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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Die Schelme von Steinach - Erzählung für die Jugend - -Author: Josephine Siebe - -Illustrator: Ernst Kutzer - -Release Date: February 24, 2022 [eBook #67488] - -Language: German - -Produced by: Peter Becker and the Online Distributed Proofreading Team - at https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHELME VON -STEINACH *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Weitere Anmerkungen zur - Transkription befinden sich am Ende des Buches. - - - - - Die Schelme von Steinach - - Erzählung für die Jugend - - von - - Josephine Siebe - - Mit Buchschmuck von Ernst Kutzer - - Fünfte Auflage - - [Illustration] - - Verlag von Levy & Müller in Stuttgart - - - - - Nachdruck verboten - Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten - Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart - - - - -[Illustration] - - - - -Erstes Kapitel - -Steinach am Wald - - Zwei Reisegefährten erzählen sich etwas von den Schelmen von - Steinach, und Heinrich Fries plant mit seiner Mutter eine - Sommerreise - - -In einem Bähnchen, das bedachtsam, ohne sonderliche Eile, aber mit viel -Gepuff und Gestöhn durch das Land lief, saßen zwei Männer. Der eine war -alt, der andere war jung. Der Alte kannte die Gegend, der Junge kannte -sie nicht, und weil der Junge zu denen gehörte, die sich gern belehren -lassen, fragte er dies und das. Der Alte gab ihm gern Auskunft, er gab -sie wie einer, der Land und Leute liebhat. - -Das Bähnchen fuhr auch an einem Dorf vorbei, über dem das Gebirge -dunkel bergan stieg. Von drei Seiten liefen Straßen auf das Dorf zu; -sie waren mit Obstbäumen eingesäumt, die just in Blüte standen. Wie -weiße, schimmernde Bänder lagen die Straßen im Sonnenglanz, und ein -weißer Blütenkranz umschmiegte auch das Dorf. Es sah hübsch aus, und -der junge Mann im Zug beugte sich rasch hinaus und las, was an dem -Bretterbudchen stand, das sich stolz Bahnhof nannte. »Steinach am Wald« -hieß das Dorf. - -Auch der alte Mann schaute hinaus und nickte dem Dörfchen zu wie einer, -der einen guten Freund grüßt, zu dem er sagen will: Wir haben uns lieb. - -»Da oben hat wohl einmal eine Burg gestanden?« fragte der junge Mann -und deutete auf einen mäßig hohen, nach einer Seite steil abfallenden -Berg, dessen Gipfel ein paar Mauerreste krönten. - -»Ja, dort oben -- der Berg heißt der Schafskopf -- hausten einst die -Schelme von Steinach, das war ihre Stammburg.« - -»Die Schelme von Steinach auf dem Schafskopf!« Der junge Mann lachte -und fragte: »Ein verlockender Name! Gibt es die Schelme noch?« - -»Nein, das Geschlecht ist ausgestorben, aber« -- ein heiteres -Schmunzeln lief über des Alten Gesicht -- »die Geschichten von ihnen -leben noch in der Erinnerung, und die Nachbarn ringsum nennen die -Steinacher gern nach den alten Herren von einst die Schelme von -Steinach.« - -Das Züglein hatte den kleinen Bahnhof verlassen. Pustend und stöhnend -fuhr es weiter, und das Dorf mit den weißen, schimmernden Blütenstraßen -entschwand allmählich den Blicken der Reisenden. Doch die Gedanken des -jungen Mannes blieben noch daran hängen, er fragte: »Wie waren denn -die Schelme von Steinach, daß man noch heute ihren Namen den Dörflern -anhängt?« - -»Nun, beim richtigen Namen genannt waren es Raubritter. Sie hausten -wie Habichte auf ihrem Bergnest und nahmen gern, was ihnen gefiel, -auch wenn es anderen gehörte. Aber die Schlimmsten waren sie nicht, -andere adelige Herren trieben es dazumal wohl ärger. Sie waren nicht -hart, sondern gutmütig und voll lustiger Einfälle. Ein Raubzug war -ihnen meist ein heiterer Spaß, und sie schädigten die Beraubten nicht -an Leib und Leben. Ja, es kam vor, daß sie einen Kaufmann, den sie -ausgeplündert hatten, noch gastlich auf ihrer Burg bewirteten, damit er -sich vom Schreck erhole, und er von ihnen ging, als wäre er zu Besuch -da droben gewesen.« - -»Und wieso gleichen die Steinacher von heute ihnen, daß man sie auch -Schelme nennt? Rauben sie etwa auch?« fragte der junge Mann fröhlich. - -»Na, rauben und plündern tun sie freilich nicht, sie sind ehrlich, -einer wie der andere, aber für einen lustigen Spaß sind sie immer -zu haben,« erwiderte der Alte lächelnd. »Die Steinacher sind ein -sangesfrohes, heiteres Völkchen, und weil sie Sinn für Scherz und -Fröhlichkeit haben, leben auch noch die Geschichten der Schelme in -ihrer Erinnerung. Es geht damit wie bei manchen Dingen: das Schlimme -wird vergessen, das Gute bleibt in der Erinnerung haften.« - -»Jetzt ist Steinach ganz verschwunden!« Der junge Mann rief’s -bedauernd, denn auch das letzte Zipfelchen der weißen Blütenstraßen -verhüllte nun die Ferne. »Man muß einmal hinfahren und den Spuren der -Schelme nachgehen.« - -Der alte Herr sah den jungen Mann, der blaß und schmal war, prüfend an. -»Ein paar Wochen in Steinach täten Ihnen wohl gut. Sichtbare Spuren der -Schelme sind nicht mehr viele zu finden. An der Kirche steht außen ein -Grabstein aufgerichtet, ein Herr Arnulf von Steinach liegt da begraben. -Und weil den die Steinacher alltäglich sehen, erzählen sie die meisten -Schelmengeschichten von diesem Herrn Arnulf. Die Burg selbst ist ein -Trümmerhaufen, nur ein Turm steht noch halb. Aber natürlich,« der Alte -schmunzelte wieder, »liegt oben ein Schatz begraben; die Steinacher -sagen es wenigstens.« - -»Ich werde den Schatz suchen gehen,« sagte der junge Mann. Er sagte -es heiter und seufzte doch dabei, denn er dachte an die kleine, enge -Viertreppenwohnung, in der er mit seiner Mutter hauste, und in der es -reichlich knapp herging. - -»Ja, ja, einen Schatz möchte wohl jeder gern finden, und doch gehen die -Menschen an so vielen Schätzen der Welt achtlos vorbei. Just so wie -einst Herr Arnulf von Steinach.« - -»Wie war denn das?« Der junge Mann machte ein Gesicht, daß der Alte -neckte: »Ei, auch auf Geschichten hungrig?« - -»Geschichten höre ich wirklich gern,« bemerkte der andere, »und auf -Steinach und die Schelme bin ich schon ganz neugierig geworden.« - -»Also die Geschichte ist so: Herr Arnulf hatte einst gehört, daß ein -Kaufmann mit kostbarem Geschmeide von Köln am Rhein käme, an des -Markgrafen von Meißen Hof wollte er. Den muß ich fangen, dann hat alle -Not ein Ende, dachte der Schelm von Steinach. Er war nämlich nicht -sehr begütert, und seine Standesgenossen pflegten zu sagen: ›Arm wie -der Schelm von Steinach!‹ Herr Arnulf legte sich also auf die Lauer -mit seinen Mannen, und richtig, der Kaufmann mit seinen Leuten zog auf -der Straße einher. Es ging wie immer in solchen Fällen: mit lautem -Geschrei überfiel der Ritter mit seinen Knechten den Zug, der Kaufmann -schrie und jammerte, seine Leute schrieen und jammerten noch lauter; es -geschah aber keinem ein Leid, und der Kaufmann mit den Seinen wurde auf -die Burg gebracht. Inzwischen ging ein armseliges Bäuerlein mit einem -Sack auf der Landstraße dahin. Es grüßte demütig, und der Ritter, froh -über den reichen Fang, warf ihm ein paar Batzen zu. »Was trägst du denn -da?« - -»Schweinefutter,« stammelte das Bäuerlein und dankte untertänig für die -milde Gabe. - -Herr Arnulf hatte keine Zeit, sich weiter um das Bäuerlein zu kümmern; -froh über den reichen Fang, zog er zur Burg hinauf. Nach Schelmensitte -wurden der Kaufmann und seine Leute in ein anständiges Gemach gebracht -und mit Wildbret, Brot und Wein bewirtet, während der Ritter erst -einmal die Beute betrachtete. Da war aber die Enttäuschung groß! Von -dem kostbaren Geschmeide war nichts zu finden, einige Kasten waren ganz -leer, und der ganze Raub bestand in einigen Ballen geringer Leinwand. -Der Kaufmann wurde herbeigebracht, und Herr Arnulf fuhr ihn zornig an, -wo denn das kostbare Geschmeide sei. - -»Ach du lieber Himmel,« rief der Mann klagend, »so etwas habe ich nie -besessen; aber Gewürze hatte ich und dergleichen, die hat mir schon -jemand geraubt. Es gibt der Herren mehr, die auf uns arme Kaufleute -fahnden. Ich bin ein armer, unglücklicher Mann!« - -»Potzwetter, da haben wir die falschen erwischt!« dachte Herr Arnulf -grimmig. Er ließ aber den armen Kaufmann das nicht entgelten; der -durfte noch am Abend mit den Seinen weiterziehen und sogar seinen Kram -mitnehmen. Denn dazu war der Herr Arnulf zu stolz, zu nehmen, was einer -übriggelassen hatte. - -Danach lag er viele Tage und Nächte auf der Lauer, aber kein Kaufmann -zog vorbei, und von dem kostbaren Raub, den er zu machen gedachte, -bekam er kein Ringlein zu sehen. - -Nach ein paar Monden kam ein Vetter, ein reiselustiger Herr, der -wußte von einem Spottlied zu sagen, das man in Köln am Rheine auf den -Gassen sang. Der reichste Kölner Kaufmann, so hieß es in dem Liede, -sei den Schelmen von Steinach als Bäuerlein mit Schweinefutter an der -Nase vorbeigezogen. Im Walde habe er dann auf sein Gefolge gewartet, -und alle miteinander hätten sich weidlich gefreut über des Schelmen -Reinfall, der das Märlein von den ausgeraubten Kisten und Ballen so -leicht geglaubt habe. - -Da half nun dem Herrn Arnulf kein Wüten und Zürnen mehr, der reiche -Kaufmann saß in Köln sicher in seinem stattlichen Hause und zeigte den -Batzen, den ihm der Schelm geschenkt hatte. - -Noch jetzt sagen sie in der Steinacher Gegend, wenn einer gar armselig -tut und es nicht nötig hat: »Dem würde der Schelm auch einen Batzen -schenken.«« - -Es war, als hätte das Züglein darauf gewartet, bis die -Schelmengeschichte zu Ende war, es hielt, und alle Leute mußten -aussteigen. Die große Bahnlinie war erreicht, und etliche Reisende -sagten: »Gut, daß die Bummelei ein Ende hat und wir in den Schnellzug -steigen können.« - -Der junge Mann dachte das nicht, als er nun allein weiterfuhr, denn -sein Reisegefährte hatte ein anderes Ziel. Er dachte an das Dorf im -Kranz der blühenden Bäume; es mochte sich dort wohl gut wohnen. Nun -lächelte er nicht mehr, nun seufzte er nur, weil es ihm einfiel, wie -anders alles in seinem Leben gekommen war, als er es einst erhofft. -Studieren hatte er wollen, da war sein Vater gestorben, just als er in -der Prima saß. Seiner Mutter blieb so ein winziges Geldchen, daß sie -gerade noch so lange davon leben konnte, bis sich ein kleiner Erwerb -gefunden hatte. Er ging auf ein Seminar und wurde Lehrer, weil er dort -eine Freistelle erhielt. Nun war er Hilfslehrer in einer großen Stadt, -seine Mutter stickte und nähte noch, und beide hofften, er würde bald -eine bessere Stelle erhalten. Er hatte darum die Reise gemacht, aber -sie war vergeblich gewesen, die Stelle war einem anderen zuerteilt -worden, und er kehrte in die graue Stadt zurück. Trübe blickte er zum -Fenster hinaus. - -Draußen lag die Welt im Frühlingsglanz, aber ihm war das Herz schwer. -Er wußte wohl, er hatte es eigentlich ganz gut; sein Amt war zwar -bescheiden, aber es nährte ihn doch, er war zudem jung und gesund, und -die allerbeste Mutter umsorgte ihn. Doch er konnte es nicht vergessen, -daß er hatte studieren wollen, und sehnte sich danach, noch immer mehr -und mehr zu lernen, und sollte nun lehren, -- das machte ihn unfroh. Er -wollte höher hinaus im Leben, nach Ehre und Ansehen stand sein Sinn. - -An alles das dachte er auf der Bahnfahrt, er dachte auch noch daran, -als er wieder die vier Treppen zu seiner Wohnung emporstieg, und oben -las ihm seine Mutter die Gedanken von der Stirn und sagte wehmütig: -»Mein armer Junge!« - -Da bezwang er sich, und heiter erzählte er von seiner Fahrt durch -das frühlingsgrüne Land, und Steinach am Walde fiel ihm dabei ein. -Er schilderte das Dörfchen, zu dem drei weiße, schimmernde Straßen -führten, und er erzählte auch von den Schelmen. Darüber wurde er ganz -froh, und zuletzt sagte er: »Weißt du, Mutter, wir sparen recht, und -dann machen wir einmal eine Ferienreise nach Steinach am Walde.« - -»Ach ja,« sagte die Mutter, und ein sehnsüchtiger Glanz trat in ihre -sanften Augen, »das wird schön!« - -Sie dachte an ihre fröhliche Jugend, die sie auf dem Lande verlebt -hatte, und der Sohn dachte auch daran, denn die Mutter hatte ihm -viel erzählt. Und auf einmal verschwand seine trübe Stimmung, ein -fröhlicher Arbeitsmut kam über ihn, vielleicht konnte er noch mehr -durch Stundengeben verdienen, konnte wirklich einmal mit seiner Mutter -verreisen. - -Herr Heinrich Fries, so hieß der junge Lehrer, reckte die Arme und rief -heiter: »Es bleibt dabei, Mutterle, wir reisen einmal nach Steinach am -Wald. Nächstes Jahr -- oder vielleicht noch diesen Sommer.« - -Die Mutter mahnte lächelnd: »Bau’ dein Luftschloß nicht zu hoch!« - -»Ach, warum nicht? Wer weiß, wie schnell so etwas wird! Recht fleißig -will ich sein, und in den großen Ferien reisen wir, -- ja sicher, -- -schon in den großen Ferien.« - - - - -[Illustration] - - - - -Zweites Kapitel - -Auf der Apfelstraße - - Warum Besenmüller auf der Pflaumenstraße sitzt und Schwetzers - Fritze seinen Himbeerapfel fortwirft -- Der neue Lehrer findet - die Begrüßung sehr seltsam, und Frau Besenmüller erscheint zur - rechten Zeit - - -In Steinach am Wald blühten die Bäume an den Straßen nicht mehr, denn -es war Herbst geworden. Auf jeder Straße hatte ein anderer Baum die -Herrschaft, und die Steinacher redeten darum von einer Apfelstraße, -einer Birnen- und einer Pflaumenstraße. - -Die Bäume hingen voller Früchte, und keine Steinacher Hausfrau -brauchte weder um Weihnachtsäpfel noch um Pflaumen zum Kuchen oder um -Birnenschnitze für die Winterszeit in Sorge zu sein. Von allem gab es -reichlich. Die Äste brachen fast unter der Last der reifen Früchte. - -»Destowegen braucht das Kindervolk aber nicht immer auf die Bäume -zu klettern oder drumherum zu kriechen,« sagte Besenmüller, der in -dieser Zeit in Steinach das Amt eines Obstwärters ausübte. Das war -nicht leicht. Spazierte nämlich Martin Besenmüller auf der Apfelstraße -entlang, dann spielten die Kinder auf der Pflaumenstraße, und schrie da -ein Bube »Besenmüller!«, flugs liefen alle zur Birnenstraße. - -An einem Herbsttag, der heiß und sonnenleuchtend war, -- man hätte -ihn für einen Sommertag halten können -- saß um die erste frühe -Nachmittagsstunde Besenmüller auf der Pflaumenstraße und strickte. Das -war eine Arbeit, die ihm manchen Spott eintrug. Die Steinacher Kinder -waren unnütz genug, ihn oft neckend zu bitten: »Besenmüller, ich hab’ -’n Loch im Strumpf, geh, schenk mer ’n neuen!« - -Dann tat Besenmüller zwar gewaltig böse, er schimpfte und schalt, und -seine liebe Frau schalt noch mehr, aber der Mann blieb doch sitzen und -strickte weiter. Und seine Frau sagte: »Strick’ nur, Besenmüller, was -for ’s Gemüt muß der Mensch haben. Was für Stadtleute das Gelese und -Klaviergespiele is, das is for dich das Gestricke. Laß dir deine Freude -nicht verärgern!« - -Besenmüllers Ärger ging aber nicht tief, und wenn er zankte, lag wohl -ein heimliches Lachen in seinen Augen. -- - -Ein Vergnügen war es nun wirklich, so im Sonnenschein unter einem Baum -zu sitzen und zu stricken. Besenmüller hatte einen rosenroten Strumpf -vor, und seine Laune war auch rosenrot; er rief herzvergnügt »Guten -Tag!«, als ein Bauer vorbeikam. - -»Na, Besenmüller, hütest du die Zwetschen mal wieder?« fragte der Mann. -»Freilich, freilich, se sin arg schene alleweil. Das Kindervolk möchte -zu gern ran.« - -Besenmüller lächelte schadenfroh. Auf der Birnenstraße gab es nicht -mehr viel zu holen, und die Winteräpfel, die noch auf den Bäumen saßen, -lockten nicht so sehr. »Se sin jetzt sehre wilde, de Kinner,« brummelte -er. - -»Jo, jo, wenn nur der neie Lehrer erst käme!« gab der Bauer zur -Antwort. »Vater Hiller ist zu gut.« - -»Aus ’ner großen Stadt kommt der.« Besenmüller machte ein unzufriedenes -Gesicht, und der Bauer fragte: »Is dir wohl niche recht?« - -»Nä, bewahre, ’n Städter ist ’n Städter, der wird nich nach Steinach -passen. Iche bin unzufrieden.« - -Da ging der Bauer kopfschüttelnd weiter. Ja, wenn Besenmüller -unzufrieden war, so war das eine schlimme Sache. Besenmüller war nicht -allein Obstwächter, er war auch der Schul- und Kirchendiener. Je ja, -und der war nun mit dem neuen Lehrer unzufrieden! - -Besenmüllers Laune war nun nicht mehr so rosenrot wie sein Strumpf, -der Gedanke an den neuen Lehrer hatte sie ihm ein bißchen verdorben. -Fünfunddreißig Jahre hatte der alte Lehrer Hiller in Steinach sein Amt -verwaltet, und auf einmal wollte er fort. Er brauche Ruhe, hatte der -Arzt gesagt. Nun wollte Vater Hiller, so wurde er gern genannt, zu -seinen Kindern ziehen, und ein neuer sollte an seine Stelle treten. - -Wie dieser neue Lehrer sein würde, daran dachte nicht allein -Besenmüller an diesem Nachmittag, auch die Kinder redeten davon. Die -saßen alle miteinander, Buben und Mädel, große und kleine, auf der -Apfelstraße und fanden, daß Winteräpfel auch schon im Herbst ganz gut -eßbar sind. Sie kannten auch genau die Bäume, auf denen die frühreifen -Früchte hingen. Die Buben saßen auf den Bäumen, die Mädel darunter, und -alle schmausten sie mit vollen Backen. - -Dort, wo sich die Apfelstraße schon dem kleinen Bahnhof näherte, -- -er lag etwa eine Viertelstunde vom Dorf entfernt -- saß auf einem -Himbeerapfelbaum Arnulf Weber. Schlank und rank war er; wenn er mit -seinen Kameraden ging, ragte er immer ein Stückchen über sie hinaus. -Und lärmten die Buben auf der Straße gar zu arg, dann sagten die -Steinacher: »Mer hört’s, Arne is dabei.« - -Arne saß oben auf dem Baum, und im untersten Geäst hing Fritze -Schwetzer. Der war kurz und stämmig, und seinen Namen verdiente er gar -nicht. Maulfauler als Fritze Schwetzer konnte nicht leicht einer sein. -Wenn den seine Mutter mit einer Bestellung zu einer Nachbarin schickte, -dann sagte er dort meist nur das letzte Wort, etwa »Kuchenblech«, -die Nachbarin mußte es sich dann dazu denken, daß Frau Schwetzer ein -Kuchenblech geliehen haben möchte. An diesem Herbstnachmittag sagte -Fritze überhaupt nichts. Er aß nur einen Himbeerapfel nach dem andern, -obgleich seine Mutter bei Tisch gesagt hatte: »Fritze, du wirst noch -platzen, wenn du so arg stopfst.« - -Desto mehr redete Arne. Seine Stimme tönte hell die Apfelstraße -entlang, und von einem Pfundapfelbaum und anderen Bäumen, auch aus dem -Graben heraus, in dem die Mädel saßen, kam Antwort. Lustige Neckworte -flogen hin und her. Manchmal sauste ein Apfel von Baum zu Baum, im -Graben kicherte es, und in all den heiteren Lärm hinein schrie auf -einmal Zimplichs Max: »Nu kommt er balde!« - -»Wer denn?« Die den Ruf gehört hatten, fragten es, und die anderen -riefen: »Was hat er gesagt?« - -»Der Neue.« Zimplichs Max brüllte es laut, und Ach- und Ohrufe tönten -die Apfelstraße entlang. Auf einmal dachten sie alle an den neuen -Lehrer, auf den sie ungeheuer neugierig waren. Ob er wohl sehr streng -war? Strenger als Herr Hiller sicher! Und nun würden die schönen vielen -Feiertage ein Ende haben, denn Vater Hiller hatte zuletzt nicht mehr -soviel unterrichten können, er war lange leidend gewesen. - -»Ich fürcht’ mich niche!« Ein kleiner, dicker Stöpsel, der mit Müh und -Not auf einen niedrigen Baum gekommen war, schrie es kühn und laut. Das -Wort fand Beifall von da und dort, von oben und unten versicherten es -Buben und Mädel: »Wir ferchten uns niche.« - -»Jackenknöpfle hat recht!« Webers Arne warf dem kleinen, dicken -Burschen einen roten Himbeerapfel hinüber, der fing ihn auf, biß hinein -und ärgerte sich dabei. Sein Spitzname kränkte ihn. Jakobus Knöpfle -hieß er, daraus hatte ein Spaßvogel Jackenknöpfle gemacht, und dieser -Name hing ihm nun an. Seine Mutter tröstete zwar: »Sei froh, daß -sie nicht Hosenknöpfle sagen!« Aber das war doch nur ein schlechter -Trost. -- - -Während so die Kinder auf der Apfelstraße von dem neuen Lehrer redeten -und Besenmüller auf der Pflaumenstraße verdrießlich an ihn dachte, -fuhr Herr Heinrich Fries im Zuge nach Steinach. Er war der neue Lehrer, -und als er so das Land im Herbstschmuck sah und an seine Frühlingsreise -dachte, kam es ihm ganz wunderbar vor, daß nun Steinach sein Ziel war. -Wie es so kommt. Im Sommer hatten die Ersparnisse noch nicht zu einer -Reise gereicht, und Mutter und Sohn hatten zueinander gesagt: »Nächstes -Jahr vielleicht.« Und dann war Heinrich Fries eines Tages in die Schule -gekommen, in der er als Hilfslehrer unterrichtete, da hatte sein -Rektor zu ihm gesagt: »Wollen Sie auf das Land? Es ist schnell eine -gute Stelle zu besetzen. Der dortige Lehrer ist krank, er will in den -Ruhestand treten.« - -Auf das Land? Dorflehrer sollte er werden? Nur zögernd hatte er -gefragt: »Wie heißt denn der Ort?« - -»Steinach am Wald.« Der junge Lehrer im Zug mußte wieder lächeln, als -er an sein Erstaunen damals dachte und an das seiner Mutter über den -seltsamen Zufall. Steinach am Wald, dorthin sollte er. Nur drei Tage -blieben ihm Bedenkzeit, und in diesen Tagen hatten Mutter und Sohn viel -von dem fernen Dorf gesprochen. Sehr froh waren sie beide nicht, sie -wären gern in der Stadt geblieben. - -Frau Fries gehörte zu jenen Müttern, in deren Herzstübchen die Wände -voller Bilder hängen, fast alles Bilder ihrer Kinder. In diesem -Stübchen stehen dann lauter Dinge, an denen die Kinder ihre Freude -haben oder sie einst hatten. Auch ein großes Sorgenwinkelchen gibt es -drin, dort liegt das Leid der Kinder. Manchmal ist dieser Sorgenwinkel -recht groß, und die Mutter hat viel, viel damit zu tun. Auch Frau -Fries’ Herzstübchen war immer ausgefüllt von der Sorge und Freude um -ihren Sohn. An sich selbst dachte sie nie, nur an den Sohn, und der -sollte mehr werden als nur ein Dorflehrer, ein Gelehrter sollte er -werden wie sein Vater. In der Stadt konnte er weiterarbeiten, auf dem -Dorfe wohl nicht. - -Die gute Mutter! dachte Heinrich Fries, als er Steinach immer näher -kam. Nun würde er bald dort sein, aber allein zuerst, so hatte es die -Mutter verlangt. »Wenn es dir nicht gefällt, kommst du zurück,« waren -ihre Worte gewesen. Und der Sohn wußte, sie würde in ihrer Einsamkeit -von morgens bis abends arbeiten, nur für ihn. Sie würde für ihn sorgen -unermüdlich, vielleicht kam er bald zurück und brauchte ihre Hilfe. - -Da hielt der Zug, Steinach am Wald war erreicht. Er stieg aus und sah, -daß er der einzige Reisende war, der das tat. Der Zug fuhr weiter, -und er schlug den Weg nach dem Dorfe ein. »Nur immer die Apfelstraße -hinunter,« sagte der Bahnbeamte freundlich. »Ihren Koffer lassen Sie -nur hier, Herr Lehrer, -- das sind Sie doch?« - -Der Mann grüßte und nickte, und Heinrich Fries ging die Apfelstraße -entlang. In der großen Stadt, aus der er kam, konnte er durch viele -Straßen gehen, niemand kannte ihn, und hier wußten sie gleich, wer er -war. Es ist freilich ein Dorf, sagte er zu sich und seufzte im Herzen, -nur ein Dorf! - -Um diese Zeit dachte Besenmüller gerade auf der Pflaumenstraße: »Heute -sin se aber brav, die Kinner!« und die braven Kinder jauchzten, lärmten -und schmausten vergnügt auf der Apfelstraße. Da tönte der schrille -Pfiff einer Lokomotive in das fröhliche Gelärm hinein, und Arne schrie: -»Vielleicht kommt jemand.« - -Geschwind verkrochen sich die Buben im dichteren Blattgewirr, und die -Mädel duckten sich in den Graben. Es war doch möglich, daß jemand -vom Bahnhof kam, und wenn sie auch alle meinten, im Recht zu sein -mit dieser Schmauserei, erwischen lassen wollte sich keins. Ein paar -meinten: »Arne, paß auf!« - -»Es kommt wer -- ’n Fremder!« schrie der zurück, und der Ruf eilte die -Apfelstraße entlang von Baum zu Baum. - -Von den Bäumen herab, aus dem Straßengraben hinauf lugten schwarze und -blaue Augen dem Ankommenden lustig entgegen. Wer mochte das sein? Ein -Fremder in Steinach, welch ein Wunder! - -Fritz Schwetzer allein kümmerte sich nicht um den, der kam. Er hatte -eben einen Himbeerapfel angebissen, der außen schön rot und glänzend, -aber innen verfault und bitter war, das ärgerte ihn. Er drehte den -Apfel rundum, biß noch einmal da an und dort, vielleicht gab es noch -eine süße Stelle, aber da der Apfel bitter blieb, warf Fritze ihn in -weitem Bogen auf die Landstraße, da mochte er liegen. - -»Holla, was ist denn das?« Heinrich Fries sah sich erstaunt um, ihm -war etwas an den Kopf geflogen und hatte ihm den Hut heruntergerissen, -und doch war es ganz windstill, kein Lufthauch war zu spüren. Aber -freilich, in den Bäumen raschelte und zitterte das Laub, und der junge -Lehrer sah da und dort Bubenbeine hängen, er sah auch neben seinem Hut -einen angebissenen Apfel liegen. Rasch trat er auf den Himbeerapfelbaum -zu, packte Fritzes Beine und rief: »He, du da oben, ist das Sitte hier, -Fremden den Hut vom Kopf zu werfen?« - -Fritze erschrak. Er sagte aber nichts, sondern versuchte nur seine -Beine zu befreien. Arne beugte sich rasch hinab, um sich den Fremden -näher anzusehen. Doch dabei entglitt ihm sein Apfel und traf Herrn -Fries an die Nase. - -»Potzwetter,« rief der nun ärgerlich, »da sitzt ja noch so ’n heilloser -Bube! Ihr scheint mir ja nette Rangen zu sein! Kommt mal gleich -herunter.« - -»Nä,« rief Arne trotzig. Der hatte gar keine Lust, mit dem -Fremden unten auf der Landstraße zu stehen. Auch Fritze Schwetzer -verspürte dazu keine Neigung, aber ihn konnte der junge Mann leicht -herunterholen. Das war bedenklich, und er überlegte, es wäre -eigentlich ganz ratsam, dem fremden Mann einfach über den Kopf weg zu -springen. Auf diese Weise entging er aller Fragerei. Gedacht, getan. -Ehe Herr Heinrich Fries noch wußte, wie und was, sauste Fritze vom -Baum herunter; aber hatte vorher sein Apfel des jungen Lehrers Hut -mitgenommen, so nahm der Bube gleich diesen selbst. Pardauz lagen beide -auf der Straße, Fritze überschlug sich zweimal, sprang auf und raste -hinweg. - -Aus dem Graben schauten drei lachende kleine Mädel heraus, und oben auf -dem Baume kreischte Arne laut vor Vergnügen. Sein Jubel fand ein Echo. -Plötzlich lachte, schrie und kicherte es die ganze Apfelstraße entlang. -Den Buben und Mädeln schien die Purzelei des Fremden ein lustiger Spaß -zu sein, dieser selbst freilich fand es gar nicht lustig, der war sehr -verdrießlich. Er suchte mißmutig seine Sachen zusammen, die zerstreut -am Boden lagen, und dachte dabei: »Das ist ja ein netter Anfang! Wenn -das so weiter geht, wird es mir schwerlich gut in Steinach gefallen.« - -[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 22.] - -Unschlüssig stand er eine Weile da und sah die lange Straße hinab. -Kerzengerade lief sie bis zum Dorfe hin; an ihrem Ende ragte fein und -schlank der Kirchturm in die Luft. Der junge Lehrer sah aber nicht -allein das Dorf im Hintergrunde, er sah auch da und dort Bubenbeine -von den Bäumen herabhängen, und kleine kecke Mädelnasen streckten sich -aus dem Graben heraus. Recht seltsame Früchte waren das. Wie er noch -so stand und sich seine zukünftigen Schulkinder betrachtete, tönte von -unten herauf der Ruf: »Besenmüller, Besenmüller kommt!« - -Ritsch, ratsch verschwanden die Beine, wie reife Äpfel plumpsten die -Buben von den Bäumen, aus dem Graben kamen die Mädel heraus, und heidi -ging es nach rechts und nach links über die Stoppelfelder hinweg. Im -Umsehen lag die Apfelstraße verlassen da, nur eine auffallend große -Frau schritt dem jungen Lehrer entgegen. - -In der Mitte der Straße trafen sich beide. Die Frau musterte rasch den -Fremden, dann sagte sie: »Ich bin die Besenmüllern, Herr Lehrer!« - -»Ja, kennen Sie mich denn?« - -»Nu freilich, sonst kommt doch ’n Fremder nich her um die Zeit. Und -Pflaumenkuchen hab’ ich schon gebacken, und unser alter Herr Lehrer -erwartet Sie. Und mein Mann sitzt unten auf der Pflaumenstraße, und ich -dachte gleich, de Kinner sin hier. Besenmüller is zu gut, viel zu gut, -Herr Lehrer, so gut is keiner wie der. Er müßte strenger sein gegen die -Kinner. Gelle, das meinen Sie auch?« - -»Hm,« sagte der junge Lehrer nur. Er kannte weder Besenmüller noch -seine Frau, er wußte nichts von deren Güte oder Strenge. »Ich will nun -gehen,« murmelte er. - -»Ich geh’ mit, und Ihr Zimmer ist schon fertig, Herr Lehrer.« - -So schwatzte Frau Besenmüller, des Kirchen- und Schuldieners Frau, -unablässig weiter und führte den jungen Lehrer nach Steinach hinein. -Der brauchte nichts zu fragen und zu sagen, Frau Besenmüller erzählte -ihm alles, wie ein Mühlwerk ging ihre Rede, und dabei konnte ihr -Begleiter nie sehen, weinte sie oder lachte sie, weil nämlich ihr -Gesicht ganz merkwürdig schief war. Seltsame Leute und seltsame Sitten -scheint es hier in Steinach zu geben, dachte der junge Lehrer, als sie -das Dorf erreichten. Ob ich hier wohl lange bleiben werde? Sicherlich -nicht! - -»Nä, so was,« rief da Frau Besenmüller, »Webersch Wagen is umgepurzelt, -nä aber!« - -Quer über die Straße lag ein umgestürzter Düngerwagen und versperrte -den Zugang. Der Duft, der von ihm ausging, war nicht lieblich, und -Heinrich Fries schickte sich seufzend an, in einem weiten Bogen -herumzugehen, und so langte er endlich verdrießlich vor dem Schulhause -an. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Drittes Kapitel - -Der Empfang - - Eine Ratssitzung auf dem Schelmenacker -- Malchen gibt ein - rotes Band, und Fritze Schwetzer zeigt, wie gut er werfen kann - -- Besenmüller nennt seine Frau Lydia, und Heinrich Fries - lauscht dem Abendgesang - - -»Da sin mer also!« - -Frau Besenmüller blieb vor einem großen, stattlichen, gelbgetünchten -Hause stehen, und der junge Lehrer sah verwundert daran empor. Das -sollte ein Dorfschulhaus sein? - -»Gelle, das ist mal fein?« Die Frau Besenmüller schmunzelte, und selbst -ihre weinerliche Gesichtsseite wurde freundlich. Sie war ungemein stolz -auf das Schulhaus und merkte gleich, dem neuen Lehrer gefiel es. - -Der maß das stattliche Gebäude mit hellen Blicken. Ja freilich, so -ein Haus konnte einem schon gefallen. Es glich eher einem großen -Gotteshaus, und es mochte anderthalb Jahrhunderte und mehr auf seinem -Platze stehen. Es war zweistöckig und hatte ein doppeltes Dach. -Lustig, wie lauter vergnügte Kinderaugen, schauten die Dachaugen in die -Welt hinein. An der Ostseite rankte sich wilder Wein am Hause empor, -der glühte im Herbstrot, und so in farbiger Schöne prangte auch der -Garten, der von zwei Seiten an das Haus grenzte. - -»Gelle ja, das is fein?« sagte Frau Besenmüller noch einmal und führte -den jungen Lehrer in das Haus hinein. Dem weiten Hausflur und der schön -gewundenen Treppe war es auch anzumerken, daß das Haus nicht als Schule -gebaut worden war. »Ein Graf hat das Haus einmal gebaut,« erzählte denn -auch des Schuldieners Frau eifrig, als sie die Treppe voran emporstieg. -»Der hat gesagt, in der Stadt taugten die Leute nischte niche, womit -er ja recht hatte, und daderum wollte er auf dem Dorfe leben. Wie nun -das Haus fertig war, is er niche reingezogen, denn hat’s ihm gerade -wieder in der Stadt gefallen. Da hat er gesagt, auf dem Dorf taugten -sie nischte niche. Närrsch, gelle? Ja, so sin nu die Leute. Un hier is -unser alter Herr Lehrer, un ich bring’ gleich den Kaffee.« - -Frau Besenmüller hatte eine Türe geöffnet und rief in das große, helle -Gemach hinein: »Hier is er!« Dann verschwand sie eilig, und die beiden -Lehrer standen sich gegenüber. Der eine weißhaarig und gebückt, viele, -viele Furchen im alten, milden Gesicht, der andere blond, groß und -schlank, seine grauen Augen blitzten tatenlustig. Sie schüttelten sich -die Hände, und jeder dachte vom andern: »Der gefällt mir.« - -Frau Besenmüller brachte wirklich sehr schnell Kaffee und einen -ungeheuren Teller voll Pflaumenkuchen dazu, auch Brot, Butter und -Wurst, gerade so, als hätte Heinrich Fries eine Weltreise gemacht. -»Dieser Empfang gefällt mir besser,« sagte er heiter, und dann -berichtete er Vater Hiller von seinem Erlebnis auf der Apfelstraße. Der -lächelte dazu und erwiderte: »Böse gemeint war’s nicht, na ja, aber -wild sind sie freilich, das ist schon wahr.« - -Er erzählte seinem jungen Nachfolger allerlei von Steinach und seinen -Bewohnern, von den Kindern und dem Schulhaus. Das war wirklich ein -altes Herrenhaus gewesen, wie es Frau Besenmüller erzählt hatte. Drei -alte Gräfinnen, Schwestern, hatten zuletzt viele Jahre darin gewohnt, -und es war nach ihrem Tode, weil ihr Erbe unauffindbar gewesen war, dem -Dorf als Schulhaus gegeben worden. - -Während die beiden Lehrer so von alten und neuen Zeiten, vom Schulhaus -und den Steinacher Kindern sprachen, saßen die letzteren auf dem -sogenannten Schelmenacker. Das war ein Stück Wiesenland zwischen -der Apfelstraße und der Birnenstraße; dort lag inmitten ein großer -Steinhaufen, auf dem es sich wunderbar saß, wenigstens sagte es Webers -Arne. Alle die Buben und Mädel hatten sich hier versammelt, die auf der -Apfelstraße gewesen waren. Dort hatten etliche Frau Besenmüllers laute -Worte gehört, und sie wußten es jetzt, der Fremde war der neue Lehrer. - -Sie waren sehr niedergeschlagen, denn so seltsam hatten sie den neuen -Lehrer doch nicht empfangen wollen. »Du bist dran schuld,« sagten sie -alle einmütig zu Fritze Schwetzer. - -»Nä.« Fritze sagte weiter nichts, aber dies eine Wort ärgerte -die andern, sie riefen entrüstet: »Leugne nich, du hast’n Hut -runtergeschmissen!« - -»Ja.« Fritze seufzte, das viele Reden war doch beschwerlich. - -»Wir wollen was singen.« Ein Mädel mit Augen und Haaren, wie Tinte so -schwarz, rief das. - -»Jetzt?« Ein paar Stimmen fragten es mißmutig. »Warum denn?« - -»Hier doch nicht!« Hinzpeters Malchen, so wurde die Kleine genannt, -kicherte in ihre Schürze hinein. »Hihihi, ich meine -- nä -- so nich, -hihihi, wir wollen dem neuen Herrn Lehrer was singen.« - -»Nä.« Fritze Schwetzer sah Malchen ganz wütend an. Singen, das könnte -ihm passen! - -Die andern fanden den Plan aber nicht so dumm, einige sagten ja, andere -nein, bis Arne alle überschrie: »Wir wollen doch in der Schule singen, -beim ersten Mal, Herr Hiller hat’s gesagt.« - -Freilich, so war’s, Arne hatte recht. In der Schule sollten sie den -Lehrer mit Gesang begrüßen. - -»Wir bringen ihm ’nen Strauß.« Malchen kicherte wieder, und wieder -sagten etliche ja und etliche nein. - -Die Buben waren die Neinsager, die Mädel die Jasagerinnen. »Blumen sind -Quatsch,« erklärte der kleine dicke Jakobus. - -»Och, Jackenknöpfle, sei doch stille, Blumen sind fein! Und Stadtleute -lieben Blumen.« - -Vier Mädel redeten auf einmal, und sie hörten auch nicht gleich auf, -sie erzählten von allerlei Blumenempfängen, von denen sie wußten oder -gehört hatten. - -Eine Weile wogte der Streit hin und her, aber zuletzt fanden die Buben -den Blumenstrauß ganz gut, und sie beschlossen, jeder sollte rasch -laufen und Blumen holen, und dann wollten sie hier einen schönen Strauß -binden. Malchen Hinzpeter versprach ein rotes Band dazu. - -Nun der Plan gefaßt war, gingen alle sehr eilig an die Ausführung. -Das Blumenholen war nicht so einfach. In den kleinen Gärten, die -so freundlich die Häuser von Steinach schmückten, gab es zwar noch -allerlei Blumen, aber die Bäuerinnen hüteten sie ängstlich. In Steinach -gingen die Frauen Sonntags noch mit einem Strauß zur Kirche, und jede -wollte einen schönen Kirchenstrauß haben. Weil es im Herbst auch -allerlei Feste gab, Hochzeiten und Kirmesfeiern, darum hüteten die -Steinacherinnen im Herbst ihre Gärten besonders gut. Heimlich huschten -die Buben und Mädel hinein, pflückten von den nur noch spärlichen -Blumen ab, was sie erreichen konnten, und kehrten mit ihrem Raube -vergnügt zum Schelmenacker zurück. - -Dort wanden die Mädel den Strauß, alles kunterbunt durcheinander: -Astern, späte Levkoien, gelbe Studentenblumen und Georginen, so dick -wie Pfannkuchen; auch ein paar Reseden und Rosen kamen noch hinein, -dazu Spargelkraut, und das rote Band umschloß das Ganze zuletzt -feierlich. - -Als der Strauß fertig war, entstand eine große Frage: Wer sollte ihn -überreichen? - -»Ich, ich, ich!« schrieen geschwinde etliche Stimmen, aber schnell kam -es ihnen in den Sinn, daß es ein schweres Werk sei, dem neuen, fremden -Lehrer den Strauß zu geben, und alle riefen einmütig: »Ich nicht!« - -»Webers Arne soll’s tun,« sagten die Mädel. - -»Hinzpeters Malchen ist die Rechte dazu,« erklärten die Buben. Aber die -beiden wollten auch nicht. Sie redeten alle hin und her, bis zuletzt -Arne sagte, er wolle es tun, aber Malchen müsse den Strauß tragen, -und alle sollten mitgehen. Damit waren denn die andern einverstanden, -und sie zogen nach dem Schulhause, Malchen mit dem Strauß, den sie -ängstlich unter ihrer Schürze verbarg. - -Sie beschrieben einen Umweg und langten so ziemlich unbemerkt vor dem -Schulhaus an. Dort schubsten sie sich vor der Türe herum und wagten -nicht hineinzugehen; die Allerfurchtsamsten mahnten ärgerlich: »Arne, -geh doch! Hinzpeters Male ist ’n Furchthase.« - -Auf einmal rief aus einem der oberen Fenster Frau Besenmüller herab: -»Nu, was soll’s denn? Was wollt ihr?« - -Husch, husch, rissen alle aus. Wie die Hasen liefen sie davon, denn -vor der Schuldienersfrau hatten sie gewaltige Angst. Frau Besenmüller -schalt noch eine Weile, dann klappte sie das Fenster zu, und es war -wieder still. Die Kinder standen alle hinter dem Hause und sahen zu den -Fenstern empor. Jackenknöpfle zeigte auf ein Fenster, das offen stand; -er flüsterte geheimnisvoll: »Dort wohnt er!« - -»Fein!« jubelte Arne. »Wir werfen den Strauß rein.« - -»Nä!« murrte Fritze Schwetzer, aber gleich fragten fünf zugleich: -»Willst du ihn reintragen?« - -»Nä!« Fritze verzog sich. So ging es immer: Wenn er einmal was sagte -oder sagen wollte, schrieen die andern so sehr, das war wirklich -anstrengend. - -»Ich werfe!« Webers Arne nahm Malchen den Strauß aus der Hand, zielte, -und bums schlug der Strauß an ein anderes Fenster an. - -»Ich kann’s besser!« Heine Langbein griff nach dem Strauß, und die -Mädel kreischten: »Ihr zerhaut ihn noch!« - -Richtig, pardauz klatschte der Strauß an die Mauer an und fiel zurück, -und Röse Traugott ergriff ihn noch, ehe er auf die Erde fiel. - -»Ich will werfen!« -- »Nä, ich!« - -Ein paar Bubenhände griffen nach dem Strauß, aber Röse wehrte ab und -klagte: »Da, die Rose ist schon abgebrochen und die auch.« - -»Schwetzers Fritze, wirf du doch, du kannst das so fein!« rief Arne. -Das war nicht Spott, Fritze war als guter Werfer bekannt, und wirklich -kam er wieder herbei, und ihm gab Röse auch den Strauß. »Nimm ihn -recht in acht!« - -»Hm!« Fritze wog den Strauß prüfend in der Hand, dann zielte er, trat -drei Schritte zurück, zielte wieder, und hoch im Bogen sauste der -Strauß durch die Luft. Wutsch, flog er in das offene Fenster hinein. -Drinnen erklang ein lautes Klirren, ein Rufen, und unten flohen die -Kinder entsetzt nach allen Seiten hin und schrieen: »Er hat das Fenster -eingeschlagen!« - -»Nä, drinne etwas!