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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Lose Blätter - Neue Novellen - -Authors: Doris von Spättgen - Doris von Scheliha - -Release Date: April 18, 2022 [eBook #67861] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This book was produced from images - made available by the HathiTrust Digital Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LOSE BLÄTTER *** - - - - - - Lose Blätter. - - - Neue Novellen - - von - - Doris Freiin von Spättgen. - - - Leipzig. - - Verlag von F. A. Berger. - - 1895. - - - Vor Nachdruck geschützt. - Übersetzungsrecht vorbehalten. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Licht 3 - - Fächer-Bilder 35 - - Aus Großtantchens Hofdamenleben 63 - - Unter dem Niagara-Falle 83 - - Zahnschmerzen 103 - - Amerikanische Existenzen 133 - - - - -Licht. - - -Weit draußen am äußersten Ende von Williamsbourgk, einem Stadtteile -Brooklyns, dort, wo die Straßen- und Häuserreihen bereits durch -ausgedehnte Wiesenflächen und üppige Obstplantagen unterbrochen werden, -so daß die Bezeichnung »Stadt« daselbst eigentlich nicht mehr zutreffend -erscheint, weil die Gegend schon allmählich den Charakter des Ländlichen -annimmt -- dort steht eine Reihe allerliebster, hüttenartiger Häuschen, -deren Gesamtheit, wegen der Zierlichkeit und Gleichheit der Gebäude, -im Volksmunde »Dolly Ward (Puppenfestung)« benannt wird. Diese -Miniaturvillen, eine aufs Haar genau so wie die andere, mußten -unzweifelhaft aus der Hand desselben Baukünstlers hervorgegangen sein, der -sie, wohl mehr um einer flüchtigen Laune zu genügen, als um praktische -Behausungen zu schaffen, aus der Erde hervorgezaubert haben mochte. - -Jedes der Häuschen war mit einem niedlichen Vorgärtchen, einer Art -Veranda, worauf die Hausthür mündete, und einer grün angestrichenen, -hölzernen Treppe versehen, deren Geländer ein fast elegant zu nennendes -Schnitzwerk auswies. Das Innere einer solchen Villa bestand aus nur -zwei größeren Zimmern im ersten Stock, sogenannten Parlours, drei -Mansardenstübchen und der großen hellen Küche im Basement (Souterrain). - -Merkwürdigerweise stand nur äußerst selten ein Häuschen der Dolly Ward -zu vermieten. Die meisten derselben befanden sich schon seit vielen Jahren -in festen Händen, was ihr Äußeres auch fast durchweg verriet. Die -Gärtchen zeigten sich auf das sorgsamste gepflegt, ihre schmalen Gänge -waren mit rotem Kies bestreut, während verschiedenes feines Strauchwerk -die etwas primitiven Staketenzäune, welche die Grundstücke von der -Verkehrsstraße trennten, verdeckte und dadurch eine Art hübsche lebende -Hecke bildete. Rosen und andere duftende Blumen erfreuten im Sommer -das Auge der Vorübergehenden, und die stets blitzblank geputzten -Fensterscheiben und sauberen Gardinen vollendeten den guten Eindruck, den -diese Villen auf den Fremden ausübten. - -Die Bewohner von Dolly Ward, zum Teil bejahrte Leute, welche sich nun ins -Privatleben zurückgezogen hatten, zum Teil Angestellte großer Geschäfte -von Brooklyn und New York, welche ihrer Familie wegen die bei weitem -billigeren und gesünderen Wohnungen hier draußen dem Geräusch und -dem Staube der Großstadt vorgezogen, und einige alte Fräuleins, welche -Pensionäre hatten, bildeten eine förmliche feste Clique, so daß auf -Dolly Ward jeder neue Ankömmling anfänglich allseitigem Mißtrauen -begegnete. - -Im Anfang des Frühlings 188. war Mr. Holstein, der deutsche Eigentümer -des Häuschens Nr. 9, plötzlich gestorben und bald darauf hatte seine -Witwe den guten Bekannten von rechts und links Lebewohl gesagt, weil sie -ihren Aufenthalt fortan nach Jersey City zu einer verheirateten Tochter zu -verlegen gedachte. Mr. O'Reilly, der Nachbar zur Rechten, welchem die alte -Dame vor ihrem Scheiden die vorteilhafte Vermietung ihres Besitztums noch -recht eindringlich ans Herz gelegt hatte, hing eigenhändig die weiße -Tafel zum Fenster hinaus, auf welcher mit großen Lettern zu lesen stand: -»=to let=.« - -Etwa vier Wochen lang zerbrach man sich in Dolly Ward die Köpfe, wer wohl -seinen Weg hier heraus nach dem entlegenen Teile von Williamsbourgk nehmen -würde, denn die guten Leute der kleinen Villenkolonie waren äußerst -exklusiv und fürchteten begreiflicherweise das Niederlassen des ersten -besten Rowdy in ihrer friedlichen Ansiedelung. Da verkündete Mr. O'Reilly -eines Morgens einer wißbegierigen Dame, daß des seligen Holsteins -Häuschen vermietet worden sei und die neuen Bewohner, in Gestalt von -Mutter und Tochter demnächst schon eintreffen würden. Das gab natürlich -viel zu reden. Allein auf alle an ihn gerichteten Fragen vermochte Mr. -O'Reilly keine weitere Auskunft zu geben, als daß beide Damen respektabel -aussähen und gebildet schienen. - -Vier Tage später war die kleine Villa von den neuen Bewohnern bezogen. -»Wer mag das wohl sein? Weshalb kommen Leute, die solch eine Masse von -eleganten Möbeln mit sich führen, hier heraus? Die Geschichte gefällt -uns nicht -- das hat sicher noch einen Haken!« So flüsterte man sich -gegenseitig zu nach dem Eintreffen von Mrs. Northland und ihrer schönen -Tochter auf Dolly Ward. Nachdem jedoch zwei und drei Monate ins Land -gegangen und die beiden Damen trotz ihrer großen Zurückhaltung bekannter -geworden waren, fing man an, sie gerade um ihrer Zurückhaltung und -vornehmen Würde willen mit anderen Augen anzusehen, und nun sagten die -Nachbarn von rechts und links unter sich: »Feine Leute sind es offenbar, -das bezeugt ihr ganzes Auftreten, allein -- wovon leben sie?« - -Nach amerikanischen Begriffen hat das Wort »Arbeit« die höchste -und ehrendste Bedeutung und nur der gilt als angesehen, welcher auf -irgendwelche ehrliche Weise durch eigene Arbeit sein Brot erwirbt. Die -reichen Leute arbeiten aus angeborener und anerzogener Lust zum Schaffen, -die Unbemittelten, um reich zu werden -- Müßiggang giebt es in den -Vereinigten Staaten nicht und wer sich ihm hingiebt, hat Mißtrauen zu -fürchten über die Art, durch die er sich seinen Lebensunterhalt erwirbt. -Da nun Mrs. Northland und ihre Tochter, außer einer gelegentlichen Fahrt -nach New York, keine besondere Beschäftigung zu haben schienen, so war das -selbstverständlich auch ein Grund, sich über die seltsame Lebensweise -der beiden Damen aufzuhalten. Dessenungeachtet hatten die Fremden es -verstanden, sich bald die Achtung und Teilnahme der Bewohner von Dolly Ward -zu erwerben. Wer auch hätte dem freundlich sanften Wesen der Mutter, wer -dem bezaubernden Augenaufschlag der Tochter zu widerstehen vermocht? So -schroff und absprechend auch anfangs über die beiden Frauen geurteilt -worden war, jetzt bemühte sich jeder, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, -wenn auch ein näherer Verkehr nicht in den Wünschen der Damen zu liegen -schien. - -Außer Mr. O'Reilly, dem jungen Advokaten, welcher in Goldsmiths Office -in Brooklyn arbeitete und hier bei der alten Miß Colnay Pensionär war, -außer diesem hatte noch keiner der Bewohner von Dolly Ward Mrs. Northlands -Schwelle überschritten, und auch sein Verkehr mit den beiden Damen -beschränkte sich nur auf einige geschäftliche Besuche, die O'Reilly -der neuen Mieterin als Verwalter des Holsteinschen Grundstücks zu machen -hatte. Es schien auch durchaus nicht in deren Absicht zu liegen, mit -irgend jemand näher bekannt zu werden. Bei Begegnungen grüßte man -untereinander, sprach gelegentlich einige Worte über den Gartenzaun, das -war alles. - -Im allgemeinen galt Mr. O'Reilly als wortkarger Mann; seit er jedoch die -Bekanntschaft der Fremden gemacht, gab es dennoch einen Punkt, der seinen -Mund überfließen machte: das war, wenn er von Mrs. Northland und deren -Tochter sprach und in Lob und offener Bewunderung über beide sich erging. -Durch ihn wußte es auch bald jedermann in Dolly Ward, daß diese Damen -eine ganz ungewöhnliche Bildung, sowie die feinsten Umgangsformen -besäßen und daß, obwohl Miß Grace Northland alltäglich mit einem -Körbchen am Arm die Einkäufe bei Fleischer und Kaufmann selbst machte, -die jetzige Einrichtung von Nr. 9 derjenigen einer Lady der V. Avenue von -New York gleichgestellt werden konnte. - -An einem regnerischen Junitage, um die sechste Abendstunde, trat Miß -Grace, eine schlank gewachsene Brünette, mit kühn geschwungenen -Augenbrauen und herbgeschlossenem, ausdrucksvollem Munde, dessen Linien -sowohl starke Willenskraft wie auch Unerschrockenheit bekundeten, nach -einem Ausgange durch die Verandathür in das vordere der beiden Parlours -und schaute sich sichtlich befremdet darin um: »M'ma! Mama!« - -Keine Antwort erfolgte -- das junge Mädchen stellte daher den Regenschirm -rasch beiseite und eilte nach dem zweiten, nach der Rückseite des -Häuschens gelegenen, kleinen Salon, welcher von dem ersten nur durch eine -schwere, moosgrüne Portiere getrennt war. - -»M'a!« - -Auch hier zeigte sich niemand. Und doch wußte Grace, daß die Mutter Tag -für Tag an dem nach der Straße gelegenen Fenster saß und die Tochter, -wenn sie von ihren kurzen Ausgängen heimkehrte, regelmäßig an diesem -Plätzchen erwartete. So lange man auf Dolly Ward wohnte, war dies -geschehen und heute nun zum erstenmale vermißte sie die teure Gestalt an -dem gewohnten Platze. - -Ein banges Gefühl beklemmte die Brust des jungen Mädchens. Rasch sprang -sie die Treppe zum oberen Stockwerk hinan und öffnete die Thür des -gemeinsamen Schlafgemachs -- dort saß Mrs. Northland und schien, über ein -weißes Papier gebeugt, zu schreiben. Sobald die ältere Dame jedoch der -schnell Eintretenden ansichtig wurde, schrak sie leicht zusammen und sagte -halb verlegen, die Hand über das vor ihr liegende Schriftstück breitend: - -»Wie, schon zurück, mein Kind? Ich habe Dich noch nicht erwartet.« - -»Eben das befremdet mich, Mama, was thust Du hier allein?« - -Mit diesen erregt gesprochenen Worten eilte Grace auf die Mutter zu und -umschlang sie mit fast ungestümer Zärtlichkeit. »M'a, geliebte M'a, Du -verbirgst etwas vor mir, Du willst etwas thun, was ich nicht wissen soll. -O warum das? Haben wir bisher nicht alle Sorgen und Mühen miteinander -geteilt?« Ein wahrhaft rührender Ausdruck lag jetzt über den schönen -Zügen der jungen Sprecherin. - -»Grace!« Die ältere Dame suchte ein Schluchzen zu bekämpfen, »o Grace, -es kann ja so nicht weiter gehen.« - -»Es darf nicht, Mama, Du leidest physisch und seelisch darunter, das habe -ich Dir schon oft gesagt, und deshalb werde ich Abhilfe schaffen. Ich muß -es schon um Deinetwillen thun,« entgegnete das junge Mädchen mit fester -Stimme. - -»Nein, nein, nur das nicht! Du sollst nicht hingehen in die großen -Geschäfte, wo all' die tausend von jungen Mädchen als Verkäuferinnen -angestellt und von früh bis spät in jenen Tretmühlen beschäftigt sind --- nimmermehr! Mein Stolz würde das nie ertragen lernen. Lasse mir doch -diesen Stolz -- er ist das einzige, was von allem Glanz und Schimmer der -schönen Vergangenheit mir geblieben ist,« schluchzte Mrs. Northland unter -heißen Thränen. - -»Es giebt aber doch auch noch andere Wege, uns einen genügenden Unterhalt -zu verdienen,« gab Grace unbeirrt zurück. - -»Du meinst als Lehrerin, mein Kind! Gewiß -- diese Damen werden gut -bezahlt, allein, ob wir auch an Deine Erziehung viel gewendet haben, so -bist Du für diesen Beruf doch noch nicht ausgebildet genug und müßtest -noch einmal mit Deinem Studium von vorn beginnen, was einige Jahre -beanspruchen -- nein, mein Kind, auch das will ich nicht. Welchen -Demütigungen und Versuchungen wärest Du in einer solchen Stellung -ausgesetzt!« fügte Mrs. Northland hinzu, ihre Wange zärtlich an die der -Tochter schmiegend. - -»Aber, was willst Du denn thun, Herzens-Mama, hast Du denn einen anderen -Plan?« fragte das junge Mädchen eindringlich, indem sie das mit Zahlen -bedeckte Papier auf dem Tische prüfend musterte. - -Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten, dann kam es zagend über der -Mutter Lippen: »Ich glaube, daß unsere Einrichtung, das bißchen Silber -dazu genommen, noch ein recht leidliches Sümmchen repräsentiert. Nach -meiner Zusammenstellung des Ganzen ergiebt sich -- schlecht gerechnet -- -ein Ertrag von 2300 Dollars. Damit könnte ich vielleicht -- irgend ein --- bescheidenes Geschäft beginnen, das uns wenigstens vor Not schützte. -Niemand kennt uns in New York -- wer ahnt in mir die Witwe des Millionärs -und Eisenbahnkönigs Frederik A. Northland aus St. Louis, dessen Name -ehedem im Westen einen solch' bedeutungsvollen Klang gehabt?! Nicht Du, -mein Liebling, sondern ich muß mich aufraffen aus dieser lähmenden -Apathie und für unsere Zukunft sorgen!« - -»Nein, um Gotteswillen, nein, wenn Du mich liebst, Mama, so schweige von -solchen Dingen,« rief Grace fast leidenschaftlich, »Du, die schöne, -vornehme Frau Dich erniedrigen, hinter dem Ladentische zu stehen -- -entsetzlich! Du Dich von Deinen lieben Sachen trennen, wo jedes Stück -Dich an das frühere Glück und den teuren Vater erinnert! Das undankbarste -Geschöpf unter der Sonne müßte ich sein, wollte ich das zulassen. Wozu -bin ich jung und kräftig. Nein, Mama, daraus wird absolut nichts!« Jetzt -hatte das junge Mädchen sich zur vollen Höhe emporgerichtet, wobei ein -Ausdruck von Energie und Mut aus den schönen Augen leuchtete. - -»O Gott, daß es dahin kommen mußte! Wenn er, Dein Vater, noch lebte, es -stünde besser mit uns, und wie gern wollte ich auch Not und Sorgen mit ihm -teilen!« weinte leise die beklagenswerte Frau. - -»Der Himmel hat ihm dieses Schwerste erspart, das muß uns trösten, -M'a,« sagte die Tochter weich. - -»Als wir hier ankamen, Grace, glaubten wir uns beinahe reich mit der -kleinen Summe, die wir mitbrachten -- nun ist sie fast ganz zusammen -geschmolzen! Ich habe nie gedacht, daß die täglichen Bedürfnisse des -Lebens soviel Geld verschlingen könnten. Dabei steht der Quartalswechsel -vor der Thür und die Miete soll an Mr. O'Reilly bezahlt werden. -- Ach, -ich werde ihn wohl bitten müssen, uns den Betrag für einige Wochen zu -stunden.« - -»Nimmermehr, Mama! Nur keine Gefälligkeit von diesem Manne, es wäre -mir schrecklich -- erdrückend!« wehrte Grace mit auffälliger Hast ab. -Prüfend schaute ihr die Mutter ins Gesicht und sagte bedeutsam: - -»Er ist kein übler Mann. Seine Manieren sind tadellos und neben einem -guten Einkommen scheint er ein redliches gutes Herz zu besitzen. Nicht ohne -Grund sucht er uns verlassenen Frauen öfters auf -- hast Du daran schon -gedacht, mein Kind?« - -»Er ist mir unsympathisch, Mama! Bitte, erwähne seiner gegen mich nie -mehr in dieser Weise, ich könnte Mr. O'Reilly sonst nicht mehr unbefangen -und freundlich begegnen,« gab Grace unwillig und in ernstem Tone zurück. -Mrs. Northland seufzte und schwieg, worauf beide Damen langsam nach der -unteren Etage hinabstiegen. - -Da die Dämmerung eingetreten war, so brachte das junge Mädchen die -Lampe, welche sie alsbald mit großer Geschicklichkeit in Brand setzte. Ein -intensives Licht beleuchtete jetzt das mit feinem Geschmack ausgestattete -Gemach, so daß jeder Gegenstand darin erkennbar war. Die Mutter, welche -mit sichtlichem Vergnügen den flinken Bewegungen der auffallend schönen -Hände ihres Kindes zugeschaut hatte, sagte plötzlich lächelnd: - -»Wie Du doch diese wenig anmutende Arbeit verstehst und graziös -verrichtest, mein Liebling! Ich habe niemals, auch in jener Zeit, als viele -Diener mir zur Verfügung standen, solche hell und klar brennende -Lampe gehabt, wie jetzt, wo mein teueres Töchterchen sich dieser Mühe -eigenhändigst unterzieht!« - -»Ich bin auch stolz darauf, Mama, weil ich mir sage: Arbeit schändet -nicht,« versetzte Grace heiter. - -»Nein, gewiß nicht, aber, ganz abgesehen von Deiner Opferwilligkeit, Du -hast wirklich ein großes Talent dafür.« - -Bei diesen harmlosen Worten hob das schöne Mädchen die langen, dunklen -Wimpern und sah der Sprecherin einige Sekunden starr und nachdenklich -ins Gesicht. Eine schärfere Beobachterin, als Mrs. Northland war, würde -wahrgenommen haben, daß es zugleich wie ein blitzartiges Aufleuchten über -die regelmäßigen Züge glitt. - -Als nach einer halben Stunde die Damen am Theetisch saßen, der in seinem -zierlichen Arrangement von gutem Porzellan und einigen wertvollen Stücken -Silbergerät nur zu deutlich verriet, daß die Dasitzenden einst bessere -Tage gesehen, erschien Grace merklich einsilbig und zerstreut. Abermals -seufzte die Mutter still für sich und beobachtete mit Wehmut und Trauer, -aber verstohlen des einzigen Kindes liebes Angesicht. - -Am nächsten Morgen fuhr Grace, kleine Einkäufe vorschützend, hinüber -nach New York. Pünktlich nach drei Stunden, wie sie es versprochen, -kehrte sie auch zurück, doch konnte das junge Mädchen es jetzt nicht -unterlassen, der Mutter eine Mitteilung zu machen. Halb verlegen, halb -freudig schlüpfte die geheimnisvolle Enthüllung über die rosigen Lippen, -daß sie Hoffnung hege, vielleicht einen kleinen Verdienst zu bekommen. - -Aufs höchste erschreckt, starrte Mrs. Northland der Erzählerin ins -Gesicht, indem sie darauf noch einmal alles schon unzählig oft Gesagte -wiederholte und das junge Mädchen himmelhoch beschwor, sich nicht als -Ladenmädchen zu verdingen. Aber Grace beruhigte die erregte Frau insofern, -daß diese Aussicht auf einen Erwerb bisher nur in einer Annonce bestände, -die sie in den »Herald« habe einrücken lassen und worüber sie die -Mutter aufklären wolle, sobald man darauf geantwortet haben würde. Unter -einer Chiffre habe sie Briefe, Hauptpostamt restante New York erbeten. -Der flehende und zugleich so mädchenhafte reine Ausdruck in Graces Augen -bekämpfte die im Herzen der bekümmerten Frau aufsteigenden Zweifel und -damit war diese Sache fürs erste abgethan. -- - - * * * * * - -Im Speisesaale eines hocheleganten Privathauses der V. Avenue in New York -befanden sich eine ältere, aber noch immer sehr wohl konservierte Dame, -welche, den »Herald« in der Hand, am Fenster saß, und ein junger -auffallend hübscher Mann von vielleicht neunundzwanzig Jahren, der sich -mit seinem Frühstück beschäftigte. - -»Welch' seltsame Annonce! Bitte, höre mir einmal zu, Anthony, Hahaha!« - -»Ja, sofort, Mutter! Erlaube nur, daß ich noch dieses halbe Ei verzehre, -dann stehe ich zu Deinen Diensten.« - -»Das ist wirklich originell, hahaha!« -- Abermals tönte das helle Lachen -nach dem Sprechenden hinüber. - -»So, nun, was ist denn da so spaßig, Mutter.« - -Der Gerufene war jetzt näher getreten und zog sich einen Stuhl dicht an -die Seite der stattlichen Frau. Diese las: - - »Eine sehr respektable junge Dame aus guter Familie, welche, durch - mißliche Verhältnisse gezwungen, sich einen eigenen Broterwerb zu - verschaffen genötigt ist, bietet in nur feinen Häusern ihre Dienste - an, um das von den Domestiken in der Regel vernachlässigte Geschäft - des Putzens, Reinigens und Versorgens der Lampen zu übernehmen und - bestmöglichst auszuführen. Dieselbe besitzt in dieser Branche - eine seltene Fertigkeit und Übung und wird ihre Kunden sicherlich - zufriedenstellen. Auf Wunsch Referenzen. Briefe erbeten: - =Head-Postoffice restante Nr. 600=.« - -»In der That höchst sonderbar,« äußerte der mit Anthony Angeredete -kopfschüttelnd, mehr ernst als scherzend, »entweder ist das nur ein -schlechter Spaß oder -- was mir wahrscheinlicher dünkt -- ein Notschrei -aus der Brust einer armen Frau.« Er nahm die Zeitung in die Hand und ließ -die Blicke über die vielen kleinen Annoncen gleiten, ehe er fort -fuhr: »Ich bin überzeugt, daß fast jede dieser Zeilen einen Roman zu -verzeichnen hat. Dafür lebt man eben in der Riesenstadt New York. Wohl -demjenigen, dem es einmal vergönnt ist, einen Blick in solch' verborgenes -Leid zu thun, der in die Lage versetzt wird, heimlich geweinte Thränen -trocknen zu können!« - -»Du bist ein Schwärmer, Anthony. Diesen weichen, menschenfreundlichen -Sinn und das poetische Gemüt muß Dir Deine deutsche Mutter vererbt haben. -Dein Vater besaß hiervon nichts,« versetzte die stattliche Dame mit -einem leichten Seufzer, indem sie das edel geformte Antlitz des Stiefsohnes -wohlgefällig betrachtete. »Was meinst Du, Anthony, ob ich diese -Annonce beantworte? Man könnte ja dann sofort erfahren, inwieweit Deine -Vermutungen zutreffend sind oder nicht.« - -»Thue das, Mutter; es würde mich herzlich freuen, wenn Du ein gutes Werk -damit zu stiften im stande wärest,« sagte der junge Mann lebhaft, und die -Dame fuhr angeregt fort: - -»Übrigens könnte wirklich eine kunstgeübte Hand unseren Lampen samt -und sonders nicht schaden, da der alte, schwachköpfige Jim sein Geschäft -zuweilen arg vernachlässigt. Fast täglich habe ich Klage über ihn zu -führen -- wohlan, ich schreibe, Anthony.« - -Als der junge Handelsherr Mr. Anthony E. Clark gegen die elfte -Vormittagsstunde nach seiner in der unteren Stadt gelegenen Office fuhr, -hatte er selbst den Brief der Stiefmutter zur Beförderung in der Tasche. -Als dies geschehen, war aber bei ihm auch die Annonce und das darauf -bezügliche Gespräch vergessen. -- - -Der nächste Morgen führte den jungen Mann indessen nach der in einem -Seitenflügel seines großen Hauses gelegenen Bibliothek, um ein für sein -Geschäft wichtiges Werk daraus zu entnehmen. Beim Durchschreiten eines -in den Garten mündenden Zimmers, welches von seiner Stiefmutter zur -Aufbewahrung des häuslichen Wäscheschatzes benutzt wurde und mächtige -Schränke und Truhen aufwies, stutzte Mr. Anthony überrascht. Dort an -einem großen Tische am Fenster, auf welchem eine förmliche Batterie von -Lampen aufgestellt war, stand ein hochgewachsenes Mädchen und schien in -ihre prosaische Beschäftigung so vertieft zu sein, daß sie den Eintritt -des jungen Mannes gar nicht wahrgenommen hatte. - -Wohl drei Minuten betrachtete dieser das trotz seiner Originalität höchst -anmutige Bild. Durch die halb zugezogene Gardine fiel ein Strahl der -goldenen Morgensonne gerade über den dunkeln Scheitel des feinen, etwas -vorgebeugten Kopfes und ließ ein wahrhaft holdseliges Profil erblicken, -das gegen den hellen Hintergrund wie gemeißelt erschien. Die ebenmäßige -Figur zeigte auffallend schöne Formen, wie auch der Schnitt des -Kleides unleugbare Eleganz bewies. Anthony Clark zögerte noch immer, -weiterzuschreiten, weil er darauf wartete, daß die junge Unbekannte -vielleicht einmal die tief auf die Arbeit gesenkten Augen heben würde, -aber vergebens. Nun trafen seine prüfenden Blicke die rührigen Finger -- -wie sonderbar! Ein Paar waschlederne Handschuh bedeckten die Hände bis zum -Gelenk, hieran schlossen sich eine Art Schutzärmel aus grauem Futterstoff, -die bis über den Ellenbogen hinaufreichten; ein kleines, weißes -Schürzchen vervollkommnete diese seltsame Toilette. - -Das also war die junge Dame aus guter Familie, welche ihr Brot zu erwerben -genötigt war? Er hatte mit seinen Vermutungen demnach doch recht gehabt. -»Eine _Dame_, hm!« Im Augenblick dachte er gar nicht mehr an seine -Absicht, jenes Buch zu holen, sondern beschäftigte sich mit dem Gedanken, -daß diese Bezeichnung hier in der That höchst gerechtfertigt erschien, -wobei ein merkwürdiges Gefühl, halb Befriedigung, halb Freude sein -Inneres bewegte: »Wie glücklich mochte das arme Mädchen sein, etwas -Beschäftigung -- und hoffentlich auch recht lohnende -- gefunden zu -haben!« -- - -Gleichsam instinktiv, als ob es die Nähe eines Fremden ahne, schlug das -schöne Mädchen jetzt die Augen empor und trat, merklich erschrocken, -zurück, während ein heißes, verräterisches Rot sich über Antlitz und -Hals ergoß. Mr. Anthony Clark wußte nichts anderes zu thun, als leicht zu -grüßen und rasch nach der Bibliothek hinüberzuschreiten, von wo aus er -dann seinen Rückweg durch einen anderen Teil des Hauses nahm. - -Etwa vier Wochen mochten vergangen sein, während welcher die junge -Fremde alltäglich um die zehnte Morgenstunde bei Mrs. Clark erschien, um -sämtliche im Haushalt gebrauchten Lampen in Ordnung und Stand zu setzen. -Nach Vereinbarung wurde ihr regelmäßig durch die Lady selbst ein Dollar -für ihre Arbeit verabreicht, den sie auch mit ruhiger Würde, man hätte -fast sagen können, mit vornehmer Herablassung entgegennahm, als ob sie -selbst dem Hause einen großen Dienst geleistet hätte und nicht die -Empfängerin eines unverhältnismäßig hohen Arbeitslohnes sei. Mrs. -Clark, eine obwohl stolze, doch zugleich äußerst gutherzige Frau, hatte -das junge Mädchen, dessen schönes Antlitz sie oft nachdenklich musterte, -gelegentlich auch einmal gefragt, ob es auf die im »Herald« erlassene -Annonce noch mehr Arbeit und Verdienst erhalten habe, worauf ihr die -in kühlem Tone gegebene Antwort wurde, daß sie bereits fünfzehn der -feinsten Familien New Yorks zu ihren Kunden zähle und mit der Zeit noch -bekannter zu werden hoffe. - -Mr. Anthony Clark, ein Mann von durchaus ehrenhaften, edlen Gesinnungen, -hatte es nicht mehr gewagt, die Unbekannte bei ihrer mehr oder weniger -demütigenden Beschäftigung durch seine Gegenwart zu belästigen, und -mied das Zimmer, in welchem sie ihre Arbeit stets pflichttreu verrichtete. -Allein der Zufall wollte es, daß er ihr öfters in der großen Halle oder -auf der Treppe begegnete. Alsdann lüftete er jedesmal in ausgesuchtester -Höflichkeit den Hut, wobei er es jedoch nicht unterlassen konnte, einen -raschen Blick in das reizende, stets so ernste Mädchengesicht zu thun. - -»Nun, freust Du Dich nicht über meine Acquisition, Anthony?« fragte Mrs. -Clark eines Abends, als man einige Freunde zum Diner erwartete und nun bei -den prächtig und tadellos brennenden Lampen saß. - -»Die Freude ist eine problematische, Mutter,« lautete die freundliche, -aber bestimmte Antwort des Stiefsohnes, »die blendende Helligkeit all' -dieser Lampen bildet einen grellen Kontrast zu dem dunklen Lebenswege des -armen Mädchens, dem wir zu Dank verpflichtet sind.« - -Die Hausfrau zuckte halb bedauernd die Schultern und meinte gutmütig, -daß man der Fremden zu Neujahr ein recht anständiges Geschenk zu machen -verpflichtet wäre. -- - -Eines Morgens, bevor Mr. Anthony wie gewöhnlich nach seiner Office fuhr, -trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal in des Stiefsohnes -Privatzimmer und sagte in mütterlich herzlicher Weise: »Bitte, thue mir -den großen Gefallen, Anthony und trage die Bücher, welche ich mir gestern -Abend aus der Bibliothek holte, wieder an den alten Platz. Du weißt, ich -liebe die Ordnung -- sie liegen auf meinem Schreibtisch.« - -Da das Verhältnis zwischen dem Sohne und der zweiten Frau des verstorbenen -Mr. Clark ein selten inniges war, so entgegnete er ebenso freundlich und -zuvorkommend: - -»O gewiß gern, liebe Mutter, aber ...« - -Den Schluß seiner Rede hörte die Dame nicht mehr, weil sie Eile zu haben -schien und das Zimmer bereits verlassen hatte. - -Zögernd und mit einer ihm selbst unerklärlichen Befangenheit stand -Anthony Clark noch einige Minuten vor der Thür des Zimmers, das von der -Fremden zu ihrem prosaischen Geschäft benutzt wurde. Er wußte es selbst -nicht, warum er gerade diesen Weg nach der Bibliothek eingeschlagen hatte. -Einerseits scheute er eine Begegnung mit dem jungen Mädchen, andererseits -trieb eine innere Gewalt ihn vorwärts. War er denn nicht der Hausherr -hier, der überallhin kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte? Mit -dieser Schlußfolgerung trat er endlich ein. - -Ja, da stand sie wieder, die so eigentümlich imponierende und doch so -mädchenhaft schüchterne Gestalt. Ein leichtes Rot war ihm nun in die -Stirn gestiegen, weil er sich bewußt war, oft -- vielleicht sehr oft sich -dieses seltsame Bild vor die Seele gezaubert zu haben. - -Recht auffällig sichtbar nahm er nun den mitgebrachten Bücherstoß in -seinen linken Arm und grüßte höflich mit den Worten: »Verzeihung, -mein Fräulein, daß ich Sie störe, allein -- ich muß hinüber nach der -Bibliothek!« Dabei war aber Anthony keineswegs weitergeschritten, sondern -etwa sechs Schritte von dem jungen Mädchen stehen geblieben. Verwundert -und, wie es ihm vorkam, mit leisem Lächeln, begegnete sie seinem -leuchtenden Blicke. - -»Es steht mir kein Recht zu, dieses Zimmer für mich allein beanspruchen -zu wollen, Mr. Clark,« entgegnete sie mit volltönender überaus -sympathischer Stimme. -- Also wußte die Fremde darum, daß er der Hausherr -war. Rasch erwiderte er: - -»O doch, Miß, Miß --« (augenscheinlich verlangte es ihn, ihren Namen zu -erfahren) -- »Northland!« klang es sehr leise zurück. - -»O doch, Sie haben ein Recht, hier ganz ungestört zu sein, Miß -Northland. Sie sind ja die Wohlthäterin für das ganze Haus, ich meine: -seit Sie zuerst hier eingetreten, ist es -- Licht geworden.« - -Der schöne Mädchenkopf senkte sich tiefer auf die Brust herab. »Man ist -gütig gegen mich,« flüsterte sie bescheiden. - -»Vielleicht ist es sehr anmaßend von mir, Ihnen ein plumpes Lob zu -spenden, aber ich kann es doch nicht unterlassen, Ihnen zu gestehen, daß -ich Ihren Mut, Ihre Willensstärke und Selbstverleugnung -- bewundere,« -sagte Anthony nun eigentümlich erregt. - -»Das Wörtlein ›muß‹ ist ein strenger Lehrmeister, Mr. Clark, welcher -mit eiserner Hand alle rebellischen Oppositionsgelüste herabzudrücken -versteht. Aber dennoch giebt es noch etwas Mächtigeres als diesen -moralischen Zwang, und diesem Mächtigeren bringt man gerne Hochmut, -Eitelkeit und thörichte Eigenliebe zum Opfer,« versetzte das schöne -Mädchen, indem ihre großen Augen freudig aufleuchteten. - -»Sie haben Eltern, Miß Northland, eine Mutter, für die Sie sorgen?« -forschte er, näher tretend. - -»Jawohl, um meiner Mutter willen stehe ich hier an diesem Platze, und -das Bewußtsein, für sie, die mir auf Erden das teuerste ist, meine -Kindespflicht zu erfüllen, hat den Gedanken an Demütigung und -Erniedrigung noch niemals in mir aufkommen lassen.« - -Mr. Anthony erwiderte kein Wort und so war es mehrere Minuten ganz still -im Zimmer; Miß Northland hatte unterdessen ihre Beschäftigung wieder -aufgenommen. - -»Haben Sie keine Verwandten oder Freunde hier in New York?« fragte er nun -eindringlich und leise. Es kam ihm so vor, als ob seine Stimme plötzlich -einen veränderten Klang bekommen hätte. - -»Nein, keine; wir sind erst vor einigen Monaten aus dem Westen -- aus -St. Louis gekommen und daher noch ganz fremd hier,« lautete der einfache -Bescheid. - -Die Sprecherin gewahrte nicht die sichtliche Überraschung in des jungen -Mannes Zügen; unverwandt und forschend waren seine Augen auf das feine -Profil gerichtet. Nur als er sich jetzt fast ehrfurchtsvoll vor ihr -verbeugte und leise sagte: »Auf Wiedersehen, Miß Northland,« schaute sie -eigentümlich befremdet auf und entgegnete schüchtern: - -»Ich hoffe, daß Ihre Frau Mutter meine kleinen Dienste noch einige Zeit -wird gebrauchen können.« - -Nicht lange verweilte Mr. Anthony in der nahen Bibliothek, schon nach fünf -Minuten kehrte er daraus zurück; allein dieses Mal durchmaß er beinahe -hastig das Gemach, indem er in Anknüpfung an das vorige Gespräch nur die -halb prophetische, halb aufmunternde Bemerkung hinwarf: - -»Miß Northland, gewiß wird sich auch an Ihnen das Dichterwort erfüllen: -Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« -- - -An demselben Abend nach dem Diner war es das erste Mal, daß Anthony seiner -Stiefmutter gegenüber die Rede auf die Fremde brachte. Er blätterte -dabei in einem Buche und seine gleichgültige Miene zeigte nichts von der -Erregung und Unruhe, die in ihm arbeiteten. Ernst und wie beiläufig fragte -er: - -»Hast Du niemals nach den Familienverhältnissen des Mädchens geforscht, -das seit einigen Wochen hier ein- und ausgeht, Mutter?« - -»Nein, wieso? Ich denke, sie ist sehr bescheiden und zurückhaltend. Auf -mich macht sie einen ausnehmend günstigen Eindruck. Vielleicht bin ich -aber bei dieser Meinung beeinflußt durch eine Ähnlichkeit, welche -- mich -an frühere glückliche Zeiten erinnert. Hast Du, mein Sohn, etwas gegen -das Mädchen einzuwenden?« - -»Ich -- einzuwenden? Allerdings!« Der junge Handelsherr war aufgesprungen -und ließ sein schönes, kluges Auge mehrere Sekunden prüfend auf den -wohlgebildeten Zügen der älteren Dame haften, dann fuhr er, tief und -schwer aufatmend, fort: - -»Als ich heute, auf dem Wege zur Bibliothek, zufällig einige Worte mit -der jungen Dame (er betonte letzteres Wort ziemlich scharf) wechselte, -erfuhr ich, daß sie den Namen »Northland« führt und mit ihrer Mutter -aus St. Louis herübergekommen ist. Du hast mir nun früher das große -Vertrauen geschenkt, mich in eine mir ziemlich nahe gehende Angelegenheit -einzuweihen, und soviel ich mich aus Deinen damaligen Mitteilungen -erinnere, ist dieser Name Dir durchaus nicht unbekannt, vorausgesetzt, daß -irgendwelche Beziehungen bestehen sollten, zwischen -- zwischen ...« Er -stockte. - -»Northland! O mein Gott, also doch! Ja, diese Ähnlichkeit mit diesem -Manne, den ich einst liebte, frappierte mich sofort.« Tief erblaßt hatte -Mrs. Clark jenen Ausspruch hervorgestoßen und die Hände dabei aufs Herz -gepreßt: »O Anthony, sie, diese arme Kleine, wäre Marys und Northlands -Kind? Nein, das kann, das darf ja nicht möglich sein!« - -»Dieses Rätsel bald -- recht bald zu lösen, soll Dir und mir eine -Pflicht sein!« gab der Sohn mit Nachdruck zurück, indem er seinen Arm -zärtlich um die Schulter der tief erschütterten Stiefmutter legte. Mit -dem Taschentuche vor den Augen weinte diese jetzt leise vor sich hin: - -»O, Anthony, das wäre eine grausame Strafe für mich. Wie oft, als -ich mich damals voll Empörung mit harten Worten von Mary losgesagt und -Northlands Reichtum und Ansehen höher und höher stieg, wie oft habe -ich da das Glück dieses Paares beneidet und berufen! Und tief im Herzen -grollte ich der einstigen Freundin, weil von rechtswegen der Platz an ihres -schönen Gatten Seite mir gebührte, mir, die ihn ebenso, vielleicht noch -inniger geliebt. Und auf diese Weise soll ich endlich, endlich wieder von -Mary hören! Anthony, ich kann's nicht fassen!