höhe eines mittelgroßen
-Kanoes beträgt etwa 4 Fuß.
-</p>
-
-<p>
-Alle Theile werden stumpf auf- und aneinander gesetzt; aber
-um die dauernde Befestigung derselben, die Dauerhaftigkeit des
-Ganzen zu erreichen, dazu gehört eine wahre Engelsgeduld, denn
-um dieses zu erreichen müssen durch zolldicke Wände oft viele
-<span class="pagenum"><a id="Page_78" name="Page_78" href="#Page_78">[78]</a></span>
-hundert Löcher mittelst Fischgräten oder Knochen gebohrt werden,
-die nahe aneinander, in den einzelnen Theilen sich stets gegenüber
-liegen.
-</p>
-
-<p>
-Naturgemäß können mit so unvollkommenen Instrumenten,
-Werkzeugen gearbeitete, stumpf aufeinander stoßende Hölzer nicht
-dicht halten, auch glatte Flächen sind damit nicht herzustellen; um
-aber dennoch eine gewisse Dichtigkeit zu erzielen, werden die Nähte
-mit zwischen gelegten trockenen Pandanusblättern ausgefüllt, dann
-werden durch die einander gegenüber liegenden Löcher Cajarfäden
-eingezogen und diese sehr fest angeholt. Die große Zahl solcher
-Laschungen ermöglicht es, jeden Theil des Kanoes dauernd und
-gut zu befestigen, und was Menschenkraft nicht fertig bringt, thut
-das Wasser, indem durchnäßt, sowohl die Pandanusblätter aufquellen,
-als auch die Cajarfäden sich zusammenziehen.
-</p>
-
-<p>
-Finden sich sichtbare Undichtigkeiten, namentlich in den Löchern,
-so bereitet sich der Erbauer aus fein geriebenem Holz und dem
-klebrigen Safte der Pandanusfrucht eine Art Kitt, mit dem er
-gefundene lecke Stellen zustopft und verkittet. Da unbedingte
-Dichtigkeit natürlich nicht herzustellen ist, so lecken ohne Ausnahme
-alle Kanoes ziemlich stark, indeß mit einer aus demselben Holze
-hergestellten Mulde, einer Art Schöpfkelle, die der Eingeborne geschickt
-zu handhaben weiß, bewältigt ein Mann bequem ohne
-sonderliche Anstrengung das eingedrungene Wasser leicht; auch
-Kokosnußschalen, Blechbüchsen, selbst die hohlen Handflächen dienen
-ihm als geeignete Schöpfgefäße.
-</p>
-
-<p>
-Alle Kanoes haben an einer Seite einen Ausleger, ein dem
-Kanoe parallel gelegtes und dem Bau desselben entsprechendes
-Stück Holz, mit diesem durch eine Anzahl biegsamer Zweige, die
-über beide Seitenwände des Kanoes hinreichen, verbunden ist.
-Weit genug abstehend, dient dieser als eine Art Schwebe, ein
-Kentern der scharf gebauten Fahrzeuge wird dadurch verhindert;
-namentlich beim Segeln giebt er ein Gegengewicht ab. Bei großen
-Kanoes liegt der Ausleger oft 6-8 Fuß von der Bordseite entfernt
-und besteht aus einem schweren Holzstücke, das, an sich
-möglichst stark, durch Träger und schräg liegende Gegenstützen, am
-Kanoe befestigt ist. Auf solchen Trägern, d. h. den einzelnen Verbindungen
-mit deren Ausleger, die unter sich ebenfalls gut verbunden
-sind, findet man oft noch eine kleine Hütte erbaut, worin
-für mehrere Mann Raum vorhanden ist, sie dient dem angesehensten
-der Besatzung gewöhnlich als Aufenthalt. Auch wenn befürchtet
-wird, der starke Wind könnte durch seinen Druck auf das Segel
-das Kanoe trotz des Auslegers zum Kentern bringen, setzen sich
-außerhalb der Bordwand mehrere Insassen auf das Flechtwerk des
-Trägers, so daß durch ihr Körpergewicht ein gewisser Gegendruck
-erzielt wird.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_79" name="Page_79" href="#Page_79">[79]</a></span>
-Im ruhigen Wasser, oder in leicht bewegter See, sind diese
-Kanoes sehr schnelle Fahrzeuge. Ein europäisch gebautes Boot
-muß sehr gute Eigenschaften haben, wenn es eine Wettfahrt mit
-ihnen aufnehmen will, würde aber stets, sobald ein Ziel windwärts
-erreicht werden sollte, also ein Aufkreuzen gegen den Wind nöthig
-wäre, glänzend geschlagen werden; denn die scharf gebauten Kanoes
-mit ihren Mattensegeln liegen so dicht am Winde und werden
-dennoch so schnell durchs Wasser getrieben, wie es mit einem gewöhnlichen
-Boote nicht möglich ist. Ich habe in den großen Lagunen,
-Majuro, Arno, Malonlab u. a., wenn ich auf entfernteren Inseln
-in solchen Atolls kleinere Aufkäufe an Kopra oder Nüssen machen
-wollte, des öfteren diese Kanoes benutzt und muß bezeugen, flinkere
-Fahrzeuge habe ich bei keinem ungesitteten Volksstamme gefunden.
-</p>
-
-<p>
-So praktisch der Ausleger aber auch ist, ja so nothwendig
-für größere Fahrzeuge, um das Segeln mit diesen zu ermöglichen,
-so wird er doch auf freier und bewegter See oft verhängnißvoll.
-Obgleich er nach Möglichkeit zwar festgefügt und durch Cajar mit
-dem Kanoe verbunden ist, so löst er sich doch und bricht jede Verbindung
-leicht und geht, wenn die Wellen unablässig diesen hin und
-her zerren, verloren. Da eine Ausbesserung kaum vorgenommen
-werden kann, so ist, sobald diese Stütze verloren gegangen, das
-Schicksal der Insassen eines Kanoes auch besiegelt. Und diese
-Gefahr liegt immer vor, sie wächst mit dem Winde und den Wellen.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe erwähnt, daß diese Proas sehr scharf gebaut sind,
-sie sind es aber nicht nur vorne und hinten, sondern auch längs
-des ganzen Kiels; was aber besonders von Verständniß und Nachdenken
-zeugt, ist die Form, welche solchen Kanoes gegeben wird.
-Beim Vorwärtstreiben durch Wind und Paddeln ist der Ausleger,
-der zwar ebenso scharf geformt ist, doch naturgemäß ein Hinderniß
-und würde ein Kanoe immer nach der Seite hin abweichen, an
-welcher sich dieser befindet. Diesem Uebelstande abzuhelfen, baut
-nun der Insulaner sein Kanoe so, daß die Seite, an welcher der
-Ausleger nicht angebracht werden soll, vom Kiel aufwärts bis zur
-Bordwand fast ganz flach verläuft, die andere dagegen ist erhaben
-ausgebaut. Natürlich ergiebt sich daraus, daß im Verhältniß zur
-Länge ein Kanoe nur sehr schmal sein kann, aber durch die flache
-Seite wird der Vortheil gewonnen, das tiefgehende Kanoe kann
-beim Segeln am Winde nicht oder nur sehr wenig abgedrängt werden.
-</p>
-
-<p>
-Zudem bleibt der Ausleger stets an der Windseite, andernfalls
-würde durch den Druck des Segels das Kanoe sofort kentern;
-ein wenden, wenn eine andere Kursrichtung genommen werden soll,
-geschieht nicht, vielmehr wird das gehißte Segel nur von vorne
-nach hinten oder umgekehrt geschiftet. Der Mast, in der Mitte des
-Kanoes in einer Spur feststehend, wird vom Ausleger aus durch
-Cajartaue gehalten, ist aber beweglich, so daß er nach vorne oder
-<span class="pagenum"><a id="Page_80" name="Page_80" href="#Page_80">[80]</a></span>
-hinten geneigt werden kann, was stets beim Umschiften des immer
-in der Spitze festgesetzten Segels geschehen muß. Das Tau, mit
-dem das an langer Raa befestigte Segel gehißt ist, dient gewöhnlich
-nach hinten zu dem Maste als Stütze, seltener sind noch Hilfstaue
-angebracht.
-</p>
-
-<p>
-Ein Reffen, d. h. verkleinern der Mattensegel, sowie diese
-gebildet sind, ist nicht wohl angängig; wird der Wind zu stark
-oder überrascht eine starke Böe ein Kanoe, kann man nichts weiter
-thun, als das Segel einfach niederzuführen, oder frei im Winde
-peitschen zu lassen. Im ersteren Falle kommt es oft vor, daß das
-vom Winde aufgebauschte Segel ins Wasser zu liegen kommt, und
-wüßten die Eingebornen nicht so geschickt mit den Fahrzeugen umzugehen,
-müßte häufig genug, wenn die nicht selten äußerst heftigen
-Windböen einfallen, ein Unglück eintreten. Für einen Europäer
-wäre das Kentern eine unangenehme Sache, der Eingeborne dagegen
-macht sich nicht viel daraus, er bringt schwimmend sein gekentertes
-Kanoe wieder in Ordnung.
-</p>
-
-<p>
-Die Mattensegel, stets dreieckig, sind aus einem Geflecht von
-Pandanusblättern hergestellt, das aus etwa zehn Zentimeter breiten
-Streifen besteht, die sauber zusammengenäht, dicht und biegsam sind.
-</p>
-
-<p>
-Von Religion kann bei diesen Inselbewohnern eigentlich keine
-Rede sein; sie haben nur eine unbestimmte Vorstellung von einem
-höheren Wesen, welches ihnen Gutes und Böses zufügen kann,
-sonst sind sie wie alle ungesitteten Völker dem Aberglauben verfallen.
-Da sie nur wenige Ueberlieferungen besitzen, so beschränkt
-sich ihr Gottesdienst lediglich auf einige Gebräuche. Gewöhnlich
-wenn ein Unternehmen geplant ist, z. B. eine Reise, ein Kriegszug,
-wahrsagen weise Männer aus loderndem Feuer und das gute oder
-böse Vorzeichen ist für die Ausführung oder Unterlassung maßgebend;
-auch wird zum Weissagen ein zusammengefaltetes Pandanusblatt
-angewandt, man fängt an dem einen Ende zu kniffen an und benutzt
-die so gewonnene Breite als Maßstab für die übrige Blattlänge,
-bleibt nichts übrig, so ist es ein gutes Zeichen, im anderen
-Falle ein schlechtes.
-</p>
-
-<p>
-Erklärlich ist, da Götter und Gottheiten nicht vorhanden, die
-Insulaner nur eine sehr beschränkte Vorstellung von einem höheren
-Wesen hatten, daß sie, als die Missionare unter ihnen erschienen,
-willig der neuen Lehre lauschten, und sich zu ihr bekannten. Das
-Ansehen der Missionare war groß; diese verwandten dann ihren
-Einfluß dazu, der Unsittlichkeit, der Vielweiberei und anderen
-Lastern entgegen zu treten, sie haben aber nur dort Erfolg gehabt,
-wo sie selbst ansässig waren, d. h. auf den südlicheren Atolls, als
-Ebon, Jaluit und Milli.
-</p>
-
-<p>
-Anscheinend ist das Begriffsvermögen des Eingebornen nicht
-groß, er erfaßt bei weitem nicht alles, was ihm gelehrt wird, auch
-<span class="pagenum"><a id="Page_81" name="Page_81" href="#Page_81">[81]</a></span>
-hat er nur eine unklare Vorstellung von allem, was außerhalb
-seines Gesichtskreises liegt, und nur das natürliche Empfinden von
-Recht und Unrecht ist bei ihm geschärft worden; er folgt zwar aus
-Furcht vor einer strafenden Gerechtigkeit nicht so willig mehr den
-natürlichen Trieben, erliegt aber trotzdem leicht einer Versuchung.
-</p>
-
-<p>
-Ausgebildete einheimische Missionszöglinge sind heute die
-eigentlichen Lehrer, und es ist zu hoffen, daß unter dem Schutze
-der deutschen Verwaltung das Christenthum mehr und mehr an
-Ausbreitung gewinnt, das ist um so eher zu erwarten, wenn erst
-die Häuptlinge bekehrt sind und durch maßvolles Vorgehen, unparteiische
-Rechtspflege, das Vertrauen der Eingebornen ganz gewonnen
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Da die Marschall-Inseln heute deutsches Besitzthum, die Bewohner
-also in gewissem Sinne unsere Landsleute sind, so mag es
-vielleicht an der Stelle sein, hier in ihrer Sprache das Gebet des
-Herrn, das „Vater unser“, anzuführen.
-</p>
-
-<p>
-<em class="itals">Yememuij i lon, en kwojarjar etom. Ea itok am ailin.
-Yen komonmon ankil am i lol enwot dri lon.</em>
-</p>
-
-<p>
-<em class="itals">Ranin, letok non kim kijim ranin: Im jolok annuij
-jerawiwi, enwot kimuij jolok an armij jerawiwi jen kim.
-Im jab tellok non mon, ak drebij kim jennana, Bwe am
-ailin, im kajur, im wijaak in driv.</em>
-</p>
-
-<p>
-Erwähnt habe ich bereits, daß eine Stammverwandtschaft
-zwischen den Bewohnern der Marschall-Inseln und der Karolinen-Gruppe
-besteht, ihre Sprache und Sitten in vielen übereinstimmen.
-Deshalb will ich das gleiche Gebet auch in der Sprache dieser
-Inselbewohner, mit denen ich oft genug zusammengekommen und
-die auch zu jener Zeit, leider nur vorübergehend, unter dem Schutze
-der deutschen Flagge gestanden haben, hier anführen. Es lautet:
-</p>
-
-<p>
-<em class="itals">Papa tumus su in kosav, E'los val payi. Pogasai
-lalos tuku. Orek ma nu fwalu, ou elos oru in kosav.
-Frite kit len si ini ma kut mono misini: et nunok munas
-nu seske ma koluk las, oanu kut nunok munas sin met orek
-ma kuluk nu ses. A tie kot kit kut in mel, a es kit la
-liki ma koluk, tu togusai lalos, a ku, a mwolanu, ma patpat.</em>
-</p>
-
-<p>
-Mit dem Versuche, in obiger Schilderung ein anschauliches
-Bild von den Marschall-Inseln zu geben, möchte ich noch gleichzeitig
-eine wichtige Frage, nämlich die Deportationsfrage, verbinden.
-</p>
-
-<p>
-Unzweifelhaft wird auch in unserem Vaterlande einst entschieden
-werden müssen, ob Deutschland nicht auch, wie seit langem
-Rußland und Frankreich, die Deportation als ein Mittel ansehen
-muß, um sich der Elemente der Bevölkerung zu entledigen, die
-heute die Zucht- und Gefängnißhäuser anfüllen, wenigstens die unverbesserlichen
-Individuen und schweren Verbrecher auszustoßen und
-solche, so der menschlichen Gesellschaft, ihrer Gefährlichkeit halber,
-<span class="pagenum"><a id="Page_82" name="Page_82" href="#Page_82">[82]</a></span>
-zu entziehen. Zwar wird in Deutschland wohl nur die zwingende
-Nothwendigkeit dahin führen die Deportation rechtskräftig zu
-machen, zumal die Ansicht, mit dieser sei sowohl das geistige
-wie körperliche Verderben eines Individuums verbunden, noch
-eine allgemeine ist. Indeß man kann doch zu einer anderen
-Beurtheilung der Frage gelangen, wenn zugleich mit der zweifellos
-harten aber gerechten Strafe die Menschlichkeit durchaus gewahrt
-wird und ein Deportirter nicht als ein bereits dem Tode Verfallener
-anzusehen ist, eher noch die Möglichkeit vorliegt, ein solcher kann
-der menschlichen Gesellschaft wieder als ein nützliches Mitglied zugeführt
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Wohl zu berücksichtigen ist natürlich bei einer in Frage
-kommenden Deportation, daß eine der Hauptbedingungen, der
-nöthige Abschluß von jeder Gesellschaft ist und dabei doch, anders
-als in Zucht- und Gefängnißhäusern, den Verurtheilten ein bestimmtes
-Maß der Freiheit gegeben wird. Das Nächstliegende, um solche
-unerläßliche Vorbedingung zu erfüllen, wird immer das sein, daß
-man naturgemäß einsame, dem Verkehr entzogene Landstrecken, wie
-es größere oder kleinere Inselgruppen sind, dazu in Aussicht nimmt.
-Und nicht mit Unrecht, denn der schwer zu bändige Trieb nach
-persönlicher Freiheit wohnt jedem Wesen inne und wird daher bei
-verwegenen Naturen weit eher zum Durchbruch kommen.
-</p>
-
-<p>
-Indeß, ist eine natürliche, unübersteigliche Grenze gezogen,
-stellt dem menschlichen Willen und Wollen sich ein Element, der
-Ozean, entgegen, ist die Folge, daß bei nicht gänzlich empfindungslosen
-Naturen schon der großartige Anblick des Weltmeers, die
-ruhige oft aber wildgrollende Sprache des Ozeans, eine wirksame
-Besserung im Naturell eines Verbannten erwarten läßt. Und fraglos
-werden demjenigen, dessen Gesichtskreis nicht enge Zellen beschränken,
-sondern dem sich die Wunder der Natur, der Ozean und das
-Firmament, in ihrer erhabensten Schönheit zeigen, sich Empfindungen
-aufdrängen, die schließlich die Erkenntniß herbeiführen, daß der
-Mensch dazu berufen ist, im Einzelnen, wie in der Gesammtheit
-einem höheren Zwecke zu dienen.
-</p>
-
-<p>
-Wohl läßt sich erwarten, daß prinzipielle Fragen sich einer
-gesetzlichen Deportation entgegen stellen werden, indeß, mögen sich
-auch noch so große Einwendungen dagegen erheben lassen, eines
-ist sicher, dem in Freiheit gebornen, wenn auch verbrecherisch veranlagten
-Menschen, bringt nicht die Strafe, bringt nicht die enge
-Zellenhaft, sondern die goldene, wenn auch beschränkte Freiheit zur
-besseren Erkenntniß. Um nun zu begründen inwiefern die Deportationsfrage
-nicht so ohne weiteres als unausführbar abzuweisen
-ist, ziehe ich die Möglichkeit in Betracht, daß die einsamen sehr
-wenig bevölkerten und dem Weltverkehr entlegenen Marschall-Inseln
-als eine Heimstätte für schwerer Verbrechen wegen Verbannte angesehen
-<span class="pagenum"><a id="Page_83" name="Page_83" href="#Page_83">[83]</a></span>
-werden könnten und zwar aus triftigen Gründen 1. als
-das Klima auf diesen Inseln als ein gesundes anzusehen ist; 2. die
-Ernährung, selbst für eine große Zahl, mit Leichtigkeit durchzuführen
-ist; 3. die Bewachung auf so einsamen von jeder Verbindung abgeschlossenen
-Inseln keine strenge zu sein braucht; 4. Feste Häuser
-unnöthig sind und nur Baracken des milden Klimas wegen in
-Frage kommen können. Sollten aber dennoch feste Häuser nothwendig
-sein, sind solche leicht durch das im Ueberfluß vorhandene
-Korallenmaterial herzustellen; 5. geregelte Thätigkeit wird durch
-Anbau von Kokosplantagen, Anpflanzung tropischer Gewächse als
-Taro, Arrowroot etc. der Züchtung von Schweinen und Hühnern
-und schließlich Bereitung der Kopra, der Herstellung von Matten
-und Tauwerk aus den Fasern der Kokosnuß etc. für zahlreiche
-Verbannte vorhanden sein und mit der Zeit sich aus Anpflanzungen
-Erträge ergeben, die die zweifellos anfänglich erheblichen Kosten
-reichlich decken werden.
-</p>
-
-<p>
-Was speziell die Ernährung anbetrifft, die für einen Europäer
-besondere Beachtung verdient, so würde solche durch Zufuhr geeigneter
-Nahrungsmittel in Verbindung mit den leicht zu züchtenden
-und zu erhaltenden Schweinen und Hühnern eine ausreichende sein,
-zudem bietet der Ozean selbst durch seinen überaus großen Fischreichthum
-eine beliebige Abwechslung dar, und für keinen Kenner
-jener Koralleninseln kann ein Zweifel bestehen, daß dort nicht ausreichende
-gesunde Nahrungsmittel vorhanden sind. Anders freilich
-würde die Frage betreffs des guten Trinkwassers zu lösen sein,
-da das gefundene Grundwasser (durch Korallen filtrirtes Seewasser)
-auf die Dauer doch schädlich sein könnte, auch angelegte Cisternen
-in regenarmer Zeit nicht ausreichen möchten. Jedoch die Anlage
-von Condensatoren, die Seewasser in Süßwasser verwandeln, das
-auf großen Passagierschiffen fast ausnahmslos verwendet wird,
-würde jeden Bedarf decken.
-</p>
-
-<p>
-Der berechtigte Einwand, den auf tiefer Kulturstufe stehenden
-Eingebornen sollte man nicht, um nicht das Ansehen der Europäer
-zu schädigen, den Transport gefangen gehaltener Weißer vor Augen
-führen, wird bei der Anlage einer Verbrecherstation auf den gedachten
-Inseln hinfällig. Denn wie erwähnt ist die Bevölkerung
-eine geringe und manche Korallen-Inseln sind fast unbewohnt auf
-denen aber nicht minder die Anlage von ausgedehnten Kokosplantagen
-möglich ist. Zieht man das Facit, so kann der Gedanke,
-auf einsamen Inseln der Marschall- resp. Browns-Gruppe Deportirte
-unterzubringen, durchaus nichts abschreckendes haben, zumal alle
-Vorbedingungen gegeben sind und neben der großen Entlastung
-der Zellengefängnisse käme der Vortheil dazu, daß mit einer verhältnißmäßig
-billigen Arbeitskraft ein Kulturwerk gefördert würde,
-das die Eingebornen niemals zu vollbringen im Stande sein
-<span class="pagenum"><a id="Page_84" name="Page_84" href="#Page_84">[84]</a></span>
-werden; auf solche Weise der Werth der Marschall-Inseln für
-Deutschland ganz besonders gesteigert werden würde.
-</p>
-
-<hr class="chapend" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-V. Reisen durch die Marschall- und
-<br />Karolinengruppe.
-</h2>
-</div>
-
-<p>
-Wie erwähnt, weisen sämmtliche Atolls der Marschall-Gruppe
-dieselbe Eigenthümlichkeit auf, nur in Form und Größe sind sie
-verschieden; auffallend aber ist, daß fast bei allen die Leeseite der
-Atolle, d. h. also die, welche dem schweren Anprall der Ozeanwogen,
-die der oft sehr starke Nordost-Passat an diese Gestade treibt, nicht
-ausgesetzt sind, größere Landmassen aufweisen, hingegen an der
-Luv, d. h. Nordostseite, nur dort sich Anhäufungen von Sand und
-kleine oder größere Inseln sich finden, wo die Koralle ein weites
-mächtiges Riff erbaut hat. Ich habe nachgewiesen, daß Korallen-Inseln
-allein nur durch losgelöste Rifftheile entstanden sind, naturgemäß
-also die Wind- oder Wetterseite zuerst solche aufweisen
-müßte, daß dies nun auf diesen Atolls weniger der Fall, liegt
-daran, daß der starke Wind den von den Wellen gebildeten Korallensand
-hinwegfegt, über die Lagunen treibt und eine Anhäufung an
-der Leeseite begünstigt. Deshalb sind auch, mit wenigen Ausnahmen
-alle Stationen und Ansiedelungen der Weißen dort angelegt,
-zumal da dort bequeme Zugänge zu den Lagunen sich befinden,
-theils für die Schiffahrt günstiger Ankergrund vorhanden ist.
-</p>
-
-<p>
-Da die Lagunen eine ganz beträchtliche Ausdehnung haben,
-zwischen 5 bis 70 Seemeilen lang sind, wird es erklärlich, daß in
-den Einfahrten sowohl bei Fluth, als auch Ebbe, eine starke und unter
-Umständen sehr starke Strömung vorhanden ist. Die Einfahrten
-im Jaluit-Atoll und auch in anderen sind gewöhnlich, weil sie nur
-schmal, für ein Segelschiff nicht zu passiren, so lange der Strom
-mit großer Kraft ein- oder ausläuft; erst kurz vor oder nach eingetretenen
-Stillstand, d. h. wenn Fluth oder Ebbe wechselt, sucht
-man ein- oder auszulaufen; und am besten ist es, wenn Durchfahrten
-auch bei niedrigstem Wasserstand noch tief genug sind, mit
-steigendem Wasser dies zu unternehmen; man sieht dann die Riffe
-besser und läuft auch keine Gefahr, wenn das Schiff an oder auf
-einem Riffe festkommen sollte, sitzen zu bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Im Jaluit-Atoll wird meistens die zwischen den Inseln Jabor
-und Enübor befindliche Südost-Passage, als Einfahrt, und die von
-hier nach Südwesten, zwischen Ai und Medjerrurik, liegende Passage,
-als Ausfahrt benutzt, seltener die Nordost-Passagen. Gegen widrige
-Winde diese engen Fahrstraßen zu benutzen ist für ein größeres
-Schiff schier unmöglich, ich habe es mit einlaufendem Strome
-öfter versucht, nie aber gewagt ein großes Segelschiff auf diese
-<span class="pagenum"><a id="Page_85" name="Page_85" href="#Page_85">[85]</a></span>
-Weise, wenn ich in Jaluit anwesend, und zeitweilig als Lootse
-thätig war, ein- oder auszubringen.
-</p>
-
-<p>
-Sehr häßlich ist es, wenn zwischen zwei Inselspitzen der vorher
-starke Wind plötzlich abflaut, oder sogar für den Augenblick
-entgegengesetzt weht; hat dann das Schiff keine genügende Fahrt
-oder ist sogar Gegenstrom vorhanden, ist die Lage für einen Führer
-oder Lootsen geradezu peinlich. Für den Schiffsführer der aus
-der Südwest-Ausfahrt von Jaluit segeln will, bedarf es einer
-genauen Kenntniß der Oertlichkeit, vor allem namentlich am Nachmittage,
-wo er die Sonne recht voraus hat, die das Wasser wie
-eine Silberfluth erscheinen läßt.
-</p>
-
-<p>
-Als ich einst beordert war eine Bark hier hinaus zu lootsen,
-wurde der Wind zwischen den Inseln Ai und Medjerrurik still, die
-Untersegel schlugen back, während die Oberbramsegel noch den vollen
-Wind hatten und das Schiff trieb dem nahen Riffe zu. Nichts
-war dagegen zu machen, da aber jede Zögerung die Gefahr vergrößerte,
-so gab ich kurz entschlossen die nöthigen Befehle. Die
-Raaen flogen an den Wind, die klar gehaltenen Boote rauschten
-ins Wasser und wurden schnell voraus gebracht, nachdem das Schiff
-mit Tauen an ihnen befestigt war, ruderten kräftige Seemannsfäuste
-aus Leibeskräften, um das steuerlose Schiff wieder in Fahrt zu
-bringen. Bald half der stoßweise umspringende Wind, bald hemmte
-er, doch ging es langsam vorwärts, bis die Brise wieder mit voller
-Kraft einfiel und es ermöglichte, das Schiff zu regieren.
-</p>
-
-<p>
-Als ich mit meinem Boote zurückkehrte, hoffte ich die zehn
-Seemeilen weite Entfernung bis Jabor aufkreuzen zu können, da
-brach aber in einer Böe der Mast, und die zwei Mann im Boote
-konnten gegen Strom und Wind nicht vorwärts kommen. Nirgends
-war wegen der Riffe Land zu erreichen, so mußten wir ohne Wasser
-und Lebensmittel wachend die Nacht verbringen. Am nächsten
-Vormittage mußte irgendwo Land aufgesucht werden, wir landeten
-auch an einer unbewohnten Stelle, wo wir, nachdem meine Leute
-aufgefundene Kokospalmen erklettert hatten, Durst und Hunger an
-jungen Nüssen stillen konnten. Darnach als hiervon genügend
-Vorrath eingesammelt war, ruderten wir in heißer Sonnengluth
-längs der Riffe weiter, erreichten aber die Station erst in der
-frühen Morgenstunde des dritten Tages.
-</p>
-
-<p>
-Die erste Reise im Marschall-Archipel hatte ich nach Ebon,
-Namorik, Kili u. a. zu unternehmen und besuchte auf dieser zuerst
-die kleinsten, aber auch fruchtbarsten Atolle. Die einzige Einfahrt
-in der Ebon-Lagune liegt an der Südwestseite zwischen den Inseln
-Juridi und Meidj, diese ist zwar tief, aber sehr schmal und ausgedehnte
-Riffpatschen nach innen machen diese sehr schwer zugänglich,
-dazu läuft ein wirbelnder Strom ein und aus, der einem Schiffe
-<span class="pagenum"><a id="Page_86" name="Page_86" href="#Page_86">[86]</a></span>
-gefährlich werden kann, wenn dieser in voller Stärke einsetzt, ehe
-frei Wasser gewonnen ist.
