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--- /dev/null
+++ b/67289-0.txt
@@ -0,0 +1,16249 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 67289 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der 1915 erschienenen Buchausgabe
+ so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
+ Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+ nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben
+ gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch
+ nicht beeinträchtigt wird.
+
+ Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden
+ Sonderzeichen gekennzeichnet:
+
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
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+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Em. Frechon. Nach einem Gemälde von F. Seth.
+
+Eine mohammedanische Braut, die der Sitte gemäß der Bräutigam erst
+sehen darf, wenn die Hochzeit bereits vorbereitet ist.]
+
+
+
+
+ Die Sitten der Völker
+
+ Liebe · Ehe · Heirat · Geburt · Religion · Aberglaube ·
+ Lebensgewohnheiten · Kultureigentümlichkeiten ·
+ Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde
+
+ Bearbeitet auf Grund der Beiträge hervorragender Fachgelehrter
+
+ von
+
+ Dr· Georg Buschan·
+
+ Zweiter Band
+
+ Mit 522 Abbildungen im Text, 13 farbigen Kunstbeilagen
+ und 12 Kunstblättern in Doppeltondruck
+
+ [Illustration]
+
+ Stuttgart, Berlin, Leipzig * Union Deutsche Verlagsgesellschaft
+
+
+
+
+ Nachdruck verboten
+
+ Alle Rechte vorbehalten
+
+
+
+
+Inhaltsübersicht
+
+
+ Seite
+
+ Asien (Fortsetzung) 1
+
+ Korea 1
+
+ Japan 8
+
+ Formosa 54
+
+ Ceylon 61
+
+ Vorderindien 86
+
+ Nordindien 140
+
+ Die Wildstämme im Norden und Osten Vorderindiens 177
+
+ Assam 207
+
+ Zentralasien 217
+
+ Nordasien 246
+
+ Iran 265
+
+ Vorderasien 301
+
+
+ Afrika 331
+
+ Südafrika 332
+
+ Madagaskar 357
+
+ Ostafrika 378
+
+ Nordostafrika 415
+
+ Ägypten 435
+
+ Nordafrika 450
+
+ (Schluß von Afrika folgt in Band III)
+
+
+
+
+Verzeichnis der Kunstbeilagen
+
+
+ Zugehöriger
+ Text
+ Nach Seite Seite
+
+ Eine mohammedanische Braut (v. d. Titel) 447
+
+ Fächertanz in Nikko 8 12
+
+ Strohpuppentanz in Japan 24 12
+
+ Das „Gion“-Fest in Kyoto 32 16
+
+ Singhalesische Teufelstänzer 72 75
+
+ Das Periyapalayamfest (Ceylon) 80 81
+
+ Fakire in einem indischen Tempel über ein Brett mit
+ aufrechtstehenden Nägeln schreitend 144 145
+
+ Indische Bajadere im Tempel tanzend 152 153
+
+ Hochzeitswagen der Hindu 168 164
+
+ Gebetmühle in einem buddhistischen Tempel in Tibet 224 225
+
+ Samojedenfamilie in Winterkleidung 248 248
+
+ Mohurrumfest in Persien 272 269
+
+ Der Nationaltanz der Balutschen 288 287
+
+ Vor der Klagemauer Jerusalems 312 310
+
+ Das jüdische Osterfest der Samaritaner 320 310
+
+ Ein Medizinmann der Swasi 352 350
+
+ Inneres der Palisadenfeste eines Eingeborenensultans
+ in Ostafrika 376 379
+
+ Negerfrauen aus Ostafrika, die in Flaschenkürbissen
+ Bier auf dem Kopfe tragen 384 381
+
+ Suaheliweiber aus Sansibar mit ihrem Fetisch 392 381
+
+ Der Borana-Bororansi-Tanz der Somal 416 419
+
+ Die Prozession des Mahmal 440 440
+
+ Kriegsspiel in Marokko (sogenannte Fantasia) 448 451
+
+ Marokkanischer Beduinenscheich 452 451
+
+ Marokkanische Schönheit 452 452
+
+ Arabischer Schleiertanz 456 456
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. J. Shepstone.
+
+Abb. 1. Hochzeitskuchen bei den Koreanern,
+
+die von den Eltern der Braut hergestellt werden.]
+
+
+
+
+Korea.
+
+
+Die Halbinsel Korea, die nach wechselvollen Schicksalen 1904 zu einem
+Vasallenstaate, sechs Jahre später zu einer Provinz Japans gemacht
+wurde, wird von einer Bevölkerung eingenommen, die zu den Mongolen
+im weiteren Sinne zählt, aber auch viele fremde Bestandteile in sich
+aufgenommen hat. So hat sich bei ihr ein ganz +bestimmter Typus+
+herausgebildet, der sogenannte mandschu-koreanische, der im großen und
+ganzen mehr dem des Europäers als des Mongolen nahekommt. Die Koreaner
+sind stattliche, im Vergleich zu den übrigen Ostasiaten große Leute,
+mit mehr länglichem, schmalem Gesicht, weniger vorragenden Jochbeinen,
+sowie feinerer, mehr dünner und etwas gebogener (adlerförmiger)
+Nase (Abb. 4). Diese relative Feinheit des Gesichtes wird aber
+beeinträchtigt durch die deutlich geschlitzten Augen mit Mongolenfalte,
+die vorstehenden Kiefer, im besonderen die langen Schneidezähne, welche
+die Oberlippe nicht zu decken vermag, und das wenig entwickelte Kinn.
