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-The Project Gutenberg eBook of Spitzbögen, by Annette Kolb
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Spitzbögen
-
-Author: Annette Kolb
-
-Illustrator: Rudolf Großmann
-
-Release Date: February 12, 2022 [eBook #67385]
-
-Language: German
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team
- at https://www.pgdp.net. This book was produced from images
- made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SPITZBÖGEN ***
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- SPITZBÖGEN
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- VON
- ANNETTE KOLB
-
- MIT ELF ZEICHNUNGEN VON
- RUDOLF GROSSMANN
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- 1925
- S. FISCHER · VERLAG · BERLIN
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- Erste und zweite Auflage
- Alle Rechte vorbehalten
- Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
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- SPITZBÖGEN
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-Es gibt Leute, die mit Recht oder Unrecht im Rufe stehen, daß sie
-Unglück bringen. So war Offenbach als „Brandstifter“ berühmt, und sein
-Verweilen in einem Hause galt als Signal für eine Feuersbrunst.
-
-Daß aber auch Städte sich dem einzelnen feindselig erweisen können,
-dürften die wenigsten noch erfahren oder bemerkt haben. Nun, _mein_
-Jettadore war Florenz. In was für Klemmen ich dort geriet, was für
-Schlingen dort jedesmal für mich bereit lagen, spottet jeglicher
-Erfindung. Ach und überhaupt – Italien! – Wer vermöchte es einesteils
-nicht zu lieben? – Aber die Ebene von Mailand, aber die seelische Kälte
-der italienischen Mietswohnungen, ihre tiefe Ungemütlichkeit und
-rudimentäre Öde, aber gewisse Häuser der Armen, die uns mit ihren
-hohläugigen Fenstern wie Pestkranke ansehen!
-
-Und dann schneiden so manche italienische Landschaften ins Herz. Fiesole
-zum Beispiel, mit seinem verklärten Ausblick – so holdselig, aber so
-abgeschieden, so vorbei! – Beklommenen Herzens blickte ich eines Morgens
-auf diese laue, in ihrer durchsichtigen Bläue zärtlich berückende Natur,
-und stärker noch empfand ich unter dem wolkenlosen Himmel die stille
-Schärfe der Zypressen. Gewiß, es ist ein schönes Land! aber schön ist
-auch der Anblick des unter der Fülle von Blumen fast verschwindenden
-Sarges, daß kaum ein Beschlag, kaum eine Kante desselben sichtbar wird.
-– So trauerte dort mein Auge und sehnte sich von diesem Bilde fort. Und
-nur mehr die Straße hinabsehend, fing ich plötzlich an zu laufen; – und
-ich lief, als gälte es dieser Gegend wie einem Gewölbe zu entfliehen,
-und nicht zu rasten, als bis ich wieder zu unseren Flüssen und Brücken,
-unseren lebendigen Wäldern gelangte. Denn Leopardis Seele war mir auf
-jenem Hügel aufgegangen. Ja, solche Klagen mußten sich ihr entringen,
-ein so herbes Echo mußte dies blühende, von Glanz und Duft umwobene Land
-erwecken, das in seiner stillen Morbidezza zwischen dem Hades und der
-Erde eingeschoben scheint. Die Einflüsse der Landschaft sind es ja
-sicherlich, mehr noch als die des Klimas, die gleichsam spiegelnd die
-Linien unserer Sinnesart und unseres geistigen Umkreises ziehen. So
-verhält sich Leopardis Pessimismus zu dem seines Zeitgenossen
-Schopenhauer wie der untröstliche Zypressenhain zum tiefen Tannenwald,
-aus dessen Düsterkeit wir Stärkung noch und Hoffnung schöpfen.
-
-Ich bitte indes nicht zu vergessen, daß ich den Berg hinunter laufe. So
-mag es hingehen, daß ich so weit von meinem Thema abgekommen bin. Denn
-ich wollte meine florentiner Mißgeschicke erzählen. Aber eine so
-radikale Sprunghaftigkeit kann mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit
-des Gedankens zusammenhängen; – ich meine, es käme auf eine Probe an.
-
-Oder dürfen wir einen Gedanken nennen, was mehr wie ein Verdacht, wie
-eine Hoffnung in uns schlummert? An manch schönen, wertvollen Dingen mag
-einer vorübergehen, da vernimmt er, was ihm eine Botschaft bedeutet, und
-gierig greift er es auf.
-
-Immer noch laufe ich indes meinen italienischen Berg hinab. San Domenico
-liegt schon hinter mir. Ich komme jetzt nach San Gervasio und bin dann
-gleich in Florenz. Somit wäre die Einheit des Ortes wieder hergestellt
-und ich könnte von neuem beginnen.
-
-
-
-
- Erstes Kapitel
-
-
-Nein, noch nicht. Wir müssen vorher noch einmal abzweigen. Es gibt kaum
-eine Stadt, die einen so weiten Umkreis zieht. Wenn einer viele Stunden
-ginge, vom frühen Morgen bis in den Abend hinein, immer wäre es noch das
-holdselige Florenz. Villen, die von fernen Hügeln herunterschauen,
-zwischen Abhängen versteckte Weiler, sie nennen sich noch Florenz. Wo
-die Straße zweimal einen runden Kreis beschreibt und Pinien einen
-zackigen Bau, halb Schlößchen, halb Klause schirmen, dort habe ich bei
-einer Hexe gewohnt.
-
-Wie? –
-
-Aber warum nicht? Man sieht doch jetzt Geister erscheinen,
-materialisierte Hände in der Luft entstehen, Blumen oder Reiterstiefel
-aus dem Nichts in die Welt hineinwerfen. Was sollte da eine Hexe so
-Wunderliches sein? Wie oft sah ich nachts zum Fenster hinaus, ob sie
-nicht durch den Schornstein fuhr. Nicht mager, sondern ein Gerippe, war
-ihre Brust eine Höhle, ihre Achseln eine Gruft. Sie hatte mich im Norden
-eingefangen, und waghalsig, wie man in früher Jugend ist, war ich ihr
-gefolgt. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ein Buch über Musik zu
-schreiben, und brauchte jemanden, der ihr abends all die Dinge
-vorspielte, welche sie dann morgens, gleich nach dem Frühstück, schnell
-in Literatur umsetzte. Es war ihre Art, musikalisch zu sein. Nun stand
-mein Talent zum Vom-Blatt-Spielen zu meiner lückenhaften Schulung ganz
-außer Verhältnis. Dies war just, was sie suchte. Unser Pakt war also
-folgender: ich sollte nur für meine Reise aufkommen, ihr vierzehn Tage
-lang allabendlich vorspielen, dafür bei ihr wohnen und Florenz sehen
-können. Dieser Punkt wurde auch ganz geschäftsmäßig auf ihr Konto
-gesetzt. Zwar, wie sollte man es anstellen, in Florenz Florenz nicht
-sehen zu können, aber ich willigte ein. Florence vaut bien une sorcière,
-dachte ich. So fuhr ich hin.
-
-Aber leider lebte sie gar nicht in Florenz, sondern von der Piazza del
-Duomo bis zu ihrer Mulde, die ganz ohne Verbindung lag und zu der keine
-Straßenbahn, kein Gleis führte, hatte man geschlagene zwei Stunden zu
-gehen. Nun herrschte sie allerdings über einen verhexten Schimmel und
-ein Gefährt, das sie stets selbst kutschierte, aber Pferd und Wagen
-standen nicht im Kontrakt, und sie bot mir niemals an, mit ihr zu
-fahren.
-
-
-
-
- Zweites Kapitel
-
-
-Geist besaß sie ganz entschieden, aber die englische Spinster neigt
-ohnedies zur Verdünnung und nie, schien mir, war eine so unbarmherzig
-unter die Räder geraten, an keiner hatte sich die klassische Drohung,
-von der uns Plato berichtet, so drastisch erfüllt, wie an der Hexe des
-florentinischen Tales. Denn nicht nur, heißt es, hätten uns die Götter
-dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine und vier Arme zu
-verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen Seins angewiesen wurden,
-sondern es könne wohl geschehen, daß die also beraubte und reduzierte
-Kreatur nicht mehr aus Übermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht
-heraus sich zum Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. Und
-diese in ihrem Zorn würden sie zum zweiten Male spalten, daß sie, zur
-Profilgestalt geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr
-dürftiges Dasein verlebe.
-
-Am frühen Nachmittag lenkte sie – die Finger um den Knauf der Peitsche
-gekrallt – ihr leeres Gefährt nach der Stadt, und die unleibhafte Figur
-mit der schiefen, gewölbten Schulter, dem scheinbar nur profilierten
-Kopf, ragte gar spukhaft über das Pferd, das alsbald mit unheimlicher
-Willenlosigkeit, ja wie entsetzt, zum Tore hinauslief. Ich folgte zu Fuß
-den Weg hinab, den sie voranzog, und ihr nachsehend war ich es
-zufrieden, daß sie mich nicht einlud, so wenig lockte mich ihre Nähe.
-Aber das gealterte Jahr kehrte schon seine bleichsten, müdesten Tage ans
-Licht, und die Dunkelheit überraschte mich oft mitten auf der Straße,
-die sich in glatten Schleifen so lange hinzog. Sie war einsam genug. Die
-wenigen verstreuten Bauernhäuser kehrten ihre Fenster scheu der Bergwand
-zu und tauchten unter, bis es wieder tagte. Aber die dunkle Leere, der
-frische Abendwind, die Einsamkeit dieses Tales war so hold; ich dachte
-an unsere nordischen Berge; wie schroff und finster sie sich des Nachts
-wider den Wanderer zusammenschlossen! Wie beschwichtigend dagegen
-umschatteten sie ihn hier! Es lag etwas Schweifendes, weit Umfassendes
-in der florentinischen Nacht, das bei Tag verflachte; etwas so
-Beseeltes, daß es wie kleine Flügel an meinen Sohlen hing. Oder war es
-die Freude, im Dunkeln die Gegend zu durchstreifen und die Welt so ganz
-allein für sich zu haben, niemanden, der sie mit einem teilte noch durch
-seine Begleitung störte? Es war so neu! Aber die Hexe hatte mir
-verraten, wie sicher die Wege hier seien, und mir von der engelsgleichen
-Bevölkerung, die hier lebte, erzählt. Vielleicht hätte ich mich auf
-einer deutschen Landstraße im Finstern gefürchtet. Wer weiß? ich hatte
-es nie erprobt. Es war mir nie gestattet gewesen. Hier aber fühlte man
-sich so ungefährdet. Merkwürdig, wie man das fühlt, dachte ich. Denn
-nichts lassen sich sehr junge Menschen schneller suggerieren, als den
-Glauben an die Ungefährlichkeit aller Dinge: ja in ihrer bereitwilligen
-Unerschrockenheit liegt etwas, das sie sozusagen an den Rand der Welt
-hinaus verweist, als gehörten sie infolge ihrer Unerfahrenheit nicht
-recht in sie hinein.
-
-So kehrte ich jetzt nie mehr vor Abend zurück. Um die Teezeit hatte die
-Hexe nicht selten Besuch. Doch als ich da anfangs erschien, hungernd
-nach anderen Gesichtern, verhehlte sie mir nicht, daß sie meine
-Gegenwart verwünschte. Die Leute, die mich hier trafen, schienen
-überrascht, zeigten mir aber ein Entgegenkommen und ein Interesse, das
-vielleicht auch Neugierde war. Auch mochte der Kontrast so großer Jugend
-sie rühren. Einmal war die schöne Frau Coroughdeen gekommen, die mich zu
-sich lud, als wüßte sie schon von mir. Aber ich wagte nicht sie
-aufzusuchen, denn die Hexe schien zu glauben, diese Einladung sei nur
-als Höflichkeit für sie selber gemeint. So machte ich mich jetzt schon
-früh auf den Weg, um ihren Anblick zu fliehen und kam erst am späten
-Nachmittag zurück. Ihr Speisesaal hatte vier Fenster, und im Tageslicht
-von allen Seiten unerbittlich beleuchtet war sie entsetzlich. Ach! wie
-trugen sich ihre trostlosen Umrisse über Treppen und Gänge ein und waren
-vom Garten unzertrennlich. Nein; es half nichts bei Tage, von ihr
-wegzusehen. Ich gab es auf, legte die Gabel hin und faßte sie ins Auge,
-da es doch kein Entrinnen gab. Abends hatte man doch die dunklen Wände
-und den Kerzenschein, in dem man – von ihr weg – entgeistert starren
-konnte, während man mit ihr sprach. Ja sie liebte das. Ich war noch viel
-zu harten Herzens, um zu würdigen, wie bitter sie selbst den
-ausgreifenden Bannkreis ihrer Häßlichkeit empfand. Die Eisfelder von
-Labrador wehten keine wehere Kälte aus als diese einsame Kreatur, und
-ich war zu leichtsinnig, um zu bedenken, wie sehr ich sie durch meine
-Abneigung reizte.
-
-Meinen eingegangenen Verpflichtungen kam ich übrigens sehr gewissenhaft
-nach und spielte ihr allabendlich auf einem erträglichen Flügel, solange
-sie nur wollte. Ich tat es mit Vergnügen, wenn auch denkbar
-dilettantisch und zerstreut. Ein richtiger Musiker hätte mich vor
-Ungeduld geschüttelt. Die Hexe aber merkte nichts und ich frönte ihr
-gegenüber jenem Hochmut, den sich der Deutsche in Dingen der Musik
-gestattet. Damals trug ich mich allen Ernstes mit der wilden Idee,
-dereinst als geniale Dirigentin die Welt an der Spitze eines Orchesters
-zu überraschen. Zwar bereitete ich mich auf diesen glorreichen Moment
-nicht anders vor, als daß ich, auf jenes imaginäre Talent mich berufend,
-das Klavier geringschätzte! Dafür malte ich mir immer wieder und mit
-besonderem Feuer aus, wie ich eines Tages das Publikum in atemlosem
-Banne halten und mein Orchester zu fliegend stürmischen, trommelnden
-Taten hinreißen würde. Je weniger die Wirklichkeit mich befriedigte, je
-mehr Zeit verlor ich mit solch nichtigen Träumen.
-
-Eines Abends auf dem Heimweg phantasierte ich wieder so lebhaft über
-dieses Thema, daß ich unwillkürlich den Arm ausstreckte, als hielte er
-schon den Stab über das Heer der Musiker geschwungen. Ich ergoß Ströme
-tönenden Goldes in eine vor Schweigen knisternde Luft, beschwingte sie,
-blies sie bis zur Trunkenheit an. So etwas hatte noch kein Publikum
-erlebt. Es fehlte nicht viel, daß es vor Entzücken anfing zu tanzen.
-Einige begannen heimlich zu fliegen. Als ich den Taktstock hinlegte,
-entstand ein unheimliches Geheul der Begeisterung. Man stürmte das
-Podium. Ich sah, ich hörte noch den Jubel der entfesselten Scharen, aber
-ich konnte nicht mehr zur Wirklichkeit zurück. Plötzlich sah man mich
-schwanken. Ich brach zusammen. Ich war tot.
-
- * * * * *
-
-Ein kalter Wind, der vom Apennin herüberblies, riß mich aus dem
-imaginären Konzertsaal ins Freie und zur Ernüchterung zurück. Ich
-stolperte mit staubigen Füßen über ein paar Steine: und ich war müde.
-Zur Erholung überdachte ich nun, wie gut ich es tags zuvor der Hexe
-herausgegeben hatte, als sie mich auszuholen suchte für ihr dummes Buch.
-Was schöner sei: eine Symphonie oder ein Quartett, hatte die gelehrte
-Heuschrecke mich gefragt; und ich war stolz-ärgerlich um den Flügel
-herumgegangen. Was schöner sei: ein Porträt oder eine Landschaft, hatte
-ich sie zur Antwort schnippisch gefragt und alsbald wieder zu spielen
-angefangen, zum Zeichen, daß ich nicht zu diskutieren wünschte. Denn,
-hatte sie keinen Platz für mich in ihrem leeren Wagen, so gedachte auch
-ich kein übriges zu tun. Wie sie mich haßte! Aber noch zwölf Tage ...
-Inmitten der dunkelnden Leere wurden da in der Ferne Schritte
-vernehmbar. Sie belebten irgendwie diese weite Stille. So war man doch
-nicht ganz allein. – Ja noch zwölf Tage und die drei Wochen waren
-vorüber und unser Pakt gelöst. Welches Glück! Wie bezaubernd war doch
-das Leben! Und Hoffnungen und Illusionen beflügelten meinen Gang.
-
-Der Takt der fernen Schritte wurde deutlicher, und unwillkürlich ging
-ich auch ein wenig strammer. Man aß sehr pünktlich zu Abend bei der
-Hexe. Sie warf sich dann stets in ein schwarzes Damastkleid von sehr
-gesuchtem Schnitt und über ihre ungleichmäßige Rückenlinie ergoß eine
-Watteaufalte ihren Schwall. Umsonst. – Sie hing ihr wie das gewölbte
-Wappen eines stilisierten Drachen an. Und was half sie mit einer Krause
-dem kranken Oval des Gesichtes auf? es glich doch höchstens einem
-gesottenen, halb ausgelaufenen Ei.
-
-Klapp, trapp, klangen die Schritte jetzt heller zu mir her. Konnten sie
-sich denn so schnell genähert haben? Es war wohl der Wind, der sie
-herübertrug, wie den Schrei der Lokomotive, der so unterschiedlich, bald
-so nahe, bald weit weg zu uns Kindern herüberdrang, während jenes
-Sommers im Gebirge, als wir dicht vor unseren Fenstern die Eisenbahn
-achtmal des Tages in einen Tunnel eindringen sahen und nie müde wurden,
-ihr aufzupassen und auf den grausigen kurzen Pfiff zu warten, mit dem
-sie sich jedesmal in die schwarze Wölbung einließ. Es war so lustig
-gewesen, und der Pfiff klang oft so anders – oft kläglich wie ein
-Hilfeschrei, je nachdem die Luft ihn trug, wie jene Schritte her, wie
-die meinigen hin. Die meinigen? – O Gott! an welcher Sturmglocke riß
-dieser Gedanke so jäh, welcher Aufruhr erhob sich in meinem Innern – so
-neu –, nur Bilder können es sagen – wie ein Orkan, der Staub und Blätter
-dahinfegt, so wirbelte er die sorglose Leere meines Innern auf, und
-kehrte ein ganz anderes Ich hervor, das ich selbst nicht kannte ...,
-denn aus welch verborgener Zelle, o Gott! stammten die Requisiten des
-argwöhnischen, uralten und wissenden Weibes, dem tausend Augen im Kopfe
-saßen wie einem Tier, und in dem nichts lebendig war und nichts
-vorhanden und nichts entfacht als eine wütende und namenlose Furcht,
-dessen Sein sich nur mehr auf den Takt jener Schritte bezog und dessen
-sonstige Identität erlosch. Nur eine Minute vielleicht und die Schritte
-würden mich überholen; dennoch stand ich still, denn die Unhörbarkeit
-der meinigen war das einzig Gebotene, nichts andres tat not auf dem
-Höllenpfad, auf den ich mich mit einem Male gewiesen sah – fort von der
-blumigen Au jugendlicher Weltunkenntnis. So stand ich still. Aber
-brannten da meine Augen wie Scheinwerfer in ihren Höhlen, daß sie Dinge
-beleuchteten, welche das Dunkel begrub: unkenntliche Holzlatten jenseits
-der Straße, zu einem Viereck umrissen, – aufgeschüttetes Laub, fast eine
-Hütte. Schnell wie eine Kugel flog ich da über den schmalen Graben zu
-ihr hin, und dort zu Boden gestürzt sah ich aufblickend zum ersten Male,
-ja wie zum ersten Male, einen mondlosen Himmel, der die Erde in seinem
-Schoße zu halten schien, und sah diese Erde als leichten Ball um ihre
-eigene Achse im Weltall fliegen. Doch nur einen schwindelnden Augenblick
-lang durfte das Bewußtsein rasten, und zugleich mit ihm setzte ein
-Innehalten meines Herzens ein, daß es still und schwer wie eine
-zersprungene Glocke in mir lastete. Denn alles hat ja ausgesetzt, und es
-gab für mich nichts mehr als diesen Himmel über mir und die hastig
-schlürfenden Schritte, die jetzt innehielten, als horche hier einer, wo
-denn die meinigen blieben; – vorüber alles andere, alle Ketten gelöst,
-die mich in diese Welt eingliederten und alle Abkunft von mir genommen.
-Nur mein Ich, oder ich weiß nicht welch losgelöster Bestandteil meines
-Ichs, schoß da wie eine Schlange zum Himmel auf; und er schien mir mit
-einem Male wie beengt von all den Sternen, die so neugierig, fast böse
-aus seinen Tiefen stachen. Wie ließe sich’s beschreiben, daß hier ein
-Körnchen Staub, ein Atom, das einen Moment lang zu einem Schein von
-Leben sich entfachen durfte und wie ein armseliger Leuchtkäfer an den
-faulen Balken dieser Hütte hing, die Folgenschwere eigener Geschicke an
-diesem unendlichen, still kreisenden Himmel zu messen wagte, als hingen
-sie mit seiner Ordnung irgendwie zusammen? Denn nicht anders forderte
-ich ihn da heraus, hielt ich ihm vor, daß seine rätselhaften Sterne
-nicht aus ihrer Bahn geschleudert, nicht als wilde Fackeln der
-göttlichen und unbegreiflichen Harmonie zum Chaos entbrennen durften –
-und hielt eiserne Arme emporgerichtet, nicht etwa flehend, sondern mit
-jener Intensität ohnegleichen, die einer Beschwörungsformel die
-hinreißende Kraft verleiht. Aber sie entrangen sich einem totenstillen
-Herzen, dessen Last nicht länger auszuhalten war, und zugleich schienen
-die Schritte, von welchen mich keine Entfernung, nur noch die Finsternis
-trennte, die Luft bis ans Ende der Erde mit ihrem Gedröhn zu erfüllen. –
-
-Und wie diese Schritte inmitten der Stille zuerst entstanden und dann
-vernehmbarer geworden und sich genähert – wie sie innegehalten und dann
-sich beschleunigt hatten, so fingen sie jetzt an, vorüber zu gehen, so
-entfernten sie sich, so verhallten sie jetzt – so trug sie der Wind noch
-einmal deutlicher her.
-
-Ich sah mich verwundert um wie mitten am Tage. Schon begriff ich das
-ganze dramatische Aufgebot nicht mehr recht, mit welchem mich die Angst
-so wild und unvermittelt gegen diese Hütte geschleudert hatte, noch die
-elementare Wucht, mit der sie wie ein Wagnersches Orchester einsetzend
-ein Zaubergestrüpp um mich zog, das zugleich mit ihm so spurlos
-entschwand. Ja ich schüttelte den Gedanken daran ab, und wollte im
-Augenblick den ganzen Vorgang für eingebildet erachten, so stark war die
-Reaktion. Über den Graben zurückspringend, ging ich wieder meinen
-einsamen Weg. Schon rauschte mir jetzt das Flüßchen zwischen den Bäumen
-beschwichtigend entgegen, und von der Anhöhe herab grüßten die ersten
-Lichter der kleinen Ortschaft.
-
-
-
-
- Drittes Kapitel
-
-
-Der Vorgang wurde erst wieder real, als ich etwas später als
-allabendlich am Flügel saß. Die Hexe hatte ein Konzert von Mozart auf
-das Pult gelegt und hörte stirnrunzelnd, mit drangsalierter,
-angestrengter Miene zu. Über die Noten hin sah ich sie nach einer Weile
-einen kühn gespitzten Bleistift hervorziehen, um ihre grauen,
-abenteuerlichen Hirngespinste über den liebenswürdigsten Genius zu
-vermerken. Es war grotesk, zu weit weg jedoch von aller Heiterkeit, um
-komisch zu sein. Das Zimmer lag zu ebener Erde und mit einem Male
-rauschte ein schwerer Regen darnieder. Konnte es sein, daß man sich hier
-auf demselben Planeten befand, auf dem ein Wien und ein Salzburg stand?
-Und nicht einmal fern! Zurück über die Alpen nach Rosenheim, oder man
-stieg in Franzensfeste um und fuhr durchs Pustertal hin ...
-
-Ich war durch die ausgestandene Emotion noch so stark in Schwingung
-begriffen, daß sich mein geistiges Auge unversehens schärfen durfte. Es
-sah, erfaßte, erriet, möchte ich fast sagen, zum ersten Male Mozart als
-Phänomen, seine Gestalt im Raum, Geste und Wesen, alles in der Bewegung
-und im Relief, aber mitten in der Luftschicht damaliger Zeit und alles
-mit der Gewalt, der Plötzlichkeit des Erdstoßes. Es war ein Divinieren,
-dessen tiefe Schauer mich von allem Nichtigen und aller Unaufmerksamkeit
-befreiten. Jeder Takt offenbarte sich mir neu, ich drang verwundert wie
-zwischen Säulen in mystische Hallen vor, oft betretene, die ich doch gar
-nicht kannte, hinein in eine Welt, in der das Unsichtbare Form und Farbe
-gewann, und die in ihrer Entrücktheit so leugbar und doch so vorhanden,
-o so viel vorhandener war als die Stunde, die gerade schlug!
-
-Die Hexe merkte keinen Unterschied in meinem Spiel. Sie hatte schon
-viele Seiten vollgekritzelt; im Kamin zerfielen die verglühten Scheite
-und die Kerzen waren herabgebrannt. Plötzlich hob sich da auch die
-Flamme der auf dem Weg ausgestandenen Furcht. Der schon angezweifelte,
-schon fast verworfne Vorgang motivierte sich, wurde ernst und
-majestätisch, wie der gestirnte Himmel, unter dem er sich begab.
-
-„Denken Sie, ich habe mich heute auf dem Heimweg gefürchtet,“ sagte ich,
-als ich den Flügel schloß. Sie hob ihren kleinen Drachenkopf und sah
-mich teilnahmlos an. Man konnte sich nicht vergegenwärtigen, daß sie
-jemals ein Kind oder jung gewesen war, noch Vater und Mutter besessen
-hatte. Der Blick, den sie mir zuwarf, schüchterte mich ein. „Es war
-gewiß töricht,“ sagte ich. „Allerdings,“ erwiderte sie kalt. Sie mußte
-es wissen; lebte sie doch seit vielen Jahren in dieser Gegend und war
-mit ihr verwachsen. Italien, die Renaissance waren für sie das letzte
-Wort – Toskana und seine Hügel die Endstation der Schöpfung. Sie
-gebärdete sich selbst so gut es ging als Italienerin; nannte ihre
-Mädchen Cara, den Gärtner Caro, aß, lebte, wohnte à l’italienne, plagte
-ihr Pferd und litt keinen Hund.
-
-Mit jedem Tage haßte ich sie mehr.
-
-„Es ist spät,“ sagte sie.
-
-Wir traten zusammen auf den Vorplatz. Hier blies die Zugluft von allen
-Seiten durch die lockeren Flügel der Haustüre herein. Der Regen
-prasselte auf das Dach und die Steinfliesen zeigten schon feuchte
-Stellen. Ich stieg müde und schweigsam die Treppe hinter der Hexe hinauf
-und schützte meine flackernde Kerze.
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-„Ich traf heute in den Uffizien Frau Coroughdeen,“ sagte ich; „sie
-fragte mich, warum ich denn nicht zu ihr kommen wollte.“
-
-„Oh!“ Das ärgert sie! dachte ich froh.
-
-Aber so leicht zog sie den kürzeren nicht.
-
-„Mary Coroughdeen ist eine schöne, eine sehr schöne Frau,“ entschied sie
-mit schaler Unparteilichkeit und einem literatenhaften Unterton. „Sie
-ist sehr umringt und interessiert sich nicht für junge Mädchen.“
-
-„Ja aber sie war es doch ...“
-
-„Es ist natürlich,“ unterbrach sie mich, während ihre Halskrause ins
-Beben geriet, „daß sie Ihnen freundlich begegnete, da Sie unter meinem
-Dache sind.“
-
-Wir standen uns jetzt vor meiner Türe gegenüber. Sie hielt ihre Augen
-auf mich gerichtet, und wie immer fingen sich ihre Worte in ihren
-langen, kränklichen Vorderzähnen.
-
-„Hat Mrs. Coroughdeen einen Tag mit Ihnen ausgemacht?“
-
-„Nein,“ gestand ich.
-
-„Nein! – in der Tat“ – und ihre Krause rührte sich nicht mehr. – „Es
-steht ganz bei Ihnen, auf eine so unformulierte Einladung hin die Dame
-mit Ihrem Besuch zu überraschen. Ich möchte Sie um so weniger daran
-hindern, als ich diejenige bin, welche für Ihre faux pas – oder
-eventuellen Zudringlichkeiten – allein verantwortlich gemacht würde.
-Denn Sie selbst sind noch zu jung!“
-
-Zornig errötend wollte ich etwas entgegnen, aber so schnell bog sie da
-in den Gang ein, der zu ihren Zimmern führte, daß ich nur mehr die
-Watteaufalte sah, die sich über den unsicheren, gespenstigen Rücken
-wölbte.
-
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- Viertes Kapitel
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-Am nächsten Morgen war der Himmel so rein und licht, nach allen
-Richtungen sah man nur seine sonnige Bläue, als könne er sich gar keiner
-Stürme entsinnen, als schiene er über eine ungetrübte und unsterbliche
-Welt, und als seien alle ihre Grausamkeiten, ihre Morde und ihre
-Schiffbrüche und ihre zerrissenen Herzen ephemer; so tilgte er sie; so
-stellte er leuchtend alles wieder her. Ich bin der Himmel, ich bin blau!
-lachte, tröstete er.
-
-Doch ich ging traurig meine Florentinische Straße, die in weiten
-Schleifen und so einsam den Hügeln entlang zog. Mir galt sie nichts,
-diese Sonne. Den Gram der Jugend lindert sie nicht. Unter ihren
-Lockungen verschärft er sich nur, und richtet sich heftiger auf.
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-Wo nur hatte ich den Mut genommen, erwartungsvoll zu bleiben? Wie war es
-meiner Freundin Amarant von Binnenlöhr gegangen, der zum Glück
-Berufenen? Aber vielleicht war es so, daß die Menschen wie die Monate
-des Jahres gewissen Jahreszeiten unterstehen. Wie auch die jüngsten
-Bäume sich im Herbst entlauben müssen, so hatte sich der frostige Tod
-über meine Freundin Amarant geworfen und ihrer langen Wimpern nicht
-geachtet, sondern sie hingemäht wie einen Greis. Nie war ein Verdacht,
-eine Witterung in uns gewesen, sie könnte eine Gezeichnete sein. Dies
-war der Fehler. Denn wie Metalle den Blitz anziehen, so streben die
-Begebenheiten einzuschlagen, wo kein Argwohn entgegenwirkt ... So war
-Amarants Roman unermüdlich ausgesponnen worden, und nicht einen von uns
-hatten je diese knospenden Augen, diese frischen Zähne, diese
-schimmernde Haut an die Möglichkeit ihres nahen Todes gemahnt.