-</p>
-
-<p>
-Der Wind ist zum Durchsegeln dieser Einfahrt selten günstig,
-ein Ankern außerhalb am Riffe nicht immer rathsam, und so begegnete
-es mir beim Einkreuzen, daß der über das Riff auslaufende
-Strom das Schiff innerhalb der langen Einfahrt an das Riff
-trieb, und dieses auf der schräg abfallenden Korallenwand sitzen
-blieb. Das Wasser fiel und, kam ich nicht frei, mußte das Schiff
-schließlich sich auf die Seite legen, umfallen und volllaufen. Deshalb
-wurde schnell ein Anker ausgebracht, der auf hundert Fuß
-Wassertiefe erst den Grund erreichte, und nun versucht, das Schiff
-abzuwinden; allein die starke Leine riß sehr bald von scharfen
-Korallen durchschnitten entzwei, und der Anker, an dem die Bojenleine
-zu kurz gewesen, war verloren. In Ermangelung eines
-schweren geeigneten Ankers, wurde nun als letzter Versuch schnell
-einer der Buganker zum gegenüber liegenden Riffe gebracht und
-gut hinter Korallensteine versenkt, dann versuchten wir aufs neue,
-das sich langsam neigende Schiff mit aller Gewalt abzubringen,
-und es gelang.
-</p>
-
-<p>
-Wäre diese Anordnung erfolglos geblieben oder nochmals
-die Leine gerissen, so hätte ich nur noch versuchen können, schnell
-Gaffeln oder Segelbäume abzutakeln von den Masten, und senkrecht
-an der gefährdeten Seite im Wasser aufzustellen; wären diese an
-der Bordwand festgebunden worden, so wäre vielleicht durch solche
-Stützen, wenn das Wasser nicht zu tief fiel, ein Unglück vermieden
-worden sein.
-</p>
-
-<p>
-Ich war fast jedesmal gezwungen, in der Ebon-Lagune einzulaufen,
-selbst später mit dem größten Schiffe der Gesellschaft und
-bin immer ohne besondere Schaden weggekommen. Nur einmal in
-dunkler Abendstunde in der Ost-Durchfahrt, der kleineren, aufkreuzend,
-lief ich noch, von den Riffen frei, auf Anrathen eines guten Lootsen,
-den der König von Ebon, der Häuptling Nelu, mir gestellt hatte,
-der mit seinem ganzen Gefolge sich an Bord befand, weiter nach
-der Insel Eninaitok, zwischen vielen Riffpatschen und Untiefen
-hindurch. Als die Insel in Sicht kam, war wegen der Dunkelheit
-der Abstand vom Lande schwer zu schätzen, und hätte ich mich
-nur auf die Kenntniß des Lootsen verlassen, und nicht lothen lassen,
-würde dieser mir das Schiff mit voller Fahrt aufs Riff gesetzt
-haben. Plötzlich nur drei Meter Wassertiefe findend, jagte ich
-gerade noch zur rechten Zeit das Schiff in den Wind und brachte
-es zum Stillstand; darauf segelte ich vom Lande ab und ging auf
-größerer Tiefe zu Anker, mich wenig daran kehrend, daß nun die
-Häuptlinge etwas länger im Boote sitzen mußten und die Ausschiffung
-länger dauerte. Um die schon tagelang an Bord befindlichen
-Eingebornen noch ans Land zu bringen, hätte ich, vertrauend
-<span class="pagenum"><a id="Page_87" name="Page_87" href="#Page_87">[87]</a></span>
-der besseren Kenntniß derselben, bald mein Schiff arg
-gefährdet gesehen.
-</p>
-
-<p>
-Manchem anderen Schiffe ist es beim Einkreuzen in dieser
-Lagune nicht sonderlich gut ergangen, Beschädigungen am Schiffsboden,
-leichter oder schwererer Art, waren nicht selten, und wer
-nicht durchaus hinein segeln mußte, vielleicht nicht unter der Insel
-Juridi ankern durfte, kreuzte lieber tagelang vor der Einfahrt hin
-und her; was ich mitunter auch that, wenn in der schlechten Jahreszeit
-die See am Riffe zu schwer oder nur wenig Ladung zu landen
-oder abzunehmen war.
-</p>
-
-<p>
-Die Lagune selbst bietet, sobald man die schlechte Durchfahrt
-durchsegelt hat, einem Schiffe überall sichern Ankergrund; ein geschützter
-Hafen ist das weite Becken, in welchem heftiger Wind
-nur selten das ruhige klare Gewässer erregen kann.
-</p>
-
-<p>
-Ein flüchtiger Ueberblick auf dieses weite Becken läßt vermuthen,
-daß nur noch wenig Riffe mehr, außer den der Ausfahrt
-vorgelagerten, vorhanden sind, und doch befindet sich eine große
-Zahl kleiner und größerer Riffpatschen in demselben; die Thätigkeit
-der bauenden Koralle, welche im Laufe der Zeit diese Lagune
-verschließen wird, ist in vollem Gange. Recht in die Augen
-fallend erweist sich diese Thatsache, langsam zwar, aber immer
-weiter bauen die Polypen, und nach menschlicher Voraussicht wird
-sich hier von allen offenen Atolls zuerst der Vorgang abspielen,
-daß diese Lagune für jeden Schiffsverkehr durch die unzerstörbare
-Arbeit der winzigen Thierchen geschlossen wird. Fahrten durch die
-ganze Lagune von Insel zu Insel bestätigten mir diese Annahme,
-da ich unter Land sowohl wie auch im großen freien Wasserbecken
-weit ausgedehnte Riffe vorfand.
-</p>
-
-<p>
-Die meisten der langgestreckten Inseln dieses Atolls sind flach
-und ohne besondere Erhebungen, der Unterbau, Korallensteine, die
-aber schon so hoch mit einer Humusschicht bedeckt sind, daß solche
-wenig sichtbar werden, auch hat die reiche Vegetation, das Eindringen
-der Pflanzen im Gestein, das ihre zur Verwitterung desselben
-beigetragen. Ueberhaupt habe ich kaum auf einem anderen
-Atoll so dichtes Gebüsch, hohe Bäume und wuchernde Pflanzen
-angetroffen, wie auf Ebon; anzunehmen ist, daß dazu der reichlich
-fallende Regen, der die Verwesung in der Pflanzenwelt befördert,
-viel beigetragen hat.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem erwähnenswerth ist hier neben den sehr zahlreichen
-Kokospalmen der mächtige Brotfruchtbaum, dessen schmackhafte
-Frucht eine Hauptnahrung der Eingebornen ist. Der Baum wird
-über 60 Fuß hoch und trägt auf hohem Stamme, der oft mehrere
-Fuß im Durchmesser hat, eine gewaltige Krone, er könnte in seinem
-Bau mit unserer Eiche verglichen werden. Seine Früchte, am
-Ende der Zweige hängend, haben eine länglich runde Form und
-<span class="pagenum"><a id="Page_88" name="Page_88" href="#Page_88">[88]</a></span>
-werden ein bis zwei Pfund schwer. Sie werden gewöhnlich
-zwischen heißen Steinen oder am Feuer geröstet und bieten selbst
-dem weißen Manne einen Ersatz für Brot und Kartoffeln, vor
-allem auf Inseln, wo die Jamswurzel oder Taro nicht erhältlich sind.
-</p>
-
-<p>
-Hier auf Ebon, wo ich öfter an den Mahlzeiten der Eingebornen
-theilnehmen mußte, lernte ich eine neue Art der Zubereitung
-dieser Brotfrucht kennen, wodurch dieselbe ganz besonders schmackhaft
-gemacht wurde. Das Herz der Frucht wird mit einem
-Stückchen Holz oder mit den Fingern entfernt, in die entstandene
-Höhlung dann weiße Kokosnußmilch gefüllt, und so in Blätter
-eingewickelt, zwischen heißen Steinen gebacken. Das goldgelbe
-Fleisch, dessen Nährgehalt durch die Milch noch erhöht ist, wird so
-ein noch vorzüglicheres Nahrungsmittel. Auf anderen Inseln wo
-man diese Art der Zubereitung nicht kannte, fanden alle vereinzelt
-lebenden weißen Händler stets ganz besonderes Wohlgefallen an
-der auf diese Weise zubereiteten Brotfrucht.
-</p>
-
-<p>
-Aeußerst fischreich ist auch die Ebon-Lagune, namentlich in
-der starken Strömung der Einfahrt hält sich ein wohlschmeckender,
-giftfreier Fisch auf, ähnlich unserem Blei. Um solche Fische nun
-zu erhalten, die weder nach der Weise der Eingebornen, noch mit
-Angeln zu fangen sind, benutzen hier die Händler von San
-Franzisko eingeführte Dynamitpatronen, die angezündet und zur
-rechten Zeit ins Wasser geworfen, durch Zerspringen alle am Orte
-befindlichen Fische betäuben. Diese kommen dann für wenige
-Minuten an die Oberfläche und werden, ehe sie wieder sinken, in
-die Kanoes oder Boote schnell eingesammelt; ist das Wasser nicht
-zu tief, werden die Fische durch Taucher vom Grunde heraufgeholt.
-</p>
-
-<p>
-Die Verwendung solcher Patronen bedingt aber große Vorsicht;
-ein Verpassen des rechten Augenblickes, eine fehlerhafte
-Zusammenstellung des Sprengstoffes, bringt immer große Gefahr
-für den, der nicht ganz genau mit der Anwendung Bescheid weiß.
-Mehrfach habe ich Leute getroffen, denen durch das explodirende
-Dynamit, wenn eine solche Patrone nicht gut geladen war, mehrere
-Finger weggerissen waren, einige aber auch, die ihre Unkenntniß
-oder Ungeschick mit dem Verluste der rechten Hand bezahlt haben.
-</p>
-
-<p>
-Als ich einst unter der Insel Juridi vor Ebon zu Anker
-lag, erbat sich mein Steuermann Kitimatu, ein Japaner, die Erlaubniß,
-mit dem Boote fischen zu dürfen. Da mir unbekannt
-war, daß derselbe sich von einem Händler Dynamitpatronen gekauft
-hatte &mdash; übrigens eine verbotene Waare, die nur im Geheimen
-zur Einführung gelangt &mdash; wurde ich erst durch den dumpfen
-Knall darauf aufmerksam gemacht. Bald sah ich, wie die Besatzung
-des Bootes in das Wasser sprang und eine beträchtliche
-Menge großer Fische in dasselbe hineinwarf. Der Japaner, ein
-vorzüglicher Taucher, holte vom Grunde immer mehr herauf, so
-<span class="pagenum"><a id="Page_89" name="Page_89" href="#Page_89">[89]</a></span>
-daß nach der Zahl der angesammelten Fische zu urtheilen, mehrere
-hundert derselben betäubt oder getödtet sein mußten.
-</p>
-
-<p>
-Dulden durfte ich nicht, daß fernerhin solche Art von Fischerei
-betrieben wurde, vor allem nicht die Mitführung des gefährlichen
-Dynamits an Bord, und obwohl mir, wie auch der Mannschaft,
-die große Menge schöner Fische nicht unwillkommen war, so mußte
-für die Folge doch die Verwendung solcher Patronen unterbleiben.
-Ziemlich erstaunt war daher der Japaner und die Freude seines
-Erfolges gedämpft, als ich vor seinen Augen die mir ausgehändigten
-übrigen Patronen über Bord warf; es wollte ihm nicht recht einleuchten,
-wie ein so nützlicher Gegenstand anderen gefährlich
-werden könne.
-</p>
-
-<p>
-Ehe ich meine Angaben über den Ebon-Atoll schließe, will
-ich noch eines Vorganges erwähnen, der mir später an den Außenriffen
-leicht den Verlust des Schiffes „Futuna“ eingetragen hätte.
-Leichter, südwestlicher Wind wehte, als ich einst in der schlechten
-Jahreszeit, im Anfang Oktober, vor Ebon anlangte und wegen
-einiger Bootsladungen Güter nicht erst einlaufen wollte, sondern
-die Boote an Land sandte und durch den Steuermann das Geschäftliche
-erledigen ließ. Darauf segelte ich, da ich von hier nach
-den Karolineninseln beordert war, beim Winde liegend längs der
-Riffe nordwestwärts; zwar nahe dem Riffe, jedoch frei genug, um
-gegebenen Falls ein Segelmanöver ausführen zu können. Querab
-der Insel Toka aber, als ich schon hoffen konnte das Riff nach
-kurzer Entfernung mehr nach rechts abfallen zu sehen, wurde das
-Schiff von einer unerwarteten Strömung dem Riffe, auf welchem
-eine mittelmäßige Brandung lief, zugedrängt und erkennend, ich
-würde nicht frei davon kommen, gab ich Befehl zum wenden.
-</p>
-
-<p>
-Nie hatte der Schooner, selbst in gefährlichen Engen, eine
-Wendung versagt, jetzt aber ging er nicht durch den Wind. Ein
-zweiter Versuch, mit ganzer seemännischer Geschicklichkeit ausgeführt,
-schlug wieder fehl; einen dritten wagen, da ich schon der Brandung
-sehr nahe gekommen war und der sicher fehl gehen mußte, da das
-Schiff nicht mehr Raum genug hatte um gute Fahrt zu gewinnen,
-hieß es geradezu aufs Riff setzen. Verloren schien das Schiff auf
-jeden Fall, da ich wegen des kurzen Abstandes vom Riffe keine
-Möglichkeit mehr sah, dieses vor den Wind herumzubringen, welches
-ja das einzige Manöver ist, wenn Strömung und schwerer Seegang
-ein Wenden verhindern. Doch um alles zu thun, mußte ich
-auch dies wagen; wie ich auf das Riff kam, angetrieben, oder
-mit vollen Segeln vor dem Winde, war jetzt gleichgültig; einmal
-in der Brandung mußte das Schiff doch nach kurzer Zeit am
-steilen Riff zerschlagen und in die Tiefe sinken; die einzige Aussicht
-war, daß sich die Mannschaft noch unter Umständen retten könnte.
-</p>
-
-<p>
-Es ist ein Haupterforderniß für den Seemann auch in der
-gefahrvollsten Lage nicht den Kopf zu verlieren, sondern entschlossen
-<span class="pagenum"><a id="Page_90" name="Page_90" href="#Page_90">[90]</a></span>
-zu handeln, so gab auch ich ohne Besinnen ehe noch das Schiff
-durch den Druck seiner Segel wieder an den Wind gekommen
-war, den Befehl, das Ruder hart Backbord zu legen, die Raasegel
-vierkant zu führen, alle Schooten der Schratsegel los zu werfen,
-und siehe wie ein Schwan mit ausgespannten Fittichen lief das
-Schiff mit schneller Fahrt seinem Verderben entgegen. Noch aber
-war seine Stunde nicht gekommen; das wackere Schiff, mit dem
-ich noch manche Noth und Sturm durchkämpfen sollte, ehe es in
-diesem Ozean an einer anderen Insel „Kili“ in die Tiefe sank,
-gehorchte über Erwarten gut dem Steuer. Die 150 Fuß, die das
-Schiff vom Riffe entfernt gewesen, hatte es noch nicht durchlaufen,
-als es durch den Druck der sehr schnell hantirten Segel wieder
-an den Wind gebracht war. Zwar lief die hohle See schon unter
-dem Kiel und hob das Schiff zum vernichtenden Stoße, &mdash; keine
-zehn Fuß hinter dem Heck donnerten die Schaumkronen der Brandung
-&mdash; und doch, mit freiem Winde die Fahrt beschleunigend, entkam
-ich dem sicher erwarteten Verderben.
-</p>
-
-<p>
-Auf einer Fahrt von Jaluit nach Ebon und zurück, traf ich
-in der Ebon-Lagune den Häuptling Launa mit einigen seiner
-Proas an, mit denen er, zur Abreise nach Jaluit gerüstet, nur
-auf gutes Wetter wartete. Da die Gelegenheit günstig war, mit
-dem deutschen Schiffe nun die Ueberfahrt zu machen, trat Launa
-mit mir in Unterhandlung wegen des Fahrgeldes, dessen Höhe ihm
-zwar gut genug bekannt, das er aber herabgesetzt wissen wollte.
-Als ich darauf nicht eingehen konnte, erklärte er mir, dann solle
-auch keiner seiner Leute mit mir fahren, er segele mit seinen Kanoes
-billiger. Thatsächlich ging er am Abend desselben Tages in See
-und erreichte glücklich Jaluit.
-</p>
-
-<p>
-Die Kunst, mit Geschick und Verständniß, solche nicht ungefährliche
-Fahrten in leicht zerbrechlichen Kanoes zu unternehmen,
-ist heute nur noch wenig Inselbewohnern eigen, obwohl sie früher
-im Bereich dieses Archipels nichts Ungewöhnliches waren. In
-der Nalik-Kette bedienen sich die Häuptlinge aber mehr der
-europäischen Segelschiffe, auch besitzt der König Kabua, eigentlich
-Nelu, ein solches, mit dem sie von Insel zu Insel fahren und
-es auch selber, ohne Hilfe eines Weißen führen.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Verständniß der Navigirung nur war einst ein streng
-gehütetes Geheimniß erfahrener Häuptlinge. Der es den Weißen
-verrieth, büßte es mit dem Tode. Obgleich die Inselbewohner
-sich auf ihren Fahrten nach dem Stand der Sonne und des Nachts
-nach den Sternen richten, worüber sie zu ihrem Zwecke genügend
-Bescheid wissen, haben sie sich doch eine Seekarte angefertigt, die
-unzweifelhaft beweißt, daß sie über die Lage der einzelnen Gruppen
-sowohl, wie über Wind und Strömungen gut unterrichtet waren.
-</p>
-
-<p>
-Diese Karte besteht nur aus geraden oder gebogenen dünnen
-untereinander verbundenen Stäben, auf denen an bestimmten Stellen
-<span class="pagenum"><a id="Page_91" name="Page_91" href="#Page_91">[91]</a></span>
-die einzelnen Inseln durch kleine Muscheln oder Steine angezeigt
-werden, die gebogenen Stäbe geben den Strom oder auch den
-Seegang an, was gleichbedeutend mit der Windrichtung sein würde.
-Alle Atolle sind auf diese Weise bezeichnet, und die Abstände derselben
-von einander verhältnißmäßig ziemlich genau angegeben.
-Hieraus ersieht man, daß in früheren Zeiten ein reger Verkehr
-im Bereiche dieses Archipels stattgefunden hat, die Eingebornen
-von Insel zu Insel segelten und so ihre Kenntnisse erweiterten;
-die vor sehr langer Zeit einfach genug gewesen sind, z. Z. als
-die heutigen Atolle noch nicht vorhanden waren, oder doch deren
-Ränder noch hohe zusammenhängende Landmassen bildeten, die im
-Laufe der Zeiten erst gesunken. Keine oder nur sagenhafte Ueberlieferungen
-haben diese Eingebornen, von denen die eine Beachtung
-verdient, daß nach der vor langer, langer Zeit an Stelle der
-jetzigen Atolle hohe Inseln gestanden haben, aber welche Veränderungen
-hier stattgefunden, was ihre Vorfahren geschaut, darüber
-schweigt ihr Mund!
-</p>
-
-<p>
-Der Namorik-Atoll, in Nordwest-Richtung etwa 70 Seemeilen
-von Ebon entfernt, ist einer der wenigen, die durch die Korallen
-schon geschlossen sind. Nur zwei langgestreckte Inseln, von einander
-durch Riffe getrennt, die früher den Zugang zur Lagune gestatteten,
-bilden die ganze Landmasse, sind aber ebenso fruchtbar und ertragreich,
-wie die Inseln des Ebon-Atolls.
-</p>
-
-<p>
-Steile Korallenwände, an denen kein Ankergrund gefunden
-werden kann, heben sich aus großer Tiefe empor. Und wenig angenehm
-ist es für einen Schiffsführer, sich stets unter Segel hier
-halten zu müssen; oft habe ich daselbst tagelang an der Westseite
-unter Land kreuzen müssen, ehe mit Booten, die häufig am steilen
-Strande gefährdet sind, die Ladung abgenommen war. Wohl ist
-heute noch das Wasser in der Lagune klar und rein, da von außen
-über die Riffe hinweg der Ozean seine Wogen hineinspült und
-damit der noch langsam bauenden Koralle frische Nahrung zuführt;
-wird dies aber einst durch Anhäufungen von Gestein und Sand
-unmöglich, so muß durch die heiße Sonne eine Verdunstung und
-damit eine Versumpfung eintreten.
-</p>
-
-<p>
-Diesen Prozeß hat bereits die von Namorik in Ost-Richtung
-etwa 65 Seemeilen entfernt liegende Insel „Kili“ durchgemacht.
-Eine Seemeile lang, ist die kleine Lagune schon vollständig umschlossen
-und ein großer Sumpf, in welchem die Pflanzenwelt
-Fuß gefaßt hat und überreich wuchert. Anfänglich war das Eiland
-unbewohnt, weil Kokospalmen und Pandanus nur spärlich vorhanden
-waren und einzig wilde Hühner und Schweine dort ungestört
-hausten; jetzt hat man mit der Lichtung des wilden Busches
-begonnen, und die Anpflanzung einer ausgedehnten Kokosplantage
-verspricht einen lohnenden Ertrag.
-</p>
-
-<p>
-Die Insel ist ebenso steil und unzugänglich wie Namorik, nur
-<span class="pagenum"><a id="Page_92" name="Page_92" href="#Page_92">[92]</a></span>
-am Südende erstreckt sich ein langes Riff in die See hinein, auf
-welchem stets schwere Brandung steht und beim Kreuzen unter Land
-einem Schiffe gefährlich werden kann. Auf diesem ging auch der,
-einst von mir geführte Schooner „Futuna“ gänzlich in einer dunklen
-Nacht verloren.
-</p>
-
-<p>
-Solche Schiffsverluste sind gewöhnlich auf unbekannte
-Strömungen zurückzuführen, die vorherrschend sind oder zeitweise
-auch von den Winden hervorgerufen werden. Muß man sich des
-Nachts unter Land halten, um nicht zu weit abzutreiben und dadurch
-Zeit zu verlieren, so ist es immer nöthig, sich über die Stromverhältnisse
-erst Gewißheit zu verschaffen.
-</p>
-
-<p>
-In dieser Hinsicht ist die auf 0° 25' Süd-Breite und 167° 10'
-Ost-Länge liegende Insel „Pleasant-Eiland“ besonders bemerkenswerth,
-da dort der starke Aequatorialstrom, sobald der Wind nachläßt,
-jedes Schiff hinwegführt und Tage auch Wochen hingehen,
-ehe die Insel wieder erreicht werden kann. Fast jedem Schiffe,
-das dorthin Reisen unternommen hat, ist diese Strömung verhängnißvoll
-geworden, auch mir, unter den sechs Malen, daß ich
-dort habe anlaufen müssen, in zwei Fällen.
-</p>
-
-<p>
-Anfang April 1886 nach Pleasant-Eiland beordert, erreichte
-ich die Insel mit günstigem Winde schnell. Da auch hier nirgends
-Ankergrund gefunden wird, ist es Gebrauch, sich Tag und Nacht
-ganz dicht unter Land zu halten, vor allem nicht nord- oder südwärts
-über die Insel hinauszusegeln, sonst führt der starke Strom
-das Schiff mit sich fort und kann nur bei frischem Winde und ein
-guter Segler den verlorenen Abstand wieder gewinnen.
-</p>
-
-<p>
-Die Insel ist sehr fruchtbar, daher auch die Kopraausfuhr
-recht bedeutend; aber eigenthümliche Verhältnisse unter der Bevölkerung
-schädigen den Handel sehr, da zwischen den Bewohnern
-der elf Bezirke fast fortwährend gekämpft wird, und das Niederschlagen
-der Palmen durch den Sieger, das Aufblühen dieses gesegneten
-Ländchens verhindert. Die Eingebornen waren anfänglich
-den Fremden feindlich gesinnt und haben lange der Niederlassung
-europäischer Händler widerstanden; erst als ihnen die Wirkung der
-Feuerwaffen, die namentlich von Amerikanern eingeführt wurden,
-bekannt war, gelang es einzelnen Fremden, dort Fuß zu fassen.
-</p>
-
-<p>
-Im Innern dieser etwa 15 Seemeilen im Umfange haltenden
-Insel erheben sich zwei kegelförmige Krater, einige hundert Fuß
-hoch, die längst erloschen sind und auf deren verwitterten Lavafeldern
-sich eine überaus reiche Pflanzenwelt entfaltet hat. Selbst
-ein Kratersee ist vorhanden, in dem die Eingebornen Fische züchten;
-auch Höhlen sollen vorhanden sein, die wahrscheinlich durch vulkanische
-Erhebungen entstanden sind.
-</p>
-
-<p>
-An jenem Tage, als ich die Nordspitze zum ersten Male
-umsegelte und dicht unter dem etwa 200 Meter breiten Riffe mich
-aufhielt, hörte man am Nordende der Insel fortwährendes Gewehrfeuer.
-<span class="pagenum"><a id="Page_93" name="Page_93" href="#Page_93">[93]</a></span>
-Die Eingebornen waren wieder in einen Kampf verwickelt.
-Zum Glück wußte ich wie harmlos im Grunde genommen solche
-Kämpfe sind, daß es in der Hauptsache dabei nur auf zweckloses
-Knallen, wildes Geschrei und lautes Geschimpfe ankommt. Selten
-fällt ein Gegner, auch genügen einige Verwundungen, um die
-Kampflust zu befriedigen, und bald beenden feierliche Verträge, die
-nie gehalten werden, die Raufereien. Das Schlimmste dabei ist,
-daß die anfänglich zügellose Wuth dieser wilden Menschen den
-Europäer gefährdet, daher ist dessen Haus gewöhnlich eine kleine
-Festung, geeignet, im Nothfall sich dahinter zu vertheidigen; sie
-fürchten aber auch die Treffsicherheit des weißen Mannes und
-wagen es daher selten, Wunden oder Tod sich durch einen Angriff
-zu holen.
-</p>
-
-<p>
-Ist ein Kampf eröffnet, so nimmt der ganze Stamm daran
-theil; auch wenn der Europäer selbst nicht gefährdet ist, kann er
-zu solcher Zeit keine Arbeiter erhalten, um Ladung in Empfang
-zu nehmen oder zu verschiffen.
-</p>
-
-<p>
-So war es auch an diesem Tage. Der Superkargo, Herr
-Tuchtfeldt, ein Beamter der Gesellschaft, den ich abgesetzt hatte,
-theilte mir mit, daß nichts zu machen sei; ich hatte also zu warten,
-und unablässig mit vollen Segeln auf- und abkreuzend d. h. ich
-ließ das Schiff eine gewisse Strecke treiben und segelte dann wieder
-dem Lande zu. Als nun die dunkle Nacht hereinbrach, deren
-Schatten die Insel den Blicken entzog und es schwer wurde, den
-sichern Abstand vom Lande zu schätzen auch vor Mitternacht noch
-die Kraft des Windes nachließ, erkannte ich bald, daß die Fahrt
-des Schiffes geringer sei als der entgegenlaufende Strom.
-</p>
-
-<p>
-Mehr und mehr verschwanden die dunklen Umrisse der Insel,
-und als der Morgen tagte, sah ich nichts mehr von dieser, nur
-vom hohen Maste aus entdeckte ich, weit im Osten noch einen
-dunklen Punkt. Fünfzehn Seemeilen hatte der Strom das Schiff
-schon nach Westen getrieben, und Tage, dachte ich, würden hingehen,
-ehe ich diese Entfernung mit frischem Winde wieder aufgekreuzt
-hätte. Ich konnte über Backbord Bug am meisten Ost
-gewinnen, deshalb segelte ich 24 Stunden in Südost-Richtung fort.
-</p>
-
-<p>
-Hatte ich aber geglaubt, südlich weniger Strom zu finden,
-so war dies eine bittere Täuschung, denn ich ermittelte am nächsten
-Mittag, daß das Schiff einen Grad in Südsüdwest-Richtung versetzt
-worden war, mithin ein Strom von vier Seemeilen in der
-Stunde nach Westen lief. Eine solche Stärke des Stromes von
-dessen Vorhandensein ich ja Kenntniß hatte, kam mir unerwartet,
-doch brachte sie mich nicht in Verlegenheit, besonders da nichts zu
-ändern war.
-</p>
-
-<p>
-Unter den Schiffsführern, die bereits abgetrieben waren, war
-wie ich später erfuhr die Ansicht verbreitet, daß man in solchem
-Falle nicht gegen den Strom kreuzen dürfte, sondern sofort über
-<span class="pagenum"><a id="Page_94" name="Page_94" href="#Page_94">[94]</a></span>
-den Aequator hinauszukommen suchen müsse, weil man erst auf
-4 bis 5 Grad nördlicher Breite mit dem Gegenstrome erfolgreich
-nach Osten aufsegeln könne. Daß ich dies nicht wußte, hat mir
-großen Nachtheil gebracht, denn als ich nun überzeugt, daß ich auf
-südlichem Kurse nichts gewinnen würde und wieder nordwärts auf
-Nordnordwest Kurs beim Winde lag, wurde dieser immer schwächer,
-so daß ich nur wenig Nord gewann. Am dritten Tage erst hatte
-ich wieder den Breitengrad der Insel Pleasant-Eiland erreicht,
-befand mich aber bereits 70 Seemeilen weit von dieser entfernt;
-was ich befürchtet und in dieser Gegend nicht selten ist, traf ein,
-der Wind wurde ganz still und auf dem spiegelglatten Meere, das
-kaum eine langgezogene Dünung bewegte, trieben wir unter der
-brennenden Sonnengluth immer weiter westwärts, mit einer Geschwindigkeit
-von durchschnittlich 72 Seemeilen in 24 Stunden.