+
+Die Koreaner betreiben +Ackerbau+ auf ziemlich niederer Stufe. Ihre
++Kleidung+ gleicht in ihren Hauptbestandteilen der chinesischen; beide
+Geschlechter tragen unten geschlossene Hosen und Jacke, aber nicht
+vom modernen Schnitt, sondern so wie er zur Zeit der Mingdynastie
+in China üblich war. Für das Frauengewand sind typisch eine ganz
+kurze, die Brüste unbedeckt lassende Jacke und ein wie ein Segel
+aufgebauschter Rock, der an einem breiten Gurte hängt und überall die
+Erde berührt (Abb. 6). Frauen der wohlhabenden Kreise ziehen noch
+darüber einen Chang-ot, einen dünnen, grünseidenen Mantel an, der
+ihnen auf der Straße gleichzeitig zur Verschleierung dient, wenn
+ihnen eine männliche Person begegnet. Wenn er richtig umgelegt ist,
+dann bleiben nur ein Auge, eine Andeutung der Wange und ein ganz klein
+wenig von der Stirn und den Schläfen unbedeckt. Ganz eigenartig ist die
++Kopfbedeckung+ der Koreaner. Diese besteht aus einer aus Pferdehaar
+oder Zwirn angefertigten Binde, die, um das lange, nach oben zu in
+einen kleinen Knoten auslaufende Haar zusammenzuhalten, um den Kopf
+gebunden und nur beim Schlafen abgenommen wird. Über diese Binde wird
+eine aus dem gleichen Material hergestellte Kappe gestülpt, die der
+Koreaner ebenfalls tagsüber nie ablegt, und wenn er auf die Straße
+geht, wird über diesem Käppi noch ein schwarzlackierter Zylinderhut aus
+gespaltenem Bambus getragen, der jedoch, da er bedeutend kleiner als
+der Kopf ist, unter dem Kinn mittels einer schwarzen Schnur, die bei
+wohlhabenderen Leuten noch mit Glasperlen besetzt ist, festgehalten
+wird (Abb. 2). Da jeder Koreaner mit dieser unvermeidlichen
+Kopfbedeckung einhergeht, so gibt es in den Straßen natürlich
+zahlreiche Huthändler, die diese Zylinder zu dem billigen Preise von
+vier bis fünf Pfennigen häufig aufbügeln. -- Die Koreaner wohnen in
+einfachen Strohhütten (Abb. 5).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 2. Koreaner in ihrer eigenartigen Tracht.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 3. Ein vornehmer Koreaner zu Pferde unter Vortritt eines
+Schirmträgers.
+
+Für den Vornehmen ist es entwürdigend, zu einem Besuch zu Fuß zu gehen.
+Der Reiter sitzt auf einem hohen Sattel mit angezogenen Knien.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Newton & Co.
+
+Abb. 4. Vornehme Koreaner (Yang-ban).
+
+Ihre Kleidung besteht aus der feinsten cremefarbigen oder weißen Seide
+mit einem blauen Übergewand aus gleichem Stoff. Ein malvenfarbiger
+Gürtel umschließt das Ganze.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie u. Heimat“.
+
+Abb. 5. Koreanisches Dorf.]
+
+Das koreanische Volk ist streng in drei +Stände+ geschieden, was
+übrigens auch in der Kleidung zum Ausdruck kommt. Nur dem Adel und
+den Beamten ist es gestattet, farbige Gewänder zu tragen (Abb. 4),
+die gewöhnlichen Leute dürfen sich nur weiße Kleider anziehen. Die
+vornehmste Klasse sind die Yang-ban oder Adligen. Für die Frauen dieses
+Standes ist Vorschrift, daß sie nur verschleiert auf die Straße gehen,
+wobei der grünseidene Chang-ot über den Kopf gezogen wird; für die der
+zweiten Klasse ist dieses Gebot nicht so bindend; die Tänzerinnen,
+Sklavinnen, Nonnen und alle, die zur untersten Klasse gerechnet werden,
+dürfen den Chang-ot nicht tragen. Im übrigen besteht die Kleidung der
+Koreanerinnen in weiten Hosen und einem darübergezogenen Rock, der
+die Umrisse des Körpers, abgesehen von den freibleibenden Brüsten,
+unkenntlich macht. -- Die vornehmen Koreaner reiten entweder zu Pferde
+aus, wobei sie ihr Pferd führen und einen Diener mit einem Schirm
+vorausgehen lassen (Abb. 3), oder sie werden in einem Gefährt getragen,
+das ein Mittelding zwischen Sänfte und Karre vorstellt. Vorn und hinten
+wird es an langen Stangen von Dienern halb gezogen, halb geschoben,
+fährt aber auf einem Rade, das sich unter dem Sitz befindet, dahin
+(Abb. 7). Das +religiöse Gefühl+ scheint bei den Koreanern weniger als
+bei den übrigen asiatischen Völkern entwickelt zu sein. Der Buddhismus,
+der ums Jahr 380 nach Christus eingeführt und später zur Staatsreligion
+erklärt wurde, vermochte nie recht Wurzel zu fassen; die gebildeten
+Kreise bekennen sich zur Lehre des Konfuzius, das gewöhnliche Volk
+ist zumeist religiös indifferent oder glaubt an die Geister der Berge
+und des Waldes. Die Teufel- und Geisteranbetung scheint von jeher die
+Grundlage des nationalen Glaubens der Koreaner gebildet zu haben.