-
-Hatte ich ihn schon vergessen? – sie war dahin, aber meine Wünsche und
-Hoffnungen tangierte dies nicht, und für mich beanspruchte ich nach wie
-vor das Glück. Ja, für mich sollte es einherrauschen und überfließen,
-war auch Amarant dahin.
-
-Glaubte ich dies wirklich! Ach nein! – Nicht der Vision des
-durchsichtigen Baches, noch des Vergißmeinnichtes, das tauumfeuchtet im
-Waldesschatten seine blauen Bänke wie holde Schrecken zieht, noch des
-mächtigen Gartens, in welchem nur die kleinen edlen Vögel zu finden
-sind, weil ihn die Nachtigallen jährlich übervölkern und dessen
-reichgekrönte, von Putten so belebte Balustraden, dessen Statuen uns
-ergreifen und dessen Rosenbeete, dessen Rosenstauden von den Strahlen
-des hohen Springbrunnens weithin verschleiert stehen – nein, nicht von
-solchen Bildern war mein Leben überhangen. Weitab von ihnen würde meine
-Straße ziehen, leer abbiegen, wo sie sich nur zeigten, mein ganzes Leben
-würde werden wie diese Reise: Enttäuschung und Verdruß.
-
-Daß ich San Gervasio um eine Sekunde zu spät erreichte, bestärkte mich
-noch in dem Glauben, denn Schlüsse, mörderische wie gute, konnte ich
-ziehen wie keine. Der kleine elektrische Zug fuhr gerade davon. Da stand
-ich also und sah zu den Türmen und der magischen Kuppel des Domes
-hinüber. Hinter mir rollte ein Wagen; ich wich ihm nicht aus. Mein
-durchwühltes Herz war in eine wilde Senkung geraten. Doch die Pferde
-trabten fröhlich abseits, das flockige Weiß eines seidenen
-Sonnenschirmes hob und senkte sich, darunter ein Lachen so abgetönt, so
-leicht umflort, so unbeschwert, daß ich den Trübsinn, dem ich noch eben
-frönte, weit zurückwies und mich seiner schämte. Denn Frau Coroughdeen
-war es, die ihre großen Augen verwundert auf mich richtete und die
-Pferde halten ließ. Ihr Wagen war es, in den ich sprang und einen
-Augenblick später den Hügel von Fiesole hinauffuhr. Matt wie
-angehauchtes Silber rückte die profilierte Stadt von neuem in die Ferne.
-Auch in mir war alles licht und blau geworden und konnte sich keiner
-Stürme mehr entsinnen, als wäre alle Not und alle Trübsal eintägig. So
-tilgte sie ein einziger Freudenstrahl in meinem freudegierigen Gemüt und
-stellte alles wieder her. War auch Amarant dahin ...
-
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- Fünftes Kapitel
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-Eine Stunde später saß ich in der geschützten Loggia einer Villa, die am
-höchsten Plateau von Fiesole hinter Pinien und Tannen ungesehen die
-Gegend übersah. Die schöne Mary, ihr Bruder, sommerlich gekleidet, und
-ein junges Ehepaar umringten mich und hörten mir zu.
-
-Denn ich erzählte. Und ein Vogel, der Haft entronnen, schmettert auf
-seinem Ast nicht unentwegter darauf los. Und glaubt man, daß er fertig
-sei, so setzt er schon wieder ein und ist in Zug geraten. Mary
-Coroughdeen saß den Kopf zurückgeworfen und lachte. Keine Linie an ihr,
-die nicht der Regelmäßigkeit spottete, so triumphierend aber, daß meine
-Nöte mir verächtlich erschienen. Ich äffte jetzt das Pferd, wie es
-geängstet aus dem Hofe ausriß, und mich selbst, wie ich dem Wagen folgte
-und seine Spuren beging, und das Pferd, wie es scheute, wenn es ihrer
-ansichtig wurde. Es ging mir wie ihm. „Ich kann sie nicht sehen!“ rief
-ich aus. „Auch sehe ich sie nicht.“
-
-„Wie bringen Sie das fertig!“ fragte der sommerliche Herr, „da Sie doch
-Ihre Tage bei ihr verbringen.“
-
-„Daß Gott verhüte! da bin ich doch in Florenz! möglichst früh und komme
-erst abends zurück.“
-
-„Allein?“
-
-„Aber ja! Wer sollte mit mir kommen den weiten Weg? und er ist ja so
-sicher.“
-
-„Wer hat Ihnen das gesagt?“
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-Mary Coroughdeen hatte sich hoch aufgerichtet, und alle starrten mich
-an.
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- Sechstes Kapitel
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-Ich verbrachte den Tag in der weitläufigen Villa und wußte nicht, wer
-mir am besten gefiel: die schöne Mary, das junge Ehepaar, das zu Besuch
-bei ihr war, oder der sommerliche Herr. Eilte denn meine Rückkehr nach
-Hause? Wäre es nicht schöner, zu Neujahr nach Rom zu fahren? Man hat
-eine Etage gemietet; es sei noch reichlich Platz. „Oh ich komme gerne!“
-rief ich aus. „Abgemacht,“ klang es einstimmig zurück. Ich war im
-siebenten Himmel.
-
-Abends fuhr mich Mary Coroughdeen den Hügel hinab zur Hexe zurück. Sie
-lenkte selbst. Nur wenig Sterne hingen am mondlosen Himmel. Wo blieb das
-prangende, neugierig blitzende, unendliche Heer, das sich gestern Nacht
-gesammelt hatte? Ich dachte an meine Angst. Wie war sie fern! Gar
-gefällig lösten sich freilich von solch einem Wägelchen herab die
-endlosen Schleifen des Weges.
-
-Da sagte Frau Coroughdeen: „Sie müssen mir versprechen, hier nie wieder
-im Dunkeln zu gehen.“
-
-„So hat die Hexe gelogen!“ fuhr ich auf.
-
-„Mit nichten“, sagte die sanfte Frau, „aber sie ist ein Sonderling.“ Sie
-gab sich mit dem Pferde zu schaffen und trieb es an.
-
-„Es ist immer besser,“ sagte sie dann und blickte geradeaus,
-„Zerwürfnisse zu vermeiden.“ Es war fühlbar, daß sie selbst sich nicht
-zerwerfen wollte. Und hier war kein Feld zu einer Diskussion. „Ich werde
-die übrigen Tage bestehen, wie sie nun mal sind“, gelobte ich ihr,
-seufzte, lachte aber sogleich.
-
-„Und dann kommen Sie ja zu uns!“ rief sie sichtlich erleichtert aus.
-
-Das Zimmer, das ich bewohnen sollte, hatte sie mir schon gezeigt, mit
-den sanft vom Winde gebauschten großgeblumten Vorhängen, die Luft selbst
-im Finstern so lauschig, und nirgends umlauert ...
-
-Elf Tage jedoch können sich so lange hinausdehnen, daß man an ihrem Ende
-verzagt. Sind sie verronnen, oh, so schöpft sie kaum mehr die hohle
-Hand. Ich behalte von jener Zeit nichts mehr zurück, als daß sie mir
-endlos erschien. So leichtfüßig ist überstandene Not.
-
-Die Hexe ahnte nichts von dem romantischen Zwischenfall, der mir so
-frohe Aussichten eröffnete. Ich erwähnte ihn nicht. Es war nicht immer
-leicht, angesichts ihres täglich neu formulierten Erstaunens über meine
-verfrühte Rückkehr aus Florenz. Bevor noch die Lampe einzog, betrat ich
-den Salon. Es gab keinen anderen Aufenthalt, mein Zimmer war kalt. Und
-dann stand ich an der Fenstertüre und starrte trübselig hinaus, Cara
-aber brachte den Tee mit den merkwürdigen kleinen Kuchen wie aus
-verzuckertem Sand, die man nicht essen konnte. Oder war es wirklich nur
-die Beklemmung? Auch wenn ich noch so hungrig zu Tisch ging,
-widerstanden mir alle Speisen. „Wie machen Sie es, daß Sie leben?“ hatte
-die Hexe einmal gefragt. Aber es läßt sich nicht schildern, wie mir an
-ihrem Tische das Gemüse sich zu ungenießbarem Schilfe verwandelte und
-ihr Brot in den knolligen Rohzustand zurückkehrte. So furchtbar war es,
-an ihrem Tische zu sitzen. Obwohl sie etwas ganz Unanimalisches hatte,
-fand ich ihre Art zu essen mehr ein Vertilgen, wie bei den Schlangen,
-und daß sie pfiff dabei wie eine Maus. Nur einen Lichtpunkt gab es, und
-ich freute mich manchmal die halbe Nacht darauf: es war das erste
-Frühstück, mit welchem die stumme Cara bei mir einzog. Sie zündete
-zugleich das Feuer an, und freundliche, nach Pinien duftende Flammen
-schlugen dann im Kamine auf. Und da war die braune Tonkanne und die
-dicken gerösteten Brotschnitten, auf welchen die Butter zerfloß, alles
-mit einer versteckten Sorgfalt bereitet, hin und wieder ein Blümchen,
-blasse Heckenrosen vom Fluß. Doch als ich das erstemal dafür dankte,
-lief Cara mit erschreckter Miene zur Tür.
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- Siebentes Kapitel
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-Es fehlten nur noch vier Tage. Mein Koffer stand inmitten des Zimmers
-aufgeschlagen; im Tanzschritt hatte ich schon ein paar Sachen
-hineingelegt, da sank mir noch einmal der Mut. An einem fast schwülen
-Tag riß mir auf dem Heimweg ein plötzlicher Sturmwind den dünnen Umhang
-immer wieder in die Höhe, während ein eisiger Regen die Schultern
-durchnäßte. Es half nichts mehr, daß ich nachträglich eine gesteppte
-Seidenjacke überzog und ganz vermummt zum abendlichen Spiele schritt.
-Der Frost wollte nicht mehr weichen. Die Noten dagegen schienen alle aus
-ihrer Bahn geschleudert, erst nur gefallenen Maschen gleich, und die
-sich selber wieder fingen, dann aber sich auflösten zu einem verwirrten
-Heere, das hinauf und hinab nach allen Seiten stob, die kleinen, die
-schwachen und kurzen von den mächtigen tief unter die Linien
-hinabgestoßen. Wer gab den verrannten Scharen die Ordnung, die Besinnung
-wieder, die aufgewirbelt, mit gesenkten Köpfen losfuhren gegeneinander
-und begeistert fielen. Hilf Gott. O der Not, o des Getümmels! Wüste
-Bilder, Gesichte des Fiebers hatten im Nu unerträgliche Hitze erzeugt,
-und ich warf Schal und Jacke von mir. Doch die Hexe hatte keinen
-Unterschied in meinem Spiele wahrgenommen, sondern mit demselben
-bemerkenswerten Stirnrunzeln zugehört wie alle Tage. Was legte sich
-indessen wie eisige Tücher um Nacken und Hals, daß die Zähne
-zusammenschlugen? Und wer, o wer hatte die Flammen im Kamin verräterisch
-umnebelt, daß sie so trübe tanzten, kalt auch sie? Zuckte es da nicht
-wie von Schlangenzungen in den Augen der Hexe auf, als sie, ohne ein
-Wort zu sagen, endlich die Zeichen meiner Erkrankung las, die ihr doch
-nicht genehm sein konnte ... und ich war nicht gewillt, so hart vorm
-Ziele dem Becher der Freuden zu entsagen. Wie mit Krallen, alle Energie
-der Jugend im Aufgebot, focht ich gegen die Erkältung an und trat sie
-nieder. Als Cara nach einer schier endlosen Nacht endlich, endlich bei
-mir eintrat, schlürfte ich den Tee, den sie mir brachte, wie ein
-Elixier, und als wiederum der Abend kam, schlug ich den Flügel auf, als
-fehlte mir nichts. Die Hexe konnte nicht umhin, sich gnädig zu zeigen.
-In Wahrheit begegneten sich jetzt unsere Wünsche: der meine, sie zu
-verlassen, der ihrige, mich los zu sein. Bedeutete sie mir doch seit
-kurzem immerzu den deutschen Weihnachtsbaum, unter dem ich nun in Bälde
-stehen würde, und was für eine hübsche Sitte er sei. So lag ich jetzt
-tagsüber in meinem Zimmer zusammengerollt, Cara braute mir ungehindert
-allerlei bittere Getränke und trug mir dann die entzauberten Speisen
-auf, in welchen ich statt zerfaserten Schilfes Bohnen oder Spaghetti
-erkannte.
-
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- Achtes Kapitel
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-Es dämmerte der Morgen meiner Abreise: hochgehißt, wie eine entrollte
-Fahne, war er da. Zum letzten Male saß ich in dem zugigen Speisesaal zur
-ebenen Erde und spürte seine kalten Ziegel unter meinen Füßen. Der Regen
-schlug gegen die Scheiben; böse fuhr der Wind sie an. Aber trotz des
-schonungslosen Mittagslichtes faßte ich heute die Hexe und ihre
-Drachenschulter voll ins Auge. Sie glaubte noch immer, in einigen
-Stunden würde mir der Apennin im Rücken liegen.
-
-Es gab zu diesem Essen eine unvergleichliche Pastete. War sie wirklich
-so vortrefflich, oder würzte sie zur Götterspeise das Gefühl des Sieges
-und der überwundenen Krankheit? Zwei Riesenstücke hatte ich schon davon
-gegessen und fuhr trotzdem fort, ihr Blicke zuzuwerfen. Auf einer Seite
-hielt sich noch eine Kruste aufrecht. Etwas wie eine halbe
-Entschuldigung, ein verlegenes Lächeln, und ich streckte sie hin. Denn
-die Fenster sahen auf den Hof, und dort stand ja schon das Wägelchen
-gerüstet, und meine Koffer lud man jetzt schon auf. Es folgten nur noch
-die paar Augenblicke in dem verhängten Salon, wo die Schatten alle Dinge
-schonten und man den Himmel weinen hörte über dieses Haus. Meinem stets
-vorgreifenden Gemüte war es schon abgerückt, derweil ich mich noch darin
-befand; schon war sie mir vergangen, diese ganze Zeit, mit der ich erst
-im Begriff stand abzuschließen. Weggeblasen die lächerlichen
-Klavierabende; alles vergessen, da es überwunden war!
-
-Zum ersten Male seit meiner Ankunft schwang ich mich wieder auf den
-hohen Sitz, von dem aus die Hexe ihr schemenhaftes Roß kutschierte.
-Entzückt von den Schönheiten des Weges, seinem Flüßchen, seinem
-Immergrün, hoben sich meine Arme zum Gruß der Rosen, die so spät von
-einem ewigen Sommer träumten im Schutz des trügerischen Laubs.
-
-In San Gervasio stieg ich aus.
-
-„Ich hoffe,“ sagte die Hexe, – denn nichts hätte gesitteter sein können,
-als unser Auseinandergehen – „ich hoffe, Sie besuchen mich, falls Ihr
-Weg Sie wieder in die Gegend führt.“
-
-„Ich werde gewiß nicht verfehlen.“
-
-„Sie sind noch erkältet. Nehmen Sie sich in acht. Sie werden eine kalte
-Reise haben.“
-
-Ich lachte. Mochte das verderbliche Weib sich wundern über mein leichtes
-Herz. Später, irgendwann, sollte es von meiner Übersiedelung nach
-Fiesole erfahren, als hätte es sich auf Grund einer Begegnung ganz
-improvisiert und zufällig ergeben. Denn so war es ausgemacht. Und alles
-fügte sich gut. Ihr Gefährt war außer Sicht, bevor ich den Zug bestieg,
-der statt nach Florenz den Hügel von Fiesole hinauffuhr.
-
-
-
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- Neuntes Kapitel
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-Hier oben setzte nun jenes Zwischenspiel ein, welches die Oase, die
-selige Insel, die gedeckte Brücke darstellte über eine sonst wie auf
-geheime Weisung mit großen und kleinen Steinen immer neu versperrte
-Bahn. Glatt wie Marmorfliesen lief sie plötzlich dahin. Ich sah nur mehr
-in die Luft und residierte auf Wolken. Die Geschwindigkeit, mit welcher
-der auf Verwehrungen Gestellte sich an Erfüllungen gewöhnt, scheint
-darauf hinzudeuten, diese seien letzten Endes doch unsere eigentliche
-Bestimmung ... Geschmeidig, wie ein nach Maß verfertigter Handschuh,
-paßte mir die Freude nach drei Tagen an. So sollte es bleiben, und so
-war es recht. Blumengewinden gleich schlangen sich die Stunden hin;
-schade um die, welche man verschlief. Des Nachts lag ich noch lange in
-dem breiten Fenstersims meines Zimmers; zu meinen Füßen lag die
-glitzernde Stadt, vom Mondlicht überströmt, und ruhelos überdachte ich
-die Genüsse des vergangenen wie des kommenden Tages. Es fehlte nicht an
-Depeschen, die mich bald zu diesem, bald zu jenem Vergnügen
-hinunterriefen und die mir schmeichelten. Aber am schönsten war es doch
-hier oben, am liebsten sah ich es, wenn die paar witzigsten oder
-schönsten Florentiner in dem tiefen und dunklen und doch so frohgemuten
-Saale sich zu uns gesellten, dessen Tisch, ans äußerste Ende gerückt,
-sich wie auf einer Bühne ausnahm, nur von Kerzen beleuchtet, in deren
-Schein die Gesichter noch schöner, die Gespräche noch beschwingter
-wurden. Doch wer auch kam, immer war es Mary Coroughdeens Vorsitz, der
-unsere Tafelrunde krönte. Denn wessen Blicke schweiften geruhsamer,
-welcher Mund lächelte sanfter über uns hin? Ich nahm das Kolorit ihres
-Haares, die Madonnenpracht ihrer Erscheinung für gegeben. Wer den
-Schreck noch nicht erfuhr, die Reize eines Angesichtes, die er in ihrer
-Blüte sah, welk oder zerstört wiederzufinden, der kennt das Leben nicht.
-Hier vermag die Phantasie für sich allein ohne Erfahrungen nicht
-vorzugreifen. Frau Coroughdeen stand in ihrem Zenit, und es kam mir
-nicht in den Sinn, daß sie ihn gerade deshalb bald überschreiten würde.
-Ich besaß noch nicht die Vorstellung von dem Prozeß, der sachte aber
-geschäftig ein eben noch straffes Gewebe lockert: hier eine kleine
-Schärfe, ein leises Erschlaffen dort, und der Verfall ist eingeleitet,
-so unmerklich zwar, daß man sich fürs erste fragt, ob jenes Gesicht noch
-ganz so schön ist, wie das Jahr zuvor.
-
-Ähnliche, einer Beschämung so verwandte Erkenntnisse lagen mir noch
-fern; es war alles zeitlos. –
-
-Zwei hübsche Abendkleider, welche ich bei der Hexe nie Gelegenheit
-gehabt hatte anzulegen, kamen mir jetzt sehr zustatten: eines besonders,
-von flügelartigem Schnitt mit schwarzen Achselbändern. Wie entseelt hing
-es vom Stuhle.
-
-
-
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- Zehntes Kapitel
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-Das junge Ehepaar war vorläufig nach Capri vorausgefahren; Mary
-Coroughdeen, der sommerliche Herr und ich wollten mit dem Abendzug nach
-Rom; Treffpunkt war die Bahn. In meinem Vergnügungsfieber folgte ich
-vorher noch einer Einladung in die Stadt und aß in einem Kreis von
-Leuten, welche den Eindruck in mir erweckten, daß sie mich bewunderten.
-Dies bewirkte ein Gefühl so großer Sicherheit, daß meine Einfälle
-einander richtig jagten. Denn was konnte mir das Schicksal noch anhaben?
-Um sechs Uhr ging es mit Mary und dem sommerlichen Herrn nach Rom, und
-Treffpunkt war die Bahn. Strahlend machte ich mich von meiner Umgebung
-los, um einen Strohhut zu erstehen, der mir schon lange ins Auge stach.
-Der Preis war toll, aber was schadete das? Eine solche Jahreswende, ein
-solches Silvester mußte man feierlich begehen. Schon lag der kürzeste
-Tag zurück: jetzt gerade setzte im Norden die ärgste Kälte ein. Dem
-häßlichen und hassenswerten Winter war ich zum erstenmal entronnen, dem
-grauen Schnee um drei Uhr nachmittags unter den abscheulichen
-Glockenklängen meiner in den siebziger Jahren erbauten Stadtpfarrei. O
-wie sie die Öde des todbringenden Alltags ausläuteten! Entronnen!
-
-Ja, Treffpunkt war die Bahn.
-
-Und stand da nicht schon Marys Wagen, der Insassen bar? kam mir da nicht
-der sommerliche Herr entgegen? beschleunigte ich nicht meine Schritte?
-
-„Ich zerbreche mir den Kopf,“ sagte er, „was am besten wäre.“
-
-„Einen Strohhut kaufen!“ Und ich schwenkte lachend den papiernen Sack,
-der ihn enthielt. „Ist schon geschehen.“
-
-„Ein großes Unglück ist geschehen“, sagte er da. „Mein Schwager ist
-plötzlich gestorben. Ich suchte vergebens, Sie zu erreichen. Mary ist
-mit dem Mittagszug nach London abgereist.“
-
- * * * * *
-
-„Wollen Sie nicht nach Fiesole mit mir zurück?“ – – – – – – – – – – – –
-– –
-
-„Bis das Haus aufgelöst ist – Oder ziehen Sie vor, hier in Florenz zu
-warten?“
-
-„Wie lange bleibt sie fort?“
-
-Er zögerte. „Auf den Tag natürlich läßt es sich nicht genau bestimmen.“
-
-In diesem Augenblick wußte ich schon längst, daß mir keine andere Wahl
-bliebe, als schnurgerade nach Hause zu fahren.
-
-„Schade“, sagte er.
-
-„Sehr schade, sehr traurig“, sagte ich und ging gemessenen Schrittes an
-seiner Seite auf und nieder.
-
-Auch nach Norden ging ein Zug in einer guten Viertelstunde. Recht so.
-Ich löste alsbald eine Karte. Er schien betreten über eine so
-kategorische Hast. Aber Leute, die das Schafott besteigen müssen, haben
-es eilig.
-
-So nahm ich Abschied, stieg ein und winkte lächelnd aus dem Fenster, als
-ich schon fuhr. –
-
-Ein Bäumchen, vorfrüh ganz in Blüten gehüllt, sogar von Hitze schon
-umwoben, von Bienen und von Faltern schon umschwärmt, das schon Vögel
-aussandte und in seinem Geäste nisten sah, und das im Mondlicht vor
-Entzücken schauerte und plötzlich unter einem niedrigen und schwarzen
-Himmel von einem harten Schneegestöber gefaßt wie erblindet steht, mit
-knackenden Ästen, sein herrliches Kleid vernichtet und zerfetzt – der
-Anblick eines solchen Bäumchens wird mich zeitlebens an den Bahnhof von
-Florenz und jenen Tag zurückversetzen, an dem ich dem sommerlichen Herrn
-entgegenging, die Tüte schwenkend mit dem neuen Hut, in dem ich ihn und
-alle, die mich darin sehen würden, zu betören gedachte. Er, dieser Hut,
-im Übermut gekauft, war schuld. Meine Fahrkarte reichte nur bis Bozen.
-Dorthin kam telegraphisch das Geld, das meine Heimreise ermöglichte. Es
-schwebte mir das Postamt vor, von dem es aufgegeben wurde. Leute mit
-frostentflammten Nasen gingen aus und ein. Es war in der Tat die kalte
-Fahrt, die mir die Hexe versprochen hatte. München lag wie vereist.
-
-Dies war meine erste Abfahrt von Florenz.
-
-
-
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- Elftes Kapitel
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-
-Doch ich kam wieder. Im Frühling zog ich wieder die Via Tornabuoni
-hinab, sicheren Schrittes auf den Arno los. Als wäre sie mein, diese
-Stadt. Blumen gehörten jetzt zu ihrem Bilde. Es war die Mode der weißen
-Handschuhe. Diese weißbehandschuhten Hände trugen alle Blumen.
-Blumenbüschel schossen an allen Straßenecken auf, und wohlfeil war die
-Anemone; und die gelben Sonnenkelche, die Narzissen, die hochgehißten,
-fast wilden Sträuße der Mimosen. Mein waren auch die Düfte dieser Stadt,
-die über die Brücke hinschlugen, ihre erste Hitze und ihr erstes Grün.
-Jedoch mein Reiseziel war Rom. Und erfahrener kam ich wieder als im
-vergangenen Jahr. Ich hatte alles mitgenommen dieses Mal. Am blauen
-Seidenbande, im rosa Seidensäckchen eingenäht baumelten deutsche Zechini
-mir vom Halse, die mir den Himmel öffnen sollten über Rom. Ich griff
-nach ihnen: sie waren immer da. Auch der Gürtel mit der hohen Schließe,
-immer aufs engste zugeschnallt, war eine Garantie. Und wieder einmal
-fand ich das Leben eine schöne und merkwürdige Erfindung, unerschöpflich
-an Genüssen. Denn die Wunder Gottes waren nicht allein. Die Menschen
-hatten ihnen die Wunder ihrer Architektur und ihrer Musik, die Wunder
-solcher Städte zugesellt: diesen Turm der Signoria zum Beispiel in
-seiner direkten Beziehung zu den Wolken. O wie er sich reckte! wie er
-aufflog zu ihnen.
-
-Der Dom warf sich auf gleich einem Berg. Er warf Schatten gleich einem
-Berg. Enge Gassen liefen auf ihn zu. Plätze gaben seinen himmellangen
-Seitenwänden das Geleit; Straßen folgten ihnen von fern. In der
-Buntheit, in der fließenden Glätte seines Gesteines pochte Gesang. Was
-funkelte da in der Bläue des Tages über die Dächer der Stadt? der Hügel
-Fiesoles, vielgekrönt, reich an Erinnerungen.
-
-Marys Haus war geschlossen, aber sie und ihr sommerlicher Bruder
-erwarteten mich in Rom; morgen, alle una mit dem direttissimo ... Alle
-Hotels waren überfüllt. Man hatte mir eine Pension sehr angelegentlich
-empfohlen, die mir außerordentlich mißfiel; in einem modernen Viertel
-gelegen mit feudalen Mietsparteien in den unteren Etagen, von welchen
-sie ihren Leumund bezog, vier Treppen hoch, die immer steiler und kahler
-wurden.
-
-Wer aber beschreibt den Speisesaal?
-
-Fünfundvierzig – ich hatte sie gezählt – fünfundvierzig alte
-Engländerinnen, alte Fräuleins, alte gezierte Schachteln sammelten sich
-hier um die Essenszeit mit fürchterlicher Pünktlichkeit zu Hauf, nahmen
-vor kleinen Tischen Platz und boten einen empörenden Anblick. Denn alte
-Frauen sind wie Topfpflanzen aufzustellen, ja, und auch zu hegen, aber
-sie gehören nicht in Sträuße wie die Zentifolie. Und nicht nur mit ihren
-fünfundvierzig Teekännchen, die Damen waren auch samt und sonders mit
-den Photographien der Primavera und des Konzertes von Giorgione
-vermählt. Der melancholische Mönch, ohnehin das Symbol aller Verzichte,
-mußte daran glauben.
-
-O diese bornierten Stirnen, so untergeordnet und so ladylike, diese
-zufriedenen Ohrmuscheln, diese phantasielosen Fingerknöchel, die
-Monotonie dieser Münder, die alle dasselbe aßen, alle ohne Variante
-dasselbe sagten; England, mochte es über den ganzen Erdball siegen,
-England war blamiert mit ihnen! Mein Gegenüber war von einer so
-housekeeperhaften Manierlichkeit, sie war so schrecklich fein, daß ich
-jetzt beide Ellbogen aufstützte, um weiter zu essen – als die
-sechsundvierzigste Engländerin in Begleitung eines Reverend unter die
-Türe trat. Mit ihrem vornübergeneigten Kopf, der breiten und mächtigen
-Nase, der braungelben Färbung, der langen und ungefähren Gestalt, trat
-sie wie der aufrechte Genius der Sardine einher.
-
-„Wer ist das?“ fragte ich unwillkürlich.
-
-Meine Tischgenossin hätte meinen Ausruf lieber ignoriert, aber dann
-siegte der Wunsch, mich zu belehren: „First cousin to Lord Sullivan“
-beschied sie kurz. Hatte ich denn schon einen Lord oder die erste
-Cousine eines Lords getroffen? Geschah es nicht zum ersten Male, he? War
-ich denn von good family? Schwerlich. Sie richtete ihre Jammerbüste auf.
-„Armer Lord Sullivan,“ bemerkte ich. Der Reverend trug einen Band Ruskin
-unter dem Arm, er scheute sich nicht, Hahn in diesem Schauerkorb zu sein
-und nahm gegenüber the Honourable Sardine Platz. Unter ihrem Vorantritt
-verfügte man sich dann in den Salon. Es tagte noch. Ich floh ins Freie,
-der Via Tornabuoni zu. Dort konnte man hübsche, junge, leichtsinnige
-Kokotten sehen, das Hütchen lustig hinausgeschoben oder kecker noch
-hereingesetzt. Und harmloser, unschuldiger muteten sie an, als die
-geschützte Kohorte der Pension Malocchio. (Schon, o schon nannte ich sie
-so.) Und sie taugte nichts, die miese, zufällige Jungfräulichkeit der
-gealterten Schar dort oben, eine gezogene Niete nur, unheilig auch sie.
-
-Süß aber war die Vergessenheit dieses Abends. Ich ging in einer
-Rosenwolke. Der Frühling hatte einen wilden Tag gehabt. An wie viel
-Hängen brach er heute aus! Den kühlsten Gründen nicht mehr neu. Zwischen
-schweren Blättern drückten sich die Blumen vor. Jetzt ging er zur Ruh.
-Es stand ihm eine aufgeregte Nacht bevor. Der Mond war voll. Schon
-steigerte sich das Gebüsch. Ich sah ihm an, wie es sich bereitete. Vor
-dem Hôtel de Ville machte eine offene Droschke halt: schmale Schuhe, die
-schnell Fuß auf der Erde faßten, eine rasche Gestalt: „Wahrhaftig Sie
-sind es!“ rief die Dame.
-
-Es war die eine Hälfte jenes Hochzeitspaares, das zu Mary Coroughdeen
-gekommen und dann nach Neapel gefahren war. Der Mann befand sich jetzt
-in England infolge eines Trauerfalles, und sie wartete in Florenz auf
-seine Wiederkehr. So kam ich ihr wie gerufen.
-
-„Aber ich fahre morgen nach Rom.“
-
-„Das dürfen Sie nicht! Sie dürfen mich nicht so verlassen. Warten Sie
-nur noch drei Tage und ich komme mit Ihnen.“
-
-„Meine Pension“, sagte ich, „ist wirklich zu greulich.“ – „Neben mir
-wird morgen ein Zimmer frei,“ rief Eleonor. Sie lief in die Halle. Ich
-wollte ihr folgen. Da war sie zurück. „Es ist schon reserviert!“ rief
-sie mir zu und zog mich wieder ins Freie.
