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-The Project Gutenberg eBook of Der Volksbeglücker, by Rudolf Haas
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Der Volksbeglücker
-
-Author: Rudolf Haas
-
-Release Date: March 13, 2022 [eBook #67619]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VOLKSBEGLÜCKER ***
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- Rudolf Haas
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- Der Volksbeglücker
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- Der Volksbeglücker
-
- Von
-
- Rudolf Haas
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- Drittes bis zehntes Tausend
-
- L. Staackmann, Verlag, Leipzig
- 1920
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-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
-
-Copyright 1910 by Axel Juncker in Berlin-Charlottenburg
-
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-Druck von C. Grumbach in Leipzig
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- Dem Prager Dichter
-
- Friedrich Adler,
-
- meinem langjährigen Freunde,
- dankbar zu eigen.
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-Erstes Buch
-
-
-1.
-
-Das niedrige Bergland, das Westböhmen von Bayern scheidet, ist eine
-liebe, warme Erikagegend, die im Sommer schamhaft errötet, wenn sie
-sich hüllenlos in ihrer unberührten jungfräulichen Schönheit dem
-glücklichen Entdecker nach langem Sträuben endlich preisgeben muß.
-
-Und er entdeckte und liebte diese frische, keusche Art, der hager
-aufgeschossene Junge, der jeden Nachmittag, wenn die Mittelschüler,
-vom Unterricht erlöst, den sechstausend Insassen von Neuberg die Ohren
-voll lärmten, durch die winkeligen Kleinstadtgassen in den lachenden
-Sommer hinauslief, immer denselben Weg, den Hügel hinauf und am Kamm
-fort auf schmalen Feldrainen, wo der wilde Quendel blühte und die
-blauen Glockenblumen, bis er endlich mitten darin war in der roten
-Erika. Stundenlang konnte er dann dort oben liegen, versunken in dem
-leuchtenden, bienendurchsummten Teppich, und in die helle, silbern
-flimmernde Luft blicken. Soweit er schaute, war nichts als der klare
-endlose Luftraum, und nur ganz nahe, dicht vor ihm, standen die
-verästelten Blütenbüschel rosenrot vor dem blauen Hintergrund.
-
-Die sonnenweite Unendlichkeit des Sommers war um ihn, und er fühlte
-sich wie losgelöst von allem, was mit ihm und neben ihm lebte. Und in
-seiner Seele erwachten die uralten Fragen nach dem Woher und Warum,
-sein achtzehnjähriges Jünglingsgemüt fragte nach dem Zweck dessen, was
-nie einen Zweck hatte, suchte Regel und Plan in dem, was planlos und
-regellos entstanden war, wollte einheitliche schöpferische Ordnung in
-dem Wirrwarr finden, der sich unbewußt gebildet hatte, wie er sich
-bilden mußte nach den starren, toten Gesetzen von Urbeginn. Und gegen
-den Kindersinn, der blindlings glaubt und mit ganzer Seele etwas
-glaubend fassen will, drang der reifende Verstand des Jünglings an, der
-Tatsachen und Beweise für den Glauben forderte. Es ist das ein schwerer
-Kampf, der meist in stillen Nächten und verschwiegener Einsamkeit
-durchgefochten, langsam heilende Wunden und dauernde Narben zurückläßt.
-Glücklich, wer in diesen Tagen einen verständnisvollen Vater zur Seite
-hat, der ihn unmerklich und dennoch sicher aus dem Wirrsal leitet.
-
-Fritz Hellwig hatte solches Glück nicht. Sein Vater, ein
-Volksschullehrer, war schon vor vielen Jahren gestorben, und unter
-der ziellosen Leitung einer überzärtlichen Mutter, die den einzigen
-Sohn beständig mit dem lauen Badewasser einer weichlichen Liebe
-umplätscherte, wuchs er zum verschlossenen Träumer heran. Während
-seine Altersgenossen Trapper und Indianer spielten, den Tomahawk
-schwangen und an ihren Lagerfeuern gestohlene Erdäpfel brieten, lag er
-im Heidekraut oder saß er in einer dämmrigen Zimmerecke und füllte die
-Stube mit Traumgestalten, mit Feen, Zwergen und blonden Königstöchtern.
-Deswegen litt er auch mehr als sonst einer darunter, als von der
-flimmernden Märchenpracht Stück für Stück der trügerische Flitter
-abfiel und der nüchternen, trostlos grauen Wirklichkeit Platz machen
-mußte. Und als er mit den zunehmenden Jahren nicht mehr im unklaren
-über seine Entstehung bleiben konnte und als er aus den unreif-rohen
-Zoten der Mitschüler den Sachverhalt zu ahnen begann, kam ihm das wie
-eine Entweihung seiner Mutter vor. Er schloß sich noch ängstlicher ab
-und haderte mit der Welt und grollte seiner Mutter, weil sie ihm Lügen
-vorgesagt, deren Verlust jetzt so weh tat. Aber mit niemandem sprach
-er darüber, hatte keinen Vertrauten und war zu stolz und zu scheu, um
-einen Menschen in seine Seele blicken zu lassen. Deswegen hielten ihn
-viele für eigensinnig oder hochmütig. Die weinerliche Lehrerswitwe
-aber, für die es seit dem frühen Tode ihres Mannes im Leben keine
-ungetrübte Freude mehr gab, konnte nur zanken oder seufzend den Kopf
-in die ausgearbeitete Küchenhand stützen, und ließ im übrigen ihren
-dickschädeligen Jungen unbedingt gewähren.
-
-Auch damals, als er ihr kurz eröffnete, daß er an den Sonntagen nicht
-mehr in den Gottesdienst gehen werde. Erst schlug sie zwar die Hände
-zusammen und wollte den Grund wissen und was Pater Romanus dazu sagen
-werde. Denn sie war sehr fromm und fand den sanftesten Trost in der
-frohen Aussicht auf eine Wiedervereinigung mit ihrem seligen Gatten,
-indes die leiblichen Reste des unaufhörlich Betrauerten schon längst
-in alle Winde verweht waren mit den kühlen weißen Blumenblättern
-des Rosenstämmleins, das aus seinem Grabe Nahrung sog zu einem
-gedeihlichen Wachstum und fröhlichen Blütentreiben. Daran dachte die
-einfache Frau jedoch nicht. Sie glaubte nur den Worten der Sachwalter
-Gottes auf Erden und hegte eine grenzenlose Verehrung eben für
-jenen Jesuitenpriester Romanus, dem die jungen Seelen der Neuberger
-Lateinschüler in Obsorge gegeben waren. Der war von knochiger Länge und
-bleicher, fast krankhafter Gesichtsfarbe, aber seine wandlungsfähige
-Stimme hatte einen tiefen Orgelklang, wie man ihn von solcher Stärke
-in dem kaum gewölbten Brustkasten niemals vermutet hätte, und da er
-überdies stets den richtigen Ton zu treffen wußte, ebenso sanft und
-süß wie grimmig, hart und leidenschaftlich sein konnte, war es kein
-Wunder, daß er als Kanzelredner starken Zulauf hatte. Auch war er zu
-christlichem Beistand jederzeit gern erbötig, selbst wenn er nicht
-darum angegangen wurde, war dann je nach Bedarf milde, salbungsvoll,
-gütig, entrüstet oder ein zorniger Eiferer und hielt für schmerzhafte
-Verletzungen und verwickelte Zustände der Seele erbauliche Worte
-und heilsame Bibelsprüche bereit wie ein Apotheker seine Salben und
-Pflaster, nur daß er seinen Kunden kein Geld, sondern lediglich
-die Beichte abverlangte. Doch nahm er diese ins Ohr geflüsterten
-Verfehlungen als vollgültiges Zahlungsmittel, und wenn es ihm gelungen
-war, einen besonders feisten Sündenbraten aufzugabeln, dann saß er mit
-niedergeschlagenen Augen und geneigtem Ohr ohne Regung im Beichtstuhl.
-Nur seine Hände bewegten sich, als zählte er Sünde zu Sünde wie ein
-Hausherr am Zinstag seine Taler.
-
-Wie so manche Mutter oder Kostfrau der hoffnungsvollen Gymnasiasten
-von Neuberg war auch Frau Hellwig eine eifrige Besucherin dieser
-Offizin, weshalb sie ihren großen Jungen, der mir nichts, dir nichts
-auf die Segnungen der Messe verzichten wollte, auch sofort an den
-Religionsprofessor erinnerte. Fritz hatte jedoch auf diese Erinnerung
-und auf alle ihre Fragen und Vorstellungen diesmal nur die trotzige
-Antwort, er gehe nicht. Denn er scheute sich, die gottesfürchtige Frau
-in ihren teuersten Empfindungen zu verletzen mit dem Bekenntnis, daß
-er den Glauben verloren habe. Für eine Mutter ihres Schlages konnte es
-ja kein größeres Unglück geben als ein gott- und glaubenloses Kind.
-Sie ahnte freilich den eigentlichen Beweggrund. Aber viel zu wehleidig,
-sich ihn einzugestehen, fand sie sich mit dem spiegelfechterischen
-Gedanken ab, daß ihr Trotzkopf von Sohn nur irgendwie gegen den
-Religionslehrer aufmucken wollte. So trieb sie’s wie der Vogel Strauß
-und war leidlich beruhigt dabei.
-
-Aus dem eigenmächtigen Fernbleiben von den religiösen Übungen
-erwuchsen Hellwig übrigens fürs erste keinerlei Verdrießlichkeiten.
-Denn Pater Romanus übte in den oberen Klassen keine Überwachung
-durch Namenaufruf, sondern fragte lediglich ein paarmal im Jahre
-seine Schüler, ob sie auch stets der Sonntagsmesse beiwohnten. Wer
-gefehlt habe, solle sich melden. Durch dieses Vorgehen wollte er
-dartun, daß keine Spur von Mißtrauen gegen die Wahrheitsliebe seiner
-Zöglinge in ihm sei. Doch hatte er eine eigene Überwachung auch gar
-nicht nötig, da seine zahlreichen Verehrerinnen eine solche aufs
-trefflichste besorgten, indem sie bald klagend bald Hilfe heischend
-ihren Beichtiger hinsichtlich des Verhaltens seiner Schüler fortwährend
-auf dem laufenden hielten. Das wußten die schlauen Jungen ganz gut und
-hüteten sich, ohne triftigen Entschuldigungsgrund eine vorgeschriebene
-Andachtsübung zu versäumen. Auf Hellwig, dessen Mutter mindestens
-einmal im Monat beichten ging, hatte Pater Romanus schon längst ein
-scharfes Auge, weil hier wieder einmal ein Schäflein vom rechten Weg
-abirren wollte. Aber er hielt die Zeit seines Einschreitens noch nicht
-für gekommen.
-
-Die übrigen Professoren, außer einem, hatten den stillen Jüngling gern,
-der stets aufmerksam und in sich gekehrt dasaß, keinen Sittenpunkt
-in ihren Katalogen aufwies und mit zähem Fleiß seinen Platz unter
-den mittelmäßigen Schülern behauptete. Sie schätzten seine gründliche
-Arbeit, und sogar dem Klassenersten Otto Pichler wurde er manchmal als
-Muster hingestellt.
-
-Der war das gerade Gegenteil von Hellwig, lachte sich, ein kecker
-Draufgänger, in alle Herzen hinein, stieg unverfroren den Backfischen
-nach und rauchte heimlich seine Pfeife. Er lernte leicht und mühelos,
-war ein ebenso guter Turner wie Rechner, Schlittschuhläufer wie
-Lateiner und hielt sich, über alle Tiefen wegtänzelnd, mit prächtigem
-Leichtsinn immer an der Oberfläche des Lebens. Seine Mitschüler
-räumten ihm wie selbstverständlich eine führende Stellung ein, für
-die kleineren Studenten war er ein bewunderter Halbgott und in dem
-unschuldigen Tagebuch mancher Fünfzehnjährigen prangte sein Name
-als der des endlich gefundenen Ideals. Seine frischroten Wangen
-und der anziehende Gegensatz, in dem die lustigen Blauaugen zu den
-dunkelbraunen Locken standen, konnten hier unmöglich ihre Wirkung
-verfehlen.
-
-Nur Fritz kümmerte sich nicht um ihn, wie er sich überhaupt um
-niemanden scherte. Aber gerade dieses verschlossene Wesen reizte den
-sieggewohnten Pichler, auf dessen Freundschaft viele stolz waren, und
-in mannigfacher Weise suchte er, sich ihm zu nähern.
-
-Da sah er eines Tages -- eine sehr langweilige Unterrichtsstunde war
-eben zu Ende --, wie Hellwig das Lesebuch, das er in seiner Freude
-über die Erlösung ungestüm zugeklappt hatte, hastig wieder öffnete
-und trübselig einen schmierigen Fleck auf den bedruckten Blättern
-betrachtete. Neugierig blickte Otto ebenfalls hin und erkannte deutlich
-die Überreste einer Fliege, die sich auf irgendeine Weise in das
-Buch verirrt und durch das Zuschlagen den Tod gefunden hatte. Fritz
-aber zog mit dem Bleistift einen Kreis um die schmutzige Stelle und
-schrieb darunter: ‚Zur Erinnerung! Hier habe ich ohne Absicht ein Leben
-vernichtet.‘
-
-Pichler war mit seinem Spott sonst gleich bei der Hand. Aber während er
-diesem Treiben zusah, kam ihm zugleich mit einer an Rührung streifenden
-Gemütsbewegung heftiger als je der Wunsch, Fritz zum Freund zu gewinnen.
-
-An diesem Nachmittage folgte er ihm daher heimlich und fand ihn in der
-Erikaeinsamkeit. Mit einer sonderbaren Frage weckte er den Träumer aus
-seiner Versunkenheit.
-
-„Hellwig, tut dir nicht auch die schöne Erika leid?“ fragte er.
-
-Der Angeredete schrak zusammen, sprang auf und blickte den als Spötter
-bekannten Pichler unsicher an.
-
-„Ist es denn nicht auch Unrecht, Pflanzen zu zerquetschen?“ fuhr dieser
-fort.
-
-Eine jähe Röte färbte Hellwigs Wangen. Ganz verlegen stand er da und
-fürchtete das Ausgelachtwerden. Als Pichler jedoch ernst blieb und ihm
-mit einem herzlichen Blick die Hand entgegenstreckte, schlug er zögernd
-ein.
-
-Auf solche Weise erreichte der braunlockige Schwerenöter seine
-Absicht und kam in ein engeres Verhältnis zu Fritz. Es hatte
-sogar den Anschein, als könnte sich dieses zu einer regelrechten
-Jugendfreundschaft entwickeln. So gut schienen die Auffassungen
-der beiden zusammenzustimmen. Im letzten Grunde hatte indes
-Otto selbständige Ansichten überhaupt nicht. Um sich zu solchen
-durchzuringen, war er viel zu bequem und viel zu seicht. Sein
-ungemein geschmeidiger Geist ermöglichte es ihm jedoch, sich überall
-zurechtzufinden und fremde Meinungen skrupellos zu den seinen zu
-machen, insofern dieselben für ihn neu oder überraschend und geeignet
-waren, ihren Verfechter in ein auffallendes Licht zu rücken.
-
-Für Hellwigs Entschluß, den Religionsübungen fern zu bleiben, war
-er sogleich Feuer und Flamme. Als dieser ihm zu bedenken gab, daß
-er selbstverständlich auch alle Folgen tragen und sich insbesondere
-bei der nächsten Umfrage des Paters Romanus freiwillig melden müßte,
-stutzte er zwar einen Augenblick, fand aber dann diesen Gedanken
-großartig und schwor, daß er durch dick und dünn mithalten werde.
-Aber Freunde müßten sie werden, denn Arm in Arm mit Hellwig fordere
-er sein Jahrhundert in die Schranken. Bei diesen Worten warf er sich
-leidenschaftlich an die Brust des Kameraden, und sie gelobten einander
-mit Handschlag, nie zu lügen.
-
-Seither unternahmen sie gemeinsame Spaziergänge oder kamen bei
-schlechtem Wetter in Hellwigs Zimmer zusammen. Dieses war zugleich
-die gute Stube der Lehrerswitwe, die darin ihre besten Möbelstücke
-aufgestellt hatte: einen Glaskasten, angefüllt mit goldbemalten
-Porzellantassen, Tellern, Zinnkrügen und einem Kruzifix unter gläserner
-Glocke, eine vielfächerige Kommode, einen eirunden Salontisch sowie
-sechs Polsterstühle, die unter ihren weißen Leinenschutzhüllen aussahen
-wie kopflose Damen in Frisiermänteln. In diesem Durcheinander, das
-jedoch von den reinlichen Fenstervorhängen, den geflickten Tischläufern
-und den gehäkelten Deckchen bis hinab zum Fußboden peinlich sauber
-gehalten war, konnten die beiden Jünglinge ungestört ihre Meinungen
-austauschen. Denn Frau Hellwig hielt sich gewöhnlich in der Küche
-auf, wo sie auch schlief, und erschien nur im Zimmer, um eine Kanne
-Kaffee nebst einem Scheiterhaufen von Butterbroten oder Kuchenstücken
-hereinzubringen. Dann blieb sie ein Weilchen, lächelte gutmütig zu
-Ottos Witzen und lobte ihn, daß er ihrem Traumhans von Jungen den
-Hang zum Alleinsein ausgetrieben habe. Dafür erwies sie sich auch
-dankbar, und seit sie erfahren hatte, daß Otto der Sohn eines mit acht
-Kindern gesegneten Dorfküsters und arm wie eine Maus in dessen Kirche
-sei, konnte sie’s nicht unterlassen, ihm beim Weggehen jedesmal etwas
-zuzustecken, Kuchen, Äpfel oder ein Stück vom Sonntagsbraten, obwohl
-sie’s wirklich nicht zum Hinauswerfen hatte. Sie mußte im Gegenteil
-trotz einem Kalkulator rechnen und einteilen, um ihrem Sohne nebst
-einer anständigen Lebensführung das Studieren zu ermöglichen. Aber sie
-war glücklich, wenn sie jemanden bemuttern konnte, und sagte Pichlern
-auch, er solle ihr nur seine schmutzige Wäsche bringen, sie werde sie
-ihm rein machen, bügeln und flicken, das gehe mit der ihres Jungen in
-einem hin.
-
-„Deine Alte ist wirklich ideal!“ versicherte Otto des öftern,
-während sie vor den dampfenden Tassen saßen und die Abtragung des
-Scheiterhaufens in Angriff nahmen. Dann kamen sie wieder ins Reden
-und ereiferten sich mit glühenden Köpfen und vollen Backen über
-Philosophie, Religion und Volkserziehung, während sie die Hände
-unablässig nach den gefüllten Tellern streckten, bis der letzte Bissen
-vertilgt war. --
-
-Da geschah es, daß Pater Romanus in der obersten Klasse wieder einmal
-die bereits seit längerer Zeit erwartete Frage stellte: Ob jemand in
-den letzten Monaten die Messe versäumt habe?
-
-Wie der Krampus aus der Schachtel schnellte Fritz von seinem Sitze
-auf, stand kerzengerade und schaute dem Professor freimütig ins Auge.
-Zögernd erhob sich auch Pichler. Aber er ließ schuldbewußt den Kopf
-hängen.
-
-„So, so, der Beste und der Fleißigste aus der Klasse!“ lächelte der
-Pater und forschte leutselig nach dem Grund.
-
-„Ich bin freiwillig weggeblieben!“ sagte Hellwig mit fester Stimme.
-Seine Augen glänzten wie Stahl, die Nasenflügel bebten.
-
-„Und wie oft, mein liebes Kind?“ fragte der Priester sehr sanft.
-
-„Seit zwei Monaten jeden Sonntag. Ich hab’ es nicht gezählt!“
-
-„Aber Hellwig, was soll das heißen? Wie können Sie das rechtfertigen?“
-
-„Ich habe keine Entschuldigung, Herr Professor. Ich bin nur so nicht
-hingegangen!“
-
-„Kind!“ Beschwörend streckte Romanus die Arme aus, als wollte er die
-Worte nicht an sich heran kommen lassen.
-
-Mäuschenstill war es in der Klasse. Die Oktavaner in den Bänken hielten
-den Atem an und starrten mit ängstlicher Bewunderung auf den stillen,
-sonst so wenig beachteten Kameraden und wunderten sich, wie der
-Duckmäuser gegen den gefürchteten Lehrer aufzutreten wagte.
-
-Pater Romanus hatte das auch nicht erwartet. Er wußte nicht recht, wie
-er sich dazu verhalten sollte. Um Zeit zur Überlegung zu gewinnen,
-richtete er seine Augen langsam auf Otto, betrachtete ernst und prüfend
-dessen gesenktes Haupt und fragte schärfer:
-
-„Und was ist mit Ihnen, Pichler?“
-
-„Ich ...,“ stammelte der und stockte gleich.
-
-„Wie oft haben _Sie_ gefehlt?“
-
-Otto warf einen scheuen Blick auf die gefurchte Stirn des Lehrers und
-sah schnell wieder zu Boden. Sein ganzer Mut hatte ihn verlassen.
-
-„Einmal ...,“ stotterte er zerknirscht.
-
-„Otto!“ raunte ihm Hellwig verwundert zu.
-
-Aber die eindringliche Stimme des Priesters forschte weiter: „Und
-warum, liebes Kind?“
-
-Und Otto antwortete tonlos: „Ich war unwohl.“
-
-„Herr Professor, das ist ...“ brauste Fritz auf und schwieg sofort
-wieder, als er die klägliche Figur des andern gewahrte.
-
-„Wollten Sie etwas sagen, Hellwig?“ wandte sich Pater Romanus nun
-wieder an ihn. Da schüttelte er stumm den Kopf. Wozu den Angeber machen?
-
-Und plötzlich kam ihm zu Bewußtsein, daß sich alle Blicke der Klasse
-in seiner Person wie in einem Brennpunkt vereinigten. Unerträglich,
-wie ein unkeusches Betasten des Körpers, war ihm das. Und mit
-einemmal konnte er es nicht über sich bringen, den Beweggrund seines
-Fernbleibens anzugeben. Er hatte das Gefühl, als würde er durch ein
-solches Geständnis seine Seele nackt zur Schau stellen.
-
-„Nun, Hellwig, haben Sie sich eines Bessern besonnen? Wollen Sie mir
-Ihr sonderbares Benehmen aufklären?“
-
-Die sanfte Stimme des Jesuiten rann wie ein süßes Honigbächlein durch
-die Stille.
-
-Fritz schwieg, sah ihn an und zuckte nicht mit der Wimper.
-
-„Kind, nehmen Sie doch Vernunft an! Woher nur auf einmal? ... Denken
-Sie doch auch an Ihre liebe Mutter!“
-
-Keine Antwort.
-
-„Wollen Sie also den Grund Ihres Benehmens wirklich nicht angeben?“
-
-„Nein!“
-
-Kurz, hart, messerscharf, daß Pater Romanus zurückprallte. Aber er
-faßte sich rasch.
-
-„Sie scheinen mir vom rechten Weg abgekommen zu sein,“ sagte er und
-strich mit der schmalen Hand über die Augen. „Besuchen Sie mich doch
-einmal in meiner Wohnung. Dort können Sie mir alles ungestört sagen.
-Das von heute bleibt unterdessen, als wenn es nicht vorgekommen wäre.“
-
-Mit einem leichten Kopfnicken gab er den beiden Schülern die Erlaubnis
-zum Niedersitzen und begann mit dem Unterricht.
-
-Kaum war dieser zu Ende, drängten sich die Mitschüler an Hellwig heran,
-sagten, daß er ganz recht gehabt habe, wenn’s auch vielleicht einen
-Karzer absetzen könne, und wollten wissen, ob er zu Pater Romanus
-hingehen werde. Er gab ihnen keine Auskunft, hastete, hochnasig wie
-immer, davon.
-
-In seinem Herzen schien etwas in Unordnung geraten zu sein, zuckte,
-stach und schmerzte.
-
-Pichler! Ach ja so, das! -- Wie fremd ihm auf einmal der Name vorkam.
-Als hätte er ihn viele Jahre nicht gehört.
-
-Plötzlich schritt Otto neben ihm her. Er hatte brennend rote Backen und
-war ganz kleinlaut.
-
-„Fritz, -- bist du bös?“ fragte er mit einem verlegenen Lächeln.
-
-Brüsk wandte sich jener ab: „Ach geh, du! Du bist feig!“
-
-„Nein, Fritz, da tust du mir unrecht!“
-
-„Wortbrüchiger!“
-
-„Fritz, ich mußte!“
-
-„Du mußtest? Das ist ja eben die Feigheit!“
-
-„Hör’ doch damit auf, Fritz! Schau’, wenn ich wirklich feig wär’,
-hätt’ ich dich jetzt gewiß nicht angesprochen, hätt’ mich viel eher
-seitwärts in die Büsche geschlagen. Und -- ist es Feigheit, wenn ich
-die Verachtung meines Freundes zu tragen gewillt bin -- meines Vaters
-wegen?“
-
-Er machte eine Pause. Hellwig, von der unerwarteten Wendung überrascht,
-fand keine Antwort.
-
-„Ja!“ fuhr Otto mutiger fort. „Wegen meines alten Vaters! Ich hab’ doch
-nicht wissen können, wie die Geschichte ausgehen wird. Und wenn ich
-auch nur Karzer oder eine schlechte Sittennote bekommen hätt’ ... was
-dann? Die Nachhilfestunden, die Freitische, die Schulgeldbefreiung --
-alles wär’ beim Teufel! Und dann hätt’ ich das Studieren eben einfach
-an den Nagel hängen können! Und mein Vater ist so stolz, daß wenigstens
-einer von uns achten studieren kann! Die Gründe mußt du mir gelten
-lassen, Fritz!“
-
-„Warum hast du mir dein Wort gegeben? Ich hab’s nicht verlangt!“
-
-„Ich war wie im Rausch damals! Du hast mich fortgerissen ... da hab’
-ich mir nicht alles so überlegt --“.
-
-„Gut, gut! Aber laß mich jetzt in Ruh’!“
-
-„Und du verzeihst mir, gelt?“
-
-Zweifelnd blickte Hellwig den Kameraden an.
-
-„Otto, -- du kannst mir ja nicht einmal in die Augen schaun!“
-
-Da hob der andere das gesenkte Antlitz. Zwei helle Tropfen rollten ihm
-über die Wangen, zeichneten silbrige Streifen darauf.
-
-„Das Mißtrauen verdien’ ich nicht, Fritz!“
-
-Die schmerzliche Spannung in den Zügen des jungen Kato ließ nach. Seine
-Miene hellte sich etwas auf.
-
-„Machen wir einen Strich darunter, Otto, wir sind beide Schwächlinge!“
-
-Eilig rannte er fort.
-
-Pichler ging nach Hause. Er schämte sich noch ein wenig und war
-doch froh, daß die Geschichte wieder in Ordnung war. Das war ja
-ausgezeichnet gegangen. Eine heiße Zuneigung zu Fritz stieg plötzlich
-in ihm auf und das Verlangen, ihm etwas Liebes zu tun. Er wußte nur
-nicht, was. Und wie öfters schon, faßte er wieder einmal den Entschluß,
-ein guter, ganz makelloser Mensch zu werden; sich zu Wissen, Ansehn,
-Bedeutung hinaufzuarbeiten. Im Geiste sah er sich schon Stufe um
-Stufe erklimmen, angestaunt, beneidet, von vielen umworben. Auf
-einen machtvollen Posten gestellt, erwarb er Millionen und verfügte
-unumschränkt darüber, beschenkte fürstlich seine Bekannten, half dem
-Freunde zu Glück und Ehren.
-
-Immer kühner schwang sich seine Phantasie empor. Als er vor dem
-ärmlichen Hause stand, wo ihm ein biederer Spengler Kost und Wohnung
-gewährte gegen die Verpflichtung, seine zwei dickköpfigen Buben durch
-das Untergymnasium zu lotsen, da wurde es ihm schwer, sich in der
-Wirklichkeit zurecht zu finden. Die gehobene Stimmung verließ ihn
-aber den ganzen Abend nicht mehr. Seine Ungeduld drängte ihn, mit der
-Erwerbung eines umfangreichen Wissens sogleich zu beginnen. Er kramte
-in seiner Bibliothek, die sich zumeist aus Bändchen der Reclamschen
-Sammlung zusammensetzte, nahm bald dies, bald das in Angriff und fand
-keine rechte Ruhe.
-
-Da fiel ihm Kants Kritik der reinen Vernunft in die Hände. Er
-hatte das Werk stets unverdaulich und langweilig gefunden, war
-trotz wiederholter Anläufe nicht über die ersten hundert Seiten
-hinausgekommen. Heute aber beschloß er, sich durch den ganzen
-umfangreichen Band durchzufressen. Die Beine unterm Tisch lang
-ausgestreckt, das Gesicht zwischen beiden Fäusten, saß er in der
-Bodenkammer, die bei besserem Geschäftsgang gewöhnlich einem zweiten
-Gesellen des Spenglers zugewiesen wurde, blies gewaltige Rauchwolken
-aus einer langen Pfeife und begann zu lesen.
-
-‚Wenn mich Fritz so sähe,‘ dachte er selbstzufrieden und legte sich ins
-Zeug, als beabsichtigte er durch eine solche Überwindung dem gekränkten
-Freunde ein Sühnopfer darzubringen.
-
-Aber je länger er saß, je schwächer wurde seine Aufmerksamkeit. Auf
-dem Fundamente einer Welt der ‚Dinge an sich‘ bauten seine Gedanken
-bald wieder prunkvolle Luftschlösser in den Himmel hinein, und die
-rosige Zukunftsphantasterei eines ehrgeizigen Jünglings schnitt dem
-kategorischen Imperativ der Vernunft eine spöttische Grimasse.
-
-Unterdessen verging Frau Hellwig vor Sorgen um ihren Jungen, der heute
-noch seltsamer als sonst war, kein Wort redete und das Abendessen
-unberührt ließ. Hätte sie in sein Inneres schauen können, die Sorgen
-wären freilich einem großen Mitleid mit dem armen Grübler gewichen.
-Schwerblütig, wie er war, legte er dem Vorfall eine übergroße Bedeutung
-bei. Er litt nicht so sehr unter dem Verrat Ottos, sondern weil er
-sich selbst untreu geworden war und kein Recht mehr hatte, Pichlern
-zu zürnen. Denn er war selber feig gewesen. Oder war es etwa nicht
-Feigheit, zu schweigen, nur weil ein paar Dutzend Augen auf ihn
-geschaut hatten. Wie sollte er der Wahrheit zum Sieg helfen, wenn er
-sich fürchtete, sie laut auszusprechen? Beispielgeber hatte er sein
-wollen -- und war vor sich selbst fahnenflüchtig geworden. Wessen er
-Otto geziehen, er selbst hatte es begangen -- und besaß nicht einmal
-eine Entschuldigung dafür.
-
-So peinigte er sich und konnte die ganze Nacht keinen Schlaf finden.
-Er faßte keine guten Vorsätze, denn er hatte alles Zutrauen zu sich
-verloren. Und es dünkte ihm wertlos, etwas, das er nie hätte tun
-dürfen, durch den Entschluß gutzumachen, es in Zukunft nicht wieder zu
-tun. In dieselbe Lage konnte er sich nicht zurückversetzen, die war
-unwiderruflich vorbei und der Makel nicht mehr wegzuwischen.
-
-An allen Gliedern wie zerschlagen, die trüben Augen dunkel
-unterrändert, erschien er den nächsten Tag in der Schule. Otto war
-ebenso überrascht wie dankbar, daß Fritz mit keinem Wort auf das
-Vorgefallene zurückkam und weiter mit ihm verkehrte, als hätte es nie
-ein Gestern gegeben. Von dem harten Ringen, das zwischen Abend und
-Morgen lautlos vor sich gegangen, hatte er freilich keine Ahnung,
-hätte es auch nicht begriffen. Für ihn war jetzt alles wieder im
-Gleis, zumal auch Pater Romanus nicht dergleichen tat und es schien,
-als beabsichtigte er die Geschichte im Sand verlaufen zu lassen. Eine
-vorläufige Folge sollte sie aber doch haben.
-
-
-2.
-
-Eines Tages, es war bereits spät im Oktober, kam die schöne
-achtunddreißigjährige Frau des reichen Kaufmannes Wart zu Hellwig und
-bat ihn, mit ihr zu gehen, ihr Sohn verlange nach ihm.
-
-Fritz war über dieses Ansinnen sehr verwundert, da er den jungen
-Wart, der die siebente Klasse des Gymnasiums besuchte, nur aus
-einem gemeinsamen französischen Lehrkurs ganz flüchtig kannte. Er
-sagte deshalb der unerwarteten Besucherin, die in ihrem schwarzen
-Seidenkleide fein und fremd zwischen den vermummten Lehnstühlen
-stand, hier müsse ein Irrtum vorliegen. Sie aber entgegnete,
-sie irre sich nicht, ihr Junge habe schon oft von Fritz Hellwig
-gesprochen, namentlich in der letzten Zeit, als die Geschichte mit dem
-Religionsprofessor vorgefallen sei.
-
-Fritz aber, der sich nur sehr schwer an Menschen anschloß und vor
-neuen Bekanntschaften förmlich Angst hatte, antwortete kurz, daß er
-den Heinrich Wart viel zu wenig kenne und keinen Anlaß habe, ihn zu
-besuchen. Wenn jener etwas von ihm wünsche, solle er’s in der Schule
-sagen.
-
-Auf eine so schroffe Abweisung war die Frau nicht gefaßt gewesen.
-Sie brach in Tränen aus und rief ganz aufgeregt, das sei unschön
-und lieblos gehandelt. Er könne sich denken, daß ihr ungewöhnliches
-Begehren auch einen ungewöhnlichen Grund haben müsse. Kurz und gut,
-ihr Sohn sei schwer krank, man wisse überhaupt nicht, ob er wieder
-aufkommen werde. Heute, nachdem er mehrere Tage im Fieber gelegen und
-nur fortwährend phantasiert habe, heute habe er auf einmal den Wunsch
-geäußert, mit Hellwig zu sprechen. Er solle nicht hart sein, vielleicht
-handle es sich um den Wunsch eines Sterbenden.
-
-Da nahm er wortlos den Hut vom Nagel und ging mit.
-
-In den Gassen war es schon dämmrig, ein steter feiner Regen fiel und
-schien das Leben in der Stadt langsam auszulöschen. Kein Fuhrwerk
-rasselte, es bellte kein Hund und nur ab und zu hastete jemand mit
-aufgespanntem Schirm eilfertig vorbei, den Rockkragen emporgestülpt
-und die Hosen unten aufgekrempelt, ohne das seltsame Paar zu beachten.
-Die Frau schritt unbekümmert um den Regen, der ihr ins Gesicht
-schlug und Perlen in ihr Blondhaar streute, rasch vorwärts. Ihr
-Kleid knisterte und rauschte über das nasse Pflaster, sie raffte
-es nicht, hätte auch keine Hand hiezu frei gehabt, denn mit der
-Rechten hielt sie das Taschentuch vor die Augen, während sie die
-behandschuhte Linke leicht auf Fritzens Arm legte, als fürchtete sie,
-er könne ihr noch im letzten Augenblick davonlaufen. Die Sorge war
-unnötig. Nun er sich einmal entschieden hatte, war zugleich auch jene
-ruhige Entschlossenheit über ihn gekommen, mit der er stets an die
-Verwirklichung seiner Vorsätze zu schreiten pflegte. Und wenn sich auch
-bisweilen mitten in der Ausführung seine noch nicht gefestigte Jugend
-aus der Bahn drängen ließ, früher oder später vollendete er doch immer,
-was er sich vorgenommen hatte.
-
-Die schlanke Frau an seiner Seite begann zu sprechen. Erst leise und
-zögernd, als schämte sie sich. Bald aber vergaß sie die Zurückhaltung,
-ging aus sich heraus und redete sich das Leid vom Herzen herunter, wie
-wenn sie sich einem langjährigen älteren Bekannten anvertraute und
-nicht dem blutjungen Schüler, der trotz seiner Größe im Schultermaß
-nur wenig höher als sie auf langen Beinen nebenher lief, den Blick
-geradeaus gerichtet und die Hand zur Faust geschlossen.
-
-Was sie sagte, war nichts anderes als die alte Klage der Mütter
-heranwachsender Söhne. Aber sie gab nicht dem Sohne schuld, daß er
-ihr Sorgen mache, sondern sich selbst und quälte sich mit harten
-Zweifeln, daß sie ihn vielleicht in seiner Entwicklung durch eine
-fehlerhafte Erziehung verpfuscht oder nicht die Fähigkeit gehabt habe,
-den sonderbaren Knaben zu verstehen und sicher über die Schwelle der
-Kindheit hinüberzuleiten.
-
-Seine Begabung, sagte sie, sei ungewöhnlich, reich und vielversprechend
-seine Anlagen. Aber ihr Mann halte von solchen Sachen nichts und
-sie, die Mutter, habe vieles, das ihr notwendig schien, unterlassen
-müssen, um das väterliche Ansehen nicht zu untergraben. Bei dieser
-zwiespältigen Führung sei der Junge ratlos geworden, sei noch immer
-unselbständig und unfrei und beuge sich zu sehr vor einem fremden
-Willen. Am meisten aber betrübe sie seine Art, mit den kleinen Leuten
-umzugehen, mit Dienstboten, Bettlern und Landstreichern. Überzart
-und vorsichtig wie mit rohen Eiern, verlegen und schüchtern wie ein
-Bittender, wo er befehlen sollte -- immer in der Sorge, ja niemandem
-weh zu tun. Denn er achte das Menschentum auch in seiner erbärmlichsten
-Fratze, aber -- und das sei ihr Kummer -- darüber vergesse er sein
-eigenes, lasse sich ausbeuten und habe schon mehr als einmal freiwillig
-die Strafe auf sich genommen, die ein säumiger Laufbursche oder ein
-naschhaftes Stubenmädchen verdienten.
-
-Die Sprecherin holte tief Atem und fuhr leidenschaftlich fort:
-„Mein armer Heinz hat den Mut zum Leiden und Schweigen, aber keinen
-Willen zur Tat! Drum reißt’s ihn so zu Ihnen! Weil Sie haben, was
-ihm mangelt! Er schwärmt für Sie, ist einfach in Sie vernarrt! Das
-hat er mir zwar nicht gesagt, aber ich weiß es doch! Ich kenn’ ihn
-ja durch und durch -- aber nur so, wie Schätze in einem Glaskasten.
-Ich hab’ keinen Schlüssel, kann nicht zu ihm, ohne eine Scheibe zu
-zerbrechen. Sie aber könnten es ... Wenn Heinz am Leben bleibt -- er
-wird -- er muß! -- dann ... nicht wahr, -- Sie werden sein Freund! Er
-braucht einen starken Menschen, an den er sich klammern, aufrichten,
-emporranken kann! Der ihn lehrt, auf den eigenen Füßen zu stehen und
-eine eigne Meinung nicht bloß zu haben, sondern auch durchzusetzen!
-Dann versprech’ ich mir viel von ihm! Nicht wahr, Sie werden ...?“
-
-In banger Erwartung streckte sie ihm die Hand hin. Doch er schlug nicht
-ein. Wohl war er mit wachsender Teilnahme ihrem Reden gefolgt, das
-ganz neue Gebiete vor ihm aufschloß. Hatte die hohe Auffassung einer
-gewissenhaften Mutter von ihren Pflichten gegenüber dem Kinde mit immer
-heißerer Ergriffenheit wahrgenommen und über Worte gestaunt, die er
-niemals einer Frau zugetraut hätte. Aber er war seines Vorsatzes, nie
-zu lügen, eingedenk und antwortete mit jener ungelenken Rauheit, die
-bei ihm stets herhalten mußte, wenn er weich zu werden drohte: „Wart
-ist mir fremd. Ich kann gar nichts versprechen.“
-
-Die Frau ließ mutlos den Kopf hängen. Fritz kam sich wie ein Verbrecher
-vor, als er den leidvollen Ausdruck ihres Gesichtes wahrnahm. Wie aus
-einer anderen, lichteren Welt erschien sie ihm, die Verkörperung alles
-Lieben, Zarten, Gütigen. Eine warme Welle flutete in ihm empor. Am
-liebsten hätte er ihre Hände gefaßt und um Verzeihung gebeten, daß er
-ihr weh tat. Aber er biß nur die Zähne zusammen und verdoppelte den
-Schritt, so daß sie ihm kaum nachkommen konnte.
-
-„Seien Sie wenigstens freundlich zu ihm!“ bat sie.
-
-Und er darauf: „Ich bin kein Lausbub!“
-
-Nun standen sie vor dem alten Bürgerhause auf dem Marktplatz, das mit
-Erkern und Simsen und Vorsprüngen, mit Luken, Giebeln und steilen
-Dachflächen düster und massig in die Luft hineinwuchs. Kisten und
-Fässer und Ballen und Tonnen türmten sich allenthalben im wölbigen
-Flur, lagen im breiten Stiegenhaus und verengten die kühlen Korridore,
-überhuscht von den spärlichen Reflexen schwelender Kerzen hinter
-verstaubten Gläsern.
-
-Polternd klangen die Schritte der beiden im Hinansteigen über die
-bequeme Holztreppe. Nun hielten sie vor der hohen dunklen Wohnungstür,
-ein Dienstmädchen öffnete, und sie traten ein. Flüsternd erkundigte
-sich die Frau nach dem Befinden ihres Kindes und erhielt befriedigende
-Auskunft. Da öffnete sie eine zweite Tür, winkte Fritz, daß er ihr
-folgte und schritt durch ein unbeleuchtetes Zimmer mit weitem Raum.
-Undeutlich hoben sich die Gegenstände aus dem schwachen Lichtschein,
-den die Straßenlaternen zu den Fenstern hinaufsandten, in florigen
-Teppichen versank der Fuß, und leis klirrten ein paar Gläser im
-altdeutschen Schrein. Hellwig tastete sich durch mit vorgestreckten
-Händen, stieß an einen Stuhl. Da drehte sich wieder eine Tür
-geräuschlos in den Angeln und ein grün gedämpftes Lampenlicht quoll
-durch den Spalt.
-
-Sie waren im Krankenzimmer. Mit der Schmalseite an die Wand gerückt,
-von den drei anderen Seiten frei zugänglich, schob sich ein breites
-Eichenbett bis in die Mitte des Gelasses. Darinnen war, fast so weiß
-wie die Kissen und Linnen, ein mageres Antlitz sichtbar, von einem
-dichten Kranz tiefschwarzer Haare eingefaßt und von zwei mächtigen
-dunklen Augen überleuchtet, die es ganz beherrschten und noch
-abgezehrter erscheinen ließen.
-
-Frau Wart war sofort bei ihrem Sohne.
-
-„Wie geht’s dir, mein Junge? Hast du auch brav geschlafen?“ fragte
-sie und war prächtig anzusehen in der wohltuenden und beruhigenden
-Heiterkeit, hinter der sie alle ihre angstvolle Sorge barg. Der Kranke
-gab keine Antwort, sondern schaute mit seinen glänzenden Fieberaugen an
-ihr vorbei auf Fritz, der stumm unter dem schweren Türvorhang stand.
-Sie bemerkte den Blick, nickte ihm zu und lächelte: „Ist’s dir recht?
-Du hast ihn ja haben wollen.“
-
-Da stieg ein sachtes Wellchen Blutes in das eingefallene Gesicht,
-leuchtete durch die Haut und warf einen zartroten Schein darüber.
-
-„Guten Abend, Hellwig,“ sagte er leise und ließ die Augen nicht von ihm.
-
-Nun kam Fritz näher, hielt am Fußende des Bettes und sagte: „Servus,
-Wart! Was treibst du denn für Geschichten? Krank sein -- das gibt’s
-doch nicht! Sieh lieber, daß du bald wieder ins Französisch kommst.“
-
-Die Mutter tat einen tiefen, freien Atemzug. Sie hatte heimlich vor
-diesem Zusammentreffen gebangt, hatte gefürchtet, daß Hellwigs kantige
-Art den Kranken verletzen und aufregen könnte. Nun sah sie den warmen
-Blick, hörte den herzlichen Klang der vor kurzem noch so trotzig rauhen
-Stimme und schämte sich im stillen ihrer argen Meinung.
-
-„Bleib nur liegen, du!“ flüsterte sie beglückt und drückte ihren
-Jungen, der sich aufrichten wollte, in die Kissen zurück. „Herr Hellwig
-setzt sich zu dir, da könnt ihr reden ... aber nicht zu lang, nicht
-wahr?“
-
-Bittend schaute sie den Besucher an und wies auf einen Stuhl neben dem
-Lager.
-
-„Ich könnt’ ebenso gut stehen!“ entgegnete Fritz wieder kalt abweisend.
-Als er jedoch die ängstlich-erwartungsvolle Miene des andern sah,
-verstummte er und setzte sich.
-
-Geräuschlos glitt die Frau aus dem Gemach. Im dunklen Nebenzimmer
-verließ sie die mühsam behauptete Fassung. Sie hatte Hellwig auf ihre
-eigene Verantwortung herbeigeholt, versprach sich davon eine raschere
-Wendung zum Gesunden. Wenn nur, ach, wenn nur endlich alle Gefahr
-vorüber wäre! Und die Sorge um das Leben des Kindes senkte sich wieder
-schwer und lautlos auf das blonde Haupt, die schlanken Schultern und
-drückte sie nieder. Wie unter eine wuchtende Last geduckt, stand sie
-ohne Regung und versuchte mit beiden Händen das übermächtig schlagende
-Herz zu halten. --
-
-„Was willst du von mir?“ fragte Hellwig den Kranken. Der schaute
-hilflos gegen die Zimmerdecke und dann suchend im Raum umher. Da fiel
-sein Blick auf einige Bücher, die in grünen Einbänden neben der Lampe
-und zwischen Arzneiflaschen auf dem Tisch lagen. Wie Erlösung überkam
-es ihn.
-
-„Mutter hat mir Darwin geschenkt!“ sagte er lebhaft. „Die große
-Ausgabe. Den mußt du lesen, ich leih’ dir ihn!“
-
-Eine Sekunde nur blickte Fritz in die Augen, die ihm groß und leuchtend
-entgegenstanden: dann hatte er begriffen. Hatte begriffen, daß hier
-vor ihm einer seines Wesens lag, gleich scheu und zurückhaltend und
-zu stolz, um sich aufzudrängen. Und er wußte mit einemmal, daß dieser
-schmächtige schwarzhaarige Mensch, den er im großen Troß der andern mit
-übersehen hatte, schon seit langem, heimlich und ohne sich zu verraten,
-sein Freund war. Und auch er fühlte sich jetzt, da er den Spuren der
-scharf geprägten Züge in dem geistreichen Antlitz nachforschte, mächtig
-zu ihm hingezogen. Aber er ehrte das Schamgefühl des andern. Deswegen
-antwortete er scheinbar ganz gleichgültig auf dessen Anerbieten.
-
-„Du würdest mir damit eine große Freude machen!“ sagte er und nahm
-eines der grünen Bücher vom Tisch. „Ist’s das hier?“
-
-„Ja. Nimm dir nur gleich ein paar Bände mit.“
-
-„Einer genügt vorläufig!“ entgegnete Hellwig kurz und erhob sich.
-
-„Du gehst schon?“
-
-„Ja!“
-
-„Du kommst aber wieder?“
-
-„Ich werd’ mir doch das Buch nicht behalten!“ knurrte Fritz.
-
-Der Kranke hob die Hand von der Bettdecke und reichte sie ihm wortlos.
-Fritz nahm sie in seine breite Rechte und hielt sie einen Augenblick
-fest.
-
-„Gute Nacht, Wart!“
-
-„Gute Nacht, Hellwig!“
-
-Im Nebenraum trat ihm Frau Wart entgegen: „Nun?“
-
-„Ich hab’ mir einen Band Darwin ausgeborgt!“ sagte er unwirsch, hastete
-an ihr vorbei, durchs Vorzimmer und über die Treppe hinab ins Freie.
-
-
-3.
-
-Der November war noch nicht zu Ende, da hatte Hellwig sämtliche
-Schriften Darwins bewältigt. Die Mutter wurde auf sein Treiben
-aufmerksam und drang nachts in sein Zimmer, wo er vor der Lampe über
-den Büchern saß. Da schalt sie wegen seines langen Wachens, bat ihn,
-seiner Gesundheit nicht zuviel zuzumuten und wich erst, bis sie ihn
-ganz sicher hinter dem Wandschirm in den Federn wußte.
-
-Um ihr Mißtrauen zu zerstreuen, ging er die nächsten Tage früher zu
-Bett. Dann aber verschaffte er sich ein Zigarrenkistchen, befestigte
-darin auf dem unteren schmalen Brett eine Kerze, an dem oberen aber, um
-dessen Anbrennen zu verhindern, einen ausgedienten Topfdeckel und hatte
-so eine Art Diebslaterne, nach drei Seiten für das Licht abgeblendet.
-Wenn nun seine gewöhnliche Schlafstunde heranrückte, stellte er dieses
-Gerät knapp hinter das Buch in der Weise, daß kein Lichtstrahl durch
-die klaffenden Fugen der Tür in die Küche dringen und der Mutter
-sein Wachbleiben verraten konnte. Dann löschte er die Lampe, hielt
-sich still und las beim flackernden Schein der Kerze mit geschnürtem
-Atem weiter, bis draußen auf der Gasse die ersten Bauernfuhrwerke
-über das holprige Pflaster rumpelten und der erwachte Lärm dem nahen
-Morgen vorauslief. Dann suchte er endlich sein Lager und tat hinter
-bleischweren Lidern einen traumlosen Schlaf, aus dem ihn jedoch meist
-schon nach zwei, drei Stunden die nichtsahnende Mutter weckte mit der
-Meldung, daß das Frühstück fertig und es Zeit zur Schule sei.
-
-Unterdessen hatte Warts Genesung rasche Fortschritte gemacht. Er durfte
-bereits kurze Spaziergänge unternehmen und tat dies mit Hellwig, dessen
-Seele ihm, nun das Eis einmal gebrochen, offensichtlich zuströmte.
-Ganz aber fanden sie sich erst an einem frostklaren Dezembertage, als
-sie nach einem schon längeren Marsch bei Milch und Butterbrot in einem
-Dorfwirtshaus saßen und von den alten Juden auf die Erlöser und auf den
-Gottesbegriff zu sprechen kamen.
-
-Sie waren die einzigen Gäste in der niedrigen Stube. Hinter dem
-Kachelofen hockte zusammengeduckt eine weißhaarige Frau und summte
-ihrem Enkelkind ein eintönig uralt Wiegenlied zum Schlaf. Die große
-Stehuhr pochte wie das Herz der Stille, und Heinz Wart sprach:
-„Darwin ist ein Erlöser und ist auch keiner. Viele alte Götzen hat er
-zerschlagen, der Verstand mag damit zufrieden sein, aber nicht das
-Herz. Und mit der Lösung der Frage nach _unserer_ Herkunft ist jene
-nach der Herkunft unseres Gottglaubens nicht aus der Welt geschafft.
-Für mich aber bedeutet Gott nichts anderes als das Ideal, nach dem sich
-jeweils die Menschen gesehnt haben. Den entrechteten Hindukasten von
-den Sudras bis zu den Tschandalas ist sicherlich die endliche selige
-Ruhe nach einem Leben der Knechtschaft als das Herrlichste erschienen
--- und Buddha hat ihnen das Nirwana gegeben. Bei den alten Deutschen
-hast du Freude am Kampf und Zechgelag und hast du kriegsgewaltige
-Schlachtengötter und reisige Jungfrauen, die die Helden nach Walhall
-zur Metbank bringen. Dem Schwärmer von Nazareth aber ist der Mensch
-selbst zum Ideal geworden. Darum ist sein Gott ein Menschengott,
-der alle unsere Tugenden und Fehler, Milde und Härte, Erbarmen und
-Grausamkeit, opferfreudigste Hingabe und starrste Ichsucht, zum
-höchsten Maß gesteigert, in sich vereinigt. Und weil dadurch Gott den
-Menschen so nahe gerückt wurde, haben sie sich ihm so bereitwillig
-zugewendet. Denn in ihm beten sie ihr Menschentum an, und sie lieben
-sich selber in ihrem Gott. Und die Reformationen sind nichts als
-Versuche gewesen, den lieben alten Menschengott umzumodeln, damit
-er zu den neuen Menschen mit ihren neuen Anschauungen wieder passe.
-Und wenn wir jetzt gegen den Druck verjährter Dogmen knirschen, so
-beweist das für mich nichts anderes, als daß unsere Zeit abermals reif
-geworden ist für eine neue Sehnsucht. Aber wir wissen noch nicht, wo
-sie wohnt und kennen den richtigen Weg nicht zu ihr, lassen uns leicht
-irreführen durch die Lockungen falscher Propheten. Nietzsche ist für
-mich ein solcher. Ich bewundere die rauhe Kühnheit und empöre mich
-über die wahnwitzige Überhebung, mit der er das Ich zum Gott machen
-will. Freilich, _die_ Ausgestaltung wäre logisch. Vom Weiteren zum
-Engeren, vom Kreis zum Punkt. Nach dem Menschen als Gattung der Mensch
-als einzelner. Jeder einzelne sich selbst Gesetzgeber und Richter und
-Rächer des eigenen Gesetzes. Jeder sich selbst Gott. Oder Schöpfer
-seines Gottes: des Übermenschen. Aber ...“
-
-Er atmete tief auf und schwieg. Von der untergehenden Sonne kam ein
-seltsam rötlicher Schein in die Stube, alle Gegenstände ertranken in
-einem ungewissen Zwielicht, und nur vor den winzigen Fenstern stand
-noch hell und durchsichtig die Luft wie ein unbewegtes, zartpurpurnes
-Meer.
-
-Mühselig erhob sich die gebeugte Greisin von der Ofenbank und wollte
-die Lampe anzünden. Aber Fritz winkte ab: „Lassen Sie nur, wir bleiben
-ganz gern im Dunkeln.“
-
-Dann war wieder Schweigen. Das Kind schlief in der Wiege. Eine graue
-Katze strich mit gehobenem Schweif und gekrümmtem Rücken unhörbar um
-ein Stuhlbein, immer rundum, rundum. Und das verhuzelte Weibchen beim
-Ofen ließ den Kopf tief und tiefer sinken und schlief allmählich ein.
-
-Mit hämmerndem Herzen saß Fritz und starrte aufgeregt nach dem
-unscheinbaren Menschen neben sich, dessen Antlitz weiß aus dem Dämmer
-herausleuchtete. Was er da gehört hatte, war mehr als zusammengelesene
-Weisheit, waren selbständige Ideen, die seine Seele mitschwingen
-machten. Und er kam sich klein vor, fühlte seine Unfertigkeit und wie
-wenig er wußte. Und plötzlich kam ihm die blonde Frau wieder in den
-Sinn, die an jenem Regenabend mit rauschenden Gewändern neben ihm
-gegangen. Das drohte die Weihe der Stunde zu stören. Er legte die Hand
-auf den Schenkel des Freundes.
-
-„Weiter, Heinz! Was ist’s mit dem Aber?“
-
-Wart zuckte auf und schaute ihn mit leeren Augen an, als hätte er alle
-seine Gedanken auf weite Wanderung geschickt und müßte erst warten,
-bis sie sich wieder zurückfanden. Dann sagte er, den Kopf in die
-Hand gestützt und den Blick immerfort auf die Tischplatte vor sich
-gerichtet, sagte ganz leise, wie aus einem Traum heraus:
-
-„Auf dem rechten Weg zur neuen Sehnsucht scheinen mir trotz allem doch
-die Jakobiner gewesen zu sein, und Maximilian Robespierre, der Tauben
-züchtete und Menschen mordete, hat es oft genug ausgesprochen: ‚Wir
-wollen die Wünsche der Natur erfüllen und die Bestimmung der Menschheit
-erreichen: den friedlichen Genuß der Freiheit und Gleichheit, ein
-Reich der ewigen Gerechtigkeit. Wo der Bürger der Obrigkeit und die
-Obrigkeit dem Volke dient und das Volk der Gerechtigkeit. Wo die Künste
-der Schmuck der Freiheit sind, der Handel die Quelle des öffentlichen
-Reichtums und nicht der ungeheuerlichen Wohlhabenheit einzelner
-Häuser. Schrecker der Unterdrücker wollen wir sein und Tröster der
-Unterdrückten und statt der Kleinlichkeit der Großen wollen wir die
-Menschengröße.‘ -- Das geht zwar schnurstracks gegen den Kampf ums
-Dasein des Individuums, aber trotzdem glaube ich, daß darin unser Heil
-für die Zukunft liegt. An Stelle des Menschengottes möchte ich das
-Menschentum setzen und gegen die Forderung: ‚Liebe deinen Nächsten
-wie dich selbst!‘ die Formel: ‚Hilf deinem Nächsten wie dir selbst!‘
-... Die Menschheit zur Freiheit führen, den Elenden und Gequälten
-ein freies, heiteres Dasein schaffen, ihnen ihr Recht auf Glück
-zurückerobern, das jeder schon hier auf Erden für sich fordern darf
-kraft seines Menschentums -- es ist ein Ziel, wohl wert, sein Leben
-dafür aufzuwenden ...“
-
-Er hatte sich in Begeisterung hineingesprochen, sprang auf und stand
-mit geröteten Wangen aufrecht da, ein heiliges Feuer in den Augen.
-Da war auch schon Fritz neben ihm, riß ihn an sich und sagte mit
-erstickter Stimme: „Heinz -- Freund -- Bruder ... unser Leben ... wir
-wenden’s dran ...“
-
-Nun ward es ihnen zu eng in der Stube. Sie brachen auf und schritten
-Schulter an Schulter unter einem klaren Sternenhimmel heimwärts. Und
-während sie so gingen, mußte Fritz abermals an Frau Wart denken und
-empfand einen dumpfen Groll, daß sie ihren Wunsch erfüllt und ihn als
-Freund ihres Sohnes sehen sollte. Und gleichzeitig stemmte er sich
-gegen dessen frühe Reife und den Einfluß, den sie auf ihn zu gewinnen
-drohte. Seine Stimme klang beinah feindlich, als er jetzt sagte: „Woher
-nimmst du eigentlich das alles?“
-
-Da seufzte der andere leise und erwiderte: „Mein Gott, man sitzt nicht
-umsonst mit einundzwanzig Jahren erst in der Septima!“
-
-„Du bist schon so alt?“ fragte Fritz erstaunt. Denn Wart sah mit
-seinem bartlosen blassen Gesicht und der schmächtigen Gestalt
-kaum siebzehnjährig aus. Nun nickte er: „Jawohl -- sogar bald
-zweiundzwanzig. Im Frühjahr muß ich schon das drittemal zur
-Stellung. Hoffentlich ist meine Brust noch immer für den Rock des
-Kaisers zu schmal. Sonst wär’s gefehlt, weil ich ja noch nicht das
-Einjährigenrecht hab’.“
-
-„Ja, aber ...?“
-
-„Wieso das kommt? Ganz einfach! Ich war kaum mit dem Untergymnasium
-fertig, da hat mich mein Alter ins Geschäft gesteckt. Aber ich hab’
-mich dort nicht zurechtfinden können. Nach drei Jahren hat er das
-auch selbst eingesehen und mich wieder ins Gymnasium zurückgeschickt.
-Das verdank’ ich der Mutter, ich weiß das, aber bis jetzt hab’ ich
-ihr keine Ehre gemacht. Die Quinta und die Sexta hab’ ich wiederholen
-müssen, für Mathematik hab’ ich nun einmal kein Verständnis, ich bring’
-das trockene Zeug nicht in den Schädel! Und dann die Bücher: Rousseau,
-Proudhon, Engels, Lasalle, Marx, Adam Smith -- du kennst ja meine
-Sammlung.“
-
-Er schwieg und Hellwig ebenfalls. Arm in Arm schritten sie auf der
-schneebedeckten Landstraße rüstig vorwärts, überließen sich ihren
-nachgenießenden Gedanken und gingen auf dem Marktplatz mit einem kurzen
-Händedruck stumm voneinander.
-
-
-4.
-
-Seit diesem Tage waren sie Freunde.
-
-Sie blieben aber nicht lang zu zweit, denn Pichler wollte sich nicht
-kaltstellen lassen. Hellwig mußte ihn mit Wart bekannt machen, und auch
-dieser wurde dem kecken Leichtfuß bald geneigt.
-
-Ihre Zusammenkünfte hielten sie jetzt bei Heinz ab, der nach der
-Genesung wieder sein Zimmer bezogen hatte.
-
-Das lag ganz oben, unterm Dach des altertümlich und weitläufig
-gebauten Hauses, worin das Bürgergeschlecht Wart seit Jahrhunderten
-einen schwunghaften Kaufhandel betrieb. Der jetzige Inhaber war ein
-derber, knorriger Fünfziger von praktischem Verstand und tüchtigem
-Arbeitssinn. Von der Pike auf im Geschäft, war er jeder geistigen
-Tätigkeit abhold, sofern sie nicht auf einen realen und reellen Gewinn
-unmittelbar hinzielte. Den ganzen Tag dröhnte seine Stimme durch die
-hallenden Korridore, war seine untersetzte Gestalt überall zu sehen.
-Bald half er mit schweißtriefender Stirn im Hof beim Aufladen der
-Warenballen, bald teilte er im Kanzleiraum Befehle aus, durchlief die
-weiten Speicher oder fertigte die Ladenkunden ab, in unermüdlicher
-Regsamkeit für die ordentliche und glatte Abwicklung des verzweigten
-Betriebs.
-
-Trotzdem fand er noch Zeit zur Verwaltung der verschiedenlichsten
-bürgerlichen Ehrenämter, war Stadtverordneter, Waisenvater und
-Ortsschulrat, Feuerwehrhauptmann und Schützenleutnant und stand bei
-allen Mitbürgern wegen seines gediegenen Charakters in Ansehen.
-Vornehmlich bei der Opposition, deren Leitung selbstverständlich in
-seiner Hand lag. Denn die Wart hatten alle von jeher ihren eigenen Kopf.
-
-Darüber waren vom Wart Nikl -- unter diesem Namen war er, der Nikolaus
-hieß, in der ganzen Gegend bekannt -- allerhand Geschichten im Schwang.
-
-Als die klerikale Vereinigung, die in Neuberg dank der werbenden
-Kraft des Paters Romanus gegründet worden war, ihren ersten
-Unterhaltungsabend veranstaltete, da war Nikolaus Wart an der Spitze
-von zwanzig handfesten Gesinnungsgenossen lärmend in den Saal
-gedrungen, wo eben eine Festvorstellung im Gange war und das Konterfei
-eines bekannten schwarzen Häuptlings mit Lorbeer und Lilien bekränzt
-hinter Glas und Rahmen an der Wand hing. Einen Tisch erkletternd, nahm
-der Nikl seelenruhig das Bildnis vom Nagel und lehnte es in eine Ecke.
-Aber als alle Gäste, darob entrüstet, auf ihn eindrangen, da hob er es
-wieder, schwang es mit beiden Fäusten, und breitspurig mit gespreizten
-Beinen auf dem Tisch aufgepflanzt, schrie er mit voller Lungenkraft:
-„Ruh’ geben! Zurück! Sonst hau’ ich auf eure Schafsköpf’ den größten
-drauf!“
-
-Dann schleuderte er das Bild zu Boden, daß die Scherben splitternd
-umherflogen, sprang hinterdrein und tat mit seinen Kumpanen so
-gründliche Arbeit, daß die Vereinigung katholischer Männer kläglich
-abziehen mußte. Worauf Wart Nikl schmunzelnd den rötlichen Vollbart
-strich und eine Sitzung der Freisinnigen eröffnete, die bis zum
-grauenden Morgen dauerte. --
-
-Und früher -- in Zeiten schwerer nationaler Bedrängnis -- als die Stadt
-Neuberg eine Kundgebung gegen die slawischen Vorstöße veranstaltete und
-als von einer kurzsichtigen Regierung zur Verhütung von Ausschreitungen
-ein slawisches Reiterregiment in die Stadt beordert wurde, das
-denn auch alsbald mit flachen Säbelhieben in die leidenschaftlich
-aufgewühlte Volksmenge einbrach, da hatte sich Wart Nikl den hitzigen
-Blauröcken entgegengestellt, hatte Rock, Weste, Hemd vorn auseinander
-gezerrt, und den Soldaten die nackte Brust darbietend, hatte er
-gebrüllt: „Da! da! Stecht her, wenn ihr dürft! Totschlagen könnt ihr
-uns, unterkriegen niemals nicht!“
-
-Daraufhin hatte man sich die Sache noch einmal überlegt und gegen
-die ehrenwörtliche Versicherung des Bürgermeisters, daß die Leute
-freiwillig und friedlich auseinandergehen würden, die Truppen abrücken
-lassen. Und als hernach die Verwundeten vorüber getragen wurden, da
-waren dem Wart Nikl die Tränen aus den Augen gesprungen und mit einem
-schmerzvollen Blick zum Standbild Kaiser Josefs II. hatte er gerufen:
-„Schau’ her, trauter Kaiser Seff, schau’ nur her, wie’s deinen
-Deutschen heutigentags geht!“ --
-
-Dieser Begebenheit verdankte er übrigens das beste Glück seines
-Lebens. Denn wie jedes Ausharren in einer gemeinsamen Not wildfremde
-Menschen urplötzlich vertraut macht, hatte sich neben den stiernackigen
-Kaufmann, der dem Übermut der slawischen Reiter mit seiner mächtigen
-Stimme Einhalt tat, ein schlankes Mädchen mit wehendem Blondhaar
-mutvoll aufgepflanzt und laut gerufen: „Recht so! Recht!“, wobei es den
-Soldaten herausfordernd die funkelnden Augen entgegenhielt.
-
-An diesen Blick mußte der Junggesell fortwährend denken und kam nach
-einigen Tagen rätselhafter Unrast endlich zu dem Entschluß: „Die wird’s
-oder keine!“
-
-Sie hieß Hedwig und war die Tochter des Stadtarztes Doktor Kreuzinger,
-der aus übergroßer Liebe zur Heimat die gewählte Hochschullaufbahn und
-damit auch die sichere Anwartschaft auf eine Universitätsprofessur
-aufgegeben hatte, um in seiner Vaterstadt ständig leben zu können. Er
-war ein ebenso ausgezeichneter praktischer Arzt wie scharfsichtiger
-Forscher, und seine Abhandlungen in den Fachblättern fanden wegen
-ihrer gehaltvollen Sachlichkeit Anklang und Beachtung. Wie denn
-auch bei den Kongressen, zu denen er sich regelmäßig einzufinden
-pflegte, manche ‚Berühmtheit‘ mit Worten schmeichelhaften Lobes des
-unscheinbaren Kollegen aus der Provinz Erwähnung tat, worüber der
-dann stets errötete und in eine hilflose Befangenheit hineingeriet,
-bis ein neuer Redner seine Aufmerksamkeit fesselte. Dann begannen die
-schlanken Finger in dem grauen Vollbart zu wühlen, die gescheiten Augen
-wurden wieder lebendig, und eine Falte auf der Stirn verriet die starke
-Gedankenarbeit, womit der bescheidene Landarzt dem Vortrag folgte.
-
-Auf die Werbung des Kaufmanns erwiderte er einfach: „Wenn sie will,
-ich rede ihr da nichts hinein.“ Und der urwüchsige Gesell verlor
-vielleicht zum erstenmal im Leben seine Sicherheit, wurde verlegen
-wie ein Schuljunge und mühte sich mit seiner ungelenken Zunge schöne
-Satzgebilde zu formen, als er dem schlank aufgewachsenen Mädchen
-gegenüberstand, das ihn stirnbreit überragte, trotzdem es erst siebzehn
-Jahre alt war. Aber sie sagte ja. Die aufrichtige Geradheit des Mannes,
-seine ehrliche Lebensführung, die wie ein offenes Buch im vollen Licht
-vor aller Augen dalag, hatten’s ihr angetan. Und sie hatte nie Ursache,
-ihre Wahl zu bedauern. Auch dann nicht, als Wart Nikl erkannte, daß sie
-in jener bewegten Stunde nicht Begeisterung an seine Seite getrieben
-hatte, sondern lediglich die heilige Entrüstung, die jeden Guten packt,
-wenn irgendwo Gewalt vor Recht gehen soll.
-
-Jeder ehrte die wackere Art des andern und forderte nichts Unmögliches
-von ihr. Weder Hedwig, daß Nikl ihr zuliebe plötzlich ein Schöngeist
-werde, noch er, daß seine schöne Frau Rosinen abwiege, kiloweise Mehl
-verkaufe oder die Buchführung lerne. Er überließ ihr auch die Erziehung
-der Kinder, da er wußte, daß sie ihm hierin überlegen war. Und seit
-sein Versuch, auf die Berufswahl des Sohnes kraft seiner väterlichen
-Gewalt bestimmend einzuwirken, kläglich gescheitert war, übersah er,
-der Bücherfeind, es sogar stillschweigend, wenn Frau Hedwig ihrem
-Jungen Geld zur Beschaffung von Zeitschriften oder Büchern einhändigte.
-
-Die erworbenen Schätze stapelte Heinz mit unverdrossenem Sammeleifer
-in seiner Dachstube auf, die dadurch ein recht gelehrtes und von den
-übrigen Räumen des Hauses grundverschiedenes Gepräge bekam. Allerhand
-Druckwerke stauten sich hier auf Schrank und Tisch und füllten längs
-der Wände hohe Regale, wogegen in den anderen Zimmern nur Preislisten,
-Warenproben und Geschäftsbriefe herumlagen. Denn Vater Wart las außer
-einer Tageszeitung und der deutschen ‚Grenzwacht für Neuberg und
-Umgebung‘ überhaupt nur, was mit der Führung seines Geschäftes und
-seiner bürgerlichen Ehrenämter unmittelbar zusammenhing.
-
-Um so heißhungriger fiel Hellwig über die Bücherei des Freundes her.
-Der Kaufmann war ihm deswegen nicht besonders grün und äußerte zu
-seiner Frau, der lange Blonde mit den Storchbeinen sei gerade so ein
-Mucker wie sein Herr Sohn. Dagegen nannte er Pichler bald einen netten
-und vernünftigen jungen Mann, weil dieser rasch die schwachen Seiten
-des einflußreichen Bürgers aufgespürt hatte, mit ihm über das Geschäft
-sprach, für Warenmuster Interesse zeigte und sich in den Marktpreisen
-auskannte, kurz zu haben schien, was Nikl an seinem Heinz so ungern
-vermißte: das Zeug zu einem guten Kaufmann.
-
-Frau Hedwig erwiderte auf diese Lobsprüche nichts. Ihr gefiel Pichler
-nicht. Doch sie war zufrieden, Heinz und Fritz beisammen zu wissen
-und störte ihren Verkehr nicht, trachtete im Gegenteil, daß Hellwig
-sie nicht zu Gesicht bekam, weil sie das Gefühl nicht los wurde, daß
-ihm ein Zusammentreffen mit ihr Unbehagen schaffe. Dem war in der Tat
-so. Sie hatte auf den jungen Menschen gleich bei der ersten Begegnung
-tiefen Eindruck gemacht, und so sehr er sich dagegen wehrte, er mußte
-die schöne Frau lieben. Mußte sie lieben, weil sie im Vollsinn des
-Wortes eine Mutter war -- und haßte sie auch vom selben Augenblick an.
-Mußte sie hassen in seiner jugendlichen Parteilichkeit, weil sie nicht
-seine Mutter war. Weil sie ihn zwang, Vergleiche zwischen ihr und
-der eigenen Mutter anzustellen und weil diese Vergleiche immer gegen
-letztere ausfielen. Sein kindliches Gemüt kämpfte dagegen an, wollte
-sich das reine Bild derjenigen nicht trüben lassen, die ihn in ihrem
-Schoße getragen. Aber der kalte Verstand trieb ihn stets aufs neue das
-Für und Wider abzuwägen -- und immer neigte sich das Zünglein zugunsten
-der blonden Frau.
-
-Das ging so weit, daß ihm sogar die Schamröte ins Gesicht stieg,
-als er eines Tages Heinz und Otto in seine Behausung führte und die
-Mutter nach einer kleinen Weile mit ihrer unvermeidlichen Kaffeekanne
-anrückte. Ein schwächliches, verblühtes Frauchen, sanft, gutherzig
-und rührselig, kam sie hereingetrippelt, bat um Entschuldigung, daß
-sie nichts Besseres vorzusetzen habe, und auf Pichlers Frage, ob die
-Hühner des Nachbarn ihr noch immer auf dem Bleichplatz im Gärtchen
-die Wäsche beschmutzten, erhob sie sofort ein großes Jammern über
-diese Rücksichtslosigkeit, mit reichlichem Wortschwall und Mitleid
-heischender Miene.
-
-Fritz saß da und schämte sich vor Heinz. ‚Dort Bücher und verstehendes
-Fernbleiben -- hier Kaffee und Geschwätz!‘ dachte er bitter. Denn er
-war noch nicht reif genug für die Erkenntnis, daß hier wie dort ein
-gleich schönes menschliches Empfinden nur seinen verschiedenen Ausdruck
-fand.
-
-„Hör’ doch schon auf mit dem Quatsch, Mutter!“ sagte er unwillig.
-
-Da verstummte sie erschrocken und stahl sich mit einem unterdrückten
-Seufzer aus der Stube.
-
-Kaum gesprochen, war ihm das Wort schon leid. Aber als jetzt Heinz
-seine ernsten Augen auf ihn richtete: „Du hast sie gekränkt!“, da fuhr
-er auf: „Ach was, wenn sie auch fort so herumgreint!“ Und dann heftig
-zu Otto: „Warum fragst du auch immer so? Meine Mutter ist mir zu gut
-für deine blöden Witze!“
-
-Der Angefahrene widersprach gekränkt und beteuerte seine guten
-Absichten. Aber Fritz ließ ihm nichts gelten. Schimpfend rannte er
-im Zimmer herum, und es waren nicht gerade Schmeichelworte, die er
-Pichlern an den Kopf warf. Je länger er so wetterte, desto mehr fühlte
-er, wie grundlos eigentlich seine Vorwürfe waren. Er hörte aber
-trotzdem nicht auf. Er mußte sich Luft machen, empfand eine wohltuende
-Befreiung dabei.
-
-Unterdessen war Heinz behutsam in die Küche geschlichen, wo Frau
-Hellwig, die Hände im Schoß gefaltet, beim Fenster saß und aus
-tränenvollen Augen bekümmert in den Hof blickte. Als sie ihn gewahrte,
-erhob sie sich schnell: „Sie wünschen wohl Trinkwasser? Gleich sollen
-Sie’s haben!“
-
-Bei diesen Worten hatte sie sich schon gebückt und machte sich mit der
-Wasserkanne zu schaffen, damit er ihr verweintes Gesicht nicht bemerken
-sollte.
-
-„Lassen Sie’s nur, Frau Hellwig!“ sagte Heinz darauf. „Ich hab’ keinen
-Durst. Es ist nur -- Fritz hat das nicht bös gemeint ...“
-
-Nun richtete sie sich lebhaft in die Höhe: „Hat er Sie geschickt?“
-
-„Das nicht, -- aber ... ich weiß das eben ...“
-
-„Nicht wahr, er ist ein garstiger Junge!“ seufzte sie. „Horchen Sie
-nur, wie er schreit! Was er nur wieder haben mag?“
-
-„Es reut ihn, daß er so schroff gewesen. Der arme Otto muß jetzt dafür
-büßen. Aber der verträgt’s!“ erwiderte Heinz leichthin.
-
-Zweifelnd blickte sie ihn an: „Zeit wär’s schon, Herr Heinz, wenn er
-einmal zu Vernunft kommen wollte. Immer ist er gleich obenhinaus. Wenn
-man doch nur sein Bestes will ...“ -- ihre Tränen begannen wieder zu
-fließen -- „und wenn man dann nichts als Undank davon hat, das tut weh.
-Nicht ein bissel hat er mich lieb!“
-
-„Er zeigt’s Ihnen bloß nicht!“ versuchte Wart den Freund zu
-verteidigen. Die Witwe aber klagte unbeirrt fort: „Das kommt alles
-nur daher, weil er in keine Kirche mehr geht. Wohin soll das führen?
-Noch keinem ist’s gut gegangen ohne den lieben Gott, das können Sie
-mir alten Frau schon glauben ... Es ist ein Kreuz, ein rechtes Kreuz
-mit dem Jungen! -- Aber da steh’ ich und red’ und vergess’ ganz, ich
--- hab’ ja noch ein paar Lederäpfel. Die müssen Sie kosten! Der Fritz
-fliegt nur so darauf!“
-
-Da sah Heinz, daß hier ein Trost nicht nötig war, und während Frau
-Hellwig geschäftig die runden Früchte auf einem Teller ordnete, ging er
-wieder ins Zimmer zurück.
-
-Fritz vermied es jedoch seit jenem Tage, die Freunde in seine Wohnung
-mitzunehmen.
-
-
-5.
-
-Weihnachten war vor der Tür, und damit war auch die Zeit gekommen,
-da Pater Romanus seine Schäflein zur ersten von drei schuljährlichen
-Beichten zu verhalten pflegte. Sämtliche verfügbaren Seelenhirten von
-Neuberg, insbesondere die frommen Mönche aus dem Franziskanerkloster,
-leisteten werktätige Beihilfe. Klassenweise wurden ihnen die Schüler
-zugewiesen, wobei jedoch Romanus besondere Wünsche seiner Studenten
-nach Möglichkeit berücksichtigte. Allen konnte er’s freilich nicht
-recht machen, weil nach einzelnen Beichtvätern wegen ihrer Milde
-eine allzu rege Nachfrage herrschte, die Milde nach der Kürze der
-Ermahnungen und der Bußgebete eingeschätzt.
-
-Hellwig aber trachtete diesmal bei dem allgemein gefürchteten Pater
-Guardian anzukommen, der nicht im Beichtstuhl, sondern in seiner Zelle
-die Verfehlungen der Gläubigen anzuhören und endlose geharnischte Reden
-gegen die armen Sünderlein loszulassen pflegte.
-
-Jede Rede verschlug es ihm jedoch, als Fritz, kaum auf dem Schemel
-niedergekniet, rauh hervorstieß: „Meine Beichte ist kurz, ich glaube an
-gar nichts!“
-
-Ein langes Schweigen folgte den Worten. Die kleine, vertrocknete
-Priestergestalt saß ganz unbeweglich, und der kahle Schädel leuchtete
-wie eine große Billardkugel unter Hellwigs niederschauenden Augen.
-
-„Ich glaube an gar nichts!“ sagte er endlich nochmals.
-
-Nun regte sich unbehaglich der Leib in der dunklen Kutte, zwei wässrige
-Augen mit roten Rändern schauten hilfeheischend zur Decke und eine
-zögernde Stimme fragte: „Ja ... lieber Bruder ... lieber Bruder ... wie
-sind Sie denn dazu gekommen?“
-
-„Durch Nachdenken und Vergleichen, auch durch Lesen,“ erwiderte Fritz
-und blickte dem Frater fest ins Gesicht. Der rutschte unruhig auf
-seinem Stuhl hin und her und suchte nach einer schicklichen Einleitung.
-
-„Lieber Bruder,“ fing er endlich an, und Hellwig wunderte sich über
-die freundliche Stimme, den warmen Blick des als unleidlich streng
-Verrufenen. „Lieber Bruder, Sie sind noch jung und daher leicht zur
-Übertreibung geneigt. Sie glauben an gar nichts, sagen Sie, aber Sie
-sagen das nur, weil Ihnen noch nicht klar geworden ist, daß wir alle,
-die wir Menschen sind, sehr wenig wissen und sehr viel glauben. Sie
-glauben jetzt vielleicht den Worten eines alten Priesters ebensowenig
-wie den Worten der Heiligen Schrift. Aber einen Schöpfer lassen Sie
-doch gelten, nicht wahr?“
-
-„Nur die Natur!“
-
-„Dann haben Sie lediglich einen anderen Namen für denselben Gegenstand
-und glauben nur an einen Teil unseres allumfassenden Gottes. Denn:
-meinst du, daß ich ein Gott nur in der Nähe bin und nicht auch ein Gott
-in der Ferne? Erfülle ich nicht Himmel und Erde, spricht der Herr. --
-Wollen Sie mir jetzt ein paar Fragen ehrlich beantworten?“
-
-Der Jüngling nickte stumm.
-
-„Sagen Sie mir also vor allem, wie Sie es mit den zehn Geboten halten,
-vom vierten angefangen. Bemühen Sie sich, die darin vorgeschriebenen
-Pflichten gegen die Eltern und Nächsten sowie gegen sich selbst zu
-erfüllen?“
-
-„Ich will nie etwas tun, das ich nicht vor mir selbst verantworten kann
-und bemühe mich, meine Kräfte für die Allgemeinheit auszubilden, so gut
-ich kann,“ entgegnete Fritz nach einigem Besinnen.
-
-„Schön, lieber Bruder, recht schön. Das ist ganz christlich gedacht
-und gehandelt. Und nun noch eins: Haben Sie sich leichtfertig oder aus
-Übermut zu einer solchen Beichte entschlossen? Haben Sie skrupellos und
-ohne Kampf den Glauben Ihrer Kindheit über Bord geworfen?“
-
-„Es ist mir nicht leicht geworden,“ gestand Hellwig, wenn auch mit
-Widerstreben.
-
-„Das genügt mir schon, lieber Bruder, denn: an ihren Früchten sollt
-ihr sie erkennen, spricht der Herr. Und deswegen ...“
-
-Der greise Priester schwieg und schien mit einem schweren Entschluß zu
-ringen. Dann aber sagte er, und es zeigte sich, daß in dem verwitterten
-Körper jene Liebe, die ihn einst seinem Berufe entgegengeführt hatte,
-noch lebendig, daß sie nicht zermürbt oder ertötet worden war, durch
-den beständigen Kampf wider den Zweck und die Bestimmung seines
-Menschentums. Jenen entnervenden Kampf, den er als Jüngling in der
-Begeisterung seiner Jahre freiwillig aufgenommen hatte und darin der
-gereifte Mann unter allen Qualen des Entsagens und Kasteiens gegen die
-Natur sündigen mußte, um nicht gegen seinen Gott zu sündigen.
-
-„Mein lieber Bruder,“ sagte er, „Ihre Sünde ist nicht so groß, wie Sie
-anzunehmen scheinen. Und der Schmerz, die Unruhe, die Sie empfinden,
-seit Sie an unserm barmherzigen Schöpfer zu zweifeln angefangen haben,
-ist auch eine Buße, die gewogen und wahrlich nicht zu leicht befunden
-werden wird. Darum glaube ich es vor Gott und vor meinem Gewissen
-rechtfertigen zu können, wenn ich Sie Ihrer Sünden ledig spreche.
-Leider habe ich nicht die Zeit, Ihnen die Gründe eingehend darzulegen,
-denn draußen warten andere Beichtkinder. Auch bin ich alt und müd und
-geistig nicht mehr regsam genug, um die großen Gärungen der neuen Zeit
-zu verfolgen und Ihnen im Sinne unseres Glaubens auszudeuten. Wenden
-Sie sich daher an Ihren Religionsprofessor und vertrauen Sie sich ihm
-getrost an. Es wird Ihr Schade nicht sein.“
-
-Segnend hob er die Hand, begann er die lateinische Formel zu
-sprechen. Er ließ sich hierbei auch von dem Gedanken leiten, daß
-durch ein Verweigern der Lossprechung, das bei den strengen
-Gymnasialvorschriften leichtlich zur Ausweisung führen konnte, der
-junge Zweifler nicht nur nicht gebessert, sondern erst recht zum
-Verharren in der eingeschlagenen Bahn bewogen worden wäre. Hellwig
-aber verstand diese Güte nicht. Rücksichtslos und hart gegen sich
-und andere, forderte er dieselbe Härte und Rücksichtslosigkeit im
-Verfechten der Grundsätze auch von den anderen für sich selbst wie ein
-gutes Recht. Deswegen wartete er das Ende der Lossprechung nicht ab,
-sondern erhob sich mit einer jähen Bewegung von den Knien und schritt
-trotzig aus der Zelle.
-
-Er ging zu Pater Romanus.
-
-Der bewohnte im ersten Stockwerk eines armseligen Hauses zwei enge
-Gelasse, die mit Kruzifixen, Heiligenbildern, Büchern und kaum dem
-notwendigsten und dürftigsten Hausrat versehen waren. In dem einen Raum
-befand sich neben einem Schrank, einem Betpult und einem Waschtisch
-überhaupt nur noch ein schmales, mit Roßhaarkissen und einer groben
-Kotze ausgestattetes Bettlein. Es ging jedoch die Rede im Ort, daß an
-diese zwei Räumlichkeiten noch ein drittes Zimmer stoße mit behaglichen
-Polstermöbeln und mit weichen Daunenpfühlen in einer breiten, fast
-doppelspännigen Bettstatt, darinnen eine wunderschöne Nichte des
-Paters die jungen Glieder strecken und nebenbei auch dem Oheim die
-Wirtschaft führen sollte. Doch konnte das ebensogut böswillige
-Verleumdung sein, denn wenn auch manche ein derartiges Frauenzimmer
-bisweilen an den Fenstern oder im abendlichen Dunkel auf Spaziergängen
-begriffen gesehen haben wollten, so war für alle Fälle und jedermann
-sichtbar eine ungemein häßliche Weibsperson vorhanden, die in einer
-winzigen Küche ein ungebärdiges Wesen entfaltete, wie ein Zerberus
-den Wohnungseingang bewachte und jeden Unbekannten rücksichtslos vor
-der hölzernen Lattentür im Vorflur warten ließ, bis sie ihn bei ihrem
-geistlichen Herrn angemeldet hatte.
-
-Auch Fritz erhielt auf seine Frage, ob er den Herrn Professor sprechen
-könnte, die mürrische Antwort: „Werd’ nachsehn!“ und konnte dann in
-aller Muße Zug für Zug die Buchstaben des messingnen Namensschildes an
-der Vorhaustür betrachten, ehe ihm diese geöffnet wurde.
-
-Pater Romanus empfing ihn beim Schreibtisch sitzend, und sein Kopf war
-vollständig unsichtbar zwischen den dickleibigen Schmökern, die sich
-rechts und links der Wangen zu Bergen türmten. Als die Tür aufging,
-stieg der schwarze Haarschopf langsam aus diesem Bücherverließ, die
-Augen spähten wie über eine Burgzinne nach dem Eintretenden, -- dann
-sprang die schwarze Gestalt rasch vom Sessel empor und kam mit einem
-freudigen „Ah!“ der Überraschung auf den Jüngling zu.
-
-Der aber ließ sich nicht beirren, sondern begann ohne Umschweife einen
-trockenen Bericht über den Vorfall in der Beichtkammer.
-
-Pater Romanus hatte sich an dem Tisch in der Mitte des Zimmers
-niedergelassen und hörte mit einem rätselvollen Gesichtsausdruck
-aufmerksam zu. Als Hellwig fertig war, sagte er mit mühsam
-behaupteter Ruhe: „Wenn das so ist, Kind Gottes, dann gehen Sie
-morgen selbstverständlich nicht zur heiligen Kommunion. Auch vom
-Kirchenbesuch enthebe ich Sie vorläufig unter der Bedingung, daß Sie
-dafür wöchentlich einmal zu mir kommen. Wollen Sie mir das versprechen?“
-
-„Ich glaube nicht, daß das einen Zweck hätte, Herr Professor,“
-entgegnete Fritz zögernd.
-
-Nun erhob sich der hagere Priester wieder, stand in der dunklen
-Soutane, die sich glatt und faltenlos über den flachen Brustkasten
-spannte, Stirn gegen Stirn dem hoch aufgeschossenen Schüler gegenüber,
-und seine Stimme hatte den schwingenden Predigerton, als er jetzt rief:
-„Geben Sie den Einflüsterungen des Bösen kein Gehör, der übermächtig
-in Ihrem Herzen aufsteht, weil die alleinseligmachende Kirche ihre
-Anstalten trifft, ihm ein vermeintlich schon sicheres Opfer zu
-entreißen. Er schlägt Sie mit Blindheit, daß Sie vor lauter Finsternis
-den Zweck nicht sehen können und das sonnenklare Ziel! Ihre Seele ist
-in Gefahr, Fritz Hellwig! Sehen Sie in mir das Sprachrohr unseres
-allgütigen Gottes, der Sie in letzter Stunde zur Umkehr mahnt!“
-
-Da reckte sich der Jüngling empor: „Ich habe es nicht nötig,
-umzukehren, Hochwürden. Ich will nicht zurück, sondern vorwärts!“
-
-„Ihre Verstocktheit ist groß, Kind, aber mit Gottes Hilfe ist mir die
-Bekehrung weit ärgerer Sünder schon gelungen, auch bei Ihnen wird sie
-kein vergebliches Bemühen sein. Ich kenne Sie durch und durch, Hellwig,
-und kenne auch die Ursache Ihres jetzigen Zustandes. Sie lesen zu
-viele weltliche Bücher. Machen Sie sich davon frei! Die weltlichen
-Bücher sind die Saatfelder des Teufels, in denen die Giftpflanze der
-Seelenfäulnis üppig in die Halme schießt! Sie machen den Gläubigen
-wankelmütig und bestärken den Ungläubigen in seinem gottlosen Wandel.
-Satan wollte die Menschheit von Gott abwendig machen, da erfand er die
-Lettern und gab ihr die weltlichen Bücher. Aller Schmutz fließt in
-ihnen zusammen wie in einer Kloake und jegliches Übel kommt von ihnen.
-Verbrennen sollte man sie und in Acht und Bann tun alle diejenigen,
-die sie erzeugen und verbreiten! Kind Gottes, warum lasen Sie solche
-Schriften, in denen die Verleumdung der Religion ihren eklen Geifer
-verspritzt? Warum lasen Sie weiter, statt sie ins Feuer zu werfen, als
-Sie die Verlockung zum Unglauben merkten?“
-
-„Solche Bücher kenne ich nicht, Hochwürden. Nur ernste
-wissenschaftliche Werke. Darwin zum Beispiel.“
-
-„Darwin!“ ächzte Romanus. „Darwin! -- Auch ich habe ihn gelesen, aber
-als reifer, glaubensfester Mann und nicht als haltloser Jüngling!
-Wissen Sie denn nicht, daß geschrieben steht: Hütet euch vor jenen,
-die im Schafspelze zu euch kommen, im Innern aber reißende Wölfe sind?
-O Kind Gottes, und Darwin ist der Oberste dieser Wölfe! Ein Irrlehrer
-ist er, ein schamloser Verführer und wahnwitziger Lügensprecher! Oder
-ist es nicht Wahnsinn, daß wir, die Ebenbilder Gottes, für die sein
-eingeborener Sohn am Kreuze blutete, entstanden sein sollen nicht
-durch eines allmächtigen Schöpfers Hand, sondern durch blinden Zufall
-aus einem Urschleim? Der Kot des Lebens Anfang und der Menschheit
-Vater! O mein Gott! Mein Gott! Daß sich überhaupt Leute finden, die so
-hirnverbrannt sind, das zu glauben!“ -- Der Eiferer schlug sich mit der
-flachen Hand vor die Stirn und Fritz entgegnete bescheiden:
-
-„Auch in der Bibel steht, daß Gott den Menschen aus Staub erschaffen
-hat.“
-
-„Aus Staub, jawohl! Aber nicht aus Dreck! Aus Staub, den seine
-göttliche Hand von aller Unreinheit geläutert und geadelt, sein
-göttlicher Atem gewandelt hat zum köstlichen Gefäß der unsterblichen
-Seele!“
-
-Da sagte Hellwig und ein warmes Leuchten kam aus seinen Augen: „Auch
-dieses habe ich in Darwins Lehre gefunden. Der Atem Gottes kam in den
-Staub -- da war das Leben. Das Leben selbst ist dieser Atem, des Lebens
-Regung in uns, das ist die Seele, unsterblich wie das einmal gewordene
-Leben selbst. Und Gott ist nichts anderes als die Natur, die aus sich
-selbst das Leben gebiert, dreifach und doch nur eins: der leblose Stoff
-als Träger der ewigen, ehernen, großen Gesetze; der Leben gewordne
-Stoff, der den unbelebten zur Selbsttätigkeit erlöst und endlich der
-Selbstbewußtsein gewordene Stoff, der Geist. So hab’ ich’s mir zurecht
-gelegt.“
-
-„Lästern Sie nicht, Verblendeter!“ Der Pater hob abweisend die Hand.
-Ruhiger fuhr er fort: „Ihre Seele, Kind, ist überwuchert von Unkraut
-und Dornen! Viel Schweiß wird es kosten, diesen Boden zu jäten und für
-die Aufnahme der heiligen Samenkörner zu bereiten, die da sind die
-Worte der Evangelien. Wir müssen ganz von vorn anfangen und das so bald
-als möglich. Morgen abend um sechs Uhr erwarte ich Sie. Jetzt aber
-lassen Sie mich allein. Sie haben mich tief betrübt, ich will im Gebete
-Trost und Zuflucht suchen. Und auch für Sie will ich beten, daß Ihnen
-Gott die schwere Sünde nicht zu hoch anrechnet, die Sie im Angesicht
-des Gekreuzigten begangen haben!“
-
-Er warf sich vor dem Hausaltar, der in einer Zimmerecke errichtet
-war, in die Knie, legte die Stirn auf das Holz der Betbank, hielt
-die gefalteten Hände über dem Haupt empor. Wie gelöst schienen seine
-Glieder, unter dem seidig glänzenden Priesterrock bebte der Leib in
-Fieberschauern.
-
-Eine tiefe Furche zwischen den Brauen, mit stürmischem Atem und
-zuckenden Nüstern schaute Fritz empört zu. Dann sagte er laut und hart:
-„Herr Professor, lügen Sie doch nicht Ihrem Herrgott ins Gesicht!“
-
-Jäh fuhr Romanus in die Höhe. In den Halsadern pochten ihm alle
-Pulse sichtbar. „Bube!“ schrie er. Aber sogleich wieder hatte er die
-aufgestörten Leidenschaften fest im Zügel. Stoßweise, mit gewaltsam
-gebändigter Erregung, sprach er: „Danken Sie’s Ihrer Mutter, daß nur
-der Priester und nicht Ihr Professor die frechen Worte gehört haben
-will. Sie haben die Achtung vor jeder Autorität verloren. Hellwig,
-Hellwig, das wird ein böses Ende nehmen! Ich wollte Ihnen ein Freund
-und Berater sein, doch Sie haben meine väterlich gebotene Hand
-zurückgestoßen. Gut! Ganz wie Sie wünschen! Ich werde trachten, auch
-das zu vergessen. Das ist mehr Nachsicht, als Sie verdienen. Damit ist
-meine Aufgabe vorläufig beendet. Wenn Sie aufrichtig bereuen, steht
-Ihnen meine Wohnung wieder offen. Bis dahin -- gehen Sie!“
-
-Sein ausgestreckter Finger zeigte nach der Tür. Fritz verneigte sich
-stumm und ging langsam. Aber über die ausgetretene Schneckenstiege
-rannte er schon in heftigen Sätzen.
-
-Draußen atmete er auf. Die leichte Winterluft streichelte ihm
-die Stirn, schien mit frischen, kühlen Händen alle Unreinheit
-fortzuwischen, die er aus dem Haus des Geistlichen an Leib und Kleidern
-mitzutragen glaubte.
-
-Trotzdem gelang es ihm nicht gleich, den Ekel zu überwinden, den das
-Gebaren des Jesuiten in ihm ausgelöst hatte und den er ganz körperlich,
-wie den Nachgeschmack einer verdorbenen Speise, zu empfinden vermeinte,
-so oft er sich das Bild wieder vergegenwärtigte: Die große Gebärde, mit
-der sich Romanus vor dem Altar in die Knie geworfen, das heuchlerische
-Spiel mit Gebet und christlicher Liebe, die schamlose Schaustellung
-von Gefühlen, die, wenn wirklich empfunden, unter allen Umständen der
-Einsamkeit gehören mußten. Und er empfand lebhafte Genugtuung, daß er
-mit seiner Meinung nicht hinterm Berge gehalten. Vor den Folgen war ihm
-nicht bang. Er wußte, daß er recht gehandelt und glaubte noch an den
-Sieg des Rechts, weil er an die Menschen glaubte und, selbst vornehm,
-auch anderen keine Niedrigkeit zutraute.
-
-Als er nach stundenlangem planlosen Herumwandern das Gleichgewicht
-endlich wieder erlangte, war der Abend bereits so weit vorgerückt, daß
-er Heinz nicht mehr aufsuchen wollte. Der wußte ebensowenig wie Otto
-um die ganze Angelegenheit. Denn Hellwig hatte diesmal niemandem seine
-Absicht mitgeteilt, weil er die Erinnerung an das Auskneifen Pichlers
-noch zu lebendig mit sich herumtrug und nicht abermals einen Freund
-in Versuchung bringen wollte. Das Verheimlichen war ihm schwer genug
-angekommen, wie einen Vertrauensbruch empfand er es. Der Aufschub,
-zu dem er sich jetzt abermals gezwungen sah, war ihm daher höchst
-unlieb, und er konnte kaum den nächsten Vormittag erwarten. Dieser war
-schulfrei zum Behufe eines würdigen Nachgenusses der Kommunion, die den
-Studenten bei der ersten Frühmesse gespendet wurde und von der sich
-Hellwig selbstverständlich fern hielt.
-
-
-6.
-
-Die Uhr am Rathaus hatte noch nicht neun geschlagen, als Fritz auch
-schon mit langen Beinen über die breiten Holztreppen zu Heinzens
-Behausung hinaufeilte.