« Husch, husch, husch waren alle fort, nur Fritze -Schwetzer stand wie erstarrt vor dem Hause, er war so tief erschrocken, -daß er nicht einmal an das Ausreißen dachte. Was war da oben geschehen? - -Vater Hiller hatte seinen jungen Nachfolger gerade in das Zimmer -gebracht, in dem er vorläufig wohnen sollte. Zur Einrichtung hatte -Frau Besenmüller überall im Dorfe Hausrat zusammengeborgt. Ein wenig -zusammengewürfelt sah daher das Zimmer innen aus, aber doch freundlich -und behaglich, und Heinrich Fries meinte, bis seine Mutter nachkäme, -würde es schon gut gehen. Aus dem Tische stand Frau Besenmüllers -Glanzstück, eine himmelblaue Glasvase, die ihr gehörte. Und just als -der junge Lehrer die ansah und dachte: »Nein, so ein häßliches Ding!« -kam etwas in das Zimmer geflogen. Klirr ging’s in eine Scheibe des -Fensters hinein, und klirr, bums, klatsch! lag auch die himmelblaue -Vase zerschmettert am Boden. Frau Besenmüller kreischte entsetzlich. -Heinrich Fries eilte zum Fenster und sah hinaus. Dort unten stand -Schwetzers Fritze unbeweglich wie ein Baum. »He du,« rief der junge -Lehrer hinab, »was soll der Unsinn? Hast du geworfen?« - -Dem Fritze war die Stimme bis in den Magen gerutscht, dort saß sie, und -Fritze konnte sich noch so abquälen, kein Wörtlein kam heraus. - -»Nun, sehen Sie nur, Herr Hiller den Jungen da unten, wie frech er -dasteht! Ob er geworfen hat?« - -Der alte Mann hatte den Strauß erblickt, der in eine Ecke gefallen war, -er hatte ihn aufgehoben und strich nun liebevoll über die zerknickten -Blumen. Er sah auch Fritze unten stehen und ahnte, die andern waren -ausgerissen. Milde sagte er: »Es sollte wohl ein Willkommensgruß für -Sie sein, Herr Kollege.« - -»Ein eingeschlagenes Fenster, eine zerbrochene Vase und --,« Heinrich -Fries sah nun auch den Strauß mit dem roten Bande, da mußte er lächeln. -»Ein wenig seltsam ist ja die Art, mir die Blumen zu bringen.« - -»Aber gut gemeint. Ich kenne meine Steinacher Kinder, sie haben -gedacht, es sei sehr schlau so.« Vater Hiller lächelte gütig, und -sein Lächeln fand auch auf dem Gesicht seines Nachfolgers heiteren -Widerschein. - -Frau Besenmüller dagegen sah nicht allein grimmig drein, sie schalt -auch für drei, und als sie die Scherben ihrer himmelblauen Vase auflas, -drohte sie bei jedem Stück: »Na, wartet nur, Besenmüller soll euch -schon strafen, wartet, wartet!« - -Es wartete aber keiner von den Missetätern ab, was geschehen würde, -selbst Schwetzers Fritze war auch davongelaufen. Auf dem Schelmenacker -fanden sich alle wieder zusammen, und sie berieten, was zu tun sei. -Zerschlagen hatte Fritz mit dem Strauß etwas, das stand fest. Etliche -wollten ihm darum Vorwürfe machen, aber da erhoben Arne und Malchen -laut ihre Stimmen: »Er kann nischte dafor.« - -»Nä,« sagte Jackenknöpfle in edler Selbsterkenntnis, »ich hätte noch -mehr zerschmissen.« - -Sie überlegten ernsthaft, was sie tun sollten, und alle meinten, Frau -Besenmüller müßte versöhnt werden; denn war Frau Besenmüller böse, -dann ging sie sicherlich von Haus zu Haus und erzählte die Geschichte, -oder sie stellte sich morgen an die Schultüre und gab jedem einen -Katzenkopf, ob groß, ob klein, ihr war es gleich, die stärksten Buben -duckten sich vor Frau Besenmüller. - -»Wir sagen’s Besenmüller, der hilft uns schon,« riefen nach etlichem -Hin- und Herreden ein paar Stimmen. Der Vorschlag fand gleich -ungeteilten Beifall, und die Kinder wunderten sich schließlich alle, -daß sie nicht gleich auf den Gedanken gekommen waren. - -»Hurra, zu Besenmüller! Hurra, hurra!« - -»Auf der Pflaumenstraße sitzt er.« - -Auf der Pflaumenstraße saß Besenmüller wirklich. Sein rosenroter -Strumpf war ziemlich vollendet, keine Bäuerin hätte ihn glatter -und sauberer stricken können. Aber beinahe entfiel die rosenrote -Herrlichkeit Besenmüllers Händen, so eilig, mit so viel Geschrei und -Geschwätz kamen die Kinder alle an. - -»Holla, an die Zwetschen geht mir keins!« - -»Nä, Besenmüller, nä, wir kommen nur mal so.« - -»So, ih nä!« Besenmüller zwinkerte mit den Augen. »Was ist denn? Warum -ist meine Frau denn so böse?« - -»Ach, nur wegen dem Strauß!« - -»Was ist mit dem Strauß?« - -»Wir wollten dem neuen Herrn Lehrer einen schenken.« - -»Und Schwetzers Fritze hat ihn geworfen.« - -»Das Fenster war offen.« - -»Nur --.« Da schwiegen alle, und Besenmüller strickte klapp, klapp, -Nadel um Nadel. Endlich sagte er: »Das Fenster ist wohl zerschmissen?« - -»Ja -- aa,« ertönte es kleinlaut, »und -- und --« - -»Was denn noch?« - -»Das wissen wir niche!« - -»Hm, und nun ist Frau Besenmüller böse?« - -»Ja, Besenmüller. Wir haben sie noch schimpfen hören.« - -»Ihr seid wohl gleich ausgerissen, haste nich, kannste nich?« - -»Ja.« Sie drängten sich alle lachend dichter und dichter an Besenmüller -heran. »Sag’s ihr doch, sie soll wieder gut sein.« - -»So fix geht das niche. Erst versprecht, Zwetschen werden nich genommen -heute.« - -»Nä,« riefen alle einstimmig; sie sahen aber gar nicht erst zu den -Bäumen hinan, so voll hingen sie, so köstlich blau schimmerten die -Früchte. - -»Also euer Wort?« - -»Ja!« Sie schrieen es wieder im Chor, und Besenmüller wickelte darauf -sorgsam seinen Strumpf zusammen, nahm seinen Stock und verließ für -diesen Tag die Pflaumenstraße. Er wußte, die Kinder hielten ihr -Versprechen, also mußte er nun auch das seine halten und seine Frau -versöhnen. Bis in die Nähe des Schulhauses gab die Schar dem alten -Manne das Geleit, weiter nicht; Frau Besenmüller könnte sie ja sehen. -Die hatte freilich längst den Zug erblickt, und als ihr Mann das Haus -betrat, kam sie ihm entgegen und rief vorwurfsvoll: »Besenmüller, du -bist zu gut, nä, die Kinner verdienen’s nicht!« - -»Aber Lydia, Kinner sin Kinner!« Weiter sagte der Schuldiener gar -nichts. Es war auch nicht nötig. Seine Frau vergaß die himmelblaue -Vase, das zerschlagene Fenster, ihren Zorn und alles; wenn ihr Mann sie -Lydia nannte, dann war es ihr immer gleich wie Feiertag, pflegte sie -zu sagen. Es gab nämlich auf der ganzen weiten Welt keinen Menschen, -den die Schuldienersfrau mehr bewunderte als ihren Mann. Was der sagte, -galt. Wenn der Herr Schulrat gekommen wäre und hätte Besenmüller du -genannt und ihn zum Schulvorstand ernannt, Frau Besenmüller hätte sich -kein bißchen darüber verwundert. Höchstens hätte sie gesagt: »So was -ist richtig!« - -Die Kinder sahen den Schuldiener in das Haus treten, hörten drinnen die -Stimme der Frau, dann liefen sie beruhigt von dannen -- nun war Frau -Besenmüller versöhnt. - -Sie schliefen alle trotz ihrer verschiedenen Dummheiten, die sie -tagsüber begangen hatten, sehr gut. Nur Schwetzers Fritze träumte -schwer, er war im Traum als riesengroßer Blumenstrauß dem neuen Lehrer -selbst vor die Füße gefallen. Doch Träume sind Schäume, sie vergehen im -Lichte des neuen Tages. - -Ernste Gedanken vergehen nicht so leicht, die verscheuchen selbst den -Schlaf. Während in Steinach am Wald alles in tiefer Ruhe lag, strahlten -im Schulhaus noch lange zwei Fenster hell in die Nacht hinaus. Der -alte und der junge Lehrer, sie wachten beide, jeder saß einsam in -seinem Zimmer, der eine sann der Vergangenheit, der andere der Zukunft -nach. »Ich wollte, ich könnte in meinem Steinach bleiben,« dachte -Vater Hiller wehmütig; es wurde ihm schwer, aus seinem lieben Amt zu -scheiden. Sein junger Nachfolger aber seufzte: »Werde ich es je in -diesem Steinach aushalten?« Er stand am offenen Fenster, ringsherum -lag alles im Schweigen. Bis auf einmal ein fernes Sausen durch die -Nacht kam; es klang näher, ein Pfiff ertönte, dann verhallte das Sausen -wieder: ein Zug war vorbeigefahren. »Könnte ich doch wieder mit hinaus -aus dieser Enge!« entfuhr es dem jungen Lehrer, und er seufzte abermals. - -Heinrich Fries streckte die Arme aus, aber plötzlich ließ er sie -sinken und lauschte, ein anderer Ton wurde laut, ein feines, süßes -Singen rauschte auf. - - »Breit aus die Flügel beide, - O Jesu, meine Freude, - Und nimm dein Küchlein ein! - Will Satan mich verschlingen, - So laß die Englein singen: - Dies Kind soll unverletzet sein. - Auch euch, ihr meine Lieben, - Soll heute nicht betrüben - Ein Unfall noch Gefahr, - Gott laß euch ruhig schlafen ...« - -Die Stimme verhallte, und nichts regte sich mehr im Dorf. Heinrich -Fries stand noch lange am Fenster. Er war aber nicht mehr unruhig und -niedergedrückt, das holde Singen hatte ihn froh gemacht, und er dachte -an die neue Arbeit, und daß er sein Amt mit frischem Mut antreten wolle. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Viertes Kapitel - -Ein letzter Schultag - - Die Brummer wollen auch singen, und die Katze Minchen will in - die Schule gehen -- Die Hohenstaufen sollen Berge sein, und - Frau Besenmüller redet von der rechten Liebe - - -Am nächsten Morgen lag Steinach im Nebel. Die Sonne wollte zwar sehr -gern scheinen, sie bezeigte die allergrößte Lust dazu, aber der Nebel -ließ sich nicht so schnell verjagen. Der hatte das ganze Dorf in -dichte, weißgraue Schleier gehüllt, und es konnte gerade jeder noch -seinen Nachbar sehen, mehr nicht. Es sah sehr lustig aus, wenn auf -der Dorfstraße Gestalten im Nebel auftauchten und gleich darin wieder -verschwanden. »Wie Rosinen im Mehl,« sagte Frau Knöpfle, des Jakobus -Mutter. - -Den Kindern schien der Nebel ein vergnügliches Ding zu sein, und -Jackenknöpfle stellte die nachdenkliche Frage: »Ob’s mal so dicken -Nebel gibt, daß mer die Schule nich findet?« - -Die andern meinten zwar alle, dies würde sehr fein sein, und etliche -strengten sich auch an, die Schule nicht zu sehen, sie sahen sie aber -doch. Zum Überfluß klingelte Frau Besenmüller auch noch lauter als -sonst, und die Kinder dachten schon: »Oje, vielleicht ist sie doch -böse!« Aber die Schuldienersfrau war nicht mehr böse. Die hatte schon -am frühen Morgen das Klassenzimmer blitzblank geputzt, hatte ein -Blumengewinde um die Türe angebracht und einen Strauß auf das Pult -gestellt. Es sah sehr festlich aus, und die Kinder staunten ehrfürchtig -ihr Schulzimmer an; es wurde ihnen darüber auch ganz festlich zumute, -und alle nahmen sich vor, sehr gut zu singen. Die Steinacher waren -ein sangeslustiges Völkchen. Sie sangen gern und gut, aber Brummer -gab es auch unter ihnen und solche, die nicht singen konnten, so gern -sie vielleicht auch wollten. Unter den Kindern war Schwetzers Fritze -ein rechter Brummer. Alle meinten, dem Buben wäre das gleich, aber da -irrten sie alle, denn heimlich im Herzen bekümmerte es Fritze sehr, -daß er so schlecht singen konnte. Er hätte manchmal gern recht aus dem -Herzen heraus gesungen, wie er sich auch sehnte zu schwatzen wie die -andern. Es war aber damit schlimm. Wenn er was sagen wollte, hatten es -zwei andere schon gesagt, und wenn er singen wollte, rief selbst der -gute Vater Hiller: »Hör’ auf!« - -Schweigsam war Hinzpeters Malchen nun freilich nicht, und wenn sie -sprach, hatte sie auch ein glockenhelles Stimmlein, aber singen, das -konnte sie nicht. Sie sang immer ein paar Töne zu tief oder ein paar -Töne zu hoch, sie rutschte mit ihrem Singsang immer aus, und wenn die -andern in die Höhe kletterten, saß sie im Graben. Sie wurde darum -die »Krähe« genannt, ein Name, der Malchen bitter kränkte, denn sie -war so singlustig wie eine rechte Lerche. Daheim sang sie auch nach -Herzenslust, und niemand störte sie. Ihr Vater meinte: »Ein Hahn kräht -ja auch, die Schafe blöken, die Gänse schnattern, ja, warum soll da -mein Malchen niche singen?« - -Auch die alte Großmuhme sagte das. Sie war freilich ziemlich taub, sie -erklärte aber doch: »Malchen singt sehre scheene, fast wie ’n Engel. -Vielleicht gefällt’s auch dem neuen Herrn Lehrer besser, mer kann so -was niche wissen.« - -Daran nun dachte Malchen, als sie an diesem Nebelmorgen zur Schule -wanderte. Ach, vielleicht konnte sie auch noch einmal so singen -wie Pastors Regine. Sehr froh, sehr hoffnungsvoll trat sie in das -Schulzimmer, und dort setzte sie sich so brav an ihren Platz, wie es an -diesem Tag alle taten. Sie waren alle schrecklich neugierig, wie der -neue Herr Lehrer sein würde, und als Vater Hiller mit seinem jungen -Nachfolger das Zimmer betrat, war es, als wollten alle blauen, grauen -und braunen Augen den neuen Herrn Lehrer verschlingen, selbst die -Schüchternen starrten ihn unentwegt an. Der mußte ein wenig lächeln, -als er die Kinder alle so vor sich sah, rechts die Großen, links die -Kleinen, da die Buben, dort die Mädel. Er sah sich auch in dem großen -Klassenzimmer um, das blinkte vor Sauberkeit, und seine schön mit Stuck -verzierte Decke erzählte von glanzvoller Vergangenheit. - -Vater Hiller sprach das Gebet, und dann begann der Gesang. Sorgsam -hatte der alte Lehrer das Loblied eingeübt, festlich und rein sollte es -klingen, dem neuen Lehrer zum Gruß. Daran, daß an einem solchen Tag die -Brummer teilnehmen wollten an der allgemeinen Freude, hatte er freilich -nicht gedacht. Malchen schmetterte zuerst los, Schwetzers Fritze folgte -ihr, und als das die andern Brummer hörten, sangen sie unverzagt mit. -Hui ging’s in die Höhe, bums saß Schwetzers Fritze in der Tiefe; -Malchen war einen halben Takt voraus, Hans Neuber schleppte dreiviertel -Takte hinterher. - -Klapp! schlug Vater Hiller auf das Pult. »Stille! Was ist das für eine -Singerei? Es darf nur mitsingen, wer es kann.« - -Ein paar senkten verlegen ihre Köpfe, nur Malchen nicht, die dachte: -»Ich kann’s doch, ich habe fein gesungen!« - -Das Lied begann noch einmal, und hui entwischte Malchens Stimme wieder, -die kletterte gleich bis aufs Dach. Die andern stockten, und ein paar -murrten: »Die Krähe singt so falsch!« - -Malchen wurde blutrot vor Schreck und Scham, und die Tränen stürzten -ihr aus den Augen. Malchen weinte gleich sehr heftig los, und Heines -Marlise tat es ihr nach, und Vater Hiller ließ verdrießlich den -Taktstock sinken. »Aber Kinder,« rief er ärgerlich, »was soll das? -Schämt euch, so das Festlied zu singen! Wer heult, muß raus. Also eins, -zwei, drei, jetzt noch einmal!« - -Das half, die Mädel stellten das Weinen ein, die schlechten Sänger -schwiegen, und nun brauste feierlich und rein im Klang der Lobgesang -auf. Es ging glatt, nur beim letzten Vers mischte sich ein seltsamer -Ton, ein Schnurren, Scharren und Schreien hinein. Kaum war das Lied -verklungen, da riefen ein paar Stimmen: »Eine Katze, eine Katze!« - -Vater Hiller war sehr sanftmütig und geduldig, er war auch immer mit -seinen Schulkindern gut fertig geworden. An diesem Tage wurde er -aber doch ärgerlich. Er hatte seinem jungen Nachfolger recht zeigen -wollen, wie nett und brav seine Schulkinder waren. Nun gab es erst die -verkehrte Singerei und jetzt das Geschrei einer Katze wegen. Er rief -darum strenger als sonst: »Wo steckt denn die Katze? Wer hat eine mit?« - -Alle schwiegen, eines sah das andere an, und merkwürdig, die Katze -schwieg auch. - -»Es ist ja keine hier,« brummte der alte Lehrer, »irgend jemand --« - -»Miauau, raurau, miau!« schrie es jämmerlich, und Kinder und Lehrer -sahen sich an und im Zimmer herum. - -»Vielleicht im Schrank,« sagte Heinrich Fries, der daran dachte, -daß auch in der Stadt mitunter eine Maus auf seltsame Weise in den -Schulschrank geriet. Vater Hiller sah prüfend die Kinder an. Offen, -zutraulich, sehr erstaunt waren aller Augen zu ihm aufgeschlagen, er -sah es gleich, keins hatte ein schlechtes Gewissen. Er trat aber doch -an den Schrank und schloß ihn auf. Keine Katze war darin. - -»Miauau, raurau, miau!« quäkte es wieder, und ein paar Stimmen zugleich -schrieen: »Im Pulte ist das!« - -»Ach Unsinn!« Der alte Lehrer klappte das Pult auf, keine Katze war zu -sehen. »Es wird vor der Türe sein. Also aufgepaßt, wir fangen an!« - -»Miauau, raurau, miauau!« Noch kläglicher klang’s, und Heinrich Fries -sah sich verdutzt um, das kam doch von unten herauf. - -Aller Augen starrten zu dem neuen Lehrer hin, das klang ja gerade, als -käme das Miauzen von dessen Platz. - -Vater Hiller schritt zur Türe, öffnete sie, sah hinaus, -- nirgends war -eine Katze zu sehen, und auf einmal war alles still. War es doch ein -dummer Bubenspaß, das Gemauze? - -»Miauau!« quäkte es drinnen immer jämmerlicher. Er hörte es nun genau, -es kam aus dem Zimmer. »Frau Besenmüller, Frau Besenmüller!« rief er -laut. »Kommen Sie einmal her, hier schreit eine Katze irgendwo.« - -Frau Besenmüller kam mit unheimlicher Eile angelaufen, und noch an -der Türe rief sie atemlos: »Das ist sicher so ’n dummer Bube, der das -macht. Webers Arne kann gut mauzen.« - -»Ich mauze nicht!« Arne kreischte ordentlich vor Entrüstung, und gleich -riefen ein paar Stimmen: »Nä, Arne war’s nicht!« - -»Unterm Pult scheint etwas zu sein.« Heinrich Fries hatte es genau -gehört; er versuchte, das Pult wegzuschieben, aber Frau Besenmüller -sagte ordentlich ein wenig gekränkt: »So was is niche möglich. Erst -vorhin hab’ ich darunter und darüber gewischt. Ach nä, Herr Lehrer, -Katzen sitzen in Steinach niche im Schulzimmer. Die Buben sind’s, die -machen immer so ’ne Dummheit. Niche auszuhalten ist das manchmal mit -denen.« - -»Nä,« schrieen die Buben und Mädel wie aus einem Munde, »Frau -Besenmüller verklatscht uns nur.« - -»Klatsch, patsch, ich weiß, was ich weiß.« - -Rutsch, schob der junge Lehrer das Pult zur Seite, und -- hervor -spazierte kläglich mauzend ein schneeweißes Kätzchen. - -Erst starrte Frau Besenmüller mit offenem Munde das Tierchen an, dann -aber stürzte sie mit einem Schrei darauf los, hob es auf und sagte im -Tone allerbitterster Anklage: »Dich haben se unner’s Pult getan, mein -Minchen! Nä, aber auch so ’ne ungezogene Kinner!« - -»Wir waren’s doch nicht!« - -»Stille!« Vater Hiller hob den Taktstock. »Wer’s getan hat, kommt vor.« -Keins rührte sich, und wieder las der alte Mann in all den blühenden -Gesichtern, -- nein, es hatte keins ein schlechtes Gewissen. »Frau -Besenmüller,« sagte er gütig, »besinnen Sie sich mal, die Katze wird -Ihnen wohl nachgelaufen und selbst unter das Pult gekrochen sein.« - -»Hm!« Die Schuldienersfrau sah ihr Kätzchen an, dann nickte sie -langsam. »Ja, erstaunlich klug ist’s freilich, da kommt kein so ’n -Dickkopp von Bube gegen auf, nä, nä! ’s ist schon möglich, se hat -zuhören wollen.« - -»Aber Besenmüllern!« Die Kinder kreischten vor Vergnügen, daß die Katze -hatte zuhören wollen, und Frau Besenmüller zog schmunzelnd mit ihr zum -Zimmer hinaus. - -Der Friede war wiederhergestellt, und Vater Hiller sagte ernsthaft: -»Doch jetzt Ruhe!« - -Der alte Lehrer war verstimmt, daß dieser erste Schultag so laut und -zerfahren begann. Er sah wohl das leise Lachen in den Augen des andern. -Wehmütig überschaute er seine Schar, und Mädel und Buben spürten es, -ihr guter, alter Freund war unzufrieden. Da nahmen sie sich zusammen; -ganz still und feierlich saßen sie da, und so begann der Unterricht. -Es ging nun alles glatt und gut, die Kinder wußten viel, wenn auch -nicht alles. Manch einem wollte und wollte die Antwort nicht zum -Munde heraus, was natürlich von der Antwort schnöde Bosheit war. -Mitunter klang auch wohl die Antwort so verkehrt, als wäre sie vom -Monde herabgefallen. So kam der Stille Ozean auf einmal in die Nähe -von Berlin, und die Donau bezeigte die allergrößte Lust, vom Gotthard -herunter zu rinnen. Die Hohenstaufen sollten durchaus Berge sein, und -Kaiser Friedrich Barbarossa saß auf einmal mitten im Siebenjährigen -Kriege drin, und niemand wußte, wie er hineingekommen war. - -Sonst ging es aber ganz gut, Vater Hiller war leidlich zufrieden, -und die Kinder waren es ungemein, und weil der neue Lehrer lächelte, -meinten sie alle: »Der findet’s fein bei uns.« - -Frau Besenmüller klingelte draußen, grell und laut fuhr der Ton durch -das weite Haus. - -Der alte Lehrer erschrak. Das hörte er nun zum letztenmal. Morgen war -Sonntag, und am Montag in aller Morgenfrühe wollte er abreisen. Wenn -die Klingel wieder ertönte, dann trug ihn der Zug schon von Steinach -fort. Er stand ein wenig geneigt, weil ihn das Alter müde gemacht -hatte, vor den Kindern, zu ihnen sprechen wollte er, gütige Worte -sagen, aber die Stimme versagte ihm. - -»Liebe Kinder!« setzte er an, und dann noch einmal: »Liebe, liebe -Kinder!« - -Da war es Hinzpeters Malchen, als müsse ihr das kleine, zärtliche Herz -brechen vor Kummer, sie schluchzte laut auf und rief flehend: »Ach, -bleiben Sie doch bei uns, lieber Vater Hiller!« - -»Ach bitte, bitte, ja, Vater Hiller!« tönten alle andern Stimmen nach. -Sonst hatten die Kinder »Herr Lehrer« gesagt, in der Abschiedsstunde -kam ihnen das trauliche »Vater« auf die Lippen. Und wie einen gütigen -Vater umdrängten sie jäh den alten Mann. Sie sprangen über Tische und -Bänke hinweg, krochen unten durch, um nur ja schnell des alten Freundes -Hand fassen zu können. - -Die Mädel heulten, die Buben schnitten so widerborstige Gesichter, als -wäre ihnen ein bitteres Tränklein im Halse stecken geblieben, und immer -wieder bettelten sie: »Bleiben Sie doch da, Vater Hiller, ach bitte, -bitte!« - -»Ich reise ja erst übermorgen, Kinder.« Ein paar helle, glänzende -Tropfen rannen dem alten Mann über die Backen. Die Kinder sahen es, -aber sie hörten zugleich das verheißungsvolle »Übermorgen«. Da war ja -noch viel Zeit, da konnten sie Vater Hiller noch oft besuchen, konnten -ihn sehen, wenn er durch das Dorf ging. Sie konnten ihn auch zur Bahn -bringen. Das sagten sie gleich laut: »Wir gehn mit auf ’n Bahnhof, -alle!« - -»Dann müßt ihr aber alle früh aufstehen.« - -»Ach ja, das wird fein! Hurra, wir gehn mit auf ’n Bahnhof!« - -»Und Sie besuchen uns bald, Vater Hiller, ja?« bettelte Malchen. - -»Ja freilich, ich besuche euch bald.« - -»Hurra, Vater Hiller besucht uns!« In den Augen standen noch Tränen, -die Münder lachten schon, und immer wieder drückten die kleinen derben, -braunen Hände die welke Hand des treuen Freundes. Sonst liefen Buben -und Mädel immer alle, so flink sie nur konnten, zur Schule hinaus, -heute konnten sie sich gar nicht trennen. Vater Hiller mußte sie selbst -mit sanfter Gewalt bis zur Haustüre geleiten, und draußen ging es -nochmals an das Abschiednehmen. - -In einem Winkel stand Frau Besenmüller, sie hatte die große Schulglocke -mit beiden Händen an ihr Herz gedrückt, und ihre Tränen fielen darauf -nieder. - -»So ist’s recht, so muß nu ’n Abschied sein,« brummelte sie vor sich -hin. »Da sieht man doch, ’s war die rechte Liebe.« - -Die rechte Liebe! Das Wort tönte wie ein silbernes mahnendes Glöcklein -im Herzen des jungen Lehrers. Still entfernte er sich, und niemand -merkte es. Er stieg die Treppe hinauf, betrat sein Zimmer, und dort -öffnete er weit das Fenster. Er sah, wie sich draußen der Nebel löste -und die letzten Fetzen zerflossen. Die Sonne ging siegreich hervor, -und schimmernd glänzten Büsche und Bäume im goldenen Herbstkleid. Die -rechte Liebe, dachte Heinrich Fries, -- würde sie ihm auch wachsen zu -Steinach und seinen Kindern? - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Fünftes Kapitel - -Auf der Schelmenburg - - Frau Besenmüller erlebt eine ganz schauerliche - Gespenstergeschichte -- Ihr Korb füllt sich geschwinde, und - Webers Arne und Schwetzers Fritze bekommen Zwetschgenkuchen zu - essen -- Der neue Lehrer aber denkt an die alten Schelme von - Steinach - - -»Besenmüllern«, wie die Kinder die Schuldienersfrau nannten, hatte -viele vortreffliche Eigenschaften, aber auch zwei Fehler: sie war -neugierig und sehr abergläubisch. Zwar sagten die Kinder, Frau -Besenmüller scheure auch zuviel, das hielten sie für deren allergrößten -Fehler, aber die Erwachsenen waren anderer Meinung. Vater Hiller nannte -Frau Besenmüller eine tüchtige, saubere Frau, während besonders die -Buben es höchst überflüssig fanden, wenn Frau Besenmüller sie immer -ermahnte: »Putzt eure Schuhe ab, tragt mir nicht die ganze Dorfstraße -ins Haus!« - -Zimplichs Max knurrte immer: »Um so ’n bißchen Dreck!« Aber wie es halt -ist, Frau Besenmüller hatte andere Ansichten. Sehr lustig dagegen -fanden die Kinder es, wenn die Frau ihnen allerlei erzählte, was sie -vorausgeahnt hatte, und was sonderbarerweise immer ganz anders in -Erfüllung ging. Es sah Frau Besenmüller zum Beispiel aus allerlei -Zeichen und Andeutungen, auch aus ihren Träumen, daß sie einen Unfall -erleiden würde; dann fiel vielleicht Hinzpeters Malchen auf die Nase, -und das war weder für Malchen noch für Frau Besenmüller ein großes -Unglück. - -Aber die Frau blieb dabei, dies und das als besonderes Zeichen -zu deuten, und darum sagte sie auch nach Heinrich Fries’ erstem -Schulvormittag zu ihrem Mann: »Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird -das nischt hier!« - -»Warum denn niche, Frau?« - -»Na, da ist das zerbrochene Fenster und dann -- die Katze. Nä, das wird -nischt!« - -»Aber Frau!« Der Schuldiener lachte. »Scherben bedeuten Glück, und die -Katze, die war doch weiß, und nur die schwarze Katze bringt Unglück, -und stimmen tut das nicht emal. Mir hat noch nie ’ne Katze Verdruß -gebracht. Nur einmal hat mir eine meine Wurst gestohlen, und die war -grau, die Katze nämlich.« - -»Hm!« Frau Besenmüller seufzte, sie hätte ihres Mannes Worten schon -gern vertraut, aber sie konnte nicht. »Nä, nä, Scherben und ’ne Katze, -was zuviel is, is zuviel!« murmelte sie. - -Während Frau Besenmüller so geheimnisvoll allerlei Ungemach -vorausahnte, ging Heinrich Fries sehr vergnügt in Steinach spazieren. -Das Dorf gefiel ihm immer besser. Es war sauber und wohlhäbig. Die -kleinen, weißen Häuser waren alle mit Schiefer gedeckt, und diese -dunklen Dächer glänzten in der Sonne wie edles Gestein. Ein Gärtchen -schmiegte sich an jedes Haus an, und hinter den Fenstern blühten noch -Geranien und manche andere feine Blumen. Der junge Lehrer ging bis -zur Kirche, die inmitten des Dorfes lag; sie war grau und alt, Efeu -war an ihr emporgewachsen, und ein wenig hatte der auch den Grabstein -des Schelmen umrankt, der hier begraben lag. Die Inschrift war schwer -zu lesen, und der Ritter, der fromm die Hände gefaltet hatte, sah gar -nicht so schelmisch drein, wie das doch eigentlich ein Held so vieler -Schelmengeschichten tun müßte. - -[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 56.] - -Von der Kirche aus führte ein schmaler Weg zum Pfarrhaus hinüber. -Das lag weiß und still in einem großen Garten, die Fenster standen -offen, und die weißen Vorhänge flatterten und wehten, als wollten sie -winken: »Komm herein, komm herein!« Doch Samstag nachmittag war keine -Besuchszeit für ein Pfarrhaus, und darum blieb der junge Lehrer auch -nur draußen am Zaun stehen. Vater Hiller hatte ihm viel Liebes und -Freundliches von den Pfarrersleuten erzählt. Sieben Kinder waren in dem -weißen Haus groß geworden. Sechs waren draußen in der Welt, lernten und -schafften dort, und nur die Jüngste war noch daheim. - -Ob das wohl die Sängerin war, die mir gestern einen so guten Trost ins -Herz gesungen hat? dachte Heinrich Fries. Er brauchte nicht lange auf -eine Antwort zu warten, denn drinnen im Garten hub die gleiche Stimme -ein lustiges Liedchen an. Kinderstimmen fielen ein, und als der junge -Lehrer weiterging, da sah er auf zwei langen Bänken viele kleine Mädel -sitzen, die strickten und nähten, und ein junges Mädchen saß vor ihnen, -schön und anmutig anzuschauen: Pfarrers Regine. Eine allzu strenge -Lehrerin mußte sie nicht sein, denn man konnte nicht leicht etwas -Vergnüglicheres sehen als diese Nähstunde im herbstlich bunten Garten. - -Die Mädel saßen alle dort, aber wo mochten die Buben sein? Heinrich -Fries sann darüber nach, als er weiterging. Er sah nur die -Allerkleinsten auf der Gasse spielen, jene, die noch nicht am ersten -Schultag zu seufzen brauchten: »Wenn doch erst wieder Ferien wären!« -Die großen Buben waren alle unsichtbar, sie mochten wohl wieder auf -einer der Obststraßen sein, denn nicht einmal ihr Rufen ertönte. Da und -dort grüßte man den jungen Lehrer freundlich, der redete mit dem und -jenem, und dabei wunderte er sich, daß niemand die Frage tat, wie es -ihm hier gefalle. Er wußte nicht, daß die Steinacher meinten, ihr Dorf -müsse eben jedem gefallen, weil es gar so hübsch war. - -Als Heinrich Fries es nach allen Seiten hin durchwandert hatte, -beschloß er, da die Sonne noch hoch stand, gleich noch den Schafskopf -zu besteigen, um von dort aus das Land zu überschauen. Eine halbe -Stunde, länger währte der Weg wohl nicht. Ein Bauersmann gab ihm -bereitwillig Auskunft, welcher Weg zu gehen sei, und versicherte dabei: -»’s ist recht sehre scheene oben, nur niche, wenn’s dunkel ist.« - -»Warum? Spukt es vielleicht?« - -Der junge Lehrer lachte, und der Bauer lachte auch. Er sagte nicht ja, -er sagte nicht nein, in seinen Augen aber war ein lustiges Blinken, -und Heinrich Fries dachte: »Wirklich, die Schelme scheinen noch nicht -ausgestorben zu sein.« Er schlug den Weg nach dem Schafskopf ein, und -um die gleiche Zeit tat dies Frau Besenmüller auch. Oben am Berghang -gab es viele wilde Rosen, und ihre kleinen roten Früchte wollte Frau -Besenmüller pflücken. Ihr Mann liebte den Hagebuttentee, meinte, er -sei gut für allerlei Gebreste im Winter, und darum sorgte die Frau -immer beizeiten für einen rechten Wintervorrat. Es war ihr immer ein -schwerer Weg; sie ging nicht gern auf den Schafskopf, selbst nicht am -Tage, abends wäre sie um keine Königskrone gegangen. Sie graulte sich, -sie meinte immer, von den Schelmen säße noch etwa ein halbes Dutzend in -irgendeinem Mauerloch zu allerlei Untaten bereit. - -Weil sie sich fürchtete, rannte Frau Besenmüller; je schneller sie oben -war, desto schneller war sie wieder unten. Sie kam daher auch viel -früher oben an als der neue Lehrer und begann eilfertig zu pflücken. -Die wilden Rosen hatten das alte Gemäuer dicht umzogen. Wo nur ein -freies, sonniges Plätzchen war, gleich hatte sich so ein Rosenbusch -hingesetzt und gedacht: Da bin ich und bleib’ ich, das ist nun mein -Reich. Weil die Sonne immer so warm auf dem Schafskopf ruhte und -niemand den Frieden dieses stillen Fleckchens störte, blühten die -Rosen meist in üppiger Fülle, und ebenso ungestört wurden kleine, rote -Hagebutten daraus. - -Frau Besenmüller brauchte nur zuzugreifen, ribsch, rabsch, da füllte -sich ihr Korb. Um den Turm herum, von dem freilich nur noch ein -kümmerliches Restlein stand, wuchsen die meisten Rosen, und die -größten Hagebutten gab es da. Wie sich die Schuldienersfrau nun dem -Turme näherte, graulte sie sich wie immer etwas. Sie blickte an -dem grauen Gemäuer empor. Nur auf der einen Seite gab es noch eine -Fensteröffnung, und aus diesem Loch heraus hing ein Strick. - -Frau Besenmüller schrie laut auf, als sie das sah. Sie rannte gleich -den Berg wieder ein Stück abwärts. Wo kam der Strick her in dem -verfallenen Turm? Von unten herauf starrte die Frau zu dem Strick -empor, -- ganz ruhig, unbewegt hing er da. Von den alten Herren von -Steinach konnte er nicht mehr übrig geblieben sein, denn sooft Frau -Besenmüller auch schon hier gewesen war, den Strick hatte sie noch nie -gesehen. - -Also war jemand oben gewesen, jemand hatte den Strick dorthin getan. -Wozu? Warum? und wer war es gewesen? Die Frau seufzte schwer. Sie -graulte sich und war neugierig, die Furcht trieb sie zurück, die -Neugier wieder vorwärts. Sie stand und überlegte, sah auf den Strick, -der seltsam in der Sonne glänzte und dahing, als müßte es so sein. Und -just über den allerschönsten Rosenbüschen hing er, an denen die roten -Früchte schimmerten und lockten. - -Und Frau Besenmüller ließ sich locken. Schritt um Schritt kam sie -näher, bis sie vor den Büschen stand. Sie pflückte rasch und -eilfertig, rupfte und rupfte, und dabei blinzelte sie immer wieder nach -dem Strick. Was tat denn der? Er schwankte und zitterte doch hin und -her! - -»Was nur damit ist? Müßte mal dran ziehen!« Frau Besenmüller überlegte -das eben, als sie Schritte hörte; trapp, trapp kamen sie den Berg -herauf. - -Sie erschrak sehr, aber da begann ein lustiges Singen, und da -Gespenster am hellichten Tage nicht Wanderlieder zu singen pflegen, -beruhigte sie sich gleich wieder. Ein Weilchen lauschte sie dann, -da sah sie Heinrich Fries den Weg emporkommen, und sie brummelte -zufrieden: »Das ist mal recht, der sieht sich gleich gut um.« Alle -Furcht war wie weggeblasen, nur die Neugierde war geblieben, und die -trieb sie noch näher zu dem Stricke hin. Sie mußte doch sehen, wie der -hierher kam. Was hatte so ein Strick hier zu diesem Loch, das früher -ein Fenster gewesen war, herauszuhängen? - -»Überall Unordnung! Ärgern muß mer sich alleweil,« schalt die Frau, -griff rasch nach dem Strick und zog fest daran und -- - -Heinrich Fries hörte auf einmal ein lautes Geschrei, ein Poltern und -Rasseln. Er brach jäh sein Lied ab und war mit ein paar Sätzen im -Burghof. - -»Hilfe, Hiiiilfe, uuh, uuh!« kreischte Frau Besenmüller. Die hielt den -Strick in der Hand, schwankte mit ihm wie eine Fahne im Winde, während -unaufhörlich Mauergeröll purzelnd von oben herabrieselte. - -»Lieber Himmel, was ist das?« Der junge Lehrer hatte die Frau erreicht, -er hielt sie fest. »Was ist geschehen? Lassen Sie doch den Strick los!« - -»Huuhhu,« heulte Frau Besenmüller, »er -- er -- is -- ja verhext!« - -»Was, der Strick?« Heinrich Fries wollte auch danach greifen, aber -er zog rasch seine Hand zurück. »Der klebt ja, der ist mit Vogelleim -eingeschmiert.« - -»Huuhhuuh, drinne sitzt -- huhuhuh -- so ’n Graul!« Frau Besenmüller -zog angstvoll am Stricke, der gab jäh nach, und plumps saß die -Schuldienersfrau halb in den Rosenbüschen drin. Von dem alten Mauerwerk -bröckelte wieder etwas ab, das rieselte zu Boden, und eine Staubwolke -stieg empor. - -»Holla, das Gespenst wollen wir mal fangen!« Der junge Lehrer hatte -flinke Beine, er lief um den Turm herum, fand den Eingang und fand -auch die bösen Neckgeister. Ein ganzes Nest voll war es. In dem von -drei Seiten nur mit ganz niedrigem Gemäuer umschlossenen Turmviereck -wimmelte es von Buben, und Arne Weber hatte Schwetzers Fritze auf den -Schultern, und der trug wieder das Jackenknöpfle; so reichte es knapp -bis zum Fensterloch. Jackenknöpfle wollte gerade herabklettern, als der -neue Lehrer erschien. Da wackelte die lebendige Leiter, und Heinrich -Fries konnte das Jackenknöpfle noch eben auffangen und es vor einem -vielleicht schlimmen Fall bewahren. - -Draußen jammerte und schrie Frau Besenmüller noch immer angstvoll um -Hilfe, innen starrten die Buben den neuen Lehrer an, als wäre nun der -das Gespenst, mit dem sie die Schuldienersfrau hatten schrecken wollen. - -»Kommt mal mit!« Kurz und scharf klang der Befehl, und kein Bube wagte -es, auszureißen. Wie eine Schafherde, die in einen Gewittersturm -geraten ist, so folgten sie alle ihrem neuen Lehrer. Der führte sie um -den Turm herum bis dahin, wo Frau Besenmüller noch immer einen wilden -Kampf mit dem geleimten Strick ausfocht. - -»Da sind die Gespenster, Frau Besenmüller.« - -»I du meine Güte, nä, so was!« - -Die Frau wäre weniger verdutzt gewesen, wenn Heinrich Fries ein in -weiße Bettücher gewickeltes Gespenst oder einen alten, mit Ketten, -Schwertern, Schlössern und sonst was für Eisenkram rasselnden Ritter -angebracht hätte. »I du meine Güte, die verflixten Bengel!« - -»So, jetzt helft einmal Frau Besenmüller vom Strick loskommen. Schnell, -eins, zwei, drei!« - -Zehn Bubenhände und mehr griffen nach dem ungeleimten Ende, sie zerrten -und zogen. »Herrje,« schrie Frau Besenmüller, die vorwärtsgezogen -wurde, »nicht so rasch, du meine Güte!« Plumps, saß sie noch einmal in -den Rosenbüschen, aber sie war doch den unheimlichen Strick los. - -»Und nun geschwind, Buben, alle heran und Hagebutten gepflückt! In -einer halben Stunde muß der Korb voll sein.« - -Wieder klang der Befehl kurz und scharf, und wieder folgten die Buben -ohne Besinnen. Sie stürzten sich mit wildem Eifer auf die Büsche, -rissen ab, was ihnen unter die Finger kam, und Heinrich Fries mahnte: -»Nur die Früchte, keine Blätter, Äste oder gar die halben Büsche!« - -Da blinzelten die Buben ein wenig nach dem neuen Lehrer hin. Das -letzte Wort klang ihnen fast wie ein Spaß, aber zu lachen wagten -sie doch nicht, und obgleich sie eine Hagebuttenernte wenig lustig -fanden, pflückten sie doch wie die Heinzelmännchen. Frau Besenmüller -vergaß darüber vor Staunen jegliche Strafrede, trotzdem sie sich von -ihrem Schreck schon wieder völlig erholt hatte. Sie saß auf einem -Mauerrest, rieb sich die Hände mit der Schürze sauber und sah zu. »Wie -’ne leibhaftige Prinzessin,« dachte sie, obgleich sie mit ihrem blauen -Kopftuch und der großen Küchenschürze nicht gerade einer Prinzessin -glich. - -Von den Buben kam auch keiner auf den Gedanken, Frau Besenmüller mit -einer Prinzessin zu vergleichen, sie waren sogar alle miteinander etwas -böse auf die arme Frau. Warum hatte sie nur gleich so geschrieen? Wegen -so ’nem bißchen Vogelleim? »Sie brauchte doch nicht dranzufassen!« -brummelte Jackenknöpfle. Aber er pflückte trotzdem so geschwind wie die -andern. Ritsch, ratsch, da! Die roten Früchte kollerten in den Korb, -und sehr bald war der voll und die Rosenbüsche kahl. - -»So ist’s recht!« lobte der Lehrer. »Und nun tragen zwei der Frau -Besenmüller den Korb nach Hause. Wer hat den Plan gehabt, den Strick zu -leimen?« - -Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann trat Arne vor. Er trug -den blonden Kopf ganz hoch, und der junge Lehrer lächelte ein wenig, -ein Heimlicher war der Bube nicht. Aber noch war Arne nicht am Korb, da -faßte schon Schwetzers Fritze mit an. - -»Also ihr beide seid die Anstifter? Na, gut --« - -»Nä, Schwetzers Fritze nich, der niche!« Sechs Stimmen riefen es auf -einmal, und Heinrich Fries sah etwas erstaunt auf Fritz. »Warum trittst -du denn dann vor?« - -Fritz hätte schon gern eine Antwort gegeben, aber so etwas mußte doch -Zeit haben. Er blickte in die Luft, als käme eine Antwort vom Himmel -herunter, und da sagte auch schon der neue Lehrer: »Vielleicht hast -du’s gedacht?« Er nickte dabei den beiden ganz freundlich zu und mahnte -nur noch: »Tragt den Korb aber vorsichtig, damit nichts verschüttet -wird.« - -Die beiden trabten los, Frau Besenmüller wanderte hinterher. Sie kam -sich nun wirklich wie eine leibhaftige Prinzessin vor. Weil sie so -schnell und sonder Plage ihre Hagebutten geerntet hatte, war ihr Herz -mild und versöhnlich gestimmt, und vor dem Schulhaus sagte sie gnädig: -»Wartet e’ bißchen, ihr sollt ’n Kuchen haben!« - -Sie holte zwei mächtige Stücke herbei, von dem angeleimten Strick sagte -sie nichts mehr, und Arne und Fritze fanden den Lohn auch nur gerecht. -Sie zogen vergnügt von dannen, kauten mit vollen Backen und ahnten, -sie würden bald ihre Gefährten treffen. So war es auch. Die kamen -ihnen auf halbem Weg entgegen, und sie schrieen gleich: »Ihr eßt ja -Quetschenkuchen!« - -»Na ja, von Besenmüllern!