-
-Es paßte mir nicht recht; ich wollte doch nach Rom, aber sie war so
-willensstark. Arm in Arm streunten wir nun durch die Straßen, und ich
-erzählte ihr alles. Ich trug den vorfrüh gekauften Hut. Wir lachten, und
-ich aß noch einmal zur Nacht. Ich skizzierte ihr die Schreckensschar und
-den Reverend in ihrer Mitte. Eleonor sagte: „Wir haben in Venedig eine
-Wohnung gemietet, an der Giudecca, und Sie müssen uns dort besuchen.“
-„Schön, schön“, sagte ich. Quer über den Platz kam ein Bekannter auf uns
-zu, und ich nahm eine Einladung für den nächsten Abend von ihm an.
-
-Die Steintreppen zu meiner Pension jedoch nahmen wieder einmal kein
-Ende. Aber morgen hatte mich ja das Stift gesehen. Auf immerdar!
-
-
-
-
- Zwölftes Kapitel
-
-
-Mein Zimmer trug die Nummer 19. Es war häßlich, sah auf einen unwirschen
-Hof hinaus und lag abgetrennt am äußersten Ende eines langen Ganges.
-Häßlich, rot, grob, breitschrötig und cholerisch war auch die Magd, die
-mir das heiße Wasser und das Frühstück brachte. Aber schon um neun Uhr
-wollte Eleonor mich holen, um nach Santa Maria Novella zu gehen.
-Ostersonntag! und ein lichter Himmel über dem düsteren Hof. Mir gleich
-endgültig aus den Augen, so daß ich nicht umhin konnte, ein wenig hin
-und her zu summen. Nur so eine kleine Barkarole, von der schönen Luft,
-die hereinwehte, getragen und wie von Märzbechern eingeläutet. Es war
-noch früh, aber ich störte niemanden. Das Zimmer hatte keine Nachbartür.
-Die Fülle der Glocken über alle Dächer hin! Mein Herz war leicht. Jetzt
-nur noch das seidene Säckchen über den Kopf gezogen, und ich stand
-bereit. Nachts pflegte ich es unter das Kissen zu legen und nun hätte
-ich es schier vergessen. Aber dort lag es nicht mehr. Wie zerstreut ich
-doch heute war. Ich hatte es ja auf das Tablett gelegt. Aber das hatte
-man schon abgetragen. Ich läutete. Niemand erschien. Ich läutete in
-rascher Folge wieder, und verdrossen kam die Magd herein. Ich schickte
-sie nach der Küche, nach dem Tablett zu schauen. Sie ging. Zitternd
-stand ich vor dem Spiegel und starrte mich mit blutlosen Lippen selber
-an, riß das Kleid von neuem auf, aber das blaue Band hing mir nicht an;
-griff mich ab, die Stätte war leer. Die Person kam wieder: „Non c’è“,
-sagte sie. „Si c’è“, rief ich in heller Verzweiflung. Ihr rotes Gesicht
-wurde noch dunkler. Sie trat in den Gang hinaus und kam mit einem Manne
-wieder, Hausdiener oder Portier, jedenfalls ihr geschworener Freund.
-„Non c’è“, bekräftigte er. „Non è vero“, sagte ich. Da traten beide
-näher. Die Worte „gettarla fuor dalla finestra“ drangen an mein Ohr und
-ließen mich blitzartig die Situation übersehen, so daß ich mich wohl
-hütete, von dem Fenster wegzurücken, vor dem ich stand, denn wir waren
-ohne Zeugen. Warfen sie mich in ihrer Wut hinab, so konnten sie
-beteuern, ich hätte mich selbst hinuntergestürzt. Der Gedanke an den
-Freispruch, der ihnen zuteil würde, entwickelte in mir den Furor eines
-Löwen. „Ich gehe jetzt auf eine Stunde fort“, sagte ich, als hätte ich
-freie Bahn. „Mittlerweile suchen Sie gefälligst das ganze Zimmer durch,
-dann wird der Sack sicherlich zum Vorschein kommen.“ Mit diesen Worten
-wandte ich mich der Türe zu, allein die zwei blieben drohend vor mir
-aufgepflanzt und ließen mich nicht durch. Was wollten sie? „Man kommt“,
-sagte ich triumphierend. Eleonor trat ins Zimmer. Meine beiden Schergen
-verließen es alsbald.
-
-„Was ist?“ rief sie und fing mich auf. Denn die zurückgedrängte Angst
-machte sich wie ein giftiger Nebel über mich her, jetzt, da Eleonor mir
-zur Seite stand. Sie duldete nicht, daß ich dies Haus noch einmal
-betrat; lieber sollte mein Koffer zurückbleiben, die Handtasche trugen
-wir gemeinsam durch den leeren Gang. Niemand zeigte sich. Wir gingen die
-Stiegen hinab, warteten auf einen Wagen und fuhren ins Hôtel de Ville.
-Ein reizendes und neu tapeziertes Zimmer wartete da meiner, allein mir
-blieben siebenundvierzig Lire, und ich fuhr mir ans Herz, als hätte es
-einen Sprung.
-
-O Kirche von Santa Maria Novella! Welch verwirrtes und bebendes Gemüt
-entließen an diesem Ostermorgen deine heiligen Pforten! Aber war mir
-nicht von neuem der Weg nach Rom verschüttet, wenn der Sack verloren
-blieb? Was flogen die Vögel so hoch?
-
-Und warum erspähte Eleonor den Schutzmann, der gelangweilt auf dem
-Platze stand! Was radebrechte sie da mit ihm? War es nicht verfrüht, ihn
-heranzuziehen? Er mußte ein Neuling sein, denn seine Bereitschaft war
-nicht gering. „Chè,“ sagte er, „kriegen wir, kriegen wir,“ und machte
-sich voll Eifer auf den Weg.
-
-Eleonor war guter Dinge. Sie hatte einen Brief, der ihr die Rückkehr
-ihres Mannes anzeigte. „Ich habe das bestimmte Vorgefühl, daß Sie heute
-abend wieder im Besitz Ihres Sackes sind“, so sagte sie. „Wie sind denn
-im allgemeinen Ihre Vorgefühle?“ „Immer richtig! Man kann immer darauf
-gehen.“ Doch ich atmete wie ein Asthmatiker. „O Sie sind langweilig“,
-rief sie aus, „wo wollen wir essen?“ Im Hotel wartete schon der
-Polizist, zwar ohne Sack, aber mit zufriedener Miene. Die Magd befände
-sich hinter Schloß und Riegel. Indes stelle sich die Pension auf ihre
-Seite und verweigere die Herausgabe des Koffers. Die Magd leugnete
-nämlich. Daher die Repressalie. Dann ging er.
-
-Ein Abendfähnchen war alles, was mir blieb, außer dem Kleid, das ich
-trug. Es dunkelte. Mir schauderte vor dem Anblick meines Fensters, es
-war hochgelegen, wie das von heute morgen. Ich zündete alle Lichter an.
-Auch über dem großen Spiegel war ein Kontakt. Er warf mein Bild zurück.
-Und wieder starrte ich mich selber an, als könnte ich nur mir selbst
-meine Bedrücktheit anvertrauen. Ich stand mit siebenundvierzig Lire und
-ohne Koffer da. Dies waren die Tatsachen; mochte Eleonor sich mit noch
-so guten Vorgefühlen tragen.
-
-Der Mond war heute voll. Welch Geraune wohl und welch ein Rausch in den
-Cascinen. O daß in den Tiefen des Gezweiges vielleicht sich regte der
-Rhapsode unserer Ekstasen! Vielleicht entströmte ihm das erste Gold
-erträumten Grams, und schlugen Bangigkeit und Wonne der Verliebtheit in
-seiner Kehle an. Leid und Verliebtheit der Nachtigallen nur? O nein, der
-Götter und der Menschenherzen.
-
-Langsam fing ich an, mich für den Abend umzukleiden. Meine
-emporgerichteten Arme, im Raume gesehen mit den hellbeschienenen Händen
-in der Luft, bannten meinen Blick wie Bruchteile einer Statue und
-anderer Wesenheiten teilhaft als nur des Ichs. Solche Gedanken entsandte
-der Spiegel als letzte Labsal, letzte Stärkung dieses Tages ...
-
-„Wann zeigst du dich in deinem Glanze?“ lachte Eleonor herüber. Als
-Antwort ein wilder Schrei. Was hatte ich gesehen? Was zeigte sich mir
-da? Sie stürzte herein, wähnend, meine Kleider steckten in Brand. Ich
-hatte sie noch nicht angelegt. Was nun auch sie erblickte, war ein
-Gegenstand in meiner rechten Hand: ein blaues Band an einem Ende
-losgerissen, von dem ein schweres Säckchen herunterhing. Es war mitsamt
-dem Bande bis zum Gürtel hinabgerutscht, hinter der hohen, nach innen
-ausgebuchteten Schnalle platt gedrückt. Und das Mädchen im Gefängnis.
-„Fliehen Sie, fliehen Sie!“ war Eleonors Schreckensruf, und sie verließ
-das Zimmer. Zitternd und ungefähr zog ich mich an und lief aus dem
-Hause.
-
-
-
-
- Dreizehntes Kapitel
-
-
-Der Florentiner, der mich zu Tisch erwartete und mit dem ich dann in die
-Oper gehen sollte, wohnte mit seiner Mutter in der Via Alfieri. Er
-gehörte dem Kreise Frau Coroughdeens an. Auch er zog alsbald das
-Kursbuch hervor. Wir aßen nur so lange, als es Zeit bedurfte, die
-Victoria anzuspannen und fuhren dann mit Diener und Kutscher auf dem
-Bock nach der Pension Malocchio. Ich sollte mit dieser Doppelwache im
-Wagen bleiben, denn mein Parlamentarier bestand darauf, allein die Höhle
-meiner Mißgeschicke zu besteigen. Dem Säckchen, dem das blaue Band nur
-auf einer Seite anhing (es hätte sich wirklich nicht gelohnt, es
-anzunähen) entnahmen wir gerade so viel, als ich zur Rückfahrt nach
-Deutschland brauchte; mit den achtzehn schönen, runden, dicken
-Goldstücken, die als mein Lösegeld darin verblieben, zog er dann hinauf.
-Er blieb sehr lange. Die Luft war lau. Im Norden gab es wohl noch
-Schneegestöber und ein langes Hin und Her zwischen Winter und Frühling.
-Warum kam mein Abgesandter nicht zurück? Das Theater mußte bald zu Ende
-sein. Im dritten Akt hatte die Duse fast nichts zu tun. Da trat er
-hervor.
-
-„Mein Koffer“, sagte ich. „Man gibt ihn heute abend noch nicht frei. Ich
-hatte einige Mühe mit dem Mädchen“, sagte er; auf seinen Wink fuhr jetzt
-der Kutscher wie ein Teufel los. „Dann ist es ja gar nicht eingesperrt.“
-„Man ließ es mangelnder Beweise halber nach zwei Stunden wieder laufen.“
-Ein Groll stieg in mir auf. „Es ist zu arg!“
-
-„Wie?“
-
-„Erzählen Sie doch!“
-
-„Ich bin sehr lange ausgeblieben, Sie haben lange warten müssen. Aber es
-war so interessant und so unterhaltend, die alten Damen über Sie zu
-verhören. Sie machen sich gar keinen Begriff, welche Abneigung die ganze
-Pension für Sie gefaßt hat. Nein, wie Sie das in zwei Tagen fertig
-gebracht haben, alle Hochachtung! Es herrscht nur eine Stimme über Sie.
-Die fälschlich angeklagte Magd dagegen wurde umringt wie eine Diva. Sie
-erhielt sechsundvierzig Geschenke. Von Ihnen, meine Liebe, wollte sich
-jede schon beim ersten Blick des schlechtesten Eindrucks entsinnen. Ich
-gab mich natürlich nicht als Ihren Freund aus. Es hätte den Redefluß
-gestört.“ –
-
-„Mein Koffer“, sagte ich.
-
-„Ich kriege ihn schon frei. Lassen Sie die ersten Wogen der Rache sich
-legen. Es war da noch ein Freund der armen Person ...“
-
-„Armen Person?“ fuhr ich auf. „Sie hat das beste Geschäft ihres Lebens
-gemacht. Schweigen Sie mir von der.“
-
-„Ja, sie ist häßlich, aber sie hat einen sehr feurigen Freund, der unter
-gräßlichen Schwüren beteuerte, er würde nicht eher ruhen, als bis Sie
-selbst im Gefängnis säßen, und die sechsundvierzig Damen teilten
-durchaus seine Ansicht. Es war wirklich nicht so einfach, wissen Sie.
-Ich hatte Mühe mit dem Säckchen. Ich hielt es an seinem gerissenen Bande
-hoch und schilderte, wie leid Ihnen alles täte.“ „Nichts tut mir leid.
-Nur ich allein tue mir leid. Kein Wort mehr“, rief ich. Er zog seine
-Uhr. „Wir kommen noch recht zum zweiten Akt.“
-
-Der Morgen dämmerte. Es zwitscherten die ersten Vögel. Silberner Flor
-war am Himmel zerstäubt. Man klopfte, um mich zu wecken. Doch ich stand
-schon bereit. Fluchtartig also und bei Tagesgrauen mußte ich Florenz
-verlassen. Es war meine einzige Ähnlichkeit mit Dante. Und mein zweiter
-Abschied von dieser Stadt. Mary Coroughdeen und ihren sommerlichen
-Bruder sah ich niemals wieder.
-
-
-
-
- Vierzehntes Kapitel
-
-
-Doch ich kam wieder. Ich ließ mich so nicht unterkriegen. Diesmal stieg
-ich in der Nähe des Bahnhofes ab, und länger als einen Tag und eine
-Nacht gedachte ich nicht mich aufzuhalten. Mein Reiseziel war Rom. Kein
-Säckchen hing mir diesmal an. Ich hatte einen Kreditbrief, das war
-besser. Die Bäume freilich, die ich in ihrer ersten Pracht gesehen
-hatte, standen längst entlaubt. Auf den Bergen lag Schnee, und es gab
-viel Kranke in der Stadt. Mary Coroughdeen war nach England übersiedelt,
-ihre Villa geschlossen. Allein das Licht tönte sich genau wie im
-vergangenen Winter ab, und mit Macht versetzte es mich in jene Zeit
-zurück, da ich traurig meine einsame Straße marschierte. Mir schien, es
-sei vergangenes Jahr. Ahnte ich denn, wie weit das Tageslicht Leben ist
-– wie das unsere? Schwingungen sind der Lüfte Schoß. Längst verwehte
-Akzente der Leidenschaft, der Schönheit, des Affektes erstehen uns von
-neuem. Ja, wer ihrer Sprache kundig wäre!
-
-Betrachtet euch die Städter, wenn sie vernehmen, daß sich die
-Wunderkrone der Victoria Regia aus vieljährigem Schlafe regt. In langen
-Zügen sieht man sie zur Riesenblume pilgern wie zu einer Gottheit. Nur
-eine Woche lang strahlt und duftet sie kostbarer und berückender, blüht
-heißer als alle Blumen, dann schrumpft sie gelb und häßlich ein; welke
-Stränge, ins Leere ausgeworfen, künden ihren Tod, ihr vergängliches
-Sterben.
-
-So kann den Hoffnungslosen, den auf immer – (aber was heißt immer?) –
-den auf immer Beraubten ein jagendes Licht, seine Fülle oder sein
-Versagen, der Atem einer Brombeerstaude, ein unvorhergesehenes Etwas an
-der Biegung eines Weges, es kann der Schatten einer Bank ihn
-überwältigen, daß er inmitten seines Grams vor Glück erschauert.
-
-Ich wußte es noch nicht, ich wunderte mich nur. Nie wäre es mir auf
-meiner Osterreise in den Sinn gekommen, die Hexe aufzusuchen, und nun
-fuhr ich zu ihr. Die Münze war mir ausgegangen, ich reichte dem
-Schaffner eine Banknote hin und starrte wunschlos in den Tag. Denn es
-rastete mein Herz, als sei ihm Erkenntnis geworden, und es frönte der
-ungewohnten Ruh. In San Gervasio stieg ich aus und zog die weiten
-Schleifen der Straße dahin. Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und
-wehte mir entgegen.
-
-Die Stimmung der Hexe jedoch war eine andere, und sie empfing mich kalt
-und überrascht. Die Uhr schlug zwei. Cara brachte den schwarzen Kaffee
-herein und auch ein Täßchen für mich. Ich hielt es vor dem Fenster
-stehend, das auf den Garten sah. Der Wind fegte einher. Kein Vorhang
-dämpfte den fahlgewordenen Tag; er schwelgte in seiner Abgewandtheit,
-und sonderbar mischte sich da in sein grenzenloses Schweifen das Ticken
-der Pendule. Warum beklemmten ihre Schläge? Irrsinnig schwang der kleine
-Pendel hin und her, als ob es ihm obläge, Zeit, Natur, alle Dinge, alle
-Wünsche zu skandieren, so machte er sich laut. Aber plötzlich zerriß das
-Gewölke, eine wahrhaft südliche Bläue triumphierte über den Sturm, und
-Sonne erfüllte den Raum. Von ihrer Wärme einbezogen, hielt ich das
-Gesicht zu ihr empor; von ihr umsponnen und gebleicht war es begeistert
-ganz für sich allein ...
-
-Neue Wolken jedoch trieben in der Luft heran, alle Glorie erlosch, die
-Pinienkronen wirbelten auf, der schwarze Lack des Flügels spiegelte sich
-in der zunehmenden Düsterkeit und anders behauptete sich jetzt das
-Ticken der Pendule, beschwichtigend nunmehr wie Ammenworte in einer
-Kinderstube. Und statt des Sonnenfeuers loderte das andere, das wir den
-Göttern gestohlen hatten, still und geschäftig im Kamin, in dessen
-Schein die fröstelnde Hexe saß. Wo waren meine Augen gewesen, daß ich
-über das kranke Oval die schmale beschwingte Stirne übersehen hatte und
-die in ihrer Zermürbtheit rührenden Schläfen? Was schied mich von so
-viel Verblühtheit? Die irrsinnigen kleinen Pendelschläge nur, die, alles
-mißachtend, mich alt oder verwest zurücklassen würden. Ein Jahr war
-vergangen, seit mir die Hexe der Inbegriff alles Verabscheuungswürdigen
-dünkte, ein Jahr, an dem ich mich noch schleppte. War sie nicht
-vielleicht schön, diese Hexe? und war sie eine Hexe? Barg sie nicht ganz
-andere Flügel vielleicht, als die des Drachen? – Die unter die Räder
-geratene Spinster sollte dereinst mehr Wesensfülle, mehr Menschentum,
-mehr Mut, mehr Edelsinn, mehr Unbeirrbarkeit des Geistes und des Herzens
-zu Tage legen, als Millionen und Millionen ihrer Zeitgenossen. Wie die
-auf hohem Brückenpfeiler gestellte Engelsfigur, so vereinzelt und
-abseits sollte ihre barocke Gestalt sich im Weltkrieg umreißen und die
-dumpfe Allgemeinheit überragen. –
-
-War eine Ahnung in mir aufgestiegen? Alles stand hier unverrückt: der
-Flügel, die Fenstertüren, die auf den blumenlosen Garten sahen, die Hexe
-am Kamin. Nur ich war anders zurückgekehrt. So litt man denn nicht
-vergebens ...
-
-Bewegt sah ich zu ihr herab. Allein ihr Wunsch, von mir befreit zu sein,
-funkte durch das Zimmer, und ich nahm Abschied; immer noch wie im Traum,
-als ob ich es nicht selber sei, welche die oft begangenen Schleifen der
-Straße dahinzog, und als sähe ich die vom Winde dahingewehten Umrisse
-der eigenen Gestalt. Erst in San Gervasio, angesichts der schon grell
-beleuchteten Schienen, erwachte ich, setzte schnell darüber und sprang
-in den Wagen.
-
-Auf dem Hinweg aber hatte der Schaffner meine Zerstreutheit
-wahrgenommen, erfolgreich abgewartet und auf meine Banknote überhaupt
-nichts herausgegeben. Ich merkte es erst jetzt, kramte fieberhaft in
-meiner Tasche, und als kein Zweifel mehr bestehen konnte, reichte ich
-dem neuen Schaffner schwer verdrossen einen neuen Schein. Er gab mir
-reichlich Silber zurück; aufmerksam achtend fand ich, daß alles stimmte
-und sah wieder zum Fenster hinaus. Aber das große Spiel der Schatten,
-die ins Dunkel geworfenen Kirchen drangen nicht mehr bis zu mir. Damals
-wie heute bildete der Domplatz die Endstation. Meine Börse war zum
-Bersten voll, und es dünkte mir daher praktischer, sogleich einige
-Einkäufe mit dem Hartgeld zu besorgen. Bei jedem Stück jedoch, das ich
-hinreichte, hieß es jetzt: „Non è buono“. Die Hauptpost befand sich
-damals den Uffizien gegenüber. Am Schalter regierte ein Mann mit den
-Schultern eines Sklavenhändlers. Francobolli, herrschte ich ihn an,
-zahlte verächtlich und ging ins Freie. Auch er jedoch, wenn auch nur um
-ein paar Groschen, hatte mich begaunert. War mir aber der Gedanke nie
-gekommen, die beiden froh dahinfahrenden Schaffner zu belangen, so
-brachte mich diese letzte, kleine Übervorteilung zur Raserei. Wie in
-einem fünften Akt und als stecke mir ein Dolch unter dem Mantel, so ging
-ich wieder zurück, trat an den Mann heran und machte wegen der fünf
-Soldi meine Szene. Wütend warf er sie auf den Tisch. „È pazza“, sagte er
-zu den Umstehenden; ich strich die Groschen ein und ging.
-
-Wie edel lag der Platz vor mir! Ein früher Mond hellte zarten Fluges
-darüber. In der Loggia dei Lanzi hielt der Held den sterbenden Freund. O
-des ewigen Augenblickes, da er, aufgegebenen Geistes, von seinem Arm
-herabhing! Mein Herz strebte plötzlich himmelwärts wie der Turm der
-Signoria. Wie fehlte dem Leben jede Majestät! Armselig war es eingedämmt
-von Widrigkeiten, Zufällen, zerrissenen Schuhbändern, verlorenen
-Gegenständen, Zahnschmerzen, verfehlten Zügen.
-
-„Non è buono, non son buoni“, hieß es am nächsten Morgen beim Begleichen
-meiner Rechnung. Alles Silbergeld falsch. Zum Glück war mein Billett
-nach Rom schon lange gelöst. Von hundert Lire hatten fünfunddreißig ihre
-Gültigkeit. Niemand ließ sich von den übrigen etwas andrehen, so
-erbittert ich es auch versuchte. Nun rollte der Zug, in dem ich saß, aus
-der dunklen Halle ins Tageslicht. Romwärts. – Also doch! –
-
-Allein der angesammelte Ärger brodelte wie auf Feuer gesetzt. Nur auf
-den Verlust des lumpigen Geldes versessen tobte Leidenschaft um so
-peinigender darein, als ihr Mißverhältnis zu einer so jämmerlichen
-Ursache mir nicht entging; eine Welle nach der andern schäumte an den
-Strand, infuriata. Ob ich noch so sehr strebte, mich in die Hand zu
-nehmen, zu einem vernünftigen neben einem unvernünftigen Wesen mich
-verdoppelnd. Ermahnungen und Klagen gingen hin und her. War es nicht
-verächtlich, eines so schnöden Anlasses wegen dieser maßlosen Aufregung
-zu frönen? – Aber würde ich denn in Rom weniger unfähig sein, falsches
-Geld von richtigem zu unterscheiden? Und was dann?
-
-Wie vielen ist es vergönnt, fragte ich, zu ihrem Pläsier in der Welt
-herumfahren? Pläsier? fragte ich.
-
-Ich hielt einen Tauchnitzband, ohne je über die erste Seite zu gelangen.
-Die Zeit verstrich, Stationen tauchten auf, hin und wieder hielt der
-Zug, oder er flog vorbei. Ich saß am Fenster, die Landschaft wurde
-kahler, ihr Lachen erstarb; sie war heroisch, aber nicht ohne
-Grausamkeit, die Bäume so gezählt; – und ich beruhigte mich nicht.
-Plötzlich ein großer Ruck. – Türen flogen auf. Chiusi. Mittagszeit. Ein
-tiefer Saal; gedeckte Tische aus dunklem Grunde hervorschimmernd. Die
-Reisenden strömten in Scharen dorthin. Ich sagte schon, es sei die Mode
-der weißen Handschuhe gewesen. Wie? Was streifte ich in dieser
-Kohlenatmosphäre ein schmiegsames, makelloses Paar über? Welche Stille
-setzte plötzlich in mir ein? welcher Einfall hißte sich hoch? Wer ging
-da? frage ich, ihren Tauchnitzband unter dem Arm, so kerzengrade, so
-rhythmisch, so lässig, so gelassen, so bewußt, so offenkundig
-distinguiert? Wer war sie? Man schaffte ihr Platz, sofort. Wie wäre es
-anders gewesen? jedoch sie dankte. „Un cestino,“ sagte sie, „queste
-pasticcerie“. Sie trank ein Glas Marsala, dann ein zweites, und
-unauffällig, als wäre es ihr erstes, ließ sie sich ein drittes geben. Es
-setzte sie in den Vollbesitz ihres Mutes. Sie deutete auf
-Schinkenbrötchen; auf Orangen. – Sorglich, die pasticcerie zu oberst –
-wurde alles hineingelegt. Ihr Buch fest an sich haltend, schritt sie
-sodann, weltabgewandt, wie sie gekommen war, über die Schwelle des
-ristorante. Sie eilte nicht; sie zögerte nicht. Nie würde sie wieder
-eine so unnachahmliche Allüre aufbringen, um einen Perron zu
-überschreiten, mit so liebenswürdiger Sicherheit, so effektvoller Ruhe,
-so überlegener Grazie sich bewegen. Nunmehr hatte sie ihren Platz am
-Fenster eingenommen. Von ihm aus konnte sie die Reisenden übersehen,
-welche erst vereinzelt, dann in Scharen einzusteigen begannen. Saßen sie
-alle? Nein. – Ein Weilchen dauerte es noch. „Pronti!“ erklang endlich
-der willkommene Ruf. Man fuhr.
-
-Am Eingang des Saales pflanzte sich jetzt der Padrone des Buffettos mit
-seinen in Zeit und Raum ausgeweiteten Gliedmaßen auf. Befriedigt blickte
-er seinen Konsumenten nach. Es hatte sich gelohnt.
-
-Wer aber konnte da nicht umhin, die weiß behandschuhte Linke leicht
-herablassend zum Gruße zu erheben? wer nickte ihm mit einem rätselhaften
-Lächeln zu? – Der Zug fuhr ja schon, und ich war von drei Gläsern
-Marsala (drei!) unbändig heiter gestimmt. Denn mit keinem Centesimo
-hatte ich den Wein, hatte ich die aranccie, die pane con jambone, die
-pasticcerie, noch die frutta secca berappt. Nicht war es nötig, daß ich
-mich länger zurechtwies; das Gelingen des gewagten Streiches, die aus
-dem Stegreif inszenierte Komödie hatte allen Schaden wett gemacht. Ich
-war gerächt. – Er würde es heute abend schon gewahr werden, der dicke
-Hans Dampf unter seiner Tür, daß an den Zecchini dieses Tages etwas
-nicht stimmte, nie aber würde er auf die über jeden Verdacht so
-erhabene, dem Alltag so entzogene Miß geraten, die ihr englisches Buch
-fest an sich hielt, während sie sich unversehens mit Marsala half, um
-ihrerseits Italien zu prellen. Es fehlte der Raum, sonst hätte ich
-getanzt, es fehlte ein viertes Glas, sonst hätte ich ein Hoch auf mich
-selber ausgebracht, so zufrieden war ich wieder mit mir selbst; so
-zufrieden verzehrte ich jetzt den ganzen Proviant. Vor allem mein
-_Gewissen_ aber hatte die verlorene Ruhe zurück erworben.
-
-So kam ich zum erstenmal nach Rom.
-
-
-
-
- Fünfzehntes Kapitel
-
-
-Unvorbereiteter waren sicher noch nicht viele nach der Stätte so großer
-Ereignisse gewandert. Daten, früh erlernt, hatte ich prompt und auf
-immer vergessen. Das Kolosseum stand mir als ein Sinnbild aller
-Grausamkeiten, und nur mit Abscheu blickte ich zur niedrigen Türe hin,
-aus welcher die Märtyrer den wilden Tieren entgegenzogen.
-
-Wozu eigentlich Märtyrer? Wäre es nicht besser gewesen, sich zu drücken?
-
-Auch die Engelsburg hatte mir viel zu viele Leiden beherbergt. St.
-Peter, mit Ausnahme von Michelangelos Jugendwerk, auch die Kolonnaden
-sprachen nicht zu mir, St. Clemens war die einzige Kirche, die mich
-rührte, von den Museen beglückten mich nur die Thermen, vor dem Forum
-versagte meine Phantasie. Schöner war es, in die Villa Medici zu gehen.
-In einer der Alleen stand Meleager, den herrlichen Marmorleib von späten
-Rosen umrankt, über ihn der verglühende Tag. Rom ist eine Stadt des
-Abends. Er hob sie auf ihren Thron. Alle Städte waren ihr dann untertan.
-Starke Tränke für den Beschauer waren ihre Sonnenuntergänge. Auch mir
-benahmen sie die Armut. Doch nur auf Augenblicke.
-
-Hier muß ich daran erinnern, was zu Anfang dieses Buches steht: eine
-radikale Sprunghaftigkeit könne sehr wohl mit einer sehr bestimmten
-Einheitlichkeit des Denkens zusammenhängen und es käme auf eine Probe
-an.
-
-Auch die Jugend, lieber Leser, überblickt das Leben. Nicht in der
-Verkürzung wie der Greis, sondern in wilder Vielfältigkeit türmt es sich
-vor ihr. Später, im Gewühle stehend, nehmen wir es in Kauf. Die Jugend
-ist hierin feiner. Sie ist noch nicht mit ihm verwachsen; wie soll sie
-es bewältigen? selbst mitten im Überschwang kennt sie das Zaudern und
-das Grauen. Erbarmt euch ihrer Unreife. Gerade sie wird ihr leicht zum
-Verhängnis. Keinem Lebensalter liegt der Selbstmord näher. Über die
-Brücke gelehnt, bedachte ich nicht mehr die Ausblicke und Bahnen meines
-Daseins, nur noch die besten Arten, mich ihm zu entziehen. Eine solche
-Flucht war freilich eine Niederlage und ein anderes Wort für: nicht
-bestehen. Allein es war der letzte Anker, wohl in Sicht zu halten.
