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-The Project Gutenberg eBook of Der Landjunker, by Denis Iwanowitsch
-Fonwisin
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Landjunker
- Lustspiel in fünf Aufzügen
-
-Author: Denis Iwanowitsch Fonwisin
-
-Translator: Friedrich Fiedler
-
-Release Date: February 13, 2022 [eBook #67394]
-
-Language: German
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
- at https://www.pgdp.net. This book was produced from
- scanned images of public domain material from the Google
- Books project.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LANDJUNKER ***
-
-
- Meyers Volksbücher.
-
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- Der Landjunker.
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- Ein Lustspiel in fünf Aufzügen
- von
- Denis Von-Wisin.
-
- Aus dem Russischen übertragen von Friedrich Fiedler.
-
-
- Leipzig.
- Bibliographisches Institut.
-
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-
- Vorbemerkung.
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-
-Die Vorfahren Von-Wisins waren ein deutsches Rittergeschlecht, das zum
-Orden der Schwertbrüder gehörte und sich von Wiesen schrieb. Ein Baron
-Peter von Wiesen geriet im Kriege Iwans des Grausen mit Livonien in
-russische Gefangenschaft und kehrte nicht mehr in sein Heimatland
-zurück. Seine Nachkommen russifizierten sich vollständig, so daß sie
-sogar ihren deutschen Familiennamen verleugneten. – Unser Dichter, „der
-König der Satire“, wie ihn Puschkin im „_Jewgenij Onjegin_“ nennt, Denis
-Iwanowitsch Von-Wisin, wurde am 3. April 1745 zu Moskau geboren und
-studierte an der Petersburger Universität. 1763 erhielt er eine
-Sekretärstelle beim Kabinetsminister I. P. Jelagin und 1769 eine solche
-beim Grafen Nikita Iwanowitsch Panin, dem Minister des Auswärtigen und
-Erzieher des Thronfolgers Paul. Vorher noch – 1766 – hatte Von-Wisin die
-Komödie „Der Brigadier“ veröffentlicht, in welcher er die Sucht der
-bessern russischen Stände nach allem Ausländischen und ihre Verachtung
-des Einheimischen scharf geißelt. Am 24. Sept. 1782 gelangte „Der
-Landjunker“ zur ersten Aufführung und fand einen ungewöhnlichen Beifall:
-das begeisterte Publikum warf klirrende Geldbeutel auf die Bühne, und
-Potjomkin soll nach der Vorstellung zum Verfasser gesagt haben: „Stirb,
-Denis, oder schreibe nichts mehr!“ Zehn Jahre darauf, in den ersten
-Tagen des Dezembers, wurde Von-Wisin auf dem Friedhof des
-Alexander-Newskij-Klosters zu St. Petersburg zu Grabe getragen.
-
-Ein „_Njedorosslj_“ (wörtlich: Minderjähriger) hieß im vorigen
-Jahrhundert jeder Adelige im Alter von 12-17 Jahren. Einem Ukas Peters
-I. zufolge wurde ein solcher schon bei seiner Geburt in den Staatsdienst
-eingeschrieben und mußte sich hierzu nach Erlangung eines gewissen
-Bildungsgrades melden. Ein Landjunker, der kein Zeugnis über
-Elementarbildung vorweisen konnte, verlor das Recht – zu heiraten.
-Derjenige, welcher sich nicht freiwillig zum Dienst meldete, wurde laut
-einem Ukas der Kaiserin Elisabeth unter die Soldaten und Matrosen
-gesteckt. Auch Katharina II. hoffte solcherart – vielfach vergebens –
-den russischen Adel moralisch zu heben.
-
-Der namhafte Kritiker, Fürst Pjotr Andrejewitsch Wjasemskij, Von-Wisins
-Biograph, sagt vom „_Njedorosslj_“ –: „Diese Komödie ist nicht nur ein
-schönes Musenerzeugnis, sondern auch ein patriotisches Verdienst.“ In
-der That: im „Landjunker“ besitzen wir ein litterarisches Denkmal von
-kulturhistorischer Bedeutung, insofern das Stück ein treues Bild der
-russischen Gutsbesitzerschaft jener Zeit bietet und die liberal-humanen
-Reformen Katharinas II. kräftigst unterstützt hat; die Komödie gab das
-Signal zu einer Reihe in administrativer Hinsicht tendenziös gefärbter
-Dramen, und auf den „Landjunker“ muß auch der Ursprung der modernen
-russischen Sittenkomödien zurückgeführt werden. Der „_Njedorosslj_“ ist
-das erste Nationallustspiel der Russen und erscheint hier zum erstenmal
-in fremdsprachlichem Gewand.
-
- F. F.
-
-
-
-
- Personen.
-
-
- PROSTAKOW.
- FRAU PROSTAKOWA, seine Frau.
- MITROFAN, beider Sohn, der Landjunker.
- JEREMEJEWNA, dessen Amme.
- PRAWDIN.
- STARODUM.
- SOPHIE, Starodums Nichte.
- MILON.
- SKOTININ, Bruder der Frau Prostakowa.
- KUTEJKIN, Seminarist.
- ZYFIRKIN, abgedankter Sergeant.
- WRALMANN, Lehrer.
- TRISCHKA, Schneider.
- Ein DIENER Prostakows.
- Ein KAMMERDIENER Starodums.
-
- Die Handlung spielt auf dem Gute der Prostakow.
-
-
-
-
- Erster Aufzug.
-
-
- Erster Auftritt.
-
- FRAU PROSTAKOWA. MITROFAN. JEREMEJEWNA.
-
-FRAU PROSTAKOWA (betrachtet einen Kaftan auf Mitrofan). Der ganze Kaftan
-ist verdorben! Jeremejewna, führe den Halunken Trischka her!
-(Jeremejewna ab.) Der Spitzbube hat ihn überall zu eng gemacht!
-Mitrofan, armer Junge, ich kann’s mir vorstellen, wie entsetzlich es
-dich drücken muß! Rufe den Vater her (Mitrofan ab).
-
-
- Zweiter Auftritt.
-
- FRAU PROSTAKOWA. JEREMEJEWNA. TRISCHKA.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Trischka). Komm mal näher, du Vieh! Hab’ ich dir
-nicht gesagt, du Diebsgesicht, daß du den Kaftan breiter machen sollst?
-Erstens wächst der Knabe und zweitens ist er auch ohne engen Kaftan sehr
-delikat gebaut! Sprich, Klotz, wie willst du dich rechtfertigen!
-
-TRISCHKA. Aber, gnädige Frau, ich bin ja bei keinem Schneider in der
-Lehre gewesen! Ich habe Sie ja gewarnt; warum beliebte es Ihnen nicht,
-die Arbeit einem Schneider zu geben?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Muß man denn ein Schneider sein, um einen Kaftan gut zu
-nähen? So urteilen nur Tiere!
-
-TRISCHKA. Aber gnädige Frau, ein Schneider hat ja gelernt, und ich
-nicht!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Du widersprichst noch? Der Schneider hat bei einem
-andern gelernt, der andre bei einem Dritten; bei wem hat dann aber der
-allererste Schneider gelernt? Sprich, Vieh!
-
-TRISCHKA. Der allererste Schneider hat vielleicht noch schlechter genäht
-als ich!
-
-MITROFAN (hereinlaufend). Ich habe den Vater gerufen, er sagte: Gleich.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Geh, schlepp ihn mit Gewalt her, wenn er nicht
-gutwillig kommen will!
-
-MITROFAN. Da ist der Vater.
-
-
- Dritter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. PROSTAKOW.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Nun, was verbirgst du dich vor mir? So was muß ich
-erleben, deiner Nachsicht zu danken! Wie gefällt dir der neue Anzug
-unsers Sohnes zur Verlobung des Onkels? Was sagst du zum Kaftan, den
-Trischka genäht?
-
-PROSTAKOW (vor Schüchternheit stotternd). Er ist – etwas – sa – sackig.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Du bist selber ein Sack, du Hohlkopf!
-
-PROSTAKOW. Ich glaubte nur, daß es dir so scheine.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Bist du denn selber blind?
-
-PROSTAKOW. Wo du siehst, bin ich blind.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Mit welchem Mann mich doch der liebe Gott gesegnet hat!
-Kann selber nicht unterscheiden, was breit und was eng ist!
-
-PROSTAKOW. In dieser Hinsicht habe ich stets deinem Urteil vertraut und
-zweifle auch jetzt nicht –
-
-FRAU PROSTAKOWA. So zweifle denn auch nicht, daß ich nicht gesonnen bin,
-meinen Leibeignen durch die Finger zu sehn! Geh, laß ihn sofort
-durchpeitschen!
-
-
- Vierter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. SKOTININ.
-
-SKOTININ. Wen? Wofür? An meinem Verlobungstage! Ich bitte dich, liebe
-Schwester, eine solche Feier zu berücksichtigen und die Strafe bis auf
-morgen zu verschieben; morgen, wenn du’s willst, werde auch ich gern
-Hand anlegen. Da will ich nicht Skotinin heißen, wenn nicht jeder schuld
-ist, den ich schuldig wissen will; hierin, Schwester, stimmen wir
-miteinander völlig überein. Worüber bist du denn aber so erzürnt?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Mögen deine Augen urteilen, Bruder! Mitrofan, komm her
-... Sitzt dieser Kaftan sackig?
-
-SKOTININ. Nein.
-
-PROSTAKOW. Ich selbst, liebe Frau, sehe, daß er zu eng ist.
-
-SKOTININ. Auch das seh’ ich nicht. Der Kaftan, Schwager, ist vorzüglich
-genäht.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Trischka). Heraus! (Zu Jeremejewna) Geh,
-Jeremejewna, gib dem Knaben zu frühstücken. Ich glaube, die Lehrer
-werden bald kommen.
-
-JEREMEJEWNA. Er hat bereits fünf Brötchen aufgegessen.
-
-FRAU PROSTAKOWA. So thut dir das sechste leid, du Ungetüm? Ist das dein
-Diensteifer? Unerhört!
-
-JEREMEJEWNA. Gott gesegn’ es ihm! Ich hab’s ja zu Mitrofan
-Terentjewitschs Besten gesagt. Bis an den Morgen hat er sich schlaflos
-umhergewälzt.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Heilige Mutter Gottes! Was war dir, Herzens-Mitrofan?
-
-MITROFAN. Ich weiß nicht, Mutter. Gestern nach dem Abendbrot bekam ich
-Bauchkneipen.
-
-SKOTININ. Hast wohl, mein Freund, recht tüchtig zu Abend gegessen?
-
-MITROFAN. Ich habe, Onkelchen, fast nichts gegessen.
-
-PROSTAKOW. Ich erinnere mich, mein Sohn: du hast doch etwas zu dir
-genommen.
-
-MITROFAN. Das ist ja nichts: etwa drei Scheibchen Pökelfleisch und fünf
-oder sechs Stückchen Salzkuchen.
-
-JEREMEJEWNA. Die ganze Nacht über litt er Durst: einen ganzen Krug Kwas
-hat er ausgetrunken.
-
-MITROFAN. Mir schwindelt noch jetzt der Kopf. Die ganze Nacht träumte
-mir so ein Schund –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Was für ein Schund denn, lieber Mitrofan?
-
-MITROFAN. Nun, bald träumte mir von dir, Mutter, bald vom Vater.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wieso?
-
-MITROFAN. Kaum begann ich einzuschlafen, so sah ich, wie du, Mutter, den
-Vater prügeltest.
-
-PROSTAKOW (beiseite). Wehe mir – der Traum wird sich erfüllen.
-
-MITROFAN (zärtlich). Und da dauerte mich –
-
-FRAU PROSTAKOWA (ärgerlich). Wer, Mitrofan?
-
-MITROFAN. Du, Mutter, du wurdest so müde vom Prügeln!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Umarme mich, mein Herz! Das ist ein Sohn! O, du mein
-einziger Trost!
-
-SKOTININ. Nun, Mitrofan, ich merk’ es: du bist der echte Sohn deiner
-Mutter, nicht aber deines Vaters.
-
-PROSTAKOW. Ich wenigstens liebe ihn, wie es einem Vater geziemt: er ist
-ein kluges, ein vernünftiges Kind, ein Spaßvogel, ein Schalk. Mitunter
-bin ich vor Freude ganz außer mir und kann es dann gar nicht glauben,
-daß er mein Sohn ist.
-
-SKOTININ. Doch gegenwärtig macht unser Spaßvogel ein recht ernstes
-Gesicht.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Sollte man nicht in die Stadt nach dem Doktor schicken?
-
-MITROFAN. Nein, nein, Mutter; ich werde mich schon selber gesund machen.
-Will doch mal zum Taubenschlag laufen, vielleicht daß –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Gott gnädig ist. Geh, mein Teurer, spiele ein wenig.
-(Mitrofan mit der Jeremejewna ab.)
-
-
- Fünfter Auftritt.
-
- FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW und SKOTININ.
-
-SKOTININ. Wie kommt’s denn, daß ich meine Braut nicht sehe? Wo ist sie?
-Am Abend findet die Verlobung statt: wär’ es da nicht Zeit, ihr
-mitzuteilen, daß man sie verheiratet?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Dazu haben wir noch Zeit, Bruder. Wenn man’s ihr vorher
-sagt, so kann sie gar denken, daß wir sie nach ihrer Einwilligung
-fragen! Ich bin nur durch meinen Mann mit ihr verwandt und liebe, daß
-mir fremde Menschen gehorchen.
-
-PROSTAKOW (zu Skotinin). Der Wahrheit die Ehre! Wir haben Sophie
-behandelt, als sei sie eine echte und rechte Waise. Als ihr Vater starb,
-war sie noch ein ganz kleines Kind. Ein halbes Jahr darauf bekam ihre
-Mutter, meine Verwandte, den Schlag –
-
-FRAU PROSTAKOWA (sich das Herz bekreuzigend). Die Kraft des Kreuzes sei
-mit uns!
-
-PROSTAKOW. Dank welchem sie auch mit Tode abging. Des Mädchens Onkel,
-ein Herr Starodum, fuhr nach Sibirien, und da er schon seit mehreren
-Jahren völlig verschollen ist, so halten wir ihn denn auch für
-verstorben. Als wir merkten, daß Sophie mutterseelenallein dastand,
-nahmen wir sie zu uns aufs Dorf und verwalten nun ihr Gut, als sei es
-unser eignes.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Bist heute ganz ins Lügen hineingeraten, mein Lieber!
-Der Bruder könnte gar glauben, daß wir sie aus Interesse zu uns genommen
-haben.
-
-PROSTAKOW. Wie sollte er das glauben?! Ihr unbewegliches Vermögen können
-wir doch nicht in unsre Tasche hineinwandern lassen!
-
-SKOTININ. Das bewegliche ist zwar schon hineingewandert, aber ich bin
-kein Verräter. So was macht Scherereien, die ich nicht liebe, die ich
-fürchte. Wie oft mich auch die Nachbarn übervorteilt, wieviel Schaden
-sie mir gebracht – ich habe auf keinen eine Klage eingerichtet. Statt
-mir den Schaden durch Laufereien einzubringen, zwack’ ich’s mir von den
-Bauern ab, und kein Hahn kräht danach.
-
-PROSTAKOW. Es ist wahr, Schwager: die ganze Nachbarschaft meint, du
-verstehest es meisterhaft, den Obrok[1] einzukassieren.
-
- [1] Abgaben der zinspflichtigen Bauern. _Anm. d. Übers._
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wenn du’s uns doch lehren wolltest, lieber Bruder; wir
-verstehn’s gar nicht. Seitdem wir alles, was die Bauern besaßen, uns
-zugesteckt haben, können wir sie gar nicht mehr rupfen. Ein wahrer
-Jammer!
-
-SKOTININ. Gern, Schwester, will ich’s euch lehren – macht nur, daß ich
-Sophie heirate.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Gefällt dir denn das Mädchen so ungeheuer?
-
-SKOTININ. Nun, nicht gerade das Mädchen –
-
-PROSTAKOW. Also ihre Dörfer?
-
-SKOTININ. Auch nicht gerade die Dörfer, sondern das, was sich in diesen
-Dörfern aufhält und meine größte Leidenschaft ist.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Was denn, lieber Bruder?
-
-SKOTININ. Schweine sind meine Leidenschaft, Schwester. In unserm Umkreis
-gibt’s dermaßen große Schweine, daß jedes, sollte es sich auf die
-Hinterfüße stellen, uns alle um Kopfeslänge überragen würde.
-
-PROSTAKOW. Es ist doch sonderbar, Schwager, wie die Verwandten einander
-gleichen können! Unser Mitrofan ist ganz nach dem Onkel geraten: auch er
-hatte von Kindesbeinen an dieselbe Leidenschaft für Schweine wie du. Als
-er drei Jahr zählte, so zitterte er vor Freude beim Anblick eines
-Schweinchens.
-
-SKOTININ. In der That, höchst wunderbar! Nun, mag Mitrofan die Schweine
-lieben: er ist mein Verwandter, und hierbei spielt die Ähnlichkeit eine
-Rolle. Wie erklärt sich denn aber _meine_ Leidenschaft für die Schweine?
-
-PROSTAKOW. Auch hierbei spielt die Ähnlichkeit eine Rolle, denk’ ich.
-
-
- Sechster Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. SOPHIE tritt auf mit einem Brief in der Hand; ihr
- Gesicht strahlt vor Freude.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Was bist du denn so lustig, meine Beste? Worüber freust
-du dich?
-
-SOPHIE. Soeben hab’ ich eine freudige Nachricht erhalten. Der Onkel, von
-dem wir so lange nichts vernommen, den ich liebe und ehre wie einen
-Vater, ist dieser Tage in Moskau angelangt. Da ist der Brief, den ich
-soeben von ihm erhalten habe.
-
-FRAU PROSTAKOWA (erschrickt; mit verbissener Wut). Was? Starodum, dein
-Onkel, lebt? Und du wagst es, ihn für auferstanden auszugeben? Diese
-Lüge ist wirklich einzig!
-
-SOPHIE. Er war ja gar nicht gestorben!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Nicht gestorben! Hätte er denn nicht sterben können?
-... Nein, meine Beste, das sind deine Erfindungen, um uns mit deinem
-Onkel ins Bockshorn zu jagen, damit wir dir Freiheit lassen! Du denkst:
-der Onkel ist ein kluger Mensch, er wird schon Wege finden, mich aus
-euren Händen zu befreien! Und darüber freust du dich ... aber bitte,
-freue dich nur nicht zu sehr: dein Onkel ist natürlich von den Toten
-nicht auferstanden.
-
-SKOTININ. Schwester! Wenn er aber gar nicht gestorben wäre?
-
-PROSTAKOW. Verhüt’ es Gott, daß er nicht gestorben wäre!
-
-FRAU PROSTAKOWA (zum Mann). Wie: „nicht gestorben?“ ... Mache mich nicht
-wirr! Weißt du denn nicht, daß ich schon seit mehreren Jahren
-Totenmessen für den Frieden seiner Seele halten lasse? Es ist unmöglich,
-daß meine Gebete nicht bis zu Gott gedrungen seien! (Zu Sophie.) Gib mal
-den Brief her (ihn an sich reißend). Eine Wette geh’ ich ein, daß es ein
-Liebesbrief ist, und ich errate auch den Schreiber: es ist jener
-Offizier, der dir einen Antrag machte, und den du auch heiraten wolltest
-... Und welche Bestie händigt dir ohne meine Erlaubnis Briefe ein? Wart,
-das werd’ ich schon herausbekommen! Das sind Zeiten: jungen Mädchen
-werden Briefe geschrieben! Junge Mädchen können lesen und schreiben!
-
-SOPHIE. Bitte lesen Sie selbst den Brief, und Sie werden alsdann sehen,
-daß er das Unschuldigste von der Welt enthält.
-
-FRAU PROSTAKOWA. „Lesen Sie selbst den Brief!“ Nein, meine Beste, ich
-bin, Gott sei Dank, nicht so erzogen. Ich empfange Briefe, lasse sie
-jedoch immer andre lesen. (Zum Mann.) Lies vor.
-
-PROSTAKOW (nachdem er lange hineingeblickt). Das dürfte schwer fallen.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Auch dich hat man, scheint’s, wie ein junges Mädchen
-aus der guten alten Zeit erzogen ... Bruder, bitte, lies du.
-
-SKOTININ. Ich? Ich habe nie in meinem Leben etwas gelesen, Schwester!
-Gott hat mich mit solchem langweiligen Zeug verschont.
-
-SOPHIE. Erlauben Sie, daß ich lese.
-
-FRAU PROSTAKOWA. O, meine Beste, ich weiß wohl, daß du eine Meisterin
-darin bist – nur trau’ ich dir nicht so recht ... Der Lehrer Mitrofans
-wird wohl bald kommen; er soll mir lesen.
-
-SKOTININ. Wird denn der Junge schon im Schreiben und Lesen unterrichtet?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ach, lieber Bruder, schon gegen vier Jahre unterrichtet
-man ihn. Ja, Sünde wär’s, zu sagen, daß wir uns nicht alle Mühe geben,
-Mitrofan zu erziehen: drei Lehrer werden bezahlt! Im Lesen und Schreiben
-unterweist ihn Kutejkin, Vorsänger in der Kirche zu Mariä Schutz- und
-Fürbitte. Rechnen lehrt ein abgedankter Sergeant, Namens Zyfirkin. Beide
-kommen sie aus der Stadt hierher. Den Unterricht im Französischen und in
-den übrigen Wissenschaften erhält mein armer Mitrofan von einem
-Deutschen, Adam Adamytsch Wralmann. Diesem zahlen wir dreihundert
-Rubelchen jährlich; er sitzt mit uns an _einem_ Tische, seine Wäsche
-wird von unsern Dienstboten gewaschen; ein Pferd steht immer zu seiner
-Verfügung; zu Mittag bekommt er ein Glas Wein, zur Nacht ein Talglicht,
-und selbst die Perücke wird ihm umsonst von Fomka in stand erhalten ...
-Doch, was wahr ist, bleibt wahr: auch wir sind mit ihm zufrieden,
-Bruder: er überbürdet den Knaben nicht. Und man muß doch Mitrofan ein
-wenig pflegen, solange er noch jung ist: wenn er denn noch zehn Jährchen
-etwa – was Gott verhüten möge – dienen muß, wird ihm kein Schmerz
-erspart bleiben! Übrigens – wie’s einem bei der Geburt bestimmt ist!
-Schon mancher aus der Familie der Prostakows ist im Schlaf zu Rang und
-Würden gestiegen – ist denn Mitrofan schlechter als sie? Ei – da kommt
-ja wie gerufen unser teurer Mieter!
-
-
- Siebenter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN und PRAWDIN.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Lieber Bruder, hier stell’ ich dir unsern teuren Gast
-vor – Herr Prawdin; und das, mein Herr, ist mein Bruder.
-
-PRAWDIN. Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.
-
-SKOTININ. Sehr wohl, mein Herr. Und wie lautet Ihr Familienname? Ich
-habe nicht recht gehört.
-
-PRAWDIN. Mein Name ist Prawdin, damit Sie recht hören.
-
-SKOTININ. Und wo geboren, mein Herr? Wo liegen Ihre Dörfer?
-
-PRAWDIN. Ich bin in Moskau geboren, wenn es Ihnen zu wissen not thut,
-und meine Dörfer liegen in diesem Bezirk.
-
-SKOTININ. Und darf ich fragen, mein Herr – Ihr und Ihres Vaters Vorname
-ist mir unbekannt – ob es in Ihren Dörfern Schweinchen gibt?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Fange doch nicht an, von Schweinen zu sprechen, Bruder!
-Wollen wir lieber Herrn Prawdin unsre Not klagen. (Zu Prawdin.) Die
-Sache ist nämlich die: es war das Geheiß Gottes, daß wir dieses junge
-Mädchen zu uns nahmen. Nun erhält sie Briefe von Onkeln, die ihr aus
-jener Welt schreiben. Wollten Sie die Güte haben, uns allen diesen Brief
-laut vorzulesen!