« Urne stopfte schnell sein letztes Stück in -den Mund, Fritze war schon fertig. Das war sicherer. - -»Haste denn das wirklich gedacht mit ’m Strick?« forschte Jackenknöpfle -eifrig, während die andern maulten: »Wir hab’n keinen Kuchen gekriegt!« - -»Hm, na ja!« Schwetzers Fritze nickte strahlend. Ihm gefiel der neue -Lehrer sehr gut. Bei dem brauchte er sich gewiß nicht mit Reden -anzustrengen, der las einem ja die Gedanken an der Nasenspitze ab. -»Hurra!« schrie er plötzlich und machte einen Luftsprung. - -»Hurra!« schrieen die andern und taten es ihm nach. Und dann trabten -sie alle vergnügt dem Walde zu. Es war ja Samstag, und die Sonne -stand noch am Himmel, da konnten noch immer die allerschönsten Spiele -gespielt werden. - -»Hurra, hurra!« - -Der junge Lehrer Heinrich Fries hörte das Freudenrufen oben auf dem -Burgberg. Lächelnd schaute er ins Tal und dachte: »Wirklich, es scheint -so, die Schelme von Steinach leben noch immer!« - - - - -[Illustration] - - - - -Sechstes Kapitel - -Die Mutter kommt - - Die Steinacher Frauen haben Angst, Vater Hiller könnte Not - leiden -- Dem jungen Lehrer verderben die Novembertage die - Laune, und Fritze Schwetzer erfährt, was alles bei einem - Schweineschlachten herauskommen kann -- Eine Maus zieht aus dem - Schulhaus aus und wird eine Kirchenmaus und sieht gleich am - ersten Sonntag etwas, das ihr und andern Leuten gut gefällt - - -Tal und Höhen lagen noch im grauen Morgennebel, als Vater Hiller -Steinach verließ. Dem alten Mann war das Herz schwer, als er zum -letzten Mal die Schwelle des lieben, schönen Schulhauses überschritt. -Wie er aber so hinaustrat, grüßte ihn draußen ein lautes Singen: alle -seine Schulkinder standen da, bereit, ihn zum Bahnhof zu begleiten. -Die Brummer sangen auch diesmal mit, sie ließen sich nicht den Mund -verbieten, und wunderlich, dem alten Lehrer klang es hold und lieblich -in die Ohren. Er, der sonst so fein gehört hatte, vernahm diesmal kein -einziges falsches Tönlein. - -Es war ein langer Zug, der sich durch die Apfelstraße hin nach dem -Bahnhof bewegte. Auch viele Erwachsene kamen mit. Jedes trug einen Korb -oder ein Päckchen, denn auf einmal war es den Steinacher Bäuerinnen -schwer auf das Herz gefallen, ihr lieber Vater Hiller könnte gar Hunger -leiden in der Fremde, könnte nicht so gute Butter, so frische Eier, -so goldgelben Honig und prächtigen Kuchen, so rundliche Würste und -köstliche Äpfel haben wie in Steinach. Für alles hatten sie gesorgt. -Als der Zug auf dem kleinen Bahnhof einlief und ein bitterschweres -Abschiednehmen begann, da füllte sich das Abteil mit Schachteln, Körben -und Paketen, und Vater Hiller wehrte erschrocken: »Das kann ich doch -nicht alles mitnehmen!« - -»Ich helf’ beim Umsteigen!« Der Schaffner lachte über das ganze -Gesicht, er war doch ein Steinacher Kind, er war doch auch zu Vater -Hiller in die Schule gegangen. Die Kinder jammerten laut, als die Tür -geschlossen wurde und der Zug davonfuhr. Ein Weilchen konnten sie noch -das freundliche Gesicht ihres alten Lehrers sehen, dann entschwand es -ihren Blicken, und traurig zogen alle heimwärts. Die Großen redeten -unterwegs von dem Abgereisten; nur Gutes wußten sie alle von ihm zu -sagen. - -Die Kinder aber tuschelten zusammen von dem neuen Lehrer. Wie würde -er sein? Vor der Hagebuttenernte hatte Frau Besenmüller gesagt: »Böse -wird’s!« Seit gestern sagte sie: »Gut wird’s!« Was war nun das Rechte? - -»Simeliert nich so lange, geht nein!« riet Frau Hinzpeter, Malchens -Mutter, den Kindern vor dem Schulhause. Und wie sie schien innen auch -Frau Besenmüller zu denken; die klingelte laut, arg laut, dachten die -Kinder. Ein wenig seufzend zogen sie in das Schulhaus hinein, sie -meinten, Abreisetag könnte gut Ferientag sein, aber die Erwachsenen -waren alle miteinander anders gesonnen. Am wenigsten dachte Heinrich -Fries an Ferien, und schon an diesem ersten Tag spürten es die Kinder, -bei ihm mußten sie aufpassen. Ob er bös werden würde oder gut, wußten -sie diesen ersten Tag aber noch nicht, und noch viele weitere Tage -vergingen, ehe sie es erkannten. - -Dem jungen Lehrer Heinrich Fries erging es in den ersten Wochen in -Steinach am Wald genau so wie seinen Kindern, er wußte auch nicht, -ob er bös werden würde oder gut. Es gefiel ihm manchmal recht gut in -der neuen Heimat und manchmal herzlich schlecht. Wenn er die Gegend -durchwanderte, zum Walde emporstieg, oder wenn er durch die weiten -schönen Räume seines Schulhauses ging und die Sonne zu den Fenstern -hineinschien, oh, dann gefiel es ihm. Als aber der November mit Sturm, -Regen und kurzen, grauen Tagen anrückte und man auf der Dorfstraße -nur die Wahl hatte, in eine Pfütze oder in den Schlamm zu treten, -da gefiel es ihm gar nicht. Es war ihm einsam und unbehaglich, er -ärgerte sich über Frau Besenmüllers Schelten und fand doch auch, die -Kinder brauchten nicht die halbe Dorfstraße mit ihren Schuhen ins Haus -zu tragen. Nur an einem Ort im Dorf war es ihm immer gemütlich: im -Pfarrhaus. - -Das Fräulein Regine sah immer aus, als hätte ihr die liebe Sonne einen -Kuß auf den Mund gegeben. Wenn sie lachte, dann war es wie Frühling, -und wer ins Pfarrhaus kam, der vergaß schlechtes Wetter, schlechte -Laune und alle andern bösen Dinge, dem wurde es warm ums Herz. - -Doch Heinrich Fries wohnte im großen Schulhaus, und da war es einsam. -Sein Zimmer war kahl und unwohnlich, und Frau Besenmüller ging nicht so -sacht und leis einher wie seine Mutter. Sie hatte auch nicht eine so -liebe, sanfte Stimme, sondern redete laut, es dröhnte immer durch das -ganze Haus. »Wie ein alter Landsknecht schreit sie,« dachte der neue -Hausbewohner wohl. - -Und am allerwenigsten gefielen die Kinder an solchen Tagen dem jungen -Lehrer. Die schienen ihm besonders ungezogen zu sein und gar nicht -lernlustig. Er ärgerte sich und redete streng zu ihnen, verlangte, sie -sollten allerlei wissen, was sie nicht konnten. Eins um das andere -fehlte in dieser Zeit, und wenn er wissen wollte, warum, sagten sie, -daheim sei Schlachttag. Da schalt er, dies sei nicht so wichtig, um -die Schule zu versäumen. Da kränkten sich die Kinder, denn in Steinach -wußte es jeder, ein Schlachtfest ist eine wichtige Sache, eine -ungeheuer wichtige sogar. - -Schwetzers Fritze dachte das auch, und seine Mutter dachte ebenso, -und darum kam Fritze eines Tages nicht in die Schule. Und am nächsten -Tage kam er und brachte, wie es Sitte war, dem Herrn Lehrer eine -frische Wurst und einen Topf der schönsten Wurstsuppe mit. Seine -Mutter schärfte ihm noch ein: »Sag’s ja recht höflich zum neuen Herrn -Lehrer!« Sie schmückte ihm auch die Wurst noch mit einem dicken -Petersilienbüschel, und darüber verging die Zeit, und da ein Topf mit -Wurstsuppe vorsichtig getragen werden muß, kam Fritze am Schulhaus an, -als Frau Besenmüller schon dreimal kräftig die Klingel geschwungen -hatte. - -Auf dem Wege hatte Fritze sich ein gutes Sprüchlein vorgesagt. Immer -wieder hatte er sich die Worte überlegt, und er war sicher, diesmal -würde er reden können. »Einen schönen Gruß von meiner Mutter, und -der Herr Lehrer möchte entschuldigen, bei uns ist Schweineschlachten -gewesen,« so wollte er sprechen. Dazu wollte er einen Diener machen, -nicht so tief, damit die Suppe nicht überschweppte, und -- - -»Nä, Fritze, du schleichst ja, kommst nich heute, da kommste morgen. So -was!« Frau Besenmüller rief es ihm böse entgegen, und verwirrt betrat -er das Schulhaus. »Man schnell, man schnell!« Die Frau riß die Tür auf, -und Fritze platzte in das Klassenzimmer, just als sie sich alle nach -dem Morgengebet setzten. »So spät?« - -Heinrich Fries runzelte die Stirn. Er sah Fritze drohend an. Jedesmal, -wenn er den Buben sah, mußte er an den Empfang auf der Apfelstraße -denken, und er hielt Fritze für einen besonders Unnützen und einen -Heimlichen dazu. »Warum so spät?« - -Schwetzers Fritze wurde puterrot, und wie immer in solchen Augenblicken -versagte ihm die Stimme. Seine ganze schöne Rede hatte er vergessen, -die Worte liefen ihm davon, er konnte sie nicht aufhalten. Nur -eines fing er noch, das schrie er hinaus und verneigte sich dazu. -»Schweineschlachten« hallte es durch das Zimmer, und klatsch fiel -Wurstsuppe und die schön geschmückte Wurst dem Herrn Lehrer vor die -Füße. - -»Bengel du!« Der junge Lehrer hielt’s für Frechheit, was -Ungeschicklichkeit war; er ärgerte sich, statt zu lachen, desto mehr -lachten die Kinder, aber sie schwiegen rasch, als Heinrich Fries mit -scharfer Stimme Ruhe bot. Er ging zur Türe und rief Frau Besenmüller, -und als die Frau eine lange Rede halten wollte ob der vergeudeten guten -Suppe, gebot er kurz Ruhe, und ebenso kurz sagte er zu Schwetzers -Fritze: »Du bleibst heute und morgen da.« - -Nachsitzen hielten die Steinacher Kinder für eine ungeheure Schande. -Nur selten hatte Vater Hiller so gestraft, und daß einer zwei -Tage nacheinander dableiben mußte, so etwas war noch gar nicht -vorgekommen. Sie waren alle fast erstarrt vor Schreck, und weil sie -gar so erschrocken waren, gaben sie an diesem Tage unglaublich dumme -Antworten. Schwetzers Fritze gab überhaupt keine. Schnapp, war dem der -Mund zugeklappt wie ein Schloß, und niemand hatte den Schlüssel, es -wieder aufzuschließen. - -Wenn er um Verzeihung bittet, erlaß ich ihm die Strafe, dachte der -Lehrer, der sich überlegt hatte, Wurst und Suppe seien doch wohl eine -gutgemeinte Gabe. Aber Fritze bat nicht. Wie himmelgern er es getan -hätte, ahnte Heinrich Fries nicht, der nahm es für Trotz. Und der arme -Fritze mußte dableiben und mußte doppelte Last tragen, denn auch daheim -bekam er Schelte, aber auch hier tat sich das Schloß vor seinem Munde -nicht auf. - -Strafe erleiden ist nicht vergnüglich, aber strafen müssen auch nicht. -Heinrich Fries war an diesem Tage geradeso niedergeschlagen wie die -Buben und Mädel. Er stieg nach Schulschluß mit einem so finsteren -Gesicht zu seiner Wohnung empor, daß Frau Besenmüller kein Wort wagte. -Nachher sagte sie zu ihrem Manne: »Es wird doch nichts mit dem neuen -Herrn Lehrer, nä, nä!« - -Heinrich Fries hatte nicht gehört, was Frau Besenmüller sagte, aber -als er durch seine kahlen Zimmer schritt und hinaussah, wie der Regen -langsam herniederrann, da dachte er auch: »Es wird nichts, hier halte -ich es nicht lange aus.« Und weil er Sehnsucht hatte nach eines lieben -Menschen Trost, setzte er sich hin und schrieb an seine Mutter einen -langen, langen Brief, wie es sei in Steinach am Wald, und daß es gut -wäre, sie käme nicht her, lange würde er doch nicht bleiben. - -Als Frau Fries den Brief bekam, dachte sie gleich: »Ich muß zu ihm, -er braucht mich. Er ist zu einsam am fremden Ort, darum bleibt der -ihm fremd.« Und feinhörig, wie Mütter sind, las sie auch aus dem Brief -heraus, daß es dem Sohn eigentlich ganz gut in Steinach gefiel. Es ging -ihm damit wie mit manchen Menschen, von denen man nicht weiß, daß man -sie im Grunde seines Herzens eigentlich recht liebhat, weil man sich -über allerlei kleine Fehler an ihnen zuviel ärgert. - -Wenn die Mutter Fries einmal etwas für richtig hielt, dann tat sie es -auch und wartete nicht lange. Sie schrieb also ihrem Sohn: »Ich komme -zu dir, hab’ es mir überlegt. Der Winter ohne dich ist mir zu einsam.« - -Oho, die Mutter hält es nicht aus, dachte der Sohn und ahnte nicht, daß -die Mutter nur um seinetwillen kam. Er freute sich unbändig über seiner -Mutter Sehnsucht; freilich, wenn sie es nicht aushielt, mußte sie -kommen. Es war ein so ungemütlicher Tag, wie sie fast nur im November -zu finden sind, Regen, Sturm, Schnee, Kälte, alles kam zusammen; gerade -da erhielt Heinrich Fries den Brief seiner Mutter. Und an diesem Tage -staunten die Kinder, als sie nachmittags in die Schule kamen. Ihr -Lehrer schaute drein, als wäre Maientag draußen, oder als hätte er sich -von Fräulein Regine im Pfarrhaus mit Gutwetterlaune versorgen lassen. -Die Mutter kam, die Mutter kam! Wie ein Lied klang ihm das fort und -fort im Herzen. - -In Steinach am Wald wußten die Nachbarn schnell, was in des andern -Haus vorging. Das war nun einmal so. In welchem Hause große Wäsche, -Schweineschlachten oder Kuchenbacken war, wußte jeder im Dorf, und -für wen Zimplichs Hulda, die Dorfschneiderin, gerade ein Kleid nähte, -wußten auch alle. Und so redeten auch schon am andern Tag die Großen -und Kleinen im Dorf: »Die Mutter vom neuen Herrn Lehrer kommt!« - -Frau Besenmüller hatte diese Neuigkeit von Haus zu Haus getragen. Mit -Sack und Pack wollte sie kommen. Und der Herr Lehrer hatte selbst die -große Hinterstube bestimmt, in der sollte seine Mutter wohnen, weil man -von da aus den Wald sehen konnte und in den Garten hinein. - -»Kurios so was,« meinte Besenmüllern, »mir ist’s alleweil lustiger, -auf die Straße zu gucken.« Aber sie scheuerte und putzte in der großen -Stube herum, so sehr, als müßte sie noch sauberer als sauber werden. -Kein Spinnchen wagte es darin zu bleiben, die holte Frau Besenmüllers -Scheuerlappen aus jedem Winkel heraus, und ganz schlimm erging es einer -kleinen Maus. Die hatte sich ein Loch genagt und hatte gemeint, die -große Stube würde eine gute Winterwohnung werden. Doch hui, da kam Frau -Besenmüller. Sie stopfte spitzige, scharfe Glasscherben in das Loch -und verkittete und verklebte es, -- nun mochte die Maus sehen, wo sie -blieb. Vielleicht war es die, die am nächsten Tage in das Schulzimmer -gelaufen kam. Sicher wollte sie Frau Besenmüller verklagen, aber weil -die Kinder gleich lachend ihren Namen schrieen, erschrak sie und -kletterte an Toni Hases Röckchen empor. Nun war Toni zwar kein Hase, -wenn sie auch den Namen trug, aber eine Maus, die den Weg zu ihrer Nase -nahm, war ihr doch greulich. Sie quietschte, schüttelte sich, schlug -um sich, traf ihre Nachbarin, warf die Bücher vom Tisch, und heilloser -Wirrwarr entstand. - -Um eine Maus! Der junge Lehrer schalt an diesem Tage nicht, obgleich -er den Lärm doch recht überflüssig fand. Er fing selbst die Maus und -warf sie zum Hause hinaus; ein Tier zu töten tat ihm leid. Die arme -hinausgeworfene Maus erlebte an diesem Tage noch allerlei seltsame -Abenteuer, bis sie schließlich in die Kirche geriet. Sie wurde nun dort -eine arme Kirchenmaus, aber ihr neues Leben gefiel ihr gut, und sie sah -sich nie wieder nach einer andern Wohnung um. - -Gleich am ersten Sonntag sah die kleine, graue Bewohnerin in der Kirche -etwas, das ihr besonders gut gefiel. Da saß eine schlichte ältere Dame -vorn auf der ersten Bank, und ein heiteres, frohes Scheinen lag in -ihren Augen, als die Orgel erbrauste. Droben spielte ihr Sohn schöne, -feierliche Weisen, und in der Kirche reckten und streckten alle die -Hälse vor und schauten auf die Fremde. »Die alte Frau Lehrerin ist’s,« -sagten sie. Es lag Neugier in den Blicken, aber auch viel herzliche -Freude, und Frau Fries spürte mehr die Freude, und wie sie so still in -der kleinen alten Kirche saß, dachte sie: »Hier gefällt es mir!« - -Am Abend vorher war Frau Fries gekommen. Frau Besenmüller war sehr -zufrieden gewesen, daß jemand am Samstag kam, da war doch alles -blitzblank geputzt. Nur den Himmel hatte Frau Besenmüller nicht -scheuern können, so gern sie dies auch getan hätte. Der hing voller -grauer Wolken, und die Steinacher sagten: »Es gibt Schnee.« Es gab aber -nur einen Mischmasch von Schnee und Regen, und um die Geschichte noch -ungemütlicher zu machen, heulte der Wind wie ein ganzer Chor böser -Buben. Wirklich, es war höchst ungemütlich, und als Frau Fries in der -Dämmerung auf Bauer Hinzpeters Wagen in das Dorf einfuhr, schauerte sie -leicht zusammen; nein, schön war es wohl in Steinach am Wald nicht. -Aber schön war die große Freude ihres Sohnes, und die war es auch, die -es der Mutter behaglich in dem alten Hause machte. - -In der Nacht hatte sich dann das Wetter besonnen, es zeigte ein -freundlicheres Gesicht. Der Sturm riß aus, und der Mond kam hervor. -Der hielt um die erste Tagesstunde Zwiesprache mit der Sonne, und -diese etwas launenhafte Dame erklärte sich bereit zu scheinen, weil -doch erster Advent war, und weil doch die alte Frau Lehrerin Steinach -im Sonnenglanz sehen wollte. Am nächsten Morgen lag eine zarte weiße -Schneedecke über dem Land. Wie versilbert standen die Bäume da, und -über alles breitete die Sonne goldenen Schein. Es schimmerte und -glänzte schöner als im Juwelenkästlein einer Königin. Als Frau Fries -hinaussah, erst hinüber nach den dunklen Waldbergen und dann hinweg -über das Dorf, sagte sie heiter: »Hier gefällt es mir!« - -Die Steinacher mußten es wohl spüren: »Der Frau gefällt es unter -uns.« Sie grüßten sie, und viele reichten ihr die Hand. Sie taten das -treuherzig und freundlich, und Frau Hinzpeter sagte: »Es ist eben nich -Mode bei uns, fremde tun.« - -Daß Fremdtun nicht Mode war, sah Frau Fries auch an den Kindern. Die -standen freilich erst scheu zur Seite, aber als sie ein paar kleinen -Mädeln die Hand gab, kamen geschwind andere herbei, und immer mehr -kleine, braune Hände, auch derbe Jungenpatschen, streckten sich ihr -zutraulich entgegen. Sie wollten alle gern der alten Frau Lehrerin -guten Tag sagen. Die Sonne strahlte hell, aber noch heller schien -ihr Glänzen zu werden, als Pfarrers Regine aus der Kirche trat. -Gerade neben dem alten steinernen Schelm von Steinach stand sie, als -Frau Fries sie erblickte. Die alte Frau und das junge Mädchen sahen -sich an, und beide spürten es gleich: wir werden uns liebhaben. Sie -schüttelten sich die Hände wie gute Bekannte, und dann gingen sie ein -Stück die Dorfstraße entlang heimwärts, und Frau Fries versprach zum -Nachmittagskaffee in das Pfarrhaus zu kommen. Regines Mutter war viel -krank; die freue sich schon auf den Besuch, sagte das junge Mädchen, -sehr sogar freue sie sich. - -Da verging denn dieser erste Sonntag in Steinach am Wald für Frau Fries -hell und heiter, und sie nahm es als ein gutes Zeichen für kommende -Tage. - - - - -[Illustration] - - - - -Siebentes Kapitel - -Schloß Moorheide - - Es weihnachtet sehr -- Frau Fries ladet zu einer Adventfeier - ein, und Frau Besenmüller läßt die Schulglocke stehen -- Eine - Geschichte wird erzählt, die im Sommer beginnt und in der - Adventszeit endet, und die schon hundert Jahre alt ist - - -Ob es in der zweiten Nacht, die Frau Fries in Steinach zubrachte, der -Mond vergaß, mit der Sonne zu reden, ob sie sich stritten, -- wer -kann es wissen? -- jedenfalls blieb die Sonne am nächsten Morgen in -ihrer warmen Sonnenstube. Grau hing der Himmel über dem Dorf, und dann -begann es zu schneien. Erst sacht und sanft, dann wurden die Flocken -größer, sie wirbelten und tanzten in der Luft herum, und ganz Steinach -versank allmählich in ein weiches, weißes Schneebett. Es wurde so -huschelig, so weihnachtlich, und man hätte das ganze Dorf mit seinen -weißbeschneiten Dächern, den hohen Schneewällen ringsum gleich in ein -Weihnachtsbilderbuch setzen können, so sah es aus. Durch den Schnee -kamen eines Tages ein paar große Wagen gefahren vom Bahnhof her, -der Hausrat der alten Frau Lehrerin. Und nun schaffte diese emsig im -Haus, Frau Besenmüller half ihr, und selbst der Schuldiener mußte mit -eingreifen. Aus dem Pfarrhaus kam Fräulein Regine, und die rief einmal -über das andere: »Wie hübsch das ist, wie hübsch!« - -Manch Stück aus der Großmutterzeit war unter den Sachen, das paßte gut -in die großen Stuben des Schulhauses, viel besser als in die enge, -kleine Viertreppenwohnung der grauen Stadt. Mutter und Sohn staunten -selbst, wie hübsch es wurde, und als dann die Bücherkisten kamen und -Heinrich Fries die lieben gedruckten Freunde wiedersah, da fand auch er -es nicht mehr so einsam in Steinach. - -Draußen wurde es immer weihnachtlicher. Die Kinder sangen -Weihnachtslieder, wo sie gingen und standen, und keiner schalt, wenn -die Brummer auch sangen. Hinzpeters Malchen sang manchmal noch im Bett -ihre kleinen frohen Lieder. Im Schulhaus hörte die alte Frau Lehrerin -das frohe Singen auch, und sie meinte, seit vielen, vielen Jahren sei -es ihr noch nicht so weihnachtlich zumute gewesen wie hier in Steinach. -Ihr fielen allerlei heitere Dinge ein, die sie einst im Elternhaus -unter der Adventskrone getan hatte, und eines Tages wanderte sie -selbst in den Wald, holte sich Tannengrün, wand eine Adventskrone, -steckte drei Lichter darauf, denn so weit war die Zeit vorgeschritten, -und dann lud sie die Schulkinder zu einer Adventsfeier ein. - -So etwas hatte es noch nie in Steinach gegeben, und sämtliche Spatzen -im lieben deutschen Land zusammen konnten nicht so neugierig sein -wie die Steinacher Kinder. Die hatten es an diesem Sonntagnachmittag -ungeheuer eilig, in das Schulhaus zu kommen. Eine Stunde früher als -angesagt waren sie schon da. Aber Frau Besenmüller war auch da, und die -fand gar nicht, daß es nötig sei, nur eine Minute früher zu kommen. -»Geht nur wieder,« sagte sie, hartherzig, wie die Kinder meinten, »ich -bimmle schon!« Und klapp schloß sie ihnen die Türe vor der Nase zu. - -»Frech!« rief Arne. - -»Besenmüllern ist komisch!« brummten etliche. - -»Huje, da is die Bimmel!« - -Zimplichs Max jauchzte es laut. Die andern folgten mit ihren Blicken -seinem Zeigefinger, und da sahen sie wirklich alle außen im Türwinkel -die große Schulglocke stehen. Frau Besenmüller hatte sie am Morgen in -Gedanken außen statt innen in die Ecke gestellt. - -Die Schulklingel! Die liebten die Kinder und haßten sie. Wie manchmal, -wenn sie ertönte, atmeten besonders die Faulpelze auf, daß endlich die -Stunde aus war. Und dann wieder ärgerten sie sich über den hellen Ton, -wenn er ihnen mitten in ein lustiges Spiel hineinfuhr. Und nun stand -dieses Ding, das eine Stimme hatte und beinahe wie ein lebendiges Wesen -war, vor ihnen, von Frau Besenmüller unbeschützt. - -»Wir bimmeln,« riefen Arne und Malchen. - -»Ach ja, wir bimmeln,« schrieen ein paar andere. - -»Nä, wir verstecken sie.« Zimplichs Max und Jackenknöpfle schrieen es, -und gleich schrieen die andern: »Wir verstecken sie, fein, hurra!« - -Ein paar stürzten auf die Klingel los, und Schmiedemeister Traugotts -Hans warnte: »Laßt ’n Klöppel niche los!« - -Die Warnung kam zu rechter Zeit, der Klöppel wurde festgehalten, -die Schulklingel mußte stumm bleiben. Sie konnte nicht rufen und -nicht anklagen, sie mußte es leiden, daß sie von unnützen Buben und -kichernden Mädeln in Besenmüllers Holzschuppen getragen wurde. Dort -erhielt sie ihren Platz auf einem hochgeschichteten Holzstoß, und da -saß sie und mußte schweigend warten, bis Frau Besenmüller Holz holen -kam. - -Die Kinder zogen wieder vor das Schulhaus zurück, sie freuten sich -schon über Frau Besenmüllers Erstaunen, wenn sie die Klingel nicht -fand. Sie wollten ihr dann suchen helfen, das gab gewiß einen -Hauptspaß. Es kam aber anders. Fräulein Regine aus dem Pfarrhaus kam, -auch ehe es Zeit war. Und Fräulein Regine ließ Frau Besenmüller nicht -draußen stehen, und weil das junge Mädchen sagte, es sei so kalt -draußen, die Kinder könnten doch mit hinein, tat die Schuldienersfrau -wirklich weit die Tür auf, und alle liefen schwatzend und vergnügt in -das schöne, alte Haus hinein. Einige dachten: »Nun braucht Besenmüllern -die Bimmel nicht zu suchen, schade!« Aber dann vergaßen sie gleich den -andern die arme, verstoßene Schulklingel im Holzstall, denn es wurde -sehr fein. - -Frau Fries hatte lange keine Adventsfeste gefeiert, und sie hätte wohl -auch die Kinder nicht zur Adventsfeier eingeladen, wenn nicht Fräulein -Regine ihr geholfen hätte. Aber Fräulein Regine konnte singen, die -allerlieblichsten Lieder, sie konnte erzählen und plaudern, und dann -konnte sie lachen. So mit dem Herzen zu lachen wie Fräulein Regine -verstand nicht leicht jemand, und dieses Lachen steckte an. Die große -Schulstube sah an diesem Nachmittag lauter heitere, lachende Gesichter, -trotzdem der neue Lehrer, vor dem die Kinder immer noch ein wenig -Angst hatten, auch im Zimmer blieb. Und Frau Besenmüller saß mit darin -und ihr Mann, der emsig an einem rosenroten Strumpf strickte. Frau -Fries zeigte es den Kindern, wie sie alle die bunten Papierstreifen, -von denen sie eine große Schachtel voll vor sich stehen hatte, zu -Ketten zusammenkleben konnten. So etwas hatten die Steinacher Kinder -noch nie getan, und sie fanden, es sei eine vergnügliche Arbeit. - -Fräulein Regine erzählte dazu das lustige Märlein vom Vater Strohwisch, -und dazwischen wurden Lieder gesungen. An einer Geschichte hatten die -Kinder aber nicht genug, und sie baten um mehr. Da erzählte ihnen der -junge Lehrer etwas aus der Zeit der Befreiungskriege, von der Schlacht -bei Leipzig am 18. Oktober 1813. - -»Ach Krieg,« rief Hinzpeters Malchen, »den gibt’s nicht mehr!« - -»Na, du,« schrieen die Buben empört, »der kommt schon noch mal.« - -»Krieg ist schwer,« seufzte Frau Fries. »Als ich ein junges Mädel war, -etwas älter als Malchen, hatten wir Krieg mit Frankreich.« - -»Mutter, erzähle den Kindern doch einmal die Geschichte aus -Urgroßvaters Jugendzeit,« bat Heinrich Fries. »Sie ist zwar ernst, -aber eigentlich ist es eine Adventsgeschichte, wenn sie auch im Sommer -beginnt.« - -»Sie ist zu lang,« warf die Mutter ein. - -»Och nä,« schrieen die Kinder, just als wüßten sie genau, wie lang -die unbekannte Geschichte sei. Und selbst Besenmüller, der bis dahin -unentwegt und stumm an seinem rosenroten Strumpf gestrickt hatte, tat -seinen Mund auf und sprach: »Zu lang is ’ne Geschichte niche leicht, -wenn se scheene is.« - -»Ob sie schön ist, mögt ihr alle nachher entscheiden,« sagte Frau Fries -lächelnd. »Sie ist lustig und ernst, und der Försterbube darin war mein -Großvater. Es ist also eine wahre Geschichte, und das ist auch etwas -wert. Nennen werde ich sie - - -Schloß Moorheide. - -An einem See, den dunkler Tannenwald umschloß, lag ein graues Haus. -Schloß Moorheide wurde es genannt, obgleich der einfache, gerade Bau, -dem jeglicher Zierat fehlte, nichts Schloßartiges an sich hatte. Nur -die breite Freitreppe, die vom Eingang hinab in einen ziemlich wilden -Garten führte, verlieh dem Haus ein vornehmes Aussehen. Am Fuße dieser -Treppe stand an einem Sommertag des Jahres 1812 ein kleines Mädchen, -ein feines, zierliches Ding mit braunen Locken und veilchenblauen -Augen. - -Vor ihr stand, die Hände in den Hosentaschen, ein etwas größerer -Bube. Er war halb städtisch, halb bäurisch gekleidet, und sein -braungebranntes Gesicht stach drollig gegen die flachsblonden Haare -ab. Dem ganzen kleinen Kerl sah man an, daß er in Wind und Wetter -draußen war, und seine blitzenden Augen verrieten, daß er zu allerlei -tollkühnen Unternehmungen gern bereit war. - -»Du bist feige,« sprach er grollend zu seiner Gefährtin. - -Sabina von Hartenstein, den Namen führte das zierliche Mädchen, -schüttelte traurig den Kopf. »Ich darf doch nicht,« sagte sie, und ein -sehnsüchtiger Blick flog nach dem Walde hin; in den Augen stand: »Ich -möchte schon.« - -»Frag’ nur deine Frau Mutter,« drängte der Bube. »Pah, mit mir kannst -du doch in den Wald gehen!« fügte er ein bißchen prahlerisch hinzu und -reckte die Stupsnase gewaltig in die Höhe. - -Babinchen, so wurde Sabina gerufen, lachte schelmisch: »Du tust gerade, -als wärst du mindestens ein Ritter, Heine. Großvater sagt, es sei jetzt -so unsicher, man könnte immer Soldaten erwarten, und du weißt« -- sie -sprach das Wort nicht aus, aber ein scheuer Blick flog nach dem Hause -hinauf. Oben stand ein Fenster offen, und manchmal hörte man ein paar -Männerstimmen in der friedlichen Nachmittagsstille aufklingen. - -Heine Strohmanns hellblaue Augen blitzten, und er schaute mit -ehrfurchtsvoller Bewunderung zu dem Hause hinauf. - -Der Bube war der Sohn des Försters, sein Vater wohnte nicht allzuweit -vom Schloß entfernt im Walde. Fast täglich kam Heine in das Schloß, -denn Babinchen war seine liebste Spielgefährtin; die beiden streiften -dann oft stundenlang in den weiten, sich bis an die russische Grenze -hinziehenden Wäldern umher. Heine kannte Weg und Steg so gut, daß er -sich selbst im Dunkeln zurechtfand. Er kannte aber auch jeden Vogelruf, -er wußte, wo die Rehe ästen, wo Füchse, Dachse und anderes Getier -hausten, und oft genug hatte er seiner kleinen Freundin schon allerlei -Wunder des Waldes gezeigt. Heute hatte er ihr einen Fuchsbau weisen -wollen, er hatte vor etlichen Tagen die jungen Füchslein gesehen; -morgen wollte der Vater das ganze Nest ausheben, da sollte es nun -Babinchen noch rasch sehen. Es kam ihm sehr ungelegen, daß Frau von -Hartenstein ihrem Mädel verboten hatte, im Wald herumzustreifen. Noch -waren nämlich die Truppen des Kaisers Napoleon auf dem Durchmarsch nach -Rußland begriffen. Dieses große Reich sollte Napoleons unersättlicher -Ländergier auch zum Opfer fallen, und das arme Preußen, halb vernichtet -in dem unglücklichen Krieg von 1806--1807, mußte sich den Durchzug -der Truppen gefallen lassen. Napoleon nannte den König von Preußen -zwar jetzt seinen Freund und Bundesgenossen, aber dabei glich der -Durchmarsch seines Heeres eher einem großen Raubzug. - -Nach Schloß Moorheide, das abseits von der großen Heerstraße lag, waren -bisher noch keine Soldaten gekommen. Auch das nahe Dorf war noch davon -verschont geblieben, Vorspanne, Schlachtvieh und Lebensmittel aller Art -liefern zu müssen. - -Auf Moorheide wohnten schon seit etlichen Geschlechtern die -Hartensteins. Der alte Herr Jobst von Hartenstein, der derzeitige -Besitzer, war schon lange verwitwet. Bei ihm lebte seine -Schwiegertochter mit ihrem Töchterchen Sabina. Auch ihr Mann war tot; -wenige Wochen nach Babinchens Geburt war er gestorben. Die Kleine -dachte oft sehnsüchtig an den Vater, den sie nie gekannt hatte, und -den sie doch so liebte, weil alle Menschen, die von ihm sprachen, -nur Gutes zu erzählen wußten. Wenn aber auf den Nachbargütern der -Name Ferdinand von Hartenstein genannt wurde, dann schwiegen meist -alle dazu, die Männer schauten ernst und trübe drein, und die Frauen -hatten Mitleidstränen in den Augen. Auch in dem etwas düsteren Schloß -am See wurde dieser Name nur in leiser, weher Trauer genannt, und -der Großvater, der seit einem Jagdunfall lahm war, sprach fast nie -den Namen aus. Ferdinand war sein Enkelsohn, Sabinas vierzehn Jahre -älterer Bruder. Der feurige, leidenschaftliche Jüngling hatte sich in -seiner heißen Vaterlandsliebe dem Schillschen Korps angeschlossen, -er hatte fliehen müssen und war in einer grauen Nebelnacht nach -Schweden entkommen. Die Mutter trauerte tief um den letzten Sohn. Der -älteste war einst bei Jena gefallen. Der Großvater sehnte sich nach -dem fernen Enkel, und Babinchen hatte dem Bruder schon viele heiße -Tränen nachgeweint. Mit ihrem Freund, Heine Strohmann, sprach sie oft -von dem Bruder. Der Bube bewunderte in dem Flüchtling einen Helden, -und er wurde nie müde, von ihm zu hören. Wie der Bruder aussah, wußte -Babinchen freilich selbst nicht mehr genau. Schon seit sieben Jahren -hatte sie ihn nicht mehr gesehen, und sein Bild hielt die Mutter -verborgen. So wußte auch niemand von den Hausgenossen sich recht an den -jungen Herrn zu erinnern. - -»Ob er es wirklich ist?« fragte Heine jetzt voll ehrfürchtiger Scheu, -und sein Blick streifte wieder rasch das offene Fenster. Babinchen -legte ihre Arme um den Hals des Kameraden und flüsterte leise, obgleich -nirgends ein Lauscher zu sehen war: »Ich denke, er muß es sein. Und -weißt du, er ist gekommen, weil Großvater so lange, lange krank war.« - -»Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, nur ein einziges Mal!« rief -Heine laut und aufgeregt. - -Babinchen hielt ihm rasch den Mund zu. »Schrei doch nicht so, Stepke!« -schalt sie ärgerlich. - -Heine wurde ein bißchen verlegen. Stepke nannte ihn seine kleine -Freundin immer, wenn er gar zu wild und jungenhaft war, und darum -mochte er den Namen nicht leiden. Er grollte auch jetzt: »Brauchst mich -nicht gleich Stepke zu nennen, wenn ich mal ’n bißchen laut rede. Ihr -Mariellen seid auch zu zimperlich!« - -Mariell ließ sich nun wieder Babinchen sonst nicht gern nennen, sie war -an diesem Tag aber viel zu aufgeregt, um auf eine solche Kleinigkeit zu -achten. »Wenn du ganz leise gehst, weißt du, auf den Zehenspitzen und -ohne Stiefel, dann führe ich dich in die blaue Stube. Die hat nämlich -ein Fenster nach Großvaters Zimmer hin, und wenn wir recht leise sind, -dann können wir da rasch einmal hindurchsehen; der Vorhang ist nur halb -zu.« - -Heine hätte beinahe einen lauten Jauchzer ausgestoßen, er besann sich -aber noch rechtzeitig auf Babinchens Mahnung zur Stille und hielt sich -geschwind seine kleine, braune Hand vor den Mund. - -Einige Minuten später schlichen die Kinder auf Strümpfen durch das -Haus, während ihre Schuhe einträchtig nebeneinander in einem dichten -Holunderbusch im Garten standen. Babinchen führte Heine Strohmann durch -einige Zimmer, bis sie aufatmend einige Augenblicke stillstand. Nebenan -war das blaue Zimmer, und von dort aus konnten sie in Großvaters -Arbeitsstube sehen. Es hatte ihr niemand verboten, das blaue Zimmer zu -betreten, sie hatte schon oft durch das Fenster geschaut und dem lieben -Großvater zugenickt und zugelacht. Dennoch zögerte sie jetzt. War es -nicht doch etwas Heimliches, was sie nun tun wollte? Warum wagte sie -eigentlich nicht, Heine einfach in das Zimmer zu führen? - -Seit zwei Tagen waren Gäste im Haus, ein paar junge Männer. Ihre -Namen wußten außer dem Großvater und der Mutter wohl nur noch -Förster Strohmann und die alte, treue Marinka. Die aber waren beide -verschwiegen und hätten sich eher die Zunge abgebissen, ehe sie ein -ihnen anvertrautes Geheimnis verraten hätten. Trotzdem niemand über -das Woher und Wohin der Fremden etwas wußte, sagten es doch alle im -Hause, von der Köchin Lisabetha an bis hinab zu dem kleinen frechen -Pferdeknecht Michael, daß der Jüngere der Fremden kein anderer sei -als Junker Ferdinand, der geflüchtete Sohn des Hauses. Auch Babinchen -glaubte es halb und halb, und sie hätte so gern den Fremden als Bruder -angeredet, aber sie sah ihn wenig; fast immer waren die beiden Gäste -in des kranken Großvaters Zimmer. Kam er aber einmal in das Wohnzimmer -und sprach zu ihr, dann schwieg sie befangen, ja dann schien es ihr -kaum möglich, daß dieser Mann mit dem ernsten Gesicht, der breiten, -roten Narbe über der rechten Wange, ihr Bruder sein sollte, so fremd -kam er ihr vor, und sie meinte, der fröhliche Jüngling, der sie als ein -noch viel kleineres dummes Mariellchen oft samt ihrer Puppe Rosalinde -spazierengefahren hatte, sei doch ein ganz anderer gewesen. - -Babinchen hatte auch ihrem Freund Heine ihren Zweifel nicht -verschwiegen, der aber hatte versichert: »Wenn ich ihn nur eine Minute -sehen könnte, ich wüßte ganz genau, ob er’s ist.« Und dabei war der -Bube bei des Junkers Abschied auch erst ein rechter Dreikäsehoch -gewesen! - -Aber die Kleine glaubte dem Freunde seine kühne Behauptung, und -darum schlichen sie jetzt alle beide in die blaue Stube, um den -geheimnisvollen Fremden zu sehen. Babinchens Herzlein schlug so laut, -daß sie meinte, man müsse sein Pochen drin im Nebenzimmer hören; sie -wagte kaum einen scheuen Blick durch das nur lose verhängte kleine -Fenster, das nach altmodischer Bauweise in die Stubenwand eingelassen -war. »Guckerchen« nannte man es im Hause, und am Guckerchen stand nun -Heine und starrte mit heißen Augen hinüber. »Er ist’s,« flüsterte er -der Freundin zu, die ihm rasch und angstvoll den Mund zuhielt, während -ihre Augen flehten: »Sprich nicht, sei leise!« - -Drinnen in dem Zimmer saß in einem Lehnstuhl Babinchens Großvater. -Sein bleiches Gesicht trug die Spuren langer Krankheit, und blaß und -schmal lagen die Hände auf der dicken Decke, in die er sich trotz der -Sonnenwärme gehüllt hatte. Die schönen, klaren Augen des alten Herrn -ruhten liebevoll auf einem jungen Mann, der auf einem niedrigen Schemel -vor ihm saß und ihm etwas zu erzählen schien. Was er sagte, verstanden -die beiden Eindringlinge am Guckerchen nicht. Babinchen zitterte wie -ein Grasstenglein im Wind vor Aufregung, ihr Freund aber hatte ganz -vergessen, wo er sich befand. Der braunlockige junge Mann mit den -grauen, kühn blitzenden Augen, der zu den Füßen des Gutsherrn saß, das -mußte er sein, er, der Held. - -Doch da zupfte ihn Babinchen am Jackenzipfel, das sollte heißen: »Komm, -komm!« Die Kleine hatte gesehen, daß nur noch der andere Gast, ein -hochgewachsener, schlanker, blonder Mann, der aber wohl erheblich älter -als sein Freund sein mochte, im Zimmer war. Die Mutter fehlte, und -Babinchen war besorgt, sie könnte kommen und sie beide am Guckerchen -finden. Endlich gelang es ihr mit Zupfen und zaghaft geflüsterter -Bitte, den Kameraden fortzulocken. Auf leisen Sohlen huschten beide -wieder hinaus, unten im Garten aber sprang Heine Strohmann hoch vor -Freude und rief: »Er ist’s, ganz gewiß, er ist’s! Den erkennt --« - -»Babinchen, Heine!« rief Frau von Hartenstein. Babinchen konnte noch -gerade in ihre Schuhe schlüpfen, ehe die Mutter aus dem Hause trat. - -»Frag’ wegen der Füchse!« tuschelte ihr Heine so laut zu, daß seine -kleine Freundin gar nicht erst zu fragen brauchte. Die Mutter hatte -es gehört und wollte nun wissen, was mit den Füchsen sei. Sie lachte, -als Heine Strohmann die Fuchsfamilie begeistert pries und treuherzig -hinzusetzte, mit ihm könne Babinchen schon gehen, es sei kaum eine -halbe Stunde weit; außerdem werde sein Vater vielleicht ganz in der -Nähe sein, er habe heute früh davon gesprochen. - -»Nun, meinetwegen lauft,« sagte Frau von Hartenstein freundlich, »aber -bleibt nicht zu lange. Bittet Marinka, daß sie euch ein Vesperbrot -mitgibt.« - -Die Kinder jauchzten auf, Babinchen umarmte die Mutter stürmisch, und -weil ihr das Gewissen beschwert war ob des heimlichen Schauens durch -das Guckerchen, nahm sie einen so zärtlichen Abschied, als ginge sie -auf eine große Reise. Da wurde der Frau das Herz seltsam schwer. Sie -preßte ihr Kind fest an sich und sagte mit leiser Bangigkeit: »Gib mir -gut acht auf mein Mädel, Heine!« - -Das versprach der Bube wichtig, und bald darauf trabten die beiden -Kinder dem Walde zu. Die halbe Stunde, die Heine angegeben, hatte ein -recht tüchtiges Schwänzlein. So geschwind die Buben- und Mädelbeine -auch über den grünen Waldboden liefen, es dauerte doch über eine -Stunde, ehe sie am Fuchsbau anlangten. Sie hatten zuletzt die -Landstraße überschreiten müssen, die in einem Bogen um Schloß Moorheide -herum nach der nächsten Stadt führte. Eine Seitenstraße ging von ihr -aus nach dem einsamen Gutshof und dem nachbarlich gelegenen Dorf. - -»Bis an die Landstraße sollte ich aber nicht,« sagte Babinchen zaghaft -beim Überschreiten, »Mutter hat es streng verboten!« - -»Pah, was ist dabei!