-
-Die Morgensonne hielt vor den bemalten Bogenfenstern, ließ die satten
-Farben der Glasbilder aufleuchten und füllte das geräumige Stiegenhaus
-mit warmem Licht. Vom Hof her drang das Lärmen der Auflader, das
-Klirren der Wagenketten und das Gewieher der Pferde. Das alte Haus,
-das sonst, wenn die Sonne vorübergegangen war, düster, fast mürrisch
-dreinblickte, war heute gar nicht wieder zu erkennen. Jeder Winkel
-schien hell und munterer Tätigkeit voll zu sein, wie ein Tempel
-fröhlicher Arbeit stand es, tönte und glänzte im jungen Morgenlicht.
-
-Und jetzt mischte sich in den summenden Lärm der Ladestellen von oben
-her Türenschlag und Schuhgetrapp. Auf schnellen Füßen kam etwas die
-Stufen herabgepoltert, bog um die Ecke des Treppenabsatzes. Gewänder
-rauschten, ein heller Rocksaum flatterte um schwarzbestrumpfte Knöchel,
-ein dicker Blondzopf schwang den Takt dazu. Ranke, geschmeidige,
-biegsame Glieder, blaue Funkelaugen, gerötete Wangen -- das war ein
-Hasten, war ein Eilen, hatte nicht mehr Zeit, die wirbelnden Füße zu
-hemmen und -- stieß mit Hellwig Stirn gegen Stirn zusammen.
-
-Wehleidig-erschrocken ein „Au!“ aus weißer, weiblicher Kehle. Der
-Hut des Jünglings flog zu Boden. Lebenswarm knospende, drängende
-Jugendfülle fiel zugleich mit einem strauchelnden Mädchenleib für einen
-Augenblick in die Arme des Verlegenen, zehn kleine Finger klammerten
-sich Halt suchend an seinem Rockkragen fest. Dann sprang ein Lachen
-lustig in den Morgenglanz hinein: „Verzeihen Sie, bitte!“ und weiter
-ging’s in trappelnden Schuhen und wehenden Kleidern die Stiege hinunter
-durchs flimmernde Spiel der Sonnenlichter, während Fritz noch auf dem
-Treppenabsatz stand und mit der Hand die Beule an der Stirn befühlte.
-
-„Das war die Ev!“ sagte Heinz lachend, als ihm der Freund die Begegnung
-erzählte.
-
-„Was denn für Ev?“ knurrte Hellwig verdrossen. Er ärgerte sich über
-die Heiterkeit des andern und hatte das unbehagliche Gefühl, daß
-er irgendwie eine lächerliche Rolle gespielt haben könnte. Und als
-nun Heinz lustig rief: „Da hört sich doch alles auf! Jetzt weißt du
-Brummbär am Ende gar nicht, daß ich eine Schwester hab’?“, da wurde
-Fritz wieder einmal ungemütlich.
-
-„Woher sollt’ ich’s wissen? Gesagt hast du mir nichts, und
-herumschnüffeln tu’ ich nicht!“ polterte er los. „Überhaupt -- schöne
-Freundschaft das! Wenn sie mir nicht grad’ eine Beule gestoßen hätte,
-wüßt’ ich bis heute nicht, daß mein Freund eine Schwester hat!“
-
-Nun mußte er jedoch selber lachen, und so unterblieb diesmal der
-Auftritt.
-
-Heinz war in trefflicher Laune und scherzte weiter: „Dann hast du
-wenigstens gleich einen Vorgeschmack bekommen! Tröst’ dich, du wirst
-mit dem tollen Ding noch mehrfach zusammenrennen!“
-
-Da hob Fritz die Hände wie zur Abwehr: „Das fehlte grad’ noch!“
-
-„Wird dir nichts übrig bleiben!“ erwiderte Heinz. „Sie ist schon
-furchtbar neugierig auf dich. Gestern ist sie auf Weihnachtsferien
-gekommen -- weißt, sie ist heuer in Deutschland draußen in einem
-Töchterheim -- und die Mutter muß ihr was von dir geschrieben haben.
-Sie hat wenigstens gleich gestern gefragt, wann du herkommst.“
-
-„Dann komm’ ich überhaupt nicht mehr, bis sie wieder fort ist! Ich
-wüßt’ ja gar nicht, was man mit so einem Wesen reden soll!“ platzte
-Fritz heraus und Wart setzte die Neckerei fort: „Nur Mut, Fritze! Wenn
-man erst über den Anfang hinaus ist, findet sich alles von selber. Sie
-wird dich nicht gleich fressen!“
-
-„Aber ich kann doch um Himmels willen nicht von Buddha und Haeckel mit
-ihr sprechen!“ unterbrach ihn Hellwig verzweifelt. „Und was anderes
-interessiert mich nicht! Und was mich nicht interessiert, davon red’
-ich nicht! Und wovon ich gern reden möcht’, das kann doch wieder so ein
-Pensionsmädel nicht interessieren, so ein Gansl! Nein, da ...“
-
-‚Tu’ ich nicht mit‘ wollte er sagen. Aber der Satz blieb ihm in der
-Kehle stecken. Mitten in seine Worte hinein hatte eine klingende Stimme
-gerufen: „Dank’ schön für die gute Meinung, Herr Hellwig!“
-
-Und da stand sie, gegen die er soeben geeifert, leibhaftig unter der
-geöffneten Tür, durch die vom Gangfenster in der hinteren Giebelwand
-ein breiter schräger Streifen Sonnenlicht fiel. Wie goldene Fädchen
-glänzten die krausen Locken über den kleinen Ohrmuscheln, hinter den
-lachenden Lippen blitzten die Zähne, und die Sonnenstäubchen tanzten
-um die feinen Schultern, tanzten um die werdenden Hüften unterm roten
-Gürtelband, tanzten um den ganzen schlanken Leib im hellen Tuchkleid,
-der sich auf tanzbereiten Füßen wiegte und seiner jungen Schönheit
-sorglos freute.
-
-Fritz war nicht so sorglos. Linkisch stand er, mit rotem Gesicht,
-und wußte tatsächlich nicht, was er reden sollte. Heinz schaute von
-seinem Schreibtisch behaglich nach den beiden, schlang die Hände um das
-emporgezogene Knie und war gemütsroh genug, dem ruppigen Freunde den
-fatalen Zustand vom Herzen zu gönnen.
-
-„Jetzt wehr’ dich!“ rief er ihm fröhlich zu. „Gib acht, daß sie dir
-nicht die Augen auskratzt.“
-
-„Von mir aus ...“ brummte Hellwig achselzuckend, während er sich
-trotzig gegen die Wand lehnte, die er im beständigen Rückwärtsschreiten
-endlich erreicht hatte. Dabei duckte er den Kopf nach vorn, denn
-der aufstrebende Haarschopf fegte bereits die schiefe Decke des
-Dachzimmers. Und da er noch obendrein die Hände zu Fäusten geballt
-hielt, war er ganz bedrohlich anzusehen, gleich einem sprungbereiten
-Tiger oder lauernden Schnapphahn, wie Heinz belustigt meinte.
-
-Mittlerweile hatte sich die junge Schöne mitten in der Stube
-aufgepflanzt und tauschte mit dem Bruder einen verständnisinnigen Blick.
-
-„Also ein Gansl bin ich?“ sagte sie unter mehrfachem leichten
-Kopfnicken. „Wissen Sie, daß das eine Beleidigung ist?“
-
-Fritz gab keine Antwort. Er stand unbeweglich, wurde noch röter und
-aufgeregter, aber scheinbar ruhig, wie das seine Gewohnheit war, sah er
-dem unerwünschten Widerpart scharf und gerade in die Augen.
-
-‚Sie schaut der Mutter ähnlich,‘ dachte er und fühlte dabei, wie
-der Zorn in ihm zu kochen begann, weil sie’s wagte, ihn zur Rede zu
-stellen. Da sie ein bitterböses Gesicht aufgesetzt hatte und das
-verräterische Zucken der lachlustigen Mundwinkel, so gut es ging,
-unterdrückte, nahm er ihre strenge Frage für blutigen Ernst, glaubte
-in eine demütigende Lage hineingeraten zu sein und ärgerte sich über
-seinen Mangel an Schlagfertigkeit, der ihm keine schneidige Entgegnung
-finden ließ.
-
-„Eine ungerechtfertigte Beleidigung!“ bekräftigte Heinz.
-
-„Und für die müssen Sie Abbitte leisten!“ forderte der entsetzliche
-Backfisch resolut und hielt dem geraden, feindseligen Blick des
-Gequälten tapfer die blauen Augen entgegen.
-
-Hellwig schwieg. Von den hohen Büchergestellen funkelten in
-Goldschrift die erlauchten Namen der Geistesriesen, schienen des
-ratlosen Menschleins an der Wand zu spotten. Immer stärker brodelte
-es in ihm, und Wart, der ihn unausgesetzt beobachtete, hielt es für
-ratsam, einzulenken. Er blinzelte seiner Schwester zu, die aber gab
-nichts darauf, ließ sich von ihrem jungen Ungestüm fortreißen und
-rief befehlend, mit schräg abwärts gestrecktem Arm und Zeigefinger:
-„Abbitten! Nun?“
-
-Da fuhr auch schon Hellwigs Wort wie ein Keulenschlag nieder: „Gesagt
-ist gesagt und Gansl bleibt Gansl! Man hört’s am Schnattern!“
-
-Das klang grob, herausfordernd und wirklich verletzend. Nun war’s, als
-hätte eine ungeschlachte Hand mit einemmal alle kindliche Heiterkeit
-aus dem hübschen Gesicht fortgewischt. In die blanken Augen kam ein
-feuchter Schimmer. „Pfui, Sie sind roh!“ sagte Eva Wart, kehrte dem
-klotzigen Gesellen energisch den Rücken, und ehe noch der Bruder
-vermittelnd eingreifen konnte, hatte sie schon das Zimmer verlassen.
-
-Fritz sah ihr nach und wunderte sich, wie hoch so ein dicker Zopf
-fliegen und wie goldähnlich seine Spitze leuchten konnte. Ihm war
-keineswegs wohl ums Herz. Er verwünschte seine ungefügen Manieren, aber
-auch das naseweise Ding, das ihm mit solcher Anmaßung entgegengetreten
-war. Keinen Augenblick dachte er daran, daß er eigentlich ein
-Spaßverderber war. Denn er hatte kein Verständnis für tändelnde
-Scheingefechte, und seiner gärenden Jugend fehlte noch vollständig
-der Humor, zumal sie zu wenig sonnig gewesen und die gefühlsduselige
-Empfindlichkeit der fortwährend unglücklichen Mutter gerade aus den
-nichtigsten Ereignissen einen Grund zum Jammern herauszuholen pflegte.
-
-Vergebens suchte ihm Heinz die Sache von der harmlosen Seite
-darzustellen, mit beruhigenden Worten und vorsichtigem Tadel über
-seine Rauhbeinigkeit. Fritz wollte nichts hören, haderte mit ihm, daß
-er ihn in diese Lage gebracht, und lief endlich grollend davon.
-
-Inzwischen hatte Eva mit sprühenden Augen und lebhafter
-Entrüstung ihrer Mutter den Vorfall erzählt. Frau Hedwig nahm ihr
-temperamentvolles Kind in die Arme und klopfte ihm begütigend die
-erhitzte Wange.
-
-„Nimm’s nicht tragisch, Mädl!“ sagte sie. „Jungens sind einmal nicht
-anders.“
-
-„Ich lass’ mir das aber nicht gefallen!“ rief die Kleine stürmisch. „Er
-muß sich entschuldigen!“
-
-„Das muß er nicht!“ erwiderte die Mutter mit freundlichem Ernst. „Denn
-auch du bist nicht ganz schuldlos, Eva. Was hast du bei Heinz oben zu
-suchen gehabt?“
-
-„Ich war halt so neugierig,“ gestand die noch nicht Fünfzehnjährige
-verschämt.
-
-„Und warst keck und vorwitzig. Siehst du, da hast du eben gleich deine
-Strafe wegbekommen.“
-
-„Du nimmst ihn noch in Schutz ...“ murmelte das Mädchen vorwurfsvoll
-und konnte die locker sitzenden Tränen nicht länger zurückhalten.
-
-„Das tu’ ich nicht, Kind. Ich will nur sagen, daß ihr beide im Unrecht
-wart. Aber auch wenn er allein schuld hätte, dürftest du keine Abbitte
-von ihm verlangen. Es ist unedel, seinen Beleidiger zu demütigen. Da
-weiß ich eine vornehmere Rache.“
-
-„Was denn? Sag’s doch!“ drängte Eva ungeduldig, als Frau Wart eine
-Pause machte und ihr die wirren Haare aus der Stirn strich.
-
-Ihre Gesichter waren jetzt dicht nebeneinander. Die Frau saß in der
-Erkernische beim Nähtisch, das Mädchen lehnte neben ihr, den Arm hinter
-der Stuhllehne um die Mutter gelegt, und schaute sie erwartungsvoll
-an. Die Ähnlichkeit zwischen beiden war nicht zu verkennen. Dieselbe
-glatte, ein wenig niedrige, aber fein geformte Stirn, dieselben klaren
-blauen Augen neben einer geraden, an der Spitze leicht abgeflachten
-Nase, dieselben sacht geschwungenen Lippen über einem rundlichen Kinn.
-Aber während bei Eva die Züge noch weich, nur erst angedeutet oder
-noch verhüllt waren von dem Pfirsichflaum einer zarten Kindlichkeit,
-traten sie in Frau Hedwigs Antlitz bestimmter hervor, waren durch
-das Widerspiegeln eines sorgfältig geschulten Geistes in eine schöne
-Harmonie gebracht und von lauterster Menschenliebe überglänzt,
-vereinigten sie sich zu einem Gesamtausdruck jener Güte, von der da ein
-Sagen geht, daß sie alles verzeiht, weil sie alles begreift.
-
-Frau Wart ließ ihr neugieriges Kind erst ein bißchen zappeln, ehe sie
-mit ihrem Plan herausrückte, der dahin zielte, den widerborstigen
-Jungen mit einem Weihnachtsgeschenk zu überraschen. Darauf wollte die
-Kleine anfangs durchaus nicht eingehen. Als jedoch die Mutter anregte:
-„Weißt, wir kaufen ihm ein paar Bücher, stecken einen Zettel hinein
-und schreiben darauf: ‚Vom Gansl und seiner Mutter‘, dann wird er sich
-schämen und doch freuen,“ da war das quecksilberne Ding auch schon
-Feuer und Flamme und brachte sofort eine Menge von Werken in Vorschlag:
-
-„Schiller! Oder Geibel! Oder Scheffel! Nein? Also Baumbach! Freytag!
-Heyse!“ und so weiter alle Lieblinge der Pensionsliteratur. Da indessen
-die lächelnde Zuhörerin immer den Kopf schüttelte, hieß es gleich
-wieder unwillig: „So sag’ endlich auch du was!“ und der Schmollmund war
-fertig.
-
-Aber schließlich fing sie doch wieder an, und endlich kam die Mutter
-auf das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Boelsche. Das sei heiter und
-leicht und bringe manches Anregende, ohne eigentlich wissenschaftlich
-zu sein. Aber Fritz brauche nicht immer nur die ganz gedankenschweren
-Sachen zu lesen. Damit war die Kleine auch zufrieden, obwohl sie das
-Buch nicht kannte.
-
-Und kaum waren sie im reinen, als sich die Zimmertür auftat.
-Geräuschvoll prustend und die frostroten Hände reibend, kam das
-Familienoberhaupt hereingestapft, schritt vorerst zum Ofen, wo es die
-Handflächen an den grünen Kacheln wärmte und machte dann beim Erker
-halt. Seine massige Gestalt mit den breiten Schultern füllte den
-schmalen Zugang beinah ganz.
-
-„Nun, ihr Glucken!“ dröhnte seine tiefe Stimme und in allen Falten,
-Fältchen und Pölsterchen des bartüberwucherten vollen Gesichts saßen
-und lachten die fidelen Geister einer kreuzbraven Vergnügtheit. „Nun,
-ihr Glucken, was für ein Ei wird denn da wieder ausgebrütet?“
-
-„Wer weit fragt, wird weit gewiesen, Nikl,“ kam die Gattin dem flinken
-Plauderzünglein der Tochter zuvor. Denn sie fürchtete, daß der
-bücherfeindliche Mann dem Kinde durch ein abfälliges Urteil die Freude
-verderben könnte.
-
-Der gemütliche Bürger dachte an die nahe Weihnachtszeit und gab sich
-mit dem deutungsvollen Bescheid zufrieden. „Freilich, freilich,“ lachte
-er behaglich, „erwarten ist besser als erlaufen. Denn: mit Geduld hat
-die Katz’ den Schwartenmagen überwunden. Ich bin schon stad!“ Und dann
-unvermittelt abspringend: „Aber eine Kälte hat’s heut’, Leutln, daß die
-Schindelnägel krachen! Ich hab’ ein paar hundert Flaschen Krondorfer
-unterwegs, da wird mir die Hälfte zersprungen herkommen! ’s ist halt
-alleweil ein G’frett! -- Hast nichts zum Essen, Mutter? Ich muß gleich
-wieder hinunter.“
-
-Trotzdem Herr Wart auf seine Frage nach dem Gabelfrühstück täglich
-dieselbe Antwort erhielt: „Es steht schon auf deinem Schreibtisch!“,
-wäre es ihm niemals eingefallen, vom Laden unmittelbar in sein
-Arbeitszimmer zu gehen. Denn diese kurze Pause, diese flüchtige,
-meist auf wenig belanglose Worte beschränkte Unterhaltung mit seiner
-Frau war ihm Ausruhn, Erholung und geistige Stärkung für die weitere
-Vormittagsarbeit.
-
-Heute aber wurde er noch nicht fortgelassen. Eva stellte sich in ihrer
-ganzen Größe vor ihm auf und sprach sehr ernsthaft: „Du, Vater, sag’,
-bin ich ein Gansl?“
-
-Wart Nikl schaute die sonderbare Fragerin erst verdutzt an, dann
-bewegte er kräftig nickend das Haupt und rief aus einem unbändigen
-Gelächter heraus: „Und was für eins, Mädl! Und was für eins! So ein
-ganz ausgewachsenes! Das wär’ ein Bratl zu Martini gewesen!“ Und er
-kniff sein Herzblatt in die glatt gerundete Wange.
-
-Die Kleine aber wandte mit einem unwilligen Ruck ihr Gesicht weg,
-fauchte wie ein Kätzchen, und auf der Suche nach einer schlagenden
-Widerlegung sagte sie zornig: „Ich -- ich werd’ im August schon
-fünfzehn und -- und die Fräuleins sagen alle, daß ich sehr gut lerne.
-Ja!“
-
-Nun mußte auch Frau Hedwig lachen, und zum Unglück hob noch obendrein
-das kleinste Glöcklein im Turm des Franziskanerklosters zu läuten an.
-
-„Hörst es?“ neckte da gleich der Vater, zum Fenster zeigend. „Hörst
-es, was die Glocke sagt? ‚Tu d’ Gäns’ ein! Tu d’ Gäns’ ein!‘ sagt sie.
-Komm, komm, ich muß dich in den Stall tun!“
-
-Da hielt sich Eva die Ohren zu und wollte an ihrem Erzeuger vorüber
-aus dem Zimmer. Der aber fing sie in den ausgebreiteten Arm, drückte
-sie an sich und brachte mit Hilfe des untergelegten Zeigefingers
-ihr gesenktes Kinn in die Wagrechte. Und da sah er, daß die großen
-Kinderaugen voll Tränen waren. Sofort hörte der gutmütige Mann mit dem
-Gelächter auf und sagte ganz unruhig: „Aber geh, Ev, wirst doch nicht
-heulen? Fesch sein, Mädl! Spaß verstehn! -- Wart’, ich werd’ dir jetzt
-auch erzählen, was die Glocken beim Begräbnis sagen. Alsdann: wenn so
-ein recht reicher Frommer zur ewigen Ruh’ gebracht wird, dann brummen
-die dicken großen Glocken immerzu: ‚Fünferbanknoten! Fünferbanknoten!‘
--- Aber wenn sie einen armen Hascher hinausschaffen, dann belfert nur
-so ein kleines grantiges Glöckerl hinterher: ‚Klingl, glenkl, armer
-Schlenkl!‘“
-
-Das trug der Nikl sehr wirkungsvoll vor. Die ‚Fünferbanknoten‘ sprach
-er dumpf und feierlich, legte die fleischige Hand auf den Magen und
-schaute scheinheilig zur Decke, wogegen bei dem raschen ‚Klingl,
-glenkl‘ seine Stimme in die krähendste Fistel überschnappte. Darüber
-mußte Eva lachen. Und als er sie noch auf die Schulter klopfte: „Laß
-gut sein, du bist schon recht!“, war sie wieder ganz versöhnt. Und
-weil sie wußte, daß er’s gern von ihr leiden mochte, zupfte sie ihn am
-rötlichen Bart. Nun schnappte er mit grimmigem Gesicht nach ihr, sie
-zog wie erschrocken die Hand zurück und lachte laut, die Mutter lachte
-mit und Wart Nikl ebenfalls, und die Fensterscheiben zitterten vor
-seines Basses Grundgewalt.
-
-
-7.
-
-Während es dem Mädchen mit Lachen und freundlicher Teilnahme leicht
-gemacht wurde, über den kleinen Vorfall wegzukommen, mußte Fritz wie
-immer allein damit fertig werden und fraß sich hiebei nur desto tiefer
-hinein in seinen Groll gegen die Frauen im allgemeinen und gegen die
-weiblichen Mitglieder des Hauses Wart im besonderen. Und seine Stimmung
-wurde keineswegs gebessert bei der Erinnerung, daß er wegen der dummen
-Geschichte nicht einmal dazu gekommen war, Heinz von der Beichte und
-dem Auftritt mit Pater Romanus Bericht zu erstatten.
-
-Als er dies beim nächsten Zusammentreffen in den Gängen des
-Schulgebäudes nachholte, meinte Wart, daß er einen Unsinn begangen
-habe. „Unsinn oder Sinn!“ sagte Fritz darauf, „ich mußte einfach. Wir
-werden ja sehn, ob man heutzutage wirklich ohne Lüge nicht durchkommen
-kann!“
-
-Da verkündete die Glocke hallend den Beginn des Nachmittagsunterrichts,
-die Studenten strömten in die Klassenzimmer, und die beiden Freunde
-mußten das Gespräch vorläufig abbrechen.
-
-In der Oktava verlas der Klassenvorstand unter lautloser Stille das
-Ergebnis der am Vortage stattgehabten Monatskonferenz, verteilte
-die Strafzettel mit den Tadelsworten, den Rügen und Ermahnungen und
-fügte seine eigenen Bemerkungen hinzu. Die wiesen zwar in einigen
-besonders schweren Fällen drohend auf schärfere Maßnahmen und auf das
-Schreckgespenst eines Durchfallens bei der Reifeprüfung hin, klangen
-im übrigen jedoch recht sanft und tröstlich. Denn dem alten Herrn mit
-dem weißen Backenbart und den schon leise zittrigen Händen waren seine
-Jungen ans Herz gewachsen.
-
-Name um Name wurde aufgerufen. Die Zettel wanderten in die Hände der
-Schüler, und wer einen bekam, sah trübselig drein, während mancher
-Schuldbewußte erleichtert aufatmete und sich freute, daß diesmal
-ein schon für unabwendbar gehaltenes Verhängnis doch noch gnädig
-vorübergegangen war. Schließlich blieb nur noch ein einziges Blatt
-übrig. Da stellte sich der Professor in Positur, machte ein bekümmertes
-Gesicht, so gut ihm das in Anbetracht seiner roten Wängelein und
-fröhlich zwinkernden Augen möglich war, und begann: „Leider, und ich
-bedaure das sehr, leider bin ich in die unangenehme Lage versetzt, auch
-einem meiner fleißigsten Schüler, von dem ich’s nicht erwartet hätte,
-mitteilen zu müssen, daß sein sittliches Verhalten nicht vollkommen
-einwandfrei ist. Fritz Hellwig ...!“
-
-Der Aufgerufene erhob sich und trat aus der Bank vor.
-
-„Fritz Hellwig, ich habe die betrübliche Pflicht, leider, Ihnen wegen
-Ihres sittlichen Betragens den Tadel der Konferenz aussprechen zu
-müssen, leider.“
-
-Fritz nahm das weiße Blatt aus den Händen des Lehrers, verbeugte sich
-und ging auf seinen Platz zurück. Er dachte an Pater Romanus, fand die
-Strafe sehr mild und wunderte sich nur, warum der Pater erst davon
-gesprochen hatte, daß er den ganzen Vorfall vergessen wolle.
-
-Mit diesem Gedanken beschäftigt, hörte er nur mit halbem Ohr hin,
-wie der Professor jetzt fortfuhr: „Nehmen wir uns also zusammen und
-folgen wir mit größerer Teilnahme dem Unterricht.“ Und erst als er
-etwas schärfer einsetzte: „Hellwig, ich spreche mit Ihnen!“, erhob
-dieser sich wieder und blickte ziemlich verständnislos. Nun kam der
-behäbige Mann vom Podium herab, stellte sich neben die Bank und sagte
-freundlich: „Wir sollen nicht so gleichgültig sein, namentlich im
-Griechischen. Herr Kollege Hermann hat sich beklagt, leider, daß wir
-seinem Vortrag gar nicht zuhören, sondern währenddessen leider immer
-zerstreut in allen Himmelsrichtungen herumschauen. Auch bei seinen
-Fragen melden wir uns niemals und bekunden mangelnde Teilnahme an
-besagtem Gegenstand, indem wir immer wie ein Haubenstock dasitzen,
-leider.“ Und mit gedämpfter Stimme fügte er hinzu: „Es hat nicht viel
-auf sich. Nur munterer sein, munterer!“ Dann trippelte er wieder zum
-Lehrpult zurück.
-
-Fritz stand da, als hätte der Blitz vor ihm eingeschlagen, war kalkweiß
-und rührte sich nicht. Erst als der Professor fragte, ob ihm etwas
-fehle, bewegte er verneinend den Kopf und setzte sich. Sein Herz
-klopfte unregelmäßig, trieb das Blut bald in heftigen Stößen, bald
-matt und mühsam durch die Adern. Mit leeren Augen stierte er vor
-sich hin, war jetzt wirklich teilnahmslos und dachte nur immer das
-eine: daß ihm ein Unrecht geschehen sei. Gerade das Griechische war
-schon wegen Plato und Demosthenes sein Lieblingsgegenstand trotz des
-widerwärtigen, schwindsüchtig aussehenden Lehrers, der infolge einer
-Kehlkopfkrankheit fortwährend hustete und heiser sprach, als stäke ihm
-ein Schleimpfropfen in der Luftröhre. Auch hatte er die Eigenschaft,
-daß er beim Reden niemandem ins Gesicht, sondern mit hastenden Augen
-stets an der betreffenden Person unstet vorbeisah. Deshalb konnte er
-von anderen ebenfalls keinen offenen Blick vertragen, wurde unruhig und
-nervös, wenn er einen solchen auf sich gerichtet fühlte. Daher mochte
-er Hellwig nicht leiden, fand aber, weil dieser im Griechischen dank
-einer umfangreichen Privatlektüre sehr viel wußte, keine Handhabe, ihm
-irgendwie seine Abneigung fühlen zu lassen. Da hatte ihn Pater Romanus,
-der tödlich Gekränkte, mit ein paar achtlos hingeworfenen Worten auf
-das dehnbare Gebiet des sittlichen Betragens gewiesen und der Erfolg
-zeigte, wie gut der Jesuit seine Werkzeuge zu wählen verstand.
-
-Davon ahnte Hellwig freilich nichts. Er hatte nur das Bewußtsein, daß
-der Tadel unverdient war. Denn wenn er auch nicht, wie die meisten
-anderen und namentlich Pichler, bei jeder Frage, auf die er Bescheid
-zu geben wußte, gleich mit der Hand in die Höhe fuhr, so konnte er
-sich doch mit ruhigem Gewissen sagen, daß er den Unterricht noch immer
-mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, stets bei der Sache gewesen und nur
-selten eine Antwort schuldig geblieben war.
-
-Das Unglück wollte es, daß als nächste Lehrstunde das Griechische an
-die Reihe kam und Professor Hermann, durch Aufstehen von den Sitzen
-begrüßt, ins Schulzimmer trat. Auch Fritz erhob sich gewohnheitsmäßig
-mit. Als er jedoch das eingetrocknete gelbe Gesicht erblickte, da
-wallte zugleich mit einer siedenden Wut das kindische Verlangen in ihm
-auf, dem eklen Patron einen Tort anzutun und seiner Mißachtung sogleich
-irgendwie Ausdruck zu geben. Er verschränkte die Arme vor der Brust,
-warf den Kopf in den Nacken und sah den Professor herausfordernd an. In
-dieser Stellung verharrte er noch, als seine Mitschüler bereits wieder
-auf den Bänken saßen.
-
-Da sprang der ausgelaugte, stangendürre Mensch mit einem gewaltigen
-Satz vom Podium herunter auf ihn zu: „Eh, eh, -- wie stehn S’ da? Wie
-stehn S’ da?“
-
-Fritz rührte sich nicht.
-
-Das Gesicht des Lehrers war fahlgrün geworden. Pfeifend kam der Atem
-aus der kranken Kehle.
-
-„Hinaus! Sie Frechling! Lausbub! Klassenbuch! Sittenrüge! Karzer!
-Hinaus! Hinaus!“ schrie, spuckte und hustete er und hieb mit der
-geballten Rechten immerfort auf die Bank unter allen Zeichen einer
-schweren Nervenüberreizung. Selbst als Hellwig das Zimmer verlassen
-hatte, konnte er sich nicht beruhigen. In seinem dicksohligen
-knarrenden Schuhwerk schritt er vor der Schultafel hin und her,
-fortwährend Worte wie „Frechheit!“, „Bube!“ zwischen den gelblichen
-Zähnen zerreibend, nahm dann das Klassenbuch aus der Pultlade und
-schrieb beinah eine Seite voll. Mit einem hämischen „So!“ klappte er
-endlich den grünen Deckel zu und begann ein wütendes Prüfen unter der
-verschüchterten Schülerschar, wobei er raunzend, räuspernd, hüstelnd
-eine ungenügende Note nach der andern in seinen Handkatalog eintrug.
-Und niemand fand heute vor dem Verärgerten Gnade.
-
-Fritz mußte inzwischen im Korridor das Ende der Stunde abwarten.
-Er lehnte sich in eine der tiefen Fensternischen und blickte durch
-die eisernen Gitterstäbe in den Hof, der von zweistöckigen Gebäuden
-eingeschlossen, unter der Aufsicht vieler schnurgerade ausgerichteter
-Fensteraugen trübselig im Schatten lag, als schämte er sich seiner
-Dürftigkeit. Wehmütig streckte ein verkrüppelter Roßkastanienbaum
-die beschneiten Äste nach dem Stücklein Himmel über den geflickten
-Ziegeldächern, eine hungrige Dohle saß in seiner Krone, ließ den
-starken Schnabel hängen und fror.
-
-Die Glieder schlaff, den Kopf gesenkt, drückte Hellwig die Achsel
-gegen das kalte Gemäuer. Aller Lebensmut war ihm zerbrochen, und in
-sein steinstarres Antlitz meißelte tiefe und immer tiefere Furchen ein
-ungeheurer Schmerz. Er hatte zum erstenmal im Leben die Ungerechtigkeit
-kennengelernt. Und da war ihm, als sei der feste Boden unter seinen
-Füßen weggezogen worden, als wankten alle Grundpfeiler der Ordnung,
-stürzten hin und lägen begraben unter dem hereinbrechenden Chaos.
-
-Es war ihm so klar gewesen bisher als die erste und einfachste
-sittliche Forderung: Das Recht des Nebenmenschen wahren wie sein
-eigenes, als geheiligtes, unantastbares Gut. Und jetzt? Da stand er,
-und ein Unrecht war ihm geschehen, und er hatte kein Mittel, gegen den
-Übeltäter aufzutreten, es sei denn die rohe Kraft der Muskeln. Und
-statt, daß er und alle andern mit ihm wie ein Mann sich erhoben, den
-Beflecker des Rechts zu züchtigen, blieben sie untätig, als dieser
-dem ersten Verbrechen das zweite hinzufügte. Und wenn auch einige
-die Unbill verurteilten, so schien sie ihnen doch zu geringfügig,
-um viel Aufhebens davon zu machen. Aber gab es denn hier überhaupt
-eine Geringfügigkeit? Jede Beleidigung Gottes, und wäre sie noch so
-klein, sollte schwerste Missetat sein und die gröbliche Verletzung
-eines ersten Sittengesetzes Bagatelle? Und jetzt empfand er auch
-Scham über sein unwürdiges Benehmen. Wie zu einem heiligen Krieg
-hätte er ausziehen, hätte glühend für das gelästerte Menschengut in
-die Schranken treten müssen, ohne der eigenen Kränkung zu gedenken.
-Statt dessen hatte er in einer großen Sache klein und jämmerlich, so
-recht wie ein geprügelter Knabe gehandelt. Das machte ihn verzagt und
-schwunglos, drückte nieder und beraubte ihn der Kraft zum entschiedenen
-Eintreten für seine Schuldlosigkeit. Und als die Stunde vorüber war und
-als er an Professor Hermann vorbei in das Schulzimmer ging, da senkte
-er, wiederum zum erstenmal im Leben, schuldbewußt den Kopf.
-
-
-8.
-
-Den nächsten Tag begannen bereits die Weihnachtsferien, die solcherart
-für Hellwig und für seine Mutter keineswegs freundlich eingeleitet
-wurden. Er hatte ihr gleich nach seiner Heimkunft den Tadelszettel auf
-den Küchentisch gelegt: „Da, unterschreib den Wisch!“ Sie las ihn
-bedächtig vom Anfang bis zum Ende und fing sofort ein Weinen an und
-ein Zanken, ohne den Sohn nach der Ursache der Maßregelung zu fragen.
-Denn daß er sie verdiente und schuldig war, dafür war ihr das mit
-dem Schulsiegel und der Unterschrift des Direktors versehene Blatt
-todsicherer Beweis.
-
-Fritz versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen. Es wäre auch ein
-vergebliches Bemühen gewesen, ihren Glauben an die Behörden und an
-geschriebene Amtsurkunden erschüttern zu wollen.
-
-Als sie endlich mit dünnen unbehilflichen Volksschülerbuchstaben
-ihren Namen auf den Zettel gemalt hatte, packte er ihn mitsamt den
-Schulbüchern zusammen und ging in seine Stube. Dort fand er auf seinem
-Tisch ein Postpaket vor. Überrascht öffnete er es; drei schön gebundene
-Bücher fielen ihm in die Hände. Zwischen den Blättern des einen stak
-ein Briefumschlag. Darin war eine Karte. ‚Fröhliche Weihnachten‘ stand
-auf der einen Seite und auf der anderen ‚wünschen das Gansl und seine
-Mutter‘.
-
-Mit einem Fluch ließ Hellwig die Faust auf den Tisch fallen. Unter
-zusammengezogenen Brauen funkelte der Zorn. Als Fopperei erschien ihm
-die Sendung, als Zudringlichkeit und neue Beleidigung. Er hatte Frau
-Wart niemals Grund zu einer solchen Vertraulichkeit gegeben, hatte
-jeden Versuch schroff abgelehnt. Und nun kam sie ihm so. Denn, daß der
-Plan von ihr ausgegangen, darauf hätte er Stein und Bein geschworen.
-Schon schickte er sich an, die Bücher wieder einzupacken, schon schien
-es, als ob Frau Hedwigs gute Saat nutzlos ausgestreut wäre. Da glänzte
-ihm aus dem aufgeschlagenen Band der Name Darwin entgegen. Angeregt las
-er den Satz, stutzte, las weiter.
-
-Und als der Nachtwächter morgens im winterlichen Dunkel der Gassen den
-Ruf anstimmte:
-
- „Hausmagd, steh auf, heiz’ ein, kehr’ aus,
- Trag ’n Bedarf Wasser ins Haus!“,
-
-da war Fritz Hellwig richtig mit den leichten Plaudereien so ziemlich
-fertig geworden.
-
-Dadurch hatte er sich das Geschenk unfreiwillig angeeignet und die
-Rückgabe unmöglich gemacht. Es hatte ihm nicht sonderlich gefallen. Zu
-spielerisch, zu tändelnd und oberflächlich war es ihm. Und doch saß er
-und träumte mit leuchtenden Augen in das Dunkel hinaus. Träumte vom
-Frühling und Blütentreiben mit seltsam bewegtem Herzen, das wehmütig
-und sonnig war, erwartungsfreudig und voll von tausend unsichtbaren,
-heimlich pochenden Kräften wie ein Vogelnest zur Brutzeit. Erschauernd
-wurde er seiner werdenden Mannheit inne, mit einer leisen, scheuen
-Sehnsucht nach dem Weibe. Rein und ohne noch zum Verlangen sich zu
-verdichten, war diese Sehnsucht einer jungen Blüte gleich, die kaum
-entfaltet zum erstenmal dem Lichte entgegenblickt. Und der Atem der
-Liebe machte ihn sanft und gütig und erfüllte ihn mit einer innig
-warmen Verehrung für das Weib als einen heiligen Brunnen, in dessen
-klarer Tiefe Anfang und Ende aller Menschwerdung in sich beschlossen
-ruht. Und neidlos und ohne Vergleiche empfand er jetzt eine aufrichtige
-Dankbarkeit für die mütterliche Frau, die ihm einen Freund geschenkt
-und jetzt diese Weihnacht des Herzens bereitet hatte.
-
-So wurde eine Wandlung seiner Seele wohl angebahnt, aber im kalten
-Licht des Tages regte sich wieder der alte Trotz.
-
-Damit er nicht zu Heinz gehen mußte oder Gefahr lief, von ihm abgeholt
-zu werden, machte er sich gleich nach dem Frühstück auf den Weg, um
-Pichler in seinem Heimatsdorf aufzusuchen, das drei Stunden von Neuberg
-entfernt, schon an der bayrischen Grenze lag.
-
-Dort hatte der Küster und Kirchendiener Pichler ein gemauertes
-Hüttlein inne, das wie ein Schwalbennest an einer schlanktürmigen
-Kirche klebte und außer für zwei Wohngelasse nur noch für eine
-Vorratskammer und den Kuhstall Raum bot. Hellwig fand den Kameraden
-in der großen Stube, wo hinter dem überlebensgroßen Kachelofen zwei
-Turteltauben gurrten und links davon unter dem Geschirrschrank die
-Hühner in ihrer rot angestrichenen Steige hockten. Auf der Holzbank
-aber, die sich längs aller Wände um die Stube zog, saßen verteilt sechs
-junge Menschenkinder. Die älteren Buben banden Birkenreiser, die, am
-Barbaratag geschnitten und ins Wasser gesteckt, nunmehr grüne Triebe
-hatten, mit roten und blauen Bändern zu Ruten, mit denen sie am zweiten
-Feiertag die Dirnen peitschen wollten. Und um sich zu vergewissern, ob
-sie das Sprüchlein noch wüßten, sprachen sie manchmal halblaut vor sich
-hin: „Frische, frische Krone, ich peitsch’ dich nicht um Lohne, ich
-peitsch’ dich nur aus Höflichkeit, dir und mir zur Gesundheit!“
-
-Beim Ofen wirtschaftete mit nackten Armen eine siebente, wenig jüngere
-als Otto, in Töpfen und Schüsseln herum, und unter all der regsamen
-Jugend saß dieser selbst, der einzige Dunkelhaarige, schnitt mit der
-Schere Engel, Hirten und Lämmer aus einem Bilderbogen und steckte sie
-neben die heilige Familie und die drei Könige aus dem Morgenlande in
-den Moosboden der aus Pappendeckel gefertigten Krippe.
-
-Als Hellwig die strohgefütterte Tür öffnete, schwieg das Summen und
-Tönen, die geschäftigen Hände ruhten und vierzehn helle Augen starrten
-neugierig auf den Ankömmling, der mit Reif und Schnee zugleich eine
-frische Winterluft in die dumpfig warme Stube brachte. Anfangs waren
-sie schüchtern und sahen zu, wie der älteste Bruder in seiner lauten
-Weise den Freund begrüßte. Bald aber schoben sich die kleineren,
-die schmutzigen Mittelfinger im Mund oder Nasenloch, näher heran,
-glucksten und umschlichen im Kreis den Fremdling. Da hob Fritz eine
-kaum Vierjährige mit beiden Armen hoch über seinen Kopf, daß sie fast
-an den braunen Deckenbalken stieß. Und nun wollten auch die andern
-Fibelschützen nicht um diesen Genuß kommen, drängten und stießen sich,
-kicherten, und als Otto mit den geflochtenen Weihnachtsstriezeln und
-einer Flasche Kümmelschnaps aus der Vorratskammer zurückkehrte, lehnten
-sie bereits, links zwei Männlein, rechts zwei Weiblein, alle unter zehn
-Jahren, an den Knien des Gastes, der beim Eßtisch saß, und guckten
-scheu-zutraulich wie junge Hunde von der Seite nach seinem Gesicht
-hinauf. Die zwei älteren Burschen flochten leise pfeifend an ihren
-Ruten weiter, und die Siebzehnjährige beim Ofen, die nach dem Tode der
-Küsterin das Haus versehen mußte, hantierte mit ihren Kochgeräten und
-bemühte sich jetzt, möglichst wenig Lärm zu machen.
-
-Hellwig aber war Kind mit den Kindern, und Otto gewahrte mit wachsendem
-Staunen, wie viel harmlose Heiterkeit und genügsamer Frohsinn diesem
-spröden, widerspenstigen Charakter eingemischt war. Er lachte und trieb
-Tollheiten, sprach Schnellsagesätze vor -- „hinter Hansens Hundshütten
-hängen hundert Hundshäut’“ -- und erzählte den Auflauschenden von der
-versunkenen Stadt im Tillenberg, von der Sturmmutter Melusine und dem
-Hehmann im Franzensbader Moor.
-
-Dann kam der Küster nach Hause, ein schneiderdürres Männchen mit
-spitziger Nase, spitzigem Kinn und einem spitzigen grauen Ziegenbart
-darunter, und brachte in einem Netz zwei schöne Spiegelkarpfen, ein
-Geschenk aus dem Fischteich seines Pfarrherrn. Im Nu war er von der
-Schar seiner Sprößlinge umringt, und in dem Gewoge blonder Köpfe und
-greifend emporgestreckter Hände schwankte sein kümmerliches Gestaltchen
-wie der Mast eines steuerlosen Kutters in sonnenüberfunkelten Wellen.
-
-Endlich gelang es der ältesten, das Fischnetz zu fassen und mit
-hochgehaltenen Armen aus dem Bereich der neugierigen Finger zu bringen.
-Aber immer wieder bettelten die Kleinen: „Zeig’ doch einmal her!
-Ich möcht’ mir die Viecher ja nur anschaun!“, hingen sich an ihren
-Rock und suchten den Arm der Schwester im Sprung zu erhaschen und
-niederzuziehen. Scheltend wehrte sie dem Ansturm, machte sich mit
-einem kräftigen Ruck frei, und nun flog die ganze leuchtende Wolke
-von Gesundheit und Jugendkraft zur Anrichtbank beim Ofen, während
-das Küsterlein den Schnee von den Röhrenstiefeln stampfte und den
-Gast bewillkommte. Doch hielt es sich nicht lang dabei auf, sondern
-verlangte gleich nach dem Mittagessen.
-
-Bald saßen um eine einzige gewaltige Schüssel dampfender Milchsuppe
-mit Schwarzbroteinlage alle außer der ältesten Tochter, die sich
-Abbruch tat und den Magen bis zum Aufleuchten der ersten Sterne leer
-behalten wollte, um dann sicher das goldene Meerschweinchen über die
-Zimmerdecke laufen zu sehen. Das Fasten wurde ihr gar nicht leicht, und
-man merkte ihr an, daß sie gern mitgehalten hätte, als nun alle ihre
-Löffel in die dickliche Flüssigkeit versenkten, auch Fritz, der die
-Gastehre eines eigenen Tellers rundweg ausgeschlagen hatte. Die Kinder
-aßen noch ungeschickt, mit schmatzenden Lippen und hastigen Gebärden,
-indes die zwei halbwüchsigen Rutenbinder langsam, ernst und mit einer
-Gründlichkeit dem Nahrungsgeschäft oblagen, daß ihnen der Schweiß auf
-die Stirnen trat.
-
-Ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit sprach Otto nicht viel.
-Verdrießlich zupfte er an seinem sprossenden Schnurrbärtlein und
-war unzufrieden mit Hellwigs Besuch, trotzdem er ihn dringend darum
-gebeten. Er hatte sich’s eben ganz anders vorgestellt, ein ungestörtes
-Beisammensein mit dem Freunde, wobei ihm Gelegenheit geboten war, seine
-Geistesblitze flammen zu lassen. Vor den Geschwistern aber oder gar
-vor dem Vater getraute er sich nicht mit hohen Themen anzufangen, da
-er selten von der Leber weg sprach, sondern mit Vorbedacht je nach der
-Zuhörerschaft Gegenstände auswählte, mit denen er zu blenden hoffte.
-Das war jedoch beim Küster so gut wie ausgeschlossen. Der ließ sich
-von niemandem ein X für ein U vormachen und hatte für die oft gewagten
-Behauptungen seines ältesten noch immer einen tüchtigen Trumpf bei der
-Hand gehabt. Alle Versuche aber, Fritz von den Angehörigen abzusondern
-und in die kleine Stube zu lotsen, scheiterten an dem rückhaltlosen
-Behagen, mit dem sich dieser den Kindern überließ, und an seiner
-hellen Freude über die ihm bisher unbekannte Traulichkeit eines
-quellwasserfrischen Familienlebens.
-
-So kam es, daß der Küster fast allein die Unterhaltung besorgte. Das
-bewegliche Greislein hatte sich trotz Armut und Kindersorgen den
-Humor nicht abhanden kommen lassen und trug sein Los mit heiterer
-Zufriedenheit.
-
-„Sie müssen halt fürlieb nehmen,“ sagte er zu Fritz. „Was Extra’s
-ist’s nicht. Wir machen eben unsere Schrittlein und essen unsere
-Schnittlein, so gut wir können. Langen Sie zu, wenn’s Ihnen schmeckt,
-oder hören Sie auf, wenn Sie genug haben. Immer tüchtig! Tüchtig!
-Wie man sich zum Essen hat, so hat man sich auch zur Arbeit. Schaun
-Sie unsern Christoph an,“ -- er deutete mit dem Kinn zu einem der
-Rutenbinder hinüber -- „wie schön faul der einführt. Der war auch in
-der Stadt im Gymnasium, er hat studiert bis zum Hals, in den Kopf ist
-nichts hineingegangen.“
-
-Der Christoph ließ ein unwilliges Grunzen hören, aß aber unentwegt
-gemächlich weiter.
-
-„Da schaut den an!“ fuhr der Vater fort. „Der ist gar ein Philosoph.
-Recht hast, Toffl, schweig und näh’ dich an und denk: Wenn man auf
-alle Hund’ werfen wollt’, die einen anbellen, müßt’ man viel Steine
-aufheben. Ob du ein Studierter bist oder nicht, ist egal. Unser
-Herrgott verläßt keinen Deutschen, wenn er nur ein wenig Böhmisch
-kann!“ Und er lachte über den Witz, daß er mit dem Essen innehalten
-mußte.
-
-Viel zu rasch nahte für Hellwig die Stunde des Heimwegs, wollte er
-die Mutter nicht mit dem Anzünden des Christbaums warten lassen.
-Er gab allen der Reihe nach die Hand und mußte versprechen, bald
-wiederzukommen. Otto begleitete ihn ein Stück und brachte jetzt das
-Gespräch natürlich zuerst auf die Vorkommnisse in der griechischen
-Stunde. Fritz war indes nicht in der Stimmung, darüber zu reden. Nur
-als Pichler sagte: „Du hast’s dem hustenden Schleicher gut gegeben, das
-war großartig!“, wehrte er kurz ab, mit gefurchter Stirn: „Laß mich in
-Ruh’!“ Aber er blieb ganz kalt dabei. Wie in eine weite Ferne gerückt
-kam ihm das Ereignis vor. Denn dazwischen war die Auferstehung der
-Liebe und der erkennende Blick in unschuldige Kinderaugen.
-
-Otto suchte nunmehr seine neuesten Schlager an den Mann zu bringen, die
-Ausbeute einer flüchtigen Beschäftigung mit Stirners Hauptwerk. Doch
-auch damit weckte er heute keinen Widerhall. Fritz hörte nur mit halbem
-Ohr hin, und Pichler sah seine geistreichsten Paradoxa wirkungslos
-verpuffen. Da verlor er die Lust zur Fortsetzung des Feuerwerks und
-kehrte um.
-
-Fritz aber bog jetzt von der Straße ab und schritt weglos in das
-stille, klare Winterland hinein. Weiß, weich und schimmernd breitete
-sich der Schnee, ein stolzer Fürstenmantel für die Berge, eine warme
-Schlafdecke für die müden Fluren, machte den Schritt lautlos, das Auge
-hell und freundlich den Tod, der auf kahlen Ästen mit vergessenen
-welken Blättern spielte und in verlassenen Vogelnestern kauerte. Und
-vor der weiten, toten Einsamkeit war der Himmel erschauernd hoch
-hinauf zurückgewichen. Vergeblich strebte die Sonne den kalten Leib
-der Erde in ihre Arme zu nehmen wie damals im Frühling. Kaum, daß sie
-den fühllosen noch streicheln und mit ein paar funkelnden Edelsteinen
-schmücken konnte.
-
-Fühllos und tot?
-
-Wie viele mochten jetzt, im gleichen Augenblick, gerade so wie der
-hagere Junge, mit wachen Sinnen und heißem Herzen über öde Flächen
-wandern und durch Frost und Eis und Winterstarrheit unbewußt dem
-Endzweck ihres kurzen Daseins entgegengetrieben werden, der da ist:
-Träger, Übertrager des Lebens zu sein. Liebe nennen sie’s und sind
-glücklich dabei. Glücklich wie irrfahrende Schiffer, die endlich
-Land gefunden. Land: das heißt fester Boden, Herd, Weib, Kind und
--- ein Fleckchen zum Grab. Was sonst noch drum und dran hängt:
-Religion, Gemeinwohl, Kunst, Kultur, ist gute Zier und erfreuendes
-Spiel, nicht mehr. Und über die Grube des bewunderten Künstlers und
-des geistesgewaltigen Denkers, des Länder einenden Staatsmannes wie
-des schwärmerischen Religionsstifters schreitet mit schweren Schuhen
-rücksichtslos und lachend in derber, rotbackiger Daseinslust mit seinem
-Schatz der junge Bauernbursch, ein Kaiser gegen die großen Toten, nur
-weil er lebt.
-
-Und der jetzt weiter und weiter in die Einsamkeit lief, Fritz Hellwig,
-der ernste Grübler und Sucher, hatte das gleiche Empfinden. Wohl konnte
-er sich nicht erklären, was das war und woher es kam. Aber es war da,
-hielt ihn fest und stieß ihn vorwärts wie Sprungfedern. Er sah den
-blauen Himmel und nickte ihm zu, er sah den saubern Schnee der Erde und
-warf sich längelang hinein, wälzte sich darin in toller, zweckloser
-Freude, sprang wieder auf und rannte mit wilden Jubelschreien weiter,
-dachte an nichts und wollte an nichts denken. Er fühlte nur, daß er
-lebte und daß das Leben schön war, schön und reich und verheißend --
-wie die Geschenke gütiger Frauen oder die Augen junger Mädchen. Weder
-an Frau Wart noch an Eva dachte er dabei, nur ganz umrißlos schwebte
-ihm die Erscheinung eines wunderherrlichen Weibes vor mit blonden
-Haaren, freiem Blick und beglückender Anmut im Wesen und Bewegen.
-
-Da drang ein sanftes Blöken an sein Ohr und wie er aus seinem Taumel
-erwachte, und wie er näher hinschaute, bemerkte er mitten im Walde,
-durch unregelmäßige Zwischenräume getrennt, mit Reisig zugedeckt und
-mit zartem Heu und Nadelholzknospen als Köder darüber, drei tiefe
-Gruben, die ein schlauer Wilderer den Jagdtieren gegraben hatte. Und
-noch eine vierte war da, bei der war das leichte Deckwerk eingebrochen.
-Mit weitem Schlunde gähnte sie dunkel aus dem weißen Schnee herauf und
-darinnen stand ein rötlichgraues Rehkalb, schrie und schlug mit den
-Vorderbeinen immer wieder nach dem Rand der Grube. Aber es erreichte
-ihn nicht, zitterte und fürchtete sich sehr.
-
-Fritz legte sich platt auf die Erde, griff das Viehlein behutsam mit
-flachen Händen beiderseits der Brust und hob das zappelnde heraus.
-Jetzt war es auf ebenem Grund und sollte davonlaufen. Aber es tat nur
-kurze Sprünge, humpelte unbehilflich und zog den einen Fuß hoch. Nun
-sah er, daß es dort einen offenen Schaden hatte vom Sturz in die Falle,
-vielleicht auch einen Sehnenriß oder Bruch. Da nahm er das ganz junge,
-magere Geschöpf vom Boden und trug’s auf seinen Armen zum Forsthaus
-an der Straße. Und wie er so dahinschritt unter den stillen runden
-Kiefernkronen, wußte er auch, was er damit tun wollte.
-
-Er sprach mit dem Förster, forderte und erhielt das Tierchen um
-ein billiges Geld. Denn es war nicht mehr waldtüchtig und für den
-Markt noch zu dürftig an Fleisch und Fell. Nach geschlossenem Handel
-strich der Weidmann eine Salbe auf die wunde Stelle und legte einen
-Leinenstreifen darüber, die Försterin aber tat noch ein übriges, nahm
-das rote Bändlein aus den Locken ihrer Siebenjährigen und knüpfte es
-dem Tier um den Hals.
-
-Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Aber der Schnee leuchtete,
-und alle Gegenstände waren nahe gerückt und standen in einer ruhevollen
-Halbhelle wie Wächter vor einem schönen Geheimnis. Über den Saum des
-Horizonts kam ein großer Stern herauf, strahlte und winkte der Erde:
-‚Komm zu mir, ich bin deiner Rätsel Lösung‘. Doch die Erde, stolz,
-leuchtend in reiner Klarheit, winkte zurück: ‚Komm du und erkenn’ in
-meinem Spiegel deines Wesens Art‘.
-
-Mit seiner atmenden Last ging Fritz rasch vorwärts. Niemand begegnete
-ihm. Von den Dörfern, die rechts und links der Straße bis zu den Bergen
-hinüber allenthalben in den Fluren verstreut lagen, blinkte gelber
-Lichtschein aus jedem Fenster. Alle Menschen waren schon daheim und
-rüsteten sich für die Ankunft des Herrn.
-
-Fast ohne Biegung lief die Straße nunmehr, von hohen Pappeln begleitet,
-eine sachte Lehne hinauf, und da sie sich oben gleich wieder abwärts
-senkte, schien es dem Hinanschreitenden, als endigte sie gerade vor
-dem riesigen Himmelstor, dessen dunkelblauer Stahl, mit silbernen
-Sternennägeln beschlagen, den Raum von der Unendlichkeit schied.
-
-Breit, schwer, gewaltig ragte es senkrecht auf, für immerwährende
-Zeiten geschmiedet und geeignet, dem brüllenden Ansturm der Ewigkeiten
-von drüben wie dem Zuflattern der bang fragenden Seelen von hüben
-unverrückbar und gelassen standzuhalten. Und da schien es Hellwig, als
-sei das heiße, pochende Leben irgendwo weit zurückgeblieben, und vor
-der Majestät des Schweigens, das machtvoll aufgerichtet ihm entgegen
-stand, fühlte er zum erstenmal das Grauen vor der Einsamkeit, die ihn
-zu würgen begann, während sie ihm sonst Freundin und Trösterin gewesen.
-Mit schleppenden Schritten ging er weiter. Eine schnürende Beklemmung
-engte ihm die Brust, und ihm war, als hätte er allen Zusammenhang mit
-der Erde verloren.
-
-Endlich war er oben. Und der Himmel war mit einem Male hoch und fern,
-und vor ihm breitete sich das weite weiße Tal im Mondglanz wie in einem
-leise wallenden, ganz durchsichtigen See, und die Lichter von Neuberg
-grüßten freundlich. Ganz deutlich sah er den Kirchturm, die feurige
-Scheibe der Rathausuhr, das alte hochgiebelige Haus am Marktplatz.
-Ein Fenster schien dort besonders hell. Und im Rahmen zwischen den
-geöffneten Flügeln stand eine schlanke junge Gestalt in knappem Kleid
-mit rotem Gürtelband, winkte -- und winkte ihn ins Leben zurück.
-
-Trugbild der Mondnacht.
-
-Aber jetzt gab’s kein Halten mehr. In langen Sätzen sprang er den
-Abhang hinab. Das warme Geschöpf auf seinen Armen regte sich unruhig,
-hob den Kopf und schrie kläglich. Er kümmerte sich nicht darum,
-blickte nur nach dem leuchtenden Fenster hinüber und glaubte in alle
-Herrlichkeiten der Erde zu schauen. Dann erlosch das Schimmern, Gassen
-schoben sich dazwischen, er hastete hindurch und fand sich -- er wußte
-nicht, wie er hingeraten -- mit seinem Rehkalb plötzlich im dämmrigen
-Flur des Kaufmannshauses.
-
-Das laute Dröhnen seiner Stiefel auf der Treppe ernüchterte ihn.
-Er fuhr zusammen, blieb stehen, besann sich. Das Tierchen blökte
-immerfort. Seine rauhe Stimme füllte hallend die gewölbten Gänge.
-Erschrocken legte er ihm die Hand auf die Schnauze und wollte zurück.
-Das ging jedoch nicht mehr. Denn das Weib des Hausdieners stand, durch
-das Geschrei herausgelockt, bereits unten auf der Stiege.
-
-„Gehen Sie nur hinauf, Herr Hellwig,“ sagte sie, als sie ihn erkannte.
-„Die Herrschaften sind alle zu Haus.“ Da mußte er vorwärts.
-
-Das Rehlein spektakelte unaufhörlich. Als er bereits im ersten Stock
-war, fiel ihm ein, daß er ja sein lungentüchtiges Angebinde beim
-Auflader abgeben könnte. Das war wie eine Erlösung. Aber es mußte beim
-Vorsatz bleiben. Die Wohnungstür tat sich auf, neugierig steckte die
-kleine Eva Wart den blonden Kopf heraus. Nun durchfuhr es ihn wie den
-Soldaten der Befehl. Auf gestrafften Beinen stand er kerzengerade und
-hielt den Nacken steif. Unter den gefalteten Brauen blickten die Augen
-wieder feindselig auf das Mädchen, von dem er sich noch vor kurzem im
-Geiste die Pforten des Lebens hatte öffnen lassen.
-
-Das Rehkalb blökte noch immer.
-
-Eva war nicht weniger rot als Hellwig. Kleinlaut schob sie sich durch
-den Türspalt, hatte die Wimpern gesenkt und spielte mit dem Ende ihres
-dicken Zopfs, der sich über ihre Schultern nach vorn verirrt hatte.
-Keine Spur mehr von Übermut und Reschheit, wie sie sie vor ein paar
-Tagen im Dachzimmer gezeigt. Die Ermahnungen der Mutter machten sie
-schuldbewußt und befangen.
-
-Fritz raffte sich endlich auf, verbeugte sich und sagte: „Guten Abend.“
-
-„Guten Abend,“ kam ebenso kurz ein Gelispel zurück. Aber hinter den
-niedergeschlagenen Augendeckeln begannen die losen Geisterchen schon
-wieder zu rumoren. Und vom rechten glitt sogar eines zum Mundwinkel
-hinab, huschte über die geschürzten Lippen und war im Nu hinter der
-linken Augenklappe verschwunden. Dort lachte es fröhlich weiter. Und
-das Rehkalb sorgte, daß keine Stille eintrat.
-
-Nach einer Weile fing Fritz von neuem an: „Ich -- danke -- für die
-Bücher.“
-
-Da hob sie die Stirn. Und aus ihren Augen sprang ihm der ganze Schwarm
-der lustigen Kobolde entgegen, daß er ordentlich geblendet zurückfuhr.
-
-„Hat’s Ihnen Freude gemacht?“ forschte sie.
-
-Er überhörte die Frage, sprach schnell und unsicher weiter: „Da bring’
-ich Ihnen was ... wenn Sie’s halt mögen. Sonst schaff’ ich’s wieder
-fort.“
-
-Ihr Gesicht strahlte. „Mein?“ fragte sie zweifelnd, kam näher und
-strich mit den Fingerspitzen vorsichtig über das weiche Fell. „Wie lieb
-und hübsch.“
-
-Er schaute auf ihre goldfarbenen Locken, die sich dicht vor seinen
-Augen kräuselten und tat in fluchtartiger Eile einen Schritt zurück.
-
-„Passen Sie auf!“ warnte er dabei. „Es hat ein wehes Haxl!“ Doch als er
-ihre bestürzte Miene gewahrte, beruhigte er gleich: „Es hat nicht viel
-auf sich. In ein paar Tagen ist’s gut. Wollen Sie’s?“
-
-Sie bejahte wortlos mit wiederholten heftigen Kopfbewegungen.
-
-„Dann lass’ ich’s also hier!“ sagte er, froh über die Erledigung der
-schwierigen Angelegenheit und setzte das Tierlein behutsam auf den
-Fußboden. Zitternd stand es da und tat sehr scheu.
-
-„Geben Sie ihm bald zu saufen und zu fressen!“ riet er noch. Und Eva
-ganz ängstlich darauf: „Mein Gott, was denn? Ich hab’ ja nichts!“
-
-„Im Stall unten ist Heu genug für hundert solche Vieher!“ belehrte
-er sie und drängte das Reh in den Vorraum der Wohnung. Dann wandte
-er sich zum Gehen. Aber die Kleine hatte noch etwas auf dem Herzen.
-Unschlüssig stand sie, hielt die Klinke in der Hand und fühlte sich gar
-nicht behaglich, zumal das Rehkalb immer von hinten gegen ihre Beine
-stieß und hinauswollte. Doch sie nahm allen ihren Mut zusammen. „Herr
-Hellwig!“ rief sie schüchtern. Und als er sich umdrehte, murmelte sie
-mit fliegendem Atem: „Nicht wahr, Sie ärgern sich nicht mehr auf mich?“
-
-„Weshalb sollt’ ich denn?“ kam ein Knurren zurück.
-
-Bittend schaute sie ihn an. „Gehn Sie, Sie wissen’s ganz gut ... von
-neulich halt ...“
-
-„Nein, Fräulein ... Eva!“ Gewaltsam mußte er sich ihren Namen aus der
-Kehle zwingen. „Gute Nacht!“
-
-Und er beeilte sich, über die Treppe hinunterzukommen, während sie,
-wieder ganz fröhlich, hinterher rief: „Sie haben schon recht gehabt mit
-dem Gansl!“
-
-Dann fiel die Tür krachend ins Schloß und legte sich plump und klotzig
-vor ein helles Mädchenlachen.
-
-Unten streckte Fritz beide Arme mit kräftigen Stößen ein paarmal
-seitwärts und vorwärts, denn sie schmerzten ihn jetzt doch, weil er
-ja die, wenn auch leichte Bürde fast zwei Stunden ohne Unterbrechung
-geschleppt hatte. Dann schlenderte er langsam seiner Behausung zu in
-einer sonderbar weichen, träumerischen Stimmung. Aber er freute sich
-darüber und freute sich auf die Stunden, die kommen würden und begehrte
-die Zeit vorwärts zu schieben, als hätte er etwas recht Fröhliches
-in ganz naher Frist zu erwarten. Und einen nach allen Windrichtungen
-zerflatternden Drang fühlte er, zu irgendeiner besonderen Tat, die
-stark oder gut sein sollte und jedenfalls so, daß sie vor den blauen
-Augen bestehen könnte, deren strahlenden Schein er heimlich im Herzen
-wie in einer Schatzkammer trug.
-
-Aus einzelnen Fenstern schimmerten schon die Christbaumkerzen, als
-er mit heiterer Miene noch einmal in das entlegenste Gewinkel der
-Vorstadt hinausging, wo als vorgeschobener Posten ein Völkchen von
-Straßenkehrern, Bettlern und herabgekommenen Handwerksleuten mit
-vielen Kindern und wenig Brot in einer Reihe armseliger Hütten
-herbergte. Dort öffnete er auf gut Glück eine der Türen, die
-geradeswegs in die Stube führte, warf seine Börse hinein und lief
-rasch weg, indes hinter ihm das wüste Gekeif einer harten Weiberstimme
-unvermittelt in den schrillen Ruf grenzenloser Überraschung
-umschlug. In jener Börse aber hatte er schon seit Jahren von seinem
-Taschengeldchen Kreuzer zu Kreuzer gespart, um nach der Reifeprüfung
-eine Reise in die Alpen unternehmen zu können. Doch tat ihm das
-Aufgeben einer lang genährten Hoffnung heute gar nicht leid. Froh
-war er darüber, und da das Opfer uneingestandenermaßen der kleinen
-Eva Wart gegolten, fühlte er sich jetzt wie durch ein Band geheimen
-Einverständnisses mit ihr verbunden, obwohl sie gar nichts davon wußte.
-
-Seine Mutter aber hatte ihn noch nie so sanft, zugänglich und
-herzlich gesehen wie an diesem Abend, so daß auch für sie ein
-leidlich vergnügtes Weihnachtsfest abfiel. Sie bedachte ihren
-Jungen mit allerlei Dingen des täglichen Bedarfs, mit Hemden,
-Taschentüchern, Socken und Kragen, erging sich eine Stunde lang in der
-beschaulich-rührseligen Betrachtung einstiger, gemeinsam mit dem Gatten
-verlebter Weihnachtsabende und suchte dann ihre Schlafstelle.
-
-Fritz dagegen begab sich, als die Glocken zur Mette läuteten, noch
-einmal auf die Straße, wo von allen Seiten die Frommen heranzogen,
-um beim Gottesdienst der Geburt des Erlösers dankbar zu gedenken.
-Trotz der mondhellen Nacht trugen viele nach alter Gewohnheit ihre
-brennenden Laternen mit sich, und auch von den Hügellehnen herab zu
-den Dorfkirchen bewegten sich rötlichgelbe, schwankende Lichter, eines
-hinter dem andern, wie die Glieder großer Feuerwürmer.
-
-Unstet strich Hellwig durch die Gassen und spähte den Wallern ins
-Gesicht. Zwischen ernsten Greisen, würdigen Matronen und verschlafenen
-Hausfrauen schritten blutjunge Mädchen mit lebenslustigen Augen, die
-unter großen Umschlagtüchern, Kapuzen oder leichten Seidenschals
-verstohlen nach den Jünglingen blickten. Insgeheim hoffte Fritz auch
-Eva in der Menge zu sehen. Aber sie kam nicht. Und als er sich scheu
-wie ein Dieb in die Nähe des Marktplatzes wagte, da lag das Haus der
-Kaufmannsfamilie schwarz und finster ganz im Schatten, und hinter den
-Vorhängen waren alle Lichter verlöscht. Nun wurde er kühner, setzte
-sich auf den Rand des Brunnens, der von einer uralten steinernen
-Rolandfigur bewacht, in der Mitte des Platzes aufgestellt war, und
-während das Wasser hinter seinem Rücken klingend in das Becken fiel,
-starrte er zu den dunklen Fenstern empor, und in seiner verwunderten
-Seele begann das Keimen und Wachsen einer zaghaften Sehnsucht, eines
-innigen Glücksgefühles, gleich dem Drängen und Treiben in blattlosen
-Bäumen zur Vorfrühlingszeit. Noch wissen sie nicht, was da sich
-regt und ihre Rinde dehnt, -- ahnungsvoll stehen sie und warten und
-ängstigen sich wohl auch, bis in einer gesegneten Stunde aus allen
-Knospen grüne Blätter, weiße Blüten lachend der Sonne in die Arme
-springen. So träumte Fritz Hellwig unter einem hohen, frostklaren
-Sternenhimmel seiner ersten, keuschen, seligtörichten Jünglingsliebe
-entgegen. --
-
-Als er am nächsten Morgen erwachte, schämte er sich zwar ein wenig
-seines Treibens, aber die schwärmerische Empfindung war geblieben.
-Doch ging er während der ganzen Ferienwoche nicht ein einziges Mal zu
-Heinz, sondern trieb sich wie verloren ganz allein herum, lief alle
-seine Lieblingsplätze ab und freute sich über alles mögliche: auf den
-Sommer und die Erikablüte, das Baden im Fluß und das Schwämmesuchen in
-den Wäldern, auf das Ende der Gymnasialstudien und auf das Leben in der
-Hauptstadt, wo er im Herbst die Hochschule beziehen würde.
-
-
-9.
-
-Nach den Feiertagen wurde Fritz in die Kanzlei des Direktors gerufen,
-und der hielt ihm in scharfer Weise vor und sagte ihm auf den Kopf zu,
-er, Friedrich Hellwig, sei an dem und dem Tage, zu der und der Stunde
-in dem und dem Gasthaus beim Billardspielen gesehen worden. Das war
-eine schwere Anklage, denn der Wirtschaftsbesuch war den Studenten
-streng untersagt.
-
-„Das ist eine Lüge!“ rief Fritz ungestüm.
-
-Der Direktor aber entgegnete, er solle sich mit seinen Worten in acht
-nehmen. Ausflüchte werden da nichts helfen, denn er sei mit vollster
-Bestimmtheit erkannt worden. Übrigens müsse er sich auch schon deswegen
-an den Vorfall erinnern, weil er sich beim Erscheinen des Gewährsmannes
--- es sei einer der Herren Professoren gewesen -- unterm Billard
-versteckt habe. „Fügen Sie also,“ schloß der Schulmann, „zu dieser
-Feigheit nicht noch eine, sondern legen Sie ein mannhaftes Geständnis
-ab!“
-
-„Herr Direktor,“ antwortete Fritz mühsam, „ich bin kein Feigling.
-Hätt’ ich’s getan, so würde ich’s auch sagen. Aber es ist nicht wahr!
-Die Anzeige ist Wort für Wort erlogen! Stellen Sie mich dem Klatscher
-gegenüber! Er soll’s mir ins Gesicht sagen, wenn er sich traut!“
-
-Darauf erwiderte der Direktor mit seiner schrillen, metallenen Stimme,
-und bei jedem nachdrücklichen Wort zuckte der breite Vollbart, stachen
-die kalten Augen gegen den Verwegenen. „Vor allem,“ sagte er, „muß ich
-Ihre Ausdrucksweise auf das schärfste rügen. Die Strafe hierfür wird
-nicht ausbleiben, verlassen Sie sich darauf! Im übrigen werden wir mit
-Ihrem unverschämten Leugnen sofort fertig sein! -- Ich bitte, Herr
-Kollega!“
-
-Er öffnete die Tür zu seinem Sprechzimmer, und heraus trat hüstelnd und
-spuckend Professor Hermann.
-
-„Sie wissen, um was es sich handelt, Herr Kollega? Der Schüler hat ja
-laut genug gesprochen.“
-
-„Verehrtester Herr Direktor,“ entgegnete Hermann, „verehrtester Herr
-Direktor, ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen bereits mitgeteilt
-habe. Der Oktavaner Hellwig hat mir gegenüber in der gröblichsten
-Weise die Achtung verletzt, jene Achtung, die er seinen Lehrern
-und Vorgesetzten schuldet. Dies hat mich veranlaßt, seinem Treiben
-außerhalb der Schule ein wenig nachzugehen. Denn wenn ein eifriger und
-fleißiger Schüler in den höheren Klassen plötzlich versagt und sein
-Benehmen auffällig ändert, ist in neunundneunzig von hundert Fällen das
-Wirtshaus schuld. Diese Ansicht des hochwürdigen Paters Romanus hat
-sich noch immer als richtig erwiesen. Nun besteht da in der Vorstadt
-ein kleines Gasthaus, wo dem Vernehmen nach fast täglich Studenten
-zusammenkommen sollen, weil es entlegen, billig und mit weiblicher
-Bedienung versehen ist. Mit weiblicher Bedienung! In dieser Kneipe
-habe ich den Schüler Hellwig gesehen, der sich bei meinem Eintritt
-hinter das Billard geduckt hat. Leider habe ich ihn nicht zur Rede
-stellen können, weil meine Augengläser in der Wärme angelaufen sind,
-und als ich sie geputzt hatte, war er offenbar durch einen rückwärtigen
-Ausgang verschwunden.“
-
-So redete der Professor, und wenn ihm jemand erwidert hätte, daß
-Spitzeltum und Angeberei von anständigen Leuten zu den verächtlichsten
-Charaktereigenschaften gerechnet werden, hätte er gewiß eifrig
-zugestimmt und nur ganz verwundert gefragt, was diese Bemerkung denn
-hier zu tun habe. Denn er fühlte sich in der schleimigen Niedrigkeit
-seines Wesens über jeden Tadel erhaben und hatte noch niemals
-gezweifelt, daß eine seiner Handlungen etwas anderes als vollkommen
-sein könnte.
-
-Fritz war einfach fassungslos.
-
-„Es muß ein Irrtum sein!“ Der leise Ton seiner Stimme machte keinen
-guten Eindruck.
-
-„Geben Sie das Leugnen auf!“ riet der Direktor. „Sie machen damit Ihre
-Sache nur schlimmer!“
-
-Nun wurde der ehrliche Junge wild. „Ich war aber nicht dort!“ rief er
-ungeduldig. „Kenne die Spelunke gar nicht! Herr Professor verwechseln
-mich vielleicht mit jemandem andern!“
-
-Freimütig und Bestätigung heischend, oder wie die beiden Pädagogen
-feststellten, frech und verstockt, blickte er von einem zum andern.
-Da fuhr Professor Hermann auf ihn los: „Sie kecker Bursch! Also ich
-bin ein Lügner? Was? Natürlich! Verwechselt hab’ ich Sie! Einen
-Doppelgänger haben Sie! -- Zu blöd! -- Verehrtester Herr Direktor, wie
-ich schon sagte, der Schüler ist ein Schandfleck für die Anstalt! Ein
-Schandfleck!“
-
-Gewaltsam suchte sich Fritz zu beherrschen. Aber es ging nicht. „Sie
-haben mir schon einmal unrecht getan!“ keuchte er in zuckendem Zorn.
-„Ohne jeden Anlaß, nur weil Sie mir aufsässig sind! Das ist gemein! Das
-ist schuftig!“
-
-Er spie dem Professor vor die Füße, blieb mit gespannten Muskeln noch
-eine Minute hoch aufgerichtet stehen und wartete. Da jedoch die zwei
-Schulmeister vor der ungeheuerlichen Tat stumm wie Steinbilder standen,
-schritt er traurig durch die Tür über die Stiege hinab ins Freie und
-ließ, je weiter er ging, das eben noch stolz getragene Haupt immer
-tiefer sinken.
-
-Infolge dieser Begebenheit sah Romanus früher noch, als er gedacht,
-seinen Plan verwirklicht, war die Entfernung Hellwigs, des räudigen
-Schafes, das eine beständige Gefahr für die anderen bedeutete, vom
-Gymnasium unvermeidlich geworden. Der Pater empfand eine starke
-Befriedigung darüber. Nur daß sein Name in der leidigen Affäre nicht
-ganz verschwiegen geblieben, trübte ihm die Freude. Denn er wollte ganz
-rein dastehen. Nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes durfte
-auf ihn fallen, daß er auch nur mittelbar beigetragen hätte, wenn der
-einzige Sohn einer bedürftigen Witwe kurz vor der Reifeprüfung so hart
-gemaßregelt wurde.
-
-Und wie nun in einer eigens einberufenen Sitzung Hellwigs Ausschließung
-von allen Mittelschulen des Reiches beim Landesschulrat beantragt
-werden sollte und als alle Lehrer einig waren, daß für den unerhörten
-Frevel diese strengste Strafe eigentlich noch nicht streng genug sei,
-da erhob sich plötzlich der Religionsprofessor und trat aufs wärmste
-für den Sohn der Witwe ein. Er konnte das beruhigt tun. Am Neuberger
-Gymnasium wenigstens konnte dieser auf keinen Fall geduldet, konnte
-er nicht noch weiterhin von einem Lehrer unterrichtet werden, dem er
-Gemeinheit und Schufterei vorgeworfen.
-
-Professor Hermann aber war tatsächlich im guten Glauben gewesen. Wie
-jemand, der einen Bekannten zu treffen hofft, im Menschengewühl bald
-diesen, bald jenen Fremden für den Gesuchten hält, ihm nacheilt und
-erst in nächster Nähe den Irrtum erkennt, -- so hatte auch er sich
-vorgetäuscht, daß er Hellwig wirklich gefunden habe, weil er ihn finden
-wollte. Das wußte Romanus und schonungsvoll stach er dem Professor den
-Star, legte dar und stellte unter Beweis, daß der Beschuldigte an dem
-bewußten Tage tatsächlich nicht in jener Kneipe gewesen, kurz, trieb
-den verlegen hüstelnden Angeber so in die Enge, daß er schließlich
-notgedrungen die Möglichkeit eines Irrtums zugeben mußte, worauf ihn
-der Pater eines solchen in unwiderleglicher Weise überführte.
-
-Die Stimmung unter den Professoren schlug nun zwar zugunsten des
-Jünglings um, aber die gröblich beleidigte Autorität forderte Sühne.
-Der Antrag an die Oberbehörde wurde auf ‚lokale Ausschließung‘
-eingeschränkt.
-
-Noch im Jänner traf die Genehmigung ein, und Hellwig erhielt ein
-Abgangszeugnis, in welchem das sittliche Verhalten als ‚nicht
-entsprechend‘ bezeichnet und auf der Rückseite der Vermerk eingetragen
-war, daß gegen den Schüler wegen ‚Beschimpfung und Bedrohung
-eines Lehrers, fortgesetzt frechen Benehmens, Ungehorsams und
-Widersetzlichkeit‘ die lokale Ausschließung vom k. k. Staatsgymnasium
-in Neuberg verfügt worden sei.
-
-
-10.
-
-Wenn man sieben Jahre ununterbrochen in derselben Schule von denselben
-Lehrern unterrichtet wurde, ist es gewiß schwer, sich in den
-Unterrichtsplan einer anderen Anstalt hineinzufinden, mit der Art und
-den Eigenheiten anderer Professoren sich vertraut zu machen. Fritz
-tat mehr. Seine Mutter hatte im Laufe der Jahre unter vielfachen
-Entbehrungen ein paar Gulden zusammengebracht, um ihn für den Anfang
-der Hochschulzeit über Wasser halten zu können. Die wollte sie jetzt
-dranwenden, wollte ihn in der nächsten Gymnasialstadt weiterstudieren
-lassen. Aber er ließ sich dort nur als Privatschüler einschreiben,
-blieb in Neuberg und lernte ohne Lehrer drauflos. Es galt jetzt nicht
-nur den umfangreichen Stoff für die Reifeprüfung, sondern auch den
-des letzten Halbjahres ohne Leitung zu bewältigen. Da blieb alles
-andere links liegen: Darwin, Nietzsche, Marx, die Spaziergänge und
-Zusammenkünfte mit den Freunden.
-
-Erst fertig werden! Und er hockte über den Schulbüchern wie ein
-Geizhals bei seinen Schätzen.
-
-Da fiel, es war im April, seine Mutter in eine Krankheit. Erst
-Influenza. Dann Lungenentzündung. Und dann erklärte Doktor Kreuzinger
-in seiner behutsamen Art dem verzweifelten Jungen, er müsse sich auf
-das Schlimmste gefaßt machen.
-
-Das durfte nicht sein. Sie mußte leben. Noch viele Jahre leben.
-Durfte nicht von ihm gehen, bevor er nicht wenigstens ein Tausendstel
-abgetragen hatte von seiner drückend großen Schuld. Was war denn ihr
-Leben gewesen? Unter Darben und Kümmernissen ein stetes Plagen und
-Sorgen für ihn. Und die Zeit, wann er das ändern, die ganze Last des
-Lebens auf seine Schultern nehmen konnte, war noch so weit.
-
-„Herr Doktor, es _kann_ nicht sein!“
-
-Aber es war doch. Eines Nachmittags. Sie hatte die Sterbesakramente
-empfangen. Segnend war der Priester gegangen. Der alte Arzt mit
-dem weich fließenden Silberbart saß neben ihrem Bett. Sie lag mit
-geschlossenen Lidern bleich und teilnahmslos da. Glockenklänge kamen
-von draußen. Sie läuteten zu irgendeinem Begräbnis. Wie fast jeden
-Nachmittag. Da regte sich die Kranke, öffnete die Augen, rief ihren
-Sohn zu sich. Auf unhörbaren Sohlen zog sich der Arzt in eine Ecke
-zurück. Fritz trat an ihr Bett. Sie streckte die Hände aus, zog ihn zu
-sich nieder, nahe, ganz nahe. Und sah ihm aufmerksam wie prüfend ins
-Gesicht. Und die Sorge um das Seelenheil ihres Kindes stieg noch einmal
-in ihr auf.
-
-„Versprich mir,“ -- flüsterte sie -- „versprich mir, Fritzl, daß du
-immer an unsern Herrgott glauben wirst.“
-
-Er aber schwieg. In gedankenloser Dumpfheit schaute er in das Gesicht,
-das ihm so vertraut war, und wunderte sich, daß er noch niemals früher
-bemerkt hatte, wie kennzeichnend und bestimmt ausgeprägt eigentlich die
-Falte war, die sich von dem papierdünnen Nasenflügel um den Mundwinkel
-bis zum Kinn hinab fortsetzte.
-
-Und abermals, nur kaum wie ein leichter Hauch: „Versprich mir’s.“
-
-Die Worte wehten an ihm vorbei, erreichten ihn nicht.
-
-Er blickte auf die scharfe Linie um den Mund, sah, wie sie zuckte, bald
-länger, bald kürzer wurde, und mühte sich, ihr letztes Ende in der
-glanzlosen Haut des Kinns zu entdecken.
-
-Und noch einmal, fast unhörbar, wie das Schweben einer Flocke in
-unbewegter Luft:
-
-„Versprich ...“
-
-Wie tief die Furche wurde, wenn sich die Lippen bewegten. Und wie fremd
-das aussah ...
-
-Da hoben sich die schmalen wachsbleichen Hände. War’s zur Umarmung oder
-Abwehr? Er wußte es später nicht mehr, wußte nur, daß sie sogleich
-wieder schwer mit einem seltsam erschütternden, dumpfen Aufschlagen
-auf die Bettdecke gefallen waren.
-
-Und dann war alles vorbei. Nur die Augen starrten noch groß und weit
-geöffnet. Aber es war keine Angst mehr darin und kein Flehen. Nichts.
-Und die Furche war jetzt ganz starr, ganz tief, wie mit dem Messer in
-gelbes Holz geschnitten.
-
-Der Arzt war rasch hinzugetreten. Tiefernst, mit ruhigen, leisen
-Bewegungen tat er, was für ihn zu tun übrig blieb. Er forschte nach
-dem Leben und fand keine Spuren mehr, zog die Lider über die leeren
-Totenaugen und wandte sich dann zu Fritz. Der stand mit schlaff
-hängenden Armen und vorgeschobenem Kopf reglos. Da war etwas unter ihm
-fortgeglitten. Etwas, das noch ganz kurz vorher geatmet hatte -- und
-sich geregt hatte -- und Worte gesprochen hatte -- irgendwelche leise
-Worte, deren Nachhall noch im Zimmer zitterte -- so still war es ...
-
-Sacht legte ihm Doktor Kreuzinger den Arm um die Schulter. „Sie ist
-hinüber.“
-
-Verständnislos stierte ihn Hellwig an. Kein Muskel zuckte, hart lagen
-die Züge auf dem unbewegten Antlitz. Langsam wand er sich aus dem Arm
-des Greises, und ohne die Haltung zu ändern, steif, schwerfällig, schob
-er sich aus dem Gemach.
-
-Ein warmer Regen war niedergegangen und verrauscht. Ein harscher Wind
-schob dunkle Wolkenklumpen vor sich her. Hinter ihm wurde blauer
-Himmel. Rund und blank und frisch wie eine riesige, taubesprühte Knospe
-lag die Erde im Arm des Frühlings. Lag und lachte, schrie, jauchzte,
-jubelte dem starken Leben ein heiliges Ja entgegen. Und die Blumen
-lachten es mit und die Bäche rauschten es mit und vom Himmel die Höhen
-herunter brüllte es mit das täppische Hünenkind, der Lenzsturm, sprang
-wipfelauf, wipfelab und über die sprossenden Fluren hin, tanzend,
-keuchend, stöhnend in unbändiger Kraft.
-
-Und: „Ja -- leben -- ja!“ brüllte er dem schwachen Menschlein zu, dem
-hageren Jungen im dünnen Hausrock, mit zerwirrten Haaren, der sich,
-mühsam wie der aufgescheuchte Abendfalter im unerträglich grellen Licht
-des Tages, zurechtzufinden suchte und mit seiner ersten großen Trauer
-zur Erde hatte flüchten wollen. Aber die Erde gab heute dem Leben ein
-Fest. Und die seinen Schmerz hatte lindern sollen, peitschte ihn bis
-zur Verzweiflung empor durch die wilde, machtvolle Freude, mit der
-neues und immer neues Werden die starre Winterhaft zerbrach und alle
-Grenzen überflutete. Leben rang sich siegreich aus Leben, stürzte
-glühend in die werbende Umarmung des Lebens, und des Lebens warmer Atem
-quoll aus braunen Ackerschollen, dampfte aus feuchten Moosen, stieg aus
-jungen Saaten und geöffneten Blumenkelchen über Getier und grüne Wipfel
-himmelan wie schwerer berauschender Opferduft.
-
-Wozu?
-
-Die seinem Herzen am nächsten gewesen, hatte ihren Platz verlassen, und
-keine Lücke war geblieben. So -- wie nach dem Zerstäuben eines Tropfens
-die ungeheure Meerflut gleichmäßig weiterrollt. Niemand fragte nach der
-Gestorbenen, vermißte oder brauchte sie.
-
-Und rings jauchzte die kraftvolle Frühlingswelt. Aber er konnte ihr
-nicht nahekommen. Ein Fremdes, Hassenswertes drängte sich dazwischen,
-gegen das er vergebens ankämpfte. Das machte ihn trostlos und
-verzweifelt. Ganz leer war es in ihm. Und in den Kronen des Waldes sang
-der Lenzsturm das Lied des Lebens. --
-
-Stunden verrannen. In seiner leichten Jacke begann ihn zu frieren.
-Da wollte er umkehren, tat ein paar Schritte, blieb wieder stehen
-und besann sich. Wohin nur? Und da fiel ihm ein: Er mußte ja seine
-Mutter begraben. Nun wich die steinstarre Ruhe aus seinem Gesicht. Die
-Mundwinkel zuckten. Aber er konnte noch nicht weinen. --
-
-Als er nach Hause kam, war Frau Hedwig dort. Sie hatte alles schon
-besorgt. Die Leichenfrau war dagewesen, hatte die Tote gewaschen und in
-ihr Kleid getan. Mit einem weißen Linnen zugedeckt, lag sie jetzt in
-der Stube auf dem Leichenbrett, zu Häupten zwei brennende Wachskerzen
-und das schwarze Kruzifix aus dem Glasschrank, zu Füßen ein Gebetbuch
-und eine Schere. Ein Becken mit Weihwasser stand daneben und ein Wedel
-aus Kornähren lag darüber. Ganz dem Herkommen gemäß war sie aufgebahrt,
-und nichts war verabsäumt.
-
-Als Fritz Frau Hedwig in der Stube erblickte, wachte die alte
-Abneigung wieder auf. Nur zögernd überschritt er die Schwelle. Dann
-aber bemerkte er unwillkürlich die kleinen Zeichen ihrer wohltuenden
-Obsorge: das geöffnete Fenster, die abgestellte Uhr, das weiße Tuch
-vorm Spiegel. Und im Bewußtsein seiner Verlassenheit konnte er sich
-ihrer warmen Mütterlichkeit nicht mehr entwinden. Er griff nach den
-wortlos gereichten Händen, hielt sie fest und -- drückte sie rauh
-aufschluchzend gegen die Augen. Nun streichelte sie ihm die Wangen, die
-Stirn, das Haar. Und dann lag sein Kopf auf ihrer Schulter, während er
-sich umsonst mühte, der Tränen Meister zu werden, die ihm jäh und heiß
-über die Lider sprangen.
-
-Lautlos weinte er so, kaum eine Minute lang und doch lang genug, daß
-der versteinerte Schmerz in eine sanftere Trauer sich löste.
-
-„Mutter!“ rief er leise. „Mutter!“ So ruft nachts ein banges Kind nach
-ihrem Schutz.
-
-Und eine tiefe, weiche Frauenstimme sagte: „Still, Fritz, still! Lassen
-Sie sie friedlich heimgehn.“
-
-Er schüttelte heftig den Kopf, ohne die Stirn von ihrer Schulter zu
-heben, wo es sich so gut ruhte.
-
-„Hier war sie zu Haus ... und übermorgen ... tragen sie mir sie fort!“
-
-„Nein, Fritz, sie tragen sie heim. In den Frieden. In die Ruhe. In das
-sicherste Geborgensein. Eine Mutter zur Mutter.“
-
-„Sie war die meine ... mir hat sie gehört!“
-
-„Ja, Fritz, Ihnen -- aber auch der Erde. Schaun Sie, Fritz, nur der
-Leib, die Form wird sich nur ändern, aber ihr Zweck wird immer bleiben.
-Hier bei uns hat sie ihre Bestimmung erfüllt, drum muß sie zu anderen,
-muß für diese Keim und Nahrung, Wurzel und Mutterbrust sein. Alles muß
-allen nützen. Das ist das Schöne, Trostreiche auf Erden.“
-
-Da schaute er ihr lang wie suchend in die Augen und sagte nichts mehr.
-
-Ihre Aufforderung, bei Heinz zu übernachten, schlug er aus. Nun ging
-sie und ließ ihn mit der Verstorbenen allein.
-
-Es war bereits dunkel geworden. Die Wachslichter leuchteten matt und
-füllten das Zimmer mit unstet flackerndem Schein und zuckenden Schatten.
-
-Er trat zu der Toten und schlug das Laken zurück. Da lag sie still und
-weiß in ihrem einstigen Brautkleid, und der Körper, aus dem er selbst
-einst Wärme und Blut und Leben gesogen hatte, war kalt und steif und
-wertlos geworden. Er schauerte zusammen. Bis in die Knochen fror ihn.
-Und ihm war, als erstürbe auch sein Leib, würde bleischwer und seiner
-Seele fremd, die sich plötzlich nicht mehr darin zu Haus fühlte und
-erschrocken umherschaute, wie ein zur Nachtzeit angekommener Reisender
-im ungewohnten Gastzimmer.
-
-Langsam breitete er das Tuch wieder über den Leichnam und setzte sich
-an das offene Fenster, durch das die starke, kühle Frühjahrsluft
-strich. Der Sturm hatte sich gelegt. Es wurde Nacht. Lampe um Lampe
-erlosch in den Häusern, ganz finster wurde es unter einem sternlosen
-Himmel. Und zu Häupten der Toten zwischen den schwelenden Lichtern hing
-unbeweglich der Kruzifixus.
-
-Da fiel ihm die letzte Bitte der Mutter wieder ein. In raschem
-Aufwallen erhob er sich, nahm das Kreuz und legte es vor sich auf das
-Fensterbrett. Der Kerzenschein huschte über die Porzellanfigur, die
-weiß und schlank auf dem dunklen Holz lag, die Arme weit gebreitet und
-das Haupt mit der Dornenkrone zur Seite geneigt.
-
-Immerfort starrte er auf das Bildwerk.
-
-Und draußen lag die Erde wie ertrunken in der dickflüssigen Dunkelheit,
-und die Atemzüge der schlafenden Kreaturen kamen und gingen wie
-schwere, unhörbare, noch dunklere Wellen, und rundum flutete die
-uferlose Stille der Nacht.
-
-Und jäh durchzuckte es ihn: Wenn ... wenn doch ... wenn es doch dort
-drüben was gäbe? Wer weiß es denn? Wer kann behaupten oder leugnen --
-wenn sogar die eigene Seele dem Körper fremd werden kann?
-
-In dumpfer Qual stöhnte er auf. Seine Finger legten sich um das
-Kreuzholz, als wollten sie es zerbrechen, schüttelten es, ungeduldig,
-leidenschaftlich, drohend: „Gib Antwort, du!“
-
-Aber rings war Dunkel und Schweigen.
-
-
-11.
-
-Nach zwei Tagen war die Tote begraben, und die Notwendigkeit der
-Beendigung seiner Gymnasialstudien war für Hellwig eiserner als je.
-Über Zureden seines Freundes hatte er endlich eingewilligt, war zu ihm
-übergesiedelt und wohnte nun Wand an Wand neben Heinz in einer noch
-kleineren Dachkammer.
-
-Niemand störte ihn hier. Sogar das Essen wurde ihm hinaufgebracht. Und
-er wühlte sich ganz in diese Abgeschiedenheit hinein, ging kaum ins
-Freie und lernte nur, lernte, lernte.
-
-In den letzten Tagen des Mai unterzog er sich an dem Gymnasium der
-benachbarten Stadt der Prüfung über den Lehrstoff des zweiten Halbjahrs
-und bestand sie. Kurz darauf legte er die schriftliche und endlich auch
-die mündliche Reifeprüfung ab. Und da der Landesschulrat, der dieses
-Schulexamen leitete, nicht an allen Mittelschulen zu gleicher Zeit
-prüfen konnte, traf es sich, daß Hellwig um volle drei Wochen früher
-für reif erklärt wurde als seine Kollegen in Neuberg.
-
-Nun wollte er gleich nach Prag und sich auf eigene Faust durchschlagen.
-Aber sie ließen ihn nicht fort. Auch Vater Wart nicht, der zielbewußte
-Arbeit in jeder Form achtete und seine Meinung über den großen Blonden
-mit den Storchbeinen sehr zu dessen Gunsten geändert hatte.
-
-„Machen Sie keine Geschichten!“ sagte er ihm. „Jetzt heißt’s erst
-tüchtig faulenzen! Den Schädel ausrauchen lassen von der ewigen
-Lernerei!“
-
-„Ich darf Ihre Gastfreundschaft nicht mißbrauchen,“ erwiderte Fritz.
-„Ich darf mich nicht länger von Ihnen aushalten lassen!“
-
-Da polterte der Kaufmann los: „Jetzt das ist aber schon mehr als blöd!
-Aushalten lassen! So was sagt man überhaupt nicht!“ Dann überlegte er
-und fuhr fort: „Übrigens, wenn Sie sich’s justament verdienen wollen
--- der Bub’ von meiner Schwester ist bei mir in der Lehr’. Wenn Sie
-ihm bis zum Oktober ein bissel Stenographie und Französisch beibringen
-wollen, kann’s ihm nichts schaden und mich soll’s freuen! Gilt’s?“
-
-Er streckte ihm die biedere Tatze hin, und Fritz schlug ein.
-
-Hier bewog ihn nicht zum letzten der Gedanke an Doktor Kreuzinger. Dem
-greisen Gelehrten war jener Kampf zwischen kindlicher Zärtlichkeit und
-Wahrheitsliebe nicht entgangen und die geweckte Teilnahme hatte ihn
-veranlaßt, den Jüngling zu einem Besuche aufzufordern. Gern war Hellwig
-jetzt dieser Einladung gefolgt. Hatte ihm doch Heinz schon viel von
-der Bücherei und den Sammlungen des Großvaters berichtet. Seine hoch
-gespannten Erwartungen wurden auch nicht getäuscht, wurden von dem,
-was er dort vorfand und erlebte, noch übertroffen. Versteinerungen,
-Abdrücke und Knochen vorsintflutlicher Geschöpfe waren hier
-aufgespeichert, Mollusken, Krebse, Spongien und Leptokardier jeglicher
-Form und Gattung in Gläsern, Kasten und Wandschränken füllten zwei
-große Zimmer. Das Wertvollste aber war die klare Art, mit welcher der
-Doktor aus dem Äußerlichen den Kern herausschälte, die Zusammenhänge
-bloßlegte und die vielfachen faserfeinen Verästelungen auf ihre
-gemeinsame Wurzel zurückführte. Mit prunklosen Worten, scheinbar stets
-bei der Sache und doch über ihr, entwarf er dem begierig Lauschenden
-eine Übersicht über die Entwicklungsgeschichte der Erde und des
-Lebens und leitete ihn die Quellen der Erkenntnis hinauf, soweit
-Menschensinne dorthin vordringen können.
-
-Dem ersten Besuch folgten andere, und bald war Hellwig täglich um sechs
-Uhr früh in der stillen Gelehrtenwohnung. Meist kam er allein, denn
-Heinz hatte sich ganz auf die Sozialpolitik geworfen und war für nichts
-anderes mehr zu haben. Für Fritz aber waren diese Morgenstunden, da
-er an der Seite des verehrten Mannes zuhörend und lernend durch den
-sommergrünen Garten schritt, während der Sonnenschein silbern in den
-Baumkronen spielte, das Schönste, das ihm das Leben bisher gebracht
-hatte, gehörten überhaupt zu dem Kostbarsten, das es ihm je zu bieten
-vermochte.
-
-Und eines Tages lernte er dort den Doktor Albert Kolben kennen.