-</p>
-
-<p>
-Jeden Lufthauch, der hin und wieder aufsprang nutzte ich
-aus, um bloß aus dieser häßlichen Lage herauszukommen, denn
-am zehnten Tage (die Linie war wieder passirt) war das Schiff
-bereits 750 Seemeilen von der Insel abgetrieben worden. Am
-14. Tage auf etwa ein Grad nördlicher Breite angelangt, fand
-ich keinen oder nur noch sehr geringen Strom, aber kein Wind
-wollte aufkommen; was aber das Schlimmste war, der Wasservorrath
-ging zu Ende; das Tagesmaß war längst schon so weit
-herabgesetzt worden, daß jeder Mann nur einen Tassenkopf voll
-per Tag empfing, und nach einigen Tagen war kein Tropfen mehr
-an Bord.
-</p>
-
-<p>
-Der Grund, daß dieser Mangel eintreten konnte, war folgender:
-es hatte in Jaluit längere Zeit nicht geregnet, die Wasserbehälter,
-die das von den Dächern abfließende Wasser auffangen, waren fast
-leer, so ging ich mit wenig Wasser in See, fest darauf rechnend,
-in der Nähe des Aequators Regen anzutreffen. Die Wassernoth
-an Bord wurde schließlich sehr groß, hatte ich doch außer der
-Mannschaft noch 6 Eingeborne von Pleasant-Eiland mit mir, die
-während der Ladezeit als Arbeiter helfen sollten und vom Händler,
-damit er dieser Leute sicher wäre, sofort mit dem ersten Boote
-abgeschickt worden waren.
-</p>
-
-<p>
-Um die Qual des Durstes zu stillen, durchsuchten die Leute
-alle Räumlichkeiten des Schiffes, wo eine Kokosnuß verborgen sein
-konnte, und in der höchsten Noth war ein Tropfen halb verdorbener
-Kokosmilch ein Labsal für uns alle. Die nächste Insel „Greenwich-Eiland“
-sollte etwa 120 Seemeilen östlich von uns liegen, aber
-auch wenn ich Wind gehabt, hätte ich Tage gebraucht, diese
-niedrige Koralleninsel zu erreichen. So von Tag zu Tag hoffend,
-daß endlich eine Aenderung eintreten oder doch Regen kommen
-werde, suchte ich mit den schwachen Lüften, die das Schiff kaum
-eine Seemeile in der Stunde durchs Wasser trieben, nur nördlich
-zu kommen. War ich erst hoch genug und ständiger Wind wieder
-<span class="pagenum"><a id="Page_95" name="Page_95" href="#Page_95">[95]</a></span>
-vorherrschend, konnte ich die nächste Insel in der Karolinen-Gruppe
-aufsuchen, fand ich voraussichtlich dort auch kein Wasser, so würden
-doch Kokosnüsse zu erhalten gewesen sein.
-</p>
-
-<p>
-Regenschwere Wolken hingen am Horizonte schon tagelang,
-und wie sehnsuchtsvoll nach dem Himmelsnaß ausgeschaut wurde,
-daß jene Wolken heraufkommen und sich öffnen möchten, kann nur
-der ermessen, der qualvollen Durst gelitten hat und bereits die
-Verzweiflung in den Augen der Gefährten blitzen sah, die lechzend
-nach Wasser riefen.
-</p>
-
-<p>
-Doch Gottes Hilfe ist am nächsten, wenn die Noth am
-größten. Drei Wochen waren hingegangen, da setzte ein frischer
-Ostwind ein, neue Hoffnung beseelte uns, in 36 Stunden konnte
-ich die Mortlok-Inseln erreichen, und alle Noth hatte ein Ende.
-Aber noch gnädiger war der Himmel, nach dem Winde kam bald
-der Regen und so reichlich, daß alle Behälter gefüllt werden konnten;
-die furchtbare Qual des Durstes war vorüber. An der Grenze
-der äquatorialen Gegenströmung, mit der ich jetzt auf etwa 4 Grad
-nördlicher Breite schneller ostwärts zu kommen suchte, fand ich
-verhältnißmäßig schlechtes und kühles Wetter vor, schwere Regenböen
-nöthigten mich häufig nur gereffte Segel zu führen.
-</p>
-
-<p>
-Ueber fünf Wochen waren hingegangen, ehe ich wieder
-Pleasant-Eiland sichtete und diesmal mich drei Tage dort halten
-konnte. Ein besserer Segler, ein amerikanischer Schooner, war
-bald nach mir eingetroffen, derselbe trieb auch in den ersten Nächten
-ab, kehrte aber in drei Wochen wieder zurück und, da dies das
-einzige Schiff blieb, welches in diesem Zeitraum die Insel angelaufen,
-hatte der Vertreter der Firma dasselbe nicht zur Rückreise
-nach Jaluit benutzt, sondern auf meine Rückkehr gewartet. Somit
-fand ich denselben wohlbehalten dort wieder vor, wiewohl sich schon
-bei den Weißen die Ueberzeugung Bahn gebrochen, es müsse
-meinem Schiffe etwas zugestoßen sein; auch nach Jaluit zurückgekehrt,
-fand ich dort die Nachricht verbreitet, ich sei verloren
-gegangen.
-</p>
-
-<p>
-Weitere Reisen nach der Ratak-Kette, zunächst nach dem
-Milli-Atoll, machten mich auch dort mit den staatlichen Verhältnissen
-bekannt. Bald sah ich, daß die Bewohner weniger Nutzen von
-der vordringenden Civilisation gehabt hatten, als die der Ralik-Kette.
-Während erstere die monarchische Regierungsform zur
-Einigung geführt und Auflehnungen einzelner Häuptlinge verhindert
-hat, hat auf der Ratak-Kette die Herrschsucht der Häuptlinge viele
-Unzuträglichkeiten geschaffen, vor allen wenn zwei oder mehrere sich
-in den Landbesitz eines Atolls zu theilen hatten.
-</p>
-
-<p>
-Vielfach fand ich auch um Dörfer und an den Grenzen
-einzelner Besitzungen, gerade oder in Kreisform aus Korallensteinen
-aufgeführte Mauern. Diese bilden die Grenzscheide, wo gelegentlich
-Belagerer, die immer die stärkeren sind, und Belagerte zusammentreffen.
-<span class="pagenum"><a id="Page_96" name="Page_96" href="#Page_96">[96]</a></span>
-Es ist kein Kriegführen, nur ein Zerstören, als das Gebiet
-des Unterliegenden außerhalb der Mauer vernichtet wird. Selten,
-wiewohl die Eingebornen bereits europäische Waffen in Menge
-besitzen, selbst die Häuptlinge die besten Hinterlader haben, fällt
-aus Zufall ein Gegner von einer verirrten Kugel getroffen. Fertigkeit
-im Zielen haben sie noch nicht erlangt, was ein Glück ist,
-denn hätten sie diese, so würden sie, mit ihrem scharfen Gesicht
-sehr gefährliche Gegner sein.
-</p>
-
-<p>
-Eigenthümlich ist, daß der Belagerer fast nie die Mauer zu
-nehmen wagt und ein Handgemenge möglichst vermeidet, eher versucht
-der Belagerte nächtliche Ausfälle, freilich ohne dabei etwas
-zu gewinnen. Der Streit endet gewöhnlich durch Uebergabe oder
-Aushungern, auch durch freiwilliges Abziehen des Stärkeren, der
-bei der Zerstörung der Palmen und Pandanusbäume sein Müthchen
-gekühlt hat; nicht selten aber auch durch so unvernünftige Handlungen
-eine Hungersnoth heraufbeschwört.
-</p>
-
-<p>
-Helden sind die Männer alle nicht, sinn- und zweckloses
-Schießen ist ihnen die Hauptsache, mehr noch das gegenseitige
-Beschimpfen und die Aufführung kriegerischer Tänze. Nicht genug
-aber, daß verschiedene Häuptlinge sich auf einem Atoll bekriegen,
-sie rüsten sich auch mit ihren Proas Kriegszüge nach anderen Atolls
-zu unternehmen. Noch im Jahre 1885 zogen von Majuro
-16 Kanoes mit 300 Mann unter Lailik aus um einen Häuptling
-auf Aurh zu bekriegen. Diese große Zahl Menschen ist aber niemals
-dort angekommen, obwohl der Abstand beider Atolle nicht
-besonders groß ist, sondern nur etwa 70 Seemeilen beträgt, es
-müssen Wind und Strömungen sie vertrieben haben, wenigstens
-wurde nie wieder etwas über das Schicksal dieser Schaar bekannt.
-Ich fand einmal sechs Monate nach jenem Aufbruche zwischen den
-nördlichen Atolls einen Theil eines großen Kriegskanoes treiben,
-theilte dieses den Händlern später auf Majuro mit und die Eingebornen
-entnahmen aus dieser Mittheilung, daß sie nun völlig
-ihre Angehörigen als verloren zu betrachten hätten.
-</p>
-
-<p>
-Unter den Häuptlingen der Ratak-Kette war der angesehenste
-der verstorbene Kaibuke, dessen Neffe Leaugnat über Milli herrschte,
-andere, der junge Kaibuke, neben dem Häuptling Jiberik herrschte
-auf Majuro, auf Maloebab, Murijil; außer diesen war noch eine
-ganze Anzahl kleinerer Despoten vorhanden, die durch persönliche
-Zänkereien die Entwicklung der Inseln hinderten und auf einem
-Atoll oft solche Zustände schufen, daß jahrelang ein Verkehr einzelner
-Stämme untereinander unmöglich ward.
-</p>
-
-<p>
-Zwar ist nach der Besitzergreifung der Marschall-Atolle durch
-Deutschland entschieden Wandel geschaffen worden, das Erscheinen
-der großen Kriegsschiffe, oft innerhalb der ausgedehnten mit Untiefen
-besäeten Lagunen, hat gewaltigen Eindruck gemacht. Jetzt,
-wo eine neue Obrigkeit vorhanden, haben die Privatkriege zu
-<span class="pagenum"><a id="Page_97" name="Page_97" href="#Page_97">[97]</a></span>
-unterbleiben, jetzt gilt nicht mehr das Recht des Stärkeren, sondern
-die Streitigkeiten müssen vor das deutsche Gericht gebracht werden.
-Mancher Häuptling, der die Einmischung der Weißen in seine Angelegenheiten,
-d. h. in die eines muthwillig herbeigeführten Streites,
-unbequem fand und widersetzlich wurde, hat zum eigenen Nachtheil
-empfinden müssen, daß Verletzung der Pflichten und Gewaltthätigkeiten
-schwer geahndet werden.
-</p>
-
-<p>
-Von Apia aus hatte ich einen langjährigen Diener des Herrn
-Konsuls Weber an Bord, ein Marschall-Insulaner, mit Namen
-Angenang, der in seine Heimat zurückbefördert werden sollte und
-so lange an Bord die Pflichten eines Kochs zu versehen hatte,
-bis sich Gelegenheit gefunden, ihn auf Milli abzusetzen. Es hatte
-diesem im Dienste der deutschen Gesellschaft so gut gefallen, daß
-er mit dem Plane umging, seine ganze Verwandtschaft zu beeinflußen,
-ebenfalls auf drei Jahre sich nach Samoa zu verpflichten.
-Als sich nun die Gelegenheit bot, den Milli-Atoll anzulaufen, erhielt
-ich Weisung die Anwerbung der freiwillig sich Meldenden an
-Bord vorzunehmen. Mehrere Tage in der Milli-Lagune hin und
-her segelnd, (es waren allerlei Förmlichkeiten mit einzelnen Häuptlingen
-zu erledigen) landete ich schließlich im Nordosten unter der
-Insel Ennanlik. Nicht lange währte es, bis sich einige Familien,
-Männer und Frauen, im ganzen 26 Personen, bereit fanden, auf
-einige Jahre nach einem fernen, unbekannten Lande auszuwandern,
-das freilich im Gegensatz zur öden, wenig fruchtbaren Korallen-Insel
-ein Paradies war.
-</p>
-
-<p>
-Den Abschied zu verkürzen, der endlos zwischen den Scheidenden
-und den Zurückbleibenden zu werden drohte &mdash; viel Herzlichkeit,
-wie ich solche den Eingebornen kaum zugetraut, zeigten sie gegen
-Verwandte und Eltern &mdash; beschleunigte ich die Abreise und befand
-mich am ersten Abend bereits weit von Milli entfernt, als sich ein
-Vorfall ereignete, der Schiff und Mannschaft, sowie Fahrgästen
-einen schrecklichen Tod hätte bereiten können.
-</p>
-
-<p>
-Da wenig Ladung Kopra im Raum war, hatte ich, um
-die kaum bekleideten Menschen Nachts nicht unnütz an Deck frieren
-zu lassen, auf alten Segeln eine Lagerstatt bereiten lassen. Aber
-anstatt die Ruhe zu suchen, unterhielten sie sich nach alter Gewohnheit,
-dabei war ihnen die Dunkelheit im Schiffsraume wohl nicht genehm,
-sie suchten also aus ihrem wenigen Gepäck eine einfache Petroleumlampe,
-von deren Vorhandensein ich nichts wußte, hervor und
-zündeten sie an. Lampe und Brennmaterial war recht schlechte
-Waare, von Händlern auf Milli eingetauscht, von deren Gefährlichkeit
-diese Naturkinder natürlich keine Ahnung hatten, und so kam es,
-daß die auf den Kopra gesetzte Lampe umfiel und explodirte.
-</p>
-
-<p>
-Schon waren nach 8 Uhr Abends längst die Wachen abgelöst.
-Die Wache an Deck hatte ihre Posten, Ausguck und Ruder
-bezogen, und unter dem sternenklaren Himmel einer friedevollen
-<span class="pagenum"><a id="Page_98" name="Page_98" href="#Page_98">[98]</a></span>
-Nacht herrschte völlige Ruhe auf dem einsam durch den Ozean
-ziehenden Schiffe. Da plötzlich ein gellender Aufschrei, ein helles
-Aufblitzen einer Feuerwelle &mdash; wie ich vom Hinterdeck aufgesprungen
-bin und im Augenblick die Größe der Gefahr erkannt habe, wußte
-ich nachher selber nicht. Die Männer, welche vor den Frauen die
-befestigte Leiter emporkletterten, stieß ich mit Gewalt zurück und
-sprang, der von allen Seiten herbeistürzenden Mannschaft befehlend,
-mir zu folgen, mitten unter die vor Schrecken gelähmten Menschen.
-</p>
-
-<p>
-Zum Glück war nur die Hauptluke geöffnet geblieben, kein
-Luftzug regte die Flammen an, der von hinten wehende Wind
-trieb den schnell entwickelten beißenden Qualm zum leeren Vorraum;
-da glücklicher Weise die Lampe auf unbedeckten Kopra, von den
-Sachen und der Schlafstätte der Leute, weit entfernt aufgestellt
-gewesen war, so brannte auch erst das umhergespritzte Petroleum
-allein und von diesem mit entzündet der oelhaltige Kopra. Als
-einziger Europäer an Bord, (ich hatte nur einen Insulaner als
-Bootsmann, Lajibid, da es eigentliche Steuerleute nicht gab, vielmehr
-oft genug solchen Posten irgendwo entlaufene Matrosen, die
-das Schicksal bis hierher verschlagen, ausfüllen mußten) galt es
-zuerst die im Hinterraum zusammengedrängten Frauen herauszubringen,
-was ich schnell dem Lajibid übertrug, während ich mit
-den inzwischen ebenfalls herabgesprungenen Leuten die Schlafmatten
-ergriff, und solche ausgebreitet in das Feuer schleuderte, um es
-etwas zu dämpfen. So erreichte ich es, daß die nackten Leute,
-welche sich sonst der entwickelten Gluth nicht nähern konnten, muthig
-vordrangen und so schnell Matte auf Matte deckten, daß diese selbst
-nicht anbrennen konnten, auf die Weise wurde das Feuer erstickt.
-</p>
-
-<p>
-Ueber dem Feuerheerde wurden dann alte Segel ganz ausgebreitet
-und nun, da hilfreiche Hände genug vorhanden waren,
-(den Milli-Leuten ließ ich nicht lange Zeit sich zu besinnen) wurden
-Ströme Wasser mit Eimern oder mit dem was gerade zur Hand
-war ausgegossen. Nachdem dann dem furchtbaren Rauche durch
-Oeffnen aller Luken Abzug geschafft war, wurde schnell mit Schaufeln,
-freiliegende Kopra haufenweise über Segel und Matten aufgeschüttet;
-als auch diese wieder durchnäßt war, war nach mehrstündiger Arbeit
-jede Gefahr beseitigt.
-</p>
-
-<p>
-Welch ein Schicksal aber wäre uns beschieden gewesen, wenn
-wir des furchtbaren Elementes nicht Herr geworden wären! Nicht
-die Hälfte der Leute hätte ich retten können, das einzige Boot
-würde mit 20 Menschen schon bei bewegtem Seegange überladen
-gewesen sein und ehe es möglich geworden wäre Land zu erreichen,
-&mdash; Jaluit lag noch annähernd 120 Meilen vor uns, zurück gegen
-Wind und See zu rudern war ausgeschlossen &mdash; wären wir sicher
-eine Beute der Haie geworden wie alle anderen.
-</p>
-
-<p>
-Selbst für den mit allen Gefahren der See vertrauten Seemann
-&mdash; Gefahren von denen der Landbewohner sich nichts träumen
-<span class="pagenum"><a id="Page_99" name="Page_99" href="#Page_99">[99]</a></span>
-läßt &mdash; sind solche Augenblicke schrecklich, vor allem für einen Führer,
-der weiß, daß Menschenkraft im Kampfe gegen drei Elemente erliegen
-muß. Er selber harrt auf seinem Posten aus und stirbt,
-wenn er das Schicksal der ihm anvertrauten Wesen nicht mehr
-wenden kann, aber er weiß auch, daß die, die sich vielleicht auf
-Trümmern gerettet, einem grausamen Geschick verfallen sind.
-</p>
-
-<p>
-Solche Gedanken geben einem Menschen übernatürliche Kräfte
-und Fähigkeiten &mdash; die Gefahr liegt vor ihm, Tod oder Leben
-hängt von seiner Entschlossenheit und seinem Können ab &mdash; und
-mit dem Muthe der Verzweiflung stürzt er sich ihr entgegen, um
-die Planke zu schützen, auf der er steht, die ihn und die Gefährten
-über die blau schimmernde Tiefe, über den Ozean trägt.
-</p>
-
-<p>
-Nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort mein früher geführtes
-Schiff, das von Apia hierher beordert worden war, als Ablösung
-vor und hoffte schon die Milli-Leute nach Samoa bringen zu können;
-indeß ich hatte nur die Schiffe zu wechseln und befand mich bald
-wieder auf einer Monate langen Reise durch die Karolinen-Gruppe.
-Da die Mannschaft, Niue-Leute, für längere Zeit an Bord zu
-verbleiben verpflichtet war, so hatte ich nun wieder eine geübte
-Besatzung.
-</p>
-
-<p>
-Ich muß mich darauf beschränken von dieser ausgedehnten
-Gruppe hoher Vulkan-Inseln und zahlreicher Korallen-Atolle ein
-begrenztes Bild zu entwerfen und kann nur aufrichtig bedauern,
-daß den zur Kolonialarbeit wenig tauglichen Spaniern diese reiche
-Inselwelt zurückgegeben war und über ein zukunftreiches Gebiet
-die entfaltete deutsche Flagge wieder eingezogen wurde. Die Atolle
-der Karolinen, zwar nicht an Umfang denen der Marschall-Inseln
-gleich, sind aber doch ebenso reich an Erzeugnissen wie diese, auch
-meist in größerer Ausdehnung bebaut, da die Bevölkerung zahlreicher
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Die hohen Basalt-Inseln wie Yap, Ruk, Ponapè, und Kufat,
-Stammvesten der Bevölkerung, sind dagegen in Wahrheit Edelsteine
-im weiten Ozean, die an Fruchtbarkeit in nichts den Samoa-Inseln
-nachstehen, vielmehr diese noch übertreffen. Die überreiche Natur
-wartet nur der fleißigen Hand, welche die aufgespeicherten Schätze
-heben soll. Soll man ein Urtheil über die gesammte Gruppe abgeben,
-so trifft noch immer der von früheren Entdeckern gethane
-Ausspruch zu „Das ganze Meer ist besät mit Edelsteinen, gerade
-wie der Spiegel des sternenbesäten Himmels über diesem.“ „<em class="itals">The
-whole is studded with ocean gems, as if the mirror of the
-starry sky above it.</em>“
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich hauptsächlich bei den östlichen Inseln verweile, so
-geschieht es darum, weil auch ich mit diesen besser bekannt geworden
-und hier zum Theil Augenzeuge von Vorgängen gewesen bin, die
-wenigen noch in der Erinnerung, vielen nie wahrheitsgemäß geschildert
-worden sind.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_100" name="Page_100" href="#Page_100">[100]</a></span>
-Zunächst nach Ponapè bestimmt, sah ich diese weithin sichtbare
-große Insel bereits am sechsten Tage. Einen hochwillkommenen
-Anblick boten die hohen Felsenmassen dem einsam auf weitem Meere
-hinziehenden Schiffer; geschmückt mit ewigen Grün vom höchsten
-Bergesgipfel bis zum blauen Ozean, breitete sie sich gleich einem
-Paradiese aus vor den staunenden Augen, wie solches von der
-Hand der Natur nicht schöner geschaffen, wie es einem sorglos
-glücklichen Volke nicht besser geboten werden kann.
-</p>
-
-<p>
-Wie ausgestorben, scheinbar unbewohnt, liegt im smaragdenen
-Kleide im Ozean gebettet die Insel da, nichts als das Laub zahlloser
-Bäume ist sichtbar, aus dem vom Strande aufwärts die
-hochragenden Palmen sich vereinzelt oder in Massen abheben.
-Wenn man dicht unter die weit abliegenden Riffe, die mit schmalen
-Inseln besät sind, vorübersegelt, erblickt man hinter diesen ein weites
-ruhiges Becken, das von den draußen stürmenden Wogen des
-Ozeans nicht im geringsten bewegt wird und, wie weit man auch
-an diesem Riffe und Inselkranze entlang segelt, sich immer gleich
-bleibt. Zwischen dem dichten Laube der Bäume wird keine Hütte
-sichtbar, doch Rauch steigt hier und dort auf; unter den steilen
-Felswänden zieht phantastisch ein Kanoe, um bald zu verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Ein bloßer Punkt auf meiner Karte, war diese 60 Seemeilen
-im Umfang große Insel. Sie war nur nicht genau bekannt, auch
-wußte ich nicht wo ich die Einfahrt zur deutschen Station zu
-suchen hatte, darum lief ich unter der Ostküste nach Süden und
-suchte westwärts weiter nach einer Durchfahrt. Da das Wasser
-still war, wagte ich es als ich gegen Abend eine ganz schmale
-Durchfahrt zwischen zwei Riffinseln fand, für mein Schiff gerade
-breit und tief genug, einzulaufen. Zwar lagen anfänglich schlecht
-sichtbare Riffpatschen umher, die gefährlich werden konnten, doch
-näher dem Lande verschwanden auch diese, und bald lag wie im
-sichersten Hafen das Schiff ruhig vor seinem Anker.
-</p>
-
-<p>
-War vorher nichts von Menschen sichtbar gewesen, so erschien
-jetzt bald hier und dort ein Kanoe, und nicht lange währte
-es, dann lag eine Anzahl derselben längsseit; Hühner, Eier, Yams,
-Ananas, Bananen, Fische und Kokosnüsse, sowie Perlmutterschalen
-u. s. w. wurden zum Kaufe angeboten, gegen wenig Tabak
-konnten von den nackten Eingebornen die wohlschmeckenden Erzeugnisse
-dieses reichen Landes eingetauscht werden. Lungur-Eiland, den
-Bestimmungsort, mir zu zeigen, ließen sich willig einige Leute
-gegen geringes Entgelt bereit finden, sie meinten eine freie Durchfahrt
-führe innerhalb der Riffe dahin.
-</p>
-
-<p>
-Wohl segelte ich am anderen Morgen einige Stunden weiter
-nördlich im ganz stillen Wasser, doch unter der 1000 Fuß hohen
-senkrechten Felswand von Jocoits an der Nordseite, fand ich
-zwischen den hier zahlreichen großen und ausgedehnten Riffen nur
-schmale gewundene Engen, die mit konträrem Winde nicht gut zu
-<span class="pagenum"><a id="Page_101" name="Page_101" href="#Page_101">[101]</a></span>
-durchsegeln waren. Ich nahm deshalb das Kanoe der Eingebornen
-an Deck, und suchte durch eine Oeffnung im Hauptriffe wieder die
-freie See auf, um so nach der eigentlichen Jocoits-Einfahrt zu
-gelangen. In der That wurde bald Lungur-Eiland und die
-Station erreicht.
-</p>
-
-<p>
-Durch dieses theilweise Umsegeln der ganzen Insel, ward
-mir die Gelegenheit gegeben, die mächtigen Felsenpyramiden sowohl,
-wie auch die überaus reiche Pflanzenwelt aus der Nähe zu
-beobachten; machte ich mich später auch mit dem Innern der Insel
-näher bekannt und sah die Großartigkeit der Natur in ihrer vollen
-Pracht und Wildheit, so schwächte dies doch nicht den zuerst gewonnenen
-Eindruck ab.
-</p>
-
-<p>
-Die Insel muß in früherer Zeit eine öde Felsenmasse gewesen
-sein, bis die allmähliche Zersetzung der Lava und Basaltmassen
-auf der Oberfläche für das Pflanzenleben fruchtbaren Boden geliefert
-hat. Heute krönt die Höhen ein fast undurchdringlicher Urwald,
-reicher Humus hat sich abgelagert, die Verwesung der Pflanzen,
-die gestürzten Baumriesen erzeugten ihn, hohe Schichten der fruchtbarsten
-Erde deckten Thal und Höhen überall. Kurze reißende
-Ströme, aus tausend Quellen genährt, stürzen zu Thal, an ihren
-Mündungen weite Flächen abgeschwemmtes Land wieder ablagernd,
-das oft weithin bis zum Fuße der Felsen mit Seewasser überdeckt
-wird und doch dem Mangroven-Baum und vielen anderen ein
-Fortkommen gestattet, so daß, gleichwie in der Höhe, auch hier,
-mächtige Wälder sich ausgebreitet haben.
-</p>
-
-<p>
-Silberklar und kühl ist das herrliche Wasser dieser Flüsse,
-oft bin ich, so weit ich nur mit einem Boote kommen konnte,
-diese hinaufgefahren, um die Großartigkeit der Urnatur zu betrachten;
-selbst im Innern des dunklen Erdtheils (Afrika) habe ich
-in den jungfräulichen Urwäldern kaum solche eigenartige Schönheit
-der Natur gefunden, wie sie sich hier auf so kleinem Raume dem
-Auge darbot. Gestürzte Baumriesen lagen, gestützt auf ihre mächtigen
-Zweige, von Ufer zu Ufer, Brücken, auf denen die zahllosen Insekten
-hin und her wanderten; auch See- und bunt gefiederte
-Singvögel liefen ohne Scheu auf solchen auf und ab. Tausende
-von Luftwurzeln, Lianen und Schmarotzerpflanzen strebten von
-den Bäumen herab zur Erde, um sich wieder in endloser unentwirrbarer
-Kette zu heben. Girrend lockt die Taube überall,
-nicht erkennbar wegen ihres dunklen Gefieders, im dichten Laub
-der Bäume, und nur das scharfe Auge des Eingebornen weiß sie
-zu finden und mit sicherem, unfehlbarem Schusse aus der luftigen
-Höhe herab zu holen.
-</p>
-
-<p>
-Die Arten der Pflanzen und Bäume mit ihren Abarten, die
-Nahrung und Kleidung geben, sind sehr zahlreich; hauptsächlich
-aber sind es von den Bäumen Brotfrucht, Pandanus, Kokosnuß
-und Bananen, von den Erdpflanzen Yams, Taro, Ananas und
-<span class="pagenum"><a id="Page_102" name="Page_102" href="#Page_102">[102]</a></span>
-andere, die ohne jegliche Pflege überall wachsen bis weit hinaus
-auf dem Inselkranz, woran gleich einer schäumenden weißen Linie
-die Wogen des Ozeans sich unablässig brechen.
-</p>
-
-<p>
-In geologischer Hinsicht weist Ponapè besondere Merkmale
-auf. Der Unterbau ist fester Basalt, darüber thürmen sich aus
-gleichem Gesteine 2-3000 Fuß hohe Bergkuppen und Höhenzüge
-auf und darauf wieder vielfach schichtweise gelagerte Lavamassen.