++Der Berggeist+ ist heute noch die volkstümlichste Gottheit, der ein
+jedes Dorf Opfer darbringt. Am Wege und in den Bergpässen finden sich
+Altäre errichtet, auf denen die Vorüberziehenden sich durch Spenden die
+Berggottheit geneigt machen können. Nach dem Glauben der Koreaner üben
+die Berge auch eine wohltätige und schützende Wirkung aus; man gibt
+ihnen auch ganz sonderbare Namen, wie Spitze der andauernden Tugend,
+Spitze der tausend Buddha, Ewiger Friede, Schwertberg, Wolkenberührer
+und andere mehr. Jede Stadt hat ihren Schutzberg. -- Ebenso wie die
+Bergketten werden auch die Bäche, Flüsse, Seen, Teiche und so weiter
+von Geistern bewohnt gedacht, die entweder verderbenbringend oder
+wohlwollend sich gegen die Menschen verhalten und durch Opfer und
+Gebete versöhnt werden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 6. Koreanische Frauen
+
+mit der eigenartigen, die Brüste unbedeckt lassenden Jacke.]
+
+Die +Frauen+ der Koreaner werden sorgfältig von der Außenwelt
+abgeschlossen, besonders die der obersten Klasse, denen es nur
+gestattet ist, bei Nacht sich im Freien Bewegung zu machen. Es gewährt
+dann einen gespensterhaften Anblick, diese weißen Nachtgestalten bei
+Laternenschein über die Straße huschen zu sehen. Ohne Erlaubnis ihres
+Mannes darf die Frau nicht einmal auf die Straße hinabsehen. Wenn ein
+Mann ein Dach zu decken hat, benachrichtigt er zuvor die Nachbarsleute
+des Hauses davon, damit sie die Fenster der Frauengemächer schließen.
+-- Bis zum Alter von zwölf Jahren sind die Mädchen der vornehmen
+Stände nur für die Angehörigen des Hauses und ihre nächsten Verwandten
+sichtbar. Von ihrer Verheiratung an, die sie sehr jung eingehen,
+beschränkt sich ihr Verkehr mit Männern auf solche, die mit ihnen
+bis zum fünften Vetterngrade verwandt sind. Die Frauen dürfen zwar
+Freundinnen besuchen, aber dabei nur mit verschleiertem Gesicht an die
+Öffentlichkeit gehen; zumeist werden sie in einer verhangenen Sänfte
+getragen (Abb. 9).
+
+Für den Koreaner ist die Frau eigentlich nur das Arbeitstier und
+das Werkzeug des Vergnügens; ihre Hauptaufgabe erblickt sie daher
+in der Mutterschaft. Wenn ein Mädchen mit zwanzig Jahren noch nicht
+verheiratet ist, dann kommt es ins Gerede der Leute. Bezeichnend für
+die +niedere Stellung der Frau+ ist es, daß sie als Gattin keinen
+Namen führt; in der Kindheit erhält sie wohl innerhalb der Familie
+einen Rufnamen, aber nach ihrer Verheiratung geht sie seiner
+verlustig. Trotz der großen Verachtung, mit der die koreanische Frau
+behandelt wird, macht sie doch einen wirtschaftlichen Faktor in der
+Familie und im Leben der Nation aus. Der Zwang der Verhältnisse hat
+sie zum Lasttier gemacht. Sie arbeitet, damit ihr Herr und Gebieter
+in Faulheit, in gewissem Luxus und in Frieden leben kann. Die Frau
+zeigt sich außerordentlich tätig, ist fleißig, charakterfest, weiß
+sich in jedweder Notlage sofort zu helfen, besitzt Ausdauer, Mut und
+Anhänglichkeit. Ihre Tätigkeit besteht bei den mittleren und unteren
+Schichten im Schneidern und Waschen, in der Hausarbeit, sowie in der
+Bestellung des Ackers.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 7. Ein koreanischer General auf einem einrädrigen Wagen.]
+
+Auch der Jüngling ist bestrebt, möglichst früh eine Gattin
+heimzuführen, denn nur der Verheiratete gilt etwas in der Gesellschaft
+und hat Anrecht auf Ämter und Ehren. Die +Hochzeit+ (Abb. 1) wird von
+den Vätern vereinbart. Am Vorabend bindet eine Freundin der Braut ihr
+jungfräuliches Haar zu einem Knoten, dem Abzeichen der Verheirateten.
