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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Spitzbögen - -Author: Annette Kolb - -Illustrator: Rudolf Großmann - -Release Date: February 12, 2022 [eBook #67385] - -Language: German - -Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team - at https://www.pgdp.net. This book was produced from images - made available by the HathiTrust Digital Library. - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SPITZBÖGEN *** - - - - - - SPITZBÖGEN - - - VON - ANNETTE KOLB - - MIT ELF ZEICHNUNGEN VON - RUDOLF GROSSMANN - - - 1925 - S. FISCHER · VERLAG · BERLIN - - - Erste und zweite Auflage - Alle Rechte vorbehalten - Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin - - - - - SPITZBÖGEN - - - - - - -Es gibt Leute, die mit Recht oder Unrecht im Rufe stehen, daß sie -Unglück bringen. So war Offenbach als „Brandstifter“ berühmt, und sein -Verweilen in einem Hause galt als Signal für eine Feuersbrunst. - -Daß aber auch Städte sich dem einzelnen feindselig erweisen können, -dürften die wenigsten noch erfahren oder bemerkt haben. Nun, _mein_ -Jettadore war Florenz. In was für Klemmen ich dort geriet, was für -Schlingen dort jedesmal für mich bereit lagen, spottet jeglicher -Erfindung. Ach und überhaupt – Italien! – Wer vermöchte es einesteils -nicht zu lieben? – Aber die Ebene von Mailand, aber die seelische Kälte -der italienischen Mietswohnungen, ihre tiefe Ungemütlichkeit und -rudimentäre Öde, aber gewisse Häuser der Armen, die uns mit ihren -hohläugigen Fenstern wie Pestkranke ansehen! - -Und dann schneiden so manche italienische Landschaften ins Herz. Fiesole -zum Beispiel, mit seinem verklärten Ausblick – so holdselig, aber so -abgeschieden, so vorbei! – Beklommenen Herzens blickte ich eines Morgens -auf diese laue, in ihrer durchsichtigen Bläue zärtlich berückende Natur, -und stärker noch empfand ich unter dem wolkenlosen Himmel die stille -Schärfe der Zypressen. Gewiß, es ist ein schönes Land! aber schön ist -auch der Anblick des unter der Fülle von Blumen fast verschwindenden -Sarges, daß kaum ein Beschlag, kaum eine Kante desselben sichtbar wird. -– So trauerte dort mein Auge und sehnte sich von diesem Bilde fort. Und -nur mehr die Straße hinabsehend, fing ich plötzlich an zu laufen; – und -ich lief, als gälte es dieser Gegend wie einem Gewölbe zu entfliehen, -und nicht zu rasten, als bis ich wieder zu unseren Flüssen und Brücken, -unseren lebendigen Wäldern gelangte. Denn Leopardis Seele war mir auf -jenem Hügel aufgegangen. Ja, solche Klagen mußten sich ihr entringen, -ein so herbes Echo mußte dies blühende, von Glanz und Duft umwobene Land -erwecken, das in seiner stillen Morbidezza zwischen dem Hades und der -Erde eingeschoben scheint. Die Einflüsse der Landschaft sind es ja -sicherlich, mehr noch als die des Klimas, die gleichsam spiegelnd die -Linien unserer Sinnesart und unseres geistigen Umkreises ziehen. So -verhält sich Leopardis Pessimismus zu dem seines Zeitgenossen -Schopenhauer wie der untröstliche Zypressenhain zum tiefen Tannenwald, -aus dessen Düsterkeit wir Stärkung noch und Hoffnung schöpfen. - -Ich bitte indes nicht zu vergessen, daß ich den Berg hinunter laufe. So -mag es hingehen, daß ich so weit von meinem Thema abgekommen bin. Denn -ich wollte meine florentiner Mißgeschicke erzählen. Aber eine so -radikale Sprunghaftigkeit kann mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit -des Gedankens zusammenhängen; – ich meine, es käme auf eine Probe an. - -Oder dürfen wir einen Gedanken nennen, was mehr wie ein Verdacht, wie -eine Hoffnung in uns schlummert? An manch schönen, wertvollen Dingen mag -einer vorübergehen, da vernimmt er, was ihm eine Botschaft bedeutet, und -gierig greift er es auf. - -Immer noch laufe ich indes meinen italienischen Berg hinab. San Domenico -liegt schon hinter mir. Ich komme jetzt nach San Gervasio und bin dann -gleich in Florenz. Somit wäre die Einheit des Ortes wieder hergestellt -und ich könnte von neuem beginnen. - - - - - Erstes Kapitel - - -Nein, noch nicht. Wir müssen vorher noch einmal abzweigen. Es gibt kaum -eine Stadt, die einen so weiten Umkreis zieht. Wenn einer viele Stunden -ginge, vom frühen Morgen bis in den Abend hinein, immer wäre es noch das -holdselige Florenz. Villen, die von fernen Hügeln herunterschauen, -zwischen Abhängen versteckte Weiler, sie nennen sich noch Florenz. Wo -die Straße zweimal einen runden Kreis beschreibt und Pinien einen -zackigen Bau, halb Schlößchen, halb Klause schirmen, dort habe ich bei -einer Hexe gewohnt. - -Wie? – - -Aber warum nicht? Man sieht doch jetzt Geister erscheinen, -materialisierte Hände in der Luft entstehen, Blumen oder Reiterstiefel -aus dem Nichts in die Welt hineinwerfen. Was sollte da eine Hexe so -Wunderliches sein? Wie oft sah ich nachts zum Fenster hinaus, ob sie -nicht durch den Schornstein fuhr. Nicht mager, sondern ein Gerippe, war -ihre Brust eine Höhle, ihre Achseln eine Gruft. Sie hatte mich im Norden -eingefangen, und waghalsig, wie man in früher Jugend ist, war ich ihr -gefolgt. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ein Buch über Musik zu -schreiben, und brauchte jemanden, der ihr abends all die Dinge -vorspielte, welche sie dann morgens, gleich nach dem Frühstück, schnell -in Literatur umsetzte. Es war ihre Art, musikalisch zu sein. Nun stand -mein Talent zum Vom-Blatt-Spielen zu meiner lückenhaften Schulung ganz -außer Verhältnis. Dies war just, was sie suchte. Unser Pakt war also -folgender: ich sollte nur für meine Reise aufkommen, ihr vierzehn Tage -lang allabendlich vorspielen, dafür bei ihr wohnen und Florenz sehen -können. Dieser Punkt wurde auch ganz geschäftsmäßig auf ihr Konto -gesetzt. Zwar, wie sollte man es anstellen, in Florenz Florenz nicht -sehen zu können, aber ich willigte ein. Florence vaut bien une sorcière, -dachte ich. So fuhr ich hin. - -Aber leider lebte sie gar nicht in Florenz, sondern von der Piazza del -Duomo bis zu ihrer Mulde, die ganz ohne Verbindung lag und zu der keine -Straßenbahn, kein Gleis führte, hatte man geschlagene zwei Stunden zu -gehen. Nun herrschte sie allerdings über einen verhexten Schimmel und -ein Gefährt, das sie stets selbst kutschierte, aber Pferd und Wagen -standen nicht im Kontrakt, und sie bot mir niemals an, mit ihr zu -fahren. - - - - - Zweites Kapitel - - -Geist besaß sie ganz entschieden, aber die englische Spinster neigt -ohnedies zur Verdünnung und nie, schien mir, war eine so unbarmherzig -unter die Räder geraten, an keiner hatte sich die klassische Drohung, -von der uns Plato berichtet, so drastisch erfüllt, wie an der Hexe des -florentinischen Tales. Denn nicht nur, heißt es, hätten uns die Götter -dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine und vier Arme zu -verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen Seins angewiesen wurden, -sondern es könne wohl geschehen, daß die also beraubte und reduzierte -Kreatur nicht mehr aus Übermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht -heraus sich zum Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. Und -diese in ihrem Zorn würden sie zum zweiten Male spalten, daß sie, zur -Profilgestalt geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr -dürftiges Dasein verlebe. - -Am frühen Nachmittag lenkte sie – die Finger um den Knauf der Peitsche -gekrallt – ihr leeres Gefährt nach der Stadt, und die unleibhafte Figur -mit der schiefen, gewölbten Schulter, dem scheinbar nur profilierten -Kopf, ragte gar spukhaft über das Pferd, das alsbald mit unheimlicher -Willenlosigkeit, ja wie entsetzt, zum Tore hinauslief. Ich folgte zu Fuß -den Weg hinab, den sie voranzog, und ihr nachsehend war ich es -zufrieden, daß sie mich nicht einlud, so wenig lockte mich ihre Nähe. -Aber das gealterte Jahr kehrte schon seine bleichsten, müdesten Tage ans -Licht, und die Dunkelheit überraschte mich oft mitten auf der Straße, -die sich in glatten Schleifen so lange hinzog. Sie war einsam genug. Die -wenigen verstreuten Bauernhäuser kehrten ihre Fenster scheu der Bergwand -zu und tauchten unter, bis es wieder tagte. Aber die dunkle Leere, der -frische Abendwind, die Einsamkeit dieses Tales war so hold; ich dachte -an unsere nordischen Berge; wie schroff und finster sie sich des Nachts -wider den Wanderer zusammenschlossen! Wie beschwichtigend dagegen -umschatteten sie ihn hier! Es lag etwas Schweifendes, weit Umfassendes -in der florentinischen Nacht, das bei Tag verflachte; etwas so -Beseeltes, daß es wie kleine Flügel an meinen Sohlen hing. Oder war es -die Freude, im Dunkeln die Gegend zu durchstreifen und die Welt so ganz -allein für sich zu haben, niemanden, der sie mit einem teilte noch durch -seine Begleitung störte? Es war so neu! Aber die Hexe hatte mir -verraten, wie sicher die Wege hier seien, und mir von der engelsgleichen -Bevölkerung, die hier lebte, erzählt. Vielleicht hätte ich mich auf -einer deutschen Landstraße im Finstern gefürchtet. Wer weiß? ich hatte -es nie erprobt. Es war mir nie gestattet gewesen. Hier aber fühlte man -sich so ungefährdet. Merkwürdig, wie man das fühlt, dachte ich. Denn -nichts lassen sich sehr junge Menschen schneller suggerieren, als den -Glauben an die Ungefährlichkeit aller Dinge: ja in ihrer bereitwilligen -Unerschrockenheit liegt etwas, das sie sozusagen an den Rand der Welt -hinaus verweist, als gehörten sie infolge ihrer Unerfahrenheit nicht -recht in sie hinein. - -So kehrte ich jetzt nie mehr vor Abend zurück. Um die Teezeit hatte die -Hexe nicht selten Besuch. Doch als ich da anfangs erschien, hungernd -nach anderen Gesichtern, verhehlte sie mir nicht, daß sie meine -Gegenwart verwünschte. Die Leute, die mich hier trafen, schienen -überrascht, zeigten mir aber ein Entgegenkommen und ein Interesse, das -vielleicht auch Neugierde war. Auch mochte der Kontrast so großer Jugend -sie rühren. Einmal war die schöne Frau Coroughdeen gekommen, die mich zu -sich lud, als wüßte sie schon von mir. Aber ich wagte nicht sie -aufzusuchen, denn die Hexe schien zu glauben, diese Einladung sei nur -als Höflichkeit für sie selber gemeint. So machte ich mich jetzt schon -früh auf den Weg, um ihren Anblick zu fliehen und kam erst am späten -Nachmittag zurück. Ihr Speisesaal hatte vier Fenster, und im Tageslicht -von allen Seiten unerbittlich beleuchtet war sie entsetzlich. Ach! wie -trugen sich ihre trostlosen Umrisse über Treppen und Gänge ein und waren -vom Garten unzertrennlich. Nein; es half nichts bei Tage, von ihr -wegzusehen. Ich gab es auf, legte die Gabel hin und faßte sie ins Auge, -da es doch kein Entrinnen gab. Abends hatte man doch die dunklen Wände -und den Kerzenschein, in dem man – von ihr weg – entgeistert starren -konnte, während man mit ihr sprach. Ja sie liebte das. Ich war noch viel -zu harten Herzens, um zu würdigen, wie bitter sie selbst den -ausgreifenden Bannkreis ihrer Häßlichkeit empfand. Die Eisfelder von -Labrador wehten keine wehere Kälte aus als diese einsame Kreatur, und -ich war zu leichtsinnig, um zu bedenken, wie sehr ich sie durch meine -Abneigung reizte. - -Meinen eingegangenen Verpflichtungen kam ich übrigens sehr gewissenhaft -nach und spielte ihr allabendlich auf einem erträglichen Flügel, solange -sie nur wollte. Ich tat es mit Vergnügen, wenn auch denkbar -dilettantisch und zerstreut. Ein richtiger Musiker hätte mich vor -Ungeduld geschüttelt. Die Hexe aber merkte nichts und ich frönte ihr -gegenüber jenem Hochmut, den sich der Deutsche in Dingen der Musik -gestattet. Damals trug ich mich allen Ernstes mit der wilden Idee, -dereinst als geniale Dirigentin die Welt an der Spitze eines Orchesters -zu überraschen. Zwar bereitete ich mich auf diesen glorreichen Moment -nicht anders vor, als daß ich, auf jenes imaginäre Talent mich berufend, -das Klavier geringschätzte! Dafür malte ich mir immer wieder und mit -besonderem Feuer aus, wie ich eines Tages das Publikum in atemlosem -Banne halten und mein Orchester zu fliegend stürmischen, trommelnden -Taten hinreißen würde. Je weniger die Wirklichkeit mich befriedigte, je -mehr Zeit verlor ich mit solch nichtigen Träumen. - -Eines Abends auf dem Heimweg phantasierte ich wieder so lebhaft über -dieses Thema, daß ich unwillkürlich den Arm ausstreckte, als hielte er -schon den Stab über das Heer der Musiker geschwungen. Ich ergoß Ströme -tönenden Goldes in eine vor Schweigen knisternde Luft, beschwingte sie, -blies sie bis zur Trunkenheit an. So etwas hatte noch kein Publikum -erlebt. Es fehlte nicht viel, daß es vor Entzücken anfing zu tanzen. -Einige begannen heimlich zu fliegen. Als ich den Taktstock hinlegte, -entstand ein unheimliches Geheul der Begeisterung. Man stürmte das -Podium. Ich sah, ich hörte noch den Jubel der entfesselten Scharen, aber -ich konnte nicht mehr zur Wirklichkeit zurück. Plötzlich sah man mich -schwanken. Ich brach zusammen. Ich war tot. - - * * * * * - -Ein kalter Wind, der vom Apennin herüberblies, riß mich aus dem -imaginären Konzertsaal ins Freie und zur Ernüchterung zurück. Ich -stolperte mit staubigen Füßen über ein paar Steine: und ich war müde. -Zur Erholung überdachte ich nun, wie gut ich es tags zuvor der Hexe -herausgegeben hatte, als sie mich auszuholen suchte für ihr dummes Buch. -Was schöner sei: eine Symphonie oder ein Quartett, hatte die gelehrte -Heuschrecke mich gefragt; und ich war stolz-ärgerlich um den Flügel -herumgegangen. Was schöner sei: ein Porträt oder eine Landschaft, hatte -ich sie zur Antwort schnippisch gefragt und alsbald wieder zu spielen -angefangen, zum Zeichen, daß ich nicht zu diskutieren wünschte. Denn, -hatte sie keinen Platz für mich in ihrem leeren Wagen, so gedachte auch -ich kein übriges zu tun. Wie sie mich haßte! Aber noch zwölf Tage ... -Inmitten der dunkelnden Leere wurden da in der Ferne Schritte -vernehmbar. Sie belebten irgendwie diese weite Stille. So war man doch -nicht ganz allein. – Ja noch zwölf Tage und die drei Wochen waren -vorüber und unser Pakt gelöst. Welches Glück! Wie bezaubernd war doch -das Leben! Und Hoffnungen und Illusionen beflügelten meinen Gang. - -Der Takt der fernen Schritte wurde deutlicher, und unwillkürlich ging -ich auch ein wenig strammer. Man aß sehr pünktlich zu Abend bei der -Hexe. Sie warf sich dann stets in ein schwarzes Damastkleid von sehr -gesuchtem Schnitt und über ihre ungleichmäßige Rückenlinie ergoß eine -Watteaufalte ihren Schwall. Umsonst. – Sie hing ihr wie das gewölbte -Wappen eines stilisierten Drachen an. Und was half sie mit einer Krause -dem kranken Oval des Gesichtes auf? es glich doch höchstens einem -gesottenen, halb ausgelaufenen Ei. - -Klapp, trapp, klangen die Schritte jetzt heller zu mir her. Konnten sie -sich denn so schnell genähert haben? Es war wohl der Wind, der sie -herübertrug, wie den Schrei der Lokomotive, der so unterschiedlich, bald -so nahe, bald weit weg zu uns Kindern herüberdrang, während jenes -Sommers im Gebirge, als wir dicht vor unseren Fenstern die Eisenbahn -achtmal des Tages in einen Tunnel eindringen sahen und nie müde wurden, -ihr aufzupassen und auf den grausigen kurzen Pfiff zu warten, mit dem -sie sich jedesmal in die schwarze Wölbung einließ. Es war so lustig -gewesen, und der Pfiff klang oft so anders – oft kläglich wie ein -Hilfeschrei, je nachdem die Luft ihn trug, wie jene Schritte her, wie -die meinigen hin. Die meinigen? – O Gott! an welcher Sturmglocke riß -dieser Gedanke so jäh, welcher Aufruhr erhob sich in meinem Innern – so -neu –, nur Bilder können es sagen – wie ein Orkan, der Staub und Blätter -dahinfegt, so wirbelte er die sorglose Leere meines Innern auf, und -kehrte ein ganz anderes Ich hervor, das ich selbst nicht kannte ..., -denn aus welch verborgener Zelle, o Gott! stammten die Requisiten des -argwöhnischen, uralten und wissenden Weibes, dem tausend Augen im Kopfe -saßen wie einem Tier, und in dem nichts lebendig war und nichts -vorhanden und nichts entfacht als eine wütende und namenlose Furcht, -dessen Sein sich nur mehr auf den Takt jener Schritte bezog und dessen -sonstige Identität erlosch. Nur eine Minute vielleicht und die Schritte -würden mich überholen; dennoch stand ich still, denn die Unhörbarkeit -der meinigen war das einzig Gebotene, nichts andres tat not auf dem -Höllenpfad, auf den ich mich mit einem Male gewiesen sah – fort von der -blumigen Au jugendlicher Weltunkenntnis. So stand ich still. Aber -brannten da meine Augen wie Scheinwerfer in ihren Höhlen, daß sie Dinge -beleuchteten, welche das Dunkel begrub: unkenntliche Holzlatten jenseits -der Straße, zu einem Viereck umrissen, – aufgeschüttetes Laub, fast eine -Hütte. Schnell wie eine Kugel flog ich da über den schmalen Graben zu -ihr hin, und dort zu Boden gestürzt sah ich aufblickend zum ersten Male, -ja wie zum ersten Male, einen mondlosen Himmel, der die Erde in seinem -Schoße zu halten schien, und sah diese Erde als leichten Ball um ihre -eigene Achse im Weltall fliegen. Doch nur einen schwindelnden Augenblick -lang durfte das Bewußtsein rasten, und zugleich mit ihm setzte ein -Innehalten meines Herzens ein, daß es still und schwer wie eine -zersprungene Glocke in mir lastete. Denn alles hat ja ausgesetzt, und es -gab für mich nichts mehr als diesen Himmel über mir und die hastig -schlürfenden Schritte, die jetzt innehielten, als horche hier einer, wo -denn die meinigen blieben; – vorüber alles andere, alle Ketten gelöst, -die mich in diese Welt eingliederten und alle Abkunft von mir genommen. -Nur mein Ich, oder ich weiß nicht welch losgelöster Bestandteil meines -Ichs, schoß da wie eine Schlange zum Himmel auf; und er schien mir mit -einem Male wie beengt von all den Sternen, die so neugierig, fast böse -aus seinen Tiefen stachen. Wie ließe sich’s beschreiben, daß hier ein -Körnchen Staub, ein Atom, das einen Moment lang zu einem Schein von -Leben sich entfachen durfte und wie ein armseliger Leuchtkäfer an den -faulen Balken dieser Hütte hing, die Folgenschwere eigener Geschicke an -diesem unendlichen, still kreisenden Himmel zu messen wagte, als hingen -sie mit seiner Ordnung irgendwie zusammen? Denn nicht anders forderte -ich ihn da heraus, hielt ich ihm vor, daß seine rätselhaften Sterne -nicht aus ihrer Bahn geschleudert, nicht als wilde Fackeln der -göttlichen und unbegreiflichen Harmonie zum Chaos entbrennen durften – -und hielt eiserne Arme emporgerichtet, nicht etwa flehend, sondern mit -jener Intensität ohnegleichen, die einer Beschwörungsformel die -hinreißende Kraft verleiht. Aber sie entrangen sich einem totenstillen -Herzen, dessen Last nicht länger auszuhalten war, und zugleich schienen -die Schritte, von welchen mich keine Entfernung, nur noch die Finsternis -trennte, die Luft bis ans Ende der Erde mit ihrem Gedröhn zu erfüllen. – - -Und wie diese Schritte inmitten der Stille zuerst entstanden und dann -vernehmbarer geworden und sich genähert – wie sie innegehalten und dann -sich beschleunigt hatten, so fingen sie jetzt an, vorüber zu gehen, so -entfernten sie sich, so verhallten sie jetzt – so trug sie der Wind noch -einmal deutlicher her. - -Ich sah mich verwundert um wie mitten am Tage. Schon begriff ich das -ganze dramatische Aufgebot nicht mehr recht, mit welchem mich die Angst -so wild und unvermittelt gegen diese Hütte geschleudert hatte, noch die -elementare Wucht, mit der sie wie ein Wagnersches Orchester einsetzend -ein Zaubergestrüpp um mich zog, das zugleich mit ihm so spurlos -entschwand. Ja ich schüttelte den Gedanken daran ab, und wollte im -Augenblick den ganzen Vorgang für eingebildet erachten, so stark war die -Reaktion. Über den Graben zurückspringend, ging ich wieder meinen -einsamen Weg. Schon rauschte mir jetzt das Flüßchen zwischen den Bäumen -beschwichtigend entgegen, und von der Anhöhe herab grüßten die ersten -Lichter der kleinen Ortschaft. - - - - - Drittes Kapitel - - -Der Vorgang wurde erst wieder real, als ich etwas später als -allabendlich am Flügel saß. Die Hexe hatte ein Konzert von Mozart auf -das Pult gelegt und hörte stirnrunzelnd, mit drangsalierter, -angestrengter Miene zu. Über die Noten hin sah ich sie nach einer Weile -einen kühn gespitzten Bleistift hervorziehen, um ihre grauen, -abenteuerlichen Hirngespinste über den liebenswürdigsten Genius zu -vermerken. Es war grotesk, zu weit weg jedoch von aller Heiterkeit, um -komisch zu sein. Das Zimmer lag zu ebener Erde und mit einem Male -rauschte ein schwerer Regen darnieder. Konnte es sein, daß man sich hier -auf demselben Planeten befand, auf dem ein Wien und ein Salzburg stand? -Und nicht einmal fern! Zurück über die Alpen nach Rosenheim, oder man -stieg in Franzensfeste um und fuhr durchs Pustertal hin ... - -Ich war durch die ausgestandene Emotion noch so stark in Schwingung -begriffen, daß sich mein geistiges Auge unversehens schärfen durfte. Es -sah, erfaßte, erriet, möchte ich fast sagen, zum ersten Male Mozart als -Phänomen, seine Gestalt im Raum, Geste und Wesen, alles in der Bewegung -und im Relief, aber mitten in der Luftschicht damaliger Zeit und alles -mit der Gewalt, der Plötzlichkeit des Erdstoßes. Es war ein Divinieren, -dessen tiefe Schauer mich von allem Nichtigen und aller Unaufmerksamkeit -befreiten. Jeder Takt offenbarte sich mir neu, ich drang verwundert wie -zwischen Säulen in mystische Hallen vor, oft betretene, die ich doch gar -nicht kannte, hinein in eine Welt, in der das Unsichtbare Form und Farbe -gewann, und die in ihrer Entrücktheit so leugbar und doch so vorhanden, -o so viel vorhandener war als die Stunde, die gerade schlug! - -Die Hexe merkte keinen Unterschied in meinem Spiel. Sie hatte schon -viele Seiten vollgekritzelt; im Kamin zerfielen die verglühten Scheite -und die Kerzen waren herabgebrannt. Plötzlich hob sich da auch die -Flamme der auf dem Weg ausgestandenen Furcht. Der schon angezweifelte, -schon fast verworfne Vorgang motivierte sich, wurde ernst und -majestätisch, wie der gestirnte Himmel, unter dem er sich begab. - -„Denken Sie, ich habe mich heute auf dem Heimweg gefürchtet,“ sagte ich, -als ich den Flügel schloß. Sie hob ihren kleinen Drachenkopf und sah -mich teilnahmlos an. Man konnte sich nicht vergegenwärtigen, daß sie -jemals ein Kind oder jung gewesen war, noch Vater und Mutter besessen -hatte. Der Blick, den sie mir zuwarf, schüchterte mich ein. „Es war -gewiß töricht,“ sagte ich. „Allerdings,“ erwiderte sie kalt. Sie mußte -es wissen; lebte sie doch seit vielen Jahren in dieser Gegend und war -mit ihr verwachsen. Italien, die Renaissance waren für sie das letzte -Wort – Toskana und seine Hügel die Endstation der Schöpfung. Sie -gebärdete sich selbst so gut es ging als Italienerin; nannte ihre -Mädchen Cara, den Gärtner Caro, aß, lebte, wohnte à l’italienne, plagte -ihr Pferd und litt keinen Hund. - -Mit jedem Tage haßte ich sie mehr. - -„Es ist spät,“ sagte sie. - -Wir traten zusammen auf den Vorplatz. Hier blies die Zugluft von allen -Seiten durch die lockeren Flügel der Haustüre herein. Der Regen -prasselte auf das Dach und die Steinfliesen zeigten schon feuchte -Stellen. Ich stieg müde und schweigsam die Treppe hinter der Hexe hinauf -und schützte meine flackernde Kerze. - -„Ich traf heute in den Uffizien Frau Coroughdeen,“ sagte ich; „sie -fragte mich, warum ich denn nicht zu ihr kommen wollte.“ - -„Oh!“ Das ärgert sie! dachte ich froh. - -Aber so leicht zog sie den kürzeren nicht. - -„Mary Coroughdeen ist eine schöne, eine sehr schöne Frau,“ entschied sie -mit schaler Unparteilichkeit und einem literatenhaften Unterton. „Sie -ist sehr umringt und interessiert sich nicht für junge Mädchen.“ - -„Ja aber sie war es doch ...“ - -„Es ist natürlich,“ unterbrach sie mich, während ihre Halskrause ins -Beben geriet, „daß sie Ihnen freundlich begegnete, da Sie unter meinem -Dache sind.“ - -Wir standen uns jetzt vor meiner Türe gegenüber. Sie hielt ihre Augen -auf mich gerichtet, und wie immer fingen sich ihre Worte in ihren -langen, kränklichen Vorderzähnen. - -„Hat Mrs. Coroughdeen einen Tag mit Ihnen ausgemacht?“ - -„Nein,“ gestand ich. - -„Nein! – in der Tat“ – und ihre Krause rührte sich nicht mehr. – „Es -steht ganz bei Ihnen, auf eine so unformulierte Einladung hin die Dame -mit Ihrem Besuch zu überraschen. Ich möchte Sie um so weniger daran -hindern, als ich diejenige bin, welche für Ihre faux pas – oder -eventuellen Zudringlichkeiten – allein verantwortlich gemacht würde. -Denn Sie selbst sind noch zu jung!