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-The Project Gutenberg eBook of Lose Blätter, by Doris von Spättgen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Lose Blätter
- Neue Novellen
-
-Authors: Doris von Spättgen
- Doris von Scheliha
-
-Release Date: April 18, 2022 [eBook #67861]
-
-Language: German
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This book was produced from images
- made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LOSE BLÄTTER ***
-
-
-
-
-
- Lose Blätter.
-
-
- Neue Novellen
-
- von
-
- Doris Freiin von Spättgen.
-
-
- Leipzig.
-
- Verlag von F. A. Berger.
-
- 1895.
-
-
- Vor Nachdruck geschützt.
- Übersetzungsrecht vorbehalten.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
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-
- Licht 3
-
- Fächer-Bilder 35
-
- Aus Großtantchens Hofdamenleben 63
-
- Unter dem Niagara-Falle 83
-
- Zahnschmerzen 103
-
- Amerikanische Existenzen 133
-
-
-
-
-Licht.
-
-
-Weit draußen am äußersten Ende von Williamsbourgk, einem Stadtteile
-Brooklyns, dort, wo die Straßen- und Häuserreihen bereits durch
-ausgedehnte Wiesenflächen und üppige Obstplantagen unterbrochen werden,
-so daß die Bezeichnung »Stadt« daselbst eigentlich nicht mehr zutreffend
-erscheint, weil die Gegend schon allmählich den Charakter des Ländlichen
-annimmt -- dort steht eine Reihe allerliebster, hüttenartiger Häuschen,
-deren Gesamtheit, wegen der Zierlichkeit und Gleichheit der Gebäude,
-im Volksmunde »Dolly Ward (Puppenfestung)« benannt wird. Diese
-Miniaturvillen, eine aufs Haar genau so wie die andere, mußten
-unzweifelhaft aus der Hand desselben Baukünstlers hervorgegangen sein, der
-sie, wohl mehr um einer flüchtigen Laune zu genügen, als um praktische
-Behausungen zu schaffen, aus der Erde hervorgezaubert haben mochte.
-
-Jedes der Häuschen war mit einem niedlichen Vorgärtchen, einer Art
-Veranda, worauf die Hausthür mündete, und einer grün angestrichenen,
-hölzernen Treppe versehen, deren Geländer ein fast elegant zu nennendes
-Schnitzwerk auswies. Das Innere einer solchen Villa bestand aus nur
-zwei größeren Zimmern im ersten Stock, sogenannten Parlours, drei
-Mansardenstübchen und der großen hellen Küche im Basement (Souterrain).
-
-Merkwürdigerweise stand nur äußerst selten ein Häuschen der Dolly Ward
-zu vermieten. Die meisten derselben befanden sich schon seit vielen Jahren
-in festen Händen, was ihr Äußeres auch fast durchweg verriet. Die
-Gärtchen zeigten sich auf das sorgsamste gepflegt, ihre schmalen Gänge
-waren mit rotem Kies bestreut, während verschiedenes feines Strauchwerk
-die etwas primitiven Staketenzäune, welche die Grundstücke von der
-Verkehrsstraße trennten, verdeckte und dadurch eine Art hübsche lebende
-Hecke bildete. Rosen und andere duftende Blumen erfreuten im Sommer
-das Auge der Vorübergehenden, und die stets blitzblank geputzten
-Fensterscheiben und sauberen Gardinen vollendeten den guten Eindruck, den
-diese Villen auf den Fremden ausübten.
-
-Die Bewohner von Dolly Ward, zum Teil bejahrte Leute, welche sich nun ins
-Privatleben zurückgezogen hatten, zum Teil Angestellte großer Geschäfte
-von Brooklyn und New York, welche ihrer Familie wegen die bei weitem
-billigeren und gesünderen Wohnungen hier draußen dem Geräusch und
-dem Staube der Großstadt vorgezogen, und einige alte Fräuleins, welche
-Pensionäre hatten, bildeten eine förmliche feste Clique, so daß auf
-Dolly Ward jeder neue Ankömmling anfänglich allseitigem Mißtrauen
-begegnete.
-
-Im Anfang des Frühlings 188. war Mr. Holstein, der deutsche Eigentümer
-des Häuschens Nr. 9, plötzlich gestorben und bald darauf hatte seine
-Witwe den guten Bekannten von rechts und links Lebewohl gesagt, weil sie
-ihren Aufenthalt fortan nach Jersey City zu einer verheirateten Tochter zu
-verlegen gedachte. Mr. O'Reilly, der Nachbar zur Rechten, welchem die alte
-Dame vor ihrem Scheiden die vorteilhafte Vermietung ihres Besitztums noch
-recht eindringlich ans Herz gelegt hatte, hing eigenhändig die weiße
-Tafel zum Fenster hinaus, auf welcher mit großen Lettern zu lesen stand:
-»=to let=.«
-
-Etwa vier Wochen lang zerbrach man sich in Dolly Ward die Köpfe, wer wohl
-seinen Weg hier heraus nach dem entlegenen Teile von Williamsbourgk nehmen
-würde, denn die guten Leute der kleinen Villenkolonie waren äußerst
-exklusiv und fürchteten begreiflicherweise das Niederlassen des ersten
-besten Rowdy in ihrer friedlichen Ansiedelung. Da verkündete Mr. O'Reilly
-eines Morgens einer wißbegierigen Dame, daß des seligen Holsteins
-Häuschen vermietet worden sei und die neuen Bewohner, in Gestalt von
-Mutter und Tochter demnächst schon eintreffen würden. Das gab natürlich
-viel zu reden. Allein auf alle an ihn gerichteten Fragen vermochte Mr.
-O'Reilly keine weitere Auskunft zu geben, als daß beide Damen respektabel
-aussähen und gebildet schienen.
-
-Vier Tage später war die kleine Villa von den neuen Bewohnern bezogen.
-»Wer mag das wohl sein? Weshalb kommen Leute, die solch eine Masse von
-eleganten Möbeln mit sich führen, hier heraus? Die Geschichte gefällt
-uns nicht -- das hat sicher noch einen Haken!« So flüsterte man sich
-gegenseitig zu nach dem Eintreffen von Mrs. Northland und ihrer schönen
-Tochter auf Dolly Ward. Nachdem jedoch zwei und drei Monate ins Land
-gegangen und die beiden Damen trotz ihrer großen Zurückhaltung bekannter
-geworden waren, fing man an, sie gerade um ihrer Zurückhaltung und
-vornehmen Würde willen mit anderen Augen anzusehen, und nun sagten die
-Nachbarn von rechts und links unter sich: »Feine Leute sind es offenbar,
-das bezeugt ihr ganzes Auftreten, allein -- wovon leben sie?«
-
-Nach amerikanischen Begriffen hat das Wort »Arbeit« die höchste
-und ehrendste Bedeutung und nur der gilt als angesehen, welcher auf
-irgendwelche ehrliche Weise durch eigene Arbeit sein Brot erwirbt. Die
-reichen Leute arbeiten aus angeborener und anerzogener Lust zum Schaffen,
-die Unbemittelten, um reich zu werden -- Müßiggang giebt es in den
-Vereinigten Staaten nicht und wer sich ihm hingiebt, hat Mißtrauen zu
-fürchten über die Art, durch die er sich seinen Lebensunterhalt erwirbt.
-Da nun Mrs. Northland und ihre Tochter, außer einer gelegentlichen Fahrt
-nach New York, keine besondere Beschäftigung zu haben schienen, so war das
-selbstverständlich auch ein Grund, sich über die seltsame Lebensweise
-der beiden Damen aufzuhalten. Dessenungeachtet hatten die Fremden es
-verstanden, sich bald die Achtung und Teilnahme der Bewohner von Dolly Ward
-zu erwerben. Wer auch hätte dem freundlich sanften Wesen der Mutter, wer
-dem bezaubernden Augenaufschlag der Tochter zu widerstehen vermocht? So
-schroff und absprechend auch anfangs über die beiden Frauen geurteilt
-worden war, jetzt bemühte sich jeder, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen,
-wenn auch ein näherer Verkehr nicht in den Wünschen der Damen zu liegen
-schien.
-
-Außer Mr. O'Reilly, dem jungen Advokaten, welcher in Goldsmiths Office
-in Brooklyn arbeitete und hier bei der alten Miß Colnay Pensionär war,
-außer diesem hatte noch keiner der Bewohner von Dolly Ward Mrs. Northlands
-Schwelle überschritten, und auch sein Verkehr mit den beiden Damen
-beschränkte sich nur auf einige geschäftliche Besuche, die O'Reilly
-der neuen Mieterin als Verwalter des Holsteinschen Grundstücks zu machen
-hatte. Es schien auch durchaus nicht in deren Absicht zu liegen, mit
-irgend jemand näher bekannt zu werden. Bei Begegnungen grüßte man
-untereinander, sprach gelegentlich einige Worte über den Gartenzaun, das
-war alles.
-
-Im allgemeinen galt Mr. O'Reilly als wortkarger Mann; seit er jedoch die
-Bekanntschaft der Fremden gemacht, gab es dennoch einen Punkt, der seinen
-Mund überfließen machte: das war, wenn er von Mrs. Northland und deren
-Tochter sprach und in Lob und offener Bewunderung über beide sich erging.
-Durch ihn wußte es auch bald jedermann in Dolly Ward, daß diese Damen
-eine ganz ungewöhnliche Bildung, sowie die feinsten Umgangsformen
-besäßen und daß, obwohl Miß Grace Northland alltäglich mit einem
-Körbchen am Arm die Einkäufe bei Fleischer und Kaufmann selbst machte,
-die jetzige Einrichtung von Nr. 9 derjenigen einer Lady der V. Avenue von
-New York gleichgestellt werden konnte.
-
-An einem regnerischen Junitage, um die sechste Abendstunde, trat Miß
-Grace, eine schlank gewachsene Brünette, mit kühn geschwungenen
-Augenbrauen und herbgeschlossenem, ausdrucksvollem Munde, dessen Linien
-sowohl starke Willenskraft wie auch Unerschrockenheit bekundeten, nach
-einem Ausgange durch die Verandathür in das vordere der beiden Parlours
-und schaute sich sichtlich befremdet darin um: »M'ma! Mama!«
-
-Keine Antwort erfolgte -- das junge Mädchen stellte daher den Regenschirm
-rasch beiseite und eilte nach dem zweiten, nach der Rückseite des
-Häuschens gelegenen, kleinen Salon, welcher von dem ersten nur durch eine
-schwere, moosgrüne Portiere getrennt war.
-
-»M'a!«
-
-Auch hier zeigte sich niemand. Und doch wußte Grace, daß die Mutter Tag
-für Tag an dem nach der Straße gelegenen Fenster saß und die Tochter,
-wenn sie von ihren kurzen Ausgängen heimkehrte, regelmäßig an diesem
-Plätzchen erwartete. So lange man auf Dolly Ward wohnte, war dies
-geschehen und heute nun zum erstenmale vermißte sie die teure Gestalt an
-dem gewohnten Platze.
-
-Ein banges Gefühl beklemmte die Brust des jungen Mädchens. Rasch sprang
-sie die Treppe zum oberen Stockwerk hinan und öffnete die Thür des
-gemeinsamen Schlafgemachs -- dort saß Mrs. Northland und schien, über ein
-weißes Papier gebeugt, zu schreiben. Sobald die ältere Dame jedoch der
-schnell Eintretenden ansichtig wurde, schrak sie leicht zusammen und sagte
-halb verlegen, die Hand über das vor ihr liegende Schriftstück breitend:
-
-»Wie, schon zurück, mein Kind? Ich habe Dich noch nicht erwartet.«
-
-»Eben das befremdet mich, Mama, was thust Du hier allein?«
-
-Mit diesen erregt gesprochenen Worten eilte Grace auf die Mutter zu und
-umschlang sie mit fast ungestümer Zärtlichkeit. »M'a, geliebte M'a, Du
-verbirgst etwas vor mir, Du willst etwas thun, was ich nicht wissen soll.
-O warum das? Haben wir bisher nicht alle Sorgen und Mühen miteinander
-geteilt?« Ein wahrhaft rührender Ausdruck lag jetzt über den schönen
-Zügen der jungen Sprecherin.
-
-»Grace!« Die ältere Dame suchte ein Schluchzen zu bekämpfen, »o Grace,
-es kann ja so nicht weiter gehen.«
-
-»Es darf nicht, Mama, Du leidest physisch und seelisch darunter, das habe
-ich Dir schon oft gesagt, und deshalb werde ich Abhilfe schaffen. Ich muß
-es schon um Deinetwillen thun,« entgegnete das junge Mädchen mit fester
-Stimme.
-
-»Nein, nein, nur das nicht! Du sollst nicht hingehen in die großen
-Geschäfte, wo all' die tausend von jungen Mädchen als Verkäuferinnen
-angestellt und von früh bis spät in jenen Tretmühlen beschäftigt sind
--- nimmermehr! Mein Stolz würde das nie ertragen lernen. Lasse mir doch
-diesen Stolz -- er ist das einzige, was von allem Glanz und Schimmer der
-schönen Vergangenheit mir geblieben ist,« schluchzte Mrs. Northland unter
-heißen Thränen.
-
-»Es giebt aber doch auch noch andere Wege, uns einen genügenden Unterhalt
-zu verdienen,« gab Grace unbeirrt zurück.
-
-»Du meinst als Lehrerin, mein Kind! Gewiß -- diese Damen werden gut
-bezahlt, allein, ob wir auch an Deine Erziehung viel gewendet haben, so
-bist Du für diesen Beruf doch noch nicht ausgebildet genug und müßtest
-noch einmal mit Deinem Studium von vorn beginnen, was einige Jahre
-beanspruchen -- nein, mein Kind, auch das will ich nicht. Welchen
-Demütigungen und Versuchungen wärest Du in einer solchen Stellung
-ausgesetzt!« fügte Mrs. Northland hinzu, ihre Wange zärtlich an die der
-Tochter schmiegend.
-
-»Aber, was willst Du denn thun, Herzens-Mama, hast Du denn einen anderen
-Plan?« fragte das junge Mädchen eindringlich, indem sie das mit Zahlen
-bedeckte Papier auf dem Tische prüfend musterte.
-
-Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten, dann kam es zagend über der
-Mutter Lippen: »Ich glaube, daß unsere Einrichtung, das bißchen Silber
-dazu genommen, noch ein recht leidliches Sümmchen repräsentiert. Nach
-meiner Zusammenstellung des Ganzen ergiebt sich -- schlecht gerechnet --
-ein Ertrag von 2300 Dollars. Damit könnte ich vielleicht -- irgend ein
--- bescheidenes Geschäft beginnen, das uns wenigstens vor Not schützte.
-Niemand kennt uns in New York -- wer ahnt in mir die Witwe des Millionärs
-und Eisenbahnkönigs Frederik A. Northland aus St. Louis, dessen Name
-ehedem im Westen einen solch' bedeutungsvollen Klang gehabt?! Nicht Du,
-mein Liebling, sondern ich muß mich aufraffen aus dieser lähmenden
-Apathie und für unsere Zukunft sorgen!«
-
-»Nein, um Gotteswillen, nein, wenn Du mich liebst, Mama, so schweige von
-solchen Dingen,« rief Grace fast leidenschaftlich, »Du, die schöne,
-vornehme Frau Dich erniedrigen, hinter dem Ladentische zu stehen --
-entsetzlich! Du Dich von Deinen lieben Sachen trennen, wo jedes Stück
-Dich an das frühere Glück und den teuren Vater erinnert! Das undankbarste
-Geschöpf unter der Sonne müßte ich sein, wollte ich das zulassen. Wozu
-bin ich jung und kräftig. Nein, Mama, daraus wird absolut nichts!« Jetzt
-hatte das junge Mädchen sich zur vollen Höhe emporgerichtet, wobei ein
-Ausdruck von Energie und Mut aus den schönen Augen leuchtete.
-
-»O Gott, daß es dahin kommen mußte! Wenn er, Dein Vater, noch lebte, es
-stünde besser mit uns, und wie gern wollte ich auch Not und Sorgen mit ihm
-teilen!« weinte leise die beklagenswerte Frau.
-
-»Der Himmel hat ihm dieses Schwerste erspart, das muß uns trösten,
-M'a,« sagte die Tochter weich.
-
-»Als wir hier ankamen, Grace, glaubten wir uns beinahe reich mit der
-kleinen Summe, die wir mitbrachten -- nun ist sie fast ganz zusammen
-geschmolzen! Ich habe nie gedacht, daß die täglichen Bedürfnisse des
-Lebens soviel Geld verschlingen könnten. Dabei steht der Quartalswechsel
-vor der Thür und die Miete soll an Mr. O'Reilly bezahlt werden. -- Ach,
-ich werde ihn wohl bitten müssen, uns den Betrag für einige Wochen zu
-stunden.«
-
-»Nimmermehr, Mama! Nur keine Gefälligkeit von diesem Manne, es wäre
-mir schrecklich -- erdrückend!« wehrte Grace mit auffälliger Hast ab.
-Prüfend schaute ihr die Mutter ins Gesicht und sagte bedeutsam:
-
-»Er ist kein übler Mann. Seine Manieren sind tadellos und neben einem
-guten Einkommen scheint er ein redliches gutes Herz zu besitzen. Nicht ohne
-Grund sucht er uns verlassenen Frauen öfters auf -- hast Du daran schon
-gedacht, mein Kind?«
-
-»Er ist mir unsympathisch, Mama! Bitte, erwähne seiner gegen mich nie
-mehr in dieser Weise, ich könnte Mr. O'Reilly sonst nicht mehr unbefangen
-und freundlich begegnen,« gab Grace unwillig und in ernstem Tone zurück.
-Mrs. Northland seufzte und schwieg, worauf beide Damen langsam nach der
-unteren Etage hinabstiegen.
-
-Da die Dämmerung eingetreten war, so brachte das junge Mädchen die
-Lampe, welche sie alsbald mit großer Geschicklichkeit in Brand setzte. Ein
-intensives Licht beleuchtete jetzt das mit feinem Geschmack ausgestattete
-Gemach, so daß jeder Gegenstand darin erkennbar war. Die Mutter, welche
-mit sichtlichem Vergnügen den flinken Bewegungen der auffallend schönen
-Hände ihres Kindes zugeschaut hatte, sagte plötzlich lächelnd:
-
-»Wie Du doch diese wenig anmutende Arbeit verstehst und graziös
-verrichtest, mein Liebling! Ich habe niemals, auch in jener Zeit, als viele
-Diener mir zur Verfügung standen, solche hell und klar brennende
-Lampe gehabt, wie jetzt, wo mein teueres Töchterchen sich dieser Mühe
-eigenhändigst unterzieht!«
-
-»Ich bin auch stolz darauf, Mama, weil ich mir sage: Arbeit schändet
-nicht,« versetzte Grace heiter.
-
-»Nein, gewiß nicht, aber, ganz abgesehen von Deiner Opferwilligkeit, Du
-hast wirklich ein großes Talent dafür.«
-
-Bei diesen harmlosen Worten hob das schöne Mädchen die langen, dunklen
-Wimpern und sah der Sprecherin einige Sekunden starr und nachdenklich
-ins Gesicht. Eine schärfere Beobachterin, als Mrs. Northland war, würde
-wahrgenommen haben, daß es zugleich wie ein blitzartiges Aufleuchten über
-die regelmäßigen Züge glitt.
-
-Als nach einer halben Stunde die Damen am Theetisch saßen, der in seinem
-zierlichen Arrangement von gutem Porzellan und einigen wertvollen Stücken
-Silbergerät nur zu deutlich verriet, daß die Dasitzenden einst bessere
-Tage gesehen, erschien Grace merklich einsilbig und zerstreut. Abermals
-seufzte die Mutter still für sich und beobachtete mit Wehmut und Trauer,
-aber verstohlen des einzigen Kindes liebes Angesicht.
-
-Am nächsten Morgen fuhr Grace, kleine Einkäufe vorschützend, hinüber
-nach New York. Pünktlich nach drei Stunden, wie sie es versprochen,
-kehrte sie auch zurück, doch konnte das junge Mädchen es jetzt nicht
-unterlassen, der Mutter eine Mitteilung zu machen. Halb verlegen, halb
-freudig schlüpfte die geheimnisvolle Enthüllung über die rosigen Lippen,
-daß sie Hoffnung hege, vielleicht einen kleinen Verdienst zu bekommen.
-
-Aufs höchste erschreckt, starrte Mrs. Northland der Erzählerin ins
-Gesicht, indem sie darauf noch einmal alles schon unzählig oft Gesagte
-wiederholte und das junge Mädchen himmelhoch beschwor, sich nicht als
-Ladenmädchen zu verdingen. Aber Grace beruhigte die erregte Frau insofern,
-daß diese Aussicht auf einen Erwerb bisher nur in einer Annonce bestände,
-die sie in den »Herald« habe einrücken lassen und worüber sie die
-Mutter aufklären wolle, sobald man darauf geantwortet haben würde. Unter
-einer Chiffre habe sie Briefe, Hauptpostamt restante New York erbeten.
-Der flehende und zugleich so mädchenhafte reine Ausdruck in Graces Augen
-bekämpfte die im Herzen der bekümmerten Frau aufsteigenden Zweifel und
-damit war diese Sache fürs erste abgethan. --
-
- * * * * *
-
-Im Speisesaale eines hocheleganten Privathauses der V. Avenue in New York
-befanden sich eine ältere, aber noch immer sehr wohl konservierte Dame,
-welche, den »Herald« in der Hand, am Fenster saß, und ein junger
-auffallend hübscher Mann von vielleicht neunundzwanzig Jahren, der sich
-mit seinem Frühstück beschäftigte.
-
-»Welch' seltsame Annonce! Bitte, höre mir einmal zu, Anthony, Hahaha!«
-
-»Ja, sofort, Mutter! Erlaube nur, daß ich noch dieses halbe Ei verzehre,
-dann stehe ich zu Deinen Diensten.«
-
-»Das ist wirklich originell, hahaha!« -- Abermals tönte das helle Lachen
-nach dem Sprechenden hinüber.
-
-»So, nun, was ist denn da so spaßig, Mutter.«
-
-Der Gerufene war jetzt näher getreten und zog sich einen Stuhl dicht an
-die Seite der stattlichen Frau. Diese las:
-
- »Eine sehr respektable junge Dame aus guter Familie, welche, durch
- mißliche Verhältnisse gezwungen, sich einen eigenen Broterwerb zu
- verschaffen genötigt ist, bietet in nur feinen Häusern ihre Dienste
- an, um das von den Domestiken in der Regel vernachlässigte Geschäft
- des Putzens, Reinigens und Versorgens der Lampen zu übernehmen und
- bestmöglichst auszuführen. Dieselbe besitzt in dieser Branche
- eine seltene Fertigkeit und Übung und wird ihre Kunden sicherlich
- zufriedenstellen. Auf Wunsch Referenzen. Briefe erbeten:
- =Head-Postoffice restante Nr. 600=.«
-
-»In der That höchst sonderbar,« äußerte der mit Anthony Angeredete
-kopfschüttelnd, mehr ernst als scherzend, »entweder ist das nur ein
-schlechter Spaß oder -- was mir wahrscheinlicher dünkt -- ein Notschrei
-aus der Brust einer armen Frau.« Er nahm die Zeitung in die Hand und ließ
-die Blicke über die vielen kleinen Annoncen gleiten, ehe er fort
-fuhr: »Ich bin überzeugt, daß fast jede dieser Zeilen einen Roman zu
-verzeichnen hat. Dafür lebt man eben in der Riesenstadt New York. Wohl
-demjenigen, dem es einmal vergönnt ist, einen Blick in solch' verborgenes
-Leid zu thun, der in die Lage versetzt wird, heimlich geweinte Thränen
-trocknen zu können!«
-
-»Du bist ein Schwärmer, Anthony. Diesen weichen, menschenfreundlichen
-Sinn und das poetische Gemüt muß Dir Deine deutsche Mutter vererbt haben.
-Dein Vater besaß hiervon nichts,« versetzte die stattliche Dame mit
-einem leichten Seufzer, indem sie das edel geformte Antlitz des Stiefsohnes
-wohlgefällig betrachtete. »Was meinst Du, Anthony, ob ich diese
-Annonce beantworte? Man könnte ja dann sofort erfahren, inwieweit Deine
-Vermutungen zutreffend sind oder nicht.«
-
-»Thue das, Mutter; es würde mich herzlich freuen, wenn Du ein gutes Werk
-damit zu stiften im stande wärest,« sagte der junge Mann lebhaft, und die
-Dame fuhr angeregt fort:
-
-»Übrigens könnte wirklich eine kunstgeübte Hand unseren Lampen samt
-und sonders nicht schaden, da der alte, schwachköpfige Jim sein Geschäft
-zuweilen arg vernachlässigt. Fast täglich habe ich Klage über ihn zu
-führen -- wohlan, ich schreibe, Anthony.«
-
-Als der junge Handelsherr Mr. Anthony E. Clark gegen die elfte
-Vormittagsstunde nach seiner in der unteren Stadt gelegenen Office fuhr,
-hatte er selbst den Brief der Stiefmutter zur Beförderung in der Tasche.
-Als dies geschehen, war aber bei ihm auch die Annonce und das darauf
-bezügliche Gespräch vergessen. --
-
-Der nächste Morgen führte den jungen Mann indessen nach der in einem
-Seitenflügel seines großen Hauses gelegenen Bibliothek, um ein für sein
-Geschäft wichtiges Werk daraus zu entnehmen. Beim Durchschreiten eines
-in den Garten mündenden Zimmers, welches von seiner Stiefmutter zur
-Aufbewahrung des häuslichen Wäscheschatzes benutzt wurde und mächtige
-Schränke und Truhen aufwies, stutzte Mr. Anthony überrascht. Dort an
-einem großen Tische am Fenster, auf welchem eine förmliche Batterie von
-Lampen aufgestellt war, stand ein hochgewachsenes Mädchen und schien in
-ihre prosaische Beschäftigung so vertieft zu sein, daß sie den Eintritt
-des jungen Mannes gar nicht wahrgenommen hatte.
-
-Wohl drei Minuten betrachtete dieser das trotz seiner Originalität höchst
-anmutige Bild. Durch die halb zugezogene Gardine fiel ein Strahl der
-goldenen Morgensonne gerade über den dunkeln Scheitel des feinen, etwas
-vorgebeugten Kopfes und ließ ein wahrhaft holdseliges Profil erblicken,
-das gegen den hellen Hintergrund wie gemeißelt erschien. Die ebenmäßige
-Figur zeigte auffallend schöne Formen, wie auch der Schnitt des
-Kleides unleugbare Eleganz bewies. Anthony Clark zögerte noch immer,
-weiterzuschreiten, weil er darauf wartete, daß die junge Unbekannte
-vielleicht einmal die tief auf die Arbeit gesenkten Augen heben würde,
-aber vergebens. Nun trafen seine prüfenden Blicke die rührigen Finger --
-wie sonderbar! Ein Paar waschlederne Handschuh bedeckten die Hände bis zum
-Gelenk, hieran schlossen sich eine Art Schutzärmel aus grauem Futterstoff,
-die bis über den Ellenbogen hinaufreichten; ein kleines, weißes
-Schürzchen vervollkommnete diese seltsame Toilette.
-
-Das also war die junge Dame aus guter Familie, welche ihr Brot zu erwerben
-genötigt war? Er hatte mit seinen Vermutungen demnach doch recht gehabt.
-»Eine _Dame_, hm!« Im Augenblick dachte er gar nicht mehr an seine
-Absicht, jenes Buch zu holen, sondern beschäftigte sich mit dem Gedanken,
-daß diese Bezeichnung hier in der That höchst gerechtfertigt erschien,
-wobei ein merkwürdiges Gefühl, halb Befriedigung, halb Freude sein
-Inneres bewegte: »Wie glücklich mochte das arme Mädchen sein, etwas
-Beschäftigung -- und hoffentlich auch recht lohnende -- gefunden zu
-haben!« --
-
-Gleichsam instinktiv, als ob es die Nähe eines Fremden ahne, schlug das
-schöne Mädchen jetzt die Augen empor und trat, merklich erschrocken,
-zurück, während ein heißes, verräterisches Rot sich über Antlitz und
-Hals ergoß. Mr. Anthony Clark wußte nichts anderes zu thun, als leicht zu
-grüßen und rasch nach der Bibliothek hinüberzuschreiten, von wo aus er
-dann seinen Rückweg durch einen anderen Teil des Hauses nahm.
-
-Etwa vier Wochen mochten vergangen sein, während welcher die junge
-Fremde alltäglich um die zehnte Morgenstunde bei Mrs. Clark erschien, um
-sämtliche im Haushalt gebrauchten Lampen in Ordnung und Stand zu setzen.
-Nach Vereinbarung wurde ihr regelmäßig durch die Lady selbst ein Dollar
-für ihre Arbeit verabreicht, den sie auch mit ruhiger Würde, man hätte
-fast sagen können, mit vornehmer Herablassung entgegennahm, als ob sie
-selbst dem Hause einen großen Dienst geleistet hätte und nicht die
-Empfängerin eines unverhältnismäßig hohen Arbeitslohnes sei. Mrs.
-Clark, eine obwohl stolze, doch zugleich äußerst gutherzige Frau, hatte
-das junge Mädchen, dessen schönes Antlitz sie oft nachdenklich musterte,
-gelegentlich auch einmal gefragt, ob es auf die im »Herald« erlassene
-Annonce noch mehr Arbeit und Verdienst erhalten habe, worauf ihr die
-in kühlem Tone gegebene Antwort wurde, daß sie bereits fünfzehn der
-feinsten Familien New Yorks zu ihren Kunden zähle und mit der Zeit noch
-bekannter zu werden hoffe.
-
-Mr. Anthony Clark, ein Mann von durchaus ehrenhaften, edlen Gesinnungen,
-hatte es nicht mehr gewagt, die Unbekannte bei ihrer mehr oder weniger
-demütigenden Beschäftigung durch seine Gegenwart zu belästigen, und
-mied das Zimmer, in welchem sie ihre Arbeit stets pflichttreu verrichtete.
-Allein der Zufall wollte es, daß er ihr öfters in der großen Halle oder
-auf der Treppe begegnete. Alsdann lüftete er jedesmal in ausgesuchtester
-Höflichkeit den Hut, wobei er es jedoch nicht unterlassen konnte, einen
-raschen Blick in das reizende, stets so ernste Mädchengesicht zu thun.
-
-»Nun, freust Du Dich nicht über meine Acquisition, Anthony?« fragte Mrs.
-Clark eines Abends, als man einige Freunde zum Diner erwartete und nun bei
-den prächtig und tadellos brennenden Lampen saß.
-
-»Die Freude ist eine problematische, Mutter,« lautete die freundliche,
-aber bestimmte Antwort des Stiefsohnes, »die blendende Helligkeit all'
-dieser Lampen bildet einen grellen Kontrast zu dem dunklen Lebenswege des
-armen Mädchens, dem wir zu Dank verpflichtet sind.«
-
-Die Hausfrau zuckte halb bedauernd die Schultern und meinte gutmütig,
-daß man der Fremden zu Neujahr ein recht anständiges Geschenk zu machen
-verpflichtet wäre. --
-
-Eines Morgens, bevor Mr. Anthony wie gewöhnlich nach seiner Office fuhr,
-trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal in des Stiefsohnes
-Privatzimmer und sagte in mütterlich herzlicher Weise: »Bitte, thue mir
-den großen Gefallen, Anthony und trage die Bücher, welche ich mir gestern
-Abend aus der Bibliothek holte, wieder an den alten Platz. Du weißt, ich
-liebe die Ordnung -- sie liegen auf meinem Schreibtisch.«
-
-Da das Verhältnis zwischen dem Sohne und der zweiten Frau des verstorbenen
-Mr. Clark ein selten inniges war, so entgegnete er ebenso freundlich und
-zuvorkommend:
-
-»O gewiß gern, liebe Mutter, aber ...«
-
-Den Schluß seiner Rede hörte die Dame nicht mehr, weil sie Eile zu haben
-schien und das Zimmer bereits verlassen hatte.
-
-Zögernd und mit einer ihm selbst unerklärlichen Befangenheit stand
-Anthony Clark noch einige Minuten vor der Thür des Zimmers, das von der
-Fremden zu ihrem prosaischen Geschäft benutzt wurde. Er wußte es selbst
-nicht, warum er gerade diesen Weg nach der Bibliothek eingeschlagen hatte.
-Einerseits scheute er eine Begegnung mit dem jungen Mädchen, andererseits
-trieb eine innere Gewalt ihn vorwärts. War er denn nicht der Hausherr
-hier, der überallhin kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte? Mit
-dieser Schlußfolgerung trat er endlich ein.
-
-Ja, da stand sie wieder, die so eigentümlich imponierende und doch so
-mädchenhaft schüchterne Gestalt. Ein leichtes Rot war ihm nun in die
-Stirn gestiegen, weil er sich bewußt war, oft -- vielleicht sehr oft sich
-dieses seltsame Bild vor die Seele gezaubert zu haben.
-
-Recht auffällig sichtbar nahm er nun den mitgebrachten Bücherstoß in
-seinen linken Arm und grüßte höflich mit den Worten: »Verzeihung,
-mein Fräulein, daß ich Sie störe, allein -- ich muß hinüber nach der
-Bibliothek!« Dabei war aber Anthony keineswegs weitergeschritten, sondern
-etwa sechs Schritte von dem jungen Mädchen stehen geblieben. Verwundert
-und, wie es ihm vorkam, mit leisem Lächeln, begegnete sie seinem
-leuchtenden Blicke.
-
-»Es steht mir kein Recht zu, dieses Zimmer für mich allein beanspruchen
-zu wollen, Mr. Clark,« entgegnete sie mit volltönender überaus
-sympathischer Stimme. -- Also wußte die Fremde darum, daß er der Hausherr
-war. Rasch erwiderte er:
-
-»O doch, Miß, Miß --« (augenscheinlich verlangte es ihn, ihren Namen zu
-erfahren) -- »Northland!« klang es sehr leise zurück.
-
-»O doch, Sie haben ein Recht, hier ganz ungestört zu sein, Miß
-Northland. Sie sind ja die Wohlthäterin für das ganze Haus, ich meine:
-seit Sie zuerst hier eingetreten, ist es -- Licht geworden.«
-
-Der schöne Mädchenkopf senkte sich tiefer auf die Brust herab. »Man ist
-gütig gegen mich,« flüsterte sie bescheiden.
-
-»Vielleicht ist es sehr anmaßend von mir, Ihnen ein plumpes Lob zu
-spenden, aber ich kann es doch nicht unterlassen, Ihnen zu gestehen, daß
-ich Ihren Mut, Ihre Willensstärke und Selbstverleugnung -- bewundere,«
-sagte Anthony nun eigentümlich erregt.
-
-»Das Wörtlein ›muß‹ ist ein strenger Lehrmeister, Mr. Clark, welcher
-mit eiserner Hand alle rebellischen Oppositionsgelüste herabzudrücken
-versteht. Aber dennoch giebt es noch etwas Mächtigeres als diesen
-moralischen Zwang, und diesem Mächtigeren bringt man gerne Hochmut,
-Eitelkeit und thörichte Eigenliebe zum Opfer,« versetzte das schöne
-Mädchen, indem ihre großen Augen freudig aufleuchteten.
-
-»Sie haben Eltern, Miß Northland, eine Mutter, für die Sie sorgen?«
-forschte er, näher tretend.
-
-»Jawohl, um meiner Mutter willen stehe ich hier an diesem Platze, und
-das Bewußtsein, für sie, die mir auf Erden das teuerste ist, meine
-Kindespflicht zu erfüllen, hat den Gedanken an Demütigung und
-Erniedrigung noch niemals in mir aufkommen lassen.«
-
-Mr. Anthony erwiderte kein Wort und so war es mehrere Minuten ganz still
-im Zimmer; Miß Northland hatte unterdessen ihre Beschäftigung wieder
-aufgenommen.
-
-»Haben Sie keine Verwandten oder Freunde hier in New York?« fragte er nun
-eindringlich und leise. Es kam ihm so vor, als ob seine Stimme plötzlich
-einen veränderten Klang bekommen hätte.
-
-»Nein, keine; wir sind erst vor einigen Monaten aus dem Westen -- aus
-St. Louis gekommen und daher noch ganz fremd hier,« lautete der einfache
-Bescheid.
-
-Die Sprecherin gewahrte nicht die sichtliche Überraschung in des jungen
-Mannes Zügen; unverwandt und forschend waren seine Augen auf das feine
-Profil gerichtet. Nur als er sich jetzt fast ehrfurchtsvoll vor ihr
-verbeugte und leise sagte: »Auf Wiedersehen, Miß Northland,« schaute sie
-eigentümlich befremdet auf und entgegnete schüchtern:
-
-»Ich hoffe, daß Ihre Frau Mutter meine kleinen Dienste noch einige Zeit
-wird gebrauchen können.«
-
-Nicht lange verweilte Mr. Anthony in der nahen Bibliothek, schon nach fünf
-Minuten kehrte er daraus zurück; allein dieses Mal durchmaß er beinahe
-hastig das Gemach, indem er in Anknüpfung an das vorige Gespräch nur die
-halb prophetische, halb aufmunternde Bemerkung hinwarf:
-
-»Miß Northland, gewiß wird sich auch an Ihnen das Dichterwort erfüllen:
-Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« --
-
-An demselben Abend nach dem Diner war es das erste Mal, daß Anthony seiner
-Stiefmutter gegenüber die Rede auf die Fremde brachte. Er blätterte
-dabei in einem Buche und seine gleichgültige Miene zeigte nichts von der
-Erregung und Unruhe, die in ihm arbeiteten. Ernst und wie beiläufig fragte
-er:
-
-»Hast Du niemals nach den Familienverhältnissen des Mädchens geforscht,
-das seit einigen Wochen hier ein- und ausgeht, Mutter?«
-
-»Nein, wieso? Ich denke, sie ist sehr bescheiden und zurückhaltend. Auf
-mich macht sie einen ausnehmend günstigen Eindruck. Vielleicht bin ich
-aber bei dieser Meinung beeinflußt durch eine Ähnlichkeit, welche -- mich
-an frühere glückliche Zeiten erinnert. Hast Du, mein Sohn, etwas gegen
-das Mädchen einzuwenden?«
-
-»Ich -- einzuwenden? Allerdings!« Der junge Handelsherr war aufgesprungen
-und ließ sein schönes, kluges Auge mehrere Sekunden prüfend auf den
-wohlgebildeten Zügen der älteren Dame haften, dann fuhr er, tief und
-schwer aufatmend, fort:
-
-»Als ich heute, auf dem Wege zur Bibliothek, zufällig einige Worte mit
-der jungen Dame (er betonte letzteres Wort ziemlich scharf) wechselte,
-erfuhr ich, daß sie den Namen »Northland« führt und mit ihrer Mutter
-aus St. Louis herübergekommen ist. Du hast mir nun früher das große
-Vertrauen geschenkt, mich in eine mir ziemlich nahe gehende Angelegenheit
-einzuweihen, und soviel ich mich aus Deinen damaligen Mitteilungen
-erinnere, ist dieser Name Dir durchaus nicht unbekannt, vorausgesetzt, daß
-irgendwelche Beziehungen bestehen sollten, zwischen -- zwischen ...« Er
-stockte.