-
-PRAWDIN. Verzeihen Sie – ich lese niemals Briefe, ohne von deren
-Empfängern hierzu befugt zu sein.
-
-SOPHIE. Ich bitte Sie darum, Sie werden mich sehr verbinden.
-
-PRAWDIN. Wenn Sie es also befehlen ... (liest) „Liebe Nichte! Meine
-Geschäfte zwangen mich, mehrere Jahre fern von meinen Verwandten zu
-leben; die weite Entfernung beraubte mich des Vergnügens, Nachricht von
-ihnen zu erhalten. Nach mehrjährigem Aufenthalt in Sibirien bin ich nun
-in Moskau. Ich kann wohl als Beispiel dienen, daß man sich durch Fleiß
-und Ehrlichkeit ein Vermögen erarbeiten kann. Dank diesen Mitteln und
-mit Hilfe des Glücks habe ich zehntausend Rubel Revenuen –“
-
-SKOTININ und beide PROSTAKOWS. Zehntausend!
-
-PRAWDIN (im Lesen fortfahrend). – „Zu deren Erben ich Dich, liebe
-Nichte, ernenne.“
-
-FRAU PROSTAKOWA. Dich zur Erbin! }
- }
-PROSTAKOW. Sophie zur Erbin! } (Gleichzeitig.)
- }
-SKOTININ. Sie zur Erbin! }
-
-FRAU PROSTAKOWA (Sophie stürmisch umarmend). Gratuliere dir, meine
-Herzens-Sophie! Ich weiß mich vor Freude nicht zu fassen! Jetzt mußt du
-einen Bräutigam haben. Und eine bessere Braut kann ich mir für Mitrofan
-gar nicht wünschen! Das ist ein Onkel! Der leibliche Vater! Ich hab’s
-mir immer gedacht, daß ihn Gott behütet, daß er noch wohl und gesund
-ist!
-
-SKOTININ (die Hand hinhaltend). Nun, Schwester, schlag ein.
-
-FRAU PROSTAKOWA (leise zu Skotinin). Warte noch, Bruder: erst muß man
-sie fragen, ob sie dich nehmen will.
-
-SKOTININ. Wie? Fragen? Wir werden doch nicht erst ihre Meinung hören
-wollen?!
-
-PRAWDIN. Darf ich den Brief zu Ende lesen?
-
-SKOTININ. Wozu? Und sollten Sie fünf Jahre lesen – Besseres als die
-Zehntausend werden Sie doch nicht herauslesen!
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Sophie). Herzens-Sophie, komm mit mir auf mein
-Schlafzimmer. Ich habe äußerst Wichtiges mit dir zu sprechen (führt
-Sophie fort).
-
-SKOTININ. S–o–o–o! Na, ich sehe, daß heute wohl schwerlich aus der
-Verlobung was wird!
-
-
- Achter Auftritt.
-
- PRAWDIN. PROSTAKOW. SKOTININ. EIN DIENER.
-
-DIENER (außer Atem zu Prostakow). Gnädiger Herr, gnädiger Herr! Soldaten
-sind gekommen, haben in unserm Dorfe Quartier gemacht!
-
-PROSTAKOW. O Unglück, sie werden uns gänzlich ruinieren!
-
-PRAWDIN. Worüber erschrecken Sie so?
-
-PROSTAKOW. Ach, Lieber, Guter! Ich hab’s ja schon erlebt! Ich wag nicht,
-ihnen unter die Augen zu treten!
-
-PRAWDIN. Befürchten Sie nichts. Sie werden natürlich von einem Offizier
-angeführt, der es zu keiner Gewaltthat kommen läßt. Wollen wir zusammen
-hingehen. Ich bin versichert, daß Sie sich unnütz beunruhigen. (Prawdin,
-Prostakow und der Diener ab.)
-
-SKOTININ. Alle haben mich verlassen ... Will doch einen Spaziergang
-durch den Viehhof machen!
-
-
-
-
- Zweiter Aufzug.
-
-
- Erster Auftritt.
-
- PRAWDIN und MILON.
-
-MILON. Wie freut es mich, mein teurer Freund, dich wiederzusehn! Wie
-kommst du her?
-
-PRAWDIN. Gern will ich dir den Grund meines Hierseins mitteilen. Ich bin
-zum Mitgliede der hiesigen Provinzialverwaltung ernannt worden und habe
-Befehl, den hiesigen Bezirk zu inspizieren. Gleichzeitig unterlass’ ich
-es nicht aus eignem Herzensantrieb, diejenigen tyrannischen Gutsbesitzer
-zu studieren, die ihre Vollmacht über ihren Untergebenen unmenschlich
-mißbrauchen. Du kennst die Denkungsart unsers Gouverneurs. Mit welchem
-Eifer hilft er der leidenden Menschheit! Mit welcher Hingebung erfüllt
-er die humanen Absichten der Regierung. Wir haben es bei uns selber
-gesehen, daß, wenn der Gouverneur derartig ist, wie ihn das Reglement
-vorzeichnet, der Wohlstand der Bewohner ein gesicherter bleibt. Ich
-wohne hier schon drei Tage und fand einen ehrlosen Narren von Gutsherrn
-und dessen Furie von Frau, deren teuflischer Charakter dem ganzen Hause
-Unheil bringt. Worüber sinnst du, mein Freund? Sage doch, wirst du lange
-hier bleiben?
-
-MILON. Schon nach einigen Stunden verlass’ ich dies Haus.
-
-PRAWDIN. Warum so bald? Ruh dich doch erst aus.
-
-MILON. Ich darf nicht: muß ohne Zögern die Soldaten weiterführen ...
-Außerdem brenn’ ich selber vor Ungeduld, schneller in Moskau zu sein.
-
-PRAWDIN. Und der Grund hierzu?
-
-MILON. Dich, als meinen Freund, will ich in das Geheimnis meines Herzens
-einweihen. Ich liebe und bin so glücklich, geliebt zu werden. Schon über
-ein halbes Jahr bin ich von der getrennt, die mir teurer ist als alles
-auf der Welt; und was noch betrübender ist: diese ganze Zeit über hab’
-ich keinerlei Nachricht von ihr erhalten. Oft schrieb ich ihr Schweigen
-dem Erkalten zu und zermarterte mein Herz. Da erhielt ich plötzlich eine
-Mitteilung, die mich höchlich überraschte. Man schreibt mir nämlich, daß
-sie nach dem Tode ihrer Mutter von entfernten Verwandten zu sich aufs
-Dorf genommen worden sei – und ich weiß weder von wem, noch wohin.
-Vielleicht befindet sie sich jetzt in den Händen von Egoisten, bei denen
-sie, die schutzlose Waise, tyrannisiert wird. Der Gedanke allein macht
-mich rasen!
-
-PRAWDIN. Eine derartige Unmenschlichkeit sehe ich in diesem Hause, doch
-schmeichle ich mir mit der Hoffnung, der Bosheit der Frau und der
-Narrheit des Mannes eine Grenze zu stecken. Ich habe schon von allem
-unsern Chef in Kenntnis gesetzt und zweifle nicht, daß man Maßregeln
-ergreifen wird, diesem saubern Paar Einhalt zu thun.
-
-MILON. Wie glücklich bist du, Freund, daß du das Los Unglücklicher
-erleichtern kannst! ... Auch ich bin in einer sehr mißlichen Lage und
-weiß nicht, was ich beginnen soll.
-
-PRAWDIN. Und darf ich fragen, wie der Name –
-
-MILON (entzückt). O, da ist sie ja selber!
-
-
- Zweiter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN und SOPHIE.
-
-SOPHIE. Milon, bist du’s?
-
-PRAWDIN. Welches Glück!
-
-MILON. Die ist’s, die mein ganzes Herz beherrscht! ... Teure Sophie,
-sprich, wie kommt’s, daß ich dich hier treffe?
-
-SOPHIE. Wieviel hab’ ich gelitten seit dem Tage unsrer Trennung! Meine
-gewissenlosen Verwandten –
-
-PRAWDIN. Freund, laß das Fragen! es bereitet ihr nur Schmerz. Von mir
-wirst du erfahren, welche Roheiten –
-
-MILON. Die Nichtswürdigen!
-
-SOPHIE. Heute übrigens hat die Frau vom Hause zum erstenmal mir
-gegenüber einen andern Ton angeschlagen. Als sie erfuhr, daß mich der
-Onkel zu seiner Erbin eingesetzt, verfiel sie aus Grobheit und Zanksucht
-in kriechende Liebenswürdigkeit, und ich ersehe aus allen ihren
-Anspielungen, daß sie mich ihrem Sohne als Braut zugedacht hat.
-
-MILON (ungeduldig). Und du hast ihr nicht alsbald deine vollste
-Verachtung ausgesprochen?
-
-SOPHIE. Nein ...
-
-MILON. Hast ihr nicht gesagt, daß dein Herz bindende Pflichten hat, daß
-–
-
-SOPHIE. Nein ...
-
-MILON. O, nun seh’ ich mein Verderben! Ich habe einen beglückten
-Nebenbuhler! ... Nun, ich zweifle ja gar nicht an seinen Vorzügen: er
-ist gewiß klug, aufgeklärt, liebenswürdig; aber daß er sich mit mir in
-meiner Liebe messen könnte –
-
-SOPHIE (lächelnd). Gott, wenn du ihn sähest – du würdest rasen vor
-Eifersucht!
-
-MILON (grimmig). Ich kann mir alle seine Vorzüge vorstellen!
-
-SOPHIE. Nein, du kannst sie dir gar nicht alle vorstellen! Er zählt zwar
-erst sechzehn Jahre, hat jedoch schon die höchste Sprosse der
-Vollkommenheit erklommen und kann gar nicht mehr höher steigen.
-
-PRAWDIN. Wie kann er nicht höher steigen, Fräulein? Er hat ja bald die
-Fibel ausgelernt und wird wohl alsbald zum Psalmbuch übergehen.
-
-MILON. Von solcher Beschaffenheit also ist mein Nebenbuhler?! ... Ach,
-Sophie, warum quälst du mich, und sei’s auch nur im Scherz! Du weißt,
-wie einem Liebenden selbst der geringste Verdacht Leiden macht! ... Nun
-sage mir, was du ihr geantwortet hast. (In diesem Augenblick geht
-Skotinin nachdenklich über die Bühne, ohne von jemand bemerkt zu
-werden.)
-
-SOPHIE. Ich sagte ihr, daß ich vom Willen des Onkels abhänge, daß er
-bald selber herkommen werde – was ich aus dem Briefe schließe, den (zu
-Prawdin) Sie dank dem Herrn Skotinin nicht haben zu Ende lesen dürfen.
-
-MILON. Skotinin!
-
-SKOTININ. Hier!
-
-
- Dritter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN und SKOTININ.
-
-PRAWDIN. Sie haben also gelauscht, Herr Skotinin? Das hab’ ich von Ihnen
-nicht erwartet!
-
-SKOTININ. Ich ging zufällig vorbei und antwortete, da man mich anrief.
-Das ist so meine Art: wer „Skotinin!“ ruft, dem antwort’ ich „Hier!“ Ich
-habe in der Garde gedient und erhielt als Korporal meinen Abschied: rief
-man nun auf dem Versammlungsplatz laut: „Taras Skotinin!“ so brüllte
-ich: „Hier!“
-
-PRAWDIN. Wir haben Sie nicht angerufen, und Sie können nun gehn, wohin
-Sie gehen wollten.
-
-SKOTININ. Ich wollte nirgendhin gehn, ich schritt nur so in Gedanken auf
-und ab. Es ist so meine Art: sitzt mir mal ein Gedanke im Kopfe fest, so
-läßt er sich mit keinem Pflock austreiben – sitzt was drin, so sitzt es
-fest. Dann denk’ ich nur dieses Etwas und seh’ es im Traum wie in der
-Wirklichkeit und in der Wirklichkeit wie im Traum.
-
-PRAWDIN. Und was beschäftigt Sie gegenwärtig?
-
-SKOTININ. Ach, bester, teuerster Freund! Wunderdinge passieren mir.
-Meine Schwester ließ mich schnell – schnell aus meinem Dorfe herkommen –
-und wenn sie mich ebenso schnell aus ihrem Dorfe heimschickt, so kann
-ich vor der ganzen Welt mit reinem Gewissen behaupten: leer gekommen,
-leer zurückgekehrt.
-
-PRAWDIN. Wie ich Sie bedauere, Herr Skotinin! Ihre Schwester spielt mit
-Ihnen wie mit einem Ball.
-
-SKOTININ. Wie mit einem Ball? Gott schütze vor Unglück! Will ich doch
-selber sie so weit schleudern, daß das ganze Dorf sie eine ganze Woche
-lang umsonst suchen soll!
-
-SOPHIE. Ach, wie Sie zornig sind!
-
-MILON. Was ist Ihnen?
-
-SKOTININ. Bitte urteilen Sie selbst – Sie sind ein vernünftiger Mensch.
-Also, meine Schwester hat mich herkommen lassen, damit ich heirate. Nun
-zieht sie sich zurück mit dem Vorwand: „Wozu brauchst du, Bruder, eine
-Frau, wenn du nur ein gutes Schwein hast.“ Nein, Schwester – ich will
-mir auch eigene Ferkel anschaffen! Auf _den_ Leim geh’ ich nicht!
-
-PRAWDIN. Auch mir will es scheinen, Herr Skotinin, daß Ihre Schwester
-eine Heirat im Sinne hat, nur nicht die Ihrige.
-
-SKOTININ. Mag sie doch – ich stehe keinem im Wege: heirate jeder seine
-Braut. Ich werde mich an einer fremden nicht vergreifen, aber auch
-Fremde sollen sich an der meinigen nicht vergreifen. (Zu Sophie.)
-Fürchte nichts, mein Schatz: niemand wir dich mir entreißen.
-
-SOPHIE. Was soll das heißen?
-
-MILON (aufschreiend). Welche Frechheit!
-
-SKOTININ (zu Sophie). Nun, worüber bist du denn so erschrocken?
-
-PRAWDIN (zu Milon). Wie kann man einem Skotinin zürnen!
-
-SOPHIE (zu Skotinin). So ist es denn beschlossen, daß ich Ihre Frau
-werde?
-
-MILON. Mit Mühe halt’ ich an mir!
-
-SKOTININ. Niemand entgeht seinem Schicksal, mein Herz! Sünde ist’s, daß
-du wider dein Glück murrst. Das herrlichste Leben wirst du an meiner
-Seite haben. Zehntausend hast du Revenuen! Welch ein Glück! Eine solche
-Summe hab’ ich in meinem Leben nicht einmal gesehen! Donnerwetter, für
-dieses Geld kann ich mir ja alle Schweine auf der Welt kaufen! Ja, jeder
-Mund soll in die Trompete stoßen: bei Skotinin ist das Paradies der
-Schweine!
-
-PRAWDIN. Wenn allein die Schweine bei Ihnen ein paradiesisches Leben
-führen, so wird Ihre Frau vor Ihnen und selbigen Schweinen wenig Ruhe
-haben.
-
-SKOTININ. Wenig Ruhe? Ei, hab’ ich denn zu wenig Raum in meinem Hause?
-Sie soll für sich allein das Eckzimmer mit dem Divan haben! Freundchen,
-wenn schon jetzt jedes meiner Schweinchen einen besonderen Koben hat, so
-wird sich für meine Frau schon ein Zimmerchen finden.
-
-MILON. Welch ein viehischer Vergleich!
-
-PRAWDIN (zu Skotinin). Nichts wird daraus, Herr Skotinin. Ich will’s
-ihnen nur gerade heraus sagen: Ihre Schwester will Fräulein Sophie mit
-Mitrofan verheiraten.
-
-SKOTININ (zornig). Was, wie? Der Neffe soll den Onkel ausstechen! Alle
-Rippen will ich dem Kerl eindrücken, sobald ich ihn sehe! Und ein
-Schweinesohn will ich sein, wenn ich nicht Sophiens Mann werde oder den
-Bengel zum Krüppel schlage!
-
-
- Vierter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. JEREMEJEWNA und MITROFAN.
-
-JEREMEJEWNA. Du solltest doch ein ganz klein wenig lernen!
-
-MITROFAN. Sprich noch ein Wort, alte Hexe, so will ich’s dir eintränken:
-werde mich wieder bei der Mutter beklagen, und sie wird dich, wie
-gestern, durchwalken!
-
-SKOTININ. Komm mal her, Freundchen.
-
-JEREMEJEWNA. Geh zum Onkel, Kind.
-
-MITROFAN. Guten Tag, Onkel ... Was bist du so borstig?
-
-SKOTININ. Mitrofan, blicke mir frei und gerade in die Augen.
-
-JEREMEJEWNA. Thu’s, mein Süßer!
-
-MITROFAN (zu Jeremejewna). Was ist denn der Onkel für ein Wundertier,
-daß ich ihn angucken soll?
-
-SKOTININ. Noch einmal: blicke mir frei und gerade in die Augen!
-
-JEREMEJEWNA. Erzürne doch den Onkel nicht! Sieh nur, mit welchen
-Glotzaugen er dich anstarrt! ... Nun, glotz ihn ebenso an! (Skotinin und
-Mitrofan blicken aufeinander mit weit aufgerissenen Augen.)
-
-MILON. Das ist ein absonderliches Zwiegespräch!
-
-PRAWDIN. Was es wohl für ein Ende nehmen wird?
-
-SKOTININ. Mitrofan, dein Leben hängt an einem Haar. Sprich die volle
-Wahrheit! Wenn ich die Sünde nicht scheute, so würde ich, ohne weitere
-Worte zu verlieren, dich bei den Beinen packen und deinen Schädel an der
-Wand zerschmettern. Doch möchte ich nicht meine Seele verderben, indem
-ich einen Unschuldigen richte.
-
-JEREMEJEWNA (zitternd). Wehe, er tötet ihn! Wehe meinem armen Kopfe!
-
-MITROFAN. Bist du toll, Onkel? Ich habe keine Ahnung, wofür du über mich
-herfällst!
-
-SKOTININ. Ich warne dich: leugne nicht, damit ich dir nicht im Jähzorn
-den Todesschlag versetze – deine Hände werden dich wenig schützen. Ich
-nehm’s auf mich und werde Rechenschaft geben Gott und Kaiser. Doch auch
-unschuldig nimm keine Schuld auf dich, um nicht unverdient geprügelt zu
-werden!
-
-JEREMEJEWNA. Gott schütze vor unverdienten Prügeln!
-
-SKOTININ. Möchtest du heiraten?
-
-MITROFAN (schmachtend). Schon längst, Onkelchen ...
-
-SKOTININ (stürzt auf Mitrofan). Ach, du verwünschter Racker!
-
-PRAWDIN (Skotinin zurückhaltend). Herr Skotinin, keine
-Handgreiflichkeiten!
-
-MITROFAN. Amme, decke mich!
-
-JEREMEJEWNA (stellt sich vor Mitrofan, wütend mit erhobenen Fäusten).
-Krepieren will ich auf der Stelle, aber dem Kinde laß ich kein Haar
-krümmen! Komm du nur, die Augen kratz’ ich dir aus dem Kopfe!
-
-SKOTININ (zitternd und mit der Faust drohend, ab). Ihr sollt an mich
-denken!
-
-JEREMEJEWNA (ihm nach). Meine Krallen sind scharf genug!
-
-MITROFAN (dem Onkel nachrufend). Packe dich, Onkel, hol’ dich der Geier!
-
-
- Fünfter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA und PROSTAKOW.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zum Mann). Lüg du nur! Bist zeitlebens ein Maulaffe
-gewesen!
-
-PROSTAKOW. Er und Prawdin sind wie in die Erde gesunken! Bin ich schuld?
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Milon). Ach, Herr Offizier! Ich habe Sie im ganzen
-Dorfe gesucht; mein Mann hat sich die Beine ablaufen müssen, um Ihnen
-meinen tiefsten Dank für das vortreffliche Kommando auszusprechen.
-
-MILON. Wofür denn, gnädige Frau?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wie denn, wofür? Ihre Soldaten sind prächtige Menschen:
-haben bis jetzt mit keinem Finger etwas angerührt. Zürnen Sie nicht,
-bester Herr, daß diese Mißgeburt (auf den Mann zeigend) mit seinem
-ewigen Gaffen Ihnen nicht wie nötig begegnet ist. Er war von Kindheit an
-ein Tölpel.
-
-MILON. Bitte, nicht im geringsten –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Er ist manchmal wie vor den Kopf geschlagen – steht
-stundenlang mit starr aufgerissenen Augen. Was hab’ ich schon alles mit
-ihm versucht, was hat er alles von mir aushalten müssen – nichts wirkt
-auf seine dicke Haut. Und geht mal sein Klotzzustand vorüber, so beginnt
-er ein solches Blech zu schwätzen, daß man zu Gott fleht, er möchte ihn
-nur wieder vor den Kopf schlagen!
-
-PRAWDIN. Sie wenigstens, gnädige Frau, können nicht über seinen
-Charakter klagen: er ist sanftmütig –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wie ein Kalb, bester Herr, wie ein Kalb! Deshalb auch
-sind alle bei uns im Hause so verwöhnt. Denn um Strenge walten zu lassen
-und die Schuldigen gehörig zu bestrafen – dazu ist er zu dämlich! Muß
-alles selbst thun, lieber Herr. Vom Morgen bis zum Abend hat weder meine
-Zunge noch meine Hand einen Augenblick Ruhe: bald muß ich schimpfen,
-bald hauen; nur auf solche Weise kann ich das Haus halten.
-
-PRAWDIN (für sich). Es wird bald anders gehalten werden.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Sophie). Habe die Zimmer für deinen lieben Onkel in
-stand gesetzt. Ach, wie möcht’ ich ihn sehen, den ehrwürdigen Greis! Ich
-habe viel Gutes von ihm vernommen. Selbst böse Menschen behaupten, er
-sei nur ein wenig griesgrämig, doch außerordentlich klug; wen er einmal
-liebt, den liebt er von ganzer Seele.
-
-PRAWDIN. Und wen er nicht liebt, der ist ein schlechter Mensch. (Zu
-Sophie.) Ich selber habe die Ehre, Ihren Onkel zu kennen. Ich habe
-manches über ihn vernommen, das mir aufrichtige Hochachtung für ihn ins
-Herz flößte. Was man so seine Griesgrämigkeit, seine Grobheit nennt, ist
-nur der Eindruck seiner Geradheit. Nie im Leben hat seine Zunge „Ja“
-gesagt, wenn seine Seele ein „Nein“ fühlte.
-
-SOPHIE. Dafür hat er auch nur mit großer Mühe sein Glück machen können.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Gott segnet uns, indem er seine Bemühungen mit Erfolg
-segnete. Nichts wünscht’ ich sehnlicher als sein väterliches Wohlwollen
-für meinen Mitrofan! ... Sophiechen, mein Herz, willst du nicht des
-Onkels Zimmer in Augenschein nehmen? (Sophie ab; zu Prostakow.) Hast du
-schon wieder Maulaffen feil? Begleite sie, die Beine sind dir nicht
-abgefallen.
-
-PROSTAKOW (im Fortgehen). Nicht abgefallen, jedoch eingeknickt.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Meine einzige Sorge, meine einzige Freude ist –
-Mitrofan. Ich habe gelebt, er muß erst leben und Mensch werden. (Hier
-erscheinen Kutejkin mit einer Fibel und Zyfirkin mit einer Schiefertafel
-und einem Griffel. Beide fragen durch Zeichen Jeremejewna, ob sie
-eintreten dürfen. Sie winkt herein, Mitrofan – heraus.) Nun, Gott wird
-wohl gnädig sein, wird ihn mit Glück segnen.