-
-Der war auch von den Pfahlbürgern Neubergs als ein verlorenes Schaf
-erklärt worden, und sie hatten ihm, oder eigentlich in seiner
-Abwesenheit, bei Bier, Kaffee und geselligen Zusammenkünften hatten sie
-sein Verkommen so lang vorausgesagt, bis er vor ein paar Monaten den
-Doktorgrad erwarb. Und Reserveoffizier war er ebenfalls. Da waren sie
-baff. Dann aber entrüsteten sie sich desto mehr und fanden, der Kolben
-Albert hätte das nur getan, um sie zu ärgern. Denn die genasführten
-Propheten empfanden das Ausbleiben ihrer Vorhersagungen als persönliche
-Beleidigung. Es war gewiß unverschämt vom Kolben Albert. Aber er ließ
-sich eben überhaupt nichts vorschreiben, sondern tat, was ihm beliebte
-und ließ bleiben, was ihm nicht paßte. Das konnte er um so leichter,
-als er nach seinen Eltern ein beträchtliches Vermögen nebst einem
-Landgut besaß und von niemandem abhängig war. Übrigens hatte er von
-je auf die Nachrede der Leute keinen Deut gegeben, hatte im Gegenteil
-alles getan, um sie herauszufordern. Als sechzehnjähriger Lateinschüler
-hielt er sich ein Reitpferd und zwei große Hunde, als Achtzehnjähriger
-soff er einmal sogar den Wart Nikl unter den Tisch, als Zwanzigjähriger
-schnürte er sein Bündel und zog nach Wien. Was er dort trieb, wußte
-man nicht. Es liefen jedoch die abenteuerlichsten Gerüchte um. Daß er
-in der Schriftleitung einer sozialdemokratischen oder anarchistischen
-Zeitung tätig sei, in Volksversammlungen Brandreden halte und
-fortwährend betrunken in den Schnapsschenken herumliege. Da wurde er
-als Sechsundzwanzigjähriger Doktor der Weltweisheit und tauchte wieder
-in Neuberg auf. Daß es sich lediglich um einen kurzen Erholungsurlaub
-handelte, wußten nur seine vertrautesten Freunde.
-
-Über eine so unklare Lebensführung mußten sich die wackeren Spießer
-entrüsten. Sie entrüsteten sich, weil sie aus ihm nicht klug werden
-konnten. Und sie wurden nicht klug aus ihm, weil er sich nicht in den
-Kochtopf gucken ließ, Zudringliche mit höflicher Überlegenheit abwehrte
-und lüsterner Neugierde begegnete, indem er mit trockener Sachlichkeit
-und größtem Ernst die ungeheuerlichsten Behauptungen aufstellte,
-verfocht und begründete. So bekannte er sich einmal gegenüber einem
-waschechten deutschen Volksgenossen, der sein politisches Gewissen
-erforschen wollte, zur demokratisch-alldeutsch-antisemitischen Anarchie
-und spickte den unvorsichtigen Frager derart mit großen Worten und
-fetten Phrasen, daß dieser ganz mürb wurde und schließlich -- etwas
-angeheitert war er auch schon -- das neue Programm als einzige Rettung
-des Bürgertums vor der roten Gefahr begeistert zu preisen anhob.
-Nachträglich wurde er von einsichtigeren Leuten aufgeklärt, daß er
-seiner leichtgläubigen Beschränktheit einen tüchtigen Bären habe
-aufbinden lassen, und der Chor der Entrüsteten war wieder um eine
-ausgiebige Stimme verstärkt.
-
-Kolben ertrug die üble Nachrede, wie man das Konzert der Frösche
-im Frühjahr erträgt und verriet mit keiner Miene, wie sehr ihn das
-zwecklose Lärmen belustigte. Sein rundliches, ganz glatt rasiertes
-Gesicht blieb immer gleichmäßig ernst, und nur die besten Freunde
-errieten aus einem fast unmerklichen Zwinkern im rechten Augenwinkel
-seine heimliche Fröhlichkeit.
-
-Als Hellwig mit ihm zusammentraf, saß er, phlegmatisch und scheinbar
-gelangweilt wie immer, auf der Gartenbank unter dem breit schattenden
-Buchenbaum und grub mit dem Spazierstock Strich neben Strich in
-den Kies, während Doktor Kreuzinger von den Erfolgen des letzten
-Ärztekongresses lebhaften Bericht erstattete, den er bei Fritzens
-Ankunft unterbrach, um die Vorstellung zu besorgen.
-
-Ohne seine nachlässige Haltung zu ändern, hob Kolben nur ein wenig die
-Stirn, faßte den Jüngling mit einem raschen Blick und zeichnete nach
-einem kurzen Kopfnicken schweigend weiter.
-
-Hellwig empfand das als Unhöflichkeit und Beleidigung. Hitziger, als
-eben nötig war, sagte er:
-
-„Herr Doktor, es wird besser sein, wenn ich wieder gehe. Der Herr
-scheint die Störung nicht zu wünschen!“
-
-Begütigend winkte der alte Gelehrte mit beiden Händen. Bevor er jedoch
-etwas sagen konnte, war Kolben schon gemächlich zur Seite gerückt und
-antwortete, fortwährend eifrig weiterstrichelnd: „Was Ihnen nicht
-einfällt! Setzen Sie sich nur her.“ Damit goß er aber Öl in die Flamme.
-
-„Eine solche Behandlung brauche ich mir nicht gefallen zu lassen!“
-brauste Fritz auf. „Sparen Sie sich das für Ihren Pferdeknecht!“
-
-Nun hob der andere den Kopf. Das glatte Kinn auf den Stockknauf gelegt,
-schaute er dem Zornigen mit einem erstaunten Blick in die Augen. „Was
-für ein Unterschied,“ fragte er unerschüttert ruhig, „was für ein
-Unterschied ist denn zwischen Ihnen und meinem Pferdeknecht?“
-
-Da sah ihn Hellwig noch ein paar Sekunden streitgewärtig an. Dann
-senkte er beschämt die Augen. Und jetzt stand Kolben auf, langsam,
-gemessen, mit der ihm eigenen steifen Würde, trat neben ihn und sagte,
-immer mit der gleichen kalten Nachlässigkeit: „Seien Sie nicht so
-empfindlich. Guter Ton, feine Manieren -- mit solchen Albernheiten
-werden wir uns doch _hier_ nicht abgeben. Kommen Sie. Und seien Sie
-versichert: Wer in den Frühstunden bei unserm verehrten Doktor Gast
-sein darf, den achte ich schon um dessentwillen. Allerdings, verbeugen
-werde ich mich trotzdem nicht vor Ihnen.“
-
-Bei diesen Worten glitt etwas wie ein Lächeln über seine Züge. Und da
-war nichts mehr von Phlegma oder Langeweile darin. Geistvoll, klar
-und klug, erhielt dieses gescheite Gesicht, das sonst hinter der
-angewöhnten Ruhe wie eingefroren lag, durch die reife Verständigkeit
-seines Lächelns etwas ungemein Gewinnendes und Anziehendes.
-
-Mit einem geschickt aufgegriffenen Thema verstand Doktor Kreuzinger
-auch die letzten Reste der Mißstimmung zu beseitigen und geriet über
-Kolbens Einwürfe gegen die Gasträatheorie bald in ein schönes Feuer,
-wurde beredt und ausführlich. In die faltigen Wangen hinter dem
-silbrigen Bartgewelle stieg eine sachte Röte, und es dauerte nicht
-lang, so sprach nur mehr er allein, indes die zwei jüngeren aufmerksam
-zuhörten und sich in der warmen Glut, die von dem prächtigen Greise
-ausströmte, seltsam einander näher gerückt fühlten.
-
-Aber nicht immer war diese klare Ruhe bei Hellwig. Noch war ein
-Großes, Lastendes da, mit dem er fertig werden mußte. Seit jener bei
-der toten Mutter durchwachten Nacht hatten ihn die Zweifel nicht mehr
-losgelassen. Und jetzt, da ihn die Prüfungssorgen nicht mehr ablenkten,
-standen sie wieder übermächtig auf. Und mit ihnen der Vorwurf, daß er
-seiner Mutter das Sterben schwer gemacht habe.
-
-Oft sprach er darüber mit Heinz.
-
-„Ich mußte ja, gelt, du? Es ging doch nicht anders? Aber wenn, --
-Heinz, ich such’ und such’ -- aber wenn ich einmal draufkomm ... Nicht
-wahr, du, es ist nichts?“
-
-Und er trug zusammen, was er an Schriften über Religionssysteme und
-Weltanschauungen auftreiben konnte. An jedes Werk ging er mit Zittern
-und Zagen, daß er darin vielleicht auf einen Beweis für das Dasein
-Gottes stoßen könnte und auf die Bestätigung seines Unrechts gegen die
-Tote. Aber er fand nichts. Der Kult der Azteken, die ihrem Kriegsgott
-Huizilopochtli ‚Menschen opferten, um glückliche Kriege zu führen
-und Kriege führten, um solche Menschenopfer herzuschaffen‘, erschien
-ihm ebenso sinnlos oder berechtigt, wie das papierne Gohei in den
-Sintotempeln der Japaner, die Apisverehrung der Ägypter oder die
-Heiligkeit des Hundes bei den Iraniern. Und weder Avesta und Zend, noch
-Koran, Bibel, Luther und die ganze Reihe der Denker von Spinoza bis
-Spencer vermochten ihn der Wahrheit irgendwie näher zu bringen.
-
-
-12.
-
-Die Ferien vergingen im Flug. Hellwigs Abreise stand in wenigen
-Tagen bevor. Als eine Art Abschiedsfeier wurde ein Ausflug in die
-weitere Umgebung unternommen. Auch Pichler wurde eingeladen, der die
-Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte.
-
-In tauiger Morgenfrühe schritt die Gesellschaft durch das noch
-erhaltene alte Stadttor ins Freie. Voran Wart Nikl mit seiner schönen
-Frau, hinter ihnen Eva zwischen Kolben und Pichler. Doktor Kreuzinger
-mit Heinz und Fritz machten den Beschluß.
-
-Durch die Herbstluft segelten die kleinen Spinnen in ihren leichten
-Silberschiffchen, der Rauch der Erdäpfelfeuer zog über die fahlen
-Fluren, und in den Stoppelfeldern folgten die Reihen der Jagdliebhaber
-ihren lohfarbenen Vorstehhunden.
-
-Manchmal blitzte ein Flintenlauf, rundete sich ein Rauchwölkchen,
-knallte ein Schuß. Ein Hase überschlug sich und schrie, ein Hund heulte
-auf, ein scharfes Befehlswort verklang. Und wieder war es still, und
-lautlos glitten die Silberschiffchen, schneller, immer schneller, als
-wollten sie den Menschen entrinnen und ihrer Tücke gegen die ehrlichen
-Kreaturen.
-
-An Evas Seite fühlte sich Pichler in seinem Fahrwasser. Hier war
-er der Schwerenöter, wollte Eindruck machen, zog alle Register
-seiner wortgewandten Liebenswürdigkeit. Er war witzig, geistreich
-und gefühlvoll, warf Artigkeiten und Schmeicheleien wie ein Gaukler
-schimmernde Glaskugeln in die Luft und schwafelte und salbaderte in
-einem fort.
-
-Eva ließ sich’s gefallen. Sie lachte über seine Mätzchen, schaute ihn
-belustigt an und fand, daß es sich mit ihm ganz gut plaudern ließ.
-Manchmal blieb sie auch stehen, wartete auf den Großvater und fragte
-ihn nach dem Namen eines verspäteten Schmetterlings oder eines klar in
-blauer Ferne aufsteigenden Berges, tauschte neckende Worte mit Heinz
-oder ermahnte Hellwig, der hellen Gotteswelt kein so sauertöpfisches
-Gesicht zu schneiden. Ganz heiß und eifrig war sie, hatte rote Backen
-und glänzende Augen und überließ die jungen Glieder dem milden
-Sonnenschein mit einem läßlichen Behagen, das wohlig war und ein wenig
-sinnlich, wie in einem laulichen Bade.
-
-„Wenn ich Sie ansehe, gnädiges Fräulein, muß ich an Gottfried Keller
-denken,“ sagte Pichler. Und das Mädchen darauf: „Jemine, wieso denn?“
-
-„Ja, ganz bestimmt. Sie erinnern mich an eine seiner Frauengestalten.
-Nämlich an die Figura Leu im ‚Landvogt von Greifensee‘. Die hat
-mir immer ausnehmend gefallen. Warten Sie, wie sagt das nur gleich
-Keller? Ja: sie war ein elementares Wesen. Ein elementares Wesen,
-dessen goldblondes Kraushaar sich nur mit äußerster Anstrengung den
-Modefrisuren anbequemen ließ und dem Perruquier des Hauses täglich den
-Krieg machte. Sie lebte fast nur vom Tanzen und Springen. So beiläufig
-heißt es. Und dasselbe gilt auch von Ihnen. Sie sind von demselben
-entzückenden Übermut. Und diese widerspenstigen Löckchen hier ...“
-
-Er faßte nach dem feinen Gekräusel an ihrer Schläfe. Durch eine hastige
-Wendung des ganzen Körpers wich sie der Berührung aus. „Sie sind ein
-Schmeichler!“ sagte sie halb verlegen, halb erfreut.
-
-Da machte Doktor Kolben, der bisher leise pfeifend ein paar Schritte
-seitwärts von ihr gegangen war, seine erste Bemerkung:
-
-„Herr Pichler hat etwas vergessen, mein kleines Fräulein,“ begann er.
-Sofort unterbrach sie ihn im hellen Zorn: „Ich bin nicht Ihr kleines
-Fräulein!“ Ihr Auge sprühte, der Fuß stampfte die Erde. Doch der
-unausstehliche Mensch fuhr gleichmütig fort: „Das meine nicht, aber
-doch das kleine. Vorderhand wenigstens. Wir können ja noch wachsen.
-Das müssen wir eben abwarten. Heute wollte ich nur erwähnen, daß jene
-Figura Leu, die Herr Pichler an den Haaren herbeigezogen hat, von ihrem
-Verehrer gemeinhin nur der Hanswurstel genannt wurde. Ob der Vergleich
-in dieser Hinsicht ebenfalls stimmt, soll dahingestellt bleiben.“
-
-Kolben sagte das, weil er über die junge Schöne ungehalten war, die so
-mir nichts, dir nichts auf Ottos Plattheiten hineinfiel. Sie würdigte
-ihn keiner Antwort, klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und
-zerrte an ihren Fingern, bis die Gelenke knackten.
-
-Pichler versicherte unter vielen Entschuldigungen, seine Worte seien
-natürlich nicht so aufzufassen, nur die reizende Grazie habe er
-kennzeichnen wollen, den Glanz der Löckchen ...
-
-„Hören Sie schon auf mit dem dummen Zeug!“ unterbrach da Wart Nikls
-Tochter den Honigfluß seiner Rede. Nun schwieg er und tat beleidigt.
-
-Kolben hatte ihre letzten Worte nicht mehr vernommen. Angewidert von
-Pichlers Geschwätz, hatte er sich auf dem Absatz herumgedreht und zu
-Doktor Kreuzinger begeben.
-
-Dort machte Fritz noch immer sein sauertöpfisches Gesicht. Er blickte
-nach der frischen Mädchengestalt, an der alles Verheißung war und leise
-schwellendes Werden, sah ihre anmutigen Bewegungen, den Rhythmus der
-Glieder beim leichten Schreiten, hörte das klingende Lachen und empfand
-eine unbestimmte Sehnsucht, wie arme Schelme im Kellergeschoß nach den
-hohen, luftigen Räumen der Vermöglichen.
-
-Heinz stritt mit dem Großvater über den Zukunftsstaat.
-
-Die tiefe Baßstimme Wart Nikls dröhnte hallend weithin durch den
-ruhevollen Herbstmorgen. Bald rief er einem bekannten Jäger ein
-Weidmannsheil zu oder erwiderte lärmend den Gruß eines Vorübergehenden,
-bald hatte er ein Scherzwort für seine Tochter oder zeigte er seiner
-Frau die Grenzlinien der einzelnen Besitzungen und lobte oder schimpfte
-nicht gerade leise über deren Bewirtschaftung.
-
-Langsam schlenderte Hellwig hinter der Gesellschaft her. Da schob sich
-plötzlich ein fremder Arm unter seinen. „Kommen Sie!“ sagte Doktor
-Kolben. „Wir gehn Schwämme suchen.“
-
-Fritz sah ihn verwundert an. Eine so vertrauliche Annäherung war bei
-dem in sich verhaltenen Menschen etwas Ungewöhnliches.
-
-„Ich weiß hier herum ein paar famose Plätze!“ sprach dieser weiter und
-tat, als merkte er das Staunen des andern nicht. „Hier links in den
-Wald einige hundert Schritte aufwärts. Dort pflegen Herrenpilze zu
-wachsen.“
-
-Noch einmal schaute Hellwig nach dem Mädchen. Das lachte eben Pichlern
-zu, der sein Schmollen aufgegeben hatte. Da fühlte er ein leises Zucken
-im Herzen. Er preßte die Lippen fest aufeinander. Eine tiefe Falte
-stand ihm wieder einmal über dem scharf einspringenden Nasensattel
-senkrecht auf der steilen Stirn. Das hagere Gesicht bekam sein kühnes,
-wie versteintes Aussehen. Ohne Widerstand ließ er sich von Kolben in
-den Wald führen.
-
-Zwischen den geraden Kieferstämmen, die mit dürftigen Kronen wie
-erschöpfte Krieger in Reih und Glied standen, gingen sie auf dem
-rostroten Nadelboden, über gewundenes Wurzelwerk und dann wieder durch
-rauschendes Heidelbeergestrüpp eine gute Weile stumm vorwärts.
-
-„Hier ist einer!“ sagte der Doktor, bückte sich und durchschnitt mit
-dem Taschenmesser den Strunk eines Pilzes. Fritz sah gleichgültig
-zu. Kolben steckte den Fund in die Tasche. Von Moos und Farnkräutern
-umwuchert, lag ein niedriger Felsblock quer über dem Jagdsteig. Kolben
-setzte sich. Fritz stand daneben und schaute düster in das bewegliche
-Gitter aus Sonnenstrahlen und Wipfelschatten auf dem Boden.
-
-Der Doktor brach endlich das Schweigen. „Was ist eigentlich mit Ihnen
-los, Hellwig? Was drückt Sie?“
-
-Seine Stimme klang warm und herzlich. Aus seinem Antlitz war alle kalte
-Verschlossenheit weggewischt. Aber Fritz erwiderte schroff abweisend:
-„Was veranlaßt Sie zu dieser Frage?“
-
-„Lassen wir den Stolz beiseite!“ antwortete Kolben. „Aussprache tut
-immer gut. Sie gehn ja herum, als ob Sie jeden Halt verloren hätten.“
-
-„Herr Doktor!“
-
-„Ich heiße Kolben. Albert Kolben. Das ‚Herr‘ ist überflüssig. Ja,
-und ... vertrauen Sie mir!“ Ein freundlich aufmunternder Blick der
-gescheiten Augen begleitete die Bitte.
-
-Fritz erwiderte nichts.
-
-„Vertrauen Sie mir! Es ist nicht zudringliche Neugier oder
-Unverschämtheit von mir. Nur -- ich hab’ mal einen gekannt. Der ist
-genau so herumgelaufen. Und war schon nahe dran, den Sprung ins große
-Dunkel zu machen. Sein oder Nichtsein. Ob’s edler im Gemüt ... Hat
-ihn arg gehabt damals. Zweifel an der Welt, an Gott, an den Menschen,
-an allem, was man so heilig, ehrwürdig, groß, erhaben, sittlich oder
-moralisch nennt. Und kein Ausblick. Als wär’ ein Brett vor der Erde
-gewesen. Soweit hat er gehalten. Und kein Ausblick. Triebleben,
-Hinvegetieren, zwecklos, stumpfsinnig. Nicht wahr? -- Kultur? -- Auch
-die Ameise schafft sich angenehme Lebensbedingungen. -- Moral? -- Der
-Pöbel und Moral! Ein Tiger, der Gras frißt! Eher will ich aus Cäsar
-einen Lakaien machen als dem Pöbel die Gemeinheit abgewöhnen. Also, da
-hat er gehalten. Na ja denn, ich selber bin’s gewesen. Und da ist einer
-gekommen, der hat’s gewußt und sich ausgekannt. Hat eine feine Hand
-gehabt der -- Doktor Kreuzinger heißt er --, eine leichte. Und hat mir
-den Star gestochen. Und hat mich ins Leben hinein gestoßen. So recht
-mitten hinein ins Leben. Da steh! Laß die Woge kommen und halt stand!
-Und fürcht’ dich nicht. Und -- wirf dich hinein! Brauch’ deine Arme!
-Schwimm! Es geht schon, es trägt dich schon! -- -- Und wahrhaftig, es
-ist gegangen. Es hat mich wirklich getragen. Hätt’s niemals gedacht. --
-Also, darauf kommt’s an. Klarer Kopf. Helles Auge. Ruhige Hand. Nicht
-grübeln, Grashalme zählen, Grillen fangen. Arbeiten! Fest arbeiten!
-Mitten in den Wellen gegen die Wellen. Ein Ziel vor sich und drauflos!
-Ein Ziel, ja! Aber nicht oben bei den Wolken. Hier, wo du feststehst,
-auf der Erde unter den Menschen ... Da geh’ drauf und dran! Schulter
-an Schulter mit den andern. Oder, wenn sie das nicht wollen, lauf
-allein voraus! Sie folgen schon. Und wenn sie auch das nicht wollen --
-wenigstens hast du Ruhe!“
-
-Selten ließ der wortkarge, zugeknöpfte Mann jemanden so in sein Inneres
-schauen. Fritz fühlte das. Und nun konnte er nicht mehr an sich halten.
-Erst stockend, dann zusammenhängender, leidenschaftlicher redete er
-sich alles von der Seele herunter, was ihn in letzter Zeit überstürmt
-und aus der Bahn geworfen hatte.
-
-Kolben unterbrach ihn nicht. Seine dunklen Augen lagen wieder wie
-verschleiert hinter den goldgeränderten Brillengläsern. Die Spitze des
-Spazierstocks zeichnete Strich neben Strich in den glatten Waldboden.
-Endlich war Fritz mit seiner langen Beichte fertig.
-
-„So steh’ ich da!“ knirschte er zwischen den Zähnen. „Und weiß nicht
-ein und aus. Das Vergangene liegt mir wie ein Stein vor der Zukunft.
-Ich kann ihn nicht wegwälzen! Er rührt und rührt sich einfach nicht!
-Die ganze Kraft geht drauf! Ich verbrauch’ mich, werde hin! Von meiner
-toten Mutter kann mich keiner erlösen!“
-
-Er schwieg mit keuchenden Lungen. Aus den Wipfeln kam das leichte Wehen
-des Windes wie der Atem der Stille. Kolben erhob sich, trat ganz dicht
-zu ihm heran.
-
-„Mut, Fritz! Und Geduld! Du -- wir werden uns wohl von heut’ an du
-sagen müssen -- du wirst bald drüber weg sein. Jetzt aber -- fürs erste
--- schaun wir, daß wir zu den anderen ins Forsthaus kommen. Abends
-hältst du dich dann bei mir auf. Vielleicht hab’ ich was für dich.“
-
-In der Nacht, die diesem Tage folgte, schloß Fritz kein Auge. Er suchte
-nicht einmal den Schlaf, hatte kein Verlangen darnach. Rastlos wanderte
-er in seiner Kammer auf und ab, mit leuchtenden Augen, breitete die
-Arme oft weit aus und fühlte sich endlich ganz leicht und frei.
-Abgefallen war, was ihn bedrückt hatte, fortgetilgt die Unrast, das
-Suchen nach einem Überirdischen. Glatt und offen lag der Weg in die
-Zukunft vor ihm.
-
-Er hatte einsehen gelernt, daß er seine Kräfte an etwas zu verschwenden
-im Begriff gewesen, das keiner ergründen konnte. Daß der Gedanke an den
-Zustand nach dem Tode ein Feind des Lebens sei. Und daß die Grübler und
-Dogmatiker die Menschheit um keinen Zoll vorwärts gebracht hatten,
-sondern nur die Handelnden, die Blutzeugen, die Männer der Tat.
-
-‚Ich schreib’ getrost: Im Anfang war die Tat!‘ -- Jetzt fiel’s ihm
-wieder ein, und jetzt konnte er auf einmal nicht verstehen, wie ihn
-nicht schon damals, als er den Faust las, diese einfachste und klarste
-aller Weisheiten auf die richtige Spur gebracht hatte. Daß er erst noch
-viele Monate im Dunkeln getappt und sich gemartert hatte, bis ihn jetzt
-der viel verlästerte Kolben zum Ausgangspunkte zurückführte und die
-Bahn frei machte durch ein paar treffsichere Worte und mit Hilfe einer
-Übersetzung der Hymne ‚An einen unbekannten Gott‘ aus dem Rigveda. Da
-lag sie vor ihm im gelben Lampenlicht, Druckerschwärze auf vergilbtem
-Papier, und sprach mit tausendjähriger Zunge zu ihm, tröstete,
-beruhigte, richtete ihn auf durch die Erkenntnis, daß ein Rätsel, das
-seit unzählbaren Jahren die Menschen zu ergründen sich mühten und nicht
-ergründen konnten, kein Rätsel sei, sondern vererbter Wahn mit einem
-Inhalt ohne Wert für das Leben und für die Entwicklung, eine taube Nuß.
-
-Wieder und wieder las er das mächtige Gedicht in der meisterhaften
-Übertragung, jetzt im Zusammenhang, jetzt einzelne Strophen, und als er
-sie alle auswendig wußte, sprach er die letzten noch und abermals laut
-vor sich hin:
-
- „Wer weiß es denn, wer hat es je ergründet,
- Woher sie kam, woher die weite Schöpfung?
- Die Götter kamen später denn die Schöpfung --
- Wer weiß es wohl, von wannen sie gekommen?
- Nur er, aus dem sie kam, die weite Schöpfung,
- Sei’s, daß er selbst sie schuf, sei’s, daß er’s nicht tat --
- Er, der vom hohen Himmel her herabschaut,
- Er weiß es wahrlich! Oder -- weiß auch er’s nicht?“
-
-
-
-
-Zweites Buch
-
-
-1.
-
-Im Oktober kamen Hellwig und Pichler nach Prag und nahmen Quartier bei
-der Frau Wondra, die in zwei Zimmern fünf Hochschülern Wohnung und
-Verpflegung gegen ein sehr mäßiges Entgelt gewährte. Sie war die Witwe
-eines Unteroffiziers, der ein starker Pfeifenraucher gewesen war und
-ihr außer einer kleinen Pension nichts hinterlassen hatte als dreißig
-Pfeifen von der billigsten Sorte, mit langen und kurzen Rohren, mit
-Gips-, Holz- und bemalten Porzellanköpfen, alle wohleingeraucht und
-arg mitgenommen. Als sich für die duftende Sammlung kein Käufer finden
-wollte, tat es der sparsamen Hausfrau leid, sie unbenützt verstauben
-zu lassen, weshalb sie sich auf ihre alten Tage selbst das Rauchen
-angewöhnt und es hierin noch jedem ihrer jungen Mieter zuvorgetan
-hatte. Da sie kahl war, trug sie sommers und winters dieselbe große
-Haube aus braunem Taft, die den Schädel und die Ohren zudeckte und für
-das gelbe Gesicht einen kreisrunden Rahmen abgab. Was auf dem Kopf an
-Haaren zu wenig, wuchs dafür in gedoppelter Fülle als Schnauzbart unter
-der Nase, die zum Himmel strebte, als wollte sie sich in beleidigtem
-Stolz vor so unfraulicher Zierde zurückziehen, worüber sich hinwiederum
-zwei kleine graue Schlitzäuglein anscheinend sehr belustigten, weil
-sie fortwährend zwinkerten und blinzelten. Doch je ungeschlachter ihr
-Aussehen, je derber ihre Rede war, desto milder und lockerer gerieten
-ihr die Mehlspeisen, die Buchteln, Dalken, Nudeln und Kolatschen, mit
-denen sie für das leibliche Wohl ihrer Studenten sorgte. Aber auch
-das Seelenheil der jungen Leute war ihr nicht gleichgültig, und um die
-schwankende Jugend vor Abwegen zu bewahren, suchte sie ihre Kostkinder
-abends an das Haus zu fesseln, indem sie mit ihnen Schafkopf spielte
-oder ein Quodlibet um ein beschränktes Bierquantum.
-
-In dem größeren der beiden Zimmer wohnten bereits seit einigen
-Semestern der Astronom König, der Philosoph Fundulus und der Mediziner
-Karg, alle drei schon bemoostere Häupter, die sich bei der Wondra
-zufällig gefunden und trotz ihrer verschiedenen Neigungen Freundschaft
-geschlossen hatten.
-
-Diese Freundschaft pflegte regelmäßig auch auf die rascher wechselnden
-Mieter der anderen Stube ausgedehnt zu werden, und schon am Abend nach
-ihrem Einzug erhielten Fritz und Otto unter Führung der Wondra den
-Besuch der Zimmernachbarn. Die Quartiersfrau trug sechs Tabakpfeifen,
-der Mediziner den großen Bierkrug, der Philosoph den Tabaktopf und
-der Astronom die abgegriffenen Spielkarten. Würdevoll überreichte die
-Wondra den neuen Pfleglingen zwei Rauchwerkzeuge zur ausschließlichen
-Benützung für die Dauer des Mietverhältnisses und gegen die
-Verpflichtung, nach einer bestimmten Reihenfolge abwechselnd mit den
-übrigen für die Füllung des Tabakbehälters zu sorgen.
-
-Nach dieser feierlichen Handlung wurde ihnen eröffnet, daß man gesonnen
-sei, sie in die Hausgemeinschaft Wondra aufzunehmen und solche Ehre
-festlich zu begehen mit Hilfe eines Viertelhektoliters Bier, den die
-Aufgenommenen nach Brauch und Fug zum besten geben mußten.
-
-Mit großem Hallo wurde das Faß aus der Schenke geholt, worauf ein
-mächtiges Gelage anhob, in dessen Verlauf der Mediziner mit der
-bärtigen Witwe einen Hopser tanzte, daß die Dielen dröhnten und
-die Haube in greuliche Unordnung kam. Des Philosophen dagegen, der
-eine sehr verliebte und schwärmerische Wesenheit war und nicht viel
-vertragen konnte, hatte sich bald eine weinerliche Stimmung bemächtigt,
-in der er Pichlern von seiner Liebsten daheim erzählte und ihre Treue
-in Zweifel zog, um sich sogleich wieder wegen des schimpflichen
-Verdachtes die bittersten Vorwürfe zu machen.
-
-Fritz saß mit König, einem unentwegten stillen Zecher, beim Fenster und
-hielt durch einsilbige Bemerkungen ein notdürftiges Gespräch mühsam im
-Gange. Doch wurde das dem Sterngucker bald langweilig. Er stand auf
-und gesellte sich dem Philosophen zu, den er durch eine Bemerkung über
-die Minderwertigkeit des Weibes rasch in Harnisch brachte und in der
-anschließenden erregten Auseinandersetzung mit Brocken aus Schopenhauer
-kräftig bombardierte.
-
-Unvermutet fand sich Fritz allein in der Fensternische. Niemand fragte
-oder kümmerte sich um ihn, und es war ihm ganz recht so.
-
-Die Fenster des hoch gelegenen Zimmers gaben Ausblick in einen engen
-Hof und jenseit desselben über ein Gewirr von Dächern und Türmen und
-Giebeln, die in dem silberblauen Glanz der Mondnacht schimmernd ruhten.
-Und dunkel aus dem sanften Glanz herausgehoben, wuchtete darüber der
-Hradschin und trug den mächtigen Dom wie eine schwere, stolze Krone.
-Oben wanderten und neigten sich die Sterne, unten lag die Stadt von
-den beweglichen Wellen des Mondlichts umspielt, -- und inmitten stand
-der alte Königsitz, aller Nähe und Ferne entrückt, in immer gleicher,
-steinerner Ruhe stumm, dunkel und geheimnisvoll.
-
-Sonderbar ergriffen schaute Fritz auf dieses Märchen, das Glanz und
-Nacht und Stille um einsam thronende Größe woben. In der Stube lärmten
-und lachten die Zecher. Er achtete nicht darauf. Sehnsucht nach Arbeit
-überkam ihn, nach einer schöpferischen Tat, an der er seine Kräfte
-erproben, ermüden, ausgeben könnte. Und noch als die übersättigten
-Trinkkumpane schon längst in dumpfen Schlaf versunken waren, lag
-er wach und sehnte sich nach einer Aufgabe, riesenhaft gleich der
-gewaltigen Königsburg, die von Menschenhänden über eine ganze große
-Stadt gestellt, sie machtvoll und unnahbar beherrschte.
-
-Aber er fand nicht, was eigentlich diese Aufgabe sein sollte, und mit
-schmerzendem Schädel schlief er endlich ein.
-
-In der Klarheit des nächsten Morgens, der über einen tiefblauen
-Herbsthimmel eine silberweiße Sonne heraufleitete, erwachte er freier,
-als er sich niedergelegt hatte, kleidete sich rasch an und eilte auf
-die Gasse. Es trieb ihn zu den Stätten, die aus der Ferne solchen
-Eindruck auf ihn gemacht. Er wollte sie durchforschen, erobern, ganz in
-sich aufnehmen wollte er sie und zugleich sehen, ob auch im nüchternen
-Schein des Tages der drückende Zauber bestehen blieb.
-
-Mit niedrigen Türen und kleinen Fenstern unter zerbröckelten Gesimsen
-standen unten in der engen Gasse schmalbrüstige Häuser, mit verrußten
-Mauern und vorspringenden Dächern drängten sie sich aneinander, alt,
-müde, eins das andere stützend und alle vom leisen Abglanz toter
-Jahrhunderte traurig umwittert. Unverändert standen sie so, ließen
-die Jahre vorübergehn, und wenn aus einem der dicken Gemäuer eine
-neue Öffnung herausgebrochen, eins der vielen Trödlergewölbe, wo von
-altersher die armen Juden ihren Handel trieben, in ein dürftiges
-Lädchen mit einem Auslagfenster umgestaltet wurde, ging es die Gasse
-entlang wie raunende Verwunderung ob solch unerhörten Eindringens einer
-andern Zeit.
-
-Als Fritz hinabkam, hatte trotz der frühen Stunde das geschäftige Leben
-bereits begonnen. Mit schlau-vertraulichen Verneigungen grüßten ihn
-die jüdischen Händler, riefen ihm verständnisvoll lächelnd ein paar
-leise Worte zu, auf ihren angehäuften Plunder deutend, in der Hoffnung,
-daß er ihnen etwas abkaufen oder in Pfand geben werde. Langsam ging
-er in der Richtung, wo er den Hradschin vermutete, vorwärts. Seine
-Schritte hallten laut in der engen Häuserschlucht, darüber ein schmales
-Streifchen Himmel war und ein wenig vom erstarkten Sonnenschein, der
-die Giebel vergoldete, ohne daß seine Quelle dem Auge sichtbar wurde.
-Und Gasse folgte auf Gasse, kreuz und quer. Stille Winkel waren da,
-unregelmäßige Plätzchen und dunkle Sackgassen, in denen die Häuser
-geduckt und wie furchtsam verkrochen standen, als hörten sie noch den
-Lärm der Verfolgungen, schauderten vor dem warmen Blut, das in Zeiten
-unduldsamen Glaubenseifers auf ihren Dielen verdampfte, an ihre Wände
-spritzte, in roten Bächen über die finstern Treppen rann.
-
-In dem Durcheinander des gleichförmig engen und schmutzigen Winkelwerks
-hatte Fritz bald jede Orientierung verloren und mußte sich endlich
-entschließen, einen Vorübergehenden nach dem Weg zu fragen. Der aber
-maß den deutschen Studenten mit einem feindseligen Blick, brummte ein
-paar tschechische Worte und gab keine Auskunft. Einigermaßen betreten
-ging Hellwig weiter, und das beklemmende Gefühl, als sei er in ein
-verschollenes Jahrhundert zurückversetzt, wurde stärker. Da kam ein
-weißbärtiger Hebräer, der in seinem Gewölbe den Vorfall mit angesehen
-hatte, auf ihn zu, dienerte und erkundigte sich in einem sonderbar
-harten Deutsch nach seinen Wünschen. Fritz sah auf das freundliche
-Männlein, das mit hohem Hut, fuchsigen Schaftstiefeln und schmierigem
-Leibrock vor ihm in der Häuserschlucht stand und vermißte -- er wußte
-nicht, wie ihm das in den Sinn kam -- die steife blaue Halskrause, die
-die böhmischen Juden noch im siebzehnten Jahrhundert auf der Straße
-tragen mußten. Doch zwang er sich in einem energischen Aufraffen des
-spukhaften Traumzustandes Herr und der Gegenwart wieder gerecht zu
-werden, brachte sein Anliegen vor und erhielt umständlichen Bescheid.
-
-Er bedankte sich, durchschritt noch einige Gassen und gelangte endlich
-zur Karlsbrücke. Vor ihm rollte, um Inseln, Mühlen und Brückenpfeiler
-brodelnd, mit braun dunklem Wasser der breite Strom, drüben baute sich
-Giebel über Giebel mit Kuppeln und Türmen und Zinnen die Kleinseite
-auf, und darüber ruhte, durch einen herbstlich goldigen Gartenwall
-geschieden, breit und wuchtig der Hradschin, in der Klarheit des Tages
-gleich hoheitsvoll und unnahbar wie im trüglichen Dämmer der Mondnacht.
-Nur die Linien waren schärfer und bestimmter die gewaltige Majestät,
-die der Veitsdom krönte, der im Panzer seines Gerüstwerks stumm und
-dunkel vor dem blauen Himmel stand.
-
-Keinen Blick hatte Fritz für die altertümliche Schönheit des Platzes,
-auf dem er sich befand, für den Auslug durch zwei Torbogen zum
-langgestreckten Moldaukai hinab, für die Türme und steinernen Bildwerke
-der berühmten Brücke. Unverwandt schaute er zur Burg hinüber, deren
-lautlose Größe ihn quälte und erdrückte.
-
-Dann war er am andern Ufer, ging wie schlafwandelnd an alten Palästen
-vorüber, hinter deren geöffneten Torflügeln die Trauer sterbender
-Gärten wehmütig versunken lag; durch eine steil ansteigende Gasse
-schritt er, und auch hier webte die Erinnerung, war die Stille einer
-längst verwehten Zeit. Doch war hier ein anderer Stil in den Häusern,
-die Fassaden waren reicher und schmuckvoller, durch schön geschmiedete
-Gitter oder kunstvolle Tore vorteilhaft gehoben. Allerlei Schildereien
-zierten die Fronten, hier glänzte ein silberner Schlüssel im blauen
-Felde über der Haustür, dort ein Wagenrad oder Winkelmaß, da wieder
-sprang ein Hirschlein mit vergoldeten Hufen, blühte eine vielblättrige
-Blume, als Zeichen einer Innung oder Wappen eines längst verstorbenen
-Besitzers und seines stolzen Bürgertums.
-
-Noch die Schloßstiege hinan, dann war er oben, trat ohne sich umzusehen
-durch die kühlen Torbogen in die weiten stillen Burghöfe. Eine pochende
-Unrast stieß ihn vorwärts, beklommen spähte er überall umher, aber kalt
-und abweisend ragten die mächtigen Quadermauern, schauten gleichgültig
-über ihn weg und ließen sich nicht nahe kommen. Und als er vor dem
-Veitsdom stand, da wuchs auch dieser hart vor ihm trotz der leicht
-aufstrebenden Schlankheit der Rippen, der wunderlich verzerrten Fratzen
-der Wasserspeier ruhig und sicher in die Luft hinauf, wie ein Gebirge
-aus Stein und Stille.
-
-Verzweifelt lief Hellwig von einer Örtlichkeit zur andern, ein
-ohnmächtiger Zorn war in ihm, daß ihn ein Menschenwerk so klein
-machen durfte, er wehrte sich dagegen und spürte doch, wie er dieser
-unfaßbaren Größe mehr und mehr unterlag.
-
-Da fand er sich unversehens an einem seltsamen Orte. Bunte Häuschen
-waren da, so klein, daß er mit der Hand den Dachsims fassen konnte,
-eines neben dem andern, mit Türchen und Fensterchen, wie von Zwergen
-für Zwerge geschaffen. Er war in das Alchimistengäßchen geraten. Und
-wie er näher zusah und wie ihm einfiel, daß der zweite Kaiser Rudolf
-mit seinen Magiern, Goldmachern und Sterndeutern hier hausete, da --
-atmete er leicht auf.
-
-Hier war etwas menschlich Warmes, eine Schwäche, ein mildes Licht, das
-auf die riesenhaften Prachtbauten hinüber leuchtete und ihnen allen
-Schrecken nahm. Tief unten lag die Stadt, zu beiden Ufern des Stroms
-hingebettet, ihre hundert Türme und Kuppeln und Türmchen leuchteten,
-blitzten und funkelten in der Sonne -- und wer von hier hinabschaute
-mit dem Bewußtsein des Herrschers, dem konnte wohl zumute sein, als
-stände er berghoch über all den geduckten Siedelungen, über all den
-ameisenklein wimmelnden Menschen im flachen Lande und könnte sie
-zertreten mit stampfendem Fuß nach Lust und Laune. Darum schuf er
-sich und seinem schrankenlosen Machtgefühl den unnahbar stolzen,
-riesenhaften Bau auf steiler Höhe, fern von allem Menschentreiben und
-der Sonne näher. Doch siehe -- dicht daneben, versteckt und heimlich,
-stellte er die kleinen, schwachen Hütten auf und trug aus der stolzen
-Burg sein schwaches, kleines Menschentum dorthin, wenn es ihn zu quälen
-anfing. Bei abergläubischem Spuk und geraunten Zaubersprüchen suchte er
-daran zu vergessen, aus glühenden Gemengen in absonderlich geformten
-Retorten sollte der hilflosen Ohnmacht ein Mittel zur Allmacht
-erstehen, im gelassenen Lauf der Gestirne nach der Zukunft forschend,
-wollte der Blinde sehend und wissend werden.
-
-So standen diese Häuschen als rührende Zeugen menschlicher Ohnmacht,
-die vergebens über ihre Grenzen tastet, und so wirkten sie befreiend
-und versöhnend auf Hellwig. Plötzlich war ihm Burg und Dom vertraut
-geworden. Der Gewalt des ersten Eindrucks entronnen, bemerkte er
-jetzt überall heimliche Schönheiten und anheimelnde Winkel, vom
-Zauber der Romantik überhaucht. Ganz glücklich wurde er darüber.
-Und jedesmal, wenn später wieder ein scheinbar unbegreiflich großes
-Menschenwerk lähmend auf ihn wirken wollte, mußte er an die kleinen
-Alchimistenhäuschen denken und lächelte leise fröhlich dabei.
-
-
-2.
-
-Pichler hatte sich für die Juristerei entschieden, während Hellwig
-nicht so ohne weiters schlüssig werden konnte. Zwar segelte er
-vorläufig ebenfalls unter der Flagge der Rechtsgelehrsamkeit, besuchte
-indes auch zahlreiche philosophische und naturwissenschaftliche
-Vorlesungen und wollte sich erst nach dem ersten Semester endgültig
-entscheiden.
-
-Bald sah er ein, daß er sich mit dem römischen Recht nie werde
-befreunden können. Die nüchterne Sachlichkeit desselben lief seinem
-nachdenklichen Wesen schnurstracks zuwider. Er begann das Kolleg
-zu schwänzen, saß während der so gewonnenen Zeit lieber in der
-Universitätsbibliothek. Gedrängt durch die Fülle der Erinnerungen,
-die sich ernst und eindringlich allerorten in der Stadt aufzeigten,
-begann er hier ein eifriges Geschichtsstudium und bemühte sich außerdem
-einen Überblick zu gewinnen über die Entwicklung der Kulturen und über
-die Verfassungen der Völker. Auch an den Nachmittagen verweilte er
-gern in dem hohen, wölbigen Saal, wo es so flüsternd leise herging,
-die Diener mit schweren Bücherpäcken nur auf den Zehen hinter den
-Stuhlreihen umherschlichen und über vergilbte Schmöker gebeugt, junge
-und alte Leute emsig lasen oder Auszüge machten. Das Rascheln der
-starken Pergamentblätter, das Knistern des Papiers und das Gekritzel
-der Bleistifte gab eine gute, zu geistiger Sammlung ladende Melodie. Im
-Flug vergingen ihm die Stunden, und nach seiner Meinung gewöhnlich viel
-zu früh stand der Diener hinter ihm mit der höflich-leisen Einladung,
-Schluß zu machen, weil gleich gesperrt würde. Wohl entlieh er sich
-auch Bücher und trug sie in seine Wohnung. Aber dort war abends an ein
-ernstes Arbeiten nicht zu denken.
-
-Nebenan in der großen Stube fand sich täglich die geräuschvolle
-Quodlibetpartie zusammen. Pichler war jetzt einer der fleißigsten
-dabei, denn er hatte dem Spiel Geschmack abgewonnen und pflegte es
-mit dem gleichen geschäftsmäßigen Eifer, den er tagsüber auf sein
-Studium verwendete. Aber auch der einsame Bücherwurm im Nebenzimmer
-blieb nicht unbehelligt. Jede halbe Stunde steckte die Wondra den Kopf
-zur Tür herein und forderte ihn auf, mit ihnen lustig zu sein. Oder
-es erschien der Philosoph und erlaubte sich eine spezielle Blume. Und
-wenn Karg zu Hause war, kam er ebenfalls und wich nicht, bis Hellwig
-endlich aufstand und sich den fröhlichen Zechern zugesellte. Dann
-bemühte sich Karg so gewinnend als möglich zu sein. Denn die zwei
-strammen Neuberger gefielen und schienen ihm der Fuchsenehre würdig bei
-der Landsmannschaft Herminonia, der er selbst angehörte. Grün-weiß-rot
-waren die Farben, unentwegt und immerdar judenrein, arisch-deutsch
-die Mitglieder, gewaltig ihre Leistungen im Vertilgen des bräunlichen
-Gerstensaftes, und mit neidvoller Bewunderung erzählte man sich in
-den anderen Verbindungen von den ungezählten Halben, die auf den
-Herminonenkneipen die schwitzenden Kellner herbeischaffen mußten.
-
-Dieserhalb, nicht minder aber wegen ihrer geradlinigen Ehrlichkeit war
-das Ansehen der Herminonen unter der farbentragenden Studentenschaft
-groß. Sie wußten es sich aber auch zu erhalten durch die immer bereite
-Kühnheit, mit der sie auf dem Paukboden standen, wo sie dann die
-scharfen Klingen ebenso geschickt und flink handhabten, wie sie bei den
-Hochschülerkränzchen plump und ungelenk das Tanzbein schwangen, mit der
-gleichen Seelenruhe dort furchtbare Rückschneidquarten in die Gesichter
-der Gegner, hier nicht minder gefürchtete Tritte auf die Zehen der
-Tänzerinnen austeilend.
-
-Den unablässigen Werbungen des Mediziners glückte es endlich, seine
-beiden Stubennachbarn zur Teilnahme an der Eröffnungskneipe zu bewegen.
-Pichler tat es gern mit der frohen Aussicht auf eine vergnügliche
-Unterhaltung, während Hellwig mitging, um sich die Geschichte einmal
-anzusehen und aus eigener Anschauung eine Sache kennenzulernen, deren
-Lob ihm seit der Gymnasialzeit in die Ohren tönte.
-
-Wie alte Bekannte wurden sie aufgenommen, trafen hier auch einige,
-mit denen sie gemeinsam die Schulbank in Neuberg gedrückt hatten,
-schon in junger Fuchsenherrlichkeit mit Kappe und Band und im
-Vollgefühl ihrer neuen Würde. Einer war darunter, der hatte noch
-kaum vor Jahresfrist in der Geschichtsstunde behauptet, daß sein
-Vaterland eine absolutistische Verfassung habe. Jetzt aber redete er
-von der Notwendigkeit der Sonderstellung Galiziens, von der deutschen
-Staatssprache und von der Einsicht, die Bismarck mit der Gründung des
-Norddeutschen Bundes unter Ausschluß Österreichs an den Tag gelegt,
-redete noch von vielen anderen Dingen, als hätte er selbst sie gemacht
-und alle hohe Staatswissenschaft in der Westentasche. Und ein anderer
-war da, Karl Deimling, schon ein alter Knabe, der redete beinah
-überhaupt nichts, sondern trank nur immerzu, und wenn er sonst noch
-die Lippen voneinander tat, war es zum Singen eines rauhen Trinkliedes
-oder zu einer knappen Bemerkung, die mit harter Grobheit wie eine
-Panzergranate einschlug. Doch war er ein zuverlässiger Kamerad, treu
-wie ein Bulldogg, und kannte kein anderes Ideal, als die Farben der
-Herminonen untadelig blank zu halten vor Feind und Freund. Schon
-manchen Fuchs hatte er gedrillt. Ja fast alle, die jetzt als Burschen
-an der oberen Tafel saßen, waren einst mit sprossenden Bärten und den
-ungelenken Bewegungen junger großer Tiere unter seine Fuchtel gekommen.
-Prachtkerle waren darunter aufgestanden, sehnige Gestalten mit
-blutroten Narben in den energischen Gesichtern, mit Augen, die in einem
-selbstverständlichen Mut kühl und beinah schwermütig darein blickten,
-und mit einer geflissentlich zur Schau getragenen Kaltblütigkeit,
-die sie älter und reifer erscheinen ließ. Doch wenn sie ganz unter
-sich waren, dann warfen sie diese Würde wie einen lästigen Mantel ab,
-schäumten auf und brausten in zweckloser Lebensfreudigkeit, wurden
-übermütig wie Füllen, ausgelassen wie Kinder nach dem Gottesdienst.
-Hellwig aber begriff weder die Notwendigkeit jenes gemessenen Gehabens,
-noch hatte er Verständnis für die harmlose Freude an Unsinn, Kinderei
-und Ulk. Er konnte nicht mit dem Leben spielen, hatte sich auf jede
-Sache noch immer mit der ganzen Wucht seiner schweren Gründlichkeit
-geworfen und kannte die Freude des Schwimmers nicht, der im Ringen mit
-hoch gehenden Wogen seine überschüssige Muskelkraft um ihrer selbst
-willen vergeudet.
-
-Feierlich wurde die Kneipe eröffnet, weihevoller Sang ertönte zum
-Preise der Freiheit und des Deutschtums. Sehr anständig und förmlich
-ging es zu, bis unten an der Fuchsentafel ein lustiges Trinklied
-aufklang: „Sa, sa, geschmauset, laßt uns nicht rappelköpfisch sein!“
-
-Da war das Eis gebrochen. Ein scharfes Zechen hob an, Blumen wurden
-zugetrunken, Bierjungen gebrummt, Übermütige zum Einsteigen verdonnert.
-Karg als Fuchsmajor hielt scharfes Regiment. Er ließ seine Füchse
-strafweise trinken, daß sie anschwollen wie Schwämme im Wasser. Das
-kleinere der Trinkhörner begann zu kreisen. Staunend sah Hellwig, wie
-mit Ausnahme der allerjüngsten jeder das erzbeschlagene Gefäß in einem
-Zuge leerte, ohne Atem zu holen, ohne zu verschütten oder zu ‚bluten‘.
-Die Pfeifen qualmten, eine dicke Wolke Tabakdampf umschleierte die
-Gasflammen, drückend heiß wurde es. Der Schläger des Erstchargierten
-fiel immer öfter dröhnend auf die Tischplatte: „Silentium!“ --
-„Silentium!“ donnerte gleichzeitig Karg seinen Füchsen zu.
-
-Wieder stieg ein ernster ~Cantus~. Aber der klang nur so, wie in der
-Kirche das Meßlied: pflichtgemäß, korrekt, ohne Wärme.
-
-„~Cantus ex! Colloquium!~“
-
-„Heil dem ~Cantus~!“
-
-„Verflucht, sind die Füchse ledern!“ rief da der schweigsame Deimling.
-„Liefert endlich einen Ulk! Oder ich lass’ euch spinnen, daß ihr
-Schusterbuben kotzt!“
-
-Nun sammelte Karg seine Knappen, beriet sich flüsternd mit ihnen, und
-die ganze Fuchsentafel zog ins Nebenzimmer. Auch Pichler ging mit,
-der sich rasch hineingefunden hatte und, leicht beschwipst, alles im
-rosigsten Licht sah. Nach einer Weile kamen sie mit brennenden Kerzen
-zurück. Der Fuchsmajor rückte einen runden Tisch von der Wand, stellte
-einen Stuhl darauf und ließ sich dort oben nieder. Die Füchse aber
-umkreisten ihn und sangen:
-
- „Jessas, a Ringelg’spiel
- Is a Hetz und kost’ net viel.
- Alles draht sich um und um,
- Tschindarassa bumbumbum!“
-
-Immer schneller sangen sie und immer rascher bewegten sie sich in der
-Runde, erst auf dem Fußboden, dann von Stuhl zu Stuhl, endlich auf
-dem Tisch, so viel ihrer Platz hatten. Das Singen wurde Gebrüll, das
-Getrappel Staub aufwirbelndes Stampfen, der Boden schwankte, die Gläser
-klirrten, bis endlich mit einem Huronengeheul die Darsteller insgesamt
-in die Knie sanken, teils auf den Dielen, teils auf den Sesseln und auf
-dem Tisch, sich mit hoch gehaltenen Lichtern zu einer Art Schlußgruppe
-um den Fuchsmajor vereinigend, der die Arme an den Leib gedrückt, die
-Hände auf den Schenkeln wie ein ägyptischer König auf seinem Sitz
-hockte.
-
-Da sauste plötzlich ein faustgroßer Stein durch eine splitternde
-Fensterscheibe, klatschte gegen die Wand und fiel polternd nieder,
-indes der Mörtel langsam nachrieselte. Ungestüm sprangen die Füchse
-auf, aber schon rief Karg, vom Tisch herabspringend, sein donnerndes:
-„Silentium!“ Da mußten sie bleiben. Die Burschen bewahrten eisige
-Gelassenheit.
-
-„Der Esel von Kellner hat wieder einmal nicht zugemacht!“ sagte
-Deimling, stand auf und trat an das zerbrochene Fenster, um die Läden
-zu schließen. Gejohl schallte von der Gasse, ein zweiter Stein
-flog knapp an seinem Kopf vorbei. „Nur keine Aufregung!“ brummte
-das alte Semester, unerschüttert ruhig mit dem widerspenstigen
-Rolladen beschäftigt. Der Erstchargierte, ~stud. med.~ Braun, ein
-breitschultriger Hüne aus dem Egerland, hatte inzwischen das andere
-Fenster verwahrt. „Sehen Sie,“ wandte er sich zu den Gästen, „die edlen
-Söhne der Libuscha heißen uns auf ihre Art willkommen. Geschieht öfters
-so, man gewöhnt sich daran! -- Aufgepaßt, Füchse!“ fuhr er mit scharfer
-Kommandostimme fort. „Bei solchen Sachen ist die erste Pflicht: ruhig
-bleiben! Nicht mit der Wimper zucken! Sonst ist der Krawall fertig!
-Schreibt euch das hinter die Ohren! Und nun steigt: ‚Die Wacht am
-Rhein‘. ~Cantor, incipias!~“
-
-„Es braust ein Ruf wie Donnerhall!“ stimmte der Sangwart an, alle
-fielen ein, und diesmal wehte wirklich etwas vom Sturmatem der
-Begeisterung in den frischen Stimmen.
-
-Fritz aber war wärmer geworden. Das sichere Auftreten der jungen Leute,
-ihre kalte Geistesgegenwart und die musterhafte Zucht, mit der sie
-hinter sorgenlosem Leichtsinn und behaglicher Fröhlichkeit versteckt,
-einen zähen Kampf um ihre Muttersprache führten, das alles zwang ihm,
-der nicht ihre Ansichten teilte, Achtung ab, weil hier ein ehrliches
-Wollen zu spüren war. Er wurde gesprächiger, taute auf und weil sich,
-hierdurch angeregt, auch jene freier gaben, geschah es, daß er in ein
-ganz leidliches Verhältnis zu ihnen kam. Er blieb bis zum Schluß in der
-Kneipe und als beschlossen wurde, noch ein Kaffeehaus aufzusuchen, ging
-er ebenfalls mit.
-
-Je drei oder vier in einer Reihe, zogen sie geräuschvoll durch die
-spärlich erhellte Gasse zum Wenzelsplatz. Die Nacht war bereits
-ziemlich vorgerückt, in den Straßen bewegten sich nur vereinzelte
-Schwärmer. Unerwartet aber brach mit großem Getöse aus einem
-Nebengäßchen ein Trupp meist jüngerer Leute. Sie hatten schwarze
-Samtbaretts schief auf den mähnigen Köpfen, schwangen drohend dicke
-Stöcke und gebärdeten sich ohne ersichtlichen Grund sehr aufgeregt und
-wild. Es waren die Mützen der deutschen Studenten, die das tschechische
-Jungvolk derart in Zorn brachten. Denn in ihm war die Unduldsamkeit
-eines kleinen Stammes, der rings von einem großen umklammert,
-eifersüchtig seinen Besitzstand wahrt, in jedem Farbenbändlein des
-Feindes eine Gefahr für sich erblickend. Worte wie Provokation und
-Frechheit fielen, und schon auch zerbrach ein Spazierstock an dem
-harten Schädel Deimlings. Der schüttelte sich nur wie ein Auerochs,
-den ein Kieselsteinchen traf, nahm Hellwig, der ihm zunächst schritt,
-unterm Arm und ging weiter mit finsterer Miene, ohne ein Wort zu
-sprechen. Auch die andern Herminonen hatten sich zusammengeschlossen,
-marschierten Schulter an Schulter dicht gedrängt, mit unbewegten
-Gesichtern, und redeten nicht. Jeder Widerstand, das wußten sie, trieb
-Wasser auf die Mühlen der Gegner, und schon mehr denn einmal hatte die
-unbedeutende Verletzung eines Tschechen in einem solchen Raufhandel den
-Vorwand abgegeben zur Zerstörung deutschen Eigentums, zu Plünderung und
-Raub. Darum dämmten sie gewaltsam ihren Zorn zurück und zogen Schritt
-für Schritt gelassen weiter. Voran ging der riesenhafte Braun, mit
-Schultern und Ellbogen sich den Weg durch die Erregten bahnend, die
-mit heftigen Gebärden immer wieder herzu drängten und zurückwichen,
-unschlüssig, ob sie einen ernstlichen Angriff wagen sollten. Ihre
-lauten Stimmen erfüllten die Gasse, lockten die Gäste aus den Schenken
-vor die Türen, und mancher schloß sich dem Zuge an. Und jedesmal,
-wenn einer sich hinzugesellte, wurde ihm, der vordem ganz ruhig sein
-Schöpplein getrunken, das Gesicht fahl vor Aufregung und in den
-glitzernden Augen erwachte der Haß. Wie eine elektrische Wolke umhüllte
-er das lautlose Häuflein der Studenten, und endlich mußte die Entladung
-erfolgen.
-
-Als der Trupp an einem Neubau vorüberkam, raffte einer blind vor Wut
-einen Ziegelbrocken, warf und traf einen Herminonen an die Schläfe.
-Der ächzte, stolperte nach vorn und wäre hingefallen, wenn ihn nicht
-seine Bundesbrüder schnell gestützt hätten. Aus einer Fleischwunde
-floß ihm das Blut über Gesicht und Kleider. Hellwig aber, in dem es
-schon lang brodelte, war, ehe ihn Deimling zurückhalten konnte, mitten
-in den dichtesten Knäuel gesprungen, bekam den Werfer zu fassen und
-schmetterte ihn in aufflackerndem Jähzorn zu Boden. Im Nu war der
-Wildling zwischen den Tobenden eingekeilt, die mit Fäusten und Stöcken
-nach ihm hieben, Kragen und Binde von seinem Hals rissen und ihn durch
-ihre Überzahl arg bedrängten. Er wehrte sich, so gut oder schlecht es
-ging. Der Hut war ihm vom Haupt geschlagen worden, sein feines Haar
-flatterte im Luftzug und gab lichten Schein über der gefurchten Stirn,
-die weiß aus dem Halbdunkel leuchtete, während der übrige Teil des
-Gesichts darin versank. Von vorn gestoßen, gezerrt von rückwärts, von
-allen Seiten geknufft, geschoben und gequetscht, mußte er sich darauf
-beschränken, die Hiebe mit emporgehobenen Armen von seinem Kopfe
-abzuwehren, und es wäre ihm übel ergangen, wenn nicht Deimling und
-Braun zu Hilfe gekommen wären. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen
-und die vorgehaltenen Fäuste wie Rammböcke brauchend, brachen sie sich,
-ostfränkische Bauernsöhne, unwiderstehlich Bahn und stellten sich
-kampfgewärtig um den Bedrängten.
-
-Nun aber eilten Wachleute herbei und trennten die Streitenden.
-Die Tschechen wurden in die Gasse zurückgedrängt, die Hochschüler
-unter polizeilichem Schutz zum Kaffeehaus geleitet und dem Portier
-überantwortet, der sofort die Tore hinter ihnen schließen mußte.
-
-
-3.
-
-Der junge Mensch, den Fritz aufs Pflaster geschleudert, hatte
-zwar nicht gefährliche, aber immerhin ernstlichere Verletzungen
-davongetragen. Wie Hühner auf gestreuten Weizen, stürzten sich
-Zeitungsleute auf den Vorfall und schon die tschechischen
-Mittagsblätter brachten spaltenlange Berichte. Scheinbar ruhig und
-sachlich gehalten, wirkten sie durch Unterdrückung oder einseitige
-Beleuchtung einer Tatsache besser als die schärfsten Brandartikel und
-verfehlten in ihrer geschickten Fassung die beabsichtigte Wirkung nicht.
-
-Leidenschaftlich erregte Volksmassen sammelten sich und zogen singend
-durch die Straßen. Auf dem Graben, der sonst nach stillschweigendem
-Übereinkommen den Deutschen zum Abendbummel überlassen blieb, zog in
-geschlossenen Reihen die slawische Jungmannschaft auf, Jünglinge und
-Mädchen mit rot-weiß-blauen Bändern und Schleifen streiften umher und
-umringten die deutschen Burschenschaftler mit wüstem Geschrei. Langsam
-anschwellend rollte es die Straße entlang, brandete an den Häusern
-empor, ebbte ab und schwoll zurückkehrend wieder an, murrte, tobte,
-donnerte ohne Aufhören hinab und hinauf, von einem Menschenschwarm dem
-andern zugeworfen, bald dumpf am Boden hinrollend, bald schrill in
-die schwere, nebelfeuchte Abendluft flatternd, die es sogleich wieder
-niederdrückte und am Boden festhielt.
-
-Mit gelben Höfen leuchteten die Straßenlampen nur verschwommen in der
-Dämmerung. Gleich schwarzen Käfern hasteten die Menschen durcheinander,
-und wo eine Studentenkappe sichtbar wurde, entstand ein heftigerer
-Wirbel in den wimmelnden Massen, stürzten alle ungestüm herzu,
-fluchend, gestikulierend und aufs heftigste erbittert.
-
-Hellwig ging mit Braun und Deimling im Zuge der Herminonen. Pichler
-war verschwunden. Als der tolle Lärm losbrach, hatte er sich sacht
-davongestohlen. So stumm und kleinlaut, wie er vordem auf dem Weg
-von der Kneipe zum Bummel keck und prahlerisch einem entschiedenen
-Widerstand das Wort gesprochen, war er über die Straße und durch die
-nächste Seitengasse heimgegangen.
-
-Das Gewühl wurde immer stärker und schon lieferte man sich da und dort
-kleine Scharmützel. Aber sie waren nur rasch und kurz, als sollten
-vorerst die Kräfte geprüft und ausgekundschaftet werden, wie weit der
-Gegner zu gehen entschlossen sei. Da fiel es plötzlich einem verwegenen
-Häuflein von sieben rotbemützten Teutonen ein, die Wacht am Rhein
-anzustimmen. Gewaltig sangen sie mit ihren schweren Bässen das deutsche
-Wehr- und Trutzlied in das einförmige Gejohl.
-
-„Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!“ Weiter kamen sie nicht.
-Wie losgelassene wilde Tiere stürzten sich die Tschechen auf die
-unbedachten Heißsporne. „~Mažte ji!~ Haut sie!“ brüllten die Jünglinge
-mit der slawischen Trikolore, und manches zarte Mädchen bearbeitete
-mit dem Regenschirmchen die Köpfe der Sänger, bis das luftige Dach in
-Fetzen am geknickten Stäbchen flatterte.
-
-Aber auch die andern Hochschüler mußten die Unbesonnenheit der sieben
-Kampfhähne entgelten. Eine Sturzwelle, warf sich die entfesselte Wut
-gegen die Deutschen und brachte sie nun wirklich in ernste Gefahr.
-Berittene Schutzleute sprengten in die Menge. Sie vermochten nichts
-gegen die wache Leidenschaft. Die arg bedrohten Deutschen flüchteten in
-die Fluren der Häuser. Aber mancher Hausbesorger weigerte ihnen auch
-diese Zuflucht und trieb sie wieder auf die Gasse, wo die ergrimmten
-Slawen neuerdings über sie herfielen. Die Geschäftsleute hatten ihre
-Läden schon früher geschlossen. Nun beeilten sich auch die Wirte und
-Kaffeesieder, ihre Spiegelscheiben zu verwahren, denn bereits waren
-viele eingedrückt und zertrümmert.
-
-Vor dem deutschen Vereinshaus war das Gedränge am ärgsten. Den
-meisten Studenten war es nach hartem Strauß gelungen, sich dorthin
-zurückzuziehen. Die Menge aber schickte sich allen Ernstes an, das
-Gebäude zu stürmen. Schon splitterte das Holz an den Fensterläden,
-wurden die Torflügel bedrohlich locker, als eine Schar Dragoner
-heransprengte, die im Verein mit einigen Abteilungen Fußvolk die
-Volksmassen ziemlich rasch in die Seitenstraßen abdrängten.
-
-Aber während am Graben das militärische Lagerleben sich entfaltete,
-während die angepflockten Pferde mit gesenkten Köpfen schlafend neben
-Sattelzeug und Pyramiden von Gewehren standen, während die Posten auf
-und nieder schritten, umsummt von den leisen Gesprächen der ruhenden
-Mannschaft, -- ein Säbel klirrte, ein Pferd schüttelte sich und
-wieherte leise, still und dunkel standen die Häuser, -- währenddessen
-rotteten sich in den Vororten die Vertriebenen wieder zusammen, und von
-den immer bereiten Scharen arbeitsscheuer Halunken unterstützt, nahmen
-sie Rache dafür, daß man sie in der Wahrung ihrer vermeintlichen
-Rechte mit Waffengewalt gehindert hatte.
-
-Deutsche Firmenschilder wurden von den Häusern gerissen, die Geschäfte
-aufgebrochen, die Vorräte auf die Gasse geschleppt, vernichtet,
-geraubt. Und die Steine flogen in die Säle deutscher Bildungsstätten
-und wissenschaftlicher Anstalten, flogen in die Spitäler bis zu den
-Betten der wehrlosen Kranken, verbreiteten Schrecken und Angst in den
-Räumen, die das tiefste Menschenelend umschlossen, vermehrten die
-Leiden der Schwerkranken und warfen halb Genesene in neues Siechtum.
-
-Die ganze Nacht dauerten die Überfälle. Sie waren so ausgezeichnet ins
-Werk gesetzt, daß der Pöbel, dem ein Heer von Spähern zur Verfügung
-stand, seine Arbeit regelmäßig gründlich abgetan und sich aus dem
-Staub gemacht hatte, wenn endlich die Hüter der öffentlichen Ordnung
-auftauchten. Auch der nächste Morgen brachte keine Ernüchterung.
-Posten lauerten bei verdächtigen Häusern, stürzten sich auf jeden, der
-heraustrat und mißhandelten ihn, wenn er als Deutscher erkannt wurde.
-Und wo noch ein unbewachtes deutsches Kauflädchen zu finden war, wurde
-es aufgesprengt und ausgeplündert. Die Behörden waren unentschlossen,
-zauderten und fürchteten sich vor den möglichen Folgen energischer
-Maßregeln.
-
-So verging auch dieser Tag und noch eine Nacht unter fortwährendem
-Tumult. Während der ganzen Zeit durften die Studenten das deutsche
-Vereinshaus nicht verlassen. Ein starker Militärkordon bewachte sie,
-aber heraus ließ man niemanden, der nicht einen unauffälligen Hut
-vorweisen konnte. Denn man wollte vermeiden, daß durch den Anblick der
-bunten Mützen die Menge von neuem gereizt und zu einem Angriff gegen
-die Truppen verleitet werde.
-
-In diesen Tagen höchster Bedrängnis wurde wieder einmal eine deutsche
-Eintracht geboren. Mit pomphaften Worten und tausend Vorbehalten
-erklärten sich die radikalen Fraktionen bereit, ihre gegen Judentum
-und Liberalismus geschliffenen Streitäxte bis zur Wiederkehr besserer
-Zeiten zu vergraben. Mit weitschweifigen Debatten und großen Reden ging
-ein kleines Geschlecht daran, das neugeborene Zufallskind eines großen
-Augenblicks auf die Taufe zu heben.
-
-Nun war da unter den Freisinnigen ein Hochschulprofessor, der in
-seiner stillen Gelehrtenstube ein fleißiges Arbeitsleben führte, in
-bescheidener Zurückgezogenheit seiner Wissenschaft lebte und von vielen
-übersehen oder wenig beachtet wurde, weil er jedem Hervortreten fast
-ängstlich auswich. Um so größeren Eindruck machte es, als er sich jetzt
-unter dem Zwang einer ehrlichen Entrüstung zur ganzen Höhe seiner
-hageren Gestalt erhob und die Erregung hinter einer trockenen Knappheit
-bergend, mit dürren Worten darlegte, was nach seiner Ansicht zur Abwehr
-weiterer Drangsal und zur Sühne der erlittenen Unbilden fürs erste zu
-geschehen habe. Über seine Anregung wurde an den Ministerpräsidenten
-ein Telegramm abgesendet, worin der kalte Stolz gekränkten Rechts
-sofortige Abhilfe forderte, wenn es nicht zur Selbsthilfe kommen
-sollte. Dann begab sich eine Abordnung zum Statthalter und verlangte
-Schutz und entschiedenes Eingreifen.
-
-Jetzt endlich wurde der Belagerungszustand über die aufgestörte Stadt
-verhängt und binnen kurzer Frist eine halbwegs erträgliche Ordnung
-hergestellt.
-
-Durch diese Ereignisse wurde Fritz gegen Wunsch und Absicht in den
-Wirbel der nationalen Bewegung mit hineingerissen. Seine zupackende
-Handgreiflichkeit gegen den Ziegelwerfer hatte ihn bekannt gemacht.
-Er wurde als Vertreter der Finkenschaft in die Abordnung gewählt,
-und da es den Kampf gegen eine Ungerechtigkeit galt, sagte er nicht
-nein. Die vollwertige Persönlichkeit jenes Universitätsprofessors
-aber nahm ihn rasch gefangen, war mit ihrer ehrlichen Begeisterung
-und Besonnenheit ganz darnach angetan, den unberatenen Jüngling in
-der Ansicht zu bestärken, daß hier um ein Menschengut gekämpft werde,
-das auch tüchtigen und reifen Männern kostbar sei. Darum legte er
-sich unbesinnlich mit voller Kraft ins Zeug und gab sein Bestes her,
-um den überkommenen Auftrag ehrenvoll zu bestehen und dem Volke,
-dem er angehörte, nützlich zu sein, soweit er das als halbfertiger
-und unerfahrener Schüler vermochte. Doch fand er trotz allem in
-dieser Tätigkeit keine volle Befriedigung, spürte vielmehr ein vages
-Unbehagen, ohne die Quelle zu kennen, aus der es floß.
-
-
-4.
-
-Während der zwei Sturmtage hatte auch Pichler die Wohnung nicht
-verlassen. Doch hielt er sich nicht in seiner eigenen Stube auf, in
-die leichtlich von der Gasse ein Stein hätte fliegen können, sondern
-vertrieb sich im Hofzimmer die Zeit, so gut es ging, indem er mit der
-Wondra Mühle spielte, meistens aber rauchend mit gekreuzten Beinen
-im Lehnstuhl des Astronomen saß und nicht zum Hradschin, sondern den
-Leuten des gegenüberliegenden Hauses in die Fenster schaute. Das
-behagte ihm je länger, je besser, da es zumeist dienstbare weibliche
-Wesen waren, die er zu Gesicht bekam und die in hofseitigen Küchen
-und Kammern tagsüber mit den Hausfrauen um die Wette geschäftig sich
-regten, in einsamer Frühe mit Hemd und Unterrock bekleidet sich die
-Haare ordneten und abends auch noch die Röcke auszogen, um sich rasch
-zu reinigen, bevor sie die Lämpchen verlöschten.
-
-Die Wondra störte ihn nicht in diesem beschaulichen Treiben. Wohl
-hockte sie rauchend, schwatzend und strickend im selben Zimmer, aber
-sie schaute meist auf den Wollschlauch, der unter den klappernden
-Nadeln zusehends wuchs und hatte durchaus nicht acht, wohin unterdessen
-ihr Mietsmann die Blicke wandern ließ.
-
-Von den Vorfällen der letzten Tage wußte sie die übertriebensten und
-blutrünstigsten Geschichten zu erzählen, mit einer Anschaulichkeit, als
-wäre sie überall mit dabeigewesen. Dazu lebte sie in der beständigen
-Angst, daß auch ihr die Stuben geplündert werden könnten, weil sie
-Deutsche beherbergte; deswegen begab sie sich sehr zeitig zu Bett,
-als ob, wenn _sie_ schlief, auch alle anderen das gleiche tun und sie
-in Ruhe lassen müßten. Vorher jedoch verwahrte sie ihre Wohnung auf
-das sorgsamste, und Pichler mußte ihr jeden Abend beistehen, wenn sie
-den Eingang mit dem Küchenkasten verrammelte und zur Sicherheit noch
-ein paar Sessel darauftürmte. Erst dann kroch sie beruhigt in die
-Federn, während Otto, nunmehr mit einem Fernrohr des Sternguckers,
-wieder im Lehnstuhl Platz nahm, zuvor aber die Lampe zurückschraubte,
-um zu verhüten, daß die ahnungslosen Mägde ihn erblickten und durch
-Herablassen der Rollvorhänge dem angenehmen Schauspiel ein Ende machten.
-
-Von Fenster zu Fenster ließ er sein Perspektiv wandern, und da bemerkte
-er in einem hellen Kämmerlein auch ein junges Frauenwesen, das dort
-an der Nähmaschine saß und unablässig weiße Leinwandflächen unter die
-Nadel schob. Ganz deutlich sah er das reine Profil und den nackten,
-schlanken Hals, der sich in einer anmutigen Linie hinter der Hausjacke
-verlor, alles vom Lichte der seitlich stehenden Lampe voll beleuchtet.
-Das gefiel ihm aus der Maßen wohl.
-
-Am nächsten Morgen erwachte er erst spät. Sein erster Blick galt
-wieder jenem Fenster; da stand die fleißige Näherin im geöffneten
-Rahmen fertig angezogen und beutelte aus einem Flanelltüchlein eine
-Wolke Staubes in die Luft hinaus. Wie ein freundliches Winken war
-das, und Otto winkte zurück, indem er lächelnd die Hand gegen das
-Fräulein bewegte. Darüber erschrak dieses ein wenig, betrachtete aber
-den hübschen Jungen mehr erstaunt als entrüstet. Nun wagte er es und
-warf eine Kußhand hinüber. Sie lachte ein ganz kurzes Lachen in hohen
-Kehltönen, nickte, drehte sich auf dem Absatz herum, und ihr Rocksaum
-wehte, während sie im Dunkel des Zimmers verschwand. Aber nach einer
-Weile kam sie wieder und blieb jetzt schon länger beim Fenster.
-
-Schimmernde Fädchen spannen sich, von einem Fenster zum andern zogen
-sie sich wie helle Seide oder leichte Sonnenstrahlen, auf denen die
-verliebten Jugendgeisterchen ein lustiges Seiltanzen begannen mit
-halsbrecherischen Sprüngen und Nicken und Neigen. Zag oder mutig,
-ängstlich oder keck trippelten, tollten sie hinüber, herüber, bis
-hinter der lichten Mädchengestalt eine rundliche Frau mit gestrenger
-Miene auftauchte, worauf die männliche Geisterschar kopfüber in den
-Hof purzelte, die weibliche aber in den tiefblauen Winterhimmel hinein
-lachend davonschwebte.
-
-Es war, wie Otto gleich vermutet hatte und von der Wondra bestätigt
-erhielt, die Mama gewesen. Die Wondra wußte auch, daß sie einen
-kleinen Postbeamten zum Mann und zwei Töchter besaß. Die ältere sollte
-in einigen Wochen Hochzeit machen und ließ sich, während sie mit
-Eltern und Bräutigam bei Freikonzerten und in Vergnügungslokalen ihre
-abendliche Unterhaltung suchte, von der jüngeren Schwester, der braven
-Helenka, die Aussteuer fertig nähen.
-
-Pichler wich den ganzen Tag nicht von seinem Lauscherposten und nahm
-sich kaum zum Essen Zeit. Indes zeigte sich die Helenka erst abends
-wieder in jenem Gemach, und mit verliebten Augen betrachtete er
-die runde Anmut ihrer Bewegungen, wie sie flink und leicht in dem
-Leinwandhaufen herumwirtschaftete. Er nahm die Lampe und stellte sie
-beim Fenster so auf, daß ihr Schein auf ihn fallen mußte. Dann warf er
-wieder eine Kußhand hinüber. Da ließ sie die Hände in den Schoß fallen,
-lehnte sich in dem Stuhl zurück und lachte ausgelassen. Er lachte auch,
-winkte und verneigte sich. Sie winkte wieder, war blutrot und lachte
-fort, bis sie plötzlich ihre Arbeit zusammenpackend, nun ihrerseits die
-Hand an die Lippen legte und mit den geküßten Fingerspitzen durch die
-Luft fuhr, worauf das Licht blitzschnell erlosch.
-
-Mit glänzenden Augen schaute Otto auf das dunkle Fenster, rieb sich
-die Hände, schnippte mit den Fingern und freute sich unbändig. Doch
-hinderte ihn das nicht, nachher andächtig dem Treiben der schläfrigen
-Mägde zuzusehen und hierauf selbst einen gesunden Schlaf zu tun, den
-vergnügliche Träume begleiteten.
-
-Durch ein lautes Krachen wurde er mitten in der Nacht unsanft
-geweckt. Gleich darauf kam die Wondra im Barchentunterrock mit einem
-Angstgezeter in sein Zimmer gestürzt. Denn sie vermutete nichts
-anderes, als daß ihre Landsleute bei ihr einbrechen und für den
-Volksverrat Rache nehmen wollten. Auch Otto mochte Ähnliches erwarten
-und machte ein bängliches Gesicht. Da erhob sich draußen mächtiger
-Gesang: „Raus da! Aus dem Haus da! Rrraus! Rrraus! Rrrraus!“
-
-Karg, König, Fundulus und Hellwig waren heimgekehrt und hatten sich,
-da die Tür nicht nachgeben wollte, mit vereinten Kräften dagegen
-gestemmt, so daß die Stühle polternd von dem Küchenkasten fielen und
-dieser selbst ins Wanken kam. Nun verwandelte sich das Angstgezeter
-der Witwe in einen Freudenlärm. Trotz der ungewöhnlichen Stunde wollte
-sie zur Feier der glücklichen Wiedervereinigung ein kleines Gelage
-veranstalten bei schwarzem Kaffee mit Rum und bei Flaschenbier, das sie
-in der kühlen Jahreszeit stets in genügender Menge vorrätig hielt. Die
-Studenten jedoch wollten erst wieder einmal ordentlich ausschlafen,
-bedankten sich und vertrösteten die unternehmende Kostfrau auf eine
-gelegenere Zeit. Ungern gab sie nach, wünschte zuvor wenigstens noch
-die Erlebnisse ihrer Mieter sogleich zu erfahren und ermüdete nicht
-im Fragen, bis Karg die wohlbeleibte Dame nicht gerade sanft in ihre
-Kammer zurückbeförderte und die zugeschlagene Tür den rauschenden
-Redeschwall vorläufig staute.
-
-Weniger als die Hauswirtin war Pichler über die Ankunft der
-Stubengenossen erfreut, weil dadurch das begonnene Schäferspiel
-unliebsam gestört wurde. Indes, die Sache war bereits eingefädelt und
-spann sich ohne Schwierigkeiten weiter. Am nächsten Vormittag erwartete
-er die Helenka bei ihrem Haustor und hatte die Genugtuung, daß sie
-ihn erkannte und im leichten Schreiten mehrmals zurückblickte, ob er
-ihr nachfolgte. Dies tat er denn auch in angemessener Entfernung. Nun
-er sie im Straßenkleid sah, erschien sie ganz anders und gefiel ihm
-fast noch besser. Sie war ziemlich groß, von reichen, vollen Formen,
-die durch ein straff gezogenes Mieder unter einem kurzen Jäckchen und
-einem knappen Rock ohne Falten aufs günstigste zur Geltung gebracht
-oder vielmehr diskret unterstrichen wurden. Eine weiße Matrosenmütze,
-von einem silbernen Pfeil gehalten, saß keck auf einer Fülle dunklen
-Gelocks, an den leise schaukelnden Hüften wiegte sich ein gewaltiger
-Henkelkorb im Takte mit. So schritt sie rasch und resch mit schnellen
-Schritten vor ihm her, stramm aufgerichtet und sehr selbstbewußt im
-Gefunkel ihrer jungen Schönheit.
-
-Als sie ihre Einkäufe besorgt hatte und mit gehäuftem Korbe heimging,
-fragte Pichler mutig, ob er sie begleiten dürfe. Sie bejahte verlegen.
-Aber als er sich vorgestellt hatte, begann sie sogleich ein lebhaftes
-Schwatzen über ihre Näherei, ihre Familie und die bevorstehende
-Hochzeit, über die winterliche Kälte und über viele andere Dinge in dem
-kleinbürgerlichen Bestreben, das Gespräch nicht ins Stocken geraten zu
-lassen. Fast ganz allein bestritt sie es, in einem etwas holprigen und
-mühsamen Deutsch. Aber Pichler fand auch die Fehler reizend, die ohne
-alle Ziererei neckisch wie Flocken von den schmalen Lippen fielen.
-
-Von nun an traf er sie täglich, einmal am Vormittag, einmal gegen
-Abend, je nachdem sie Zeit hatte. Die Stunde gab sie ihm bekannt, indem
-sie dicke Ziffern mit Tinte auf Papierblätter malte und gegen die
-Fensterscheiben hielt.
-
-Die Stadt hatte wieder ihr gewöhnliches Aussehen, die Erregung schien
-verbraust, friedlich bewegte sich jede der feindlichen Nationen auf
-ihrem Bummel, die Deutschen auf dem Graben, die Tschechen auf dem
-Roßmarkt und in der Ferdinandsstraße. Otto zeigte sich mit Helenka bald
-da, bald dort, und je nachdem, wo sie gingen, sprach er deutsch oder
-böhmisch mit ihr. Denn er hatte sie gebeten, ihm in der Erlernung
-der zweiten Landessprache behilflich zu sein, und so war dieser
-Liebeshandel nicht nur reizvoll, sondern auch praktisch.
-
-Sie war eine Vollblut-Tschechin und machte kein Hehl aus ihrer
-Gesinnung, was sie aber nicht hinderte, auch an hübschen deutschen
-Männern Gefallen zu finden. Doch war ihre Gunst nicht leicht zu
-erringen, denn sie war sich ihrer Schönheit voll bewußt und konnte
-wählerisch sein, weil sie von vielen umworben wurde. Am wenigsten
-verfingen Schmeicheleien bei ihr, da sie solche schon bis zum
-Überdruß zu hören bekommen. Das hatte Pichler bald weg und änderte
-im selben Augenblick von Grund aus seine Kriegskunst. Er wurde kurz
-angebunden, derb, sogar grob. Alles, worauf sie Wert legte oder
-sich was einbildete, setzte er herab, mäkelte daran und tadelte es,
-wählte aber seine Ausdrücke derart bedachtsam, daß er immer nur eine
-allgemeine Ansicht zu äußern schien. Erzählte sie, stolz auf ihre
-prächtige Büste, daß sie auf dem letzten Ball ein ausgeschnittenes
-Kleid nur mit Armspangen getragen und was für Aufsehen sie erregt habe,
-tat er höchst gleichgültig und bemerkte nur beiläufig, er habe einmal
-aus einem ähnlichen Anlaß mit einem Mädchen sich überworfen, das er
-gleicherweise, wie es ihn, sehr gut leiden mochte. Er habe damals mit
-der Schönen nicht ein einziges Mal getanzt, und als sie Aufklärung
-verlangte, habe er ihr nur kurz geraten, sie möge auf den Markt
-gehen und sich dort ausstellen; er werde sie begleiten und wie ein
-Pferdehändler die gediegene Wölbung der Brust anpreisen, die tadellosen
-Arme, Schenkel und so weiter. Er habe sich nicht anders helfen können
-damals, denn diese Schaustellung der Reize sei ihm widerlich gewesen,
-und gewohnt, mit seiner Meinung nicht hinterm Berg zu halten, habe er
-eben klipp und klar herausgesagt, was er sich dachte.
-
-Danach hatte die Helenka auf dem ganzen Heimweg kein Wort mehr geredet,
-aber er war dennoch mit seiner Erfindung und ihrer Wirkung sehr
-zufrieden. In der Tat blieb diese Art des Umgangs nicht ohne Eindruck
-bei einem Mädchen, das zwar schön und im Plaudern gewandt, sonst aber
-just kein Kirchenlicht war. Bald war ihnen der Bummel zu belebt, sie
-mieden ihn und suchten einsamere Gassen, wo es die Helenka schweigend
-litt, daß er ihren Arm packte und mit hastiger Zärtlichkeit an sich
-drückte. Und einmal, als sie von einem ernsten Bewerber erzählte, der
-auf der Bildfläche erschienen war, riß er sie heftig an sich. „Helenka,
-so lasse ich dich keinem andern!“ Mitten auf der Gasse küßte er sie und
-kümmerte sich nicht um ihr Sträuben und nicht um die Leute.
-
-Von nun an trugen sie das heimliche Sehnen ihrer klopfenden Herzen
-in noch größere Abgeschiedenheit. Eng aneinander gedrängt gingen sie
-längs des Moldauufers spazieren, über einen weiten ebenen Plan, wo das
-geflößte Brenn- und Bauholz aus dem Böhmerwald aufgestapelt war. Gute
-Verstecke gab es hier, die zu Raummetern geschlichteten Scheite waren
-wie Mauern und die glatten Stämme der toten Waldriesen wie Bänke. Ganz
-dunkel war es und nichts war hörbar, als das Glucksen und Plätschern,
-wenn eine stärkere Welle gegen das sandige Ufer schlug. In der Ferne
-blitzten die Lichter der Stadt und lagen in gelben Streifen über den
-schwarzen Fluten, ein schrilles Läuten der Straßenbahn kam herüber,
-eine Turmuhr schlug mit langsam verhallendem Klang -- dann war wieder
-nichts als das dumpfe Rauschen im Fluß. Als wären sie beide allein auf
-der Erde, so war das und so gab sich die Helenka dem Werbenden. Sie
-tat es ohne Lüsternheit oder Neugierde, als schenkte sie ihm nur, was
-ihm gebührte, weil es für ihn allein in dieser dunkeln Einsamkeit aus
-ihrem jungen Herzen emporgewachsen war.
-
-Dann aber starrte sie ihn, die Hände auf seinen Schultern, mit
-entsetzten Augen an und stieß ihn wild von sich.
-
-„Mein armer Vater!“
-
-Ganz klanglos sagte sie das und wiederholte es mehrmals und wimmerte
-leise.
-
-Otto stand ratlos und wußte nicht, wie er sie beruhigen sollte. Sie tat
-ihm nicht so sehr leid, er war mehr ungehalten, daß sie ihm jetzt diese
-Szene machte und die Freude verdarb. Plötzlich aber erhob sie sich mit
-einem entschlossenen Ruck und drückte sich unter der runden Mütze das
-Haar an den Schläfen zurecht. „Komm!“ sagte sie nur und schritt ohne
-Aufenthalt schnell gegen die Stadt. Sie weinte nicht mehr, aber sie
-sprach auch nicht. Stumm ging sie neben ihm her. Manchmal atmete sie
-in ihr Taschentuch und preßte es an die geröteten Lider, um die Spuren
-der Tränen auszutilgen. Aber durch die Stadt schritt sie wieder ganz
-aufrecht, mit frei erhobenem Kopf und wagerechtem Kinn. Otto wollte
-etwas sagen. Mit einer heftigen Handbewegung winkte sie ihm Schweigen.
-Sie wollte nicht gestört sein in dem Belauschen ihrer aufgeschreckten
-Seele und dem staunenden Hineinhorchen in den Aufruhr des Blutes. Beim
-Haustor neigte sie flüchtig den Kopf und schritt rasch und fest hinein,
-ohne ein Wort oder Lächeln zum Abschied.
-
-Er atmete auf. Seiner jubelnden Siegerfröhlichkeit war der stumme
-Heimweg zur Qual geworden. Alles in ihm drängte nach lauter, lärmender
-Freude. Und statt dieser Luft machen zu dürfen, hatte er mit einer
-Leichenbittermiene neben ihr hergehen und seufzen müssen, wo er
-jauchzen wollte. Er lief mehr als er ging in die Herminonenkneipe,
-trank dort, sang und schwärmte übermütig mit den Füchsen bis zum
-Morgengrauen.
-
-Am nächsten Vormittag stand die Helenka wieder beim Fenster und kündete
-mit ihren Tintenziffern die Stunde des Stelldicheins. Und von nun an
-war alles gut, und sie war lustig und fügsam und sehr verliebt.
-
-
-5.
-
-Das Wintersemester war vorüber. Fritz war wenig vorwärts gekommen.
-Durch den Verkehr mit den Studenten war er einem gelinden Trinken
-anheim gefallen und der Gewohnheit, abends lang im Wirtshaus zu sitzen.
-Anfangs hatte er sich Vorwürfe gemacht und zu bremsen versucht. Aber da
-kamen ihm die Bekannten auf die Bude gerückt, und notgedrungen mußte
-er als ihr Vertrauensmann mithalten. Später schwächte der reichlichere
-Genuß des Alkohols seine Widerstandskraft, das Trinken wurde ihm sogar
-Bedürfnis, um die Lustlosigkeit zu bannen, in der er jetzt wie in einer
-halbhellen Dämmerung lebte. Er ging spät zu Bett und stand mit wüstem
-Kopf spät auf, fühlte sich müde, leer, unzufrieden und konnte sich doch
-zu keiner ernsten Arbeit zusammenraffen, ließ vielmehr den Herrgott
-einen guten Mann und fünf gerade sein.
-
-Seine Barschaft schmolz bei diesem Leben rasch. Während Otto schon
-drei Mittelschülern Nachhilfeunterricht erteilte, war es ihm bisher
-nicht geglückt, Ähnliches aufzutreiben. Überall wurde er abgewiesen.
-Der Vermerk auf seinem Zeugnis, daß er vom Neuberger Gymnasium
-ausgeschlossen worden war, machte fürsorgliche Eltern stutzig; sie
-wagten nicht, ihm ihre Kinder anzuvertrauen. Und er war zu hölzern
-und zu stolz, um sein Licht auf den Scheffel zu stellen oder als
-Vertrauensmann seine Beziehungen zu den Parteigrößen auszunützen. Da
-las er in einer Zeitung, daß ein Rechtsanwalt einen Schreiber für
-die Nachmittage suchte. Er bewarb sich um den Posten und erhielt
-ihn. Das brachte ihn noch mehr aus der Bahn. Trüb und trostlos
-eintönig schlichen die Tage neben ihm her, zwischen stumpfsinnigem
-Wirtshaushocken am Abend und gleichgültiger Mattigkeit am Morgen war
-einer wie der andere ausgefüllt mit dem Schreiben von Mahnbriefen,
-Klagen, Pfändungsgesuchen, und alle waren sie verloren.
-
-Hätte er ein gemütliches Daheim oder wenigstens eine ruhige Kammer
-gehabt, er wäre vielleicht eher aus diesem grauen Netz herausgekommen,
-in dem er hing wie die Fliege im Spinngewebe und sich wehrlos den
-Lebensmut austrinken ließ. So aber fühlte er einen Ekel vor dem Treiben
-der Wondra. Er floh davor und floh vom Teufel zum Beelzebub -- in die
-Kneipen und Kaffeehäuser. Manchmal kam ihm in diesen jammervollen
-Monaten der Gedanke an Eva. Aber wenn dieser jemals treibende Kraft
-für ihn gehabt, so hatte er sie jetzt verloren. Wie wenn einer, der im
-zähen Moorgrund langsam versinkt, zu einem schönen Stern hinaufblickt
-und sich denkt: ‚Den siehst du auch bald nicht mehr!‘ -- so war es und
-machte ihn traurig und jeden Halt nahm es ihm.
-
-Bei den Studenten war er gut gelitten. Er galt als treu und verläßlich,
-und die trockene Sprödigkeit, die er im Umgang an den Tag legte, wurde
-von den jungen Leuten als Zeichen männlicher Reife und Wahrhaftigkeit
-genommen und hochgehalten. Aber je mehr man sich um ihn riß, je scheuer
-und zugeknöpfter wurde er. Er litt unter diesem Leben ohne Inhalt, das
-um so leerer wurde, je weiter die hellen Kampftage in die Vergangenheit
-zurücksanken. Rasch wie die Fehde entbrannt, war sie auch vergessen
-und die Gegenwart wieder angefüllt mit Kneipen, Nachtschwärmen und
-Raufereien unter den einzelnen Verbindungen. Und er zechte und
-schwärmte mit und wenn er noch in keinen Ehrenhandel verwickelt worden
-war, so hatte er das nur seiner Wortkargheit zu danken.
-
-Schal war das alles, belanglos und nichtswürdig. Aber loskommen konnte
-er doch nicht.
-
-In die Hörsäle kam er nicht mehr. Er schämte sich, mit schwerem Kopf
-und stumpfen Sinnen hinzugehen. Statt dessen saß er jetzt auch an den
-Vormittagen in der Kanzlei. Denn die ungeordnete Lebensweise kostete
-viel Geld, und schon gab er täglich mehr aus, als er, das Erworbene
-eingerechnet, verbrauchen durfte. Vom Bureau ging er ins Kaffeehaus, wo
-er die Tagesblätter und sämtliche ernstere Zeitschriften las, deren er
-habhaft werden konnte. Gewöhnlich blieb er dort bis spät abends, begab
-sich dann in eines der Studentenwirtshäuser. Er brachte es nicht über
-sich, bei der Wondra das Nachtmahl zu nehmen. Sie rechnete auch bei
-der Zubereitung nicht mehr mit ihm, aber den Kostpreis setzte sie ihm
-deswegen doch nicht herab.
-
-Dann kamen wieder Abende, an denen es ihm einfach unmöglich war, ein
-menschliches Gesicht zu sehen. An denen er die Kneipen mied und trotz
-Frühlingswind und Regenwetter im Freien sich herumtrieb. Den Radmantel
-um die Schultern, lief er pfadlos am Strand der Moldau herum. Das
-aufgeweichte Erdreich klebte in Klumpen an seinen Sohlen und machte
-sie schwer, unter seinen Tritten spritzte ihm das Schmutzwasser der
-Regenpfützen oft bis ins Gesicht, und nach jedem solchen Ausflug
-schalt die Wondra, daß seine Kleider nicht sauber zu kriegen seien.
-Aber immer wieder rannte er in diese tiefdunkle Einsamkeit, als könnte
-er sich dort vor seinem eigenen Ich verstecken. Aber er entkam sich
-nicht. Alle Vorwürfe und aller Ekel über sein unwürdiges Treiben gingen
-unablässig mit ihm durch die Finsternis, und er fühlte nur, daß er
-sich Stunde um Stunde an sich selbst versündige, indem er in schlaffem
-Müßiggang seine blanken Kräfte rosten ließ. Manchmal auch packte ihn
-ein sinnloser Zorn, der ihm Tränen in die Augen trieb. Er schlug mit
-geballten Fäusten seinen Leib, und je mehr es ihn schmerzte, mit
-desto wilderer Freude schlug er weiter, auf Arme, Wangen, Schläfen,
-und höhnte und beschimpfte sich mit häßlichen Worten, die in einem
-Schluchzen erstickten. Jedes Ziel war ihm entglitten, er ging mit
-verbundenen Augen um sein Leben herum wie der Gaul im leeren Göpel.
-
-Die nächtlichen Wanderungen führten ihn weit über die Holzplätze
-hinaus in eine Gegend, wo der neue Hafen erstehen sollte. Die Arbeiten
-hatten noch nicht begonnen, aber schon waren in der großen Kotwüste
-Baggermaschinen aufgestellt und neben angehäuften Baustoffen Holzhütten
-und Verschläge für die Karren und Werkzeuge errichtet worden. Nur
-selten kam in den Abendstunden ein Mensch hieher. Ihn aber trieb
-es immer wieder in diese Öde, die so gut zu seiner Stimmung paßte.
-Stundenlang konnte er dort hocken und vor sich hinbrüten, während
-der Regen kühl und traurig ohne Pausen auf ihn niederfiel. Und je
-unfreundlicher das Wetter war, je länger blieb er, als wollte er mit
-diesem freiwilligen Ausharren in einer Beschwerde nur irgendwie eine
-sühnende Tat setzen, wenn er schon nichts anderes zuwege brachte.