“ - -Zornig errötend wollte ich etwas entgegnen, aber so schnell bog sie da -in den Gang ein, der zu ihren Zimmern führte, daß ich nur mehr die -Watteaufalte sah, die sich über den unsicheren, gespenstigen Rücken -wölbte. - - - - - Viertes Kapitel - - -Am nächsten Morgen war der Himmel so rein und licht, nach allen -Richtungen sah man nur seine sonnige Bläue, als könne er sich gar keiner -Stürme entsinnen, als schiene er über eine ungetrübte und unsterbliche -Welt, und als seien alle ihre Grausamkeiten, ihre Morde und ihre -Schiffbrüche und ihre zerrissenen Herzen ephemer; so tilgte er sie; so -stellte er leuchtend alles wieder her. Ich bin der Himmel, ich bin blau! -lachte, tröstete er. - -Doch ich ging traurig meine Florentinische Straße, die in weiten -Schleifen und so einsam den Hügeln entlang zog. Mir galt sie nichts, -diese Sonne. Den Gram der Jugend lindert sie nicht. Unter ihren -Lockungen verschärft er sich nur, und richtet sich heftiger auf. - -Wo nur hatte ich den Mut genommen, erwartungsvoll zu bleiben? Wie war es -meiner Freundin Amarant von Binnenlöhr gegangen, der zum Glück -Berufenen? Aber vielleicht war es so, daß die Menschen wie die Monate -des Jahres gewissen Jahreszeiten unterstehen. Wie auch die jüngsten -Bäume sich im Herbst entlauben müssen, so hatte sich der frostige Tod -über meine Freundin Amarant geworfen und ihrer langen Wimpern nicht -geachtet, sondern sie hingemäht wie einen Greis. Nie war ein Verdacht, -eine Witterung in uns gewesen, sie könnte eine Gezeichnete sein. Dies -war der Fehler. Denn wie Metalle den Blitz anziehen, so streben die -Begebenheiten einzuschlagen, wo kein Argwohn entgegenwirkt ... So war -Amarants Roman unermüdlich ausgesponnen worden, und nicht einen von uns -hatten je diese knospenden Augen, diese frischen Zähne, diese -schimmernde Haut an die Möglichkeit ihres nahen Todes gemahnt. - -Hatte ich ihn schon vergessen? – sie war dahin, aber meine Wünsche und -Hoffnungen tangierte dies nicht, und für mich beanspruchte ich nach wie -vor das Glück. Ja, für mich sollte es einherrauschen und überfließen, -war auch Amarant dahin. - -Glaubte ich dies wirklich! Ach nein! – Nicht der Vision des -durchsichtigen Baches, noch des Vergißmeinnichtes, das tauumfeuchtet im -Waldesschatten seine blauen Bänke wie holde Schrecken zieht, noch des -mächtigen Gartens, in welchem nur die kleinen edlen Vögel zu finden -sind, weil ihn die Nachtigallen jährlich übervölkern und dessen -reichgekrönte, von Putten so belebte Balustraden, dessen Statuen uns -ergreifen und dessen Rosenbeete, dessen Rosenstauden von den Strahlen -des hohen Springbrunnens weithin verschleiert stehen – nein, nicht von -solchen Bildern war mein Leben überhangen. Weitab von ihnen würde meine -Straße ziehen, leer abbiegen, wo sie sich nur zeigten, mein ganzes Leben -würde werden wie diese Reise: Enttäuschung und Verdruß. - -Daß ich San Gervasio um eine Sekunde zu spät erreichte, bestärkte mich -noch in dem Glauben, denn Schlüsse, mörderische wie gute, konnte ich -ziehen wie keine. Der kleine elektrische Zug fuhr gerade davon. Da stand -ich also und sah zu den Türmen und der magischen Kuppel des Domes -hinüber. Hinter mir rollte ein Wagen; ich wich ihm nicht aus. Mein -durchwühltes Herz war in eine wilde Senkung geraten. Doch die Pferde -trabten fröhlich abseits, das flockige Weiß eines seidenen -Sonnenschirmes hob und senkte sich, darunter ein Lachen so abgetönt, so -leicht umflort, so unbeschwert, daß ich den Trübsinn, dem ich noch eben -frönte, weit zurückwies und mich seiner schämte. Denn Frau Coroughdeen -war es, die ihre großen Augen verwundert auf mich richtete und die -Pferde halten ließ. Ihr Wagen war es, in den ich sprang und einen -Augenblick später den Hügel von Fiesole hinauffuhr. Matt wie -angehauchtes Silber rückte die profilierte Stadt von neuem in die Ferne. -Auch in mir war alles licht und blau geworden und konnte sich keiner -Stürme mehr entsinnen, als wäre alle Not und alle Trübsal eintägig. So -tilgte sie ein einziger Freudenstrahl in meinem freudegierigen Gemüt und -stellte alles wieder her. War auch Amarant dahin ... - - - - - Fünftes Kapitel - - -Eine Stunde später saß ich in der geschützten Loggia einer Villa, die am -höchsten Plateau von Fiesole hinter Pinien und Tannen ungesehen die -Gegend übersah. Die schöne Mary, ihr Bruder, sommerlich gekleidet, und -ein junges Ehepaar umringten mich und hörten mir zu. - -Denn ich erzählte. Und ein Vogel, der Haft entronnen, schmettert auf -seinem Ast nicht unentwegter darauf los. Und glaubt man, daß er fertig -sei, so setzt er schon wieder ein und ist in Zug geraten. Mary -Coroughdeen saß den Kopf zurückgeworfen und lachte. Keine Linie an ihr, -die nicht der Regelmäßigkeit spottete, so triumphierend aber, daß meine -Nöte mir verächtlich erschienen. Ich äffte jetzt das Pferd, wie es -geängstet aus dem Hofe ausriß, und mich selbst, wie ich dem Wagen folgte -und seine Spuren beging, und das Pferd, wie es scheute, wenn es ihrer -ansichtig wurde. Es ging mir wie ihm. „Ich kann sie nicht sehen!“ rief -ich aus. „Auch sehe ich sie nicht.“ - -„Wie bringen Sie das fertig!“ fragte der sommerliche Herr, „da Sie doch -Ihre Tage bei ihr verbringen.“ - -„Daß Gott verhüte! da bin ich doch in Florenz! möglichst früh und komme -erst abends zurück.“ - -„Allein?“ - -„Aber ja! Wer sollte mit mir kommen den weiten Weg? und er ist ja so -sicher.“ - -„Wer hat Ihnen das gesagt?“ - -Mary Coroughdeen hatte sich hoch aufgerichtet, und alle starrten mich -an. - - - - - Sechstes Kapitel - - -Ich verbrachte den Tag in der weitläufigen Villa und wußte nicht, wer -mir am besten gefiel: die schöne Mary, das junge Ehepaar, das zu Besuch -bei ihr war, oder der sommerliche Herr. Eilte denn meine Rückkehr nach -Hause? Wäre es nicht schöner, zu Neujahr nach Rom zu fahren? Man hat -eine Etage gemietet; es sei noch reichlich Platz. „Oh ich komme gerne!“ -rief ich aus. „Abgemacht,“ klang es einstimmig zurück. Ich war im -siebenten Himmel. - -Abends fuhr mich Mary Coroughdeen den Hügel hinab zur Hexe zurück. Sie -lenkte selbst. Nur wenig Sterne hingen am mondlosen Himmel. Wo blieb das -prangende, neugierig blitzende, unendliche Heer, das sich gestern Nacht -gesammelt hatte? Ich dachte an meine Angst. Wie war sie fern! Gar -gefällig lösten sich freilich von solch einem Wägelchen herab die -endlosen Schleifen des Weges. - -Da sagte Frau Coroughdeen: „Sie müssen mir versprechen, hier nie wieder -im Dunkeln zu gehen.“ - -„So hat die Hexe gelogen!“ fuhr ich auf. - -„Mit nichten“, sagte die sanfte Frau, „aber sie ist ein Sonderling.“ Sie -gab sich mit dem Pferde zu schaffen und trieb es an. - -„Es ist immer besser,“ sagte sie dann und blickte geradeaus, -„Zerwürfnisse zu vermeiden.“ Es war fühlbar, daß sie selbst sich nicht -zerwerfen wollte. Und hier war kein Feld zu einer Diskussion. „Ich werde -die übrigen Tage bestehen, wie sie nun mal sind“, gelobte ich ihr, -seufzte, lachte aber sogleich. - -„Und dann kommen Sie ja zu uns!“ rief sie sichtlich erleichtert aus. - -Das Zimmer, das ich bewohnen sollte, hatte sie mir schon gezeigt, mit -den sanft vom Winde gebauschten großgeblumten Vorhängen, die Luft selbst -im Finstern so lauschig, und nirgends umlauert ... - -Elf Tage jedoch können sich so lange hinausdehnen, daß man an ihrem Ende -verzagt. Sind sie verronnen, oh, so schöpft sie kaum mehr die hohle -Hand. Ich behalte von jener Zeit nichts mehr zurück, als daß sie mir -endlos erschien. So leichtfüßig ist überstandene Not. - -Die Hexe ahnte nichts von dem romantischen Zwischenfall, der mir so -frohe Aussichten eröffnete. Ich erwähnte ihn nicht. Es war nicht immer -leicht, angesichts ihres täglich neu formulierten Erstaunens über meine -verfrühte Rückkehr aus Florenz. Bevor noch die Lampe einzog, betrat ich -den Salon. Es gab keinen anderen Aufenthalt, mein Zimmer war kalt. Und -dann stand ich an der Fenstertüre und starrte trübselig hinaus, Cara -aber brachte den Tee mit den merkwürdigen kleinen Kuchen wie aus -verzuckertem Sand, die man nicht essen konnte. Oder war es wirklich nur -die Beklemmung? Auch wenn ich noch so hungrig zu Tisch ging, -widerstanden mir alle Speisen. „Wie machen Sie es, daß Sie leben?“ hatte -die Hexe einmal gefragt. Aber es läßt sich nicht schildern, wie mir an -ihrem Tische das Gemüse sich zu ungenießbarem Schilfe verwandelte und -ihr Brot in den knolligen Rohzustand zurückkehrte. So furchtbar war es, -an ihrem Tische zu sitzen. Obwohl sie etwas ganz Unanimalisches hatte, -fand ich ihre Art zu essen mehr ein Vertilgen, wie bei den Schlangen, -und daß sie pfiff dabei wie eine Maus. Nur einen Lichtpunkt gab es, und -ich freute mich manchmal die halbe Nacht darauf: es war das erste -Frühstück, mit welchem die stumme Cara bei mir einzog. Sie zündete -zugleich das Feuer an, und freundliche, nach Pinien duftende Flammen -schlugen dann im Kamine auf. Und da war die braune Tonkanne und die -dicken gerösteten Brotschnitten, auf welchen die Butter zerfloß, alles -mit einer versteckten Sorgfalt bereitet, hin und wieder ein Blümchen, -blasse Heckenrosen vom Fluß. Doch als ich das erstemal dafür dankte, -lief Cara mit erschreckter Miene zur Tür. - - - - - Siebentes Kapitel - - -Es fehlten nur noch vier Tage. Mein Koffer stand inmitten des Zimmers -aufgeschlagen; im Tanzschritt hatte ich schon ein paar Sachen -hineingelegt, da sank mir noch einmal der Mut. An einem fast schwülen -Tag riß mir auf dem Heimweg ein plötzlicher Sturmwind den dünnen Umhang -immer wieder in die Höhe, während ein eisiger Regen die Schultern -durchnäßte. Es half nichts mehr, daß ich nachträglich eine gesteppte -Seidenjacke überzog und ganz vermummt zum abendlichen Spiele schritt. -Der Frost wollte nicht mehr weichen. Die Noten dagegen schienen alle aus -ihrer Bahn geschleudert, erst nur gefallenen Maschen gleich, und die -sich selber wieder fingen, dann aber sich auflösten zu einem verwirrten -Heere, das hinauf und hinab nach allen Seiten stob, die kleinen, die -schwachen und kurzen von den mächtigen tief unter die Linien -hinabgestoßen. Wer gab den verrannten Scharen die Ordnung, die Besinnung -wieder, die aufgewirbelt, mit gesenkten Köpfen losfuhren gegeneinander -und begeistert fielen. Hilf Gott. O der Not, o des Getümmels! Wüste -Bilder, Gesichte des Fiebers hatten im Nu unerträgliche Hitze erzeugt, -und ich warf Schal und Jacke von mir. Doch die Hexe hatte keinen -Unterschied in meinem Spiele wahrgenommen, sondern mit demselben -bemerkenswerten Stirnrunzeln zugehört wie alle Tage. Was legte sich -indessen wie eisige Tücher um Nacken und Hals, daß die Zähne -zusammenschlugen? Und wer, o wer hatte die Flammen im Kamin verräterisch -umnebelt, daß sie so trübe tanzten, kalt auch sie? Zuckte es da nicht -wie von Schlangenzungen in den Augen der Hexe auf, als sie, ohne ein -Wort zu sagen, endlich die Zeichen meiner Erkrankung las, die ihr doch -nicht genehm sein konnte ... und ich war nicht gewillt, so hart vorm -Ziele dem Becher der Freuden zu entsagen. Wie mit Krallen, alle Energie -der Jugend im Aufgebot, focht ich gegen die Erkältung an und trat sie -nieder. Als Cara nach einer schier endlosen Nacht endlich, endlich bei -mir eintrat, schlürfte ich den Tee, den sie mir brachte, wie ein -Elixier, und als wiederum der Abend kam, schlug ich den Flügel auf, als -fehlte mir nichts. Die Hexe konnte nicht umhin, sich gnädig zu zeigen. -In Wahrheit begegneten sich jetzt unsere Wünsche: der meine, sie zu -verlassen, der ihrige, mich los zu sein. Bedeutete sie mir doch seit -kurzem immerzu den deutschen Weihnachtsbaum, unter dem ich nun in Bälde -stehen würde, und was für eine hübsche Sitte er sei. So lag ich jetzt -tagsüber in meinem Zimmer zusammengerollt, Cara braute mir ungehindert -allerlei bittere Getränke und trug mir dann die entzauberten Speisen -auf, in welchen ich statt zerfaserten Schilfes Bohnen oder Spaghetti -erkannte. - - - - - Achtes Kapitel - - -Es dämmerte der Morgen meiner Abreise: hochgehißt, wie eine entrollte -Fahne, war er da. Zum letzten Male saß ich in dem zugigen Speisesaal zur -ebenen Erde und spürte seine kalten Ziegel unter meinen Füßen. Der Regen -schlug gegen die Scheiben; böse fuhr der Wind sie an. Aber trotz des -schonungslosen Mittagslichtes faßte ich heute die Hexe und ihre -Drachenschulter voll ins Auge. Sie glaubte noch immer, in einigen -Stunden würde mir der Apennin im Rücken liegen. - -Es gab zu diesem Essen eine unvergleichliche Pastete. War sie wirklich -so vortrefflich, oder würzte sie zur Götterspeise das Gefühl des Sieges -und der überwundenen Krankheit? Zwei Riesenstücke hatte ich schon davon -gegessen und fuhr trotzdem fort, ihr Blicke zuzuwerfen. Auf einer Seite -hielt sich noch eine Kruste aufrecht. Etwas wie eine halbe -Entschuldigung, ein verlegenes Lächeln, und ich streckte sie hin. Denn -die Fenster sahen auf den Hof, und dort stand ja schon das Wägelchen -gerüstet, und meine Koffer lud man jetzt schon auf. Es folgten nur noch -die paar Augenblicke in dem verhängten Salon, wo die Schatten alle Dinge -schonten und man den Himmel weinen hörte über dieses Haus. Meinem stets -vorgreifenden Gemüte war es schon abgerückt, derweil ich mich noch darin -befand; schon war sie mir vergangen, diese ganze Zeit, mit der ich erst -im Begriff stand abzuschließen. Weggeblasen die lächerlichen -Klavierabende; alles vergessen, da es überwunden war! - -Zum ersten Male seit meiner Ankunft schwang ich mich wieder auf den -hohen Sitz, von dem aus die Hexe ihr schemenhaftes Roß kutschierte. -Entzückt von den Schönheiten des Weges, seinem Flüßchen, seinem -Immergrün, hoben sich meine Arme zum Gruß der Rosen, die so spät von -einem ewigen Sommer träumten im Schutz des trügerischen Laubs. - -In San Gervasio stieg ich aus. - -„Ich hoffe,“ sagte die Hexe, – denn nichts hätte gesitteter sein können, -als unser Auseinandergehen – „ich hoffe, Sie besuchen mich, falls Ihr -Weg Sie wieder in die Gegend führt.“ - -„Ich werde gewiß nicht verfehlen.“ - -„Sie sind noch erkältet. Nehmen Sie sich in acht. Sie werden eine kalte -Reise haben.“ - -Ich lachte. Mochte das verderbliche Weib sich wundern über mein leichtes -Herz. Später, irgendwann, sollte es von meiner Übersiedelung nach -Fiesole erfahren, als hätte es sich auf Grund einer Begegnung ganz -improvisiert und zufällig ergeben. Denn so war es ausgemacht. Und alles -fügte sich gut. Ihr Gefährt war außer Sicht, bevor ich den Zug bestieg, -der statt nach Florenz den Hügel von Fiesole hinauffuhr. - - - - - Neuntes Kapitel - - -Hier oben setzte nun jenes Zwischenspiel ein, welches die Oase, die -selige Insel, die gedeckte Brücke darstellte über eine sonst wie auf -geheime Weisung mit großen und kleinen Steinen immer neu versperrte -Bahn. Glatt wie Marmorfliesen lief sie plötzlich dahin. Ich sah nur mehr -in die Luft und residierte auf Wolken. Die Geschwindigkeit, mit welcher -der auf Verwehrungen Gestellte sich an Erfüllungen gewöhnt, scheint -darauf hinzudeuten, diese seien letzten Endes doch unsere eigentliche -Bestimmung ... Geschmeidig, wie ein nach Maß verfertigter Handschuh, -paßte mir die Freude nach drei Tagen an. So sollte es bleiben, und so -war es recht. Blumengewinden gleich schlangen sich die Stunden hin; -schade um die, welche man verschlief. Des Nachts lag ich noch lange in -dem breiten Fenstersims meines Zimmers; zu meinen Füßen lag die -glitzernde Stadt, vom Mondlicht überströmt, und ruhelos überdachte ich -die Genüsse des vergangenen wie des kommenden Tages. Es fehlte nicht an -Depeschen, die mich bald zu diesem, bald zu jenem Vergnügen -hinunterriefen und die mir schmeichelten. Aber am schönsten war es doch -hier oben, am liebsten sah ich es, wenn die paar witzigsten oder -schönsten Florentiner in dem tiefen und dunklen und doch so frohgemuten -Saale sich zu uns gesellten, dessen Tisch, ans äußerste Ende gerückt, -sich wie auf einer Bühne ausnahm, nur von Kerzen beleuchtet, in deren -Schein die Gesichter noch schöner, die Gespräche noch beschwingter -wurden. Doch wer auch kam, immer war es Mary Coroughdeens Vorsitz, der -unsere Tafelrunde krönte. Denn wessen Blicke schweiften geruhsamer, -welcher Mund lächelte sanfter über uns hin? Ich nahm das Kolorit ihres -Haares, die Madonnenpracht ihrer Erscheinung für gegeben. Wer den -Schreck noch nicht erfuhr, die Reize eines Angesichtes, die er in ihrer -Blüte sah, welk oder zerstört wiederzufinden, der kennt das Leben nicht. -Hier vermag die Phantasie für sich allein ohne Erfahrungen nicht -vorzugreifen. Frau Coroughdeen stand in ihrem Zenit, und es kam mir -nicht in den Sinn, daß sie ihn gerade deshalb bald überschreiten würde. -Ich besaß noch nicht die Vorstellung von dem Prozeß, der sachte aber -geschäftig ein eben noch straffes Gewebe lockert: hier eine kleine -Schärfe, ein leises Erschlaffen dort, und der Verfall ist eingeleitet, -so unmerklich zwar, daß man sich fürs erste fragt, ob jenes Gesicht noch -ganz so schön ist, wie das Jahr zuvor. - -Ähnliche, einer Beschämung so verwandte Erkenntnisse lagen mir noch -fern; es war alles zeitlos. – - -Zwei hübsche Abendkleider, welche ich bei der Hexe nie Gelegenheit -gehabt hatte anzulegen, kamen mir jetzt sehr zustatten: eines besonders, -von flügelartigem Schnitt mit schwarzen Achselbändern. Wie entseelt hing -es vom Stuhle. - - - - - Zehntes Kapitel - - -Das junge Ehepaar war vorläufig nach Capri vorausgefahren; Mary -Coroughdeen, der sommerliche Herr und ich wollten mit dem Abendzug nach -Rom; Treffpunkt war die Bahn. In meinem Vergnügungsfieber folgte ich -vorher noch einer Einladung in die Stadt und aß in einem Kreis von -Leuten, welche den Eindruck in mir erweckten, daß sie mich bewunderten. -Dies bewirkte ein Gefühl so großer Sicherheit, daß meine Einfälle -einander richtig jagten. Denn was konnte mir das Schicksal noch anhaben? -Um sechs Uhr ging es mit Mary und dem sommerlichen Herrn nach Rom, und -Treffpunkt war die Bahn. Strahlend machte ich mich von meiner Umgebung -los, um einen Strohhut zu erstehen, der mir schon lange ins Auge stach. -Der Preis war toll, aber was schadete das? Eine solche Jahreswende, ein -solches Silvester mußte man feierlich begehen. Schon lag der kürzeste -Tag zurück: jetzt gerade setzte im Norden die ärgste Kälte ein. Dem -häßlichen und hassenswerten Winter war ich zum erstenmal entronnen, dem -grauen Schnee um drei Uhr nachmittags unter den abscheulichen -Glockenklängen meiner in den siebziger Jahren erbauten Stadtpfarrei. O -wie sie die Öde des todbringenden Alltags ausläuteten! Entronnen! - -Ja, Treffpunkt war die Bahn. - -Und stand da nicht schon Marys Wagen, der Insassen bar? kam mir da nicht -der sommerliche Herr entgegen? beschleunigte ich nicht meine Schritte? - -„Ich zerbreche mir den Kopf,“ sagte er, „was am besten wäre.“ - -„Einen Strohhut kaufen!“ Und ich schwenkte lachend den papiernen Sack, -der ihn enthielt. „Ist schon geschehen.“ - -„Ein großes Unglück ist geschehen“, sagte er da. „Mein Schwager ist -plötzlich gestorben. Ich suchte vergebens, Sie zu erreichen. Mary ist -mit dem Mittagszug nach London abgereist.“ - - * * * * * - -„Wollen Sie nicht nach Fiesole mit mir zurück?“ – – – – – – – – – – – – -– – - -„Bis das Haus aufgelöst ist – Oder ziehen Sie vor, hier in Florenz zu -warten?“ - -„Wie lange bleibt sie fort?“ - -Er zögerte. „Auf den Tag natürlich läßt es sich nicht genau bestimmen.“ - -In diesem Augenblick wußte ich schon längst, daß mir keine andere Wahl -bliebe, als schnurgerade nach Hause zu fahren. - -„Schade“, sagte er. - -„Sehr schade, sehr traurig“, sagte ich und ging gemessenen Schrittes an -seiner Seite auf und nieder. - -Auch nach Norden ging ein Zug in einer guten Viertelstunde. Recht so. -Ich löste alsbald eine Karte. Er schien betreten über eine so -kategorische Hast. Aber Leute, die das Schafott besteigen müssen, haben -es eilig. - -So nahm ich Abschied, stieg ein und winkte lächelnd aus dem Fenster, als -ich schon fuhr. – - -Ein Bäumchen, vorfrüh ganz in Blüten gehüllt, sogar von Hitze schon -umwoben, von Bienen und von Faltern schon umschwärmt, das schon Vögel -aussandte und in seinem Geäste nisten sah, und das im Mondlicht vor -Entzücken schauerte und plötzlich unter einem niedrigen und schwarzen -Himmel von einem harten Schneegestöber gefaßt wie erblindet steht, mit -knackenden Ästen, sein herrliches Kleid vernichtet und zerfetzt – der -Anblick eines solchen Bäumchens wird mich zeitlebens an den Bahnhof von -Florenz und jenen Tag zurückversetzen, an dem ich dem sommerlichen Herrn -entgegenging, die Tüte schwenkend mit dem neuen Hut, in dem ich ihn und -alle, die mich darin sehen würden, zu betören gedachte. Er, dieser Hut, -im Übermut gekauft, war schuld. Meine Fahrkarte reichte nur bis Bozen. -Dorthin kam telegraphisch das Geld, das meine Heimreise ermöglichte. Es -schwebte mir das Postamt vor, von dem es aufgegeben wurde. Leute mit -frostentflammten Nasen gingen aus und ein. Es war in der Tat die kalte -Fahrt, die mir die Hexe versprochen hatte. München lag wie vereist. - -Dies war meine erste Abfahrt von Florenz. - - - - - Elftes Kapitel - - -Doch ich kam wieder. Im Frühling zog ich wieder die Via Tornabuoni -hinab, sicheren Schrittes auf den Arno los. Als wäre sie mein, diese -Stadt. Blumen gehörten jetzt zu ihrem Bilde. Es war die Mode der weißen -Handschuhe. Diese weißbehandschuhten Hände trugen alle Blumen. -Blumenbüschel schossen an allen Straßenecken auf, und wohlfeil war die -Anemone; und die gelben Sonnenkelche, die Narzissen, die hochgehißten, -fast wilden Sträuße der Mimosen. Mein waren auch die Düfte dieser Stadt, -die über die Brücke hinschlugen, ihre erste Hitze und ihr erstes Grün. -Jedoch mein Reiseziel war Rom. Und erfahrener kam ich wieder als im -vergangenen Jahr. Ich hatte alles mitgenommen dieses Mal. Am blauen -Seidenbande, im rosa Seidensäckchen eingenäht baumelten deutsche Zechini -mir vom Halse, die mir den Himmel öffnen sollten über Rom. Ich griff -nach ihnen: sie waren immer da. Auch der Gürtel mit der hohen Schließe, -immer aufs engste zugeschnallt, war eine Garantie. Und wieder einmal -fand ich das Leben eine schöne und merkwürdige Erfindung, unerschöpflich -an Genüssen. Denn die Wunder Gottes waren nicht allein. Die Menschen -hatten ihnen die Wunder ihrer Architektur und ihrer Musik, die Wunder -solcher Städte zugesellt: diesen Turm der Signoria zum Beispiel in -seiner direkten Beziehung zu den Wolken. O wie er sich reckte! wie er -aufflog zu ihnen. - -Der Dom warf sich auf gleich einem Berg. Er warf Schatten gleich einem -Berg. Enge Gassen liefen auf ihn zu. Plätze gaben seinen himmellangen -Seitenwänden das Geleit; Straßen folgten ihnen von fern. In der -Buntheit, in der fließenden Glätte seines Gesteines pochte Gesang. Was -funkelte da in der Bläue des Tages über die Dächer der Stadt? der Hügel -Fiesoles, vielgekrönt, reich an Erinnerungen. - -Marys Haus war geschlossen, aber sie und ihr sommerlicher Bruder -erwarteten mich in Rom; morgen, alle una mit dem direttissimo ... Alle -Hotels waren überfüllt. Man hatte mir eine Pension sehr angelegentlich -empfohlen, die mir außerordentlich mißfiel; in einem modernen Viertel -gelegen mit feudalen Mietsparteien in den unteren Etagen, von welchen -sie ihren Leumund bezog, vier Treppen hoch, die immer steiler und kahler -wurden. - -Wer aber beschreibt den Speisesaal? - -Fünfundvierzig – ich hatte sie gezählt – fünfundvierzig alte -Engländerinnen, alte Fräuleins, alte gezierte Schachteln sammelten sich -hier um die Essenszeit mit fürchterlicher Pünktlichkeit zu Hauf, nahmen -vor kleinen Tischen Platz und boten einen empörenden Anblick. Denn alte -Frauen sind wie Topfpflanzen aufzustellen, ja, und auch zu hegen, aber -sie gehören nicht in Sträuße wie die Zentifolie. Und nicht nur mit ihren -fünfundvierzig Teekännchen, die Damen waren auch samt und sonders mit -den Photographien der Primavera und des Konzertes von Giorgione -vermählt. Der melancholische Mönch, ohnehin das Symbol aller Verzichte, -mußte daran glauben. - -O diese bornierten Stirnen, so untergeordnet und so ladylike, diese -zufriedenen Ohrmuscheln, diese phantasielosen Fingerknöchel, die -Monotonie dieser Münder, die alle dasselbe aßen, alle ohne Variante -dasselbe sagten; England, mochte es über den ganzen Erdball siegen, -England war blamiert mit ihnen! Mein Gegenüber war von einer so -housekeeperhaften Manierlichkeit, sie war so schrecklich fein, daß ich -jetzt beide Ellbogen aufstützte, um weiter zu essen – als die -sechsundvierzigste Engländerin in Begleitung eines Reverend unter die -Türe trat. Mit ihrem vornübergeneigten Kopf, der breiten und mächtigen -Nase, der braungelben Färbung, der langen und ungefähren Gestalt, trat -sie wie der aufrechte Genius der Sardine einher. - -„Wer ist das?“ fragte ich unwillkürlich. - -Meine Tischgenossin hätte meinen Ausruf lieber ignoriert, aber dann -siegte der Wunsch, mich zu belehren: „First cousin to Lord Sullivan“ -beschied sie kurz. Hatte ich denn schon einen Lord oder die erste -Cousine eines Lords getroffen? Geschah es nicht zum ersten Male, he? War -ich denn von good family? Schwerlich. Sie richtete ihre Jammerbüste auf. -„Armer Lord Sullivan,“ bemerkte ich. Der Reverend trug einen Band Ruskin -unter dem Arm, er scheute sich nicht, Hahn in diesem Schauerkorb zu sein -und nahm gegenüber the Honourable Sardine Platz. Unter ihrem Vorantritt -verfügte man sich dann in den Salon. Es tagte noch. Ich floh ins Freie, -der Via Tornabuoni zu. Dort konnte man hübsche, junge, leichtsinnige -Kokotten sehen, das Hütchen lustig hinausgeschoben oder kecker noch -hereingesetzt. Und harmloser, unschuldiger muteten sie an, als die -geschützte Kohorte der Pension Malocchio. (Schon, o schon nannte ich sie -so.) Und sie taugte nichts, die miese, zufällige Jungfräulichkeit der -gealterten Schar dort oben, eine gezogene Niete nur, unheilig auch sie. - -Süß aber war die Vergessenheit dieses Abends. Ich ging in einer -Rosenwolke. Der Frühling hatte einen wilden Tag gehabt. An wie viel -Hängen brach er heute aus! Den kühlsten Gründen nicht mehr neu. Zwischen -schweren Blättern drückten sich die Blumen vor. Jetzt ging er zur Ruh. -Es stand ihm eine aufgeregte Nacht bevor. Der Mond war voll. Schon -steigerte sich das Gebüsch. Ich sah ihm an, wie es sich bereitete. Vor -dem Hôtel de Ville machte eine offene Droschke halt: schmale Schuhe, die -schnell Fuß auf der Erde faßten, eine rasche Gestalt: „Wahrhaftig Sie -sind es!“ rief die Dame. - -Es war die eine Hälfte jenes Hochzeitspaares, das zu Mary Coroughdeen -gekommen und dann nach Neapel gefahren war. Der Mann befand sich jetzt -in England infolge eines Trauerfalles, und sie wartete in Florenz auf -seine Wiederkehr. So kam ich ihr wie gerufen. - -„Aber ich fahre morgen nach Rom.“ - -„Das dürfen Sie nicht! Sie dürfen mich nicht so verlassen. Warten Sie -nur noch drei Tage und ich komme mit Ihnen.“ - -„Meine Pension“, sagte ich, „ist wirklich zu greulich.“ – „Neben mir -wird morgen ein Zimmer frei,“ rief Eleonor. Sie lief in die Halle. Ich -wollte ihr folgen. Da war sie zurück. „Es ist schon reserviert!“ rief -sie mir zu und zog mich wieder ins Freie. - -Es paßte mir nicht recht; ich wollte doch nach Rom, aber sie war so -willensstark. Arm in Arm streunten wir nun durch die Straßen, und ich -erzählte ihr alles. Ich trug den vorfrüh gekauften Hut. Wir lachten, und -ich aß noch einmal zur Nacht. Ich skizzierte ihr die Schreckensschar und -den Reverend in ihrer Mitte. Eleonor sagte: „Wir haben in Venedig eine -Wohnung gemietet, an der Giudecca, und Sie müssen uns dort besuchen.“ -„Schön, schön“, sagte ich. Quer über den Platz kam ein Bekannter auf uns -zu, und ich nahm eine Einladung für den nächsten Abend von ihm an. - -Die Steintreppen zu meiner Pension jedoch nahmen wieder einmal kein -Ende. Aber morgen hatte mich ja das Stift gesehen. Auf immerdar! - - - - - Zwölftes Kapitel - - -Mein Zimmer trug die Nummer 19. Es war häßlich, sah auf einen unwirschen -Hof hinaus und lag abgetrennt am äußersten Ende eines langen Ganges. -Häßlich, rot, grob, breitschrötig und cholerisch war auch die Magd, die -mir das heiße Wasser und das Frühstück brachte. Aber schon um neun Uhr -wollte Eleonor mich holen, um nach Santa Maria Novella zu gehen. -Ostersonntag! und ein lichter Himmel über dem düsteren Hof. Mir gleich -endgültig aus den Augen, so daß ich nicht umhin konnte, ein wenig hin -und her zu summen. Nur so eine kleine Barkarole, von der schönen Luft, -die hereinwehte, getragen und wie von Märzbechern eingeläutet. Es war -noch früh, aber ich störte niemanden. Das Zimmer hatte keine Nachbartür. -Die Fülle der Glocken über alle Dächer hin! Mein Herz war leicht. Jetzt -nur noch das seidene Säckchen über den Kopf gezogen, und ich stand -bereit. Nachts pflegte ich es unter das Kissen zu legen und nun hätte -ich es schier vergessen. Aber dort lag es nicht mehr. Wie zerstreut ich -doch heute war. Ich hatte es ja auf das Tablett gelegt. Aber das hatte -man schon abgetragen. Ich läutete. Niemand erschien. Ich läutete in -rascher Folge wieder, und verdrossen kam die Magd herein. Ich schickte -sie nach der Küche, nach dem Tablett zu schauen. Sie ging. Zitternd -stand ich vor dem Spiegel und starrte mich mit blutlosen Lippen selber -an, riß das Kleid von neuem auf, aber das blaue Band hing mir nicht an; -griff mich ab, die Stätte war leer. Die Person kam wieder: „Non c’è“, -sagte sie. „Si c’è“, rief ich in heller Verzweiflung. Ihr rotes Gesicht -wurde noch dunkler. Sie trat in den Gang hinaus und kam mit einem Manne -wieder, Hausdiener oder Portier, jedenfalls ihr geschworener Freund. -„Non c’è“, bekräftigte er. „Non è vero“, sagte ich. Da traten beide -näher. Die Worte „gettarla fuor dalla finestra“ drangen an mein Ohr und -ließen mich blitzartig die Situation übersehen, so daß ich mich wohl -hütete, von dem Fenster wegzurücken, vor dem ich stand, denn wir waren -ohne Zeugen. Warfen sie mich in ihrer Wut hinab, so konnten sie -beteuern, ich hätte mich selbst hinuntergestürzt. Der Gedanke an den -Freispruch, der ihnen zuteil würde, entwickelte in mir den Furor eines -Löwen. „Ich gehe jetzt auf eine Stunde fort“, sagte ich, als hätte ich -freie Bahn. „Mittlerweile suchen Sie gefälligst das ganze Zimmer durch, -dann wird der Sack sicherlich zum Vorschein kommen.