-
-Rom hatte versagt. Was hatte ich geglaubt? Saß es auf seinen sieben
-Hügeln, um mir Richtlinien zu weisen? Ja, etwas Ähnliches hatte ich
-gewähnt. Denn Dürftigkeit und Chaos stritten sich um die Herrschaft in
-meinem Inneren. Die Intensität, mit welcher ich im Bahnhofsrestaurant in
-Chiusi operierte, lag natürlich meinem Wesen überhaupt zugrunde. Aber
-die letzten Dinge, nicht mehr noch minder, waren meine Sorge. Die Aula
-jedoch hatte ich mir selbst aufrichten, ohne Anleitung durch Dornen und
-Gestrüppe mich reißen müssen, nirgends zünftig, überall verwahrlost,
-nirgends zugehörig, immer hospitierend. Statt des Führers, statt des
-Rückhalts, statt des Abiturs – den Hokuspokus.
-
-Aber die tollste meiner „Windmühlen“ war Richard Wagner geworden.
-
-Ihn hatte ich zu meinem unmittelbaren Mentor erkoren. Seinem Dienste war
-ich eingeschworen, seinem Genius verpflichtet, seinem Beistand
-überantwortet. Seine gewichtigen zehn Bände waren das Bollwerk meines
-Château du cœur. Seinen langatmigen Formulierungen folgte ich um seiner
-kühnen Folgerungen willen gerne. Noch tobte die Wagnerische Mode, doch
-schon mehrten sich die Anzeichen eines Umschwunges, und mit Genugtuung
-nahm ich sie wahr. Bald, o bald fiel er fort, der lästige Chor, dann
-blieben nur die Wenigen, die ihn wirklich erkannten, dann gehörte er
-mir. Vor allem war es die Erhabenheit seiner Gesinnung, über die ich
-nicht mit mir handeln ließ; jederzeit kampfbereit, wenn es galt, die
-Standarte meines Glaubens flattern zu lassen. Zerwürfnisse nicht
-vermeidend, im Gegenteil; zu reinlichen Scheidungen immer gewillt; zu
-Donquichotterien immer aufgelegt. So erlebte eine Münchner Salonlöwin,
-die über Wagner im familiären Tone aburteilte, daß ich, über die Köpfe
-ihrer Gäste hinweg, lauten Protest erhob und augenblicklich ihren „jour“
-verließ. Es war ein schöner Frühlingsnachmittag. Ein leichter Wind
-umstrich mich linde: derweil die oben Gebliebenen empört über mich zu
-Gerichte saßen; entfernte man sich so, und wer war ich denn?
-
-Denn von der geistig besitzlosen Klasse wird das Recht auf eigene
-Meinung, so wir eine haben, am längsten angezweifelt und bekämpft; daher
-einem jungen Fräulein Niemand die beste Gelegenheit geboten wird, zur
-Menschenkennerin heranzureifen. Diesbezüglich befand ich mich in
-vorderster Szene, wo immer ich auftrat. London oder Berlin, es war ganz
-gleich. Als ich zum ersten Male einen Winter in Paris verbrachte, lebte
-noch der Gründer des Crédit Lyonnais, ein feiner, überlegener Greis. Auf
-irgendeine Empfehlung hin wurde ich dort öfters eingeladen. Es war ein
-Salon, der eben anfing, ein wenig auszuleiern. Nach einem kleinen,
-köstlichen Diner stand ich am Kamin und überblickte die Gesellschaft.
-Die schöne und noch junge Frau mit dem glitzernden und gewellten Haar
-figurierte in ihrer Schlankheit zu Ehren des noch schönen Paul
-Deschanel, das war klar. Sein Frack, dies letzte Wort von Frack, die
-seidene Schmiegsamkeit seiner Socken, seine für weiße Manschetten wie
-erdachten Hände, sein für den Zylinder wie erträumter Kopf, dies alles,
-wenn ich es heute überdenke, war von einer vorkriegszeitlichen Pracht,
-ohne störende Beziehung – seitdem haben sich ja der menschlichen
-Gesellschaft dunklere Kulissen aufgetan – als Empfangsräume, als den
-Salon.
-
-Ich sah und staunte. – In Gespräche mischte ich mich nur selten. Es war
-auch nicht nötig; im übrigen war ich eine jeune fille sans dot, und
-weniger konnte man nicht sein.
-
-Aber man kam an diesem Abend auf Bayreuth zu sprechen, und zu meinem
-Schrecken riß die Frau des Hauses Wagners Charakter in den Staub.
-„Ingratitude notoire“ waren ihre Worte. Schon führte ich wieder Schild
-und Speer, schon hielt ich am Kamine aufgestellt meinen Speech, schon
-war ich mitten in meiner Rhetorik. Hätte er Buch führen sollen über
-Summen, die er zur allgemeinen Bereicherung entlieh? und wenn wir schon
-feilschten, warum die vielen Existenzen nicht mit einbeziehen, die er
-begründete, die Theater, die er dotierte oder ins Leben rief, die
-Riesenvermögen der Wagnersänger? Was zollten sie ihm dafür? „Wenn wir
-schon feilschten,“ sagte ich und blickte unbefangen im Kreise umher,
-„gab er dem Etat der bayrischen Staatsbahnen, gab er“, höhnte ich, „den
-Hoteliers nichts zu lachen? Auf welcher Seite liegt der Undank, wenn wir
-schon rechnen?“ fragte ich. „O wie er das Geld verbrauchte, hinauswarf
-und verachtete, wie er zu einer von Mark und Pfennig gravitätisch
-eingedämmten Welt sich so unsäglich mittelbar bezog, Gott, wie
-erfrischend, welche Labung!“ rief ich aus.
-
-Nun war natürlich Dank oder Undank Wagners den Anwesenden denkbar egal.
-Was sollte dies feierliche Gehabe? – Ich sah Blicke sich kreuzen,
-Mundwinkel zucken; erst entstand ein Schweigen, dann sagte jemand:
-„Comme il fait chaud!“
-
-Begossenheit war da alsbald mein Anteil. Schüchternheit befiel mich
-wieder und schmiedete mich an den Kamin, wie Andromeda an ihren Felsen.
-Da aber trat Perseus in Gestalt eines ergrauten Mannes vom anderen Ende
-des Zimmers näher, und es erklangen die rettenden und unverhofften
-Worte: „Elle a raison“.
-
-Es war ein Professor Coggia aus Palermo; er hatte dem greisen Wagner bei
-Gelegenheit eines Aufenthaltes in dieser Stadt einige Dienste erwiesen
-und pries nun seine rührende Erkenntlichkeit, seine einfache und
-rücksichtsvolle Art. Dagegen machte er den denkbar schärfsten
-Trennungsstrich zwischen ihm und seiner nächsten Umgebung. Ja, er
-leugnete ganz und gar, daß sie Wagner homogen gewesen sei. Alle hörten
-jetzt mit großer Spannung zu. Wie glücklich aber war ich selbst an
-diesem Abend! Wie leicht tönte der Widerhall meiner Schritte auf dem
-Heimweg an mein Ohr. In Paris, wo er in seiner Jugend darbte, Wagner als
-armer Teufel, Wagner in Würzburg und Riga, schwebte mir mit ergreifender
-Deutlichkeit vor.
-
-Eines Nachts aber – kurz darauf – stand ich auf dem Platz des Münchner
-Hoftheaters. Allein. Denn eine Siegfried-Aufführung war noch im Gang,
-und ich war herausgelaufen, weil ich diese Musik nicht mehr ertrug. Sie
-bekundete mir nichts mehr. Sie quälte mich. Die Vorstellung war
-mittelmäßig, es ist wahr (die Ära Mottl stand noch aus), dennoch – ob
-ich mir auch gewisse Sonaten, die, zu oft vernommen, auf immer
-vielleicht erschöpft blieben, auch eine heruntergerasselte Eroica ins
-Gedächtnis rief, die nichts besagte, dennoch, welch ein Stoß! – Zwar
-erhielt mein Wagnerkult keine Einbuße deshalb. Ich gestattete ihm dies
-nicht. Seine ewigen Augen, der Zug nach ewiger Vollendung, der
-Weltenatem seines Geistes, dies war es, was ihn unsterblich machte.
-„_Schafft Neues_“ war im Alter sein immerwährender Ruf gewesen. Setzte
-da eine Stadt, seine Anwesenheit erfahrend, ihm zu Ehren eines seiner
-Bühnenwerke an, so ergriff er eilend die Flucht. Welch ein Meister war
-er des Überdrusses! – Er blieb mein Führer, mein Idol. Es rührte mich
-unbeschreiblich, daß er für seinen „Ring“ eine einzige Aufführung
-erträumt, und den naiven Wunsch gehegt hatte, die Bretter der eigens
-dafür zu errichtenden Bühne zusammengeschlagen, und nur die Erinnerung
-an das einmalige Fest verbleiben zu sehen.
-
-Ahnte er das Brünnhildengewimmel, den Sieglinden-Vertrieb, die
-Feuerzauberratsche, den Opernstaub, das Gerümpel manch geradezu
-ochsenhaft einhermarschierender Wotane, die Hojotohos, die Beliebtheit
-schlimmer als jeder Boykott?
-
-Wie ersprießlich dagegen war es, Wagner-Anekdoten zu sammeln! Am besten
-gefiel mir die einer alten Sängerin, an welcher er im Couloir des
-Münchner Hoftheaters mit dem Ruf: „Ich halte es vor Langerweile nicht
-mehr aus,“ in großer Aufregung vorbeilief. Er war mitten in einer
-Tristanvorstellung aus einer Loge herausgestürzt.
-
-„Wie war diese Vorstellung?“ fragte ich schnell.
-
-„Glänzend, wunderbar,“ sagte sie.
-
-Auch mit dem uralten sächsischen Gesandten von Fabrice, dessen
-Erinnerungen bis in das Jahr 1847 zurückgingen, stellte ich mich gut. Er
-lebte damals als junger Mann in Dresden, und der Kapellmeister Wagner
-war ihm vom Sehen bekannt. An einem Wintermorgen auf der Straße hinter
-ihm her gehend, sah er ihn von einem Bettler angehalten, seine Taschen
-durchsuchend, ohne etwas hervorzuziehen, daraufhin kurzerhand seinen
-Rock abwerfend, ihn dem Manne überlassend und weitereilen. Ein Brief aus
-Zürich an Liszt, in welchem er wie gewöhnlich über seine Geldnot klagt,
-über die einbrechende Kälte, und daß er keinen Wintermantel habe, ist
-zwei Jahre später datiert. Und vielleicht war ich die einzig Eingeweihte
-(denn Fabrice war tot), welche wußte, warum dies Garderobestück ihm
-fehlte.
-
-So blieb alles beim alten, ob ich auch in weiten Bögen
-Wagner-Vorstellungen mied. Nietzsches Auffahrt überwand ich unschwer.
-Selbst von einem so großen Geist beirrte sie mich nicht. Die Nähe war
-eine Beeinträchtigung auch für ihn, da hier nur die Distanz den
-richtigen Sehwinkel für ein maßgebendes Urteil schaffen konnte. Selbst
-für ihn. Daher die Bitterkeit, der schmerzliche Unterton bei Nietzsche,
-der seine eigene Desertion niemals verwand. Von Wagner wissen wir als
-einzige Äußerung zu dem Bruche nur jene Worte, die er ihm bestellen
-ließ: nunmehr sei er ganz allein. Und so dünkte mir denn auch der „Fall
-Wagner“ an allen Ecken und Enden ein „Fall Nietzsche“.
-
-In diesem Punkte hatte ich sicher recht. – Vierzig Jahre nach Wagners
-Tod trat der französische Komponist Paul Ducas in der Revue Musicale mit
-einer Charakteristik Wagners hervor, die, ein Meisterstück an Augenmaß –
-eben diese Spanne von vierzig Jahren (die Zeit schafft hier den
-geistigen Raum) zu einer ihrer wesentlichen Voraussetzungen hat.
-
-Gedulde dich, lieber Leser. Jede noch so weit ausholende Kurve führt uns
-zur Brücke zurück, auf der ich, mitten unter den Statuen stehend, über
-beste Todesarten meditiere.
-
-Denn von meiner Verstiegenheit, wie grotesk sie auch sein mochte, gab es
-kein Zurück. Es blieb nichts übrig, als die Probe auf das Exempel, in
-diesem Fall auf die Verstiegenheit, zu stellen. Sie war das hohe Meer,
-längst allen Ufern entzogen. Erreichbare Küsten forderte ich nicht mehr,
-wohl aber, daß Küsten, wie immer unerreichbar, vorhanden seien. Dies
-forderte ich. Ich forderte ein Zeichen. Mit dem Glauben, den ich mir
-zurechtgelegt hatte, zu sehr verwachsen, konnte ich ihm nicht entsagen,
-ohne mich selbst aufzugeben. Jener Satz, daß der Sprung vom niedrigsten
-zum höchsten Menschen größer sei, als der vom höchsten Tier zum
-niedrigsten Menschen, hatte Wasser auf meine Mühle getrieben. Denn
-Rangunterschiede waren mein Steckenpferd. Es konnte nicht anders sein,
-als daß der Auserwählte, die Persönlichkeit, nach besonderen Gesetzen
-antrat, ob sie auch, infolge des verhängnisvollsten aller
-Mißverständnisse, mit Vorliebe zum Haufen geworfen wurde. In diesem
-Lichte nur war alles wahr und falsch zugleich, was vom Menschen als dem
-Maß aller Dinge, wie als dem Ausbund aller Nichtigkeiten stand. „Ihr
-seid Götter“, hieß es zu den einen, und den andern wird verkündet, daß
-sie endlose Male wiederkehren oder sterben werden, was ja dasselbe ist.
-Vom Gattungsmenschen und seinem Korrelate, dem Gemeinschaftsgrab, lief
-die Leiter bis hinauf zur Marcia sulla morte d’un eroe. Viele lebten,
-deren Anteil an grausamen Geschicken täglich sich vermehrte ... ebenso
-sicher dünkte mir dies, als daß geheime Zaubersprüche walteten – deren
-Formel wir nur nicht kennen – über die weniger sterblichen, die
-vollendeten Typen. Freie waren’s. – Einen mächtigen Freibrief erkannte
-ich ihnen zu: die Not, die eine mit der Erlesenheit ihrer Natur so
-zerworfene Welt ihnen bereitet, genügte.
-
-Aber meine geistige Existenz hatte ihre inavouablen Seiten: ich
-erachtete mich als ein Wagnerisches Produkt. Wem hätte ich derartiges
-eingestanden? Mußte meine Verstiegenheit nicht Folge und Grund zugleich
-meiner Verlassenheit sein? Und wie hätte diese Verstiegenheit – ein
-Notbehelf auf sie – mich nicht isoliert? Über Gute und Böse ging die
-Sonne auf, über den Narren aber stand sie still.
-
-Bücher hatten versagt; Rom hatte versagt. Ich hatte ich weiß nicht was
-für Hoffnungen auf diese Stadt gesetzt, als müsse die Berührung ihres
-Bodens mich heilen. Aber Rom hat nichts Beschwichtigendes, es sei denn
-sein Licht. Rom wühlt alle Rätsel doppelt auf, und welche Argumente
-hielten stand vor dem teuflischen Dreh, der teuflischen Zweideutigkeit
-dieser Welt, den Abgründen, ins Unbeweisbare überall aufgetan, dem Netz
-des Leidens ausgeworfen nach der Kreatur, dem weglosen, verwirrenden
-Leiden des Getiers? Dies und meine geistige Einzelhaft schlug mir über
-dem Kopf zusammen.
-
-„Ein Zeichen!“ sagte ich laut. Ich forderte ein Zeichen unter diesem
-Abendhimmel Roms. Wieder hielt ich meine geistigen Arme emporgerichtet,
-wie in jener Nacht, da ich auf dem Weg zur Hexe, gegen die Hütte
-geschleudert, das gestirnte Firmament vor die Schranken rief. Liefen
-alle Anstrengungen und alle Opfer leer, dann war auch der Selbstmord
-nicht die fausse sortie, die Schopenhauer meinte, lebten aber die
-Kräfte, von welchen ich zehrte, warum sollten sie sich nicht bekunden?
-Tat ich dies? Träume waren meine einzige Gewähr gewesen. Träume lagen
-mittewegs. Aber Zweifel und Ernüchterung raubten mir die Kräfte, mich zu
-ihnen aufzumachen. Was also waren Träume?
-
-Aber kehren wir zur Brücke zurück.
-
-Man schrieb den 7. Februar. Eleonor erwartete mich in Venedig. Sie hatte
-endlich ihre erträumte Etage, und ich gedachte bis zum 13., dem Todestag
-Wagners, bei ihr zu bleiben. Wie jene Kranken, die zur Schwelle eines
-Tempels pilgerten, Rat oder Heilung dort erhoffend, so zog ich nach
-Venedig, mein Orakel zu vernehmen; entschlossen, das Fazit meiner
-mondsüchtigen Schritte zu ziehen. Zweck- oder Sinnlosigkeit meiner
-verschütteten, greisenhaft verlebten Jugend bis zu den Sternen setzend,
-die letzten Lose auswerfend, da ich nichts zu verlieren hatte, wenn ich
-verlor. So wandte ich mich endlich von dem Flusse ab, ging in der
-Dämmerung zwischen den Statuen, dann über den Korso zurück, zum ersten
-Male wieder guten Mutes, ja entrückt.
-
-Eine nette kleine Giftreserve zu unterst in meinem Koffer, sprang ich um
-Mitternacht in die Gondel, in welcher Eleonor und ihr glücklich
-heimgekehrter Gatte gekommen waren mich zu holen. Die stillen
-Wasserstraßen klangen vollstimmig an mein Ohr; und als der Morgen
-aufzog, sangen die Paläste, der Canale Grande lag in voller Bläue, seine
-Wellen tönte ein Hauch von Rosenglut, und wie ein Lied entstieg San
-Giorgio. Alles, selbst die Steine modulierten. Florenz ist Graphik, auf
-Silbergrau gezogen; Literatur. Viel zu streng und steil und traumlos für
-das unreife Gemüt. Venedig ist Musik. Süß durchbohrt es das gequälte
-Herz. – Da war ein Gäßchen, hoch und steinern bis auf den schmalen
-Himmelsstreifen, der darüber leuchtete. Glatte Mauern bis auf ein
-Fenster, das offen stand. Schwefelgelbe Sonnenstrahlen schmetterten auf
-rote Nelkenstöcke, die davor blühten. Lange mußte ich stehen und
-schauen, aber so, wie einer horcht.
-
-„Nicht denken“ war die Devise, nach welcher die folgenden Tage in großer
-Scheinruhe verrannen. Im Nu war der Vorabend jenes Todestages (der
-meiner Abreise) gekommen. Ich fürchtete mich. Ich dehnte ihn so lange
-wie möglich aus. Mein Zug fuhr in der Frühe. Wenig Stunden trennten mich
-von ihr. Die Nacht kam.
-
-Ein schmales feldbettähnliches Gestell nahm die Mitte meines Zimmers
-ein. Eleonor war stolz auf die bedruckte Leinwand, mit der es wie eine
-kostbare Schachtel ausgeschlagen war. Nachts gab es viel Gezänke und
-Gelächter in den Gassen. Heute belebten sie sich nicht. Wie
-eingelassenes Wasser stieg die Luft. Ich sah mich selbst im hohen
-Spiegel, feierlichen Auges gleichsam eingeschleiert, wie die Jungfrau,
-welche ihre Öllampe für den Bräutigam bereit hält. Die Nacht hielt ihre
-Runde. Über die Lagunen lag letzte Finsternis gefaltet; sie deckte alle
-Pfade, alle Wälder, alle Brücken zu. Alle Flüsse rauschten unsichtbar.
-Alle Tiere, die ihr Dasein noch gerettet hatten, schlummerten beruhigt.
-Erst mit dem Morgen drohte ihnen wiederum Gefahr. Gesichert schliefen
-die süßen Vögel im Gezweig. Friedliebend ist die Nacht, nur den Kranken
-und unglücklich Liebenden abhold. Auch mich entriß sie ungnädig schnell
-dem barmherzigen Schlaf. Stoßähnlich mein Erwachen, daß ich erschreckt
-das Licht aufdrehte. Dumpfen Pulses. Leer. – Zu den hold umspannten
-Wänden meines Zimmers verhielt ich mich nicht länger. Gefängnismauern
-kamen sie gleich, feucht von Schlangen, die ihre Köpfe nach mir zuckten.
-– Abgetrennt wie ein Gespenst. Nichts also. Es schlug vier Uhr von den
-Kirchen und den Türmen Venedigs. – Also nichts. Ob ich auch meine Knie
-umklammernd mich besann ... Nichts. Auf dem Flur eines gewöhnlichen
-Hauses hatte ich gestanden auf der obersten Stufe einer alltäglichen
-Stiege, fünf Treppen hoch. Das war alles. Ein paar Schritte trennten
-mich von einer verschlossenen Tür. Warum verschlossen? und warum wollte
-ich zu ihr? ich wußte es nicht einmal. So schwache Furchen hatte das
-nichtssagende Bild gezogen. Was hielt mich ab, den Flur zu
-überschreiten?
-
-Ich sank zurück.
-
-Solchen Nichtigkeiten nachzuspüren war zu verächtlich, Hunde nur nahmen,
-was sie kriegten, und wühlten noch unter Knochen.
-
-Das Licht verlöschend ward ich eins mit der Finsternis.
-
-Der Riese aber ...
-
-Ein Riese?
-
-Der grauenhafte Riese, der mir den Weg zur Tür versperrte und sich über
-mich warf. Der schreckliche und aussichtslose Ringkampf mit dem Riesen,
-der, kaum überwältigt, in Nu emporgeschwungen, mit Würgerhänden mich von
-neuem überfiel? Zu öfteren Malen, aber stets vergeblich, besiegte ich
-den dunklen, nie erlahmenden Riesen, und doch, ob ich ihn auch in die
-Tiefe stürzte, seiner immer entsetzter, immer atemloser gewärtig. Das
-Ringen wiederholte sich so oft, es dauerte so lang, meine Kraft war
-ausgegeben. Wie kam es, daß er doch noch einmal unterlag? Nur zum
-Scheine zwar. Lautlos ballte sich flugs wieder die fürchterliche,
-wesenlose Masse vor mir auf. In die Knie brechend stieß ich ihn hinab.
-War mir ersterbend eine Frist gewährt, die Türe dennoch zu erreichen?
-War diese Stiege nicht mehr gemein? Welche Schwelle überzog ich da so
-tief aufatmend, so erschöpft, daß ich nicht mehr wußte, ob ich lebte?
-
-O Gott, welch ein Gemach! wie ein Söller hochgelegen. Und wer war diese
-alte Dienerin, so schmächtig und so edel von Gestalt, der ich mich
-überließ, die nur insofern Anwesende, als sie mich stützte, mit meinen
-Füßen sich zu schaffen gab und mich zu einem niedrigen antiken Bett
-geleitete? Statt des Fensters eine breite Öffnung in der Mauer, die auf
-eine klassische und rätselhafte Landschaft niedersah: Bergeslinien, die
-mit so sanftem Schwunge zur Meeresebene ausliefen, als flössen die
-Farben aller Tageszeiten in einem einzigen Glissando.
-
-Aber die Luft um mich her, diese unnennbare Luft, sie vor allem war das
-Kompendium des Glücks. Ich war allein. Ich wartete auf niemand. Niemand
-kündete sich an. Doch mein Alleinsein war köstlichstes Umgebensein und
-aller Fülle teilhaft. Jegliche Gemeinschaft, mit dieser Einsamkeit
-verglichen, war Verlassenheit. War ich allein? Wo fände sich ein Wort
-für solche Vielsamkeit?
-
-Die Stiege, das unwirsche Alltagshaus entsunken und wesenlos das Ringen.
-Geworden nur die Süße dieser Müdigkeit, die Wonne dieser Luft. Wie ein
-Stern, dessen Licht den Äther durchfliegt, so hatte der Traum einer
-Spanne Zeit bedurft, um mein Bewußtsein zu erreichen. Ich saß hoch
-aufgerichtet, meine Knie umklammernd, mein Gesicht vergraben.
-
-Mut, sagte ich zu mir, Mut, Mut.
-
-
-
-
-
-
-Mit diesem Worte schließt die Geschichte. Es bedeutete einen Wendepunkt
-in meinem Leben. Ein neues begann, und es zeigten sich Horizonte, von
-denen meine gleichzeitig leichtsinnige und eingeschüchterte Jugend
-bisher nichts gewußt hatte. Schließlich mischte sich sogar die
-Weltgeschichte ein. Die Erzählung selber aber, die, als ein
-umfangreiches Buch angelegt, „Unitalienischer Roman“ heißen sollte,
-blieb darüber Entwurf. Der Weg, der an die Stelle zurückführen würde, wo
-die kaum begonnene Geschichte abbricht, ist auf ewig verschüttet. Was
-bleibt, ist ein großes Bedauern über die Zeitwende, das vielleicht auch
-andere teilen werden – und diese kleine Novelle.
-
-
-
-
- WERKE
- VON
- ANNETTE KOLB
-
-
- DAS EXEMPLAR
- Roman
- 8. Auflage
-
- Der erste Eindruck des Buches, schon nach wenigen Seiten, ist
- Kultur. Es gibt wenig Bücher, die so scharf wie dieses die Zeitseele
- enthüllen. Und im übrigen ist das Buch reich an allerlei
- entzückenden Dingen. Man wird in ihm sehr heimisch in London und auf
- den Landsitzen der Gesellschaft. Das Buch vereint wirklich zwei
- selten verträgliche Eigenschaften: geistige Tiefe und Charme. Es ist
- nicht nur ein bedeutendes, sondern auch ein liebenswürdiges Buch.
-
- Kurt Münzer
-
- ZARASTRO
- Westliche Tage
- 5. Auflage
-
- Hier stürmt und braust es, hier läßt Annette Kolb, die alles mit
- scharfer Beurteilung ansieht, die ungehindert ihre Meinung
- ausspricht, die glühend kämpft, die oft hart wird, oft ihre Freunde
- kränkt, weil sie zu kraft- und willenlos seien. Es ist ein Buch der
- Gegenwart, ein Buch, das unsere ganze Zerrissenheit darstellt, denn
- Annette Kolb steht mitten in dieser Gärung, diesen Konflikten. Es
- sind Tagesaufzeichnungen, sie wirken daher überaus lebendig.
-
- Minna Cauer
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-
-
-
- FISCHERS
- KLEINE ILLUSTRIERTE BÜCHER
-
-
- THOMAS MANN, TONIO KRÖGER
- Illustriert von E. M. Simon
-
- HERMANN HESSE, IN DER ALTEN SONNE
- Illustriert von Wilhelm Schulz
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- E. von KEYSERLING, HARMONIE
- Illustriert von Karl Walser
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- BERNHARD KELLERMANN, DIE HEILIGEN
- Illustriert von Magnus Zeller
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- THOMAS MANN, HERR UND HUND
- Illustriert von Georg W. Rößner
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- GERHART HAUPTMANN, FASCHING
- Illustriert von Alfred Kubin
-
- JOHANNES V. JENSEN, DER MONSUN UND ANDERE TIERGESCHICHTEN
- Illustriert von Arthur Wellmann
-
- HERMAN BANG, DIE VIER TEUFEL
- Illustriert von George G. Kobbe
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die ursprüngliche Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SPITZBÖGEN ***
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Spitzbögen</span>, by Annette Kolb</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
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-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Spitzbögen</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Annette Kolb</p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Illustrator: Rudolf Großmann</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: February 12, 2022 [eBook #67385]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SPITZBÖGEN</span> ***</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<div class="centerpic logo">
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-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h1 class="title">
-SPITZBÖGEN
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">VON</span><br />
-<span class="line2">ANNETTE KOLB</span>
-</p>
-
-<p class="ill">
-<span class="line1">MIT ELF ZEICHNUNGEN VON</span><br />
-<span class="line2">RUDOLF GROSSMANN</span>
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">1925</span><br />
-<span class="line2">S. FISCHER · VERLAG · BERLIN</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="cop">
-Erste und zweite Auflage<br />
-Alle Rechte vorbehalten<br />
-Copyright 1925 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="tit">
-SPITZBÖGEN
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter blank" id="chapter-0-1" title="Vorrede">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> gibt Leute, die mit Recht oder Unrecht im
-Rufe stehen, daß sie Unglück bringen. So war
-Offenbach als „Brandstifter“ berühmt, und sein
-Verweilen in einem Hause galt als Signal für eine
-Feuersbrunst.
-</p>
-
-<p>
-Daß aber auch Städte sich dem einzelnen feindselig
-erweisen können, dürften die wenigsten noch
-erfahren oder bemerkt haben. Nun, <em>mein</em> Jettadore
-war Florenz. In was für Klemmen ich dort
-geriet, was für Schlingen dort jedesmal für mich
-bereit lagen, spottet jeglicher Erfindung. Ach
-und überhaupt – Italien! – Wer vermöchte es
-einesteils nicht zu lieben? – Aber die Ebene von
-Mailand, aber die seelische Kälte der italienischen
-Mietswohnungen, ihre tiefe Ungemütlichkeit und
-rudimentäre Öde, aber gewisse Häuser der Armen,
-die uns mit ihren hohläugigen Fenstern wie Pestkranke
-ansehen!
-</p>
-
-<p>
-Und dann schneiden so manche italienische Landschaften
-ins Herz. Fiesole zum Beispiel, mit seinem
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-verklärten Ausblick – so holdselig, aber so abgeschieden,
-so vorbei! – Beklommenen Herzens
-blickte ich eines Morgens auf diese laue, in ihrer
-durchsichtigen Bläue zärtlich berückende Natur,
-und stärker noch empfand ich unter dem wolkenlosen
-Himmel die stille Schärfe der Zypressen.
-Gewiß, es ist ein schönes Land! aber schön ist
-auch der Anblick des unter der Fülle von Blumen
-fast verschwindenden Sarges, daß kaum ein Beschlag,
-kaum eine Kante desselben sichtbar wird. –
-So trauerte dort mein Auge und sehnte sich von
-diesem Bilde fort. Und nur mehr die Straße
-hinabsehend, fing ich plötzlich an zu laufen; – und
-ich lief, als gälte es dieser Gegend wie einem
-Gewölbe zu entfliehen, und nicht zu rasten, als
-bis ich wieder zu unseren Flüssen und Brücken,
-unseren lebendigen Wäldern gelangte. Denn Leopardis
-Seele war mir auf jenem Hügel aufgegangen.
-Ja, solche Klagen mußten sich ihr entringen, ein
-so herbes Echo mußte dies blühende, von Glanz
-und Duft umwobene Land erwecken, das in seiner
-stillen Morbidezza zwischen dem Hades und der
-Erde eingeschoben scheint. Die Einflüsse der Landschaft
-sind es ja sicherlich, mehr noch als die des
-Klimas, die gleichsam spiegelnd die Linien unserer
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-<span class="fc"><img src="images/i011.jpg" alt="" /></span>
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-Sinnesart und unseres geistigen Umkreises ziehen.
-So verhält sich Leopardis Pessimismus zu dem
-seines Zeitgenossen Schopenhauer wie der untröstliche
-Zypressenhain zum tiefen Tannenwald, aus
-dessen Düsterkeit wir Stärkung noch und Hoffnung
-schöpfen.
-</p>
-
-<p>
-Ich bitte indes nicht zu vergessen, daß ich den
-Berg hinunter laufe. So mag es hingehen, daß
-ich so weit von meinem Thema abgekommen bin.