-
-»Northland! O mein Gott, also doch! Ja, diese Ähnlichkeit mit diesem
-Manne, den ich einst liebte, frappierte mich sofort.« Tief erblaßt hatte
-Mrs. Clark jenen Ausspruch hervorgestoßen und die Hände dabei aufs Herz
-gepreßt: »O Anthony, sie, diese arme Kleine, wäre Marys und Northlands
-Kind? Nein, das kann, das darf ja nicht möglich sein!«
-
-»Dieses Rätsel bald -- recht bald zu lösen, soll Dir und mir eine
-Pflicht sein!« gab der Sohn mit Nachdruck zurück, indem er seinen Arm
-zärtlich um die Schulter der tief erschütterten Stiefmutter legte. Mit
-dem Taschentuche vor den Augen weinte diese jetzt leise vor sich hin:
-
-»O, Anthony, das wäre eine grausame Strafe für mich. Wie oft, als
-ich mich damals voll Empörung mit harten Worten von Mary losgesagt und
-Northlands Reichtum und Ansehen höher und höher stieg, wie oft habe
-ich da das Glück dieses Paares beneidet und berufen! Und tief im Herzen
-grollte ich der einstigen Freundin, weil von rechtswegen der Platz an ihres
-schönen Gatten Seite mir gebührte, mir, die ihn ebenso, vielleicht noch
-inniger geliebt. Und auf diese Weise soll ich endlich, endlich wieder von
-Mary hören! Anthony, ich kann's nicht fassen!«
-
-»Gottes Wege sind unerforschlich,« versetzte der Angeredete sanft.
-
-»Aber, mein Himmel, was sitze ich hier so müßig und lasse die kostbare
-Zeit verrinnen,« rief Mrs. Clark nun heftig aufspringend. »Mary, meine
-arme Mary in Not und Elend, während ich in Wohlleben und Überfluß
-schwelge. Fort, mein Sohn, bringe mich zu ihr! An mein reuiges Herz ziehen
-will ich die Teure und ihr Kind. O, welch' eine Schmach ist es für mich,
-daß gerade hier in unserem Hause das arme Mädchen sich so erniedrigen
-mußte, Anthony!«
-
-»Erniedrigen? O nein, Mutter! Das, was Miß Northland gethan hat, webt
-einen Glorienschein um ihr edles Haupt,« klang es auffallend feurig aus
-des jungen Mannes Munde, so daß Mrs. Clark in stummer Überraschung zu dem
-Stiefsohne aufblickte.
-
-»Willst Du meine Ratschläge befolgen, Mutter?« fragte er nach einer
-Pause.
-
-»Thue ich das nicht stets, Anthony?«
-
-»Wohlan, so lasse die junge Dame, welche zweifellos die Tochter Deiner
-Freundin ist, morgen noch einmal -- zum letztenmale -- hier ihres schweren
-Amtes walten, nur damit ich ihr dann unbemerkt folgen und Mrs. Northlands
-Wohnung erforschen kann. Ist das erreicht, so magst Du hingehen und thun,
-was Dir Pflicht und Herz gebieten. Bist Du damit einverstanden, Mutter?«
-
-Unter Thränen nickte diese ihm zu. --
-
-Anthony Clark vermochte in der darauffolgenden Nacht gar keine Ruhe zu
-finden. Immer und immer stand das hochherzige Mädchen mit den ernsten,
-charaktervollen Zügen und den wunderbar schönen Augen vor seinem
-fieberhaft erregten Geist. Und als gegen Morgen der Schlaf sich endlich
-auf seine Lider herabsenkte, war es ihm, wie wenn ihr holdes Angesicht, von
-einer leuchtenden Strahlenkrone umgeben, sich über ihn niederbeugte und
-die melodische Stimme in sein Ohr flüsterte: »Was man Schwerstes je
-empfunden, Liebe hat es überwunden!« -- -- --
-
-Ganz seltsam unsicher und befangen hatte Miß Northland am andern Morgen
-das Clarksche Haus betreten und war viel eiliger als sonst durch die weite
-Halle der unteren Etage die Treppe hinauf nach dem für ihre Obliegenheiten
-bestimmten Zimmer geschlüpft. Dort angekommen atmete sie förmlich
-erleichtert auf, daß ihr niemand begegnet war, weil sie sich nach ihrer
-Idee in einer krankhaft erregten Gemütsstimmung befand. Zu ihrer Schande
-mußte sie auch selbst die Wahrnehmung machen, daß ihr die zu verrichtende
-Arbeit zum erstenmale drückend und peinlich erschien. Wenn Mr. Clark nur
-nicht etwa wieder bei ihr eintreten und ein Gespräch mit ihr anknüpfen
-wollte, dachte das junge Mädchen hochklopfenden Herzens -- heute würde
-sie ihm nicht mehr so unbefangen in die klugen Augen blicken und nicht mehr
-so präcise antworten können! Warum aber fürchtete sie sich davor? Über
-dieses Warum indessen vermochte sich Grace nicht klar zu werden und schob
-es auf »ihre krankhaft erregte Gemütsstimmung!« --
-
-Bei ihrem Eintritt in den gewohnten Arbeitsraum stand alles wie sonst am
-bekannten Platze. Sie zog flink Schürze, Schutzärmel und Handschuhe aus
-der mitgebrachten Tasche hervor und war eben im Begriff, an die Arbeit zu
-gehen -- da gewahrte sie, dicht neben den Lampen liegend, eine prachtvolle
-Marschall-Niel-Rose. Was bedeutet das? Beim Anblick der Blüte war Grace
-dunkle Glut ins Gesicht geschossen und eine tiefe Zornesfalte legte sich
-über die weiße Stirn. Empörend! Das mußte der unverschämte Nigger, der
-Butler des Hauses gethan haben, welcher ihr beim Kommen und Gehen stets den
-Mantel an- und ausziehen half und sie dabei immer so keck anstierte oder
-seine wulstigen Lippen zu süßlichem Grinsen verzog. Empörend war das!
-Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob sie die zartgelbe Blüte an das
-entgegengesetzte Ende des großen Tisches; allein eben so schnell ergriff
-sie dieselbe wieder, sie mit fast wildem Ungestüm an die Brust pressend.
-Allmächtiger Gott, wäre es denkbar, konnte es möglich sein, daß er --
-Anthony Clark, dessen Bild sich in ihrer jungen Brust gar fest eingelebt
-hatte, dessen milde, zum Herzen dringende Stimme ihr noch jetzt durch das
-Gemüt klang, daß er jene Blume hier auf diesen Tisch gelegt? Ein Zittern
-überfiel die hohe Mädchengestalt -- und wenn er es wirklich gethan,
-mußte sie es dann nicht eher als Demütigung und Beleidigung ansehen, die
-er, der reiche, hochgestellte Mann dem armen, schutzlosen Mädchen damit
-angethan? Durfte sie die Blüte, ohne erröten zu müssen, auch wirklich
-annehmen? Was würde die Mutter dazu sagen? O gewiß, Anthony Clark war
-eines unedlen Gedankens nie fähig, das war ja sonnenklar! Mit fliegenden
-Händen, gewiß das erste Mal weniger gewissenhaft als sonst, verrichtete
-Grace Northland an diesem verhängnisvollen Morgen ihre Arbeit. Mrs. Clark
-sei ausgegangen, bedeutete sie der aufwartende Butler, als sie sich zur
-Dame des Hauses, wie alltäglich, begeben wollte. Wie Grace bei dieser
-Auskunft voll Beruhigung wahrnahm, verrieten die Züge des Schwarzen heute
-nur steife Würde und stumme Ehrerbietung. Gott sei Dank, endlich konnte
-sie dem sie heute so eigentümlich beengenden Hause den Rücken wenden,
-flink eilte das junge Mädchen in die anderen Häuser, in welchen sie die
-nämliche Beschäftigung zu verrichten hatte, und wenige Stunden später
-lief Grace Northland bereits leichtfüßig die Treppenstufen zu dem
-traulichen Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward hinan.
-
-Hätte sie während des Weges nur ein einziges Mal nach rückwärts
-geschaut, dann würde sie wohl sicher nicht mehr im Zweifel über den Geber
-jener Rose gewesen sein.
-
- * * * * *
-
-Es war ein zauberisch schöner Juliabend. Gleich Diamanten strahlten die
-Sterne am Himmel und wer nie eine amerikanische Sommernacht durchlebte, der
-hätte denken können, ein Teil der Gestirne wäre zur Erde herabgefallen,
-so glitzerten und funkelten die zahlreichen =glow worms= (Leuchtkäfer)
-allenthalben im tauigen Grase und duftigen Gesträuch. In traulicher
-Eintracht saßen Mutter und Tochter auf der kleinen Veranda, während
-Polly, eine junge Negerin, welche Grace, seitdem sie so guten Verdienst
-erzielte, zum Beistand der Mutter ins Hauswesen genommen, geräuschlos hin
-und her glitt und den Theetisch abräumte.
-
-»Du bist heute so still, mein Kind, was ist Dir? Zuweilen scheint es mir,
-als ob Deine Gedanken ganz wo anders weilten, als zu Hause!« fragte Mrs.
-Northland, nachdem sie schon einigemal nach der prächtigen Rose geschaut,
-die an des jungen Mädchens Busen prangte.
-
-»Ich denke darüber nach, daß wir doch jetzt sehr glücklich sein
-können, Ma,« entgegnete die Angeredete mit halb abgewandtem Gesicht.
-
-»Du, mein Engelskind! Wie sorgst und plagst Du Dich für mich -- das
-zu vergelten, vermag nur Gott,« flüsterte die ältere Dame in tiefer
-Bewegung.
-
-»Ich ernte ja auch reiche Früchte. Die Mühe ist so gering, in
-anbetracht, daß ich Deine Stirn wieder ohne Sorgenfalten erblicke,«
-lautete die heitere Erwiderung.
-
-»Du wolltest mir ja längst einmal etwas über die verschiedenen Häuser
-erzählen, in denen Du ein- und ausgehst, Grace. Ich hoffe, man begegnet
-Dir mit Achtung?«
-
-»Sei außer Sorge, Mama. Noch niemals habe ich die geringste
-Zurücksetzung erfahren. Vor allen ist es --« (Grace zögerte ein wenig)
-»ist es Mrs. Clark, die stets in sehr liebreicher Weise zu mir spricht.«
-
-»Mrs. Clark, eine noch junge Frau?«
-
-»Etwa in Deinem Alter. Sie ist eine große volle Blondine, mit selten
-schönen, blauen Augen und -- --«
-
-»Und einem kleinen, roten Male an der Oberlippe?« fiel Mrs. Northland der
-Tochter hastig ins Wort.
-
-»Ja, gewiß. Woher kennst Du denn diese Dame?«
-
-Die Mutter war jetzt in ihren Stuhl zurückgesunken und atmete tief und
-schwer.
-
-»O Grace, welche Entdeckung! Warum auch mußtest Du gerade in dieses Haus
-geraten? Gerade sie ist die Frau, um deretwillen Dein armer Vater einen
-Treubruch beging, indem er mich ihr, dem reichen Mädchen, mit welchem er
-bereits verlobt war, vorzog. Einst waren wir uns beide in beinahe mehr als
-schwesterlicher Liebe zugethan, lange Jahre hindurch; dann aber hat sie mir
-die Thür gewiesen, sich gänzlich von mir losgesagt -- mich verflucht!
-Ein Unsegen ruhte seitdem auf dem Bunde zwischen Deinem Vater und mir. Dein
-Vater verlor sein ganzes Hab und Gut und ist im kräftigsten Mannesalter
-dahingerafft worden. Annie, meine frühere Freundin, wurde die zweite Frau
-des reichen Handelsherrn Mr. Albert Clark, wie ihr Vater es wünschte, und
-nun lebt sie im Überfluß in New York. So viel ich weiß, besaß Clark
-auch einen Sohn aus erster Ehe; Annie hatte keine Kinder!«
-
-Längst war das junge Mädchen von ihrem Sitze aufgesprungen, war
-niedergekniet und lauschte, die verschlungenen Hände im Schoße der
-Mutter, atemlos deren Worten. »Grace,« fuhr dieselbe nach kurzer Pause
-fort, »in diesem Hause darfst Du Deinen Namen niemals nennen, hörst Du,
-Grace?«
-
-Es erfolgte keine Antwort. Dafür aber gewahrte Mrs. Northland, ungeachtet
-der zunehmenden Dunkelheit, wie ein Herr und eine Dame sich langsam
-dem Hause Nr. 9 genähert hatten und nun leise zögernd die Stufen der
-hölzernen Treppe emporstiegen.
-
-Durch die Glasthür der Veranda fiel ein heller Lichtstrahl direkt auf das
-blasse Gesicht einer stattlichen, noch immer schönen Frau.
-
-»Annie! Barmherziger Gott!«
-
-»Mary!«
-
-Wie durch einen Federdruck in die Höhe geschnellt, fuhr nun auch des
-jungen Mädchens Kopf aus dem Schoß der Mutter empor. Allein, Grace sah
-nicht, daß diese der eleganten Dame in die Arme sank, nicht, daß jene das
-vergrämte Gesicht der Wiedergefundenen mit heißen Küssen bedeckte --
-sie sah nur ihn -- Anthony Clark und seine herzlich und liebevoll auf sie
-blickenden Augen.
-
-»Annie, Du kommst zu mir? Bringst Du mir Vergebung -- bringst Du Deine so
-schmerzlich vermißte Liebe mir zurück?« klang es schluchzend aus Mrs.
-Northlands Munde.
-
-»Alles, alles, Mary. Aber ich bringe Dir noch mehr: Siehe hier, das ist
-Anthony Clark, der mir zu jeder Zeit ein lieber Sohn gewesen. Er hat eine
-Bitte an Dich zu richten, die so groß und bedeutungsschwer ist, daß es
-meiner Fürsprache bei Dir bedarf!«
-
-Der Genannte war rasch näher getreten und verneigte sich tief vor der
-überraschten Frau.
-
-»Eine Bitte an mich?« stammelte Mrs. Northland, während sie in fast
-scheuer Verwunderung von dem eleganten, hübschen Manne zu ihrer
-Tochter hinübersah. Was war denn hier geschehen? -- Das purpurglühende
-Gesichtchen mit den Händen bedeckend, lehnte das junge Mädchen an einem
-Sessel.
-
-Obwohl in leidenschaftlicher Erregung, aber doch in festem Tone, sagte nun
-Mr. Anthony: »Ich habe einmal die Äußerung gethan, daß es, seit Sie,
-Grace Northland, die Schwelle unseres Hauses überschritten, Licht darin
-geworden ist. Allein damals wagte ich nicht, hinzuzusetzen, daß dieses
-Licht mit einer Kraft und Macht, die höheren Ursprung zeigten, auch mir
-ins Herz hineingedrungen ist! Wie ein Geblendeter bin ich seit
-Wochen umhergegangen -- geblendet und beschämt über die eigentliche
-Erbärmlichkeit des sonst so hochgeschätzten eigenen Wertes. Erst Sie, nur
-Sie, Miß Northland, haben mich gelehrt, daß es noch Höheres giebt als
-das, was mir bis dahin als allein edel und erhaben vorgeschwebt. Wenn ich
-mir bisher einbildete, ein guter Mensch zu sein, so erkannte ich mich jetzt
-als einen egoistischen, jämmerlichen Wicht, dessen ganzes Verdienst darin
-bestanden hatte, die Annehmlichkeiten des Lebens mit Behagen zu genießen.
--- Heute, als die verhängnisvolle Rose auf Ihrem Platze lag, war ich so
-anmaßend, durch eine Thürspalte zu Ihnen hinüber zu sehen. Ich gewahrte
-Ihren Kampf, gewahrte aber auch, wie mein stummes Liebeszeichen mit
-Ungestüm ans Herz gepreßt wurde. Grace Northland! Diese Brust erfüllt
-nunmehr ein einziger, seliger, heißer Wunsch -- eine Bitte -- --«
-
-»Anthony!« Ein fassungsloser Jubelruf unterbrach den Sprecher; Graces
-Arme waren jetzt schlaff herabgesunken und wie in einer Verklärung starrte
-sie ihn an.
-
-»Grace, mein hochherziges, mutiges Mädchen, ich will noch nichts anderes
-wissen, als ob Sie meine tiefe innige Liebe einst werden erwidern können.
-Das weitere überlassen wir der Zeit und diesen da ...«
-
-Damit deutete er auf die beiden älteren Damen, welche Hand in Hand
-nebeneinander standen und mit seligen Blicken an der reizenden Befangenheit
-des holden jungen Mädchens sich weideten.
-
-Jedenfalls mußte die Antwort auf jene inhaltsschwere Frage wohl zur
-allseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn bald darauf saßen vier
-glückliche Menschen in dem kleinen, gemütlichen Salon, wo Erinnerungen
-ausgetauscht und neue Zukunftspläne geschmiedet wurden. Als Anthony Clark,
-über das Geländer der Veranda gebeugt, indessen die Stiefmutter
-lächelnd vorausgegangen war, noch ein letztes Lebewohl, einen warmen
-Kuß austauschte mit seiner schönen Braut, war es bereits dunkle Nacht
-geworden.
-
- * * * * *
-
-Selbstverständlich brachte nun die nächste Zeit den guten Leuten von
-Dolly Ward wieder viel Stoff zum Reden. Mr. O'Reilly jedoch ging womöglich
-noch etwas einsilbiger als sonst umher. So lange schon hatte er sich, nach
-einem schweren Kampf mit seiner ursprünglichen Absicht einer Geldheirat,
-bereit gemacht, der schönen Tochter seiner Nachbarin von Nr. 9 einen
-ernsten Antrag zu machen, aber es hatte ihm stets an dem nötigen Mut
-gefehlt, und nun mußte ihn das glückstrahlende Gesicht des jungen
-Mädchens, als es wenige Tage später an Anthony Clarks Arme an der
-Behausung des Advokaten vorüberging, hinlänglich darüber aufklären,
-daß seine erträumten Aussichten auf Erfüllung seiner stillen
-Herzenswünsche nur sehr kümmerlich beschaffen gewesen seien, und das
-schien ihm ziemlich nahe zu gehen, denn bei einem gelegentlichen Besuche
-in der Nr. 9 ließ der junge Irländer die Bemerkung fallen, daß er
-demnächst »aus Geschäftsrücksichten« nach Brooklyn übersiedeln werde.
-
-Noch vor seiner Vermählung mit Grace hat Anthony Clark ganz heimlich das
-Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward käuflich erworben, um es seiner holden
-Braut als Morgengabe zu schenken. Mrs. Northland ist fortan die Gebieterin
-desselben, und für die schwergeprüfte Frau ist es stets ein Festtag,
-wenn das glückliche junge Paar dem Geräusch und Getriebe der Riesenstadt
-einmal entflieht, um ein paar ruhige, selige Stunden zu verleben in der
-poetischen Einsamkeit von Dolly Ward.
-
-
-
-
-Fächer-Bilder.
-
-
- Berlin, 14. Januar 18..
-
- »=Caro amico!=
-
-Warum ich so lange nicht geschrieben, willst Du wissen? Nun, das ist
-eigentlich keine so leichte Sache, Dir zu erklären. Fürs erste begnüge
-Dich damit, daß ich mich langweile -- zum Sterben langweile und Dein
-heiteres Künstlergemüt -- Dich, Du Glücklicher, der Du unter Italiens
-Sonne der abgeschmackten Wintergenüsse unserer Reichshauptstadt kaum mehr
-gedenkst, nicht mit Stoßseufzern und Lamentationen inkommodieren wollte,
-die Dir doch vielleicht nur ein mitleidiges Lächeln entlockt haben
-würden!
-
-»Aber Mensch, bist Du verrückt geworden!« höre ich in Gedanken Deine
-Stimme rufen: »Bist verheiratet seit sechs Monaten, hast eine charmante
-Frau, ein Heim, eine Stellung unter den Künstlern, um die Dich die Götter
-beneiden könnten, und sprichst von Langweile?!« Zugegeben -- alles
-zugegeben, alter Freund! Aber ich kann Dir einmal nicht helfen. Gerade
-das Geregelte meines jetzigen Daseins widert mich an. Es erscheint mir zu
-philisterhaft, zu sittsam, zu hausbacken, keine Spur von Abwechslung --
-von prickelnden Reizen liegt darin. Wo bist Du hin, Du goldige
-Junggesellenzeit! Nimm den freien Waldvogel, stecke ihn unbarmherzig in
-einen Paradekäfig und schau zu, was er für eine Miene macht! So ungefähr
-kannst Du Dir denken, wie mir, den Du früher zur Genüge gekannt, nun zu
-Mute ist. O heiliger Brahma! Es war eine große Dummheit, mir jetzt schon
-die Flügel zu stutzen und mich ins Joch zu spannen. Die Galle läuft
-mir zuweilen über, wenn ich an die verschiedenen Tanten, Onkels -- und
-Schwiegermütter denke, welche mir diese Heirat so plausibel dargestellt
-und es fertig gebracht haben, aus einem von Übermut und Lebensgenuß
-beseelten Taugenichts einen soliden Ehemann zu machen! -- Solide?? Das
-doppelte Fragezeichen steht nicht ohne Bedeutung da. Arme kleine Frau!
-Ich glaube, sie hat von uns beiden wohl doch noch die schlechtere Nummer
-gezogen, obgleich ich bisweilen moralischen Katzenjammer bekomme und in
-bitterer Reue diesem noch so kindlichen Geschöpfe, was sich mein Weib
-nennt, alle begangenen Sünden abbitten möchte. Wer aber verlangt auch,
-daß ein Maler, ein Künstler von Ruf, wie ich ohne Überhebung es mir
-zu sein schmeichle, der überdies in Berlin lebt, Grundsätze und
-Selbstverleugnung des heiligen Antonius besitzen soll! Wer das verlangt,
-der ist ein Narr! Ich habe Agnes geheiratet, erstens: weil meine und ihre
-Familie es wünschten; zweitens: weil sie ein leidlich hübsches, sanftes
-Geschöpf ist, die sogar einer Ameise aus dem Wege geht, um sie nicht zu
-zertreten, wie viel weniger dem eigenen Gatten unfreundlich begegnen
-oder ihm gar widersprechen würde. Darum habe ich sie zu meiner Gemahlin
-gemacht, nicht aber, weil --, wie Du es zu glauben scheinst -- sie es
-verstanden hätte, mein launisches Herz in Fesseln zu schlagen, noch
-weil sie überhaupt qualifiziert wäre, einen Mann -- noch dazu einen
-verwöhnten Mann -- zu begeistern und hinzureißen. In unserer Art führen
-wir ja auch eine ganz glückliche Ehe. Sie ist eine wohlhabende Frau,
-ich derjenige, der um sein Brot schaffen muß. Daher habe ich es mir
-selbstverständlich auch zur Pflicht gemacht, jeden ihrer Wünsche zu
-erfüllen und ihr stets aufs Rücksichtsvollste zu begegnen. Nebenbei
-glaube ich wirklich, daß sie einiges Vertrauen zu mir hat und mir
-aufrichtig zugethan ist. Dankbar zeigt sie sich wenigstens für jedes
-freundliche Wort aus meinem Munde, wenn auch mein übriges Thun und Lassen
--- außer unsern vier Pfählen -- sie wenig oder gar nicht zu interessieren
-scheint. Von Eifersucht habe ich vorläufig noch nicht das Mindeste
-bemerkt. Manchmal sogar könnte mich der sonst sehr anerkennenswerte
-Mangel dieser Untugend an meiner jungen Frau beinahe ungeduldig machen. Wir
-führen somit ein ganz modernes, großstädtisch angehauchtes Eheleben.
-
-Agnes lebt ziemlich häuslich, verkehrt nur im kleinen Verwandten- und
-Bekanntenkreise. Ich hingegen tummle mich in der großen Welt umher, wozu
-ein Künstler von Beruf verpflichtet ist, wenn er seinen Geist anfeuern
-will. Trotzdem aber entgehe ich bei solchem Dasein der Langweile nicht.
-Das ewige Haschen nach pikanten Abenteuern und reizvoller Abwechslung wird
-schließlich fade; oft fehlt dabei der wahre Humor, oft aber auch jedwede
-Poesie! Pah! So ist einmal der Mensch. Er erwartet immer, daß Fortuna ihm
-einmal etwas ganz Apartes in den Schoß werfen soll! Das einzige, was mich
-wahrhaft befriedigt, ist und bleibt immer die Kunst. Diese edle Dame ist
-es auch, die mich zuweilen recht energisch bei den Ohren zieht mit der
-Mahnung: »Nun ist's genug, Freund Gilbert, mit dem Vergnügen! An die
-Arbeit mit Dir!« Und dieser Mahnung habe ich mich bisher noch immer willig
-gefügt. Halte mir aber in Deinem Antwortschreiben um Himmelswillen
-nicht etwa eine Moralpredigt, =amico Carolo=, um mich mit diplomatischen
-Redensarten auf den schmalen Pfad der Tugend hinüberzulocken! An mir ist
-nun einmal Hopfen und Malz verloren, und muß ich fürs Leben verbraucht
-werden, wie ich eben bin. Wenn Dir übrigens etwas daran liegt, so will
-ich Dir von Zeit zu Zeit eine gedrängte Übersicht meiner hiesigen
-Lebensweise, oder richtiger gesagt: ein Sündenregister zukommen lassen.
-Vor Dir kennt mein Herz keine Geheimnisse. Und nun Addio bis zum nächsten
-Male.
-
- Gilbert.«
-
- * * * * *
-
- Berlin, 8. Februar 18..
-
- »Teurer Freund!
-
-Es ist zum Totlachen! Ich habe ein reizendes Abenteuer erlebt, welches ganz
-nach meinem Geschmack ist und die mich befallene schlappe Gemütsstimmung
-total aufgefrischt hat. Übrigens danke ich Dir für Deinen Brief und
-die freundlichen Grüße an Agnes, der Du allem Anscheine nach ein
-liebenswürdiges Interesse zu teil werden läßt. Das gute Kind hatte vor
-einigen Tagen zum erstenmale eine Anwandlung von Eifersucht. Wie komisch!
-Doch davon später.
-
-Also: unser Künstlerbund gab vorige Woche einen brillanten Maskenball,
-den ich selbstverständlich besucht habe, während meine Frau dergleichen
-rauschende Vergnügungen grundsätzlich meidet. Natürlich bin ich weit
-davon entfernt, sie in ihren etwas streng puritanischen Ideen beeinflussen
-zu wollen. Ich hingegen warf mich mit blasierter Gleichgültigkeit in
-den wildesten Strudel dieses Zauberfestes. Ein schlichter Domino aus
-moosgrüner Seide, der noch aus meiner Junggesellenzeit stammt und mir
-vor Jahren zur Karnevalszeit in Rom gute Dienste geleistet, wurde wieder
-hervorgesucht und für tauglich befunden. Vom Scheitel bis zur Zehe
-verhüllte er meine Gestalt, so daß ich darauf hätte Gift nehmen wollen,
-unerkannt zu bleiben. Allein es kam anders. Denn bereits vom Beginn des
-Balles an intriguierten mich zwei Damen ganz impertinent, indem sie mich
-auf Schritt und Tritt verfolgten.
-
-Die eine, ebenfalls im Domino, schien der Figur und Haltung nach
-schon etwas bei Jahren zu sein, wogegen die andere, im entzückendsten
-Susannenkostüm, Formen und Bewegungen auswies, wie ich solche an einer
-Sterblichen überhaupt noch nicht gesehen. Im Nu war meine blasierte
-Stimmung verschwunden; ich fühlte einen Feuerstrom durch meine Glieder
-ziehen. Große Samtmasken mit lang herabfallenden Spitzenbärten machten
-jedes neugierige Erspähen der Gesichtszüge rein unmöglich.
-
-Wer war dieses Götterweib? Sicherlich wohl eine Fremde. Denn solcher Anmut
-und vornehmer Grazie war ich in Berlin noch nicht begegnet. Aufs höchste
-interessiert und sympathisch angezogen, daß die Aufmerksamkeit dieser
-distinguierten Erscheinung sich gerade auf meine unbedeutende Person
-gelenkt, mache ich unserer bisherigen stummen Wanderung durch die Säle ein
-Ende mit den an die Jüngere gerichteten bedeutungsvollen Worten:
-
-»Was veranlaßt wohl nur das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu
-folgen?«
-
-Sie zuckte zum Zeichen, daß sie mich nicht verstanden, die wohlgerundeten
-Schultern. Ich wiederholte dieselbe Frage auf Französisch. Da lachte
-sie hell auf. Es war ein köstliches melodisches Lachen; dann klang eine
-glockentiefe Altstimme an mein in Verzückung lauschendes Ohr:
-
-»Monsieur Gilbert besitzt viele Freunde, ohne daß er davon eine Ahnung zu
-haben scheint.«
-
-Beinahe erschreckt stutze ich. Also faktisch erkannt!
-
-»Ist er doch nicht umsonst zwei Karnevalsaisons in Rom gewesen. Jener
-grüne Domino hier --« (ihre mit schwarzen Halbhandschuhen bekleidete
-Rechte strich sanft über meinen Ärmel hinweg) -- »machte den
-Verräter.«
-
-Etwas verblüfft starre ich durch die Augenschlitze der Maske nach der
-Sprecherin hin.
-
-»Eine Freundin, Madame? So sind wir alte Bekannte?« sagte ich ziemlich
-indiskret.
-
-»Das weiß ich nicht, Monsieur! Wer zählt die Völker, kennt die Namen!
-Künstler Gilbertos Herz ist weit, aber sein Gedächtnis scheint kurz.
-Armer Gilberto!« fuhr sie, bedauernd den Kopf wiegend, fort: »Jetzt ist
-er ein Philister geworden; er mußte es =nolens volens= werden, -- hat eine
-reiche, unelegante, häßliche Frau heiraten müssen, die nebenbei noch
-grimmig eifersüchtig sein mag. Seine Freunde bedauern und bemitleiden ihn
-aber aus tiefstem Herzensgrunde und hoffen wenigstens, daß die geniale
-Künstlernatur unter solchem Mißgeschick nicht zu Grunde gehen wird!«
-
-»Eine häßliche Frau!« Das verschnupfte mich, und ein wenig ärgerte
-ich mich über solchen meinem sonst stets als kompetent geltenden Geschmack
-gemachten Vorwurf, insbesondere, weil er ganz ungerecht war. Allein der
-Moment schien nicht geeignet darüber zu streiten, und deshalb nahm ich es
-ruhig hin; ja ich war sogar entzückt davon, daß die reizende Susanne nun
-=sans gêne= ihren Arm unter den meinen schob und dicht neben mir weiter
-schritt. Der weibliche Domino folgte uns.
-
-Witz, Geist und Übermut sprudelten aus jedem Worte meiner Begleiterin. Ich
-schwelgte in einem Meer von Wonne. Hier war doch einmal wieder richtiges
-Amüsement, nach welchem ich mich förmlich gesehnt hatte. Berlin, meine
-Ehemannspflichten, ja sogar die sanfte, braunhaarige Agnes, -- alles war
-vergessen; ich verträumte mich wieder nach Italien, in die selige Periode
-meiner unbeschränkten Freiheit!
-
-=Mio amico!= Ich kann Dir versichern, daß es wirklich ein außerordentlich
-amüsanter Abend war. In einem ziemlich entlegenen Winkelchen nahmen wir
-ungestört Erfrischungen ein, nach deren Genusse diejenige, welche von
-meiner reizenden Maske mit Tante angeredet wurde, in einen wohligen
-Halbschlaf zu fallen schien. Wir ignorierten das selbstverständlich und
-unterhielten uns um so lebhafter. Aus verschiedenen Äußerungen der jetzt
-Schlummernden war mir klar geworden, daß die Damen Russinnen sein mußten,
-ihr Domizil in Wiesbaden hatten und bloß für kurze Zeit auf Besuch zu
-einer Malerfamilie nach Berlin gekommen waren, indessen die Hauptstadt
-schon am nächsten Tage zu verlassen gedachten. Halb mechanisch spielte
-ich mit dem mir angeeigneten Fächer meiner Begleiterin und that dabei die
-vielleicht etwas dreiste Äußerung, daß ich denselben als Pfand für ein
-eventuelles Wiedersehen, oder auch zur Erinnerung an diesen Abend als mein
-Eigentum behalten wollte.
-
-»O nein! Dieses unscheinbare Ding hier ist ein teueres Andenken an einen
-Freund,« entgegnete sie wieder mit dem so bezaubernden Lachen. »Aber,
-ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Monsieur Gilberto! Sie behalten den
-Fächer einstweilen und malen mir mit Künstlerhand ein Bildchen darauf,
-dann wird er mir erst doppelt wert sein.«
-
-»Gern. Doch wie soll ich Ihnen denselben wieder zustellen,
-=bella= Susanna?« fragte ich gespannt, indem ich ihre reizende,
-brillantenfunkelnde Hand einen Moment fest zwischen die meine nahm.
-
-»=Eh bien!= Sie schicken ihn mir =par poste=, oder was noch besser wäre,
-Sie bringen ihn selbst, Gilberto! Meine Adresse ist: Madame de Baranow,
-Wiesbaden ... Straße. Im Mai komme ich übrigens wieder nach Berlin.«
-
-Darauf erhob sie sich, weckte mit sanften Schütteln die schlummernde
-Tante, und bald waren die Damen im Maskengewühl meinen Blicken entrückt.
-
-Ich glaube, daß ich noch eine ziemliche Weile, in selige Träumereien
-versunken, mit dem gedachten Fächer in der Hand auf diesem Platze
-gesessen habe. Obgleich kein Kunstwerk, was die schöne Unbekannte mir
-zurückgelassen, entströmte demselben doch ein eigentümlich süßes
-Parfüm. Von goldverziertem Schildpatt war der zierliche Griff, alles
-übrige von feiner schwarzer Seidengaze. Und doch fühlte ich mich in
-dem Besitze gleich einem Krösus, so daß auch in meinem erregten Geiste
-allerlei mögliche Ideen auftauchten -- liebliche Phantasiegebilde, denen
-ich auf dem duftigen Gewebe mit dem Pinsel Ausdruck, ja Form und Gestalt
-verleihen wollte. Sicherlich sollte Dir, =bella= Susanna, der Beweis
-geliefert werden, daß Gilbertos leidenschaftliches Temperament, sein
-zündender Geistesfunke noch nicht untergegangen im hausbackenen Eheleben.
-
-Das Fest hatte jetzt keinen Reiz mehr für mich. Ich ließ mir von dem
-ersten besten dienstbaren Geiste ein Stück Papier bringen, wickelte den
-mir so kostbaren Fächer sorgfältig ein und schob das kleine Päckchen
-in die Tasche. Nach zwanzig Minuten stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung
-hinan.
-
-Schon von der Straße aus hatte ich wahrgenommen, daß in dem an mein
-Atelier stoßenden Wohnzimmer, wiewohl die Mitternachtsstunde längst
-geschlagen, noch eine Lampe brannte. War denn Agnes noch wach? Wollte die
-kleine Frau mich, an dessen späte Rückkehr sie doch hinlänglich gewöhnt
-sein mußte, heute auf einmal erwarten? Das dünkte mir höchst wunderbar.
-Der Entreedrücker befand sich in meiner Tasche, weshalb ich, ohne
-zu klingeln und von den Dienstleuten unbemerkt, mein Heim zu betreten
-vermochte. Ein wenig neugierig öffnete ich die Stubenthür; doch machte
-der sich mir darbietende Anblick unwillkürlich lächeln. Dort -- an dem
-mit umfangreichen Weißnähereien bedeckten Tische, über welchen die
-Hängelampe ihr mildes Licht ausstrahlte, lag, auf die gekreuzten Arme
-herabgesunken, das Haupt meines jungen Weibes, während die Brust der sanft
-Schlummernden unter regelmäßigen Atemzügen sich hob und senkte.
-
-»Die häßliche Frau!« So schoß es mir plötzlich durch den Sinn. Leise
-trat ich näher, um mich mit Kritikerblicken einmal zu überzeugen, in wie
-weit jener Ausspruch gerechtfertigt schien. Freilich wies dieses zierliche
-Köpfchen dort keine regelrechten Schönheitslinien auf. Dafür aber lag
-der Schmelz holder Frauenhaftigkeit, die Taufrische eines weiß-rosigen
-Teints über dem beinahe noch kindlich runden Gesichte. Häßlich? Nein,
-das war entschieden ganz ungerecht. Der Chic der großen Welt, und das so
-gewisse, auch weniger schöne Frauen anziehend machende Etwas fehlte hier
-natürlich durchaus. Allein mein Malerauge fand heute zum erstenmale, daß
-das, was ich an Modellen so oft vergeblich gesucht und wofür ich, um es
-auf die Leinwand zu bannen, eine wahre Leidenschaft hegte, nämlich:
-einen rötlich goldigen Glanz im hellbraunen Haar, was die Engländer so
-bezeichnend =auburn= nennen, -- daß gerade diese große Seltenheit mein
-eigenes Weib besaß. In einem langen Prachtzopfe hing dieses jetzt vom
-Lampenlicht beleuchtete, wunderbar schimmernde Haar der schlanken Gestalt
-über den Nacken herab. Merkwürdig, nicht wahr, =mio amico=? Und noch
-merkwürdiger, daß ich das vorher gar niemals beachtete.
-
-Nachdem ich Cylinder, Handschuhe und das kleine Paket mit dem Fächer
-auf den Tisch gelegt, war ich eben im Begriff, mich auch des Paletots zu
-entledigen, da erwachte Agnes.
-
-Halb verstört schaute sie mich an. Doch nur mit verlegenem Gruße raffte
-sie eilig die Arbeit zusammen und barg dieselbe auf dem Schoße.
-
-»Aber, Kind! Was fällt Dir ein, so lange wach zu bleiben! Das ist
-thöricht!« sagte ich mehr unwillig, als freundlich, indem ich es
-nicht einmal der Mühe wert hielt, ein lautes Gähnen zu unterdrücken.
-»Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«
-
-Nur ein ängstlich scheuer Blick aus ihren stahlblauen Augen streifte mich.
-Was sie dabei wohl gedacht, vermochte ich nicht zu ergründen. Vielleicht
-hatte sie gerade um meinetwillen den Schlaf der halben Nacht geopfert,
-vielleicht auch auf ein herzlich dankbares Wort aus meinem Munde gerechnet.
-Arme kleine Frau! Sie packte, wie das so ihre Gewohnheit war, meine
-nachlässig hingeworfenen Sachen sorgsam zusammen. Dabei aber entschlüpfte
-der Fächer seiner papiernen Hülle und fiel zurück auf den Tisch. Sie
-stutzte, da sie das verräterische Rot sofort bemerkte, was meine Stirn
-bezog.
-
-»Hast Du Dich neuerdings auf Fächermalen verlegt, Gilbert?« kam es
-eigentümlich spöttisch von den rosigen Lippen. Der Ton reizte mich.
-
-»Ja wohl, wenn Du nichts dagegen hast, kleine Moralistin! Ich werde diesen
-schlichten, schwarzen Fächer zu einem wahren Kunstwerk umgestalten,
-weil die Besitzerin ein ...« (ich stockte, denn der Ausdruck des mir
-zugewandten Gesichtes glich dem eines entsetzten Kindes) -- »weil eine
-Dame mich freundlich darum gebeten hat, dieses unscheinbare Ding zu
-verschönern,« fügte ich gleichgültig hinzu.
-
-»So? Nun, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« sagte
-sie halb schmollend, während sie den verfänglichen Gegenstand zur Hand
-nahm und denselben, das ihm entströmende Parfüm einsaugend, an ihr
-Stumpfnäschen hielt.
-
-»Dir?« fragte ich höchlichst verwundert. »Trägst Du denn überhaupt
-einen Fächer? Ich dachte, solch' Spielzeug für große Kinder erscheine
-Dir viel zu frivol?«
-
-Zu meiner noch größeren Verwunderung sah ich, wie das zierliche Köpfchen
-mit einem energischen Ruck ganz plötzlich in den Nacken fuhr, worauf
-es mit eigentümlich bebender, allein halb trotziger Stimme an mein Ohr
-schlug:
-
-»O, natürlich ahne und verstehe ich nichts vom Fächerspiele all' jener
-Frauen, deren Lebenszweck nur eitles Haschen nach Vergnügen ist und für
-welche das heilige Wort Pflichten überhaupt keine Bedeutung hat. Einen
-Fächer zum Gebrauche in Deinem Sinne brauche ich gottlob nicht! Gute
-Nacht, Gilbert!«
-
-Damit ließ sie mich allein.