« meinte Heine. »Komm nur rasch! Eins, zwei, drei -sind wir drüben. Wir gehen doch nicht die Straße entlang, und ob wir -jenseits durch den Wald laufen oder hier, ist gleich.« Babinchen -ließ sich nur zu gern bereden, und husch liefen sie beide hinüber. -Die breiten Graben am Wegrand wurden mit kühnem Sprung genommen, und -dann tauchten die Kinder drüben in der grünen Dämmerung wieder unter. -Üppiger Laubwald drängte sich zwischen den Nadelwald hinein. Weil -die Vögel hier gut Nester bauen konnten und ein kleiner Waldsee auch -allerlei Wasservögeln Wohnung gab, so schwirrte, sang, kreischte, -rohrte und schnatterte das oben und unten lustig durcheinander. In all -das Vogelgeschwätz hinein aber sagte Babinchen: »Es klingt wie Donner, -was ist das nur?« - -»Es wird ein Wagen auf der Landstraße sein,« sagte Heine achtlos, denn -seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Fuchsbau. Dort mußte er doch sein, -dort, wo die Sonne durch eine Lücke drang und einen großen hellen, -runden Fleck auf den Waldboden malte. Aber die Füchslein lagen nicht -wie am Tage vorher draußen und sonnten sich. Alle miteinander steckten -sie in ihrer dunklen Wohnstube, und nicht eine einzige rote Fuchsrute -war zu sehen. - -»Das ist doch zu dumm,« brummte Heine, »was ihnen nur einfällt!« - -»Wir müssen warten,« tuschelte er. »Komm, wir legen uns hier lang auf -den Boden. Ich habe aber auch Stein und Zunder mit, und wenn sie nicht -kommen, dann räuchere ich sie heraus.« - -Dieser Plan war Babinchen etwas zu abenteuerlich; sie meinte, sie -wollten es lieber mit dem Warten versuchen. Erst steckte sie aber -neugierig ihr Näslein in den Fuchsbau hinein, sie fuhr aber geschwind -wieder zurück und rief verächtlich: »Pfui, wie das da drin riecht, brr! -Na, weißt du, deine Füchse sind auch was Rechtes, darum brauchten wir -nicht so weit zu laufen!« - -»Wart’ es doch ab, bis sie herauskommen, nachher werden sie dir schon -gefallen!« murrte Heine Strohmann gekränkt. »Aber wenn du schwätzt und -schreist wie eine Elster, dann natürlich, dann können wir lange warten. -Auf der Jagd hält man den Schnabel!« - -Des Freundes Strafrede verfehlte ihre Wirkung, denn Babinchen kicherte -so vergnügt darüber, daß es die Fuchsfamilie im Bau sicher hören mußte. -Endlich tat ihr aber Heine, der ein betrübtes Gesicht machte, leid, -sie verhieß still zu sein, und beide legten sich dann wie ein paar -richtige eifrige Jäger lang auf den grünen, weichen Waldboden nieder, -um die Füchse zu belauschen. Doch kaum hatten sie sich recht hingelegt, -da sprangen sie auch schon wieder entsetzt auf und starrten einander -schreckensbleich an. Der ganze Boden dröhnte nämlich. Das konnte nicht -nur ein Wagen sein, der die Landstraße entlang fuhr, viele mußten es -sein und viele Menschen, die da marschierten. - -»Feinde sind’s,« stammelte Heine, »Franzosen!« Alle -Schreckensgeschichten fielen ihm ein, die man sich noch in der Gegend -erzählte. - -Babinchen wiederholte angstvoll die Worte: »Feinde sind’s!« - -»Wir müssen uns verstecken,« sagte Heine rasch, ohne Besinnen, »wir -sind so nahe, dein weißes Kleid kann man sonst sehen.« Er zog seine -kleine Freundin mit kräftigem Ruck in einen Graben hinein, der den Wald -durchlief. Er war trocken und von bunten Blumen überwachsen; in dieses -duftige Blütenbett versanken die Kinder, und einige Minuten saßen sie -stumm, fast betäubt von dem Schreck darin, während durch den Wald -lauter, unheimlicher das dumpfe Dröhnen klang. - -»Wenn sie nach Hause kommen, unser Haus finden!« flüsterte Babinchen -zitternd. - -»Und deinen Bruder! Den -- den nehmen sie gefangen, er ist doch ein -Flüchtling,« sagte Heine Strohmann, und sein sonst so vergnügtes -Bubengesicht war tief ernst geworden. - -Das Mädchen schmiegte sich bebend an den Freund und schluchzte leise: -»O der arme Ferdinand! Ach Heine, wir müssen zu ihm und es ihm sagen!« - -Sie wußte nur zu gut, daß Heine mit seiner Angst recht hatte. Erst -gestern hatte sie gehört, wie Lisabetha erzählte: »Wenn nur keine -Franzosen kommen! Die nehmen den jungen Herrn gleich mit oder schießen -ihn mausetot.« Und dann hatten die Mägde und Knechte sich allerlei -schauerliche Geschichten erzählt, von den jungen Offizieren, die -Napoleon in Wesel hatte erschießen lassen, und noch manche andere trübe -Begebnisse. Babinchen hatte schaudernd im Winkel gesessen und gelauscht --- jetzt kam ihr alles wieder ins Gedächtnis, und aufgeregt flehte sie: -»Komm doch, Heine, komm, wir müssen zurück!« - -Heine schüttelte nachdenklich, finster den Kopf. »Hör’ nur, sie müssen -schon nahe sein, und wenn wir zurück über die Straße laufen, dann sieht -man uns, und dann -- nein, das geht nicht.« - -»Wir rennen eine Weile am Rand des Waldes entlang und dann fix -hinüber,« riet Babinchen. - -Der Bube betrachtete seine Gefährtin. »Dein weißes Kleid verrät uns!« -Er wußte als Förstersohn zu gut, daß etwas Weißes im Walde weithin -leuchtet, deshalb wagte er sich mit seiner Freundin nicht nahe an den -Rand. Er allein wäre ohne Besinnen nach dem jenseitigen Wald gelaufen, -aber verlassen durfte er Babinchen nicht. Er fühlte sich als ihr -Beschützer, hatte er doch versprochen, sie sicher heimzubringen. - -»Ach, wenn ich doch braun wäre,« schluchzte das Mädel, »dann liefen wir -schnell vierbeinig über die Straße, und die Franzosen dächten, es wären -Rehe, und --« - -»Schießen auf uns,« vollendete Heine. Da schwieg Babinchen verzagt -und lauschte bebend auf den Lärm, der mehr und mehr die Waldstille -übertönte. - -»Wir müssen hinüber,« überlegte Heine, »rasch hinüber, müssen die zu -Hause warnen!« Und er meinte, das einzige Hindernis sei Babinchens -weißes Kleid. Daß den Soldaten auch dunkle, über den Weg huschende -Gestalten verdächtig sein könnten, das überlegte er gar nicht. - -Auf einmal aber kam ihm ein rettender Gedanke; ja, so mußte es gehen, -so. Hier ganz nahe war ein Moorloch. Sein Vater hatte ihn einmal -gewarnt, auf den dunklen Grund zu treten, er hatte ihm auch die -Stelle gezeigt, wo der feste Grund begann. In das Moor mußte Babinchen -ihr weißes Kleid tauchen, es darin dunkel färben, dann war die Sache -ungefährlich. Hastig teilte er seiner Gefährtin den Plan mit, und die -fand ihn über alle Maßen klug. »Ausziehen tu ich mich nicht erst, das -dauert zu lange, ich steig’ gleich so hinein,« sagte sie entschlossen. - -Heine nickte. Ja, so war es gut; er wollte sie halten, damit sie nicht -im Moor versinken konnte, denn wirklich, das Umziehen hätte zu lange -gedauert. Babinchen war sonst ein rechtes Furchthäschen, aber in dieser -Stunde vergaß sie alle Angst. Sie war zu allem bereit, nur heim mußte -sie so rasch wie möglich, heim, alle warnen und bei der Mutter sein. -Wie sehr sie sich nach der Mutter sehnte! In wenigen Minuten waren die -Kinder am Moorbach angelangt; wie die Böcklein sprangen sie durch den -Wald und vergaßen in ihrem Eifer ganz, daß scharfe Augen sie jetzt gut -von der Straße aus hätten sehen können. - -Doch dort zogen noch keine Soldaten, nur der Schall ihrer Schritte, -das Rasseln und Rollen ihrer schweren Wagen kam immer näher wie ein -aufziehendes Unwetter. - -»Hier ist das Loch!« frohlockte Heine und führte seine kleine Freundin -ein Stück auf dem festen Boden entlang ins Moor hinein. Ein Busch -stand am Rand, an dem machte Heine halt und sagte: »Hier mußt du -hinein, ich halt’ dich fest. Hab’ keine Angst, du fällst nicht!« - -Und Babinchen trat in ihrem weißen Kleidchen ganz still und ergeben auf -das Moor. Sie stand ein Weilchen drauf wie eine weiße, helle Blüte, -auf einmal aber begann sie zu sinken, nicht tief, nur etwa bis an die -Knie, da fühlte sie schon wieder festen Boden unter sich. »Es geht -nicht weiter!« klagte sie. Aber Heine, über den in dem Augenblick, da -Babinchen zu sinken begann, eine jähe Angst gekommen war, sagte ganz -beruhigt: »Das ist gut, dann legst du dich hin, dabei ist keine Gefahr. -Dreh’ dich ein bißchen im Moor herum, dann bist du dunkel genug.« - -Babinchen befolgte auch diesen Rat des Freundes. Sie drehte sich -geschwind im Moor herum, kam mit dem Gesicht hinein, aber da riß Heine -sie schon wieder mit kühnem Griff empor und zog sie auf den Steg -zurück. Aus der weißen, feinen Lilie war nun auf einmal ein kleines, -grünbraunes Ungeheuer geworden. Ein dicklicher Brei rann an ihr -herunter, klebte im Gesicht, an den Händen und troff aus den dunklen -Locken. - -»Himmel,« stammelte Heine, nun doch entsetzt von dem Anblick, »du -siehst ja gräßlich aus!« --« - -»Fein is das!« rief hier Jackenknöpfle andächtig; ihm gefiel dies -Moorbad ungemein. - -Die andern tuschelten: »Sei doch still, jetzt wollen sie doch -rüberlaufen!« - -Frau Fries hielt einen Augenblick an, und dann fuhr sie fort, während -ihr Blick gut und froh über die Kinder ging: »Babinchen schluckte und -pustete, weil ihr der Schlamm in den Mund gekommen war; als sie endlich -Luft bekam, sagte sie tapfer: »Ach, was schadet das, komm nur schnell, -schnell heim!« -- »Wirst du laufen können?« fragte der Bube besorgt. -Die Kleine aber nickte nur, denn das Sprechen war beschwerlich: wenn -sie den Mund auftat, lief ihr Schlamm hinein. Heine sah die Freundin -stolz an, und er fand, weil diese so tapfer war, sein Plan sei doch -ausnehmend gescheit gewesen. »Komm!« sagte er rasch, faßte Babinchens -Hand, und beide eilten durch den Wald. - -Nach einem Weilchen gebot der Bube: »Leg’ dich einmal auf die Erde, ich -klettere geschwind auf einen Baum und sehe, ob wir hier hinüberkommen.« -Und wieder gehorchte Babinchen wortlos; in ihrer großen, heißen Angst -hätte sie alles getan. - -Heine kletterte unbekümmert um Hose und Jacke eine hochgewachsene Tanne -empor. Er riß sich die Hände blutig am rauhen Stamm, die schlanke -Tanne bog sich unter seiner Last, aber der Försterbube hatte noch -jeden Baum bezwungen, auf den er klettern wollte, er kam auch hier -hinauf. Nur einige Augenblicke spähten seine falkenscharfen Augen über -die Wipfel der niedrigen Bäume hinweg, dann sah er, was da heranzog: -eine ungeheure Staubwolke, in der blitzte und blinkte es, er sah Pferde -und Menschen: es war kein Zweifel mehr, die Feinde kamen. Aber noch -waren sie nicht ganz nahe, noch konnten es die Kinder wagen über die -Straße zu laufen. Heine sauste so blitzschnell den Stamm hinunter, daß -er unten das Gleichgewicht verlor, Babinchen mitriß und mit ihr etwas -unsanft auf dem Waldboden ankam. - -Pah, ein paar Löcher, darum kümmerten sich Mädel und Bube in dieser -Stunde der Angst nicht, sie schnellten beide wie Gummibälle empor, und -fort ging es im Galopp. »Noch ein paar Schritte hinauf,« sagte Heine im -Laufen, »dann kommen wir hinüber.« Er hatte Babinchens Hand erfaßt und -zog die Freundin mit sich fort. - -Nun standen sie am Graben, und es galt, die breite, sonnenbeschienene -Landstraße zu überschreiten. - -Einige Augenblicke zögerten die Kinder. Ihre Herzen schlugen laut, ihre -Knie zitterten, und mit bangen Augen sahen sie auf den sonnigen Weg -hinaus. Sie hatten beide in ihrem jungen Leben schon zuviel von der -Not und dem Jammer des Krieges gehört, um nicht zu wissen, wie groß -die Gefahr war, in der sie sich befanden. Heine legte schützend seinen -Arm um Babinchen, er fühlte sich verantwortlich für die Freundin. Aber -die sonst so zaghafte Kleine war in dieser Stunde wirklich eine rechte -Heldin. Sie dachte nur immer an die Lieben daheim, und sie meinte -wieder durch das Guckerchen zu sehen, wie der Bruder zu des kranken -Großvaters Füßen saß. Ach, sie wußte, wie viele, viele Tränen die -Mutter um den fernen Bruder geweint hatte! Sie erinnerte sich noch, -wie einst die Mutter sie in die Arme genommen und mit tränenerstickter -Stimme gesagt hatte: »Laß uns beten, mein Mariellchen, und dem lieben -Gott danken, dein Bruder ist gerettet!« - -Babinchen umfaßte fest des Freundes Hand, und aus ihrem braunen -Schlammgesicht schauten ihn die Augen zuversichtlich an. Heine nickte: -»Komm, wir müssen hinüber. Bücke dich etwas und renne, so schnell du -kannst, ich will zuerst hinaus!« - -Nun waren sie in dem Graben, den sie kaum eine Stunde vorher lachend -übersprungen hatten. Diesmal sprangen sie nicht, sie kletterten -hindurch, holten noch einmal tief Atem, und los ging es. - -War die Straße hell, war die Straße breit! - -Die Kinder rasten mit vorgebeugtem Oberkörper hinüber, ihre Füße -flogen, aber wie weit schien doch der jenseitige Wald entfernt zu sein! - -Heine wagte einen einzigen scheuen Blick zur Seite. Dort in der Ferne -blitzte es, dort kam etwas schnell heran. Wie ein Ruf klang es, nun -fiel ein Schuß. - -Aber da war schon der Graben. Heine sprang hinüber, Babinchen kollerte -und fiel, der Bube riß sie empor. Nur hinein in den Wald, hinein in das -schützende Dunkel! - -Keuchend rasten sie vorwärts, sprangen über Baumwurzeln, zwängten sich -durch dichtes Gebüsch, unbekümmert darum, daß Dornen ihre Kleider -zerrissen. Feucht und schwer schlug Babinchen das Kleid um den Körper, -aber die Kleine hielt doch neben dem Freunde aus. - -Klangen dort nicht Stimmen? Hörte man nicht Pferdegetrappel? Kam nicht -der Lärm näher und näher? - -»Sie haben uns gesehen,« dachte Heine Strohmann angstvoll und griff -nach Babinchens Hand. »Komm, komm, hier müssen wir durch!« Sie krochen -durch dichtes Buschwerk, dahinter war ein kleiner Kiefernwald, in dem -sie leichter vorwärtskamen, und endlich erreichten sie einen schmalen -Fußweg. Hier blieben sie aufatmend stehen und lauschten in den Wald -hinein. Ferner klang schon das Rollen und Stampfen, es wurde mehr und -mehr übertönt von dem Jubilieren und Zwitschern der Vögel. - -Aber die Kinder hörten weder auf den Gesang der Vögel, noch achteten -sie auf die Blumen, die dort, wo die Sonne in den Wald hineinscheinen -konnte, ihre zarten, bunten Kelche geöffnet hatten. - -»Wir müssen weiter,« sagte Heine rasch, er hatte nur Angst um seine -Freundin. - -Babinchen nickte stumm. Sie fühlte jetzt auf einmal, wie schwer ihr -moorgetränktes Kleid war, und der angetrocknete Schlamm brannte auf -ihrem Gesicht. Dennoch folgte sie mutig dem Freund und rannte hinter -ihm drein mit flinken Füßen auf dem schmalen Weg. Sie sprachen beide -nicht viel zusammen, nur einmal sagte Heine: »Jetzt links!« dann nach -einer Weile: »Wir kommen noch zur rechten Zeit!« - -Es war still geworden, nur ein ganz fernes, leises Grollen hörte man -noch. Aber die Kinder rannten in gleicher Hast weiter, bis auf einmal -die Stille wieder gestört wurde und Laute ertönten. Wie aus einem Munde -jauchzten sie beide: »Wir sind da!« - -Wirklich, nach wenigen Minuten standen sie vor dem Schloß Moorheide, -in das Babinchen wie ein richtiges Moorfräulein zurückkehrte. Die -alte Marinka sah die Kinder zuerst, sie schlug die Hände über dem -Kopf zusammen und wollte eine lange Strafrede beginnen, aber zu ihrer -grenzenlosen Verwunderung rasten die Kinder einfach in das Haus hinein. -Sie liefen die Treppe hinauf, über die Gänge, den gleichen Weg, den sie -vor wenigen Stunden heimlich und leise geschlichen waren. In das Zimmer -des Großvaters rannten sie, und dort rief Heine Strohmann mit seiner -klingenden, hellen Knabenstimme: »Die Franzosen kommen!« - -Der alte Herr von Hartenstein richtete sich jäh in seinem Stuhl auf -und sah die Kinder an, sein Enkeltöchterchen und den Buben, der vor -Aufregung bebte. »Erzähl’! Wo?« fragte er kurz. - -Und Heine Strohmann erzählte alles ganz kurz und eilig, Babinchen gab -atemlos ein paar Wörtlein dazu, und nach wenigen Augenblicken wußten -die Erwachsenen alles. - -»Ferdinand,« stammelte Frau von Hartenstein totenbleich, und der, denn -er war wirklich der flüchtige Sohn des Hauses, nahm sein kleines, -schmutziges Schwesterlein in den Arm und sagte bewegt: »O ihr Kinder, -ihr tapfern Kinder, du liebes, braves Schwesterherz du!« - -Die Mutter schlang die Hände fest ineinander, bezwang die Tränen und -fragte zitternd: »Was tun wir?« - -»Förster Strohmann muß kommen,« gebot der Großvater. »Geh, Heine, wenn -du noch laufen kannst, und hol’ deinen Vater her, und deine Mutter soll -sich geschwind rüsten und mit den andern Kindern zu uns kommen.« - -Heine lief schon, da hörte er noch nachklingend das Wort: »Ein -Prachtbengel!« Hei, das fuhr ihm ordentlich in die Beine, er merkte -nichts mehr von Müdigkeit, sondern raste den kurzen Weg bis zum -Forsthaus hin wie ein Windhund. - -Der alte Gutsherr gab inzwischen kurz und bündig seine Befehle, kein -Wort zuviel, keins zuwenig. Es war, als sei auf einmal alle Schwäche -und Krankheit von ihm gewichen, und seine Gelassenheit beruhigte alle -Hausgenossen. - -Dann kam Förster Strohmann und sprach mit seinem Herrn, und wenige -Minuten später zog er mit den beiden Gästen davon. Vorher aber -umarmte der Bruder seine tapfere kleine Schwester noch einmal. »Auf -Wiedersehen!« - -»Auf Wiedersehen!« wiederholte Babinchen, die alle Scheu vor dem -großen, ihr eigentlich so fremden Bruder verloren hatte. »Verstecke -dich, verstecke dich!« bat sie flehend. - -Ferdinand von Hartenstein nickte schwermütig. Wirklich, er mußte sich -in seiner eigenen Heimat wie ein Verbrecher verbergen, nur weil er sein -Vaterland so heiß und treu liebte. - -Als er ging, sahen Heine und Babinchen ihm nach. Mit Förster Strohmann -schritt er in den Wald hinein, und Heines Augen blitzten. »In Vaters -Schutz sind sie sicher,« sagte er, und gar zu gern wäre er mitgelaufen. -Aber da kam seine Mutter mit den drei kleinen Geschwistern, die alle -drei geradeso flachsblond und stupsnasig waren wie er selbst. Nun -fühlte er sich wieder als Beschützer, und auch Babinchen, die sich -gewaschen hatte und wieder fein und sauber aussah, kam sich den -heulenden Försterkindern gegenüber sehr verständig vor. Sie nahm -sie mit in die Wohnstube, dort sollten die Kinder bleiben, und dort -beschrieben sie und Heine ihren Gang zu den Füchslein so spannend, daß -die Kleinen das heulen darüber vergaßen. - -»Ich denk’ immer, die Franzosen kommen gar nicht,« prophezeite -Lisabetha, »hierher finden die nicht!« - -Aber sie fanden doch den Weg in diese friedliche Waldeinsamkeit. Etwa -dreißig Mann, geführt von zwei Offizieren, rückten gegen Abend im -Schlosse ein. Sie verlangten in ziemlich barschem Ton den Hausherrn zu -sprechen, verlangten von diesem Pferde, Schlachtvieh und Lebensmittel -aller Art. Herr von Hartenstein erfüllte schweigend die Wünsche, er -wußte, ein Widerstand würde doch nichts nützen. Wohl betonten die -Offiziere, daß sie Freunde wären, aber dabei sahen sie so drohend aus, -daß die alte Marinka sagte: »Der liebe Gott schütze uns vor so ’ner -Freundschaft, davon halte ich nichts, rein gar nichts!« - -Drei Wagen waren beladen, Pferde und Rinder standen zum Fortzug bereit, -denn die ungebetenen Gäste wollten noch am Abend weiterziehen, als -plötzlich ein neuer Trupp Soldaten ankam. Der Offizier, der sie führte, -war ein hochgewachsener, stattlicher Mann, der den alten Gutsherrn -deutsch anredete. Es war einer der vielen Deutschen, die unter des -französischen Kaisers Fahnen fechten mußten. Höflich, aber streng -erklärte er, er hätte Befehl, das Haus zu durchsuchen. - -»Nach was?« fragte der Gutsherr gelassen. - -»Nach Ihrem Enkelsohn,« erklärte der Offizier, »man hat Verdacht, daß -er sich hier aufhält.« - -»Bitte, suchen Sie,« sagte Herr von Hartenstein ruhig. - -Diese Ruhe verwirrte den Offizier. Forschend sah er die Hausfrau an, -aber auch sie, obgleich ihr Herz in heißer Angst um den Sohn schlug, -sagte gelassen: »Bitte, suchen Sie!« - -»Er ist nicht hier,« dachte der Offizier und frohlockte innerlich, denn -die Erfüllung dieses Auftrages war ihm schwer genug geworden. Einen -Mann suchen und verhaften müssen, der sein Vaterland so treu liebte, -wie dieser Ferdinand von Hartenstein es tat, das schien ihm eine harte -Aufgabe zu sein. Er mußte aber seine Pflicht erfüllen, und so ließ er -denn auch das Haus von oben bis unten durchsuchen. Kein Winkel blieb -unbeachtet, kein Kleiderschrank, keine Truhe, kein Bett undurchwühlt, -sogar in die Mehlkiste schauten ein paar Soldaten zu Lisabethas -Empörung hinein. Aus der Räucherkammer nahmen sie dabei gleich noch -die letzten Würste und Speckseiten mit. Gut war es nur, daß sie der -Wohnstube bloß einen kurzen Besuch abstatteten; darin gab es keine -großen Kisten und Wandschränke, in die hineinzusehen sich lohnte. In -die blitzenden, triumphierenden Augen Heines und Babinchens schauten -sie glücklicherweise nicht. - -Im Haus fand sich keine Spur des Gesuchten, und von den Dienstboten -verriet niemand ein Wort von den geheimnisvollen Gästen, die so -plötzlich verschwunden waren. Auch das Forsthaus wurde durchsucht, -der Wald durchstreift, nirgends wurde eine Spur gefunden. Babinchen -zitterte und zagte, denn sie sah auch in der Mutter Augen Angst -und Sorge stehen. Doch Heine Strohmann tröstete: »Die werden nicht -gefunden, mein Vater hat sie geführt, da sind sie sicher!« - -Des Buben felsenfestes Vertrauen auf seines Vaters Klugheit und Treue -gab Babinchen den Mut zurück. Als einer der französischen Offiziere -sie ansprach, da flüchtete sie nicht schreiend wie die kleinen -Förstermädel, sondern schaute zu dem Fremden so furchtlos auf und -antwortete so ruhig, daß Heine mal wieder sehr stolz auf seine kleine -Freundin war. - -Am nächsten Morgen kam Förster Strohmann wieder. Er hatte allerlei -Raubtiere geschossen, einen Marder, ein paar Habichte und sogar einen -Fuchs. Den französischen Offizieren war das Verschwinden des Försters -aufgefallen. Wo war er? Warum weilte seine Familie im Herrenhaus? -Als nun aber der Mann so schwerbeladen und jagdmüde heimkam und die -unwillkommenen Gäste recht erstaunt und unwillig zu betrachten schien, -schwand ihr Mißtrauen, und sie gaben das Suchen nach dem Flüchtling -auf. - -Am Nachmittag zogen die Soldaten ab. In den Ställen fehlten Pferde und -Rinder, die Vorratskammern waren leer geworden, und mancher Bauer im -Dorf dachte sorgenvoll an kommende Zeiten. Hunger und Not würden nun -wieder ihren Einzug halten. Mit derlei Sorgen plagten sich Babinchen -und Heine nicht, sie dachten nur an Ferdinand und seinen Freund. Waren -sie noch in der Nähe, im Wald verborgen, wie Heine meinte, oder waren -sie schon wieder in ein fremdes Land geflüchtet? - -Einmal fragte Babinchen die Mutter; da strich ihr diese lind über die -Locken und sagte seufzend: »Wir wollen hoffen, mein Kind, daß alles gut -wird. Noch ist dein Bruder nicht in Sicherheit.« - -Es vergingen einige Tage. In der Umgegend war es wieder ruhig geworden. -An einem schönen Sommermorgen weckte Frau von Hartenstein Babinchen mit -der Frage: »Wollen wir heute zusammen eine weite, weite Waldwanderung -unternehmen?« - -Das Mädchen sprang geschwind mit beiden Beinen zum Bett heraus. »Zu -Ferdinand?« fragte es ahnungsvoll, hoffnungsfroh. - -Die Mutter nickte, sie gebot aber Stillesein, denn nur der Großvater -und Marinka wußten etwas, und ermahnte ihr Mädel zur Eile. Eine Weile -später stand dann Babinchen heiß und aufgeregt vor dem Großvater, der -sagte herzlich: »Grüße deinen Bruder, Kind, bringe ihm meinen Segen.« -Und leiser, halb zu sich selbst sprechend, fügte der alte Mann hinzu: -»Ich wollte, es dächten viele so und liebten ihr Vaterland so wie er, -wären so treu in den Tagen der Not!« Dem Babinchen fiel das Wort des -Großvaters in ihr Herzlein wie ein köstlicher Edelstein. - -Frau von Hartenstein trug einen Korb mit Eßwaren gefüllt, auch -Babinchen hatte einen zu tragen bekommen. Still bogen Mutter und -Tochter gleich dicht am Haus in einen schmalen Waldweg ein, nicht -jenen, den die Kinder vor wenigen Tagen gelaufen waren. Kaum waren die -beiden ein Stück Wegs gegangen, als ein lautes Hallo sie grüßte. Da -stand Förster Strohmann mit Heine, und der Bube schrie seiner kleinen -Freundin entgegen: »Wir gehen mit!« - -Babinchen hätte sich nicht gefürchtet, mit der Mutter allein zu gehen, -sie fand es aber doch behaglicher, unter Förster Strohmanns Schutz zu -sein. Bald bogen die vier Wanderer von dem breiten Wege ab, und es -ging pfadlos quer durch den Wald, und nur jemand, der so gut im Wald -Bescheid wußte, konnte so unverzagt, ohne einmal zu irren, mitten -hindurchgehen. - -Die vier Wanderer schritten kräftig aus. Nach zwei Stunden etwa hörte -der Hochwald auf, nur niedriges Gebüsch und Gestrüpp kam, der Bruch, -das Sumpfland; über dem stand hell und golden die Sonne. Hier hieß es -vorsichtig gehen, denn es gab tiefe Moorlöcher, in die ein Unkundiger -leicht versinken konnte, da man sie unter der schimmernden grünen -Pflanzendecke nicht bemerkte. Förster Strohmann führte die kleine -Gesellschaft am Rande entlang, und als Heine, seiner Ortskenntnis froh, -sagte: »Hier geht es nach dem Torfstich,« nickte der Vater und wies -nach einer Stelle. Dort arbeiteten zwei Männer. Sie stachen aus dem -schwarzen Boden etwa ziegelsteingroße Stücke aus und schichteten sie -zum Trocknen übereinander. Mit diesem trockenen Torf wurden nachher -im Winter die Öfen geheizt. An der Arbeitsstelle war eine kleine -Holzhütte, und daneben schwelte ein Feuerchen. Babinchen wunderte sich, -daß die Mutter auf einmal so eilig lief, und plötzlich begann sie gar -zu winken; der eine der Männer ließ seine Schaufel sinken und kam in -schnellen Schritten dahergesprungen -- es war Ferdinand. - -Heine und Babinchen hatten gemeint, sie würden die Flüchtlinge tief im -Wald geheimnisvoll verborgen finden, nun standen beide da im hellen -Sonnenlicht; ach -- und wie sahen sie aus! Mit Moor beschmiert von -oben bis unten. Selbst die Mutter schaute den Sohn erstaunt an. Der -war wirklich von einem echten Torfstecher nicht zu unterscheiden, auch -der Freund nicht, der nun gleichfalls herankam. Die beiden Männer -lachten fröhlich, und Ferdinand nahm Babinchens beide Hände und sagte -schelmisch: »Weißt du auch, kleine Schwester, daß dein Moorkleid -neulich unsern guten Strohmann auf den Gedanken gebracht hat, uns hier -einfach als Torfarbeiter herzustellen, weil wir da am sichersten wären? -Unter dieser Verkleidung sucht uns niemand.« - -»Und geschafft haben die Herren, alle Achtung!« rief Förster Strohmann -und schaute behaglich auf die großen Haufen aufgeschichteter -Torfstücke. »Das nenne ich arbeiten!« - -»Will’s meinen,« sagte Ferdinands Freund stolz. Er erzählte noch, daß -ein paar französische Soldaten auch am Torfstich vorbeigekommen wären -und nach dem nächsten Weg zur Landstraße gefragt hätten, sie hätten -aber weder ihn noch den Freund recht genau oder forschend angeschaut. - -Ein paar Stunden blieb Frau von Hartenstein mit den Kindern, dann -mußten sie Abschied nehmen. - -»Und du?« fragte sie den Sohn traurig. - -»Wir bleiben hier.« Der nickte seinem Freunde zu. »Ein paar Wochen -wollen wir noch Torfarbeiter sein, nachher finden wir wohl einen Weg -zur Flucht.« - -»Komm doch mit,« flehte Babinchen, »es sind doch keine Feinde mehr da!« - -Aber der Bruder schüttelte den Kopf. »Sie haben Späher ringsum, noch -kann ich’s nicht wagen.« - -Der Abschied wurde allen schwer; die Kinder versprachen eifrig, sie -würden bald wiederkommen, und nahmen sich dies auch fest vor. Doch Tag -um Tag verging, die Tage wandelten sich zu Wochen, Förster Strohmann -führte die Kinder nicht mehr ins Moor hinaus. Aber manchmal in der -Nacht hörte Babinchen sprechen in des Großvaters Zimmer. Einmal kam -auch Ferdinand an ihr Bett und küßte die kleine Schwester; da wußte -sie, er kam zu nächtlichen Besuchen. Am Tag konnte er nicht kommen, -denn immerfort zogen Truppen die Landstraße daher, immer wieder suchten -Franzosen das einsame Schloß heim. - -Der Sommer verging, der Herbst kam an. Der brachte klare, helle Tage, -aber auch frühe Kälte. Die Wetterkundigen sagten einen harten Winter -voraus, und oft sah Babinchen in diesen ersten kalten Tagen die Mutter -traurig hinausschauen. Weilt der Bruder noch in der kleinen Hütte -im Moor? Sie wagte es endlich, die Mutter zu fragen. Die sah sie -tieftraurig an. »Der Großvater ist sehr krank, darum will dein Bruder -nicht das Land verlassen. Er ist noch im Moor, und sein Freund hält bei -ihm aus.« - -Babinchen und Heine redeten oft von den beiden Freunden im Moor. Sie -konnten es gar nicht begreifen, warum die nicht doch irgendwo versteckt -im Hause wohnten. Aber da kamen wieder unerwartet von der nahen Festung -ein paar Offiziere, und die Kinder merkten nun doch, der Bruder tat -wohl gut, sich verborgen zu halten. - -Weihnachten rückte näher, aber Weihnachtsjubel, Weihnachtsfreude gab es -nicht. Es gab viel Armut und Not im Land, und immer heißer brannte die -Sehnsucht, das Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln, in den deutschen -Herzen. Zur Sorge der Zeit kam für Frau von Hartenstein noch die Sorge -um den Vater. Seine Krankheit hatte sich verschlimmert, und wer das -bleiche, abgezehrte Gesicht sah, ahnte wohl, der Tod würde bald im -Schloß Moorheide einziehen. - -Es war am letzten Adventssonntag. Nicht wie sonst brannten vier -Adventslichter, und nicht wie sonst erzählte die Mutter Babinchen -freundliche, liebe Weihnachtsgeschichten. Sie saßen alle beieinander -im Krankenzimmer, lauschten auf des Großvaters matte Atemzüge, und -Heine saß dabei, als müßte es so sein. Und eigentlich hätte er zu Hause -Mutter und Geschwister beschützen sollen, denn seit mehreren Tagen war -sein Vater fort. Niemand ahnte, wohin, selbst Frau von Hartenstein -schien es diesmal nicht zu wissen, sie hatte schon etliche Male -gefragt: »Wo mag nur der Förster sein?« - -Die alte Kastenuhr an der Wand tickte laut und schwer, kein Laut -unterbrach sonst die Stille. - -Doch plötzlich schlugen auf dem Hofe die Hunde an, kurz und scharf; sie -schwiegen gleich wieder, sie mußten den kennen, der kam. »Ferdinand!« -Der Kranke richtete sich plötzlich im Bett auf, laut und froh klang -seine Stimme. - -»Ferdinand ist nicht hier,« sagte Frau von Hartenstein. Doch noch hatte -sie nicht recht ausgesprochen, da erklangen draußen Schritte, und über -die Schwelle traten wirklich die beiden Freunde und Förster Strohmann. - -»Ferdinand, was bringst du?« Der Großvater sah dem Enkel entgegen, und -der sank mit einem Jubelruf an dem Bett nieder. »Großvater,« stammelte -er, »das französische Heer ist in Rußland vernichtet, der Kaiser nach -Frankreich entflohen.« - -»Das ist Freiheit für uns!« Der alte Mann sagte es laut und feierlich. -Er legte die Hand auf des Enkels Scheitel. »Gott segne dich für diese -Botschaft! -- Nun erzähle!« - -Und Ferdinand berichtete. Mit seinem Freund und dem Förster waren sie -in Rußland gewesen, dort hatten sie Kunde erhalten von dem Untergang -des Heeres an der Beresina. Mit ihren eigenen Augen hatten sie -schon die Jammergestalten der Heimkehrenden gesehen. Napoleons Heer -vernichtet! Vielleicht schlug nun für Preußen die Stunde der Befreiung! - -Der Großvater lag still mit gefalteten Händen da, und die Mutter -flüsterte: »Er stirbt!« Aber wunderbar, von jener Stunde an wurde es -besser mit ihm. »Mein Gott läßt mich noch leben, bis das Vaterland frei -ist,« sagte er freudig. - -So wurde es auch. Das neue Jahr brachte die Freiheit. Bei Leipzig -kämpfte Ferdinand von Hartenstein als ein Held wie Tausende und -Tausende mit ihm. - -Er wurde verwundet und lag lange schwer darnieder; aber als wieder die -Adventsglocken tönten und zum vierten Mal mahnten, an das hohe Fest -der Liebe zu denken, kehrte Ferdinand heim. Der Großvater lebte nur -noch wenige Tage. Er schlief friedlich ein mit dem Bewußtsein, daß sein -geliebtes Vaterland frei wurde von fremder Herrschaft.« - -Frau Fries schwieg, und ein Weilchen war alles ganz still im Zimmer. -Endlich tat Frau Besenmüller einen tiefen Atemzug und sagte feierlich: -»Gott behüte uns vor solchen Zeiten!« - -»Sie sind uns vielleicht näher, als wir ahnen,« sagte der junge Lehrer -schwer. Aber das hörte nur seine Mutter und Besenmüller. Fräulein -Regine hatte einen kleinen Stab geschwungen, und jauchzend tönte es -durch das Schulzimmer: - - »Es gibt nichts Schönres auf der Welt, - Als wenn das Christkind Einzug hält - Ins Haus, ins liebe Vaterhaus, - Trotz Sturmgetön und Wetterbraus. - Es kommt so still in heil’ger Nacht - Durch Schneegeflock und Eises Pracht. - Begleiter ist der Weihnachtsmann, - Der trägt, was er nur tragen kann. - Wenn’s Kindlein noch so arm und klein, - Das Christkindlein gedenket sein: - Im Hüttlein schlecht, im reichen Haus - Teilt es die Liebesgaben aus. - Drum gibt’s nichts Schönres auf der Welt, - Als wenn das Christkind Einzug hält.« - -»Und nun geht’s heim!« Frau Fries sagte es, als das Lied verklungen -war. Ein paar Minuten später liefen die Kinder jauchzend die Dorfstraße -entlang, und Frau Besenmüller räumte auf. Sie brummte dabei nicht wie -sonst, sondern sagte vergnügt: »Scheene war’s, sehr scheene!« - - - - -[Illustration] - - - - -Achtes Kapitel - -Geburtstagsveilchen - - Warum die Schulglocke einer entthronten Königin gleicht und - Frau Besenmüller nicht mehr Reisig zu holen braucht -- Die Zeit - läuft, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen, und Besenmüller, - der kein Gespenst ist, erzählt eine Geschichte, die erst im - nächsten Kapitel steht - - -Über der Adventsfeier hatten die Kinder alle miteinander die -Schulklingel im Holzstall vergessen. Nur Schwetzers Fritze dachte -daran. Wenn nun Frau Besenmüller die Klingel nicht fand! Dann würde sie -schelten und schreien, und der Herr Lehrer würde es hören und die alte -Frau Lehrerin, und sie würden böse werden. Nein, das durfte nicht sein. -Zwischen Abendessen und Zubettgehen schlich sich Fritze noch einmal zum -Schulhaus hin. Vielleicht fand er einen Kameraden, der ihm half. Aber -es war kein Bube weit und breit zu sehen, dafür kam jemand anders, als -Fritze gerade am Holzstall anlangte: der Herr Lehrer selbst. Fritze -erschrak heftig und blieb wie erstarrt stehen. - -»Na du, was tust du denn hier?« Heinrich Fries sah erstaunt drein. -»Warum bist du denn noch nicht daheim?« - -Fritze hätte nun gern die Wahrheit gesagt, aber vor Schreck war ihm -der Mund noch fester verklebt als sonst, und in seiner Verlegenheit -drehte er sich um und rannte, ohne Antwort zu geben, davon. Der junge -Lehrer sah ihm ärgerlich nach. »Der ist verstockt!« dachte er, und oben -erzählte er dann seiner Mutter, Schwetzers Fritze sei ein Heimlicher, -von ihm wüßte er nie recht, was er im Sinne habe. Fritze lief -heimwärts, sehr bedrückt, aber dicht am Haus traf er Arne. Sie waren -Nachbarn und hielten auch gute Nachbarschaft. Dem Freund gegenüber tat -sich sein Mund auf, und er sprach von seiner Sorge. - -Arne lachte ihn aus. »Besenmüllern muß doch früh Holz holen, da sieht -sie ja die Bimmel!« - -Freilich, das stimmte. Fritze atmete auf und vergaß nun ebenfalls -die Klingel. Er träumte auch in dieser Nacht nicht von der großen, -strengen Ruferin zur Schule, von dem Kaiser Napoleon selbst träumte -er. Der verlangte von ihm, er solle geschwind nach Rußland laufen. -Fritze ängstigte sich sehr und sträubte sich, da wurde Napoleon -fuchsteufelswild, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht gerade -die Mutter gerufen hätte: »Aufstehen, ’s is balde Schulzeit!« - -Es gab an diesem Morgen noch viel zu reden von gestern. Mädel und Buben -standen auf dem Dorfplatze zusammen und schwätzten und freuten sich, -daß sie alle so früh gekommen waren. Frau Besenmüller klingelte immer -dreimal, das erste Mal hieß: »Nun rüstet euch, es ist Zeit!« Das zweite -Mal wollte sagen: »Geschwind, geschwind ins Haus hinein!« und das -dritte Mal verkündigte: »Aufgepaßt, der Herr Lehrer kommt!« - -Noch hatte die Klingel nicht einmal getönt, und die Kinder schwätzten -und vergaßen es, sich zu wundern, wie lange es heute währte, ehe es -bimmelte. - -Frau Besenmüller aber rannte inzwischen im Haus aufgeregt treppauf, -treppab, -- wo war nur die Klingel? Gestern noch hatte sie unten im -Türwinkel gestanden, nun fehlte sie. »Wie närrsch bin ich,« brummelte -die Frau, »so ’ne Klingel is doch niche wie ’ne Stecknadel, die in ’ne -Ritze fällt. Nä, so was!« - -Ihr Mann kam heim, der war schon beim Ortsvorsteher gewesen, er fragte -verwundert: »Du klingelst ja niche!« - -»Die Bimmel fehlt.« - -»I nä!« - -»Frau Besenmüller, warum klingeln Sie nicht?« ertönte da die Stimme des -jungen Lehrers. - -»Die Bimmel fehlt,« jammerte Frau Besenmüller. Und klagend beschrieb -sie, wo die Klingel gestanden habe, und auf einmal sei sie verschwunden. - -»Die haben se versteckt,« knurrte der Mann. »Ich hol’ se alle rein.« - -Heinrich Fries kam plötzlich die Begegnung mit Schwetzers Fritze -gestern am Holzstall in Erinnerung, und er sagte rasch: »Sehen Sie mal -im Holzstall nach.« - -Und richtig, da war sie. Wie eine entthronte Fürstin saß die dicke -Klingel auf dem Holzstoß, und Frau Besenmüller nahm sie und schwang -sie, da gellte ihre Stimme in die Weite. - -»Es bimmelt!« In all die Buben- und Mädelbeine auf der Dorfstraße fuhr -der Ton. »Bimbimbimbim!« Das schrie und schalt, so laut, so böse hatte -die Schulglocke noch nie getönt. »Bimbimbimbim!« Das hörte gar nicht -auf, und die Kinder rannten alle in der größten Eile ins Schulhaus. - -Dort fanden sie zu ihrer Überraschung ihren Lehrer schon im -Schulzimmer. Der hielt seine Uhr in der Hand, zeigte darauf und sagte -streng: »Ihr kommt alle zu spät.« - -»Es hat doch erst gebimmelt!« verteidigten sich etliche. - -»Ja freilich, die Klingel war versteckt. Fritz Schwetzer, hast du die -Klingel versteckt?« Fritze sank fast zu Boden vor Schreck, als ihn der -Herr Lehrer so drohend ansah. Er klappte den Mund auf und zu, aber er -brachte kein Wort heraus. - -»Dir steht das schlechte Gewissen an der Stirn geschrieben, und da -du mir keine Antwort gibst, bist du es jedenfalls gewesen. Du warst -gestern noch spät an Besenmüllers Holzstall. Du wirst jeden Tag in -dieser Woche eine halbe Stunde nachsitzen.« - -Wieder klappte Fritze den Mund auf und zu, und wieder brachte er kein -Wort heraus. Dafür aber trat Arne vor, und Jackenknöpfle, Zimplichs Max -und ein paar andere folgten. »Ich war’s, Herr Lehrer,« rief Arne mit -heller Stimme. - -»Ich auch.« -- »Ich auch.« -- »Ich auch,« klang es nach, und nun -endlich fand Fritze seine Sprache wieder, und im Baß brummte er nach: -»Ich auch.« - -»Also ihr waret es alle!« Prüfend überschaute der Lehrer die Buben, -er schaute schon viel milder drein. »Wie war denn das? Arnulf Weber, -erzähle du einmal!« - -Und Arne erzählte frank und freimütig, auch von Fritzens abendlichem -Gang nach dem Holzstall. - -»So äne ausgesuchte Bosheit!« schrie Frau Besenmüller. Die hatte ganz -leise die Türe ein Ritzchen aufgemacht und hatte draußen gehorcht. -»Wartet ihr nur, ihr Rasselbande!« Sie streckte den Kopf zur Türe -hinein, drohte mit der Hand und fuhr blitzschnell wieder zurück. Von -der Treppe her sagte ihr Mann vorwurfsvoll: »Na, wenn nu das de Kinner -täten, Lydia!