-
-PRAWDIN. Sehen Sie sich um, gnädige Frau, was hinter Ihrem Rücken
-vorgeht.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ach, das sind Mitrofans Lehrer; Ssidorytsch, Kutejkin –
-
-JEREMEJEWNA. Und Pafnutjitsch, Zyfirkin.
-
-MITROFAN (beiseite). Hole sie der Henker mitsamt der Jeremejewna!
-
-KUTEJKIN. Frieden der Herrin dieses Hauses und viele Jahre des Wohlseins
-ihr, den Kindern und Angehörigen!
-
-ZYFIRKIN. Wir wünschen Ew. Wohlgeboren Gesundheit auf hundert Jahre, und
-noch zwanzig, und noch fünfzehn!
-
-MILON. Ei, das ist ja unsresgleichen, ist Soldat! Wie kommst du her,
-mein Freund?
-
-ZYFIRKIN. Diente in der Garnison, Ew. Wohlgeboren, und bin nun
-verabschiedet.
-
-MILON. Wie verdienst du dir denn dein Brot?
-
-ZYFIRKIN. Es geht schon zur Not, Ew. Wohlgeboren. Ich habe einige
-Begriffe vom Rechnen und verdiene meinen Groschen von den Beamten der
-Rechnungsexpedition. Nicht jeden hat der liebe Gott mit Bildung
-gesegnet: da bittet mich denn so einer, ihm eine Rechnung zu
-kontrollieren oder die Summe zu ziehen. Solcherart verdien’ ich mein
-täglich Brot, sitze nie die Hände im Schoß. In meinen Mußestunden
-erteil’ ich Kindern Unterricht. So unterricht’ ich auch bei Ihro Gnaden:
-schon das dritte Jahr quälen wir uns mit den Brüchen ab, aber es will
-und will nicht recht kleben. Natürlich: ein Mensch ist nicht wie der
-andre.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Was quasselst du da, Pafnutjitsch, ich habe nicht recht
-gehört?
-
-ZYFIRKIN. Ich erklärte Sr. Wohlgeboren, daß man manchem Klotz in zehn
-Jahren das nicht einkeilen kann, was ein andrer im Fluge erhascht.
-
-PRAWDIN (zu Kutejkin). Und du, Kutejkin, bist du nicht gar ein
-Studierter?
-
-KUTEJKIN. Bin ein Studierter, Ew. Wohlgeboren. In dem Seminarium der
-hiesigen Eparchie kam ich bis zur Sekunda, machte jedoch laut dem Willen
-Gottes Kehrtum. Darauf hab’ ich ins Konsistorium eine Bittschrift
-eingereicht, so da zu lesen stand: „Der und der Seminarist, Sohn eines
-Kirchendieners, bittet, aus Furcht vor den Abgründen der Kenntnisse, ihn
-vom Studium der Wissenschaften zu dispensieren.“ Worauf denn auch
-alsbald eine gnädige Resolution einlief des Inhalts: „Den und den
-Seminaristen von jeglichem Studieren zu befreien, denn es stehet
-geschrieben: Ihr sollt nicht die Perlen vor die Säue werfen, auf daß sie
-dieselbigen nicht zertreten mit ihren Füßen.“
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wo ist denn unser Adam Adamytsch?
-
-JEREMEJEWNA. Bin auch zu ihm gegangen, habe aber mit Mühe auf den Füßen
-stehen können: ganz eingehüllt war er in Rauchwolken. Ich bin beinah’
-von diesem verfluchten Tabak erstickt. Ist das eine Sünde!
-
-KUTEJKIN. Hat nichts zu sagen, Jeremejewna! Im Tabakrauchen finde ich
-keine Sünde.
-
-PRAWDIN (beiseite). Kutejkin will klugsprechen!
-
-KUTEJKIN. In vielen Büchern ist’s gestattet. Im Psalter steht wörtlich:
-„Saat zu Nutz den Menschen.“
-
-PRAWDIN. Und wo noch?
-
-KUTEJKIN. Auch in einem andern Psalter stehen dieselben Worte. Unser
-Priester hat einen in Oktavformat, und auch dort steht’s.
-
-PRAWDIN (zu Frau Prostakowa). Ich will beim Lernen Ihres Sohnes nicht
-hinderlich sein; ergebenster Diener.
-
-MILON. Noch ich, gnädige Frau.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wohin denn, meine Herrn?
-
-PRAWDIN. Ich werde ihn auf mein Zimmer führen. Freunde, die sich lange
-nicht gesehn, haben einander vieles mitzuteilen.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Und wo werden Sie essen – mit uns oder auf Ihrem
-Zimmer? Am Familientische sitzen nur wir und Sophiechen –
-
-MILON. Mit Ihnen, mit Ihnen, gnädige Frau.
-
-PRAWDIN. Wir beide werden die Ehre haben. (Beide ab.)
-
-
- Sechster Auftritt.
-
- FRAU PROSTAKOWA, MITROFAN, JEREMEJEWNA, ZYFIRKIN und KUTEJKIN.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Nun, mein Herz, wiederhole wenigstens, was du das
-letzte Mal russisch gelesen.
-
-MITROFAN. Wiederholen? Danke bestens!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer was zu. Das
-ist eine alte Wahrheit, mein Freund.
-
-MITROFAN. Wahrheit! Du solltest doch noch ein paar Onkel herschleppen!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wie, was?
-
-MITROFAN. Das! Jeden Augenblick muß ich gewärtig sein, durchgehauen zu
-werden, und nach den Prügeln soll ich noch die Fibel vornehmen? Nein,
-dafür dank’ ich: da mach’ ich lieber ein Ende!
-
-FRAU PROSTAKOWA (erschrocken). Was, was willst du machen? Komm zu dir!
-
-MITROFAN. Der Fluß ist ja nicht weit von hier. Ein Sprung – und weg bin
-ich!
-
-FRAU PROSTAKOWA (außer sich). Du tötest mich! Gott, mein Gott!
-
-JEREMEJEWNA. Der Onkel hat ihn so eingeschreckt: fast hätte er sich dem
-lieben Jungen in die Haare gekrallt. Und das für nichts und wieder
-nichts.
-
-FRAU PROSTAKOWA (grimmig). Nun?
-
-JEREMEJEWNA. Er drang in ihn, ob er heiraten wolle –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Nun?
-
-JEREMEJEWNA. Und der liebe Junge verheimlichte es auch gar nicht: ja,
-lieber Onkel, ich habe schon lange Lust. Da geriet der Onkel in
-gräßliche Wut und stürzte sich –
-
-FRAU PROSTAKOWA (zitternd). Nun ... und du, Bestie, bist zum Klotz
-geworden, hast dich dem Bruder nicht in die Fratze eingekrallt, hast ihm
-das Maul nicht bis an die Ohren aufgerissen –
-
-JEREMEJEWNA. Ich wollte schon ... ich wollte, aber –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Aber ... Nicht wahr, es ist nicht dein Kind,
-Ungeheuer?! Du würdest es zu Tode schlagen lassen –
-
-JEREMEJEWNA. Ach du grundgütiger Gott! Wäre er nicht in demselben
-Augenblick fortgegangen, so würde ich mich auf ihn gestürzt haben:
-stumpf ließe ich diese (zeigt auf die Nägel) werden, und auch die Zähne
-würde ich nicht schonen.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Alle seid ihr dienstfertig in Worten, ihr Kanaillen,
-wenn’s aber ans Handeln kommt –
-
-JEREMEJEWNA (weinend). Ich bin nicht dienstfertig?! Da weiß ich nicht
-mehr, wie ich noch eifriger dienen soll ... gern würd’ ich ... der
-eigene Leib wird nicht geschont ... und immer kein Dank –
-
-KUTEJKIN. Sollen wir heimkehren? } (Zusammen.)
- }
-ZYFIRKIN. Wohin lenken wir unsre Schritte, Ew. }
-Wohlgeboren? }
-
-FRAU PROSTAKOWA. Und du heulst noch alte Hexe?! ... Geh, füttre sie ab
-und komme nach dem Essen sofort her. (Zu Mitrofan.) Komm mit mir, mein
-süßes Leben. Jetzt lass’ ich dich nicht aus den Augen ... Komm nur, ein
-Wörtchen will ich dir zuflüstern, daß dir von neuem das Leben lächeln
-soll. Nicht ewig, mein Herz, nicht ewig wirst du lernen: soviel
-verstehst du schon, Gott sei Dank, da du auch selber Kinderchen zeugen
-kannst! (Zu Jeremejewna.) Den Bruder will ich anders vorkriegen, als du
-es gethan. Die ganze Welt soll sehen, was eine Amme und was eine Mutter
-ist! (Ab mit Mitrofan.)
-
-KUTEJKIN. Dein Leben, Jeremejewna, ist die wahre Hölle! Komm mal lieber
-zu Tisch und trink vor Kummer ein Gläschen.
-
-ZYFIRKIN. Und dann das zweite – da haben wir gleich eine Multiplikation.
-
-JEREMEJEWNA (weinerlich). Der Teufel wird mich schon nicht holen.
-Vierzig Jahre dien’ ich bereits, aber der Dank ist immer derselbe!
-
-KUTEJKIN. Und wie hoch beziffert sich dieser Dank?
-
-JEREMEJEWNA. Fünf Rubel jährlich und fünf Kopfnüsse täglich. (Kutejkin
-und Zyfirkin führen sie unter den Armen fort.)
-
-ZYFIRKIN. Bei Tisch wollen wir’s ausrechnen, wieviel’s im Jahr ausmacht.
-
-
-
-
- Dritter Aufzug.
-
-
- Erster Auftritt.
-
- STARODUM und PRAWDIN.
-
-PRAWDIN. Kaum war ich vom Tische aufgestanden, kaum ans Fenster
-getreten, so erblickte ich Ihren Wagen und eilte, ohne ein Wort
-verlauten zu lassen, Ihnen entgegen, um Sie von ganzem Herzen zu
-umarmen. Die Hochachtung, die ich Ihnen zolle –
-
-STARODUM. Ich weiß sie zu schätzen, glaub es mir.
-
-PRAWDIN. Ihre Freundschaft ist für mich um so schmeichelhafter, als Sie
-diese nur denen bieten –
-
-STARODUM. Die so sind wie du. Ich spreche gerade heraus. Beginnt die
-Konvenienz, hat die Aufrichtigkeit ein Ende.
-
-PRAWDIN. Ihre Art –
-
-STARODUM. Sie wird von vielen verspottet, ich weiß es. Mag’s! Mein Vater
-hat mir die Erziehung seiner Zeit gegeben, und ich hab’ es nicht für
-nötig befunden, mich umzuerziehen. Er diente Peter dem Großen. Damals
-wurde der Mensch „du“ genannt und nicht „Sie“; damals machte man die
-Leute nicht hochmütig, so daß sich einer für viele hielt. Dafür auch
-sind heutzutage viele eines einzigen nicht wert. Mein Vater hat am Hofe
-Peters des Großen –
-
-PRAWDIN. Ich hörte, daß er im Militärdienst stand.
-
-STARODUM. Damals waren die Höflinge Krieger und die Krieger keine
-Höflinge. Die Erziehung, die mir mein Vater gegeben hat, war für jene
-Zeit eine vorzügliche. Damals war die Unterrichtsmethode keine
-komplizierte, und man verstand noch nicht die Kunst, einen leeren Kopf
-mit fremdem Verstande anzufüllen.
-
-PRAWDIN. Die damalige Erziehung wurzelte in der That in einigen
-Grundsätzen –
-
-STARODUM. In einem. Mein Vater wiederholte mir beständig nur: „Habe ein
-Herz, habe eine Seele, und du wirst zu jeder Zeit ein Mensch sein. Alles
-übrige unterliegt der Mode: Verstand und Kenntnisse sind Modeartikel wie
-Schnallen und Knöpfe.“
-
-PRAWDIN. Sie sprechen wahr. Die Hauptzierde des Menschen ist die Seele.
-
-STARODUM. Ja, ohne Seele ist der aufgeklärteste, klügste Mensch ein
-trauriges Geschöpf, und ein ungebildeten beschränkter Mensch – ein Tier.
-Das Geringste kann ihn zum Verbrecher machen. Zwischen seiner That und
-dem Zwecke dieser That gibt’s keine Wage. Und von solchen Tieren will
-ich jemand befreien, der –
-
-PRAWDIN. Ihre Nichte ist. Ich weiß es. Sie ist hier; gehen wir.
-
-STARODUM. Warte. Mein Herz kocht noch vor Zorn gegen dies unwürdige
-Gebahren dieser Menschen. Bleiben wir darum einen Augenblick. Ich halte
-mich an den Grundsatz: nie muß der erste Trieb eine sofortige Handlung
-zur Folge haben.
-
-PRAWDIN. Nur selten verstehen andre diesen Ihren Grundsatz zu befolgen.
-
-STARODUM. Meine Lebenserfahrungen machten ihn mir zur Gewohnheit. O,
-wenn ich früher die Selbstbeherrschung gekannt hätte – ich würde noch
-länger das Glück gehabt haben, dem Vaterlande zu dienen!
-
-PRAWDIN. Wie das? Die Erlebnisse eines Mannes von Ihrer Gesinnungsart
-müssen für jedermann von Interesse sein. Sie würden mich sehr verbinden,
-wenn Sie mir erzählen wollten –
-
-STARODUM. Ich verhehle sie vor keinem, damit andre in ähnlicher Lage
-weiser handeln, denn ich es gethan. Als ich im Militärdienst stand,
-machte ich die Bekanntschaft eines jungen Grafen, dessen Namen sogar ich
-vergessen möchte. Im Dienst war er jünger als ich, war der Sohn eines
-Parvenüs, in der großen Welt erzogen und hatte Gelegenheit gehabt, das
-zu lernen, was in den Kreis unsers Unterrichts noch gar nicht
-aufgenommen war. Ich wandte alle Mühe an, mir seine Freundschaft zu
-erwerben, um durch beständigen Umgang mit ihm die Lücken in meinen
-Kenntnissen auszufüllen. In derselben Zeit, da unsre Freundschaft sich
-festigte, erfuhren wir, daß der Krieg erklärt sei. Freudestrahlend
-stürzte ich in des Freundes Arme. „Lieber Graf – hier bietet sich
-Gelegenheit zur Auszeichnung! Treten wir sofort in die Armee, daß wir
-würdig werden des Adeltitels, den uns die Geburt verliehen!“ Da furchte
-sich seine Stirn, trocken umarmte er mich und sagte: „Glück auf den Weg;
-ich aber schmeichle mir mit der Hoffnung, daß mein Vater sich von mir
-nicht wird trennen wollen.“ Nichts kommt der Verachtung nahe, die ich in
-jenem Augenblick für ihn empfand. Hier erst sah ich, daß zwischen dem
-Parvenü und dem verdienten Manne ein unermeßlicher Unterschied besteht,
-daß es in der großen Welt sehr kleinliche Seelen gibt, und daß man sehr
-aufgeklärt und gleichzeitig verächtlich sein kann.
-
-PRAWDIN. Sie haben vollkommen recht.
-
-STARODUM. Ich verließ ihn und begab mich sofort dahin, wohin mich die
-Pflicht rief. Mehrfach hatte ich Gelegenheit, mich auszuzeichnen – meine
-Narben beweisen, daß ich dieselbe nicht unbenutzt habe vorbeigehen
-lassen. Die gute Meinung, welche die Vorgesetzten und Soldaten von mir
-hatten, war mir ein schmeichelhafter Lohn für meine Dienste. Da erfuhr
-ich, daß der Graf, mein ehemaliger Freund – dessen ich mich schämte zu
-gedenken – im Range gestiegen, ich jedoch umgangen sei, ich, der damals
-an Wunden schwer darniederlag! Eine solche Ungerechtigkeit zerfleischte
-mein Herz, und ich nahm meinen Abschied.
-
-PRAWDIN. Was auch hätten Sie anderes thun können?
-
-STARODUM. Ruhigen Blutes überlegen! Doch ich verstand es nicht, mich
-gegen die ersten Antriebe meines gekränkten Ehrgeizes zu wehren. Mein
-erhitzter Kopf vermochte damals nicht einzusehen, daß ein wahrhaft
-ehrgeiziger Mensch der Sache zuliebe, nicht des Ranges wegen, streben
-muß; daß die Rangerhöhung oftmals erbettelt wird, die echte Auszeichnung
-jedoch verdient werden muß; daß es viel ehrenhafter ist, schuldlos
-übergangen, als verdienstlos ausgezeichnet zu werden.
-
-PRAWDIN. Darf denn ein Adeliger in keinem Falle seinen Abschied nehmen?
-
-STARODUM. Nur in einem: wenn er innerlichst überzeugt ist, daß sein
-Dienst dem Vaterlande keinen direkten Nutzen bringt. Dann mag er gehn!
-
-PRAWDIN. Sie zeigen mir, worin das wahre Wesen der Pflichten eines
-Adeligen besteht.
-
-STARODUM. Nachdem ich meinen Abschied genommen, kam ich nach Petersburg.
-Dort führte mich der blinde Zufall dahin, wohin ich’s mir nie im Leben
-habe träumen lassen.
-
-PRAWDIN. Nämlich?
-
-STARODUM. An den Hof. Was sagst du dazu?
-
-PRAWDIN. Und was fanden Sie dort?
-
-STARODUM. Manches Merkwürdige. Vor allen Dingen fand ich’s merkwürdig,
-daß fast niemand den geraden breiten Weg dorthin wählt, sondern einen
-Umweg macht, in der Hoffnung, früher anzukommen.
-
-PRAWDIN. Ist denn wenigstens der Umweg geräumig?
-
-STARODUM. Dermaßen geräumig, daß, wenn sich zwei begegnen, sie einander
-nicht ausweichen können. Einer reißt den andern zu Boden, und derjenige,
-der auf den Füßen stehn bleibt, hebt nie den Liegenden auf.
-
-PRAWDIN. Die Eigenliebe hat hier –
-
-STARODUM. Nicht die Eigenliebe, sondern die Selbstliebe. Man liebt sich
-ganz außerordentlich, sorgt nur für sich, denkt nur an die gegenwärtige
-Stunde. Denke dir nur: ich sah dort eine Menge Menschen, die in keinem
-Lebensfall ihrer Ahnen oder ihrer Nachkommen gedacht.
-
-PRAWDIN. Doch jene Ehrenmänner, die bei Hofe sind und doch dem
-Vaterlande dienen?
-
-STARODUM. O, die verlassen den Hof nicht, weil sie ihm Nutzen bringen;
-und die andern verlassen ihn nicht, weil der Hof ihnen Nutzen bringt.
-Ich gehörte nicht zur Zahl der ersteren und wollte auch nicht zur Zahl
-der letzteren gehören.
-
-PRAWDIN. Man hat Sie am Hofe natürlich verkannt.
-
-STARODUM. Zu meinem eigenen Besten. Es gelang mir, mich ganz ohne
-Ungelegenheiten zurückzuziehen; andernfalls hätte man mich auf die eine
-von zwei Arten entfernt.
-
-PRAWDIN. Auf welche?
-
-STARODUM. Vom Hofe, mein Freund, entfernt man einen auf zwei Arten:
-entweder man wird dir böse, oder man macht dich böse. Ich habe weder den
-einen noch den andern Fall abgewartet, denn ich war zur Einsicht
-gekommen, daß es sich besser im eigenen Stübchen leben läßt als in einer
-fremden Antichambre.
-
-PRAWDIN. Und Sie verließen den Hof mit leeren Händen? (Öffnet seine
-Tabaksdose.)
-
-STARODUM (nimmt eine Prise). Wieso mit leeren Händen? – Zu einem
-Kaufmann kamen zwei Käufer und handelten eine Tabatière, deren Preis
-fünfhundert Rubel war. Der eine zahlte das Geld und brachte die
-Tabatière nach Hause; der andre kam ohne Tabatière heim. Und du glaubst,
-daß dieser andre mit leeren Händen heimgekehrt sei? Du irrst: er brachte
-seine fünfhundert Rubel unversehrt nach Hause ... Ich verließ den Hof,
-ohne Dörfer, Bänder und Ehrentitel erhalten zu haben. Aber mein Eigentum
-brachte ich heim: meine Seele, meine Ehre und meine Grundsätze.
-
-PRAWDIN. Männer mit Ihren Grundsätzen müßte man bei Hofe nicht
-entlassen, sie im Gegenteil an den Hof rufen.
-
-STARODUM. Rufen? Aus welchem Grunde?
-
-PRAWDIN. Aus demselben Grunde, aus welchem man einen Arzt zum Kranken
-ruft.
-
-STARODUM. Du irrst, mein Freund. Umsonst ist es, den Arzt zu einem
-unheilbaren Kranken zu rufen: ihm wird er nicht helfen, nur gar sich
-selber anstecken.
-
-
- Zweiter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. SOPHIE.
-
-SOPHIE (zu Prawdin). Ganz erschöpft hat mich ihr Schreien.
-
-STARODUM (beiseite). Ganz die Gesichtszüge ihrer Mutter. Das ist meine
-Sophie!
-
-SOPHIE (Starodum anblickend). Gott, er hat meinen Namen genannt! Mein
-Herz täuscht mich nicht –
-
-STARODUM (sie umarmend). Nein, du bist die Tochter meiner Schwester,
-bist die Tochter meines Herzens!
-
-SOPHIE (ihn stürmisch umarmend). Onkelchen, ich bin außer mir vor
-Freude!
-
-STARODUM. In Moskau, teure Sophie, erfuhr ich, daß du hier wider deinen
-Willen lebst. Ich bin sechzig Jahre alt. Oft gab es Fälle, wo ich mir
-zürnte, oft auch war ich mit mir zufrieden. Nichts marterte mein Herz
-mehr als der Anblick einer Unschuld in den Netzen der Arglist, und nie
-war ich mit mir selbst zufriedener, als wenn es mir gelungen war, ein
-solches Opfer den Krallen des Lasters zu entreißen.
-
-PRAWDIN. Wie wohl muß es thun, auch nur Zeuge dabei sein zu können!
-
-SOPHIE. Onkelchen, Ihre Güte –
-
-STARODUM. Du weißt, daß nur du mich ans Leben bindest. Du mußt der Trost
-meines Alters sein, und meine Fürsorge soll dein Glück begründen. Als
-ich meinen Abschied nahm, legte ich den Grund zu deiner Erziehung; doch
-ich konnte dein Wohl nicht anders begründen, als indem ich mich von
-deiner Mutter und dir trennte.
-
-SOPHIE. Ihre Abwesenheit kränkte uns unaussprechlich.
-
-STARODUM (zu Prawdin). Um ihr Leben vor dem Mangel am Notdürftigsten zu
-sichern, beschloß ich, mich für einige Jahre in jenes Land
-zurückzuziehen, wo man Geld erwirbt, ohne sein Gewissen dafür in den
-Tausch zu geben, wo man nicht durch Kriecherei emporsteigt, wo man das
-Vaterland nicht beraubt; in jenes Land, wo man das Geld der Erde selbst
-abverlangt, die, gerechter als die Menschen, keine Parteilichkeit kennt
-und nur die Arbeit gewissenhaft und reich belohnt.
-
-PRAWDIN. Sie hätten, wie ich gehört, ungleich reicher werden können.
-
-STARODUM. Und wozu?
-
-PRAWDIN. Um ebenso reich zu sein wie die andern.
-
-STARODUM. Reich! Wer ist denn reich? Weißt du auch, daß, um die
-launischen Gelüste eines einzigen Menschen zu befriedigen, das ganze
-Sibirien nicht hinreichen würde? Mein Freund, das alles ist nur
-Einbildung! Folge dem Beispiel der Natur, und du wirst niemals arm sein;
-gib acht auf das Gerede der Menschen, und du wirst nie reich werden.
-
-SOPHIE. Onkelchen, wie wahr sprechen Sie!