« - -»Gottes Wege sind unerforschlich,« versetzte der Angeredete sanft. - -»Aber, mein Himmel, was sitze ich hier so müßig und lasse die kostbare -Zeit verrinnen,« rief Mrs. Clark nun heftig aufspringend. »Mary, meine -arme Mary in Not und Elend, während ich in Wohlleben und Überfluß -schwelge. Fort, mein Sohn, bringe mich zu ihr! An mein reuiges Herz ziehen -will ich die Teure und ihr Kind. O, welch' eine Schmach ist es für mich, -daß gerade hier in unserem Hause das arme Mädchen sich so erniedrigen -mußte, Anthony!« - -»Erniedrigen? O nein, Mutter! Das, was Miß Northland gethan hat, webt -einen Glorienschein um ihr edles Haupt,« klang es auffallend feurig aus -des jungen Mannes Munde, so daß Mrs. Clark in stummer Überraschung zu dem -Stiefsohne aufblickte. - -»Willst Du meine Ratschläge befolgen, Mutter?« fragte er nach einer -Pause. - -»Thue ich das nicht stets, Anthony?« - -»Wohlan, so lasse die junge Dame, welche zweifellos die Tochter Deiner -Freundin ist, morgen noch einmal -- zum letztenmale -- hier ihres schweren -Amtes walten, nur damit ich ihr dann unbemerkt folgen und Mrs. Northlands -Wohnung erforschen kann. Ist das erreicht, so magst Du hingehen und thun, -was Dir Pflicht und Herz gebieten. Bist Du damit einverstanden, Mutter?« - -Unter Thränen nickte diese ihm zu. -- - -Anthony Clark vermochte in der darauffolgenden Nacht gar keine Ruhe zu -finden. Immer und immer stand das hochherzige Mädchen mit den ernsten, -charaktervollen Zügen und den wunderbar schönen Augen vor seinem -fieberhaft erregten Geist. Und als gegen Morgen der Schlaf sich endlich -auf seine Lider herabsenkte, war es ihm, wie wenn ihr holdes Angesicht, von -einer leuchtenden Strahlenkrone umgeben, sich über ihn niederbeugte und -die melodische Stimme in sein Ohr flüsterte: »Was man Schwerstes je -empfunden, Liebe hat es überwunden!« -- -- -- - -Ganz seltsam unsicher und befangen hatte Miß Northland am andern Morgen -das Clarksche Haus betreten und war viel eiliger als sonst durch die weite -Halle der unteren Etage die Treppe hinauf nach dem für ihre Obliegenheiten -bestimmten Zimmer geschlüpft. Dort angekommen atmete sie förmlich -erleichtert auf, daß ihr niemand begegnet war, weil sie sich nach ihrer -Idee in einer krankhaft erregten Gemütsstimmung befand. Zu ihrer Schande -mußte sie auch selbst die Wahrnehmung machen, daß ihr die zu verrichtende -Arbeit zum erstenmale drückend und peinlich erschien. Wenn Mr. Clark nur -nicht etwa wieder bei ihr eintreten und ein Gespräch mit ihr anknüpfen -wollte, dachte das junge Mädchen hochklopfenden Herzens -- heute würde -sie ihm nicht mehr so unbefangen in die klugen Augen blicken und nicht mehr -so präcise antworten können! Warum aber fürchtete sie sich davor? Über -dieses Warum indessen vermochte sich Grace nicht klar zu werden und schob -es auf »ihre krankhaft erregte Gemütsstimmung!« -- - -Bei ihrem Eintritt in den gewohnten Arbeitsraum stand alles wie sonst am -bekannten Platze. Sie zog flink Schürze, Schutzärmel und Handschuhe aus -der mitgebrachten Tasche hervor und war eben im Begriff, an die Arbeit zu -gehen -- da gewahrte sie, dicht neben den Lampen liegend, eine prachtvolle -Marschall-Niel-Rose. Was bedeutet das? Beim Anblick der Blüte war Grace -dunkle Glut ins Gesicht geschossen und eine tiefe Zornesfalte legte sich -über die weiße Stirn. Empörend! Das mußte der unverschämte Nigger, der -Butler des Hauses gethan haben, welcher ihr beim Kommen und Gehen stets den -Mantel an- und ausziehen half und sie dabei immer so keck anstierte oder -seine wulstigen Lippen zu süßlichem Grinsen verzog. Empörend war das! -Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob sie die zartgelbe Blüte an das -entgegengesetzte Ende des großen Tisches; allein eben so schnell ergriff -sie dieselbe wieder, sie mit fast wildem Ungestüm an die Brust pressend. -Allmächtiger Gott, wäre es denkbar, konnte es möglich sein, daß er -- -Anthony Clark, dessen Bild sich in ihrer jungen Brust gar fest eingelebt -hatte, dessen milde, zum Herzen dringende Stimme ihr noch jetzt durch das -Gemüt klang, daß er jene Blume hier auf diesen Tisch gelegt? Ein Zittern -überfiel die hohe Mädchengestalt -- und wenn er es wirklich gethan, -mußte sie es dann nicht eher als Demütigung und Beleidigung ansehen, die -er, der reiche, hochgestellte Mann dem armen, schutzlosen Mädchen damit -angethan? Durfte sie die Blüte, ohne erröten zu müssen, auch wirklich -annehmen? Was würde die Mutter dazu sagen? O gewiß, Anthony Clark war -eines unedlen Gedankens nie fähig, das war ja sonnenklar! Mit fliegenden -Händen, gewiß das erste Mal weniger gewissenhaft als sonst, verrichtete -Grace Northland an diesem verhängnisvollen Morgen ihre Arbeit. Mrs. Clark -sei ausgegangen, bedeutete sie der aufwartende Butler, als sie sich zur -Dame des Hauses, wie alltäglich, begeben wollte. Wie Grace bei dieser -Auskunft voll Beruhigung wahrnahm, verrieten die Züge des Schwarzen heute -nur steife Würde und stumme Ehrerbietung. Gott sei Dank, endlich konnte -sie dem sie heute so eigentümlich beengenden Hause den Rücken wenden, -flink eilte das junge Mädchen in die anderen Häuser, in welchen sie die -nämliche Beschäftigung zu verrichten hatte, und wenige Stunden später -lief Grace Northland bereits leichtfüßig die Treppenstufen zu dem -traulichen Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward hinan. - -Hätte sie während des Weges nur ein einziges Mal nach rückwärts -geschaut, dann würde sie wohl sicher nicht mehr im Zweifel über den Geber -jener Rose gewesen sein. - - * * * * * - -Es war ein zauberisch schöner Juliabend. Gleich Diamanten strahlten die -Sterne am Himmel und wer nie eine amerikanische Sommernacht durchlebte, der -hätte denken können, ein Teil der Gestirne wäre zur Erde herabgefallen, -so glitzerten und funkelten die zahlreichen =glow worms= (Leuchtkäfer) -allenthalben im tauigen Grase und duftigen Gesträuch. In traulicher -Eintracht saßen Mutter und Tochter auf der kleinen Veranda, während -Polly, eine junge Negerin, welche Grace, seitdem sie so guten Verdienst -erzielte, zum Beistand der Mutter ins Hauswesen genommen, geräuschlos hin -und her glitt und den Theetisch abräumte. - -»Du bist heute so still, mein Kind, was ist Dir? Zuweilen scheint es mir, -als ob Deine Gedanken ganz wo anders weilten, als zu Hause!« fragte Mrs. -Northland, nachdem sie schon einigemal nach der prächtigen Rose geschaut, -die an des jungen Mädchens Busen prangte. - -»Ich denke darüber nach, daß wir doch jetzt sehr glücklich sein -können, Ma,« entgegnete die Angeredete mit halb abgewandtem Gesicht. - -»Du, mein Engelskind! Wie sorgst und plagst Du Dich für mich -- das -zu vergelten, vermag nur Gott,« flüsterte die ältere Dame in tiefer -Bewegung. - -»Ich ernte ja auch reiche Früchte. Die Mühe ist so gering, in -anbetracht, daß ich Deine Stirn wieder ohne Sorgenfalten erblicke,« -lautete die heitere Erwiderung. - -»Du wolltest mir ja längst einmal etwas über die verschiedenen Häuser -erzählen, in denen Du ein- und ausgehst, Grace. Ich hoffe, man begegnet -Dir mit Achtung?« - -»Sei außer Sorge, Mama. Noch niemals habe ich die geringste -Zurücksetzung erfahren. Vor allen ist es --« (Grace zögerte ein wenig) -»ist es Mrs. Clark, die stets in sehr liebreicher Weise zu mir spricht.« - -»Mrs. Clark, eine noch junge Frau?« - -»Etwa in Deinem Alter. Sie ist eine große volle Blondine, mit selten -schönen, blauen Augen und -- --« - -»Und einem kleinen, roten Male an der Oberlippe?« fiel Mrs. Northland der -Tochter hastig ins Wort. - -»Ja, gewiß. Woher kennst Du denn diese Dame?« - -Die Mutter war jetzt in ihren Stuhl zurückgesunken und atmete tief und -schwer. - -»O Grace, welche Entdeckung! Warum auch mußtest Du gerade in dieses Haus -geraten? Gerade sie ist die Frau, um deretwillen Dein armer Vater einen -Treubruch beging, indem er mich ihr, dem reichen Mädchen, mit welchem er -bereits verlobt war, vorzog. Einst waren wir uns beide in beinahe mehr als -schwesterlicher Liebe zugethan, lange Jahre hindurch; dann aber hat sie mir -die Thür gewiesen, sich gänzlich von mir losgesagt -- mich verflucht! -Ein Unsegen ruhte seitdem auf dem Bunde zwischen Deinem Vater und mir. Dein -Vater verlor sein ganzes Hab und Gut und ist im kräftigsten Mannesalter -dahingerafft worden. Annie, meine frühere Freundin, wurde die zweite Frau -des reichen Handelsherrn Mr. Albert Clark, wie ihr Vater es wünschte, und -nun lebt sie im Überfluß in New York. So viel ich weiß, besaß Clark -auch einen Sohn aus erster Ehe; Annie hatte keine Kinder!« - -Längst war das junge Mädchen von ihrem Sitze aufgesprungen, war -niedergekniet und lauschte, die verschlungenen Hände im Schoße der -Mutter, atemlos deren Worten. »Grace,« fuhr dieselbe nach kurzer Pause -fort, »in diesem Hause darfst Du Deinen Namen niemals nennen, hörst Du, -Grace?« - -Es erfolgte keine Antwort. Dafür aber gewahrte Mrs. Northland, ungeachtet -der zunehmenden Dunkelheit, wie ein Herr und eine Dame sich langsam -dem Hause Nr. 9 genähert hatten und nun leise zögernd die Stufen der -hölzernen Treppe emporstiegen. - -Durch die Glasthür der Veranda fiel ein heller Lichtstrahl direkt auf das -blasse Gesicht einer stattlichen, noch immer schönen Frau. - -»Annie! Barmherziger Gott!« - -»Mary!« - -Wie durch einen Federdruck in die Höhe geschnellt, fuhr nun auch des -jungen Mädchens Kopf aus dem Schoß der Mutter empor. Allein, Grace sah -nicht, daß diese der eleganten Dame in die Arme sank, nicht, daß jene das -vergrämte Gesicht der Wiedergefundenen mit heißen Küssen bedeckte -- -sie sah nur ihn -- Anthony Clark und seine herzlich und liebevoll auf sie -blickenden Augen. - -»Annie, Du kommst zu mir? Bringst Du mir Vergebung -- bringst Du Deine so -schmerzlich vermißte Liebe mir zurück?« klang es schluchzend aus Mrs. -Northlands Munde. - -»Alles, alles, Mary. Aber ich bringe Dir noch mehr: Siehe hier, das ist -Anthony Clark, der mir zu jeder Zeit ein lieber Sohn gewesen. Er hat eine -Bitte an Dich zu richten, die so groß und bedeutungsschwer ist, daß es -meiner Fürsprache bei Dir bedarf!« - -Der Genannte war rasch näher getreten und verneigte sich tief vor der -überraschten Frau. - -»Eine Bitte an mich?« stammelte Mrs. Northland, während sie in fast -scheuer Verwunderung von dem eleganten, hübschen Manne zu ihrer -Tochter hinübersah. Was war denn hier geschehen? -- Das purpurglühende -Gesichtchen mit den Händen bedeckend, lehnte das junge Mädchen an einem -Sessel. - -Obwohl in leidenschaftlicher Erregung, aber doch in festem Tone, sagte nun -Mr. Anthony: »Ich habe einmal die Äußerung gethan, daß es, seit Sie, -Grace Northland, die Schwelle unseres Hauses überschritten, Licht darin -geworden ist. Allein damals wagte ich nicht, hinzuzusetzen, daß dieses -Licht mit einer Kraft und Macht, die höheren Ursprung zeigten, auch mir -ins Herz hineingedrungen ist! Wie ein Geblendeter bin ich seit -Wochen umhergegangen -- geblendet und beschämt über die eigentliche -Erbärmlichkeit des sonst so hochgeschätzten eigenen Wertes. Erst Sie, nur -Sie, Miß Northland, haben mich gelehrt, daß es noch Höheres giebt als -das, was mir bis dahin als allein edel und erhaben vorgeschwebt. Wenn ich -mir bisher einbildete, ein guter Mensch zu sein, so erkannte ich mich jetzt -als einen egoistischen, jämmerlichen Wicht, dessen ganzes Verdienst darin -bestanden hatte, die Annehmlichkeiten des Lebens mit Behagen zu genießen. --- Heute, als die verhängnisvolle Rose auf Ihrem Platze lag, war ich so -anmaßend, durch eine Thürspalte zu Ihnen hinüber zu sehen. Ich gewahrte -Ihren Kampf, gewahrte aber auch, wie mein stummes Liebeszeichen mit -Ungestüm ans Herz gepreßt wurde. Grace Northland! Diese Brust erfüllt -nunmehr ein einziger, seliger, heißer Wunsch -- eine Bitte -- --« - -»Anthony!« Ein fassungsloser Jubelruf unterbrach den Sprecher; Graces -Arme waren jetzt schlaff herabgesunken und wie in einer Verklärung starrte -sie ihn an. - -»Grace, mein hochherziges, mutiges Mädchen, ich will noch nichts anderes -wissen, als ob Sie meine tiefe innige Liebe einst werden erwidern können. -Das weitere überlassen wir der Zeit und diesen da ...« - -Damit deutete er auf die beiden älteren Damen, welche Hand in Hand -nebeneinander standen und mit seligen Blicken an der reizenden Befangenheit -des holden jungen Mädchens sich weideten. - -Jedenfalls mußte die Antwort auf jene inhaltsschwere Frage wohl zur -allseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn bald darauf saßen vier -glückliche Menschen in dem kleinen, gemütlichen Salon, wo Erinnerungen -ausgetauscht und neue Zukunftspläne geschmiedet wurden. Als Anthony Clark, -über das Geländer der Veranda gebeugt, indessen die Stiefmutter -lächelnd vorausgegangen war, noch ein letztes Lebewohl, einen warmen -Kuß austauschte mit seiner schönen Braut, war es bereits dunkle Nacht -geworden. - - * * * * * - -Selbstverständlich brachte nun die nächste Zeit den guten Leuten von -Dolly Ward wieder viel Stoff zum Reden. Mr. O'Reilly jedoch ging womöglich -noch etwas einsilbiger als sonst umher. So lange schon hatte er sich, nach -einem schweren Kampf mit seiner ursprünglichen Absicht einer Geldheirat, -bereit gemacht, der schönen Tochter seiner Nachbarin von Nr. 9 einen -ernsten Antrag zu machen, aber es hatte ihm stets an dem nötigen Mut -gefehlt, und nun mußte ihn das glückstrahlende Gesicht des jungen -Mädchens, als es wenige Tage später an Anthony Clarks Arme an der -Behausung des Advokaten vorüberging, hinlänglich darüber aufklären, -daß seine erträumten Aussichten auf Erfüllung seiner stillen -Herzenswünsche nur sehr kümmerlich beschaffen gewesen seien, und das -schien ihm ziemlich nahe zu gehen, denn bei einem gelegentlichen Besuche -in der Nr. 9 ließ der junge Irländer die Bemerkung fallen, daß er -demnächst »aus Geschäftsrücksichten« nach Brooklyn übersiedeln werde. - -Noch vor seiner Vermählung mit Grace hat Anthony Clark ganz heimlich das -Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward käuflich erworben, um es seiner holden -Braut als Morgengabe zu schenken. Mrs. Northland ist fortan die Gebieterin -desselben, und für die schwergeprüfte Frau ist es stets ein Festtag, -wenn das glückliche junge Paar dem Geräusch und Getriebe der Riesenstadt -einmal entflieht, um ein paar ruhige, selige Stunden zu verleben in der -poetischen Einsamkeit von Dolly Ward. - - - - -Fächer-Bilder. - - - Berlin, 14. Januar 18.. - - »=Caro amico!= - -Warum ich so lange nicht geschrieben, willst Du wissen? Nun, das ist -eigentlich keine so leichte Sache, Dir zu erklären. Fürs erste begnüge -Dich damit, daß ich mich langweile -- zum Sterben langweile und Dein -heiteres Künstlergemüt -- Dich, Du Glücklicher, der Du unter Italiens -Sonne der abgeschmackten Wintergenüsse unserer Reichshauptstadt kaum mehr -gedenkst, nicht mit Stoßseufzern und Lamentationen inkommodieren wollte, -die Dir doch vielleicht nur ein mitleidiges Lächeln entlockt haben -würden! - -»Aber Mensch, bist Du verrückt geworden!« höre ich in Gedanken Deine -Stimme rufen: »Bist verheiratet seit sechs Monaten, hast eine charmante -Frau, ein Heim, eine Stellung unter den Künstlern, um die Dich die Götter -beneiden könnten, und sprichst von Langweile?!« Zugegeben -- alles -zugegeben, alter Freund! Aber ich kann Dir einmal nicht helfen. Gerade -das Geregelte meines jetzigen Daseins widert mich an. Es erscheint mir zu -philisterhaft, zu sittsam, zu hausbacken, keine Spur von Abwechslung -- -von prickelnden Reizen liegt darin. Wo bist Du hin, Du goldige -Junggesellenzeit! Nimm den freien Waldvogel, stecke ihn unbarmherzig in -einen Paradekäfig und schau zu, was er für eine Miene macht! So ungefähr -kannst Du Dir denken, wie mir, den Du früher zur Genüge gekannt, nun zu -Mute ist. O heiliger Brahma! Es war eine große Dummheit, mir jetzt schon -die Flügel zu stutzen und mich ins Joch zu spannen. Die Galle läuft -mir zuweilen über, wenn ich an die verschiedenen Tanten, Onkels -- und -Schwiegermütter denke, welche mir diese Heirat so plausibel dargestellt -und es fertig gebracht haben, aus einem von Übermut und Lebensgenuß -beseelten Taugenichts einen soliden Ehemann zu machen! -- Solide?? Das -doppelte Fragezeichen steht nicht ohne Bedeutung da. Arme kleine Frau! -Ich glaube, sie hat von uns beiden wohl doch noch die schlechtere Nummer -gezogen, obgleich ich bisweilen moralischen Katzenjammer bekomme und in -bitterer Reue diesem noch so kindlichen Geschöpfe, was sich mein Weib -nennt, alle begangenen Sünden abbitten möchte. Wer aber verlangt auch, -daß ein Maler, ein Künstler von Ruf, wie ich ohne Überhebung es mir -zu sein schmeichle, der überdies in Berlin lebt, Grundsätze und -Selbstverleugnung des heiligen Antonius besitzen soll! Wer das verlangt, -der ist ein Narr! Ich habe Agnes geheiratet, erstens: weil meine und ihre -Familie es wünschten; zweitens: weil sie ein leidlich hübsches, sanftes -Geschöpf ist, die sogar einer Ameise aus dem Wege geht, um sie nicht zu -zertreten, wie viel weniger dem eigenen Gatten unfreundlich begegnen -oder ihm gar widersprechen würde. Darum habe ich sie zu meiner Gemahlin -gemacht, nicht aber, weil --, wie Du es zu glauben scheinst -- sie es -verstanden hätte, mein launisches Herz in Fesseln zu schlagen, noch -weil sie überhaupt qualifiziert wäre, einen Mann -- noch dazu einen -verwöhnten Mann -- zu begeistern und hinzureißen. In unserer Art führen -wir ja auch eine ganz glückliche Ehe. Sie ist eine wohlhabende Frau, -ich derjenige, der um sein Brot schaffen muß. Daher habe ich es mir -selbstverständlich auch zur Pflicht gemacht, jeden ihrer Wünsche zu -erfüllen und ihr stets aufs Rücksichtsvollste zu begegnen. Nebenbei -glaube ich wirklich, daß sie einiges Vertrauen zu mir hat und mir -aufrichtig zugethan ist. Dankbar zeigt sie sich wenigstens für jedes -freundliche Wort aus meinem Munde, wenn auch mein übriges Thun und Lassen --- außer unsern vier Pfählen -- sie wenig oder gar nicht zu interessieren -scheint. Von Eifersucht habe ich vorläufig noch nicht das Mindeste -bemerkt. Manchmal sogar könnte mich der sonst sehr anerkennenswerte -Mangel dieser Untugend an meiner jungen Frau beinahe ungeduldig machen. Wir -führen somit ein ganz modernes, großstädtisch angehauchtes Eheleben. - -Agnes lebt ziemlich häuslich, verkehrt nur im kleinen Verwandten- und -Bekanntenkreise. Ich hingegen tummle mich in der großen Welt umher, wozu -ein Künstler von Beruf verpflichtet ist, wenn er seinen Geist anfeuern -will. Trotzdem aber entgehe ich bei solchem Dasein der Langweile nicht. -Das ewige Haschen nach pikanten Abenteuern und reizvoller Abwechslung wird -schließlich fade; oft fehlt dabei der wahre Humor, oft aber auch jedwede -Poesie! Pah! So ist einmal der Mensch. Er erwartet immer, daß Fortuna ihm -einmal etwas ganz Apartes in den Schoß werfen soll! Das einzige, was mich -wahrhaft befriedigt, ist und bleibt immer die Kunst. Diese edle Dame ist -es auch, die mich zuweilen recht energisch bei den Ohren zieht mit der -Mahnung: »Nun ist's genug, Freund Gilbert, mit dem Vergnügen! An die -Arbeit mit Dir!« Und dieser Mahnung habe ich mich bisher noch immer willig -gefügt. Halte mir aber in Deinem Antwortschreiben um Himmelswillen -nicht etwa eine Moralpredigt, =amico Carolo=, um mich mit diplomatischen -Redensarten auf den schmalen Pfad der Tugend hinüberzulocken! An mir ist -nun einmal Hopfen und Malz verloren, und muß ich fürs Leben verbraucht -werden, wie ich eben bin. Wenn Dir übrigens etwas daran liegt, so will -ich Dir von Zeit zu Zeit eine gedrängte Übersicht meiner hiesigen -Lebensweise, oder richtiger gesagt: ein Sündenregister zukommen lassen. -Vor Dir kennt mein Herz keine Geheimnisse. Und nun Addio bis zum nächsten -Male. - - Gilbert.« - - * * * * * - - Berlin, 8. Februar 18.. - - »Teurer Freund! - -Es ist zum Totlachen! Ich habe ein reizendes Abenteuer erlebt, welches ganz -nach meinem Geschmack ist und die mich befallene schlappe Gemütsstimmung -total aufgefrischt hat. Übrigens danke ich Dir für Deinen Brief und -die freundlichen Grüße an Agnes, der Du allem Anscheine nach ein -liebenswürdiges Interesse zu teil werden läßt. Das gute Kind hatte vor -einigen Tagen zum erstenmale eine Anwandlung von Eifersucht. Wie komisch! -Doch davon später. - -Also: unser Künstlerbund gab vorige Woche einen brillanten Maskenball, -den ich selbstverständlich besucht habe, während meine Frau dergleichen -rauschende Vergnügungen grundsätzlich meidet. Natürlich bin ich weit -davon entfernt, sie in ihren etwas streng puritanischen Ideen beeinflussen -zu wollen. Ich hingegen warf mich mit blasierter Gleichgültigkeit in -den wildesten Strudel dieses Zauberfestes. Ein schlichter Domino aus -moosgrüner Seide, der noch aus meiner Junggesellenzeit stammt und mir -vor Jahren zur Karnevalszeit in Rom gute Dienste geleistet, wurde wieder -hervorgesucht und für tauglich befunden. Vom Scheitel bis zur Zehe -verhüllte er meine Gestalt, so daß ich darauf hätte Gift nehmen wollen, -unerkannt zu bleiben. Allein es kam anders. Denn bereits vom Beginn des -Balles an intriguierten mich zwei Damen ganz impertinent, indem sie mich -auf Schritt und Tritt verfolgten. - -Die eine, ebenfalls im Domino, schien der Figur und Haltung nach -schon etwas bei Jahren zu sein, wogegen die andere, im entzückendsten -Susannenkostüm, Formen und Bewegungen auswies, wie ich solche an einer -Sterblichen überhaupt noch nicht gesehen. Im Nu war meine blasierte -Stimmung verschwunden; ich fühlte einen Feuerstrom durch meine Glieder -ziehen. Große Samtmasken mit lang herabfallenden Spitzenbärten machten -jedes neugierige Erspähen der Gesichtszüge rein unmöglich. - -Wer war dieses Götterweib? Sicherlich wohl eine Fremde. Denn solcher Anmut -und vornehmer Grazie war ich in Berlin noch nicht begegnet. Aufs höchste -interessiert und sympathisch angezogen, daß die Aufmerksamkeit dieser -distinguierten Erscheinung sich gerade auf meine unbedeutende Person -gelenkt, mache ich unserer bisherigen stummen Wanderung durch die Säle ein -Ende mit den an die Jüngere gerichteten bedeutungsvollen Worten: - -»Was veranlaßt wohl nur das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu -folgen?« - -Sie zuckte zum Zeichen, daß sie mich nicht verstanden, die wohlgerundeten -Schultern. Ich wiederholte dieselbe Frage auf Französisch. Da lachte -sie hell auf. Es war ein köstliches melodisches Lachen; dann klang eine -glockentiefe Altstimme an mein in Verzückung lauschendes Ohr: - -»Monsieur Gilbert besitzt viele Freunde, ohne daß er davon eine Ahnung zu -haben scheint.« - -Beinahe erschreckt stutze ich. Also faktisch erkannt! - -»Ist er doch nicht umsonst zwei Karnevalsaisons in Rom gewesen. Jener -grüne Domino hier --« (ihre mit schwarzen Halbhandschuhen bekleidete -Rechte strich sanft über meinen Ärmel hinweg) -- »machte den -Verräter.« - -Etwas verblüfft starre ich durch die Augenschlitze der Maske nach der -Sprecherin hin. - -»Eine Freundin, Madame? So sind wir alte Bekannte?« sagte ich ziemlich -indiskret. - -»Das weiß ich nicht, Monsieur! Wer zählt die Völker, kennt die Namen! -Künstler Gilbertos Herz ist weit, aber sein Gedächtnis scheint kurz. -Armer Gilberto!« fuhr sie, bedauernd den Kopf wiegend, fort: »Jetzt ist -er ein Philister geworden; er mußte es =nolens volens= werden, -- hat eine -reiche, unelegante, häßliche Frau heiraten müssen, die nebenbei noch -grimmig eifersüchtig sein mag. Seine Freunde bedauern und bemitleiden ihn -aber aus tiefstem Herzensgrunde und hoffen wenigstens, daß die geniale -Künstlernatur unter solchem Mißgeschick nicht zu Grunde gehen wird!« - -»Eine häßliche Frau!« Das verschnupfte mich, und ein wenig ärgerte -ich mich über solchen meinem sonst stets als kompetent geltenden Geschmack -gemachten Vorwurf, insbesondere, weil er ganz ungerecht war. Allein der -Moment schien nicht geeignet darüber zu streiten, und deshalb nahm ich es -ruhig hin; ja ich war sogar entzückt davon, daß die reizende Susanne nun -=sans gêne= ihren Arm unter den meinen schob und dicht neben mir weiter -schritt. Der weibliche Domino folgte uns. - -Witz, Geist und Übermut sprudelten aus jedem Worte meiner Begleiterin. Ich -schwelgte in einem Meer von Wonne. Hier war doch einmal wieder richtiges -Amüsement, nach welchem ich mich förmlich gesehnt hatte. Berlin, meine -Ehemannspflichten, ja sogar die sanfte, braunhaarige Agnes, -- alles war -vergessen; ich verträumte mich wieder nach Italien, in die selige Periode -meiner unbeschränkten Freiheit! - -=Mio amico!= Ich kann Dir versichern, daß es wirklich ein außerordentlich -amüsanter Abend war. In einem ziemlich entlegenen Winkelchen nahmen wir -ungestört Erfrischungen ein, nach deren Genusse diejenige, welche von -meiner reizenden Maske mit Tante angeredet wurde, in einen wohligen -Halbschlaf zu fallen schien. Wir ignorierten das selbstverständlich und -unterhielten uns um so lebhafter. Aus verschiedenen Äußerungen der jetzt -Schlummernden war mir klar geworden, daß die Damen Russinnen sein mußten, -ihr Domizil in Wiesbaden hatten und bloß für kurze Zeit auf Besuch zu -einer Malerfamilie nach Berlin gekommen waren, indessen die Hauptstadt -schon am nächsten Tage zu verlassen gedachten. Halb mechanisch spielte -ich mit dem mir angeeigneten Fächer meiner Begleiterin und that dabei die -vielleicht etwas dreiste Äußerung, daß ich denselben als Pfand für ein -eventuelles Wiedersehen, oder auch zur Erinnerung an diesen Abend als mein -Eigentum behalten wollte. - -»O nein! Dieses unscheinbare Ding hier ist ein teueres Andenken an einen -Freund,« entgegnete sie wieder mit dem so bezaubernden Lachen. »Aber, -ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Monsieur Gilberto! Sie behalten den -Fächer einstweilen und malen mir mit Künstlerhand ein Bildchen darauf, -dann wird er mir erst doppelt wert sein.« - -»Gern. Doch wie soll ich Ihnen denselben wieder zustellen, -=bella= Susanna?« fragte ich gespannt, indem ich ihre reizende, -brillantenfunkelnde Hand einen Moment fest zwischen die meine nahm. - -»=Eh bien!= Sie schicken ihn mir =par poste=, oder was noch besser wäre, -Sie bringen ihn selbst, Gilberto! Meine Adresse ist: Madame de Baranow, -Wiesbaden ... Straße. Im Mai komme ich übrigens wieder nach Berlin.« - -Darauf erhob sie sich, weckte mit sanften Schütteln die schlummernde -Tante, und bald waren die Damen im Maskengewühl meinen Blicken entrückt. - -Ich glaube, daß ich noch eine ziemliche Weile, in selige Träumereien -versunken, mit dem gedachten Fächer in der Hand auf diesem Platze -gesessen habe. Obgleich kein Kunstwerk, was die schöne Unbekannte mir -zurückgelassen, entströmte demselben doch ein eigentümlich süßes -Parfüm. Von goldverziertem Schildpatt war der zierliche Griff, alles -übrige von feiner schwarzer Seidengaze. Und doch fühlte ich mich in -dem Besitze gleich einem Krösus, so daß auch in meinem erregten Geiste -allerlei mögliche Ideen auftauchten -- liebliche Phantasiegebilde, denen -ich auf dem duftigen Gewebe mit dem Pinsel Ausdruck, ja Form und Gestalt -verleihen wollte. Sicherlich sollte Dir, =bella= Susanna, der Beweis -geliefert werden, daß Gilbertos leidenschaftliches Temperament, sein -zündender Geistesfunke noch nicht untergegangen im hausbackenen Eheleben. - -Das Fest hatte jetzt keinen Reiz mehr für mich. Ich ließ mir von dem -ersten besten dienstbaren Geiste ein Stück Papier bringen, wickelte den -mir so kostbaren Fächer sorgfältig ein und schob das kleine Päckchen -in die Tasche. Nach zwanzig Minuten stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung -hinan. - -Schon von der Straße aus hatte ich wahrgenommen, daß in dem an mein -Atelier stoßenden Wohnzimmer, wiewohl die Mitternachtsstunde längst -geschlagen, noch eine Lampe brannte. War denn Agnes noch wach? Wollte die -kleine Frau mich, an dessen späte Rückkehr sie doch hinlänglich gewöhnt -sein mußte, heute auf einmal erwarten? Das dünkte mir höchst wunderbar. -Der Entreedrücker befand sich in meiner Tasche, weshalb ich, ohne -zu klingeln und von den Dienstleuten unbemerkt, mein Heim zu betreten -vermochte. Ein wenig neugierig öffnete ich die Stubenthür; doch machte -der sich mir darbietende Anblick unwillkürlich lächeln. Dort -- an dem -mit umfangreichen Weißnähereien bedeckten Tische, über welchen die -Hängelampe ihr mildes Licht ausstrahlte, lag, auf die gekreuzten Arme -herabgesunken, das Haupt meines jungen Weibes, während die Brust der sanft -Schlummernden unter regelmäßigen Atemzügen sich hob und senkte. - -»Die häßliche Frau!« So schoß es mir plötzlich durch den Sinn. Leise -trat ich näher, um mich mit Kritikerblicken einmal zu überzeugen, in wie -weit jener Ausspruch gerechtfertigt schien. Freilich wies dieses zierliche -Köpfchen dort keine regelrechten Schönheitslinien auf. Dafür aber lag -der Schmelz holder Frauenhaftigkeit, die Taufrische eines weiß-rosigen -Teints über dem beinahe noch kindlich runden Gesichte. Häßlich? Nein, -das war entschieden ganz ungerecht. Der Chic der großen Welt, und das so -gewisse, auch weniger schöne Frauen anziehend machende Etwas fehlte hier -natürlich durchaus. Allein mein Malerauge fand heute zum erstenmale, daß -das, was ich an Modellen so oft vergeblich gesucht und wofür ich, um es -auf die Leinwand zu bannen, eine wahre Leidenschaft hegte, nämlich: -einen rötlich goldigen Glanz im hellbraunen Haar, was die Engländer so -bezeichnend =auburn= nennen, -- daß gerade diese große Seltenheit mein -eigenes Weib besaß. In einem langen Prachtzopfe hing dieses jetzt vom -Lampenlicht beleuchtete, wunderbar schimmernde Haar der schlanken Gestalt -über den Nacken herab. Merkwürdig, nicht wahr, =mio amico=? Und noch -merkwürdiger, daß ich das vorher gar niemals beachtete. - -Nachdem ich Cylinder, Handschuhe und das kleine Paket mit dem Fächer -auf den Tisch gelegt, war ich eben im Begriff, mich auch des Paletots zu -entledigen, da erwachte Agnes. - -Halb verstört schaute sie mich an. Doch nur mit verlegenem Gruße raffte -sie eilig die Arbeit zusammen und barg dieselbe auf dem Schoße. - -»Aber, Kind! Was fällt Dir ein, so lange wach zu bleiben! Das ist -thöricht!« sagte ich mehr unwillig, als freundlich, indem ich es -nicht einmal der Mühe wert hielt, ein lautes Gähnen zu unterdrücken. -»Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!« - -Nur ein ängstlich scheuer Blick aus ihren stahlblauen Augen streifte mich. -Was sie dabei wohl gedacht, vermochte ich nicht zu ergründen. Vielleicht -hatte sie gerade um meinetwillen den Schlaf der halben Nacht geopfert, -vielleicht auch auf ein herzlich dankbares Wort aus meinem Munde gerechnet. -Arme kleine Frau! Sie packte, wie das so ihre Gewohnheit war, meine -nachlässig hingeworfenen Sachen sorgsam zusammen. Dabei aber entschlüpfte -der Fächer seiner papiernen Hülle und fiel zurück auf den Tisch. Sie -stutzte, da sie das verräterische Rot sofort bemerkte, was meine Stirn -bezog. - -»Hast Du Dich neuerdings auf Fächermalen verlegt, Gilbert?« kam es -eigentümlich spöttisch von den rosigen Lippen. Der Ton reizte mich. - -»Ja wohl, wenn Du nichts dagegen hast, kleine Moralistin! Ich werde diesen -schlichten, schwarzen Fächer zu einem wahren Kunstwerk umgestalten, -weil die Besitzerin ein ...« (ich stockte, denn der Ausdruck des mir -zugewandten Gesichtes glich dem eines entsetzten Kindes) -- »weil eine -Dame mich freundlich darum gebeten hat, dieses unscheinbare Ding zu -verschönern,« fügte ich gleichgültig hinzu. - -»So? Nun, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« sagte -sie halb schmollend, während sie den verfänglichen Gegenstand zur Hand -nahm und denselben, das ihm entströmende Parfüm einsaugend, an ihr -Stumpfnäschen hielt. - -»Dir?« fragte ich höchlichst verwundert. »Trägst Du denn überhaupt -einen Fächer? Ich dachte, solch' Spielzeug für große Kinder erscheine -Dir viel zu frivol?« - -Zu meiner noch größeren Verwunderung sah ich, wie das zierliche Köpfchen -mit einem energischen Ruck ganz plötzlich in den Nacken fuhr, worauf -es mit eigentümlich bebender, allein halb trotziger Stimme an mein Ohr -schlug: - -»O, natürlich ahne und verstehe ich nichts vom Fächerspiele all' jener -Frauen, deren Lebenszweck nur eitles Haschen nach Vergnügen ist und für -welche das heilige Wort Pflichten überhaupt keine Bedeutung hat. Einen -Fächer zum Gebrauche in Deinem Sinne brauche ich gottlob nicht! Gute -Nacht, Gilbert!« - -Damit ließ sie mich allein. - -Dergleichen Heftigkeit war mir neu an meiner Gattin. Gut, dachte ich, -fangen wir doch zur Abwechslung einmal an, uns gegenseitig auf den -Kriegsfuß zu stellen! Das würde jedenfalls mehr Anregung bieten im -häuslichen Einerlei, als diese lauwarme Spülwasser-Stimmung. Oho! Ich war -sicher nicht der Mann, um mich über die kindischen Launen der einfältigen -kleinen Frau zu grämen. War doch mein Geist ohnehin so vollständig -gefangen genommen durch das reizvolle Abenteuer des Maskenballes, daß -alles andere gänzlich in den Hintergrund trat. - -Für heute aber mag's genug sein, =mio Carolo=! Das Fächerbild ist bereits -begonnen worden und scheint mir vortrefflich zu gelingen. =Vive l'amour!= - - Dein Gilbert!