-
-Da vernahm er einst -- es war ein naßkalter Aprilabend -- ein Husten
-und Stöhnen wie von einem unruhigen Schläfer, schaute um sich und
-gewahrte einen spärlichen Lichtschein, der aus einer der hölzernen
-Hütten flimmerte. Leise ging er darauf zu. Und wie er vorsichtig durch
-die Fugen der Bretterwand spähte, sah er im Innern des matt erhellten
-Raumes zwei Gestalten auf dem bloßen Erdboden hingestreckt, während
-drei andere neben einem Feuer kauerten und einem geschlachteten Pudel
-das Fell abzogen. Das Feuer brannte in einem Viereck aus Ziegelsteinen,
-und auf diesem Herd stand ein verbogener Blechtopf, darin das Wasser
-schon zu dampfen anfing.
-
-Die fünf Kumpane mochten wohl schon öfters hier übernachtet haben und
-schienen sich in ihrem Schlupfwinkel ganz sicher zu fühlen, weil sie
-sich so sorglos gehen ließen. Gern hätte sich Fritz zu ihnen gesellt.
-Aber sein Erscheinen hätte sie höchstens beunruhigt oder mißtrauisch
-gemacht, und helfen konnte er ihnen doch nicht. So ließ er es bleiben.
-
-Das Hundefleisch war gar geworden. Nun wurden auch die Schläfer munter
-und setzten sich zum Feuer. Alle schwiegen, streckten die Hände nach
-den rauchenden Fleischstücken, rissen mit den Zähnen große Fetzen los,
-die sie mit der Hast des Hungers verschlangen. Dazu tranken sie von
-der gelblich-grauen Fettbrühe mit schmatzenden Lippen, und in ihren
-knochigen Gesichtern war ein Ausdruck der Zufriedenheit, als säßen
-sie bei dem alten Schlemmer Lukull zu Tisch. Satt gegessen, kramten
-sie aus den Taschen die gesammelten Zigarrenstummel, setzten sie in
-Brand und streckten sich längelang auf den nackten Erdboden aus, die
-verschränkten Hände als Kissen unterm Kopf. Einer hatte auch eine
-gefüllte Schnapsflasche mit, die im Kreis herumging und schnell
-leer war. Solang das Feuer brannte, unterhielten sie sich halblaut
-miteinander. Sie redeten deutsch, aber aus ihrer Aussprache hörte der
-Lauscher, daß nur zwei von ihnen wirklich Deutsche waren, der ‚Schwabe‘
-und der ‚Bayer‘, wie sie genannt wurden, während die drei anderen, der
-‚Tschasbauer‘, der ‚Wasserkopf‘ und der ‚Krowot‘ der slawischen Rasse
-angehörten.
-
-Sie erzählten von ihren vergeblichen Gängen um Arbeit und verwünschten
-das milde Wetter, weil es schneller den Schnee weggeräumt hatte als sie
-mit ihren Schaufeln. Dann wurden sie einsilbiger und schliefen endlich
-ein, indes der Regen ohne Pause rieselte und der Wind empfindlich kalt
-durch die Bretterwände pfiff.
-
-Fritz schlich sacht davon. Seine Kleider waren schwer von Nässe, in
-den Vertiefungen seines Filzhutes bildete das Wasser kleine Teiche.
-Aber heim ging er noch nicht. Eine dumpfe Trauer war in ihm, und mit
-doppelter Gewalt griff die Reue über so viele nutzlos verzettelte Tage
-an sein Herz. Denn es war ihm gewesen, als hätte im unsteten Flackern
-des dürftigen Feuerchens hinter Qualm und rauchiger Glut wie in weiter
-trüber Ferne das verlorene Ziel flüchtig herüber geleuchtet.
-
-... Den Elenden und Gequälten ein freies, heiteres Dasein schaffen,
-ihnen das Recht auf Glück zurückerobern -- ein Ziel, wohl wert, sein
-Leben dafür aufzuwenden ...
-
-Hatte wirklich einmal einer so zu ihm gesprochen, und er hatte sich
-ihm zugeschworen mit Handschlag und Gelöbnis? Und statt dessen
-schritt er satt und behäbig in den Reihen der Behäbigen und Satten,
-trank sein Bier in Ruhe und ereiferte sich höchstens im Streit der
-Glieder untereinander, indes der ganze Körper in schwerer Not rang.
-Die Menschheit war dieser Körper, und ihre Not war der Hunger. Und
-wo dieser war in seinem bittersten Ernst, da war auch kein Kampf
-von Volk zu Volk, von Bruder zu Bruder. Da saß der Bayer mit dem
-Polen, der Deutsche mit dem Slawen beim Feuer, und sie teilten sich
-einträchtiglich im Fleisch eines gestohlenen Hundes.
-
-Und während er in Regen und Sturm durch die Frühlingsnacht irrte,
-wurde ihm immer klarer und erkannte er immer deutlicher, daß die
-Unzufriedenheit, die Unlust und Leere der letzten Monate nicht
-seinem Müßiggang entsprang, nicht dem Wirtshaushocken und Zechen und
-Saufen. Das waren nur die Folgen, die Ursache aber war, daß er sich
-an eine Sache mit halbem Herzen und gegen seine innerste Überzeugung
-hingegeben. Das Unrecht, die Vergewaltigung, die der Schwächere
-erdulden mußte, hatten ihn geblendet, so daß er nicht sah, daß der
-ganze Kampf ein Unrecht war und ein Frevel an der Allgemeinheit.
-
-Als er endlich -- der Morgen brach an -- nach Haus kam, begegnete
-er dem Mediziner Karg, der ohne Gruß an ihm vorüber und die Treppe
-hinabeilte. Unter der Wohnungstür stieß er mit dem Astronomen zusammen.
-Auch der war bleich und ernst und grüßte kaum. Fritz war zu müde,
-als daß ihm das aufgefallen wäre. Er entledigte sich seiner Kleider,
-aus denen in trüben Bächlein das Regenwasser rann und fiel in einen
-bleischweren Schlaf.
-
-Nach kaum zwei Stunden wurde er von Pichler wach gerüttelt. Der hübsche
-Mensch hatte blasse, zitternde Lippen und war ganz verstört.
-
-„Fritz, steh’ auf! Karg hat den König erschossen!“
-
-Es war so. Betrunken hatten sie in einem Nachtkaffee Streit angefangen,
-der mit Faustschlägen und Ohrfeigen endete. Nüchtern geworden, hatten
-sie sich am nächsten Tag wieder versöhnt und das frühere Einvernehmen
-hergestellt. Aber Deimling war Zeuge des Auftritts gewesen und duldete
-eine so gemütliche Beilegung nicht. Ein Mitglied der Herminonia
-war tätlich beleidigt worden, und dafür gab es nach seinen starren
-Ehrbegriffen nur eine Sühne mit den Waffen, sollte kein Makel an den
-Farben der Landsmannschaft haften bleiben. Das sagte er dem Karg,
-und als der entgegnete, die Sache sei bereits durch gegenseitige
-Entschuldigung aus der Welt geschafft, erklärte Deimling finster, er
-hätte gedacht, der Fuchsmajor würde besser wissen, was die Ehre der
-grün-weiß-roten Farben gebieterisch fordere. Für seine Person könne er
-ja die Hiebe ungestraft auf sich sitzen lassen. Aber dann werde der
-Fall in der nächsten Kneipsitzung zur Sprache kommen, und da werde es
-sich ja zeigen, ob ein Geohrfeigter, der sich für eine solche Schmach
-nicht Genugtuung mit den Waffen verschaffe, ferner noch würdig sei, das
-grün-weiß-rote Band zu tragen.
-
-Nun war Karg mit Leib und Seele bei seiner Burschenherrlichkeit
-und war viel zu oft schon auf Mensur gestanden, als daß es ihm auf
-einen Ehrenhandel mehr oder weniger, selbst mit einem guten Freunde,
-sonderlich angekommen wäre. Wenn Deimling wollte, ging er eben los,
-da war weiter nichts dabei. Aber die Osterferien standen vor der
-Tür. Und König war ein guter Fechter. Und Karg wollte seiner Mutter
-nicht mit frischen Schmissen nach Haus kommen. Und der Handel mußte
-binnen zweimal vierundzwanzig Stunden -- so stand’s im Kodex --
-ausgetragen sein. Also einigte man sich auf Pistolen. Deimling war ganz
-Korrektheit und steife Würde. Er ordnete alles und verbot insbesondere
-dem Fuchsmajor, mit dem Gegner in derselben Stube zu wohnen, so daß
-ihm die Wondra für diese eine Nacht in ihrer eigenen Kammer das Lager
-zurechtmachte, während sie selbst in der Küche schlief.
-
-Dann war es so gekommen, daß König, der den ersten Schuß hatte, ein
-Loch in die Luft schoß, während Karg, vor Aufregung zitternd und
-unsicher, die Waffe nicht in der Gewalt hatte. Seine Kugel fuhr dem
-Astronomen ins linke Auge. Ein paar Atemzüge lang stand er noch
-aufrecht, mit unverändertem, nur wie verwundertem Gesicht. Und schon
-wollten alle des guten Ausgangs sich freuen, da wankte er, fiel hin
-und hatte den letzten Atemzug getan, ehe noch jemand die Verletzung
-wahrgenommen.
-
-Seinen Leichenwagen begleiteten die Herminonen in voller Wichs und
-Abordnungen von vielen anderen Verbindungen. Es war ein sehr schönes
-Begräbnis. Karg stellte sich den Gerichten. Er wurde zu drei Jahren
-Kerker verurteilt und da er Reserveoffizier war, vom Kaiser begnadigt.
-So verlief alles in schönster Regelmäßigkeit, und auf dem frischen
-Grabhügel wurden die Frühlingsgräser besonders üppig grün, als
-hätten sich aus dem zerstörten Jünglingskörper alle Hoffnungskeime
-lichthungrig in ihre zarten Spitzen geflüchtet.
-
-Die Wondra weinte sehr um den Verlust ihres besten, weil beständigen
-Mieters. Acht Tage rührte sie kein Kartenblatt an, und noch weitere
-vierzehn Tage traten ihr jedesmal, wenn sie sich zum Spieltisch setzte,
-die Tränen in die Augen, und sie weihte dem Toten einen stillen
-Gedächtnisschluck.
-
-
-6.
-
-Karg wurde seit diesem Zweikampf mit ausgesuchter Hochachtung
-behandelt, so daß ihm das zu Kopf stieg und er einer dünkelhaften
-Einbildung anheimfiel, die sich in kurzen, herrischen Gebärden und
-in einem blasierten Gesichtsausdruck offenbarte. Er wurde stolz und
-war beinahe froh, daß er einen ernstesten Fall gehabt und daß von ihm
-erzählt werden konnte, er habe schon einen im Duell erschossen.
-
-Derart hatten sich alle Beteiligten in ihrer Weise rasch wieder
-zurechtgefunden.
-
-Hellwig brauchte länger. Alles in ihm bäumte sich gegen die
-Leichtfertigkeit, mit der hier über ein Menschenleben zur Tagesordnung
-übergegangen wurde. Und als eines Tages nach Ostern Karg auf ihn
-zutrat: „Kommen Sie heut’ mit in die Kneipe?“, wandte er sich wortlos
-ab. Das war eine Beleidigung, und der Herminone, jetzt erst recht nicht
-gewillt, sich dergleichen gefallen zu lassen, verlangte Aufklärung.
-Fritz aber gab keine Antwort, stand mit dem Gesicht gegen das Fenster
-gekehrt und rührte sich nicht. Da schickte ihm Karg seine Zeugen. Es
-waren Deimling und der Erstchargierte Braun. Gemessen und förmlich
-überbrachten sie die Forderung.
-
-„Sie haben sich umsonst bemüht!“ sagte Hellwig. „Ich schlage mich
-nicht.“
-
-Nun hätten sie füglich gehen können. Aber Braun tat noch ein übriges,
-indem er den allseits Beliebten auf die Folgen einer solchen Weigerung
-aufmerksam machte. Fritz bat ihn jedoch sehr ruhig, er möge sich das
-sparen. Seinen Entschluß werde es nicht ändern.
-
-„Diese Methode ist sehr eigentümlich!“ nahm nun Deimling das Wort.
-„Erst der Ehre eines Menschen grundlos nahe treten und dann ...“
-
-„Mein bester Herr Deimling,“ fiel ihm da Hellwig in die Rede, „das
-Leben eines Menschen ist wertvoller als seine Ehre!“
-
-„Das ist jedenfalls ein bequemer -- und sicherer Standpunkt!“
-entgegnete der alte Herminone, setzte mit einer spöttischen
-Verbeugung hinzu: „Hüten Sie also Ihr wertvolles Leben!“ und wollte
-sich entfernen. Fritz vertrat ihm den Weg: „Sie haben mich falsch
-verstanden. Ich habe nicht von mir gesprochen, sondern von dem armen
-König.“
-
-„Er ist gefallen wie ein Soldat auf dem Felde der Ehre!“ antwortete
-Braun. Fritz erwiderte:
-
-„Ich weiß nicht, welche Ehre Sie meinen. Es gibt ihrer ja so viel
-als Stände und Rassen. Ich weiß nur, daß ein Menschenleben etwas
-Kostbares und Heiliges ist. Und wer eins davon vernichtet, bestiehlt
-die Menschheit um tausend Möglichkeiten, versündigt sich an ihr und
-besudelt jene einzige Ehre, die ich allein gelten lasse: die Ehre,
-Mensch zu sein.“
-
-„So behalten Sie diese Ehre!“ sagte Deimling spöttisch. „Womit ich die
-Ehre habe!“
-
-Braun aber machte noch einen Versuch.
-
-„Sie sind dann in der Gesellschaft unmöglich,“ gab er ihm zu bedenken.
-Und Fritz leidenschaftlich darauf:
-
-„Ich will auch nichts mehr gemein haben mit jenen! Sie reden von ihrer
-Liebe und brüsten sich mit ihrer Treue zum Volke. Aber das sind nichts
-als Worte! Worte! Wer wegen eines Schmarrens sein Leben in die Schanze
-schlägt, leichtsinnig und unbedenklich hinwirft, wer skrupellos ein
-Leben vernichten kann, und alle, die dies loben und in Ordnung finden,
-alle, die für die Macht ihres Volkes begeistert schwärmen, gleichzeitig
-aber dulden, daß auch nur das kleinste lebendige Teilchen dieses Volkes
-zwecklos zerstört wird -- alle die sind Phrasensager und Lügner und
-haben keine Ehrfurcht, weder vor ihrem Volke noch vor der Menschheit.
-Das ist es. Und darum schlage ich mich nicht und darum kann ich auch
-_Ihre_ Verachtung ertragen!“
-
-Während er redete, war er ganz ruhig geworden. In den letzten Worten
-hatte sogar eine leise Überlegenheit durchgeklungen. Jetzt setzte er
-sich und spielte mit dem Federkiel auf dem Tisch. Die beiden Studenten
-entfernten sich wortlos.
-
-Fritz atmete leicht und froh. Die Brücken waren abgebrochen und
-hinter ihm verbrannt. Mochte kommen, was da wollte -- er hatte wieder
-pflugreife Erde unter sich.
-
-Seine Energie und Spannkraft waren wieder da, drängten nun, je länger
-sie in müßiger Ruhe gelegen, je ungestümer vorwärts, forderten eine
-unzweideutige und ganze Tat.
-
-Jener flüchtige Blick in das Treiben der Obdachlosen hatte ihm die
-Richtung neu gewiesen. Und nach der Erschütterung über den gewaltsamen
-Tod des Astronomen war wie nach einem schweren Sommergewitter reine,
-klare Luft geworden. Nicht darauf konnte es ankommen, ob ein Volk
-stärker, mächtiger, fortgeschrittener, besser sei, als das andere,
-sondern daß alle ohne Unterschied leben konnten, wie es ihrer
-Menschenehre gebührte.
-
-In alle Fernen und Weiten schweifte seine junge Begeisterungsfähigkeit
-und entzündete sich an dieser Vorstellung zu einer hellen und starken,
-ganz warmen Glut. Und in der glückhaften Erregung, die sich seiner
-nach dem Weggehen der beiden Herminonen bemächtigte, begann er, zum
-erstenmal, seine Gedanken niederzuschreiben und schrieb in einem Zuge
-bis in die Nacht hinein an einer Abhandlung, in der er die uralte Lehre
-von der Menschenverbrüderung mit seinem Feuer neu vergoldete.
-
-Mit der frohen Raschheit, die ein glückliches Gelingen auslöst, packte
-er das Manuskript, kaum daß die Tinte trocken geworden, zusammen,
-siegelte und adressierte es an die ‚Freien Blätter‘, das führende Organ
-der Sozialisten in der Reichshauptstadt. -- --
-
-Die silbergraue Dämmerung vor den Fenstern wich bereits dem hellen
-Licht der nahen Sonne, als Pichler nach einer durchschwärmten Nacht
-heimkam. Fritz erzählte ihm ohne Umschweife den Vorfall mit den
-Herminonen. Auf dem Bettrand sitzend, hörte Otto nur mit halbem Ohr
-hin, während er sich der Stiefel und Kleider entledigte und unter
-langgezogenen Seufzern gähnend den Mund aufriß. Die Sache war ihm nicht
-mehr neu. Er hatte sie bereits bei der Kneipe und in den Kaffeehäusern
-genugsam zu hören bekommen. Erst als er in den Federn lag und die Decke
-bis zum Hals hinaufgezogen hatte, fragte er unter fortwährendem Gegähn:
-„Und was wirst du jetzt machen?“
-
-„Schlaf dich erst aus!“ erwiderte Hellwig. „Wir sprechen weiter, bis
-dein Schädel wieder klar ist.“
-
-„Ist er ohnehin!“ knurrte der andere, drehte sich gegen die Wand und
-schlief auch schon. -- --
-
-Fritz wusch sich die Augen hell und goß einen großen Krug Wasser über
-Kopf und Nacken. Als die Wondra bald darauf mit dem Frühstück erschien,
-teilte er ihr mit, daß er die Wohnung zu verlassen gedenke. Mit
-würdevollem Kopfnicken nahm sie die Kündigung zur Kenntnis, stellte
-den Kaffee auf den Tisch und entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen.
-Denn auch sie war bereits durch Karg über den Vorfall unterrichtet und
-wußte als langjährige Studentenmutter, wie man sich einem Auskneifer
-gegenüber zu benehmen hatte.
-
-Hellwig lächelte ein wenig, während er sich das feuchte Haar aus der
-Stirn kämmte und den Kragen anknöpfte. Dazwischen nahm er, wie es seine
-Gewohnheit war, stehend kleine Schlucke vom Frühstückskaffee, und da er
-wieder tief in seine Gedanken hineingeriet, behielt er schließlich den
-Topf in der Hand und schritt damit, von einer unklaren und ungeduldigen
-Erwartung getrieben, rastlos um den Tisch herum.
-
-Auch als er ins Freie trat, wo die alten Häuser wehmütig zu der stillen
-Pracht des Frühlingsmorgens hinaufschauten, wurde es nicht ruhiger in
-ihm, wollte das Gefühl nicht weichen, daß ihm etwas Fröhliches ganz
-nahe bevorstand. Pünktlich ging er in die Kanzlei und schrieb einen
-Mahnbrief nach dem andern. Dann erschien der Anwalt und beauftragte
-ihn, gegen einen nachlässigen Ratenzahler auf Grund des rechtskräftigen
-Urteils das Pfändungsgesuch bei Gericht einzureichen. Während Hellwig
-die Eingabe vorbereitete, kam der Schuldner und wollte die verfallene
-Rate erlegen. Er habe das Geld nicht früher zusammenbringen können.
-Der Advokat aber, dem es um seinen Verdienst zu tun war, erklärte, das
-helfe jetzt nichts mehr. Die Frist sei versäumt, die ganze gestundete
-Forderung nunmehr fällig und die Exekution bereits eingeleitet.
-
-Die Mitteilung traf den Schuldner, der ein anständiger kleiner
-Geschäftsmann zu sein schien, ersichtlich hart, da er durch eine
-Pfändung sehr zu Schaden und um jeden Kredit kommen mußte. Inständig
-flehte er um Aufschub. Der wurde ihm endlich unter der Bedingung
-zugestanden, daß er mit der Rate zugleich fünf Kronen für die Kosten
-des Pfändungsgesuches bezahle. Das war nicht viel, aber der arme Teufel
-kramte in allen Taschen und brachte endlich in Nickelmünzen vier Kronen
-und dreißig Heller zur Strecke, die der Anwalt gleichmütig einstrich,
-mit der Ermahnung, nunmehr pünktlich zu sein und auch die fehlenden
-siebzig Heller nicht zu vergessen. Einer großen Sorge ledig, versprach
-der Mann alles unter vielen Dankesworten. Da sagte Hellwig: „Das Gesuch
-ist noch nicht fertig, Herr Doktor!“
-
-„Wie? Ja so, ganz recht -- die Klage gegen die Seifenfabrik ...“ meinte
-der Advokat diplomatisch und winkte Schweigen.
-
-„Nein,“ antwortete Hellwig unbeirrt, „das Pfändungsgesuch habe ich noch
-nicht fertig!“
-
-Der Anwalt wurde verlegen.
-
-„Also adieu! adieu!“ rief er lärmend. „Und vergessen Sie nicht auf die
-nächste Rate! Pünktlich sein, nur pünktlich!“
-
-Damit schob er den Mann zur Tür hinaus. Dann drehte er sich zornrot
-zu seinem Schreiber: „Was fällt Ihnen ein, Herr Hellwig? Derartige
-Äußerungen sind ganz ungehörig!“
-
-„Mir fällt gar nichts ein!“ erwiderte Fritz trotzig. „Ich meine nur,
-was man nicht geleistet hat, dafür läßt man sich auch nicht bezahlen.“
-
-Mit großen, runden Augen blickte der Chef auf seinen sonst so stillen
-Gehilfen. Denn Hellwig hatte unter dem Druck der letzten Monate
-vollständig gleichgültig und ohne Nachdenken, wie eine Maschine,
-gearbeitet und stumm alles getan, was ihm aufgetragen worden war.
-
-„Ich verbitte mir jede Kritik!“ rief der Chef. „Das wäre noch schöner!
-Was glauben Sie denn eigentlich?“
-
-„Ich glaube, daß dieses Vorgehen und anständig zwei -- Worte sind.“
-
-Nun warf sich der Anwalt in die Brust: „Sie sind entlassen und können
-auf der Stelle gehn! Ich zahle Ihnen das Gehalt für die vollen vierzehn
-Tage, obwohl ich nicht dazu verpflichtet bin.“
-
-„Ich danke!“ entgegnete Fritz, „es könnte sonst wieder ein armer
-Schlucker dafür büßen müssen!“, stand auf und ging.
-
-Nun war er mit allem und gründlich fertig. Ein Jahr war vertrödelt,
-mit den Studien war er nicht viel weiter gekommen und für das Leben
-geleistet hatte er gar nichts. Die Bilanz quälte ihn jetzt doch, und
-trotzdem, oder gerade weil der Maienhimmel so wundervoll blau, die Luft
-so weich und kosend war, fiel ihn ein arger Jammer mit bösen Krallen an.
-
-Bedrückt ging er durch die belebten Geschäftsstraßen, schritt
-teilnahmslos über die breite neue Moldaubrücke und auf weißen
-Kieswegen neben blühendem Gesträuch in einen stillen Park hinein,
-der einem Fürsten eignend und dem Publikum zugänglich, an einer
-sachten Hügellehne hinter den Häusern emporstieg. Alte Bäume waren
-da, weite Rasenpläne und in runden Beeten standen farbige Blumen im
-Glanz ihrer kürzlich erblühten Schönheit, von Sonnenschein und lauer
-Luft umflossen. Auf den braunen Gartenbänken saßen junge Mädchen
-in hellen Kleidern und lasen in dieser begnadeten Frühe zärtliche
-Liebesgeschichten oder Verse aus zierlichen Goldschnittbänden. Und
-wo eine Sitzgelegenheit tiefer in die lauschigen Hecken hineingerückt
-war, hatte sich auch wohl ein oder das andere Pärchen niedergelassen,
-kecke Studenten zumeist und schmiegsame Backfische mit Musikmappen
-oder Malgeräten, die ihre bezüglichen Unterrichtsstunden schwänzend,
-kreuzvergnügt beim gütigen Lehrer Lenz in die Schule gingen. Leichte,
-kühle Blütenblätter fielen von den Bäumen, und die grüne Wipfelwelt,
-die reglos zwischen Himmel und Erde schwamm, erfüllte ohne Pausen laut
-tönender Finkenschlag. So stellte dieser sanft ansteigende große Garten
-eine ideale Frühlingslandschaft dar, aber die heitere Lebensfreude, die
-blankäugig überall sich regte, war nicht danach angetan, der tristen
-Gemütsverfassung Hellwigs den Garaus zu machen. Sauertöpfisch und
-verdrossen bewegte er sich auf den gewundenen Fußsteigen zum Gipfel
-und setzte sich oben auf eine einsame Steinbank, die abseits von den
-Hauptwegen im Halbrund eines Jasmingebüschs aufgestellt war.
-
-Beinah die ganze Stadt konnte von dort überblickt werden, wie sie da
-unten hingebreitet lag, in Leibesmitte von dem sonnenüberspiegelten
-Stromband wie mit wehrhaftem Stahl gegürtet, und vergoldete Kuppeln
-funkelten im Licht gleich den Zieraten auf dem Brustharnisch einer
-reisigen Brunhilde. Ernst und hart war dieses Stadtbild, von einer
-herben Schönheit, deren strenge Linien auch die Helligkeit des
-Frühlings nicht weicher und anmutiger machen konnte.
-
-Aber Fritz sah nicht darauf hin, schaute darüber hinweg in eine leere
-Ferne und grübelte in sich hinein.
-
-Der Auftritt mit dem Rechtsanwalt war ihm selbst überraschend gekommen.
-Doch war ihm das jetzt ganz recht und er wünschte es nicht ungeschehen.
-
-Im Buschwerk, um ihn, über ihm, war es ungemein lebendig. Lichtbächlein
-rannen von den Zweigen, und unsichtbare Vögel lockten und suchten
-einander. Verwirrend dufteten, kaum den geplatzten Knospen entquollen,
-die weißen Blüten, und das gesamte lose Lenzgesindel war geschäftig,
-mit Schmeicheln und Streicheln und Fächeln und Lächeln die Sinne leise
-zu umgarnen und irgendeine namenlose Sehnsucht wach zu bringen.
-
-Plötzlich mußte er an die kleine Eva Wart denken, und so oft er diese
-Erinnerung unwillig zurückstieß, so hartnäckig stellte sie sich immer
-wieder ein. Ohne daß er es wußte, wurden ihm die Lider feucht.
-
-Und nun sah er auch ihr ganzes Heim vor sich, das tätige Haus, den
-biederen Kaufmann, den Freund -- und neben der hochgesinnten Mutter
-stand das feine Jungfräulein und schaute ihn leidvoll aus ernsten Augen
-an. Wenn er jetzt diesen Menschen gegenüber treten sollte, konnte er es
-denn, ohne die Stirn zu senken? Die Schamröte stieg ihm in die Wangen.
-Und dann -- dann legte er mit einem dumpfen Ächzen beide Hände vors
-Gesicht, und zwischen den gespreiteten Fingern quollen große, warme
-Tränen.
-
-Minutenlang saß er so, zusammengekauert, die Ellbogen auf die Schenkel
-gestützt. Als er sich endlich erhob, mit einer Bewegung, als risse
-er eine Handfessel jäh entzwei, da blickten unter den gewölbten
-Stirnknochen die Augen hart und finster, und in dem hageren Antlitz war
-Zug um Zug ein Ausdruck von gesammelter Entschlossenheit.
-
-
-7.
-
-Als er heimkam, war Otto eben aufgestanden. Fritz teilte ihm nunmehr
-mit, daß er die Wohnung aufgekündigt habe. Da schüttelte ihm Pichler
-warm die Hand und sagte: „Das war gescheit von dir. Sonst hätt’ ich
-nämlich selbst ausziehen müssen. Denn bei aller Freundschaft wirst du
-zugeben müssen, daß wir nicht beisammenbleiben dürfen.“
-
-„Warum denn?“ fragte Hellwig erstaunt. Und Otto erwiderte: „Das ist
-doch ganz klar -- weil ich sonst gerade so unmöglich bin wie du. Man
-kann doch mit einem, der keine Satisfaktion gibt, nicht in derselben
-Stube wohnen, ohne daß ...“
-
-„Ach so!“ sagte Hellwig und fügte hinzu: „Du bist wenigstens
-aufrichtig, das ist doch etwas.“
-
-„Immer!“ versicherte Otto. Dann fuhr er fort, und sein gönnerhafter
-Ton bekundete, daß er sich neben dem Geächteten sehr brav und
-bieder vorkam. „Deswegen,“ -- fuhr er fort -- „deswegen aber keine
-Feindschaft! Wir bleiben die alten, das ist selbstverständlich. Wir
-treffen uns auch regelmäßig und zwar in einem sicheren Wirtshaus, das
-noch gesucht werden muß. Öffentlich, muß ich dich leider bitten, so zu
-tun, als ob wir jeden Verkehr abgebrochen hätten. Ich werde es gerade
-so halten, aber sonst -- unter vier Augen -- alles wie früher! Gilt’s?“
-
-Er streckte ihm die Hand hin. Fritz sah über sie hinweg. „Du bist
-sehr großmütig!“ meinte er mit kaltem Spott. „Aber ich hab’ solche
-Heimlichtuerei nicht gern. Ein ehrliches Entweder -- Oder ist mir schon
-lieber.“
-
-„Wie du willst -- ich bleibe trotzdem dein Freund.“
-
-„Ein Freund, der nicht den Mut hat -- -- ach, weißt du, reden wir nicht
-weiter davon, es ist so müßig.“
-
-Er setzte sich zum Schreibtisch, nahm irgendein Buch vor. Aus alter
-Gewohnheit suchte er dabei nach seiner Pfeife, die stets handgerecht
-am Tischbein lehnte. Sie war nicht mehr dort, war überhaupt aus dem
-Zimmer verschwunden. Die Wondra hatte sie wieder an sich genommen,
-weil so ein ehrwürdiges Erbstück von den Lippen eines Verfemten nicht
-entweiht werden durfte.
-
-Wieder lächelte er. Ein leises, bitteres Lächeln. So kleinlich war das
-alles, so überflüssig und bedeutungslos.
-
-Noch öfter hatte er im Verlauf dieser Tage Gelegenheit zu einem solchen
-Lächeln. Wie ein Aussätziger wurde er gemieden. Sogar der sanfte
-Fundulus drückte sich scheu an ihm vorbei, mit gesenkten Lidern und
-allen Zeichen mitleidender Verlegenheit. Niemand erschien am Abend, um
-ihm eine Blume zuzutrinken oder ihn zum Spiel aufzufordern. Auch kein
-Bier holte ihm die Wondra.
-
-Er hatte die Absicht gehabt, die Wohnung zu verlassen, sobald er ein
-anderes Zimmer gefunden. Jetzt aber entschloß er sich, die ganzen
-vierzehn Tage auszuharren. Niemand sollte ihm nachsagen, daß er vor
-Verachtung geflohen sei. Und gerade zum Trotz, nur um sich zu zeigen,
-ging er jetzt in alle Studentenwirtshäuser, saß allein an einem Tisch,
-und während ein geringschätziges Lächeln um seinen Mundwinkeln lag,
-dachte er an die Zukunft und wie er sich einrichten würde.
-
-Steif aufgereckt schritt er dann durch die Haufen seiner früheren
-Bekannten, schaute ihnen mit freien, hellen Augen ins Gesicht. Mancher
-wurde dadurch verwirrt, griff zum Gruß nach seiner Kappe. Aber er
-erhielt den Gruß nicht zurück.
-
-So vergingen acht Tage, ohne daß Hellwig mit einem Menschen sprach.
-Pichler hatte gleich nach jener Unterredung Tisch und Bett des armen
-König mit Beschlag belegt und vermied ängstlich ein Zusammentreffen.
-Doch hatte er ein Briefchen hinterlassen, worin er sein Benehmen mit
-den alten Gründen nochmals entschuldigte. Fritz riß es in Fetzen.
-
-Wenn er aber gedacht hatte, daß er durch seine völlige Absonderung Zeit
-und Lust zum Arbeiten zurückerzwingen werde, so war das ein Irrtum
-gewesen. Das Lesen der gelehrten Werke mit dem trostlos gleichförmigen
-lateinischen Druck machte ihm keine Freude, zum Studieren fand er nicht
-die Sammlung, den Vorträgen der Professoren hörte er nur mit halbem
-Ohr zu, und es war keiner unter ihnen, der ihn zu fesseln vermocht
-hätte. Zu beschaulich ging es ihm auf einmal in den Stätten der hohen
-Wissenschaft her. Alle seine Kräfte waren in brodelndem Aufruhr.
-Unrast war in ihm und drängende Sehnsucht, mitten im Leben, wo es am
-gewaltigsten brauste, mitzutun, im offenen Widerstreit Aug’ in Aug’ und
-Stirn gegen Stirn einem starken Gegner zu trotzen und im Kampfe für die
-Erhöhung der heute Erniedrigten die Waffen nur siegend oder sterbend
-aus der Hand zu legen.
-
-Alle Länder widerhallten vom Lärm dieses Kampfes und in den
-Industriestädten waren die wohlgerüsteten Heerlager. Auch Prag war
-mit beteiligt, aber der Streiter waren daselbst nur wenige. Die
-Unzufriedenheit der Massen entlud sich hier im unfruchtbaren, aber
-bequemeren Nationalitätenhader. Und wo das anders war, da waren
-Tschechen die Rufer im sozialen Kampf, und Hellwig verstand ihre
-Sprache nicht. Wohl traten in ihren Zusammenkünften bisweilen auch
-deutsche Redner auf, aber das geschah nur selten und brachte in die
-Beratungen stets etwas Fremdes und Feierliches. So fehlte die Brücke
-des lebendigen Wortes, und er vermochte keine Fühlung mit ihnen zu
-gewinnen, trotzdem er jetzt häufig ihre Versammlungen besuchte.
-
-Niedergedrückt kam er eines Abends von einer solchen heim. Seine Koffer
-waren schon gepackt, in zwei Tagen wollte er in die neue Wohnung
-übersiedeln. Da fand er auf seinem Tisch ein Geldaviso aus Wien und
-eine Verständigung des Inhalts, daß die Schriftleitung der Freien
-Blätter seine Abhandlung mit Vergnügen angenommen habe und um weitere
-Beiträge ersuche.
-
-Aber auch von Kolben war ein Brief eingelaufen. Der Doktor schrieb:
-„Lieber Fritz! Du scheinst Luft unter die Flügel bekommen zu haben. Es
-war aber auch höchste Zeit. Jetzt sieh nur zu, daß du nicht wieder den
-Kurs verlierst, überleg’ nicht lang und komm her nach Wien. Es gibt
-hier massenhaft für dich zu tun!“
-
-Da ließ Fritz sein Gepäck statt in die neue Wohnung auf den Bahnhof
-schaffen und fuhr in die Reichshauptstadt.
-
-
-
-
-Drittes Buch
-
-
-1.
-
-Doktor Kolben saß in seinem Arbeitszimmer. Das war ein mäßig großer
-Raum mit roten Tapeten und dunklen Nußholzmöbeln. Der Schreibtisch
-stand schwer und massig vor einem großen Fenster, und durch die
-Fensterscheiben sah man in einen gepflegten Garten mit Hecken,
-Büschen, grünen Wipfeln und blühenden Rosen. Darinnen ruhte das
-kleine helle Haus, das dem Doktor gehörte, wie ein weißer Vogel in
-einem grünen Nest. Still war es hier draußen am Rande der Großstadt,
-ihr Lärm verbrauste, ehe er bis zu dem anmutigen Tal gelangte,
-das waldbestandene Hügel umsäumten und schützten. Eine Eisenbahn
-vermittelte in regem Verkehr die Verbindung mit der Stadt, in kaum
-zwanzig Minuten war man drinnen, und so hatte man hier alle guten Dinge
-des Landlebens samt allen Bequemlichkeiten der Großstadt beisammen und
-konnte sich’s wohl sein lassen.
-
-Der Doktor schrieb fleißig und bedeckte Bogen um Bogen eines starken
-gelblichen Papiers mit regelmäßigen Buchstaben in gedrängten Zeilen.
-Da klopfte es, die Tür ging auf und Fritz stand so, wie er eben vom
-Bahnhof gekommen, in ihrem Rahmen.
-
-„Schnell kommst du!“ sagte Kolben. „Und das ist sehr vernünftig. Sieh
-dir unterdessen die Bilder an, ich bin gleich fertig.“
-
-Er deutete auf ein kleines, mit Mappen und Zeitschriften überladenes
-Tischchen in der Ecke. Dann ließ er die Feder wieder über die
-gelblichen Bogen wandern, und erst nach einer Viertelstunde legte er
-sie weg.
-
-„So! Jetzt laß dich einmal anschaun!“
-
-Er stand auf und Hellwig, der unterdessen die Zeitschriften
-durchstöbert hatte, ebenfalls. Der Doktor legte ihm beide Hände auf
-die Schultern und blickte ihm in die Augen. Fritz hielt eine kleine
-Weile diesem forschenden Blick stand, dann senkte er halb trotzig, halb
-verlegen die Lider.
-
-„Laß gut sein!“ sprach Kolben. „Es hat nichts auf sich. Besser ein
-Jahr, als sich selbst verloren. So was macht jeder durch, wenn er
-nicht gerade ein bleichsüchtiger Musterknabe ist oder eine große
-Null. Also hör’ zu: Der Kampf ums allgemeine Wahlrecht soll langsam
-vorbereitet werden. Ein paar große Streike werden sich nicht mehr lang
-hinausschieben lassen. Die Schriftleitung der Freien Blätter hat junge
-unverbrauchte Kräfte dringend nötig. Ich schätze, es könnte dir nicht
-schaden, wenn du da ein bissel mittust. Willst du?“
-
-„Geht denn das so einfach?“ fragte Hellwig und horchte hoch auf.
-
-„Wird sich machen lassen. Ich hab’ das Kunstreferat, bin auch sonst mit
-den Leuten bekannt. -- Es ist keine Protektion!“ beschwichtigte er, als
-Fritz eine heftig abweisende Bewegung machte. „Glaubst du, ich würde
-dich empfehlen, wenn ich dich nicht bis in die Nieren kennte? Noch
-einmal: Willst du?“
-
-„Ich hab’ keine Ahnung von der ganzen Sache, weiß nicht, ob ich
-überhaupt dazu tauge ...“
-
-„Du taugst schon. Und die Handwerksgriffe lernen sich leicht. Ein paar
-Wochen Einschulung, und das Werkel geht von selber. Zum dritten und
-letztenmal: Willst du? Ja oder nein?“
-
-Noch einige Minuten zögerte Fritz mit der Antwort. Kolben ließ ihm Zeit
-zum Überlegen, trat ans Fenster und sah einem Rotschwänzchen zu, das im
-Lindenwipfel flink sich regte.
-
-„Nun?“ fragte er endlich.
-
-„Ja!“ antwortete Fritz.
-
-Nach einigen Tagen saß er in der Redaktion der Freien Blätter, hatte
-Monatsgehalt und Zeilenhonorar vertragsmäßig zugesichert und kam rasch
-ins Fahrwasser.
-
-Um ihn tönte der Lärm, schrien die Parteien des Tages, forderten von
-der Gegenwart ungestüm ihre vermeintlichen Rechte. Und er stand mitten
-drin, mitten in dem heißen, tosenden Leben, das jeden Tag seine Gestalt
-änderte, Verbrauchtes abstieß und neue Schlagworte ausgab. Was heute
-oben war, hatte morgen seine Macht verloren, lang Niedergehaltenes
-stieg plötzlich empor, ein immerwährender Wechsel war da, ohne
-Stetigkeit und Ruhe, scheinbar ein Wirrwarr und doch eins durch das
-andere bedingt.
-
-Von besonderem Reiz für ihn war es da, den Zusammenhängen nachzuspüren,
-die das wertlos gewordene Gestern mit dem schillernden Heute
-verknüpften, die vielen durcheinander wirbelnden Strömungen und
-Gegenströmungen bis zu ihrer gemeinsamen Quelle zu verfolgen und aus
-dem beständigen Auf und Ab der fließenden Erscheinungen das Bleibende
-herauszufinden.
-
-Und er erschrak über die drückende Machtfülle, die gewaltig
-aufgespeicherte Vermögen den verdienstlosen Besitzern über ganze große
-Menschengruppen verliehen, sah diese vergeblich dagegen ankämpfen,
-matt und mutlos werden, und fühlte mehr, als er klar erkannte, daß
-eine Ordnung, in welcher derartiges möglich war, irgendwie krank sein
-müsse, ohne daß er hätte finden können, wo eigentlich die Krankheit saß
-und wie sie zu heilen wäre. Denn alle die Wohlfahrtseinrichtungen, die
-Krankenkassen, Unfallversicherungen, Altersversorgungen, schienen ihm
-bestenfalls Verlegenheitsmittel, durch die nur die Folgeerscheinung
-der Krankheit erträglicher gemacht, nicht aber die Krankheit selbst
-behoben werden konnte, so etwa, wie man einem schwer Verwundeten
-Morphium einspritzt, um die unerträglichen Schmerzen für Augenblicke zu
-übertäuben.
-
-Da war nun seiner grüblerischen Natur wieder ein reicher Stoff geboten.
-Aber er blieb in beständiger Fühlung mit dem Leben und arbeitete
-freudig drauflos, so daß es gewöhnlich sehr spät wurde, ehe er zum
-Nachtmahl und in seine Wohnung kam. Aber auch dann gönnte er sich noch
-nicht Ruhe, las vielmehr, schrieb und studierte, als wollte er in
-Wochen nachholen, was er während der leeren Monate in Prag versäumt
-hatte.
-
-So verging der Sommer im Flug, es wurde Herbst und eines Tages traf
-Heinz Wart in Wien ein. Er hatte die Reifeprüfung abgelegt, und
-zielsicherer als Hellwig schwankte er keinen Augenblick, sondern kam
-mit der festen Absicht, sich ganz dem Zeitungswesen zu überantworten
-und dort mitzuarbeiten, wo er am ehesten die Verwirklichung seiner
-Jugendideale erhoffte.
-
-Er war noch blasser und stiller geworden, die Augen brannten ihm groß
-und wie im Fieber unter der weißen Stirn. Von den dunklen Haaren bis in
-die Fingerspitzen schien die ganze überschlanke Gestalt mit verhaltener
-Leidenschaft durchtränkt, von Temperament förmlich gesättigt zu sein.
-Er war einer von jenen, die mit dem Herzen entscheiden, sich an der
-eigenen Glut verzehren und unbesinnlich zur Selbstopferung bereit sind,
-wenn sie glauben, der Idee, für die sie brennen, dadurch dienen zu
-können.
-
-Hellwig aber freute sich sehr, den besten Freund seiner Jugend wieder
-zu haben. Sie bezogen zwei einfenstrige Stuben im selben Haus, und
-da sie auch im gleichen Redaktionszimmer saßen, waren sie fast
-ununterbrochen beisammen. Nur abends, wenn Fritz zu Hause arbeitete
-oder an Versammlungen teilnahm, tat Heinz nicht mit. Das war nichts für
-ihn, das Studieren oder Debattieren bis in die späten Nachtstunden.
-Er wollte das Elend nicht bloß vom Hörensagen, sondern aus eigener
-Anschauung kennenlernen. Und er ging in die Massenquartiere und
-Schnapsbuden, kroch in alle Schlupfwinkel der Obdachlosen. Bisweilen
-blieb er dann tagelang verschwunden. Und wenn er wieder in der Wohnung
-auftauchte, hatte er statt der getragenen guten Kleider ein paar Fetzen
-an, geflickt und schmutzstarrend, und Fritz mußte ihm bis zum Ersten
-des nächsten Monats mit Geld aushelfen.
-
-Wo er sich herumtrieb, verriet er nicht. Aber er war dann noch stiller
-und bleicher als sonst, und seine Augen schienen gleichsam nach innen
-zu schauen, und in ihrem dunklen Grunde lag unbeweglich etwas seltsam
-Starres, vereister Schreck oder versteintes Grauen, wie bei Leuten, die
-hart am Tod vorübergegangen oder an einer furchtbaren Gefahr.
-
-Allen Fragen wich er aus. „Laß mich nur, Fritz, ich komm’ schon allein
-drüber weg. Dann wirst du’s erfahren.“
-
-Da drang Hellwig nicht weiter in ihn.
-
-
-2.
-
-Pichler hatte sein Verhältnis mit der Helenka gelöst. Nach einem
-heftigen Streit waren sie auseinander gegangen, und keins fragte
-mehr dem andern nach. Jetzt diente er sein Freiwilligenjahr ab, beim
-Fuhrwesen, wegen der schönen Uniform. Und die Uniform stand ihm
-ausgezeichnet. Das wußte er, und konnte es kaum erwarten, bis er einen
-dreitägigen Feiertagsurlaub bewilligt erhielt, den er in der Heimat
-zubrachte, um sich dort den Leuten in all seinem Glanz zu zeigen. Die
-Geschwister bestaunten den stolzen Krieger wie ein farbenprächtiges
-Fabelwesen, und auch der lustige Küster unterließ das Witzeln und hatte
-helle Freude an dem stattlichen Sohn. Den aber trieb es nach Neuberg.
-Er wollte die Eva Wart sehen und Eindruck machen.
-
-Das alte Haus war, wenn möglich, noch schwärzer und verwitterter
-geworden, aber die muntere Arbeit erfüllte es jetzt wie einst, und wie
-vor Jahrhunderten schon leuchteten die bunten Glasmalereien noch immer
-frisch und kräftig im Sonnenschein. Der Rehbock Hansl tummelte sich im
-Garten, und unter den Bäumen am Grasplatz stand seine Herrin, zierlich
-und fein, ein gefaltetes Tuch um den Leib, und befestigte Leinenwäsche
-mit hölzernen Klammern an den kreuz und quer zwischen die Bäume
-gespannten Schnüren. Sie trug eine blaue Hausjacke mit weiten Ärmeln,
-und so oft sie ein Wäschestück hob, fielen sie bis zu den Ellenbogen
-über die runden Arme zurück. Das freute die fröhlichen Sonnenlichter
-und liebkosend streichelten sie die glatte Haut, durch deren Weiß
-in einem ganz zarten und duftigen Schein, nur kaum wie die Farbe
-junger Apfelblüten, das Blut schimmerte. Eine warme Anmut war in den
-Bewegungen der fleißigen Arbeiterin, und wenn sie sich auf die Zehen
-stellte, mit zurückgebeugtem Oberkörper eine höher hinlaufende Leine zu
-sich niederzog, formten die kleinen Brüstlein zwei feine schattenhafte
-Hügel in den leichten Stoff des losen Kleides.
-
-Im knapp sitzenden Waffenrock mit funkelnden Knöpfen, glänzend
-gewichste Röhrenstiefel an den Füßen, kam Otto über den Hof, und
-die Scheide des schweren Säbels stieß mit lautem Klingen gegen das
-Pflaster. Verwundert schaute das Fräulein nach der geräuschvollen
-Erscheinung und vergaß vor Überraschung die blühweiß gewaschenen
-Unterhosen Wart Nikls aufzuhängen, die es gerade aus dem Korb genommen.
-Unschlüssig hielt es diese in der Hand und wartete der Dinge, die da
-kommen würden.
-
-Der fremde Krieger aber ging schnurstracks auf den Garten zu, blieb,
-die Hacken zusammenschlagend, vor dem Gitter stehen stehen und
-salutierte stramm:
-
-„Servus, Fräulein Eva!“
-
-Nun erkannte sie ihn an der Stimme. „Jemine, der Herr Pichler!“ rief
-sie und lief, das Gartentürl zu öffnen. Sie tat es mit einem kleinen
-Knicks und sagte unüberlegt dazu: „Tretet ein, hoher Krieger!“
-
-„Der sein Herz Euch ergab!“ ergänzte Otto schnell und verneigte sich
-tief, wobei er die weißbehandschuhte Rechte gegen seine Brust drückte.
-
-Das Fräulein errötete. „Bei Ihnen muß man mit dem Zitieren vorsichtig
-sein!“ lachte es. „Sie sind gut beschlagen!“ Dann wollte es ihm die
-Hand zum Willkomm reichen und bemerkte, daß es noch immer des Vaters
-Unterhose hielt. Unmutig weggeschleudert flog diese im Bogen neben den
-Korb. Pichler gewahrte den Zorn.
-
-„Lassen Sie sich nicht stören!“ sagte er und zog die Handschuhe aus.
-„Wenn es Ihnen recht ist, werde ich helfen.“
-
-„Ja?“ antwortete sie vergnügt. „Kommen Sie, das ist lustig!“
-
-Dann hängten sie mitsammen die Wäsche auf. Im Rasen blühten die
-Gänseblümchen und der gelbe Löwenzahn, die jungen Blätter der Obstbäume
-glänzten frisch, und mit geschmeidigen Gliedern sprang das Reh über
-die grünen Wiesenflächen. Eva regte sich flink, Otto reichte ihr die
-feuchten Leinenstücke und stellte sich ungeschickt, um einen Vorwand
-zu haben, seine Finger mit ihrer warmen Hand oder dem kühlen festen
-Fleisch der Arme in Berührung zu bringen. Sie achtete nicht darauf.
-Ganz Eifer war sie, und die blonden Stirnhaare bewegten sich in krauser
-Unordnung wie ein leichtes goldenes Gitterwerk vor der klaren Stirn.
-Dabei plauderten sie von allem möglichen, und nur von einem sprachen
-sie nicht, obwohl Eva mit still klopfendem Herzen darauf wartete: von
-Fritz Hellwig.
-
-Aber auch Pichler dachte an ihn und wiegte sich in der frohen
-Zuversicht, daß es ihm gelingen werde, den Gegner auszustechen. Denn
-er wußte, daß Hellwig sein Mitbewerber war. So ängstlich dieser auch
-das Geheimnis behütete, den Spüraugen Ottos war es nicht verborgen
-geblieben.
-
-Alle Register seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit zog er, und
-das Bewußtsein, daß er fesch und vorteilhaft aussah, verlieh ihm
-große Sicherheit. Er übertraf sich selbst an Witz, Geist und
-drolligen Einfällen, so daß Eva fortwährend lachen mußte und in ihrer
-Vertrauensseligkeit, die ohne Arg war, dem lustigen Gesellschafter mit
-warmen Blicken entgegenkam. Und sie merkte auch die Absichtlichkeit
-nicht, als er ihr mit zögernden Händen die Haare aus der Stirn ordnete,
-mit ihrem Armband sich zu schaffen machte oder wie zufällig über ihr
-Kleid hinstrich. Wie mit einem guten Kameraden unterhielt sie sich und
-begegnete seinen Vertraulichkeiten auch wohl mit anderen, indem sie ihn
-auf die Finger schlug oder belustigt ihren schmalen Fuß zum Vergleich
-auf seinen großen Stiefel stellte.
-
-Otto aber deutete alles zu seinen Gunsten. Er brannte lichterloh und
-glaubte, daß die Kleine nicht weniger in ihn verliebt sei als er in
-sie. Seine übermütige Siegessicherheit ließ ihn immer mehr wagen.
-Als er aber mit einer halben Wendung seinen Arm einen Augenblick um
-ihre Hüfte legte, klatschte sie ihm ein nasses Tuch ins Gesicht. „Das
-fordert Strafe!“ rief er und wollte sie jetzt erst recht an sich
-ziehen. Das Mädchen aber stand plötzlich mit einer so erstaunten und
-kalt abweisenden Miene vor ihm, daß er betreten seine Absicht aufgab.
-Er sah ein, daß er fürs erste Mal zu weit gegangen. Um den ungünstigen
-Eindruck zu verwischen, war er jetzt doppelt aufmerksam und bescheiden.
-Eva hantierte indes gleich wieder fröhlich weiter und tat, als sei
-nichts vorgefallen. Erst dieser vornehme und sichere Anstand brachte
-ihn aus dem Text. Er wurde verlegen, verlor den Faden und einen
-Augenblick stockte das lebhaft geführte Gespräch.
-
-Der Rehbock kam, rieb den Kopf an seiner Herrin und schaute sie mit
-klugen Augen an. Da benützte sie endlich die Gelegenheit und sagte:
-„Wie doch die Zeit vergeht! Jetzt hab’ ich ihn schon das dritte Jahr!
-Was mag denn eigentlich der edle Spender machen?“ Ganz leichthin sagte
-sie das, aber ihr Herz schlug laut dabei.
-
-„Wer?“ fragte Otto und wollte nicht verstehen.
-
-„Sie wissen wohl gar nicht, von wem er ist?“ erwiderte sie. Es war ihr
-nicht möglich, den Namen über die Lippen zu bringen.
-
-„Ja so!“ antwortete Pichler gedehnt und gleichgültig. „Sie reden von
-Fritz Hellwig? Da kann ich nicht dienen. Seit der wegen jener gewissen
-Geschichte von Prag hat fortmüssen, hab’ ich nichts mehr von ihm
-gehört.“
-
-„Was für gewisse Geschichte?“ fragte sie und schaute ihn bang an. Da
-hoffte er sein Eisen zu schmieden, begann zu erzählen und stellte die
-Sache so dar, als ob Fritz aus Mangel an Mut den Zweikampf abgelehnt
-hätte.
-
-„Man darf das nicht!“ schloß er. „Erst beleidigen und dann auskneifen.
-Es ist mir schwergefallen, aber ich hab’ schließlich nicht anders
-handeln können.“
-
-„Wieso?“ Eine kleine Falte stand ihr zwischen den Brauen.
-
-„Mit einem Auskneifer verkehrt man nicht. Der ist gesellschaftlich tot.
-Ich hab’ dennoch versucht, mir den Freund zu erhalten, hab’ heimlich
-mit ihm zusammentreffen wollen, trotz der Gefahr, daß es herauskommt
-und mich ebenfalls unmöglich macht.“
-
-Er mußte innehalten. Eva hatte mit dem Fuß aufgestampft und ungestüm
-dazwischengerufen: „Fritz ist kein Auskneifer!“
-
-Mit einem nachsichtigen Lächeln blickte er sie groß an.
-
-„Sprechen wir nicht mehr davon. Mir geht die Geschichte nah, und helfen
-tut das Reden doch nichts mehr!“
-
-„Ihnen nicht, das seh’ ich jetzt schon selber!“ sprach sie ihm mit
-funkelnden Augen entgegen. Gekränkt versetzte er: „Warum sind Sie so
-bös? Sie tun ja gerade, als ob ich an allem schuld bin!“
-
-„Beileibe!“ entgegnete sie und in ihrer Stimme war Spott und Zorn.
-„Fein haben Sie sich benommen! Ein unschuldiger Engel sind Sie!“ Dann
-aber ging ihr doch das mühsam gezügelte Temperament durch. „Wollen Sie
-wissen,“ fuhr sie heftig fort, „wollen Sie wissen, wer der Feigling
-ist? Nehmen Sie einen Spiegel und schaun Sie sich an! Dann sehen Sie
-ihn!“
-
-„Fräulein Eva!“
-
-Das klang gereizt und grollend. Sie hörte nicht darauf. Rücksichtslos
-warf sie ihm ihre Empörung ins Gesicht.
-
-„Vielleicht nicht? Sie haben nicht den Mut gehabt, offen zu Ihrem
-Freund zu halten. Wie alle sich losgesagt haben, haben auch Sie ihn
-aufgegeben! Das ist feig! Das ist schlecht! Pfui!“
-
-Sie drehte sich auf dem Absatz herum, schritt tiefer in den Garten
-hinein mit heißen Wangen und wild schlagendem Herzen. Aber ihre
-blitzenden Augen waren jetzt voll Tränen.
-
-Pichler war sehr blaß geworden und zerknüllte seine Handschuhe. Das
-Reh, das ihm gerade in die Quere kam, erhielt einen unsanften Stoß.
-Doch kein Wort erwiderte er. Eine Weile stand er noch unschlüssig, dann
-kehrte er sich langsam ab und schritt durch das Gartentürl in den Hof
-zurück. Aber sein Säbel klang jetzt nicht mehr hell auf den Steinen. Er
-hielt ihn am Korb fest und bestrebte sich eines möglichst geräuschlosen
-Abgangs.
-
-Eva schrieb an diesem Tage noch einen langen Brief an Heinz. Aber
-obwohl sie dabei fortwährend an Fritz dachte und obwohl jedes Wort
-eigentlich für ihn bestimmt war, kam auf den vier eng beschriebenen
-Seiten schließlich nicht einmal sein Name vor. Und nur ganz zum Schluß,
-als Nachschrift, schrieb sie: „Deinen Stubennachbar lasse ich grüßen.“
-Sie schrieb es hastig und überstürzt und wagte dabei nicht auf das
-Papier zu schauen, so daß diese Zeile schief und mit unordentlichen
-Buchstaben dastand und von der sauberen Nettigkeit der übrigen
-erheblich abstach.
-
-
-3.
-
-Fritz blieb es erspart, dem Kaiser zu dienen. Eine Unregelmäßigkeit
-in der Krümmung der Hornhaut beeinträchtigte das Sehvermögen seines
-rechten Auges und machte ihn zum Waffendienst untauglich. Er war froh
-darüber, und als er auch die letzte Musterung glücklich hinter sich
-hatte, verleitete er seinen Freund Heinz zu einem kleinen Gütlichtun in
-einem Weinkeller. Von dort gingen sie noch in ein Nachtkaffeehaus. Ein
-Streichorchester spielte hier, und der große, schäbig elegante Raum war
-gesteckt voll. Studenten, ledige junge Beamte und alte Witwer waren in
-der Überzahl, saßen angeheitert, lustig oder schläfrig bei den runden
-Marmortischchen und musterten die geschminkten und geputzten Weiber,
-die von der Straße kamen und Liebe feilboten. Allenthalben saßen oder
-standen sie bei den Herren, von den großen Hüten nickten die gefärbten
-Federn, und falsche Edelsteine funkelten an billigen Spitzenblusen.
-
-Eine aber saß allein und abseits in einer Ecke, hatte ein schlecht
-sitzendes dunkles Kleid an, und ihr Gesicht war ohne Schminke. Mit
-ängstlichen Augen schaute sie in das lärmvolle Durcheinander, und wenn
-ein Mann sie ansprach, begann sie zu zittern, errötete und gab keine
-Antwort. Eine Anfängerin. Der Zahlkellner beobachtete sie mißtrauisch.
-Er sorgte sich um sein Geld für die Zeche. Aber auch Heinz Wart ließ
-sie kaum aus den Augen.
-
-Die Musik spielte den neuesten Gassenhauer, die Gäste sangen mit,
-stampften, klatschten und pfiffen.
-
-Leichthin sagte Heinz: „Ich werde mich an ihren Tisch setzen. Gehst du
-mit?“
-
-„Was dir nicht einfällt!“ erwiderte Fritz und schaute den Epikuräer
-entrüstet an. Der bemühte sich, ein unbefangenes Gesicht zu machen,
-wurde aber doch rot, als er jetzt meinte: „Dann wäre ich dir dankbar,
-wenn du mich allein ließest.“
-
-„Wie du willst. Zugetraut hätte ich’s dir nicht!“
-
-„Man täuscht sich eben. Gute Nacht.“
-
-Hellwig hatte schon den Hut auf und stürmte davon. Er war nicht prüde
-und kein Sittenrichter. Aber die käufliche Liebe ekelte ihn an.
-
-Die junge Frau zuckte erschreckt auf, als sich Heinz mit einem
-ungelenken: „Erlauben Sie?“ zu ihr setzte. Aber bald verlor sie alle
-Scheu. Weder Unverschämtheit noch freches Begehren war in seinem Blick,
-nur ernste Teilnahme, die Vertrauen heischte und Vertrauen wachrief.
-
-Sie hieß Marie und war aus dem Waldviertel. Nach einem verstorbenen
-Onkel hatte sie gemeinsam mit ihrer Schwester einen Milchhandel in der
-Stadt übernommen. Aber da sie beide nichts vom Geschäft verstanden,
-wollte es nicht gehen und wurde ihnen schließlich versteigert. Die
-ältere Schwester hatte mit einem Lohnkutscher ein Verhältnis, das ihr
-allwöchentlich Prügel und alljährlich ein Kind einbrachte. Die Marie
-aber ging einem Heiratsschwindler ins Netz, der sie um die letzten
-Kreuzer betrog und dann sitzen ließ. Weil sie zart und schwächlich
-aussah, glückte es ihr nicht gleich, als Dienstmagd unterzukommen, die
-Quartiersfrau wollte ihr ohne Zahlung nicht länger Unterstand geben,
-bei der Schwester war Not und Elend und kein Platz für noch einen
-müßigen Kostgänger. Deswegen saß die Marie jetzt hier und wollte das
-Letzte, das ihr noch geblieben, feilgeben, um wieder einmal ordentlich
-essen und die Miete zahlen zu können.
-
-Das alles erzählte sie dem Wart, und die Aussprache tat ihr wohl. Er
-unterbrach sie mit keinem Wort, hörte still zu und lebte ihr einfaches
-Schicksal mit, das ihn ans Herz griff, trotzdem er vorausgewußt hatte,
-daß ihr Bericht so oder ähnlich lauten würde.
-
-Dann redeten sie noch über viele Dinge. Die Marie fühlte sich geborgen,
-wurde lebhafter und wenn sie lächelte, glitt über ihr mageres
-Gesicht ein wehmütig freundliches Licht. Wie wenn im Vorfrühling der
-Sonnenschein über ein erstes blasses Schneeglöckchen hinhuscht, sah es
-aus, und in ihren goldbraunen Augen war ein sanfter Glanz von einer
-Munterkeit, die ungewiß, ob sie sich vorwagen sollte, ihre leuchtenden
-Flüglein hob und senkte.
-
-Es war sehr spät geworden. Heinz schlug vor, zu gehen. In ihr Schicksal
-ergeben, folgte sie ihm. Aber auf der Straße nahm sie doch seinen Arm
-und schmiegte ihre Wange daran, zum Dank, daß er sie rücksichtsvoll und
-wie ein anständiges Mädchen behandelte. Vor einem Logierhaus machte er
-halt. Bevor er klingelte, bot er ihr mit behutsamen Worten ein Darlehen
-an. Sie gab keine Antwort, wurde verwirrt und schluchzte kurz auf.
-Aber das Geldstück nahm sie doch, mit kaum verhehlter Gier, aus seinen
-Händen und barg es bebend in ihrem Täschchen. Dann wartete sie mit
-fliegendem Atem, daß er anläuten und das Zimmer bestellen würde. Doch
-er hielt ihr nur die Hand hin.
-
-„Gute Nacht!“ sagte er einfach.
-
-Freudig erschrocken schaute sie ihn an.
-
-„Sie gehn nicht mit?“ rief sie in der Ratlosigkeit ihrer Überraschung.
-Und das war wie ein Aufjubeln, und die hellen Tränen stürzten ihr über
-die Wangen.
-
-„Schlafen Sie sich aus. Wenn es Ihnen recht ist, hol’ ich Sie morgen
-früh ab. Dann sehen wir weiter.“
-
-Sie war ganz fassungslos und wußte nicht, wie sie ihm dankbar sein
-könnte. In überströmendem Empfinden neigte sie sich über seine Hand.
-Unwillig machte er sich frei, zog die Nachtglocke und wollte rasch
-davon. Sie ließ es nicht zu.
-
-„Sie ... du ...“ stammelte sie, legte ihre Arme um seinen Hals und
-küßte ihn.
-
-Die Sommernacht war lau und ausgesternt, rein und rund hing der Mond
-im dunklen Blau, lautlos war es und niemand in der Gasse zu sehen. Und
-nichts war zu hören als der Herzschlag der vielen schlafenden Menschen,
-der durch die Mauern der großen Zinshäuser drang und leis und warm
-durch die Stille pochte.
-
-„Bleib’ bei mir, du!“ flüsterte die Marie. „Geh’ nicht fort, laß mich
-nicht wieder allein. Ich bin so froh, daß ich dich gefunden hab’!“
-
-Der Schlüssel rasselte im Schloß. Schläfrig öffnete der Pförtner das
-Tor. Nur einen flüchtigen Blick warf er auf das Pärchen, dann sagte er
-mit einem verständnisinnigen Blinzeln zu Heinz: „Ein Zimmer mit zwei
-Betten ist nicht mehr frei. Wenn die Herrschaften fürlieb nehmen wollen
-mit Nummer einundvierzig?“
-
-Heinz stand wie betäubt.
-
-„Geh’ nicht fort!“ bat die Marie.
-
-Da nahm er wortlos den Zimmerschlüssel aus der Hand des Türstehers.
-Und noch ehe er im zweiten Stockwerk angelangt war, hatte er schon den
-schlanken, bebenden Frauenleib ganz dicht an sich gezogen.
-
-Körper an Körper und Wange an Wange stiegen sie die Treppe hinan, mit
-fieberndem Blut und hämmernden Herzen, und wie eine glühende Wolke
-umhüllte sie die ungestüme Sehnsucht ihrer jungen lebenshungrigen Sinne.
-
-So kam die große Leidenschaft der Liebe über Heinz Wart. Er bezog mit
-Marie eine aus Küche und Zimmer bestehende Wohnung im fünften Stock
-eines Miethauses. Dort war es hell und freundlich, und die schlichten
-Möbel glänzten im Morgensonnenschein mit den Zähnen, den Augen der
-Marie um die Wette. Heiter ging sie an ihr Tagewerk und beschloß es
-heiter, ganz geborgen fühlte sie sich, wußte sich geliebt und liebte
-wieder mit aller Zärtlichkeit ihres unverbrauchten kindlichen Herzens.
-Ein sachtes Rot kam in ihre schmalen Wangen, leicht und federnd schritt
-sie einher. Aber ihre Arme blieben mager, und der trockene Husten
-wollte nicht weichen.
-
-Beglückt und froh ließ sich Heinz von ihrer warmen Liebe wiegen. Seine
-Starrheit löste sich, er wurde weicher, menschlicher sozusagen. Im
-schnurgeraden Wandern nach dem Ziel hatte er eine heimliche Stätte
-gefunden, wo er traumverloren ruhen und endlich auch einmal der Melodie
-seines eigenen Lebens lauschen konnte.
-
-Fritz bat den Freund -- wortlos, nur mit einem festeren Händedruck --
-um Verzeihung wegen der schlechten Meinung, die er von ihm gehabt, und
-mit der Marie schloß er bald gute Kameradschaft. Viele schöne Abende
-verlebte er in ihrem Heim, aber auch jeden freien Tag verbrachte er mit
-ihnen.
-
-Dann fuhren sie alle drei in den Wiener Wald oder in die Voralpen
-hinaus, nach denen die Marie solche Sehnsucht hatte, daß sie sich immer
-wie zu einem Fest schmückte, wenn sie die laubwaldumwachsenen Höhen
-wiedersehen sollte, die weich hinfließenden Kämme und die weiten
-Täler. Denn sie liebte die freie Gotteswelt, den blauen Himmel, unter
-dem sie groß geworden, die blumigen Fluren, die ihr das Wiegenlied
-geflüstert, die saalweiten Buchenwälder, durch die mit goldenen Mänteln
-die Rehe sprangen wie verwunschene Märchenprinzen.
-
-Abseits von dem großen Heer der Ausflügler streiften sie, meist weglos,
-den ganzen Tag umher, an kühlen Bergquellen hielten sie Rast, von
-duftschweren Maiglöckchen umblüht oder umloht von der berauschenden
-Glut blutroter Alpenrosen. Und je einsamer es war, desto glücklicher
-waren sie, großen Kindern gleich, die hinter die Schule gelaufen.
-
-
-4.
-
-Diese Ausflüge waren für Hellwig immer wie ein Jungbrunnen, aus dem
-er sich Erquickung und neue Frische holte für sein aufreibendes
-Tagwerk. Dieses war, je mehr er sich eingearbeitet hatte, je mühevoller
-geworden. Die Partei hatte bald die Tüchtigkeit, die Werbekraft und
-den Einfluß erkannt, den der junge Schriftleiter mit seiner warmen
-Begeisterung und stillen Leidenschaftlichkeit auf breite Massen üben
-konnte. Die Scheu vor dem öffentlichen Hervortreten hatte er rasch
-überwunden, zauderte jetzt niemals mehr, in den Versammlungen als
-Redner aufzustehen, und wenn er etwas zu sagen hatte, sagte er es frei
-heraus und wunderte sich selbst manchmal, wie leicht und mühelos ihm
-die Worte von den Lippen kamen. Mit frohen Kräften tat er sich überall
-um, und je mehr man auf seine Schultern lud, desto wohler fühlte er
-sich. Und seine Kräfte wuchsen, je mehr er sie brauchte.
-
-Immer zu eng waren ihm die Grenzen abgesteckt, sein Ungestüm
-schrie nach einer ganz großen Aufgabe, an der er sich ungehemmt und
-uneingeschränkt erproben und wirklich abmessen konnte, was er zu
-leisten imstande sei. Und die Aufgabe wurde ihm.
-
-In dem ausgedehnten nordböhmischen Kohlenbecken waren die
-Lohnverhältnisse schon lang unhaltbar und der Streik nicht länger
-hinauszuschieben. Stürmisch verlangten ihn die Bergleute, und die
-Parteileitung mußte nachgeben. Es wurde notwendig, einen verläßlichen
-Mann in das unruhige Gebiet zu entsenden, der die Bewegung vorbereiten,
-in geordnete Bahnen lenken und überwachen sollte. Die Wahl fiel auf
-Fritz Hellwig. Eine große, verantwortungsvolle Sendung wurde ihm, der
-wenig über vierundzwanzig Jahre alt war, damit auferlegt. Aber vor die
-Entscheidung gestellt, schwankte er keinen Augenblick und sagte ja.
-
-An einem trüben Herbsttag betrat er den Ort seines zukünftigen Wirkens.
-Die große lärmvolle Provinzstadt machte keinen günstigen Eindruck.
-Ein trockener Geschäftsgeist, der das Zweckmäßige auch schön findet,
-sprach aus ihrer ganzen Anlage. Man sah es gleich: Diese Stadt hatte
-keine Vergangenheit. Ihre Insassen wohnten nur erst wie zur Miete,
-waren nicht auf diesem Boden erbgesessen und mit ihm verwachsen durch
-vieljährige Überlieferung. Deswegen legten sie keinen Wert auf ein
-behagliches Heim, hätten auch keine Zeit gefunden, es zu schmücken, in
-ihrer rastlosen Jagd nach dem Erwerb.
-
-Mit ihren vielen Fabriksschloten lag die Stadt, beständig von einer
-Wolke schwärzlichen Qualms überschattet, mit Geratter, Gerassel und
-Getöse angefüllt, in einer ungemein reizvollen Landschaft wie ein
-häßliches Mal auf einem schönen Körper. Zahlreiche Berge schlossen
-sie von zwei Seiten ein, ein stattlicher Strom hatte sich eine
-breite Rinne durch das Gebirge gegraben und trug Frachtschiffe auf
-seinem Rücken, beladen mit Obst und Korn und Kohlen, die rings in
-dem großen Becken gefördert wurden. Und an seinen Ufern führten die
-Schienenstränge, keuchten die Lokomotiven, knarrten die Dampfkrahne,
-schwere Warenballen aus den Eisenbahnwagen hebend und in den
-Schiffsrumpf senkend.
-
-Es war eine reiche Gegend, und die Leute verwendeten den unerschöpflich
-zuströmenden Reichtum mit klugem Bedacht. Sie legten ihn in der Erde
-an, vergruben ihr Pfund und wucherten doch damit, teuften Schacht
-um Schacht ab, stellten immer stärkere Fördermaschinen auf, und die
-schwarzen Diamanten brachten hundertfältigen Nutzen.
-
-Aber die Landschaft litt darunter, und schon jetzt sah man weite
-Flächen mit rauchenden Löschhalden eingesunken und verrollt, wo
-einst auch fruchtschwere Obstbäume standen und gelbes Korn der Ernte
-entgegenreifte. Und wenn der letzte Kohlenblock dem Bauch der Erde wird
-entrissen sein, dann wird eine Wüste ringsum zurückbleiben und ein
-großes Elend.
-
-Daran dachten sie jedoch vorläufig nicht. Sie waren stolz auf ihre
-Bergwerke, stolz auf ihre Fabriken, stolz auf ihren Reichtum und
-hielten sich für ungemein geschäftstüchtig, weil sie sich alles
-dienstbar zu machen und aus allem Vorteil zu ziehen wußten.
-
-Am stolzesten aber war die Stadt auf ihre chemische Fabrik. Die bildete
-ein eigenes Viertel, und wohl fünfzig Schlote ragten hoch in die Luft,
-gewaltige Säulen für den Thron der Königin Industrie. In dicken Wolken
-hing der schwarze Rauch darüber als Baldachin und unten sausten und
-grollten die Räder, knatterten die Treibriemen, ächzten die Winden,
-schrillten die Dampfpfeifen: die große Sinfonie zu Ehren der Königin.
-
-Weit über fünftausend Arbeiter beschäftigte diese Fabrik, und weit
-über fünfzehntausend Bergleute fanden in den Kohlengruben ihr Brot.
-Die sollte Fritz Hellwig nun führen, organisieren und vorbereiten zum
-Kampfe gegen die mächtigen Handelsherren.
-
-Er hatte sich außerhalb der Stadt in einem kleinen Hause am Ufer
-des Stromes bei einem Faßbinder eingemietet. Hier war es still und
-friedsam, die Hafenbahn führte nicht bis her und der Lärm drang nur
-kaum noch wie ein leises Murmeln von fern. Um die Fenster schlang ein
-edler Weinstock seine Ranken, bewaldete Berge stiegen am jenseitigen
-Ufer mit anmutigen Gipfeln empor, und durch das grüne Tal glitt leise
-rauschend mit eiligen Wellen der schöne Fluß. Früh morgens ging die
-Sonne an den Fenstern vorbei, lag wie gleißendes Silber auf der breiten
-Wasserfläche, Lastschiffe und Zillen wanderten bei günstigem Wind mit
-aufgesteckten Segeln vorüber, Schleppdampfer bewegten sich an rollender
-Kette stromaufwärts.
-
-Bisweilen auch tönte unten auf dem gepflasterten Vorplatz lustiger
-Schlegelklang. Aber der Bindermeister war rücksichtsvoll und fragte
-jedesmal, wenn er die Reifen antreiben wollte, seinen Mieter, ob ihm
-das Gehämmer nicht lästig sei. Er war außerordentlich mager, groß,
-etwas vornüber gebeugt durch die Last seiner siebzig Jahre, und um
-das ganze Gesicht starrte ihm ein wahrer Urwald von grauen Haaren,
-so daß nur die kleinen Vogelaugen sichtbar waren und eine Hakennase
-von abenteuerlicher Form. Wie ein Meergreis schaute er aus, grün, mit
-grünlich verschossenen Kleidern und grünlich-schwarzer Hautfarbe.
-Denn er wusch sich nur Sonntags. Dagegen hielt er viel auf leichtes
-Schankbier und Schnupftabak, wovon er unglaubliche Mengen verbrauchte.
-Seine Frau war ihm darin ähnlich. Auch sie verschmähte weder eine Prise
-noch einen guten Trunk. Doch ging sie immer sauber gewaschen, und Fritz
-hatte keinen Anlaß zu einer Klage. Seine Stube war kühl und hell, die
-Aussicht prachtvoll, der Kaffee vortrefflich.
-
-Wenn er zu Hause war, sah er am liebsten zum Fenster hinaus auf das
-bunte Treiben im Strom, schaute den Scharen der Möven zu, die wie
-Silberstreifen über die glitzernde Wasserfläche schossen und ließ sich
-nachts von dem eintönigen Geplätscher der wandernden Wellen in Schlaf
-singen.
-
-Aber er hatte nicht viel Zeit zu beschaulicher Muße. Die Agitatoren,
-die vor ihm dagewesen waren, hatten schlecht gewirtschaftet. Sie hatten
-verhetzt, statt aufzuklären; sie hatten aufgereizt, wo sie hätten
-belehren sollen. Sie hatten den Leuten die glückliche Unwissenheit
-genommen und nichts dafür gegeben.
-
-„Werdet Sozialdemokraten, und es wird euch gut gehen.“
-
-Und sie wurden Sozialdemokraten. Aber es ging ihnen nicht gut. Es ging
-ihnen schlechter. Denn zur gleichen Lebenslage war die Unzufriedenheit
-gekommen.
-
-So war es Hellwig nicht leicht gemacht, Vertrauen zu erwerben. Aber
-es gelang ihm doch. Er war fortwährend unter ihnen, bereiste das
-ausgedehnte Gebiet, warb um sie und ließ nicht locker. Und langsam
-begann ihr Mißtrauen zu schwinden. Sie ließen ihn näher an sich heran,
-öffneten ihm ihre Stuben, ihre Herzen. Sie spürten heraus, daß er es
-ehrlich mit ihnen meinte und fingen an ihn zu lieben.
-
-Bald kannten ihn alle Arbeiter. Es war auch nicht schwer, ihn unter
-Hunderten herauszufinden. Schulterbreit, von einem kraftvollen Ebenmaß
-der Glieder, überragte er die meisten um Haupteslänge. Wenn sie seinen
-runden Schlapphut, den grauen Radmantel auftauchen sahen, kamen sie
-näher, vertrauten ihm ihre Nöte. Und bald auch kamen sie zu ihm in die
-Redaktion des Wochenblattes, dessen Leitung er mit übernommen hatte.
-In den Frühstunden oder am Abend nach der Arbeit kamen sie, mit ihren
-rußigen Gesichtern und schwieligen Fäusten, holten sich Rat in ihren
-kleinen Kümmernissen und großen Mühsalen.
-
-Es gab prächtige Menschen unter ihnen. Da war Anton Stanzig, der
-Glasbläser, der in seinen freien Stunden in den Bergen herumlief,
-um sich eine neue Lunge zu holen, weil er sich die alte beim heißen
-Schmelzofen schon zur Hälfte herausgeblasen hatte. Er spuckte Blut und
-sammelte Schmetterlinge, las darüber dicke Bücher und wußte alle Arten
-mit ihren lateinischen Namen zu benennen. Oder da war Ferdinand Opitz,
-der nach beendeter Häuerschicht die dunkle Kohlengrube verließ, um sich
-mit Spektralanalysen zu beschäftigen und dessen ständige Klage war, daß
-er so selten dazu käme, das Sonnenspektrum zu beobachten. Oder da war
-Franz Bogner, der alte Kesselwärter, der in den Mußestunden mit seinen
-knotigen Fingern zarte Blumengewinde und Figuren modellierte. Und was
-sollte man von Karl Pfannschmidt halten, dem fünfunddreißigjährigen
-Bergmann, der zur Rastzeit im Schacht mit dem Speck zugleich auch
-ein Buch aus dem Brotsack zog und auf einem Haufen Kohle bäuchlings
-hingestreckt, beim trüben Schein der Grubenlampe Rousseaus ~contrat
-social~ im Urtext zu lesen anfing.
-
-Er hatte eine zweiklassige Dorfschule besucht und mußte mit zwölf
-Jahren ins Bergwerk. Schon längst war seine Gesichtsfarbe fahlgrün und
-seine Luftröhre voll von Kohlenteilchen, die er obertags fortwährend
-aushustete. Die heiße Schachtluft hatte den Körper angegriffen, aber
-der Sehnsucht konnte sie nichts anhaben. Die war geblieben, und mit ihr
-ein unstillbarer Hunger nach Wissen. Seine Stuben waren vollgepfropft
-mit allen Lehrbüchern der Mittelschulen. Denn er hatte einst den
-Ehrgeiz gehabt, es bis zum Doktor der Weltweisheit zu bringen. Da hatte
-er heiraten müssen, kurz nach der Hochzeit war das erste Kind gekommen,
-und die Sorge um das tägliche Brot zwang ihn, im Schachte auszuharren.
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-Hellwig war bald der wahren Natur des bescheidenen Bergmanns auf die
-Spur gekommen, bot ihm seine Bücherei zur Benützung an, lud ihn zu sich
-ein. Und Pfannschmidt zog eines Abends nach langem Zögern seine guten
-Kleider an und ging hin. Frisch rasiert war er, trug blank gewichste
-Stiefeletten und an den ausgearbeiteten Händen braunlederne Handschuhe.
-Linkisch stand er unter der Tür und zog und zerrte an dem Knoten seiner
-Halsbinde, die himmelblau auf einer brettsteifen Hemdbrust glänzte. Die
-Hemdbrust hatte sich unter der Weste verschoben und wölbte sich nun wie
-ein mächtiger Frauenbusen.
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-„Stör’ ich?“ fragte er schüchtern.
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-„Beileibe!“ erwiderte Fritz. „Schön, daß Sie kommen.“
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-Er nahm dem Besucher den Hut aus der Hand, legte ihn aufs Bett, öffnete
-den Kasten und nahm eine Flasche Wein heraus.
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-„Machen wir’s uns gemütlich.“
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-Der Bergmann saß steif nur kaum auf dem Rand des angebotenen Stuhls
-und hatte die Hände vor sich auf die geschlossenen Knie gelegt. Seine
-Blicke wanderten in der Stube herum, blieben an den Büchergestellen
-haften.
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-Fritz schraubte die Lampe höher. „Ich denke, wir lesen etwas!“ schlug
-er vor. Denn auch ihm fehlte die Gabe, durch leichtes Geplauder Brücken
-zu schlagen, über die ihre einander noch fremden Seelen sich hätten
-näher kommen können. Er holte ein paar Bände, setzte sich seinem Gast
-gegenüber, der ihn stumm und erwartungsvoll ansah.
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-„Vielleicht das hier!“ meinte Hellwig nach einigem Herumblättern. Und
-nun las er mit verhaltener Leidenschaft Friedrich Adlers Gedicht ‚Nach
-dem Strike‘.
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- „... Im tiefen Schacht, von Luft, vom Lichte,
- Von jedem frohen Blick entfernt,
- Gefahr, wohin der Fuß sich richte --
- Wir haben tragen es gelernt.
- Wir wissen uns dem Los zu neigen.
- Wir gehen fürs Leben in den Tod.
- Wir schweigen schon und werden schweigen,
- Allein wir hungern, schafft uns Brot!“
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-Und weiter:
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- „... Und laßt es nicht zum höchsten steigen,
- Bedenket, Eisen bricht die Not --
- Wir schweigen schon und werden schweigen,
- Allein wir hungern, schafft uns Brot!“
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-Pfannschmidt war aufgestanden. Gleich nach den ersten Versen war er
-aufgestanden, ganz außer sich, mit geballten Händen und weit geöffneten
-Augen.
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-„Herr! ... Herr ...!“
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-„Ein schönes Gedicht, nicht wahr?“ sagte Fritz leichthin, um die
-eigene Ergriffenheit zu verbergen.
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-„Schön? -- Packen tut’s einem, daß man gleich mit Fäusten dreinschlagen
-möcht’! Sakra! Wir schweigen schon und werden schweigen, allein wir
-hungern! ... Das sind Worte, gerade solche Worte, wie sie unsereins
-auch spricht ... aber was da alles drinliegt! Und was alles dazwischen
-liegt, bis einer zu dem Ton kommt ... Herr, ich hab’ auch mein Lebtag
-gehungert und geschwiegen und gewartet: es muß doch anders werden. Und
-ein Tag nach dem andern ist vorbeigegangen, ein Jahr hinterm andern, --
-bis mir meine Frau das erste graue Haar aus dem Bart zieht. Und da hab’
-ich’s auf einmal gewußt: Du steckst drin und kannst nicht heraus ...!
--- Ich hab’ angefangen, auf die Tage aufzupassen, wie sie so langsam
-vorüberschleichen. Und da ist mir geworden: Ich lieg’ sechs Schuh tief
-in einem offenen Grabe ... und jeder Tag ist wie eine Schaufel Erde,
-die sie auf mich werfen. Bei den Beinen fängt’s an, dann kommt’s auf
-die Brust, die Arme ... immer schwerer ... immer mehr Erde ... Und
-endlich fällt sie auch aufs Gesicht. Dann ist das Licht fort, jeder
-Strahl, jeder Schimmer -- alles. Und das ist das Ende ... Lebendig muß
-man sich begraben lassen und kann sich nicht wehren. Verfluchte Armut!“
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-„Pfannschmidt!“ rief Fritz erschüttert. „Um Himmelswillen, nicht so
-mutlos! Denken Sie nicht ans Untergehn, sonst _sind_ Sie ja schon
-unten! Verfluchte Armut, jawohl! Aber -- Hand aufs Herz, ihr, die ihr
-da arm seid -- seid ihr ganz ohne Schuld? -- Ihr habt geschwiegen und
-schweigt! Laßt alles auf euch niedergehn -- und schweigt! Zum Teufel!
-So wehrt euch doch! Ihr habt Fäuste -- braucht sie! Habt Rechte --
-fordert sie! Und weigert man sie euch -- erzwingt sie!“
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-Da lächelte der Arbeiter traurig und sagte: „Herr, Sie wissen eben
-nicht, was jahrelang schuften und hungern heißt. Das macht einen schon
-kaputt. Wenn man so Stücker zwanzig Jahre in der Tretmühle drin ist,
-dann hört sich endlich alles andere auf. Man lebt nur noch so hin ...“
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-Fritz vermochte nicht zu antworten. Was er auch geredet hätte, es wären
-doch nur Worte gewesen, leere Worte, die an diesen heißen Schmerz nicht
-herankonnten, -- wie Wassertropfen in der Luft verdampfen, lang ehe sie
-das Erz im Hochofen erreichen können.
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-So war Schweigen, während vor den Fenstern der dunkle Strom vorüberzog,
-schnell, lautlos gleitend, Welle um Welle ohne Anfang und Ende.
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-5.
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-Tage aufreibender Tätigkeit folgten. Es galt die Forderungen
-zusammenzustellen und den Grubenbesitzern bekanntzugeben. Hoch waren
-die Forderungen nicht, denn die Leute waren wirklich hundejämmerlich
-daran. Sechs, im besten Fall zwölf Gulden in der Woche verdienten die
-Männer, die Weiber brachten es höchstens auf sieben, und zu alledem
-waren die Lebensmittel schandhaft teuer. Es gedieh zwar alles in
-Hülle und Fülle in der fruchtbaren Gegend und die Bauernhöfe hatten
-große Viehbestände. Aber die klugen Geschäftsleute wußten auch aus
-diesem Segen Gewinn zu ziehen, trieben mit Obst, Korn, Milch einen
-schwunghaften Handel nach dem Ausland und den nahen Kurorten. Nur die
-Ausschußware beließen sie dem heimischen Markt, forderten aber die
-gleichen Preise wie für die gute. Und die Löhne waren seit Jahrzehnten
-unverändert.
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-Das glatte Zuströmen des Reichtums hatte die Unternehmer übermütig
-gemacht. Sie vertrauten ihrem mühelosen Glück und glaubten, daß ihnen
-alles gelingen müßte und nichts geschehen könnte.
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-Rundweg lehnten sie die Forderungen ihrer Arbeiter ab. Alle ohne
-Ausnahme, in Bausch und Bogen, brüsk, ohne Beschönigung. „Wir
-bewilligen gar nichts! Wem’s nicht recht ist, der kann gehen!“
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-Da berief Hellwig die Bergleute zu einer Versammlung unter freiem
-Himmel, am frühen Morgen, draußen vor der Stadt auf einem Hügel mit
-weiter Fernsicht über das große Becken. Und sie, über die schroffe
-Abweisung erbittert, legten trotzig die Arbeit nieder und strömten von
-allen Seiten auf die frührotbeglänzte Höhe. Wohl achttausend kamen sie,
-Männer mit struppigen Bärten, Weiber, die Kinder unterm Herzen trugen,
-muskelbepackte Jünglinge und Mädchen mit wachsgelben Wangen. In ihren
-besten Kleidern, wie zu einem Gottesdienst, kamen sie.
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-Blutrot stieg im Osten die Sonne empor. Unter ihr lag die herbstreife
-Erde und hob die quellenden Brüste dem Licht entgegen. Rein war der
-Himmel, rein die Luft, rein die Stadt vom Fabriksqualm. Rauchlos ragten
-die Schlote, mahnende, warnende Finger, aus dem Häusergewirr.
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-Hellwig schwang sich auf eine Felsplatte, die in der weiten Fläche des
-Gipfels wie eine natürliche Rednerbühne aufgebaut war und blickte über
-die Versammelten. Eine schwankende dunkle Masse, brandete es da unten,
-Kopf bei Kopf, und die Gesichter leuchteten seltsam weiß und fremd
-daraus hervor. Und das Regen der Leiber, das Summen der gedämpften
-Stimmen vereinigte sich zu einem dumpfen Brausen, wie der Schwall
-mächtiger Wogen, die ohne Rand und Ufer im offenen Meer hinrollen.
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-Einen Augenblick stand er wie erschrocken vor dem ungeheuern Andrang
-des Lebens, das ihm entgegenatmete. Und es dünkte ihn Vermessenheit,
-als ein Einzelner, Jugendlicher, gleichsam darüberzustehen und ihm die
-Bahn zu weisen. Und er sah Hoffnung in ihren glänzenden Augen, hörte
-das Brausen leiser und leiser werden -- und lautlose Stille wurde unter
-der blauen Himmelsdecke, wie in einem endlos gedehnten leeren Saal.
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-Alle schwiegen und hielten ihm die Gesichter zugewendet und erwarteten
-etwas von ihm und waren begierig auf seine Botschaft. Da durchsengte es
-ihn mit einer wilden, ganz heißen Glut. Noch einen freien, leuchtenden
-Blick warf er über die Menschenmassen, dann sprach er mit weithin
-tönender, schwingender Stimme.
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-Er sagte:
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-„Da unten liegt die schöne reiche Erde, die unser aller Mutter ist. Da
-unten schläft auf Garbenbündeln die Fruchtbarkeit, biegen sich die Äste
-fruchtschwer und segenbeladen.
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-Unsere Mutter ist so schön und so reich. Aber ihr, die ihr Kinder
-dieser Mutter seid ... schaut dort hinab, wo die Essen ragen und die
-Aschenhaufen rauchen! ... ihr, die ihr dort unten in den finsteren
-Schächten, fern dem Licht, in der heißen, staubigen Luft, in den engen,
-stickigen Gängen schweißtriefend die Karren schiebt und halbnackt die
-Hauen schwingt beim bleichen Flackern der Grubenlampen -- eure Lungen
-keuchen, eure Lippen sind zerrissen und wund, eure Augen haben rote
-Ränder -- ihr armen Kinder dieser reichen Erde wißt nichts von der
-Schönheit eurer Mutter!
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-Wenn noch die Nacht auf den Bergen träumt, müßt ihr Abschied nehmen
-von Weib und Kind, jeden Tag Abschied fürs Leben, denn dort unten
-lauert die Gefahr, kauert der Tod -- und eure Lieben wissen nicht, ob
-sie euch lebend wiedersehen.
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- ‚Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?
- Ein Grubenlicht, ein Lebenslicht,
- Ein Tropfen löscht es gar behende --
- Ein Grubenlicht -- ein Totenlicht!‘
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-sagt euer alter Bergmannsspruch. Und Tag für Tag müßt ihr hinab in die
-heiße, dunkle Tiefe. Und erst wenn der Tag zum Sterben kommt, wenn die
-Nacht wieder auf den Bergen träumt, dann kommt ihr -- vielleicht! --
-hervor aus der dunklen, heißen Tiefe und eure Augen sehen die Sonne
-nicht mehr. Tag für Tag. Und keinen Tag seht ihr den Quell alles
-Lebens, die Sonne.
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-Was habt ihr getan, um so gestraft zu werden?
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-Wolltet ihr Umsturz und Revolte? Den Untergang des Reiches? Den Tod des
-Herrschers?
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-O, nichts von alledem, meine Brüder! Ihr seid nur -- arm!
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-Das ist es ja, was unsere Gesellschaftsordnung so furchtbar macht und
-so ungeheuerlich! Daß die Armut zum Fluch, daß die Armut zur Strafe
-wurde, zu einer harten, grausamen, entsetzlichen Strafe.
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-Und wenn ihr -- nicht ein Ende, beileibe! -- wenn ihr eine Milderung
-wollt, wenn euere Forderungen noch so maßvoll sind, wenn ihr nichts
-verlangt als nur ein wenig mehr Luft und Licht und ein wenig Würze zum
-trockenen Brot -- auch dieses Wenige geben sie euch nicht!
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-Wenn ihr euch auch plagt und rackert und Arbeiten auf euch nehmt, die
-oft einem Schwein zu schmutzig wären, geduldig und ohne Murren auf
-euch nehmt -- denn eure Kinder wollen essen -- es hilft euch alles
-nichts, plagt, rackert, schindet euch, so viel ihr wollt, ihr müßt --
-ganz arm bleiben.
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-Nichts gibt man euch dazu, nicht einmal ein wenig mehr Luft und Licht
-und ein bißchen Würze zum trockenen Brot!
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-Ballt sich euch die Faust? Will euch der wilde Zornschrei die Brust
-zerreißen?
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-Gemach, ihr meine Brüder!
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-Nicht in Haß und Zorn dürft ihr handeln! Wägen müßt ihr, müßt alles
-überlegen, und ruhig und besonnen, aber um so fester und sicherer,
-strenger und unbeugsamer pocht dann auf euer Recht!
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-Und das erste Recht der Erdenkinder ist ein Anrecht auf die Früchte der
-Mutter. Wie euern Kindern die Brüste eurer Frauen, so gehören euch die
-Früchte der Erdenmutter. Und euer bestes Recht ist, daß ihr satt zu
-essen habt für euch und eure Kinder.
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-Aber nicht mit der kurzen Gewalt der Fäuste dürft ihr euch dieses Recht
-holen. Denn ...
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-Ich sehe viele unter euch, die Väter und Mütter sind. So frage ich
-euch: Wollt ihr, daß euern Kindern dasselbe Los falle, das euch
-beschieden ist? Wollt ihr, daß ihnen wie euch das Geleite geben durch
-das ganze lange Leben der Hunger und die Not? Wollt ihr, daß eure
-Kinder einst, wie ihr, vor einer Wiege stehn und emporschreien zum
-harten kalten Tod: ‚Komm doch! Komm und nimm den Wurm zu dir, eh’ er
-bei uns verhungert!‘
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-Wollt ihr das? O, nein doch, nein!
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-Nun denn, so unterdrückt den Zorn, laßt den Drang nach Aufruhr und
-Empörung nicht mächtig werden -- um eurer Kinder willen. Denn wenn ihr
-jetzt hingeht, die Maschinen zerstört und vernichtet und plündert,
-werdet ihr in Ketten gelegt und in Kerker geworfen. Und eure Kinder
-stehen schutzlos da, preisgegeben dem hohnlachenden Daseinskampf -- und
-verderben.
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-Ihr seid Söhne der Erde: so seid ihr Söhne der Arbeit.
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-Ihr seid Söhne der Arbeit: so seid ihr stark und starr.
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-Und so rufe ich euch zum Kampf! Zum zähen, lautlosen Kampf der
-härtesten Unnachgiebigkeit! Rührt keinen Finger zur Arbeit, bevor nicht
-eure Forderungen erfüllt sind: Neun Stunden Arbeitszeit und vierzig
-Prozent Lohnerhöhung.
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-Mehr könnt ihr vorerst nicht fordern. Mit einem Schlag fällt auch der
-stärkste Mann keinen hundertjährigen Baum, aber durch viele Axtschläge
-bringt ihn selbst ein Kind zu Fall.
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-Söhne der Erde, Söhne der Arbeit, seid stark und starr und achtet die
-Gesetze um eurer Kinder willen!“
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-Als er geendet hatte, zerriß ein lautes Jubelschreien die atemlose
-Stille. Ein entfesselter Strom, drängten sie gegen ihn, streckten die
-Arme aus, schwenkten Hüte und Tücher. Die Vordersten erkletterten den
-Felsen, haschten nach seinen Händen, drückten und schüttelten sie, und
-einige wollten ihn auf den Schultern forttragen. Er aber wehrte ihnen
-und schritt ergriffen durch die entflammte Menge, mit feuchten Augen
-und hämmerndem Herzen.
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-Da stellte sich ihm ein Mann in den Weg, den er vorher noch niemals
-gesehen hatte. Und doch mußte die kurze, gedrungene Gestalt mit
-dem mächtigen Schädel, dem verwilderten Bart und den brennenden,
-tiefhöhligen Augen sofort auffallen. Er war schlecht gekleidet, trug
-einen abgeschabten Flausrock, Zwilchhosen, die an den Knien mit großen
-Flicken ausgebessert waren, trangeschmierte hohe Stiefel, und das
-blaue Leinenhemd ließ trotz der kühlen Herbstluft die haarige Brust
-frei.
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-Etwas erstaunt schaute ihn Fritz an, und der Fremdling sagte mit
-unverhohlenem Spott: „Sie wundern sich über mein Aussehen, guter
-Freund? Das bin ich gewohnt. Übrigens heiße ich Karus, komme von Odessa
-und wollte mir mal anschaun, wie ihr da draußen in Freiheitskämpfen
-macht. Ich habe Ihre Rede gehört, es war eine schöne Rede, eine
-gehaltvolle Rede, gewiß, aber eben doch nur eine Rede. Und das, nehmen
-Sie mir’s nicht übel, junger Freund, aber das alles hat verflucht wenig
-Wert. Ihr redet und redet, glaubt, weiß der Himmel was ihr für die
-‚Freiheit‘ und für die ‚Menschheit‘ tut. Doch seien wir ehrlich, im
-Grund genommen denkt ihr verteufelt wenig an die ‚Freiheit‘ und an die
-‚Menschheit‘. Ihr denkt schließlich auch nur an eure Magen, wollt, daß
-ihr genug für den Wanst habt -- -- daß aber draußen irgendwo zur selben
-Zeit soundsoviele Hunderttausende im Straßengraben verrecken, daran
-denkt ihr nicht, ihr -- altruistischen Egoisten!“
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-Er hatte mit halblauter Stimme gesprochen und keine Falte seines
-verwitterten Gesichtes verzogen. Nur die Augen blitzten lebendig in
-ihren tiefen Höhlen, und durch seine Worte zitterte es wie verhaltene
-Glut.