-
-STARODUM. Ich habe so viel erworben, daß die Armut eines rechtschaffenen
-Bräutigams deiner Verbindung mit ihm kein Hindernis in den Weg legen
-wird.
-
-SOPHIE. Zeit meines Lebens wird Ihr Wille Gesetz für mich sein.
-
-PRAWDIN. Sodann wär’s nicht übel, gleichfalls für die Kinder einiges
-beiseite zu legen.
-
-STARODUM. Für die Kinder? Den Kindern Reichtümer hinterlassen? Das
-fehlte noch! Sind sie klug, so werden sie auch ohne Reichtum fortkommen;
-dummen Kindern aber kann der Reichtum nur schaden. Ich habe Bursche
-gesehen in goldenen Kaftanen und mit bleiernen Köpfen. Nein, mein
-Freund: bares Geld ist noch nicht bare Tugend! Ein goldner Klotz ist und
-bleibt nur ein Klotz.
-
-PRAWDIN. Trotz alledem sehen wir, daß Reichtum oft zu Rängen führt und
-Ränge zu Würden und Würden zu Hochachtung.
-
-STARODUM. Hochachtung? Nur eine Hochachtung muß dem Menschen
-schmeichelhaft sein – diejenige, welche seiner Seele gezollt wird. Und
-nur der ist dieser Seelenhochachtung wert, dessen Ränge nicht dem Gelde,
-dessen Würden nicht den Rängen ihre Entstehung verdanken.
-
-PRAWDIN. Dagegen läßt sich nichts einwenden.
-
-STARODUM. Ei, was ist denn das für ein Lärm?
-
-
- Dritter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA, SKOTININ und MILON. (Letzterer trennt
- Frau Prostakowa von Skotinin.)
-
-FRAU PROSTAKOWA. Laß mich, laß! Bis zur Fratze nur, bis zur Fratze –
-
-MILON. Ich lasse Sie nicht, Madame.
-
-SKOTININ (zornig, die Perücke ordnend). Kleb ab, Schwester! Oder ich
-biege dich, daß dir alle Gelenke knacksen!
-
-MILON (zu Prostakowa). Und Sie haben vergessen, daß es Ihr Bruder ist?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ich bin wütend, ich muß mich sattprügeln!
-
-MILON (zu Skotinin). Ist das nicht Ihre Schwester?
-
-SKOTININ. Ja, leider stammen wir von Einer Brut, und dennoch heult sie
-wider mich.
-
-STARODUM (der sein Lachen nicht mehr zurückhalten kann, zu Prawdin). Ich
-befürchtete zornig zu werden und muß nun lachen!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Lachen? Über wen lachen? Was ist denn das für ein
-Vogel?
-
-STARODUM. Nimm mir’s nicht übel: aber zeit meines Lebens hab’ ich nichts
-Lächerlicheres gesehn.
-
-SKOTININ (sich den Nacken reibend). Der hat gut lachen! Mir ist halbwegs
-nicht lächerlich zu Mut.
-
-MILON. Hat ein Schlag getroffen?
-
-SKOTININ. Das Gesicht hab’ ich mir mit den Händen geschützt, und da hat
-sie sich mir ins Genick eingekrallt.
-
-PRAWDIN. Schmerzt es?
-
-SKOTININ. Zerkratzt hat sie mich. (Während der folgenden Worte der Frau
-Prostakowa wird Milon von Sophie durch Blicke bedeutet, daß vor ihnen
-Starodum stehe; Milon versteht sie.)
-
-FRAU PROSTAKOWA. Zerkratzt! ... Nein, Bruder, ein Heiligenbild kauf dir
-auf den Namen des Herrn Offiziers: hätt’ er dich nicht beschützt – du
-wärst mir nicht mit heiler Haut davongekommen! Wenn ich den Sohn
-verteidige, werde ich meinen leiblichen Vater nicht schonen! (Zu
-Starodum.) Und daran ist gar nichts Lächerliches! Ich habe ein
-Mutterherz in der Brust. Ist’s erhört, daß eine Hündin ihre Jungen
-preisgibt? ... Kommt da weiß Gott wer und weiß Gott zu wem –
-
-STARODUM (auf Sophie weisend). Gekommen ist ihr Onkel Starodum.
-
-FRAU PROSTAKOWA (erschrocken). Wie? Du bist’s? ... O, hochwillkommener
-Gast! Ich Thörin, ich Närrin! War das ein Empfang für einen Vater, auf
-dem unsre ganze Hoffnung ruht, der uns teuer ist wie unser Augapfel?!
-... Verzeihe, verzeihe mir Närrin! ... Ich kann gar nicht zu mir kommen!
-... Wo ist mein Mann? ... Wo ist mein Sohn? ... Es ist ja, als wärest du
-in ein unbewohntes Haus gekommen! Gottes Strafgericht! Den Kopf haben
-alle verloren! ... He, Magd, Magd, Palaschka, Magd!
-
-SKOTININ (beiseite). Soso! Er ist’s, der Onkel!
-
-
- Vierter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. JEREMEJEWNA.
-
-JEREMEJEWNA. Was steht zu Befehl?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Bist du die Magd, du Hundetochter? Hab’ ich im Hause
-außer deiner elenden Fratze eine Magd? Wo ist Palaschka?
-
-JEREMEJEWNA. Erkrankt, liegt seit dem Morgen zu Bette.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Sie liegt? Ach, die Bestie! Liegt, als wenn sie eine
-Adelige wäre!
-
-JEREMEJEWNA. Sie hat starkes Fieber und phantasiert unaufhörlich.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Die Bestie phantasiert! Als wenn sie eine Adelige wäre!
-So rufe den Mann, den Sohn! Sage ihnen, daß durch Gottes Güte unsre
-Erwartung in Erfüllung gegangen ist: der teure Onkel unsrer lieben
-Sophie ist angekommen, unser zweiter Vater ist bei uns zu Besuch,
-gedankt sei dem Himmel! Nun, mach fort, rühr dich! (Jeremejewna schnell
-ab.)
-
-STARODUM. Wozu der Lärm? Gottes Güte hat mich nicht Ihr Vater werden
-lassen, und dank der Güte Gottes bin ich Ihnen auch gar nicht bekannt.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Dein plötzliches Erscheinen, Väterchen, hat mich um den
-Verstand gebracht. So laß dich doch wenigstens ordentlich umarmen, du
-unser Wohlthäter!
-
-
- Fünfter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. PROSTAKOW, MITROFAN und JEREMEJEWNA.
-
- (Während der nachfolgenden Worte Starodums haben sich Prostakow und
- Sohn, die durch die Mittelthür eingetreten waren, hinter den Rücken
- Starodums gestellt. Der Vater will ihn umarmen, sobald die Reihe
- an ihn kommt, der Sohn – die Hand küssen. Jeremejewna hat
- seitwärts Platz genommen und steht mit übers Kreuz geschlagenen
- Armen regungslos da, die Blicke starr auf Starodum gerichtet und
- jedes seiner Worte mit kriechender Aufmerksamkeit verfolgend.)
-
-STARODUM (ungern die Prostakowa umarmend). Ganz überflüssige Güte,
-Madame, ohne die ich recht gut auskommen könnte! (Reißt sich aus der
-Umarmung und wendet sich nach der Seite Skotinins, der schon mit
-ausgebreiteten Armen dagestanden und ihn nun umfängt.) Zu wem bin ich
-nun geraten?
-
-SKOTININ. Ich bin’s, meiner Schwester Bruder.
-
-STARODUM (der noch zweie bemerkt, mit Ungeduld). Und wer ist das?
-
-PROSTAKOW (ihn umarmend). Ich bin der Mann meiner } (Zugleich.)
-Frau. }
- }
-MITROFAN (seine Hand küssend). Und ich meiner Mutter }
-Söhnchen. }
-
-MILON (zu Prawdin). Jetzt werde ich mich nicht vorstellen.
-
-PRAWDIN (zu Milon). Ich werde Gelegenheit finden, dich später
-vorzustellen.
-
-STARODUM (Mitrofan die Hand entziehend). Dieser sucht die Hand zu
-küssen: man sieht, welch edle Seele in ihm herangebildet wird!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Sprich, mein Liebling: „Wie sollt’ ich, Herr, deine
-Hand nicht küssen – du bist ja mein zweiter Vater.“
-
-MITROFAN. Wie sollt’ ich, lieber Onkel, deine Hand nicht küssen – du
-bist ja mein Vater! (Zur Mutter.) Welcher war’s doch?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Der zweite.
-
-MITROFAN. Der zweite? Der zweite Vater, lieber Onkel.
-
-STARODUM. Ich bin, mein Bester, weder dein Vater noch dein Onkel.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Väterchen, der liebe Junge prophezeit sich vielleicht
-sein Glück: wer weiß, mit Gottes Hilfe könnte er ja dein Neffe werden.
-
-SKOTININ. Wirklich? Und ich bin zu schlecht für den Neffen? O Schwester!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ich will, Bruder, mich mit dir nicht herumbeißen. (Zu
-Starodum.) Noch nie im Leben, Väterchen, hab’ ich mit jemand gezankt.
-Mein Charakter ist: und werd’ ich noch so sehr beschimpft, nie sag’ ich
-ein Wort dagegen. Gott wird’s denjenigen schon heimzahlen, die mich Arme
-beleidigen!
-
-STARODUM. Das hab’ ich gleich bemerkt, als du nur zur Thür hereintratst.
-
-PRAWDIN. Ich bin schon drei Tage Zeuge ihres sanften Charakters.
-
-STARODUM. Dieses Vergnügen werd’ ich nicht so lange genießen können.
-Liebe Sophie, morgen fahren wir mit dir nach Moskau.
-
-FRAU PROSTAKOWA. O Väterchen, wofür zürnst du uns?
-
-PROSTAKOW. Wofür diese Ungnade?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wie? Wir sollten von Sophiechen scheiden, unserm
-Herzenskinde? Ich werde vor Kummer Hungers sterben!
-
-PROSTAKOW. Das ist mein Tod! Schon fühl’ ich –
-
-STARODUM. Da ihr sie so liebt, so muß ich euch eine Freude bereiten: ich
-bringe sie nach Moskau, um dort ihr Glück zu gründen. Mir ist ein sehr
-würdiger junger Mensch als Bräutigam für sie empfohlen worden; ihn auch
-soll sie heiraten.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Er bringt mich um! }
- }
-MILON. Was hör ich? (Sophie ist bestürzt.) }
- }
-SKOTININ. Saubere Bescherung! (Prostakow schlägt } (Gleichzeitig.)
-die Hände über dem Kopf zusammen.) }
- }
-MITROFAN. Da haben wir’s! (Jeremejewna nickt }
-traurig mit dem Kopfe. Prawdin scheint erstaunt }
-und erzürnt.) }
-
-STARODUM (die Bestürzung aller gewahr werdend). Was heißt das? (Zu
-Sophie.) Liebe, gute Sophie, auch du scheinst bestürzt? Hat dich
-wirklich mein Plan gekränkt? Ich vertrete Vaterstelle an dir, und glaube
-mir, daß ich meine Rechte kenne. Sie gehen nicht weiter, als eine
-unglückbringende Neigung der Tochter abzuwenden; die Wahl eines würdigen
-Mannes jedoch hängt ganz von ihrem eigenen Herzen ab. Beruhige dich,
-mein Freund! Ein Mann, der deiner würdig ist – er mag sein, wer er will
-– wird stets einen aufrichtigen Freund an mir haben. Heirate nach
-eigener Wahl. (Die Mienen aller verklären sich.)
-
-SOPHIE. Onkelchen, zweifeln Sie nicht an meinem Gehorsam.
-
-MILON (für sich). Der Ehrenmann!
-
-FRAU PROSTAKOWA (fröhlich). Das ist ein Vater! Ein Freude, ihn zu hören!
-Heirate nach eigener Wahl, nur muß der Mann deiner würdig sein. Ganz
-recht, Väterchen, ganz richtig! Man muß nur den Bräutigam nicht
-verpassen! Hat man einen Edelmann vor sich, einen jungen Menschen –
-
-SKOTININ. Der längst kein Kind mehr ist –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Dessen Vermögen zwar nicht groß –
-
-SKOTININ. Dessen Schweinezüchterei jedoch ansehnlich –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Dann Glück auf den Weg und fort in } (Zusammen.)
-die Erzengelkirche! }
- }
-SKOTININ. Ein fröhlicher Schmaus und die Hochzeit }
-gefeiert! }
-
-STARODUM. Eure Ratschläge sind uneigennützig, seh’ ich.
-
-SKOTININ. Lerne mich nur näher kennen und du wirst dein Wunder sehn! Du
-siehst selbst – hier herrscht ja Sodom und Gomorra. Darum will ich nach
-einem Stündchen bei dir allein vorsprechen, und dann schließen wir das
-Geschäft ab! Ohne Ruhm zu sagen – solcher wie ich gibt’s wenige! (Ab.)
-
-STARODUM. Das will ich gern glauben!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wundere dich nicht über den Bruder –
-
-STARODUM. Er ist Ihr Bruder?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Mein leiblicher Bruder, Väterchen: auch ich bin ja eine
-geborne Skotinin. Mein seliger Vater heiratete meine selige Mutter; ihr
-Familienname war Priplodina. Wir waren unser achtzehn Geschwister, doch
-alle, mit Ausnahme von mir und meinem Bruder, sind nach dem Willen
-Gottes gestorben: ein paar hat man tot aus der Badstube gezogen; dreie
-verendeten, nachdem sie Milch aus einem kleinen kupfernen Kessel
-getrunken hatten; zweie stürzten zu Pfingsten vom Glockenturm, und die
-übrigen starben von selbst.
-
-STARODUM. Ich kann mir vorstellen, was Ihre Eltern für Menschen waren.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Leute aus der guten alten Zeit. Ja, das waren damals
-andre Zeiten! Wir erhielten gar keine Bildung. Manchmal kamen die
-Nachbarn und quälten, quälten den Vater, daß er doch wenigstens den
-Bruder zur Schule schickte – aber umsonst: der teure Verstorbene wehrte
-sich dagegen mit Händen und Füßen, Gott hab’ ihn selig. Mitunter schrie
-er: „Ich verfluche das Kind, welches irgend etwas diesen heidnischen
-Federfüchsen ablernt, und will nicht Skotinin heißen, wenn ich nicht
-jedem meiner Kinder die Lust zum Lernen ausprügele.“
-
-PRAWDIN. Wie kommt’s denn, daß Sie Ihren Sohn aus diesem und jenem
-unterrichten lassen?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wir leben in einer andern Zeit, mein Bester. (Zu
-Starodum.) Den letzten Bissen vom Munde opfern wir, damit nur unser Sohn
-alles erlerne. Tagelang sitzt mein armer Mitrofan über den Büchern. Mein
-Mutterherz blutet, aber ich tröste mich mit dem Gedanken: dafür ist er
-auch mit der Zeit ein gemachter Mann! Am heiligen Nikolaus-Tage im
-Winter wird er sechzehn Jahr alt. Ein Bräutigam wär’ er, wie man sich
-keinen bessern wünschen kann, aber noch immer kommen Lehrer, lassen
-keine Stunde unbenutzt vergehn; so warten auch jetzt zweie im Flur.
-(Macht Jeremejewna ein Zeichen, sie hereinzurufen.) Und in Moskau haben
-wir gar einen Ausländer auf sechs Jahre engagiert und einen Kontrakt in
-der Polizei abgeschlossen, damit ihn nicht andre zu sich herüberlocken.
-Er erbot sich, Mitrofan aus allem, das wir nur wünschen, zu
-unterrichten; wir jedoch sind der Ansicht, er solle daraus unterrichten,
-was er selber versteht und kennt. Ja, unsre Elternpflicht haben wir
-durchaus erfüllt: haben einen deutschen Hauslehrer, dem wir das Geld für
-drei Monate vorausbezahlen. Von Herzen gern würd’ ich es sehn, wenn du
-selber, Väterchen, dich überzeugen wolltest, was unser Mitrofan alles
-gelernt hat.
-
-STARODUM. Ich bin hierin kein Kenner.
-
-FRAU PROSTAKOWA (Kutejkin und Zyfirkin erblickend). Da sind auch die
-Lehrer. Hab’ ich’s nicht gesagt, daß mein armer Mitrofan weder Tag noch
-Nacht Ruhe hat? Ich will mein eigenes Kind nicht loben, aber eines kann
-ich sagen: glücklich das Mädchen, das ihn zum Manne bekommt!
-
-PRAWDIN. Das ist alles ganz schön: aber vergessen Sie doch nicht, daß
-unser Gast soeben erst aus Moskau angekommen ist und weit mehr der Ruhe
-bedarf als der Lobeserhebungen Ihres Sohnes.
-
-STARODUM. Ja, ich gestehe, daß ich sowohl von der Reise ausruhen möchte
-als auch von all dem, das ich gehört und gesehn.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ach, Väterchen, alles ist bereit; ich selber habe dir
-das Zimmer in Ordnung gebracht.
-
-STARODUM. Ich danke. Sophiechen, begleite mich.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wie, und wir? Erlaube, Väterchen, daß sowohl ich als
-auch mein Sohn und mein Mann dich begleiten! Zu Fuß wollen wir alle nach
-Kijew pilgern und dort für deine Gesundheit beten, wenn nur unser
-Geschäftchen zu stande kommt!
-
-STARODUM (zu Prawdin). Wann sehen wir uns? Nach einem kurzen Schläfchen
-bin ich wieder hier.
-
-PRAWDIN. So werde ich auch die Ehre haben, Sie hierselbst zu sehn.
-
-STARODUM. Das freut mich. (Erblickt Milon, der ihn ehrfurchtsvoll grüßt,
-und erwidert höflich den Gruß.)
-
-FRAU PROSTAKOWA. Also bitte, bitte. (Alle gehen ab: Prawdin und Milon
-nach der einen Seite, die übrigen nach der andern. Die Lehrer bleiben.)
-
-
- Sechster Auftritt.
-
- KUTEJKIN und ZYFIRKIN.
-
-KUTEJKIN. Eine Satanswirtschaft das! Von früh an treib’ ich mich hier
-zwecklos herum. Auf solche Art muß jeder Morgen hier verwelken und
-verdorren.
-
-ZYFIRKIN. Unsereiner hat’s seine Lebtage nicht anders: blutwenig gibt’s
-für uns zu thun. Ein Unglück aber ist, daß wir so schlecht gefüttert
-werden, wie es denn beispielsweise heute zu Mittag an Proviant mangelte.
-
-KUTEJKIN. Hätte mich nicht der Herr erleuchtet, auf dem Hierherwege bei
-unsrer Hostienbäckerin einzukehren, ich würde jetzt heulen wie ein Hund.
-
-ZYFIRKIN. Unsre Brotherrn sind mir nette Herrschaften!
-
-KUTEJKIN. Hast du gehört, Bruderherz, welch ein Leben das hiesige
-Gesinde hat? Wohl hast du gedient, bist in mancher Schlacht gewesen,
-doch Furcht und Zittern würde dir ankommen und Grauen dich befallen,
-wenn –
-
-ZYFIRKIN. Bah, ob ich’s gehört? Mit eigenen Augen sah ich hier ein
-stundenlanges Lauffeuer. (Seufzend.) Ach, traurig wird mir zu Sinn!
-
-KUTEJKIN. Wehe mir Sünder!
-
-ZYFIRKIN. Worüber seufzest du, Ssidorytsch?
-
-KUTEJKIN. Auch dein Herz ist betrübt, Pafnutjitsch?
-
-ZYFIRKIN. Unwillkürlich wird man schwermütig. Da hat mir Gott einen
-Schüler beschert, einen Edelmann. Das dritte Jahr nun quäl’ ich mich mit
-ihm ab, und noch kann er keine drei zählen.
-
-KUTEJKIN. So haben wir beide Einen Kummer. Das vierte Jahr kastei’ ich
-meinen Leib. Keine neue Zeile kann der Junge aus der Fibel lesen, ist
-nur im stande, das Gelesene zu repetieren, und auch hierbei sogar kaut
-er die Worte ohne Sinn und Verstand.
-
-ZYFIRKIN. Und wer ist schuld? Kaum hat er den Griffel in der Hand,
-erscheint der Deutsche in der Thür. Den Jungen erlöst man von der
-Schiefertafel, und mich möchte man vor die Thür setzen.
-
-KUTEJKIN. Auch nicht meine Schuld ist’s. Kaum nehm’ ich den Bleistift
-zwischen die Finger, tritt mir der Heide vor die Augen. Dem Schüler wird
-der Kopf gestreichelt und dem Lehrer eins ins Genick versetzt.
-
-ZYFIRKIN (eifrig). Ein Ohr ließe ich mir abhauen, könnt’ ich diesem
-Schmarotzer nach Soldatenart Räson beibringen.
-
-KUTEJKIN. Geißeln ließe ich mich, könnt’ ich dem Barbaren den Hals
-brechen.
-
-
- Siebenter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA und MITROFAN.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Derweilen er schläft, solltest du doch wenigstens zum
-Schein etwas lernen, mein Liebling, damit es zu seinen Ohren komme, wie
-fleißig du bist.
-
-MITROFAN. Nun, und dann?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Und dann heiratest du.
-
-MITROFAN. Höre, Mutter: ich will dir das Vergnügen machen, werde ein
-wenig lernen – doch soll’s das letzte Mal sein, noch heute muß die
-Verlobung stattfinden!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Die Stunde wird kommen, wenn Gott will, wo –
-
-MITROFAN. Die Stunde ist gekommen, wo ich will! Ich will nicht lernen,
-will heiraten! Du selber hast mich so weit gebracht, schreib’s dir
-selber zu ... Nun, da sitz’ ich. (Zyfirkin spitzt den Griffel an.)
-
-FRAU PROSTAKOWA. Und ich will mich hier nebenan setzen und dir ein
-Beutelchen stricken, damit du etwas hast, wohin Sophiechens Geld zu
-legen.
-
-MITROFAN. Nun, her mit der Tafel, du Garnisonratte! Was soll ich
-schreiben?
-
-ZYFIRKIN. Ew. Gnaden beißen sich immer ohne Ursache herum.
-
-FRAU PROSTAKOWA (arbeitend). Du mein Gott! Der gute Junge darf
-Pafnutjitsch kein einziges Scheltwort sagen – gleich wird der Mann böse!
-
-ZYFIRKIN. Böse? Nicht doch, Ew. Gnaden. Ein russisches Sprichwort sagt:
-Bellt der Hund, verweht’s der Wind.
-
-MITROFAN. Nun, was soll ich repetieren? Rühr dich!
-
-ZYFIRKIN. Beim ewigen Repetieren kann man nicht avancieren.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ist nicht deine Sache, Pafnutjitsch. Es ist mir sehr
-lieb, daß Mitrofan nicht avancieren will: mit seinem Verstande und hoch
-avancieren – Gott verhüt’ es!
-
-ZYFIRKIN. Die Aufgabe lautet: Du und ich gingen mal auf der Landstraße
-und mit uns – nun, sagen wir – Ssidorytsch. Wir fanden alle drei –
-
-MITROFAN (schreibt). Drei.
-
-ZYFIRKIN. Unterwegs dreihundert Rubel.
-
-MITROFAN (schreibt). Dreihundert.
-
-ZYFIRKIN. Darauf ging’s ans Teilen ... Nun berechne mal, wieviel ein
-jeder von uns zu bekommen hat.
-
-MITROFAN (rechnet flüsternd). 1 × 3 = 3; 1 × 0 = 0 ... 1 × 0 = 0 ...
-
-FRAU PROSTAKOWA. Was, was wird da geteilt?
-
-MITROFAN. Gefundene dreihundert Rubel sollen unter drei Personen geteilt
-werden.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Unsinn, mein Herz! Hast du Geld gefunden, so teil’s mit
-keinem, behalt alles! Lerne nicht diese blödsinnige Wissenschaft, mein
-Junge!
-
-MITROFAN. Hörst du, Pafnutjitsch? Ein andres Exempel!