-
-Dergleichen Heftigkeit war mir neu an meiner Gattin. Gut, dachte ich,
-fangen wir doch zur Abwechslung einmal an, uns gegenseitig auf den
-Kriegsfuß zu stellen! Das würde jedenfalls mehr Anregung bieten im
-häuslichen Einerlei, als diese lauwarme Spülwasser-Stimmung. Oho! Ich war
-sicher nicht der Mann, um mich über die kindischen Launen der einfältigen
-kleinen Frau zu grämen. War doch mein Geist ohnehin so vollständig
-gefangen genommen durch das reizvolle Abenteuer des Maskenballes, daß
-alles andere gänzlich in den Hintergrund trat.
-
-Für heute aber mag's genug sein, =mio Carolo=! Das Fächerbild ist bereits
-begonnen worden und scheint mir vortrefflich zu gelingen. =Vive l'amour!=
-
- Dein Gilbert!«
-
- * * * * *
-
- Berlin, den 26. März 18..
-
- »Lieber Karl!
-
-Ich bin allein in meiner stillen Bude. Agnes sah in letzter Zeit miserabel
-aus und ist recht erholungsbedürftig, so daß ihre besorgte Mama, meine
-verehrte Frau Schwiegermutter, für einige Wochen das Töchterlein zu sich
-genommen hat, um ihr alle erdenkliche Pflege und Schonung angedeihen zu
-lassen, deren sie im eigenen Heim entbehrt. Liegt doch das Haus ihres
-Vaters im schönsten, gesundesten Teile Berlins, wo die herrliche laue
-Frühlingsluft, die dort vom Tiergarten herüberweht, die Wangen des
-blassen Kindes hoffentlich bald wieder runden und rosig färben wird.
-
-Über die letzte Zeit habe ich wenig Interessantes, noch Erfreuliches zu
-berichten. Ich meine, daß ich seit Wochen schauerlich schlechter Laune
-und höchst ungemütlich gewesen bin. Manchmal befielen mich wahrhafte
-Wutparoxismen, so daß ich am liebsten jede lästige Fessel gesprengt
-hätte und hingeeilt wäre zu derjenigen, die unausgesetzt all' mein
-Denken gefangen hielt -- hin zu Madame de Baranow nach Wiesbaden. Dann
-aber versank ich auch wieder in eine stumpfsinnige Apathie, welche mir
-das Dasein fast ekelhaft fade erscheinen ließ. Glücklicherweise ist der
-bedeutungsvolle Fächer noch vor dieser Trübsinnsperiode vollendet worden
-und befindet sich jetzt schon in den Händen von =bella= Susanna. Was ich
-darauf gezaubert?
-
-Ich glaube wirklich, der Genius der Malerei hat mir dabei die Hand geführt
-und Amor die Palette gehalten. Seit jenem Abende fragte Agnes allerdings
-nicht mehr nach dem Fächer; doch weil ich so unvorsichtig gewesen, ihn
-einmal unverschlossen liegen zu lassen, hatten ihre Kinderaugen ihn dennoch
-erblickt.
-
-Mehreremale in jeder Woche besuche ich das Haus der Schwiegereltern, um
-mich pflichtschuldigst nach dem Befinden meiner Gemahlin zu erkundigen,
-welche wieder sanft und freundlich zu mir ist, aber auffallend traurig.
-Der Herr Papa dagegen betrachtet mich öfters mit seltsam herausfordernden
-Blicken, während die Frau Mama mir stets so offen ihre Ungnade zeigt, daß
-sie mit mir überhaupt nicht mehr spricht. =Amico Carolo!= Es will mich
-bedünken, es steigen düstere Wolken über meinem unseligen Haupte auf.
-Zuweilen sogar regen sich im Busen leise Anwandlungen von Reue, und
-ich sage mir dann ganz ehrlich, daß ich doch ein recht ungemütliches,
-trübseliges Leben führe, welches anders -- besser sein könnte, wenn ich
--- ja, was denn eigentlich? Ich glaube, der Fächer hat mich verhext -- ich
-bin ein Narr! Adieu!
-
- Gilbert.«
-
- * * * * *
-
- Berlin, 3. Mai 188.
-
- »Bester Freund!
-
-Hast Du zufällig jemals die Physiognomie eines Menschen beobachtet, der
-in heiterster Stimmung und anregendster Unterhaltung begriffen, sich
-niedersetzen will, den aber irgend eine Schicksalstücke des vermeintlich
-hinter ihm stehenden Stuhles beraubt hat. Todesschreck, innere Wut,
-lächerliche Hilflosigkeit, ja jammervolle Stupidität -- das alles prägt
-sich stets in den Zügen solch' eines Beklagenswerten aus.
-
-Mir ist gestern Abend Ähnliches passiert, das heißt: etwas passiert,
-was mich veranlaßte, den Gesichtsausdruck eines dummen Jungen anzunehmen.
-Nicht etwa, daß ich mit meinem ganzen physischen Körpergewicht auf die
-Erde geplumpst wäre, nein, =amico=, moralisch habe ich einen Purzelbaum
-gemacht, der wirksam genug sein könnte, selbst den überspanntesten
-Phantasten und Idealisten in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen. Ich
-knirsche -- ich tobe in machtlosem Grimme, dabei aber befällt mich auch
-wieder ein wahrer Lachkrampf, wenn eine Stimme -- ich glaube, es ist
-das bessere Ich in meiner Brust -- mir zuraunt: »Reingefallen, Gilbert,
-gründlich reingefallen!«
-
-Zurückgekehrt von einem Besuche bei Agnes, wo sie mir beim Abschiede,
-als wir zufällig allein im Zimmer waren, mit holdem Erröten versicherte,
-demnächst bald heimzukommen, finde ich endlich die langersehnte Antwort
-aus Wiesbaden vor. Welch' ein Dank, welch' ein Brief! Doch zu meiner
-Überraschung zeigt die Marke den Poststempel: Berlin. Frau v. Baranow
-teilte mir als Postskriptum mit, sie sei im Kaiserhofe abgestiegen und
-erwarte am nächsten Tage meinen Besuch. Wie damals auf dem Maskenballe
-fühlte ich jenes aus Entzücken und Leidenschaft gemischte Gefühl meine
-Adern durchrieseln. Bombenfest stand es in mir, die verführerische Frau
-morgen aufzusuchen. Allein auf welche Weise sollte ich mir die
-langen Stunden bis dahin verkürzen? Mit Eifer studierte ich den
-Vergnügungsanzeiger Berlins und verfiel schließlich auf das »Deutsche
-Theater«.
-
-Gesagt -- gethan. Zwar war der Andrang an der Kasse desselben groß. Doch
-bald hielt ich ein glücklich erobertes Parkett-Billet in den Händen:
-Dritte Sitzreihe, Platz Nr. 35. Herrlich fürwahr! Ich bin ganz befriedigt
-und befinde mich in äußerst animierter Stimmung. Da es übrigens noch
-ziemlich früh war, so mache ich noch eine kleine Wanderung durch die
-Straßen, weil ich es hasse, vor Beginn der Komödie meine ohnedies nicht
-sehr guten Nerven durch das entsetzliche Bänkeklappen und Thürenwerfen in
-unnötigen Aufruhr versetzen zu lassen. Als ich das Theater betrat, war der
-Vorhang bereits aufgezogen und das Stück hatte begonnen. Meine Nr. 35 war
-glücklicherweise ein Eckplatz.
-
-Nachdem ich in größter Gemütsruhe das Opernglas blank geputzt, schaue
-ich nach der Bühne. Da schlagen die Laute einer mich wie mit elektrischem
-Schlage berührenden Stimme aus nächster Nähe an mein Ohr. Herr des
-Himmels! Das konnte niemand anders -- das mußte Susanna -- Madame de
-Baranow sein, die hier in dem so reinen, so fließend und melodisch
-klingenden Französisch eben gesprochen! Gleich einem Achtzehnjährigen --
-beinahe zum Zerspringen klopfte nun mein Herz, und ich lausche atemlos.
-Wo -- wo war -- wo saß das entzückende Geschöpf, das allein schon durch
-Organ und Grazie mich bestrickte? Sollte es mir jetzt -- von diesem still
-verborgenen Platze aus -- vergönnt sein, das im Traume schon tausendmal
-mir vor die Sinne gezauberte, holde Angesicht zu schauen? Welche Seligkeit,
-die schöne Frau, ohne daß sie meine Gegenwart ahnte, beobachten zu
-können! Soviel ich indes mein Gehör auch anstrenge, diese wohllautende
-Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.
-
-Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste
-Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten
-Matronen bestand. Nur links von mir -- in der ersten Reihe, sah ich die
-wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...?
-Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht
-bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O
-Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige
-Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem
-Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond
-des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß!
-Diese und keine andere mußte =bella= Susanna sein!
-
-Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte
-ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten
-blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. -- Da -- noch während ich
-dies niederschreibe -- lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner
-Rechten -- da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer --
-ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden
-Blicken erspähe ich darauf -- das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So
-juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den
-breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört
-nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal -- hoffte ich --
-würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher
-oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste
-Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe
-ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich
-wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der
-Ruhestörerin um, =la bella= Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind
-denn meine Augen getrübt, -- bin ich verrückt oder treibt der Satan
-sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der
-gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im
-letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe.
-Einerlei -- ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in
-das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut
-und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche
-Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre?
-O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein
-pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem
-eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen
-Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch
-wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch
-eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole
-Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd?
-
-Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis
-Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn -- die
-häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war
-es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und
-gepeinigt hat. Und ich Narr, -- ich Esel, -- bin hier so einfältig auf den
-Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit
-einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula,
-nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes
-Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern,
-schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und
-jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen!
-Wirklich schändlich -- empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß
-mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust
-versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber
-tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in
-mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!«
-Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie
-eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei
-Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd
-ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe
-hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ
-eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf.
-Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige
-elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich
-hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer.
-
-»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke
-in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei
-angetrunken.
-
-»Nein, rot -- feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon
-nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen.
-Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte
-fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine
-Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich
-schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill -- öde und einsam dünkte mir
-in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim.
-
-Der verwundert mich anstarrenden Dienerin befahl ich, im Atelier sofort
-einige Lampen anzuzünden, während ich nur ganz beiläufig fragte,
-ob irgend eine Nachricht von meiner Frau gekommen wäre. Die bejahende
-Erwiderung bewies mir, daß man im Hause eben besser orientiert sei, als
-ich, der Ehemann. Denn bald erfuhr ich aus dem Munde des Dienstmädchens,
-Agnes gedächte schon in den nächsten Tagen zurückzukehren.
-
-Deswegen mußte ich also fleißig sein, um das, was mir vorschwebte,
-rechtzeitig zu vollenden.
-
-Nun gute Nacht, Bruderherz! Vielleicht schreibe ich morgen oder übermorgen
-weiter. Ich spüre nämlich in mir das Bedürfnis, einer fühlenden Seele
-mich mitzuteilen. Gehab Dich wohl und gieb bald Nachricht
-
- Deinem
-
- Gilbert.«
-
- * * * * *
-
- Berlin, den 8. Mai 188.
-
- »Alter lieber Freund!
-
-Wie neugeboren fühle ich mich, wenigstens, wie ein Mensch, der eine lange
-Krankheit überstanden und nun mit hoffnungsseligen Empfindungen in der
-Brust jetzt ein sonniges Dasein vor sich sieht. -- Übrigens -- Du bist
-ein Diplomat, Freundchen! Vielleicht haben auch Deine Briefe, der warme,
-herzliche, durchaus nicht mentorhafte Ton, der daraus spricht, sowie
-Dein stets vermehrtes Interesse für Agnes ein wenig zu meiner Heilung
-beigetragen.
-
-Aber ich will dem Gange meines »kleinen Romans« nicht vorgreifen, sondern
-da weiter erzählen, wo ich im letzten Briefe stehen geblieben bin.
-
-So höre denn! Nachdem ich schon an dem nämlichen, für mich so
-verhängnisvollen Abende eine Skizze entworfen, warf ich mich mit wahrem
-Feuereifer auf das Malen des roten Fächers, indem ich täglich einige
-Stunden darüber festsaß. Kein Kunstwerk -- kein Bravourstück sollte
-diese Arbeit werden, -- Gott behüte! Ich malte ja für Agnes, für mein
-junges, sanftes Weib. Etwas aber wollte ich darauf zaubern, was die Augen
-des holden Wesens in seliger Freude strahlen machen, -- ein Etwas, was ihr
-sagen sollte, daß ihr Gatte .... Doch halt! Die Feder geht schon wieder im
-Galopp davon!
-
-Endlich -- endlich ist das Bildchen vollendet, und meine Mühe zeigt sich
-vom schönsten Erfolge gekrönt. Da die Farben noch eine Weile trocknen
-mußten, spannte ich den Fächer ausgebreitet auf ein Stück Karton, und
-trug ihn, im Gefühl seliger Befriedigung hinüber ins Zimmer meiner Frau.
-Dort plazierte ich ihn auf Agnes Schreibtische hinter einem wahren Walde
-von Maiglöckchen, ihren Lieblingsblumen.
-
-Es war der nämliche Nachmittag, an dem meine Frau eintreffen sollte.
-Nachdem ich in mein Atelier zurückgekehrt, versuchte ich alle
-rebellischen, mir selbst ganz neu und fremdartig erscheinenden Gedanken
-durch anstrengende Arbeit zu ersticken, rührte mich auch nicht von
-der Stelle, als ich eine Droschke am Hause vorfahren hörte. Direkte
-Mitteilung, daß Agnes heimkommen würde, war mir, dem Hausherrn, ja gar
-nicht gemacht worden, und hatte ich es nur =en passant= erfahren. Darum sah
-ich keine Veranlassung, der Zurückkehrenden entgegenzueilen. Zwar drang
-öfteres Thürenzuwerfen und Stimmengemurmel dumpf zu mir herüber, doch
-blieb es für die nächste halbe Stunde in meiner Klause ganz still. Ich
-male -- male eifrig weiter, obgleich ein sonderbares Flimmern in den Augen
-mich die Farben kaum unterscheiden läßt. Da -- auf einmal macht ein
-schüchternes Klopfen jeden Nerv in mir erzittern. »Herein!« konnte ich
-nur mit Kraftanstrengung über die Lippen bringen, und als bald darauf ein
-goldbraunschimmerndes Haupt in der Thür erscheint, erkenne ich mit raschem
-Blicke, wie Agnes den Fächer hinter sich verborgen hält.
-
-»Schon da?!« rief ich mit einer Unbefangenheit, die mich selbst in
-Erstaunen setzte. Während ich, Pinsel und Palette beiseite geworfen, der
-Eintretenden entgegeneilte, brachte ich keine Silbe heraus und zog nur
-schüchtern und ungelenk die kleine Hand an die Lippen.
-
-»Ich wollte Dich überraschen, Gilbert, und nun bist Du mir zuvorgekommen,
-hast mir solch' eine reizende, süße Überraschung bereitet,« kam es
-stockend aus Agnes' merklich zitterndem Munde.
-
-»Ich? Wie so?« fragte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit.
-
-»Aber, Gilbert! Nennst Du das nichts?«
-
-Mit diesen Worten, die von holdseligem Erröten und glücklichem Lächeln
-begleitet waren, hielt sie mir den wohlbekannten Fächer vor die Augen.
-
-»So? Also das kleine Ding da macht Dir etwas Spaß, Agnes?« Ich glaube,
-daß ich zu dieser eigentlich nichtssagenden Bemerkung wirklich ein recht
-einfältiges Gesicht gemacht habe.
-
-»Etwas Spaß?« wiederholte sie leise. »Weiß ich doch gar nicht, wie Du
-dazu kommst, mir solch' eine unendliche Freude zu bereiten, Gilbert? Das
-Bild ist -- ist entzückend!«
-
-»Es sind Deine Züge. Wenigstens habe ich mir Mühe gegeben, dieselben
-aus -- dem Gedächtnis auf den Fächer zu zaubern. Das -- andere, was noch
-darauf ist, sind -- natürlich nur Gebilde meiner Phantasie.« Ich sah ihr
-jedoch, während ich das sagte, zum erstenmale voll in die Augen. Allein,
-wie mit Purpur übergossen, hatte sie den Blick rasch zur Erde gesenkt.
-
-Teuerster Carolo! Es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so hätte ich
-meine Agnes, das liebliche Geschöpf, mit einem Jubelschrei an die Brust
-gezogen, um ihr frei vom Herzen herunter alles das zu enthüllen, was seit
-jenem heilsamen Theaterabende meine Pulse fliegen ließ. Doch Gott bewahre!
-Ich überwand mich. Nicht jetzt -- nicht um des Fächers willen sollte die
-Scheidewand zwischen uns in nichts versinken. Stand doch gerade ein anderes
-Fächerbild gleich einem mahnenden Gespenste vor meinem Geiste -- ein
-anderes Bild, was die Weihe eines so seligen Moments sicherlich gestört
-haben würde. In sanfter, liebender Fürsorge führte ich mein junges Weib
-nur hinüber in ihr Zimmer, küßte sie schüchtern auf die Stirn und --
-ging. --
-
-Aber Du willst natürlich gern wissen, warum mein Geschenk Agnes so ganz
-besonders wertvoll dünkte, warum sie vor seliger Freude darüber errötet
-war? Gut, auch das sollst Du jetzt erfahren! Das Fächerbild zeigt nichts
-anderes, als eine jugendschöne Mutter, die, strahlendes Glück in ihren
-Zügen, über ihr neugeborenes Kindlein sich niederbeugt!
-
-Bist Du jetzt mit mir zufrieden, =amico=?
-
- Dein Gilbert.«
-
- * * * * *
-
- (24 Stunden später.)
-
- »Herzensfreund!
-
-Was ich diesem »meinem kleinen Romane« noch hinzuzufügen habe,
-ist wenig, doch ist es das Bedeutungsvollste, was ich während meiner
-Künstlerlaufbahn jemals erlebte.
-
-Nur eine kurze Spanne Zeit verfloß, nachdem Agnes zu mir zurückkehrte;
-aber eine Wandlung ist seitdem vor sich gegangen -- mit ihr -- mit mir --
-mit und in unserem Heim, daß ich vor staunender Bewunderung und stummer
-Verzückung oft die Hände falte und flüstere: »O Gott, bin ich denn
-solchen Glückes auch wert?«
-
-Aber Du wirst ungeduldig und neugierig über das Mysteriöse meiner Worte
-oder errätst Du vielleicht jenes Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen
-Freund plötzlich zu einem völlig Anderen umgeschaffen? -- --
-
-Bald nach ihrer Ankunft und unserem Wiedersehen im Atelier hatte Agnes,
-weil sie ruhebedürftig war, sich zu Bett gelegt. Ich aber langte nach
-meinem Hut und stürmte hinaus; hinaus in den wonnig warmen Maienabend zog
-es mich. Die erste mir entgegenkommende Droschke rufe ich an und fahre in
-den Tiergarten. In Gottes freier Natur wollte ich allein sein mit meinen
-Gedanken und Empfindungen. Ich wußte -- fühlte, daß ein veredelnder
-Läuterungsprozeß in mir vor sich ging, und diese heilsame Krisis mußte
-sich ganz still, fern von allem Menschengewühl vollziehen. Nicht mehr als
-der Gilbert, den Du, mein Freund, gekannt und welchen Du aus all' diesen
-Briefen noch zur Genüge studieren konntest, -- nein, nein, und tausendmal
-nein! -- nur als ein Mann wollte ich Agnes wieder vor die Augen treten,
-der das von ihr einst mit so scharfer Betonung gesprochene, heilige Wort
-»Pflichten« zu würdigen und im ganzen Maße zu erfüllen verstand.
-Verachtungswert erschien mir plötzlich mein verflossenes Leben gegen das
-wahre, süße Glück, welches ich heute, als mein junges Weib so holdselig
-schüchtern neben mir im Atelier stand, vor mir auftauchen gesehen.
-Und dennoch bin ich lange Monate wie ein Blinder an diesem Schatze
-vorübergeschritten, ohne ihn zu heben und mein eigen zu nennen. --
-
-Viele Stunden mochte ich wohl im Tiergarten umhergeirrt sein; denn längst
-war die Sonne zu Rüste gegangen und die ersten Schatten der Maiennacht
-zogen bereits über Wege und Rasenplätze. Als ich nach der Uhr sah, zeigte
-sie schon ein Viertel vor Zehn. Da durchzuckte plötzlich ein heftiger
-Schrecken meine Glieder. In meinem Freuden- und Glückestaumel war ich
-von Hause fortgestürmt, hatte nicht bedacht, daß Agnes meiner vielleicht
-bedürfen könnte. Sie war allein! Wenn ihr irgend etwas zugestoßen! Jähe
-Angst befiel mein Herz. O, ich war doch immer noch der alte Egoist, welcher
-zuerst nur an sich selbst dachte!
-
-Im Sturmschritt ging's nun nach dem Droschkenhalteplatz. Gott Lob! Dort
-steht richtig noch das schlichte Gefährt, dessen ich mich zur Herfahrt
-bedient. Ich drücke dem Kutscher fünf Mark in die Hand und befehle ihm,
-im Galopp nach der angegebenen Adresse zu fahren. Zu Hause angelangt, renne
-ich, von düsteren Ahnungen gepeinigt, die zwei Stiegen zu meiner
-Wohnung hinan und trete atemlos in den Vorsaal. Nichts regt sich -- alles
-mäuschenstill! Dem Himmel sei Dank! Meine allzubange Sorge war demnach
-unbegründet, und mit diesem Gefühl der Erleichterung öffne ich die Thür
-nach dem Wohnzimmer meiner Frau, an welches ihr Schlafzimmer stößt. -- Da
--- da, Allmächtiger, was ist das? Welch' seltsam fremde Laute tönen von
-dort heraus an mein Ohr! Ich halte mir den Kopf mit beiden Händen -- ich
-taumle. Das klägliche Schreien eines kleinen -- meines Kindes ist's, was
-ich vernehme.
-
-Gleich einem Rasenden laufe ich vorwärts, -- keine Macht der Erde hätte
-mich in diesem Momente zurückzuhalten vermocht -- und befinde mich alsbald
-in dem matt erhellten Heiligtum. Hatte Agnes mein Kommen gehört oder hatte
-das teure Wesen meine Gegenwart nur geahnt? Zwar gedämpft, aber dennoch
-deutlich klingt hinter einer hohen spanischen Wand mir mein Name entgegen:
-»Gilbert!«
-
-Nun war es mit Fassung und Selbstbeherrschung an mir vorbei. Ungeachtet
-der Anwesenheit einer mir unbekannten Wärterin, ungeachtet des aus dem
-Hintergrunde plötzlich auftauchenden, strengverweisenden Gesichts meiner
-Frau Schwiegermutter -- machte ich auf den Zehenspitzen zwei Sätze gegen
-den Bettschirm hin und lag, ehe ich selbst noch recht zur Besinnung kam,
-am Lager derjenigen, die mich zu neuem, besseren Leben zurückgeführt,
-den Kopf auf deren kleine Rechte gestützt, knieend und unter Schluchzen
-flüsternd: »Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«
-
-Da schob sie mit der einen freien Hand einen bisher an ihrer Brust
-liegenden, meinen unerfahrenen Blicken paketähnlich dünkenden Gegenstand,
-woraus nur ein dunkles Köpfchen sich bemerklich machte, sanft nach mir hin
-und schlang mit zärtlichem Drucke ihren Arm um meinen Hals.
-
-»Das ist mein Dank für das süße Fächerbild! Hier ist Dein Sohn! Freust
-Du Dich über dieses Geschenk, Gilbert?« --
-
-Für heute aber sei es genug, mein lieber Karl! Als ich blind, thöricht,
-leichtsinnig und von bösen Leidenschaften verfolgt war, fand ich der Worte
-genug, Dir zu schreiben. Jetzt bin ich am Ende. Das Glück ist stumm.
-Sei darum nachsichtig mit mir! Das beste wäre übrigens, Du kämest bald
-selbst nach Berlin und beglücktest damit Deinen
-
- stets getreuen Freund Gilbert.«
-
-
-
-
-Aus Großtantchens Hofdamenleben.
-
-
-Deutlich steht die greisenhafte, schlanke Gestalt der Cousine des seligen
-Großvaters noch vor meinem Geiste.
-
-Damals -- lange Jahre sind nun auch seitdem vergangen -- imponierte
-mir Achtzehnjährigen, die ich erst seit wenigen Monaten mit stolzem
-Selbstgefühl das Prädikat »Frau« trug und somit in Tante Babettens
-Familie hineingeheiratet hatte, diese kleine wahrhaft originelle Dame von
-vierundneunzig Jahren gewaltig.
-
-Noch niemals im Leben hatte ich einem so alten menschlichen Wesen
-gegenüber gestanden, und als ich zum erstenmal in dem mit steifer
-Empirepracht möblierten Paradezimmer mich tief zur Erde niederbückte,
-um meiner alten Verwandten, die kerzengerade und unleugbar hoheitsvoll
-von ihrem Sitze sich erhob, in Ehrfurcht die runzelige Hand zu küssen,
-da überkam mich eine Empfindung, als wäre ich um acht Jahrzehnte
-zurückversetzt, und eine jener mythenhaften Ahnmütter, deren Existenz mir
-nur dunkel vorschwebte, sei plötzlich zum Leben erwacht. Wie konnte dieses
-mumienartige, zusammengeschrumpfte Gesichtchen, mit den kaum einem Menschen
-ähnlichen wimperlosen trüben Augen noch Spuren von Leben, Geist und
-Intelligenz verraten? Was wohl würde dieses seltsame Wesen aus einer
-längst begrabenen Zeit mit mir, dem heiteren Kinde des neunzehnten
-Jahrhunderts, sprechen? War es denn möglich, daß dasselbe überhaupt noch
-Interesse zu finden vermochte an Leuten und Verhältnissen, die -- nach
-meiner Idee -- den Anschauungen jener Tage so weit entrückt lagen? Das
-alles dachte ich im ersten Moment meiner Bekanntschaft mit Tante Babette.
-
-Wie sehr sollte ich mich jedoch geirrt haben! Heute noch, nachdem der
-Greisin kleiner Körper längst von allen irdischen Mühsalen ausruht,
--- heute noch gehören alle die Stunden, welche ich in ihrer Gesellschaft
-verbringen durfte, mit zu den liebsten, heitersten Erinnerungen meines
-Lebens. Tante Babette war zwar ein Original, allein ein geistreiches,
-witziges, zuweilen etwas elegisch angehauchtes, zuweilen aber auch ein
-wenig scharf boshaftes Original. Von Gedächtnisschwäche und dem bei
-solch' hohem Alter vielleicht sehr natürlichen Verwechseln von Personen,
-Namen und Daten war an Großtantchen keine Spur zu bemerken. Staunen
-erregte es in mir wirklich, wie sie für alles, was in der eigenen Familie,
-unter ihren Bekannten, ja sozusagen in der Welt vorging, nicht bloß das
-lebhafteste Interesse bezeigte, sondern wie sie sogar in den reichen Schatz
-ihrer Erlebnisse mit einer Sicherheit und Genauigkeit zurückzugreifen
-vermochte, um dieses oder jenes interessante Stücklein oder lustige
-Episode eines langen, erfahrungsreichen Lebens ans Tageslicht zu fördern.
-
-Dreißig Jahre war Tante Babette als Hofdame bei einer thüringischen
-Herzogin gewesen, und schien es besonders diese Zeit zu sein, bei der ihr
-reger Geist am liebsten verweilte. Kam es mir, der in Andacht Lauschenden,
-dabei doch zuweilen vor, als rolle sich ein Stück Geschichte oftmals vor
-meinen Augen auf.
-
-In bunten Farben schilderte mir die alte Dame unter vielem anderen das
-amüsante Leben am zeitweiligen Hofe der Kaiserin Josephine zu Kassel,
-dessen wechselvollen Reiz Tante Babette in Begleitung ihrer Herzogin
-kennen zu lernen das seltene Glück gehabt. Mit eigenen Augen hatte sie den
-überaus glänzenden Kreis geschaut, in welchem Josephine durch Schönheit
-wie durch Geist, die Königin Hortense dagegen durch liebenswürdige Anmut
-den Mittelpunkt gebildet. Sobald sie aus jener Zeit erzählte, dann
-reckte sich die kleine, dürftige Gestalt in die Höhe, und dünkte es mir
-zuweilen, als husche dabei ein Schimmer einstiger Jugend über die welken,
-verwitterten Züge von Tante Babette, die übrigens niemals schön gewesen
-sein soll. Ganz besonders aber war es _ein_ Name, der ihre matten Augen
-stets in merkbarem Feuer aufflammen machte.
-
-Zwar bezeigte Großtantchen sich immer als gute Patriotin, hing auch mit
-Leib und Seele treu an ihrem Königshause und hatte in Preußens Sturm- und
-Drangperiode gewiß im tiefsten Innern unter des Usurpators Joch geseufzt
-und getrauert. Allein trotzdem schlug ihr Herz, wie sie mir oftmals
-versichert hatte, in einer ihr unerklärlichen, halb bangen, halb
-berauschenden Freude, wenn sie in jener aufregenden, so verhängnisvollen
-Zeit des Weltbezwingers Antlitz mit den durchdringenden, stahlgrauen
-Adleraugen einmal begegnete. Lächelnd und ungeachtet ihrer vierundneunzig
-Jahre mit fast jungfräulichem Senken der Lider gestand Tante Babette mir
-eines Tages ein, daß sie nie für einen anderen Mann geschwärmt habe, als
-für den großen Kaiser Napoleon.
-
-»Und er?« hatte ich mit schüchternem Einwurf zu fragen gewagt; worauf
-Großtantchen -- noch in der Erinnerung an die dahingegangene Jugend und
-deren mannigfache Enttäuschungen -- seufzend erwiderte, daß der Stolze,
-Gewaltige der kleinen, so wenig schönen Hofdame wohl eigentlich niemals
-Beachtung, ja kaum einen eingehenden Blick geschenkt. Und dennoch hatte
-eine Schicksalstücke an dem für eine still im Busen getragene Neigung so
-blinden, undankbaren Mann sich zu rächen ersonnen. Tante Babette sollte
-eine, wenn auch nur zweifelhaft ehrenvolle Revanche haben.
-
-Ihre eigenen, genau in der ihr charakteristischen, sentimentalen, dabei
-jedoch scharf witzigen Redeweise wiedergegebenen Worte sind es daher
-auch, welche ich hier bringe, und die in nachstehender kleinen Episode aus
-Großtantchens Hofdamenleben mir damals eben so scherzhaft als originell
-erschienen, daß ich heute, nach fast fünfundzwanzig Jahren, weder irgend
-Bedenken hegen, noch eine Indiskretion zu begehen fürchte, wenn ich sie
-wahrheitsgetreu nacherzähle:
-
-»Der Kaiser -- der Kaiser sollte auf Besuch zu meinen Herrschaften
-kommen! Gleich einem Lauffeuer durchflog diese überraschende Kunde unser
-herzogliches Schloß. Wann er eintreffen, wie lange der hohe, mächtige
-Gast in unseren bescheidenen Mauern weilen würde, davon verlautete fürs
-erste noch nichts. Mir genügte, daß er _kam_, daß ich ihn sehen, daß
-meine Füße denselben Boden berühren sollten, den er _gestreift_! Eines
-Abends war ich länger als gewöhnlich bei der Frau Herzogin in deren
-Gemächern zurückgehalten worden. Der französische Roman, welchen
-vorzulesen mir befohlen worden, hielt uns dermaßen in Aufregung und
-Spannung, daß wir der späten Stunde gar nicht gedachten. Endlich -- ich
-glaube, es schlug bereits halb zwölf Uhr -- nahm meine Gebieterin mir das
-Buch aus der Hand und hieß mich zur Ruhe gehen.
-
-»Mit tiefem Kompliment nach rückwärts hatte ich mich verneigt und war
-die Thürklinke bereits in meinen Fingern, als die hohe Frau einen seidenen
-Shawl ergriff und eigenhändig ihn mir um Kopf und Schultern schlang.
-
-»›Die Gänge des Schlosses sind kalt, und der Weg nach Ihren Zimmern ist
-weit, mein liebes Kind!‹ sagte sie dabei freundlich wie immer. ›So, nun
-aber laufen Sie recht schnell, ich wünsche, daß Ihnen niemand begegnen
-möge! Denn -- denn ...‹
-
-»Der Herzogin weitere Worte verstand ich nicht mehr, da sie mich rasch auf
-die Stirn küßte und zur Thür hinausschob.
-
-»Hu! Ich fror wirklich; wenigstens rieselte ein eigenartiger Schauer
-durch meine Glieder, einerseits verursacht durch die aufregende Lektüre,
-andererseits aus Bangigkeit, in schon so weit vorgerückter Nachtstunde den
-endlos langen Korridor des Schlosses und sogar noch eine Stiege aufwärts
-bis zu meiner ziemlich entfernten Wohnung _allein_ zurücklegen zu
-müssen. Spukgeschichten hat wohl ziemlich jedes größere, ältere Schloß
-aufzuweisen, und so kam es denn auch, daß in diesem Moment allerlei
-gruselige Dinge und Gestalten vor meinem Geiste auftauchten, um so mehr
-noch, weil man hinsichtlich der Beleuchtung in jener Zeit noch äußerst
-haushälterisch zu Werke ging und nur hier und da in den weitläufigen
-Fluren und Gängen ein bescheidenes Lämpchen anbrannte.
-
-»Thorheit! dachte ich, ärgerlich über mich selbst, und schüttelte
-das kindische Grauen von mir ab. Schnell rannte ich eine Strecke in das
-gespenstige, ab und zu von einem magischen Lichtschein unterbrochene Dunkel
-hinein. Wie unheimlich laut hallten doch meine Schritte von den hohen
-gewölbten Wänden wieder! -- Doch vorwärts mußte ich. Noch einmal holte
-ich tief Atem und lief, das Tuch fester über den Kopf ziehend, weiter.
-Beinahe war die Biegung, in welcher der lange Korridor des zweiten
-Schloßflügels und auch die Treppe zum oberen Stockwerk mündete,
-glücklich erreicht, -- da höre ich eine Thür leise öffnen und wieder
-schließen, und ein fester, energischer Tritt kommt den Gang entlang, mir
-gerade entgegen.
-
-»Entsetzt fahre ich zusammen. Das mußte ein Mann sein. Schrecklich! mich,
-der Frau Herzogin Hoffräulein, um die Mitternachtsstunde in den Gängen
-des Schlosses anzutreffen! Gerade an unserem Hofe hielt man auf strengste
-Etikette. War es aber nicht sofort erklärlich, daß ich aus den Gemächern
-meiner Gebieterin kam? Bekannt war es ja, daß diese gern sehr lange
-aufzubleiben beliebte.
-
-»Immer näher ertönen die verhängnisvollen, eigentümlich kurzen,
-energischen Schritte. Keiner der Lakaien wagte so sicher aufzutreten. So
-mußte es also wohl jemand von den Hofkavalieren sein. Wie ärgerlich,
-wie fatal! Jetzt -- neugierig spähe ich -- trotz meines fieberhaften
-Herzklopfens -- mit einem Auge aus dem mich verhüllenden Shawl. Eine kaum
-an die Mittelgröße hinanreichende, von einem weiten Radmantel bedeckte
-Mannesfigur steht vielleicht nur noch zehn Fuß von mir entfernt und
-stutzt. Gleich einem vom Geier eingeschüchterten und verfolgten Hühnchen
-ducke ich mich und krieche förmlich in mich zusammen, um mit geschickter
-Wendung an der drohenden Gestalt rasch vorbeizuhuschen.
-
-»Da -- ich glaube, jeder Blutstropfen zog sich während dieses
-entsetzlichen Augenblicks in mein armes Herz zurück und machte es fast
-springen vor Angst und Scham -- da vertritt der Unverschämte mir schnell
-und gewandt den Weg. Empört weiche ich etwas nach rückwärts, doch
-noch nicht genug; er breitet die Arme aus und drückt mein schmächtiges
-Figürchen stürmisch an die Brust.
-
-»Schreien hätte ich mögen vor Wut und Zorn. Allein was hilft das; es
-würde die böse Situation eher noch verschlimmert haben. Mein energisches
-Zerren und Winden, um die Umschlingung zu lösen, blieb wenigstens umsonst.
-Denn ein bartloses Männergesicht bog sich mit Blitzesschnelle zu meinem
-Kopfe nieder, und -- ehe ich noch so recht zum klaren Bewußtsein kam,
-brannte ein herzhafter Kuß auf meinen Lippen!
-
-»Entsetzlich! Mich, der Frau Herzogin sittsames, anerkannt prüdes
-Hoffräulein, so =sans façon= zu küssen! Wer war der Beleidiger? Das
-konnte -- das durfte ich nicht so ruhig hinnehmen.
-
-»Zum Glück vermochte der arglistige Attentäter, dem die dunkle
-Nachtstunde gerade willkommen schien, ein ahnungsloses Fräulein arglistig
-zu überfallen, mich nicht zu erkennen, indem ich das Tuch mit heftigem
-Ruck noch tiefer herabgezogen hatte. Doch zwischen den langen seidenen
-Franzen hindurch, die schützend ihm meine Züge verhüllten, sah ich nun
-direkt in ein lachendes Gesicht mit einem Paar flammensprühender Augen.
-
-»Allgütiger Gott! Der Kaiser Napoleon -- mein angebeteter Held -- mein
-Ideal war es!!
-
-»Die Füße versagten mir fast den Dienst, und es war nicht weit davon, so
-hätte ich laut aufgeschrien. In diesem Moment wußte ich wahrlich nicht,
-ob es Todesschreck -- ob es Freude war, was mir jede Spur von Fassung
-raubte. Die kraftvollen Arme gaben mich nun endlich frei, und halb
-betäubt, nur die Geistesgegenwart bewahrend, daß ich fortan mein
-Angesicht vor ihm verbarg, taumelte ich nach rückwärts.
-
-»›=Adieu, ma belle! Au revoir!=‹ tönte ein heiterer, merklich
-spöttischer Ruf mir nach. Aber wie von Furien gejagt, nicht rechts noch
-links schauend, stürmte ich meines Wegs -- die Treppe hinan und erreichte
-atemlos, dabei an allen Gliedern bebend, glücklich mein Zimmer. -- --
-
-»Den anderen Vormittag war ein großer, offizieller Empfang des Kaisers
-Napoleon bei der Frau Herzogin. Schon in der Frühe hatte die freudige,
-überraschende Kunde sich im Schlosse verbreitet, daß der Allgewaltige,
-nur von seinem Adjutanten begleitet, augenscheinlich um jeder lästigen
-Feierlichkeit auszuweichen, ganz plötzlich eingetroffen sei. Die
-glänzende Suite war dem Kaiser erst am Morgen nach jenem kleinen Abenteuer
-gefolgt. Wir drei Hofdamen, Gräfin N. N., Fräulein v. Z. und ich, standen
-zu Ehren des hohen Gastes, aufs schönste geschmückt, im Vorzimmer,
-welches direkt zu Ihrer Hoheit Privatgemächer führte, und harrten in
-Aufregung und banger Ungeduld des verhängnisvollen, so wichtigen Moments.
-Beugte sich damals doch alles vor dem siegesstolzen, durch Glück und Ruhm
-verwöhnten Mannes Haupt. --
-
-»Endlich -- Napoleon in seiner rücksichtslosen Art liebte es, auf sich
-warten zu lassen -- endlich öffneten sich die Thüren, und ein glänzender
-Zug, eingeführt durch den Hofmarschall unseres Herzogshauses, der Kaiser
-in großer Uniform an der Spitze, überschreitet die Schwelle ...
-
-»Erst nach unserer tiefen Verneigung vermochte ich in schüchternem Blick
-die Augen zu erheben zu dem angebeteten und doch wieder gefürchteten
-Manne. Stolz, gleich einem Siegesgotte, den charaktervollen Kopf in den
-Nacken zurückgelegt, einen Zug von blasiertem Hochmut und unbeugsamen
-Trotz um den festgeschlossenen Mund, -- so kam er dahergeschritten. Nun
-erst mußte er unserer ansichtig werden. Denn plötzlich stutzte er, und
-das große, stahlfarbige Auge richtete sich eine Weile mit neugierigem,
-indes scharfprüfendem Ausdruck auf uns drei Damen.
