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-The Project Gutenberg eBook of Die Schelme von Steinach, by Josephine
-Siebe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Die Schelme von Steinach
- Erzählung für die Jugend
-
-Author: Josephine Siebe
-
-Illustrator: Ernst Kutzer
-
-Release Date: February 24, 2022 [eBook #67488]
-
-Language: German
-
-Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team
- at https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHELME VON
-STEINACH ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Weitere Anmerkungen zur
- Transkription befinden sich am Ende des Buches.
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- Die Schelme von Steinach
-
- Erzählung für die Jugend
-
- von
-
- Josephine Siebe
-
- Mit Buchschmuck von Ernst Kutzer
-
- Fünfte Auflage
-
- [Illustration]
-
- Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
-
-
-
-
- Nachdruck verboten
- Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
- Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
-
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-
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-[Illustration]
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-Steinach am Wald
-
- Zwei Reisegefährten erzählen sich etwas von den Schelmen von
- Steinach, und Heinrich Fries plant mit seiner Mutter eine
- Sommerreise
-
-
-In einem Bähnchen, das bedachtsam, ohne sonderliche Eile, aber mit viel
-Gepuff und Gestöhn durch das Land lief, saßen zwei Männer. Der eine war
-alt, der andere war jung. Der Alte kannte die Gegend, der Junge kannte
-sie nicht, und weil der Junge zu denen gehörte, die sich gern belehren
-lassen, fragte er dies und das. Der Alte gab ihm gern Auskunft, er gab
-sie wie einer, der Land und Leute liebhat.
-
-Das Bähnchen fuhr auch an einem Dorf vorbei, über dem das Gebirge
-dunkel bergan stieg. Von drei Seiten liefen Straßen auf das Dorf zu;
-sie waren mit Obstbäumen eingesäumt, die just in Blüte standen. Wie
-weiße, schimmernde Bänder lagen die Straßen im Sonnenglanz, und ein
-weißer Blütenkranz umschmiegte auch das Dorf. Es sah hübsch aus, und
-der junge Mann im Zug beugte sich rasch hinaus und las, was an dem
-Bretterbudchen stand, das sich stolz Bahnhof nannte. »Steinach am Wald«
-hieß das Dorf.
-
-Auch der alte Mann schaute hinaus und nickte dem Dörfchen zu wie einer,
-der einen guten Freund grüßt, zu dem er sagen will: Wir haben uns lieb.
-
-»Da oben hat wohl einmal eine Burg gestanden?« fragte der junge Mann
-und deutete auf einen mäßig hohen, nach einer Seite steil abfallenden
-Berg, dessen Gipfel ein paar Mauerreste krönten.
-
-»Ja, dort oben -- der Berg heißt der Schafskopf -- hausten einst die
-Schelme von Steinach, das war ihre Stammburg.«
-
-»Die Schelme von Steinach auf dem Schafskopf!« Der junge Mann lachte
-und fragte: »Ein verlockender Name! Gibt es die Schelme noch?«
-
-»Nein, das Geschlecht ist ausgestorben, aber« -- ein heiteres
-Schmunzeln lief über des Alten Gesicht -- »die Geschichten von ihnen
-leben noch in der Erinnerung, und die Nachbarn ringsum nennen die
-Steinacher gern nach den alten Herren von einst die Schelme von
-Steinach.«
-
-Das Züglein hatte den kleinen Bahnhof verlassen. Pustend und stöhnend
-fuhr es weiter, und das Dorf mit den weißen, schimmernden Blütenstraßen
-entschwand allmählich den Blicken der Reisenden. Doch die Gedanken des
-jungen Mannes blieben noch daran hängen, er fragte: »Wie waren denn
-die Schelme von Steinach, daß man noch heute ihren Namen den Dörflern
-anhängt?«
-
-»Nun, beim richtigen Namen genannt waren es Raubritter. Sie hausten
-wie Habichte auf ihrem Bergnest und nahmen gern, was ihnen gefiel,
-auch wenn es anderen gehörte. Aber die Schlimmsten waren sie nicht,
-andere adelige Herren trieben es dazumal wohl ärger. Sie waren nicht
-hart, sondern gutmütig und voll lustiger Einfälle. Ein Raubzug war
-ihnen meist ein heiterer Spaß, und sie schädigten die Beraubten nicht
-an Leib und Leben. Ja, es kam vor, daß sie einen Kaufmann, den sie
-ausgeplündert hatten, noch gastlich auf ihrer Burg bewirteten, damit er
-sich vom Schreck erhole, und er von ihnen ging, als wäre er zu Besuch
-da droben gewesen.«
-
-»Und wieso gleichen die Steinacher von heute ihnen, daß man sie auch
-Schelme nennt? Rauben sie etwa auch?« fragte der junge Mann fröhlich.
-
-»Na, rauben und plündern tun sie freilich nicht, sie sind ehrlich,
-einer wie der andere, aber für einen lustigen Spaß sind sie immer
-zu haben,« erwiderte der Alte lächelnd. »Die Steinacher sind ein
-sangesfrohes, heiteres Völkchen, und weil sie Sinn für Scherz und
-Fröhlichkeit haben, leben auch noch die Geschichten der Schelme in
-ihrer Erinnerung. Es geht damit wie bei manchen Dingen: das Schlimme
-wird vergessen, das Gute bleibt in der Erinnerung haften.«
-
-»Jetzt ist Steinach ganz verschwunden!« Der junge Mann rief’s
-bedauernd, denn auch das letzte Zipfelchen der weißen Blütenstraßen
-verhüllte nun die Ferne. »Man muß einmal hinfahren und den Spuren der
-Schelme nachgehen.«
-
-Der alte Herr sah den jungen Mann, der blaß und schmal war, prüfend an.
-»Ein paar Wochen in Steinach täten Ihnen wohl gut. Sichtbare Spuren der
-Schelme sind nicht mehr viele zu finden. An der Kirche steht außen ein
-Grabstein aufgerichtet, ein Herr Arnulf von Steinach liegt da begraben.
-Und weil den die Steinacher alltäglich sehen, erzählen sie die meisten
-Schelmengeschichten von diesem Herrn Arnulf. Die Burg selbst ist ein
-Trümmerhaufen, nur ein Turm steht noch halb. Aber natürlich,« der Alte
-schmunzelte wieder, »liegt oben ein Schatz begraben; die Steinacher
-sagen es wenigstens.«
-
-»Ich werde den Schatz suchen gehen,« sagte der junge Mann. Er sagte
-es heiter und seufzte doch dabei, denn er dachte an die kleine, enge
-Viertreppenwohnung, in der er mit seiner Mutter hauste, und in der es
-reichlich knapp herging.
-
-»Ja, ja, einen Schatz möchte wohl jeder gern finden, und doch gehen die
-Menschen an so vielen Schätzen der Welt achtlos vorbei. Just so wie
-einst Herr Arnulf von Steinach.«
-
-»Wie war denn das?« Der junge Mann machte ein Gesicht, daß der Alte
-neckte: »Ei, auch auf Geschichten hungrig?«
-
-»Geschichten höre ich wirklich gern,« bemerkte der andere, »und auf
-Steinach und die Schelme bin ich schon ganz neugierig geworden.«
-
-»Also die Geschichte ist so: Herr Arnulf hatte einst gehört, daß ein
-Kaufmann mit kostbarem Geschmeide von Köln am Rhein käme, an des
-Markgrafen von Meißen Hof wollte er. Den muß ich fangen, dann hat alle
-Not ein Ende, dachte der Schelm von Steinach. Er war nämlich nicht
-sehr begütert, und seine Standesgenossen pflegten zu sagen: ›Arm wie
-der Schelm von Steinach!‹ Herr Arnulf legte sich also auf die Lauer
-mit seinen Mannen, und richtig, der Kaufmann mit seinen Leuten zog auf
-der Straße einher. Es ging wie immer in solchen Fällen: mit lautem
-Geschrei überfiel der Ritter mit seinen Knechten den Zug, der Kaufmann
-schrie und jammerte, seine Leute schrieen und jammerten noch lauter; es
-geschah aber keinem ein Leid, und der Kaufmann mit den Seinen wurde auf
-die Burg gebracht. Inzwischen ging ein armseliges Bäuerlein mit einem
-Sack auf der Landstraße dahin. Es grüßte demütig, und der Ritter, froh
-über den reichen Fang, warf ihm ein paar Batzen zu. »Was trägst du denn
-da?«
-
-»Schweinefutter,« stammelte das Bäuerlein und dankte untertänig für die
-milde Gabe.
-
-Herr Arnulf hatte keine Zeit, sich weiter um das Bäuerlein zu kümmern;
-froh über den reichen Fang, zog er zur Burg hinauf. Nach Schelmensitte
-wurden der Kaufmann und seine Leute in ein anständiges Gemach gebracht
-und mit Wildbret, Brot und Wein bewirtet, während der Ritter erst
-einmal die Beute betrachtete. Da war aber die Enttäuschung groß! Von
-dem kostbaren Geschmeide war nichts zu finden, einige Kasten waren ganz
-leer, und der ganze Raub bestand in einigen Ballen geringer Leinwand.
-Der Kaufmann wurde herbeigebracht, und Herr Arnulf fuhr ihn zornig an,
-wo denn das kostbare Geschmeide sei.
-
-»Ach du lieber Himmel,« rief der Mann klagend, »so etwas habe ich nie
-besessen; aber Gewürze hatte ich und dergleichen, die hat mir schon
-jemand geraubt. Es gibt der Herren mehr, die auf uns arme Kaufleute
-fahnden. Ich bin ein armer, unglücklicher Mann!«
-
-»Potzwetter, da haben wir die falschen erwischt!« dachte Herr Arnulf
-grimmig. Er ließ aber den armen Kaufmann das nicht entgelten; der
-durfte noch am Abend mit den Seinen weiterziehen und sogar seinen Kram
-mitnehmen. Denn dazu war der Herr Arnulf zu stolz, zu nehmen, was einer
-übriggelassen hatte.
-
-Danach lag er viele Tage und Nächte auf der Lauer, aber kein Kaufmann
-zog vorbei, und von dem kostbaren Raub, den er zu machen gedachte,
-bekam er kein Ringlein zu sehen.
-
-Nach ein paar Monden kam ein Vetter, ein reiselustiger Herr, der
-wußte von einem Spottlied zu sagen, das man in Köln am Rheine auf den
-Gassen sang. Der reichste Kölner Kaufmann, so hieß es in dem Liede,
-sei den Schelmen von Steinach als Bäuerlein mit Schweinefutter an der
-Nase vorbeigezogen. Im Walde habe er dann auf sein Gefolge gewartet,
-und alle miteinander hätten sich weidlich gefreut über des Schelmen
-Reinfall, der das Märlein von den ausgeraubten Kisten und Ballen so
-leicht geglaubt habe.
-
-Da half nun dem Herrn Arnulf kein Wüten und Zürnen mehr, der reiche
-Kaufmann saß in Köln sicher in seinem stattlichen Hause und zeigte den
-Batzen, den ihm der Schelm geschenkt hatte.
-
-Noch jetzt sagen sie in der Steinacher Gegend, wenn einer gar armselig
-tut und es nicht nötig hat: »Dem würde der Schelm auch einen Batzen
-schenken.««
-
-Es war, als hätte das Züglein darauf gewartet, bis die
-Schelmengeschichte zu Ende war, es hielt, und alle Leute mußten
-aussteigen. Die große Bahnlinie war erreicht, und etliche Reisende
-sagten: »Gut, daß die Bummelei ein Ende hat und wir in den Schnellzug
-steigen können.«
-
-Der junge Mann dachte das nicht, als er nun allein weiterfuhr, denn
-sein Reisegefährte hatte ein anderes Ziel. Er dachte an das Dorf im
-Kranz der blühenden Bäume; es mochte sich dort wohl gut wohnen. Nun
-lächelte er nicht mehr, nun seufzte er nur, weil es ihm einfiel, wie
-anders alles in seinem Leben gekommen war, als er es einst erhofft.
-Studieren hatte er wollen, da war sein Vater gestorben, just als er in
-der Prima saß. Seiner Mutter blieb so ein winziges Geldchen, daß sie
-gerade noch so lange davon leben konnte, bis sich ein kleiner Erwerb
-gefunden hatte. Er ging auf ein Seminar und wurde Lehrer, weil er dort
-eine Freistelle erhielt. Nun war er Hilfslehrer in einer großen Stadt,
-seine Mutter stickte und nähte noch, und beide hofften, er würde bald
-eine bessere Stelle erhalten. Er hatte darum die Reise gemacht, aber
-sie war vergeblich gewesen, die Stelle war einem anderen zuerteilt
-worden, und er kehrte in die graue Stadt zurück. Trübe blickte er zum
-Fenster hinaus.
-
-Draußen lag die Welt im Frühlingsglanz, aber ihm war das Herz schwer.
-Er wußte wohl, er hatte es eigentlich ganz gut; sein Amt war zwar
-bescheiden, aber es nährte ihn doch, er war zudem jung und gesund, und
-die allerbeste Mutter umsorgte ihn. Doch er konnte es nicht vergessen,
-daß er hatte studieren wollen, und sehnte sich danach, noch immer mehr
-und mehr zu lernen, und sollte nun lehren, -- das machte ihn unfroh. Er
-wollte höher hinaus im Leben, nach Ehre und Ansehen stand sein Sinn.
-
-An alles das dachte er auf der Bahnfahrt, er dachte auch noch daran,
-als er wieder die vier Treppen zu seiner Wohnung emporstieg, und oben
-las ihm seine Mutter die Gedanken von der Stirn und sagte wehmütig:
-»Mein armer Junge!«
-
-Da bezwang er sich, und heiter erzählte er von seiner Fahrt durch
-das frühlingsgrüne Land, und Steinach am Walde fiel ihm dabei ein.
-Er schilderte das Dörfchen, zu dem drei weiße, schimmernde Straßen
-führten, und er erzählte auch von den Schelmen. Darüber wurde er ganz
-froh, und zuletzt sagte er: »Weißt du, Mutter, wir sparen recht, und
-dann machen wir einmal eine Ferienreise nach Steinach am Walde.«
-
-»Ach ja,« sagte die Mutter, und ein sehnsüchtiger Glanz trat in ihre
-sanften Augen, »das wird schön!«
-
-Sie dachte an ihre fröhliche Jugend, die sie auf dem Lande verlebt
-hatte, und der Sohn dachte auch daran, denn die Mutter hatte ihm
-viel erzählt. Und auf einmal verschwand seine trübe Stimmung, ein
-fröhlicher Arbeitsmut kam über ihn, vielleicht konnte er noch mehr
-durch Stundengeben verdienen, konnte wirklich einmal mit seiner Mutter
-verreisen.
-
-Herr Heinrich Fries, so hieß der junge Lehrer, reckte die Arme und rief
-heiter: »Es bleibt dabei, Mutterle, wir reisen einmal nach Steinach am
-Wald. Nächstes Jahr -- oder vielleicht noch diesen Sommer.«
-
-Die Mutter mahnte lächelnd: »Bau’ dein Luftschloß nicht zu hoch!«
-
-»Ach, warum nicht? Wer weiß, wie schnell so etwas wird! Recht fleißig
-will ich sein, und in den großen Ferien reisen wir, -- ja sicher, --
-schon in den großen Ferien.«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-Auf der Apfelstraße
-
- Warum Besenmüller auf der Pflaumenstraße sitzt und Schwetzers
- Fritze seinen Himbeerapfel fortwirft -- Der neue Lehrer findet
- die Begrüßung sehr seltsam, und Frau Besenmüller erscheint zur
- rechten Zeit
-
-
-In Steinach am Wald blühten die Bäume an den Straßen nicht mehr, denn
-es war Herbst geworden. Auf jeder Straße hatte ein anderer Baum die
-Herrschaft, und die Steinacher redeten darum von einer Apfelstraße,
-einer Birnen- und einer Pflaumenstraße.
-
-Die Bäume hingen voller Früchte, und keine Steinacher Hausfrau
-brauchte weder um Weihnachtsäpfel noch um Pflaumen zum Kuchen oder um
-Birnenschnitze für die Winterszeit in Sorge zu sein. Von allem gab es
-reichlich. Die Äste brachen fast unter der Last der reifen Früchte.
-
-»Destowegen braucht das Kindervolk aber nicht immer auf die Bäume
-zu klettern oder drumherum zu kriechen,« sagte Besenmüller, der in
-dieser Zeit in Steinach das Amt eines Obstwärters ausübte. Das war
-nicht leicht. Spazierte nämlich Martin Besenmüller auf der Apfelstraße
-entlang, dann spielten die Kinder auf der Pflaumenstraße, und schrie da
-ein Bube »Besenmüller!«, flugs liefen alle zur Birnenstraße.
-
-An einem Herbsttag, der heiß und sonnenleuchtend war, -- man hätte
-ihn für einen Sommertag halten können -- saß um die erste frühe
-Nachmittagsstunde Besenmüller auf der Pflaumenstraße und strickte. Das
-war eine Arbeit, die ihm manchen Spott eintrug. Die Steinacher Kinder
-waren unnütz genug, ihn oft neckend zu bitten: »Besenmüller, ich hab’
-’n Loch im Strumpf, geh, schenk mer ’n neuen!«
-
-Dann tat Besenmüller zwar gewaltig böse, er schimpfte und schalt, und
-seine liebe Frau schalt noch mehr, aber der Mann blieb doch sitzen und
-strickte weiter. Und seine Frau sagte: »Strick’ nur, Besenmüller, was
-for ’s Gemüt muß der Mensch haben. Was für Stadtleute das Gelese und
-Klaviergespiele is, das is for dich das Gestricke. Laß dir deine Freude
-nicht verärgern!«
-
-Besenmüllers Ärger ging aber nicht tief, und wenn er zankte, lag wohl
-ein heimliches Lachen in seinen Augen. --
-
-Ein Vergnügen war es nun wirklich, so im Sonnenschein unter einem Baum
-zu sitzen und zu stricken. Besenmüller hatte einen rosenroten Strumpf
-vor, und seine Laune war auch rosenrot; er rief herzvergnügt »Guten
-Tag!«, als ein Bauer vorbeikam.
-
-»Na, Besenmüller, hütest du die Zwetschen mal wieder?« fragte der Mann.
-»Freilich, freilich, se sin arg schene alleweil. Das Kindervolk möchte
-zu gern ran.«
-
-Besenmüller lächelte schadenfroh. Auf der Birnenstraße gab es nicht
-mehr viel zu holen, und die Winteräpfel, die noch auf den Bäumen saßen,
-lockten nicht so sehr. »Se sin jetzt sehre wilde, de Kinner,« brummelte
-er.
-
-»Jo, jo, wenn nur der neie Lehrer erst käme!« gab der Bauer zur
-Antwort. »Vater Hiller ist zu gut.«
-
-»Aus ’ner großen Stadt kommt der.« Besenmüller machte ein unzufriedenes
-Gesicht, und der Bauer fragte: »Is dir wohl niche recht?«
-
-»Nä, bewahre, ’n Städter ist ’n Städter, der wird nich nach Steinach
-passen. Iche bin unzufrieden.«
-
-Da ging der Bauer kopfschüttelnd weiter. Ja, wenn Besenmüller
-unzufrieden war, so war das eine schlimme Sache. Besenmüller war nicht
-allein Obstwächter, er war auch der Schul- und Kirchendiener. Je ja,
-und der war nun mit dem neuen Lehrer unzufrieden!
-
-Besenmüllers Laune war nun nicht mehr so rosenrot wie sein Strumpf,
-der Gedanke an den neuen Lehrer hatte sie ihm ein bißchen verdorben.
-Fünfunddreißig Jahre hatte der alte Lehrer Hiller in Steinach sein Amt
-verwaltet, und auf einmal wollte er fort. Er brauche Ruhe, hatte der
-Arzt gesagt. Nun wollte Vater Hiller, so wurde er gern genannt, zu
-seinen Kindern ziehen, und ein neuer sollte an seine Stelle treten.
-
-Wie dieser neue Lehrer sein würde, daran dachte nicht allein
-Besenmüller an diesem Nachmittag, auch die Kinder redeten davon. Die
-saßen alle miteinander, Buben und Mädel, große und kleine, auf der
-Apfelstraße und fanden, daß Winteräpfel auch schon im Herbst ganz gut
-eßbar sind. Sie kannten auch genau die Bäume, auf denen die frühreifen
-Früchte hingen. Die Buben saßen auf den Bäumen, die Mädel darunter, und
-alle schmausten sie mit vollen Backen.
-
-Dort, wo sich die Apfelstraße schon dem kleinen Bahnhof näherte, --
-er lag etwa eine Viertelstunde vom Dorf entfernt -- saß auf einem
-Himbeerapfelbaum Arnulf Weber. Schlank und rank war er; wenn er mit
-seinen Kameraden ging, ragte er immer ein Stückchen über sie hinaus.
-Und lärmten die Buben auf der Straße gar zu arg, dann sagten die
-Steinacher: »Mer hört’s, Arne is dabei.«
-
-Arne saß oben auf dem Baum, und im untersten Geäst hing Fritze
-Schwetzer. Der war kurz und stämmig, und seinen Namen verdiente er gar
-nicht. Maulfauler als Fritze Schwetzer konnte nicht leicht einer sein.
-Wenn den seine Mutter mit einer Bestellung zu einer Nachbarin schickte,
-dann sagte er dort meist nur das letzte Wort, etwa »Kuchenblech«,
-die Nachbarin mußte es sich dann dazu denken, daß Frau Schwetzer ein
-Kuchenblech geliehen haben möchte. An diesem Herbstnachmittag sagte
-Fritze überhaupt nichts. Er aß nur einen Himbeerapfel nach dem andern,
-obgleich seine Mutter bei Tisch gesagt hatte: »Fritze, du wirst noch
-platzen, wenn du so arg stopfst.«
-
-Desto mehr redete Arne. Seine Stimme tönte hell die Apfelstraße
-entlang, und von einem Pfundapfelbaum und anderen Bäumen, auch aus dem
-Graben heraus, in dem die Mädel saßen, kam Antwort. Lustige Neckworte
-flogen hin und her. Manchmal sauste ein Apfel von Baum zu Baum, im
-Graben kicherte es, und in all den heiteren Lärm hinein schrie auf
-einmal Zimplichs Max: »Nu kommt er balde!«
-
-»Wer denn?« Die den Ruf gehört hatten, fragten es, und die anderen
-riefen: »Was hat er gesagt?«
-
-»Der Neue.« Zimplichs Max brüllte es laut, und Ach- und Ohrufe tönten
-die Apfelstraße entlang. Auf einmal dachten sie alle an den neuen
-Lehrer, auf den sie ungeheuer neugierig waren. Ob er wohl sehr streng
-war? Strenger als Herr Hiller sicher! Und nun würden die schönen vielen
-Feiertage ein Ende haben, denn Vater Hiller hatte zuletzt nicht mehr
-soviel unterrichten können, er war lange leidend gewesen.
-
-»Ich fürcht’ mich niche!« Ein kleiner, dicker Stöpsel, der mit Müh und
-Not auf einen niedrigen Baum gekommen war, schrie es kühn und laut. Das
-Wort fand Beifall von da und dort, von oben und unten versicherten es
-Buben und Mädel: »Wir ferchten uns niche.«
-
-»Jackenknöpfle hat recht!« Webers Arne warf dem kleinen, dicken
-Burschen einen roten Himbeerapfel hinüber, der fing ihn auf, biß hinein
-und ärgerte sich dabei. Sein Spitzname kränkte ihn. Jakobus Knöpfle
-hieß er, daraus hatte ein Spaßvogel Jackenknöpfle gemacht, und dieser
-Name hing ihm nun an. Seine Mutter tröstete zwar: »Sei froh, daß
-sie nicht Hosenknöpfle sagen!« Aber das war doch nur ein schlechter
-Trost. --
-
-Während so die Kinder auf der Apfelstraße von dem neuen Lehrer redeten
-und Besenmüller auf der Pflaumenstraße verdrießlich an ihn dachte,
-fuhr Herr Heinrich Fries im Zuge nach Steinach. Er war der neue Lehrer,
-und als er so das Land im Herbstschmuck sah und an seine Frühlingsreise
-dachte, kam es ihm ganz wunderbar vor, daß nun Steinach sein Ziel war.
-Wie es so kommt. Im Sommer hatten die Ersparnisse noch nicht zu einer
-Reise gereicht, und Mutter und Sohn hatten zueinander gesagt: »Nächstes
-Jahr vielleicht.« Und dann war Heinrich Fries eines Tages in die Schule
-gekommen, in der er als Hilfslehrer unterrichtete, da hatte sein
-Rektor zu ihm gesagt: »Wollen Sie auf das Land? Es ist schnell eine
-gute Stelle zu besetzen. Der dortige Lehrer ist krank, er will in den
-Ruhestand treten.«
-
-Auf das Land? Dorflehrer sollte er werden? Nur zögernd hatte er
-gefragt: »Wie heißt denn der Ort?«
-
-»Steinach am Wald.« Der junge Lehrer im Zug mußte wieder lächeln, als
-er an sein Erstaunen damals dachte und an das seiner Mutter über den
-seltsamen Zufall. Steinach am Wald, dorthin sollte er. Nur drei Tage
-blieben ihm Bedenkzeit, und in diesen Tagen hatten Mutter und Sohn viel
-von dem fernen Dorf gesprochen. Sehr froh waren sie beide nicht, sie
-wären gern in der Stadt geblieben.
-
-Frau Fries gehörte zu jenen Müttern, in deren Herzstübchen die Wände
-voller Bilder hängen, fast alles Bilder ihrer Kinder. In diesem
-Stübchen stehen dann lauter Dinge, an denen die Kinder ihre Freude
-haben oder sie einst hatten. Auch ein großes Sorgenwinkelchen gibt es
-drin, dort liegt das Leid der Kinder. Manchmal ist dieser Sorgenwinkel
-recht groß, und die Mutter hat viel, viel damit zu tun. Auch Frau
-Fries’ Herzstübchen war immer ausgefüllt von der Sorge und Freude um
-ihren Sohn. An sich selbst dachte sie nie, nur an den Sohn, und der
-sollte mehr werden als nur ein Dorflehrer, ein Gelehrter sollte er
-werden wie sein Vater. In der Stadt konnte er weiterarbeiten, auf dem
-Dorfe wohl nicht.
-
-Die gute Mutter! dachte Heinrich Fries, als er Steinach immer näher
-kam. Nun würde er bald dort sein, aber allein zuerst, so hatte es die
-Mutter verlangt. »Wenn es dir nicht gefällt, kommst du zurück,« waren
-ihre Worte gewesen. Und der Sohn wußte, sie würde in ihrer Einsamkeit
-von morgens bis abends arbeiten, nur für ihn. Sie würde für ihn sorgen
-unermüdlich, vielleicht kam er bald zurück und brauchte ihre Hilfe.
-
-Da hielt der Zug, Steinach am Wald war erreicht. Er stieg aus und sah,
-daß er der einzige Reisende war, der das tat. Der Zug fuhr weiter,
-und er schlug den Weg nach dem Dorfe ein. »Nur immer die Apfelstraße
-hinunter,« sagte der Bahnbeamte freundlich. »Ihren Koffer lassen Sie
-nur hier, Herr Lehrer, -- das sind Sie doch?«
-
-Der Mann grüßte und nickte, und Heinrich Fries ging die Apfelstraße
-entlang. In der großen Stadt, aus der er kam, konnte er durch viele
-Straßen gehen, niemand kannte ihn, und hier wußten sie gleich, wer er
-war. Es ist freilich ein Dorf, sagte er zu sich und seufzte im Herzen,
-nur ein Dorf!
-
-Um diese Zeit dachte Besenmüller gerade auf der Pflaumenstraße: »Heute
-sin se aber brav, die Kinner!« und die braven Kinder jauchzten, lärmten
-und schmausten vergnügt auf der Apfelstraße. Da tönte der schrille
-Pfiff einer Lokomotive in das fröhliche Gelärm hinein, und Arne schrie:
-»Vielleicht kommt jemand.«
-
-Geschwind verkrochen sich die Buben im dichteren Blattgewirr, und die
-Mädel duckten sich in den Graben. Es war doch möglich, daß jemand
-vom Bahnhof kam, und wenn sie auch alle meinten, im Recht zu sein
-mit dieser Schmauserei, erwischen lassen wollte sich keins. Ein paar
-meinten: »Arne, paß auf!«
-
-»Es kommt wer -- ’n Fremder!« schrie der zurück, und der Ruf eilte die
-Apfelstraße entlang von Baum zu Baum.
-
-Von den Bäumen herab, aus dem Straßengraben hinauf lugten schwarze und
-blaue Augen dem Ankommenden lustig entgegen. Wer mochte das sein? Ein
-Fremder in Steinach, welch ein Wunder!
-
-Fritz Schwetzer allein kümmerte sich nicht um den, der kam. Er hatte
-eben einen Himbeerapfel angebissen, der außen schön rot und glänzend,
-aber innen verfault und bitter war, das ärgerte ihn. Er drehte den
-Apfel rundum, biß noch einmal da an und dort, vielleicht gab es noch
-eine süße Stelle, aber da der Apfel bitter blieb, warf Fritze ihn in
-weitem Bogen auf die Landstraße, da mochte er liegen.
-
-»Holla, was ist denn das?« Heinrich Fries sah sich erstaunt um, ihm
-war etwas an den Kopf geflogen und hatte ihm den Hut heruntergerissen,
-und doch war es ganz windstill, kein Lufthauch war zu spüren. Aber
-freilich, in den Bäumen raschelte und zitterte das Laub, und der junge
-Lehrer sah da und dort Bubenbeine hängen, er sah auch neben seinem Hut
-einen angebissenen Apfel liegen. Rasch trat er auf den Himbeerapfelbaum
-zu, packte Fritzes Beine und rief: »He, du da oben, ist das Sitte hier,
-Fremden den Hut vom Kopf zu werfen?«
-
-Fritze erschrak. Er sagte aber nichts, sondern versuchte nur seine
-Beine zu befreien. Arne beugte sich rasch hinab, um sich den Fremden
-näher anzusehen. Doch dabei entglitt ihm sein Apfel und traf Herrn
-Fries an die Nase.
-
-»Potzwetter,« rief der nun ärgerlich, »da sitzt ja noch so ’n heilloser
-Bube! Ihr scheint mir ja nette Rangen zu sein! Kommt mal gleich
-herunter.«
-
-»Nä,« rief Arne trotzig. Der hatte gar keine Lust, mit dem
-Fremden unten auf der Landstraße zu stehen. Auch Fritze Schwetzer
-verspürte dazu keine Neigung, aber ihn konnte der junge Mann leicht
-herunterholen. Das war bedenklich, und er überlegte, es wäre
-eigentlich ganz ratsam, dem fremden Mann einfach über den Kopf weg zu
-springen. Auf diese Weise entging er aller Fragerei. Gedacht, getan.
-Ehe Herr Heinrich Fries noch wußte, wie und was, sauste Fritze vom
-Baum herunter; aber hatte vorher sein Apfel des jungen Lehrers Hut
-mitgenommen, so nahm der Bube gleich diesen selbst. Pardauz lagen beide
-auf der Straße, Fritze überschlug sich zweimal, sprang auf und raste
-hinweg.
-
-Aus dem Graben schauten drei lachende kleine Mädel heraus, und oben auf
-dem Baume kreischte Arne laut vor Vergnügen. Sein Jubel fand ein Echo.
-Plötzlich lachte, schrie und kicherte es die ganze Apfelstraße entlang.
-Den Buben und Mädeln schien die Purzelei des Fremden ein lustiger Spaß
-zu sein, dieser selbst freilich fand es gar nicht lustig, der war sehr
-verdrießlich. Er suchte mißmutig seine Sachen zusammen, die zerstreut
-am Boden lagen, und dachte dabei: »Das ist ja ein netter Anfang! Wenn
-das so weiter geht, wird es mir schwerlich gut in Steinach gefallen.«
-
-[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 22.]
-
-Unschlüssig stand er eine Weile da und sah die lange Straße hinab.
-Kerzengerade lief sie bis zum Dorfe hin; an ihrem Ende ragte fein und
-schlank der Kirchturm in die Luft. Der junge Lehrer sah aber nicht
-allein das Dorf im Hintergrunde, er sah auch da und dort Bubenbeine
-von den Bäumen herabhängen, und kleine kecke Mädelnasen streckten sich
-aus dem Graben heraus. Recht seltsame Früchte waren das. Wie er noch
-so stand und sich seine zukünftigen Schulkinder betrachtete, tönte von
-unten herauf der Ruf: »Besenmüller, Besenmüller kommt!«
-
-Ritsch, ratsch verschwanden die Beine, wie reife Äpfel plumpsten die
-Buben von den Bäumen, aus dem Graben kamen die Mädel heraus, und heidi
-ging es nach rechts und nach links über die Stoppelfelder hinweg. Im
-Umsehen lag die Apfelstraße verlassen da, nur eine auffallend große
-Frau schritt dem jungen Lehrer entgegen.
-
-In der Mitte der Straße trafen sich beide. Die Frau musterte rasch den
-Fremden, dann sagte sie: »Ich bin die Besenmüllern, Herr Lehrer!«
-
-»Ja, kennen Sie mich denn?«
-
-»Nu freilich, sonst kommt doch ’n Fremder nich her um die Zeit. Und
-Pflaumenkuchen hab’ ich schon gebacken, und unser alter Herr Lehrer
-erwartet Sie. Und mein Mann sitzt unten auf der Pflaumenstraße, und ich
-dachte gleich, de Kinner sin hier. Besenmüller is zu gut, viel zu gut,
-Herr Lehrer, so gut is keiner wie der. Er müßte strenger sein gegen die
-Kinner. Gelle, das meinen Sie auch?«
-
-»Hm,« sagte der junge Lehrer nur. Er kannte weder Besenmüller noch
-seine Frau, er wußte nichts von deren Güte oder Strenge. »Ich will nun
-gehen,« murmelte er.
-
-»Ich geh’ mit, und Ihr Zimmer ist schon fertig, Herr Lehrer.«
-
-So schwatzte Frau Besenmüller, des Kirchen- und Schuldieners Frau,
-unablässig weiter und führte den jungen Lehrer nach Steinach hinein.
-Der brauchte nichts zu fragen und zu sagen, Frau Besenmüller erzählte
-ihm alles, wie ein Mühlwerk ging ihre Rede, und dabei konnte ihr
-Begleiter nie sehen, weinte sie oder lachte sie, weil nämlich ihr
-Gesicht ganz merkwürdig schief war. Seltsame Leute und seltsame Sitten
-scheint es hier in Steinach zu geben, dachte der junge Lehrer, als sie
-das Dorf erreichten. Ob ich hier wohl lange bleiben werde? Sicherlich
-nicht!
-
-»Nä, so was,« rief da Frau Besenmüller, »Webersch Wagen is umgepurzelt,
-nä aber!«
-
-Quer über die Straße lag ein umgestürzter Düngerwagen und versperrte
-den Zugang. Der Duft, der von ihm ausging, war nicht lieblich, und
-Heinrich Fries schickte sich seufzend an, in einem weiten Bogen
-herumzugehen, und so langte er endlich verdrießlich vor dem Schulhause
-an.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-Der Empfang
-
- Eine Ratssitzung auf dem Schelmenacker -- Malchen gibt ein
- rotes Band, und Fritze Schwetzer zeigt, wie gut er werfen kann
- -- Besenmüller nennt seine Frau Lydia, und Heinrich Fries
- lauscht dem Abendgesang
-
-
-»Da sin mer also!«
-
-Frau Besenmüller blieb vor einem großen, stattlichen, gelbgetünchten
-Hause stehen, und der junge Lehrer sah verwundert daran empor. Das
-sollte ein Dorfschulhaus sein?
-
-»Gelle, das ist mal fein?« Die Frau Besenmüller schmunzelte, und selbst
-ihre weinerliche Gesichtsseite wurde freundlich. Sie war ungemein stolz
-auf das Schulhaus und merkte gleich, dem neuen Lehrer gefiel es.
-
-Der maß das stattliche Gebäude mit hellen Blicken. Ja freilich, so
-ein Haus konnte einem schon gefallen. Es glich eher einem großen
-Gotteshaus, und es mochte anderthalb Jahrhunderte und mehr auf seinem
-Platze stehen. Es war zweistöckig und hatte ein doppeltes Dach.
-Lustig, wie lauter vergnügte Kinderaugen, schauten die Dachaugen in die
-Welt hinein. An der Ostseite rankte sich wilder Wein am Hause empor,
-der glühte im Herbstrot, und so in farbiger Schöne prangte auch der
-Garten, der von zwei Seiten an das Haus grenzte.
-
-»Gelle ja, das is fein?« sagte Frau Besenmüller noch einmal und führte
-den jungen Lehrer in das Haus hinein. Dem weiten Hausflur und der schön
-gewundenen Treppe war es auch anzumerken, daß das Haus nicht als Schule
-gebaut worden war. »Ein Graf hat das Haus einmal gebaut,« erzählte denn
-auch des Schuldieners Frau eifrig, als sie die Treppe voran emporstieg.
-»Der hat gesagt, in der Stadt taugten die Leute nischte niche, womit
-er ja recht hatte, und daderum wollte er auf dem Dorfe leben. Wie nun
-das Haus fertig war, is er niche reingezogen, denn hat’s ihm gerade
-wieder in der Stadt gefallen. Da hat er gesagt, auf dem Dorf taugten
-sie nischte niche. Närrsch, gelle? Ja, so sin nu die Leute. Un hier is
-unser alter Herr Lehrer, un ich bring’ gleich den Kaffee.«
-
-Frau Besenmüller hatte eine Türe geöffnet und rief in das große, helle
-Gemach hinein: »Hier is er!« Dann verschwand sie eilig, und die beiden
-Lehrer standen sich gegenüber. Der eine weißhaarig und gebückt, viele,
-viele Furchen im alten, milden Gesicht, der andere blond, groß und
-schlank, seine grauen Augen blitzten tatenlustig. Sie schüttelten sich
-die Hände, und jeder dachte vom andern: »Der gefällt mir.«
-
-Frau Besenmüller brachte wirklich sehr schnell Kaffee und einen
-ungeheuren Teller voll Pflaumenkuchen dazu, auch Brot, Butter und
-Wurst, gerade so, als hätte Heinrich Fries eine Weltreise gemacht.
-»Dieser Empfang gefällt mir besser,« sagte er heiter, und dann
-berichtete er Vater Hiller von seinem Erlebnis auf der Apfelstraße. Der
-lächelte dazu und erwiderte: »Böse gemeint war’s nicht, na ja, aber
-wild sind sie freilich, das ist schon wahr.«
-
-Er erzählte seinem jungen Nachfolger allerlei von Steinach und seinen
-Bewohnern, von den Kindern und dem Schulhaus. Das war wirklich ein
-altes Herrenhaus gewesen, wie es Frau Besenmüller erzählt hatte. Drei
-alte Gräfinnen, Schwestern, hatten zuletzt viele Jahre darin gewohnt,
-und es war nach ihrem Tode, weil ihr Erbe unauffindbar gewesen war, dem
-Dorf als Schulhaus gegeben worden.
-
-Während die beiden Lehrer so von alten und neuen Zeiten, vom Schulhaus
-und den Steinacher Kindern sprachen, saßen die letzteren auf dem
-sogenannten Schelmenacker. Das war ein Stück Wiesenland zwischen
-der Apfelstraße und der Birnenstraße; dort lag inmitten ein großer
-Steinhaufen, auf dem es sich wunderbar saß, wenigstens sagte es Webers
-Arne. Alle die Buben und Mädel hatten sich hier versammelt, die auf der
-Apfelstraße gewesen waren. Dort hatten etliche Frau Besenmüllers laute
-Worte gehört, und sie wußten es jetzt, der Fremde war der neue Lehrer.
-
-Sie waren sehr niedergeschlagen, denn so seltsam hatten sie den neuen
-Lehrer doch nicht empfangen wollen. »Du bist dran schuld,« sagten sie
-alle einmütig zu Fritze Schwetzer.
-
-»Nä.« Fritze sagte weiter nichts, aber dies eine Wort ärgerte
-die andern, sie riefen entrüstet: »Leugne nich, du hast’n Hut
-runtergeschmissen!«
-
-»Ja.« Fritze seufzte, das viele Reden war doch beschwerlich.
-
-»Wir wollen was singen.« Ein Mädel mit Augen und Haaren, wie Tinte so
-schwarz, rief das.
-
-»Jetzt?« Ein paar Stimmen fragten es mißmutig. »Warum denn?«
-
-»Hier doch nicht!« Hinzpeters Malchen, so wurde die Kleine genannt,
-kicherte in ihre Schürze hinein. »Hihihi, ich meine -- nä -- so nich,
-hihihi, wir wollen dem neuen Herrn Lehrer was singen.«
-
-»Nä.« Fritze Schwetzer sah Malchen ganz wütend an. Singen, das könnte
-ihm passen!
-
-Die andern fanden den Plan aber nicht so dumm, einige sagten ja, andere
-nein, bis Arne alle überschrie: »Wir wollen doch in der Schule singen,
-beim ersten Mal, Herr Hiller hat’s gesagt.«
-
-Freilich, so war’s, Arne hatte recht. In der Schule sollten sie den
-Lehrer mit Gesang begrüßen.
-
-»Wir bringen ihm ’nen Strauß.« Malchen kicherte wieder, und wieder
-sagten etliche ja und etliche nein.
-
-Die Buben waren die Neinsager, die Mädel die Jasagerinnen. »Blumen sind
-Quatsch,« erklärte der kleine dicke Jakobus.
-
-»Och, Jackenknöpfle, sei doch stille, Blumen sind fein! Und Stadtleute
-lieben Blumen.«
-
-Vier Mädel redeten auf einmal, und sie hörten auch nicht gleich auf,
-sie erzählten von allerlei Blumenempfängen, von denen sie wußten oder
-gehört hatten.
-
-Eine Weile wogte der Streit hin und her, aber zuletzt fanden die Buben
-den Blumenstrauß ganz gut, und sie beschlossen, jeder sollte rasch
-laufen und Blumen holen, und dann wollten sie hier einen schönen Strauß
-binden. Malchen Hinzpeter versprach ein rotes Band dazu.
-
-Nun der Plan gefaßt war, gingen alle sehr eilig an die Ausführung.
-Das Blumenholen war nicht so einfach. In den kleinen Gärten, die
-so freundlich die Häuser von Steinach schmückten, gab es zwar noch
-allerlei Blumen, aber die Bäuerinnen hüteten sie ängstlich. In Steinach
-gingen die Frauen Sonntags noch mit einem Strauß zur Kirche, und jede
-wollte einen schönen Kirchenstrauß haben. Weil es im Herbst auch
-allerlei Feste gab, Hochzeiten und Kirmesfeiern, darum hüteten die
-Steinacherinnen im Herbst ihre Gärten besonders gut. Heimlich huschten
-die Buben und Mädel hinein, pflückten von den nur noch spärlichen
-Blumen ab, was sie erreichen konnten, und kehrten mit ihrem Raube
-vergnügt zum Schelmenacker zurück.
-
-Dort wanden die Mädel den Strauß, alles kunterbunt durcheinander:
-Astern, späte Levkoien, gelbe Studentenblumen und Georginen, so dick
-wie Pfannkuchen; auch ein paar Reseden und Rosen kamen noch hinein,
-dazu Spargelkraut, und das rote Band umschloß das Ganze zuletzt
-feierlich.
-
-Als der Strauß fertig war, entstand eine große Frage: Wer sollte ihn
-überreichen?
-
-»Ich, ich, ich!« schrieen geschwinde etliche Stimmen, aber schnell kam
-es ihnen in den Sinn, daß es ein schweres Werk sei, dem neuen, fremden
-Lehrer den Strauß zu geben, und alle riefen einmütig: »Ich nicht!«
-
-»Webers Arne soll’s tun,« sagten die Mädel.
-
-»Hinzpeters Malchen ist die Rechte dazu,« erklärten die Buben. Aber die
-beiden wollten auch nicht. Sie redeten alle hin und her, bis zuletzt
-Arne sagte, er wolle es tun, aber Malchen müsse den Strauß tragen,
-und alle sollten mitgehen. Damit waren denn die andern einverstanden,
-und sie zogen nach dem Schulhause, Malchen mit dem Strauß, den sie
-ängstlich unter ihrer Schürze verbarg.
-
-Sie beschrieben einen Umweg und langten so ziemlich unbemerkt vor dem
-Schulhaus an. Dort schubsten sie sich vor der Türe herum und wagten
-nicht hineinzugehen; die Allerfurchtsamsten mahnten ärgerlich: »Arne,
-geh doch! Hinzpeters Male ist ’n Furchthase.«
-
-Auf einmal rief aus einem der oberen Fenster Frau Besenmüller herab:
-»Nu, was soll’s denn? Was wollt ihr?«
-
-Husch, husch, rissen alle aus. Wie die Hasen liefen sie davon, denn
-vor der Schuldienersfrau hatten sie gewaltige Angst. Frau Besenmüller
-schalt noch eine Weile, dann klappte sie das Fenster zu, und es war
-wieder still. Die Kinder standen alle hinter dem Hause und sahen zu den
-Fenstern empor. Jackenknöpfle zeigte auf ein Fenster, das offen stand;
-er flüsterte geheimnisvoll: »Dort wohnt er!«
-
-»Fein!« jubelte Arne. »Wir werfen den Strauß rein.«
-
-»Nä!« murrte Fritze Schwetzer, aber gleich fragten fünf zugleich:
-»Willst du ihn reintragen?«
-
-»Nä!« Fritze verzog sich. So ging es immer: Wenn er einmal was sagte
-oder sagen wollte, schrieen die andern so sehr, das war wirklich
-anstrengend.
-
-»Ich werfe!« Webers Arne nahm Malchen den Strauß aus der Hand, zielte,
-und bums schlug der Strauß an ein anderes Fenster an.
-
-»Ich kann’s besser!« Heine Langbein griff nach dem Strauß, und die
-Mädel kreischten: »Ihr zerhaut ihn noch!«
-
-Richtig, pardauz klatschte der Strauß an die Mauer an und fiel zurück,
-und Röse Traugott ergriff ihn noch, ehe er auf die Erde fiel.
-
-»Ich will werfen!« -- »Nä, ich!«
-
-Ein paar Bubenhände griffen nach dem Strauß, aber Röse wehrte ab und
-klagte: »Da, die Rose ist schon abgebrochen und die auch.«
-
-»Schwetzers Fritze, wirf du doch, du kannst das so fein!« rief Arne.
-Das war nicht Spott, Fritze war als guter Werfer bekannt, und wirklich
-kam er wieder herbei, und ihm gab Röse auch den Strauß. »Nimm ihn
-recht in acht!«
-
-»Hm!« Fritze wog den Strauß prüfend in der Hand, dann zielte er, trat
-drei Schritte zurück, zielte wieder, und hoch im Bogen sauste der
-Strauß durch die Luft. Wutsch, flog er in das offene Fenster hinein.
-Drinnen erklang ein lautes Klirren, ein Rufen, und unten flohen die
-Kinder entsetzt nach allen Seiten hin und schrieen: »Er hat das Fenster
-eingeschlagen!«
-
-»Nä, drinne etwas!« Husch, husch, husch waren alle fort, nur Fritze
-Schwetzer stand wie erstarrt vor dem Hause, er war so tief erschrocken,
-daß er nicht einmal an das Ausreißen dachte. Was war da oben geschehen?