-
-ZYFIRKIN. Nun, schreibe. Für den Unterricht bekomm’ ich jährlich zehn
-Rubel.
-
-MITROFAN (schreibt). Zehn.
-
-ZYFIRKIN. Jetzt ist’s freilich herausgeworfenes Geld. Doch gesetzt den
-Fall, du würdest etwas von mir lernen, – so wär’ es kein Unglück, wenn
-noch zehn zugelegt würden.
-
-MITROFAN (schreibt). Nun ... nun, zehn.
-
-ZYFIRKIN. Wieviel macht’s denn im Jahr aus?
-
-MITROFAN (rechnet flüsternd). 0 + 0 = 0, 1 + 1 ... (versinkt in
-Nachdenken).
-
-FRAU PROSTAKOWA. Bemühe dich nicht unnütz, mein Bester: werde keinen
-Groschen zulegen. Wär’ auch ganz unnütz – die Wissenschaft ist nicht
-danach: du, armer Junge, wirst nur gequält, während das Ganze ein Unsinn
-ist. Ist kein Geld da, so braucht’s auch nicht gezählt zu werden; ist’s
-da, so werden wir’s auch ohne Pafnutjitsch sehr gut zusammenzählen.
-
-KUTEJKIN. Fertig, Pafnutjitsch! Zwei Exempel sind gelöst – kontrolliert
-werden sie ja doch nicht.
-
-MITROFAN. Habe keine Sorge: Mutter wird sich schon nicht verzählen! ...
-Nun laß uns das Gestrige wiederholen.
-
-KUTEJKIN (Öffnet das Gebetbuch). Nun vorwärts mit Gottes Segen! ...
-Sprich mir aufmerksam nach ... Ich bin ein Wurm.
-
-MITROFAN. Ich bin ein Wurm.
-
-KUTEJKIN. Ein Wurm, das heißt ein Tier, ein Vieh. Das heißt: ich bin ein
-Vieh.
-
-MITROFAN. Ich bin ein Vieh.
-
-KUTEJKIN (mit belehrendem Ton). Und kein Mensch.
-
-MITROFAN (ebenso). Und kein Mensch.
-
-KUTEJKIN. Ein Spott der Leute.
-
-MITROFAN. Ein Spott der Leute.
-
-KUTEJKIN. Und veracht –
-
-
- Achter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN und WRALMANN.
-
-WRALMANN. O! o! o! o! Jetzt seh’ ich’s! Ins Grab bringen will man das
-Kind! Mutter, erbarme dich der Frucht deines Leibes, die du neun Monate
-in deinem Schoß herumgeschleppt hast, sozusagen ein achtes Wunder der
-Welt! Gibst du ihnen noch länger Freiheit, den verfluchten Bösewichtern
-– wie bald ist aus einem solchen Kopf ein Klotz gemacht! Das Kind ist
-schon disponiert dazu, hat alle Anlagen!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wahrheit sprichst du, Adam Adamytsch ... Liebes Kind,
-wenn das Lernen deinem teuren Kopfe so schädlich ist, so bin ich der
-Ansicht, daß du aufhörst zu lernen.
-
-MITROFAN. Dieser Ansicht bin ich schon lange.
-
-KUTEJKIN (das Buch schließend). Fertig, und Ehre sei Gott in der Höh’.
-
-WRALMANN. Verehrteste, Teuerste, Beste – was willst du? Wie dein Sohn
-auch sein mag – aber er ist gesund; was hilft’s dir, wenn du einen
-weisen Sohn hast, sozusagen einen Arestotilis, und er steht mit einem
-Fuß im Grabe?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Das ist ja entsetzlich, Adam Adamytsch! Und er hat noch
-gestern so unakkurat zu Abend gegessen.
-
-WRALMANN. Bedenke nur, Werteste: schon ein überladener Magen ist ein
-Unglück. Wie nun, wenn sein Kopf, der doch viel schwächer ist als sein
-Magen – Gott schütze vor Unglück – überladen wird, was dann?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wahrheit sprichst du, Adam Adamytsch! Aber was thun?
-Wenn der Knabe, ohne etwas gelernt zu haben, nach Petersburg kommt, so
-wird man ihn einen Dummkopf nennen! Heutzutage gibt’s zu viele Kluge,
-und diese gerade fürchte ich.
-
-WRALMANN. Warum sie fürchten, Verehrteste? Ein vernünftiger Mensch wird
-nie mit ihm anbinden, wird nie mit ihm in Meinungsstreit kommen; er aber
-soll auch mit klugen Menschen keine Gemeinschaft suchen, und der Segen
-des Himmels wird auf ihm ruhn.
-
-FRAU PROSTAKOWA. So mußt du auf der Welt leben, Mitrofan.
-
-MITROFAN. Ich selbst, Mutter, bin kein Freund von klugen Menschen; nur
-gleich und gleich gesellt sich gern.
-
-WRALMANN. Natürlich lebt sich’s am besten unter seinesgleichen,
-sozusagen in eigener Gesellschaft.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Aber, Adam Adamytsch – aus wem willst du denn diese
-Gesellschaft bilden?
-
-WRALMANN. Besorge nicht, Verehrteste, besorge nicht: Solcher, wie dein
-teurer Sohn, gibt’s auf Erden Millionen! Wie sollte er sich da keine
-Gesellschaft finden?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Er ist zwar mein Sohn, aber dennoch ein findiger,
-gewandter Junge.
-
-WRALMANN. Jammerschade nur, daß er sich halbtot hat lernen müssen!
-Russische Grammatik! Arithmetik! Ach, du lieber Gott! Wie dabei noch die
-Seele im Leibe bleibt?! Als ob ein russischer Edelmann ohne die
-russische Grammatik in der Welt nicht avancieren könnte!
-
-KUTEJKIN (beiseite). Daß dir der Pips an der Zunge wüchse!
-
-WRALMANN. Als ob früher die Menschen ohne die Arithmetik lauter
-Dummköpfe gewesen wären!
-
-ZYFIRKIN (beiseite). Ich will dir schon deine Rippen zählen, wart du
-nur! Dich krieg’ ich schon!
-
-WRALMANN. Wissen muß man, wie man auf der Welt leben soll. Und ich kenne
-die Welt auswendig, ich bin ein geriebener Vogel!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wie solltest du die Welt nicht kennen, Adam Adamytsch!
-Wieviel du allein in Petersburg gesehn haben magst!
-
-WRALMANN. Genug, Verehrteste, genug! Ich hab’s immer geliebt, mir das
-Publikum anzusehn. Sobald die Herrschaften in ihren Wagen am Feiertag
-nach Katharinenhof kamen, hatte ich vollauf zu sehen. Manchmal stieg ich
-stundenlang nicht vom Bock.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Von welchem Bock?
-
-WRALMANN (für sich). O, o, o – was hab’ ich da gesagt! (Laut.) Du weißt,
-Verehrteste, daß man am besten sieht, wenn man recht hoch sitzt. So
-kletterte ich denn manchmal auf den Wagen eines Bekannten und sah mir
-vom Bock aus die große Welt an.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Freilich sieht man auf solche Weise besser. Ein kluger
-Mensch weiß, wohin er steigt.
-
-WRALMANN. Auch dein teurer Sohn wird noch in der Welt steigen: die
-Menschen zu sehn und sich selber zu zeigen ... Prachtjunge! (Mitrofan
-dreht sich herum, auf demselben Platz stehen bleibend.) Prachtjunge!
-Kann nicht stille stehn, gleich einem wilden Roß ohne Zaum ... Nun,
-fort! (Mitrofan läuft fort.)
-
-FRAU PROSTAKOWA (freudig lächelnd). Ist doch noch ein wahres Kind,
-obgleich schon Bräutigam! Muß doch nachsehn, daß er in seinem Mutwillen
-den teuren Gast nicht belästige.
-
-WRALMANN. Geh, Verehrteste, geh. Um diesen losen Vogel zu überwachen,
-muß man seine Augen überall haben.
-
-FRAU PROSTAKOWA. So lebe denn wohl, Adam Adamytsch. (Ab.)
-
-
- Neunter Auftritt.
-
- WRALMANN, KUTEJKIN und ZYFIRKIN.
-
-ZYFIRKIN (höhnend). Affenfratze!
-
-KUTEJKIN (ebenso). Du Sprichwort und Spott unter allen Völkern!
-
-WRALMANN. Nun, was fletscht ihr die Zähne, ihr ungebildeten Menschen?!
-
-ZYFIRKIN (schlägt ihn auf die Schulter). Und was ziehst du die
-Augenbrauen zusammen, du finnische Eule?
-
-WRALMANN. Au, das ist eine eiserne Tatze!
-
-KUTEJKIN (ihn gleichfalls auf die Schulter schlagend). Uhu verfluchter!
-Was rollst du deine Glotzaugen?
-
-WRALMANN (für sich). Ich bin verloren! (Laut.) Spottet ihr mein,
-Kameraden?
-
-ZYFIRKIN. Selber issest du hier unverdientes Brot und hinderst andere,
-etwas zu thun! Dummes Gesicht!
-
-KUTEJKIN. Eitel Hoffart redet deine Zunge, du Gottloser.
-
-WRALMANN (sich von seinem Schrecken erholend). Wie wagt ihr’s, gegen
-eine gebildete Person unhöflich zu sein? Ich werde um Hilfe schreien.
-
-ZYFIRKIN. Gleich werden wir dir unsre Hochachtung bezeigen: ich mit der
-Tafel –
-
-KUTEJKIN. Und ich mit dem Buche.
-
-WRALMANN. Ich werde euch bei der gnädigen Frau verklagen! (Zyfirkin holt
-mit der Tafel aus, Kutejkin mit dem Buche.)
-
-ZYFIRKIN. Deine Fratze will ich dir zerfleischen! } (Gleichzeitig.)
- }
-KUTEJKIN. Ich zerschmettere des Gottlosen Zähne! }
-(Wralmann flieht.) }
-
-ZYFIRKIN. Aha, da läuft der Hasenfuß!
-
-KUTEJKIN. Hebe dich hinweg, Gottverfluchter!
-
-WRALMANN (in der Thür). Was nun, ihr Bestien? Steckt mal eure Nase
-hierher!
-
-ZYFIRKIN. Hast Reißaus genommen! Wir würden dich schon durchgewalkt
-haben!
-
-WRALMANN. Ich fürchte euch nicht, jetzt fürcht’ ich euch nicht!
-
-KUTEJKIN. Geborgen hat sich der Gottlose! Hast du noch viele von deinem
-Heidengesindel in der Nähe? Rufe sie alle!
-
-WRALMANN. Seid mit Einem nicht fertig geworden! }
-Nun, was, habt ihr’s? }
- }
-ZYFIRKIN. Ich allein werde mit zehn Mann }
-fertig! } (Durcheinanderschreiend.)
- }
-KUTEJKIN. Frühe vertilge ich alle Gottlosen im }
-Lande! }
-
-
-
-
- Vierter Aufzug.
-
-
- Erster Auftritt.
-
-SOPHIE (allein; sieht auf die Uhr). Der Onkel muß bald herkommen. (Setzt
-sich, nimmt ein Buch und liest ein wenig.) Das ist wahr: wie sollte das
-Herz nicht zufrieden sein, wenn das Gewissen ruhig ist? (Liest wieder.)
-Man muß die Gesetze der Tugend lieben: sie führen zum Glück. (Liest noch
-einige Zeilen, erblickt Starodum und eilt ihm entgegen.)
-
-
- Zweiter Auftritt.
-
- SOPHIE und STARODUM.
-
-STARODUM. Ach, du bist schon hier, mein Herz?
-
-SOPHIE. Ich habe Sie erwartet, Onkelchen, und derweil ein Buch gelesen.
-
-STARODUM. Welches?
-
-SOPHIE. Ein französisches: Fénelons „Mädchenerziehung“.
-
-STARODUM. Fénelons, des Verfassers des „Telemach“? Das muß ein gutes
-Buch sein. Ich kenn’ es zwar nicht, jedoch lies es nur. Wer den
-„Telemach“ geschrieben, dessen Feder kann keine Sittenverderberin sein.
-Die modernen Schöngeister machen mich für die jungen Mädchen fürchten.
-Ich habe sie alle gelesen, soweit sie ins Russische übersetzt sind. Es
-ist wahr: sie rotten die Vorurteile aus, rütteln jedoch bedenklich an
-den Wurzeln der Moral. Setzen wir uns. (Sie setzen sich.) Mein innigster
-Wunsch ist, dich so glücklich zu wissen, wie man auf Erden nur immer
-glücklich sein kann.
-
-SOPHIE. Ihre Lehren, Onkelchen, werden mein ganzes Glück begründen.
-Geben Sie mir Lehren, denen ich folgen soll. Leiten Sie mein Herz, es
-gehorcht Ihnen gern.
-
-STARODUM. Deine Herzensneigung ist mir teuer. Mit Freuden will ich dir
-meine Ratschläge erteilen. Höre mir mit einer Aufmerksamkeit zu, die der
-Aufrichtigkeit meiner Rede gleichkommt. Rücke näher. (Sophie nähert ihm
-ihren Stuhl.)
-
-SOPHIE. Onkelchen, jedes Ihrer Worte wird sich tief meinem Herzen
-einprägen.
-
-STARODUM. Du stehst jetzt in dem Alter, wo die Seele ihres ganzen Seins
-genießen, die Vernunft lernen, das Herz empfinden will. Du trittst jetzt
-in die Welt, wo der erste Schritt oft für das ganze Leben entscheidend
-ist, wo oft eine in ihren Begriffen demoralisierte Vernunft, ein in
-seinen Gefühlen demoralisiertes Herz die erste Begegnung bildet. O mein
-Freund, lerne unterscheiden, lerne zu denen halten, deren Freundschaft
-dir das Wohl deiner Vernunft und deines Herzens verbürgt.
-
-SOPHIE. Mein ganzes Streben wird darnach gerichtet sein, die Achtung
-würdiger Menschen zu erwerben. Wie jedoch mach’ ich’s, daß diejenigen,
-die ich meide, mir dafür nicht zürnen? Gibt es nicht ein Mittel, daß mir
-kein Mensch auf Erden gram sei?
-
-STARODUM. Die Abneigung Unwürdiger muß nicht kränkend sein. Wisse, daß
-man nie demjenigen Böses wünscht, den man verachtet; im Gegenteil: man
-wünscht Böses dem, der selber das Recht hat, zu verachten. Die Menschen
-beneiden einander nicht allein um Reichtum und Rang: auch die Tugend hat
-ihre Neider. Diese geben sich alle Mühe, ein unschuldiges Herz zu
-verderben, um es bis zu sich herab zu erniedrigen; und die Vernunft wird
-verderbt, damit sie im Unwürdigen ihr Glück ersehe.
-
-SOPHIE. Ist es denn möglich, lieber Onkel, daß es auf der Welt solche
-bedauernswerte Menschen gibt, in deren Herzen eine lasterhafte
-Empfindung dadurch entsteht, daß ein andrer nicht lasterhaft empfindet?
-Ein tugendhafter Mensch muß solche Unglückliche bedauern.
-
-STARODUM. Es ist wahr, sie sind bedauernswert: doch darum setzt ein
-tugendhafter Mensch seinen Weg unbeirrt fort. Denke nur, welch ein
-Unglück es wäre, wenn die Sonne aufhören würde zu scheinen, bloß um
-schwache Augen nicht zu blenden!
-
-SOPHIE. Aber sagen Sie mir, bitte, ob die Menschen selber die Schuld
-tragen an der Lasterhaftigkeit ihrer Seele? Kann denn ein jeder Mensch
-tugendhaft sein?
-
-STARODUM. Glaube mir, daß jedermann genügend Kraft finden kann, um
-tugendhaft zu sein. Man muß nur recht wollen, und leicht wird es dann
-fallen, das zu unterlassen, wofür in der Folge das Gewissen Vorwürfe
-machen könnte.
-
-SOPHIE. Wer denn wird einen Menschen warnen, wer ihn an einer That
-verhindern, die Gewissensbisse zur Folge haben könnte?
-
-STARODUM. Wer ihn warnen wird? Wiederum das Gewissen. Ja, das Gewissen
-warnt stets als Freund früher, bevor es als Richter bestraft.
-
-SOPHIE. Dann muß ja jeder lasterhafte Mensch verachtungswert sein, wenn
-er wissentlich etwas Böses verübt. Dann muß seine Seele recht niedrig
-sein, wenn sie sich nicht über die böse That erheben kann.
-
-STARODUM. Und seine Vernunft muß keine Vernunft sein, wenn sie ihr Glück
-in etwas Unwürdigem ersieht.
-
-SOPHIE. Mir scheint, lieber Onkel, daß alle Menschen einerlei Meinung
-sind, worin das Glück bestehe. Ehrenauszeichnungen, Reichtum –
-
-STARODUM. Ganz recht, mein Freund. Auch ich will einen Mann, der reich
-ist und ausgezeichnet wird, glücklich heißen. Doch wollen wir erst
-untersuchen, wer denn ausgezeichnet wird und reich ist. Ich habe
-hierüber mein eigenes Urteil. Den Ruhm bemesse ich nach den Thaten, die
-ein berühmter Mensch zum Besten seines Vaterlandes gethan, und nicht
-nach den Thaten, die in selbstsüchtigem Ehrgeiz ihre Quelle haben; ich
-bemesse den Ruhm nicht nach der Anzahl der Menschen, die in des
-Gefeierten Vorzimmer einander drängen und stoßen, sondern nach der Zahl
-jener Menschen, die mit seinem Betragen, mit seinen Handlungen zufrieden
-sind. Ein derart ausgezeichneter Mensch ist in der That glücklich. –
-Ferner ist meiner Ansicht nach, nicht derjenige reich, der sein Geld
-abzählt, um es in Kisten und Spinden zu verwahren, sondern derjenige
-gilt mir reich, der sein überflüssiges Geld abzählt, um den Bedürftigen
-zu helfen.
-
-SOPHIE. Wie wahr ist das alles! ... Wie oft betrügt uns der äußere
-Schein! Ich selbst hatte mehrfach Gelegenheit zu sehen, wie man
-denjenigen beneidet, der etwas bei Hofe sucht und daselbst etwas
-bedeutet.
-
-STARODUM. Und die Neider wissen nicht, daß jede Kreatur bei Hofe etwas
-sucht und sogar etwas bedeutet; sie wissen es nicht, daß bei Hofe
-jedermann Höfling ist und Höflinge hat. Nein, hier ist nichts zu
-beneiden: ohne Ehrenhandlungen ist ein Ehrenstand ein Unding.
-
-SOPHIE. Gewiß, Onkel. Und ein derart ausgezeichneter Mensch macht
-keinen, außer sich selber, glücklich.
-
-STARODUM. Wie? Ist denn derjenige glücklich, der allein, vereinsamt
-glücklich ist? Wisse, daß, so groß auch sein Ruhm sei, er doch niemals
-vollständige Glückseligkeit empfinden kann. Stelle dir einen Menschen
-vor, der seinen ganzen Ruhm nur dazu benutzen wollte, um es selber gut
-zu haben, der es auch erreichte, daß für ihn selber nichts mehr zu
-wünschen übrigbliebe; dann würde ja seine ganze Seele nur ein Gefühl mit
-sich herumtragen – die Furcht, früher oder später von der Höhe seines
-Glücks gestürzt zu werden. Sage nun, mein Freund, ob derjenige glücklich
-ist, der nichts mehr zu wünschen hat und nur fürchten kann?
-
-SOPHIE. Ich sehe nun den Unterschied zwischen dem Glücklichscheinen und
-Glücklichsein. Aber es ist mir unbegreiflich, wie ein Mensch immer nur
-an sich denken kann! Bedenkt man denn nicht, daß man andern verpflichtet
-ist? Wo bleibt denn der Verstand, auf den man sich so viel zu gute thut?
-
-STARODUM. Sich etwas auf den Verstand zu gute thun? Ein Verstand, der
-nur Verstand ist, will noch gar wenig bedeuten! Es gibt Menschen, die
-bei bedeutendem Verstande schlechte Ehemänner, schlechte Väter,
-schlechte Bürger sind. Wert verleiht dem Verstande nur die Tugend: ohne
-Tugend ist auch ein kluger Mensch ein Ungeheuer. Sie steht unendlich
-höher als ein hoher Verstand – das wird jeder leicht begreifen, der nur
-ein wenig nachdenkt. Es gibt viele Arten des Verstandes. Einem klugen
-Menschen kann man verzeihen, wenn ihm diese oder jene Eigenschaft des
-Verstandes abgeht; einem tugendhaften Menschen verzeiht man’s nicht,
-wenn ihm irgend eine Tugend des Herzens fehlt: er muß sie alle insgesamt
-besitzen, denn die Tugend des Herzens ist unteilbar. Ein tugendhafter
-Mensch muß vollkommen tugendhaft sein.
-
-SOPHIE. Ihre Erklärung, lieber Onkel, entspricht ganz meinem innern
-Gefühl, das ich nicht verstehe in Worte zu fassen. Jetzt empfind’ ich
-lebhaft, worin der Wert eines tugendhaften Menschen, worin seine Pflicht
-besteht.
-
-STARODUM. Pflicht! Ach, mein Freund – dieses Wort ist auf aller Lippen
-und wird doch oft so falsch verstanden. Der beständige Gebrauch dieses
-Wortes hat uns dermaßen an dasselbe gewöhnt, daß ein Mensch, der es
-ausspricht, nichts dabei denkt und empfindet. Wenn die Menschen die
-Bedeutung dieses Wortes wüßten, würden sie es nicht ohne innere
-Ehrfurcht aussprechen. Was ist die Pflicht? Jenes heilige Gelübde, das
-uns an alle bindet, mit denen wir leben und von denen wir abhängen. Wenn
-jeder den Begriff der Pflicht so auffaßte, wie er ihn ausspricht, so
-würde jeder Stand nicht über den seiner Lage angemessenen Ehrgeiz
-streben, würde vollkommen glücklich sein. Der Edelmann z. B. würde es
-sich zur Unehre gereichen lassen, wenn er nicht ausschließlich seiner
-großen Pflicht obläge – den Untergebenen zu helfen, dem Vaterlande zu
-dienen. Dann würde es keine Edelleute geben, deren Adel sozusagen
-zugleich mit ihren Vorfahren begraben wird. Ein Edelmann, der nicht wert
-ist ein Edelmann zu sein, ist das erbärmlichste Geschöpf, das ich mir
-vorstellen kann.
-
-SOPHIE. Kann man sich denn dermaßen erniedrigen?
-
-STARODUM. Mein Freund! Das, was ich vom Edelmann gesagt, kann auf alle
-Menschen angewendet werden. Jedermann hat seine Pflichten, doch wie
-werden sie erfüllt? Wie z. B. sind die Männer heutigentags – die Frauen
-auch nicht zu vergessen!? O mein Kind, höre mir nun mit vollster
-Aufmerksamkeit zu! Betrachten wir uns z. B. eine unglückliche Familie,
-wie es deren eine Unmenge gibt, wo die Frau keine herzliche Freundschaft
-für den Mann empfindet, noch er Vertrauen zu ihr; wo beide auf ihre Art
-den Weg der Tugend verlassen. Statt eines innigen und nachsichtigen
-Freundes erblickt die Frau in ihrem Manne einen groben und lasterhaften
-Tyrannen. Andrerseits sieht der Mann in der Seele seiner Frau statt
-Sanftmut und Treuherzigkeit – die Eigenschaften einer tugendhaften Frau
-– nur widerspenstige Frechheit, die Frechheit einer Frau aber ist das
-Aushängeschild eines lastervollen Charakters. Beide werden sich
-gegenseitig zur unerträglichen Last; beide mißachten einen guten Namen,
-weil sie ihn beide verloren haben. Gibt es wohl eine schrecklichere
-Lage? Das Hauswesen ist verwahrlost; die Dienerschaft vergißt die
-Pflicht des Gehorsams, weil sie in ihrem eigenen Herrn einen Sklaven
-niedriger Leidenschaft sieht; das Gut wird ruiniert: es gehört keinem,
-weil der Herr nicht sich selber gehört. Die Kinder, die unglücklichen
-Kinder, sind schon zu Lebzeiten der Eltern arme Waisen. Der Vater, der
-seine Frau mißachtet, wagt kaum die Kinder zu umarmen, wagt kaum, sich
-den zartesten Empfindungen eines Menschenherzens hinzugeben. Die
-unschuldigen Kleinen entbehren gleichfalls der mütterlichen Liebe. Sie,
-die nicht wert ist, Kinder zu haben, entzieht sich ihren Liebkosungen,
-indem sie darin entweder die Ursache ihrer Unruhe oder einen Vorwurf für
-ihre Lasterhaftigkeit erblickt. Und welche Erziehung kann eine
-lasterhafte Mutter ihren Kindern geben? Wie soll sie ihnen Lehren der
-Tugend einimpfen, da sie selber keine Tugend besitzt? Welche Hölle muß
-in der Seele der Eltern brennen, wenn ihr Gedanke sich einmal ernstlich
-mit ihrer gräßlichen Lage beschäftigt.