-
-»Gräfin N. N. war eine große, schlanke Blondine, Fräulein v. Z.s Figur
-zeigte auffallend üppige Formen. Beide waren um ein beträchtliches
-Teil hübscher als ich. Allein gerade an _meiner_ unbedeutenden, kleinen,
-zierlichen Gestalt blieb das Kaiserauge am längsten und eingehendsten
-haften. Fest und voll schaute er mir darauf ins Gesicht hinein. Ein Moment
-war das, wo ich am liebsten in die Erde hätte sinken mögen. Denn ich
-gewahrte, wie die scharf markierten Brauen dieses seltsamen Antlitzes sich
-finster zusammenzogen und sichtlich Zeichen von Ärger und Verdruß um die
-stolz geschwungenen Lippen sich ausprägten.
-
-»Was war das? -- Hatte er mich wiedererkannt? -- War diejenige, welcher
-sein heiterer Zuruf: ›=Au revoir, ma belle!=‹ gegolten, vielleicht
-nicht ganz nach seinem Geschmack, nicht seinen Erwartungen entsprechend? O,
-daß ich in dieser bitteren Stunde meinen so wenig anziehenden Zügen den
-Stempel der Schönheit hätte zu leihen vermögen!
-
-»Noch stolzer und steifer richtete der Kaiser sich empor, grüßte nur
-mit kurzer, vornehmer Handbewegung nach uns hinüber und verschwand in den
-Gemächern der Frau Herzogin. --
-
-»Während seines zweitägigen Aufenthalts an unserem Hofe hat der
-Allgewaltige auch nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen. --
-
-»Eingeschüchtert und mit Thränen in den Augen habe ich jedoch später
-meiner Gebieterin diese kleine ›Aventure‹ gebeichtet. Sie lachte nur
-dazu und meinte, daß sie von der Ankunft des Kaisers an jenem Abende schon
-gewußt, es aber für besser gehalten, zu mir darüber zu schweigen. Im
-übrigen tröstete sie mich mit den heiteren Worten: ›Einen Kuß in
-Ehren, kann niemand wehren!‹ Mir aber ist es zeitlebens nicht recht
-klar geworden, worin die große Ehre dieses Kusses eigentlich bestanden.
-Wenigstens wußte ich nie, ob ich mich darüber freuen oder grämen
-sollte!« --
-
-Als Großtantchen mir jene niedliche Episode erzählte, mußte sie indes
-wohl die Enttäuschungen, welche der damalige Besuch Napoleons mit sich
-gebracht, längst verschmerzt haben. Denn auch sie lachte dabei: nur hatte
-sie die Augen geschlossen und leise flüsternd hinzugefügt: »Mein Ideal
--- mein kaiserlicher Held blieb er aber dennoch!« -- -- --
-
-Großtantchen hat das seltene Alter von 97 Jahren erreicht und
-erfreute sich bis zu ihrem eigentlich unerwartet schnellen Ende einer
-unerschütterlich guten Gesundheit. Die Kammerfrau fand die dürftige,
-kleine Gestalt derselben eines Morgens kalt und steif in ihrer, auf
-goldenen Löwenklauen ruhenden, prächtigen Empire-Bettstatt.
-
-Mir selbst, die ich am entgegengesetzten Ende Deutschlands lebte, war es
-leider nur selten beschieden, nach Thüringen reisen und die alte Verwandte
-besuchen zu können, allein wurde diese Freude mir einmal zu teil,
-so unterließ ich es sicher nicht, Tante Babette zu bestimmen, mir
-gelegentlich irgend ein interessantes Episödchen aus dem reichen
-Schatzkästlein ihrer Erlebnisse während einer dreißigjährigen
-Hofdamenzeit mitzuteilen.
-
-»Ich bitte mir aber aus, Kind, daß Du nicht etwa alle diese Dinge schon
-zu Papier bringst und drucken läßt, so lange ich noch unter den Lebenden
-weile. Wenn ich nicht mehr bin, dann magst Du nach Gutdünken damit
-verfahren,« hatte die alte Dame einmal lächelnd und mir dabei mit dem
-Finger drohend, gesagt. Ich glaube daher jetzt, nachdem Tante Babette schon
-mehr als fünfundzwanzig Jahre unter dem grünen Rasen schlummert, keine
-allzu große Indiskretion zu begehen, wenn ich das einstige Hoffräulein
-der Herzogin von X... abermals selbst reden lasse und eine ihrer
-Erzählungen hiermit aus der Erinnerung niederschreibe:
-
-»Die Geißel des Krieges und das eiserne Joch des Usurpators lastete
-schwer auf unserem armen Vaterlande. Nach den unglückseligen Schlachten
-von Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 war nunmehr auch das
-gottgesegnete Thüringen der Schauplatz schrecklicher Verheerungen
-geworden. Die Felder lagen unbebaut oder waren durch endlose
-Truppendurchmärsche verwüstet, die Städte geplündert, die Dörfer zum
-teil niedergebrannt, überall Not, Krankheit und Jammer!
-
-»Um so überraschender mochte es erscheinen, daß, gleich einer Oase
-in der Wüste, unser Ländchen von allem Greuel und Ungemach des Krieges
-verschont geblieben war. Was hielt den Weltbezwinger wohl davon ab, das
-unbedeutende Herzogtum X... nicht mit gleicher Tyrannei und Willkür
-zu behandeln. Uneingeweihte mochten sich über diese sonderbare Huld
-vielleicht den Kopf zerbrechen. Allein bei uns am Hofe war es durchaus
-kein Geheimnis mehr, daß Napoleon diese Rücksicht einzig und allein
-dem Herzoge und Gemahl meiner hohen Gebieterin angedeihen ließ, der, wie
-allgemein bekannt war, eine schwärmerische Verehrung, ja, ich möchte
-sagen, glühende Anbetung für des Kaisers Person hegte und mit seinen
-Gefühlen keineswegs hinter dem Berge hielt.
-
-»Man sprach davon, daß Napoleon, der für jede Schmeichelei sehr
-empfänglich war, sich über diese in einem Männerherzen für ihn
-entflammte Leidenschaft königlich amüsierte und in einem Anfalle seiner
-unberechenbaren Launen den Befehl gegeben habe, das Herzogtum X... nicht
-allein in jeder nur erdenklichen Weise zu schonen, sondern auch von allen
-Kriegslasten zu entbinden.
-
-»Wie von seiten anderer Höfe dieser seltsame Umstand aufgefaßt und
-beurteilt, ob es dem deutschen Fürsten verdacht wurde oder ob man gar
-über ihn spöttelte, das ficht den Gemahl meiner Gebieterin durchaus
-nicht an. War es doch ein Mensch, dessen krankhaft überspannter Geist
-sich selten mit der Wirklichkeit beschäftigte, sondern sich meist in
-einer eingebildeten Welt voll eitler Hirngespinste und traumhafter Ideale
-bewegte. Der Herzog lebte nämlich in dem thörichten Wahne, das Fühlen
-und Denken, ja die Seele eines _Weibes_ zu besitzen und bemühte sich
-daher, jedwede Männlichkeit zu verleugnen und abzuschwören. Aus diesem
-Grunde drehten sich auch alle seine Gedanken und Interessen nur um Dinge,
-die im Gesichtskreise der Frau liegen.
-
-»Wer diesen eigentümlichen Mann nicht mit eigenen Augen gesehen, konnte
-sich von seiner wunderbaren Erscheinung gar keinen klaren Begriff machen.
-
-»So war des hohen Herrn Kleidung ganz ausgesprochen frauenhaft, was zu
-seinem bartlosen Gesicht mit dem weichlich elegischen Ausdruck und den
-schmachtenden großen blauen Augen allerdings nicht übel paßte. Lang
-wallende, meist weiße Gewandungen umhüllten seine etwas schlaffen
-Glieder, während das üppige, gelockte Blondhaar sich unter einer
-turbanartigen Kopfumhüllung bis tief in die Stirn hineinsenkte.
-
-»Waren wir, das heißt, die Frau Herzogin mit ihren drei Hoffräuleins,
-zu Seiner Durchlaucht zum Thee geladen, so lag Serenissimus in halb
-griechischem Kostüm mit breitem Goldgurt um die Hüften, den für einen
-Mann wirklich blendend weißen Hals und Nacken teilweise entblößt, die
-vollen, ebenfalls bloßen Arme über und unter den Ellbogen mit kostbaren
-Spangen geschmückt, auf einem Ruhebett und empfing uns, indem er sich
-graziös erhob und nach Art der Damen sich verneigte.
-
-»Niemals drehte sich die Unterhaltung um die damals alle Gemüter
-beschäftigende Politik und die aufregenden Ereignisse einer schweren
-Zeit, sondern nur um seichte französische Romane -- Hofklatsch und --
-Toilettenangelegenheiten!
-
-»Selbstverständlich waren wir Hofdamen viel zu gut geschult und nebenbei
-von einer zu innigen Teilnahme und Verehrung für unsere Gebieterin
-erfüllt, als daß wir gewagt hätten, auch nur den kleinsten Schimmer
-eines Lächelns um unsere Lippen zucken zu lassen. Die Etikette jener Zeit
-erheischte die allergrößte Rücksicht.
-
-»Daß unter den obwaltenden Verhältnissen sich unsere Frau Herzogin
-sehr unglücklich in ihrer Ehe fühlte und wohl nur die äußere Form und
-Konvenienz dieses gewiß niemals innig gewesene Band der beiden Gatten noch
-zusammenhielt, sind Dinge, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte.
-Nur einer kleinen Episode will ich noch Erwähnung thun, die wirklich
-höchst spaßig war und dem in seinen Gewohnheiten und Geschmacksrichtungen
-oftmals zur Überspanntheit hinneigenden Fürsten eine gründliche Lehre
-geben sollte.
-
-»Napoleon, der sich auf seinem Siegeszuge auf dem Wege nach Berlin befand,
-glaubte unserem Herzoge keine größere Freude bereiten zu können, als
-wenn er ihm die Ehre eines Besuches schenkte. Vielleicht waren es auch
-leise und sehr natürliche Regungen der Neugierde, den als Original
-bekannten Fürsten einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, die den
-Weltbezwinger zu diesem Schritte -- persönlich nach X. zu kommen --
-veranlaßten.
-
-»Kurz, Serenissimus schwamm in einem Meer von Entzücken und ersann die
-denkbarsten und undenkbarsten Sachen, um dem vergötterten Kaiser einen ihm
-gebührenden Empfang zu bereiten.
-
-»Natürlich spielte die Toilettenfrage dabei wieder eine nicht
-unbedeutende Rolle, und mochte die gefallsüchtigste, kokettste Frau wohl
-kaum so lange über die Mittel, ihre Reize in das beste Licht zu stellen,
--- nachgegrübelt haben, als es der Herzog vor dem zu erwartenden Besuche
-des Kaisers gethan.
-
-»Vielleicht sollten wir, die am Hofe befindlichen weiblichen Elemente,
-alle in Schatten gestellt werden.
-
-»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war, ließ in ihrer
-edlen Herzensgüte und rührenden Bescheidenheit alles über sich ergehen.
-Daher hatte auch Seine Durchlaucht, zweifellos um seine eigene Person
-noch mehr zur Geltung zu bringen, den Empfang des hohen Gastes nach seinen
-Privatgemächern verlegt, so daß wir übrigen eigentlich nur Staffage
-bilden sollten.
-
-»Vorausschicken muß ich noch, daß Napoleon dem Herzoge bereits
-schriftlich die Stunde seines Besuches angekündigt hatte, und in diesem
-äußerst huldvollen Briefe mit einfließen ließ, derselbe möge sich
-irgend eine _Gnade_ vom Kaiser erbitten.
-
-»Und der große mit Sehnsucht und Spannung erwartete Moment kam endlich!
-War doch die Macht und das Ansehen des Mannes, der auf dem Wege war, sich
-ganz Europa zu unterjochen, eine so große, daß hoch und niedrig, alt und
-jung vor seinem bloßen Angesicht zitterte.
-
-»Von seinen Generälen, Adjutanten und einem Kreise besonders bevorzugter
-Männer umgeben, betrat Napoleon das mit verschwenderischem Luxus
-eingerichtete, jedoch an ein mit verweichlichtem, üppigen Geschmack
-ausgestattetes Frauengemach erinnernde Zimmer des Herzogs, in dessen Mitte
-ein schwellendes Ruhebett stand, von dem sich eine dem Auge eines Fremden
-ganz seltsam erscheinende Gestalt emporrichtete.
-
-»Hinter meiner Gebieterin versteckt, vermochte ich des Kaisers Züge genau
-und völlig unbemerkt zu beobachten, daher sah ich deutlich, wie plötzlich
-ein heiteres, allein merkbar spöttisches Lächeln über das ehern finstere
-Antlitz glitt und das durchdringende Adlerauge halb ungläubig, halb
-staunend an dem sich seinen Blicken Darbietenden haften blieb.
-
-»War das eine Komödie, eine ganz besondere Überraschung etwa, die man
-ihm hier vorgeführt? Was bedeutet das? -- so mochte der hohe Gast wohl bei
-sich denken, indem er sich jetzt mit fragendem Gesichtsausdrucke seitwärts
-wandte, wo mit gesenkten Lidern und sich schüchtern verneigend, meine
-Gebieterin stand! Dieser aus dem Kaiserauge sie treffende Blick war ebenso
-demütigend als niederschmetternd, das fühlte selbst ich -- die Hofdame.
-
-»Entsetzlich! In dieser merkwürdigen, von blaßrosa Seidenstoffen
-umwallten Figur, deren entblößter Hals und Arme von kostbarem Geschmeide
-strotzte, konnte Napoleon doch unmöglich den Herrn und Gebieter eines
-deutschen Fürstenstaats, den regierenden Herzog von X. vermuten! So
-weibisch verputzt, in fast lächerlichem Aufzuge, so jeder Männlichkeit
-Hohn sprechend, hatte der Weltbezwinger sich denjenigen, dessen glühende
-Anbetung er sich bisher stillschweigend gefallen ließ, doch nicht
-vorgestellt. Deutlich sah ich die tiefe Falte des Unwillens über der
-eisernen Stirn, welche nur zu wohl besagte, daß Napoleon sein Erscheinen
-in unserem Schlosse bereits bereuen mochte.
-
-»Den Herzog vielleicht ausgenommen, fühlten wir alle, daß dies ein
-furchtbar peinlicher Moment war, und schien es den Herren aus des Kaisers
-Suite wirklich Mühe zu kosten, Fassung und Contenance zu bewahren. Einige,
-wenigstens die Jüngsten davon, hatten nicht übel Lust, aller Hofetikette
-zum Trotz laut aufzulachen und ihrem Übermut und Witz die Zügel schießen
-zu lassen. Andere bissen sich krampfhaft in die Lippen und sahen unverwandt
-zu Boden.
-
-»Obwohl es auch Napoleon noch immer sehr verräterisch um die Mundwinkel
-zuckte, trat er jetzt mit hastigen Schritten der in ihrem zweifelhaften
-Liebreize vor ihm stehenden rosaumhüllten Gestalt entgegen, maß dieselbe
-mitleidigen, spöttischen Blickes und sagte in seiner bekannten schroffen
-Art:
-
-»›Fürwahr, ein sonderbarer Empfang! Aber Wir nehmen ein gegebenes Wort
-niemals zurück. Durchlaucht dürfen Sich von Uns eine Gnade erbitten. Sie
-soll gewährt sein. =Eh bien?=‹
-
-»Die vollen weißen Arme verlangend nach dem Kaiser ausgestreckt, die
-blauen Augen in einem Ausdruck schwärmerischer Sinnlichkeit zu des
-Weltbezwingers Antlitz emporgeschlagen, flüsterte der Herzog mit
-frauenhaft sanfter Stimme, aber laut genug, um von den Anwesenden
-verstanden zu werden: ›=Un baiser, Sir!=‹
-
-»Für Sekunden war es, als ob der lähmende Druck einer Erstarrung auf
-uns allen lastete. Wahre Totenstille herrschte ringsum, weil wohl jeder
-befürchten mochte, daß jetzt sicherlich ein brüskes, spottgefärbtes
-Lachen oder gar der Ausbruch jenes zügellosen Zornes -- vor dem Europa
-zitterte -- von den Lippen des Allgewaltigen hervorbrechen würde.
-
-»Nichts davon. Trotzdem mir unter dem knappen Atlasleibchen das Herz in
-wilden Schlägen hämmerte, verwandte ich von Napoleon keinen einzigen
-Blick.
-
-»Jetzt richtete sich die kleine Gestalt in der ihr eigenen hochmütigen
-Weise stolz empor -- das stahlgraue Auge verfinsterte sich merklich, doch
-ohne daß in den charaktervoll wie gemeißelt erscheinenden Zügen der
-geringste Schimmer von Bewegung sichtbar wurde, stieß er schroff und
-verächtlich hervor: ›=Vous êtes un fou! Adieu!=‹
-
-»Sprach's und verließ, von seiner glänzenden Suite gefolgt,
-unverzüglich das Gemach.
-
-»So kläglich endete des Kaisers Besuch an unserem Herzogshofe.«
-
-
-
-
-Unter dem Niagara-Falle.
-
-
- Niagara-Falls, den 18. Oktober.
-
- Teure Carrie!
-
-Der glühendste Wunsch meines Lebens ist wirklich in Erfüllung gegangen.
-Ich bin unter dem Niagara-Falle gewesen! Nicht allein, daß es mir
-vergönnt war, das kolossalste Naturschauspiel unserer Erde zu bewundern,
-in stummer, staunender Erstarrung versunken, die gigantischen Fälle in die
-Tiefe stürzen zu sehen, während mir dabei ein eisiges Gruseln über jenes
-Wunder durch die Glieder bebte, -- nein, Carrie, Herzensschwester, in
-die berühmte =cave of the winds= (Windhöhle) bin ich mit Papa
-hinabgestiegen! --
-
-Von Goat-Island aus ist es möglich, unter die Fälle zu gelangen, oder
-richtiger gesagt: unter den Raum zwischen der Felsenwand und den über
-dieselbe hinabstürzenden Fluten des amerikanischen Falles. Kaum glaublich
-ist das, und doch ist es nur der kleinste Teil der mächtigen Katarakte,
-unter welche ein menschliches Wesen sich wagen kann.
-
-Indes ist es durchaus nicht meine Absicht, Dir, Du Hasenfuß, der aus purem
-Mangel an Courage sich an unserer schönen Partie nicht beteiligen wollte,
-eine eingehende Naturbeschreibung zum besten zu geben. Wenn es Dich
-interessiert, so nimm Dir ein Reisehandbuch vor, und Du bist schneller
-orientiert, als ich es zu thun vermöchte. Nur von einem allerliebsten
-Abenteuer muß ich Dir noch berichten. Denke Dir: ein Abenteuer unter dem
-Niagara-Falle! So etwas erlebt ein einfacher Sterblicher, ein Mädchen von
-neunzehn Jahren, und noch dazu eine Deutsche, nicht oft im Leben!
-
-Höre also!
-
-Der Fremden-Andrang an den Fällen war, wohl der vorgerückten Jahreszeit
-wegen, nicht mehr sehr groß. Nur fünf Personen, darunter Papa und ich,
-machten sich auf den Weg nach der Windhöhle; ich als die einzige Dame,
-was meinen Stolz nicht wenig hob, besonders, da man mir von verschiedenen
-Seiten das wirklich Gefährliche und Anstrengende unseres Unternehmens
-klar zu legen sich bemühte. Vor allem war es ein junger Deutscher, --
-die Visitenkarte, welche er uns reichte, lautete: »Arnulf Clemens,
-Privatdocent. Berlin«, -- der fast außer sich darüber geriet, als er
-erfuhr, daß ich die Herren begleiten, mein blutjunges Leben, wie er feurig
-sich ausdrückte, diesen elementaren Mächten der Tiefe preisgeben wolle.
-Er selbst habe den Weg durch die Windhöhle in wissenschaftlichem Interesse
-schon einmal gemacht, kenne daher die gefährliche Passage ziemlich genau,
-worauf er dann noch eine schauerliche Schilderung derselben folgen ließ.
-Doch ich blieb unerschütterlich und lachte. Nichts in der Welt hätte mich
-auch von meinem Vorhaben abzubringen vermocht. Hatte mein Widerstand den
-Deutschen verletzt oder gekränkt? -- ich weiß es nicht. Wenigstens verlor
-ich ihn bald darauf aus dem Gesicht, das heißt, sein Gesicht verlor sich
-unter der riesigen Kapuze des sogenannten »wasserdichten« Anzuges
-aus safrangelbem Wachstuch, womit man uns vom Kopfe bis zu den Füßen
-bekleidete. Nebenbei vervollständigten monströse Filzpantoffeln, die
-einem jeden von uns unter die Füße gebunden wurden, die originelle
-Toilette. Das Betreten des nassen, schlüpfrigen Gesteins wäre
-ohne letztere auch eine Unmöglichkeit. Und so traten wir, derartig
-ausgerüstet, die Reise nach der Unterwelt an.
-
-Aber, o Carrie! Deine waghalsige kleine Schwester hatte doch ihren Mut und
-ihre Kräfte überschätzt.
-
-Gar schnell verschwand das übermütige Lachen von meinem Gesicht, und fast
-bereuete ich, Mr. Clemens' wohlmeinender Warnung kein Gehör geschenkt zu
-haben. Ein unheimliches Brausen und wahrhaftes Donnergetöse umfing uns
-bald, und der ungeheure Luftdruck, durch die Gewalt und Geschwindigkeit des
-herabstürzenden Wassers verursacht, übte einen so beklemmenden Einfluß
-auf unsere Lungen aus, daß man kaum zu atmen vermochte. Über unsere
-Häupter hinweg raste und rauschte die Wasserflut mit betäubendem Gebrüll
-in den Abgrund, dicke, graue Nebeldämmerung und fortwährender feiner
-Regen erfüllte die Atmosphäre ringsum, während von Zeit zu Zeit
-brausende Schaumwolken weißen Gischtes bis zu uns heranschlugen.
-
-So ging man langsam aus dem nur durch ein höchst primitives Geländer
-geschützten Wege vorwärts. Drei vermummte Gestalten bewegten sich vor
-mir; ich selbst wankte hinterdrein, und zuletzt schritt noch ein Mensch, es
-konnte nur Papa sein, der bisher dicht an meiner Seite geblieben war.
-
-Überwältigend und kaum mehr erträglich wirkte auf mich das furchtbare
-Tosen. O spotte meiner deshalb nicht! Denn was sind Menschennerven
-gegenüber jenen entfesselten Naturgewalten. Du wirst es daher natürlich
-finden, daß wir nicht lange in diesem schauerlich schönen Raume blieben.
-Die Großartigkeit der Windhöhle spottet überhaupt jeder Beschreibung.
-
-Dann kehrte ein jedes auf dem Absatz um und, äußerst vorsichtig, Schritt
-um Schritt genau beachtend, tappte man den lebensgefährlichen Weg wieder
-rückwärts. Da überkam mich plötzlich ein derartiger Schwindel, daß ich
-die Füße nicht mehr zu heben vermochte und die Augen schließen mußte.
-Das Geländer umklammerte ich krampfhaft und taumelte hin und her. Im
-Moment aber umfaßten auch schon zwei starke Arme meine bebende Gestalt
-vorsorglich. Nur denken konnte ich noch: »welches Glück, daß Papa neben
-mir ist!« Dann schmiegte ich mich halb besinnungslos, allein glücklich
-und beruhigt, an die treue Brust.
-
-Indes währte diese vorübergehende Schwäche wohl kaum zwei Minuten.
-Da schlug ich die Augen auf und drängte wieder vorwärts. Dort, ein
-ziemliches Stück von uns entfernt, schritten bereits die übrigen, die
-während dem vorgekommen waren. Mutig raffte ich mich daher empor. Und, dem
-Himmel sei gedankt, endlich wurde es auch heller, das fürchterliche Sausen
-und Brausen verminderte sich. Freier vermochten die Lungen wieder zu atmen,
-und schon drang Tagesschein bis zu uns. Nur ein kurzer Pfad noch aufwärts,
-und, -- Gott Lob, wir waren gerettet! Freudetrunken schaue ich zurück, um
-für meine Heldenthat von Papa mich beglückwünschen zu lassen, -- da, --
-o Schrecken! -- der Deutsche, Mr. Arnulf Clemens, war es, der mir folgte.
-Die Kapuze hatte er abgeworfen, und übermütig lachten seine blauen Augen
-mich an.
-
-Gräßlich, Carrie! Nicht wahr? Von seinen Armen umschlungen, habe ich
-an seiner Brust geruht! Verwünscht habe ich in diesem Momente alle meine
-Niagarasehnsucht. Ich hätte mich selber ohrfeigen mögen.
-
-Was aber half es? Mußte ich nicht noch gute Miene zum bösen Spiele
-machen? Das heißt, ich glaube, daß ich mit wütendem Gesichte gestammelt
-habe: ich hätte Papa hinter mir vermutet. Innerlich schäumte ich und nahm
-mir fest vor, dem zudringlichen Patron meinen Zorn fühlen zu lassen.
-
-Auf dem Rückwege nach dem Hotel wich er noch dazu nicht von meiner
-Seite, als ob der mir geleistete Dienst ihm etwa gar das Recht einräume,
-fernerhin meinen Beschützer zu spielen. Nebenbei entwickelte er eine echt
-deutsche Redseligkeit, um mich zu unterhalten.
-
-Vorausschicken muß ich übrigens, daß er kein übler Mann ist, --
-gewiß nicht, Carrie! Elegante Figur; zwar nicht besonders hübsch, aber
-hervorragend intelligent ist sein Gesicht, die Augen könnte man sogar als
-schön bezeichnen. Sie sprudeln von Geist und lachen von Herzensgüte. Eine
-tiefe Narbe, wahrscheinlich eine Reminiscenz aus der Studentenzeit, zieht
-sich über die linke Backe hin. Allein der Mensch hatte sich meine vollste
-Ungnade zugezogen, und dafür sollte er büßen.
-
-Eine günstige Gelegenheit fand sich rasch genug, indem er, da wir deutsch
-sprachen, seine Freude ausdrückte, in mir eine Landsmännin zu begrüßen.
-Die Männer besitzen alle eine gründliche Portion Neugierde, und so
-schlich er denn, wie man in unserem alten lieben Deutschland zu sagen
-pflegt, gleich der Katze um den heißen Brei. Er tippte hier, -- er tippte
-dort an; kurz, er brannte darauf zu erforschen, wer wir seien.
-
-Aha, dachte ich, das ist die Falle!
-
-Endlich erkühnte er sich, zu fragen, ob wir stetig oder nur vorübergehend
-in den Vereinigten Staaten wohnten!
-
-»Stetig. Der Beruf und die so überaus einträgliche Stellung meines
-Vaters hält ihn in Amerika fest,« log ich in größter Gemütsruhe.
-
-»Advokat? Politiker offenbar?« forschte er weiter.
-
-»O nein!« entgegnete ich mit der ernsthaftesten Miene der Welt. »Papa
-ist der -- Totengräber von New York!«
-
-Bin ich nicht ein gräßliches Mädchen, solch' haarsträubenden Unsinn zu
-sprechen, Carrie? =Dear old Pa?= Ich könnte mich tot lachen über meinen
-Witz. Und doch, -- im Moment, da die Lüge heraus war, that er mir leid.
-Denn das bisher überaus fröhliche Gesicht meines Begleiters nahm einen so
-erschreckten, traurigen Ausdruck an, als ständen wir plötzlich inmitten
-des großen Gräberfeldes von Greenwood-Cemetry in der Zeit, wo die Uhr die
-Geisterstunde schlägt, -- huh!
-
-Armer Arnulf Clemens!
-
-Er verbeugte sich höflich, indes merklich steif gegen mich, und wir legten
-schweigend den Weg nach dem Hotel zurück. Die Medicin that demnach bereits
-ihre Wirkung. Auffallende Abkühlung! Die erhöhte Temperatur seines Blutes
-sank auf den Normalstand zurück!
-
-Während des Lunch saß Mr. Clemens Papa und mir schräg gegenüber und
-unterhielt sich lebhaft mit unseren Reisebegleitern. Nur ab und zu streifte
-mich ein scheuer -- unsäglich trauriger Seitenblick. Aus den Gesprächen
-vermochte ich jedoch so viel zu entnehmen, daß Arnulf Clemens Geologe
-sei und eine sechs- bis achtmonatliche Studienreise nach den Vereinigten
-Staaten unternommen habe. Darauf sprachen die Herren schrecklich gelehrte
-Dinge, über Schliemann, über die alten Ruinen des Forts Ticonderoga
-am Champlain-See, über die wunderbare Bodenbeschaffenheit im
-Yellowstone-Park, und mehr dergleichen. Ich merkte es Papa an, wie gern er
-an dieser wissenschaftlichen Unterhaltung sich beteiligt hätte. Allein,
-da ich ihn bereits vor dem Frühstücke von meinem Scherze in Kenntnis
-gesetzt, so that er mir wirklich den Gefallen, mich nicht zu blamieren,
-und vertiefte sich statt dessen lediglich in die Wissenschaft der
-»Gastronomie«. Dabei legte er auch einen so indifferenten, fast
-möchte ich sagen stumpfsinnigen Ausdruck in sein liebes Gesicht, der dem
-Totengräber von New York wahrhaftig alle Ehre machte. Im übrigen zürnte
-er mir durchaus nicht und äußerte, mit dem Finger drohend, bloß, daß
-ich ein loser Schelm sei! -- Eine Stunde später dampften wir zurück nach
-New York. --
-
-Vollkommen befriedigt war meine wißbegierige Seele von unserem Ausfluge.
-Auch Papa zeigte sich in bester Laune, schwatzte heiter und machte schon
-Pläne für die nächste Sommerferienreise. Und dennoch -- mir, Carrie,
--- nun bitte ich wiederum, mich nicht auszulachen --, mir war das Herz
-ein wenig schwer! Warum? Ja, das wußte ich selbst nicht. Du Vernünftige,
-Vortreffliche, Du, mein besseres Ich, -- Du würdest sagen: das ist die
-Reue über eine böse That! Vielleicht hättest Du recht. Der tieftraurige,
-erschreckte Blick aus Mr. Arnulf Clemens' blauen Augen peinigt mich
-zuweilen fürchterlich. Die Strafe dafür, daß sein schützender Arm eine
-schwankende Mädchengestalt im Momente der Gefahr gehalten und an sich
-gedrückt, war wohl doch zu grausam? --
-
-So endete mein Abenteuer unter dem Niagara-Fall. Gehab' Dich wohl,
-amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington und schreibe
-gelegentlich einmal an
-
- Deine kleine Schwester Terrie.
-
- * * * * *
-
- Washington, den 10. November.
-
- Meine liebe Terrie!
-
-Dein frommer Wunsch: amüsiere Dich gut bei unseren Freunden in Washington
-hat sich glänzend erfüllt. Die letzten Wochen brachten eine solche Fülle
-von Abwechselungen und interessanten Bekanntschaften, daß ich Dich um Dein
-spaßiges Niagara-Abenteuer wahrlich nicht beneide.
-
-Unsere guten Newtons sind Menschen, welche sehr hohe Achtung und große
-Liebe hier genießen, so daß jeder, der zum Besuche in ihrem Hause weilt,
-täglich mehr von dem Werte dieses vortrefflichen Ehepaars überzeugt wird.
-Mich verhätscheln sie fast wie ein Baby und sinnen nur immer darauf, mir
-neue Amüsements zu verschaffen. Daher werde ich so bald nicht heimkehren,
-und Du wirst für unseren guten Papa noch einige Zeit allein Sorge
-tragen müssen. Ach, Terrie, es ist so wundervoll, sich einmal von einem
-Mütterchen ein bißchen verwöhnen zu lassen und zu fühlen, daß ...!
-
-Doch davon später! --
-
-Dein allerliebstes Abenteuer unter dem Niagara, welches mich höchlichst
-amüsiert und meine prüde, schnell aufbrausende Terrie wieder einmal recht
-charakterisiert hat, sollte ein Nachspiel finden --; staune nur! Und das
-habe ich erlebt! Mich hatte das Schicksal auserkoren, die Sünden meiner
-herzlosen Schwester zu sühnen!
-
-Trotz der ziemlichen Entfernung zwischen Washington und New York, höre ich
-bei diesen Worten Dein Herz klopfen, -- sehe auch deutlich, wie unruhig und
-ängstlich Deine Augen flackern. Allein Du mußt noch einige Minuten
-Geduld haben, mein teures Schwesterchen, und mich erst in Ruhe über diese
-komischste aller irdischen Zufälligkeiten Bericht erstatten lassen.
-
-Es war bei einer reizenden =Tea-party= bei dem Präsidenten der Vereinigten
-Staaten. Schon hieraus magst Du ersehen, welch bevorzugtes Menschenkind ich
-bin, daß sogar die exklusiven, geheiligten Räume des weißen Hauses sich
-für mich geöffnet haben.
-
-Also: das glänzende Fest war bereits in vollem Gange, -- übrigens wurde
-auch getanzt, -- als aus den dichten Reihen der jüngeren Herren die
-Gestalt eines Mannes sich löste, welche sofort meine ganze Aufmerksamkeit
-in Anspruch nahm. Elegante Figur, -- intelligentes Gesicht mit einer tiefen
-Narbe über der linken Backe, -- schöne, geistvolle blaue Augen!
-
-Die schäumenden Wasser des Niagara-Falles, die safrangelbe Kapuze, meine
-halbohnmächtige, kleine Schwester und, -- der Totengräber von New York,
--- das alles tauchte plötzlich zündend vor meinem Geiste auf.
-
-Eine Pause nach dem Tanze war eben eingetreten, und ich lehnte mich, ein
-wenig ermüdet, an einen der riesigen Gas-Kandelaber des Saales, das bunte,
-reizvolle Bild gedankenvoll überschauend. Wahrhaftig! Der bewußte Herr
-schreitet schnurstracks auf mich zu. Was sollte das wohl bedeuten? -- Das
-Herz pochte mir zwar eben nicht; aber etwas Unruhe, oder vielmehr
-Unbehagen beschlich mich dennoch. Denn daß ich dem Mr. Arnulf Clemens,
-Privat-Docenten aus Berlin, gegenübertreten sollte, war zweifellos. Ebenso
-zweifellos aber erblickte er in mir die liebliche Nymphe des Niagara.
-
-Offen gestehe ich Dir ein, daß die frappante Ähnlichkeit mit Dir, welche
-bisher meinen Stolz und das Glück meines Lebens bedeutete, mir in
-diesem Momente zum erstenmale peinlich wurde. Hatte der junge Mann den
-schändlichen Betrug entdeckt? Wohl sicher nicht, folgerte ich ziemlich
-richtig. Denn dann würde er in der Empörung seines Herzens Dich gewiß
-mit Verachtung gestraft und die frühere Begegnung völlig ignoriert haben.
-
-Nein! Ersichtlich war es ja, daß er jene flüchtige Bekanntschaft mit
-Dir zu erneuern wünschte, daß das lebhafte Interesse für meine boshafte
-kleine Schwester ihm rasch über alle etwaigen Bedenken hinweggeholfen.
-Warum soll die Tochter eines »Totengräbers« nicht eine reizende,
-feingebildete junge Dame sein, für welche ein feuriges Mannesherz
-sich begeistern kann, zumal, wenn man dieselbe auf dem Balle bei
-dem Präsidenten der Vereinigten Staaten antrifft? -- Amerikanische
-Verhältnisse sind eben andere, als deutsche. So viel hatte Mr. Clemens
-sicher schon ausfindig gemacht während des hiesigen Aufenthaltes. Ich
-hätte sogar darauf schwören wollen, daß er, als er den heroischen Anlauf
-nahm, zu mir heranzutreten, hinter seiner klugen Stirn kombinierte und
-meinte, ein Totengräber in Amerika nähme mindestens die hohe Stellung
-eines deutschen Geheimrates ein. Und das besiegte entschieden die letzten
-Skrupel.
-
-Den vollendeten Kavalier verratend, indes nicht etwa mit einem
-tieftraurigen Blicke, verbeugte sich Mr. Arnulf Clemens vor mir und fragte
-artig: ob die Partie nach der Windhöhle mit all den großen Anstrengungen
-und Fatiguen auch keine üblen Folgen für mich gehabt? Und lächelnd
-setzte er hinzu:
-
-»Sie waren an jenem Morgen so schnell abgereist, daß ich gar nicht mehr
-Zeit gefunden, mich bei Ihnen zu verabschieden.«
-
-Was sollte ich thun? Irgend ein witziger, oder wenigstens witzig sein
-wollender Mensch hat einmal geäußert, daß junge Mädchen im Alter von
-fünfzehn bis neunzehn Jahren in für sie kritischer Situation, selbst wenn
-ihnen das Weinen nahe sei, nichts klügeres thun könnten, als -- immer nur
-lachen!
-
-Gut! Da ich eben erst neunzehn Jahre geworden bin, so lachte ich.
-
-Mein Lachen schien ihn jedoch noch mehr zu ermutigen. Denn mit einem
-schwärmerischen Aufschlage seiner schönen Augen fragte er weiter, ob
-der gemeinsame interessante Ausflug nicht doch sehr reizvoll und poetisch
-gewesen sei? Er selbst wäre seitdem wie von einem wunderbaren Zauberbanne
-umfangen. Sicherlich müßten Nixen und Geister der Tiefe in der Windhöhle
-ihr Wesen treiben.
-
-Nun war aber der Moment gekommen, ihn über die Täuschung, in der er
-schwebte, aufzuklären.
-
-»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich ebenfalls sehr höflich, doch
-glaube ich, daß mir dabei der Schalk um die Mundwinkel zuckte. »Meine
-Augen haben das große Schöpfungswunder, den Niagara-Fall, niemals
-geschaut. Meine Schwester war es, mit der Sie dort zusammengetroffen
-sind.«
-
-Fast ungläubig stutzte er und schien forschend meine Züge zu mustern,
-während Ärger und Verlegenheit deutlich über sein Gesicht huschten.
-
-»O, verzeihen Sie! Diese fabelhafte Ähnlichkeit, mein Fräulein! Ich
-konnte unmöglich ahnen ...!« stieß er lebhaft hervor.
-
-»Wir sind auch Zwillings-Schwestern!« kam ich ihm mitleidig zu Hilfe.
-
-Darauf wollte er sich mir noch einmal in aller Form vorstellen; doch war
-ich so unbedacht, zu verraten, daß Du mir von ihm bereits geschrieben,
-und er daher mir kein völlig Fremder sei. Merkwürdig strahlten bei dieser
-Nachricht seine blauen Augen auf. Ich glaube, Terrie, die Nixen der Tiefe
-haben es ihm gewaltig angethan.
-
-Die Musik rief jetzt zur Quadrille, zu der mich Mr. Clemens
-pflichtschuldigst aufforderte. Da indes genügend Paare vorhanden waren,
-und wir beide eben keine große Lust zum Tanzen verspürten, so behielten
-wir unseren Platz inne und plauderten weiter.
-
-Deine Beschreibung seines Äußeren paßt übrigens vollkommen; ich habe
-ihn auch sofort erkannt. Allein, wenn Du Dich gleich mir eine Viertelstunde
-mit ihm unterhalten hättest, würdest Du jene häßlichen Worte:
-»zudringlicher Patron« ihm im stillen abbitten. Ich finde Arnulf Clemens
-nicht nur liebenswürdig und charmant, sondern ich bin sogar überzeugt,
-daß er ein ganz vortrefflicher Mensch ist. Doch brauchst Du, wenn dieser
-Mann sich nicht von vornherein Deine vollste Ungnade zugezogen, Dir somit
-also höchst gleichgültig ist, nicht im geringsten auf mich eifersüchtig
-zu sein, aus Gründen, die ich Dir am Schlusse meines Briefes mitteilen
-werde.