-
-Vater Hiller hatte seinen jungen Nachfolger gerade in das Zimmer
-gebracht, in dem er vorläufig wohnen sollte. Zur Einrichtung hatte
-Frau Besenmüller überall im Dorfe Hausrat zusammengeborgt. Ein wenig
-zusammengewürfelt sah daher das Zimmer innen aus, aber doch freundlich
-und behaglich, und Heinrich Fries meinte, bis seine Mutter nachkäme,
-würde es schon gut gehen. Aus dem Tische stand Frau Besenmüllers
-Glanzstück, eine himmelblaue Glasvase, die ihr gehörte. Und just als
-der junge Lehrer die ansah und dachte: »Nein, so ein häßliches Ding!«
-kam etwas in das Zimmer geflogen. Klirr ging’s in eine Scheibe des
-Fensters hinein, und klirr, bums, klatsch! lag auch die himmelblaue
-Vase zerschmettert am Boden. Frau Besenmüller kreischte entsetzlich.
-Heinrich Fries eilte zum Fenster und sah hinaus. Dort unten stand
-Schwetzers Fritze unbeweglich wie ein Baum. »He du,« rief der junge
-Lehrer hinab, »was soll der Unsinn? Hast du geworfen?«
-
-Dem Fritze war die Stimme bis in den Magen gerutscht, dort saß sie, und
-Fritze konnte sich noch so abquälen, kein Wörtlein kam heraus.
-
-»Nun, sehen Sie nur, Herr Hiller den Jungen da unten, wie frech er
-dasteht! Ob er geworfen hat?«
-
-Der alte Mann hatte den Strauß erblickt, der in eine Ecke gefallen war,
-er hatte ihn aufgehoben und strich nun liebevoll über die zerknickten
-Blumen. Er sah auch Fritze unten stehen und ahnte, die andern waren
-ausgerissen. Milde sagte er: »Es sollte wohl ein Willkommensgruß für
-Sie sein, Herr Kollege.«
-
-»Ein eingeschlagenes Fenster, eine zerbrochene Vase und --,« Heinrich
-Fries sah nun auch den Strauß mit dem roten Bande, da mußte er lächeln.
-»Ein wenig seltsam ist ja die Art, mir die Blumen zu bringen.«
-
-»Aber gut gemeint. Ich kenne meine Steinacher Kinder, sie haben
-gedacht, es sei sehr schlau so.« Vater Hiller lächelte gütig, und
-sein Lächeln fand auch auf dem Gesicht seines Nachfolgers heiteren
-Widerschein.
-
-Frau Besenmüller dagegen sah nicht allein grimmig drein, sie schalt
-auch für drei, und als sie die Scherben ihrer himmelblauen Vase auflas,
-drohte sie bei jedem Stück: »Na, wartet nur, Besenmüller soll euch
-schon strafen, wartet, wartet!«
-
-Es wartete aber keiner von den Missetätern ab, was geschehen würde,
-selbst Schwetzers Fritze war auch davongelaufen. Auf dem Schelmenacker
-fanden sich alle wieder zusammen, und sie berieten, was zu tun sei.
-Zerschlagen hatte Fritz mit dem Strauß etwas, das stand fest. Etliche
-wollten ihm darum Vorwürfe machen, aber da erhoben Arne und Malchen
-laut ihre Stimmen: »Er kann nischte dafor.«
-
-»Nä,« sagte Jackenknöpfle in edler Selbsterkenntnis, »ich hätte noch
-mehr zerschmissen.«
-
-Sie überlegten ernsthaft, was sie tun sollten, und alle meinten, Frau
-Besenmüller müßte versöhnt werden; denn war Frau Besenmüller böse,
-dann ging sie sicherlich von Haus zu Haus und erzählte die Geschichte,
-oder sie stellte sich morgen an die Schultüre und gab jedem einen
-Katzenkopf, ob groß, ob klein, ihr war es gleich, die stärksten Buben
-duckten sich vor Frau Besenmüller.
-
-»Wir sagen’s Besenmüller, der hilft uns schon,« riefen nach etlichem
-Hin- und Herreden ein paar Stimmen. Der Vorschlag fand gleich
-ungeteilten Beifall, und die Kinder wunderten sich schließlich alle,
-daß sie nicht gleich auf den Gedanken gekommen waren.
-
-»Hurra, zu Besenmüller! Hurra, hurra!«
-
-»Auf der Pflaumenstraße sitzt er.«
-
-Auf der Pflaumenstraße saß Besenmüller wirklich. Sein rosenroter
-Strumpf war ziemlich vollendet, keine Bäuerin hätte ihn glatter
-und sauberer stricken können. Aber beinahe entfiel die rosenrote
-Herrlichkeit Besenmüllers Händen, so eilig, mit so viel Geschrei und
-Geschwätz kamen die Kinder alle an.
-
-»Holla, an die Zwetschen geht mir keins!«
-
-»Nä, Besenmüller, nä, wir kommen nur mal so.«
-
-»So, ih nä!« Besenmüller zwinkerte mit den Augen. »Was ist denn? Warum
-ist meine Frau denn so böse?«
-
-»Ach, nur wegen dem Strauß!«
-
-»Was ist mit dem Strauß?«
-
-»Wir wollten dem neuen Herrn Lehrer einen schenken.«
-
-»Und Schwetzers Fritze hat ihn geworfen.«
-
-»Das Fenster war offen.«
-
-»Nur --.« Da schwiegen alle, und Besenmüller strickte klapp, klapp,
-Nadel um Nadel. Endlich sagte er: »Das Fenster ist wohl zerschmissen?«
-
-»Ja -- aa,« ertönte es kleinlaut, »und -- und --«
-
-»Was denn noch?«
-
-»Das wissen wir niche!«
-
-»Hm, und nun ist Frau Besenmüller böse?«
-
-»Ja, Besenmüller. Wir haben sie noch schimpfen hören.«
-
-»Ihr seid wohl gleich ausgerissen, haste nich, kannste nich?«
-
-»Ja.« Sie drängten sich alle lachend dichter und dichter an Besenmüller
-heran. »Sag’s ihr doch, sie soll wieder gut sein.«
-
-»So fix geht das niche. Erst versprecht, Zwetschen werden nich genommen
-heute.«
-
-»Nä,« riefen alle einstimmig; sie sahen aber gar nicht erst zu den
-Bäumen hinan, so voll hingen sie, so köstlich blau schimmerten die
-Früchte.
-
-»Also euer Wort?«
-
-»Ja!« Sie schrieen es wieder im Chor, und Besenmüller wickelte darauf
-sorgsam seinen Strumpf zusammen, nahm seinen Stock und verließ für
-diesen Tag die Pflaumenstraße. Er wußte, die Kinder hielten ihr
-Versprechen, also mußte er nun auch das seine halten und seine Frau
-versöhnen. Bis in die Nähe des Schulhauses gab die Schar dem alten
-Manne das Geleit, weiter nicht; Frau Besenmüller könnte sie ja sehen.
-Die hatte freilich längst den Zug erblickt, und als ihr Mann das Haus
-betrat, kam sie ihm entgegen und rief vorwurfsvoll: »Besenmüller, du
-bist zu gut, nä, die Kinner verdienen’s nicht!«
-
-»Aber Lydia, Kinner sin Kinner!« Weiter sagte der Schuldiener gar
-nichts. Es war auch nicht nötig. Seine Frau vergaß die himmelblaue
-Vase, das zerschlagene Fenster, ihren Zorn und alles; wenn ihr Mann sie
-Lydia nannte, dann war es ihr immer gleich wie Feiertag, pflegte sie
-zu sagen. Es gab nämlich auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen,
-den die Schuldienersfrau mehr bewunderte als ihren Mann. Was der sagte,
-galt. Wenn der Herr Schulrat gekommen wäre und hätte Besenmüller du
-genannt und ihn zum Schulvorstand ernannt, Frau Besenmüller hätte sich
-kein bißchen darüber verwundert. Höchstens hätte sie gesagt: »So was
-ist richtig!«
-
-Die Kinder sahen den Schuldiener in das Haus treten, hörten drinnen die
-Stimme der Frau, dann liefen sie beruhigt von dannen -- nun war Frau
-Besenmüller versöhnt.
-
-Sie schliefen alle trotz ihrer verschiedenen Dummheiten, die sie
-tagsüber begangen hatten, sehr gut. Nur Schwetzers Fritze träumte
-schwer, er war im Traum als riesengroßer Blumenstrauß dem neuen Lehrer
-selbst vor die Füße gefallen. Doch Träume sind Schäume, sie vergehen im
-Lichte des neuen Tages.
-
-Ernste Gedanken vergehen nicht so leicht, die verscheuchen selbst den
-Schlaf. Während in Steinach am Wald alles in tiefer Ruhe lag, strahlten
-im Schulhaus noch lange zwei Fenster hell in die Nacht hinaus. Der
-alte und der junge Lehrer, sie wachten beide, jeder saß einsam in
-seinem Zimmer, der eine sann der Vergangenheit, der andere der Zukunft
-nach. »Ich wollte, ich könnte in meinem Steinach bleiben,« dachte
-Vater Hiller wehmütig; es wurde ihm schwer, aus seinem lieben Amt zu
-scheiden. Sein junger Nachfolger aber seufzte: »Werde ich es je in
-diesem Steinach aushalten?« Er stand am offenen Fenster, ringsherum
-lag alles im Schweigen. Bis auf einmal ein fernes Sausen durch die
-Nacht kam; es klang näher, ein Pfiff ertönte, dann verhallte das Sausen
-wieder: ein Zug war vorbeigefahren. »Könnte ich doch wieder mit hinaus
-aus dieser Enge!« entfuhr es dem jungen Lehrer, und er seufzte abermals.
-
-Heinrich Fries streckte die Arme aus, aber plötzlich ließ er sie
-sinken und lauschte, ein anderer Ton wurde laut, ein feines, süßes
-Singen rauschte auf.
-
- »Breit aus die Flügel beide,
- O Jesu, meine Freude,
- Und nimm dein Küchlein ein!
- Will Satan mich verschlingen,
- So laß die Englein singen:
- Dies Kind soll unverletzet sein.
- Auch euch, ihr meine Lieben,
- Soll heute nicht betrüben
- Ein Unfall noch Gefahr,
- Gott laß euch ruhig schlafen ...«
-
-Die Stimme verhallte, und nichts regte sich mehr im Dorf. Heinrich
-Fries stand noch lange am Fenster. Er war aber nicht mehr unruhig und
-niedergedrückt, das holde Singen hatte ihn froh gemacht, und er dachte
-an die neue Arbeit, und daß er sein Amt mit frischem Mut antreten wolle.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-Ein letzter Schultag
-
- Die Brummer wollen auch singen, und die Katze Minchen will in
- die Schule gehen -- Die Hohenstaufen sollen Berge sein, und
- Frau Besenmüller redet von der rechten Liebe
-
-
-Am nächsten Morgen lag Steinach im Nebel. Die Sonne wollte zwar sehr
-gern scheinen, sie bezeigte die allergrößte Lust dazu, aber der Nebel
-ließ sich nicht so schnell verjagen. Der hatte das ganze Dorf in
-dichte, weißgraue Schleier gehüllt, und es konnte gerade jeder noch
-seinen Nachbar sehen, mehr nicht. Es sah sehr lustig aus, wenn auf
-der Dorfstraße Gestalten im Nebel auftauchten und gleich darin wieder
-verschwanden. »Wie Rosinen im Mehl,« sagte Frau Knöpfle, des Jakobus
-Mutter.
-
-Den Kindern schien der Nebel ein vergnügliches Ding zu sein, und
-Jackenknöpfle stellte die nachdenkliche Frage: »Ob’s mal so dicken
-Nebel gibt, daß mer die Schule nich findet?«
-
-Die andern meinten zwar alle, dies würde sehr fein sein, und etliche
-strengten sich auch an, die Schule nicht zu sehen, sie sahen sie aber
-doch. Zum Überfluß klingelte Frau Besenmüller auch noch lauter als
-sonst, und die Kinder dachten schon: »Oje, vielleicht ist sie doch
-böse!« Aber die Schuldienersfrau war nicht mehr böse. Die hatte schon
-am frühen Morgen das Klassenzimmer blitzblank geputzt, hatte ein
-Blumengewinde um die Türe angebracht und einen Strauß auf das Pult
-gestellt. Es sah sehr festlich aus, und die Kinder staunten ehrfürchtig
-ihr Schulzimmer an; es wurde ihnen darüber auch ganz festlich zumute,
-und alle nahmen sich vor, sehr gut zu singen. Die Steinacher waren
-ein sangeslustiges Völkchen. Sie sangen gern und gut, aber Brummer
-gab es auch unter ihnen und solche, die nicht singen konnten, so gern
-sie vielleicht auch wollten. Unter den Kindern war Schwetzers Fritze
-ein rechter Brummer. Alle meinten, dem Buben wäre das gleich, aber da
-irrten sie alle, denn heimlich im Herzen bekümmerte es Fritze sehr,
-daß er so schlecht singen konnte. Er hätte manchmal gern recht aus dem
-Herzen heraus gesungen, wie er sich auch sehnte zu schwatzen wie die
-andern. Es war aber damit schlimm. Wenn er was sagen wollte, hatten es
-zwei andere schon gesagt, und wenn er singen wollte, rief selbst der
-gute Vater Hiller: »Hör’ auf!«
-
-Schweigsam war Hinzpeters Malchen nun freilich nicht, und wenn sie
-sprach, hatte sie auch ein glockenhelles Stimmlein, aber singen, das
-konnte sie nicht. Sie sang immer ein paar Töne zu tief oder ein paar
-Töne zu hoch, sie rutschte mit ihrem Singsang immer aus, und wenn die
-andern in die Höhe kletterten, saß sie im Graben. Sie wurde darum
-die »Krähe« genannt, ein Name, der Malchen bitter kränkte, denn sie
-war so singlustig wie eine rechte Lerche. Daheim sang sie auch nach
-Herzenslust, und niemand störte sie. Ihr Vater meinte: »Ein Hahn kräht
-ja auch, die Schafe blöken, die Gänse schnattern, ja, warum soll da
-mein Malchen niche singen?«
-
-Auch die alte Großmuhme sagte das. Sie war freilich ziemlich taub, sie
-erklärte aber doch: »Malchen singt sehre scheene, fast wie ’n Engel.
-Vielleicht gefällt’s auch dem neuen Herrn Lehrer besser, mer kann so
-was niche wissen.«
-
-Daran nun dachte Malchen, als sie an diesem Nebelmorgen zur Schule
-wanderte. Ach, vielleicht konnte sie auch noch einmal so singen
-wie Pastors Regine. Sehr froh, sehr hoffnungsvoll trat sie in das
-Schulzimmer, und dort setzte sie sich so brav an ihren Platz, wie es an
-diesem Tag alle taten. Sie waren alle schrecklich neugierig, wie der
-neue Herr Lehrer sein würde, und als Vater Hiller mit seinem jungen
-Nachfolger das Zimmer betrat, war es, als wollten alle blauen, grauen
-und braunen Augen den neuen Herrn Lehrer verschlingen, selbst die
-Schüchternen starrten ihn unentwegt an. Der mußte ein wenig lächeln,
-als er die Kinder alle so vor sich sah, rechts die Großen, links die
-Kleinen, da die Buben, dort die Mädel. Er sah sich auch in dem großen
-Klassenzimmer um, das blinkte vor Sauberkeit, und seine schön mit Stuck
-verzierte Decke erzählte von glanzvoller Vergangenheit.
-
-Vater Hiller sprach das Gebet, und dann begann der Gesang. Sorgsam
-hatte der alte Lehrer das Loblied eingeübt, festlich und rein sollte es
-klingen, dem neuen Lehrer zum Gruß. Daran, daß an einem solchen Tag die
-Brummer teilnehmen wollten an der allgemeinen Freude, hatte er freilich
-nicht gedacht. Malchen schmetterte zuerst los, Schwetzers Fritze folgte
-ihr, und als das die andern Brummer hörten, sangen sie unverzagt mit.
-Hui ging’s in die Höhe, bums saß Schwetzers Fritze in der Tiefe;
-Malchen war einen halben Takt voraus, Hans Neuber schleppte dreiviertel
-Takte hinterher.
-
-Klapp! schlug Vater Hiller auf das Pult. »Stille! Was ist das für eine
-Singerei? Es darf nur mitsingen, wer es kann.«
-
-Ein paar senkten verlegen ihre Köpfe, nur Malchen nicht, die dachte:
-»Ich kann’s doch, ich habe fein gesungen!«
-
-Das Lied begann noch einmal, und hui entwischte Malchens Stimme wieder,
-die kletterte gleich bis aufs Dach. Die andern stockten, und ein paar
-murrten: »Die Krähe singt so falsch!«
-
-Malchen wurde blutrot vor Schreck und Scham, und die Tränen stürzten
-ihr aus den Augen. Malchen weinte gleich sehr heftig los, und Heines
-Marlise tat es ihr nach, und Vater Hiller ließ verdrießlich den
-Taktstock sinken. »Aber Kinder,« rief er ärgerlich, »was soll das?
-Schämt euch, so das Festlied zu singen! Wer heult, muß raus. Also eins,
-zwei, drei, jetzt noch einmal!«
-
-Das half, die Mädel stellten das Weinen ein, die schlechten Sänger
-schwiegen, und nun brauste feierlich und rein im Klang der Lobgesang
-auf. Es ging glatt, nur beim letzten Vers mischte sich ein seltsamer
-Ton, ein Schnurren, Scharren und Schreien hinein. Kaum war das Lied
-verklungen, da riefen ein paar Stimmen: »Eine Katze, eine Katze!«
-
-Vater Hiller war sehr sanftmütig und geduldig, er war auch immer mit
-seinen Schulkindern gut fertig geworden. An diesem Tage wurde er
-aber doch ärgerlich. Er hatte seinem jungen Nachfolger recht zeigen
-wollen, wie nett und brav seine Schulkinder waren. Nun gab es erst die
-verkehrte Singerei und jetzt das Geschrei einer Katze wegen. Er rief
-darum strenger als sonst: »Wo steckt denn die Katze? Wer hat eine mit?«
-
-Alle schwiegen, eines sah das andere an, und merkwürdig, die Katze
-schwieg auch.
-
-»Es ist ja keine hier,« brummte der alte Lehrer, »irgend jemand --«
-
-»Miauau, raurau, miau!« schrie es jämmerlich, und Kinder und Lehrer
-sahen sich an und im Zimmer herum.
-
-»Vielleicht im Schrank,« sagte Heinrich Fries, der daran dachte,
-daß auch in der Stadt mitunter eine Maus auf seltsame Weise in den
-Schulschrank geriet. Vater Hiller sah prüfend die Kinder an. Offen,
-zutraulich, sehr erstaunt waren aller Augen zu ihm aufgeschlagen, er
-sah es gleich, keins hatte ein schlechtes Gewissen. Er trat aber doch
-an den Schrank und schloß ihn auf. Keine Katze war darin.
-
-»Miauau, raurau, miau!« quäkte es wieder, und ein paar Stimmen zugleich
-schrieen: »Im Pulte ist das!«
-
-»Ach Unsinn!« Der alte Lehrer klappte das Pult auf, keine Katze war zu
-sehen. »Es wird vor der Türe sein. Also aufgepaßt, wir fangen an!«
-
-»Miauau, raurau, miauau!« Noch kläglicher klang’s, und Heinrich Fries
-sah sich verdutzt um, das kam doch von unten herauf.
-
-Aller Augen starrten zu dem neuen Lehrer hin, das klang ja gerade, als
-käme das Miauzen von dessen Platz.
-
-Vater Hiller schritt zur Türe, öffnete sie, sah hinaus, -- nirgends war
-eine Katze zu sehen, und auf einmal war alles still. War es doch ein
-dummer Bubenspaß, das Gemauze?
-
-»Miauau!« quäkte es drinnen immer jämmerlicher. Er hörte es nun genau,
-es kam aus dem Zimmer. »Frau Besenmüller, Frau Besenmüller!« rief er
-laut. »Kommen Sie einmal her, hier schreit eine Katze irgendwo.«
-
-Frau Besenmüller kam mit unheimlicher Eile angelaufen, und noch an
-der Türe rief sie atemlos: »Das ist sicher so ’n dummer Bube, der das
-macht. Webers Arne kann gut mauzen.«
-
-»Ich mauze nicht!« Arne kreischte ordentlich vor Entrüstung, und gleich
-riefen ein paar Stimmen: »Nä, Arne war’s nicht!«
-
-»Unterm Pult scheint etwas zu sein.« Heinrich Fries hatte es genau
-gehört; er versuchte, das Pult wegzuschieben, aber Frau Besenmüller
-sagte ordentlich ein wenig gekränkt: »So was is niche möglich. Erst
-vorhin hab’ ich darunter und darüber gewischt. Ach nä, Herr Lehrer,
-Katzen sitzen in Steinach niche im Schulzimmer. Die Buben sind’s, die
-machen immer so ’ne Dummheit. Niche auszuhalten ist das manchmal mit
-denen.«
-
-»Nä,« schrieen die Buben und Mädel wie aus einem Munde, »Frau
-Besenmüller verklatscht uns nur.«
-
-»Klatsch, patsch, ich weiß, was ich weiß.«
-
-Rutsch, schob der junge Lehrer das Pult zur Seite, und -- hervor
-spazierte kläglich mauzend ein schneeweißes Kätzchen.
-
-Erst starrte Frau Besenmüller mit offenem Munde das Tierchen an, dann
-aber stürzte sie mit einem Schrei darauf los, hob es auf und sagte im
-Tone allerbitterster Anklage: »Dich haben se unner’s Pult getan, mein
-Minchen! Nä, aber auch so ’ne ungezogene Kinner!«
-
-»Wir waren’s doch nicht!«
-
-»Stille!« Vater Hiller hob den Taktstock. »Wer’s getan hat, kommt vor.«
-Keins rührte sich, und wieder las der alte Mann in all den blühenden
-Gesichtern, -- nein, es hatte keins ein schlechtes Gewissen. »Frau
-Besenmüller,« sagte er gütig, »besinnen Sie sich mal, die Katze wird
-Ihnen wohl nachgelaufen und selbst unter das Pult gekrochen sein.«
-
-»Hm!« Die Schuldienersfrau sah ihr Kätzchen an, dann nickte sie
-langsam. »Ja, erstaunlich klug ist’s freilich, da kommt kein so ’n
-Dickkopp von Bube gegen auf, nä, nä! ’s ist schon möglich, se hat
-zuhören wollen.«
-
-»Aber Besenmüllern!« Die Kinder kreischten vor Vergnügen, daß die Katze
-hatte zuhören wollen, und Frau Besenmüller zog schmunzelnd mit ihr zum
-Zimmer hinaus.
-
-Der Friede war wiederhergestellt, und Vater Hiller sagte ernsthaft:
-»Doch jetzt Ruhe!«
-
-Der alte Lehrer war verstimmt, daß dieser erste Schultag so laut und
-zerfahren begann. Er sah wohl das leise Lachen in den Augen des andern.
-Wehmütig überschaute er seine Schar, und Mädel und Buben spürten es,
-ihr guter, alter Freund war unzufrieden. Da nahmen sie sich zusammen;
-ganz still und feierlich saßen sie da, und so begann der Unterricht.
-Es ging nun alles glatt und gut, die Kinder wußten viel, wenn auch
-nicht alles. Manch einem wollte und wollte die Antwort nicht zum
-Munde heraus, was natürlich von der Antwort schnöde Bosheit war.
-Mitunter klang auch wohl die Antwort so verkehrt, als wäre sie vom
-Monde herabgefallen. So kam der Stille Ozean auf einmal in die Nähe
-von Berlin, und die Donau bezeigte die allergrößte Lust, vom Gotthard
-herunter zu rinnen. Die Hohenstaufen sollten durchaus Berge sein, und
-Kaiser Friedrich Barbarossa saß auf einmal mitten im Siebenjährigen
-Kriege drin, und niemand wußte, wie er hineingekommen war.
-
-Sonst ging es aber ganz gut, Vater Hiller war leidlich zufrieden,
-und die Kinder waren es ungemein, und weil der neue Lehrer lächelte,
-meinten sie alle: »Der findet’s fein bei uns.«
-
-Frau Besenmüller klingelte draußen, grell und laut fuhr der Ton durch
-das weite Haus.
-
-Der alte Lehrer erschrak. Das hörte er nun zum letztenmal. Morgen war
-Sonntag, und am Montag in aller Morgenfrühe wollte er abreisen. Wenn
-die Klingel wieder ertönte, dann trug ihn der Zug schon von Steinach
-fort. Er stand ein wenig geneigt, weil ihn das Alter müde gemacht
-hatte, vor den Kindern, zu ihnen sprechen wollte er, gütige Worte
-sagen, aber die Stimme versagte ihm.
-
-»Liebe Kinder!« setzte er an, und dann noch einmal: »Liebe, liebe
-Kinder!«
-
-Da war es Hinzpeters Malchen, als müsse ihr das kleine, zärtliche Herz
-brechen vor Kummer, sie schluchzte laut auf und rief flehend: »Ach,
-bleiben Sie doch bei uns, lieber Vater Hiller!«
-
-»Ach bitte, bitte, ja, Vater Hiller!« tönten alle andern Stimmen nach.
-Sonst hatten die Kinder »Herr Lehrer« gesagt, in der Abschiedsstunde
-kam ihnen das trauliche »Vater« auf die Lippen. Und wie einen gütigen
-Vater umdrängten sie jäh den alten Mann. Sie sprangen über Tische und
-Bänke hinweg, krochen unten durch, um nur ja schnell des alten Freundes
-Hand fassen zu können.
-
-Die Mädel heulten, die Buben schnitten so widerborstige Gesichter, als
-wäre ihnen ein bitteres Tränklein im Halse stecken geblieben, und immer
-wieder bettelten sie: »Bleiben Sie doch da, Vater Hiller, ach bitte,
-bitte!«
-
-»Ich reise ja erst übermorgen, Kinder.« Ein paar helle, glänzende
-Tropfen rannen dem alten Mann über die Backen. Die Kinder sahen es,
-aber sie hörten zugleich das verheißungsvolle »Übermorgen«. Da war ja
-noch viel Zeit, da konnten sie Vater Hiller noch oft besuchen, konnten
-ihn sehen, wenn er durch das Dorf ging. Sie konnten ihn auch zur Bahn
-bringen. Das sagten sie gleich laut: »Wir gehn mit auf ’n Bahnhof,
-alle!«
-
-»Dann müßt ihr aber alle früh aufstehen.«
-
-»Ach ja, das wird fein! Hurra, wir gehn mit auf ’n Bahnhof!«
-
-»Und Sie besuchen uns bald, Vater Hiller, ja?« bettelte Malchen.
-
-»Ja freilich, ich besuche euch bald.«
-
-»Hurra, Vater Hiller besucht uns!« In den Augen standen noch Tränen,
-die Münder lachten schon, und immer wieder drückten die kleinen derben,
-braunen Hände die welke Hand des treuen Freundes. Sonst liefen Buben
-und Mädel immer alle, so flink sie nur konnten, zur Schule hinaus,
-heute konnten sie sich gar nicht trennen. Vater Hiller mußte sie selbst
-mit sanfter Gewalt bis zur Haustüre geleiten, und draußen ging es
-nochmals an das Abschiednehmen.
-
-In einem Winkel stand Frau Besenmüller, sie hatte die große Schulglocke
-mit beiden Händen an ihr Herz gedrückt, und ihre Tränen fielen darauf
-nieder.
-
-»So ist’s recht, so muß nu ’n Abschied sein,« brummelte sie vor sich
-hin. »Da sieht man doch, ’s war die rechte Liebe.«
-
-Die rechte Liebe! Das Wort tönte wie ein silbernes mahnendes Glöcklein
-im Herzen des jungen Lehrers. Still entfernte er sich, und niemand
-merkte es. Er stieg die Treppe hinauf, betrat sein Zimmer, und dort
-öffnete er weit das Fenster. Er sah, wie sich draußen der Nebel löste
-und die letzten Fetzen zerflossen. Die Sonne ging siegreich hervor,
-und schimmernd glänzten Büsche und Bäume im goldenen Herbstkleid. Die
-rechte Liebe, dachte Heinrich Fries, -- würde sie ihm auch wachsen zu
-Steinach und seinen Kindern?
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-Auf der Schelmenburg
-
- Frau Besenmüller erlebt eine ganz schauerliche
- Gespenstergeschichte -- Ihr Korb füllt sich geschwinde, und
- Webers Arne und Schwetzers Fritze bekommen Zwetschgenkuchen zu
- essen -- Der neue Lehrer aber denkt an die alten Schelme von
- Steinach
-
-
-»Besenmüllern«, wie die Kinder die Schuldienersfrau nannten, hatte
-viele vortreffliche Eigenschaften, aber auch zwei Fehler: sie war
-neugierig und sehr abergläubisch. Zwar sagten die Kinder, Frau
-Besenmüller scheure auch zuviel, das hielten sie für deren allergrößten
-Fehler, aber die Erwachsenen waren anderer Meinung. Vater Hiller nannte
-Frau Besenmüller eine tüchtige, saubere Frau, während besonders die
-Buben es höchst überflüssig fanden, wenn Frau Besenmüller sie immer
-ermahnte: »Putzt eure Schuhe ab, tragt mir nicht die ganze Dorfstraße
-ins Haus!«
-
-Zimplichs Max knurrte immer: »Um so ’n bißchen Dreck!« Aber wie es halt
-ist, Frau Besenmüller hatte andere Ansichten. Sehr lustig dagegen
-fanden die Kinder es, wenn die Frau ihnen allerlei erzählte, was sie
-vorausgeahnt hatte, und was sonderbarerweise immer ganz anders in
-Erfüllung ging. Es sah Frau Besenmüller zum Beispiel aus allerlei
-Zeichen und Andeutungen, auch aus ihren Träumen, daß sie einen Unfall
-erleiden würde; dann fiel vielleicht Hinzpeters Malchen auf die Nase,
-und das war weder für Malchen noch für Frau Besenmüller ein großes
-Unglück.
-
-Aber die Frau blieb dabei, dies und das als besonderes Zeichen
-zu deuten, und darum sagte sie auch nach Heinrich Fries’ erstem
-Schulvormittag zu ihrem Mann: »Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird
-das nischt hier!«
-
-»Warum denn niche, Frau?«
-
-»Na, da ist das zerbrochene Fenster und dann -- die Katze. Nä, das wird
-nischt!«
-
-»Aber Frau!« Der Schuldiener lachte. »Scherben bedeuten Glück, und die
-Katze, die war doch weiß, und nur die schwarze Katze bringt Unglück,
-und stimmen tut das nicht emal. Mir hat noch nie ’ne Katze Verdruß
-gebracht. Nur einmal hat mir eine meine Wurst gestohlen, und die war
-grau, die Katze nämlich.«
-
-»Hm!« Frau Besenmüller seufzte, sie hätte ihres Mannes Worten schon
-gern vertraut, aber sie konnte nicht. »Nä, nä, Scherben und ’ne Katze,
-was zuviel is, is zuviel!« murmelte sie.
-
-Während Frau Besenmüller so geheimnisvoll allerlei Ungemach
-vorausahnte, ging Heinrich Fries sehr vergnügt in Steinach spazieren.
-Das Dorf gefiel ihm immer besser. Es war sauber und wohlhäbig. Die
-kleinen, weißen Häuser waren alle mit Schiefer gedeckt, und diese
-dunklen Dächer glänzten in der Sonne wie edles Gestein. Ein Gärtchen
-schmiegte sich an jedes Haus an, und hinter den Fenstern blühten noch
-Geranien und manche andere feine Blumen. Der junge Lehrer ging bis
-zur Kirche, die inmitten des Dorfes lag; sie war grau und alt, Efeu
-war an ihr emporgewachsen, und ein wenig hatte der auch den Grabstein
-des Schelmen umrankt, der hier begraben lag. Die Inschrift war schwer
-zu lesen, und der Ritter, der fromm die Hände gefaltet hatte, sah gar
-nicht so schelmisch drein, wie das doch eigentlich ein Held so vieler
-Schelmengeschichten tun müßte.
-
-[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 56.]
-
-Von der Kirche aus führte ein schmaler Weg zum Pfarrhaus hinüber.
-Das lag weiß und still in einem großen Garten, die Fenster standen
-offen, und die weißen Vorhänge flatterten und wehten, als wollten sie
-winken: »Komm herein, komm herein!« Doch Samstag nachmittag war keine
-Besuchszeit für ein Pfarrhaus, und darum blieb der junge Lehrer auch
-nur draußen am Zaun stehen. Vater Hiller hatte ihm viel Liebes und
-Freundliches von den Pfarrersleuten erzählt. Sieben Kinder waren in dem
-weißen Haus groß geworden. Sechs waren draußen in der Welt, lernten und
-schafften dort, und nur die Jüngste war noch daheim.
-
-Ob das wohl die Sängerin war, die mir gestern einen so guten Trost ins
-Herz gesungen hat? dachte Heinrich Fries. Er brauchte nicht lange auf
-eine Antwort zu warten, denn drinnen im Garten hub die gleiche Stimme
-ein lustiges Liedchen an. Kinderstimmen fielen ein, und als der junge
-Lehrer weiterging, da sah er auf zwei langen Bänken viele kleine Mädel
-sitzen, die strickten und nähten, und ein junges Mädchen saß vor ihnen,
-schön und anmutig anzuschauen: Pfarrers Regine. Eine allzu strenge
-Lehrerin mußte sie nicht sein, denn man konnte nicht leicht etwas
-Vergnüglicheres sehen als diese Nähstunde im herbstlich bunten Garten.
-
-Die Mädel saßen alle dort, aber wo mochten die Buben sein? Heinrich
-Fries sann darüber nach, als er weiterging. Er sah nur die
-Allerkleinsten auf der Gasse spielen, jene, die noch nicht am ersten
-Schultag zu seufzen brauchten: »Wenn doch erst wieder Ferien wären!«
-Die großen Buben waren alle unsichtbar, sie mochten wohl wieder auf
-einer der Obststraßen sein, denn nicht einmal ihr Rufen ertönte. Da und
-dort grüßte man den jungen Lehrer freundlich, der redete mit dem und
-jenem, und dabei wunderte er sich, daß niemand die Frage tat, wie es
-ihm hier gefalle. Er wußte nicht, daß die Steinacher meinten, ihr Dorf
-müsse eben jedem gefallen, weil es gar so hübsch war.
-
-Als Heinrich Fries es nach allen Seiten hin durchwandert hatte,
-beschloß er, da die Sonne noch hoch stand, gleich noch den Schafskopf
-zu besteigen, um von dort aus das Land zu überschauen. Eine halbe
-Stunde, länger währte der Weg wohl nicht. Ein Bauersmann gab ihm
-bereitwillig Auskunft, welcher Weg zu gehen sei, und versicherte dabei:
-»’s ist recht sehre scheene oben, nur niche, wenn’s dunkel ist.«
-
-»Warum? Spukt es vielleicht?«
-
-Der junge Lehrer lachte, und der Bauer lachte auch. Er sagte nicht ja,
-er sagte nicht nein, in seinen Augen aber war ein lustiges Blinken,
-und Heinrich Fries dachte: »Wirklich, die Schelme scheinen noch nicht
-ausgestorben zu sein.« Er schlug den Weg nach dem Schafskopf ein, und
-um die gleiche Zeit tat dies Frau Besenmüller auch. Oben am Berghang
-gab es viele wilde Rosen, und ihre kleinen roten Früchte wollte Frau
-Besenmüller pflücken. Ihr Mann liebte den Hagebuttentee, meinte, er
-sei gut für allerlei Gebreste im Winter, und darum sorgte die Frau
-immer beizeiten für einen rechten Wintervorrat. Es war ihr immer ein
-schwerer Weg; sie ging nicht gern auf den Schafskopf, selbst nicht am
-Tage, abends wäre sie um keine Königskrone gegangen. Sie graulte sich,
-sie meinte immer, von den Schelmen säße noch etwa ein halbes Dutzend in
-irgendeinem Mauerloch zu allerlei Untaten bereit.
-
-Weil sie sich fürchtete, rannte Frau Besenmüller; je schneller sie oben
-war, desto schneller war sie wieder unten. Sie kam daher auch viel
-früher oben an als der neue Lehrer und begann eilfertig zu pflücken.
-Die wilden Rosen hatten das alte Gemäuer dicht umzogen. Wo nur ein
-freies, sonniges Plätzchen war, gleich hatte sich so ein Rosenbusch
-hingesetzt und gedacht: Da bin ich und bleib’ ich, das ist nun mein
-Reich. Weil die Sonne immer so warm auf dem Schafskopf ruhte und
-niemand den Frieden dieses stillen Fleckchens störte, blühten die
-Rosen meist in üppiger Fülle, und ebenso ungestört wurden kleine, rote
-Hagebutten daraus.
-
-Frau Besenmüller brauchte nur zuzugreifen, ribsch, rabsch, da füllte
-sich ihr Korb. Um den Turm herum, von dem freilich nur noch ein
-kümmerliches Restlein stand, wuchsen die meisten Rosen, und die
-größten Hagebutten gab es da. Wie sich die Schuldienersfrau nun dem
-Turme näherte, graulte sie sich wie immer etwas. Sie blickte an
-dem grauen Gemäuer empor. Nur auf der einen Seite gab es noch eine
-Fensteröffnung, und aus diesem Loch heraus hing ein Strick.
-
-Frau Besenmüller schrie laut auf, als sie das sah. Sie rannte gleich
-den Berg wieder ein Stück abwärts. Wo kam der Strick her in dem
-verfallenen Turm? Von unten herauf starrte die Frau zu dem Strick
-empor, -- ganz ruhig, unbewegt hing er da. Von den alten Herren von
-Steinach konnte er nicht mehr übrig geblieben sein, denn sooft Frau
-Besenmüller auch schon hier gewesen war, den Strick hatte sie noch nie
-gesehen.
-
-Also war jemand oben gewesen, jemand hatte den Strick dorthin getan.
-Wozu? Warum? und wer war es gewesen? Die Frau seufzte schwer. Sie
-graulte sich und war neugierig, die Furcht trieb sie zurück, die
-Neugier wieder vorwärts. Sie stand und überlegte, sah auf den Strick,
-der seltsam in der Sonne glänzte und dahing, als müßte es so sein. Und
-just über den allerschönsten Rosenbüschen hing er, an denen die roten
-Früchte schimmerten und lockten.
-
-Und Frau Besenmüller ließ sich locken. Schritt um Schritt kam sie
-näher, bis sie vor den Büschen stand. Sie pflückte rasch und
-eilfertig, rupfte und rupfte, und dabei blinzelte sie immer wieder nach
-dem Strick. Was tat denn der? Er schwankte und zitterte doch hin und
-her!
-
-»Was nur damit ist? Müßte mal dran ziehen!« Frau Besenmüller überlegte
-das eben, als sie Schritte hörte; trapp, trapp kamen sie den Berg
-herauf.
-
-Sie erschrak sehr, aber da begann ein lustiges Singen, und da
-Gespenster am hellichten Tage nicht Wanderlieder zu singen pflegen,
-beruhigte sie sich gleich wieder. Ein Weilchen lauschte sie dann,
-da sah sie Heinrich Fries den Weg emporkommen, und sie brummelte
-zufrieden: »Das ist mal recht, der sieht sich gleich gut um.« Alle
-Furcht war wie weggeblasen, nur die Neugierde war geblieben, und die
-trieb sie noch näher zu dem Stricke hin. Sie mußte doch sehen, wie der
-hierher kam. Was hatte so ein Strick hier zu diesem Loch, das früher
-ein Fenster gewesen war, herauszuhängen?
-
-»Überall Unordnung! Ärgern muß mer sich alleweil,« schalt die Frau,
-griff rasch nach dem Strick und zog fest daran und --
-
-Heinrich Fries hörte auf einmal ein lautes Geschrei, ein Poltern und
-Rasseln. Er brach jäh sein Lied ab und war mit ein paar Sätzen im
-Burghof.
-
-»Hilfe, Hiiiilfe, uuh, uuh!« kreischte Frau Besenmüller. Die hielt den
-Strick in der Hand, schwankte mit ihm wie eine Fahne im Winde, während
-unaufhörlich Mauergeröll purzelnd von oben herabrieselte.
-
-»Lieber Himmel, was ist das?« Der junge Lehrer hatte die Frau erreicht,
-er hielt sie fest. »Was ist geschehen? Lassen Sie doch den Strick los!«
-
-»Huuhhu,« heulte Frau Besenmüller, »er -- er -- is -- ja verhext!«
-
-»Was, der Strick?« Heinrich Fries wollte auch danach greifen, aber
-er zog rasch seine Hand zurück. »Der klebt ja, der ist mit Vogelleim
-eingeschmiert.«
-
-»Huuhhuuh, drinne sitzt -- huhuhuh -- so ’n Graul!« Frau Besenmüller
-zog angstvoll am Stricke, der gab jäh nach, und plumps saß die
-Schuldienersfrau halb in den Rosenbüschen drin. Von dem alten Mauerwerk
-bröckelte wieder etwas ab, das rieselte zu Boden, und eine Staubwolke
-stieg empor.
-
-»Holla, das Gespenst wollen wir mal fangen!« Der junge Lehrer hatte
-flinke Beine, er lief um den Turm herum, fand den Eingang und fand
-auch die bösen Neckgeister. Ein ganzes Nest voll war es. In dem von
-drei Seiten nur mit ganz niedrigem Gemäuer umschlossenen Turmviereck
-wimmelte es von Buben, und Arne Weber hatte Schwetzers Fritze auf den
-Schultern, und der trug wieder das Jackenknöpfle; so reichte es knapp
-bis zum Fensterloch. Jackenknöpfle wollte gerade herabklettern, als der
-neue Lehrer erschien. Da wackelte die lebendige Leiter, und Heinrich
-Fries konnte das Jackenknöpfle noch eben auffangen und es vor einem
-vielleicht schlimmen Fall bewahren.
-
-Draußen jammerte und schrie Frau Besenmüller noch immer angstvoll um
-Hilfe, innen starrten die Buben den neuen Lehrer an, als wäre nun der
-das Gespenst, mit dem sie die Schuldienersfrau hatten schrecken wollen.
-
-»Kommt mal mit!« Kurz und scharf klang der Befehl, und kein Bube wagte
-es, auszureißen. Wie eine Schafherde, die in einen Gewittersturm
-geraten ist, so folgten sie alle ihrem neuen Lehrer. Der führte sie um
-den Turm herum bis dahin, wo Frau Besenmüller noch immer einen wilden
-Kampf mit dem geleimten Strick ausfocht.
-
-»Da sind die Gespenster, Frau Besenmüller.«
-
-»I du meine Güte, nä, so was!«
-
-Die Frau wäre weniger verdutzt gewesen, wenn Heinrich Fries ein in
-weiße Bettücher gewickeltes Gespenst oder einen alten, mit Ketten,
-Schwertern, Schlössern und sonst was für Eisenkram rasselnden Ritter
-angebracht hätte. »I du meine Güte, die verflixten Bengel!«
-
-»So, jetzt helft einmal Frau Besenmüller vom Strick loskommen. Schnell,
-eins, zwei, drei!«
-
-Zehn Bubenhände und mehr griffen nach dem ungeleimten Ende, sie zerrten
-und zogen. »Herrje,« schrie Frau Besenmüller, die vorwärtsgezogen
-wurde, »nicht so rasch, du meine Güte!« Plumps, saß sie noch einmal in
-den Rosenbüschen, aber sie war doch den unheimlichen Strick los.
-
-»Und nun geschwind, Buben, alle heran und Hagebutten gepflückt! In
-einer halben Stunde muß der Korb voll sein.«
-
-Wieder klang der Befehl kurz und scharf, und wieder folgten die Buben
-ohne Besinnen. Sie stürzten sich mit wildem Eifer auf die Büsche,
-rissen ab, was ihnen unter die Finger kam, und Heinrich Fries mahnte:
-»Nur die Früchte, keine Blätter, Äste oder gar die halben Büsche!«
-
-Da blinzelten die Buben ein wenig nach dem neuen Lehrer hin. Das
-letzte Wort klang ihnen fast wie ein Spaß, aber zu lachen wagten
-sie doch nicht, und obgleich sie eine Hagebuttenernte wenig lustig
-fanden, pflückten sie doch wie die Heinzelmännchen. Frau Besenmüller
-vergaß darüber vor Staunen jegliche Strafrede, trotzdem sie sich von
-ihrem Schreck schon wieder völlig erholt hatte. Sie saß auf einem
-Mauerrest, rieb sich die Hände mit der Schürze sauber und sah zu. »Wie
-’ne leibhaftige Prinzessin,« dachte sie, obgleich sie mit ihrem blauen
-Kopftuch und der großen Küchenschürze nicht gerade einer Prinzessin
-glich.
-
-Von den Buben kam auch keiner auf den Gedanken, Frau Besenmüller mit
-einer Prinzessin zu vergleichen, sie waren sogar alle miteinander etwas
-böse auf die arme Frau. Warum hatte sie nur gleich so geschrieen? Wegen
-so ’nem bißchen Vogelleim? »Sie brauchte doch nicht dranzufassen!«
-brummelte Jackenknöpfle. Aber er pflückte trotzdem so geschwind wie die
-andern. Ritsch, ratsch, da! Die roten Früchte kollerten in den Korb,
-und sehr bald war der voll und die Rosenbüsche kahl.
-
-»So ist’s recht!« lobte der Lehrer. »Und nun tragen zwei der Frau
-Besenmüller den Korb nach Hause. Wer hat den Plan gehabt, den Strick zu
-leimen?«
-
-Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann trat Arne vor. Er trug
-den blonden Kopf ganz hoch, und der junge Lehrer lächelte ein wenig,
-ein Heimlicher war der Bube nicht. Aber noch war Arne nicht am Korb, da
-faßte schon Schwetzers Fritze mit an.
-
-»Also ihr beide seid die Anstifter? Na, gut --«
-
-»Nä, Schwetzers Fritze nich, der niche!« Sechs Stimmen riefen es auf
-einmal, und Heinrich Fries sah etwas erstaunt auf Fritz. »Warum trittst
-du denn dann vor?«
-
-Fritz hätte schon gern eine Antwort gegeben, aber so etwas mußte doch
-Zeit haben. Er blickte in die Luft, als käme eine Antwort vom Himmel
-herunter, und da sagte auch schon der neue Lehrer: »Vielleicht hast
-du’s gedacht?« Er nickte dabei den beiden ganz freundlich zu und mahnte
-nur noch: »Tragt den Korb aber vorsichtig, damit nichts verschüttet
-wird.«
-
-Die beiden trabten los, Frau Besenmüller wanderte hinterher. Sie kam
-sich nun wirklich wie eine leibhaftige Prinzessin vor. Weil sie so
-schnell und sonder Plage ihre Hagebutten geerntet hatte, war ihr Herz
-mild und versöhnlich gestimmt, und vor dem Schulhaus sagte sie gnädig:
-»Wartet e’ bißchen, ihr sollt ’n Kuchen haben!«
-
-Sie holte zwei mächtige Stücke herbei, von dem angeleimten Strick sagte
-sie nichts mehr, und Arne und Fritze fanden den Lohn auch nur gerecht.
-Sie zogen vergnügt von dannen, kauten mit vollen Backen und ahnten,
-sie würden bald ihre Gefährten treffen. So war es auch. Die kamen
-ihnen auf halbem Weg entgegen, und sie schrieen gleich: »Ihr eßt ja
-Quetschenkuchen!«
-
-»Na ja, von Besenmüllern!« Urne stopfte schnell sein letztes Stück in
-den Mund, Fritze war schon fertig. Das war sicherer.