“ Mit diesen Worten -wandte ich mich der Türe zu, allein die zwei blieben drohend vor mir -aufgepflanzt und ließen mich nicht durch. Was wollten sie? „Man kommt“, -sagte ich triumphierend. Eleonor trat ins Zimmer. Meine beiden Schergen -verließen es alsbald. - -„Was ist?“ rief sie und fing mich auf. Denn die zurückgedrängte Angst -machte sich wie ein giftiger Nebel über mich her, jetzt, da Eleonor mir -zur Seite stand. Sie duldete nicht, daß ich dies Haus noch einmal -betrat; lieber sollte mein Koffer zurückbleiben, die Handtasche trugen -wir gemeinsam durch den leeren Gang. Niemand zeigte sich. Wir gingen die -Stiegen hinab, warteten auf einen Wagen und fuhren ins Hôtel de Ville. -Ein reizendes und neu tapeziertes Zimmer wartete da meiner, allein mir -blieben siebenundvierzig Lire, und ich fuhr mir ans Herz, als hätte es -einen Sprung. - -O Kirche von Santa Maria Novella! Welch verwirrtes und bebendes Gemüt -entließen an diesem Ostermorgen deine heiligen Pforten! Aber war mir -nicht von neuem der Weg nach Rom verschüttet, wenn der Sack verloren -blieb? Was flogen die Vögel so hoch? - -Und warum erspähte Eleonor den Schutzmann, der gelangweilt auf dem -Platze stand! Was radebrechte sie da mit ihm? War es nicht verfrüht, ihn -heranzuziehen? Er mußte ein Neuling sein, denn seine Bereitschaft war -nicht gering. „Chè,“ sagte er, „kriegen wir, kriegen wir,“ und machte -sich voll Eifer auf den Weg. - -Eleonor war guter Dinge. Sie hatte einen Brief, der ihr die Rückkehr -ihres Mannes anzeigte. „Ich habe das bestimmte Vorgefühl, daß Sie heute -abend wieder im Besitz Ihres Sackes sind“, so sagte sie. „Wie sind denn -im allgemeinen Ihre Vorgefühle?“ „Immer richtig! Man kann immer darauf -gehen.“ Doch ich atmete wie ein Asthmatiker. „O Sie sind langweilig“, -rief sie aus, „wo wollen wir essen?“ Im Hotel wartete schon der -Polizist, zwar ohne Sack, aber mit zufriedener Miene. Die Magd befände -sich hinter Schloß und Riegel. Indes stelle sich die Pension auf ihre -Seite und verweigere die Herausgabe des Koffers. Die Magd leugnete -nämlich. Daher die Repressalie. Dann ging er. - -Ein Abendfähnchen war alles, was mir blieb, außer dem Kleid, das ich -trug. Es dunkelte. Mir schauderte vor dem Anblick meines Fensters, es -war hochgelegen, wie das von heute morgen. Ich zündete alle Lichter an. -Auch über dem großen Spiegel war ein Kontakt. Er warf mein Bild zurück. -Und wieder starrte ich mich selber an, als könnte ich nur mir selbst -meine Bedrücktheit anvertrauen. Ich stand mit siebenundvierzig Lire und -ohne Koffer da. Dies waren die Tatsachen; mochte Eleonor sich mit noch -so guten Vorgefühlen tragen. - -Der Mond war heute voll. Welch Geraune wohl und welch ein Rausch in den -Cascinen. O daß in den Tiefen des Gezweiges vielleicht sich regte der -Rhapsode unserer Ekstasen! Vielleicht entströmte ihm das erste Gold -erträumten Grams, und schlugen Bangigkeit und Wonne der Verliebtheit in -seiner Kehle an. Leid und Verliebtheit der Nachtigallen nur? O nein, der -Götter und der Menschenherzen. - -Langsam fing ich an, mich für den Abend umzukleiden. Meine -emporgerichteten Arme, im Raume gesehen mit den hellbeschienenen Händen -in der Luft, bannten meinen Blick wie Bruchteile einer Statue und -anderer Wesenheiten teilhaft als nur des Ichs. Solche Gedanken entsandte -der Spiegel als letzte Labsal, letzte Stärkung dieses Tages ... - -„Wann zeigst du dich in deinem Glanze?“ lachte Eleonor herüber. Als -Antwort ein wilder Schrei. Was hatte ich gesehen? Was zeigte sich mir -da? Sie stürzte herein, wähnend, meine Kleider steckten in Brand. Ich -hatte sie noch nicht angelegt. Was nun auch sie erblickte, war ein -Gegenstand in meiner rechten Hand: ein blaues Band an einem Ende -losgerissen, von dem ein schweres Säckchen herunterhing. Es war mitsamt -dem Bande bis zum Gürtel hinabgerutscht, hinter der hohen, nach innen -ausgebuchteten Schnalle platt gedrückt. Und das Mädchen im Gefängnis. -„Fliehen Sie, fliehen Sie!“ war Eleonors Schreckensruf, und sie verließ -das Zimmer. Zitternd und ungefähr zog ich mich an und lief aus dem -Hause. - - - - - Dreizehntes Kapitel - - -Der Florentiner, der mich zu Tisch erwartete und mit dem ich dann in die -Oper gehen sollte, wohnte mit seiner Mutter in der Via Alfieri. Er -gehörte dem Kreise Frau Coroughdeens an. Auch er zog alsbald das -Kursbuch hervor. Wir aßen nur so lange, als es Zeit bedurfte, die -Victoria anzuspannen und fuhren dann mit Diener und Kutscher auf dem -Bock nach der Pension Malocchio. Ich sollte mit dieser Doppelwache im -Wagen bleiben, denn mein Parlamentarier bestand darauf, allein die Höhle -meiner Mißgeschicke zu besteigen. Dem Säckchen, dem das blaue Band nur -auf einer Seite anhing (es hätte sich wirklich nicht gelohnt, es -anzunähen) entnahmen wir gerade so viel, als ich zur Rückfahrt nach -Deutschland brauchte; mit den achtzehn schönen, runden, dicken -Goldstücken, die als mein Lösegeld darin verblieben, zog er dann hinauf. -Er blieb sehr lange. Die Luft war lau. Im Norden gab es wohl noch -Schneegestöber und ein langes Hin und Her zwischen Winter und Frühling. -Warum kam mein Abgesandter nicht zurück? Das Theater mußte bald zu Ende -sein. Im dritten Akt hatte die Duse fast nichts zu tun. Da trat er -hervor. - -„Mein Koffer“, sagte ich. „Man gibt ihn heute abend noch nicht frei. Ich -hatte einige Mühe mit dem Mädchen“, sagte er; auf seinen Wink fuhr jetzt -der Kutscher wie ein Teufel los. „Dann ist es ja gar nicht eingesperrt.“ -„Man ließ es mangelnder Beweise halber nach zwei Stunden wieder laufen.“ -Ein Groll stieg in mir auf. „Es ist zu arg!“ - -„Wie?“ - -„Erzählen Sie doch!“ - -„Ich bin sehr lange ausgeblieben, Sie haben lange warten müssen. Aber es -war so interessant und so unterhaltend, die alten Damen über Sie zu -verhören. Sie machen sich gar keinen Begriff, welche Abneigung die ganze -Pension für Sie gefaßt hat. Nein, wie Sie das in zwei Tagen fertig -gebracht haben, alle Hochachtung! Es herrscht nur eine Stimme über Sie. -Die fälschlich angeklagte Magd dagegen wurde umringt wie eine Diva. Sie -erhielt sechsundvierzig Geschenke. Von Ihnen, meine Liebe, wollte sich -jede schon beim ersten Blick des schlechtesten Eindrucks entsinnen. Ich -gab mich natürlich nicht als Ihren Freund aus. Es hätte den Redefluß -gestört.“ – - -„Mein Koffer“, sagte ich. - -„Ich kriege ihn schon frei. Lassen Sie die ersten Wogen der Rache sich -legen. Es war da noch ein Freund der armen Person ...“ - -„Armen Person?“ fuhr ich auf. „Sie hat das beste Geschäft ihres Lebens -gemacht. Schweigen Sie mir von der.“ - -„Ja, sie ist häßlich, aber sie hat einen sehr feurigen Freund, der unter -gräßlichen Schwüren beteuerte, er würde nicht eher ruhen, als bis Sie -selbst im Gefängnis säßen, und die sechsundvierzig Damen teilten -durchaus seine Ansicht. Es war wirklich nicht so einfach, wissen Sie. -Ich hatte Mühe mit dem Säckchen. Ich hielt es an seinem gerissenen Bande -hoch und schilderte, wie leid Ihnen alles täte.“ „Nichts tut mir leid. -Nur ich allein tue mir leid. Kein Wort mehr“, rief ich. Er zog seine -Uhr. „Wir kommen noch recht zum zweiten Akt.“ - -Der Morgen dämmerte. Es zwitscherten die ersten Vögel. Silberner Flor -war am Himmel zerstäubt. Man klopfte, um mich zu wecken. Doch ich stand -schon bereit. Fluchtartig also und bei Tagesgrauen mußte ich Florenz -verlassen. Es war meine einzige Ähnlichkeit mit Dante. Und mein zweiter -Abschied von dieser Stadt. Mary Coroughdeen und ihren sommerlichen -Bruder sah ich niemals wieder. - - - - - Vierzehntes Kapitel - - -Doch ich kam wieder. Ich ließ mich so nicht unterkriegen. Diesmal stieg -ich in der Nähe des Bahnhofes ab, und länger als einen Tag und eine -Nacht gedachte ich nicht mich aufzuhalten. Mein Reiseziel war Rom. Kein -Säckchen hing mir diesmal an. Ich hatte einen Kreditbrief, das war -besser. Die Bäume freilich, die ich in ihrer ersten Pracht gesehen -hatte, standen längst entlaubt. Auf den Bergen lag Schnee, und es gab -viel Kranke in der Stadt. Mary Coroughdeen war nach England übersiedelt, -ihre Villa geschlossen. Allein das Licht tönte sich genau wie im -vergangenen Winter ab, und mit Macht versetzte es mich in jene Zeit -zurück, da ich traurig meine einsame Straße marschierte. Mir schien, es -sei vergangenes Jahr. Ahnte ich denn, wie weit das Tageslicht Leben ist -– wie das unsere? Schwingungen sind der Lüfte Schoß. Längst verwehte -Akzente der Leidenschaft, der Schönheit, des Affektes erstehen uns von -neuem. Ja, wer ihrer Sprache kundig wäre! - -Betrachtet euch die Städter, wenn sie vernehmen, daß sich die -Wunderkrone der Victoria Regia aus vieljährigem Schlafe regt. In langen -Zügen sieht man sie zur Riesenblume pilgern wie zu einer Gottheit. Nur -eine Woche lang strahlt und duftet sie kostbarer und berückender, blüht -heißer als alle Blumen, dann schrumpft sie gelb und häßlich ein; welke -Stränge, ins Leere ausgeworfen, künden ihren Tod, ihr vergängliches -Sterben. - -So kann den Hoffnungslosen, den auf immer – (aber was heißt immer?) – -den auf immer Beraubten ein jagendes Licht, seine Fülle oder sein -Versagen, der Atem einer Brombeerstaude, ein unvorhergesehenes Etwas an -der Biegung eines Weges, es kann der Schatten einer Bank ihn -überwältigen, daß er inmitten seines Grams vor Glück erschauert. - -Ich wußte es noch nicht, ich wunderte mich nur. Nie wäre es mir auf -meiner Osterreise in den Sinn gekommen, die Hexe aufzusuchen, und nun -fuhr ich zu ihr. Die Münze war mir ausgegangen, ich reichte dem -Schaffner eine Banknote hin und starrte wunschlos in den Tag. Denn es -rastete mein Herz, als sei ihm Erkenntnis geworden, und es frönte der -ungewohnten Ruh. In San Gervasio stieg ich aus und zog die weiten -Schleifen der Straße dahin. Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und -wehte mir entgegen. - -Die Stimmung der Hexe jedoch war eine andere, und sie empfing mich kalt -und überrascht. Die Uhr schlug zwei. Cara brachte den schwarzen Kaffee -herein und auch ein Täßchen für mich. Ich hielt es vor dem Fenster -stehend, das auf den Garten sah. Der Wind fegte einher. Kein Vorhang -dämpfte den fahlgewordenen Tag; er schwelgte in seiner Abgewandtheit, -und sonderbar mischte sich da in sein grenzenloses Schweifen das Ticken -der Pendule. Warum beklemmten ihre Schläge? Irrsinnig schwang der kleine -Pendel hin und her, als ob es ihm obläge, Zeit, Natur, alle Dinge, alle -Wünsche zu skandieren, so machte er sich laut. Aber plötzlich zerriß das -Gewölke, eine wahrhaft südliche Bläue triumphierte über den Sturm, und -Sonne erfüllte den Raum. Von ihrer Wärme einbezogen, hielt ich das -Gesicht zu ihr empor; von ihr umsponnen und gebleicht war es begeistert -ganz für sich allein ... - -Neue Wolken jedoch trieben in der Luft heran, alle Glorie erlosch, die -Pinienkronen wirbelten auf, der schwarze Lack des Flügels spiegelte sich -in der zunehmenden Düsterkeit und anders behauptete sich jetzt das -Ticken der Pendule, beschwichtigend nunmehr wie Ammenworte in einer -Kinderstube. Und statt des Sonnenfeuers loderte das andere, das wir den -Göttern gestohlen hatten, still und geschäftig im Kamin, in dessen -Schein die fröstelnde Hexe saß. Wo waren meine Augen gewesen, daß ich -über das kranke Oval die schmale beschwingte Stirne übersehen hatte und -die in ihrer Zermürbtheit rührenden Schläfen? Was schied mich von so -viel Verblühtheit? Die irrsinnigen kleinen Pendelschläge nur, die, alles -mißachtend, mich alt oder verwest zurücklassen würden. Ein Jahr war -vergangen, seit mir die Hexe der Inbegriff alles Verabscheuungswürdigen -dünkte, ein Jahr, an dem ich mich noch schleppte. War sie nicht -vielleicht schön, diese Hexe? und war sie eine Hexe? Barg sie nicht ganz -andere Flügel vielleicht, als die des Drachen? – Die unter die Räder -geratene Spinster sollte dereinst mehr Wesensfülle, mehr Menschentum, -mehr Mut, mehr Edelsinn, mehr Unbeirrbarkeit des Geistes und des Herzens -zu Tage legen, als Millionen und Millionen ihrer Zeitgenossen. Wie die -auf hohem Brückenpfeiler gestellte Engelsfigur, so vereinzelt und -abseits sollte ihre barocke Gestalt sich im Weltkrieg umreißen und die -dumpfe Allgemeinheit überragen. – - -War eine Ahnung in mir aufgestiegen? Alles stand hier unverrückt: der -Flügel, die Fenstertüren, die auf den blumenlosen Garten sahen, die Hexe -am Kamin. Nur ich war anders zurückgekehrt. So litt man denn nicht -vergebens ... - -Bewegt sah ich zu ihr herab. Allein ihr Wunsch, von mir befreit zu sein, -funkte durch das Zimmer, und ich nahm Abschied; immer noch wie im Traum, -als ob ich es nicht selber sei, welche die oft begangenen Schleifen der -Straße dahinzog, und als sähe ich die vom Winde dahingewehten Umrisse -der eigenen Gestalt. Erst in San Gervasio, angesichts der schon grell -beleuchteten Schienen, erwachte ich, setzte schnell darüber und sprang -in den Wagen. - -Auf dem Hinweg aber hatte der Schaffner meine Zerstreutheit -wahrgenommen, erfolgreich abgewartet und auf meine Banknote überhaupt -nichts herausgegeben. Ich merkte es erst jetzt, kramte fieberhaft in -meiner Tasche, und als kein Zweifel mehr bestehen konnte, reichte ich -dem neuen Schaffner schwer verdrossen einen neuen Schein. Er gab mir -reichlich Silber zurück; aufmerksam achtend fand ich, daß alles stimmte -und sah wieder zum Fenster hinaus. Aber das große Spiel der Schatten, -die ins Dunkel geworfenen Kirchen drangen nicht mehr bis zu mir. Damals -wie heute bildete der Domplatz die Endstation. Meine Börse war zum -Bersten voll, und es dünkte mir daher praktischer, sogleich einige -Einkäufe mit dem Hartgeld zu besorgen. Bei jedem Stück jedoch, das ich -hinreichte, hieß es jetzt: „Non è buono“. Die Hauptpost befand sich -damals den Uffizien gegenüber. Am Schalter regierte ein Mann mit den -Schultern eines Sklavenhändlers. Francobolli, herrschte ich ihn an, -zahlte verächtlich und ging ins Freie. Auch er jedoch, wenn auch nur um -ein paar Groschen, hatte mich begaunert. War mir aber der Gedanke nie -gekommen, die beiden froh dahinfahrenden Schaffner zu belangen, so -brachte mich diese letzte, kleine Übervorteilung zur Raserei. Wie in -einem fünften Akt und als stecke mir ein Dolch unter dem Mantel, so ging -ich wieder zurück, trat an den Mann heran und machte wegen der fünf -Soldi meine Szene. Wütend warf er sie auf den Tisch. „È pazza“, sagte er -zu den Umstehenden; ich strich die Groschen ein und ging. - -Wie edel lag der Platz vor mir! Ein früher Mond hellte zarten Fluges -darüber. In der Loggia dei Lanzi hielt der Held den sterbenden Freund. O -des ewigen Augenblickes, da er, aufgegebenen Geistes, von seinem Arm -herabhing! Mein Herz strebte plötzlich himmelwärts wie der Turm der -Signoria. Wie fehlte dem Leben jede Majestät! Armselig war es eingedämmt -von Widrigkeiten, Zufällen, zerrissenen Schuhbändern, verlorenen -Gegenständen, Zahnschmerzen, verfehlten Zügen. - -„Non è buono, non son buoni“, hieß es am nächsten Morgen beim Begleichen -meiner Rechnung. Alles Silbergeld falsch. Zum Glück war mein Billett -nach Rom schon lange gelöst. Von hundert Lire hatten fünfunddreißig ihre -Gültigkeit. Niemand ließ sich von den übrigen etwas andrehen, so -erbittert ich es auch versuchte. Nun rollte der Zug, in dem ich saß, aus -der dunklen Halle ins Tageslicht. Romwärts. – Also doch! – - -Allein der angesammelte Ärger brodelte wie auf Feuer gesetzt. Nur auf -den Verlust des lumpigen Geldes versessen tobte Leidenschaft um so -peinigender darein, als ihr Mißverhältnis zu einer so jämmerlichen -Ursache mir nicht entging; eine Welle nach der andern schäumte an den -Strand, infuriata. Ob ich noch so sehr strebte, mich in die Hand zu -nehmen, zu einem vernünftigen neben einem unvernünftigen Wesen mich -verdoppelnd. Ermahnungen und Klagen gingen hin und her. War es nicht -verächtlich, eines so schnöden Anlasses wegen dieser maßlosen Aufregung -zu frönen? – Aber würde ich denn in Rom weniger unfähig sein, falsches -Geld von richtigem zu unterscheiden? Und was dann? - -Wie vielen ist es vergönnt, fragte ich, zu ihrem Pläsier in der Welt -herumfahren? Pläsier? fragte ich. - -Ich hielt einen Tauchnitzband, ohne je über die erste Seite zu gelangen. -Die Zeit verstrich, Stationen tauchten auf, hin und wieder hielt der -Zug, oder er flog vorbei. Ich saß am Fenster, die Landschaft wurde -kahler, ihr Lachen erstarb; sie war heroisch, aber nicht ohne -Grausamkeit, die Bäume so gezählt; – und ich beruhigte mich nicht. -Plötzlich ein großer Ruck. – Türen flogen auf. Chiusi. Mittagszeit. Ein -tiefer Saal; gedeckte Tische aus dunklem Grunde hervorschimmernd. Die -Reisenden strömten in Scharen dorthin. Ich sagte schon, es sei die Mode -der weißen Handschuhe gewesen. Wie? Was streifte ich in dieser -Kohlenatmosphäre ein schmiegsames, makelloses Paar über? Welche Stille -setzte plötzlich in mir ein? welcher Einfall hißte sich hoch? Wer ging -da? frage ich, ihren Tauchnitzband unter dem Arm, so kerzengrade, so -rhythmisch, so lässig, so gelassen, so bewußt, so offenkundig -distinguiert? Wer war sie? Man schaffte ihr Platz, sofort. Wie wäre es -anders gewesen? jedoch sie dankte. „Un cestino,“ sagte sie, „queste -pasticcerie“. Sie trank ein Glas Marsala, dann ein zweites, und -unauffällig, als wäre es ihr erstes, ließ sie sich ein drittes geben. Es -setzte sie in den Vollbesitz ihres Mutes. Sie deutete auf -Schinkenbrötchen; auf Orangen. – Sorglich, die pasticcerie zu oberst – -wurde alles hineingelegt. Ihr Buch fest an sich haltend, schritt sie -sodann, weltabgewandt, wie sie gekommen war, über die Schwelle des -ristorante. Sie eilte nicht; sie zögerte nicht. Nie würde sie wieder -eine so unnachahmliche Allüre aufbringen, um einen Perron zu -überschreiten, mit so liebenswürdiger Sicherheit, so effektvoller Ruhe, -so überlegener Grazie sich bewegen. Nunmehr hatte sie ihren Platz am -Fenster eingenommen. Von ihm aus konnte sie die Reisenden übersehen, -welche erst vereinzelt, dann in Scharen einzusteigen begannen. Saßen sie -alle? Nein. – Ein Weilchen dauerte es noch. „Pronti!“ erklang endlich -der willkommene Ruf. Man fuhr. - -Am Eingang des Saales pflanzte sich jetzt der Padrone des Buffettos mit -seinen in Zeit und Raum ausgeweiteten Gliedmaßen auf. Befriedigt blickte -er seinen Konsumenten nach. Es hatte sich gelohnt. - -Wer aber konnte da nicht umhin, die weiß behandschuhte Linke leicht -herablassend zum Gruße zu erheben? wer nickte ihm mit einem rätselhaften -Lächeln zu? – Der Zug fuhr ja schon, und ich war von drei Gläsern -Marsala (drei!) unbändig heiter gestimmt. Denn mit keinem Centesimo -hatte ich den Wein, hatte ich die aranccie, die pane con jambone, die -pasticcerie, noch die frutta secca berappt. Nicht war es nötig, daß ich -mich länger zurechtwies; das Gelingen des gewagten Streiches, die aus -dem Stegreif inszenierte Komödie hatte allen Schaden wett gemacht. Ich -war gerächt. – Er würde es heute abend schon gewahr werden, der dicke -Hans Dampf unter seiner Tür, daß an den Zecchini dieses Tages etwas -nicht stimmte, nie aber würde er auf die über jeden Verdacht so -erhabene, dem Alltag so entzogene Miß geraten, die ihr englisches Buch -fest an sich hielt, während sie sich unversehens mit Marsala half, um -ihrerseits Italien zu prellen. Es fehlte der Raum, sonst hätte ich -getanzt, es fehlte ein viertes Glas, sonst hätte ich ein Hoch auf mich -selber ausgebracht, so zufrieden war ich wieder mit mir selbst; so -zufrieden verzehrte ich jetzt den ganzen Proviant. Vor allem mein -_Gewissen_ aber hatte die verlorene Ruhe zurück erworben. - -So kam ich zum erstenmal nach Rom. - - - - - Fünfzehntes Kapitel - - -Unvorbereiteter waren sicher noch nicht viele nach der Stätte so großer -Ereignisse gewandert. Daten, früh erlernt, hatte ich prompt und auf -immer vergessen. Das Kolosseum stand mir als ein Sinnbild aller -Grausamkeiten, und nur mit Abscheu blickte ich zur niedrigen Türe hin, -aus welcher die Märtyrer den wilden Tieren entgegenzogen. - -Wozu eigentlich Märtyrer? Wäre es nicht besser gewesen, sich zu drücken? - -Auch die Engelsburg hatte mir viel zu viele Leiden beherbergt. St. -Peter, mit Ausnahme von Michelangelos Jugendwerk, auch die Kolonnaden -sprachen nicht zu mir, St. Clemens war die einzige Kirche, die mich -rührte, von den Museen beglückten mich nur die Thermen, vor dem Forum -versagte meine Phantasie. Schöner war es, in die Villa Medici zu gehen. -In einer der Alleen stand Meleager, den herrlichen Marmorleib von späten -Rosen umrankt, über ihn der verglühende Tag. Rom ist eine Stadt des -Abends. Er hob sie auf ihren Thron. Alle Städte waren ihr dann untertan. -Starke Tränke für den Beschauer waren ihre Sonnenuntergänge. Auch mir -benahmen sie die Armut. Doch nur auf Augenblicke. - -Hier muß ich daran erinnern, was zu Anfang dieses Buches steht: eine -radikale Sprunghaftigkeit könne sehr wohl mit einer sehr bestimmten -Einheitlichkeit des Denkens zusammenhängen und es käme auf eine Probe -an. - -Auch die Jugend, lieber Leser, überblickt das Leben. Nicht in der -Verkürzung wie der Greis, sondern in wilder Vielfältigkeit türmt es sich -vor ihr. Später, im Gewühle stehend, nehmen wir es in Kauf. Die Jugend -ist hierin feiner. Sie ist noch nicht mit ihm verwachsen; wie soll sie -es bewältigen? selbst mitten im Überschwang kennt sie das Zaudern und -das Grauen. Erbarmt euch ihrer Unreife. Gerade sie wird ihr leicht zum -Verhängnis. Keinem Lebensalter liegt der Selbstmord näher. Über die -Brücke gelehnt, bedachte ich nicht mehr die Ausblicke und Bahnen meines -Daseins, nur noch die besten Arten, mich ihm zu entziehen. Eine solche -Flucht war freilich eine Niederlage und ein anderes Wort für: nicht -bestehen. Allein es war der letzte Anker, wohl in Sicht zu halten. - -Rom hatte versagt. Was hatte ich geglaubt? Saß es auf seinen sieben -Hügeln, um mir Richtlinien zu weisen? Ja, etwas Ähnliches hatte ich -gewähnt. Denn Dürftigkeit und Chaos stritten sich um die Herrschaft in -meinem Inneren. Die Intensität, mit welcher ich im Bahnhofsrestaurant in -Chiusi operierte, lag natürlich meinem Wesen überhaupt zugrunde. Aber -die letzten Dinge, nicht mehr noch minder, waren meine Sorge. Die Aula -jedoch hatte ich mir selbst aufrichten, ohne Anleitung durch Dornen und -Gestrüppe mich reißen müssen, nirgends zünftig, überall verwahrlost, -nirgends zugehörig, immer hospitierend. Statt des Führers, statt des -Rückhalts, statt des Abiturs – den Hokuspokus. - -Aber die tollste meiner „Windmühlen“ war Richard Wagner geworden. - -Ihn hatte ich zu meinem unmittelbaren Mentor erkoren. Seinem Dienste war -ich eingeschworen, seinem Genius verpflichtet, seinem Beistand -überantwortet. Seine gewichtigen zehn Bände waren das Bollwerk meines -Château du cœur. Seinen langatmigen Formulierungen folgte ich um seiner -kühnen Folgerungen willen gerne. Noch tobte die Wagnerische Mode, doch -schon mehrten sich die Anzeichen eines Umschwunges, und mit Genugtuung -nahm ich sie wahr. Bald, o bald fiel er fort, der lästige Chor, dann -blieben nur die Wenigen, die ihn wirklich erkannten, dann gehörte er -mir. Vor allem war es die Erhabenheit seiner Gesinnung, über die ich -nicht mit mir handeln ließ; jederzeit kampfbereit, wenn es galt, die -Standarte meines Glaubens flattern zu lassen. Zerwürfnisse nicht -vermeidend, im Gegenteil; zu reinlichen Scheidungen immer gewillt; zu -Donquichotterien immer aufgelegt. So erlebte eine Münchner Salonlöwin, -die über Wagner im familiären Tone aburteilte, daß ich, über die Köpfe -ihrer Gäste hinweg, lauten Protest erhob und augenblicklich ihren „jour“ -verließ. Es war ein schöner Frühlingsnachmittag. Ein leichter Wind -umstrich mich linde: derweil die oben Gebliebenen empört über mich zu -Gerichte saßen; entfernte man sich so, und wer war ich denn? - -Denn von der geistig besitzlosen Klasse wird das Recht auf eigene -Meinung, so wir eine haben, am längsten angezweifelt und bekämpft; daher -einem jungen Fräulein Niemand die beste Gelegenheit geboten wird, zur -Menschenkennerin heranzureifen. Diesbezüglich befand ich mich in -vorderster Szene, wo immer ich auftrat. London oder Berlin, es war ganz -gleich. Als ich zum ersten Male einen Winter in Paris verbrachte, lebte -noch der Gründer des Crédit Lyonnais, ein feiner, überlegener Greis. Auf -irgendeine Empfehlung hin wurde ich dort öfters eingeladen. Es war ein -Salon, der eben anfing, ein wenig auszuleiern. Nach einem kleinen, -köstlichen Diner stand ich am Kamin und überblickte die Gesellschaft. -Die schöne und noch junge Frau mit dem glitzernden und gewellten Haar -figurierte in ihrer Schlankheit zu Ehren des noch schönen Paul -Deschanel, das war klar. Sein Frack, dies letzte Wort von Frack, die -seidene Schmiegsamkeit seiner Socken, seine für weiße Manschetten wie -erdachten Hände, sein für den Zylinder wie erträumter Kopf, dies alles, -wenn ich es heute überdenke, war von einer vorkriegszeitlichen Pracht, -ohne störende Beziehung – seitdem haben sich ja der menschlichen -Gesellschaft dunklere Kulissen aufgetan – als Empfangsräume, als den -Salon. - -Ich sah und staunte. – In Gespräche mischte ich mich nur selten. Es war -auch nicht nötig; im übrigen war ich eine jeune fille sans dot, und -weniger konnte man nicht sein. - -Aber man kam an diesem Abend auf Bayreuth zu sprechen, und zu meinem -Schrecken riß die Frau des Hauses Wagners Charakter in den Staub. -„Ingratitude notoire“ waren ihre Worte. Schon führte ich wieder Schild -und Speer, schon hielt ich am Kamine aufgestellt meinen Speech, schon -war ich mitten in meiner Rhetorik. Hätte er Buch führen sollen über -Summen, die er zur allgemeinen Bereicherung entlieh? und wenn wir schon -feilschten, warum die vielen Existenzen nicht mit einbeziehen, die er -begründete, die Theater, die er dotierte oder ins Leben rief, die -Riesenvermögen der Wagnersänger? Was zollten sie ihm dafür? „Wenn wir -schon feilschten,“ sagte ich und blickte unbefangen im Kreise umher, -„gab er dem Etat der bayrischen Staatsbahnen, gab er“, höhnte ich, „den -Hoteliers nichts zu lachen? Auf welcher Seite liegt der Undank, wenn wir -schon rechnen?