-Ebenso fand ich auch im südlichen Theil der Insel, nahe dem Kiti-Hafen,
-als ich zu den schwer zugänglichen Höhen aufstieg, zu Tage
-tretenden rothen Lehm in ziemlich starken Schichten abgelagert vor,
-sicher ein Erzeugniß vulkanischer Ausbrüche. Auffallend aber ist,
-daß das Berggefüge in seiner Masse sowohl, wie in einzelnen
-Theilen, ein Spielball furchtbarster Naturkräfte gewesen zu sein
-scheint, denn entkleidet des überaus reichen Pflanzenwuchses böte
-sich dem Auge des Beobachters ein Gemenge übereinander gethürmter
-Felsen und Gesteine dar. Nicht die alles zersetzende Zeit
-allein hat ihnen hier ihren Stempel aufgedrückt, vielmehr sind die
-zahllosen Sprengstücke, mit denen die ganze Insel besät ist, sicher
-nur Erzeugnisse der gewaltigsten Erschütterungen und Umwälzungen
-schon erstarrt gewesener Massen.
-</p>
-
-<p>
-Der Hauptheerd der vulkanischen Thätigkeit muß an der
-Nord- und Nordostseite gelegen haben, da hier eine Reihe kleinerer
-und größerer Inseln, die getrennt von der gewaltigen Masse der
-Insel Ponapè liegen, sich als muthmaßliche Krater erwiesen haben.
-So die Inseln Mutok, Yokocts, 800-1000 Fuß hoch, Yarum,
-Momts, Takain und Lungur. Die genannten sind alle Basaltgebilde,
-oft steil und schwer zugänglich, und steigen bis zu 300 Fuß
-und darüber. Allerdings habe ich keine Krateröffnungen gefunden,
-wohl aber Lavageschiebe, wenn auch nur in geringerer Menge.
-</p>
-
-<p>
-Eine von Fachleuten unternommene Durchforschung der Inselgruppe
-dürfte zur Bestätigung meiner Ansicht führen. Diese stützt
-sich auch namentlich darauf, daß Lungur ein stumpfer von allen
-Seiten steil abfallender Kegel ist (ich habe ihn öfter an steiler
-Wand erklettert) und oben im Gestein eine geschlossene kahle Vertiefung
-zu Tage tritt. Auch ist das weite fruchtbare Vorland mit
-mächtigen Felsblöcken bedeckt, die von der Hauptmasse eine gewaltige
-Kraft abgesprengt haben muß.
-</p>
-
-<p>
-Auffallend ist die oft bedeutende Tiefe innerhalb des mächtigen
-Riffes, welches die ganze Insel in einem Umkreise von 60 Seemeilen
-umgiebt; einzig erklärlich dadurch, daß in früherer Zeit ein
-Sinken der Gebirgsmasse stattgefunden hat, ein neuer Anbau der
-Korallen aber durch das frische Wasser der Flüsse verhindert wurde
-und nur dort die Polypen den äußeren Riffwall schaffen konnten,
-wo ihnen der Ozean reichlich Nahrung bot, so daß schließlich um
-die ganze Insel Ponapè eine Lagune entstanden ist.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_103" name="Page_103" href="#Page_103">[103]</a></span>
-Das Innere der Insel mit seinen Urwäldern ist zum Theil
-selbst für den Eingeborenen noch unzugänglich und unbekannt, nur
-wenige schmale Thäler, gebildet von steilen Felswänden, führen
-durch die einzelnen Gebirgspartien; auch längs der Flüsse, deren
-Wasserkraft sich im Gestein breite Wege gebahnt hat, ist ein Aufstieg
-zu den steilen Höhen möglich. Aber der Eingeborene trägt
-kein Verlangen, sich in der Wildniß umzuschauen, überall in gleich
-großartiger Weise tritt sie hervor. Am Strande wie auch am
-Fuße der unzugänglichen Höhen und verborgen im Gebüsch, an
-Felswänden, im Schatten gewaltiger Bäume hat er sich seine
-Dörfer erbaut.
-</p>
-
-<p>
-Die Entdeckung der Karolinen-Inseln ist den Spaniern zuzuschreiben
-und zwar soll Quirosa bereits im Jahre 1595 Ponapè
-gesehen haben. Versuche der Spanier im 17. Jahrhundert, auf
-den westlichen Inseln Fuß zu fassen, scheiterten aber gänzlich an
-der Wildheit der Eingebornen, die stets die Priester und Kolonisten
-ermordeten. Die Folge war, daß das weite Gebiet bis zum
-19. Jahrhundert fast ein unbekanntes Land geblieben ist. Jedenfalls
-war der Anspruch der Spanier auf diese reiche Inselgruppe
-unberechtigt, da sie sich nie darum bekümmert haben, auch kaum
-Kenntniß von dem dort verborgenen Reichthum hatten. Deutschen
-und Amerikanern blieb es überlassen diesen Völkern die Gesittung
-zu bringen und sie an den Anblick des weißen Mannes zu gewöhnen.
-</p>
-
-<p>
-Ueberfälle und Wegnahme einzelner Schiffe haben auch hier
-wie anderswo in früherer Zeit stattgefunden. Die Eingeborenen,
-lüstern nach fremden Schätzen, bemächtigten sich meist durch Verrath
-der fremden Fahrzeuge, nachdem ihrer Uebermacht die Besatzungen
-erlegen waren. Nach Ueberlieferungen haben die Spanier
-mehrmals Ponapè besucht, sind aber, da sie den Eingebornen vertrauten,
-in deren Hände gefallen und niedergemacht. Unter anderen
-soll im Süden der Insel, wahrscheinlich im Kiti-Hafen, ein Schiff
-genommen sein, dessen Leute nicht anders getödtet werden konnten,
-als dadurch, daß man ihnen die Augen ausstach; sie hätten eine
-solche feste Haut gehabt, daß sie vor jeder Verletzung geschützt
-gewesen wären. Unzweifelhaft sind es in Panzern gehüllte
-Spanier gewesen, die hier der Uebermacht erlagen.
-</p>
-
-<p>
-Auch im Metalanim-Hafen soll ein Schiff gestrandet sein und
-die ersten Hühner zu dieser Insel gebracht haben. Die Angabe
-scheint richtig zu sein, denn man fand später in den Händen der
-Eingebornen eine Messingkanone, ein silbernes Kruzifix, einen
-kupfernen Kessel, spanisches Geld u. a. m. Die eigentliche Entdeckung
-Ponapès erfolgte aber erst im Jahre 1828 durch die
-russische Korvette „Seniavina“ (Commandant Lutke) und die genauere
-Kenntniß verdanken wir amerikanischen Walfischfängern und
-den Missionaren.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_104" name="Page_104" href="#Page_104">[104]</a></span>
-Die Bewohner Ponapès, deren Zahl 5000 nicht überschreiten
-mag, sind, soweit ich sie kennen gelernt, im Umgange ein friedliches
-Völkchen, gefällig und gastfreundlich; trotzdem zeigen sie dem Europäer
-gegenüber eine gewisse Zurückhaltung im Benehmen. Etwas Lauerndes
-liegt in ihrem Gesichtsausdrucke, sie verleugnen das malayische
-Blut nicht, das, zum Theil wenigstens, durch ihre Adern rollt.
-Es ist die gezähmte Wildheit, die in dem funkelnden Blick der
-schwarzen Augen liegt; wie dem Malayen gegenüber hat der
-Fremde das unbestimmte Gefühl, als hätte er es mit einer Katzennatur
-zu thun und die scharfen Krallen könnten unerwartet den
-Arglosen packen.
-</p>
-
-<p>
-Der freie Mann duldet kein Unrecht, Blut allein ist die
-Sühne dafür; bin ich recht unterrichtet, so ist unter diesen Eingeborenen
-die Blutrache weit verbreitet, auch heute noch ersteht
-in manchen Familien immer wieder ein Rächer für die beleidigte
-Ehre oder für das einst vergossene Blut.
-</p>
-
-<p>
-Unter sich, im Verkehr mit einander und im Familienleben
-sind die Eingeborenen gütig und liebevoll, ganz anders als im
-Verkehr mit dem Fremden, dem gegenüber sie nicht selten sich
-unfreundlich und abstoßend zeigen; sie haben nur zu wohl dessen
-Selbstsucht begriffen, daher treten sie auch kalt und zurückhaltend
-ihm entgegen. Wohl findet der Europäer überall in den Hütten
-Schutz und Obdach, Speise und Trank und konnte zu jener Zeit
-unbelästigt wandern, wohin er wollte, aber solche geübte Gastfreundschaft
-ist nicht selbstlos, der Gastgeber erwartet stets eine
-Entschädigung, die seiner Mühe entsprechend ausfallen muß, und
-zwar ein Gegengeschenk, das in seinen Augen werthvoll genug ist.
-</p>
-
-<p>
-Von kräftigem Körperbau, stehen die Männer nach Gestalt
-dem Weißen nicht nach, ebenso ist Klugheit ihnen nicht abzusprechen;
-auch gewisser Wissensdurst macht sich bei ihnen bemerkbar,
-und solche, die Gelegenheit gefunden, andere Länder und
-Völker zu sehen, stehen bei ihnen in hoher Achtung. Dennoch
-scheint die eingedrungene Gesittung niederdrückend auf das jetzige
-Geschlecht eingewirkt zu haben, sei es auch nur, daß sie mehr und
-mehr grollend, sich in sich selbst zurückziehen. Die große Fruchtbarkeit,
-welche diese hohen vulkanischen Inseln aufweisen, ist durch
-reichlichen Regenfall bedingt. Ueber der Gebirgsmasse lagert sehr
-oft ein dichter Wolkenschleier, der vorübergehend heftige Regenschauer
-herabsendet. Im Jahresdurchschnitt sollen nur 97 schöne,
-klare Tage vorkommen, 155 bedeckt mit Regenschauer und 72
-Tage ständiger Regen.
-</p>
-
-<p>
-Selten sind elektrische Ansammlungen, Blitz und Donner,
-und nach dem Glauben der Eingeborenen besucht dann ihr Gott
-„Ani“ die Insel und kündet seine Nähe durch zuckende Blitze und
-rollenden Donner an.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_105" name="Page_105" href="#Page_105">[105]</a></span>
-Ganz auffallend ist, wie wenig Ueberlieferung bei diesen
-Volksstämmen vorgefunden wird, nichts vernimmt man von großen
-Thaten, nichts von hervorragenden Häuptlingen; das Leben und
-Wirken früherer Geschlechter ist einfach ausgewischt, selbst im Gedächtnisse
-der Alten. Ob so geringe Theilnahme vorhanden, ob
-wirklich nichts Wichtiges in Sagen und Gesängen zu überliefern
-war, steht dahin, jedenfalls ist das, was an Ueberlieferungen vorhanden
-ist, so gering und unbestimmt, daß kein Schluß daraus
-auf das Vorleben dieser Stämme zu machen ist. Nur die Steine
-reden, wo der Menschen Mund schweigt &mdash; gewaltige Bauten,
-heute noch ausgedehnte Ruinen, stehen als Wahrzeichen einer
-längst entschwundenen Zeit und bezeugen die Thatkraft und Klugheit,
-welche den vergangenen Geschlechter innegewohnt hat. Woher
-sie stammen, darüber fehlt jede Spur; so staunend der Europäer
-die gewaltigen von Menschenhand errichteten Werke betrachtet,
-ebenso kopfschüttelnd und zweifelnd steht der heutige Eingeborene
-vor den Werken seiner Vorfahren. Die Antwort, die ich auf
-meine Frage erhielt, wer diese gewaltigen Mauern und Bauten
-aufgeführt habe, wie es möglich gewesen sei, Felsblöcke so übereinander
-zu thürmen und genau in passende Lage zu bringen,
-war; daß habe Niemand gethan; vor langer, langer Zeit habe
-ein schöner junger Mensch, ein Gott, in den Bergen gewohnt,
-der habe zu den Steinen gesagt, sie sollten sich aufeinander legen
-und so wären diese Mauern und Bauten entstanden.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging durch die Ruinen von Kusai, als ich diese Antwort
-erhielt; der Eingeborne, der sie mir gab, schien mir einer der aufgeweckteren
-zu sein, überzeugen aber ließ er sich von der Nichtigkeit
-seiner Angaben nicht und ich erhielt damit den Beweis, daß diese
-von den Vorfahren aufgeführten Werke heute von den Nachkommen
-als etwas Unnatürliches angesehen werden.
-</p>
-
-<p>
-Aus gleicher Veranlassung müssen sowohl auf Ponapè wie
-auf Kusai vor Jahrhunderten diese Bauten errichtet worden sein
-und demselben Zweck gedient haben, da die Lage und Wahl des
-Ortes auf beiden Insel die gleiche ist. Diese am Metalanim-Hafen
-auf Ponapè und im Lela-Hafen auf Kusai liegenden Ruinen erzählen
-eine Geschichte, mit Felsentrümmern aufgeführt, mit Steinen
-geschrieben und sind eine Ueberlieferung aus der großen längst entschwundenen
-Zeit eines einsichtigen Volkes. Die Eingebornen, von
-einem einheitlichen Willen einst beherrscht und geleitet, haben wahrscheinlich
-diese sowohl zur Vertheidigung wie zum Wohnsitz geeigneten
-Bauten aufgeführt. Weniger auffällig wäre es, wenn
-aus kleinerem Gestein solche mächtigen Mauern, die große Quadrate
-umschließen, aufgeführt worden wären. Das ist aber nicht der
-Fall, Felsstücke von ungeheurem Gewichte sind aufeinander gethürmt;
-Zwischenräume mit kleineren ausgefüllt; 20 Fuß hoch und
-12 Fuß breit liegen Gesteinmassen in dieser Höhe, die mit ungewöhnlichem
-<span class="pagenum"><a id="Page_106" name="Page_106" href="#Page_106">[106]</a></span>
-Aufwand von Kraft und Geschick hinaufgeschafft
-sein müssen.
-</p>
-
-<p>
-Selbst wenn man annimmt, die mächtigen Blöcke seien auf
-schrägliegender Unterlage aufgerollt worden, so fehlt doch die Erklärung
-dafür, auf welche Art diese an Stelle geschafft wurden,
-zumal da auf der Insel Lela die Steine erst über eine weite
-Wasserfläche haben geschafft werden müssen. Möglich ist auch, daß
-die Eingeborenen die so großen und schweren Felsstücke auf Flöße
-gerollt und weiter geschafft haben, aber dann müssen solche auch
-eine ganz bedeutende Tragfähigkeit besessen haben. Jedenfalls
-muß der Gedanke, daß dies alles ohne unsere heutigen Hülfsmittel
-ausgeführt ist, jeden, der diese Bauten gesehen, in höchstes Erstaunen
-versetzen. Jedes Quadrat in den Ruinen ist durch Gänge
-mit einander verbunden, es führen lange Kanäle zum Wasser, und
-an der Südseite von Lela münden diese in eine Art von künstlichen
-Hafen, dessen Umrisse zwar noch erkennbar, doch zum größten
-Theil durch Anschwemmungen verwischt und mit Mangrovengebüsch
-bedeckt sind. Uebrigens, als der Aufbau dieser Steinmassen vor
-nicht festzustellenden Jahrhunderten begonnen, ist die heute verschwemmte
-weite Bucht des Lelahafens bis zum Fuße der Bergmassen
-auf der Insel Kusai frei gewesen, heute erstrecken sich dagegen
-in der Runde große ausgedehnte Mangrovensümpfe, durch
-die nur einige wenige Wasserstraßen führen, und sind höchstens
-mit einem Kanoe bis zum festen Lande befahrbar.
-</p>
-
-<p>
-Ein Beweis dafür, welch ein gewaltiger Zeitraum hingegangen
-ist, seit diese Werke ausgeführt wurden, ist, daß das Innere der
-Ruinen sowohl, wie selbst die Steinwälle vollständig überwuchert
-sind. Hohe Bäume stehen auf den Mauern, tief sind deren Wurzel
-ins Gestein eingedrungen und haben selbst die mächtigen Blöcke
-durch ihr Wachsthum auseinander gesprengt. Wie lange diese
-Ruinen als einstige Residenz der Könige gedient haben, sei dahingestellt,
-sie wurden schließlich ein Mausoleum der großen Todten
-und sind heute noch die Grabstätte der „Tokesau“ (Häuptlinge).
-</p>
-
-<hr /> <!--
-<tb>
- -->
-
-<p>
-Die Insel Kusai, die östlichste der Karolinen-Gruppe, unterscheidet
-sich von Ponapè nach Form und Größe, sowie dadurch,
-daß das diese Insel umgebende Riff bei weitem nicht die lagunenartige
-Bildung aufweist, sondern mit dem Lande mehr verbunden
-bleibt, und nur größere Ausdehnung an der Nordwest, Nord und
-Nordostseite hat. An der ersteren, durch einen Durchbruch im
-Riff, wird dort der Coquille-Hafen, an der letzteren durch die
-Insel Lela „Nin-molchon“ von den Eingebornen genannt, der
-Lelahafen gebildet, während im Süden durch Inselchen auf dem
-Riffe selbst, durch eine Einbuchtung der Felsenmassen, die hiervon
-umgeben sind, der kleine aber sichere Lottin-Hafen entstanden ist.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_107" name="Page_107" href="#Page_107">[107]</a></span>
-In jeder Hinsicht stimmen sonst die beiden Inseln überein,
-was von der einen gesagt, gilt auch von der anderen; dieselbe
-Großartigkeit der wilden Natur, dieselbe Unzugänglichkeit zu dem
-Innern und zu den steilen Bergen, wie auch dieselbe furchtbare
-einstige vulkanische Thätigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Vorauszusetzen ist, daß auf dieser so fruchtbaren Insel eine
-ebenso zahlreiche Bevölkerung gelebt hat, wie auf Ponapè; selbst
-im ersten Drittel dieses Jahrhunderts war die Zahl der Bewohner
-noch mehr als doppelt so groß wie heute. Früher sollen sogar
-nach Angabe der ältesten Eingebornen viel tausende rings auf der
-Insel gelebt und gewohnt haben. Die einst zahlreich genug waren,
-stark bemannte Schiffe zu nehmen, und im heißen Kampfe die gut
-bewährten weißen Männer zu überwältigen, sind heute nur noch
-ein kleines Häuflein Menschen, 300 an Zahl.
-</p>
-
-<p>
-Furchtbar hat eine schreckliche Seuche, eingeschleppt durch
-amerikanische Walfischfänger, unter dieser Bevölkerung besonders
-gehaust. In absehbarer Zeit wird auch der letzte Bewohner Kusais
-bei seinen Vätern versammelt sein, denn keine menschliche Hilfe
-kann dem Aussterben derselben mehr halt gebieten.
-</p>
-
-<p>
-Schrecklich war es solche Kranke zu sehen, noch schrecklicher ihnen
-mit Rath und That beizustehen. Manchem verband ich die Wunden,
-andere lehrte ich wie solche rein zu halten und zu behandeln sind.
-Dafür waren sie auch sehr erkenntlich; lag ich im Hafen von
-Lela, wurde mir von Fischen, Schweinen und Schildkröten immer
-ein Antheil vom Könige Keru, der mit christlichem Namen Georg II.
-hieß, an Bord gesandt. Es ist nämlich Gebrauch, daß alle Speisen
-für den König sowohl, wie für die Angesehensten insgesammt,
-bereitet werden, diese werden dann vor das Haus des Königs
-gebracht und dieser bestimmt jedem seinen Theil.
-</p>
-
-<p>
-Sehr unterwürfig sind die Unterthanen gegen ihren mit unbeschränkter
-Gewalt ausgerüsteten König, keiner wird unaufgefordert
-dessen hochgelegenes und kunstvoll aufgebautes Haus betreten, tief
-verneigt sich jeder Vorübergehende; hat einer aber ein persönliches
-Anliegen, kniet er auf der untersten Stufe der Treppe, die zum
-Hause hinaufführt nieder und bringt in solcher Stellung sein Anliegen
-vor. Des Königs Ausspruch ist Gesetz; so oft ich auch bei
-solcher Gelegenheit im Königshause anwesend war, fand ich dies
-bestätigt.
-</p>
-
-<p>
-Durch beiderseitiges Entgegenkommen stand ich mit dem
-Könige und den Häuptlingen auf besonders gutem Fuße, was
-darauf zurückzuführen war, daß ich auch ihnen unentgeltlich
-Arznei gab, ihre Wunden verband und Schmerzen linderte. Sie
-lohnten mir dafür mit den Erzeugnissen des Landes, oft brachten
-sie mir so viel, daß meine Leute kaum alle Nahrungsmittel zu
-verzehren im Stande waren. Bei einer solchen Gelegenheit erhielt
-ich Kenntniß von einem merkwürdigen Aberglauben. Ich war im
-<span class="pagenum"><a id="Page_108" name="Page_108" href="#Page_108">[108]</a></span>
-Lelahafen eingelaufen, und da ich Wassermangel an Bord hatte,
-fuhr ich sofort mit einem Boote durch das Mangrovengebüsch den
-Fluß hinauf zum festen Lande um die mitgenommenen Fässer
-auffüllen zu lassen. Im Flußbett bemerkte ich auf klarem sandigen
-Grunde viele Aale, die aber zu gewandt waren, als daß sie mit
-den Händen zu greifen waren, nur ein mächtiges Thier von 4 Fuß
-Länge, dessen Schwanz wahrscheinlich von einem Hai abgebissen
-war, konnte sich nur mühsam fortbewegen. Diesen Aal im flachen
-Wasser zu ergreifen wäre zwecklos gewesen, deshalb befestigte ich,
-um ihn doch zu erhalten, ein starkes Messer an einer Stange, stieß
-dieses dem Aale durch den Kopf und nagelte ihn am Grunde fest.
-Bald waren die Kräfte des Thieres erschöpft, und es gelang die
-Beute zu sichern.
-</p>
-
-<p>
-Zurückgekehrt zum Schiffe, fand ich dort eine ganze Zahl
-Eingeborner, auch Häuptlinge versammelt, die wieder Geschenke
-gebracht hatten; kaum aber hatten die Niue-Leute den großen Aal,
-den sie essen wollten, an Deck gebracht und aufgehängt, als die
-Eingebornen zum großen Theil auffällig verschwanden, ohne ihr
-Anliegen vorgebracht zu haben. Ich las in aller Mienen Abscheu
-und Furcht, und einen Häuptling befragend, warum sie sich vor
-solchem todten Thiere fürchteten, sagte er mir, daß in den Aalen,
-die von niemand gegessen werden, der böse Geist sich aufhalte, und
-wer solches Thier tödtet oder gar davon ißt, wird sicher gestraft.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Ausspruch war genügend, um die gewiß von thörichtem
-Aberglauben erfüllten Niue-Leute stutzig zu machen; sie ließen den
-Aal, dem sie die Haut schon abgezogen hängen, und wiewohl ich
-sie thöricht und unklug schalt, wollte doch keiner mehr etwas
-damit zu thun haben, viel weniger davon essen; es blieb nichts
-anderes übrig als den „bösen Geist“ über Bord zu werfen, worauf
-dann erst die in ihren Kanoes wartenden Eingebornen an Bord
-zurückkehrten.
-</p>
-
-<p>
-Bemerkenswerth ist, daß Hundefleisch als besonderer Leckerbissen
-auf Ponapè gilt und werden Hunde dort gerne eingetauscht
-und gemästet. Ich hatte gelegentlich einmal einen elenden alten
-Hund, der mir von Eingebornen der Marschall-Inseln angeboten
-wurde, angenommen, um das Thier nicht elendiglich verkommen
-zu lassen; da es aber gar nichts werth, dazu bissig und häßlich
-war, so nahm ich in Ponapè das Angebot, es für zwei große
-Schweine abzugeben, an, zufrieden auf solche Weise den Hund
-loszuwerden, dem keiner nahen durfte und der mit Vorliebe seine
-Zähne in die nackten Beine der Leute einzugraben liebte.
-</p>
-
-<p>
-Zeigen die Marschall-Insulaner im Flechten der Matten u. a.
-ganz besonderes Geschick, so übertreffen die Frauen und Mädchen
-auf Kusai in einer Hinsicht diese dennoch. Auf einem kleinen
-Webestuhle, der eigenartig gebaut ist, weben sie aus feinem Baumbast
-sehr kunstvolle Lendengurte, so fein und sauber &mdash; die Zeichnungen
-<span class="pagenum"><a id="Page_109" name="Page_109" href="#Page_109">[109]</a></span>
-und die Zusammenstellung der verschiedenen Farben sind
-sorgfältig ausgeführt &mdash; wie es die kunstfertige Hand einer
-europäischen Dame nicht fertigbringen würde. Als Schere, um die
-oft kaum zolllangen Fädchen abzuschneiden, bedienen sie sich der
-messerscharfen Kante einer kleinen Seemuschel.
-</p>
-
-<p>
-Staunend habe ich oft in ihren Hütten dieser kunstvollen
-mühseligen Arbeit zugeschaut. Wie der Knabe von Jugend auf
-sich mit dem Speere übt, den schnellen Fisch im Wasser zu tödten,
-so sitzen die Mädchen im jugendlichen Alter schon flechtend und
-webend, um ihre einfache Kleidung so schön wie möglich zu schmücken,
-denn wie alle Evastöchter sind auch diese einfachen Naturkinder
-nicht gänzlich frei von Eitelkeit.
-</p>
-
-<p>
-Daß früher schon die Bewohner Kusais unter sich nicht allein
-Tauschhandel getrieben, sondern eine Art Werthgegenstand als
-Geld benutzten, gleichwie afrikanische Völker die Kauri-Muschel, ist
-erwiesen, und zwar haben sie die werthvolle Perlmutterschale dazu
-benutzt, die auf tiefem Korallengrunde, namentlich in Ponapè
-häufig gefunden wird. Von einer großen, sauber bearbeiteten
-Schale hatte das Kernstück, nach Größe und Breite, einen entsprechenden
-Werth, ein solches, etwa zwei Zoll breit und 6 bis 7
-Zoll lang, wurde einem Arbeiter als Tagelohn ausbezahlt, die
-kleineren Stücke galten weniger. Wann aber dieses Geld, von
-dem ich einige Stücke noch in Lottin-Hafen bekam, in Kurs gewesen,
-darüber konnte ich gewisses nicht erfahren.
-</p>
-
-<p>
-Einst nach längerer Abwesenheit nach Jaluit zurückgekehrt,
-erfuhr ich, daß in der Zwischenzeit, ein mir auch bekannter Europäer
-am Strande ermordet worden sei. In dunkler Abendstunde aus
-einer der Wirthschaften, deren zwei vorhanden waren, heraustretend,
-sei er von Malayen die irgend ein Schiff zurückgelassen, überfallen
-und getödtet worden. Ein Racheakt sei es gewesen und eine Verwechslung
-habe in der Dunkelheit stattgefunden, und ihr sei dieser
-junge Mann zum Opfer gefallen.
-</p>
-
-<p>
-Der Mörder und seine Mitschuldigen waren schnell gefaßt
-und dem eingelaufenen deutschen Kriegsschiffe „Bismarck“ ausgeliefert
-worden; der Thäter büßte seine Schuld mit dem Leben.
-</p>
-
-<p>
-Am Abend jenes Tages, an welchem ich in Jaluit eingelaufen
-war, folgte ich der Aufforderung des Leiters unserer
-Gesellschaft, den Abend mit Billardspielen gemeinschaftlich hinzubringen.
-Um diese Absicht auszuführen begaben wir uns zu
-dem Hause des deutschen Wirthes, das gewöhnlich von den Europäern
-besucht wurde. Nicht weit davon lag die Wirthschaft eines Schwarzen,
-der mehr Zuspruch von den zu Zeiten im Hafen anwesenden
-Schiffsbesatzungen hatte; hier pflegte es öfter auch recht lebhaft
-zuzugehen. Es mochte etwa 9 Uhr abends geworden sein, als
-ein wilder Lärm von jenem Hause herüberschallte, unter anderen
-hörte ich die lärmenden Stimmen meiner Niue-Leute heraus. Daß
-<span class="pagenum"><a id="Page_110" name="Page_110" href="#Page_110">[110]</a></span>
-einige an Land gegangen waren wußte ich, ich hatte ihnen selber
-Urlaub gegeben, daß aber der Steuermann, ein von mir in Ponapè
-aufgenommener Matrose, der dort von einem Schiffe krank zurückgelassen
-worden war, ein Norweger, entgegen meiner Weisung die
-ganze Besatzung an Land gelassen und ihr noch dazu Geld zu
-Schnaps gegeben hatte, ahnte ich nicht.
-</p>
-
-<p>
-Sogleich unterbrach ich das Spiel und eilte in der Meinung
-meine Leute seien mit anderen in Händel gerathen, zu dem anderen
-Wirthshause. Als ich schnell das Haus erreicht, fand ich in der
-Schenkstube eintretend allerlei Volk vor, darunter meine ganze
-Besatzung. Alle waren angetrunken und zwei Parteien befanden
-sich im heftigen Streite, der augenblicklich verstummte, als ich
-meinen Leuten befahl, sofort an Bord zu gehen. Aber nur einige
-waren vernünftig und folgten der Weisung, vier weigerten sich
-entschieden zu gehorchen; als sie auch einer zweiten Aufforderung
-nicht Folge leisteten, faßte ich schließlich, durch die Widersetzlichkeit
-aufgebracht, einen an, und schob ihn der Thüre zu. Kaum aber
-war meine Absicht den Umstehenden klar, als ich von hinten gefaßt
-und mit Faustschlägen zu Boden gestreckt wurde; im Fallen riß
-ich den Angefaßten mit mir, der auf mich fiel, dieser Umstand
-rettete mich, denn so kurz die Zeit auch war, bis der Mann aus
-meinen Händen befreit werden konnte, sie genügte um die Schaar,
-welche mit gezückten Messern und dem Rufe „tödtet den weißen
-Mann“ „<em class="itals">kill the white man</em>“, von der Mordthat zurückzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-Wider Erwarten war ich plötzlich frei und von dem Eigenthümer
-des Hauses, einem riesigen Neger, aufgerichtet sah ich, wie
-ein Weißer einen wuchtigen Stock auf die Köpfe der braunen
-Gesellen niedersausen ließ, die durch Fenster und Thüren entflohen.