« - -Tief beschämt zog Frau Besenmüller ab, und innen sagte der junge -Lehrer: »Für diesmal sei euch die Strafe geschenkt, weil ihr es -eingestanden habt. Aber wem es recht leid tut, der sammelt heute -nachmittag für Frau Besenmüller ein Bund Reisig im Walde; ihr selbst -wird das Bücken schwer.« - -Danach begann der Unterricht. Die Kinder waren alle mäuschenstill und -sehr eifrig. In der letzten halben Stunde erzählte ihnen Heinrich Fries -noch etwas von der Zeit vor hundert Jahren. Das tat er jetzt oft, und -die Kinder meinten, zwischen 1913 und 1813 sei die Zeit gar nicht lang, -sie lauschten, als wären es Taten von heute. Darüber verrann ihnen -allen die Zeit gar geschwind. Auf einmal ertönte draußen die Klingel, -als wäre sie noch immer böse, so laut gellte ihre Stimme, und Fritze -Schwetzer dachte seufzend: »Wenn sie doch noch im Holzstall säße!« - -Sie hatten alle gedacht, Frau Besenmüller würde noch schelten, aber -die ließ sich gar nicht sehen, sie saß in ihrer Küche und schämte -sich ihrer Horcherei. Der Nachmittag brachte ihr noch eine große -Überraschung. Der kurze Wintertag verdämmerte just zum Abend, als in -langem Zug Buben und Mädel daherkamen. Jedes trug ein Reisigbündel, und -diese vielen Bündel schichteten sie alle vor Besenmüllers Holzstall auf. - -Die Frau lief hinaus, und ihr Mann vergaß für einige Minuten sogar -Strickstrumpf und Pfeife, er rannte ihr nach. Draußen stand Heinrich -Fries, der lachte über das ganze Gesicht und erklärte die Sache. - -»Nä, so was, so was!« Frau Besenmüller führte die Schürze an die Augen, -sie war tief gerührt, ganz stumm blieb sie vor lauter Rührung. Erst -oben bei sich fand sie die Worte wieder, und sie sagte zu ihrem Mann: -»Paß auf, mit dem neuen Herrn Lehrer wird’s gut.« -- - -Daß es schon gut geworden sei, meinten viele Leute im Dorf. Die Mädel -und Buben sagten nichts dazu, wenn sie aber ihren Lehrer die Straße -daherkommen sahen, dann rannten sie nicht mehr weg, sondern liefen ihm -entgegen und grüßten ihn mit frohem Lachen. »So muß es sein,« dachte -die alte Frau Fries, und sie seufzte doch leise dazu. Ihr Sohn freute -sich wohl über das wachsende Zutrauen der Steinacher, aber an ihm -zehrte doch die Sehnsucht nach der großen Stadt. Er zeigte es nicht, -aber die Mutter spürte es, und das Herz tat ihr darum weh. -- - -Auch in der Stille von Steinach hatte jeder Tag nur vierundzwanzig -Stunden, und Tag reihte sich an Tag. Eine Woche vorbei, Weihnachten -da, Weihnachten vorüber. Das neue Jahr stand vor der Tür, das alte -Jahr nickte noch einmal in alle Häuser hinein; es sah, wie in Steinach -die Christbäume brannten, wie Blei gegossen wurde und die Kinder auf -Waschschüsseln Lebensschifflein schwimmen ließen, -- vorbei, vorbei! - -Das neue Jahr rief die Kinder wieder in die Schule, und Frau -Besenmüller seufzte: »Nu geht das Geschrei wieder los.« Aber das -neue Jahr, das sich stolz 1914 nannte, hatte ein strenges Gesicht -aufgesetzt, es dachte »nicht verwöhnen«, und Meister Januar kam mit -viel Schnee und Eis einher. Er blieb, solange er durfte, er zwackte -seinem Bruder Februar noch einen Tag ab, dann erst ließ er ihn herein. -Der nun liebäugelte schon ein wenig mit dem Frühling; warme, sonnige -Tage kamen, ein milder Wind wehte, bis es dem Februar wieder einfiel, -daß er eigentlich ein Wintermonat sei. Und schwuppdirwupp schüttelte er -ein paar Schneesäcke aus, überzog die Wässer mit Eis und schnob die -Menschen an: »Geschwind hinter eure Kachelöfen, da gehört ihr hin!« - -Doch vorbei, vorbei! Der März löste den Februar ab, und je länger er -auf der Erde war, desto milder wurde sein Lächeln. Und dies milde, -sonnige Lächeln lernte der April von ihm, der sonst ein rechter Bube in -der Zeit der Flegeljahre ist. Den Schnee trank die Sonne auf, das Eis -zerfloß, und unversehens blühten in Steinach die Veilchen. Und nirgends -blühten sie reicher als auf dem Schafskopf. - -Eines Tages wanderte Heinrich Fries mit seiner Mutter zur Schelmenburg -empor, und dort sahen sie beide das holde Frühlingswunder: Heckenrosen -im Sommer, Veilchen im Lenz, das waren die Blumen des Schafskopfes. - -Es war ein sonnenheller Frühlingstag, und der junge Lehrer sagte droben -am Ziel laut das kleine Lied: - - »Saatengrün, Veilchenduft, - Lerchenwirbel, Amselschlag, - Sonnenregen, linde Luft! - Wenn ich solche Worte singe, - Braucht es dann noch großer Dinge, - Dich zu preisen, Frühlingstag?« - -Ganz still schauten Mutter und Sohn von der Höhe nieder in die -liebliche Landschaft. Da wurde plötzlich die Stille durch hellen -Singsang unterbrochen, aber Lerchen und Amseln waren es nicht, und -Heinrich Fries kannte seine Vöglein wohl, die da zwitscherten. Die -Steinacher Kinder kamen den Berg herauf. Die Schelme wollten die -Schelmenburg besuchen. Sie kamen aber nicht sacht und gemessen, wie man -wohl zu vornehmen Leuten geht, ihre Stimmen klangen immer lauter, und -es war eigentlich ein Wunder, daß der alte Turm nicht vor Schreck über -den Lärm umpurzelte. - -»Holla, wo kommt ihr denn her?« Heinrich Fries stand vor Mädeln und -Buben, und jäh verstummten alle. Doch nur für einen Augenblick, dann -schnatterten sie los. »Wir wollen Veilchen suchen. Fräulein Regine hat -Geburtstag morgen, und die kriegt immer Veilchen, allemal.« - -»Wenn se nämlich blühen,« fügte Jackenknöpfle vorsichtig hinzu. - -Nun, blühen taten sie in diesem Jahr in reicher Fülle. Da und dort -schimmerte es ganz blau, und es war nicht schwer, die Körbchen zu -füllen. Malchen trug eins, ebenso die Freundin Sylvie, Rosine und Trude -Weber auch; da hinein kamen alle Blüten. Später sollten dann Sträuße -und Kränze gewunden werden. »Faden haben wir mit, aber die Kränze -wollen immer nicht werden,« erzählte Hinzpeters Malchen. - -»Pflückt nur schnell, ich helfe euch dann,« versprach die alte Frau -Lehrerin. Da gingen die Kinder eifrig ans Werk, während Heinrich Fries -seine Mutter auf dem Berg herumführte. Sie war noch nicht oben gewesen, -denn der Weg war im Winter schwer begehbar. Plaudernd schritten sie -zwischen den Trümmern dahin, als ein lauter Schrei aufgellte; er kam -aus einem Winkel, wo noch ein Mauerviereck stand. Von allen Seiten -her eilten die Kinder dem Schrei nach. Der junge Lehrer machte lange -Schritte, und seine Mutter folgte, so schnell sie nur konnte. - -Was war geschehen? War ein Kind gefallen, ein Stück Mauer -herabgestürzt? Bleich und zitternd kam Zimplichs Lenchen aus dem Winkel -heraus. »Da -- da,« stammelte sie, »sitzt der Alte!« - -»Welcher Alte, Kind?« Der junge Lehrer nahm die Hand der Kleinen und -fragte noch einmal freundlich: »Welcher Alte?« - -»Der alte Schelm, der immer spukt,« schluchzte Lenchen, die auch so ein -Angsthäslein war, »und -- und eine große Blume -- oder so was -- hat -er.« - -»Komm mit, und ihr alle auch, wir wollen uns den alten Schelm mal -ansehen.« Heinrich Fries lachte, und sein heiteres Lachen gab den -Kindern Mut. Sie folgten mehr neugierig als bänglich, nur Lenchen -zitterte wie eine Feder im Wind. - -[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 137.] - -Ein Stück Mauer lag völlig in der Sonne, und auf dieser Mauer saß --- Besenmüller. Er strickte wieder an seinem rosenroten Strumpf und -schmunzelte über das ganze Gesicht, als er alle daherkommen sah. »Oh, -Besenmüller ist’s nur!« schrieen die Kinder enttäuscht. - -»Nu freilich, iche bin’s.« Der Alte zog seinen Mund in die Breite, als -wäre der aus Gummi. »Ihr dachtet wohl, hier säße der Herr Arnulf und -dächte an alle dummen Streiche, die er gemacht hat in seinem Leben? Nä, -so etwas is niche.« - -»Besenmüller, ach, erzähl’ uns mal von dem!« bettelten die Kinder. - -»Heute niche,« brummelte der Alte, er warf dabei einen etwas scheuen -Blick auf Frau Fries und ihren Sohn. Doch auch die baten: »Erzählen -Sie, Besenmüller.« Heinrich Fries fügte hinzu: »Ich wollte schon -lange darum bitten. Der Herr Pfarrer sagte, es wüßte niemand so viel -Schelmengeschichten wie Sie.« - -»Na ja, Geschichten sin was Feines!« Besenmüller nickte. Er sah auf die -Kinder und auf die noch halb leeren Körbchen. »Aber erst pflückt die -Veilchen, denn sonst kriegt ’s Fräulein Regine nischt.« - -»Ja, erst pflücken. Wenn wir dann den Kranz und die Sträußchen winden, -erzählt Besenmüller,« sagte auch Frau Fries. Zur Eile brauchte sie -nicht erst zu mahnen. Die Kinder stoben davon und pflückten nun -wirklich mit der allergrößten Emsigkeit. Die Körbchen füllten sich, -und es dauerte nicht lange, da konnten sie die Blumen Frau Fries -bringen, die sich auf das sonnenbeschienene Mäuerlein gesetzt hatte. -Mit flinken Händen wand sie den Kranz. Die Mädel, denn dazu waren die -Buben zu tolpatschig, reichten ihr die Veilchen in kleinen Büscheln -zu. Besenmüller strickte emsig seinen rosenroten Strumpf, und dabei -erzählte er, wie einst Herr Arnulf von Steinach an des Kaisers Hof -gereist war. Die Kinder paßten alle sehr gut auf, am allerbesten aber -paßte ihr Lehrer auf. Der schrieb nach, so wie Besenmüller erzählte, -denn Besenmüller hatte seine eigene Weise, Geschichten zu erzählen. -Wort um Wort kam die Geschichte in Herrn Heinrichs Taschenbüchlein zu -stehen, und während er so zwischen den Trümmern der alten Schelmenburg -saß, kam es ihm in den Sinn, er möchte ein Buch von den Schelmen -schreiben. - -»Fertig die Geschichte.« - -»Fertig der Kranz,« sagten Besenmüller und Frau Fries fast zu gleicher -Zeit. »Fein!« schrieen die Kinder im Chor, und es war nicht recht zu -unterscheiden, ob sie die Geschichte oder den Kranz meinten. - -Mutter und Sohn aber sagten, die Geschichte habe ihnen sehr gut -gefallen. »Ja, und derweile is mein Strumpf fertig geworden. Das is nu -en Jammer.« - -»Warum denn?« fragte Frau Fries erstaunt. »Ein fertiger Strumpf ist -doch ein gutes Ding.« Doch da fiel ihr ein, Frau Besenmüller hatte -schon manchmal über ihres Mannes flinkes Stricken geklagt, über die -viele Wolle, die es kostete. Nur in Steinach gab es etliche Leute, die -rosenrote und kornblumenblaue Strümpfe tragen mochten, in der Stadt -wollte sie niemand kaufen. Besenmüllers hatten eine ganze Truhe voller -Strümpfe liegen, und am liebsten hätte er jeden Tag einen Strumpf -gestrickt. - -Frau Fries versprach neue Wolle, da hellte sich Besenmüllers Gesicht -wieder auf, und vergnügt wandelten nun alle bergabwärts. Der Lehrer -stimmte ein Lied an, die Kinder sangen, es wurde ein lustiger Heimweg. -Dicht vor dem Dorfe erblickten sie alle auf einmal Fräulein Regine, -die durfte sie nicht sehen. Eins, zwei, drei rannten die Kinder dahin -und dorthin, nur die Erwachsenen blieben stehen. Erst schaute Fräulein -Regine erstaunt den Kindern nach, die liefen doch sonst nicht vor ihr -davon, aber plötzlich glänzte ihr Gesicht in heller Freude, und sie -sagte schelmisch: »Ach so, auf dem Schafskopf blühen die Veilchen.« - -»Jawohl, und morgen hat unsere Fräulein Regine Geburtstag,« brummelte -Besenmüller schmunzelnd. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Neuntes Kapitel - -Besenmüllers Geschichte - - Frau Mechthild findet, dreizehn Flicken auf dem Wams und - neunzehn auf den Hosen wären zuviel, um damit an des Kaisers - Hof zu reisen, aber Herr Arnulf weiß sich zu helfen, und der - Graf von Gehlingsberg geht ihm fortan aus dem Wege - - -»Als die Schelme von Steinach noch lebten, haben die Leute noch keine -Strümpfe gestrickt. So dumm waren sie noch, aber ganz schön muß es -gewesen sein, ja ja, ganz schön. - -Dem Herrn Arnulf von Steinach hat’s auch auf der Welt gefallen, das ist -ein lustiger Herr gewesen. Er ist auch immer ’n bißchen gern im Lande -rumkarriolt. Ja ja, das tat er gern. Auf seinem Schafskopf hielt er es -nie lange aus. Einmal sagte er zu seiner Frau Mechthild: »Frau, ich -will nach Wien an des Kaisers Hof reiten.« - -Sagt Frau Mechthild: »Das kostet Geld.« - -Sagt Herr Arnulf: »Ja, das weiß ich.« - -Sagt Frau Mechthild: »Aber du hast keins.« - -Sagt Herr Arnulf: »Ich werd’s schon kriegen.« - -Sagt Frau Mechthild: »Und dein Wams, dein allerbestes, hat dreizehn -Flicke.« - -Sagt Herr Arnulf: »Schaff ich mir ein anderes.« - -Sagt Frau Mechthild: »Und deine Hosen haben neunzehn Flicke, und deine -güldene Halskette hast du verkauft, und deine Rüstung ist verbeult, daß -Gott erbarm, und dein Barett ist neulich in den Brunnen gefallen.« - -Schreit Herr Arnulf: »Hör’ auf, hör’ auf!« - -Klagt Frau Mechthild: »Also kannst du nicht reiten.« - -Brüllt Herr Arnulf: »Und ich muß doch reiten!« Ja ja, das sagte er. -Herr Arnulf überlegte nun alle Tage: Wie komme ich in Glanz und Pracht -an des Kaisers Hof? Denn mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn -auf den Hosen konnt’ er nicht reiten, das sah er ein. - -Er seufzte nun schrecklich jeden Tag, und seine liebe Frau seufzte auch -schrecklich jeden Tag. Sie war ein gutes Weib, und ihr Mann tat ihr -leid; sie hätte ihm schon gern geholfen und hätte gern ihr Staatskleid -für ihn zu Wams und Hose zerschnitten. Es war nur -- sie hatte kein -Staatskleid. - -Eines Tages reitet jemand den Schafskopf hinan: ein Bote war’s von dem -reichen Grafen auf dem Gehlingsberg. Der Mann stellt sich steif vor den -Herrn Arnulf, Schelm von Steinach, hin und sagt: »Mein Herr Graf will -an des Kaisers Hof reiten, er läßt den Herrn von Steinach fragen, ob er -mitreiten will.« - -Sagt Herr Arnulf: »Ja, das will ich tun. Muß nur eiligst meine -Prunkgewänder richten.« - -Sagt der Bote: »Mein Herr Graf reitet schon morgen.« - -Sagt Herr Arnulf: »Ist mir auch recht.« - -Der Bote geht nun wieder. Frau Mechthild aber jammert: »Mann, liebster -Mann, dich weisen sie ja mit Schimpf und Schande von des Kaisers Hofe. -Mit dreizehn Flicken auf dem Wams und neunzehn auf den Hosen!« - -Doch Herr Arnulf lachte dazu. Er ließ die Pferde satteln und ließ ein -paar Betten zu großen Ballen zusammenschnüren. Das sei sein Gepäck, -erzählte er. Dann ging’s los. Hoppla hopp! Drei Knappen und der alte -Burgwart Berthold, die ritten mit. Frau Mechthild hatte gesagt: »Gib -fein acht, Berthold, daß sich mein Gemahl nicht noch ein Löchlein -reißt. Geflickt ist schon schlimm, aber Löcher sind noch schlimmer.« Ja -ja, das hat sie gesagt.« - -Hier hatte Besenmüller Zimplichs Max scharf angesehen, und der war -feuerrot geworden. Er hatte geschwind die Hand auf sein Knie gelegt, -das Dreieck da im Hosenbein hätte Besenmüller auch nicht zu sehen -brauchen. Der erzählte weiter: »Hoppla hopp! Auf halbem Weg von Burg zu -Burg trafen die Ritter zusammen. Der von Gehlingsberg war reich, geizig -und faul, und neidisch war er auch, hochmütig und dumm dazu. Er hatte -den Schelmen von Steinach nur zu dem Ritte fordern lassen, um den wegen -seiner Armut zu verhöhnen. - -Aber wie Herr Arnulf ihn sah, schrie er gleich: »Ei, lieber Freund -und Gevatter, so fein angetan? Zum Reisen trage ich immer nur alte -Kleider. Seht da die Ballen, die allerschönsten Gewänder hat meine Frau -Mechthild hineingetan.« - -Der Graf erschrak. Er wurde gleich grün, gelb, rot, blau und braun vor -Neid. Weg war seine gute Laune, ganz weg. - -Na, und nun ritten sie. - -»Heiliger Severinus,« seufzte Berthold, »mein Herr hat ein neues Loch -in der Hose, wie soll das enden!« - -Den Herrn Arnulf aber bekümmerte der neue Schaden kein bißchen. Der -erzählte, ein grünes Sammetwams sei in dem Ballen, ein rotes aus -Brabanter Tuch, eins, das sei braun wie die Eichenblätter im Herbst, -und alles sei gar köstlich gestickt und verziert. - -So ritten sie. Und wie sie eine Stunde etwa geritten sind, da jackert -ihnen auf einem mageren Pferd ein Bursche nach. Der verneigt sich vor -Herrn Arnulf und ruft: »Die gnädige Frau Mechthild schickt Euch dieses -Amulett, möchtet es immer tragen, es soll Euch wohl schützen.« - -Sagt Herr Arnulf: »Das war wohlgetan.« - -Sagt der Graf von Gehlingsberg: »Was soll die Narretei?« - -Sagt Herr Arnulf: »Das ist ein gutes Ding. Schlimm, schlimm, wenn Euch -Eure liebe Frau nicht auch ein Amulettlein gab!« - -Das ärgerte nun den Grafen gewaltig. Er sagte grollend: »Ich lasse es -noch holen.« Sagt Herr Arnulf: »Tut das, viellieber Freund. Im Kloster -zu St. Kilian da warten wir auf den Boten.« - -Sagt der Graf: »Der Kunz soll reiten.« - -Sagt Herr Arnulf: »Eure Frau wird Euch gewiß ein gar köstlich -wertvolles Amulettlein senden, laßt zweie reiten, das ist sicherer, -oder dreie.« - -Schreit der Graf: »Dreie, bei meiner Seel’!« - -Also ritten dreie, Jörg, Hinz und Kunz. Zurück blieb nur der Damian, -der war so dumm wie dick, so faul wie lang. - -Na, und dann kamen sie an das Kloster von St. Kilian, und die frommen -Mönche nahmen sie wohl auf. Die rüsteten ein Mahl, und dabei aß der -Graf von Gehlingsberg einen Rehschlegel, sechs Rebhühner, sechzehn -Krautklöße, eine Schweinspastete, einen gedünsteten Hecht, eine -Schüssel gedämpften Kohl, drei Teller voll Backwerk und dreizehn« -- -»Besenmüller, das ist zu viel,« riefen die Kinder entrüstet, und Arne -fügte keck hinzu: »Da wäre ihm ja der Bauch geplatzt.« - -»Na ja, meinetwegen, wenn ihr’s ihm nicht gönnt, mag er weniger -gegessen haben.« Besenmüller ließ sich nicht aus seiner Ruhe bringen, -gemächlich fuhr er fort: »Aber plumpsatt war er, das steht nu mal -feste. Kaum schnaufen konnt’ er. Ja ja, so war’s. - -Der Graf müsse in ein pechdunkles Kämmerlein zu liegen kommen, riet der -Schelm von Steinach, da könnte er sich gut ausschlafen. - -Sagten die Mönche: »Soll uns wohl recht sein.« - -Meinte Herr Arnulf: »Den Damian müßten sie dazu legen.« - -Sagten die Mönche: »Ei freilich, der soll seinem Herrn aufwarten.« Sie -führten denn nun den Grafen in ein fensterloses Kämmerlein, und weil -sie mit brennenden Kienspänen leuchteten, merkte der es nicht. Und -Damian merkte überhaupt nie etwas. - -Der Graf von Gehlingsberg tat einen mächtigen Gähner, und plumps fiel -er auf sein Lager und schlief. Damian tat einen noch lauteren Gähner, -und er schlief schon, ehe er auf sein Lager kam. - -Sagten die Mönche: »Unserem Gast wird nichts die Nachtruhe stören.« - -Sagte Herr Arnulf: »Wäre auch schlimm. Wird der im Schlaf gestört, haut -er um sich wie weiland St. Georg der Drachentöter.« - -Die Mönche erschraken sehr und versprachen, nichts, auch nichts sollte -ihren werten, vornehmen Gast stören. - -Sagte Herr Arnulf: »Und verwahret seine Reisesäcke wohl. Ich muß mit -dem Frühesten davonreiten.« - -Sagten die Mönche: »Wir wollen tun, wie du es befohlen.« - -Als das Morgenglöcklein läutete, ritt Herr Arnulf mit den Seinen von -dannen. Seine Bettsäcke ließ er den Mönchen da, und er hieß seine -Knechte des Grafen wohlgefüllte Truhen aufladen. Die Mönche meinten, -so sei es richtig, und verwahrten die Bettsäcke in des Klosters -reicher Schatzkammer. Also ritt Herr Arnulf, der Schelm von Steinach, -geschwind hinweg. Der Graf von Gehlingsberg aber schlief zwölf Stunden, -da drehte er sich das erste Mal um. Er tat seine Augen ein viertel auf, -blinzte und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das dachte er. - -Darauf schlief der Graf wieder zwölf Stunden, drehte sich wieder um, -tat seine Augen halb auf und dachte, ’s ist ja noch Nacht. Ja ja, das -dachte er wieder. - -Damian aber rührte sich nicht, tat seine Augen nicht auf, und denken -tat er erst recht nichts. - -Inzwischen langten die drei Knappen Hinz, Kunz und Jörg am Kloster St. -Kilian an und begehrten, vor ihren Herrn geführt zu werden. - -Sagten die Mönche: Nein, das ginge nicht, der müßte seine Ruhe haben. - -Nun, die Knappen waren’s zufrieden. Der Bruder Küchenmeister wartete -ihnen gut auf. Der Bruder Kellermeister schenkte ihnen manche Kanne -Wein, da ließen sie sich’s wohl sein. - -Zwei Nächte und einen Tag schlief der Graf von Gehlingsberg, dann -wachte er auf. Er brummte: »So einen unruhigen Schlaf habe ich lange -nicht getan; nun bin ich schon dreimal aufgewacht, und immer ist’s -noch Nacht.« Er seufzte schwer, und auf einmal fing ihm sein Magen zu -knurren an. Rrrrrrrrrrrrrruh ging es. - -Schrie der Graf von Gehlingsberg: »Ich bin krank, ich bin krank. Oh, -wie tut mir das im Magen weh!« - -Die Mönche hörten das mächtige Schreien und liefen angstvoll herbei. -Taten die Türe auf, und das helle Sonnenlicht strömte in das -fensterlose Kämmerlein. - -Riefen die Mönche: »Ei, Herr, was habt Ihr für einen guten Schlaf -getan! Sechsunddreißig Stunden pflegtet Ihr der Ruhe.« - -Schrie der Graf: »Was schwätzt ihr da, sechsunddreißig Stunden hätte -ich geschlafen? Wirklich, sechsunddreißig Stunden?« Ja ja, das fragte -er. - -Seufzte der Damian: »Man kann sich auch niemals im Leben ordentlich -ausschlafen.« - -Rief der Graf: »Oho, nun weiß ich’s, woher mir das Grimmen im Magen -kommt, ich habe Hunger!« - -»Ich auch, ich auch!« stöhnte Damian, der wurde da ganz munter. Der -Bruder Küchenmeister aber lief eilig, um ein gutes Mahl zu rüsten. Der -Graf von Gehlingsberg ließ sich das Frühstück wohl schmecken, und erst -als er satt war, fragte er nach seinem Reisegenossen. Der sei schon -lange fort, hieß es, aber des Grafen Reisegut liege wohlverwahrt in -des Klosters Schatzkammer. - -Sagte der Graf nachdenklich: »Ei, dann ist auch Zeit, wenn ich morgen -mit dem Frühesten reite. Will mich noch einmal ordentlich ausruhen für -den langen Ritt.« - -Rief Damian: »Das ist wohlgetan. Ich spüre das erste Reiten noch in -allen Knochen. Umfallen könnte ich vor Müdigkeit.« - -Also blieben der Graf und die Knappen noch den Tag und die nächste -Nacht im Kloster und ließen es sich wohl sein. - -Seufzte der Bruder Küchenmeister: »O weh, sie essen alle meine Vorräte -auf!« - -Klagte der Bruder Kellermeister: »O weh, mein schöner Wein, sie trinken -ihn allen aus!« - -Am nächsten Morgen entstand ein lautes Geschrei, denn da merkte der -Graf von Gehlingsberg den Tausch des Schelmen von Steinach. Frau -Mechthild hatte ihre allerältesten Betten zur Reise hergegeben, und -soviel der Graf, seine Knappen und die Mönche auch suchten, die -köstlichen Gewänder, von denen der Schelm von Steinach erzählt hatte, -die waren nicht zu finden. Der Graf wurde fuchsteufelswild, und selbst -Damian vergaß vor Zorn seine Schläfrigkeit. Sie setzten sich auf ihre -Pferde und ritten eilfertig davon, um nur rasch an des Kaisers Hof zu -kommen und dem Schelmen seinen Raub wieder abzujagen. -- - -Herr Arnulf war unterdessen einen andern Weg geritten. Als das Kloster -St. Kilian hinter ihnen lag, sagte er zu Berthold, seinem Burgwart: -»Wie rede ich mich aus, wenn nun der Herr von Gehlingsberg auch an des -Kaisers Hof kommt?« - -Sagte Berthold: »Reitet nicht an des Kaisers Hof.« - -Zürnte Herr Arnulf: »Was soll der dumme Rat?« - -Sagte Berthold: »Ein Kaiser ist freilich ein Kaiser, aber ein Herzog -ist auch ein hoher Herr. Reitet an eines Herzogs Hof.« - -Sagte Herr Arnulf: »Das Wort läßt sich hören.« - -Sagte Berthold: »An des bayrischen Herzogs Hof wird’s Euch wohlgehen.« - -Sagte Herr Arnulf: »Das gilt. Kurzweil und ritterliche Spiele gibt’s -dort auch. Des Herzogs Sohn soll Hochzeit halten, da wird es gut sein. -Also reiten wir.« Ja ja, so sagte er. - -Nun ritten sie und kamen auch an den Hof des Herzogs von Bayern. Dort -war ein lustiges Leben, und der Schelm von Steinach, der stattlich -in des Grafen von Gehlingsberg Kleidern einherging, wurde wohl -aufgenommen. Er gewann güldene Preise im ritterlichen Spiel, und weil -der Herzog um der Hochzeit willen seine Gäste freihielt, brauchte der -Schelm keinen Batzen und kein Hellerlein auszugeben. Auch ein reiches -Gastgeschenk erhielt er noch. Die güldenen Preise verkaufte er, und so -zog er mit wohlgefülltem Säcklein nach etlichen Wochen von dannen. Ja -ja, so war’s. - -Inzwischen war der Graf von Gehlingsberg an des Kaisers Hof gewesen, -hatte dort den Schelm nicht gefunden und hatte dort viel Spott und -Neckerei erfahren. Es glaubte ihm niemand sein Märlein, und weil er -auch ein einfältiger Herr war, meinten alle, sie hätten einen Narren -vor sich. Der Graf vertat sein Geld und gewann nicht Ehre und nicht -Freunde, und mißmutig kehrte er nach etlichen Wochen heim. Im Kloster -zu St. Kilian gedachte er seine letzte Rast zu halten, und der Zufall -führte am nächsten Morgen den Schelmen vor das Kloster. Als dies -der Schelm hörte, ritt er eiligst von dannen, und an der Stelle, -an der er einst den Grafen getroffen hatte, sagte er zu Berthold, -seinem Burgwart: »Nun reite geschwind nach Gehlingsberg, bringe der -Frau Gräfin ihres Mannes Reisetruhen und dieses goldene Ringlein als -Reisegeschenk. Sag’ ihr, mit hohen Ehren sei ihr Mann an des Kaisers -Hof empfangen worden, und er sei nun schon auf dem Heimweg, sie möge -ihn wohl empfangen.« - -Sagte Berthold: »Das will ich recht ausrichten.« Er ritt mit den -Knappen nach Gehlingsberg, während der Schelm heimwärts ritt im neuen -Wams, sein gutgefülltes Beutelchen in der Tasche. - -Als er am Tor anlangte, lief Frau Mechthild ihm entgegen und klagte: -»O du armer Mann, ohne deine Knechte kehrst du heim! Dir mag es übel -ergangen sein.« Ja ja, so klagte sie. - -Rief Herr Arnulf: »Schau her!« Er wies ihr das neue Wams, das Geld und -eine feine Gürtelschnalle. - -Lachte Frau Mechthild: »Ich sehe schon, die Schelme verderben nimmer.« - -Mißmutig kehrte der Graf zu seiner Burg zurück. Doch dort empfingen -ihn alle festlich geschmückt, und seine Frau Gräfin rief: »Willkommen, -edler Held!« Sie dankte ihm gar herzlich für das güldene Geschenk. - -Sagte der Graf brummig: »Was soll das Geschrei?« - -Schrie Damian: »Herr, da stehen unsere Truhen.« - -Sagte die Gräfin: »Die sandtest du mit des Schelmen Knechten. Die haben -auch gesagt, wie reich du geehrt worden bist an des Kaisers Hof.« Da -schwieg der Graf mäuschenstill und verbot auch seinen Knechten zu -sagen, wie es ihnen ergangen war. Ja ja, das tat er. - -Er erzählte viel von des Kaisers Hof, zuletzt glaubte er selbst, ihm -sei es gut gegangen dort, und schließlich glaubten alle, der Kaiser -würde wohl auch bald zu Besuch kommen, weil er dem Grafen so gut war. - -Aber mit dem Schelmen von Steinach tat der Gehlingsberger nie mehr eine -Reise zusammen. Mit Fehde überzog er freilich auch nicht seine Burg, -wie er es sich vorgenommen hatte. Sah er von fern den Schelmen kommen, -dann beschrieb er einen großen Bogen um ihn, er fürchtete dessen Spott. -Ja ja, den fürchtete er.« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Zehntes Kapitel - -Sommertage - - Des Pfarrers Freund redet vom Krieg, aber dem jungen Lehrer - laufen die trüben Kriegsgedanken davon -- Auf dem Schafskopf - brennt das Johannisfeuer, die Rosen blühen, es wird wieder - Geburtstag gefeiert, und niemand weiß an dem Tage, was in der - Welt geschehen ist -- Der Lehrer erzählt von Deutschland, und - Frau Fries hält ihr Herz fest und klagt nicht. - - -Pfarrers Regine hatte ihren Geburtstag gefeiert, und die Sonne hatte -dazu geschienen, wie es sich für einen rechten Frühlingstag schickt. -Kein Wölkchen war zuerst am Himmel gewesen, aber plötzlich, am -Nachmittag, waren schwere, dunkle Wolken aufgezogen, Sturm, Regen, ein -Blitz, ein Donnerschlag, und im Umsehen war es wieder hell gewesen. Das -erste Frühlingsgewitter war vorübergerauscht. Ein paar Tage lang hatte -es im Pfarrhaus köstlich nach Veilchen geduftet, dann waren die kleinen -blauen Frühlingskinder verwelkt, und droben auf dem Schafskopf sproßten -Blätter und Knospen der Heckenröslein hervor. Die sagten: »Nun kommen -wir bald dran.« - -»Nein, erst wir.« sagten im Wald die Maiglöckchen. In den Gärten -blühten Narzissen, Tulpen, Schwertlilien, Stiefmütterchen, hängende -Herzen und viele andere Blumen auf. Die drei Straßen hatten sich wieder -in weiße, schimmernde Wege verwandelt, gerade wie vor einem Jahr, als -Heinrich Fries Steinach am Wald zum erstenmal gesehen hatte. Er dachte -daran und dachte dabei auch an seinen Reisegefährten, der ihm zuerst -von den Schelmen erzählt hatte. Und ganz unvermutet lief ihm der alte -Herr über den Weg, mitten auf der Apfelstraße. Sie erkannten sich -beide, und der junge Lehrer erfuhr nun, sein Reisegefährte sei ein -Freund des Pfarrers. »Ich flüchte mich immer mal für etliche Tage in -Steinachs Stille, und dies Jahr war die Sehnsucht besonders groß. Es -sieht nicht gut aus in der Welt.« - -»Nicht gut sieht es aus in der Welt? Wieso?« Der junge Lehrer fragte es -erstaunt, nachdenklich. - -Der andere nickte: »Ja ja, mir will’s immer scheinen, als hinge Krieg -über uns gleich einer Wetterwolke.« - -»Krieg!« Das Wort stimmte so gar nicht hinein in den heiteren -Frühlingsfrieden von Steinach, und Heinrich Fries sagte abwehrend: -»Ach Krieg, es wurde schon so oft davon gesprochen -- ich glaube nicht -daran.« - -»Hurra, Hurra, bald ham’ mer se!« Wildes Geschrei gellte auf, und über -die Apfelstraße hinweg rasten vier Buben, ein halbes Dutzend andere -folgten ihnen, bewaffnet mit Blechsäbeln, einem Pusterohr und einem -Ding, das ungemein viel Lärm machte. Eine Rassel war es von lauter -alten Topfdeckeln. - -»Wen habt ihr bald, he?« Jackenknöpfle lief seinem Lehrer gerade in -die Arme, und der hielt ihn fest. Doch der kleine, dicke Kerl mußte -erst ein paarmal nach Luft schnappen, ehe er Antwort geben konnte. -»Wen wollt ihr fangen?« Heinrich Fries fragte es noch einmal, und nun -stieß Jackenknöpfle heraus: »Die Indianer! Wir spielen Indianers, und -dahinten liegt Indien.« - -Er deutete nach dem Schelmenacker hin, und sein Lehrer meinte heiter: -»Nenn’s Amerika, da nun doch einmal dort die Heimat der Indianer ist.« - -Er ließ Jackenknöpfle los, der stürzte eilfertig davon, und das -Geschrei aller vereinte sich bald drüben am Schelmenacker. »Solchen -Krieg gibt’s immer,« sagte der junge Mann zu dem Alten. - -Der sah ernst ins Weite. »Wer weiß, wie bald unsere Jungen gegen -Franzosen, Russen und noch sonst welchen Feind ins Feld ziehen wollen!« - -»Glauben Sie das?« Nun lächelte auch Heinrich Fries nicht mehr. Er -sah zum Himmel auf, der klar und blau war. Würde so schnell ein Wetter -daherziehen wie an Fräulein Regines Geburtstag? -- - -Wie schön war der Frühling, wie schön, selbst wenn der Regen warm und -lind auf die Erde niedersank. Und wie leicht laufen trübe Gedanken -im Frühling davon. Heinrich Fries erging es so. Als er dann mit -seinem alten Reisegefährten am Pfarrhaus anlangte, stand Fräulein -Regine da, die hatte sich mehr noch als sonst ihr liebliches Gesicht -mit Frühlingssonne eingerieben, da liefen geschwinde alle trüben -Kriegsgedanken davon. - -Das taten die bösen Gedanken noch manchmal in diesen Tagen, aber -- sie -kamen doch immer wieder. Der alte Herr Berner, so hieß des Pfarrers -Freund, war abgereist, beim Abschied hatte er gesagt: »Im August komme -ich wieder -- vielleicht.« - -»Vielleicht, vielleicht,« sang Pfarrers Regine fröhlich, »vielleicht -reise ich im August in die Schweiz, vielleicht sehe ich Schneeberge.« - -»Vielleicht, vielleicht baue ich mir ein Schloß im Monde,« neckte sie -der Vater. - -»Vielleicht erhalte ich zum Herbst eine bessere Stelle in der Stadt,« -sagte Heinrich Fries zu seiner Mutter. Er sagte es hoffnungsfroh, und -die alte Dame unterdrückte den leisen Seufzer. Ach, sie wäre so gern -in Steinach geblieben! - -Auch die Steinacher Buben und Mädel schmiedeten allerlei Pläne, die mit -»vielleicht« begannen, und die so wundervoll lustig wie die Sommertage -waren. »Vielleicht gibt’s diesmal länger Ferien,« sagten die Faulpelze, -obgleich sie nicht zu sagen wußten, warum dies geschehen sollte. - -Vielleicht dürfen wir alle nach M. zum Jahrmarkt, hofften etliche. -Vielleicht dies, vielleicht das. Eine Ferienfahrt, ein neues Kleid, -ein riesengroßer Drache, ein langer Schulspaziergang, -- das waren -alles Dinge, die mit »vielleicht« gesagt wurden. Und darüber reihte -sich Tag an Tag. Flieder und Goldregen blühten auf und verblühten, die -Rosen dehnten sich in ihren engen Knospenkleidern und riefen: »Endlich, -endlich kommen wir an die Reihe!« Sie erblühten in köstlicher Schöne, -kein Gärtlein gab’s in Steinach, in dem nicht ein Rosenbusch wie ein -holdseliges Mädchen stand. Wer daran vorüberging und eine horchende -Seele hatte, der hörte wohl, wie die Rosen sangen: »Sonne, küsse uns, -Wind, streichle uns, Mensch, freue dich an uns!« - -»O ihr Rosen, ihr lieben Rosen!« sang Pfarrers Regine, wenn sie -durch den Garten ging, und dann mahnte sie: »Vergeßt es nicht, am -Johannistag recht schön zu blühen, das gehört sich so, und dann noch -ein paar Tage länger, dann hat die alte Frau Lehrerin Geburtstag. Ihr -erster ist’s in Steinach, den wollen wir recht feiern.« - -Der Johannistag kam, die Rosen blühten und dufteten, auf dem Schafskopf -brannte ein Johannisfeuer, und Frau Besenmüller schalt: »So etwas weckt -nur die alten Schelme auf, das is niche gut.« - -»Lydia, schimpf’ nicht,« sagte ihr Mann. »Denk’ daran, Sonntag hat -unsere alte Frau Lehrerin Geburtstag.« - -Da wurde Frau Besenmüller sanft und freundlich und redete von allerlei -Festvorbereitungen. Die alte Frau Lehrerin hatte sich längst viele -Herzen in Steinach gewonnen. Wenn sie über die Gasse ging und in -ihrer freundlichen, stillen Weise alle grüßte, dann sagten wohl die -Steinacher: »Die paßt nu so recht scheen zu uns.« - -Und diese gütige, sanfte Frau hatte nun Geburtstag, an einem Sonntag -dazu. Die großen Leute fanden dies paßlich, und die kleinen Leute -ärgerten sich darüber. Warum nicht an einem Wochentag, der dann zu -einem Feiertag wurde? Wie konnte ein Geburtstag nur so ungeschickt -sein, auf einen Tag zu fallen, an dem es ohnehin Kuchen gab in den -meisten Steinacher Häusern! Trotz dieses Ärgers wanderten aber alle -Schulkinder in der rechten Geburtstagsstimmung am Morgen vor das -Schulhaus und sangen dort einen Morgengruß. Die Brummer mit. Fräulein -Regine hatte ihnen einen wundervollen Rat gegeben. Sie hatte gesagt: -»Singt stumm, den Mund auf, Mund zu und nur im Herzen mitgesungen.« Das -taten die Brummer nun auch voll Eifer, und Stipsels Oswald sah dabei -aus wie ein Fisch, den man statt ins Wasser auf ein Sofa gelegt hatte. -Schnapp auf, schnapp zu, so ging es bei ihm. - -»Der Oswald hat wohl was verschluckt? Der kriegt Zustände,« sagte Frau -Besenmüller ängstlich. Mitten im Lied trat sie hinter den Buben und gab -ihm einen kräftigen Stoß in den Rücken. »Ist’s raus?« flüsterte sie so -laut, als müßte das Geflüster oben auf dem Schafskopf gehört werden. - -»Hup!« machte Oswald; er konnte vor Schreck nicht sprechen. -Glücklicherweise ersah Fräulein Regine Frau Besenmüllers Tat, sie zog -rasch die Frau aus dem Kreis und erklärte ihr das Mund auf, Mund zu. - -»I nä,« brummelte Frau Besenmüller, stumm singen, ja, das könnte sie -auch. Sie trat an ihren Platz zurück, klappte nun auch ihren großen -Mund auf und zu, und Webers Arne flüsterte Jackenknöpfle ins Ohr: »Wie -’ne Brotschachtel.« - -Trotz dieser kleinen Zwischenfälle klang der Gesang festlich und -rein in den hellen Sonntagmorgen hinaus, und Frau Fries freute sich. -Sie freute sich auch über die Rosen, die Pfarrers Regine brachte, -über all die bunten Sträuße aus den Steinacher Gärten, sie freute -sich über die lachenden Gesichter der Kinder, und sie freute sich am -meisten über die Liebe, die man ihr erzeigte. Dieser Tag ging zur -Ruhe wie ein glückliches Kind, das sich müde gefreut hat und noch im -Schlafe lächelt. Die Nacht blieb hell, die Sterne funkelten in ewiger -Schönheit am Himmel, und im Grase wisperten die kleinen, lustigen -Johanniswürmchen: »Seht nur, wir funkeln auch wie die Sterne!« - -»Noch mehr, noch mehr,« sagten die andern Käfer, die konnten nämlich -nicht bis zum Himmel hinauf sehen. - -Im warmen Sommerfrieden schlief Steinach ein, und niemand darin ahnte -etwas von dem schweren Geschehen draußen in der Welt. Da hatten im -fernen Land ruchlose Buben Österreichs künftigen Kaiser und seine Frau -ermordet. Als die Kunde von dem Mord durch die Lande lief, von Stadt zu -Stadt, das einsamste Dorf nicht vergaß, erfaßte tiefes Entsetzen die -Menschen. Ein dumpfes Ahnen kommenden Leides lag über den Landen. - -»Wir bekommen Krieg,« sagten manche. Aber jene, die nicht gern an -Sorgen und kommendes Leid dachten, sagten: »Ach nein, wer wird unseren -Frieden stören und unsere Sommerlust!« - -Die Buben und Mädel in Steinach redeten nicht von Krieg und dachten -nicht an Krieg. Sie gingen in die Schule und freuten sich auf die -großen Ferien. Am Montag freuten sie sich auf den Sonntag, am Morgen -auf das Mittagessen, und zu Mittag redeten sie davon, wie sie abends -auf der Gasse spielen wollten. Sie stiegen auf den Schafskopf, riefen -und neckten die Geister der alten Schelme, zitterten, die könnten -wirklich erscheinen, und ärgerten sich, daß sie nicht kamen. Sie -zankten sich mit Frau Besenmüller und liefen dann schuldbewußt zu deren -Mann; der mußte seine Frau »Lydia« nennen, damit sie wieder gut werde. -Auf den Feldern reifte das Korn, und die Schnitter dengelten schon ihre -Sensen: bald, bald fängt die Ernte an. - -So verging Tag um Tag. Das Jahr 1914 saß in seinem Himmelswinkel, es -strich die Tage aus, und immer ernster wurde sein Gesicht. - -Der Juli neigte sich schon seinem Ende entgegen, da kamen Tage, an -denen niemand Lust zur Arbeit und Freude hatte. Selbst in Steinach -standen die Männer auf der Dorfstraße und redeten ernst und eifrig -zusammen, und die Frauen sahen zu ihnen hin, und manch eine wischte -sich heimlich eine Träne aus den Augen. Wer weiß, wie bald zog ihr Mann -hinaus! - -Der junge Lehrer Heinrich Fries ließ jetzt immer Vaterlandslieder -singen, und wenn die Kinder aus dem Schulhaus kamen, dann sangen sie: -»Deutschland, Deutschland über alles,« und immer sang mit, wer es hörte. - -Jeden Tag fuhr jetzt jemand nach dem nächsten großen Ort, um dort -die neuesten Telegramme zu lesen. Dann hieß es den einen Tag: Es -gibt Krieg! den andern: Der Friede bleibt erhalten. Noch lag eine -Lokalisierung des Krieges im Bereich der Möglichkeit. Die Diplomatie -arbeitete fieberhaft. Telegramme flogen hinüber und herüber. Viele -deutsche Herzen hofften noch, der Friede möchte der Welt erhalten -bleiben. Aber mitten in alle heitere Sommerschönheit hinein gellte -der Ruf: »Es gibt Krieg, Krieg mit Frankreich, Krieg mit Rußland, mit -England, Krieg mit der halben Welt.