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-„Stören Sie mir die Stunde nicht!“ antwortete Hellwig unwillig. „Was
-geht es Sie an, wie wir für unser Recht eintreten? Ihnen zu Trost sei’s
-gesagt: wir werden es auch bekommen! Weil wir uns rühren! Warum rühren
-sich die soundsoviel hunderttausend anderen nicht auch? Oder, wie Sie
-sagen, warum verrecken Sie lieber im Straßengraben, statt sich ihr
-Recht zu holen?“
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-Da schüttelte sich die vierschrötige Gestalt des Unbekannten in
-lautlosem Gelächter. Er schaute Fritz lang an, mit einem sonderbaren,
-tief bohrenden Blick, dann sagte er langsam, jedes Wort betonend:
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-„Weil sie frei sein wollen!“, drehte sich auf dem Absatz herum und
-ging weg. Rücksichtslos brach er sich mit den groben Fäusten und dem
-Stiernacken Bahn durch das Gedränge, war im Nu darin untergetaucht.
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-Das ganze Auftreten des Mannes, sein hartes Wesen und dann die
-rätselhaften Schlußworte, das alles hatte einen starken Eindruck auf
-Hellwig gemacht. Und noch in seinem Zimmer grübelte er, suchte einen
-Sinn in dem mystischen Satz:
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-... Sie verrecken lieber im Straßengraben, weil sie frei sein wollen ...
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-Aber er fand keine Deutung.
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-6.
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-Im Kohlenbecken ruhte die Arbeit.
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-Von allen Seiten liefen Spenden ein. Sogar Wart Nikl leistete einen
-Beitrag. Kolben schickte tausend Gulden und schrieb dazu: „Noch einmal
-die gleiche Summe steht dir in vier Wochen zur Verfügung, wenn du sie
-brauchst. Es geschieht aus Freundschaft für dich, denn ich triefe nicht
-von Menschenliebe. Nenn meinen Namen nicht. Ich verzichte auf den
-blökenden Dank der Herde, verdiene ihn auch nicht. Halt dich tapfer!“
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-Das Geld wurde nicht verteilt, sondern zur Anschaffung von
-Lebensmitteln in großen Mengen verwendet. Mehrere Küchen mit riesigen
-Herden wurden aufgestellt, in denen das Essen für Hunderte auf einmal
-bereitet werden konnte. So waren sie in der Lage, länger auszuhalten.
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-Sparsamkeit war aber auch notwendig, denn Woche um Woche verging, in
-geschlossenen Schlachtreihen standen sich Arbeiter und Unternehmer
-gegenüber, niemand dachte ans Nachgeben. Alle Schächte lagen wie
-ausgestorben. Fünfzehntausend Bergleute feierten. Aber die Ruhe wurde
-nirgends gestört.
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-Im Dezember fiel starker Frost ein. Die Lagerbestände der Gruben waren
-vollständig geräumt. Der Kohlenmangel wurde immer empfindlicher, drohte
-zu einer Katastrophe für Industrie und Bevölkerung zu werden.
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-Und dann war die Kohlennot wirklich da. Die Preise für Brennmaterial
-wurden unerschwinglich. In den Gassen der Städte wurden die
-Kohlenfuhrwerke immer seltener. Und auch die wenigen mußten von
-Polizisten begleitet werden. Denn allenthalben strichen Leute mit
-Körben und Säcken durch die Straßen, klaubten die Kohlenbröcklein --
-wenn sie welche fanden -- gleich goldenen Münzen auf, und wiederholt
-schon waren die Pferde ausgespannt, die Fuhren geplündert worden. Und
-die Eisenbahnzüge, die den kostbaren Brennstoff aus dem Rheinland
-und von England heranführten, rollten von der Grenze an unter
-Gendarmeriebedeckung. Trotzdem aber warteten längs der Schienenstränge
-Leute mit Stangen, Rechen und Harken, sprangen in die Bremshütten und
-warfen von den fahrenden Zügen die Kohle ihren Genossen zentnerweise
-hinab.
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-Noch bedrohlicher wurde die Lage, als eine große Maschinenfabrik
-nicht mehr alle Kessel heizen konnte, den Betrieb einschränkte und
-achthundert Gießer entließ. Andere Unternehmer folgten diesem Beispiel,
-und die Erregung wuchs ungeheuer unter den brotlos gewordenen Massen.
-Fast schien es, als stände das Land am Vorabend einer Revolution.
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-Beschwerden, Bittschriften, Drohbriefe liefen bei den Ministerien
-ein. Unternehmer, Kaufleute, Handwerker, die gesamte Bevölkerung
-forderte stürmisch von der Regierung Hilfe. Hohe Beamte gingen in das
-Streikgebiet ab, um zu vermitteln, zu schlichten und ein Ende der Not
-herbeizuführen.
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-Das Nachgeben fiel den stolzen Gewerken in ihrem Hochmut nicht leicht.
-Aber unter dem Druck der öffentlichen Meinung blieb ihnen keine andere
-Wahl. Widerwillig ließen sie sich zu Zugeständnissen herbei. Nicht alle
-Forderungen wollten sie bewilligen, doch was sie anboten, war immer
-noch so viel, daß es, gleich gewährt, genügt hätte, den Ausstand zu
-vermeiden.
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-So erging denn vom Regierungsvertreter an die Vertrauensmänner der
-Streikenden die Einladung zu einer gemeinsamen Besprechung. An Fritz
-Hellwig war sie gerichtet als den Leiter und Führer der Bewegung.
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-Er war eine stadtbekannte Persönlichkeit geworden. Man staunte über die
-straffe Organisation, die er förmlich aus dem Boden gestampft hatte,
-ließ ihm die geschickte Leitung gelten, lobte seinen lauteren Charakter
-und seine vornehme Kampfesweise.
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-Und manche, die früher den Provinzredakteur über die Achsel angesehen,
-suchten jetzt seine Bekanntschaft. Aber er blieb zugeknöpft und
-verschlossen und ließ sie sich nicht nahe kommen.
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-Ungleich gemütlicher verkehrte er mit seinen Quartiersleuten. Der
-Faßbinder war auf seine alten Tage auch Sozialdemokrat geworden.
-Wenigstens behauptete er es. Die waschechte Gesinnung übte indes weder
-auf seinen waschechten Hautüberzug, noch auf sein sonstiges Gehaben
-einen bemerkenswerten Einfluß. Nach wie vor schnupfte er, trank
-Schankbier und wusch sich nicht. Aber statt des nationalen Banners
-schwang er jetzt die rote Fahne. Freilich nur seinen Reden nach. Dafür
-aber gewaltig, mit dem Brustton der Überzeugung.
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-Er war stolz auf seinen Mieter und sonnte sich in dem Abglanz, der von
-dessen Beliebtheit auf sein Haus fiel. Jeden Besucher hielt er auf und
-fing ein Gespräch mit ihm an.
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-„Guten Tag, Genosse!“
-
-„»Guten Tag!“«
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-„Was Neues?“
-
-„»Bin keine Zeitung!“«
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-„Nun, nun, nur nicht so schnell! Lassen Sie doch unsern Herrn Genossen
-Hellwig ein bissel ausschnaufen!“
-
-„»Geht nicht, Herr Meister! Die Sache ist dringend.“«
-
-„Schon wieder dringend? Ja, wir Roten! Wir marschieren nicht, wir
-laufen Sturm!“
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-„»Könnt da schlecht mit, was? Wenn die Beine schon wacklig werden!“«
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-„Wacklig? Oho! Oho! Da schaun S’ her! La--uf--schritt!“
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-Und er lief ein Stück die festgefrorene sonnige Uferstraße entlang,
-warf die langen Beine wie ein Droschkengaul, stand still und schaute
-sich schnaufend und Beifall gewärtig um. Der Besucher hatte indes
-die Gelegenheit benützt und war ins Haus geschlüpft. Da nahm der
-Bindermeister eine Prise, spuckte in die Hände und schlug wütend auf
-seine Fässer.
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-Und wenn Hellwig aus dem Haus trat, frühzeitig, kaum, daß die Sonne
-hinter den weißen Bergen herauf wollte, machte sich der Binder, wenn
-ihn nicht noch der Kater im Bett festhielt, jedesmal an ihn heran.
-
-„Schon auf, Herr Genosse?“ fragte er zutunlich. „Sind Sie denn
-nicht noch schläfrig? Arg spät war’s wieder. Ich hab’ schon einmal
-ausgeschlafen gehabt, wie Sie die Fenster aufgemacht haben. Passen
-Sie nur auf, daß Sie nicht verkühlen! Ich lieg’ immer bei zugemachten
-Fenstern und doch friert mich in der Nacht wie einen Italiener. Und
-jetzt gar Sie! Alle Fenster reißen Sie sperrangelweit auf. Das kann
-doch nicht bekömmlich sein!“
-
-„Ich bin das so gewohnt, Herr Meister. Und dann, es liegt sich so
-schön, wenn’s dunkel ist und man hört draußen das Wasser am Eis
-vorübergehn. Es wiegt einen ordentlich!“
-
-„Jawohl, schön haben wir’s schon dahier! Und eine Luft! Eine starke
-Luft! Die hält gesund und macht Appetit ... Teufelszeug noch einmal!
-Hat Ihnen meine Alte den Kaffee gebracht? Man muß jetzt schon fort
-hinter ihr her sein, wissen Sie, weil sie so arg viel vergeßlich wird.
-Sie trinkt zu viel. Das tut den Frauenzimmern nicht gut.“
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-Nun mußte Fritz hellauf lachen, weil hier einmal der Blinde über den
-Einäugigen König sein wollte.
-
-„Nein, Herr Meister,“ sagte er, „auf den Kaffee hab’ ich noch nie
-zu warten brauchen. Und was das andere betrifft,“ -- er klopfte dem
-Meergreis auf die knochige Schulter -- „da sollten Sie sich doch erst
-selber bei der Nase nehmen. Groß genug ist sie ja!“
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-„Haha! -- Haha!“ fing da der Alte ein stoßweises Gelächter an, und sein
-Bartwald kam in stürmische Bewegung. „Meine Nase -- haha! -- das ist
-ein gar wichtiges Glied der bürgerlichen Gesellschaft. Sie zahlt ihre
-Tabaksteuer und erspart meiner Alten die Nachtlampe! Also darf sie sich
-auch groß machen!“
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-Dabei rieb er sich die Hände und trat stampfend von einem Fuß auf den
-andern. Denn es war kalt, und vom Fluß herüber pfiff ein eisiger Wind.
-Die Sonne war kaum überm Horizont herauf und stand als tiefrote Scheibe
-hinter einem rauchigen Frostnebel, der zwischen Himmel und Erde düster
-brodelte. Fritz drückte den Schlapphut fest aufs Haar und ging in der
-grauen Dämmerung eilig die Uferstraße entlang nach der Stadt, indes der
-Bindermeister in seiner Werkstatt beim glühenden Ofen schnitzelte und
-manchmal glucksend in sich hinein lachte. Denn er empfand den Scherz
-des sonst so ernsten Mieters als beglückende Auszeichnung.
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-Vor der Redaktionsstube warteten bereits die Vertrauensmänner,
-Pfannschmidt und fünf andere Bergleute, auf ihren Führer. Die Hände in
-den Taschen der Winterröcke vergraben, dicke Wolltücher um den Hals und
-den Rockkragen darüber, standen sie einsilbig beisammen. Als Hellwig
-zu ihnen trat, rückten sie die Pelzmützen, reichten ihm die Hand und
-harrten schweigend, bis er die Kanzlei aufgesperrt hatte. Dort war es
-noch ungemütlich, es roch nach staubigem Papier und Druckerschwärze,
-im eisernen Ofen brannte kein Feuer, und die Schreibtische, Pulte und
-Schreine standen langweilig in einem unfreundlichen Halbdunkel. Der
-Diener hatte sich verspätet, kam nun ganz abgehetzt keuchend gelaufen,
-heizte ein und wollte abstauben. Fritz schickte ihn fort. Die Zeit
-drängte, um elf Uhr sollte die Besprechung stattfinden und da gab es
-noch manches zu beraten.
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-„Also was?“ fing, als der Bursche gegangen, einer der Männer an. „Also
-was? Wird heut’ endlich Schluß werden?“
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-„Kaum!“ versetzte Fritz achselzuckend. „So mürb sind sie noch nicht.“
-
-„Mürb! Mürb!“ knurrte der andere unwirsch. „So nehmen wir doch an, was
-sie uns bieten! Ich hab’s satt! Gebratene Tauben kriegen wir nicht,
-drum halten wir den Spatzen fest! Ist besser wie gar nichts!“
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-„Seid ihr auch der Ansicht?“ fragte Hellwig finster die übrigen. Die
-starrten stumm vor sich auf den Tisch. Nur Pfannschmidt sagte: „Der
-Martin raunzt immer so herum. Wenn’s nach seinen Reden gegangen wär’,
-hätten wir gar nicht anfangen dürfen!“
-
-„Ich sag’, was ich sag’!“ beharrte der andere. „Wenn’s noch ein paar
-Wochen so fortgeht, und wir verdienen nichts, haben wir so viel
-verloren, daß wir dann beim höhern Lohn gut zwei Jahre fretten müssen,
-bis wir den Verlust herein und die Schulden bezahlt haben. Ist’s nicht
-wahr?“
-
-Von seinen Gefährten nickte einer zustimmend. Die drei anderen schienen
-unentschlossen. Pfannschmidt wollte etwas erwidern. Da brach auch schon
-Fritz los:
-
-„Was der Martin sagt, ist zwar eine arge Übertreibung, aber nehmen
-wir an, es ist so. Gut. Und was weiter? Wenn’s wirklich so ist, wie
-er sagt? Und wenn’s noch ärger wäre, wenn ihr vier und sechs und
-zehn Jahre braucht, um den Lohnausfall hereinzubringen. Was weiter?
-Dürft ihr euch deswegen mit Halbheiten begnügen? Mit einem Erfolg,
-der keiner ist, nicht Fisch, nicht Fleisch? Da hätten wir gar nicht
-anfangen dürfen! Jetzt gibt’s einfach kein Biegen mehr! Jetzt muß es
-brechen -- und wenn wir alle dabei zugrunde gehn! Jawohl! Schaut nicht
-so entsetzt drein! Ihr könnt einfach nicht nachgeben! Könnt nicht,
-versteht ihr? Denn die einmal aufgestellten und nicht befriedigten
-Forderungen, die würden fort und fort in euch weiternagen, und ihr
-hättet keine Ruhe, bis ihr sie früher oder später doch durchsetzt. Und
-der Kampf, den ihr dann um den Rest führen müßtet, wäre größer und
-schwerer als der heutige ums Ganze! Das ist es! Und sind die Opfer, die
-ihr jetzt bringt, wirklich zu groß? Wenn dann euch und mindestens noch
-euern Kindern, von den Enkeln will ich nicht reden, wenn auch dann ein
-ruhiges Fortarbeiten bei halbwegs hinreichendem Verdienst sicher ist?
-Seid mir drum nicht so verzagte Angstmeier! Kleinmütige Kreuzerbettler!
-Vertraut und seid starr! Unser Sieg ist nur noch eine Frage von Tagen.
-Er kann einfach nicht ausbleiben! Nur, ihr müßt auch dran glauben!“
-
-Nun hatte er sie wieder fest. Der alte Nörgler wiegte zwar noch
-unschlüssig den Kopf. Aber auch er sprach nicht mehr dagegen.
-
-Ziemlich zur selben Zeit saßen im großen Sitzungssaale des Palastes,
-den sich die Grubenbesitzer erbaut hatten, ungefähr fünfzehn Herren
-um einen grünen Tisch. Hagere Gestalten zumeist, mit schmalen Händen
-und nervösen Bewegungen, in Gehrock oder Jackett, tadellos nach
-der letzten Mode gekleidet. Nur einer war dabei, der wollte in die
-elegante Versammlung gar nicht recht hineinpassen, Max Koppenstein,
-ein fettes Herrchen mit einer goldenen Kette über dem Spitzbauch.
-Er hatte eine ganz enge, niedrige Stirn, und daran hing, breit
-ausgebaucht, mit roten Backen und mächtigem Doppelkinn, das feiste
-Schlemmergesicht wie ein runder Luftballon. Aus zwinkernden Äuglein
-hinter weißlichen Wimpern schaute er sehr harmlos in die Welt und war
-doch der Gefährlichste unter diesen kalten Geldmenschen, unübertroffen
-in der sanften, zärtlichen Grausamkeit, mit der er seine Angestellten
-auspumpte und seinen Schuldnern die letzte Habe pfändete. Und wenn er
-sich manchmal im Bureau in Gegenwart eines Geschäftsfreundes ein Glas
-ältesten Kognaks einschenkte, dann sagte er wohl zungenschnalzend:
-„Das ist ein Schnäpschen! Wie das duftet! Hm?“ und hielt dem Zuschauer
-lobgewärtig das leere Becherchen unter die Nase. Aber einschenken tat
-er ihm nichts. Doch schadete das seinem Ansehn keineswegs, denn er war
-steinreich, besaß die meisten und die ergiebigsten Flöze und hatte
-deswegen auch in der heutigen Versammlung den Ehrenplatz inne, zur
-Rechten des uniformierten Vertreters der Regierung.
-
-Steif und förmlich, mit herablassenden Mienen und gemachtem Gleichmut,
-rückten sich die Herren auf den schweren Lederstühlen zurecht, als
-Hellwig mit seinem Häuflein in den Saal trat. Der Beamte wies ihnen
-die Plätze an und hielt eine Rede, die dem Geist der Versöhnung, dem
-friedlichen Zusammenwirken in Eintracht und Brüderlichkeit einen
-Preishymnus sang. Man solle, sagte er, bedenken, daß noch kein Friede
-ohne beiderseitiges Entgegenkommen geschlossen worden sei. Man solle
-dem großherzigen Beispiel der Unternehmer folgen und der Allgemeinheit
-zuliebe Opfer bringen, die nur scheinbar Opfer seien, denn sie werden
-sich reichlich bezahlt machen durch das Blühen und Gedeihen des Staates
-und der Volkswirtschaft, aus welcher Quelle dann hinwiederum allen
-Bürgern Vorteil fließe.
-
-Und kühl und ruhig, mit ganz leichtem Spott, erwiderte Hellwig darauf:
-
-„Die fünfzehntausend Menschen, die zu vertreten wir die Ehre haben,
-wollen nicht Großherzigkeit oder Gnade, sondern ihr Recht. Von schönen
-Worten werden sie nicht satt und ebensowenig von dem großmütigen
-Angebot. Das Sattwerden aber ist zum Blühen und Gedeihen zumindesten
-des einzelnen eine so notwendige Sache, daß sie jedes Opferbringen
-ausschließt. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Und wer
-zu essen hat, braucht nicht zu arbeiten, nicht wahr, meine Herren?
-Jedenfalls haben Sie zu essen. Nun, und die hinter mir stehn, wollen
-das auch. Sie wollen beileibe nicht so gut, sie wollen nur genug essen.
-Das ist ein so klares, einfaches und selbstverständliches Verlangen,
-und ist doch so ernst und fromm, daß sich nichts davon herunterhandeln
-läßt. Der Versuch zu schachern und zu feilschen ist Ihrer ebenso
-unwürdig, wie es für uns unwürdig wäre, darauf einzugehen. Wir können
-kein Jota nachlassen. Sie haben lang genug getrotzt, -- geben Sie es
-auf! Es war ein Irrtum, -- gestehen Sie ihn ein! Denn früher oder
-später müssen Sie doch nachgeben! Tun Sie es heute -- und schon morgen
-wird in allen Gruben wieder gearbeitet!“
-
-Auf ein so stolzes, selbstbewußtes Auftreten waren die Herren nicht
-gefaßt, hatten vielmehr erwartet, daß ihr Angebot ohne Besinnen
-werde angenommen werden. Wie Könige waren sie sich vorgekommen, die
-unverdiente Gnaden austeilen. Jetzt schwiegen sie mit gefalteten
-Stirnen und undurchdringlichen Mienen. Nur Max Koppenstein zog die
-Schultern hoch, breitete die Arme aus und sagte: „Ich denke, meine
-Herrn, darauf kann es nur _eine_ Antwort geben.“ Und zu dem Beamten
-gewendet, fuhr er fort: „Nun haben Sie sich, verehrtester Herr
-Ministerialrat, wohl selbst überzeugt, wo die Schuld liegt. Es tut
-uns ja aufrichtig leid, aber“ -- wieder zog er die Schultern hoch und
-wieder breitete er die Arme aus -- „schließlich kann doch kein Mensch
-verlangen, daß wir uns verbluten sollen.“
-
-So schien der Einigungsversuch gescheitert und der Gegensatz zwischen
-den beiden Parteien verschärft. Aber es war doch anders. Denn die
-Regierung bot nach wie vor alles auf, um die Unternehmer zur Annahme
-der sämtlichen, in keiner Weise übertriebenen Forderungen zu bewegen.
-Es gelang ihr auch, einen nach dem andern nachgiebig zu stimmen. Aber
-jeder machte seine Einwilligung von der Bedingung abhängig, daß Max
-Koppenstein, dem ein reichliches Achtel der gesamten Kohlengruben
-gehörte, sich ebenfalls anschließe. Der indes war wie ein Aal und ließ
-sich nicht greifen. Er war sehr höflich, ungemein konziliant, von einer
-bestrickenden Liebenswürdigkeit. Aber nein sagte er trotzdem. Unter
-tausend Entschuldigungen, überzuckert und verblümt, aber dennoch: nein.
-
-Nach einigen Tagen wurde ihm vorsichtig und vertraulich die Möglichkeit
-einer Ordensauszeichnung angedeutet. Da legte er zehn Prozent zu. Und
-es hätte wohl nicht mehr viel gebraucht, um ihn ganz zu gewinnen. Denn
-es gab noch höhere Orden und es gab Adelsbriefe.
-
-Da kam ein unerwartetes Ereignis den Arbeitern und der Regierung zu
-Hilfe.
-
-
-7.
-
-Die gewaltige Braunkohlenablagerung umfaßte ein Gebiet, das gut
-fünfzehn Kilometer breit und fast viermal so lang war. Von Urgebirgen
-eingeschlossen und nur manchmal durch schmale Bänder eruptiven Gesteins
-unterbrochen, lagen hier die Flöze neben- und übereinander, bald knapp
-unter der Erdoberfläche, bald Hunderte von Metern tief.
-
-Offene Tagbaue gab es, in deren schwarze Vierecke die Sonne schien und
-die bloßgelegte Kohle bald da, bald dort an den senkrechten Wänden in
-Brand setzte, so daß beständig Rauchsäulen emporwirbelten. Und nicht
-weit davon bohrten sich unterirdische Schachtanlagen dreihundert Meter
-ins Erdinnere. Und überall qualmte die Lösche, zu Bergen getürmt, auf
-den Halden, füllte ein brenzlicher, staubgesättigter Dunst die Luft,
-hing der Rauch wie ein feiner Nebel über den verwüsteten Landstrichen,
-die nach dem Abbau eines Schachtes zurückgeblieben waren, über den
-noch üppigen Weizenfeldern daneben und über den -- wie lange noch? --
-lachenden Fluren.
-
-Und mitten in dem Becken lag, zwischen Porphyrhügel eingebettet, weit
-berühmt durch ihre heilkräftigen Quellen, eine Badestadt. Rund um sie
-rauchten die Schächte, wurde der Boden von den Bergleuten durchwühlt,
-die Stollen und Querschächte trieben gleich Gängen riesiger Feldmäuse.
-Und dicht daneben bahnten sich durch die Spalten des zerklüfteten
-Porphyrs die warmen Quellen den Weg zur Stadt.
-
-Die Schächte aber waren seit vielen Wochen unbeaufsichtigt. Und niemand
-wußte, daß in den Gruben Koppensteins seit einigen Tagen, meist zur
-Nachtzeit, aus der Ferne angeworbene, schlecht geschulte Kreaturen
-wieder arbeiteten. Der schlaue Fuchs traf seine Vorbereitungen, um nach
-Beendigung des Streiks -- das Ende hing ja nur mehr von ihm ab, und
-er konnte es herbeiführen, wann es ihm paßte, -- um nach Beendigung
-des Streiks die Lieferungen unverzüglich mit aller Kraft aufnehmen zu
-können. Die Kohlen blieben vorläufig noch unten in den Schächten --
-denn die Förderschalen mußten still stehn. Aber schon waren alle Hunde
-voll beladen. Wo nur ein freies Plätzchen in den Stollen war, türmten
-sich die Kohlenstücke und konnten nach der Aufnahme des regelmäßigen
-Betriebes sofort hinaufgeschafft, sortiert und in die Eisenbahnwagen
-verladen werden. Auf solche Weise hoffte Koppenstein der Konkurrenz
-einen Vorsprung von einigen Tagen abzugewinnen.
-
-Da geschah es, daß bei diesem Abbau ohne planmäßige Leitung eine
-Schwimmsandschicht angefahren wurde. Ungeheure Sandmassen gerieten in
-Bewegung, durchbrachen, einmal in Fluß, die trennenden Schachtwände
-und stürzten gleich riesigen Lawinen in die Gruben. Und die Erdrinde,
-unter der sie seit Jahrhunderten ruhig gelegen, wurde mitgerissen von
-der furchtbaren Gewalt des wandernden Sandes, kam ins Rutschen, Gleiten
-und brach nieder.
-
-Es war eine laue, regendrohende Febernacht, als die Bewohner der
-Badestadt durch ein ohrenbetäubendes Gedröhn und Geprassel aus dem
-Schlaf geschreckt wurden. Der Boden schwankte, Mauern barsten,
-Häuser wankten, sanken krachend in sich zusammen. Eine ganze breite
-Straßenzeile, die mit schönen Gebäuden gerade über dem Schwimmsandlager
-errichtet war, hatte sich gesenkt, zwanzig Häuser waren eingestürzt,
-viele standen windschief mit gespaltenen Grundpfeilern, geknickten
-Eisenträgern, verschobenen Dachstühlen und zitterten wie große Tiere.
-
-Tote und Verwundete lagen unter Ziegelschutt, Sparrenwerk und
-zertrümmertem Hausrat. Aus den Betten gescheuchte Menschen rannten
-halb nackt durch die dunklen Gassen, fragten, stießen sich, weinten,
-schrien, heulten und rangen die Hände, ratlos, planlos irrend, von
-einer entsetzlichen Angst geschüttelt. Und dazwischen tönte das
-Stöhnen und Brüllen der Verschütteten, das Prasseln der Balken, das
-Aufschlagen fallender Dächer. Und jedesmal, wenn eine Wand sich neigte,
-ein Schuttregen niederging, hetzte die Furcht aufs neue in wirbelndem
-Knäuel die aufgestörten Menschen durcheinander. Gellend schrien sie
-auf, duckten sich, hielten sich die Ohren zu, prallten aneinander und
-waren wie von Sinnen. Der Türmer läutete Sturm mit allen Glocken. Auf
-den Bahnhöfen pfiffen die Lokomotiven in winselnden, langgezogenen,
-Hilfe heischenden Klagelauten. Und die Finsternis stand unbeweglich und
-schlang alle Tonwellen mit dunkel gähnendem nimmersatten Rachen.
-
-Endlich kam Hilfe. Ärzte, Rettungsmannschaften, Feuerwehren. Besonnene
-Männer nahmen die Leitung in die Hand. Aus den Nachbarstädten trafen
-in mehreren Eisenbahnzügen Verstärkungen ein. Die nervenzersetzende
-Angst wich, der panische Schrecken machte einer verzweifelten
-Entschlossenheit Platz. Hunderte und Hunderte regten sich im Schein der
-flackernden Windlichter, handhabten Schaufel und Spaten, trugen die
-Verwundeten zum Verbandsplatz, schleppten Möbel aus bedrohten Gebäuden.
-
-Vor den Schächten aber hatten sich die Bergleute gesammelt. Freiwillig
-waren sie gekommen, im Arbeitskittel, mit Lederschurz und Grubenlampe.
-Ohne Besinnen, als ein ganz Selbstverständliches, boten sie ihre Hilfe,
-ihr Leben an, machten sich zur Einfahrt fertig. Die eingerosteten
-Ketten der Förderschalen ächzten schrill, langsam begannen sich die
-Räder zu drehen, schnurrten die Seile.
-
-„Glückauf!“
-
-„»Glückauf!“«
-
-Und unter der Führung einiger Ingenieure ging es in die feindliche
-Tiefe, der Gefahr zu Leibe, um nachzuforschen, einzudämmen, abzulenken,
-Tote zu bergen, und die Schächte vor dem Ersaufen zu bewahren.
-
-Aber noch ein anderes war geschehen.
-
-Durch die ungeheure Erschütterung im Innern der Erde war auch eine der
-dünnen Wände gesprengt worden, die die weit vorgetriebenen Stollen von
-den Quellspalten trennten. Die Thermalwasser waren in die Grubenbaue
-eingedrungen, breiteten sich darin aus, und im gleichen Maße, wie sie
-in den Schächten stiegen, fielen sie in ihrem früheren Staubecken,
-bis sie nach dem Gesetz kommunizierender Gefäße hier wie dort mit
-gleich hohem Spiegel standen, in ersoffenen Schächten einerseits und
-anderseits so tief unter den Badehäusern, daß die Leitungsröhren nicht
-mehr bis zum Wasserspiegel reichten. Die heilkräftigen Quellen, der
-Ruhm und Stolz der Stadt, drohten zu versiegen.
-
-Jetzt freilich wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet. Sie
-enthüllte Ungeheuerliches. Unter dem Eindruck desselben nahmen die
-Gewerken alle Forderungen ihrer Arbeiter in Bausch und Bogen an, um
-wenigstens _einen_ Feind vom Hals zu haben und nicht zwischen zwei
-Feuer zu geraten. Sie hofften auch, daß die Regierung, dadurch zur
-Milde gestimmt, Gnade für Recht üben und ein Vertuschen der Verbrechen
-ermöglichen würde. Auch an Hellwig traten sie heran, baten ihn
-und boten als Anzeigengelder große Bestechungssummen, wenn er die
-Angelegenheit in seiner Zeitung totschweige. Er wies ihren Vertretern
-die Tür. Und brachte Artikel nach Artikel, sachlich, trocken, auf Grund
-amtlicher Feststellungen.
-
-Die Bergwerksinspektoren hatten bisher die Aufsicht nur lax oder gar
-nicht ausgeübt. So war es möglich geworden, daß sich die Unternehmer
-seit Jahrzehnten über alle Sicherheitsvorschriften wegsetzen konnten.
-Am ärgsten schaute es in den Koppensteinschen Gruben aus. Die lagen
-in der Nähe der Heilquellen und zu beiden Seiten der Eisenbahn. Dort
-durfte die Kohle nicht abgegraben werden, sollten Stützen, Wände und
-Pfeiler stehen bleiben zum Schutz der Quellen und der Bahn. So stand es
-in der Vorschrift. Aber in Wirklichkeit war die Kohle doch abgegraben,
-und die Pfeiler, Wände und Stützen waren kaum halb so dick, wie es das
-Gesetz verlangte. Und unter dem Bahnkörper liefen Stollen weg und
-Gänge. Und darüber, auf der dünnen Rinde, keuchten Tag und Nacht ohne
-Pause die schweren Lastzüge, donnerten die Eilzüge mit den Kurgästen.
-
-Als durch Hellwigs Zeitung diese Dinge bekannt wurden, ging der übliche
-Entrüstungssturm durch die Presse. Noch nie hatte ein Provinzblatt
-solchen Aufruhr erregt. Auch die Blätter des Auslandes rauschten
-mit. Sie brachten Abbildungen und ergingen sich in schauerlichen
-Schilderungen der Unfälle, die möglich gewesen wären. Erzählten von
-kranken Menschen, die voll Hoffnung den Bädern entgegeneilten und nicht
-wußten, daß der Weg dahin über bereitete Gräber führte. Auch der Reiter
-über den Bodensee wurde vielfach zitiert. Und man war darüber einig,
-daß die Inspektoren ihre Pflicht in unverantwortlicher Weise verabsäumt
-hatten.
-
-Nun wurden Beamte in Massen versetzt, gemaßregelt, entlassen.
-Koppenstein aber war zugrunde gerichtet. Auf seine Kosten sollten
-die Hohlräume unter den Schienen ausgefüllt, die schwachen
-Pfeiler und Schutzwände durch Mauerwerk gesichert, sollte, um die
-Heilquellen in ihre früheren Wege zurückzudrängen, die Verbindung
-zwischen den Quellspalten und Gruben durch Dämme und Betonfüllungen
-gestopft werden. Und die Bahn forderte Ersatz für die unter ihrem
-Grundeigentum gewonnenen Kohlen, und die Stadtgemeinde, die Besitzer
-der eingestürzten Häuser, die Hinterbliebenen der Getöteten und die
-Verletzten stellten ebenfalls Ersatzansprüche. Und überdies drohte ein
-Strafprozeß wegen fahrlässiger Gefährdung von Menschen, Beschädigung
-fremden Eigentums, wegen Diebstahls und einer Menge anderer Verbrechen.
-Das ertrug Koppenstein nicht. Aus dem Gefängnis hätte er sich
-vielleicht nicht viel gemacht, aber daß die rastlos angehäuften
-Reichtümer mit einem Schlag in alle Winde zerstieben sollten, das warf
-ihn nieder. In der Marmorwanne seines Badezimmers öffnete er sich die
-Pulsadern und verblutete.
-
-Seine Verwandten richteten ihm ein Begräbnis erster Klasse mit
-jeglichem Pomp. Viele folgten dem sechsspännigen Leichenwagen. In den
-Augen seiner Standesgenossen war er entsühnt.
-
-Glimpflicher kamen die andern Grubenbesitzer weg. Aber fast keiner war
-ganz frei von Raubbau und Unterlassungssünden. Da wurden die stolzen
-Herren gar klein. Auf einmal konnten sie geschmeidig den Rücken beugen,
-sich entschuldigen, um Gnade betteln. Die Arbeiterfrage war vollständig
-in den Hintergrund gedrängt. Willig zahlte man die höheren Löhne,
-suchte alles zu vermeiden, was die Öffentlichkeit noch mehr aufbringen
-konnte. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis die Anordnungen der
-Behörden durchgeführt waren und der Skandal halbwegs in Vergessenheit
-kam.
-
-Jetzt endlich konnte Hellwig aufatmen. Die Kämpfe gegen die
-Lotterwirtschaft hatten mit ihren schlaflosen Nächten und furchtbaren
-Aufregungen seinen widerstandsfähigen Körper doch stark mitgenommen.
-Es war sein Verdienst, daß der Augiasstall gründlich gesäubert wurde.
-Er war der Herold gewesen, der Rufer im Streit, hatte die anderen
-wachgerüttelt und rücksichtslos alles aufgedeckt, was sonst vielleicht
-nur entstellt oder gar nicht in die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Als
-hierauf das große Rauschen der Blätter anhob, schwieg er. Zu stolz, um
-zu jubeln oder den Besiegten zu höhnen, schwieg er und überließ anderen
-die Ausnützung des erfochtenen Sieges.
-
-Jetzt war er wieder viel zu Hause, saß beim Fenster und blickte über
-den Strom hinüber zu den waldigen Bergen, wo schon die Blütenkätzchen
-aus den Zweigen brachen und die ersten Spitzen des jungen Grüns. Eine
-leise Schwermut war in ihm, eine gärende Sehnsucht, die nicht Wunsch
-werden wollte. Wieder war ihm, als müßte er etwas suchen, und wußte
-doch nicht was. Fühlte er den Drang zum Schaffen, das Verlangen nach
-irgendeiner befreienden Tat, fand aber weder Umriß noch Plan.
-
-Es war bald recht still um ihn geworden. Selten besuchte ihn jemand.
-Sie waren ihm dankbar, sprachen mit anerkennenden Worten von seiner
-energischen Führung. Aber da sie ihn nicht mehr brauchten, hatten
-sie keinen Anlaß, zu ihm zu gehen. Nur Pfannschmidt kam regelmäßig.
-Der arbeitete nicht mehr im Schacht. Hellwig hatte sich an die
-Parteileitung wegen Beigabe einer Hilfskraft gewendet und den
-Bergmann in Vorschlag gebracht. Das war genehmigt worden, und so saß
-Pfannschmidt nunmehr in der Schriftleitung, besorgte die laufenden
-Geschäfte und fühlte sich endlich auf einem richtigen Platz.
-
-
-8.
-
-Es war bereits Frühling geworden, als Fritz eines Tages die Nachricht
-erhielt, daß Doktor Kreuzinger gestorben sei. Da fuhr er mit dem
-nächsten Zuge nach Neuberg. Seit sechs Jahren war er nicht mehr dort
-gewesen. Und was lag alles dazwischen. Erst als ein Vorkämpfer des
-Deutschtums von den Studenten gepriesen, dann als Verräter und Feigling
-in Acht und Bann getan, von allen Leuten als Verkommener und Verlorener
-abgeurteilt, kehrte er jetzt wie ein Sieger zurück. Der Streik hatte
-seinen Namen überall bekannt gemacht. Auch die klerikalsten Neuberger
-waren stolz, daß ein Kind ihrer Stadt so was hatte leisten können. Und
-kaum daß er vom Bahnhof ins Städtchen kam, sprach ihn jeder, der ihn
-noch erkannte, mit grüßenden Worten an, wollte ihm die Hand drücken,
-fragte, ob er sich noch seiner erinnern könne. Sein Name war aber
-auch monatelang täglich in allen Wirtshäusern genannt worden. Sogar
-Professor Hermann hatte voll Genugtuung erklärt, daß Fritz Hellwig sein
-Schüler und wie begabt er gewesen sei. Und nur Pater Romanus hatte dann
-immer säuerlich-süß den Mund verzogen und ein paar Worte fallen lassen
-vom Hochmut, der vor dem Fall kommt. --
-
-Doktor Kreuzinger hatte einen wunderschönen Tod gehabt. An einem warmen
-Frühlingsmorgen war er auf seiner Gartenbank eingeschlafen, das neueste
-Werk eines berühmten Forschers mit dessen eigenhändiger Widmung auf den
-Knien. Die Vögel sangen über ihm im Buchenbaum, die Sonne streichelte
-sein weißbärtiges Antlitz. Und als sie ihn so fanden, glaubten sie,
-er lächle aus einem schönen Traum heraus. Nun lag er zwischen seinen
-Sammlungen aufgebahrt und sollte nach Gotha zur Feuerbestattung
-gebracht werden. Heinz und Kolben, Fritz und Wart Nikl trugen die
-Bahre zum Bahnhof. Priester war keiner zugegen. Und nur wenige Freunde
-folgten dem Sarge des als gottlos Bekannten. Denn die Stadt war ganz
-in den Klauen des Klerikalismus und es gehörte Mut dazu, sich diesem
-unduldsamen Riesen entgegenzustellen.
-
-Und über den Toten weg ging das starke Leben unbekümmert weiter.
-
-Eva, der kleine Backfisch von einst, war groß und reif und frauenhaft
-geworden. Die Trauer um den Großvater lag über ihrem Frohsinn wie der
-weiche Flaum auf der Schale einer schönen Frucht. Aber die schlanken
-Glieder regten sich wie unter unerwünschten Fesselbändern, und hinter
-den ernsten Mienen drängte verhalten die Daseinsfreude zum Durchbruch.
-So stand sie im Garten vor Fritz, am Tag nach dem Begräbnis, und
-mühte sich ruhig zu erscheinen, während ihm ihre ganze Jugend
-entgegenzitterte. Gleichgültige Dinge redete sie, und hätte ihm doch am
-liebsten zugerufen: „Steh nicht so hölzern da! Nimm mich in deine Arme!
-Dort gehör’ ich hin, ich bin ja dein ...“
-
-„Haben Sie wirklich nicht an mich gedacht? Die ganze Zeit her nicht?
-Nicht einen einzigen Gruß hatte mir Heinz zu melden!“
-
-Er blickte ihr in die schimmernden Augen.
-
-„Aber von Ihnen hat er mir einmal einen Gruß ausgerichtet,“ sagte er
-langsam. Sie wurde rot. Er fuhr fort: „Ich dank’ Ihnen heute dafür. Und
-wenn ich es nicht durch Heinz hab’ besorgen lassen ...“ Er stockte und
-wollte hinzufügen: „Sie sind mir zu gut dafür.“ Aber das brachte er
-nicht über die Lippen, sondern meinte nur: „Was hätten Sie auch davon
-gehabt?“
-
-„Mich hätt’s gefreut!“ antwortete sie leise.
-
-„Kann man sich über leere Worte freuen?“
-
-„Ah -- wenn es nur leere Worte gewesen wären -- dann gewiß nicht!“ Das
-klang zornig. Und als er zögernd fragte: „Wofür hätten Sie’s denn sonst
-gehalten?“, zuckte sie die Achsel: „Wenn Sie das nicht selbst wissen
-... übrigens, ich hab’ auch ohne das gelebt!“
-
-Mit einer schnellen Wendung kehrte sie sich von ihm weg.
-
-Fritz konnte sich die plötzliche Ungnade nicht erklären. Und weit
-entfernt, den wahren Grund auch nur zu ahnen, ritt er sich mit seiner
-bärentatzigen Ehrlichkeit noch tiefer hinein: „Ich hab’ nichts
-Schlimmes dabei gedacht, Fräulein Eva. Ich hab’ nur gemeint, so durch
-einen Vermittler ... Wenn ich’s aber weiß ...“
-
-Da unterbrach sie ihn bös: „Sie bilden sich doch nicht am Ende ein, daß
-ich um Ihren Gruß stehe? Den können Sie schon behalten. Mir liegt gar
-nichts daran!“, gab sich einen Ruck, warf den Kopf in den Nacken und
-rauschte stolz davon.
-
-Fritz sah ihr nach, wie sie über den Hof ins Haus schritt und fühlte
-den zornigen Wunsch, ihr nachzustürzen, sie an den Armen zu packen
-und zu schütteln: „So versteh mich doch!“ Da drehte sich das Tor in
-quietschenden Angeln, fiel hinter dem blonden Fräulein ins Schloß.
-Und mit einem Male war der weite Hof mit den regsamen Arbeitern, den
-zahlreichen Fuhrwerken und den stampfenden Pferden öd und leer. Wie von
-fernher kommend rauschte der Lärm der Auflader an seinem Ohr vorüber.
-Und während Minute um Minute verrann, fühlte er erst noch dumpf, dann
-bewußter, deutlicher und erkannte endlich mit ganz scharfer Klarheit,
-wie es um sein Herz eigentlich stand.
-
-Im selben Augenblick legte ihm der Kaufmann die Hand auf die Schulter.
-
-„Nanu?“ sagte er. „Sie stehen ja da wie der steinerne Roland beim
-Röhrkasten!“
-
-Fritz fuhr zusammen, schaute den gemütlichen Mann mit fremden Augen an.
-
-„Wissen Sie,“ sprach dieser weiter, „wissen Sie, das gefällt mir gar
-nicht von Ihnen! Himmel, Schimmel, wenn man jung ist, soll man wie ein
-Eichkatzl sein und die Welt zusammenreißen vor lauter Lebendigkeit!
-Nicht so leutscheu und winkelheimlich! Wenn Sie sich jetzt sehn
-könnten! Das Gesicht! Die Milch gerinnt, wenn Sie hineinschaun! Was ist
-denn eigentlich mit Ihnen los?“
-
-Und als Fritz auch darauf keine Antwort gab, schüttelte er bedenklich
-den Kopf: „Sonderbar, die Leute von heute! Der meinige ist gerade so!
-Wenn man Sie ansieht, meint jeder, Sie könnten nicht bis drei zählen.
-Und wenn’s nicht wahr wär’, möcht’ ich niemals glauben, daß so ein
-Mannl die Raubritter da oben zusammenhaut und die Kohlen so teuer
-macht, daß man sie bald nicht mehr wird bezahlen können!“
-
-„Es hat so kommen müssen,“ antwortete Hellwig gedankenlos, „mein
-Verdienst ist’s nicht.“
-
-„Kruzitürken und Chineser, bescheiden sind Sie auch? Das hat noch
-gefehlt! Sagen Sie mir nur, was hat man denn von der Bescheidenheit?
-Höchstens, daß man tüchtig übers Ohr gehauen wird. Auftreten muß man
-heutzutage: ‚So bin ich und wenn ich euch nicht pass’, steigt mir alle
-auf den Buckel!‘ -- Das gibt einem erst Gewicht! -- Mein Schwiegervater
-war auch so einer. Nur ja nicht merken lassen, daß er mehr versteht wie
-die andern. Und er hätt’ sie doch alle in die Tasche stecken können.
-Aber der dümmste Kerl hat sich vor ihm in der Sonne den Bauch wärmen
-dürfen, und er ist zufrieden im Schatten sitzen geblieben. So ein Wesen
-begreif’ ich einfach nicht.“ --
-
-„Er hat ...,“ entgegnete Fritz versonnen, „er hat -- die fremde Wärme
-nicht gebraucht. Er hat von uns überhaupt nichts gebraucht, hat alles
-in sich selber gehabt. -- Wie Bettler sind wir vor ihm gestanden.
-Haben uns beschenken lassen und -- konnten nicht einmal dafür danken.
-Weil er auch für unsern Dank zu reich gewesen ist. Wir -- verlieren
-uns hundertmal -- an die Erde -- an die Menschen -- verzetteln und
-verpulvern uns -- damit wir nur nicht an uns zu denken brauchen und
-an unsere Armut. Glück suchen nennt man das. Er -- ist mit sich allein
-geblieben -- ist groß genug gewesen zum Alleinsein -- und hat das
-Glück _gehabt_. Von den Ranken, die sein Herz getrieben hat, ist keine
-verdorrt. Sie sind um die Welt gewachsen, ja -- ganz rund herum sind
-sie gewachsen und doch alle wieder in seinem Herzen zusammengekommen.
-So war er.“
-
-Während er sprach, schaute er unablässig auf einen blauen Ölkäfer, der
-seinen dicken Leib träg über den Kiesweg ins Gras schleppte. Jetzt
-schwang sich ein Spatz vom blühenden Apfelbaum, nahm das Kerbtier in
-seinen Schnabel und flatterte durch den Sonnenschein davon. Ein paar
-weiße Blütenblätter fielen lautlos wie Flocken vom schwingenden Ast auf
-den grünen Rasen.
-
-Wart Nikl räusperte sich und nahm Hellwigs Hand zwischen seine beiden.
-
-„Ich versteh’ nicht, was Sie da gesagt haben. Aber fühlen kann ich’s
-schon, wie Sie’s meinen. Ein Alter, über den die Jungen so reden, der
-muß wohl viel wert gewesen sein.“ Und als ob er den düster Starrenden
-trösten wollte, fügte er hinzu: „Er hat Sie sehr gern gehabt.“
-
-Fritz lächelte bitter. Über den Hof herüber rief die krähende Stimme
-eines Lehrbuben nach dem Kaufmann.
-
-„Kopf hoch, Fritz!“ sagte er noch. Und mit verlegener Herzlichkeit:
-„Wissen Sie, ganz so ohne sind Sie auch nicht. Ich hab’ ordentlich
-einen Respekt vor Ihnen, Kreuzdonnerwetter! Den krieg’ ich vor solchen
-Grünschnäbeln nicht so bald!“
-
-Und fort war er.
-
-Hellwig atmete auf. Fluchtartig, damit ihn nicht abermals jemand
-aufhalte, hastete er durch die rückwärtige Gartentür auf die Gasse
-und lief seinen alten Weg über die Brücke, die Hügellehne hinan zu
-den stillen Lichtungen, wo im Sommer die Erika glühte. Jetzt standen
-späte Himmelschlüssel in den Fluren und in heimlichen Waldwinkeln unter
-Strauchwerk versteckt blühten die Maiglöckchen auf.
-
-Er suchte die Einsamkeit. Aber er fand sie nicht. Überall regte sich’s,
-trieb Blätter, surrte um Blumen, flatterte, zwitscherte, lockte und
-holte sich die Genossin. Da warf er sich mit dem Gesicht nach abwärts
-auf den Boden und deckte die Hände vor die Augen. Er schämte sich
-seiner Liebe. Weil sie ihn von einem andern Wesen abhängig machte, ihm
-die Selbständigkeit raubte, als ein Fremdes von seinem Herzen Besitz
-ergriff, seine Ziele verdunkelte und Zwiespalt in sein Wollen brachte,
-ohne daß er sich davon befreien konnte. Er bäumte sich dagegen, wollte
-das Gefühl ersticken und den Zwang abschütteln. Aber immer wieder
-drängte sich das Bild des schlanken Mädchens unter seine wirbelnden
-Gedanken, zwang ihn, an schimmernde Augen zu denken, an trotzig
-geschürzte Lippen und blondes Haar, das über einem feinen Gesicht wie
-ein Goldhelm leuchtete.
-
-Und endlich erlahmte ihm die Kraft zum Widerstand. Auf dem Rücken
-liegend, schaute er traumverloren in das durchsonnte grüne Netz
-der Äste, ließ sich von seiner Sehnsucht leise wiegen. Ein Kuckuck
-schrie aus der Ferne immerzu. Und jetzt sang auch von irgendwo eine
-schmetternde Männerstimme in den fröhlichen Wald hinein:
-
- „Es fallen drei Sterne vom Himmel,
- Die geben hellen Schein.
- Wer wird uns früh aufwecken
- Beim braunen Mädelein?
-
- Ei, wer uns früh aufwecken wird?
- Das tun die Waldvögelein.
- Die wecken uns all die Morgen
- Beim braunen Mädelein!“
-
-Ein übermütiges Jauchzen klang dem Liede nach.
-
-Da riß sich Fritz ungestüm aus der weichen Stimmung. Was war ihm denn
-so Großes widerfahren, daß er müßig sein und schlaff werden durfte?
-Hatte sich eine Ranke, die _sein_ Herz getrieben, um ein blondes Mädel
-geschlungen und war nach diesem Umweg wieder zu ihm zurückgewachsen?
-Fast höhnisch lächelte er. Nun, und wenn? Sollten deswegen die anderen
-verdorren? Er bewegte die Unterarme mit den geballten Fäusten vor sich,
-wie wenn er einen Stab zerbrechen wollte. Und den trotzigen Blick
-geradeaus gerichtet, als sähe er an den Stämmen vorbei nach einem nahen
-Ziel, schritt er durch den Wald. Niemand sollte ihn mehr abdrängen!
-Niemand!
-
-Andern Tags reiste er ab. Beim Abschied vermied er, Eva die Hand zu
-reichen.
-
-
-9.
-
-Otto Pichler hatte das letzte Rigorosum abgelegt. Glühend vor Freude
-eilte er nach Haus, umarmte die Wondra, und dann, in seiner Stube,
-begann er unverweilt seine neue Unterschrift einzuüben. ~Dr.~ Otto
-Pichler. In markigen Buchstaben, mit einem schwungvollen Schnörkel.
-Aber das genügte ihm nicht. Er kniete auf den Fußboden nieder und wohl
-fünfzigmal schrieb er mit Kreide auf die braunen Bretter: ~Dr.~ Otto
-Pichler. Und immer markiger wurden die Buchstaben, immer besser gelang
-der Schnörkel.
-
-Seine Beziehungen zu Hellwig hatte er schon längst wieder lose
-angeknüpft. Der Umstand, daß Heinz Wart, Kolben und Fritz bei den
-Freien Blättern wirkten, hatte auch ihn zu einer Schwenkung ins
-sozialistische Lager veranlaßt. Denn es schien ihm nicht unmöglich,
-daß er, von den einstigen Freunden unterstützt, auf dem guten
-Sprungbrett der Journalistik sich später in eine angesehene Stellung
-hinüberschnellen könnte, in ein Reichsratsmandat oder ähnliches. Klug
-und mit kühlem Bedacht arbeitete er auf dieses Ziel los. Er verstand
-gewandt, geistreich und witzig zu schreiben, sein Stil war wie seine
-Rede, flott, frisch und lebendig, und was seiner Überzeugung an Tiefe
-fehlte, ersetzte er durch schöne Worte und verblüffende Wendungen.
-Mit Warts Hilfe gelang es ihm, seine Aufsätze bei den Freien Blättern
-unterzubringen, und bald hatte er als Feuilletonist einen kleinen
-Ruf. Seine Schreibweise gefiel, das Publikum las die schaumleichten
-Sächelchen gern, die sich noch obendrein wissenschaftlich gaben und
-viele interessante Dinge ‚populär‘ darstellten. Aber auch mit den
-Herminonen kam er deswegen nicht über Kreuz. Er wußte alle heiklen
-Klippen geschickt zu umsegeln, so daß er nach wie vor ungestört in der
-Gesellschaft der Studenten verkehren konnte.
-
-Hellwig aber hegte gegen ihn keinen Groll mehr. Er war reif genug
-geworden, um das Verhalten des einstigen Freundes damals bei der
-Satisfaktionsverweigerung als jugendliche Torheit zu belächeln. Nach
-wie vor glaubte er an die ehrliche Tüchtigkeit, hielt er viel von den
-Fähigkeiten des Schulkameraden, und von der fröhlichen Leichtigkeit,
-mit der Otto das Zutrauen der Leute und ihre Sympathien eroberte, ließ
-auch er sich immer wieder gefangen nehmen.
-
-Als ihn daher, nach dem Ende des Streiks und der Aufregungen, die Ruhe
-und Tatenlosigkeit zu quälen anfing, während in Wien große Dinge sich
-vorbereiteten, der Kampf um das allgemeine Wahlrecht mit aller Wucht
-aufgenommen werden sollte und auch sonst dort, im Aneinanderprallen
-des kühnsten Fortschritts und der verbissensten Reaktion, die Kräfte
-immer frisch und stahlblank blieben, -- als ihn das nun in der tiefen,
-schlaffen Stille der Provinz zu quälen und zu locken anfing, da schrieb
-er an Pichler, ob er sein Nachfolger werden wolle. Wenn ja, möge er
-sich bei der Parteileitung darum bewerben, er, Hellwig, gedenke wieder
-zu den Freien Blättern zurückzugehen.
-
-Und Pichler, der neugebackene Doktor, überlegte sich das nicht zweimal.
-Hier bot sich ihm ein Anfang, ein festes Einkommen, eine selbständige
-Stellung und die Möglichkeit, von dort aufzusteigen, alles schöner,
-als er zu hoffen gewagt. Deswegen säumte er nicht lang, fuhr nach
-Wien, stellte sich vor, setzte alle Hebel in Bewegung. Und von Wart
-und Hellwig warm empfohlen, von Doktor Kolben nicht im Stich gelassen,
-glückte es ihm auch, den Posten zu erhalten.
-
-Die Begegnung der einstigen Freunde war nicht gerade herzlich, aber
-auch nicht farblos. Eine Entfremdung war vorhanden, aber dafür auch
-jene ruhige Kameradschaft, wie sie zwischen Männern ist, die an
-demselben Werk mitarbeiten. Eine Woche verwendete Fritz daran, den
-Nachfolger einzuführen und sattelfest zu machen. Dann packte er seine
-Sachen und nahm Abschied von allen. Nicht leichten Herzens ging er
-fort. Und ungern ließen ihn die Arbeiter ziehen. Einzeln und in
-Abordnungen waren sie gekommen, hatten ihn umstimmen, zum Bleiben
-bewegen wollen. Und gar der alte Faßbinder hatte sich schon lang nicht
-hineinfinden können. Immer wieder war er auf die Schönheit der Gegend
-zu sprechen gekommen, auf die starke Luft, die Ruhe, auf alle Vorzüge
-der Gegend und seines idyllisch gelegenen Hauses. Und erst als das
-alles ohne Erfolg geblieben war, hatte er sich leidvoll in seine Kammer
-hinter einen Wall von Bierflaschen zurückgezogen und hatte dort mit
-Tränen in den Augen ohne Aufhören getrunken und getrunken, bis ihm der
-Kopf schwer auf die bier- und tränenfeuchte Tischplatte gefallen und
-das jammervolle Schluchzen in ein gewaltiges Schnarchen übergegangen
-war. Das war eine würdige Abschiedsfeier gewesen, denn betrinken tat
-sich der hoch geeichte Meergreis nur in ganz seltenen Ausnahmefällen.
-Und von jener Stunde an trug er das Unvermeidliche mit männlicher
-Fassung.
-
-Pichler fand sich rasch zurecht. Viel brauchte es ja nicht dazu. Alle
-Wege waren ihm geebnet worden, alle Räder griffen pünktlich ineinander,
-Pfannschmidt arbeitete wie ein Zughund, und Otto hatte eigentlich
-nichts zu tun, als sich in das bereitete Nest zu setzen und zuzusehen.
-Sein schmiegsames Wesen, seine lächelnde Liebenswürdigkeit machten
-es ihm leicht, mit den Arbeitern schnell in ein gutes Verhältnis zu
-kommen. Und sie fanden bald, daß der Neue, der ihnen so freundlich
-um den Bart ging und der sie niemals durch eine kantige Schroffheit
-verletzte, daß der Neue nicht so übel wäre. Auch gefiel ihnen, daß er
-stets tadellos gekleidet ging, zu repräsentieren verstand und nicht in
-der Vorstadt wohnte, sondern nahe der Schriftleitung in einem schönen
-Zinshaus zwei Zimmer innehatte. So streute er diesen einfachen Leuten
-Sand in die Augen und blendete sie durch einen glanzvollen Schein.
-Er machte sich aber auch mit der ‚guten Gesellschaft‘ der Stadt
-bekannt und hielt es für nur selbstverständlich, Richard Deming, den
-einflußreichen Direktor der chemischen Fabrik, höflich zu grüßen, seit
-er ihm einmal in einer Versammlung vorgestellt worden war. Die Anna
-Bogner aber, die achtzehnjährige Tochter des Kesselwärters, erkor er
-sich -- ohne Frauen konnte er nicht mehr sein -- die Anna erkor er sich
-zu seiner heimlichen Geliebten.
-
-Er sah das braunhaarige Mädchen, das in der Zeitungsdruckerei
-beschäftigt war, fast täglich und es gefiel ihm. Klein, rund und
-frisch, trug es sich immer nett und sauber, schaute aus klaren Augen
-vergnügt ins Leben und ließ beim Lachen alle Zähne blitzen. Es lachte
-gern und viel, war stets gutes Mutes, freute sich bei der Maschine auf
-den Feierabend, wenn es regnete, auf den Sonnenschein und wenn die
-Sonne schien, über den lustigen Glanz in der Welt und im jungen Herzen.
-
-So war die Anna, bis sich ihr Schicksal erfüllte. Ganz gewöhnlich fing
-es an. Blicke herüber und hinüber, erst vorsichtig sondierend, bald
-aber kühner werbend und eindringlicher. Dann griff Otto nach dem Hut
-und grüßte. Da erschrak sie, sah darein, als faßte sie es nicht, war
-erstaunt, verlegen, geschmeichelt, hastete purpurrot weiter. Aber sie
-schaute doch noch einmal über die Schulter zurück, ob sie sich denn
-wirklich nicht getäuscht habe, und da stand der fesche Doktor mit dem
-dunklen Schnurrbart noch an der Ecke und winkte mit der beringten Hand.
-
-Andern Tags klopfte ihr das Herz bis zum Hals hinauf, als sie ihn
-kommen sah. Beklommen trippelte sie vorwärts in Harren und Bangen,
-fürchtete schon, er sei gleichgültig vorüber gegangen. Aber da zog
-er gerade wieder höflich den Hut. Nun neigte sie, wie sie sich fest
-vorgenommen, mutig den kraushaarigen Kopf zum Dank, steif genug,
-verschämt und beglückt.
-
-Dann dauerte es keine Woche mehr, bis er ihr ein Briefchen zusteckte
-und um ein Stelldichein für den Sonntag bat. Jenseit des Stromes wollte
-er sie treffen, draußen im Freien, wo schon die Wälder anfingen und
-nicht so leicht ein Bekannter hinkam.
-
-Und das junge Ding zog sein bestes Kleid an, schmückte sich wie zum
-Fest und wartete eine halbe Stunde vor der angegebenen Zeit bereits am
-Waldrand.
-
-Drei rote Rosen zwischen den Fingern, kam Otto gegangen und schon
-von weitem schwenkte er grüßend den weißen Panamahut. Mit einer
-Verbeugung überreichte er ihr die Blumen. Schüchtern griff sie darnach,
-steckte sie mit hastenden Fingern vor die atmende Brust, kam nicht
-gleich damit zurecht, schämte sich und stand mit gesenkten Wimpern
-in einer argen Verwirrung. Aber er half ihr rasch darüber weg, sagte
-ihr ein paar Artigkeiten im leichtesten Plauderton und benahm sich
-ungezwungen, als treffe er sie nicht das erstemal, sondern kenne sie
-schon lang und gut. Da verlor sie die Scheu, taute auf und fing nun
-ebenfalls zu erzählen an, von ihrer Arbeit, von den Tongebilden ihres
-Vaters, den Liebhabern ihrer Freundinnen. Gönnerhaft hörte er zu, fand
-das Schwatzen abgeschmackt, aber das Mädel hübsch und schritt, das
-Stöckchen schwingend, in fröhlicher Zuversicht an ihrer Seite.
-
-Der Wald war still und erwartungsvoll, durch die grünen Büsche
-schimmerte es wie goldene Gewänder, blitzte wie sonnige Augen, mit
-blauen Kelchen standen die schlanken Glockenblumen, und die Anna
-pflückte sie zum Strauß. Weiße Waldorchideen ordnete sie mit hinein und
-die nickenden Blütenturbane des Türkenbunds, durch dessen Berührung
-Juno einst den Mars empfing. Geschmeidig bog sie den Körper, sprang
-wie ein Hirschlein zwischen den Bäumen und funkelte ordentlich vor
-Lebenslust. Immer besser gefiel sie dem jungen Manne. Unternehmend
-strich er den weichen Schnurrbart empor, faßte die Warme mit der
-Rechten von rückwärts um den Leib, bog mit der Linken ihr glühendes
-Gesicht zu sich herüber und küßte sie auf den Mund.
-
-„Nein, so was ... aber Herr Doktor!“ wehrte sie ihm schämig und
-versuchte loszukommen. Es war ihr jedoch nicht ernstlich darum zu tun,
-sie sträubte sich zwar ein wenig, weil sie es für schicklich hielt,
-schmiegte sich dabei aber nur fester in seinen Arm. Da küßte er sie
-nochmals und gab sie dann frei. „Du gefällst mir, Annl!“ sagte er und
-strich mit der Hand über ihre Wange.
-
-„Spotten Sie nur nicht!“ antwortete sie und warf ihm von unten herauf
-einen schnellen verliebten Blick zu.
-
-„Spotten? Nein, du bist wirklich hübsch! Aber das Sie-sagen mußt du dir
-abgewöhnen.“
-
-Nun kicherte sie: „Was der Herr Doktor für Einfälle hat! Wir kennen uns
-ja kaum!“
-
-„Wer bin ich?“
-
-„Der Herr Doktor!“
-
-„Wer?“
-
-„... Sie!“
-
-„Du sollst du sagen! Trau’ dich nur, Mädl! Na?“
-
-Sie schüttelte den gesenkten Kopf, daß alle Spitzen ihrer krausen Haare
-zitterten. Da legte er den Arm um ihren miederlosen Leib. „Komm!“ sagte
-er. „Schäm’ dich nicht, wir sind ja allein.“
-
-Sie lehnte sich leicht an ihn.
-
-„Du!“ sagte sie erschauernd und ließ sich widerstandslos fortführen,
-tiefer und tiefer in den erwartungsvollen Wald.
-
-
-10.
-
-Hellwig war wieder im alten Fahrwasser, arbeitete viel, sprach in
-Versammlungen und ruhte sich bei Heinz von der Hetzjagd aus.
-
-So oft er zu ihm kam, müd und abgerackert, oft erst spät abends, fand
-er den Tisch für sich mitgedeckt, Marie, die zarte, blasse Frau, kam
-ihm mit sonnigen Augen entgegen, und die Lampe leuchtete hell über
-weißem Tischzeug, sauberen Dielen und blankem Hausrat. Eng war das
-Gemach, war Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer, alles in einem, aber die
-freundlichen Geister des Behagens lugten aus allen Winkeln, schaukelten
-sich in den Falten der baumwollenen Fenstervorhänge, tollten, ein loser
-Schwarm, durch die offene Tür in die Küche, wo sie der Marie in den
-Rostbraten bliesen, daß das Fett prasselnd aus der Pfanne spritzte.
-Aber nicht immer gab es Rostbraten in der Pfanne. Manchmal, und
-namentlich wenn der Monatsletzte nicht mehr fern war, lief Heinz zum
-Greisler hinunter um Käse, Brot und Wurst, und auch ein paar Flaschen
-Bier brachte er mit herauf. Aber wenn dann die Marie fragte: „Wo hast
-du die Butter?“ oder „Wo ist denn der Emmentaler?“, da hatte er das
-gewöhnlich unten auf dem Ladenpult liegen lassen und mußte die vielen
-Stufen noch einmal hinab und hinauf.
-
-Und wenn sie dann alle drei unter dem weißen Schirm der Hängelampe um
-den Tisch saßen, war es Hellwig, als sei alle Leidenschaftlichkeit der
-Fehde verbraust und aller Streit da draußen eingeschlafen, tief ruhig
-wurde er, und leise schlug ihm das stürmische Herz, ganz leise, auf daß
-es die heimliche Innigkeit dieser Stätte nicht störe, die voll Liebe
-und Frieden war. Und kein Schatten wäre in dieser reinen Helligkeit
-gewesen, wenn Marie nicht manchmal gekränkelt und immer anhaltender
-gehustet hätte.
-
-Und bisweilen kam jetzt über Heinz wieder der alte Hang zum
-Herumstreifen in den Elendquartieren. Dann litt es ihn nicht in dem
-Frieden seines Heims, und mochte die Marie auch noch so freundlich
-bitten, er ließ sich nicht zurückhalten. Wie an Seilen zog es ihn fort.
-Da mußte auch Fritz aufbrechen, und manchmal begleitete er dann den
-Freund.
-
-Und da trafen sie einmal mit Robert Karus zusammen. In einem Bierbeisel
-trafen sie ihn, wo er Lumpensammlern, Kanalstrottern und zittrigen
-Bettelleuten die Idee des Anarchismus erläuterte und für die Propaganda
-der Tat mit ungefügen Worten eintrat.
-
-Hellwig erkannte ihn gleich wieder. Aber auch Karus hatte kein
-schlechteres Gedächtnis. Mit einem lauten „Hei!“ ließ er die Faust
-auf den Tisch fallen und rief: „Da schaut her, der Bergprediger! Wie
-geht’s, Herr Bergprediger, wie steht’s? Ist die friedliche Rebellion
-vorüber? Fressen die Hündlein wieder hübsch brav aus der Hand?“
-
-Aber ehe Fritz noch antworten konnte, hatten sich die andern Gäste
-bereits um Heinz geschart. „Das ist ja der Herr Wart!“ -- „Guten Abend,
-Herr Wart!“ -- „Wir dachten schon, Sie hätten uns ganz vergessen,
-Herr Wart!“ hieß es. Sie schüttelten ihm die Hände, waren von dem
-Wiedersehen sichtlich erfreut.
-
-„Also das ist der Ausbund, der so haarsträubend edle Werke tut!“ sagte
-Karus und musterte den schmächtigen Mann mit einem raschen Blick von
-oben bis unten. „Hand her, Heinz Wart!“ rief er dann. Er hielt ihm die
-haarige Tatze hin. Wart legte seine kühle, schmale Rechte hinein.
-„Endlich treffe ich Sie!“ sagte Karus mit gedämpfter Stimme. „Ist
-höchste Zeit gewesen, sonst wär’ ich Ihnen nächster Tage auf die Bude
-gerückt. Wir zwei gehören nämlich zusammen wie Faust und Arm!“
-
-Heinz war es gewöhnt, auf seinen Streifzügen mit den absonderlichsten
-Kostgängern des lieben Herrgotts in Berührung zu kommen. Deswegen
-wunderte er sich nicht weiter über das Gehaben des struppigen Kumpans,
-setzte sich schweigend zu ihm an den Tisch und Hellwig ebenfalls.
-Diesem war die Begegnung sehr erwünscht, denn er hoffte jetzt den
-seltsamen Menschen näher kennenzulernen, der mit ein paar hingeworfenen
-Worten seine Gedanken wochenlang zu beschäftigen vermocht hatte. Er
-konnte sich nicht klar werden über das Gefühl, das er für oder gegen
-ihn hegte, spürte etwas seinem eigenen Wesen Verwandtes in ihm und doch
-auch wieder etwas, was ihn schroff abstieß und zum Widerspruch reizte.
-
-Dem Karus mochte es ebenso gehen. Die Art, wie er den ‚Bergprediger‘
-behandelte, war halb kameradschaftlich, halb gehässig, und immer lief
-daneben überlegener Spott mit. Jetzt saßen sie also beisammen in der
-schweren, verdorbenen Luft, tranken schales Bier und die verluderten
-und zermürbten Gesellen an den anderen Tischen rückten möglichst nahe
-zu, spitzten die Ohren, und jedesmal, wenn Heinz eine Bemerkung machte,
-lächelten und nickten sie einander zu, stießen sich an und taten, als
-wäre ihnen ein Heil verkündet worden, wenn sie auch kaum die Hälfte
-aller Worte vernehmen konnten. Karus aber rüstete sich zu einem Strauß
-mit Hellwig.
-
-„Also was?“ sagte er. „Sind Sie in der Provinz glücklich fertig? Wo
-predigen Sie denn jetzt? Und worüber, wenn’s zu fragen erlaubt ist?“
-
-Fritz wurde nicht zornig und wurde nicht grob. Ganz gelassen blieb
-er und antwortete so naiv und unbefangen, als es ihm möglich war:
-„Gegenwärtig geht’s um das allgemeine Wahlrecht.“
-
-„Schöne Sache!“ entgegnete Karus, mit dem mächtigen Schädel nickend,
-tiefernst. „Schöne Sache! Würdig der edelsten Begeisterung! Nun denken
-Sie sich aber mal eine große Menagerie. Da sitzen die Tiere alle in
-engen Käfigen. Der Löwe, der Tiger, die Gemse, der Falk, der Adler,
-alle sitzen sie in ganz engen Käfigen. Und den Menageriebesitzer
-wandelt eines Tages ein Mitleid an oder eine gnädige Laune, er stellt
-einen etwas größeren Zwinger auf und erteilt den Bestien die Erlaubnis,
-je eine aus ihrer Mitte, welche sie halt wollen, in den größeren
-Käfig zu entsenden. Und dann springen die abgesandten Löwen, Tiger,
-Gemsen, Falken, Adler dort drin herum, stoßen mit den Köpfen an das
-gesetzmäßige Gitter, verletzen sich die Pranken, zerbrechen sich die
-Flügel, beißen sich die Zähne aus. Und die anderen Vieher sehen das und
-schreien, quieken, krächzen, brüllen: ‚Hoch unsere Freiheit! Hoch unser
-allgemeines Wahlrecht!‘ Aber die Eisenstäbe zerbrechen, den Wärter in
-Fetzen reißen? Das fällt keinem ein! Dazu sind sie zu faul und zu träg!
-Sie fauchen wohl gegen ihn, aber kommt er ihnen mit der spitzigen Gabel
-an den Leib, dann ducken sie sich und heulen! Denn schließlich gibt er
-ihnen doch zu fressen.“
-
-„Sie sind ein sonderbarer Schwärmer, Karus,“ erwiderte Fritz. „Ich
-meinerseits glaube aber trotz Ihrer schönen Vergleiche, daß das
-allgemeine Wahlrecht ein guter Sturmbock ist, mit dem wir die Gitter
-schon brechen wollen. Nur haben müssen wir’s erst!“
-
-Karus lächelte mitleidig.
-
-„So sagen Sie mir doch einmal, was wir nach Ihrer Ansicht eigentlich
-tun sollen, um frei zu werden?“ rief Hellwig ungeduldiger.
-
-Da ging ein heftiger Ruck durch die gedrungene Gestalt des wilden
-Gesellen, aus seinen Augen brach ein unbändiges Feuer. Aber seine
-Stimme klang beinah gemütlich, als er jetzt sagte: „Dreinschlagen!“
-
-„Wozu?“ meinte Hellwig achselzuckend. „Wir erreichen auf friedlichem
-Weg mindestens genau so viel.“
-
-Da klopfte ihm Karus auf den Rücken und sprach: „Lieber junger Freund,
-wie stellen Sie sich denn das vor: Auf friedlichem Weg? Die wilden
-Tiere im Käfig wollen heraus, nicht wahr? Und wenn nun so eine graziöse
-Löwendame oder ein feuriger Tigerjüngling kommt und den Wärter bittet,
-er solle doch so freundlich sein und das unangenehme Gitter entfernen,
-so wird der Wärter natürlich nichts Eiligeres zu tun haben, als
-diesem gewiß berechtigten Wunsche zu willfahren. Alle Bestien wird er
-herauslassen, damit sie dann über ihn herfallen und ihn vor lauter
-Dankbarkeit auffressen. Nicht wahr, so würde es kommen? Und das ist
-das, was Sie meinen mit dem ‚Auf friedlichem Weg‘?“
-
-„Nicht so ganz, Herr Karus. Sie sagten ja vorhin selbst, daß der Käfig,
-wie Sie sich auszudrücken beliebten, immer weiter wird. Nun, und einmal
-wird er eben so groß sein, daß wir das Gitter nicht mehr sehn und
-spüren. Das ist doch gewiß auf friedlichem Weg zu erreichen.“
-
-Karus lachte hell auf.
-
-„Und das soll die Freiheit sein? So stellen Sie sich die Freiheit vor?
-Wirklich so? Ich bedanke mich für so eine Freiheit! Ich will fliegen --
-und stoß’ mir den Schädel an der Decke ein. Ich will ein bissel weiter
-spazieren gehn, krach, renn’ ich -- ob früher, oder später, einmal
-doch -- ans Gitter und kann nicht weiter. Muß ich da nicht die Stäbe
-zerbrechen, wenn ich hinaus will? Und wenn ich allein zu schwach bin --
-zum Teufel, hundert Fäuste knicken das Zeug schon entzwei! Aber feig
-sind die Kerle! Feig und faul! Ihr eigenes Fleisch haben sie zu lieb,
-und ihre einzige Sorge ist der Magen! Nein, nein, Bergprediger, damit
-ist’s nichts! Wenn der Zwinger auch noch so groß ist, es bleibt eben
-immer ein Zwinger. Und die Freiheit verträgt kein Gitter!“
-
-Heinz saß da, die Linke vor den Augen und die Stirn in die Spanne
-zwischen Daumen und Zeigefinger gestützt, hielt ein abgebranntes
-Zündholz in der andern Hand und versah die runden Umrisse der
-Bierlachen mit strahlenförmigen Ausläufern. Mit Fleiß und Sorgfalt
-tat er das und bemühte sich, alle gleich lang und schön regelmäßig zu
-machen. Aber als Karus schwieg, begann er unvermittelt zu sprechen.
-
-„Nein,“ sagte er, „kein Gitter und kein Eisen. Weil wir ja keine wilden
-Tiere sind, sondern Menschen. -- Es sollte keine Fesseln unter uns
-geben, keine Käfige und keine Kerker. Und es sollte auch niemand unter
-uns Macht haben, andere darin festzuhalten. Weder ein einzelner noch
-ein Volk oder ein Staat. Niemand. Weil -- wer nicht für mich ist, der
-ist wider mich ... das ist auch eine falsche Formel. Jeder für sich
--- und keiner wider den andern: so müßte es sein. Und bis das so sein
-wird, dann sind wir alle edel genug, die Freiheit zu ertragen. Weißt
-du, Fritz ...“
-
-So redete er, und da er seine Haltung nicht änderte, war es, als ob er
-in die Tischplatte hinein spräche. Aber das Zündholz war in seiner
-Hand zerknickt, und seine Wangen waren ganz tiefrot geworden.
-
-„Gehn wir!“ sagte er nach einer langen Pause und atmete schwer auf.
-
-Sie traten ins Freie. Karus faßte ihn unterm Arm. „Faust und Arm!“
-sagte er noch einmal. „Oder Muskel und Nerv! Komm, Heinz Wart!“
-
-Fritz ging schweigend nebenher und sah in den Himmel hinauf, der ganz
-hell ausgesternt war. Und wieder fühlte er, wie schon öfter: wenn der
-stille Heinz seine leidenschaftliche Stunde hatte, dann sagte er Dinge,
-die seltsam überzeugend klangen. Und er sagte sie in so sonderbar
-eindringlichem Ton, daß keine Entgegnung sich regen konnte. Und doch
-mußte es eine Entgegnung geben, das spürte er ganz deutlich und wußte
-nur nicht, wo die Lücke war, wo er den Fuß einsetzen mußte, um über die
-glatte Mauer hinüberzukommen.
-
-Karus fing an, aus seinem Leben zu erzählen.
-
-Er war Hilfslehrer gewesen, aber seine vertrotzte Natur konnte sich
-in kein Joch beugen. Statt die Buben zu pflichtbewußten Staatsbürgern
-zu erziehen, redete er zu ihnen von der sozialen Bewegung und vom
-Anarchismus, füllte ihre jungen Seelen mit dem wilden Freiheitsdrang,
-der in ihm selbst brauste. Keine Verwarnung fruchtete. Schließlich
-wurde er auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Da wußte er, woher der Wind
-blies und kam um seine Entlassung ein. Und dann durchwanderte der
-Doktor der Weltweisheit Robert Karus fast die ganze Erde, machte
-den Aufstand der Insel Kreta mit, war auf den Philippinen einer der
-Insurgentenführer, wurde in Rußland wegen nihilistischer Umtriebe nach
-Sibirien geschickt, floh von dort durch Persien über den Ganges nach
-Indien und war jetzt endlich wieder in seine Heimat zurückgekehrt, als
-Fünfzigjähriger dieselbe Glut und Freiheitssehnsucht im Herzen, die ihn
-als Jüngling in die Welt hinausgetrieben hatte. Vorläufig wollte er
-ausruhen, wie er es nannte, und verdiente sich sein karges Brot, indem
-er armen Handelsbeflissenen, die in Anbetracht der geringen Vergütung
-gern sein verwahrlostes Äußere mit in den Kauf nahmen, Unterricht in
-Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch erteilte.
-
-Heinz Wart schloß sich seit diesem Tage ganz an den alten Revolutionär
-an, war fortwährend mit ihm beisammen und wurde noch blasser und
-stiller als vorher. Und noch größer und rätselvoller als vorher standen
-ihm die heißen dunklen Augen im schmalen Gesicht.
-
-
-11.
-
-Pichlern ging es ungemein wohl. Sein Schifflein schwamm auf glatter
-Flut, kein böser Windstoß rührte gefährliche Wogen auf, nirgends zeigte
-sich eine Wetterwolke. Die Arbeit lief wie am Schnürchen, die Leute
-hatten ihn gern, er war überall beliebt. Und wenn ihm etwas seine Laune
-trübte, so war’s jetzt sein Verhältnis zur Anna Bogner.
-
-Sie hatte ihm alles gegeben, was so ein schlichtes armes Ding einem
-Mann wie Pichler überhaupt zu schenken vermochte, stand nun ratlos,
-fremd, wie verloren in der Welt und hatte niemanden, an den sie
-sich klammern konnte, als eben ihn. Gerade das aber wurde ihm bald
-lästig, der Reiz der Neuheit war vorbei, der Schmetterlingsstaub von
-den Flügeln gestreift, die einfache reine Seele des guten Kindes
-konnte ihn nicht fesseln. Es kam die Überlegung, die Furcht vor einer
-möglichen Entdeckung, der Überdruß. Seltener bat er sie um eine
-Zusammenkunft, entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Und sie
-ließ sich alles gefallen, sah ihr Glück -- es hatte kaum sechs Wochen
-gewährt -- verblassen und war geduldig und gläubig und treu wie ein
-Hund. Aber ihre Munterkeit war weg, kaum lachte sie noch oder freute
-sie sich über den Sonnenschein.
-
-Und endlich blieb Otto ganz fort. Acht, vierzehn Tage wartete sie, aber
-er gab kein Lebenszeichen, war für sie wie vom Erdboden verschwunden.
-
-Er birschte in anderen Gefilden. Dort war Grete Deming, die Tochter
-des kaiserlichen Rates Richard Deming, der bei der großen chemischen
-Fabrik den Direktorposten innehatte. Das war ein scharfsichtiger und
-besonnener Selfmademan, dem das kühle Blut auch in den schwierigsten
-Lagen nicht in raschere Wallung kam. Er war von festgefügtem
-Knochenbau, ziemlich groß, stark, doch nicht fett, hatte breite Hände
-und trug den grauen Backenbart zu beiden Seiten des ausrasierten Kinnes
-kurz geschoren. Nie war das Unternehmen besser geleitet, der Gewinn
-größer gewesen, als seit Deming an der Spitze stand. Geschäftsmann
-durch und durch, von modernem Geist erfüllt, kühn und wagemutig, wußte
-er günstige Marktlagen rasch zu packen, tatkräftig auszunützen und
-hatte noch immer gegen die Vorsichtigen und Ängstlichen recht behalten.
-Er war seit Jahren Witwer und hatte eine Tochter, das Fräulein Grete
-Deming, eine dunkeläugige Schöne, die gertenschlank auf dem Kutschbock
-saß und mit festen kleinen Händen ihren Traber lenkte. Umschwärmt und
-begehrt, ging sie gleichgültig an dem Schwarm ihrer Bewunderer vorbei,
-nicht warm, nicht kalt, ein wenig hochmütig, ein wenig herablassend
-und sehr selbstbewußt. Sie war schön, war jung, das einzige Kind
-ihres reichen Vaters und deshalb nahm man ihr nichts übel, fand
-auch ihre Unarten reizend, und viele Mädchen der Stadt gingen mit
-leicht vorgebeugtem Oberkörper und leise schaukelnden Hüften, trugen
-Reitgerten und rauchten Zigaretten, ganz wie Grete Deming. Es gab eine
-Grete-Deming-Frisur, ein Barett, einen fußfreien Rock, eine Tüllkrause
-~à la~ Grete Deming. Aber keiner einzigen saß die runde Nerzmütze mit
-dem Reiherstoß so fesch auf welligem Haar, fiel der glatte Rock auf
-einen so tadellos fein geknöchelten Fuß, hob sich pfirsichfrisch und
-rassig aus den weißen Tüllwogen ein so pikantes Gesicht -- wie eben dem
-Fräulein Grete.
-
-Pichler sah sie vorüberfahren, blickte ihr nach und stand wie gebannt.
-Ein eigenes Gefühl drängte sich in sein Herz, weh und schmerzhaft,
-als sei ihm ein Glück bestimmt gewesen, und er habe es leichtsinnig
-selbst verscherzt. Unwürdig kam er sich vor und doch wieder wertvoll
-genug, nach den höchsten Kränzen zu langen. Verheißende Möglichkeiten
-blitzten in der Ferne, Ahnungen von Genüssen, um die er sich gebracht,
-Sehnsucht nach einer geistreichen und glanzvollen Gesellschaft, von
-der er sich freiwillig ausgeschlossen hatte. Fast reute ihn, daß er so
-offen eine politische Gesinnung zur Schau gestellt hatte, statt in ein
-Staatsämtchen zu schlüpfen oder einen anderen standesgemäßen Beruf zu
-ergreifen. Und stärker und bestimmter kam ihm der Vorsatz, daß seine
-jetzige Beschäftigung nur einen Übergang darstellen durfte, da weder
-seiner Stellung als gebildeter Mensch, noch seinen Fähigkeiten der
-ständige Verkehr mit den untersten Volksschichten angemessen sei. Und
-so begann er denn seine Läuterung dort, wo ihm der Verkehr mit den
-untersten Volksschichten dermalen am unangenehmsten geworden, bei Anna
-Bogner. Er war sich selber für ein solches Verhältnis zu gut geworden.
-
-Die Anna wartete geduldig noch eine Woche lang, dann aber faßte sie
-sich ein Herz und ging zu ihm. Sie wollte Gewißheit haben, das Harren
-und Bangen quälte gar zu sehr.
-
-Zaghaft klopfte sie an, trat zaghaft ein. Da war gerade Karl
-Pfannschmidt anwesend und beriet die Zusammenstellung der nächsten
-Zeitungsnummer mit dem verantwortlichen Schriftleiter.
-
-Verlegen sprang Pichler auf.
-
-„Was bringen Sie mir denn Schönes, Fräulein?“ fragte er und bemühte
-sich, seiner unsicheren Stimme einen geschäftsmäßigen Tonfall zu geben.
-
-„Ich bring’ nichts,“ antwortete sie leise, „ich will mir was holen.“
-
-„Ach ja richtig, das hatte ich ganz vergessen!“ erwiderte Otto und
-schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Jetzt fällt’s mir
-wieder ein! Bitte, wollen Sie hier eintreten!“ Er führte sie ins
-Nebenzimmer. „Sie entschuldigen schon einen Augenblick!“ sagte er noch
-zu Pfannschmidt.
-
-Drinnen herrschte er das arme Ding mit scharfer Flüsterstimme an: „Was
-soll das heißen, Anna? Was fällt dir ein, hieher zu kommen! Denk’ doch
-an deinen Ruf!“
-
-„Ich will mir was holen!“ murmelte das Mädchen.
-
-Nun versuchte er es in einer anderen Tonart. „Ich konnte wirklich
-nicht abkommen, Annl!“ sagte er mit biederer Herzlichkeit. „War mit
-Geschäften überhäuft. Das geht manchmal nicht anders. Aber sobald ich
-wieder Luft hab’ ...“
-
-Sie schüttelte langsam den Kopf.
-
-„Ich bin nicht deswegen da ...“
-
-„Nicht deswegen?“
-
-„Ich will mir nur was holen,“ sagte sie eintönig.
-
-„Ja, aber was denn nur? So sag’s doch endlich!“
-
-„Meine Ehre ...“
-
-Ganz gleichgültig sprach sie das vor sich hin, mit rauher, brüchiger
-Stimme und schaute mit toten Augen an ihm vorbei ins Leere.
-
-Er wußte nichts zu erwidern, hob bedauernd die Hände und ließ sie auf
-die Schenkel fallen.
-
-„Aber Annl -- du hast mich doch lieb gehabt ...“
-
-„Ja, ich hab’ dich lieb gehabt.“
-
-„Und -- und ... es konnte doch nicht immer so fortgehn. Das hättest du
-im voraus bedenken sollen.“
-
-„Ja -- das hätte ich im voraus bedenken sollen ...“
-
-Wie ein Automat sprach sie ihm die Worte nach.
-
-„Annl, sei doch nicht so, ich bitte dich! Wir -- können deswegen ja gut
-bleiben. Nur -- das wirst du einsehn, ich ... Herrgott, wenn nur der
-Kerl nicht draußen wär’! Der paßt auf jedes Wort! -- Wir treffen uns
-morgen, Annl! Um sechs Uhr! Da reden wir dann weiter. Wirst du kommen?“
-
-„Ich werde schon nicht kommen. Was gibt’s auch noch zu reden? Das ist
-nun einmal so, da nützt nichts mehr.“
-
-„Annl!“
-
-Noch immer schaute sie an ihm vorbei, mit derselben steinernen Ruhe.
-
-„Nenn’ mich nicht mehr so. Ich nenn’ dich auch nicht mehr so. Ich denk’
-mir nur -- so, wie du jetzt bist, das sollte doch anders sein. Es ist
-nicht recht so. Nur, es wird wohl auch wieder besser werden -- oder --
-die Welt hätt’ sonst kein Gewissen ...“
-
-Mit schleppenden Schritten ging sie zur Tür, öffnete und schob sich
-müde durch das vordere Zimmer an Pfannschmidt vorüber zum Ausgang. Dort
-schlug Pichler noch einmal den Geschäftston an. „Also die Sache ist in
-Ordnung, nicht wahr?“
-
-„In Ordnung,“ sagte sie tonlos und bewegte die trockenen Lippen kaum.
-Nun trat sie über die Schwelle, den Kopf steif oben, und in dem starren
-Gesicht regten sich nicht einmal die Lider, um die weit offenen Augen
-zu kühlen.
-
-Als sie fort war, sagte Pichler mit gemachter Leichtigkeit: „Es war
-mir so peinlich ... sie hat mir nämlich eine Novelette angeboten
-für unser Blatt und sich jetzt Bescheid geholt. Ich mußte ablehnen.
-Schriftlich wär’ das einfacher gegangen. Zu dumm! Jedes Frauenzimmer
-will heutzutag’ schon schreiben!“
-
-Pfannschmidt blätterte in den Manuskripten, die er vor sich
-ausgebreitet hatte. Dann sagte er: „Also mit dem Leitartikel sind Herr
-Doktor einverstanden? Was bringen wir denn unterm Strich?“
-
-Otto biß sich auf die Lippe. Er fühlte, daß ihm hier die Ausrede nicht
-geglaubt worden war. Aber er faßte sich schnell.
-
-„Unterm Strich? Haben wir nicht irgendeine verliebte Geschichte lagern?
-So was zieht immer!“
-
-
-12.
-
-Fritz, Heinz und Karus schlenderten mitsammen durch die Großstadt. Es
-war ein schöner Vorfrühlingstag. Die Sonne glänzte am blauen Himmel,
-hing durchsichtige Silberschleier vor die Fronten der Mietkasernen,
-machte die Fiakerrosse fröhlich, und sogar den geplagten Pinzgauer
-Hengsten vor den schweren Fuhrwerken verlieh sie ein gemütliches
-Aussehen. Zwischen lautlos gleitenden Elektromobilen, Automobilen,
-Karossen und Straßenbahnwagen bewegten sich rasselnde Streifwagen,
-Handkarren, Radfahrer. Eisen klirrte, Pferde wieherten, Kutscher
-schrien „Ooooohb!“, das klingelte, ratterte, stampfte, dröhnte, surrte,
-tutete ohrenbetäubend durcheinander. Und auf den Gehsteigen wimmelten
-die Menschen, Hut neben Hut und Ellbogen bei Ellbogen, vereinigten
-sie sich rechts und links der Straßenzeile zu je einem ununterbrochen
-flutenden schwärzlichen Strom, der langsam wogte, still stand und
-wieder vorwärtsdrängte. Es sah aus, als würde hier das Blut der Stadt
-durch die Stöße eines unsichtbaren Herzens im Kreislauf erhalten. Nur
-vor den Kirchen schien es zu stocken. Die Kirchentüren waren offen,
-fremd leuchteten die gelben Kerzenflammen aus den dämmrigen Schiffen
-in die lärmende Nüchternheit des Tages. Viele der Vorübergehenden
-zogen die Hüte, bekreuzigten sich oder beugten wohl auch die Knie. Mit
-einem Pack Federbetten kam ein molliges Frauchen vorbei. Während des
-langen Faschings war im Haushalt das Geld knapp geworden. Aber heute
-abends war ein Bürgerball. Und die Kirchenpforten waren der Schönen
-nicht umsonst aufgetan. Rasch trat sie ein, legte ihr Bündel auf die
-Steinfließen, kniete darauf und sprach andächtig ein Vaterunser. Dann
-setzte sie gestärkt ihren Weg zum Versatzamt fort.
-
-Mit schlurfenden Schritten schob sich ein Bettler die Häuser entlang.
-In der Hand hielt er einen irdenen Topf mit schmutziggrauem Reisbrei,
-wie man ihn den Jagdhunden zum Fressen gibt. Den mochte ihm eine
-gutherzige Köchin geschenkt haben, und der Alte schaute mit verzückten
-Augen und wässerndem Mund auf seinen Schatz. Da war Karus blitzschnell,
-mit einem Satz, bei ihm und schlug den Scherben aus der zittrigen Hand:
-„Betteln, Schlappschwanz? Da! Jetzt friß!“
-
-Der Mann winselte und bückte sich jammernd nach den Scherben. Fritz
-packte Karus am Arm: „Was heißt das?“ Und der gleichmütig darauf: „Sie
-sehen’s ja!“
-
-Leute sammelten sich. Fritz zog die Börse. „Geben Sie ihm nichts!“
-knurrte Karus. Hellwig schob ihn beiseite, drückte eine Münze in die
-verlangend aufgehobene Hand, schritt schnell davon.
-
-„Wie konnten Sie das tun?“ sagte er. „Das war grausam!“
-
-„Ach was, grausam!“ rief Karus zornig. „Verdient so einer was Besseres?
-He? -- Verflucht, daß doch die Kerle mit Bettelsuppen und Küchenabfall
-zufrieden sind! Daß sie nicht fordern, was ihnen vorenthalten wird! Daß
-sie nicht wenigstens rauben und stehlen! Aber da stehen sie blödsinnig
-neben brechenden Tischen, verrecken vor Hunger und wagen nicht
-dreinzuhauen. Mit einem rechtschaffenen Knüttel oder meinethalben mit
-Pulver und Bomben! Pfui Schande und Feigheit!“
-
-Heinz aber sah unterdessen nach einem hageren Menschen, der vor
-ihnen hertaumelte, manchmal stehn blieb, sich an die Stirn griff,
-umherschaute, weitertorkelte und endlich hinfiel. Im Nu war eine
-johlende Menge um ihn. Heinz aber sagte ganz aufgeregt zu den Freunden:
-„Schaut euch die Augen an! So blickt kein Betrunkener!“, lief hin und
-beugte sich über den Gefallenen. Die Umstehenden lachten und spotteten:
-„Seht den Lumpen! Schon am hellen Vormittag hat er einen Rausch!“
-
-„Nein!“ sagte Heinz laut und hart. „Der hat keinen Rausch, der hat
-Hunger! Und da lacht ihr und spottet noch!“
-
-Und er faßte den Liegenden: „Komm, mein lieber Bruder!“ und half ihm
-auf die Füße. Sie nahmen ihn in die Mitte, stützten ihn sorgsam und
-führten ihn aus dem Gedränge. Vor einem gut bürgerlichen Gasthaus
-machte Wart halt.
-
-„Heinz, das ist ein Unsinn!“ sagte Hellwig und suchte ihn
-zurückzuhalten. Doch der wehrte sanft ab: „Laß mich nur, Fritz, ich bin
-dem Menschentum Genugtuung schuldig in diesem hier!“ Und er öffnete die
-Tür.
-
-An den runden Tischen saß ein zahlreiches Publikum beim Frühschoppen.
-Alle Augen richteten sich auf die Ankömmlinge. Es war aber auch ein
-ungewöhnlicher Aufzug. Heinz im englischen Überzieher, den rassigen
-Kopf mit den langen schwarzen Haaren hoch aufgereckt, Karus, wie immer,
-mit zerknittertem Hemd und tranigen Stiefeln, zwischen beiden der
-dürre Mensch, von oben bis unten mit Straßenkot besudelt, endlich der
-breitschultrige Hellwig mit Radmantel und Schlapphut. Der Oberkellner
-kam gelaufen und fragte, ob sich die Herrschaften nicht geirrt hätten.
-Die Schenkstube sei rückwärts im Hof. Da sagte Heinz: „Nein, wir haben
-uns nicht geirrt, aber Sie scheinen sich in uns zu irren. Dieser
-schmutzige Mensch hier ist mein Bruder. Die Speisekarte, bitte!“
-
-„Bitte sehr, bitte gleich!“ antwortete der Befrackte und wußte nicht
-recht, wie er sich verhalten sollte. Wart und Hellwig kannte er. Aber
-die zwei andern schienen doch nicht so ganz in das feine Lokal zu
-passen. Da jedoch die andern Gäste nicht beleidigt taten, glaubte er es
-wagen zu können und winkte dem Speisenträger. Heinz bestellte Fasan mit
-Trüffeln und Moselwein. Das imponierte. Die Gäste aber hielten ihn und
-Fritz für zwei reiche Müßiggänger, Hetzbrüder oder Hausherrnsöhnchen,
-die nach einer durchzechten Nacht einen Ulk ausführten. Deshalb
-lächelten sie gönnerhaft oder blinzelten nachsichtig und wohlwollend zu
-ihnen hinüber.
-
-„Seht sie euch an!“ sagte Karus halblaut. „Seht doch, wie sie dasitzen,
-die Herren Hofräte und Hausbesitzer und Großkaufleute! Und wie sie
-nicht zu begreifen vermögen, daß jemandem so eine Tat Bedürfnis sein
-kann. Oh, wie gut sie unsern Heinz zu verstehen glauben. Wie gut
-sie wissen, daß er, auch nicht anders als sie in ihrer Jugend, aus
-Langweile und Übermut mit der Armut seinen Spaß treibt! Wie sie das
-verstehen, entschuldigen, verzeihen! Wüßten sie, daß es ihm ernst damit
-ist, sie ließen uns alle vier hinauswerfen!“
-
-Unterdessen brachte man auf einer silbernen Platte den Fasan, goldbraun
-gebraten und würzig duftend. Und der hungrige Mensch griff gierig
-nach einem Schenkel, aß und sprach, nachdem er alles gegessen: „Mich
-hungert, gebt mir Wurst!“ Den Wein aber schob er weit von sich: „Ich
-trink’ nur Bier!“
-
-Die Gäste sahen das, lächelten und dachten sich: „So ein Esel!“
-
-Heinz aber stand auf: „Komm, mein lieber Bruder!“
-
-Und sie gingen in die Schenkstube. Dort aß der ausgehungerte Mensch
-fünf Knackwürste, trank einen Liter Bier dazu, wurde fröhlich und
-bedankte sich. Die umhersitzenden Kutscher aber, die Dienstmänner und
-Laufburschen zeigten auf ihn und meinten: „Seht den Glückspilz an, er
-hat heut’ Ostern, Pfingsten und Weihnachten!“
-
-Heinz drängte jetzt zum Aufbruch. Sie überließen den Gesättigten seinem
-Schicksal und machten sich auf den Heimweg. Keiner sprach. Karus ging
-Arm in Arm mit Wart. Fritz schlenderte nebenher und dachte allerlei.