-
-SOPHIE. Wie entsetzenerregend ist dieses Beispiel!
-
-STARODUM. Gewiß muß es ein tugendhaftes Herz erschüttern. Doch ich
-denke, daß ein Mensch nicht in dem Grade demoralisiert sein kann, um
-ruhigen Blutes solche Greuel anzusehen.
-
-SOPHIE. Gott, wodurch entsteht nur ein so schreckliches Unglück?
-
-STARODUM. Dadurch, mein Freund, daß bei den heutigen Eheschließungen
-selten das Herz zu Rate gezogen wird. Man sieht nur darauf, ob der
-Bräutigam eine angesehene und reiche und die Braut eine schöne und
-reiche Person ist. Nach der Tugend wird nicht gefragt. Keinem kommt es
-in den Sinn, daß in den Augen denkender Menschen ein Ehrenmann ohne Rang
-einen hohen Rang einnimmt, daß die Tugend alles ersetzt und selber durch
-nichts ersetzt werden kann. Und ich muß gestehn, liebe Sophie, daß mein
-Herz nur dann ganz ruhig sein wird, wenn ich dich als die Frau eines
-Ehrenmannes sehen werde, wenn wechselseitige Liebe –
-
-SOPHIE. Einen ehrenhaften Gatten kann man ja nicht anders als recht
-freundschaftlich lieben.
-
-STARODUM. Richtig. Nur sei deine Liebe zum Gatten nicht der Freundschaft
-gleich, sondern deine Freundschaft zu ihm sei der Liebe ähnlich – dann
-werdet ihr noch nach zwanzig Jahren ehelichen Zusammenlebens eine
-unverminderte Neigung zu einander empfinden. Ein vernünftiger,
-ehrenhafter Mann und eine vernünftige, tugendhafte Frau – was kann es
-Herrlicheres geben? Dein Mann muß der Stimme der Vernunft gehorchen, und
-du deinem Manne, und dann ist euer Glück ein vollkommenes.
-
-SOPHIE. Jedes Ihrer Worte geht mir zu Herzen.
-
-STARODUM (mit zärtlichem Feuer). Und mein Herz entzückt sich an dem
-Gefühl deines Herzens! Von dir allein hängt dein Glück ab. Gott hat dir
-allen Reiz deines Geschlechts verliehen. Ich sehe, daß du ein
-tugendhaftes Herz im Busen trägst. Ja, mein geliebtes Kind, du
-vereinigst in dir die Vorzüge beider Geschlechter! Ich schmeichle mir,
-daß meine Liebe zu dir mich nicht täuscht, daß deine Tugenden –
-
-SOPHIE. Du hast jedes meiner Gefühle tugendhaft gemacht! (Will seine
-Hand küssen.)
-
-STARODUM (ihre Hand küssend). Ich danke Gott, daß ich in dir selbst
-einen festen Grund für dein Glück sehe. Nicht von Würden und Reichtum
-wird es abhängen, denn beides kann noch dereinst dein werden. Doch du
-besitzest bereits ein noch größeres Glück – das Gefühl, daß du würdig
-bist des Glückes, das du empfindest!
-
-SOPHIE. Teuerster, bester Onkel! mein ganzes Glück ist, daß ich dich
-habe. Ich kenne den Wert –
-
-
- Dritter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. Ein KAMMERDIENER kommt und übergibt Starodum einen
- Brief.
-
-STARODUM. Von wo?
-
-KAMMERDIENER. Aus Moskau, durch einen expressen Boten. (Ab.)
-
-STARODUM (entsiegelt das Schreiben und liest die Unterschrift). Ah, vom
-Grafen Tschestan. (Beginnt zu lesen, macht aber Miene, nicht gut sehen
-zu können.) Sophie, bitte, meine Brille – im Buch auf dem Tisch.
-
-SOPHIE (im Abgehen). Sofort, Onkelchen.
-
-
- Vierter Auftritt.
-
-STARODUM (allein). Er schreibt mir natürlich von seinem Vorschlag, den
-er mir in Moskau gemacht. Ich kenne Milon nicht; doch wenn sein Onkel,
-mein geschätzter Freund, und alle seine Bekannten ihn für einen würdigen
-und ehrenhaften Mann halten ... wenn ihr Herz frei ist ...
-
-
- Fünfter Auftritt.
-
- STARODUM und SOPHIE.
-
-SOPHIE (die Brille gebend.) Hier ist sie, Onkelchen.
-
-STARODUM (liest). „Ich habe soeben erfahren ... führt sein Kommando nach
-Moskau ... er muß mit Ihnen zusammentreffen. Es würde mich herzlich
-freuen, wenn er Sie sehen sollte ... Bitte, bringen Sie seine
-Gesinnungsart in Erfahrung“ ... (Beiseite.) Natürlich, sonst geb’ ich
-sie ihm nicht ... „Sie werden finden ... Ihr aufrichtiger Freund ...“
-Gut. Dieser Brief betrifft dich. Ich habe dir schon gesagt, daß mir ein
-junger Mann sehr warm empfohlen worden ist ... Meine Worte machen dich
-stutzen, mein Freund, das hab’ ich schon damals gesehn und seh’ es auch
-jetzt. Doch dein Vertrauen zu mir –
-
-SOPHIE. Kann ich denn etwas auf dem Herzen haben, das ich vor Ihnen als
-Geheimnis bergen sollte? Nein, lieber Onkel, ich will Ihnen treuherzig
-gestehn –
-
-
- Sechster Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. PRAWDIN und MILON.
-
-PRAWDIN. Erlauben Sie, Ihnen meinen aufrichtigen Freund Milon
-vorzustellen.
-
-STARODUM (beiseite). Milon!
-
-MILON. Ich würde es für ein hohes Glück ansehn, wenn Sie mir Ihr
-Wohlwollen schenkten.
-
-STARODUM. Ist Graf Tschestan Ihnen verwandt?
-
-MILON. Er ist mein Onkel.
-
-STARODUM. Mit Freuden mache ich Bekanntschaft mit einem Manne von Ihren
-Eigenschaften. Ihr Onkel hat mir von Ihnen gesprochen; er läßt Ihnen
-volle Gerechtigkeit widerfahren. Er rühmt Ihre Vorzüge –
-
-MILON. Das thut er nur aus Güte. In meinem Alter und bei meiner Stellung
-wär’ es eine unverzeihliche Hoffart, wollte ich das Lob, das mir
-ehrenwerte Männer spenden, für verdient hinnehmen.
-
-PRAWDIN. Ich bin im voraus versichert, daß mein Freund Ihr Wohlwollen
-erwirbt, sobald Sie ihn näher kennen lernen. Er verkehrte oft im Hause
-Ihrer seligen Schwester. (Starodum sieht sich nach Sophie um.)
-
-SOPHIE (leise und sehr befangen zu Starodum). Und die Mutter liebte ihn
-wie einen Sohn.
-
-STARODUM (zu Sophie). Das ist mir sehr angenehm. (Zu Milon.) Ich habe
-gehört, daß Sie in der Armee dienten, Ihre Tapferkeit –
-
-MILON. Ich that nur meine Pflicht. Weder Alter noch Rang ließen mich
-bisher meine Tapferkeit beweisen, falls ich sie wirklich besitze.
-
-STARODUM. Wie?! Sie waren ja in der Schlacht und haben mehrfach Ihr
-Leben aufs Spiel gesetzt –
-
-MILON. Ich hab’s aufs Spiel gesetzt ebenso wie alle andern. Ein
-derartiger Mut ist eine Eigenschaft des Herzens, die dem Soldaten der
-Oberst zu haben befiehlt, und dem Offizier – die Ehre. Ich muß
-aufrichtig gestehn, daß ich noch keine Gelegenheit gehabt habe, eine
-echte Tapferkeit an den Tag zu legen, was ich jedoch von Herzen wünsche.
-
-STARODUM. Ich wäre sehr neugierig zu erfahren, was Sie unter echter
-Tapferkeit verstehen.
-
-MILON. Meiner Ansicht nach hat die Tapferkeit ihren Sitz in der Seele
-und nicht im Herzen. Ist die Seele tapfer, so ist auch das Herz
-unbedingt mutig. In unserm Kriegshandwerk muß der Soldat mutig, der
-Befehlshaber tapfer sein. Mit kaltem Blute erkennt er alle Grade der
-Gefahr, ergreift die nötigen Maßregeln, schätzt den Ruhm höher als sein
-Leben; und was die Hauptsache ist: zum Nutzen und Ruhm seines
-Vaterlandes ist er tapfer genug, des eigenen Ruhmes zu vergessen. Seine
-Tapferkeit besteht somit nicht darin, daß er sein Leben gering achtet,
-denn er setzt es nicht blindlings aufs Spiel, sondern darin, daß er es
-zu opfern versteht.
-
-STARODUM. Ganz richtig. Echte Tapferkeit sehen Sie im
-Kriegsbefehlshaber; kann sie aber auch den andern Ständen eigen sein?
-
-MILON. Sie ist eine Tugend, und folglich kann sich jeder Stand durch sie
-auszeichnen. Mir scheint, der Mut des Herzens erweist sich während der
-Schlacht, die Tapferkeit der Seele jedoch in allen Prüfungen, in jeder
-Lage des Lebens. Und welch ein gewaltiger Unterschied besteht doch
-zwischen dem Mut des Soldaten, der gleichzeitig mit andern beim
-Sturmlauf sein Leben wagt, und der Tapferkeit eines Staatsmannes, der
-seinem Landesherrn die Wahrheit sagt und dadurch dessen Zorn auf sich zu
-laden riskiert! Ein Richter, der, die Drohungen und Rache des Mächtigen
-nicht fürchtend, dem Hilflosen hat Gerechtigkeit widerfahren lassen –
-ist in meinen Augen ein Held. Wie kleinlich ist doch die Seele eines
-Mannes, der um ein Nichts seinen Nebenmenschen zum Duell herausfordert,
-im Vergleich mit dem Manne, der die Ehre eines Abwesenden vor dessen
-Verleumdern in Schutz nimmt! Ich verstehe die Tapferkeit –
-
-STARODUM. Wie sie ein Mann verstehen muß, dessen Seele sie besitzt.
-Umarme mich, mein Freund! Vergib mir meine Freimütigkeit: ich bin ein
-Freund ehrenhafter Menschen. Dieses Gefühl wurzelt in der Erziehung, die
-ich genossen. In dir sehe ich die Tugend im Schmucke eines hellen
-Verstandes.
-
-MILON. Eine edle Seele ... Nein, nicht länger hält mein Herz sein Gefühl
-zurück! Nein! ... Deine Tugend entlockt meiner Seele ihr Geheimnis! Ist
-mein Herz tugendhaft, verdient es glücklich zu werden – so liegt es in
-deiner Macht, es glücklich zu machen. Und glücklich werde ich sein, wenn
-du mir deine liebenswürdige Nichte zur Frau gibst. Unsre gegenseitige
-Liebe –
-
-STARODUM (freudig zu Sophie). Wie? Dein Herz verstand schon denjenigen
-zu wählen, den ich dir im voraus ausersehen hatte? Er ist jener
-Bräutigam –
-
-SOPHIE. Und ich liebe ihn von Herzen.
-
-STARODUM. Ihr seid beide einer des andern würdig. (Vereinigt entzückt
-ihre Hände.) Von ganzer Seele gebe ich meine Einwilligung.
-
-MILON (Starodum umarmend). Mein Glück ist } (Zusammen.)
-unermeßlich! }
- }
-SOPHIE (Starodums Hände küssend). Wer kann }
-glücklicher sein als ich?! }
-
-PRAWDIN. Wie aufrichtig bin ich erfreut!
-
-STARODUM. Mein Glück kennt keine Worte!
-
-MILON (Sophie die Hand küssend). O seliger Augenblick!
-
-SOPHIE. Ewig wird mein Herz dich lieben!
-
-
- Siebenter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN und SKOTININ.
-
-SKOTININ. Auch ich bin da.
-
-STARODUM. Was führt dich her?
-
-SKOTININ. Meine eigene Angelegenheit.
-
-STARODUM. Womit kann ich dienen?
-
-SKOTININ. Mit drei Worten.
-
-STARODUM. Und diese sind?
-
-SKOTININ. Umarme mich recht fest und sage: Sophie ist dein.
-
-STARODUM. Bist du nicht recht gescheit? Denke mal ordentlich nach!
-
-SKOTININ. Ich denke niemals und bin im voraus versichert, daß, wenn auch
-du nicht denken wirst, Sophie die Meine wird.
-
-STARODUM. Sonderbarer Kauz! Du bist, wie ich sehe, nicht auf den Kopf
-gefallen und willst, daß ich meine Nichte einem Menschen gebe, den ich
-gar nicht kenne.
-
-SKOTININ. Dann sag’ ich’s dir, und du wirst mich kennen. Ich bin Taras
-Skotinin, nicht der letzte meines Geschlechts. Die Skotinin sind ein
-großes und altes Geschlecht. Den Urururgroßvater findest du in keiner
-Heraldik.
-
-PRAWDIN. Sie werden uns noch glauben machen wollen, daß er älter ist als
-Adam!
-
-SKOTININ. Und du meinst nicht? Wenn auch nicht viel –
-
-STARODUM (lachend). Gewiß, dein Urururgroßvater ist zwar am sechsten
-Tage erschaffen, doch ein wenig früher als Adam.
-
-SKOTININ. Du bist also hoher Meinung von dem Alter unsres Geschlechts?
-
-STARODUM. So hoher Meinung, daß ich mich wundere, wie du nur eine Frau
-wählen kannst, die nicht zum Geschlecht der Skotinin gehört.
-
-SKOTININ. Du kannst dir demnach vorstellen, wie glücklich Sophie mit mir
-sein wird. Sie ist von Adel –
-
-STARODUM. Lieber Mann, darum gerade bist du kein Bräutigam für sie.
-
-SKOTININ. Ich lass’ es schon daran ankommen. Mag man sich die Zunge
-abreden, daß Skotinin eine Adelige genommen hat – mir ist’s gleich.
-
-STARODUM. Aber ihr ist es nicht gleich, wenn es heißt, daß eine Adelige
-einen Skotinin genommen hat.
-
-MILON. Eine solche ungleiche Partie kann kein Glück ins Haus bringen.
-
-SKOTININ. He, was hat der mitzusprechen? (Leise zu Starodum.) Ist’s
-nicht gar ein Nebenbuhler?
-
-STARODUM (leise zu Skotinin). Mir will’s auch so scheinen.
-
-SKOTININ (leise). Wo sollt’ er, zum Teufel?!
-
-STARODUM (ebenso). Natürlich wird’s ihm schwer fallen.
-
-SKOTININ (laut, auf Milon weisend). Nun, wer von uns macht sich hier
-lächerlich? Hahaha!
-
-STARODUM (lacht). Ich sehe, wer sich lächerlich macht.
-
-SOPHIE. Onkelchen, wie freut es mich, daß Sie fröhlich sind!
-
-SKOTININ (zu Starodum). Ei, du bist ja ein ganz lustiger Herr! Anfangs
-glaubt’ ich, daß man dir gar nicht nah’ kommen kann. Hast damals kein
-Wort mit mir gesprochen, und jetzt lachst du sogar.
-
-STARODUM. Ich bin nun mal so ein Mensch, habe meine Augenblicke.
-
-SKOTININ. Das seh’ ich. Damals war ich ja derselbe Skotinin, du aber
-ärgertest dich.
-
-STARODUM. Ich hatte meine Gründe.
-
-SKOTININ. Die kenn’ ich nicht. Doch auch ich bin hierin eigen. Wenn ich
-z. B. zu Hause zum Koben trete und die Schweine nicht in Ordnung finde,
-so braus’ ich auf. Übrigens hast auch du bei deinem Herkommen das Haus
-als einen Schweinekoben angetroffen und daher dein Ärger.
-
-STARODUM. Du bist glücklicher als ich: auf mich machen die Menschen
-Eindruck –
-
-SKOTININ. Und auf mich die Schweine.
-
-
- Achter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW, MITROFAN und JEREMEJEWNA.
-
-FRAU PROSTAKOWA (eintretend). Hast du auch alles bei dir?
-
-MITROFAN. Beruhige dich endlich mal!
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Starodum). Hast du gut zu ruhen geruht, Väterchen?
-Wir alle gingen im vierten Zimmer auf den Zehenspitzen, um dich nicht
-aufzuwecken wir wagten’s nicht, durchs Schlüsselloch zu sehn. Doch da
-hörten wir dich hier sprechen und sind gekommen. Nichts für ungut –
-
-STARODUM. O, es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie früher gekommen
-wären.
-
-SKOTININ. Spielst du mir einen Schabernack, Schwester, daß du dich mir
-an die Fußsohlen heftest? Ich habe hier ein Geschäft abzumachen.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Und ich auch. (Zu Starodum.) Verstatte, Väterchen, daß
-wir dich mit einer Bitte belästigen. (Zu Mann und Sohn.) Grüßet!
-
-STARODUM. Mit welcher?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Erst bitte ich alle, Platz zu nehmen. (Alle, mit
-Ausnahme von Mitrofan und Jeremejewna, setzen sich.) Die Sache ist
-nämlich die, Väterchen: Gott der Herr hat uns auf das Gebet unsrer
-Eltern hin (wo hätten wir Sünder ihn erbitten können!) das Söhnchen
-Mitrofan geschenkt. Wir thaten unser möglichstes, daß er so werde, wie
-du ihn jetzt siehst. Wolltest du dich nicht bemühen, Einsicht zu
-gewinnen, was er gelernt hat und kennt?
-
-STARODUM. O, es ist mir bereits zu Ohren gekommen, was er gelernt hat.
-Ich habe gehört, wer seine Lehrer sind, und weiß im voraus, welche
-Sprachkenntnisse ihm Kutejkin beigebracht, und was er aus der Mathematik
-bei Zyfirkin gelernt hat. (Zu Prawdin.) Neugierig wär’ ich, zu erfahren,
-was er beim Deutschen gelernt.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Alle Wissenschaften. }
- }
-PROSTAKOW. Alles. } (Gleichzeitig.)
- }
-MITROFAN. Alles, was du willst. }
-
-PRAWDIN (zu Mitrofan). Was denn z. B.?
-
-MITROFAN (gibt ihm ein Buch). Hier, Grammatik.
-
-PRAWDIN (nimmt das Buch). Ich sehe wohl, daß es eine Grammatik ist. Nun,
-und was kennen Sie daraus?
-
-MITROFAN. Eine Menge. Viele Redeteile –
-
-PRAWDIN. Nun, was für ein Redeteil ist das Wort „Thür?“
-
-MITROFAN. Thür? Welche Thür?
-
-PRAWDIN. Welche Thür? ... Nun, diese da.
-
-MITROFAN. Diese? Ein Bindewort.
-
-PRAWDIN. Warum denn?
-
-MITROFAN. Weil sie zwei Zimmer verbindet. Wir haben aber eine Thür, die
-seit Wochen nicht in ihre Angeln gehängt wird, was jedoch hauptsächlich
-des starken Zugwinds wegen sehr nötig wäre; jene ist darum ein
-Hauptwort.
-
-PRAWDIN. Also ist auch das Wort Narr ein Bindewort, weil man einen
-dummen Menschen damit in Verbindung bringt?
-
-MITROFAN. Natürlich.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Nun, was sagst du dazu, Väterchen.
-
-PROSTAKOW. Ja, was sagst du dazu?
-
-PRAWDIN. Ausgezeichnet! In der Grammatik ist er recht bewandert.
-
-MILON. Ich denke, auch nicht weniger in der Geschichte.
-
-FRAU PROSTAKOWA. O, er ist schon als Kind immer ein großer Liebhaber von
-Geschichten gewesen!
-
-SKOTININ. Mitrofan ist ganz in mich geraten. Auch ich höre für mein
-Leben gern den Dorfschulzen erzählen. Ein Meister darin, der Hundesohn!
-Wo er’s nur immer hernimmt?!
-
-FRAU PROSTAKOWA. O, mit Adam Adamytsch wird er sich nicht messen können!
-
-PRAWDIN (zu Mitrofan). Wie weit sind Sie in der Geschichte gekommen?
-
-MITROFAN. Wie weit? Das hängt von der Geschichte ab. Manchmal hinter
-dreimal neun Ländern im dreimal zehnten Königreiche.[2]
-
- [2] Stehende Redensart in russischen Märchen zur Bezeichnung einer
- sehr großen Entfernung. _Anm. d. Übers._
-
-PRAWDIN. So! Also das ist die Geschichte, welche Sie bei Wralmann
-treiben?
-
-STARODUM. Wralmann? Der Name klingt mir bekannt.
-
-MITROFAN. Nein, unser Adam Adamytsch erzählt keine Geschichten; er liebt
-ebenso wie ich nur zuzuhören.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Beide lassen sie sich die Geschichten von der alten
-Viehmagd Chawronja erzählen.
-
-PRAWDIN. Habt ihr nicht gar von ihr auch Geographie gelernt?
-
-FRAU PROSTAKOWA (zum Sohn). Hörst du, mein Schatz? Was ist denn das nun
-wieder für eine Wissenschaft?
-
-MITROFAN (leise zur Mutter). Was weiß ich!
-
-FRAU PROSTAKOWA (leise zu Mitrofan). Sei nicht eigensinnig! Jetzt
-gilt’s, dich zu zeigen.
-
-MITROFAN (leise zur Mutter). Aber ich versteh’ gar nicht, wonach man
-fragt!
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Prawdin). Wie hast du die Wissenschaft genannt?
-
-PRAWDIN. Geographie.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Hörst du? Eorgavieh.
-
-MITROFAN. Was ist denn das wieder? Mein Gott, wie sie mich foltern!
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Prawdin). Habe doch die Güte, ihm zu sagen, was das
-für eine Wissenschaft ist! Dann wird er dir schon Antwort geben.
-
-PRAWDIN. Die Erdbeschreibung.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Starodum). Wozu wäre denn die nötig?
-
-STARODUM. Nötig wäre sie, sei’s auch nur, um auf der Reise zu wissen, wo
-und wohin man reist.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ach, du lieber Himmel! Wozu sind denn die Fuhrleute da?
-Das müssen _sie_ wissen ... Nein, diese Wissenschaft paßt gar nicht für
-den Adel. Der Edelmann braucht nur zu sagen: fahre mich da- und dahin –
-und er wird hingefahren ... Ach, alles, was mein Mitrofan nicht kennt,
-ist ein Unsinn!