« - -Die Buben und Mädel in Steinach hatten sich auf die Ferien gefreut, -wie sich überall Buben und Mädel auf die Ferien freuen. Aber als sie da -waren, dachte niemand an Ferienfreude. Am Samstag sollte Schulschluß -sein, und an diesem Tag gab der junge Lehrer Heinrich Fries keine -Stunde mehr. Er hatte die große Karte von Europa angehängt, und daran -zeigte er den Kindern, wie riesengroß die Länder der Feinde waren gegen -die der beiden treuen Bundesbrüder Deutschland und Österreich-Ungarn. -Weit, weit über halb Asien hinweg dehnte sich das unermeßliche -russische Reich, und Frankreich lag mit weiten Küsten am blauen Meer. -Im Norden drohte England. Feinde, Feinde, wohin das Auge blickte. Die -Brandfackel des Weltkriegs, des fürchterlichsten aller Kriege, war -entzündet. Das Verhängnis nahm rasch und unaufhaltsam seinen Lauf. - -Armes Deutschland, armes Vaterland! Dem jungen Lehrer wurde das Herz -schwer, als er an das furchtbare Ringen dachte, das nun beginnen -würde. Doch größer noch als die Sorge war die Freude, daß auch er mit -hinausziehen durfte in den Kampf für das Vaterland. - -Und an diesem letzten Schultag ließen die Kinder Bücher und Hefte in -ihren Ranzen, und Heinrich Fries erzählte ihnen von Deutschland, von -seiner Vergangenheit, seiner Herrlichkeit und seiner Not, wie es immer -und immer wieder hatte kämpfen müssen um seine Freiheit. Auch von des -Vaterlandes stiller Schönheit sprach der junge Lehrer, von seinen -Städten, Dörfern, seinen Wäldern und Flüssen, seinen friedlichen Tälern -und vom deutschen Heimatzauber. - -Es war mäuschenstill in der Schulstube. Noch nie hatten die Kinder so -lautlos zugehört, und keines sehnte das Ende dieser letzten Schulstunde -herbei. Und als draußen die Glocke ertönte, die Frau Besenmüller im -Jammer ihres Herzens wilder denn je schwang, da baten all die braunen -und blauen Kinderaugen, in die der Lehrer sah: »Weiter, weiter!« - -Heinrich Fries atmete tief. Das eine Fenster der Stube lag in der -Sonne, und golden umwob der Schein die Buben- und Mädelköpfe. Das -würde er nun lange nicht mehr sehen, vielleicht nie wieder. Er zog -hinaus in den Kampf, vielleicht in den Tod! Er schwieg, atmete tief, -und dann sagte er einfach: »Ich gehe nun von euch, Kinder; ob wir uns -wiedersehen, steht in Gottes Hand. Er schütze unsere Heimat, er schütze -euch. Werdet tapfere deutsche Männer und Frauen und vergeßt es nie, -nie: Das Vaterland über alles!« - -Deutschland, Deutschland über alles! Jauchzend brauste der Gesang -plötzlich auf, die Kinder wußten selbst kaum, wie es kam, daß sie -auf einmal das Lied sangen. Wie ein Jubelruf klang es und ein Gebet -zugleich. Draußen vor der Tür stand Frau Besenmüller, sie hielt die -Schulglocke fest im Arm, und heiße, heiße Tränen rannen darauf nieder. -»Das Herze bricht einem fast!« schluchzte sie. »Nä, der Jammer, nä, das -Unglück!« - -»Schäm’ dich, Lydia, so redet keine deutsche Frau,« rief ihr Mann von -der Treppe her. »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die nimmt ihr Herze -fest in die Hände.« - -Da schwieg Frau Besenmüller beschämt. Ihr Mann hatte recht, der hatte -immer recht. Und stille nahm sie sich vor, so tapfer zu sein wie Frau -Fries, die ihr Herz fest hielt und nicht weinte und nicht klagte. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Elftes Kapitel - -Schwerer Abschied - - Die Steinacher ziehen auch hinaus, und Schwetzers Fritze will - mit -- Auch Pfarrers Regine will hinaus, geht aber dann zu - Traugotts -- Der alte Briefträger übt wieder sein Amt aus, und - Fritze schreibt einen Brief und prügelt sich mit seinem Freund - Arne - - -Mobilmachung, Abschied! - -In jeder Stadt, in jedem Dorf in deutschen Landen war es in den ersten -Augusttagen von 1914 das gleiche Bild. Stille legten viele, viele -Männer ihre Arbeit nieder und verließen Haus und Hof, verließen die -Heimat, um für den Frieden dieser Heimat zu kämpfen. In Steinach am -Wald war es nicht anders. Da mußten Frauen ihre Männer ziehen lassen, -die Kinder weinten den Vätern nach und die Mütter den Söhnen. Und wenn -in diesen Tagen einer Mutter das Herz gar so schwer wurde und ihre -Tränen nicht versiegen wollten, dann mahnte wohl der Mann oder der -Sohn: »Sieh unsere alte Frau Lehrerin an, die ist tapfer, und ’s ist -doch auch ihr Einziger.« - -Frau Fries nahm wirklich ihr Herz fest in beide Hände, sie klagte -nicht und weinte nicht. Still und emsig half sie dem Sohn die Sachen -rüsten, und sie half auch andern. In diesen Tagen begannen die Frauen -von Steinach in das Schulhaus zu laufen, um sich Rat zu holen und -Trost dazu. Die sanfte Frau, die noch kaum ein Jahr in ihrer Mitte -lebte, wurde ihnen allen eine Helferin, und manch ein Mann sagte beim -Abschied: »Na, Pfarrers sin ja da un die alte Frau Lehrerin, da frag’ -nur, die helfen schon.« - -Mann um Mann verließ das Dorf. Am zweiten Tage schon zog Heinrich Fries -hinaus. Seine Schulkinder standen vor der Türe, die gaben ihm das -Geleit bis zur Apfelstraße, da sandte er sie heim. Zum Bahnhof sollte -ihn allein seine Mutter begleiten. Die ganze Straße entlang aber tönte -es ihm nach: »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!« - -Endlich verhallten die Rufe, und ein paar Minuten waren Mutter und Sohn -allein, die andern Abfahrenden waren schon vorangegangen. Wie sie aber -beide an den Himbeerapfelbaum kamen, sahen sie dort einen Buben stehen, -der hatte den Baum umschlungen, als müßte er von dem Abschied nehmen. - -»Holla, Fritz Schwetzer, was machst du hier?« Heinrich Fries trat -allein auf den Buben zu; seine Mutter blieb ein paar Schritte zurück, -sie dachte, mit dem Buben muß nur einer jetzt reden. »Sag’, was fehlt -dir? Dein Vater zieht doch nicht hinaus?« forschte der junge Lehrer. - -Schwetzers Fritze schämte sich, daß er weinte, und er konnte doch -nicht anders. Es gibt halt Stunden, in denen auch ein Bube nicht ohne -Tränen fertig werden kann. Sein Lehrer spürte, hier gab es wirkliches -Herzeleid, und viel freundlicher als sonst klang seine Frage: »Wo -fehlt’s denn, Fritze, was bedrückt dich?« - -»Weil -- weil -- Sie in ’n Krieg gehen un -- nu totgeschossen werden!« -Fritz stieß es heraus und umklammerte laut schluchzend des Lehrers -Hand. Der strich ihm sacht über den Struwwelkopf. »Na, na, mein Junge, -so schlimm braucht es doch nicht gleich zu werden. Tut’s dir denn so -leid?« - -Der Bube nickte nur. Er rang mit den Worten, denn er hätte seinem -Lehrer in dieser Abschiedsstunde gern gesagt, daß er ihm gut war und -die Schule liebhatte, daß er sich sehnte, so zu werden wie dieser. Aber -ach, einem Schweiger purzeln die Worte eben nicht so flink aus dem -Munde! - -Ganz langsam kamen sie nur, tropfenweise, aber Heinrich Fries verstand -auch jene, die ungesagt blieben, er verstand, daß Fritze ihn sehr -liebhatte. - -Es war ihm eine Überraschung. Neun Monde lang war der Bube sein -Schüler gewesen, und er hatte gar oft in der Zeit gedacht, der ist -ein Trotzkopf, mit dem kann ich nicht viel anfangen. Und nun in der -Abschiedsstunde tat sich ihm Fritzes Herz auf, und er lernte verstehen, -wie schwer es ist, Schwetzer zu heißen und ein Schweiger zu sein. -»Lieber, lieber Junge, du!« dachte der Lehrer, »dich hab’ ich nun so -verkannt!« - -»Ich -- ich -- will mit.« - -»Mit in den Krieg? Das geht nun doch nicht, Fritz.« Heinrich Fries -sah zu seiner Mutter hinüber. Die stand ein wenig gebeugt, wie -niedergehalten von schwerer Last mitten auf der sonnigen Straße. Sie -weinte nicht, aber der Sohn wußte, ihr blutete das Herz in dieser -Abschiedsstunde. Da sagte er rasch: »Fritz, mitziehen kannst du nicht, -das weißt du, aber du kannst mir etwas zuliebe tun. Willst du?« - -Fritz nickte heftig, ehe er aber noch eine Antwort geben konnte, bat -sein Lehrer: »Geh oft zu meiner Mutter, besuche sie und habe sie lieb. -Sieh mal, sie ist nun so allein. Sie braucht jemand in dieser Zeit!« - -Heinrich Fries hielt Fritz die Hand hin, und der schlug fest ein. »Ich -will,« sprachen seine Augen, und der junge Lehrer sagte nur: »Ich danke -dir.« - -Das war der Abschied zwischen den beiden. Fritz rannte davon, -querfeldein, es brauchte keiner zu sehen, wie traurig er war. Heinrich -Fries aber ging mit seiner Mutter die Apfelstraße hinab bis zu dem -kleinen Bahnhof. Der war heute so voller Menschen, als sei Steinach auf -einmal eine Stadt geworden. Aus ein paar Nachbardörfern trafen sie hier -zusammen, zehn Mann waren es, die mit dem jungen Lehrer zusammen die -Heimat verließen. Sie hatten Blumen an Röcken und Mützen stecken und -sangen wie viele Millionen in diesen Tagen: »Deutschland, Deutschland -über alles!« - -Das Bähnchen pustete heran, an drei Haltestellen hatte es schon -Reisende aufgenommen. Die standen an den Fenstern, schwenkten die Hüte -und riefen den Steinachern zu: »Hurra, nun kommen die Schelme von -Steinach. Na, vor denen reißen die Franzmänner sicher aus.« - -Die Steinacher nahmen den Scherz nicht übel. Frohgemut kletterten sie -in die Wagen. »Die Feinde sollen uns kennenlernen,« jauchzten sie, »die -Schelme verstehen das Dreinschlagen!« - -Der Zug brauste davon. Der Gesang verhallte, und die Zurückbleibenden -gingen still heim. Frau Fries blieb ein wenig zurück, sie wollte -allein sein. Als sie aber dann, ein Stückchen hinter den andern, die -Apfelstraße entlang ging, kletterte Schwetzers Fritze auf einmal aus -dem Graben heraus. Er schob, ohne ein Wort zu sagen, seine Hand einfach -in die der alten Frau. »Willst du mich heimbringen, mein Junge?« fragte -diese. - -Fritze nickte und brummelte halblaut dazu: »Der Herr Lehrer hat’s -gesagt.« - -Frau Fries dachte an ihres Sohnes Wort in letzter Minute: »Mutter, wenn -Fritz Schwetzer zu dir kommt, denke, er kommt von mir.« Sie hielt die -Bubenhand fest in der ihren, und so gingen sie beide still miteinander -in das Dorf zurück. An der Haustüre trennten sie sich, und Frau Fries -sagte laut: »Auf Wiedersehen!« Fritz dachte es nur, aber seine neue -Freundin verstand ihn doch. - -Auch dieser Tag ging zu Ende. Der Abend dämmerte herauf, ruhvoll und -schön glänzten die Sterne am Himmel, und viele, viele Seufzer, viele -heiße Bitten stiegen zu ihnen empor. Die Züge fuhren unablässig durch -das Land, und selbst in Steinachs Stille hinein tönte ihr Brausen. - -Frau Fries hörte es. Sie hörte das Ticken der Wanduhr, das schwere, -lange Schlagen des eigenen Herzens die lange Nacht hindurch. Endlich, -als der Morgen sich aus den Schleiern der Nacht löste, hielt sie es -nicht mehr aus im Zimmer, sie rüstete sich zum Ausgang und stieg leise -die Treppe hinab. Sie wollte Besenmüllers nicht stören, aber unten -am Fuß der Treppe tat sie doch einen Schrei, denn sie stieß an einen -weichen, dunklen Gegenstand. Zusammengerollt lag da etwas am Fuß der -Treppe. - -»Meine Güte, nä, unsre alte Frau Lehrerin!« Frau Besenmüller hatte auch -nicht schlafen können vor Herzeleid um den Krieg. Sie riß ihre Türe auf -und zündete ein Streichholz an, der Flur lag noch in tiefem Schatten. -»I nä, so was,« schrie sie, »da liegt ja woll ’n Junge und schläft.« -Zisch, entzündete sie noch ein Hölzchen, und in dem kleinen Licht -erkannte Frau Fries Fritze Schwetzer in dem Schlafenden. - -»Still, still, Frau Besenmüller,« mahnte sie rasch, »wir wollen den -Buben nicht wecken, ich trag’ ihn in mein Zimmer.« - -»I nä!« Frau Besenmüller sperrte den Mund weit auf, noch schiefer als -sonst wurde der. Sie war so verdutzt, daß sie nichts mehr zu sagen -wußte, sondern vor lauter Verwunderung half, Fritze hinauf in das -Wohnzimmer von Frau Fries zu tragen. Auf das schöne, moosgrüne Samtsofa -wurde der Bube gelegt, und wieder sagte Frau Besenmüller nur »I nä!« -Weiter nichts. - -»Gehen Sie leise aus dem Zimmer,« bat Frau Fries, und Frau Besenmüller -tat, als wäre die Elfenkönigin ihre Muhme, so schwebte sie. Dabei stieß -sie freilich an den Tisch, rannte zwei Stühle fast um, eckte am Schrank -an, die Tür rutschte ihr aus und fiel krachend in das Schloß, und -zuletzt purzelten noch ihre Holzpantoffeln die Treppe hinab, sie selbst -glücklicherweise nicht. Aber all dies Gepolter, Gekrach und Gelärm -störte Schwetzers Fritze nicht, der schlief ruhig weiter auf dem grünen -Samtsofa, so ruhig, als wäre das sein Bett. - -Frau Fries saß neben ihm und freute sich über den kleinen stummen Gast. -Wie er nur in das Schulhaus gekommen war? Ob er sie vielleicht hatte -beschützen wollen und darum auf der Treppe geschlafen hatte? Trotz -ihres Leides mußte die Frau lächeln, und sanft streichelte sie den -Buben ein wenig. Von Frau Besenmüllers Gepolter war der nicht erwacht, -aber das sachte Streicheln machte ihn munter, er reckte und streckte -sich und sah dann die alte Frau Lehrerin namenlos verwundert an. Wo -kam die nur auf einmal her, und warum war sein Bett ein grünes Sofa -geworden? Aber Frau Fries verstand es mit einem zu reden, der für -jedes Wort Vorspann braucht. So nach und nach kam es heraus, Fritze -hatte wirklich seines Lehrers Mutter bewachen wollen und hatte sich -darum an die Treppe gelegt. Daheim war er so in der Mitte drin. Ein -paar große Schwestern gab es und ein paar winzige Brüderlein, und in -dem lebhaften Haus hatte es wohl niemand gemerkt, daß er fehlte. - -»Wer im Schulhaus schläft, muß auch drin frühstücken,« meinte Frau -Fries. Sie richtete den Kaffeetisch, und Fritz saß nachher daran -wie ein Großer, nein, eigentlich wie ein Graf, dachte er. Und dann -entdeckte seine neue Freundin ein Loch in seiner Jacke, das flickte -sie ihm noch zu, und darüber wurde es dem Buben immer heimatlicher im -Schulhaus. Er seufzte ein wenig, als Frau Fries sagte: »Nun mußt du -aber nach Hause gehen.« - -»Hm!« -- eine lange Pause -- »nachmittag komm’ ich wieder.« - -»Das ist recht so, also auf Wiedersehen!« Frau Fries lächelte wieder, -und als ihr Besuch die Treppe hinabstapfte, dachte sie: »Wenn es doch -schon Nachmittag wäre!« - -Sie brauchte sich freilich nicht vor der Einsamkeit zu fürchten, denn -sie blieb nicht allein. Kaum war Schwetzers Fritze mit hocherhobenem -Kopf stolz an Frau Besenmüller vorbei zur Türe hinausgegangen, da tat -sich die Türe schon wieder auf. »Als ob’s Schultag ist,« brummelte Frau -Besenmüller. Diesmal war es Pfarrers Regine. Die kam in ihres Herzens -Not zu Frau Fries. Sie wollte auch hinaus, wollte draußen pflegen, -helfen, ihre Kräfte regen, den Sturm miterleben, nicht im Winkel in -der Stille sitzen bleiben. Aber ihre Mutter war krank; konnte sie die -verlassen? - -»Wie sollte das werden, wenn jeder von seinem Posten davonlaufen -möchte?« gab ihre alte Freundin zur Antwort. »Wer daheim Pflichten hat, -muß erst die erfüllen.« - -»Aber draußen wird es so viel Arbeit geben, so viel Leid und Not!« -klagte Pfarrers Regine. - -»Warten Sie nur ab, mein Kind, das Leid kommt auch zu uns, auch hier -wird es Arbeit geben, hier werden Sie trösten und helfen können.« - -Klipp, klapp ging’s draußen, und Frau Besenmüller lief ins Zimmer -hinein. Sie vergaß alle Höflichkeit, vergaß anzuklopfen, sie jammerte -laut: »Bei Traugotts, den Müller-Traugotts, ist ’n kleines Mädel -angekommen, un nu muß heut’ der Mann weg un beide Knechte. Nä, und die -Male, was das Mädchen ist, heult, weil ihr Schatz mit muß. Sie will -nach Wiesen gehen, Abschied nehmen. Nä, so was!« - -Da küßte Pfarrers Regine die alte Frau Lehrerin und sagte tapfer: »Ich -will zu Traugotts gehen und der Frau helfen. Ich will in Steinach -bleiben auf meinem Posten.« - -Klipp, klapp ging’s wieder draußen. Diesmal klopfte der Besucher an, -fest und laut, Frau Besenmüller riß die Türe auf und schrie: »Nä, so -was, nu ist Schwetzers Fritze schon wieder da!« - -»Ich darf bleiben.« Fritze druckste die Worte heraus und sah strahlend -zu seiner neuen Freundin auf. - -»Ih, das könnt’ uns gerade passen,« knurrte Frau Besenmüller, »so ’n -Nichtsnutz zur Ferienzeit im Schulhaus! Nä, git’s nicht, raus mit dir!« - -»Frau Besenmüller möchte gern Wasser getragen haben, Fritze; willst du -das wohl tun?« fragte Frau Fries in ihrer sanften Weise. - -»Hm,« Fritze nickte nur. Er wußte, wo die Eimer standen, wußte, wo der -Brunnen war; die alte Frau Lehrerin wünschte es, also ging er und trug -Wasser. Frau Besenmüller aber saß in ihrer Küche auf der Ofenbank und -sagte nur immerzu: »Nä, so was, die Welt dreht sich um und um, nu trägt -mir Schwetzers Fritze Wasser, und draußen ist Krieg.« - -Frau Besenmüller gab dann freilich das Verwundern bald auf, zu viele -Wunder geschahen in dieser Zeit. Da schwiegen im Lande Streit und -Hader, eigensüchtige Ichmenschen wurden freundliche Helfer, alle -dachten sie nur: »Das Vaterland ist in Gefahr, Herr Gott, hilf uns!« - -Die Glocken sangen über die Lande, Fahnen wehten: Sieg, Sieg! In -den Siegesjubel hinein aber tönte die Klage: »Ostpreußen in Not, in -Ostpreußen hausen die Russen, als wären die Zeiten des Dreißigjährigen -Krieges angebrochen.« - -Pfarrers Regine lüftete die Fremdenzimmer, überzog Betten, suchte -Truhen und Schränke durch, das Pfarrhaus wollte Flüchtlinge aufnehmen. -Frau Fries aber ging von Haus zu Haus, und Schwetzers Fritze folgte -ihr. Sie bat um alles, was Hausfrauen entbehren konnten, der Landsleute -Not in Ostpreußen zu lindern. Die Steinacher Bäuerinnen gaben gern, und -im Schulhaus wurden Kisten gepackt für die Ostpreußen. Dazwischen kamen -die Frauen aus dem Dorfe und fragten: »Wie machen wir’s, daß unsere -Männer und Söhne alles richtig ins Feld bekommen? Dies soll verschickt -werden und das; wie packen wir es ein? Was schreiben wir darauf?« - -Und immer wußte Frau Fries Rat. Frau Besenmüller brummelte freilich: -»Unsere alte Frau Lehrerin soll ja wohl zehn Hände und fünf Köpfe -hab’n. Nä, so was! Ein Getrample, ’s ist schlimmer, als wenn Schule -wär’.« - -Und dabei rannte Frau Besenmüller doch selbst die Treppe auf, die -Treppe ab, als wäre sie sechzehn Jahre, nur um ihrer Hausgenossin zu -helfen. Am allerflinksten aber rannte sie, wenn sie von ferne den -Briefträger erblickte, aber sie erreichte ihn nie zuerst, immer war -Schwetzers Fritze schon da. Und Frau Fries erfuhr es schnell, wenn ein -Brief von ihrem Sohne da war. »Ein Brief vom Herrn Lehrer,« gellte -Fritzens Stimme auf. Vielfaches Echo antwortete, von da und dort kamen -Mädel und Buben gelaufen, und der Brief war wie ein König, der mit -großem Gefolge in sein Schloß einzieht. - -Doch wie im Lehrerhaus, so wartete beinahe in jedem Bauernhaus eine -Mutter, eine Frau auf ein Wort, das von draußen hereinklang. Der alte -Briefträger Klöppel hatte kurz vor dem Kriege sein Amt aufgegeben -gehabt. Er lief nun aber wieder mit der Tasche, weil die jungen -Männer alle draußen waren, dachte unterwegs immer an die Briefe und -Karten, die er trug. Der hat geschrieben und der, überlegte er, aber -die Knöpfle wird warten, je, je, so lange kein Brief! Von Pfarrers -schreibt nur einer, eigentlich müßten’s zwei heute sein. Warum schreibt -der andere nicht? Ist dem was zugestoßen? - -Früher hatten die Steinacher Mädel und Buben sich kein bißchen um -Briefe gekümmert, das waren für sie Dinge, an denen nur Erwachsene -Freude hatten. Jetzt war es auf einmal anders geworden, und als -Schwetzers Fritze selbst vom Herrn Lehrer eine Feldpostkarte bekam, da -beschlossen alle seine Kameraden und Kameradinnen: »Wir schreiben auch, -wir woll’n auch was kriegen.« - -Etliche liefen auch geschwind zu der ganz kleinen, dicken Krämersfrau -Laura Langbein und verlangten einen feinen Bogen, aber nur etliche -feine Bogen wurden Briefe, die in den Krieg reisen konnten, auf den -andern wimmelten die Kleckse nur so herum wie Fliegen auf einem -Honigbrot. - -Schwetzers Fritze hatte zwar drei Bogen verschrieben, aber zuletzt -hatte er doch einen vier Seiten langen Brief fertiggebracht. -Freilich standen auf jeder Seite nur fünf Wörter, doch das schadete -nichts. Brief ist Brief, und stolz zeigte er seinem Freund Arne das -Schriftftstück. - -»Fein,« lobte der, »aber Briefe schreiben ist nischt, ich geh’ selbst -raus. Willste mit?« - -»Nä.« Fritze sah den Freund verdutzt an, er schüttelte bedachtsam den -Kopf, das ging doch nicht. - -Webers Arne war anderer Meinung. Er hatte sich schon alles fein -ausgedacht, einen richtigen Kriegsplan hatte er entworfen, und eifrig -erzählte er, wie er es machen wollte. Höchst einfach war es. »Gehste -mit?« fragte er wieder. - -»Nä,« gab Fritze zur Antwort. - -»Bist dumm,« brummte Arne und erzählte weiter. »Gehste mit?« fragte er -zum dritten Male, und wieder rief Fritze: »Nä.« - -»Och, so feige!« kreischte Arne. Doch da verlor Fritze die Geduld, -puff, puff ging’s los. Einmal lag Arne unten, einmal Fritze. Weil -sie ziemlich gleich stark waren, bekam jeder Prügel. Der Kampf blieb -unentschieden, weil Frau Besenmüller mit ihrem Wappenzeichen, einem -Besen, dazwischentrat; mit Frau Besenmüller wollten sie aber beide -nicht kämpfen. Sie ließen sich los. Arne raffte seine Mütze vom Boden, -Fritze nahm den Brief vom Fenstersims, auf das er ihn vorsichtig gelegt -hatte, und im Davonlaufen schrie der eine noch: »Ich geh doch!« und der -andere: »Nä.« - - - - -[Illustration] - - - - -Zwölftes Kapitel - -Zwei wollen Helden sein - - Frau Besenmüller sagt, es wären hundertvierunddreißig Strümpfe, - und an einem Tag werden vier Strümpfe und zwei Buben vermißt -- - Zimplichs Max will auch hinaus -- Malchen Hinzpeter denkt nicht - ans Mundhalten, und ein Bahnwagen fährt nicht immer dahin, - wohin die Reisenden wollen -- Hindenburg unterhält sich nicht - mit den Steinacher Buben, und Antwerpen fällt - - -Die Ruhestunden waren knapp in diesen ersten Kriegswochen. Doppelte -Last lag auf den Schultern der Daheimgebliebenen, und in Steinach -mußten auch die Kinder helfen die Ernte einbringen. Die Ferien gingen -vorbei, die keine Ferien gewesen waren, aber die Schule begann nicht, -der Lehrer fehlte. Zum lustigen Spiel blieb freilich wenig Zeit. Der -Schelmenacker lag öde, und auf dem Schafskopf hätten die Geister der -alten Schelme nach Herzenslust spuken können, es störte sie niemand. -Selbst Besenmüller saß nicht mehr auf der zerbröckelten Mauer im -Sonnenschein, der blieb auf der Bank vor dem Schulhaus sitzen. Da -hörte er es doch, wenn es wieder einen Sieg gab, oder wenn einer von -draußen geschrieben hatte. Dazu strickte er Strumpf um Strumpf, kein -Weiblein im Dorf konnte es flinker und besser als er. Hatte er wieder -ein paar Strümpfe fertig, dann seufzte er wohl und sagte zu seiner -Frau: »So hab’ ich’s mir nu mein Lebtag gewünscht, immer Wolle zu -haben, viel Wolle und stricken zu können alle Tage. Nä, und nu macht’s -mir kein rechtes Vergnügen.« - -Eines Tages wusch Frau Besenmüller siebenundsechzig Paar rosenrote und -himmelblaue Strümpfe und hing sie vor dem Schulhaus zum Trocknen auf. -Sie fürchtete, sie könnten abfärben, und rote und blaue Beine sollten -die Feldgrauen draußen nicht bekommen. »Sie werden sich ohnehin ärgern -über die bunten Strümpe,« klagte die Frau, als sie die stattliche Reihe -überschaute. - -»I nä, Lydia,« tröstete Besenmüller, »ob ’n rotes oder blaues Bein im -Stiefel steckt, ist gleich. So sehr ich for Strümpfe bin, Stiefeln sin -die Hauptsache.« - -»Du hast alleweil recht,« sagte seine Frau. Sie schaute -bewundernd auf die bunte Pracht, wie ein Festschmuck sah sie aus. -»Hundertvierunddreißig Strümpe,« rief sie stolz, »nä, die beim Roten -Kreuz werden staunen!« - -»Hundertdreißig,« brummelte Schwetzers Fritze von der Tür her. Dort -saß er und wartete auf Frau Fries; inzwischen hatte er die Strümpfe -gezählt. »Hundertvierunddreißig, du Naseweis,« rief Frau Besenmüller -ärgerlich, »was ich weiß, das weiß ich.« - -»Nä, hundertdreißig.« Fritze blieb dabei. - -Traugotts Hanne ging just vorbei, und Frau Besenmüller rief ihr zu: -»Hanne, wieviel Strümpe hängen hier?« - -Hanne zählte stöhnend. »Hundertachtzehn!« rief sie. - -»Hundertdreißig,« schrie Fritze. - -»Hundertvierunddreißig,« zeterte Besenmüller. - -»Hundertdreiundfünfzig.« Hinzpeters Malchen war dazugekommen; sie hatte -auch gezählt. - -»Hundertdreißig,« rief nun auch Besenmüller, »Fritze hat recht.« - -»Hundertvierunddreißig!« Frau Lydia wurde rot wie ein Krebs vor Ärger. -»Unsere alte Frau Lehrerin hat sie vorhin gezählt, und die kann’s.« - -Zur rechten Zeit, so fanden alle, kehrte Frau Fries heim. Die zählte -noch einmal und noch einmal, es waren und blieben aber wirklich nur -hundertunddreißig Strümpfe, vier fehlten, denn auch Frau Fries sagte -es, vorhin wären es so viel gewesen. - -»Die sind weggeflogen,« sagte Hanne und sah sich rundum. - -»Da müßte der Wind gerade in deinem Korbe stecken,« spottete -Besenmüller. Es wehte wirklich kein Lüftchen. Der Tag war warm und -schön, er hätte ein Sommertag sein können, kaum war der Herbst zu -spüren. - -»Die hat jemand geholt,« rief Frau Besenmüller zornig. - -»I nä, ich hab’ doch alleweil hier gesessen!« Ihr Mann schüttelte den -Kopf. Wer sollte wohl in Steinach Strümpfe von der Leine wegtragen? -Solche Untaten mochten in Städten vorkommen, in Steinach nicht. - -»Aber ’s waren doch hundertvierunddreißig,« jammerte Frau Besenmüller, -als Frau Fries einwarf, sie könnte sich vielleicht auch verzählt haben. - -»Zählen, das kann ich, schreiben und lesen, nä, aber zählen fein. Und -hundertvierunddreißig Strümpe waren’s.« Dabei blieb Frau Besenmüller, -aber sooft sie es auch versicherte, die Strümpfe kamen nicht wieder, -und es wußte ihr auch niemand zu sagen, wohin sie gekommen waren. - -Wenn vier Strümpfe auf einmal spurlos verschwinden, so ist das -sonderbar, viel sonderbarer aber ist es, wenn am hellen Tag zwei Buben -aus einem Dorf verschwinden, als hätte die Erde sie verschluckt. - -Am Abend dieses schönen Herbsttages sagte Arne Webers Mutter ärgerlich: -»Der Junge ist nicht heimgekommen, seit Mittag sitzt er nun bei -Knöpfles.« - -Knöpfles Haus lag am andern Dorfende, man ging sechs Minuten bis dahin, -und in Steinach nannten sie das einen weiten Weg. Frau Weber schickte -daher auch keinen Boten aus; kam Arne nicht heim, so schlief er wohl im -Knöpfle-Haus. »Morgen gibt’s Geschimpfe,« drohte nur die Mutter. Und -um die gleiche Stunde sagte dies Frau Knöpfle. Auch sie war ärgerlich, -daß ihr Jakobus seit Mittag bei Webers war, denn dahin hatte er gehen -wollen. - -In dieser Zeit bedrängten die Bäuerinnen mancherlei Sorgen, und um die -Kinder, die daheim geblieben waren, konnten sie sich weniger kümmern. -Erst am nächsten Morgen -- schon war viel Arbeit im Hause getan -- lief -von Webers zu Knöpfles und von Knöpfles zu Webers je eine Magd, die -Buben heimzuholen. Die Botinnen kamen mit viel Geschrei zurück. Arne -war nicht bei Knöpfles und Jackenknöpfle nicht bei Webers. - -Vielleicht waren sie bei Zimplichs, vielleicht bei der kleinen -Krämersfrau Langbein, vielleicht da, vielleicht dort? Erst war es ein -Fragen ohne Sorgen, aber wie der Tag weiter vorschritt und immer mehr -Leute im Dorf erklärten, sie hätten die Buben überhaupt nicht gesehen, -da wurden die Mütter ängstlich. Wo waren die nur? »Vielleicht auf dem -Schafskopf,« dachte der Bauer Weber, und er sagte nicht, wie jäh die -Angst riesengroß in ihm wurde, die beiden könnten oben in dem alten -Gemäuer verschüttet worden sein. - -Er stieg selbst hinauf mit seinem alten Knecht, so schnell er konnte, -andere folgten, aber oben fanden sie alle nichts. Nicht einmal eine -frische Fußspur war zu sehen. Die Hagebutten glänzten rot wie vor einem -Jahr, als Heinrich Fries zum erstenmal auf dem Berg gewesen war. - -Waren die Buben in den Wald gelaufen und hatten sich dort verirrt? -Steinacher Buben im Steinacher Wald verirrt! Es glaubte niemand -recht daran, immerhin begann man im Walde zu suchen. Der Förster war -eingezogen, nur der alte Waldhüter Michael war da, und der hatte an -diesem Tage keinen Buben im Walde erblickt. - -Unten im Dorf vergaßen die Leute ihre Arbeit, je weiter der Tag -vorschritt. Immer ungeheuerlicher erschien ihnen das Verschwinden der -beiden Buben. Frau Besenmüller sagte wieder einmal zu ihrem Mann: -»Wenn uf emal zwei Buben un vier Strümpe verschwinden, dann hängt das -zusammen.« - -»Hm!« -- Besenmüller sah nachdenklich auf seinen Strumpf, aber -plötzlich ließ er das Strickzeug fallen und schrie: »Lydia, die sind -vielleicht zu den Soldaten gerannt!« - -Ein tiefer Seufzer gab Antwort. An der Türe stand Schwetzers Fritze, -der hatte so schwer geseufzt. Besenmüller sah ihn durchdringend an. -»Heda, mein Freund, du weißt etwas, raus mit der Sprache!« - -Das ging nun freilich nicht so flink, und Frau Besenmüller tat das -Vernünftigste, was sie tun konnte, sie holte Frau Fries herbei. Die -wußte so lind zu fragen, und nach etlichen schweren Seufzern gab Fritz -endlich Antwort. »Die sin in ’n Krieg.« - -»Wie denn das?« rief Besenmüller. »Einfach so nein, haste nich geseh’n, -da siehste, das geht doch niche. Wo sind sie hin?« - -»Weiß nich,« stöhnte Fritz, »in ’n Krieg.« Und dann heulte er auf -einmal laut los, denn es tat ihm plötzlich bitter leid, daß er nicht -mitgezogen war. Er wußte auch wirklich nicht viel mehr; schreiben -wollten sie, wenn sie erst dort wären, und mit der Bahn fahren. - -»Gut, dann kriegen wir sie,« tröstete der Pfarrer, als er das hörte. -»Irgendwo werden sie eines Tages hungrig und verzagt aufgefunden und -nach Hause zurückbefördert werden.« - -Nun riefen es die Drähte ins Land hinaus: In Steinach haben zwei Buben -in den Krieg gewollt, sucht, sucht, sucht! - -Ein Tag verging und noch ein Tag, keine Kunde von den Verlorenen -kam. Der Bahnvorsteher in Steinach hatte die beiden nicht gesehen, -aber in Rothaus, dem nächsten Ort, hatten sich an dem Tage zwei -Buben Fahrkarten bis zur Schnellzugshaltestelle L. genommen. So viel -Geld mochten sie gehabt haben, aber mehr nicht. Wo waren sie dann -hingekommen? - -In L. wußte erst niemand etwas von den beiden. Der Pfarrer und Bauer -Weber -- Jackenknöpfles Vater war auch im Feld -- fuhren selbst hin, -forschten und fragten. Viel wußte niemand, nur ein Bahnwärter erzählte, -er hatte die beiden Buben gesehen, einer hätte ein Gewehr gehabt und -jeder einen Schulranzen. - -»Das wird meine alte Windbüchse sein,« brummte der Bauer, »vor der -läuft kein Hase mehr davon, geschweige ’n Franzose.« - -Wo waren die Buben aber mit Ranzen und Schießgewehr hingekommen? In L. -verlor sich ihre Spur, Fahrkarten hatten sie dort nicht gelöst. Waren -sie geradeswegs in die fremde Welt hineingelaufen? - -»Die finden wir schon,« sagten die Bahnbeamten. Und wieder surrte der -Telegraph: Sucht, sucht, sucht, hier weinen Mütter in Angst um ihre -törichten Buben. - -»So eine Not fehlt uns auch noch!« schalten in Steinach die -Erwachsenen. Die Buben, von den sechsjährigen an, die redeten anders. -»Vielleicht kommen sie doch in den Krieg,« sagten sie untereinander. -»Wenn sie hinkommen und mittun, dann geh’ ich auch,« erklärte Zimplichs -Max. - -»Ich auch, ich auch,« riefen dann gleich ein paar andere. Alle wollten -sie gehen, und die Mädel schalten darob, fuchswild wurden die, waren -bitterböse auf Arne und Jackenknöpfle und weinten, wenn es hieß: »Noch -immer keine Nachricht.« - -»Im Krieg müssen Mädel den Mund halten,« sagte Zimplichs Max einmal -hochmütig, als Hinzpeters Malchen und ihre Freundinnen auf Arne -schalten. Aber Zimplichs Max mußte dann bald einsehen, daß Malchen -auch in Kriegszeiten nicht an das Mundhalten dachte. Zehnmal versuchte -Max, ihr zu antworten, er kam aber nicht dazu, und zu guter Letzt rief -Fräulein Regine noch, es sei Strickzeit. Da rannten alle Mädel wie der -Wind davon, Malchen drehte sich noch auf den Hacken um und schrie -verächtlich: »Wir stricken fürs Vaterland, aber ihr, ihr, was tut ihr -denn?« - -Weg war Malchen, und alle Buben entrüsteten sich über diese Frechheit. -Nä, die Mädel sollten nur sehen, wenn sie alle erst Arne und -Jackenknöpfle folgten. Die kommen hin, ganz sicher, und vielleicht -kriegen sie das Eiserne Kreuz, und vielleicht redet der Kaiser mit -ihnen, und vielleicht fangen sie den Franzosenkaiser und -- - -»Die haben doch keinen!« - -»Doch, sie haben einen!« - -»Ha, ich weiß es doch!« Zimplichs Max sah sich kampfbereit um, und -Heine Langbein höhnte: »Nä, so dumm, das niche zu wissen!« Die Buben -fuhren sich in die Haare, und Frau Besenmüller sagte zu Frau Fries: -»Wenn nur erst wieder Schule wäre, ’s wird Zeit!« - -Und just um die gleiche Stunde ungefähr wurde in L. ein Güterzug -zusammengekoppelt. Die Wagen wurden hin- und hergeschoben, sie -pufften aneinander, endlich standen sie in Reih und Glied. Wie sie so -stillhielten, klang aus dem einen heraus ein jämmerliches Gebrüll. - -»Je, je, was ist denn das?« Der Schaffner trat erstaunt an den Wagen, -riß die Türe auf, und heraus purzelten und schwankten bleich, verheult -und zitternd Webers Arne und Jackenknöpfle. - -»Hopsassa, das sind ja die beiden Steinacher!« schrie der Mann. »Ja, wo -kommt ihr denn her?« - -»Wir woll’n in ’n Krieg!« riefen beide etwas kläglich. - -»Na, das ist der nächste Weg, wenn ihr drei Tage hier auf dem Bahnhof -sitzt. Wie seid ihr denn in den Wagen hineingekommen?« - -Tief seufzend erzählten die beiden ihre Schicksale. Sie hatten kein -Geld gehabt, Fahrkarten zu lösen, und hatten sich heimlich auf den -Bahnhof geschlichen. Hier hatten sie einen Wagen gesehen, an dem stand -Straßburg, in den waren sie hineingekrochen. Kaum waren sie drin, hatte -jemand den Wagen zugeschlossen, und die Fahrt war losgegangen. »Wir -sind immerzu gefahren,« versicherte Arne. »Sind wir nun bald im Krieg?« -fragte er bedrückt. - -»Im Krieg? Seid froh, daß der so ferne ist! In einer halben Stunde -fährt der Zug nach Steinach, da seid ihr zum Vesperbrot daheim.« Der -Bahnvorsteher, der dazugekommen war, lachte und erklärte den Buben, der -Wagen sei zwischen L. und M. ein paarmal leer hin und her gefahren. Nun -waren sie wieder in L. - -Die beiden senkten die Köpfe wie die begossenen Pudel. So nahe waren -sie der Heimat, waren gar nicht nach Frankreich gelangt. Heimlich -frohlockte in ihren Herzen ein Stimmlein: »Wie gut, wie gut!« Aber -darauf mochten sie nicht hören, und verzweifelt heulten sie los: »Wir -woll’n in den Krieg!« - -»Wohin wollt ihr Dreikäsehoch?« Eine feste, starke Stimme fragte das; -ein hochgewachsener, älterer Offizier war herangetreten, und der -Vorsteher klärte ihm den Fall auf. »In den Krieg zieht man nicht mit -dem Schulranzen.« Der Offizier sagte es ernst, aber er lächelte dabei. -»Kommt einmal mit, ich will euch etwas vom Krieg erzählen, bis euer Zug -kommt.« - -Die Bahnbeamten machten dem Offizier ehrerbietig Platz. Man sah es -ihm an, er war schon draußen gewesen in Kampf und Not. Ganz verwirrt, -geblendet von der Tageshelle nach dem langen Aufenthalt in dem -dämmrigen Wagen, folgten die Buben. Sie bekamen Brot und Saftwasser, -aber so hungrig und durstig sie auch waren, denn die Vorräte aus der -Mütter Speisekammer hatten für die lange Reise nicht gereicht, sie -vergaßen doch Essen und Trinken vor dem, was sie hörten. Von dem -Krieg erzählte der fremde Offizier, von dem schweren, harten Kampf, -dem verzweifelten Ringen gegen anstürmende Übermacht. Im Osten hatte -der Erzähler mitgekämpft, und er erzählte von verbrannten Dörfern, -zerstörten Heimstätten, fliehenden Bewohnern, und er erzählte, wie -unermüdlich deutsche Männer das Land verteidigten. Im Kugelregen, im -nimmerruhenden Feuer hatten sie gestanden Stunden und Tage, und dann -waren sie marschiert, Stunden um Stunden, Tage um Tage, hungernd, -dürstend, aber sie hatten alle nur das eine gedacht: »Es ist fürs -Vaterland.« Es hatte keiner geklagt, es war keiner verzagt, singend -waren sie in den Tod gegangen. Und ob die Sonne glühend über ihnen -brannte, ob sie durch Moor und Wasser waten mußten, ob der Regen sie -durchnäßte, in Wunden und Schmerzen hatten sie nur an ihr Vaterland -gedacht. Das war der Krieg, in den die Buben mit dem Schulranzen ziehen -wollten. - -Die beiden Buben saßen still mit gesenkten Köpfen am Tisch. Der Fremde -sagte nicht: Ihr seid recht dumme, unbedachte Jungen gewesen, was wollt -ihr mit euren schwachen Kräften da draußen? Aber sie hörten beide doch -in ihren Herzen diese Worte. - -»Nach Steinach, einsteigen,« rief der Schaffner ihnen zu. - -Der Offizier sprang auf und schob sie beide rasch dem Zuge zu. Sie -wurden in einen Wagen gehoben, die Türe wurde zugeschlagen, der Zug -setzte sich in Bewegung, und die beiden sahen noch eine Weile den -fremden Offizier groß und stattlich in der Sonne stehen. Wie ein -rechter Held stand er da. Da stöhnte Arne schwer und sagte scheu: »Am -Ende war das Hindenburg.« - -Jackenknöpfle schnappte nach Luft vor Überraschung. »Hindenburg!« -Weiter konnte er zuerst nichts sagen, und auch Arne flüsterte es nur -nach: »Hindenburg!« - -Der Gedanke an dieses ungeheure Erlebnis linderte ihren Kummer über die -verfehlte Reise, auch die Angst vor dem Empfang daheim war nicht groß. -Vielleicht hatten sie wirklich Hindenburg gesehen, nun konnten sie doch -etwas erzählen. Zuletzt wuchs ihre Ungeduld, und sie konnten es kaum -erwarten, wieder in Steinach zu sein. Als der Zug hielt, hatten sie es -sehr eilig, den Wagen zu verlassen. Sie wollten rasch die Apfelstraße -entlang laufen und ins Dorf stürmen mit dem Ruf: »Wir haben Hindenburg -gesehen!« Fein würde das werden, -- es kam aber anders. Auf dem -Bahnsteig standen Arnes Eltern, Jackenknöpfles Mutter und der Pfarrer, -denen liefen die beiden Ausreißer gerade in die Arme. - -Der Schreck darob fuhr ihnen in die Glieder, und es dauerte ein -Weilchen, ehe sie reden konnten. - -Wo sie gewesen wären, wollten die Erwachsenen wissen. Die hatten nur -die Nachricht von L. bekommen, die Buben wären gefunden. Da mußten sie -erzählen von ihrer Fahrt hin und her im Güterwagen von L. nach M. und -wieder von M. nach L. - -»’n ganzen Tag sind wir gefahren,« versicherte Arne. - -»Unsinn, drei Tage! Ihr habt wohl immer geschlafen?« - -Ja, das mochte wohl sein, geschlafen hatten sie viel, auf Stroh und -Decken, die im Wagen gelegen hatten. - -Was sie gegessen hätten, wollten die Mütter wissen. - -Das war eine peinliche Frage, denn Mütter lieben es nie sehr, wenn -Kinder sich in die Vorratskammer schleichen. Arne half sich, er schrie: -»Wir haben Hindenburg gesehen!« - -»Prahlhans!« Schwapp hatte er einen tüchtigen Katzenkopf weg. Sein -Vater sah ihn zürnend an. »Geflunkert wird nicht!« - -»Vielleicht war er’s doch,« stammelte Jackenknöpfle. Recht kleinlaut -erzählte er das letzte Erlebnis. »Ihr Dösköppe,« brummte Bauer Weber, -»ein Hindenburg hat was anderes zu tun als mit zwei Ausreißern zu -reden.« - -Der Pfarrer nickte ernst. »Der reist nicht im Lande herum, im Osten -hält er Wacht. Gott sei Dank, der uns solchen Wächter gab!« - -Da war es nun nichts mit dem Sturm in das Dorf hinein, und doch -kamen sie mit Jubel an. Denn kaum waren sie wenige Schritte von dem -Bahnhöfchen entfernt, als der Vorsteher ihnen eiligst nachgelaufen kam. -»Sie haben Antwerpen, Herr Pfarrer, Antwerpen ist unser, eben wird’s -gemeldet.« - -Antwerpen erobert! Da vergaßen die Männer die Strafrede, und die Mütter -hatten sie ohnehin schon vergessen in der Freude, ihre unnützen Buben -heil wiederzuhaben. - -Froh ging’s ins Dorf hinein. Nun konnten die Glocken rufen und die -Fahnen wehen: »Sieg, Sieg, Sieg!