« - - * * * * * - - Berlin, den 26. März 18.. - - »Lieber Karl! - -Ich bin allein in meiner stillen Bude. Agnes sah in letzter Zeit miserabel -aus und ist recht erholungsbedürftig, so daß ihre besorgte Mama, meine -verehrte Frau Schwiegermutter, für einige Wochen das Töchterlein zu sich -genommen hat, um ihr alle erdenkliche Pflege und Schonung angedeihen zu -lassen, deren sie im eigenen Heim entbehrt. Liegt doch das Haus ihres -Vaters im schönsten, gesundesten Teile Berlins, wo die herrliche laue -Frühlingsluft, die dort vom Tiergarten herüberweht, die Wangen des -blassen Kindes hoffentlich bald wieder runden und rosig färben wird. - -Über die letzte Zeit habe ich wenig Interessantes, noch Erfreuliches zu -berichten. Ich meine, daß ich seit Wochen schauerlich schlechter Laune -und höchst ungemütlich gewesen bin. Manchmal befielen mich wahrhafte -Wutparoxismen, so daß ich am liebsten jede lästige Fessel gesprengt -hätte und hingeeilt wäre zu derjenigen, die unausgesetzt all' mein -Denken gefangen hielt -- hin zu Madame de Baranow nach Wiesbaden. Dann -aber versank ich auch wieder in eine stumpfsinnige Apathie, welche mir -das Dasein fast ekelhaft fade erscheinen ließ. Glücklicherweise ist der -bedeutungsvolle Fächer noch vor dieser Trübsinnsperiode vollendet worden -und befindet sich jetzt schon in den Händen von =bella= Susanna. Was ich -darauf gezaubert? - -Ich glaube wirklich, der Genius der Malerei hat mir dabei die Hand geführt -und Amor die Palette gehalten. Seit jenem Abende fragte Agnes allerdings -nicht mehr nach dem Fächer; doch weil ich so unvorsichtig gewesen, ihn -einmal unverschlossen liegen zu lassen, hatten ihre Kinderaugen ihn dennoch -erblickt. - -Mehreremale in jeder Woche besuche ich das Haus der Schwiegereltern, um -mich pflichtschuldigst nach dem Befinden meiner Gemahlin zu erkundigen, -welche wieder sanft und freundlich zu mir ist, aber auffallend traurig. -Der Herr Papa dagegen betrachtet mich öfters mit seltsam herausfordernden -Blicken, während die Frau Mama mir stets so offen ihre Ungnade zeigt, daß -sie mit mir überhaupt nicht mehr spricht. =Amico Carolo!= Es will mich -bedünken, es steigen düstere Wolken über meinem unseligen Haupte auf. -Zuweilen sogar regen sich im Busen leise Anwandlungen von Reue, und -ich sage mir dann ganz ehrlich, daß ich doch ein recht ungemütliches, -trübseliges Leben führe, welches anders -- besser sein könnte, wenn ich --- ja, was denn eigentlich? Ich glaube, der Fächer hat mich verhext -- ich -bin ein Narr! Adieu! - - Gilbert.« - - * * * * * - - Berlin, 3. Mai 188. - - »Bester Freund! - -Hast Du zufällig jemals die Physiognomie eines Menschen beobachtet, der -in heiterster Stimmung und anregendster Unterhaltung begriffen, sich -niedersetzen will, den aber irgend eine Schicksalstücke des vermeintlich -hinter ihm stehenden Stuhles beraubt hat. Todesschreck, innere Wut, -lächerliche Hilflosigkeit, ja jammervolle Stupidität -- das alles prägt -sich stets in den Zügen solch' eines Beklagenswerten aus. - -Mir ist gestern Abend Ähnliches passiert, das heißt: etwas passiert, -was mich veranlaßte, den Gesichtsausdruck eines dummen Jungen anzunehmen. -Nicht etwa, daß ich mit meinem ganzen physischen Körpergewicht auf die -Erde geplumpst wäre, nein, =amico=, moralisch habe ich einen Purzelbaum -gemacht, der wirksam genug sein könnte, selbst den überspanntesten -Phantasten und Idealisten in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen. Ich -knirsche -- ich tobe in machtlosem Grimme, dabei aber befällt mich auch -wieder ein wahrer Lachkrampf, wenn eine Stimme -- ich glaube, es ist -das bessere Ich in meiner Brust -- mir zuraunt: »Reingefallen, Gilbert, -gründlich reingefallen!« - -Zurückgekehrt von einem Besuche bei Agnes, wo sie mir beim Abschiede, -als wir zufällig allein im Zimmer waren, mit holdem Erröten versicherte, -demnächst bald heimzukommen, finde ich endlich die langersehnte Antwort -aus Wiesbaden vor. Welch' ein Dank, welch' ein Brief! Doch zu meiner -Überraschung zeigt die Marke den Poststempel: Berlin. Frau v. Baranow -teilte mir als Postskriptum mit, sie sei im Kaiserhofe abgestiegen und -erwarte am nächsten Tage meinen Besuch. Wie damals auf dem Maskenballe -fühlte ich jenes aus Entzücken und Leidenschaft gemischte Gefühl meine -Adern durchrieseln. Bombenfest stand es in mir, die verführerische Frau -morgen aufzusuchen. Allein auf welche Weise sollte ich mir die -langen Stunden bis dahin verkürzen? Mit Eifer studierte ich den -Vergnügungsanzeiger Berlins und verfiel schließlich auf das »Deutsche -Theater«. - -Gesagt -- gethan. Zwar war der Andrang an der Kasse desselben groß. Doch -bald hielt ich ein glücklich erobertes Parkett-Billet in den Händen: -Dritte Sitzreihe, Platz Nr. 35. Herrlich fürwahr! Ich bin ganz befriedigt -und befinde mich in äußerst animierter Stimmung. Da es übrigens noch -ziemlich früh war, so mache ich noch eine kleine Wanderung durch die -Straßen, weil ich es hasse, vor Beginn der Komödie meine ohnedies nicht -sehr guten Nerven durch das entsetzliche Bänkeklappen und Thürenwerfen in -unnötigen Aufruhr versetzen zu lassen. Als ich das Theater betrat, war der -Vorhang bereits aufgezogen und das Stück hatte begonnen. Meine Nr. 35 war -glücklicherweise ein Eckplatz. - -Nachdem ich in größter Gemütsruhe das Opernglas blank geputzt, schaue -ich nach der Bühne. Da schlagen die Laute einer mich wie mit elektrischem -Schlage berührenden Stimme aus nächster Nähe an mein Ohr. Herr des -Himmels! Das konnte niemand anders -- das mußte Susanna -- Madame de -Baranow sein, die hier in dem so reinen, so fließend und melodisch -klingenden Französisch eben gesprochen! Gleich einem Achtzehnjährigen -- -beinahe zum Zerspringen klopfte nun mein Herz, und ich lausche atemlos. -Wo -- wo war -- wo saß das entzückende Geschöpf, das allein schon durch -Organ und Grazie mich bestrickte? Sollte es mir jetzt -- von diesem still -verborgenen Platze aus -- vergönnt sein, das im Traume schon tausendmal -mir vor die Sinne gezauberte, holde Angesicht zu schauen? Welche Seligkeit, -die schöne Frau, ohne daß sie meine Gegenwart ahnte, beobachten zu -können! Soviel ich indes mein Gehör auch anstrenge, diese wohllautende -Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen. - -Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste -Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten -Matronen bestand. Nur links von mir -- in der ersten Reihe, sah ich die -wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...? -Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht -bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O -Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige -Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem -Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond -des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß! -Diese und keine andere mußte =bella= Susanna sein! - -Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte -ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten -blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. -- Da -- noch während ich -dies niederschreibe -- lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner -Rechten -- da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer -- -ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden -Blicken erspähe ich darauf -- das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So -juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den -breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört -nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal -- hoffte ich -- -würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher -oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste -Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe -ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich -wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der -Ruhestörerin um, =la bella= Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind -denn meine Augen getrübt, -- bin ich verrückt oder treibt der Satan -sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der -gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im -letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe. -Einerlei -- ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in -das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut -und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche -Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre? -O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein -pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem -eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen -Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch -wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch -eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole -Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd? - -Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis -Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn -- die -häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war -es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und -gepeinigt hat. Und ich Narr, -- ich Esel, -- bin hier so einfältig auf den -Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit -einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula, -nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes -Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern, -schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und -jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen! -Wirklich schändlich -- empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß -mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust -versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber -tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in -mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« -Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie -eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei -Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd -ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe -hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ -eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf. -Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige -elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich -hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer. - -»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke -in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei -angetrunken. - -»Nein, rot -- feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon -nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen. -Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte -fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine -Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich -schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill -- öde und einsam dünkte mir -in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim. - -Der verwundert mich anstarrenden Dienerin befahl ich, im Atelier sofort -einige Lampen anzuzünden, während ich nur ganz beiläufig fragte, -ob irgend eine Nachricht von meiner Frau gekommen wäre. Die bejahende -Erwiderung bewies mir, daß man im Hause eben besser orientiert sei, als -ich, der Ehemann. Denn bald erfuhr ich aus dem Munde des Dienstmädchens, -Agnes gedächte schon in den nächsten Tagen zurückzukehren. - -Deswegen mußte ich also fleißig sein, um das, was mir vorschwebte, -rechtzeitig zu vollenden. - -Nun gute Nacht, Bruderherz! Vielleicht schreibe ich morgen oder übermorgen -weiter. Ich spüre nämlich in mir das Bedürfnis, einer fühlenden Seele -mich mitzuteilen. Gehab Dich wohl und gieb bald Nachricht - - Deinem - - Gilbert.« - - * * * * * - - Berlin, den 8. Mai 188. - - »Alter lieber Freund! - -Wie neugeboren fühle ich mich, wenigstens, wie ein Mensch, der eine lange -Krankheit überstanden und nun mit hoffnungsseligen Empfindungen in der -Brust jetzt ein sonniges Dasein vor sich sieht. -- Übrigens -- Du bist -ein Diplomat, Freundchen! Vielleicht haben auch Deine Briefe, der warme, -herzliche, durchaus nicht mentorhafte Ton, der daraus spricht, sowie -Dein stets vermehrtes Interesse für Agnes ein wenig zu meiner Heilung -beigetragen. - -Aber ich will dem Gange meines »kleinen Romans« nicht vorgreifen, sondern -da weiter erzählen, wo ich im letzten Briefe stehen geblieben bin. - -So höre denn! Nachdem ich schon an dem nämlichen, für mich so -verhängnisvollen Abende eine Skizze entworfen, warf ich mich mit wahrem -Feuereifer auf das Malen des roten Fächers, indem ich täglich einige -Stunden darüber festsaß. Kein Kunstwerk -- kein Bravourstück sollte -diese Arbeit werden, -- Gott behüte! Ich malte ja für Agnes, für mein -junges, sanftes Weib. Etwas aber wollte ich darauf zaubern, was die Augen -des holden Wesens in seliger Freude strahlen machen, -- ein Etwas, was ihr -sagen sollte, daß ihr Gatte .... Doch halt! Die Feder geht schon wieder im -Galopp davon! - -Endlich -- endlich ist das Bildchen vollendet, und meine Mühe zeigt sich -vom schönsten Erfolge gekrönt. Da die Farben noch eine Weile trocknen -mußten, spannte ich den Fächer ausgebreitet auf ein Stück Karton, und -trug ihn, im Gefühl seliger Befriedigung hinüber ins Zimmer meiner Frau. -Dort plazierte ich ihn auf Agnes Schreibtische hinter einem wahren Walde -von Maiglöckchen, ihren Lieblingsblumen. - -Es war der nämliche Nachmittag, an dem meine Frau eintreffen sollte. -Nachdem ich in mein Atelier zurückgekehrt, versuchte ich alle -rebellischen, mir selbst ganz neu und fremdartig erscheinenden Gedanken -durch anstrengende Arbeit zu ersticken, rührte mich auch nicht von -der Stelle, als ich eine Droschke am Hause vorfahren hörte. Direkte -Mitteilung, daß Agnes heimkommen würde, war mir, dem Hausherrn, ja gar -nicht gemacht worden, und hatte ich es nur =en passant= erfahren. Darum sah -ich keine Veranlassung, der Zurückkehrenden entgegenzueilen. Zwar drang -öfteres Thürenzuwerfen und Stimmengemurmel dumpf zu mir herüber, doch -blieb es für die nächste halbe Stunde in meiner Klause ganz still. Ich -male -- male eifrig weiter, obgleich ein sonderbares Flimmern in den Augen -mich die Farben kaum unterscheiden läßt. Da -- auf einmal macht ein -schüchternes Klopfen jeden Nerv in mir erzittern. »Herein!« konnte ich -nur mit Kraftanstrengung über die Lippen bringen, und als bald darauf ein -goldbraunschimmerndes Haupt in der Thür erscheint, erkenne ich mit raschem -Blicke, wie Agnes den Fächer hinter sich verborgen hält. - -»Schon da?!« rief ich mit einer Unbefangenheit, die mich selbst in -Erstaunen setzte. Während ich, Pinsel und Palette beiseite geworfen, der -Eintretenden entgegeneilte, brachte ich keine Silbe heraus und zog nur -schüchtern und ungelenk die kleine Hand an die Lippen. - -»Ich wollte Dich überraschen, Gilbert, und nun bist Du mir zuvorgekommen, -hast mir solch' eine reizende, süße Überraschung bereitet,« kam es -stockend aus Agnes' merklich zitterndem Munde. - -»Ich? Wie so?« fragte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit. - -»Aber, Gilbert! Nennst Du das nichts?« - -Mit diesen Worten, die von holdseligem Erröten und glücklichem Lächeln -begleitet waren, hielt sie mir den wohlbekannten Fächer vor die Augen. - -»So? Also das kleine Ding da macht Dir etwas Spaß, Agnes?« Ich glaube, -daß ich zu dieser eigentlich nichtssagenden Bemerkung wirklich ein recht -einfältiges Gesicht gemacht habe. - -»Etwas Spaß?« wiederholte sie leise. »Weiß ich doch gar nicht, wie Du -dazu kommst, mir solch' eine unendliche Freude zu bereiten, Gilbert? Das -Bild ist -- ist entzückend!« - -»Es sind Deine Züge. Wenigstens habe ich mir Mühe gegeben, dieselben -aus -- dem Gedächtnis auf den Fächer zu zaubern. Das -- andere, was noch -darauf ist, sind -- natürlich nur Gebilde meiner Phantasie.« Ich sah ihr -jedoch, während ich das sagte, zum erstenmale voll in die Augen. Allein, -wie mit Purpur übergossen, hatte sie den Blick rasch zur Erde gesenkt. - -Teuerster Carolo! Es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so hätte ich -meine Agnes, das liebliche Geschöpf, mit einem Jubelschrei an die Brust -gezogen, um ihr frei vom Herzen herunter alles das zu enthüllen, was seit -jenem heilsamen Theaterabende meine Pulse fliegen ließ. Doch Gott bewahre! -Ich überwand mich. Nicht jetzt -- nicht um des Fächers willen sollte die -Scheidewand zwischen uns in nichts versinken. Stand doch gerade ein anderes -Fächerbild gleich einem mahnenden Gespenste vor meinem Geiste -- ein -anderes Bild, was die Weihe eines so seligen Moments sicherlich gestört -haben würde. In sanfter, liebender Fürsorge führte ich mein junges Weib -nur hinüber in ihr Zimmer, küßte sie schüchtern auf die Stirn und -- -ging. -- - -Aber Du willst natürlich gern wissen, warum mein Geschenk Agnes so ganz -besonders wertvoll dünkte, warum sie vor seliger Freude darüber errötet -war? Gut, auch das sollst Du jetzt erfahren! Das Fächerbild zeigt nichts -anderes, als eine jugendschöne Mutter, die, strahlendes Glück in ihren -Zügen, über ihr neugeborenes Kindlein sich niederbeugt! - -Bist Du jetzt mit mir zufrieden, =amico=? - - Dein Gilbert.« - - * * * * * - - (24 Stunden später.) - - »Herzensfreund! - -Was ich diesem »meinem kleinen Romane« noch hinzuzufügen habe, -ist wenig, doch ist es das Bedeutungsvollste, was ich während meiner -Künstlerlaufbahn jemals erlebte. - -Nur eine kurze Spanne Zeit verfloß, nachdem Agnes zu mir zurückkehrte; -aber eine Wandlung ist seitdem vor sich gegangen -- mit ihr -- mit mir -- -mit und in unserem Heim, daß ich vor staunender Bewunderung und stummer -Verzückung oft die Hände falte und flüstere: »O Gott, bin ich denn -solchen Glückes auch wert?« - -Aber Du wirst ungeduldig und neugierig über das Mysteriöse meiner Worte -oder errätst Du vielleicht jenes Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen -Freund plötzlich zu einem völlig Anderen umgeschaffen? -- -- - -Bald nach ihrer Ankunft und unserem Wiedersehen im Atelier hatte Agnes, -weil sie ruhebedürftig war, sich zu Bett gelegt. Ich aber langte nach -meinem Hut und stürmte hinaus; hinaus in den wonnig warmen Maienabend zog -es mich. Die erste mir entgegenkommende Droschke rufe ich an und fahre in -den Tiergarten. In Gottes freier Natur wollte ich allein sein mit meinen -Gedanken und Empfindungen. Ich wußte -- fühlte, daß ein veredelnder -Läuterungsprozeß in mir vor sich ging, und diese heilsame Krisis mußte -sich ganz still, fern von allem Menschengewühl vollziehen. Nicht mehr als -der Gilbert, den Du, mein Freund, gekannt und welchen Du aus all' diesen -Briefen noch zur Genüge studieren konntest, -- nein, nein, und tausendmal -nein! -- nur als ein Mann wollte ich Agnes wieder vor die Augen treten, -der das von ihr einst mit so scharfer Betonung gesprochene, heilige Wort -»Pflichten« zu würdigen und im ganzen Maße zu erfüllen verstand. -Verachtungswert erschien mir plötzlich mein verflossenes Leben gegen das -wahre, süße Glück, welches ich heute, als mein junges Weib so holdselig -schüchtern neben mir im Atelier stand, vor mir auftauchen gesehen. -Und dennoch bin ich lange Monate wie ein Blinder an diesem Schatze -vorübergeschritten, ohne ihn zu heben und mein eigen zu nennen. -- - -Viele Stunden mochte ich wohl im Tiergarten umhergeirrt sein; denn längst -war die Sonne zu Rüste gegangen und die ersten Schatten der Maiennacht -zogen bereits über Wege und Rasenplätze. Als ich nach der Uhr sah, zeigte -sie schon ein Viertel vor Zehn. Da durchzuckte plötzlich ein heftiger -Schrecken meine Glieder. In meinem Freuden- und Glückestaumel war ich -von Hause fortgestürmt, hatte nicht bedacht, daß Agnes meiner vielleicht -bedürfen könnte. Sie war allein! Wenn ihr irgend etwas zugestoßen! Jähe -Angst befiel mein Herz. O, ich war doch immer noch der alte Egoist, welcher -zuerst nur an sich selbst dachte! - -Im Sturmschritt ging's nun nach dem Droschkenhalteplatz. Gott Lob! Dort -steht richtig noch das schlichte Gefährt, dessen ich mich zur Herfahrt -bedient. Ich drücke dem Kutscher fünf Mark in die Hand und befehle ihm, -im Galopp nach der angegebenen Adresse zu fahren. Zu Hause angelangt, renne -ich, von düsteren Ahnungen gepeinigt, die zwei Stiegen zu meiner -Wohnung hinan und trete atemlos in den Vorsaal. Nichts regt sich -- alles -mäuschenstill! Dem Himmel sei Dank! Meine allzubange Sorge war demnach -unbegründet, und mit diesem Gefühl der Erleichterung öffne ich die Thür -nach dem Wohnzimmer meiner Frau, an welches ihr Schlafzimmer stößt. -- Da --- da, Allmächtiger, was ist das? Welch' seltsam fremde Laute tönen von -dort heraus an mein Ohr! Ich halte mir den Kopf mit beiden Händen -- ich -taumle. Das klägliche Schreien eines kleinen -- meines Kindes ist's, was -ich vernehme. - -Gleich einem Rasenden laufe ich vorwärts, -- keine Macht der Erde hätte -mich in diesem Momente zurückzuhalten vermocht -- und befinde mich alsbald -in dem matt erhellten Heiligtum. Hatte Agnes mein Kommen gehört oder hatte -das teure Wesen meine Gegenwart nur geahnt? Zwar gedämpft, aber dennoch -deutlich klingt hinter einer hohen spanischen Wand mir mein Name entgegen: -»Gilbert!« - -Nun war es mit Fassung und Selbstbeherrschung an mir vorbei. Ungeachtet -der Anwesenheit einer mir unbekannten Wärterin, ungeachtet des aus dem -Hintergrunde plötzlich auftauchenden, strengverweisenden Gesichts meiner -Frau Schwiegermutter -- machte ich auf den Zehenspitzen zwei Sätze gegen -den Bettschirm hin und lag, ehe ich selbst noch recht zur Besinnung kam, -am Lager derjenigen, die mich zu neuem, besseren Leben zurückgeführt, -den Kopf auf deren kleine Rechte gestützt, knieend und unter Schluchzen -flüsternd: »Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!« - -Da schob sie mit der einen freien Hand einen bisher an ihrer Brust -liegenden, meinen unerfahrenen Blicken paketähnlich dünkenden Gegenstand, -woraus nur ein dunkles Köpfchen sich bemerklich machte, sanft nach mir hin -und schlang mit zärtlichem Drucke ihren Arm um meinen Hals. - -»Das ist mein Dank für das süße Fächerbild! Hier ist Dein Sohn! Freust -Du Dich über dieses Geschenk, Gilbert?« -- - -Für heute aber sei es genug, mein lieber Karl! Als ich blind, thöricht, -leichtsinnig und von bösen Leidenschaften verfolgt war, fand ich der Worte -genug, Dir zu schreiben. Jetzt bin ich am Ende. Das Glück ist stumm. -Sei darum nachsichtig mit mir! Das beste wäre übrigens, Du kämest bald -selbst nach Berlin und beglücktest damit Deinen - - stets getreuen Freund Gilbert.« - - - - -Aus Großtantchens Hofdamenleben. - - -Deutlich steht die greisenhafte, schlanke Gestalt der Cousine des seligen -Großvaters noch vor meinem Geiste. - -Damals -- lange Jahre sind nun auch seitdem vergangen -- imponierte -mir Achtzehnjährigen, die ich erst seit wenigen Monaten mit stolzem -Selbstgefühl das Prädikat »Frau« trug und somit in Tante Babettens -Familie hineingeheiratet hatte, diese kleine wahrhaft originelle Dame von -vierundneunzig Jahren gewaltig. - -Noch niemals im Leben hatte ich einem so alten menschlichen Wesen -gegenüber gestanden, und als ich zum erstenmal in dem mit steifer -Empirepracht möblierten Paradezimmer mich tief zur Erde niederbückte, -um meiner alten Verwandten, die kerzengerade und unleugbar hoheitsvoll -von ihrem Sitze sich erhob, in Ehrfurcht die runzelige Hand zu küssen, -da überkam mich eine Empfindung, als wäre ich um acht Jahrzehnte -zurückversetzt, und eine jener mythenhaften Ahnmütter, deren Existenz mir -nur dunkel vorschwebte, sei plötzlich zum Leben erwacht. Wie konnte dieses -mumienartige, zusammengeschrumpfte Gesichtchen, mit den kaum einem Menschen -ähnlichen wimperlosen trüben Augen noch Spuren von Leben, Geist und -Intelligenz verraten? Was wohl würde dieses seltsame Wesen aus einer -längst begrabenen Zeit mit mir, dem heiteren Kinde des neunzehnten -Jahrhunderts, sprechen? War es denn möglich, daß dasselbe überhaupt noch -Interesse zu finden vermochte an Leuten und Verhältnissen, die -- nach -meiner Idee -- den Anschauungen jener Tage so weit entrückt lagen? Das -alles dachte ich im ersten Moment meiner Bekanntschaft mit Tante Babette. - -Wie sehr sollte ich mich jedoch geirrt haben! Heute noch, nachdem der -Greisin kleiner Körper längst von allen irdischen Mühsalen ausruht, --- heute noch gehören alle die Stunden, welche ich in ihrer Gesellschaft -verbringen durfte, mit zu den liebsten, heitersten Erinnerungen meines -Lebens. Tante Babette war zwar ein Original, allein ein geistreiches, -witziges, zuweilen etwas elegisch angehauchtes, zuweilen aber auch ein -wenig scharf boshaftes Original. Von Gedächtnisschwäche und dem bei -solch' hohem Alter vielleicht sehr natürlichen Verwechseln von Personen, -Namen und Daten war an Großtantchen keine Spur zu bemerken. Staunen -erregte es in mir wirklich, wie sie für alles, was in der eigenen Familie, -unter ihren Bekannten, ja sozusagen in der Welt vorging, nicht bloß das -lebhafteste Interesse bezeigte, sondern wie sie sogar in den reichen Schatz -ihrer Erlebnisse mit einer Sicherheit und Genauigkeit zurückzugreifen -vermochte, um dieses oder jenes interessante Stücklein oder lustige -Episode eines langen, erfahrungsreichen Lebens ans Tageslicht zu fördern. - -Dreißig Jahre war Tante Babette als Hofdame bei einer thüringischen -Herzogin gewesen, und schien es besonders diese Zeit zu sein, bei der ihr -reger Geist am liebsten verweilte. Kam es mir, der in Andacht Lauschenden, -dabei doch zuweilen vor, als rolle sich ein Stück Geschichte oftmals vor -meinen Augen auf. - -In bunten Farben schilderte mir die alte Dame unter vielem anderen das -amüsante Leben am zeitweiligen Hofe der Kaiserin Josephine zu Kassel, -dessen wechselvollen Reiz Tante Babette in Begleitung ihrer Herzogin -kennen zu lernen das seltene Glück gehabt. Mit eigenen Augen hatte sie den -überaus glänzenden Kreis geschaut, in welchem Josephine durch Schönheit -wie durch Geist, die Königin Hortense dagegen durch liebenswürdige Anmut -den Mittelpunkt gebildet. Sobald sie aus jener Zeit erzählte, dann -reckte sich die kleine, dürftige Gestalt in die Höhe, und dünkte es mir -zuweilen, als husche dabei ein Schimmer einstiger Jugend über die welken, -verwitterten Züge von Tante Babette, die übrigens niemals schön gewesen -sein soll. Ganz besonders aber war es _ein_ Name, der ihre matten Augen -stets in merkbarem Feuer aufflammen machte. - -Zwar bezeigte Großtantchen sich immer als gute Patriotin, hing auch mit -Leib und Seele treu an ihrem Königshause und hatte in Preußens Sturm- und -Drangperiode gewiß im tiefsten Innern unter des Usurpators Joch geseufzt -und getrauert. Allein trotzdem schlug ihr Herz, wie sie mir oftmals -versichert hatte, in einer ihr unerklärlichen, halb bangen, halb -berauschenden Freude, wenn sie in jener aufregenden, so verhängnisvollen -Zeit des Weltbezwingers Antlitz mit den durchdringenden, stahlgrauen -Adleraugen einmal begegnete. Lächelnd und ungeachtet ihrer vierundneunzig -Jahre mit fast jungfräulichem Senken der Lider gestand Tante Babette mir -eines Tages ein, daß sie nie für einen anderen Mann geschwärmt habe, als -für den großen Kaiser Napoleon. - -»Und er?« hatte ich mit schüchternem Einwurf zu fragen gewagt; worauf -Großtantchen -- noch in der Erinnerung an die dahingegangene Jugend und -deren mannigfache Enttäuschungen -- seufzend erwiderte, daß der Stolze, -Gewaltige der kleinen, so wenig schönen Hofdame wohl eigentlich niemals -Beachtung, ja kaum einen eingehenden Blick geschenkt. Und dennoch hatte -eine Schicksalstücke an dem für eine still im Busen getragene Neigung so -blinden, undankbaren Mann sich zu rächen ersonnen. Tante Babette sollte -eine, wenn auch nur zweifelhaft ehrenvolle Revanche haben. - -Ihre eigenen, genau in der ihr charakteristischen, sentimentalen, dabei -jedoch scharf witzigen Redeweise wiedergegebenen Worte sind es daher -auch, welche ich hier bringe, und die in nachstehender kleinen Episode aus -Großtantchens Hofdamenleben mir damals eben so scherzhaft als originell -erschienen, daß ich heute, nach fast fünfundzwanzig Jahren, weder irgend -Bedenken hegen, noch eine Indiskretion zu begehen fürchte, wenn ich sie -wahrheitsgetreu nacherzähle: - -»Der Kaiser -- der Kaiser sollte auf Besuch zu meinen Herrschaften -kommen! Gleich einem Lauffeuer durchflog diese überraschende Kunde unser -herzogliches Schloß. Wann er eintreffen, wie lange der hohe, mächtige -Gast in unseren bescheidenen Mauern weilen würde, davon verlautete fürs -erste noch nichts. Mir genügte, daß er _kam_, daß ich ihn sehen, daß -meine Füße denselben Boden berühren sollten, den er _gestreift_! Eines -Abends war ich länger als gewöhnlich bei der Frau Herzogin in deren -Gemächern zurückgehalten worden. Der französische Roman, welchen -vorzulesen mir befohlen worden, hielt uns dermaßen in Aufregung und -Spannung, daß wir der späten Stunde gar nicht gedachten. Endlich -- ich -glaube, es schlug bereits halb zwölf Uhr -- nahm meine Gebieterin mir das -Buch aus der Hand und hieß mich zur Ruhe gehen. - -»Mit tiefem Kompliment nach rückwärts hatte ich mich verneigt und war -die Thürklinke bereits in meinen Fingern, als die hohe Frau einen seidenen -Shawl ergriff und eigenhändig ihn mir um Kopf und Schultern schlang. - -»›Die Gänge des Schlosses sind kalt, und der Weg nach Ihren Zimmern ist -weit, mein liebes Kind!‹ sagte sie dabei freundlich wie immer. ›So, nun -aber laufen Sie recht schnell, ich wünsche, daß Ihnen niemand begegnen -möge! Denn -- denn ...‹ - -»Der Herzogin weitere Worte verstand ich nicht mehr, da sie mich rasch auf -die Stirn küßte und zur Thür hinausschob. - -»Hu! Ich fror wirklich; wenigstens rieselte ein eigenartiger Schauer -durch meine Glieder, einerseits verursacht durch die aufregende Lektüre, -andererseits aus Bangigkeit, in schon so weit vorgerückter Nachtstunde den -endlos langen Korridor des Schlosses und sogar noch eine Stiege aufwärts -bis zu meiner ziemlich entfernten Wohnung _allein_ zurücklegen zu -müssen. Spukgeschichten hat wohl ziemlich jedes größere, ältere Schloß -aufzuweisen, und so kam es denn auch, daß in diesem Moment allerlei -gruselige Dinge und Gestalten vor meinem Geiste auftauchten, um so mehr -noch, weil man hinsichtlich der Beleuchtung in jener Zeit noch äußerst -haushälterisch zu Werke ging und nur hier und da in den weitläufigen -Fluren und Gängen ein bescheidenes Lämpchen anbrannte. - -»Thorheit! dachte ich, ärgerlich über mich selbst, und schüttelte -das kindische Grauen von mir ab. Schnell rannte ich eine Strecke in das -gespenstige, ab und zu von einem magischen Lichtschein unterbrochene Dunkel -hinein. Wie unheimlich laut hallten doch meine Schritte von den hohen -gewölbten Wänden wieder! -- Doch vorwärts mußte ich. Noch einmal holte -ich tief Atem und lief, das Tuch fester über den Kopf ziehend, weiter. -Beinahe war die Biegung, in welcher der lange Korridor des zweiten -Schloßflügels und auch die Treppe zum oberen Stockwerk mündete, -glücklich erreicht, -- da höre ich eine Thür leise öffnen und wieder -schließen, und ein fester, energischer Tritt kommt den Gang entlang, mir -gerade entgegen. - -»Entsetzt fahre ich zusammen. Das mußte ein Mann sein. Schrecklich! mich, -der Frau Herzogin Hoffräulein, um die Mitternachtsstunde in den Gängen -des Schlosses anzutreffen! Gerade an unserem Hofe hielt man auf strengste -Etikette. War es aber nicht sofort erklärlich, daß ich aus den Gemächern -meiner Gebieterin kam? Bekannt war es ja, daß diese gern sehr lange -aufzubleiben beliebte. - -»Immer näher ertönen die verhängnisvollen, eigentümlich kurzen, -energischen Schritte. Keiner der Lakaien wagte so sicher aufzutreten. So -mußte es also wohl jemand von den Hofkavalieren sein. Wie ärgerlich, -wie fatal! Jetzt -- neugierig spähe ich -- trotz meines fieberhaften -Herzklopfens -- mit einem Auge aus dem mich verhüllenden Shawl. Eine kaum -an die Mittelgröße hinanreichende, von einem weiten Radmantel bedeckte -Mannesfigur steht vielleicht nur noch zehn Fuß von mir entfernt und -stutzt. Gleich einem vom Geier eingeschüchterten und verfolgten Hühnchen -ducke ich mich und krieche förmlich in mich zusammen, um mit geschickter -Wendung an der drohenden Gestalt rasch vorbeizuhuschen. - -»Da -- ich glaube, jeder Blutstropfen zog sich während dieses -entsetzlichen Augenblicks in mein armes Herz zurück und machte es fast -springen vor Angst und Scham -- da vertritt der Unverschämte mir schnell -und gewandt den Weg. Empört weiche ich etwas nach rückwärts, doch -noch nicht genug; er breitet die Arme aus und drückt mein schmächtiges -Figürchen stürmisch an die Brust. - -»Schreien hätte ich mögen vor Wut und Zorn. Allein was hilft das; es -würde die böse Situation eher noch verschlimmert haben. Mein energisches -Zerren und Winden, um die Umschlingung zu lösen, blieb wenigstens umsonst. -Denn ein bartloses Männergesicht bog sich mit Blitzesschnelle zu meinem -Kopfe nieder, und -- ehe ich noch so recht zum klaren Bewußtsein kam, -brannte ein herzhafter Kuß auf meinen Lippen! - -»Entsetzlich! Mich, der Frau Herzogin sittsames, anerkannt prüdes -Hoffräulein, so =sans façon= zu küssen! Wer war der Beleidiger? Das -konnte -- das durfte ich nicht so ruhig hinnehmen. - -»Zum Glück vermochte der arglistige Attentäter, dem die dunkle -Nachtstunde gerade willkommen schien, ein ahnungsloses Fräulein arglistig -zu überfallen, mich nicht zu erkennen, indem ich das Tuch mit heftigem -Ruck noch tiefer herabgezogen hatte. Doch zwischen den langen seidenen -Franzen hindurch, die schützend ihm meine Züge verhüllten, sah ich nun -direkt in ein lachendes Gesicht mit einem Paar flammensprühender Augen. - -»Allgütiger Gott! Der Kaiser Napoleon -- mein angebeteter Held -- mein -Ideal war es!! - -»Die Füße versagten mir fast den Dienst, und es war nicht weit davon, so -hätte ich laut aufgeschrien. In diesem Moment wußte ich wahrlich nicht, -ob es Todesschreck -- ob es Freude war, was mir jede Spur von Fassung -raubte. Die kraftvollen Arme gaben mich nun endlich frei, und halb -betäubt, nur die Geistesgegenwart bewahrend, daß ich fortan mein -Angesicht vor ihm verbarg, taumelte ich nach rückwärts. - -»›=Adieu, ma belle! Au revoir!