-Der Retter in der Noth war ein amerikanischer Schiffsführer, von
-Honolulu, der gegen Abend noch in den Hafen eingelaufen, hier
-zufällig vorbeigekommen und mit angesehen hatte, wie ich niedergeschlagen
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Meine Leute, soviel ich gesehen, waren es nicht gewesen,
-welche die Messer gezogen, die Uebelthäter aber wollten oder konnten
-sie nicht nennen, wenigstens konnten diese nicht ermittelt werden.
-Der deutsche Konsul mußte sich also damit begnügen die vier Mann,
-die Widersetzlichkeit gezeigt, dafür drei Tage lang in Eisen zu legen.
-</p>
-
-<p>
-Nicht lange nach diesem Vorfall war mein Schiff wieder
-segelfertig, um eine Reise nach den Karolinen anzutreten; ich wurde
-von verschiedenen Seiten gewarnt, mit solcher Besatzung wieder in
-See zu gehen, denn dem rachsüchtigen Charakter der Niue-Leute
-sei nicht zu trauen. Indes ich verließ mich darauf, daß es keiner
-wagen würde, eine Meuterei an Bord auszuführen, da sie wohl
-wußten, daß sie vielleicht elendig auf See verhungern müßten,
-wenn sie ihren Führer überfallen und tödten würden. Wieder
-ging ich, ohne einen Europäer an Bord zu haben (der vorige
-<span class="pagenum"><a id="Page_111" name="Page_111" href="#Page_111">[111]</a></span>
-wurde nach jenem Vorfall an Land sofort abbezahlt) in See,
-machte dafür aber einen der Niue-Leute jetzt zum Bootsmann,
-und als am Horizonte das letzte Land verschwunden war, rief ich
-die Leute alle zusammen und machte ihnen den Standpunkt klar.
-</p>
-
-<p>
-Ihr vier, Bela, Sepona, Fiticefu und Mißcoffi, erklärte ich,
-seid dafür bestraft worden, was ihr in der Trunkenheit an Land
-begangen habt, zehnfach härter aber fällt die Strafe aus, wenn
-ihr ein Gleiches an Bord versuchen solltet. Für mich ist die Sache
-abgethan und ich hoffe für euch ebenfalls, doch, da ich euch nicht
-unbedingt vertrauen kann, so bin ich auf alles gefaßt und vorbereitet;
-zeigt ihr Ungehorsam oder gar Widersetzlichkeit, dann fallen
-die Folgen auf euch, also thut wie früher eure Pflicht.
-</p>
-
-<p>
-Und die Leute thaten sie. Ich hatte nicht zu klagen, es schien
-als wollten sie durch Willfährigkeit gut machen, was sie in einer
-schwachen Stunde, als sie nicht Herr ihrer Sinne mehr gewesen,
-begangen hatten.
-</p>
-
-<p>
-Auf dieser Reise nun lief ich die Insel Kusai zuerst an, um
-dann über Ponapè nach dem Providenz-Atoll weiterzusegeln. Nach
-erfolgter Ankunft im Lela-Hafen kamen am anderen Morgen 16
-Eingeborene der Gilbert-Gruppe mit einem großen Brandungsboote
-zu mir an Bord und baten, ich möchte sie nach Jaluit mitnehmen.
-</p>
-
-<p>
-Sie wären, erzählten sie, vor wenigen Tagen auf Kusai gelandet,
-nachdem sie zehn Tage auf dem Ozean zugebracht, kraftlos
-und nahezu verhungert, hätten sie die größten Qualen erduldet, ehe
-sie an dieser Insel in dunkler Nacht angetrieben wären. Ihre
-Heimath, die Insel Apamama, hätten sie mit ihrem Boote verlassen,
-um nach der nördlicher gelegenen Insel Maiana zu segeln,
-der starke Aequatorialstrom aber hätte sie weggeführt.
-</p>
-
-<p>
-Bis ihre letzten Kräfte erschöpft gewesen, so lange hätten sie
-verzweifelt gegen Strom und Wogen angekämpft, dann aber, als
-die wenigen im Boot befindlichen Kokosnüsse aufgezehrt waren,
-Hunger und Durst sich eingestellt, hätten sie ihr Segel gesetzt und
-wären immer vor dem Winde laufend, nach Westen gesegelt, wo,
-wie sie früher gehört, große Inseln liegen sollten. Einsam auf
-dem unendlichen Ozean in einem offenen Boote fahrend, den
-schrecklichsten Leiden preisgegeben, hätten sie keine andere Hoffnung
-gehegt, als die, vielleicht im fernen Westen Land zu finden. Aber
-nie hätten sie Land angetroffen. Da alle zum Tode erschöpft waren,
-so würden sie so, wenn sie nur wenige Meilen südlich von Kusai,
-vorbeigetrieben wären, in wenig Tagen schon dem Hunger und
-Durst erlegen sein.
-</p>
-
-<p>
-Welche Qualen diese 10 Männer und 6 Frauen erduldet
-hatten konnte man daran sehen, daß die Hölzer im Boot mit den
-Zähnen angebissen waren; das Grüne, welches sich durch faulendes
-Wasser im Boot angesetzt hatte, war mit den Fingernägeln ausgekratzt
-worden, selbst ihre mangelhafte Bekleidung aus Grasschurzen
-<span class="pagenum"><a id="Page_112" name="Page_112" href="#Page_112">[112]</a></span>
-bestehend, hatten sie aufgegessen und damit den furchtbaren Hunger
-zu stillen versucht. Daß das Boot am Riffe in der Brandung
-nicht zerschlagen, die zum Tode erschöpften Menschen nicht am
-sicheren Gestade zu Grunde gingen, hatten sie einzig dem Zufall
-zu danken. Todesmatt waren sie von Bewohnern Kusais aufgefunden,
-gespeist und getränkt, nicht nach Art eines barbarischen
-Volkes als Feinde angesehen worden; sie wurden zum König nach
-Lela gebracht, der ihnen Speisen geben und eine Wohnstätte auf
-der Hauptinsel anweisen ließ, wo sie warten könnten, bis ein Schiff
-sie mitnehmen würde. Ihren Wunsch gleich mitgenommen zu werden
-mußte ich freilich auch abschlagen, da ich noch eine weite Fahrt
-vor mir hatte, allein ich versprach, sie auf meiner Rückreise von
-den Providenz-Inseln, abzuholen, und verwandte mich beim König
-Keru für sie, daß derselbe sie auf einige Wochen noch behalten
-möchte.
-</p>
-
-<p>
-Von Ponapè segelte ich weiter nach Ujelang, der Hauptinsel
-im Providenz-Atoll, die etwa 240 Seemeilen nordost von der hohen
-Karolinen-Insel entfernt liegt, hier auf diesem einsamen Atoll fand
-ich nur etwa 40 Menschen vor, weißköpfige Greise unter ihnen,
-die erzählten, daß ihre Voreltern von den Marschall-Inseln mit
-Kanoes vertrieben seien, diese wären einst auf der einsamen Insel
-gelandet und hätten viele, viele Jahre verlassen gelebt, bis der
-weiße Mann gekommen sei und sich hier niedergelassen habe.
-</p>
-
-<p>
-Einsam und trostlos genug fließt die Zeit und das Leben
-den wenigen Bewohnern auf dieser weltentlegenen Insel hin, vor
-allem für den Europäer, einem Deutschen, der höchstens alle acht
-Monate einmal, wenn ein Schiff einläuft, sich mit einem gebildeten
-Menschen unterhalten und freuen kann. Die Aufgabe die diesem
-Manne gestellt, ist nicht leicht, ein arbeitsames Leben muß ihn
-vor Schwermuth bewahren; die eigentliche Kultur soll er hier einführen
-und auf dem steinigen Korallenboden Kokosplantagen anlegen,
-deren Ertrag in späterer Zeit die aufgewendete Müh' und
-Arbeit lohnen soll.
-</p>
-
-<p>
-Alle Bewohner dieser Insel leben nahe der deutschen Station
-und arbeiten für diese und von Fleiß und stetiger Arbeit zeugt es,
-daß 70000 Kokosnüsse und junge Bäume in weniger als zwei
-Jahren ausgepflanzt worden sind. Heute stehen auf einst ödem
-Korallengrunde Palmenhaine, deren Wipfel stolz im Winde rauschen,
-ein melodischer Gesang zu der donnernden Woge, die sich ewig in
-ohnmächtiger Wuth an diesen Gestaden bricht. Auch hier werden
-in ferner Zukunft einst, wenn die jetzt schon mit Korallenpatschen
-dicht besäte Lagune geschlossen worden ist, sich ausgedehnte Landflächen
-bilden, auf denen die Tropenwelt ihre ganze Pracht entfalten
-kann. Der Lebensunterhalt der wenigen Bewohner besteht
-aus der Kokosnuß, Taro, Fischen und Hühnern, letztere sind in
-großer Zahl vorhanden, ebenso Enten, die, da kein Eingeborner
-<span class="pagenum"><a id="Page_113" name="Page_113" href="#Page_113">[113]</a></span>
-auf allen diesen Koralleninseln die Eier als Nahrung betrachtet,
-sich stark vermehren können. Jedesmal erhielt ich in Ujelang hunderte
-in Seesalz aufbewahrte Eier, die mir stets willkommen waren.
-</p>
-
-<p>
-An solchen einsamen Gestaden halten sich auch mit Vorliebe
-die mächtigen Riesenschildkröten auf, um zur Brutzeit am Strande
-ihre Eier im Korallensande einzuscharren, die allein die heißen
-Strahlen der Sonne auszubrüten vermag. In der Brutzeit kommt
-das Weibchen dreimal an's Land und setzt jedesmal etwa 140 Eier
-ab, hält sich aber stets in der Nähe auf, um die aufgekommenen
-Jungen, die instinktmäßig dem Wasser zustreben, zu schützen. Wie
-mir versichert wurde, lauert das Männchen der jungen Brut auf
-und frißt eine große Zahl der jungen Thierchen, denen außerdem
-auch von großen Seevögeln viele Gefahren drohen, in Wirklichkeit
-gelangen aus der großen Anzahl Eier nur verhältnißmäßig wenige
-zur Entwicklung.
-</p>
-
-<p>
-Der Fang solcher Riesenschildkröten, der in mondhellen Nächten
-ausgeführt wird, ist nicht so ganz ungefährlich, gewandt und schnell
-muß man dabei verfahren, das Thier von der Seite am Panzer
-zu fassen suchen und es auf den Rücken werfen. Um nicht durch
-Bisse oder die scharfen Krallen verwundet zu werden, bedienen
-sich die Eingebornen gewöhnlich bei großen Thieren starker Stöcke,
-die sie unter den Brustpanzer schieben und so das Thier umzuwerfen
-versuchen, das auf ebenen Boden dann unfähig ist, sich wieder umzuwälzen
-und zu entkommen.
-</p>
-
-<p>
-Bei Gelegenheit meiner zweiten Anwesenheit auf Ujelang
-wurde einer großen Schildkröte nächtlicherweile aufgelauert, deren
-Brutstätte bekannt geworden war, es gelang uns wirklich, das
-mächtige Thier abzufangen. Nachdem das Thier mit schweren
-Knütteln getödtet war, wurde ihm der Brustpanzer mit scharfen
-Messern abgelöst; neben dem fetten wohlschmeckenden Fleische fanden
-wir 140 reife Eier vor, die kugelrund und mit einer weichen,
-lederartigen Schale umgeben sind. Letztere werden als besondere
-Leckerbissen angesehen, doch fand ich, daß sie, gekocht oder gebraten,
-einen etwas strengen Geschmack haben; wenn auch sehr nahrhaft,
-so sind sie doch nicht frischen Hühner- oder Enteneiern gleichzustellen.
-Diese Schildkröte wog etwas über 500 Pfund, doch
-waren auf Ujelang schon größere und schwerere gefangen worden.
-Zieht man bei solchen Thieren ihr langsames Wachsthum in Betracht,
-so müssen solche Meerbewohner ein hohes Alter erreichen.
-</p>
-
-<p>
-In keinem Atoll habe ich so viele ausgedehnte Riffpatschen
-gefunden wie gerade hier, deshalb hat das Hindurchwinden mit
-einem Schiffe seine Schwierigkeit, ehe man von der Hauptdurchfahrt
-aus die Insel Ujelang erreicht. Mir fehlte es stets an Zeit und
-Gelegenheit nachzuforschen, ob die Angaben der Bewohner, im
-Westen der 12 Seemeilen langen Lagune steigen zeitweilig heiße
-Dämpfe auf, wahr seien, was auf vulkanische Thätigkeit schließen
-<span class="pagenum"><a id="Page_114" name="Page_114" href="#Page_114">[114]</a></span>
-lassen würde. Daß solchen Angaben etwas Richtiges zu Grunde
-liegen müsse, daran zweifelte auch der deutsche Händler nicht, besonders
-deshalb, weil die Bewohner nur ungern den westlichen
-Theil der Lagune aufsuchten; hat dort jedoch wirklich eine unterseeische
-Kraft sich geäußert, so liegt ein stattgehabter Ausbruch doch
-jedenfalls eine Reihe von Jahren zurück.
-</p>
-
-<p>
-Von Ujelang segelte ich geradewegs nach Kusai zurück, holte
-dort die 16 vertriebenen Gilbert-Insulaner ab und brachte sie mit
-ihrem Boote nach Jaluit, von wo sie später mit einem anderen
-Schiffe in ihre Heimath zurückbefördert wurden.
-</p>
-
-<p>
-Es war gegen Ende des Jahres 1886, als ich von der
-Karolinengruppe zurückkommend Kusai auf dem Rückwege anzulaufen
-hatte, um dort vom Könige Georg eine alte Schuld einzufordern,
-die aus einem Quantum von 20000 Pfund Kopra bestand.
-Ich lag allein im Lela-Hafen und weilte gerade auf dem
-höchsten Punkte der Insel, Nin-moschon, als von Eingebornen der
-Ruf erscholl ein „Schiff in Sicht“. Wirklich kam von Norden
-mit schneller Fahrt ein in diesen Gewässern nicht oft gesehenes
-Fahrzeug, ein Dampfer, heran. Als dieser näher gekommen war,
-erkannte ich ein deutsches Kriegsschiff, das dem Anscheine nach im
-Lela-Hafen einlaufen wollte. Ehe ich aber vom Berge herab an
-Bord meines Schiffes gelangen konnte, hatte es vor der Einfahrt
-beigedreht und nur ein niedergeführter Kutter nahte sich mit raschen
-Ruderschlägen. Das Boot fuhr geradezu zum Hause des Königs,
-es landete ein Offizier mit mehreren der Bootsbesatzung und, noch
-erstaunt, was der plötzliche Besuch zu bedeuten habe, sah ich bald
-nach kurzer Verhandlung mit dem Könige und den Häuptlingen,
-wie mit kräftigen Axtschlägen das deutsche Protektoratsschild niedergeschlagen
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Für uns Deutsche in dieser weltentlegenen Inselwelt, die
-stets der Ansicht waren, daß die einmal gehißte stolze deutsche
-Flagge nimmermehr würde niedergeholt, die reichen Karolinen-Inseln
-für alle Zukunft ein Theil des deutschen Reiches bleiben würden,
-war die unerwartete Rückgabe derselben an ein Volk, das sich nie
-um den beanspruchten Besitz und um sein zweifelhaftes Recht gekümmert
-hatte, ein harter Schlag. Wie auf Samoa, so mußten
-auch hier die Deutschen ihr kühnes Hoffen, auf deutschem Grund
-und Boden zu streben und zu ringen, so bald zu Grabe tragen.
-Ja, was ich später erfuhr, auf Ponapè haben die weißen Händler,
-als das Niederholen der Flagge angekündigt war, trauernd am
-Fuße des Flaggenmastes auf Lungur-Eiland gestanden und über
-sich die Flagge halbstocks wehen lassen, aus Leid darüber, daß die
-lange, friedevolle Zeit vorüber, daß ein Volk, dessen Ansprüche
-keiner begreifen konnte, fortan hier herrschen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Und es kam der gefürchtete Kampf, furchtbar und ernst, verhängnißvoll
-für die, welche ein freies unabhängiges Volk geknechtet,
-<span class="pagenum"><a id="Page_115" name="Page_115" href="#Page_115">[115]</a></span>
-das noch nie den Weißen hatte gehorchen gelernt, unheilvoll auch
-für die, die Jahrzehnte schon in Frieden hier gelebt hatten.
-</p>
-
-<p>
-Der kommandirende Offizier kam später zu mir an Bord und
-ich vernahm die traurige Nachricht, daß von nun an die Karolinen-Inseln
-unter spanischer Oberhoheit gestellt seien. Nach kaum zwei
-Stunden zog der „Albatros“, der auf allen Inseln die deutsche
-Flagge niedergeholt hatte, seines Weges weiter, und das, was
-wir Deutsche mit Stolz unser genannt, es war dahin! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Noch am selben Abend besuchte ich den König, um das Nähere
-wegen der Einschiffung der Ladung mit ihm zu verabreden, doch
-kam ich jetzt bei diesem schön an, er weigerte sich entschieden, die
-Schuld zu bezahlen, unter dem Vorwand, er stünde nicht mehr
-unter deutscher, sondern spanischer Protektion. Eine Verständigung
-über den streitigen Punkt war nicht möglich, der sonst immer freundlich
-und entgegenkommende König kehrte plötzlich ganz andere Seiten
-heraus, mir blieb nichts übrig, als die Forderung fallen zu lassen
-und unverrichteter Dinge abzusegeln. Aber daß der König und
-seine Häuptlinge ein volles Verständniß von dem Protektoratswechsel
-gehabt haben, bezweifele ich &mdash; doch wie so bald sollten
-sie den Unterschied kennen lernen.
-</p>
-
-<p>
-Dahin war die Zeit friedevoller Ruhe, dahin die Zeit, wo
-wir Weiße sicher in den Hütten der Eingebornen aus- und eingehen
-konnten, der besten Gastfreundschaft, des Schutzes und der
-Führung gewiß. Was die neuen Herren ihnen angethan, das
-reizte sie zur hellen Empörung, weckte die schlummernde Rache,
-und nicht diese allein sollten dem Verderben geweiht werden, sondern
-auch alle Fremden, weiße oder braune.
-</p>
-
-<hr class="chapend" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-VI. Der Aufstand und Kampf auf Ponapè.
-</h2>
-</div>
-
-<p>
-Schnell, als wollten die Spanier sich ihres neuen Besitzes
-auf alle Fälle sichern, und was sie in Jahrhunderten versäumt
-hatten, jetzt plötzlich nachholen, entfalteten sie ihre Macht auf allen
-Mittelpunkten d. h. auf den Inseln Yap, Ruck, Ponapè und anderen.
-Wenig Rücksicht nahmen sie auf die Gefühle bisher ganz
-unabhängiger Stämme, sie führten jene bekannte Gewaltherrschaft
-ein, durch welche Spanien im Laufe der Zeiten sich um seine blühendsten
-Kolonien gebracht hat. Durch Militär- und Priesterherrschaft
-sollte die Kultur dem freien Volke aufgedrängt werden.
-</p>
-
-<p>
-Da den Eingebornen keine Zeit gelassen ward sich allmählich
-an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen, so fühlten sie den ihnen
-auferlegten Zwang doppelt hart. Die Strenge, die angewendet
-wurde, sie zum Gehorsam und zur Ergebenheit zu zwingen empörte
-sie; Wege und andere Bauten auszuführen, wie sie es für die
-langansässigen, amerikanischen Missionare freiwillig gethan, weigerten
-<span class="pagenum"><a id="Page_116" name="Page_116" href="#Page_116">[116]</a></span>
-sie sich, sie fügten sich auch nicht gutwillig der Forderung, umsonst
-schwere Tagesarbeit zu leisten. Grollend zogen sich die Eingebornen
-zurück, im Herzen Wuth und Rache schnaubend. Ganz sorglos
-müssen die Spanier gewesen sein, oder sie haben gar zu gering
-einen möglichen Widerstand geachtet, sonst hätten sie den Anzeichen
-eines kommenden Sturmes, der warnenden Stimme eines hier ansässigen
-spanischen Abkömmlings von der Insel Guam, Manuel de
-Tores, mehr Beachtung geschenkt.
-</p>
-
-<p>
-So nahte das Verhängniß, durch Gewalt und Ungerechtigkeit
-heraufbeschworen. Die beleidigten Häuptlinge, der zumeist betroffenen
-Bezirke im Norden von Ponapè, nämlich Jokoits, Nut,
-Mants, Tohuak und andere, sammelten ihre Schaaren, und es
-wurde beschlossen die Spanier einfach aus dem Lande zu jagen.
-Festgesetzt als Tag der Rache wurde der vierte Juli 1887; also
-nach nur wenigen Monaten hatten die Spanier sich schon so verhaßt
-gemacht, daß die Eingebornen verzweifelt zu den Waffen
-griffen und sich ihre Freiheit um jeden Preis erkaufen wollten.
-</p>
-
-<p>
-Gegenüber der Insel Lungur, der deutschen Station, nach
-Süden am festen Lande war das spanische Regierungsgebäude errichtet
-worden und war in gewisser Hinsicht durch die Kanonen
-der im Hafen liegenden spanischen Korvette „Maria de Melina“
-gedeckt, obwohl 130 Soldaten, meistens Malayen von den
-Philippinen-Inseln, als persönliche Bedeckung dem Statthalter zur
-Verfügung standen.
-</p>
-
-<p>
-Am 1. Juli 1887 (vorher war schon manche Versammlung
-der Eingebornen verboten und zersprengt worden) sandte der
-Statthalter zum gleichen Zwecke eine Abtheilung unter den Offizieren
-Don Ricardo Martinez und Don Alferes ab, um abermals eine
-große Versammlung aufzulösen, auch hatten die Führer wohl den
-Auftrag, den Häuptling des Bezirks mit sich zu bringen. Auf
-welcher Seite nun die Schuld gewesen, das bleibe dahingestellt;
-die Eingebornen sagen, wie mir später ein Theilnehmer erzählte,
-die Spanier hätten auf sie gefeuert, wenn dies der Fall gewesen,
-so war es das Signal für die zu hunderten versammelten Bewohner,
-den Kampf schon jetzt zu eröffnen.
-</p>
-
-<p>
-Wer diese Schluchten und Berge gesehen, die oft mit undurchdringlichem
-Gebüsche bewachsen sind, worin jedes Felsstück
-jeder Baum einen Hinterhalt bietet, kann sich denken, daß ein
-Widerstand gegen diese einsichtigen, gut bewaffneten Bewohner
-vergeblich war.
-</p>
-
-<p>
-In kurzer Zeit endete der Kampf mit der gänzlichen Vernichtung
-der Spanier, auch der den Eingebornen auf Ponapè und
-uns Weißen so wohl bekannte Dolmetscher Manuel de Tores fiel;
-ihm, einem langjährigen, mit allem wohl vertrauter Händler, war
-bittere Rache zugeschworen worden, weil er sich in die Dienste der
-Spanier gestellt; er wurde buchstäblich in Stücke gehauen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_117" name="Page_117" href="#Page_117">[117]</a></span>
-Nur zwei verwundete Malayen entkamen dem Blutbade und
-brachten die Schreckenskunde von der Niedermetzelung der Abtheilung
-zum Fort. Zur Stunde, als im Fort noch nichts über
-diese Vorgänge bekannt geworden, weilte der Vertreter der deutschen
-Plantagen-Gesellschaft Herr Ruß beim Gouverneur, der ihn zu sich
-gebeten, um über die gefährliche Lage, die keinem unbekannt geblieben,
-zu berathen; auch sollte Herr Ruß so viele Gewehre und
-Schießbedarf übersenden, als er irgend entbehren konnte. Da traf
-die schlimme Kunde ein. Herr Ruß übernahm es, dem Kommandanten
-des Kriegsschiffes die traurige Botschaft zu bringen, deren
-Tragweite keiner ermessen konnte, und der ersucht wurde die nothwendigen
-Maßregeln sofort zu treffen; Herr Ruß aber fuhr zu
-seiner Station und übersandte dem Gouverneur das Gewünschte.
-</p>
-
-<p>
-Die Eingebornen, durch den ersten Erfolg kühn gemacht,
-und längst vorbereitet, den verderblichen Schlag zu führen, stürmten
-nun bald zu tausenden nach dem Fort, und umstellten es so, daß
-kein Entkommen mehr möglich war. Ihre Führer waren der
-Häuptling Lab in Nut und Nanamariki von Jokoits.
-</p>
-
-<p>
-Der Kommandant der „Maria de Melina“ führte sofort,
-auf die ihm gewordene Nachricht, fast seine ganze Besatzung (nur
-28 Mann blieben an Bord zurück), in sämmtlichen Boten dem
-Statthalter zu Hilfe, aber die flinken Eingebornen hatten das Fort
-schon umzingelt und warteten im sichern Hinterhalt nur, so lange
-bis alle Boote in Schußweite gekommen, um die Besatzung niederschießen
-zu können.
-</p>
-
-<p>
-Kein Einziger der Offiziere und Soldaten kam mit dem
-Leben davon, die meisten lagen alle todt in ihren Booten und die,
-welche schwimmend sich zu retten suchten, traf die tödtliche Kugel
-im Wasser. Die Gemahlin des Kommandanten, die sich an Bord
-befand, wurde durch solchen Anblick tief erschüttert und vor Angst
-wahnsinnig. Der überraschende Erfolg mochte wohl die Aufständigen
-stutzig gemacht haben oder sie waren über die Zahl der
-Besatzung der „Melina“ ungenügend unterrichtet, denn sie führten
-ihren Plan, das Schiff zuerst zu nehmen, nicht aus. Wären sie
-gleich in der entstandenen Verwirrung mit ihrer Uebermacht vorgegangen,
-würde es ihnen ein leichtes gewesen sein das Schiff
-zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-So aber langwierige Berathungen pflegend, ließen sie den
-Ueberlebenden an Bord Zeit, sich so zu verschanzen, daß ein Angriff
-auf das Schiff nur unter schweren Verlusten noch möglich war.
-</p>
-
-<p>
-Das Boot, welches Herr Ruß von Lungur mit Waffen und
-Munition abgesandt, wurde auf dem Wege zum Fort angehalten
-und weggenommen, dadurch bekamen die Häuptlinge den Beweis
-in die Hände, daß der angesehenste aller Händler auf Ponapè
-die Spanier unterstützt hatte; deshalb beschlossen sie, auch die
-<span class="pagenum"><a id="Page_118" name="Page_118" href="#Page_118">[118]</a></span>
-Deutschen, welche auf ihrer Station bisher nicht gefährdet waren,
-nieder zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Noch aber war das Fort erst umschlossen, in welchem eine
-kleine Schaar sich vorbereitete, ihr Leben so theuer als möglich zu
-verkaufen. Hätten die Feinde es unternommen am Tage die leichte
-Feste zu nehmen, wären die Eingeschlossenen nicht ungerächt gefallen,
-so aber wählte der verschlagene Feind die Nacht zum Angriffe,
-und nahm den größten Theil der Befestigungen ein, nur
-wenige der Eingeschlossenen sahen den neuen Morgen wieder, doch
-auch diese kleine Zahl sank vom tödtlichen Blei getroffen, ehe aufs
-Neue Dunkelheit die Erde deckte.
-</p>
-
-<p>
-Einen letzten verzweifelten Ausfall mit denen die die
-Schreckensnacht überstanden hatten, unternahm der Statthalter am
-2. Juli. Priester und Klosterbrüder voran, verließen alle die unhaltbare
-Feste, um sich zum Strande durchzuschlagen, aber der
-hinter Stein und Baum gedeckte Feind mähte fast alle bis auf
-die durch ihre Kleidung kenntlichen Priester nieder. Nur der
-Statthalter mit wenigen erreichte den Strand, fand aber den Tod
-mit den letzten Getreuen, ehe er ein rettendes Boot erreichen
-konnte, und wurde, ebenso wie der Dolmetscher de Tores, in
-Stücke gehauen.
-</p>
-
-<p>
-Später sah ich selbst die Klosterbrüder, die keine Waffe geführt
-und deshalb unbelästigt das Schiff erreicht hatten, an Bord
-der „Melina“, und ich muß sagen, auf ihren bleichen Gesichtern
-waren noch nicht alle Spuren jener schrecklichen Tage und Stunden
-verwischt.