-
-Rührend sprach er von seinem lieben, alten Mütterchen in der Heimat und
-von zwei jungen, unmündigen Brüdern, für die er arbeitet, und welchen
-eine Stütze zu sein, bisher seine Lebensaufgabe gewesen. Nach der
-Rückkehr von dieser Reise hoffe er eine Professur an einer hervorragenden
-Universität zu erlangen. Jedes Wort, das er sprach, ja sein ganzes Sein
-und Denken erschien so treuherzig, edel und wahr, daß es mich wirklich
-fast schmerzte, wie Du an diesem Manne frevelhaft Dein Mütchen hast
-kühlen können. O schäme Dich, böse Terrie!
-
-Gleich alten Bekannten plauderten wir zusammen, sodaß er ganz vergessen
-zu haben schien, eine fremde junge Dame vor sich zu haben, und gewiß kaum
-mehr daran dachte, daß wir des »Totengräbers« Töchter seien. Um
-ein Haar wäre ich auch selbst bald aus der Rolle gefallen, indem ich
-unvorsichtigerweise äußerte: Du seiest seit drei Wochen mit Papa wieder
-in New York, da die Herbstferien zu Ende gegangen, und ersterer betreffs
-des Winter-Semesters sehr in Anspruch genommen würde.
-
-Der starre, fragende Blick des jungen Mannes brachte mich indes schnell zur
-Besinnung. Seine Stirne zog sich in Falten, und schweigend schaute er zu
-Boden. Offenbar mußte er darüber nachsinnen, wie komisch es klinge, daß
-auch Totengräber Ferienreisen unternähmen, oder ob die Sterblichkeit in
-Amerika wohl in Semester eingeteilt wäre.
-
-Herzlich gern hätte ich ihm jetzt gesagt, daß Du einen Scherz mit ihm
-getrieben, so leid that er mir in diesem Momente. Aber ich durfte Dich
-ja nicht gar zu sehr kompromittieren und wartete mithin eine günstige
-Gelegenheit ab, ihm die Wahrheit zu gestehen.
-
-»Nach den Mitteilungen Ihrer Fräulein Schwester ist der Beruf Ihres Herrn
-Vater ein ernster und schwerer?« warf er schüchtern und etwas unsicher
-ein.
-
-»Ernst wohl, aber nicht schwer, da Papa sich ihm mit Leib und Seele
-hingiebt, und die Passion alle Mühseligkeiten desselben überwindet,«
-entgegnete ich mit schlecht unterdrücktem Lächeln.
-
-Wieder sah er mich von oben bis unten fragend an. »Passion zum
-Totengräber!« mochte er wohl denken.
-
-»Sie, Mr. Clemens, müssen das doch am besten begreifen und verstehen,«
--- sprach ich inzwischen lebhaft weiter, -- »daß ein Mann im Feuereifer
-des Studiums und Forschens, wie es Papa zuweilen thut, die lichte, sonnige
-Gegenwart, -- die Welt mit ihren Freuden und Genüssen völlig vergessen
-kann, um des -- Verblichenen, -- ja um des Staubes der Vergangenheit
-willen!«
-
-Das kluge Auge richtete sich einige Sekunden prüfend und beinahe streng
-auf mein lachendes Gesicht. Ohne Zweifel konnte er die innere Verbindung
-meines Ideenganges nicht finden.
-
-»Ich?« fragte er daher halb unwillig.
-
-»Nun ja! Sagten Sie mir nicht soeben, daß Sie Geologe seien? So ein klein
-wenig geistige Verwandtschaft besteht dann wohl zwischen Ihnen und Papa,«
-war meine heitere Antwort, indem ich fortwährend sein immer finsterer
-werdendes Gesicht beobachtete.
-
-»Ich weiß nicht, mein Fräulein, ob Sie Scherz mit mir treiben, oder
-ob ich selbst in einem argen Irrtume befangen bin?« sagte er in einem
-steifen, völlig veränderten Tone. »Denn alles, was Sie in den letzten
-fünf Minuten gesprochen haben, erscheint mir dermaßen unverständlich und
-rätselhaft, daß ich wirklich bitten muß, sich ein wenig deutlicher zu
-erklären!«
-
-»Aber, mein Gott, wie so denn? Was ist Ihnen nicht klar? Ich scherze
-wahrhaftig nicht!« rief ich in ungeduldiger Hast und Erregung.
-
-»Nicht?!« fragte er immer noch ungläubig. »Dann verzeihen Sie meine
-Indiskretion und sagen Sie mir, welche Stellung Ihr Herr Vater eigentlich
-bekleidet?«
-
-Jetzt pochte mein Herz wirklich. Allein in möglichster Unbefangenheit
-erwiderte ich:
-
-»Papa ist Professor der toten Sprachen an der Universität von New York.«
-
-»Ah!« Mr. Clemens war einige Schritte zurück getreten und starrte, wie
-ein Mensch, der aus festem, gesunden Schlafe jäh aufgerüttelt wird, mich
-an.
-
-»Gewiß, mein Herr!« bestätigte ich mit stolzem Selbstgefühle. »Und
-einen Ruf besitzt Papa, der weit über die Grenzen von United-States
-hinausgeht!«
-
-»Ja --, aber mein Himmel! Dann muß ich Ihr Fräulein Schwester ganz und
-gar mißverstanden haben,« stotterte Mr. Clemens in höchster Verwirrung.
-
-Ein wunderbar glückseliger Ausdruck breitete sich mit einem Male über
-seine treuherzigen Züge, als er fortfuhr:
-
-»Sie sagte mir doch, daß ...«
-
-»Wohl möglich,« unterbrach ich ihn herzlich lachend. »Doch wie kann man
-auch in nächster Nähe des Niagara-Falles, der, wie Terrie mir schrieb,
-solch ein Höllengetöse verursacht, daß der abgefeuerte Schuß einer
-Kanone ungehört verhallen würde, -- wie kann man also dort jemanden recht
-verstehen?«
-
-In selige Träume und Erinnerungen versunken, nickte er nur mit dem Kopfe.
-
-»Terrie, Deine Ehre war gerettet!« --
-
-Das also ist _meine_ Begegnung mit Mr. Arnulf Clemens im Weißen Hause.
-Übrigens sagte er mir, ehe wir uns trennten, daß er in den allernächsten
-Tagen nach New York zu reisen und Euch aufzusuchen gedächte. Hüte Dich
-daher, kleine Schwester! Die Nixen der Windhöhle sind arge Neckteufelchen,
-die sich an allzu wißbegierigen Menschenkindern gar zu gerne rächen.
-
-Wie Du, Mr. Clemens gegenüber, Dich dann aus der Schlinge ziehen wirst:
-ob Du es bei dem »Mißverständnisse« bewenden lassen, oder ob Du lieber
-beichten willst, das werden die eigenen Gefühle Dir wahrscheinlich am
-besten sagen, meine Terrie!
-
-Giebt es doch in der ganzen Welt nichts Unberechenbareres,
-Widerspruchsvolleres, als ein Mädchenherz. Man könnte wirklich Bücher
-darüber schreiben. Weißt Du noch, wie ich selbst immer über die Liebe
-gespöttelt und stets so übermütig -- prahlerisch geäußert habe, daß
-dieser süße Dämon niemals Gewalt über mich bekommen würde? Wer solchen
-Ausspruch thut, ist -- eine Närrin; denn ...!
-
-Doch ich muß schließen; Mütterchen ruft nach mir, weil Gilbert
-Newton, der einzige Sohn des Hauses, ein junger Schiffs-Kapitän, der ein
-auffallend schöner Mann ist, soeben ankam, und ich ihn unterhalten soll.
-Wahrhaftig, Terrie, er ist der interessanteste Mensch, welcher mir jemals
-begegnete, -- voller Geist und Feuer! Es leben die Amerikaner!
-
-Schreibe bald von Mr. Arnulf Clemens' Besuch und sei umarmt von
-
- Deiner glücklichen Schwester Carrie.
-
-Nachschrift.
-
-Vielleicht kehre ich doch noch früher heim, als ich anfänglich gedacht,
-da Newtons beabsichtigen, selbst mich nach New York zurück zu bringen. Das
-wird ja ein herrliches Wiedersehen werden! Gut wäre es aber jedenfalls,
-wenn Du Papa langsam auf diesen unverhofften Besuch vorbereiten
-wolltest. --
-
- * * * * *
-
- New York, den 20. November.
-
- Du böse, liebe Carrie!
-
-Was hast Du da angerichtet? Zur Strafe für Deine Schwatzhaftigkeit sollst
-Du jedoch die Antwort auf Deinen Brief heute nur in Form einer Depesche
-erhalten, welche wohl genügen dürfte, Dich über die Begebenheiten der
-letzten Tage aufzuklären. -- Also:
-
-»Verratenes Inkognito! Mr. Clemens' Reise nach New York. Schüchterner
-Empfang und fieberhaftes Beben aller Glieder meinerseits. Wiederholte
-Besuche seinerseits. Niagara-Nixen begannen ihr Spiel. Unumwundene Beichte
-aller losen Streiche. Seliges Finden, -- Verlobung! Es leben die Deutschen!
-
- Deine Terrie.«
-
-Nachschrift.
-
-Arnulf schaut mir über die Schulter und findet diese lakonische Kürze
-meines Briefes fast beleidigend. Er läßt Dir daher sagen, daß er dem
-Feste im Weißen Hause und der witzigen Unterhaltung mit einer gewissen
-liebreizenden Blondine, die ein gütiges Geschick ihm als Schwägerin
-auserkoren, zwar viel, -- sehr viel verdanke; aber jene unvergessene Stunde
-unter dem Niagara-Falle hätte es ihm nun einmal angethan, und würde er
-sich das Mädchen, welches damals so kindliche Hilfe suchend sich an seine
-Brust geschmiegt, zur Lebensgefährtin zu erringen getrachtet haben, auch
-wenn es -- des Totengräbers Töchterlein geblieben! --
-
-
-
-
-Zahnschmerzen.
-
-
-»Schneller Entschluß -- guter Entschluß!« heißt es im alten
-Sprichwort. Ich möchte aber lieber sagen: »eine Laune« hatte mich im
-Jahre 1876 zur Weltausstellung nach Philadelphia geführt.
-
-Ein ziemliches Stück von Europa war ich bereits durchwandert; nur Amerika
-kannte ich noch nicht. Allerdings waren es keine besonderen Sympathien,
-die mich hinüber ins Land des allmächtigen Dollars zogen; aber es reizte
-mich, den Urtypus des Yankee gerade in dem Momente kennen zu lernen, wo die
-sonst kühl-materielle und egoistische Nation in vollster, ungeheuchelter
-Begeisterung über die Centennialfeier, das Bestehen ihrer hundertjährigen
-Freiheit, sich befand, wo ungeteilte Freude und Einigkeit herrschte und
-geherrscht hat -- während der Julitage des Jahres 1876 in der Stadt der
-Bruderliebe.
-
-Eine weitschweifige Schilderung der wahrhaft überraschend großartigen
-Ausstellung im Fairmount-Park mit ihren tausend und abertausend Menschen
-aller Nationen abzugeben, liegt nicht in meiner Absicht. Genugsam ist
-darüber bereits geschrieben und gesprochen worden, obgleich bei uns in
-Deutschland dadurch nur ein geringeres Interesse hervorgerufen wurde.
-Ausstellungen sind ja seitdem an der Tagesordnung.
-
-Nachdem ich die mir unglücklichem Neulinge tropenhaft erscheinende
-Gluthitze, die damals über Philadelphia lag, bis zur Erschlaffung
-durchkostet und alle die Qualen eines bei lebendigem Leibe Gebratenen
-erduldet hatte, langte ich nachmittags mit dem 4 Uhr-Train, völlig
-abgespannt, in dem -- wenigstens im Vergleich zu Philadelphia während der
-Exhibition -- stilleren New York an.
-
-Wie die Gefilde des Elysiums erschienen meinen Blicken die schönen breiten
-Straßen und Avenues der Empire City, wo alles Ruhe und Ordnung atmete.
-Gott sei gelobt! Nun gab es kein Drängen, Stoßen, Schreien und Schimpfen,
-keine zerbrochenen Wagen und Gliedmaßen, keine vom Sonnenstich befallenen,
-armen Opfer mehr, wie ich das zur Zeit meines Aufenthalts in der Stadt der
-Bruderliebe genügend geschaut und wovon mein unerfahrenes deutsches Auge
-sich oft zornig oder auch hilfesuchend abgewandt hatte.
-
-Ein kühles, stilles Zimmer zu ungestörter Siesta in einem der prächtigen
-Hotels New Yorks, dann ein behagliches kleines Diner, in irgend einem
-lauschigen Winkel des Diningrooms -- ein Fläschchen -- -- o nein, wir sind
-ja im Lande der Temperenzmen -- eine Flasche erfrischenden Sodawassers --
-wie verlockend wirkte das alles nach stundenlanger Fahrt im durchgluteten
-Eisenbahn-Coupé!
-
-Allein solche Bilder hüpften und tanzten gleich boshaften Neckteufelchen
-vor meinem niedergedrückten und bekümmerten Geiste. Denn -- ich litt
-an Zahnschmerzen! Bei 30 Grad Reaumur im Schatten an schauderhaften, kaum
-erträglichen Zahnschmerzen!
-
-Die körperlichen und geistigen Anstrengungen der letzten Tage, die von
-Stunde zu Stunde noch im Steigen begriffene, mir vollständig ungewohnte
-Hitze -- das alles mußte meine Nerven und mein Blut in solche Aufregung
-und Wallung versetzt haben, daß dieses leidige Übel, wovon ich
-seit meinen Jugendjahren kaum mehr geplagt worden war, mich mit so
-unbarmherziger Gewalt gepackt hatte. Wer kennt sie nicht -- all' die
-Folterqualen und Torturen endloser, durch nichts zu besänftigende
-Zahnschmerzen?!
-
-In New York angekommen, raste ich, unter Zurücklassung des Gepäcks, wie
-ein Besessener vom Bahnhof nach einer in der Nähe gelegenen Apotheke. Mit
-meinem etwas unverständlichen Englisch, jedoch mit für jedermann desto
-verständlicheren Gesten nach der linken Backe vermochte ich mein Elend
-zu offenbaren, und lächelnd wurde mir für 25 Cents eine winzige Phiole
-eingehändigt, welche die verheißungsvolle Aufschrift: »=immediatly=«
-(augenblicklich) trug.
-
-O trostreiches, süßes Wort! Am liebsten wäre ich dem unbekannten Retter,
-dessen Hand mir diesen Schatz entgegenreichte, um den Hals gefallen. Doch
-halt! Mein kühles deutsches Blut bewahrte mich vor einer Übereilung. Erst
-probieren!
-
-Gewiß -- das Wundermittel half -- aber nur für einen »Augenblick«, ganz
-der Überschrift entsprechend. Dann kehrten die wütenden Schmerzen mit
-doppelter Gewalt zurück. Zornig das Fläschchen beiseite schleudernd,
-verlangte ich nun rasch ein anderes Medikament und wankte schließlich, die
-Tasche voll Opiumpillen, spanischer Fliege und Kampfer, rat- und mutlos
-auf die Straße, um von der Apotheke bis zum ersten besten Hotel die
-unerquickliche philosophische Betrachtung anzustellen, warum eigentlich
-der weise Schöpfer uns ohnedies geplagten Erdenkindern zum Überfluß auch
-noch Zähne gegeben hat? Alle Dichter und Schriftsteller verwünschte ich,
-die jemals über: »zwei Reihen Perlen zwischen rosigen Lippen«, oder:
-»blendende Elfenbeinzähnchen« gereimt und gefabelt hatten. Alles das ist
-bittere Ironie.
-
-An Speise und Trank war unter solch' kümmerlichen Verhältnissen
-natürlich nicht zu denken. Nachdem ich nur notdürftig Gesicht und
-Hände vom Eisenbahnstaube gesäubert hatte, bestieg ich den nächsten
-Tramwaywagen, bezahlte meine fünf Cents und fuhr hinaus nach dem
-Centralparke, weil ich zunächst und vor allem das Bedürfnis hatte
-nach reiner, frischer Luft, nach absoluter Ruhe. Fern vom Geräusche
-der Großstadt, ungestört von jedem mich belästigenden Blicke aus
-teilnehmenden oder neugierigen Augen -- wollte ich dort oben in der
-Einsamkeit mein Elend zu vergessen suchen. Zumal lockte der prächtigste
-Sommerabend hinaus ins Freie. Endlich -- endlich mußte ja doch dieser
-böse Plagegeist ein menschliches -- Unsinn! ein Geist empfindet nie ein
-menschlich -- sagen wir also: ein himmlisches Rühren fühlen oder seiner
-boshaften Mucken überdrüssig werden.
-
-Erfrischender Waldgeruch und würziger Blumenduft schlugen mir entgegen. In
-langen Atemzügen sog ich den klaren Äther in mich ein. Wohlweislich die
-wenig frequentierten Wege suchend, gelangte ich nach etwa halbstündiger
-Wanderung in den oberen, romantischeren Teil des Parkes, wo Mutter Natur
-mehr gethan, als künstlerisches Schaffen und Geldaufwand zu thun im stande
-gewesen. Erschöpft und schon halb verzweifelt ließ ich mich dort auf eine
-Bank nieder und stöhnte laut.
-
-Lachen Sie nicht, meine schönen Leserinnen! Warum soll ein alter
-Junggeselle nicht einmal laut stöhnen, selbst wenn er nicht vom Zahnweh
-geplagt wäre? Hat doch gerade er am meisten Ursache dazu. Keine weiche
-Hand streichelt ihm zärtlich die Wange, kein rosiger Mund spricht
-liebevolle Worte oder flüstert ihm tröstend zu, nur nicht ungeduldig
-zu werden und hübsch auszuharren! Zwar habe ich nie ein sehr
-liebebedürftiges Herz besessen; aber in diesem Momente fühlte ich wieder
-so recht allen Jammer und alle Hilflosigkeit meines Junggesellentums! Eine
-resolute Ehefrau würde auch vielleicht ausgerufen haben: »Genug jetzt des
-grausamen Spieles; geschwind in eine Droschke mit Dir und zum Zahnarzt! Der
-Missethäter muß ausgezogen werden!«
-
-Ja, gewiß lobe und erkenne ich jeden gütigen Rat an, bin überhaupt
-windelweich geworden seit gestern, besonders gegen das schöne Geschlecht,
-opponiere nie mehr! Doch wenn man zwischen Fünfzig und Sechzig steht,
-außerdem mit Kauwerkzeugen nur mehr dürftig versorgt ist und diese
-wenigen sich des Gebrauchs halber noch einige Zeit erhalten möchte, da ist
-so eine Parforcekur wohl zu erwägen.
-
-Also laut stöhnend, stützte ich den Kopf in die linke Hand und starrte in
-stummer Resignation auf den Kiesweg vor mir. Oder hatte die so natürliche
-physische Erschöpfung doch vielleicht für ein Weilchen mir die Augen
-geschlossen -- ich weiß es nicht zu sagen. Besserung wenigstens verspürte
-ich nicht; denn plötzlich fuhr ich jäh empor. Ein dunkler Schatten war
-auf den Weg gefallen, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß jemand
-vor mir stand.
-
-Ja, vor mir standen wirklich zwei Personen. Aber um alles in der Welt, wer
-war das nur? -- Mehrere Sekunden stierte ich mit fast blödem Ausdrucke in
-ein hageres braunes Antlitz, aus dem mir ein Paar merkwürdig sprechende
-Augen entgegenblitzten. Eine Frauengestalt mit einem Kinde war es; allein
-deren Erscheinung schien so durchaus originell, so frappierend, daß die
-angeborene deutsche Höflichkeit mir völlig abhanden kam und ich nicht
-einmal aufstand, den Hut zu lüften. Demungeachtet merkte ich, wie diese
-Gestalt sich etwas zu mir herabbeugte und halb teilnehmend fragend, halb
-bedauernd äußerte:
-
-»Zahnschmerzen, Sir?«
-
-Welch' guter Geist leitete mich nur in diesem Momente, daß ich, anstatt
-die Ruhestörerin schroff abzuweisen, ihr vielmehr offenherzig erwiderte:
-
-»Ganz fürchterliche, Madame!«
-
-»O, da wollen wir sofort Linderung oder Hilfe schaffen,« sagte die volle,
-merkwürdig tiefe Frauenstimme in fließendem, dabei jedoch eigenartig
-accentuiertem Englisch. Auch wurde das mit solcher Bestimmtheit gesprochen,
-als ob die Abhilfe so schnell und leicht zu bewerkstelligen wäre, wie man
-jemandem ein Stäubchen vom Rockkragen entfernt.
-
-In sprachlosem Erstaunen, wahrscheinlich mit einem recht einfältigen
-Gesichte, blickte ich noch immer zu der seltsamen, wunderbaren Figur empor.
-Aber da saß sie auch schon dicht neben mir und suchte eifrig in den Falten
-ihres Kleides.
-
-Trotz der mich noch immer peinigenden Schmerzen folgte ich in steigendem
-Interesse jeder ihrer behenden Bewegungen. Jetzt träufelte sie eine helle
-Flüssigkeit aus einem Fläschchen auf etwas Baumwolle und reichte mir
-diese zu.
-
-»Hier, Sir! Nun schnell ans Werk! Bezeichnen Sie mir den Übelthäter und
-Sie werden wie neugeboren sich fühlen,« meinte sie scherzend, indes im
-Tone unverkennbarer Überlegenheit und hohen Selbstbewußtseins.
-
-Einen Moment zögerte ich. Der scharfe, fast stechende Blick des dunklen
-Auges machte mich unsicher.
-
-»Nun, glauben Sie vielleicht, ich wolle mir nur einen Spaß mit Ihnen
-erlauben?« fragte sie jetzt herb. »Haben Sie denn in New York noch nichts
-von Mary Powl gehört?«
-
-»Mary Powl? -- Nein!« stotterte ich zaghaft. Aber halb getröstet und
-rasch entschlossen, machte ich den Mund auf und ließ sie gewähren.
-
-Mehrere Minuten vergingen unter tiefstem Schweigen. Dann sprang ich wie
-elektrisiert mit jugendlicher Lebhaftigkeit von der Bank empor.
-
-»Donnerwetter, Blitz Element! Wo sind denn --?«
-
-»Pst, pst, noch einige Sekunden Ruhe!« unterbrach sie mich besänftigend,
-dabei lächelnd, so daß ihre gesunden Zähne zwischen den Lippen sichtbar
-wurden. »Wo sind Ihre Zahnschmerzen -- wollten Sie fragen -- nicht wahr?
-Die sind abgethan und hoffentlich für eine lange Weile. So, jetzt gestatte
-ich Ihnen, auch wieder zu sprechen, mein Herr! Das heißt, wenn es Ihnen
-Vergnügen macht, sich einige Minuten mit mir zu unterhalten.«
-
-In wirklich tief empfundenen Dankesgefühlen hatte ich ihre braune,
-unbehandschuhte, jedoch zarte Hand ergriffen und drückte sie kräftig.
-
-»Sind Sie Zauberin, Fee oder ein leibhaftiges Menschenkind?« fragte ich
-mit vor Erregung zitternder Stimme. Ein wohliges Gefühl rieselte durch
-meine Adern. Wahrhaftig -- sie hatte recht, wie neugeboren erschien ich
-mir.
-
-»Mary Powl,« erwiderte sie einfach.
-
-»Aber, mein Gott, wie kommen Sie dazu, einem Ihnen gänzlich Fremden
-solchen Liebesdienst zu erweisen? Erlauben Sie, Madame, daß ich mich Ihnen
-vorstelle, mein Name ist ...«
-
-»O, lassen Sie Ihren Namen, den ich jedenfalls doch nicht aussprechen
-kann! Sie sind ein Deutscher und das genügt mir.«
-
-Ein stolzes Emporwerfen des Kopfes begleitete ihre Worte.
-
-Schnell hatte ich mich an ihre Seite wieder niedergelassen und war jetzt im
-stande, die sonderbare Erscheinung mit Ruhe und Muße zu betrachten.
-
-Das Kind, anscheinend ein Knabe von elf bis zwölf Jahren, lehnte
-gleichgültig dreinschauend und mit einem melancholischen Ausdruck in dem
-fast kupferfarbigen mageren Gesichtchen neben der Bank, auf welcher wir
-saßen. Ihre auffallende, höchst bunte Tracht mußte jedenfalls eine Art
-Nationalkostüm repräsentieren. Denn um am helllichten Tage in New York
-in einem Maskenanzuge umherzuziehen, dem widersprach das ganze Wesen und
-Auftreten der sonderbaren Frau.
-
-Ein kornblumenblauer faltiger Rock mit breiter roter Borde bildete das
-Untergewand, worüber ein langer, weißer, grobgewebter Mantel fiel,
-ähnlich dem Stoffe, den in Mähren die Hannaken über den Schultern
-tragen. In malerischen Falten, den schlanken doch kräftig gebauten
-Oberkörper nur zum Teil verhüllend, drapierte sich derselbe über ihrer
-Figur. Das glatte, pechschwarze, in der Mitte gescheitelte Haar war zur
-Hälfte von einem grünlich schillernden Seidentuche bedeckt. Um den Hals
-und über die Brust wanden sich mehrere Schnüre bohnengroßer, dicht
-aneinander gereihter Goldkörner, während an einem breiten, ziemlich
-primitiven Ledergurte ein kurzes, in roher Scheide ruhendes Dolchmesser
-herabfiel.
-
-Ihre Gesichtszüge waren hager, hart und eckig, verrieten indes noch
-Spuren einstiger Reize. Ganz besonders aber waren es die Augen in stets
-wechselndem Ausdrucke, welche, bald wild flammend, bald herzgewinnend
-freundlich, mein Interesse an der merkwürdigen Frau noch besonders
-erhöhten.
-
-In gleich phantastischer Weise war auch das Kostüm des Knaben, dessen
-Anzug viel Ähnlichkeit mit dem eines jungen Hochländers verriet. Nur
-bildeten Mokassins die Fußbekleidung, und eine Art Toque mit wehender
-Adlerfeder zierte das dunkle, nicht uninteressante Köpfchen.
-
-Stillschweigend, aber keineswegs gekränkt, hatte sie meine scharfe
-Musterung über sich wie das Kind ergehen lassen, ja sie schien durch
-dieselbe beinahe belustigt. Denn sie brach das Schweigen plötzlich mit den
-heiteren Worten:
-
-»Sie sind ein völlig Fremder hier in New York, wie ich sehe, Sir?«
-
-»Ja, Madame! Nur um die Weltausstellung zu besichtigen, bin ich
-herübergekommen. Meine staunenswerte Unkenntnis über den Namen Mary Powl
-ließ Sie das natürlich sogleich vermuten. Jedenfalls hat dieser Name
-hier einen hohen und berühmten Klang. Daher segne ich den Zufall -- oder
-vielmehr meine Zahnschmerzen, die mir Ihre interessante Bekanntschaft
-verschafften,« entgegnete ich mit feiner Galanterie, indem ich mich leicht
-verneigte.
-
-Wieder warf sie so eigenartig stolz und herausfordernd den Kopf in den
-Nacken und flüsterte, träumerisch in die Leere starrend:
-
-»O nein, weder berühmt noch hoch! Einst wohl war er das beides. Aber
-dieses einst ist begraben. Hier betrachtet man mich als Original -- als
-letztes Überbleibsel eines ehemals mächtigen Irokesenbundes von draußen
-am herrlichen Genesee-Thale im westlichen Staate New York. Den Kultus,
-den ich noch immer mit dem Andenken früheren Glanzes, mit den teuren
-Erinnerungen des so bald dahingeschiedenen Gatten -- eines stolzen
-Häuptlings -- treibe, nennen die poesielosen Amerikaner überspannte
-Phantastereien. Allein man läßt mich gewähren. Ist doch Mary Powl, die
-Indianer-Squaw, völlig harmloser Natur. Die Leute in den Straßen und
-die Fremden schauen ihr wohl neugierig oder herausfordernd nach, ja, die
-Schulbuben lachen über sie und ihren Sohn -- was thut das! Mary Powl hat
-anderen, tieferen Schmerz erfahren und geduldig hinnehmen müssen -- den
-nie sterbenden Gram über das Herabsinken, das Niedergehen einer großen,
-herrlichen Nation!«
-
-Aufs höchste interessiert, lauschte ich diesen mit monotoner Stimme
-vorgetragenen Worten und entgegnete nur wie schüchtern tröstend:
-
-»Aber es giebt doch noch viele Indianer Ihres Stammes. Wenngleich, so
-viel ich hörte, die einstigen Irokesenbunde teilweise aufgelöst und
-deren Glieder in verschiedene Gegenden zerstreut worden sind, so leben doch
-gerade hier, im Staate New York, von denselben noch genug und führen als
-angesehene Männer unter den Amerikanern ein einträgliches, friedliches
-Dasein.«
-
-Abwehrend und verächtlich schüttelte sie das Haupt.
-
-»Seit sie ihren Tomahawk vergraben und den Glauben der Weißen angenommen,
-hat Omäneo, der große Geist, von ihnen sich abgewendet. Die Amerikaner
-haben den Fuß auf den Nacken der roten Männer gesetzt. Nicht Herren sind
-sie mehr in diesem Lande, nur erbärmliche Knechte!«
-
-Tiefe Bitterkeit klang bei dieser Rede durch der Indianerin Stimme,
-während sie wie schützend den einen Arm um des Knaben Schulter legte und
-fort fuhr:
-
-»Kinder eines Vaters -- so lehrt das Christentum! Allein, sind wir das
-wirklich? Diese Frage drängt sich immer von neuem vor meine Seele.
-Ihr Deutschen befolget Gottes Gebot: ›Liebet euren Nächsten!‹ im
-schönsten, reinsten Sinne des Wortes, Ihr sehet in uns -- den Farbigen
--- den Bruder. Nicht so der Amerikaner, dessen Brust der unbegründete,
-bittere Erbhaß erfüllt, ja der ungerecht und hart ist -- oft bis zur
-Grausamkeit.«
-
-»Und dennoch wählten Sie Ihren Wohnsitz mitten unter ihnen?« fragte ich,
-die Witwe des Irokesenhäuptlings betrachtend.
-
-Sie deutete auf den Knaben.
-
-»Es ist nur um seinetwillen! Iron Hand (die eiserne Hand) soll einst das
-reiche Wissen und die Gelehrsamkeit der weißen Männer mit dem Verstande
-und dem Mutterwitz seines Stammes verbinden. Meine Lebensaufgabe besteht
-einzig noch darin, seine Studien zu überwachen, für ihn zu arbeiten und
-das Vermögen, welches sein teurer, tapferer Vater ihm hinterlassen, zu
-verdoppeln -- zu verdreifachen! Mein Sohn soll Medizin studieren,« setzte
-sie mit einem Blick voll Stolz und Zärtlichkeit hinzu.
-
-Ich vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken, und ihr scharfer Geist
-mußte meinen Ideengang erraten haben, denn sie sagte schnell:
-
-»Nun ja! Ich selbst pfusche den Ärzten so ein klein wenig ins Handwerk.
-Mein großes Interesse an der Heilkunde hat mir schon manche trübe,
-einsame Stunde erhellt Ich schöpfe nur aus der Natur, kenne deren
-geheimnisvolle Kräfte, und meine Mittel helfen zuweilen besser, als die
-der hochgelehrten Herren dort drüben in der City.«
-
-Freudig zustimmend nickte ich mit dem Kopfe. Einen Moment schaute sie mich
-scharf und prüfend an; dann rief sie lebhaft:
-
-»Besuchen Sie mich, Sir! Ich sehe, Sie sind ein welterfahrener,
-edeldenkender Mann, der die Vorurteile des Kastengeistes von sich
-abgestreift hat, dessen Gesichtskreis unbegrenzt ist. Mit solchen Menschen
-verkehre ich gern; ihnen zeige ich mich auch von einer anderen Seite, als
-wie der übrigen Welt, die in Mary Powl nur ein halb verrücktes weibliches
-Original sieht. =All right!= Sie kommen?«
-
-Mit wirklich anmutigen Bewegungen, jedoch ohne jede Spur von Koketterie,
-und mit herzgewinnendem Lächeln reichte sie mir die Hand entgegen.
-
-»Gewiß, Madame! Mit dem allergrößten Vergnügen,« erwiderte ich, ihre
-Rechte herzlich drückend.
-
-Diese Frau gefiel mir. Es lag so viel Urwüchsigkeit, so viel angeborene
-Vornehmheit in ihrem Wesen, nebenbei sprach aus jedem ihrer Worte Geist und
-tiefes Denken, so daß für mich in dem freundlichen Anerbieten ein eigener
-Reiz lag und ich mir interessante Stunden und Erinnerungen von diesem
-Besuche versprach. Mary Powl nannte mir ihre Adresse. Darauf schaute sie
-nach der im Sinken begriffenen Sonne und erhob sich.
-
-»Und wie soll ich meiner gütigen Helferin aus jenem unerträglichen
-Zustande danken?« fragte ich, indem ich fast ehrfurchtsvoll den Hut vor
-ihr zog.
-
-»Damit, daß Sie dieser Stunde ein Andenken bewahren, mein Herr!« war die
-ernste Antwort.
-
-Sie nahm den Knaben wieder an die Hand, neigte leicht den Kopf und ging.
-
-Tief gedankenvoll blickte ich der fremdartigen Erscheinung nach, bis der
-leuchtende weiße Mantel hinter dem Gebüsch verschwunden war. Der endlose
-Park breitete sich wieder totenstill vor mir aus. Die Spatzen -- andere
-Vögel vermag dieser nicht aufzuweisen -- hüpften zutraulich über den
-Weg, als ob, seitdem ich auf der einsamen Bank mich niedergelassen, nichts
-die feierliche Ruhe ringsum gestört hätte. Sollte ich die letzte halbe
-Stunde wirklich nur geträumt haben, oder war die reizvolle Scene einzig
-nur meinem erregten Geiste entsprungen? Auch die nüchterne Phantasie eines
-alten Junggesellen erlaubt sich zuweilen eine Verirrung. Plötzlich jedoch
-lachte ich herzlich auf. Die Zahnschmerzen -- fort waren sie zweifellos; o
-Glück! Dieses wonnige Bewußtsein war kein Traum!
-
-Ein eigentümliches, höchst prosaisches Gefühl in der Magengegend
-verscheuchte indes bald alle poesiereichen Gedanken. Jetzt verursachte mir
-die Aussicht auf ein gutes Diner ein angenehmes Behagen. Wer auch wollte
-mir das verdenken! War doch seit meiner Abreise aus Philadelphia kein
-Bissen über meine Lippen gekommen. -- Eine halbe Stunde später saß ich
-bei Delmonico, und trotz aller Ehrfurcht und Hochachtung vor der weisen
-Einrichtung des Temperenzgesetzes stand eine Flasche »=veuve Cliqot=« vor
-mir im Eiskühler. Gern nahm ich am heutigen Tage solche Sünde auf
-mein Gewissen. Das erste Glas galt ihr. Es lebe Mary Powl, die
-Indianer-Squaw! --
-
-Die Vormittagsstunden des nächsten Tages verbrachte ich mit planlosem
-Umherstreifen in der großen Hauptstadt der Union. Was mir darin am
-charakteristischsten dünkte, das war jenes Hinauf- und Hinunterhetzen --
-anders läßt es sich kaum bezeichnen -- am Broadway. Weder in Paris
-noch in London ist mir derartiges Jagen je wieder vorgekommen. Millionen
-gewonnen -- Millionen verloren -- alles geschieht dort drüben in fast
-ängstlicher Hast! Wer das ganze bunte Bild vom objektiven Standpunkte aus
-betrachtet, dem erscheint es wirklich ergötzlich.
-
-Endlich zeigte die Uhr die vierte Nachmittagsstunde -- die Zeit, welche
-Mary Powl mir zum Besuche bestimmt hatte.
-
-In einer ziemlich entlegenen Gegend -- weit über die 8. Avenue hinaus --
-lag ihre Wohnung, und ich muß offen gestehen, daß eine gewisse Unruhe
-oder auch Neugierde mir die Pulse rascher schlagen ließ. Denn obwohl ich
-schon manches im Leben gesehen und kennen gelernt hatte -- in die inneren
-Verhältnisse einer Indianer-Häuslichkeit war mein Blick noch nicht
-gedrungen. Einen Wigwam erwartete ich im Mittelpunkt der City of New York
-selbstverständlich nicht; allein ich konnte -- mit Rücksicht auf Mary
-Powls Äußeres und deren romantisches Vorleben -- auf außergewöhnliche
-interessante Entdeckungen schließen. Da sie ja von dem ererbten Vermögen
-ihres tapferen Gemahls gesprochen, so durfte ich annehmen, daß sie
-pekuniär in guten Verhältnissen lebe.
-
-Die Hitze war aufs neue drückend, so daß ich mir ein Cab nahm, um rascher
-mein Ziel zu erreichen. Das Haus, wohin dasselbe mich führte, kam mir auf
-den ersten Blick allerdings nicht sehr elegant vor. Eines jener =Tenement
-houses= -- oder wie wir es bezeichnen würden: eine Mietkaserne war es, wie
-dergleichen in New York Leute bewohnen, welche nicht in der Lage sind,
-für sich ein Haus allein zu mieten, es aber vorziehen, eigene Menage zu
-führen, anstatt sich bei anderen in =board= (Kost) zu geben. Immerhin
-deutete das Innere des Gebäudes auf große Sauberkeit und Accuratesse.
-Die Stiegen waren mit Wachstuch bekleidet und die Scheiben der hohen
-Flurfenster blitzten förmlich in der Sonne. Rasch entschlossen klopfte ich
-an die mir genau bezeichnete Thür, weil die Wohnung keinen verschlossenen
-Vorsaal nebst Klingelzug aufwies.
-
-Im selben Augenblicke steckte auch schon ein wollhaariges Negermädchen
-den Kopf heraus und fragte mürrisch nach meinem Begehr. Ihr meine Karte
-überreichend, erwiderte ich, daß Mrs. Powl mich erwarte.
-
-Schon nach wenigen Sekunden kehrte die Dienerin zurück und öffnete mir
-schweigend die Pforten des geheimnisvollen Tuskulums. Moderne Möbel --
-moderne Teppiche und Fenstervorhänge -- boten sich meinen überraschten
-Blicken dar.
-
-Den ersten Augenblick überkam es mich gleich einem Gefühl der
-Enttäuschung. Nichts, auch nicht der kleinste Gegenstand entsprach hier
-dem Bilde, das ich mir von dem =home= Mary Powls gemacht hatte. Fast
-ärgerlich ließ ich fast alles in dem Gemache Revue passieren. Also nur
-mit leeren Worten, und vielleicht mit den paar bunten Lappen, die ihre
-Toilette ausmachten, blieb sie dem Andenken an die einstige Berühmtheit
-ihres Stammes treu? Von einem Kultus hatte sie gesprochen, den sie mit den
-Erinnerungen an die ihr teure Vergangenheit trieb -- und das geschah hier
-in dieser, der Erscheinung der Indianerin so gänzlich widersprechenden
-Umgebung? Alles Anziehende, jeder Reiz dieses Besuches ging für mich
-völlig verloren.
-
-Sicher mußte ich demnach auch darauf gefaßt sein, sie selbst in moderner
-Toilette, mit einer unmöglichen Haarfrisur, das dunkle Bronzegesicht
-von einem Lockengekräusel umrahmt, erscheinen zu sehen! Lächerlich! Wie
-konnte ich doch nur so unüberlegt und einfältig sein, mich hier anlocken
-zu lassen? Möglicherweise lief die ganze Geschichte auf einen echt
-amerikanischen Humbug, eine fein angelegte Schwindelei hinaus! Die schlaue
-Person witterte sicher in mir einen grünen Deutschen. Wie oft hört und
-liest man doch von solch' gründlich gerupften Vögeln -- von Mord -- von
-unheimlichem Verschwinden in New York! Unwillkürlich drückte ich die Hand
-auf die auf meiner Brust ruhende Barschaft und schaute mich halb forschend,
-halb ängstlich um.