+Am Hochzeitstage setzt ein Zauberer eine „Krone des Glücks“ auf ihr
+Haupt (Abb. 8), sie selbst muß beständig im Schweigen verharren,
+selbst allen Fragen und Glückwünschen gegenüber. Die Brautleute
+(Abb. 10) nicken sich vor Zeugen mit einem Gruße zu; damit ist die
+Ehe geschlossen. -- +Polygamie+ ist nicht gestattet, jedoch sind
+Nebenweiber eine anerkannte Einrichtung und sowohl in den niedrigsten
+wie in den höchsten Kreisen anzutreffen, und dies in so großer Zahl,
+als der Geldbeutel des einzelnen es erlaubt. Nach koreanischem Gesetz
+kann eine Frau eine +Scheidung+ von ihrem Mann nicht erzielen, dieses
+Vorrecht besitzt nur er selbst; in den oberen Kreisen aber ist
+Scheidung ungewöhnlich. Die Frau darf jedoch ihren Mann verlassen und
+den Schutz eines Verwandten annehmen, es sei denn, daß ihr Gatte das
+Gegenteil ihrer Anklagen beweisen kann. Gelingt es der Frau nicht, den
+Beweis der Wahrheit für ihre Beschwerden anzutreten, dann erstatten
+ihre Verwandten die Hochzeitskosten, meistens eine große Summe, zurück.
+Ein Mann kann sich gesetzlich von seiner Gattin scheiden lassen
+wegen Trägheit, Versäumen der vorgeschriebenen Opfer, Diebstahl und
+Widerspenstigkeit; er behält stets die Pflege der Kinder. Eine Frau der
+oberen Klassen darf gegen die Beschuldigungen ihres Gatten auch keine
+Berufung einlegen, da häusliche Störungen durchweg für tadelnswert
+angesehen werden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 8. Koreanische Braut mit der „Krone des Glücks“,
+
+die ihr von einem Zauberer auf das Haupt gesetzt wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Angus Hamilton.
+
+Abb. 9. Eine vornehme koreanische Dame in einem Tragstuhl
+
+bei ihrem Ausgang, auf dem sie von einer oder mehreren Dienerinnen
+begleitet wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. J. Shepstone.
+
+Abb. 10. Eine koreanische Hochzeit,
+
+die sehr frühzeitig, oft im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren
+begangen wird. Der Bräutigam ist in Weiß gekleidet und hat sein Haar in
+einem Knoten auf den Kopf gebunden.]
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 11. Die japanische Begrüßung,
+
+die nicht im Händegeben oder Küssen, sondern im Niederfallen auf die
+Hände besteht.]
+
+
+
+
+Japan.
+
+
+Wenn wir auf der langgestreckten Inselgruppe des japanischen Reiches,
+das sich von den nördlichen Kurilen bis zur Südspitze Formosas
+ausdehnt, Umschau halten, so treffen wir nicht nur auf eine große
+Verschiedenheit des Klimas, der Tier- und Pflanzenwelt, sowie der
+Lebensbedingungen, sondern auch auf solche der Bewohner; in der
+Hauptsache sitzen im Norden die Ainu, im Süden Chinesen und Malaien
+und auf den Inseln des eigentlichen Altjapan die Japaner, die
+allerdings auch wieder keinen reinen Typus mehr vorstellen, sondern
+ein Mischvolk sind, hervorgegangen aus den ursprünglich ziemlich über
+das ganze Reich ansässig gewesenen Ainu (vielleicht auch noch einer
+älteren Urschicht, den sogenannten Koro-pokguru), den aus Nordasien
+hinzugewanderten mongolischen (tatarischen) Völkern und den aus
+Indonesien über die Philippinen hinzugekommenen malaiischen. Trotz
+dieser grundverschiedenen Mischung treten uns die +Japaner+ als eine
++ziemlich homogene+ Masse entgegen, in der sich höchstens zwei +Typen+
+unterscheiden lassen, die aber in ihrer extremen Ausprägung doch scharf
+gekennzeichnet sind: ein feinerer und ein plumperer; der Unterschied
+kann so auffällig sein, daß man manchmal denkt, es handelt sich um
+Personen ganz verschiedener Rassen. Der feinere Menschenschlag (Abb.
+12), der sich fast ausschließlich auf die höheren Stände beschränkt,
+gleicht dem von uns bereits geschilderten mandschu-koreanischen Typus;
+er hat sich gleichsam durch geschlechtliche Zuchtwahl hier befestigt,
+denn die Vornehmen und Reichen in Japan bevorzugen als Frauen und auch
+als Nebenfrauen solche von schlankem Bau, mit langem, schmalem Gesicht,
+Adlernase, langem Hals, schmalen Schultern und Hüften, sowie
+zierlichen Armen und Füßen. Bälz nennt diesen Typus den Shoshutypus im
+Gegensatz zu dem Satsuma- oder groben Typus. Letzterer (Abb. 13 u. 15)
+ist gekennzeichnet durch kleinere Statur, plumpen, robusten Körperbau,
+rundes, breites Gesicht mit ausladenden Wangenbeinen, volle Backen,
+stark ausgeprägte Mongolenfalte, breite, gerade oder aufgestülpte Nase
+mit flachem, niederem Rücken, großlippigen, breiten Mund, vortretende
+Nasen-Mundpartie und volles Kinn.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Genehmigung von Könyves Kálmán, Budapest.