=‹ tönte ein heiterer, merklich -spöttischer Ruf mir nach. Aber wie von Furien gejagt, nicht rechts noch -links schauend, stürmte ich meines Wegs -- die Treppe hinan und erreichte -atemlos, dabei an allen Gliedern bebend, glücklich mein Zimmer. -- -- - -»Den anderen Vormittag war ein großer, offizieller Empfang des Kaisers -Napoleon bei der Frau Herzogin. Schon in der Frühe hatte die freudige, -überraschende Kunde sich im Schlosse verbreitet, daß der Allgewaltige, -nur von seinem Adjutanten begleitet, augenscheinlich um jeder lästigen -Feierlichkeit auszuweichen, ganz plötzlich eingetroffen sei. Die -glänzende Suite war dem Kaiser erst am Morgen nach jenem kleinen Abenteuer -gefolgt. Wir drei Hofdamen, Gräfin N. N., Fräulein v. Z. und ich, standen -zu Ehren des hohen Gastes, aufs schönste geschmückt, im Vorzimmer, -welches direkt zu Ihrer Hoheit Privatgemächer führte, und harrten in -Aufregung und banger Ungeduld des verhängnisvollen, so wichtigen Moments. -Beugte sich damals doch alles vor dem siegesstolzen, durch Glück und Ruhm -verwöhnten Mannes Haupt. -- - -»Endlich -- Napoleon in seiner rücksichtslosen Art liebte es, auf sich -warten zu lassen -- endlich öffneten sich die Thüren, und ein glänzender -Zug, eingeführt durch den Hofmarschall unseres Herzogshauses, der Kaiser -in großer Uniform an der Spitze, überschreitet die Schwelle ... - -»Erst nach unserer tiefen Verneigung vermochte ich in schüchternem Blick -die Augen zu erheben zu dem angebeteten und doch wieder gefürchteten -Manne. Stolz, gleich einem Siegesgotte, den charaktervollen Kopf in den -Nacken zurückgelegt, einen Zug von blasiertem Hochmut und unbeugsamen -Trotz um den festgeschlossenen Mund, -- so kam er dahergeschritten. Nun -erst mußte er unserer ansichtig werden. Denn plötzlich stutzte er, und -das große, stahlfarbige Auge richtete sich eine Weile mit neugierigem, -indes scharfprüfendem Ausdruck auf uns drei Damen. - -»Gräfin N. N. war eine große, schlanke Blondine, Fräulein v. Z.s Figur -zeigte auffallend üppige Formen. Beide waren um ein beträchtliches -Teil hübscher als ich. Allein gerade an _meiner_ unbedeutenden, kleinen, -zierlichen Gestalt blieb das Kaiserauge am längsten und eingehendsten -haften. Fest und voll schaute er mir darauf ins Gesicht hinein. Ein Moment -war das, wo ich am liebsten in die Erde hätte sinken mögen. Denn ich -gewahrte, wie die scharf markierten Brauen dieses seltsamen Antlitzes sich -finster zusammenzogen und sichtlich Zeichen von Ärger und Verdruß um die -stolz geschwungenen Lippen sich ausprägten. - -»Was war das? -- Hatte er mich wiedererkannt? -- War diejenige, welcher -sein heiterer Zuruf: ›=Au revoir, ma belle!=‹ gegolten, vielleicht -nicht ganz nach seinem Geschmack, nicht seinen Erwartungen entsprechend? O, -daß ich in dieser bitteren Stunde meinen so wenig anziehenden Zügen den -Stempel der Schönheit hätte zu leihen vermögen! - -»Noch stolzer und steifer richtete der Kaiser sich empor, grüßte nur -mit kurzer, vornehmer Handbewegung nach uns hinüber und verschwand in den -Gemächern der Frau Herzogin. -- - -»Während seines zweitägigen Aufenthalts an unserem Hofe hat der -Allgewaltige auch nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen. -- - -»Eingeschüchtert und mit Thränen in den Augen habe ich jedoch später -meiner Gebieterin diese kleine ›Aventure‹ gebeichtet. Sie lachte nur -dazu und meinte, daß sie von der Ankunft des Kaisers an jenem Abende schon -gewußt, es aber für besser gehalten, zu mir darüber zu schweigen. Im -übrigen tröstete sie mich mit den heiteren Worten: ›Einen Kuß in -Ehren, kann niemand wehren!‹ Mir aber ist es zeitlebens nicht recht -klar geworden, worin die große Ehre dieses Kusses eigentlich bestanden. -Wenigstens wußte ich nie, ob ich mich darüber freuen oder grämen -sollte!« -- - -Als Großtantchen mir jene niedliche Episode erzählte, mußte sie indes -wohl die Enttäuschungen, welche der damalige Besuch Napoleons mit sich -gebracht, längst verschmerzt haben. Denn auch sie lachte dabei: nur hatte -sie die Augen geschlossen und leise flüsternd hinzugefügt: »Mein Ideal --- mein kaiserlicher Held blieb er aber dennoch!« -- -- -- - -Großtantchen hat das seltene Alter von 97 Jahren erreicht und -erfreute sich bis zu ihrem eigentlich unerwartet schnellen Ende einer -unerschütterlich guten Gesundheit. Die Kammerfrau fand die dürftige, -kleine Gestalt derselben eines Morgens kalt und steif in ihrer, auf -goldenen Löwenklauen ruhenden, prächtigen Empire-Bettstatt. - -Mir selbst, die ich am entgegengesetzten Ende Deutschlands lebte, war es -leider nur selten beschieden, nach Thüringen reisen und die alte Verwandte -besuchen zu können, allein wurde diese Freude mir einmal zu teil, -so unterließ ich es sicher nicht, Tante Babette zu bestimmen, mir -gelegentlich irgend ein interessantes Episödchen aus dem reichen -Schatzkästlein ihrer Erlebnisse während einer dreißigjährigen -Hofdamenzeit mitzuteilen. - -»Ich bitte mir aber aus, Kind, daß Du nicht etwa alle diese Dinge schon -zu Papier bringst und drucken läßt, so lange ich noch unter den Lebenden -weile. Wenn ich nicht mehr bin, dann magst Du nach Gutdünken damit -verfahren,« hatte die alte Dame einmal lächelnd und mir dabei mit dem -Finger drohend, gesagt. Ich glaube daher jetzt, nachdem Tante Babette schon -mehr als fünfundzwanzig Jahre unter dem grünen Rasen schlummert, keine -allzu große Indiskretion zu begehen, wenn ich das einstige Hoffräulein -der Herzogin von X... abermals selbst reden lasse und eine ihrer -Erzählungen hiermit aus der Erinnerung niederschreibe: - -»Die Geißel des Krieges und das eiserne Joch des Usurpators lastete -schwer auf unserem armen Vaterlande. Nach den unglückseligen Schlachten -von Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 war nunmehr auch das -gottgesegnete Thüringen der Schauplatz schrecklicher Verheerungen -geworden. Die Felder lagen unbebaut oder waren durch endlose -Truppendurchmärsche verwüstet, die Städte geplündert, die Dörfer zum -teil niedergebrannt, überall Not, Krankheit und Jammer! - -»Um so überraschender mochte es erscheinen, daß, gleich einer Oase -in der Wüste, unser Ländchen von allem Greuel und Ungemach des Krieges -verschont geblieben war. Was hielt den Weltbezwinger wohl davon ab, das -unbedeutende Herzogtum X... nicht mit gleicher Tyrannei und Willkür -zu behandeln. Uneingeweihte mochten sich über diese sonderbare Huld -vielleicht den Kopf zerbrechen. Allein bei uns am Hofe war es durchaus -kein Geheimnis mehr, daß Napoleon diese Rücksicht einzig und allein -dem Herzoge und Gemahl meiner hohen Gebieterin angedeihen ließ, der, wie -allgemein bekannt war, eine schwärmerische Verehrung, ja, ich möchte -sagen, glühende Anbetung für des Kaisers Person hegte und mit seinen -Gefühlen keineswegs hinter dem Berge hielt. - -»Man sprach davon, daß Napoleon, der für jede Schmeichelei sehr -empfänglich war, sich über diese in einem Männerherzen für ihn -entflammte Leidenschaft königlich amüsierte und in einem Anfalle seiner -unberechenbaren Launen den Befehl gegeben habe, das Herzogtum X... nicht -allein in jeder nur erdenklichen Weise zu schonen, sondern auch von allen -Kriegslasten zu entbinden. - -»Wie von seiten anderer Höfe dieser seltsame Umstand aufgefaßt und -beurteilt, ob es dem deutschen Fürsten verdacht wurde oder ob man gar -über ihn spöttelte, das ficht den Gemahl meiner Gebieterin durchaus -nicht an. War es doch ein Mensch, dessen krankhaft überspannter Geist -sich selten mit der Wirklichkeit beschäftigte, sondern sich meist in -einer eingebildeten Welt voll eitler Hirngespinste und traumhafter Ideale -bewegte. Der Herzog lebte nämlich in dem thörichten Wahne, das Fühlen -und Denken, ja die Seele eines _Weibes_ zu besitzen und bemühte sich -daher, jedwede Männlichkeit zu verleugnen und abzuschwören. Aus diesem -Grunde drehten sich auch alle seine Gedanken und Interessen nur um Dinge, -die im Gesichtskreise der Frau liegen. - -»Wer diesen eigentümlichen Mann nicht mit eigenen Augen gesehen, konnte -sich von seiner wunderbaren Erscheinung gar keinen klaren Begriff machen. - -»So war des hohen Herrn Kleidung ganz ausgesprochen frauenhaft, was zu -seinem bartlosen Gesicht mit dem weichlich elegischen Ausdruck und den -schmachtenden großen blauen Augen allerdings nicht übel paßte. Lang -wallende, meist weiße Gewandungen umhüllten seine etwas schlaffen -Glieder, während das üppige, gelockte Blondhaar sich unter einer -turbanartigen Kopfumhüllung bis tief in die Stirn hineinsenkte. - -»Waren wir, das heißt, die Frau Herzogin mit ihren drei Hoffräuleins, -zu Seiner Durchlaucht zum Thee geladen, so lag Serenissimus in halb -griechischem Kostüm mit breitem Goldgurt um die Hüften, den für einen -Mann wirklich blendend weißen Hals und Nacken teilweise entblößt, die -vollen, ebenfalls bloßen Arme über und unter den Ellbogen mit kostbaren -Spangen geschmückt, auf einem Ruhebett und empfing uns, indem er sich -graziös erhob und nach Art der Damen sich verneigte. - -»Niemals drehte sich die Unterhaltung um die damals alle Gemüter -beschäftigende Politik und die aufregenden Ereignisse einer schweren -Zeit, sondern nur um seichte französische Romane -- Hofklatsch und -- -Toilettenangelegenheiten! - -»Selbstverständlich waren wir Hofdamen viel zu gut geschult und nebenbei -von einer zu innigen Teilnahme und Verehrung für unsere Gebieterin -erfüllt, als daß wir gewagt hätten, auch nur den kleinsten Schimmer -eines Lächelns um unsere Lippen zucken zu lassen. Die Etikette jener Zeit -erheischte die allergrößte Rücksicht. - -»Daß unter den obwaltenden Verhältnissen sich unsere Frau Herzogin -sehr unglücklich in ihrer Ehe fühlte und wohl nur die äußere Form und -Konvenienz dieses gewiß niemals innig gewesene Band der beiden Gatten noch -zusammenhielt, sind Dinge, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte. -Nur einer kleinen Episode will ich noch Erwähnung thun, die wirklich -höchst spaßig war und dem in seinen Gewohnheiten und Geschmacksrichtungen -oftmals zur Überspanntheit hinneigenden Fürsten eine gründliche Lehre -geben sollte. - -»Napoleon, der sich auf seinem Siegeszuge auf dem Wege nach Berlin befand, -glaubte unserem Herzoge keine größere Freude bereiten zu können, als -wenn er ihm die Ehre eines Besuches schenkte. Vielleicht waren es auch -leise und sehr natürliche Regungen der Neugierde, den als Original -bekannten Fürsten einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die den -Weltbezwinger zu diesem Schritte -- persönlich nach X. zu kommen -- -veranlaßten. - -»Kurz, Serenissimus schwamm in einem Meer von Entzücken und ersann die -denkbarsten und undenkbarsten Sachen, um dem vergötterten Kaiser einen ihm -gebührenden Empfang zu bereiten. - -»Natürlich spielte die Toilettenfrage dabei wieder eine nicht -unbedeutende Rolle, und mochte die gefallsüchtigste, kokettste Frau wohl -kaum so lange über die Mittel, ihre Reize in das beste Licht zu stellen, --- nachgegrübelt haben, als es der Herzog vor dem zu erwartenden Besuche -des Kaisers gethan. - -»Vielleicht sollten wir, die am Hofe befindlichen weiblichen Elemente, -alle in Schatten gestellt werden. - -»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war, ließ in ihrer -edlen Herzensgüte und rührenden Bescheidenheit alles über sich ergehen. -Daher hatte auch Seine Durchlaucht, zweifellos um seine eigene Person -noch mehr zur Geltung zu bringen, den Empfang des hohen Gastes nach seinen -Privatgemächern verlegt, so daß wir übrigen eigentlich nur Staffage -bilden sollten. - -»Vorausschicken muß ich noch, daß Napoleon dem Herzoge bereits -schriftlich die Stunde seines Besuches angekündigt hatte, und in diesem -äußerst huldvollen Briefe mit einfließen ließ, derselbe möge sich -irgend eine _Gnade_ vom Kaiser erbitten. - -»Und der große mit Sehnsucht und Spannung erwartete Moment kam endlich! -War doch die Macht und das Ansehen des Mannes, der auf dem Wege war, sich -ganz Europa zu unterjochen, eine so große, daß hoch und niedrig, alt und -jung vor seinem bloßen Angesicht zitterte. - -»Von seinen Generälen, Adjutanten und einem Kreise besonders bevorzugter -Männer umgeben, betrat Napoleon das mit verschwenderischem Luxus -eingerichtete, jedoch an ein mit verweichlichtem, üppigen Geschmack -ausgestattetes Frauengemach erinnernde Zimmer des Herzogs, in dessen Mitte -ein schwellendes Ruhebett stand, von dem sich eine dem Auge eines Fremden -ganz seltsam erscheinende Gestalt emporrichtete. - -»Hinter meiner Gebieterin versteckt, vermochte ich des Kaisers Züge genau -und völlig unbemerkt zu beobachten, daher sah ich deutlich, wie plötzlich -ein heiteres, allein merkbar spöttisches Lächeln über das ehern finstere -Antlitz glitt und das durchdringende Adlerauge halb ungläubig, halb -staunend an dem sich seinen Blicken Darbietenden haften blieb. - -»War das eine Komödie, eine ganz besondere Überraschung etwa, die man -ihm hier vorgeführt? Was bedeutet das? -- so mochte der hohe Gast wohl bei -sich denken, indem er sich jetzt mit fragendem Gesichtsausdrucke seitwärts -wandte, wo mit gesenkten Lidern und sich schüchtern verneigend, meine -Gebieterin stand! Dieser aus dem Kaiserauge sie treffende Blick war ebenso -demütigend als niederschmetternd, das fühlte selbst ich -- die Hofdame. - -»Entsetzlich! In dieser merkwürdigen, von blaßrosa Seidenstoffen -umwallten Figur, deren entblößter Hals und Arme von kostbarem Geschmeide -strotzte, konnte Napoleon doch unmöglich den Herrn und Gebieter eines -deutschen Fürstenstaats, den regierenden Herzog von X. vermuten! So -weibisch verputzt, in fast lächerlichem Aufzuge, so jeder Männlichkeit -Hohn sprechend, hatte der Weltbezwinger sich denjenigen, dessen glühende -Anbetung er sich bisher stillschweigend gefallen ließ, doch nicht -vorgestellt. Deutlich sah ich die tiefe Falte des Unwillens über der -eisernen Stirn, welche nur zu wohl besagte, daß Napoleon sein Erscheinen -in unserem Schlosse bereits bereuen mochte. - -»Den Herzog vielleicht ausgenommen, fühlten wir alle, daß dies ein -furchtbar peinlicher Moment war, und schien es den Herren aus des Kaisers -Suite wirklich Mühe zu kosten, Fassung und Contenance zu bewahren. Einige, -wenigstens die Jüngsten davon, hatten nicht übel Lust, aller Hofetikette -zum Trotz laut aufzulachen und ihrem Übermut und Witz die Zügel schießen -zu lassen. Andere bissen sich krampfhaft in die Lippen und sahen unverwandt -zu Boden. - -»Obwohl es auch Napoleon noch immer sehr verräterisch um die Mundwinkel -zuckte, trat er jetzt mit hastigen Schritten der in ihrem zweifelhaften -Liebreize vor ihm stehenden rosaumhüllten Gestalt entgegen, maß dieselbe -mitleidigen, spöttischen Blickes und sagte in seiner bekannten schroffen -Art: - -»›Fürwahr, ein sonderbarer Empfang! Aber Wir nehmen ein gegebenes Wort -niemals zurück. Durchlaucht dürfen Sich von Uns eine Gnade erbitten. Sie -soll gewährt sein. =Eh bien?=‹ - -»Die vollen weißen Arme verlangend nach dem Kaiser ausgestreckt, die -blauen Augen in einem Ausdruck schwärmerischer Sinnlichkeit zu des -Weltbezwingers Antlitz emporgeschlagen, flüsterte der Herzog mit -frauenhaft sanfter Stimme, aber laut genug, um von den Anwesenden -verstanden zu werden: ›=Un baiser, Sir!=‹ - -»Für Sekunden war es, als ob der lähmende Druck einer Erstarrung auf -uns allen lastete. Wahre Totenstille herrschte ringsum, weil wohl jeder -befürchten mochte, daß jetzt sicherlich ein brüskes, spottgefärbtes -Lachen oder gar der Ausbruch jenes zügellosen Zornes -- vor dem Europa -zitterte -- von den Lippen des Allgewaltigen hervorbrechen würde. - -»Nichts davon. Trotzdem mir unter dem knappen Atlasleibchen das Herz in -wilden Schlägen hämmerte, verwandte ich von Napoleon keinen einzigen -Blick. - -»Jetzt richtete sich die kleine Gestalt in der ihr eigenen hochmütigen -Weise stolz empor -- das stahlgraue Auge verfinsterte sich merklich, doch -ohne daß in den charaktervoll wie gemeißelt erscheinenden Zügen der -geringste Schimmer von Bewegung sichtbar wurde, stieß er schroff und -verächtlich hervor: ›=Vous êtes un fou! Adieu!=‹ - -»Sprach's und verließ, von seiner glänzenden Suite gefolgt, -unverzüglich das Gemach. - -»So kläglich endete des Kaisers Besuch an unserem Herzogshofe.« - - - - -Unter dem Niagara-Falle. - - - Niagara-Falls, den 18. Oktober. - - Teure Carrie! - -Der glühendste Wunsch meines Lebens ist wirklich in Erfüllung gegangen. -Ich bin unter dem Niagara-Falle gewesen! Nicht allein, daß es mir -vergönnt war, das kolossalste Naturschauspiel unserer Erde zu bewundern, -in stummer, staunender Erstarrung versunken, die gigantischen Fälle in die -Tiefe stürzen zu sehen, während mir dabei ein eisiges Gruseln über jenes -Wunder durch die Glieder bebte, -- nein, Carrie, Herzensschwester, in -die berühmte =cave of the winds= (Windhöhle) bin ich mit Papa -hinabgestiegen! -- - -Von Goat-Island aus ist es möglich, unter die Fälle zu gelangen, oder -richtiger gesagt: unter den Raum zwischen der Felsenwand und den über -dieselbe hinabstürzenden Fluten des amerikanischen Falles. Kaum glaublich -ist das, und doch ist es nur der kleinste Teil der mächtigen Katarakte, -unter welche ein menschliches Wesen sich wagen kann. - -Indes ist es durchaus nicht meine Absicht, Dir, Du Hasenfuß, der aus purem -Mangel an Courage sich an unserer schönen Partie nicht beteiligen wollte, -eine eingehende Naturbeschreibung zum besten zu geben. Wenn es Dich -interessiert, so nimm Dir ein Reisehandbuch vor, und Du bist schneller -orientiert, als ich es zu thun vermöchte. Nur von einem allerliebsten -Abenteuer muß ich Dir noch berichten. Denke Dir: ein Abenteuer unter dem -Niagara-Falle! So etwas erlebt ein einfacher Sterblicher, ein Mädchen von -neunzehn Jahren, und noch dazu eine Deutsche, nicht oft im Leben! - -Höre also! - -Der Fremden-Andrang an den Fällen war, wohl der vorgerückten Jahreszeit -wegen, nicht mehr sehr groß. Nur fünf Personen, darunter Papa und ich, -machten sich auf den Weg nach der Windhöhle; ich als die einzige Dame, -was meinen Stolz nicht wenig hob, besonders, da man mir von verschiedenen -Seiten das wirklich Gefährliche und Anstrengende unseres Unternehmens -klar zu legen sich bemühte. Vor allem war es ein junger Deutscher, -- -die Visitenkarte, welche er uns reichte, lautete: »Arnulf Clemens, -Privatdocent. Berlin«, -- der fast außer sich darüber geriet, als er -erfuhr, daß ich die Herren begleiten, mein blutjunges Leben, wie er feurig -sich ausdrückte, diesen elementaren Mächten der Tiefe preisgeben wolle. -Er selbst habe den Weg durch die Windhöhle in wissenschaftlichem Interesse -schon einmal gemacht, kenne daher die gefährliche Passage ziemlich genau, -worauf er dann noch eine schauerliche Schilderung derselben folgen ließ. -Doch ich blieb unerschütterlich und lachte. Nichts in der Welt hätte mich -auch von meinem Vorhaben abzubringen vermocht. Hatte mein Widerstand den -Deutschen verletzt oder gekränkt? -- ich weiß es nicht. Wenigstens verlor -ich ihn bald darauf aus dem Gesicht, das heißt, sein Gesicht verlor sich -unter der riesigen Kapuze des sogenannten »wasserdichten« Anzuges -aus safrangelbem Wachstuch, womit man uns vom Kopfe bis zu den Füßen -bekleidete. Nebenbei vervollständigten monströse Filzpantoffeln, die -einem jeden von uns unter die Füße gebunden wurden, die originelle -Toilette. Das Betreten des nassen, schlüpfrigen Gesteins wäre -ohne letztere auch eine Unmöglichkeit. Und so traten wir, derartig -ausgerüstet, die Reise nach der Unterwelt an. - -Aber, o Carrie! Deine waghalsige kleine Schwester hatte doch ihren Mut und -ihre Kräfte überschätzt. - -Gar schnell verschwand das übermütige Lachen von meinem Gesicht, und fast -bereuete ich, Mr. Clemens' wohlmeinender Warnung kein Gehör geschenkt zu -haben. Ein unheimliches Brausen und wahrhaftes Donnergetöse umfing uns -bald, und der ungeheure Luftdruck, durch die Gewalt und Geschwindigkeit des -herabstürzenden Wassers verursacht, übte einen so beklemmenden Einfluß -auf unsere Lungen aus, daß man kaum zu atmen vermochte. Über unsere -Häupter hinweg raste und rauschte die Wasserflut mit betäubendem Gebrüll -in den Abgrund, dicke, graue Nebeldämmerung und fortwährender feiner -Regen erfüllte die Atmosphäre ringsum, während von Zeit zu Zeit -brausende Schaumwolken weißen Gischtes bis zu uns heranschlugen. - -So ging man langsam aus dem nur durch ein höchst primitives Geländer -geschützten Wege vorwärts. Drei vermummte Gestalten bewegten sich vor -mir; ich selbst wankte hinterdrein, und zuletzt schritt noch ein Mensch, es -konnte nur Papa sein, der bisher dicht an meiner Seite geblieben war. - -Überwältigend und kaum mehr erträglich wirkte auf mich das furchtbare -Tosen. O spotte meiner deshalb nicht! Denn was sind Menschennerven -gegenüber jenen entfesselten Naturgewalten. Du wirst es daher natürlich -finden, daß wir nicht lange in diesem schauerlich schönen Raume blieben. -Die Großartigkeit der Windhöhle spottet überhaupt jeder Beschreibung. - -Dann kehrte ein jedes auf dem Absatz um und, äußerst vorsichtig, Schritt -um Schritt genau beachtend, tappte man den lebensgefährlichen Weg wieder -rückwärts. Da überkam mich plötzlich ein derartiger Schwindel, daß ich -die Füße nicht mehr zu heben vermochte und die Augen schließen mußte. -Das Geländer umklammerte ich krampfhaft und taumelte hin und her. Im -Moment aber umfaßten auch schon zwei starke Arme meine bebende Gestalt -vorsorglich. Nur denken konnte ich noch: »welches Glück, daß Papa neben -mir ist!« Dann schmiegte ich mich halb besinnungslos, allein glücklich -und beruhigt, an die treue Brust. - -Indes währte diese vorübergehende Schwäche wohl kaum zwei Minuten. -Da schlug ich die Augen auf und drängte wieder vorwärts. Dort, ein -ziemliches Stück von uns entfernt, schritten bereits die übrigen, die -während dem vorgekommen waren. Mutig raffte ich mich daher empor. Und, dem -Himmel sei gedankt, endlich wurde es auch heller, das fürchterliche Sausen -und Brausen verminderte sich. Freier vermochten die Lungen wieder zu atmen, -und schon drang Tagesschein bis zu uns. Nur ein kurzer Pfad noch aufwärts, -und, -- Gott Lob, wir waren gerettet! Freudetrunken schaue ich zurück, um -für meine Heldenthat von Papa mich beglückwünschen zu lassen, -- da, -- -o Schrecken! -- der Deutsche, Mr. Arnulf Clemens, war es, der mir folgte. -Die Kapuze hatte er abgeworfen, und übermütig lachten seine blauen Augen -mich an. - -Gräßlich, Carrie! Nicht wahr? Von seinen Armen umschlungen, habe ich -an seiner Brust geruht! Verwünscht habe ich in diesem Momente alle meine -Niagarasehnsucht. Ich hätte mich selber ohrfeigen mögen. - -Was aber half es? Mußte ich nicht noch gute Miene zum bösen Spiele -machen? Das heißt, ich glaube, daß ich mit wütendem Gesichte gestammelt -habe: ich hätte Papa hinter mir vermutet. Innerlich schäumte ich und nahm -mir fest vor, dem zudringlichen Patron meinen Zorn fühlen zu lassen. - -Auf dem Rückwege nach dem Hotel wich er noch dazu nicht von meiner -Seite, als ob der mir geleistete Dienst ihm etwa gar das Recht einräume, -fernerhin meinen Beschützer zu spielen. Nebenbei entwickelte er eine echt -deutsche Redseligkeit, um mich zu unterhalten. - -Vorausschicken muß ich übrigens, daß er kein übler Mann ist, -- -gewiß nicht, Carrie! Elegante Figur; zwar nicht besonders hübsch, aber -hervorragend intelligent ist sein Gesicht, die Augen könnte man sogar als -schön bezeichnen. Sie sprudeln von Geist und lachen von Herzensgüte. Eine -tiefe Narbe, wahrscheinlich eine Reminiscenz aus der Studentenzeit, zieht -sich über die linke Backe hin. Allein der Mensch hatte sich meine vollste -Ungnade zugezogen, und dafür sollte er büßen. - -Eine günstige Gelegenheit fand sich rasch genug, indem er, da wir deutsch -sprachen, seine Freude ausdrückte, in mir eine Landsmännin zu begrüßen. -Die Männer besitzen alle eine gründliche Portion Neugierde, und so -schlich er denn, wie man in unserem alten lieben Deutschland zu sagen -pflegt, gleich der Katze um den heißen Brei. Er tippte hier, -- er tippte -dort an; kurz, er brannte darauf zu erforschen, wer wir seien. - -Aha, dachte ich, das ist die Falle! - -Endlich erkühnte er sich, zu fragen, ob wir stetig oder nur vorübergehend -in den Vereinigten Staaten wohnten! - -»Stetig. Der Beruf und die so überaus einträgliche Stellung meines -Vaters hält ihn in Amerika fest,« log ich in größter Gemütsruhe. - -»Advokat? Politiker offenbar?« forschte er weiter. - -»O nein!« entgegnete ich mit der ernsthaftesten Miene der Welt. »Papa -ist der -- Totengräber von New York!« - -Bin ich nicht ein gräßliches Mädchen, solch' haarsträubenden Unsinn zu -sprechen, Carrie? =Dear old Pa?= Ich könnte mich tot lachen über meinen -Witz. Und doch, -- im Moment, da die Lüge heraus war, that er mir leid. -Denn das bisher überaus fröhliche Gesicht meines Begleiters nahm einen so -erschreckten, traurigen Ausdruck an, als ständen wir plötzlich inmitten -des großen Gräberfeldes von Greenwood-Cemetry in der Zeit, wo die Uhr die -Geisterstunde schlägt, -- huh! - -Armer Arnulf Clemens! - -Er verbeugte sich höflich, indes merklich steif gegen mich, und wir legten -schweigend den Weg nach dem Hotel zurück. Die Medicin that demnach bereits -ihre Wirkung. Auffallende Abkühlung! Die erhöhte Temperatur seines Blutes -sank auf den Normalstand zurück! - -Während des Lunch saß Mr. Clemens Papa und mir schräg gegenüber und -unterhielt sich lebhaft mit unseren Reisebegleitern. Nur ab und zu streifte -mich ein scheuer -- unsäglich trauriger Seitenblick. Aus den Gesprächen -vermochte ich jedoch so viel zu entnehmen, daß Arnulf Clemens Geologe -sei und eine sechs- bis achtmonatliche Studienreise nach den Vereinigten -Staaten unternommen habe. Darauf sprachen die Herren schrecklich gelehrte -Dinge, über Schliemann, über die alten Ruinen des Forts Ticonderoga -am Champlain-See, über die wunderbare Bodenbeschaffenheit im -Yellowstone-Park, und mehr dergleichen. Ich merkte es Papa an, wie gern er -an dieser wissenschaftlichen Unterhaltung sich beteiligt hätte. Allein, -da ich ihn bereits vor dem Frühstücke von meinem Scherze in Kenntnis -gesetzt, so that er mir wirklich den Gefallen, mich nicht zu blamieren, -und vertiefte sich statt dessen lediglich in die Wissenschaft der -»Gastronomie«. Dabei legte er auch einen so indifferenten, fast -möchte ich sagen stumpfsinnigen Ausdruck in sein liebes Gesicht, der dem -Totengräber von New York wahrhaftig alle Ehre machte. Im übrigen zürnte -er mir durchaus nicht und äußerte, mit dem Finger drohend, bloß, daß -ich ein loser Schelm sei! -- Eine Stunde später dampften wir zurück nach -New York. -- - -Vollkommen befriedigt war meine wißbegierige Seele von unserem Ausfluge. -Auch Papa zeigte sich in bester Laune, schwatzte heiter und machte schon -Pläne für die nächste Sommerferienreise. Und dennoch -- mir, Carrie, --- nun bitte ich wiederum, mich nicht auszulachen --, mir war das Herz -ein wenig schwer! Warum? Ja, das wußte ich selbst nicht. Du Vernünftige, -Vortreffliche, Du, mein besseres Ich, -- Du würdest sagen: das ist die -Reue über eine böse That! Vielleicht hättest Du recht. Der tieftraurige, -erschreckte Blick aus Mr. Arnulf Clemens' blauen Augen peinigt mich -zuweilen fürchterlich. Die Strafe dafür, daß sein schützender Arm eine -schwankende Mädchengestalt im Momente der Gefahr gehalten und an sich -gedrückt, war wohl doch zu grausam? -- - -So endete mein Abenteuer unter dem Niagara-Fall. Gehab' Dich wohl, -amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington und schreibe -gelegentlich einmal an - - Deine kleine Schwester Terrie. - - * * * * * - - Washington, den 10. November. - - Meine liebe Terrie! - -Dein frommer Wunsch: amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington -hat sich glänzend erfüllt. Die letzten Wochen brachten eine solche Fülle -von Abwechselungen und interessanten Bekanntschaften, daß ich Dich um Dein -spaßiges Niagara-Abenteuer wahrlich nicht beneide. - -Unsere guten Newtons sind Menschen, welche sehr hohe Achtung und große -Liebe hier genießen, so daß jeder, der zum Besuche in ihrem Hause weilt, -täglich mehr von dem Werte dieses vortrefflichen Ehepaars überzeugt wird. -Mich verhätscheln sie fast wie ein Baby und sinnen nur immer darauf, mir -neue Amüsements zu verschaffen. Daher werde ich so bald nicht heimkehren, -und Du wirst für unseren guten Papa noch einige Zeit allein Sorge -tragen müssen. Ach, Terrie, es ist so wundervoll, sich einmal von einem -Mütterchen ein bißchen verwöhnen zu lassen und zu fühlen, daß ...! - -Doch davon später! -- - -Dein allerliebstes Abenteuer unter dem Niagara, welches mich höchlichst -amüsiert und meine prüde, schnell aufbrausende Terrie wieder einmal recht -charakterisiert hat, sollte ein Nachspiel finden --; staune nur! Und das -habe ich erlebt! Mich hatte das Schicksal auserkoren, die Sünden meiner -herzlosen Schwester zu sühnen! - -Trotz der ziemlichen Entfernung zwischen Washington und New York, höre ich -bei diesen Worten Dein Herz klopfen, -- sehe auch deutlich, wie unruhig und -ängstlich Deine Augen flackern. Allein Du mußt noch einige Minuten -Geduld haben, mein teures Schwesterchen, und mich erst in Ruhe über diese -komischste aller irdischen Zufälligkeiten Bericht erstatten lassen. - -Es war bei einer reizenden =Tea-party= bei dem Präsidenten der Vereinigten -Staaten. Schon hieraus magst Du ersehen, welch bevorzugtes Menschenkind ich -bin, daß sogar die exklusiven, geheiligten Räume des weißen Hauses sich -für mich geöffnet haben. - -Also: das glänzende Fest war bereits in vollem Gange, -- übrigens wurde -auch getanzt, -- als aus den dichten Reihen der jüngeren Herren die -Gestalt eines Mannes sich löste, welche sofort meine ganze Aufmerksamkeit -in Anspruch nahm. Elegante Figur, -- intelligentes Gesicht mit einer tiefen -Narbe über der linken Backe, -- schöne, geistvolle blaue Augen! - -Die schäumenden Wasser des Niagara-Falles, die safrangelbe Kapuze, meine -halbohnmächtige, kleine Schwester und, -- der Totengräber von New York, --- das alles tauchte plötzlich zündend vor meinem Geiste auf. - -Eine Pause nach dem Tanze war eben eingetreten, und ich lehnte mich, ein -wenig ermüdet, an einen der riesigen Gas-Kandelaber des Saales, das bunte, -reizvolle Bild gedankenvoll überschauend. Wahrhaftig! Der bewußte Herr -schreitet schnurstracks auf mich zu. Was sollte das wohl bedeuten? -- Das -Herz pochte mir zwar eben nicht; aber etwas Unruhe, oder vielmehr -Unbehagen beschlich mich dennoch. Denn daß ich dem Mr. Arnulf Clemens, -Privat-Docenten aus Berlin, gegenübertreten sollte, war zweifellos. Ebenso -zweifellos aber erblickte er in mir die liebliche Nymphe des Niagara. - -Offen gestehe ich Dir ein, daß die frappante Ähnlichkeit mit Dir, welche -bisher meinen Stolz und das Glück meines Lebens bedeutete, mir in -diesem Momente zum erstenmale peinlich wurde. Hatte der junge Mann den -schändlichen Betrug entdeckt? Wohl sicher nicht, folgerte ich ziemlich -richtig. Denn dann würde er in der Empörung seines Herzens Dich gewiß -mit Verachtung gestraft und die frühere Begegnung völlig ignoriert haben. - -Nein! Ersichtlich war es ja, daß er jene flüchtige Bekanntschaft mit -Dir zu erneuern wünschte, daß das lebhafte Interesse für meine boshafte -kleine Schwester ihm rasch über alle etwaigen Bedenken hinweggeholfen. -Warum soll die Tochter eines »Totengräbers« nicht eine reizende, -feingebildete junge Dame sein, für welche ein feuriges Mannesherz -sich begeistern kann, zumal, wenn man dieselbe auf dem Balle bei -dem Präsidenten der Vereinigten Staaten antrifft? -- Amerikanische -Verhältnisse sind eben andere, als deutsche. So viel hatte Mr. Clemens -sicher schon ausfindig gemacht während des hiesigen Aufenthaltes. Ich -hätte sogar darauf schwören wollen, daß er, als er den heroischen Anlauf -nahm, zu mir heranzutreten, hinter seiner klugen Stirn kombinierte und -meinte, ein Totengräber in Amerika nähme mindestens die hohe Stellung -eines deutschen Geheimrates ein. Und das besiegte entschieden die letzten -Skrupel. - -Den vollendeten Kavalier verratend, indes nicht etwa mit einem -tieftraurigen Blicke, verbeugte sich Mr. Arnulf Clemens vor mir und fragte -artig: ob die Partie nach der Windhöhle mit all den großen Anstrengungen -und Fatiguen auch keine üblen Folgen für mich gehabt? Und lächelnd -setzte er hinzu: - -»Sie waren an jenem Morgen so schnell abgereist, daß ich gar nicht mehr -Zeit gefunden, mich bei Ihnen zu verabschieden.« - -Was sollte ich thun? Irgend ein witziger, oder wenigstens witzig sein -wollender Mensch hat einmal geäußert, daß junge Mädchen im Alter von -fünfzehn bis neunzehn Jahren in für sie kritischer Situation, selbst wenn -ihnen das Weinen nahe sei, nichts klügeres thun könnten, als -- immer nur -lachen! - -Gut! Da ich eben erst neunzehn Jahre geworden bin, so lachte ich. - -Mein Lachen schien ihn jedoch noch mehr zu ermutigen. Denn mit einem -schwärmerischen Aufschlage seiner schönen Augen fragte er weiter, ob -der gemeinsame interessante Ausflug nicht doch sehr reizvoll und poetisch -gewesen sei? Er selbst wäre seitdem wie von einem wunderbaren Zauberbanne -umfangen. Sicherlich müßten Nixen und Geister der Tiefe in der Windhöhle -ihr Wesen treiben. - -Nun war aber der Moment gekommen, ihn über die Täuschung, in der er -schwebte, aufzuklären. - -»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich ebenfalls sehr höflich, doch -glaube ich, daß mir dabei der Schalk um die Mundwinkel zuckte. »Meine -Augen haben das große Schöpfungswunder, den Niagara-Fall, niemals -geschaut. Meine Schwester war es, mit der Sie dort zusammengetroffen -sind.