-
-»Haste denn das wirklich gedacht mit ’m Strick?« forschte Jackenknöpfle
-eifrig, während die andern maulten: »Wir hab’n keinen Kuchen gekriegt!«
-
-»Hm, na ja!« Schwetzers Fritze nickte strahlend. Ihm gefiel der neue
-Lehrer sehr gut. Bei dem brauchte er sich gewiß nicht mit Reden
-anzustrengen, der las einem ja die Gedanken an der Nasenspitze ab.
-»Hurra!« schrie er plötzlich und machte einen Luftsprung.
-
-»Hurra!« schrieen die andern und taten es ihm nach. Und dann trabten
-sie alle vergnügt dem Walde zu. Es war ja Samstag, und die Sonne
-stand noch am Himmel, da konnten noch immer die allerschönsten Spiele
-gespielt werden.
-
-»Hurra, hurra!«
-
-Der junge Lehrer Heinrich Fries hörte das Freudenrufen oben auf dem
-Burgberg. Lächelnd schaute er ins Tal und dachte: »Wirklich, es scheint
-so, die Schelme von Steinach leben noch immer!«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
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-Sechstes Kapitel
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-Die Mutter kommt
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- Die Steinacher Frauen haben Angst, Vater Hiller könnte Not
- leiden -- Dem jungen Lehrer verderben die Novembertage die
- Laune, und Fritze Schwetzer erfährt, was alles bei einem
- Schweineschlachten herauskommen kann -- Eine Maus zieht aus dem
- Schulhaus aus und wird eine Kirchenmaus und sieht gleich am
- ersten Sonntag etwas, das ihr und andern Leuten gut gefällt
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-Tal und Höhen lagen noch im grauen Morgennebel, als Vater Hiller
-Steinach verließ. Dem alten Mann war das Herz schwer, als er zum
-letzten Mal die Schwelle des lieben, schönen Schulhauses überschritt.
-Wie er aber so hinaustrat, grüßte ihn draußen ein lautes Singen: alle
-seine Schulkinder standen da, bereit, ihn zum Bahnhof zu begleiten.
-Die Brummer sangen auch diesmal mit, sie ließen sich nicht den Mund
-verbieten, und wunderlich, dem alten Lehrer klang es hold und lieblich
-in die Ohren. Er, der sonst so fein gehört hatte, vernahm diesmal kein
-einziges falsches Tönlein.
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-Es war ein langer Zug, der sich durch die Apfelstraße hin nach dem
-Bahnhof bewegte. Auch viele Erwachsene kamen mit. Jedes trug einen Korb
-oder ein Päckchen, denn auf einmal war es den Steinacher Bäuerinnen
-schwer auf das Herz gefallen, ihr lieber Vater Hiller könnte gar Hunger
-leiden in der Fremde, könnte nicht so gute Butter, so frische Eier,
-so goldgelben Honig und prächtigen Kuchen, so rundliche Würste und
-köstliche Äpfel haben wie in Steinach. Für alles hatten sie gesorgt.
-Als der Zug auf dem kleinen Bahnhof einlief und ein bitterschweres
-Abschiednehmen begann, da füllte sich das Abteil mit Schachteln, Körben
-und Paketen, und Vater Hiller wehrte erschrocken: »Das kann ich doch
-nicht alles mitnehmen!«
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-»Ich helf’ beim Umsteigen!« Der Schaffner lachte über das ganze
-Gesicht, er war doch ein Steinacher Kind, er war doch auch zu Vater
-Hiller in die Schule gegangen. Die Kinder jammerten laut, als die Tür
-geschlossen wurde und der Zug davonfuhr. Ein Weilchen konnten sie noch
-das freundliche Gesicht ihres alten Lehrers sehen, dann entschwand es
-ihren Blicken, und traurig zogen alle heimwärts. Die Großen redeten
-unterwegs von dem Abgereisten; nur Gutes wußten sie alle von ihm zu
-sagen.
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-Die Kinder aber tuschelten zusammen von dem neuen Lehrer. Wie würde
-er sein? Vor der Hagebuttenernte hatte Frau Besenmüller gesagt: »Böse
-wird’s!« Seit gestern sagte sie: »Gut wird’s!« Was war nun das Rechte?
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-»Simeliert nich so lange, geht nein!« riet Frau Hinzpeter, Malchens
-Mutter, den Kindern vor dem Schulhause. Und wie sie schien innen auch
-Frau Besenmüller zu denken; die klingelte laut, arg laut, dachten die
-Kinder. Ein wenig seufzend zogen sie in das Schulhaus hinein, sie
-meinten, Abreisetag könnte gut Ferientag sein, aber die Erwachsenen
-waren alle miteinander anders gesonnen. Am wenigsten dachte Heinrich
-Fries an Ferien, und schon an diesem ersten Tag spürten es die Kinder,
-bei ihm mußten sie aufpassen. Ob er bös werden würde oder gut, wußten
-sie diesen ersten Tag aber noch nicht, und noch viele weitere Tage
-vergingen, ehe sie es erkannten.
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-Dem jungen Lehrer Heinrich Fries erging es in den ersten Wochen in
-Steinach am Wald genau so wie seinen Kindern, er wußte auch nicht,
-ob er bös werden würde oder gut. Es gefiel ihm manchmal recht gut in
-der neuen Heimat und manchmal herzlich schlecht. Wenn er die Gegend
-durchwanderte, zum Walde emporstieg, oder wenn er durch die weiten
-schönen Räume seines Schulhauses ging und die Sonne zu den Fenstern
-hineinschien, oh, dann gefiel es ihm. Als aber der November mit Sturm,
-Regen und kurzen, grauen Tagen anrückte und man auf der Dorfstraße
-nur die Wahl hatte, in eine Pfütze oder in den Schlamm zu treten,
-da gefiel es ihm gar nicht. Es war ihm einsam und unbehaglich, er
-ärgerte sich über Frau Besenmüllers Schelten und fand doch auch, die
-Kinder brauchten nicht die halbe Dorfstraße mit ihren Schuhen ins Haus
-zu tragen. Nur an einem Ort im Dorf war es ihm immer gemütlich: im
-Pfarrhaus.
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-Das Fräulein Regine sah immer aus, als hätte ihr die liebe Sonne einen
-Kuß auf den Mund gegeben. Wenn sie lachte, dann war es wie Frühling,
-und wer ins Pfarrhaus kam, der vergaß schlechtes Wetter, schlechte
-Laune und alle andern bösen Dinge, dem wurde es warm ums Herz.
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-Doch Heinrich Fries wohnte im großen Schulhaus, und da war es einsam.
-Sein Zimmer war kahl und unwohnlich, und Frau Besenmüller ging nicht so
-sacht und leis einher wie seine Mutter. Sie hatte auch nicht eine so
-liebe, sanfte Stimme, sondern redete laut, es dröhnte immer durch das
-ganze Haus. »Wie ein alter Landsknecht schreit sie,« dachte der neue
-Hausbewohner wohl.
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-Und am allerwenigsten gefielen die Kinder an solchen Tagen dem jungen
-Lehrer. Die schienen ihm besonders ungezogen zu sein und gar nicht
-lernlustig. Er ärgerte sich und redete streng zu ihnen, verlangte, sie
-sollten allerlei wissen, was sie nicht konnten. Eins um das andere
-fehlte in dieser Zeit, und wenn er wissen wollte, warum, sagten sie,
-daheim sei Schlachttag. Da schalt er, dies sei nicht so wichtig, um
-die Schule zu versäumen. Da kränkten sich die Kinder, denn in Steinach
-wußte es jeder, ein Schlachtfest ist eine wichtige Sache, eine
-ungeheuer wichtige sogar.
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-Schwetzers Fritze dachte das auch, und seine Mutter dachte ebenso,
-und darum kam Fritze eines Tages nicht in die Schule. Und am nächsten
-Tage kam er und brachte, wie es Sitte war, dem Herrn Lehrer eine
-frische Wurst und einen Topf der schönsten Wurstsuppe mit. Seine
-Mutter schärfte ihm noch ein: »Sag’s ja recht höflich zum neuen Herrn
-Lehrer!« Sie schmückte ihm auch die Wurst noch mit einem dicken
-Petersilienbüschel, und darüber verging die Zeit, und da ein Topf mit
-Wurstsuppe vorsichtig getragen werden muß, kam Fritze am Schulhaus an,
-als Frau Besenmüller schon dreimal kräftig die Klingel geschwungen
-hatte.
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-Auf dem Wege hatte Fritze sich ein gutes Sprüchlein vorgesagt. Immer
-wieder hatte er sich die Worte überlegt, und er war sicher, diesmal
-würde er reden können. »Einen schönen Gruß von meiner Mutter, und
-der Herr Lehrer möchte entschuldigen, bei uns ist Schweineschlachten
-gewesen,« so wollte er sprechen. Dazu wollte er einen Diener machen,
-nicht so tief, damit die Suppe nicht überschweppte, und --
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-»Nä, Fritze, du schleichst ja, kommst nich heute, da kommste morgen. So
-was!« Frau Besenmüller rief es ihm böse entgegen, und verwirrt betrat
-er das Schulhaus. »Man schnell, man schnell!« Die Frau riß die Tür auf,
-und Fritze platzte in das Klassenzimmer, just als sie sich alle nach
-dem Morgengebet setzten. »So spät?«
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-Heinrich Fries runzelte die Stirn. Er sah Fritze drohend an. Jedesmal,
-wenn er den Buben sah, mußte er an den Empfang auf der Apfelstraße
-denken, und er hielt Fritze für einen besonders Unnützen und einen
-Heimlichen dazu. »Warum so spät?«
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-Schwetzers Fritze wurde puterrot, und wie immer in solchen Augenblicken
-versagte ihm die Stimme. Seine ganze schöne Rede hatte er vergessen,
-die Worte liefen ihm davon, er konnte sie nicht aufhalten. Nur
-eines fing er noch, das schrie er hinaus und verneigte sich dazu.
-»Schweineschlachten« hallte es durch das Zimmer, und klatsch fiel
-Wurstsuppe und die schön geschmückte Wurst dem Herrn Lehrer vor die
-Füße.
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-»Bengel du!« Der junge Lehrer hielt’s für Frechheit, was
-Ungeschicklichkeit war; er ärgerte sich, statt zu lachen, desto mehr
-lachten die Kinder, aber sie schwiegen rasch, als Heinrich Fries mit
-scharfer Stimme Ruhe bot. Er ging zur Türe und rief Frau Besenmüller,
-und als die Frau eine lange Rede halten wollte ob der vergeudeten guten
-Suppe, gebot er kurz Ruhe, und ebenso kurz sagte er zu Schwetzers
-Fritze: »Du bleibst heute und morgen da.«
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-Nachsitzen hielten die Steinacher Kinder für eine ungeheure Schande.
-Nur selten hatte Vater Hiller so gestraft, und daß einer zwei
-Tage nacheinander dableiben mußte, so etwas war noch gar nicht
-vorgekommen. Sie waren alle fast erstarrt vor Schreck, und weil sie
-gar so erschrocken waren, gaben sie an diesem Tage unglaublich dumme
-Antworten. Schwetzers Fritze gab überhaupt keine. Schnapp, war dem der
-Mund zugeklappt wie ein Schloß, und niemand hatte den Schlüssel, es
-wieder aufzuschließen.
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-Wenn er um Verzeihung bittet, erlaß ich ihm die Strafe, dachte der
-Lehrer, der sich überlegt hatte, Wurst und Suppe seien doch wohl eine
-gutgemeinte Gabe. Aber Fritze bat nicht. Wie himmelgern er es getan
-hätte, ahnte Heinrich Fries nicht, der nahm es für Trotz. Und der arme
-Fritze mußte dableiben und mußte doppelte Last tragen, denn auch daheim
-bekam er Schelte, aber auch hier tat sich das Schloß vor seinem Munde
-nicht auf.
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-Strafe erleiden ist nicht vergnüglich, aber strafen müssen auch nicht.
-Heinrich Fries war an diesem Tage geradeso niedergeschlagen wie die
-Buben und Mädel. Er stieg nach Schulschluß mit einem so finsteren
-Gesicht zu seiner Wohnung empor, daß Frau Besenmüller kein Wort wagte.
-Nachher sagte sie zu ihrem Manne: »Es wird doch nichts mit dem neuen
-Herrn Lehrer, nä, nä!«
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-Heinrich Fries hatte nicht gehört, was Frau Besenmüller sagte, aber
-als er durch seine kahlen Zimmer schritt und hinaussah, wie der Regen
-langsam herniederrann, da dachte er auch: »Es wird nichts, hier halte
-ich es nicht lange aus.« Und weil er Sehnsucht hatte nach eines lieben
-Menschen Trost, setzte er sich hin und schrieb an seine Mutter einen
-langen, langen Brief, wie es sei in Steinach am Wald, und daß es gut
-wäre, sie käme nicht her, lange würde er doch nicht bleiben.
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-Als Frau Fries den Brief bekam, dachte sie gleich: »Ich muß zu ihm,
-er braucht mich. Er ist zu einsam am fremden Ort, darum bleibt der
-ihm fremd.« Und feinhörig, wie Mütter sind, las sie auch aus dem Brief
-heraus, daß es dem Sohn eigentlich ganz gut in Steinach gefiel. Es ging
-ihm damit wie mit manchen Menschen, von denen man nicht weiß, daß man
-sie im Grunde seines Herzens eigentlich recht liebhat, weil man sich
-über allerlei kleine Fehler an ihnen zuviel ärgert.
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-Wenn die Mutter Fries einmal etwas für richtig hielt, dann tat sie es
-auch und wartete nicht lange. Sie schrieb also ihrem Sohn: »Ich komme
-zu dir, hab’ es mir überlegt. Der Winter ohne dich ist mir zu einsam.«
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-Oho, die Mutter hält es nicht aus, dachte der Sohn und ahnte nicht, daß
-die Mutter nur um seinetwillen kam. Er freute sich unbändig über seiner
-Mutter Sehnsucht; freilich, wenn sie es nicht aushielt, mußte sie
-kommen. Es war ein so ungemütlicher Tag, wie sie fast nur im November
-zu finden sind, Regen, Sturm, Schnee, Kälte, alles kam zusammen; gerade
-da erhielt Heinrich Fries den Brief seiner Mutter. Und an diesem Tage
-staunten die Kinder, als sie nachmittags in die Schule kamen. Ihr
-Lehrer schaute drein, als wäre Maientag draußen, oder als hätte er sich
-von Fräulein Regine im Pfarrhaus mit Gutwetterlaune versorgen lassen.
-Die Mutter kam, die Mutter kam! Wie ein Lied klang ihm das fort und
-fort im Herzen.
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-In Steinach am Wald wußten die Nachbarn schnell, was in des andern
-Haus vorging. Das war nun einmal so. In welchem Hause große Wäsche,
-Schweineschlachten oder Kuchenbacken war, wußte jeder im Dorf, und
-für wen Zimplichs Hulda, die Dorfschneiderin, gerade ein Kleid nähte,
-wußten auch alle. Und so redeten auch schon am andern Tag die Großen
-und Kleinen im Dorf: »Die Mutter vom neuen Herrn Lehrer kommt!«
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-Frau Besenmüller hatte diese Neuigkeit von Haus zu Haus getragen. Mit
-Sack und Pack wollte sie kommen. Und der Herr Lehrer hatte selbst die
-große Hinterstube bestimmt, in der sollte seine Mutter wohnen, weil man
-von da aus den Wald sehen konnte und in den Garten hinein.
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-»Kurios so was,« meinte Besenmüllern, »mir ist’s alleweil lustiger,
-auf die Straße zu gucken.« Aber sie scheuerte und putzte in der großen
-Stube herum, so sehr, als müßte sie noch sauberer als sauber werden.
-Kein Spinnchen wagte es darin zu bleiben, die holte Frau Besenmüllers
-Scheuerlappen aus jedem Winkel heraus, und ganz schlimm erging es einer
-kleinen Maus. Die hatte sich ein Loch genagt und hatte gemeint, die
-große Stube würde eine gute Winterwohnung werden. Doch hui, da kam Frau
-Besenmüller. Sie stopfte spitzige, scharfe Glasscherben in das Loch
-und verkittete und verklebte es, -- nun mochte die Maus sehen, wo sie
-blieb. Vielleicht war es die, die am nächsten Tage in das Schulzimmer
-gelaufen kam. Sicher wollte sie Frau Besenmüller verklagen, aber weil
-die Kinder gleich lachend ihren Namen schrieen, erschrak sie und
-kletterte an Toni Hases Röckchen empor. Nun war Toni zwar kein Hase,
-wenn sie auch den Namen trug, aber eine Maus, die den Weg zu ihrer Nase
-nahm, war ihr doch greulich. Sie quietschte, schüttelte sich, schlug
-um sich, traf ihre Nachbarin, warf die Bücher vom Tisch, und heilloser
-Wirrwarr entstand.
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-Um eine Maus! Der junge Lehrer schalt an diesem Tage nicht, obgleich
-er den Lärm doch recht überflüssig fand. Er fing selbst die Maus und
-warf sie zum Hause hinaus; ein Tier zu töten tat ihm leid. Die arme
-hinausgeworfene Maus erlebte an diesem Tage noch allerlei seltsame
-Abenteuer, bis sie schließlich in die Kirche geriet. Sie wurde nun dort
-eine arme Kirchenmaus, aber ihr neues Leben gefiel ihr gut, und sie sah
-sich nie wieder nach einer andern Wohnung um.
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-Gleich am ersten Sonntag sah die kleine, graue Bewohnerin in der Kirche
-etwas, das ihr besonders gut gefiel. Da saß eine schlichte ältere Dame
-vorn auf der ersten Bank, und ein heiteres, frohes Scheinen lag in
-ihren Augen, als die Orgel erbrauste. Droben spielte ihr Sohn schöne,
-feierliche Weisen, und in der Kirche reckten und streckten alle die
-Hälse vor und schauten auf die Fremde. »Die alte Frau Lehrerin ist’s,«
-sagten sie. Es lag Neugier in den Blicken, aber auch viel herzliche
-Freude, und Frau Fries spürte mehr die Freude, und wie sie so still in
-der kleinen alten Kirche saß, dachte sie: »Hier gefällt es mir!«
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-Am Abend vorher war Frau Fries gekommen. Frau Besenmüller war sehr
-zufrieden gewesen, daß jemand am Samstag kam, da war doch alles
-blitzblank geputzt. Nur den Himmel hatte Frau Besenmüller nicht
-scheuern können, so gern sie dies auch getan hätte. Der hing voller
-grauer Wolken, und die Steinacher sagten: »Es gibt Schnee.« Es gab aber
-nur einen Mischmasch von Schnee und Regen, und um die Geschichte noch
-ungemütlicher zu machen, heulte der Wind wie ein ganzer Chor böser
-Buben. Wirklich, es war höchst ungemütlich, und als Frau Fries in der
-Dämmerung auf Bauer Hinzpeters Wagen in das Dorf einfuhr, schauerte sie
-leicht zusammen; nein, schön war es wohl in Steinach am Wald nicht.
-Aber schön war die große Freude ihres Sohnes, und die war es auch, die
-es der Mutter behaglich in dem alten Hause machte.
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-In der Nacht hatte sich dann das Wetter besonnen, es zeigte ein
-freundlicheres Gesicht. Der Sturm riß aus, und der Mond kam hervor.
-Der hielt um die erste Tagesstunde Zwiesprache mit der Sonne, und
-diese etwas launenhafte Dame erklärte sich bereit zu scheinen, weil
-doch erster Advent war, und weil doch die alte Frau Lehrerin Steinach
-im Sonnenglanz sehen wollte. Am nächsten Morgen lag eine zarte weiße
-Schneedecke über dem Land. Wie versilbert standen die Bäume da, und
-über alles breitete die Sonne goldenen Schein. Es schimmerte und
-glänzte schöner als im Juwelenkästlein einer Königin. Als Frau Fries
-hinaussah, erst hinüber nach den dunklen Waldbergen und dann hinweg
-über das Dorf, sagte sie heiter: »Hier gefällt es mir!«
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-Die Steinacher mußten es wohl spüren: »Der Frau gefällt es unter
-uns.« Sie grüßten sie, und viele reichten ihr die Hand. Sie taten das
-treuherzig und freundlich, und Frau Hinzpeter sagte: »Es ist eben nich
-Mode bei uns, fremde tun.«
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-Daß Fremdtun nicht Mode war, sah Frau Fries auch an den Kindern. Die
-standen freilich erst scheu zur Seite, aber als sie ein paar kleinen
-Mädeln die Hand gab, kamen geschwind andere herbei, und immer mehr
-kleine, braune Hände, auch derbe Jungenpatschen, streckten sich ihr
-zutraulich entgegen. Sie wollten alle gern der alten Frau Lehrerin
-guten Tag sagen. Die Sonne strahlte hell, aber noch heller schien
-ihr Glänzen zu werden, als Pfarrers Regine aus der Kirche trat.
-Gerade neben dem alten steinernen Schelm von Steinach stand sie, als
-Frau Fries sie erblickte. Die alte Frau und das junge Mädchen sahen
-sich an, und beide spürten es gleich: wir werden uns liebhaben. Sie
-schüttelten sich die Hände wie gute Bekannte, und dann gingen sie ein
-Stück die Dorfstraße entlang heimwärts, und Frau Fries versprach zum
-Nachmittagskaffee in das Pfarrhaus zu kommen. Regines Mutter war viel
-krank; die freue sich schon auf den Besuch, sagte das junge Mädchen,
-sehr sogar freue sie sich.
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-Da verging denn dieser erste Sonntag in Steinach am Wald für Frau Fries
-hell und heiter, und sie nahm es als ein gutes Zeichen für kommende
-Tage.
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-[Illustration]
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-Siebentes Kapitel
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-Schloß Moorheide
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- Es weihnachtet sehr -- Frau Fries ladet zu einer Adventfeier
- ein, und Frau Besenmüller läßt die Schulglocke stehen -- Eine
- Geschichte wird erzählt, die im Sommer beginnt und in der
- Adventszeit endet, und die schon hundert Jahre alt ist
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-Ob es in der zweiten Nacht, die Frau Fries in Steinach zubrachte, der
-Mond vergaß, mit der Sonne zu reden, ob sie sich stritten, -- wer
-kann es wissen? -- jedenfalls blieb die Sonne am nächsten Morgen in
-ihrer warmen Sonnenstube. Grau hing der Himmel über dem Dorf, und dann
-begann es zu schneien. Erst sacht und sanft, dann wurden die Flocken
-größer, sie wirbelten und tanzten in der Luft herum, und ganz Steinach
-versank allmählich in ein weiches, weißes Schneebett. Es wurde so
-huschelig, so weihnachtlich, und man hätte das ganze Dorf mit seinen
-weißbeschneiten Dächern, den hohen Schneewällen ringsum gleich in ein
-Weihnachtsbilderbuch setzen können, so sah es aus. Durch den Schnee
-kamen eines Tages ein paar große Wagen gefahren vom Bahnhof her,
-der Hausrat der alten Frau Lehrerin. Und nun schaffte diese emsig im
-Haus, Frau Besenmüller half ihr, und selbst der Schuldiener mußte mit
-eingreifen. Aus dem Pfarrhaus kam Fräulein Regine, und die rief einmal
-über das andere: »Wie hübsch das ist, wie hübsch!«
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-Manch Stück aus der Großmutterzeit war unter den Sachen, das paßte gut
-in die großen Stuben des Schulhauses, viel besser als in die enge,
-kleine Viertreppenwohnung der grauen Stadt. Mutter und Sohn staunten
-selbst, wie hübsch es wurde, und als dann die Bücherkisten kamen und
-Heinrich Fries die lieben gedruckten Freunde wiedersah, da fand auch er
-es nicht mehr so einsam in Steinach.
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-Draußen wurde es immer weihnachtlicher. Die Kinder sangen
-Weihnachtslieder, wo sie gingen und standen, und keiner schalt, wenn
-die Brummer auch sangen. Hinzpeters Malchen sang manchmal noch im Bett
-ihre kleinen frohen Lieder. Im Schulhaus hörte die alte Frau Lehrerin
-das frohe Singen auch, und sie meinte, seit vielen, vielen Jahren sei
-es ihr noch nicht so weihnachtlich zumute gewesen wie hier in Steinach.
-Ihr fielen allerlei heitere Dinge ein, die sie einst im Elternhaus
-unter der Adventskrone getan hatte, und eines Tages wanderte sie
-selbst in den Wald, holte sich Tannengrün, wand eine Adventskrone,
-steckte drei Lichter darauf, denn so weit war die Zeit vorgeschritten,
-und dann lud sie die Schulkinder zu einer Adventsfeier ein.
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-So etwas hatte es noch nie in Steinach gegeben, und sämtliche Spatzen
-im lieben deutschen Land zusammen konnten nicht so neugierig sein
-wie die Steinacher Kinder. Die hatten es an diesem Sonntagnachmittag
-ungeheuer eilig, in das Schulhaus zu kommen. Eine Stunde früher als
-angesagt waren sie schon da. Aber Frau Besenmüller war auch da, und die
-fand gar nicht, daß es nötig sei, nur eine Minute früher zu kommen.
-»Geht nur wieder,« sagte sie, hartherzig, wie die Kinder meinten, »ich
-bimmle schon!« Und klapp schloß sie ihnen die Türe vor der Nase zu.
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-»Frech!« rief Arne.
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-»Besenmüllern ist komisch!« brummten etliche.
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-»Huje, da is die Bimmel!«
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-Zimplichs Max jauchzte es laut. Die andern folgten mit ihren Blicken
-seinem Zeigefinger, und da sahen sie wirklich alle außen im Türwinkel
-die große Schulglocke stehen. Frau Besenmüller hatte sie am Morgen in
-Gedanken außen statt innen in die Ecke gestellt.
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-Die Schulklingel! Die liebten die Kinder und haßten sie. Wie manchmal,
-wenn sie ertönte, atmeten besonders die Faulpelze auf, daß endlich die
-Stunde aus war. Und dann wieder ärgerten sie sich über den hellen Ton,
-wenn er ihnen mitten in ein lustiges Spiel hineinfuhr. Und nun stand
-dieses Ding, das eine Stimme hatte und beinahe wie ein lebendiges Wesen
-war, vor ihnen, von Frau Besenmüller unbeschützt.
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-»Wir bimmeln,« riefen Arne und Malchen.
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-»Ach ja, wir bimmeln,« schrieen ein paar andere.
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-»Nä, wir verstecken sie.« Zimplichs Max und Jackenknöpfle schrieen es,
-und gleich schrieen die andern: »Wir verstecken sie, fein, hurra!«
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-Ein paar stürzten auf die Klingel los, und Schmiedemeister Traugotts
-Hans warnte: »Laßt ’n Klöppel niche los!«
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-Die Warnung kam zu rechter Zeit, der Klöppel wurde festgehalten,
-die Schulklingel mußte stumm bleiben. Sie konnte nicht rufen und
-nicht anklagen, sie mußte es leiden, daß sie von unnützen Buben und
-kichernden Mädeln in Besenmüllers Holzschuppen getragen wurde. Dort
-erhielt sie ihren Platz auf einem hochgeschichteten Holzstoß, und da
-saß sie und mußte schweigend warten, bis Frau Besenmüller Holz holen
-kam.
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-Die Kinder zogen wieder vor das Schulhaus zurück, sie freuten sich
-schon über Frau Besenmüllers Erstaunen, wenn sie die Klingel nicht
-fand. Sie wollten ihr dann suchen helfen, das gab gewiß einen
-Hauptspaß. Es kam aber anders. Fräulein Regine aus dem Pfarrhaus kam,
-auch ehe es Zeit war. Und Fräulein Regine ließ Frau Besenmüller nicht
-draußen stehen, und weil das junge Mädchen sagte, es sei so kalt
-draußen, die Kinder könnten doch mit hinein, tat die Schuldienersfrau
-wirklich weit die Tür auf, und alle liefen schwatzend und vergnügt in
-das schöne, alte Haus hinein. Einige dachten: »Nun braucht Besenmüllern
-die Bimmel nicht zu suchen, schade!« Aber dann vergaßen sie gleich den
-andern die arme, verstoßene Schulklingel im Holzstall, denn es wurde
-sehr fein.
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-Frau Fries hatte lange keine Adventsfeste gefeiert, und sie hätte wohl
-auch die Kinder nicht zur Adventsfeier eingeladen, wenn nicht Fräulein
-Regine ihr geholfen hätte. Aber Fräulein Regine konnte singen, die
-allerlieblichsten Lieder, sie konnte erzählen und plaudern, und dann
-konnte sie lachen. So mit dem Herzen zu lachen wie Fräulein Regine
-verstand nicht leicht jemand, und dieses Lachen steckte an. Die große
-Schulstube sah an diesem Nachmittag lauter heitere, lachende Gesichter,
-trotzdem der neue Lehrer, vor dem die Kinder immer noch ein wenig
-Angst hatten, auch im Zimmer blieb. Und Frau Besenmüller saß mit darin
-und ihr Mann, der emsig an einem rosenroten Strumpf strickte. Frau
-Fries zeigte es den Kindern, wie sie alle die bunten Papierstreifen,
-von denen sie eine große Schachtel voll vor sich stehen hatte, zu
-Ketten zusammenkleben konnten. So etwas hatten die Steinacher Kinder
-noch nie getan, und sie fanden, es sei eine vergnügliche Arbeit.
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-Fräulein Regine erzählte dazu das lustige Märlein vom Vater Strohwisch,
-und dazwischen wurden Lieder gesungen. An einer Geschichte hatten die
-Kinder aber nicht genug, und sie baten um mehr. Da erzählte ihnen der
-junge Lehrer etwas aus der Zeit der Befreiungskriege, von der Schlacht
-bei Leipzig am 18. Oktober 1813.
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-»Ach Krieg,« rief Hinzpeters Malchen, »den gibt’s nicht mehr!«
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-»Na, du,« schrieen die Buben empört, »der kommt schon noch mal.«
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-»Krieg ist schwer,« seufzte Frau Fries. »Als ich ein junges Mädel war,
-etwas älter als Malchen, hatten wir Krieg mit Frankreich.«
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-»Mutter, erzähle den Kindern doch einmal die Geschichte aus
-Urgroßvaters Jugendzeit,« bat Heinrich Fries. »Sie ist zwar ernst,
-aber eigentlich ist es eine Adventsgeschichte, wenn sie auch im Sommer
-beginnt.«
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-»Sie ist zu lang,« warf die Mutter ein.
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-»Och nä,« schrieen die Kinder, just als wüßten sie genau, wie lang
-die unbekannte Geschichte sei. Und selbst Besenmüller, der bis dahin
-unentwegt und stumm an seinem rosenroten Strumpf gestrickt hatte, tat
-seinen Mund auf und sprach: »Zu lang is ’ne Geschichte niche leicht,
-wenn se scheene is.«
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-»Ob sie schön ist, mögt ihr alle nachher entscheiden,« sagte Frau Fries
-lächelnd. »Sie ist lustig und ernst, und der Försterbube darin war mein
-Großvater. Es ist also eine wahre Geschichte, und das ist auch etwas
-wert. Nennen werde ich sie
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-Schloß Moorheide.
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-An einem See, den dunkler Tannenwald umschloß, lag ein graues Haus.
-Schloß Moorheide wurde es genannt, obgleich der einfache, gerade Bau,
-dem jeglicher Zierat fehlte, nichts Schloßartiges an sich hatte. Nur
-die breite Freitreppe, die vom Eingang hinab in einen ziemlich wilden
-Garten führte, verlieh dem Haus ein vornehmes Aussehen. Am Fuße dieser
-Treppe stand an einem Sommertag des Jahres 1812 ein kleines Mädchen,
-ein feines, zierliches Ding mit braunen Locken und veilchenblauen
-Augen.
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-Vor ihr stand, die Hände in den Hosentaschen, ein etwas größerer
-Bube. Er war halb städtisch, halb bäurisch gekleidet, und sein
-braungebranntes Gesicht stach drollig gegen die flachsblonden Haare
-ab. Dem ganzen kleinen Kerl sah man an, daß er in Wind und Wetter
-draußen war, und seine blitzenden Augen verrieten, daß er zu allerlei
-tollkühnen Unternehmungen gern bereit war.
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-»Du bist feige,« sprach er grollend zu seiner Gefährtin.
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-Sabina von Hartenstein, den Namen führte das zierliche Mädchen,
-schüttelte traurig den Kopf. »Ich darf doch nicht,« sagte sie, und ein
-sehnsüchtiger Blick flog nach dem Walde hin; in den Augen stand: »Ich
-möchte schon.«
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-»Frag’ nur deine Frau Mutter,« drängte der Bube. »Pah, mit mir kannst
-du doch in den Wald gehen!« fügte er ein bißchen prahlerisch hinzu und
-reckte die Stupsnase gewaltig in die Höhe.
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-Babinchen, so wurde Sabina gerufen, lachte schelmisch: »Du tust gerade,
-als wärst du mindestens ein Ritter, Heine. Großvater sagt, es sei jetzt
-so unsicher, man könnte immer Soldaten erwarten, und du weißt« -- sie
-sprach das Wort nicht aus, aber ein scheuer Blick flog nach dem Hause
-hinauf. Oben stand ein Fenster offen, und manchmal hörte man ein paar
-Männerstimmen in der friedlichen Nachmittagsstille aufklingen.
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-Heine Strohmanns hellblaue Augen blitzten, und er schaute mit
-ehrfurchtsvoller Bewunderung zu dem Hause hinauf.
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-Der Bube war der Sohn des Försters, sein Vater wohnte nicht allzuweit
-vom Schloß entfernt im Walde. Fast täglich kam Heine in das Schloß,
-denn Babinchen war seine liebste Spielgefährtin; die beiden streiften
-dann oft stundenlang in den weiten, sich bis an die russische Grenze
-hinziehenden Wäldern umher. Heine kannte Weg und Steg so gut, daß er
-sich selbst im Dunkeln zurechtfand. Er kannte aber auch jeden Vogelruf,
-er wußte, wo die Rehe ästen, wo Füchse, Dachse und anderes Getier
-hausten, und oft genug hatte er seiner kleinen Freundin schon allerlei
-Wunder des Waldes gezeigt. Heute hatte er ihr einen Fuchsbau weisen
-wollen, er hatte vor etlichen Tagen die jungen Füchslein gesehen;
-morgen wollte der Vater das ganze Nest ausheben, da sollte es nun
-Babinchen noch rasch sehen. Es kam ihm sehr ungelegen, daß Frau von
-Hartenstein ihrem Mädel verboten hatte, im Wald herumzustreifen. Noch
-waren nämlich die Truppen des Kaisers Napoleon auf dem Durchmarsch nach
-Rußland begriffen. Dieses große Reich sollte Napoleons unersättlicher
-Ländergier auch zum Opfer fallen, und das arme Preußen, halb vernichtet
-in dem unglücklichen Krieg von 1806--1807, mußte sich den Durchzug
-der Truppen gefallen lassen. Napoleon nannte den König von Preußen
-zwar jetzt seinen Freund und Bundesgenossen, aber dabei glich der
-Durchmarsch seines Heeres eher einem großen Raubzug.
-
-Nach Schloß Moorheide, das abseits von der großen Heerstraße lag, waren
-bisher noch keine Soldaten gekommen. Auch das nahe Dorf war noch davon
-verschont geblieben, Vorspanne, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art
-liefern zu müssen.
-
-Auf Moorheide wohnten schon seit etlichen Geschlechtern die
-Hartensteins. Der alte Herr Jobst von Hartenstein, der derzeitige
-Besitzer, war schon lange verwitwet. Bei ihm lebte seine
-Schwiegertochter mit ihrem Töchterchen Sabina. Auch ihr Mann war tot;
-wenige Wochen nach Babinchens Geburt war er gestorben. Die Kleine
-dachte oft sehnsüchtig an den Vater, den sie nie gekannt hatte, und
-den sie doch so liebte, weil alle Menschen, die von ihm sprachen,
-nur Gutes zu erzählen wußten. Wenn aber auf den Nachbargütern der
-Name Ferdinand von Hartenstein genannt wurde, dann schwiegen meist
-alle dazu, die Männer schauten ernst und trübe drein, und die Frauen
-hatten Mitleidstränen in den Augen. Auch in dem etwas düsteren Schloß
-am See wurde dieser Name nur in leiser, weher Trauer genannt, und
-der Großvater, der seit einem Jagdunfall lahm war, sprach fast nie
-den Namen aus. Ferdinand war sein Enkelsohn, Sabinas vierzehn Jahre
-älterer Bruder. Der feurige, leidenschaftliche Jüngling hatte sich in
-seiner heißen Vaterlandsliebe dem Schillschen Korps angeschlossen,
-er hatte fliehen müssen und war in einer grauen Nebelnacht nach
-Schweden entkommen. Die Mutter trauerte tief um den letzten Sohn. Der
-älteste war einst bei Jena gefallen. Der Großvater sehnte sich nach
-dem fernen Enkel, und Babinchen hatte dem Bruder schon viele heiße
-Tränen nachgeweint. Mit ihrem Freund, Heine Strohmann, sprach sie oft
-von dem Bruder. Der Bube bewunderte in dem Flüchtling einen Helden,
-und er wurde nie müde, von ihm zu hören. Wie der Bruder aussah, wußte
-Babinchen freilich selbst nicht mehr genau. Schon seit sieben Jahren
-hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und sein Bild hielt die Mutter
-verborgen. So wußte auch niemand von den Hausgenossen sich recht an den
-jungen Herrn zu erinnern.
-
-»Ob er es wirklich ist?« fragte Heine jetzt voll ehrfürchtiger Scheu,
-und sein Blick streifte wieder rasch das offene Fenster. Babinchen
-legte ihre Arme um den Hals des Kameraden und flüsterte leise, obgleich
-nirgends ein Lauscher zu sehen war: »Ich denke, er muß es sein. Und
-weißt du, er ist gekommen, weil Großvater so lange, lange krank war.«
-
-»Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, nur ein einziges Mal!« rief
-Heine laut und aufgeregt.
-
-Babinchen hielt ihm rasch den Mund zu. »Schrei doch nicht so, Stepke!«
-schalt sie ärgerlich.
-
-Heine wurde ein bißchen verlegen. Stepke nannte ihn seine kleine
-Freundin immer, wenn er gar zu wild und jungenhaft war, und darum
-mochte er den Namen nicht leiden. Er grollte auch jetzt: »Brauchst mich
-nicht gleich Stepke zu nennen, wenn ich mal ’n bißchen laut rede. Ihr
-Mariellen seid auch zu zimperlich!«
-
-Mariell ließ sich nun wieder Babinchen sonst nicht gern nennen, sie war
-an diesem Tag aber viel zu aufgeregt, um auf eine solche Kleinigkeit zu
-achten. »Wenn du ganz leise gehst, weißt du, auf den Zehenspitzen und
-ohne Stiefel, dann führe ich dich in die blaue Stube. Die hat nämlich
-ein Fenster nach Großvaters Zimmer hin, und wenn wir recht leise sind,
-dann können wir da rasch einmal hindurchsehen; der Vorhang ist nur halb
-zu.«
-
-Heine hätte beinahe einen lauten Jauchzer ausgestoßen, er besann sich
-aber noch rechtzeitig auf Babinchens Mahnung zur Stille und hielt sich
-geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund.
-
-Einige Minuten später schlichen die Kinder auf Strümpfen durch das
-Haus, während ihre Schuhe einträchtig nebeneinander in einem dichten
-Holunderbusch im Garten standen. Babinchen führte Heine Strohmann durch
-einige Zimmer, bis sie aufatmend einige Augenblicke stillstand. Nebenan
-war das blaue Zimmer, und von dort aus konnten sie in Großvaters
-Arbeitsstube sehen. Es hatte ihr niemand verboten, das blaue Zimmer zu
-betreten, sie hatte schon oft durch das Fenster geschaut und dem lieben
-Großvater zugenickt und zugelacht. Dennoch zögerte sie jetzt. War es
-nicht doch etwas Heimliches, was sie nun tun wollte? Warum wagte sie
-eigentlich nicht, Heine einfach in das Zimmer zu führen?
-
-Seit zwei Tagen waren Gäste im Haus, ein paar junge Männer. Ihre
-Namen wußten außer dem Großvater und der Mutter wohl nur noch
-Förster Strohmann und die alte, treue Marinka. Die aber waren beide
-verschwiegen und hätten sich eher die Zunge abgebissen, ehe sie ein
-ihnen anvertrautes Geheimnis verraten hätten. Trotzdem niemand über
-das Woher und Wohin der Fremden etwas wußte, sagten es doch alle im
-Hause, von der Köchin Lisabetha an bis hinab zu dem kleinen frechen
-Pferdeknecht Michael, daß der Jüngere der Fremden kein anderer sei
-als Junker Ferdinand, der geflüchtete Sohn des Hauses. Auch Babinchen
-glaubte es halb und halb, und sie hätte so gern den Fremden als Bruder
-angeredet, aber sie sah ihn wenig; fast immer waren die beiden Gäste
-in des kranken Großvaters Zimmer. Kam er aber einmal in das Wohnzimmer
-und sprach zu ihr, dann schwieg sie befangen, ja dann schien es ihr
-kaum möglich, daß dieser Mann mit dem ernsten Gesicht, der breiten,
-roten Narbe über der rechten Wange, ihr Bruder sein sollte, so fremd
-kam er ihr vor, und sie meinte, der fröhliche Jüngling, der sie als ein
-noch viel kleineres dummes Mariellchen oft samt ihrer Puppe Rosalinde
-spazierengefahren hatte, sei doch ein ganz anderer gewesen.
-
-Babinchen hatte auch ihrem Freund Heine ihren Zweifel nicht
-verschwiegen, der aber hatte versichert: »Wenn ich ihn nur eine Minute
-sehen könnte, ich wüßte ganz genau, ob er’s ist.« Und dabei war der
-Bube bei des Junkers Abschied auch erst ein rechter Dreikäsehoch
-gewesen!
-
-Aber die Kleine glaubte dem Freunde seine kühne Behauptung, und
-darum schlichen sie jetzt alle beide in die blaue Stube, um den
-geheimnisvollen Fremden zu sehen. Babinchens Herzlein schlug so laut,
-daß sie meinte, man müsse sein Pochen drin im Nebenzimmer hören; sie
-wagte kaum einen scheuen Blick durch das nur lose verhängte kleine
-Fenster, das nach altmodischer Bauweise in die Stubenwand eingelassen
-war. »Guckerchen« nannte man es im Hause, und am Guckerchen stand nun
-Heine und starrte mit heißen Augen hinüber. »Er ist’s,« flüsterte er
-der Freundin zu, die ihm rasch und angstvoll den Mund zuhielt, während
-ihre Augen flehten: »Sprich nicht, sei leise!«
-
-Drinnen in dem Zimmer saß in einem Lehnstuhl Babinchens Großvater.
-Sein bleiches Gesicht trug die Spuren langer Krankheit, und blaß und
-schmal lagen die Hände auf der dicken Decke, in die er sich trotz der
-Sonnenwärme gehüllt hatte. Die schönen, klaren Augen des alten Herrn
-ruhten liebevoll auf einem jungen Mann, der auf einem niedrigen Schemel
-vor ihm saß und ihm etwas zu erzählen schien. Was er sagte, verstanden
-die beiden Eindringlinge am Guckerchen nicht. Babinchen zitterte wie
-ein Grasstenglein im Wind vor Aufregung, ihr Freund aber hatte ganz
-vergessen, wo er sich befand. Der braunlockige junge Mann mit den
-grauen, kühn blitzenden Augen, der zu den Füßen des Gutsherrn saß, das
-mußte er sein, er, der Held.
-
-Doch da zupfte ihn Babinchen am Jackenzipfel, das sollte heißen: »Komm,
-komm!« Die Kleine hatte gesehen, daß nur noch der andere Gast, ein
-hochgewachsener, schlanker, blonder Mann, der aber wohl erheblich älter
-als sein Freund sein mochte, im Zimmer war. Die Mutter fehlte, und
-Babinchen war besorgt, sie könnte kommen und sie beide am Guckerchen
-finden. Endlich gelang es ihr mit Zupfen und zaghaft geflüsterter
-Bitte, den Kameraden fortzulocken. Auf leisen Sohlen huschten beide
-wieder hinaus, unten im Garten aber sprang Heine Strohmann hoch vor
-Freude und rief: »Er ist’s, ganz gewiß, er ist’s! Den erkennt --«
-
-»Babinchen, Heine!« rief Frau von Hartenstein. Babinchen konnte noch
-gerade in ihre Schuhe schlüpfen, ehe die Mutter aus dem Hause trat.
-
-»Frag’ wegen der Füchse!« tuschelte ihr Heine so laut zu, daß seine
-kleine Freundin gar nicht erst zu fragen brauchte. Die Mutter hatte
-es gehört und wollte nun wissen, was mit den Füchsen sei. Sie lachte,
-als Heine Strohmann die Fuchsfamilie begeistert pries und treuherzig
-hinzusetzte, mit ihm könne Babinchen schon gehen, es sei kaum eine
-halbe Stunde weit; außerdem werde sein Vater vielleicht ganz in der
-Nähe sein, er habe heute früh davon gesprochen.
-
-»Nun, meinetwegen lauft,« sagte Frau von Hartenstein freundlich, »aber
-bleibt nicht zu lange. Bittet Marinka, daß sie euch ein Vesperbrot
-mitgibt.«
-
-Die Kinder jauchzten auf, Babinchen umarmte die Mutter stürmisch, und
-weil ihr das Gewissen beschwert war ob des heimlichen Schauens durch
-das Guckerchen, nahm sie einen so zärtlichen Abschied, als ginge sie
-auf eine große Reise. Da wurde der Frau das Herz seltsam schwer. Sie
-preßte ihr Kind fest an sich und sagte mit leiser Bangigkeit: »Gib mir
-gut acht auf mein Mädel, Heine!«
-
-Das versprach der Bube wichtig, und bald darauf trabten die beiden
-Kinder dem Walde zu. Die halbe Stunde, die Heine angegeben, hatte ein
-recht tüchtiges Schwänzlein. So geschwind die Buben- und Mädelbeine
-auch über den grünen Waldboden liefen, es dauerte doch über eine
-Stunde, ehe sie am Fuchsbau anlangten. Sie hatten zuletzt die
-Landstraße überschreiten müssen, die in einem Bogen um Schloß Moorheide
-herum nach der nächsten Stadt führte. Eine Seitenstraße ging von ihr
-aus nach dem einsamen Gutshof und dem nachbarlich gelegenen Dorf.
-
-»Bis an die Landstraße sollte ich aber nicht,« sagte Babinchen zaghaft
-beim Überschreiten, »Mutter hat es streng verboten!«
-
-»Pah, was ist dabei!« meinte Heine. »Komm nur rasch! Eins, zwei, drei
-sind wir drüben. Wir gehen doch nicht die Straße entlang, und ob wir
-jenseits durch den Wald laufen oder hier, ist gleich.« Babinchen
-ließ sich nur zu gern bereden, und husch liefen sie beide hinüber.
-Die breiten Graben am Wegrand wurden mit kühnem Sprung genommen, und
-dann tauchten die Kinder drüben in der grünen Dämmerung wieder unter.