+
+Fächertanz in Nikko.
+
+Nach dem Gemälde von G. Tornai.]
+
+[Illustration: Abb. 12. Japanerin vom Shoshutypus.
+
+Körperformen und Gesicht weisen edlere Züge auf.]
+
+Die +Kleidung+ der Japaner besteht in einer Hose und einem Kittel, die
+beim Landvolke aus mit Indigo gefärbtem Hanf-, bei den Stadtbewohnern
+aus farbigem Baumwollgewebe (Abb. 17) und bei den Wohlhabenderen aus
+Seidenstoffen angefertigt sind. Vielfach hat bereits europäische
+Kleidung Eingang gefunden, die bei der Arbeit praktisch und sparsamer
+ist. In seinem Heim jedoch bevorzugt jeder Japaner, sei er Offizier,
+Beamter, Gelehrter oder Geschäftsmann, den bequemeren Kimono, der dem
+Träger etwas Würdevolles und, besonders bei weiblichen Wesen, recht
+Malerisches verleiht. Es ist dies ein aus einem Stück hergestelltes,
+schlafrockähnliches Gewand, das vom Hals bis zu den Füßen reicht,
+lange viereckige Ärmel besitzt und mit einem Gürtel, dem Obi,
+zusammengehalten wird. Der Schnitt ist für beide Geschlechter der
+gleiche. Jede Jahreszeit erfordert ihr besonderes Kleid, ebenso die
+Etikette bei den verschiedenen Anlässen; es geht in Japan geradeso
+zeremoniell zu wie in China. Im Winter trägt man wattierte Kimono;
+vielfach wird ein Kimono über den anderen gelegt, um sich vor Kälte
+zu schützen, denn da man in Japan in Holzhäusern wohnt, deren Räume
+nur durch Papierwände abgeschlossen sind, so herrscht in diesen bei
+kühlerer Witterung eine ziemlich niedrige Temperatur. Der Obi der
+Männer ist ein schmaler Gurt aus gerippter Seide oder Brokat bei
+festlichen Gelegenheiten und aus weißem Krepp oder Seide im Hause.
+Der der Frauen (Abb. 14) bildet den kostbarsten Teil des weiblichen
+Gewandes und wird für besonders feierliche Gelegenheiten aus
+prachtvollem Goldbrokat hergestellt. Er ist etwa dreißig Zentimeter
+breit und mißt vier bis viereinhalb Meter. Er wird in der Länge
+zusammengefaltet, um die Taille gelegt und an den Enden zu einer
+flachen Schleife auf dem Rücken zusammengebunden; infolge eingelegter
+Polsterung stehen diese dann vom Körper weit ab. Vorn wird der Gürtel
+noch durch eine goldene oder mit Edelsteinen verzierte Klammer
+gehalten. Bei den unverheirateten Mädchen wird der Obi so gebunden,
+daß die Enden bis an die Schulter in die Höhe stehen (geradeso wie ein
+„Pfeil“ in einem Köcher, weswegen die Mode auch ihren Namen erhalten
+hat). Das Kleid der Japanerin mutet recht schön und malerisch an,
+eignet sich aber nicht zur Arbeit und hindert die körperliche Bewegung.
+Die Männer ziehen sich stets noch einen Überzieher (Haori) an, der
+denselben Schnitt wie ein Kimono hat, aber nur bis zu den Knien reicht
+und mit einer weißseidenen Schnur geschlossen gehalten wird. Die
+zeremonielle Robe ist mitten auf dem Rücken, auf den Ärmeln und auf
+jeder Seite der Brust mit der Familienverzierung in Weiß versehen.
+Arbeiter, Zimmerleute, Jinrikschazieher und so weiter tragen einen
+baumwollenen Rock (Happi), der mit großen roten oder weißen Zeichen
+gemustert ist, die die Zunft oder den Stand des Trägers bezeichnen;
+der private Jinrikschazieher trägt das Familienwappen seines Herrn in
+Seide gestickt auf dem Rücken (Abb. 16). Die Fußbekleidung ist, sofern
+der Japaner nicht barfuß geht, eine Leinensocke (Tabi), bei der die
+große Zehe von den übrigen getrennt ist, um den Sandalenriemen durch
+die Lücke führen zu können. Die Kopfbedeckung fällt verschieden aus.