« - -Fast ungläubig stutzte er und schien forschend meine Züge zu mustern, -während Ärger und Verlegenheit deutlich über sein Gesicht huschten. - -»O, verzeihen Sie! Diese fabelhafte Ähnlichkeit, mein Fräulein! Ich -konnte unmöglich ahnen ...!« stieß er lebhaft hervor. - -»Wir sind auch Zwillings-Schwestern!« kam ich ihm mitleidig zu Hilfe. - -Darauf wollte er sich mir noch einmal in aller Form vorstellen; doch war -ich so unbedacht, zu verraten, daß Du mir von ihm bereits geschrieben, -und er daher mir kein völlig Fremder sei. Merkwürdig strahlten bei dieser -Nachricht seine blauen Augen auf. Ich glaube, Terrie, die Nixen der Tiefe -haben es ihm gewaltig angethan. - -Die Musik rief jetzt zur Quadrille, zu der mich Mr. Clemens -pflichtschuldigst aufforderte. Da indes genügend Paare vorhanden waren, -und wir beide eben keine große Lust zum Tanzen verspürten, so behielten -wir unseren Platz inne und plauderten weiter. - -Deine Beschreibung seines Äußeren paßt übrigens vollkommen; ich habe -ihn auch sofort erkannt. Allein, wenn Du Dich gleich mir eine Viertelstunde -mit ihm unterhalten hättest, würdest Du jene häßlichen Worte: -»zudringlicher Patron« ihm im stillen abbitten. Ich finde Arnulf Clemens -nicht nur liebenswürdig und charmant, sondern ich bin sogar überzeugt, -daß er ein ganz vortrefflicher Mensch ist. Doch brauchst Du, wenn dieser -Mann sich nicht von vornherein Deine vollste Ungnade zugezogen, Dir somit -also höchst gleichgültig ist, nicht im geringsten auf mich eifersüchtig -zu sein, aus Gründen, die ich Dir am Schlusse meines Briefes mitteilen -werde. - -Rührend sprach er von seinem lieben, alten Mütterchen in der Heimat und -von zwei jungen, unmündigen Brüdern, für die er arbeitet, und welchen -eine Stütze zu sein, bisher seine Lebensaufgabe gewesen. Nach der -Rückkehr von dieser Reise hoffe er eine Professur an einer hervorragenden -Universität zu erlangen. Jedes Wort, das er sprach, ja sein ganzes Sein -und Denken erschien so treuherzig, edel und wahr, daß es mich wirklich -fast schmerzte, wie Du an diesem Manne frevelhaft Dein Mütchen hast -kühlen können. O schäme Dich, böse Terrie! - -Gleich alten Bekannten plauderten wir zusammen, sodaß er ganz vergessen -zu haben schien, eine fremde junge Dame vor sich zu haben, und gewiß kaum -mehr daran dachte, daß wir des »Totengräbers« Töchter seien. Um -ein Haar wäre ich auch selbst bald aus der Rolle gefallen, indem ich -unvorsichtigerweise äußerte: Du seiest seit drei Wochen mit Papa wieder -in New York, da die Herbstferien zu Ende gegangen, und ersterer betreffs -des Winter-Semesters sehr in Anspruch genommen würde. - -Der starre, fragende Blick des jungen Mannes brachte mich indes schnell zur -Besinnung. Seine Stirne zog sich in Falten, und schweigend schaute er zu -Boden. Offenbar mußte er darüber nachsinnen, wie komisch es klinge, daß -auch Totengräber Ferienreisen unternähmen, oder ob die Sterblichkeit in -Amerika wohl in Semester eingeteilt wäre. - -Herzlich gern hätte ich ihm jetzt gesagt, daß Du einen Scherz mit ihm -getrieben, so leid that er mir in diesem Momente. Aber ich durfte Dich -ja nicht gar zu sehr kompromittieren und wartete mithin eine günstige -Gelegenheit ab, ihm die Wahrheit zu gestehen. - -»Nach den Mitteilungen Ihrer Fräulein Schwester ist der Beruf Ihres Herrn -Vater ein ernster und schwerer?« warf er schüchtern und etwas unsicher -ein. - -»Ernst wohl, aber nicht schwer, da Papa sich ihm mit Leib und Seele -hingiebt, und die Passion alle Mühseligkeiten desselben überwindet,« -entgegnete ich mit schlecht unterdrücktem Lächeln. - -Wieder sah er mich von oben bis unten fragend an. »Passion zum -Totengräber!« mochte er wohl denken. - -»Sie, Mr. Clemens, müssen das doch am besten begreifen und verstehen,« --- sprach ich inzwischen lebhaft weiter, -- »daß ein Mann im Feuereifer -des Studiums und Forschens, wie es Papa zuweilen thut, die lichte, sonnige -Gegenwart, -- die Welt mit ihren Freuden und Genüssen völlig vergessen -kann, um des -- Verblichenen, -- ja um des Staubes der Vergangenheit -willen!« - -Das kluge Auge richtete sich einige Sekunden prüfend und beinahe streng -auf mein lachendes Gesicht. Ohne Zweifel konnte er die innere Verbindung -meines Ideenganges nicht finden. - -»Ich?« fragte er daher halb unwillig. - -»Nun ja! Sagten Sie mir nicht soeben, daß Sie Geologe seien? So ein klein -wenig geistige Verwandtschaft besteht dann wohl zwischen Ihnen und Papa,« -war meine heitere Antwort, indem ich fortwährend sein immer finsterer -werdendes Gesicht beobachtete. - -»Ich weiß nicht, mein Fräulein, ob Sie Scherz mit mir treiben, oder -ob ich selbst in einem argen Irrtume befangen bin?« sagte er in einem -steifen, völlig veränderten Tone. »Denn alles, was Sie in den letzten -fünf Minuten gesprochen haben, erscheint mir dermaßen unverständlich und -rätselhaft, daß ich wirklich bitten muß, sich ein wenig deutlicher zu -erklären!« - -»Aber, mein Gott, wie so denn? Was ist Ihnen nicht klar? Ich scherze -wahrhaftig nicht!« rief ich in ungeduldiger Hast und Erregung. - -»Nicht?!« fragte er immer noch ungläubig. »Dann verzeihen Sie meine -Indiskretion und sagen Sie mir, welche Stellung Ihr Herr Vater eigentlich -bekleidet?« - -Jetzt pochte mein Herz wirklich. Allein in möglichster Unbefangenheit -erwiderte ich: - -»Papa ist Professor der toten Sprachen an der Universität von New York.« - -»Ah!« Mr. Clemens war einige Schritte zurück getreten und starrte, wie -ein Mensch, der aus festem, gesunden Schlafe jäh aufgerüttelt wird, mich -an. - -»Gewiß, mein Herr!« bestätigte ich mit stolzem Selbstgefühle. »Und -einen Ruf besitzt Papa, der weit über die Grenzen von United-States -hinausgeht!« - -»Ja --, aber mein Himmel! Dann muß ich Ihr Fräulein Schwester ganz und -gar mißverstanden haben,« stotterte Mr. Clemens in höchster Verwirrung. - -Ein wunderbar glückseliger Ausdruck breitete sich mit einem Male über -seine treuherzigen Züge, als er fortfuhr: - -»Sie sagte mir doch, daß ...« - -»Wohl möglich,« unterbrach ich ihn herzlich lachend. »Doch wie kann man -auch in nächster Nähe des Niagara-Falles, der, wie Terrie mir schrieb, -solch ein Höllengetöse verursacht, daß der abgefeuerte Schuß einer -Kanone ungehört verhallen würde, -- wie kann man also dort jemanden recht -verstehen?« - -In selige Träume und Erinnerungen versunken, nickte er nur mit dem Kopfe. - -»Terrie, Deine Ehre war gerettet!« -- - -Das also ist _meine_ Begegnung mit Mr. Arnulf Clemens im Weißen Hause. -Übrigens sagte er mir, ehe wir uns trennten, daß er in den allernächsten -Tagen nach New York zu reisen und Euch aufzusuchen gedächte. Hüte Dich -daher, kleine Schwester! Die Nixen der Windhöhle sind arge Neckteufelchen, -die sich an allzu wißbegierigen Menschenkindern gar zu gerne rächen. - -Wie Du, Mr. Clemens gegenüber, Dich dann aus der Schlinge ziehen wirst: -ob Du es bei dem »Mißverständnisse« bewenden lassen, oder ob Du lieber -beichten willst, das werden die eigenen Gefühle Dir wahrscheinlich am -besten sagen, meine Terrie! - -Giebt es doch in der ganzen Welt nichts Unberechenbareres, -Widerspruchsvolleres, als ein Mädchenherz. Man könnte wirklich Bücher -darüber schreiben. Weißt Du noch, wie ich selbst immer über die Liebe -gespöttelt und stets so übermütig -- prahlerisch geäußert habe, daß -dieser süße Dämon niemals Gewalt über mich bekommen würde? Wer solchen -Ausspruch thut, ist -- eine Närrin; denn ...! - -Doch ich muß schließen; Mütterchen ruft nach mir, weil Gilbert -Newton, der einzige Sohn des Hauses, ein junger Schiffs-Kapitän, der ein -auffallend schöner Mann ist, soeben ankam, und ich ihn unterhalten soll. -Wahrhaftig, Terrie, er ist der interessanteste Mensch, welcher mir jemals -begegnete, -- voller Geist und Feuer! Es leben die Amerikaner! - -Schreibe bald von Mr. Arnulf Clemens' Besuch und sei umarmt von - - Deiner glücklichen Schwester Carrie. - -Nachschrift. - -Vielleicht kehre ich doch noch früher heim, als ich anfänglich gedacht, -da Newtons beabsichtigen, selbst mich nach New York zurück zu bringen. Das -wird ja ein herrliches Wiedersehen werden! Gut wäre es aber jedenfalls, -wenn Du Papa langsam auf diesen unverhofften Besuch vorbereiten -wolltest. -- - - * * * * * - - New York, den 20. November. - - Du böse, liebe Carrie! - -Was hast Du da angerichtet? Zur Strafe für Deine Schwatzhaftigkeit sollst -Du jedoch die Antwort auf Deinen Brief heute nur in Form einer Depesche -erhalten, welche wohl genügen dürfte, Dich über die Begebenheiten der -letzten Tage aufzuklären. -- Also: - -»Verratenes Inkognito! Mr. Clemens' Reise nach New York. Schüchterner -Empfang und fieberhaftes Beben aller Glieder meinerseits. Wiederholte -Besuche seinerseits. Niagara-Nixen begannen ihr Spiel. Unumwundene Beichte -aller losen Streiche. Seliges Finden, -- Verlobung! Es leben die Deutschen! - - Deine Terrie.« - -Nachschrift. - -Arnulf schaut mir über die Schulter und findet diese lakonische Kürze -meines Briefes fast beleidigend. Er läßt Dir daher sagen, daß er dem -Feste im Weißen Hause und der witzigen Unterhaltung mit einer gewissen -liebreizenden Blondine, die ein gütiges Geschick ihm als Schwägerin -auserkoren, zwar viel, -- sehr viel verdanke; aber jene unvergessene Stunde -unter dem Niagara-Falle hätte es ihm nun einmal angethan, und würde er -sich das Mädchen, welches damals so kindliche Hilfe suchend sich an seine -Brust geschmiegt, zur Lebensgefährtin zu erringen getrachtet haben, auch -wenn es -- des Totengräbers Töchterlein geblieben! -- - - - - -Zahnschmerzen. - - -»Schneller Entschluß -- guter Entschluß!« heißt es im alten -Sprichwort. Ich möchte aber lieber sagen: »eine Laune« hatte mich im -Jahre 1876 zur Weltausstellung nach Philadelphia geführt. - -Ein ziemliches Stück von Europa war ich bereits durchwandert; nur Amerika -kannte ich noch nicht. Allerdings waren es keine besonderen Sympathien, -die mich hinüber ins Land des allmächtigen Dollars zogen; aber es reizte -mich, den Urtypus des Yankee gerade in dem Momente kennen zu lernen, wo die -sonst kühl-materielle und egoistische Nation in vollster, ungeheuchelter -Begeisterung über die Centennialfeier, das Bestehen ihrer hundertjährigen -Freiheit, sich befand, wo ungeteilte Freude und Einigkeit herrschte und -geherrscht hat -- während der Julitage des Jahres 1876 in der Stadt der -Bruderliebe. - -Eine weitschweifige Schilderung der wahrhaft überraschend großartigen -Ausstellung im Fairmount-Park mit ihren tausend und abertausend Menschen -aller Nationen abzugeben, liegt nicht in meiner Absicht. Genugsam ist -darüber bereits geschrieben und gesprochen worden, obgleich bei uns in -Deutschland dadurch nur ein geringeres Interesse hervorgerufen wurde. -Ausstellungen sind ja seitdem an der Tagesordnung. - -Nachdem ich die mir unglücklichem Neulinge tropenhaft erscheinende -Gluthitze, die damals über Philadelphia lag, bis zur Erschlaffung -durchkostet und alle die Qualen eines bei lebendigem Leibe Gebratenen -erduldet hatte, langte ich nachmittags mit dem 4 Uhr-Train, völlig -abgespannt, in dem -- wenigstens im Vergleich zu Philadelphia während der -Exhibition -- stilleren New York an. - -Wie die Gefilde des Elysiums erschienen meinen Blicken die schönen breiten -Straßen und Avenues der Empire City, wo alles Ruhe und Ordnung atmete. -Gott sei gelobt! Nun gab es kein Drängen, Stoßen, Schreien und Schimpfen, -keine zerbrochenen Wagen und Gliedmaßen, keine vom Sonnenstich befallenen, -armen Opfer mehr, wie ich das zur Zeit meines Aufenthalts in der Stadt der -Bruderliebe genügend geschaut und wovon mein unerfahrenes deutsches Auge -sich oft zornig oder auch hilfesuchend abgewandt hatte. - -Ein kühles, stilles Zimmer zu ungestörter Siesta in einem der prächtigen -Hotels New Yorks, dann ein behagliches kleines Diner, in irgend einem -lauschigen Winkel des Diningrooms -- ein Fläschchen -- -- o nein, wir sind -ja im Lande der Temperenzmen -- eine Flasche erfrischenden Sodawassers -- -wie verlockend wirkte das alles nach stundenlanger Fahrt im durchgluteten -Eisenbahn-Coupé! - -Allein solche Bilder hüpften und tanzten gleich boshaften Neckteufelchen -vor meinem niedergedrückten und bekümmerten Geiste. Denn -- ich litt -an Zahnschmerzen! Bei 30 Grad Reaumur im Schatten an schauderhaften, kaum -erträglichen Zahnschmerzen! - -Die körperlichen und geistigen Anstrengungen der letzten Tage, die von -Stunde zu Stunde noch im Steigen begriffene, mir vollständig ungewohnte -Hitze -- das alles mußte meine Nerven und mein Blut in solche Aufregung -und Wallung versetzt haben, daß dieses leidige Übel, wovon ich -seit meinen Jugendjahren kaum mehr geplagt worden war, mich mit so -unbarmherziger Gewalt gepackt hatte. Wer kennt sie nicht -- all' die -Folterqualen und Torturen endloser, durch nichts zu besänftigende -Zahnschmerzen?! - -In New York angekommen, raste ich, unter Zurücklassung des Gepäcks, wie -ein Besessener vom Bahnhof nach einer in der Nähe gelegenen Apotheke. Mit -meinem etwas unverständlichen Englisch, jedoch mit für jedermann desto -verständlicheren Gesten nach der linken Backe vermochte ich mein Elend -zu offenbaren, und lächelnd wurde mir für 25 Cents eine winzige Phiole -eingehändigt, welche die verheißungsvolle Aufschrift: »=immediatly=« -(augenblicklich) trug. - -O trostreiches, süßes Wort! Am liebsten wäre ich dem unbekannten Retter, -dessen Hand mir diesen Schatz entgegenreichte, um den Hals gefallen. Doch -halt! Mein kühles deutsches Blut bewahrte mich vor einer Übereilung. Erst -probieren! - -Gewiß -- das Wundermittel half -- aber nur für einen »Augenblick«, ganz -der Überschrift entsprechend. Dann kehrten die wütenden Schmerzen mit -doppelter Gewalt zurück. Zornig das Fläschchen beiseite schleudernd, -verlangte ich nun rasch ein anderes Medikament und wankte schließlich, die -Tasche voll Opiumpillen, spanischer Fliege und Kampfer, rat- und mutlos -auf die Straße, um von der Apotheke bis zum ersten besten Hotel die -unerquickliche philosophische Betrachtung anzustellen, warum eigentlich -der weise Schöpfer uns ohnedies geplagten Erdenkindern zum Überfluß auch -noch Zähne gegeben hat? Alle Dichter und Schriftsteller verwünschte ich, -die jemals über: »zwei Reihen Perlen zwischen rosigen Lippen«, oder: -»blendende Elfenbeinzähnchen« gereimt und gefabelt hatten. Alles das ist -bittere Ironie. - -An Speise und Trank war unter solch' kümmerlichen Verhältnissen -natürlich nicht zu denken. Nachdem ich nur notdürftig Gesicht und -Hände vom Eisenbahnstaube gesäubert hatte, bestieg ich den nächsten -Tramwaywagen, bezahlte meine fünf Cents und fuhr hinaus nach dem -Centralparke, weil ich zunächst und vor allem das Bedürfnis hatte -nach reiner, frischer Luft, nach absoluter Ruhe. Fern vom Geräusche -der Großstadt, ungestört von jedem mich belästigenden Blicke aus -teilnehmenden oder neugierigen Augen -- wollte ich dort oben in der -Einsamkeit mein Elend zu vergessen suchen. Zumal lockte der prächtigste -Sommerabend hinaus ins Freie. Endlich -- endlich mußte ja doch dieser -böse Plagegeist ein menschliches -- Unsinn! ein Geist empfindet nie ein -menschlich -- sagen wir also: ein himmlisches Rühren fühlen oder seiner -boshaften Mucken überdrüssig werden. - -Erfrischender Waldgeruch und würziger Blumenduft schlugen mir entgegen. In -langen Atemzügen sog ich den klaren Äther in mich ein. Wohlweislich die -wenig frequentierten Wege suchend, gelangte ich nach etwa halbstündiger -Wanderung in den oberen, romantischeren Teil des Parkes, wo Mutter Natur -mehr gethan, als künstlerisches Schaffen und Geldaufwand zu thun im stande -gewesen. Erschöpft und schon halb verzweifelt ließ ich mich dort auf eine -Bank nieder und stöhnte laut. - -Lachen Sie nicht, meine schönen Leserinnen! Warum soll ein alter -Junggeselle nicht einmal laut stöhnen, selbst wenn er nicht vom Zahnweh -geplagt wäre? Hat doch gerade er am meisten Ursache dazu. Keine weiche -Hand streichelt ihm zärtlich die Wange, kein rosiger Mund spricht -liebevolle Worte oder flüstert ihm tröstend zu, nur nicht ungeduldig -zu werden und hübsch auszuharren! Zwar habe ich nie ein sehr -liebebedürftiges Herz besessen; aber in diesem Momente fühlte ich wieder -so recht allen Jammer und alle Hilflosigkeit meines Junggesellentums! Eine -resolute Ehefrau würde auch vielleicht ausgerufen haben: »Genug jetzt des -grausamen Spieles; geschwind in eine Droschke mit Dir und zum Zahnarzt! Der -Missethäter muß ausgezogen werden!« - -Ja, gewiß lobe und erkenne ich jeden gütigen Rat an, bin überhaupt -windelweich geworden seit gestern, besonders gegen das schöne Geschlecht, -opponiere nie mehr! Doch wenn man zwischen Fünfzig und Sechzig steht, -außerdem mit Kauwerkzeugen nur mehr dürftig versorgt ist und diese -wenigen sich des Gebrauchs halber noch einige Zeit erhalten möchte, da ist -so eine Parforcekur wohl zu erwägen. - -Also laut stöhnend, stützte ich den Kopf in die linke Hand und starrte in -stummer Resignation auf den Kiesweg vor mir. Oder hatte die so natürliche -physische Erschöpfung doch vielleicht für ein Weilchen mir die Augen -geschlossen -- ich weiß es nicht zu sagen. Besserung wenigstens verspürte -ich nicht; denn plötzlich fuhr ich jäh empor. Ein dunkler Schatten war -auf den Weg gefallen, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß jemand -vor mir stand. - -Ja, vor mir standen wirklich zwei Personen. Aber um alles in der Welt, wer -war das nur? -- Mehrere Sekunden stierte ich mit fast blödem Ausdrucke in -ein hageres braunes Antlitz, aus dem mir ein Paar merkwürdig sprechende -Augen entgegenblitzten. Eine Frauengestalt mit einem Kinde war es; allein -deren Erscheinung schien so durchaus originell, so frappierend, daß die -angeborene deutsche Höflichkeit mir völlig abhanden kam und ich nicht -einmal aufstand, den Hut zu lüften. Demungeachtet merkte ich, wie diese -Gestalt sich etwas zu mir herabbeugte und halb teilnehmend fragend, halb -bedauernd äußerte: - -»Zahnschmerzen, Sir?« - -Welch' guter Geist leitete mich nur in diesem Momente, daß ich, anstatt -die Ruhestörerin schroff abzuweisen, ihr vielmehr offenherzig erwiderte: - -»Ganz fürchterliche, Madame!« - -»O, da wollen wir sofort Linderung oder Hilfe schaffen,« sagte die volle, -merkwürdig tiefe Frauenstimme in fließendem, dabei jedoch eigenartig -accentuiertem Englisch. Auch wurde das mit solcher Bestimmtheit gesprochen, -als ob die Abhilfe so schnell und leicht zu bewerkstelligen wäre, wie man -jemandem ein Stäubchen vom Rockkragen entfernt. - -In sprachlosem Erstaunen, wahrscheinlich mit einem recht einfältigen -Gesichte, blickte ich noch immer zu der seltsamen, wunderbaren Figur empor. -Aber da saß sie auch schon dicht neben mir und suchte eifrig in den Falten -ihres Kleides. - -Trotz der mich noch immer peinigenden Schmerzen folgte ich in steigendem -Interesse jeder ihrer behenden Bewegungen. Jetzt träufelte sie eine helle -Flüssigkeit aus einem Fläschchen auf etwas Baumwolle und reichte mir -diese zu. - -»Hier, Sir! Nun schnell ans Werk! Bezeichnen Sie mir den Übelthäter und -Sie werden wie neugeboren sich fühlen,« meinte sie scherzend, indes im -Tone unverkennbarer Überlegenheit und hohen Selbstbewußtseins. - -Einen Moment zögerte ich. Der scharfe, fast stechende Blick des dunklen -Auges machte mich unsicher. - -»Nun, glauben Sie vielleicht, ich wolle mir nur einen Spaß mit Ihnen -erlauben?« fragte sie jetzt herb. »Haben Sie denn in New York noch nichts -von Mary Powl gehört?« - -»Mary Powl? -- Nein!« stotterte ich zaghaft. Aber halb getröstet und -rasch entschlossen, machte ich den Mund auf und ließ sie gewähren. - -Mehrere Minuten vergingen unter tiefstem Schweigen. Dann sprang ich wie -elektrisiert mit jugendlicher Lebhaftigkeit von der Bank empor. - -»Donnerwetter, Blitz Element! Wo sind denn --?« - -»Pst, pst, noch einige Sekunden Ruhe!« unterbrach sie mich besänftigend, -dabei lächelnd, so daß ihre gesunden Zähne zwischen den Lippen sichtbar -wurden. »Wo sind Ihre Zahnschmerzen -- wollten Sie fragen -- nicht wahr? -Die sind abgethan und hoffentlich für eine lange Weile. So, jetzt gestatte -ich Ihnen, auch wieder zu sprechen, mein Herr! Das heißt, wenn es Ihnen -Vergnügen macht, sich einige Minuten mit mir zu unterhalten.« - -In wirklich tief empfundenen Dankesgefühlen hatte ich ihre braune, -unbehandschuhte, jedoch zarte Hand ergriffen und drückte sie kräftig. - -»Sind Sie Zauberin, Fee oder ein leibhaftiges Menschenkind?« fragte ich -mit vor Erregung zitternder Stimme. Ein wohliges Gefühl rieselte durch -meine Adern. Wahrhaftig -- sie hatte recht, wie neugeboren erschien ich -mir. - -»Mary Powl,« erwiderte sie einfach. - -»Aber, mein Gott, wie kommen Sie dazu, einem Ihnen gänzlich Fremden -solchen Liebesdienst zu erweisen? Erlauben Sie, Madame, daß ich mich Ihnen -vorstelle, mein Name ist ...« - -»O, lassen Sie Ihren Namen, den ich jedenfalls doch nicht aussprechen -kann! Sie sind ein Deutscher und das genügt mir.« - -Ein stolzes Emporwerfen des Kopfes begleitete ihre Worte. - -Schnell hatte ich mich an ihre Seite wieder niedergelassen und war jetzt im -stande, die sonderbare Erscheinung mit Ruhe und Muße zu betrachten. - -Das Kind, anscheinend ein Knabe von elf bis zwölf Jahren, lehnte -gleichgültig dreinschauend und mit einem melancholischen Ausdruck in dem -fast kupferfarbigen mageren Gesichtchen neben der Bank, auf welcher wir -saßen. Ihre auffallende, höchst bunte Tracht mußte jedenfalls eine Art -Nationalkostüm repräsentieren. Denn um am helllichten Tage in New York -in einem Maskenanzuge umherzuziehen, dem widersprach das ganze Wesen und -Auftreten der sonderbaren Frau. - -Ein kornblumenblauer faltiger Rock mit breiter roter Borde bildete das -Untergewand, worüber ein langer, weißer, grobgewebter Mantel fiel, -ähnlich dem Stoffe, den in Mähren die Hannaken über den Schultern -tragen. In malerischen Falten, den schlanken doch kräftig gebauten -Oberkörper nur zum Teil verhüllend, drapierte sich derselbe über ihrer -Figur. Das glatte, pechschwarze, in der Mitte gescheitelte Haar war zur -Hälfte von einem grünlich schillernden Seidentuche bedeckt. Um den Hals -und über die Brust wanden sich mehrere Schnüre bohnengroßer, dicht -aneinander gereihter Goldkörner, während an einem breiten, ziemlich -primitiven Ledergurte ein kurzes, in roher Scheide ruhendes Dolchmesser -herabfiel. - -Ihre Gesichtszüge waren hager, hart und eckig, verrieten indes noch -Spuren einstiger Reize. Ganz besonders aber waren es die Augen in stets -wechselndem Ausdrucke, welche, bald wild flammend, bald herzgewinnend -freundlich, mein Interesse an der merkwürdigen Frau noch besonders -erhöhten. - -In gleich phantastischer Weise war auch das Kostüm des Knaben, dessen -Anzug viel Ähnlichkeit mit dem eines jungen Hochländers verriet. Nur -bildeten Mokassins die Fußbekleidung, und eine Art Toque mit wehender -Adlerfeder zierte das dunkle, nicht uninteressante Köpfchen. - -Stillschweigend, aber keineswegs gekränkt, hatte sie meine scharfe -Musterung über sich wie das Kind ergehen lassen, ja sie schien durch -dieselbe beinahe belustigt. Denn sie brach das Schweigen plötzlich mit den -heiteren Worten: - -»Sie sind ein völlig Fremder hier in New York, wie ich sehe, Sir?« - -»Ja, Madame! Nur um die Weltausstellung zu besichtigen, bin ich -herübergekommen. Meine staunenswerte Unkenntnis über den Namen Mary Powl -ließ Sie das natürlich sogleich vermuten. Jedenfalls hat dieser Name -hier einen hohen und berühmten Klang. Daher segne ich den Zufall -- oder -vielmehr meine Zahnschmerzen, die mir Ihre interessante Bekanntschaft -verschafften,« entgegnete ich mit feiner Galanterie, indem ich mich leicht -verneigte. - -Wieder warf sie so eigenartig stolz und herausfordernd den Kopf in den -Nacken und flüsterte, träumerisch in die Leere starrend: - -»O nein, weder berühmt noch hoch! Einst wohl war er das beides. Aber -dieses einst ist begraben. Hier betrachtet man mich als Original -- als -letztes Überbleibsel eines ehemals mächtigen Irokesenbundes von draußen -am herrlichen Genesee-Thale im westlichen Staate New York. Den Kultus, -den ich noch immer mit dem Andenken früheren Glanzes, mit den teuren -Erinnerungen des so bald dahingeschiedenen Gatten -- eines stolzen -Häuptlings -- treibe, nennen die poesielosen Amerikaner überspannte -Phantastereien. Allein man läßt mich gewähren. Ist doch Mary Powl, die -Indianer-Squaw, völlig harmloser Natur. Die Leute in den Straßen und -die Fremden schauen ihr wohl neugierig oder herausfordernd nach, ja, die -Schulbuben lachen über sie und ihren Sohn -- was thut das! Mary Powl hat -anderen, tieferen Schmerz erfahren und geduldig hinnehmen müssen -- den -nie sterbenden Gram über das Herabsinken, das Niedergehen einer großen, -herrlichen Nation!« - -Aufs höchste interessiert, lauschte ich diesen mit monotoner Stimme -vorgetragenen Worten und entgegnete nur wie schüchtern tröstend: - -»Aber es giebt doch noch viele Indianer Ihres Stammes. Wenngleich, so -viel ich hörte, die einstigen Irokesenbunde teilweise aufgelöst und -deren Glieder in verschiedene Gegenden zerstreut worden sind, so leben doch -gerade hier, im Staate New York, von denselben noch genug und führen als -angesehene Männer unter den Amerikanern ein einträgliches, friedliches -Dasein.« - -Abwehrend und verächtlich schüttelte sie das Haupt. - -»Seit sie ihren Tomahawk vergraben und den Glauben der Weißen angenommen, -hat Omäneo, der große Geist, von ihnen sich abgewendet. Die Amerikaner -haben den Fuß auf den Nacken der roten Männer gesetzt. Nicht Herren sind -sie mehr in diesem Lande, nur erbärmliche Knechte!« - -Tiefe Bitterkeit klang bei dieser Rede durch der Indianerin Stimme, -während sie wie schützend den einen Arm um des Knaben Schulter legte und -fort fuhr: - -»Kinder eines Vaters -- so lehrt das Christentum! Allein, sind wir das -wirklich? Diese Frage drängt sich immer von neuem vor meine Seele. -Ihr Deutschen befolget Gottes Gebot: ›Liebet euren Nächsten!‹ im -schönsten, reinsten Sinne des Wortes, Ihr sehet in uns -- den Farbigen --- den Bruder. Nicht so der Amerikaner, dessen Brust der unbegründete, -bittere Erbhaß erfüllt, ja der ungerecht und hart ist -- oft bis zur -Grausamkeit.« - -»Und dennoch wählten Sie Ihren Wohnsitz mitten unter ihnen?« fragte ich, -die Witwe des Irokesenhäuptlings betrachtend. - -Sie deutete auf den Knaben. - -»Es ist nur um seinetwillen! Iron Hand (die eiserne Hand) soll einst das -reiche Wissen und die Gelehrsamkeit der weißen Männer mit dem Verstande -und dem Mutterwitz seines Stammes verbinden. Meine Lebensaufgabe besteht -einzig noch darin, seine Studien zu überwachen, für ihn zu arbeiten und -das Vermögen, welches sein teurer, tapferer Vater ihm hinterlassen, zu -verdoppeln -- zu verdreifachen! Mein Sohn soll Medizin studieren,« setzte -sie mit einem Blick voll Stolz und Zärtlichkeit hinzu. - -Ich vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken, und ihr scharfer Geist -mußte meinen Ideengang erraten haben, denn sie sagte schnell: - -»Nun ja! Ich selbst pfusche den Ärzten so ein klein wenig ins Handwerk. -Mein großes Interesse an der Heilkunde hat mir schon manche trübe, -einsame Stunde erhellt Ich schöpfe nur aus der Natur, kenne deren -geheimnisvolle Kräfte, und meine Mittel helfen zuweilen besser, als die -der hochgelehrten Herren dort drüben in der City.« - -Freudig zustimmend nickte ich mit dem Kopfe. Einen Moment schaute sie mich -scharf und prüfend an; dann rief sie lebhaft: - -»Besuchen Sie mich, Sir! Ich sehe, Sie sind ein welterfahrener, -edeldenkender Mann, der die Vorurteile des Kastengeistes von sich -abgestreift hat, dessen Gesichtskreis unbegrenzt ist. Mit solchen Menschen -verkehre ich gern; ihnen zeige ich mich auch von einer anderen Seite, als -wie der übrigen Welt, die in Mary Powl nur ein halb verrücktes weibliches -Original sieht. =All right!= Sie kommen?« - -Mit wirklich anmutigen Bewegungen, jedoch ohne jede Spur von Koketterie, -und mit herzgewinnendem Lächeln reichte sie mir die Hand entgegen. - -»Gewiß, Madame! Mit dem allergrößten Vergnügen,« erwiderte ich, ihre -Rechte herzlich drückend. - -Diese Frau gefiel mir. Es lag so viel Urwüchsigkeit, so viel angeborene -Vornehmheit in ihrem Wesen, nebenbei sprach aus jedem ihrer Worte Geist und -tiefes Denken, so daß für mich in dem freundlichen Anerbieten ein eigener -Reiz lag und ich mir interessante Stunden und Erinnerungen von diesem -Besuche versprach. Mary Powl nannte mir ihre Adresse. Darauf schaute sie -nach der im Sinken begriffenen Sonne und erhob sich. - -»Und wie soll ich meiner gütigen Helferin aus jenem unerträglichen -Zustande danken?« fragte ich, indem ich fast ehrfurchtsvoll den Hut vor -ihr zog. - -»Damit, daß Sie dieser Stunde ein Andenken bewahren, mein Herr!« war die -ernste Antwort. - -Sie nahm den Knaben wieder an die Hand, neigte leicht den Kopf und ging. - -Tief gedankenvoll blickte ich der fremdartigen Erscheinung nach, bis der -leuchtende weiße Mantel hinter dem Gebüsch verschwunden war. Der endlose -Park breitete sich wieder totenstill vor mir aus. Die Spatzen -- andere -Vögel vermag dieser nicht aufzuweisen -- hüpften zutraulich über den -Weg, als ob, seitdem ich auf der einsamen Bank mich niedergelassen, nichts -die feierliche Ruhe ringsum gestört hätte. Sollte ich die letzte halbe -Stunde wirklich nur geträumt haben, oder war die reizvolle Scene einzig -nur meinem erregten Geiste entsprungen? Auch die nüchterne Phantasie eines -alten Junggesellen erlaubt sich zuweilen eine Verirrung. Plötzlich jedoch -lachte ich herzlich auf. Die Zahnschmerzen -- fort waren sie zweifellos; o -Glück! Dieses wonnige Bewußtsein war kein Traum! - -Ein eigentümliches, höchst prosaisches Gefühl in der Magengegend -verscheuchte indes bald alle poesiereichen Gedanken. Jetzt verursachte mir -die Aussicht auf ein gutes Diner ein angenehmes Behagen. Wer auch wollte -mir das verdenken! War doch seit meiner Abreise aus Philadelphia kein -Bissen über meine Lippen gekommen. -- Eine halbe Stunde später saß ich -bei Delmonico, und trotz aller Ehrfurcht und Hochachtung vor der weisen -Einrichtung des Temperenzgesetzes stand eine Flasche »=veuve Cliqot=« vor -mir im Eiskühler. Gern nahm ich am heutigen Tage solche Sünde auf -mein Gewissen. Das erste Glas galt ihr. Es lebe Mary Powl, die -Indianer-Squaw! -- - -Die Vormittagsstunden des nächsten Tages verbrachte ich mit planlosem -Umherstreifen in der großen Hauptstadt der Union. Was mir darin am -charakteristischsten dünkte, das war jenes Hinauf- und Hinunterhetzen -- -anders läßt es sich kaum bezeichnen -- am Broadway. Weder in Paris -noch in London ist mir derartiges Jagen je wieder vorgekommen. Millionen -gewonnen -- Millionen verloren -- alles geschieht dort drüben in fast -ängstlicher Hast! Wer das ganze bunte Bild vom objektiven Standpunkte aus -betrachtet, dem erscheint es wirklich ergötzlich. - -Endlich zeigte die Uhr die vierte Nachmittagsstunde -- die Zeit, welche -Mary Powl mir zum Besuche bestimmt hatte. - -In einer ziemlich entlegenen Gegend -- weit über die 8. Avenue hinaus -- -lag ihre Wohnung, und ich muß offen gestehen, daß eine gewisse Unruhe -oder auch Neugierde mir die Pulse rascher schlagen ließ. Denn obwohl ich -schon manches im Leben gesehen und kennen gelernt hatte -- in die inneren -Verhältnisse einer Indianer-Häuslichkeit war mein Blick noch nicht -gedrungen. Einen Wigwam erwartete ich im Mittelpunkt der City of New York -selbstverständlich nicht; allein ich konnte -- mit Rücksicht auf Mary -Powls Äußeres und deren romantisches Vorleben -- auf außergewöhnliche -interessante Entdeckungen schließen. Da sie ja von dem ererbten Vermögen -ihres tapferen Gemahls gesprochen, so durfte ich annehmen, daß sie -pekuniär in guten Verhältnissen lebe. - -Die Hitze war aufs neue drückend, so daß ich mir ein Cab nahm, um rascher -mein Ziel zu erreichen. Das Haus, wohin dasselbe mich führte, kam mir auf -den ersten Blick allerdings nicht sehr elegant vor. Eines jener =Tenement -houses= -- oder wie wir es bezeichnen würden: eine Mietkaserne war es, wie -dergleichen in New York Leute bewohnen, welche nicht in der Lage sind, -für sich ein Haus allein zu mieten, es aber vorziehen, eigene Menage zu -führen, anstatt sich bei anderen in =board= (Kost) zu geben. Immerhin -deutete das Innere des Gebäudes auf große Sauberkeit und Accuratesse. -Die Stiegen waren mit Wachstuch bekleidet und die Scheiben der hohen -Flurfenster blitzten förmlich in der Sonne. Rasch entschlossen klopfte ich -an die mir genau bezeichnete Thür, weil die Wohnung keinen verschlossenen -Vorsaal nebst Klingelzug aufwies. - -Im selben Augenblicke steckte auch schon ein wollhaariges Negermädchen -den Kopf heraus und fragte mürrisch nach meinem Begehr. Ihr meine Karte -überreichend, erwiderte ich, daß Mrs. Powl mich erwarte. - -Schon nach wenigen Sekunden kehrte die Dienerin zurück und öffnete mir -schweigend die Pforten des geheimnisvollen Tuskulums. Moderne Möbel -- -moderne Teppiche und Fenstervorhänge -- boten sich meinen überraschten -Blicken dar. - -Den ersten Augenblick überkam es mich gleich einem Gefühl der -Enttäuschung. Nichts, auch nicht der kleinste Gegenstand entsprach hier -dem Bilde, das ich mir von dem =home= Mary Powls gemacht hatte. Fast -ärgerlich ließ ich fast alles in dem Gemache Revue passieren. Also nur -mit leeren Worten, und vielleicht mit den paar bunten Lappen, die ihre -Toilette ausmachten, blieb sie dem Andenken an die einstige Berühmtheit -ihres Stammes treu? Von einem Kultus hatte sie gesprochen, den sie mit den -Erinnerungen an die ihr teure Vergangenheit trieb -- und das geschah hier -in dieser, der Erscheinung der Indianerin so gänzlich widersprechenden -Umgebung? Alles Anziehende, jeder Reiz dieses Besuches ging für mich -völlig verloren. - -Sicher mußte ich demnach auch darauf gefaßt sein, sie selbst in moderner -Toilette, mit einer unmöglichen Haarfrisur, das dunkle Bronzegesicht -von einem Lockengekräusel umrahmt, erscheinen zu sehen! Lächerlich! Wie -konnte ich doch nur so unüberlegt und einfältig sein, mich hier anlocken -zu lassen? Möglicherweise lief die ganze Geschichte auf einen echt -amerikanischen Humbug, eine fein angelegte Schwindelei hinaus! Die schlaue -Person witterte sicher in mir einen grünen Deutschen. Wie oft hört und -liest man doch von solch' gründlich gerupften Vögeln -- von Mord -- von -unheimlichem Verschwinden in New York! Unwillkürlich drückte ich die Hand -auf die auf meiner Brust ruhende Barschaft und schaute mich halb forschend, -halb ängstlich um. - -Das Negermädchen hatte das Zimmer wieder verlassen. Da erhob sich -plötzlich ein schwerer, dunkler Thürvorhang und -- Mary Powl stand genau -im nämlichen Anzuge, wie sie mir im Parke begegnet, nur ohne den weißen -Mantel, mir gegenüber. Ernst und ruhige Würde, dabei wieder jene kühl -herablassende Vornehmheit, sprachen aus der ganzen Erscheinung. Ein Seufzer -der Erleichterung entschlüpfte meiner Brust, und fast beglückt schritt -ich ihr entgegen. - -»Ich freue mich, daß Sie Wort gehalten haben, Sir!