-Üppiger Laubwald drängte sich zwischen den Nadelwald hinein. Weil
-die Vögel hier gut Nester bauen konnten und ein kleiner Waldsee auch
-allerlei Wasservögeln Wohnung gab, so schwirrte, sang, kreischte,
-rohrte und schnatterte das oben und unten lustig durcheinander. In all
-das Vogelgeschwätz hinein aber sagte Babinchen: »Es klingt wie Donner,
-was ist das nur?«
-
-»Es wird ein Wagen auf der Landstraße sein,« sagte Heine achtlos, denn
-seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Fuchsbau. Dort mußte er doch sein,
-dort, wo die Sonne durch eine Lücke drang und einen großen hellen,
-runden Fleck auf den Waldboden malte. Aber die Füchslein lagen nicht
-wie am Tage vorher draußen und sonnten sich. Alle miteinander steckten
-sie in ihrer dunklen Wohnstube, und nicht eine einzige rote Fuchsrute
-war zu sehen.
-
-»Das ist doch zu dumm,« brummte Heine, »was ihnen nur einfällt!«
-
-»Wir müssen warten,« tuschelte er. »Komm, wir legen uns hier lang auf
-den Boden. Ich habe aber auch Stein und Zunder mit, und wenn sie nicht
-kommen, dann räuchere ich sie heraus.«
-
-Dieser Plan war Babinchen etwas zu abenteuerlich; sie meinte, sie
-wollten es lieber mit dem Warten versuchen. Erst steckte sie aber
-neugierig ihr Näslein in den Fuchsbau hinein, sie fuhr aber geschwind
-wieder zurück und rief verächtlich: »Pfui, wie das da drin riecht, brr!
-Na, weißt du, deine Füchse sind auch was Rechtes, darum brauchten wir
-nicht so weit zu laufen!«
-
-»Wart’ es doch ab, bis sie herauskommen, nachher werden sie dir schon
-gefallen!« murrte Heine Strohmann gekränkt. »Aber wenn du schwätzt und
-schreist wie eine Elster, dann natürlich, dann können wir lange warten.
-Auf der Jagd hält man den Schnabel!«
-
-Des Freundes Strafrede verfehlte ihre Wirkung, denn Babinchen kicherte
-so vergnügt darüber, daß es die Fuchsfamilie im Bau sicher hören mußte.
-Endlich tat ihr aber Heine, der ein betrübtes Gesicht machte, leid,
-sie verhieß still zu sein, und beide legten sich dann wie ein paar
-richtige eifrige Jäger lang auf den grünen, weichen Waldboden nieder,
-um die Füchse zu belauschen. Doch kaum hatten sie sich recht hingelegt,
-da sprangen sie auch schon wieder entsetzt auf und starrten einander
-schreckensbleich an. Der ganze Boden dröhnte nämlich. Das konnte nicht
-nur ein Wagen sein, der die Landstraße entlang fuhr, viele mußten es
-sein und viele Menschen, die da marschierten.
-
-»Feinde sind’s,« stammelte Heine, »Franzosen!« Alle
-Schreckensgeschichten fielen ihm ein, die man sich noch in der Gegend
-erzählte.
-
-Babinchen wiederholte angstvoll die Worte: »Feinde sind’s!«
-
-»Wir müssen uns verstecken,« sagte Heine rasch, ohne Besinnen, »wir
-sind so nahe, dein weißes Kleid kann man sonst sehen.« Er zog seine
-kleine Freundin mit kräftigem Ruck in einen Graben hinein, der den Wald
-durchlief. Er war trocken und von bunten Blumen überwachsen; in dieses
-duftige Blütenbett versanken die Kinder, und einige Minuten saßen sie
-stumm, fast betäubt von dem Schreck darin, während durch den Wald
-lauter, unheimlicher das dumpfe Dröhnen klang.
-
-»Wenn sie nach Hause kommen, unser Haus finden!« flüsterte Babinchen
-zitternd.
-
-»Und deinen Bruder! Den -- den nehmen sie gefangen, er ist doch ein
-Flüchtling,« sagte Heine Strohmann, und sein sonst so vergnügtes
-Bubengesicht war tief ernst geworden.
-
-Das Mädchen schmiegte sich bebend an den Freund und schluchzte leise:
-»O der arme Ferdinand! Ach Heine, wir müssen zu ihm und es ihm sagen!«
-
-Sie wußte nur zu gut, daß Heine mit seiner Angst recht hatte. Erst
-gestern hatte sie gehört, wie Lisabetha erzählte: »Wenn nur keine
-Franzosen kommen! Die nehmen den jungen Herrn gleich mit oder schießen
-ihn mausetot.« Und dann hatten die Mägde und Knechte sich allerlei
-schauerliche Geschichten erzählt, von den jungen Offizieren, die
-Napoleon in Wesel hatte erschießen lassen, und noch manche andere trübe
-Begebnisse. Babinchen hatte schaudernd im Winkel gesessen und gelauscht
--- jetzt kam ihr alles wieder ins Gedächtnis, und aufgeregt flehte sie:
-»Komm doch, Heine, komm, wir müssen zurück!«
-
-Heine schüttelte nachdenklich, finster den Kopf. »Hör’ nur, sie müssen
-schon nahe sein, und wenn wir zurück über die Straße laufen, dann sieht
-man uns, und dann -- nein, das geht nicht.«
-
-»Wir rennen eine Weile am Rand des Waldes entlang und dann fix
-hinüber,« riet Babinchen.
-
-Der Bube betrachtete seine Gefährtin. »Dein weißes Kleid verrät uns!«
-Er wußte als Förstersohn zu gut, daß etwas Weißes im Walde weithin
-leuchtet, deshalb wagte er sich mit seiner Freundin nicht nahe an den
-Rand. Er allein wäre ohne Besinnen nach dem jenseitigen Wald gelaufen,
-aber verlassen durfte er Babinchen nicht. Er fühlte sich als ihr
-Beschützer, hatte er doch versprochen, sie sicher heimzubringen.
-
-»Ach, wenn ich doch braun wäre,« schluchzte das Mädel, »dann liefen wir
-schnell vierbeinig über die Straße, und die Franzosen dächten, es wären
-Rehe, und --«
-
-»Schießen auf uns,« vollendete Heine. Da schwieg Babinchen verzagt
-und lauschte bebend auf den Lärm, der mehr und mehr die Waldstille
-übertönte.
-
-»Wir müssen hinüber,« überlegte Heine, »rasch hinüber, müssen die zu
-Hause warnen!« Und er meinte, das einzige Hindernis sei Babinchens
-weißes Kleid. Daß den Soldaten auch dunkle, über den Weg huschende
-Gestalten verdächtig sein könnten, das überlegte er gar nicht.
-
-Auf einmal aber kam ihm ein rettender Gedanke; ja, so mußte es gehen,
-so. Hier ganz nahe war ein Moorloch. Sein Vater hatte ihn einmal
-gewarnt, auf den dunklen Grund zu treten, er hatte ihm auch die
-Stelle gezeigt, wo der feste Grund begann. In das Moor mußte Babinchen
-ihr weißes Kleid tauchen, es darin dunkel färben, dann war die Sache
-ungefährlich. Hastig teilte er seiner Gefährtin den Plan mit, und die
-fand ihn über alle Maßen klug. »Ausziehen tu ich mich nicht erst, das
-dauert zu lange, ich steig’ gleich so hinein,« sagte sie entschlossen.
-
-Heine nickte. Ja, so war es gut; er wollte sie halten, damit sie nicht
-im Moor versinken konnte, denn wirklich, das Umziehen hätte zu lange
-gedauert. Babinchen war sonst ein rechtes Furchthäschen, aber in dieser
-Stunde vergaß sie alle Angst. Sie war zu allem bereit, nur heim mußte
-sie so rasch wie möglich, heim, alle warnen und bei der Mutter sein.
-Wie sehr sie sich nach der Mutter sehnte! In wenigen Minuten waren die
-Kinder am Moorbach angelangt; wie die Böcklein sprangen sie durch den
-Wald und vergaßen in ihrem Eifer ganz, daß scharfe Augen sie jetzt gut
-von der Straße aus hätten sehen können.
-
-Doch dort zogen noch keine Soldaten, nur der Schall ihrer Schritte,
-das Rasseln und Rollen ihrer schweren Wagen kam immer näher wie ein
-aufziehendes Unwetter.
-
-»Hier ist das Loch!« frohlockte Heine und führte seine kleine Freundin
-ein Stück auf dem festen Boden entlang ins Moor hinein. Ein Busch
-stand am Rand, an dem machte Heine halt und sagte: »Hier mußt du
-hinein, ich halt’ dich fest. Hab’ keine Angst, du fällst nicht!«
-
-Und Babinchen trat in ihrem weißen Kleidchen ganz still und ergeben auf
-das Moor. Sie stand ein Weilchen drauf wie eine weiße, helle Blüte,
-auf einmal aber begann sie zu sinken, nicht tief, nur etwa bis an die
-Knie, da fühlte sie schon wieder festen Boden unter sich. »Es geht
-nicht weiter!« klagte sie. Aber Heine, über den in dem Augenblick, da
-Babinchen zu sinken begann, eine jähe Angst gekommen war, sagte ganz
-beruhigt: »Das ist gut, dann legst du dich hin, dabei ist keine Gefahr.
-Dreh’ dich ein bißchen im Moor herum, dann bist du dunkel genug.«
-
-Babinchen befolgte auch diesen Rat des Freundes. Sie drehte sich
-geschwind im Moor herum, kam mit dem Gesicht hinein, aber da riß Heine
-sie schon wieder mit kühnem Griff empor und zog sie auf den Steg
-zurück. Aus der weißen, feinen Lilie war nun auf einmal ein kleines,
-grünbraunes Ungeheuer geworden. Ein dicklicher Brei rann an ihr
-herunter, klebte im Gesicht, an den Händen und troff aus den dunklen
-Locken.
-
-»Himmel,« stammelte Heine, nun doch entsetzt von dem Anblick, »du
-siehst ja gräßlich aus!« --«
-
-»Fein is das!« rief hier Jackenknöpfle andächtig; ihm gefiel dies
-Moorbad ungemein.
-
-Die andern tuschelten: »Sei doch still, jetzt wollen sie doch
-rüberlaufen!«
-
-Frau Fries hielt einen Augenblick an, und dann fuhr sie fort, während
-ihr Blick gut und froh über die Kinder ging: »Babinchen schluckte und
-pustete, weil ihr der Schlamm in den Mund gekommen war; als sie endlich
-Luft bekam, sagte sie tapfer: »Ach, was schadet das, komm nur schnell,
-schnell heim!« -- »Wirst du laufen können?« fragte der Bube besorgt.
-Die Kleine aber nickte nur, denn das Sprechen war beschwerlich: wenn
-sie den Mund auftat, lief ihr Schlamm hinein. Heine sah die Freundin
-stolz an, und er fand, weil diese so tapfer war, sein Plan sei doch
-ausnehmend gescheit gewesen. »Komm!« sagte er rasch, faßte Babinchens
-Hand, und beide eilten durch den Wald.
-
-Nach einem Weilchen gebot der Bube: »Leg’ dich einmal auf die Erde, ich
-klettere geschwind auf einen Baum und sehe, ob wir hier hinüberkommen.«
-Und wieder gehorchte Babinchen wortlos; in ihrer großen, heißen Angst
-hätte sie alles getan.
-
-Heine kletterte unbekümmert um Hose und Jacke eine hochgewachsene Tanne
-empor. Er riß sich die Hände blutig am rauhen Stamm, die schlanke
-Tanne bog sich unter seiner Last, aber der Försterbube hatte noch
-jeden Baum bezwungen, auf den er klettern wollte, er kam auch hier
-hinauf. Nur einige Augenblicke spähten seine falkenscharfen Augen über
-die Wipfel der niedrigen Bäume hinweg, dann sah er, was da heranzog:
-eine ungeheure Staubwolke, in der blitzte und blinkte es, er sah Pferde
-und Menschen: es war kein Zweifel mehr, die Feinde kamen. Aber noch
-waren sie nicht ganz nahe, noch konnten es die Kinder wagen über die
-Straße zu laufen. Heine sauste so blitzschnell den Stamm hinunter, daß
-er unten das Gleichgewicht verlor, Babinchen mitriß und mit ihr etwas
-unsanft auf dem Waldboden ankam.
-
-Pah, ein paar Löcher, darum kümmerten sich Mädel und Bube in dieser
-Stunde der Angst nicht, sie schnellten beide wie Gummibälle empor, und
-fort ging es im Galopp. »Noch ein paar Schritte hinauf,« sagte Heine im
-Laufen, »dann kommen wir hinüber.« Er hatte Babinchens Hand erfaßt und
-zog die Freundin mit sich fort.
-
-Nun standen sie am Graben, und es galt, die breite, sonnenbeschienene
-Landstraße zu überschreiten.
-
-Einige Augenblicke zögerten die Kinder. Ihre Herzen schlugen laut, ihre
-Knie zitterten, und mit bangen Augen sahen sie auf den sonnigen Weg
-hinaus. Sie hatten beide in ihrem jungen Leben schon zuviel von der
-Not und dem Jammer des Krieges gehört, um nicht zu wissen, wie groß
-die Gefahr war, in der sie sich befanden. Heine legte schützend seinen
-Arm um Babinchen, er fühlte sich verantwortlich für die Freundin. Aber
-die sonst so zaghafte Kleine war in dieser Stunde wirklich eine rechte
-Heldin. Sie dachte nur immer an die Lieben daheim, und sie meinte
-wieder durch das Guckerchen zu sehen, wie der Bruder zu des kranken
-Großvaters Füßen saß. Ach, sie wußte, wie viele, viele Tränen die
-Mutter um den fernen Bruder geweint hatte! Sie erinnerte sich noch,
-wie einst die Mutter sie in die Arme genommen und mit tränenerstickter
-Stimme gesagt hatte: »Laß uns beten, mein Mariellchen, und dem lieben
-Gott danken, dein Bruder ist gerettet!«
-
-Babinchen umfaßte fest des Freundes Hand, und aus ihrem braunen
-Schlammgesicht schauten ihn die Augen zuversichtlich an. Heine nickte:
-»Komm, wir müssen hinüber. Bücke dich etwas und renne, so schnell du
-kannst, ich will zuerst hinaus!«
-
-Nun waren sie in dem Graben, den sie kaum eine Stunde vorher lachend
-übersprungen hatten. Diesmal sprangen sie nicht, sie kletterten
-hindurch, holten noch einmal tief Atem, und los ging es.
-
-War die Straße hell, war die Straße breit!
-
-Die Kinder rasten mit vorgebeugtem Oberkörper hinüber, ihre Füße
-flogen, aber wie weit schien doch der jenseitige Wald entfernt zu sein!
-
-Heine wagte einen einzigen scheuen Blick zur Seite. Dort in der Ferne
-blitzte es, dort kam etwas schnell heran. Wie ein Ruf klang es, nun
-fiel ein Schuß.
-
-Aber da war schon der Graben. Heine sprang hinüber, Babinchen kollerte
-und fiel, der Bube riß sie empor. Nur hinein in den Wald, hinein in das
-schützende Dunkel!
-
-Keuchend rasten sie vorwärts, sprangen über Baumwurzeln, zwängten sich
-durch dichtes Gebüsch, unbekümmert darum, daß Dornen ihre Kleider
-zerrissen. Feucht und schwer schlug Babinchen das Kleid um den Körper,
-aber die Kleine hielt doch neben dem Freunde aus.
-
-Klangen dort nicht Stimmen? Hörte man nicht Pferdegetrappel? Kam nicht
-der Lärm näher und näher?
-
-»Sie haben uns gesehen,« dachte Heine Strohmann angstvoll und griff
-nach Babinchens Hand. »Komm, komm, hier müssen wir durch!« Sie krochen
-durch dichtes Buschwerk, dahinter war ein kleiner Kiefernwald, in dem
-sie leichter vorwärtskamen, und endlich erreichten sie einen schmalen
-Fußweg. Hier blieben sie aufatmend stehen und lauschten in den Wald
-hinein. Ferner klang schon das Rollen und Stampfen, es wurde mehr und
-mehr übertönt von dem Jubilieren und Zwitschern der Vögel.
-
-Aber die Kinder hörten weder auf den Gesang der Vögel, noch achteten
-sie auf die Blumen, die dort, wo die Sonne in den Wald hineinscheinen
-konnte, ihre zarten, bunten Kelche geöffnet hatten.
-
-»Wir müssen weiter,« sagte Heine rasch, er hatte nur Angst um seine
-Freundin.
-
-Babinchen nickte stumm. Sie fühlte jetzt auf einmal, wie schwer ihr
-moorgetränktes Kleid war, und der angetrocknete Schlamm brannte auf
-ihrem Gesicht. Dennoch folgte sie mutig dem Freund und rannte hinter
-ihm drein mit flinken Füßen auf dem schmalen Weg. Sie sprachen beide
-nicht viel zusammen, nur einmal sagte Heine: »Jetzt links!« dann nach
-einer Weile: »Wir kommen noch zur rechten Zeit!«
-
-Es war still geworden, nur ein ganz fernes, leises Grollen hörte man
-noch. Aber die Kinder rannten in gleicher Hast weiter, bis auf einmal
-die Stille wieder gestört wurde und Laute ertönten. Wie aus einem Munde
-jauchzten sie beide: »Wir sind da!«
-
-Wirklich, nach wenigen Minuten standen sie vor dem Schloß Moorheide,
-in das Babinchen wie ein richtiges Moorfräulein zurückkehrte. Die
-alte Marinka sah die Kinder zuerst, sie schlug die Hände über dem
-Kopf zusammen und wollte eine lange Strafrede beginnen, aber zu ihrer
-grenzenlosen Verwunderung rasten die Kinder einfach in das Haus hinein.
-Sie liefen die Treppe hinauf, über die Gänge, den gleichen Weg, den sie
-vor wenigen Stunden heimlich und leise geschlichen waren. In das Zimmer
-des Großvaters rannten sie, und dort rief Heine Strohmann mit seiner
-klingenden, hellen Knabenstimme: »Die Franzosen kommen!«
-
-Der alte Herr von Hartenstein richtete sich jäh in seinem Stuhl auf
-und sah die Kinder an, sein Enkeltöchterchen und den Buben, der vor
-Aufregung bebte. »Erzähl’! Wo?« fragte er kurz.
-
-Und Heine Strohmann erzählte alles ganz kurz und eilig, Babinchen gab
-atemlos ein paar Wörtlein dazu, und nach wenigen Augenblicken wußten
-die Erwachsenen alles.
-
-»Ferdinand,« stammelte Frau von Hartenstein totenbleich, und der, denn
-er war wirklich der flüchtige Sohn des Hauses, nahm sein kleines,
-schmutziges Schwesterlein in den Arm und sagte bewegt: »O ihr Kinder,
-ihr tapfern Kinder, du liebes, braves Schwesterherz du!«
-
-Die Mutter schlang die Hände fest ineinander, bezwang die Tränen und
-fragte zitternd: »Was tun wir?«
-
-»Förster Strohmann muß kommen,« gebot der Großvater. »Geh, Heine, wenn
-du noch laufen kannst, und hol’ deinen Vater her, und deine Mutter soll
-sich geschwind rüsten und mit den andern Kindern zu uns kommen.«
-
-Heine lief schon, da hörte er noch nachklingend das Wort: »Ein
-Prachtbengel!« Hei, das fuhr ihm ordentlich in die Beine, er merkte
-nichts mehr von Müdigkeit, sondern raste den kurzen Weg bis zum
-Forsthaus hin wie ein Windhund.
-
-Der alte Gutsherr gab inzwischen kurz und bündig seine Befehle, kein
-Wort zuviel, keins zuwenig. Es war, als sei auf einmal alle Schwäche
-und Krankheit von ihm gewichen, und seine Gelassenheit beruhigte alle
-Hausgenossen.
-
-Dann kam Förster Strohmann und sprach mit seinem Herrn, und wenige
-Minuten später zog er mit den beiden Gästen davon. Vorher aber
-umarmte der Bruder seine tapfere kleine Schwester noch einmal. »Auf
-Wiedersehen!«
-
-»Auf Wiedersehen!« wiederholte Babinchen, die alle Scheu vor dem
-großen, ihr eigentlich so fremden Bruder verloren hatte. »Verstecke
-dich, verstecke dich!« bat sie flehend.
-
-Ferdinand von Hartenstein nickte schwermütig. Wirklich, er mußte sich
-in seiner eigenen Heimat wie ein Verbrecher verbergen, nur weil er sein
-Vaterland so heiß und treu liebte.
-
-Als er ging, sahen Heine und Babinchen ihm nach. Mit Förster Strohmann
-schritt er in den Wald hinein, und Heines Augen blitzten. »In Vaters
-Schutz sind sie sicher,« sagte er, und gar zu gern wäre er mitgelaufen.
-Aber da kam seine Mutter mit den drei kleinen Geschwistern, die alle
-drei geradeso flachsblond und stupsnasig waren wie er selbst. Nun
-fühlte er sich wieder als Beschützer, und auch Babinchen, die sich
-gewaschen hatte und wieder fein und sauber aussah, kam sich den
-heulenden Försterkindern gegenüber sehr verständig vor. Sie nahm
-sie mit in die Wohnstube, dort sollten die Kinder bleiben, und dort
-beschrieben sie und Heine ihren Gang zu den Füchslein so spannend, daß
-die Kleinen das heulen darüber vergaßen.
-
-»Ich denk’ immer, die Franzosen kommen gar nicht,« prophezeite
-Lisabetha, »hierher finden die nicht!«
-
-Aber sie fanden doch den Weg in diese friedliche Waldeinsamkeit. Etwa
-dreißig Mann, geführt von zwei Offizieren, rückten gegen Abend im
-Schlosse ein. Sie verlangten in ziemlich barschem Ton den Hausherrn zu
-sprechen, verlangten von diesem Pferde, Schlachtvieh und Lebensmittel
-aller Art. Herr von Hartenstein erfüllte schweigend die Wünsche, er
-wußte, ein Widerstand würde doch nichts nützen. Wohl betonten die
-Offiziere, daß sie Freunde wären, aber dabei sahen sie so drohend aus,
-daß die alte Marinka sagte: »Der liebe Gott schütze uns vor so ’ner
-Freundschaft, davon halte ich nichts, rein gar nichts!«
-
-Drei Wagen waren beladen, Pferde und Rinder standen zum Fortzug bereit,
-denn die ungebetenen Gäste wollten noch am Abend weiterziehen, als
-plötzlich ein neuer Trupp Soldaten ankam. Der Offizier, der sie führte,
-war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, der den alten Gutsherrn
-deutsch anredete. Es war einer der vielen Deutschen, die unter des
-französischen Kaisers Fahnen fechten mußten. Höflich, aber streng
-erklärte er, er hätte Befehl, das Haus zu durchsuchen.
-
-»Nach was?« fragte der Gutsherr gelassen.
-
-»Nach Ihrem Enkelsohn,« erklärte der Offizier, »man hat Verdacht, daß
-er sich hier aufhält.«
-
-»Bitte, suchen Sie,« sagte Herr von Hartenstein ruhig.
-
-Diese Ruhe verwirrte den Offizier. Forschend sah er die Hausfrau an,
-aber auch sie, obgleich ihr Herz in heißer Angst um den Sohn schlug,
-sagte gelassen: »Bitte, suchen Sie!«
-
-»Er ist nicht hier,« dachte der Offizier und frohlockte innerlich, denn
-die Erfüllung dieses Auftrages war ihm schwer genug geworden. Einen
-Mann suchen und verhaften müssen, der sein Vaterland so treu liebte,
-wie dieser Ferdinand von Hartenstein es tat, das schien ihm eine harte
-Aufgabe zu sein. Er mußte aber seine Pflicht erfüllen, und so ließ er
-denn auch das Haus von oben bis unten durchsuchen. Kein Winkel blieb
-unbeachtet, kein Kleiderschrank, keine Truhe, kein Bett undurchwühlt,
-sogar in die Mehlkiste schauten ein paar Soldaten zu Lisabethas
-Empörung hinein. Aus der Räucherkammer nahmen sie dabei gleich noch
-die letzten Würste und Speckseiten mit. Gut war es nur, daß sie der
-Wohnstube bloß einen kurzen Besuch abstatteten; darin gab es keine
-großen Kisten und Wandschränke, in die hineinzusehen sich lohnte. In
-die blitzenden, triumphierenden Augen Heines und Babinchens schauten
-sie glücklicherweise nicht.
-
-Im Haus fand sich keine Spur des Gesuchten, und von den Dienstboten
-verriet niemand ein Wort von den geheimnisvollen Gästen, die so
-plötzlich verschwunden waren. Auch das Forsthaus wurde durchsucht,
-der Wald durchstreift, nirgends wurde eine Spur gefunden. Babinchen
-zitterte und zagte, denn sie sah auch in der Mutter Augen Angst
-und Sorge stehen. Doch Heine Strohmann tröstete: »Die werden nicht
-gefunden, mein Vater hat sie geführt, da sind sie sicher!«
-
-Des Buben felsenfestes Vertrauen auf seines Vaters Klugheit und Treue
-gab Babinchen den Mut zurück. Als einer der französischen Offiziere
-sie ansprach, da flüchtete sie nicht schreiend wie die kleinen
-Förstermädel, sondern schaute zu dem Fremden so furchtlos auf und
-antwortete so ruhig, daß Heine mal wieder sehr stolz auf seine kleine
-Freundin war.
-
-Am nächsten Morgen kam Förster Strohmann wieder. Er hatte allerlei
-Raubtiere geschossen, einen Marder, ein paar Habichte und sogar einen
-Fuchs. Den französischen Offizieren war das Verschwinden des Försters
-aufgefallen. Wo war er? Warum weilte seine Familie im Herrenhaus?
-Als nun aber der Mann so schwerbeladen und jagdmüde heimkam und die
-unwillkommenen Gäste recht erstaunt und unwillig zu betrachten schien,
-schwand ihr Mißtrauen, und sie gaben das Suchen nach dem Flüchtling
-auf.
-
-Am Nachmittag zogen die Soldaten ab. In den Ställen fehlten Pferde und
-Rinder, die Vorratskammern waren leer geworden, und mancher Bauer im
-Dorf dachte sorgenvoll an kommende Zeiten. Hunger und Not würden nun
-wieder ihren Einzug halten. Mit derlei Sorgen plagten sich Babinchen
-und Heine nicht, sie dachten nur an Ferdinand und seinen Freund. Waren
-sie noch in der Nähe, im Wald verborgen, wie Heine meinte, oder waren
-sie schon wieder in ein fremdes Land geflüchtet?
-
-Einmal fragte Babinchen die Mutter; da strich ihr diese lind über die
-Locken und sagte seufzend: »Wir wollen hoffen, mein Kind, daß alles gut
-wird. Noch ist dein Bruder nicht in Sicherheit.«
-
-Es vergingen einige Tage. In der Umgegend war es wieder ruhig geworden.
-An einem schönen Sommermorgen weckte Frau von Hartenstein Babinchen mit
-der Frage: »Wollen wir heute zusammen eine weite, weite Waldwanderung
-unternehmen?«
-
-Das Mädchen sprang geschwind mit beiden Beinen zum Bett heraus. »Zu
-Ferdinand?« fragte es ahnungsvoll, hoffnungsfroh.
-
-Die Mutter nickte, sie gebot aber Stillesein, denn nur der Großvater
-und Marinka wußten etwas, und ermahnte ihr Mädel zur Eile. Eine Weile
-später stand dann Babinchen heiß und aufgeregt vor dem Großvater, der
-sagte herzlich: »Grüße deinen Bruder, Kind, bringe ihm meinen Segen.«
-Und leiser, halb zu sich selbst sprechend, fügte der alte Mann hinzu:
-»Ich wollte, es dächten viele so und liebten ihr Vaterland so wie er,
-wären so treu in den Tagen der Not!« Dem Babinchen fiel das Wort des
-Großvaters in ihr Herzlein wie ein köstlicher Edelstein.
-
-Frau von Hartenstein trug einen Korb mit Eßwaren gefüllt, auch
-Babinchen hatte einen zu tragen bekommen. Still bogen Mutter und
-Tochter gleich dicht am Haus in einen schmalen Waldweg ein, nicht
-jenen, den die Kinder vor wenigen Tagen gelaufen waren. Kaum waren die
-beiden ein Stück Wegs gegangen, als ein lautes Hallo sie grüßte. Da
-stand Förster Strohmann mit Heine, und der Bube schrie seiner kleinen
-Freundin entgegen: »Wir gehen mit!«
-
-Babinchen hätte sich nicht gefürchtet, mit der Mutter allein zu gehen,
-sie fand es aber doch behaglicher, unter Förster Strohmanns Schutz zu
-sein. Bald bogen die vier Wanderer von dem breiten Wege ab, und es
-ging pfadlos quer durch den Wald, und nur jemand, der so gut im Wald
-Bescheid wußte, konnte so unverzagt, ohne einmal zu irren, mitten
-hindurchgehen.
-
-Die vier Wanderer schritten kräftig aus. Nach zwei Stunden etwa hörte
-der Hochwald auf, nur niedriges Gebüsch und Gestrüpp kam, der Bruch,
-das Sumpfland; über dem stand hell und golden die Sonne. Hier hieß es
-vorsichtig gehen, denn es gab tiefe Moorlöcher, in die ein Unkundiger
-leicht versinken konnte, da man sie unter der schimmernden grünen
-Pflanzendecke nicht bemerkte. Förster Strohmann führte die kleine
-Gesellschaft am Rande entlang, und als Heine, seiner Ortskenntnis froh,
-sagte: »Hier geht es nach dem Torfstich,« nickte der Vater und wies
-nach einer Stelle. Dort arbeiteten zwei Männer. Sie stachen aus dem
-schwarzen Boden etwa ziegelsteingroße Stücke aus und schichteten sie
-zum Trocknen übereinander. Mit diesem trockenen Torf wurden nachher
-im Winter die Öfen geheizt. An der Arbeitsstelle war eine kleine
-Holzhütte, und daneben schwelte ein Feuerchen. Babinchen wunderte sich,
-daß die Mutter auf einmal so eilig lief, und plötzlich begann sie gar
-zu winken; der eine der Männer ließ seine Schaufel sinken und kam in
-schnellen Schritten dahergesprungen -- es war Ferdinand.
-
-Heine und Babinchen hatten gemeint, sie würden die Flüchtlinge tief im
-Wald geheimnisvoll verborgen finden, nun standen beide da im hellen
-Sonnenlicht; ach -- und wie sahen sie aus! Mit Moor beschmiert von
-oben bis unten. Selbst die Mutter schaute den Sohn erstaunt an. Der
-war wirklich von einem echten Torfstecher nicht zu unterscheiden, auch
-der Freund nicht, der nun gleichfalls herankam. Die beiden Männer
-lachten fröhlich, und Ferdinand nahm Babinchens beide Hände und sagte
-schelmisch: »Weißt du auch, kleine Schwester, daß dein Moorkleid
-neulich unsern guten Strohmann auf den Gedanken gebracht hat, uns hier
-einfach als Torfarbeiter herzustellen, weil wir da am sichersten wären?
-Unter dieser Verkleidung sucht uns niemand.«
-
-»Und geschafft haben die Herren, alle Achtung!« rief Förster Strohmann
-und schaute behaglich auf die großen Haufen aufgeschichteter
-Torfstücke. »Das nenne ich arbeiten!«
-
-»Will’s meinen,« sagte Ferdinands Freund stolz. Er erzählte noch, daß
-ein paar französische Soldaten auch am Torfstich vorbeigekommen wären
-und nach dem nächsten Weg zur Landstraße gefragt hätten, sie hätten
-aber weder ihn noch den Freund recht genau oder forschend angeschaut.
-
-Ein paar Stunden blieb Frau von Hartenstein mit den Kindern, dann
-mußten sie Abschied nehmen.
-
-»Und du?« fragte sie den Sohn traurig.
-
-»Wir bleiben hier.« Der nickte seinem Freunde zu. »Ein paar Wochen
-wollen wir noch Torfarbeiter sein, nachher finden wir wohl einen Weg
-zur Flucht.«
-
-»Komm doch mit,« flehte Babinchen, »es sind doch keine Feinde mehr da!«
-
-Aber der Bruder schüttelte den Kopf. »Sie haben Späher ringsum, noch
-kann ich’s nicht wagen.«
-
-Der Abschied wurde allen schwer; die Kinder versprachen eifrig, sie
-würden bald wiederkommen, und nahmen sich dies auch fest vor. Doch Tag
-um Tag verging, die Tage wandelten sich zu Wochen, Förster Strohmann
-führte die Kinder nicht mehr ins Moor hinaus. Aber manchmal in der
-Nacht hörte Babinchen sprechen in des Großvaters Zimmer. Einmal kam
-auch Ferdinand an ihr Bett und küßte die kleine Schwester; da wußte
-sie, er kam zu nächtlichen Besuchen. Am Tag konnte er nicht kommen,
-denn immerfort zogen Truppen die Landstraße daher, immer wieder suchten
-Franzosen das einsame Schloß heim.
-
-Der Sommer verging, der Herbst kam an. Der brachte klare, helle Tage,
-aber auch frühe Kälte. Die Wetterkundigen sagten einen harten Winter
-voraus, und oft sah Babinchen in diesen ersten kalten Tagen die Mutter
-traurig hinausschauen. Weilt der Bruder noch in der kleinen Hütte
-im Moor? Sie wagte es endlich, die Mutter zu fragen. Die sah sie
-tieftraurig an. »Der Großvater ist sehr krank, darum will dein Bruder
-nicht das Land verlassen. Er ist noch im Moor, und sein Freund hält bei
-ihm aus.«
-
-Babinchen und Heine redeten oft von den beiden Freunden im Moor. Sie
-konnten es gar nicht begreifen, warum die nicht doch irgendwo versteckt
-im Hause wohnten. Aber da kamen wieder unerwartet von der nahen Festung
-ein paar Offiziere, und die Kinder merkten nun doch, der Bruder tat
-wohl gut, sich verborgen zu halten.
-
-Weihnachten rückte näher, aber Weihnachtsjubel, Weihnachtsfreude gab es
-nicht. Es gab viel Armut und Not im Land, und immer heißer brannte die
-Sehnsucht, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, in den deutschen
-Herzen. Zur Sorge der Zeit kam für Frau von Hartenstein noch die Sorge
-um den Vater. Seine Krankheit hatte sich verschlimmert, und wer das
-bleiche, abgezehrte Gesicht sah, ahnte wohl, der Tod würde bald im
-Schloß Moorheide einziehen.
-
-Es war am letzten Adventssonntag. Nicht wie sonst brannten vier
-Adventslichter, und nicht wie sonst erzählte die Mutter Babinchen
-freundliche, liebe Weihnachtsgeschichten. Sie saßen alle beieinander
-im Krankenzimmer, lauschten auf des Großvaters matte Atemzüge, und
-Heine saß dabei, als müßte es so sein. Und eigentlich hätte er zu Hause
-Mutter und Geschwister beschützen sollen, denn seit mehreren Tagen war
-sein Vater fort. Niemand ahnte, wohin, selbst Frau von Hartenstein
-schien es diesmal nicht zu wissen, sie hatte schon etliche Male
-gefragt: »Wo mag nur der Förster sein?«
-
-Die alte Kastenuhr an der Wand tickte laut und schwer, kein Laut
-unterbrach sonst die Stille.
-
-Doch plötzlich schlugen auf dem Hofe die Hunde an, kurz und scharf; sie
-schwiegen gleich wieder, sie mußten den kennen, der kam. »Ferdinand!«
-Der Kranke richtete sich plötzlich im Bett auf, laut und froh klang
-seine Stimme.
-
-»Ferdinand ist nicht hier,« sagte Frau von Hartenstein. Doch noch hatte
-sie nicht recht ausgesprochen, da erklangen draußen Schritte, und über
-die Schwelle traten wirklich die beiden Freunde und Förster Strohmann.
-
-»Ferdinand, was bringst du?« Der Großvater sah dem Enkel entgegen, und
-der sank mit einem Jubelruf an dem Bett nieder. »Großvater,« stammelte
-er, »das französische Heer ist in Rußland vernichtet, der Kaiser nach
-Frankreich entflohen.«
-
-»Das ist Freiheit für uns!« Der alte Mann sagte es laut und feierlich.
-Er legte die Hand auf des Enkels Scheitel. »Gott segne dich für diese
-Botschaft! -- Nun erzähle!«
-
-Und Ferdinand berichtete. Mit seinem Freund und dem Förster waren sie
-in Rußland gewesen, dort hatten sie Kunde erhalten von dem Untergang
-des Heeres an der Beresina. Mit ihren eigenen Augen hatten sie
-schon die Jammergestalten der Heimkehrenden gesehen. Napoleons Heer
-vernichtet! Vielleicht schlug nun für Preußen die Stunde der Befreiung!
-
-Der Großvater lag still mit gefalteten Händen da, und die Mutter
-flüsterte: »Er stirbt!« Aber wunderbar, von jener Stunde an wurde es
-besser mit ihm. »Mein Gott läßt mich noch leben, bis das Vaterland frei
-ist,« sagte er freudig.
-
-So wurde es auch. Das neue Jahr brachte die Freiheit. Bei Leipzig
-kämpfte Ferdinand von Hartenstein als ein Held wie Tausende und
-Tausende mit ihm.
-
-Er wurde verwundet und lag lange schwer darnieder; aber als wieder die
-Adventsglocken tönten und zum vierten Mal mahnten, an das hohe Fest
-der Liebe zu denken, kehrte Ferdinand heim. Der Großvater lebte nur
-noch wenige Tage. Er schlief friedlich ein mit dem Bewußtsein, daß sein
-geliebtes Vaterland frei wurde von fremder Herrschaft.«
-
-Frau Fries schwieg, und ein Weilchen war alles ganz still im Zimmer.
-Endlich tat Frau Besenmüller einen tiefen Atemzug und sagte feierlich:
-»Gott behüte uns vor solchen Zeiten!«
-
-»Sie sind uns vielleicht näher, als wir ahnen,« sagte der junge Lehrer
-schwer. Aber das hörte nur seine Mutter und Besenmüller. Fräulein
-Regine hatte einen kleinen Stab geschwungen, und jauchzend tönte es
-durch das Schulzimmer:
-
- »Es gibt nichts Schönres auf der Welt,
- Als wenn das Christkind Einzug hält
- Ins Haus, ins liebe Vaterhaus,
- Trotz Sturmgetön und Wetterbraus.
- Es kommt so still in heil’ger Nacht
- Durch Schneegeflock und Eises Pracht.
- Begleiter ist der Weihnachtsmann,
- Der trägt, was er nur tragen kann.
- Wenn’s Kindlein noch so arm und klein,
- Das Christkindlein gedenket sein:
- Im Hüttlein schlecht, im reichen Haus
- Teilt es die Liebesgaben aus.
- Drum gibt’s nichts Schönres auf der Welt,
- Als wenn das Christkind Einzug hält.«
-
-»Und nun geht’s heim!« Frau Fries sagte es, als das Lied verklungen
-war. Ein paar Minuten später liefen die Kinder jauchzend die Dorfstraße
-entlang, und Frau Besenmüller räumte auf. Sie brummte dabei nicht wie
-sonst, sondern sagte vergnügt: »Scheene war’s, sehr scheene!«
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-Geburtstagsveilchen
-
- Warum die Schulglocke einer entthronten Königin gleicht und
- Frau Besenmüller nicht mehr Reisig zu holen braucht -- Die Zeit
- läuft, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen, und Besenmüller,
- der kein Gespenst ist, erzählt eine Geschichte, die erst im
- nächsten Kapitel steht
-
-
-Über der Adventsfeier hatten die Kinder alle miteinander die
-Schulklingel im Holzstall vergessen. Nur Schwetzers Fritze dachte
-daran. Wenn nun Frau Besenmüller die Klingel nicht fand! Dann würde sie
-schelten und schreien, und der Herr Lehrer würde es hören und die alte
-Frau Lehrerin, und sie würden böse werden. Nein, das durfte nicht sein.
-Zwischen Abendessen und Zubettgehen schlich sich Fritze noch einmal zum
-Schulhaus hin. Vielleicht fand er einen Kameraden, der ihm half. Aber
-es war kein Bube weit und breit zu sehen, dafür kam jemand anders, als
-Fritze gerade am Holzstall anlangte: der Herr Lehrer selbst. Fritze
-erschrak heftig und blieb wie erstarrt stehen.
-
-»Na du, was tust du denn hier?« Heinrich Fries sah erstaunt drein.
-»Warum bist du denn noch nicht daheim?«
-
-Fritze hätte nun gern die Wahrheit gesagt, aber vor Schreck war ihm
-der Mund noch fester verklebt als sonst, und in seiner Verlegenheit
-drehte er sich um und rannte, ohne Antwort zu geben, davon. Der junge
-Lehrer sah ihm ärgerlich nach. »Der ist verstockt!« dachte er, und oben
-erzählte er dann seiner Mutter, Schwetzers Fritze sei ein Heimlicher,
-von ihm wüßte er nie recht, was er im Sinne habe. Fritze lief
-heimwärts, sehr bedrückt, aber dicht am Haus traf er Arne. Sie waren
-Nachbarn und hielten auch gute Nachbarschaft. Dem Freund gegenüber tat
-sich sein Mund auf, und er sprach von seiner Sorge.
-
-Arne lachte ihn aus. »Besenmüllern muß doch früh Holz holen, da sieht
-sie ja die Bimmel!«
-
-Freilich, das stimmte. Fritze atmete auf und vergaß nun ebenfalls
-die Klingel. Er träumte auch in dieser Nacht nicht von der großen,
-strengen Ruferin zur Schule, von dem Kaiser Napoleon selbst träumte
-er. Der verlangte von ihm, er solle geschwind nach Rußland laufen.
-Fritze ängstigte sich sehr und sträubte sich, da wurde Napoleon
-fuchsteufelswild, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht gerade
-die Mutter gerufen hätte: »Aufstehen, ’s is balde Schulzeit!«
-
-Es gab an diesem Morgen noch viel zu reden von gestern. Mädel und Buben
-standen auf dem Dorfplatze zusammen und schwätzten und freuten sich,
-daß sie alle so früh gekommen waren. Frau Besenmüller klingelte immer
-dreimal, das erste Mal hieß: »Nun rüstet euch, es ist Zeit!« Das zweite
-Mal wollte sagen: »Geschwind, geschwind ins Haus hinein!« und das
-dritte Mal verkündigte: »Aufgepaßt, der Herr Lehrer kommt!«
-
-Noch hatte die Klingel nicht einmal getönt, und die Kinder schwätzten
-und vergaßen es, sich zu wundern, wie lange es heute währte, ehe es
-bimmelte.
-
-Frau Besenmüller aber rannte inzwischen im Haus aufgeregt treppauf,
-treppab, -- wo war nur die Klingel? Gestern noch hatte sie unten im
-Türwinkel gestanden, nun fehlte sie. »Wie närrsch bin ich,« brummelte
-die Frau, »so ’ne Klingel is doch niche wie ’ne Stecknadel, die in ’ne
-Ritze fällt. Nä, so was!«
-
-Ihr Mann kam heim, der war schon beim Ortsvorsteher gewesen, er fragte
-verwundert: »Du klingelst ja niche!«
-
-»Die Bimmel fehlt.«
-
-»I nä!«
-
-»Frau Besenmüller, warum klingeln Sie nicht?« ertönte da die Stimme des
-jungen Lehrers.
-
-»Die Bimmel fehlt,« jammerte Frau Besenmüller. Und klagend beschrieb
-sie, wo die Klingel gestanden habe, und auf einmal sei sie verschwunden.
-
-»Die haben se versteckt,« knurrte der Mann. »Ich hol’ se alle rein.«
-
-Heinrich Fries kam plötzlich die Begegnung mit Schwetzers Fritze
-gestern am Holzstall in Erinnerung, und er sagte rasch: »Sehen Sie mal
-im Holzstall nach.«
-
-Und richtig, da war sie. Wie eine entthronte Fürstin saß die dicke
-Klingel auf dem Holzstoß, und Frau Besenmüller nahm sie und schwang
-sie, da gellte ihre Stimme in die Weite.
-
-»Es bimmelt!« In all die Buben- und Mädelbeine auf der Dorfstraße fuhr
-der Ton. »Bimbimbimbim!« Das schrie und schalt, so laut, so böse hatte
-die Schulglocke noch nie getönt. »Bimbimbimbim!« Das hörte gar nicht
-auf, und die Kinder rannten alle in der größten Eile ins Schulhaus.
-
-Dort fanden sie zu ihrer Überraschung ihren Lehrer schon im
-Schulzimmer. Der hielt seine Uhr in der Hand, zeigte darauf und sagte
-streng: »Ihr kommt alle zu spät.«
-
-»Es hat doch erst gebimmelt!« verteidigten sich etliche.
-
-»Ja freilich, die Klingel war versteckt. Fritz Schwetzer, hast du die
-Klingel versteckt?« Fritze sank fast zu Boden vor Schreck, als ihn der
-Herr Lehrer so drohend ansah. Er klappte den Mund auf und zu, aber er
-brachte kein Wort heraus.
-
-»Dir steht das schlechte Gewissen an der Stirn geschrieben, und da
-du mir keine Antwort gibst, bist du es jedenfalls gewesen. Du warst
-gestern noch spät an Besenmüllers Holzstall. Du wirst jeden Tag in
-dieser Woche eine halbe Stunde nachsitzen.«
-
-Wieder klappte Fritze den Mund auf und zu, und wieder brachte er kein
-Wort heraus. Dafür aber trat Arne vor, und Jackenknöpfle, Zimplichs Max
-und ein paar andere folgten. »Ich war’s, Herr Lehrer,« rief Arne mit
-heller Stimme.
-
-»Ich auch.« -- »Ich auch.« -- »Ich auch,« klang es nach, und nun
-endlich fand Fritze seine Sprache wieder, und im Baß brummte er nach:
-»Ich auch.«
-
-»Also ihr waret es alle!« Prüfend überschaute der Lehrer die Buben,
-er schaute schon viel milder drein. »Wie war denn das? Arnulf Weber,
-erzähle du einmal!«
-
-Und Arne erzählte frank und freimütig, auch von Fritzens abendlichem
-Gang nach dem Holzstall.
-
-»So äne ausgesuchte Bosheit!« schrie Frau Besenmüller. Die hatte ganz
-leise die Türe ein Ritzchen aufgemacht und hatte draußen gehorcht.
-»Wartet ihr nur, ihr Rasselbande!« Sie streckte den Kopf zur Türe
-hinein, drohte mit der Hand und fuhr blitzschnell wieder zurück. Von
-der Treppe her sagte ihr Mann vorwurfsvoll: »Na, wenn nu das de Kinner
-täten, Lydia!«
-
-Tief beschämt zog Frau Besenmüller ab, und innen sagte der junge
-Lehrer: »Für diesmal sei euch die Strafe geschenkt, weil ihr es
-eingestanden habt. Aber wem es recht leid tut, der sammelt heute
-nachmittag für Frau Besenmüller ein Bund Reisig im Walde; ihr selbst
-wird das Bücken schwer.«
-
-Danach begann der Unterricht. Die Kinder waren alle mäuschenstill und
-sehr eifrig. In der letzten halben Stunde erzählte ihnen Heinrich Fries
-noch etwas von der Zeit vor hundert Jahren. Das tat er jetzt oft, und
-die Kinder meinten, zwischen 1913 und 1813 sei die Zeit gar nicht lang,
-sie lauschten, als wären es Taten von heute. Darüber verrann ihnen
-allen die Zeit gar geschwind. Auf einmal ertönte draußen die Klingel,
-als wäre sie noch immer böse, so laut gellte ihre Stimme, und Fritze
-Schwetzer dachte seufzend: »Wenn sie doch noch im Holzstall säße!«
-
-Sie hatten alle gedacht, Frau Besenmüller würde noch schelten, aber
-die ließ sich gar nicht sehen, sie saß in ihrer Küche und schämte
-sich ihrer Horcherei. Der Nachmittag brachte ihr noch eine große
-Überraschung. Der kurze Wintertag verdämmerte just zum Abend, als in
-langem Zug Buben und Mädel daherkamen. Jedes trug ein Reisigbündel, und
-diese vielen Bündel schichteten sie alle vor Besenmüllers Holzstall auf.