-Wohinaus wollten die zwei? Er sah noch immer nicht klar, erkannte nur,
-daß sie in ganz anderen Gleisen gingen als er selbst und daß er ihnen
-dorthin nicht zu folgen vermochte.
-
-Jetzt waren sie bei Karus’ Wohnung angelangt. Oben warfen sie ihre
-Überkleider auf das Bett, setzten sich, rauchten und schwiegen eine
-geraume Weile. Endlich sagte Fritz aus seinem Sinnen heraus: „Heinz, du
-gehst in die Irre! Man füttert solche Leute nicht mit Fasanen!“
-
-„Wissen wir auch!“ sagte Karus.
-
-„So? Und trotzdem ...“
-
-„Jawohl, trotzdem und gerade deswegen! Unzufrieden muß man sie machen!
-Ihnen die guten Dinge vorrücken, die es auf der Welt gibt und von denen
-sie keine Ahnung haben. Dann werden sie lüstern. Und das stachelt sie
-auf wie die Bremse den Stier!“
-
-„Nun und?“
-
-„Nun und dann sind sie eben reif für unsere Gilde.“
-
-„Euere Gilde? Gehören dazu jene, die lieber im Straßengraben verrecken,
-weil sie frei sein wollen?“
-
-„Und ob die dazu gehören! Unsere braven Jungen, die lieber verhungern,
-eh’ sie sich was schenken lassen. Lieber stehlen, eh’ sie betteln. Weil
-...“ -- ein spöttisches Lächeln verkroch sich in Karus’ verwildertem
-Bart -- „weil ihr bestes Recht ist, daß sie satt zu essen haben. Und
-weil sie sich zu keinem Ausgleich hergeben. Ihr Recht wollen sie,
-Bergprediger! Und gibt man’s ihnen nicht, so nehmen sie sich’s --
-wenn’s not tut mit Gewalt!“
-
-Hellwig achtete nicht auf den Spott und sagte kalt: „Mit dem Argument
-der Fäuste wird nichts zu holen sein! Klärt lieber die Menschen auf!
-Und fangt nicht unten damit an, sondern oben, bei denen, die jetzt die
-Macht haben!“
-
-Da stieß Karus einen Laut aus, halb Lachen, halb Grunzen.
-„Bergprediger!“ rief er. „Bergprediger, das ist ein weiter Weg! So
-weit, daß die Erde nicht mehr warm ist, bis er zu Ende gegangen ist.
-Nein, da lob’ ich mir schon die Kürze des Eisens. Die soziale Frage --
-lösen? Hm, sie ist wie der gordische Knoten. Man löst ihn nicht, mit
-dem Schwert muß man ihn zerhauen!“
-
-Während er so sprach, ging er zum Schrank, nahm ein kurzes Handbeil
-heraus und warf es auf den Tisch: „Da liegt der beste Helfer! Schau’n
-Sie sich das Ding gut an. Es hat Tyrannenblut geleckt! Deshalb blinkt
-und lacht’s auch so fröhlich. Hei, das war ein Fest! Freilich ihr --
-ihr habt Fischblut in den Adern und könnt euch nicht vorstellen, was
-das heißt: ein Aufstand in Havanna. Damals war’s, daß der Gouverneur
--- der Hund ließ unter die Rebellen schießen! -- mit dieser Hacke ein
-Verhältnis einging. So ein richtiges treues Verhältnis, das nur der Tod
-trennen kann. Hat er auch getan, schnell und sicher! -- Und seither
-nehm’ ich das Hämmerchen überall mit hin. Vielleicht könnt’ ich’s noch
-einmal brauchen. Gelt, du?“
-
-Liebkosend strich er über die blanke Schneide.
-
-Hellwig hatte sich erhoben, tiefen Ernst im Antlitz.
-
-„Dessen rühmen Sie sich noch? Vielleicht wollen Sie gar prahlen mit dem
-nutzlosen Blutvergießen? Das ist abscheulich roh!“
-
-Nun kam Leben in Heinz. „Nutzlos, Fritz? Nutzlos? O ganz und gar nicht!
-Sie sind ja reif für das große Sterben! Weil sie den Keim der Fäulnis
-in sich tragen! Wir brauchen heile, gesunde Menschen, kampffrohe,
-sieghafte! Und weil wir sie brauchen, müssen wir ihnen den Boden
-bereiten und Platz schaffen durch den Untergang der Kranken!
-
-Wenn wir allen nur erst den Glauben eingeimpft hätten, den Glauben
-an die selbsttätige Befreiung, an die Befreiung durch die Tat! Aber
-solang sie sich nur immer gütlich tun an der Sonne der Erkenntnis, so
-lang werden sie nicht an den lachenden Sturm glauben lernen, der die
-Sonne überwindet. Die milde weiße Sonne ist gut für kleine Mädchen
-und für Greise, wir aber wollen das Brausen des Sturms, den Kampf der
-Wogen, das Entstehen neuer Länder und Meere aus dem Zusammenbruch der
-alten. Ewiges Sonnenlicht trocknet das Gebein und dörrt das Blut in
-den Adern, das Mark in den Knochen. Ewiges Müßiggehen mit Lobgesängen
-des Friedens auf den Lippen und mit dem beginnenden Verfall im Herzen
-macht ungeeignet zum Kämpfen. Wir aber sollen immer bereit sein zum
-großen Kampf und die Kraft nicht zersplittern in kleinen Plänkeleien,
-nutzlosen Scharmützeln um Tugend, Moral und um die toten und sterbenden
-Götter!
-
-Viel zu lang haben wir Sonne gehabt, so sind wir faul und lässig
-geworden. Fechten nur noch mit den spitzigen Dolchen der Worte und
-den dünnen Stoßdegen des Geistes. Aber unsere Arme können das breite
-Schlachtschwert nicht mehr heben. Und durch den steten Frieden sind wir
-geworden wie ein stehendes Wasser ohne Zufluß und ohne Abfluß. Auf dem
-unbewegten Spiegel blühn die weißen Wasserrosen, aber im schlammigen
-Grund schlafen die Keime der Fäulnis. Und so die Keime aufwuchern,
-werden wir sein wie ein großer Sumpf, ein Herd aller Krankheiten und
-bösen Dünste.
-
-Darum wollen wir, die wir dies erkennen, wie gute Ärzte an der
-Menschheit handeln: zum Heile der Gesunden wollen wir die Morschen und
-Siechen, die Bresthaften und Verderbten ausrotten!“
-
-„Und was dann?“ rief Hellwig außer sich. „Heinz, was dann? Wenn der
-Aufruhr durch die Länder jagt, über Verwundete und Tote weg, wenn der
-alte Gesellschaftsbau zerschmettert liegt -- was dann? Wie willst du es
-besser machen? Was willst du an die Stelle des Zertrümmerten setzen?
-Etwas Großes und Herrliches müßte es sein -- und könnte die Opfer doch
-nicht aufwiegen!“
-
-Und kalt und ruhig erwiderte Heinz: „Du fragst verfrüht, und darauf
-kann ich dir nur antworten: Ich weiß es nicht!“
-
-„O du! du! So weit bist du schon? -- Du weißt es nicht? Und willst
-doch das Oberste zu unterst kehren, Thron und Reiche stürzen, willst,
-daß das Chaos hereinbricht -- und dann -- dann stehst du da, ratlos,
-tatlos, tappst umher, versuchst, experimentierst -- bis du endlich dem
-betörten Volk gestehen mußt: Ich kann euch nichts Besseres geben! Frei
-hab’ ich euch gemacht, nun helft euch, wie ihr könnt! Schöne Freiheit
-das! Mit dem Blute Hunderttausender erkauft -- und weiß dann nichts mit
-sich anzufangen! Arzt sein nennst du das? Ich nenne es morden!“
-
-Mit einem Fluch sprang Karus da auf. In jähem Zorn wollte er auf
-den Beleidiger los. Aber Heinz trat dazwischen und sagte mit
-tiefklingender, bewegter Stimme, die Fritz in allen Fibern erschauern
-machte:
-
-„Einen Golddom wollen wir der Freiheit aufführen, denn Nietzsche hat
-recht: das Herz der Menschheit ist von Gold! Aber viel Schlacke hat
-die Zeit daran abgesetzt. Die müssen wir erst lösen. Im Feuer der
-Empörung, in der Glut des Aufruhrs wollen wir die Menschheit läutern,
-alle Unreinheit muß verschwinden, nichts als das blanke Edelmetall
-darf übrigbleiben. -- Und bist du einmal so weit, dann greif hinein
-mit beiden Händen, knete, forme, bilde, baue -- mach’ es dann, wie du
-willst: immer wird ein lauteres Goldwerk sein, was unter deinen Händen
-ersteht! Darum ist es besser, alles, was krank ist, falle mit einem
-Mal, als daß es sich fortschleppe von den Kindern zu den Kindeskindern
-und zur ewigen Pein und Pestbeule werde für die Gesunden!“
-
-Fritz stand da und hielt die geballten Fäuste vor, als wollte er diese
-furchtbare Auffassung von sich stoßen.
-
-„Heinz!“ sagte er mühsam, unter starken Atemzügen. „Heinz, du willst
-die Krankheit deiner Brüder heilen -- und bist selbst einer von den
-Kränksten. Widersprich mir nur nicht, es ist so! Das ist ja doch auch
-ein Zeichen der Krankheit, daß sie sich selbst nicht erkennt: so glaubt
-der Schwindsüchtige bis zum letzten Hauch an seine Gesundheit. Wer denn
-gibt dir ein Recht über die andern? Du kannst das Leben nicht schaffen
--- so darfst du es auch nicht vernichten ...“
-
-Karus unterbrach ihn mit gemachter Roheit: „Predigen Sie nicht,
-Bergprediger, uns stimmen Sie nicht um! Und Sie werden selbst auch
-anders reden, wenn Sie nur erst einmal Blut gesehen haben. An nichts
-gewöhnt man sich schneller als ans Aderlassen. An das aktive, mein’ ich
-nämlich! Versuchen Sie’s nur einmal!“
-
-Da stürzte Hellwig auf Wart zu, der reglos beim Fenster saß, die Hände
-vor dem Gesicht. „Heinz!“ rief er in heißer Wallung, und packte ihn an
-den Schultern und rüttelte ihn. „Heinz, ich bitte dich -- um unserer
-Freundschaft willen bitte ich dich, mach’ dich von dem da frei!“
-
-Heinz rührte sich nicht. Eine ganze Weile stand Fritz noch bei ihm und
-wartete. Dann wandte er sich traurig, schritt langsam aus der Stube,
-mit feuchten Augen.
-
-„Der Friedensengel verläßt uns! Jetzt _muß_ Krieg werden!“ rief ihm
-Karus lachend nach.
-
-
-13.
-
-Im lachenden Sommer starb die Marie. Ein heftiger Blutsturz, ein kurzes
-Krankenlager, ein allmähliches Auslöschen -- langsam, unerbittlich und
-unabwendbar. Ganz klar war es ihr, daß sie sterben mußte. Lächelnd
-sprach sie davon und tröstete lächelnd den Geliebten. Aber dann, als
-die Stunde kam, da klammerte sie sich an ihn und krallte die Nägel in
-seinen Rock, und in ihren Augen war Angst und Grauen und Verzweiflung.
-
-„So hilf mir doch, du!“
-
-Aber er konnte ihr nicht helfen, er konnte sie nur halten und hielt sie
-doch nicht fest, fühlte, während er ihren zitternden Körper mit beiden
-Armen enger und enger umschloß, wie sie ihm entglitt und wie ihr Leben
-wegfloß gleich einer Welle unter greifenden Kinderhänden. Und sein
-Herz mochte noch so wild an ihre Brust pochen, das ihre fand den Takt
-nicht mehr, und endlich stand es ganz still. Und stand gerade in dem
-Augenblick still, als der Wille und Drang zum Leben in ihm am stärksten
-wurde. Als er die Tote ganz dicht an sich preßte in dem ungestümen
-Wunsch, daß seine ungebrochene Lebenskraft in den erkaltenden Leib
-hinüberströme und für sie beide Arbeit tue. Aber Marie war tot.
-
-Nach zwei Tagen begrub er sie. Und als der Leichenwagen zum Friedhof
-kam, -- im schnellen Trab, denn der Weg war weit, -- da erwarteten
-ihn dort die Ausgestoßenen, die Enterbten, die Parias, viele, viele
-hunderte zerlumpte und verkommene Gestalten. Und als der Sarg im
-offenen Grabe stand, da schritten sie, die Ausgestoßenen, die
-Enterbten, die Parias, einer hinter dem andern an der kühlen Grube
-vorbei. Und jeder hatte eine Handvoll roter Alpenrosen mitgebracht
-und warf sie in die kühle Grube. Der Sarg verschwand unter den
-glühend freudigen Blüten, die Grube füllte sich -- und als der letzte
-vorübergezogen, da lag die tote Marie unter einem leuchtenden Hügel
-von roten flammenden Alpenrosen, die letzte Gabe der Berge, die die
-Tote so sehr geliebt. Das war der Dank der Obdachlosen, der Bettler,
-Lumpensammler und Kanalstrotter für das bißchen Liebe, die ihnen Heinz
-Wart gezeigt. Und er wußte nicht, daß Karus ihnen die Idee eingegeben
-hatte. --
-
-Wenige Tage nach dem Begräbnis erhielt Fritz von dem Freund einen Brief:
-
-‚Ich gehe nach Rußland. Forsche nicht nach mir. Es muß so sein.‘
-
-Nichts weiter stand auf dem Blatt. Aber Hellwig war für Wochen aus
-allen Gleisen.
-
-Von Osten herüber glühten blutrot die Brände des Aufruhrs. Eine
-Verfassung forderte das Volk, Freiheit und Glück -- oder das Grab.
-Die Antwort war Pulver und Blei, waren Pferdehufe, Gewehrkolben und
-Nagaiken.
-
-Und Heinz eilte mit Karus dorthin, Heinz, der unpraktische Schwärmer,
-der stille Büchermensch, der weder schlaue Seitenwege gebrauchen
-konnte noch geschickte Rückendeckung, und Fritz wußte, er ging in den
-Tod. Nicht suchen wollte er den Tod. Denn mit der Marie war ihm ja
-nicht alles gestorben. Die Liebe zu den Entrechteten und Zertretenen
-war ihm geblieben und war jetzt nur desto heißer geworden. Nicht ans
-Sterben dachte er. Mithelfen wollte er, mithelfen und mitstreiten,
-allen Gefahren trotzend, in frommer Begeisterung dort mithelfen und
-mitstreiten, wo ihm sein Ziel am hellsten und am nächsten leuchtete.
-
-Und Hellwig machte sich Vorwürfe, daß er den Freund nicht besser
-behütet hatte. Wieder wollte eine böse Krisis über ihn kommen. Aber die
-Ereignisse, die jetzt, lang vorbereitet, Schlag auf Schlag einander
-folgten, rissen ihn mit in ihren wirbelnden Strudel und ließen ihm
-vorerst keine Zeit zur Grübelei.
-
-Als jenseit der Nordostgrenzen des Reiches die Rebellion in vollem
-Wüten war, da hielten die Sozialisten die Gelegenheit für günstig und
-holten im Kampf für das allgemeine Wahlrecht zu wuchtigen Schlägen aus.
-
-Und da geschah es auch, daß die Teilnehmer einer Versammlung, in
-der August Mark, ein stimmgewaltiger Agitator, die Masseninstinkte
-aufgewühlt hatte, vor das Palais des Ministerpräsidenten ziehen und
-demonstrieren wollten. Sicherheitswache zu Fuß und zu Pferd versperrte
-ihnen den Weg. Hellwig, von dem Vorhaben der Menge telephonisch
-benachrichtigt, eilte aus der nahen Schriftleitung rasch herbei. Es war
-höchste Zeit. Schon waren die Säbel aus der Scheide geflogen, fielen
-die flachen Klingen auf Köpfe, Schultern und Arme. Schreiend wichen die
-vorderen Reihen, die rückwärtigen, weniger gefährdeten, drängten nach
-vorn, ein dampfender Knäuel, stießen sie sich, johlten und brüllten.
-Und schon auch hoben sich geballte Fäuste, schlugen Stöcke, prasselten
-Steine gegen die Polizei. Da drehten sich die Klingen, aus den flachen
-Hieben wurden scharfe, Schmerzensschreie gellten, Blutende wankten
-gegen die Häuser, fielen aufs Pflaster hin.
-
-„Einhalten!“ rief Hellwig mit voller Lungenkraft und schob sich durch
-das Getümmel. „Einhalten!“
-
-Er packte den Arm eines berittenen Schutzmanns. Das Pferd wurde unruhig
-und bäumte sich. Doch er hielt fest. „Nicht morden!“ preßte er zwischen
-den Zähnen hervor. Seine Linke griff nach dem Bein des Reiters, im
-Handumdrehen lag dieser zappelnd auf dem Boden.
-
-Da fielen aber auch schon drei -- sechs -- zehn Wachleute über Hellwig
-her, griffen nach seinen Armen, zerrten ihn am Rock, stießen ihn von
-allen Seiten. Und einer packte ihn im Genick und schrie: „Im Namen des
-Gesetzes! Sie sind verhaftet!“
-
-Als das die Leute hörten und als sie sahen, wie hart einem ihrer besten
-Führer mitgespielt wurde, flammte die durch den kurzen Raufhandel
-angefachte Leidenschaft turmhoch empor. Ein Wald von starren, im Sturm
-zitternden Ruten, hoben sich Hunderte von Stöcken über die dunkle Masse
-der Hüte und Schultern, ein kurzer wilder Aufschrei krachte gegen die
-nachtdunkle Himmelskuppel. Dann war der Kordon durchbrochen, Brust an
-Brust, Faust gegen Faust rangen sie mit den Hütern der Ordnung um ihr
-vermeintliches Recht.
-
-Los und ledig stand Hellwig mitten im heißesten Gewühl. Und schämte
-sich. Schämte sich, daß er sich hatte hinreißen lassen, daß er, der
-gekommen war, die Menge zu beruhigen, ohne Überlegung selbst als der
-tollste Stürmer losgebrochen war. Und eine Weile stand er ganz untätig,
-mit schlaff hängenden Armen. Aber als ihm ein Verwegener frohlockend
-entgegenrief: „Drauf! Drauf! Heut’ zwingen wir sie!“, da richtete er
-sich straff auf.
-
-„Halt!“ schrie er, und seine Stimme war wie klingender Stahl. „Halt!“
-
-Und als sie stutzten und einander zur Ruhe verwiesen in der Erwartung
-einer Rede, da schob sich die Wache, durch Hilfstruppen verstärkt,
-rasch in das Gewimmel. Die aufgeregte Menge wollte es nicht leiden --
-drängte abermals vor -- doch Hellwig rief mit beschwörend erhobenen
-Händen: „Leute, ich bitt’ euch, bleibt besonnen! Zeigt, daß ihr ernste
-Männer, daß ihr reif für das Wahlrecht seid! Geht ruhig nach Haus!“
-
-Noch zögerten sie. Da stimmte er das Lied der Arbeit an. Und mit
-einemmal wichen sie zurück und ihre Gesichter wurden ernst und
-feierlich -- und einer nach dem andern stimmte ein, bis es aus tausend
-Kehlen dröhnend klang: „Die Arbeit hoch!“ Und alle ihre erhitzte
-Leidenschaft strömte aus in dem Lied -- und willig folgten sie, immer
-singend, den Anordnungen der Wachleute, die langsam, Schritt für
-Schritt vorrückend, die Straße absperrten. --
-
-Ein paar Tage darauf wurde Hellwig vor den Untersuchungsrichter
-geladen. Er war der Aufreizung und öffentlichen Gewalttätigkeit
-angeklagt. Das Urteil lautete auf zehn Monate Kerker.
-
-
-14.
-
-In St. Petersburg. Langsam fährt die Prunkkalesche des
-Ministerpräsidenten durch die Straßen. Kosaken begleiten sie, bis an
-die Zähne bewaffnet. In einer düsteren Seitengasse harren zwei Männer.
-Der eine ist blaß und schlank, seidiges Schwarzhaar fällt ihm bis auf
-die Schultern. Dem andern steht das blaue Hemd vor der Brust offen.
-
-Langsam rollt die Kutsche heran.
-
-Da hebt der im blauen Hemd den Arm. Ein länglicher Körper schwirrt
-durch die Luft, schlägt auf dem Pflaster hart auf. Ein dumpfes Gekrach.
-Rauchwolken. Schmerzensschreie. Tumult. Die Pferde bäumen sich, rasen
-die leer gewordene Straße hinab. Sie ziehen keinen Wagen mehr. Die
-Trümmer des Wagens sind in alle Winde verstreut.
-
-Ein Bombenattentat. Der Ministerpräsident ist tot. Viele seiner
-Gehilfen liegen im Blut. Von den Tätern fehlt jede Spur.
-
- * *
- *
-
-In Moskau. Der Chef der Polizei lustwandelt in seinem großen Garten.
-Es ist ein schöner Tag. Die Bäume sind grün, die Vögel singen. Der
-Polizeichef lächelt. Die Stadt ist ruhig, der Aufstand vorüber. Ein
-paar Dutzend sind aufgeknüpft, ein paar Salven haben das Volk zur guten
-Gesinnung zurückgebracht. Die Gefängnisse sind überfüllt. Aber die
-Stadt ist ruhig. Der Polizeichef hat alle Ursache, zufrieden zu sein.
-
-Ein schlanker Mann in der Uniform eines Polizeileutnants kommt rasch
-den Kiesweg herauf. Er ist blaß und hat langes schwarzes Haar. In
-strammer Haltung steht er vor dem Gewaltigen, die Hand am Mützenschirm.
-
-„Was gibt’s?“ fragt dieser.
-
-„Das hier!“
-
-Schnell fährt die Rechte zwischen die Knöpfe des Waffenrocks. Ein Schuß
-verhallt im Park. Ein paar Vögel flattern erschreckt auf. Die andern
-singen weiter.
-
-Der blasse Mensch verläßt ruhig den Garten. Niemand hält ihn auf. Er
-kommt vom Rapport.
-
- * *
- *
-
-In Odessa. Auf dem Dachboden eines Hauses kauert ein Mann in gespannter
-Erwartung. Er ist von untersetzter Gestalt, hat einen verwilderten
-Bart und tranige Stiefel. In der Rechten hält er ein doppelläufiges
-Gewehr. Starr äugt er durch die Dachluke hinab in den Gefängnishof
-jenseit der Straße, der von niedrigeren alten Gebäuden umschlossen ist.
-Der Gefängnishof ist nicht leer. Ein Galgen ragt dort in die stille
-Morgenluft. Der Henker macht die Schlinge zurecht. Es schlägt sechs
-Uhr. Trommelwirbel grollt auf. Die Tür in den Hof öffnet sich. Der
-Verurteilte wird herausgeführt. Er ist schlank und blaß, das Haar ist
-abgeschoren, der Hals entblößt.
-
-Einen Augenblick arbeitet es heftig im Gesicht des Wartenden. Ein
-kurzes Schluchzen erschüttert ihn. Aber er beißt die Zähne in die
-Unterlippe, hebt die Flinte. Sein Arm zittert. Nur einige Sekunden.
-Dann ist er ganz ruhig.
-
-Die erste Kugel bewahrt den Freund vor einem schimpflichen Tod. Die
-zweite gilt dem Leiter der Hinrichtung. Auch sie geht nicht fehl.
-
-Unten entsteht eine Panik. „Man hat geschossen! Die Juden haben
-geschossen!“ schreit einer. Und das ist das Signal zum Gemetzel.
-
-Wie losgelassene Bestien stürmen die Kosaken in die Häuser, erschlagen
-die Männer, hauen die Kinder in Stücke, vergewaltigen die jungen
-Judenweiber. Ein Pogrom.
-
-Der Mann auf dem Dachboden hat sich durch die Luke gezwängt, flieht
-über mehrere Dächer, entkommt unbehelligt.
-
-Vor der Stadt, in einem Dickicht, sitzt er, hat das Gesicht in die
-Hände vergraben, weint, stöhnt und winselt. Es ist Nacht geworden. Da
-erhebt er sich und trottet mit tief hängendem Kopf durch die weiten,
-öden Steppenflächen gegen Norden. Unter dem Lodenrock klirrt manchmal
-ganz leise ein Beil gegen die Gürtelschnalle.
-
-
-15.
-
-Im Gefängnis erfuhr Fritz den Tod seines Freundes Heinz Wart. Die
-näheren Umstände blieben ihm unbekannt. Die wußten nur jene, die dabei
-gewesen. Und die verrieten nichts.
-
-Trotzdem er das tragische Geschick des Freundes vorausgesehen, brachte
-es ihn jetzt, da es sich erfüllt hatte, doch um allen Lebensmut.
-
-Zwischen den grauen Wänden der Kerkerzelle saß er reglos auf der
-Pritsche, die Ellbogen auf die Schenkel gelegt, und starrte in den
-schmutzigen Bretterboden. Schaben krochen ihm über die Füße, eine
-Maus steckte den spitzigen Kopf aus ihrem Loch und piepte. Er achtete
-nicht darauf, rührte sich nicht und hob auch nicht die Stirn, wenn
-der Aufseher den Schieber vom vergitterten Guckloch zurückschob und
-den schweigsamen Häftling mit kritischen Blicken beobachtete. Und in
-den Nächten lag er schlaflos, stierte mit brennenden Augen in die
-Finsternis, fühlte, wie die Einsamkeit ihn würgte. So trieb er es
-wochenlang, ließ die Tage vorübergehen und zählte sie nicht, wußte
-nicht die Stunden, die da neben ihm wegtropften, wußte nicht, ob die
-Sonne schien, ob Regen fiel oder Schnee über der Erde lag und die
-Zeit war wie eine große grenzenlose Wüste. Kolben kam und wollte
-mit ihm sprechen. Er weigerte die Unterredung, antwortete auch dem
-Kerkermeister nicht, aß kaum das Notwendigste, dachte an nichts und
-empfand weder Schmerz noch Sehnsucht -- nur Leere, entsetzliche Leere.
-So lebte er hin, und es war eigentlich nicht Leben, war nur ein
-triebhaftes Hinvegetieren in einer halben Betäubung.
-
-Allmählich aber, im Wandern der Monate, unter dem Einwirken der Stille,
-der klingenden Ruhe um ihn her, löste sich doch endlich die starre
-Spannung. Die Stumpfheit wich. Unablässig bohrend, heftig und heftiger
-setzte das quälende Gedenken wieder ein, daß der Freund gestorben und
-daß dieses Sterben zwecklos gewesen sei.
-
-Wie konnte das möglich werden? Wo lag die Ursache dieser stets
-wiederkehrenden Erscheinung, daß Tausende und Tausende immer aufs
-neue ihr Leben in die Schanze schlagen mußten im unstillbaren Drang,
-den Millionen zu helfen, die von wenigen Machthabern kaltblütig und
-grausam niedergehalten wurden? Drüben in Rußland bluteten die Massen,
-wurden von Soldatenhorden niedergeritten, gefoltert, zusammengehauen,
-reihenweise erschossen. Hüben jubelten sie dem errungenen Wahlrecht
-zu, priesen sich glücklich, jauchzten im Siegestaumel. Hier wie dort
-hing die Erfüllung ihres Wunsches an einem Federzug des Herrschers.
-Und der eine verweigerte ebenso kalt und starr, was der andere gütig
-gewährte. Wo war das Recht? Nach welcher Formel konnte die Willkür des
-einen gerechtfertigt und die Gnade des andern auf eine gesetzmäßige
-Grundlage gebracht werden? Durfte es überhaupt Willkür und Gnade geben?
-Wo war Sinn und Logik in diesem Widerstreit? Und wer trug die Schuld,
-daß Männer wie Karus nicht nur möglich waren, sondern im Recht? Zum
-mindesten so weit im Recht, daß sie so gut wie er und andere als
-Bekämpfer einer Krankheit auftreten und _ihre_ Mittel als die einzig
-sicheren rühmen konnten? Wo lag überhaupt der Herd dieser Krankheit?
-Woher das Elend, die Armut, die ewige Unzufriedenheit? Und mußte denn
-das immer und ewig so bleiben?
-
-Die Lehren Proudhons kamen ihm in den Sinn, die Versuche Robert Owens,
-und trotz ihres Mißlingens glaubte er hier eine Spur zu finden.
-
-Wenn man den Kommunismus mit der bestehenden Ordnung verknüpfen könnte
-... Etwa so, daß je ein Unternehmen allen dabei Beschäftigten gemeinsam
-gehörte, die Gewinnanteile aber verschieden wären je nach dem Maß der
-Arbeitsleistung ...
-
-Immer tiefer wühlte er sich in diese Gedanken hinein. Und je mehr er
-grübelte, desto möglicher und erreichbarer schien ihm eine solche
-Lösung. Heller wurde die Fernsicht, näher rückte das Ziel. Und endlich
-stand es vor ihm, zum Greifen nah, in scharfer Klarheit. So mußte es
-gehen. Und da überkam es ihn mit schöner Zuversicht: Sprich es aus,
-sag’ es getrost aller Welt! Sie müssen dich hören.
-
-Ein wunderbares Kraftgefühl durchströmte ihn. Lebendig pochten alle
-Pulse, alle Gedanken drängten sich und schossen zusammen wie Kristalle
-in einer übersättigten Lösung. Und während Woche um Woche verrann,
-Monat an Monat sich reihte, arbeitete in der kahlen Kerkerzelle rastlos
-sein Geist, trug Block zu Block und Stein zu Stein. Lückenlos fügte
-sich alles, wurde groß und wuchs empor zu einem gewaltigen Bau, der ein
-Totenmal werden sollte für den Freund und eine Vorhalle zum künftigen
-Tempel der neuen Werte.
-
-
-
-
-Viertes Buch
-
-
-1.
-
-Während Hellwig im Gefängnis saß, war das allgemeine Wahlrecht Gesetz
-geworden. Otto Pichler erntete wiederum, wo Fritz die Aussaat besorgt
-hatte. Er wurde im Wahlbezirk der Bergleute zum Abgeordneten gewählt.
-Mühelos wie alles war ihm auch das geglückt. Trotzdem er bisher
-weder in einer ernsten Lage sich bewährt, noch auf besondere Erfolge
-hinzuweisen hatte, vertrauten sie ihm, da sie sich daran gewöhnt
-hatten, dem Nachfolger als Verdienst anzurechnen, was der Vorgänger
-erkämpfte: den ruhigen Verlauf der Zeit in Zufriedenheit und Ordnung
-bei reichlicherem Erwerb und kürzerer Arbeitsdauer.
-
-So kam Otto in die Hauptstadt, hielt eine Jungfernrede voll
-geistreicher Wendungen und glänzender Nichtigkeiten, sprach dann noch
-ein paarmal bei wichtigen Anlässen und befragte die Minister, so oft
-es seine Wähler verlangten. Damit glaubte er fürs erste genug getan
-zu haben und machte sich nun daran, das Leben auch einmal mit einem
-Geldbeutel zu genießen, den die Bezüge angenehm schwellten.
-
-Bei den Kabaretten und Wintergärten fing er an, gewann hier Fühlung
-mit Kunstbeflissenen, die dekadent und kraftlos ihre Ohnmacht hinter
-Stimmungen zu verbergen und ihre Unfruchtbarkeit durch Anregungen
-zu heilen suchten. Diese Leute benutzte er, um sich Zutritt zu den
-Firnistagen der Ausstellungen zu verschaffen, schloß hier neue
-Bekanntschaften, knüpfte die mannigfaltigsten Beziehungen an und war
-bald in die Gesellschaft eingeführt. Zwar hütete er sich noch, mit
-Großkapitalisten und Geldmännern öffentlich zu verkehren. Aber als er
-Deming im Theater traf, verbeugte er sich doch vor ihm und hatte die
-Genugtuung, daß der kaiserliche Rat, der mit seiner Tochter den Winter
-in der Hauptstadt zubrachte, ihn wie einen Bekannten begrüßte und sich
-leutselig nach seiner dermaligen Tätigkeit erkundigte.
-
-Ein paar Tage später erhielt er die Einladung zum Empfangsabend des
-Direktors. Er schwankte lang, ob er hingehen sollte. Endlich tat er es
-doch. Gretes junge Schönheit lockte zu stark.
-
-Der gewichtige Mann kam ihm freundlich entgegen, klopfte ihn
-wohlwollend auf die Achsel und sagte, daß es ihn sehr freue, den Doktor
-Pichler, dessen glänzend und geistvoll geschriebene Abhandlungen er
-stets mit Vergnügen lese, bei sich begrüßen zu können. Der Doktor gelte
-zwar für einen Freigeist und Feind der bürgerlichen Gesellschaft, aber
-das tue gar nichts. Denn in seinem Hause komme es nur auf den Menschen
-an, nicht auf die Gesinnung.
-
-Otto verneigte sich geschmeichelt und wurde den Gästen vorgestellt:
-Exzellenzen, Baronen, reichen Kaufherren. Er, Doktor Otto Pichler, kam
-sich ordentlich klein vor neben so viel Geld und Titel und Würden.
-
-Und Grete, die in ihrem weißen Seidenkleid wie ein schöner Sommertag
-leuchtete, war voller Huld und Gnade. Er durfte sie zu Tisch führen,
-eine Auszeichnung, um die ihn viele beneideten und die sogar er, Doktor
-Otto Pichler, Feuilletonist, Schriftleiter und Abgeordneter, sogar er
-sich nicht recht erklären konnte. Woher auch hätte er wissen sollen,
-daß es im Kampfe gegen die Demokraten der geheime Feldzugsplan Demings
-war, ihnen die besten und fähigsten Führer zu ködern und abspenstig zu
-machen?
-
-Grete verstand zu plaudern. Sie hatte alles gelesen, alles gesehen,
-was gerade Mode war, sprach mit der größten Sicherheit darüber,
-und ihr Tischnachbar war der letzte, der ihr die oberflächliche
-Dreistigkeit übelnahm, mit der sie über die verwickeltsten Probleme,
-die schwierigsten Fragen und über die besten Männer der Zeit ihr
-Urteil abgab. Er tat’s ja auch nicht anders. An jenem Abend aber kam
-er gar nicht dazu, das volle Feuerwerk seines beweglichen Geistes
-sprühen zu lassen. Die vornehm gedämpfte Üppigkeit der Umgebung, das
-ausgesucht feine Essen, die erlesenen Weine und echten Importzigarren,
-das Schimmern entblößter Schultern und milchweißer Nacken im hellsten
-Lichterglanz: das alles war ihm ungewohnt, in ein schönes Zauberland
-glaubte er hineinzuschauen, nur wie aus weiter Ferne drang das
-Schwirren der Unterhaltung an sein Ohr. Und es wurde ihm, als glitten
-unsichtbare weiche weiße Frauenhände über die zartesten Saiten seiner
-Seele und ließen sie erklingen in sinnverwirrender, unsäglich süßer
-Musik.
-
-Und als er spät nachts seiner Wohnung zuschritt, da war etwas wie
-Neid in ihm. Neid gegen jene, die der Sorgen um des Lebens Notdurft
-überhoben, nach Lust und Laune ihrer Neigungen leben und die Erde zum
-Paradies sich wandeln konnten.
-
-Seither verkehrte er oft bei Deming. Aber er erzählte seinen
-Parteigenossen nichts davon.
-
-
-2.
-
-Es war in den letzten Tagen des Mai, als Hellwig aus der Strafanstalt
-in die Hauptstadt zurückkehrte. Dort hielt er sich jedoch nur gerade
-so lang auf, als er benötigte, um den Rucksack zu packen und sich einen
-einjährigen Urlaub zu erwirken. Innerhalb dieser Zeit hoffte er mit
-seinem Werke fertig zu werden. Über Plan, Aufbau und Einteilung war
-er sich klar, brauchte nun für die Ausführung ganz freie Bahn. Seine
-Ersparnisse ermöglichten ihm die Unterbrechung.
-
-Als er dann noch die Wohnung gekündigt und seine Habseligkeiten
-nach Neuberg vorausgesendet hatte, machte er sich ungesäumt auf die
-Wanderung. Er wollte den Weg in die Heimat zu Fuß zurücklegen. Denn
-wie ein Rausch hatte es ihn angepackt, als er nach der langen Haft
-wieder Felder erblickte, grüne Fluren, Wälder, Berge, die runde hohe
-Himmelsglocke über der blumigen Erde.
-
-Auf einsamen Steigen und Fußwegen ging er, ging über die Kämme und
-durch die engen Gebirgstäler Oberösterreichs zum Böhmerwald hinüber und
-durch die düsteren, waldreichen Gebirgsmassen nordwärts, ließ sich die
-Sonne ins Gesicht scheinen, den Wind um die Ohren blasen, vom Regen die
-Stirn kühlen und ging nur immerzu, atmete, schaute und drängte sich
-an die Brust der Erde wie ein hungriges Kind. Selten nur machte er in
-einem Wirtshaus Rast, übernachtete oft im Freien. Bei schlechtem Wetter
-bat er in Dörfern oder Einschichten um Unterkunft, mit den Bauern
-teilte er Roggenbrot und Milch.
-
-Zehn Tage wanderte er so durch den werdenden Sommer. Seine Wangen
-wurden rot, sein Gesicht vom Wetter gebräunt. Der Stickluft des Kerkers
-entronnen, dehnten sich die Lungen, badete sich der Körper in dem
-herben Ozon, wurde leicht und frisch und aller Mühsal ledig, wie ein
-junger Krieger, der sich zu frohem Kampfe rüstet.
-
-Und am elften Tag, da schritt er mit dem erwachenden Morgen seiner
-Vaterstadt zu. Die Sonnenpfeile hatten Wunden geöffnet im Leib der
-Nacht, und sie verblutete langsam. Langsam stieg die Sonne herauf,
-und über den Hügeln war ein Leuchten wie rotes Gold. Der Morgenwind
-hatte schon ausgeschlafen, weckte die Waldsänger und läutete mit allen
-Blütenglocken. Tautropfen hingen an den Blättern, die Lerchen flogen
-jubelnd der Sonne entgegen, und eine große Frische war überall. Und die
-Sonne stieg höher und höher.
-
-Mit einem wilden Schrei breitete er beide Arme aus, weit, weit --
-
-Vor ihm, tief unten im Tal, lag seine Vaterstadt. Der schlanke
-Kirchturm mit dem eisernen Kreuz, die roten Ziegeldächer, in grüne
-Gärten eingebettet, von runden Obstbäumen bewacht, umdrängt von gelben
-Ährenfeldern, die dem Herbst entgegenreiften an der treuen Mutterbrust.
-Zwischen Weiden und Erlen schlang der Fluß sein stahlglänzendes Band
-durch die Wiesen und unter Mühlenrädern fort. Und die Mühlenräder
-drehten sich und rollten, und von ihren Schaufeln fiel ein funkelnder
-Regen von Edelsteinen.
-
-Unter dem breit schattenden Blätterdach der hohen Linde, die, ein
-Wahrzeichen seit Jahrhunderten, auf dem Hügel stand, ruhte der
-Heimgekehrte und blickte in das leuchtende Tal hinab, wo tausend
-Erinnerungen mit frohen Augen ihm entgegen schauten, mit weißen
-Kinderhänden winkten, die Arme verlangend nach ihm streckten. Und seine
-Jugend kam leise zu ihm her, legte das blonde Haupt in seinen Schoß und
-lächelte ihm zu. Und ruhiger schlug ihm das aufgeregte Herz, sachter
-wurde die Freude. Eine sanfte Wehmut klang hinein, unbestimmt, fernher,
-wie ein weicher Mollakkord. Und ein wunschlos träumendes Gefühl des
-Geborgenseins umfaßte ganz warm seine Seele, und sie ruhte darin und
-bebte wie ein aus dem Nest gefallener Vogel zwischen zwei helfenden
-Menschenhänden.
-
-Lang saß er so mit gelösten Gliedern und schaute und konnte sich
-nicht satt sehen an der ruhevollen Schönheit seiner Heimat. Über dem
-blühenden Wipfel hing der Himmel hell und unbewegt wie ein seidenes
-Fahnentuch und leise summten die Bienen ihr süßes Lied.
-
-Und nach den starken Fußmärschen der letzten Tage, dem kurzen Schlaf
-auf unbequemen Lagern, den Aufregungen der Stunde forderte der Körper
-sein Recht. Wohliges Ermatten wiegte ihn ein, die Lider wurden ihm
-schwer. Er streckte sich lang aus im leicht bewegten Gras, sah durch
-das helle Wipfelgrün in den blauen Himmel hinein und ließ sich
-willenlos hinübertragen in das uferlose Meer der Träume.
-
-Ihm träumte:
-
-Er ging mit Heinz durch einen großen Wald. Der war ausgetrocknet
-vom Sonnenbrand, und die Zittergräser auf seinem Grunde waren fahl
-und dürr. Aber die Vögel sangen in seinen Kronen, und unter den
-Zittergräsern blühten die Blumen. Eine große Schönheit war in diesem
-Walde, die sonnenheiße Schönheit des reifen Sommers.
-
-Und Heinz sprach: „Wie groß muß erst deine Schönheit sein, du warmer
-Wald, wenn alle Flammen, die in deinen Stämmen und Gräsern schlummern,
-mit eins erwachen und emporschlagen in lohender Glut. Wohlan, du warmer
-Wald! Ich will deine Flammen wecken! Ich will dein Herold sein, dein
-Befreier und Erlöser!“
-
-Und sie trugen Äste zusammen und dürre Reiser.
-
-Die zündeten sie an.
-
-Bläulich fahl leuchteten Flämmchen auf mit leisem Knistern,
-verschwanden wieder, tauchten abermals auf, größer, lauter knatternd.
-
-Und weiter und weiter liefen die Flammen.
-
-Und jetzt, wie ein goldrotes Eichhörnchen, sprang ein Flämmlein hinan
-am honigfarbenen Kiefernstamm.
-
-Und da, und dort -- lauter goldrote Eichhörnchen.
-
-Die wuchsen und wuchsen, wurden zu gelben, fauchenden Katzen, samtroten
-grollenden Leoparden -- und jetzt waren es riesige, goldhelle Löwen.
-
-Und die riesigen Löwen begannen ein Ringen und Balgen, zerfleischten,
-verschlangen einander in rasender Wut. Und die Sieger wurden größer und
-größer.
-
-Und ein Sausen kam von fern, dumpf und hohl, wie nahender Sturm.
-
-Und ein Sturm brach herein und peitschte die Flammen mit heulender
-Wucht. Vor, hinter, neben ihnen lohten sie, stiegen sie, schlugen mit
-gierigen Pranken zum Himmel, verrankten und verwoben sich zu glühenden
-Wänden, wehten wie leuchtende Flaggentücher, vereinigten sich, himmelan
-steigend, hoch, hoch oben zu einer einzigen Kuppel von blendendem
-Glanz. Und eine kochende Hitze war überall.
-
-Sie aber, die beiden schwachen Menschenkinder, standen in diesem weiten
-Feuerdom, standen darin und fürchteten sich. Fürchteten sich vor der
-entfesselten Schönheit des Waldes, die sie selbst geweckt hatten.
-Wollten fliehen und fanden keinen Ausweg.
-
-Enger drängten die Flammenwände herzu, tiefer sank die gewaltige Kuppel.
-
-Und jetzt schlug’s zusammen mit Heulen und Sausen.
-
-Ein Prasseln, Krachen, Brüllen und Funkenstieben.
-
-Und eine Stimme scholl durch das Getöse wie hohnlachender Donner:
-
-„Lernt eure Leidenschaften zügeln und euer Wollen! Euer Wollen war groß
--- seht zu, ob ihr auch tragen könnt, was ihr gewollt habt!“
-
-Und die Flammen brachen nieder und begruben sie unter ihrem heißen
-goldenen Mantel. -- -- --
-
-Fritz erwachte verstört und erschreckt.
-
-Die Sonne stand im Mittag, vor ihm lagen die roten Giebeldächer, und
-leise summten im blühenden Lindenwipfel die Bienen immerzu ihr süßes
-Lied.
-
-Aber aus der Landschaft war aller Glanz genommen. Die Freude war tot,
-die Erinnerungen winkten und die Jugend lächelte nicht mehr.
-
-Traurig und schwer wurde ihm ums Herz. Und doch war eigentlich nicht
-der Traum daran schuld, sondern der wieder aufgeweckte Gedanke, daß er
-nun bald der Mutter des toten Freundes werde gegenübertreten müssen.
-Er dachte an jenen Abend, da sie mit rauschenden Gewändern im Regen
-neben ihm hergegangen war und dem kranken Kinde einen starken Freund zu
-werben geglaubt hatte. Alles hatte sie von dieser Freundschaft erhofft
--- und war nun um alles gekommen.
-
-Und das Haus dort unten stand unverändert da und deckte mit seinen
-steinernen Mauern gleichmütig das Leid wie einst die Fröhlichkeit zu.
-
-Noch kein Gang war ihm so schwer geworden. Aber er mußte gegangen
-werden. Langsam stand er auf, schritt langsam über die Lehne ins Tal.
-
-Jetzt stand er vor dem alten Haus, trat ein und wunderte sich, daß der
-Flur so geräumig und still, der Hof so öde war. Kein Pferdegewieher,
-kein Aufladerlärm. Nur ein paar Kisten lagen einsam, wie vergessen da.
-
-Mit geschnürtem Atem stieg er die Treppe empor, fand die Tür zum
-Vorzimmer offen, ging hinein. Er nahm den Rucksack vom Rücken, hing
-Hut und Wanderstecken an den Kleiderständer, klopfte an die Tür der
-Wohnstube.
-
-„Herein!“ sagte eine weiche Stimme. Eva stand vor ihm, schlank und
-blaß, in schwarzen Gewändern.
-
-„Fritz!“ sprach sie leise, kam auf ihn zu und legte ihm die Arme um den
-Hals. „Wie gut, daß du kommst!“
-
-Wie etwas Selbstverständliches tat sie das, -- so, als setzte sie nur
-ein begonnenes Träumen fort.
-
-Unsicher schaute er auf den blonden Scheitel und wagte kaum zu atmen.
-
-„Ist das wahr?“ fragte er endlich schwer.
-
-Da schrak sie auf, ward sich ihres Tuns erst bewußt. Heftig nahm sie
-die Arme von seinem Nacken.
-
-Doch er hielt sie fest.
-
-„Nein, Eva, du gehörst schon hierher!“ sagte er mit tiefem Ernst. Und
-das war wie ein Gelöbnis.
-
-Sie wehrte ihm nicht.
-
-„Ich hab’ dich ja schon lange so lieb!“ stammelte sie wie zur
-Entschuldigung und schmiegte sich erschauernd fest an ihn.
-
-Da nahm er ihren Kopf zwischen seine beiden Hände, schaute ihr in die
-feuchten Augen.
-
-„Dank! Dank! Nun wird sich’s leichter tragen.“
-
-Dann war lange Schweigen.
-
-Endlich richtete er sich mit einem Ruck straff auf. Sein Blick
-verdüsterte sich.
-
-„Komm zur Mutter!“ sagte er.
-
-Sie blickte ihn ängstlich an und fürchtete sich beinah vor seiner
-finsteren Stirn.
-
-„Komm!“ Sie führte ihn die Treppe hinauf zum Dachzimmer.
-
-„Willst du mich nicht anmelden?“
-
-„Wozu? Mutter weiß, daß du kommen wirst, erwartet dich schon seit
-Tagen.“
-
-Da legte er die Hand auf die Klinke und stieß die Tür auf.
-
-Frau Hedwig saß beim Schreibtisch ihres toten Sohnes, mit dem Sichten
-von Briefen und Papieren beschäftigt. Auf ihren Haaren lag ein Schimmer
-wie von grauer Asche, und in das gütige Antlitz war ein müder Zug
-gekommen.
-
-Eva schob sich an Fritz vorüber rasch ins Zimmer.
-
-„Er ist da!“ sagte sie und schaute die Mutter mit bittenden Augen an.
-Die hatte sich schon erhoben, ging auf ihn zu: „Willkommen.“
-
-Sie hielt ihm die Hand hin. Er aber nahm sie nicht.
-
-„Ich komm’ allein!“ murmelte er mit aufeinanderliegenden Zähnen.
-
-Da legte sie ihm mit einem warmen Blick die verschmähte Rechte auf den
-Arm: „Machen Sie es sich und uns doch nicht gar so schwer!“
-
-„Nicht so gut sein ...“ Das klang rauh, wie ersticktes Schluchzen.
-
-„Fritz!“ sprach nun die Frau herzlich und war ganz nahe bei ihm. „Das
-dürfen Sie nicht glauben, Fritz. Nein, das nicht ... Unser Heinz, der
--- hat wohl so sterben müssen. Hat sich für seinen Glauben geopfert
-und über den Tod mehr gefreut als je im Leben. Drum -- es wird wohl
-das beste Gedenken für ihn sein, wenn wir ihn so verstehen und auf
-niemanden einen Stein werfen. Auch auf uns selbst nicht, Fritz! Keiner
-hat schuld an seinem Tod -- nicht einmal er selbst. Er hat nur --
-das allerbeste Glück kennenlernen wollen -- und gern ein Leben dafür
-weggeworfen, das sich anders nicht mehr hat erfüllen können ...“
-
-Ihre Stimme zitterte, aber um den Mund lag etwas wie der Abglanz eines
-mutigen Lächelns. Und wieder hatte sie den rechten Weg zum Herzen des
-schwerblütigen Menschen gefunden.
-
-„Es wird schon so sein, Frau Wart,“ sprach er klanglos vor sich hin
-und stand noch wie geistesabwesend da. Dann aber, im Überquellen
-einer starken Empfindung, haschte er nach ihren Händen. „Meine zweite
-Mutter!“ sagte er ganz leise, ganz innig.
-
-Sie verstand ihn gleich.
-
-„Ja, Fritz, Ihre zweite Mutter. Und Sie -- mein anderer Heinz. So
-wird’s wohl recht sein.“
-
-Und sie zog sein Gesicht zu sich nieder und küßte ihn auf die Wange.
-Dann wandte sie sich an ihre Tochter: „Nun, Ev? Was sagst du zu deinem
-neuen Bruder? Bist du’s zufrieden?“
-
-Die aber schüttelte den Kopf.
-
-„Nicht?“ fragte die Mutter. „Und doch glänzen dir die Augen so stark?“
-
-Verwirrt kehrte sich die Schlanke ab, drehte angelegentlich den
-Fensterriegel hin und her. Sie merkte nicht, daß Fritz hinter sie trat.
-Erst da er den Arm um sie legte, zuckte sie zusammen, ließ ihn jedoch
-stumm gewähren.
-
-Als sie sich umwandten, sahen sie, daß sie allein waren. Frau Wart
-hatte leise das Zimmer verlassen.
-
-„Wo ist die Mutter?“ fragte Eva fast erschrocken.
-
-Fritz sagte nichts darauf. Seine Augen leuchteten und in seinem
-Gesicht war etwas von der frommen Andacht gläubiger Beter.
-
-Als ein Bettler hatte er das Haus betreten und war überreich geworden.
-Und die Erinnerung an den Freund hatte allen Schrecken verloren.
-
-In heißer Ergriffenheit zog er seine schöne Braut an sich und küßte sie
-zum erstenmal auf den Mund.
-
-
-3.
-
-Fritz mußte lang suchen, bis er in Neuberg eine Wohnung auftrieb.
-Niemand wollte ihm ein Zimmer vermieten. Seit er im Kerker gesessen,
-war er wieder ein räudiger Wolf geworden. Professor Hermann stellte
-nicht mehr voll Genugtuung fest, daß Fritz Hellwig sein Schüler
-gewesen sei. Er behauptete jetzt im Gegenteil, daß solch ein Ende mit
-Schrecken ja vorauszusehen war, denn dieser Hellwig habe schon als
-Junge keine Achtung vor der Autorität gehabt. „Und keinen Glauben!“
-fügte Pater Romanus hinzu und nickte schwermütig mit dem Kopf. Und das
-war der zweite Grund, weshalb sie ihn mieden. Weil er kein Klerikaler
-war. Denn die Klerikalen waren in Neuberg zahlreich geworden wie
-die Grundeln im Teich. Zwar nannten sie sich christlich-sozial oder
-katholisch-national, aber das war nur ein anderer Name für dieselbe
-Sache. Das war so gekommen, weil die freisinnige Bürgerschaft in
-viele kleine Gruppen, von denen jede die deutscheste sein wollte,
-zersplittert war und im Streite um des Kaisers Bart begriffen, dem
-straff organisierten schwarzen Gegner eine wichtige Stellung um die
-andere fast kampflos überließ. Noch gab es ja einige wackere Männer,
-denen alles, was nur von weitem nach Papismus und Pfaffentum roch, in
-der Seele zuwider war, aber die mußten bei der allgemeinen Zwietracht
-für sich stehen und waren, wenn auch nicht auf den Hund, so doch auf
-den Galgenhumor gekommen, derart, daß sie den verhaßten Schwarzen
-jeden Schabernack antaten und mit Schnurrpfeifereien, Schelmenstücken
-und Schalksnarrenstreichen kämpften, wenn es schon nicht anders ging.
-Zu diesen Männern gehörte auch der Flickschuster Peter Kofend. Der
-hatte schon viel auf dem Gewissen. Bereits dreimal war er bei der
-Firmung gewesen und hatte jedesmal, noch nicht trocken vom Salböl,
-das Firmgeschenk versoffen. Und bei der letzten Firmung, da hatte
-er gar zuvor noch die Böller vernagelt, so daß der hochwürdige Herr
-Weihbischof ohne Freudenschüsse in Neuberg seinen Einzug hatte halten
-müssen. Und was das Lächerlichste war, er hatte einmal im Wirtshaus mit
-dem frommen, gebrechlichen alten Sattlermeister Adam Jahn gewettet:
-er, der Kofendschuster, werde trotz seiner zappeligen Munterkeit
-früher ins Gras beißen als der Jahnsattler mit seinem Asthma. Und als
-Einsatz stellte er das Leichenbier: Wer den andern überlebte, sollte
-nach dem Begräbnis den üblichen Trunk für die Trauergäste zahlen. Und
-der fromme, gebrechliche alte Jahnsattler, der vom vielen Beten eine
-Hornhaut auf den Knien hatte, kam durch diesen Vorschlag in eine arge
-Not. Denn er war nicht nur fromm, er war auch sparsam. Und er dachte
-sich: Ich bin zehn Jahre älter als der Peter, ich bin kränklich,
-ich bin fromm, der liebe Herrgott wird mir verzeihen, wenn ich das
-Leichenbier sparen und der Kirche mehr vermachen kann. Vielleicht hilft
-er mir sogar, der liebe Herrgott, daß ich dem Peter zum Trotz gewinne.
-Und er nahm die Wette an und sie wetteten um das Leichenbier, jeder,
-daß er früher sterben werde als der andere. Und während der Jahnsattler
-seither noch gebrechlicher wurde, eine noch dickere Hornhaut auf den
-Knien bekam und sichtlich einging, war der Peter verrucht genug, die
-Geschichte in der ganzen Stadt zu erzählen. Und die ganze Stadt, mit
-wenigen Ausnahmen, bedauerte den frommen, gebrechlichen alten Adam und
-entrüstete sich über den gottlosen Peter. Und die ganze Stadt, mit noch
-weniger Ausnahmen, entrüstete sich auch über Hellwig, daß er bei dem
-gottlosen Peter wohnen wollte. Und die ganze Stadt, mit den wenigsten
-Ausnahmen, entrüstete sich noch mehr über den Kofendpeter, daß er
-einem abgestraften Sozialistenführer Unterstand gab. Der Kaufmann Wart
-gehörte zu den Ausnahmen. Darüber wunderte sich niemand. Von dem Vater
-eines Hingerichteten konnte man nichts anderes erwarten.
-
-Der Kaufmann war nicht mehr der behaglich polternde, vergnügte Mensch
-von ehedem. Etwas Scheues und Gedrücktes war in sein Wesen gekommen,
-machte sich auch äußerlich geltend durch einen schleppenden Gang mit
-vorgebeugten Schultern und gesenkter Stirn. Schwere Jahre waren über
-ihn weggerollt, das merkte man. Gleich nach dem Begräbnis Doktor
-Kreuzingers hatte es angefangen. Da hatte die Wühlerei eingesetzt:
-Pflicht jedes Christen sei es, den Kaufladen eines Menschen zu meiden,
-der nicht einmal für seine Toten den Priester begehrte. Und viele
-Kunden waren ausgeblieben. Dann kam, durch Vermittelung des Konsulats
-in Odessa, die Nachricht, daß Heinz Wart am Galgen geendet. Des
-Zwischenfalls bei der Hinrichtung wurde keine Erwähnung getan. Das
-blieb kein Geheimnis, sprach sich rasch in der ganzen Gegend herum,
-brachte die Familie in Acht und Bann. Wer in Neuberg und Umgegend
-nur halbwegs etwas auf sich hielt, mied jegliche Berührung mit den
-Angehörigen eines Gehängten. Der Kaufhandel ging immer schwächer.
-Ungeduldig stampften die müßigen Rosse in den Ställen, bis sie verkauft
-wurden. Die Auflader mußten bis auf einen entlassen werden. Im Kontor
-ruhten alle Federn. Das alte Geschäft stand vor dem Verfall.
-
-Der emsige, an fortwährende Arbeit gewöhnte Wart empfand den Müßiggang
-fast wie körperlichen Schmerz. Er alterte sichtlich dabei. Es waren
-nicht Geldsorgen, die ihn drückten. Auch ohne den Kaufhandel waren
-seine Einkünfte weit größer als die Ausgaben für den Haushalt. Und doch
-schützte er immer den schlechten Geschäftsgang vor, wenn Frau Hedwig,
-um ihn zur Aussprache zu bringen, vorsichtig nach dem Grund seines
-veränderten Gehabens forschte. Er wußte, daß sie ihm die Ausrede nicht
-glaubte. Aber er vermochte nicht von seinem Sohn zu sprechen. Seit er
-die furchtbare Botschaft erhalten, war dessen Name nicht über seine
-Lippen gekommen. Damals hatte er auch seine sämtlichen Ehrenämter
-niedergelegt und sich von allen Bekannten zurückgezogen.
-
-Auf Hellwigs Werbung hatte er nur die bittere Antwort: „Recht so!
-Nehmt mir nur auch das letzte noch weg!“ und ging schwerfällig in sein
-Schreibzimmer, wo er sich einschloß.
-
-Später kam er mit keinem Wort darauf zurück, sagte auch nichts, als er
-die Vorbereitungen zur Aussteuer gewahrte. Und nur einmal, als sich
-Heinzens Todestag zum zweitenmal jährte, meinte er, bevor er sich
-schlafen legte, traurig zu seiner Frau: „Schön sind wir dran, Mutter,
-auf unsere alten Tage. Der eine ...“ -- er verschluckte das häßliche
-Wort -- „die andere -- heiratet einen, der auch schon eingesperrt war.
-Wer weiß, was noch kommt. Er ist ja von der gleichen Sorte!“
-
-Und als Frau Hedwig mit gefalteten Händen vor ihn hintrat: „Sei doch
-nicht so verzweifelt, Nikl!“, wehrte er ab: „Laß gut sein, Mutter, red’
-nichts. Es wird nicht anders durchs Reden!“ Dann zog er sich die Decke
-über das Gesicht hinauf und tat, als ob er schliefe. Aber die Gattin,
-die auch schlaflos lag, hörte sein unterdrücktes Stöhnen, das in Pausen
-immer wiederkehrte, bis zum grauenden Morgen.
-
-
-4.
-
-Hellwig arbeitete an seinem Buche und die ganze Fron des Schaffenden
-lernte er kennen. Spürte am eigenen Leib, wie schwer so ein Werk auf
-seinem Schöpfer lastet, wie es ihn nie zu Atem kommen läßt, vorwärts
-peitscht und auch in den Stunden notwendigster Rast gefangen hält und
-quält und nicht frei gibt, bis es irgendeinem Ende zugeführt ist.
-Selbst die kargen Augenblicke, die er sich für seine Braut abrang,
-kamen ihm wie ein Raub vor, und er konnte ihrer nie ganz froh werden.
-Immer war ihm, als versäumte er etwas, das notwendig getan werden
-mußte, das auf ihn wartete, nach ihm schrie und ihn mit tausend Ketten
-zog. Zerstreut und fahrig war er und früher, als er gewollt, brach er
-dann gewöhnlich auf. Manchmal bäumte er sich gegen diese Fron, wollte
-sie abschütteln und trug sie doch auch wieder gern.
-
-Es war ein merkwürdiger Brautstand. Doch Eva war damit zufrieden. Sie
-verlangte keine Zärtlichkeiten. Was ihm recht war, war auch ihr recht,
-und nur ihn ganz verstehen wollte sie lernen und sein Leben ganz von
-tief auf mitleben wollte sie.
-
-So störte sie ihn nicht. Aber mit dem Werk ging es doch nicht richtig
-vorwärts. Das müde Wesen des Kaufmanns wirkte auf Fritz wie ein
-beständiger Vorwurf. Er fühlte, daß das nicht so bleiben durfte. Gerade
-hier mußte volle Klarheit herrschen. Doch die wollte nicht kommen. Der
-Kaufmann ging jedem Alleinsein mit seinem zukünftigen Schwiegersohne
-hartnäckig aus dem Weg. Aber endlich mußte er ihm doch Rede stehen.
-
-Draußen vor der Stadt in den Feldern war es. Hellwig hatte während
-einer langen Wanderung den weiteren Aufbau seines Buches überdacht und
-ging arbeitslustiger, als er es seit Tagen gewesen, heim. Da sah er vor
-sich die untersetzte Gestalt Wart Nikls auftauchen, der einsam seinen
-Abendspaziergang abtat. Fritz schritt rascher aus, holte ihn ein und
-erhielt auf seinen kurzen Gruß noch kürzeren Dank. Da sagte er ohne
-weitere Einleitung: „Warum weichen Sie mir aus, Herr Wart?“
-
-„Lassen Sie das!“ antwortete der Kaufmann schroff.
-
-„Nein, so kann es nicht bleiben, Herr Wart, einmal muß es gesagt
-werden: Geben Sie mir mit schuld, daß Heinz gestorben ist?“
-
-„Lassen Sie das!“ Das klang zornig und klang drohend. Aber Fritz gab
-nicht nach.
-
-„Seien Sie offen!“ bat er. „Was nützt das Versteckspielen? Nur daß alle
-darunter leiden.“
-
-Ganz ruhig war es rundum. Manchmal nur raschelte es in den Zweigen der
-Bäume, fiel ein überreifer Apfel zu Boden. Dann war es wieder still,
-und lautlos webte die Dämmerung am dunklen Mantel der Nacht.
-
-Der Kaufmann atmete ein paarmal tief auf. Dann sagte er: „Im Anfang,
-Fritz, im Anfang, da ist’s schon so gewesen. Man sucht halt immer nach
-einem Verführer, wenn einem ein Liebes Schande macht. Später aber, nach
-dem Ärgsten ... da hab’ ich mir gedacht, man kann eine Kugel nicht
-aufhalten, wenn sie aus dem Rohr ist. Es wird wohl auch so gewesen
-sein. Wie blind ist er hineingerannt ... Ich tät Ihnen mein Mädel nicht
-geben, wenn ich anderer Meinung wäre. Ich hab’ nur die eine ... Das
-wird wohl genügen?“ fügte er noch hinzu, in einem Ton, der deutlich
-erkennen ließ, daß er die Fortsetzung des Gesprächs nicht wünschte.
-
-Fritz schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Wart, es genügt noch nicht, so
-sehr ich Ihnen dafür dankbar bin. Aber Schande? Schande hat Ihnen Heinz
-nie gemacht!“
-
-„Der Galgen ist wohl eine Ehre?“ rief da der unglückliche Vater und
-barg sein Leid hinter einem höhnischen Auflachen.
-
-Hellwig schaute ihm fest ins Auge. „Mitunter ganz gewiß!“ sagte
-er. „Auch Savonarola haben sie aufgehängt, den Erlöser haben sie
-gekreuzigt, den Huß verbrannt ...“
-
-„Die haben auch nicht gemordet,“ unterbrach ihn Wart tonlos und
-schauderte zusammen.
-
-„Heißt es Mord, einen Menschen wegräumen, von dem man weiß, daß er in
-der nächsten Stunde tausend Unschuldige umbringen wird? Das ist kein
-Töten, das ist Selbsthilfe der Menschheit.“
-
-„So nennen Sie’s! Andere nennen’s Mord.“
-
-„Heute vielleicht noch. Unsere Enkel werden wieder anders sprechen.
-Von Kindsbeinen wird uns gelehrt: Du sollst nicht töten! Und niemand
-lehrt uns auch jenes zweite, Größere: Du sollst nicht töten lassen!
--- Aber die Zeit wird kommen, und die Menschen reif werden auch für
-dieses Gebot. Dann wird wieder einmal Tugend werden, was heute noch
-Verbrechen ist. Und Heinz und die vielen, die wie er gestorben sind,
-werden Märtyrer und Blutzeugen heißen. Und darum glaub’ ich auch jetzt
-nicht mehr, daß sein Sterben nutzlos gewesen ist. Sein Gedanke lebt
-weiter, und seine Rächer sind nicht fern. Vielleicht werden es schon
-jene sein, die Brot von dem Korn gegessen haben, das aus seinem Grab
-gewachsen ist. Und die werden vollenden, was er angestrebt hat: Ein
-heiles gesundes Volk wird aufstehn, das vor niemandem den Nacken beugt,
-das sich selbst bestimmt durch seinen eigenen Geist, herrscherlos und
-herrenlos, ein Volk von lauter Königen und Herrschern! Dafür hat er
-gelebt -- das goldene Herz der Menschheit hat er finden wollen -- und
-dafür ist er in den Tod gegangen. Das ist kein schimpfliches Sterben.“
-
-Der Kaufmann erwiderte nicht. Die Abendglocken läuteten. Wie ein
-schlafsuchendes Kind schmiegte sich die Erde in den Arm der Nacht.
-
-Als Wart vor seinem Hause stand, reichte er Hellwig die Hand. „Fritz!“
-sagte er weich. „Wir wollen’s beschlafen, Fritz!“
-
-
-5.
-
-Peter Kofend gewann seine Wette. Trotzdem er um zehn Jahre jünger und
-der Jahnsattler so gebrechlich war. Eines Tages kam er mit trüben
-Augen und hochroten Wangen von einem Geschäftsgang nach Haus. „Aus
-is! Gar is! Ich leg’ mich hin und steh’ nimmer auf!“ sagte er zu
-seiner Frau. Und während die Erschrockene in die Küche lief, um einen
-Tausendguldenkrauttee zu kochen, der ihr immer gut tat, legte sich
-der Peter ins Bett und -- stand wirklich nicht mehr auf. Er klagte
-nicht, redete nichts, fühlte sich nur müd. Der Arzt sprach von einer
-allgemeinen Schwäche, von Schonung und Ruhe und ähnlichen Dingen,
-die er immer sagte, wenn er aus einem Fall nicht klug wurde. Die
-Frau Kofend aber wußte am zweiten Tag ebenfalls, daß ihr Mann recht
-behalten werde. Da hatte ihre schwarze Henne zu krähen versucht. Und
-trotzdem der Unheilsansagerin sofort der Kragen umgedreht wurde -- eine
-Henne, eine schwarze Henne, die krähte -- das bedeutete einen sicheren
-Todesfall.
-
-Vier Tage später erhielt der Jahnsattler wirklich die schwarz
-umränderte Todesanzeige und vergoß darüber Tränen eines aufrichtigen
-Kummers. Er weinte aber nicht über den Gestorbenen, er weinte um das
-schöne Geld fürs Leichenbier. Er bezahlte es auch. Aber dann ging er
-zu Fritz Hellwig und fragte ihn, wie er es anfangen müsse, um ein
-Sozialist zu werden. Denn er fühlte sich gekränkt und verletzt, weil
-ihm alle seine Frömmigkeit nichts genützt hatte im Wettkampf mit dem
-ruchlosen Peter. Deswegen wollte auch er jetzt vom Beten nichts mehr
-wissen. Fritz aber konnte seinen Nöten weder mit Rat noch Beistand
-dienen. Doch der Alte wich nicht. Starrköpfig beharrte er bei seinem
-Verlangen, und Hellwig, der den höllischen Humor der Sache erfaßte,
-schlug ihm endlich vor, wenn er schon unbedingt nicht anders wolle,
-so möge er ihm, dem abgestraften Sozialistenführer, dem allbekannt
-Glaubenlosen, ein Zimmer in seinem Hause vermieten. Denn er brauchte
-wieder eins, da die Frau Kofend in ihr Heimatsdorf übersiedelte. Das
-gefiel dem Jahnsattler alsogleich, weil er damit vor aller Welt seine
-neue Gesinnung beweisen und, wie er meinte, den Sachwaltern Gottes
-auf Erden, ja seinem lieben Herrgott selbst einen Tort antun würde.
-Und die ganze Stadt bedauerte abermals den armen, gebrechlichen alten
-Jahnsattler, weil er in der Hilflosigkeit des Alters dem Versucher ins
-Garn gegangen war. Und die ganze Stadt entrüstete sich abermals über
-Hellwig, weil er die kindische Torheit des Greises so mißbrauchte.
-Weitere Folgen hatte die Geschichte aber nicht. Der Jahnsattler sorgte,
-nachdem der erste Schmerz über das verspielte Geld vorüber war, nach
-wie vor dafür, daß die Hornhaut auf seinen Knien nicht verschwand, und
-Hellwig kam in der Wohnung des frommen Mannes mit seiner Arbeit rüstig
-vorwärts. Er hatte jetzt endlich ganz freie Bahn vor sich.
-
-Wart Nikl war fast vom Abend zum Morgen wieder ins Gleis gekommen,
-hatte seine Tatkraft und gute Laune wiedergefunden. Nicht so sehr durch
-Hellwigs Argumente, sondern weil die Aussprache überhaupt beschleunigt
-hatte, was früher oder später doch hätte eintreten müssen. Was lang
-verstaut gewesen, hatte Luft bekommen, strömte in gedoppelter Fülle
-vor, war so überreich, daß er nicht wußte, wo er zuerst mit der Arbeit
-anfangen sollte. Den Neubergern zum Trotz wollte er sein Geschäft nicht
-nur auf die frühere, sondern auf eine noch ansehnlichere Höhe bringen.
-Wozu brauchte er den Kleinverschleiß? Kurz entschlossen ging er her und
-legte den Schwerpunkt des Unternehmens in den Großhandel mit Farbwaren
-und Lacken. Er nahm Vertreter und einen Reisenden auf, reiste auch
-selbst, und rascher, als er gehofft, war die Sache im Gang.
-
-So arbeiteten der künftige Schwiegervater und Schwiegersohn, jeder auf
-einem anderen Gebiete, aber beide mit dem Einsatz ihrer ganzen Kraft.
-Und das Jahr war noch nicht vorüber, da hatte Fritz sein Buch vollendet.
-
-Als er den Schlußpunkt machte, war sein Inneres wie ein ausgeschöpfter
-Brunnen. Restlos hatte er alles hergegeben, was er hergeben konnte.
-Fast leid war ihm, daß er das Drängen und Gären in sich nicht mehr
-spürte. Und mit leisem Bedauern, als nehme er von einem lieben Freunde
-Abschied, packte er das Manuskript zusammen, um es einem Verleger
-zuzusenden.
-
-In den folgenden Tagen machte sich eine tiefe Abspannung, die bis zur
-schweren körperlichen Müdigkeit anstieg, bei ihm geltend. Doch gab er
-diesem Zustand nicht lässig nach, sondern versuchte durch reichlichere
-Bewegung in freier Luft ihm entgegenzuwirken. Er unternahm starke
-Märsche in die Umgebung, und einmal gelangte er auch in den Geburtsort
-Pichlers.
-
-Der Küster war seit Jahren tot, die Kinder in den Dörfern im Dienst
-oder verheiratet. Nur Christoph, der ältere von den einstmaligen
-Rutenbindern, befand sich noch im Ort, war hier Gemeindediener,
-Polizist, Nachtwächter, Bettelvogt, Flurhüter, Fleischbeschauer und
-Barbier in einer Person. Er hatte sich einen struppigen Schnauzbart,
-eine rote Nase und die für seine vielen Ämter unentbehrliche Würde
-zugelegt, welch letztere ihn auch dann nicht verließ, wenn seine
-Ordnungsversuche bei einer Wirtshausrauferei mit seinem eigenen
-Hinauswurf endeten. Er erzählte Hellwig, daß Otto für die Geschwister
-so gut wie verschollen sei und sich auch nach dem Tod des Vaters
-nicht um sie gekümmert habe. Doch sei es, trotzdem dann für die noch
-unversorgten jüngeren Kinder schwere Zeiten gekommen, auch ohne ihn
-gegangen. Sie hätten eben fest zusammengehalten und den ältesten Bruder
-nicht dazu gebraucht. Jetzt seien sie so ziemlich aus dem Wasser, viel
-zum Beißen habe zwar keiner, aber sie seien zufrieden, wie’s der Vater
-ebenfalls gewesen, und hätten sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß
-sie für den vornehmen Herrn Bruder nicht mehr auf der Welt seien und er
-nicht für sie.
-
-Hier unterbrach er plötzlich den Redefluß und eilte mit langen
-Schritten schimpfend einigen Dorfbuben nach, die mit verdächtig dicken
-Taschen aus dem Hühnerhof des Pfarrers schlichen.
-
-Fritz machte sich auf den Heimweg. Was er eben von Otto gehört, kam ihm
-so selbstverständlich vor! Das Leichte und Spielerische im Wesen des
-Freundes war ihm, je älter und reifer er wurde, desto weniger verborgen
-geblieben. Aber trotz der Enttäuschungen, die ihm der einstige Freund
-bereitet hatte, hielt er ihn nicht für schlecht und fand es nur
-verwunderlich, wie der leichtlebige und sorglose Mensch so lang an
-seiner Seite hatte aushalten können.
-
-Langsam schritt er weiter. Die ersten Sterne blitzten auf. Und da fiel
-ihm ein, daß er fast denselben Weg ging, den er einmal vor Jahren in
-Winterschnee und Kälte gegangen, um ein Geschenk für seine Braut in
-einer Fanggrube zu finden. Und er sann seinem Leben nach und staunte,
-wie doch alles so zufällig an ihn herangekommen war und ihn mitgerissen
-hatte, fast ohne sein Dazutun. Und während er alles überdachte --
-einsam war es um ihn, ein paar Fledermäuse fuhren hastig durch die
-unbewegte Luft, irgendwo schrie jämmerlich ein Vogel unter den Zähnen
-eines Raubtiers -- da stieg wie eine Vision ein Bild vor ihm auf, von
-dem er zeit seines Lebens nicht mehr ganz loskommen konnte. Es war
-ihm, als sei alles, was Leben in sich hat, vor ungezählte Millionen
-überlasteter Karren gespannt und müsse sie, gleich den Pferden vor
-schweren Fuhren, mit bebenden Flanken und keuchenden Lungen über eine
-steile Bergstraße hinaufziehen, die schnurgerade ansteigt, höher und
-höher, in die weite Unendlichkeit hinein, wie ein Band ohne Ende. Und
-über allen den zitternden, mühselig hinkriechenden Geschöpfen thront
-riesengroß aufragend, gelassen vor sich blickend, mit unbewegten Zügen
-ein gewaltiges Weib und hält in der Rechten eine schwere Peitsche. Und
-jedesmal, wenn irgendwo ein Karren stecken bleiben will, knallt diese
-Peitsche, saust ihre geflochtene Schnur hoch über gekrümmte Nacken hin,
-und die geplagten Geschöpfe zucken zusammen, ducken sich furchtsam und
-ziehen weiter, ziehen mit zum Platzen gestrafften Muskeln, fliegendem
-Atem, verlöschender Kraft, ziehen -- ziehen. -- Und wenn eins leblos
-hinsinkt, schreiten die andern, rollen die Karren gleichgültig über
-den Leichnam fort. Und immerzu rollen die Karren, Millionen hinter
-Millionen, die unabsehbare, schnurgerade Straße hinauf, und unablässig
-knallt über ihnen die Peitsche.
-
-
-6.
-
-Fast ein Jahr war es her, seit Pichler im Abgeordnetenhause seine
-letzte Rede gehalten hatte. Da forderten seine Wähler Rechenschaft und
-Rechtfertigung von ihm, und so kam er endlich wieder einmal in seinen
-Wahlkreis.
-
-Gemurr empfing ihn, als er den Saal betrat, und finster sahen die
-Versammelten auf ihn. Er aber stieg auf die Rednerbühne, wie gewöhnlich
-mit einem liebenswürdigen Lächeln um die Lippen. Doch da reckten sich
-ihm Fäuste entgegen, und ein gewaltiger Lärm erhob sich.
-
-„Nicht reden! Demingkreatur! Mandat niederlegen! Ausbeuterknecht!“
-rief und schrie und johlte es durcheinander. Er verfärbte sich und
-fühlte etwas wie Furcht. Aber noch immer lächelte er, und dieses
-Lächeln schien in seinem schönen Gesicht förmlich eingefroren zu sein.
-Als jedoch der Spektakel gar nicht aufhören wollte, wurde er wütend.
-Was? Diese Kerle, die tief unter ihm standen, wagten zu drohen? Statt
-dankbar zu sein, daß er sich überhaupt mit ihnen abgab? Heiser schrie
-er in den Saal hinab: „Wollt ihr endlich schweigen? Ich will reden!
-Hört ihr? Ich will!“
-
-Die Antwort war Lachen und Getöse. Man trommelte auf Tische, pfiff,
-stampfte mit Füßen, schüttelte Fäuste und Biergläser. Da packte ihn
-ein jäher Zorn. Er griff nach der Glocke, die ihm zur Hand stand und
-schleuderte sie in die Menge. Sie traf niemanden. Aber jetzt stürmten
-sie und drängten auf das Podium, faßten ihren Abgeordneten bei den
-Schultern, schrien ungestüm auf ihn ein, rüttelten und zerrten, schoben
-und stießen und beförderten ihn ins Freie. Dort umringten sie ihn,
-und gewalttätiger Haß sprach aus ihren Gebärden, ihren Mienen und
-Worten. Die Einberufer mahnten zur Besonnenheit. Pfannschmidt nahm den
-übel Zugerichteten beim Arm und führte ihn aus dem Gedränge. Murrend
-und ungern wichen die Leute. Das Gesicht des Bergmannes war hart
-und finster. Man sah, daß er den einstigen Schriftleiter nicht aus
-Freundschaft beschützte. Pichler machte jetzt keine vorteilhafte Figur.
-Der Jähzorn war verraucht. Nun kam die Angst. Er schlotterte an allen
-Gliedern, die Knie knickten ihm ein, er stolperte nur so vorwärts und
-wäre gefallen, wenn ihn Pfannschmidt nicht gestützt hätte. Kragen und
-Halsbinde waren ihm herabgefetzt, der feine Anzug hatte Löcher.
-
-Vor dem Gasthof ließ ihn Pfannschmidt stehen, wandte sich kurz ab und
-ging ohne Gruß. In fluchtartiger Eile reiste Otto nach Wien zurück.
-
-Trotzig legte er sein Mandat nieder. Wenn er jedoch gehofft hatte, daß
-es ihm bei seinen ausgebreiteten Beziehungen gelingen werde, sofort
-eine andere Stellung zu bekommen, sah er sich arg enttäuscht. Alle
-Bekannten hatten nur ein bedauerndes Achselzucken: es sei dermalen
-nichts frei. Er war eben kompromittiert. Deming hätte vielleicht Rat
-gewußt. Aber an ihn wollte er sich nicht wenden. Er schämte sich vor
-Grete.
-
-Um sich über Wasser zu halten, mußte er Stück für Stück seiner
-Habseligkeiten zum Trödler oder ins Leihhaus tragen. Dann borgte er
-sich Geld. Aber es dauerte nicht lang, waren ihm alle Quellen versiegt.
-Hungrig irrte er in der Großstadt herum. Seine Stiefel waren zerrissen,
-der Rock, den er am Leib trug, wurde schäbig, und er hatte keinen
-besseren mehr. In seiner Not schrieb er an Hellwig. Der wies ihn kalt
-ab. Es sei Pichlern, schrieb er zurück, von je zu gut gegangen und
-zu leicht gemacht worden. Er habe den Lebenskampf noch nie in seiner
-ganzen Rauheit empfunden. Jetzt aber könne er zeigen, was in ihm
-stecke. Durch eigene Kraft müsse er sich herausarbeiten. Unter dem
-Hammer der Not werde er Stahl werden, wenn er wirklich Eisen sei.
-
-Drei Tage hielt Pichler dem Hunger stand. Dann war er am Ende seiner
-Widerstandskraft. Vor der Wohnung Demings wartete er und wußte es so
-einzurichten, daß er richtig von dem kaiserlichen Rat bemerkt wurde.
-Und der Millionär erkannte ihn sofort und trat auf ihn zu und sprach
-leutselig mit ihm. Er fragte, ob es dem Doktor denn gar so schlecht
-gehe und warum er sich nicht an ihn gewendet habe. Und zum Schluß
-drückte er dem Überraschten eine größere Banknote in die Hand, als
-Darlehen, wie er sagte, und verabschiedete sich huldreich.
-
-Pichler stand da und schaute ihm nach und wußte nicht, ob er wachte
-oder träumte. Aber der blaue Schein zwischen seinen Fingern war
-greifbare Wirklichkeit. Da ging er und kaufte sich neue Wäsche und neue
-Schuhe, kleidete sich vom Kopf bis zu den Füßen neu. Und als er dann
-ein Bad genommen und Haar und Bart hatte zustutzen lassen, überkam
-ihn ein ungestümes Verlangen nach Wohlleben und Genießen. In einem
-Tingeltangel ließ er sich vorsetzen, was gut und teuer war, und am
-nächsten Vormittag erwachte er mit wüstem Kopf in der Wohnung einer
-Dirne.
-
-Zwei Tage später, als das Geld alle war, folgte er der Aufforderung
-des kaiserlichen Rates, ging zu ihm und setzte ihm rundweg seine Lage
-auseinander. Deming hörte ihn wohlwollend an, mit schlecht verhehlter
-Freude. Und nach einer Einleitung, in welcher er beiläufig sagte,
-daß man begabten Menschen helfen müsse, daß es ihm selbst auch nicht
-immer gut gegangen und er auch einmal in ganz ähnlichen Verhältnissen
-stellenlos herumgelaufen sei, machte er dem Doktor den Vorschlag, als
-Beamter in die Fabrik einzutreten. Aber eines verlange er unbedingt:
-Pichler müsse sich von seinen Parteigenossen vollständig lossagen und
-die Politik links liegen lassen.
-
-Das versprach Otto gern.
-
-
-7.
-
-In aller Stille hatten Fritz und Eva Hochzeit gehalten. Wieder
-entrüsteten sich die Gutgesinnten Neubergs, weil kein Priester dabei
-war, aber ihre Ungnade schadete den Betroffenen nichts. Wart Nikl blieb
-fröhlich und aufrecht, obwohl es jetzt recht einsam um ihn wurde und
-nur Frau Hedwig, still und tapfer den Trennungsschmerz verbergend,
-in den weiten Wohngemächern waltete, die kurz vorher noch Eva mit
-hellem Lachen erfüllt hatte. Jetzt war sie in der Hauptstadt, wo ihr
-Mann als Anerkennung und als Entschädigung für das Kerkerjahr die
-verantwortliche Leitung der Freien Blätter erhalten hatte, und nichts
-war von ihr zurückgeblieben, als ein paar eingerahmte Bilder an den
-Wänden und ein paar vergessene Bänder und Maschen in den Schrankfächern.
-
-Kolben hatte den jungen Eheleuten den ersten Stock seines
-Familienhauses vermietet. Alle Zimmer ließ er neu tapezieren, die
-Parketten ausbessern, die Küche malen, und ins Badezimmer kam ein
-Gasofen. So war alles neu und schön und hell, ein funkelblankes Nest
-der Häuslichkeit und des jungen Eheglücks.
-
-Und sie waren glücklich. Ein wackerer Kamerad, ging Eva vom ersten
-Tage an neben ihrem Manne, heiter, blühend, mit sonnigen Augen
-und verstehendem Herzen. Nicht eine Sekunde empfand er, daß mit
-ihr etwas Fremdes und bisher Ungewohntes in sein Leben gekommen.
-Selbstverständlich wie ihre Verlobung, war auch ihr Zusammenleben,
-schlicht, einfach und natürlich, ein Ehefrühling, wie er zur Zeit der
-Schneeschmelze und der ersten Weidenkätzchen ernst und keusch und
-mit frommer Weihe die Erde überkommt, wenn jeder Baum mit tausend
-Knospen betet und die unschuldigen Saaten sich im hellsten Sonnenglanz
-dem Mutterschoß der Scholle entringen. Nie war ein falscher Ton,
-ein gemachtes Empfinden zwischen ihnen. Sie gaben sich und nahmen
-einander, wie sie waren, ehrlich und herzlich schritten sie Seite an
-Seite, wußten, was sie aneinander hatten und brauchten es sich nicht
-erst zu sagen. Ein warmer Blick, ein Kuß war alles, was ihre vornehm
-zurückhaltenden Naturen an Zärtlichkeit zu verschwenden hatten. Und es
-genügte ihnen. Eva war fröhlichen, kindlichen Sinns und hatte nichts
-von dem tief bohrenden, grüblerischen Wesen ihres Mannes. Aber sie
-fühlte mit dem Herzen, wo ihr Geist nicht fassen konnte und hatte jene
-Einfalt des Gemütes, die das Echte herausspürt und das Erkünstelte
-zurückstößt, ohne für die Zuneigung hier und den Widerwillen dort einen
-Grund angeben zu können. So ergänzte sie ihren Gatten aufs beste und
-nahm in gleicher Weise von seinem Ernst wie er von ihrem Frohsinn an.
-
-Nach den ersten Wochen besuchte Kolben das junge Paar fast täglich.
-Als Backfisch hatte Eva den unerschütterlich gelassenen Menschen
-nicht ausstehen können. Jetzt wurde er ihr bald sympathisch. Er war
-ihr überall behilflich, wußte vorteilhafte Einkaufsquellen anzugeben,
-wurde ihr Berater in allen den kleinen Sorgen des Haushalts, für die
-Fritz durchaus kein Verständnis aufbringen konnte. Ihm war es als
-Junggesellen ganz gleichgültig gewesen, ob ein Anzug hundert oder
-zweihundert Kronen kostete, wenn er nur halbwegs paßte. Und wenn er
-faltig wurde, gab er ihn einem Schneider zum Aufbügeln, und mochte
-dessen Forderung noch so unverschämt sein, er bezahlte sie und war
-deshalb ein geschätzter Kunde. Das wurde jetzt anders. Denn Eva war
-sparsam und verstand zu rechnen. Sie wollte niemanden übervorteilen,
-aber auch selbst nicht übervorteilt werden, ließ jedem genau das
-zukommen, was ihm gebührte, keinen Heller mehr noch weniger, und
-buchte Einnahmen und Ausgaben. Und wenn dann der Schuster für ein paar
-Stiefelsohlen drei Kronen fünfzig verlangte, sagte sie und zeigte es
-ihm schwarz auf weiß: „Vor vier Monaten hat das nur drei Kronen zehn
-gemacht, wenn Sie teurer werden wollen, kann ich bei Ihnen nicht mehr
-arbeiten lassen!“, worauf der Handwerker zwar von unerschwinglichen
-Lederpreisen und Teuerung zu reden anfing, gewöhnlich aber doch seine
-Forderung auf das frühere Maß einschränkte. So hatte sie ihre liebe Not
-und freute sich, daß Kolben da war, mit dem sie darüber reden und sich
-beraten konnte.
-
-Fritz aber steckte wieder bis überm Hals in der Arbeit. Während
-der zweijährigen Unterbrechung war ihm manches fremd geworden, die
-Zusammenhänge mußten wieder gefunden, das Versäumte mußte nachgeholt
-werden. Dazu kam das Lesen der Bürstenabzüge seines zweibändigen
-Werkes, das demnächst erscheinen sollte. Und als es erschien, aus
-der Zeit heraus entstanden, sachlich und frei von einseitiger
-Parteilichkeit, als es von der Kritik mit lautem Beifall begrüßt wurde
-und fast alle Blätter ohne Unterschied günstige Besprechungen brachten,
-einige wohl auch im Überschwang den Anbruch einer neuen Epoche der
-Volkswirtschaftslehre verkündeten, als das alles eintrat, da kam
-Hellwig erst recht nicht zur Ruhe.
-
-Sein Buch wurde rasch von der Mode den ‚allgemeinen
-Bildungsnotwendigkeiten‘ beigezählt. Wer in Zeitfragen mitreden
-wollte, mußte es gelesen haben. Man sprach überall davon, lud den
-Verfasser zu Teeabenden und Gesellschaften, die verschiedenen Vereine,
-Zirkel und Klube zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse, Kultur,
-Wissenschaft oder Bildung forderten ihn zu Vorträgen auf, Zeitungen und
-Zeitschriften baten ihn um Beiträge.
-
-Anfangs war ihm das lästig, später gewöhnte er sich daran. Von den
-Einladungen machte er keinen Gebrauch, Vorträge hielt er selten,
-Abhandlungen schrieb er nach wie vor über Dinge, die ihm ans Herz
-griffen, und niemals auf Bestellung.
-
-Als sie merkten, daß er nicht mit ihnen heulen wollte, wurden sie
-kühler, setzten sein Buch von der Liste der Bildungsnotwendigkeiten
-wieder ab und ließen ihn in Ruhe.
-
-In der Partei aber machte sich allmählich eine Strömung gegen ihn
-immer bemerkbarer. Erregt und in Bewegung gehalten wurde sie von
-dem ehrgeizigen Leibinger, der auf den Posten des verantwortlichen
-Schriftleiters gehofft hatte und sich nun von einem jüngeren verdrängt
-sah. Er war Mitglied der Parteileitung und hatte sich unentbehrlich
-zu machen verstanden durch eine Art widerlicher Zuvorkommenheit und
-händereibender Salbung, mit der er sich zu den unangenehmsten Aufgaben
-drängte. Niemand mochte den schmalbrüstigen Menschen so recht leiden,
-der mit eingeknickten Knien immer leise ging, aber man duldete und
-ertrug sein unsympathisches Wesen, weil er brauchbar war, erfinderisch
-und gleich gut geübt im jähen Überrumpeln, wie im langsamen Erdrosseln
-der Gegner.
-
-Jetzt benützte er den Anlaß, fand heraus und sagte es heimlich allen,
-daß viele Ansichten und Grundsätze in dem gepriesenen Werke Hellwigs
-eigentlich dem Parteiprogramm zuwider liefen, ja manchmal geradezu der
-heutigen Gesellschaftsordnung ein Loblied sangen. Und er hatte mit
-diesen Behauptungen um so eher Erfolg, als der Parteiobmann Anheim
-und alle, die mit ihm der Leitung angehörten, überzeugte Anhänger der
-Marxschen Lehre und geschworene Feinde aller Revisionisten waren.
-
-Offen wagte man sich vorerst freilich nicht an den verdienstvollen
-Mann heran. Aber zu fühlen bekam er es doch, daß man mit seinem Wirken
-nicht mehr ganz einverstanden war. Man schob ihn beiseite, wo es nur
-halbwegs anging, faßte Beschlüsse, ohne ihn um seine Ansicht zu fragen,
-und verschwieg ihm manches, was der verantwortliche Schriftleiter
-als erster hätte wissen müssen. Anfangs achtete er nicht darauf.
-Aber als es sich öfter wiederholte, als er sogar in seinem eigenen
-Blatt bloßgestellt wurde, fiel es ihm auf. Er wurde stutzig, führte
-Beschwerde, forschte nach dem Grund. Man gab ausweichende Antworten,
-entschuldigte sich wohl auch mit einem Versehen. Aber beim nächsten
-Anlaß machte man es ihm wieder so. Kolben wollte ihm die Augen öffnen.
-Fritz hörte nicht auf ihn. Er schrieb das geänderte Verhalten der
-Genossen einer flüchtigen Verstimmung zu und ließ sich die schöne
-Zuversicht nicht rauben, daß alles bald wieder seinen rechten Gang
-gehen werde.
-
-
-8.
-
-Da wurde der Reichsrat aufgelöst, weil er der Regierung nicht zu Willen
-war. Neuwahlen wurden angeordnet. Die nordböhmischen Bergarbeiter
-wandten sich an Hellwig, daß er in ihrem Wahlkreis kandidiere.
-Pflichtgemäß fragte er die Parteileitung um ihre Meinung. Die sagte
-weder ja noch nein, vertröstete ihn auf später.
-
-Und nun begann der aufreibende Wahlkampf mit seiner rastlosen Agitation
-und den ungezählten Versammlungen in allen Bezirken. Und während
-Hellwig von Versammlung zu Versammlung fuhr, an einem Tage oft in drei,
-vier Sälen sprach, dabei die Freien Blätter leitete und, ein immer
-wacher Kämpfer, die Machenschaften der Gegner aufdeckte, durchquerte
-und vereitelte, waren in seiner eigenen Partei Leute an der Arbeit,
-die seine Stellung zu untergraben und seinen Einfluß zu brechen sich
-redlich bemühten. Er war ihnen zu bekannt, zu berühmt, zu volkstümlich
-geworden. Sie fürchteten, daß er ihnen über den Kopf wachsen, daß er
-sie verdrängen und die Führerschaft ganz an sich reißen könnte. Er
-dachte nicht daran. Ihm ging es um die Sache, die er für gut hielt
-und mit dem Einsatz aller Kräfte fördern wollte. Sie aber erwogen
-alle Möglichkeiten, bangten für ihre Ämtlein und fürchteten und
-beneideten und haßten ihn heimlich sehr. Die Massen jubelten ihm zu,
-ihre erkorenen Führer aber saßen in geheimen Konventikeln beisammen
-und rieten hin und meinten her, wie sie dem beliebten Mann Schlingen
-legen und ihn unauffällig zu Fall bringen könnten. Und wenige gab es
-unter diesen Ratern und Meinern, die frei und unparteiisch urteilten.
-Er hatte aber auch fast jeden schon einmal vor den Kopf gestoßen, weil
-er nie mit seiner Meinung hinterm Berg hielt, sondern sie immer klipp
-und klar und rücksichtslos heraussagte. Das trugen sie ihm nach und
-schmollten und grollten und nannten ihn grob, unduldsam, hochfahrend.
-Und sahen doch ruhig zu, wie er den Hauptteil der Wahlarbeit für sie
-tat. Mochte er sich plagen und abrackern, das kam der Partei zugute und
-im richtigen Augenblick wollten sie schon auf dem Posten sein.
-
-Aber auch Kolben wachte und war sehr beschäftigt. Bedachtsam, ohne
-Übereilung, wie ein schlauer Kundschafter, sondierte er und horchte
-herum, und als er genug erfahren hatte, machte er sich auf und fuhr
-in das nordböhmische Kohlengebiet. Denn von dort kamen beunruhigende
-Nachrichten. Gerüchte von einem neuerlichen Streik waren in den
-letzten Jahren mehrmals laut geworden. Jetzt aber erhielten sie sich
-hartnäckig, nahmen bestimmtere Formen an und wollten nicht wieder
-verstummen.
-
-Das Ziel seiner Reise verriet der Doktor nicht, er brauchte auch von
-niemandem Abschied oder Urlaub zu nehmen. Er war ganz unabhängig und
-hatte sich in der Leitung der Kunstnachrichten, die er den Freien
-Blättern ohne Entgelt besorgte, vollständige Freiheit ausbedungen. Nur
-Eva mußte es wissen, weil sie gewohnt war, ihn täglich zu sehen, mit
-ihm Einkäufe besorgte oder spazierenging. Er war ihr einziger Bekannter
-in der großen Stadt, und wenn sie ihn nicht gehabt hätte, wäre sie
-den größten Teil des Tages ganz einsam gewesen. Denn ihren Mann bekam
-sie jetzt fast gar nicht zu Gesicht, er kam spät nachts heim, müde
-und abgehetzt, aber mit der ersten Sonne war er schon wieder auf den
-Beinen, sah hastig die Morgenblätter durch und konnte das Frühstück
-kaum erwarten. Und wenn sie es brachte, aß er hastig und verabschiedete
-sich zerstreut und fahrig, lief manchmal auch, die bevorstehenden
-Arbeiten überdenkend, überhaupt ohne Gruß davon.
-
-Sie fand sich auch damit ab, hoffte geduldig auf die Wiederkehr
-ruhigerer Zeiten und blieb heiter und zufrieden. Wenn sie mit den
-häuslichen Arbeiten fertig war, -- viel zu tun gab es nicht, weil
-Fritz, um keine Zeit zu verlieren, jetzt auch das Mittagessen in
-der Stadt nahm --, spielte oder sang sie sich ein Lied, ging in den
-Garten, pflegte ihre fünf Rosenstämmlein, nähte oder lag lesend
-oder träumend in der Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln
-und freute sich auf das Erscheinen Kolbens und auf das Ende ihrer
-Einsamkeit. Sogar übermütig konnte sie dann werden. Der Übermut lag
-ihr nun einmal im Blut und ließ sich auch von ihrer jungen Frauenwürde
-nicht unterkriegen. Um den Doktor zu necken, versteckte sie sich vor
-ihm ganz tief in die Fliederhecken oder in die dichten Jasminbüsche,
-daß auch nicht ein Zipfelchen ihres Kleides, kein Schimmerchen ihres
-Blondhaars sichtbar war. Zusammengekauert hockte sie in ihren grünen
-Schlupfwinkeln und rief „Herr Doktor!“ und wenn er sie nicht gleich
-fand, war sie froh wie ein Schulkind und lachte ausgelassen.