“ fragte ich. „O wie er das Geld verbrauchte, hinauswarf -und verachtete, wie er zu einer von Mark und Pfennig gravitätisch -eingedämmten Welt sich so unsäglich mittelbar bezog, Gott, wie -erfrischend, welche Labung!“ rief ich aus. - -Nun war natürlich Dank oder Undank Wagners den Anwesenden denkbar egal. -Was sollte dies feierliche Gehabe? – Ich sah Blicke sich kreuzen, -Mundwinkel zucken; erst entstand ein Schweigen, dann sagte jemand: -„Comme il fait chaud!“ - -Begossenheit war da alsbald mein Anteil. Schüchternheit befiel mich -wieder und schmiedete mich an den Kamin, wie Andromeda an ihren Felsen. -Da aber trat Perseus in Gestalt eines ergrauten Mannes vom anderen Ende -des Zimmers näher, und es erklangen die rettenden und unverhofften -Worte: „Elle a raison“. - -Es war ein Professor Coggia aus Palermo; er hatte dem greisen Wagner bei -Gelegenheit eines Aufenthaltes in dieser Stadt einige Dienste erwiesen -und pries nun seine rührende Erkenntlichkeit, seine einfache und -rücksichtsvolle Art. Dagegen machte er den denkbar schärfsten -Trennungsstrich zwischen ihm und seiner nächsten Umgebung. Ja, er -leugnete ganz und gar, daß sie Wagner homogen gewesen sei. Alle hörten -jetzt mit großer Spannung zu. Wie glücklich aber war ich selbst an -diesem Abend! Wie leicht tönte der Widerhall meiner Schritte auf dem -Heimweg an mein Ohr. In Paris, wo er in seiner Jugend darbte, Wagner als -armer Teufel, Wagner in Würzburg und Riga, schwebte mir mit ergreifender -Deutlichkeit vor. - -Eines Nachts aber – kurz darauf – stand ich auf dem Platz des Münchner -Hoftheaters. Allein. Denn eine Siegfried-Aufführung war noch im Gang, -und ich war herausgelaufen, weil ich diese Musik nicht mehr ertrug. Sie -bekundete mir nichts mehr. Sie quälte mich. Die Vorstellung war -mittelmäßig, es ist wahr (die Ära Mottl stand noch aus), dennoch – ob -ich mir auch gewisse Sonaten, die, zu oft vernommen, auf immer -vielleicht erschöpft blieben, auch eine heruntergerasselte Eroica ins -Gedächtnis rief, die nichts besagte, dennoch, welch ein Stoß! – Zwar -erhielt mein Wagnerkult keine Einbuße deshalb. Ich gestattete ihm dies -nicht. Seine ewigen Augen, der Zug nach ewiger Vollendung, der -Weltenatem seines Geistes, dies war es, was ihn unsterblich machte. -„_Schafft Neues_“ war im Alter sein immerwährender Ruf gewesen. Setzte -da eine Stadt, seine Anwesenheit erfahrend, ihm zu Ehren eines seiner -Bühnenwerke an, so ergriff er eilend die Flucht. Welch ein Meister war -er des Überdrusses! – Er blieb mein Führer, mein Idol. Es rührte mich -unbeschreiblich, daß er für seinen „Ring“ eine einzige Aufführung -erträumt, und den naiven Wunsch gehegt hatte, die Bretter der eigens -dafür zu errichtenden Bühne zusammengeschlagen, und nur die Erinnerung -an das einmalige Fest verbleiben zu sehen. - -Ahnte er das Brünnhildengewimmel, den Sieglinden-Vertrieb, die -Feuerzauberratsche, den Opernstaub, das Gerümpel manch geradezu -ochsenhaft einhermarschierender Wotane, die Hojotohos, die Beliebtheit -schlimmer als jeder Boykott? - -Wie ersprießlich dagegen war es, Wagner-Anekdoten zu sammeln! Am besten -gefiel mir die einer alten Sängerin, an welcher er im Couloir des -Münchner Hoftheaters mit dem Ruf: „Ich halte es vor Langerweile nicht -mehr aus,“ in großer Aufregung vorbeilief. Er war mitten in einer -Tristanvorstellung aus einer Loge herausgestürzt. - -„Wie war diese Vorstellung?“ fragte ich schnell. - -„Glänzend, wunderbar,“ sagte sie. - -Auch mit dem uralten sächsischen Gesandten von Fabrice, dessen -Erinnerungen bis in das Jahr 1847 zurückgingen, stellte ich mich gut. Er -lebte damals als junger Mann in Dresden, und der Kapellmeister Wagner -war ihm vom Sehen bekannt. An einem Wintermorgen auf der Straße hinter -ihm her gehend, sah er ihn von einem Bettler angehalten, seine Taschen -durchsuchend, ohne etwas hervorzuziehen, daraufhin kurzerhand seinen -Rock abwerfend, ihn dem Manne überlassend und weitereilen. Ein Brief aus -Zürich an Liszt, in welchem er wie gewöhnlich über seine Geldnot klagt, -über die einbrechende Kälte, und daß er keinen Wintermantel habe, ist -zwei Jahre später datiert. Und vielleicht war ich die einzig Eingeweihte -(denn Fabrice war tot), welche wußte, warum dies Garderobestück ihm -fehlte. - -So blieb alles beim alten, ob ich auch in weiten Bögen -Wagner-Vorstellungen mied. Nietzsches Auffahrt überwand ich unschwer. -Selbst von einem so großen Geist beirrte sie mich nicht. Die Nähe war -eine Beeinträchtigung auch für ihn, da hier nur die Distanz den -richtigen Sehwinkel für ein maßgebendes Urteil schaffen konnte. Selbst -für ihn. Daher die Bitterkeit, der schmerzliche Unterton bei Nietzsche, -der seine eigene Desertion niemals verwand. Von Wagner wissen wir als -einzige Äußerung zu dem Bruche nur jene Worte, die er ihm bestellen -ließ: nunmehr sei er ganz allein. Und so dünkte mir denn auch der „Fall -Wagner“ an allen Ecken und Enden ein „Fall Nietzsche“. - -In diesem Punkte hatte ich sicher recht. – Vierzig Jahre nach Wagners -Tod trat der französische Komponist Paul Ducas in der Revue Musicale mit -einer Charakteristik Wagners hervor, die, ein Meisterstück an Augenmaß – -eben diese Spanne von vierzig Jahren (die Zeit schafft hier den -geistigen Raum) zu einer ihrer wesentlichen Voraussetzungen hat. - -Gedulde dich, lieber Leser. Jede noch so weit ausholende Kurve führt uns -zur Brücke zurück, auf der ich, mitten unter den Statuen stehend, über -beste Todesarten meditiere. - -Denn von meiner Verstiegenheit, wie grotesk sie auch sein mochte, gab es -kein Zurück. Es blieb nichts übrig, als die Probe auf das Exempel, in -diesem Fall auf die Verstiegenheit, zu stellen. Sie war das hohe Meer, -längst allen Ufern entzogen. Erreichbare Küsten forderte ich nicht mehr, -wohl aber, daß Küsten, wie immer unerreichbar, vorhanden seien. Dies -forderte ich. Ich forderte ein Zeichen. Mit dem Glauben, den ich mir -zurechtgelegt hatte, zu sehr verwachsen, konnte ich ihm nicht entsagen, -ohne mich selbst aufzugeben. Jener Satz, daß der Sprung vom niedrigsten -zum höchsten Menschen größer sei, als der vom höchsten Tier zum -niedrigsten Menschen, hatte Wasser auf meine Mühle getrieben. Denn -Rangunterschiede waren mein Steckenpferd. Es konnte nicht anders sein, -als daß der Auserwählte, die Persönlichkeit, nach besonderen Gesetzen -antrat, ob sie auch, infolge des verhängnisvollsten aller -Mißverständnisse, mit Vorliebe zum Haufen geworfen wurde. In diesem -Lichte nur war alles wahr und falsch zugleich, was vom Menschen als dem -Maß aller Dinge, wie als dem Ausbund aller Nichtigkeiten stand. „Ihr -seid Götter“, hieß es zu den einen, und den andern wird verkündet, daß -sie endlose Male wiederkehren oder sterben werden, was ja dasselbe ist. -Vom Gattungsmenschen und seinem Korrelate, dem Gemeinschaftsgrab, lief -die Leiter bis hinauf zur Marcia sulla morte d’un eroe. Viele lebten, -deren Anteil an grausamen Geschicken täglich sich vermehrte ... ebenso -sicher dünkte mir dies, als daß geheime Zaubersprüche walteten – deren -Formel wir nur nicht kennen – über die weniger sterblichen, die -vollendeten Typen. Freie waren’s. – Einen mächtigen Freibrief erkannte -ich ihnen zu: die Not, die eine mit der Erlesenheit ihrer Natur so -zerworfene Welt ihnen bereitet, genügte. - -Aber meine geistige Existenz hatte ihre inavouablen Seiten: ich -erachtete mich als ein Wagnerisches Produkt. Wem hätte ich derartiges -eingestanden? Mußte meine Verstiegenheit nicht Folge und Grund zugleich -meiner Verlassenheit sein? Und wie hätte diese Verstiegenheit – ein -Notbehelf auf sie – mich nicht isoliert? Über Gute und Böse ging die -Sonne auf, über den Narren aber stand sie still. - -Bücher hatten versagt; Rom hatte versagt. Ich hatte ich weiß nicht was -für Hoffnungen auf diese Stadt gesetzt, als müsse die Berührung ihres -Bodens mich heilen. Aber Rom hat nichts Beschwichtigendes, es sei denn -sein Licht. Rom wühlt alle Rätsel doppelt auf, und welche Argumente -hielten stand vor dem teuflischen Dreh, der teuflischen Zweideutigkeit -dieser Welt, den Abgründen, ins Unbeweisbare überall aufgetan, dem Netz -des Leidens ausgeworfen nach der Kreatur, dem weglosen, verwirrenden -Leiden des Getiers? Dies und meine geistige Einzelhaft schlug mir über -dem Kopf zusammen. - -„Ein Zeichen!“ sagte ich laut. Ich forderte ein Zeichen unter diesem -Abendhimmel Roms. Wieder hielt ich meine geistigen Arme emporgerichtet, -wie in jener Nacht, da ich auf dem Weg zur Hexe, gegen die Hütte -geschleudert, das gestirnte Firmament vor die Schranken rief. Liefen -alle Anstrengungen und alle Opfer leer, dann war auch der Selbstmord -nicht die fausse sortie, die Schopenhauer meinte, lebten aber die -Kräfte, von welchen ich zehrte, warum sollten sie sich nicht bekunden? -Tat ich dies? Träume waren meine einzige Gewähr gewesen. Träume lagen -mittewegs. Aber Zweifel und Ernüchterung raubten mir die Kräfte, mich zu -ihnen aufzumachen. Was also waren Träume? - -Aber kehren wir zur Brücke zurück. - -Man schrieb den 7. Februar. Eleonor erwartete mich in Venedig. Sie hatte -endlich ihre erträumte Etage, und ich gedachte bis zum 13., dem Todestag -Wagners, bei ihr zu bleiben. Wie jene Kranken, die zur Schwelle eines -Tempels pilgerten, Rat oder Heilung dort erhoffend, so zog ich nach -Venedig, mein Orakel zu vernehmen; entschlossen, das Fazit meiner -mondsüchtigen Schritte zu ziehen. Zweck- oder Sinnlosigkeit meiner -verschütteten, greisenhaft verlebten Jugend bis zu den Sternen setzend, -die letzten Lose auswerfend, da ich nichts zu verlieren hatte, wenn ich -verlor. So wandte ich mich endlich von dem Flusse ab, ging in der -Dämmerung zwischen den Statuen, dann über den Korso zurück, zum ersten -Male wieder guten Mutes, ja entrückt. - -Eine nette kleine Giftreserve zu unterst in meinem Koffer, sprang ich um -Mitternacht in die Gondel, in welcher Eleonor und ihr glücklich -heimgekehrter Gatte gekommen waren mich zu holen. Die stillen -Wasserstraßen klangen vollstimmig an mein Ohr; und als der Morgen -aufzog, sangen die Paläste, der Canale Grande lag in voller Bläue, seine -Wellen tönte ein Hauch von Rosenglut, und wie ein Lied entstieg San -Giorgio. Alles, selbst die Steine modulierten. Florenz ist Graphik, auf -Silbergrau gezogen; Literatur. Viel zu streng und steil und traumlos für -das unreife Gemüt. Venedig ist Musik. Süß durchbohrt es das gequälte -Herz. – Da war ein Gäßchen, hoch und steinern bis auf den schmalen -Himmelsstreifen, der darüber leuchtete. Glatte Mauern bis auf ein -Fenster, das offen stand. Schwefelgelbe Sonnenstrahlen schmetterten auf -rote Nelkenstöcke, die davor blühten. Lange mußte ich stehen und -schauen, aber so, wie einer horcht. - -„Nicht denken“ war die Devise, nach welcher die folgenden Tage in großer -Scheinruhe verrannen. Im Nu war der Vorabend jenes Todestages (der -meiner Abreise) gekommen. Ich fürchtete mich. Ich dehnte ihn so lange -wie möglich aus. Mein Zug fuhr in der Frühe. Wenig Stunden trennten mich -von ihr. Die Nacht kam. - -Ein schmales feldbettähnliches Gestell nahm die Mitte meines Zimmers -ein. Eleonor war stolz auf die bedruckte Leinwand, mit der es wie eine -kostbare Schachtel ausgeschlagen war. Nachts gab es viel Gezänke und -Gelächter in den Gassen. Heute belebten sie sich nicht. Wie -eingelassenes Wasser stieg die Luft. Ich sah mich selbst im hohen -Spiegel, feierlichen Auges gleichsam eingeschleiert, wie die Jungfrau, -welche ihre Öllampe für den Bräutigam bereit hält. Die Nacht hielt ihre -Runde. Über die Lagunen lag letzte Finsternis gefaltet; sie deckte alle -Pfade, alle Wälder, alle Brücken zu. Alle Flüsse rauschten unsichtbar. -Alle Tiere, die ihr Dasein noch gerettet hatten, schlummerten beruhigt. -Erst mit dem Morgen drohte ihnen wiederum Gefahr. Gesichert schliefen -die süßen Vögel im Gezweig. Friedliebend ist die Nacht, nur den Kranken -und unglücklich Liebenden abhold. Auch mich entriß sie ungnädig schnell -dem barmherzigen Schlaf. Stoßähnlich mein Erwachen, daß ich erschreckt -das Licht aufdrehte. Dumpfen Pulses. Leer. – Zu den hold umspannten -Wänden meines Zimmers verhielt ich mich nicht länger. Gefängnismauern -kamen sie gleich, feucht von Schlangen, die ihre Köpfe nach mir zuckten. -– Abgetrennt wie ein Gespenst. Nichts also. Es schlug vier Uhr von den -Kirchen und den Türmen Venedigs. – Also nichts. Ob ich auch meine Knie -umklammernd mich besann ... Nichts. Auf dem Flur eines gewöhnlichen -Hauses hatte ich gestanden auf der obersten Stufe einer alltäglichen -Stiege, fünf Treppen hoch. Das war alles. Ein paar Schritte trennten -mich von einer verschlossenen Tür. Warum verschlossen? und warum wollte -ich zu ihr? ich wußte es nicht einmal. So schwache Furchen hatte das -nichtssagende Bild gezogen. Was hielt mich ab, den Flur zu -überschreiten? - -Ich sank zurück. - -Solchen Nichtigkeiten nachzuspüren war zu verächtlich, Hunde nur nahmen, -was sie kriegten, und wühlten noch unter Knochen. - -Das Licht verlöschend ward ich eins mit der Finsternis. - -Der Riese aber ... - -Ein Riese? - -Der grauenhafte Riese, der mir den Weg zur Tür versperrte und sich über -mich warf. Der schreckliche und aussichtslose Ringkampf mit dem Riesen, -der, kaum überwältigt, in Nu emporgeschwungen, mit Würgerhänden mich von -neuem überfiel? Zu öfteren Malen, aber stets vergeblich, besiegte ich -den dunklen, nie erlahmenden Riesen, und doch, ob ich ihn auch in die -Tiefe stürzte, seiner immer entsetzter, immer atemloser gewärtig. Das -Ringen wiederholte sich so oft, es dauerte so lang, meine Kraft war -ausgegeben. Wie kam es, daß er doch noch einmal unterlag? Nur zum -Scheine zwar. Lautlos ballte sich flugs wieder die fürchterliche, -wesenlose Masse vor mir auf. In die Knie brechend stieß ich ihn hinab. -War mir ersterbend eine Frist gewährt, die Türe dennoch zu erreichen? -War diese Stiege nicht mehr gemein? Welche Schwelle überzog ich da so -tief aufatmend, so erschöpft, daß ich nicht mehr wußte, ob ich lebte? - -O Gott, welch ein Gemach! wie ein Söller hochgelegen. Und wer war diese -alte Dienerin, so schmächtig und so edel von Gestalt, der ich mich -überließ, die nur insofern Anwesende, als sie mich stützte, mit meinen -Füßen sich zu schaffen gab und mich zu einem niedrigen antiken Bett -geleitete? Statt des Fensters eine breite Öffnung in der Mauer, die auf -eine klassische und rätselhafte Landschaft niedersah: Bergeslinien, die -mit so sanftem Schwunge zur Meeresebene ausliefen, als flössen die -Farben aller Tageszeiten in einem einzigen Glissando. - -Aber die Luft um mich her, diese unnennbare Luft, sie vor allem war das -Kompendium des Glücks. Ich war allein. Ich wartete auf niemand. Niemand -kündete sich an. Doch mein Alleinsein war köstlichstes Umgebensein und -aller Fülle teilhaft. Jegliche Gemeinschaft, mit dieser Einsamkeit -verglichen, war Verlassenheit. War ich allein? Wo fände sich ein Wort -für solche Vielsamkeit? - -Die Stiege, das unwirsche Alltagshaus entsunken und wesenlos das Ringen. -Geworden nur die Süße dieser Müdigkeit, die Wonne dieser Luft. Wie ein -Stern, dessen Licht den Äther durchfliegt, so hatte der Traum einer -Spanne Zeit bedurft, um mein Bewußtsein zu erreichen. Ich saß hoch -aufgerichtet, meine Knie umklammernd, mein Gesicht vergraben. - -Mut, sagte ich zu mir, Mut, Mut. - - - - - - -Mit diesem Worte schließt die Geschichte. Es bedeutete einen Wendepunkt -in meinem Leben. Ein neues begann, und es zeigten sich Horizonte, von -denen meine gleichzeitig leichtsinnige und eingeschüchterte Jugend -bisher nichts gewußt hatte. Schließlich mischte sich sogar die -Weltgeschichte ein. Die Erzählung selber aber, die, als ein -umfangreiches Buch angelegt, „Unitalienischer Roman“ heißen sollte, -blieb darüber Entwurf. Der Weg, der an die Stelle zurückführen würde, wo -die kaum begonnene Geschichte abbricht, ist auf ewig verschüttet. Was -bleibt, ist ein großes Bedauern über die Zeitwende, das vielleicht auch -andere teilen werden – und diese kleine Novelle. - - - - - WERKE - VON - ANNETTE KOLB - - - DAS EXEMPLAR - Roman - 8. Auflage - - Der erste Eindruck des Buches, schon nach wenigen Seiten, ist - Kultur. Es gibt wenig Bücher, die so scharf wie dieses die Zeitseele - enthüllen. Und im übrigen ist das Buch reich an allerlei - entzückenden Dingen. Man wird in ihm sehr heimisch in London und auf - den Landsitzen der Gesellschaft. Das Buch vereint wirklich zwei - selten verträgliche Eigenschaften: geistige Tiefe und Charme. Es ist - nicht nur ein bedeutendes, sondern auch ein liebenswürdiges Buch. - - Kurt Münzer - - ZARASTRO - Westliche Tage - 5. Auflage - - Hier stürmt und braust es, hier läßt Annette Kolb, die alles mit - scharfer Beurteilung ansieht, die ungehindert ihre Meinung - ausspricht, die glühend kämpft, die oft hart wird, oft ihre Freunde - kränkt, weil sie zu kraft- und willenlos seien. Es ist ein Buch der - Gegenwart, ein Buch, das unsere ganze Zerrissenheit darstellt, denn - Annette Kolb steht mitten in dieser Gärung, diesen Konflikten. Es - sind Tagesaufzeichnungen, sie wirken daher überaus lebendig. - - Minna Cauer - - - - - FISCHERS - KLEINE ILLUSTRIERTE BÜCHER - - - THOMAS MANN, TONIO KRÖGER - Illustriert von E. M. Simon - - HERMANN HESSE, IN DER ALTEN SONNE - Illustriert von Wilhelm Schulz - - E. von KEYSERLING, HARMONIE - Illustriert von Karl Walser - - BERNHARD KELLERMANN, DIE HEILIGEN - Illustriert von Magnus Zeller - - THOMAS MANN, HERR UND HUND - Illustriert von Georg W. Rößner - - GERHART HAUPTMANN, FASCHING - Illustriert von Alfred Kubin - - JOHANNES V. JENSEN, DER MONSUN UND ANDERE TIERGESCHICHTEN - Illustriert von Arthur Wellmann - - HERMAN BANG, DIE VIER TEUFEL - Illustriert von George G. Kobbe - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Die ursprüngliche Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SPITZBÖGEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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Fischer, Berlin" --> - <!-- DATE="1925" --> - <!-- COVER="images/cover.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; margin-right:15%; } - -div.frontmatter { page-break-before:always; } -.logo { margin-top:2em; margin-bottom:5em; } -h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } -.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; line-height:2em; } -.aut .line1{ font-size:0.8em; } -.ill { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:5em; line-height:2em; } -.ill .line1{ font-size:0.8em; } -.pub { text-indent:0; text-align:center; line-height:2em; } -.pub .line2{ display:inline-block; border-top:2px solid black; padding-top:0.4em; } -.cop { text-indent:0; text-align:center; margin-top:6em; font-size:0.8em; } -.tit { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:4em; - font-size:1.5em; font-weight:bold; } - -div.chapter{ page-break-before:always; } -h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:2em; margin-bottom:1em; } -h2.img { margin-top:0.5em; } -h2 img { margin-bottom:1em; } - -p { margin:0; text-align:justify; text-indent:1em; } -p.first { text-indent:0; } -span.firstchar { float:left; font-size:3em; line-height:0.83em; } -p.noindent { text-indent:0; } -p.tb { margin:1em; } -p.vspace { margin-bottom:4em; } - -/* "emphasis"--used for spaced out text */ -em { font-style:italic; } - -/* ads */ -div.ads { margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:35em; font-size:0.8em; - page-break-before:always; - border:1px solid black; margin-bottom:1em; padding:0.5em; } -div.ads p { text-indent:0; } -div.ads .adh { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em; - font-size:1.5em; font-weight:bold; } -div.ads p.adb { text-indent:0; text-align:center; font-size:1.25em; font-weight:bold; - margin-top:1em; } -div.ads p.adb .line2{ font-size:0.8em; } -div.ads p.adb .line3{ font-size:0.8em; } -div.ads .attr { text-indent:0; text-align:right; margin-right:1em; font-style:italic; } - -.underline { text-decoration: underline; } -.hidden { display:none; } - -a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } -a:hover { text-decoration: underline; } -a:active { text-decoration: underline; } - -/* Transcriber's note */ -.trnote { font-size:0.8em; line-height:1.2em; background-color: #ccc; - color: #000; border: black 1px dotted; margin: 2em; padding: 1em; - page-break-before:always; margin-top:3em; } -.trnote p { text-indent:0; margin-bottom:1em; } -.trnote ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } -.trnote li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } -.trnote ul li { list-style-type: square; } -.trnote .transnote { text-indent:0; text-align:center; font-weight:bold; } -.trnote .list { text-indent:0em; margin-left:3em; text-align:left; } - -/* page numbers */ -a[title].pagenum { float:right; margin-left:4px; clear:right; } -a[title].pagenum:after { content: attr(title); color: gray; background-color: inherit; - letter-spacing: 0; text-indent: 0; text-align: right; font-style: normal; - font-variant: normal; font-weight: normal; font-size: x-small; - border: 1px solid silver; padding: 1px 4px 1px 4px; - display: block; } - -div.centerpic { text-align:center; text-indent:0; display:block; clear:both; } -img { max-width:80%; margin:0; padding:0; } -.logo img { max-width:5em; } -.w60 img { max-width:60%; } -.w50 img { max-width:50%; } - -.fc { float:left; clear:both; padding:0; padding-top:4px; padding-bottom:4px; - text-align:center; text-indent:0; width:100%; display:block; } -.w60.fc img { max-width:60%; } -.w50.fc img { max-width:50%; } - -/* -@media handheld { -*/ -body.x-ebookmaker { margin-left:0; margin-right:0; } -.x-ebookmaker span.firstchar { float:left; } -.x-ebookmaker em { letter-spacing:0; margin-right:0; font-style:italic; } -.x-ebookmaker div.ads { max-width:inherit; border:0; padding:0; padding-top:0.5em; } -.x-ebookmaker .trnote { margin:0; } -.x-ebookmaker a.pagenum { display:none; } -.x-ebookmaker a.pagenum:after { display:none; } - -</style> -</head> - -<body> -<div lang='en' xml:lang='en'> -<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Spitzbögen</span>, by Annette Kolb</p> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Spitzbögen</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Annette Kolb</p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: Rudolf Großmann</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: February 12, 2022 [eBook #67385]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SPITZBÖGEN</span> ***</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<h1 class="title"> -SPITZBÖGEN -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">VON</span><br /> -<span class="line2">ANNETTE KOLB</span> -</p> - -<p class="ill"> -<span class="line1">MIT ELF ZEICHNUNGEN VON</span><br /> -<span class="line2">RUDOLF GROSSMANN</span> -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">1925</span><br /> -<span class="line2">S. FISCHER · VERLAG · BERLIN</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="cop"> -Erste und zweite Auflage<br /> -Alle Rechte vorbehalten<br /> -Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="tit"> -SPITZBÖGEN -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter blank" id="chapter-0-1" title="Vorrede"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> gibt Leute, die mit Recht oder Unrecht im -Rufe stehen, daß sie Unglück bringen. So war -Offenbach als „Brandstifter“ berühmt, und sein -Verweilen in einem Hause galt als Signal für eine -Feuersbrunst. -</p> - -<p> -Daß aber auch Städte sich dem einzelnen feindselig -erweisen können, dürften die wenigsten noch -erfahren oder bemerkt haben. Nun, <em>mein</em> Jettadore -war Florenz. In was für Klemmen ich dort -geriet, was für Schlingen dort jedesmal für mich -bereit lagen, spottet jeglicher Erfindung. Ach -und überhaupt – Italien! – Wer vermöchte es -einesteils nicht zu lieben? – Aber die Ebene von -Mailand, aber die seelische Kälte der italienischen -Mietswohnungen, ihre tiefe Ungemütlichkeit und -rudimentäre Öde, aber gewisse Häuser der Armen, -die uns mit ihren hohläugigen Fenstern wie Pestkranke -ansehen! -</p> - -<p> -Und dann schneiden so manche italienische Landschaften -ins Herz. Fiesole zum Beispiel, mit seinem -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -verklärten Ausblick – so holdselig, aber so abgeschieden, -so vorbei! – Beklommenen Herzens -blickte ich eines Morgens auf diese laue, in ihrer -durchsichtigen Bläue zärtlich berückende Natur, -und stärker noch empfand ich unter dem wolkenlosen -Himmel die stille Schärfe der Zypressen. -Gewiß, es ist ein schönes Land! aber schön ist -auch der Anblick des unter der Fülle von Blumen -fast verschwindenden Sarges, daß kaum ein Beschlag, -kaum eine Kante desselben sichtbar wird. – -So trauerte dort mein Auge und sehnte sich von -diesem Bilde fort. Und nur mehr die Straße -hinabsehend, fing ich plötzlich an zu laufen; – und -ich lief, als gälte es dieser Gegend wie einem -Gewölbe zu entfliehen, und nicht zu rasten, als -bis ich wieder zu unseren Flüssen und Brücken, -unseren lebendigen Wäldern gelangte. Denn Leopardis -Seele war mir auf jenem Hügel aufgegangen. -Ja, solche Klagen mußten sich ihr entringen, ein -so herbes Echo mußte dies blühende, von Glanz -und Duft umwobene Land erwecken, das in seiner -stillen Morbidezza zwischen dem Hades und der -Erde eingeschoben scheint. Die Einflüsse der Landschaft -sind es ja sicherlich, mehr noch als die des -Klimas, die gleichsam spiegelnd die Linien unserer -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -<span class="fc"><img src="images/i011.jpg" alt="" /></span> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -Sinnesart und unseres geistigen Umkreises ziehen. -So verhält sich Leopardis Pessimismus zu dem -seines Zeitgenossen Schopenhauer wie der untröstliche -Zypressenhain zum tiefen Tannenwald, aus -dessen Düsterkeit wir Stärkung noch und Hoffnung -schöpfen. -</p> - -<p> -Ich bitte indes nicht zu vergessen, daß ich den -Berg hinunter laufe. So mag es hingehen, daß -ich so weit von meinem Thema abgekommen bin. -Denn ich wollte meine florentiner Mißgeschicke -erzählen. Aber eine so radikale Sprunghaftigkeit -kann mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit des -Gedankens zusammenhängen; – ich meine, es -käme auf eine Probe an. -</p> - -<p> -Oder dürfen wir einen Gedanken nennen, was -mehr wie ein Verdacht, wie eine Hoffnung in uns -schlummert? An manch schönen, wertvollen Dingen -mag einer vorübergehen, da vernimmt er, was ihm -eine Botschaft bedeutet, und gierig greift er es auf. -</p> - -<p> -Immer noch laufe ich indes meinen italienischen -Berg hinab. San Domenico liegt schon hinter mir. -Ich komme jetzt nach San Gervasio und bin dann -gleich in Florenz. Somit wäre die Einheit des -Ortes wieder hergestellt und ich könnte von neuem -beginnen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter img" id="chapter-0-2"> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -<span class="centerpic"><img src="images/i013.jpg" alt="" /></span> -<br />Erstes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ein,</span> noch nicht. Wir müssen vorher noch einmal -abzweigen. Es gibt kaum eine Stadt, die -einen so weiten Umkreis zieht. Wenn einer viele -Stunden ginge, vom frühen Morgen bis in den -Abend hinein, immer wäre es noch das holdselige -Florenz. Villen, die von fernen Hügeln herunterschauen, -zwischen Abhängen versteckte Weiler, -sie nennen sich noch Florenz. Wo die Straße -zweimal einen runden Kreis beschreibt und Pinien -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -einen zackigen Bau, halb Schlößchen, halb Klause -schirmen, dort habe ich bei einer Hexe gewohnt. -</p> - -<p> -Wie? – -</p> - -<p> -Aber warum nicht? Man sieht doch jetzt Geister -erscheinen, materialisierte Hände in der Luft entstehen, -Blumen oder Reiterstiefel aus dem Nichts -in die Welt hineinwerfen. Was sollte da eine Hexe -so Wunderliches sein? Wie oft sah ich nachts zum -Fenster hinaus, ob sie nicht durch den Schornstein -fuhr. Nicht mager, sondern ein Gerippe, war ihre -Brust eine Höhle, ihre Achseln eine Gruft. Sie -hatte mich im Norden eingefangen, und waghalsig, -wie man in früher Jugend ist, war ich ihr gefolgt. -Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ein Buch über -Musik zu schreiben, und brauchte jemanden, der -ihr abends all die Dinge vorspielte, welche sie -dann morgens, gleich nach dem Frühstück, schnell -in Literatur umsetzte. Es war ihre Art, musikalisch -zu sein. Nun stand mein Talent zum Vom-Blatt-Spielen -zu meiner lückenhaften Schulung ganz außer -Verhältnis. Dies war just, was sie suchte. Unser -Pakt war also folgender: ich sollte nur für meine -Reise aufkommen, ihr vierzehn Tage lang allabendlich -vorspielen, dafür bei ihr wohnen und Florenz -sehen können. Dieser Punkt wurde auch ganz -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -geschäftsmäßig auf ihr Konto gesetzt. Zwar, wie -sollte man es anstellen, in Florenz Florenz nicht -sehen zu können, aber ich willigte ein. Florence -vaut bien une sorcière, dachte ich. So fuhr ich hin. -</p> - -<p> -Aber leider lebte sie gar nicht in Florenz, -sondern von der Piazza del Duomo bis zu ihrer -Mulde, die ganz ohne Verbindung lag und zu der -keine Straßenbahn, kein Gleis führte, hatte man -geschlagene zwei Stunden zu gehen. Nun herrschte -sie allerdings über einen verhexten Schimmel und -ein Gefährt, das sie stets selbst kutschierte, aber -Pferd und Wagen standen nicht im Kontrakt, und -sie bot mir niemals an, mit ihr zu fahren. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<br />Zweites Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">eist</span> besaß sie ganz entschieden, aber die englische -Spinster neigt ohnedies zur Verdünnung -und nie, schien mir, war eine so unbarmherzig unter -die Räder geraten, an keiner hatte sich die klassische -Drohung, von der uns Plato berichtet, so drastisch -erfüllt, wie an der Hexe des florentinischen Tales. -Denn nicht nur, heißt es, hätten uns die Götter -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine -und vier Arme zu verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen -Seins angewiesen wurden, sondern es -könne wohl geschehen, daß die also beraubte und -reduzierte Kreatur nicht mehr aus Übermut zwar, -aber aus Mangel und Sehnsucht heraus sich zum -Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. -Und diese in ihrem Zorn würden sie zum zweiten -Male spalten, daß sie, zur Profilgestalt geschwunden -und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr -dürftiges Dasein verlebe. -</p> - -<p> -Am frühen Nachmittag lenkte sie – die Finger -um den Knauf der Peitsche gekrallt – ihr leeres -Gefährt nach der Stadt, und die unleibhafte Figur -mit der schiefen, gewölbten Schulter, dem scheinbar -nur profilierten Kopf, ragte gar spukhaft über das -Pferd, das alsbald mit unheimlicher Willenlosigkeit, -ja wie entsetzt, zum Tore hinauslief. Ich folgte zu -Fuß den Weg hinab, den sie voranzog, und ihr -nachsehend war ich es zufrieden, daß sie mich -nicht einlud, so wenig lockte mich ihre Nähe. Aber -das gealterte Jahr kehrte schon seine bleichsten, -müdesten Tage ans Licht, und die Dunkelheit -überraschte mich oft mitten auf der Straße, die -sich in glatten Schleifen so lange hinzog. Sie war -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -einsam genug. Die wenigen verstreuten Bauernhäuser -kehrten ihre Fenster scheu der Bergwand -zu und tauchten unter, bis es wieder tagte. Aber -die dunkle Leere, der frische Abendwind, die -Einsamkeit dieses Tales war so hold; ich dachte -an unsere nordischen Berge; wie schroff und finster -sie sich des Nachts wider den Wanderer zusammenschlossen! -Wie beschwichtigend dagegen umschatteten -sie ihn hier! Es lag etwas Schweifendes, -weit Umfassendes in der florentinischen Nacht, das -bei Tag verflachte; etwas so Beseeltes, daß es wie -kleine Flügel an meinen Sohlen hing. Oder war -es die Freude, im Dunkeln die Gegend zu durchstreifen -und die Welt so ganz allein für sich zu -haben, niemanden, der sie mit einem teilte noch -durch seine Begleitung störte? Es war so neu! -Aber die Hexe hatte mir verraten, wie sicher die -Wege hier seien, und mir von der engelsgleichen -Bevölkerung, die hier lebte, erzählt. Vielleicht -hätte ich mich auf einer deutschen Landstraße -im Finstern gefürchtet. Wer weiß? ich hatte es -nie erprobt. Es war mir nie gestattet gewesen. -Hier aber fühlte man sich so ungefährdet. Merkwürdig, -wie man das fühlt, dachte ich. Denn -nichts lassen sich sehr junge Menschen schneller -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -suggerieren, als den Glauben an die Ungefährlichkeit -aller Dinge: ja in ihrer bereitwilligen Unerschrockenheit -liegt etwas, das sie sozusagen an -den Rand der Welt hinaus verweist, als gehörten -sie infolge ihrer Unerfahrenheit nicht recht in sie -hinein. -</p> - -<p> -So kehrte ich jetzt nie mehr vor Abend zurück. -Um die Teezeit hatte die Hexe nicht selten Besuch. -Doch als ich da anfangs erschien, hungernd nach -anderen Gesichtern, verhehlte sie mir nicht, daß -sie meine Gegenwart verwünschte. Die Leute, -die mich hier trafen, schienen überrascht, zeigten -mir aber ein Entgegenkommen und ein Interesse, -das vielleicht auch Neugierde war. Auch mochte -der Kontrast so großer Jugend sie rühren. Einmal -war die schöne Frau Coroughdeen gekommen, -die mich zu sich lud, als wüßte sie schon von -mir. Aber ich wagte nicht sie aufzusuchen, -denn die Hexe schien zu glauben, diese Einladung -sei nur als Höflichkeit für sie selber gemeint. So -machte ich mich jetzt schon früh auf den Weg, -um ihren Anblick zu fliehen und kam erst am -späten Nachmittag zurück. Ihr Speisesaal hatte -vier Fenster, und im Tageslicht von allen Seiten -unerbittlich beleuchtet war sie entsetzlich. Ach! -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -wie trugen sich ihre trostlosen Umrisse über -Treppen und Gänge ein und waren vom Garten -unzertrennlich. Nein; es half nichts bei Tage, von -ihr wegzusehen. Ich gab es auf, legte die Gabel -hin und faßte sie ins Auge, da es doch kein Entrinnen -gab. Abends hatte man doch die dunklen -Wände und den Kerzenschein, in dem man – von -ihr weg – entgeistert starren konnte, während -man mit ihr sprach. Ja sie liebte das. Ich war -noch viel zu harten Herzens, um zu würdigen, wie -bitter sie selbst den ausgreifenden Bannkreis ihrer -Häßlichkeit empfand. Die Eisfelder von Labrador -wehten keine wehere Kälte aus als diese einsame -Kreatur, und ich war zu leichtsinnig, um zu bedenken, -wie sehr ich sie durch meine Abneigung -reizte. -</p> - -<p> -Meinen eingegangenen Verpflichtungen kam ich -übrigens sehr gewissenhaft nach und spielte ihr -allabendlich auf einem erträglichen Flügel, solange -sie nur wollte. Ich tat es mit Vergnügen, wenn -auch denkbar dilettantisch und zerstreut. Ein richtiger -Musiker hätte mich vor Ungeduld geschüttelt. -Die Hexe aber merkte nichts und ich frönte ihr -gegenüber jenem Hochmut, den sich der Deutsche -in Dingen der Musik gestattet. Damals trug ich -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -mich allen Ernstes mit der wilden Idee, dereinst -als geniale Dirigentin die Welt an der Spitze eines -Orchesters zu überraschen. Zwar bereitete ich -mich auf diesen glorreichen Moment nicht anders -vor, als daß ich, auf jenes imaginäre Talent mich -berufend, das Klavier geringschätzte! Dafür malte -ich mir immer wieder und mit besonderem Feuer -aus, wie ich eines Tages das Publikum in atemlosem -Banne halten und mein Orchester zu fliegend -stürmischen, trommelnden Taten hinreißen würde. -Je weniger die Wirklichkeit mich befriedigte, je -mehr Zeit verlor ich mit solch nichtigen Träumen. -</p> - -<p> -Eines Abends auf dem Heimweg phantasierte -ich wieder so lebhaft über dieses Thema, daß ich -unwillkürlich den Arm ausstreckte, als hielte er -schon den Stab über das Heer der Musiker geschwungen. -Ich ergoß Ströme tönenden Goldes -in eine vor Schweigen knisternde Luft, beschwingte -sie, blies sie bis zur Trunkenheit an. So etwas -hatte noch kein Publikum erlebt. Es fehlte nicht -viel, daß es vor Entzücken anfing zu tanzen. -Einige begannen heimlich zu fliegen. Als ich den -Taktstock hinlegte, entstand ein unheimliches Geheul -der Begeisterung. Man stürmte das Podium. -Ich sah, ich hörte noch den Jubel der entfesselten -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Scharen, aber ich konnte nicht mehr zur Wirklichkeit -zurück. Plötzlich sah man mich schwanken. -Ich brach zusammen. Ich war tot. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ein kalter Wind, der vom Apennin herüberblies, -riß mich aus dem imaginären Konzertsaal ins Freie -und zur Ernüchterung zurück. Ich stolperte mit -staubigen Füßen über ein paar Steine: und ich -war müde. Zur Erholung überdachte ich nun, wie -gut ich es tags zuvor der Hexe herausgegeben -hatte, als sie mich auszuholen suchte für ihr dummes -Buch. Was schöner sei: eine Symphonie oder ein -Quartett, hatte die gelehrte Heuschrecke mich gefragt; -und ich war stolz-ärgerlich um den Flügel -herumgegangen. Was schöner sei: ein Porträt -oder eine Landschaft, hatte ich sie zur Antwort -schnippisch gefragt und alsbald wieder zu spielen -angefangen, zum Zeichen, daß ich nicht zu diskutieren -wünschte. Denn, hatte sie keinen Platz -für mich in ihrem leeren Wagen, so gedachte -auch ich kein übriges zu tun. Wie sie mich -haßte! Aber noch zwölf Tage ... Inmitten der -dunkelnden Leere wurden da in der Ferne Schritte -vernehmbar. Sie belebten irgendwie diese weite -Stille. So war man doch nicht ganz allein. – Ja -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -noch zwölf Tage und die drei Wochen waren vorüber -und unser Pakt gelöst. Welches Glück! Wie -bezaubernd war doch das Leben! Und Hoffnungen -und Illusionen beflügelten meinen Gang. -</p> - -<p> -Der Takt der fernen Schritte wurde deutlicher, -und unwillkürlich ging ich auch ein wenig strammer. -Man aß sehr pünktlich zu Abend bei der Hexe. -Sie warf sich dann stets in ein schwarzes Damastkleid -von sehr gesuchtem Schnitt und über ihre -ungleichmäßige Rückenlinie ergoß eine Watteaufalte -ihren Schwall. Umsonst. – Sie hing ihr wie -das gewölbte Wappen eines stilisierten Drachen -an. Und was half sie mit einer Krause dem -kranken Oval des Gesichtes auf? es glich doch -höchstens einem gesottenen, halb ausgelaufenen Ei. -</p> - -<p> -Klapp, trapp, klangen die Schritte jetzt heller -zu mir her. Konnten sie sich denn so schnell -genähert haben? Es war wohl der Wind, der -sie herübertrug, wie den Schrei der Lokomotive, -der so unterschiedlich, bald so nahe, bald weit -weg zu uns Kindern herüberdrang, während jenes -Sommers im Gebirge, als wir dicht vor unseren -Fenstern die Eisenbahn achtmal des Tages in einen -Tunnel eindringen sahen und nie müde wurden, -ihr aufzupassen und auf den grausigen kurzen -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Pfiff zu warten, mit dem sie sich jedesmal in die -schwarze Wölbung einließ. Es war so lustig gewesen, -und der Pfiff klang oft so anders – oft -kläglich wie ein Hilfeschrei, je nachdem die -Luft ihn trug, wie jene Schritte her, wie die -meinigen hin. Die meinigen? – O Gott! an -welcher Sturmglocke riß dieser Gedanke so jäh, -welcher Aufruhr erhob sich in meinem Innern -– so neu –, nur Bilder können es sagen – wie -ein Orkan, der Staub und Blätter dahinfegt, so -wirbelte er die sorglose Leere meines Innern auf, -und kehrte ein ganz anderes Ich hervor, das ich -selbst nicht kannte ..., denn aus welch verborgener -Zelle, o Gott! stammten die Requisiten des argwöhnischen, -uralten und wissenden Weibes, dem -tausend Augen im Kopfe saßen wie einem -Tier, und in dem nichts lebendig war und nichts -vorhanden und nichts entfacht als eine wütende -und namenlose Furcht, dessen Sein sich nur mehr -auf den Takt jener Schritte bezog und dessen -sonstige Identität erlosch. Nur eine Minute vielleicht -und die Schritte würden mich überholen; -dennoch stand ich still, denn die Unhörbarkeit der -meinigen war das einzig Gebotene, nichts andres -tat not auf dem Höllenpfad, auf den ich mich mit -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -einem Male gewiesen sah – fort von der blumigen -Au jugendlicher Weltunkenntnis. So stand ich still. -Aber brannten da meine Augen wie Scheinwerfer -in ihren Höhlen, daß sie Dinge beleuchteten, -welche das Dunkel begrub: unkenntliche Holzlatten -jenseits der Straße, zu einem Viereck umrissen, -– aufgeschüttetes Laub, fast eine Hütte. -Schnell wie eine Kugel flog ich da über den -schmalen Graben zu ihr hin, und dort zu Boden -gestürzt sah ich aufblickend zum ersten Male, ja -wie zum ersten Male, einen mondlosen Himmel, -der die Erde in seinem Schoße zu halten schien, -und sah diese Erde als leichten Ball um ihre -eigene Achse im Weltall fliegen. Doch nur einen -schwindelnden Augenblick lang durfte das Bewußtsein -rasten, und zugleich mit ihm setzte ein -Innehalten meines Herzens ein, daß es still und -schwer wie eine zersprungene Glocke in mir lastete. -Denn alles hat ja ausgesetzt, und es gab für mich -nichts mehr als diesen Himmel über mir und die hastig -schlürfenden Schritte, die jetzt innehielten, als horche -hier einer, wo denn die meinigen blieben; – vorüber -alles andere, alle Ketten gelöst, die mich in diese -Welt eingliederten und alle Abkunft von mir genommen. -Nur mein Ich, oder ich weiß nicht welch -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -losgelöster Bestandteil meines Ichs, schoß da wie -eine Schlange zum Himmel auf; und er schien mir -mit einem Male wie beengt von all den Sternen, -die so neugierig, fast böse aus seinen Tiefen stachen. -Wie ließe sich’s beschreiben, daß hier ein Körnchen -Staub, ein Atom, das einen Moment lang zu -einem Schein von Leben sich entfachen durfte und -wie ein armseliger Leuchtkäfer an den faulen Balken -dieser Hütte hing, die Folgenschwere eigener Geschicke -an diesem unendlichen, still kreisenden -Himmel zu messen wagte, als hingen sie mit seiner -Ordnung irgendwie zusammen? Denn nicht anders -forderte ich ihn da heraus, hielt ich ihm vor, daß -seine rätselhaften Sterne nicht aus ihrer Bahn geschleudert, -nicht als wilde Fackeln der göttlichen -und unbegreiflichen Harmonie zum Chaos entbrennen -durften – und hielt eiserne Arme emporgerichtet, -nicht etwa flehend, sondern mit jener -Intensität ohnegleichen, die einer Beschwörungsformel -die hinreißende Kraft verleiht. Aber sie entrangen -sich einem totenstillen Herzen, dessen Last -nicht länger auszuhalten war, und zugleich schienen -die Schritte, von welchen mich keine Entfernung, -nur noch die Finsternis trennte, die Luft bis ans -Ende der Erde mit ihrem Gedröhn zu erfüllen. – -</p> - -<p> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Und wie diese Schritte inmitten der Stille zuerst -entstanden und dann vernehmbarer geworden -und sich genähert – wie sie innegehalten und -dann sich beschleunigt hatten, so fingen sie jetzt -an, vorüber zu gehen, so entfernten sie sich, so -verhallten sie jetzt – so trug sie der Wind noch -einmal deutlicher her. -</p> - -<p> -Ich sah mich verwundert um wie mitten am Tage. -Schon begriff ich das ganze dramatische Aufgebot -nicht mehr recht, mit welchem mich die Angst so -wild und unvermittelt gegen diese Hütte geschleudert -hatte, noch die elementare Wucht, mit -der sie wie ein Wagnersches Orchester einsetzend -ein Zaubergestrüpp um mich zog, das zugleich mit -ihm so spurlos entschwand. Ja ich schüttelte den -Gedanken daran ab, und wollte im Augenblick -den ganzen Vorgang für eingebildet erachten, so -stark war die Reaktion. Über den Graben zurückspringend, -ging ich wieder meinen einsamen Weg. -Schon rauschte mir jetzt das Flüßchen zwischen -den Bäumen beschwichtigend entgegen, und von -der Anhöhe herab grüßten die ersten Lichter der -kleinen Ortschaft. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -<br />Drittes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Vorgang wurde erst wieder real, als ich -etwas später als allabendlich am Flügel saß. -Die Hexe hatte ein Konzert von Mozart auf das Pult -gelegt und hörte stirnrunzelnd, mit drangsalierter, -angestrengter Miene zu. Über die Noten hin -sah ich sie nach einer Weile einen kühn gespitzten -Bleistift hervorziehen, um ihre grauen, -abenteuerlichen Hirngespinste über den liebenswürdigsten -Genius zu vermerken. Es war grotesk, -zu weit weg jedoch von aller Heiterkeit, um -komisch zu sein. Das Zimmer lag zu ebener -Erde und mit einem Male rauschte ein schwerer -Regen darnieder. Konnte es sein, daß man -sich hier auf demselben Planeten befand, auf dem -ein Wien und ein Salzburg stand? Und nicht -einmal fern! Zurück über die Alpen nach Rosenheim, -oder man stieg in Franzensfeste um und fuhr -durchs Pustertal hin ... -</p> - -<p> -Ich war durch die ausgestandene Emotion -noch so stark in Schwingung begriffen, daß sich -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -mein geistiges Auge unversehens schärfen durfte. -Es sah, erfaßte, erriet, möchte ich fast sagen, zum -ersten Male Mozart als Phänomen, seine Gestalt -im Raum, Geste und Wesen, alles in der Bewegung -und im Relief, aber mitten in der Luftschicht damaliger -Zeit und alles mit der Gewalt, der Plötzlichkeit -des Erdstoßes. Es war ein Divinieren, dessen -tiefe Schauer mich von allem Nichtigen und aller -Unaufmerksamkeit befreiten. Jeder Takt offenbarte -sich mir neu, ich drang verwundert wie zwischen -Säulen in mystische Hallen vor, oft betretene, die -ich doch gar nicht kannte, hinein in eine Welt, in -der das Unsichtbare Form und Farbe gewann, -und die in ihrer Entrücktheit so leugbar und doch -so vorhanden, o so viel vorhandener war als die -Stunde, die gerade schlug! -</p> - -<p> -Die Hexe merkte keinen Unterschied in meinem -Spiel. Sie hatte schon viele Seiten vollgekritzelt; -im Kamin zerfielen die verglühten Scheite und -die Kerzen waren herabgebrannt. Plötzlich hob -sich da auch die Flamme der auf dem Weg ausgestandenen -Furcht. Der schon angezweifelte, schon -fast verworfne Vorgang motivierte sich, wurde ernst -und majestätisch, wie der gestirnte Himmel, unter -dem er sich begab. -</p> - -<div class="centerpic"> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a><img src="images/i029.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -„Denken Sie, ich habe mich heute auf dem -Heimweg gefürchtet,“ sagte ich, als ich den Flügel -schloß. Sie hob ihren kleinen Drachenkopf und -sah mich teilnahmlos an. Man konnte sich nicht -vergegenwärtigen, daß sie jemals ein Kind oder -jung gewesen war, noch Vater und Mutter besessen -hatte. Der Blick, den sie mir zuwarf, -schüchterte mich ein. „Es war gewiß töricht,“ -sagte ich. „Allerdings,“ erwiderte sie kalt. Sie -mußte es wissen; lebte sie doch seit vielen -Jahren in dieser Gegend und war mit ihr verwachsen. -Italien, die Renaissance waren für sie -das letzte Wort – Toskana und seine Hügel die -Endstation der Schöpfung. Sie gebärdete sich -selbst so gut es ging als Italienerin; nannte ihre -Mädchen Cara, den Gärtner Caro, aß, lebte, -wohnte à l’italienne, plagte ihr Pferd und litt -keinen Hund. -</p> - -<p> -Mit jedem Tage haßte ich sie mehr. -</p> - -<p> -„Es ist spät,“ sagte sie. -</p> - -<p> -Wir traten zusammen auf den Vorplatz. Hier -blies die Zugluft von allen Seiten durch die lockeren -Flügel der Haustüre herein. Der Regen prasselte -auf das Dach und die Steinfliesen zeigten schon -feuchte Stellen. Ich stieg müde und schweigsam -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -die Treppe hinter der Hexe hinauf und schützte -meine flackernde Kerze. -</p> - -<p> -„Ich traf heute in den Uffizien Frau Coroughdeen,“ -sagte ich; „sie fragte mich, warum ich denn nicht -zu ihr kommen wollte.“ -</p> - -<p> -„Oh!“ Das ärgert sie! dachte ich froh. -</p> - -<p> -Aber so leicht zog sie den kürzeren nicht. -</p> - -<p> -„Mary Coroughdeen ist eine schöne, eine sehr -schöne Frau,“ entschied sie mit schaler Unparteilichkeit -und einem literatenhaften Unterton. „Sie ist -sehr umringt und interessiert sich nicht für junge -Mädchen.“ -</p> - -<p> -„Ja aber sie war es doch ...“ -</p> - -<p> -„Es ist natürlich,“ unterbrach sie mich, während -ihre Halskrause ins Beben geriet, „daß sie Ihnen -freundlich begegnete, da Sie unter meinem Dache -sind.“ -</p> - -<p> -Wir standen uns jetzt vor meiner Türe gegenüber. -Sie hielt ihre Augen auf mich gerichtet, -und wie immer fingen sich ihre Worte in ihren -langen, kränklichen Vorderzähnen. -</p> - -<p> -„Hat Mrs. Coroughdeen einen Tag mit Ihnen -ausgemacht?“ -</p> - -<p> -„Nein,“ gestand ich. -</p> - -<p> -„Nein! – in der Tat“ – und ihre Krause -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -rührte sich nicht mehr. – „Es steht ganz bei -Ihnen, auf eine so unformulierte Einladung hin die -Dame mit Ihrem Besuch zu überraschen. Ich -möchte Sie um so weniger daran hindern, als ich -diejenige bin, welche für Ihre faux pas – oder -eventuellen Zudringlichkeiten – allein verantwortlich -gemacht würde. Denn Sie selbst sind -noch zu jung!“ -</p> - -<p> -Zornig errötend wollte ich etwas entgegnen, -aber so schnell bog sie da in den Gang ein, der -zu ihren Zimmern führte, daß ich nur mehr die -Watteaufalte sah, die sich über den unsicheren, -gespenstigen Rücken wölbte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<br />Viertes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Morgen war der Himmel so rein -und licht, nach allen Richtungen sah man nur -seine sonnige Bläue, als könne er sich gar keiner -Stürme entsinnen, als schiene er über eine ungetrübte -und unsterbliche Welt, und als seien alle ihre Grausamkeiten, -ihre Morde und ihre Schiffbrüche und -ihre zerrissenen Herzen ephemer; so tilgte er sie; -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -so stellte er leuchtend alles wieder her. Ich bin -der Himmel, ich bin blau! lachte, tröstete er. -</p> - -<p> -Doch ich ging traurig meine Florentinische -Straße, die in weiten Schleifen und so einsam den -Hügeln entlang zog. Mir galt sie nichts, diese -Sonne. Den Gram der Jugend lindert sie nicht. -Unter ihren Lockungen verschärft er sich nur, und -richtet sich heftiger auf. -</p> - -<p> -Wo nur hatte ich den Mut genommen, erwartungsvoll -zu bleiben? Wie war es meiner Freundin -Amarant von Binnenlöhr gegangen, der zum -Glück Berufenen? Aber vielleicht war es so, daß -die Menschen wie die Monate des Jahres gewissen -Jahreszeiten unterstehen. Wie auch die jüngsten -Bäume sich im Herbst entlauben müssen, so hatte -sich der frostige Tod über meine Freundin Amarant -geworfen und ihrer langen Wimpern nicht -geachtet, sondern sie hingemäht wie einen Greis. -Nie war ein Verdacht, eine Witterung in uns gewesen, -sie könnte eine Gezeichnete sein. Dies war -der Fehler. Denn wie Metalle den Blitz anziehen, -so streben die Begebenheiten einzuschlagen, wo kein -Argwohn entgegenwirkt ... So war Amarants -Roman unermüdlich ausgesponnen worden, und -nicht einen von uns hatten je diese knospenden -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -Augen, diese frischen Zähne, diese schimmernde -Haut an die Möglichkeit ihres nahen Todes gemahnt. -</p> - -<p> -Hatte ich ihn schon vergessen? – sie war dahin, -aber meine Wünsche und Hoffnungen tangierte -dies nicht, und für mich beanspruchte ich nach -wie vor das Glück. Ja, für mich sollte es einherrauschen -und überfließen, war auch Amarant dahin. -</p> - -<p> -Glaubte ich dies wirklich! Ach nein! – Nicht -der Vision des durchsichtigen Baches, noch des -Vergißmeinnichtes, das tauumfeuchtet im Waldesschatten -seine blauen Bänke wie holde Schrecken -zieht, noch des mächtigen Gartens, in welchem -nur die kleinen edlen Vögel zu finden sind, weil -ihn die Nachtigallen jährlich übervölkern und dessen -reichgekrönte, von Putten so belebte Balustraden, -dessen Statuen uns ergreifen und dessen Rosenbeete, -dessen Rosenstauden von den Strahlen des -hohen Springbrunnens weithin verschleiert stehen – -nein, nicht von solchen Bildern war mein Leben -überhangen. Weitab von ihnen würde meine -Straße ziehen, leer abbiegen, wo sie sich nur -zeigten, mein ganzes Leben würde werden wie -diese Reise: Enttäuschung und Verdruß. -</p> - -<p> -Daß ich San Gervasio um eine Sekunde zu spät -erreichte, bestärkte mich noch in dem Glauben, -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -denn Schlüsse, mörderische wie gute, konnte ich -ziehen wie keine. Der kleine elektrische Zug fuhr -gerade davon. Da stand ich also und sah zu den -Türmen und der magischen Kuppel des Domes hinüber. -Hinter mir rollte ein Wagen; ich wich ihm -nicht aus. Mein durchwühltes Herz war in eine wilde -Senkung geraten. Doch die Pferde trabten fröhlich -abseits, das flockige Weiß eines seidenen Sonnenschirmes -hob und senkte sich, darunter ein Lachen -so abgetönt, so leicht umflort, so unbeschwert, daß -ich den Trübsinn, dem ich noch eben frönte, weit -zurückwies und mich seiner schämte. Denn Frau -Coroughdeen war es, die ihre großen Augen verwundert -auf mich richtete und die Pferde halten ließ. -Ihr Wagen war es, in den ich sprang und einen -Augenblick später den Hügel von Fiesole hinauffuhr. -Matt wie angehauchtes Silber rückte die profilierte -Stadt von neuem in die Ferne. Auch in mir war alles -licht und blau geworden und konnte sich keiner -Stürme mehr entsinnen, als wäre alle Not und alle -Trübsal eintägig. So tilgte sie ein einziger Freudenstrahl -in meinem freudegierigen Gemüt und stellte -alles wieder her. War auch Amarant dahin ... -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter img" id="chapter-0-6"> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -<span class="centerpic"><img src="images/i036.jpg" alt="" /></span> -<br />Fünftes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Stunde später saß ich in der geschützten -Loggia einer Villa, die am höchsten Plateau von -Fiesole hinter Pinien und Tannen ungesehen die -Gegend übersah. Die schöne Mary, ihr Bruder, -sommerlich gekleidet, und ein junges Ehepaar umringten -mich und hörten mir zu. -</p> - -<p> -Denn ich erzählte. Und ein Vogel, der Haft -entronnen, schmettert auf seinem Ast nicht unentwegter -darauf los. Und glaubt man, daß er fertig -sei, so setzt er schon wieder ein und ist in Zug -geraten. Mary Coroughdeen saß den Kopf zurückgeworfen -und lachte. Keine Linie an ihr, die -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -nicht der Regelmäßigkeit spottete, so triumphierend -aber, daß meine Nöte mir verächtlich erschienen. -Ich äffte jetzt das Pferd, wie es geängstet -aus dem Hofe ausriß, und mich selbst, wie -ich dem Wagen folgte und seine Spuren beging, -und das Pferd, wie es scheute, wenn es ihrer ansichtig -wurde. Es ging mir wie ihm. „Ich kann -sie nicht sehen!