« sagte sie, mir -näher tretend, mit dem monotonen, etwas schwermütigem Tonfall in der -Stimme, indem sie mir, gleich einem alten Bekannten, die Hand reichte. -»Ich habe mich viel mit Ihnen beschäftigt seit gestern und darüber -nachgedacht, daß ihr Deutschen doch ein beneidenswert glückliches Volk -seid!« - -»Woraus schließen Sie das, Madame?« fragte ich lächelnd, voll Interesse -das dunkle Gesicht anschauend, welches mir heute weniger eckig und in dem -Momente, wo die brennenden Augen in Begeisterung flammten, eher anziehend -erschien. - -»O, ich lese ja Zeitungen!« rief sie, den Kopf selbstbewußt -emporwerfend. »Sie sind Preuße? Ich kenne sie alle, eure großen tapferen -Männer,« -- fuhr sie lebhaft fort -- »den greisen Kaiser William, -Bismarck, Moltke! Das heißt, ich kenne ihre Namen auf dem Papier. In -Wirklichkeit wird mein Auge sie wohl niemals schauen.« - -»Das zu erreichen, liegt ja nur an Ihnen,« erwiderte ich verbindlich, den -mit vornehmer Handbewegung mir angebotenen Platz einnehmend. Sie hatte sich -gegenüber gesetzt und die schlanken braunen Finger im Schoß gefaltet. -»Entschließen Sie sich zu einer Reise nach Berlin, Madame! Das würde -Ihnen eine reizvolle Zerstreuung und Abwechslung gewähren.« - -»Damit ich dann -- nach meiner Rückkehr -- mich um so unglücklicher in -Verhältnissen fühlen würde, in denen zu leben ich doch angewiesen bin. O -nein, Sir! So lange mein Sohn sein Ziel noch nicht erreicht hat, wanke ich -nicht von diesem Platze.« - -Ich mußte ihr beipflichten. - -Darauf fragte sie mich nach meiner Lebensstellung und meinem Berufe, und -als ich ihr gesagt, ich sei Schriftsteller, sah sie mich fast scheu und -ehrfurchtsvoll von der Seite an und meinte befangen, sie hätte sich einen -Mann der Feder ganz anders vorgestellt. Da mußte ich nun viel erzählen -über deutsche Zustände und Sitten; über Litteratur und Geschichte -sprachen wir, und ich gestehe offen, daß ihr, wenn auch nicht gerade -reiches Wissen, so doch ihr richtiges Urteil, ihre Kenntnis von Dingen, die -man ihr kaum zugetraut, mich wahrhaft überraschten. Freilich wohl zwangen -mir die oft kindlich naiven Fragen hin und wieder auch ein Lächeln ab. -Aber ich erinnerte mich dann schnell, mit wem ich die Unterredung führte. -Jedenfalls stand dieselbe, was Originalität und Unterhaltung anlangte, -keiner von jenen mit irgend einer deutschen Dame eingegangenen nach. - -Auch Mary Powl erzählte mir von ihrer Kindheit und Jugend, von dem kurzen -Glück ihrer Ehe, -- daß ihr Gatte bei einem räuberischen Überfall eines -feindlichen Stammes grausam erschlagen worden, und daß sie darauf mit -ihren Landsleuten, mit der Menschheit, ja mit sich selbst zerfallen, der -Heimat den Rücken gekehrt und nach New York übergesiedelt sei. - -»Und hier führe ich nun seit fast zehn Jahren ein stilles, -zurückgezogenes, mir zusagendes Dasein,« schloß sie den schlichten -Bericht. »Mein =home= ist meine Welt, in der ich mich glücklich fühle.« - -Wie das so natürlich war, flog mein Auge über die moderne Einrichtung des -Gemaches, während ich die schüchterne Frage aufwarf, weshalb sie alles, -was an das einstige romantische, abenteuerliche Leben der Vergangenheit -gemahnte, daraus verbannt habe? - -Sie lachte. Es war das erste und letzte Mal, daß ich diese Frau wirklich -lachen hörte. - -»So glauben Sie im Ernst, daß das durch Abhärtung und Entbehrungen aller -Art gestählte Weib an die verweichlichte Lebensweise der Weißen -sich gewöhnt habe, daß solcher Ballast« -- sie deutete auf ein von -schwellenden Kissen strotzendes Ruhebett -- »ihr unentbehrlich geworden -ist? Eine von der Kultur beleckte Indianer-Squaw -- wäre das nicht -eigentlich spaßhaft? Nein, mein Herr! Mit Leib und Seele, mit jeder -Fiber meines Herzens hänge ich noch an alten Erinnerungen. Allein ich -verschließe mein Teuerstes vor der Welt. Kein profaner Blick soll je mein -Heiligtum erreichen! Dieses Zimmer hier bedarf ich zum Empfange von Leuten, -mit denen ich ab und zu geschäftlich verkehre und in Verbindung komme, -für die ich auch nur Mrs. Mary Powl bin, welchen Namen ich mir seit dem -Fortgange aus meinem Heimatsthal gegeben habe. Doch hier« -- in graziös -behenden Bewegungen sprang sie empor und schlug den dunkeln Vorhang, durch -den sie gekommen, zurück -- »hier, Sir, ist mein wahres =home=! -Ihnen zeige ich es; Sie sollen sehen, daß ich das warme Interesse, das -Vertrauen, welches Sie mir bewiesen, zu schätzen weiß!« - -Zögernden Schrittes war ich gefolgt und blickte nun in stummer -Überraschung durch die offene Thür. Mit heiterem Gesichte weidete sie -sich an meinem Staunen. - -»Nun, ich bitte, treten Sie ein, Sir! In diesen Räumen begrüßt Sie die -Witwe des Irokesenhäuptlings Onundega.« - -Wir schritten beide über die Schwelle. - -Jetzt wußte ich, daß jedes Wort, was Mary Powl von ihrer Vergangenheit -mir erzählt, lautere Wahrheit war, daß jeder noch so kleine Verdacht -wider sie, der eben noch in meiner Seele Platz gefunden, eine bittere -Ungerechtigkeit, ja, eine Kränkung für sie gewesen. - -Der Raum, in welchem wir jetzt standen, glich in der That der Vorstellung, -die ich in meinen Knabenjahren von dem Wigwam eines Indianerhäuptlings -mir vielleicht gemacht. Eine von grobem, eigenartig gewebten, -blaubemalten Stoffe, in der Mitte der Decke angebrachte und an den Wänden -niederhängende Draperie war geschickt und kunstgerecht zu einer Art Zelt -verarbeitet, so daß die Seite, wo die Fenster sich befanden, ebenfalls -verhangen blieb, weshalb sich nur ein mattes, angenehmes Dämmerlicht -über den nicht großen Mittelraum verbreitete. Jeder Gegenstand dieses -wunderbaren Gemaches trat klar und scharf ins Auge, und jeder Blick sagte -mir, daß hier Mary Powl in ihrem Elemente, in ihrem eigentlichen =home= -sei. - -Ihr kurz befehlender Wink nach der einen Ecke bedeutete den dort am Boden -kauernden, anscheinend lesenden Knaben aufzustehen und mich zu begrüßen. -Mit dem Buche in der Hand kam er leise herangeschlichen und schaute -schüchtern zu mir auf. - -Liebkosend strich ich ihm über das schlichte, lange tiefschwarze Haar -und fragte, was er denn so fleißig studiere? Mit stolzem Augenaufschlag -erwiderte er: - -»=Latin=, Sir!« - -Dann hüpfte er wieder behende in seinen Winkel, schlug aufs neue das -Lexikon auseinander und nahm anscheinend keine Notiz mehr von uns. - -Währenddessen stand, den einen Arm an die schlanke, doch kräftige Hüfte -gestemmt, die Indianerin neben mir und verfolgte mit einem Ausdruck von -Befriedigung im Gesichte meine sich immer steigernde Verwunderung. - -An der einen Längenwand des Zeltes, dicht über dem Haupte des Knaben, -hingen die einstigen Waffen, Schild, Speer und Bogen, wie der phantastische -Kopfschmuck mit der wehenden Adlerfeder (dem Abzeichen des Häuptlings) -ihres heimgegangenen Gemahls. Verschiedene indianische Gerätschaften oder -Handwerkszeuge, deren Zweck und Nutzen mir im ersten Augenblicke nicht -recht klar war, bildeten eine originelle, malerische Verzierung um die mit -sichtlicher Pietät gehüteten und bewahrten Überbleibsel einer kurzen, -jedenfalls ruhmvollen Kriegerlaufbahn. Und weiter -- mein Auge irrte -neugierig über hundert mir völlig unbekannte Dinge hinweg. Hier lagen -Jagd- und Kriegstrophäen des stolzen Onundega, ausgestopfte Tiere und -Vögel, Köcher und Pfeile, wie auch seltsamer Federschmuck, dort Sattel- -und Zaumzeug seines Lieblings- oder Streitrosses neben den primitiven -Toilettenartikeln eines besiegten Feindes. Aber -- was war das? Mein Blick -war plötzlich auf etwa sieben bis acht ganz unheimliche Gegenstände -gefallen, die in Manneshöhe, an einem starken Hanfseile aufgereiht, gleich -gefangenen Krammetsvögeln im Dohnenstrich, herabhingen. - -Ein leises Gruseln lief mir über den Rücken und ich fühlte die einstigen -Haare meines jetzt kahlen Schädels sich sträuben. Skalpe -- wahrhaftige, -Original-Skalpe, je nach der Nationalität derselben mit langen oder -kurzen Haaren bedeckt und an ihnen zusammengebunden, baumelten da als -Siegestrophäen über meinem Haupte und mußten einem deutschen Herzen wohl -begreifliches Unbehagen einflößen. - -Unwillkürlich wandte ich das Gesicht rasch nach einer anderen. Mary Powl -gewahrte es und führte mich mit feinem Takt schnell zur entgegengesetzten -Seite des Gemachs, wo eine in der That auserlesene Waffen- und -Gewehrsammlung mein Interesse bald völlig in Anspruch nahm. - -Es gab in Mary Powls =home= überhaupt so viel Merkwürdiges zu schauen, -daß wohl Tage dazu gehörten, alle die sehenswerten Dinge mit Ruhe und -Verständnis betrachten zu können. Etwas indes nahm meine Aufmerksamkeit -besonders gefangen. Dieses war ein höchst eigentümliches, primitives -Lager. Auf einer Art Erhöhung nämlich, von Matten und Bärenfellen -zusammengestellt, halb verdeckt von einem blauweißen Vorhange (blau ist -die Lieblingsfarbe der Indianer), befand sich die Schlafstätte dieser -sonderbaren Frau, und ich dachte dabei unwillkürlich ihrer Worte: daß das -an Abhärtung und Entbehrungen gewöhnte Weib sich mit der verweichlichten -Lebensweise der Weißen nicht befreunden könne. - -Also hier schlummerte Mary Powl, hier träumte sie vom einstigen Glück -und Ruhm -- von der hoffnungsvollen Zukunft ihres Knaben! Hier, umgeben -von Waffen, die noch das Blut der Feinde rötete, umgeben von menschlichen -Skalpen, -- hier fand sie Ruhe nach des Tages Lasten! Ländlich -- -sittlich! Ich hätte mein bequemes Bett im lieben Deutschland mit dieser -Lagerstätte sicher nicht vertauschen mögen. - -Viel gesprochen oder gar bewundert und gelobt habe ich nicht, während wir -miteinander einen Rundgang durch den hochinteressanten Raum machten. Das -dünkte mir in dieser Stunde abgeschmackt und einer Mary Powl unwert. -War doch ihr Gesichtsausdruck tiefernst, als riefen all' die Gegenstände -tausend schmerzliche Erinnerungen wach. Jedes leere Wort erschien mir daher -gleich einer Verletzung ihrer innersten Gefühle. - -Doch plötzlich lächelte sie wieder, indem sie mich aufforderte, sie -in das viel kleinere Nebengemach zu begleiten. Dieses war, ähnlich dem -ersteren, geschmückt und aufgeputzt und diente augenscheinlich ihrem Sohne -als Schlafzimmer, ihr selbst jedoch als eine Art Laboratorium. Wunderliche -Gefäße, Retorten und Phiolen standen dort auf rohgezimmerten Bänken -und Borden umher. Auf dem kleinen Herde dampfte und brodelte es auch, und -große Bündel Kräuter und Pflanzen hingen, sorgsam zusammengebunden, von -der Decke herab. - -Was aber in diesem Zimmer mir noch bemerkenswert vorkam, das war eine -ganz prachtvolle amerikanische Safe (eiserner Geldschrank) neuester -Konstruktion, an welche Mary Powl nun herantrat. Sie entnahm daraus -mehrere kleinere Fläschchen, welche sie mir heiter entgegenreichte mit -dem Bemerken, daß das eine vorzüglich gegen Migräne, jenes unfehlbar zur -schleunigen Beförderung des Haarwuchses diene. - -Mechanisch glitt meine Hand über meine recht bedenkliche Glatze. Allein -ich dankte ihr herzlich für diesen feinen Wink, indem ich erwiderte, daß -ich zugleich mit dem Schmucke des Hauptes auch meine Eitelkeit abgelegt -hätte, ja, daß ich mir lächerlich vorkommen würde, wollte ich -plötzlich wieder mit wallenden Locken im Kreise der heimatlichen Freunde -erscheinen; im übrigen glaube ich an die Unfehlbarkeit ihrer Mixturen. -Zögernd indes setzte ich hinzu, daß, wenn sie mir einige Tropfen jenes -wunderthätigen Mittels gegen die Zahnschmerzen geben wolle, so würde -ich das mit größtem Danke annehmen. Gutmütig nickte sie und holte -geschäftig das Wundermittel, welches mich von peinigender Qual befreit, -mir zugleich aber diese interessante Bekanntschaft vermittelt hatte, aus -der =Safe=. Wie eine kostbare Reliquie bewahrte ich dieses Geschenk auf -meinem Busen. - -»Hier, Sir!« sagte sie darauf, die Thür des Schrankes weit öffnend und -mich näher heranwinkend. »Schauen Sie einmal da hinein und sagen Sie mir, -ob Mary Powl nicht gut und haushälterisch für ihren Sohn gewirtschaftet -hat? Das eine habe ich von den Amerikanern profitiert und gelernt -- das -Rechnen und Spekulieren.« - -Überrascht glitten meine Blicke über den Inhalt des Geldschrankes, und -in diesem Momente schämte ich mich wirklich im stillen meiner unedlen, -garstigen Gedanken, die ich, bevor die Indianerin eintrat, über dieselbe -in dem tiefsten Winkel meines sonst vertrauenden Herzens gehegt hatte. - -Dort lagen Wertpapiere, Staats- und Eisenbahn-Obligationen neben -aufgetürmten Rollen Zwanzig-Dollar-Goldstücken. Auch Häufchen -Goldkörner und unregelmäßige Klümpchen dieses edeln Rohmetalls gewahrte -ich und wurde immer mehr durchdrungen von der Überzeugung, Mary Powl sei -nicht allein eine interessante, anziehende sondern auch sehr vermögende -Frau, welche -- nach europäischen Begriffen -- sich ihr Leben hätte ganz -anders gestalten können. - -»Ich staune über Sie, Madame!« konnte ich nicht unterlassen, in vollster -Bewunderung auszurufen. »Gute Mutter, tüchtige Geschäftsfrau und ein -mutiges, unerschrockenes, stets hilfsbereites Weib, -- das vereint sich -selten in einer Person und verdient die höchste Anerkennung, welche jeder -Ihnen zollen muß!« - -Wieder huschte jener Ausdruck von innerer Befriedigung über ihr dunkles -Gesicht und sie entgegnete dann fast traurig: - -»Hier ernte ich nur Undank, wie unüberwindliches Mißtrauen, welches -sich an meine Fersen zu heften scheint, und es mir gar oft erschwert, die -menschenfeindlichen Gefühle und Regungen des Busens zu bekämpfen. Doch -lassen wir das!« setzte sie abwehrend hinzu. »Wir beide ändern das -nicht. -- Jetzt kommen Sie wieder hinüber in mein =Parlour= und nehmen -einen kleinen Imbiß, Sir!« - -Mir rasch voranschreitend, öffnete sie die Thür des vordersten Gemaches. -Noch einen letzten Blick sandte ich über Mary Powls =home=, dann folgte -ich ihr hinaus. - -Das uns entgegenstrahlende grelle Sonnenlicht, verbunden mit dem Anblick -der modischen Zimmereinrichtung wirkte auf mich beinahe, als wäre ich von -einer Wanderung durch ein Märchenland in die Wirklichkeit zurückgekehrt. -Noch halb wie traumbefangen starrte ich auf das Negermädchen, welches -sich eben damit beschäftigte, Wein, Früchte und feines Backwerk auf einem -Tische zu ordnen und für uns bereit zu stellen. - -Aufs neue betrachtete ich gedankenvoll und kopfschüttelnd das elegante -Porzellan-Service und Glasgeschirr, welches im entschiedensten Widerspruche -stand zu allem, was ich soeben geschaut hatte. - -»Wir führen einen echt amerikanischen Haushalt,« sagte Mary Powl, -meinen Ideengang erratend, mit feinem Lächeln, indem sie mir eine Platte -köstlicher Bananen darbot. Ich nahm eine dieser aromatischen Früchte. - -»Meine kleine Sally« -- sie deutete nach der Thür, durch welche die -Negerin uns verlassen -- »ist die Lehrmeisterin, ich bin die Schülerin -in der höhern Kochkunst; und so geht das wundervoll von statten. Was mir -anfänglich schwer und ungewöhnt ist, das überwinde ich schnell bei dem -Gedanken, daß ich Iron Hand ein Opfer bringe. Die Verhältnisse, in denen -sein späteres Leben dahinfließen wird, bedingen sorgfältige Erziehung. -Einst wird er seiner Mutter das danken. O, Sie sollten nur sehen, -- er -speist mit Messer und Gabel wie ein junger Gentleman!« - -Ungefähr noch eine halbe Stunde verweilte ich in anregendem Gespräch mit -der originellen Frau; dann erhob ich mich. Zwei volle Stunden hatte ich -bereits in ihrer Gesellschaft zugebracht und ich mußte nun gestehen, daß -der Abschied von Mary Powl mir nicht leicht wurde. Der weite Ozean mußte -uns ja gar bald für immer trennen. Ob ich -- in ihrer Sprache zu reden --- das große Wasser noch einmal durchschifft hätte, um _sie_ wieder zu -sehen, wenn ich zwanzig Jahre weniger zählte? Wer weiß es! Jedenfalls -wußte ich heute genau, daß dies ein Abschied fürs Leben war. - -Die Worte, die ich dabei gesprochen, mögen wahrscheinlich recht -nichtssagend und abgeschmackt geklungen haben, indem es nämlich eine -Eigentümlichkeit von mir ist, daß ich, je tiefer innerlich eine Sache -mich berührt, äußerlich desto linkischer und trockener werde. Vom -Tragischen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur _ein_ Schritt! Das -sollte jeder bedenken, der einmal in reiferen Jahren von einer kleinen -Gefühlsanwandlung übermannt wird -- umsomehr, da sie selbst, die Witwe -des Irokesenhäuptlings, die freie Tochter der Natur, die Frau ohne höhere -Erziehung und Bildung, mir gegenüber keinen Finger breit aus den Formen -edler, züchtiger Weiblichkeit herausgetreten war. Taktlos und indiskret -wäre es daher gewesen, hätte ich mit Blicken oder banalen Redensarten -verraten wollen, daß sie mich aufs Lebhafteste interessiere, daß ich -wirkliches Gefallen an ihr fand. - -Einen Moment hielt sie meine Hand fest in der ihren und schaute mich mit -den brennenden Augen an. Der Knabe war gleichfalls herangetreten und lehnte -sich, zärtlich angeschmiegt, an die Mutter. - -»Ich danke Ihnen für reizvolle, genußreiche Stunden, Sir!« sagte sie in -ihrer schlichten, ruhigen Weise. »Nur selten wird mir das Glück zu teil, -mich frei von der Seele herunter aussprechen zu können. Liegt doch der -Trieb, ja das Bedürfnis hierzu in jeder Menschenbrust. Lange werde ich -über alles, was Sie mir erzählt, nachdenken und weise Lehren daraus -schöpfen für Iron Hand.« - -Einige Sekunden legte ich meine Rechte auf des Knaben Haupt und fragte: - -»Du willst ein kluger Mann -- ein berühmter Arzt werden und Deiner Mutter -treue Liebe und Fürsorge für Dich einst hundertfach vergelten -- nicht -wahr, mein Junge? Sie verdient es im reichsten Maße!« - -Ein strahlendes Aufblitzen der dunklen Kinderaugen gab mir Antwort. - -So schieden wir. -- -- -- - -Jahre sind seitdem dahingezogen. Aber noch oft und gern verweilen meine -Gedanken drüben in der großen Empire City Amerikas bei Mary Powl. - -Die kleine Flasche, welche sie mir damals mitgegeben, hat noch manchmal -ihre wunderthätige Kraft bewährt, sowohl an mir selbst, als auch an -anderen. Stets hat es mir Freude gemacht, im edlen Sinne der gütigen -Spenderin zu wirken und zu helfen. Jetzt ist sie längst geleert. - -Wenn indes einer meiner verehrten Leser oder Leserinnen sich zu einer -interessanten Reise über das Meer und nach New York entschlösse und -drüben von Zahnschmerzen geplagt werden sollte, so rate ich dringend, -nicht zu versäumen, sich auf eine einsame Bank im entlegendsten Teile -des Zentralparks niederzulassen. Vielleicht -- ich sage nur vielleicht --- begegnet ihm dort meine Freundin Mary Powl, die Indianer-Squaw. Ihre -Adresse darf ich diskretionshalber nicht verraten. - -Ob sie noch lebt? Ob Iron Hand ihren stolzen, gerechten Hoffnungen -entsprochen haben wird? -- - -Ich habe von beiden niemals wieder etwas vernommen. - - - - -Amerikanische Existenzen. - - -Die Mittagsglut eines Julitages brütete über dem Madison-Square von New -York, dessen weite Räumlichkeit mir heute beinahe noch endloser -erschien als sonst. Fast senkrecht schleuderte die Sonne ihre glühenden -Strahlenbündel auf den weich gewordenen Asphaltboden nieder, so daß -dieses von stattlichen Häusern eingefaßte große Flächenquadrat völlig -schattenlos vor meinen Blicken lag. - -Ich zog den wahrhaft monströsen Sonnenschutzschirm noch tiefer über mein -gefährdetes Hirn, that mehrere schwere Stoßseufzer und strebte, einen -heroischen Anlauf nehmend, vorwärts über den Platz -- meinem Ziele zu. - -Wer jemals einen amerikanischen Sommertag in New York erlebt hat und der -Gefahr ausgesetzt gewesen ist, vom Sonnenstich betroffen zu werden, der -kennt solche Situation genau. Allein sich sträuben oder gar klagen -half hier nichts, indem ich vorwärts mußte, das heißt, mich von der -Eisenbahnstation aus auf der Wohnungssuche befand und noch vor Abend mit -Sack und Pack in einem guten und bequemen Boardinghouse untergebracht zu -werden wünschte. - -O New York! Du Eldorado aller nach Fortunens Schürzenzipfel haschenden -Deutschen! Wie erfreute mich trotz Hitze und Staub der Anblick der -langentbehrten Metropole der Union, wie hatte ich in Tagen der Trübsal und -des Kampfes ums Dasein mit sehnsüchtigem Verlangen deiner gedacht und das -grausame Schicksal verwünscht, welches mich Jahr um Jahr an den fernen -Westen gebunden. Endlich jedoch schien die launische Göttin ein Einsehen -und Erbarmen mit mir gehabt zu haben. Ein Glücksfall ließ meine -wirklichen oder vielleicht auch nur eingebildeten Talente und Geistesgaben -doch schließlich zur vollen Geltung kommen. Durch die vorsorglich -zurückgelegten Ersparnisse saurer Arbeit und eine, wie durch -höhere Inspiration plötzlich in mir erwachte, fast amerikanische -Unternehmungslust und Dreistigkeit bemühte ich mich um die Partnership -einer der renommiertesten Advokaturen New Yorks und -- erhielt sie. Jetzt -war ich ein gemachter Mann. Denn ich kannte die Verhältnisse Amerikas zu -gut, um nicht überzeugt zu sein, daß ich den mühsam errungenen Platz -auch würde behaupten können. Wie ganz anders waren daher die Empfindungen -meiner Brust gegen diejenigen vor fünf Jahren, wo ich mit wenigen hundert -Mark in der Tasche vom Steamer des Bremer Lloyd ans Land stieg. Mit stolzem -Selbstgefühl betrat ich nun zum zweiten Male den Boden der Empire-City. -Die alten Freunde aus jener Sturm- und Drangperiode meines Debuts im -Heim des allmächtigen Dollars hatte ich indes darob nicht vergessen und -erinnerte mich freudig einer alten Amerikanerin Miß Kathleen Emmerson, -in deren gastlichem Hause ich bereits damals -- dank ihrer Rücksicht -auf meine knappe Barschaft -- unter angenehmen Bedingungen einige -Wochen verbringen durfte. Mit Miß Kathe, wie das liebenswürdige und -menschenfreundliche alte Fräulein von all ihren Bekannten zu jener Zeit -kurzweg benannt wurde, hatte ich später auch ab und zu in Korrespondenz -gestanden und wußte demnach, daß ihre pekuniäre Lage sich gleichfalls -bedeutend verbessert und sie anstatt des kleinen Kosthauses in -St. Marks-Place jetzt ein elegantes Boardinghouse in der 24. Straße -zwischen der 5. und 6. Avenue inne hatte. - -Dorthin also lenkte ich meine Schritte. Das Äußere desselben entsprach -vollkommen meinen Erwartungen. Wenigstens zählte es zu den sogenannten -guten Brownstone-Houses der City, welche die Straßen der oberen Stadtteile -New Yorks zieren und alle ohne Ausnahme wie nach einer Schablone gearbeitet -zu sein scheinen. - -Beim Eintreten gewahrte ich, daß an der mit massivem Gußeisengeländer -versehenen steinernen Vortreppe ein Wagen der New York-Expreß-Compagnie -hielt und verschiedene Gepäckstücke, darunter auch ein wahrer -Monstre-Koffer, abgeladen und ins Haus hineingetragen wurden. »Aha!« -dachte ich mit Befriedigung. »Auch die heiße Jahreszeit thut allem -Anschein nach dem Geschäfte meiner alten Freundin keinen Abbruch. -Gratuliere, Miß Kathe! Solch enorme Bagage-Zahl deutet auf noble und -ständige Gäste.« - -Lebhaft sprang ich nun die sechs bis acht Stufen hinan und trat durch die -bereits offenstehende Eingangsthür. Mehrere Personen, dabei natürlich -auch Miß Emmerson, befanden sich auf dem etwas düsteren Vorflur, als -auch schon der freudige Ruf -- in eigentümlich accentuiert gesprochenen -deutschen Worten mir entgegenklang: - -»Kann ich denn meinen Augen trauen? Sie sind es wirklich, Herr Baron -von ...?« - -»Pst, pst! Lassen wir doch die einstigen Titel und Würden beiseite!« -entgegnete ich lachend und ebenfalls auf deutsch: »Mr. Richard Berken, -Teilhaber der Firma Haberton & Comp. am Broadway, steht heute vor Ihnen, -meine Liebe, und möchte höflich bitten, ihm ein bescheidenes Stübchen in -Ihrem gastlichem Hause anzuweisen, Miß Kathe!« Damit schüttelten wir uns -beide wahrhaft herzlich die Hände. - -Neugierig und mit höflicher Verbeugung schielte ich dabei nach der aus -drei Damen und zwei Herren bestehenden Gesellschaft, welche, in Anbetracht -ihres mit der Hauswirtin unterbrochenen Geschäftes, dem Anschein nach -ziemlich ungeduldig drein schaute. Daher sagte ich zuvorkommend und -entschuldigend, daß ich nicht länger stören wolle. - -Diese verbindliche Äußerung entschlüpfte mir einzig nur wegen des -reizenden Gesichtchens der jüngsten dieser drei eleganten Ladys, deren -blaue Kinderaugen in ernstlich forschendem Ausdruck auf mir hafteten. Dann -folgte ich mit kurzem: »Auf Wiedersehen, Miß Emmerson!« dem durch die -Hausfrau avertierten Neger die Treppe zur oberen Etage hinan. -- - -Um sieben Uhr abends war das gemeinschaftliche Diner, welches alle -Logiergäste des Hauses im Speisesaale versammelte. Ich selbst, bereits -vollständig häuslich eingerichtet, war einer der ersten Ankömmlinge -gewesen und hatte mir die recht hübsch arrangierte Tafel mit Muße -betrachten, wie auch jeden neu Eintretenden eingehend mustern können. - -Halt! Jetzt stutzte ich. Da kam ja meine fashionable Gesellschaft von heute -vormittag, deren voluminöse Koffer schon meine ganze Aufmerksamkeit auf -sich gelenkt, soeben aus der Halle. Voran eine große, brünette Dame -mittleren Alters mit auffallend harten, fast fatalen Gesichtszügen, deren -elegante Seidenrobe mir zu der starkknochigen Gestalt wenig im Einklang zu -stehen schien. Neben ihr schritt eine sehr schlanke, beinahe ätherische, -junge Frau, -- nach meinen unerfahrenen Toilettebegriffen ganz reizend und -distinguiert in einen hellen, undefinierbaren Sommerstoff gekleidet, dessen -roter Seidengürtel und Bandgarnitur den zarten Teint des schmalen Ovals -gar vorteilhaft hob. Trotz der Verschiedenheit der Gesichter zeigte ein -merkwürdig ähnlicher, halb bitterer, halb verdrossener Zug um den Mund, -daß das Mutter und Tochter sein mußten. Ihnen folgten ein mittelgroßer, -hagerer Mann mit militärisch verschnittenem Haar und braunem, -intelligentem Gesichte und meine allerliebste Unbekannte aus dem Vorsaal -- -mit den mir bereits bekannten, mich so sehr anheimelnden blauen Augen. - -Welch poetische Erscheinung! dachte ich lebhaft angeregt. Dieses -hellblonde, gewellte Haar, dieses mädchenhaft zurückhaltende, dabei doch -so edle Auftreten, dieser fast schüchterne Blick -- dies alles entrückte -mich für Sekunden der Gegenwart, ja dem Lande, in dem ich mich befand, -und ließ schmerzliche Erinnerungen an traute deutsche Frauengestalten in -meiner Seele auftauchen. - -Im größten Gegensatze zu den anderen Damen entbehrte der Anzug meiner -»Beauty« fast jedweder Eleganz. Ein schlichtes, aber um so reizenderes -Kleid von feinem grauem Wollstoff bildete die Toilette -- =voilà tout=! - -Völlig in meinen Reflektionen versunken, vergaß ich, mich daran zu -erinnern, daß noch ein zweiter Herr, ein auffallend gut aussehender junger -Mann, diesen Morgen beim Eintreffen der Gesellschaft zugegen gewesen. - -Alsbald führte Miß Emmerson mich mit dem simplen Namen: Mr. Richard -Berken bei allen Anwesenden ein und wies uns die Plätze an. Doch wer -beschreibt meine freudige Überraschung: als ich aufschaute, sitzt die -liebreizende Blondine dicht an meiner Seite. - -Sonderbar! Dieser kurze Aufblick aus ihren Augen glich fast einem -stummen Verhör. Instinktiv fühlte ich, daß sie mit echt amerikanischer -Scharfsichtigkeit sich einen sowohl das Individuum, als auch dessen -Charakter und Nationalität betreffenden Eindruck festzuhalten und sich -einzuprägen suchte. - -»Sie verstehen englisch, Sir?« fragte mich die liebliche Tischnachbarin -mit den aus ihrem Munde reizend klingenden Tönen ihrer Muttersprache. - -Freudig bejahte ich es, und bald kam unsere Unterhaltung in guten Fluß. -Nur sah ich mit Verwunderung auf ihre allerliebsten Hände, wie sie von -allen ihr servierten Gerichten, außer daß sie sich selbst versorgte, noch -reichliche Quantitäten auf bereits vor ihrem Platze stehende Teller legte -und diese dann sorglich mit einem kleinen Schüsselchen bedeckte. Sie -selbst aß hastig und zerstreut. - -Was bedeutete nur das? Als Mann von guter Erziehung wagte ich natürlich -nicht, danach zu fragen. Doch mochten meine Gesichtszüge wohl einige -Neugierde verraten haben; denn lachend -- es war dies genau ein verlegenes -Kinderlachen -- sagte sie: - -»Dies ist für Frank, meinen Gatten, Sir! Er leidet schon seit längerer -Zeit an einer sehr fatalen, unbequemen Magenverstimmung, kann infolgedessen -nicht jedes Gericht vertragen und somit auch nicht mit uns an der Tafel -speisen. Aber es freut ihn immer so sehr, wenn ich selbst ihm sein -bescheidenes Diner hinaufbringe, -- der arme Franky!« - -»O, wie betrübend!« entschlüpfte es unwillkürlich meinen Lippen. Doch -wäre es gewiß schwer festzustellen gewesen, ob der Ausruf des Bedauerns -der üblen Magenverstimmung des armen Franky oder dem Umstande gegolten, -daß mein holder Blondkopf bereits einen Ehemann besaß. Das also war der -gut aussehende Gentleman, welcher an der Gesellschaft fehlte und den ich -diesen Vormittag schon von Angesicht gesehen! - -Wirklich erhob sich nun nach einer Weile die junge Frau, ließ von dem -aufwartenden Neger sich ein Präsentierbrett reichen, arrangierte darauf -die verschiedenen Teller und verließ damit geräuschlos den Speisesaal. -Die übrigen Tischgäste mochten den kleinen Vorfall wohl kaum bemerkt -haben. An meiner Nachbarin rechter Seite saß ein alter Herr mit blauer -Brille, welcher überhaupt miserabel zu sehen schien. Nur Miß Emmerson -warf mir vom anderen Ende des Tisches einen seltsam bedeutungsvollen Blick -herüber, welcher mir nun auch sofort klar machte, warum sie gerade mich an -die Seite der reizenden Amerikanerin placiert hatte. - -Nach beendeter Mahlzeit, als ich schon den Hut in der Hand hielt, um dem -schwülen Speisezimmer zu entfliehen, und hastig hinausstrebte in den -herrlichen Sommerabend, faßte unsere freundliche Wirtin mich plötzlich am -Rockärmel und drängte mich etwas nach einer Fensternische. - -»Ich glaube aus unbedeutenden Reden und Anzeichen leider bemerkt zu haben, -daß hinter dem ganzen Auftreten der Newlands irgend etwas Mystisches -steckt,« flüsterte sie auf deutsch mir ins Ohr -- eine Sprache, welche -die alte Dame in der Praxis, das heißt, in jahrelangem Verkehr mit meinen -Landsleuten, wohl erlernt haben mochte. »Meine große Menschenkenntnis hat -mich noch selten getäuscht, und man könnte, wenn man sich die Zeit -dazu nehmen wollte, zu spionieren, gerade hier vielleicht interessante -Entdeckungen machen. Wir leben aber im glücklichen Lande der Freiheit, Mr. -Berken, und so denke ich, wir lassen jeden ruhig seinen Weg gehen, -- nicht -wahr? Die Newlands zahlen brillant, und mein Haus will bestehen. Alles -übrige geht mich nichts an, wenigstens soweit meine Logiergäste nicht -mit dem Gesetze in Konflikt kommen. Denn darin verstehe ich keinen Spaß. -=Well=, mein Freund! Wir kümmern uns also nicht weiter um dieser Familie -Privatangelegenheiten, noch darum, ob und weshalb Mr. Newland nicht zum -Diner kommt?« - -»Ganz gewiß nicht, Miß Kathe!« entgegnete ich bereitwilligst und heiter -lachend. »Mich interessierten anfänglich nur die auffallend schönen -Augen meiner jungen Tischnachbarin. Doch seit ich erfuhr, daß diese Dame -bereits einen Gatten hat, ist der sie vorher umgebende Nimbus schon ganz -gewaltig geschwunden.« - -»O, immer noch der alte Schelm!« drohte mir Miß Emmerson mit dem Finger. -»Nun, =good evening=, Mr. Berken!