-
-Die Frau lief hinaus, und ihr Mann vergaß für einige Minuten sogar
-Strickstrumpf und Pfeife, er rannte ihr nach. Draußen stand Heinrich
-Fries, der lachte über das ganze Gesicht und erklärte die Sache.
-
-»Nä, so was, so was!« Frau Besenmüller führte die Schürze an die Augen,
-sie war tief gerührt, ganz stumm blieb sie vor lauter Rührung. Erst
-oben bei sich fand sie die Worte wieder, und sie sagte zu ihrem Mann:
-»Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird’s gut.« --
-
-Daß es schon gut geworden sei, meinten viele Leute im Dorf. Die Mädel
-und Buben sagten nichts dazu, wenn sie aber ihren Lehrer die Straße
-daherkommen sahen, dann rannten sie nicht mehr weg, sondern liefen ihm
-entgegen und grüßten ihn mit frohem Lachen. »So muß es sein,« dachte
-die alte Frau Fries, und sie seufzte doch leise dazu. Ihr Sohn freute
-sich wohl über das wachsende Zutrauen der Steinacher, aber an ihm
-zehrte doch die Sehnsucht nach der großen Stadt. Er zeigte es nicht,
-aber die Mutter spürte es, und das Herz tat ihr darum weh. --
-
-Auch in der Stille von Steinach hatte jeder Tag nur vierundzwanzig
-Stunden, und Tag reihte sich an Tag. Eine Woche vorbei, Weihnachten
-da, Weihnachten vorüber. Das neue Jahr stand vor der Tür, das alte
-Jahr nickte noch einmal in alle Häuser hinein; es sah, wie in Steinach
-die Christbäume brannten, wie Blei gegossen wurde und die Kinder auf
-Waschschüsseln Lebensschifflein schwimmen ließen, -- vorbei, vorbei!
-
-Das neue Jahr rief die Kinder wieder in die Schule, und Frau
-Besenmüller seufzte: »Nu geht das Geschrei wieder los.« Aber das
-neue Jahr, das sich stolz 1914 nannte, hatte ein strenges Gesicht
-aufgesetzt, es dachte »nicht verwöhnen«, und Meister Januar kam mit
-viel Schnee und Eis einher. Er blieb, solange er durfte, er zwackte
-seinem Bruder Februar noch einen Tag ab, dann erst ließ er ihn herein.
-Der nun liebäugelte schon ein wenig mit dem Frühling; warme, sonnige
-Tage kamen, ein milder Wind wehte, bis es dem Februar wieder einfiel,
-daß er eigentlich ein Wintermonat sei. Und schwuppdirwupp schüttelte er
-ein paar Schneesäcke aus, überzog die Wässer mit Eis und schnob die
-Menschen an: »Geschwind hinter eure Kachelöfen, da gehört ihr hin!«
-
-Doch vorbei, vorbei! Der März löste den Februar ab, und je länger er
-auf der Erde war, desto milder wurde sein Lächeln. Und dies milde,
-sonnige Lächeln lernte der April von ihm, der sonst ein rechter Bube in
-der Zeit der Flegeljahre ist. Den Schnee trank die Sonne auf, das Eis
-zerfloß, und unversehens blühten in Steinach die Veilchen. Und nirgends
-blühten sie reicher als auf dem Schafskopf.
-
-Eines Tages wanderte Heinrich Fries mit seiner Mutter zur Schelmenburg
-empor, und dort sahen sie beide das holde Frühlingswunder: Heckenrosen
-im Sommer, Veilchen im Lenz, das waren die Blumen des Schafskopfes.
-
-Es war ein sonnenheller Frühlingstag, und der junge Lehrer sagte droben
-am Ziel laut das kleine Lied:
-
- »Saatengrün, Veilchenduft,
- Lerchenwirbel, Amselschlag,
- Sonnenregen, linde Luft!
- Wenn ich solche Worte singe,
- Braucht es dann noch großer Dinge,
- Dich zu preisen, Frühlingstag?«
-
-Ganz still schauten Mutter und Sohn von der Höhe nieder in die
-liebliche Landschaft. Da wurde plötzlich die Stille durch hellen
-Singsang unterbrochen, aber Lerchen und Amseln waren es nicht, und
-Heinrich Fries kannte seine Vöglein wohl, die da zwitscherten. Die
-Steinacher Kinder kamen den Berg herauf. Die Schelme wollten die
-Schelmenburg besuchen. Sie kamen aber nicht sacht und gemessen, wie man
-wohl zu vornehmen Leuten geht, ihre Stimmen klangen immer lauter, und
-es war eigentlich ein Wunder, daß der alte Turm nicht vor Schreck über
-den Lärm umpurzelte.
-
-»Holla, wo kommt ihr denn her?« Heinrich Fries stand vor Mädeln und
-Buben, und jäh verstummten alle. Doch nur für einen Augenblick, dann
-schnatterten sie los. »Wir wollen Veilchen suchen. Fräulein Regine hat
-Geburtstag morgen, und die kriegt immer Veilchen, allemal.«
-
-»Wenn se nämlich blühen,« fügte Jackenknöpfle vorsichtig hinzu.
-
-Nun, blühen taten sie in diesem Jahr in reicher Fülle. Da und dort
-schimmerte es ganz blau, und es war nicht schwer, die Körbchen zu
-füllen. Malchen trug eins, ebenso die Freundin Sylvie, Rosine und Trude
-Weber auch; da hinein kamen alle Blüten. Später sollten dann Sträuße
-und Kränze gewunden werden. »Faden haben wir mit, aber die Kränze
-wollen immer nicht werden,« erzählte Hinzpeters Malchen.
-
-»Pflückt nur schnell, ich helfe euch dann,« versprach die alte Frau
-Lehrerin. Da gingen die Kinder eifrig ans Werk, während Heinrich Fries
-seine Mutter auf dem Berg herumführte. Sie war noch nicht oben gewesen,
-denn der Weg war im Winter schwer begehbar. Plaudernd schritten sie
-zwischen den Trümmern dahin, als ein lauter Schrei aufgellte; er kam
-aus einem Winkel, wo noch ein Mauerviereck stand. Von allen Seiten
-her eilten die Kinder dem Schrei nach. Der junge Lehrer machte lange
-Schritte, und seine Mutter folgte, so schnell sie nur konnte.
-
-Was war geschehen? War ein Kind gefallen, ein Stück Mauer
-herabgestürzt? Bleich und zitternd kam Zimplichs Lenchen aus dem Winkel
-heraus. »Da -- da,« stammelte sie, »sitzt der Alte!«
-
-»Welcher Alte, Kind?« Der junge Lehrer nahm die Hand der Kleinen und
-fragte noch einmal freundlich: »Welcher Alte?«
-
-»Der alte Schelm, der immer spukt,« schluchzte Lenchen, die auch so ein
-Angsthäslein war, »und -- und eine große Blume -- oder so was -- hat
-er.«
-
-»Komm mit, und ihr alle auch, wir wollen uns den alten Schelm mal
-ansehen.« Heinrich Fries lachte, und sein heiteres Lachen gab den
-Kindern Mut. Sie folgten mehr neugierig als bänglich, nur Lenchen
-zitterte wie eine Feder im Wind.
-
-[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 137.]
-
-Ein Stück Mauer lag völlig in der Sonne, und auf dieser Mauer saß
--- Besenmüller. Er strickte wieder an seinem rosenroten Strumpf und
-schmunzelte über das ganze Gesicht, als er alle daherkommen sah. »Oh,
-Besenmüller ist’s nur!« schrieen die Kinder enttäuscht.
-
-»Nu freilich, iche bin’s.« Der Alte zog seinen Mund in die Breite, als
-wäre der aus Gummi. »Ihr dachtet wohl, hier säße der Herr Arnulf und
-dächte an alle dummen Streiche, die er gemacht hat in seinem Leben? Nä,
-so etwas is niche.«
-
-»Besenmüller, ach, erzähl’ uns mal von dem!« bettelten die Kinder.
-
-»Heute niche,« brummelte der Alte, er warf dabei einen etwas scheuen
-Blick auf Frau Fries und ihren Sohn. Doch auch die baten: »Erzählen
-Sie, Besenmüller.« Heinrich Fries fügte hinzu: »Ich wollte schon
-lange darum bitten. Der Herr Pfarrer sagte, es wüßte niemand so viel
-Schelmengeschichten wie Sie.«
-
-»Na ja, Geschichten sin was Feines!« Besenmüller nickte. Er sah auf die
-Kinder und auf die noch halb leeren Körbchen. »Aber erst pflückt die
-Veilchen, denn sonst kriegt ’s Fräulein Regine nischt.«
-
-»Ja, erst pflücken. Wenn wir dann den Kranz und die Sträußchen winden,
-erzählt Besenmüller,« sagte auch Frau Fries. Zur Eile brauchte sie
-nicht erst zu mahnen. Die Kinder stoben davon und pflückten nun
-wirklich mit der allergrößten Emsigkeit. Die Körbchen füllten sich,
-und es dauerte nicht lange, da konnten sie die Blumen Frau Fries
-bringen, die sich auf das sonnenbeschienene Mäuerlein gesetzt hatte.
-Mit flinken Händen wand sie den Kranz. Die Mädel, denn dazu waren die
-Buben zu tolpatschig, reichten ihr die Veilchen in kleinen Büscheln
-zu. Besenmüller strickte emsig seinen rosenroten Strumpf, und dabei
-erzählte er, wie einst Herr Arnulf von Steinach an des Kaisers Hof
-gereist war. Die Kinder paßten alle sehr gut auf, am allerbesten aber
-paßte ihr Lehrer auf. Der schrieb nach, so wie Besenmüller erzählte,
-denn Besenmüller hatte seine eigene Weise, Geschichten zu erzählen.
-Wort um Wort kam die Geschichte in Herrn Heinrichs Taschenbüchlein zu
-stehen, und während er so zwischen den Trümmern der alten Schelmenburg
-saß, kam es ihm in den Sinn, er möchte ein Buch von den Schelmen
-schreiben.
-
-»Fertig die Geschichte.«
-
-»Fertig der Kranz,« sagten Besenmüller und Frau Fries fast zu gleicher
-Zeit. »Fein!« schrieen die Kinder im Chor, und es war nicht recht zu
-unterscheiden, ob sie die Geschichte oder den Kranz meinten.
-
-Mutter und Sohn aber sagten, die Geschichte habe ihnen sehr gut
-gefallen. »Ja, und derweile is mein Strumpf fertig geworden. Das is nu
-en Jammer.«
-
-»Warum denn?« fragte Frau Fries erstaunt. »Ein fertiger Strumpf ist
-doch ein gutes Ding.« Doch da fiel ihr ein, Frau Besenmüller hatte
-schon manchmal über ihres Mannes flinkes Stricken geklagt, über die
-viele Wolle, die es kostete. Nur in Steinach gab es etliche Leute, die
-rosenrote und kornblumenblaue Strümpfe tragen mochten, in der Stadt
-wollte sie niemand kaufen. Besenmüllers hatten eine ganze Truhe voller
-Strümpfe liegen, und am liebsten hätte er jeden Tag einen Strumpf
-gestrickt.
-
-Frau Fries versprach neue Wolle, da hellte sich Besenmüllers Gesicht
-wieder auf, und vergnügt wandelten nun alle bergabwärts. Der Lehrer
-stimmte ein Lied an, die Kinder sangen, es wurde ein lustiger Heimweg.
-Dicht vor dem Dorfe erblickten sie alle auf einmal Fräulein Regine,
-die durfte sie nicht sehen. Eins, zwei, drei rannten die Kinder dahin
-und dorthin, nur die Erwachsenen blieben stehen. Erst schaute Fräulein
-Regine erstaunt den Kindern nach, die liefen doch sonst nicht vor ihr
-davon, aber plötzlich glänzte ihr Gesicht in heller Freude, und sie
-sagte schelmisch: »Ach so, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen.«
-
-»Jawohl, und morgen hat unsere Fräulein Regine Geburtstag,« brummelte
-Besenmüller schmunzelnd.
-
-[Illustration]
-
-
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-[Illustration]
-
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-
-Neuntes Kapitel
-
-Besenmüllers Geschichte
-
- Frau Mechthild findet, dreizehn Flicken auf dem Wams und
- neunzehn auf den Hosen wären zuviel, um damit an des Kaisers
- Hof zu reisen, aber Herr Arnulf weiß sich zu helfen, und der
- Graf von Gehlingsberg geht ihm fortan aus dem Wege
-
-
-»Als die Schelme von Steinach noch lebten, haben die Leute noch keine
-Strümpfe gestrickt. So dumm waren sie noch, aber ganz schön muß es
-gewesen sein, ja ja, ganz schön.
-
-Dem Herrn Arnulf von Steinach hat’s auch auf der Welt gefallen, das ist
-ein lustiger Herr gewesen. Er ist auch immer ’n bißchen gern im Lande
-rumkarriolt. Ja ja, das tat er gern. Auf seinem Schafskopf hielt er es
-nie lange aus. Einmal sagte er zu seiner Frau Mechthild: »Frau, ich
-will nach Wien an des Kaisers Hof reiten.«
-
-Sagt Frau Mechthild: »Das kostet Geld.«
-
-Sagt Herr Arnulf: »Ja, das weiß ich.«
-
-Sagt Frau Mechthild: »Aber du hast keins.«
-
-Sagt Herr Arnulf: »Ich werd’s schon kriegen.«
-
-Sagt Frau Mechthild: »Und dein Wams, dein allerbestes, hat dreizehn
-Flicke.«
-
-Sagt Herr Arnulf: »Schaff ich mir ein anderes.«
-
-Sagt Frau Mechthild: »Und deine Hosen haben neunzehn Flicke, und deine
-güldene Halskette hast du verkauft, und deine Rüstung ist verbeult, daß
-Gott erbarm, und dein Barett ist neulich in den Brunnen gefallen.«
-
-Schreit Herr Arnulf: »Hör’ auf, hör’ auf!«
-
-Klagt Frau Mechthild: »Also kannst du nicht reiten.«
-
-Brüllt Herr Arnulf: »Und ich muß doch reiten!« Ja ja, das sagte er.
-Herr Arnulf überlegte nun alle Tage: Wie komme ich in Glanz und Pracht
-an des Kaisers Hof? Denn mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn
-auf den Hosen konnt’ er nicht reiten, das sah er ein.
-
-Er seufzte nun schrecklich jeden Tag, und seine liebe Frau seufzte auch
-schrecklich jeden Tag. Sie war ein gutes Weib, und ihr Mann tat ihr
-leid; sie hätte ihm schon gern geholfen und hätte gern ihr Staatskleid
-für ihn zu Wams und Hose zerschnitten. Es war nur -- sie hatte kein
-Staatskleid.
-
-Eines Tages reitet jemand den Schafskopf hinan: ein Bote war’s von dem
-reichen Grafen auf dem Gehlingsberg. Der Mann stellt sich steif vor den
-Herrn Arnulf, Schelm von Steinach, hin und sagt: »Mein Herr Graf will
-an des Kaisers Hof reiten, er läßt den Herrn von Steinach fragen, ob er
-mitreiten will.«
-
-Sagt Herr Arnulf: »Ja, das will ich tun. Muß nur eiligst meine
-Prunkgewänder richten.«
-
-Sagt der Bote: »Mein Herr Graf reitet schon morgen.«
-
-Sagt Herr Arnulf: »Ist mir auch recht.«
-
-Der Bote geht nun wieder. Frau Mechthild aber jammert: »Mann, liebster
-Mann, dich weisen sie ja mit Schimpf und Schande von des Kaisers Hofe.
-Mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen!«
-
-Doch Herr Arnulf lachte dazu. Er ließ die Pferde satteln und ließ ein
-paar Betten zu großen Ballen zusammenschnüren. Das sei sein Gepäck,
-erzählte er. Dann ging’s los. Hoppla hopp! Drei Knappen und der alte
-Burgwart Berthold, die ritten mit. Frau Mechthild hatte gesagt: »Gib
-fein acht, Berthold, daß sich mein Gemahl nicht noch ein Löchlein
-reißt. Geflickt ist schon schlimm, aber Löcher sind noch schlimmer.« Ja
-ja, das hat sie gesagt.«
-
-Hier hatte Besenmüller Zimplichs Max scharf angesehen, und der war
-feuerrot geworden. Er hatte geschwind die Hand auf sein Knie gelegt,
-das Dreieck da im Hosenbein hätte Besenmüller auch nicht zu sehen
-brauchen. Der erzählte weiter: »Hoppla hopp! Auf halbem Weg von Burg zu
-Burg trafen die Ritter zusammen. Der von Gehlingsberg war reich, geizig
-und faul, und neidisch war er auch, hochmütig und dumm dazu. Er hatte
-den Schelmen von Steinach nur zu dem Ritte fordern lassen, um den wegen
-seiner Armut zu verhöhnen.
-
-Aber wie Herr Arnulf ihn sah, schrie er gleich: »Ei, lieber Freund
-und Gevatter, so fein angetan? Zum Reisen trage ich immer nur alte
-Kleider. Seht da die Ballen, die allerschönsten Gewänder hat meine Frau
-Mechthild hineingetan.«
-
-Der Graf erschrak. Er wurde gleich grün, gelb, rot, blau und braun vor
-Neid. Weg war seine gute Laune, ganz weg.
-
-Na, und nun ritten sie.
-
-»Heiliger Severinus,« seufzte Berthold, »mein Herr hat ein neues Loch
-in der Hose, wie soll das enden!«
-
-Den Herrn Arnulf aber bekümmerte der neue Schaden kein bißchen. Der
-erzählte, ein grünes Sammetwams sei in dem Ballen, ein rotes aus
-Brabanter Tuch, eins, das sei braun wie die Eichenblätter im Herbst,
-und alles sei gar köstlich gestickt und verziert.
-
-So ritten sie. Und wie sie eine Stunde etwa geritten sind, da jackert
-ihnen auf einem mageren Pferd ein Bursche nach. Der verneigt sich vor
-Herrn Arnulf und ruft: »Die gnädige Frau Mechthild schickt Euch dieses
-Amulett, möchtet es immer tragen, es soll Euch wohl schützen.«
-
-Sagt Herr Arnulf: »Das war wohlgetan.«
-
-Sagt der Graf von Gehlingsberg: »Was soll die Narretei?«
-
-Sagt Herr Arnulf: »Das ist ein gutes Ding. Schlimm, schlimm, wenn Euch
-Eure liebe Frau nicht auch ein Amulettlein gab!«
-
-Das ärgerte nun den Grafen gewaltig. Er sagte grollend: »Ich lasse es
-noch holen.« Sagt Herr Arnulf: »Tut das, viellieber Freund. Im Kloster
-zu St. Kilian da warten wir auf den Boten.«
-
-Sagt der Graf: »Der Kunz soll reiten.«
-
-Sagt Herr Arnulf: »Eure Frau wird Euch gewiß ein gar köstlich
-wertvolles Amulettlein senden, laßt zweie reiten, das ist sicherer,
-oder dreie.«
-
-Schreit der Graf: »Dreie, bei meiner Seel’!«
-
-Also ritten dreie, Jörg, Hinz und Kunz. Zurück blieb nur der Damian,
-der war so dumm wie dick, so faul wie lang.
-
-Na, und dann kamen sie an das Kloster von St. Kilian, und die frommen
-Mönche nahmen sie wohl auf. Die rüsteten ein Mahl, und dabei aß der
-Graf von Gehlingsberg einen Rehschlegel, sechs Rebhühner, sechzehn
-Krautklöße, eine Schweinspastete, einen gedünsteten Hecht, eine
-Schüssel gedämpften Kohl, drei Teller voll Backwerk und dreizehn« --
-»Besenmüller, das ist zu viel,« riefen die Kinder entrüstet, und Arne
-fügte keck hinzu: »Da wäre ihm ja der Bauch geplatzt.«
-
-»Na ja, meinetwegen, wenn ihr’s ihm nicht gönnt, mag er weniger
-gegessen haben.« Besenmüller ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen,
-gemächlich fuhr er fort: »Aber plumpsatt war er, das steht nu mal
-feste. Kaum schnaufen konnt’ er. Ja ja, so war’s.
-
-Der Graf müsse in ein pechdunkles Kämmerlein zu liegen kommen, riet der
-Schelm von Steinach, da könnte er sich gut ausschlafen.
-
-Sagten die Mönche: »Soll uns wohl recht sein.«
-
-Meinte Herr Arnulf: »Den Damian müßten sie dazu legen.«
-
-Sagten die Mönche: »Ei freilich, der soll seinem Herrn aufwarten.« Sie
-führten denn nun den Grafen in ein fensterloses Kämmerlein, und weil
-sie mit brennenden Kienspänen leuchteten, merkte der es nicht. Und
-Damian merkte überhaupt nie etwas.
-
-Der Graf von Gehlingsberg tat einen mächtigen Gähner, und plumps fiel
-er auf sein Lager und schlief. Damian tat einen noch lauteren Gähner,
-und er schlief schon, ehe er auf sein Lager kam.
-
-Sagten die Mönche: »Unserem Gast wird nichts die Nachtruhe stören.«
-
-Sagte Herr Arnulf: »Wäre auch schlimm. Wird der im Schlaf gestört, haut
-er um sich wie weiland St. Georg der Drachentöter.«
-
-Die Mönche erschraken sehr und versprachen, nichts, auch nichts sollte
-ihren werten, vornehmen Gast stören.
-
-Sagte Herr Arnulf: »Und verwahret seine Reisesäcke wohl. Ich muß mit
-dem Frühesten davonreiten.«
-
-Sagten die Mönche: »Wir wollen tun, wie du es befohlen.«
-
-Als das Morgenglöcklein läutete, ritt Herr Arnulf mit den Seinen von
-dannen. Seine Bettsäcke ließ er den Mönchen da, und er hieß seine
-Knechte des Grafen wohlgefüllte Truhen aufladen. Die Mönche meinten,
-so sei es richtig, und verwahrten die Bettsäcke in des Klosters
-reicher Schatzkammer. Also ritt Herr Arnulf, der Schelm von Steinach,
-geschwind hinweg. Der Graf von Gehlingsberg aber schlief zwölf Stunden,
-da drehte er sich das erste Mal um. Er tat seine Augen ein viertel auf,
-blinzte und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das dachte er.
-
-Darauf schlief der Graf wieder zwölf Stunden, drehte sich wieder um,
-tat seine Augen halb auf und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das
-dachte er wieder.
-
-Damian aber rührte sich nicht, tat seine Augen nicht auf, und denken
-tat er erst recht nichts.
-
-Inzwischen langten die drei Knappen Hinz, Kunz und Jörg am Kloster St.
-Kilian an und begehrten, vor ihren Herrn geführt zu werden.
-
-Sagten die Mönche: Nein, das ginge nicht, der müßte seine Ruhe haben.
-
-Nun, die Knappen waren’s zufrieden. Der Bruder Küchenmeister wartete
-ihnen gut auf. Der Bruder Kellermeister schenkte ihnen manche Kanne
-Wein, da ließen sie sich’s wohl sein.
-
-Zwei Nächte und einen Tag schlief der Graf von Gehlingsberg, dann
-wachte er auf. Er brummte: »So einen unruhigen Schlaf habe ich lange
-nicht getan; nun bin ich schon dreimal aufgewacht, und immer ist’s
-noch Nacht.« Er seufzte schwer, und auf einmal fing ihm sein Magen zu
-knurren an. Rrrrrrrrrrrrrruh ging es.
-
-Schrie der Graf von Gehlingsberg: »Ich bin krank, ich bin krank. Oh,
-wie tut mir das im Magen weh!«
-
-Die Mönche hörten das mächtige Schreien und liefen angstvoll herbei.
-Taten die Türe auf, und das helle Sonnenlicht strömte in das
-fensterlose Kämmerlein.
-
-Riefen die Mönche: »Ei, Herr, was habt Ihr für einen guten Schlaf
-getan! Sechsunddreißig Stunden pflegtet Ihr der Ruhe.«
-
-Schrie der Graf: »Was schwätzt ihr da, sechsunddreißig Stunden hätte
-ich geschlafen? Wirklich, sechsunddreißig Stunden?« Ja ja, das fragte
-er.
-
-Seufzte der Damian: »Man kann sich auch niemals im Leben ordentlich
-ausschlafen.«
-
-Rief der Graf: »Oho, nun weiß ich’s, woher mir das Grimmen im Magen
-kommt, ich habe Hunger!«
-
-»Ich auch, ich auch!« stöhnte Damian, der wurde da ganz munter. Der
-Bruder Küchenmeister aber lief eilig, um ein gutes Mahl zu rüsten. Der
-Graf von Gehlingsberg ließ sich das Frühstück wohl schmecken, und erst
-als er satt war, fragte er nach seinem Reisegenossen. Der sei schon
-lange fort, hieß es, aber des Grafen Reisegut liege wohlverwahrt in
-des Klosters Schatzkammer.
-
-Sagte der Graf nachdenklich: »Ei, dann ist auch Zeit, wenn ich morgen
-mit dem Frühesten reite. Will mich noch einmal ordentlich ausruhen für
-den langen Ritt.«
-
-Rief Damian: »Das ist wohlgetan. Ich spüre das erste Reiten noch in
-allen Knochen. Umfallen könnte ich vor Müdigkeit.«
-
-Also blieben der Graf und die Knappen noch den Tag und die nächste
-Nacht im Kloster und ließen es sich wohl sein.
-
-Seufzte der Bruder Küchenmeister: »O weh, sie essen alle meine Vorräte
-auf!«
-
-Klagte der Bruder Kellermeister: »O weh, mein schöner Wein, sie trinken
-ihn allen aus!«
-
-Am nächsten Morgen entstand ein lautes Geschrei, denn da merkte der
-Graf von Gehlingsberg den Tausch des Schelmen von Steinach. Frau
-Mechthild hatte ihre allerältesten Betten zur Reise hergegeben, und
-soviel der Graf, seine Knappen und die Mönche auch suchten, die
-köstlichen Gewänder, von denen der Schelm von Steinach erzählt hatte,
-die waren nicht zu finden. Der Graf wurde fuchsteufelswild, und selbst
-Damian vergaß vor Zorn seine Schläfrigkeit. Sie setzten sich auf ihre
-Pferde und ritten eilfertig davon, um nur rasch an des Kaisers Hof zu
-kommen und dem Schelmen seinen Raub wieder abzujagen. --
-
-Herr Arnulf war unterdessen einen andern Weg geritten. Als das Kloster
-St. Kilian hinter ihnen lag, sagte er zu Berthold, seinem Burgwart:
-»Wie rede ich mich aus, wenn nun der Herr von Gehlingsberg auch an des
-Kaisers Hof kommt?«
-
-Sagte Berthold: »Reitet nicht an des Kaisers Hof.«
-
-Zürnte Herr Arnulf: »Was soll der dumme Rat?«
-
-Sagte Berthold: »Ein Kaiser ist freilich ein Kaiser, aber ein Herzog
-ist auch ein hoher Herr. Reitet an eines Herzogs Hof.«
-
-Sagte Herr Arnulf: »Das Wort läßt sich hören.«
-
-Sagte Berthold: »An des bayrischen Herzogs Hof wird’s Euch wohlgehen.«
-
-Sagte Herr Arnulf: »Das gilt. Kurzweil und ritterliche Spiele gibt’s
-dort auch. Des Herzogs Sohn soll Hochzeit halten, da wird es gut sein.
-Also reiten wir.« Ja ja, so sagte er.
-
-Nun ritten sie und kamen auch an den Hof des Herzogs von Bayern. Dort
-war ein lustiges Leben, und der Schelm von Steinach, der stattlich
-in des Grafen von Gehlingsberg Kleidern einherging, wurde wohl
-aufgenommen. Er gewann güldene Preise im ritterlichen Spiel, und weil
-der Herzog um der Hochzeit willen seine Gäste freihielt, brauchte der
-Schelm keinen Batzen und kein Hellerlein auszugeben. Auch ein reiches
-Gastgeschenk erhielt er noch. Die güldenen Preise verkaufte er, und so
-zog er mit wohlgefülltem Säcklein nach etlichen Wochen von dannen. Ja
-ja, so war’s.
-
-Inzwischen war der Graf von Gehlingsberg an des Kaisers Hof gewesen,
-hatte dort den Schelm nicht gefunden und hatte dort viel Spott und
-Neckerei erfahren. Es glaubte ihm niemand sein Märlein, und weil er
-auch ein einfältiger Herr war, meinten alle, sie hätten einen Narren
-vor sich. Der Graf vertat sein Geld und gewann nicht Ehre und nicht
-Freunde, und mißmutig kehrte er nach etlichen Wochen heim. Im Kloster
-zu St. Kilian gedachte er seine letzte Rast zu halten, und der Zufall
-führte am nächsten Morgen den Schelmen vor das Kloster. Als dies
-der Schelm hörte, ritt er eiligst von dannen, und an der Stelle,
-an der er einst den Grafen getroffen hatte, sagte er zu Berthold,
-seinem Burgwart: »Nun reite geschwind nach Gehlingsberg, bringe der
-Frau Gräfin ihres Mannes Reisetruhen und dieses goldene Ringlein als
-Reisegeschenk. Sag’ ihr, mit hohen Ehren sei ihr Mann an des Kaisers
-Hof empfangen worden, und er sei nun schon auf dem Heimweg, sie möge
-ihn wohl empfangen.«
-
-Sagte Berthold: »Das will ich recht ausrichten.« Er ritt mit den
-Knappen nach Gehlingsberg, während der Schelm heimwärts ritt im neuen
-Wams, sein gutgefülltes Beutelchen in der Tasche.
-
-Als er am Tor anlangte, lief Frau Mechthild ihm entgegen und klagte:
-»O du armer Mann, ohne deine Knechte kehrst du heim! Dir mag es übel
-ergangen sein.« Ja ja, so klagte sie.
-
-Rief Herr Arnulf: »Schau her!« Er wies ihr das neue Wams, das Geld und
-eine feine Gürtelschnalle.
-
-Lachte Frau Mechthild: »Ich sehe schon, die Schelme verderben nimmer.«
-
-Mißmutig kehrte der Graf zu seiner Burg zurück. Doch dort empfingen
-ihn alle festlich geschmückt, und seine Frau Gräfin rief: »Willkommen,
-edler Held!« Sie dankte ihm gar herzlich für das güldene Geschenk.
-
-Sagte der Graf brummig: »Was soll das Geschrei?«
-
-Schrie Damian: »Herr, da stehen unsere Truhen.«
-
-Sagte die Gräfin: »Die sandtest du mit des Schelmen Knechten. Die haben
-auch gesagt, wie reich du geehrt worden bist an des Kaisers Hof.« Da
-schwieg der Graf mäuschenstill und verbot auch seinen Knechten zu
-sagen, wie es ihnen ergangen war. Ja ja, das tat er.
-
-Er erzählte viel von des Kaisers Hof, zuletzt glaubte er selbst, ihm
-sei es gut gegangen dort, und schließlich glaubten alle, der Kaiser
-würde wohl auch bald zu Besuch kommen, weil er dem Grafen so gut war.
-
-Aber mit dem Schelmen von Steinach tat der Gehlingsberger nie mehr eine
-Reise zusammen. Mit Fehde überzog er freilich auch nicht seine Burg,
-wie er es sich vorgenommen hatte. Sah er von fern den Schelmen kommen,
-dann beschrieb er einen großen Bogen um ihn, er fürchtete dessen Spott.
-Ja ja, den fürchtete er.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
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-
-
-Zehntes Kapitel
-
-Sommertage
-
- Des Pfarrers Freund redet vom Krieg, aber dem jungen Lehrer
- laufen die trüben Kriegsgedanken davon -- Auf dem Schafskopf
- brennt das Johannisfeuer, die Rosen blühen, es wird wieder
- Geburtstag gefeiert, und niemand weiß an dem Tage, was in der
- Welt geschehen ist -- Der Lehrer erzählt von Deutschland, und
- Frau Fries hält ihr Herz fest und klagt nicht.
-
-
-Pfarrers Regine hatte ihren Geburtstag gefeiert, und die Sonne hatte
-dazu geschienen, wie es sich für einen rechten Frühlingstag schickt.
-Kein Wölkchen war zuerst am Himmel gewesen, aber plötzlich, am
-Nachmittag, waren schwere, dunkle Wolken aufgezogen, Sturm, Regen, ein
-Blitz, ein Donnerschlag, und im Umsehen war es wieder hell gewesen. Das
-erste Frühlingsgewitter war vorübergerauscht. Ein paar Tage lang hatte
-es im Pfarrhaus köstlich nach Veilchen geduftet, dann waren die kleinen
-blauen Frühlingskinder verwelkt, und droben auf dem Schafskopf sproßten
-Blätter und Knospen der Heckenröslein hervor. Die sagten: »Nun kommen
-wir bald dran.«
-
-»Nein, erst wir.« sagten im Wald die Maiglöckchen. In den Gärten
-blühten Narzissen, Tulpen, Schwertlilien, Stiefmütterchen, hängende
-Herzen und viele andere Blumen auf. Die drei Straßen hatten sich wieder
-in weiße, schimmernde Wege verwandelt, gerade wie vor einem Jahr, als
-Heinrich Fries Steinach am Wald zum erstenmal gesehen hatte. Er dachte
-daran und dachte dabei auch an seinen Reisegefährten, der ihm zuerst
-von den Schelmen erzählt hatte. Und ganz unvermutet lief ihm der alte
-Herr über den Weg, mitten auf der Apfelstraße. Sie erkannten sich
-beide, und der junge Lehrer erfuhr nun, sein Reisegefährte sei ein
-Freund des Pfarrers. »Ich flüchte mich immer mal für etliche Tage in
-Steinachs Stille, und dies Jahr war die Sehnsucht besonders groß. Es
-sieht nicht gut aus in der Welt.«
-
-»Nicht gut sieht es aus in der Welt? Wieso?« Der junge Lehrer fragte es
-erstaunt, nachdenklich.
-
-Der andere nickte: »Ja ja, mir will’s immer scheinen, als hinge Krieg
-über uns gleich einer Wetterwolke.«
-
-»Krieg!« Das Wort stimmte so gar nicht hinein in den heiteren
-Frühlingsfrieden von Steinach, und Heinrich Fries sagte abwehrend:
-»Ach Krieg, es wurde schon so oft davon gesprochen -- ich glaube nicht
-daran.«
-
-»Hurra, Hurra, bald ham’ mer se!« Wildes Geschrei gellte auf, und über
-die Apfelstraße hinweg rasten vier Buben, ein halbes Dutzend andere
-folgten ihnen, bewaffnet mit Blechsäbeln, einem Pusterohr und einem
-Ding, das ungemein viel Lärm machte. Eine Rassel war es von lauter
-alten Topfdeckeln.
-
-»Wen habt ihr bald, he?« Jackenknöpfle lief seinem Lehrer gerade in
-die Arme, und der hielt ihn fest. Doch der kleine, dicke Kerl mußte
-erst ein paarmal nach Luft schnappen, ehe er Antwort geben konnte.
-»Wen wollt ihr fangen?« Heinrich Fries fragte es noch einmal, und nun
-stieß Jackenknöpfle heraus: »Die Indianer! Wir spielen Indianers, und
-dahinten liegt Indien.«
-
-Er deutete nach dem Schelmenacker hin, und sein Lehrer meinte heiter:
-»Nenn’s Amerika, da nun doch einmal dort die Heimat der Indianer ist.«
-
-Er ließ Jackenknöpfle los, der stürzte eilfertig davon, und das
-Geschrei aller vereinte sich bald drüben am Schelmenacker. »Solchen
-Krieg gibt’s immer,« sagte der junge Mann zu dem Alten.
-
-Der sah ernst ins Weite. »Wer weiß, wie bald unsere Jungen gegen
-Franzosen, Russen und noch sonst welchen Feind ins Feld ziehen wollen!«
-
-»Glauben Sie das?« Nun lächelte auch Heinrich Fries nicht mehr. Er
-sah zum Himmel auf, der klar und blau war. Würde so schnell ein Wetter
-daherziehen wie an Fräulein Regines Geburtstag? --
-
-Wie schön war der Frühling, wie schön, selbst wenn der Regen warm und
-lind auf die Erde niedersank. Und wie leicht laufen trübe Gedanken
-im Frühling davon. Heinrich Fries erging es so. Als er dann mit
-seinem alten Reisegefährten am Pfarrhaus anlangte, stand Fräulein
-Regine da, die hatte sich mehr noch als sonst ihr liebliches Gesicht
-mit Frühlingssonne eingerieben, da liefen geschwinde alle trüben
-Kriegsgedanken davon.
-
-Das taten die bösen Gedanken noch manchmal in diesen Tagen, aber -- sie
-kamen doch immer wieder. Der alte Herr Berner, so hieß des Pfarrers
-Freund, war abgereist, beim Abschied hatte er gesagt: »Im August komme
-ich wieder -- vielleicht.«
-
-»Vielleicht, vielleicht,« sang Pfarrers Regine fröhlich, »vielleicht
-reise ich im August in die Schweiz, vielleicht sehe ich Schneeberge.«
-
-»Vielleicht, vielleicht baue ich mir ein Schloß im Monde,« neckte sie
-der Vater.
-
-»Vielleicht erhalte ich zum Herbst eine bessere Stelle in der Stadt,«
-sagte Heinrich Fries zu seiner Mutter. Er sagte es hoffnungsfroh, und
-die alte Dame unterdrückte den leisen Seufzer. Ach, sie wäre so gern
-in Steinach geblieben!
-
-Auch die Steinacher Buben und Mädel schmiedeten allerlei Pläne, die mit
-»vielleicht« begannen, und die so wundervoll lustig wie die Sommertage
-waren. »Vielleicht gibt’s diesmal länger Ferien,« sagten die Faulpelze,
-obgleich sie nicht zu sagen wußten, warum dies geschehen sollte.
-
-Vielleicht dürfen wir alle nach M. zum Jahrmarkt, hofften etliche.
-Vielleicht dies, vielleicht das. Eine Ferienfahrt, ein neues Kleid,
-ein riesengroßer Drache, ein langer Schulspaziergang, -- das waren
-alles Dinge, die mit »vielleicht« gesagt wurden. Und darüber reihte
-sich Tag an Tag. Flieder und Goldregen blühten auf und verblühten, die
-Rosen dehnten sich in ihren engen Knospenkleidern und riefen: »Endlich,
-endlich kommen wir an die Reihe!« Sie erblühten in köstlicher Schöne,
-kein Gärtlein gab’s in Steinach, in dem nicht ein Rosenbusch wie ein
-holdseliges Mädchen stand. Wer daran vorüberging und eine horchende
-Seele hatte, der hörte wohl, wie die Rosen sangen: »Sonne, küsse uns,
-Wind, streichle uns, Mensch, freue dich an uns!«
-
-»O ihr Rosen, ihr lieben Rosen!« sang Pfarrers Regine, wenn sie
-durch den Garten ging, und dann mahnte sie: »Vergeßt es nicht, am
-Johannistag recht schön zu blühen, das gehört sich so, und dann noch
-ein paar Tage länger, dann hat die alte Frau Lehrerin Geburtstag. Ihr
-erster ist’s in Steinach, den wollen wir recht feiern.«
-
-Der Johannistag kam, die Rosen blühten und dufteten, auf dem Schafskopf
-brannte ein Johannisfeuer, und Frau Besenmüller schalt: »So etwas weckt
-nur die alten Schelme auf, das is niche gut.«
-
-»Lydia, schimpf’ nicht,« sagte ihr Mann. »Denk’ daran, Sonntag hat
-unsere alte Frau Lehrerin Geburtstag.«
-
-Da wurde Frau Besenmüller sanft und freundlich und redete von allerlei
-Festvorbereitungen. Die alte Frau Lehrerin hatte sich längst viele
-Herzen in Steinach gewonnen. Wenn sie über die Gasse ging und in
-ihrer freundlichen, stillen Weise alle grüßte, dann sagten wohl die
-Steinacher: »Die paßt nu so recht scheen zu uns.«
-
-Und diese gütige, sanfte Frau hatte nun Geburtstag, an einem Sonntag
-dazu. Die großen Leute fanden dies paßlich, und die kleinen Leute
-ärgerten sich darüber. Warum nicht an einem Wochentag, der dann zu
-einem Feiertag wurde? Wie konnte ein Geburtstag nur so ungeschickt
-sein, auf einen Tag zu fallen, an dem es ohnehin Kuchen gab in den
-meisten Steinacher Häusern! Trotz dieses Ärgers wanderten aber alle
-Schulkinder in der rechten Geburtstagsstimmung am Morgen vor das
-Schulhaus und sangen dort einen Morgengruß. Die Brummer mit. Fräulein
-Regine hatte ihnen einen wundervollen Rat gegeben. Sie hatte gesagt:
-»Singt stumm, den Mund auf, Mund zu und nur im Herzen mitgesungen.« Das
-taten die Brummer nun auch voll Eifer, und Stipsels Oswald sah dabei
-aus wie ein Fisch, den man statt ins Wasser auf ein Sofa gelegt hatte.
-Schnapp auf, schnapp zu, so ging es bei ihm.
-
-»Der Oswald hat wohl was verschluckt? Der kriegt Zustände,« sagte Frau
-Besenmüller ängstlich. Mitten im Lied trat sie hinter den Buben und gab
-ihm einen kräftigen Stoß in den Rücken. »Ist’s raus?« flüsterte sie so
-laut, als müßte das Geflüster oben auf dem Schafskopf gehört werden.
-
-»Hup!« machte Oswald; er konnte vor Schreck nicht sprechen.
-Glücklicherweise ersah Fräulein Regine Frau Besenmüllers Tat, sie zog
-rasch die Frau aus dem Kreis und erklärte ihr das Mund auf, Mund zu.
-
-»I nä,« brummelte Frau Besenmüller, stumm singen, ja, das könnte sie
-auch. Sie trat an ihren Platz zurück, klappte nun auch ihren großen
-Mund auf und zu, und Webers Arne flüsterte Jackenknöpfle ins Ohr: »Wie
-’ne Brotschachtel.«
-
-Trotz dieser kleinen Zwischenfälle klang der Gesang festlich und
-rein in den hellen Sonntagmorgen hinaus, und Frau Fries freute sich.
-Sie freute sich auch über die Rosen, die Pfarrers Regine brachte,
-über all die bunten Sträuße aus den Steinacher Gärten, sie freute
-sich über die lachenden Gesichter der Kinder, und sie freute sich am
-meisten über die Liebe, die man ihr erzeigte. Dieser Tag ging zur
-Ruhe wie ein glückliches Kind, das sich müde gefreut hat und noch im
-Schlafe lächelt. Die Nacht blieb hell, die Sterne funkelten in ewiger
-Schönheit am Himmel, und im Grase wisperten die kleinen, lustigen
-Johanniswürmchen: »Seht nur, wir funkeln auch wie die Sterne!«
-
-»Noch mehr, noch mehr,« sagten die andern Käfer, die konnten nämlich
-nicht bis zum Himmel hinauf sehen.
-
-Im warmen Sommerfrieden schlief Steinach ein, und niemand darin ahnte
-etwas von dem schweren Geschehen draußen in der Welt. Da hatten im
-fernen Land ruchlose Buben Österreichs künftigen Kaiser und seine Frau
-ermordet. Als die Kunde von dem Mord durch die Lande lief, von Stadt zu
-Stadt, das einsamste Dorf nicht vergaß, erfaßte tiefes Entsetzen die
-Menschen. Ein dumpfes Ahnen kommenden Leides lag über den Landen.
-
-»Wir bekommen Krieg,« sagten manche. Aber jene, die nicht gern an
-Sorgen und kommendes Leid dachten, sagten: »Ach nein, wer wird unseren
-Frieden stören und unsere Sommerlust!«
-
-Die Buben und Mädel in Steinach redeten nicht von Krieg und dachten
-nicht an Krieg. Sie gingen in die Schule und freuten sich auf die
-großen Ferien. Am Montag freuten sie sich auf den Sonntag, am Morgen
-auf das Mittagessen, und zu Mittag redeten sie davon, wie sie abends
-auf der Gasse spielen wollten. Sie stiegen auf den Schafskopf, riefen
-und neckten die Geister der alten Schelme, zitterten, die könnten
-wirklich erscheinen, und ärgerten sich, daß sie nicht kamen. Sie
-zankten sich mit Frau Besenmüller und liefen dann schuldbewußt zu deren
-Mann; der mußte seine Frau »Lydia« nennen, damit sie wieder gut werde.
-Auf den Feldern reifte das Korn, und die Schnitter dengelten schon ihre
-Sensen: bald, bald fängt die Ernte an.
-
-So verging Tag um Tag. Das Jahr 1914 saß in seinem Himmelswinkel, es
-strich die Tage aus, und immer ernster wurde sein Gesicht.
-
-Der Juli neigte sich schon seinem Ende entgegen, da kamen Tage, an
-denen niemand Lust zur Arbeit und Freude hatte. Selbst in Steinach
-standen die Männer auf der Dorfstraße und redeten ernst und eifrig
-zusammen, und die Frauen sahen zu ihnen hin, und manch eine wischte
-sich heimlich eine Träne aus den Augen. Wer weiß, wie bald zog ihr Mann
-hinaus!
-
-Der junge Lehrer Heinrich Fries ließ jetzt immer Vaterlandslieder
-singen, und wenn die Kinder aus dem Schulhaus kamen, dann sangen sie:
-»Deutschland, Deutschland über alles,« und immer sang mit, wer es hörte.
-
-Jeden Tag fuhr jetzt jemand nach dem nächsten großen Ort, um dort
-die neuesten Telegramme zu lesen. Dann hieß es den einen Tag: Es
-gibt Krieg! den andern: Der Friede bleibt erhalten. Noch lag eine
-Lokalisierung des Krieges im Bereich der Möglichkeit. Die Diplomatie
-arbeitete fieberhaft. Telegramme flogen hinüber und herüber. Viele
-deutsche Herzen hofften noch, der Friede möchte der Welt erhalten
-bleiben. Aber mitten in alle heitere Sommerschönheit hinein gellte
-der Ruf: »Es gibt Krieg, Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit
-England, Krieg mit der halben Welt.«
-
-Die Buben und Mädel in Steinach hatten sich auf die Ferien gefreut,
-wie sich überall Buben und Mädel auf die Ferien freuen. Aber als sie da
-waren, dachte niemand an Ferienfreude. Am Samstag sollte Schulschluß
-sein, und an diesem Tag gab der junge Lehrer Heinrich Fries keine
-Stunde mehr. Er hatte die große Karte von Europa angehängt, und daran
-zeigte er den Kindern, wie riesengroß die Länder der Feinde waren gegen
-die der beiden treuen Bundesbrüder Deutschland und Österreich-Ungarn.
-Weit, weit über halb Asien hinweg dehnte sich das unermeßliche
-russische Reich, und Frankreich lag mit weiten Küsten am blauen Meer.
-Im Norden drohte England. Feinde, Feinde, wohin das Auge blickte. Die
-Brandfackel des Weltkriegs, des fürchterlichsten aller Kriege, war
-entzündet. Das Verhängnis nahm rasch und unaufhaltsam seinen Lauf.