“ rief ich aus. „Auch sehe ich sie -nicht.“ -</p> - -<p> -„Wie bringen Sie das fertig!“ fragte der sommerliche -Herr, „da Sie doch Ihre Tage bei ihr verbringen.“ -</p> - -<p> -„Daß Gott verhüte! da bin ich doch in Florenz! -möglichst früh und komme erst abends zurück.“ -</p> - -<p> -„Allein?“ -</p> - -<p> -„Aber ja! Wer sollte mit mir kommen den -weiten Weg? und er ist ja so sicher.“ -</p> - -<p> -„Wer hat Ihnen das gesagt?“ -</p> - -<p> -Mary Coroughdeen hatte sich hoch aufgerichtet, -und alle starrten mich an. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-7"> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -<br />Sechstes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> verbrachte den Tag in der weitläufigen Villa -und wußte nicht, wer mir am besten gefiel: die -schöne Mary, das junge Ehepaar, das zu Besuch -bei ihr war, oder der sommerliche Herr. Eilte -denn meine Rückkehr nach Hause? Wäre es -nicht schöner, zu Neujahr nach Rom zu fahren? -Man hat eine Etage gemietet; es sei noch reichlich -Platz. „Oh ich komme gerne!“ rief ich aus. -„Abgemacht,“ klang es einstimmig zurück. Ich -war im siebenten Himmel. -</p> - -<p> -Abends fuhr mich Mary Coroughdeen den Hügel -hinab zur Hexe zurück. Sie lenkte selbst. Nur -wenig Sterne hingen am mondlosen Himmel. Wo -blieb das prangende, neugierig blitzende, unendliche -Heer, das sich gestern Nacht gesammelt hatte? -Ich dachte an meine Angst. Wie war sie fern! Gar -gefällig lösten sich freilich von solch einem Wägelchen -herab die endlosen Schleifen des Weges. -</p> - -<p> -Da sagte Frau Coroughdeen: „Sie müssen mir -versprechen, hier nie wieder im Dunkeln zu gehen.“ -</p> - -<div class="centerpic"> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a><img src="images/i039.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -„So hat die Hexe gelogen!“ fuhr ich auf. -</p> - -<p> -„Mit nichten“, sagte die sanfte Frau, „aber sie -ist ein Sonderling.“ Sie gab sich mit dem Pferde -zu schaffen und trieb es an. -</p> - -<p> -„Es ist immer besser,“ sagte sie dann und -blickte geradeaus, „Zerwürfnisse zu vermeiden.“ -Es war fühlbar, daß sie selbst sich nicht zerwerfen -wollte. Und hier war kein Feld zu einer Diskussion. -„Ich werde die übrigen Tage bestehen, -wie sie nun mal sind“, gelobte ich ihr, seufzte, -lachte aber sogleich. -</p> - -<p> -„Und dann kommen Sie ja zu uns!“ rief sie -sichtlich erleichtert aus. -</p> - -<p> -Das Zimmer, das ich bewohnen sollte, hatte -sie mir schon gezeigt, mit den sanft vom Winde -gebauschten großgeblumten Vorhängen, die Luft -selbst im Finstern so lauschig, und nirgends umlauert ... -</p> - -<p> -Elf Tage jedoch können sich so lange hinausdehnen, -daß man an ihrem Ende verzagt. Sind -sie verronnen, oh, so schöpft sie kaum mehr die -hohle Hand. Ich behalte von jener Zeit nichts mehr -zurück, als daß sie mir endlos erschien. So leichtfüßig -ist überstandene Not. -</p> - -<p> -Die Hexe ahnte nichts von dem romantischen -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -Zwischenfall, der mir so frohe Aussichten eröffnete. -Ich erwähnte ihn nicht. Es war nicht immer leicht, -angesichts ihres täglich neu formulierten Erstaunens -über meine verfrühte Rückkehr aus Florenz. Bevor -noch die Lampe einzog, betrat ich den Salon. -Es gab keinen anderen Aufenthalt, mein Zimmer -war kalt. Und dann stand ich an der Fenstertüre -und starrte trübselig hinaus, Cara aber brachte -den Tee mit den merkwürdigen kleinen Kuchen -wie aus verzuckertem Sand, die man nicht essen -konnte. Oder war es wirklich nur die Beklemmung? -Auch wenn ich noch so hungrig zu Tisch ging, -widerstanden mir alle Speisen. „Wie machen Sie -es, daß Sie leben?“ hatte die Hexe einmal gefragt. -Aber es läßt sich nicht schildern, wie mir an ihrem -Tische das Gemüse sich zu ungenießbarem Schilfe -verwandelte und ihr Brot in den knolligen Rohzustand -zurückkehrte. So furchtbar war es, an -ihrem Tische zu sitzen. Obwohl sie etwas ganz -Unanimalisches hatte, fand ich ihre Art zu essen -mehr ein Vertilgen, wie bei den Schlangen, und -daß sie pfiff dabei wie eine Maus. Nur einen -Lichtpunkt gab es, und ich freute mich manchmal -die halbe Nacht darauf: es war das erste Frühstück, -mit welchem die stumme Cara bei mir einzog. -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -Sie zündete zugleich das Feuer an, und -freundliche, nach Pinien duftende Flammen schlugen -dann im Kamine auf. Und da war die braune -Tonkanne und die dicken gerösteten Brotschnitten, -auf welchen die Butter zerfloß, alles mit einer -versteckten Sorgfalt bereitet, hin und wieder ein -Blümchen, blasse Heckenrosen vom Fluß. Doch -als ich das erstemal dafür dankte, lief Cara mit -erschreckter Miene zur Tür. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-8"> -<br />Siebentes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> fehlten nur noch vier Tage. Mein Koffer -stand inmitten des Zimmers aufgeschlagen; im -Tanzschritt hatte ich schon ein paar Sachen hineingelegt, -da sank mir noch einmal der Mut. An -einem fast schwülen Tag riß mir auf dem Heimweg -ein plötzlicher Sturmwind den dünnen Umhang -immer wieder in die Höhe, während ein -eisiger Regen die Schultern durchnäßte. Es half -nichts mehr, daß ich nachträglich eine gesteppte -Seidenjacke überzog und ganz vermummt zum -abendlichen Spiele schritt. Der Frost wollte nicht -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -mehr weichen. Die Noten dagegen schienen alle -aus ihrer Bahn geschleudert, erst nur gefallenen -Maschen gleich, und die sich selber wieder fingen, -dann aber sich auflösten zu einem verwirrten -Heere, das hinauf und hinab nach allen Seiten -stob, die kleinen, die schwachen und kurzen von -den mächtigen tief unter die Linien hinabgestoßen. -Wer gab den verrannten Scharen die Ordnung, -die Besinnung wieder, die aufgewirbelt, mit gesenkten -Köpfen losfuhren gegeneinander und begeistert -fielen. Hilf Gott. O der Not, o des Getümmels! -Wüste Bilder, Gesichte des Fiebers -hatten im Nu unerträgliche Hitze erzeugt, und -ich warf Schal und Jacke von mir. Doch die Hexe -hatte keinen Unterschied in meinem Spiele wahrgenommen, -sondern mit demselben bemerkenswerten -Stirnrunzeln zugehört wie alle Tage. Was -legte sich indessen wie eisige Tücher um Nacken -und Hals, daß die Zähne zusammenschlugen? Und -wer, o wer hatte die Flammen im Kamin verräterisch -umnebelt, daß sie so trübe tanzten, kalt -auch sie? Zuckte es da nicht wie von Schlangenzungen -in den Augen der Hexe auf, als sie, ohne -ein Wort zu sagen, endlich die Zeichen meiner -Erkrankung las, die ihr doch nicht genehm sein -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -konnte ... und ich war nicht gewillt, so hart vorm -Ziele dem Becher der Freuden zu entsagen. Wie -mit Krallen, alle Energie der Jugend im Aufgebot, -focht ich gegen die Erkältung an und trat sie -nieder. Als Cara nach einer schier endlosen Nacht -endlich, endlich bei mir eintrat, schlürfte ich den -Tee, den sie mir brachte, wie ein Elixier, und als -wiederum der Abend kam, schlug ich den Flügel -auf, als fehlte mir nichts. Die Hexe konnte nicht -umhin, sich gnädig zu zeigen. In Wahrheit begegneten -sich jetzt unsere Wünsche: der meine, -sie zu verlassen, der ihrige, mich los zu sein. Bedeutete -sie mir doch seit kurzem immerzu den -deutschen Weihnachtsbaum, unter dem ich nun in -Bälde stehen würde, und was für eine hübsche -Sitte er sei. So lag ich jetzt tagsüber in meinem -Zimmer zusammengerollt, Cara braute mir ungehindert -allerlei bittere Getränke und trug mir -dann die entzauberten Speisen auf, in welchen ich -statt zerfaserten Schilfes Bohnen oder Spaghetti -erkannte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-9"> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -<br />Achtes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> dämmerte der Morgen meiner Abreise: hochgehißt, -wie eine entrollte Fahne, war er da. -Zum letzten Male saß ich in dem zugigen Speisesaal -zur ebenen Erde und spürte seine kalten Ziegel -unter meinen Füßen. Der Regen schlug gegen -die Scheiben; böse fuhr der Wind sie an. Aber -trotz des schonungslosen Mittagslichtes faßte ich -heute die Hexe und ihre Drachenschulter voll ins -Auge. Sie glaubte noch immer, in einigen Stunden -würde mir der Apennin im Rücken liegen. -</p> - -<p> -Es gab zu diesem Essen eine unvergleichliche -Pastete. War sie wirklich so vortrefflich, oder -würzte sie zur Götterspeise das Gefühl des Sieges -und der überwundenen Krankheit? Zwei Riesenstücke -hatte ich schon davon gegessen und fuhr -trotzdem fort, ihr Blicke zuzuwerfen. Auf einer -Seite hielt sich noch eine Kruste aufrecht. Etwas -wie eine halbe Entschuldigung, ein verlegenes -Lächeln, und ich streckte sie hin. Denn die Fenster -sahen auf den Hof, und dort stand ja schon das -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Wägelchen gerüstet, und meine Koffer lud man -jetzt schon auf. Es folgten nur noch die paar -Augenblicke in dem verhängten Salon, wo die -Schatten alle Dinge schonten und man den Himmel -weinen hörte über dieses Haus. Meinem stets vorgreifenden -Gemüte war es schon abgerückt, derweil -ich mich noch darin befand; schon war sie -mir vergangen, diese ganze Zeit, mit der ich erst -im Begriff stand abzuschließen. Weggeblasen die -lächerlichen Klavierabende; alles vergessen, da es -überwunden war! -</p> - -<p> -Zum ersten Male seit meiner Ankunft schwang -ich mich wieder auf den hohen Sitz, von dem -aus die Hexe ihr schemenhaftes Roß kutschierte. -Entzückt von den Schönheiten des Weges, seinem -Flüßchen, seinem Immergrün, hoben sich meine -Arme zum Gruß der Rosen, die so spät von einem -ewigen Sommer träumten im Schutz des trügerischen -Laubs. -</p> - -<p> -In San Gervasio stieg ich aus. -</p> - -<p> -„Ich hoffe,“ sagte die Hexe, – denn nichts -hätte gesitteter sein können, als unser Auseinandergehen -– „ich hoffe, Sie besuchen mich, falls Ihr -Weg Sie wieder in die Gegend führt.“ -</p> - -<p> -„Ich werde gewiß nicht verfehlen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -„Sie sind noch erkältet. Nehmen Sie sich in -acht. Sie werden eine kalte Reise haben.“ -</p> - -<p> -Ich lachte. Mochte das verderbliche Weib sich -wundern über mein leichtes Herz. Später, irgendwann, -sollte es von meiner Übersiedelung nach -Fiesole erfahren, als hätte es sich auf Grund einer -Begegnung ganz improvisiert und zufällig ergeben. -Denn so war es ausgemacht. Und alles fügte sich -gut. Ihr Gefährt war außer Sicht, bevor ich den -Zug bestieg, der statt nach Florenz den Hügel -von Fiesole hinauffuhr. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-10"> -<br />Neuntes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ier</span> oben setzte nun jenes Zwischenspiel ein, -welches die Oase, die selige Insel, die gedeckte -Brücke darstellte über eine sonst wie auf geheime -Weisung mit großen und kleinen Steinen immer -neu versperrte Bahn. Glatt wie Marmorfliesen lief -sie plötzlich dahin. Ich sah nur mehr in die Luft -und residierte auf Wolken. Die Geschwindigkeit, -mit welcher der auf Verwehrungen Gestellte sich -an Erfüllungen gewöhnt, scheint darauf hinzudeuten, -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -diese seien letzten Endes doch unsere eigentliche Bestimmung -... Geschmeidig, wie ein nach Maß verfertigter -Handschuh, paßte mir die Freude nach -drei Tagen an. So sollte es bleiben, und so war -es recht. Blumengewinden gleich schlangen sich -die Stunden hin; schade um die, welche man verschlief. -Des Nachts lag ich noch lange in dem -breiten Fenstersims meines Zimmers; zu meinen -Füßen lag die glitzernde Stadt, vom Mondlicht -überströmt, und ruhelos überdachte ich die Genüsse -des vergangenen wie des kommenden -Tages. Es fehlte nicht an Depeschen, die mich -bald zu diesem, bald zu jenem Vergnügen hinunterriefen -und die mir schmeichelten. Aber am schönsten -war es doch hier oben, am liebsten sah ich -es, wenn die paar witzigsten oder schönsten Florentiner -in dem tiefen und dunklen und doch so frohgemuten -Saale sich zu uns gesellten, dessen Tisch, -ans äußerste Ende gerückt, sich wie auf einer -Bühne ausnahm, nur von Kerzen beleuchtet, in -deren Schein die Gesichter noch schöner, die Gespräche -noch beschwingter wurden. Doch wer -auch kam, immer war es Mary Coroughdeens Vorsitz, -der unsere Tafelrunde krönte. Denn wessen Blicke -schweiften geruhsamer, welcher Mund lächelte -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -<span class="fc w50"><img src="images/i049.jpg" alt="" /></span> -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -sanfter über uns hin? Ich nahm das Kolorit ihres -Haares, die Madonnenpracht ihrer Erscheinung für -gegeben. Wer den Schreck noch nicht erfuhr, -die Reize eines Angesichtes, die er in ihrer Blüte -sah, welk oder zerstört wiederzufinden, der kennt -das Leben nicht. Hier vermag die Phantasie für -sich allein ohne Erfahrungen nicht vorzugreifen. -Frau Coroughdeen stand in ihrem Zenit, und es -kam mir nicht in den Sinn, daß sie ihn gerade deshalb -bald überschreiten würde. Ich besaß noch nicht -die Vorstellung von dem Prozeß, der sachte aber -geschäftig ein eben noch straffes Gewebe lockert: -hier eine kleine Schärfe, ein leises Erschlaffen dort, -und der Verfall ist eingeleitet, so unmerklich zwar, -daß man sich fürs erste fragt, ob jenes Gesicht -noch ganz so schön ist, wie das Jahr zuvor. -</p> - -<p> -Ähnliche, einer Beschämung so verwandte Erkenntnisse -lagen mir noch fern; es war alles zeitlos. – -</p> - -<p> -Zwei hübsche Abendkleider, welche ich bei der -Hexe nie Gelegenheit gehabt hatte anzulegen, -kamen mir jetzt sehr zustatten: eines besonders, -von flügelartigem Schnitt mit schwarzen Achselbändern. -Wie entseelt hing es vom Stuhle. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-11"> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -<br />Zehntes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> junge Ehepaar war vorläufig nach Capri vorausgefahren; -Mary Coroughdeen, der sommerliche -Herr und ich wollten mit dem Abendzug -nach Rom; Treffpunkt war die Bahn. In meinem -Vergnügungsfieber folgte ich vorher noch einer -Einladung in die Stadt und aß in einem Kreis von -Leuten, welche den Eindruck in mir erweckten, daß -sie mich bewunderten. Dies bewirkte ein Gefühl -so großer Sicherheit, daß meine Einfälle einander -richtig jagten. Denn was konnte mir das Schicksal -noch anhaben? Um sechs Uhr ging es mit -Mary und dem sommerlichen Herrn nach Rom, -und Treffpunkt war die Bahn. Strahlend machte -ich mich von meiner Umgebung los, um einen Strohhut -zu erstehen, der mir schon lange ins Auge -stach. Der Preis war toll, aber was schadete das? -Eine solche Jahreswende, ein solches Silvester -mußte man feierlich begehen. Schon lag der kürzeste -Tag zurück: jetzt gerade setzte im Norden die -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -ärgste Kälte ein. Dem häßlichen und hassenswerten -Winter war ich zum erstenmal entronnen, -dem grauen Schnee um drei Uhr nachmittags -unter den abscheulichen Glockenklängen meiner -in den siebziger Jahren erbauten Stadtpfarrei. O -wie sie die Öde des todbringenden Alltags ausläuteten! -Entronnen! -</p> - -<p> -Ja, Treffpunkt war die Bahn. -</p> - -<p> -Und stand da nicht schon Marys Wagen, der Insassen -bar? kam mir da nicht der sommerliche Herr -entgegen? beschleunigte ich nicht meine Schritte? -</p> - -<p> -„Ich zerbreche mir den Kopf,“ sagte er, „was -am besten wäre.“ -</p> - -<p> -„Einen Strohhut kaufen!“ Und ich schwenkte -lachend den papiernen Sack, der ihn enthielt. „Ist -schon geschehen.“ -</p> - -<p> -„Ein großes Unglück ist geschehen“, sagte er da. -„Mein Schwager ist plötzlich gestorben. Ich suchte -vergebens, Sie zu erreichen. Mary ist mit dem -Mittagszug nach London abgereist.“ -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -„Wollen Sie nicht nach Fiesole mit mir zurück?“ -– – – – – – – – – – – – – – -</p> - -<p> -„Bis das Haus aufgelöst ist – Oder ziehen Sie -vor, hier in Florenz zu warten?“ -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -„Wie lange bleibt sie fort?“ -</p> - -<p> -Er zögerte. „Auf den Tag natürlich läßt es sich -nicht genau bestimmen.“ -</p> - -<p> -In diesem Augenblick wußte ich schon längst, -daß mir keine andere Wahl bliebe, als schnurgerade -nach Hause zu fahren. -</p> - -<p> -„Schade“, sagte er. -</p> - -<p> -„Sehr schade, sehr traurig“, sagte ich und ging -gemessenen Schrittes an seiner Seite auf und nieder. -</p> - -<p> -Auch nach Norden ging ein Zug in einer guten -Viertelstunde. Recht so. Ich löste alsbald eine -Karte. Er schien betreten über eine so kategorische -Hast. Aber Leute, die das Schafott besteigen -müssen, haben es eilig. -</p> - -<p> -So nahm ich Abschied, stieg ein und winkte -lächelnd aus dem Fenster, als ich schon fuhr. – -</p> - -<p> -Ein Bäumchen, vorfrüh ganz in Blüten gehüllt, -sogar von Hitze schon umwoben, von Bienen und -von Faltern schon umschwärmt, das schon Vögel -aussandte und in seinem Geäste nisten sah, und -das im Mondlicht vor Entzücken schauerte und -plötzlich unter einem niedrigen und schwarzen -Himmel von einem harten Schneegestöber gefaßt -wie erblindet steht, mit knackenden Ästen, sein -herrliches Kleid vernichtet und zerfetzt – der Anblick -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -eines solchen Bäumchens wird mich zeitlebens -an den Bahnhof von Florenz und jenen Tag zurückversetzen, -an dem ich dem sommerlichen Herrn -entgegenging, die Tüte schwenkend mit dem -neuen Hut, in dem ich ihn und alle, die mich -darin sehen würden, zu betören gedachte. Er, dieser -Hut, im Übermut gekauft, war schuld. Meine Fahrkarte -reichte nur bis Bozen. Dorthin kam telegraphisch -das Geld, das meine Heimreise ermöglichte. -Es schwebte mir das Postamt vor, von dem -es aufgegeben wurde. Leute mit frostentflammten -Nasen gingen aus und ein. Es war in der Tat die -kalte Fahrt, die mir die Hexe versprochen hatte. -München lag wie vereist. -</p> - -<p> -Dies war meine erste Abfahrt von Florenz. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter img" id="chapter-0-12"> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -<span class="centerpic"><img src="images/i055.jpg" alt="" /></span> -<br />Elftes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">och</span> ich kam wieder. Im Frühling zog ich -wieder die Via Tornabuoni hinab, sicheren -Schrittes auf den Arno los. Als wäre sie mein, diese -Stadt. Blumen gehörten jetzt zu ihrem Bilde. Es -war die Mode der weißen Handschuhe. Diese weißbehandschuhten -Hände trugen alle Blumen. Blumenbüschel -schossen an allen Straßenecken auf, und -wohlfeil war die Anemone; und die gelben Sonnenkelche, -die Narzissen, die hochgehißten, fast wilden -Sträuße der Mimosen. Mein waren auch die Düfte -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -dieser Stadt, die über die Brücke hinschlugen, -ihre erste Hitze und ihr erstes Grün. Jedoch mein -Reiseziel war Rom. Und erfahrener kam ich wieder -als im vergangenen Jahr. Ich hatte alles mitgenommen -dieses Mal. Am blauen Seidenbande, -im rosa Seidensäckchen eingenäht baumelten -deutsche Zechini mir vom Halse, die mir den -Himmel öffnen sollten über Rom. Ich griff nach -ihnen: sie waren immer da. Auch der Gürtel mit -der hohen Schließe, immer aufs engste zugeschnallt, -war eine Garantie. Und wieder einmal fand ich -das Leben eine schöne und merkwürdige Erfindung, -unerschöpflich an Genüssen. Denn die Wunder -Gottes waren nicht allein. Die Menschen hatten -ihnen die Wunder ihrer Architektur und ihrer -Musik, die Wunder solcher Städte zugesellt: diesen -Turm der Signoria zum Beispiel in seiner direkten -Beziehung zu den Wolken. O wie er sich reckte! -wie er aufflog zu ihnen. -</p> - -<p> -Der Dom warf sich auf gleich einem Berg. Er -warf Schatten gleich einem Berg. Enge Gassen -liefen auf ihn zu. Plätze gaben seinen himmellangen -Seitenwänden das Geleit; Straßen folgten -ihnen von fern. In der Buntheit, in der fließenden -Glätte seines Gesteines pochte Gesang. Was -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -funkelte da in der Bläue des Tages über die -Dächer der Stadt? der Hügel Fiesoles, vielgekrönt, -reich an Erinnerungen. -</p> - -<p> -Marys Haus war geschlossen, aber sie und ihr -sommerlicher Bruder erwarteten mich in Rom; -morgen, alle una mit dem direttissimo ... Alle -Hotels waren überfüllt. Man hatte mir eine Pension -sehr angelegentlich empfohlen, die mir außerordentlich -mißfiel; in einem modernen Viertel gelegen -mit feudalen Mietsparteien in den unteren -Etagen, von welchen sie ihren Leumund bezog, -vier Treppen hoch, die immer steiler und kahler -wurden. -</p> - -<p> -Wer aber beschreibt den Speisesaal? -</p> - -<p> -Fünfundvierzig – ich hatte sie gezählt – fünfundvierzig -alte Engländerinnen, alte Fräuleins, alte -gezierte Schachteln sammelten sich hier um die -Essenszeit mit fürchterlicher Pünktlichkeit zu Hauf, -nahmen vor kleinen Tischen Platz und boten einen -empörenden Anblick. Denn alte Frauen sind wie -Topfpflanzen aufzustellen, ja, und auch zu hegen, -aber sie gehören nicht in Sträuße wie die Zentifolie. -Und nicht nur mit ihren fünfundvierzig Teekännchen, -die Damen waren auch samt und sonders -mit den Photographien der Primavera und des -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -Konzertes von Giorgione vermählt. Der melancholische -Mönch, ohnehin das Symbol aller Verzichte, -mußte daran glauben. -</p> - -<p> -O diese bornierten Stirnen, so untergeordnet -und so ladylike, diese zufriedenen Ohrmuscheln, diese -phantasielosen Fingerknöchel, die Monotonie dieser -Münder, die alle dasselbe aßen, alle ohne Variante -dasselbe sagten; England, mochte es über den ganzen -Erdball siegen, England war blamiert mit ihnen! Mein -Gegenüber war von einer so housekeeperhaften -Manierlichkeit, sie war so schrecklich fein, daß ich -jetzt beide Ellbogen aufstützte, um weiter zu essen -– als die sechsundvierzigste Engländerin in Begleitung -eines Reverend unter die Türe trat. Mit -ihrem vornübergeneigten Kopf, der breiten und -mächtigen Nase, der braungelben Färbung, der -langen und ungefähren Gestalt, trat sie wie der -aufrechte Genius der Sardine einher. -</p> - -<p> -„Wer ist das?“ fragte ich unwillkürlich. -</p> - -<p> -Meine Tischgenossin hätte meinen Ausruf lieber -ignoriert, aber dann siegte der Wunsch, mich zu -belehren: „First cousin to Lord Sullivan“ beschied -sie kurz. Hatte ich denn schon einen Lord oder -die erste Cousine eines Lords getroffen? Geschah -es nicht zum ersten Male, he? War ich denn von -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -<span class="fc w60"><img src="images/i059.jpg" alt="" /></span> -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -good family? Schwerlich. Sie richtete ihre Jammerbüste -auf. „Armer Lord Sullivan,“ bemerkte ich. -Der Reverend trug einen Band Ruskin unter dem -Arm, er scheute sich nicht, Hahn in diesem Schauerkorb -zu sein und nahm gegenüber the Honourable -Sardine Platz. Unter ihrem Vorantritt verfügte -man sich dann in den Salon. Es tagte noch. Ich -floh ins Freie, der Via Tornabuoni zu. Dort konnte -man hübsche, junge, leichtsinnige Kokotten sehen, -das Hütchen lustig hinausgeschoben oder kecker -noch hereingesetzt. Und harmloser, unschuldiger -muteten sie an, als die geschützte Kohorte der -Pension Malocchio. (Schon, o schon nannte ich sie -so.) Und sie taugte nichts, die miese, zufällige -Jungfräulichkeit der gealterten Schar dort oben, -eine gezogene Niete nur, unheilig auch sie. -</p> - -<p> -Süß aber war die Vergessenheit dieses Abends. -Ich ging in einer Rosenwolke. Der Frühling hatte -einen wilden Tag gehabt. An wie viel Hängen -brach er heute aus! Den kühlsten Gründen nicht -mehr neu. Zwischen schweren Blättern drückten -sich die Blumen vor. Jetzt ging er zur Ruh. Es -stand ihm eine aufgeregte Nacht bevor. Der -Mond war voll. Schon steigerte sich das Gebüsch. -Ich sah ihm an, wie es sich bereitete. Vor dem -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Hôtel de Ville machte eine offene Droschke halt: -schmale Schuhe, die schnell Fuß auf der Erde -faßten, eine rasche Gestalt: „Wahrhaftig Sie sind -es!“ rief die Dame. -</p> - -<p> -Es war die eine Hälfte jenes Hochzeitspaares, -das zu Mary Coroughdeen gekommen und dann -nach Neapel gefahren war. Der Mann befand sich -jetzt in England infolge eines Trauerfalles, und sie -wartete in Florenz auf seine Wiederkehr. So kam -ich ihr wie gerufen. -</p> - -<p> -„Aber ich fahre morgen nach Rom.“ -</p> - -<p> -„Das dürfen Sie nicht! Sie dürfen mich nicht -so verlassen. Warten Sie nur noch drei Tage -und ich komme mit Ihnen.“ -</p> - -<p> -„Meine Pension“, sagte ich, „ist wirklich zu -greulich.“ – „Neben mir wird morgen ein Zimmer -frei,“ rief Eleonor. Sie lief in die Halle. Ich -wollte ihr folgen. Da war sie zurück. „Es ist -schon reserviert!“ rief sie mir zu und zog mich -wieder ins Freie. -</p> - -<p> -Es paßte mir nicht recht; ich wollte doch nach -Rom, aber sie war so willensstark. Arm in Arm -streunten wir nun durch die Straßen, und ich erzählte -ihr alles. Ich trug den vorfrüh gekauften -Hut. Wir lachten, und ich aß noch einmal zur -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Nacht. Ich skizzierte ihr die Schreckensschar und -den Reverend in ihrer Mitte. Eleonor sagte: -„Wir haben in Venedig eine Wohnung gemietet, -an der Giudecca, und Sie müssen uns dort besuchen.