« Damit winkte sie mir freundlichst zu -und ich ging meines Weges. - -Man spricht zuweilen in vollster Überzeugung, die Wahrheit gesagt zu -haben, doch trotz alledem eine recht handfeste Lüge aus und gelangt oft -erst durch Zufall hinter solchen Betrug heimtückischer Schicksalsmächte. - -»Seit ich weiß, daß die schöne Mrs. Newland einen Gatten hat, ist ihr -Nimbus gewichen,« hatte ich spöttisch geäußert, und war natürlich -gänzlich davon durchdrungen, daß jene Leute mir total gleichgültig -bleiben würden. Es sollte indes anders kommen. -- - -Etwa 14 Tage mochten wir nun in Miß Emmersons stillem, komfortablem -Boardinghouse wohnen, als etwas sich ereignete, was mein anfänglich -lebhaftes, dann standhaft zurückgedrängtes Interesse für die liebliche -Mrs. Newland plötzlich wieder neu anfachte. Meine anstrengenden -Berufspflichten hielten mich zwar von früh acht Uhr bis nachmittags vier -Uhr in der Office am Broadway fest. Allein ich fand immer noch Zeit genug, -einige gemütliche Stunden im Parlour oder auch auf Miß Kathes luftigem -Balkon zu verbringen. Nach wie vor konversierte ich über allerlei harmlose -Tagesereignisse mit meiner hübschen Nachbarin bei Tische; auch trug nach -wie vor die vorsorgliche Gattin ihrem armen Frank die Speisen hinauf in -sein Zimmer. Aus der Unterhaltung mit ihr erfuhr ich nach und nach, daß -die alte Dame, welche meine Sympathien durchaus nicht erwecken konnte, die -Mutter von Frank Newland, sowie der schlanken jungen Frau sei, deren Mann -mir als Major irgend eines Miliz-Regiments, als Mr. Fowler, vorgestellt -worden war. Meine blonde Freundin erzählte ferner =en passant=, daß sie -schon drei Jahre verheiratet wäre und mit der Familie ihres Gatten früher -in Chicago gelebt, wo ihre Schwiegermutter eine Agentur für den Export -von Nähmaschinen besessen, das Geschäft jedoch aufgegeben habe, um wegen -Franks Kränklichkeit die besten New Yorker Ärzte zu konsultieren. - -Nach dieser Richtung hin war ich also völlig orientiert, und doch mußte -ich mir im Gespräche mit der hübschen Frau oft den größten Zwang -anthun, um sie mit indiskreten Fragen über Dinge nicht zu belästigen, die -mich von rechtswegen und auch rücksichtlich Miß Emmersons Gebot ganz und -gar nichts angingen. Warum kam die Familie Newland gerade in der heißesten -Zeit nach New York, welches dann außer den Geschäftsleuten alle anderen -Menschen fliehen? Was that eigentlich dieser intelligent und schlau -aussehende Mr. Fowler, und womit beschäftigte sich den lieben langen Tag -der von seiner besseren Hälfte, wie ich wahrgenommen, so vergötterte -Franky, indem er stets erst nach Sonnenuntergang das Haus verließ und das -immer nur allein? - -Wer konnte es mir verdenken, daß ich als thätiger Mann solch seltsame -Verhältnisse mir nicht recht zu erklären vermochte! Während dieser 14 -Tage war es mir auch nur ein einziges Mal vergönnt gewesen, den Gatten -meiner Tischnachbarin zu sprechen; das heißt, wir trafen uns eines Abends, -als ich von einem Spaziergange nach Hause zurückkehrte, auf der Treppe. Da -ich ihn sofort erkannte, redete ich ihn freimütig an. - -Das helle Licht der im Hausflur brennenden Gasflamme beleuchtete dabei -grell sein schmales, auffallend edel geformtes Gesicht und ließ mich in -ein Paar sehr ernste, fast finstere Augen schauen. Deutlich merkte ich, -daß er mir auszuweichen suchte; doch hartnäckig vertrat ich ihm den Weg -und sagte ihm rasch einige bedauernde Worte über sein Leiden. Nur lässig -zuckte er die Achsel mit der kurzen Bemerkung: »Sehr gütig, Sir!« - -Darauf erging ich mich in Lobeserhebungen über seine schöne, geistreiche -Frau, hoffend, eine eifersüchtige Regung würde ihn vielleicht aus seiner -stoischen Ruhe aufrütteln. Doch vergebens! Er freue sich sehr, daß Mrs. -Newland angenehme Unterhaltung bei Tische gefunden, lautete die abweisende -Antwort. Dann lüftete er den Hut und ließ mich stehen. - -»Welch ein seltsamer Mann!« dachte ich, zwar halb ärgerlich, trotzdem -aber von dieser Erscheinung angesprochen. Immer deutlicher trat daher die -Überzeugung an mich heran, daß ich hier vor einem Rätsel mich befand. - -Eines Morgens nach dieser Begegnung empfing mich mein Partner, Mr. -Haberton, ein sonst kühler und stiller Geschäftsmann, in der Office -mit sichtlich aufgeregter Miene, indem er mir sofort sechs Stück -Zwanzig-Dollars-Scheine vor die Augen hielt und zornig heraussprudelte: -daß dies jämmerliche Falsifikate seien, daß wir auf eine nichtswürdige -Weise um 120 Dollars betrogen worden, und daß einer seiner Clerks ihm -soeben erzählt habe, während der letzten Tage seien mehrere ähnliche -Fälle in New York vorgekommen und die City müsse einmal wieder mit -falschen Greenbacks (Kassenscheinen) überflutet sein. - -Angenehm erschien mir dieses betrübende Faktum keineswegs, da ich bei -diesem kleinen Verluste natürlich selbst beteiligt war. Allein wenn ich -von Natur nicht ein realistisch angelegter, dabei höchst aufgeklärter -Mensch wäre, so hätte ich mich in diesem Momente beinahe auf -spiritistischem Gebiete ertappt. Denn -- plötzlich sah ich in meiner -Einbildung -- dort über dem kahlen Schädel Mr. Habertons -- das -schöne, todestraurige Gesicht von Frank Newland auftauchen, nur mit dem -Unterschiede, daß die ernsten Augen sich jetzt in einem flehenden -Ausdruck auf mich richteten. Dieses sonderbare Vermengen des Wirklichen und -Phantastischen meinerseits ließ mich -- vielleicht nach meines Partners -Ansicht -- wohl höchst stupid und gleichgültig dreinschauen. Denn er -faßte mich nun ein wenig unsanft bei der Schulter und rief: - -»Sie müssen ein Krösus sein oder Sie kennen den Wert des Geldes bei -uns noch nicht genau, mein lieber Mr. Berken! Denn 120 Dollars wirft wohl -keiner gern umsonst zum Fenster hinaus!« - -Erschreckt fuhr ich auf. Unsinn! Nicht die Spur eines fremden Gesichts war -mehr zu schauen. Ich war ein Narr. - -»Mein lieber Mr. Haberton!« erwiderte ich daher rasch mit der verzweifelt -traurigsten Miene, die ich nur anzunehmen vermochte. »Der Schreck -über unseren Verlust machte mich ganz sprachlos. Der Kukuk soll alle -Falschmünzer Amerikas holen, und wenn ich mich von einem solchen Halunken -je wieder über den Löffel barbieren lasse, so will ich nicht mehr wert -sein, ein Partner der Firma Haberton & Comp. zu heißen!« - -Er schien zufrieden, und im Laufe des Gespräches erfuhr ich dann -noch, daß schon vor mehreren Wochen die Polizei einer großen -Falschmünzer-Gesellschaft, welche aus einer völlig organisierten Bande -bestehen sollte, in St. Louis auf der Spur gewesen. Doch die Schlauköpfe -der Spitzbuben sind oft pfiffiger als die Schlauköpfe des Gesetzes, und so -wäre denn das vorsichtig umstellte Nest der sauberen Vögel doch leer und -von ihnen verlassen gefunden worden. Man spräche indes viel darüber, -daß das Haupt dieser Koterie ein Frauenzimmer sei, welches mit wahrhaft -genialer Geschicklichkeit die feinsten Fäden ihres Einflusses bis in alle -Staaten zu spinnen verstände und ihre Verbindungen in Kreisen haben solle, -wo kein Mensch einen Falschmünzer zu suchen wage. - -Ich glaube, daß ich an diesem Vormittage recht zerstreut bei der Arbeit -war und wirklich Gott dankte, als ich die steinernen Stufen zu Miß -Emmersons Boardinghouse emporsteigen durfte. - -Bei Tische überschaute ich mir sinnend die Gesichter der Familie Newland. -Kerzengerade saß die Alte auf ihrem Platze. Wieder umrauschte eine schwere -Robe ihre Gestalt, während ein feines Spitzengewebe auf ihrem noch dunklen -Scheitel lag und mehrere prächtige Solitäre die Finger schmückten. -Doch als ich mir gerade diese starkknochigen, unschönen Hände näher -betrachtete, mit denen sie eben die Speisen zum Munde führte, konnte -ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß dieses Mannweib, bevor der -Bruderkrieg der Union entflammte, sehr wohl eine jener gefürchteten -Sklavenaufseherinnen der Südstaaten hätte sein können, die, mit der -eisenbeschlagenen Hetzpeitsche in der Hand, ihre unseligen Opfer in Zucht -und Ordnung gehalten. - -Unangenehm berührt durch solchen Ideengang, wandte ich mich den -liebreizenden Zügen meiner jungen Nachbarin zu. Sie lächelte mich heute -ein wenig traurig an und meinte, daß Franky sich gar nicht recht frisch -und heiter befände. Die Langeweile, zu der ihn die Ärzte verdammt, sei -doch gar zu geisttötend. - -»So lesen Sie ihm doch vor, Madame!« warf ich freundlich beschwichtigend -ein. - -»O, er haßt ja alle Lektüre, außer Zeitungen, und darin stehen doch -immer die meisten Lügen!« entgegnete die schöne Frau halb trotzig. - -»Nicht immer, Mrs. Newland!« sagte ich dabei sehr ruhig, aber ernst, und -hob mein Auge langsam zu dem ihren. »Der ›New York Herald‹ wird -zum Beispiel in den allernächsten Tagen recht interessante Entdeckungen -offenbaren, die keinesfalls der Phantasie eines eifrigen Zeitungs-Reporters -entsprungen, sondern der Wirklichkeit entnommen sind.« - -Und völlig unbefangen erzählte ich ihr darauf von unserem kleinen -Geldverluste und den Mitteilungen Mr. Habertons. - -Im nächsten Augenblicke jedoch bereute ich das eben Gesagte schon aufs -tiefste. Denn die Veränderung, welche nach meinen Worten in Mrs. Newlands -Zügen sich ausprägte, war eine so entsetzliche, ja beängstigende, -daß ich selbst ganz verwirrt davon wurde und beinahe hilflos verlegen -stotterte: ob sie sich nicht wohl fühle? Das sonst so weiße und rosige -Antlitz war für mehrere Minuten von einer fast bleigrauen Blässe -überzogen. Die Augen starr und ausdruckslos auf einen Punkt gerichtet, die -Lippen krampfhaft zusammengepreßt -- so lehnte das schöne Geschöpf im -Sessel. - -»Nein -- nein -- ja -- die Hitze bringt mich um!« stöhnte sie, mit -vieler Mühe sich ermannend, indem sie halb mechanisch nach dem vor ihrem -Platze stehenden Eiswasser langte. - -Zuvorkommend und selbst äußerst erschreckt, reichte ich ihr das -Glas, woraus sie hastig einige Schlucke des kühlenden Getränkes -hinunterstürzte. Dann -- es war bereits gegen Ende der Mahlzeit -- schob -Mrs. Newland mit sichtlicher Kraftanstrengung den Stuhl zurück und erhob -sich. - -»Ich muß mich leider hinaufbegeben; etwas Migräne, die mich zuweilen -in schwülen Zimmern befällt --, weiter ist es nichts. Gute Nacht, Mr. -Berken! Bitte, thun Sie aber dieses Vorfalls gegen niemanden Erwähnung!« - -Jetzt traf mich ein wahrhaft flehender Blick der blauen Augen. Darauf -schlüpfte die graziöse Gestalt flüchtig und noch geräuschloser als -sonst aus dem Zimmer. -- - -Die nächsten acht Tage ging ich einher, wie jemand, der sich vielleicht -mit einem großartigen Wagstück herumträgt und nicht recht zu einem -festen Entschlusse gelangen kann, auf welche Weise dasselbe auszuführen -sei. »Thun Sie aber dieses Vorfalles gegen niemand Erwähnung!« hatte Mr. -Frank Newlands Gattin mir bittend zugeflüstert. Die Zunge hätte ich mir -lieber abbeißen mögen, ehe ich nur eine Silbe von dem verraten, was seit -jenem Abend -- ja seit dem Morgen, als Mr. Haberton mir in der Office die -falschen Banknoten gezeigt, in meinem Innern vorging. Jeder andere, selbst -meine alte Freundin Miß Kathe, wenn ich ihr das zu jenem waghalsigen -Unternehmen bereits eingesammelte und notwendige Material mitgeteilt, -würde mich auch sicher gründlich ausgelacht und abwehrend etwa geäußert -haben: »Mein Bester, das sind deutsche Thorheiten! Wer Schmutz anfaßt, -der darf sich nicht wundern, wenn etwas davon an den Händen kleben -bleibt!« -- Doch einerlei! Was ging mich die amerikanische Herz- und -Gefühllosigkeit hinsichtlich unserer Mitbrüder an, wo eine innere Stimme -mich unwiderstehlich antrieb, in das dunkle Geschick zweier Menschen, die -mich sympathisch anzogen, einzugreifen -- zu helfen -- zu retten, solange -es noch Zeit war. -- -- - -Die Familie Newland schien seit den allerletzten Tagen sich in sonderbarer -Erregung oder Erwartung zu befinden. Mr. Fowler war höchst wenig zu sehen -und schien dringende auswärtige Geschäfte zu besorgen. Dafür aber saßen -seine Gattin und Schwiegermutter, mit Sorge und Ungeduld der Rückkehr des -Abwesenden harrend, oft bis gegen elf Uhr abends auf dem Balkon. - -»Wir lieben es, die erfrischende Nachtluft zu genießen,« hatte die zarte -junge Frau einmal mit süßem Lächeln zu Miß Emmerson geäußert, und -niemand störte sie darin. - -Mittlerweile brachten die New Yorker Zeitungen, wie ich bereits -vorausgesagt, wirklich eine Menge haarsträubender und mitunter auch -lächerlicher Artikel über den mutmaßlichen Aufenthalt der gefährlichen -Falschmünzergesellschaft, welche an Falsifikaten schon ein Kapital -in Umlauf gesetzt haben sollte, das bereits mehr denn eine Million -repräsentiere. Einerseits hieß es: das Haupt der Sippe befände sich -völlig ungeniert und seelenvergnügt in unserer City; andererseits -lauteten die Berichte, daß die so schlaue, vielleicht auch nur mythenhafte -»Dame« sich in Chicago aufhielte. Auf jeden Fall aber hoffe die Polizei, -dieses Mal einen brillanten Fang zu thun und ihrer wirklich habhaft zu -werden. - -Meine junge Tischnachbarin hatte seit jenem Migräneanfall jetzt oft so -sonderbar rote und geschwollene Augen, und das reizende Kinderantlitz -dünkte mir auch schmäler geworden, als ob irgend ein Gram oder heimliches -Weh an dem Herzen des lieblichen Geschöpfes nage. Sie sprach wenig und aß -fast nichts. - -Dagegen machte ich die Entdeckung, daß sie mit ihrer Schwiegermutter -auf höchst gespanntem Fuße zu leben oder -- richtiger gesagt: unter -dem Despotismus dieser Frau zu leiden schien. Bestärkt wurde ich noch in -meiner Idee, als ich beim Vorüberschreiten an Mr. Franks Zimmer, welches, -wie diejenigen seiner Mutter und Schwester, in der ersten Etage des Hauses -lag und dessen Thür ein wenig offen stand, -- einmal, ohne im mindesten -lauschen zu wollen, die harte Stimme des mir so widerlichen Weibes zu ihrem -Sohne deutlich sagen hörte: - -»Und wenn Du Dich hier am Boden zu meinen Füßen winden würdest, ich -gebe Dir dennoch die Freiheit nicht zurück, weil das Wohl und Wehe eines -einzigen gegen die Existenz und Sicherheit von uns allen nicht in Betracht -kommt. Wir brauchen Dich und das genügt!« - -»Und darüber wird Frank zugrunde gerichtet! Siehst und fühlst Du denn -das nicht, Mama?« vernahm ich jetzt auch die fast schluchzende Stimme -meines kleinen, blonden Lieblings. Wie erstarrt zögerte ich einen Moment. - -»Gut; dann geht er eben zugrunde, wenn er eine Memme -- ein Feigling -ist!« klang es nochmals aus dem Munde dieser Mutter zurück. - -Dann stürmte ich, Abscheu und Wut im Herzen, die Treppe hinan nach meiner -Wohnung. -- -- - -Am selben Nachmittage kam ein feingekleideter, gut aussehender älterer -Herr ins Haus und wünschte Miß Emmerson zu sprechen. Zufällig war ich -selbst mit unserer Hauswirtin im Parlour anwesend, welche mich lächelnd -bat, dazubleiben. - -Nicht umsonst hatte ich die Carriere eines Advokaten in diesem Lande -absolviert, um in dem Eintretenden nicht sofort den Detektiv der -Geheimpolizei zu vermuten. Ein scharf prüfender Blick seines dunklen Auges -glitt im Nu auch über meine unbedeutende Person herab. Doch als Miß Kathe -ihm meine Beziehungen zu der Firma Haberton & Comp. genannt, wurde mir -augenblicklich ein sehr verbindliches: »=How do you do, Sir?=« zu teil, -und nun erst rückte der Besucher, wenngleich noch immer vorsichtig, -mit seinem Anliegen an den Tag. Miß Emmerson solle sein zudringliches -Erscheinen nicht etwa übel deuten, meinte er, Platz nehmend, wobei er den -großen Diamanten an seinem kleinen Finger im Lichte der durchs Fenster -dringenden Sonnenstrahlen spielen ließ. Allein, wie manche Erfahrungen -bereits bewiesen, befänden sich Persönlichkeiten, deren Antecendenzien -mit dem Wortlaute der Gesetzbücher oft nicht recht übereinstimmten, -zuweilen vorzugsweise in den allerfeinsten und fashionabelsten -Boardinghäusern, um soviel als möglich den äußeren Schein zu wahren und -jeden Verdacht von sich abzulenken. Er müsse so unbescheiden sein und um -die Namen und Berufsarten ihrer Hausbewohner bitten. - -Miß Kathe machte trotz dieser glatten Worte ein höchst empörtes und -wütendes Gesicht und rief in der ihr charakteristischen, etwas derben -Trockenheit: ihr Haus berge glücklicherweise nur äußerst respektable -Leute, und wenn dem Herrn ihre Aussage nicht genüge, so fordere sie ihn -auf, heute abend das Diner mit sämtlichen Gästen einzunehmen, was sicher -den Beweis führen würde, daß er dieses Mal auf gänzlich falscher -Fährte sei. - -Herr des Himmels, welche Unvorsichtigkeit von Miß Kathe! Dieselbe -entsprang einzig ihrem völlig unbefangenen Gemüte, dachte ich entsetzt, -und stand wie auf Kohlen in meiner Fensternische, in die ich mich -zurückgezogen hatte. Wenn dieser Spürhund etwas davon erfuhr, daß Frank -Newland die Gesellschaft so auffallend mied und allein auf seinem Zimmer -speiste, wenn ... - -Jetzt erschrak ich fast über meine seltsame Bangigkeit. War es denn -möglich, daß ich selbst, ein Mann des Gesetzes, noch dazu ein Mensch, -welcher jede lichtscheue That aus tiefster Seele verachtete, ja dessen -Lebensaufgabe darin bestand, das gefährdete Recht, wo immer es galt, zu -vertreten, daß ich also selbst für diesen unseligen jungen Verirrten und -dessen Frau Partei nahm, -- daß ich gegenüber der Sicherheitsbehörde New -Yorks mich zu ihrem Schutze bereits aufzustellen gedachte, anstatt daß ich -vor diesen Mann dort hintrat und ihm frank und frei alle Entdeckungen -der letzten Tage offenbarte. Denn was ging mich schließlich dieser -Frank Newland nebst seiner blonden Gattin an? Oder war diese mir selbst -unerklärliche Sympathie für jene Menschen vielleicht doch etwa ein Wink -von oben? - -»Danke bestens, sehr verbunden, Miß Emmerson!« lautete indes zu meiner -größten Beruhigung des Detektivs Antwort. »Ihre Versicherung genügt -mir fürs erste, umsomehr, weil ich in meiner Stellung alles Auffällige -vermeiden muß.« - -Dann machte er sich einige Notizen in sein Taschenbuch und verließ mit -aalglatten Bewegungen und sehr verbindlichen Verbeugungen gegen die Dame -und mich das Parlour. - -»Meinen Sie, Mr. Berken, daß es in der eben angedeuteten Beziehung mit -den Newlands nicht recht geheuer ist?« fragte mich Miß Kathe, als wir -jetzt allein waren, wobei ein etwas ängstliches Zucken ihre Mundwinkel -umspielte. »Ich hielt sie bisher, das heißt die Männer, für Gambler -(Spieler) von Profession, vielleicht auch für Leute, die auf irgend eine -Patent-Medizin reisen oder dergleichen, jedoch hinsichtlich des guten Rufes -meines Hauses für völlig harmlose Kreaturen. Ihnen aber traue ich wohl -eine Portion Menschenkenntnis zu. Nun, was meinen Sie, Mr. Berken? Es -thäte mir wirklich leid, wenn ich den Newlands aufkündigen müßte und -meine Zimmer, voraussichtlich bis in den September hinein, leer ständen.« - -Ich hatte das Gesicht ein klein wenig nach rechts gewandt, so daß Miß -Kathes Blicke nur mein Profil zu treffen vermochte, und entgegnete so -ruhig, als ich trotz der Aufregung, die in mir arbeitete, es fertig zu -bringen imstande war: - -»Liebe Miß Kathe! Da ich von dem Grundsatze ausgehe, besser ist besser -und sicher ist sicherer, so würde ich doch die paar hundert Dollars -nicht ansehen und gelegentlich, das heißt, auf irgend einer triftigen -Entschuldigung fußend, der alten Newland zu verstehen geben, daß Sie -über ihre Zimmer zu disponieren wünschten. Ich verehre Sie zu hoch -und aufrichtig, Miß Kathe, um Sie auf irgend welche Weise in -Unannehmlichkeiten verwickelt zu sehen! Daher rate ich Ihnen offen hierzu, -weil mir die Sache mit dem Detektiv gar nicht gefällt.« - -Erschreckt prallte die alte Dame zurück und starrte mich mehrere Sekunden -durchbohrend an. Dann faßte sie sich rasch und versetzte mit schmerzlichem -Tonfall der Stimme: - -»Sie würden mir das nicht sagen, Mr. Berken, wenn es nicht Ihre innerste -Überzeugung wäre!« - -»Sicherlich nicht, Miß Kathe!« - -»Gut denn; ich folge Ihnen!« - -Ohne zu zucken und ohne vielleicht weiter des vermeintlichen Verlustes -einer für sie ziemlich bedeutenden Summe zu gedenken, reichte die resolute -alte Dame mir die Rechte hin und sagte: - -»Morgen wird ein Ende gemacht. Punktum!« - -Dann verließ auch sie das Sprechzimmer. -- - -»Morgen!« Mechanisch öffnete ich die nach dem Balkon führende Glasthür -und riß in tiefen Gedanken an den an dem Geländer sich emporrankenden -Klematisblüten. »Morgen!« kam es nochmals sorgenvoll über meine Lippen. -Jetzt stand die Sonne bereits tief am Horizonte, und wenn sie dort im -Osten wieder emporstieg, dann mußte etwas geschehen sein, wovon die dabei -beteiligten Personen bis jetzt noch keine Ahnung hatten. - -»Deutsche Sentimentalität und Thorheit!« neckte das böse Prinzip in -meiner Brust. »Laß ab von Sachen, die Dich nichts angehen, und hemme die -Gerechtigkeit nicht in ihrem Lauf!« - -Standhaft wehrte ich mich dagegen und flüsterte dafür kaum hörbar: - -»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!« - -Doch horch! Klang das drinnen im Parlour nicht gleich einem unterdrückten -Schluchzen? Peinlich berührt und um nicht etwa hier draußen auf dem -Balkon der unfreiwillige Zeuge irgend einer Scene zu werden, trat ich rasch -ins Zimmer zurück. Allein noch einmal stutzte ich. Dort in einem Sessel, -das Antlitz auf die Armlehne desselben niedergebeugt, lag meine schöne -Tischnachbarin, wie es schien, im Stadium von Agonie oder höchstem -Schmerz. Nur ab und zu drang ein sich qualvoll herausringender Laut aus -ihrer Brust, während die krampfhaft verschlungenen Finger das blonde -Haupt umfaßten. Ungeachtet dieses betrübenden Anblicks durchströmte mich -beinahe wilde Freude. Der Zufall spielte mir hier die beste Gelegenheit zum -Beginn meines Samariterwerks in die Hand. Daher trat ich entschlossen an -die Ahnungslose heran und rief: - -»Mrs. Maud Newland!« Seit heute morgen wußte ich auch den Vornamen des -jungen Geschöpfs. - -Wie durch einen elektrischen Strom berührt, fuhr die Angerufene empor und -stand alsbald kerzengerade mir gegenüber, während die glühenden, noch -bebenden Lippen sich zu einem mühseligen Lächeln verzerrten. - -»O, ich habe geschlafen und -- sehr -- sehr garstig geträumt!« stotterte -sie, sich die wirren Locken aus der Stirn streichend. Ein anderer, als ich, -hätte sich von der Wirklichkeit dieses Arguments überzeugen lassen. - -Welche moralische Kraft und Geistesgegenwart steckte doch in diesem -lieblichen Wesen! - -»Nein, Madame, Sie haben _nicht geschlafen_, sondern in tiefem, -leidenschaftlichem Seelenschmerz -- in fassungslosem Jammer über -das Unheil, welches Schritt um Schritt Ihnen näher rückt, haben Sie -_geweint_!« entgegnete ich ruhig, aber fest. - -Jetzt stierten die blauen Augen in wahrhaft entsetztem Ausdruck mir ins -Gesicht. - -»Mein Herr! Mit welchem Rechte wagen Sie, eine solche Sprache gegen mich -zu führen?« kam es leise, jedoch zornig aus dem zuckenden Munde. - -»Mit dem Rechte aufrichtiger, warmer Freundschaftsgefühle, Mrs. -Newland!« gab ich völlig unbeirrt zurück und faßte nun auch -rückhaltlos nach ihrer Rechten. - -»Freund--schaft?« wiederholten ihre Lippen zögernd in halb ungläubigem -Trotze. Dünkte es mir doch, als ob es dabei gleich nie geahntem -- nie -gekanntem Glücke in den schönen Augen aufflammte. Aber sie entzog mir die -kleinen Finger dennoch und setzte rasch und herb hinzu: - -»Ich danke, Sir, wir -- ich brauche die so edelmütig gebotene -Freundschaft eines -- Fremden nicht, da ja auch gar kein Grund vorliegt, -sich mitleidig unserer anzunehmen, nein, wirklich absolut nicht!« - -»So?« Fest und durchdringend heftete ich meine Blicke auf das bleiche -Gesichtchen. »Wissen Sie, Mrs. Maud Newland, daß Sie in diesem Moment -eine _Lüge_ aussprechen? Wohlan! Mir kann das ja einerlei sein. Aber ich -erinnere Sie nur daran, daß dort oben über uns _Einer_ lebt, dem wir -Rechenschaft zu geben haben von unseren Worten und Werken, und daß auch -für Sie eine Zeit kommen kann, wo Sie dieser Hilfe benötigt wären!« -Schwer und keuchend kamen die Atemzüge aus der jungen Brust. »Wenn man in -demütigem Sinne diesem _Einen_ seine Sorgen und Lasten anempfiehlt, dann -erscheint das Schwerste wirklich nicht so schwer!« fuhr ich eindringlicher -fort. - -Jetzt schluchzte sie auf und bedeckte das Antlitz mit den Händen. - -»O, warum sprechen Sie _so_ zu mir! O, wie lange -- lange, -- fast seit -meinen Mädchentagen ist es her, daß jemand gegen mich den Namen Gottes -genannt hat! Und doch habe auch ich einst, ehe ich Franks Gattin wurde, -oftmals so innig und warm zu ihm gebetet! Stehen denn plötzlich alle -süßen Erinnerungen an die Kindheit auf -- an meine heimgegangenen Eltern --- an jene Zeit, wo noch alles anders war?« fügte sie, die Wangen von -Thränen überströmt, nun träumerisch ins Leere starrend, hinzu. »Wer -sind Sie, Sir, daß Sie es verstehen, solche Saiten in meinem Innern zu -berühren? Gehen Sie -- o gehen Sie! Ich bin Ihrer Teilnahme und Güte -nicht wert, -- habe ja kein Anrecht an die Barmherzigkeit und Milde Gottes! -Denn ...« - -Sie stockte plötzlich und wollte an mir vorüber zur Thür hinaus. Doch -energisch vertrat ich ihr den Ausweg. - -»Nicht _allein_ dürfen Sie hinaus, Mrs. Newland! Gerade um der -schmerzlichen Erinnerungen willen an das glückliche Einst bitte ich Sie, -mich jetzt sofort zu Ihrem Gatten zu führen und mir eine kurze Unterredung -mit ihm zu gestatten. Widersetzen Sie sich dem nicht! Denn es ist zu Ihrem -Wohl -- Ihrer Rettung -- _ich weiß alles_!« - -Tödlich erschreckt fuhr die Fassungslose zurück. - -»Was -- was wissen Sie?« - -»Daß Frank ein armer Bethörter -- ein Unglücklicher ist und schwer -unter dem Drucke eines tyrannischen Weibes, das sich leider seine Mutter -nennt, duldet und darüber zugrunde geht!« flüsterte ich ihr entschlossen -ins Ohr. »Aber, beim Allmächtigen, der mein Vorhaben begünstigt, -schwöre ich, daß wir über diese Megäre, die auch Sie im tiefsten Innern -verachten, siegen werden, und ich Ihnen Freiheit, Glück und Sicherheit -zurückzugeben vermag! Nur folgen Sie mir und fügen Sie sich bedingungslos -meiner Weisung!« - -»Mein Himmel! Träume ich denn? Giebt es in dieser jämmerlichen Welt -wirklich noch etwas, was Hoffnung und Glaube an der Menschheit heißt?« -rang es sich zitternd über die bebenden Lippen der jungen Frau. »Darf -ich Ihnen -- dem Fremden -- wahrhaft trauen? Sind Sie nicht auch etwa -ein Mensch, wie jener, der unlängst hier war, -- ein solcher, der kein -Erbarmen und keine Rücksicht kennt?« - -»Mrs. Maud Newland! Ich dächte doch, daß Sie von der Aufrichtigkeit -meiner Freundschaft überzeugt sein sollten!« entgegnete ich fast -vorwurfsvoll und weich. - -»Freundschaft!« schrie sie darauf in wilder Erregung, so daß ich über -den grellen Ton ihrer Stimme beinahe erschrak. »O, welch ein Zauber liegt -in diesem einen Wort! Kommen Sie, ja kommen Sie rasch hinauf zu meinem -armen, geliebten, unseligen Gatten! Er wird -- er muß Ihnen folgen!« Und -ungestüm zog das liebliche Geschöpf mich mit sich fort. - -Kaum konnte die Stunde zu einem ungestörten Gespräch mit dem jungen -Einsiedler dort oben in seinem stillen Zimmer günstiger gewählt sein. -Denn erst vor einer Weile hatte ich die alte Newland nebst Tochter und -Schwiegersohn das Haus verlassen sehen. Überdies gestand meine Begleiterin -mir jetzt in merkwürdig rührender Vertraulichkeit, daß ihre Verwandten -einen kleinen Ausflug nach Coney Island unternommen und vor spätem -Abend kaum zurückerwartet werden dürften. Man habe zwar ausdrücklich -gewünscht, daß sie selbst an der Partie teilnehmen sollte; doch hätte -sie das, um Frank nicht allein zu lassen, auf das entschiedenste abgelehnt. - -Unter dergleichen leise geführten Reden erreichten wir das erste -Stockwerk, doch machte die junge Frau vor dem verhängnisvollen Gemache -noch einmal Halt und holte, gleichsam um Mut zu schöpfen, tief Atem. -Ach, hätte ich der Ärmsten die Viertelstunde doch ersparen können! Nach -kurzem Zögern öffnete Mrs. Newland mit raschem Entschluß die Thür und -schritt mir ins Zimmer voran. - -Das Erste, was mir beim Eintreten sofort ins Auge fiel, war wieder jener -eisenbeschlagene Monstre-Koffer, dessen Begegnung mir schon einmal zu -denken gegeben und dessen Anblick nun aufs neue die ganze gefährliche -Tragweite, ebenso aber auch die Notwendigkeit dieses Schrittes klarlegte. -Die Fenster des Gemaches gingen gegen Westen, so daß die noch hellen -Strahlen der Abendsonne es bis in seine tiefsten Winkel beleuchteten. - -Mr. Frank Newland schien jedoch unseren Besuch gar nicht zu merken. Denn -mit aufgehobenem rechten Arme, ein Pistol in der Hand haltend, zielte er -soeben nach einer an der Wand der Langseite befestigten Scheibe, deren -durchlöchertes Feld mir zur Genüge zeigte, wie und durch welches -Vergnügen der junge Mann seine Mußestunden sich verkürzte. Wieder -gewahrte ich in seinem schönen Gesichte den finsteren Schmerzensausdruck -und konnte in diesem Momente mich wirklich des Gedankens nicht erwehren, -ob der, wie ich ja wußte, so verzweifelt und vergeblich an seinen Fesseln -Rüttelnde nicht vielleicht dort, wo sich die weiße Papierscheibe befand, -die Häupter seiner Peiniger oder mutmaßlichen Verfolger im Geiste zu -schauen wähnte. - -»Frank! Ich wollte -- ich möchte so gern, daß Du -- diesem Herrn hier, -Mr. Berken, für einige Minuten Gehör schenktest!« rief jetzt, das -lange Schweigen unterbrechend, meine Begleiterin ihrem Gatten bittend und -zärtlich zu, während sie nach ihm hinüberflog und die Arme um seine -Schultern schlang. - -Sofort sank die Hand mit dem Pistol herab, und, mehr erschreckt als -unwillig, fuhr sein Kopf nach mir herum. - -»Was soll's? Du weißt ja, Maud, daß ich nicht gern gestört bin!« kam -es leise, doch grollend über seine Lippen. - -Allein trotz dieses wenig ermutigenden Empfanges hatte ich mich ihm rasch -genähert und begann ohne Zögern: - -»Die große Wichtigkeit dieses Besuches hier, ja meines Anliegens an Sie, -Mr. Newland, überwiegt das Peinliche, was zweifellos für mich in diesem -etwas dreisten Vordringen eines Ihnen fast Fremden liegt!« - -Franks geistvolles, dunkelumrahmtes Auge richtete sich bei diesen Worten -ganz seltsam scheu und fragend nach dem meinen, indem er herb und zögernd -erwiderte: - -»Wegen meines Leidens empfange ich niemals -- grundsätzlich niemals -Besuche. Doch, wenn _sie_« -- (ein vibrierender, auffallend zärtlicher -Ton lag in diesem: _sie_, womit er der Gattin Hand sanft drückte) -- -»ausnahmsweise jemanden bei mir einführt, dann muß ich mich allerdings -schon von der Notwendigkeit durch dies Abweichen von der Regel überzeugen -lassen.« Er verbeugte sich gegen mich und fügte etwas weniger schroff, -indes mit immer noch tief ernster Stimme hinzu: - -»Meine Frau hat mir bereits von Ihrer Liebenswürdigkeit und Ihren -menschenfreundlichen Gesinnungen erzählt, Mr. Berken! Es ist ein edler -Grundzug im Charakter der Deutschen, daß Teilnahme und Freundschaft bei -ihnen nicht leere Worte sind, sondern dem Herzen entspringen.« - -Dabei legte er die kleine Schußwaffe beiseite und reichte mir die Finger -hin. Eine müde Apathie machte sich im Wesen dieses Mannes bemerkbar und -verlieh ihm, verbunden mit dem schmerzlich krankhaften Zuge seines schmalen -Gesichts, den Anstrich eines wirklich Leidenden. - -So ruhig und fest, daß ich mich in diesem Momente selbst über meine -Fassung wunderte, erwiderte ich: - -»Der Hauptgrund unseres Charakters ist eine unüberwindliche, ja, so zu -sagen, schon mit der Muttermilch eingesogene Abneigung gegen jeden falschen -Schein.« - -Ganz sonderbar stutzte er, während ein halb wirrer Blick über meine -Gestalt hinwegglitt, und gleichsam fragend wandte er sich nun nach seiner -jungen Frau, welche mit im Schmerz gefalteten Händen in einen Sessel -gesunken war. - -»Ich muß wohl annehmen, daß Sie einen besonderen Zweck mit diesem -- -Besuche verbinden?« entfuhr es in harten, schroffen Tönen seinem Munde, -indem er nun, wie zu einer kampfbereiten Stellung, sich vor mir aufrichtete -und bald noch heftiger hinzufügte: »Sie hassen den Schein! Sehr gut, -mein Herr! Aber unter welchem Vorwande erklären Sie mir dann Ihr sonderbar -geheimnisvolles Benehmen, welches zweifellos irgend eine Absicht -- einen -Hintergedanken verrät? Denn nur allein deshalb hierher in mein Zimmer zu -kommen, um einen Ihnen fast Unbekannten, der Ihnen niemals störend in den -Weg getreten, mit zweideutigen Reden zu intriguieren, dafür halte ich Sie, -Mr. Berken, doch für zu =gentlemanlike= und edel.« - -»Sie scheinen viel Menschenkenntnis zu besitzen, Mr. Newland!« gab ich -ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück. »Wohlan denn! Den Grund -dafür kennt bereits Ihre verehrte Gemahlin; es ist der, daß ich Ihnen mit -Rat und That behilflich sein möchte, Ihre unwürdigen Fesseln zu sprengen! -Ist diese Antwort nicht klar und verständlich genug?« - -Durchdringend heftete ich dabei meine Augen auf das abgehärmte -Männergesicht. Doch nur ein leise gurgelnder Ton drang über seine Lippen, -während er haltlos mehrere Schritte nach rückwärts taumelte. - -»Ich dulde keine Einmischung in meine Angelegenheiten!« stieß er endlich -nach wenigen Sekunden wild heraus. Sein Auge funkelte und jede Fiber des -schlanken, aber sehnigen Körpers schien in Erregung und Leidenschaft zu -zucken. Dann aber lachte er gellend auf. »Und wissen Sie, mein Herr, -was wir Amerikaner aus tiefster Seele verachten? Das sind glattzüngige -Schleicher, die hier und dort mit dem löblichen Grundsatze: ›der Zweck -heiligt die Mittel‹ herumspionieren und schließlich doch nur Unheil -stiften! Solche Leute sind mir in den Tod verhaßt. Und nun, mein Herr, -bitte ich, daß Sie in Zukunft mich unbelästigt lassen!« - -Damit kehrte er mir den Rücken und schritt dem Fenster zu. Hier schien -demnach der Sieg nicht ganz so leicht, als unten im Parlour über die junge -Frau, dachte ich unentschlossen. Doch kam schon die kleine Verbündete mir -rasch zu Hilfe, indem sie, emporspringend und zu dem Gatten hinübereilend, -rief: - -»O Frank! Sei barmherzig! Um Deiner Liebe zu mir -- um unseres Elends -willen, weise diesem Herrn nicht so schroff die Thür! Denn gerade er, Mr. -Berken, will uns ja dazu verhelfen, daß der waghalsige Plan, der schon -längst in Deinem Kopfe reifte, aber stets wieder vereitelt wurde, wirklich -einmal zur Ausführung gelangt. Ich flehe Dich an, Frank, lasse diese gute -Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen! Denn ohne energischen Beistand -käme es nie -- nie dazu!