-
-Armes Deutschland, armes Vaterland! Dem jungen Lehrer wurde das Herz
-schwer, als er an das furchtbare Ringen dachte, das nun beginnen
-würde. Doch größer noch als die Sorge war die Freude, daß auch er mit
-hinausziehen durfte in den Kampf für das Vaterland.
-
-Und an diesem letzten Schultag ließen die Kinder Bücher und Hefte in
-ihren Ranzen, und Heinrich Fries erzählte ihnen von Deutschland, von
-seiner Vergangenheit, seiner Herrlichkeit und seiner Not, wie es immer
-und immer wieder hatte kämpfen müssen um seine Freiheit. Auch von des
-Vaterlandes stiller Schönheit sprach der junge Lehrer, von seinen
-Städten, Dörfern, seinen Wäldern und Flüssen, seinen friedlichen Tälern
-und vom deutschen Heimatzauber.
-
-Es war mäuschenstill in der Schulstube. Noch nie hatten die Kinder so
-lautlos zugehört, und keines sehnte das Ende dieser letzten Schulstunde
-herbei. Und als draußen die Glocke ertönte, die Frau Besenmüller im
-Jammer ihres Herzens wilder denn je schwang, da baten all die braunen
-und blauen Kinderaugen, in die der Lehrer sah: »Weiter, weiter!«
-
-Heinrich Fries atmete tief. Das eine Fenster der Stube lag in der
-Sonne, und golden umwob der Schein die Buben- und Mädelköpfe. Das
-würde er nun lange nicht mehr sehen, vielleicht nie wieder. Er zog
-hinaus in den Kampf, vielleicht in den Tod! Er schwieg, atmete tief,
-und dann sagte er einfach: »Ich gehe nun von euch, Kinder; ob wir uns
-wiedersehen, steht in Gottes Hand. Er schütze unsere Heimat, er schütze
-euch. Werdet tapfere deutsche Männer und Frauen und vergeßt es nie,
-nie: Das Vaterland über alles!«
-
-Deutschland, Deutschland über alles! Jauchzend brauste der Gesang
-plötzlich auf, die Kinder wußten selbst kaum, wie es kam, daß sie
-auf einmal das Lied sangen. Wie ein Jubelruf klang es und ein Gebet
-zugleich. Draußen vor der Tür stand Frau Besenmüller, sie hielt die
-Schulglocke fest im Arm, und heiße, heiße Tränen rannen darauf nieder.
-»Das Herze bricht einem fast!« schluchzte sie. »Nä, der Jammer, nä, das
-Unglück!«
-
-»Schäm’ dich, Lydia, so redet keine deutsche Frau,« rief ihr Mann von
-der Treppe her. »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die nimmt ihr Herze
-fest in die Hände.«
-
-Da schwieg Frau Besenmüller beschämt. Ihr Mann hatte recht, der hatte
-immer recht. Und stille nahm sie sich vor, so tapfer zu sein wie Frau
-Fries, die ihr Herz fest hielt und nicht weinte und nicht klagte.
-
-[Illustration]
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-[Illustration]
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-
-
-Elftes Kapitel
-
-Schwerer Abschied
-
- Die Steinacher ziehen auch hinaus, und Schwetzers Fritze will
- mit -- Auch Pfarrers Regine will hinaus, geht aber dann zu
- Traugotts -- Der alte Briefträger übt wieder sein Amt aus, und
- Fritze schreibt einen Brief und prügelt sich mit seinem Freund
- Arne
-
-
-Mobilmachung, Abschied!
-
-In jeder Stadt, in jedem Dorf in deutschen Landen war es in den ersten
-Augusttagen von 1914 das gleiche Bild. Stille legten viele, viele
-Männer ihre Arbeit nieder und verließen Haus und Hof, verließen die
-Heimat, um für den Frieden dieser Heimat zu kämpfen. In Steinach am
-Wald war es nicht anders. Da mußten Frauen ihre Männer ziehen lassen,
-die Kinder weinten den Vätern nach und die Mütter den Söhnen. Und wenn
-in diesen Tagen einer Mutter das Herz gar so schwer wurde und ihre
-Tränen nicht versiegen wollten, dann mahnte wohl der Mann oder der
-Sohn: »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die ist tapfer, und ’s ist
-doch auch ihr Einziger.«
-
-Frau Fries nahm wirklich ihr Herz fest in beide Hände, sie klagte
-nicht und weinte nicht. Still und emsig half sie dem Sohn die Sachen
-rüsten, und sie half auch andern. In diesen Tagen begannen die Frauen
-von Steinach in das Schulhaus zu laufen, um sich Rat zu holen und
-Trost dazu. Die sanfte Frau, die noch kaum ein Jahr in ihrer Mitte
-lebte, wurde ihnen allen eine Helferin, und manch ein Mann sagte beim
-Abschied: »Na, Pfarrers sin ja da un die alte Frau Lehrerin, da frag’
-nur, die helfen schon.«
-
-Mann um Mann verließ das Dorf. Am zweiten Tage schon zog Heinrich Fries
-hinaus. Seine Schulkinder standen vor der Türe, die gaben ihm das
-Geleit bis zur Apfelstraße, da sandte er sie heim. Zum Bahnhof sollte
-ihn allein seine Mutter begleiten. Die ganze Straße entlang aber tönte
-es ihm nach: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!«
-
-Endlich verhallten die Rufe, und ein paar Minuten waren Mutter und Sohn
-allein, die andern Abfahrenden waren schon vorangegangen. Wie sie aber
-beide an den Himbeerapfelbaum kamen, sahen sie dort einen Buben stehen,
-der hatte den Baum umschlungen, als müßte er von dem Abschied nehmen.
-
-»Holla, Fritz Schwetzer, was machst du hier?« Heinrich Fries trat
-allein auf den Buben zu; seine Mutter blieb ein paar Schritte zurück,
-sie dachte, mit dem Buben muß nur einer jetzt reden. »Sag’, was fehlt
-dir? Dein Vater zieht doch nicht hinaus?« forschte der junge Lehrer.
-
-Schwetzers Fritze schämte sich, daß er weinte, und er konnte doch
-nicht anders. Es gibt halt Stunden, in denen auch ein Bube nicht ohne
-Tränen fertig werden kann. Sein Lehrer spürte, hier gab es wirkliches
-Herzeleid, und viel freundlicher als sonst klang seine Frage: »Wo
-fehlt’s denn, Fritze, was bedrückt dich?«
-
-»Weil -- weil -- Sie in ’n Krieg gehen un -- nu totgeschossen werden!«
-Fritz stieß es heraus und umklammerte laut schluchzend des Lehrers
-Hand. Der strich ihm sacht über den Struwwelkopf. »Na, na, mein Junge,
-so schlimm braucht es doch nicht gleich zu werden. Tut’s dir denn so
-leid?«
-
-Der Bube nickte nur. Er rang mit den Worten, denn er hätte seinem
-Lehrer in dieser Abschiedsstunde gern gesagt, daß er ihm gut war und
-die Schule liebhatte, daß er sich sehnte, so zu werden wie dieser. Aber
-ach, einem Schweiger purzeln die Worte eben nicht so flink aus dem
-Munde!
-
-Ganz langsam kamen sie nur, tropfenweise, aber Heinrich Fries verstand
-auch jene, die ungesagt blieben, er verstand, daß Fritze ihn sehr
-liebhatte.
-
-Es war ihm eine Überraschung. Neun Monde lang war der Bube sein
-Schüler gewesen, und er hatte gar oft in der Zeit gedacht, der ist
-ein Trotzkopf, mit dem kann ich nicht viel anfangen. Und nun in der
-Abschiedsstunde tat sich ihm Fritzes Herz auf, und er lernte verstehen,
-wie schwer es ist, Schwetzer zu heißen und ein Schweiger zu sein.
-»Lieber, lieber Junge, du!« dachte der Lehrer, »dich hab’ ich nun so
-verkannt!«
-
-»Ich -- ich -- will mit.«
-
-»Mit in den Krieg? Das geht nun doch nicht, Fritz.« Heinrich Fries
-sah zu seiner Mutter hinüber. Die stand ein wenig gebeugt, wie
-niedergehalten von schwerer Last mitten auf der sonnigen Straße. Sie
-weinte nicht, aber der Sohn wußte, ihr blutete das Herz in dieser
-Abschiedsstunde. Da sagte er rasch: »Fritz, mitziehen kannst du nicht,
-das weißt du, aber du kannst mir etwas zuliebe tun. Willst du?«
-
-Fritz nickte heftig, ehe er aber noch eine Antwort geben konnte, bat
-sein Lehrer: »Geh oft zu meiner Mutter, besuche sie und habe sie lieb.
-Sieh mal, sie ist nun so allein. Sie braucht jemand in dieser Zeit!«
-
-Heinrich Fries hielt Fritz die Hand hin, und der schlug fest ein. »Ich
-will,« sprachen seine Augen, und der junge Lehrer sagte nur: »Ich danke
-dir.«
-
-Das war der Abschied zwischen den beiden. Fritz rannte davon,
-querfeldein, es brauchte keiner zu sehen, wie traurig er war. Heinrich
-Fries aber ging mit seiner Mutter die Apfelstraße hinab bis zu dem
-kleinen Bahnhof. Der war heute so voller Menschen, als sei Steinach auf
-einmal eine Stadt geworden. Aus ein paar Nachbardörfern trafen sie hier
-zusammen, zehn Mann waren es, die mit dem jungen Lehrer zusammen die
-Heimat verließen. Sie hatten Blumen an Röcken und Mützen stecken und
-sangen wie viele Millionen in diesen Tagen: »Deutschland, Deutschland
-über alles!«
-
-Das Bähnchen pustete heran, an drei Haltestellen hatte es schon
-Reisende aufgenommen. Die standen an den Fenstern, schwenkten die Hüte
-und riefen den Steinachern zu: »Hurra, nun kommen die Schelme von
-Steinach. Na, vor denen reißen die Franzmänner sicher aus.«
-
-Die Steinacher nahmen den Scherz nicht übel. Frohgemut kletterten sie
-in die Wagen. »Die Feinde sollen uns kennenlernen,« jauchzten sie, »die
-Schelme verstehen das Dreinschlagen!«
-
-Der Zug brauste davon. Der Gesang verhallte, und die Zurückbleibenden
-gingen still heim. Frau Fries blieb ein wenig zurück, sie wollte
-allein sein. Als sie aber dann, ein Stückchen hinter den andern, die
-Apfelstraße entlang ging, kletterte Schwetzers Fritze auf einmal aus
-dem Graben heraus. Er schob, ohne ein Wort zu sagen, seine Hand einfach
-in die der alten Frau. »Willst du mich heimbringen, mein Junge?« fragte
-diese.
-
-Fritze nickte und brummelte halblaut dazu: »Der Herr Lehrer hat’s
-gesagt.«
-
-Frau Fries dachte an ihres Sohnes Wort in letzter Minute: »Mutter, wenn
-Fritz Schwetzer zu dir kommt, denke, er kommt von mir.« Sie hielt die
-Bubenhand fest in der ihren, und so gingen sie beide still miteinander
-in das Dorf zurück. An der Haustüre trennten sie sich, und Frau Fries
-sagte laut: »Auf Wiedersehen!« Fritz dachte es nur, aber seine neue
-Freundin verstand ihn doch.
-
-Auch dieser Tag ging zu Ende. Der Abend dämmerte herauf, ruhvoll und
-schön glänzten die Sterne am Himmel, und viele, viele Seufzer, viele
-heiße Bitten stiegen zu ihnen empor. Die Züge fuhren unablässig durch
-das Land, und selbst in Steinachs Stille hinein tönte ihr Brausen.
-
-Frau Fries hörte es. Sie hörte das Ticken der Wanduhr, das schwere,
-lange Schlagen des eigenen Herzens die lange Nacht hindurch. Endlich,
-als der Morgen sich aus den Schleiern der Nacht löste, hielt sie es
-nicht mehr aus im Zimmer, sie rüstete sich zum Ausgang und stieg leise
-die Treppe hinab. Sie wollte Besenmüllers nicht stören, aber unten
-am Fuß der Treppe tat sie doch einen Schrei, denn sie stieß an einen
-weichen, dunklen Gegenstand. Zusammengerollt lag da etwas am Fuß der
-Treppe.
-
-»Meine Güte, nä, unsre alte Frau Lehrerin!« Frau Besenmüller hatte auch
-nicht schlafen können vor Herzeleid um den Krieg. Sie riß ihre Türe auf
-und zündete ein Streichholz an, der Flur lag noch in tiefem Schatten.
-»I nä, so was,« schrie sie, »da liegt ja woll ’n Junge und schläft.«
-Zisch, entzündete sie noch ein Hölzchen, und in dem kleinen Licht
-erkannte Frau Fries Fritze Schwetzer in dem Schlafenden.
-
-»Still, still, Frau Besenmüller,« mahnte sie rasch, »wir wollen den
-Buben nicht wecken, ich trag’ ihn in mein Zimmer.«
-
-»I nä!« Frau Besenmüller sperrte den Mund weit auf, noch schiefer als
-sonst wurde der. Sie war so verdutzt, daß sie nichts mehr zu sagen
-wußte, sondern vor lauter Verwunderung half, Fritze hinauf in das
-Wohnzimmer von Frau Fries zu tragen. Auf das schöne, moosgrüne Samtsofa
-wurde der Bube gelegt, und wieder sagte Frau Besenmüller nur »I nä!«
-Weiter nichts.
-
-»Gehen Sie leise aus dem Zimmer,« bat Frau Fries, und Frau Besenmüller
-tat, als wäre die Elfenkönigin ihre Muhme, so schwebte sie. Dabei stieß
-sie freilich an den Tisch, rannte zwei Stühle fast um, eckte am Schrank
-an, die Tür rutschte ihr aus und fiel krachend in das Schloß, und
-zuletzt purzelten noch ihre Holzpantoffeln die Treppe hinab, sie selbst
-glücklicherweise nicht. Aber all dies Gepolter, Gekrach und Gelärm
-störte Schwetzers Fritze nicht, der schlief ruhig weiter auf dem grünen
-Samtsofa, so ruhig, als wäre das sein Bett.
-
-Frau Fries saß neben ihm und freute sich über den kleinen stummen Gast.
-Wie er nur in das Schulhaus gekommen war? Ob er sie vielleicht hatte
-beschützen wollen und darum auf der Treppe geschlafen hatte? Trotz
-ihres Leides mußte die Frau lächeln, und sanft streichelte sie den
-Buben ein wenig. Von Frau Besenmüllers Gepolter war der nicht erwacht,
-aber das sachte Streicheln machte ihn munter, er reckte und streckte
-sich und sah dann die alte Frau Lehrerin namenlos verwundert an. Wo
-kam die nur auf einmal her, und warum war sein Bett ein grünes Sofa
-geworden? Aber Frau Fries verstand es mit einem zu reden, der für
-jedes Wort Vorspann braucht. So nach und nach kam es heraus, Fritze
-hatte wirklich seines Lehrers Mutter bewachen wollen und hatte sich
-darum an die Treppe gelegt. Daheim war er so in der Mitte drin. Ein
-paar große Schwestern gab es und ein paar winzige Brüderlein, und in
-dem lebhaften Haus hatte es wohl niemand gemerkt, daß er fehlte.
-
-»Wer im Schulhaus schläft, muß auch drin frühstücken,« meinte Frau
-Fries. Sie richtete den Kaffeetisch, und Fritz saß nachher daran
-wie ein Großer, nein, eigentlich wie ein Graf, dachte er. Und dann
-entdeckte seine neue Freundin ein Loch in seiner Jacke, das flickte
-sie ihm noch zu, und darüber wurde es dem Buben immer heimatlicher im
-Schulhaus. Er seufzte ein wenig, als Frau Fries sagte: »Nun mußt du
-aber nach Hause gehen.«
-
-»Hm!« -- eine lange Pause -- »nachmittag komm’ ich wieder.«
-
-»Das ist recht so, also auf Wiedersehen!« Frau Fries lächelte wieder,
-und als ihr Besuch die Treppe hinabstapfte, dachte sie: »Wenn es doch
-schon Nachmittag wäre!«
-
-Sie brauchte sich freilich nicht vor der Einsamkeit zu fürchten, denn
-sie blieb nicht allein. Kaum war Schwetzers Fritze mit hocherhobenem
-Kopf stolz an Frau Besenmüller vorbei zur Türe hinausgegangen, da tat
-sich die Türe schon wieder auf. »Als ob’s Schultag ist,« brummelte Frau
-Besenmüller. Diesmal war es Pfarrers Regine. Die kam in ihres Herzens
-Not zu Frau Fries. Sie wollte auch hinaus, wollte draußen pflegen,
-helfen, ihre Kräfte regen, den Sturm miterleben, nicht im Winkel in
-der Stille sitzen bleiben. Aber ihre Mutter war krank; konnte sie die
-verlassen?
-
-»Wie sollte das werden, wenn jeder von seinem Posten davonlaufen
-möchte?« gab ihre alte Freundin zur Antwort. »Wer daheim Pflichten hat,
-muß erst die erfüllen.«
-
-»Aber draußen wird es so viel Arbeit geben, so viel Leid und Not!«
-klagte Pfarrers Regine.
-
-»Warten Sie nur ab, mein Kind, das Leid kommt auch zu uns, auch hier
-wird es Arbeit geben, hier werden Sie trösten und helfen können.«
-
-Klipp, klapp ging’s draußen, und Frau Besenmüller lief ins Zimmer
-hinein. Sie vergaß alle Höflichkeit, vergaß anzuklopfen, sie jammerte
-laut: »Bei Traugotts, den Müller-Traugotts, ist ’n kleines Mädel
-angekommen, un nu muß heut’ der Mann weg un beide Knechte. Nä, und die
-Male, was das Mädchen ist, heult, weil ihr Schatz mit muß. Sie will
-nach Wiesen gehen, Abschied nehmen. Nä, so was!«
-
-Da küßte Pfarrers Regine die alte Frau Lehrerin und sagte tapfer: »Ich
-will zu Traugotts gehen und der Frau helfen. Ich will in Steinach
-bleiben auf meinem Posten.«
-
-Klipp, klapp ging’s wieder draußen. Diesmal klopfte der Besucher an,
-fest und laut, Frau Besenmüller riß die Türe auf und schrie: »Nä, so
-was, nu ist Schwetzers Fritze schon wieder da!«
-
-»Ich darf bleiben.« Fritze druckste die Worte heraus und sah strahlend
-zu seiner neuen Freundin auf.
-
-»Ih, das könnt’ uns gerade passen,« knurrte Frau Besenmüller, »so ’n
-Nichtsnutz zur Ferienzeit im Schulhaus! Nä, git’s nicht, raus mit dir!«
-
-»Frau Besenmüller möchte gern Wasser getragen haben, Fritze; willst du
-das wohl tun?« fragte Frau Fries in ihrer sanften Weise.
-
-»Hm,« Fritze nickte nur. Er wußte, wo die Eimer standen, wußte, wo der
-Brunnen war; die alte Frau Lehrerin wünschte es, also ging er und trug
-Wasser. Frau Besenmüller aber saß in ihrer Küche auf der Ofenbank und
-sagte nur immerzu: »Nä, so was, die Welt dreht sich um und um, nu trägt
-mir Schwetzers Fritze Wasser, und draußen ist Krieg.«
-
-Frau Besenmüller gab dann freilich das Verwundern bald auf, zu viele
-Wunder geschahen in dieser Zeit. Da schwiegen im Lande Streit und
-Hader, eigensüchtige Ichmenschen wurden freundliche Helfer, alle
-dachten sie nur: »Das Vaterland ist in Gefahr, Herr Gott, hilf uns!«
-
-Die Glocken sangen über die Lande, Fahnen wehten: Sieg, Sieg! In
-den Siegesjubel hinein aber tönte die Klage: »Ostpreußen in Not, in
-Ostpreußen hausen die Russen, als wären die Zeiten des Dreißigjährigen
-Krieges angebrochen.«
-
-Pfarrers Regine lüftete die Fremdenzimmer, überzog Betten, suchte
-Truhen und Schränke durch, das Pfarrhaus wollte Flüchtlinge aufnehmen.
-Frau Fries aber ging von Haus zu Haus, und Schwetzers Fritze folgte
-ihr. Sie bat um alles, was Hausfrauen entbehren konnten, der Landsleute
-Not in Ostpreußen zu lindern. Die Steinacher Bäuerinnen gaben gern, und
-im Schulhaus wurden Kisten gepackt für die Ostpreußen. Dazwischen kamen
-die Frauen aus dem Dorfe und fragten: »Wie machen wir’s, daß unsere
-Männer und Söhne alles richtig ins Feld bekommen? Dies soll verschickt
-werden und das; wie packen wir es ein? Was schreiben wir darauf?«
-
-Und immer wußte Frau Fries Rat. Frau Besenmüller brummelte freilich:
-»Unsere alte Frau Lehrerin soll ja wohl zehn Hände und fünf Köpfe
-hab’n. Nä, so was! Ein Getrample, ’s ist schlimmer, als wenn Schule
-wär’.«
-
-Und dabei rannte Frau Besenmüller doch selbst die Treppe auf, die
-Treppe ab, als wäre sie sechzehn Jahre, nur um ihrer Hausgenossin zu
-helfen. Am allerflinksten aber rannte sie, wenn sie von ferne den
-Briefträger erblickte, aber sie erreichte ihn nie zuerst, immer war
-Schwetzers Fritze schon da. Und Frau Fries erfuhr es schnell, wenn ein
-Brief von ihrem Sohne da war. »Ein Brief vom Herrn Lehrer,« gellte
-Fritzens Stimme auf. Vielfaches Echo antwortete, von da und dort kamen
-Mädel und Buben gelaufen, und der Brief war wie ein König, der mit
-großem Gefolge in sein Schloß einzieht.
-
-Doch wie im Lehrerhaus, so wartete beinahe in jedem Bauernhaus eine
-Mutter, eine Frau auf ein Wort, das von draußen hereinklang. Der alte
-Briefträger Klöppel hatte kurz vor dem Kriege sein Amt aufgegeben
-gehabt. Er lief nun aber wieder mit der Tasche, weil die jungen
-Männer alle draußen waren, dachte unterwegs immer an die Briefe und
-Karten, die er trug. Der hat geschrieben und der, überlegte er, aber
-die Knöpfle wird warten, je, je, so lange kein Brief! Von Pfarrers
-schreibt nur einer, eigentlich müßten’s zwei heute sein. Warum schreibt
-der andere nicht? Ist dem was zugestoßen?
-
-Früher hatten die Steinacher Mädel und Buben sich kein bißchen um
-Briefe gekümmert, das waren für sie Dinge, an denen nur Erwachsene
-Freude hatten. Jetzt war es auf einmal anders geworden, und als
-Schwetzers Fritze selbst vom Herrn Lehrer eine Feldpostkarte bekam, da
-beschlossen alle seine Kameraden und Kameradinnen: »Wir schreiben auch,
-wir woll’n auch was kriegen.«
-
-Etliche liefen auch geschwind zu der ganz kleinen, dicken Krämersfrau
-Laura Langbein und verlangten einen feinen Bogen, aber nur etliche
-feine Bogen wurden Briefe, die in den Krieg reisen konnten, auf den
-andern wimmelten die Kleckse nur so herum wie Fliegen auf einem
-Honigbrot.
-
-Schwetzers Fritze hatte zwar drei Bogen verschrieben, aber zuletzt
-hatte er doch einen vier Seiten langen Brief fertiggebracht.
-Freilich standen auf jeder Seite nur fünf Wörter, doch das schadete
-nichts. Brief ist Brief, und stolz zeigte er seinem Freund Arne das
-Schriftftstück.
-
-»Fein,« lobte der, »aber Briefe schreiben ist nischt, ich geh’ selbst
-raus. Willste mit?«
-
-»Nä.« Fritze sah den Freund verdutzt an, er schüttelte bedachtsam den
-Kopf, das ging doch nicht.
-
-Webers Arne war anderer Meinung. Er hatte sich schon alles fein
-ausgedacht, einen richtigen Kriegsplan hatte er entworfen, und eifrig
-erzählte er, wie er es machen wollte. Höchst einfach war es. »Gehste
-mit?« fragte er wieder.
-
-»Nä,« gab Fritze zur Antwort.
-
-»Bist dumm,« brummte Arne und erzählte weiter. »Gehste mit?« fragte er
-zum dritten Male, und wieder rief Fritze: »Nä.«
-
-»Och, so feige!« kreischte Arne. Doch da verlor Fritze die Geduld,
-puff, puff ging’s los. Einmal lag Arne unten, einmal Fritze. Weil
-sie ziemlich gleich stark waren, bekam jeder Prügel. Der Kampf blieb
-unentschieden, weil Frau Besenmüller mit ihrem Wappenzeichen, einem
-Besen, dazwischentrat; mit Frau Besenmüller wollten sie aber beide
-nicht kämpfen. Sie ließen sich los. Arne raffte seine Mütze vom Boden,
-Fritze nahm den Brief vom Fenstersims, auf das er ihn vorsichtig gelegt
-hatte, und im Davonlaufen schrie der eine noch: »Ich geh doch!« und der
-andere: »Nä.«
-
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-[Illustration]
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-Zwölftes Kapitel
-
-Zwei wollen Helden sein
-
- Frau Besenmüller sagt, es wären hundertvierunddreißig Strümpfe,
- und an einem Tag werden vier Strümpfe und zwei Buben vermißt --
- Zimplichs Max will auch hinaus -- Malchen Hinzpeter denkt nicht
- ans Mundhalten, und ein Bahnwagen fährt nicht immer dahin,
- wohin die Reisenden wollen -- Hindenburg unterhält sich nicht
- mit den Steinacher Buben, und Antwerpen fällt
-
-
-Die Ruhestunden waren knapp in diesen ersten Kriegswochen. Doppelte
-Last lag auf den Schultern der Daheimgebliebenen, und in Steinach
-mußten auch die Kinder helfen die Ernte einbringen. Die Ferien gingen
-vorbei, die keine Ferien gewesen waren, aber die Schule begann nicht,
-der Lehrer fehlte. Zum lustigen Spiel blieb freilich wenig Zeit. Der
-Schelmenacker lag öde, und auf dem Schafskopf hätten die Geister der
-alten Schelme nach Herzenslust spuken können, es störte sie niemand.
-Selbst Besenmüller saß nicht mehr auf der zerbröckelten Mauer im
-Sonnenschein, der blieb auf der Bank vor dem Schulhaus sitzen. Da
-hörte er es doch, wenn es wieder einen Sieg gab, oder wenn einer von
-draußen geschrieben hatte. Dazu strickte er Strumpf um Strumpf, kein
-Weiblein im Dorf konnte es flinker und besser als er. Hatte er wieder
-ein paar Strümpfe fertig, dann seufzte er wohl und sagte zu seiner
-Frau: »So hab’ ich’s mir nu mein Lebtag gewünscht, immer Wolle zu
-haben, viel Wolle und stricken zu können alle Tage. Nä, und nu macht’s
-mir kein rechtes Vergnügen.«
-
-Eines Tages wusch Frau Besenmüller siebenundsechzig Paar rosenrote und
-himmelblaue Strümpfe und hing sie vor dem Schulhaus zum Trocknen auf.
-Sie fürchtete, sie könnten abfärben, und rote und blaue Beine sollten
-die Feldgrauen draußen nicht bekommen. »Sie werden sich ohnehin ärgern
-über die bunten Strümpe,« klagte die Frau, als sie die stattliche Reihe
-überschaute.
-
-»I nä, Lydia,« tröstete Besenmüller, »ob ’n rotes oder blaues Bein im
-Stiefel steckt, ist gleich. So sehr ich for Strümpfe bin, Stiefeln sin
-die Hauptsache.«
-
-»Du hast alleweil recht,« sagte seine Frau. Sie schaute
-bewundernd auf die bunte Pracht, wie ein Festschmuck sah sie aus.
-»Hundertvierunddreißig Strümpe,« rief sie stolz, »nä, die beim Roten
-Kreuz werden staunen!«
-
-»Hundertdreißig,« brummelte Schwetzers Fritze von der Tür her. Dort
-saß er und wartete auf Frau Fries; inzwischen hatte er die Strümpfe
-gezählt. »Hundertvierunddreißig, du Naseweis,« rief Frau Besenmüller
-ärgerlich, »was ich weiß, das weiß ich.«
-
-»Nä, hundertdreißig.« Fritze blieb dabei.
-
-Traugotts Hanne ging just vorbei, und Frau Besenmüller rief ihr zu:
-»Hanne, wieviel Strümpe hängen hier?«
-
-Hanne zählte stöhnend. »Hundertachtzehn!« rief sie.
-
-»Hundertdreißig,« schrie Fritze.
-
-»Hundertvierunddreißig,« zeterte Besenmüller.
-
-»Hundertdreiundfünfzig.« Hinzpeters Malchen war dazugekommen; sie hatte
-auch gezählt.
-
-»Hundertdreißig,« rief nun auch Besenmüller, »Fritze hat recht.«
-
-»Hundertvierunddreißig!« Frau Lydia wurde rot wie ein Krebs vor Ärger.
-»Unsere alte Frau Lehrerin hat sie vorhin gezählt, und die kann’s.«
-
-Zur rechten Zeit, so fanden alle, kehrte Frau Fries heim. Die zählte
-noch einmal und noch einmal, es waren und blieben aber wirklich nur
-hundertunddreißig Strümpfe, vier fehlten, denn auch Frau Fries sagte
-es, vorhin wären es so viel gewesen.
-
-»Die sind weggeflogen,« sagte Hanne und sah sich rundum.
-
-»Da müßte der Wind gerade in deinem Korbe stecken,« spottete
-Besenmüller. Es wehte wirklich kein Lüftchen. Der Tag war warm und
-schön, er hätte ein Sommertag sein können, kaum war der Herbst zu
-spüren.
-
-»Die hat jemand geholt,« rief Frau Besenmüller zornig.
-
-»I nä, ich hab’ doch alleweil hier gesessen!« Ihr Mann schüttelte den
-Kopf. Wer sollte wohl in Steinach Strümpfe von der Leine wegtragen?
-Solche Untaten mochten in Städten vorkommen, in Steinach nicht.
-
-»Aber ’s waren doch hundertvierunddreißig,« jammerte Frau Besenmüller,
-als Frau Fries einwarf, sie könnte sich vielleicht auch verzählt haben.
-
-»Zählen, das kann ich, schreiben und lesen, nä, aber zählen fein. Und
-hundertvierunddreißig Strümpe waren’s.« Dabei blieb Frau Besenmüller,
-aber sooft sie es auch versicherte, die Strümpfe kamen nicht wieder,
-und es wußte ihr auch niemand zu sagen, wohin sie gekommen waren.
-
-Wenn vier Strümpfe auf einmal spurlos verschwinden, so ist das
-sonderbar, viel sonderbarer aber ist es, wenn am hellen Tag zwei Buben
-aus einem Dorf verschwinden, als hätte die Erde sie verschluckt.
-
-Am Abend dieses schönen Herbsttages sagte Arne Webers Mutter ärgerlich:
-»Der Junge ist nicht heimgekommen, seit Mittag sitzt er nun bei
-Knöpfles.«
-
-Knöpfles Haus lag am andern Dorfende, man ging sechs Minuten bis dahin,
-und in Steinach nannten sie das einen weiten Weg. Frau Weber schickte
-daher auch keinen Boten aus; kam Arne nicht heim, so schlief er wohl im
-Knöpfle-Haus. »Morgen gibt’s Geschimpfe,« drohte nur die Mutter. Und
-um die gleiche Stunde sagte dies Frau Knöpfle. Auch sie war ärgerlich,
-daß ihr Jakobus seit Mittag bei Webers war, denn dahin hatte er gehen
-wollen.
-
-In dieser Zeit bedrängten die Bäuerinnen mancherlei Sorgen, und um die
-Kinder, die daheim geblieben waren, konnten sie sich weniger kümmern.
-Erst am nächsten Morgen -- schon war viel Arbeit im Hause getan -- lief
-von Webers zu Knöpfles und von Knöpfles zu Webers je eine Magd, die
-Buben heimzuholen. Die Botinnen kamen mit viel Geschrei zurück. Arne
-war nicht bei Knöpfles und Jackenknöpfle nicht bei Webers.
-
-Vielleicht waren sie bei Zimplichs, vielleicht bei der kleinen
-Krämersfrau Langbein, vielleicht da, vielleicht dort? Erst war es ein
-Fragen ohne Sorgen, aber wie der Tag weiter vorschritt und immer mehr
-Leute im Dorf erklärten, sie hätten die Buben überhaupt nicht gesehen,
-da wurden die Mütter ängstlich. Wo waren die nur? »Vielleicht auf dem
-Schafskopf,« dachte der Bauer Weber, und er sagte nicht, wie jäh die
-Angst riesengroß in ihm wurde, die beiden könnten oben in dem alten
-Gemäuer verschüttet worden sein.
-
-Er stieg selbst hinauf mit seinem alten Knecht, so schnell er konnte,
-andere folgten, aber oben fanden sie alle nichts. Nicht einmal eine
-frische Fußspur war zu sehen. Die Hagebutten glänzten rot wie vor einem
-Jahr, als Heinrich Fries zum erstenmal auf dem Berg gewesen war.
-
-Waren die Buben in den Wald gelaufen und hatten sich dort verirrt?
-Steinacher Buben im Steinacher Wald verirrt! Es glaubte niemand
-recht daran, immerhin begann man im Walde zu suchen. Der Förster war
-eingezogen, nur der alte Waldhüter Michael war da, und der hatte an
-diesem Tage keinen Buben im Walde erblickt.
-
-Unten im Dorf vergaßen die Leute ihre Arbeit, je weiter der Tag
-vorschritt. Immer ungeheuerlicher erschien ihnen das Verschwinden der
-beiden Buben. Frau Besenmüller sagte wieder einmal zu ihrem Mann:
-»Wenn uf emal zwei Buben un vier Strümpe verschwinden, dann hängt das
-zusammen.«
-
-»Hm!« -- Besenmüller sah nachdenklich auf seinen Strumpf, aber
-plötzlich ließ er das Strickzeug fallen und schrie: »Lydia, die sind
-vielleicht zu den Soldaten gerannt!«
-
-Ein tiefer Seufzer gab Antwort. An der Türe stand Schwetzers Fritze,
-der hatte so schwer geseufzt. Besenmüller sah ihn durchdringend an.
-»Heda, mein Freund, du weißt etwas, raus mit der Sprache!«
-
-Das ging nun freilich nicht so flink, und Frau Besenmüller tat das
-Vernünftigste, was sie tun konnte, sie holte Frau Fries herbei. Die
-wußte so lind zu fragen, und nach etlichen schweren Seufzern gab Fritz
-endlich Antwort. »Die sin in ’n Krieg.«
-
-»Wie denn das?« rief Besenmüller. »Einfach so nein, haste nich geseh’n,
-da siehste, das geht doch niche. Wo sind sie hin?«
-
-»Weiß nich,« stöhnte Fritz, »in ’n Krieg.« Und dann heulte er auf
-einmal laut los, denn es tat ihm plötzlich bitter leid, daß er nicht
-mitgezogen war. Er wußte auch wirklich nicht viel mehr; schreiben
-wollten sie, wenn sie erst dort wären, und mit der Bahn fahren.
-
-»Gut, dann kriegen wir sie,« tröstete der Pfarrer, als er das hörte.
-»Irgendwo werden sie eines Tages hungrig und verzagt aufgefunden und
-nach Hause zurückbefördert werden.«
-
-Nun riefen es die Drähte ins Land hinaus: In Steinach haben zwei Buben
-in den Krieg gewollt, sucht, sucht, sucht!
-
-Ein Tag verging und noch ein Tag, keine Kunde von den Verlorenen
-kam. Der Bahnvorsteher in Steinach hatte die beiden nicht gesehen,
-aber in Rothaus, dem nächsten Ort, hatten sich an dem Tage zwei
-Buben Fahrkarten bis zur Schnellzugshaltestelle L. genommen. So viel
-Geld mochten sie gehabt haben, aber mehr nicht. Wo waren sie dann
-hingekommen?
-
-In L. wußte erst niemand etwas von den beiden. Der Pfarrer und Bauer
-Weber -- Jackenknöpfles Vater war auch im Feld -- fuhren selbst hin,
-forschten und fragten. Viel wußte niemand, nur ein Bahnwärter erzählte,
-er hatte die beiden Buben gesehen, einer hätte ein Gewehr gehabt und
-jeder einen Schulranzen.
-
-»Das wird meine alte Windbüchse sein,« brummte der Bauer, »vor der
-läuft kein Hase mehr davon, geschweige ’n Franzose.«
-
-Wo waren die Buben aber mit Ranzen und Schießgewehr hingekommen? In L.
-verlor sich ihre Spur, Fahrkarten hatten sie dort nicht gelöst. Waren
-sie geradeswegs in die fremde Welt hineingelaufen?
-
-»Die finden wir schon,« sagten die Bahnbeamten. Und wieder surrte der
-Telegraph: Sucht, sucht, sucht, hier weinen Mütter in Angst um ihre
-törichten Buben.
-
-»So eine Not fehlt uns auch noch!« schalten in Steinach die
-Erwachsenen. Die Buben, von den sechsjährigen an, die redeten anders.
-»Vielleicht kommen sie doch in den Krieg,« sagten sie untereinander.
-»Wenn sie hinkommen und mittun, dann geh’ ich auch,« erklärte Zimplichs
-Max.
-
-»Ich auch, ich auch,« riefen dann gleich ein paar andere. Alle wollten
-sie gehen, und die Mädel schalten darob, fuchswild wurden die, waren
-bitterböse auf Arne und Jackenknöpfle und weinten, wenn es hieß: »Noch
-immer keine Nachricht.«
-
-»Im Krieg müssen Mädel den Mund halten,« sagte Zimplichs Max einmal
-hochmütig, als Hinzpeters Malchen und ihre Freundinnen auf Arne
-schalten. Aber Zimplichs Max mußte dann bald einsehen, daß Malchen
-auch in Kriegszeiten nicht an das Mundhalten dachte. Zehnmal versuchte
-Max, ihr zu antworten, er kam aber nicht dazu, und zu guter Letzt rief
-Fräulein Regine noch, es sei Strickzeit. Da rannten alle Mädel wie der
-Wind davon, Malchen drehte sich noch auf den Hacken um und schrie
-verächtlich: »Wir stricken fürs Vaterland, aber ihr, ihr, was tut ihr
-denn?«
-
-Weg war Malchen, und alle Buben entrüsteten sich über diese Frechheit.
-Nä, die Mädel sollten nur sehen, wenn sie alle erst Arne und
-Jackenknöpfle folgten. Die kommen hin, ganz sicher, und vielleicht
-kriegen sie das Eiserne Kreuz, und vielleicht redet der Kaiser mit
-ihnen, und vielleicht fangen sie den Franzosenkaiser und --
-
-»Die haben doch keinen!«
-
-»Doch, sie haben einen!«
-
-»Ha, ich weiß es doch!« Zimplichs Max sah sich kampfbereit um, und
-Heine Langbein höhnte: »Nä, so dumm, das niche zu wissen!« Die Buben
-fuhren sich in die Haare, und Frau Besenmüller sagte zu Frau Fries:
-»Wenn nur erst wieder Schule wäre, ’s wird Zeit!«
-
-Und just um die gleiche Stunde ungefähr wurde in L. ein Güterzug
-zusammengekoppelt. Die Wagen wurden hin- und hergeschoben, sie
-pufften aneinander, endlich standen sie in Reih und Glied. Wie sie so
-stillhielten, klang aus dem einen heraus ein jämmerliches Gebrüll.
-
-»Je, je, was ist denn das?« Der Schaffner trat erstaunt an den Wagen,
-riß die Türe auf, und heraus purzelten und schwankten bleich, verheult
-und zitternd Webers Arne und Jackenknöpfle.
-
-»Hopsassa, das sind ja die beiden Steinacher!« schrie der Mann. »Ja, wo
-kommt ihr denn her?«
-
-»Wir woll’n in ’n Krieg!« riefen beide etwas kläglich.
-
-»Na, das ist der nächste Weg, wenn ihr drei Tage hier auf dem Bahnhof
-sitzt. Wie seid ihr denn in den Wagen hineingekommen?«
-
-Tief seufzend erzählten die beiden ihre Schicksale. Sie hatten kein
-Geld gehabt, Fahrkarten zu lösen, und hatten sich heimlich auf den
-Bahnhof geschlichen. Hier hatten sie einen Wagen gesehen, an dem stand
-Straßburg, in den waren sie hineingekrochen. Kaum waren sie drin, hatte
-jemand den Wagen zugeschlossen, und die Fahrt war losgegangen. »Wir
-sind immerzu gefahren,« versicherte Arne. »Sind wir nun bald im Krieg?«
-fragte er bedrückt.
-
-»Im Krieg? Seid froh, daß der so ferne ist! In einer halben Stunde
-fährt der Zug nach Steinach, da seid ihr zum Vesperbrot daheim.« Der
-Bahnvorsteher, der dazugekommen war, lachte und erklärte den Buben, der
-Wagen sei zwischen L. und M. ein paarmal leer hin und her gefahren. Nun
-waren sie wieder in L.
-
-Die beiden senkten die Köpfe wie die begossenen Pudel. So nahe waren
-sie der Heimat, waren gar nicht nach Frankreich gelangt. Heimlich
-frohlockte in ihren Herzen ein Stimmlein: »Wie gut, wie gut!« Aber
-darauf mochten sie nicht hören, und verzweifelt heulten sie los: »Wir
-woll’n in den Krieg!«
-
-»Wohin wollt ihr Dreikäsehoch?« Eine feste, starke Stimme fragte das;
-ein hochgewachsener, älterer Offizier war herangetreten, und der
-Vorsteher klärte ihm den Fall auf. »In den Krieg zieht man nicht mit
-dem Schulranzen.« Der Offizier sagte es ernst, aber er lächelte dabei.
-»Kommt einmal mit, ich will euch etwas vom Krieg erzählen, bis euer Zug
-kommt.«
-
-Die Bahnbeamten machten dem Offizier ehrerbietig Platz. Man sah es
-ihm an, er war schon draußen gewesen in Kampf und Not. Ganz verwirrt,
-geblendet von der Tageshelle nach dem langen Aufenthalt in dem
-dämmrigen Wagen, folgten die Buben. Sie bekamen Brot und Saftwasser,
-aber so hungrig und durstig sie auch waren, denn die Vorräte aus der
-Mütter Speisekammer hatten für die lange Reise nicht gereicht, sie
-vergaßen doch Essen und Trinken vor dem, was sie hörten. Von dem
-Krieg erzählte der fremde Offizier, von dem schweren, harten Kampf,
-dem verzweifelten Ringen gegen anstürmende Übermacht. Im Osten hatte
-der Erzähler mitgekämpft, und er erzählte von verbrannten Dörfern,
-zerstörten Heimstätten, fliehenden Bewohnern, und er erzählte, wie
-unermüdlich deutsche Männer das Land verteidigten. Im Kugelregen, im
-nimmerruhenden Feuer hatten sie gestanden Stunden und Tage, und dann
-waren sie marschiert, Stunden um Stunden, Tage um Tage, hungernd,
-dürstend, aber sie hatten alle nur das eine gedacht: »Es ist fürs
-Vaterland.« Es hatte keiner geklagt, es war keiner verzagt, singend
-waren sie in den Tod gegangen. Und ob die Sonne glühend über ihnen
-brannte, ob sie durch Moor und Wasser waten mußten, ob der Regen sie
-durchnäßte, in Wunden und Schmerzen hatten sie nur an ihr Vaterland
-gedacht. Das war der Krieg, in den die Buben mit dem Schulranzen ziehen
-wollten.
-
-Die beiden Buben saßen still mit gesenkten Köpfen am Tisch. Der Fremde
-sagte nicht: Ihr seid recht dumme, unbedachte Jungen gewesen, was wollt
-ihr mit euren schwachen Kräften da draußen? Aber sie hörten beide doch
-in ihren Herzen diese Worte.
-
-»Nach Steinach, einsteigen,« rief der Schaffner ihnen zu.
-
-Der Offizier sprang auf und schob sie beide rasch dem Zuge zu. Sie
-wurden in einen Wagen gehoben, die Türe wurde zugeschlagen, der Zug
-setzte sich in Bewegung, und die beiden sahen noch eine Weile den
-fremden Offizier groß und stattlich in der Sonne stehen. Wie ein
-rechter Held stand er da. Da stöhnte Arne schwer und sagte scheu: »Am
-Ende war das Hindenburg.«
-
-Jackenknöpfle schnappte nach Luft vor Überraschung. »Hindenburg!«
-Weiter konnte er zuerst nichts sagen, und auch Arne flüsterte es nur
-nach: »Hindenburg!«
-
-Der Gedanke an dieses ungeheure Erlebnis linderte ihren Kummer über die
-verfehlte Reise, auch die Angst vor dem Empfang daheim war nicht groß.
-Vielleicht hatten sie wirklich Hindenburg gesehen, nun konnten sie doch
-etwas erzählen. Zuletzt wuchs ihre Ungeduld, und sie konnten es kaum
-erwarten, wieder in Steinach zu sein. Als der Zug hielt, hatten sie es
-sehr eilig, den Wagen zu verlassen. Sie wollten rasch die Apfelstraße
-entlang laufen und ins Dorf stürmen mit dem Ruf: »Wir haben Hindenburg
-gesehen!« Fein würde das werden, -- es kam aber anders. Auf dem
-Bahnsteig standen Arnes Eltern, Jackenknöpfles Mutter und der Pfarrer,
-denen liefen die beiden Ausreißer gerade in die Arme.
-
-Der Schreck darob fuhr ihnen in die Glieder, und es dauerte ein
-Weilchen, ehe sie reden konnten.
-
-Wo sie gewesen wären, wollten die Erwachsenen wissen. Die hatten nur
-die Nachricht von L. bekommen, die Buben wären gefunden. Da mußten sie
-erzählen von ihrer Fahrt hin und her im Güterwagen von L. nach M. und
-wieder von M. nach L.
-
-»’n ganzen Tag sind wir gefahren,« versicherte Arne.
-
-»Unsinn, drei Tage! Ihr habt wohl immer geschlafen?«
-
-Ja, das mochte wohl sein, geschlafen hatten sie viel, auf Stroh und
-Decken, die im Wagen gelegen hatten.
-
-Was sie gegessen hätten, wollten die Mütter wissen.
-
-Das war eine peinliche Frage, denn Mütter lieben es nie sehr, wenn
-Kinder sich in die Vorratskammer schleichen. Arne half sich, er schrie:
-»Wir haben Hindenburg gesehen!«
-
-»Prahlhans!« Schwapp hatte er einen tüchtigen Katzenkopf weg. Sein
-Vater sah ihn zürnend an. »Geflunkert wird nicht!«
-
-»Vielleicht war er’s doch,« stammelte Jackenknöpfle. Recht kleinlaut
-erzählte er das letzte Erlebnis. »Ihr Dösköppe,« brummte Bauer Weber,
-»ein Hindenburg hat was anderes zu tun als mit zwei Ausreißern zu
-reden.«
-
-Der Pfarrer nickte ernst. »Der reist nicht im Lande herum, im Osten
-hält er Wacht. Gott sei Dank, der uns solchen Wächter gab!«
-
-Da war es nun nichts mit dem Sturm in das Dorf hinein, und doch
-kamen sie mit Jubel an. Denn kaum waren sie wenige Schritte von dem
-Bahnhöfchen entfernt, als der Vorsteher ihnen eiligst nachgelaufen kam.