+Die kunstvolle Haarfrisur der Frauen erfordert das Schlafen auf einer
+Nackenstütze. Gegen den Regen hängt sich das Landvolk Strohmäntel um
+und trägt Regenschirme aus Ölpapier. Bei den Männern der niederen
+Klassen (Kuli, Pferdeknechten) ist das +Tatauieren+ (Abb. 20) sehr
+beliebt; es soll bei ihnen, die wegen ihrer anstrengenden Arbeit
+leicht in Schweiß geraten und daher nur wenig bekleidet einhergehen,
+die Kleidung ersetzen. Tatsächlich werden vorzugsweise die Stellen am
+Körper tatauiert, die man sonst bedeckt trägt. Vögel, Drachen, Blumen
+und weibliche Schönheiten geben die Motive auf Rücken, Brust, Lenden
+und Schultern ab. Bei den Frauen ist +Bemalen+ des Gesichtes und
+Halses mit einer weißen Paste (Abb. 22), +Ausrupfen der Augenbrauen+,
++Rotschminken+ der Lippen und +Schwarzfärben+ der Zähne üblich. Die
+Japaner +wohnen+ in niederen, nur einen bis zwei Stock hohen, aus Holz
+gebauten Häusern, die weder Keller noch Boden besitzen. Die Stelle von
+Fenstern vertreten Schiebetüren, deren Füllung aus Papier besteht.
+Feste Zimmer gibt es in ihnen nicht, die Innenräume werden nach Bedarf
+durch verschiebbare Wände aus Papier hergestellt. Den Boden bedecken
+Binsenmatten, zur Heizung dienen messingene Kohlenbecken. -- Die
+Lagerstätten sind auf dem Boden ruhende Matratzen und eine wollene
+Zudecke. Die sonstige Ausstattung der Zimmer ist eine bescheidene;
+außer Schränken finden sich für gewöhnlich nur noch Wandschirme,
+Ständer für Blumen und einige wenige Rollbilder an der Wand.
+
+[Illustration: Abb. 13. Japanerin vom Satsumatypus.
+
+(Sammlung Bälz.)]
+
+Die Japaner +genießen+ mit Vorliebe Reis, sehr wenig Fleischspeisen und
+als Getränke heißen Reiswein (Sake) und Tee (Abb. 19); Genußmittel ist
+ihnen der Tabak, den auch die Frauen gern rauchen (Abb. 18). -- Ihre
++Ackerwirtschaft+ steht noch auf der Stufe des Gartenbaues.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 14. Japanerin beim Ankleiden.
+
+Die Dienerin legt den Obi, den wichtigsten Teil der Frauenkleidung, an.]
+
+Die Japaner genießen einen Ruf als tüchtige +Handwerker+, die eine
+Reihe von aus China überkommenen Fertigkeiten zu einer wahren Kunst
+weiterentwickelt haben. Es sei nur an die Seidenindustrie, die Email-
+und Tauschierarbeiten, den Bronzeguß, das Waffenschmiedehandwerk, die
+Lackierkunst, die Malerei, die feinere Keramik, die Kleinplastik in
+Elfenbein, Holz, Horn und so weiter erinnert. Stets erwiesen sich die
+Japaner weniger als Erfinder eigener Ideen, denn als Verarbeiter der
+ihnen von außen zugetragenen Gedanken, womit sie im geraden Gegensatz
+zu den Chinesen stehen, die an ihrer althergebrachten Kultur mit
+Zähigkeit festhalten. -- Die Japanerinnen bekunden eine besondere
+Fertigkeit in dem künstlerischen Zusammenstellen von Blumensträußen,
+worin sie eine sorgfältige Ausbildung erfahren. Das Geheimnis der
+japanischen Blumenstraußkunst besteht in der Ausarbeitung scharfer
+Silhouetten, in der sorgfältigen Harmonie zwischen Strauß und Gefäß,
+die sich auf eine Übereinstimmung in der Linie sowie in der Farbe
+erstrecken muß, und in der Vermeidung jeder gleichmäßigen oder
+langweiligen Anordnung der Blumen, die leicht, graziös und originell
+zusammengestellt sein müssen.
+
+[Illustration: Abb. 15. Zwei sehr jugendliche Mädchen vom Satsumatypus.]
+
+Die Japaner sind stets +heiteren Charakters+, und diese ihre
+Fröhlichkeit kommt unter anderem auch in ihren zahlreichen Festen
+und anmutigen +Tänzen+ (siehe die Kunstbeilage) zum Ausdruck. Am
+bekanntesten sind das Kirschblütenfest und das Chrysanthemumfest;
+bei beiden herrscht große Lustigkeit. Beim Einsetzen der Kirschblüte
+strömen Tausende und aber Tausende hinaus, um sich an der Blütenpracht
+zu erfreuen und sich dem lustigen Spiel des Dichtens hinzugeben; man
+verfertigt kleine Gedichtchen, schreibt sie auf Zettel und hängt
+sie an den Zweigen auf. Beim Chrysanthemumfest finden großartige
+Ausstellungen dieser Pflanze, deren Kultur sich die Japaner besonders
+angelegen sein lassen, statt, und lebensgroße Figuren werden aus den
+Topfpflanzen in wirksamer Anordnung zusammengestellt. Im Herbst, wenn
+die Ernte gelungen ist, feiern die Bauern das Strohpuppenfest gleichsam
+als Erntedankfest für die Götter. Sie tanzen dabei unter Singen und
+Begleitung von Trommel und Flöte im Kreise umher. Die Tänzer sind
+mit einer eigenartigen Kopfmaske bekleidet, die einer Garbe gleicht,
+wie sie auf dem Felde aus Reishalmen, mit nach unten gerichtetem
+Fruchtständer, aufgestellt werden (siehe die Kunstbeilage). Sehr
+beliebt sind auch die Onotänze, eine Art dramatischer Aufführungen aus
+alter Zeit in jetzt schwer verständlicher, wenn auch schöner Sprache,
+bei der die Vorführenden besonders prächtig gekleidet sind (Abb. 27 und
+28).