« sprudelte das schöne Weib in flammender -Begeisterung für die Sache wild hervor. »Du bist so gut und treu, voller -Liebe und Rücksicht für mich, aber dennoch bloß ein schwankendes Rohr -gegenüber der Macht und dem Willen Deiner Mutter!« - -Ich war ebenfalls näher getreten und sah deutlich, wie eine heiße -Blutwelle Mr. Franks Stirn verdunkelte. - -»Schweig, Maud! Du vergißt Dich. Dein noch unerfahrener Sinn setzt -Vorsicht und Pflichten außer acht!« raunte der Gatte unter keuchenden -Atemzügen ihr leise zu. - -Allein sie beachtete diese Warnung nicht. In zwei Sätzen sprang die -graziöse Gestalt zu mir herüber, faßte stürmisch meine Hand und rief: - -»So sagen Sie ihm doch, daß Sie alles wissen -- in alles eingeweiht -sind und den ganzen großen Jammer unserer Existenz entdeckt haben, Mr. -Berken!« - -Da drang es wie ein schlecht unterdrückter Wutschrei über des Mannes -Lippen, der drohend die Faust nach dem lieblichen Haupte emporhob. - -»Maud, -- Unselige! Du hast uns verraten!« - -»Nein, Mr. Newland, Sie irren!« sagte ich, jetzt dicht an ihn -herantretend und mit festem Druck sein Handgelenk umspannend. »Der bloße -Verdacht allein ist schon eine Kränkung für Ihr treues, opfermutiges -Weib. Nicht sie hat den verhüllenden Schleier von dem düsteren Bilde -Ihres Daseins hinweggezogen, nicht Ihre Gemahlin hat mir die traurige -Wahrheit entdeckt, sondern mein eigenes warmes Interesse für ein Paar -bedauernswerte junge Menschen ließ mich Schritt für Schritt dem ersten -leisen Verdachte, den schon jener ominöse Koffer dort anregte, weiter -nachforschen. Auch nicht um Unheil zu stiften, Mr. Frank Newland, wie Sie -soeben voraussetzten, -- nein, einzig nur aus dem Grunde, um im Augenblicke -höchster Gefahr -- und solche ist jetzt vorhanden -- zu retten und zu -helfen!« - -Er riß sich von mir los und rannte, mit beiden Händen den Kopf umfassend, -einigemal wie rasend durch das Zimmer. - -»Wo -- wo ist Gefahr? Wer sagt das? Wer bürgt mir dafür?« rief er -heiser. - -»Frank! Du selbst weißt es ja -- kennst das drohende Gespenst der -Verfolgung, welches Tag und Nacht über uns schwebt; weißt auch, was für -ein Mensch vor kaum einer Stunde bei Mrs. Emmerson Nachfrage hielt, weißt -ferner, daß der Boden unter unseren Füßen bereits wankend geworden!« -mahnte die junge Frau mit todesbleichem Gesicht. »Nur Mut und rasche -Entschlossenheit, Geliebter, und wir entfliehen dieser schauerlichen -Existenz, die ich verabscheue, die entwürdigend für uns ist! Zeige, -daß Du ein Mann bist, Frank -- ein Mann, der, dieser empörenden Tyrannei -anderer müde, sein besseres Ich herauswindet aus einer Bergeslast von Lug -und Trug. O! arbeiten und Dir beistehen will ich ohne Murren und Klagen -Tag für Tag, um uns ein neues Heim zu schaffen!« fuhr die junge Frau mit -überzeugender Wahrheit und bewundernswerter Beredsamkeit fort, -- »ein -stilles, friedliches Heim, welches allein uns gehört und worüber der dort -oben wachen soll, den wir so lange Zeit vernachlässigt haben! Frank, wenn -Du mich wahrhaft liebst, so folge diesem da, der es gut und ehrlich mit uns -meint!« - -Überwältigt durch den Schmerz der hervorbrechenden Gefühle sank die -schöne Frau zur Erde nieder und umfaßte leidenschaftlich des Gatten Knie. -Ein Moment war das, der mich aller Zweifel und aller in mir sich regenden -Ungewißheit überhob. Jetzt wußte ich, daß der wunderbar stürmische -Drang in mir, diesem jungen Paare meine Hilfe zu bieten, höheren Ursprungs -war. Alle Bedenken, gerade durch diese Hilfe mich einer ungesetzlichen, ja -vielleicht gar strafbaren Handlung schuldig zu machen, zerflossen bei dem -Anblicke in ein Nichts. - -»Mr. Frank Newland! Ich sehe, daß die Liebe zu Ihrer Frau bei Ihnen -größer ist, als zu sonst irgend etwas auf Erden, und daß diese Liebe -Ihnen dazu verhelfen wird, selbst das Schwerste zu überwinden!« sagte ich -mit einer Stimme, die die eigene tiefe Bewegung deutlich verriet. »Wollen -Sie fortan bedingungslos sich meiner Führung anvertrauen? Die Zeit ist -kurz. Jetzt gilt nur ein schnelles Entweder -- Oder!« Wie Wetterleuchten -zuckte es über sein bleiches Gesicht. »Zerreißen Sie mit fester Hand -jenes unwürdige Band, welches Sie noch an die Vergangenheit knüpft, --- schauen Sie dafür mutig und mit Gottvertrauen in eine lichtere, -hoffnungsreiche Zukunft!« - -Ungestüm hatte er, während ich sprach, die liebliche Gestalt zu sich -emporgezogen. Eine Weile hielten die Gatten sich umschlungen. - -»Der Fluch der Mutter, -- grimmiger Haß von allen, die mir bisher -vertraut haben, -- ja, ein Leben der Not und Entbehrung, -- das ist es, was -uns sicher erwartet, wenn ich diese Fesseln sprenge! Würdest Du Dich auch -klagelos und willig einem vielleicht noch härteren Geschicke beugen, meine -Maud?« fragte der junge Ehemann so zärtlich und weich, wie man nur zu -einem Kinde redet. - -Ein kaum unterdrückter Jubelschrei stieg aus der Gefragten Brust. - -»Und wenn dieser Schritt meinen Tod bedeutete, ich könnte nicht ruhiger -und beglückter darüber sein, daß Dein Widerstand endlich gebrochen ist -und Du heimlich mit mir von dem Schauplatze unserer Leiden verschwinden -willst, Frank!« rief sie neu belebt und zitternd vor Erregung, indem sie -aus den sie umschlingenden Armen sich befreite und wieder zu mir herüber -eilte. - -»Jetzt aber rasch zum Entschluß, Mr. Berken! Was soll geschehen? -Bestimmen Sie über uns!« flüsterte sie mir hastig zu. - -Allein auch der vor kurzem noch so verschlossene und so schroff und starr -abweisende junge Mann reichte mir jetzt, wenngleich mit einem Ausdruck -bitterer Trauer, seine Hände entgegen, in die ich freudig einschlug. - -»In spätestens einer Stunde werden Sie New York im Rücken haben und sich -auf dem Wege nach Kanada befinden,« erwiderte ich ernst und sehr bestimmt, -während beide mir mit ängstlicher Spannung lauschten. »Spurlos noch ehe -die Untersuchungen in jener traurigen Angelegenheit weiter fortschreiten, -müssen Sie und Mrs. Newland von der hiesigen Bildfläche verschwinden, -als ob der Sturm Ihre Namen hinweggeweht. Fort -- vergessen! Miß Emmerson -sagen Sie indessen, daß Sie anläßlich einer wichtigen Depesche mit Ihrer -Frau auf acht Tage zu verreisen gezwungen wären! Das genügt. Packen Sie -also die nötigste Garderobe und Wäsche in einen nicht zu großen Koffer. -Alle Ihre Sachen mitzunehmen, darauf müssen Sie leider verzichten, weil -das vielleicht Verdacht erregen könnte. Dann benutzen Sie den nächsten -Zug nach Montreal! Fürs erste jedoch, Mr. Newland,« -- fügte ich, indem -ich jenem ominösen Koffer ganz nahe trat, ein wenig zögernd und sehr -leise hinzu -- »schaffen Sie den gefährlichen Inhalt dieses Riesen -schleunigst aus der Welt!« - -Er zuckte jäh zusammen und stotterte in höchster Verwirrung, während -eine fahle Blässe sein Gesicht überzog. - -»So wissen Sie? -- nein, nein, das darf ich nicht thun, -- die -Mutter ...!« - -»Sie dürfen auf niemanden Rücksicht nehmen! Denn ich ahne wohl, daß -hierin die schlagendsten Beweise zur Überführung einer gar schlimmen -Schuld für Sie enthalten sind, mein armer, bethörter Freund!« versetzte -ich freundlich. »Und diese Beweisstücke müssen unter allen Umständen -vertilgt sein. Dort drüben ist der Kaminofen. Was irgend brennbar ist, -- -hinein in ein flackerndes Feuer. Das übrige packen Sie in eine schlichte -Reisetasche, die Sie mit sich nehmen und wie aus Versehen im Gedränge auf -dem Bahnhofe stehen lassen! Dann erst werden Sie frei sein gleich dem -Vogel in der Luft. Das leere Ungetüm hier wird nichts mehr verraten und -grabesstumm bleiben. Sie sehen, mein Plan ist gut und könnte wahrlich der -Intelligenz eines Amerikaners alle Ehre machen,« fügte ich ermutigend -hinzu. Denn es entging mir nicht, wie hastige, schwere Atemzüge über -seine Lippen stießen und er sichtlich zu kämpfen schien, mir mit neuen -Einwendungen entgegenzutreten. - -»Und wohin sollen wir Ausgestoßenen, denen das eigene Vaterland nicht -mehr Raum und Schutz zu bieten vermag, uns wenden?« fragte er herb. -»Welche Aussichten, welcher Erwerb bietet sich uns auf englischem -Boden? Ich bin völlig fremd in Kanada, -- habe nicht die geringsten -Verbindungen ...« - -»Eben deshalb ist es nötig, daß Sie dorthin Ihre Schritte lenken, Mr. -Newland!« gab ich ihm tröstend zurück. »Gerade dort, wo Sie fortan -leben werden, sollen Sie ein Fremder sein; auch sogar den Namen, den Sie -jetzt führen, müssen Sie hier zurücklassen!« - -Bei diesen Worten stieg abermals eine dunkle Röte dem Unglücklichen über -die Stirn und finster, aber leidenschaftlich rief er: - -»Der Name Newland gehört mir von Rechts wegen gar nicht. So hieß -nämlich der zweite Gatte meiner Mutter, der vor einem Jahre starb und -dessen verhängnisvolles, grausiges Vermächtnis eben jener Koffer dort -ist mit allem, was darin sich befindet und daran sich knüpft -- ein -Vermächtnis, das gleich einem Fluche auf uns lastet. Man soll den Toten -nichts Schlimmes nachsagen. Allein noch im Grabe verabscheue ich jenen -Mann, der sich erkühnte, mein Stiefvater zu heißen. ›Welch eine -Erscheinung!‹ hätten auch Sie bei seinem Anblick sicher ausgerufen. -Im Äußeren glich er einem Heroen an Größe, Körperkraft, wie auch an -Geist. Bestechend und verführerisch klang jedes Wort, mit dem er in die -ahnungslose Menschenseele sich einzuschmeicheln verstand. Doch wer ihm -unterlag, der saß fest in den Fangarmen des Teufels. Ein dämonischer -Tyrann war er und hat meine unselige Mutter zu dem gestempelt, was sie -jetzt ist, -- zu einer geldgierigen Megäre, die heute noch einzig nur in -den Fußstapfen des ihr teuer gebliebenen Verblichenen wandelt. Aus -mir aber ...« -- tief schöpfte er Atem -- »aus mir hat er einen der -routiniertesten, gefährlichsten Falschmünzer Amerikas gemacht, -- ha, ha, -ha! Das war ein Meister, wie es keinen zweiten giebt!« - -»O Franky! So lasse doch die alten Erinnerungen!« bat meine kleine blonde -Freundin zärtlich, indem ihr die hellen Tropfen über das süße Gesicht -herabrieselten. - -»Nein, nein! Jetzt muß ich reden!« erwiderte der junge Mann heftig. -»Sie, Mr. Berken, sollen wenigstens erfahren, daß ich zu solch -schmachvollem Berufe verführt -- gezwungen wurde, daß nicht die Gier und -die Lockungen nach mühelos erworbenen Schätzen mich dazu verleiteten! -Beim Allmächtigen, der sich gnädig meiner erbarmen möge, -- ich habe -den schnöden Mammon stets gehaßt! Denn er allein ist der Satan, der -die Menschheit verdirbt und erniedrigt! Was spreche ich doch von mühelos -erworbenem Gelde? Wer hat gearbeitet Nacht um Nacht über Wagstücken, die -oftmals doch mißlangen? Wer hat die Schweißtropfen saurer Mühe hergeben -müssen für solches Teufelswerk? Ich war's -- ich that's, Mr. Berken, weil -ich zu schwach -- zu feige war, mich loszureißen! Geknirscht und geflucht -habe ich oft in ohnmächtigem Zorne. Doch der böse Blick der Mutter, in -welchem ich noch fortdauernd den Dämon meines verfehlten Lebens -- den -Meister -- den Stiefvater zu schauen wähnte, -- er hielt mich gleich einem -Knechte in Zucht und Banden! Aber das Maß ist voll, -- länger ertrage ich -es nicht!« rief er fast schluchzend. »Um ihretwillen, die mein Licht -und Trost ist,« -- das sterbensmüde Auge traf der Gattin aufstrahlendes -Gesicht, »um ihretwillen reiße ich das Band, was mich an diejenige -bindet, die mich geboren, in Stücke!« Ich schaute nach der Uhr und -fragte, in der Absicht, ihn von dem schmerzlichen Thema abzulenken: - -»Darf ich den Wagen für Sie bestellen, Mr. Newland?« - -Wie aus tiefem Sinnen fuhr er auf und nickte halb gedankenvoll: - -»Ja, ja -- den Wagen -- fort!« - -»Auch möchte ich Ihnen hier noch eine Adresse für Montreal überreichen, -Mr. Frank? ... Ja, wie ist denn Ihr wirklicher Name?« - -»Wilson!« entgegnete er kurz. - -»Also, Mr. Wilson! Ein sehr intimer Freund von mir, ebenfalls -ein Deutscher, hat dort eine renommierte und gesuchte Law-Office -(Rechts-Bureau). An diesen ganz vortrefflichen Mann habe ich Sie als -tüchtigen, intelligenten Arbeiter empfohlen, da ich durch Ihre Gemahlin -weiß, welch gründliche Bildung Sie genossen, und daß ein Wissen in Ihnen -steckt, wie junge lebenslustige Amerikaner es sich sonst selten anzueignen -pflegen. Ein Wort von mir genügt, Ihnen den Anfang zu einer vielleicht -sehr lukrativen Laufbahn zu eröffnen, und gingen Sie somit im Auslande -keiner allzu trüben Zukunft entgegen. Die Hauptsache ist natürlich, -daß Sie mit Lust und Energie einen Ihren Kenntnissen angemessenen Beruf -ergreifen.« - -»Mein Gott, das ist zu viel, -- das bin ich nicht wert!« stöhnte der -Überraschte kopfschüttelnd. Es zuckte dabei aber doch ganz seltsam -freudig um seinen Mund. - -Meine kleine blonde Freundin schlug indes die Hände vor das Gesicht und -schluchzte laut. - -»Haben Sie das nötige Reisegeld?« forschte ich, durch nichts beirrt, mit -der ernsten, trockenen Stimme eines Inquirenten weiter, obgleich mir selbst -vor innerer Bewegung der Ton im Halse stecken zu bleiben drohte. - -Eine lange Pause erfolgte. Dann zog Mr. Frank Wilson mehrere -50 Dollar-Billets aus seinem Taschenbuche, zündete am Tische eine Kerze -an und hielt, ohne zu sprechen, noch zu zucken die Banknoten darüber, daß -alsbald die hellen Flammen um seine Finger spielten. - -»Ist denn der Mensch toll geworden!« hätte bei diesem seltsamen Gebahren -ein anderer vielleicht gedacht und solchen Frevel zu vereiteln gesucht. -Ich aber rührte mich nicht von der Stelle. Denn gerade jenes anscheinend -kopflose Experiment redete für mich eine stumme Sprache. Das, was dort -eben in Rauch aufging, waren ja auch nur elende Falsifikate; Lug und Trug -war es --, die schauerlichen Früchte seines arbeitsschweren Daseins, an -denen, wie er selbst gesagt, die Schweißtropfen saurer Arbeit hingen! -Armer Frank! So kurz und straff hielt diese entsetzliche Mutter ihren -einzigen Sohn im Zügel, daß sie ihm nicht das nötigste Geld zur -Verfügung stellte -- aus Angst, er könne doch endlich einmal ihrer -Tyrannei heimlich entfliehen! In diesem Augenblicke überkam es mich wie -eine wahre Wollust, jenem entmenschten Weibe einen Streich spielen zu -können. - -Mit zu Boden gesenkten Wimpern stand der Bedauernswerte vor mir. Welch -beschämende Gefühle mochten in ihm sich regen! Daher schritt ich rasch an -ihn heran und legte meine Rechte sanft auf seine Schulter. - -»Lassen wir Vergangenes ruhen, mein Freund! Ich begreife und verstehe -alles und beklage Sie tief. Und doch ist es am Ende besser so, damit Sie -mit Ihrer Flucht aus New York niemandem -- verstehen Sie wohl: niemandem -mehr verpflichtet sind. Hier, Mr. Frank Wilson, lege ich 500 Dollars -auf den Tisch, als ein Darlehen, was hoffentlich zum Beginn einer neuen -Existenz ausreichen wird! Sie werden arbeiten und später guten Verdienst -haben, davon bin ich überzeugt.« - -Abwehrend erhob er seine Hände. - -»Nun, was wollen Sie?« setzte ich schnell und lächelnd hinzu. »Ohne -Geld kann man nicht reisen, und bleibt Ihnen somit gar nichts anderes -übrig, als meine Hilfe anzunehmen. Im übrigen bin ich auch weit davon -entfernt, diese Summe als verloren zu betrachten. Denn fürs erste bin ich -selbst durchaus kein reicher Mann, und zweitens weiß ich ziemlich sicher, -daß Sie die kleine Schuld mir nach und nach zurückzahlen werden. Sind Sie -demnach mit diesem Geschäfte zufrieden?« - -Einem Traumbefangenen gleich stand er vor mir und stotterte nur ein paarmal -hintereinander: - -»Ich danke -- danke Ihnen, mein Herr!« - -Seit ich mein deutsches Vaterland verlassen, war, glaube ich, eine -ähnliche Anwandlung von Rührung und seelischer Befriedigung nicht über -mich gekommen, als zu jener Stunde, die mit allen ihren Einzelheiten klar -und fest sich bis zum heutigen Tage meinem Gedächtnis eingeprägt hat. - -Stillschweigend hatte ich meinen Hut ergriffen und gedachte mich unbemerkt -zur Thür hinauszuschleichen. Allein der blonden Frau war meine Absicht -nicht entgangen. In stürmischer Hast rannte sie mir nach und faßte -beinahe leidenschaftlich meine Rechte. - -»Nein, so dürfen Sie nicht fort, Mr. Berken! O, es sieht Ihnen ganz -ähnlich, daß Sie unseren Dankesworten sich entziehen wollen! Die wahre -Großmut ist ja immer still und bescheiden, und ihr Deutschen seid alle -von Natur so edel! Wirklich grausam wäre es gegen uns, nicht noch einen -letzten, warmen Händedruck, einen letzten Abschiedsblick des einzig -wahren, teilnehmenden Freundes für unser armseliges Geschick zu -erhalten!« - -So klang es in schmelzenden Tönen an mein Ohr. Wehmütig lächelnd blieb -ich stehen, indem nun auch Mr. Wilson sich mir näherte und mit stummem -Schmerze mir ins Auge schaute. - -»Leben Sie wohl, Mr. Berken!« sagte er, nachdem er seiner sichtlichen -Bewegung endlich Herr geworden. »Was _Sie_ vollbracht haben, ist eine -That, welche mit der Dankbarkeit eines ganzen Lebens kaum gelohnt wäre, -und die nur Gott zu vergelten im stande ist! Sie werden von uns hören. -Leben Sie wohl!« - -Noch einmal schüttelten mir die beiden Verwaisten -- diesen Eindruck -machten sie auf mich, als sie, Arm in Arm, tiefste Wehmut im Angesicht, mir -gegenüberstanden -- die Hände. Dann schloß sich die Pforte hinter mir -und ich stand auf dem Vorsaal. - -Indes schien jetzt durchaus keine Zeit mehr, sich schmerzlichen Gefühlen -und Reflexionen hinzugeben. Die Uhr zeigte 6½ und der Zug, welchen das -junge Paar benutzen sollte, verließ New York in einer Stunde. Rasch sprang -ich die Treppe hinab. Unglücklicherweise begegnete mir im Vorsaal, wo die -Parlours mündeten, Miß Emmerson. - -»Nun, wohin so eilig, Mr. Berken? Sie sehen ja ganz erhitzt aus,« warf -die Dame lächelnd hin. - -»Es ist oben in meinem Zimmer eine Bärenhitze und möchte ich mit der -offenen Car (Pferdebahnwagen) etwas hinaus in den Central-Park fahren,« -log ich mit abgewandtem Gesichte. - -»So? Dann werden Sie zum Essen schwerlich zurück sein -- hm!« Eine Weile -sah sie mir kopfschüttelnd und durchdringend in die Augen. »Nun, ich bin -weit davon entfernt, Sie mit indiskreten Fragen zu belästigen. Aber -- -an der Nase sehe ich es ja Ihnen an, daß irgend etwas faul ist im Staate -Dänemark. Dazu kenne ich Sie zu genau. =Well=, über das =dinner= machen -Sie sich nur keine Sorgen! Für Sie wird es aufbewahrt. Viel Vergnügen, -Mr. Berken!« Damit schritt meine alte Freundin majestätisch ihres Weges. - -Jedenfalls muß ich ein sehr dummes oder verblüfftes Gesicht gemacht -haben, und war wirklich froh, als ich draußen in frischer Luft mich -befand. -- -- - -Erst gegen 8 Uhr abends kehrte ich nach planlosem Herumstreifen in der -City zurück, weil ich es aus verschiedenen Gründen für zweckmäßig -erachtete, daß die Abreise der Wilsons sich ohne meine Anwesenheit -vollzog. - -Unbefangen betrat ich das Speisezimmer, wo in der That noch ein gedecktes -Couvert für mich auflag. »Gute Miß Kathe!« dachte ich befriedigt; denn -ich war hungrig und freute mich auf eine kräftige Mahlzeit. Allein nichts -verriet mir in der nächsten Viertelstunde, daß irgend etwas Besonderes -im Hause vorgefallen. Der aufwartende Neger machte ein völlig indifferent -stumpfsinniges Gesicht und die das Diningroom zufällig passierenden -Logiergäste begrüßten mich nur mit einem kurzen »=Good evening=, -Mr. Berken!« Trotzdem aber lag es mir wie eine Gewitterschwüle auf dem -Gemüte. Waren meine Schützlinge unbehindert und glücklich fortgekommen? -Zu fragen wagte ich nicht, hoffte daher auf einen günstigen Zufall, der es -mir verraten würde. - -Wirklich, als ich nach beendetem Speisen die Treppe nach meinem Zimmer -emporstieg, trat Miß Emmerson aus den von dem jungen Paare bewohnten -Gemächern heraus auf den Flur. Wir stutzten beide, und alsbald drang ein -sonderbarer Geruch nach verbranntem Papier durch die geöffnete Thür mir -entgegen. - -»Ah -- zurück?« fragte sie leichthin, doch merkte ich bald, daß in dem -sonst freundlichen Gesichte ein merklich ernster Ausdruck lag. - -»Ja, Miß Emmerson! Und ich habe mir soeben Ihre vortrefflichen Gerichte -schmecken lassen!« erwiderte ich mit möglichster Heiterkeit. - -»Nun, _mein_ =dinner= ist mir heute recht gestört worden durch die -sonderbare, fluchtartige Abreise zweier meiner Gäste!« war ihre etwas -scharfe Antwort. - -»Fluchtartige Abreise?« fragte ich mit einer äußerst wohlgelungenen -Miene des Staunens, wodurch die alte Dame sofort veranlaßt wurde, halb -befriedigt und freundlicher den Kopf zu wiegen. - -»Nun, ich dachte mir eigentlich, daß Sie vielleicht etwas mehr von diesen -Leuten wüßten, weil die kleine Blondine mit den Taubenaugen bei Tische -immer so zutraulich zu Ihnen redete, und Sie, Mr. Berken, heute so -sonderbar! ... Na, einerlei -- die Newlands sind fort!« - -»Alle?« entfuhr es etwas unbedacht von meinen Lippen. - -»I bewahre! Nur das junge Paar -- scheinbar nur auf eine Woche, wie das -Frauchen schüchtern mir versicherte! Doch ich möchte, obgleich hier -drinnen in den Schränken noch alles voll Sachen hängt, die höchste -Wette eingehen, daß es auf Nimmerwiedersehen ist. Das kommt aber bei solch -leichtsinniger Sippschaft gar nicht darauf an. Nebenbei haben sie in den -Zimmern einen Gestank zurückgelassen, als ob mindestens zwei Zentner -Makulatur verbrannt worden wären. Als ich hineintrat, mußte ich wohl -zwanzigmal hintereinander niesen und konnte vor Rauch die Augen kaum -aufthun, so daß ich schon fürchtete, man habe mir die Bude über dem -Kopfe angesteckt. Aber schließlich kann es mir ja gleichgültig sein!« -argumentierte Miß Kathe lebhaft weiter; »denn bezahlt ist alles bis zum -Ersten, -- und mit den übrigen mache ich morgen früh auch ein Ende. Die -rasche Abreise der beiden ist mir einzig nur des Geredes im Hause wegen -fatal, zumal ich, wie Sie wissen, ohnedem schon heute Nachmittag einen -heiklen Besuch erhalten.« - -»Auf keinen Fall würde ich es beklagen, daß die jungen Newlands fort -sind!« versetzte ich, höchst gleichgültig das Gähnen unterdrückend. -Doch spähte ich trotzdem neugierig durch die halbgeöffnete Thür ins -Zimmer hinein. »Die Alte wird schöne Augen machen, wenn sie bei ihrer -Rückkehr die lieben Kinder nicht mehr findet, Miß Emmerson!« - -»O, die hat längst von der Flucht gewußt! Das war alles geplant und -abgekartet.« - -»_So_ -- glauben Sie?« - -»Sicherlich! Ich wundere mich nur, daß _Sie_, Mr. Berken, bei Ihrem -scharfen Beobachtungstalente nicht auch Wind davon gekriegt haben!« - -Ich lachte sie heiter an. - -»Wer wird so mißtrauisch sein, Miß Kathe. Was gehen _mich_ denn diese -Menschen an? Wahrlich, ich habe ja gar keine Zeit dazu, mich so viel um den -lieben Nächsten zu bekümmern.« - -Die alte Dame schien völlig beruhigt, und freundschaftlich wünschten wir -uns gegenseitig =Good night!= -- - -Ich erinnere mich, daß ich in jener Nacht nicht viel geschlafen habe -und erst wieder frei und beruhigt aufzuatmen begann, als mir am nächsten -Morgen ein Telegramm überreicht wurde mit dem kurzen, aber für mich -bedeutungsvollen Inhalt: »Glücklich Montreal angelangt, Wilson.« Mit -seelischem Behagen kleidete ich mich an und mußte wirklich lachen, welch -ein von Bosheit und Schadenfreude blitzendes Gesicht mir heute aus dem -Spiegel entgegensah. Jetzt gab es ja noch einen Hauptspaß, nämlich -das stille Beobachten der alten Newland, wie deren elegisch angehauchten -Tochter und des ehrenwerten Mr. Fowler beim Frühstück. Denn daran, daß -die Gesellschaft überhaupt kommen würde, zweifelte ich keinen Augenblick. -Schon, um jeden Verdacht von sich abzulenken, mußten sie sich diesen -Morgen zeigen. - -Daher begab ich mich ein wenig früher als gewöhnlich hinab, um die -Personen, in deren Dasein ich ohne ihr Wissen eine so bedeutende Rolle -gespielt, sofort beim Eintreten ins Speisezimmer aufs Korn zu nehmen. Wer -aber beschreibt meine Überraschung! In der Halle, an der weit geöffneten -Hausthür, durch die ich eine elegante Equipage vor dem Hause halten sah, -standen Mrs. Newland und ihre Tochter, völlig reisefertig, im Begriff, -sich von Miß Emmerson zu verabschieden, und deutlich vernahm ich noch die -seltsamen Worte: - -»Der arme Frank! Er leidet zuweilen an schlimmen Anfällen von -Geistesstörung, was seine kindische junge Frau durchaus nicht zugiebt. -Ich fürchte, daß seine unmotivierte plötzliche Abreise abermals ein -trauriger Beweis ist für diese nicht mehr abzustreitende Thatsache. Ellen -und ich müssen uns daher schleunigst auf die Suche der beklagenswerten -Kinder begeben und können daher leider die Annehmlichkeiten Ihres Hauses -nicht länger genießen, meine teure Miß Emmerson! Major Fowler wird indes -noch bis morgen hier bleiben und dann mit unserm Gepäck nachfolgen.« - -Jetzt schritt ich unbefangen und unerschrocken die letzten Stufen der -Treppe, auf der ich stand, hinab, so daß ich nur noch wenige Fuß breit -von den Damen entfernt war. Mit einem höflichen: »=Good morning!=« -lüftete ich den Hut. In demselben Augenblick aber fuhr Mrs. Newlands Kopf -nach mir herum, und ich vermochte voll in ihr Angesicht zu schauen. - -Ich habe wohl davon gehört, daß blühende, gesunde Menschen durch Kummer, -seelischen Schmerz oder körperliche Leiden binnen weniger Monate ein -vollständig verändertes Aussehen erhalten können. Diese bisher noch so -rüstige Frau hatte aber eine einzige Nacht zur Greisin umgewandelt. -Doch nicht der Ausdruck milder, friedlicher Ruhe lag über dem gefurchten -Gesicht, -- nein, eine grauenhafte, grinsende Verzerrung, welche zu -verbergen ihr nicht gelang, zuckte zuweilen darüber hin. Vor diesem -Anblick schauderte ich innerlich und gedachte des Hauptes der Medusa. - -Zwar traf mich nur ein einziger Blick der in stiller Angst, in Grimm und -Wut flackernden dunklen Augen, doch er genügte, mir zu verraten, daß die -fürchterliche Kreatur mir auf dem Grunde der Seele zu lesen beabsichtigte, -und daß ihr scharfer Verstand sie doch vielleicht auf die richtige Spur -geleitet. Wie aus Erz gegossen, mit keiner Wimper zuckend, stand ich vor -ihr. Mir erschien dies jetzt schon als Anfang der Vergeltung, die früher -oder später über diese geldgierige Megäre, wie der eigene Sohn sie -benannte, unfehlbar hereinbrechen mußte. Nochmals verbeugte ich mich kühl -und schritt an ihr vorüber dem Speisezimmer zu. - -Das war auch das letzte, was ich von Frank Wilsons Mutter jemals wieder -geschaut. -- -- - -Zwei Tage später brachten die New Yorker Zeitungen von neuem allerlei -Gerüchte über die vermeintlichen Falschmünzer, unter anderem die -Nachricht, daß die Polizei sich die gefährlichen Vögel jedenfalls -wieder habe aus dem Garn fliegen lassen. Wenigstens sei auf einem der -City-Bahnhöfe eine ominöse Reisetasche, vollgepfropft mit allerlei -äußerst verdächtigem Werkzeuge nebst Zubehör, aufgefunden und mit -Beschlag belegt worden, und könne das wohl zu dem Schlusse berechtigen, -daß die verbrecherischen Eigentümer derselben längst über alle Berge -wären. -- - -Nach etwa sechs Monaten erhielt ich die ersten ausführlicheren Nachrichten -von meinen Schützlingen in einem Briefe, dem ein Check über 150 Dollars, -zahlbar an der Bank von Montreal, beigeschlossen war. Es war Mrs. Maud -Wilson, die mir schrieb; doch mußte ich bei dem Lesen öfters eine Pause -machen, weil eine eigentümliche Rührung mich überkam. Fast Seite um -Seite füllten nur rührende Dankesworte das Papier. Dieses Geld -- so -meldete sie -- sei die erste Rate ihrer Schuld; indes dürften sie nicht im -mindesten deshalb darben. Frank habe einen brillanten Verdienst! -- Und -was stand da noch in diesem Briefe? Von nie gekanntem Glück, von seligem -Frieden und einem süßen, trauten Heim erzählten die Zeilen --; ferner -wie Frank arbeite von früh bis spät, wie einfach und anspruchslos er sei -in seinen Bedürfnissen, aber auch, wie geachtet und geliebt er sei -von seinem Chef und von allen, mit denen er verkehre! »Ist dieses -gottgesegnete Leben jetzt nur eine himmlische Illusion oder haben wir -früher einen bösen Traum geträumt? O, möchte doch die Vergangenheit -gänzlich ausgelöscht sein!« So schloß die junge Frau ihr langes -Schreiben. - -Und sie blieb es wirklich. Denn Frank Wilson ist bis zum heutigen Tage nie -mehr an jene Schreckensperiode seines Daseins erinnert worden. Als ich ihn -nach langer Zeit, völlig zum Manne herangereift, wiedersah, und er mir -stumm, doch mit strahlender Seligkeit im Auge, sein einziges Söhnlein, -einen prächtigen, blonden Jungen von etwa einem Jahre, entgegenreichte, da -wußte ich genau, daß sein einst so verhärtetes, umdüstertes Gemüt -nun endlich Frieden gefunden im Schönsten, was eine weise Hand zu unserem -Segen und Frommen geschaffen -- im eigenen Heim. -- -- - -Und Mrs. Newland? - -Weder mündlich noch schriftlich habe ich jemals den Sohn nach seiner -Mutter zu fragen gewagt. Doch _sie_, die für und für des geprüften -Mannes »Licht und Trost« blieb, die ihm vertraut und an ihm gehangen in -den schrecklichen Tagen des Elends, -- sie flüsterte mir, in dem ihr auch -später noch anhaftenden, fast jungfräulichen Liebreiz einmal ins Ohr, -daß Franks Mutter mit Ellen auf großem Fuße in Paris lebe. Woher sie -diese Kunde erhalten hatte, war mir zu wissen gleichgültig, und ich -fragte nicht danach. Allein irgend welche Gefahr fürchtete ich für meine -Schützlinge nicht mehr. -- -- - - -Druck von Greßner & Schramm in Leipzig. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Im Originalbuch tragen die Titelseite, die Kapitelüberschriften und die -Kapitelenden einfachen floralen, die Kapitelanfänge ornamentalen Schmuck, -auf den in dieser Transkription verzichtet wurde. - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua= (Römische -Zahlen wurden nicht gesondert markiert). - -Der Text des Originalbuchs wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 8: - im Original "hatten die Fremden es verstanden sich bald" - geändert in "hatten die Fremden es verstanden, sich bald" - - Seite 9: - im Original "Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salons" - geändert in "Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon" - - Seite 9: - im Original "»M'a«!" - geändert in "»M'a!«" - - Seite 11: - im Original "das bißchen Silber dazu geommen" - geändert in "das bißchen Silber dazu genommen" - - Seite 15: - im Original "»Das ist wirklich originell, hahaha!" - geändert in "»Das ist wirklich originell, hahaha!«" - Die Zeitungsannonce wurde durch Einrückung markiert. - - Seite 16: - im Original "Ich bin überzeugt, daß fast jede" - geändert in "»Ich bin überzeugt, daß fast jede" - - Seite 17: - im Original "Bibliothek um ein für sein Geschäft wichtiges Werk" - geändert in "Bibliothek, um ein für sein Geschäft wichtiges Werk" - - Seite 20: - im Original "trat Mrs. Clark zum Ausgange gerüstet, noch einmal" - geändert in "trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal" - - Seite 37: - im Original "_Berlin_, 14. Januar 18.." - geändert in "Berlin, 14. Januar 18.." - Zur Angleichung wurde die Sperrung der Ortsangabe aufgehoben. - - Seite 41: - im Original "das Licht, der armseligen »Motte« zu folgen?« - geändert in "das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu folgen?« - - Seite 46: - im Original "Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«" - geändert in "»Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«" - - Seite 59: - im Original "Geheimnis, daß Deinen wilden, zügellosen Freund" - geändert in "Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund" - - Seite 61: - im Original "»Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich«" - geändert in "»Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«" - - Seite 78: - im Original "Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war" - geändert in "»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war" - - Seite 92: - im Original "Unsere guten Newtows sind Menschen, welche" - geändert in "Unsere guten Newtons sind Menschen, welche" - - Seite 95: - im Original "»Sie irren, mein Herr! entgegnete ich" - geändert in "»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich" - - Seite 113: - im Original "Nur bildeten Mokassins die Fußbegleidung" - geändert in "Nur bildeten Mokassins die Fußbekleidung" - - Seite 118: - im Original "es sich kaum bezeichnen -- am Brodway" - geändert in "es sich kaum bezeichnen -- am Broadway" - - Seite 125: - im Original "Mein Blick war plötz- auf etwa" - geändert in "Mein Blick war plötzlich auf etwa" - - Seite 128: - im Original "»Ich staune über sie, Madame!«" - geändert in "»Ich staune über Sie, Madame!«" - - Seite 129: - im Original "Was mir an-anfänglich schwer und ungewöhnt ist" - geändert in "Was mir anfänglich schwer und ungewöhnt ist" - - Seite 135: - im Original "Sonne ihre glühenden Strahlenbündel anf den" - geändert in "Sonne ihre glühenden Strahlenbündel auf den" - - Seite 143: - im Original "die Mutter von Frank Newland. sowie" - geändert in "die Mutter von Frank Newland, sowie" - - Seite 147: - im Original "»Der »New York Herald« wird zum Beispiel" - geändert in "»Der ›New York Herald‹ wird zum Beispiel" - - Seite 163: - im Original "»der Zweck heiligt die Mittel«" - geändert in "›der Zweck heiligt die Mittel‹" - - Seite 168: - im Original "»Welch eine Erscheinung!«" - geändert in "›Welch eine Erscheinung!‹" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LOSE BLÄTTER *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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