-
-Das Negermädchen hatte das Zimmer wieder verlassen. Da erhob sich
-plötzlich ein schwerer, dunkler Thürvorhang und -- Mary Powl stand genau
-im nämlichen Anzuge, wie sie mir im Parke begegnet, nur ohne den weißen
-Mantel, mir gegenüber. Ernst und ruhige Würde, dabei wieder jene kühl
-herablassende Vornehmheit, sprachen aus der ganzen Erscheinung. Ein Seufzer
-der Erleichterung entschlüpfte meiner Brust, und fast beglückt schritt
-ich ihr entgegen.
-
-»Ich freue mich, daß Sie Wort gehalten haben, Sir!« sagte sie, mir
-näher tretend, mit dem monotonen, etwas schwermütigem Tonfall in der
-Stimme, indem sie mir, gleich einem alten Bekannten, die Hand reichte.
-»Ich habe mich viel mit Ihnen beschäftigt seit gestern und darüber
-nachgedacht, daß ihr Deutschen doch ein beneidenswert glückliches Volk
-seid!«
-
-»Woraus schließen Sie das, Madame?« fragte ich lächelnd, voll Interesse
-das dunkle Gesicht anschauend, welches mir heute weniger eckig und in dem
-Momente, wo die brennenden Augen in Begeisterung flammten, eher anziehend
-erschien.
-
-»O, ich lese ja Zeitungen!« rief sie, den Kopf selbstbewußt
-emporwerfend. »Sie sind Preuße? Ich kenne sie alle, eure großen tapferen
-Männer,« -- fuhr sie lebhaft fort -- »den greisen Kaiser William,
-Bismarck, Moltke! Das heißt, ich kenne ihre Namen auf dem Papier. In
-Wirklichkeit wird mein Auge sie wohl niemals schauen.«
-
-»Das zu erreichen, liegt ja nur an Ihnen,« erwiderte ich verbindlich, den
-mit vornehmer Handbewegung mir angebotenen Platz einnehmend. Sie hatte sich
-gegenüber gesetzt und die schlanken braunen Finger im Schoß gefaltet.
-»Entschließen Sie sich zu einer Reise nach Berlin, Madame! Das würde
-Ihnen eine reizvolle Zerstreuung und Abwechslung gewähren.«
-
-»Damit ich dann -- nach meiner Rückkehr -- mich um so unglücklicher in
-Verhältnissen fühlen würde, in denen zu leben ich doch angewiesen bin. O
-nein, Sir! So lange mein Sohn sein Ziel noch nicht erreicht hat, wanke ich
-nicht von diesem Platze.«
-
-Ich mußte ihr beipflichten.
-
-Darauf fragte sie mich nach meiner Lebensstellung und meinem Berufe, und
-als ich ihr gesagt, ich sei Schriftsteller, sah sie mich fast scheu und
-ehrfurchtsvoll von der Seite an und meinte befangen, sie hätte sich einen
-Mann der Feder ganz anders vorgestellt. Da mußte ich nun viel erzählen
-über deutsche Zustände und Sitten; über Litteratur und Geschichte
-sprachen wir, und ich gestehe offen, daß ihr, wenn auch nicht gerade
-reiches Wissen, so doch ihr richtiges Urteil, ihre Kenntnis von Dingen, die
-man ihr kaum zugetraut, mich wahrhaft überraschten. Freilich wohl zwangen
-mir die oft kindlich naiven Fragen hin und wieder auch ein Lächeln ab.
-Aber ich erinnerte mich dann schnell, mit wem ich die Unterredung führte.
-Jedenfalls stand dieselbe, was Originalität und Unterhaltung anlangte,
-keiner von jenen mit irgend einer deutschen Dame eingegangenen nach.
-
-Auch Mary Powl erzählte mir von ihrer Kindheit und Jugend, von dem kurzen
-Glück ihrer Ehe, -- daß ihr Gatte bei einem räuberischen Überfall eines
-feindlichen Stammes grausam erschlagen worden, und daß sie darauf mit
-ihren Landsleuten, mit der Menschheit, ja mit sich selbst zerfallen, der
-Heimat den Rücken gekehrt und nach New York übergesiedelt sei.
-
-»Und hier führe ich nun seit fast zehn Jahren ein stilles,
-zurückgezogenes, mir zusagendes Dasein,« schloß sie den schlichten
-Bericht. »Mein =home= ist meine Welt, in der ich mich glücklich fühle.«
-
-Wie das so natürlich war, flog mein Auge über die moderne Einrichtung des
-Gemaches, während ich die schüchterne Frage aufwarf, weshalb sie alles,
-was an das einstige romantische, abenteuerliche Leben der Vergangenheit
-gemahnte, daraus verbannt habe?
-
-Sie lachte. Es war das erste und letzte Mal, daß ich diese Frau wirklich
-lachen hörte.
-
-»So glauben Sie im Ernst, daß das durch Abhärtung und Entbehrungen aller
-Art gestählte Weib an die verweichlichte Lebensweise der Weißen
-sich gewöhnt habe, daß solcher Ballast« -- sie deutete auf ein von
-schwellenden Kissen strotzendes Ruhebett -- »ihr unentbehrlich geworden
-ist? Eine von der Kultur beleckte Indianer-Squaw -- wäre das nicht
-eigentlich spaßhaft? Nein, mein Herr! Mit Leib und Seele, mit jeder
-Fiber meines Herzens hänge ich noch an alten Erinnerungen. Allein ich
-verschließe mein Teuerstes vor der Welt. Kein profaner Blick soll je mein
-Heiligtum erreichen! Dieses Zimmer hier bedarf ich zum Empfange von Leuten,
-mit denen ich ab und zu geschäftlich verkehre und in Verbindung komme,
-für die ich auch nur Mrs. Mary Powl bin, welchen Namen ich mir seit dem
-Fortgange aus meinem Heimatsthal gegeben habe. Doch hier« -- in graziös
-behenden Bewegungen sprang sie empor und schlug den dunkeln Vorhang, durch
-den sie gekommen, zurück -- »hier, Sir, ist mein wahres =home=!
-Ihnen zeige ich es; Sie sollen sehen, daß ich das warme Interesse, das
-Vertrauen, welches Sie mir bewiesen, zu schätzen weiß!«
-
-Zögernden Schrittes war ich gefolgt und blickte nun in stummer
-Überraschung durch die offene Thür. Mit heiterem Gesichte weidete sie
-sich an meinem Staunen.
-
-»Nun, ich bitte, treten Sie ein, Sir! In diesen Räumen begrüßt Sie die
-Witwe des Irokesenhäuptlings Onundega.«
-
-Wir schritten beide über die Schwelle.
-
-Jetzt wußte ich, daß jedes Wort, was Mary Powl von ihrer Vergangenheit
-mir erzählt, lautere Wahrheit war, daß jeder noch so kleine Verdacht
-wider sie, der eben noch in meiner Seele Platz gefunden, eine bittere
-Ungerechtigkeit, ja, eine Kränkung für sie gewesen.
-
-Der Raum, in welchem wir jetzt standen, glich in der That der Vorstellung,
-die ich in meinen Knabenjahren von dem Wigwam eines Indianerhäuptlings
-mir vielleicht gemacht. Eine von grobem, eigenartig gewebten,
-blaubemalten Stoffe, in der Mitte der Decke angebrachte und an den Wänden
-niederhängende Draperie war geschickt und kunstgerecht zu einer Art Zelt
-verarbeitet, so daß die Seite, wo die Fenster sich befanden, ebenfalls
-verhangen blieb, weshalb sich nur ein mattes, angenehmes Dämmerlicht
-über den nicht großen Mittelraum verbreitete. Jeder Gegenstand dieses
-wunderbaren Gemaches trat klar und scharf ins Auge, und jeder Blick sagte
-mir, daß hier Mary Powl in ihrem Elemente, in ihrem eigentlichen =home=
-sei.
-
-Ihr kurz befehlender Wink nach der einen Ecke bedeutete den dort am Boden
-kauernden, anscheinend lesenden Knaben aufzustehen und mich zu begrüßen.
-Mit dem Buche in der Hand kam er leise herangeschlichen und schaute
-schüchtern zu mir auf.
-
-Liebkosend strich ich ihm über das schlichte, lange tiefschwarze Haar
-und fragte, was er denn so fleißig studiere? Mit stolzem Augenaufschlag
-erwiderte er:
-
-»=Latin=, Sir!«
-
-Dann hüpfte er wieder behende in seinen Winkel, schlug aufs neue das
-Lexikon auseinander und nahm anscheinend keine Notiz mehr von uns.
-
-Währenddessen stand, den einen Arm an die schlanke, doch kräftige Hüfte
-gestemmt, die Indianerin neben mir und verfolgte mit einem Ausdruck von
-Befriedigung im Gesichte meine sich immer steigernde Verwunderung.
-
-An der einen Längenwand des Zeltes, dicht über dem Haupte des Knaben,
-hingen die einstigen Waffen, Schild, Speer und Bogen, wie der phantastische
-Kopfschmuck mit der wehenden Adlerfeder (dem Abzeichen des Häuptlings)
-ihres heimgegangenen Gemahls. Verschiedene indianische Gerätschaften oder
-Handwerkszeuge, deren Zweck und Nutzen mir im ersten Augenblicke nicht
-recht klar war, bildeten eine originelle, malerische Verzierung um die mit
-sichtlicher Pietät gehüteten und bewahrten Überbleibsel einer kurzen,
-jedenfalls ruhmvollen Kriegerlaufbahn. Und weiter -- mein Auge irrte
-neugierig über hundert mir völlig unbekannte Dinge hinweg. Hier lagen
-Jagd- und Kriegstrophäen des stolzen Onundega, ausgestopfte Tiere und
-Vögel, Köcher und Pfeile, wie auch seltsamer Federschmuck, dort Sattel-
-und Zaumzeug seines Lieblings- oder Streitrosses neben den primitiven
-Toilettenartikeln eines besiegten Feindes. Aber -- was war das? Mein Blick
-war plötzlich auf etwa sieben bis acht ganz unheimliche Gegenstände
-gefallen, die in Manneshöhe, an einem starken Hanfseile aufgereiht, gleich
-gefangenen Krammetsvögeln im Dohnenstrich, herabhingen.
-
-Ein leises Gruseln lief mir über den Rücken und ich fühlte die einstigen
-Haare meines jetzt kahlen Schädels sich sträuben. Skalpe -- wahrhaftige,
-Original-Skalpe, je nach der Nationalität derselben mit langen oder
-kurzen Haaren bedeckt und an ihnen zusammengebunden, baumelten da als
-Siegestrophäen über meinem Haupte und mußten einem deutschen Herzen wohl
-begreifliches Unbehagen einflößen.
-
-Unwillkürlich wandte ich das Gesicht rasch nach einer anderen. Mary Powl
-gewahrte es und führte mich mit feinem Takt schnell zur entgegengesetzten
-Seite des Gemachs, wo eine in der That auserlesene Waffen- und
-Gewehrsammlung mein Interesse bald völlig in Anspruch nahm.
-
-Es gab in Mary Powls =home= überhaupt so viel Merkwürdiges zu schauen,
-daß wohl Tage dazu gehörten, alle die sehenswerten Dinge mit Ruhe und
-Verständnis betrachten zu können. Etwas indes nahm meine Aufmerksamkeit
-besonders gefangen. Dieses war ein höchst eigentümliches, primitives
-Lager. Auf einer Art Erhöhung nämlich, von Matten und Bärenfellen
-zusammengestellt, halb verdeckt von einem blauweißen Vorhange (blau ist
-die Lieblingsfarbe der Indianer), befand sich die Schlafstätte dieser
-sonderbaren Frau, und ich dachte dabei unwillkürlich ihrer Worte: daß das
-an Abhärtung und Entbehrungen gewöhnte Weib sich mit der verweichlichten
-Lebensweise der Weißen nicht befreunden könne.
-
-Also hier schlummerte Mary Powl, hier träumte sie vom einstigen Glück
-und Ruhm -- von der hoffnungsvollen Zukunft ihres Knaben! Hier, umgeben
-von Waffen, die noch das Blut der Feinde rötete, umgeben von menschlichen
-Skalpen, -- hier fand sie Ruhe nach des Tages Lasten! Ländlich --
-sittlich! Ich hätte mein bequemes Bett im lieben Deutschland mit dieser
-Lagerstätte sicher nicht vertauschen mögen.
-
-Viel gesprochen oder gar bewundert und gelobt habe ich nicht, während wir
-miteinander einen Rundgang durch den hochinteressanten Raum machten. Das
-dünkte mir in dieser Stunde abgeschmackt und einer Mary Powl unwert.
-War doch ihr Gesichtsausdruck tiefernst, als riefen all' die Gegenstände
-tausend schmerzliche Erinnerungen wach. Jedes leere Wort erschien mir daher
-gleich einer Verletzung ihrer innersten Gefühle.
-
-Doch plötzlich lächelte sie wieder, indem sie mich aufforderte, sie
-in das viel kleinere Nebengemach zu begleiten. Dieses war, ähnlich dem
-ersteren, geschmückt und aufgeputzt und diente augenscheinlich ihrem Sohne
-als Schlafzimmer, ihr selbst jedoch als eine Art Laboratorium. Wunderliche
-Gefäße, Retorten und Phiolen standen dort auf rohgezimmerten Bänken
-und Borden umher. Auf dem kleinen Herde dampfte und brodelte es auch, und
-große Bündel Kräuter und Pflanzen hingen, sorgsam zusammengebunden, von
-der Decke herab.
-
-Was aber in diesem Zimmer mir noch bemerkenswert vorkam, das war eine
-ganz prachtvolle amerikanische Safe (eiserner Geldschrank) neuester
-Konstruktion, an welche Mary Powl nun herantrat. Sie entnahm daraus
-mehrere kleinere Fläschchen, welche sie mir heiter entgegenreichte mit
-dem Bemerken, daß das eine vorzüglich gegen Migräne, jenes unfehlbar zur
-schleunigen Beförderung des Haarwuchses diene.
-
-Mechanisch glitt meine Hand über meine recht bedenkliche Glatze. Allein
-ich dankte ihr herzlich für diesen feinen Wink, indem ich erwiderte, daß
-ich zugleich mit dem Schmucke des Hauptes auch meine Eitelkeit abgelegt
-hätte, ja, daß ich mir lächerlich vorkommen würde, wollte ich
-plötzlich wieder mit wallenden Locken im Kreise der heimatlichen Freunde
-erscheinen; im übrigen glaube ich an die Unfehlbarkeit ihrer Mixturen.
-Zögernd indes setzte ich hinzu, daß, wenn sie mir einige Tropfen jenes
-wunderthätigen Mittels gegen die Zahnschmerzen geben wolle, so würde
-ich das mit größtem Danke annehmen. Gutmütig nickte sie und holte
-geschäftig das Wundermittel, welches mich von peinigender Qual befreit,
-mir zugleich aber diese interessante Bekanntschaft vermittelt hatte, aus
-der =Safe=. Wie eine kostbare Reliquie bewahrte ich dieses Geschenk auf
-meinem Busen.
-
-»Hier, Sir!« sagte sie darauf, die Thür des Schrankes weit öffnend und
-mich näher heranwinkend. »Schauen Sie einmal da hinein und sagen Sie mir,
-ob Mary Powl nicht gut und haushälterisch für ihren Sohn gewirtschaftet
-hat? Das eine habe ich von den Amerikanern profitiert und gelernt -- das
-Rechnen und Spekulieren.«
-
-Überrascht glitten meine Blicke über den Inhalt des Geldschrankes, und
-in diesem Momente schämte ich mich wirklich im stillen meiner unedlen,
-garstigen Gedanken, die ich, bevor die Indianerin eintrat, über dieselbe
-in dem tiefsten Winkel meines sonst vertrauenden Herzens gehegt hatte.
-
-Dort lagen Wertpapiere, Staats- und Eisenbahn-Obligationen neben
-aufgetürmten Rollen Zwanzig-Dollar-Goldstücken. Auch Häufchen
-Goldkörner und unregelmäßige Klümpchen dieses edeln Rohmetalls gewahrte
-ich und wurde immer mehr durchdrungen von der Überzeugung, Mary Powl sei
-nicht allein eine interessante, anziehende sondern auch sehr vermögende
-Frau, welche -- nach europäischen Begriffen -- sich ihr Leben hätte ganz
-anders gestalten können.
-
-»Ich staune über Sie, Madame!« konnte ich nicht unterlassen, in vollster
-Bewunderung auszurufen. »Gute Mutter, tüchtige Geschäftsfrau und ein
-mutiges, unerschrockenes, stets hilfsbereites Weib, -- das vereint sich
-selten in einer Person und verdient die höchste Anerkennung, welche jeder
-Ihnen zollen muß!«
-
-Wieder huschte jener Ausdruck von innerer Befriedigung über ihr dunkles
-Gesicht und sie entgegnete dann fast traurig:
-
-»Hier ernte ich nur Undank, wie unüberwindliches Mißtrauen, welches
-sich an meine Fersen zu heften scheint, und es mir gar oft erschwert, die
-menschenfeindlichen Gefühle und Regungen des Busens zu bekämpfen. Doch
-lassen wir das!« setzte sie abwehrend hinzu. »Wir beide ändern das
-nicht. -- Jetzt kommen Sie wieder hinüber in mein =Parlour= und nehmen
-einen kleinen Imbiß, Sir!«
-
-Mir rasch voranschreitend, öffnete sie die Thür des vordersten Gemaches.
-Noch einen letzten Blick sandte ich über Mary Powls =home=, dann folgte
-ich ihr hinaus.
-
-Das uns entgegenstrahlende grelle Sonnenlicht, verbunden mit dem Anblick
-der modischen Zimmereinrichtung wirkte auf mich beinahe, als wäre ich von
-einer Wanderung durch ein Märchenland in die Wirklichkeit zurückgekehrt.
-Noch halb wie traumbefangen starrte ich auf das Negermädchen, welches
-sich eben damit beschäftigte, Wein, Früchte und feines Backwerk auf einem
-Tische zu ordnen und für uns bereit zu stellen.
-
-Aufs neue betrachtete ich gedankenvoll und kopfschüttelnd das elegante
-Porzellan-Service und Glasgeschirr, welches im entschiedensten Widerspruche
-stand zu allem, was ich soeben geschaut hatte.
-
-»Wir führen einen echt amerikanischen Haushalt,« sagte Mary Powl,
-meinen Ideengang erratend, mit feinem Lächeln, indem sie mir eine Platte
-köstlicher Bananen darbot. Ich nahm eine dieser aromatischen Früchte.
-
-»Meine kleine Sally« -- sie deutete nach der Thür, durch welche die
-Negerin uns verlassen -- »ist die Lehrmeisterin, ich bin die Schülerin
-in der höhern Kochkunst; und so geht das wundervoll von statten. Was mir
-anfänglich schwer und ungewöhnt ist, das überwinde ich schnell bei dem
-Gedanken, daß ich Iron Hand ein Opfer bringe. Die Verhältnisse, in denen
-sein späteres Leben dahinfließen wird, bedingen sorgfältige Erziehung.
-Einst wird er seiner Mutter das danken. O, Sie sollten nur sehen, -- er
-speist mit Messer und Gabel wie ein junger Gentleman!«
-
-Ungefähr noch eine halbe Stunde verweilte ich in anregendem Gespräch mit
-der originellen Frau; dann erhob ich mich. Zwei volle Stunden hatte ich
-bereits in ihrer Gesellschaft zugebracht und ich mußte nun gestehen, daß
-der Abschied von Mary Powl mir nicht leicht wurde. Der weite Ozean mußte
-uns ja gar bald für immer trennen. Ob ich -- in ihrer Sprache zu reden
--- das große Wasser noch einmal durchschifft hätte, um _sie_ wieder zu
-sehen, wenn ich zwanzig Jahre weniger zählte? Wer weiß es! Jedenfalls
-wußte ich heute genau, daß dies ein Abschied fürs Leben war.
-
-Die Worte, die ich dabei gesprochen, mögen wahrscheinlich recht
-nichtssagend und abgeschmackt geklungen haben, indem es nämlich eine
-Eigentümlichkeit von mir ist, daß ich, je tiefer innerlich eine Sache
-mich berührt, äußerlich desto linkischer und trockener werde. Vom
-Tragischen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur _ein_ Schritt! Das
-sollte jeder bedenken, der einmal in reiferen Jahren von einer kleinen
-Gefühlsanwandlung übermannt wird -- umsomehr, da sie selbst, die Witwe
-des Irokesenhäuptlings, die freie Tochter der Natur, die Frau ohne höhere
-Erziehung und Bildung, mir gegenüber keinen Finger breit aus den Formen
-edler, züchtiger Weiblichkeit herausgetreten war. Taktlos und indiskret
-wäre es daher gewesen, hätte ich mit Blicken oder banalen Redensarten
-verraten wollen, daß sie mich aufs Lebhafteste interessiere, daß ich
-wirkliches Gefallen an ihr fand.
-
-Einen Moment hielt sie meine Hand fest in der ihren und schaute mich mit
-den brennenden Augen an. Der Knabe war gleichfalls herangetreten und lehnte
-sich, zärtlich angeschmiegt, an die Mutter.
-
-»Ich danke Ihnen für reizvolle, genußreiche Stunden, Sir!« sagte sie in
-ihrer schlichten, ruhigen Weise. »Nur selten wird mir das Glück zu teil,
-mich frei von der Seele herunter aussprechen zu können. Liegt doch der
-Trieb, ja das Bedürfnis hierzu in jeder Menschenbrust. Lange werde ich
-über alles, was Sie mir erzählt, nachdenken und weise Lehren daraus
-schöpfen für Iron Hand.«
-
-Einige Sekunden legte ich meine Rechte auf des Knaben Haupt und fragte:
-
-»Du willst ein kluger Mann -- ein berühmter Arzt werden und Deiner Mutter
-treue Liebe und Fürsorge für Dich einst hundertfach vergelten -- nicht
-wahr, mein Junge? Sie verdient es im reichsten Maße!«
-
-Ein strahlendes Aufblitzen der dunklen Kinderaugen gab mir Antwort.
-
-So schieden wir. -- -- --
-
-Jahre sind seitdem dahingezogen. Aber noch oft und gern verweilen meine
-Gedanken drüben in der großen Empire City Amerikas bei Mary Powl.
-
-Die kleine Flasche, welche sie mir damals mitgegeben, hat noch manchmal
-ihre wunderthätige Kraft bewährt, sowohl an mir selbst, als auch an
-anderen. Stets hat es mir Freude gemacht, im edlen Sinne der gütigen
-Spenderin zu wirken und zu helfen. Jetzt ist sie längst geleert.
-
-Wenn indes einer meiner verehrten Leser oder Leserinnen sich zu einer
-interessanten Reise über das Meer und nach New York entschlösse und
-drüben von Zahnschmerzen geplagt werden sollte, so rate ich dringend,
-nicht zu versäumen, sich auf eine einsame Bank im entlegendsten Teile
-des Zentralparks niederzulassen. Vielleicht -- ich sage nur vielleicht
--- begegnet ihm dort meine Freundin Mary Powl, die Indianer-Squaw. Ihre
-Adresse darf ich diskretionshalber nicht verraten.
-
-Ob sie noch lebt? Ob Iron Hand ihren stolzen, gerechten Hoffnungen
-entsprochen haben wird? --
-
-Ich habe von beiden niemals wieder etwas vernommen.
-
-
-
-
-Amerikanische Existenzen.
-
-
-Die Mittagsglut eines Julitages brütete über dem Madison-Square von New
-York, dessen weite Räumlichkeit mir heute beinahe noch endloser
-erschien als sonst. Fast senkrecht schleuderte die Sonne ihre glühenden
-Strahlenbündel auf den weich gewordenen Asphaltboden nieder, so daß
-dieses von stattlichen Häusern eingefaßte große Flächenquadrat völlig
-schattenlos vor meinen Blicken lag.
-
-Ich zog den wahrhaft monströsen Sonnenschutzschirm noch tiefer über mein
-gefährdetes Hirn, that mehrere schwere Stoßseufzer und strebte, einen
-heroischen Anlauf nehmend, vorwärts über den Platz -- meinem Ziele zu.
-
-Wer jemals einen amerikanischen Sommertag in New York erlebt hat und der
-Gefahr ausgesetzt gewesen ist, vom Sonnenstich betroffen zu werden, der
-kennt solche Situation genau. Allein sich sträuben oder gar klagen
-half hier nichts, indem ich vorwärts mußte, das heißt, mich von der
-Eisenbahnstation aus auf der Wohnungssuche befand und noch vor Abend mit
-Sack und Pack in einem guten und bequemen Boardinghouse untergebracht zu
-werden wünschte.
-
-O New York! Du Eldorado aller nach Fortunens Schürzenzipfel haschenden
-Deutschen! Wie erfreute mich trotz Hitze und Staub der Anblick der
-langentbehrten Metropole der Union, wie hatte ich in Tagen der Trübsal und
-des Kampfes ums Dasein mit sehnsüchtigem Verlangen deiner gedacht und das
-grausame Schicksal verwünscht, welches mich Jahr um Jahr an den fernen
-Westen gebunden. Endlich jedoch schien die launische Göttin ein Einsehen
-und Erbarmen mit mir gehabt zu haben. Ein Glücksfall ließ meine
-wirklichen oder vielleicht auch nur eingebildeten Talente und Geistesgaben
-doch schließlich zur vollen Geltung kommen. Durch die vorsorglich
-zurückgelegten Ersparnisse saurer Arbeit und eine, wie durch
-höhere Inspiration plötzlich in mir erwachte, fast amerikanische
-Unternehmungslust und Dreistigkeit bemühte ich mich um die Partnership
-einer der renommiertesten Advokaturen New Yorks und -- erhielt sie. Jetzt
-war ich ein gemachter Mann. Denn ich kannte die Verhältnisse Amerikas zu
-gut, um nicht überzeugt zu sein, daß ich den mühsam errungenen Platz
-auch würde behaupten können. Wie ganz anders waren daher die Empfindungen
-meiner Brust gegen diejenigen vor fünf Jahren, wo ich mit wenigen hundert
-Mark in der Tasche vom Steamer des Bremer Lloyd ans Land stieg. Mit stolzem
-Selbstgefühl betrat ich nun zum zweiten Male den Boden der Empire-City.
-Die alten Freunde aus jener Sturm- und Drangperiode meines Debuts im
-Heim des allmächtigen Dollars hatte ich indes darob nicht vergessen und
-erinnerte mich freudig einer alten Amerikanerin Miß Kathleen Emmerson,
-in deren gastlichem Hause ich bereits damals -- dank ihrer Rücksicht
-auf meine knappe Barschaft -- unter angenehmen Bedingungen einige
-Wochen verbringen durfte. Mit Miß Kathe, wie das liebenswürdige und
-menschenfreundliche alte Fräulein von all ihren Bekannten zu jener Zeit
-kurzweg benannt wurde, hatte ich später auch ab und zu in Korrespondenz
-gestanden und wußte demnach, daß ihre pekuniäre Lage sich gleichfalls
-bedeutend verbessert und sie anstatt des kleinen Kosthauses in
-St. Marks-Place jetzt ein elegantes Boardinghouse in der 24. Straße
-zwischen der 5. und 6. Avenue inne hatte.
-
-Dorthin also lenkte ich meine Schritte. Das Äußere desselben entsprach
-vollkommen meinen Erwartungen. Wenigstens zählte es zu den sogenannten
-guten Brownstone-Houses der City, welche die Straßen der oberen Stadtteile
-New Yorks zieren und alle ohne Ausnahme wie nach einer Schablone gearbeitet
-zu sein scheinen.
-
-Beim Eintreten gewahrte ich, daß an der mit massivem Gußeisengeländer
-versehenen steinernen Vortreppe ein Wagen der New York-Expreß-Compagnie
-hielt und verschiedene Gepäckstücke, darunter auch ein wahrer
-Monstre-Koffer, abgeladen und ins Haus hineingetragen wurden. »Aha!«
-dachte ich mit Befriedigung. »Auch die heiße Jahreszeit thut allem
-Anschein nach dem Geschäfte meiner alten Freundin keinen Abbruch.
-Gratuliere, Miß Kathe! Solch enorme Bagage-Zahl deutet auf noble und
-ständige Gäste.«
-
-Lebhaft sprang ich nun die sechs bis acht Stufen hinan und trat durch die
-bereits offenstehende Eingangsthür. Mehrere Personen, dabei natürlich
-auch Miß Emmerson, befanden sich auf dem etwas düsteren Vorflur, als
-auch schon der freudige Ruf -- in eigentümlich accentuiert gesprochenen
-deutschen Worten mir entgegenklang:
-
-»Kann ich denn meinen Augen trauen? Sie sind es wirklich, Herr Baron
-von ...?«
-
-»Pst, pst! Lassen wir doch die einstigen Titel und Würden beiseite!«
-entgegnete ich lachend und ebenfalls auf deutsch: »Mr. Richard Berken,
-Teilhaber der Firma Haberton & Comp. am Broadway, steht heute vor Ihnen,
-meine Liebe, und möchte höflich bitten, ihm ein bescheidenes Stübchen in
-Ihrem gastlichem Hause anzuweisen, Miß Kathe!« Damit schüttelten wir uns
-beide wahrhaft herzlich die Hände.
-
-Neugierig und mit höflicher Verbeugung schielte ich dabei nach der aus
-drei Damen und zwei Herren bestehenden Gesellschaft, welche, in Anbetracht
-ihres mit der Hauswirtin unterbrochenen Geschäftes, dem Anschein nach
-ziemlich ungeduldig drein schaute. Daher sagte ich zuvorkommend und
-entschuldigend, daß ich nicht länger stören wolle.
-
-Diese verbindliche Äußerung entschlüpfte mir einzig nur wegen des
-reizenden Gesichtchens der jüngsten dieser drei eleganten Ladys, deren
-blaue Kinderaugen in ernstlich forschendem Ausdruck auf mir hafteten. Dann
-folgte ich mit kurzem: »Auf Wiedersehen, Miß Emmerson!« dem durch die
-Hausfrau avertierten Neger die Treppe zur oberen Etage hinan. --
-
-Um sieben Uhr abends war das gemeinschaftliche Diner, welches alle
-Logiergäste des Hauses im Speisesaale versammelte. Ich selbst, bereits
-vollständig häuslich eingerichtet, war einer der ersten Ankömmlinge
-gewesen und hatte mir die recht hübsch arrangierte Tafel mit Muße
-betrachten, wie auch jeden neu Eintretenden eingehend mustern können.
-
-Halt! Jetzt stutzte ich. Da kam ja meine fashionable Gesellschaft von heute
-vormittag, deren voluminöse Koffer schon meine ganze Aufmerksamkeit auf
-sich gelenkt, soeben aus der Halle. Voran eine große, brünette Dame
-mittleren Alters mit auffallend harten, fast fatalen Gesichtszügen, deren
-elegante Seidenrobe mir zu der starkknochigen Gestalt wenig im Einklang zu
-stehen schien. Neben ihr schritt eine sehr schlanke, beinahe ätherische,
-junge Frau, -- nach meinen unerfahrenen Toilettebegriffen ganz reizend und
-distinguiert in einen hellen, undefinierbaren Sommerstoff gekleidet, dessen
-roter Seidengürtel und Bandgarnitur den zarten Teint des schmalen Ovals
-gar vorteilhaft hob. Trotz der Verschiedenheit der Gesichter zeigte ein
-merkwürdig ähnlicher, halb bitterer, halb verdrossener Zug um den Mund,
-daß das Mutter und Tochter sein mußten. Ihnen folgten ein mittelgroßer,
-hagerer Mann mit militärisch verschnittenem Haar und braunem,
-intelligentem Gesichte und meine allerliebste Unbekannte aus dem Vorsaal --
-mit den mir bereits bekannten, mich so sehr anheimelnden blauen Augen.
-
-Welch poetische Erscheinung! dachte ich lebhaft angeregt. Dieses
-hellblonde, gewellte Haar, dieses mädchenhaft zurückhaltende, dabei doch
-so edle Auftreten, dieser fast schüchterne Blick -- dies alles entrückte
-mich für Sekunden der Gegenwart, ja dem Lande, in dem ich mich befand,
-und ließ schmerzliche Erinnerungen an traute deutsche Frauengestalten in
-meiner Seele auftauchen.
-
-Im größten Gegensatze zu den anderen Damen entbehrte der Anzug meiner
-»Beauty« fast jedweder Eleganz. Ein schlichtes, aber um so reizenderes
-Kleid von feinem grauem Wollstoff bildete die Toilette -- =voilà tout=!
-
-Völlig in meinen Reflektionen versunken, vergaß ich, mich daran zu
-erinnern, daß noch ein zweiter Herr, ein auffallend gut aussehender junger
-Mann, diesen Morgen beim Eintreffen der Gesellschaft zugegen gewesen.
-
-Alsbald führte Miß Emmerson mich mit dem simplen Namen: Mr. Richard
-Berken bei allen Anwesenden ein und wies uns die Plätze an. Doch wer
-beschreibt meine freudige Überraschung: als ich aufschaute, sitzt die
-liebreizende Blondine dicht an meiner Seite.
-
-Sonderbar! Dieser kurze Aufblick aus ihren Augen glich fast einem
-stummen Verhör. Instinktiv fühlte ich, daß sie mit echt amerikanischer
-Scharfsichtigkeit sich einen sowohl das Individuum, als auch dessen
-Charakter und Nationalität betreffenden Eindruck festzuhalten und sich
-einzuprägen suchte.
-
-»Sie verstehen englisch, Sir?« fragte mich die liebliche Tischnachbarin
-mit den aus ihrem Munde reizend klingenden Tönen ihrer Muttersprache.
-
-Freudig bejahte ich es, und bald kam unsere Unterhaltung in guten Fluß.
-Nur sah ich mit Verwunderung auf ihre allerliebsten Hände, wie sie von
-allen ihr servierten Gerichten, außer daß sie sich selbst versorgte, noch
-reichliche Quantitäten auf bereits vor ihrem Platze stehende Teller legte
-und diese dann sorglich mit einem kleinen Schüsselchen bedeckte. Sie
-selbst aß hastig und zerstreut.
-
-Was bedeutete nur das? Als Mann von guter Erziehung wagte ich natürlich
-nicht, danach zu fragen. Doch mochten meine Gesichtszüge wohl einige
-Neugierde verraten haben; denn lachend -- es war dies genau ein verlegenes
-Kinderlachen -- sagte sie:
-
-»Dies ist für Frank, meinen Gatten, Sir! Er leidet schon seit längerer
-Zeit an einer sehr fatalen, unbequemen Magenverstimmung, kann infolgedessen
-nicht jedes Gericht vertragen und somit auch nicht mit uns an der Tafel
-speisen. Aber es freut ihn immer so sehr, wenn ich selbst ihm sein
-bescheidenes Diner hinaufbringe, -- der arme Franky!«
-
-»O, wie betrübend!« entschlüpfte es unwillkürlich meinen Lippen. Doch
-wäre es gewiß schwer festzustellen gewesen, ob der Ausruf des Bedauerns
-der üblen Magenverstimmung des armen Franky oder dem Umstande gegolten,
-daß mein holder Blondkopf bereits einen Ehemann besaß. Das also war der
-gut aussehende Gentleman, welcher an der Gesellschaft fehlte und den ich
-diesen Vormittag schon von Angesicht gesehen!
-
-Wirklich erhob sich nun nach einer Weile die junge Frau, ließ von dem
-aufwartenden Neger sich ein Präsentierbrett reichen, arrangierte darauf
-die verschiedenen Teller und verließ damit geräuschlos den Speisesaal.
-Die übrigen Tischgäste mochten den kleinen Vorfall wohl kaum bemerkt
-haben. An meiner Nachbarin rechter Seite saß ein alter Herr mit blauer
-Brille, welcher überhaupt miserabel zu sehen schien. Nur Miß Emmerson
-warf mir vom anderen Ende des Tisches einen seltsam bedeutungsvollen Blick
-herüber, welcher mir nun auch sofort klar machte, warum sie gerade mich an
-die Seite der reizenden Amerikanerin placiert hatte.
-
-Nach beendeter Mahlzeit, als ich schon den Hut in der Hand hielt, um dem
-schwülen Speisezimmer zu entfliehen, und hastig hinausstrebte in den
-herrlichen Sommerabend, faßte unsere freundliche Wirtin mich plötzlich am
-Rockärmel und drängte mich etwas nach einer Fensternische.
-
-»Ich glaube aus unbedeutenden Reden und Anzeichen leider bemerkt zu haben,
-daß hinter dem ganzen Auftreten der Newlands irgend etwas Mystisches
-steckt,« flüsterte sie auf deutsch mir ins Ohr -- eine Sprache, welche
-die alte Dame in der Praxis, das heißt, in jahrelangem Verkehr mit meinen
-Landsleuten, wohl erlernt haben mochte. »Meine große Menschenkenntnis hat
-mich noch selten getäuscht, und man könnte, wenn man sich die Zeit
-dazu nehmen wollte, zu spionieren, gerade hier vielleicht interessante
-Entdeckungen machen. Wir leben aber im glücklichen Lande der Freiheit, Mr.
-Berken, und so denke ich, wir lassen jeden ruhig seinen Weg gehen, -- nicht
-wahr? Die Newlands zahlen brillant, und mein Haus will bestehen. Alles
-übrige geht mich nichts an, wenigstens soweit meine Logiergäste nicht
-mit dem Gesetze in Konflikt kommen. Denn darin verstehe ich keinen Spaß.
-=Well=, mein Freund! Wir kümmern uns also nicht weiter um dieser Familie
-Privatangelegenheiten, noch darum, ob und weshalb Mr. Newland nicht zum
-Diner kommt?«
-
-»Ganz gewiß nicht, Miß Kathe!« entgegnete ich bereitwilligst und heiter
-lachend. »Mich interessierten anfänglich nur die auffallend schönen
-Augen meiner jungen Tischnachbarin. Doch seit ich erfuhr, daß diese Dame
-bereits einen Gatten hat, ist der sie vorher umgebende Nimbus schon ganz
-gewaltig geschwunden.«
-
-»O, immer noch der alte Schelm!« drohte mir Miß Emmerson mit dem Finger.
-»Nun, =good evening=, Mr. Berken!« Damit winkte sie mir freundlichst zu
-und ich ging meines Weges.
-
-Man spricht zuweilen in vollster Überzeugung, die Wahrheit gesagt zu
-haben, doch trotz alledem eine recht handfeste Lüge aus und gelangt oft
-erst durch Zufall hinter solchen Betrug heimtückischer Schicksalsmächte.
-
-»Seit ich weiß, daß die schöne Mrs. Newland einen Gatten hat, ist ihr
-Nimbus gewichen,« hatte ich spöttisch geäußert, und war natürlich
-gänzlich davon durchdrungen, daß jene Leute mir total gleichgültig
-bleiben würden. Es sollte indes anders kommen. --
-
-Etwa 14 Tage mochten wir nun in Miß Emmersons stillem, komfortablem
-Boardinghouse wohnen, als etwas sich ereignete, was mein anfänglich
-lebhaftes, dann standhaft zurückgedrängtes Interesse für die liebliche
-Mrs. Newland plötzlich wieder neu anfachte. Meine anstrengenden
-Berufspflichten hielten mich zwar von früh acht Uhr bis nachmittags vier
-Uhr in der Office am Broadway fest. Allein ich fand immer noch Zeit genug,
-einige gemütliche Stunden im Parlour oder auch auf Miß Kathes luftigem
-Balkon zu verbringen. Nach wie vor konversierte ich über allerlei harmlose
-Tagesereignisse mit meiner hübschen Nachbarin bei Tische; auch trug nach
-wie vor die vorsorgliche Gattin ihrem armen Frank die Speisen hinauf in
-sein Zimmer. Aus der Unterhaltung mit ihr erfuhr ich nach und nach, daß
-die alte Dame, welche meine Sympathien durchaus nicht erwecken konnte, die
-Mutter von Frank Newland, sowie der schlanken jungen Frau sei, deren Mann
-mir als Major irgend eines Miliz-Regiments, als Mr. Fowler, vorgestellt
-worden war. Meine blonde Freundin erzählte ferner =en passant=, daß sie
-schon drei Jahre verheiratet wäre und mit der Familie ihres Gatten früher
-in Chicago gelebt, wo ihre Schwiegermutter eine Agentur für den Export
-von Nähmaschinen besessen, das Geschäft jedoch aufgegeben habe, um wegen
-Franks Kränklichkeit die besten New Yorker Ärzte zu konsultieren.