-»Sie haben Antwerpen, Herr Pfarrer, Antwerpen ist unser, eben wird’s
-gemeldet.«
-
-Antwerpen erobert! Da vergaßen die Männer die Strafrede, und die Mütter
-hatten sie ohnehin schon vergessen in der Freude, ihre unnützen Buben
-heil wiederzuhaben.
-
-Froh ging’s ins Dorf hinein. Nun konnten die Glocken rufen und die
-Fahnen wehen: »Sieg, Sieg, Sieg!«
-
-Arne und Jackenknöpfle marschierten einher, als wären sie wirklich
-draußen gewesen, als hätten sie geholfen Antwerpen erobern. Sie hoben
-stolz die Nasen, und ein Weilchen fühlten sie sich beinahe als Helden,
-weil alle sie anstaunten. Aber nur ein Weilchen hielt der Stolz an,
-dann kam die Vergeltung für begangene Missetaten. Einem Racheengel
-gleich schoß Frau Besenmüller aus der Türe mit dem Rufe: »Meine Strümpe
-her! Wo habt ihr meine Strümpe?«
-
-Die Buben wurden feuerrot, himmelgern hätten sie jetzt wieder im
-verschlossenen Güterwagen gesessen, es half aber nichts. Sie mußten
-ihre Ranzen öffnen, und da kamen wirklich die vermißten Strümpfe zum
-Vorschein. »Die waren doch für Soldaten, und weil wir doch Soldaten
-werden wollten, darum -- --«
-
-»Darum lirumlarum! Setzt euch auf den Schafskopf. Da paßt ihr hin,
-da habt ihr gleich den rechten Namen,« schrie Frau Besenmüller
-erbost. »Nä, so was, die scheenen Strümpe! Und gestimmt hat’s doch,
-hundertvierunddreißig. Ja, zählen, das kann ich. Aber Zeit wär’s, die
-Schule finge an, sonst kommen noch mehr Buben auf dumme Gedanken.«
-
-[Illustration]
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-
-
-[Illustration]
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-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-Advent in Sorgen
-
- Jemand kommt auf der Apfelstraße daher, und der alte
- Briefträger Klöppel sagt: »Morgen, morgen!« -- Weihnachtspakete
- werden gepackt, und diesmal erzählt Vater Hiller eine
- Geschichte, und die Mütter denken an ihre Söhne, Malchen aber
- stimmt die Wacht am Rhein an
-
-
-Ein paar Tage nach Arnes und Jackenknöpfles Heimkehr war es, da kam
-vom Bahnhof her ein alter Mann die Apfelstraße entlang. Er ging ganz
-langsam, blieb auch einmal stehen und sah sich um, und obgleich es
-ein trüber Tag war und der Nebel die Ferne verhüllte, schien dem
-alten Mann doch alles sonderlich gut zu gefallen. Kurz vor dem Dorfe
-bogen von einem Feldweg etliche Kinder auf die Apfelstraße ein. Sie
-hatten Kartoffeln gegraben und sahen wie richtige Erdmännlein aus. Der
-Fremde blieb stehen und ließ die Kinder herankommen; die musterten ihn
-neugierig, aber nur wenige Augenblicke stutzten sie, dann schrieen sie
-plötzlich alle wie aus einem Munde: »Herr Hiller, unser Herr Hiller!«
-
-Es war wirklich Vater Hiller und kein anderer, der da auf der
-Apfelstraße von Steinach stand und all die kleinen schmutzigen Hände
-herzlich in die seinen nahm. Die Kinder meinten, er sei zu Besuch
-gekommen, aber bald erfuhren sie es, Vater Hiller wollte wieder ihr
-Lehrer sein. Er wollte seinen jungen Nachfolger vertreten, bis der
-heimkam.
-
-»Vater Hiller ist wieder da!« Der Ruf lief durch Steinach wie eine
-Siegesnachricht, und wie bei einer solchen strömten die Leute aus den
-Häusern. Vater Hiller war da, ihr alter, guter Vater Hiller, den mußten
-sie doch sehen. Dem alten Mann streckten sich so viele Hände entgegen,
-so viele Leute kamen, ihm guten Tag zu sagen, daß er nur ganz langsam
-vorwärts kam. Frau Besenmüller im Schulhaus verging fast vor Ungeduld.
-»Keinen Empfang, nischte nich hat er gewollt, un nu is ’n Lärm im Dorfe
-wie beim Vogelschießen,« schalt sie. Die große Schulglocke hatte sie im
-Arm, denn damit wollte sie den alten Lehrer begrüßen. Tüchtig klingeln
-wollte sie, die Glocke sollte rufen: »Hurra, hurra!« Endlich näherte
-sich der Zug langsam dem Schulhaus, und nun hielt es Frau Besenmüller
-nicht mehr aus, sie wollte ihr Freudenklingeln beginnen, aber ihre
-Hände zitterten vor Aufregung, die Klingel entrutschte ihr und kollerte
-Vater Hiller vor die Füße.
-
-Der hob sie lächelnd auf. »Ei, die kann es wohl nicht erwarten?« sagte
-er heiter und schwenkte sacht die Klingel. Die tönte ein wenig, nur als
-wollte sie fein bescheiden »Willkommen!« sagen.
-
-So zog Vater Hiller ohne stürmisches Klingelgeläut in seinem lieben
-Schulhaus wieder ein, und am nächsten Morgen stand Frau Besenmüller
-wieder vor der Türe, wie schon viele Jahre, und die Glocke schrie: »Es
-ist Zeit, Zeit, die Schule fängt an! Fleißige und Faule herbei, herbei!«
-
-Die Kinder kamen gern, und als die so lange verschlossene Schulstube
-sich wieder auftat, da wurde es ihnen ganz heimatlich zumute. Auf
-einmal behaupteten sie alle miteinander, sie hätten die Ferien schon
-recht satt gehabt; aber auf die Weihnachtsferien freuten sie sich doch
-alle.
-
-Den Erwachsenen war es nicht weihnachtlich ums Herz in diesem Jahr.
-Die horchten alle hinaus, hin nach des Reiches Grenzen. Immer weiter
-tobte dort der Kampf. Der November kam mit grauen, trüben Tagen, da
-kehrte Trauer ins Pfarrhaus ein: der älteste Sohn war gefallen. Der
-alte Briefträger sagte, als er die Nachricht überbrachte: »Es ist eine
-schwere Zeit für unsereinen, man trägt so viele Sorgen aus.« Dabei
-sah er trüb nach dem Schulhaus hinüber. Da drinnen wartete Frau Fries
-seit zehn Tagen auf einen Brief des Sohnes. »Morgen kommt der Brief,«
-versicherte der alte Briefträger, »morgen sicher.«
-
-Am nächsten Tage -- gegen Mittag kam die Post erst ins Dorf -- rannte
-Fritze Schwetzer weit hinaus auf die Birnenstraße; von dorther kam der
-Bote, vielleicht brachte er heute den ersehnten Brief.
-
-Der Alte winkte schon von weitem abwehrend mit der Hand. »Gibt nichts,
-morgen, morgen -- vielleicht.«
-
-Schwetzers Fritze raste zurück. Vor dem Schulhaus stand schon Frau
-Fries, da tat es der Bube dem alten Briefträger nach, schüttelte auch
-mit dem Kopf: »Morgen, morgen sicher!« Aber er sagte »sicher« dazu.
-
-Und wieder wurde es Mittag, und wieder wartete Schwetzers Fritze weit
-draußen auf der Straße, und der alte Bote schüttelte wieder den Kopf.
-»Heute nicht, aber morgen -- vielleicht.«
-
-So ging es fort Tag um Tag. Einmal stand Fritze nicht mehr allein weit
-draußen, Pfarrers Regine stand neben ihm, die wollte auch wissen, ob
-Heinrich Fries nicht geschrieben hatte. Aber wieder schüttelte der
-Briefträger den Kopf. »Morgen -- vielleicht,« sagte er, wie schon so
-viele Tage, und dann seufzte er: »Eine schwere Zeit, schlimm, schlimm!«
-
-Tag um Tag verging so. Immer wieder lief Schwetzers Fritze hinaus, und
-Fräulein Regine ging mit ihm, und immer kehrten sie beide enttäuscht
-heim und sahen die alte Frau aus dem Schulhaus schon den Weg entlang
-kommen. »Kein Brief, keine Nachricht!«
-
-Dann endlich eine Karte von einem Kameraden. Heinrich Fries wurde
-vermißt. War er tot, war er gefangen? Man wußte es nicht.
-
-»Vermißt!« Es sah niemand in Steinach die alte Frau Lehrerin weinen,
-still tat sie ihre Arbeit, still half sie andern, aber wenn die Leute
-diese stille Frau durch die Gasse schreiten sahen, dann sagten sie
-zueinander: »Der bricht das Herz.«
-
-Im Pfarrhaus trauerten sie um den einen Sohn, aber die Pfarrersleute
-waren noch reich, und die junge Regine tat den Eltern alle Liebe an.
-Sie hatte aber auch immer noch Zeit, in das Schulhaus hinüber zu
-laufen, gerade wie Schwetzers Fritze, der halb im Schulhaus wohnte. Er
-machte seine Arbeiten an Frau Fries’ Tisch, er half Frau Besenmüller,
-und wenn seine alte Freundin durch das Dorf ging, da ging er mit, immer
-drei Schritte hinterher. Redselig war Fritze noch immer nicht, aber mit
-Frau Fries unterhielt er sich doch gut, da brauchte er nur drei statt
-zehn Worte zu sagen, gleich verstand sie ihn. Und wenn er einmal später
-kam, dann sah sie schon nach ihm aus, atmete tief und sagte wohl: »Gut,
-daß du da bist, Fritz!«
-
-Der erste Schnee sank auf Steinach nieder, und er blieb liegen und
-schmolz nicht gleich wie wohl in den großen Städten. Die Adventszeit
-brach an, und wenn die Kinder untereinander waren, dann redeten sie
-doch von Weihnachten, aber je näher das Fest kam, desto weniger wollten
-die Erwachsenen davon wissen. Und doch lud auch dieses Jahr Frau
-Fries die Kinder wieder zur Adventsfeier ein. Zu einem Arbeitsfest,
-sagte sie, alle sollten ihr helfen, Weihnachtsgrüße zu packen. Nach
-Ostpreußen sollten noch Pakete gehen, ins Elsaß und zu den Feldgrauen
-in die Schützengräben, in denen sie in Regen, Schnee, Sturm und Kälte
-hausten.
-
-Diesmal kamen die Kinder nicht allein, auch die Mütter kamen mit, und
-das große Schulzimmer war fast zu klein für alle Gäste. Besenmüller saß
-wieder im Winkel und strickte, jetzt aber einen grauen Strumpf, und die
-Bäuerinnen strickten auch. Die Kinder dachten alle, Besenmüller würde
-vielleicht eine Geschichte erzählen. Erst warteten sie still, dann
-fragten sie laut, doch Besenmüller schüttelte traurig den Kopf: »Nä,
-nä, ich weiß nur was von den alten Schelmen, und das paßt nicht für
-heute.«
-
-»Keine Geschichte?« klagten die Kinder.
-
-Frau Fries seufzte. Eine Geschichte erzählen, ja, das gehörte zu einer
-Adventsfeier, aber ihr Herz war ihr so schwer, es tropfte und rann
-unablässig darin, es weinte. Vater Hiller saß auch im Schulzimmer, und
-als die Kinder so um ihre Geschichte klagten, da nickte er Frau Fries
-zu und sagte: »Ich will euch heute eine Geschichte erzählen, eine
-selbsterlebte dazu. Besenmüller sagt, eine Schelmengeschichte paßt
-nicht in diese Zeit, aber eine aus dem Krieg von 1870/71, die kann es
-wohl sein.«
-
-»Vater Hiller war nämlich dabei,« flüsterten sich die Bäuerinnen zu,
-und die Kinder spitzten die Ohren; hoho, ihr alter Lehrer war auch im
-Krieg gewesen.
-
-Der begann: »Die großen Schlachten des Krieges waren schon geschlagen,
-ihr wißt: Gravelotte, Sedan, all die herrlichen Siege. Wir lagen vor
-Paris. Ein kalter Winter war’s, wir haben weidlich gefroren, und wir
-hatten viel auszustehen. In Frankreich kämpften auch jene gegen uns,
-die nicht Soldaten waren, Männer und Frauen. Heimlich, hinterlistig
-suchten sie uns zu verderben; es sind ihnen viele von uns zum Opfer
-gefallen.
-
-Im Quartier lag ich mit einem blutjungen Burschen zusammen. Heinrich
-will ich ihn nennen. Ein feiner, hübscher Junge war es, mit
-einem freien, hellen Blick. Dazu stimmte gar nicht sein stilles,
-verschlossenes Wesen. Es war leicht zu merken, er trug einen Kummer,
-der hatte ihn so ernst, fast finster gemacht. Durch einen Zufall erfuhr
-ich, was ihn quälte. Er war einer Witwe einziger Sohn, und er hatte
-sich das Hinausgehen ertrotzt. Von der Schule weg war er mitgegangen,
-nur kämpfen für das Vaterland, das war sein einziger Gedanke. Keine
-Mutterbitte hatte ihn gehalten.
-
-Seine Mutter war eine zarte Frau, die Sorge um ihr einziges Kind hatte
-sie aufgerieben. Sie war erkrankt, hatte es lange dem Sohn verborgen,
-bis der es durch Verwandte erfuhr. Da quälte ihn die Sorge so, daß er
-stumm und verschlossen darüber wurde. Immer wieder fragte er sich, ob
-er unrecht getan, daß er ging. Aber dem Vaterland zu dienen, war doch
-Pflicht und Ehre. Einen bitterschweren Kampf kämpfte der arme Junge in
-aller Stille durch.
-
-Es war um die Weihnachtszeit. Wir dachten viel an die Heimat,
-und manchmal, wenn wir so hinübersahen nach Paris, da sangen wir
-wohl halblaut die lieben deutschen Weihnachtslieder. Am dritten
-Adventssonntag war es, da mußte Heinrich Wache stehen. Er hatte vorher
-noch nachgefragt, ob ein Brief für ihn gekommen sei. Nein, es war
-keiner da. Ich sah es ihm an, wie groß seine Enttäuschung war, und als
-er fort war, fiel es mir ein, heute war sein Geburtstag. Einmal hatte
-er halb scherzend, halb traurig gesagt, er sei ein Adventskind.
-
-Am Geburtstag keinen Brief von der Mutter zu erhalten, von der Mutter,
-die krank war, ihm vielleicht zürnte, das mochte hart sein. An diesem
-Tag erhielten wir dann zufällig noch eine Postsendung, eine Anzahl
-Briefe, einer für Heinrich war auch dabei. Ich nahm ihn an mich und
-wollte ihn später abliefern, aber wunderlich, der Brief in meiner
-Tasche machte mich unruhig. Ich war frei, und so überlegte ich nicht
-lange, ich ging dahin, wo Heinrich die Wache hatte. Lesen konnte er den
-Brief dort nicht, so hell war der Abend nicht, aber er wußte doch, die
-Mutter hatte geschrieben, schon das mochte ihn freuen.
-
-Ich ging also den Weg, ging ganz allein und dachte an die Heimat. Würde
-ich nächstes Jahr Weihnachten wieder daheim sein? Ein leises Geräusch,
-wie ein huschen von Schritten, ließ mich aufsehen. Ich sah vor mir zwei
-dunkle Gestalten auftauchen und verschwinden -- Freischärler.
-
-Ich spannte mein Gewehr, schlich langsam vorsichtig weiter, leise, ganz
-leise, und dann plötzlich sah ich seitwärts jemand knien, eine Büchse
-zielend gespannt in der Richtung, wo Heinrich auf Wache stand. Ich habe
-nicht lange überlegen können, laut rief ich: »Wer da?«
-
-Ein Schuß von mir, einer von dort, noch einer, der Mann überschlug
-sich, aber er mußte noch nicht schwer verletzt sein, ich sah zwei
-fliehende Gestalten.
-
-Rasch vorwärts! Heinrich, war mein Gedanke. Er war unverletzt. Mein Ruf
-hatte ihn aufmerksam gemacht, er hatte noch Deckung suchen können, er
-hatte auch geschossen, wußte aber nicht, ob er jemand getroffen hatte.
-
-Die Schüsse waren von unsern Leuten gehört worden, Hilfe kam herbei.
-Wir durchsuchten die Gegend, fanden aber niemand. Die Wache wurde
-verstärkt, und die Nacht ging ruhig vorüber.
-
-Den Brief habe ich Heinrich gegeben, den Brief der Mutter, der ihm
-eigentlich das Leben gerettet hatte. Nur um des Briefes willen hatte
-ich ihn aufgesucht, und ohne mein Dazwischenkommen wäre der Anschlag
-sicher geglückt. Am nächsten Tage hat mir Heinrich den Brief gegeben,
-es war ein lieber, mutiger Brief, ein rechter, herzwarmer Mutterbrief.
-Die einsame Frau klagte nicht, mutig, tapfer schrieb sie dem Sohn.
-An seinem Geburtstag dankte sie ihm, daß er hinausgezogen war in den
-Kampf für das Vaterland. »Ich bin stolz auf dich, mein Junge,« schrieb
-sie ihm. »Und das ist so wundervoll, wenn eine Mutter dies an ihr Kind
-schreiben kann, schreiben darf: Ich bin stolz auf dich. Ich war schwach
-und kleinmütig, aber der Gedanke an meinen tapferen, pflichttreuen Sohn
-hat mich stark gemacht.«
-
-Heinrich ist heimgekehrt, seine Mutter hat auch sonst stolz auf ihn
-sein dürfen. Er lebt noch heute, das Vaterland nennt ihn einen seiner
-größten Gelehrten. Seine Mutter hat sich noch lange an ihm freuen
-können.«
-
-Der alte Lehrer schwieg. Die beiden Adventslichtchen auf dem dicken
-Kranz, der an roten Bändern von der Decke herabhing, flackerten, und
-ein Tannenzweiglein knisterte schwelend. Es war ganz still im Zimmer,
-feiertagsstill.
-
-Hinzpeters Malchen, die nicht singen konnte und doch so singlustig
-war, dachte, nun müsse man singen. Aber ein Weihnachtslied wollte ihr
-nicht aus der Kehle dringen, sie war viel zu kriegerisch gesinnt, und
-plötzlich tat sie ihren Mund auf und sang so falsch als möglich: Es
-braust ein Ruf wie Donnerhall ...
-
-»Falsch,« riefen ein paar. Aber die andern redeten nicht, sondern
-fielen richtig ein, übertönten Malchens falsche Töne, und der Gesang
-schallte hinaus in die Winterstille. Ein paar Mütter saßen mit
-gesenkten Häuptern, und jede dachte, vielleicht behütet auch meinen
-Sohn mein Denken und Gebet.
-
-Die Adventsfeier dehnte sich lange aus. So lustig war sie nicht wie vor
-einem Jahre, aber zuletzt gingen doch alle zufrieden heim. Sehr viele
-Pakete und Kisten waren gepackt worden, so viele fleißige Arbeit ruhte
-darin. Und doch sagte die alte Frau Lehrerin zu Pfarrers Regine: »Man
-muß noch mehr tun. Die Not ist groß!«
-
-Frau Weber, Arnes Mutter, war eine kluge, tätige Frau, die es auch
-verstand, über Steinachs Grenzen zu schauen. Sie hatte zudem Verwandte
-drinnen im Elsaß, und sie erzählte allerlei, wie es dort zuging.
-Befreien wollten die Franzosen das Land, so sagten sie, und hausten
-darin, daß es zum Erbarmen war.
-
-Pfarrers Regine hatte einen Brief mitgebracht, den eine Freundin der
-Mutter geschrieben hatte. Aus Ostpreußen kam er, darin wurde erzählt,
-wie die Russen gekommen waren über Nacht, und wie alles in Flammen
-aufgegangen war. Und von der Russennot kam das Gespräch wieder auf
-Held Hindenburg und auf andere Helden. Die Erwachsenen redeten, die
-Kinder hörten zu, die Weihnachtslieder wurden vergessen, und erst als
-spät alle auseinander gingen, rauschte noch einmal das alte, schöne
-Lied auf: »Wie soll ich dich empfangen und wie begegnen dir?«
-
-Und dann tat Frau Besenmüller die Haustür auf, und alle gingen heim.
-Am nächsten Tag erhielt Frau Fries die Nachricht, ihr Sohn sei
-schwerverwundet in französische Gefangenschaft geraten. Wo er sei, ob
-er noch lebe, wußte man nicht. Verwundet und gefangen!
-
-Die Frau preßte die Hände an ihr Herz, festhalten mußte sie es, stark
-und tapfer sein. Noch lebte vielleicht der Sohn, vielleicht kehrte er
-ihr doch zurück. Am gleichen Tage seufzte der alte Briefträger wieder:
-»So lange trag’ ich nun schon die Post herum, aber so schwer war’s noch
-nie, nä, noch nie.« Er hatte in ein Haus in Steinach die Nachricht
-gebracht, daß der Mann gefallen sei. Der Schmiede-Franz war es, eine
-junge Frau weinte sich fast die Augen aus, und Frau Fries ging zu ihr
-und stand ihr bei in ihrer Not.
-
-Und so kam Weihnachten heran, und es war still und feierlich. Es war
-kein Freudenfest, aber die Herzen taten sich viel, viel weiter als
-sonst auf, den Heiland zu empfangen.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel
-
-Silvias Tat für das Vaterland
-
- Warum Silvia Traugott keine Strümpfe strickt, und was sie
- alles tun will -- Malchen sieht beinahe wie ein Junge aus,
- die Öllampe zerbricht, Fräulein Regine kommt, und zwei werden
- wieder die allerbesten Freundinnen
-
-
-Unter den Kindern von Steinach gab es ein Mädchen, das redete nicht
-viel mehr als Schwetzers Fritze. Aber während sich der Bube manchmal
-ärgerte, daß ihm das Reden gar so schwer wurde, fühlte sich Silvia
-Traugott so wohl in ihrer schweigsamen Stille wie jemand, der viele
-Stunden seines Lebens in einem schönen, blumenreichen Garten verträumt.
-Silvia war das einzige Kind ihrer Eltern, sie hatte aber Vettern und
-Basen genug, denn in Steinach saßen auf vier Höfen Traugotts, die waren
-alle versippt miteinander. In den Krieg hatte Silvias Vater nicht
-mitziehen können, er hatte ein steifes Bein von einem Sturz vom Wagen
-her, aber trotzdem wurde bei den Traugotts nicht weniger vom Krieg
-gesprochen und nicht weniger daran gedacht als in andern Häusern.
-
-Immer saß Silvia still dabei. Sie fragte und sagte nichts, sie ging
-einher, als wäre kein Krieg auf der Welt. Ihre Mutter bekümmerte das
-manchmal, und sie mahnte oft: »Silvia, strick’ an deinem Strumpf, denk’
-an die Soldaten draußen!«
-
-Dann strickte die Kleine wohl rasch ein paar Nadeln, aber meist ließ
-sie die Arbeit bald wieder sinken und träumte vor sich hin. »Traumsuse«
-nannte ihr Vater sie, auch Fräulein Regine sagte manchmal so, auch die
-mahnte: »Silvia, dein Strumpf! Willst du gar nichts für die Soldaten
-tun?«
-
-Dann wurde Silvia feuerrot; sehr traurig machte sie so eine Frage,
-denn sie hatte den sehnsüchtigen Wunsch, viel, sehr viel für die
-Soldaten, für das Vaterland zu tun. Silvia hatte einmal von einem
-Mädchen gelesen, das in großer Kriegsnot erschienen und allen voran in
-die Schlacht gezogen sei, um ihr Volk zum Sieg zu führen. Daran mußte
-Silvia immer denken, und sie hätte himmelgern auch so etwas getan.
-Oder sie wäre gern mitten in die Schlacht hineingelaufen und hätte den
-Soldaten Wasser gebracht oder die Verwundeten gepflegt. Seit Krieg war,
-dachte Silvia nicht mehr an ihre Märchen wie früher, sie träumte nicht
-mehr mit offenen Augen von goldenen Schlössern, Königen, Prinzessinnen,
-von aller Lust und Pracht des Märchenlandes, sie dachte nur immer an
-den Krieg.
-
-Sie dachte, vielleicht kommen die Feinde einmal nach Steinach; ich
-merke es zuerst, dann rufe ich es im Dorfe aus, ganz laut, und in
-die Kirche renne ich und läute selbst die Glocke, und alle werden so
-gerettet.
-
-Die kleine Silvia wußte nicht viel von der Welt draußen, nicht, wie
-weit sich die Länder dehnen, sie dachte, im Kriege müßte es so zugehen
-wie in ihren Märchenbüchern: Puff, puff! und die Kriege waren gleich
-aus. Als dann Webers Arne und Jackenknöpfle ausgerissen waren, um
-geschwind in den Krieg hineinzulaufen, da klopfte ihr das Herz vor
-Sehnsucht. Sie wäre gern mitgezogen, und sie überlegte ganz ernsthaft,
-ob sie nicht nachrennen sollte. Sie lief auch die Birnenstraße entlang,
-denn Frau Besenmüller hatte gesagt, dorthin ginge es nach Frankreich.
-Wie sie aber so weit gelaufen war, daß sie Steinach nicht mehr sah,
-überfiel sie eine furchtbare Angst vor der weiten Fremde, und sie
-kehrte geschwind wieder um.
-
-Die Buben kamen zurück, und im Dorfe lachten sie über die verunglückte
-Reise in den Krieg. An diesem Tage gerade las Silvias Vater einen
-Brief aus dem Felde vor, darin stand: »Vier Tage sind wir bis hierher,
-bis an die russische Grenze gefahren!«
-
-Vier Tage! Der kleinen Silvia verging aller Mut, jemals in den Krieg zu
-kommen und draußen Heldentaten zu verrichten, und da Steinach wirklich
-inmitten des deutschen Vaterlandes lag, sagten alle: »Zu uns kommt nie
-der Krieg. Gott sei Dank!«
-
-»Man kann auch im Lande Kriegsarbeit tun,« sagten die großen Leute.
-Silvias Mutter meinte: »Strick’ fleißig, jeder Soldatenstrumpf hilft
-den Krieg gewinnen.«
-
-Das verstand Silvia nun ganz und gar nicht. Was hatten die dicken,
-grauen, häßlichen Strümpfe mit glänzenden Heldentaten, mit Sieg und
-Ruhm zu tun?
-
-Als daher die Weihnachtspakete gepackt wurden, lag von jedem Mädel, das
-in Steinach stricken konnte, eine Arbeit dabei, nur Silvia Traugotts
-Strümpfe waren nicht fertig. Alle sagten, das sei eine Schande. Silvia
-schämte sich auch sehr, aber trotzdem träumte sie weiter von großen
-Taten, wenn sie stricken sollte, und vergaß darüber ihre Arbeit.
-
-Die Kinder redeten viel davon, daß ihr junger Lehrer Heinrich Fries
-gefangen sei. Silvia weinte heiße Tränen um ihn. Sie meinte, er säße
-nun in einem finstern, dunklen Turm und müßte hungern. Wenn es nur
-nicht so weit gewesen wäre, und wenn sie nur den Weg gewußt hätte,
-sie wäre gleich zu ihm gewandert, hätte ihm Essen gebracht und ihn
-vielleicht auch befreit. Ja, wären nur die vielen dummen Wenn und Aber
-nicht gewesen, diese bösen Wörter, die sich stets so höhnisch in die
-allerschönsten Pläne hineinschieben! Immer, wenn Silvia sich etwas
-recht schön ausgedacht hatte, kam so ein Wort, nahm den Plan und riß
-ihn mitten durch, -- ritsch, ratsch, nichts war es damit.
-
-Weihnachten kam, und Weihnachten verging. Die laute Freude schwieg, und
-viele, viele Tränen flossen an dem sonst so frohen Fest. Gabentische,
-die fast brachen unter der Fülle, kannte man auch in guten Jahren in
-Steinach nicht, aber in diesem Jahr lagen in den meisten Häusern nur
-wenige Geschenke unter dem Baum. Silvia bekam eine neue Schürze und ein
-Buch, das hatte eine Base aus der Stadt geschickt. In dem Buch stand,
-wie es vor hundert Jahren in Deutschland gewesen war, als jahrelanger
-Krieg das blühende Land verwüstet hatte. Was Silvia da las, verwirrte
-ihren kleinen Kopf ganz und gar. Da stand von einem Mädchen, das als
-Soldat mit in den Krieg gezogen war, eine andere hatte sich ihre
-langen Haare abgeschnitten als Opfer für das Vaterland. Warum sie es
-getan, verstand Silvia zwar nicht recht, aber schön fand sie es, und
-sie träumte nun wieder davon, es dem schönen, blonden Edelfräulein von
-einst nachzutun. Es mußte doch etwas sehr Schönes, Großes sein, sich
-die Haare abzuschneiden, wenn es nach hundert Jahren noch in einem
-Buche erzählt wurde.
-
-Silvia dachte an die abgeschnittenen Zöpfe und nicht an ihren Strumpf,
-und als sie nach den Feiertagen zum erstenmal in die Strickstube ging,
-wie es Fräulein Regine nannte, da war der Strumpf noch immer nur ein
-unförmliches Ding. Die Strickstube tagte jetzt immer im Schulhaus,
-Frau Fries half dabei, und Besenmüller war Ehrengast. »Der sitzt da
-als Vorbild,« sagte seine Frau, »denn mein Besenmüller ist in der
-Strickerei, was Hindenburg for die Soldaten ist.«
-
-An diesem ersten Nachmittag las Frau Fries ein paar Briefe vor, die den
-weiten Weg von Frankreich und Rußland bis nach Steinach gereist waren,
-um den kleinen Mädeln von Steinach Dank für alle gestrickten Sachen zu
-sagen. Für alle war der Dank, nur für das Traumsuschen Silvia Traugott
-nicht. Ein Soldat schrieb, er hätte tagelang halb im Wasser gestanden,
-hätte keine trockenen Strümpfe, gar nichts mehr gehabt, da wäre das
-Paket von Steinach gekommen, und er hätte weinen müssen vor Freude über
-alle die schönen Weihnachtsgaben. Frau Fries tat das Herz weh, als sie
-es las, so wie jener hätte sich ihr Sohn wohl auch gefreut, aber ihr
-Sohn war gefangen, noch hatte kein Gruß ihn erreicht. Sie wußte nicht
-einmal, ob er noch lebte, ob er nicht schon einsam und verlassen im
-Feindesland gestorben war.
-
-Die Mädel hörten alle nicht, wie das Mutterherz weinte, sie waren alle
-glückselig über die Briefe. Nun hatten sie doch etwas getan, hatten für
-das Vaterland gearbeitet. Sie alle, alle, nur eine nicht, Silvia nicht.
-
-Die saß wie erstarrt. So war es, wie der Soldat schrieb, im Wasser
-standen sie, nicht trocken wurden sie, und sie freuten sich, wenn sie
-Strümpfe bekamen, sie dankten dafür, als wären es die allerköstlichsten
-Dinge.
-
-»Ich glaube,« las nun Pfarrers Regine aus einem andern Briefe vor,
-»in Steinach gibt es nur fleißige Mädchen. Wenn ich heimkomme aus dem
-Krieg, dann komme ich auch nach Steinach und bedanke mich bei allen.«
-
-»Bei dir nicht,« durchfuhr es Silvia, und ihr Kopf sank ganz tief auf
-den Strumpf herab. O die Schande! Sich verkriechen hätte sie mögen vor
-Scham.
-
-»Ich hab’ beinahe wieder ’n Paar fertig,« schwätzte neben ihr Malchen
-Hinzpeter. »Fein, was?«
-
-Silvia gab keine Antwort, Tränlein um Tränlein rann auf das graue
-Wollgespinst nieder. Ihre Hände zitterten, und auf einmal bekamen die
-Nadeln die ungeschickten Hände satt, sie rissen aus, eine, dann noch
-eine, die dritte hielt Malchen auf. Die sah das Unheil und sah Silvias
-Schmerz, und hilfsbereit sagte sie schnell: »Ich helfe dir.«
-
-Silvia hörte das kaum. In ihr stürmte es. Nichts, nichts hatte sie für
-das Vaterland getan, gar nichts, und doch hatte sie so viel tun wollen.
-Immer heftiger rannen ihre Tränen, und Malchen tröstete: »Die fang’ ich
-schon, wein’ doch nicht!«
-
-Aber Silvia dachte gar nicht an die entwischten Nadeln. Das Herz
-brannte ihr. Oh, nur etwas tun können für das Vaterland, nur zeigen
-dürfen, wie gut ihr Wille war! Ganz jäh kamen ihr die abgeschnittenen
-Zöpfe des blonden Edelfräuleins in den Sinn. Ihre waren zwar dunkel
-wie die von Malchen, aber das schadete gewiß nichts. Zopf ist Zopf.
-Ihre Nachbarin hatte eine Schere vor sich liegen, die sah sie, obgleich
-ihr die Tränen fast den Blick verdunkelten. Ach, ein Zopf ist schnell
-abgeschnitten! Eins, zwei, drei, ritsch! nur flink gleich alle beide.
-
-»Au!« kreischte Malchen neben ihr auf, »huhuhu, mein Zopf, mein Zopf!
-Silvia hat mei -- --,« weiter kam Malchen nicht, sie brach in ein
-wildes Jammergeheul aus.
-
-Es war, als wäre ein Wirbelsturm in die Strickstube gefahren. Zuerst
-wußte im wilden Hinundher niemand, was geschehen war. Malchen schrie
-vor Schreck und Empörung immer lauter, ihre Nachbarinnen zeterten:
-»Der Zopf, der Zopf!« Nur Silvia stand leichenblaß, stumm inmitten des
-Wirrwarrs, zwei Zöpfe hielt sie in der Hand, der eine war braun, der
-andere schwarz, aber rote Schleifen hatten sie beide.
-
-»Traugotts Silvia hat Hinzpeters Malchen einen Zopf abgeschnitten, sich
-selbst aber auch einen.« So nach und nach erst bekamen Frau Fries und
-Fräulein Regine heraus, daß dies geschehen war. »Warum? Silvia, warum
-hast du das getan?«
-
-Silvia gab keine Antwort. Sie konnte nicht, sie tat ein paarmal die
-blassen Lippen auseinander, aber kein Laut kam hervor. Frau Fries sah
-es, die Kleine konnte nicht sprechen, sie nahm sie sacht bei der Hand
-und führte sie zu sich hinauf. Vielleicht erschloß sich ihr allein das
-scheue Herz. Aber Silvia brach oben nur in ein verzweifeltes Weinen
-aus, sie weinte und weinte und hörte auch nicht auf, als ihre Mutter
-kam.
-
-Unten hatte sich Hinzpeters Malchen viel schneller über den verlorenen
-Zopf getröstet. Sie lachte schon wieder, als Silvia oben vor Leid
-noch fast verging. Zimplichs Lenchen hatte nämlich mitten in das
-Jammergeheul hineingerufen: »Jetzt biste beinahe wie ’n Junge.«
-
-Dies Wort trocknete wie der Wind Malchens Tränen. Wie ein Junge
-herumgehen dürfen, kurzgeschnitten, ohne Zöpfe, von denen man doch
-immer die Bänder verlor, das war noch eine Sache. Am liebsten hätte
-sie nun geschwind gleich den zweiten Zopf abgeschnitten, doch das
-litt Fräulein Regine nicht. Die schloß für heute die Strickstube und
-erklärte, sie selbst wolle Malchen heimbringen. Das wollten aber alle
-andern auch, und so wurde Hinzpeters Malchen wie eine Prinzessin
-heimgeleitet. Fräulein Regine trug selbst den abgeschnittenen Zopf und
-erzählte Frau Hinzpeter auch die merkwürdige Geschichte, und Malchen
-kam sich ungeheuer wichtig vor. Die Mutter sah nicht gerade erfreut
-aus, sie verwunderte sich sehr über Silvias Untat, aber sie war keine
-Frau, die viel unnütze Worte machte. »Meinetwegen mag auch der zweite
-Zopf herunter,« sagte sie, »so halbseitig kannste niche rumlaufen.« Und
-ritsch, ratsch schnitt sie den zweiten Zopf ab, und Malchen jauchzte
-laut, als wäre ihr das größte Glück widerfahren. --
-
-Inzwischen war auch Silvia heimgekehrt unter dem Schutz der Mutter. Die
-hatte das weinende, zitternde Kind zu Bett gebracht und hatte neben ihr
-gesessen, bis sie meinte, es schlief.
-
-Aber Silvia schlief nicht. Die lag wach im allergrößten Herzeleid.
-Sie wußte kaum, worüber sie trauriger war, über den Zopf, den sie der
-Kameradin abgeschnitten hatte, oder über ihre Faulheit. Plötzlich fiel
-es ihr ein, wenn sie nun strickte, immerzu strickte, Tag und Nacht,
-dann wurden doch die Strümpfe fertig. Sie stand auf und tastete sich
-vorsichtig hinaus; sie wußte, wo Zündhölzer lagen und ein Öllämpchen
-stand, das holte sie sich, nahm ihr Strickzeug und begann zu stricken,
-Nadel um Nadel. Und auf einmal war der Strumpf fertig und gleich wieder
-einer und immer mehr und mehr, die türmten sich auf, ein Berg wurde es,
-ein hoher, hoher Berg, und oben saß Malchen Hinzpeter und schwang ihren
-Zopf; sie schlug damit auf die Strümpfe, und merkwürdig, das klirrte
-und klang, und Silvia schrie laut vor Schreck.
-
-»Aber Silvia, um Gottes willen, was ist das?« Silvias Mutter war von
-einem Klirren aufgewacht und hinübergelaufen in ihres Mädels Kammer.
-Da lag das Laternchen zerbrochen am Boden; glücklicherweise war es
-ausgegangen, und Silvia lag auf dem Bett, ihren Strickstrumpf fest
-umklammernd. Sie war eiskalt, und danach wurde sie glühend heiß. Sie
-hatte heftiges Fieber, und in dem Fiebertraum klagte sie immer, sie
-wolle etwas für das Vaterland tun. Ein paar Tage war Silvia krank, und
-in dieser Zeit erschloß sich ihr Herzlein der Mutter, von ihrem Willen
-redete sie, viel, ja ungeheure Taten für das Vaterland zu vollbringen.
-
-»Lieber Himmel,« sagte Frau Traugott, »was kann so ein Dreikäsehoch in
-dieser furchtbaren Zeit tun!« Sie redete lind und gut zu ihrem Kind,
-und dann lief sie zu Pfarrers und holte Fräulein Regine herbei. Die
-kam auch, und sie wußte Silvia gut zu raten und zu helfen, sie hatte
-ja selbst anfangs gemeint, die stille Arbeit daheim in Steinach sei zu
-klein, zu unbedeutend.
-
-»Ich will stricken,« sagte Silvia demütig und sah sich wieder nach
-ihrem grauen Strumpf um.
-
-»Erst gesund werden,« riet Fräulein Regine, »dann kommst du wieder in
-die Strickstube.«
-
-Silvia seufzte bang. In der Strickstube war Malchen, da waren alle
-andern, die würden böse sein, würden spotten und lachen -- wie schwer
-würde das sein!
-
-Aber es wurde gar nicht schwer, denn Malchen Hinzpeter hatte ein gutes
-kleines Herz, und als sie von Fräulein Regine hörte, Silvia sei
-krank, da kam sie geschwind angelaufen. Sie versöhnten sich beide und
-waren Freundinnen wie zuvor nach Besenmüllers Wort, der immer sagte:
-»Beim Dummtun und Bösesein kommt nischte nich heraus.« Immer wieder
-versicherte auch Malchen: »Fein is das ohne Zöpfe!«
-
-Freilich, bei Silvias erstem Schulgang wollten die Buben spotten über
-die zopflosen Mädel, aber da kamen sie bei Malchen schlecht an. Der ihr
-flinkes Zünglein gab jedes Wort doppelt zurück, und zuletzt rief sie
-stolz: »Und die Zöpfe wer’n verkauft, un für das Geld gibt’s Wolle, und
-da stricken wir Strümpfe davon!« Sie sah die Necklustigen strafend an.
-»Könnt ihr so was?«
-
-Nein, Zöpfe konnten sie sich nicht abschneiden, und Strümpfe konnten
-sie auch nicht stricken; trotz Besenmüllers Vorbild.
-
-»Aber wir gehen selbst in ’n Krieg,« schrie Zimplichs Max.
-
-»Ja, und ihr schlaft bei Tage in der Eisenbahn, un denn seid ihr wieder
-da!« Da behielt Malchen das letzte Wort, und Silvia sah bewundernd
-zu der mutigen Freundin auf. Wie die wollte sie werden, und fortan
-strickte sie auch Strümpfe wie die andern Mädel von Steinach, dicke,
-graue Soldatenstrümpfe.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel
-
-Die Krone
-
- Der alte Briefträger kommt nicht, und Fritze geht ihn suchen
- -- Das Wort von der Krone, und wie selbst Klöße mit Speck und
- Backbirnen nicht locken -- Fritze kehrt von Ringelheim zurück,
- und Frau Fries denkt: Der wird noch einmal ein rechter Mann
-
-
-An einem Februartag stand Schwetzers Fritze wieder auf der Birnenstraße
-und wartete wie schon so oft auf den Briefträger. Die Sonne schien
-hell, und ein sanfter Wind wehte, wie Frühling war es, aber darauf
-achtete Fritze gar nicht. Er dachte nur an den Brief, der immer und
-immer nicht kam. Seit Frau Fries die Nachricht erhalten hatte, ihr
-Sohn wäre schwerverwundet in die Hände der Franzosen gefallen, hatte
-sie nichts wieder von ihm gehört. Jeden Tag lief Fritz dem Briefträger
-entgegen, und jeden Tag stand Frau Fries am Schulhaus und sah den Buben
-mit leeren Händen kommen. Sie hatte nach Genf geschrieben, dahin und
-dorthin, aber noch nichts über den Sohn erfahren. Lebte er noch? Hatten
-ihn die Franzosen auch nach Afrika geschafft wie so viele andere?
-
-»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sagte die Mutter sich oft in den
-langen, langen Nächten, wo alles ruhte in dunkler Stille und nur die
-Sorgen wach waren.
-
-»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sprachen auch die Leute von
-Steinach untereinander. Nur Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer
-sagten: »Er kommt wieder!« Und dieser beiden unverzagte Hoffnung
-richtete Frau Fries immer wieder auf. Dann läutete auch in ihrem Herzen
-das Hoffnungsglöcklein: »Er kommt wieder, er lebt!« --
-
-Wo nur der Briefträger blieb? Fritze spähte scharf in die Ferne. Einsam
-lag die Straße, niemand kam. Der Bube stapfte weiter. Es war zwar
-Mittagszeit, aber das bekümmerte ihn nicht, seine Mutter hatte ohnehin
-gesagt: »Wenn’s um den Brief für die alte Frau Lehrerin ist, nu, da mag
-das Spätkommen schon sein.«
-
-Fritze dachte nicht einmal daran, daß es heute eines seiner
-Leibgerichte gab: Klöße mit Speck und Backbirnen, er hatte nur den
-einen Gedanken, vielleicht kam heute, gerade heute der Brief. Aber
-soviel er auch lugte, der Briefträger kam nicht.
-
-Im Dorf schlug die Uhr. Ein Uhr schon! Das Mittagessen war vorbei,
-und fast eine Stunde wartete er schon. War der alte Bote so lange im
-nächsten Dorf geblieben? Fritzes Magen knurrte, aber der Bube trabte
-weiter. Wiesen, das Nachbardorf, lag noch eine halbe Stunde entfernt,
-vielleicht war der Briefträger dort, und er fand ihn, und wenn der
-Brief da war, dann wollte er zurück mit dem Wind rennen.
-
-Fritz rannte. Er sah nicht rechts, nicht links, und beinahe überhörte
-er die schwache Stimme, die seinen Namen rief: »Schwetzers Fritze, Gott
-sei Dank, lauf doch niche fort!«
-
-Verdutzt sah sich Fritz um. Da unter einem Baum kauerte der alte
-Briefträger, er hatte den Kopf an den rauhen Stamm gelegt, und selbst
-Fritz sah es, der alte Mann war krank. Mit einem Satz war der Bube
-neben ihm, sein Mund schwieg, aber seine Augen fragten, und der Kranke
-verstand diese stumme Frage. »Ich komm niche mehr weiter, aber der
-Brief ist da.«
-
-»Der Brief!« jauchzte Fritz und vergaß darüber des alten Mannes Not.
-Der lächelte matt. »Ja, er is da, und eures Herrn Lehrers Name steht
-darauf, also er lebt. Und siehste, das hätt’ ich nu zu gern der alten
-Mutter gebracht. Nä, nu is das niche!«
-
-Er seufzte tief und versuchte seine Tasche zu öffnen, aber die Hand
-sank ihm matt zurück. »Fritze«, stöhnte er, »jetzt gibste mir deine
-Hand, daß du alles tust, wie ich’s sage, nimm deinen Verstand zusammen!«
-
-[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 229.]
-
-Fritze legte seine Hand in die des alten Boten, kraftlos war die und
-kühl, und nur mühsam redete der: »In Steinach gibste alles ab, was
-dahin gehört, un dann läufste nach Ringelheim, denn da warten auch ’n
-paar Frauen so arg auf Briefe, un grade heut’ sin se da. Verlier aber
-nischte! In Ringelheim gibste alles dem Küster, der macht’s schon, un
-denn kommste nach Steinach zurück -- -- un vielleicht bin ich dann da.«
-Er nestelte mühsam seine Tasche ab. Fritze wollte sie nehmen, aber der
-Alte hielt sie fest. »Niche so schnell! So ’ne Tasche is was Heiliges.
-Weißte, wenn dir ’n König seine Krone geben möcht’ und sagt: »Heb se
-auf!« das is justament so, als ob ich dir meine Tasche geb. Verstehste
-mich?«
-
-Fritz nickte. Es war ihm seltsam feierlich zumute. Auf einmal, er wußte
-nicht, wie es ihm in den Sinn kam, dachte er, der alte Briefträger
-Klöppel ist auch wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld.
-
-»Fritze,« mahnte der Alte noch, »hörste, du mußt aber auch reden, in
-Steinach sagen, wie’s is mit mir, un in Ringelheim auch. Und rennen
-darfste niche, auch jetzt niche, ’s könnt was aus der Tasche fallen,
-aber dich auch niche aufhalten, ja niche! Versprichste mir das?«
-
-»Ja,« sagte Fritz und sah dem Alten fest in die Augen.
-
-»Un reden mußte, Fritze, alles sagen.«
-
-»Ja.« Fritz seufzte, das war schwer, aber es mußte sein. Er griff
-wieder nach der Tasche, und wieder hielt sie der alte Briefträger
-fest. »Wie ’n König seine Krone, justament so is das.« Er strich fast
-zärtlich über das abgeschabte Leder. »’s ist mir schwer geworden jetzt
-das Tragen. Ja ja, schwer. Aber weißte, Fritze, ’s war auch fürs
-Vaterland. Weil die Jungen fort sind, müssen’s die Alten tun. Ja ja! Un
-wenn du jetzt gehst, Fritze, denk’ dran, ’s ist auch fürs Vaterland.
-Niche rennen, un dann reden -- -- meine Krone trägste, Fritze, meine
-Krone, merk’ dir’s.«
-
-»Ja,« sagte Fritze wieder, und seine Stimme tönte wie eine Glocke.