« - -Arne und Jackenknöpfle marschierten einher, als wären sie wirklich -draußen gewesen, als hätten sie geholfen Antwerpen erobern. Sie hoben -stolz die Nasen, und ein Weilchen fühlten sie sich beinahe als Helden, -weil alle sie anstaunten. Aber nur ein Weilchen hielt der Stolz an, -dann kam die Vergeltung für begangene Missetaten. Einem Racheengel -gleich schoß Frau Besenmüller aus der Türe mit dem Rufe: »Meine Strümpe -her! Wo habt ihr meine Strümpe?« - -Die Buben wurden feuerrot, himmelgern hätten sie jetzt wieder im -verschlossenen Güterwagen gesessen, es half aber nichts. Sie mußten -ihre Ranzen öffnen, und da kamen wirklich die vermißten Strümpfe zum -Vorschein. »Die waren doch für Soldaten, und weil wir doch Soldaten -werden wollten, darum -- --« - -»Darum lirumlarum! Setzt euch auf den Schafskopf. Da paßt ihr hin, -da habt ihr gleich den rechten Namen,« schrie Frau Besenmüller -erbost. »Nä, so was, die scheenen Strümpe! Und gestimmt hat’s doch, -hundertvierunddreißig. Ja, zählen, das kann ich. Aber Zeit wär’s, die -Schule finge an, sonst kommen noch mehr Buben auf dumme Gedanken.« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Dreizehntes Kapitel - -Advent in Sorgen - - Jemand kommt auf der Apfelstraße daher, und der alte - Briefträger Klöppel sagt: »Morgen, morgen!« -- Weihnachtspakete - werden gepackt, und diesmal erzählt Vater Hiller eine - Geschichte, und die Mütter denken an ihre Söhne, Malchen aber - stimmt die Wacht am Rhein an - - -Ein paar Tage nach Arnes und Jackenknöpfles Heimkehr war es, da kam -vom Bahnhof her ein alter Mann die Apfelstraße entlang. Er ging ganz -langsam, blieb auch einmal stehen und sah sich um, und obgleich es -ein trüber Tag war und der Nebel die Ferne verhüllte, schien dem -alten Mann doch alles sonderlich gut zu gefallen. Kurz vor dem Dorfe -bogen von einem Feldweg etliche Kinder auf die Apfelstraße ein. Sie -hatten Kartoffeln gegraben und sahen wie richtige Erdmännlein aus. Der -Fremde blieb stehen und ließ die Kinder herankommen; die musterten ihn -neugierig, aber nur wenige Augenblicke stutzten sie, dann schrieen sie -plötzlich alle wie aus einem Munde: »Herr Hiller, unser Herr Hiller!« - -Es war wirklich Vater Hiller und kein anderer, der da auf der -Apfelstraße von Steinach stand und all die kleinen schmutzigen Hände -herzlich in die seinen nahm. Die Kinder meinten, er sei zu Besuch -gekommen, aber bald erfuhren sie es, Vater Hiller wollte wieder ihr -Lehrer sein. Er wollte seinen jungen Nachfolger vertreten, bis der -heimkam. - -»Vater Hiller ist wieder da!« Der Ruf lief durch Steinach wie eine -Siegesnachricht, und wie bei einer solchen strömten die Leute aus den -Häusern. Vater Hiller war da, ihr alter, guter Vater Hiller, den mußten -sie doch sehen. Dem alten Mann streckten sich so viele Hände entgegen, -so viele Leute kamen, ihm guten Tag zu sagen, daß er nur ganz langsam -vorwärts kam. Frau Besenmüller im Schulhaus verging fast vor Ungeduld. -»Keinen Empfang, nischte nich hat er gewollt, un nu is ’n Lärm im Dorfe -wie beim Vogelschießen,« schalt sie. Die große Schulglocke hatte sie im -Arm, denn damit wollte sie den alten Lehrer begrüßen. Tüchtig klingeln -wollte sie, die Glocke sollte rufen: »Hurra, hurra!« Endlich näherte -sich der Zug langsam dem Schulhaus, und nun hielt es Frau Besenmüller -nicht mehr aus, sie wollte ihr Freudenklingeln beginnen, aber ihre -Hände zitterten vor Aufregung, die Klingel entrutschte ihr und kollerte -Vater Hiller vor die Füße. - -Der hob sie lächelnd auf. »Ei, die kann es wohl nicht erwarten?« sagte -er heiter und schwenkte sacht die Klingel. Die tönte ein wenig, nur als -wollte sie fein bescheiden »Willkommen!« sagen. - -So zog Vater Hiller ohne stürmisches Klingelgeläut in seinem lieben -Schulhaus wieder ein, und am nächsten Morgen stand Frau Besenmüller -wieder vor der Türe, wie schon viele Jahre, und die Glocke schrie: »Es -ist Zeit, Zeit, die Schule fängt an! Fleißige und Faule herbei, herbei!« - -Die Kinder kamen gern, und als die so lange verschlossene Schulstube -sich wieder auftat, da wurde es ihnen ganz heimatlich zumute. Auf -einmal behaupteten sie alle miteinander, sie hätten die Ferien schon -recht satt gehabt; aber auf die Weihnachtsferien freuten sie sich doch -alle. - -Den Erwachsenen war es nicht weihnachtlich ums Herz in diesem Jahr. -Die horchten alle hinaus, hin nach des Reiches Grenzen. Immer weiter -tobte dort der Kampf. Der November kam mit grauen, trüben Tagen, da -kehrte Trauer ins Pfarrhaus ein: der älteste Sohn war gefallen. Der -alte Briefträger sagte, als er die Nachricht überbrachte: »Es ist eine -schwere Zeit für unsereinen, man trägt so viele Sorgen aus.« Dabei -sah er trüb nach dem Schulhaus hinüber. Da drinnen wartete Frau Fries -seit zehn Tagen auf einen Brief des Sohnes. »Morgen kommt der Brief,« -versicherte der alte Briefträger, »morgen sicher.« - -Am nächsten Tage -- gegen Mittag kam die Post erst ins Dorf -- rannte -Fritze Schwetzer weit hinaus auf die Birnenstraße; von dorther kam der -Bote, vielleicht brachte er heute den ersehnten Brief. - -Der Alte winkte schon von weitem abwehrend mit der Hand. »Gibt nichts, -morgen, morgen -- vielleicht.« - -Schwetzers Fritze raste zurück. Vor dem Schulhaus stand schon Frau -Fries, da tat es der Bube dem alten Briefträger nach, schüttelte auch -mit dem Kopf: »Morgen, morgen sicher!« Aber er sagte »sicher« dazu. - -Und wieder wurde es Mittag, und wieder wartete Schwetzers Fritze weit -draußen auf der Straße, und der alte Bote schüttelte wieder den Kopf. -»Heute nicht, aber morgen -- vielleicht.« - -So ging es fort Tag um Tag. Einmal stand Fritze nicht mehr allein weit -draußen, Pfarrers Regine stand neben ihm, die wollte auch wissen, ob -Heinrich Fries nicht geschrieben hatte. Aber wieder schüttelte der -Briefträger den Kopf. »Morgen -- vielleicht,« sagte er, wie schon so -viele Tage, und dann seufzte er: »Eine schwere Zeit, schlimm, schlimm!« - -Tag um Tag verging so. Immer wieder lief Schwetzers Fritze hinaus, und -Fräulein Regine ging mit ihm, und immer kehrten sie beide enttäuscht -heim und sahen die alte Frau aus dem Schulhaus schon den Weg entlang -kommen. »Kein Brief, keine Nachricht!« - -Dann endlich eine Karte von einem Kameraden. Heinrich Fries wurde -vermißt. War er tot, war er gefangen? Man wußte es nicht. - -»Vermißt!« Es sah niemand in Steinach die alte Frau Lehrerin weinen, -still tat sie ihre Arbeit, still half sie andern, aber wenn die Leute -diese stille Frau durch die Gasse schreiten sahen, dann sagten sie -zueinander: »Der bricht das Herz.« - -Im Pfarrhaus trauerten sie um den einen Sohn, aber die Pfarrersleute -waren noch reich, und die junge Regine tat den Eltern alle Liebe an. -Sie hatte aber auch immer noch Zeit, in das Schulhaus hinüber zu -laufen, gerade wie Schwetzers Fritze, der halb im Schulhaus wohnte. Er -machte seine Arbeiten an Frau Fries’ Tisch, er half Frau Besenmüller, -und wenn seine alte Freundin durch das Dorf ging, da ging er mit, immer -drei Schritte hinterher. Redselig war Fritze noch immer nicht, aber mit -Frau Fries unterhielt er sich doch gut, da brauchte er nur drei statt -zehn Worte zu sagen, gleich verstand sie ihn. Und wenn er einmal später -kam, dann sah sie schon nach ihm aus, atmete tief und sagte wohl: »Gut, -daß du da bist, Fritz!« - -Der erste Schnee sank auf Steinach nieder, und er blieb liegen und -schmolz nicht gleich wie wohl in den großen Städten. Die Adventszeit -brach an, und wenn die Kinder untereinander waren, dann redeten sie -doch von Weihnachten, aber je näher das Fest kam, desto weniger wollten -die Erwachsenen davon wissen. Und doch lud auch dieses Jahr Frau -Fries die Kinder wieder zur Adventsfeier ein. Zu einem Arbeitsfest, -sagte sie, alle sollten ihr helfen, Weihnachtsgrüße zu packen. Nach -Ostpreußen sollten noch Pakete gehen, ins Elsaß und zu den Feldgrauen -in die Schützengräben, in denen sie in Regen, Schnee, Sturm und Kälte -hausten. - -Diesmal kamen die Kinder nicht allein, auch die Mütter kamen mit, und -das große Schulzimmer war fast zu klein für alle Gäste. Besenmüller saß -wieder im Winkel und strickte, jetzt aber einen grauen Strumpf, und die -Bäuerinnen strickten auch. Die Kinder dachten alle, Besenmüller würde -vielleicht eine Geschichte erzählen. Erst warteten sie still, dann -fragten sie laut, doch Besenmüller schüttelte traurig den Kopf: »Nä, -nä, ich weiß nur was von den alten Schelmen, und das paßt nicht für -heute.« - -»Keine Geschichte?« klagten die Kinder. - -Frau Fries seufzte. Eine Geschichte erzählen, ja, das gehörte zu einer -Adventsfeier, aber ihr Herz war ihr so schwer, es tropfte und rann -unablässig darin, es weinte. Vater Hiller saß auch im Schulzimmer, und -als die Kinder so um ihre Geschichte klagten, da nickte er Frau Fries -zu und sagte: »Ich will euch heute eine Geschichte erzählen, eine -selbsterlebte dazu. Besenmüller sagt, eine Schelmengeschichte paßt -nicht in diese Zeit, aber eine aus dem Krieg von 1870/71, die kann es -wohl sein.« - -»Vater Hiller war nämlich dabei,« flüsterten sich die Bäuerinnen zu, -und die Kinder spitzten die Ohren; hoho, ihr alter Lehrer war auch im -Krieg gewesen. - -Der begann: »Die großen Schlachten des Krieges waren schon geschlagen, -ihr wißt: Gravelotte, Sedan, all die herrlichen Siege. Wir lagen vor -Paris. Ein kalter Winter war’s, wir haben weidlich gefroren, und wir -hatten viel auszustehen. In Frankreich kämpften auch jene gegen uns, -die nicht Soldaten waren, Männer und Frauen. Heimlich, hinterlistig -suchten sie uns zu verderben; es sind ihnen viele von uns zum Opfer -gefallen. - -Im Quartier lag ich mit einem blutjungen Burschen zusammen. Heinrich -will ich ihn nennen. Ein feiner, hübscher Junge war es, mit -einem freien, hellen Blick. Dazu stimmte gar nicht sein stilles, -verschlossenes Wesen. Es war leicht zu merken, er trug einen Kummer, -der hatte ihn so ernst, fast finster gemacht. Durch einen Zufall erfuhr -ich, was ihn quälte. Er war einer Witwe einziger Sohn, und er hatte -sich das Hinausgehen ertrotzt. Von der Schule weg war er mitgegangen, -nur kämpfen für das Vaterland, das war sein einziger Gedanke. Keine -Mutterbitte hatte ihn gehalten. - -Seine Mutter war eine zarte Frau, die Sorge um ihr einziges Kind hatte -sie aufgerieben. Sie war erkrankt, hatte es lange dem Sohn verborgen, -bis der es durch Verwandte erfuhr. Da quälte ihn die Sorge so, daß er -stumm und verschlossen darüber wurde. Immer wieder fragte er sich, ob -er unrecht getan, daß er ging. Aber dem Vaterland zu dienen, war doch -Pflicht und Ehre. Einen bitterschweren Kampf kämpfte der arme Junge in -aller Stille durch. - -Es war um die Weihnachtszeit. Wir dachten viel an die Heimat, -und manchmal, wenn wir so hinübersahen nach Paris, da sangen wir -wohl halblaut die lieben deutschen Weihnachtslieder. Am dritten -Adventssonntag war es, da mußte Heinrich Wache stehen. Er hatte vorher -noch nachgefragt, ob ein Brief für ihn gekommen sei. Nein, es war -keiner da. Ich sah es ihm an, wie groß seine Enttäuschung war, und als -er fort war, fiel es mir ein, heute war sein Geburtstag. Einmal hatte -er halb scherzend, halb traurig gesagt, er sei ein Adventskind. - -Am Geburtstag keinen Brief von der Mutter zu erhalten, von der Mutter, -die krank war, ihm vielleicht zürnte, das mochte hart sein. An diesem -Tag erhielten wir dann zufällig noch eine Postsendung, eine Anzahl -Briefe, einer für Heinrich war auch dabei. Ich nahm ihn an mich und -wollte ihn später abliefern, aber wunderlich, der Brief in meiner -Tasche machte mich unruhig. Ich war frei, und so überlegte ich nicht -lange, ich ging dahin, wo Heinrich die Wache hatte. Lesen konnte er den -Brief dort nicht, so hell war der Abend nicht, aber er wußte doch, die -Mutter hatte geschrieben, schon das mochte ihn freuen. - -Ich ging also den Weg, ging ganz allein und dachte an die Heimat. Würde -ich nächstes Jahr Weihnachten wieder daheim sein? Ein leises Geräusch, -wie ein huschen von Schritten, ließ mich aufsehen. Ich sah vor mir zwei -dunkle Gestalten auftauchen und verschwinden -- Freischärler. - -Ich spannte mein Gewehr, schlich langsam vorsichtig weiter, leise, ganz -leise, und dann plötzlich sah ich seitwärts jemand knien, eine Büchse -zielend gespannt in der Richtung, wo Heinrich auf Wache stand. Ich habe -nicht lange überlegen können, laut rief ich: »Wer da?« - -Ein Schuß von mir, einer von dort, noch einer, der Mann überschlug -sich, aber er mußte noch nicht schwer verletzt sein, ich sah zwei -fliehende Gestalten. - -Rasch vorwärts! Heinrich, war mein Gedanke. Er war unverletzt. Mein Ruf -hatte ihn aufmerksam gemacht, er hatte noch Deckung suchen können, er -hatte auch geschossen, wußte aber nicht, ob er jemand getroffen hatte. - -Die Schüsse waren von unsern Leuten gehört worden, Hilfe kam herbei. -Wir durchsuchten die Gegend, fanden aber niemand. Die Wache wurde -verstärkt, und die Nacht ging ruhig vorüber. - -Den Brief habe ich Heinrich gegeben, den Brief der Mutter, der ihm -eigentlich das Leben gerettet hatte. Nur um des Briefes willen hatte -ich ihn aufgesucht, und ohne mein Dazwischenkommen wäre der Anschlag -sicher geglückt. Am nächsten Tage hat mir Heinrich den Brief gegeben, -es war ein lieber, mutiger Brief, ein rechter, herzwarmer Mutterbrief. -Die einsame Frau klagte nicht, mutig, tapfer schrieb sie dem Sohn. -An seinem Geburtstag dankte sie ihm, daß er hinausgezogen war in den -Kampf für das Vaterland. »Ich bin stolz auf dich, mein Junge,« schrieb -sie ihm. »Und das ist so wundervoll, wenn eine Mutter dies an ihr Kind -schreiben kann, schreiben darf: Ich bin stolz auf dich. Ich war schwach -und kleinmütig, aber der Gedanke an meinen tapferen, pflichttreuen Sohn -hat mich stark gemacht.« - -Heinrich ist heimgekehrt, seine Mutter hat auch sonst stolz auf ihn -sein dürfen. Er lebt noch heute, das Vaterland nennt ihn einen seiner -größten Gelehrten. Seine Mutter hat sich noch lange an ihm freuen -können.« - -Der alte Lehrer schwieg. Die beiden Adventslichtchen auf dem dicken -Kranz, der an roten Bändern von der Decke herabhing, flackerten, und -ein Tannenzweiglein knisterte schwelend. Es war ganz still im Zimmer, -feiertagsstill. - -Hinzpeters Malchen, die nicht singen konnte und doch so singlustig -war, dachte, nun müsse man singen. Aber ein Weihnachtslied wollte ihr -nicht aus der Kehle dringen, sie war viel zu kriegerisch gesinnt, und -plötzlich tat sie ihren Mund auf und sang so falsch als möglich: Es -braust ein Ruf wie Donnerhall ... - -»Falsch,« riefen ein paar. Aber die andern redeten nicht, sondern -fielen richtig ein, übertönten Malchens falsche Töne, und der Gesang -schallte hinaus in die Winterstille. Ein paar Mütter saßen mit -gesenkten Häuptern, und jede dachte, vielleicht behütet auch meinen -Sohn mein Denken und Gebet. - -Die Adventsfeier dehnte sich lange aus. So lustig war sie nicht wie vor -einem Jahre, aber zuletzt gingen doch alle zufrieden heim. Sehr viele -Pakete und Kisten waren gepackt worden, so viele fleißige Arbeit ruhte -darin. Und doch sagte die alte Frau Lehrerin zu Pfarrers Regine: »Man -muß noch mehr tun. Die Not ist groß!« - -Frau Weber, Arnes Mutter, war eine kluge, tätige Frau, die es auch -verstand, über Steinachs Grenzen zu schauen. Sie hatte zudem Verwandte -drinnen im Elsaß, und sie erzählte allerlei, wie es dort zuging. -Befreien wollten die Franzosen das Land, so sagten sie, und hausten -darin, daß es zum Erbarmen war. - -Pfarrers Regine hatte einen Brief mitgebracht, den eine Freundin der -Mutter geschrieben hatte. Aus Ostpreußen kam er, darin wurde erzählt, -wie die Russen gekommen waren über Nacht, und wie alles in Flammen -aufgegangen war. Und von der Russennot kam das Gespräch wieder auf -Held Hindenburg und auf andere Helden. Die Erwachsenen redeten, die -Kinder hörten zu, die Weihnachtslieder wurden vergessen, und erst als -spät alle auseinander gingen, rauschte noch einmal das alte, schöne -Lied auf: »Wie soll ich dich empfangen und wie begegnen dir?« - -Und dann tat Frau Besenmüller die Haustür auf, und alle gingen heim. -Am nächsten Tag erhielt Frau Fries die Nachricht, ihr Sohn sei -schwerverwundet in französische Gefangenschaft geraten. Wo er sei, ob -er noch lebe, wußte man nicht. Verwundet und gefangen! - -Die Frau preßte die Hände an ihr Herz, festhalten mußte sie es, stark -und tapfer sein. Noch lebte vielleicht der Sohn, vielleicht kehrte er -ihr doch zurück. Am gleichen Tage seufzte der alte Briefträger wieder: -»So lange trag’ ich nun schon die Post herum, aber so schwer war’s noch -nie, nä, noch nie.« Er hatte in ein Haus in Steinach die Nachricht -gebracht, daß der Mann gefallen sei. Der Schmiede-Franz war es, eine -junge Frau weinte sich fast die Augen aus, und Frau Fries ging zu ihr -und stand ihr bei in ihrer Not. - -Und so kam Weihnachten heran, und es war still und feierlich. Es war -kein Freudenfest, aber die Herzen taten sich viel, viel weiter als -sonst auf, den Heiland zu empfangen. - - - - -[Illustration] - - - - -Vierzehntes Kapitel - -Silvias Tat für das Vaterland - - Warum Silvia Traugott keine Strümpfe strickt, und was sie - alles tun will -- Malchen sieht beinahe wie ein Junge aus, - die Öllampe zerbricht, Fräulein Regine kommt, und zwei werden - wieder die allerbesten Freundinnen - - -Unter den Kindern von Steinach gab es ein Mädchen, das redete nicht -viel mehr als Schwetzers Fritze. Aber während sich der Bube manchmal -ärgerte, daß ihm das Reden gar so schwer wurde, fühlte sich Silvia -Traugott so wohl in ihrer schweigsamen Stille wie jemand, der viele -Stunden seines Lebens in einem schönen, blumenreichen Garten verträumt. -Silvia war das einzige Kind ihrer Eltern, sie hatte aber Vettern und -Basen genug, denn in Steinach saßen auf vier Höfen Traugotts, die waren -alle versippt miteinander. In den Krieg hatte Silvias Vater nicht -mitziehen können, er hatte ein steifes Bein von einem Sturz vom Wagen -her, aber trotzdem wurde bei den Traugotts nicht weniger vom Krieg -gesprochen und nicht weniger daran gedacht als in andern Häusern. - -Immer saß Silvia still dabei. Sie fragte und sagte nichts, sie ging -einher, als wäre kein Krieg auf der Welt. Ihre Mutter bekümmerte das -manchmal, und sie mahnte oft: »Silvia, strick’ an deinem Strumpf, denk’ -an die Soldaten draußen!« - -Dann strickte die Kleine wohl rasch ein paar Nadeln, aber meist ließ -sie die Arbeit bald wieder sinken und träumte vor sich hin. »Traumsuse« -nannte ihr Vater sie, auch Fräulein Regine sagte manchmal so, auch die -mahnte: »Silvia, dein Strumpf! Willst du gar nichts für die Soldaten -tun?« - -Dann wurde Silvia feuerrot; sehr traurig machte sie so eine Frage, -denn sie hatte den sehnsüchtigen Wunsch, viel, sehr viel für die -Soldaten, für das Vaterland zu tun. Silvia hatte einmal von einem -Mädchen gelesen, das in großer Kriegsnot erschienen und allen voran in -die Schlacht gezogen sei, um ihr Volk zum Sieg zu führen. Daran mußte -Silvia immer denken, und sie hätte himmelgern auch so etwas getan. -Oder sie wäre gern mitten in die Schlacht hineingelaufen und hätte den -Soldaten Wasser gebracht oder die Verwundeten gepflegt. Seit Krieg war, -dachte Silvia nicht mehr an ihre Märchen wie früher, sie träumte nicht -mehr mit offenen Augen von goldenen Schlössern, Königen, Prinzessinnen, -von aller Lust und Pracht des Märchenlandes, sie dachte nur immer an -den Krieg. - -Sie dachte, vielleicht kommen die Feinde einmal nach Steinach; ich -merke es zuerst, dann rufe ich es im Dorfe aus, ganz laut, und in -die Kirche renne ich und läute selbst die Glocke, und alle werden so -gerettet. - -Die kleine Silvia wußte nicht viel von der Welt draußen, nicht, wie -weit sich die Länder dehnen, sie dachte, im Kriege müßte es so zugehen -wie in ihren Märchenbüchern: Puff, puff! und die Kriege waren gleich -aus. Als dann Webers Arne und Jackenknöpfle ausgerissen waren, um -geschwind in den Krieg hineinzulaufen, da klopfte ihr das Herz vor -Sehnsucht. Sie wäre gern mitgezogen, und sie überlegte ganz ernsthaft, -ob sie nicht nachrennen sollte. Sie lief auch die Birnenstraße entlang, -denn Frau Besenmüller hatte gesagt, dorthin ginge es nach Frankreich. -Wie sie aber so weit gelaufen war, daß sie Steinach nicht mehr sah, -überfiel sie eine furchtbare Angst vor der weiten Fremde, und sie -kehrte geschwind wieder um. - -Die Buben kamen zurück, und im Dorfe lachten sie über die verunglückte -Reise in den Krieg. An diesem Tage gerade las Silvias Vater einen -Brief aus dem Felde vor, darin stand: »Vier Tage sind wir bis hierher, -bis an die russische Grenze gefahren!« - -Vier Tage! Der kleinen Silvia verging aller Mut, jemals in den Krieg zu -kommen und draußen Heldentaten zu verrichten, und da Steinach wirklich -inmitten des deutschen Vaterlandes lag, sagten alle: »Zu uns kommt nie -der Krieg. Gott sei Dank!« - -»Man kann auch im Lande Kriegsarbeit tun,« sagten die großen Leute. -Silvias Mutter meinte: »Strick’ fleißig, jeder Soldatenstrumpf hilft -den Krieg gewinnen.« - -Das verstand Silvia nun ganz und gar nicht. Was hatten die dicken, -grauen, häßlichen Strümpfe mit glänzenden Heldentaten, mit Sieg und -Ruhm zu tun? - -Als daher die Weihnachtspakete gepackt wurden, lag von jedem Mädel, das -in Steinach stricken konnte, eine Arbeit dabei, nur Silvia Traugotts -Strümpfe waren nicht fertig. Alle sagten, das sei eine Schande. Silvia -schämte sich auch sehr, aber trotzdem träumte sie weiter von großen -Taten, wenn sie stricken sollte, und vergaß darüber ihre Arbeit. - -Die Kinder redeten viel davon, daß ihr junger Lehrer Heinrich Fries -gefangen sei. Silvia weinte heiße Tränen um ihn. Sie meinte, er säße -nun in einem finstern, dunklen Turm und müßte hungern. Wenn es nur -nicht so weit gewesen wäre, und wenn sie nur den Weg gewußt hätte, -sie wäre gleich zu ihm gewandert, hätte ihm Essen gebracht und ihn -vielleicht auch befreit. Ja, wären nur die vielen dummen Wenn und Aber -nicht gewesen, diese bösen Wörter, die sich stets so höhnisch in die -allerschönsten Pläne hineinschieben! Immer, wenn Silvia sich etwas -recht schön ausgedacht hatte, kam so ein Wort, nahm den Plan und riß -ihn mitten durch, -- ritsch, ratsch, nichts war es damit. - -Weihnachten kam, und Weihnachten verging. Die laute Freude schwieg, und -viele, viele Tränen flossen an dem sonst so frohen Fest. Gabentische, -die fast brachen unter der Fülle, kannte man auch in guten Jahren in -Steinach nicht, aber in diesem Jahr lagen in den meisten Häusern nur -wenige Geschenke unter dem Baum. Silvia bekam eine neue Schürze und ein -Buch, das hatte eine Base aus der Stadt geschickt. In dem Buch stand, -wie es vor hundert Jahren in Deutschland gewesen war, als jahrelanger -Krieg das blühende Land verwüstet hatte. Was Silvia da las, verwirrte -ihren kleinen Kopf ganz und gar. Da stand von einem Mädchen, das als -Soldat mit in den Krieg gezogen war, eine andere hatte sich ihre -langen Haare abgeschnitten als Opfer für das Vaterland. Warum sie es -getan, verstand Silvia zwar nicht recht, aber schön fand sie es, und -sie träumte nun wieder davon, es dem schönen, blonden Edelfräulein von -einst nachzutun. Es mußte doch etwas sehr Schönes, Großes sein, sich -die Haare abzuschneiden, wenn es nach hundert Jahren noch in einem -Buche erzählt wurde. - -Silvia dachte an die abgeschnittenen Zöpfe und nicht an ihren Strumpf, -und als sie nach den Feiertagen zum erstenmal in die Strickstube ging, -wie es Fräulein Regine nannte, da war der Strumpf noch immer nur ein -unförmliches Ding. Die Strickstube tagte jetzt immer im Schulhaus, -Frau Fries half dabei, und Besenmüller war Ehrengast. »Der sitzt da -als Vorbild,« sagte seine Frau, »denn mein Besenmüller ist in der -Strickerei, was Hindenburg for die Soldaten ist.« - -An diesem ersten Nachmittag las Frau Fries ein paar Briefe vor, die den -weiten Weg von Frankreich und Rußland bis nach Steinach gereist waren, -um den kleinen Mädeln von Steinach Dank für alle gestrickten Sachen zu -sagen. Für alle war der Dank, nur für das Traumsuschen Silvia Traugott -nicht. Ein Soldat schrieb, er hätte tagelang halb im Wasser gestanden, -hätte keine trockenen Strümpfe, gar nichts mehr gehabt, da wäre das -Paket von Steinach gekommen, und er hätte weinen müssen vor Freude über -alle die schönen Weihnachtsgaben. Frau Fries tat das Herz weh, als sie -es las, so wie jener hätte sich ihr Sohn wohl auch gefreut, aber ihr -Sohn war gefangen, noch hatte kein Gruß ihn erreicht. Sie wußte nicht -einmal, ob er noch lebte, ob er nicht schon einsam und verlassen im -Feindesland gestorben war. - -Die Mädel hörten alle nicht, wie das Mutterherz weinte, sie waren alle -glückselig über die Briefe. Nun hatten sie doch etwas getan, hatten für -das Vaterland gearbeitet. Sie alle, alle, nur eine nicht, Silvia nicht. - -Die saß wie erstarrt. So war es, wie der Soldat schrieb, im Wasser -standen sie, nicht trocken wurden sie, und sie freuten sich, wenn sie -Strümpfe bekamen, sie dankten dafür, als wären es die allerköstlichsten -Dinge. - -»Ich glaube,« las nun Pfarrers Regine aus einem andern Briefe vor, -»in Steinach gibt es nur fleißige Mädchen. Wenn ich heimkomme aus dem -Krieg, dann komme ich auch nach Steinach und bedanke mich bei allen.« - -»Bei dir nicht,« durchfuhr es Silvia, und ihr Kopf sank ganz tief auf -den Strumpf herab. O die Schande! Sich verkriechen hätte sie mögen vor -Scham. - -»Ich hab’ beinahe wieder ’n Paar fertig,« schwätzte neben ihr Malchen -Hinzpeter. »Fein, was?« - -Silvia gab keine Antwort, Tränlein um Tränlein rann auf das graue -Wollgespinst nieder. Ihre Hände zitterten, und auf einmal bekamen die -Nadeln die ungeschickten Hände satt, sie rissen aus, eine, dann noch -eine, die dritte hielt Malchen auf. Die sah das Unheil und sah Silvias -Schmerz, und hilfsbereit sagte sie schnell: »Ich helfe dir.« - -Silvia hörte das kaum. In ihr stürmte es. Nichts, nichts hatte sie für -das Vaterland getan, gar nichts, und doch hatte sie so viel tun wollen. -Immer heftiger rannen ihre Tränen, und Malchen tröstete: »Die fang’ ich -schon, wein’ doch nicht!« - -Aber Silvia dachte gar nicht an die entwischten Nadeln. Das Herz -brannte ihr. Oh, nur etwas tun können für das Vaterland, nur zeigen -dürfen, wie gut ihr Wille war! Ganz jäh kamen ihr die abgeschnittenen -Zöpfe des blonden Edelfräuleins in den Sinn. Ihre waren zwar dunkel -wie die von Malchen, aber das schadete gewiß nichts. Zopf ist Zopf. -Ihre Nachbarin hatte eine Schere vor sich liegen, die sah sie, obgleich -ihr die Tränen fast den Blick verdunkelten. Ach, ein Zopf ist schnell -abgeschnitten! Eins, zwei, drei, ritsch! nur flink gleich alle beide. - -»Au!« kreischte Malchen neben ihr auf, »huhuhu, mein Zopf, mein Zopf! -Silvia hat mei -- --,« weiter kam Malchen nicht, sie brach in ein -wildes Jammergeheul aus. - -Es war, als wäre ein Wirbelsturm in die Strickstube gefahren. Zuerst -wußte im wilden Hinundher niemand, was geschehen war. Malchen schrie -vor Schreck und Empörung immer lauter, ihre Nachbarinnen zeterten: -»Der Zopf, der Zopf!« Nur Silvia stand leichenblaß, stumm inmitten des -Wirrwarrs, zwei Zöpfe hielt sie in der Hand, der eine war braun, der -andere schwarz, aber rote Schleifen hatten sie beide. - -»Traugotts Silvia hat Hinzpeters Malchen einen Zopf abgeschnitten, sich -selbst aber auch einen.« So nach und nach erst bekamen Frau Fries und -Fräulein Regine heraus, daß dies geschehen war. »Warum? Silvia, warum -hast du das getan?« - -Silvia gab keine Antwort. Sie konnte nicht, sie tat ein paarmal die -blassen Lippen auseinander, aber kein Laut kam hervor. Frau Fries sah -es, die Kleine konnte nicht sprechen, sie nahm sie sacht bei der Hand -und führte sie zu sich hinauf. Vielleicht erschloß sich ihr allein das -scheue Herz. Aber Silvia brach oben nur in ein verzweifeltes Weinen -aus, sie weinte und weinte und hörte auch nicht auf, als ihre Mutter -kam. - -Unten hatte sich Hinzpeters Malchen viel schneller über den verlorenen -Zopf getröstet. Sie lachte schon wieder, als Silvia oben vor Leid -noch fast verging. Zimplichs Lenchen hatte nämlich mitten in das -Jammergeheul hineingerufen: »Jetzt biste beinahe wie ’n Junge.« - -Dies Wort trocknete wie der Wind Malchens Tränen. Wie ein Junge -herumgehen dürfen, kurzgeschnitten, ohne Zöpfe, von denen man doch -immer die Bänder verlor, das war noch eine Sache. Am liebsten hätte -sie nun geschwind gleich den zweiten Zopf abgeschnitten, doch das -litt Fräulein Regine nicht. Die schloß für heute die Strickstube und -erklärte, sie selbst wolle Malchen heimbringen. Das wollten aber alle -andern auch, und so wurde Hinzpeters Malchen wie eine Prinzessin -heimgeleitet. Fräulein Regine trug selbst den abgeschnittenen Zopf und -erzählte Frau Hinzpeter auch die merkwürdige Geschichte, und Malchen -kam sich ungeheuer wichtig vor. Die Mutter sah nicht gerade erfreut -aus, sie verwunderte sich sehr über Silvias Untat, aber sie war keine -Frau, die viel unnütze Worte machte. »Meinetwegen mag auch der zweite -Zopf herunter,« sagte sie, »so halbseitig kannste niche rumlaufen.« Und -ritsch, ratsch schnitt sie den zweiten Zopf ab, und Malchen jauchzte -laut, als wäre ihr das größte Glück widerfahren. -- - -Inzwischen war auch Silvia heimgekehrt unter dem Schutz der Mutter. Die -hatte das weinende, zitternde Kind zu Bett gebracht und hatte neben ihr -gesessen, bis sie meinte, es schlief. - -Aber Silvia schlief nicht. Die lag wach im allergrößten Herzeleid. -Sie wußte kaum, worüber sie trauriger war, über den Zopf, den sie der -Kameradin abgeschnitten hatte, oder über ihre Faulheit. Plötzlich fiel -es ihr ein, wenn sie nun strickte, immerzu strickte, Tag und Nacht, -dann wurden doch die Strümpfe fertig. Sie stand auf und tastete sich -vorsichtig hinaus; sie wußte, wo Zündhölzer lagen und ein Öllämpchen -stand, das holte sie sich, nahm ihr Strickzeug und begann zu stricken, -Nadel um Nadel. Und auf einmal war der Strumpf fertig und gleich wieder -einer und immer mehr und mehr, die türmten sich auf, ein Berg wurde es, -ein hoher, hoher Berg, und oben saß Malchen Hinzpeter und schwang ihren -Zopf; sie schlug damit auf die Strümpfe, und merkwürdig, das klirrte -und klang, und Silvia schrie laut vor Schreck. - -»Aber Silvia, um Gottes willen, was ist das?« Silvias Mutter war von -einem Klirren aufgewacht und hinübergelaufen in ihres Mädels Kammer. -Da lag das Laternchen zerbrochen am Boden; glücklicherweise war es -ausgegangen, und Silvia lag auf dem Bett, ihren Strickstrumpf fest -umklammernd. Sie war eiskalt, und danach wurde sie glühend heiß. Sie -hatte heftiges Fieber, und in dem Fiebertraum klagte sie immer, sie -wolle etwas für das Vaterland tun. Ein paar Tage war Silvia krank, und -in dieser Zeit erschloß sich ihr Herzlein der Mutter, von ihrem Willen -redete sie, viel, ja ungeheure Taten für das Vaterland zu vollbringen. - -»Lieber Himmel,« sagte Frau Traugott, »was kann so ein Dreikäsehoch in -dieser furchtbaren Zeit tun!« Sie redete lind und gut zu ihrem Kind, -und dann lief sie zu Pfarrers und holte Fräulein Regine herbei. Die -kam auch, und sie wußte Silvia gut zu raten und zu helfen, sie hatte -ja selbst anfangs gemeint, die stille Arbeit daheim in Steinach sei zu -klein, zu unbedeutend. - -»Ich will stricken,« sagte Silvia demütig und sah sich wieder nach -ihrem grauen Strumpf um. - -»Erst gesund werden,« riet Fräulein Regine, »dann kommst du wieder in -die Strickstube.« - -Silvia seufzte bang. In der Strickstube war Malchen, da waren alle -andern, die würden böse sein, würden spotten und lachen -- wie schwer -würde das sein! - -Aber es wurde gar nicht schwer, denn Malchen Hinzpeter hatte ein gutes -kleines Herz, und als sie von Fräulein Regine hörte, Silvia sei -krank, da kam sie geschwind angelaufen. Sie versöhnten sich beide und -waren Freundinnen wie zuvor nach Besenmüllers Wort, der immer sagte: -»Beim Dummtun und Bösesein kommt nischte nich heraus.« Immer wieder -versicherte auch Malchen: »Fein is das ohne Zöpfe!« - -Freilich, bei Silvias erstem Schulgang wollten die Buben spotten über -die zopflosen Mädel, aber da kamen sie bei Malchen schlecht an. Der ihr -flinkes Zünglein gab jedes Wort doppelt zurück, und zuletzt rief sie -stolz: »Und die Zöpfe wer’n verkauft, un für das Geld gibt’s Wolle, und -da stricken wir Strümpfe davon!« Sie sah die Necklustigen strafend an. -»Könnt ihr so was?« - -Nein, Zöpfe konnten sie sich nicht abschneiden, und Strümpfe konnten -sie auch nicht stricken; trotz Besenmüllers Vorbild. - -»Aber wir gehen selbst in ’n Krieg,« schrie Zimplichs Max. - -»Ja, und ihr schlaft bei Tage in der Eisenbahn, un denn seid ihr wieder -da!« Da behielt Malchen das letzte Wort, und Silvia sah bewundernd -zu der mutigen Freundin auf. Wie die wollte sie werden, und fortan -strickte sie auch Strümpfe wie die andern Mädel von Steinach, dicke, -graue Soldatenstrümpfe. - - - - -[Illustration] - - - - -Fünfzehntes Kapitel - -Die Krone - - Der alte Briefträger kommt nicht, und Fritze geht ihn suchen - -- Das Wort von der Krone, und wie selbst Klöße mit Speck und - Backbirnen nicht locken -- Fritze kehrt von Ringelheim zurück, - und Frau Fries denkt: Der wird noch einmal ein rechter Mann - - -An einem Februartag stand Schwetzers Fritze wieder auf der Birnenstraße -und wartete wie schon so oft auf den Briefträger. Die Sonne schien -hell, und ein sanfter Wind wehte, wie Frühling war es, aber darauf -achtete Fritze gar nicht. Er dachte nur an den Brief, der immer und -immer nicht kam. Seit Frau Fries die Nachricht erhalten hatte, ihr -Sohn wäre schwerverwundet in die Hände der Franzosen gefallen, hatte -sie nichts wieder von ihm gehört. Jeden Tag lief Fritz dem Briefträger -entgegen, und jeden Tag stand Frau Fries am Schulhaus und sah den Buben -mit leeren Händen kommen. Sie hatte nach Genf geschrieben, dahin und -dorthin, aber noch nichts über den Sohn erfahren. Lebte er noch? Hatten -ihn die Franzosen auch nach Afrika geschafft wie so viele andere? - -»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sagte die Mutter sich oft in den -langen, langen Nächten, wo alles ruhte in dunkler Stille und nur die -Sorgen wach waren. - -»Er kommt nicht wieder, er ist tot,« sprachen auch die Leute von -Steinach untereinander. Nur Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer -sagten: »Er kommt wieder!« Und dieser beiden unverzagte Hoffnung -richtete Frau Fries immer wieder auf. Dann läutete auch in ihrem Herzen -das Hoffnungsglöcklein: »Er kommt wieder, er lebt!« -- - -Wo nur der Briefträger blieb? Fritze spähte scharf in die Ferne. Einsam -lag die Straße, niemand kam. Der Bube stapfte weiter. Es war zwar -Mittagszeit, aber das bekümmerte ihn nicht, seine Mutter hatte ohnehin -gesagt: »Wenn’s um den Brief für die alte Frau Lehrerin ist, nu, da mag -das Spätkommen schon sein.« - -Fritze dachte nicht einmal daran, daß es heute eines seiner -Leibgerichte gab: Klöße mit Speck und Backbirnen, er hatte nur den -einen Gedanken, vielleicht kam heute, gerade heute der Brief. Aber -soviel er auch lugte, der Briefträger kam nicht. - -Im Dorf schlug die Uhr. Ein Uhr schon! Das Mittagessen war vorbei, -und fast eine Stunde wartete er schon. War der alte Bote so lange im -nächsten Dorf geblieben? Fritzes Magen knurrte, aber der Bube trabte -weiter. Wiesen, das Nachbardorf, lag noch eine halbe Stunde entfernt, -vielleicht war der Briefträger dort, und er fand ihn, und wenn der -Brief da war, dann wollte er zurück mit dem Wind rennen. - -Fritz rannte. Er sah nicht rechts, nicht links, und beinahe überhörte -er die schwache Stimme, die seinen Namen rief: »Schwetzers Fritze, Gott -sei Dank, lauf doch niche fort!« - -Verdutzt sah sich Fritz um. Da unter einem Baum kauerte der alte -Briefträger, er hatte den Kopf an den rauhen Stamm gelegt, und selbst -Fritz sah es, der alte Mann war krank. Mit einem Satz war der Bube -neben ihm, sein Mund schwieg, aber seine Augen fragten, und der Kranke -verstand diese stumme Frage. »Ich komm niche mehr weiter, aber der -Brief ist da.« - -»Der Brief!« jauchzte Fritz und vergaß darüber des alten Mannes Not. -Der lächelte matt. »Ja, er is da, und eures Herrn Lehrers Name steht -darauf, also er lebt. Und siehste, das hätt’ ich nu zu gern der alten -Mutter gebracht. Nä, nu is das niche!« - -Er seufzte tief und versuchte seine Tasche zu öffnen, aber die Hand -sank ihm matt zurück. »Fritze«, stöhnte er, »jetzt gibste mir deine -Hand, daß du alles tust, wie ich’s sage, nimm deinen Verstand zusammen!« - -[Illustration: Die Schelme von Steinach. Seite 229.] - -Fritze legte seine Hand in die des alten Boten, kraftlos war die und -kühl, und nur mühsam redete der: »In Steinach gibste alles ab, was -dahin gehört, un dann läufste nach Ringelheim, denn da warten auch ’n -paar Frauen so arg auf Briefe, un grade heut’ sin se da. Verlier aber -nischte! In Ringelheim gibste alles dem Küster, der macht’s schon, un -denn kommste nach Steinach zurück -- -- un vielleicht bin ich dann da.« -Er nestelte mühsam seine Tasche ab. Fritze wollte sie nehmen, aber der -Alte hielt sie fest. »Niche so schnell! So ’ne Tasche is was Heiliges. -Weißte, wenn dir ’n König seine Krone geben möcht’ und sagt: »Heb se -auf!« das is justament so, als ob ich dir meine Tasche geb. Verstehste -mich?« - -Fritz nickte. Es war ihm seltsam feierlich zumute. Auf einmal, er wußte -nicht, wie es ihm in den Sinn kam, dachte er, der alte Briefträger -Klöppel ist auch wie ein Soldat auf dem Schlachtfeld. - -»Fritze,« mahnte der Alte noch, »hörste, du mußt aber auch reden, in -Steinach sagen, wie’s is mit mir, un in Ringelheim auch. Und rennen -darfste niche, auch jetzt niche, ’s könnt was aus der Tasche fallen, -aber dich auch niche aufhalten, ja niche! Versprichste mir das?« - -»Ja,« sagte Fritz und sah dem Alten fest in die Augen. - -»Un reden mußte, Fritze, alles sagen.« - -»Ja.« Fritz seufzte, das war schwer, aber es mußte sein. Er griff -wieder nach der Tasche, und wieder hielt sie der alte Briefträger -fest. »Wie ’n König seine Krone, justament so is das.« Er strich fast -zärtlich über das abgeschabte Leder. »’s ist mir schwer geworden jetzt -das Tragen. Ja ja, schwer. Aber weißte, Fritze, ’s war auch fürs -Vaterland. Weil die Jungen fort sind, müssen’s die Alten tun. Ja ja! Un -wenn du jetzt gehst, Fritze, denk’ dran, ’s ist auch fürs Vaterland. -Niche rennen, un dann reden -- -- meine Krone trägste, Fritze, meine -Krone, merk’ dir’s.« - -»Ja,« sagte Fritze wieder, und seine Stimme tönte wie eine Glocke. -Da gab ihm der Alte die Tasche. »Um mich brauch’ keiner sorgen, das -is ganz scheene so in der lieben Gottessonne« -- -- er sprach nicht -weiter, er nickte nur dem Buben noch einmal zu. - -Der trabte von dannen. Er schritt rüstig aus, aber er rannte nicht, er -rannte auch nicht, als er von weitem Frau Fries kommen sah. Es zuckte -ihm freilich in den Füßen, er wäre ihr am liebsten entgegengestürmt, -hätte ihr den Brief hingehalten, aber sein Versprechen zwang ihn, und -er ging nicht einen Schritt rascher. - -»Fritze,« rief Frau Fries ihm entgegen, »wo bleibst du? Wo ist der alte -Klöppel?