-
-Nach dieser Richtung hin war ich also völlig orientiert, und doch mußte
-ich mir im Gespräche mit der hübschen Frau oft den größten Zwang
-anthun, um sie mit indiskreten Fragen über Dinge nicht zu belästigen, die
-mich von rechtswegen und auch rücksichtlich Miß Emmersons Gebot ganz und
-gar nichts angingen. Warum kam die Familie Newland gerade in der heißesten
-Zeit nach New York, welches dann außer den Geschäftsleuten alle anderen
-Menschen fliehen? Was that eigentlich dieser intelligent und schlau
-aussehende Mr. Fowler, und womit beschäftigte sich den lieben langen Tag
-der von seiner besseren Hälfte, wie ich wahrgenommen, so vergötterte
-Franky, indem er stets erst nach Sonnenuntergang das Haus verließ und das
-immer nur allein?
-
-Wer konnte es mir verdenken, daß ich als thätiger Mann solch seltsame
-Verhältnisse mir nicht recht zu erklären vermochte! Während dieser 14
-Tage war es mir auch nur ein einziges Mal vergönnt gewesen, den Gatten
-meiner Tischnachbarin zu sprechen; das heißt, wir trafen uns eines Abends,
-als ich von einem Spaziergange nach Hause zurückkehrte, auf der Treppe. Da
-ich ihn sofort erkannte, redete ich ihn freimütig an.
-
-Das helle Licht der im Hausflur brennenden Gasflamme beleuchtete dabei
-grell sein schmales, auffallend edel geformtes Gesicht und ließ mich in
-ein Paar sehr ernste, fast finstere Augen schauen. Deutlich merkte ich,
-daß er mir auszuweichen suchte; doch hartnäckig vertrat ich ihm den Weg
-und sagte ihm rasch einige bedauernde Worte über sein Leiden. Nur lässig
-zuckte er die Achsel mit der kurzen Bemerkung: »Sehr gütig, Sir!«
-
-Darauf erging ich mich in Lobeserhebungen über seine schöne, geistreiche
-Frau, hoffend, eine eifersüchtige Regung würde ihn vielleicht aus seiner
-stoischen Ruhe aufrütteln. Doch vergebens! Er freue sich sehr, daß Mrs.
-Newland angenehme Unterhaltung bei Tische gefunden, lautete die abweisende
-Antwort. Dann lüftete er den Hut und ließ mich stehen.
-
-»Welch ein seltsamer Mann!« dachte ich, zwar halb ärgerlich, trotzdem
-aber von dieser Erscheinung angesprochen. Immer deutlicher trat daher die
-Überzeugung an mich heran, daß ich hier vor einem Rätsel mich befand.
-
-Eines Morgens nach dieser Begegnung empfing mich mein Partner, Mr.
-Haberton, ein sonst kühler und stiller Geschäftsmann, in der Office
-mit sichtlich aufgeregter Miene, indem er mir sofort sechs Stück
-Zwanzig-Dollars-Scheine vor die Augen hielt und zornig heraussprudelte:
-daß dies jämmerliche Falsifikate seien, daß wir auf eine nichtswürdige
-Weise um 120 Dollars betrogen worden, und daß einer seiner Clerks ihm
-soeben erzählt habe, während der letzten Tage seien mehrere ähnliche
-Fälle in New York vorgekommen und die City müsse einmal wieder mit
-falschen Greenbacks (Kassenscheinen) überflutet sein.
-
-Angenehm erschien mir dieses betrübende Faktum keineswegs, da ich bei
-diesem kleinen Verluste natürlich selbst beteiligt war. Allein wenn ich
-von Natur nicht ein realistisch angelegter, dabei höchst aufgeklärter
-Mensch wäre, so hätte ich mich in diesem Momente beinahe auf
-spiritistischem Gebiete ertappt. Denn -- plötzlich sah ich in meiner
-Einbildung -- dort über dem kahlen Schädel Mr. Habertons -- das
-schöne, todestraurige Gesicht von Frank Newland auftauchen, nur mit dem
-Unterschiede, daß die ernsten Augen sich jetzt in einem flehenden
-Ausdruck auf mich richteten. Dieses sonderbare Vermengen des Wirklichen und
-Phantastischen meinerseits ließ mich -- vielleicht nach meines Partners
-Ansicht -- wohl höchst stupid und gleichgültig dreinschauen. Denn er
-faßte mich nun ein wenig unsanft bei der Schulter und rief:
-
-»Sie müssen ein Krösus sein oder Sie kennen den Wert des Geldes bei
-uns noch nicht genau, mein lieber Mr. Berken! Denn 120 Dollars wirft wohl
-keiner gern umsonst zum Fenster hinaus!«
-
-Erschreckt fuhr ich auf. Unsinn! Nicht die Spur eines fremden Gesichts war
-mehr zu schauen. Ich war ein Narr.
-
-»Mein lieber Mr. Haberton!« erwiderte ich daher rasch mit der verzweifelt
-traurigsten Miene, die ich nur anzunehmen vermochte. »Der Schreck
-über unseren Verlust machte mich ganz sprachlos. Der Kukuk soll alle
-Falschmünzer Amerikas holen, und wenn ich mich von einem solchen Halunken
-je wieder über den Löffel barbieren lasse, so will ich nicht mehr wert
-sein, ein Partner der Firma Haberton & Comp. zu heißen!«
-
-Er schien zufrieden, und im Laufe des Gespräches erfuhr ich dann
-noch, daß schon vor mehreren Wochen die Polizei einer großen
-Falschmünzer-Gesellschaft, welche aus einer völlig organisierten Bande
-bestehen sollte, in St. Louis auf der Spur gewesen. Doch die Schlauköpfe
-der Spitzbuben sind oft pfiffiger als die Schlauköpfe des Gesetzes, und so
-wäre denn das vorsichtig umstellte Nest der sauberen Vögel doch leer und
-von ihnen verlassen gefunden worden. Man spräche indes viel darüber,
-daß das Haupt dieser Koterie ein Frauenzimmer sei, welches mit wahrhaft
-genialer Geschicklichkeit die feinsten Fäden ihres Einflusses bis in alle
-Staaten zu spinnen verstände und ihre Verbindungen in Kreisen haben solle,
-wo kein Mensch einen Falschmünzer zu suchen wage.
-
-Ich glaube, daß ich an diesem Vormittage recht zerstreut bei der Arbeit
-war und wirklich Gott dankte, als ich die steinernen Stufen zu Miß
-Emmersons Boardinghouse emporsteigen durfte.
-
-Bei Tische überschaute ich mir sinnend die Gesichter der Familie Newland.
-Kerzengerade saß die Alte auf ihrem Platze. Wieder umrauschte eine schwere
-Robe ihre Gestalt, während ein feines Spitzengewebe auf ihrem noch dunklen
-Scheitel lag und mehrere prächtige Solitäre die Finger schmückten.
-Doch als ich mir gerade diese starkknochigen, unschönen Hände näher
-betrachtete, mit denen sie eben die Speisen zum Munde führte, konnte
-ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß dieses Mannweib, bevor der
-Bruderkrieg der Union entflammte, sehr wohl eine jener gefürchteten
-Sklavenaufseherinnen der Südstaaten hätte sein können, die, mit der
-eisenbeschlagenen Hetzpeitsche in der Hand, ihre unseligen Opfer in Zucht
-und Ordnung gehalten.
-
-Unangenehm berührt durch solchen Ideengang, wandte ich mich den
-liebreizenden Zügen meiner jungen Nachbarin zu. Sie lächelte mich heute
-ein wenig traurig an und meinte, daß Franky sich gar nicht recht frisch
-und heiter befände. Die Langeweile, zu der ihn die Ärzte verdammt, sei
-doch gar zu geisttötend.
-
-»So lesen Sie ihm doch vor, Madame!« warf ich freundlich beschwichtigend
-ein.
-
-»O, er haßt ja alle Lektüre, außer Zeitungen, und darin stehen doch
-immer die meisten Lügen!« entgegnete die schöne Frau halb trotzig.
-
-»Nicht immer, Mrs. Newland!« sagte ich dabei sehr ruhig, aber ernst, und
-hob mein Auge langsam zu dem ihren. »Der ›New York Herald‹ wird
-zum Beispiel in den allernächsten Tagen recht interessante Entdeckungen
-offenbaren, die keinesfalls der Phantasie eines eifrigen Zeitungs-Reporters
-entsprungen, sondern der Wirklichkeit entnommen sind.«
-
-Und völlig unbefangen erzählte ich ihr darauf von unserem kleinen
-Geldverluste und den Mitteilungen Mr. Habertons.
-
-Im nächsten Augenblicke jedoch bereute ich das eben Gesagte schon aufs
-tiefste. Denn die Veränderung, welche nach meinen Worten in Mrs. Newlands
-Zügen sich ausprägte, war eine so entsetzliche, ja beängstigende,
-daß ich selbst ganz verwirrt davon wurde und beinahe hilflos verlegen
-stotterte: ob sie sich nicht wohl fühle? Das sonst so weiße und rosige
-Antlitz war für mehrere Minuten von einer fast bleigrauen Blässe
-überzogen. Die Augen starr und ausdruckslos auf einen Punkt gerichtet, die
-Lippen krampfhaft zusammengepreßt -- so lehnte das schöne Geschöpf im
-Sessel.
-
-»Nein -- nein -- ja -- die Hitze bringt mich um!« stöhnte sie, mit
-vieler Mühe sich ermannend, indem sie halb mechanisch nach dem vor ihrem
-Platze stehenden Eiswasser langte.
-
-Zuvorkommend und selbst äußerst erschreckt, reichte ich ihr das
-Glas, woraus sie hastig einige Schlucke des kühlenden Getränkes
-hinunterstürzte. Dann -- es war bereits gegen Ende der Mahlzeit -- schob
-Mrs. Newland mit sichtlicher Kraftanstrengung den Stuhl zurück und erhob
-sich.
-
-»Ich muß mich leider hinaufbegeben; etwas Migräne, die mich zuweilen
-in schwülen Zimmern befällt --, weiter ist es nichts. Gute Nacht, Mr.
-Berken! Bitte, thun Sie aber dieses Vorfalls gegen niemanden Erwähnung!«
-
-Jetzt traf mich ein wahrhaft flehender Blick der blauen Augen. Darauf
-schlüpfte die graziöse Gestalt flüchtig und noch geräuschloser als
-sonst aus dem Zimmer. --
-
-Die nächsten acht Tage ging ich einher, wie jemand, der sich vielleicht
-mit einem großartigen Wagstück herumträgt und nicht recht zu einem
-festen Entschlusse gelangen kann, auf welche Weise dasselbe auszuführen
-sei. »Thun Sie aber dieses Vorfalles gegen niemand Erwähnung!« hatte Mr.
-Frank Newlands Gattin mir bittend zugeflüstert. Die Zunge hätte ich mir
-lieber abbeißen mögen, ehe ich nur eine Silbe von dem verraten, was seit
-jenem Abend -- ja seit dem Morgen, als Mr. Haberton mir in der Office die
-falschen Banknoten gezeigt, in meinem Innern vorging. Jeder andere, selbst
-meine alte Freundin Miß Kathe, wenn ich ihr das zu jenem waghalsigen
-Unternehmen bereits eingesammelte und notwendige Material mitgeteilt,
-würde mich auch sicher gründlich ausgelacht und abwehrend etwa geäußert
-haben: »Mein Bester, das sind deutsche Thorheiten! Wer Schmutz anfaßt,
-der darf sich nicht wundern, wenn etwas davon an den Händen kleben
-bleibt!« -- Doch einerlei! Was ging mich die amerikanische Herz- und
-Gefühllosigkeit hinsichtlich unserer Mitbrüder an, wo eine innere Stimme
-mich unwiderstehlich antrieb, in das dunkle Geschick zweier Menschen, die
-mich sympathisch anzogen, einzugreifen -- zu helfen -- zu retten, solange
-es noch Zeit war. -- --
-
-Die Familie Newland schien seit den allerletzten Tagen sich in sonderbarer
-Erregung oder Erwartung zu befinden. Mr. Fowler war höchst wenig zu sehen
-und schien dringende auswärtige Geschäfte zu besorgen. Dafür aber saßen
-seine Gattin und Schwiegermutter, mit Sorge und Ungeduld der Rückkehr des
-Abwesenden harrend, oft bis gegen elf Uhr abends auf dem Balkon.
-
-»Wir lieben es, die erfrischende Nachtluft zu genießen,« hatte die zarte
-junge Frau einmal mit süßem Lächeln zu Miß Emmerson geäußert, und
-niemand störte sie darin.
-
-Mittlerweile brachten die New Yorker Zeitungen, wie ich bereits
-vorausgesagt, wirklich eine Menge haarsträubender und mitunter auch
-lächerlicher Artikel über den mutmaßlichen Aufenthalt der gefährlichen
-Falschmünzergesellschaft, welche an Falsifikaten schon ein Kapital
-in Umlauf gesetzt haben sollte, das bereits mehr denn eine Million
-repräsentiere. Einerseits hieß es: das Haupt der Sippe befände sich
-völlig ungeniert und seelenvergnügt in unserer City; andererseits
-lauteten die Berichte, daß die so schlaue, vielleicht auch nur mythenhafte
-»Dame« sich in Chicago aufhielte. Auf jeden Fall aber hoffe die Polizei,
-dieses Mal einen brillanten Fang zu thun und ihrer wirklich habhaft zu
-werden.
-
-Meine junge Tischnachbarin hatte seit jenem Migräneanfall jetzt oft so
-sonderbar rote und geschwollene Augen, und das reizende Kinderantlitz
-dünkte mir auch schmäler geworden, als ob irgend ein Gram oder heimliches
-Weh an dem Herzen des lieblichen Geschöpfes nage. Sie sprach wenig und aß
-fast nichts.
-
-Dagegen machte ich die Entdeckung, daß sie mit ihrer Schwiegermutter
-auf höchst gespanntem Fuße zu leben oder -- richtiger gesagt: unter
-dem Despotismus dieser Frau zu leiden schien. Bestärkt wurde ich noch in
-meiner Idee, als ich beim Vorüberschreiten an Mr. Franks Zimmer, welches,
-wie diejenigen seiner Mutter und Schwester, in der ersten Etage des Hauses
-lag und dessen Thür ein wenig offen stand, -- einmal, ohne im mindesten
-lauschen zu wollen, die harte Stimme des mir so widerlichen Weibes zu ihrem
-Sohne deutlich sagen hörte:
-
-»Und wenn Du Dich hier am Boden zu meinen Füßen winden würdest, ich
-gebe Dir dennoch die Freiheit nicht zurück, weil das Wohl und Wehe eines
-einzigen gegen die Existenz und Sicherheit von uns allen nicht in Betracht
-kommt. Wir brauchen Dich und das genügt!«
-
-»Und darüber wird Frank zugrunde gerichtet! Siehst und fühlst Du denn
-das nicht, Mama?« vernahm ich jetzt auch die fast schluchzende Stimme
-meines kleinen, blonden Lieblings. Wie erstarrt zögerte ich einen Moment.
-
-»Gut; dann geht er eben zugrunde, wenn er eine Memme -- ein Feigling
-ist!« klang es nochmals aus dem Munde dieser Mutter zurück.
-
-Dann stürmte ich, Abscheu und Wut im Herzen, die Treppe hinan nach meiner
-Wohnung. -- --
-
-Am selben Nachmittage kam ein feingekleideter, gut aussehender älterer
-Herr ins Haus und wünschte Miß Emmerson zu sprechen. Zufällig war ich
-selbst mit unserer Hauswirtin im Parlour anwesend, welche mich lächelnd
-bat, dazubleiben.
-
-Nicht umsonst hatte ich die Carriere eines Advokaten in diesem Lande
-absolviert, um in dem Eintretenden nicht sofort den Detektiv der
-Geheimpolizei zu vermuten. Ein scharf prüfender Blick seines dunklen Auges
-glitt im Nu auch über meine unbedeutende Person herab. Doch als Miß Kathe
-ihm meine Beziehungen zu der Firma Haberton & Comp. genannt, wurde mir
-augenblicklich ein sehr verbindliches: »=How do you do, Sir?=« zu teil,
-und nun erst rückte der Besucher, wenngleich noch immer vorsichtig,
-mit seinem Anliegen an den Tag. Miß Emmerson solle sein zudringliches
-Erscheinen nicht etwa übel deuten, meinte er, Platz nehmend, wobei er den
-großen Diamanten an seinem kleinen Finger im Lichte der durchs Fenster
-dringenden Sonnenstrahlen spielen ließ. Allein, wie manche Erfahrungen
-bereits bewiesen, befänden sich Persönlichkeiten, deren Antecendenzien
-mit dem Wortlaute der Gesetzbücher oft nicht recht übereinstimmten,
-zuweilen vorzugsweise in den allerfeinsten und fashionabelsten
-Boardinghäusern, um soviel als möglich den äußeren Schein zu wahren und
-jeden Verdacht von sich abzulenken. Er müsse so unbescheiden sein und um
-die Namen und Berufsarten ihrer Hausbewohner bitten.
-
-Miß Kathe machte trotz dieser glatten Worte ein höchst empörtes und
-wütendes Gesicht und rief in der ihr charakteristischen, etwas derben
-Trockenheit: ihr Haus berge glücklicherweise nur äußerst respektable
-Leute, und wenn dem Herrn ihre Aussage nicht genüge, so fordere sie ihn
-auf, heute abend das Diner mit sämtlichen Gästen einzunehmen, was sicher
-den Beweis führen würde, daß er dieses Mal auf gänzlich falscher
-Fährte sei.
-
-Herr des Himmels, welche Unvorsichtigkeit von Miß Kathe! Dieselbe
-entsprang einzig ihrem völlig unbefangenen Gemüte, dachte ich entsetzt,
-und stand wie auf Kohlen in meiner Fensternische, in die ich mich
-zurückgezogen hatte. Wenn dieser Spürhund etwas davon erfuhr, daß Frank
-Newland die Gesellschaft so auffallend mied und allein auf seinem Zimmer
-speiste, wenn ...
-
-Jetzt erschrak ich fast über meine seltsame Bangigkeit. War es denn
-möglich, daß ich selbst, ein Mann des Gesetzes, noch dazu ein Mensch,
-welcher jede lichtscheue That aus tiefster Seele verachtete, ja dessen
-Lebensaufgabe darin bestand, das gefährdete Recht, wo immer es galt, zu
-vertreten, daß ich also selbst für diesen unseligen jungen Verirrten und
-dessen Frau Partei nahm, -- daß ich gegenüber der Sicherheitsbehörde New
-Yorks mich zu ihrem Schutze bereits aufzustellen gedachte, anstatt daß ich
-vor diesen Mann dort hintrat und ihm frank und frei alle Entdeckungen
-der letzten Tage offenbarte. Denn was ging mich schließlich dieser
-Frank Newland nebst seiner blonden Gattin an? Oder war diese mir selbst
-unerklärliche Sympathie für jene Menschen vielleicht doch etwa ein Wink
-von oben?
-
-»Danke bestens, sehr verbunden, Miß Emmerson!« lautete indes zu meiner
-größten Beruhigung des Detektivs Antwort. »Ihre Versicherung genügt
-mir fürs erste, umsomehr, weil ich in meiner Stellung alles Auffällige
-vermeiden muß.«
-
-Dann machte er sich einige Notizen in sein Taschenbuch und verließ mit
-aalglatten Bewegungen und sehr verbindlichen Verbeugungen gegen die Dame
-und mich das Parlour.
-
-»Meinen Sie, Mr. Berken, daß es in der eben angedeuteten Beziehung mit
-den Newlands nicht recht geheuer ist?« fragte mich Miß Kathe, als wir
-jetzt allein waren, wobei ein etwas ängstliches Zucken ihre Mundwinkel
-umspielte. »Ich hielt sie bisher, das heißt die Männer, für Gambler
-(Spieler) von Profession, vielleicht auch für Leute, die auf irgend eine
-Patent-Medizin reisen oder dergleichen, jedoch hinsichtlich des guten Rufes
-meines Hauses für völlig harmlose Kreaturen. Ihnen aber traue ich wohl
-eine Portion Menschenkenntnis zu. Nun, was meinen Sie, Mr. Berken? Es
-thäte mir wirklich leid, wenn ich den Newlands aufkündigen müßte und
-meine Zimmer, voraussichtlich bis in den September hinein, leer ständen.«
-
-Ich hatte das Gesicht ein klein wenig nach rechts gewandt, so daß Miß
-Kathes Blicke nur mein Profil zu treffen vermochte, und entgegnete so
-ruhig, als ich trotz der Aufregung, die in mir arbeitete, es fertig zu
-bringen imstande war:
-
-»Liebe Miß Kathe! Da ich von dem Grundsatze ausgehe, besser ist besser
-und sicher ist sicherer, so würde ich doch die paar hundert Dollars
-nicht ansehen und gelegentlich, das heißt, auf irgend einer triftigen
-Entschuldigung fußend, der alten Newland zu verstehen geben, daß Sie
-über ihre Zimmer zu disponieren wünschten. Ich verehre Sie zu hoch
-und aufrichtig, Miß Kathe, um Sie auf irgend welche Weise in
-Unannehmlichkeiten verwickelt zu sehen! Daher rate ich Ihnen offen hierzu,
-weil mir die Sache mit dem Detektiv gar nicht gefällt.«
-
-Erschreckt prallte die alte Dame zurück und starrte mich mehrere Sekunden
-durchbohrend an. Dann faßte sie sich rasch und versetzte mit schmerzlichem
-Tonfall der Stimme:
-
-»Sie würden mir das nicht sagen, Mr. Berken, wenn es nicht Ihre innerste
-Überzeugung wäre!«
-
-»Sicherlich nicht, Miß Kathe!«
-
-»Gut denn; ich folge Ihnen!«
-
-Ohne zu zucken und ohne vielleicht weiter des vermeintlichen Verlustes
-einer für sie ziemlich bedeutenden Summe zu gedenken, reichte die resolute
-alte Dame mir die Rechte hin und sagte:
-
-»Morgen wird ein Ende gemacht. Punktum!«
-
-Dann verließ auch sie das Sprechzimmer. --
-
-»Morgen!« Mechanisch öffnete ich die nach dem Balkon führende Glasthür
-und riß in tiefen Gedanken an den an dem Geländer sich emporrankenden
-Klematisblüten. »Morgen!« kam es nochmals sorgenvoll über meine Lippen.
-Jetzt stand die Sonne bereits tief am Horizonte, und wenn sie dort im
-Osten wieder emporstieg, dann mußte etwas geschehen sein, wovon die dabei
-beteiligten Personen bis jetzt noch keine Ahnung hatten.
-
-»Deutsche Sentimentalität und Thorheit!« neckte das böse Prinzip in
-meiner Brust. »Laß ab von Sachen, die Dich nichts angehen, und hemme die
-Gerechtigkeit nicht in ihrem Lauf!«
-
-Standhaft wehrte ich mich dagegen und flüsterte dafür kaum hörbar:
-
-»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!«
-
-Doch horch! Klang das drinnen im Parlour nicht gleich einem unterdrückten
-Schluchzen? Peinlich berührt und um nicht etwa hier draußen auf dem
-Balkon der unfreiwillige Zeuge irgend einer Scene zu werden, trat ich rasch
-ins Zimmer zurück. Allein noch einmal stutzte ich. Dort in einem Sessel,
-das Antlitz auf die Armlehne desselben niedergebeugt, lag meine schöne
-Tischnachbarin, wie es schien, im Stadium von Agonie oder höchstem
-Schmerz. Nur ab und zu drang ein sich qualvoll herausringender Laut aus
-ihrer Brust, während die krampfhaft verschlungenen Finger das blonde
-Haupt umfaßten. Ungeachtet dieses betrübenden Anblicks durchströmte mich
-beinahe wilde Freude. Der Zufall spielte mir hier die beste Gelegenheit zum
-Beginn meines Samariterwerks in die Hand. Daher trat ich entschlossen an
-die Ahnungslose heran und rief:
-
-»Mrs. Maud Newland!« Seit heute morgen wußte ich auch den Vornamen des
-jungen Geschöpfs.
-
-Wie durch einen elektrischen Strom berührt, fuhr die Angerufene empor und
-stand alsbald kerzengerade mir gegenüber, während die glühenden, noch
-bebenden Lippen sich zu einem mühseligen Lächeln verzerrten.
-
-»O, ich habe geschlafen und -- sehr -- sehr garstig geträumt!« stotterte
-sie, sich die wirren Locken aus der Stirn streichend. Ein anderer, als ich,
-hätte sich von der Wirklichkeit dieses Arguments überzeugen lassen.
-
-Welche moralische Kraft und Geistesgegenwart steckte doch in diesem
-lieblichen Wesen!
-
-»Nein, Madame, Sie haben _nicht geschlafen_, sondern in tiefem,
-leidenschaftlichem Seelenschmerz -- in fassungslosem Jammer über
-das Unheil, welches Schritt um Schritt Ihnen näher rückt, haben Sie
-_geweint_!« entgegnete ich ruhig, aber fest.
-
-Jetzt stierten die blauen Augen in wahrhaft entsetztem Ausdruck mir ins
-Gesicht.
-
-»Mein Herr! Mit welchem Rechte wagen Sie, eine solche Sprache gegen mich
-zu führen?« kam es leise, jedoch zornig aus dem zuckenden Munde.
-
-»Mit dem Rechte aufrichtiger, warmer Freundschaftsgefühle, Mrs.
-Newland!« gab ich völlig unbeirrt zurück und faßte nun auch
-rückhaltlos nach ihrer Rechten.
-
-»Freund--schaft?« wiederholten ihre Lippen zögernd in halb ungläubigem
-Trotze. Dünkte es mir doch, als ob es dabei gleich nie geahntem -- nie
-gekanntem Glücke in den schönen Augen aufflammte. Aber sie entzog mir die
-kleinen Finger dennoch und setzte rasch und herb hinzu:
-
-»Ich danke, Sir, wir -- ich brauche die so edelmütig gebotene
-Freundschaft eines -- Fremden nicht, da ja auch gar kein Grund vorliegt,
-sich mitleidig unserer anzunehmen, nein, wirklich absolut nicht!«
-
-»So?« Fest und durchdringend heftete ich meine Blicke auf das bleiche
-Gesichtchen. »Wissen Sie, Mrs. Maud Newland, daß Sie in diesem Moment
-eine _Lüge_ aussprechen? Wohlan! Mir kann das ja einerlei sein. Aber ich
-erinnere Sie nur daran, daß dort oben über uns _Einer_ lebt, dem wir
-Rechenschaft zu geben haben von unseren Worten und Werken, und daß auch
-für Sie eine Zeit kommen kann, wo Sie dieser Hilfe benötigt wären!«
-Schwer und keuchend kamen die Atemzüge aus der jungen Brust. »Wenn man in
-demütigem Sinne diesem _Einen_ seine Sorgen und Lasten anempfiehlt, dann
-erscheint das Schwerste wirklich nicht so schwer!« fuhr ich eindringlicher
-fort.
-
-Jetzt schluchzte sie auf und bedeckte das Antlitz mit den Händen.
-
-»O, warum sprechen Sie _so_ zu mir! O, wie lange -- lange, -- fast seit
-meinen Mädchentagen ist es her, daß jemand gegen mich den Namen Gottes
-genannt hat! Und doch habe auch ich einst, ehe ich Franks Gattin wurde,
-oftmals so innig und warm zu ihm gebetet! Stehen denn plötzlich alle
-süßen Erinnerungen an die Kindheit auf -- an meine heimgegangenen Eltern
--- an jene Zeit, wo noch alles anders war?« fügte sie, die Wangen von
-Thränen überströmt, nun träumerisch ins Leere starrend, hinzu. »Wer
-sind Sie, Sir, daß Sie es verstehen, solche Saiten in meinem Innern zu
-berühren? Gehen Sie -- o gehen Sie! Ich bin Ihrer Teilnahme und Güte
-nicht wert, -- habe ja kein Anrecht an die Barmherzigkeit und Milde Gottes!
-Denn ...«
-
-Sie stockte plötzlich und wollte an mir vorüber zur Thür hinaus. Doch
-energisch vertrat ich ihr den Ausweg.
-
-»Nicht _allein_ dürfen Sie hinaus, Mrs. Newland! Gerade um der
-schmerzlichen Erinnerungen willen an das glückliche Einst bitte ich Sie,
-mich jetzt sofort zu Ihrem Gatten zu führen und mir eine kurze Unterredung
-mit ihm zu gestatten. Widersetzen Sie sich dem nicht! Denn es ist zu Ihrem
-Wohl -- Ihrer Rettung -- _ich weiß alles_!«
-
-Tödlich erschreckt fuhr die Fassungslose zurück.
-
-»Was -- was wissen Sie?«
-
-»Daß Frank ein armer Bethörter -- ein Unglücklicher ist und schwer
-unter dem Drucke eines tyrannischen Weibes, das sich leider seine Mutter
-nennt, duldet und darüber zugrunde geht!« flüsterte ich ihr entschlossen
-ins Ohr. »Aber, beim Allmächtigen, der mein Vorhaben begünstigt,
-schwöre ich, daß wir über diese Megäre, die auch Sie im tiefsten Innern
-verachten, siegen werden, und ich Ihnen Freiheit, Glück und Sicherheit
-zurückzugeben vermag! Nur folgen Sie mir und fügen Sie sich bedingungslos
-meiner Weisung!«
-
-»Mein Himmel! Träume ich denn? Giebt es in dieser jämmerlichen Welt
-wirklich noch etwas, was Hoffnung und Glaube an der Menschheit heißt?«
-rang es sich zitternd über die bebenden Lippen der jungen Frau. »Darf
-ich Ihnen -- dem Fremden -- wahrhaft trauen? Sind Sie nicht auch etwa
-ein Mensch, wie jener, der unlängst hier war, -- ein solcher, der kein
-Erbarmen und keine Rücksicht kennt?«
-
-»Mrs. Maud Newland! Ich dächte doch, daß Sie von der Aufrichtigkeit
-meiner Freundschaft überzeugt sein sollten!« entgegnete ich fast
-vorwurfsvoll und weich.
-
-»Freundschaft!« schrie sie darauf in wilder Erregung, so daß ich über
-den grellen Ton ihrer Stimme beinahe erschrak. »O, welch ein Zauber liegt
-in diesem einen Wort! Kommen Sie, ja kommen Sie rasch hinauf zu meinem
-armen, geliebten, unseligen Gatten! Er wird -- er muß Ihnen folgen!« Und
-ungestüm zog das liebliche Geschöpf mich mit sich fort.
-
-Kaum konnte die Stunde zu einem ungestörten Gespräch mit dem jungen
-Einsiedler dort oben in seinem stillen Zimmer günstiger gewählt sein.
-Denn erst vor einer Weile hatte ich die alte Newland nebst Tochter und
-Schwiegersohn das Haus verlassen sehen. Überdies gestand meine Begleiterin
-mir jetzt in merkwürdig rührender Vertraulichkeit, daß ihre Verwandten
-einen kleinen Ausflug nach Coney Island unternommen und vor spätem
-Abend kaum zurückerwartet werden dürften. Man habe zwar ausdrücklich
-gewünscht, daß sie selbst an der Partie teilnehmen sollte; doch hätte
-sie das, um Frank nicht allein zu lassen, auf das entschiedenste abgelehnt.
-
-Unter dergleichen leise geführten Reden erreichten wir das erste
-Stockwerk, doch machte die junge Frau vor dem verhängnisvollen Gemache
-noch einmal Halt und holte, gleichsam um Mut zu schöpfen, tief Atem.
-Ach, hätte ich der Ärmsten die Viertelstunde doch ersparen können! Nach
-kurzem Zögern öffnete Mrs. Newland mit raschem Entschluß die Thür und
-schritt mir ins Zimmer voran.
-
-Das Erste, was mir beim Eintreten sofort ins Auge fiel, war wieder jener
-eisenbeschlagene Monstre-Koffer, dessen Begegnung mir schon einmal zu
-denken gegeben und dessen Anblick nun aufs neue die ganze gefährliche
-Tragweite, ebenso aber auch die Notwendigkeit dieses Schrittes klarlegte.
-Die Fenster des Gemaches gingen gegen Westen, so daß die noch hellen
-Strahlen der Abendsonne es bis in seine tiefsten Winkel beleuchteten.
-
-Mr. Frank Newland schien jedoch unseren Besuch gar nicht zu merken. Denn
-mit aufgehobenem rechten Arme, ein Pistol in der Hand haltend, zielte er
-soeben nach einer an der Wand der Langseite befestigten Scheibe, deren
-durchlöchertes Feld mir zur Genüge zeigte, wie und durch welches
-Vergnügen der junge Mann seine Mußestunden sich verkürzte. Wieder
-gewahrte ich in seinem schönen Gesichte den finsteren Schmerzensausdruck
-und konnte in diesem Momente mich wirklich des Gedankens nicht erwehren,
-ob der, wie ich ja wußte, so verzweifelt und vergeblich an seinen Fesseln
-Rüttelnde nicht vielleicht dort, wo sich die weiße Papierscheibe befand,
-die Häupter seiner Peiniger oder mutmaßlichen Verfolger im Geiste zu
-schauen wähnte.
-
-»Frank! Ich wollte -- ich möchte so gern, daß Du -- diesem Herrn hier,
-Mr. Berken, für einige Minuten Gehör schenktest!« rief jetzt, das
-lange Schweigen unterbrechend, meine Begleiterin ihrem Gatten bittend und
-zärtlich zu, während sie nach ihm hinüberflog und die Arme um seine
-Schultern schlang.
-
-Sofort sank die Hand mit dem Pistol herab, und, mehr erschreckt als
-unwillig, fuhr sein Kopf nach mir herum.
-
-»Was soll's? Du weißt ja, Maud, daß ich nicht gern gestört bin!« kam
-es leise, doch grollend über seine Lippen.
-
-Allein trotz dieses wenig ermutigenden Empfanges hatte ich mich ihm rasch
-genähert und begann ohne Zögern:
-
-»Die große Wichtigkeit dieses Besuches hier, ja meines Anliegens an Sie,
-Mr. Newland, überwiegt das Peinliche, was zweifellos für mich in diesem
-etwas dreisten Vordringen eines Ihnen fast Fremden liegt!«
-
-Franks geistvolles, dunkelumrahmtes Auge richtete sich bei diesen Worten
-ganz seltsam scheu und fragend nach dem meinen, indem er herb und zögernd
-erwiderte:
-
-»Wegen meines Leidens empfange ich niemals -- grundsätzlich niemals
-Besuche. Doch, wenn _sie_« -- (ein vibrierender, auffallend zärtlicher
-Ton lag in diesem: _sie_, womit er der Gattin Hand sanft drückte) --
-»ausnahmsweise jemanden bei mir einführt, dann muß ich mich allerdings
-schon von der Notwendigkeit durch dies Abweichen von der Regel überzeugen
-lassen.« Er verbeugte sich gegen mich und fügte etwas weniger schroff,
-indes mit immer noch tief ernster Stimme hinzu:
-
-»Meine Frau hat mir bereits von Ihrer Liebenswürdigkeit und Ihren
-menschenfreundlichen Gesinnungen erzählt, Mr. Berken! Es ist ein edler
-Grundzug im Charakter der Deutschen, daß Teilnahme und Freundschaft bei
-ihnen nicht leere Worte sind, sondern dem Herzen entspringen.«
-
-Dabei legte er die kleine Schußwaffe beiseite und reichte mir die Finger
-hin. Eine müde Apathie machte sich im Wesen dieses Mannes bemerkbar und
-verlieh ihm, verbunden mit dem schmerzlich krankhaften Zuge seines schmalen
-Gesichts, den Anstrich eines wirklich Leidenden.
-
-So ruhig und fest, daß ich mich in diesem Momente selbst über meine
-Fassung wunderte, erwiderte ich:
-
-»Der Hauptgrund unseres Charakters ist eine unüberwindliche, ja, so zu
-sagen, schon mit der Muttermilch eingesogene Abneigung gegen jeden falschen
-Schein.«
-
-Ganz sonderbar stutzte er, während ein halb wirrer Blick über meine
-Gestalt hinwegglitt, und gleichsam fragend wandte er sich nun nach seiner
-jungen Frau, welche mit im Schmerz gefalteten Händen in einen Sessel
-gesunken war.
-
-»Ich muß wohl annehmen, daß Sie einen besonderen Zweck mit diesem --
-Besuche verbinden?« entfuhr es in harten, schroffen Tönen seinem Munde,
-indem er nun, wie zu einer kampfbereiten Stellung, sich vor mir aufrichtete
-und bald noch heftiger hinzufügte: »Sie hassen den Schein! Sehr gut,
-mein Herr! Aber unter welchem Vorwande erklären Sie mir dann Ihr sonderbar
-geheimnisvolles Benehmen, welches zweifellos irgend eine Absicht -- einen
-Hintergedanken verrät? Denn nur allein deshalb hierher in mein Zimmer zu
-kommen, um einen Ihnen fast Unbekannten, der Ihnen niemals störend in den
-Weg getreten, mit zweideutigen Reden zu intriguieren, dafür halte ich Sie,
-Mr. Berken, doch für zu =gentlemanlike= und edel.«
-
-»Sie scheinen viel Menschenkenntnis zu besitzen, Mr. Newland!« gab ich
-ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück. »Wohlan denn! Den Grund
-dafür kennt bereits Ihre verehrte Gemahlin; es ist der, daß ich Ihnen mit
-Rat und That behilflich sein möchte, Ihre unwürdigen Fesseln zu sprengen!
-Ist diese Antwort nicht klar und verständlich genug?«
-
-Durchdringend heftete ich dabei meine Augen auf das abgehärmte
-Männergesicht. Doch nur ein leise gurgelnder Ton drang über seine Lippen,
-während er haltlos mehrere Schritte nach rückwärts taumelte.
-
-»Ich dulde keine Einmischung in meine Angelegenheiten!« stieß er endlich
-nach wenigen Sekunden wild heraus. Sein Auge funkelte und jede Fiber des
-schlanken, aber sehnigen Körpers schien in Erregung und Leidenschaft zu
-zucken. Dann aber lachte er gellend auf. »Und wissen Sie, mein Herr,
-was wir Amerikaner aus tiefster Seele verachten? Das sind glattzüngige
-Schleicher, die hier und dort mit dem löblichen Grundsatze: ›der Zweck
-heiligt die Mittel‹ herumspionieren und schließlich doch nur Unheil
-stiften! Solche Leute sind mir in den Tod verhaßt. Und nun, mein Herr,
-bitte ich, daß Sie in Zukunft mich unbelästigt lassen!«
-
-Damit kehrte er mir den Rücken und schritt dem Fenster zu. Hier schien
-demnach der Sieg nicht ganz so leicht, als unten im Parlour über die junge
-Frau, dachte ich unentschlossen. Doch kam schon die kleine Verbündete mir
-rasch zu Hilfe, indem sie, emporspringend und zu dem Gatten hinübereilend,
-rief:
-
-»O Frank! Sei barmherzig! Um Deiner Liebe zu mir -- um unseres Elends
-willen, weise diesem Herrn nicht so schroff die Thür! Denn gerade er, Mr.