-Denn ich wollte meine florentiner Mißgeschicke
-erzählen. Aber eine so radikale Sprunghaftigkeit
-kann mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit des
-Gedankens zusammenhängen; – ich meine, es
-käme auf eine Probe an.
-</p>
-
-<p>
-Oder dürfen wir einen Gedanken nennen, was
-mehr wie ein Verdacht, wie eine Hoffnung in uns
-schlummert? An manch schönen, wertvollen Dingen
-mag einer vorübergehen, da vernimmt er, was ihm
-eine Botschaft bedeutet, und gierig greift er es auf.
-</p>
-
-<p>
-Immer noch laufe ich indes meinen italienischen
-Berg hinab. San Domenico liegt schon hinter mir.
-Ich komme jetzt nach San Gervasio und bin dann
-gleich in Florenz. Somit wäre die Einheit des
-Ortes wieder hergestellt und ich könnte von neuem
-beginnen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter img" id="chapter-0-2">
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-<span class="centerpic"><img src="images/i013.jpg" alt="" /></span>
-<br />Erstes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">N</span><span class="postfirstchar">ein,</span> noch nicht. Wir müssen vorher noch einmal
-abzweigen. Es gibt kaum eine Stadt, die
-einen so weiten Umkreis zieht. Wenn einer viele
-Stunden ginge, vom frühen Morgen bis in den
-Abend hinein, immer wäre es noch das holdselige
-Florenz. Villen, die von fernen Hügeln herunterschauen,
-zwischen Abhängen versteckte Weiler,
-sie nennen sich noch Florenz. Wo die Straße
-zweimal einen runden Kreis beschreibt und Pinien
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-einen zackigen Bau, halb Schlößchen, halb Klause
-schirmen, dort habe ich bei einer Hexe gewohnt.
-</p>
-
-<p>
-Wie? –
-</p>
-
-<p>
-Aber warum nicht? Man sieht doch jetzt Geister
-erscheinen, materialisierte Hände in der Luft entstehen,
-Blumen oder Reiterstiefel aus dem Nichts
-in die Welt hineinwerfen. Was sollte da eine Hexe
-so Wunderliches sein? Wie oft sah ich nachts zum
-Fenster hinaus, ob sie nicht durch den Schornstein
-fuhr. Nicht mager, sondern ein Gerippe, war ihre
-Brust eine Höhle, ihre Achseln eine Gruft. Sie
-hatte mich im Norden eingefangen, und waghalsig,
-wie man in früher Jugend ist, war ich ihr gefolgt.
-Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ein Buch über
-Musik zu schreiben, und brauchte jemanden, der
-ihr abends all die Dinge vorspielte, welche sie
-dann morgens, gleich nach dem Frühstück, schnell
-in Literatur umsetzte. Es war ihre Art, musikalisch
-zu sein. Nun stand mein Talent zum Vom-Blatt-Spielen
-zu meiner lückenhaften Schulung ganz außer
-Verhältnis. Dies war just, was sie suchte. Unser
-Pakt war also folgender: ich sollte nur für meine
-Reise aufkommen, ihr vierzehn Tage lang allabendlich
-vorspielen, dafür bei ihr wohnen und Florenz
-sehen können. Dieser Punkt wurde auch ganz
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-geschäftsmäßig auf ihr Konto gesetzt. Zwar, wie
-sollte man es anstellen, in Florenz Florenz nicht
-sehen zu können, aber ich willigte ein. Florence
-vaut bien une sorcière, dachte ich. So fuhr ich hin.
-</p>
-
-<p>
-Aber leider lebte sie gar nicht in Florenz,
-sondern von der Piazza del Duomo bis zu ihrer
-Mulde, die ganz ohne Verbindung lag und zu der
-keine Straßenbahn, kein Gleis führte, hatte man
-geschlagene zwei Stunden zu gehen. Nun herrschte
-sie allerdings über einen verhexten Schimmel und
-ein Gefährt, das sie stets selbst kutschierte, aber
-Pferd und Wagen standen nicht im Kontrakt, und
-sie bot mir niemals an, mit ihr zu fahren.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
-<br />Zweites Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">G</span><span class="postfirstchar">eist</span> besaß sie ganz entschieden, aber die englische
-Spinster neigt ohnedies zur Verdünnung
-und nie, schien mir, war eine so unbarmherzig unter
-die Räder geraten, an keiner hatte sich die klassische
-Drohung, von der uns Plato berichtet, so drastisch
-erfüllt, wie an der Hexe des florentinischen Tales.
-Denn nicht nur, heißt es, hätten uns die Götter
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine
-und vier Arme zu verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen
-Seins angewiesen wurden, sondern es
-könne wohl geschehen, daß die also beraubte und
-reduzierte Kreatur nicht mehr aus Übermut zwar,
-aber aus Mangel und Sehnsucht heraus sich zum
-Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize.
-Und diese in ihrem Zorn würden sie zum zweiten
-Male spalten, daß sie, zur Profilgestalt geschwunden
-und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr
-dürftiges Dasein verlebe.
-</p>
-
-<p>
-Am frühen Nachmittag lenkte sie – die Finger
-um den Knauf der Peitsche gekrallt – ihr leeres
-Gefährt nach der Stadt, und die unleibhafte Figur
-mit der schiefen, gewölbten Schulter, dem scheinbar
-nur profilierten Kopf, ragte gar spukhaft über das
-Pferd, das alsbald mit unheimlicher Willenlosigkeit,
-ja wie entsetzt, zum Tore hinauslief. Ich folgte zu
-Fuß den Weg hinab, den sie voranzog, und ihr
-nachsehend war ich es zufrieden, daß sie mich
-nicht einlud, so wenig lockte mich ihre Nähe. Aber
-das gealterte Jahr kehrte schon seine bleichsten,
-müdesten Tage ans Licht, und die Dunkelheit
-überraschte mich oft mitten auf der Straße, die
-sich in glatten Schleifen so lange hinzog. Sie war
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-einsam genug. Die wenigen verstreuten Bauernhäuser
-kehrten ihre Fenster scheu der Bergwand
-zu und tauchten unter, bis es wieder tagte. Aber
-die dunkle Leere, der frische Abendwind, die
-Einsamkeit dieses Tales war so hold; ich dachte
-an unsere nordischen Berge; wie schroff und finster
-sie sich des Nachts wider den Wanderer zusammenschlossen!
-Wie beschwichtigend dagegen umschatteten
-sie ihn hier! Es lag etwas Schweifendes,
-weit Umfassendes in der florentinischen Nacht, das
-bei Tag verflachte; etwas so Beseeltes, daß es wie
-kleine Flügel an meinen Sohlen hing. Oder war
-es die Freude, im Dunkeln die Gegend zu durchstreifen
-und die Welt so ganz allein für sich zu
-haben, niemanden, der sie mit einem teilte noch
-durch seine Begleitung störte? Es war so neu!
-Aber die Hexe hatte mir verraten, wie sicher die
-Wege hier seien, und mir von der engelsgleichen
-Bevölkerung, die hier lebte, erzählt. Vielleicht
-hätte ich mich auf einer deutschen Landstraße
-im Finstern gefürchtet. Wer weiß? ich hatte es
-nie erprobt. Es war mir nie gestattet gewesen.
-Hier aber fühlte man sich so ungefährdet. Merkwürdig,
-wie man das fühlt, dachte ich. Denn
-nichts lassen sich sehr junge Menschen schneller
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-suggerieren, als den Glauben an die Ungefährlichkeit
-aller Dinge: ja in ihrer bereitwilligen Unerschrockenheit
-liegt etwas, das sie sozusagen an
-den Rand der Welt hinaus verweist, als gehörten
-sie infolge ihrer Unerfahrenheit nicht recht in sie
-hinein.
-</p>
-
-<p>
-So kehrte ich jetzt nie mehr vor Abend zurück.
-Um die Teezeit hatte die Hexe nicht selten Besuch.
-Doch als ich da anfangs erschien, hungernd nach
-anderen Gesichtern, verhehlte sie mir nicht, daß
-sie meine Gegenwart verwünschte. Die Leute,
-die mich hier trafen, schienen überrascht, zeigten
-mir aber ein Entgegenkommen und ein Interesse,
-das vielleicht auch Neugierde war. Auch mochte
-der Kontrast so großer Jugend sie rühren. Einmal
-war die schöne Frau Coroughdeen gekommen,
-die mich zu sich lud, als wüßte sie schon von
-mir. Aber ich wagte nicht sie aufzusuchen,
-denn die Hexe schien zu glauben, diese Einladung
-sei nur als Höflichkeit für sie selber gemeint. So
-machte ich mich jetzt schon früh auf den Weg,
-um ihren Anblick zu fliehen und kam erst am
-späten Nachmittag zurück. Ihr Speisesaal hatte
-vier Fenster, und im Tageslicht von allen Seiten
-unerbittlich beleuchtet war sie entsetzlich. Ach!
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-wie trugen sich ihre trostlosen Umrisse über
-Treppen und Gänge ein und waren vom Garten
-unzertrennlich. Nein; es half nichts bei Tage, von
-ihr wegzusehen. Ich gab es auf, legte die Gabel
-hin und faßte sie ins Auge, da es doch kein Entrinnen
-gab. Abends hatte man doch die dunklen
-Wände und den Kerzenschein, in dem man – von
-ihr weg – entgeistert starren konnte, während
-man mit ihr sprach. Ja sie liebte das. Ich war
-noch viel zu harten Herzens, um zu würdigen, wie
-bitter sie selbst den ausgreifenden Bannkreis ihrer
-Häßlichkeit empfand. Die Eisfelder von Labrador
-wehten keine wehere Kälte aus als diese einsame
-Kreatur, und ich war zu leichtsinnig, um zu bedenken,
-wie sehr ich sie durch meine Abneigung
-reizte.
-</p>
-
-<p>
-Meinen eingegangenen Verpflichtungen kam ich
-übrigens sehr gewissenhaft nach und spielte ihr
-allabendlich auf einem erträglichen Flügel, solange
-sie nur wollte. Ich tat es mit Vergnügen, wenn
-auch denkbar dilettantisch und zerstreut. Ein richtiger
-Musiker hätte mich vor Ungeduld geschüttelt.
-Die Hexe aber merkte nichts und ich frönte ihr
-gegenüber jenem Hochmut, den sich der Deutsche
-in Dingen der Musik gestattet. Damals trug ich
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-mich allen Ernstes mit der wilden Idee, dereinst
-als geniale Dirigentin die Welt an der Spitze eines
-Orchesters zu überraschen. Zwar bereitete ich
-mich auf diesen glorreichen Moment nicht anders
-vor, als daß ich, auf jenes imaginäre Talent mich
-berufend, das Klavier geringschätzte! Dafür malte
-ich mir immer wieder und mit besonderem Feuer
-aus, wie ich eines Tages das Publikum in atemlosem
-Banne halten und mein Orchester zu fliegend
-stürmischen, trommelnden Taten hinreißen würde.
-Je weniger die Wirklichkeit mich befriedigte, je
-mehr Zeit verlor ich mit solch nichtigen Träumen.
-</p>
-
-<p>
-Eines Abends auf dem Heimweg phantasierte
-ich wieder so lebhaft über dieses Thema, daß ich
-unwillkürlich den Arm ausstreckte, als hielte er
-schon den Stab über das Heer der Musiker geschwungen.
-Ich ergoß Ströme tönenden Goldes
-in eine vor Schweigen knisternde Luft, beschwingte
-sie, blies sie bis zur Trunkenheit an. So etwas
-hatte noch kein Publikum erlebt. Es fehlte nicht
-viel, daß es vor Entzücken anfing zu tanzen.
-Einige begannen heimlich zu fliegen. Als ich den
-Taktstock hinlegte, entstand ein unheimliches Geheul
-der Begeisterung. Man stürmte das Podium.
-Ich sah, ich hörte noch den Jubel der entfesselten
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Scharen, aber ich konnte nicht mehr zur Wirklichkeit
-zurück. Plötzlich sah man mich schwanken.
-Ich brach zusammen. Ich war tot.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ein kalter Wind, der vom Apennin herüberblies,
-riß mich aus dem imaginären Konzertsaal ins Freie
-und zur Ernüchterung zurück. Ich stolperte mit
-staubigen Füßen über ein paar Steine: und ich
-war müde. Zur Erholung überdachte ich nun, wie
-gut ich es tags zuvor der Hexe herausgegeben
-hatte, als sie mich auszuholen suchte für ihr dummes
-Buch. Was schöner sei: eine Symphonie oder ein
-Quartett, hatte die gelehrte Heuschrecke mich gefragt;
-und ich war stolz-ärgerlich um den Flügel
-herumgegangen. Was schöner sei: ein Porträt
-oder eine Landschaft, hatte ich sie zur Antwort
-schnippisch gefragt und alsbald wieder zu spielen
-angefangen, zum Zeichen, daß ich nicht zu diskutieren
-wünschte. Denn, hatte sie keinen Platz
-für mich in ihrem leeren Wagen, so gedachte
-auch ich kein übriges zu tun. Wie sie mich
-haßte! Aber noch zwölf Tage ... Inmitten der
-dunkelnden Leere wurden da in der Ferne Schritte
-vernehmbar. Sie belebten irgendwie diese weite
-Stille. So war man doch nicht ganz allein. – Ja
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-noch zwölf Tage und die drei Wochen waren vorüber
-und unser Pakt gelöst. Welches Glück! Wie
-bezaubernd war doch das Leben! Und Hoffnungen
-und Illusionen beflügelten meinen Gang.
-</p>
-
-<p>
-Der Takt der fernen Schritte wurde deutlicher,
-und unwillkürlich ging ich auch ein wenig strammer.
-Man aß sehr pünktlich zu Abend bei der Hexe.
-Sie warf sich dann stets in ein schwarzes Damastkleid
-von sehr gesuchtem Schnitt und über ihre
-ungleichmäßige Rückenlinie ergoß eine Watteaufalte
-ihren Schwall. Umsonst. – Sie hing ihr wie
-das gewölbte Wappen eines stilisierten Drachen
-an. Und was half sie mit einer Krause dem
-kranken Oval des Gesichtes auf? es glich doch
-höchstens einem gesottenen, halb ausgelaufenen Ei.
-</p>
-
-<p>
-Klapp, trapp, klangen die Schritte jetzt heller
-zu mir her. Konnten sie sich denn so schnell
-genähert haben? Es war wohl der Wind, der
-sie herübertrug, wie den Schrei der Lokomotive,
-der so unterschiedlich, bald so nahe, bald weit
-weg zu uns Kindern herüberdrang, während jenes
-Sommers im Gebirge, als wir dicht vor unseren
-Fenstern die Eisenbahn achtmal des Tages in einen
-Tunnel eindringen sahen und nie müde wurden,
-ihr aufzupassen und auf den grausigen kurzen
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Pfiff zu warten, mit dem sie sich jedesmal in die
-schwarze Wölbung einließ. Es war so lustig gewesen,
-und der Pfiff klang oft so anders – oft
-kläglich wie ein Hilfeschrei, je nachdem die
-Luft ihn trug, wie jene Schritte her, wie die
-meinigen hin. Die meinigen? – O Gott! an
-welcher Sturmglocke riß dieser Gedanke so jäh,
-welcher Aufruhr erhob sich in meinem Innern
-– so neu –, nur Bilder können es sagen – wie
-ein Orkan, der Staub und Blätter dahinfegt, so
-wirbelte er die sorglose Leere meines Innern auf,
-und kehrte ein ganz anderes Ich hervor, das ich
-selbst nicht kannte ..., denn aus welch verborgener
-Zelle, o Gott! stammten die Requisiten des argwöhnischen,
-uralten und wissenden Weibes, dem
-tausend Augen im Kopfe saßen wie einem
-Tier, und in dem nichts lebendig war und nichts
-vorhanden und nichts entfacht als eine wütende
-und namenlose Furcht, dessen Sein sich nur mehr
-auf den Takt jener Schritte bezog und dessen
-sonstige Identität erlosch. Nur eine Minute vielleicht
-und die Schritte würden mich überholen;
-dennoch stand ich still, denn die Unhörbarkeit der
-meinigen war das einzig Gebotene, nichts andres
-tat not auf dem Höllenpfad, auf den ich mich mit
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-einem Male gewiesen sah – fort von der blumigen
-Au jugendlicher Weltunkenntnis. So stand ich still.
-Aber brannten da meine Augen wie Scheinwerfer
-in ihren Höhlen, daß sie Dinge beleuchteten,
-welche das Dunkel begrub: unkenntliche Holzlatten
-jenseits der Straße, zu einem Viereck umrissen,
-– aufgeschüttetes Laub, fast eine Hütte.
-Schnell wie eine Kugel flog ich da über den
-schmalen Graben zu ihr hin, und dort zu Boden
-gestürzt sah ich aufblickend zum ersten Male, ja
-wie zum ersten Male, einen mondlosen Himmel,
-der die Erde in seinem Schoße zu halten schien,
-und sah diese Erde als leichten Ball um ihre
-eigene Achse im Weltall fliegen. Doch nur einen
-schwindelnden Augenblick lang durfte das Bewußtsein
-rasten, und zugleich mit ihm setzte ein
-Innehalten meines Herzens ein, daß es still und
-schwer wie eine zersprungene Glocke in mir lastete.
-Denn alles hat ja ausgesetzt, und es gab für mich
-nichts mehr als diesen Himmel über mir und die hastig
-schlürfenden Schritte, die jetzt innehielten, als horche
-hier einer, wo denn die meinigen blieben; – vorüber
-alles andere, alle Ketten gelöst, die mich in diese
-Welt eingliederten und alle Abkunft von mir genommen.
-Nur mein Ich, oder ich weiß nicht welch
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-losgelöster Bestandteil meines Ichs, schoß da wie
-eine Schlange zum Himmel auf; und er schien mir
-mit einem Male wie beengt von all den Sternen,
-die so neugierig, fast böse aus seinen Tiefen stachen.
-Wie ließe sich’s beschreiben, daß hier ein Körnchen
-Staub, ein Atom, das einen Moment lang zu
-einem Schein von Leben sich entfachen durfte und
-wie ein armseliger Leuchtkäfer an den faulen Balken
-dieser Hütte hing, die Folgenschwere eigener Geschicke
-an diesem unendlichen, still kreisenden
-Himmel zu messen wagte, als hingen sie mit seiner
-Ordnung irgendwie zusammen? Denn nicht anders
-forderte ich ihn da heraus, hielt ich ihm vor, daß
-seine rätselhaften Sterne nicht aus ihrer Bahn geschleudert,
-nicht als wilde Fackeln der göttlichen
-und unbegreiflichen Harmonie zum Chaos entbrennen
-durften – und hielt eiserne Arme emporgerichtet,
-nicht etwa flehend, sondern mit jener
-Intensität ohnegleichen, die einer Beschwörungsformel
-die hinreißende Kraft verleiht. Aber sie entrangen
-sich einem totenstillen Herzen, dessen Last
-nicht länger auszuhalten war, und zugleich schienen
-die Schritte, von welchen mich keine Entfernung,
-nur noch die Finsternis trennte, die Luft bis ans
-Ende der Erde mit ihrem Gedröhn zu erfüllen. –
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Und wie diese Schritte inmitten der Stille zuerst
-entstanden und dann vernehmbarer geworden
-und sich genähert – wie sie innegehalten und
-dann sich beschleunigt hatten, so fingen sie jetzt
-an, vorüber zu gehen, so entfernten sie sich, so
-verhallten sie jetzt – so trug sie der Wind noch
-einmal deutlicher her.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah mich verwundert um wie mitten am Tage.
-Schon begriff ich das ganze dramatische Aufgebot
-nicht mehr recht, mit welchem mich die Angst so
-wild und unvermittelt gegen diese Hütte geschleudert
-hatte, noch die elementare Wucht, mit
-der sie wie ein Wagnersches Orchester einsetzend
-ein Zaubergestrüpp um mich zog, das zugleich mit
-ihm so spurlos entschwand. Ja ich schüttelte den
-Gedanken daran ab, und wollte im Augenblick
-den ganzen Vorgang für eingebildet erachten, so
-stark war die Reaktion. Über den Graben zurückspringend,
-ging ich wieder meinen einsamen Weg.
-Schon rauschte mir jetzt das Flüßchen zwischen
-den Bäumen beschwichtigend entgegen, und von
-der Anhöhe herab grüßten die ersten Lichter der
-kleinen Ortschaft.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-<br />Drittes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Vorgang wurde erst wieder real, als ich
-etwas später als allabendlich am Flügel saß.
-Die Hexe hatte ein Konzert von Mozart auf das Pult
-gelegt und hörte stirnrunzelnd, mit drangsalierter,
-angestrengter Miene zu. Über die Noten hin
-sah ich sie nach einer Weile einen kühn gespitzten
-Bleistift hervorziehen, um ihre grauen,
-abenteuerlichen Hirngespinste über den liebenswürdigsten
-Genius zu vermerken. Es war grotesk,
-zu weit weg jedoch von aller Heiterkeit, um
-komisch zu sein. Das Zimmer lag zu ebener
-Erde und mit einem Male rauschte ein schwerer
-Regen darnieder. Konnte es sein, daß man
-sich hier auf demselben Planeten befand, auf dem
-ein Wien und ein Salzburg stand? Und nicht
-einmal fern! Zurück über die Alpen nach Rosenheim,
-oder man stieg in Franzensfeste um und fuhr
-durchs Pustertal hin ...
-</p>
-
-<p>
-Ich war durch die ausgestandene Emotion
-noch so stark in Schwingung begriffen, daß sich
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-mein geistiges Auge unversehens schärfen durfte.
-Es sah, erfaßte, erriet, möchte ich fast sagen, zum
-ersten Male Mozart als Phänomen, seine Gestalt
-im Raum, Geste und Wesen, alles in der Bewegung
-und im Relief, aber mitten in der Luftschicht damaliger
-Zeit und alles mit der Gewalt, der Plötzlichkeit
-des Erdstoßes. Es war ein Divinieren, dessen
-tiefe Schauer mich von allem Nichtigen und aller
-Unaufmerksamkeit befreiten. Jeder Takt offenbarte
-sich mir neu, ich drang verwundert wie zwischen
-Säulen in mystische Hallen vor, oft betretene, die
-ich doch gar nicht kannte, hinein in eine Welt, in
-der das Unsichtbare Form und Farbe gewann,
-und die in ihrer Entrücktheit so leugbar und doch
-so vorhanden, o so viel vorhandener war als die
-Stunde, die gerade schlug!
-</p>
-
-<p>
-Die Hexe merkte keinen Unterschied in meinem
-Spiel. Sie hatte schon viele Seiten vollgekritzelt;
-im Kamin zerfielen die verglühten Scheite und
-die Kerzen waren herabgebrannt. Plötzlich hob
-sich da auch die Flamme der auf dem Weg ausgestandenen
-Furcht. Der schon angezweifelte, schon
-fast verworfne Vorgang motivierte sich, wurde ernst
-und majestätisch, wie der gestirnte Himmel, unter
-dem er sich begab.
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a><img src="images/i029.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-„Denken Sie, ich habe mich heute auf dem
-Heimweg gefürchtet,“ sagte ich, als ich den Flügel
-schloß. Sie hob ihren kleinen Drachenkopf und
-sah mich teilnahmlos an. Man konnte sich nicht
-vergegenwärtigen, daß sie jemals ein Kind oder
-jung gewesen war, noch Vater und Mutter besessen
-hatte. Der Blick, den sie mir zuwarf,
-schüchterte mich ein. „Es war gewiß töricht,“
-sagte ich. „Allerdings,“ erwiderte sie kalt. Sie
-mußte es wissen; lebte sie doch seit vielen
-Jahren in dieser Gegend und war mit ihr verwachsen.
-Italien, die Renaissance waren für sie
-das letzte Wort – Toskana und seine Hügel die
-Endstation der Schöpfung. Sie gebärdete sich
-selbst so gut es ging als Italienerin; nannte ihre
-Mädchen Cara, den Gärtner Caro, aß, lebte,
-wohnte à l’italienne, plagte ihr Pferd und litt
-keinen Hund.
-</p>
-
-<p>
-Mit jedem Tage haßte ich sie mehr.
-</p>
-
-<p>
-„Es ist spät,“ sagte sie.
-</p>
-
-<p>
-Wir traten zusammen auf den Vorplatz. Hier
-blies die Zugluft von allen Seiten durch die lockeren
-Flügel der Haustüre herein. Der Regen prasselte
-auf das Dach und die Steinfliesen zeigten schon
-feuchte Stellen. Ich stieg müde und schweigsam
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-die Treppe hinter der Hexe hinauf und schützte
-meine flackernde Kerze.
-</p>
-
-<p>
-„Ich traf heute in den Uffizien Frau Coroughdeen,“
-sagte ich; „sie fragte mich, warum ich denn nicht
-zu ihr kommen wollte.“
-</p>
-
-<p>
-„Oh!“ Das ärgert sie! dachte ich froh.
-</p>
-
-<p>
-Aber so leicht zog sie den kürzeren nicht.
-</p>
-
-<p>
-„Mary Coroughdeen ist eine schöne, eine sehr
-schöne Frau,“ entschied sie mit schaler Unparteilichkeit
-und einem literatenhaften Unterton. „Sie ist
-sehr umringt und interessiert sich nicht für junge
-Mädchen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja aber sie war es doch ...“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist natürlich,“ unterbrach sie mich, während
-ihre Halskrause ins Beben geriet, „daß sie Ihnen
-freundlich begegnete, da Sie unter meinem Dache
-sind.“
-</p>
-
-<p>
-Wir standen uns jetzt vor meiner Türe gegenüber.
-Sie hielt ihre Augen auf mich gerichtet,
-und wie immer fingen sich ihre Worte in ihren
-langen, kränklichen Vorderzähnen.
-</p>
-
-<p>
-„Hat Mrs. Coroughdeen einen Tag mit Ihnen
-ausgemacht?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein,“ gestand ich.
-</p>
-
-<p>
-„Nein! – in der Tat“ – und ihre Krause
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-rührte sich nicht mehr. – „Es steht ganz bei
-Ihnen, auf eine so unformulierte Einladung hin die
-Dame mit Ihrem Besuch zu überraschen. Ich
-möchte Sie um so weniger daran hindern, als ich
-diejenige bin, welche für Ihre faux pas – oder
-eventuellen Zudringlichkeiten – allein verantwortlich
-gemacht würde. Denn Sie selbst sind
-noch zu jung!“
-</p>
-
-<p>
-Zornig errötend wollte ich etwas entgegnen,
-aber so schnell bog sie da in den Gang ein, der
-zu ihren Zimmern führte, daß ich nur mehr die
-Watteaufalte sah, die sich über den unsicheren,
-gespenstigen Rücken wölbte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<br />Viertes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span><span class="postfirstchar">m</span> nächsten Morgen war der Himmel so rein
-und licht, nach allen Richtungen sah man nur
-seine sonnige Bläue, als könne er sich gar keiner
-Stürme entsinnen, als schiene er über eine ungetrübte
-und unsterbliche Welt, und als seien alle ihre Grausamkeiten,
-ihre Morde und ihre Schiffbrüche und
-ihre zerrissenen Herzen ephemer; so tilgte er sie;
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-so stellte er leuchtend alles wieder her. Ich bin
-der Himmel, ich bin blau! lachte, tröstete er.
-</p>
-
-<p>
-Doch ich ging traurig meine Florentinische
-Straße, die in weiten Schleifen und so einsam den
-Hügeln entlang zog. Mir galt sie nichts, diese
-Sonne. Den Gram der Jugend lindert sie nicht.
-Unter ihren Lockungen verschärft er sich nur, und
-richtet sich heftiger auf.
-</p>
-
-<p>
-Wo nur hatte ich den Mut genommen, erwartungsvoll
-zu bleiben? Wie war es meiner Freundin
-Amarant von Binnenlöhr gegangen, der zum
-Glück Berufenen? Aber vielleicht war es so, daß
-die Menschen wie die Monate des Jahres gewissen
-Jahreszeiten unterstehen. Wie auch die jüngsten
-Bäume sich im Herbst entlauben müssen, so hatte
-sich der frostige Tod über meine Freundin Amarant
-geworfen und ihrer langen Wimpern nicht
-geachtet, sondern sie hingemäht wie einen Greis.
-Nie war ein Verdacht, eine Witterung in uns gewesen,
-sie könnte eine Gezeichnete sein. Dies war
-der Fehler. Denn wie Metalle den Blitz anziehen,
-so streben die Begebenheiten einzuschlagen, wo kein
-Argwohn entgegenwirkt ... So war Amarants
-Roman unermüdlich ausgesponnen worden, und
-nicht einen von uns hatten je diese knospenden
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Augen, diese frischen Zähne, diese schimmernde
-Haut an die Möglichkeit ihres nahen Todes gemahnt.
-</p>
-
-<p>
-Hatte ich ihn schon vergessen? – sie war dahin,
-aber meine Wünsche und Hoffnungen tangierte
-dies nicht, und für mich beanspruchte ich nach
-wie vor das Glück. Ja, für mich sollte es einherrauschen
-und überfließen, war auch Amarant dahin.
-</p>
-
-<p>
-Glaubte ich dies wirklich! Ach nein! – Nicht
-der Vision des durchsichtigen Baches, noch des
-Vergißmeinnichtes, das tauumfeuchtet im Waldesschatten
-seine blauen Bänke wie holde Schrecken
-zieht, noch des mächtigen Gartens, in welchem
-nur die kleinen edlen Vögel zu finden sind, weil
-ihn die Nachtigallen jährlich übervölkern und dessen
-reichgekrönte, von Putten so belebte Balustraden,
-dessen Statuen uns ergreifen und dessen Rosenbeete,
-dessen Rosenstauden von den Strahlen des
-hohen Springbrunnens weithin verschleiert stehen –
-nein, nicht von solchen Bildern war mein Leben
-überhangen. Weitab von ihnen würde meine
-Straße ziehen, leer abbiegen, wo sie sich nur
-zeigten, mein ganzes Leben würde werden wie
-diese Reise: Enttäuschung und Verdruß.
-</p>
-
-<p>
-Daß ich San Gervasio um eine Sekunde zu spät
-erreichte, bestärkte mich noch in dem Glauben,
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-denn Schlüsse, mörderische wie gute, konnte ich
-ziehen wie keine. Der kleine elektrische Zug fuhr
-gerade davon. Da stand ich also und sah zu den
-Türmen und der magischen Kuppel des Domes hinüber.
-Hinter mir rollte ein Wagen; ich wich ihm
-nicht aus. Mein durchwühltes Herz war in eine wilde
-Senkung geraten. Doch die Pferde trabten fröhlich
-abseits, das flockige Weiß eines seidenen Sonnenschirmes
-hob und senkte sich, darunter ein Lachen
-so abgetönt, so leicht umflort, so unbeschwert, daß
-ich den Trübsinn, dem ich noch eben frönte, weit
-zurückwies und mich seiner schämte. Denn Frau
-Coroughdeen war es, die ihre großen Augen verwundert
-auf mich richtete und die Pferde halten ließ.