« - -»Der Brief!« Fritz hielt ihn hoch empor, und da endlich konnte er ihn -in die Hände der Mutter legen. Die faßte nach ihrem Herzen, das tat -laute Freudenschläge, der Brief kam von ihrem Sohn -- er lebte. - -Sie konnte kaum mit ihren bebenden Fingern den Umschlag öffnen, und ein -paar Augenblicke tanzten ihr die Worte vor den Augen, alles flimmerte -und flirrte. »Er lebt, er lebt! Du gütiger Gott, mein Sohn lebt!« - -Nur einen Augenblick blieb Fritz stehen, einen sehnsüchtigen Blick -warf er auf den Brief. Was mochte darin stehen? Doch sein Versprechen -zwang ihn vorwärts, und sein Versprechen zwang ihn zu reden, er sagte: -»Klöppel ist krank, ich muß die Briefe austragen und nach Ringelheim -gehen.« - -Zum erstenmal achtete Frau Fries nicht auf das, was Fritze Schwetzer -sagte, und der ging still weiter und ließ die Mutter mit dem -Sohnesbrief allein. - -Vor dem Schulhaus stand Besenmüller, und auf den trat Fritze zu und -erzählte das Geschehene. Er sparte Worte, aber er sagte alles. »Lieber -Himmel,« rief Besenmüller, »der alte Klöppel liegt auf der Straße, den -müssen wir reinholen.« - -Vater Hiller kam dazu, und noch einmal erstattete Fritze Bericht. »Ich -muß nu weiter,« sagte er, »ich muß noch nach Ringelheim.« - -»Es mag jemand hinfahren,« meinte Vater Hiller, aber Fritze entgegnete -ernsthaft: »Nä, ich hab’s versprochen, die Tasche niemand zu geben.« - -Der alte Lehrer spürte aus des Jungen kargen Worten die große Bürde -heraus, die auf dessen Schultern lag, er sah aber auch, da war Wille -und Kraft, die übernommene Aufgabe zu vollenden, und er sagte ruhig: -»So geh! Wir wollen rasch dafür sorgen, daß Klöppel ins Dorf gebracht -wird.« - -Schwetzers Fritze ging weiter, von Haus zu Haus. Überall mußte er -sagen, was geschehen war, und immer sagte er gleich dazu: »Ich muß -aber gehen.« Ins Pfarrhaus kam er, da rief er aber schon von weitem: -»Fräulein Regine, der Brief ist da, der Herr Lehrer hat selbst -geschrieben.« - -»Er lebt!« jubelte Fräulein Regine, und dann lief sie fort, lief nach -dem Schulhaus hin und hörte nicht einmal darauf, was ihr Freund Fritz -noch zu sagen hatte. Fritze ärgerte sich nicht darum, er fand es -selbstverständlich, und dann -- er mußte ja auch weiter, die Briefe -austragen und nach Ringelheim wandern. - -Er kam auch in sein Elternhaus, und seine Mutter eilte ihm ängstlich -entgegen. »Fritze, wo bleibst du?« - -Der Bube gab Antwort, auch hier so knapp und kurz wie überall. Doch -seine Mutter war nicht damit zufrieden, die meinte: »Erst mußte zu -Mittag essen, und die Briefe, die kann unsere Emma nach Ringelheim -tragen.« - -»Nä,« sagte Fritze, »ich hab’s versprochen.« - -»Aber essen mußte, dein Mittag steht warm.« - -Klöße mit Speck und Birnen dazu. Bei dem Gedanken daran spürte -Fritze, wie leer sein Magen war, ganz leer, das Wasser lief ihm im -Munde zusammen, er sagte aber fest: »Nä, kann nich essen. Ich hab’s -versprochen, die Tasche kriegt niemand.« - -Die Mutter wollte widersprechen, aber als sie so in das entschlossene -kleine Bubengesicht sah, fühlte sie es, sie durfte ihn nicht hindern, -sein Wort zu halten. »Dann geh nur,« sagte sie, »trag’ die Briefe -weiter.« - -Fritz tat einen Seufzer, nickte der Mutter zu und ging von Haus zu -Haus. Als er ans Dorfende kam, wo die Pflaumenstraße nach Ringelheim -abbog, stand seine Mutter dort, die steckte ihm einen Apfel in die -Tasche und gab ihm eine tüchtige Schnitte in die Hand. »Wirst doch -hungrig sein.« - -»Danke,« sagte Fritze nur und stapfte weiter, Schritt um Schritt, -nicht zu schnell, nicht zu langsam. Einmal war’s ihm, als müßte er -sich umsehen, und als er rasch im Weitergehen rückwärts schaute, stand -seine Mutter noch am Wege und sah ihm nach. Das tat ihm gut, wie ein -zärtliches Wort der Mutter empfand er das stille Nachschauen. - -Er mußte immer daran denken, was der alte Briefträger von der Krone -gesagt hatte. War’s so? Die Krone war die Arbeit, die einer tat, sein -Amt? - -Der Wind hatte sich gedreht, er blies jetzt scharf von Osten her, er -brachte auch graue Wolken mit, die die glänzende Sonne überschatteten. -Einzelne Flocken fielen, dann kam Regen, der wurde heftiger und schlug -dem Buben ordentlich boshaft in das Gesicht. Den bekümmerte das nicht -viel. Er knöpfte nur seine Jacke auf und schob, so gut es ging, die -dicke, schwarze Tasche darunter. So erreichte er Ringelheim, und im -Küsterhaus sagte er seine Botschaft. Der Küster war zur Hilfe bereit, -die Post wurde ausgetragen, und Fritze konnte wieder heimwärts wandern. - -In Steinach sagte es ihm eine Frau beim ersten Haus im Dorf: »Der alte -Klöppel liegt in der Schule, ach, er wird vielleicht schon tot sein.« - -Fritze erschrak. Wenn der Briefträger tot war, dann konnte er doch -nicht mehr sehen, daß er die Tasche zurückbrachte, und unwillkürlich -begann er zu rennen. Aber gleich fiel ihm des Alten Mahnung ein; in der -Tasche waren noch allerlei Postsachen, die konnten verlorengehen, und -gleich ging er langsamer. Er kam auch noch zur rechten Zeit, er konnte -noch dem alten Briefträger die schwarze Tasche übergeben, und der gab -ihm die Hand und murmelte leise: »Haste alles besorgt?« - -Fritz holte tief Atem und gab Bericht. Und dann, als er fertig war, -rief er mit einer ihm fremden Raschheit: »Hat jeder so ’ne Krone, -Klöppel? Wie ist das denn?« - -»Das ist jedem seine Arbeit, sein Amt, das, wofür einer lebt -- und -stirbt.« Die letzten Worte klangen ganz matt, der alte Mann seufzte, -nicht schwer, sondern wie einer, der sich einer getanen Arbeit freut. -Er legte den Kopf zur Seite, faltete die Hände über der schwarzen -Tasche und schloß die Augen. - -»Er will schlafen,« sagte Vater Hiller, der am Lager saß, »er ist müde -vom Leben. Geh du nun heim, Fritz.« - -Der Bube ging nach der Tür, er trat so leise auf, so leise er konnte, -aber er ging nicht die Treppe hinab, sondern den Gang bis zu dem -Zimmer, in dem Frau Fries wohnte. Dort bekam er nun wirklich den Brief -seines Lehrers zu hören. Viel stand nicht darin, denn viel durften -die Gefangenen nicht schreiben. Heinrich Fries schrieb, es ginge ihm -leidlich gut, er sei lange, lange krank gewesen, nun wäre er aber -wieder ziemlich gesund. Daß er schon oft geschrieben hatte, teilte er -mit. Von der Heimat schrieb er, vom Wiedersehen; ganz froh klang alles, -und Fritze Schwetzer sah strahlend drein, ihm schien es, als sei nun -alle Sorge gelöst. Und weil er an diesem Tage nun schon so viel geredet -hatte, erzählte er auch seiner alten Freundin seine Erlebnisse. Auch -das Wort von der Krone sagte er, nur scheu, undeutlich, aber Frau Fries -verstand ihn doch. Sie beugte sich plötzlich über ihn und sagte mit -einer seltsam schweren Stimme: »Unser Vaterland ist auch eine Krone, -für die wir leben und sterben -- und leiden müssen.« - -Der Bube saß ganz still, er ahnte nicht, daß die Mutter Leiden, -schweres Leiden aus dem Sohnesbrief herausgelesen hatte. Aber er -fühlte, da war etwas nicht so wunderherrlich, wie er es sich gedacht -hatte. Er wußte aber nichts zu sagen, und er sah die alte Frau -Lehrerin nur treuherzig an. »Nu muß ich gehn,« brummte er endlich. Und -nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich komm’ noch mal wieder.« - -»Heute nicht, du wirst müde sein und hungrig, Fritz, ich danke dir.« - -Schwetzers Fritze stapfte zur Tür hinaus, und er ging so leise die -Treppe hinab, so leise es seine knarrenden Stiefel erlaubten, der -alte Klöppel schlief ja. Oben sah Frau Fries dem Jungen nach, und sie -dachte, wie seine Mutter zu Mittag auf der Landstraße gedacht hatte: -»Der wird noch einmal ein rechter Mann.« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Sechzehntes Kapitel - -Heimkehr - - Es geschah viel, und Pfarrers Regine steigt auf den Schafskopf - hinauf -- Fritze fährt nach L., es merkt aber niemand etwas - davon, und Frau Besenmüller hält ihn für ein Gespenst -- Eine - Unterredung im Holzstall -- In Steinach wird Hochzeit gefeiert, - und die Kinder schreien hurra auf der Apfelstraße - - -Der alte Briefträger Klöppel wanderte nun nicht mehr auf der -Birnenstraße nach Steinach hin. Der war wirklich eingeschlafen für -alle Zeit, und seine geliebte schwarze Tasche trug ein anderer. Der -brachte die Nachrichten von Leid und Freud in die Dörfer, von großen -Siegen, von stolzen Taten, aber immer und immer nicht die ersehnte -Friedensbotschaft. - -In Steinach war es nicht anders als in allen deutschen Städten und -Dörfern. Die Daheimgebliebenen schafften fleißig und sorgten um jene, -die draußen standen. Ein paar Bäuerinnen trauerten um ihre Männer, und -Hinzpeters Malchen kam eines Tages in großem Herzeleid in die Schule: -ihr Vater war gefallen. Da hatte Silvia Traugott viel zu tun, um der -Freundin beizustehen, und sie vergaß darüber noch mehr ihre Träume von -großen Wundertaten. An herzhaftem Mitleid fehlte es nicht. Selbst die -Buben sannen darüber nach, womit sie das Malchen wohl erfreuen könnten, -und sie kamen schließlich überein, sie wollten Malchen ein Tier fangen, -einen jungen Hasen, ein Rehlein vielleicht etwa, denn Malchen hatte an -allem Getier eine besondere Freude. - -Es lenzte draußen schon an Hängen und Grabenrändern, an Büschen, die -in der Sonne standen, grünten Knospen und winzige Blättchen, und manch -ein kleines Hasenkind wurde um diese Zeit geboren. Im Walde war die -Aufsicht jetzt nicht so streng, und eines Nachmittags zogen ein halbes -Dutzend Steinacher Buben hinaus, um ein Tier zu fangen. Aber sie -brachten nur einen Igel heim und einen Maulwurf, und vor beiden graulte -sich Malchen schrecklich. Schelte gab’s obendrein. Das Tierfangen -im Walde war streng verboten. Die Buben bekamen so schwere Strafen -angedroht, daß ihnen die Lust zu weiteren Raubzügen verging. Also -ließen sie das Trösten sein. - -Der Frühling kam, und er war so blütenreich, so voller Glanz und -Schöne, als wollte er liebreich den Menschen in ihrem großen Jammer -beistehen. Es blühte an allen Ecken und Enden, und kaum jemals hatte -es auf dem Schafskopf so viele Veilchen gegeben wie in diesem Jahr. -Aber Pfarrers Regine wollte in diesem Jahr keine Veilchenkränze zu -ihrem Geburtstag haben, und die Veilchen verblühten ungepflückt. An -ihrem Duft, ihrer Lieblichkeit freute sich Regine aber doch. Sie stieg -an ihrem Geburtstag allein auf den Schafskopf hinauf; lange saß sie -dort unter dem alten Gemäuer. Sie weinte bitterlich, denn sie trug ein -heimliches Leid im Herzen. Wie sie aber so weinte, so unendlich traurig -war, spürte sie den Veilchenduft. Der umschmeichelte sie, der zwang -sie, an den Frühling zu denken, an Sonnenschein und an Freude. Und ganz -leise sang sie vor sich hin, und im Singen löste sich ihre Traurigkeit. -Sie sang: - - »Die Welt wird schöner mit jedem Tag, - Man weiß nicht, was noch werden mag, - Das Blühen will nicht enden! - Es blüht das fernste, tiefste Tal: - Nun, armes Herz, vergiß die Qual, - Es muß sich alles, alles wenden!« - -Um die gleiche Stunde wohl dachte ein Mann an Steinach am Wald, der -in einem fremden Land in einem Zuge fuhr. Er trug einen abgetragenen -feldgrauen Rock, und die mit ihm waren, glichen ihm. -- Ein seltsamer -Zug war es. Lager reihte sich an Lager, Schwerverwundete, Krüppel -durften heimkehren aus Frankreich ins deutsche Vaterland. - -Der Austausch der unheilbaren Kriegsverwundeten von Frankreich ging -über die Schweiz, und nach langer, langer Fahrt, durch das herrliche, -stets hilfsbereite Schweizer Land, das von den Schrecken des Krieges -verschont geblieben war, langte der Zug in der Nacht an der Grenze -an. Von Deutschland her kam um die gleiche Zeit auch ein solcher Zug. -Einmal fuhren die beiden aneinander vorbei, sie wußten es nicht; die -Männer, die jetzt todwund heimkehrten, hatten sich vielleicht schon im -Kampf gegenübergestanden. - -Heinrich Fries, der Lehrer von Steinach, lehnte am Fenster. Er konnte -nicht schlafen, vor Freude nicht und vor Leid nicht. So mußte er -heimkehren, ein Krüppel! Ein Bein hatte er verloren, auch die linke -Hand fehlte ihm, und über die Stirn lief ihm eine breite rote Narbe. -Er dachte, mit welch hochfliegenden Plänen er einst im Leben gestanden -hatte, wie unzufrieden er in Steinach gewesen war. Nun war das alles -vorbei, selbst zum Lehrer in Steinach mochte er gewiß nicht mehr -taugen. Wunderlich war ihm das oft gegangen draußen. An die Stadt, -in der er so lange gelebt, hatte er wenig gedacht, immer, wenn er -mit seinen Kameraden von der Heimat sprach, kehrten seine Gedanken in -Steinach ein. In den heißen, blutigen Schlachten, mitten im Donnern -und Brüllen der Geschütze sah er plötzlich das Dorf vor sich und die -blühenden Straßen, so wie er es zuerst gesehen hatte. Er dachte an die -Kinder; er hatte sie doch alle lieb, selbst so unnütze Wildfänge wie -Jackenknöpfle und das lachlustige Malchen Hinzpeter. Einmal hatte er -gerade wieder an allesamt einen Brief geschrieben, da war eine Granate -neben ihm eingeschlagen, und er hatte die Stirnwunde bekommen. - -Ins Lazarett sollte er, in die Heimat zurück, aber er hatte nicht -gewollt, und zwei Tage später hatte er, verwundet schon, mitten im -furchtbaren Kampf gestanden. Neben ihm waren seine Kameraden gefallen, -er war vorwärts gestürmt, immerzu, immerzu. Dann hatte ihn ein Schuß -getroffen, er war zusammengebrochen, und als er nach vielen, vielen -Stunden wieder zum Bewußtsein gelangte, war er in Gefangenschaft -gewesen. Krank und gefangen! Es ahnen nicht alle, wie groß dies Elend -ist. - -Nun kehrte er heim. Heinrich Fries sah hinaus. Es war Mondschein, und -er sah im Silberglanz einen See, glatt wie ein Spiegel, und Berge, -hohe, weiße Berge. Wie ein Märchenland war es, so wunderschön. Er -hatte oft Sehnsucht gehabt, dies schöne Land zu durchwandern, das -war nun auch vorbei, nun sah er es so. Ein fremdes Land, aber kein -Feindesland. Ach nein, feindlich waren die Menschen nicht, die auf -den Bahnhöfen waren, die liebevoll die Verwundeten versorgten. Gute, -hilfsbereite Menschen waren es. - -Einer, der mit im Zuge fuhr, richtete sich ein wenig auf seinem Lager -auf und flüsterte: »Kamerad, nun sind wir bald in Deutschland. Ich -habe eine Frau daheim und einen Buben, Herrgott, die soll ich nun -wiedersehen! Wen hast du?« - -»Eine Mutter,« sagte Heinrich Fries. - -»Da sind wir beide gut versorgt,« sagte der andere. »Sieh doch mal -raus, ist’s noch nicht bald Deutschland?« - -»Es dauert noch ein paar Stunden.« Heinrich Fries sah wieder hinaus. -Der Mond stand nur noch als blasse Scheibe am Himmel, der Morgen -dämmerte herauf, und in dem fahlen, harten Licht des Morgens stiegen -die Berge riesenhaft empor. Aber dann begannen sie zu glühen und zu -schimmern, die Sonne ging auf. - -Und im hellen, strahlenden Licht der Frühlingssonne fuhr Heinrich -Fries mit seinen Kameraden bei Konstanz über die deutsche Grenze. Ein -brausender Jubel empfing sie. Fremde Menschen kamen auf sie zu und -umarmten sie, Blumen wurden ihnen gebracht und Erfrischungen. Immer -neue Hände streckten sich ihnen entgegen, alle wollten ihnen helfen, -alle ihnen Liebes erweisen, alle, alle zeigten ihre Freude. - -O Vaterland, o Heimat! - -Die Todwunden, denen die Tage und Nächte in Schmerzen vergingen, -die Blinden, die Krüppel, sie alle sangen dem Vaterland entgegen: -»Deutschland, Deutschland über alles!« - -Heinrich Fries hatte seine Heimkehr nicht melden können. Seine -Auslösung war überraschend gekommen, und seine Mutter ahnte nicht, -daß er in Deutschland war. Er hatte ihr auch nie geschrieben, wie -schwer seine Wunden gewesen, er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. -Nun dachte er, wenn ich in ein Lazarett komme, dann schreibe ich ihr. -Noch wußte er ja nicht, wohin man ihn bringen würde. Nimmer hätte er -gedacht, daß er so sehr in Steinachs Nähe kommen würde. Erholen sollte -er sich nun, dann sollte er ein künstliches Bein bekommen, eine Hand, -und der Arzt, der ihm das versprach, tröstete: »Dann ist’s nicht mehr -schlimm.« - -Eines Tages liefen Pfarrers Regine und Fritze Schwetzer auf der -Birnenstraße wieder dem Briefträger entgegen. Seit Wochen hatte der -nun nichts aus Frankreich ins Schulhaus gebracht, und die alte Frau -Lehrerin zagte und zitterte in Sorge. Der neue Briefträger, er hieß -zu der Kinder Ärger Schmidt, was doch kein richtiger Name sei, so -meinten sie, wußte nun auch schon, wer in Steinach um Briefe bangte. Er -schüttelte also den Kopf: »Kein Brief aus Frankreich, ’n anderer nur.« - -Da rannte Fritze zurück, und Fräulein Regine ging ihm nach, der andere -Brief war ihnen nicht wichtig. Den erhielt ein paar Minuten später Frau -Besenmüller zur Besorgung. Die nahm ihn mit dem Schürzenzipfel, weil -sie nasse Hände hatte, und trug ihn so in das Haus hinein. Drinnen kam -ihr Mann ihr entgegen, und sie bat: »Besenmüller, trag’ du mal den -Brief rauf, der rechte ist’s wieder niche.« - -Oben traf Besenmüller Vater Hiller, der gerade zum Mittagessen zu Frau -Fries gehen wollte, der nahm ihm den Brief ab, und Besenmüller sagte: -»Der rechte ist’s nicht.« - -Vater Hiller trug den Brief in die Stube, legte ihn vor Frau Fries hin -und sagte auch bedauernd: »Ein Brief, leider nicht der rechte.« - -Und es war doch der rechte Brief. Nur in die Hand nahm ihn Frau Fries, -dann wußte sie es. Mutteraugen sind scharf, Mutterherzen spüren des -Kindes Nähe. - -Durch das Dorf lief die Kunde, der junge Herr Lehrer ist heimgekehrt -aus Frankreich, in L. ist er, aber -- er ist ein Krüppel. Fritze -Schwetzer raste zum Schulhaus hin. Und den Brief hatte er nun nicht -gebracht, gerade den Brief nicht. Er polterte mal wieder ungeheuer -auf der Treppe, aber Frau Besenmüller schalt nicht, die hörte es gar -nicht, die scheuerte im Schulzimmer, denn irgendwie mußte sie ihre -Freude zeigen, ritsch, ratsch mit der Bürste hin und her. »So recht -ausscheuern tut gut,« brummelte sie. - -Fritz fand Frau Fries oben reisefertig. Die wollte gleich nach L. -fahren mit dem nächsten Zug. »Lauf zu Pfarrers,« bat die Frau, -»vielleicht kommt Fräulein Regine mit.« - -Nie hatte Frau Fries nach einer Stütze verlangt, jetzt, da sie den Sohn -wiedersehen sollte, in der Freude verlangte sie Hilfe. Und Pfarrers -Regine kam. Fritz hatte seine Botschaft noch nicht raus, da sagte sie -schon: »Ich fahre mit, natürlich!« - -Sie lief dem Buben voran und meinte, der käme hinterher, aber der kam -nicht. Der rannte heimwärts, fiel seiner Mutter beinahe ins Spülfaß und -schrie so laut, wie es noch nie jemand von ihm gehört hatte: »Meine -Sparbüchse!« - -»Junge, biste närrisch?« Seine Mutter trocknete sich ärgerlich die -Hände ab. »Sag’, was soll das Geschrei?« - -»Ich muß nach L.« - -»So eins, zwei, drei im Handumdrehen?« Frau Schwetzer wollte nein -sagen, aber dann sagte sie doch ja, ging und schüttelte die Büchse vor -Fritz aus. »Viel ist nicht drin, ’n Groschen fehlt, den will ich dir -schenken. Da nimm ’n Brot und geh!« - -Doch Fritze lief dem Brot davon. Er rannte die Apfelstraße entlang, bis -er Frau Fries und Fräulein Regine sah, da ging er langsam nach. Und -nach ihnen kletterte er in den Zug, und die beiden sahen ihn nicht. -Sie sahen ihn auch nicht, als sie in L. ausstiegen. Und wieder trabte -ihnen Fritz nach bis zu dem Lazarett, da gingen sie hinein, und -- -Fritz blieb draußen. Hier verließ ihn auf einmal sein Mut, er wußte -nicht, wie er in das große Gebäude hineingehen sollte. Er ging auf und -ab, durch die Türe da waren die beiden Frauen hineingegangen, das mußte -doch der rechte Weg sein. Er rappelte sich endlich zusammen, trat auf -das Tor zu, klinkte es auf, da tönte ihm ein Halt! entgegen. - -»Wo willst du hin?« - -»Da ’nein.« - -»Ei, da könnte jeder dumme Junge kommen; so was gibt’s nicht.« - -Ein anderer hätte nun dem gestrengen Wärter am Tor geschwinde erklärt, -so ist die Sache und so, ich habe die Fahrt gemacht von Steinach -hierher. Aber das brachte Schwetzers Fritze nicht fertig; ehe er eine -Antwort heraus hatte, war das Tor geschlossen, klapp zu, ihm vor der -Nase, er konnte draußen stehen. Er ging wieder auf und ab, hin und her. -Drei Frauen kamen jetzt, dunkel gekleidet und ernst, die wollten auch -in das Lazarett gehen. Vor ihnen tat die Türe sich auf. Fritz lief -ihnen nach, aber klapp, schloß sich das Tor, und er stand wieder einsam -auf der Straße. - -Noch einmal versuchte er es hineinzukommen, vergeblich. Endlich kamen -Frau Fries und Fräulein Regine wieder heraus, und wieder lief Fritz -ihnen stumm wie ein treuer Hund nach. Die Frauen gingen der Stadt zu. -Vor einem Haus, an dem ein Wort stand, das Fritz zehnmal las und doch -nicht verstand, es hieß »Hospiz«, nahmen sie Abschied voneinander. Frau -Fries ging mit ihrer kleinen Tasche in der Hand in das Haus hinein. -Fritz hörte sie noch sagen: »Bestelle, bitte, Frau Besenmüller, sie -möchte ja nicht vergessen, für Herrn Hiller heute Brusttee zu kochen, -er ist so erkältet,« dann trennten sich beide. - -Nun rannte Fräulein Regine nach dem Bahnhof, und Fritz rannte -hinterdrein. Sie stiegen beide in den Zug, der fuhr davon, und in -Steinach kletterten beide heraus. - -Es war schon dunkel, und Pfarrers Regine sah ihren kleinen Freund auch -jetzt nicht. Der trabte ihr nach, als sie aber erst nach dem Pfarrhaus -abbog, lief er gleich zum Schulhaus. Dort riß er die Türe auf, stürmte -in Besenmüllers Stube und schrie: »Se möchten Tee kochen für Herrn -Hiller.« Krach, schlug er die Türe zu und rannte davon. - -Eine halbe Stunde später kam Fräulein Regine ins Schulhaus. Sie wollte -erzählen, wie es Heinrich Fries erging, und sie richtete auch den -Auftrag aus. »Teekochen?« rief Besenmüller. »Schwetzers Fritze hat’s ja -schon bestellt.« - -»Wie kann er, ich habe ihm ja nichts gesagt?« Das Fräulein wunderte -sich, und Frau Besenmüller wunderte sich, ja Frau Besenmüller war -geneigt, Fritz für einen Geist zu halten, aber ihr Mann sagte: »Nä, das -war Fritze, und vielleicht hat’s ihm Frau Fries vorher bestellt.« - -Auf dem Heimweg ging Regine noch einmal zu Schwetzers hinein, da -erfuhr sie Fritzens Reise. »Ein närrscher Junge,« klagte seine Mutter, -»nich Stipp, nich Stapp hat er erzählt, nur gegessen, und dann ist er -schlafen gegangen, aber geheult hat er in seinem Bette.« - -Ja, geheult hat Fritz, aber der Schlaf hatte ihm die Tränen schon -wieder getrocknet, als Fräulein Regine an sein Bett trat. Und am -nächsten Morgen erzählte er auch mit so wenig Worten als möglich -seine Reise. Seine Mutter tat ihm schweigend so viel Geld in seine -Sparbüchse, als das Fahrgeld nach L. betrug, aber Fritz fuhr nicht -wieder hin. Er graute sich vor dem großen Haus und vor den vielen -Menschen, die da aus- und eingingen. Er wartete in Steinach auf seinen -Lehrer, und je näher der Tag kam, an dem er ihn sehen sollte, desto -größer wurde die Scheu vor ihm. Ob der ihn noch kannte, noch mit ihm so -sprach wie damals beim Abschied? - -Heinrich Fries kam, als in Steinach der Flieder blühte. In jedem -Garten, in Hofwinkeln an der Kirche, da wo Heckenwege die Häuser -trennten und verbanden, überall blühte der Flieder. Dichte, blaue -Büsche, blaue Wände gab es und blaue Blumenberge, und ganz Steinach -war eingehüllt in Duft und Glanz. Vom Schulhaus wehte die Fahne, denn -ein Held kam ja heim, einer, der draußen gekämpft und gelitten hatte, -einer, dem das Kreuz von Eisen die Brust schmückte. - -Heinrich Fries hatte gemeint, er würde still durch das Dorf fahren und -still in sein stattliches Schulhaus treten. Aber vor dem standen die -Kinder alle, auch die Brummer waren dabei, und alle sangen ihm das Lied -entgegen, das im Leben und Sterben kein Deutscher vergißt. Und danach -das schöne »Lobe den Herrn«. - -Mitten im Gesang brach Malchen Hinzpeter in Tränen aus. Sie dachte -an den Vater, der nun nie wiederkehrte. Vater Hiller zog sie aus dem -Kreise und nahm sie in seine Arme, am Herzen dieses treuen Freundes -weinte sie sich ihren Kummer aus. Heinrich Fries hörte an diesem -Tage keinen falschen Ton heraus, er meinte, noch nie einen schöneren -Gesang gehört zu haben, und als ihn dann alle umdrängten, auch die -Erwachsenen, und alle baten: »Sie bleiben doch wieder hier?« da rannen -auch ihm die Tränen aus den Augen, und er schämte sich nicht. - -Nachher sagte er zu Vater Hiller: »Werde ich es können, ein Krüppel als -Lehrer?« - -Der alte Mann nickte. »Sie werden es können, und viele, die heimkommen, -werden siech sein und doch eintreten in ihren Beruf. Und unsere Jugend -wird lernen, Geduld haben und Ehrfurcht vor jenen, die um unseren -Frieden gekämpft haben. Ja, sie werden es können, wenn -- Sie in -Steinach bleiben wollen.« - -»Wie gern!« Heinrich Fries hielt seiner Mutter Hand fest. »Du hast es -früher erkannt als ich, wie gut Steinach am Wald zur Heimat taugt.« - -Es kamen viele an diesem Tag, um dem jungen Lehrer die Hand zu -schütteln, nur Schwetzers Fritze kam nicht. Wo blieb nur der? Fräulein -Regine ging ihn suchen, sie fand ihn nicht, die Kinder suchten ihn, er -war nirgends zu sehen. Endlich schaute Frau Besenmüller nach, und die -fand ihn in ihrem eigenen Holzstall. - -»Gleich kommste rauf,« rief sie ärgerlich. - -»Nä!« Fritze blieb auf seinem Holzstoß sitzen. - -Frau Besenmüller zürnte: »Was soll denn der Herr Lehrer denken? -Geschwinde komm!« - -»Nä!« Der Bube rührte sich nicht, und Frau Besenmüller mußte -unverrichteter Dinge wieder abziehen. Sie klagte oben über des Buben -Trotz, da stand Heinrich Fries auf und sagte: »Ich werde ihn holen.« - -Er ging, obgleich es ihm noch arg schwer wurde, die Treppen zu steigen. -Auf einen Stock gestützt, hinkte er über den Hof und kam zu Fritz in -den Holzstall. »Fritz,« sagte er, »wenn du nicht zu mir kommst, muß -ich dich suchen, denn ich habe dir viel zu danken. Du warst meiner -Mutter ein rechter kleiner Freund, ein guter Trost in schwerer Zeit.« - -Der Bube schluchzte wild auf und umklammerte seinen geliebten Lehrer, -und der redete mit ihm, lange, lange. Und sie schlossen beide -Freundschaft in dieser Stunde, Freundschaft für das Leben. - -Frau Besenmüller lief unterdessen draußen scheltend auf und ab. »Im -Holzstall, um so ’nes Buben willen, nä, was zuviel ist, das ist zuviel.« - -»Lydia,« mahnte ihr Mann endlich, »geh du da fort. Wenn einer was -auf dem Herzen hat, dann kann er auch im Holzstall reden. Und der -Fritze, um den lohnt’s schon. Den Besten hat sich der Herr Lehrer da -ausgesucht, das is mal wahr.« - -»Wenn er sich nur die Beste aussuchte,« murrte Frau Besenmüller. -Und das tat der junge Lehrer wirklich. Als auf dem Schafskopf die -Heckenrosen blühten, gab es Hochzeit in Steinach. Eine stille nur, -denn für Feste war es keine Zeit. Aber Glück und Freude blühen auch in -Kriegszeiten, und Pfarrers Regine war eine glückliche und eine frohe -Braut. - -»Der junge Herr Lehrer heiratet Pfarrers Regine!« Wenn die Spatzen -von Steinach hätten singen können, dies hätten sie gesungen, so oft -hörten sie es, von Mädeln und Buben, von Alten und Jungen. Am lautesten -freute sich Frau Besenmüller und am meisten doch darüber, daß Vater -Hiller in Steinach bleiben wollte. Er mochte nicht mehr zurückkehren in -die Stadt, die ihm fremd geworden war. In dem großen Schulhaus gab es -leere Zimmer, da wollte er wohnen, und Frau Fries und Frau Besenmüller -versprachen ihm alle Pflege. - -Eine bittere Enttäuschung war es den Kindern, daß nach der Hochzeit ihr -junger Lehrer wieder fortging. Erst gesund werden, dann arbeiten, hieß -es, und mit dem Gesundwerden dauerte es noch an, so schnell lernt einer -nicht mit zwei Gliedern weniger fortzukommen. - -Wieder reiften auf der Apfelstraße die Äpfel, und wieder mal hielt -Besenmüller auf der verkehrten Straße Wache, da kamen Heinrich und -Regine nach Steinach zurück. Draußen tobte noch der Krieg, aber -Steinach lag im Frieden. »Vor zwei Jahren kam ich her, ein gesunder -Mann mit einem mißmutigen Herzen, jetzt kehre ich zurück, ein Krüppel -mit frohem Herzen,« sagte der junge Mann heiter. Sie hatten sich nicht -angemeldet, sie wollten alle daheim überraschen. Wie sie aber so unter -den ersten Bäumen hingingen, rauschte es in den Zweigen, und ein -jauchzendes Gebrüll erhob sich: »Hurra, hurra, se sin da!« - -Purzel, purzel kam es von den Bäumen herab, es hopste aus den Gräben -heraus, und jauchzend umdrängten die Kinder ihren Lehrer. »Hurra, -hurra!« - -Bis zur Pflaumenstraße hin tönte das Geschrei, dort lauschte -Besenmüller. »Nu haben se wieder etwas angestiftet. Nä, nä, Schelme sin -se doch, was wahr ist, das ist wahr!« - -[Illustration] - - - - -Lustige Erzählungen von Josephine Siebe: - - -Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten - -[Illustration] - -Mit vier farbig. Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen - -Unter der Fülle von Jugendschriften verdient dieses Buch ganz besondere -Beachtung. Was an den Erzählungen so sehr gefällt, das ist die Frische, -Lebendigkeit und Anschaulichkeit der Darstellung und der köstliche -Humor, der uns fast in allen begegnet. Sie wollen unsere Jugend -erfreuen, und sie werden sie erfreuen. Wer also Kindern eine besondere -Freude bereiten will, der schenke ihnen dieses Buch. - - (Casseler Allg. Ztg.) - - -Lustige Fahrten ins Blaue hinein - -Heitere Erzählungen f. d. Jugend Mit sechs farbigen Vollbildern - -Alle Achtung vor diesem famosen Buche! Wenige Schriftstellerinnen -wissen so zu erzählen wie Josephine Siebe. Ein Sonnenglanz liegt über -allen kleinen und großen Begebenheiten, der Schelm Humor setzt überall -helle Lichter auf. In einzelnen Stücken, wie »Das Feuermännchen« und -in dem besonders wertvollen »Die Reise ins Graue«, erhebt sich die -Erzählerin zur Dichterin. Möge sie der Kinderwelt noch recht oft solche -urwüchsige und herzerfreuende Geschichten erzählen, sie sind dazu -angetan, unsern Lieblingen fröhliche Gesichter und Herzen zu machen. -Josephine Siebe hat’s von Gott, die rechte Heiterkeit nämlich, die sich -fein unterscheidet von der lärmenden Lustigkeit. - - (Alton. Nachr.) - - -Neue Kindergeschichten aus Oberheudorf - -[Illustration] - -Mit vier farbig. Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen - -Die fünfzehn Geschichten haben es vorzugsweise auf das Fröhliche, die -Komik, das drollig Vergnügliche abgesehen. Unsere Jugend muß sich -wohlfühlen unter diesen Dorfkindern, die sich so herzensfroh ihres -Daseins freuen, und die so lebenswahr vorgeführt werden in ihrer -Harmlosigkeit und Natürlichkeit, in ihren unschuldigen Freuden und -Vergnügungen, aber auch in ihren kleinen und großen Leiden und Sorgen. -Es ist eine recht humorvolle Lektüre. - - (Die Gartenlaube) - - -Die Oberheudorfer in der Stadt - -[Illustration] - -Reich illustriert - -Alle, die die Oberheudorfer Kinder aus den früheren Erzählungen -von Josephine Siebe kennengelernt haben, werden sich freuen, ihnen -hier wieder zu begegnen, freuen auch, daß es dieselben prächtigen, -frischen Buben und Mädel sind, die in ihrem kleinen Dorf so viel echte -Herzensbildung gewonnen, daß sie manch hochgebildeten Städter beschämen -und ihm im Guten vorangehen können. Bei ihren Besuchen des alten -Kameraden, der in der Stadt das Gymnasium besucht, erleben sie manches, -bleiben aber immer in drolligster Art Herren der Lage. - - (Schwäbischer Merkur) - - -Dudeleins Garten und Schippels Kinder - -Ein heiteres Kinderbuch mit vier farbigen Vollbildern - -Die beliebte Verfasserin führt hier eine Anzahl Kinder eines -Mietshauses vor, deren Versammlungsort »das Himmelreich«, die Mauer -eines an den Hof stoßenden Parkes ist. Wie die Sehnsucht der Kleinen -nach den Schönheiten dieses prachtvollen Gartens gestillt wird, und -wie eine einsame, alte Frau durch diese Kinder wieder Freude am Leben -findet, das wird den jungen Lesern viel Vergnügen bereiten. - - (Reclams Universum) - - -Im Hasenwunderland - -[Illustration] - -Ein fröhliches Kinderbuch mit zwölf farbigen Vollbildern und vielen -Textillustrationen - -»Im Hasenwunderland« gehört zu den Büchern, die den Kleinen lieb werden -müssen, zumal zu der glücklichen Idee, Meister Lampe zum Helden einer -wunderbaren Geschichte zu wählen, eine ganz ausgezeichnete illustrative -Ausstattung von Joseph Mauder hinzutritt, ausgezeichnet, weil echt -kindlich empfunden, wie übrigens auch die ganze Erzählung, die -schlicht und einfach die Abenteuer aus der Welt der Familie Hase nebst -Anverwandten vorträgt. Wir können dieses ganz vorzügliche Kinderbuch -nicht warm genug empfehlen. - - (Neue Zürcher Zeitung) - - -Verlag von Levy & Müller in Stuttgart - - - - -Lustige Erzählungen für die Jugend - - -Rose, Linde und Silberner Stern - -[Illustration] - -Erzählung für die Jugend von Josephine Siebe - -Reich illustriert - -Mit viel Aufwand von Lustigkeit und Humor, dem ein schöner, tiefer -Ernst nicht mangelt, erzählt hier Josephine Siebe von dem Leben und -Treiben einer Kinderschar aus der Rose, der Linde und dem Silbernen -Stern, drei befreundeten Häusern einer Kleinstadt, und weiß die -drolligen Vorgänge mit so viel Spannung und guter Laune zu schildern, -daß die kleinen Leser das Buch hochbefriedigt aus der Hand legen -werden. Unter den Siebeschen Büchern steht diese Erzählung ohne Zweifel -mit an erster Stelle. - - -Das Mondscheinprinzeßchen - -Eine heitere Kindergeschichte von Thea von Harbou - -Mit vier bunten Vollbildern - -Taufrisch, voll warmer Lebensfreude und harmlosen Übermuts ist die -Erzählung von der verzogenen, grämlichen Mondscheinprinzeß Johanna, die -in das Forsthaus und in die derben Fäuste der Hubertusrangen gerät, -die ihr den eigensinnigen Kopf zurechtsetzen und die steifen, matten -Glieder durchkneten, bis sie straff und gelenkig werden. An der Hand -der liebreichen Hausmutter entdeckt Mondscheinprinzeßchen ihr Herz und -erfährt, daß man nicht immer an sich selbst denken, sondern andern -Liebes erweisen soll. Ohne Zweifel wird diese Erzählung den Kleinen -viel Freude bereiten. - - (General-Anzeiger für Hamburg) - - -Frohe Jugend - -[Illustration] - -Hundertein schöne Kindergeschichten von Helene Stökl u. Frau Juliane - -Mit zahlreichen Illustrationen - -Und ein gar liebes, den ganz Kleinen gewidmetes Buch heißt »Frohe -Jugend«. Es sollte in den Kinderstuben recht heimisch werden. Die -kurzen, ganz reizend erzählten Geschichtchen aus den verschiedensten -Gebieten, aber alle von einem warmen, poetischen Unterton getragen, -sind wie wenige geeignet, Phantasie und Gemüt des kleinen Volkes zu -beschenken. Vortrefflich eignen sie sich zum Vorlesen und Nacherzählen. - - (Leipziger Ill. Zeitung) - - -Kasperle auf Reisen - -[Illustration] - -Eine lustige Geschichte von Josephine Siebe - -Mit vier farbigen Vollbildern - -Einen ganz eigenartigen Stoff hat sich die bewährte -Jugendschriftstellerin diesmal erkoren. Der Puppenschnitzer Friedolin -findet beim Stöbern in einem alten Schrank ein aus langem Zauberschlaf -erwachendes Kasperle, das bereits seinen Vorfahren als Modell gedient -hat. Die Wanderlust treibt Kasperle indes im Frühjahr aus dem Waldhaus -in die weite Welt hinaus, wo der schnurrige Schelm die merkwürdigsten -Abenteuer erlebt und sich in dem Schloßtöchterlein Rosemarie und dem -Geißbuben Michele treue Freunde erwirbt, bis er schließlich nach -allerlei lustigen Erlebnissen wieder ins Waldhaus heimfindet. - - (Breslauer Zeitung) - - -Die Sternbuben in der Großstadt - -Eine heitere Geschichte von Josephine Siebe - -Mit vier Vollbildern - -Die beiden Buben der Wirtin vom »Silbernen Stern« in Breitenwert werden -von ihrer Pate zum Besuch nach Leipzig eingeladen und erleben auf der -Fahrt und in der Großstadt die drolligsten Abenteuer. Ihre Erlebnisse -sind mit überwältigender Komik geschildert. - - (Reclams Universum) - - -Kasperle auf Burg Himmelhoch - -[Illustration] - -Lustige Geschichte v. Josephine Siebe - -Mit farbigem Decken- u. Vollbild und zahlreichen Scherenschnitten - -Der Untertitel verspricht nicht zu viel: es ist wirklich eine lustige -Geschichte, und vor allem weiß die Verfasserin so zu erzählen, wie man -Kindern erzählen muß. Jede Mutter, die aus diesem Buch ihren Kleinen -vorliest, wird ihre helle Freude daran haben, wie die Kinder mit -gespanntem Blick an ihren Lippen hängen und immer wieder in fröhliches -Gelächter ausbrechen, wenn der potzlustige kleine Spaßmacher wieder -einen neuen Unfug ausgeheckt hat und sich in jeder Lebenslage zu helfen -weiß. Die vielen Scherenschnitte, ganz im Ton der lustigen Geschichte -gehalten, bedeuten eine wertvolle Bereicherung des Buches. - - (Revaler Bote) - - -Verlag von Levy & Müller in Stuttgart - - - - -Unsre illustrierte, billige Jugendschriftenreihe: - - -Lieblingsbücher der Jugend - -Bisher erschienen: - - Bd. 1: Im Schlaraffenland - und andere Märchen von Ludwig Bechstein - - Bd. 2: Die wilden Schwäne - und andere Märchen von H. Chr. Andersen - - Bd. 3: Das Riesenspielzeug - und andere deutsche Sagen von Grimm, Bechstein u. a. - - Bd. 4: Mein liebes Fabelbuch - Mit Fabeln v. Aesop, Lessing, Gellert - - Bd. 5: Lustige Geschichten - fürs kleine Volk. Beiträge von Stökl, Hebel, Schwab - - Bd. 6: Abenteuergeschichten - aus fernen Ländern von Sealsfield, Cooper, Wörishöffer - u. Zwilgmeyer - - Bd. 7: Der Knabe des Tell - Erzählung für Jugend und Volk von Jeremias Gotthelf - - Bd. 8: Das Drachenried - Schweizer Sagen und Heldengeschichten I von M. Lienert - - Bd. 9: Das tapfere Schneiderlein - und andere deutsche Sagen aus Österreich - - Bd. 10: Die sieben Schwaben - und der Spiegelschwab von L. Aurbacher - - Bd. 11: Der gehörnte Siegfried - u. der arme Heinrich von G. Schwab - - Bd. 12: Die Schildbürger - von Gustav Schwab - - Jeder Band mit buntem Einlagebild und vielen - Textillustrationen - -[Illustration] - -Unter der bewährten Leitung Dr. Otto Brandstädters liegen die von -verschiedenen Schriftstellern bearbeiteten schmucken Bändchen der -»Lieblingsbücher der Jugend« vor, deren Inhalt in Märchen und -Erzählungen, Sagen und Heldengeschichten gesunde Kost, Unterhaltung und -Anregung bringt für Jugend und Volk. - - (Schwäbischer Merkur) - - -Verlag von Levy & Müller in Stuttgart - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die ganzseitigen - Abbildungen wurden auf die referenzierte Seite verschoben. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHELME VON STEINACH *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for an eBook, except by following -the terms of the trademark license, including paying royalties for use -of the Project Gutenberg trademark. 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