-Berken, will uns ja dazu verhelfen, daß der waghalsige Plan, der schon
-längst in Deinem Kopfe reifte, aber stets wieder vereitelt wurde, wirklich
-einmal zur Ausführung gelangt. Ich flehe Dich an, Frank, lasse diese gute
-Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen! Denn ohne energischen Beistand
-käme es nie -- nie dazu!« sprudelte das schöne Weib in flammender
-Begeisterung für die Sache wild hervor. »Du bist so gut und treu, voller
-Liebe und Rücksicht für mich, aber dennoch bloß ein schwankendes Rohr
-gegenüber der Macht und dem Willen Deiner Mutter!«
-
-Ich war ebenfalls näher getreten und sah deutlich, wie eine heiße
-Blutwelle Mr. Franks Stirn verdunkelte.
-
-»Schweig, Maud! Du vergißt Dich. Dein noch unerfahrener Sinn setzt
-Vorsicht und Pflichten außer acht!« raunte der Gatte unter keuchenden
-Atemzügen ihr leise zu.
-
-Allein sie beachtete diese Warnung nicht. In zwei Sätzen sprang die
-graziöse Gestalt zu mir herüber, faßte stürmisch meine Hand und rief:
-
-»So sagen Sie ihm doch, daß Sie alles wissen -- in alles eingeweiht
-sind und den ganzen großen Jammer unserer Existenz entdeckt haben, Mr.
-Berken!«
-
-Da drang es wie ein schlecht unterdrückter Wutschrei über des Mannes
-Lippen, der drohend die Faust nach dem lieblichen Haupte emporhob.
-
-»Maud, -- Unselige! Du hast uns verraten!«
-
-»Nein, Mr. Newland, Sie irren!« sagte ich, jetzt dicht an ihn
-herantretend und mit festem Druck sein Handgelenk umspannend. »Der bloße
-Verdacht allein ist schon eine Kränkung für Ihr treues, opfermutiges
-Weib. Nicht sie hat den verhüllenden Schleier von dem düsteren Bilde
-Ihres Daseins hinweggezogen, nicht Ihre Gemahlin hat mir die traurige
-Wahrheit entdeckt, sondern mein eigenes warmes Interesse für ein Paar
-bedauernswerte junge Menschen ließ mich Schritt für Schritt dem ersten
-leisen Verdachte, den schon jener ominöse Koffer dort anregte, weiter
-nachforschen. Auch nicht um Unheil zu stiften, Mr. Frank Newland, wie Sie
-soeben voraussetzten, -- nein, einzig nur aus dem Grunde, um im Augenblicke
-höchster Gefahr -- und solche ist jetzt vorhanden -- zu retten und zu
-helfen!«
-
-Er riß sich von mir los und rannte, mit beiden Händen den Kopf umfassend,
-einigemal wie rasend durch das Zimmer.
-
-»Wo -- wo ist Gefahr? Wer sagt das? Wer bürgt mir dafür?« rief er
-heiser.
-
-»Frank! Du selbst weißt es ja -- kennst das drohende Gespenst der
-Verfolgung, welches Tag und Nacht über uns schwebt; weißt auch, was für
-ein Mensch vor kaum einer Stunde bei Mrs. Emmerson Nachfrage hielt, weißt
-ferner, daß der Boden unter unseren Füßen bereits wankend geworden!«
-mahnte die junge Frau mit todesbleichem Gesicht. »Nur Mut und rasche
-Entschlossenheit, Geliebter, und wir entfliehen dieser schauerlichen
-Existenz, die ich verabscheue, die entwürdigend für uns ist! Zeige,
-daß Du ein Mann bist, Frank -- ein Mann, der, dieser empörenden Tyrannei
-anderer müde, sein besseres Ich herauswindet aus einer Bergeslast von Lug
-und Trug. O! arbeiten und Dir beistehen will ich ohne Murren und Klagen
-Tag für Tag, um uns ein neues Heim zu schaffen!« fuhr die junge Frau mit
-überzeugender Wahrheit und bewundernswerter Beredsamkeit fort, -- »ein
-stilles, friedliches Heim, welches allein uns gehört und worüber der dort
-oben wachen soll, den wir so lange Zeit vernachlässigt haben! Frank, wenn
-Du mich wahrhaft liebst, so folge diesem da, der es gut und ehrlich mit uns
-meint!«
-
-Überwältigt durch den Schmerz der hervorbrechenden Gefühle sank die
-schöne Frau zur Erde nieder und umfaßte leidenschaftlich des Gatten Knie.
-Ein Moment war das, der mich aller Zweifel und aller in mir sich regenden
-Ungewißheit überhob. Jetzt wußte ich, daß der wunderbar stürmische
-Drang in mir, diesem jungen Paare meine Hilfe zu bieten, höheren Ursprungs
-war. Alle Bedenken, gerade durch diese Hilfe mich einer ungesetzlichen, ja
-vielleicht gar strafbaren Handlung schuldig zu machen, zerflossen bei dem
-Anblicke in ein Nichts.
-
-»Mr. Frank Newland! Ich sehe, daß die Liebe zu Ihrer Frau bei Ihnen
-größer ist, als zu sonst irgend etwas auf Erden, und daß diese Liebe
-Ihnen dazu verhelfen wird, selbst das Schwerste zu überwinden!« sagte ich
-mit einer Stimme, die die eigene tiefe Bewegung deutlich verriet. »Wollen
-Sie fortan bedingungslos sich meiner Führung anvertrauen? Die Zeit ist
-kurz. Jetzt gilt nur ein schnelles Entweder -- Oder!« Wie Wetterleuchten
-zuckte es über sein bleiches Gesicht. »Zerreißen Sie mit fester Hand
-jenes unwürdige Band, welches Sie noch an die Vergangenheit knüpft,
--- schauen Sie dafür mutig und mit Gottvertrauen in eine lichtere,
-hoffnungsreiche Zukunft!«
-
-Ungestüm hatte er, während ich sprach, die liebliche Gestalt zu sich
-emporgezogen. Eine Weile hielten die Gatten sich umschlungen.
-
-»Der Fluch der Mutter, -- grimmiger Haß von allen, die mir bisher
-vertraut haben, -- ja, ein Leben der Not und Entbehrung, -- das ist es, was
-uns sicher erwartet, wenn ich diese Fesseln sprenge! Würdest Du Dich auch
-klagelos und willig einem vielleicht noch härteren Geschicke beugen, meine
-Maud?« fragte der junge Ehemann so zärtlich und weich, wie man nur zu
-einem Kinde redet.
-
-Ein kaum unterdrückter Jubelschrei stieg aus der Gefragten Brust.
-
-»Und wenn dieser Schritt meinen Tod bedeutete, ich könnte nicht ruhiger
-und beglückter darüber sein, daß Dein Widerstand endlich gebrochen ist
-und Du heimlich mit mir von dem Schauplatze unserer Leiden verschwinden
-willst, Frank!« rief sie neu belebt und zitternd vor Erregung, indem sie
-aus den sie umschlingenden Armen sich befreite und wieder zu mir herüber
-eilte.
-
-»Jetzt aber rasch zum Entschluß, Mr. Berken! Was soll geschehen?
-Bestimmen Sie über uns!« flüsterte sie mir hastig zu.
-
-Allein auch der vor kurzem noch so verschlossene und so schroff und starr
-abweisende junge Mann reichte mir jetzt, wenngleich mit einem Ausdruck
-bitterer Trauer, seine Hände entgegen, in die ich freudig einschlug.
-
-»In spätestens einer Stunde werden Sie New York im Rücken haben und sich
-auf dem Wege nach Kanada befinden,« erwiderte ich ernst und sehr bestimmt,
-während beide mir mit ängstlicher Spannung lauschten. »Spurlos noch ehe
-die Untersuchungen in jener traurigen Angelegenheit weiter fortschreiten,
-müssen Sie und Mrs. Newland von der hiesigen Bildfläche verschwinden,
-als ob der Sturm Ihre Namen hinweggeweht. Fort -- vergessen! Miß Emmerson
-sagen Sie indessen, daß Sie anläßlich einer wichtigen Depesche mit Ihrer
-Frau auf acht Tage zu verreisen gezwungen wären! Das genügt. Packen Sie
-also die nötigste Garderobe und Wäsche in einen nicht zu großen Koffer.
-Alle Ihre Sachen mitzunehmen, darauf müssen Sie leider verzichten, weil
-das vielleicht Verdacht erregen könnte. Dann benutzen Sie den nächsten
-Zug nach Montreal! Fürs erste jedoch, Mr. Newland,« -- fügte ich, indem
-ich jenem ominösen Koffer ganz nahe trat, ein wenig zögernd und sehr
-leise hinzu -- »schaffen Sie den gefährlichen Inhalt dieses Riesen
-schleunigst aus der Welt!«
-
-Er zuckte jäh zusammen und stotterte in höchster Verwirrung, während
-eine fahle Blässe sein Gesicht überzog.
-
-»So wissen Sie? -- nein, nein, das darf ich nicht thun, -- die
-Mutter ...!«
-
-»Sie dürfen auf niemanden Rücksicht nehmen! Denn ich ahne wohl, daß
-hierin die schlagendsten Beweise zur Überführung einer gar schlimmen
-Schuld für Sie enthalten sind, mein armer, bethörter Freund!« versetzte
-ich freundlich. »Und diese Beweisstücke müssen unter allen Umständen
-vertilgt sein. Dort drüben ist der Kaminofen. Was irgend brennbar ist, --
-hinein in ein flackerndes Feuer. Das übrige packen Sie in eine schlichte
-Reisetasche, die Sie mit sich nehmen und wie aus Versehen im Gedränge auf
-dem Bahnhofe stehen lassen! Dann erst werden Sie frei sein gleich dem
-Vogel in der Luft. Das leere Ungetüm hier wird nichts mehr verraten und
-grabesstumm bleiben. Sie sehen, mein Plan ist gut und könnte wahrlich der
-Intelligenz eines Amerikaners alle Ehre machen,« fügte ich ermutigend
-hinzu. Denn es entging mir nicht, wie hastige, schwere Atemzüge über
-seine Lippen stießen und er sichtlich zu kämpfen schien, mir mit neuen
-Einwendungen entgegenzutreten.
-
-»Und wohin sollen wir Ausgestoßenen, denen das eigene Vaterland nicht
-mehr Raum und Schutz zu bieten vermag, uns wenden?« fragte er herb.
-»Welche Aussichten, welcher Erwerb bietet sich uns auf englischem
-Boden? Ich bin völlig fremd in Kanada, -- habe nicht die geringsten
-Verbindungen ...«
-
-»Eben deshalb ist es nötig, daß Sie dorthin Ihre Schritte lenken, Mr.
-Newland!« gab ich ihm tröstend zurück. »Gerade dort, wo Sie fortan
-leben werden, sollen Sie ein Fremder sein; auch sogar den Namen, den Sie
-jetzt führen, müssen Sie hier zurücklassen!«
-
-Bei diesen Worten stieg abermals eine dunkle Röte dem Unglücklichen über
-die Stirn und finster, aber leidenschaftlich rief er:
-
-»Der Name Newland gehört mir von Rechts wegen gar nicht. So hieß
-nämlich der zweite Gatte meiner Mutter, der vor einem Jahre starb und
-dessen verhängnisvolles, grausiges Vermächtnis eben jener Koffer dort
-ist mit allem, was darin sich befindet und daran sich knüpft -- ein
-Vermächtnis, das gleich einem Fluche auf uns lastet. Man soll den Toten
-nichts Schlimmes nachsagen. Allein noch im Grabe verabscheue ich jenen
-Mann, der sich erkühnte, mein Stiefvater zu heißen. ›Welch eine
-Erscheinung!‹ hätten auch Sie bei seinem Anblick sicher ausgerufen.
-Im Äußeren glich er einem Heroen an Größe, Körperkraft, wie auch an
-Geist. Bestechend und verführerisch klang jedes Wort, mit dem er in die
-ahnungslose Menschenseele sich einzuschmeicheln verstand. Doch wer ihm
-unterlag, der saß fest in den Fangarmen des Teufels. Ein dämonischer
-Tyrann war er und hat meine unselige Mutter zu dem gestempelt, was sie
-jetzt ist, -- zu einer geldgierigen Megäre, die heute noch einzig nur in
-den Fußstapfen des ihr teuer gebliebenen Verblichenen wandelt. Aus
-mir aber ...« -- tief schöpfte er Atem -- »aus mir hat er einen der
-routiniertesten, gefährlichsten Falschmünzer Amerikas gemacht, -- ha, ha,
-ha! Das war ein Meister, wie es keinen zweiten giebt!«
-
-»O Franky! So lasse doch die alten Erinnerungen!« bat meine kleine blonde
-Freundin zärtlich, indem ihr die hellen Tropfen über das süße Gesicht
-herabrieselten.
-
-»Nein, nein! Jetzt muß ich reden!« erwiderte der junge Mann heftig.
-»Sie, Mr. Berken, sollen wenigstens erfahren, daß ich zu solch
-schmachvollem Berufe verführt -- gezwungen wurde, daß nicht die Gier und
-die Lockungen nach mühelos erworbenen Schätzen mich dazu verleiteten!
-Beim Allmächtigen, der sich gnädig meiner erbarmen möge, -- ich habe
-den schnöden Mammon stets gehaßt! Denn er allein ist der Satan, der
-die Menschheit verdirbt und erniedrigt! Was spreche ich doch von mühelos
-erworbenem Gelde? Wer hat gearbeitet Nacht um Nacht über Wagstücken, die
-oftmals doch mißlangen? Wer hat die Schweißtropfen saurer Mühe hergeben
-müssen für solches Teufelswerk? Ich war's -- ich that's, Mr. Berken, weil
-ich zu schwach -- zu feige war, mich loszureißen! Geknirscht und geflucht
-habe ich oft in ohnmächtigem Zorne. Doch der böse Blick der Mutter, in
-welchem ich noch fortdauernd den Dämon meines verfehlten Lebens -- den
-Meister -- den Stiefvater zu schauen wähnte, -- er hielt mich gleich einem
-Knechte in Zucht und Banden! Aber das Maß ist voll, -- länger ertrage ich
-es nicht!« rief er fast schluchzend. »Um ihretwillen, die mein Licht
-und Trost ist,« -- das sterbensmüde Auge traf der Gattin aufstrahlendes
-Gesicht, »um ihretwillen reiße ich das Band, was mich an diejenige
-bindet, die mich geboren, in Stücke!« Ich schaute nach der Uhr und
-fragte, in der Absicht, ihn von dem schmerzlichen Thema abzulenken:
-
-»Darf ich den Wagen für Sie bestellen, Mr. Newland?«
-
-Wie aus tiefem Sinnen fuhr er auf und nickte halb gedankenvoll:
-
-»Ja, ja -- den Wagen -- fort!«
-
-»Auch möchte ich Ihnen hier noch eine Adresse für Montreal überreichen,
-Mr. Frank? ... Ja, wie ist denn Ihr wirklicher Name?«
-
-»Wilson!« entgegnete er kurz.
-
-»Also, Mr. Wilson! Ein sehr intimer Freund von mir, ebenfalls
-ein Deutscher, hat dort eine renommierte und gesuchte Law-Office
-(Rechts-Bureau). An diesen ganz vortrefflichen Mann habe ich Sie als
-tüchtigen, intelligenten Arbeiter empfohlen, da ich durch Ihre Gemahlin
-weiß, welch gründliche Bildung Sie genossen, und daß ein Wissen in Ihnen
-steckt, wie junge lebenslustige Amerikaner es sich sonst selten anzueignen
-pflegen. Ein Wort von mir genügt, Ihnen den Anfang zu einer vielleicht
-sehr lukrativen Laufbahn zu eröffnen, und gingen Sie somit im Auslande
-keiner allzu trüben Zukunft entgegen. Die Hauptsache ist natürlich,
-daß Sie mit Lust und Energie einen Ihren Kenntnissen angemessenen Beruf
-ergreifen.«
-
-»Mein Gott, das ist zu viel, -- das bin ich nicht wert!« stöhnte der
-Überraschte kopfschüttelnd. Es zuckte dabei aber doch ganz seltsam
-freudig um seinen Mund.
-
-Meine kleine blonde Freundin schlug indes die Hände vor das Gesicht und
-schluchzte laut.
-
-»Haben Sie das nötige Reisegeld?« forschte ich, durch nichts beirrt, mit
-der ernsten, trockenen Stimme eines Inquirenten weiter, obgleich mir selbst
-vor innerer Bewegung der Ton im Halse stecken zu bleiben drohte.
-
-Eine lange Pause erfolgte. Dann zog Mr. Frank Wilson mehrere
-50 Dollar-Billets aus seinem Taschenbuche, zündete am Tische eine Kerze
-an und hielt, ohne zu sprechen, noch zu zucken die Banknoten darüber, daß
-alsbald die hellen Flammen um seine Finger spielten.
-
-»Ist denn der Mensch toll geworden!« hätte bei diesem seltsamen Gebahren
-ein anderer vielleicht gedacht und solchen Frevel zu vereiteln gesucht.
-Ich aber rührte mich nicht von der Stelle. Denn gerade jenes anscheinend
-kopflose Experiment redete für mich eine stumme Sprache. Das, was dort
-eben in Rauch aufging, waren ja auch nur elende Falsifikate; Lug und Trug
-war es --, die schauerlichen Früchte seines arbeitsschweren Daseins, an
-denen, wie er selbst gesagt, die Schweißtropfen saurer Arbeit hingen!
-Armer Frank! So kurz und straff hielt diese entsetzliche Mutter ihren
-einzigen Sohn im Zügel, daß sie ihm nicht das nötigste Geld zur
-Verfügung stellte -- aus Angst, er könne doch endlich einmal ihrer
-Tyrannei heimlich entfliehen! In diesem Augenblicke überkam es mich wie
-eine wahre Wollust, jenem entmenschten Weibe einen Streich spielen zu
-können.
-
-Mit zu Boden gesenkten Wimpern stand der Bedauernswerte vor mir. Welch
-beschämende Gefühle mochten in ihm sich regen! Daher schritt ich rasch an
-ihn heran und legte meine Rechte sanft auf seine Schulter.
-
-»Lassen wir Vergangenes ruhen, mein Freund! Ich begreife und verstehe
-alles und beklage Sie tief. Und doch ist es am Ende besser so, damit Sie
-mit Ihrer Flucht aus New York niemandem -- verstehen Sie wohl: niemandem
-mehr verpflichtet sind. Hier, Mr. Frank Wilson, lege ich 500 Dollars
-auf den Tisch, als ein Darlehen, was hoffentlich zum Beginn einer neuen
-Existenz ausreichen wird! Sie werden arbeiten und später guten Verdienst
-haben, davon bin ich überzeugt.«
-
-Abwehrend erhob er seine Hände.
-
-»Nun, was wollen Sie?« setzte ich schnell und lächelnd hinzu. »Ohne
-Geld kann man nicht reisen, und bleibt Ihnen somit gar nichts anderes
-übrig, als meine Hilfe anzunehmen. Im übrigen bin ich auch weit davon
-entfernt, diese Summe als verloren zu betrachten. Denn fürs erste bin ich
-selbst durchaus kein reicher Mann, und zweitens weiß ich ziemlich sicher,
-daß Sie die kleine Schuld mir nach und nach zurückzahlen werden. Sind Sie
-demnach mit diesem Geschäfte zufrieden?«
-
-Einem Traumbefangenen gleich stand er vor mir und stotterte nur ein paarmal
-hintereinander:
-
-»Ich danke -- danke Ihnen, mein Herr!«
-
-Seit ich mein deutsches Vaterland verlassen, war, glaube ich, eine
-ähnliche Anwandlung von Rührung und seelischer Befriedigung nicht über
-mich gekommen, als zu jener Stunde, die mit allen ihren Einzelheiten klar
-und fest sich bis zum heutigen Tage meinem Gedächtnis eingeprägt hat.
-
-Stillschweigend hatte ich meinen Hut ergriffen und gedachte mich unbemerkt
-zur Thür hinauszuschleichen. Allein der blonden Frau war meine Absicht
-nicht entgangen. In stürmischer Hast rannte sie mir nach und faßte
-beinahe leidenschaftlich meine Rechte.
-
-»Nein, so dürfen Sie nicht fort, Mr. Berken! O, es sieht Ihnen ganz
-ähnlich, daß Sie unseren Dankesworten sich entziehen wollen! Die wahre
-Großmut ist ja immer still und bescheiden, und ihr Deutschen seid alle
-von Natur so edel! Wirklich grausam wäre es gegen uns, nicht noch einen
-letzten, warmen Händedruck, einen letzten Abschiedsblick des einzig
-wahren, teilnehmenden Freundes für unser armseliges Geschick zu
-erhalten!«
-
-So klang es in schmelzenden Tönen an mein Ohr. Wehmütig lächelnd blieb
-ich stehen, indem nun auch Mr. Wilson sich mir näherte und mit stummem
-Schmerze mir ins Auge schaute.
-
-»Leben Sie wohl, Mr. Berken!« sagte er, nachdem er seiner sichtlichen
-Bewegung endlich Herr geworden. »Was _Sie_ vollbracht haben, ist eine
-That, welche mit der Dankbarkeit eines ganzen Lebens kaum gelohnt wäre,
-und die nur Gott zu vergelten im stande ist! Sie werden von uns hören.
-Leben Sie wohl!«
-
-Noch einmal schüttelten mir die beiden Verwaisten -- diesen Eindruck
-machten sie auf mich, als sie, Arm in Arm, tiefste Wehmut im Angesicht, mir
-gegenüberstanden -- die Hände. Dann schloß sich die Pforte hinter mir
-und ich stand auf dem Vorsaal.
-
-Indes schien jetzt durchaus keine Zeit mehr, sich schmerzlichen Gefühlen
-und Reflexionen hinzugeben. Die Uhr zeigte 6½ und der Zug, welchen das
-junge Paar benutzen sollte, verließ New York in einer Stunde. Rasch sprang
-ich die Treppe hinab. Unglücklicherweise begegnete mir im Vorsaal, wo die
-Parlours mündeten, Miß Emmerson.
-
-»Nun, wohin so eilig, Mr. Berken? Sie sehen ja ganz erhitzt aus,« warf
-die Dame lächelnd hin.
-
-»Es ist oben in meinem Zimmer eine Bärenhitze und möchte ich mit der
-offenen Car (Pferdebahnwagen) etwas hinaus in den Central-Park fahren,«
-log ich mit abgewandtem Gesichte.
-
-»So? Dann werden Sie zum Essen schwerlich zurück sein -- hm!« Eine Weile
-sah sie mir kopfschüttelnd und durchdringend in die Augen. »Nun, ich bin
-weit davon entfernt, Sie mit indiskreten Fragen zu belästigen. Aber --
-an der Nase sehe ich es ja Ihnen an, daß irgend etwas faul ist im Staate
-Dänemark. Dazu kenne ich Sie zu genau. =Well=, über das =dinner= machen
-Sie sich nur keine Sorgen! Für Sie wird es aufbewahrt. Viel Vergnügen,
-Mr. Berken!« Damit schritt meine alte Freundin majestätisch ihres Weges.
-
-Jedenfalls muß ich ein sehr dummes oder verblüfftes Gesicht gemacht
-haben, und war wirklich froh, als ich draußen in frischer Luft mich
-befand. -- --
-
-Erst gegen 8 Uhr abends kehrte ich nach planlosem Herumstreifen in der
-City zurück, weil ich es aus verschiedenen Gründen für zweckmäßig
-erachtete, daß die Abreise der Wilsons sich ohne meine Anwesenheit
-vollzog.
-
-Unbefangen betrat ich das Speisezimmer, wo in der That noch ein gedecktes
-Couvert für mich auflag. »Gute Miß Kathe!« dachte ich befriedigt; denn
-ich war hungrig und freute mich auf eine kräftige Mahlzeit. Allein nichts
-verriet mir in der nächsten Viertelstunde, daß irgend etwas Besonderes
-im Hause vorgefallen. Der aufwartende Neger machte ein völlig indifferent
-stumpfsinniges Gesicht und die das Diningroom zufällig passierenden
-Logiergäste begrüßten mich nur mit einem kurzen »=Good evening=,
-Mr. Berken!« Trotzdem aber lag es mir wie eine Gewitterschwüle auf dem
-Gemüte. Waren meine Schützlinge unbehindert und glücklich fortgekommen?
-Zu fragen wagte ich nicht, hoffte daher auf einen günstigen Zufall, der es
-mir verraten würde.
-
-Wirklich, als ich nach beendetem Speisen die Treppe nach meinem Zimmer
-emporstieg, trat Miß Emmerson aus den von dem jungen Paare bewohnten
-Gemächern heraus auf den Flur. Wir stutzten beide, und alsbald drang ein
-sonderbarer Geruch nach verbranntem Papier durch die geöffnete Thür mir
-entgegen.
-
-»Ah -- zurück?« fragte sie leichthin, doch merkte ich bald, daß in dem
-sonst freundlichen Gesichte ein merklich ernster Ausdruck lag.
-
-»Ja, Miß Emmerson! Und ich habe mir soeben Ihre vortrefflichen Gerichte
-schmecken lassen!« erwiderte ich mit möglichster Heiterkeit.
-
-»Nun, _mein_ =dinner= ist mir heute recht gestört worden durch die
-sonderbare, fluchtartige Abreise zweier meiner Gäste!« war ihre etwas
-scharfe Antwort.
-
-»Fluchtartige Abreise?« fragte ich mit einer äußerst wohlgelungenen
-Miene des Staunens, wodurch die alte Dame sofort veranlaßt wurde, halb
-befriedigt und freundlicher den Kopf zu wiegen.
-
-»Nun, ich dachte mir eigentlich, daß Sie vielleicht etwas mehr von diesen
-Leuten wüßten, weil die kleine Blondine mit den Taubenaugen bei Tische
-immer so zutraulich zu Ihnen redete, und Sie, Mr. Berken, heute so
-sonderbar! ... Na, einerlei -- die Newlands sind fort!«
-
-»Alle?« entfuhr es etwas unbedacht von meinen Lippen.
-
-»I bewahre! Nur das junge Paar -- scheinbar nur auf eine Woche, wie das
-Frauchen schüchtern mir versicherte! Doch ich möchte, obgleich hier
-drinnen in den Schränken noch alles voll Sachen hängt, die höchste
-Wette eingehen, daß es auf Nimmerwiedersehen ist. Das kommt aber bei solch
-leichtsinniger Sippschaft gar nicht darauf an. Nebenbei haben sie in den
-Zimmern einen Gestank zurückgelassen, als ob mindestens zwei Zentner
-Makulatur verbrannt worden wären. Als ich hineintrat, mußte ich wohl
-zwanzigmal hintereinander niesen und konnte vor Rauch die Augen kaum
-aufthun, so daß ich schon fürchtete, man habe mir die Bude über dem
-Kopfe angesteckt. Aber schließlich kann es mir ja gleichgültig sein!«
-argumentierte Miß Kathe lebhaft weiter; »denn bezahlt ist alles bis zum
-Ersten, -- und mit den übrigen mache ich morgen früh auch ein Ende. Die
-rasche Abreise der beiden ist mir einzig nur des Geredes im Hause wegen
-fatal, zumal ich, wie Sie wissen, ohnedem schon heute Nachmittag einen
-heiklen Besuch erhalten.«
-
-»Auf keinen Fall würde ich es beklagen, daß die jungen Newlands fort
-sind!« versetzte ich, höchst gleichgültig das Gähnen unterdrückend.
-Doch spähte ich trotzdem neugierig durch die halbgeöffnete Thür ins
-Zimmer hinein. »Die Alte wird schöne Augen machen, wenn sie bei ihrer
-Rückkehr die lieben Kinder nicht mehr findet, Miß Emmerson!«
-
-»O, die hat längst von der Flucht gewußt! Das war alles geplant und
-abgekartet.«
-
-»_So_ -- glauben Sie?«
-
-»Sicherlich! Ich wundere mich nur, daß _Sie_, Mr. Berken, bei Ihrem
-scharfen Beobachtungstalente nicht auch Wind davon gekriegt haben!«
-
-Ich lachte sie heiter an.
-
-»Wer wird so mißtrauisch sein, Miß Kathe. Was gehen _mich_ denn diese
-Menschen an? Wahrlich, ich habe ja gar keine Zeit dazu, mich so viel um den
-lieben Nächsten zu bekümmern.«
-
-Die alte Dame schien völlig beruhigt, und freundschaftlich wünschten wir
-uns gegenseitig =Good night!= --
-
-Ich erinnere mich, daß ich in jener Nacht nicht viel geschlafen habe
-und erst wieder frei und beruhigt aufzuatmen begann, als mir am nächsten
-Morgen ein Telegramm überreicht wurde mit dem kurzen, aber für mich
-bedeutungsvollen Inhalt: »Glücklich Montreal angelangt, Wilson.« Mit
-seelischem Behagen kleidete ich mich an und mußte wirklich lachen, welch
-ein von Bosheit und Schadenfreude blitzendes Gesicht mir heute aus dem
-Spiegel entgegensah. Jetzt gab es ja noch einen Hauptspaß, nämlich
-das stille Beobachten der alten Newland, wie deren elegisch angehauchten
-Tochter und des ehrenwerten Mr. Fowler beim Frühstück. Denn daran, daß
-die Gesellschaft überhaupt kommen würde, zweifelte ich keinen Augenblick.
-Schon, um jeden Verdacht von sich abzulenken, mußten sie sich diesen
-Morgen zeigen.
-
-Daher begab ich mich ein wenig früher als gewöhnlich hinab, um die
-Personen, in deren Dasein ich ohne ihr Wissen eine so bedeutende Rolle
-gespielt, sofort beim Eintreten ins Speisezimmer aufs Korn zu nehmen. Wer
-aber beschreibt meine Überraschung! In der Halle, an der weit geöffneten
-Hausthür, durch die ich eine elegante Equipage vor dem Hause halten sah,
-standen Mrs. Newland und ihre Tochter, völlig reisefertig, im Begriff,
-sich von Miß Emmerson zu verabschieden, und deutlich vernahm ich noch die
-seltsamen Worte:
-
-»Der arme Frank! Er leidet zuweilen an schlimmen Anfällen von
-Geistesstörung, was seine kindische junge Frau durchaus nicht zugiebt.
-Ich fürchte, daß seine unmotivierte plötzliche Abreise abermals ein
-trauriger Beweis ist für diese nicht mehr abzustreitende Thatsache. Ellen
-und ich müssen uns daher schleunigst auf die Suche der beklagenswerten
-Kinder begeben und können daher leider die Annehmlichkeiten Ihres Hauses
-nicht länger genießen, meine teure Miß Emmerson! Major Fowler wird indes
-noch bis morgen hier bleiben und dann mit unserm Gepäck nachfolgen.«
-
-Jetzt schritt ich unbefangen und unerschrocken die letzten Stufen der
-Treppe, auf der ich stand, hinab, so daß ich nur noch wenige Fuß breit
-von den Damen entfernt war. Mit einem höflichen: »=Good morning!=«
-lüftete ich den Hut. In demselben Augenblick aber fuhr Mrs. Newlands Kopf
-nach mir herum, und ich vermochte voll in ihr Angesicht zu schauen.
-
-Ich habe wohl davon gehört, daß blühende, gesunde Menschen durch Kummer,
-seelischen Schmerz oder körperliche Leiden binnen weniger Monate ein
-vollständig verändertes Aussehen erhalten können. Diese bisher noch so
-rüstige Frau hatte aber eine einzige Nacht zur Greisin umgewandelt.
-Doch nicht der Ausdruck milder, friedlicher Ruhe lag über dem gefurchten
-Gesicht, -- nein, eine grauenhafte, grinsende Verzerrung, welche zu
-verbergen ihr nicht gelang, zuckte zuweilen darüber hin. Vor diesem
-Anblick schauderte ich innerlich und gedachte des Hauptes der Medusa.
-
-Zwar traf mich nur ein einziger Blick der in stiller Angst, in Grimm und
-Wut flackernden dunklen Augen, doch er genügte, mir zu verraten, daß die
-fürchterliche Kreatur mir auf dem Grunde der Seele zu lesen beabsichtigte,
-und daß ihr scharfer Verstand sie doch vielleicht auf die richtige Spur
-geleitet. Wie aus Erz gegossen, mit keiner Wimper zuckend, stand ich vor
-ihr. Mir erschien dies jetzt schon als Anfang der Vergeltung, die früher
-oder später über diese geldgierige Megäre, wie der eigene Sohn sie
-benannte, unfehlbar hereinbrechen mußte. Nochmals verbeugte ich mich kühl
-und schritt an ihr vorüber dem Speisezimmer zu.
-
-Das war auch das letzte, was ich von Frank Wilsons Mutter jemals wieder
-geschaut. -- --
-
-Zwei Tage später brachten die New Yorker Zeitungen von neuem allerlei
-Gerüchte über die vermeintlichen Falschmünzer, unter anderem die
-Nachricht, daß die Polizei sich die gefährlichen Vögel jedenfalls
-wieder habe aus dem Garn fliegen lassen. Wenigstens sei auf einem der
-City-Bahnhöfe eine ominöse Reisetasche, vollgepfropft mit allerlei
-äußerst verdächtigem Werkzeuge nebst Zubehör, aufgefunden und mit
-Beschlag belegt worden, und könne das wohl zu dem Schlusse berechtigen,
-daß die verbrecherischen Eigentümer derselben längst über alle Berge
-wären. --
-
-Nach etwa sechs Monaten erhielt ich die ersten ausführlicheren Nachrichten
-von meinen Schützlingen in einem Briefe, dem ein Check über 150 Dollars,
-zahlbar an der Bank von Montreal, beigeschlossen war. Es war Mrs. Maud
-Wilson, die mir schrieb; doch mußte ich bei dem Lesen öfters eine Pause
-machen, weil eine eigentümliche Rührung mich überkam. Fast Seite um
-Seite füllten nur rührende Dankesworte das Papier. Dieses Geld -- so
-meldete sie -- sei die erste Rate ihrer Schuld; indes dürften sie nicht im
-mindesten deshalb darben. Frank habe einen brillanten Verdienst! -- Und
-was stand da noch in diesem Briefe? Von nie gekanntem Glück, von seligem
-Frieden und einem süßen, trauten Heim erzählten die Zeilen --; ferner
-wie Frank arbeite von früh bis spät, wie einfach und anspruchslos er sei
-in seinen Bedürfnissen, aber auch, wie geachtet und geliebt er sei
-von seinem Chef und von allen, mit denen er verkehre! »Ist dieses
-gottgesegnete Leben jetzt nur eine himmlische Illusion oder haben wir
-früher einen bösen Traum geträumt? O, möchte doch die Vergangenheit
-gänzlich ausgelöscht sein!« So schloß die junge Frau ihr langes
-Schreiben.
-
-Und sie blieb es wirklich. Denn Frank Wilson ist bis zum heutigen Tage nie
-mehr an jene Schreckensperiode seines Daseins erinnert worden. Als ich ihn
-nach langer Zeit, völlig zum Manne herangereift, wiedersah, und er mir
-stumm, doch mit strahlender Seligkeit im Auge, sein einziges Söhnlein,
-einen prächtigen, blonden Jungen von etwa einem Jahre, entgegenreichte, da
-wußte ich genau, daß sein einst so verhärtetes, umdüstertes Gemüt
-nun endlich Frieden gefunden im Schönsten, was eine weise Hand zu unserem
-Segen und Frommen geschaffen -- im eigenen Heim. -- --
-
-Und Mrs. Newland?
-
-Weder mündlich noch schriftlich habe ich jemals den Sohn nach seiner
-Mutter zu fragen gewagt. Doch _sie_, die für und für des geprüften
-Mannes »Licht und Trost« blieb, die ihm vertraut und an ihm gehangen in
-den schrecklichen Tagen des Elends, -- sie flüsterte mir, in dem ihr auch
-später noch anhaftenden, fast jungfräulichen Liebreiz einmal ins Ohr,
-daß Franks Mutter mit Ellen auf großem Fuße in Paris lebe. Woher sie
-diese Kunde erhalten hatte, war mir zu wissen gleichgültig, und ich
-fragte nicht danach. Allein irgend welche Gefahr fürchtete ich für meine
-Schützlinge nicht mehr. -- --
-
-
-Druck von Greßner & Schramm in Leipzig.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Im Originalbuch tragen die Titelseite, die Kapitelüberschriften und die
-Kapitelenden einfachen floralen, die Kapitelanfänge ornamentalen Schmuck,
-auf den in dieser Transkription verzichtet wurde.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua= (Römische
-Zahlen wurden nicht gesondert markiert).
-
-Der Text des Originalbuchs wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 8:
- im Original "hatten die Fremden es verstanden sich bald"
- geändert in "hatten die Fremden es verstanden, sich bald"
-
- Seite 9:
- im Original "Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salons"
- geändert in "Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon"
-
- Seite 9:
- im Original "»M'a«!"
- geändert in "»M'a!«"
-
- Seite 11:
- im Original "das bißchen Silber dazu geommen"
- geändert in "das bißchen Silber dazu genommen"
-
- Seite 15:
- im Original "»Das ist wirklich originell, hahaha!"
- geändert in "»Das ist wirklich originell, hahaha!«"
- Die Zeitungsannonce wurde durch Einrückung markiert.
-
- Seite 16:
- im Original "Ich bin überzeugt, daß fast jede"
- geändert in "»Ich bin überzeugt, daß fast jede"
-
- Seite 17:
- im Original "Bibliothek um ein für sein Geschäft wichtiges Werk"
- geändert in "Bibliothek, um ein für sein Geschäft wichtiges Werk"
-
- Seite 20:
- im Original "trat Mrs. Clark zum Ausgange gerüstet, noch einmal"
- geändert in "trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal"
-
- Seite 37:
- im Original "_Berlin_, 14. Januar 18.."
- geändert in "Berlin, 14. Januar 18.."
- Zur Angleichung wurde die Sperrung der Ortsangabe aufgehoben.
-
- Seite 41:
- im Original "das Licht, der armseligen »Motte« zu folgen?«
- geändert in "das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu folgen?«
-
- Seite 46:
- im Original "Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«"
- geändert in "»Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«"
-
- Seite 59:
- im Original "Geheimnis, daß Deinen wilden, zügellosen Freund"
- geändert in "Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund"
-
- Seite 61:
- im Original "»Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich«"
- geändert in "»Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«"
-
- Seite 78:
- im Original "Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war"
- geändert in "»Unsere Herzogin, die durchaus keine schöne Frau war"
-
- Seite 92:
- im Original "Unsere guten Newtows sind Menschen, welche"
- geändert in "Unsere guten Newtons sind Menschen, welche"
-
- Seite 95:
- im Original "»Sie irren, mein Herr! entgegnete ich"
- geändert in "»Sie irren, mein Herr!« entgegnete ich"
-
- Seite 113:
- im Original "Nur bildeten Mokassins die Fußbegleidung"
- geändert in "Nur bildeten Mokassins die Fußbekleidung"
-
- Seite 118:
- im Original "es sich kaum bezeichnen -- am Brodway"
- geändert in "es sich kaum bezeichnen -- am Broadway"
-
- Seite 125:
- im Original "Mein Blick war plötz- auf etwa"
- geändert in "Mein Blick war plötzlich auf etwa"
-
- Seite 128:
- im Original "»Ich staune über sie, Madame!«"
- geändert in "»Ich staune über Sie, Madame!«"
-
- Seite 129:
- im Original "Was mir an-anfänglich schwer und ungewöhnt ist"
- geändert in "Was mir anfänglich schwer und ungewöhnt ist"
-
- Seite 135:
- im Original "Sonne ihre glühenden Strahlenbündel anf den"
- geändert in "Sonne ihre glühenden Strahlenbündel auf den"
-
- Seite 143:
- im Original "die Mutter von Frank Newland. sowie"
- geändert in "die Mutter von Frank Newland, sowie"
-
- Seite 147:
- im Original "»Der »New York Herald« wird zum Beispiel"
- geändert in "»Der ›New York Herald‹ wird zum Beispiel"
-
- Seite 163:
- im Original "»der Zweck heiligt die Mittel«"
- geändert in "›der Zweck heiligt die Mittel‹"
-
- Seite 168:
- im Original "»Welch eine Erscheinung!«"
- geändert in "›Welch eine Erscheinung!‹" ]
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-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
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-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
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-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-Most people start at our website which has the main PG search
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