+
+Bevor abendländische Ideen in Japan Eingang fanden, herrschte hier
+ein streng ausgesprochenes +Kastenwesen+. An der Spitze stand der
+Hochadel, dessen verschiedene Familien sich wieder im Range abstuften
+und aus deren vornehmsten der Mikado sich seine ebenbürtige Gattin
+holte. Den zweiten Stand bildeten die Krieger, deren wichtigste
+Klasse die Samurai (Abb. 29), die Ritterschaft, waren. Sie standen
+als Vasallen unter den Schogunen und Daimyo und hatten das Recht, das
+Schwert zu tragen. Traditionell und in hohem Grade entwickelt war bei
+ihnen der Ehrbegriff, das Bushido, unter dessen Einfluß die Ritter,
+sofern sie die Reinheit ihrer Ehre für angetastet hielten und keine
+Vergeltung üben konnten, Harakiri vornahmen, das heißt sich durch
+Aufschlitzen des Bauches selbst entleibten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 16. Wie man im Innern von Japan reist.
+
+Man wird von zwei Leuten auf deren Schultern in einem „Kago“ getragen.
+Die Träger sind mit einer blauen, mit weißen oder roten Mustern
+bestickten Livree bekleidet. Sie laufen am Tage dreißig bis vierzig
+Kilometer.]
+
+Die +Nationalreligion+ der Japaner ist der +Shintoismus+ (Abb. 21
+und 24), „der Pfad der (einheimischen) Götter“, ein Name, der diesen
+Kultus von dem im sechsten Jahrhundert nach Christus eingeführten
+Buddhismus (Butsu-do = „Weg des Buddha“) unterscheiden soll. Infolge
+der anderthalbtausend Jahre, während deren der Buddhismus (Abb. 23)
+mit dieser primitiven Naturreligion zusammen ausgeübt wird, hat er
+manches von dieser angenommen. Die Hunderte von Gottheiten umfassende
+Götterwelt des Shinto kannte nicht nur die Naturgötter der Bäume,
+Felsen, Berge, des Windes, des Meeres, der Sonne, des Mondes, des
+Donners und Feuers, sondern auch solche Gottheiten, die um das Wohl
+des Hausstandes besorgt sind, wie einen Gott des Brunnens, des großen
+Kessels, der Badestube und sogar der Bratpfanne; auch berühmte Helden
+und Vorfahren wurden in diese Götterwelt versetzt. Man nimmt an,
+daß der Shintoismus sich selbständig aus dem japanischen Gedanken
+entwickelt hat, den die Vorfahren bereits nach dem Insellande
+mitbrachten, und daß der Ahnenkultus, der jetzt seinen Grundzug
+vorstellt, aus den alten Begräbnisgebräuchen hervorgegangen ist. Nach
+der Shintolehre formten zwei hohe Wesen, Izanagi und Izanami, die
+japanischen Inseln und erzeugten eine Anzahl himmlischer und irdischer
+Gottheiten, deren bedeutendste die Sonnengöttin Amaterasu war. Einer
+ihrer Nachkommen wurde der erste Mikado, daher sind alle japanischen
+Kaiser göttlicher Abstammung und gleichzeitig Hohepriester des Volkes.
+Der Shintoismus hat niemals ein festes Glaubensbekenntnis formuliert,
+noch bestimmte Gebote aufgestellt. Er lehrte nur, daß der Mensch mit
+der Erkenntnis dessen, was gut und böse ist, im Herzen geboren werde
+und daß er, wenn er der Eingebung dieses seines himmlischen Gewissens
+folge, von dem „Pfad der Götter“ niemals abweichen könne. Er predigte
+auch den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, ein Fortleben nach
+dem Tode in einer unsichtbaren Welt. Er unterscheidet sich ferner von
+anderen Glaubensbekenntnissen des Ostens durch die hohe Stellung, die
+er der Frau einräumt. Die in Ise, dem Hauptverehrungsorte, angebeteten
+Gottheiten sind weiblich, die Göttin der Sonne und die der Nahrung,
+und ein jeder Ortstempel hält sich jungfräuliche Priesterinnen, die
+zu Ehren der Gottheit tanzen (Abb. 25). Erst durch die Einführung des
+Konfuzianismus und Buddhismus ist die Stellung der Frau herabgesetzt
+
+worden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 17. Junge Japanerin im Arbeitskostüm.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 18. Rauchende Japanerin.]
+
+Der Shintoismus kannte ursprünglich keine Tempel; diese sind erst
+ungefähr seit Beginn unserer Zeitrechnung aufgekommen und zählen jetzt
+zu Hunderttausenden. Es sind einfache Gebäude aus glattem weißem Holz,
+das notdürftig durch Bronze und Eisen zusammengehalten wird, mit einem
+Strohdach gedeckt. Vor ihnen steht ein Torii, ein Galgentor, das aus
+zwei Pfosten, die von einem dritten Balken überdeckt werden, besteht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 19. Japaner beim Essen.]