-</p>
-
-<p>
-Der Eingeborne scheut den offenen Kampf, seine liebsten
-Waffen sind Verschlagenheit und List. Das bewies auch die Botschaft,
-welche die Häuptlinge am 2. Juli nach Lungur sandten,
-die die Zusicherung enthielt, den Deutschen würde nichts geschehen.
-Wenn die Spanier alle todt wären, wollten sie kommen und die
-deutsche Flagge wieder aufhissen, es solle wieder so wie früher
-sein. Doch aus anderen Nachrichten, welche überbracht wurden,
-war mit Sicherheit zu schließen, daß alles nur ein Vorwand wäre,
-sogar, daß der Häuptling Lojap auf Lungur schon Befehl erhalten
-hätte, die Station zu nehmen, keinesfalls aber die Umschlossenen
-fliehen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Um das zu verstehen, muß man die Sinnesart der Eingebornen
-berücksichtigen, Verschwiegenheit, auf die bei einem planmäßigen
-Vorgehen gegen Feinde alles ankommt, kennen sie nicht,
-sie verrathen sich und ihre Absichten selbst. So soll es auch ein
-offenes Geheimniß gewesen sein, daß am 4. Juli ein Ueberfall
-auf die Melina geplant war, der den Aufstand einleiten sollte;
-sie wollten wie sonst mit Tauschgegenständen an Bord fahren,
-nur in größerer Zahl, und im gegebenen Augenblick die ahnungslose
-Besatzung überwältigen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_119" name="Page_119" href="#Page_119">[119]</a></span>
-Wären sie so vorgegangen, so hätten die Spanier unverzeihlich
-sorglos sein müssen, wenn sie nicht im Kampfe Sieger geblieben
-wären und die unbewaffneten Eingebornen von Bord
-geschlagen hätten. Dann hätte der Aufstand auch einen ganz
-anderen, für die Spanier sicher vortheilhafteren Ausgang genommen;
-ihr Verderben war jene erzwungene Auflösung der am
-1. Juli stattgehabten Versammlung.
-</p>
-
-<p>
-Wie vorbereitet der Aufstand war, ist daraus zu schließen,
-daß selbst die Bewohner der Inselgruppe Parkim, die 26 Seemeilen
-von Ponapè in WNW.-Richtung gelegen ist, sich daran
-betheiligen wollten und alle Vorbereitungen trafen, zum bestimmten
-Tage auf Ponapè einzutreffen.
-</p>
-
-<p>
-Der deutsche Händler auf jenen Inseln Namens Schmidt,
-fuhr aber unauffällig, wie schon sehr oft, als wüßte er nichts von
-allem, in der Nacht zum 2. Juli ab und traf mit seinem Boote
-und seiner Familie auf Lungur ein, gerade als Herr Ruß die bedenkliche
-Botschaft der Häuptlinge empfangen hatte. Jetzt zu
-dreien auf der Station mit einer Anzahl nicht einheimischer Arbeiter
-beschlossen diese, wenn möglich, die Station zu halten. Doch am
-nächsten Tage wurde ihre Lage sehr ernst, nach vollbrachter Niedermetzelung
-der Spanier, sammelten sich die Aufständigen, um den
-Deutschen dasselbe Schicksal zu bereiten. Alle anderen Händler
-auf Ponapè in den verschiedenen Häfen als Mants, Kiti und
-anderen ansässig, waren gleich auf die Nachricht hin, die Spanier
-seien alle gefallen mit ihren Booten auf die weite See entflohen,
-mit Recht befürchtend, sie würden demselben Schicksal und der
-Rache der Eingebornen verfallen, die jetzt, bis auf die amerikanischen
-Missionare, jeden Fremden tödten wollten und sich bemühten,
-völligen Kehraus zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Daß der Häuptling Lojap allein nicht einen Angriff auf die
-deutsche Station unternommen hatte, lag daran, daß er wußte,
-wie gefährlich im offenen Kampf die Waffe in der Hand der
-Deutschen war und, daß sie die Drohung, auf jeden, der sich nähern
-würde, zu feuern, wahr machen würden. Hatte er doch häufig
-genug unsern Schießübungen beigewohnt, wenn wir auf bewegtem
-Wasser Flaschen oder andere Gegenstände zerschossen und selten
-nur das Ziel verfehlten.
-</p>
-
-<p>
-Die Häuser der Station, nur aus Holz erbaut, waren freilich
-insofern ein ungenügender Schutz, als jede Kugel die schwachen
-Wände durchschlagen mußte und so war die erste gemeinsam durchwachte
-Nacht aufregend genug, da die Umschlossenen wohl bemerkten,
-wie die Feinde zu ihrer Orientirung umherschlichen, ohne
-jedoch zum Angriff überzugehen.
-</p>
-
-<p>
-Jene erwähnte Eigenschaft der Eingeborenen, nichts geheim
-halten zu können, versetzte die Eingeschlossenen in die Lage, durch
-Kundschaft die Absichten ihrer Feinde kennen zu lernen und zwar
-<span class="pagenum"><a id="Page_120" name="Page_120" href="#Page_120">[120]</a></span>
-wurde die Frau des Händlers Schmidt, eine Eingeborene von
-Ponapè am nächsten Morgen ausgesandt, um sichere Nachrichten
-einzuholen. Dieselbe brachte denn auch die Gewißheit, daß in der
-kommenden Nacht der erwartete Angriff würde ausgeführt werden
-&mdash; die Eingeborenen sammelten sich am Ostende der Insel Lungur.
-</p>
-
-<p>
-Dem gewissen Tode zu entgehen gab es jetzt nur noch eine
-Möglichkeit &mdash; es mußte versucht werden, mit den Booten die
-offene See zu erreichen, und wenn das gelungen war, dem Schicksale
-vertraut werden. Die drei Deutschen, zwar bereit zu kämpfen,
-hatten doch aber auch Weiber und Kinder zu schützen und sahen
-wohl ein, daß es ein Unding sei, die große Station gegen eine
-hundertfache Uebermacht zu halten. Darum wurden so geheim als
-möglich alle Vorbereitungen getroffen, um mit der hereinbrechenden
-Dunkelheit die Flucht zu wagen.
-</p>
-
-<p>
-Da die deutsche Station ziemlich frei gelegen war, konnte
-ungesehen so leicht keiner herankommen, auch war es möglich, mit
-Schußwaffen alle Seiten zu bestreichen. So führten denn die
-Arbeiter ungehindert die Aufträge ihres Herrn aus und brachten
-so unauffällig als möglich Lebensmittel u. s. w. zum Werfthause
-und legten Bootsgeschirr, Segel und Ruder bereit.
-</p>
-
-<p>
-Aber trotzdem wurde dies alles doch vom Feinde bemerkt
-und die Absicht erkannt. Da die Werft ganz links von der
-Station lag, so konnte nicht bemerkt werden, wie einige durchs
-Gebüsch und durchs Wasser längs derselben sich hinschlichen und
-sämmtliche Boote, drei an Zahl, losschnitten und treiben ließen.
-Die Bedrängten, die nun ihre letzte Hoffnung schwinden sahen,
-setzten, als der Vorgang gleich darauf bemerkt wurde, alles daran,
-die Boote wieder zu erhalten und einige Arbeiter, tüchtige
-Schwimmer, brachten denn auch nach vieler Mühe zwei derselben
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-Die Boote wurden nun auf dem Riffe gegenüber der
-Station im Bereich der Waffen festgelegt, aber da man nicht
-daran gedacht hatte, daß sie mit der ablaufenden Ebbe festkommen
-mußten, so kostete es viel Zeit und Mühe, als um 8 Uhr Abends
-alles bereit war, nur eins der Boote wieder abzubringen, und
-dieses, zum Ende der Werft gerudert, sollte dort bemannt werden.
-Mit größter Vorsicht wurden die Frauen und Kinder dorthin gebracht,
-die Männer trugen Geld, Bücher und Waffen hin und
-fast schien es, als würden sie unbelästigt entkommen. Herr Ruß
-aber, der als der letzte das Wohnhaus verschloß und zwei Behälter
-mit Trinkwasser dann zum Boote schleppen wollte, wurde
-von einem Kundschafter gestellt und angehalten, der schnell erkennend,
-was hier vorging, seine Genossen durch einen lauten Ruf
-herbeizulocken suchte.
-</p>
-
-<p>
-Wie groß die Gefahr, sah Herr Ruß schnell ein, er setzte
-also die Behälter schnell nieder, und zwang mit gezogenem Revolver
-<span class="pagenum"><a id="Page_121" name="Page_121" href="#Page_121">[121]</a></span>
-den Verräther, der unbewaffnet war, dies Wasser selber in
-schnellster Gangart zum Boote zu tragen. In größter Eile wurde
-darauf ins Boot geworfen, was zur Hand war, vor allem
-Korallensteine aus der Werft gerissen, um das Boot zu beschweren,
-dann sprangen die Nahestehenden hinein und losgeschnitten trieb
-das Boot in die Nacht hinaus. Die meisten der Arbeiter, die
-zurückbleiben mußten, sprangen seitwärts auf das Riff und flohen
-strandaufwärts.
-</p>
-
-<p>
-Keine Minute zu früh waren die Flüchtlinge entkommen,
-denn von allen Seiten stürmten die Feinde heran; schnell folgten
-flinke Kanoes den Fliehenden, die aber den Vorsprung ausnutzend
-und mit rasch entfaltetem Segel vor dem Winde laufend, durch
-die Riffenge die offene See gewannen, wo im bewegtem Wasser
-kein Kanoe ihnen mehr zu folgen vermochte.
-</p>
-
-<p>
-Man könnte fragen, warum die Deutschen sich nicht auf die
-„Maria de Melina“ geflüchtet haben. Solcher Versuch aber
-wäre wohl fehlgeschlagen, denn die Spanier hätten höchst wahrscheinlich
-auf das in der Dunkelheit sich nähernde Boot Feuer
-gegeben. So würden sie den Feinden entronnen, von Freunden
-niedergeschossen worden sein. Auch war ihnen bekannt, daß in
-dieser Nacht der Versuch gemacht werden sollte, die so schwach
-vertheidigte Korvette zu nehmen. Daß dieses unterblieb, das
-hatte die schwache Besatzung der geglückten Flucht der Deutschen
-zu danken, denn da diese nun den Händen der Aufständigen entgangen
-waren, so wurde die Unschlüssigkeit unter den Häuptlingen
-wieder groß, die vermeiden wollten, daß über die Vorgänge auf
-Ponapè irgend welche Nachricht verbreitet würde. Sobald die
-Deutschen die freie See gewonnen und keine Verfolgung mehr zu
-befürchten war, wurde beschlossen nach der 75 Seemeilen von
-Ponapè in Südwest-Richtung liegenden Inselgruppe Ngatik zu
-segeln, dem nächsten Land außer Parkim. Sie wurden aber
-durch die Verhältnisse gezwungen diesen Plan aufzugeben, denn
-wie gut nämlich auch alles vorher bedacht und überlegt worden
-war, in der Hast war im letzten Augenblicke nicht darauf geachtet
-worden, was in das Boot hineingeworfen wurde und nun stellte
-sich, als auf bewegtem Meere eine Untersuchung vorgenommen
-wurde, zum allgemeinen Schrecken heraus, daß nur sehr wenig
-Mundvorrath im Boote war.
-</p>
-
-<p>
-Es blieb also nichts übrig, als den Kurs nach Parkim zu
-nehmen, wo es vielleicht noch möglich war, aus dem Hause des
-Händlers Lebensmittel zu holen, sofern die Eingeborenen
-es noch nicht erbrochen und ausgeraubt hatten. Der frische
-Wind trieb das schnelle Boot durch die Wogen und schon
-nach Mitternacht fanden die Flüchtlinge sich in der Nähe der
-Station. Hier ließen Ruß und Schmidt ihr Boot mit seinen Insassen
-zurück und gingen mit einigen Leuten auf Kundschaft aus;
-<span class="pagenum"><a id="Page_122" name="Page_122" href="#Page_122">[122]</a></span>
-der dritte Deutsche und ein Eingeborener von Guam (Marianen-Archipel)
-San Jago, der mit den Deutschen alle Gefahren redlich
-theilte, blieben im Boote zurück und bewachten einen der Parkim-Leute,
-der zur Bootsbesatzung des Herrn Schmidt gehörte, und
-da ihm nicht zu trauen war, nicht freigelassen werden durfte.
-</p>
-
-<p>
-Was Eßbares noch im unversehrten Hause vorgefunden
-wurde (wenig genug war es), wurde so schnell und geräuschlos
-als möglich fortgeschafft, ebenfalls noch frische Kopra und zahlreiche
-Kokosnüsse. Alles ging gut, in früher Morgenstunde konnte
-wieder abgesegelt werden, um jetzt den Kurs südwärts nach Ngatik
-zu richten. Der gefangen gehaltene Mann wurde vorher frei gelassen,
-schon um einen Esser weniger zu haben, es waren ihrer im
-Boote doch genug.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein gefährliches Unternehmen. Die in dieser Jahreszeit
-eintretenden Windstillen, die unbekannten Meeresströmungen,
-sowie öfters sturmartige Böen von langer Dauer machten es mehr
-als zweifelhaft, ob es den Seefahrern überhaupt gelingen würde,
-so niedriges Land, wie die kleinen Koralleninseln es sind, aufzufinden;
-doch im schlimmsten Falle konnte man das hohe Land
-von Ponapè immer wieder aufsuchen, das bei klarem Wetter doch
-beinahe 60 Seemeilen weit sichtbar blieb.
-</p>
-
-<p>
-Mit dem seetüchtigen Boote war es auch nicht so sehr gefährlich
-große Strecken zu machen, dennoch mag ihnen allen nicht
-sonderlich zu Muthe gewesen sein, da keiner auf dem Ozean die
-Wege, die zu Land und friedlichen Menschen führten, kannte.
-</p>
-
-<p>
-So kam der Tag mit seiner Gluth, einsam zogen sie auf
-weitem Meere dahin &mdash; es kam die Nacht und brachte einen
-Gewittersturm, der sie weit aus ihrem Kurs verschlug &mdash; und
-wieder kam trostlos ein Tag für sie; nun wußte keiner mehr
-wohin, auf bewegtem Ozean irrten sie umher, kein Land in weiter
-Runde &mdash; die Inselgruppe Ngatik fanden sie nicht und mußten
-nun, um bloß zu wissen, wo sie sich befanden, nach Osten gegen
-den Wind aufkreuzen. Tage sahen sie kommen und gehen, bis
-endlich Ponapè wieder in Sicht kam.
-</p>
-
-<p>
-Der Insel nahe, erkannte Herr Ruß, daß sie sich an der Südseite
-von Ponapè befanden und wollte nun versuchen, in Kiti-Hafen
-einzulaufen, wo, wie er wußte, im Hause des dort ansässig
-gewesenen amerikanischen Händlers sich eine Seekarte befand, die,
-wenn noch vorhanden, ihnen wenigstens einen Anhalt bot, wo sie
-weiter Land finden könnten. Wohl erinnerte sich Herr Ruß, daß
-ich ihm den genauen Kurs nach Mokil, der nächsten östlich von
-Ponapè liegenden Insel, einst angegeben hatte, aber muthlos geworden,
-mit wenig Mundvorrath im Boote &mdash; Wasser hatten sie
-sich bei verschiedenen Regengüssen mit ihrem Segel aufgefangen &mdash;
-mochte keiner mehr zu einer neuen Irrfahrt rathen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_123" name="Page_123" href="#Page_123">[123]</a></span>
-Im Kiti-Hafen eingelaufen, bemerkten sie, daß die dortigen
-Bewohner, die längst das sich nahende Boot erkannt, die Absicht
-hatten, mit Kanoes ihnen den Weg zu verlegen, und nur mit
-genauer Noth entgingen sie zum zweiten Male ihren Verfolgern.
-Auf Ponapè durften sie also nirgends landen, sie segelten deshalb
-wieder nordwärts unter dem Außenriffe hin und suchten die Parkim-Inseln
-abermals auf.
-</p>
-
-<p>
-Ueberrascht, am Strande vor der Station das Boot des
-Herrn Schmidt zu finden, erfuhren sie bald, daß die auf Ponapè
-zurückgebliebenen Arbeiter noch in derselben Nacht, als sie selbst
-geflohen waren, dem Beispiel ihres Herrn gefolgt und das zweite
-Boot mit steigender Fluth vom Riffe frei gemacht hatten, um ihr
-Heil auf dem Meere zu suchen; ein ungewisses Schicksal zogen die
-Leute dem gewissen Tode von der Hand der erbitterten Feinde vor.
-</p>
-
-<p>
-Die Deutschen fanden die Hauptinsel gänzlich verlassen, die
-Eingebornen waren mit ihren Kanoes abgesegelt, nachdem sie die
-Station gänzlich ausgeraubt hatten, um sich am Aufstand auf
-Ponapè zu betheiligen. So konnten sie denn in Ruhe sich nach
-Lebensmitteln umsehen, sie fanden fast nur Kokosnüsse und Brotfrucht,
-doch gelang es ihnen auch noch einige Schweine zu schießen
-und Hühner einzufangen, die sie zubereitet mit sich nahmen.
-</p>
-
-<p>
-So ausgerüstet, wollte Herr Ruß zum zweiten Male versuchen
-Ngatik aufzufinden. Auf Parkim durften sie nicht bleiben;
-die siegestrunkenen Eingebornen hätten sie nach ihrer Rückkehr
-sicher nicht geschont. Sie segelten also mit beiden Booten wieder
-ab und vertrauten sich abermals dem Ozean an. Aber als der
-zweite Tag anbrach, fanden sie wieder kein Land &mdash; schon muthlos,
-zum Theil verzweifelt, wollten sie jetzt das Boot westwärts
-laufen lassen, auf gut Glück einem unbestimmten Schicksal entgegen
-gehen.
-</p>
-
-<p>
-Doch nur kurze Zeit hielten sie diesen Kurs, da entdeckte
-einer ihrer Leute, der auf den schwankenden Mast geklettert war,
-mit seinen scharfen Augen in weiter Ferne südwärts die Kronen
-hoher Palmenbäume über den im Sonnenlicht glitzernden Wogen,
-sein Ruf „Land, Land“ riß alle aus ihrer Versunkenheit empor &mdash;
-nach Stunden schon lag vor ihnen das ersehnte und so vergeblich
-gesuchte Ziel &mdash; hier wenigstens waren sie sicher vor ihren einst
-so guten Freunden, nun aber um so mehr erbitterten Feinden. &mdash;
-</p>
-
-<hr class="chapend" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-VII. Das Auffinden der Entflohenen.
-<br />Rückreise nach Samoa. Ende.
-</h2>
-</div>
-
-<p>
-Die geschilderten Vorgänge sind die wortgetreue Wiedergabe
-dessen, was mir die später Aufgefundenen erzählt haben und ich
-überzeugte mich selber davon, daß alle Angaben der Wahrheit entsprachen,
-<span class="pagenum"><a id="Page_124" name="Page_124" href="#Page_124">[124]</a></span>
-ja selbst, daß die Irrenden auf weitem Meer viel Härteres
-erduldet hatten, als sie zu berichten imstande waren.
-</p>
-
-<p>
-Von jenen Ereignissen auf Ponapè, insonderheit davon, daß
-ein Aufstand dort befürchtet wurde, ahnte auf den Marschall-Inseln
-Niemand etwas. Ich lag mit meinem Schiffe „Futuna“ bereit,
-in wenig Tagen über Pleasant-Eiland nach Ponapè abzusegeln,
-ebenso der deutsche Dreimast-Schooner „Brigitta“, der, wie bestimmt,
-mit mir zusammen dort eintreffen sollte. Es war am
-6. Juli um die Mittagsstunde, als, wie gewöhnlich, wenn ein
-Schiff in Sicht gekommen, das laute „Sail ho“ von den Eingebornen
-auf Jaluit gerufen wurde und von den hohen Schiffsmasten
-über die niedrige Insel hinweg auf den Ozean schauend,
-erkannte man bald, daß das Missionsschiff, der Dampfer „Morningstar“
-auf die Südostdurchfahrt von Jaluit abhielt. Doch wie sonst
-lief das Schiff nicht in den Hafen ein, sondern drehte bei und
-sandte nur ein Boot hinein, das geradewegs zum deutschen Reichskommissar
-fuhr und diesem wichtige Nachrichten überbrachte.
-</p>
-
-<p>
-Ohne Verweilen fuhr das Boot wieder ab; bald hatte sich
-die Kunde wie ein Lauffeuer verbreitet, auf Ponapè hätten die
-Eingebornen unter den Spaniern ein furchtbares Blutbad angerichtet,
-die deutschen und anderen Händler seien diesem zwar
-glücklich entronnen, irrten aber auf dem weiten Meere umher, dem
-sie sich in leichten Booten anvertraut hätten. Alle Schiffe, die in
-Ponapè einliefen, ließen die Bewohner nicht wieder fort, um zu
-verhindern, daß nach Westen den Spaniern Nachricht über den
-Aufstand gebracht würde.
-</p>
-
-<p>
-Welche Gefahr für die deutschen Stationen auf Ponapè
-entstanden war, ließ sich gar nicht beurtheilen, vielleicht war der
-ganze Handel auf dieser reichen Insel zerstört, vielleicht durch Vernichtung
-der Bauten und Güter, der Gesellschaft ein ungeheurer
-Schaden zugefügt worden.
-</p>
-
-<p>
-Leider war die mir gegebene Weisung, daß ich zuerst nach
-Pleasant-Eiland laufen sollte, nicht mehr zu ändern, so wurden
-denn schleunigst Waffen und Schießbedarf an Bord geschafft, damit
-wir, wenn nöthig, uns vertheidigen könnten. In aller Frühe des
-7. Juli verließ ich den Hafen von Jaluit mit der Weisung, die
-Reise nach Möglichkeit zu beschleunigen und, wenn ich Ponapè erreicht
-hätte, vorerst nach den Entflohenen zu suchen; in dem Hafen
-dort aber nicht eher einzulaufen, als bis ich mich vergewissert, ob
-solches ohne große Gefährdung für Schiff und Mannschaft geschehen
-könne.
-</p>
-
-<p>
-Nach Pleasant-Eiland, von welcher Insel ich eine beträchtliche
-Menge Kopra für die „Brigitta“ abzuholen und auf welcher
-ich auch viel Ladung, Güter und Holz, zu landen hatte, gelangte
-ich schon nach wenigen Tagen und kreuzte hier unablässig drei Tage
-und Nächte. Schon war am vierten Tage die Ladung zum größten
-<span class="pagenum"><a id="Page_125" name="Page_125" href="#Page_125">[125]</a></span>
-Theil an Bord gebracht, als der Wind plötzlich schwächer wurde,
-der Abstand von der Insel vergrößerte sich immer mehr und sah
-ich ein, daß ich gegen den Strom mich nicht mehr halten würde,
-deshalb Signale für den an Land befindlichen Geschäftsführer aufhißend,
-kam dieser schließlich ab; brachte jedoch den deutschen Händler
-ebenfalls mit, weil er mit diesem noch nicht alles Geschäftliche erledigt
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-In der Voraussetzung, der Wind würde wieder stärker werden,
-blieb der Händler auf Anrathen des Geschäftsleiters an Bord und
-ließ sein Boot zur Insel zurückfahren; aber die Hoffnung erwies
-sich als trügerisch, der Wind wurde ganz still und am nächsten
-Morgen war kein Land mehr in Sicht. Ob das Boot, da der
-Abstand zwischen Land und Schiff schon ganz beträchtlich gewesen
-war, die Insel wieder erreicht hat, darüber habe ich Gewisses nie
-erfahren können.
-</p>
-
-<p>
-Wie verhängnißvoll der Strom für die Insassen eines Bootes
-werden kann, zeigt folgender Vorfall, der sich im Jahre 1889 zutrug
-und den auf Pleasant-Eiland ansässigen Europäern, die mir persönlich
-wohl bekannt waren, nebst ihren Leuten das Leben kostete.
-</p>
-
-<p>
-Im Juli 1889 wurde im Bismarck-Archipel die Nachricht
-verbreitet, es seien auf der Insel Tatan drei Weiße und eine Anzahl
-Kanaken von den dortigen Eingebornen ermordet worden.
-Da S. M. Schiffe „Alexandrine“ und „Sophie“, im Bismarck-Archipel
-anwesend waren, unternahm die „Sophie“ es, nähere Erkundigungen
-einzuziehen und es bestätigte sich, daß zwar keine
-Europäer, aber sieben Eingeborne von Pleasant-Eiland, sowie zwei
-Frauen erschlagen waren, zwei Frauen aber noch lebten, von denen
-eine, ein junges Mädchen, Irivon mit Namen, ermittelt werden
-konnte und auf ihren Wunsch an Bord des Kriegsschiffes nach
-Matupi gebracht wurde.
-</p>
-
-<p>
-Der dort ansässige Vertreter der Firma Hernsheim &amp; Co.,
-Herr Thiel, der mehrere Jahre auf den Marschall-Inseln (Jaluit)
-gelebt hatte und die Sprache dieser Insulaner verstand, erfuhr aus
-dem Munde des Mädchens Folgendes:
-</p>
-
-<p>
-Sie selbst sei einst mit dem Schooner „Mangaribien“ (Kapt.
-Reiher) von Pleasant-Eiland nach Likieb gekommen und habe
-dort gearbeitet, später sei sie längere Zeit auf Jaluit thätig gewesen,
-dann aber, als sich Gelegenheit geboten, in ihre Heimath
-zurückkehren, habe sie sich mit noch drei anderen Weibern auf
-einem nach Pleasant-Eiland bestimmten Fahrzeuge eingeschifft.
-Als die Insel schon in Sicht war, sei dieses wahrscheinlich vom
-harten Strom gefaßt, und abgetrieben worden. Vorher aber sei
-noch ein Boot mit den Europäern von der Insel gekommen, die
-Waaren aufgekauft hätten; es waren dies die Händler Harris,
-van Been (ein Holländer) und Bair, begleitet von dem Häuptlinge
-Banegain und 6 Kanaken.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_126" name="Page_126" href="#Page_126">[126]</a></span>
-Diese nun hätten sie und die anderen Weiber zu ihrer
-Freude mit in das Boot genommen, doch wegen des zu starken
-Stromes, den zu überwinden die Mannschaft zu schwach gewesen,
-hätten sie die Insel nicht erreicht sondern wären drei Monate auf
-dem Ozean umher getrieben; das Leben hätten sie von den aufgekauften
-Lebensmitteln, Hartbrod und Reis gefristet. Nach entsetzlichen
-Leiden wären dann zuerst Bair, dann van Been, zuletzt
-Harris gestorben, wohl aus Mangel an Wasser. Längere Zeit
-nach dem Tode der Weißen wären sie an eine Insel angetrieben,
-auf der sie sich für den im Boote befindlichen Taback Kokosnüsse
-hätten kaufen wollen.
-</p>
-
-<p>
-Sie hätten auch Nüsse erhalten, darauf aber wären die
-Eingeborenen in das Boot gekommen und hätten mit Tomahawks
-die sieben männlichen Kanaken und zwei Weiber erschlagen. Sie
-selbst und ein Weib, Namens Bananie, waren ins Wasser gesprungen
-und weggeschwommen. Aus dem Wasser hätten die
-Eingeborenen Papilin und Mamalu sie gezogen und vor der
-Wuth der anderen dadurch gerettet, daß sie sie in ihre Hütten
-aufnahmen und zu ihren Frauen machten.
-</p>
-
-<p>
-In ähnlicher Weise wie das erwähnte Schiff war auch ich
-wieder von dieser Insel abgetrieben und hatte keine Aussicht schnell
-dorthin zurückzukehren, um wenigstens den Händler wieder abzusetzen;
-versuchte ich es, konnten Wochen hingehen, ehe es mir gelang,
-die Insel zu erreichen, was mit meiner Weisung, schnell
-nach Ponapè zu segeln, nicht zu vereinbaren war. Deshalb besann
-ich mich nicht lange, als jede Aussicht auf frischen Wind geschwunden
-war, sondern ließ das Schiff nordwärts vom schwachen
-Windhauch langsam durch die spiegelglatte See treiben, um aus
-dem widrigen Strom herauszukommen; viel nöthiger schien es
-mir, den von Ponapè Entflohenen Hilfe zu bringen, als unersetzliche
-Zeit zu opfern, um Pleasant-Eiland wieder aufzusuchen.
-</p>
-
-<p>
-48 Stunden waren hingegangen, als gegen Abend wie gewöhnlich
-die Pumpen untersucht wurden, weil das im Schiffe angesammelte
-Wasser ausgepumpt werden sollte. Da fand sich, daß
-über 3 Fuß Wasser im Schiffsraum war. Bald wurde es zur
-Gewißheit, daß wir uns auf einem leckenden Schiffe befanden,
-denn obgleich unablässig die Nacht hindurch gepumpt wurde, war
-erst gegen Morgen das Wasser bewältigt.
-</p>
-
-<p>
-Unter anderen Verhältnissen wäre es, wenn nicht die
-dringende Sorge um die von Ponapè geflüchteten Deutschen mich
-gezwungen hätte, die Reise fortzusetzen, meine Pflicht gewesen,
-wieder nach Jaluit zu segeln, da ich nicht wissen konnte, ob ich in
-der Folge mit der Mannschaft würde das Schiff halten können.