-Ihr Wagen war es, in den ich sprang und einen
-Augenblick später den Hügel von Fiesole hinauffuhr.
-Matt wie angehauchtes Silber rückte die profilierte
-Stadt von neuem in die Ferne. Auch in mir war alles
-licht und blau geworden und konnte sich keiner
-Stürme mehr entsinnen, als wäre alle Not und alle
-Trübsal eintägig. So tilgte sie ein einziger Freudenstrahl
-in meinem freudegierigen Gemüt und stellte
-alles wieder her. War auch Amarant dahin ...
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter img" id="chapter-0-6">
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-<span class="centerpic"><img src="images/i036.jpg" alt="" /></span>
-<br />Fünftes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">ine</span> Stunde später saß ich in der geschützten
-Loggia einer Villa, die am höchsten Plateau von
-Fiesole hinter Pinien und Tannen ungesehen die
-Gegend übersah. Die schöne Mary, ihr Bruder,
-sommerlich gekleidet, und ein junges Ehepaar umringten
-mich und hörten mir zu.
-</p>
-
-<p>
-Denn ich erzählte. Und ein Vogel, der Haft
-entronnen, schmettert auf seinem Ast nicht unentwegter
-darauf los. Und glaubt man, daß er fertig
-sei, so setzt er schon wieder ein und ist in Zug
-geraten. Mary Coroughdeen saß den Kopf zurückgeworfen
-und lachte. Keine Linie an ihr, die
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-nicht der Regelmäßigkeit spottete, so triumphierend
-aber, daß meine Nöte mir verächtlich erschienen.
-Ich äffte jetzt das Pferd, wie es geängstet
-aus dem Hofe ausriß, und mich selbst, wie
-ich dem Wagen folgte und seine Spuren beging,
-und das Pferd, wie es scheute, wenn es ihrer ansichtig
-wurde. Es ging mir wie ihm. „Ich kann
-sie nicht sehen!“ rief ich aus. „Auch sehe ich sie
-nicht.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie bringen Sie das fertig!“ fragte der sommerliche
-Herr, „da Sie doch Ihre Tage bei ihr verbringen.“
-</p>
-
-<p>
-„Daß Gott verhüte! da bin ich doch in Florenz!
-möglichst früh und komme erst abends zurück.“
-</p>
-
-<p>
-„Allein?“
-</p>
-
-<p>
-„Aber ja! Wer sollte mit mir kommen den
-weiten Weg? und er ist ja so sicher.“
-</p>
-
-<p>
-„Wer hat Ihnen das gesagt?“
-</p>
-
-<p>
-Mary Coroughdeen hatte sich hoch aufgerichtet,
-und alle starrten mich an.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-<br />Sechstes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span><span class="postfirstchar">ch</span> verbrachte den Tag in der weitläufigen Villa
-und wußte nicht, wer mir am besten gefiel: die
-schöne Mary, das junge Ehepaar, das zu Besuch
-bei ihr war, oder der sommerliche Herr. Eilte
-denn meine Rückkehr nach Hause? Wäre es
-nicht schöner, zu Neujahr nach Rom zu fahren?
-Man hat eine Etage gemietet; es sei noch reichlich
-Platz. „Oh ich komme gerne!“ rief ich aus.
-„Abgemacht,“ klang es einstimmig zurück. Ich
-war im siebenten Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Abends fuhr mich Mary Coroughdeen den Hügel
-hinab zur Hexe zurück. Sie lenkte selbst. Nur
-wenig Sterne hingen am mondlosen Himmel. Wo
-blieb das prangende, neugierig blitzende, unendliche
-Heer, das sich gestern Nacht gesammelt hatte?
-Ich dachte an meine Angst. Wie war sie fern! Gar
-gefällig lösten sich freilich von solch einem Wägelchen
-herab die endlosen Schleifen des Weges.
-</p>
-
-<p>
-Da sagte Frau Coroughdeen: „Sie müssen mir
-versprechen, hier nie wieder im Dunkeln zu gehen.“
-</p>
-
-<div class="centerpic">
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a><img src="images/i039.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-„So hat die Hexe gelogen!“ fuhr ich auf.
-</p>
-
-<p>
-„Mit nichten“, sagte die sanfte Frau, „aber sie
-ist ein Sonderling.“ Sie gab sich mit dem Pferde
-zu schaffen und trieb es an.
-</p>
-
-<p>
-„Es ist immer besser,“ sagte sie dann und
-blickte geradeaus, „Zerwürfnisse zu vermeiden.“
-Es war fühlbar, daß sie selbst sich nicht zerwerfen
-wollte. Und hier war kein Feld zu einer Diskussion.
-„Ich werde die übrigen Tage bestehen,
-wie sie nun mal sind“, gelobte ich ihr, seufzte,
-lachte aber sogleich.
-</p>
-
-<p>
-„Und dann kommen Sie ja zu uns!“ rief sie
-sichtlich erleichtert aus.
-</p>
-
-<p>
-Das Zimmer, das ich bewohnen sollte, hatte
-sie mir schon gezeigt, mit den sanft vom Winde
-gebauschten großgeblumten Vorhängen, die Luft
-selbst im Finstern so lauschig, und nirgends umlauert ...
-</p>
-
-<p>
-Elf Tage jedoch können sich so lange hinausdehnen,
-daß man an ihrem Ende verzagt. Sind
-sie verronnen, oh, so schöpft sie kaum mehr die
-hohle Hand. Ich behalte von jener Zeit nichts mehr
-zurück, als daß sie mir endlos erschien. So leichtfüßig
-ist überstandene Not.
-</p>
-
-<p>
-Die Hexe ahnte nichts von dem romantischen
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-Zwischenfall, der mir so frohe Aussichten eröffnete.
-Ich erwähnte ihn nicht. Es war nicht immer leicht,
-angesichts ihres täglich neu formulierten Erstaunens
-über meine verfrühte Rückkehr aus Florenz. Bevor
-noch die Lampe einzog, betrat ich den Salon.
-Es gab keinen anderen Aufenthalt, mein Zimmer
-war kalt. Und dann stand ich an der Fenstertüre
-und starrte trübselig hinaus, Cara aber brachte
-den Tee mit den merkwürdigen kleinen Kuchen
-wie aus verzuckertem Sand, die man nicht essen
-konnte. Oder war es wirklich nur die Beklemmung?
-Auch wenn ich noch so hungrig zu Tisch ging,
-widerstanden mir alle Speisen. „Wie machen Sie
-es, daß Sie leben?“ hatte die Hexe einmal gefragt.
-Aber es läßt sich nicht schildern, wie mir an ihrem
-Tische das Gemüse sich zu ungenießbarem Schilfe
-verwandelte und ihr Brot in den knolligen Rohzustand
-zurückkehrte. So furchtbar war es, an
-ihrem Tische zu sitzen. Obwohl sie etwas ganz
-Unanimalisches hatte, fand ich ihre Art zu essen
-mehr ein Vertilgen, wie bei den Schlangen, und
-daß sie pfiff dabei wie eine Maus. Nur einen
-Lichtpunkt gab es, und ich freute mich manchmal
-die halbe Nacht darauf: es war das erste Frühstück,
-mit welchem die stumme Cara bei mir einzog.
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-Sie zündete zugleich das Feuer an, und
-freundliche, nach Pinien duftende Flammen schlugen
-dann im Kamine auf. Und da war die braune
-Tonkanne und die dicken gerösteten Brotschnitten,
-auf welchen die Butter zerfloß, alles mit einer
-versteckten Sorgfalt bereitet, hin und wieder ein
-Blümchen, blasse Heckenrosen vom Fluß. Doch
-als ich das erstemal dafür dankte, lief Cara mit
-erschreckter Miene zur Tür.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-8">
-<br />Siebentes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> fehlten nur noch vier Tage. Mein Koffer
-stand inmitten des Zimmers aufgeschlagen; im
-Tanzschritt hatte ich schon ein paar Sachen hineingelegt,
-da sank mir noch einmal der Mut. An
-einem fast schwülen Tag riß mir auf dem Heimweg
-ein plötzlicher Sturmwind den dünnen Umhang
-immer wieder in die Höhe, während ein
-eisiger Regen die Schultern durchnäßte. Es half
-nichts mehr, daß ich nachträglich eine gesteppte
-Seidenjacke überzog und ganz vermummt zum
-abendlichen Spiele schritt. Der Frost wollte nicht
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-mehr weichen. Die Noten dagegen schienen alle
-aus ihrer Bahn geschleudert, erst nur gefallenen
-Maschen gleich, und die sich selber wieder fingen,
-dann aber sich auflösten zu einem verwirrten
-Heere, das hinauf und hinab nach allen Seiten
-stob, die kleinen, die schwachen und kurzen von
-den mächtigen tief unter die Linien hinabgestoßen.
-Wer gab den verrannten Scharen die Ordnung,
-die Besinnung wieder, die aufgewirbelt, mit gesenkten
-Köpfen losfuhren gegeneinander und begeistert
-fielen. Hilf Gott. O der Not, o des Getümmels!
-Wüste Bilder, Gesichte des Fiebers
-hatten im Nu unerträgliche Hitze erzeugt, und
-ich warf Schal und Jacke von mir. Doch die Hexe
-hatte keinen Unterschied in meinem Spiele wahrgenommen,
-sondern mit demselben bemerkenswerten
-Stirnrunzeln zugehört wie alle Tage. Was
-legte sich indessen wie eisige Tücher um Nacken
-und Hals, daß die Zähne zusammenschlugen? Und
-wer, o wer hatte die Flammen im Kamin verräterisch
-umnebelt, daß sie so trübe tanzten, kalt
-auch sie? Zuckte es da nicht wie von Schlangenzungen
-in den Augen der Hexe auf, als sie, ohne
-ein Wort zu sagen, endlich die Zeichen meiner
-Erkrankung las, die ihr doch nicht genehm sein
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-konnte ... und ich war nicht gewillt, so hart vorm
-Ziele dem Becher der Freuden zu entsagen. Wie
-mit Krallen, alle Energie der Jugend im Aufgebot,
-focht ich gegen die Erkältung an und trat sie
-nieder. Als Cara nach einer schier endlosen Nacht
-endlich, endlich bei mir eintrat, schlürfte ich den
-Tee, den sie mir brachte, wie ein Elixier, und als
-wiederum der Abend kam, schlug ich den Flügel
-auf, als fehlte mir nichts. Die Hexe konnte nicht
-umhin, sich gnädig zu zeigen. In Wahrheit begegneten
-sich jetzt unsere Wünsche: der meine,
-sie zu verlassen, der ihrige, mich los zu sein. Bedeutete
-sie mir doch seit kurzem immerzu den
-deutschen Weihnachtsbaum, unter dem ich nun in
-Bälde stehen würde, und was für eine hübsche
-Sitte er sei. So lag ich jetzt tagsüber in meinem
-Zimmer zusammengerollt, Cara braute mir ungehindert
-allerlei bittere Getränke und trug mir
-dann die entzauberten Speisen auf, in welchen ich
-statt zerfaserten Schilfes Bohnen oder Spaghetti
-erkannte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-<br />Achtes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span><span class="postfirstchar">s</span> dämmerte der Morgen meiner Abreise: hochgehißt,
-wie eine entrollte Fahne, war er da.
-Zum letzten Male saß ich in dem zugigen Speisesaal
-zur ebenen Erde und spürte seine kalten Ziegel
-unter meinen Füßen. Der Regen schlug gegen
-die Scheiben; böse fuhr der Wind sie an. Aber
-trotz des schonungslosen Mittagslichtes faßte ich
-heute die Hexe und ihre Drachenschulter voll ins
-Auge. Sie glaubte noch immer, in einigen Stunden
-würde mir der Apennin im Rücken liegen.
-</p>
-
-<p>
-Es gab zu diesem Essen eine unvergleichliche
-Pastete. War sie wirklich so vortrefflich, oder
-würzte sie zur Götterspeise das Gefühl des Sieges
-und der überwundenen Krankheit? Zwei Riesenstücke
-hatte ich schon davon gegessen und fuhr
-trotzdem fort, ihr Blicke zuzuwerfen. Auf einer
-Seite hielt sich noch eine Kruste aufrecht. Etwas
-wie eine halbe Entschuldigung, ein verlegenes
-Lächeln, und ich streckte sie hin. Denn die Fenster
-sahen auf den Hof, und dort stand ja schon das
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Wägelchen gerüstet, und meine Koffer lud man
-jetzt schon auf. Es folgten nur noch die paar
-Augenblicke in dem verhängten Salon, wo die
-Schatten alle Dinge schonten und man den Himmel
-weinen hörte über dieses Haus. Meinem stets vorgreifenden
-Gemüte war es schon abgerückt, derweil
-ich mich noch darin befand; schon war sie
-mir vergangen, diese ganze Zeit, mit der ich erst
-im Begriff stand abzuschließen. Weggeblasen die
-lächerlichen Klavierabende; alles vergessen, da es
-überwunden war!
-</p>
-
-<p>
-Zum ersten Male seit meiner Ankunft schwang
-ich mich wieder auf den hohen Sitz, von dem
-aus die Hexe ihr schemenhaftes Roß kutschierte.
-Entzückt von den Schönheiten des Weges, seinem
-Flüßchen, seinem Immergrün, hoben sich meine
-Arme zum Gruß der Rosen, die so spät von einem
-ewigen Sommer träumten im Schutz des trügerischen
-Laubs.
-</p>
-
-<p>
-In San Gervasio stieg ich aus.
-</p>
-
-<p>
-„Ich hoffe,“ sagte die Hexe, – denn nichts
-hätte gesitteter sein können, als unser Auseinandergehen
-– „ich hoffe, Sie besuchen mich, falls Ihr
-Weg Sie wieder in die Gegend führt.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich werde gewiß nicht verfehlen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-„Sie sind noch erkältet. Nehmen Sie sich in
-acht. Sie werden eine kalte Reise haben.“
-</p>
-
-<p>
-Ich lachte. Mochte das verderbliche Weib sich
-wundern über mein leichtes Herz. Später, irgendwann,
-sollte es von meiner Übersiedelung nach
-Fiesole erfahren, als hätte es sich auf Grund einer
-Begegnung ganz improvisiert und zufällig ergeben.
-Denn so war es ausgemacht. Und alles fügte sich
-gut. Ihr Gefährt war außer Sicht, bevor ich den
-Zug bestieg, der statt nach Florenz den Hügel
-von Fiesole hinauffuhr.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-10">
-<br />Neuntes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">H</span><span class="postfirstchar">ier</span> oben setzte nun jenes Zwischenspiel ein,
-welches die Oase, die selige Insel, die gedeckte
-Brücke darstellte über eine sonst wie auf geheime
-Weisung mit großen und kleinen Steinen immer
-neu versperrte Bahn. Glatt wie Marmorfliesen lief
-sie plötzlich dahin. Ich sah nur mehr in die Luft
-und residierte auf Wolken. Die Geschwindigkeit,
-mit welcher der auf Verwehrungen Gestellte sich
-an Erfüllungen gewöhnt, scheint darauf hinzudeuten,
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-diese seien letzten Endes doch unsere eigentliche Bestimmung
-... Geschmeidig, wie ein nach Maß verfertigter
-Handschuh, paßte mir die Freude nach
-drei Tagen an. So sollte es bleiben, und so war
-es recht. Blumengewinden gleich schlangen sich
-die Stunden hin; schade um die, welche man verschlief.
-Des Nachts lag ich noch lange in dem
-breiten Fenstersims meines Zimmers; zu meinen
-Füßen lag die glitzernde Stadt, vom Mondlicht
-überströmt, und ruhelos überdachte ich die Genüsse
-des vergangenen wie des kommenden
-Tages. Es fehlte nicht an Depeschen, die mich
-bald zu diesem, bald zu jenem Vergnügen hinunterriefen
-und die mir schmeichelten. Aber am schönsten
-war es doch hier oben, am liebsten sah ich
-es, wenn die paar witzigsten oder schönsten Florentiner
-in dem tiefen und dunklen und doch so frohgemuten
-Saale sich zu uns gesellten, dessen Tisch,
-ans äußerste Ende gerückt, sich wie auf einer
-Bühne ausnahm, nur von Kerzen beleuchtet, in
-deren Schein die Gesichter noch schöner, die Gespräche
-noch beschwingter wurden. Doch wer
-auch kam, immer war es Mary Coroughdeens Vorsitz,
-der unsere Tafelrunde krönte. Denn wessen Blicke
-schweiften geruhsamer, welcher Mund lächelte
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-<span class="fc w50"><img src="images/i049.jpg" alt="" /></span>
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-sanfter über uns hin? Ich nahm das Kolorit ihres
-Haares, die Madonnenpracht ihrer Erscheinung für
-gegeben. Wer den Schreck noch nicht erfuhr,
-die Reize eines Angesichtes, die er in ihrer Blüte
-sah, welk oder zerstört wiederzufinden, der kennt
-das Leben nicht. Hier vermag die Phantasie für
-sich allein ohne Erfahrungen nicht vorzugreifen.
-Frau Coroughdeen stand in ihrem Zenit, und es
-kam mir nicht in den Sinn, daß sie ihn gerade deshalb
-bald überschreiten würde. Ich besaß noch nicht
-die Vorstellung von dem Prozeß, der sachte aber
-geschäftig ein eben noch straffes Gewebe lockert:
-hier eine kleine Schärfe, ein leises Erschlaffen dort,
-und der Verfall ist eingeleitet, so unmerklich zwar,
-daß man sich fürs erste fragt, ob jenes Gesicht
-noch ganz so schön ist, wie das Jahr zuvor.
-</p>
-
-<p>
-Ähnliche, einer Beschämung so verwandte Erkenntnisse
-lagen mir noch fern; es war alles zeitlos. –
-</p>
-
-<p>
-Zwei hübsche Abendkleider, welche ich bei der
-Hexe nie Gelegenheit gehabt hatte anzulegen,
-kamen mir jetzt sehr zustatten: eines besonders,
-von flügelartigem Schnitt mit schwarzen Achselbändern.
-Wie entseelt hing es vom Stuhle.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-<br />Zehntes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">as</span> junge Ehepaar war vorläufig nach Capri vorausgefahren;
-Mary Coroughdeen, der sommerliche
-Herr und ich wollten mit dem Abendzug
-nach Rom; Treffpunkt war die Bahn. In meinem
-Vergnügungsfieber folgte ich vorher noch einer
-Einladung in die Stadt und aß in einem Kreis von
-Leuten, welche den Eindruck in mir erweckten, daß
-sie mich bewunderten. Dies bewirkte ein Gefühl
-so großer Sicherheit, daß meine Einfälle einander
-richtig jagten. Denn was konnte mir das Schicksal
-noch anhaben? Um sechs Uhr ging es mit
-Mary und dem sommerlichen Herrn nach Rom,
-und Treffpunkt war die Bahn. Strahlend machte
-ich mich von meiner Umgebung los, um einen Strohhut
-zu erstehen, der mir schon lange ins Auge
-stach. Der Preis war toll, aber was schadete das?
-Eine solche Jahreswende, ein solches Silvester
-mußte man feierlich begehen. Schon lag der kürzeste
-Tag zurück: jetzt gerade setzte im Norden die
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-ärgste Kälte ein. Dem häßlichen und hassenswerten
-Winter war ich zum erstenmal entronnen,
-dem grauen Schnee um drei Uhr nachmittags
-unter den abscheulichen Glockenklängen meiner
-in den siebziger Jahren erbauten Stadtpfarrei. O
-wie sie die Öde des todbringenden Alltags ausläuteten!
-Entronnen!
-</p>
-
-<p>
-Ja, Treffpunkt war die Bahn.
-</p>
-
-<p>
-Und stand da nicht schon Marys Wagen, der Insassen
-bar? kam mir da nicht der sommerliche Herr
-entgegen? beschleunigte ich nicht meine Schritte?
-</p>
-
-<p>
-„Ich zerbreche mir den Kopf,“ sagte er, „was
-am besten wäre.“
-</p>
-
-<p>
-„Einen Strohhut kaufen!“ Und ich schwenkte
-lachend den papiernen Sack, der ihn enthielt. „Ist
-schon geschehen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ein großes Unglück ist geschehen“, sagte er da.
-„Mein Schwager ist plötzlich gestorben. Ich suchte
-vergebens, Sie zu erreichen. Mary ist mit dem
-Mittagszug nach London abgereist.“
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-„Wollen Sie nicht nach Fiesole mit mir zurück?“
-– – – – – – – – – – – – – –
-</p>
-
-<p>
-„Bis das Haus aufgelöst ist – Oder ziehen Sie
-vor, hier in Florenz zu warten?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-„Wie lange bleibt sie fort?“
-</p>
-
-<p>
-Er zögerte. „Auf den Tag natürlich läßt es sich
-nicht genau bestimmen.“
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick wußte ich schon längst,
-daß mir keine andere Wahl bliebe, als schnurgerade
-nach Hause zu fahren.
-</p>
-
-<p>
-„Schade“, sagte er.
-</p>
-
-<p>
-„Sehr schade, sehr traurig“, sagte ich und ging
-gemessenen Schrittes an seiner Seite auf und nieder.
-</p>
-
-<p>
-Auch nach Norden ging ein Zug in einer guten
-Viertelstunde. Recht so. Ich löste alsbald eine
-Karte. Er schien betreten über eine so kategorische
-Hast. Aber Leute, die das Schafott besteigen
-müssen, haben es eilig.
-</p>
-
-<p>
-So nahm ich Abschied, stieg ein und winkte
-lächelnd aus dem Fenster, als ich schon fuhr. –
-</p>
-
-<p>
-Ein Bäumchen, vorfrüh ganz in Blüten gehüllt,
-sogar von Hitze schon umwoben, von Bienen und
-von Faltern schon umschwärmt, das schon Vögel
-aussandte und in seinem Geäste nisten sah, und
-das im Mondlicht vor Entzücken schauerte und
-plötzlich unter einem niedrigen und schwarzen
-Himmel von einem harten Schneegestöber gefaßt
-wie erblindet steht, mit knackenden Ästen, sein
-herrliches Kleid vernichtet und zerfetzt – der Anblick
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-eines solchen Bäumchens wird mich zeitlebens
-an den Bahnhof von Florenz und jenen Tag zurückversetzen,
-an dem ich dem sommerlichen Herrn
-entgegenging, die Tüte schwenkend mit dem
-neuen Hut, in dem ich ihn und alle, die mich
-darin sehen würden, zu betören gedachte. Er, dieser
-Hut, im Übermut gekauft, war schuld. Meine Fahrkarte
-reichte nur bis Bozen. Dorthin kam telegraphisch
-das Geld, das meine Heimreise ermöglichte.
-Es schwebte mir das Postamt vor, von dem
-es aufgegeben wurde. Leute mit frostentflammten
-Nasen gingen aus und ein. Es war in der Tat die
-kalte Fahrt, die mir die Hexe versprochen hatte.
-München lag wie vereist.
-</p>
-
-<p>
-Dies war meine erste Abfahrt von Florenz.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter img" id="chapter-0-12">
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-<span class="centerpic"><img src="images/i055.jpg" alt="" /></span>
-<br />Elftes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">och</span> ich kam wieder. Im Frühling zog ich
-wieder die Via Tornabuoni hinab, sicheren
-Schrittes auf den Arno los. Als wäre sie mein, diese
-Stadt. Blumen gehörten jetzt zu ihrem Bilde. Es
-war die Mode der weißen Handschuhe. Diese weißbehandschuhten
-Hände trugen alle Blumen. Blumenbüschel
-schossen an allen Straßenecken auf, und
-wohlfeil war die Anemone; und die gelben Sonnenkelche,
-die Narzissen, die hochgehißten, fast wilden
-Sträuße der Mimosen. Mein waren auch die Düfte
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-dieser Stadt, die über die Brücke hinschlugen,
-ihre erste Hitze und ihr erstes Grün. Jedoch mein
-Reiseziel war Rom. Und erfahrener kam ich wieder
-als im vergangenen Jahr. Ich hatte alles mitgenommen
-dieses Mal. Am blauen Seidenbande,
-im rosa Seidensäckchen eingenäht baumelten
-deutsche Zechini mir vom Halse, die mir den
-Himmel öffnen sollten über Rom. Ich griff nach
-ihnen: sie waren immer da. Auch der Gürtel mit
-der hohen Schließe, immer aufs engste zugeschnallt,
-war eine Garantie. Und wieder einmal fand ich
-das Leben eine schöne und merkwürdige Erfindung,
-unerschöpflich an Genüssen. Denn die Wunder
-Gottes waren nicht allein. Die Menschen hatten
-ihnen die Wunder ihrer Architektur und ihrer
-Musik, die Wunder solcher Städte zugesellt: diesen
-Turm der Signoria zum Beispiel in seiner direkten
-Beziehung zu den Wolken. O wie er sich reckte!
-wie er aufflog zu ihnen.
-</p>
-
-<p>
-Der Dom warf sich auf gleich einem Berg. Er
-warf Schatten gleich einem Berg. Enge Gassen
-liefen auf ihn zu. Plätze gaben seinen himmellangen
-Seitenwänden das Geleit; Straßen folgten
-ihnen von fern. In der Buntheit, in der fließenden
-Glätte seines Gesteines pochte Gesang. Was
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-funkelte da in der Bläue des Tages über die
-Dächer der Stadt? der Hügel Fiesoles, vielgekrönt,
-reich an Erinnerungen.
-</p>
-
-<p>
-Marys Haus war geschlossen, aber sie und ihr
-sommerlicher Bruder erwarteten mich in Rom;
-morgen, alle una mit dem direttissimo ... Alle
-Hotels waren überfüllt. Man hatte mir eine Pension
-sehr angelegentlich empfohlen, die mir außerordentlich
-mißfiel; in einem modernen Viertel gelegen
-mit feudalen Mietsparteien in den unteren
-Etagen, von welchen sie ihren Leumund bezog,
-vier Treppen hoch, die immer steiler und kahler
-wurden.
-</p>
-
-<p>
-Wer aber beschreibt den Speisesaal?
-</p>
-
-<p>
-Fünfundvierzig – ich hatte sie gezählt – fünfundvierzig
-alte Engländerinnen, alte Fräuleins, alte
-gezierte Schachteln sammelten sich hier um die
-Essenszeit mit fürchterlicher Pünktlichkeit zu Hauf,
-nahmen vor kleinen Tischen Platz und boten einen
-empörenden Anblick. Denn alte Frauen sind wie
-Topfpflanzen aufzustellen, ja, und auch zu hegen,
-aber sie gehören nicht in Sträuße wie die Zentifolie.
-Und nicht nur mit ihren fünfundvierzig Teekännchen,
-die Damen waren auch samt und sonders
-mit den Photographien der Primavera und des
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Konzertes von Giorgione vermählt. Der melancholische
-Mönch, ohnehin das Symbol aller Verzichte,
-mußte daran glauben.
-</p>
-
-<p>
-O diese bornierten Stirnen, so untergeordnet
-und so ladylike, diese zufriedenen Ohrmuscheln, diese
-phantasielosen Fingerknöchel, die Monotonie dieser
-Münder, die alle dasselbe aßen, alle ohne Variante
-dasselbe sagten; England, mochte es über den ganzen
-Erdball siegen, England war blamiert mit ihnen! Mein
-Gegenüber war von einer so housekeeperhaften
-Manierlichkeit, sie war so schrecklich fein, daß ich
-jetzt beide Ellbogen aufstützte, um weiter zu essen
-– als die sechsundvierzigste Engländerin in Begleitung
-eines Reverend unter die Türe trat. Mit
-ihrem vornübergeneigten Kopf, der breiten und
-mächtigen Nase, der braungelben Färbung, der
-langen und ungefähren Gestalt, trat sie wie der
-aufrechte Genius der Sardine einher.
-</p>
-
-<p>
-„Wer ist das?“ fragte ich unwillkürlich.
-</p>
-
-<p>
-Meine Tischgenossin hätte meinen Ausruf lieber
-ignoriert, aber dann siegte der Wunsch, mich zu
-belehren: „First cousin to Lord Sullivan“ beschied
-sie kurz. Hatte ich denn schon einen Lord oder
-die erste Cousine eines Lords getroffen? Geschah
-es nicht zum ersten Male, he? War ich denn von
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-<span class="fc w60"><img src="images/i059.jpg" alt="" /></span>
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-good family? Schwerlich. Sie richtete ihre Jammerbüste
-auf. „Armer Lord Sullivan,“ bemerkte ich.
-Der Reverend trug einen Band Ruskin unter dem
-Arm, er scheute sich nicht, Hahn in diesem Schauerkorb
-zu sein und nahm gegenüber the Honourable
-Sardine Platz. Unter ihrem Vorantritt verfügte
-man sich dann in den Salon. Es tagte noch. Ich
-floh ins Freie, der Via Tornabuoni zu. Dort konnte
-man hübsche, junge, leichtsinnige Kokotten sehen,
-das Hütchen lustig hinausgeschoben oder kecker
-noch hereingesetzt. Und harmloser, unschuldiger
-muteten sie an, als die geschützte Kohorte der
-Pension Malocchio. (Schon, o schon nannte ich sie
-so.) Und sie taugte nichts, die miese, zufällige
-Jungfräulichkeit der gealterten Schar dort oben,
-eine gezogene Niete nur, unheilig auch sie.
-</p>
-
-<p>
-Süß aber war die Vergessenheit dieses Abends.
-Ich ging in einer Rosenwolke. Der Frühling hatte
-einen wilden Tag gehabt. An wie viel Hängen
-brach er heute aus! Den kühlsten Gründen nicht
-mehr neu. Zwischen schweren Blättern drückten
-sich die Blumen vor. Jetzt ging er zur Ruh. Es
-stand ihm eine aufgeregte Nacht bevor. Der
-Mond war voll. Schon steigerte sich das Gebüsch.
-Ich sah ihm an, wie es sich bereitete. Vor dem
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Hôtel de Ville machte eine offene Droschke halt:
-schmale Schuhe, die schnell Fuß auf der Erde
-faßten, eine rasche Gestalt: „Wahrhaftig Sie sind
-es!“ rief die Dame.
-</p>
-
-<p>
-Es war die eine Hälfte jenes Hochzeitspaares,
-das zu Mary Coroughdeen gekommen und dann
-nach Neapel gefahren war. Der Mann befand sich
-jetzt in England infolge eines Trauerfalles, und sie
-wartete in Florenz auf seine Wiederkehr. So kam
-ich ihr wie gerufen.
-</p>
-
-<p>
-„Aber ich fahre morgen nach Rom.“
-</p>
-
-<p>
-„Das dürfen Sie nicht! Sie dürfen mich nicht
-so verlassen. Warten Sie nur noch drei Tage
-und ich komme mit Ihnen.“
-</p>
-
-<p>
-„Meine Pension“, sagte ich, „ist wirklich zu
-greulich.“ – „Neben mir wird morgen ein Zimmer
-frei,“ rief Eleonor. Sie lief in die Halle. Ich
-wollte ihr folgen. Da war sie zurück. „Es ist
-schon reserviert!“ rief sie mir zu und zog mich
-wieder ins Freie.