“ -„Schön, schön“, sagte ich. Quer über -den Platz kam ein Bekannter auf uns zu, und ich -nahm eine Einladung für den nächsten Abend von -ihm an. -</p> - -<p> -Die Steintreppen zu meiner Pension jedoch nahmen -wieder einmal kein Ende. Aber morgen hatte mich -ja das Stift gesehen. Auf immerdar! -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-13"> -<br />Zwölftes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ein</span> Zimmer trug die Nummer 19. Es war häßlich, -sah auf einen unwirschen Hof hinaus und -lag abgetrennt am äußersten Ende eines langen -Ganges. Häßlich, rot, grob, breitschrötig und cholerisch -war auch die Magd, die mir das heiße Wasser -und das Frühstück brachte. Aber schon um neun -Uhr wollte Eleonor mich holen, um nach Santa Maria -Novella zu gehen. Ostersonntag! und ein lichter -Himmel über dem düsteren Hof. Mir gleich -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -endgültig aus den Augen, so daß ich nicht umhin -konnte, ein wenig hin und her zu summen. Nur -so eine kleine Barkarole, von der schönen Luft, -die hereinwehte, getragen und wie von Märzbechern -eingeläutet. Es war noch früh, aber ich -störte niemanden. Das Zimmer hatte keine Nachbartür. -Die Fülle der Glocken über alle Dächer -hin! Mein Herz war leicht. Jetzt nur noch das -seidene Säckchen über den Kopf gezogen, und -ich stand bereit. Nachts pflegte ich es unter das -Kissen zu legen und nun hätte ich es schier vergessen. -Aber dort lag es nicht mehr. Wie zerstreut -ich doch heute war. Ich hatte es ja auf -das Tablett gelegt. Aber das hatte man schon -abgetragen. Ich läutete. Niemand erschien. Ich -läutete in rascher Folge wieder, und verdrossen -kam die Magd herein. Ich schickte sie nach der -Küche, nach dem Tablett zu schauen. Sie ging. -Zitternd stand ich vor dem Spiegel und starrte -mich mit blutlosen Lippen selber an, riß das Kleid -von neuem auf, aber das blaue Band hing mir -nicht an; griff mich ab, die Stätte war leer. Die -Person kam wieder: „Non c’è“, sagte sie. „Si c’è“, -rief ich in heller Verzweiflung. Ihr rotes Gesicht -wurde noch dunkler. Sie trat in den Gang hinaus -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -und kam mit einem Manne wieder, Hausdiener -oder Portier, jedenfalls ihr geschworener Freund. -„Non c’è“, bekräftigte er. „Non è vero“, sagte -ich. Da traten beide näher. Die Worte „gettarla -fuor dalla finestra“ drangen an mein Ohr und ließen -mich blitzartig die Situation übersehen, so daß ich -mich wohl hütete, von dem Fenster wegzurücken, -vor dem ich stand, denn wir waren ohne Zeugen. -Warfen sie mich in ihrer Wut hinab, so konnten -sie beteuern, ich hätte mich selbst hinuntergestürzt. -Der Gedanke an den Freispruch, der ihnen zuteil -würde, entwickelte in mir den Furor eines Löwen. -„Ich gehe jetzt auf eine Stunde fort“, sagte ich, -als hätte ich freie Bahn. „Mittlerweile suchen Sie -gefälligst das ganze Zimmer durch, dann wird der -Sack sicherlich zum Vorschein kommen.“ Mit -diesen Worten wandte ich mich der Türe zu, -allein die zwei blieben drohend vor mir aufgepflanzt -und ließen mich nicht durch. Was -wollten sie? „Man kommt“, sagte ich triumphierend. -Eleonor trat ins Zimmer. Meine beiden -Schergen verließen es alsbald. -</p> - -<p> -„Was ist?“ rief sie und fing mich auf. Denn -die zurückgedrängte Angst machte sich wie ein -giftiger Nebel über mich her, jetzt, da Eleonor -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -mir zur Seite stand. Sie duldete nicht, daß ich -dies Haus noch einmal betrat; lieber sollte mein -Koffer zurückbleiben, die Handtasche trugen wir -gemeinsam durch den leeren Gang. Niemand -zeigte sich. Wir gingen die Stiegen hinab, warteten -auf einen Wagen und fuhren ins Hôtel de -Ville. Ein reizendes und neu tapeziertes Zimmer -wartete da meiner, allein mir blieben siebenundvierzig -Lire, und ich fuhr mir ans Herz, als hätte -es einen Sprung. -</p> - -<p> -O Kirche von Santa Maria Novella! Welch -verwirrtes und bebendes Gemüt entließen an diesem -Ostermorgen deine heiligen Pforten! Aber war -mir nicht von neuem der Weg nach Rom verschüttet, -wenn der Sack verloren blieb? Was -flogen die Vögel so hoch? -</p> - -<p> -Und warum erspähte Eleonor den Schutzmann, -der gelangweilt auf dem Platze stand! Was radebrechte -sie da mit ihm? War es nicht verfrüht, -ihn heranzuziehen? Er mußte ein Neuling sein, -denn seine Bereitschaft war nicht gering. „Chè,“ -sagte er, „kriegen wir, kriegen wir,“ und machte -sich voll Eifer auf den Weg. -</p> - -<p> -Eleonor war guter Dinge. Sie hatte einen -Brief, der ihr die Rückkehr ihres Mannes anzeigte. -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -„Ich habe das bestimmte Vorgefühl, daß Sie heute -abend wieder im Besitz Ihres Sackes sind“, so -sagte sie. „Wie sind denn im allgemeinen Ihre -Vorgefühle?“ „Immer richtig! Man kann immer -darauf gehen.“ Doch ich atmete wie ein Asthmatiker. -„O Sie sind langweilig“, rief sie aus, „wo -wollen wir essen?“ Im Hotel wartete schon der -Polizist, zwar ohne Sack, aber mit zufriedener -Miene. Die Magd befände sich hinter Schloß und -Riegel. Indes stelle sich die Pension auf ihre -Seite und verweigere die Herausgabe des Koffers. -Die Magd leugnete nämlich. Daher die Repressalie. -Dann ging er. -</p> - -<p> -Ein Abendfähnchen war alles, was mir blieb, -außer dem Kleid, das ich trug. Es dunkelte. Mir -schauderte vor dem Anblick meines Fensters, es -war hochgelegen, wie das von heute morgen. Ich -zündete alle Lichter an. Auch über dem großen -Spiegel war ein Kontakt. Er warf mein Bild zurück. -Und wieder starrte ich mich selber an, als -könnte ich nur mir selbst meine Bedrücktheit anvertrauen. -Ich stand mit siebenundvierzig Lire und -ohne Koffer da. Dies waren die Tatsachen; mochte -Eleonor sich mit noch so guten Vorgefühlen -tragen. -</p> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Der Mond war heute voll. Welch Geraune -wohl und welch ein Rausch in den Cascinen. O -daß in den Tiefen des Gezweiges vielleicht sich -regte der Rhapsode unserer Ekstasen! Vielleicht -entströmte ihm das erste Gold erträumten Grams, -und schlugen Bangigkeit und Wonne der Verliebtheit -in seiner Kehle an. Leid und Verliebtheit -der Nachtigallen nur? O nein, der Götter und -der Menschenherzen. -</p> - -<p> -Langsam fing ich an, mich für den Abend umzukleiden. -Meine emporgerichteten Arme, im -Raume gesehen mit den hellbeschienenen Händen -in der Luft, bannten meinen Blick wie Bruchteile -einer Statue und anderer Wesenheiten teilhaft als -nur des Ichs. Solche Gedanken entsandte der -Spiegel als letzte Labsal, letzte Stärkung dieses -Tages ... -</p> - -<p> -„Wann zeigst du dich in deinem Glanze?“ lachte -Eleonor herüber. Als Antwort ein wilder Schrei. -Was hatte ich gesehen? Was zeigte sich mir da? -Sie stürzte herein, wähnend, meine Kleider steckten -in Brand. Ich hatte sie noch nicht angelegt. -Was nun auch sie erblickte, war ein Gegenstand -in meiner rechten Hand: ein blaues Band an einem -Ende losgerissen, von dem ein schweres Säckchen -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -herunterhing. Es war mitsamt dem Bande bis -zum Gürtel hinabgerutscht, hinter der hohen, nach -innen ausgebuchteten Schnalle platt gedrückt. Und -das Mädchen im Gefängnis. „Fliehen Sie, fliehen -Sie!“ war Eleonors Schreckensruf, und sie verließ -das Zimmer. Zitternd und ungefähr zog ich mich -an und lief aus dem Hause. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-14"> -<br />Dreizehntes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Florentiner, der mich zu Tisch erwartete -und mit dem ich dann in die Oper gehen sollte, -wohnte mit seiner Mutter in der Via Alfieri. Er -gehörte dem Kreise Frau Coroughdeens an. Auch -er zog alsbald das Kursbuch hervor. Wir aßen -nur so lange, als es Zeit bedurfte, die Victoria -anzuspannen und fuhren dann mit Diener und -Kutscher auf dem Bock nach der Pension Malocchio. -Ich sollte mit dieser Doppelwache im Wagen bleiben, -denn mein Parlamentarier bestand darauf, allein die -Höhle meiner Mißgeschicke zu besteigen. Dem -Säckchen, dem das blaue Band nur auf einer Seite -anhing (es hätte sich wirklich nicht gelohnt, es -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -anzunähen) entnahmen wir gerade so viel, als ich -zur Rückfahrt nach Deutschland brauchte; mit den -achtzehn schönen, runden, dicken Goldstücken, die -als mein Lösegeld darin verblieben, zog er dann -hinauf. Er blieb sehr lange. Die Luft war lau. -Im Norden gab es wohl noch Schneegestöber und -ein langes Hin und Her zwischen Winter und -Frühling. Warum kam mein Abgesandter nicht -zurück? Das Theater mußte bald zu Ende sein. -Im dritten Akt hatte die Duse fast nichts zu tun. -Da trat er hervor. -</p> - -<p> -„Mein Koffer“, sagte ich. „Man gibt ihn heute -abend noch nicht frei. Ich hatte einige Mühe -mit dem Mädchen“, sagte er; auf seinen Wink -fuhr jetzt der Kutscher wie ein Teufel los. „Dann -ist es ja gar nicht eingesperrt.“ „Man ließ es -mangelnder Beweise halber nach zwei Stunden -wieder laufen.“ Ein Groll stieg in mir auf. „Es -ist zu arg!“ -</p> - -<p> -„Wie?“ -</p> - -<p> -„Erzählen Sie doch!“ -</p> - -<p> -„Ich bin sehr lange ausgeblieben, Sie haben -lange warten müssen. Aber es war so interessant -und so unterhaltend, die alten Damen über Sie zu -verhören. Sie machen sich gar keinen Begriff, -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -welche Abneigung die ganze Pension für Sie gefaßt -hat. Nein, wie Sie das in zwei Tagen fertig -gebracht haben, alle Hochachtung! Es herrscht -nur eine Stimme über Sie. Die fälschlich angeklagte -Magd dagegen wurde umringt wie eine -Diva. Sie erhielt sechsundvierzig Geschenke. Von -Ihnen, meine Liebe, wollte sich jede schon beim -ersten Blick des schlechtesten Eindrucks entsinnen. -Ich gab mich natürlich nicht als Ihren Freund aus. -Es hätte den Redefluß gestört.“ – -</p> - -<p> -„Mein Koffer“, sagte ich. -</p> - -<p> -„Ich kriege ihn schon frei. Lassen Sie die -ersten Wogen der Rache sich legen. Es war da -noch ein Freund der armen Person ...“ -</p> - -<p> -„Armen Person?“ fuhr ich auf. „Sie hat das -beste Geschäft ihres Lebens gemacht. Schweigen -Sie mir von der.“ -</p> - -<p> -„Ja, sie ist häßlich, aber sie hat einen sehr -feurigen Freund, der unter gräßlichen Schwüren -beteuerte, er würde nicht eher ruhen, als bis Sie -selbst im Gefängnis säßen, und die sechsundvierzig -Damen teilten durchaus seine Ansicht. Es war -wirklich nicht so einfach, wissen Sie. Ich hatte -Mühe mit dem Säckchen. Ich hielt es an seinem -gerissenen Bande hoch und schilderte, wie leid -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Ihnen alles täte.“ „Nichts tut mir leid. Nur ich -allein tue mir leid. Kein Wort mehr“, rief ich. -Er zog seine Uhr. „Wir kommen noch recht zum -zweiten Akt.“ -</p> - -<p> -Der Morgen dämmerte. Es zwitscherten die -ersten Vögel. Silberner Flor war am Himmel zerstäubt. -Man klopfte, um mich zu wecken. Doch -ich stand schon bereit. Fluchtartig also und bei -Tagesgrauen mußte ich Florenz verlassen. Es war -meine einzige Ähnlichkeit mit Dante. Und mein -zweiter Abschied von dieser Stadt. Mary Coroughdeen -und ihren sommerlichen Bruder sah ich niemals -wieder. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-15"> -<br />Vierzehntes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">och</span> ich kam wieder. Ich ließ mich so nicht -unterkriegen. Diesmal stieg ich in der Nähe -des Bahnhofes ab, und länger als einen Tag und -eine Nacht gedachte ich nicht mich aufzuhalten. -Mein Reiseziel war Rom. Kein Säckchen hing mir -diesmal an. Ich hatte einen Kreditbrief, das war -besser. Die Bäume freilich, die ich in ihrer ersten -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Pracht gesehen hatte, standen längst entlaubt. -Auf den Bergen lag Schnee, und es gab viel -Kranke in der Stadt. Mary Coroughdeen war nach -England übersiedelt, ihre Villa geschlossen. Allein -das Licht tönte sich genau wie im vergangenen -Winter ab, und mit Macht versetzte es mich in -jene Zeit zurück, da ich traurig meine einsame -Straße marschierte. Mir schien, es sei vergangenes -Jahr. Ahnte ich denn, wie weit das Tageslicht -Leben ist – wie das unsere? Schwingungen sind -der Lüfte Schoß. Längst verwehte Akzente der -Leidenschaft, der Schönheit, des Affektes erstehen -uns von neuem. Ja, wer ihrer Sprache kundig -wäre! -</p> - -<p> -Betrachtet euch die Städter, wenn sie vernehmen, -daß sich die Wunderkrone der Victoria -Regia aus vieljährigem Schlafe regt. In langen -Zügen sieht man sie zur Riesenblume pilgern wie -zu einer Gottheit. Nur eine Woche lang strahlt -und duftet sie kostbarer und berückender, blüht -heißer als alle Blumen, dann schrumpft sie gelb -und häßlich ein; welke Stränge, ins Leere ausgeworfen, -künden ihren Tod, ihr vergängliches -Sterben. -</p> - -<p> -So kann den Hoffnungslosen, den auf immer -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -– (aber was heißt immer?) – den auf immer -Beraubten ein jagendes Licht, seine Fülle oder -sein Versagen, der Atem einer Brombeerstaude, -ein unvorhergesehenes Etwas an der Biegung -eines Weges, es kann der Schatten einer Bank -ihn überwältigen, daß er inmitten seines Grams -vor Glück erschauert. -</p> - -<p> -Ich wußte es noch nicht, ich wunderte mich -nur. Nie wäre es mir auf meiner Osterreise in -den Sinn gekommen, die Hexe aufzusuchen, und -nun fuhr ich zu ihr. Die Münze war mir ausgegangen, -ich reichte dem Schaffner eine Banknote -hin und starrte wunschlos in den Tag. Denn -es rastete mein Herz, als sei ihm Erkenntnis geworden, -und es frönte der ungewohnten Ruh. In -San Gervasio stieg ich aus und zog die weiten -Schleifen der Straße dahin. Ein frischer Wind -hatte sich aufgemacht und wehte mir entgegen. -</p> - -<p> -Die Stimmung der Hexe jedoch war eine andere, -und sie empfing mich kalt und überrascht. Die Uhr -schlug zwei. Cara brachte den schwarzen Kaffee -herein und auch ein Täßchen für mich. Ich hielt -es vor dem Fenster stehend, das auf den Garten -sah. Der Wind fegte einher. Kein Vorhang dämpfte -den fahlgewordenen Tag; er schwelgte in seiner -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Abgewandtheit, und sonderbar mischte sich da in -sein grenzenloses Schweifen das Ticken der Pendule. -Warum beklemmten ihre Schläge? Irrsinnig -schwang der kleine Pendel hin und her, als ob es -ihm obläge, Zeit, Natur, alle Dinge, alle Wünsche -zu skandieren, so machte er sich laut. Aber plötzlich -zerriß das Gewölke, eine wahrhaft südliche -Bläue triumphierte über den Sturm, und Sonne erfüllte -den Raum. Von ihrer Wärme einbezogen, -hielt ich das Gesicht zu ihr empor; von ihr umsponnen -und gebleicht war es begeistert ganz für -sich allein ... -</p> - -<p> -Neue Wolken jedoch trieben in der Luft heran, -alle Glorie erlosch, die Pinienkronen wirbelten auf, -der schwarze Lack des Flügels spiegelte sich in -der zunehmenden Düsterkeit und anders behauptete -sich jetzt das Ticken der Pendule, beschwichtigend -nunmehr wie Ammenworte in einer Kinderstube. -Und statt des Sonnenfeuers loderte das andere, -das wir den Göttern gestohlen hatten, still und geschäftig -im Kamin, in dessen Schein die fröstelnde -Hexe saß. Wo waren meine Augen gewesen, daß -ich über das kranke Oval die schmale beschwingte -Stirne übersehen hatte und die in ihrer Zermürbtheit -rührenden Schläfen? Was schied mich von -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -so viel Verblühtheit? Die irrsinnigen kleinen Pendelschläge -nur, die, alles mißachtend, mich alt oder -verwest zurücklassen würden. Ein Jahr war vergangen, -seit mir die Hexe der Inbegriff alles Verabscheuungswürdigen -dünkte, ein Jahr, an dem ich -mich noch schleppte. War sie nicht vielleicht schön, -diese Hexe? und war sie eine Hexe? Barg sie -nicht ganz andere Flügel vielleicht, als die des -Drachen? – Die unter die Räder geratene Spinster -sollte dereinst mehr Wesensfülle, mehr Menschentum, -mehr Mut, mehr Edelsinn, mehr Unbeirrbarkeit -des Geistes und des Herzens zu Tage legen, -als Millionen und Millionen ihrer Zeitgenossen. Wie -die auf hohem Brückenpfeiler gestellte Engelsfigur, -so vereinzelt und abseits sollte ihre barocke Gestalt -sich im Weltkrieg umreißen und die dumpfe Allgemeinheit -überragen. – -</p> - -<p> -War eine Ahnung in mir aufgestiegen? Alles -stand hier unverrückt: der Flügel, die Fenstertüren, -die auf den blumenlosen Garten sahen, die Hexe -am Kamin. Nur ich war anders zurückgekehrt. -So litt man denn nicht vergebens ... -</p> - -<p> -Bewegt sah ich zu ihr herab. Allein ihr Wunsch, -von mir befreit zu sein, funkte durch das Zimmer, -und ich nahm Abschied; immer noch wie im Traum, -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -als ob ich es nicht selber sei, welche die oft begangenen -Schleifen der Straße dahinzog, und als -sähe ich die vom Winde dahingewehten Umrisse -der eigenen Gestalt. Erst in San Gervasio, angesichts -der schon grell beleuchteten Schienen, erwachte -ich, setzte schnell darüber und sprang in -den Wagen. -</p> - -<p> -Auf dem Hinweg aber hatte der Schaffner -meine Zerstreutheit wahrgenommen, erfolgreich abgewartet -und auf meine Banknote überhaupt nichts -herausgegeben. Ich merkte es erst jetzt, kramte -fieberhaft in meiner Tasche, und als kein Zweifel -mehr bestehen konnte, reichte ich dem neuen -Schaffner schwer verdrossen einen neuen Schein. -Er gab mir reichlich Silber zurück; aufmerksam -achtend fand ich, daß alles stimmte und sah wieder -zum Fenster hinaus. Aber das große Spiel der -Schatten, die ins Dunkel geworfenen Kirchen -drangen nicht mehr bis zu mir. Damals wie -heute bildete der Domplatz die Endstation. Meine -Börse war zum Bersten voll, und es dünkte mir -daher praktischer, sogleich einige Einkäufe mit -dem Hartgeld zu besorgen. Bei jedem Stück jedoch, -das ich hinreichte, hieß es jetzt: „Non è -buono“. Die Hauptpost befand sich damals den -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Uffizien gegenüber. Am Schalter regierte ein -Mann mit den Schultern eines Sklavenhändlers. -Francobolli, herrschte ich ihn an, zahlte verächtlich -und ging ins Freie. Auch er jedoch, wenn auch -nur um ein paar Groschen, hatte mich begaunert. -War mir aber der Gedanke nie gekommen, die -beiden froh dahinfahrenden Schaffner zu belangen, -so brachte mich diese letzte, kleine Übervorteilung -zur Raserei. Wie in einem fünften Akt und als -stecke mir ein Dolch unter dem Mantel, so ging ich -wieder zurück, trat an den Mann heran und machte -wegen der fünf Soldi meine Szene. Wütend warf -er sie auf den Tisch. „È pazza“, sagte er zu den -Umstehenden; ich strich die Groschen ein und ging. -</p> - -<p> -Wie edel lag der Platz vor mir! Ein früher -Mond hellte zarten Fluges darüber. In der Loggia -dei Lanzi hielt der Held den sterbenden Freund. -O des ewigen Augenblickes, da er, aufgegebenen -Geistes, von seinem Arm herabhing! Mein Herz -strebte plötzlich himmelwärts wie der Turm der -Signoria. Wie fehlte dem Leben jede Majestät! -Armselig war es eingedämmt von Widrigkeiten, Zufällen, -zerrissenen Schuhbändern, verlorenen Gegenständen, -Zahnschmerzen, verfehlten Zügen. -</p> - -<p> -„Non è buono, non son buoni“, hieß es am -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -nächsten Morgen beim Begleichen meiner Rechnung. -Alles Silbergeld falsch. Zum Glück war -mein Billett nach Rom schon lange gelöst. Von -hundert Lire hatten fünfunddreißig ihre Gültigkeit. -Niemand ließ sich von den übrigen etwas andrehen, -so erbittert ich es auch versuchte. Nun rollte -der Zug, in dem ich saß, aus der dunklen Halle -ins Tageslicht. Romwärts. – Also doch! – -</p> - -<p> -Allein der angesammelte Ärger brodelte wie -auf Feuer gesetzt. Nur auf den Verlust des lumpigen -Geldes versessen tobte Leidenschaft um so -peinigender darein, als ihr Mißverhältnis zu einer -so jämmerlichen Ursache mir nicht entging; eine -Welle nach der andern schäumte an den Strand, -infuriata. Ob ich noch so sehr strebte, mich in -die Hand zu nehmen, zu einem vernünftigen neben -einem unvernünftigen Wesen mich verdoppelnd. -Ermahnungen und Klagen gingen hin und her. -War es nicht verächtlich, eines so schnöden Anlasses -wegen dieser maßlosen Aufregung zu -frönen? – Aber würde ich denn in Rom weniger -unfähig sein, falsches Geld von richtigem zu unterscheiden? -Und was dann? -</p> - -<p> -Wie vielen ist es vergönnt, fragte ich, zu ihrem -Pläsier in der Welt herumfahren? Pläsier? fragte ich. -</p> - -<p> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Ich hielt einen Tauchnitzband, ohne je über die -erste Seite zu gelangen. Die Zeit verstrich, -Stationen tauchten auf, hin und wieder hielt der -Zug, oder er flog vorbei. Ich saß am Fenster, -die Landschaft wurde kahler, ihr Lachen erstarb; -sie war heroisch, aber nicht ohne Grausamkeit, -die Bäume so gezählt; – und ich beruhigte mich -nicht. Plötzlich ein großer Ruck. – Türen flogen -auf. Chiusi. Mittagszeit. Ein tiefer Saal; gedeckte -Tische aus dunklem Grunde hervorschimmernd. -Die Reisenden strömten in Scharen dorthin. -Ich sagte schon, es sei die Mode der weißen -Handschuhe gewesen. Wie? Was streifte ich in -dieser Kohlenatmosphäre ein schmiegsames, makelloses -Paar über? Welche Stille setzte plötzlich in -mir ein? welcher Einfall hißte sich hoch? Wer -ging da? frage ich, ihren Tauchnitzband unter -dem Arm, so kerzengrade, so rhythmisch, so lässig, -so gelassen, so bewußt, so offenkundig distinguiert? -Wer war sie? Man schaffte ihr Platz, sofort. Wie -wäre es anders gewesen? jedoch sie dankte. „Un -cestino,“ sagte sie, „queste pasticcerie“. Sie trank -ein Glas Marsala, dann ein zweites, und unauffällig, -als wäre es ihr erstes, ließ sie sich ein drittes -geben. Es setzte sie in den Vollbesitz ihres Mutes. -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Sie deutete auf Schinkenbrötchen; auf Orangen. – -Sorglich, die pasticcerie zu oberst – wurde alles -hineingelegt. Ihr Buch fest an sich haltend, schritt -sie sodann, weltabgewandt, wie sie gekommen war, -über die Schwelle des ristorante. Sie eilte nicht; -sie zögerte nicht. Nie würde sie wieder eine so -unnachahmliche Allüre aufbringen, um einen Perron -zu überschreiten, mit so liebenswürdiger Sicherheit, -so effektvoller Ruhe, so überlegener Grazie sich -bewegen. Nunmehr hatte sie ihren Platz am -Fenster eingenommen. Von ihm aus konnte sie -die Reisenden übersehen, welche erst vereinzelt, -dann in Scharen einzusteigen begannen. Saßen -sie alle? Nein. – Ein Weilchen dauerte es noch. -„Pronti!“ erklang endlich der willkommene Ruf. -Man fuhr. -</p> - -<p> -Am Eingang des Saales pflanzte sich jetzt der -Padrone des Buffettos mit seinen in Zeit und Raum -ausgeweiteten Gliedmaßen auf. Befriedigt blickte -er seinen Konsumenten nach. Es hatte sich -gelohnt. -</p> - -<p> -Wer aber konnte da nicht umhin, die weiß behandschuhte -Linke leicht herablassend zum Gruße -zu erheben? wer nickte ihm mit einem rätselhaften -Lächeln zu? – Der Zug fuhr ja schon, und ich -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -war von drei Gläsern Marsala (drei!) unbändig -heiter gestimmt. Denn mit keinem Centesimo -hatte ich den Wein, hatte ich die aranccie, die -pane con jambone, die pasticcerie, noch die frutta -secca berappt. Nicht war es nötig, daß ich mich -länger zurechtwies; das Gelingen des gewagten -Streiches, die aus dem Stegreif inszenierte Komödie -hatte allen Schaden wett gemacht. Ich war gerächt. -– Er würde es heute abend schon gewahr -werden, der dicke Hans Dampf unter seiner Tür, -daß an den Zecchini dieses Tages etwas nicht -stimmte, nie aber würde er auf die über jeden -Verdacht so erhabene, dem Alltag so entzogene -Miß geraten, die ihr englisches Buch fest an sich -hielt, während sie sich unversehens mit Marsala -half, um ihrerseits Italien zu prellen. Es fehlte -der Raum, sonst hätte ich getanzt, es fehlte ein -viertes Glas, sonst hätte ich ein Hoch auf mich -selber ausgebracht, so zufrieden war ich wieder -mit mir selbst; so zufrieden verzehrte ich jetzt den -ganzen Proviant. Vor allem mein <em>Gewissen</em> aber -hatte die verlorene Ruhe zurück erworben. -</p> - -<p> -So kam ich zum erstenmal nach Rom. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter img" id="chapter-0-16"> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -<span class="centerpic"><img src="images/i082.jpg" alt="" /></span> -<br />Fünfzehntes Kapitel -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nvorbereiteter</span> waren sicher noch nicht viele -nach der Stätte so großer Ereignisse gewandert. -Daten, früh erlernt, hatte ich prompt und auf -immer vergessen. Das Kolosseum stand mir als -ein Sinnbild aller Grausamkeiten, und nur mit -Abscheu blickte ich zur niedrigen Türe hin, aus -welcher die Märtyrer den wilden Tieren entgegenzogen. -</p> - -<p> -Wozu eigentlich Märtyrer? Wäre es nicht besser -gewesen, sich zu drücken? -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Auch die Engelsburg hatte mir viel zu viele -Leiden beherbergt. St. Peter, mit Ausnahme von -Michelangelos Jugendwerk, auch die Kolonnaden -sprachen nicht zu mir, St. Clemens war die einzige -Kirche, die mich rührte, von den Museen beglückten -mich nur die Thermen, vor dem Forum -versagte meine Phantasie. Schöner war es, in -die Villa Medici zu gehen. In einer der Alleen -stand Meleager, den herrlichen Marmorleib von -späten Rosen umrankt, über ihn der verglühende -Tag. Rom ist eine Stadt des Abends. Er hob -sie auf ihren Thron. Alle Städte waren ihr dann -untertan. Starke Tränke für den Beschauer waren -ihre Sonnenuntergänge. Auch mir benahmen sie -die Armut. Doch nur auf Augenblicke. -</p> - -<p> -Hier muß ich daran erinnern, was zu Anfang -dieses Buches steht: eine radikale Sprunghaftigkeit -könne sehr wohl mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit -des Denkens zusammenhängen und es -käme auf eine Probe an. -</p> - -<p> -Auch die Jugend, lieber Leser, überblickt das -Leben. Nicht in der Verkürzung wie der Greis, -sondern in wilder Vielfältigkeit türmt es sich vor -ihr. Später, im Gewühle stehend, nehmen wir es -in Kauf. Die Jugend ist hierin feiner. Sie ist -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -noch nicht mit ihm verwachsen; wie soll sie es -bewältigen? selbst mitten im Überschwang kennt -sie das Zaudern und das Grauen. Erbarmt euch -ihrer Unreife. Gerade sie wird ihr leicht zum Verhängnis. -Keinem Lebensalter liegt der Selbstmord -näher. Über die Brücke gelehnt, bedachte ich -nicht mehr die Ausblicke und Bahnen meines Daseins, -nur noch die besten Arten, mich ihm zu -entziehen. Eine solche Flucht war freilich eine -Niederlage und ein anderes Wort für: nicht bestehen. -Allein es war der letzte Anker, wohl in -Sicht zu halten. -</p> - -<p> -Rom hatte versagt. Was hatte ich geglaubt? -Saß es auf seinen sieben Hügeln, um mir Richtlinien -zu weisen? Ja, etwas Ähnliches hatte ich -gewähnt. Denn Dürftigkeit und Chaos stritten -sich um die Herrschaft in meinem Inneren. Die -Intensität, mit welcher ich im Bahnhofsrestaurant -in Chiusi operierte, lag natürlich meinem Wesen -überhaupt zugrunde. Aber die letzten Dinge, -nicht mehr noch minder, waren meine Sorge. -Die Aula jedoch hatte ich mir selbst aufrichten, -ohne Anleitung durch Dornen und Gestrüppe mich -reißen müssen, nirgends zünftig, überall verwahrlost, -nirgends zugehörig, immer hospitierend. Statt -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -des Führers, statt des Rückhalts, statt des Abiturs -– den Hokuspokus. -</p> - -<p> -Aber die tollste meiner „Windmühlen“ war -Richard Wagner geworden. -</p> - -<p> -Ihn hatte ich zu meinem unmittelbaren Mentor -erkoren. Seinem Dienste war ich eingeschworen, -seinem Genius verpflichtet, seinem Beistand überantwortet. -Seine gewichtigen zehn Bände waren -das Bollwerk meines Château du cœur. Seinen -langatmigen Formulierungen folgte ich um seiner -kühnen Folgerungen willen gerne. Noch tobte die -Wagnerische Mode, doch schon mehrten sich die -Anzeichen eines Umschwunges, und mit Genugtuung -nahm ich sie wahr. Bald, o bald fiel er -fort, der lästige Chor, dann blieben nur die Wenigen, -die ihn wirklich erkannten, dann gehörte er mir. -Vor allem war es die Erhabenheit seiner Gesinnung, -über die ich nicht mit mir handeln ließ; -jederzeit kampfbereit, wenn es galt, die Standarte -meines Glaubens flattern zu lassen. Zerwürfnisse -nicht vermeidend, im Gegenteil; zu reinlichen -Scheidungen immer gewillt; zu Donquichotterien -immer aufgelegt. So erlebte eine Münchner Salonlöwin, -die über Wagner im familiären Tone aburteilte, -daß ich, über die Köpfe ihrer Gäste hinweg, -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -lauten Protest erhob und augenblicklich ihren -„jour“ verließ. Es war ein schöner Frühlingsnachmittag. -Ein leichter Wind umstrich mich linde: -derweil die oben Gebliebenen empört über mich -zu Gerichte saßen; entfernte man sich so, und wer -war ich denn? -</p> - -<p> -Denn von der geistig besitzlosen Klasse wird -das Recht auf eigene Meinung, so wir eine haben, -am längsten angezweifelt und bekämpft; daher -einem jungen Fräulein Niemand die beste Gelegenheit -geboten wird, zur Menschenkennerin heranzureifen. -Diesbezüglich befand ich mich in vorderster -Szene, wo immer ich auftrat. London -oder Berlin, es war ganz gleich. Als ich zum -ersten Male einen Winter in Paris verbrachte, -lebte noch der Gründer des Crédit Lyonnais, ein -feiner, überlegener Greis. Auf irgendeine Empfehlung -hin wurde ich dort öfters eingeladen. Es -war ein Salon, der eben anfing, ein wenig auszuleiern. -Nach einem kleinen, köstlichen Diner stand -ich am Kamin und überblickte die Gesellschaft. -Die schöne und noch junge Frau mit dem glitzernden -und gewellten Haar figurierte in ihrer Schlankheit -zu Ehren des noch schönen Paul Deschanel, -das war klar. Sein Frack, dies letzte Wort von -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Frack, die seidene Schmiegsamkeit seiner Socken, -seine für weiße Manschetten wie erdachten Hände, -sein für den Zylinder wie erträumter Kopf, dies -alles, wenn ich es heute überdenke, war von -einer vorkriegszeitlichen Pracht, ohne störende -Beziehung – seitdem haben sich ja der menschlichen -Gesellschaft dunklere Kulissen aufgetan – -als Empfangsräume, als den Salon. -</p> - -<p> -Ich sah und staunte. – In Gespräche mischte -ich mich nur selten. Es war auch nicht nötig; im -übrigen war ich eine jeune fille sans dot, und -weniger konnte man nicht sein. -</p> - -<p> -Aber man kam an diesem Abend auf Bayreuth -zu sprechen, und zu meinem Schrecken riß die -Frau des Hauses Wagners Charakter in den Staub. -„Ingratitude notoire“ waren ihre Worte. Schon -führte ich wieder Schild und Speer, schon hielt ich -am Kamine aufgestellt meinen Speech, schon war -ich mitten in meiner Rhetorik. Hätte er Buch -führen sollen über Summen, die er zur allgemeinen -Bereicherung entlieh? und wenn wir schon feilschten, -warum die vielen Existenzen nicht mit einbeziehen, -die er begründete, die Theater, die er -dotierte oder ins Leben rief, die Riesenvermögen -der Wagnersänger? Was zollten sie ihm dafür? -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -„Wenn wir schon feilschten,“ sagte ich und blickte -unbefangen im Kreise umher, „gab er dem Etat -der bayrischen Staatsbahnen, gab er“, höhnte ich, -„den Hoteliers nichts zu lachen? Auf welcher Seite -liegt der Undank, wenn wir schon rechnen?“ fragte -ich. „O wie er das Geld verbrauchte, hinauswarf -und verachtete, wie er zu einer von Mark und -Pfennig gravitätisch eingedämmten Welt sich so -unsäglich mittelbar bezog, Gott, wie erfrischend, -welche Labung!“ rief ich aus. -</p> - -<p> -Nun war natürlich Dank oder Undank Wagners -den Anwesenden denkbar egal. Was sollte dies -feierliche Gehabe? – Ich sah Blicke sich kreuzen, -Mundwinkel zucken; erst entstand ein Schweigen, -dann sagte jemand: „Comme il fait chaud!“ -</p> - -<p> -Begossenheit war da alsbald mein Anteil. Schüchternheit -befiel mich wieder und schmiedete mich -an den Kamin, wie Andromeda an ihren Felsen. -Da aber trat Perseus in Gestalt eines ergrauten -Mannes vom anderen Ende des Zimmers näher, -und es erklangen die rettenden und unverhofften -Worte: „Elle a raison“. -</p> - -<p> -Es war ein Professor Coggia aus Palermo; er -hatte dem greisen Wagner bei Gelegenheit eines -Aufenthaltes in dieser Stadt einige Dienste erwiesen -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -und pries nun seine rührende Erkenntlichkeit, -seine einfache und rücksichtsvolle Art. Dagegen -machte er den denkbar schärfsten Trennungsstrich -zwischen ihm und seiner nächsten Umgebung. Ja, er -leugnete ganz und gar, daß sie Wagner homogen -gewesen sei. Alle hörten jetzt mit großer Spannung -zu. Wie glücklich aber war ich selbst an diesem -Abend! Wie leicht tönte der Widerhall meiner -Schritte auf dem Heimweg an mein Ohr. In Paris, -wo er in seiner Jugend darbte, Wagner als armer -Teufel, Wagner in Würzburg und Riga, schwebte -mir mit ergreifender Deutlichkeit vor. -</p> - -<p> -Eines Nachts aber – kurz darauf – stand ich -auf dem Platz des Münchner Hoftheaters. Allein. -Denn eine Siegfried-Aufführung war noch im Gang, -und ich war herausgelaufen, weil ich diese Musik -nicht mehr ertrug. Sie bekundete mir nichts mehr. -Sie quälte mich. Die Vorstellung war mittelmäßig, -es ist wahr (die Ära Mottl stand noch aus), dennoch -– ob ich mir auch gewisse Sonaten, die, zu -oft vernommen, auf immer vielleicht erschöpft -blieben, auch eine heruntergerasselte Eroica ins -Gedächtnis rief, die nichts besagte, dennoch, welch -ein Stoß! – Zwar erhielt mein Wagnerkult keine -Einbuße deshalb. Ich gestattete ihm dies nicht. -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Seine ewigen Augen, der Zug nach ewiger Vollendung, -der Weltenatem seines Geistes, dies war -es, was ihn unsterblich machte. „<em>Schafft Neues</em>“ -war im Alter sein immerwährender Ruf gewesen. -Setzte da eine Stadt, seine Anwesenheit erfahrend, -ihm zu Ehren eines seiner Bühnenwerke an, so -ergriff er eilend die Flucht. Welch ein Meister -war er des Überdrusses! – Er blieb mein Führer, -mein Idol. Es rührte mich unbeschreiblich, daß er -für seinen „Ring“ eine einzige Aufführung erträumt, -und den naiven Wunsch gehegt hatte, die -Bretter der eigens dafür zu errichtenden Bühne -zusammengeschlagen, und nur die Erinnerung an -das einmalige Fest verbleiben zu sehen. -</p> - -<p> -Ahnte er das Brünnhildengewimmel, den Sieglinden-Vertrieb, -die Feuerzauberratsche, den Opernstaub, -das Gerümpel manch geradezu ochsenhaft -einhermarschierender Wotane, die Hojotohos, die -Beliebtheit schlimmer als jeder Boykott? -</p> - -<p> -Wie ersprießlich dagegen war es, Wagner-Anekdoten -zu sammeln! Am besten gefiel mir -die einer alten Sängerin, an welcher er im -Couloir des Münchner Hoftheaters mit dem Ruf: -„Ich halte es vor Langerweile nicht mehr aus,“ -in großer Aufregung vorbeilief. Er war mitten -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -in einer Tristanvorstellung aus einer Loge herausgestürzt. -</p> - -<p> -„Wie war diese Vorstellung?“ fragte ich schnell. -</p> - -<p> -„Glänzend, wunderbar,“ sagte sie. -</p> - -<p> -Auch mit dem uralten sächsischen Gesandten -von Fabrice, dessen Erinnerungen bis in das Jahr -1847 zurückgingen, stellte ich mich gut. Er lebte -damals als junger Mann in Dresden, und der -Kapellmeister Wagner war ihm vom Sehen bekannt. -An einem Wintermorgen auf der Straße -hinter ihm her gehend, sah er ihn von einem Bettler -angehalten, seine Taschen durchsuchend, ohne etwas -hervorzuziehen, daraufhin kurzerhand seinen -Rock abwerfend, ihn dem Manne überlassend -und weitereilen. Ein Brief aus Zürich an Liszt, -in welchem er wie gewöhnlich über seine Geldnot -klagt, über die einbrechende Kälte, und daß er -keinen Wintermantel habe, ist zwei Jahre später -datiert. Und vielleicht war ich die einzig Eingeweihte -(denn Fabrice war tot), welche wußte, -warum dies Garderobestück ihm fehlte. -</p> - -<p> -So blieb alles beim alten, ob ich auch in weiten -Bögen Wagner-Vorstellungen mied. Nietzsches -Auffahrt überwand ich unschwer. Selbst von -einem so großen Geist beirrte sie mich nicht. -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -Die Nähe war eine Beeinträchtigung auch für -ihn, da hier nur die Distanz den richtigen -Sehwinkel für ein maßgebendes Urteil schaffen -konnte. Selbst für ihn. Daher die Bitterkeit, der -schmerzliche Unterton bei Nietzsche, der seine -eigene Desertion niemals verwand. Von Wagner -wissen wir als einzige Äußerung zu dem Bruche -nur jene Worte, die er ihm bestellen ließ: nunmehr -sei er ganz allein. Und so dünkte mir denn -auch der „Fall Wagner“ an allen Ecken und Enden -ein „Fall Nietzsche“. -</p> - -<p> -In diesem Punkte hatte ich sicher recht. – -Vierzig Jahre nach Wagners Tod trat der französische -Komponist Paul Ducas in der Revue -Musicale mit einer Charakteristik Wagners hervor, -die, ein Meisterstück an Augenmaß – eben diese -Spanne von vierzig Jahren (die Zeit schafft hier -den geistigen Raum) zu einer ihrer wesentlichen -Voraussetzungen hat. -</p> - -<p> -Gedulde dich, lieber Leser. Jede noch so weit -ausholende Kurve führt uns zur Brücke zurück, -auf der ich, mitten unter den Statuen stehend, -über beste Todesarten meditiere. -</p> - -<p> -Denn von meiner Verstiegenheit, wie grotesk -sie auch sein mochte, gab es kein Zurück. Es -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -blieb nichts übrig, als die Probe auf das Exempel, -in diesem Fall auf die Verstiegenheit, zu stellen. -Sie war das hohe Meer, längst allen Ufern entzogen. -Erreichbare Küsten forderte ich nicht mehr, -wohl aber, daß Küsten, wie immer unerreichbar, -vorhanden seien. Dies forderte ich. Ich forderte ein -Zeichen. Mit dem Glauben, den ich mir zurechtgelegt -hatte, zu sehr verwachsen, konnte ich ihm -nicht entsagen, ohne mich selbst aufzugeben. Jener -Satz, daß der Sprung vom niedrigsten zum höchsten -Menschen größer sei, als der vom höchsten -Tier zum niedrigsten Menschen, hatte Wasser auf -meine Mühle getrieben. Denn Rangunterschiede -waren mein Steckenpferd. Es konnte nicht anders -sein, als daß der Auserwählte, die Persönlichkeit, -nach besonderen Gesetzen antrat, ob sie auch, -infolge des verhängnisvollsten aller Mißverständnisse, -mit Vorliebe zum Haufen geworfen wurde. -In diesem Lichte nur war alles wahr und falsch -zugleich, was vom Menschen als dem Maß aller -Dinge, wie als dem Ausbund aller Nichtigkeiten -stand. „Ihr seid Götter“, hieß es zu den einen, -und den andern wird verkündet, daß sie endlose -Male wiederkehren oder sterben werden, was ja -dasselbe ist. Vom Gattungsmenschen und seinem -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Korrelate, dem Gemeinschaftsgrab, lief die Leiter -bis hinauf zur Marcia sulla morte d’un eroe. Viele -lebten, deren Anteil an grausamen Geschicken täglich -sich vermehrte ... ebenso sicher dünkte mir dies, -als daß geheime Zaubersprüche walteten – deren -Formel wir nur nicht kennen – über die weniger -sterblichen, die vollendeten Typen. Freie waren’s. – -Einen mächtigen Freibrief erkannte ich ihnen zu: -die Not, die eine mit der Erlesenheit ihrer Natur -so zerworfene Welt ihnen bereitet, genügte. -</p> - -<p> -Aber meine geistige Existenz hatte ihre inavouablen -Seiten: ich erachtete mich als ein -Wagnerisches Produkt. Wem hätte ich derartiges -eingestanden? Mußte meine Verstiegenheit nicht -Folge und Grund zugleich meiner Verlassenheit -sein? Und wie hätte diese Verstiegenheit – ein -Notbehelf auf sie – mich nicht isoliert? Über -Gute und Böse ging die Sonne auf, über den -Narren aber stand sie still. -</p> - -<p> -Bücher hatten versagt; Rom hatte versagt. Ich -hatte ich weiß nicht was für Hoffnungen auf -diese Stadt gesetzt, als müsse die Berührung -ihres Bodens mich heilen. Aber Rom hat nichts -Beschwichtigendes, es sei denn sein Licht. Rom -wühlt alle Rätsel doppelt auf, und welche -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -<span class="fc"><img src="images/i095.jpg" alt="" /></span> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Argumente hielten stand vor dem teuflischen -Dreh, der teuflischen Zweideutigkeit dieser Welt, -den Abgründen, ins Unbeweisbare überall aufgetan, -dem Netz des Leidens ausgeworfen nach der -Kreatur, dem weglosen, verwirrenden Leiden des -Getiers? Dies und meine geistige Einzelhaft schlug -mir über dem Kopf zusammen. -</p> - -<p> -„Ein Zeichen!“ sagte ich laut. Ich forderte ein -Zeichen unter diesem Abendhimmel Roms. Wieder -hielt ich meine geistigen Arme emporgerichtet, -wie in jener Nacht, da ich auf dem Weg zur Hexe, -gegen die Hütte geschleudert, das gestirnte Firmament -vor die Schranken rief. Liefen alle Anstrengungen -und alle Opfer leer, dann war auch -der Selbstmord nicht die fausse sortie, die Schopenhauer -meinte, lebten aber die Kräfte, von welchen -ich zehrte, warum sollten sie sich nicht bekunden? -Tat ich dies? Träume waren meine einzige -Gewähr gewesen. Träume lagen mittewegs. Aber -Zweifel und Ernüchterung raubten mir die Kräfte, -mich zu ihnen aufzumachen. Was also waren -Träume? -</p> - -<p> -Aber kehren wir zur Brücke zurück. -</p> - -<p> -Man schrieb den 7. Februar. Eleonor erwartete -mich in Venedig. Sie hatte endlich ihre erträumte -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Etage, und ich gedachte bis zum 13., dem Todestag -Wagners, bei ihr zu bleiben. Wie jene -Kranken, die zur Schwelle eines Tempels pilgerten, -Rat oder Heilung dort erhoffend, so zog ich nach -Venedig, mein Orakel zu vernehmen; entschlossen, -das Fazit meiner mondsüchtigen Schritte zu ziehen. -Zweck- oder Sinnlosigkeit meiner verschütteten, -greisenhaft verlebten Jugend bis zu den Sternen -setzend, die letzten Lose auswerfend, da ich nichts -zu verlieren hatte, wenn ich verlor. So wandte -ich mich endlich von dem Flusse ab, ging in der -Dämmerung zwischen den Statuen, dann über den -Korso zurück, zum ersten Male wieder guten -Mutes, ja entrückt. -</p> - -<p> -Eine nette kleine Giftreserve zu unterst in -meinem Koffer, sprang ich um Mitternacht in die -Gondel, in welcher Eleonor und ihr glücklich heimgekehrter -Gatte gekommen waren mich zu holen. -Die stillen Wasserstraßen klangen vollstimmig an -mein Ohr; und als der Morgen aufzog, sangen die -Paläste, der Canale Grande lag in voller Bläue, -seine Wellen tönte ein Hauch von Rosenglut, und -wie ein Lied entstieg San Giorgio. Alles, selbst die -Steine modulierten. Florenz ist Graphik, auf Silbergrau -gezogen; Literatur. Viel zu streng und steil -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -und traumlos für das unreife Gemüt. Venedig ist -Musik. Süß durchbohrt es das gequälte Herz. – -Da war ein Gäßchen, hoch und steinern bis auf -den schmalen Himmelsstreifen, der darüber leuchtete. -Glatte Mauern bis auf ein Fenster, das offen stand. -Schwefelgelbe Sonnenstrahlen schmetterten auf rote -Nelkenstöcke, die davor blühten. Lange mußte -ich stehen und schauen, aber so, wie einer horcht. -</p> - -<p> -„Nicht denken“ war die Devise, nach welcher -die folgenden Tage in großer Scheinruhe verrannen. -Im Nu war der Vorabend jenes Todestages (der -meiner Abreise) gekommen. Ich fürchtete mich. -Ich dehnte ihn so lange wie möglich aus. Mein -Zug fuhr in der Frühe. Wenig Stunden trennten -mich von ihr. Die Nacht kam. -</p> - -<p> -Ein schmales feldbettähnliches Gestell nahm die -Mitte meines Zimmers ein. Eleonor war stolz auf -die bedruckte Leinwand, mit der es wie eine kostbare -Schachtel ausgeschlagen war. Nachts gab es -viel Gezänke und Gelächter in den Gassen. Heute -belebten sie sich nicht. Wie eingelassenes Wasser -stieg die Luft. Ich sah mich selbst im hohen -Spiegel, feierlichen Auges gleichsam eingeschleiert, -wie die Jungfrau, welche ihre Öllampe für den -Bräutigam bereit hält. Die Nacht hielt ihre Runde. -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Über die Lagunen lag letzte Finsternis gefaltet; -sie deckte alle Pfade, alle Wälder, alle Brücken -zu. Alle Flüsse rauschten unsichtbar. Alle Tiere, -die ihr Dasein noch gerettet hatten, schlummerten -beruhigt. Erst mit dem Morgen drohte ihnen -wiederum Gefahr. Gesichert schliefen die süßen -Vögel im Gezweig. Friedliebend ist die Nacht, -nur den Kranken und unglücklich Liebenden abhold. -Auch mich entriß sie ungnädig schnell dem -barmherzigen Schlaf. Stoßähnlich mein Erwachen, -daß ich erschreckt das Licht aufdrehte. Dumpfen -Pulses. Leer. – Zu den hold umspannten Wänden -meines Zimmers verhielt ich mich nicht länger. -Gefängnismauern kamen sie gleich, feucht von -Schlangen, die ihre Köpfe nach mir zuckten. – -Abgetrennt wie ein Gespenst. Nichts also. Es -schlug vier Uhr von den Kirchen und den Türmen -Venedigs. – Also nichts. Ob ich auch meine -Knie umklammernd mich besann ... Nichts. Auf -dem Flur eines gewöhnlichen Hauses hatte ich -gestanden auf der obersten Stufe einer alltäglichen -Stiege, fünf Treppen hoch. Das war alles. Ein -paar Schritte trennten mich von einer verschlossenen -Tür. Warum verschlossen? und warum -wollte ich zu ihr? ich wußte es nicht einmal. -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -So schwache Furchen hatte das nichtssagende Bild -gezogen. Was hielt mich ab, den Flur zu überschreiten? -</p> - -<p> -Ich sank zurück. -</p> - -<p> -Solchen Nichtigkeiten nachzuspüren war zu verächtlich, -Hunde nur nahmen, was sie kriegten, -und wühlten noch unter Knochen. -</p> - -<p> -Das Licht verlöschend ward ich eins mit der -Finsternis. -</p> - -<p> -Der Riese aber ... -</p> - -<p> -Ein Riese? -</p> - -<p> -Der grauenhafte Riese, der mir den Weg zur -Tür versperrte und sich über mich warf. Der -schreckliche und aussichtslose Ringkampf mit dem -Riesen, der, kaum überwältigt, in Nu emporgeschwungen, -mit Würgerhänden mich von neuem -überfiel? Zu öfteren Malen, aber stets vergeblich, -besiegte ich den dunklen, nie erlahmenden Riesen, -und doch, ob ich ihn auch in die Tiefe stürzte, -seiner immer entsetzter, immer atemloser gewärtig. -Das Ringen wiederholte sich so oft, es dauerte -so lang, meine Kraft war ausgegeben. Wie kam es, -daß er doch noch einmal unterlag? Nur zum Scheine -zwar. Lautlos ballte sich flugs wieder die fürchterliche, -wesenlose Masse vor mir auf. In die Knie -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -brechend stieß ich ihn hinab. War mir ersterbend -eine Frist gewährt, die Türe dennoch zu erreichen? -War diese Stiege nicht mehr gemein? Welche -Schwelle überzog ich da so tief aufatmend, so erschöpft, -daß ich nicht mehr wußte, ob ich lebte? -</p> - -<p> -O Gott, welch ein Gemach! wie ein Söller hochgelegen. -Und wer war diese alte Dienerin, so -schmächtig und so edel von Gestalt, der ich mich -überließ, die nur insofern Anwesende, als sie mich -stützte, mit meinen Füßen sich zu schaffen gab -und mich zu einem niedrigen antiken Bett geleitete? -Statt des Fensters eine breite Öffnung in der -Mauer, die auf eine klassische und rätselhafte -Landschaft niedersah: Bergeslinien, die mit so -sanftem Schwunge zur Meeresebene ausliefen, als -flössen die Farben aller Tageszeiten in einem -einzigen Glissando. -</p> - -<p> -Aber die Luft um mich her, diese unnennbare -Luft, sie vor allem war das Kompendium des -Glücks. Ich war allein. Ich wartete auf niemand. -Niemand kündete sich an. Doch mein Alleinsein -war köstlichstes Umgebensein und aller Fülle teilhaft. -Jegliche Gemeinschaft, mit dieser Einsamkeit -verglichen, war Verlassenheit. War ich allein? Wo -fände sich ein Wort für solche Vielsamkeit? -</p> - -<p> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Die Stiege, das unwirsche Alltagshaus entsunken -und wesenlos das Ringen. Geworden nur die Süße -dieser Müdigkeit, die Wonne dieser Luft. Wie ein -Stern, dessen Licht den Äther durchfliegt, so hatte -der Traum einer Spanne Zeit bedurft, um mein Bewußtsein -zu erreichen. Ich saß hoch aufgerichtet, -meine Knie umklammernd, mein Gesicht vergraben. -</p> - -<p> -Mut, sagte ich zu mir, Mut, Mut. -</p> - -<div class="centerpic w60"> -<img src="images/i102.jpg" alt="" /></div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter blank" id="chapter-0-17" title="Schluß"> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -</h2> - -</div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> diesem Worte schließt die Geschichte. Es -bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben. -Ein neues begann, und es zeigten sich Horizonte, -von denen meine gleichzeitig leichtsinnige und -eingeschüchterte Jugend bisher nichts gewußt hatte. -Schließlich mischte sich sogar die Weltgeschichte -ein. Die Erzählung selber aber, die, als ein umfangreiches -Buch angelegt, „Unitalienischer Roman“ -heißen sollte, blieb darüber Entwurf. Der Weg, -der an die Stelle zurückführen würde, wo die -kaum begonnene Geschichte abbricht, ist auf ewig -verschüttet. Was bleibt, ist ein großes Bedauern -über die Zeitwende, das vielleicht auch andere -teilen werden – und diese kleine Novelle. -</p> - -<p class="vspace"> - -</p> - -<div class="ads chapter"> -<p class="adh"> -WERKE<br /> -VON<br /> -ANNETTE KOLB -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">DAS EXEMPLAR</span><br /> -<span class="line2">Roman</span><br /> -<span class="line3">8. Auflage</span> -</p> - -<p> -Der erste Eindruck des Buches, schon nach wenigen -Seiten, ist Kultur. Es gibt wenig Bücher, die so scharf -wie dieses die Zeitseele enthüllen. Und im übrigen ist -das Buch reich an allerlei entzückenden Dingen. Man -wird in ihm sehr heimisch in London und auf den -Landsitzen der Gesellschaft. Das Buch vereint wirklich -zwei selten verträgliche Eigenschaften: geistige -Tiefe und Charme. Es ist nicht nur ein bedeutendes, -sondern auch ein liebenswürdiges Buch. -</p> - -<p class="attr"> -Kurt Münzer -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">ZARASTRO</span><br /> -<span class="line2">Westliche Tage</span><br /> -<span class="line3">5. Auflage</span> -</p> - -<p> -Hier stürmt und braust es, hier läßt Annette Kolb, -die alles mit scharfer Beurteilung ansieht, die ungehindert -ihre Meinung ausspricht, die glühend kämpft, -die oft hart wird, oft ihre Freunde kränkt, weil sie -zu kraft- und willenlos seien. Es ist ein Buch der -Gegenwart, ein Buch, das unsere ganze Zerrissenheit -darstellt, denn Annette Kolb steht mitten in dieser -Gärung, diesen Konflikten. Es sind Tagesaufzeichnungen, -sie wirken daher überaus lebendig. -</p> - -<p class="attr"> -Minna Cauer -</p> - -<p class="adh"> -FISCHERS<br /> -KLEINE ILLUSTRIERTE BÜCHER -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">THOMAS MANN, TONIO KRÖGER</span><br /> -<span class="line2">Illustriert von E. M. Simon</span> -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">HERMANN HESSE, IN DER ALTEN SONNE</span><br /> -<span class="line2">Illustriert von Wilhelm Schulz</span> -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">E. von KEYSERLING, HARMONIE</span><br /> -<span class="line2">Illustriert von Karl Walser</span> -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">BERNHARD KELLERMANN, DIE HEILIGEN</span><br /> -<span class="line2">Illustriert von Magnus Zeller</span> -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">THOMAS MANN, HERR UND HUND</span><br /> -<span class="line2">Illustriert von Georg W. Rößner</span> -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">GERHART HAUPTMANN, FASCHING</span><br /> -<span class="line2">Illustriert von Alfred Kubin</span> -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">JOHANNES V. JENSEN, DER MONSUN UND ANDERE TIERGESCHICHTEN</span><br /> -<span class="line2">Illustriert von Arthur Wellmann</span> -</p> - -<p class="adb"> -<span class="line1">HERMAN BANG, DIE VIER TEUFEL</span><br /> -<span class="line2">Illustriert von George G. Kobbe</span> -</p> - -</div> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Die ursprüngliche Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten. -</p> - -</div> - - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SPITZBÖGEN</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/67385-h/images/cover.jpg b/old/67385-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f9a5e30..0000000 --- a/old/67385-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i011.jpg b/old/67385-h/images/i011.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5a5fc1c..0000000 --- a/old/67385-h/images/i011.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i013.jpg b/old/67385-h/images/i013.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d680904..0000000 --- a/old/67385-h/images/i013.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i029.jpg b/old/67385-h/images/i029.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2c8b5ef..0000000 --- a/old/67385-h/images/i029.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i036.jpg b/old/67385-h/images/i036.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3d86c13..0000000 --- a/old/67385-h/images/i036.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i039.jpg b/old/67385-h/images/i039.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6fb22dc..0000000 --- a/old/67385-h/images/i039.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i049.jpg b/old/67385-h/images/i049.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index cfc50bd..0000000 --- a/old/67385-h/images/i049.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i055.jpg b/old/67385-h/images/i055.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5791563..0000000 --- a/old/67385-h/images/i055.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i059.jpg b/old/67385-h/images/i059.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b73df01..0000000 --- a/old/67385-h/images/i059.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i082.jpg b/old/67385-h/images/i082.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 10a5601..0000000 --- a/old/67385-h/images/i082.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i095.jpg b/old/67385-h/images/i095.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 10617a8..0000000 --- a/old/67385-h/images/i095.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/i102.jpg b/old/67385-h/images/i102.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index c315344..0000000 --- a/old/67385-h/images/i102.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67385-h/images/logo.jpg b/old/67385-h/images/logo.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3c2edf5..0000000 --- a/old/67385-h/images/logo.jpg +++ /dev/null |