-So wurde der Kurs nicht geändert &mdash; aber es war, als sollten
-wir nicht vorwärts kommen, denn selbst in den äquatorialen
-<span class="pagenum"><a id="Page_127" name="Page_127" href="#Page_127">[127]</a></span>
-Gegenstrom gelangt, fanden wir wenig Wind und trieben eigentlich
-mehr nach Westen, als daß wir segelten.
-</p>
-
-<p>
-Die Ursache, daß das Schiff leck geworden, war der Seewurm
-gewesen, der an einer vom Kupfer entblößten Stelle nahe
-am Kiel zwei Planken durchfressen hatte. Dieser Wurm bohrt sich
-als unscheinbares Thierchen in das Holz hinein, wächst darin bis
-zur Fingerstärke, und wenn eine Planke ganz durchbohrt ist, genügt
-ein größeres Loch, das Schiff in ernstliche Gefahr zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Als ich im Januar 1887 das von Apia gekommene Schiff
-übernahm, wurde mir nicht bekannt gegeben, daß dieses vorher auf
-einer Reise nach der Gilbert-Gruppe in der Lagune von Tapetuea
-auf ein Riff gerathen war und dort wahrscheinlich am Kupfer
-Beschädigungen erlitten hatte; wären diese gleich in Apia in Stand
-gesetzt, d. h. das beschädigte Kupfer ausgebessert worden, so hätte
-das sonst so gute Schiff der Seewurm nicht durchfressen können.
-Doch es war geschehen und vorläufig nichts weiter zu machen, als
-durch ständiges Pumpen das Schiff über Wasser zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Es ist übrigens eine besondere Vorsicht nöthig, wenn man
-die nicht mit Kupfer oder Zink beschlagenen Fahrzeuge, wie Boote,
-aussetzen will, denn sehr zahlreich bohren sich diese kleinen Würmer
-ein und sind im Stande, Bootsplanken von ½ bis 1 Zoll Stärke
-schon nach mehreren Wochen völlig zu zerstören. Darum dürfen
-selbst mit Kohlentheer bestrichene Boote nie lange im Wasser liegen
-bleiben, sondern müssen stets aufs Land geholt werden, sobald sie
-außer Gebrauch gesetzt sind.
-</p>
-
-<p>
-Auch die Eingebornen im weiten Ozean auf jeder Insel befolgen
-diese Regel, ob ihre Kanoes klein oder groß sind, stets holen
-sie diese nach dem Gebrauche aufs trockene Land.
-</p>
-
-<p>
-Meine Absicht war, zuerst die Insel Mokil anzulaufen, da
-ich vermuthen konnte, daß dorthin die von Ponapè entkommenen
-Händler geflohen wären, oder wenigstens von mehreren der Versuch
-gemacht sein würde diese Insel zu erreichen, da es für sie dort
-eher möglich war, ein vorübersegelndes oder dort anlaufendes
-Schiff anzutreffen. Aber trotzdem, daß tagelang die Insel in
-Sicht war, konnte ich wegen Windstille doch nicht herankommen,
-und als endlich wieder leichter Wind aufsprang, war ich zu weit
-entfernt, so daß es besser war, geradewegs nach Ponapè zu laufen.
-</p>
-
-<p>
-Vor der Nordeinfahrt angekommen sah ich die „Brigitta“ im
-Hafen liegen, nicht weit entfernt vom spanischen Kriegsschiff, und
-als ich auch Boote zwischen beiden Schiffen verkehren sah, hielt ich
-jede Gefahr für ausgeschlossen und lief hinein.
-</p>
-
-<p>
-Die „Brigitta“, später von Jaluit abgegangen, hatte zwar
-leichten aber ständig guten Wind auf ihrem viel nördlicheren Kurse
-gefunden, hatte auch Mokil angelaufen und einige dorthin geflüchtete
-amerikanische Händler gesprochen, dieselben waren aber vollständig
-unwissend über das Schicksal der Deutschen. Das Schiff umsegelte
-<span class="pagenum"><a id="Page_128" name="Page_128" href="#Page_128">[128]</a></span>
-darauf Ponapè, lief nach Parkim und Ngatik, fand aber auf letzterer
-Gruppe die Geflüchteten nicht mehr vor. Diese hatten dort, entblößt
-von allen Mitteln, kaum ihr Leben fristen können und, als
-der Zeitpunkt gekommen, wo Herr Ruß ein Schiff erwarten konnte,
-daß von Jaluit nach Ponapè unterwegs wäre, hatte er es mit
-den Gefährten gewagt, ihm nach Mokil entgegen zu segeln.
-</p>
-
-<p>
-Dort angelangt hörte er, daß die „Brigitta“ vor kurzem ihn
-dort gesucht hätte und nochmals dieserhalb nach Ngatik gesegelt
-wäre. Da sich gerade günstige Gelegenheit bot schleunigst dem
-Schiffe zu folgen, nahm er einen Platz auf einem amerikanischen
-Schooner und ließ sich auf Ngatik, wo er sein zweites Boot zurückgelassen
-hatte, wieder absetzen. Aber auch hier kam er wieder zu
-spät an und mußte sich nun zum zweiten Male mit seinem Boote
-der trügerischen See anvertrauen. Doch als er abermals Mokil
-erreicht hatte, war die Brigitta, die ihn vergeblich gesucht, vor ihm
-zu dieser Insel zurückgekehrt, hatte sein großes Boot mitgenommen
-und war nach Ponapè weiter gegangen.
-</p>
-
-<p>
-Diese langwierigen und im offenen Boote nicht ungefährlichen
-Reisen hatte denn auch die Umherirrenden stark mitgenommen;
-vor allem hatte die seit langen Wochen schlechte Ernährung ihr
-körperliches Befinden schädlich beeinflußt. Doch nichts anderes
-blieb übrig, als nochmals dem Schiffe zu folgen; endlich wurde
-es an der Nordseite von Ponapè umhertreibend aufgefunden.
-</p>
-
-<p>
-Seit dem 2. Juli bis zu dem Tage, an welchem die deutschen
-Schiffe eingelaufen waren (ich traf etwa 36 Stunden nach der
-„Brigitta“ ein) war inzwischen ein spanischer Kriegsdampfer, der
-während des Aufstandes schon auf der Reise nach Ponapè gewesen,
-angekommen, hatte die fast verlassene „Maria de Melina“ neu
-besetzt und war dann mit der traurigen Nachricht von der Niedermetzlung
-der Garnison und der Schiffsbesatzung schnell nach Manilla
-zurückgedampft.
-</p>
-
-<p>
-Unter dem Schutze des jetzt wieder starken Kriegsschiffes
-konnten wir auf Lungur landen; doch wie verändert war dort
-alles! Wo einst schöne Wege, wucherten Gras und Unkraut, was
-in schönster Ordnung gewesen, war verfallen. Zwar hatten die
-Eingebornen die Station nicht zerstört, sondern nur erbrochen und
-Waffen und Munition herausgeholt, auch sonst mitgehen heißen,
-was ihnen nützlich schien, doch war der Schaden und die Zerstörung
-groß genug.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem die „Maria de Melina“ Verstärkung erhalten, eröffnete
-der neue Kommandant Jose de Concha sehr bald die Beschießung,
-alle im Bereiche der Geschütze liegenden Inseln und
-Ortschaften wurden unter Feuer genommen; doch, da diese eine
-ausrangirte Segelkorvette mit alten Vorderladern war, die ihren
-Ankerplatz nicht verlassen konnte, blieb die Beschießung so gut wie
-erfolglos.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_129" name="Page_129" href="#Page_129">[129]</a></span>
-Wie die Eingebornen erzählten und auch von anderer Seite
-verbürgt wurde, sind sie, sobald ein Geschoß eingeschlagen hingelaufen
-und haben, überzeugt von seiner Gefahrlosigkeit, den Zünder herausgerissen;
-der solches unternahm, dem gehörte dann auch das in
-dem Halbgeschosse enthaltene Pulver. Nur eine Kugel, die auf
-solche Weise erlangt wurde, platzte, als ein Verwegener die Lunte
-fassen wollte, und riß ihm beide Beine weg. So unglaublich dies
-auch klingen mag, so ist es doch wahrscheinlich, denn die jedenfalls
-längst nicht mehr zeitgemäßigen Geschütze und die ganz veralteten
-Geschosse waren zu einer erfolgreichen Beschießung nicht mehr
-geeignet.
-</p>
-
-<p>
-Der Verkehr mit den spanischen Offizieren, während unserer
-Anwesenheit auf Lungur, war recht freundlich, sie zeigten sich uns
-in jeder Weise gefällig, auch hatten sie keinen anderen Verkehr und
-konnten mit Sicherheit nur auf der Insel Lungur landen, da jedes
-Betreten der Hauptinsel selbst ihnen mit Waffengewalt von den
-Eingebornen verwehrt wurde. In welcher Weise die Spanier,
-wenn die erwartete Verstärkung von Manilla eingetroffen sei, vorgehen
-würden, darüber äußerte sich der Kommandant Jose de
-Concha folgendermaßen:
-</p>
-
-<p>
-Es sollten rund um Ponapè befestigte Stationen unter dem
-Schutze mehrerer dort stationirter Kriegsschiffe errichtet werden und
-würden dann tausend Mann genügen, bei allmählichem Vordringen
-die Aufständigen zu Paaren zu treiben. Namentlich sollten die
-Bezirke Jokoits, Nut, Aru, Mants und Tahunk gesäubert werden.
-Wären einmal die Eingebornen in das unwirthliche Innere der
-Insel getrieben, würden sie durch Hunger und Mangel an Schießbedarf
-genöthigt, bald genug zu Kreuze kriechen.
-</p>
-
-<p>
-Doch die Erwartungen, die dieser Kommandant gehegt, haben
-sich nicht erfüllt, Spanien konnte vorläufig solche Macht nicht entfalten
-und als diese später zur Stelle war, mußte es sich mit der
-Bestrafung der Hauptbetheiligten begnügen, denn inzwischen waren
-auch die Bewohner von Ruk und Yab in den Aufstand eingetreten,
-und bald versuchten auf der ganzen Gruppe der Karolinen im
-Osten wie im Westen fast gleichzeitig die kriegerischen Stämme, sich
-von dem ihnen auferlegten Zwange zu befreien.
-</p>
-
-<p>
-Es ist eine Eigenthümlichkeit der Spanier, daß sie so schnell
-zu strengen Maßregeln in neuerworbenen Ländern den Eingebornen
-gegenüber schreiten und immer geschritten sind und so wenig ihre
-Gebräuche und Sitten berücksichtigen. Und gerade auf den Karolinen
-war Gewalt am wenigsten angebracht, hier, wo diese Völker
-noch nie die Hand einer stärkeren Macht gefühlt, wo sie unabhängig,
-frei und zufrieden lebten.
-</p>
-
-<p>
-Unausgesetzte Kämpfe werden die Spanier, so lange diese
-Inseln in ihren Händen verbleiben, führen müssen, bis der letzte
-Rest dieses begabten Volkes dem Verderben geweiht ist, bis die
-<span class="pagenum"><a id="Page_130" name="Page_130" href="#Page_130">[130]</a></span>
-weiten blühenden Fluren, auf denen hundertfacher Segen die geringe
-Arbeit lohnt, Brandstätten und Trümmer geworden sind; die
-Spanier werden endlich Sieger bleiben, aber um welchen Preis!
-</p>
-
-<p>
-Die Kulturarbeit auf diesen Inseln wird ein ander Volk,
-wenn das jetzt dort lebende Geschlecht in seinem Heimathlande
-begraben und vergessen ist, zum späteren Segen vollbringen
-müssen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sobald beide Schiffe segelfertig waren, verließen wir die
-deutsche Station auf Lungur: Herrn Ruß nahm ich mit nach
-Jaluit, er durfte nicht zurückbleiben, über kurz oder lang wäre er
-doch der Rache der Eingebornen verfallen. Die „Brigitta“ steuerte
-westwärts nach Yab, wo sie vollständig verloren ging, mit der
-„Futuna“ aber ging ich nordwärts nach dem Providenz-Atoll.
-Obgleich das Schiff noch immer stark leckte, die Pumpen zu bestimmten
-Stunden bei Tag und Nacht stets in Betrieb gehalten
-werden mußten, so hatten doch tüchtige Taucher dem Schlimmsten
-durch Uebernageln eines Stückes Kupfer am Schiffsboden abgeholfen,
-und da ich auch u. A. für den einsam auf jenem Atoll
-lebenden Deutschen Proviant an Bord hatte, wo seit 8 Monaten
-kein Schiff erschienen war, hielt ich es für nothwendig auch dort
-noch einzulaufen.
-</p>
-
-<p>
-Von Ujelang segelte ich zurück nach Pingelap, einer zwischen
-Ponapè und Kusai liegenden Insel; dort holte ich mir von dieser
-eine neue Besatzung, Leute die ich mir erst auszubilden hatte,
-welche aber wegen geringerer Heuer eine Ersparniß ermöglichten,
-und kehrte von hier geradenwegs nach Jaluit zurück.
-</p>
-
-<p>
-Die „Futuna“ war in den Marschall-Inseln nicht auszubessern,
-darum beschloß der Vertreter der Gesellschaft, Herr Brandt,
-dieselbe nach Apia zu senden; doch mußten vorerst noch sämmtliche
-Stationen mit Handelsgegenständen versehen werden, und auf
-dieser langen Rundreise durch die Marschall-Gruppe lernte ich verschiedene
-mir noch nicht bekannte Atolle kennen.
-</p>
-
-<p>
-Was die Kulturfrage anbelangt, die das deutsche Reich auf
-diesen fernen Inseln besonders berücksichtigen muß, so kann ich
-erwähnen, daß die Ertragfähigkeit noch einer ganz bedeutenden
-Steigerung fähig ist, sofern der Sinn der einheimischen Bevölkerung
-für den Handel immer mehr geweckt und diese angeleitet wird,
-mehr zu erzielen als bisher, was darauf hinausläuft, die vielen
-brachliegenden Inseln mit Kokosbäumen zu bepflanzen. Dadurch
-würde nicht bloß ein greifbarer Vortheil erzielt, sondern auch
-der Gefahr vorgebeugt, daß die Wogen des Ozeans zeitweilige
-Zerstörungen auf diesen niedrigen Koralleninseln anrichten können.
-Findet doch jede hier wachsende Baumart, vornehmlich die Kokospalme,
-selbst auf steinigen Korallengrund, einen dankbaren Boden
-und gutes Fortkommen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_131" name="Page_131" href="#Page_131">[131]</a></span>
-Im Begriffe nach Samoa abzusegeln, mußte ich meinen
-Obersteuermann Kannegießer, der die Führung des Schooners
-„Ebon“ erhielt, welches Schiff dem König Kabua und Nelu gehörte,
-zurücklassen, und an seiner Stelle den Japanesen Kitimatu
-nehmen. Kannegießer, der auf den Marschall-Inseln seit jener
-Zeit verblieben ist, wurde 1894 auf der Insel Butaritari (Gilbert-Gruppe)
-von den Eingebornen dort, die im Verkehr viel unzugänglicher
-sind als die Marschall-Insulaner, ermordet. In den
-letzten Tagen des Jahres 1887 verließ ich Jaluit; gegen starken
-östlichen Wind aufkreuzend, hoffte ich östlich von der Gilbert- und
-Ellis-Gruppe nach Süden segeln zu können, fand aber noch nördlich
-vom Aequator wieder solchen starken Strom, daß ich gezwungen
-war, diesen Plan aufzugeben, und zwischen 8 bis 12 Grad nördlicher
-Breite fortan Ost zu gewinnen suchte.
-</p>
-
-<p>
-Oft genug hatte ich die Erfahrung gemacht, daß, während
-im südlichen Theil der Marschall-Inseln gutes Wetter vorherrschend
-war, im nördlichen zur Zeit des Nordost-Passates starke Winde
-wehten, so daß an den Gestaden der nördlichsten Atolle sich eine
-schwere See brach; ob die Annahme, jene Atolle sinken noch langsam,
-erwiesen ist oder nicht, steht dahin, soviel aber ist sicher, daß die
-nördlichsten Atolle wegen der immer weiter vordringenden See von
-ihren Bewohnern haben verlassen werden müssen und die wenigen
-noch über dem Meere liegenden Inseln heute unbewohnt sind.
-</p>
-
-<p>
-Auf 176 Grad westlicher Länge, nahe der Linie, die ich in
-wenig Stunden zu passiren erwarten konnte, sahen wir, als die
-Sonne in ihrer wunderbaren Schönheit über den endlosen Ozean
-aufgegangen war, plötzlich wenige Seemeilen voraus eine niedrige,
-unbewachsene und unbewohnte kleine Insel. Als wir näher gekommen
-waren und dieser auf der Westseite vorüberfuhren &mdash; ich
-hatte schon tags vorher weit nördlicher erwartet eine Insel zu sehen
-und war überrascht jetzt noch eine unerwartet in Sicht zu laufen
-&mdash; sah ich, daß nahe derselben eine große Menge Haifische umherschwamm,
-auf dem niedrigen Sande aber saßen abertausend Seevögel,
-die noch mit ihrer Morgentoilette beschäftigt sich erst in
-Schwärmen erhoben, als der ungewohnte Anblick des immer näher
-kommenden Schiffes sie aufscheuchte.
-</p>
-
-<p>
-Nicht das geringste war auf diesem öden Sand weiter zu
-entdecken, nur hin und wieder leuchteten im Sonnenstrahl weiße
-Flecken auf, es waren die angehäuften Ausleerungen der Seevögel,
-die in Schaaren noch saßen oder mit krächzendem Geschrei
-in der Luft umherschwirrten. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen,
-hier frische Eier in Mengen zu erhalten, doch sah ich nirgends
-an der Westseite flacheren Grund und erst ganz dicht heranzulaufen
-und danach zu suchen schien mir der Mühe nicht werth. So segelte
-ich weiter, zufrieden, daß die im direkten Kurs gelegene Insel erst
-am frühen Morgen in Sicht gekommen und nicht, als noch Dunkelheit
-<span class="pagenum"><a id="Page_132" name="Page_132" href="#Page_132">[132]</a></span>
-herrschte, von uns getroffen war, denn dann hätte sie uns
-und dem Schiffe verhängnißvoll werden können.
-</p>
-
-<p>
-Uebrigens war ich auf alle Möglichkeiten vorbereitet, wenn
-das schon stark leckende Schiff nicht mehr zu halten gewesen wäre
-&mdash; die Mannschaft konnte nichts weiter thun, als nur die Segel
-bedienen und unablässig jede halbe Stunde pumpen, &mdash; dann hätte
-ich dieses mit den bereit gehaltenen Booten, in denen für Wochen
-Mundvorrath und Wasser bereit lag, verlassen.
-</p>
-
-<p>
-Schon darum war ich soweit nach Osten aufgesegelt und
-suchte, als der Aequatorialstrom schwächer geworden, noch immer
-etwas Ost zu gewinnen, damit ich die Phönix-Gruppe durchschneiden
-oder in Lee von mir zu liegen hatte. Wäre auch keine
-große Gefahr damit verbunden gewesen, mit den guten Booten
-auf freiem Meer vor dem Winde zu segeln und Land zu suchen,
-so wäre solche Fahrt für zwei Frauen, Samoanerinnen, die ich
-als Fahrgäste an Bord hatte, doch recht unangenehm geworden.
-</p>
-
-<p>
-Die Walfischfänger, die in früheren Jahrzehnten so zahlreich
-diesen Theil des Ozeans durchkreuzt und reiche Beute fanden,
-haben wenige der gewaltigen Meerbewohner verschont, und doch
-sah ich hin und wieder noch einige riesige Walfische in der dunkelblauen
-Fluth sich tummeln.
-</p>
-
-<p>
-Mit langsamer Fahrt nach Süden segelnd, (die Phönix-Gruppe
-lag hinter uns) wurden wir eines Tages von einem,
-jungen Walfisch begleitet, dem es Vergnügen zu bereiten schien
-bald vor, bald mit dem Schiffe zu laufen, und gar leicht wäre
-es gewesen, dem Thiere in den dicken, plumpen Körper eine Harpune
-hineinzuwerfen, doch sah ich ein, daß, wenn wir auch wirklich
-mit sicherem Wurfe das Thier hätten tödten können, wir schwerlich
-einen Nutzen davon gehabt hätten, und Harpune und Leine wollte
-ich nicht darum opfern. Doch versessen darauf, den Walfisch zu
-erlangen, oder wenigstens den Versuch zu machen, bot der Steuermann
-Kitimatu mir immer wieder, wenn der Fisch dem Schiffe
-recht nahe gekommen, seine werthvolle Harpune an. Er wollte
-diese verlieren, sollte der Fisch entkommen, nur möchte ich ihm gestatten,
-eine der besten langen Leinen zu nehmen. Schließlich
-selbst neugierig gemacht, wie wohl der Fang verlaufen würde,
-ließ ich alle Vorbereitungen dazu treffen und um sicher zu gehen,
-damit der harpunirte Fisch die gute Leine nicht zerreißen könnte,
-beauftragte ich Kitimatu, diese, solange der Wal in die Tiefe
-schießen sollte, immer weiter auslaufen zu lassen. Ich selbst ging
-auf den Klüverbaum hinaus und unter diesem am Stammstocke
-Fuß fassend, durch eine Brustleine gut gehalten, daß beide Arme
-frei blieben, wartete ich auf den Augenblick, wann der Wal wurfgerecht
-wieder vor dem Schiffe laufen würde, um dann die bleibeschwerte
-Harpune dem Thiere in oder neben das Spritzloch mit
-voller Wucht zuzuwerfen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_133" name="Page_133" href="#Page_133">[133]</a></span>
-Nicht lange brauchte ich zu warten, der Wal kam heran und
-mit sicherem Wurfe geschleudert, fuhr ihm die tödtliche Harpune
-seitwärts unter dem Spritzloch tief in den Leib. Zu Tode getroffen,
-den Schwanz hoch über Wasser schnellend, schoß das Thier
-mit gewaltiger Kraft in die Tiefe. Die starke Leine fuhr rauchend
-hinterher; um den Spillkopf zum Wegführen belegt, war sie, da
-Kitimatu sie nicht fahren lassen wollte, mit furchtbarer Geschwindigkeit
-um dieses Holzstück herumgerissen worden, sodaß Rauch und Feuer
-heraussprangen und die Leine zum Theil verbrannt war. Kitimatu,
-dessen Hände ebenfalls verbrannt wurden in Folge der Reibung,
-konnte nicht mehr festhalten. Schon war ich selbst inzwischen an
-Deck gekommen und hatte das Messer gezogen, um diese zu kappen,
-als plötzlich die Leine aufhörte, weiter auszulaufen. Die Kraft
-des Thieres war gebrochen oder es kam herauf, um Luft zu
-schöpfen, die ihm aus der tödtlichen Wunde schnell entflohen sein
-mochte, &mdash; doch diese schnelle Fahrt in die Tiefe war sein Todeslauf
-gewesen. Weit entfernt an der Steuerbordseite &mdash; die ganze
-450 Fuß lange Leine war fast ausgelaufen &mdash; kam der Wal
-hoch, Blut und Wasser spritzte er in die Luft, in Strömen floß
-sein Blut aus der klaffenden Wunde und färbte rings um ihn das
-Meerwasser roth.
-</p>
-
-<p>
-Sich hin und her wälzend, peitschte er noch mit letzter Kraft
-einige Male das Wasser mit dem Schwanze, dann lag er still.
-Das Schiff, an den Wind gebracht, trieb mit backgebrassten Raaen;
-darauf ward der Wal herangeholt, und lag bald in Schlingen
-aufgefangen sicher längsseit. Nun war die Frage, wie wohl das
-schwere Thier an Deck gehißt werden könnte, nicht, weil wir nicht
-gewußt hätten, wie das anzufangen wäre, sondern es fragte sich,
-ob die stärksten Takel (Flaschenzüge) an Bord ausreichend sein
-würden.
-</p>
-
-<p>
-Im Großtop wurde das stärkste Takel aufgebracht, dann
-wurde der todte Wal am Schwanze, mit Hilfe unserer Winde
-hochgeholt, doch der Körper erwies sich, als die Tragfähigkeit des
-Wassers aufgehoben, zu schwer. Ihn fahren lassen wollten wir
-nicht, deshalb wurde, um das Gewicht des Körpers zu erleichtern,
-der ganze Leib, soweit anzukommen war, aufgeschnitten, der Inhalt
-entfernt, und der Wal schließlich so hoch gewunden, daß sein
-Uebergewicht über Deck zu liegen kam. Jetzt wurde ein anderes
-Takel vom Vortop an der Harpune befestigt &mdash; am Kopfe war
-durchaus keine festsitzende Schlinge anzubringen, zumal da dieser
-nicht frei vom Wasser zu bringen war &mdash; an Bord sicher festgelegt,
-dann stürzte, indem wir plötzlich das Hintertakel fahren
-ließen, mit gewaltigem Krach der schwere Körper, 22 Fuß lang,
-über die Regeling (Bordwand) weggleitend, an Deck. Obgleich
-wir unvollkommene Mittel an Bord hatten, um den nicht besonders
-dicken Speck des Wals auszulassen, wurden dennoch gegen hundert
-<span class="pagenum"><a id="Page_134" name="Page_134" href="#Page_134">[134]</a></span>
-Liter Thran gewonnen, vom Fleische jedoch wurde soviel als die
-Leute irgend unterbringen konnten, in Salzlacke gelegt, dann in
-Streifen geschnitten und an der heißen Sonne getrocknet. Der
-Vorrath war so groß, daß die Mannschaft noch in Apia damit
-Tauschhandel trieb.
-</p>
-
-<p>
-Da beim schönsten Wetter mit leichtem Ostwind die östlichste
-Insel der Unionsgruppe in Sicht gekommen war, konnte ich darauf
-rechnen, in einigen Tagen die hohen Berge von Upolu nach zwei
-Jahren wiederzusehen. Wir erübrigten uns trotz des häufigen
-Pumpens die Zeit, dem Schiffe ein schmuckes Aussehen zu geben
-und arbeiteten fleißig um die Takelage sauber in Stand zu setzen.
-</p>
-
-<p>
-Schon war die Arbeit beendet, und ich freute mich darüber
-ohne zu ahnen, daß alles vergeblich gewesen, und obwohl ich
-wußte, wie leicht in dieser schlechten Jahreszeit südlich vom
-Aequator stürmische Westwinde plötzlich auftreten, dachte ich doch
-nicht daran, nur noch 200 Seemeilen von Samoa entfernt, von
-einem Sturm überrascht zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen des 25. Januars 1888, der ebenso golden und
-friedlich angebrochen, wie seit Wochen schon ein jeder Tag, fand
-ich eine Aenderung am Aneroid-Barometer, der langsam fallend
-auf ungewöhnliche Vorgänge in der Atmosphäre hinzuweisen schien,
-obgleich kein Wölkchen am azurblauen Himmelsgewölbe sich zeigte.
-Zog weit vom Standorte des Schiffes ein Sturm oder gar ein
-Orkan vorüber? Das konnte ich noch nicht wissen, ist doch der
-Umkreis des letzteren oft gewaltig groß. Doch das Barometer
-sank mehr und mehr, der leichte Ostwind ward ganz still, und auf
-der spiegelglatten Fluth wiegte sich das Schiff. Der Mittag kam
-und noch dieselbe Ungewißheit blieb, nur im Nordwest und Norden
-kamen am Horizonte weiße Wölkchen auf, näherten sich mit großer
-Geschwindigkeit, als fegten sie, leichten Federn gleich, vor einem
-entfesselten Sturm dahin!
-</p>
-
-<p>
-Die Gewißheit jedoch erhielt ich bald, mehr und immer
-drohender kam schweres Gewölk herauf, die Luft, bisher klar und
-rein, ging in ein fahles Graugelb über, kein Zweifel war mehr,
-daß ein Orkan heranziehe, der, wenn wir ihm nicht entfliehen
-konnten, seine Mitte sich nach Osten fortschiebe, uns mit seinen
-wirbelnden Armen erfassen und in die schweigende Tiefe des Ozeans
-unfehlbar ziehen würde.
-</p>
-
-<p>
-Was geschehen konnte, geschah, obwohl ich überzeugt war,
-daß das schwer lecke Schiff kaum einen heftigen, anhaltenden
-Sturm überdauern würde.
-</p>
-
-<p>
-Sehr erstaunt war die in solchen Dingen unerfahrene Mannschaft,
-als während der tiefsten Stille, &mdash; kein Windhauch regte
-sich, &mdash; der Befehl zum Dichtreffen sämmtlicher Segel gegeben
-wurde, und nach kurzer Zeit lag das Schiff unter Sturmsegeln,
-<span class="pagenum"><a id="Page_135" name="Page_135" href="#Page_135">[135]</a></span>
-selbst die Zeit fand ich noch, ein neues Vorstagsegel, das auf der
-Reise fertig geworden, anschlagen (anbinden) zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Da kam von Norden her, (am wirbelnden Wasser, das mit
-tausend kleinen Wellen und weißen Köpfen wie tanzenden Kobolden
-aufwallte, war es schon von weitem erkennbar,) der erste heftige
-Windstoß. In immer kürzeren Pausen mit immer wachsender
-Gewalt, kam der Sturm daher und trieb trotz der wenigen Segel
-das Schiff vor sich her, durch die immer wilder und höher
-schäumende Fluth.