-
-Als er ihr seine Abreise melden wollte, lag sie in der Hängematte. Sie
-erblickte ihn von weitem, wie er langsam, in seiner gemessenen Art, den
-gelben Kiesweg heranschritt, machte die Augen fest zu und stellte sich
-schlafend. Aber manchmal blinzelte sie doch blitzrasch zwischen kaum
-geöffneten Lidern nach ihm hin und sah, wie er näher kam und zauderte
-und stillstand, unschlüssig, ob er sie wecken sollte. Sie hielt sich
-ruhig, veränderte keine Miene und atmete gleichmäßig fort. Da wagte er
-es, tat vorsichtig einen Schritt vorwärts und noch einen. Jetzt fühlte
-sie, daß er ganz nahe sein mußte, hörte das Knistern seiner Kleider --
-und wie sie, zu fröhlichem Lachen bereit, die Lider voll aufschlug, da
-war sein ernstes Gesicht dicht über dem ihren -- sie bemerkte ein paar
-winzige Puderstäubchen im bläulichen Anflug der eben erst rasierten
-Wangen -- und von seinen Augen waren alle Schleier gefallen. Ein warmer
-Glanz war in ihnen und das innige Leuchten einer großen Liebe. Nur eine
-Sekunde war das so. Dann erlosch alles wieder, der Doktor stand in
-lässiger Haltung, wie immer, vor ihr und gleichmütig wie immer fragte
-er, ob er störe.
-
-Sie aber war ganz aufgeregt, sprang aus dem Netzgeflecht und in
-der ersten Ratlosigkeit einer ihr neuen Erkenntnis sagte sie mit
-überquellendem Empfinden: „Sie armer Doktor!“
-
-„Warum?“ antwortete er ihr in seinem gemütlichsten,
-freundschaftlichsten Ton. Doch sie dachte nur an das Geschaute,
-hatte erkannt, daß er ihretwegen litt, vielleicht seit Jahren leiden
-mußte, und um ihm nur irgend etwas Liebes zu tun, legte sie mit einem
-hindrängenden Schritt beide Hände auf seine Schulter. „Armer Doktor!“
-sagte sie nochmals. Da wußte er, daß sie alles gesehen hatte, wurde
-ein klein wenig blässer und richtete sich straff auf. „Ich brauche Ihr
-Mitleid nicht, gnädige Frau!“ sagte er schroff.
-
-Nun war sie ihrer Unüberlegtheit erst inne, errötete noch mehr, und die
-Tränen sprangen ihr hell von den Wimpern. „O Gott!“ rief sie bestürzt.
-„Hab’ ich Sie gekränkt? Das wollte ich nicht! Ich schätze Sie ja so!
-Ich kenne keinen Menschen nach Fritz, den ich lieber hätte! Sie dürfen
-mir nicht bös sein! Sie sind mir nicht böse, nicht wahr, nein?“
-
-Kolben war schon wieder der Alte. „Sie sind ein rechtes Kind, Frau
-Eva!“ erwiderte er mit seinem spöttischen Lächeln. „Wie kann man nur
-am hellichten Tag so närrisch träumen! Lassen Sie’s gut sein, mir
-geht’s so kannibalisch wohl, daß ich jedem ein derart ausgezeichnetes
-Wohlbefinden wünschen kann. Ich bin Herr meiner Zeit, kann mir’s
-einrichten, wie ich will und Vergnügungsreisen machen, wann ich will.
-Was ich beispielsweise noch heute zu tun gedenke.“
-
-„Sie wollen fort?“
-
-„Jawohl, in drei Stunden geht mein Zug. Um Ihnen das mitzuteilen,
-bin ich eigentlich herunter gekommen. Mindestens vier Tage werde ich
-fortbleiben. Es ist mir erschrecklich leid, daß ich den Stoff zu
-Ihrem Herbstkleid nicht mit aussuchen kann. Denn wie ich die edle
-Weiblichkeit kenne, duldet so was keinen Aufschub.“
-
-„Doktor!“ rief Eva zornig. „Sie sind heute abscheulich!“
-
-Er verneigte sich leicht. „Das freut mich, Frau Eva, das freut mich
-sehr! Weil ich nunmehr ganz beruhigt abreisen kann, mit dem erhebenden
-Bewußtsein, daß meine verehrte Gönnerin froh sein wird, von meiner
-abscheulichen Gegenwart wenigstens auf kurze Zeit verschont zu bleiben.“
-
-So sprach er und sprach noch manches in derselben Tonart, so daß Eva
-schließlich an sich selbst ganz irr wurde und nicht mehr wußte, ob sie
-in der schaukelnden Hängematte unter den dunklen Kastanienwipfeln nicht
-doch vielleicht geträumt und einen Traum für Wirklichkeit genommen
-hatte.
-
-
-9.
-
-Als Kolben sich zu seiner Reise entschlossen hatte, war Leibinger aus
-den Kohlendistrikten gerade wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt.
-Tags darauf erschien eine Abordnung der Bergleute bei der
-Parteileitung. Sie erklärte, daß man zur sofortigen Arbeitseinstellung
-fest entschlossen sei und fragte an, ob man mit Unterstützungen aus
-der Streikkasse werde rechnen können. Fritz sprach sich entschieden
-gegen alles aus. Anheim, Leibinger und die übrigen aber brauchten
-Ausflüchte, wollten in Hellwigs Gegenwart nicht Farbe bekennen, und
-schließlich gab Leibinger den Leuten einen Wink, sie möchten später
-noch einmal vorsprechen. Und sie verstanden das und entfernten sich.
-Als sie fort waren, sprach Hellwig noch eine halbe Stunde lang sehr
-eindringlich über alle Hindernisse, die dem Streik gerade jetzt, knapp
-vor den Wahlen, im Wege standen. Man hörte ihn schweigend an, nickte
-manchmal oder schüttelte die Köpfe, wie er so seine Gründe an allen
-zehn Fingern herzählte, aber kein Wort fiel dafür oder dawider. Man
-müsse sich das noch reiflich überlegen, war schließlich alles, was
-Anheim mit Räuspern und Hüsteln vorbrachte. Dann mußte Hellwig in eine
-Wählerversammlung der Gegner und hinterher noch in zwei der eigenen
-Partei, und jetzt erst, als sie sich vor ihm sicher wußten, tauten
-Leibinger und Mark auf, wurden lebhaft und hatten mit den wieder
-erschienenen Bergleuten eine lange Besprechung.
-
-Den übernächsten Tag kam Kolben am frühen Morgen zu Fritz, der noch
-in Hemdärmeln mit Kamm und Bürste hantierte. Der Doktor war die ganze
-Nacht gefahren und sah verstaubt und abgespannt aus.
-
-„Was bringst du so zeitig, Albert?“ fragte Fritz ein wenig erstaunt.
-
-„Nur meine Neugier!“ antwortete Kolben und ging ohne Umschweife auf
-sein Ziel los. „Ich hab’ nämlich gehört, daß der Streik beschlossene
-Sache sein soll.“
-
-„Da hast du dich gründlich verhört!“ lachte Hellwig. „Im Gegenteil, es
-ist so gut wie sicher, daß jetzt nicht gestreikt wird.“
-
-„So, so ... Weißt du, ich komm’ gerade von den Schächten ... Es ist
-eine Abordnung dagewesen, das weißt du ja ... nun, und die ist gestern
-heimgekommen mit der Meldung, daß es am Montag, also in vier Tagen,
-losgehen kann ...“
-
-Dröhnend schmetterte Hellwigs Faust auf den Tisch. „Das ist nicht
-möglich!“ schrie er.
-
-Kolben zuckte die Achseln. „Ist aber trotzdem so. Ich sag’ dir,
-gejubelt haben sie über die Nachricht. Mich haben sie ausgelacht. Zwei
-Agitatoren sind gleich mitgekommen. Leibinger will morgen hin ...“
-
-„Das ist nicht möglich!“ sagte Fritz nochmals und war ganz blaß.
-
-„Wenn du mir nicht glaubst, -- im Verbandsheim wirst du’s ja erfahren.“
-
-„Ja -- ich werde es erfahren ...“ murmelte Fritz mit aufeinander
-liegenden Zähnen. Dann reckte er sich hoch. „Ich geh’ gleich hin!
-Kommst du mit?“
-
-Sie gingen. Im Beratungszimmer fanden sie Leibinger, Mark und den
-Obmann Anheim. Das war ein hagerer Greis mit einem mächtigen kahlen
-Schädeldach und buschigen Brauen über zwei herrischen Augen. Mit fester
-Hand hielt er die Zügel, war unbestechlich, ehrlich und treu, aber
-kannte auch kein Nachgeben. Was er sagte, stand wie ein Block, an dem
-nicht gerüttelt werden durfte, und alle fügten sich ihm. Auch Mark, der
-seichte Schwätzer, der gewaltig war im Schimpfen und im Aufpulvern der
-Massen. Wie ein Kutscher sah er aus mit seinen ganz kleinen Augen, der
-engen Stirn und dem pechschwarzen Haar, das reichlichste Pomade nicht
-geschmeidig machen konnte.
-
-„Also, da seid ihr ja beisammen!“ begann Hellwig mit fliegendem Atem
-und sprang ohne Umschweife mitten in die Sache hinein. „Ihr habt hinter
-meinem Rücken den Streik beschlossen? Das gibt’s nicht! Das dulde ich
-einfach nicht!“
-
-„Oho!“ sagte Anheim.
-
-„Jetzt ist’s zu spät!“ ließ sich Mark vernehmen. Und Leibinger lachte
-spöttisch: „Ich denke, du hast hier weder was zu dulden, noch zu
-befehlen!“
-
-Kolben rückte sich ein wenig auf seinem Stuhl zurecht. „So kommen wir
-nicht vom Fleck!“ meinte er. „Fangen wir schön von vorn an. Warum soll
-denn eigentlich gestreikt werden?“
-
-„Sehr richtig, das möchte ich auch wissen!“ platzte Mark heraus.
-Leibinger aber fiel ihm sofort ins Wort: „Der Grund ist doch schon
-längst bekannt. Die vereinbarte Arbeitszeit soll vom Zeitpunkt des
-Einsteigens in die Förderschale bis zum Zeitpunkt des Aussteigens
-gerechnet werden. Nicht, wie die Kohlenbarone rechnen, von der Ankunft
-bei der Arbeitsstelle im Schacht bis zum Niederlegen des Werkzeugs
-dortselbst. Denn um zur Arbeitsstelle zu gelangen, müssen die Leute oft
-stundenlang im Stollen gehn, so daß sie elf und noch mehr Stunden unter
-der Erde sind, statt der vereinbarten neun.“
-
-„Ja, aber da haben die Leute doch ganz recht, wenn sie sich das nicht
-gefallen lassen!“ bekräftigte jetzt Mark und tat sehr entrüstet.
-
-Hellwig sagte darauf: „Die Forderung ist berechtigt, gewiß! Das habe
-ich schon hundertmal gesagt! Aber ebenso oft hab’ ich euch vorgehalten,
-daß es jetzt einfach unmöglich ist, sie mit Gewalt durchzusetzen.
-Die Leute haben sich kaum vom letzten Ausstand erholt. Sommer ist
-auch. Die Lieferungen sind nicht dringend, die Grubenbesitzer können
-zuwarten, haben Zeit, haben die öffentliche Meinung für sich, da die
-Ursache des Streiks zu geringfügig, zu mutwillig erscheint. Und wir
-haben jetzt auch die Mittel nicht, sie wirksam zu unterstützen. Auf den
-Schiffswerften streiken achttausend. Wo sollen wir’s denn hernehmen?
-Fragt Kolben! -- Wie viel hast du in der Streikkasse!“
-
-„Warte!“ erwiderte dieser und rechnete leise vor sich hin.
-„Zwanzigtausendsechshundertzwei Kronen vierzehn-- zuletzt sind siebzehn
-Kronen acht dazu gekommen: --Zwanzigtausendsechshundertneunzehn Kronen
-zweiundzwanzig Heller!“
-
-„Da habt ihr’s! Das reicht kaum vier Tage!“
-
-Leibinger unterbrach ihn schnell: „Es ist weitaus genug, wenn man die
-Spenden hinzurechnet. Und gar so lang kann’s nicht dauern!“
-
-„Leibinger, nimm doch Vernunft an!“ rief Hellwig.
-
-„Das möcht’ ich _dir_ raten! Wir _müssen_ Erfolg haben!“
-
-„Auch ich wäre für den Versuch!“ bemerkte Anheim. „Im Notfall kann die
-Arbeit jeden Tag wieder aufgenommen werden.“
-
-„Und soundsoviel Lohntage sind beim Teufel!“ sagte Fritz grimmig. Da
-glaubte Mark ein kräftiges Beweismittel gefunden zu haben.
-
-„Die Wahlen stehen vor der Tür!“ rief er laut. „Hat der Streik Erfolg,
-sind wir unüberwindlich!“
-
-Kolben griff das unüberlegte Geständnis sogleich auf. „Ich danke Ihnen
-für das erlösende Wort, Herr Mark! Ja, Fritz! Die Wahlen stehen vor der
-Tür, und Leibinger will Abgeordneter werden.“
-
-„Wer sagt das?“
-
-„Ich, Herr Leibinger! Glauben Sie, ich weiß nicht, daß Fritz Hellwig
-Ihrem Ehrgeiz im Wege ist? Daß Sie gern an seiner Stelle Schriftleiter
-sein möchten? Und ihm das Abgeordnetenmandat neiden, obwohl er’s noch
-nicht hat?“
-
-„Nicht weiter, Albert!“ unterbrach ihn Hellwig unwillig. „Das gehört
-nicht her!“
-
-Und Leibinger, kühn gemacht, schrie: „Verleumdung!“
-
-Kolben aber sprach unbeirrt fort, mit seinem leicht ironischen Lächeln,
-mit seiner großen Ruhe und sehr sarkastisch:
-
-„O gewiß gehört das her! Es war kein Zufall, daß ich ins Kohlengebiet
-gereist bin, gleich nachdem Herr Leibinger von dort zurück war. Ganz
-und gar kein Zufall war das. Und da hab’ ich so manches gehört, mein
-lieber Fritz. Das, was ich eben von ihm behauptet habe, hat Herr
-Leibinger den Leuten nämlich über dich gesagt, wenn auch vielleicht
-nicht mit so feinen Worten. Du, Fritz, seist der Streber, der
-Mandatsjäger, der unverläßliche Mitläufer, der alles zu seinem Vorteil
-nützt und so weiter. Und als Beweis soll dienen: Du werdest gegen den
-Streik sein, denn du spielst mit den Grubenbesitzern unter einer Decke.
-Jemand hat mir sogar anvertraut, im Rausch natürlich, du seist von
-ihnen bestochen.“
-
-Fritz stand da, hatte die Fäuste geballt und starrte mit weiten Augen
-den Sprecher an.
-
-„Ist -- das -- wahr?“
-
-„Ich hörte es so!“
-
-„Ich verwahre mich gegen eine solche Infamie!“ rief Leibinger. Der
-Doktor beachtete ihn nicht.
-
-„Wenn ich nach dem Ursprung dieser Gerüchte fragte,“ fuhr er trocken
-fort, „hat’s immer geheißen, die Gegenpartei behauptet es. Aber einer,
-der mir sehr zugetan ist und für dessen Verläßlichkeit ich jede
-Bürgschaft übernehme, hat es im Interesse der Partei bitter beklagt,
-daß -- Herr Leibinger solche Sachen in Umlauf setze.“
-
-„Nennen Sie den Namen!“ rief Leibinger. Und Mark unterstützte ihn
-mächtig: „Namen nennen! Namen nennen!“
-
-„Sparen Sie sich den Atem, meine Herrn!“ erwiderte Kolben und spielte
-mit seiner Uhrkette. „Den Namen geb’ ich Ihnen nicht preis!“
-
-„Aha!“ frohlockte Leibinger. „Dergleichen kennt man! Alles ist
-erstunken und erlogen!“
-
-Kolben lehnte sich faul zurück: „Ich pflege zwar sonst nicht zu lügen,
-aber wenn Herr Leibinger es sagt ...“
-
-Fritz aber trat mit schweren Schritten hart vor diesen hin, der
-aufgesprungen war und sich vergebens mühte, den unschuldig Gekränkten
-zu spielen. Mit seinem hellen Blick schaute ihm Hellwig ins Gesicht
-und sprach leise, mit erzwungener Ruhe: „Also -- deswegen! Damit du --
-deine eigenen Ziele -- erreichst, sollen Zehntausende -- sollen sie
-tage- -- vielleicht wochen- und monatelang -- hungern. Höre, Leibinger,
-ich bin“ -- er tat einen tiefen Atemzug und seine Stimme war spröd wie
-splitterndes Glas -- „ich bin nicht gewohnt, -- mit Lumpen dieselbe
-Luft zu atmen!“
-
-Leibinger lachte schrill auf und schrie: „Ich bin hier genau so
-viel wie du! Übrigens -- mit Beleidigungen wirst du dich nicht
-rechtfertigen! Eher bestärkst du unsere Gegner in dem Verdacht, daß
-doch was Wahres an der Geschichte ist!“
-
-Anheim hielt sich für verpflichtet, einzuschreiten.
-
-„Hellwig, das geht zu weit!“ mahnte er. Und Mark sekundierte: „Wir sind
-keine Lausbuben!“
-
-Der Obmann fuhr fort: „Auf eine Anschuldigung, die sehr
-unwahrscheinlich klingt, -- ich sage nichts gegen Herrn Doktor Kolben,
-er kann falsch berichtet worden sein, -- auf eine vage Anschuldigung
-hin willst du den Stab über einen verdienten Genossen brechen?
-~Audiatur et altera pars!~ Sei gerecht!“
-
-Und Mark sekundierte: „Wo sind die Beweise?“
-
-Da schäumte Fritz auf.
-
-„Der das gesagt hat,“ rief er leidenschaftlich, „der wiegt mir hundert
-Zeugen auf!“
-
-Nun erhob sich der Obmann, räusperte sich und sprach, als redete
-er in einer Volksversammlung. „Ich muß,“ sprach er, „mich im Namen
-der gesamten Partei, die zu führen ich die Ehre habe, auf das
-nachdrücklichste gegen ein solches Vorgehen verwahren. Wer bist du
-denn, Hellwig, daß du glaubst, mit uns wie mit Schuljungen umspringen
-zu können? Jedenfalls steht hier, wie ich schon betont habe, Behauptung
-gegen Behauptung und erst die einzuleitende strenge Untersuchung wird
-ergeben, auf wessen Seite das Recht ist!“
-
-„Beweise! Wo sind die Beweise!“ rief Mark.
-
-„Herr Mark!“ sagte Kolben. „Wir sind nicht taub. Wozu beweisen, was
-schon längst nicht nur mir allein bekannt ist. Ihr wißt es ja alle
-recht gut und freut euch darüber, daß Leibinger für euch die Arbeit
-tut. Ihr wollt den Hellwig los sein. Er ist euch zu groß geworden, drum
-soll er ganz klein werden! So oder so!“
-
-Fritz stand ganz dicht vor den drei Männern.
-
-„Leute!“ bat er mit gefalteten Händen. „Seid aufrichtig! Wenn ihr schon
-etwas gegen mich habt, so hetzt nicht heimlich in so gemeiner Weise
-gegen mich, daß die, denen ihr Führer und Berater sein sollt, das Bad
-aussaufen müssen, sondern habt den Mut, mir’s offen und ehrlich ins
-Gesicht hinein zu sagen!“
-
-Da sprach Anheim mit erhobener Stimme: „Hellwig, es ist durch nichts
-bewiesen, daß sich Leibinger in irgendeiner Weise unkorrekt benommen
-hat. Daran müssen wir festhalten. Daß du nunmehr auch uns in Bausch
-und Bogen verdächtigst, zeigt, wie falsch dein Standpunkt in dieser
-Angelegenheit ist. Deine Mitarbeiterschaft war uns stets wertvoll ...“
-
-„Das heißt, sie ist es gewesen!“ erläuterte Mark.
-
-„Aber,“ fuhr Anheim fort, „aber in letzter Zeit sind Dinge vorgefallen,
-die geeignet sind, dich und deine Stellung zu unserer Sache in einem
-schiefen Licht erscheinen zu lassen. Namentlich als dein Buch
-herausgekommen ist, das du auf den Markt geworfen hast, ohne uns zu
-fragen --“
-
-Da sagte Kolben mit unverhohlenem Spott: „Ich denke, die Herren sind
-entschiedene Gegner der Zensur!“
-
-Steif wehrte der Obmann den Ausfall ab: „Hier liegt der Fall doch
-anders! Ein Parteimitglied schreibt gegen die eigene Partei! So was ist
-noch nicht dagewesen! Ja, Hellwig, dein Werk kommt vielen von uns vor
-wie die Schriften der Jesuiten. Man kann das, was du sagst, so oder so
-deuten.“
-
-„Wasch’ mir den Pelz und mach’ mich nicht naß!“ nickte Mark eifrig.
-
-Jetzt tat der Doktor, was selten bei ihm vorkam, er lachte hell auf:
-„Klarer als Hellwig hat doch nicht so bald einer seine Ansichten
-niedergeschrieben!“
-
-„Das dachten wir im Anfang auch. Als jedoch fast alle Gegner das
-Buch eines ihrer gefürchtetsten Widersacher zu loben anfingen -- von
-_dem_ Lob fällt ein ganz eigentümlicher Widerschein auf die etwas
-krausen Wege des Verfassers. Das wäre der erste Punkt. Zweitens hast
-du, Hellwig, oft und oft scharfe Artikel erprobter Anhänger entweder
-gar nicht oder nur in sehr verwässerter Form in das Parteiblatt
-aufgenommen. Und sonderbarerweise waren das immer Artikel, die gewissen
-geld- oder einflußreichen Leuten auf die Finger klopfen sollten.“
-
-Fritz war einfach sprachlos. Er hatte die schöne Gepflogenheit, jeden
-Aufsatz, der die mangelnde Sachlichkeit durch Schmähungen zu verdecken
-suchte, dem Verfasser zurückzuschicken. Das war alles.
-
-Anheim setzte seine Anklage fort:
-
-„Drittens endlich widerrätst du auch den Streik, von dessen
-Notwendigkeit wir alle überzeugt sind. Kurz und gut: Ich halte es
-entschieden für einen Fehler, der scharfe Mißbilligung verdient, wenn
-sich Leibinger des von Herrn Doktor Kolben behaupteten, aber durch
-nichts bewiesenen Vorgehens gegen dich schuldig gemacht hat. Indes,
-nach dem Vorgesagten, hätte er -- nach meiner Ansicht und nach der
-Ansicht vieler Parteimitglieder -- gegen den Freund Otto Pichlers zwar
-in der Form, kaum aber in der Sache unrecht gehabt. Bedingungslos
-vertrauen können wir dir nicht mehr. Wir haben das übrigens in
-einer vertraulichen Sitzung schon früher festgestellt, und ich bin
-beauftragt, alle diese Dinge beim nächsten Reichsparteitag zur Sprache
-zu bringen. Wenn ich sie dir vorher mitteile, um dir die Rechtfertigung
-zu erleichtern, so erblicke darin einen Beweis, daß wir dich nur ungern
-verlieren würden.“
-
-Fritz war ganz farblos. Aber seine Augen funkelten wie Stahl in der
-Sonne.
-
-„Bist du -- zu -- Ende?“ keuchte er und preßte die Faust gegen die
-Brust, um dem übermächtigen Pochen des Herzens Einhalt zu tun. Anheim
-bejahte mit einem stummen Neigen des kahlen Hauptes. Da warf er den
-Kopf zurück und gewaltsam die Erregung zerdrückend, sprach er erst
-stoßweise und unsicher, dann immer kälter und verächtlicher:
-
-„Der langen Rede kurzer Sinn ist: Ich -- bin von den Geldmännern der
-bürgerlichen Parteien -- bestochen -- käuflich wie eine Marktware.
-Daß ich -- euch nicht zu Gesicht stehe -- wundert mich nicht. Aber
--- daß ihr so jämmerlich seid, daß ihr so erbärmlich niedrig denken
-könnt -- macht das mit euch selber aus. Eins nur noch: Ich bin der
-festen Überzeugung, daß nur der Zufall drei solche Prachtexemplare in
-derselben Parteileitung zusammengeführt hat. Die Partei achte ich nach
-wie vor -- aber betrachtet um euretwillen meinen Austritt mit dieser
-Sekunde als vollzogen ...“
-
-Anheim hatte sich wieder erhoben.
-
-„Wir werden Ihren Entschluß der Partei zur Kenntnis bringen,“ sagte er
-förmlich.
-
-Und als Hellwig bereits die Klinke in der Hand hatte, rief ihm Mark
-noch schadenfroh nach: „Der Streik beginnt natürlich Montag!“
-
-Da wandte er sich und seine Augen lohten.
-
-„Der Streik beginnt _nicht_!“
-
-Mark lachte höhnisch, und Leibinger tat jetzt wieder den Mund auf:
-„Setz’ dich nur aufs hohe Roß, du dunkler Ehrenmann!“ rief er. „Wir
-bringen dich schon herunter!“ Aber Hellwig hatte bereits die Tür hinter
-sich zugemacht.
-
-Im Lesezimmer stand er wie betäubt. Kolben legte ihm die Hand auf den
-Arm: „Nun, Fritz?“
-
-„Laß nur, Albert ... laß!“
-
-Den gläsernen Briefbeschwerer nahm er vom Tisch, hielt ihn gegen das
-Licht, sah hindurch und legte ihn aufs Fensterbrett. Er ließ das
-Gewebe der Stoffvorhänge durch seine Finger gleiten, als wollte er die
-Festigkeit der Fäden prüfen. Er öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus
-und schloß es dann gleich wieder.
-
-Immer heftiger arbeitete es in ihm. Und endlich sank er, der in seiner
-Vertrauensseligkeit Getäuschte, in seiner kinderklaren Arglosigkeit
-Betrogene, sank Fritz Hellwig schwer auf einen Stuhl und legte beide
-Hände vors Gesicht.
-
-„Das arme Volk!“ stöhnte er zu tiefst aus der Brust heraus. „Das arme,
-arme Volk!“
-
-
-10.
-
-Aber er blieb nicht untätig dem Schmerz hingegeben. Am selben
-Nachmittag noch reiste er in den Kohlenbezirk. Pfannschmidt,
-telegraphisch verständigt, erwartete ihn. Noch in der Nacht wurde
-ein Flugblatt fertig. Den nächsten Abend sollte eine Versammlung, am
-Sonntag aber ein Meeting unter freiem Himmel abgehalten werden. Der
-anbrechende Morgen fand Hellwig mitten unter den Bergleuten. Er fuhr
-von Schacht zu Schacht, verständigte die Knappschaften, verteilte die
-Flugblätter.
-
-Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von seiner
-Anwesenheit. In hellen Haufen kamen sie abends in den Versammlungssaal.
-Dort hatten sich auch Anheim und Leibinger eingefunden.
-
-Von stürmischem Jubel begrüßt, trat Hellwig hinter den Rednertisch.
-Es dauerte Minuten, bevor er sich verständlich machen konnte. Dann
-aber wurde es lautlos still. Seine geschulte Rednerstimme war bis in
-den entferntesten Winkel des großen Raumes vernehmbar. Leibingers
-Anhang versuchte wohl anfangs durch Räuspern und Scharren den Redner
-zu stören. Aber Anheim winkte ab. Er hatte sich für das Zuwarten
-entschieden.
-
-Was Hellwig sagte, klang auch gar nicht aufreizend. Nüchtern und
-sachlich gab er seine Gründe gegen den Streik bekannt. Als sie merkten,
-wohinaus er wollte, begannen viele zu murren und dazwischen zu rufen.
-Denn sie hatten sich bereits mit dem Gedanken an den Ausstand vertraut
-gemacht.
-
-Da flammte er auf. Jedes Wort schlug ein. Und es währte nicht zehn
-Minuten, da waren sie wieder in seinem Bann. Aus den geröteten
-Gesichtern, die in gespannter Aufmerksamkeit ihm zugewendet waren, aus
-den glänzenden Augen, die jeden Satz von seinen Lippen vorwegzunehmen
-verlangten, las er die Wirkung, spürte er heraus, daß er wieder Fühlung
-mit ihnen hatte. Und als er sie jetzt zur Entscheidung aufforderte, da
-stimmten unter tosendem Beifall fast alle gegen den Streik.
-
-Im ersten Anlauf hatte er den Kampf bereits so gut wie gewonnen. Nach
-ihm hätte Leibinger zu Wort kommen sollen. Statt seiner stand Anheim
-auf. Ein starres Festhalten am Streik konnte der Partei nur schaden.
-Das sah der Obmann ein und gab seiner Meinung dahin Ausdruck, daß es
-wohl am besten sei, die Entscheidung den Arbeitern zu überlassen. Er
-konnte sich an den Fingern ausrechnen, wie die Entscheidung ausfallen
-mußte. Doch war der Rückzug geschickt in Szene gesetzt, das Ansehen
-der Partei brauchte nicht darunter zu leiden. Von Hellwigs Austritt
-erwähnte der Obmann nichts. Er hoffte, da auch Fritz geschwiegen,
-daß sich die leidige Geschichte vielleicht doch bis nach den Wahlen
-vertuschen oder irgendwie werde beilegen lassen.
-
-Dem Meeting am Sonntag aber schenkte Hellwig ganz reinen Wein ein.
-Schonungslos brachte er alles zur Sprache, was zum Bruch geführt hatte
-und forderte Leibinger auf, sich zu rechtfertigen. Der jedoch wagte es
-nicht. Denn unter den Versammelten waren viele, die seine Ausstreuungen
-mit eigenen Ohren gehört hatten und jetzt durch laute Zurufe
-bestätigten. Er überließ es Anheim, die verlorene Sache zu führen.
-Aber die Leute wollten auch den nicht hören. Sie tobten und schrien,
-schleuderten dem Obmann, der auf der Felsplatte stand, ihre Empörung
-ins Gesicht. Wer seine Stimme für Leibinger erheben wollte, wurde
-niedergebrüllt, mundtot gemacht, mit Püffen und Stößen herumgeschoben,
-bis er still war oder sich entfernte.
-
-Es hätte nur eines Winkes von Hellwig bedurft und die Mehrzahl wäre
-von der Partei abgefallen. Doch das wollte er nicht. Die Kräfte
-durften nicht zersplittert werden, unter dem Gegensatz zwischen
-einzelnen durfte die Gesamtheit nicht leiden. Deswegen beruhigte er
-die Aufgeregten. Man dürfe, sagte er, das Kind nicht mit dem Bad
-ausschütten, weil einer oder der andere sich unwürdig erwiesen habe,
-nicht die Partei verdammen. Es sei ihm nicht leicht geworden, den
-Kampf aufzunehmen. Aber rechtfertigen habe er sich gerade vor ihnen
-wollen und müssen. Und er habe es für seine Pflicht gehalten, sie nach
-Pichler vor Leibinger zu bewahren. Nicht gegen die Partei richte sich
-sein Angriff, denn die Partei sei rein, habe schon Großes erreicht und
-durch feste, lautere Eintracht werde sie alles erreichen. Schließlich
-riet er ihnen, einen bewährten Mann aus ihrer Mitte in den Reichsrat
-zu entsenden und schlug Karl Pfannschmidt vor. Sie aber verlangten
-ungestüm, daß er selbst sich bewerbe. Er weigerte sich. Denn dadurch
-wäre der Zwist erst recht entfacht worden. Solang die jetzige Leitung
-blieb, konnte er nicht mit der Partei gehen. Und gegen sie wollte er
-nicht gehen. Von der Uneinigkeit hätten nur die Gegner Nutzen gezogen.
-Und er sagte ihnen, daß er noch einmal zu ihnen kommen werde, wenn sie
-es forderten. Er wollte ihnen zu besonnener Überlegung Zeit lassen und
-den Ernst ihrer Gesinnung prüfen. Sie jubelten ihm zu, umdrängten und
-begleiteten ihn wie einen Triumphator in die Stadt. Dann reiste er ab.
-
-Und sie -- riefen ihn nicht zurück.
-
-Kaum war er fort, setzte heimlich, aber um so gehässiger die Wühlarbeit
-gegen ihn ein. Seine Feinde waren durch den schnellen, mit gewaltigem
-Ungestüm geführten Angriff überrumpelt worden. Doch da er den Sieg
-nicht ausnützte, fanden sie Zeit, sich zu sammeln. Leibinger zeigte
-sich nicht mehr. Aber seine Kreaturen waren unermüdlich am Werke.
-
-Fortwährend und überall wurde jetzt von Hellwig gesprochen. Aber es
-war nur selten Gutes, was man sich von ihm zu erzählen hatte. Und
-nach manchem Für und Wider, nach halben Andeutungen und vielsagendem
-Schweigen kam man gewöhnlich überein, es sei eigentlich unerfindlich,
-worin sein Verdienst bestehen sollte. Er habe einfach Glück gehabt.
-Der große Erfolg von damals sei nicht auf seine Rechnung zu setzen;
-dazu habe die Katastrophe, die zur rechten Zeit hereinbrach, das meiste
-beigetragen. Die eigentlichen Kämpfer und Sieger seien jedoch die
-Arbeiter gewesen. Die allein haben darunter gelitten, dafür gehungert,
-die volle Schwere des Feldzuges am eigenen Leib verspürt. Hellwig
-habe eigentlich nur zugesehen und geredet. Jetzt aber nehme er die
-Lorbeeren ganz für sich in Anspruch, maße sich das Recht an, andere
-zu hofmeistern, zu beleidigen, als Spielball zu gebrauchen, seine
-Meinungen ihnen aufzuzwingen. Die Freiheit führe er zwar fortwährend
-im Munde, aber gleichzeitig übe er unerhörteste Zwangsherrschaft gegen
-alle, die ihm nicht unbedingte Gefolgschaft leisten, er habe ganz das
-Zeug zum Diktator. Dem müsse vorgebeugt werden. Das Volk müsse selbst
-über sich herrschen, dürfe nach niemandes, auch nicht nach Hellwigs
-Pfeife tanzen.
-
-So wurde geredet, und die bewegliche Menge, seinem persönlichen
-Einfluß entrückt, schenkte diesen Reden gern und willig Gehör. Und da
-Leibinger vorderhand doch nicht gut selbst als Wahlwerber auftreten
-konnte, war das Schlußergebnis, daß Pfannschmidt wieder als Bergmann
-arbeitete, August Mark zum Abgeordneten gewählt wurde und der Streik,
-der förmlich Hellwig zum Trotz doch noch versucht worden war, mit einem
-Mißerfolg endete.
-
-Der Bruch mit der Parteileitung war Hellwig nicht so nah gegangen
-als die Haltung der Bergarbeiter, kurz nachdem sie ihm zugejubelt
-und ihn wie einen Halbgott gefeiert hatten. Doch fand er auch hier
-Entschuldigungsgründe für ihren Wankelmut. Er war auf halbem Wege stehn
-geblieben, hatte den begonnenen Kampf nicht bis zu Ende geführt. Eine
-Hanswurstiade war das gewesen, die Leute hatte er verwirrt, ohne ihnen
-einen Weg aus dem Irrsal zu zeigen, und es war kein Wunder, wenn sie,
-von ihm im Stich gelassen, wieder jenen folgten, an deren Führerschaft
-sie nun einmal schon gewöhnt waren. Nachträglich hatte sein Ausscheiden
-aus der Partei zwar noch einigen Staub aufgewirbelt, wäre es fast zu
-einer Spaltung im geeinigten Lager gekommen. Da er aber nichts von sich
-hören ließ, sich ganz vergrub und verschollen blieb, legte sich die
-Aufregung, es wurde stiller, und man vergaß ihn allmählich.
-
-Und er wühlte sich immer tiefer in seine Arbeiten hinein, studierte,
-las und schrieb die Tage und die halben Nächte durch. Denn er war
-jetzt ausschließlich auf die unsicheren Einkünfte angewiesen, die er
-von den Zeitschriften für Beiträge gezahlt erhielt. Und da sparte er
-und knauserte und versagte sich sogar die gewohnten Zigarren, immer in
-Sorge, daß er einmal nicht genug verdienen und gezwungen sein könnte,
-die Mitgift seiner Frau anzugreifen.
-
-Und Eva sollte Mutter werden.
-
-
-11.
-
-Da ließ sich eines Tages Leo Reinholt bei ihm anmelden. Der besaß außer
-einem großen Vermögen im Ostwinkel des Reiches eine Tuchfabrik mit
-Spinnereien, Webereien, Färbereien und allem, was dazu gehörte. Die
-Wohnungen, die er dort seinen Bediensteten aufgebaut, waren musterhaft,
-und die Wohlfahrtseinrichtungen, die er sonst noch geschaffen, hatten
-seinerzeit viel von sich reden gemacht. Der also ließ sich eines Tages
-bei Hellwig anmelden.
-
-Fritz empfing ihn sehr zurückhaltend. „Was verschafft mir die Ehre?“
-fragte er steif und wies auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.
-„Wollen Sie Platz nehmen?“
-
-Ungezwungen kam der Fabrikant der Einladung nach. Er war beinahe ebenso
-groß, aber schmächtiger als Hellwig, hatte auffallend kleine Hände und
-blickte aus hellen braunen Augen treuherzig in die Welt. Im dunklen
-Haarschopf leuchtete das Weiß einer werdenden Glatze.
-
-„Haben Sie eine Viertelstunde Zeit für mich?“ fragte er, indem er sich
-setzte.
-
-„Da müßte ich wohl zuvor wissen, um was es sich handelt.“
-
-„Das läßt sich nicht so einfach sagen ... Sie sind gegenwärtig ohne
-feste Stellung?“
-
-„Über meine Privatverhältnisse glaube ich Ihnen keine Rechenschaft
-schuldig zu sein.“
-
-Der andere lächelte leicht: „Gewiß nicht!“ Und immer nur wie ganz
-beiläufig und nebenbei fuhr er fort: „Ja, also, wie soll ich Ihnen das
-auseinandersetzen? -- Ich habe mich eingehend mit Ihrem Buch befaßt,
-sehr eingehend, ja. Und, also, die Vorschläge, die Sie machen, die
-scheinen mir durchführbar und, was die Hauptsache ist, rentabel. Ja,
-also -- kurz und gut, ich beabsichtige meine Fabrik danach einzurichten
-und, ja -- wenn Sie wollen -- Sie könnten mir dabei helfen.“
-
-Fritz sprang auf. Mit einem jähen, ungestümen Satz.
-
-„Ist das Ihr Ernst?“
-
-„Wäre ich sonst hier?“ Der Fabrikant zündete sich eine Zigarre an. „Sie
-erlauben doch? -- Darf ich vielleicht aufwarten?“ Er hielt Hellwig die
-Ledertasche hin. Der beachtete es gar nicht. Mit langen Schritten lief
-er durchs Zimmer. Dann machte er wieder vor dem Besucher halt, schaute
-ihn zweifelnd an: „Ja -- aber -- wieso ...? Ich weiß nicht, was Sie
-veranlassen könnte ... Scherzen Sie denn wirklich nicht?“
-
-Reinholt blies den grauen Rauch in die Luft. „Warum wundert Sie das
-eigentlich? Ich sage ja, ich halte die Geschichte für rentabel.
-Für mich ist das ein Geschäft wie jedes andere, eine Spekulation
-meinetwegen, die glücken oder fehlschlagen kann. Das weiß ich vorläufig
-noch nicht. Glückt sie, ist’s gut. Wenn nicht, hab’ ich mich eben
-verrechnet und muß die Folgen tragen.“
-
-Er sagte das alles im trockensten Geschäftston. Und doch war im Grunde
-seiner braven Augen etwas, das zu dieser kaufmännischen Sachlichkeit
-nicht stimmte. Etwas Warmes, nur gedämpft wie hinter Schleiern
-Leuchtendes, -- Güte, die nicht erkannt sein wollte.
-
-Fritz hatte seine Wanderung durch das Zimmer wieder aufgenommen. Die
-Arme auf dem Rücken verschränkt, schritt er ruhlos auf und ab und
-schaute zur Decke, als ob er von dort etwas herablesen wollte. Dann
-wieder blieb er stehen, schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen wie
-im Selbstgespräch. Reinholt beobachtete ihn eine gute Weile. Endlich
-rief er ihn an: „Herr Hellwig ...“
-
-Da schrak er aus seiner Versunkenheit auf: „Ja?“ und schaute den
-Fabrikanten fremd an.
-
-„Wir wollen die Sache nicht überstürzen, Herr Hellwig. Es hat ja Zeit.
-Ich mute Ihnen keine sofortige Entscheidung zu. Nur einige Aufklärungen
-möchte ich Ihnen noch geben, dann überlegen Sie sich’s und lassen mich,
-sagen wir in vier Wochen, Ihren Entschluß wissen. So lang bleibe ich
-Ihnen im Wort.“
-
-Das klang wieder sehr nüchtern und vernünftig. Und diese kühle Art
-ließ auch Fritz ruhiger werden; aufmerksam hörte er zu, wie jetzt der
-Fabrikant in großen Umrissen seinen Plan entwickelte.
-
-Als er gegangen war, blieb Hellwig noch lang unbeweglich vor dem
-Schreibtisch sitzen. Da hatte ihm einer die Möglichkeit gezeigt, wie
-er sein Lebenswerk erfüllen konnte. Und es war ihm, als ob er in eine
-ungeheure Helligkeit schaute, die ihn blendete und alle Gegenstände
-überstrahlte, so daß nichts anderes zu sehen war als Licht und Licht.
-So -- wie man die Möven nicht sieht, die Barken nicht und nicht die
-Schiffe, wenn die Sonne auf den See scheint und seine Fläche zum
-Spiegel macht. Und man weiß doch ganz sicher, daß dort klares Wasser
-ist und freut sich und kann es nicht erwarten, bis man die Kleider vom
-Leib ziehen und in dem kühlen Silber untertauchen kann.
-
-Da tat sich die Tür auf und Eva kam herein, sacht, schüchtern, mit dem
-aufrechten Königinnengang des tragenden Weibes. Nun sprang er empor,
-hob die Arme seitwärts und aufwärts, mit einer so ungestümen, frohen
-und leidenschaftlichen Bewegung, als wollte er eine Welt umspannen.
-
-„Eva ...“ stammelte er. „Eva ...“
-
-Eine Sekunde nur schaute sie ihn befremdet an und wunderte sich
-über den Glanz in seinen Augen. Dann wußte sie, daß eine Wendung
-eingetreten, daß ein großes Glück für ihn im Anzug sei. Mit
-ausgestreckten Händen trat sie auf ihn zu: „Fritz ... Ist’s jetzt
-wieder gut, Fritz?“
-
-„Ja!“
-
-Und nun erzählte er es ihr. Aber während er redete, verlor sich
-mehr und mehr die beschwingte Zuversicht der ersten Freude. Er
-begann von den Hindernissen zu sprechen, die zu beseitigen, von den
-Schwierigkeiten, die zu überwinden waren. Die Skrupel kamen, aus Licht
-wurde Schatten und keins der Bedenken, die ihm aufstiegen, verhehlte
-er ihr. Nach Reinholts Schilderung lag die Industrie in jenem Lande
-zwar sehr im argen, aber gerade in der Gegend, wo auch sein Unternehmen
-stand, waren noch einige kleinere Spinnereien und Webfabriken, die
-insgesamt kaum zweitausend Leute beschäftigten. Doch diese gehörten
-fast ausnahmslos zu jener Partei, die gegen Hellwig als Abtrünnigen den
-Bannfluch geschleudert hatte.
-
-Für den Anfang, zu diesem Schluß kam er endlich, für den Anfang werde
-sich wohl eine Trennung nicht vermeiden lassen. Erst wenn der ärgste
-Wirrwarr vorüber, die neue Ordnung einigermaßen befestigt sei und sich
-eingelebt habe, werde ihm Eva folgen können.
-
-Sie hörte es und wurde blaß. „Und das Kind?“ fragte sie tonlos.
-
-Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort. Er fühlte ein Würgen in
-der Kehle. Aber sie sollte, sie durfte nicht merken, wie nah es ihm
-ging. „Ich werde euch unterdessen nach Neuberg bringen,“ sagte er. Da
-ließ sie traurig den Kopf sinken und sprach kein Wort mehr.
-
-
-12.
-
-Hellwig nahm das Anerbieten Reinholts an. Der Entschluß war ihm nicht
-leicht geworden. Erst als er ganz mit sich im reinen war, sagte er ja.
-Aber nun er sich einmal entschieden hatte, glaubte er um so sicherer
-an den Erfolg. Verläßliche Leute wurden angeworben, die eine Art
-Kerntruppe für das neue Unternehmen abgeben sollten. Pfannschmidt war
-darunter, der alte Kesselwärter Bogner, auch einer von den Brüdern Otto
-Pichlers. Die reisten mit Reinholt gleich ab. Hellwig wollte noch die
-Entbindung Evas abwarten.
-
-Und Evas schwere Stunde kam. Die Geburt währte lang, ein Arzt mußte
-gerufen werden. Fritz war im Zimmer daneben. Die Tür war angelehnt,
-aber hinein ging er nicht. Auf daß sie später einmal sich nicht
-doch vielleicht irgendwie vor ihm schäme, weil seine Augen ihre
-allerhilfloseste Menschlichkeit gesehen. Er hörte das kalte Klirren der
-Instrumente, die gedämpften Anordnungen des Arztes, das leise Stöhnen
-seines Weibes. Und er wußte nicht, wie es stand. Die Ungewißheit
-marterte ihn, die Angst und das Bewußtsein seiner Ohnmacht. Daß
-er so dastehen mußte und ein Liebes leiden lassen mußte und nicht
-helfen konnte. Und mit einemmal überkam es ihn und zwang ihn, in
-seinem Herzen zu wühlen, die verborgensten Falten zu durchwühlen, ob
-nicht doch vielleicht irgendwo ein Fetzen vom verlorenen Gottglauben
-zurückgeblieben, an den er sich klammern, den er umkrallen könnte
-wie der jämmerlichste Betbruder den Rosenkranz. Aber er fand nichts.
-Wie ein gefangenes Tier im Käfig rannte er ohne Pausen um den Tisch,
-den Kopf nach vorn geduckt, die Augen starr, mit steif gestrafften
-Armen und geballten Fäusten. Und empfand seine Ohnmacht und spürte
-den Widersinn, daß Leben unter entsetzlichen Qualen vom Leben sich
-losreißen muß, und hörte die Ketten klirren und die Peitsche sausen.
-
-Und dann war drinnen ein weherer Ton. Und dann -- der erste Schrei
-seines Kindes. Da wurde er totenblaß -- und seine Arme hoben sich
-langsam und breiteten sich aus und ein zitterndes Schluchzen kam ganz
-von tief aus seiner Brust. Und er ging in die Küche, wo weinend die
-Magd saß. „Marie ... es ... es schreit schon,“ sagte er fremd, mit
-weicher, bebender Stimme -- und schritt wieder wie im Traum in das
-Zimmer zurück und stand und horchte.
-
-Mittag war nahe. Um die halbentlaubten Bäume im herbstlichen Garten
-floß der Sonnenschein, blau funkelte der Himmel durch die offenen
-Fenster, und warme weiche Luft drang herein. Und im nahen Kirchturm
-begannen alle Glocken auf einmal zu läuten. Und die Glocken läuteten
-und läuteten, und das Kind schrie und schrie und überschrie das
-Geläute, heller, freudiger, lebenswilliger -- er war noch nie vorher so
-fromm gewesen wie in dieser Stunde. --
-
-Noch ein anderer hatte mit Fritz gebangt und gelitten. Doktor Kolben,
-der jetzt den Arzt hatte weggehen sehen und heraufkam, nur bis in
-das Vorzimmer, und sich erkundigte. Und als er hörte, daß ein Junge
-angekommen sei, da lachte er über das ganze Gesicht und lief wieder
-fort. Und schon nach einer kleinen Weile kam er noch einmal und brachte
-einen großen Strauß blühender Rosen für die junge Mutter. So viele
-ihrer der Gärtner gehabt hatte, so viele hatte er hergeben müssen.
-
-Den nächsten Tag kam Frau Wart von Neuberg hergereist und im geruhigen
-Lauf der Stunden fügte sich mählich alles in die neue, von dem
-jungen Menschlein beherrschte Ordnung. Aber Fritz schwankte wieder
-und zauderte und verschob seine Abreise Woche um Woche. Es war ihm,
-als hätte er Eva zum andernmal gewonnen. Und während sie sich langsam
-wieder aufrichtete, entfaltete sich neben ihr noch ein zweites, ein
-neues Menschenleben, das ihr und ihm gehörte und doch wieder nicht
-gehörte, das hilflos in ihre reifen Hände gegeben war, daß sie es
-formten und sicher einfügten in das rollende Räderwerk der Gegenwart.
-Und es würde forttreiben und ein Teilchen ihres Wesens mit hinüber
-tragen in eine Zukunft, die nicht mehr die ihre war. Er konnte lang und
-immer wieder vor dem weißen Schlafkörbchen seines Buben stehen und den
-Rätseln des Lebens nachsinnen, indes der Säugling ruhig atmend schlief,
-mit kaum beflaumtem Kopf und einem blassen Gesicht, das ohne Bewegung
-war, leidenschaftslos und ohne Arg wie die glatte Meeresfläche -- und
-doch birgt sie ungezählte wunderbare Möglichkeiten, schöne und wilde,
-furchtbare und sanfte, unter ihrem harmlosen Frieden.
-
-Und die Trennung wurde ihm schwer. Schon erwog er den Gedanken, Weib
-und Kind gleich mit sich zu nehmen. Er schrieb auch an Reinholt
-deswegen. Doch der riet ihm ab. Die Lage sei so einfach nicht, die
-Gegend außerdem öd, die Lebensmittel, und namentlich eine keimfreie
-Milch, nur sehr schwierig zu beschaffen. Denn die nächste größere
-Stadt sei viele Meilen weit entfernt und eine sanitätspolizeiliche
-Überwachung gebe es so gut wie gar nicht. Es sei schon besser, wenn
-sich Fritz die Sache vorerst ansehe und sich einlebe.
-
-Er las das Schreiben und spürte heraus, daß ihm nicht alles gesagt
-wurde. Und der Zwiespalt in ihm wurde immer größer. Es drängte und
-zog und trieb ihn nach dem Ort, wo seine Gedanken Tat werden sollten
--- und hielt ihn doch mit tausend Fäden fest in seinem Heim. Kolben
-merkte gut, wie es um ihn stand. Doch er redete da nichts hinein, riet
-nicht ab und stimmte nicht zu. In Eva aber war die Mutterzärtlichkeit
-aufgeweckt und die Liebe zum Kinde ließ sie alles andere als unwichtig
-hintansetzen. Und wenn sie ihn vordem eher aufgemuntert und sich
-gefreut hatte, weil sie ihn fröhlich sah, so bat sie ihn jetzt, daß er
-bei ihr bleibe oder sich gedulde, wenigstens ein Jahr noch, bis das
-Kleine stärker und widerstandsfähiger geworden und eine Übersiedelung
-leichter zu bewerkstelligen wäre. Und fast hätte sie ihn umgestimmt,
-und schon wollte er Reinholt bitten, ihn seines Versprechens zu
-entbinden, obwohl der Fabrikant bereits alle Vorbereitungen traf,
-Zubauten aufführte, Leute aufnahm, Ungeeignete fortschickte und nur
-die Ankunft Hellwigs abwartete, um mit der Einrichtung des neuartigen
-Betriebes ungesäumt zu beginnen. Eine Absage im letzten Augenblick
-mußte ihm einen empfindlichen Schaden bringen, das wußte Fritz. Und
-seine Nächte wurden schlaflos und unstet wieder seine Tage, er kämpfte
-schwer und konnte und konnte sich nicht entscheiden.
-
-Und da war es wieder jene Frau, der er schon so vieles zu danken
-hatte, die ihm mit behutsamen Händen die Hindernisse wegräumte und das
-sichere Vertrauen wiedergab, Frau Hedwig, seine zweite Mutter, wie
-er sie einst genannt hatte. Sie wollte verhüten, daß er sich gegen
-Reinholt entscheide. Denn das hätte niemandem gefrommt. Ihm nicht,
-weil ihn später ganz gewiß der Gedanke gepackt und gequält und nicht
-mehr losgelassen hätte, daß er die Gelegenheit, sein vermeintliches
-Lebenswerk zu vollenden, nutzlos habe vorübergehen lassen. Und den
-Seinen nicht, weil sie sich später selbst den Vorwurf nicht erspart
-hätten, daß sie ihn elend gemacht und schuld an seinem Leiden hätten.
-Deswegen suchte sie mit behutsamem Takt, ohne daß er es merkte, seinen
-Entschluß zugunsten Reinholts zu beeinflussen. Und sie tat es um so
-beruhigter, da für Eva mit ihrem Buben bei den Großeltern in Neuberg
-eine sonnige Zuflucht bereit stand.
-
-„Wann wirst du denn abreisen?“ fragte sie ihn einmal und sie fragte,
-als ob alles glatt und seine Abreise eine selbstverständliche und von
-allen erwartete Sache sei.
-
-„Das hat noch gute Wege!“ erwiderte er unwirsch.
-
-Sie tat erstaunt: „Gute Wege? Ich hab’ gedacht, sie brauchen dich schon
-sehr notwendig.“ Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und
-gab keine Antwort. Da trat sie ganz nah zu ihm und sagte ganz leise,
-mit großer Überwindung: „Fritz -- es ist vielleicht doch besser, weißt
-du ... damit ... unser Heinz -- er hat Ähnliches gewollt, Fritz ...“
-
-Mit einem Satz stand er auf den Füßen, hatte die Hand im Ausschnitt
-der Weste verkrampft und atmete heftig. Aber kein Wort kam über seine
-Lippen. Ihre Bewegung niederkämpfend, fuhr sie tapfer fort: „Du hast
-ihm ja auch dein Buch zugeeignet -- und was da jetzt ins Leben treten
-soll -- es wäre die Vollendung dazu ...“
-
-Noch immer gab er keine Antwort. Und noch, als sie sich langsam wandte
-und aus dem Zimmer ging, stand er wie ein steinernes Bild und hielt sie
-nicht zurück. Aber ihre Worte wirkten nach. Ein ehrendes Totenmal hatte
-er dem Freund errichten wollen, dem flammend in den Tod gegangenen
-Freund ... Und da, nach Tagen und Nächten schweren Ringens fiel es mit
-einemmal auf ihn: Wenn -- alles so bleibt und das Suchen nicht aufhört
--- und dein Junge später einmal -- er ist ja eines Blutes mit dem
-Toten und mit dir -- es könnte mit ihm gerade so werden später einmal.
-Darum -- tu’s! pack’ zu! versuch’, ob du’s zwingen kannst! -- Wirb um
-die heutigen Herren und erobere sie durch eine unwiderlegliche große
-Tat! -- Damit dein Bub nachher ruhig weiter bauen kann -- und vorwärts
-kommen kann zu den Quellen des Menschentums, ohne im vorgelagerten
-Sumpf stecken zu bleiben -- und darin zu ersticken, wie Heinz -- und
-beinahe du selbst ...
-
-Und er entschied sich für Reinholt. Und je länger er bisher gezaudert
-hatte, je hastiger betrieb er jetzt die Reise. Eva sollte unterdessen
-nach Neuberg, bis er sie in einiger Zeit werde zu sich holen können.
-Aber sie wollte nicht nach Neuberg. Sie fürchtete sich vor den Leuten.
-„Er hat sie sitzen lassen, na ja, das hat ein Blinder voraussehen
-können!“ So würden sie reden und sich anstoßen und ihr nachschauen und
-sich teilnehmend und mitleidig und hämisch nach dem Vater des Kindes
-erkundigen. Und auch ihr Vater würde nicht anders denken. „Es hat so
-kommen müssen, Mutter. Er und Heinz, die zwei haben ja nie ein Herz für
-ihre Familie gehabt!“ Deutlich glaubte sie zu hören, wie er das sagte.
-Und ganz im letzten Winkel ihres Herzens regte sich etwas wie eine
-vage, dumpfe Ahnung, daß Fritz einst wiederkehren würde -- und nicht
-als Sieger. Und daß er dann sein Heim so wieder finden müßte, wie er
-es verlassen. Weit schob sie den Gedanken von sich, aber er ließ sich
-nicht bannen und so sehr sie sich mühte, an Hellwigs Erfolg zu glauben,
-ganz leise und ganz heimlich zweifelte sie doch daran. Deswegen war sie
-taub für das Zureden der Mutter und hörte nicht auf Fritz. Sie wolle
-vorläufig alles unverändert beim alten lassen, bis er einen Überblick
-haben und ihr wenigstens annähernd werde sagen können, wie lang die
-Trennung notwendig sei. Dann wolle sie sich’s erst zurechtlegen. Dabei
-blieb es. Und als Fritz abgereist war und bald darauf auch Frau Hedwig
-nach Neuberg zurück mußte, da hatte Eva in der großen Stadt keinen
-Einzigen, an den sie sich wenden konnte, als den Doktor Albert Kolben.
-
-
-
-
-Fünftes Buch
-
-
-1.
-
-In einer weiten Ebene, zwischen Buchenbeständen und buschigem
-Wiesenland, lag das große Unternehmen Leo Reinholts. Die Eisenbahn
-führte vorüber, ein paar Dörfer waren in der Nähe, die sich mit
-verstreut in großen Zwischenräumen stehenden Häusern stundenweit
-hinzogen. Und dazwischen waren längs der Bahn noch ein paar kleinere
-Fabriken, Gründungen findiger Konkurrenten, die aber nicht recht
-emporkommen wollten und zum Gedeihen zu schwach, zum Eingehen zu
-jung, in kümmerlicher Unzulänglichkeit sich fortfretteten. Die
-Einheimischen aber, zumeist Ruthenen und schlaue Polen, haßten die
-Schornsteine und die roten Ziegeldächer der Fabriken. Denn die hatten
-ihnen die beschauliche Ruhe gestört, die mit schlechtestem Branntwein
-zufriedene Bedürfnislosigkeit abgewöhnt und die Löhne verteuert durch
-einen Schwarm fremdsprachiger Arbeiter, die noch obendrein wegen
-ihrer Wissenschaft des Lesens und Schreibens und wegen ihrer größeren
-Weltkenntnis auf das Bauernvolk herabschauten, sich besser dünkten
-und die Herren spielen wollten. So waren die Klassenunterschiede
-schärfer als sonstwo ausgeprägt und drängten die Arbeiter der einzelnen
-Betriebe stärker als sonstwo zum Zusammenschluß. Ein ganz leidliches
-Einvernehmen hatte bisher unter ihnen geherrscht, und fast ohne
-Ausnahme waren sie Sozialdemokraten. Da kam nun plötzlich Reinholt und
-forderte von seinen Leuten, daß sie es nicht mehr seien. Und wer sich
-nicht darein schicken wollte, bekam seinen Abschied. Er hielt strenge
-Musterung, mußte sie auch halten, denn für sein Experiment -- nichts
-anderes war es -- brauchte er ganz zuverlässige Leute.
-
-So entstand eine Spaltung. Da kam Hellwig und richtete das neue
-Unternehmen ein. Wie der Haushalt einer einzigen Familie wurde das.
-Eine große Küche war da, mit Dampfheizung und papinischen Kesseln,
-dort wurde für alle auf einmal gekocht. Reine und luftige Speisehallen
-gab es, eine Bücherei mit weiten Leseräumen, einige Spielzimmer, auch
-ein Theater und einen Tanzsaal. Ein Krankenhaus, eine Schule und ein
-Altersheim wurden gebaut, im Park waren Tummelplätze für die Kinder
-und Erholungsstätten für die Erwachsenen, Bäder und Turnsäle fehlten
-nicht. Die Frauen sollten beim Kochen helfen, die Wäsche besorgen, im
-Gemüse- und Obstgarten arbeiten oder die Kinder beaufsichtigen, wie sie
-es lieber wollten, und wenn es ihnen gefiel, konnten sie jede Woche in
-diesen Beschäftigungen wechseln. Die Lohnzahlung wurde abgeschafft.
-Jeder war am Gewinn beteiligt. Nach einem einfachen Schlüssel unter
-Berücksichtigung der Arbeitsleistung und der Kopfzahl einer Familie
-wurden die Anteile ermittelt, die jeder zu dem gemeinschaftlichen
-Haushalt beizutragen hatte. Der Überschuß wurde bar herausbezahlt oder
-gutgeschrieben, wie es jeder lieber mochte. Für alle Bedürfnisse war
-gesorgt. In der Schneiderei konnten sich alle die Kleider anfertigen
-und flicken lassen, eine Schusterwerkstatt war da und ein gemeinsames
-Bestellbureau für alle Dinge des täglichen Bedarfs. So waren sie ganz
-unabhängig, waren ein Gemeinwesen für sich und brauchten keine fremde
-Vermittlung.
-
-Fritz aber war für sie bald das treibende Rad des Ganzen. Zu ihm kamen
-sie mit ihren Anliegen und Wünschen, und wenn sie untereinander Streit
-hatten, fügten sie sich seinem Schiedsspruch. Und da er mit ganzem
-Herzen bei der Sache war, gewann er auch ihre Herzen. Das wußte er
-nicht, aber es war so. Manche bewunderten, die meisten liebten und nur
-ganz wenige fürchteten ihn. Alle aber standen unter dem zwingenden
-Bann seiner prachtvollen Aufrichtigkeit, fühlten heraus, daß er
-bedingungslos auf ihrer Seite stand. Niemanden ließ er gleichgültig.
-Zu seiner vollwertigen Persönlichkeit mußte jeder Stellung nehmen, und
-die Mehrzahl gab sich vollständig in seine Leitung. Ihn nannten sie
-‚Meister‘, wie er selbst es ihnen vorgeschlagen hatte, während Reinholt
-nach wie vor der ‚Herr‘ blieb. Doch waren sie auch ihm zugetan und
-rühmten ihm strenge, aber unparteiische Gerechtigkeit nach.
-
-Bevor das alles auch nur halbwegs ins Gleis kam, waren viele Monate
-vergangen. Welche Unsumme von Plage und Mühsal und Sorge für Hellwig
-damit verknüpft gewesen, wußte außer Eva vielleicht niemand so recht.
-Anfangs kannte er freilich weder Müdigkeit noch Abspannung, war ihm
-die Arbeit nur wie ein Fest. Aber Monat um Monat verrann, und die
-Schwierigkeiten wollten nicht aufhören. Immer wieder fand sich etwas,
-das geordnet, unschädlich gemacht, ausgetilgt werden mußte. Bald waren
-es geheime Machenschaften, bald offene Widersetzlichkeit, Zwist und
-Streit. Kaum ein Tag verging, an dem Hellwig nicht einen Schiedsspruch
-zu fällen, als Friedensstifter zu walten hatte. Sooft er dachte,
-jetzt und jetzt werde er Eva holen können, immer kam etwas verquer.
-Anfangs waren es die Zustände im jungen Unternehmen selbst, die seine
-Wachsamkeit forderten. Dann aber setzten die Feindseligkeiten der
-Gegner ein. Der Verlust von nahezu tausend Genossen traf die Partei
-hart. Und daß es gerade Fritz Hellwig war, der ihnen diesen Verlust
-zugefügt, war nur ein Grund mehr zur erbittertsten Fehde. Da wurde
-geschürt, gehetzt, auf jede Weise versucht, die Leute unzufrieden zu
-machen und aufzureizen. Ohne Erfolg. Wer sich nicht fügen wollte,
-konnte anderswo sein Brot suchen. Eisern hielt Fritz die Ordnung
-aufrecht. So gütig und umgänglich er sonst war: wenn eine Satzung
-übertreten wurde, kannte er keine Nachsicht. Das hatten sie bald heraus
-und liebten auch diese Strenge. Er gab ihnen viel und hätte auch viel
-fordern können. Um so begreiflicher fanden sie es, daß er das wenige,
-das er wirklich forderte, auch durchsetzte.
-
-Da traten die Gegner aus ihrer Zurückhaltung, riefen offen zum
-Kampf gegen den Augenauswischer, den Volksbetrüger, Verräter und
-Zwietrachtsäer, der sich in Menschlichkeit wie ein Frosch blähe
-und lediglich den eigenen Bauch mit dem blutigen Schweiß der Armen
-fülle. So stand es in ihren Zeitungen, und das waren noch die besten
-Vergleiche. Ein besonders Eifriger aber behauptete, daß Hellwig wie
-eine Trichine im gesunden Fleisch der Partei sitze und es infiziere,
-während er sich fett mäste. Leibinger leitete den Feldzug. In ihm
-war die erlittene Kränkung noch lebendig und heiß wie am ersten Tag,
-und sein Ehrgeiz knüpfte an einen Sieg über den mächtigen Feind
-die schönsten Erwartungen. Unter Hochdruck arbeitete er. In allen
-Zeitungen, in ungezählten Versammlungen predigte er den Kampf gegen den
-einstigen Genossen und seinen Anhang. Renegaten und Schufte ohne jeden
-Gemeinsinn wurden sie genannt, niedrige Bedientenseelen, die vor dem
-Geldsack auf dem Bauch lägen und sich an Bettelsuppen gütlich täten,
-armselige Heloten, die jedes Gefühl für Freiheit und Manneswürde
-verloren hätten.
-
-Und die Arbeiter der benachbarten Betriebe, scheelsüchtig gemacht,
-neideten Reinholts Leuten das bessere Los. Sie spuckten aus, wenn sie
-einen trafen und riefen ihm wohl auch „Kommuner Hellwigianer!“ zu,
-was ein Witz sein sollte und eine verächtliche Anspielung auf die
-kommunistischen Einrichtungen.
-
-Die kommunen Hellwigianer aber ließen sich darob die Haare nicht grau
-werden. Mancher Heißsporn verbat sich vielleicht die Beleidigungen und
-kam mit blutigem Schädel heim, die meisten aber lachten oder zuckten
-die Achseln, wenn sie beschimpft wurden, und das trieb die Gegner in
-eine immer heftigere Erbitterung. Aber auch die Fabriksbesitzer nahmen
-mit der Zeit gegen das aufblühende neuartige Unternehmen Stellung,
-weil sie sich dem scharfen Wettbewerb nicht gewachsen fühlten. Denn da
-alle Arbeiter am Gewinn beteiligt waren, bemühten sie sich zu eigenem
-Vorteil, nur gute Ware herzustellen, so daß die Reinholtsche Marke
-bald gesucht war und die Nachfrage stärker als das Angebot. Und da
-auch das Bauernvolk in seiner alten Abneigung verharrte, stand Hellwig
-mit den Seinen ganz vereinsamt und auf sich selbst angewiesen mitten
-unter Widersachern, Neidern und Feinden. Da setzte er erst recht seinen
-Neuberger Schädel auf: Durch müssen wir! Und wenn sich alle auf den
-Kopf stellen!
-
-Der Glaube an sein Werk verzehnfachte seine Kräfte. Und seine warme
-Begeisterung griff auf alle über. Gemeinsame Not schweißte sie ganz
-fest zusammen. Die Zwistigkeiten im eigenen Lager hörten auf, immer
-seltener wurde er als Schiedsrichter angerufen. Der Trotz und das
-Gefühl, daß ihnen unrecht getan werde, spornte alle zu erhöhter
-Leistung. Draußen schrien sie, hetzten und wühlten. Reinholts Fabrik
-aber stand da, geschäftigen Lebens voll, die Räder surrten, die
-Webstühle klapperten, die Schiffchen flogen fröhlich. Zu einträchtigem
-Tun regten sich die emsigen Hände, und auf allen Gesichtern sonnte sich
-das Behagen am Gedeihen des Unternehmens, das allen ans Herz wuchs,
-weil es allen gehörte.
-
-
-2.
-
-Und im Fabrikspark, auf den Spielplätzen, unter der Hut der alten
-Bäume, drängte sich tagsüber das junge Volk der Kinder, saßen nach
-getaner Arbeit zufriedene Menschen, schwatzten, sangen oder hörten dem
-Meister Hellwig zu, der an schönen Abenden im Garten von einem Podium
-herab über alle möglichen interessanten und wissenswerten Dinge zu
-sprechen oder aus guten Büchern vorzulesen pflegte. Ganz zwanglos, wie
-eine gelegentliche Zusammenkunft gleichgesinnter Freunde war das, und
-viel guten Samen streute er in empfängliche Seelen.
-
-Anfänglich war die Zahl der Teilnehmer nur gering, weil viele, an das
-neue Leben noch nicht gewöhnt, lieber in den Billardsälen oder beim
-Kartenspiel ihre Erholung suchten. Mit der Zeit aber stellten sich
-immer mehr ein, hörten zu und beteiligten sich mit Fragen und Einwänden
-an den Debatten, fanden Gefallen daran und zogen dieses Turnier bald
-jeder andern Unterhaltung vor.
-
-Einer, der niemals fehlte, war der alte Kesselwärter Bogner, der seinem
-Meister Hellwig treu ergeben war und immer wieder versicherte, daß er
-ein so schönes Leben auf seine alten Tage nicht einmal im Traum erhofft
-hätte. Er überwachte seine Kessel und formte feine Blütenzweige, die
-er schön bemalt in seiner Stube aufstapelte oder Personen, denen er
-wohlwollte, als Angebinde verehrte. Für Hellwig aber tat er etwas ganz
-Besonderes: Er modellierte und goß aus Bronze die Büste des Meisters.
-Zwar geriet die Nase ein bißchen schief, und die Wangen hatten
-Blatternarben, aber am Sockel stand in großen Buchstaben ‚Friedrich
-Hellwig‘, und so wußte jeder, wen das Werk darstellte. Und die Mängel,
-die waren nach den Versicherungen des Schöpfers nur durch den elenden
-Gips und durch das schlechte Gußmetall verschuldet. Jetzt stand das
-Bildwerk im Lesesaal, und bei der Aufstellung hatte es einen grünen
-Reisigkranz getragen, mit einer roten Schleife, und Reinholt hatte eine
-Rede gehalten, die war sehr erbaulich und dem Kesselwärter wurde ganz
-rührselig. Aber er lachte doch und strahlte im faltigen Gesicht, denn
-Adam Pichler, ein jüngerer Bruder Ottos, stand neben ihm und sagte ihm
-ins Ohr, daß so eine Büste eigentlich in eine Ausstellung gehörte und
-sicher einen Preis bekommen würde.
-
-Adam verkehrte überhaupt viel mit dem alten Bogner und ging auch
-regelmäßig zu den Abendvorlesungen. Er tat das aus Neigung. Aber es war
-nicht so sehr die Neigung zur Wissenschaft, als vielmehr die Neigung
-zur Anna Bogner. Die Anna war ernster geworden, der Frohsinn, das
-Lachen und aller Übermut ihrer Jugend klang in der Erinnerung an die
-erste Enttäuschung nur mehr wie auf einer abgedämpften Geigenseite.
-
-Adam aber begehrte sie zum Weib. Da hatte sie ihm ganz aufrichtig
-gesagt, wie es um sie stand und daß sie einst mit seinem Bruder Otto
-ein Verhältnis gehabt. Der blonde Mensch mit den stillen Augen und den
-groben Händen hatte schweigend zugehört und darnach ein paar Tage nicht
-mit ihr geredet, bis er alles in sich verarbeitet hatte. Dann aber war
-er zu ihr gegangen, die in heimlicher Pein verstohlen aus der Ferne
-nach ihm sah. Denn sie hatte ihn lieb gewonnen.
-
-„Anna,“ hatte er gesagt, „es ist schon in Ordnung mit uns.“
-
-Da war sie zusammengefahren, hatte ihm ungläubig ins Gesicht gestarrt
-und nur gefragt: „Trotzdem?“
-
-„Trotzdem, Anna, weil -- es muß doch ausgeglichen werden ...“
-
-Er hatte den Arm um sie legen wollen. Doch sie war hastig einen Schritt
-zurückgetreten.
-
-„Wenn’s nur deswegen sein soll ... bleibt’s schon besser so, wie’s ist,
-Adam. Ich müßt’ mich ja schämen.“
-
-„Nein, Anna, das mußt du schon nicht. Tät ich’s denn, wenn ich dich --
-nicht auch gern hätt’, Anna?“
-
-Er war wieder ganz nahe bei ihr und streichelte mit den harten Fingern
-unbeholfen ihren Ärmel. Und dann hatte er sie im Arm. Und sie sträubte
-sich nicht mehr.
-
-Und seither sah man sie fast immer miteinander gehen, den alten
-Kesselwärter, dem die paar Haare nur noch wie ein silbriges
-Schimmerchen auf dem kahlen Schädel glänzten, ein wenig gebeugt und ein
-wenig zittrig, zwischen den beiden jungen aufrechten Menschen, die fest
-und ruhig einherschritten mit der stillen Zuversicht, die ein sicheres
-Glück verleiht.
-
-Oft auch gesellte sich Pfannschmidt zu ihnen, der in dem neuen
-Gemeinwesen eine Art Hausverwalter war und außerdem die Bücherei
-betreute. Keine Spur von Gedrücktheit oder Trauer war mehr in ihm, wohl
-sprach er wenig und lachte nicht oft, aber seine ernsten Augen schauten
-warm und froh, und der Widerstreit zwischen Neigung und Beruf war
-nicht mehr in ihrem Blick. Die Bücherei war seine Welt, dort war er
-am sichersten anzutreffen. Entweder las er oder ordnete er die Bücher,
-versah sie mit Schildern und Nummern, verteilte sie übersichtlich und
-legte mehrere Verzeichnisse an. Abends aber kämmte er mit Salböl den
-spröden Scheitel noch einmal glatt und ging, dem Meister zuzuhören. Er
-war einer der aufmerksamsten Zuhörer, aber auch der eifrigste Frager,
-und wenn er sich einmal in etwas hineinverbissen hatte, ließ er sich
-nicht so leicht davon abbringen. Jedes Für und Wider erwog er, Beweise
-und Gegenbeweise ließ er bedächtig aufmarschieren, und Fritz hatte
-mit diesem zähen Gegner oft seine liebe Not. Regelrechte Debatten und
-Diskussionen hatten sie miteinander und das war für sie wie ein Bad im
-kühlen Fluß.
-
-So schien sich mit der Zeit eine gedeihliche Ordnung einstellen zu
-wollen und Hellwig dachte abermals daran, Weib und Kind zu sich zu
-holen. Aber als er an einem schönen stillen Sommerabend wieder einmal
-auf dem Podium saß und gerade über Oliver Cromwell sprach, da wurden
-von dem Fahrweg, der außerhalb des Parks den Zaun entlang führte, ein
-paar Steine unter die Versammelten geworfen. Der eine streifte Hellwigs
-Kopf, der zweite traf ihn an der Schulter, die übrigen verfehlten ihr
-Ziel. Schnell war Pfannschmidt beim Gittertor, riß es auf, stürmte
-hinaus. Andere folgten. Aber draußen war niemand zu sehen. Still
-lagen die Wiesen und Felder da, die Ähren nickten und rauschten leis
-auf schwanken Halmen, die Blätter der Büsche regten sich sacht im
-Abendwind, und sacht breitete die Dämmerung ihre seidenfeinen Flöre
-darüber aus. Mannshoch standen die Feldfrüchte, dicht belaubt wucherte
-überall in den Wiesen das Staudenzeug, und was sich dort irgendwo
-versteckt hielt, war gut geborgen und in der Dämmerung nicht leicht
-aufzuspüren.
-
-Hellwig hatte eine Beule am Schläfenbein und eine Prellwunde am
-Oberarm, leichte Verletzungen, die nichts zu bedeuten hatten. Aber eine
-Warnung waren sie und ein Zeichen, wie tief die Hetzereien Wurzeln
-gefaßt.
-
-Und wenn es hiefür noch eines Beweises bedurfte, so brachte ihn die
-folgende Nacht. Da brannte ein Magazin nieder, und die Fabriksfeuerwehr
-mußte harte Arbeit tun, um den Brand einzudämmen. Er war gelegt worden,
-von wem, war offenes Geheimnis, aber Beweise fehlten. Die Folge
-war, daß Reinholt die Nachtwache verschärfte und zwei Dampfspritzen
-anschaffte. Und Fritz sah seine Vereinigung mit Eva abermals um Monate
-hinausgerückt.
-
-
-3.
-
-Danach aber hatte sich ganz plötzlich der Sturm gelegt. Die
-Unbesonnenheit der Steinwerfer und Brandstifter hatte die Gegner zur
-Vorsicht gemahnt. Was nützte es auch, die Außenstehenden aufzuwiegeln,
-wenn die Hellwigianer geschlossen gingen und der Aufschwung der Fabrik
-alle Hetzer Lügen strafte.
-
-Wochen vergingen, alles blieb ruhig.
-
-„Wir sind durch!“ sagte Fritz, der vertrauensselige, arglose Mensch,
-und glaubte felsenfest daran, weil er an sein Werk glaubte und an die
-Lauterkeit der Menschen. Und er freute sich des Erfolges und freute
-sich auf die Seinen. Jetzt wollte er sie wirklich holen. Mehr denn
-zwei Jahre -- waren es denn wirklich schon zwei Jahre? -- hatte er sie
-nicht gesehen. Da war ihm die Zeit fortgeronnen, wie Sand zwischen
-den Fingern durchgeglitten, Tag um Tag; Monat um Monat. Er hatte
-nicht darauf geachtet und sie nicht gezählt. In all dem rastlosen
-Bemühen, dem Tumult von Sorgen und Anstrengungen, dem raschen Wechsel
-zwischen Erfolg und Mißlingen, zwischen heller Zuversicht und herber
-Enttäuschung.
-
-Waren es denn wirklich schon zwei Jahre? Aber da lagen die Briefe Evas
-vor ihm, alle, wie er sie erhalten, gelesen, beantwortet und dann in
-das Schubfach getan hatte, wo sie, nicht mehr beachtet, verstaubten.
-Regelmäßig alle vierzehn Tage schrieb sie ihm. Und jetzt lagen sie da,
-kunterbunt durcheinander, gut fünfzig Briefe. Und in jedem erzählte sie
-von dem Buben, alle Einzelheiten und Kleinigkeiten berichtete sie. Im
-Drang und Schwall der Arbeit hatte er ihren Mitteilungen nicht weiter
-nachgesonnen. Und sie machten doch die ganze Entwicklung des jungen
-Menschleins aus, das dort fern von ihm und vaterlos heranwuchs. ‚Hansl
-lacht mich schon an -- Hansl sitzt schon -- Hansl bekommt Zähne --
-Hansl hat sich ganz allein am Tischbein aufgemannelt -- Hansl hat das
-erste Wort gesprochen -- Hansl läuft, Hansl redet schon. Er ist blond
-wie du -- er hat deine Augen -- aber das Kinn hat er von mir.‘
-
-Er erschrak fast und entsetzte sich, daß er so achtlos darüber zur
-Tagesordnung hatte übergehen können. Fünfzig Briefe. Und in allen war
-zwischen den eng geschriebenen Zeilen die unausgesprochene Bitte: ‚Komm
-bald und bleib bei uns!‘ Und in keinem stand: ‚Hol’ uns zu dir!‘ Denn
-die Mutter bangte um ihr Kind, und Fritz hatte ihr die Lage immer eher
-in düsteren Farben geschildert, alle Ereignisse trocken verzeichnet und
-nichts beschönigt. Und nur einmal schrieb sie: ‚Wenn ich doch bei dir
-sein könnte!‘ Das war damals, als ihm die Steine den Leib verwundet
-hatten.
-
-Einen Brief nach dem andern las er nun wieder durch. Um ihn war die
-Ruhe der Nacht, einer warmen, glanzhellen Nacht. Das Fenster stand
-offen, die hereinflutende Luft war gesättigt vom schweren Duft der
-Erde, und unten im Fabrikshof machte der Wächter die Runde. Klingend
-schlug die Eisenspitze seines Stocks auf die Steine, und wenn die
-zwei starken Doggen, die ihn begleiteten, sich schüttelten, klirrten
-die Glieder ihrer Kettenhalsbänder leise aneinander, Eisen gegen
-Eisen und Stahl gegen Stein, und nichts anderes war zu hören als
-dieser kriegerische Klang. Und es war wie der Pulsschlag des harten,
-streitbaren Lebens, das da draußen in der weichen, weißen Glanznacht
-tief aufatmend, doch nicht schlafend ruhte, Gewehr im Arm und immer
-kampfbereit gleich einem einsamen Vorposten in Feindesland.
-
-Stunde um Stunde flutete vorüber. Und Fritz saß und las die Briefe.
-Mit gesammelten Sinnen las er sie jetzt alle wieder, sah seinen
-Buben heranwachsen und begleitete Schrittlein nach Schrittlein seine
-Entwicklung. Und er fühlte eine tiefe Trauer, daß er sich so gar nicht
-vorstellen konnte, wie der Junge jetzt aussah, lachte und sprach,
-und der Wunsch, ihn und die Mutter bei sich zu haben, schwoll ihm
-übermächtig empor.
-
-Aber es blieb auch diesmal nur beim Wunsch.
-
-Die Ruhe, die so unvermittelt eingefallen, war nicht die Ruhe des
-Friedens oder der Erschöpfung. Leibinger hatte die Nutzlosigkeit der
-bisherigen Kampfesart erkannt. Und da kam es ihm gerade recht, daß
-Robert Karus, aus Rußland zurückgekehrt, wieder in der Hauptstadt
-aufgetaucht war. An ihn wandte er sich um Rat und Hilfe und der sagte
-zu, unter der Bedingung, daß ihm vollständig freie Hand gelassen werde.
-Ungern fügte sich Leibinger, aber er fügte sich doch.
-
-Und Karus ging an die Arbeit. Ein paar erprobte Leute wählte er sich
-und schickte sie zu Reinholt auf Arbeitssuche. Sie erhielten strengen
-Befehl, als unbedingte Anhänger Hellwigs aufzutreten und vorsichtig
-die Unzufriedenheit der Zufriedenen zu wecken. Das Wie blieb ihnen
-überlassen. Und sie waren ihrer Aufgabe gewachsen. Rasch hatten sie
-jene aufgespürt, die schwankten oder sich zurückgesetzt fühlten,
-machten sich an sie heran und bearbeiteten sie.
-
-Aber auch Karus blieb nicht müßig, und Mark und Leibinger waren seine
-Werkzeuge. Ein paar Schlagworte warf er den Arbeitern der benachbarten
-Unternehmungen hin und wiegelte sie auf. Und geschulte Agitatoren waren
-mitten unter ihnen und schürten und schürten ohne Unterlaß. Immer
-lauter, immer ungestümer erhoben sie die Forderung nach höherem Lohn,
-nach kürzerer Arbeitszeit, nach Gleichstellung mit den Hellwigianern.
-Die Fabrikanten aber, selbst in ihrer Existenz bedroht, konnten und
-wollten keine Zugeständnisse machen. Da begann der Streik.
-
-Unfriede im eigenen Haus, heller Aufstand ringsum: so war jetzt die
-Lage und so war sie Karus recht. Hellwig aber, der Vertrauensselige,
-der kindlich Arglose, wußte nicht, daß viele gegen ihn murrten. Und
-als der Streik jetzt so unvermittelt losbrach und als alle Betriebe
-feierten und nur die von ihm geleitete, nach seinen Ideen eingerichtete
-Fabrik rüstig weiter ging, -- und seine Leute verrichteten gelassen
-ihr Tagwerk und schienen sich um das Branden außerhalb ihrer Herdfeuer
-gar nicht zu kümmern, -- da frohlockte er und abermals sagte er
-siegessicher zu Reinholt: „Leo, wir sind durch!“ Und nur das eine
-trübte ihm die Freude: daß er wieder Geduld haben und erst das Ende des
-Ausstands abwarten sollte, ehe er die Seinen zu sich kommen ließ. Dann
-aber wollte er es ganz bestimmt tun und freute sich darauf und glaubte,
-daß ein Ausgleich bald erzielt und die Lohnbewegung bald zu Ende sein
-werde. Er tat sogar ein übriges, er ging zu den einzelnen Fabriksherren
-und setzte sich für jene ein, die seine erbittertsten Feinde waren.
-Und er tat es nicht nur um ihretwillen, auch seinetwegen tat er es,
-er wollte vielleicht doch einen oder den anderen für seine Ansichten
-gewinnen. Aber überall begegnete er mit seinen Vermittlungsversuchen
-einem starren „Nein!“ oder einem geschmeidigeren „Leider nicht
-möglich!“ und einer gab geradezu ihm die Schuld an dem Streik und an
-dem Niedergang der kleineren Betriebe. Doch auch die Arbeiter, als sie
-es erfuhren, verbaten sich seine Einmischung. Da ließ er es bleiben.
-Aber nicht eine Sekunde wankte ihm der Glaube an seine Schöpfung und
-die Zuversicht, daß sein Weg der richtige wäre.
-
-Reinholt war nicht so vertrauensselig. Manches an den Leuten wollte
-ihm nicht mehr gefallen. Daß sie häufig mitsammen flüsterten, im
-Bibliothekssaal heftige Debatten führten, die sofort abgebrochen
-wurden, wenn er oder Hellwig oder Pfannschmidt oder sonst ein Treuer
-dazu kam. Und namentlich der Sanders, ein dunkelhaariger Gesell mit
-Blatternarben im eischmalen Gesicht, gefiel ihm gar nicht. Er war erst
-seit kurzer Zeit in der Fabrik und doch spielte er, vornehmlich unter
-den jüngeren, eine große Rolle. Sie hörten auf ihn, suchten und riefen
-ihn, und wenn er zu ihnen trat, wurden ihre Worte leiser, steckten
-sie die Köpfe zusammen und bekamen aufgeregte Gesichter. Auch dem
-Pfannschmidt war das bereits aufgefallen, und nur Hellwig wollte es
-nicht gelten lassen. Wenn ihn Reinholt aufmerksam machte oder warnte,
-schüttelte er mit ungläubigem Lächeln den Kopf, suchte und fand
-Entschuldigungen.
-
-„Das Kameradschaftsgefühl ist in ihnen noch nicht erloschen, soll
-es auch nicht sein! Und da wurmt sie’s eben, daß sie Streikbrecher
-geschimpft werden. Aber das geht vorüber. Als der Streik angefangen
-hat, was hat man da nicht alles befürchtet. Sogar Militär hat
-hermüssen, weil unsere Nachbarn um ihre Maschinen Angst gekriegt haben.
-Und schau’ her, jetzt dauert die Geschichte schon fast zwei Wochen --
-und alles bleibt ruhig. Glaub’ mir nur, Leo, jetzt sind wir schon überm
-Berg. Die Arbeitsfreude bei uns, während ringsherum alles gärt und tobt
-und siedet, beweist mir am schlagendsten die Ohnmacht der Gegner. Wir
-haben unsere Leute zufrieden gemacht, _den_ Erfolg jagt uns keiner mehr
-ab!“
-
-„Nicht alle sind zufrieden, Fritz!“ beharrte Reinholt bei seinem
-Bedenken. „Sie planen was gegen uns! So mach’ doch die Augen auf,
-Fritz, ich werd’ ja ganz irr an dir! Du hast Mitleid mit denen da
-draußen, vielleicht trübt dir das den Blick -- aber ich denke, sie
-haben uns wahrhaftig genug Prügel unter die Beine geschmissen und
-verdienen keine Rücksicht!“
-
-„Nein, nein, Leo, sprich nur nicht anders als du denkst!“ entgegnete
-Fritz traurig. „Die Leute sind nicht besser und nicht schlechter als
-wir alle. Sie wollen auch nur -- wieder Menschen werden. Teilhaben
-an den reizvollen Nebensachen und bunten Nichtigkeiten, die zwischen
-Arbeit und Schlaf, zwischen Hunger und Liebe liegen und uns erst vom
-Vieh unterscheiden. Und sind wir nicht mit schuld, daß sie es so
-heftig heischen? Die unseren _haben_ das alles, es ist kein Wunder,
-wenn die anderen gegen uns toben. Leo, es ist Zeit, höchste Zeit,
-daß wir hier mit dem Aufbau fertig, daß uns die Kräfte frei werden,
-einen oder den anderen Reichen noch für unsere Ansichten zu werben, zu
-gewinnen. Vielleicht -- gehen wir doch den rechten Weg, können wir dem
-kommenden Gründer der neuen Gesellschaft -- Vorläufer sein ...“
-
-
-4.
-
-Einer hatte diesem Gespräch zugehört. Robert Karus, der schon seit
-Tagen in der Gegend weilte. In ihm war der Haß des Zerstörers gegen den
-Bauenden. Und auch er wollte seinem Freunde Heinz Wart ein Totenmal
-errichten. Sorgsam bereitete er den Grund, und seine Saat schoß schwer
-und wuchernd in die Halme.
-
-Aber weder die Freunde Hellwigs noch dieser selbst wußten von seiner
-Anwesenheit. Und niemand hatte ihnen noch verraten, daß Karus bereits
-einige Male, das Gitter überkletternd, in den Fabrikpark eingedrungen
-war, um hinter Buschwerk versteckt zu lauschen. Und seine Flugblättchen
-gingen unter den Eingeweihten von Hand zu Hand, ängstlich behütet
-vor den Augen Unberufener, und in geheimen Versammlungen wurden sie
-besprochen und schürten die Erregung und peitschten die Lust zur
-Empörung immer höher auf. Mehr als hundert hatten sich schon unbedingt
-an Karus angeschlossen, viele gab es, die durch die abfälligen Kritiken
-und klug berechneten Reden der gemieteten Hetzer aufgestachelt, schon
-unentschieden schwankten und jeden Tag zu Überläufern werden konnten.
-Und die Streikenden, durch die Unnachgiebigkeit ihrer Brotherren zum
-äußersten bereit, standen wie _ein_ Mann gegen Hellwig und was Karus
-und Mark und Leibinger ihnen vorsagten, das sprachen sie nach und
-glaubten, daß einzig Hellwig an ihrer Lage schuld wäre.
-
-So war eine gewaltige Menge Zündstoff aufgehäuft. Der geringfügigste
-Anstoß mußte die Explosion herbeiführen. Und Karus sorgte dafür, daß
-dies bald geschah.
-
-Nun, da der Boden gehörig unterminiert, ein verläßlicher Kern von
-Anhängern gebildet, die Erbitterung der Leute bedrohlich angewachsen
-war, nun mußte Sanders, der gedungene Proselytenmacher, aus seiner
-Reserve heraus. Bei jeder Gelegenheit redete er jetzt ganz offen vor
-allen Leuten über die mangelhaften Einrichtungen des Unternehmens,
-schimpfte darüber, mäkelte und nörgelte, und nichts fand mehr Gnade
-vor seinen Augen. Zu wenig Abwechslung im Essen, zu kleine Portionen,
-zu wenig Geld, aber viel zu viel Bevormundung, Kasernenzwang und
-Drill: das war so der eiserne Bestand seiner Argumente. Dieses Tadeln
-und Mäkeln führte bald zu Zank und Streitereien. Die treu zu Hellwig
-hielten, wollten es nicht dulden, die andern gaben dem Nörgler recht,
-Unfriede entstand, Zwist und Spaltung.
-
-Am heftigsten erboste sich über die Reden Sanders’ der alte Bogner.
-Jedes gehässige Wort gegen den Meister brachte ihn in Harnisch, er
-schalt und wetterte über die Anmaßung der jungen Leute und wäre am
-liebsten mit den Fäusten dreingefahren. Aber er erntete mit seinem
-ehrlichen Grimm nur Gelächter und Spott.
-
-Pfannschmidt wollte anfangs vermitteln und beschwichtigen. Bald jedoch
-erkannte er den Ernst der Bewegung, erschrak, wie fest sie sich schon
-eingenistet hatte, und schwere Befürchtungen kamen ihm. Da ging er
-zu Hellwig und deckte ihm alles auf. Der aber legte, wie vordem den
-Warnungen Reinholts, jetzt auch diesen Berichten keine Bedeutung bei.
-Er _wollte_ einfach nicht sehen, wo jeder sehen, nicht hören, was jeder
-vernehmen konnte. _Wollte_ blind und taub bleiben und allen ungünstigen
-Zeichen zum Trotz die siegessichere Zuversicht sich aufrechterhalten.
-Er zwang sich zur Sorglosigkeit, um die Zweifel, die sich schon leise
-regten, zu übertäuben. Er drückte jeden Argwohn, der ihm jetzt doch
-manchmal leise aufstieg, gewaltsam nieder, und gewaltsam zwang er sich,
-an den Erfolg ganz fest zu glauben, weil er den Erfolg brauchte. Weil
-er das Gelingen nicht nur heiß herbeisehnte, sondern notwendig haben
-mußte, sagte er: „Es ist schon gelungen!“ und sagte es sich und den
-anderen immer wieder vor, als könnte durch dieses fortwährende starre
-Bejahen jede Möglichkeit des Mißlingens gebannt werden. Und es durfte
-kein Mißlingen geben, sollte nicht, so meinte er, sein ganzes Leben mit
-in Stücke brechen.
-
-Deswegen stellte er den besorgten Warnern seine lächelnde Sicherheit
-entgegen, und was nur erst beinahe fertig und was noch fast nur kaum
-mehr als ein Wunsch war, sollte als fertig und vollendet angesehen
-werden. Doch weder Reinholt noch Pfannschmidt konnte er überzeugen.
-
-Sanders aber wurde immer dreister. Er begann nun auch über zu viel
-Arbeit sich aufzuhalten, hatte an jedem neuen Auftrag etwas auszusetzen
-und wenn er ihn überhaupt ausführte, tat er es nur widerwillig zögernd
-mit sichtlicher Verdrossenheit. Und als er nach dem festgesetzten
-Reihengang eine Woche lang die Kontrolle der Nachtwächter besorgen
-sollte, weigerte er sich mit der Begründung, er sei als Weber
-aufgenommen und nicht als Hausmeister. Da könne man schließlich auch
-von ihm verlangen, daß er die Ställe ausmiste oder die Senkgrube
-putze, das käme auf dasselbe heraus. Er weigerte sich also, schrieb
-aber auch noch am gleichen Tag an Leibinger, er möge sich bereit
-halten, die Sache werde bald entschieden werden.
-
-Und als am folgenden Morgen das Kontrollbuch keinen Vermerk aufzeigte
-und als er deswegen verwarnt wurde, zuckte er bloß die Achseln und
-lächelte dazu. Und als am zweiten Morgen aus der Verwarnung eine
-Rüge wurde, unter Androhung der Entlassung, da lächelte er noch
-geringschätziger und zuckte wieder die Achseln. Am dritten Morgen war
-er entlassen. Er erhielt sein Sparkassenbuch und seine Abfertigung und
-konnte gleich gehen. Obwohl Reinholt dagegen gesprochen, hatte es Fritz
-so angeordnet. Eine Satzung war übertreten, die darauf gesetzte Strafe
-war verwirkt worden, da gab es für Hellwig kein Überlegen und galt
-keine Rücksicht.
-
-Sanders aber hatte nichts anderes gewollt. Seiner Anhänger gab es
-viele, und die, das wußte er, würden ihn nicht so mir nichts, dir
-nichts ziehen lassen. Und er traf keine Anstalten zum Fortgehen.
-Das Geld nahm er zwar, aber seine Sachen packte er nicht. Nur sein
-Sonntagsgewand zog er an und ein gestärktes Hemd und ging ins Wirtshaus.
-
-Dort saß bereits Karus mit Leibinger und Mark. Sie hatten einen großen
-Krug Wein vor sich und tranken fleißig. Mit einem selbstbewußten
-Schmunzeln setzte sich der blatternarbige Weber zu ihnen.
-
-„Wie steht’s?“ fragte Karus kurz.
-
-Sanders schenkte sich gemächlich ein Glas voll und tat einen
-bedächtigen Zug. Da sein Bericht mit Spannung erwartet wurde, kam
-er sich sehr wichtig vor und wollte dieses Gefühl seiner Bedeutung
-möglichst lang auskosten.
-
-Leibinger rieb die Hände rund umeinander und machte sein
-verbindlichstes Gesicht.
-
-„Es scheint alles glatt gegangen zu sein?“ fragte er ausholend. Sanders
-nahm noch einen Schluck. Dann zog er sein Taschentuch und wischte sich
-umständlich den Mund ab.
-
-„Verfluchtes Getu’!“ schimpfte Karus. „Laß die Faxen und red’ endlich!“
-
-Da tat Sanders gekränkt und war beleidigt:
-
-„Befehlen lass’ ich mir nichts!“
-
-„Aber wir bitten Sie doch!“ lenkte Leibinger ein und Mark nickte und
-bestätigte eifrig: „Gewiß, gewiß, wir bitten Sie!“
-
-Da war der blasse Weber wieder versöhnt und erzählte von seiner
-Entlassung und fügte hinzu, daß er nicht fortgehen, sondern heute beim
-Abendvortrag im Garten Einspruch zu erheben gedenke und vom Mittag bis
-Feierabend werde er noch ein bißchen Stimmung machen.
-
-Leibinger meinte dazu: „Gut! Sehr gut!“ und Mark: „Schön! Sehr schön!
-Ausgezeichnet!“ Karus aber sagte: „Da erzählst du uns nichts Neues!