-</p>
-
-<p>
-Es paßte mir nicht recht; ich wollte doch nach
-Rom, aber sie war so willensstark. Arm in Arm
-streunten wir nun durch die Straßen, und ich erzählte
-ihr alles. Ich trug den vorfrüh gekauften
-Hut. Wir lachten, und ich aß noch einmal zur
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-Nacht. Ich skizzierte ihr die Schreckensschar und
-den Reverend in ihrer Mitte. Eleonor sagte:
-„Wir haben in Venedig eine Wohnung gemietet,
-an der Giudecca, und Sie müssen uns dort besuchen.“
-„Schön, schön“, sagte ich. Quer über
-den Platz kam ein Bekannter auf uns zu, und ich
-nahm eine Einladung für den nächsten Abend von
-ihm an.
-</p>
-
-<p>
-Die Steintreppen zu meiner Pension jedoch nahmen
-wieder einmal kein Ende. Aber morgen hatte mich
-ja das Stift gesehen. Auf immerdar!
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-13">
-<br />Zwölftes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">ein</span> Zimmer trug die Nummer 19. Es war häßlich,
-sah auf einen unwirschen Hof hinaus und
-lag abgetrennt am äußersten Ende eines langen
-Ganges. Häßlich, rot, grob, breitschrötig und cholerisch
-war auch die Magd, die mir das heiße Wasser
-und das Frühstück brachte. Aber schon um neun
-Uhr wollte Eleonor mich holen, um nach Santa Maria
-Novella zu gehen. Ostersonntag! und ein lichter
-Himmel über dem düsteren Hof. Mir gleich
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-endgültig aus den Augen, so daß ich nicht umhin
-konnte, ein wenig hin und her zu summen. Nur
-so eine kleine Barkarole, von der schönen Luft,
-die hereinwehte, getragen und wie von Märzbechern
-eingeläutet. Es war noch früh, aber ich
-störte niemanden. Das Zimmer hatte keine Nachbartür.
-Die Fülle der Glocken über alle Dächer
-hin! Mein Herz war leicht. Jetzt nur noch das
-seidene Säckchen über den Kopf gezogen, und
-ich stand bereit. Nachts pflegte ich es unter das
-Kissen zu legen und nun hätte ich es schier vergessen.
-Aber dort lag es nicht mehr. Wie zerstreut
-ich doch heute war. Ich hatte es ja auf
-das Tablett gelegt. Aber das hatte man schon
-abgetragen. Ich läutete. Niemand erschien. Ich
-läutete in rascher Folge wieder, und verdrossen
-kam die Magd herein. Ich schickte sie nach der
-Küche, nach dem Tablett zu schauen. Sie ging.
-Zitternd stand ich vor dem Spiegel und starrte
-mich mit blutlosen Lippen selber an, riß das Kleid
-von neuem auf, aber das blaue Band hing mir
-nicht an; griff mich ab, die Stätte war leer. Die
-Person kam wieder: „Non c’è“, sagte sie. „Si c’è“,
-rief ich in heller Verzweiflung. Ihr rotes Gesicht
-wurde noch dunkler. Sie trat in den Gang hinaus
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-und kam mit einem Manne wieder, Hausdiener
-oder Portier, jedenfalls ihr geschworener Freund.
-„Non c’è“, bekräftigte er. „Non è vero“, sagte
-ich. Da traten beide näher. Die Worte „gettarla
-fuor dalla finestra“ drangen an mein Ohr und ließen
-mich blitzartig die Situation übersehen, so daß ich
-mich wohl hütete, von dem Fenster wegzurücken,
-vor dem ich stand, denn wir waren ohne Zeugen.
-Warfen sie mich in ihrer Wut hinab, so konnten
-sie beteuern, ich hätte mich selbst hinuntergestürzt.
-Der Gedanke an den Freispruch, der ihnen zuteil
-würde, entwickelte in mir den Furor eines Löwen.
-„Ich gehe jetzt auf eine Stunde fort“, sagte ich,
-als hätte ich freie Bahn. „Mittlerweile suchen Sie
-gefälligst das ganze Zimmer durch, dann wird der
-Sack sicherlich zum Vorschein kommen.“ Mit
-diesen Worten wandte ich mich der Türe zu,
-allein die zwei blieben drohend vor mir aufgepflanzt
-und ließen mich nicht durch. Was
-wollten sie? „Man kommt“, sagte ich triumphierend.
-Eleonor trat ins Zimmer. Meine beiden
-Schergen verließen es alsbald.
-</p>
-
-<p>
-„Was ist?“ rief sie und fing mich auf. Denn
-die zurückgedrängte Angst machte sich wie ein
-giftiger Nebel über mich her, jetzt, da Eleonor
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-mir zur Seite stand. Sie duldete nicht, daß ich
-dies Haus noch einmal betrat; lieber sollte mein
-Koffer zurückbleiben, die Handtasche trugen wir
-gemeinsam durch den leeren Gang. Niemand
-zeigte sich. Wir gingen die Stiegen hinab, warteten
-auf einen Wagen und fuhren ins Hôtel de
-Ville. Ein reizendes und neu tapeziertes Zimmer
-wartete da meiner, allein mir blieben siebenundvierzig
-Lire, und ich fuhr mir ans Herz, als hätte
-es einen Sprung.
-</p>
-
-<p>
-O Kirche von Santa Maria Novella! Welch
-verwirrtes und bebendes Gemüt entließen an diesem
-Ostermorgen deine heiligen Pforten! Aber war
-mir nicht von neuem der Weg nach Rom verschüttet,
-wenn der Sack verloren blieb? Was
-flogen die Vögel so hoch?
-</p>
-
-<p>
-Und warum erspähte Eleonor den Schutzmann,
-der gelangweilt auf dem Platze stand! Was radebrechte
-sie da mit ihm? War es nicht verfrüht,
-ihn heranzuziehen? Er mußte ein Neuling sein,
-denn seine Bereitschaft war nicht gering. „Chè,“
-sagte er, „kriegen wir, kriegen wir,“ und machte
-sich voll Eifer auf den Weg.
-</p>
-
-<p>
-Eleonor war guter Dinge. Sie hatte einen
-Brief, der ihr die Rückkehr ihres Mannes anzeigte.
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-„Ich habe das bestimmte Vorgefühl, daß Sie heute
-abend wieder im Besitz Ihres Sackes sind“, so
-sagte sie. „Wie sind denn im allgemeinen Ihre
-Vorgefühle?“ „Immer richtig! Man kann immer
-darauf gehen.“ Doch ich atmete wie ein Asthmatiker.
-„O Sie sind langweilig“, rief sie aus, „wo
-wollen wir essen?“ Im Hotel wartete schon der
-Polizist, zwar ohne Sack, aber mit zufriedener
-Miene. Die Magd befände sich hinter Schloß und
-Riegel. Indes stelle sich die Pension auf ihre
-Seite und verweigere die Herausgabe des Koffers.
-Die Magd leugnete nämlich. Daher die Repressalie.
-Dann ging er.
-</p>
-
-<p>
-Ein Abendfähnchen war alles, was mir blieb,
-außer dem Kleid, das ich trug. Es dunkelte. Mir
-schauderte vor dem Anblick meines Fensters, es
-war hochgelegen, wie das von heute morgen. Ich
-zündete alle Lichter an. Auch über dem großen
-Spiegel war ein Kontakt. Er warf mein Bild zurück.
-Und wieder starrte ich mich selber an, als
-könnte ich nur mir selbst meine Bedrücktheit anvertrauen.
-Ich stand mit siebenundvierzig Lire und
-ohne Koffer da. Dies waren die Tatsachen; mochte
-Eleonor sich mit noch so guten Vorgefühlen
-tragen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Der Mond war heute voll. Welch Geraune
-wohl und welch ein Rausch in den Cascinen. O
-daß in den Tiefen des Gezweiges vielleicht sich
-regte der Rhapsode unserer Ekstasen! Vielleicht
-entströmte ihm das erste Gold erträumten Grams,
-und schlugen Bangigkeit und Wonne der Verliebtheit
-in seiner Kehle an. Leid und Verliebtheit
-der Nachtigallen nur? O nein, der Götter und
-der Menschenherzen.
-</p>
-
-<p>
-Langsam fing ich an, mich für den Abend umzukleiden.
-Meine emporgerichteten Arme, im
-Raume gesehen mit den hellbeschienenen Händen
-in der Luft, bannten meinen Blick wie Bruchteile
-einer Statue und anderer Wesenheiten teilhaft als
-nur des Ichs. Solche Gedanken entsandte der
-Spiegel als letzte Labsal, letzte Stärkung dieses
-Tages ...
-</p>
-
-<p>
-„Wann zeigst du dich in deinem Glanze?“ lachte
-Eleonor herüber. Als Antwort ein wilder Schrei.
-Was hatte ich gesehen? Was zeigte sich mir da?
-Sie stürzte herein, wähnend, meine Kleider steckten
-in Brand. Ich hatte sie noch nicht angelegt.
-Was nun auch sie erblickte, war ein Gegenstand
-in meiner rechten Hand: ein blaues Band an einem
-Ende losgerissen, von dem ein schweres Säckchen
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-herunterhing. Es war mitsamt dem Bande bis
-zum Gürtel hinabgerutscht, hinter der hohen, nach
-innen ausgebuchteten Schnalle platt gedrückt. Und
-das Mädchen im Gefängnis. „Fliehen Sie, fliehen
-Sie!“ war Eleonors Schreckensruf, und sie verließ
-das Zimmer. Zitternd und ungefähr zog ich mich
-an und lief aus dem Hause.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-14">
-<br />Dreizehntes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">er</span> Florentiner, der mich zu Tisch erwartete
-und mit dem ich dann in die Oper gehen sollte,
-wohnte mit seiner Mutter in der Via Alfieri. Er
-gehörte dem Kreise Frau Coroughdeens an. Auch
-er zog alsbald das Kursbuch hervor. Wir aßen
-nur so lange, als es Zeit bedurfte, die Victoria
-anzuspannen und fuhren dann mit Diener und
-Kutscher auf dem Bock nach der Pension Malocchio.
-Ich sollte mit dieser Doppelwache im Wagen bleiben,
-denn mein Parlamentarier bestand darauf, allein die
-Höhle meiner Mißgeschicke zu besteigen. Dem
-Säckchen, dem das blaue Band nur auf einer Seite
-anhing (es hätte sich wirklich nicht gelohnt, es
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-anzunähen) entnahmen wir gerade so viel, als ich
-zur Rückfahrt nach Deutschland brauchte; mit den
-achtzehn schönen, runden, dicken Goldstücken, die
-als mein Lösegeld darin verblieben, zog er dann
-hinauf. Er blieb sehr lange. Die Luft war lau.
-Im Norden gab es wohl noch Schneegestöber und
-ein langes Hin und Her zwischen Winter und
-Frühling. Warum kam mein Abgesandter nicht
-zurück? Das Theater mußte bald zu Ende sein.
-Im dritten Akt hatte die Duse fast nichts zu tun.
-Da trat er hervor.
-</p>
-
-<p>
-„Mein Koffer“, sagte ich. „Man gibt ihn heute
-abend noch nicht frei. Ich hatte einige Mühe
-mit dem Mädchen“, sagte er; auf seinen Wink
-fuhr jetzt der Kutscher wie ein Teufel los. „Dann
-ist es ja gar nicht eingesperrt.“ „Man ließ es
-mangelnder Beweise halber nach zwei Stunden
-wieder laufen.“ Ein Groll stieg in mir auf. „Es
-ist zu arg!“
-</p>
-
-<p>
-„Wie?“
-</p>
-
-<p>
-„Erzählen Sie doch!“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin sehr lange ausgeblieben, Sie haben
-lange warten müssen. Aber es war so interessant
-und so unterhaltend, die alten Damen über Sie zu
-verhören. Sie machen sich gar keinen Begriff,
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-welche Abneigung die ganze Pension für Sie gefaßt
-hat. Nein, wie Sie das in zwei Tagen fertig
-gebracht haben, alle Hochachtung! Es herrscht
-nur eine Stimme über Sie. Die fälschlich angeklagte
-Magd dagegen wurde umringt wie eine
-Diva. Sie erhielt sechsundvierzig Geschenke. Von
-Ihnen, meine Liebe, wollte sich jede schon beim
-ersten Blick des schlechtesten Eindrucks entsinnen.
-Ich gab mich natürlich nicht als Ihren Freund aus.
-Es hätte den Redefluß gestört.“ –
-</p>
-
-<p>
-„Mein Koffer“, sagte ich.
-</p>
-
-<p>
-„Ich kriege ihn schon frei. Lassen Sie die
-ersten Wogen der Rache sich legen. Es war da
-noch ein Freund der armen Person ...“
-</p>
-
-<p>
-„Armen Person?“ fuhr ich auf. „Sie hat das
-beste Geschäft ihres Lebens gemacht. Schweigen
-Sie mir von der.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, sie ist häßlich, aber sie hat einen sehr
-feurigen Freund, der unter gräßlichen Schwüren
-beteuerte, er würde nicht eher ruhen, als bis Sie
-selbst im Gefängnis säßen, und die sechsundvierzig
-Damen teilten durchaus seine Ansicht. Es war
-wirklich nicht so einfach, wissen Sie. Ich hatte
-Mühe mit dem Säckchen. Ich hielt es an seinem
-gerissenen Bande hoch und schilderte, wie leid
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Ihnen alles täte.“ „Nichts tut mir leid. Nur ich
-allein tue mir leid. Kein Wort mehr“, rief ich.
-Er zog seine Uhr. „Wir kommen noch recht zum
-zweiten Akt.“
-</p>
-
-<p>
-Der Morgen dämmerte. Es zwitscherten die
-ersten Vögel. Silberner Flor war am Himmel zerstäubt.
-Man klopfte, um mich zu wecken. Doch
-ich stand schon bereit. Fluchtartig also und bei
-Tagesgrauen mußte ich Florenz verlassen. Es war
-meine einzige Ähnlichkeit mit Dante. Und mein
-zweiter Abschied von dieser Stadt. Mary Coroughdeen
-und ihren sommerlichen Bruder sah ich niemals
-wieder.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-15">
-<br />Vierzehntes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span><span class="postfirstchar">och</span> ich kam wieder. Ich ließ mich so nicht
-unterkriegen. Diesmal stieg ich in der Nähe
-des Bahnhofes ab, und länger als einen Tag und
-eine Nacht gedachte ich nicht mich aufzuhalten.
-Mein Reiseziel war Rom. Kein Säckchen hing mir
-diesmal an. Ich hatte einen Kreditbrief, das war
-besser. Die Bäume freilich, die ich in ihrer ersten
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Pracht gesehen hatte, standen längst entlaubt.
-Auf den Bergen lag Schnee, und es gab viel
-Kranke in der Stadt. Mary Coroughdeen war nach
-England übersiedelt, ihre Villa geschlossen. Allein
-das Licht tönte sich genau wie im vergangenen
-Winter ab, und mit Macht versetzte es mich in
-jene Zeit zurück, da ich traurig meine einsame
-Straße marschierte. Mir schien, es sei vergangenes
-Jahr. Ahnte ich denn, wie weit das Tageslicht
-Leben ist – wie das unsere? Schwingungen sind
-der Lüfte Schoß. Längst verwehte Akzente der
-Leidenschaft, der Schönheit, des Affektes erstehen
-uns von neuem. Ja, wer ihrer Sprache kundig
-wäre!
-</p>
-
-<p>
-Betrachtet euch die Städter, wenn sie vernehmen,
-daß sich die Wunderkrone der Victoria
-Regia aus vieljährigem Schlafe regt. In langen
-Zügen sieht man sie zur Riesenblume pilgern wie
-zu einer Gottheit. Nur eine Woche lang strahlt
-und duftet sie kostbarer und berückender, blüht
-heißer als alle Blumen, dann schrumpft sie gelb
-und häßlich ein; welke Stränge, ins Leere ausgeworfen,
-künden ihren Tod, ihr vergängliches
-Sterben.
-</p>
-
-<p>
-So kann den Hoffnungslosen, den auf immer
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-– (aber was heißt immer?) – den auf immer
-Beraubten ein jagendes Licht, seine Fülle oder
-sein Versagen, der Atem einer Brombeerstaude,
-ein unvorhergesehenes Etwas an der Biegung
-eines Weges, es kann der Schatten einer Bank
-ihn überwältigen, daß er inmitten seines Grams
-vor Glück erschauert.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte es noch nicht, ich wunderte mich
-nur. Nie wäre es mir auf meiner Osterreise in
-den Sinn gekommen, die Hexe aufzusuchen, und
-nun fuhr ich zu ihr. Die Münze war mir ausgegangen,
-ich reichte dem Schaffner eine Banknote
-hin und starrte wunschlos in den Tag. Denn
-es rastete mein Herz, als sei ihm Erkenntnis geworden,
-und es frönte der ungewohnten Ruh. In
-San Gervasio stieg ich aus und zog die weiten
-Schleifen der Straße dahin. Ein frischer Wind
-hatte sich aufgemacht und wehte mir entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Die Stimmung der Hexe jedoch war eine andere,
-und sie empfing mich kalt und überrascht. Die Uhr
-schlug zwei. Cara brachte den schwarzen Kaffee
-herein und auch ein Täßchen für mich. Ich hielt
-es vor dem Fenster stehend, das auf den Garten
-sah. Der Wind fegte einher. Kein Vorhang dämpfte
-den fahlgewordenen Tag; er schwelgte in seiner
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Abgewandtheit, und sonderbar mischte sich da in
-sein grenzenloses Schweifen das Ticken der Pendule.
-Warum beklemmten ihre Schläge? Irrsinnig
-schwang der kleine Pendel hin und her, als ob es
-ihm obläge, Zeit, Natur, alle Dinge, alle Wünsche
-zu skandieren, so machte er sich laut. Aber plötzlich
-zerriß das Gewölke, eine wahrhaft südliche
-Bläue triumphierte über den Sturm, und Sonne erfüllte
-den Raum. Von ihrer Wärme einbezogen,
-hielt ich das Gesicht zu ihr empor; von ihr umsponnen
-und gebleicht war es begeistert ganz für
-sich allein ...
-</p>
-
-<p>
-Neue Wolken jedoch trieben in der Luft heran,
-alle Glorie erlosch, die Pinienkronen wirbelten auf,
-der schwarze Lack des Flügels spiegelte sich in
-der zunehmenden Düsterkeit und anders behauptete
-sich jetzt das Ticken der Pendule, beschwichtigend
-nunmehr wie Ammenworte in einer Kinderstube.
-Und statt des Sonnenfeuers loderte das andere,
-das wir den Göttern gestohlen hatten, still und geschäftig
-im Kamin, in dessen Schein die fröstelnde
-Hexe saß. Wo waren meine Augen gewesen, daß
-ich über das kranke Oval die schmale beschwingte
-Stirne übersehen hatte und die in ihrer Zermürbtheit
-rührenden Schläfen? Was schied mich von
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-so viel Verblühtheit? Die irrsinnigen kleinen Pendelschläge
-nur, die, alles mißachtend, mich alt oder
-verwest zurücklassen würden. Ein Jahr war vergangen,
-seit mir die Hexe der Inbegriff alles Verabscheuungswürdigen
-dünkte, ein Jahr, an dem ich
-mich noch schleppte. War sie nicht vielleicht schön,
-diese Hexe? und war sie eine Hexe? Barg sie
-nicht ganz andere Flügel vielleicht, als die des
-Drachen? – Die unter die Räder geratene Spinster
-sollte dereinst mehr Wesensfülle, mehr Menschentum,
-mehr Mut, mehr Edelsinn, mehr Unbeirrbarkeit
-des Geistes und des Herzens zu Tage legen,
-als Millionen und Millionen ihrer Zeitgenossen. Wie
-die auf hohem Brückenpfeiler gestellte Engelsfigur,
-so vereinzelt und abseits sollte ihre barocke Gestalt
-sich im Weltkrieg umreißen und die dumpfe Allgemeinheit
-überragen. –
-</p>
-
-<p>
-War eine Ahnung in mir aufgestiegen? Alles
-stand hier unverrückt: der Flügel, die Fenstertüren,
-die auf den blumenlosen Garten sahen, die Hexe
-am Kamin. Nur ich war anders zurückgekehrt.
-So litt man denn nicht vergebens ...
-</p>
-
-<p>
-Bewegt sah ich zu ihr herab. Allein ihr Wunsch,
-von mir befreit zu sein, funkte durch das Zimmer,
-und ich nahm Abschied; immer noch wie im Traum,
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-als ob ich es nicht selber sei, welche die oft begangenen
-Schleifen der Straße dahinzog, und als
-sähe ich die vom Winde dahingewehten Umrisse
-der eigenen Gestalt. Erst in San Gervasio, angesichts
-der schon grell beleuchteten Schienen, erwachte
-ich, setzte schnell darüber und sprang in
-den Wagen.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Hinweg aber hatte der Schaffner
-meine Zerstreutheit wahrgenommen, erfolgreich abgewartet
-und auf meine Banknote überhaupt nichts
-herausgegeben. Ich merkte es erst jetzt, kramte
-fieberhaft in meiner Tasche, und als kein Zweifel
-mehr bestehen konnte, reichte ich dem neuen
-Schaffner schwer verdrossen einen neuen Schein.
-Er gab mir reichlich Silber zurück; aufmerksam
-achtend fand ich, daß alles stimmte und sah wieder
-zum Fenster hinaus. Aber das große Spiel der
-Schatten, die ins Dunkel geworfenen Kirchen
-drangen nicht mehr bis zu mir. Damals wie
-heute bildete der Domplatz die Endstation. Meine
-Börse war zum Bersten voll, und es dünkte mir
-daher praktischer, sogleich einige Einkäufe mit
-dem Hartgeld zu besorgen. Bei jedem Stück jedoch,
-das ich hinreichte, hieß es jetzt: „Non è
-buono“. Die Hauptpost befand sich damals den
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Uffizien gegenüber. Am Schalter regierte ein
-Mann mit den Schultern eines Sklavenhändlers.
-Francobolli, herrschte ich ihn an, zahlte verächtlich
-und ging ins Freie. Auch er jedoch, wenn auch
-nur um ein paar Groschen, hatte mich begaunert.
-War mir aber der Gedanke nie gekommen, die
-beiden froh dahinfahrenden Schaffner zu belangen,
-so brachte mich diese letzte, kleine Übervorteilung
-zur Raserei. Wie in einem fünften Akt und als
-stecke mir ein Dolch unter dem Mantel, so ging ich
-wieder zurück, trat an den Mann heran und machte
-wegen der fünf Soldi meine Szene. Wütend warf
-er sie auf den Tisch. „È pazza“, sagte er zu den
-Umstehenden; ich strich die Groschen ein und ging.
-</p>
-
-<p>
-Wie edel lag der Platz vor mir! Ein früher
-Mond hellte zarten Fluges darüber. In der Loggia
-dei Lanzi hielt der Held den sterbenden Freund.
-O des ewigen Augenblickes, da er, aufgegebenen
-Geistes, von seinem Arm herabhing! Mein Herz
-strebte plötzlich himmelwärts wie der Turm der
-Signoria. Wie fehlte dem Leben jede Majestät!
-Armselig war es eingedämmt von Widrigkeiten, Zufällen,
-zerrissenen Schuhbändern, verlorenen Gegenständen,
-Zahnschmerzen, verfehlten Zügen.
-</p>
-
-<p>
-„Non è buono, non son buoni“, hieß es am
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-nächsten Morgen beim Begleichen meiner Rechnung.
-Alles Silbergeld falsch. Zum Glück war
-mein Billett nach Rom schon lange gelöst. Von
-hundert Lire hatten fünfunddreißig ihre Gültigkeit.
-Niemand ließ sich von den übrigen etwas andrehen,
-so erbittert ich es auch versuchte. Nun rollte
-der Zug, in dem ich saß, aus der dunklen Halle
-ins Tageslicht. Romwärts. – Also doch! –
-</p>
-
-<p>
-Allein der angesammelte Ärger brodelte wie
-auf Feuer gesetzt. Nur auf den Verlust des lumpigen
-Geldes versessen tobte Leidenschaft um so
-peinigender darein, als ihr Mißverhältnis zu einer
-so jämmerlichen Ursache mir nicht entging; eine
-Welle nach der andern schäumte an den Strand,
-infuriata. Ob ich noch so sehr strebte, mich in
-die Hand zu nehmen, zu einem vernünftigen neben
-einem unvernünftigen Wesen mich verdoppelnd.
-Ermahnungen und Klagen gingen hin und her.
-War es nicht verächtlich, eines so schnöden Anlasses
-wegen dieser maßlosen Aufregung zu
-frönen? – Aber würde ich denn in Rom weniger
-unfähig sein, falsches Geld von richtigem zu unterscheiden?
-Und was dann?
-</p>
-
-<p>
-Wie vielen ist es vergönnt, fragte ich, zu ihrem
-Pläsier in der Welt herumfahren? Pläsier? fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-Ich hielt einen Tauchnitzband, ohne je über die
-erste Seite zu gelangen. Die Zeit verstrich,
-Stationen tauchten auf, hin und wieder hielt der
-Zug, oder er flog vorbei. Ich saß am Fenster,
-die Landschaft wurde kahler, ihr Lachen erstarb;
-sie war heroisch, aber nicht ohne Grausamkeit,
-die Bäume so gezählt; – und ich beruhigte mich
-nicht. Plötzlich ein großer Ruck. – Türen flogen
-auf. Chiusi. Mittagszeit. Ein tiefer Saal; gedeckte
-Tische aus dunklem Grunde hervorschimmernd.
-Die Reisenden strömten in Scharen dorthin.
-Ich sagte schon, es sei die Mode der weißen
-Handschuhe gewesen. Wie? Was streifte ich in
-dieser Kohlenatmosphäre ein schmiegsames, makelloses
-Paar über? Welche Stille setzte plötzlich in
-mir ein? welcher Einfall hißte sich hoch? Wer
-ging da? frage ich, ihren Tauchnitzband unter
-dem Arm, so kerzengrade, so rhythmisch, so lässig,
-so gelassen, so bewußt, so offenkundig distinguiert?
-Wer war sie? Man schaffte ihr Platz, sofort. Wie
-wäre es anders gewesen? jedoch sie dankte. „Un
-cestino,“ sagte sie, „queste pasticcerie“. Sie trank
-ein Glas Marsala, dann ein zweites, und unauffällig,
-als wäre es ihr erstes, ließ sie sich ein drittes
-geben. Es setzte sie in den Vollbesitz ihres Mutes.
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Sie deutete auf Schinkenbrötchen; auf Orangen. –
-Sorglich, die pasticcerie zu oberst – wurde alles
-hineingelegt. Ihr Buch fest an sich haltend, schritt
-sie sodann, weltabgewandt, wie sie gekommen war,
-über die Schwelle des ristorante. Sie eilte nicht;
-sie zögerte nicht. Nie würde sie wieder eine so
-unnachahmliche Allüre aufbringen, um einen Perron
-zu überschreiten, mit so liebenswürdiger Sicherheit,
-so effektvoller Ruhe, so überlegener Grazie sich
-bewegen. Nunmehr hatte sie ihren Platz am
-Fenster eingenommen. Von ihm aus konnte sie
-die Reisenden übersehen, welche erst vereinzelt,
-dann in Scharen einzusteigen begannen. Saßen
-sie alle? Nein. – Ein Weilchen dauerte es noch.
-„Pronti!“ erklang endlich der willkommene Ruf.
-Man fuhr.
-</p>
-
-<p>
-Am Eingang des Saales pflanzte sich jetzt der
-Padrone des Buffettos mit seinen in Zeit und Raum
-ausgeweiteten Gliedmaßen auf. Befriedigt blickte
-er seinen Konsumenten nach. Es hatte sich
-gelohnt.
-</p>
-
-<p>
-Wer aber konnte da nicht umhin, die weiß behandschuhte
-Linke leicht herablassend zum Gruße
-zu erheben? wer nickte ihm mit einem rätselhaften
-Lächeln zu? – Der Zug fuhr ja schon, und ich
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-war von drei Gläsern Marsala (drei!) unbändig
-heiter gestimmt. Denn mit keinem Centesimo
-hatte ich den Wein, hatte ich die aranccie, die
-pane con jambone, die pasticcerie, noch die frutta
-secca berappt. Nicht war es nötig, daß ich mich
-länger zurechtwies; das Gelingen des gewagten
-Streiches, die aus dem Stegreif inszenierte Komödie
-hatte allen Schaden wett gemacht. Ich war gerächt.
-– Er würde es heute abend schon gewahr
-werden, der dicke Hans Dampf unter seiner Tür,
-daß an den Zecchini dieses Tages etwas nicht
-stimmte, nie aber würde er auf die über jeden
-Verdacht so erhabene, dem Alltag so entzogene
-Miß geraten, die ihr englisches Buch fest an sich
-hielt, während sie sich unversehens mit Marsala
-half, um ihrerseits Italien zu prellen. Es fehlte
-der Raum, sonst hätte ich getanzt, es fehlte ein
-viertes Glas, sonst hätte ich ein Hoch auf mich
-selber ausgebracht, so zufrieden war ich wieder
-mit mir selbst; so zufrieden verzehrte ich jetzt den
-ganzen Proviant. Vor allem mein <em>Gewissen</em> aber
-hatte die verlorene Ruhe zurück erworben.
-</p>
-
-<p>
-So kam ich zum erstenmal nach Rom.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter img" id="chapter-0-16">
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-<span class="centerpic"><img src="images/i082.jpg" alt="" /></span>
-<br />Fünfzehntes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span><span class="postfirstchar">nvorbereiteter</span> waren sicher noch nicht viele
-nach der Stätte so großer Ereignisse gewandert.
-Daten, früh erlernt, hatte ich prompt und auf
-immer vergessen. Das Kolosseum stand mir als
-ein Sinnbild aller Grausamkeiten, und nur mit
-Abscheu blickte ich zur niedrigen Türe hin, aus
-welcher die Märtyrer den wilden Tieren entgegenzogen.
-</p>
-
-<p>
-Wozu eigentlich Märtyrer? Wäre es nicht besser
-gewesen, sich zu drücken?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Auch die Engelsburg hatte mir viel zu viele
-Leiden beherbergt. St. Peter, mit Ausnahme von
-Michelangelos Jugendwerk, auch die Kolonnaden
-sprachen nicht zu mir, St. Clemens war die einzige
-Kirche, die mich rührte, von den Museen beglückten
-mich nur die Thermen, vor dem Forum
-versagte meine Phantasie. Schöner war es, in
-die Villa Medici zu gehen. In einer der Alleen
-stand Meleager, den herrlichen Marmorleib von
-späten Rosen umrankt, über ihn der verglühende
-Tag. Rom ist eine Stadt des Abends. Er hob
-sie auf ihren Thron. Alle Städte waren ihr dann
-untertan. Starke Tränke für den Beschauer waren
-ihre Sonnenuntergänge. Auch mir benahmen sie
-die Armut. Doch nur auf Augenblicke.