-
-STARODUM. Gewiß ist es für einen ungebildeten Menschen sehr trostreich,
-alles das, was er nicht kennt, für Unsinn zu halten.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Gott sei Dank auch ohne die Wissenschaften haben die
-Menschen gelebt! Mein seliger Vater war fünfzehn Jahre Wojewode und
-starb auch als Wojewode, ohne das Lesen und Schreiben gekannt zu haben.
-Doch dafür verstand er ein erkleckliches Sümmchen zu verdienen und es
-aufzuheben. Immer saß er auf einem eisernen Kasten, wenn er Bittsteller
-empfing, und nach Fortgang eines jeden öffnete er den Kasten und legte
-etwas hinein. Das war ein ökonomischer Mann! Die bitterste Not litt er,
-nur um den Inhalt des Kastens nicht zu vermindern. Ja, ohne Ruhm zu
-sagen: Vater selig starb auf dem Kasten sozusagen Hungers. Das war ein
-Mann!
-
-STARODUM. Höchst lobenswert! Man muß Skotinin heißen, um eines so
-seligen Todes zu sterben!
-
-SKOTININ. Zum Beweise, daß das Lernen ein Unsinn ist, nehmen wir meinen
-Onkel Wawila Falilejitsch. Nie hatte er von jemandem ein gebildetes Wort
-vernommen, noch hatte jemand ein solches von ihm gehört – und was war
-das für ein Kopf!
-
-PRAWDIN. Nun?
-
-SKOTININ. Folgendes passierte ihm in seinem Leben. Auf einem feurigen
-Roß – er hatte etwas über den Durst getrunken – flog er gegen einen
-steinernen Thorweg. Der Mann war hoch, das Thor niedrig; er vergaß, sich
-zu bücken und knallte mit der Stirn an den Steinbogen, so daß er
-zurücksank und das brave Roß den rücklings Liegenden bis zum Hausflur
-heimgaloppierte. Da möcht’ ich nun wissen, ob es auf der Welt eine
-Gelehrtenstirn gibt, die von einer solchen Kopfnuß nicht in Stücke
-zersplittert wäre! Der Onkel jedoch, Gott hab’ ihn selig, kam bald zu
-sich und fragte nur, ob das Thor ganz geblieben sei.
-
-MILON. Sie, Herr Skotinin geben selbst zu, daß Sie nicht gelehrt seien –
-doch in einem _solchen_ Falle würde Ihre Stirn nicht härter als die
-eines Gelehrten sein.
-
-STARODUM (zu Milon). Geh nur keine Wette drauf ein! Mir scheint, die
-Skotinin sind alle ein hartstirniges Geschlecht.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ach Gott, was hat man auch vom Lernen! Wir sehen’s hier
-selbst mit eigenen Augen! Wer nur einigermaßen gebildet ist, der wird
-sofort von den eigenen Kameraden in irgend ein Amt eingesetzt.
-
-STARODUM. Und ein solcher wird sich nicht weigern, seinen Mitbürgern
-nützlich zu sein.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Weiß Gott, was die Menschen jetzt für Ansichten haben!
-Zu unsrer Zeit sorgte jedermann nur für seine eigene Ruhe. (Zu Prawdin.)
-Du selbst, wie mußt du dich abplagen! Als ich herkam, sah ich, daß dir
-ein Paket gebracht wurde.
-
-PRAWDIN. Ein Paket an mich? Und das muß ich erst jetzt erfahren!
-(Aufstehend.) Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Sie verlasse.
-Vielleicht erteilt mir der Gouverneur einige Orders.
-
-STARODUM (aufstehend, nach ihm auch die anderen). Geh, mein Freund; wir
-werden noch voneinander Abschied nehmen.
-
-PRAWDIN. Ich werde Sie noch sehen. Sie fahren morgen in der Frühe?
-
-STARODUM. Um sieben etwa. (Prawdin ab.)
-
-MILON. Und ich gebe Ihnen das Geleite und führe sofort mein Kommando
-weiter. Ich gehe, die Anstalten hierzu zu treffen. (Nimmt mit den Augen
-im Abgehen von Sophie Abschied.)
-
-
- Neunter Auftritt.
-
- FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW, MITROFAN, SKOTININ, STARODUM, SOPHIE
- und JEREMEJEWNA.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Starodum). Nun, Väterchen, du kennst jetzt zur
-Genüge meinen Mitrofan.
-
-SKOTININ. Nun, Herzensfreund, du kennst mich jetzt.
-
-STARODUM. O gewiß, ich kenn’ euch aufs beste!
-
-SKOTININ. Wird Sophie die meine?
-
-STARODUM. Nein.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wird Mitrofan Sophiens Bräutigam?
-
-STARODUM. Nein.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Was hindert – } (Zusammen.)
- }
-SKOTININ. Woran liegt’s – }
-
-STARODUM (beide zusammenführend). Ich will’s euch sagen – doch das
-Geheimnis bleibt unter uns: sie ist bereits verlobt. (Macht im Abgehen
-Sophie ein Zeichen, daß sie ihm folge.)
-
-FRAU PROSTAKOWA. Der Räuber!
-
-SKOTININ. Er ist ja verrückt!
-
-FRAU PROSTAKOWA (ungeduldig). Um wieviel Uhr fahren sie?
-
-SKOTININ. Du hast’s ja gehört: um sieben morgens.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Um sieben morgens!
-
-SKOTININ. Ich stehe mit den Hähnen auf. Er mag klug sein, wie er will,
-aber mit Skotinin ist’s schlecht Kirschen essen! (Ab.)
-
-FRAU PROSTAKOWA (zornig in Gedanken hin- und herlaufend). Um sieben Uhr!
-... Wir stehen früher auf ... Was ich will, führ’ ich aus! ... Alle zu
-mir! (Alle eilen herbei. Zum Manne:) Daß der Wagen um sechs Uhr vor der
-Hinterthür hält! Hörst du?
-
-PRAWDIN. Ich höre.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Jeremejewna). Du schließest die ganze Nacht kein
-Auge vor Sophiens Thür! Sobald sie erwacht, eilst du zu mir!
-
-JEREMEJEWNA. Gewiß, werde nicht ermangeln.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zum Sohn). Du, mein Junge, sei um sechs Uhr fix und
-fertig. Und stelle drei Diener in der Nähe von Sophiens Schlafzimmer auf
-und zweie auf dem Flur zur Hilfe.
-
-MITROFAN. Wird geschehn.
-
-FRAU PROSTAKOWA. So geht denn mit Gott. (Alle ab.) Ich weiß schon, was
-ich thue! Wo Zorn ist, da ist auch Gnade – der Alte wird zürnen, aber
-doch verzeihen müssen! Der Sieg aber ist unser!
-
-
-
-
- Fünfter Aufzug.
-
-
- Erster Auftritt.
-
- STARODUM und PRAWDIN.
-
-PRAWDIN. Es ist dasselbe Paket, von dessen Eintreffen mich gestern in
-Ihrer Gegenwart die Frau vom Hause in Kenntnis setzte.
-
-STARODUM. Und somit bietet sich jetzt die Möglichkeit, den
-unmenschlichen Handlungen dieser wütigen Gutsbesitzerin ein Ende zu
-machen?
-
-PRAWDIN. Ich habe die Order, Haus und Hof unter Tutel zu stellen bei dem
-ersten Akt der Willkür, von dem ihre Untergebenen leiden könnten.
-
-STARODUM. Gelobt sei Gott, daß die Menschheit noch Schutz finden kann.
-Glaube mir, mein Freund: da, wo der Souverän denkt, wo er weiß, worin
-sein wahrer Ruhm besteht – dort kann die Menschheit nimmer ihrer Rechte
-verlustig gehen; dort werden sehr bald alle fühlen, daß jedermann sein
-Glück und seinen Vorteil nur darin suchen muß, was gesetzlich ist, und
-daß er wider das Gesetz verstößt, wenn er seinesgleichen tyrannisiert.
-
-PRAWDIN. Ich bin hierin Ihrer Ansicht; doch wie schwer ist es,
-eingewurzelte Vorurteile auszurotten, in denen niedrige Seelen ihre
-Vorteile finden!
-
-STARODUM. Höre, mein Freund. Ein großer Souverän ist ein weiser
-Souverän. Seine Pflicht ist es, den Menschen zu zeigen, wie sie wahrhaft
-glücklich werden. Die Krone seiner Weisheit ist – über _Menschen_ zu
-herrschen, denn Klötze zu regieren – dazu bedarf es keiner Weisheit.
-Gewöhnlich wird im Dorf der beschränkteste Bauer zum Viehhirten gewählt,
-denn um das Vieh zu weiden, braucht der Hirt wenig Verstand. Ein seines
-Thrones würdiger Souverän bestrebt sich, die Seelen seiner Unterthanen
-mit Hochgefühl zu erfüllen. Das sehen wir mit unsern eigenen Augen.
-
-PRAWDIN. Das Glück, welches ein Souverän im Beherrschen freier Seelen
-genießt, ist so groß, daß ich’s nicht verstehe, welche Antriebe ihn
-ablenken –
-
-STARODUM. Wie erhaben muß die Seele eines Souveräns sein, um nie vom
-Wege der Wahrheit abzulenken! Wie viele Netze sind ausgestellt, um die
-Seele eines Menschen zu fangen, in dessen Händen das Schicksal von
-seinesgleichen liegt! Sodann sucht ihn die Menge selbstsüchtiger
-Schmeichler allaugenblicks zu überzeugen, daß die Menschen seinetwegen
-erschaffen sind, und nicht – er ihretwegen.
-
-PRAWDIN. Man kann sich keinen Schmeichler vorstellen, ohne tiefe
-Verachtung im Herzen zu empfinden.
-
-STARODUM. Der Schmeichler ist ein Geschöpf, das weder von andern noch
-von sich selbst eine gute Meinung hat. Sein ganzes Streben geht dahin,
-erst eines Menschen Verstand zu blenden und sodann alles aus ihm zu
-machen, was ihm beliebt. Er ist ein Nachtdieb, der erst das Licht
-auslöscht und erst dann zu stehlen beginnt.
-
-PRAWDIN. Natürlich liegt die Quelle des menschlichen Unglücks in der
-Sittenlosigkeit der Menschen; doch die Mittel, die Herzen zu bessern –
-
-STARODUM. Liegen in den Händen des Souveräns. Sobald alle sehen, daß man
-ohne Tugend sich nicht aufschwingen kann; daß man durch keine niedrigen
-Dienstleistungen den Lohn des wahren Verdienstes zu kaufen vermag; daß
-nicht die Menschen von den Ämtern, sondern die Ämter von den Menschen
-Nutzen ziehen sollen – dann wird jeder seinen Vorteil in der Tugend
-finden, und die Herzen werden gebessert sein.
-
-PRAWDIN. Sie haben ganz recht. Ein großer Souverän verleiht –
-
-STARODUM. Gnade und Freundschaft nach Neigung, Ämter und Würden nach
-Verdienst.
-
-PRAWDIN. Damit es keinen Mangel an würdigen Menschen gebe, wird jetzt
-ein besonderes Augenmerk auf die Erziehung gerichtet.
-
-STARODUM. Sie muß in der That das Pfand des Staatswohls sein. Alles
-Unglück entsteht durch schlechte Erziehung. Freilich – welchen Nutzen
-kann der Staat von einem Menschen wie Mitrofan ziehen, dessen unwissende
-Eltern unwissenden Lehrern gar noch Geld zahlen? Wie viele Väter gibt es
-unter dem Adel, welche die Erziehung ihres Sohnes einem
-sklavenseelischen Leibeigenen anvertrauen! Nach etwa fünfzehn Jahren
-gibt’s dann zwei Sklaven: den alten Hofmeister und das junge Herrchen.
-
-PRAWDIN. Doch Personen aus den höchsten Ständen sorgen für eine tüchtige
-Erziehung ihrer Kinder –
-
-STARODUM. Vollkommen richtig, mein Freund; doch wünschte ich, daß in
-allen Wissenschaften das Hauptziel jedes menschlichen Wissens nicht
-vergessen werde: die Tugend. Glaube mir, daß die wissenschaftlich
-gebildeten, aber demoralisierten Menschen diese Wissenschaften zum argen
-Werkzeug des Bösen gebrauchen werden. Die Aufklärung erhebt nur eine
-tugendhafte Seele. So wünschte ich, daß der Erzieher eines jungen
-Aristokraten denselben täglich auf zwei Fälle aus der Weltgeschichte
-aufmerksam mache: erstens – wie große Männer das Wohl ihres Vaterlandes
-fördern, und zweitens – wie ein unwürdiger Würdenträger sein Vertrauen
-und seine Macht zum Bösen mißbraucht und von der Höhe seines glänzenden
-Ranges in den Abgrund der Verachtung und des Spottes niederstürzt.
-
-PRAWDIN. Es ist in der That notwendig, daß jeder Stand eine angemessene
-gute Erziehung erhält: dann kann man versichert sein – Was für ein Lärm?
-
-STARODUM. Was ist geschehn?
-
-
- Zweiter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. MILON, SOPHIE, JEREMEJEWNA.
-
-MILON (stößt Jeremejewna von Sophie, welche von der Alten festgehalten
-wird, und schreit, einen entblößten Degen in der Hand). Wage es keiner,
-mir zu nahen!
-
-SOPHIE (eilt zu Starodum). Onkel, beschütze mich!
-
-STARODUM. Mein Kind, was gibt’s denn? }
- }
-PRAWDIN. Beleidigt man Sie? } (Gleichzeitig.)
- }
-SOPHIE. O mein Herz! }
- }
-JEREMEJEWNA. Ich bin verloren! }
-
-MILON. Die Bösewichter! Als ich hierher ging, sah ich eine Menge
-Menschen, die Sophie unter den Armen hielten und sie, die Schreiende und
-sich Sträubende, in einen Wagen vor der Hinterthür schleppen wollten.
-
-SOPHIE. Das ist mein Retter!
-
-STARODUM. Teures Kind!
-
-PRAWDIN (zu Jeremejewna). Sofort bekennst du, wohin ihr sie bringen
-wolltet, sonst sollst du als Verbrecherin –
-
-JEREMEJEWNA. Zur Trauung! ach, zur Trauung!
-
-FRAU PROSTAKOWA (hinter der Szene). Halunken! Diebe! Spitzbuben! Zu Tode
-lass’ ich euch peitschen!
-
-
- Dritter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. FRAU PROSTAKOWA, PROSTAKOW und MITROFAN.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Bin ich Herrin im Hause? (Auf Milon weisend.) Ein
-Fremder droht, und meine Befehle werden nicht erfüllt!
-
-PROSTAKOW. Bin ich schuld? }
- }
-MITROFAN. Die Dienstboten sind schuld. } (Gleichzeitig.)
- }
-FRAU PROSTAKOWA. Ich will nicht von der Stelle }
-gehen – }
-
-PRAWDIN. Das Verbrechen, dessen ich Zeuge bin, gibt Ihnen als Onkel und
-dir als Bräutigam das Recht –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Bräutigam! }
- }
-PROSTAKOW. Wehe! } (Zusammen.)
- }
-MITROFAN. Alles zum Teufel! }
-
-PRAWDIN. – von der Regierung zu verlangen, daß die Beleidigung, welche
-Fräulein Sophie zugefügt worden, mit aller Strenge der Gesetze bestraft
-werde. Sofort verklag’ ich diese Frau vor Gericht –
-
-FRAU PROSTAKOWA (sich auf die Kniee werfend). Verzeihung, Gnade!
-
-PRAWDIN. Auch Mann und Sohn sind teilhaftig des Verbrechens.
-
-PROSTAKOW. Ich bin unschuldig! } (Zusammen auf die Kniee stürzend.)
- }
-MITROFAN. Verzeihe, verzeihe! }
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ach, ich Hundetochter! Was hab’ ich gethan!
-
-
- Vierter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. SKOTININ.
-
-SKOTININ. Nun, Schwester, einen schönen Streich hast du mir – Ei! Was
-ist denn das? Alle auf den Knieen?!
-
-FRAU PROSTAKOWA (knieend). Verzeihung! Dem Reuigen wird vergeben. Ja,
-ich bekenne meine Schuld! Gnade! (Zu Sophie.) Beste, goldne Sophie –
-verzeihe mir, erbarme dich mein und (auf Mann und Sohn weisend) dieser
-armen Waisen!
-
-SKOTININ. Schwester, bist du bei Troste?
-
-PRAWDIN. Schweige, Skotinin!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Gott wird dich und deinen teuren Bräutigam segnen! ...
-Was hast du von meiner Bestrafung?!
-
-SOPHIE (zu Starodum). Onkel, ich vergesse die mir zugefügte Beleidigung.
-
-FRAU PROSTAKOWA (mit erhobenen Händen zu Starodum). Auch du vergib mir
-Sünderin! Ich bin ja ein Mensch und kein Engel!
-
-STARODUM. Wohl weiß ich’s, daß der Mensch kein Engel sein kann: doch muß
-er auch kein Teufel sein! ... Sowohl ihr Vergehen als auch ihre Reue ist
-verächtlich!
-
-PRAWDIN (zu Starodum). Nur Eine Klage Ihrerseits, nur Ein Wort von Ihnen
-bei der Regierung – und sie ist nicht zu retten.
-
-STARODUM. Ich will keines Menschen Unglück; ich verzeihe ihr. (Alle
-springen auf).
-
-FRAU PROSTAKOWA. Er hat verziehen? O, du mein Wohlthäter! ... Nun aber
-will ich es diesen Kanaillen von Dienstboten zeigen! Jeden nehm’ ich
-einzeln ins Gebet! Gestehen müssen sie, wer sie aus den Händen gelassen.
-Nein, ihr Spitzbuben, ihr Diebe – _das_ verzeih’ ich euch nie im Leben!
-
-PRAWDIN. Und wofür wollen Sie Ihre Leute bestrafen?
-
-FRAU PROSTAKOWA. Aber das ist denn doch eine sonderbare Frage! Hab’ ich
-nicht die Macht, mit meinen Leuten zu thun, was ich will?
-
-PRAWDIN Sie halten sich also im Recht, nach Laune und Belieben
-körperlich zu strafen?
-
-SKOTININ. Steht’s denn dem Edelmann nicht frei, seine Bedienten zu
-prügeln, wann es ihm beliebt?
-
-PRAWDIN. Wann es ihm beliebt? Welch ein viehisches Belieben! (zu Frau
-Prostakowa) Nein, Madame, es hat niemand das Recht, andere zu
-tyrannisieren!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ein Edelmann hat nicht das Recht, einen Bedienten
-durchpeitschen zu lassen, wann es ihm gefällt? Wozu haben wir denn den
-Ukas von den Rechten des Adels?
-
-STARODUM. Die versteht’s, Ukase zu deuten!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Ihnen ist es lächerlich zu Mut’, mir aber gar nicht,
-und auf der Stelle will ich jeden einzelnen – (will schnell fort).
-
-PRAWDIN (hält sie zurück). Bleiben Sie noch, Madame. (Zieht ein Papier
-aus der Tasche und spricht mit strengem Ton zu Prostakow). Im Namen der
-Regierung befehle ich Ihnen, sofort Ihr ganzes Hausgesinde und alle
-Bauern zusammenzurufen und ihnen bekannt zu machen, daß infolge der
-Unmenschlichkeiten Ihrer Frau – wobei Ihre außerordentliche
-Beschränktheit ihr freie Hand gelassen – mir die Regierung befiehlt, Ihr
-Haus und Ihr Dorf unter Tutel zu stellen.
-
-PROSTAKOW. Was müssen wir erleben!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Was? Ein neues Unglück! Wofür, wofür denn? Daß ich
-Herrin bin in meinem Hause –
-
-PRAWDIN. Eine unmenschliche Herrin, deren Boshaftigkeit in einem
-wohlsituierten Staate nicht geduldet werden kann. (Zu Prostakowa.) Gehen
-Sie.
-
-PROSTAKOW (ab, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend). Was heißt
-das, was heißt das?!
-
-FRAU PROSTAKOWA (schmerzlich). O, wie traurig, wie traurig!
-
-SKOTININ (beiseite). Hehe! Auf solche Weise komm’ ja auch ich an die
-Reihe! Da kann ja jeder Skotinin unter Tutel gestellt werden! ... Besser
-ist’s, ich verschwinde, bevor –
-
-PRAWDIN (zu Skotinin). Und du! Ich habe gehört, daß du mit Schweinen
-unvergleichlich besser umgehst als mit Menschen.
-
-SKOTININ. Gnädigster – wie sollte auch mein Herz an den Menschen hängen!
-Bedenke selbst: die Menschen sind mir zu klug, unter den Schweinen aber
-bin ich selber der Klügste.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Alles verloren! Ich bin ruiniert!
-
-SKOTININ (zu Starodum). Ich möchte doch gern wissen ... was den
-Bräutigam betrifft –
-
-STARODUM (auf Milon weisend). Hier steht er.
-
-SKOTININ. Aha! So hab’ ich hier nichts mehr zu thun. Nun, dann geh’ ich.
-
-PRAWDIN. Ja, geh zu deinen Schweinen! Vergiß jedoch nicht, jedem
-Skotinin mitzuteilen, was seiner wartet.
-
-SKOTININ. Wie sollt’ ich Freunde nicht warnen! Sagen will ich, daß sie
-die Leute –
-
-PRAWDIN. Mehr lieben oder wenigstens –
-
-SKOTININ. Nun?
-
-PRAWDIN. Nicht anrühren.
-
-SKOTININ (abgehend). Nicht anrühren.
-
-
- Fünfter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN ohne SKOTININ.
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu Prawdin). Richte mich nicht zu Grunde! Könnte man
-den Ukas nicht umgehen? Es wird ja nicht jeder Ukas in Ausführung
-gebracht!
-
-PRAWDIN. Ich erfülle meine Pflicht.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Gib mir wenigstens drei Tage Frist, (für sich) dann
-soll man mich kennen lernen!
-
-PRAWDIN. Keine drei Stunden.
-
-STARODUM. Gewiß: sie kann in drei Stunden mehr Böses thun, als es in
-dreißig Jahren gutgemacht werden kann.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Und du wolltest dich mit solchen Kleinigkeiten
-abgeben?!
-
-PRAWDIN. Das ist meine Sache. Fremdes wird den Eignern zurückgegeben
-werden, und –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Aber wie willst du mit den Schulden fertig werden? Die
-Lehrer sind noch nicht bezahlt.
-
-PRAWDIN. Die Lehrer? (Zu Jeremejewna.) Sind sie hier? Führe sie her.
-
-JEREMEJEWNA. Werden wohl dasein. Den Deutschen auch?
-
-PRAWDIN. Rufe sie alle. (Jeremejewna ab) ... Sorgen Sie nicht, Madame:
-jedermann soll befriedigt werden.
-
-STARODUM (zu der trauernden Prostakowa). Es wird dir selbst wohler zu
-Mut sein, da du die Macht verloren hast, andern Böses zu thun.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Danke für die Güte! Wozu taug’ ich, wenn ich in meinem
-eigenen Hause meine Hände nicht gebrauchen kann!
-
-
- Sechster Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. JEREMEJEWNA, WRALMANN, KUTEJKIN, ZYFIRKIN.
-
-JEREMEJEWNA (zu Prawdin). Hier hast du das ganze Gesindel.
-
-WRALMANN (zu Prawdin). Ew. Gnaden geruhten mich herzubefehlen.
-
-KUTEJKIN (zu Prawdin). Gerufen ward ich, gekommen bin ich.
-
-ZYFIRKIN (zu Prawdin). Was befehlen Ew. Gnaden?
-
-STARODUM (sieht Wralmann scharf an). Ei, bist du’s, Wralmann?
-
-WRALMANN (erkennt Starodum). Ei – ei – ei – ei! Sie sind’s, gnädiger
-Herr? (küßt ihm den Rocksaum.) Wie geht es Ihnen, mein Wohlthäter?
-
-PRAWDIN. Wie? Sie kennen ihn?