-Da gab ihm der Alte die Tasche. »Um mich brauch’ keiner sorgen, das
-is ganz scheene so in der lieben Gottessonne« -- -- er sprach nicht
-weiter, er nickte nur dem Buben noch einmal zu.
-
-Der trabte von dannen. Er schritt rüstig aus, aber er rannte nicht, er
-rannte auch nicht, als er von weitem Frau Fries kommen sah. Es zuckte
-ihm freilich in den Füßen, er wäre ihr am liebsten entgegengestürmt,
-hätte ihr den Brief hingehalten, aber sein Versprechen zwang ihn, und
-er ging nicht einen Schritt rascher.
-
-»Fritze,« rief Frau Fries ihm entgegen, »wo bleibst du? Wo ist der alte
-Klöppel?«
-
-»Der Brief!« Fritz hielt ihn hoch empor, und da endlich konnte er ihn
-in die Hände der Mutter legen. Die faßte nach ihrem Herzen, das tat
-laute Freudenschläge, der Brief kam von ihrem Sohn -- er lebte.
-
-Sie konnte kaum mit ihren bebenden Fingern den Umschlag öffnen, und ein
-paar Augenblicke tanzten ihr die Worte vor den Augen, alles flimmerte
-und flirrte. »Er lebt, er lebt! Du gütiger Gott, mein Sohn lebt!«
-
-Nur einen Augenblick blieb Fritz stehen, einen sehnsüchtigen Blick
-warf er auf den Brief. Was mochte darin stehen? Doch sein Versprechen
-zwang ihn vorwärts, und sein Versprechen zwang ihn zu reden, er sagte:
-»Klöppel ist krank, ich muß die Briefe austragen und nach Ringelheim
-gehen.«
-
-Zum erstenmal achtete Frau Fries nicht auf das, was Fritze Schwetzer
-sagte, und der ging still weiter und ließ die Mutter mit dem
-Sohnesbrief allein.
-
-Vor dem Schulhaus stand Besenmüller, und auf den trat Fritze zu und
-erzählte das Geschehene. Er sparte Worte, aber er sagte alles. »Lieber
-Himmel,« rief Besenmüller, »der alte Klöppel liegt auf der Straße, den
-müssen wir reinholen.«
-
-Vater Hiller kam dazu, und noch einmal erstattete Fritze Bericht. »Ich
-muß nu weiter,« sagte er, »ich muß noch nach Ringelheim.«
-
-»Es mag jemand hinfahren,« meinte Vater Hiller, aber Fritze entgegnete
-ernsthaft: »Nä, ich hab’s versprochen, die Tasche niemand zu geben.«
-
-Der alte Lehrer spürte aus des Jungen kargen Worten die große Bürde
-heraus, die auf dessen Schultern lag, er sah aber auch, da war Wille
-und Kraft, die übernommene Aufgabe zu vollenden, und er sagte ruhig:
-»So geh! Wir wollen rasch dafür sorgen, daß Klöppel ins Dorf gebracht
-wird.«
-
-Schwetzers Fritze ging weiter, von Haus zu Haus. Überall mußte er
-sagen, was geschehen war, und immer sagte er gleich dazu: »Ich muß
-aber gehen.« Ins Pfarrhaus kam er, da rief er aber schon von weitem:
-»Fräulein Regine, der Brief ist da, der Herr Lehrer hat selbst
-geschrieben.«
-
-»Er lebt!« jubelte Fräulein Regine, und dann lief sie fort, lief nach
-dem Schulhaus hin und hörte nicht einmal darauf, was ihr Freund Fritz
-noch zu sagen hatte. Fritze ärgerte sich nicht darum, er fand es
-selbstverständlich, und dann -- er mußte ja auch weiter, die Briefe
-austragen und nach Ringelheim wandern.
-
-Er kam auch in sein Elternhaus, und seine Mutter eilte ihm ängstlich
-entgegen. »Fritze, wo bleibst du?«
-
-Der Bube gab Antwort, auch hier so knapp und kurz wie überall. Doch
-seine Mutter war nicht damit zufrieden, die meinte: »Erst mußte zu
-Mittag essen, und die Briefe, die kann unsere Emma nach Ringelheim
-tragen.«
-
-»Nä,« sagte Fritze, »ich hab’s versprochen.«
-
-»Aber essen mußte, dein Mittag steht warm.«
-
-Klöße mit Speck und Birnen dazu. Bei dem Gedanken daran spürte
-Fritze, wie leer sein Magen war, ganz leer, das Wasser lief ihm im
-Munde zusammen, er sagte aber fest: »Nä, kann nich essen. Ich hab’s
-versprochen, die Tasche kriegt niemand.«
-
-Die Mutter wollte widersprechen, aber als sie so in das entschlossene
-kleine Bubengesicht sah, fühlte sie es, sie durfte ihn nicht hindern,
-sein Wort zu halten. »Dann geh nur,« sagte sie, »trag’ die Briefe
-weiter.«
-
-Fritz tat einen Seufzer, nickte der Mutter zu und ging von Haus zu
-Haus. Als er ans Dorfende kam, wo die Pflaumenstraße nach Ringelheim
-abbog, stand seine Mutter dort, die steckte ihm einen Apfel in die
-Tasche und gab ihm eine tüchtige Schnitte in die Hand. »Wirst doch
-hungrig sein.«
-
-»Danke,« sagte Fritze nur und stapfte weiter, Schritt um Schritt,
-nicht zu schnell, nicht zu langsam. Einmal war’s ihm, als müßte er
-sich umsehen, und als er rasch im Weitergehen rückwärts schaute, stand
-seine Mutter noch am Wege und sah ihm nach. Das tat ihm gut, wie ein
-zärtliches Wort der Mutter empfand er das stille Nachschauen.
-
-Er mußte immer daran denken, was der alte Briefträger von der Krone
-gesagt hatte. War’s so? Die Krone war die Arbeit, die einer tat, sein
-Amt?
-
-Der Wind hatte sich gedreht, er blies jetzt scharf von Osten her, er
-brachte auch graue Wolken mit, die die glänzende Sonne überschatteten.
-Einzelne Flocken fielen, dann kam Regen, der wurde heftiger und schlug
-dem Buben ordentlich boshaft in das Gesicht. Den bekümmerte das nicht
-viel. Er knöpfte nur seine Jacke auf und schob, so gut es ging, die
-dicke, schwarze Tasche darunter. So erreichte er Ringelheim, und im
-Küsterhaus sagte er seine Botschaft. Der Küster war zur Hilfe bereit,
-die Post wurde ausgetragen, und Fritze konnte wieder heimwärts wandern.
-
-In Steinach sagte es ihm eine Frau beim ersten Haus im Dorf: »Der alte
-Klöppel liegt in der Schule, ach, er wird vielleicht schon tot sein.«
-
-Fritze erschrak. Wenn der Briefträger tot war, dann konnte er doch
-nicht mehr sehen, daß er die Tasche zurückbrachte, und unwillkürlich
-begann er zu rennen. Aber gleich fiel ihm des Alten Mahnung ein; in der
-Tasche waren noch allerlei Postsachen, die konnten verlorengehen, und
-gleich ging er langsamer. Er kam auch noch zur rechten Zeit, er konnte
-noch dem alten Briefträger die schwarze Tasche übergeben, und der gab
-ihm die Hand und murmelte leise: »Haste alles besorgt?«
-
-Fritz holte tief Atem und gab Bericht. Und dann, als er fertig war,
-rief er mit einer ihm fremden Raschheit: »Hat jeder so ’ne Krone,
-Klöppel? Wie ist das denn?«
-
-»Das ist jedem seine Arbeit, sein Amt, das, wofür einer lebt -- und
-stirbt.« Die letzten Worte klangen ganz matt, der alte Mann seufzte,
-nicht schwer, sondern wie einer, der sich einer getanen Arbeit freut.
-Er legte den Kopf zur Seite, faltete die Hände über der schwarzen
-Tasche und schloß die Augen.
-
-»Er will schlafen,« sagte Vater Hiller, der am Lager saß, »er ist müde
-vom Leben. Geh du nun heim, Fritz.«
-
-Der Bube ging nach der Tür, er trat so leise auf, so leise er konnte,
-aber er ging nicht die Treppe hinab, sondern den Gang bis zu dem
-Zimmer, in dem Frau Fries wohnte. Dort bekam er nun wirklich den Brief
-seines Lehrers zu hören. Viel stand nicht darin, denn viel durften
-die Gefangenen nicht schreiben. Heinrich Fries schrieb, es ginge ihm
-leidlich gut, er sei lange, lange krank gewesen, nun wäre er aber
-wieder ziemlich gesund. Daß er schon oft geschrieben hatte, teilte er
-mit. Von der Heimat schrieb er, vom Wiedersehen; ganz froh klang alles,
-und Fritze Schwetzer sah strahlend drein, ihm schien es, als sei nun
-alle Sorge gelöst. Und weil er an diesem Tage nun schon so viel geredet
-hatte, erzählte er auch seiner alten Freundin seine Erlebnisse. Auch
-das Wort von der Krone sagte er, nur scheu, undeutlich, aber Frau Fries
-verstand ihn doch. Sie beugte sich plötzlich über ihn und sagte mit
-einer seltsam schweren Stimme: »Unser Vaterland ist auch eine Krone,
-für die wir leben und sterben -- und leiden müssen.«
-
-Der Bube saß ganz still, er ahnte nicht, daß die Mutter Leiden,
-schweres Leiden aus dem Sohnesbrief herausgelesen hatte. Aber er
-fühlte, da war etwas nicht so wunderherrlich, wie er es sich gedacht
-hatte. Er wußte aber nichts zu sagen, und er sah die alte Frau
-Lehrerin nur treuherzig an. »Nu muß ich gehn,« brummte er endlich. Und
-nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich komm’ noch mal wieder.«
-
-»Heute nicht, du wirst müde sein und hungrig, Fritz, ich danke dir.«
-
-Schwetzers Fritze stapfte zur Tür hinaus, und er ging so leise die
-Treppe hinab, so leise es seine knarrenden Stiefel erlaubten, der
-alte Klöppel schlief ja. Oben sah Frau Fries dem Jungen nach, und sie
-dachte, wie seine Mutter zu Mittag auf der Landstraße gedacht hatte:
-»Der wird noch einmal ein rechter Mann.«
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-[Illustration]
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-[Illustration]
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-Sechzehntes Kapitel
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-Heimkehr
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- Es geschah viel, und Pfarrers Regine steigt auf den Schafskopf
- hinauf -- Fritze fährt nach L., es merkt aber niemand etwas
- davon, und Frau Besenmüller hält ihn für ein Gespenst -- Eine
- Unterredung im Holzstall -- In Steinach wird Hochzeit gefeiert,
- und die Kinder schreien hurra auf der Apfelstraße
-
-
-Der alte Briefträger Klöppel wanderte nun nicht mehr auf der
-Birnenstraße nach Steinach hin. Der war wirklich eingeschlafen für
-alle Zeit, und seine geliebte schwarze Tasche trug ein anderer. Der
-brachte die Nachrichten von Leid und Freud in die Dörfer, von großen
-Siegen, von stolzen Taten, aber immer und immer nicht die ersehnte
-Friedensbotschaft.
-
-In Steinach war es nicht anders als in allen deutschen Städten und
-Dörfern. Die Daheimgebliebenen schafften fleißig und sorgten um jene,
-die draußen standen. Ein paar Bäuerinnen trauerten um ihre Männer, und
-Hinzpeters Malchen kam eines Tages in großem Herzeleid in die Schule:
-ihr Vater war gefallen. Da hatte Silvia Traugott viel zu tun, um der
-Freundin beizustehen, und sie vergaß darüber noch mehr ihre Träume von
-großen Wundertaten. An herzhaftem Mitleid fehlte es nicht. Selbst die
-Buben sannen darüber nach, womit sie das Malchen wohl erfreuen könnten,
-und sie kamen schließlich überein, sie wollten Malchen ein Tier fangen,
-einen jungen Hasen, ein Rehlein vielleicht etwa, denn Malchen hatte an
-allem Getier eine besondere Freude.
-
-Es lenzte draußen schon an Hängen und Grabenrändern, an Büschen, die
-in der Sonne standen, grünten Knospen und winzige Blättchen, und manch
-ein kleines Hasenkind wurde um diese Zeit geboren. Im Walde war die
-Aufsicht jetzt nicht so streng, und eines Nachmittags zogen ein halbes
-Dutzend Steinacher Buben hinaus, um ein Tier zu fangen. Aber sie
-brachten nur einen Igel heim und einen Maulwurf, und vor beiden graulte
-sich Malchen schrecklich. Schelte gab’s obendrein. Das Tierfangen
-im Walde war streng verboten. Die Buben bekamen so schwere Strafen
-angedroht, daß ihnen die Lust zu weiteren Raubzügen verging. Also
-ließen sie das Trösten sein.
-
-Der Frühling kam, und er war so blütenreich, so voller Glanz und
-Schöne, als wollte er liebreich den Menschen in ihrem großen Jammer
-beistehen. Es blühte an allen Ecken und Enden, und kaum jemals hatte
-es auf dem Schafskopf so viele Veilchen gegeben wie in diesem Jahr.
-Aber Pfarrers Regine wollte in diesem Jahr keine Veilchenkränze zu
-ihrem Geburtstag haben, und die Veilchen verblühten ungepflückt. An
-ihrem Duft, ihrer Lieblichkeit freute sich Regine aber doch. Sie stieg
-an ihrem Geburtstag allein auf den Schafskopf hinauf; lange saß sie
-dort unter dem alten Gemäuer. Sie weinte bitterlich, denn sie trug ein
-heimliches Leid im Herzen. Wie sie aber so weinte, so unendlich traurig
-war, spürte sie den Veilchenduft. Der umschmeichelte sie, der zwang
-sie, an den Frühling zu denken, an Sonnenschein und an Freude. Und ganz
-leise sang sie vor sich hin, und im Singen löste sich ihre Traurigkeit.
-Sie sang:
-
- »Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
- Man weiß nicht, was noch werden mag,
- Das Blühen will nicht enden!
- Es blüht das fernste, tiefste Tal:
- Nun, armes Herz, vergiß die Qual,
- Es muß sich alles, alles wenden!«
-
-Um die gleiche Stunde wohl dachte ein Mann an Steinach am Wald, der
-in einem fremden Land in einem Zuge fuhr. Er trug einen abgetragenen
-feldgrauen Rock, und die mit ihm waren, glichen ihm. -- Ein seltsamer
-Zug war es. Lager reihte sich an Lager, Schwerverwundete, Krüppel
-durften heimkehren aus Frankreich ins deutsche Vaterland.
-
-Der Austausch der unheilbaren Kriegsverwundeten von Frankreich ging
-über die Schweiz, und nach langer, langer Fahrt, durch das herrliche,
-stets hilfsbereite Schweizer Land, das von den Schrecken des Krieges
-verschont geblieben war, langte der Zug in der Nacht an der Grenze
-an. Von Deutschland her kam um die gleiche Zeit auch ein solcher Zug.
-Einmal fuhren die beiden aneinander vorbei, sie wußten es nicht; die
-Männer, die jetzt todwund heimkehrten, hatten sich vielleicht schon im
-Kampf gegenübergestanden.
-
-Heinrich Fries, der Lehrer von Steinach, lehnte am Fenster. Er konnte
-nicht schlafen, vor Freude nicht und vor Leid nicht. So mußte er
-heimkehren, ein Krüppel! Ein Bein hatte er verloren, auch die linke
-Hand fehlte ihm, und über die Stirn lief ihm eine breite rote Narbe.
-Er dachte, mit welch hochfliegenden Plänen er einst im Leben gestanden
-hatte, wie unzufrieden er in Steinach gewesen war. Nun war das alles
-vorbei, selbst zum Lehrer in Steinach mochte er gewiß nicht mehr
-taugen. Wunderlich war ihm das oft gegangen draußen. An die Stadt,
-in der er so lange gelebt, hatte er wenig gedacht, immer, wenn er
-mit seinen Kameraden von der Heimat sprach, kehrten seine Gedanken in
-Steinach ein. In den heißen, blutigen Schlachten, mitten im Donnern
-und Brüllen der Geschütze sah er plötzlich das Dorf vor sich und die
-blühenden Straßen, so wie er es zuerst gesehen hatte. Er dachte an die
-Kinder; er hatte sie doch alle lieb, selbst so unnütze Wildfänge wie
-Jackenknöpfle und das lachlustige Malchen Hinzpeter. Einmal hatte er
-gerade wieder an allesamt einen Brief geschrieben, da war eine Granate
-neben ihm eingeschlagen, und er hatte die Stirnwunde bekommen.
-
-Ins Lazarett sollte er, in die Heimat zurück, aber er hatte nicht
-gewollt, und zwei Tage später hatte er, verwundet schon, mitten im
-furchtbaren Kampf gestanden. Neben ihm waren seine Kameraden gefallen,
-er war vorwärts gestürmt, immerzu, immerzu. Dann hatte ihn ein Schuß
-getroffen, er war zusammengebrochen, und als er nach vielen, vielen
-Stunden wieder zum Bewußtsein gelangte, war er in Gefangenschaft
-gewesen. Krank und gefangen! Es ahnen nicht alle, wie groß dies Elend
-ist.
-
-Nun kehrte er heim. Heinrich Fries sah hinaus. Es war Mondschein, und
-er sah im Silberglanz einen See, glatt wie ein Spiegel, und Berge,
-hohe, weiße Berge. Wie ein Märchenland war es, so wunderschön. Er
-hatte oft Sehnsucht gehabt, dies schöne Land zu durchwandern, das
-war nun auch vorbei, nun sah er es so. Ein fremdes Land, aber kein
-Feindesland. Ach nein, feindlich waren die Menschen nicht, die auf
-den Bahnhöfen waren, die liebevoll die Verwundeten versorgten. Gute,
-hilfsbereite Menschen waren es.
-
-Einer, der mit im Zuge fuhr, richtete sich ein wenig auf seinem Lager
-auf und flüsterte: »Kamerad, nun sind wir bald in Deutschland. Ich
-habe eine Frau daheim und einen Buben, Herrgott, die soll ich nun
-wiedersehen! Wen hast du?«
-
-»Eine Mutter,« sagte Heinrich Fries.
-
-»Da sind wir beide gut versorgt,« sagte der andere. »Sieh doch mal
-raus, ist’s noch nicht bald Deutschland?«
-
-»Es dauert noch ein paar Stunden.« Heinrich Fries sah wieder hinaus.
-Der Mond stand nur noch als blasse Scheibe am Himmel, der Morgen
-dämmerte herauf, und in dem fahlen, harten Licht des Morgens stiegen
-die Berge riesenhaft empor. Aber dann begannen sie zu glühen und zu
-schimmern, die Sonne ging auf.
-
-Und im hellen, strahlenden Licht der Frühlingssonne fuhr Heinrich
-Fries mit seinen Kameraden bei Konstanz über die deutsche Grenze. Ein
-brausender Jubel empfing sie. Fremde Menschen kamen auf sie zu und
-umarmten sie, Blumen wurden ihnen gebracht und Erfrischungen. Immer
-neue Hände streckten sich ihnen entgegen, alle wollten ihnen helfen,
-alle ihnen Liebes erweisen, alle, alle zeigten ihre Freude.
-
-O Vaterland, o Heimat!
-
-Die Todwunden, denen die Tage und Nächte in Schmerzen vergingen,
-die Blinden, die Krüppel, sie alle sangen dem Vaterland entgegen:
-»Deutschland, Deutschland über alles!«
-
-Heinrich Fries hatte seine Heimkehr nicht melden können. Seine
-Auslösung war überraschend gekommen, und seine Mutter ahnte nicht,
-daß er in Deutschland war. Er hatte ihr auch nie geschrieben, wie
-schwer seine Wunden gewesen, er wollte ihren Kummer nicht vergrößern.
-Nun dachte er, wenn ich in ein Lazarett komme, dann schreibe ich ihr.
-Noch wußte er ja nicht, wohin man ihn bringen würde. Nimmer hätte er
-gedacht, daß er so sehr in Steinachs Nähe kommen würde. Erholen sollte
-er sich nun, dann sollte er ein künstliches Bein bekommen, eine Hand,
-und der Arzt, der ihm das versprach, tröstete: »Dann ist’s nicht mehr
-schlimm.«
-
-Eines Tages liefen Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer auf der
-Birnenstraße wieder dem Briefträger entgegen. Seit Wochen hatte der
-nun nichts aus Frankreich ins Schulhaus gebracht, und die alte Frau
-Lehrerin zagte und zitterte in Sorge. Der neue Briefträger, er hieß
-zu der Kinder Ärger Schmidt, was doch kein richtiger Name sei, so
-meinten sie, wußte nun auch schon, wer in Steinach um Briefe bangte. Er
-schüttelte also den Kopf: »Kein Brief aus Frankreich, ’n anderer nur.«
-
-Da rannte Fritze zurück, und Fräulein Regine ging ihm nach, der andere
-Brief war ihnen nicht wichtig. Den erhielt ein paar Minuten später Frau
-Besenmüller zur Besorgung. Die nahm ihn mit dem Schürzenzipfel, weil
-sie nasse Hände hatte, und trug ihn so in das Haus hinein. Drinnen kam
-ihr Mann ihr entgegen, und sie bat: »Besenmüller, trag’ du mal den
-Brief rauf, der rechte ist’s wieder niche.«
-
-Oben traf Besenmüller Vater Hiller, der gerade zum Mittagessen zu Frau
-Fries gehen wollte, der nahm ihm den Brief ab, und Besenmüller sagte:
-»Der rechte ist’s nicht.«
-
-Vater Hiller trug den Brief in die Stube, legte ihn vor Frau Fries hin
-und sagte auch bedauernd: »Ein Brief, leider nicht der rechte.«
-
-Und es war doch der rechte Brief. Nur in die Hand nahm ihn Frau Fries,
-dann wußte sie es. Mutteraugen sind scharf, Mutterherzen spüren des
-Kindes Nähe.
-
-Durch das Dorf lief die Kunde, der junge Herr Lehrer ist heimgekehrt
-aus Frankreich, in L. ist er, aber -- er ist ein Krüppel. Fritze
-Schwetzer raste zum Schulhaus hin. Und den Brief hatte er nun nicht
-gebracht, gerade den Brief nicht. Er polterte mal wieder ungeheuer
-auf der Treppe, aber Frau Besenmüller schalt nicht, die hörte es gar
-nicht, die scheuerte im Schulzimmer, denn irgendwie mußte sie ihre
-Freude zeigen, ritsch, ratsch mit der Bürste hin und her. »So recht
-ausscheuern tut gut,« brummelte sie.
-
-Fritz fand Frau Fries oben reisefertig. Die wollte gleich nach L.
-fahren mit dem nächsten Zug. »Lauf zu Pfarrers,« bat die Frau,
-»vielleicht kommt Fräulein Regine mit.«
-
-Nie hatte Frau Fries nach einer Stütze verlangt, jetzt, da sie den Sohn
-wiedersehen sollte, in der Freude verlangte sie Hilfe. Und Pfarrers
-Regine kam. Fritz hatte seine Botschaft noch nicht raus, da sagte sie
-schon: »Ich fahre mit, natürlich!«
-
-Sie lief dem Buben voran und meinte, der käme hinterher, aber der kam
-nicht. Der rannte heimwärts, fiel seiner Mutter beinahe ins Spülfaß und
-schrie so laut, wie es noch nie jemand von ihm gehört hatte: »Meine
-Sparbüchse!«
-
-»Junge, biste närrisch?« Seine Mutter trocknete sich ärgerlich die
-Hände ab. »Sag’, was soll das Geschrei?«
-
-»Ich muß nach L.«
-
-»So eins, zwei, drei im Handumdrehen?« Frau Schwetzer wollte nein
-sagen, aber dann sagte sie doch ja, ging und schüttelte die Büchse vor
-Fritz aus. »Viel ist nicht drin, ’n Groschen fehlt, den will ich dir
-schenken. Da nimm ’n Brot und geh!«
-
-Doch Fritze lief dem Brot davon. Er rannte die Apfelstraße entlang, bis
-er Frau Fries und Fräulein Regine sah, da ging er langsam nach. Und
-nach ihnen kletterte er in den Zug, und die beiden sahen ihn nicht.
-Sie sahen ihn auch nicht, als sie in L. ausstiegen. Und wieder trabte
-ihnen Fritz nach bis zu dem Lazarett, da gingen sie hinein, und --
-Fritz blieb draußen. Hier verließ ihn auf einmal sein Mut, er wußte
-nicht, wie er in das große Gebäude hineingehen sollte. Er ging auf und
-ab, durch die Türe da waren die beiden Frauen hineingegangen, das mußte
-doch der rechte Weg sein. Er rappelte sich endlich zusammen, trat auf
-das Tor zu, klinkte es auf, da tönte ihm ein Halt! entgegen.
-
-»Wo willst du hin?«
-
-»Da ’nein.«
-
-»Ei, da könnte jeder dumme Junge kommen; so was gibt’s nicht.«
-
-Ein anderer hätte nun dem gestrengen Wärter am Tor geschwinde erklärt,
-so ist die Sache und so, ich habe die Fahrt gemacht von Steinach
-hierher. Aber das brachte Schwetzers Fritze nicht fertig; ehe er eine
-Antwort heraus hatte, war das Tor geschlossen, klapp zu, ihm vor der
-Nase, er konnte draußen stehen. Er ging wieder auf und ab, hin und her.
-Drei Frauen kamen jetzt, dunkel gekleidet und ernst, die wollten auch
-in das Lazarett gehen. Vor ihnen tat die Türe sich auf. Fritz lief
-ihnen nach, aber klapp, schloß sich das Tor, und er stand wieder einsam
-auf der Straße.
-
-Noch einmal versuchte er es hineinzukommen, vergeblich. Endlich kamen
-Frau Fries und Fräulein Regine wieder heraus, und wieder lief Fritz
-ihnen stumm wie ein treuer Hund nach. Die Frauen gingen der Stadt zu.
-Vor einem Haus, an dem ein Wort stand, das Fritz zehnmal las und doch
-nicht verstand, es hieß »Hospiz«, nahmen sie Abschied voneinander. Frau
-Fries ging mit ihrer kleinen Tasche in der Hand in das Haus hinein.
-Fritz hörte sie noch sagen: »Bestelle, bitte, Frau Besenmüller, sie
-möchte ja nicht vergessen, für Herrn Hiller heute Brusttee zu kochen,
-er ist so erkältet,« dann trennten sich beide.
-
-Nun rannte Fräulein Regine nach dem Bahnhof, und Fritz rannte
-hinterdrein. Sie stiegen beide in den Zug, der fuhr davon, und in
-Steinach kletterten beide heraus.
-
-Es war schon dunkel, und Pfarrers Regine sah ihren kleinen Freund auch
-jetzt nicht. Der trabte ihr nach, als sie aber erst nach dem Pfarrhaus
-abbog, lief er gleich zum Schulhaus. Dort riß er die Türe auf, stürmte
-in Besenmüllers Stube und schrie: »Se möchten Tee kochen für Herrn
-Hiller.« Krach, schlug er die Türe zu und rannte davon.
-
-Eine halbe Stunde später kam Fräulein Regine ins Schulhaus. Sie wollte
-erzählen, wie es Heinrich Fries erging, und sie richtete auch den
-Auftrag aus. »Teekochen?« rief Besenmüller. »Schwetzers Fritze hat’s ja
-schon bestellt.«
-
-»Wie kann er, ich habe ihm ja nichts gesagt?« Das Fräulein wunderte
-sich, und Frau Besenmüller wunderte sich, ja Frau Besenmüller war
-geneigt, Fritz für einen Geist zu halten, aber ihr Mann sagte: »Nä, das
-war Fritze, und vielleicht hat’s ihm Frau Fries vorher bestellt.«
-
-Auf dem Heimweg ging Regine noch einmal zu Schwetzers hinein, da
-erfuhr sie Fritzens Reise. »Ein närrscher Junge,« klagte seine Mutter,
-»nich Stipp, nich Stapp hat er erzählt, nur gegessen, und dann ist er
-schlafen gegangen, aber geheult hat er in seinem Bette.«
-
-Ja, geheult hat Fritz, aber der Schlaf hatte ihm die Tränen schon
-wieder getrocknet, als Fräulein Regine an sein Bett trat. Und am
-nächsten Morgen erzählte er auch mit so wenig Worten als möglich
-seine Reise. Seine Mutter tat ihm schweigend so viel Geld in seine
-Sparbüchse, als das Fahrgeld nach L. betrug, aber Fritz fuhr nicht
-wieder hin. Er graute sich vor dem großen Haus und vor den vielen
-Menschen, die da aus- und eingingen. Er wartete in Steinach auf seinen
-Lehrer, und je näher der Tag kam, an dem er ihn sehen sollte, desto
-größer wurde die Scheu vor ihm. Ob der ihn noch kannte, noch mit ihm so
-sprach wie damals beim Abschied?
-
-Heinrich Fries kam, als in Steinach der Flieder blühte. In jedem
-Garten, in Hofwinkeln an der Kirche, da wo Heckenwege die Häuser
-trennten und verbanden, überall blühte der Flieder. Dichte, blaue
-Büsche, blaue Wände gab es und blaue Blumenberge, und ganz Steinach
-war eingehüllt in Duft und Glanz. Vom Schulhaus wehte die Fahne, denn
-ein Held kam ja heim, einer, der draußen gekämpft und gelitten hatte,
-einer, dem das Kreuz von Eisen die Brust schmückte.
-
-Heinrich Fries hatte gemeint, er würde still durch das Dorf fahren und
-still in sein stattliches Schulhaus treten. Aber vor dem standen die
-Kinder alle, auch die Brummer waren dabei, und alle sangen ihm das Lied
-entgegen, das im Leben und Sterben kein Deutscher vergißt. Und danach
-das schöne »Lobe den Herrn«.
-
-Mitten im Gesang brach Malchen Hinzpeter in Tränen aus. Sie dachte
-an den Vater, der nun nie wiederkehrte. Vater Hiller zog sie aus dem
-Kreise und nahm sie in seine Arme, am Herzen dieses treuen Freundes
-weinte sie sich ihren Kummer aus. Heinrich Fries hörte an diesem
-Tage keinen falschen Ton heraus, er meinte, noch nie einen schöneren
-Gesang gehört zu haben, und als ihn dann alle umdrängten, auch die
-Erwachsenen, und alle baten: »Sie bleiben doch wieder hier?« da rannen
-auch ihm die Tränen aus den Augen, und er schämte sich nicht.
-
-Nachher sagte er zu Vater Hiller: »Werde ich es können, ein Krüppel als
-Lehrer?«
-
-Der alte Mann nickte. »Sie werden es können, und viele, die heimkommen,
-werden siech sein und doch eintreten in ihren Beruf. Und unsere Jugend
-wird lernen, Geduld haben und Ehrfurcht vor jenen, die um unseren
-Frieden gekämpft haben. Ja, sie werden es können, wenn -- Sie in
-Steinach bleiben wollen.«
-
-»Wie gern!« Heinrich Fries hielt seiner Mutter Hand fest. »Du hast es
-früher erkannt als ich, wie gut Steinach am Wald zur Heimat taugt.«
-
-Es kamen viele an diesem Tag, um dem jungen Lehrer die Hand zu
-schütteln, nur Schwetzers Fritze kam nicht. Wo blieb nur der? Fräulein
-Regine ging ihn suchen, sie fand ihn nicht, die Kinder suchten ihn, er
-war nirgends zu sehen. Endlich schaute Frau Besenmüller nach, und die
-fand ihn in ihrem eigenen Holzstall.
-
-»Gleich kommste rauf,« rief sie ärgerlich.
-
-»Nä!« Fritze blieb auf seinem Holzstoß sitzen.
-
-Frau Besenmüller zürnte: »Was soll denn der Herr Lehrer denken?
-Geschwinde komm!«
-
-»Nä!« Der Bube rührte sich nicht, und Frau Besenmüller mußte
-unverrichteter Dinge wieder abziehen. Sie klagte oben über des Buben
-Trotz, da stand Heinrich Fries auf und sagte: »Ich werde ihn holen.«
-
-Er ging, obgleich es ihm noch arg schwer wurde, die Treppen zu steigen.
-Auf einen Stock gestützt, hinkte er über den Hof und kam zu Fritz in
-den Holzstall. »Fritz,« sagte er, »wenn du nicht zu mir kommst, muß
-ich dich suchen, denn ich habe dir viel zu danken. Du warst meiner
-Mutter ein rechter kleiner Freund, ein guter Trost in schwerer Zeit.«
-
-Der Bube schluchzte wild auf und umklammerte seinen geliebten Lehrer,
-und der redete mit ihm, lange, lange. Und sie schlossen beide
-Freundschaft in dieser Stunde, Freundschaft für das Leben.
-
-Frau Besenmüller lief unterdessen draußen scheltend auf und ab. »Im
-Holzstall, um so ’nes Buben willen, nä, was zuviel ist, das ist zuviel.«
-
-»Lydia,« mahnte ihr Mann endlich, »geh du da fort. Wenn einer was
-auf dem Herzen hat, dann kann er auch im Holzstall reden. Und der
-Fritze, um den lohnt’s schon. Den Besten hat sich der Herr Lehrer da
-ausgesucht, das is mal wahr.«
-
-»Wenn er sich nur die Beste aussuchte,« murrte Frau Besenmüller.
-Und das tat der junge Lehrer wirklich. Als auf dem Schafskopf die
-Heckenrosen blühten, gab es Hochzeit in Steinach. Eine stille nur,
-denn für Feste war es keine Zeit. Aber Glück und Freude blühen auch in
-Kriegszeiten, und Pfarrers Regine war eine glückliche und eine frohe
-Braut.
-
-»Der junge Herr Lehrer heiratet Pfarrers Regine!« Wenn die Spatzen
-von Steinach hätten singen können, dies hätten sie gesungen, so oft
-hörten sie es, von Mädeln und Buben, von Alten und Jungen. Am lautesten
-freute sich Frau Besenmüller und am meisten doch darüber, daß Vater
-Hiller in Steinach bleiben wollte. Er mochte nicht mehr zurückkehren in
-die Stadt, die ihm fremd geworden war. In dem großen Schulhaus gab es
-leere Zimmer, da wollte er wohnen, und Frau Fries und Frau Besenmüller
-versprachen ihm alle Pflege.
-
-Eine bittere Enttäuschung war es den Kindern, daß nach der Hochzeit ihr
-junger Lehrer wieder fortging. Erst gesund werden, dann arbeiten, hieß
-es, und mit dem Gesundwerden dauerte es noch an, so schnell lernt einer
-nicht mit zwei Gliedern weniger fortzukommen.
-
-Wieder reiften auf der Apfelstraße die Äpfel, und wieder mal hielt
-Besenmüller auf der verkehrten Straße Wache, da kamen Heinrich und
-Regine nach Steinach zurück. Draußen tobte noch der Krieg, aber
-Steinach lag im Frieden. »Vor zwei Jahren kam ich her, ein gesunder
-Mann mit einem mißmutigen Herzen, jetzt kehre ich zurück, ein Krüppel
-mit frohem Herzen,« sagte der junge Mann heiter. Sie hatten sich nicht
-angemeldet, sie wollten alle daheim überraschen. Wie sie aber so unter
-den ersten Bäumen hingingen, rauschte es in den Zweigen, und ein
-jauchzendes Gebrüll erhob sich: »Hurra, hurra, se sin da!«
-
-Purzel, purzel kam es von den Bäumen herab, es hopste aus den Gräben
-heraus, und jauchzend umdrängten die Kinder ihren Lehrer. »Hurra,
-hurra!«
-
-Bis zur Pflaumenstraße hin tönte das Geschrei, dort lauschte
-Besenmüller. »Nu haben se wieder etwas angestiftet. Nä, nä, Schelme sin
-se doch, was wahr ist, das ist wahr!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Lustige Erzählungen von Josephine Siebe:
-
-
-Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten
-
-[Illustration]
-
-Mit vier farbig. Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
-
-Unter der Fülle von Jugendschriften verdient dieses Buch ganz besondere
-Beachtung. Was an den Erzählungen so sehr gefällt, das ist die Frische,
-Lebendigkeit und Anschaulichkeit der Darstellung und der köstliche
-Humor, der uns fast in allen begegnet. Sie wollen unsere Jugend
-erfreuen, und sie werden sie erfreuen. Wer also Kindern eine besondere
-Freude bereiten will, der schenke ihnen dieses Buch.
-
- (Casseler Allg. Ztg.)
-
-
-Lustige Fahrten ins Blaue hinein
-
-Heitere Erzählungen f. d. Jugend Mit sechs farbigen Vollbildern
-
-Alle Achtung vor diesem famosen Buche! Wenige Schriftstellerinnen
-wissen so zu erzählen wie Josephine Siebe. Ein Sonnenglanz liegt über
-allen kleinen und großen Begebenheiten, der Schelm Humor setzt überall
-helle Lichter auf. In einzelnen Stücken, wie »Das Feuermännchen« und
-in dem besonders wertvollen »Die Reise ins Graue«, erhebt sich die
-Erzählerin zur Dichterin. Möge sie der Kinderwelt noch recht oft solche
-urwüchsige und herzerfreuende Geschichten erzählen, sie sind dazu
-angetan, unsern Lieblingen fröhliche Gesichter und Herzen zu machen.
-Josephine Siebe hat’s von Gott, die rechte Heiterkeit nämlich, die sich
-fein unterscheidet von der lärmenden Lustigkeit.
-
- (Alton. Nachr.)
-
-
-Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf
-
-[Illustration]
-
-Mit vier farbig. Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
-
-Die fünfzehn Geschichten haben es vorzugsweise auf das Fröhliche, die
-Komik, das drollig Vergnügliche abgesehen. Unsere Jugend muß sich
-wohlfühlen unter diesen Dorfkindern, die sich so herzensfroh ihres
-Daseins freuen, und die so lebenswahr vorgeführt werden in ihrer
-Harmlosigkeit und Natürlichkeit, in ihren unschuldigen Freuden und
-Vergnügungen, aber auch in ihren kleinen und großen Leiden und Sorgen.
-Es ist eine recht humorvolle Lektüre.
-
- (Die Gartenlaube)
-
-
-Die Oberheudorfer in der Stadt
-
-[Illustration]
-
-Reich illustriert
-
-Alle, die die Oberheudorfer Kinder aus den früheren Erzählungen
-von Josephine Siebe kennengelernt haben, werden sich freuen, ihnen
-hier wieder zu begegnen, freuen auch, daß es dieselben prächtigen,
-frischen Buben und Mädel sind, die in ihrem kleinen Dorf so viel echte
-Herzensbildung gewonnen, daß sie manch hochgebildeten Städter beschämen
-und ihm im Guten vorangehen können. Bei ihren Besuchen des alten
-Kameraden, der in der Stadt das Gymnasium besucht, erleben sie manches,
-bleiben aber immer in drolligster Art Herren der Lage.
-
- (Schwäbischer Merkur)
-
-
-Dudeleins Garten und Schippels Kinder
-
-Ein heiteres Kinderbuch mit vier farbigen Vollbildern
-
-Die beliebte Verfasserin führt hier eine Anzahl Kinder eines
-Mietshauses vor, deren Versammlungsort »das Himmelreich«, die Mauer
-eines an den Hof stoßenden Parkes ist. Wie die Sehnsucht der Kleinen
-nach den Schönheiten dieses prachtvollen Gartens gestillt wird, und
-wie eine einsame, alte Frau durch diese Kinder wieder Freude am Leben
-findet, das wird den jungen Lesern viel Vergnügen bereiten.
-
- (Reclams Universum)
-
-
-Im Hasenwunderland
-
-[Illustration]
-
-Ein fröhliches Kinderbuch mit zwölf farbigen Vollbildern und vielen
-Textillustrationen
-
-»Im Hasenwunderland« gehört zu den Büchern, die den Kleinen lieb werden
-müssen, zumal zu der glücklichen Idee, Meister Lampe zum Helden einer
-wunderbaren Geschichte zu wählen, eine ganz ausgezeichnete illustrative
-Ausstattung von Joseph Mauder hinzutritt, ausgezeichnet, weil echt
-kindlich empfunden, wie übrigens auch die ganze Erzählung, die
-schlicht und einfach die Abenteuer aus der Welt der Familie Hase nebst
-Anverwandten vorträgt. Wir können dieses ganz vorzügliche Kinderbuch
-nicht warm genug empfehlen.
-
- (Neue Zürcher Zeitung)
-
-
-Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
-
-
-
-
-Lustige Erzählungen für die Jugend
-
-
-Rose, Linde und Silberner Stern
-
-[Illustration]
-
-Erzählung für die Jugend von Josephine Siebe
-
-Reich illustriert
-
-Mit viel Aufwand von Lustigkeit und Humor, dem ein schöner, tiefer
-Ernst nicht mangelt, erzählt hier Josephine Siebe von dem Leben und
-Treiben einer Kinderschar aus der Rose, der Linde und dem Silbernen
-Stern, drei befreundeten Häusern einer Kleinstadt, und weiß die
-drolligen Vorgänge mit so viel Spannung und guter Laune zu schildern,
-daß die kleinen Leser das Buch hochbefriedigt aus der Hand legen
-werden. Unter den Siebeschen Büchern steht diese Erzählung ohne Zweifel
-mit an erster Stelle.
-
-
-Das Mondscheinprinzeßchen
-
-Eine heitere Kindergeschichte von Thea von Harbou
-
-Mit vier bunten Vollbildern
-
-Taufrisch, voll warmer Lebensfreude und harmlosen Übermuts ist die
-Erzählung von der verzogenen, grämlichen Mondscheinprinzeß Johanna, die
-in das Forsthaus und in die derben Fäuste der Hubertusrangen gerät,
-die ihr den eigensinnigen Kopf zurechtsetzen und die steifen, matten
-Glieder durchkneten, bis sie straff und gelenkig werden. An der Hand
-der liebreichen Hausmutter entdeckt Mondscheinprinzeßchen ihr Herz und
-erfährt, daß man nicht immer an sich selbst denken, sondern andern
-Liebes erweisen soll. Ohne Zweifel wird diese Erzählung den Kleinen
-viel Freude bereiten.
-
- (General-Anzeiger für Hamburg)
-
-
-Frohe Jugend
-
-[Illustration]
-
-Hundertein schöne Kindergeschichten von Helene Stökl u. Frau Juliane
-
-Mit zahlreichen Illustrationen
-
-Und ein gar liebes, den ganz Kleinen gewidmetes Buch heißt »Frohe
-Jugend«. Es sollte in den Kinderstuben recht heimisch werden. Die
-kurzen, ganz reizend erzählten Geschichtchen aus den verschiedensten
-Gebieten, aber alle von einem warmen, poetischen Unterton getragen,
-sind wie wenige geeignet, Phantasie und Gemüt des kleinen Volkes zu
-beschenken. Vortrefflich eignen sie sich zum Vorlesen und Nacherzählen.
-
- (Leipziger Ill. Zeitung)
-
-
-Kasperle auf Reisen
-
-[Illustration]
-
-Eine lustige Geschichte von Josephine Siebe
-
-Mit vier farbigen Vollbildern
-
-Einen ganz eigenartigen Stoff hat sich die bewährte
-Jugendschriftstellerin diesmal erkoren. Der Puppenschnitzer Friedolin
-findet beim Stöbern in einem alten Schrank ein aus langem Zauberschlaf
-erwachendes Kasperle, das bereits seinen Vorfahren als Modell gedient
-hat. Die Wanderlust treibt Kasperle indes im Frühjahr aus dem Waldhaus
-in die weite Welt hinaus, wo der schnurrige Schelm die merkwürdigsten
-Abenteuer erlebt und sich in dem Schloßtöchterlein Rosemarie und dem
-Geißbuben Michele treue Freunde erwirbt, bis er schließlich nach
-allerlei lustigen Erlebnissen wieder ins Waldhaus heimfindet.
-
- (Breslauer Zeitung)
-
-
-Die Sternbuben in der Großstadt
-
-Eine heitere Geschichte von Josephine Siebe
-
-Mit vier Vollbildern
-
-Die beiden Buben der Wirtin vom »Silbernen Stern« in Breitenwert werden
-von ihrer Pate zum Besuch nach Leipzig eingeladen und erleben auf der
-Fahrt und in der Großstadt die drolligsten Abenteuer. Ihre Erlebnisse
-sind mit überwältigender Komik geschildert.
-
- (Reclams Universum)
-
-
-Kasperle auf Burg Himmelhoch
-
-[Illustration]
-
-Lustige Geschichte v. Josephine Siebe
-
-Mit farbigem Decken- u. Vollbild und zahlreichen Scherenschnitten
-
-Der Untertitel verspricht nicht zu viel: es ist wirklich eine lustige
-Geschichte, und vor allem weiß die Verfasserin so zu erzählen, wie man
-Kindern erzählen muß. Jede Mutter, die aus diesem Buch ihren Kleinen
-vorliest, wird ihre helle Freude daran haben, wie die Kinder mit
-gespanntem Blick an ihren Lippen hängen und immer wieder in fröhliches
-Gelächter ausbrechen, wenn der potzlustige kleine Spaßmacher wieder
-einen neuen Unfug ausgeheckt hat und sich in jeder Lebenslage zu helfen
-weiß. Die vielen Scherenschnitte, ganz im Ton der lustigen Geschichte
-gehalten, bedeuten eine wertvolle Bereicherung des Buches.
-
- (Revaler Bote)
-
-
-Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
-
-
-
-
-Unsre illustrierte, billige Jugendschriftenreihe:
-
-
-Lieblingsbücher der Jugend
-
-Bisher erschienen:
-
- Bd. 1: Im Schlaraffenland
- und andere Märchen von Ludwig Bechstein
-
- Bd. 2: Die wilden Schwäne
- und andere Märchen von H. Chr. Andersen
-
- Bd. 3: Das Riesenspielzeug
- und andere deutsche Sagen von Grimm, Bechstein u. a.
-
- Bd. 4: Mein liebes Fabelbuch
- Mit Fabeln v. Aesop, Lessing, Gellert
-
- Bd. 5: Lustige Geschichten
- fürs kleine Volk. Beiträge von Stökl, Hebel, Schwab
-
- Bd. 6: Abenteuergeschichten
- aus fernen Ländern von Sealsfield, Cooper, Wörishöffer
- u. Zwilgmeyer
-
- Bd. 7: Der Knabe des Tell
- Erzählung für Jugend und Volk von Jeremias Gotthelf
-
- Bd. 8: Das Drachenried
- Schweizer Sagen und Heldengeschichten I von M. Lienert
-
- Bd. 9: Das tapfere Schneiderlein
- und andere deutsche Sagen aus Österreich
-
- Bd. 10: Die sieben Schwaben
- und der Spiegelschwab von L. Aurbacher
-
- Bd. 11: Der gehörnte Siegfried
- u. der arme Heinrich von G. Schwab
-
- Bd. 12: Die Schildbürger
- von Gustav Schwab
-
- Jeder Band mit buntem Einlagebild und vielen
- Textillustrationen
-
-[Illustration]
-
-Unter der bewährten Leitung Dr. Otto Brandstädters liegen die von
-verschiedenen Schriftstellern bearbeiteten schmucken Bändchen der
-»Lieblingsbücher der Jugend« vor, deren Inhalt in Märchen und
-Erzählungen, Sagen und Heldengeschichten gesunde Kost, Unterhaltung und
-Anregung bringt für Jugend und Volk.
-
- (Schwäbischer Merkur)
-
-
-Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHELME VON STEINACH ***
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-Defect you cause.
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.