-</p>
-
-<p>
-Hier muß ich daran erinnern, was zu Anfang
-dieses Buches steht: eine radikale Sprunghaftigkeit
-könne sehr wohl mit einer sehr bestimmten Einheitlichkeit
-des Denkens zusammenhängen und es
-käme auf eine Probe an.
-</p>
-
-<p>
-Auch die Jugend, lieber Leser, überblickt das
-Leben. Nicht in der Verkürzung wie der Greis,
-sondern in wilder Vielfältigkeit türmt es sich vor
-ihr. Später, im Gewühle stehend, nehmen wir es
-in Kauf. Die Jugend ist hierin feiner. Sie ist
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-noch nicht mit ihm verwachsen; wie soll sie es
-bewältigen? selbst mitten im Überschwang kennt
-sie das Zaudern und das Grauen. Erbarmt euch
-ihrer Unreife. Gerade sie wird ihr leicht zum Verhängnis.
-Keinem Lebensalter liegt der Selbstmord
-näher. Über die Brücke gelehnt, bedachte ich
-nicht mehr die Ausblicke und Bahnen meines Daseins,
-nur noch die besten Arten, mich ihm zu
-entziehen. Eine solche Flucht war freilich eine
-Niederlage und ein anderes Wort für: nicht bestehen.
-Allein es war der letzte Anker, wohl in
-Sicht zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Rom hatte versagt. Was hatte ich geglaubt?
-Saß es auf seinen sieben Hügeln, um mir Richtlinien
-zu weisen? Ja, etwas Ähnliches hatte ich
-gewähnt. Denn Dürftigkeit und Chaos stritten
-sich um die Herrschaft in meinem Inneren. Die
-Intensität, mit welcher ich im Bahnhofsrestaurant
-in Chiusi operierte, lag natürlich meinem Wesen
-überhaupt zugrunde. Aber die letzten Dinge,
-nicht mehr noch minder, waren meine Sorge.
-Die Aula jedoch hatte ich mir selbst aufrichten,
-ohne Anleitung durch Dornen und Gestrüppe mich
-reißen müssen, nirgends zünftig, überall verwahrlost,
-nirgends zugehörig, immer hospitierend. Statt
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-des Führers, statt des Rückhalts, statt des Abiturs
-– den Hokuspokus.
-</p>
-
-<p>
-Aber die tollste meiner „Windmühlen“ war
-Richard Wagner geworden.
-</p>
-
-<p>
-Ihn hatte ich zu meinem unmittelbaren Mentor
-erkoren. Seinem Dienste war ich eingeschworen,
-seinem Genius verpflichtet, seinem Beistand überantwortet.
-Seine gewichtigen zehn Bände waren
-das Bollwerk meines Château du cœur. Seinen
-langatmigen Formulierungen folgte ich um seiner
-kühnen Folgerungen willen gerne. Noch tobte die
-Wagnerische Mode, doch schon mehrten sich die
-Anzeichen eines Umschwunges, und mit Genugtuung
-nahm ich sie wahr. Bald, o bald fiel er
-fort, der lästige Chor, dann blieben nur die Wenigen,
-die ihn wirklich erkannten, dann gehörte er mir.
-Vor allem war es die Erhabenheit seiner Gesinnung,
-über die ich nicht mit mir handeln ließ;
-jederzeit kampfbereit, wenn es galt, die Standarte
-meines Glaubens flattern zu lassen. Zerwürfnisse
-nicht vermeidend, im Gegenteil; zu reinlichen
-Scheidungen immer gewillt; zu Donquichotterien
-immer aufgelegt. So erlebte eine Münchner Salonlöwin,
-die über Wagner im familiären Tone aburteilte,
-daß ich, über die Köpfe ihrer Gäste hinweg,
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-lauten Protest erhob und augenblicklich ihren
-„jour“ verließ. Es war ein schöner Frühlingsnachmittag.
-Ein leichter Wind umstrich mich linde:
-derweil die oben Gebliebenen empört über mich
-zu Gerichte saßen; entfernte man sich so, und wer
-war ich denn?
-</p>
-
-<p>
-Denn von der geistig besitzlosen Klasse wird
-das Recht auf eigene Meinung, so wir eine haben,
-am längsten angezweifelt und bekämpft; daher
-einem jungen Fräulein Niemand die beste Gelegenheit
-geboten wird, zur Menschenkennerin heranzureifen.
-Diesbezüglich befand ich mich in vorderster
-Szene, wo immer ich auftrat. London
-oder Berlin, es war ganz gleich. Als ich zum
-ersten Male einen Winter in Paris verbrachte,
-lebte noch der Gründer des Crédit Lyonnais, ein
-feiner, überlegener Greis. Auf irgendeine Empfehlung
-hin wurde ich dort öfters eingeladen. Es
-war ein Salon, der eben anfing, ein wenig auszuleiern.
-Nach einem kleinen, köstlichen Diner stand
-ich am Kamin und überblickte die Gesellschaft.
-Die schöne und noch junge Frau mit dem glitzernden
-und gewellten Haar figurierte in ihrer Schlankheit
-zu Ehren des noch schönen Paul Deschanel,
-das war klar. Sein Frack, dies letzte Wort von
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Frack, die seidene Schmiegsamkeit seiner Socken,
-seine für weiße Manschetten wie erdachten Hände,
-sein für den Zylinder wie erträumter Kopf, dies
-alles, wenn ich es heute überdenke, war von
-einer vorkriegszeitlichen Pracht, ohne störende
-Beziehung – seitdem haben sich ja der menschlichen
-Gesellschaft dunklere Kulissen aufgetan –
-als Empfangsräume, als den Salon.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah und staunte. – In Gespräche mischte
-ich mich nur selten. Es war auch nicht nötig; im
-übrigen war ich eine jeune fille sans dot, und
-weniger konnte man nicht sein.
-</p>
-
-<p>
-Aber man kam an diesem Abend auf Bayreuth
-zu sprechen, und zu meinem Schrecken riß die
-Frau des Hauses Wagners Charakter in den Staub.
-„Ingratitude notoire“ waren ihre Worte. Schon
-führte ich wieder Schild und Speer, schon hielt ich
-am Kamine aufgestellt meinen Speech, schon war
-ich mitten in meiner Rhetorik. Hätte er Buch
-führen sollen über Summen, die er zur allgemeinen
-Bereicherung entlieh? und wenn wir schon feilschten,
-warum die vielen Existenzen nicht mit einbeziehen,
-die er begründete, die Theater, die er
-dotierte oder ins Leben rief, die Riesenvermögen
-der Wagnersänger? Was zollten sie ihm dafür?
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-„Wenn wir schon feilschten,“ sagte ich und blickte
-unbefangen im Kreise umher, „gab er dem Etat
-der bayrischen Staatsbahnen, gab er“, höhnte ich,
-„den Hoteliers nichts zu lachen? Auf welcher Seite
-liegt der Undank, wenn wir schon rechnen?“ fragte
-ich. „O wie er das Geld verbrauchte, hinauswarf
-und verachtete, wie er zu einer von Mark und
-Pfennig gravitätisch eingedämmten Welt sich so
-unsäglich mittelbar bezog, Gott, wie erfrischend,
-welche Labung!“ rief ich aus.
-</p>
-
-<p>
-Nun war natürlich Dank oder Undank Wagners
-den Anwesenden denkbar egal. Was sollte dies
-feierliche Gehabe? – Ich sah Blicke sich kreuzen,
-Mundwinkel zucken; erst entstand ein Schweigen,
-dann sagte jemand: „Comme il fait chaud!“
-</p>
-
-<p>
-Begossenheit war da alsbald mein Anteil. Schüchternheit
-befiel mich wieder und schmiedete mich
-an den Kamin, wie Andromeda an ihren Felsen.
-Da aber trat Perseus in Gestalt eines ergrauten
-Mannes vom anderen Ende des Zimmers näher,
-und es erklangen die rettenden und unverhofften
-Worte: „Elle a raison“.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein Professor Coggia aus Palermo; er
-hatte dem greisen Wagner bei Gelegenheit eines
-Aufenthaltes in dieser Stadt einige Dienste erwiesen
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-und pries nun seine rührende Erkenntlichkeit,
-seine einfache und rücksichtsvolle Art. Dagegen
-machte er den denkbar schärfsten Trennungsstrich
-zwischen ihm und seiner nächsten Umgebung. Ja, er
-leugnete ganz und gar, daß sie Wagner homogen
-gewesen sei. Alle hörten jetzt mit großer Spannung
-zu. Wie glücklich aber war ich selbst an diesem
-Abend! Wie leicht tönte der Widerhall meiner
-Schritte auf dem Heimweg an mein Ohr. In Paris,
-wo er in seiner Jugend darbte, Wagner als armer
-Teufel, Wagner in Würzburg und Riga, schwebte
-mir mit ergreifender Deutlichkeit vor.
-</p>
-
-<p>
-Eines Nachts aber – kurz darauf – stand ich
-auf dem Platz des Münchner Hoftheaters. Allein.
-Denn eine Siegfried-Aufführung war noch im Gang,
-und ich war herausgelaufen, weil ich diese Musik
-nicht mehr ertrug. Sie bekundete mir nichts mehr.
-Sie quälte mich. Die Vorstellung war mittelmäßig,
-es ist wahr (die Ära Mottl stand noch aus), dennoch
-– ob ich mir auch gewisse Sonaten, die, zu
-oft vernommen, auf immer vielleicht erschöpft
-blieben, auch eine heruntergerasselte Eroica ins
-Gedächtnis rief, die nichts besagte, dennoch, welch
-ein Stoß! – Zwar erhielt mein Wagnerkult keine
-Einbuße deshalb. Ich gestattete ihm dies nicht.
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Seine ewigen Augen, der Zug nach ewiger Vollendung,
-der Weltenatem seines Geistes, dies war
-es, was ihn unsterblich machte. „<em>Schafft Neues</em>“
-war im Alter sein immerwährender Ruf gewesen.
-Setzte da eine Stadt, seine Anwesenheit erfahrend,
-ihm zu Ehren eines seiner Bühnenwerke an, so
-ergriff er eilend die Flucht. Welch ein Meister
-war er des Überdrusses! – Er blieb mein Führer,
-mein Idol. Es rührte mich unbeschreiblich, daß er
-für seinen „Ring“ eine einzige Aufführung erträumt,
-und den naiven Wunsch gehegt hatte, die
-Bretter der eigens dafür zu errichtenden Bühne
-zusammengeschlagen, und nur die Erinnerung an
-das einmalige Fest verbleiben zu sehen.
-</p>
-
-<p>
-Ahnte er das Brünnhildengewimmel, den Sieglinden-Vertrieb,
-die Feuerzauberratsche, den Opernstaub,
-das Gerümpel manch geradezu ochsenhaft
-einhermarschierender Wotane, die Hojotohos, die
-Beliebtheit schlimmer als jeder Boykott?
-</p>
-
-<p>
-Wie ersprießlich dagegen war es, Wagner-Anekdoten
-zu sammeln! Am besten gefiel mir
-die einer alten Sängerin, an welcher er im
-Couloir des Münchner Hoftheaters mit dem Ruf:
-„Ich halte es vor Langerweile nicht mehr aus,“
-in großer Aufregung vorbeilief. Er war mitten
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-in einer Tristanvorstellung aus einer Loge herausgestürzt.
-</p>
-
-<p>
-„Wie war diese Vorstellung?“ fragte ich schnell.
-</p>
-
-<p>
-„Glänzend, wunderbar,“ sagte sie.
-</p>
-
-<p>
-Auch mit dem uralten sächsischen Gesandten
-von Fabrice, dessen Erinnerungen bis in das Jahr
-1847 zurückgingen, stellte ich mich gut. Er lebte
-damals als junger Mann in Dresden, und der
-Kapellmeister Wagner war ihm vom Sehen bekannt.
-An einem Wintermorgen auf der Straße
-hinter ihm her gehend, sah er ihn von einem Bettler
-angehalten, seine Taschen durchsuchend, ohne etwas
-hervorzuziehen, daraufhin kurzerhand seinen
-Rock abwerfend, ihn dem Manne überlassend
-und weitereilen. Ein Brief aus Zürich an Liszt,
-in welchem er wie gewöhnlich über seine Geldnot
-klagt, über die einbrechende Kälte, und daß er
-keinen Wintermantel habe, ist zwei Jahre später
-datiert. Und vielleicht war ich die einzig Eingeweihte
-(denn Fabrice war tot), welche wußte,
-warum dies Garderobestück ihm fehlte.
-</p>
-
-<p>
-So blieb alles beim alten, ob ich auch in weiten
-Bögen Wagner-Vorstellungen mied. Nietzsches
-Auffahrt überwand ich unschwer. Selbst von
-einem so großen Geist beirrte sie mich nicht.
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-Die Nähe war eine Beeinträchtigung auch für
-ihn, da hier nur die Distanz den richtigen
-Sehwinkel für ein maßgebendes Urteil schaffen
-konnte. Selbst für ihn. Daher die Bitterkeit, der
-schmerzliche Unterton bei Nietzsche, der seine
-eigene Desertion niemals verwand. Von Wagner
-wissen wir als einzige Äußerung zu dem Bruche
-nur jene Worte, die er ihm bestellen ließ: nunmehr
-sei er ganz allein. Und so dünkte mir denn
-auch der „Fall Wagner“ an allen Ecken und Enden
-ein „Fall Nietzsche“.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Punkte hatte ich sicher recht. –
-Vierzig Jahre nach Wagners Tod trat der französische
-Komponist Paul Ducas in der Revue
-Musicale mit einer Charakteristik Wagners hervor,
-die, ein Meisterstück an Augenmaß – eben diese
-Spanne von vierzig Jahren (die Zeit schafft hier
-den geistigen Raum) zu einer ihrer wesentlichen
-Voraussetzungen hat.
-</p>
-
-<p>
-Gedulde dich, lieber Leser. Jede noch so weit
-ausholende Kurve führt uns zur Brücke zurück,
-auf der ich, mitten unter den Statuen stehend,
-über beste Todesarten meditiere.
-</p>
-
-<p>
-Denn von meiner Verstiegenheit, wie grotesk
-sie auch sein mochte, gab es kein Zurück. Es
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-blieb nichts übrig, als die Probe auf das Exempel,
-in diesem Fall auf die Verstiegenheit, zu stellen.
-Sie war das hohe Meer, längst allen Ufern entzogen.
-Erreichbare Küsten forderte ich nicht mehr,
-wohl aber, daß Küsten, wie immer unerreichbar,
-vorhanden seien. Dies forderte ich. Ich forderte ein
-Zeichen. Mit dem Glauben, den ich mir zurechtgelegt
-hatte, zu sehr verwachsen, konnte ich ihm
-nicht entsagen, ohne mich selbst aufzugeben. Jener
-Satz, daß der Sprung vom niedrigsten zum höchsten
-Menschen größer sei, als der vom höchsten
-Tier zum niedrigsten Menschen, hatte Wasser auf
-meine Mühle getrieben. Denn Rangunterschiede
-waren mein Steckenpferd. Es konnte nicht anders
-sein, als daß der Auserwählte, die Persönlichkeit,
-nach besonderen Gesetzen antrat, ob sie auch,
-infolge des verhängnisvollsten aller Mißverständnisse,
-mit Vorliebe zum Haufen geworfen wurde.
-In diesem Lichte nur war alles wahr und falsch
-zugleich, was vom Menschen als dem Maß aller
-Dinge, wie als dem Ausbund aller Nichtigkeiten
-stand. „Ihr seid Götter“, hieß es zu den einen,
-und den andern wird verkündet, daß sie endlose
-Male wiederkehren oder sterben werden, was ja
-dasselbe ist. Vom Gattungsmenschen und seinem
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Korrelate, dem Gemeinschaftsgrab, lief die Leiter
-bis hinauf zur Marcia sulla morte d’un eroe. Viele
-lebten, deren Anteil an grausamen Geschicken täglich
-sich vermehrte ... ebenso sicher dünkte mir dies,
-als daß geheime Zaubersprüche walteten – deren
-Formel wir nur nicht kennen – über die weniger
-sterblichen, die vollendeten Typen. Freie waren’s. –
-Einen mächtigen Freibrief erkannte ich ihnen zu:
-die Not, die eine mit der Erlesenheit ihrer Natur
-so zerworfene Welt ihnen bereitet, genügte.
-</p>
-
-<p>
-Aber meine geistige Existenz hatte ihre inavouablen
-Seiten: ich erachtete mich als ein
-Wagnerisches Produkt. Wem hätte ich derartiges
-eingestanden? Mußte meine Verstiegenheit nicht
-Folge und Grund zugleich meiner Verlassenheit
-sein? Und wie hätte diese Verstiegenheit – ein
-Notbehelf auf sie – mich nicht isoliert? Über
-Gute und Böse ging die Sonne auf, über den
-Narren aber stand sie still.
-</p>
-
-<p>
-Bücher hatten versagt; Rom hatte versagt. Ich
-hatte ich weiß nicht was für Hoffnungen auf
-diese Stadt gesetzt, als müsse die Berührung
-ihres Bodens mich heilen. Aber Rom hat nichts
-Beschwichtigendes, es sei denn sein Licht. Rom
-wühlt alle Rätsel doppelt auf, und welche
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-<span class="fc"><img src="images/i095.jpg" alt="" /></span>
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Argumente hielten stand vor dem teuflischen
-Dreh, der teuflischen Zweideutigkeit dieser Welt,
-den Abgründen, ins Unbeweisbare überall aufgetan,
-dem Netz des Leidens ausgeworfen nach der
-Kreatur, dem weglosen, verwirrenden Leiden des
-Getiers? Dies und meine geistige Einzelhaft schlug
-mir über dem Kopf zusammen.
-</p>
-
-<p>
-„Ein Zeichen!“ sagte ich laut. Ich forderte ein
-Zeichen unter diesem Abendhimmel Roms. Wieder
-hielt ich meine geistigen Arme emporgerichtet,
-wie in jener Nacht, da ich auf dem Weg zur Hexe,
-gegen die Hütte geschleudert, das gestirnte Firmament
-vor die Schranken rief. Liefen alle Anstrengungen
-und alle Opfer leer, dann war auch
-der Selbstmord nicht die fausse sortie, die Schopenhauer
-meinte, lebten aber die Kräfte, von welchen
-ich zehrte, warum sollten sie sich nicht bekunden?
-Tat ich dies? Träume waren meine einzige
-Gewähr gewesen. Träume lagen mittewegs. Aber
-Zweifel und Ernüchterung raubten mir die Kräfte,
-mich zu ihnen aufzumachen. Was also waren
-Träume?
-</p>
-
-<p>
-Aber kehren wir zur Brücke zurück.
-</p>
-
-<p>
-Man schrieb den 7. Februar. Eleonor erwartete
-mich in Venedig. Sie hatte endlich ihre erträumte
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Etage, und ich gedachte bis zum 13., dem Todestag
-Wagners, bei ihr zu bleiben. Wie jene
-Kranken, die zur Schwelle eines Tempels pilgerten,
-Rat oder Heilung dort erhoffend, so zog ich nach
-Venedig, mein Orakel zu vernehmen; entschlossen,
-das Fazit meiner mondsüchtigen Schritte zu ziehen.
-Zweck- oder Sinnlosigkeit meiner verschütteten,
-greisenhaft verlebten Jugend bis zu den Sternen
-setzend, die letzten Lose auswerfend, da ich nichts
-zu verlieren hatte, wenn ich verlor. So wandte
-ich mich endlich von dem Flusse ab, ging in der
-Dämmerung zwischen den Statuen, dann über den
-Korso zurück, zum ersten Male wieder guten
-Mutes, ja entrückt.
-</p>
-
-<p>
-Eine nette kleine Giftreserve zu unterst in
-meinem Koffer, sprang ich um Mitternacht in die
-Gondel, in welcher Eleonor und ihr glücklich heimgekehrter
-Gatte gekommen waren mich zu holen.
-Die stillen Wasserstraßen klangen vollstimmig an
-mein Ohr; und als der Morgen aufzog, sangen die
-Paläste, der Canale Grande lag in voller Bläue,
-seine Wellen tönte ein Hauch von Rosenglut, und
-wie ein Lied entstieg San Giorgio. Alles, selbst die
-Steine modulierten. Florenz ist Graphik, auf Silbergrau
-gezogen; Literatur. Viel zu streng und steil
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-und traumlos für das unreife Gemüt. Venedig ist
-Musik. Süß durchbohrt es das gequälte Herz. –
-Da war ein Gäßchen, hoch und steinern bis auf
-den schmalen Himmelsstreifen, der darüber leuchtete.
-Glatte Mauern bis auf ein Fenster, das offen stand.
-Schwefelgelbe Sonnenstrahlen schmetterten auf rote
-Nelkenstöcke, die davor blühten. Lange mußte
-ich stehen und schauen, aber so, wie einer horcht.
-</p>
-
-<p>
-„Nicht denken“ war die Devise, nach welcher
-die folgenden Tage in großer Scheinruhe verrannen.
-Im Nu war der Vorabend jenes Todestages (der
-meiner Abreise) gekommen. Ich fürchtete mich.
-Ich dehnte ihn so lange wie möglich aus. Mein
-Zug fuhr in der Frühe. Wenig Stunden trennten
-mich von ihr. Die Nacht kam.
-</p>
-
-<p>
-Ein schmales feldbettähnliches Gestell nahm die
-Mitte meines Zimmers ein. Eleonor war stolz auf
-die bedruckte Leinwand, mit der es wie eine kostbare
-Schachtel ausgeschlagen war. Nachts gab es
-viel Gezänke und Gelächter in den Gassen. Heute
-belebten sie sich nicht. Wie eingelassenes Wasser
-stieg die Luft. Ich sah mich selbst im hohen
-Spiegel, feierlichen Auges gleichsam eingeschleiert,
-wie die Jungfrau, welche ihre Öllampe für den
-Bräutigam bereit hält. Die Nacht hielt ihre Runde.
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Über die Lagunen lag letzte Finsternis gefaltet;
-sie deckte alle Pfade, alle Wälder, alle Brücken
-zu. Alle Flüsse rauschten unsichtbar. Alle Tiere,
-die ihr Dasein noch gerettet hatten, schlummerten
-beruhigt. Erst mit dem Morgen drohte ihnen
-wiederum Gefahr. Gesichert schliefen die süßen
-Vögel im Gezweig. Friedliebend ist die Nacht,
-nur den Kranken und unglücklich Liebenden abhold.
-Auch mich entriß sie ungnädig schnell dem
-barmherzigen Schlaf. Stoßähnlich mein Erwachen,
-daß ich erschreckt das Licht aufdrehte. Dumpfen
-Pulses. Leer. – Zu den hold umspannten Wänden
-meines Zimmers verhielt ich mich nicht länger.
-Gefängnismauern kamen sie gleich, feucht von
-Schlangen, die ihre Köpfe nach mir zuckten. –
-Abgetrennt wie ein Gespenst. Nichts also. Es
-schlug vier Uhr von den Kirchen und den Türmen
-Venedigs. – Also nichts. Ob ich auch meine
-Knie umklammernd mich besann ... Nichts. Auf
-dem Flur eines gewöhnlichen Hauses hatte ich
-gestanden auf der obersten Stufe einer alltäglichen
-Stiege, fünf Treppen hoch. Das war alles. Ein
-paar Schritte trennten mich von einer verschlossenen
-Tür. Warum verschlossen? und warum
-wollte ich zu ihr? ich wußte es nicht einmal.
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-So schwache Furchen hatte das nichtssagende Bild
-gezogen. Was hielt mich ab, den Flur zu überschreiten?
-</p>
-
-<p>
-Ich sank zurück.
-</p>
-
-<p>
-Solchen Nichtigkeiten nachzuspüren war zu verächtlich,
-Hunde nur nahmen, was sie kriegten,
-und wühlten noch unter Knochen.
-</p>
-
-<p>
-Das Licht verlöschend ward ich eins mit der
-Finsternis.
-</p>
-
-<p>
-Der Riese aber ...
-</p>
-
-<p>
-Ein Riese?
-</p>
-
-<p>
-Der grauenhafte Riese, der mir den Weg zur
-Tür versperrte und sich über mich warf. Der
-schreckliche und aussichtslose Ringkampf mit dem
-Riesen, der, kaum überwältigt, in Nu emporgeschwungen,
-mit Würgerhänden mich von neuem
-überfiel? Zu öfteren Malen, aber stets vergeblich,
-besiegte ich den dunklen, nie erlahmenden Riesen,
-und doch, ob ich ihn auch in die Tiefe stürzte,
-seiner immer entsetzter, immer atemloser gewärtig.
-Das Ringen wiederholte sich so oft, es dauerte
-so lang, meine Kraft war ausgegeben. Wie kam es,
-daß er doch noch einmal unterlag? Nur zum Scheine
-zwar. Lautlos ballte sich flugs wieder die fürchterliche,
-wesenlose Masse vor mir auf. In die Knie
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-brechend stieß ich ihn hinab. War mir ersterbend
-eine Frist gewährt, die Türe dennoch zu erreichen?
-War diese Stiege nicht mehr gemein? Welche
-Schwelle überzog ich da so tief aufatmend, so erschöpft,
-daß ich nicht mehr wußte, ob ich lebte?
-</p>
-
-<p>
-O Gott, welch ein Gemach! wie ein Söller hochgelegen.
-Und wer war diese alte Dienerin, so
-schmächtig und so edel von Gestalt, der ich mich
-überließ, die nur insofern Anwesende, als sie mich
-stützte, mit meinen Füßen sich zu schaffen gab
-und mich zu einem niedrigen antiken Bett geleitete?
-Statt des Fensters eine breite Öffnung in der
-Mauer, die auf eine klassische und rätselhafte
-Landschaft niedersah: Bergeslinien, die mit so
-sanftem Schwunge zur Meeresebene ausliefen, als
-flössen die Farben aller Tageszeiten in einem
-einzigen Glissando.
-</p>
-
-<p>
-Aber die Luft um mich her, diese unnennbare
-Luft, sie vor allem war das Kompendium des
-Glücks. Ich war allein. Ich wartete auf niemand.
-Niemand kündete sich an. Doch mein Alleinsein
-war köstlichstes Umgebensein und aller Fülle teilhaft.
-Jegliche Gemeinschaft, mit dieser Einsamkeit
-verglichen, war Verlassenheit. War ich allein? Wo
-fände sich ein Wort für solche Vielsamkeit?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Die Stiege, das unwirsche Alltagshaus entsunken
-und wesenlos das Ringen. Geworden nur die Süße
-dieser Müdigkeit, die Wonne dieser Luft. Wie ein
-Stern, dessen Licht den Äther durchfliegt, so hatte
-der Traum einer Spanne Zeit bedurft, um mein Bewußtsein
-zu erreichen. Ich saß hoch aufgerichtet,
-meine Knie umklammernd, mein Gesicht vergraben.
-</p>
-
-<p>
-Mut, sagte ich zu mir, Mut, Mut.
-</p>
-
-<div class="centerpic w60">
-<img src="images/i102.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter blank" id="chapter-0-17" title="Schluß">
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-</h2>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span><span class="postfirstchar">it</span> diesem Worte schließt die Geschichte. Es
-bedeutete einen Wendepunkt in meinem Leben.
-Ein neues begann, und es zeigten sich Horizonte,
-von denen meine gleichzeitig leichtsinnige und
-eingeschüchterte Jugend bisher nichts gewußt hatte.
-Schließlich mischte sich sogar die Weltgeschichte
-ein. Die Erzählung selber aber, die, als ein umfangreiches
-Buch angelegt, „Unitalienischer Roman“
-heißen sollte, blieb darüber Entwurf. Der Weg,
-der an die Stelle zurückführen würde, wo die
-kaum begonnene Geschichte abbricht, ist auf ewig
-verschüttet. Was bleibt, ist ein großes Bedauern
-über die Zeitwende, das vielleicht auch andere
-teilen werden – und diese kleine Novelle.
-</p>
-
-<p class="vspace">
-&nbsp;
-</p>
-
-<div class="ads chapter">
-<p class="adh">
-WERKE<br />
-VON<br />
-ANNETTE KOLB
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">DAS EXEMPLAR</span><br />
-<span class="line2">Roman</span><br />
-<span class="line3">8. Auflage</span>
-</p>
-
-<p>
-Der erste Eindruck des Buches, schon nach wenigen
-Seiten, ist Kultur. Es gibt wenig Bücher, die so scharf
-wie dieses die Zeitseele enthüllen. Und im übrigen ist
-das Buch reich an allerlei entzückenden Dingen. Man
-wird in ihm sehr heimisch in London und auf den
-Landsitzen der Gesellschaft. Das Buch vereint wirklich
-zwei selten verträgliche Eigenschaften: geistige
-Tiefe und Charme. Es ist nicht nur ein bedeutendes,
-sondern auch ein liebenswürdiges Buch.
-</p>
-
-<p class="attr">
-Kurt Münzer
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">ZARASTRO</span><br />
-<span class="line2">Westliche Tage</span><br />
-<span class="line3">5. Auflage</span>
-</p>
-
-<p>
-Hier stürmt und braust es, hier läßt Annette Kolb,
-die alles mit scharfer Beurteilung ansieht, die ungehindert
-ihre Meinung ausspricht, die glühend kämpft,
-die oft hart wird, oft ihre Freunde kränkt, weil sie
-zu kraft- und willenlos seien. Es ist ein Buch der
-Gegenwart, ein Buch, das unsere ganze Zerrissenheit
-darstellt, denn Annette Kolb steht mitten in dieser
-Gärung, diesen Konflikten. Es sind Tagesaufzeichnungen,
-sie wirken daher überaus lebendig.
-</p>
-
-<p class="attr">
-Minna Cauer
-</p>
-
-<p class="adh">
-FISCHERS<br />
-KLEINE ILLUSTRIERTE BÜCHER
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">THOMAS MANN, TONIO KRÖGER</span><br />
-<span class="line2">Illustriert von E. M. Simon</span>
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">HERMANN HESSE, IN DER ALTEN SONNE</span><br />
-<span class="line2">Illustriert von Wilhelm Schulz</span>
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">E. von KEYSERLING, HARMONIE</span><br />
-<span class="line2">Illustriert von Karl Walser</span>
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">BERNHARD KELLERMANN, DIE HEILIGEN</span><br />
-<span class="line2">Illustriert von Magnus Zeller</span>
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">THOMAS MANN, HERR UND HUND</span><br />
-<span class="line2">Illustriert von Georg W. Rößner</span>
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">GERHART HAUPTMANN, FASCHING</span><br />
-<span class="line2">Illustriert von Alfred Kubin</span>
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">JOHANNES V. JENSEN, DER MONSUN UND ANDERE TIERGESCHICHTEN</span><br />
-<span class="line2">Illustriert von Arthur Wellmann</span>
-</p>
-
-<p class="adb">
-<span class="line1">HERMAN BANG, DIE VIER TEUFEL</span><br />
-<span class="line2">Illustriert von George G. Kobbe</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Die ursprüngliche Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden beibehalten.
-</p>
-
-</div>
-
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SPITZBÖGEN</span> ***</div>
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-
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- </div>
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- </div>
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-</div>
-
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
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-</div>
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-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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