-Denke, daß ich dir das so eingetrichtert hab’. Daß sie dich davongejagt
-haben, hast du brav gemacht. Mach’s weiter so, dann geht heut’ abend
-der ganze Krempel in Fransen!“
-
-Dröhnend lachte er, und seine Faust schmetterte hart auf den Tisch.
-Dann trank er sein Glas leer, füllte es rasch und leerte es wieder
-und noch einmal und abermals. Nun die Entscheidung so nahe war, wurde
-er doch aufgeregt. Die anderen bemerkten das, schauten ihn an und
-schwiegen. Ihm aber löste der Wein die Zunge.
-
-„Bekehren will er die Aussauger!“ rief er unvermittelt aus dem Wirbel
-seiner Gedanken heraus. „Bekehren! So lang man die nicht totschlägt,
-gibt’s keine Bekehrung!“
-
-„Sprechen Sie von Hellwig?“ fragte Mark und riß die Augen weit auf.
-
-„Nein, vom Mond, Sie Kalb!“ entgegnete Karus grob. Leibinger lächelte
-liebenswürdig. Da faßte auch Mark die Beleidigung als Witz auf. Er
-lachte laut und gezwungen. Doch schien es ihm ersprießlicher, ein
-anderes Thema anzuschlagen.
-
-„Herr Karus,“ sagte er, „die Partei kann es Ihnen nicht hoch genug
-anrechnen, daß Sie sich so selbstlos ...“
-
-Karus unterbrach ihn: „Dankt dem Himmel, daß ich euch früher nicht
-so genau gekannt hab’. Ich hätt’s mir sonst, weiß der Teufel, noch
-gründlich überlegt!“
-
-Er hielt inne, fuhr mit den gespreiteten Fingern durch den borstigen
-Haarschopf.
-
-„Eh was, jetzt bin ich einmal da!“ sagte er dann. Und mehr im lauten
-Selbstgespräch: „Als junger Grasaff’ bin ich auch nicht anders gewesen
-wie der Volksbeglücker. Heinz auch nicht. Gewiß nicht! Nein! ... Was
-stiert ihr mich denn so blöd an? Ich bin nicht besoffen! Nur ... ich
-hab’ auch einmal einen Freund gehabt! Ja -- der Robert Karus hat auch
-einmal einen Freund gehabt ...“
-
-„Sie haben doch viele Freunde!“ beeilte sich Leibinger zu versichern,
-und Mark beteuerte das auch, rückte aber seinen Stuhl aus der Nähe des
-Mannes, dessen flackernde Augen und dessen zerfahrenes Wesen ihm Angst
-machten.
-
-„Redet mir das nicht vor!“ antwortete Karus geringschätzig. „Ihr
-braucht mich, deswegen tut ihr mir schön! Aber Freunde? Bah! Furcht
-habt ihr vor mir! Alle haben Furcht! -- -- Heinz nicht ... Und doch --
-hab’ ich ihn später ...“ Er sprang von der Bank und schüttelte die
-Fäuste vor sich, als rüttle er an Ketten. „Sie hätten ihn sonst ... es
-ist einfach nicht anders gegangen!“
-
-Wie ein erstickter Aufschrei war das. Und wieder trank er und ging mit
-mühsamen Schritten über den Lehmboden der Stube.
-
-„Also seither: Rache für Heinz! _Das_ ist der Grund! Nicht ihr! Nur --
-er! Die Gesellschaft von heute hat ihn umgebracht, drum _muß_ sie weg!
-Sie oder ich! Eher wird da nicht Ruh’!“
-
-Die anderen wurden aus den wirren Reden des verstörten Menschen, der
-im Ringen mit einem schweren Entschluß aus allen Fugen gehoben schien,
-nicht klug, schauten einander bedeutungsvoll an und unterbrachen ihn
-mit keiner Silbe.
-
-„Nun kann’s ja losgehen!“ sagte Karus nach einer Weile wieder ganz
-kalt. „Ich geh’ jetzt und horch’ ein bissel herum! Auf Wiedersehn heut’
-abend!“
-
-
-5.
-
-Es war Abend geworden.
-
-Langsam schritt Karus den Fußweg entlang zur Fabrik.
-
-Hoch über den weiten Wiesen zogen weiße Wolken wie Schaumflocken durch
-den blauen Himmel und flimmerten im Widerschein der müd geneigten
-Sonne. Eine Spottdrossel sang unsichtbar in einer Hecke. Ihr tiefes,
-klingendes Lied erfüllte den ganzen Busch, und es war, als sänge
-dieser selbst mit allen seinen Ästen und unbewegten Blättern durch
-einen Zauber zum Tönen gebracht. Sonst war Schweigen. Unter goldenen
-Schleiern lag die Erde still und glanzmüde, und das Leben hielt den
-Atem an. Und nichts war mehr zu hören als das tiefe, quellende Lied,
-das aus dem verzauberten Busch in die Märchen gewordene Welt verklang.
-
-Aber nicht überall war diese Landschaft so des Friedens voll.
-
-In der Fabrik Reinholts, in dem großen Garten, auf dem schattigen
-Platz unter den hohen Kastanien, wo der Tisch für den Vorleser stand
-und die Bänke für die Zuhörer, ballte sich und lärmte eine dunkle
-Menschenmasse verworren durcheinander, und Fritz Hellwig war rings von
-ihr umschlossen. Er hatte eben noch aus dem ‚Egmont‘ vorgelesen und
-war warm geworden bei der Stelle: ‚Ich fühle mir Hoffnung, Mut und
-Kraft. Noch hab’ ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht und steh’
-ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich stehen.‘ Aber die
-Worte: ‚Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind, ja
-selbst ein verfehlter Schritt mich abwärts in die Tiefe stürzen, da
-lieg’ ich mit vielen Tausenden‘, die Worte konnte er schon nicht mehr
-lesen.
-
-Da waren sie vom Lesesaal herübergekommen, erregt und schreiend, und
-Sanders ging in der ersten Reihe, ein wenig unsicher und ein wenig
-schwankend, mit zerwirrtem Haar und mit offener Weste. Er hatte sich
-Begeisterung und Mut getrunken, und das machte ihm jetzt die Füße
-schwer. Aber seine Zunge war gelenkig geblieben. Im Lesesaal hatte er
-zu seinen Freunden geredet. Während die anderen ahnungslos ihre Arbeit
-taten, hatte er seine Leute aufgepulvert. Und jetzt standen sie mit ihm
-vor Hellwig, um die Auflassung der Strafe zu fordern und -- es ging
-unter einem hin -- die Einstellung der Arbeit aus Solidarität mit den
-hungernden Genossen.
-
-Mit leidenschaftlichen Worten forderten sie das, und ihre Gebärden
-waren drohend und trotzig. Reinholt und Pfannschmidt hatten sich beim
-Nahen des Haufens wie zum Schutz neben Hellwig gestellt, und auch die
-anderen Getreuen drängten näher herzu. Fritz aber stand ruhig und
-aufrecht da, und seine Augen blickten wie verwundert in das Getümmel.
-Und je länger sie schauten, desto kälter glänzend wurden sie. Aber kein
-Muskel zuckte an ihm, nur die Nasenflügel zitterten leicht, und je
-fester sich die Lippen aufeinander legten, desto bestimmter wurde in
-dem unbewegten Gesicht der Ausdruck einer harten Entschlossenheit. Sein
-heller Blick richtete sich fest auf Sanders, und seine Stimme klang
-herrisch und streng.
-
-„Was suchen Sie noch hier?“ fragte er.
-
-„Fritz!“ flüsterte ihm Reinholt beschwörend zu. „Tu’ jetzt nichts, was
-sie noch mehr erbittern könnte! Nur jetzt nicht!“
-
-„Ich muß!“
-
-„Was ich hier suche?“ rief Sanders zu ihm hinauf. „Arbeit such’ ich!
-Brot such’ ich! Gerechtigkeit such’ ich!“
-
-„Gerechtigkeit haben Sie bereits gefunden. Brot und Arbeit suchen Sie
-anderswo, die Kündigung bleibt aufrecht!“
-
-„Sie ist willkürlich!“
-
-„Sie bleibt aufrecht.“
-
-Im selben Augenblick trat Karus hinter den Bäumen vor.
-
-„Servus, Volksbeglücker! Schön schaut’s hier aus!“
-
-Hellwig blickte ihn an und erstaunte nicht einmal, ihn jetzt und hier
-zu sehen.
-
-Was wollten nur die da unten von ihm? Und warum war Reinholt so
-farblos? Und warum bebte Pfannschmidt so und hielt die Hände geballt?
-Und warum war er selbst so seltsam ruhig, so leer, so, als ob er ganz
-hohl wäre und sein Blut, seine Lebendigkeit, sein ganzer Inhalt
-ausgeronnen?
-
-„Er darf nicht fort! Wir dulden’s nicht!“ riefen sie drohend zu ihm
-herauf.
-
-„Fritz, mach’ die Kündigung rückgängig!“ beschwor ihn Reinholt.
-
-Da reckte er sich hoch auf: „Nein!“
-
-Und ganz hart, wie wenn Eisen gegen Glasscherben klirrt, rief er hinab
-in den Lärm: „Hier hab’ ich allein zu befehlen! Ob ihr’s duldet oder
-nicht -- einerlei! Der Mann ist entlassen!“
-
-Karus lachte höhnisch auf.
-
-„Er duldet nicht, daß ihr einen Willen habt!“ rief er. „Kuscht, Hunde,
-kuscht! Er duldet nichts, als daß ihr kuscht!“
-
-Nun brausten sie wilder empor: „Wir kuschen nicht! Wir lassen uns das
-Maul nicht verbieten! Wir lassen Sanders nicht weg! Er darf nicht fort!“
-
-Die Treuen Hellwigs riefen dagegen und scharten sich dichter um das
-Podium und suchten die Schreier abzudrängen. Doch ihre Zahl war nur
-klein. Denn viele hielten sich zurück und standen unentschlossen da und
-wußten nicht, wem sie recht geben sollten. Der alte Bogner aber wollte
-immer wieder auf Sanders los und rang mit seinem Schwiegersohn, der ihn
-zurückhielt, und zitterte am ganzen Leibe und weinte vor Wut laut auf.
-
-„Mach’ die Kündigung rückgängig!“ flehte Reinholt abermals. Hellwig
-schüttelte nur mit einem kurzen Ruck den Kopf. Jetzt mußte er fest
-bleiben, durfte sich die Leitung nicht aus den Händen winden lassen,
-sonst war alles verloren.
-
-„Niemand darf hier drohen!“ sprach er in den Lärm hinein, laut und
-hell. „Niemand! Ich nicht und ihr nicht und niemand! Sanders ist
-entlassen! Und bleibt es! Und bliebe es auch, wenn ihr anständig und
-bescheiden euer Anliegen vorgebracht hättet! Er hat unsere Ordnung
-verletzt. Gilt euch diese Ordnung nichts und nichts euer verpfändetes
-Wort? Wenn ihr frei und unabhängig sein wollt, müßt ihr die Gesetze
-achten, die ihr beschworen habt und dürft nicht jene schützen, die sie
-böswillig brechen. Erst durch die Ungerechtigkeit werden wir unfrei!“
-
-„Ich hab’ nicht Nachtwächter sein wollen, weil ich ein gelernter Weber
-bin! Ist das ein Verbrechen?“ rief Sanders spöttisch.
-
-„Ich fordere Sie nochmals auf, die Ordnung zu achten und die Fabrik
-sofort zu verlassen!“
-
-„Und wenn ich’s nicht tu’?“
-
-„Dann jagt ihn der Volksbeglücker hinaus!“ höhnte Karus. „Schöne
-Volksbeglückung das! Wie ein ausgedienter Gaul wird er vor die Tür
-gesetzt!“
-
-Einer von den Arbeitern aber, die um Sanders waren, trat jetzt
-verlegen vor und sagte: „Meister, ich ... wenn ich gewußt hätt’, was
-die eigentlich wollen, hätt’ ich mich nicht so tief eingelassen. Sie
-haben’s ja so abgemacht, untereinander, der Karus, der Leibinger und
-der Sanders. Jetzt begreif’ ich erst, wo das hinaus soll.“
-
-„Schuft!“ schrie Sanders und spie ihm ins Gesicht. Karus trat
-gebieterisch dazwischen.
-
-Hellwig ächzte dumpf auf und taumelte. Wieder einmal sah er sich einem
-Schurkenstück gegenüber, der Ekel kam und lähmte seine Tatkraft. Er
-haßte die Falschheit. Und alles, was nur eine Spur von Gemeinheit in
-sich hatte, machte ihn fassungslos und wehrlos, da konnte er nicht
-zornig dreinfahren, fühlte er nur Enttäuschung und Schmerz und eine
-tiefe Mutlosigkeit.
-
-„Ihr habt es gehört!“ sagte er und das Sprechen wurde ihm schwer. „Ist
-es wirklich schon so weit, daß eine abgekartete Komödie uns auseinander
-bringen kann?“
-
-Als sie den Meister so ganz tief traurig und wie um alle Hoffnungen
-betrogen sahen, regte sich das Gewissen in so manchem.
-
-„Nein, Meister! -- Wir halten zu Ihnen, Meister!“
-
-Und der alte Bogner rang immer noch mit seinem Schwiegersohn und bat
-und drohte und schluchzte immerzu: „Laß mich los, Adam! Ich muß dem
-Kerl das Maul zustopfen!“ Doch der Adam ließ nicht los.
-
-Karus aber wurde kaum des Umschwungs gewahr, da holte er aus zum
-entscheidenden Schlag. Und mit dem ganzen Elan seiner wilden,
-ungezügelten Leidenschaft lief er den letzten Sturm.
-
-„Jawohl!“ schrie er, sprühendes Feuer in den Augen. „Jawohl! Es ist
-eine abgekartete Komödie! Aber sie ist gut genug, denen da oben die
-Larven herunterzureißen! Damit ihr endlich erfahrt, wie sie euch aus
-lauter Liebe die letzte Unze Blut aussaugen!“
-
-„Nieder mit den Blutsaugern!“ rief Mark im Hintertreffen. Und: „Nieder
-mit den Blutsaugern!“ riefen ihm viele nach. Und immer lauter tönte und
-schmetterte die Stimme des alten Revolutionärs:
-
-„Millionen raffen die zwei da oben zusammen! Jeder Tropfen Schweiß, den
-ihr vergießt, wird für sie zum Goldstück! Dann werfen sie euch ein paar
-Knochen hin: Da hast, Hund, friß dich satt!“
-
-Und wie grollende Meeresbrandung tönte die Antwort zurück:
-
-„Wir _sind_ keine Hunde!“
-
-„Nein, ihr seid keine Hunde! Es ist euer Recht, zu fordern, was sie
-euch als Almosen vor die Füße schmeißen! _Ihr_ müßt die Herren sein,
-denn _euere_ Muskeln stoßen die Welt vorwärts!“ rief Karus.
-
-Sein heißer Atem wehte über sie weg, schlug ihnen wie Glutwind ins
-Gesicht, ergriff und riß sie mit wie der Sturm die Bäume.
-
-„Nieder mit den Unterdrückern! Nieder! Nieder!“
-
-Das grollte und gellte auf, hob sich wie eine gewaltige Woge hoch
-empor, wieder, wieder und immer wieder und wollte nicht schweigen.
-
-Schlag auf Schlag kam das alles und ließ niemandem Zeit zur Überlegung.
-Hellwig stand mit totenblassem Gesicht und stützte sich schwer auf
-Reinholt. Als ob ihn das gar nichts anginge, blickte er in das Toben
-und fühlte nur einen harten Druck, der stärker und stärker sein Herz
-zusammenpreßte. Reinholt aber wollte ein letztes Mittel versuchen.
-
-„Leute!“ rief er. „Kommt zur Besinnung, Leute! Fünf Kompagnien Soldaten
-sind im Dorf!“
-
-Karus griff das Wort auf:
-
-„Seht ihr’s! Seht ihr’s! Jetzt werfen sie schon die Larven ab! Jetzt
-zeigen sie ihr wahres Gesicht! Zusammenschießen lassen sie euch, wenn
-ihr euer Recht fordert!“
-
-Und aus hundert Kehlen brauste es stürmisch zurück: „Wir lassen uns
-nicht zusammenschießen!“
-
-Mittlerweile hatte Leibinger auch die Streikenden vor dem Gittertor
-gesammelt. Rauh aufjohlten die. Und dann: „Genossen, nicht nachgeben!
-Wir helfen euch! Hoch die Internationale! Hoch die Freiheit!“
-
-„Hoch die Freiheit! Hoch! Hoch die Freiheit!“
-
-Und Karus’ Stimme klang wie Trompetenschall durch den Aufruhr: „In
-Sklavenketten halten sie euch! Um euere besten Menschenrechte betrügen
-sie euch!“
-
-„Wir lassen uns nicht betrügen! Wir sind keine Sklaven!“
-
-Mühsam raffte sich endlich Hellwig zusammen: „Laßt euch nicht
-aufhetzen, Leute!“
-
-„Er darf nicht reden! Herunter mit dem Tyrannen!“ donnerte es zurück.
-
-Da schrie er schluchzend auf: „Das sind meine Braven? Für _die_ hab’
-ich gearbeitet?“ und sprang mit einem Satz mitten unter sie. „Hier bin
-ich! Nun? Was zaudert ihr? Macht den Tyrannen nieder! Ihr seid ja frei!“
-
-Eine kurze Stille der Verblüffung.
-
-„Du Schuft!“ rief der alte Kesselwärter und drang mit geschwungener
-Faust auf Karus ein. Der fing den Schlag auf und sagte kalt: „Ruhig,
-Alter! Gleich ist’s vorüber!“
-
-„Wessen klagt ihr mich an?“ fragte Hellwig.
-
-„Er darf nicht reden! Nieder mit dem Tyrannen!“ schrie Mark im
-Hintertreffen. Aber nun Hellwig wieder mitten unter ihnen war, nun sie
-die vertrauten Züge wieder dicht vor sich sahen, die Lippen, die so oft
-gütige Worte zu ihnen gesprochen, die Augen, die so oft heiter und frei
-und immer ohne Falsch auf sie gesehen, da trauten sie sich nicht recht
-vor, und nur dumpfes Murren folgte dem gellenden Auftakt Marks.
-
-„Wessen klagt ihr mich an?“
-
-„Wir lassen uns die Freiheit nicht rauben! Wir sind keine Sklaven!“
-grollten sie und schauten mit scheuen Blicken an seinen leuchtenden
-Augen vorbei und schüttelten die Fäuste nur verstohlen.
-
-Fritz aber stand da, wie ein Träumender stand er da und schaute in eine
-leere Ferne hinaus, einem zerfließenden Trugbild nach. Und während es
-sich langsam auflöste und zerrann, stieg langsam und immer klarer und
-schärfer eine neue Erkenntnis vor ihm auf. Sein Blick war starr und
-visionär, mit fremder, müder Stimme fing er an zu sprechen und es war,
-als holte er die Worte aus einem tiefen Brunnen herauf:
-
-„Ich euch die Freiheit rauben? Brüder, wie kann ich euch etwas rauben,
-was niemals ein Menschengut gewesen ist? In schweren Ketten keuchen
-wir, das Schicksal hat sie uns auferlegt und wir zerbrechen sie
-nimmermehr. Aber das Tragen wollte ich euch leichter machen. Daß wir
-Schulter an Schulter die Ketten schleppen und sie uns nicht zu tief ins
-Fleisch schneiden. Ihr aber ... erhebt euch wider mich mit geballten
-Fäusten, Unmögliches verlangend, nie Erreichbares heischend. Ihr könnt
-ja nicht anders, seit heute, seit jetzt weiß ich es. Denn daß wir die
-Ketten stets aufs neue fühlen müssen, sobald sie uns nur ein bißchen
-leichter wurden, immer wieder schwer und drückend fühlen müssen, ist
-Menschenlos -- ist ewiger Menschenfluch ...“
-
-Die Stimme brach ihm. Unschlüssig standen die Leute. Karus aber,
-enttäuscht und zornig über diese Resignation, riß sein Beil aus dem
-Gürtel.
-
-„Gelatsch! Gelatsch! Und geht’s nicht anders, zerreißt die Ketten,
-zerbrecht die Fesseln, zerschlagt den Kerker! Dann habt ihr die
-Freiheit! Die Freiheit ist da!“
-
-Und: „Freiheit! Freiheit! Zerschlagt den Kerker! Wir wollen keine
-Ketten! Wir sind keine Knechte!“ schrien sie toll, jauchzend, außer
-Rand und Ufer.
-
-„Führ’ uns, Karus!“ tönte ein Ruf. Und da schwoll es an zu
-Donnergebrüll: „Führ’ uns, Karus! Karus, führ’ uns!“
-
-Und die Streikenden draußen riefen: „Wir kommen! Wir helfen euch!“ und
-warfen sich, Hunderte _eine_ geballte Masse, gegen das Tor, und das
-Schloß sprang krachend entzwei, und tobend wälzte sich die Rotte in den
-Garten.
-
-„Fritz Hellwig!“ frohlockte Leibinger. „Der Zahltag ist da!“
-
-Karus vertrat ihm den Weg: „Diesem da wird kein Haar gekrümmt!
-Vorwärts, Männer! Vorwärts! Zu den Maschinen! Feuer in die Speicher!
-Den roten Hahn auf alle Dächer! Im Namen der Freiheit! Im Namen Heinz
-Warts! Rache für Heinz Wart!“
-
-„Rache! Rache!“ gab der entfesselte Haufe gedankenlos das Wort weiter.
-Und Fritz lachte. Rasend lachte er auf und hieb sich mit der Faust die
-Schläfen: „Im Namen Heinz Warts? Recht so! Recht! Sengt! Brennt! Raubt!
--- Heinz! -- Heinz Wart! ... Heinz ...!“ Wie verzweifelt gebärdete er
-sich.
-
-„Wenn die Soldaten kommen ...“ warnte Mark.
-
-„Dann reißen wir das Pflaster auf und bauen Barrikaden! Drauf, Männer,
-drauf! Unser ist die Welt!“
-
-Und das blinkende Beil in hocherhobener Faust stürmte Karus fort. Fast
-alle folgten.
-
-„Heinz Wart!“ riefen die einen, „Freiheit!“ riefen die andern. Blind,
-taub, sinnlos, jeder Überlegung beraubt stürzten sie ihrem neuen Führer
-nach.
-
-Ganz wenige blieben zurück. Pfannschmidt, der sich den Empörern
-entgegengeworfen, lehnte, aus einer klaffenden Stirnwunde blutend, an
-einem Baum, und Bogner betreute ihn. Adam Pichler aber war schon früher
-in das Lager der Soldaten gerannt. Und Reinholt hatte alles andere
-seinen Gang gehen lassen in der Sorge um den Freund.
-
-Im Laufschritt kam das Militär angerückt. Der diensthabende Hauptmann,
-die gelbe Feldbinde um den schlanken Leib, führte es mit gezogenem
-Säbel.
-
-Da erwachte Fritz aus seiner Starrheit.
-
-„Nicht das!“ stammelte er und atmete wie ein gehetztes Tier. „Nicht
-das!“
-
-Unausgesetzt tönten krachende Axtschläge vom Fabrikhof, Gesplitter von
-Holz und Glas und Eisen, Brüllen und Gejohl.
-
-Blutroter Feuerschein lohte auf. Die Magazine standen in Flammen.
-
-Und jetzt ein wildes Geheul. Die Aufrührer hatten das Militär erblickt.
-
-Hornsignale gellten durch den Tumult. Scharfe Kommandoworte. Prasseln
-von fallenden Steinen. Das dumpfe Aufschlagen der Gewehrkolben gegen
-hundert Schultern.
-
-„Nicht das! Nicht ...“ Hellwig tat ein paar Schritte, wollte hin -- und
-kam nicht weit. Ein furchtbarer Aufschrei: „Aus! Alles -- aus!“
-
-Reinholt sprang rasch herzu. Zu spät. Wie ein gefällter Stier brach der
-Volksbeglücker ohnmächtig zusammen.
-
-Im selben Augenblick krachte die Salve.
-
-
-6.
-
-Als Hellwig das Bewußtsein wieder erlangte, war bereits die Nacht
-hereingebrochen. Er lag ausgestreckt auf einer der Bänke. Reinholt
-kniete neben ihm und legte nasse Tücher auf seine Stirn. Ein Häuflein
-verstörter und weinender Menschen stand im Kreis herum. Unstet
-leuchtete von der Fabrik herüber noch der Feuerschein. Vor dem
-zerbrochenen Gittertor aber hielten ein paar kastenartige Wagen, gelb
-angestrichen, das rote Kreuz im weißen Felde. Soldaten kamen und
-gingen mit brennenden Fackeln und mit Tragbahren, auf denen dunkle
-Menschenleiber lagen und stöhnten und zuckten. Ein Regimentsarzt eilte
-vorbei. Der Leinenkittel über der Uniform starrte von eingetrocknetem
-Blute, und auf der Höhe seiner fetten roten Wangen standen große
-Schweißtropfen. Er beugte sich über Hellwig und fragte, wie er sich
-fühle, und untersuchte ihn.
-
-Der richtete sich jählings auf. „Wie viele sind verwundet? Wie viele
-tot?“ fragte er hastig, und im Grunde seiner Augen stand das Grauen.
-Der Arzt zog gleichmütig die Schultern hoch. „Weiß die Zahl noch
-nicht!“ sagte er. „War ein heißer Tag, hat viel Arbeit gegeben. Das
-waren, Gott sei Dank, die letzten.“ Mit einer Kopfbewegung deutete
-er auf die Bahre, die eben in den Krankenwagen gehoben wurde. „Ruhe
-brauchen Sie! Schlafen Sie sich ordentlich aus, Ihre Nerven haben’s
-verdammt nötig! Sonst fehlt Ihnen nichts!“ Nachlässig salutierte er und
-eilte zu den Fahrzeugen. Die Pferde zogen an, im Galopp ging es fort.
-
-Dann kam der Hauptmann und bat den Besitzer der Fabrik um eine
-Unterredung. Und während Reinholt mit ihm sprach, trat Hellwig auf
-den Fahrweg hinaus, ging wie ein Schlafwandelnder weiter und weiter,
-zwischen rauschenden Feldern ging er und durch blühende Wiesen, und
-als Reinholt laut seinen Namen durch die Stille rief, da schritt er
-nur desto rascher vorwärts, mehrfach abbiegend, kreuz und quer, auf
-schmalen Rasenbändern, weiter und weiter, und er wußte nicht, wohin er
-ging und was ihn vorwärts stieß.
-
-Hoch oben in der Luft trieben noch immer schnell und lautlos die
-silbrigen Wolken vor dem Mond, der halbrund am Himmel hing und es war,
-als ständen die Wolken still und jagte die weiße Luna in hastiger
-Flucht zwischen den ruhenden Silberflocken durch den glanzerfüllten
-Raum. Von den brennenden Speichern und Dächern der Fabrik kam ein
-roter Schein und wehte unruhig über die Fluren, und der Himmel war
-dort purpurn glühend und die dunklen Büsche standen davor mit allen
-ihren schlanken Zweigen und gerundeten Blättern scharf aus dem lohenden
-Glanz herausgehoben, schwarze Schattenbilder auf goldig flammendem
-Grund. Schön und seltsam und geheimnisvoll war die Landschaft mit
-ihren sanften und grellen, ruhigen und beweglich huschenden Lichtern
-und Farben und Schatten, und unermeßlich dehnte sie sich in einem
-milden Leuchten blau verdämmernd, weit, weit, bis sie mit dem Rand der
-hohen Himmelsglocke zusammenschmolz. Lautloses Ineinanderspielen der
-Farben unten, lautloses Wolkenziehen hoch darüber, glanzgesättigte
-Stille dazwischen: das war wie ein Prunksaal der Einsamkeit, die
-hier demütigstolz die Königskrone aus den Händen der Unendlichkeit
-entgegennahm.
-
-Trostbringende Königin Einsamkeit.
-
-Für den, der hier ihren Krönungssaal durchwanderte, weiter und immer
-weiter wanderte, mit gesenkter Stirn und schlaffen Armen, für ihn hatte
-sie keinen Trost, und er suchte ihn auch nicht. Er wollte nur ... Was
-wollte er denn eigentlich noch?
-
-Da war ihm alles niedergebrochen. Ihm, dem Sieger, -- „Wir sind durch!“
-hatte er oft und oft den Freunden gesagt, -- war alles niedergebrochen.
-So gründlich, daß kein Stein auf dem andern geblieben. Und die ihm
-vertraut hatten, saßen jetzt zwischen ausgebrannten Mauern, viele
-brave, arbeitsame Leute, -- und konnten betteln gehen. Sein Lebenswerk.
--- Und Blut war vergossen worden. Durch seine Schuld war Blut vergossen
-worden, rotes, warmes Menschenblut. Sein Lebenswerk. Und alles war ihm
-niedergebrochen. Was wollte er also noch?
-
-Diese Gedanken, und immer nur dieselben Gedanken waren es, die ihn
-begleiteten, während er so durch die endlose Ebene hinschritt,
-stundenlang weiter und weiter schritt, bis ihn die Müdigkeit
-überwältigte. Seine Beine begannen zu zittern, er taumelte und mußte
-sich niedersetzen.
-
-Ganz schüchtern leuchtete das Frührot auf. In klaren Kugeln hing der
-Tau an den Gewächsen, und faul versuchte ein Frosch seine knarrende
-Stimme. Ein Vogel fing zu zirpen an, zaghaft und leis, als fürchtete
-er sich noch vor der Dämmerung und der Stille -- dann lauter, kecker
--- ein zweiter gab Antwort -- und als der junge Tag goldhell in das
-freudig aufschauernde Land hineinsprang, da jubilierten im vollen Chor,
-dem Zwang der Nacht entronnen und grüßten ihn viel hundert gefiederte
-Sänger.
-
-Mit dem Gesicht nach abwärts hatte sich Fritz ins tauige Gras geworfen.
-Vielgestaltig regte sich das Leben unter ihm. Winzige weiße Würmchen
-krochen umher, schwerfällig schüttelten die Fliegen den Tau von den
-surrenden Flügeln, ein hungriger Käfer lief hastig durch das Labyrinth
-der grünen Stengelchen, eine Spinne kletterte über das feine Wurzelwerk
-und über die kleinen Steinchen, mühselig, als stieg sie über hohe
-Berge. Und unter der beweglichen Mannigfaltigkeit ruhte das braune
-schwere Erdreich gelassen und still wie die Brüste einer Mutter unter
-den ratlos tastenden Fingerlein des trinkenden Kindes.
-
-Aber diese Ruhe strömte nicht auf ihn über, und sein Herz ging nicht
-in stillerem Gang. Schnell und schwer pochte es gegen den Boden im
-harten Rhythmus der Verzweiflung. Und während er so in die Erde starrte
-und den herben Duft ihrer Fruchtbarkeit trank, erwachten und zogen
-vorüber wie Bilder einer Zauberlaterne alle die hingeschwundenen
-achtunddreißig Jahre seines Lebens mit ihren Hoffnungen und Irrtümern,
-ihren Kämpfen, Niederlagen und bittersten Enttäuschungen. Was immer
-er bisher versucht hatte, alles war ihm mißlungen. Viele Wege war er
-gegangen, mit beschwingtem Fuß, in ernster und froher Begeisterung
-vermeinend, daß er dem Ziele näher komme. Aber jeder war ein Irrweg
-gewesen, hatte zum Ausgangspunkt zurückgeführt. Und da hielt er nun, wo
-er angefangen -- vor dem Nichts. Und alle Kraft war verzettelt, alle
-Arbeit vergeudet, verpulvert, vertan. Und jedesmal hatte er geglüht
-und geflammt, gleich heiß und hell geflammt für ein Leben ohne Götter
-und ohne Lüge, für die Herrschaft des deutschen Volkes und für die
-brüderliche Gleichheit aller Völker, für den Sieg der Sozialisten und
-für ihre Niederlage durch seine Ideen. Und alles war Lüge gewesen und
-Götzendienst. Sich selbst hatte er belogen und ein utopisches Ziel
-war sein Gott und Götze und selig machender Glaube. Wie die Spinne
-vor seinen Augen mühsam über die Grashalme, war er auf ebenem Boden
-keuchend gekrochen und hatte vermeint, er stürmte steile Berge empor
-zum Ziel. Nutzlos verschwendete Mühe -- Irrsal -- Verzweiflung --
-das war alles, was ihm geblieben. Und eine Ehe, die keine Ehe war,
-ein Weib, für das der Gatte, ein Kind, für das der Vater wie ein
-Gestorbener war.
-
-Aber leise, in den quälenden, schweren Rhythmus der Verzweiflung
-hinein, nur kaum wie ein schwaches Vogelzwitschern im Gewittersturm
-verhallend, schwebte fernher, ganz leise, eine Melodie des Trostes und
-ein schüchterner Hoffnungsklang. Und eine scheue Sehnsucht stand auf
-und pochte zag an und pochte lauter und mahnte: „Kehr’ heim!“
-
-Und pochte lauter und mahnte inniger: „Kehr’ heim! Zu Eva und Hansl,
-dorthin gehörst du -- sie warten auf dich. -- Nicht um deinetwillen --
-ihretwegen mußt du hin, daß sie aufrecht bleiben und sich weiter freuen
--- wenn auch du -- zerbrochen bist ...“
-
-Und ohne noch einmal in die Fabrik zurückzukehren, wie er ging und
-stand, im Hausanzug und mit der Gartenmütze, reiste er von der nächsten
-Bahnstation ab.
-
-
-7.
-
-Otto Pichler las in seinem Stammcafé in den Zeitungen, daß das
-Unternehmen des einstigen Freundes gescheitert war. Es bewegte ihn nur
-wenig. _Sein_ Schifflein war geborgen.
-
-Schon längst hatte er Grete Deming geheiratet, schon längst war er
-Prokurist und Stellvertreter des Direktors der chemischen Fabrik. Sein
-Schwiegervater hatte sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt. Ein
-verdienstvoller alter Herr, den man nicht hatte übergehen können, war
-dermalen mit der Leitung betraut. Aber sein Rücktritt konnte nicht mehr
-lang auf sich warten lassen, und dann war Otto der kommende Mann. Bei
-den Beamten war er beliebt. ‚Das Glückskind‘ nannten sie ihn und hatten
-recht damit. Nur wenige gab es, die so spielend mit dem Leben fertig
-wurden und mühelos die reifen Früchte auflesen konnten, die ihnen ohne
-vieles Dazutun wie von selbst in den Schoß fielen.
-
-Seine Ehe war wie tausend andere auch weder heiß noch kalt; eine
-gleichmäßig laue Atmosphäre hüllte sie ein, ließ keine Stürme heran,
-machte den Körper feist und war dem Wohlbefinden ungemein bekömmlich.
-
-Er ging seine Wege, Grete ging ihre Wege, mit der Treue nahmen sie es
-beide nicht zu genau.
-
-Als der zukünftige Direktor den Bericht gelesen hatte, fragte er den
-Kellner, ob die Herren seiner täglichen Tarockpartie schon anwesend
-seien. Der Befrackte bejahte. Da zog Otto ein goldenes Etui aus der
-Brusttasche, zündete sich eine Zigarette an, und während er den Rauch
-erst einatmete und dann langsam in die Luft hinausschwimmen ließ,
-dachte er: Ist es nicht Wahnsinn und Aberwitz, Gesundheit und Kraft und
-Blut für wildfremde Menschen einzusetzen? Wir leben schließlich doch
-nur das eine Leben, und warum sollten wir uns das nicht so angenehm wie
-möglich machen und trachten, daß es uns sacht und unmerklich verrinne
-in Fröhlichkeit und heiterem Behagen?
-
-Dann ging er ins Spielzimmer und mischte die Karten.
-
-
-
-
-Sechstes Buch
-
-
-1.
-
-Mitternacht war vorüber, als Hellwig bei Kolben Einlaß heischte.
-Der Doktor war noch wach. Als Fritz draußen schellte, ging er ihm
-ins Vorzimmer entgegen. „Komm nur herein,“ sagte er, „ich hab’ dich
-erwartet.“
-
-Und Fritz trat wortlos ein und hatte blasse Wangen und scheue Augen,
-die ohne Unterlaß den persischen Teppich am Fußboden betrachteten. Aber
-Kolben tat, als bemerkte er das nicht, sondern sprach zu ihm über seine
-Rosenkulturen im Garten, die heuer besonders reichlich blühen würden,
-über die vielen sonnigen Frühjahrstage, die immer wieder zu Wanderungen
-ins Gebirge lockten, über die letzte Premiere im Burgtheater. Über das
-alles und noch über viele andere Dinge sprach der Doktor unbefangen und
-zwanglos, als wäre Hellwig nicht an die drei Jahre, sondern kaum ebenso
-viele Tage fortgewesen. Und nur mitten zwischen diesen Dingen sagte
-er einmal ganz von ungefähr: „Deine Frau wirst du wohl jetzt nicht
-aufwecken wollen? Sie weiß auch noch nichts, es ist besser, du bleibst
-die Nacht bei mir.“
-
-Fritz atmete schwer auf und bewegte die Lippen, aber er sprach nichts
-und schaute nur stumpf vor sich hin, elend und voll Schuldbewußtsein.
-Doch als ihm der Doktor jetzt sein Schlafzimmer überlassen wollte, --
-er müsse sich ausruhen, man sehe ihm ja an, daß er total erschöpft sei,
--- da lehnte er auch das stumm ab und blieb auf dem Diwan sitzen, mit
-halb geschlossenen Augen und ganz teilnahmslos. Kolben aber dachte bei
-sich, daß es besser wäre, den stolzen und harten Mann mit allen den
-herben Verlusten und Enttäuschungen und Vorwürfen allein sich abfinden
-und fertig werden zu lassen. Und er brachte Kissen und Decken, wünschte
-ihm gute Nacht und zog sich zurück. Und Hellwig war ihm dafür dankbar.
-
-Er drehte die Glühlampe ab und blieb im Dunkeln sitzen und erinnerte
-sich, daß er unter einem Dach mit Eva sei, daß ober ihm sein Junge
-schlief, und das war Weh und Beruhigung, Qual und Trost zugleich. Doch
-schließlich wurde die Übermüdung stärker als alles andere, und auf
-die zerrüttelnden Aufregungen der letzten Tage reagierte der Körper
-endlich mit einem tiefen traumlosen Schlaf, der bis in die späten
-Vormittagstunden nicht von den bleischweren Lidern wich.
-
-Über alles mögliche hatte Kolben geredet. Aber was er für den Freund
-getan und wie er Eva über die langen einsamen Tage und Monate und
-Jahre hinweggeholfen, davon hatte er geschwiegen. Mit opferwilliger
-Treue, ein verläßlicher Berater und Sorgenbanner, war er ihr zur
-Seite gestanden, und während sie anfangs nicht darauf achtete, hatte
-er ihr alle unangenehmen und schwierigen Geschäfte abgenommen. Auch
-ihr Vermögen verwaltete er, und wenn Eva sich niemals ganz verlassen
-fühlte und wenn ihr gar nicht recht zu Bewußtsein kam, was eigentlich
-Fritz ihr angetan hatte, als er sie mit dem Kinde unbesinnlich in der
-großen fremden Stadt mutterseelenallein gelassen, wenn sie davon nichts
-merkte und sich leidlich zufrieden und geborgen glaubte, so war dies
-ausschließlich das Verdienst des Doktors.
-
- * *
- *
-
-Als Fritz endlich wach geworden, ging er mit Kolben in den ersten Stock
-hinauf. Kaum ein Wort hatte er bisher geredet. Und als er im Vorzimmer
-seiner eigenen Wohnung stand, spürte er den ungestümen Schlag seines
-Herzens bis in der Kehle. Kolben aber ließ ihn draußen warten und ging
-allein hinein, um Eva vorzubereiten. Ruhig und launig wie alle Tage
-begrüßte er sie und tat, als wäre gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen
-oder im Anzug. Der vierjährige Hansl war mit dem Dienstmädchen
-spazierengegangen.
-
-Wo war die Frohsinn blitzende Eva von früher? Ganz zu tiefst, in
-den verstecktesten Winkel des Herzens, mußte sich die Fröhlichkeit
-verkrochen haben. Keine Spur davon war mehr in den schwermütigen Augen,
-dem ernsten Antlitz, das deutlich die Zeichen gelittener Schmerzen
-eingefaltet trug. Nur in den blonden Haarspitzen leuchtete etwas, ein
-flink Bewegliches, Übermütiges, und war schon wieder weg. Kaum wie ein
-schnell vorbeihuschendes Erinnern an funkelnde Jugend und sonnige Tage
-war das gewesen.
-
-Unten schritt ein Briefträger über die Straße.
-
-„Haben Sie keine Nachricht von Fritz?“ fragte da Eva unvermittelt.
-
-„Dasselbe wollte ich _Sie_ fragen ...“
-
-Ein trauriges Lächeln ging um ihre Lippen.
-
-„Mich? Seit Wochen hat er nichts hören lassen. Ich weiß schon nicht
-mehr, was ich mir denken soll!“
-
-„Schreibfaul war Fritz von je.“
-
-„Aber so lang hab’ ich noch nie warten müssen!“
-
-„Er wird Sorgen haben. Der Streik dauert jetzt schon einen Monat ...“
-
-„Wissen Sie denn wenigstens darüber etwas Neues? Denken Sie sich, heut’
-hab’ ich schon wieder keine Zeitung bekommen. Gestern doch auch nicht.
-Was nur dem Austräger eingefallen ist?“
-
-Kolben erhob sich. „Ich -- habe ihn das so geheißen, Frau Eva,“ sagte
-er sehr ernst.
-
-Da stand sie auch schon dicht vor ihm und schaute angstvoll in sein
-ruhiges Gesicht. „Kolben! Was hat’s gegeben?“
-
-„Nichts, was Sie bedauern müßten, Frau Eva.“
-
-Sie rieb die Knöchel ihrer Finger gegeneinander. „So sprechen Sie doch!
-Rasch! Rasch!“
-
-Zögernd gab er Antwort: „Die Führer des Streiks haben ihren Zweck
-erreicht. Reinholts Arbeiter haben sich dem Ausstand angeschlossen ...
-es hat Ausschreitungen gegeben ...“
-
-Da schrie sie laut auf: „Fritz! Fritz! -- Doktor, was ist mit Fritz?“
-
-„Ruhe, Frau Eva, Ruhe -- _ihm_ ist nichts geschehen. Jetzt endlich wird
-er heimkommen.“
-
-Sanft legte er den Arm um die Wankende. Aber sie stieß ihn ungestüm
-zurück. „Jetzt, Kolben? Jetzt? Nein! Nein! Das erträgt er nicht! Doktor
-... er verzweifelt ja! Wir müssen hin! Doktor ... wir kommen ja schon
-zu spät ...“
-
-Kolben hielt ihr die zitternden Hände fest. „Seien Sie vernünftig, Frau
-Eva, ich hab’ Ihnen schon gesagt: Jetzt endlich wird er heimkommen.
-Vielleicht ist er schon auf dem Weg ...“
-
-Da schaute sie ihn mit einem wilden Blick an und rief: „Vielleicht!
-Vielleicht auch nicht! Bringt Sie denn nichts aus Ihrem Gleichmut? Und
-Sie wollen sein Freund sein? Schämen Sie sich! Wissen Sie denn ... ob
-er -- überhaupt noch lebt?“
-
-Und ganz ruhig, ganz bescheiden antwortete der Doktor darauf: „Gewiß,
-Frau Eva ... Er ist ja schon heimgekommen.“
-
-Er öffnete die Tür. Hellwig stand unter der Schwelle. Und während
-Kolben mit zuckendem Gesicht, -- nun er allein war, brauchte er nichts
-mehr zu verbergen, -- während Kolben über die Treppe hinabeilte, warf
-sich Eva stürmisch an die Brust ihres Mannes.
-
-„Fritz!“ flüsterte sie in heißer Freude. „Fritz!“
-
-„Eva!“ Das klang rauh und war wie ein Schrei.
-
-Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn. „Nun bist du wiedergekommen!
-Nun bist du endlich wiedergekommen!“ sagte sie und wiederholte es
-immerfort, langte nach seinen Wangen und streichelte sie und schaute
-ihn mit strahlenden Augen an und hatte alles Leid vergessen. „Blaß und
-schmal bist du geworden! Wo sind deine roten Backen hin? Bist du müde?
-Komm, setz’ dich, mach’ dir’s bequem, ruh’ dich aus ...“
-
-Und er hielt sie fest an sich gepreßt und legte ihren Kopf an seine
-Brust und schaute auf ihren blonden Scheitel und biß die Zähne
-zusammen, um nicht aufzuschluchzen. Alles Unrecht, das er ihr angetan,
-stand mit einem Male, nun er die Sanfte, Geduldige, Frohe wiedersah,
-riesengroß vor ihm auf, und er fühlte sich elend und schlecht und aller
-Liebe unwert.
-
-Aus dem Vorzimmer klang das Getrappel von Kinderfüßen und Geplapper.
-Der kleine Hansl kam vom Spaziergang heim. Und dann ging die Tür auf,
-sprang der Bub über die Schwelle, auf die Mutter zu. Da sah er den
-großen fremden Mann, wurde kleinlaut und wagte sich nicht weiter. Eva
-ergriff seine Hand. „Hansl!“ sagte sie mühsam heiter. „Hansl, komm zu
-Vaterl!“
-
-Halb scheu, halb zutraulich trippelte der Bub heran.
-
-„Vaterle ...?“ fragte er furchtsam.
-
-„So trau’ dich doch, Hansl! Na?“ Und um ihm die oft vorgesprochenen
-Worte ins Gedächtnis zu rufen, begann sie: „Grüß’ -- Gott --“ Da
-stellte sich das Kerlchen stramm vor den großen Vater hin und sagte
-hell und herzhaft: „Grüß’ Gott, Vaterle, und hab’ mich lieb. Hab’ auch
-Mutterl lieb und bleib’ bei uns!“
-
-Wortlos, in tiefster Bewegung, hob Fritz seinen Sohn zu sich hinauf und
-küßte ihn.
-
-„So!“ rief Eva. „Jetzt komm, Hansl, wir wollen Vaterl was zu essen
-holen!“
-
-Und rasch führte sie den Buben aus der Stube. Er durfte seinen Vater
-nicht länger in solcher Erregung sehen.
-
-
-2.
-
-Ein Tag nach dem andern ging vorüber und Hellwigs düstere Miene wollte
-sich nicht aufhellen. Sein Inneres war wie ausgebrannt, wüst, nackt und
-leer. Alle Quellen waren versiegt, alle Hoffnungen verdorrt. Was er für
-sein Lebenswerk gehalten, lag in Trümmern. Da schämte er sich vor sich
-selbst, vor seinem Weibe, vor den Menschen.
-
-Führer hatte er ihnen sein wollen, Pfadfinder, Heilbringer -- und
-war nichts gewesen als was so viele andere auch: ein Irrlehrer und
-dünkelhafter Maulheld, der da glaubte, den Menschen die Wahrheit
-schenken zu können. Jeder andere durfte mit gleichem Recht das gleiche
-behaupten. Die Wahrheit hatte ja doch keiner, konnte keiner haben,
-weil es im ständigen Fluß der Entwicklung einfach keine Wahrheit gab.
-Keine Wahrheit wenigstens, die zu allen Zeiten Wahrheit bleiben muß.
-Wer am Ufer steht oder im Strome treibt, weiß vielleicht, daß die
-Strombahn in diesem Augenblick von Westen nach Osten zieht. Aber ob
-sie sich tausend Meter weiter unten nicht nach Süden wendet oder nach
-Norden oder im Bogen zurück nach Westen, das weiß er erst, bis er’s
-mit eigenen Augen sieht. Doch so wahr der Strom ein paar Meter weit
-nach Osten fließt, so wahr fließt er auch ein paar Meter weiter unten
-nach Süden. Wer aber wäre vermessen genug, zu behaupten: Tausend Meter
-abwärts _muß_ dieser unbekannte Strom im unbekannten Lande so fließen
-und nicht anders! -- In tausend Jahren _muß_ die Menschheit diesen und
-diesen Weg gehen und keinen andern!
-
-Wer wäre so vermessen?
-
-Er, Fritz Hellwig, er hatte die Vermessenheit gehabt und schämte sich
-jetzt, da er sie erkannte. Und noch etwas anderes erkannte er jetzt:
-den Frevel, so nannte er es, der kein Freund der Beschönigung war, den
-Frevel, den er an Eva und seinem Kinde begangen -- und an sich. Das
-frohe Lachen und Plaudern des Buben war ihm wie beständiger Vorwurf.
-Aus den guten Augen seiner Frau las er ihn und immer haltloser wurde er.
-
-Auch Kolben vermochte da nichts zu richten. „Dir hätt’ ich auch eine
-Schuld abzuzahlen, Albert!“ hatte Fritz bitter gesagt und als der
-Doktor dagegen lachend protestierte, hatte er tonlos weiter gesprochen:
-„Ich muß nur nehmen und immer nehmen! Immer nur in euerer Nachsicht
-leben! Das ist nicht gut, Albert, nein, das ist nicht gut ...“ Und
-er war wieder in das tatenlose Hindämmern gefallen, jedem Zuspruch
-unzugänglich und taub für jeden Trost.
-
-Seit seiner Rückkunft hatte er die Wohnung nicht verlassen. In sich
-vergraben und ganz in seine Verzweiflung eingewühlt lebte er, zeigte
-für nichts Interesse, rührte die Zeitungen nicht an. Briefe von
-Reinholt liefen ein. Sie blieben ungelesen. Wenn die Flurglocke klang,
-schrak er zusammen. Er fürchtete sich vor den Menschen, weil er sich
-vor ihnen schuldig glaubte.
-
-„Doktor, was sollen wir nur machen?“ fragte Eva oft ganz mutlos.
-
-„Gehn lassen!“ antwortete dieser. „Es wird auch wieder anders werden.“
-
-Und sie ließen ihn gewähren. Mit keinem Wort rührte Eva an der
-Vergangenheit, tat, als wäre er nie fort gewesen. Sie drängte sich
-ihm nicht auf, aber stets war sie in seiner Nähe, hielt jede Störung
-fern, barg ihren Kummer hinter hellen Mienen und lächelnder Heiterkeit,
-hüllte ihn ganz in ihre Liebe ein und umhegte ihn mit jener stillen
-Hausmütterlichkeit, deren Walten unmerklich ist und die doch alles
-durchleuchtet und durchwärmt.
-
-Und wenn sie sich gar keinen Rat mehr wußte, schickte sie Hansl zu
-ihm. Den konnte er dann stundenlang auf seinen Knien haben, wie ein
-Kind konnte er mit ihm plaudern und alle Märchen, die er noch wußte,
-erzählte er ihm. Aber sobald der Junge fort war, sank er wieder
-zusammen wie ein Feuer, das allen Brennstoff aufgezehrt hat.
-
-Unangemeldet kam eines Tages Kaufmann Wart hergereist, um nach dem
-Rechten zu schauen und nebenbei auch seinem Schwiegersohn gründlich den
-Kopf zu waschen. Aber als er ihn so elend sah, unterließ er es. „Das
-Flamändern wird dir jetzt wohl vergangen sein!“ knurrte er nur.
-
-Einige Tage später nahm er ihn beiseite: „Fritz, was wirst du jetzt
-eigentlich anfangen?“
-
-„Ich -- weiß es nicht ...“
-
-„Aber ich wüßt’ was!“ lächelte verschmitzt der rundliche Mann, der
-jetzt wieder frisch und blühend aussah und unter seinem weißen Barthaar
-feiste rote Wängelein hatte. „Ich wüßt’ was! Komm zu uns nach Neuberg!“
-
-„Das geht nicht!“
-
-„Muß gehn, Fritz. Schau, es ist ein wahrer Jammer. Alles klerikal,
-alles schwarz, bis über die Ohren schwarz! Das wär’ was für dich.
-Misch’ auf! Jag’ sie davon! Schließlich, es ist ja doch deine
-Vaterstadt. Wär’ ein Verdienst, Fritz, -- und besser, als so ins Weite,
-Nebulose hinein. Dort hast du wenigstens festen Boden und weißt, daß
-du darauf gehörst und für wen du’s machst. Dein Bub, -- hm -- ich
-denk’ halt, jeder Baum braucht seine Erde. Und so eine Großstadt, das
-ist doch keine richtige Heimat. Irgendwo aber soll jeder Mensch seine
-Wurzeln haben. Pflanz’ halt den Hansl dort ein, wo er hingehört, nicht?
-Und dann -- uns zwei Alten tät’s auch wohl. Die Mutter, -- sie hat zu
-viel durchmachen müssen, -- die Mutter kann nicht mehr recht fort. Es
-zwickt und reißt sie überall. Gefahr ist keine, aber beschwerlich ist
-so was, drum ist sie auch nicht mitgekommen. Die Mutter, siehst, und
-ich -- jetzt sind wir schon ganz allein. Und dann hätten wir wenigstens
-wieder jemanden. Und schreiben -- du wirst ja doch nichts andres tun
-als Bücher schreiben und für die Zeitungen -- schreiben kannst bei uns
-draußen auch. Was meinst?“
-
-Fritz antwortete nicht gleich. Kolben kam herein.
-
-„Stör’ ich?“ fragte er.
-
-„Nur herein, Herr Doktor! Ich sag’ grad’ nur, der Fritz soll mit nach
-Neuberg!“
-
-Kolbens Augen hinter der goldenen Brille leuchteten auf. Das konnte
-eine Lösung sein. Aber diplomatisch meinte er nur: „Hm, Neuberg? Was
-dort?“
-
-Fritz sagte nicht ja, nicht nein. Doch die Worte klangen in ihm nach.
-Und die beruhigende Aussicht in eine Zuflucht ließ ihn gefaßter werden,
-wenn er sich das auch nicht eingestehen wollte, und richtete ihn auf
-und war wie das Bändchen Bast, das ein ins Krumme wachsendes Bäumchen
-am stützenden Pfahl festhält.
-
-
-3.
-
-Und die Tage glitten weiter, sacht und gleichmäßig, wie weiße Schwäne
-auf einer unergründlich tiefen und dunklen Flut. Glatt war die
-Oberfläche und verriet nicht, was darunter brausend durcheinander
-brodelte, alle Leidenschaften deckte sie zu, alle Angst und Qual und
-Aufregung, und darüber segelten die weißen Schwäne, einer hinter
-dem anderen, ruhig und lautlos. Kaum merklich war die Bahn, die sie
-zogen, aber sie war doch da und in den sanft bewegten Wellen spiegelte
-sich mit kleinen Lichterchen die verbannte Freude, versuchten die
-Silberfischchen der Hoffnung zaghaft ihren Tanz. Und zwischen das
-stürmische Einst und das Jetzt schob sich mit mildem Glanz, die
-scharfen Konturen abtönend und verschleiernd, wie eine durchsichtige
-Wolke der Friede.
-
-Ohne Geräusch und ohne viele Worte, mit einer gleichmäßig stillen
-Freundlichkeit und innigen Hingabe, versah Eva den Haushalt und
-pflegte den kleinen Hansl und den großen Fritz und jede Bequemlichkeit
-bereitete sie ihm. Und täglich kam sie mit den Zeitungen und fing von
-Dingen zu reden an, die ihr ganz fern lagen. Von Doktor Kolben oder
-aus den gelehrten Büchern holte sie sich Aufklärung, in die schwer
-gangbaren Gebiete der Finanzwissenschaft und der hohen Politik drang
-sie mutig ein, schlug sich tapfer mit den schwierigsten Lehren und mit
-den verwickeltsten Ereignissen herum, um nur mit ihrem Manne über etwas
-sprechen zu können, was vielleicht seine Teilnahme wecken und ihn aus
-der schweren Dumpfheit reißen könnte. Oder sie legte ihm Zeitschriften
-und Bücher auf den Tisch: hier sei ein bemerkenswerter Aufsatz, den
-müsse er lesen. Und dieses neue Werk vom Wesen des Geldes werde ihn
-möglicherweise auch ansprechen. Doch wenn sie ihm von Reinholt Briefe
-brachte, dann sagte sie nichts dazu und schaute ihn nur freundlich
-bittend an: Er solle doch einmal einen aufmachen und lesen. -- Aber
-mit keinem Wort rührte sie an der Vergangenheit, erwähnte auch nichts
-davon, daß viele Blätter für ihn eintraten und das Vorgehen seiner
-Feinde in der schärfsten Weise verurteilten. Das hatte Zeit, das konnte
-ihm später als Genugtuung dienen. Jetzt sollte er nur erst aus der
-schlaffen Teilnahmslosigkeit heraus. Aber es wollte und wollte nicht
-anders mit ihm werden. Meist saß er vor seinem Schreibtisch, hatte
-die weißen Papierbogen vor sich liegen und die Feder daneben, aber er
-rührte sie nicht an und nicht eine Zeile schrieb er, sondern grübelte
-nur und brütete vor sich hin, viele, viele Stunden lang. Aber die
-Melodie der Häuslichkeit tönte immerzu leis um ihn und ruhiger und
-ruhig schlug allmählich sein Herz.
-
-Und da geschah es eines Tages -- ein Gewitter war verrauscht und durch
-zerrissenes Gewölk drang die sinkende Sonne mit schrägen Strahlen,
-die von den Fensterscheiben gegenüber in gelber Lohe zurückflammten.
-Dämmrig wurde es und düster, und Eva zündete die Lampe an. Das Gas
-brodelte leise im messingnen Auslauf, und vor den Fenstern draußen im
-Garten schlief sanft und sacht die Erde ein und eine Amsel sang vom
-eisernen Windpfeil eines Landhauses herab der müden das Schlummerlied.
-Da geschah es. In dieser seltsam leuchtenden und heimlich klingenden
-Stille außen und innen, in diesem feierabendlichen Frieden, der alle
-Dinge weich und warm in seine Arme nahm, geschah es.
-
-Halb vom Vorhang zugedeckt, saß Fritz beim Fenster. Er hatte, nach
-langer Zeit wieder einmal, in seinem Werk geblättert, das er einst in
-einem Rausch der Schaffensfreude niedergeschrieben, hatte auch einzelne
-Stellen gelesen, wieder und wieder gelesen, aber keinen Widerhall in
-seiner Seele gehört. Worte waren das, leere, taube Worte, die an ihm
-abglitten und hohl tönten, wie Gefäße ohne Inhalt. Und alle Glut war in
-sich zusammengesunken, und unter der Asche glomm kein Funke mehr.
-
-Er klappte das Buch zu und lächelte bitter, als er den gepreßten
-Lederrücken sah. Für Jahrhunderte schien dieser Einband berechnet
-und was er umschloß, war schon widerlegt, war schon verbrannt und
-ausgekühlt und wertlos.
-
-Lang saß er dann und schaute in den Garten hinaus. Noch tobte das
-Gewitter und die Wolken hingen ganz niedrig und die Bäume bogen sich
-und zitterten im Sturm und wenn ein Blitz grell aufflammte, der Donner
-nachkrachte, duckten sie sich noch tiefer und bebten sie noch stärker.
-Und die weißen Landhäuschen fürchteten sich mit ihnen und kauerten wie
-verirrte junge Tiere in dem zitternden Grün. Und in dicken Strängen
-fiel der Regen nieder. Und dann wurde es stiller und lichter und freier
-und der letzte Donner war noch nicht vergrollt, da war auch schon
-wieder Amselsingen und war leuchtender abendlicher Friede.
-
-Dann flammte die Lampe auf, und Eva kam und legte ihm die Abendblätter
-aufs Fensterbrett. Und wie jedesmal schob er sie beiseite, ohne einen
-Blick hineinzutun. Denn er wollte nicht erinnert werden, wollte nicht
-wissen, was draußen in der Welt vorging, das sollte tot für ihn sein,
-wie er für die Welt tot sein wollte.
-
-Lebhaft und ungestüm sprang jetzt sein Bub, des stillen Spielens mit
-den Bauklötzchen in der Ecke müd, zu ihm her, legte die Arme um seinen
-Leib und den Kopf auf seine Knie: „Vaterle, erzähl’ was!“
-
-Da schrak er aus seinem Grübeln und schaute das Kind mit ausdruckslosen
-Augen an.
-
-„Was erzählen!“ bettelte der Bub.
-
-Nun bezwang er sich mühsam, hob den Knaben auf seinen Schoß, fing nach
-einer geraumen Weile zu reden an: „Also -- es war einmal ein Mann, der
-war verwunschen, immerzu irre zu gehen. Wenn er wohin gewollt hat, in
-die Kirche oder auf den Jahrmarkt in die Stadt, hat er niemals den
-rechten Weg finden können. Er selber freilich, er hat schon geglaubt,
-daß er richtig geht. Immer der Nase nach geradeaus, dann links um die
-Ecke und noch einmal rechts um die Ecke, dann muß die Kirche ja da
-sein. So hat er geglaubt. Aber die Kirche ist nicht da gewesen, sondern
-die Ziegelscheuer oder die Herberge oder sonst ein Haus, nur nicht die
-Kirche. Und er hätte doch darauf geschworen, daß er recht gegangen ist.
-Und wenn er zum Jahrmarkt nach Aberg gewollt hat, ist er sicher zum
-Viehmarkt nach Beheim gekommen, was doch in einer ganz anderen Richtung
-liegt. Weil er aber nicht leer nach Haus hat kommen wollen, hat er
-sich halt dort eine Kuh gekauft oder einen Ziegenbock und den hat er
-dann sicherlich dem Meister Schneider oder Fleischhauer in den Stall
-getrieben, die doch am andern Ende vom Dorf gewohnt haben. Und kurz und
-gut, er hat halt nie dorthin kommen können, wohin er gewollt oder wo er
-zu tun gehabt hat. Immer hat er sich verirrt oder ist immerzu im Kreis
-herumgegangen, immerzu rundherum im Kreis.“
-
-Er schwieg und holte tief Atem.
-
-„Der dumme Mann!“ rief der kleine Hansl.
-
-„Jawohl, der dumme, dumme Mann!“
-
-„Fix, Hansl, dein Abendbrot ist da!“ rief die Mutter dazwischen. Der
-Bub wollte nicht fort: „Erzähl’ mehr, Vaterl!“ bat er. Aber Frau Eva
-machte keine Umstände. Sie packte den Zappelnden unter den Armen und
-hob ihn in seinen Sessel. „Avanti! Jetzt wird gegessen, daß du mir
-rechtzeitig in die Federn kommst!“ Sie band ihm ein Mundtuch vor, gab
-ihm den Löffel in die Hand. Nun aß er gehorsam seine Eierspeise und
-schmatzte mit den Lippen und ließ sich von der Mutter die Semmelbrocken
-in den Mund stecken.
-
-Durch das Gegitter des Spitzenvorhangs schaute Fritz zu. Da waren
-sie beisammen, die beiden lieben Menschen, die schöne reife Frau und
-der helläugige Knabe, im goldenen Kreis der Lampe. Und beide hatten
-vergnügte Gesichter und waren guter Dinge und nicht ein leisester
-Schatten trübte jetzt ihre heiteren Mienen. Im engsten Raum, vom
-goldenen Lichtkreis eingeschlossen, Mutter und Kind, Erfüllung und
-Verheißung, lachend und blühend wie die Erde im Juni. Und er -- hatte
-sich selbst aus dem goldenen Kreis verbannt, -- um all das Licht hatte
-er sich betrogen, mußte schuldbeladen abseits stehen.
-
-Der dumme, dumme Mann!
-
-Hart vor seinen Füßen hörte mit einer scharfen Linie das warme
-Lichtrund auf und um ihn war Dunkel und Einsamkeit und Kälte.
-
-Du dummer, dummer Mann!
-
-So tritt doch heraus aus dem Dunkel. Wag’ den Schritt -- ins Licht, in
-die Wärme, in die Liebe -- zurück in den leuchtenden Kreis des Lebens.
-Diesmal kannst du nicht in die Irre gehen. Zu nah ist das Ziel. Ein
-Schritt nur -- ein Öffnen der Arme -- und du hast es und hältst es fest
--- und nimmer, nimmermehr kann es dir dann entfliehen.
-
-Aber es war ihm, als könnte er niemals über diese scharfe, klare
-Grenzlinie hinüber.
-
-„Weiter erzählen!“ rief Hansl und schlug mit seinem Löffel gegen den
-blechernen Teller. „Weiter erzählen, Vaterle!“
-
-Doch Eva hielt ihm die Hand fest und sagte: „Was gibt’s da noch viel
-zu erzählen? Der Mann ist immer falsch gegangen, weil er ja doch
-verzaubert war. Und einmal, da ist er schon weit fortgewesen und hat
-sich gar nicht nach Haus finden können. Aber da ist ihm eingefallen,
-daß seine Frau mit dem Essen auf ihn wartet und daß sein Bub auf
-ihn wartet und eine Geschichte erzählt haben will. Und wie ihm das
-einfällt, da hat er sich umgedreht, und keinen einzigen falschen
-Schritt hat er mehr gemacht und ist nur immerzu geradeaus gelaufen und
-gelaufen, bis er richtig zu Haus war. Und so schnell ist er gelaufen,
-daß das Essen wirklich noch warm war und daß er auch noch eine
-Geschichte hat erzählen können. Und seit der Zeit ...“
-
-Mehr konnte sie nicht sagen. Denn Fritz war aus seiner dunklen Nische
-in das helle Licht getreten, mit weit gebreiteten Armen -- und seine
-Augen waren groß und leuchteten in ihren Tiefen, und die lieben zwei
-lehnten ihre Köpfe an seine atmende Brust, und so stand er in stummer
-Ergriffenheit und hatte sein Ziel erreicht und hatte sein Glück
-gefunden im goldenen Kreis des Lebens.
-
-
-4.
-
-In der Nacht, die diesem Erlebnis folgte, da lag er wach bis zum
-Morgen. Und während Eva neben ihm still atmete, fühlte er, wie Ring
-um Ring von seinem Herzen sprang, Stück um Stück der Eiswall brach,
-hinter dem es eingefroren nur müd gepocht hatte. Die Nacht flutete
-dunkel und gleichmütig vorüber. Ihm aber leuchteten die Augen groß
-und eines ernsten Glückes voll. Erlösung. Auferstehung. Weitab vom
-tosenden Jubel, vom wütenden Haß des Tages, im engsten Raum, zwischen
-seinen vier Pfählen, mit einer beglückenden Selbstverständlichkeit war
-diese Stunde gekommen und hatte ihn zum Hafen getragen, mühelos, wie
-eine Welle die Muschel auf den Strand spült. Und er konnte alle Segel
-einziehen und Anker werfen.
-
-Und langsam und allmählich lernte Fritz Hellwig wieder lachen und
-wieder frei aufschauen. Und wenn er den Glauben an sich selbst verloren
-hatte, so fand er ihn allmählich und langsam wieder in dem Glauben
-an das Leben und in der Liebe der Seinen und zu den Seinen. Und alle
-Zärtlichkeit Evas und aller Jubel des Buben strömte in seine Seele,
-die ihre Tore weit offen hielt und machte ihn dankbar und fromm und
-glücklich wie ein unartiges Kind über unverdiente Weihnachtsgaben.
-Und jetzt bemerkte er auch die behutsame Zartheit, mit der Eva
-seine Stimmungen belauschte und wie sie sich mühte, ihn abzulenken,
-aufzuheitern und aus seiner Teilnahmslosigkeit zu wecken. Wie sie
-immer und immer wieder leis an sein Herz pochte und Einlaß heischte
-und die Geduld niemals verlor, wenn sie vergeblich warb, wenn er sie
-rauh zurückstieß und keinen Teil mehr haben wollte an aller Freude und
-Liebe. Und er zieh sich der Selbstsucht, weil er sich nur dem eigenen
-Schmerz überantwortet hatte und zu allem angerichteten Unheil, zu allen
-seinen Irrfahrten, die so viele bitter getäuscht und arm gemacht, noch
-und abermals ein Unrecht gehäuft und jener weh getan hatte, die ihm
-zunächst stand und ihn am liebsten hatte.
-
-Schwere Schuld war zu sühnen und manches konnte überhaupt nicht
-ausgetilgt werden. Aber irgendwie gutmachen und aufwiegen ließ es sich,
-nur mußte er die Zeit nützen und seine Kräfte, statt sie in nutzloser
-Selbstbemitleidung zu vergeuden, frei machen für die Sühne.
-
-Und langsam wurden sie frei.
-
-Hatte er früher alles an sich vorbeigehen und gleichgültig zu Boden
-fallen lassen, so konnte er jetzt nicht genug tun und nicht genug
-finden, was Eva freuen und fröhlich machen sollte. Auf alle ihre
-Anregungen ging er ein, sprach mit ihr über die Tagesereignisse, und
-wenn sie auf ein besonders verwickeltes Thema gerieten und wenn Eva
-sich immer tiefer hinein verfitzte und hilflos hing wie ein Fisch im
-Netz, dann lachte er wohl und sagte, sie solle sich doch keine solche
-Mühe und seine Schuld nicht noch größer machen.
-
-Sie erwiderte nicht auf solche Reden, blickte ihn nur strahlend aus
-innigen Augen an und auf ihrem Gesicht lag ein ganz heller Schein der
-Freude.
-
-Bald hatte er nachgeholt, was er in den letzten Wochen versäumt, hatte
-er die Zusammenhänge wiedergewonnen und die Zeitungen blieben nicht
-mehr ungelesen neben dem Schreibtisch liegen. Und er las die maßlosen
-Ausfälle in den Blättern der Gegner, las die Verteidigungen und die
-Lobsprüche der Anständigen und ihm wurde dabei, als ob das alles
-irgendwo weit in der Ferne sich abgewickelt und er gar keinen Teil
-daran habe. Auch die Briefe Reinholts las er jetzt. Und da erfuhr er
-denn das Schicksal der Empörer.
-
-Karus, Leibinger, Sanders und fünf andere waren tot, Mark im Gefängnis,
-die übrigen in alle Winde verstreut. Der Streik war zu Ende.
-
-Fritz las das und wurde wieder sehr traurig. Aber es war nicht mehr
-die dumpfe Verzweiflung, der tatenlose Trübsinn von früher. Eine tiefe
-sanfte Wehmut war es, die ihn ganz läuterte und immer fester und
-unlösbarer mit seinen Lieben verknotete.
-
-Den ganzen Tag war er jetzt mit dem Buben im Garten, lehrte ihn die
-Vögel nach dem Ruf, die Pflanzen und die Steine unterscheiden und wurde
-nicht müd, die zahllosen Fragen des aufgeweckten Kindes zu beantworten.
-Aber noch keinen Schritt hatte er seit seiner Rückkehr vor das Haus
-getan. Er schämte sich noch.
-
-Und auch jetzt, als ihn Eva zu einem Spaziergang aufforderte, wollte er
-nichts davon wissen. Sie aber ließ nicht mehr locker, bat und drang in
-ihn und endlich gab er nach.
-
-Zwischen den gartenumhegten Villen gingen sie, in stillen Gassen, die
-wie breite Alleen waren, von Bäumen flankiert und mit gelbem Kies
-bestreut. Und nur wenig Menschen waren zu sehen. Eva hängte sich fest
-an seinen Arm, war heiter, froh und herzlich und lachte und freute
-sich. Da vergaß er alles andere und fühlte nur ihre sonnige Nähe,
-blickte in ihre klaren Augen, die unter langen Wimpern hell und blank
-in die blanke und helle Welt hineinlachten und er wurde sicherer,
-ging aufrechter dahin und wenn ein Spaziergänger sie schärfer ansah,
-stehenblieb und ihnen nachschaute, empfand er nicht Unbehagen oder
-Befangenheit, sondern war stolz und freute sich über seine blühend
-junge schöne Frau.
-
-Eine sachte Lehne hinauf gingen sie, bis die Häuser den Weinpflanzungen
-Platz machten und weiter oben eine freie Schau ins Land hinein sich
-auftat.
-
-Unten lag die große, turm- und giebelreiche Stadt, ein dunkler Wall
-von schönen laubwaldumwachsenen Bergen mit weißen Schlössern und
-bewimpelten Warten und Aussichtstürmen schloß den Horizont ein und hoch
-und still weitete sich der Herbsthimmel darüber. Im Westen ging die
-Sonne schlafen, von Gipfel zu Gipfel den Gebirgskamm entlang lief ein
-zackiges Feuerband, und rings um das Himmelsrund, je weiter von der
-goldenen Lohe im Westen, je tiefer und satter, wogten und wehten und
-schwebten zarte, durchsichtige Schleier, purpurn und blau und violett,
-sanken von den Höhen ins Tal, breiteten sich aus und hüllten gleitend,
-wogend, weich und duftig die Türme, die Giebel und Dächer alle ein.
-
-Eine lange Weile standen Fritz und Eva Schulter an Schulter und
-schauten stumm zu, wie die Sonne in Licht und farbenfroher Schönheit
-ertrank. Der runde Rücken des Hügels war fast baumlos. Lediglich vor
-einem zierlichen Kapellchen waren ein paar junge Linden im Halbkreis
-eingepflanzt und daneben war ein Friedhof mit blumigen Gräbern,
-schlichten schwarzen und weißen Steinen, Kreuzen und dürftigen dunklen
-Zypreßchen.
-
-Sie öffneten die Lattentür, traten ein und gingen zwischen den
-Gräberreihen hin. Einsam war es hier und still und gar nicht traurig.
-Die Höhenluft spielte mit den welken Kränzen, wehte um die grünen
-Gräser, um die nickenden Blütenköpfchen und um die prunklosen Male auf
-den reinlichen Totenstätten. Und wo ein Kindergrab war, dort kniete
-ein gipserner Engel in einem sauber angestrichenen Gitterchen und
-betete. Und die blauen Berge winkten und grüßten noch von fern und die
-Lichter der Stadt leuchteten durch die duftigen Abendschleier gedämpft
-herauf, einzeln oder, wo ein Straßenzug ging, in feurigen Ketten.
-Traulich war das alles und anheimelnd, und Eva sagte versonnen:
-
-„Hier möcht’ ich auch einmal liegen, du. Es ist so lieb hier.“
-
-„Sprich nicht vom Sterben!“ bat Fritz.
-
-„Warum?“ fragte sie und schaute ihn aus lebensfrohen Augen an. „Leben
-wir denn länger, wenn wir davon schweigen? Oder sind wir glücklicher?
-Ich glaube doch nicht, Fritz. Mir wenigstens, mir ist immer, als müßt’
-ich mich schnell noch doppelt freuen über die Gegenwart, wenn ich
-denke, daß alles einmal vorübergeht. Und viel tiefer und stärker freue
-ich mich dann über das bißchen Glück, das wir haben. Und das haben wir,
-gelt, du?“
-
-Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn, legte die Wange auf seinen Arm.
-
-„O -- du!“ antwortete er und seine Stimme war rauh und brüchig. „Ob
-wir das haben! Unsere Stuben sind ja berstvoll davon -- und alles
-durch dich! Alles, was darin schön und warm und hell ist, hast du
-hineingetragen und bereitet mit deinen Händen. Und was darin häßlich
-und kalt und dunkel ist -- durch meine Schuld ist es dazugekommen. Drum
-sprich nicht vom Sterben! Ich mag nicht dran denken, du! Ich mag nicht
-denken, wie wenig Zeit mir noch bleibt, um -- dir’s zu danken und dir’s
-zu lohnen -- und abzuzahlen -- und zu vergelten, so gut ich’s kann. --
-Ev, du Liebe, Gute, Gütige!“
-
-Ein Schluchzen erstickte seine Worte. Noch nie hatte er so
-leidenschaftlich zu ihr gesprochen, ihr so ganz unverhüllt und
-rückhaltlos sein Innerstes offenbart. Ein seltenes, schweres
-Glücksempfinden flutete wie eine heiße Welle über die Frau und ließ sie
-zu tiefst erschauern.
-
-Sie schwiegen. Lange, lange. Die Grabmale ragten ruhig in die halbhelle
-Dämmerung, schwarze Schatten stiegen über die Hügel. Ein Stern flammte
-auf und noch einer und wieder einer und lautlos schwebte die Nacht zu
-Tal. Und der Himmel wölbte sich hoch über ihren Häuptern und baute sich
-seltsam durchsichtig in einem ganz satten, ganz dunklen Blau über alle
-die funkelnden Sterne hinaus höher und höher in die weite, leuchtende
-Unendlichkeit empor.
-
-
-5.
-
-Jetzt ließ sich auch Doktor Kolben wieder öfter blicken, der sich in
-der letzten Zeit ganz zurückgezogen hatte, um das Heilung bringende
-Walten Evas nicht zu stören. Die Septembertage waren mild und klar und
-sonnig, in den Nächten stand der Vollmond am Himmel, so daß es auf der
-Erde gar nicht mehr finster wurde und Licht mit Licht, Goldglanz mit
-Silberschimmer lautlos wechselte. Da nahmen Hellwig und Kolben ihre
-Mondscheinpartien wieder auf. Vor Jahren, damals, als Fritz noch als
-blutjunger Mitarbeiter bei den Freien Blättern saß, hatten sie solche
-Wanderungen öfter unternommen, und regelmäßig war auch Heinz mit dabei
-gewesen.
-
-Diesmal fuhren sie in die Eisenerzer Alpen. Spät nachts kamen sie in
-Kallwang an und machten sich ungesäumt auf den Marsch. In Nagelschuhen
-und Lodenflaus, die Rucksäcke auf den Rücken, schritten sie wacker aus.
-Erst war es noch dunkel und nur die Sterne leuchteten über ihrem Weg.
-Aber dann ging rund und voll der Mond auf und schüttete sein Silber
-auf die Erde. Die tief eingefalteten Täler füllte er und den endlosen
-Luftraum, und vor dem hellen Himmel standen dunkel und riesengroß und
-silberüberrieselt die gewaltigen Mauern des Hochgebirges. Jeder Gipfel
-war scharf umrissen, und doch waren alle Linien weich und seltsam
-fließend. Jeder Kamm war rein geprägt und war doch schattenhaft und
-unbestimmt verschwimmend. Jeder Gebirgsstock ragte klar und fest mit
-dem Boden verwachsen aus dem silbernen Tal in den silbernen Himmel,
-und doch schien das alles, in diesem Licht, das so ruhig leuchtete
-und dennoch immerwährend flimmerte und flutete und mit winzigen
-Wellchen ineinanderspielte, schien das alles, die wurzelfesten Berge,
-die mächtigen Kuppen und starr aufragenden Zinken, flaumenleicht und
-schwebend, nur kaum wie mit ganz feinem Pinsel auf den zart silbernen
-Himmel hingestrichen. Und das war das Seltsamste: daß die Wucht und
-kolossale Größe des Gebirges nah und greifbar dastand und doch nicht
-fühlbar und nicht drückend wurde.
-
-Schweigend schritten sie dahin. Über ebene Wiesenflächen schritten
-sie, und die Gräser rauschten unter ihrem Tritt und schimmerten
-und flimmerten, eins im bläulichen Schatten des anderen. Und durch
-mächtige Tannenwälder schritten sie, die still und undurchdringlich
-finster waren gleich lichtlosen Kirchenhallen, und nur hoch oben,
-über dem schwarzen Gitter der Nadelkronen, lag der Mondglanz wie ein
-durchbrochenes Spitzengewebe.
-
-Schweigend schritten sie vorwärts. Etwas tief Beruhigendes war in
-dieser Wanderung durch Glanz und Stille, etwas, was alle Leidenschaften
-einwiegte, alle Wünsche schweigen, alle Erdenmühe vergessen ließ,
-und auf lautlosen Schwingen hob sich die frei und leicht gewordene
-Seele und gleitend flog sie, flog schwebend in den unendlichen Frieden
-hinein, der alle Berge und Täler, alle Höhen und Tiefen durchtränkte.
-
-Schweigend schritten sie aufwärts. Und als sie den Wald hinter sich
-hatten, ins Krummholz kamen und auf weiche Alpenmatten, da hatte der
-sanfte Mondglanz schon dem härteren Licht des Morgens weichen müssen.
-Und als sie den Kamm erstiegen, da brodelten tief unten schon und
-brandeten die grauen Morgennebel, alle Täler füllend, wie ungebärdige
-Ströme gegen die ruhige Kraft der Berge an. Und dann sprang die Sonne
-rein und rund, ein junger Held in goldig flammender Rüstung, auf den
-Burgwall und schleuderte die Feuerspeere ungestüm fernhin gegen die
-weißen Hünen im Gesäuse, die gelassen ihre ungeheueren Schilde entgegen
-hielten, gegen die funkelnden Panzer das Dachsteins, des Glockners,
-der trotzig unbewegten Riesen -- und es war wie der heiße Ansturm des
-vergänglichen Lebens, das seine überschäumende Kraft auszutoben begehrt
-an dem unverrückbaren, sicheren, ewigen Sein.
-
-Noch immer schwiegen die beiden Wanderer, schritten den felsigen Kamm
-entlang zum Gipfel. Neuschnee lag hier oben, weich und unberührt, eine
-duftige Decke, mit den tiefroten Sternen der Nelken, mit gelben und
-blauen Alpenblumen leuchtend durchweht. Und zwischen dem Felsgetrümmer
-blühte das Edelweiß.
-
-Nun waren sie auf dem Gipfel, breiteten die Mäntel aus und hielten
-Rast. Die Rucksäcke wurden ausgepackt, der sturmsichere Weingeistkocher
-angezündet, der Tee bereitet. Ein harscher Höhenwind strich über
-den Kamm, machte die Wangen rot, und die Lungen atmeten tief auf
-in dieser reinen Frische. Ganz still war es. Die Morgennebel waren
-verflogen, der Übermut der jungen Sonne war verbraust. Klar und ruhig
-schien sie von einem blauen Himmel herab auf die gewaltige Bergwelt
-mit ihren schroffen Zacken und jähen Abstürzen, ihren breiten Gipfeln
-und schmalen Tälern, und tief unten zwischen dunklem Tannengrün
-und hellen Wiesen duckten sich winzige Häuschen und Kirchlein und
-Menschensiedelungen, duckten sich und ruhten an der Brust der Berge
-sicher und gut wie Vögel im Nest.
-
-Noch immer schwiegen die zwei oben auf der freien Höhe und ließen
-die Gedanken ausklingen, die während des Aufstiegs, während der
-mannigfaltigen Übergänge von der dunkelsten Nacht bis zum strahlenden
-Tag in ihnen wach geworden. Es war wohl bei beiden dasselbe gewesen. An
-die Not des Lebens hatten sie gedacht und an die herben Enttäuschungen,
-die keinem von ihnen erspart geblieben. Durch Leid und Verzweiflung
-waren sie beide gegangen, der eine, als er der geliebten Frau entsagen
-mußte um des Freundes willen, der andere, als ihm ein Ideal um das
-andere, ein schöner Traum nach dem anderen zerstob und entschwand. Und
-doch war jetzt Ruhe in ihnen, eine sanfte, innige Ruhe wie Mondlicht
-über Trümmern.
-
-Kolben brach endlich das Schweigen.
-
-„Hier ist Friede!“ sagte er und schaute immerzu in das lachende Tal zu
-seinen Füßen.
-
-Fritz lachte. Traurig und bitter lachte er.
-
-„Ja -- hier oben -- ein paar tausend Meter weit von allen Menschen --
-da ist Friede! Und Ruhe -- und Sicherheit. -- Aber schon dort unten,
-in den elenden Hütten -- so friedlich schauen sie aus, so idyllisch
-und poetisch -- schon dort unten ... weißt du, wie viele Kinder dort
-schon mißhandelt, -- wie viele Tiere nutzlos gequält wurden und täglich
-werden? Wie viel Elend und Schande und Leid diese Strohdächer zudecken,
-diese -- Menschenstätten? _Hier_ ist Friede! Aber wo Menschen sind, da
-ist Blut und Schmach und Kampf und Unzufriedenheit.“
-
-Und nun brach auf einmal alles aus ihm vor, was wochenlang auf seiner
-Seele gewuchtet hatte.
-
-„Aber woher nur? Woher diese ewige Unzufriedenheit? Die Frage läßt mich
-nicht los! Und ich finde keine Antwort! Das Tier ist zufrieden, die
-Herde folgt noch heute willig dem Leitstier, die Wölfe rennen im Rudel
-wie vor tausend Jahren. Nur wir Menschen ändern immer wieder unsere
-Ordnung. Damit die Republik an die Stelle der Monarchie treten kann,
-müssen Tausende verbluten. Und kaum haben die Überlebenden gelernt
-‚Hoch die Republik!‘ zu schreien, müssen abermals Tausende sterben, die
-nicht so schnell wie die anderen ihre Kehlen umstimmen können auf den
-neuen Ruf: ‚Es lebe der Kaiser!‘ -- Und wieder zurück, wieder vorwärts,
-ein steter Wechsel, eine Sehnsucht, so brennend heiß, daß sie manchmal
-mit Blut gelöscht werden muß! Warum nur? Warum?“
-
-Kolben brach eine purpurne Nelke aus dem weißen Schnee und betrachtete
-sie aufmerksam: die Blütenblätter, die wie frierend zusammengerollt
-waren und das Stengelchen, an dem ein ganz dünnes Eisfähnchen
-glitzerte. Denn in der Sonne war der Schnee geschmolzen, aber der kalte
-Höhenwind hatte das Wasser sogleich wieder gefrieren lassen. Von allen
-Seiten betrachtete das der Doktor ganz genau und sagte dabei:
-
-„Warum, Fritz? Weil wir -- das Denken gelernt haben. Das Leben -- das
-hat die Natur in den ungeheueren Kreislauf hineingeworfen, gedankenlos
-und zwecklos hat sie es geschaffen. Wie es sich weiter entwickelt,
-darnach fragt sie nicht. Aber das Leben _hat_ sich weiter entwickelt
-und wir -- haben uns im Daseinskampf als stärkste Waffe das Denken
-geschmiedet. Die Natur denkt nicht, wir, ihre Kinder, denken, forschen
-nach Ursache, Plan und Ziel, werfen unsere bangen Fragen an die Tore
-der Ewigkeit. Und nichts tönt zurück, nichts kann zurücktönen -- als
-Schweigen. Unseres Daseins uns bewußt, sind wir vom Unbewußten wie
-von Mauern eingeschlossen und können nicht heraus. Seit wir zu denken
-angefangen haben, sind wir über unsere Mutter hinausgewachsen. Wie
-können wir da jemals zufrieden sein?“
-
-Hellwig stöhnte dumpf auf. „Dieses Sich-bescheiden, diese Resignation
--- ich kann mich nicht damit abfinden ...“
-
-„Du wirst schon müssen, Fritz. Vielleicht -- schau’, nimm’s einmal
-so: Die Entwicklung steht nicht still. Darum wird die Menge immer
-Rohstoff bleiben und niemals reif werden. Im Bilde: Sie ist ein
-ungeheuerer Klumpen Ton. Und die einzelnen wenigen, die Erlöser,
-Dichter, Denker, die in der Entwicklung Vorausgelaufenen, die ‚mit den
-neuen Wahrheiten‘, die Herrenmenschen, was weiß ich, die alle kneten an
-dem ungeheueren Klumpen herum. Der eine da, der andere dort, aber ihn
-ganz bewältigen und zu _einem_ Bildwerk zusammenfassen, das ist keiner
-imstand. Weil der Ton zu weich ist. Und eh’ er erstarrt, ist schon ein
-neuer Bildner da und ändert die Nase, die Ohren, die Beine. Manchmal
-patzt er auch, das tut nichts, ein anderer macht’s schon wieder besser.
-
-Rohstoff ist die Menge, Fritz, und bleibt Rohstoff. Bildungsfähig ist
-sie und wird doch niemals Bildung haben. Entwicklungsfähig ist sie
-und wird doch niemals entwickelt sein. Oder: sie braucht immer ihren
-Beglücker und wird doch nie beglückt sein. Oder zufrieden, was dasselbe
-ist. Drum laß das gehn!“ -- Und jetzt wurde Kolben sehr herzlich. --
-„Sieh lieber zu, daß dein Junge nicht in der breiigen Masse versinkt.
-Wenn du’s zuwege bringst, daß er ein Bildner wird, ein vollwertiger
-ganzer Kerl, ein Kneter, kein Gekneteter -- kurz und gut, wenn du der
-Menschheit einen einzigen tüchtigen Mann heranziehst, dann hast du für
-sie mehr getan, als wenn du zehntausend -- halb glücklich machst. Denn
-zehntausend Halbheiten sind noch immer kein Ganzes!“
-
-So sprach Doktor Kolben, der stille, versonnene Mensch, während er
-unablässig die purpurne Blüte mit dem glitzernden Eisfähnchen zwischen
-den Fingern drehte. Der täppische Bergwind riß ihm die Worte von den
-Lippen, aber sie erreichten doch ihr Ziel, ein geneigtes Menschenohr,
-ein empfängliches Menschenherz, wo sie Wurzel fassen und zum Blühen
-kommen durften.
-
-Und die Sonne lag funkelnd auf dem blendend weißen Schnee und die Täler
-waren grün und leuchteten grüßend herauf und die Bergriesen standen
-sicher und trotzig im Kreis und bewachten den Frieden, der mit weit
-gedehnten Schwingen über allen Dingen schwebte.
-
-
-6.
-
-Als sie heimkehrten, Edelweiß auf den Hüten, die Kleider schwer vom
-Duft der Alpenmatten, da waren Reinholt und Pfannschmidt und der alte
-Bogner mit seinem Schwiegersohn zu Hellwig gekommen.
-
-„Endlich!“ rief Reinholt und ging auf ihn zu und umarmte ihn. „Endlich
-seh’ ich dich wieder! Wie konntest du ohne Abschied davonlaufen und
-nichts mehr von dir hören lassen?“
-
-„Leo!“ sagte Fritz dumpf. „Nein -- du mußt mir noch Zeit lassen, Leo!“
-
-„Was hast du? Ich versteh’ dich nicht?“
-
-Da schrie er gequält auf: „Habt Geduld mit mir! Ich _kann_ euch noch
-nicht Rede stehen!“
-
-„Fritz, -- laß doch Vergangenes vergangen sein!“
-
-„Ich -- hab’ euch ärmer gemacht, als ihr gewesen seid, bevor ihr mich
-gekannt habt! Ich hab’ euch viel versprochen und nichts hab’ ich
-gehalten! Und kann euch nicht einmal Ersatz bieten -- ich bin ja selber
-bettelarm dabei geworden!“
-
-„Also _das_ quält dich?“ entgegnete Reinholt. „Na weißt du, so
-überflüssig ist nicht bald was! Wen hast du ärmer gemacht? Die zu uns
-gehalten, denen geht’s heut’ noch gut -- die anderen liegen, wie sie
-sich selbst gebettet haben. Die Spekulation ist mißglückt, ein paar
-Gulden sind beim Teufel -- das ist alles und das ist schon längst
-verschmerzt. Geh, Fritz, brau’ dir nur um Himmelswillen nicht so
-närrisches Zeug zusammen!“
-
-„So zürnst du mir denn nicht?“
-
-Reinholt lachte so laut und herzhaft, daß Hellwig, ob er wollte oder
-nicht, von der Grundlosigkeit seiner selbstquälerischen Vorwürfe
-überzeugt sein mußte.
-
-„Meister! Mein guter Meister!“ rief jetzt der alte Kesselwärter und kam
-schüchtern näher.
-
-Nun flog doch wieder etwas wie ein Lächeln über Hellwigs Gesicht: „Was
-macht mein lieber Bogner?“
-
-Die harte Greisenhand strich zärtlich über seinen Rock.
-
-„Jetzt geht’s schon wieder, Meister. Weil ich Sie nur gesund
-wiederseh’. Im Anfang freilich ...“ -- und nun ballte er die Faust --
-„Die verdammten Kerle! Gott hab’ sie selig, aber wenn sie nicht schon
-der Teufel geholt hätte, ich selber müßt’ ihnen was antun ...“
-
-„Ihr seid ja ein ganz blutgieriger Kumpan!“ meinte Kolben lächelnd.
-Und der Alte darauf: „Ja, Herr, Sie sind eben nicht dabei gewesen. Wie
-das so gekommen ist, so auf einmal mitten in den tiefen Frieden hinein
-wie ein Hagelwetter, -- man kann kaum ein Vaterunser beten, ist schon
-alles hin ... Der alte Schädel kann’s wirklich nicht aufnehmen ...“ Und
-wieder in flackerndem Zorn, mit geballter Faust: „Der Hund, der Karus!“
-
-„Wie ist’s mit ihm gewesen?“ wandte sich da Fritz rasch an Pfannschmidt.
-
-„Ich hab’s nicht gesehen,“ erwiderte dieser, „weil mir der Hieb zu
-schaffen gemacht hat. Aber wie sie erzählen, -- er muß rein den Tod
-gesucht haben.“
-
-„Ja, Meister!“ fiel ihm nun Adam Pichler ins Wort. „So was glaubt
-niemand, der’s nicht mit angeschaut hat. Wie die Schießerei losgehen
-soll, steht da nicht der Mensch oben auf dem Steinhaufen mit der Hacke
-in der Hand? Und wie sie sich schußfertig machen, springt er, Meister,
-er springt, so wahr ich leb’, mitten unter die Soldaten. Stücker drei,
-vier schlägt er, daß sie wie Bullen umfallen, dann haben sie ihn fest.
-Er aber reißt einem das Bajonett heraus -- ‚Lebendig nicht!‘ schreit er
-und ‚Mordbuben!‘ und so was wie ‚Heinz!‘ und hat sich auch schon ins
-Herz gestochen.“
-
-„Er wollte nicht mehr leben ohne Heinz ...“ murmelte Fritz verstört.
-
-Ganz still war es nach diesen Worten. Die Abendsonne fiel schräg
-durchs Fenster und wob um alle einen warmen goldenen Schein. Wie eine
-Botschaft des Friedens war das, und alle Herzen pochten ruhiger.
-
-„Fritz, wir kommen eigentlich mit einer Bitte ...“ sagte Reinholt nach
-einer Weile.
-
-„Was könntet ihr von mir noch wollen!“
-
-„Hör’ zu!“ antwortete der Fabrikant und mühte sich wieder einmal
-möglichst leichthin und geschäftsmäßig zu sprechen: „Hör’ zu: Die
-Spekulation ist also nicht geglückt, und ich bin es müde, hier
-was Neues anzufangen. Wir wandern aus. In die deutschen Kolonien,
-irgendwohin, wo’s noch unbebautes, ganz jungfräuliches Land gibt. Dort
-nehmen wir den Pflug in die Hand und werden Bauern. Nicht um Gewinn,
-wieder nur für uns wollen wir arbeiten. Komm mit!“
-
-Und auch die andern baten: „Meister, kommen Sie mit!“
-
-Kolben war rasch zu Eva getreten. Fritz bemerkte es. „Hab’ keine Angst,
-Albert!“ sagte er. „Ich geh’ nach Neuberg!“ Und zu Reinholt gewendet:
-„Nein, Leo, ich bleib’ im Land. Wenn unsere Ideen in der Entwicklung
-begründet sind, so setzen sie sich durch -- auch ohne uns. Wenn nicht,
-so rollt die Zeit darüber weg, und wenn wir uns noch so dagegenstemmen.
-Das ist mir so klar geworden seither, daß ich das Frühere nicht mehr
-verstehe. Und dann, Leo -- ich hab’ einen Buben. -- Und was ich meiner
-Frau angetan hab’, das muß doch auch gutgemacht werden.“
-
-Da trat Doktor Kolben schnell auf Reinholt zu: „Ich halte mit, wenn’s
-Ihnen recht ist!“
-
-„Albert!“ rief Fritz erschrocken. Und Eva haschte die Hand des
-Freundes: „Doktor, Sie dürfen nicht von uns!“
-
-Der treue Mensch schüttelte langsam den Kopf. Jetzt, da Eva ganz
-sicher geborgen war und ihm für sie nichts mehr zu sorgen blieb, wollte
-das alte Leiden wieder aufwachen, und bei Hellwigs letzten Worten hatte
-er erschrocken etwas sich regen gefühlt, das fast wie Neid war, Neid
-gegen den Freund und sein Glück.
-
-Aber gelassen wie immer sagte er: „Was ist denn da weiter dabei? Nach
-Neuberg ging’ ich so nicht mit, und ob dann hundert oder tausend Meilen
-zwischen uns sind, das kommt schon auf eins heraus. Drum laßt mich nur
-getrost fort. Aus der Welt geh’ ich ja nicht und dann -- vielleicht
-können mich diese da jetzt -- besser brauchen.“
-
-
- _Ende._
-
-
-
-
-Im gleichen Verlage erschienen die folgenden Werke von
-
-Rudolf Haas:
-
-
-Michel Blank und seine Liesel.
-
-Roman. 25. Tausend.
-
-Einbandzeichnung von Oswald Weise.
-
-
-Matthias Triebl.
-
-Die Geschichte eines verbummelten Studenten.
-
-36. Tausend.
-
-
-Triebl der Wanderer.
-
-Roman. 30. Tausend.
-
-
-Verirrte Liebe.
-
-Erzählungen. 14. Tausend.
-
-Einbandzeichnung von Friedrich Felger.
-
-
-Der Schelm von Neuberg.
-
-Lustspiel in 4 Akten.
-
-
-Die wilden Goldschweine.
-
-Roman. 1.-15. Tausend.
-
-Einbandzeichnung von Max Both.
-
-(Erscheint im Herbst 1920.)
-
-Dieser Roman bildet die Vorgeschichte zu „Michel Blank und seine
-Liesel“.
-
-„_Vornehm_ im besten Sinne ist der Erzähler Rudolf Haas, der _tief_ in
-die _lichte Menschenseele_ blicken läßt und der Gedichte ausrauschen
-läßt von _hinreißendem Schwung_, aber _stolz_ ausweicht, wo eine grelle
-Effektszene anzubringen wäre, oder breite Sentimentalität .. _Ein
-Lobpreiser des Lebens!_“
-
- (Friedrich Adler i. d. „Bohémia“, Prag.)
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VOLKSBEGLÜCKER ***
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