-
-STARODUM. Wie sollt’ ich ihn nicht kennen? Hat er doch drei Jahre bei
-mir als Kutscher gedient. (Alle machen Zeichen des Erstaunens.)
-
-PRAWDIN. Ein schöner Lehrer!
-
-STARODUM. Und du bist hier Lehrer, Wralmann? Ich dachte immer, du seist
-ein guter Mensch und würdest andern nicht ins Handwerk pfuschen.
-
-WRALMANN. Was thun, gnädiger Herr! Ich bin nicht der erste, bin auch
-nicht der letzte. Drei Monate trieb ich mich in Moskau umher, ohne eine
-Kutscherstelle finden zu können. Da mußt’ ich entweder Hungers sterben
-oder Lehrer werden.
-
-PRAWDIN (zu den Lehrern). Auf Befehl der Regierung habe ich dieses Haus
-unter Tutel gestellt, und ihr seid entlassen.
-
-ZYFIRKIN. Ausgezeichnet!
-
-KUTEJKIN. Sie sagen uns ab? Aber sollten wir uns nicht vorher berechnen?
-
-PRAWDIN. Wieviel hast du zu bekommen?
-
-KUTEJKIN. Meine Rechnung ist nicht so gering. Für ein halbes Jahr
-Unterricht; für die Stiefel, die ich im Laufe von drei Jahren vertragen
-habe; für das unnütze Kommen hierher und zwecklose Warten –
-
-FRAU PROSTAKOWA. Unersättliche Seele, du! Wofür?
-
-PRAWDIN. Mengen Sie sich nicht in andrer Angelegenheit, Madame, bitt’
-ich!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Wo bleibt die Gerechtigkeit: was hat mein Mitrofan von
-ihm gelernt?
-
-KUTEJKIN. Das ist seine, nicht meine Sache.
-
-PRAWDIN. Gut, schon gut! (Zu Zyfirkin.) Wieviel hast du zu bekommen?
-
-ZYFIRKIN. Ich? Nichts.
-
-FRAU PROSTAKOWA. Für ein Jahr hat er zehn Rubel erhalten, für das andre
-jedoch noch keinen Groschen bekommen.
-
-ZYFIRKIN. Für jene zehn Rubel hab’ ich im Verlaufe der zwei Jahre
-Stiefel vertragen. Wir sind also quitt.
-
-PRAWDIN. Aber für den Unterricht?
-
-ZYFIRKIN. Nichts.
-
-STARODUM. Wie denn – nichts?
-
-ZYFIRKIN. Nichts nehm’ ich, denn nichts hat der Junge von mir gelernt.
-
-STARODUM. Dessenungeachtet mußt du bezahlt werden.
-
-ZYFIRKIN. Auf keinen Fall! Dem Landesherrn hab’ ich über zwanzig Jahre
-gedient. Für Dienstleistungen hab’ ich Lohn angenommen, für keine – nie.
-
-STARODUM. Das ist ein guter Mensch! (Starodum und Milon nehmen Geld aus
-der Börse.)
-
-PRAWDIN. Schämst du dich nicht, Kutejkin?
-
-KUTEJKIN (gesenkten Kopfes). Schande über mich Gottlosen.
-
-STARODUM (zu Zyfirkin). Hier hast du, mein Freund, für dein gutes Herz.
-
-ZYFIRKIN. Dank, Euer Gnaden. Geschenke nehm’ ich an, aber unverdiente
-Zahlung werd’ ich nie beanspruchen.
-
-MILON (gibt ihm Geld). Hier hast du noch, mein Freund.
-
-ZYFIRKIN. Und nochmals Dank. (Prawdin gibt ihm gleichfalls Geld.) Wofür
-denn, Euer Gnaden?
-
-PRAWDIN. Dafür, daß du nicht bist wie Kutejkin.
-
-ZYFIRKIN. Ei, Euer Gnaden, ich bin Soldat!
-
-PRAWDIN (zu Zyfirkin). So geh denn mit Gott. (Zyfirkin ab; zu Kutejkin.)
-Du aber, Kutejkin, komme morgen und schließe deine Rechnung mit der
-Herrin selbst ab.
-
-KUTEJKIN (forteilend). Mit ihr selbst? Da zieh’ ich meine Forderungen
-zurück!
-
-WRALMANN (zu Starodum). Euer Gnaden, vergessen Sie Ihren alten Diener
-nicht! Nehmen Sie mich wieder in Dienst!
-
-STARODUM. Aber du hast dich ja ganz von den Pferden entwöhnt.
-
-WRALMANN. Nicht doch! Während meines Zusammenlebens mit dieser
-Herrschaft schien es mir immer, als sei ich unter Pferden.
-
-
- Siebenter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN. Ein KAMMERDIENER.
-
-KAMMERDIENER (zu Starodum). Ihr Wagen steht bereit.
-
-WRALMANN. Darf ich Sie fahren?
-
-STARODUM. Geh, setze dich auf den Bock. (Wralmann ab.)
-
-
- Letzter Auftritt.
-
- DIE VORIGEN ohne Wralmann und den Kammerdiener.
-
-STARODUM (zu Prawdin, die Hände Sophiens und Milons haltend). Nun, mein
-Freund, wir fahren. Wünsche uns –
-
-PRAWDIN. Jedes Glück, auf welches ehrliche Herzen ein Anrecht haben.
-
-FRAU PROSTAKOWA (Mitrofan stürmisch umarmend). Du allein bist mir
-geblieben, mein Eins und mein Alles!
-
-MITROFAN. Laß mich in Ruhe! ... Hängt sich an wie eine Klette!
-
-FRAU PROSTAKOWA. Auch du, auch du kehrst mir den Rücken! O Undankbarer!
-(Sinkt in Ohnmacht.)
-
-SOPHIE (zu ihr eilend). Gott, sie ist ohne Besinnung!
-
-STARODUM. Hilf ihr, hilf ihr. (Sophie und Jeremejewna sind um Frau
-Prostakowa beschäftigt.)
-
-PRAWDIN (zu Mitrofan). Taugenichts! Und du nimmst dir noch das Recht,
-gegen deine Mutter grob zu sein? Ihre unsinnige Liebe zu dir ist’s, die
-sie in ein solches Unglück gestürzt hat.
-
-MITROFAN. Aber sie weiß ja selbst nicht, was sie will!
-
-PRAWDIN. Grobian!
-
-STARODUM (zu Jeremejewna). Nun, wie ist ihr jetzt?
-
-JEREMEJEWNA (blickt Frau Prostakowa forschend an, die Hände über dem
-Kopf zusammenschlagend). Ach, sie wird zu sich kommen!
-
-PRAWDIN (zu Mitrofan). Mit dir, Freundchen, weiß ich, was ich zu thun
-habe: dienen sollst du!
-
-MITROFAN. Mir ist alles gleich!
-
-FRAU PROSTAKOWA (zu sich kommend, in Verzweiflung). Ich bin verloren!
-Meiner Macht bin ich beraubt! Wohin soll ich blicken vor Schande? Ich
-habe keinen Sohn mehr!
-
-STARODUM (auf Frau Prostakowa weisend). Das ist die Frucht der bösen
-Saat!
-
-
- Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig.
-
-
-
-
- Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig.
-
-
- Meyers Sprachführer.
-
- Taschen-Konversations-Wörterbücher.
-
-
- Französisch
-
- von Professor E. Pollak, Paris. Gebunden 2½ M.
-
-
- Englisch
-
- von Dr. E. G. Ravenstein, London. Gebunden 2½ M.
-
-
- Italienisch
-
- von Dr. R. Kleinpaul, Rom. Gebunden 2½ M.
-
-
- Spanisch
-
- von Dir. Heinrich Ruppert, Madrid. Gebunden 3 M.
-
-
- Russisch
-
- von K. v. Jürgens, St. Petersburg. Gebunden 3 M.
-
-
- Arabisch
-
- von Dr. M. Hartmann, Beirut. Saffianband 6 M.
-
-
- Türkisch
-
- von Direktor Heintze, Smyrna. Saffianband 6 M.
-
- „Meyers Sprachführer“ bieten als Verschmelzung von
- _Konversationsbuch_ und _Taschenwörterbuch_ den großen Vorzug, sich
- in der Sprache fremden Landes ohne besondere Vorkenntnisse
- auszudrücken und eine jedermann verständliche Unterhaltung zu
- führen.
-
- Man findet im Nu des gewünschte Wort, daneben Warnung vor üblichen
- _Sprachfehlern_, _grammatische_ Anweisungen, lehrreiche Winke über
- _Sitten_ und _Gebräuche_ und eine Fülle _zusammengehöriger_ Vokabeln
- und Redewendungen. Korrekt in der Sprache und praktisch in der
- Anlage, sind diese Bücher vortreffliche Helfer _auf der Reise und im
- Haus_.
-
-
- Meyers Volksbücher.
-
- Jedes Bändchen ist einzeln käuflich. – Preis jeder Nummer
- = 10 Pfennig. =
- Bis Ende 1889 sind 702 Nummern erschienen.
-
- Die zuletzt erschienenen 500 Nummern umfassen nachstehende
- Bändchen:
-
- Althaus, Märchen aus der Gegenwart. 508 bis 510.
-
- Arnim, Die Ehenschmiede. – Der tolle Invalide. – Fürst Ganzgott und
- Sänger Halbgott. 349. 350.
-
- – Isabella von Ägypten. 530. 531.
-
- Äschylos, Orestie (Agamemnon. – Das Totenopfer. – Die Eumeniden).
- 533. 534.
-
- – Der gefesselte Prometheus. 237.
-
- Beaumarchais, Figaros Hochzeit. 298. 299.
-
- Beer, Struensee. 343. 344.
-
- Biernatzki, Der braune Knabe. 513-517.
-
- – Die Hallig. 412-414.
-
- Björnson, Zwischen den Schlachten. 408.
-
- Blum, Ich bleibe ledig. 507.
-
- Blumenauer, Virgils Äneis. 368-370.
-
- Börne, Aus meinem Tagebuche. 234.
-
- – Vermischte Aufsätze. 467.
-
- Brentano, Geschichte vom braven Kasperl. 460.
-
- – Gockel, Hinkel und Gackeleia. 235. 236.
-
- – Märchen I. 564-568.
-
- – Märchen II. 569-572.
-
- Bülow, I. Shakespeare-Novellen. 381-383.
-
- – II. Spanische Novellen. 384-386.
-
- – III. Französische Novellen. 387-389.
-
- – IV. Italienische Novellen. 390-392.
-
- – V. Englische Novellen. 473. 474.
-
- – VI. Deutsche Novellen. 475. 476.
-
- Bürger, Gedichte. 272. 273.
-
- Byron, Childe Harolds Pilgerfahrt. 398. 399.
-
- – Sardanapal. 451. 452.
-
- Calderon, Das Festmahl des Belsazer. 334.
-
- – Gomez Arias. 512.
-
- Cervantes, Neun Zwischenspiele. 576. 577.
-
- Chamisso, Gedichte. 263-268.
-
- Chateaubriand, Der Letzte der Abencerragen. 418.
-
- Chinesische Gedichte. 618.
-
- Claudius, Ausgewählte Werke. 681-683.
-
- Collin, Regulus. 573. 574.
-
- Dante, Das Paradies. 199. 200.
-
- Diderot, Erzählungen. 643. 644.
-
- Droste-Hülshoff, Bilder aus Westphalen &c. 691.
-
- – Die Judenbuche. 323.
-
- – Lyrische Gedichte. 479-483.
-
- – Die Schlacht im Loener Bruch. 439.
-
- Eichendorff, Ahnung und Gegenwart. 551-555.
-
- – Aus dem Leben eines Taugenichts. 540. 541.
-
- – Gedichte. 544-548.
-
- – Julian. – Robert und Guiscard. – Lucius. 542. 543.
-
- – Kleine Novellen. 632-653.
-
- – Das Marmorbild. – Das Schloß Dürande. 549. 550.
-
- Euripides, Hippolyt. 575.
-
- – Iphigenia bei den Tauriern. 342.
-
- – Iphigenie in Aulis. 539.
-
- Feuchtersleben, Zur Diätetik der Seele. 616. 617.
-
- Fichte, Reden an die deutsche Nation. 453-455.
-
- Fouqué, Undine. 285.
-
- – Der Zauberring. 501-506.
-
- Gaudy, Venezianische Novellen. 494-496.
-
- Gellert, Fabeln und Erzählungen. 231-233.
-
- Goethe, Clavigo. 224.
-
- – Dichtung und Wahrheit I. 669-671.
-
- – Dichtung und Wahrheit II. 672-675.
-
- – Dichtung und Wahrheit III. 676 bis 678.
-
- – Dichtung und Wahrheit IV. 679. 680.
-
- – Ausgewählte Gedichte. 216. 217.
-
- – Italienische Reise. 258 bis 262.
-
- – Die Laune des Verliebten. – Die Geschwister. 434.
-
- – Wilhelm Meisters Lehrjahre. 201-207.
-
- – D. Mitschuldigen. 431.
-
- – Die natürliche Tochter. 432. 433.
-
- – Stella. 394.
-
- Goethe-Schiller, Xenien. 208.
-
- Goldsmith, Der Landprediger von Wakefield. 638-640.
-
- Grabbe, Napoleon. 338. 339.
-
- Griechische Lyriker. 641. 642.
-
- Grimmelshausen. Simplicissimus. 278-283.
-
- Guntram, Dorfgeschichten. 658-660.
-
- Hagedorn, Fabeln u. Erzählungen. 425-427.
-
- Hauff, Das Bild des Kaisers. 601. 602.
-
- – Der Mann im Mond. 415-417.
-
- – Memoiren des Satan. 604-607.
-
- – Phantasien im Bremer Ratskeller. 600.
-
- Hebel, Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. 286-288.
-
- Heine, Atta Troll. 410.
-
- – Buch der Lieder. 243-245.
-
- – Deutschland. 411.
-
- – Florentinische Nächte. 655.
-
- – Neue Gedichte. 246. 247.
-
- – Die Harzreise. 250.
-
- – Die Nordsee. – Das Buch Le Grand. 485. 486.
-
- – Romanzero. 248. 249.
-
- – Schnabelewopski. 654.
-
- Herder, Über den Ursprung der Sprache. 321. 322.
-
- – Volkslieder. 461-464.
-
- Hippel, Über die Ehe. 441-443.
-
- Hoffmann, Doge und Dogaresse. – Spielerglück. 610. 611.
-
- – Erzählungen. 608. 609.
-
- Holberg, Hexerei oder Blinder Lärm. 521.
-
- – Jeppe vom Berge. 308.
-
- – Die Maskerade. 520.
-
- – Der politische Kanngießer. 620.
-
- Hölderlin, Hyperion. 471. 472.
-
- Holmes, Der Professor am Frühstückstisch. 627-629.
-
- Homer, Ilias. 251-256.
-
- – Odyssee. 211-215.
-
- Hufeland, Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern. 535-538.
-
- Humboldt, W. v., Briefe an eine Freundin. 302-307.
-
- Iffland, Die Jäger. 340. 341.
-
- – Die Mündel. 625. 626.
-
- – Der Spieler. 395. 396.
-
- – Verbrechen aus Ehrsucht. 623. 624.
-
- Immermann, Tristan und Isolde. 428-430.
-
- – Tulifäntchen. 477. 478.
-
- Irving, Die Legende von der Schlafhöhle. – Dolph Heyliger. 651. 652.
-
- Jean Paul, Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz. 650.
-
- Jung-Stillings Leben. 310-314.
-
- Kant, Von der Macht des Gemüts. 325.
-
- Kleist, Die Familie Schroffenstein. 465. 466.
-
- – Penthesilea. 351. 352.
-
- Klinger, Sturm und Drang. 599.
-
- Knigge, Über den Umgang mit Menschen. 294-297.
-
- Kopisch, Ausgewählte Gedichte. 636. 637.
-
- – Das Karnevalsfest auf Ischia. – Die blaue Grotte. 583. 584.
-
- Körner, Der grüne Domino. 700.
-
- – D. Nachtwächter. 657.
-
- – Der Vetter aus Bremen. 656.
-
- Kortum, Jobsiade. 274-277.
-
- Kotzebue, Die beiden Klingsberg. 257.
-
- – Menschenhaß und Reue. 526. 527.
-
- – Pagenstreiche. 524. 525.
-
- Lenau, Faust. – Don Juan. 614. 615.
-
- Lessing, Gedichte. 241. 242.
-
- – Miß Sara Sampson. 209. 210.
-
- – Vademekum für Pastor Lange. 348.
-
- Lichtenberg, Bemerkungen vermischten Inhalts. 665-668.
-
- Luther, Tischreden. I. 400.
-
- Matthisson, Gedichte. 484.
-
- Meinhold, Die Bernsteinhexe. 592-594.
-
- Mendelssohn, Phädon. 528. 529.
-
- Möser, Patriotische Phantasien. 422-424.
-
- Müllner, Die Schuld. 595. 596.
-
- Münchhausens Reisen u. Abenteuer. 300. 301.
-
- Musäus, Volksmärchen I. 225. 226.
-
- – Volksmärchen II. 227. 228.
-
- – Volksmärchen III. 229. 230.
-
- – Volksmärchen IV. 621. 622.
-
- Neugriechische Gedichte. 619.
-
- Novalis, Heinrich von Ofterdingen. 497. 498.
-
- Oehlenschläger, Corregio. 469. 470.
-
- Pestalozzi, Lienhard und Gertrud. 315-320.
-
- Petöfi, Gedichte. 645-647.
-
- Platen, Die Abbassiden. 630. 631.
-
- – Gedichte. 269. 270.
-
- Puschkin, Boris Godunof. 293.
-
- Racine, Britannicus. 409.
-
- – Phädra. 440.
-
- Raimund, Der Bauer als Millionär. 436.
-
- – Der Verschwender. 437. 438.
-
- Raupach, Der Müller und sein Kind. 435.
-
- Römische Lyriker, Ausgewählte Gedichte. 578. 579.
-
- Russische Novellen. 653.
-
- Sallet, Laien-Evangelium. 487-490.
-
- – Schön Irla. 511.
-
- Schenkendorf, Gedichte. 336. 337.
-
- Schiller, Der Neffe als Onkel. 456.
-
- – Turandot. 612. 613.
-
- – Über naive und sentimentalische Dichtungen. 346. 347.
-
- Schlegel, Englisches und spanisches Theater. 356-358.
-
- – Griechisches und römisches Theater. 353-355.
-
- Schleiermacher, Monologe. 468.
-
- Schubart, Leben und Gesinnungen. 491-493.
-
- Schwab, Doktor Faustus. 405.
-
- – Fortunatus und seine Söhne. 401. 402.
-
- – Griseldis. – Robert der Teufel. – Die Schildbürger. 447. 448.
-
- – Die vier Heymonskinder. 403. 404.
-
- – Hirlanda. – Genovefa. – Das Schloß in der Höhle Xa Xa. 449. 450.
-
- – Die schöne Melusina. 284.
-
- – Kaiser Octavianus. 406. 407.
-
- – Kleine Sagen des Altertums. 309.
-
- – Sagen des klassischen Altertums. I. Die Argonauten-Sage. 693.
-
- – Sagen des klassischen Altertums. II. Herkules und die Herakliden.
- 694. 695.
-
- – Sagen des klassischen Altertums. III. Bellerophontes. – Theseus. –
- Ödipus. – Die Sieben gegen Theben. – Die Epigonen. – Alkmäon. 696.
- 697.
-
- – Der gehörnte Siegfried. – Die schöne Magelone. – Der arme
- Heinrich. 445. 446.
-
- Scott, Das Fräulein vom See. 330. 331.
-
- Seume, Mein Leben. 359. 360.
-
- – Mein Sommer 1805. 499. 500.
-
- Shakespeare, Antonius u. Kleopatra. 222. 223.
-
- – Coriolan. 374. 375.
-
- – Cymbelin. 556. 557.
-
- – Ende gut, Alles gut. 562. 563.
-
- – König Heinrich IV.
-
- 1. Teil. 326. 327.
- 2. Teil. 328. 329.
-
- – König Heinrich VIII. 419. 420.
-
- – Ein Sommernachtstraum. 218.
-
- – Der Sturm. 421.
-
- – Verlorne Liebesmüh’. 518. 519.
-
- – Viel Lärm um Nichts. 345.
-
- – Was ihr wollt. 558. 559.
-
- – Wie es euch gefällt. 560. 561.
-
- – Wintermärchen. 220. 221.
-
- – Die Zähmung der Keiferin. 219.
-
- Shelley, Die Cenci. 522. 523.
-
- – Königin Mab. 582.
-
- – Lyrische Gedichte. – Alastor. 581.
-
- Smith, Nachgelassene Denkwürdigkeiten. 603.
-
- Sophokles, Der rasende Ajas. 580.
-
- – Elektra. 324.
-
- – Ödipus auf Kolonos. 292.
-
- – Philoktetes. 397.
-
- – Die Trachinierinnen. 444.
-
- Stieglitz, Bilder des Orients. 585-591.
-
- Tasso, Das befreite Jerusalem. 684-690.
-
- Tennyson, Ausgewählte Dichtungen. 371-373.
-
- Tieck, Der Alte vom Berge. 290. 291.
-
- – Der Aufruhr in den Cevennen. 661-664.
-
- – Die Gemälde. 289.
-
- – Des Lebens Überfluß. 692.
-
- – Shakespeare-Novellen. 332. 333.
-
- Töpffer, Rosa und Gertrud. 238-240.
-
- Törring, Agnes Bernauer. 393.
-
- Vega, Lope de, Kolumbus. 335.
-
- Viehoff, Blütenstrauß französischer und englischer Poesie. 597.
-
- Voltaire, Philosophische Aufsätze. 648. 649.
-
- Voß, Luise. 271.
-
- Waldau, Aus der Junkerwelt. 376-380.
-
- Wieland, Clelia und Sinibald. 457. 458.
-
- – Pervonte oder die Wünsche. 459.
-
- – Schach Lolo &c. 598.
-
- – Das Wintermärchen. – Das Sommermärchen. 532.
-
- Wisin, Der Landjunker. 698. 699.
-
- Zschokke, D. Feldweibel. – Die Walpurgisnacht. – Das Bein. 366. 367.
-
- – Das Goldmacherdorf. 701. 702.
-
- – Kleine Ursachen. 363. 364.
-
- – Kriegerische Abenteuer eines Friedfertigen. 365.
-
- – Der tote Gast. 361. 362.
-
- Vollständige Verzeichnisse sind durch jede Buchhandlung gratis zu
- beziehen. Die Sammlung wird in rascher Folge fortgesetzt.
-
-
- Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig.
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
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-
-Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
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-
- [S. 12]:
- ... unserm Umkreis gibt’s dermaßen große Schweine, das jedes, ...
- ... unserm Umkreis gibt’s dermaßen große Schweine, daß
- jedes, ...
-
- [S. 23]:
- ... Jeremejewna. Erzürne doch den Onkel nicht! Sie nur, ...
- ... Jeremejewna. Erzürne doch den Onkel nicht! Sieh nur, ...
-
- [S. 24]:
- ... Mitrofan (den Onkel nachrufend). Packe dich, Onkel, hol’
- dich ...
- ... Mitrofan (dem Onkel nachrufend). Packe dich, Onkel, hol’
- dich ...
-
- [S. 27]:
- ... Milon. Wie verdienst du dir denn dein Brot. ...
- ... Milon. Wie verdienst du dir denn dein Brot? ...
-
- [S. 29]:
- ... Ein Ende! ...
- ... ein Ende! ...
-
- [S. 32]:
- ... Starodum. In einem. Mein Vater wiederholte mir bestän ...
- ... Starodum. In einem. Mein Vater wiederholte mir beständig ...
-
- [S. 77]:
- ... ... Nun aber will ich diesen Kanaillen von Dienstboten ...
- ... ... Nun aber will ich es diesen Kanaillen von Dienstboten ...
-
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