-</p>
-
-<p>
-Ich befand mich in dem äußern Kreise des wirbelnden
-Sturmes, der von Stunde zu Stunde wuchs; wohin aber zog die
-Mitte? Ihr mußte ich mit aller Gewalt entfliehen, so lange es
-noch eine Möglichkeit dazu gab. Mit großer Besorgniß beobachtete
-ich das Barometer, das bis 5½ Uhr Nachmittags ständig fiel,
-dann stand es, der Sturm hatte seine höchste Gewalt erreicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nun, da der Wind von Zeit zu Zeit in der
-nördlichen Richtung, woher er wehte, wenig hin und her umsprang,
-daß der Orkan nach Süden zog, seine Mitte vielleicht sehr weit
-entfernt im Westen lag. Aber doch war seine Gewalt so furchtbar,
-daß er den Athem benahm, und die See so wild und furchtbar,
-wie ich sie selten gesehen. Das Schiff ächzte in allen Fugen, den
-Kopf niedergedrückt in die brandenden Wogen, raste es vor dem
-heulenden Sturm dahin. Die Leute, zitternd und unfähig ernstlich
-noch zu kämpfen, festgebunden an den Pumpen, damit die überbrechenden
-Seen sie nicht mit fortrissen, arbeiteten, doch vergeblich;
-denn die Pumpen warfen kein Wasser auf, obgleich durch die
-donnernden Wogen, durch den heulenden Wind, das unheimliche
-Geräusch davon zu vernehmen war, wie die Wassermassen im Raume
-hin und her spülten; wenn das Schiff ein Spielball der Wogen
-recht schwer rollte, wollte es mir scheinen, als könne es sich nur
-schwer wieder aufrichten, die große Wassermasse im Raume drückte
-es auf die Seite und wenn diese reißend anwuchs, konnte es geschehen,
-daß das sinkende Schiff sich auf die Seite legte, um sich
-nie mehr aufzurichten.
-</p>
-
-<p>
-Mit andern Mitteln dem Verderben zu wehren war unmöglich,
-keine Luke konnte geöffnet werden, denn fußhoch spülten
-die Wellen über das Deck, die Wassergewalt war so groß, daß
-an beiden Seiten die Verschanzung zum Theil weggerissen war,
-und jede von hinten oder seitwärts aufstauende See fegte Wasserberge
-über das Schiff.
-</p>
-
-<p>
-So konnte es nicht weiter gehen, ich sah den Untergang vor
-Augen, nicht die wilde See und den rasenden Sturm fürchtete ich,
-vielmehr das steigende Wasser im Schiffsraume, das in absehbarer
-Zeit uns in die Tiefe des brüllenden Ozeans ziehen mußte. Das
-Schiff an den Wind zu bringen, war das einzige, was noch geschehen
-konnte, aber ob es nicht schon zu spät, ob bei dem Versuche
-<span class="pagenum"><a id="Page_136" name="Page_136" href="#Page_136">[136]</a></span>
-nicht eine einzige wilde See, die mit voller Gewalt beim Anluven
-sich über das Schiff brechen mußte, genügte, dasselbe auf die Seite
-zu drücken und es mit allen an Bord verschwinden ließ! Das ließ
-sich nicht sagen. Das Untermarssegel stand noch immer wie ein
-Brett geschanzt, dahinter setzte sich der Sturm und so klein auch
-die Fläche Leinewand war, mit größerer Gewalt und Geschwindigkeit
-war das Schiff noch nie durch die Fluthen getrieben worden.
-Dies Segel mußte verschwinden wollte ich das gefährliche Manöver
-noch ausführen, solch Oberdruck, wenn erst der Wind von einer
-Seite einfiel, mußte verderblich werden. Der Gedanke, das Segel
-noch aufgeien und bergen zu können, wäre thöricht gewesen, keiner
-meiner Leute, mit denen, vom Japanesen abgesehen, gar nichts
-mehr anzufangen war, hätte auch nur den Versuch gemacht, den
-wie eine Gerte hin und her schwankenden Mast zu erklettern.
-</p>
-
-<p>
-Ein matter Tagesschimmer lag noch über dem erregten
-Ozean, den furchtbaren Kampf der Elemente verdeckte noch nicht
-die dunkle Nacht &mdash; so durfte ich denn nicht mehr zögern, vielleicht
-beschleunigte ich das unabwendbare Schicksal, vielleicht auch, war
-das Manöver, wenn es gelang, unsere Rettung.
-</p>
-
-<p>
-Mit Kitimatu besprach ich das Nothwendigste, er sollte mit
-einigen Leuten vorne im Schiff aufpassen, vorerst die Schoten des
-Marssegels fliegen lassen, damit dieses in Stücke peitschen könne,
-dann das dichtgereffte Vorstagsegel setzen, während ich hinten ein
-wenig das Großsegel anhissen lassen wollte, um durch dessen Druck
-das Schiff schnell an den Wind zu bringen. Ehe aber die Mannschaft
-verzweifelt und muthlos, wie es kaum anders von solchen
-braunen Menschen erwartet werden konnte auf ihren Posten stand,
-fegte plötzlich der Sturm mit seiner wildesten Gewalt daher, die
-See war nur ein Schaum, keine hohe Welle hob sich &mdash; es war,
-als hielt der Druck der Atmosphäre die schäumenden Wogen nieder
-&mdash; da, ein furchtbares Krachen, das den heulenden Sturm übertönte,
-das Marssegel, gespalten und mit wenigen Schlägen aus
-seinen Tauen geflogen, flog im Winde wie leichtes Papier dahin.
-Vor Top und Takel lief jetzt das Schiff. Hatte es aber vorher
-den von hinten heranstürmenden Wogen entrinnen können, so
-drohten diese nun, da die Geschwindigkeit vermindert worden, über
-das Heck herein zu brechen.
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatte ich diese Gefahr in den wenigen Augenblicken
-erkannt, so rollte auch schon eine furchtbare Woge heran, die grüne
-Kopfmasse glitzerte selbst schon im Abenddunkel &mdash; das Herz im
-Leibe machte die Erwartung, was die nächste Sekunde bringen
-mußte, stille stehen &mdash; den unvermeidlichen Tod, wenn diese Woge
-das Schiff überlief. Als wollte das Schiff sich in seine Länge
-überwerfen, so hoch auf dem Kamm der Woge hob sich das Hintertheil,
-dann brach die See. Instinktmäßig sprang jeder fußhoch in die
-Wanten, um von der brüllenden Gischt nicht fortgerissen zu werden,
-<span class="pagenum"><a id="Page_137" name="Page_137" href="#Page_137">[137]</a></span>
-das Deck war sogleich von der See überspielt, daß nur die Masten,
-das Karten- und Deckhaus hervorragten. Krachend waren beide
-Boote unter ihre Träger gepreßt, die Böden eingedrückt worden
-und vollgefüllt mit Wasser waren die starken Befestigungen wie
-Bindfaden zerrissen.
-</p>
-
-<p>
-Eine zweite See, eine dritte kam heran, gleich drohend und
-verderbenbringend, dann war es still, als hätte die Wuth des
-Meeres ausgetobt &mdash; jetzt oder nie war der Augenblick gekommen,
-das Schiff an den Wind zu bringen. Indem ich Kitimatu das
-Zeichen gab, sein Segel zu hissen, und selbst den letzten Halt des
-Großsegels fahren ließ, dem Manne am Ruder den Befehl gab,
-das Steuer nach Backbord zu legen, wirbelte unter dem Drucke der
-Leinewand das Schiff herum, und die nächste See schon, wie ein
-Wasserberg herankommend, faßte es von vorne.
-</p>
-
-<p>
-Doch war die Gewalt des Windes groß, als wir vor der
-See liefen, war diese, von vorne kommend, derart, daß man den
-Kopf wegwenden mußte, um geduckt hinter der Verschanzung, nur
-athmen zu können. Mit dem letzten harten Stoße hatte sich der
-Wind etwas nach Osten gedreht und da dort der Kopf des Schiffes
-den Wellen zugekehrt war, so brachen diese nicht so schwer über
-das stampfende Fahrzeug. Aber schlimmer kam es. Das Vorsegel
-nicht ganz aufgehißt, holte zu furchtbaren Schlägen aus;
-ehe ich selbst bei der jetzt herrschenden Dunkelheit nach vorne gekommen,
-war schon das Vorstag gebrochen; das neue Segel an
-seiner Schot nur noch gehalten, wehte, auf die heranrollenden
-Seen peitschend, in Lee. Dieses bargen wir; doch was schlimm
-war, der Vordermast hatte seinen besten Halt verloren, und, konnte
-der Schaden nicht ausgebessert werden, so brachen die stehenden
-schwächeren Befestigungen, brach auch durch das furchtbare Arbeiten
-des Schiffes der Mast und mußte, um das Schlimmste zu verhindern,
-gekappt werden.
-</p>
-
-<p>
-Hatte der Japaner in den Stunden der höchsten Gefahr
-gezeigt, daß er nicht nur ein unerschrockener Seemann war, so
-zeigte er jetzt kühnen Muth und Verachtung jeder Gefahr, ohne
-diesen Helfer wäre mir nichts gelungen. Die Pingelap-Leute
-hielten sich nur fest und kein Zureden, kein Schelten half &mdash; der
-böse Geist, sagten sie, sei gekommen und würde sie alle holen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Da keine Mittel zur Hand waren, in solcher Dunkelheit die
-nothwendige Arbeit auszuführen, so wurde zunächst das große
-zerschlagene Boot an Deck geführt, die Taljen abgenommen und
-mit diesen und dem zerrissenen Stag eine vorläufige Verbindung
-zwischen Mast und Bugspriet hergestellt, die stark genug war, dem
-Maste den verlorenen Halt wieder zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Als dies gethan war, mußte Wind und Wellen anheimgegeben
-werden, was ihre Gewalt uns noch Schlimmes zufügen
-wollte. In all der Noth dieser Stunden, in dem verzweifelten
-<span class="pagenum"><a id="Page_138" name="Page_138" href="#Page_138">[138]</a></span>
-Kampfe mit den Elementen, hatte keiner mehr darauf geachtet,
-daß eigentlich um eine sinkende Planke gerungen wurde, bis der
-Augenblick gekommen, wo wir uns wieder darauf besinnen konnten
-und das im Schiffsraum so unheimlich spülende Wasser uns an
-die Gefährlichkeit unserer Lage mahnte.
-</p>
-
-<p>
-Mit beiden Pumpen, die jetzt Wasser warfen, wurde unablässig
-fortgepumpt, standen wir auch bis zum Halse im Wasser,
-drohten die Seen uns wegzuspülen, wir mußten ausharren und
-die letzten Kräfte einsetzen. Es war ungefähr 10 Uhr Abends
-geworden, rabenschwarze Nacht umgab uns, bei der Arbeit war
-der Nebenmann nicht zu sehen, nur fühlen oder durch Anruf konnte
-man sich überzeugen, ob keiner fehlte, da öffneten sich die Schleusen
-des Himmels, eine Regenfluth stürzte herab, wie solche kein Wolkenbruch
-furchtbarer ausgießen kann.
-</p>
-
-<p>
-Waren wir aber nicht im Stande gewesen, uns Lichter anzuzünden,
-so leuchteten plötzlich, gleich einer magischen Erscheinung,
-solche an den Enden jeder Raa auf, flüchtig erscheinend und
-schwindend. Es waren die Elmsfeuer, die durch Ausgleichung
-entgegengesetzter Elektrizitäten entstehen. So lange der furchtbare
-Regen anhielt, zeigten diese sich bald einzeln, auch zu mehreren,
-nur sekundenlang waren sie auf allen Raaen zugleich sichtbar.
-</p>
-
-<p>
-Eine wunderbare Wirkung übte aber der strömende Regen;
-die See, so wild und furchtbar, beruhigte sich sehr schnell, das
-Zischen der weißen Schaumkronen verstummte allmählich und gegen
-Mitternacht, da auch in gleicher Weise der Sturm sich gelegt,
-hoben nur noch langlaufende Wellen das Schiff auf ihren Rücken,
-es war, als wenn der im wildesten Aufruhr tobende Ozean wieder
-ruhig zu athmen begann. Der goldene Morgen kam, so freundlich
-grüßte die Sonne vom wolkenlosen azurblauen Himmelszelt hernieder,
-als hätte sie nichts vom Verzweiflungskampfe der Menschen mit den
-entfesselten Naturkräften gesehen. Fast hätte man aus diesem
-Frieden, der wieder über den breiten Ozean gebreitet lag, schließen
-mögen, daß jener heiße Kampf um das Leben, nur ein böser,
-schrecklicher Traum gewesen sei, wenn nicht jeder Blick über das
-arg zugerichtete Schiff das Gegentheil bewiesen hätte.
-</p>
-
-<p>
-36 Stunden unausgesetzter, schwerer Arbeit waren hingegangen,
-als endlich das Wasser im Schiff, das durch den verwaschenen
-Ballast nicht zu den Pumpen gelangen konnte und mit
-Eimern ausgeschöpft werden mußte, bewältigt war und auch so
-viel Segel wieder gesetzt waren, daß das Schiff langsam mit
-wieder leichtem Ostwinde durch die Fluthen zog. Am 30. Januar 1888
-erreichte ich wohlbehalten den Hafen von Apia.
-</p>
-
-<p>
-Unverändert in der äußeren Erscheinung fluthete auf Samoa
-das Leben, nichts verrieth, welche Kämpfe in einem Zeitraum von
-zwei Jahren hier gewüthet hatten, welch' Parteizwist die Bevölkerung
-zu blutigen Kriegen verleitet hatte. König Maliatoa war entthront
-<span class="pagenum"><a id="Page_139" name="Page_139" href="#Page_139">[139]</a></span>
-und verbannt, Tamasessi, König von Samoa, gegen den aber, als
-Schützling der Deutschen, die feindlich gesinnten Häuptlinge zu Felde
-zogen, deren großer Zahl dieser König auch erliegen mußte, für
-die deutsche Sache floß selbst das Blut der deutschen Marine-Matrosen,
-die im heldenhaften Kampfe der Uebermacht erliegen
-mußten!
-</p>
-
-<p>
-Schlimmer aber als früher war der Konkurrenzneid entfacht,
-die Parole war „gegen die Deutschen“. Weigerte sich schon der
-Samoaner der betreffenden Behörde, damals der deutschen, die
-geringe Steuer zu zahlen, welche für den Kopf einen Dollar betrug,
-so war es um so bedauerlicher, wenn auch Weiße durch ihre
-Weigerung den Eingebornen zu noch größerem Widerstand aufreizten.
-</p>
-
-<p>
-Eines Falles will ich nur Erwähnung thun: Im Frühjahr
-1888 wurde von der damals deutschen Munizipalität einem in Apia
-ansässigen Franzosen, der jede Steuerzahlung verweigert, mehrere
-Kisten mit Getränken gepfändet und ihm in Folge dessen die
-Schankgerechtigkeit entzogen. Amerikaner und Engländer, die, wo
-es sich gegen Deutsche handelte, stets alles in Bewegung setzten,
-was nur irgend zu Schwierigkeiten führen konnte, hatten sich vorgenommen,
-am Tage der Versteigerung, die in den Räumen des
-deutschen Konsulats stattfinden sollte, einen Putsch zu veranstalten,
-der zu Thätlichkeiten führen sollte. Auch standen hinter ihnen eine
-Anzahl Halb-Samoaner, meistens Abkömmlinge von Engländern,
-eine Menschensorte, die alle Untugenden der Weißen und Eingebornen
-in sich vereinigt.
-</p>
-
-<p>
-Diese löbliche Absicht war jedoch nicht geheim genug geblieben
-und so fanden sich am festgesetzten Tage der größte Theil der in
-Apia anwesenden Deutschen ebenfalls zur Versteigerung ein. Es
-war ein stilles Uebereinkommen unter allen, das bedrohte deutsche
-Ansehen zu schützen, auch, wenn nöthig, die Beamten vor Beleidigungen
-zu bewahren.
-</p>
-
-<p>
-Doch die verhältnißmäßig große Zahl von Deutschen, die wir
-erschienen, sowie der strömende Tropenregen kühlten wunderbar
-schnell die Rauflust der Gegenpartei ab, die, weil in der Minderzahl,
-keine Bekanntschaft mehr mit den deutschen Fäusten zu machen
-wünschte und alles verlief zur vollsten Zufriedenheit. Daß bei
-einem Straßenkampfe vor dem deutschen Konsulat, der durch das
-Eingreifen der aufgehetzten Eingebornen große Ausdehnung annehmen
-konnte, die deutschen Kriegsschiffe im Hafen nicht unthätig
-bleiben würden, wußten wir, denn der angesammelte Groll war
-so groß, daß aus einer kleinen Reiberei sich schnell ein ernster Kampf
-entwickelt hätte.
-</p>
-
-<p>
-Noch waren die Vorbereitungen, die „Futuna“ zur eingehensten
-Ausbesserung aufs Land zu holen, nicht beendet, als eines Tages
-Ende Februar die untrüglichen Anzeichen eines Orkans sich bemerkbar
-machten.
-</p>
-
-<p>
-<span class="pagenum"><a id="Page_140" name="Page_140" href="#Page_140">[140]</a></span>
-Blutroth stand die Sonne am Himmel, ihre Strahlen durchdrangen
-nicht mehr das dichte Dunstgebilde, immer drohender wurde
-die Luft, die, schließlich eine gelbe Dunstmasse bildend, den ganzen
-Horizont umzog.
-</p>
-
-<p>
-Wie furchtbar frühere Orkane gewüthet hatten, davon zeugten
-an den Riffen die zahlreichen zerschmetterten Schiffskörper, die selbst
-von der furchtbaren See bis zum festen Lande geschleudert worden
-waren. Gefahr beim Ausbruch eines Wirbelsturms war hauptsächlich
-für die im Hafen liegenden Schiffe, unter denen sich die
-deutschen Kriegsschiffe „Olga“, „Adler“ und „Eber“ befanden und
-für die Sicherung dieser Fahrzeuge unterblieb wohl nichts, was in
-der Möglichkeit menschlichen Könnens lag.
-</p>
-
-<p>
-Mein Schiff zu sichern, mit dem ich unter dem Schutze des
-vorspringenden Korallenriffes „Kap Horn“ lag, brachte ich vier
-Anker aus mit so viel Kette, als es der beschränkte Raum gestattete.
-Vor mir lag mit ihrem Heck, dem genannten Riffe zugekehrt,
-die „Olga“ und dampfte, als die einlaufende See immer
-höher und wilder wurde, gegen diese an zu dem Zwecke, ihre aufs
-Aeußerste angespannten Ankerketten zu entlasten.
-</p>
-
-<p>
-Berge gleich rollte die See in den Hafen und es war ein
-großartiger, wenn auch wenig erhebender Anblick, die Schiffe mit
-der immer mehr zunehmenden See kämpfen zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Furchtbar arbeitete die „Olga“; im Wellenthal, wenn zwischen
-meinem Schiffe und diesem ein Wasserberg heranrollte, der sich mit
-donnernder Gewalt auf dem Riffe brach, sah ich mitunter nichts
-weiter von dem Kriegsschiffe als dessen obere Masten und Marsraaen,
-so hoch, so gewaltig war die See. Wirbelnd, ohne Widerstand
-zu finden, raste die Schraube jedesmal in freier Luft, wenn
-der Bug des Schiffes tief hinabsank, das Heck dagegen von anlaufender
-See hochgehoben wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die in den Hafen aus nordöstlicher Richtung einlaufenden
-Wassermassen mußten naturgemäß sich einen Abfluß suchen und
-fanden diesen, einen wirbelnden Strom verursachend, unter Land
-nach der See zu auslaufend. Dieser Strom, oft so breit wie das
-ganze Riff und namentlich im kleinen Hafen sich verbreitend, hatte
-zur Folge, daß die in diesem liegenden Schiffe dessen ganzer Gewalt
-ausgesetzt waren und ein Spiel der See und des Stromes
-wurden.
-</p>
-
-<p>
-Aengstlich wartete jeder auf den Ausbruch des Orkans; die
-wilde See kam bei vollständiger Windstille heran, aber so schwer
-und hoch, daß, hätte hinter dieser die Gewalt des Windes sich gesetzt,
-das Unglück jetzt schon eingetreten wäre, das ein Jahr später
-so vielen Schiffen verderblich geworden ist und hunderten deutscher
-Seeleute ein frühes Grab bereitete. Wo an diesem Tage die
-„Olga“ mit Erfolg der wilden See widerstand, sank 1889 der
-<span class="pagenum"><a id="Page_141" name="Page_141" href="#Page_141">[141]</a></span>
-„Eber“ mit seiner ganzen braven Besatzung, von den Wogen hinabgerissen
-unter das hohle Riff, das selbst die Todten nicht zurückgab.
-</p>
-
-<p>
-Ein Schiff nur widerstand der Gewalt der Seen nicht; im
-großen Hafen an jener Stelle, wo keine steinigen Riffe das Ufer
-umsäumen, wurde es hoch auf den Strand geworfen, es ist dies
-derselbe Ort, auf welchen 1889 die „Olga“, nachdem ihre Ankerketten
-zerrissen, von den Wogen geschleudert worden ist, der einzige
-Punkt, wo es möglich ist, ein gestrandetes Schiff wieder flott zu
-machen.
-</p>
-
-<p>
-Die gefürchtete Nacht kam mit ihren Schrecken &mdash; doch der
-erwartete Orkan blieb aus, wo dieser geweht, welche Inseln er
-mit seiner verheerenden Gewalt heimgesucht, wer konnte das sagen!
-Samoa verschonte er dieses Mal, um dafür ein Jahr später desto
-furchtbarer zu wüthen, mit seinem mächtigen Arme die stolzen
-Schiffe und ihre braven Besatzungen in den Grund, in den Tod
-zu wirbeln. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Meine Absicht, die deutsche Heimath nach langer Abwesenheit
-wieder aufzusuchen, konnte erst im Monat Mai zur Ausführung
-gelangen und, da in Apia Mangel an Schiffsführern war, mußte
-ich die Aufsicht über die Ausbesserung der „Futuna“ aufgeben und
-mehrmals noch kürzere Fahrten nach Tutuila und anderen Orten
-unternehmen. Unter anderem hatte ich im Monat März nach den
-Tonga-Inseln zu segeln; als ich am 27. März im Hafen von
-Vavau „Neiafu“ zu Anker lag, lief dort ein englisches Segelschiff,
-von den australischen Kolonien kommend, ein, dieses brachte die
-Trauerkunde von dem Ableben unseres Heldenkaisers „Wilhelm des
-Großen“, der am 9. März seine irdische Laufbahn vollendet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte diese Kunde nicht sofort nach Samoa bringen,
-weil ich erst nach den Keppels-Inseln, Niuatobutabu, segeln mußte,
-deshalb setzte das englische Schiff seine Fahrt nach Samoa fort.
-</p>
-
-<p>
-Auf Niuatobutabu angelangt, senkte sich dort, sobald der Tod
-des deutschen Kaisers bekannt geworden, die Flagge des Königs
-Georg von Tonga, als Zeichen der Trauer für den ruhmgekrönten,
-edlen Herrscher. War doch sein Name und seine Thaten selbst
-diesem weltentlegenen Inselvolke nicht unbekannt geblieben; unter
-ihnen lebende Deutsche hatten in mancher Mußestunde den staunenden
-Eingebornen von dem mächtigen Volke erzählt, über das der
-große Kaiser geherrscht, das er zu großen Thaten, zu ungeahnter
-Höhe geführt.
-</p>
-
-<p>
-So lange ich auf Niuatobutabu weilte, drei Tage, wehten
-die Trauerflaggen sowohl an Land wie an Bord des außen am
-Riffe in bewegter See verankerten Schiffes.
-</p>
-
-<p>
-Auch diese Inseln sah ich zum letzten Mal. Nachdem ich
-Abschied genommen, segelte ich am dritten Tage in später Nachmittagsstunde
-weiter, jedoch frei von den Riffen, begann das Schiff
-durch die querlaufende See heftig zu rollen &mdash; ich suchte westlich
-<span class="pagenum"><a id="Page_142" name="Page_142" href="#Page_142">[142]</a></span>
-von Boskaven zu passiren, um nicht gegen Wind und See zu
-kreuzen, da ich hoffen konnte, den freien Ozean zu gewinnen ehe
-die Nacht hereinbrach.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem an Deck vorher alles gut zur Reise versichert war,
-ließ der Obersteuermann Goede noch die Pumpen ansetzen, ehe die
-Mannschaft, Niueleute, theils auf ihren Posten, theils zur Ruhe
-ging. Da plötzlich &mdash; ich war in die Kajüte hinabgegangen die
-Papiere zu ordnen &mdash; erscholl der Schreckensruf „Mann über
-Bord“ und an Deck springend, sah ich eine Schiffslänge hinter
-dem Schiffe den Obersteuermann noch auftauchen.
-</p>
-
-<p>
-Mit starrem Blicke, in dem die Todesangst geschrieben, schaute
-er dem enteilenden Schiffe nach &mdash; die nächste Woge bedeckte ihn
-und wir sahen nichts mehr. Eine Rettungsboje ergreifend und
-über Bord werfend, das Schiff in den Wind jagend, war das
-Werk weniger Sekunden &mdash; so furchtbar vom starken Winde auch
-die Segel gepeitscht wurden, das Schiff stand und ging durch den
-Wind &mdash; es mußte der Stelle zutreiben, wo der Steuermann
-zuletzt gesehen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Auf den Befehl „ein Ausguck in die Masten“ enterten vier
-eingeborene Passagiere auf, sie sahen die treibende Rettungsboje,
-aber nicht mehr den Steuermann. Das nächste war, das an Deck
-befestigte Boot über Bord zu setzen; ohne Rücksicht wurden die
-Befestigungen durchschnitten, das Boot nur vorne hoch gehißt, halb
-über die Verschanzung geschwungen, wurde dieses von der ganzen
-Besatzung an Deck hochgehoben und im gegebenen Augenblick mit
-aller Kraft in die unruhige See geworfen; mitunter bei schwerem
-Seegange die einzige Art ein Boot von der Schiffsseite freizuhalten,
-ehe es an dieser zerschlagen und unbrauchbar wird. Vier Mann
-sprangen mit kühnem Satze von der Regeling sogleich hinterher ins
-Boot, das, sobald die haltende lange Leine losgeworfen war, nach
-hinten trieb. Die Richtung, wohin die Leute, die in der hohen
-See nicht um sich sehen konnten &mdash; das Boot war bald vom
-Schiffe aus nur hin und wieder sichtbar, wenn es hoch auf dem
-Kamm einer Woge tanzte &mdash; zu rudern hatten, wurde von den
-Leuten in den Masten angegeben.
-</p>
-
-<p>
-In drei Minuten war das Boot über Bord und bemannt,
-doch suchte dieses vergeblich in der hohen See hin und her, die
-Boje wurde gefunden aber der Steuermann war und blieb verschwunden.
-Wie furchtbar solch' ein Augenblick, weiß nur der,
-welcher einen Kameraden von seiner Seite in den jähen Tod gerissen
-sieht und doch nicht helfen, nicht retten kann!
-</p>
-
-<p>
-Lange, bis zur schnell hereinbrechenden Dunkelheit, trieb ich
-mit dem Schiffe umher, dem Boote folgend, das vom Schiffe aus
-geleitet, immer größere Kreise zog, in der eitlen Hoffnung, es könnte
-doch noch etwas vom Steuermann gesehen werden, obgleich ich
-wußte, daß alles längst vorbei war; hatte der Verunglückte mir
-<span class="pagenum"><a id="Page_143" name="Page_143" href="#Page_143">[143]</a></span>
-doch selbst gesagt, er könne nicht schwimmen und wenn auch, in
-solcher See wäre die Kraft des besten Schwimmers bald erlahmt.
-</p>
-
-<p>
-Erst als alles nutzlos war, als die Nacht hereinbrach und
-die Mannschaft im Boote äußerst ermüdet sein mußte, nahm ich
-dieses wieder auf und jetzt die nördliche Durchfahrt wegen dort
-liegender unbekannter Riffe nicht mehr als sicher ansehend, kreuzte
-ich die ganze Nacht zwischen Boskaven und den gefährlichen Riffen
-von Niuatobutabu, um den freien Ozean zu gewinnen.
-</p>
-
-<p>
-Nach Aussage der Mannschaft wollte der Steuermann, nachdem
-das Pumpen beendet, nach dem Hinterdeck gehen, das Schiff
-schwer rollend, habe er jeden Halt auf dem freien Deck verloren
-und sei, mit voller Wucht gegen die Verschanzung fahrend, über
-diese hinweggestürzt, eine schnell geworfene Leine ergriff er nicht
-mehr. So fand er den Seemannstod, im weiten Ozean ein stilles,
-unbekanntes Grab, die donnernde Woge sang ihm hier sein letztes
-Schlummerlied. &mdash;
-</p>
-
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-
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-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
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-</div>
-
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-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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-</div>
-
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-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
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-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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-</div>
-
-</div>
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