+
+Der Shintoismus ist voll von +phallischen Vorstellungen+; unter seinem
+Schutze konnte sich daher die Verehrung des männlichen Zeugungsgliedes
+ausgedehnter Verbreitung erfreuen. Man stellte Nachbildungen von ihm
+(Phalli) als Wahrzeichen ursprünglich an Wegen auf, die durch Wildnisse
+führten, und hoffte dadurch einem Unglück vorzubeugen, besonders gegen
+die bösen Geister den Wanderer zu schützen. Früher begegnete man in
+Japan ganz allgemein, jetzt noch vielfach in abgelegenen Gegenden
+der Nachbildung des männlichen Gliedes in Gestalt von hölzernen
+oder steinernen Phalli auf Landwegen, besonders an Kreuzungen,
+vor Brücken und Paßübergängen, an Wohnhäusern als Schutzgott für
+Reisende und die Bewohner; die Vorübergehenden brachten ihnen Opfer
+von Papierschnitzeln, Kleiderfetzen, Blumen und so weiter dar. Ja
+schon einfache Naturgebilde, wie Baumwurzeln, aufrechte Steine, die
+Ähnlichkeit mit einem männlichen Gliede hatten, genossen die gleiche
+Anbetung von seiten der Shintoanhänger. Man begnügte sich schon
+damit, die eigenen Geschlechtsteile zu entblößen oder die phallischen
+Zeichen an das Haus oder an den zu behütenden Gegenstand zu malen,
+um das Unheil der bösen Geister abzuwehren. Ursprünglich besaßen die
+phallischen Gottheiten der Japaner keine Tempel; man verehrte sie im
+Freien, teils offen dastehend, teils mit einem Schirmdach versehen.
+Das Volk wallfahrte zu ihnen und verrichtete hier seine Andacht. In
+neuerer Zeit flüchtete sich der Phalluskultus vor der Öffentlichkeit
+mehr in geschlossene Heiligtümer. In ihnen finden sich glänzendrot oder
+goldfarbig angestrichene Nachbildungen des Gliedes auf den Altären
+aufgestellt. Ihnen werden von den Frauen, die sich einen Gatten oder
+Kinder wünschen, oder von Personen, die von Geschlechtskrankheiten
+befreit sein wollen, Votivgaben in Gestalt kleiner hölzerner, bronzener
+oder steinerner Nachbildungen von Phalli dargebracht. Auch werden von
+den Altären solche Phalli von Kranken ausgeliehen, um als Amulett
+getragen zu werden. Nach erlangter Genesung bringen die Betreffenden
+sie wieder zurück und stiften einen neuen Phallus aus Dankbarkeit. Auch
+zu Geschenken, besonders zu Liebesamuletten, werden allerlei phallische
+Schnitzereien benutzt. Früher veranstaltete man auch Prozessionen,
+bei denen ein mächtiger Phallus umhergetragen oder auf einem Wagen
+mitgeführt wurde. -- Neben dem männlichen Gliede war in Japan auch die
+weibliche Scham vielfach Gegenstand göttlicher Verehrung. Häufig waren
+es auch hier wieder natürliche Steingebilde, die Ähnlichkeit mit einem
+weiblichen Geschlechtsteil aufweisen und vom Volke angebetet wurden,
+in der Hoffnung, durch sie dasselbe zu erlangen wie durch Anbetung des
+Phallusgottes.
+
+Der gebildete Japaner bekennt sich zur +Lehre des Konfuzius+, die
+ungefähr um dieselbe Zeit wie die Buddhas in Japan Eingang fand. Sie
+stimmt mit dem Shintoismus insofern überein, als auch sie predigt,
+daß das Wesen des Menschen ursprünglich ein vollkommenes sei, und die
+Wichtigkeit kindlicher Pietät und der Unterwerfung unter die Obrigkeit
+ihren Anhängern einschärft, weswegen sie auch gut zum japanischen
+Lehnsystem paßt und gerade bei den militärischen Klassen ihre Bekenner
+gefunden hat. Dagegen sind die religiösen Übungen, die im Kaiserpalast
+abgehalten werden, reiner Shintoismus; der oberste Leiter des Reiches
+ist auch sein oberster Priester. Der Neujahrstag ist der Hauptfeiertag;
+dann betet der Kaiser mit allen Prinzen und Beamten die Sonnengöttin
+an und bringt den Geistern seiner Vorfahren Opfer dar; er richtet
+seine Gebete gegen die vier Himmelsrichtungen hin für den Frieden
+und das Wohl seiner Untertanen. Außer dem Neujahrsfest kennt der
+Japaner noch eine ganze Reihe festlicher Tage, an denen Umzüge und
+Volksbelustigungen stattfinden (Abb. 26, 30 bis 33, 37 und die farbige
+Kunstbeilage). Um eine Gottheit zur Erfüllung eines Wunsches gleichsam
+zu zwingen, geht er viele Male um ihren Tempel herum (Abb. 38).
+
+Der japanische +Buddhismus+, das Mahayana oder „größere Fahrzeug“,
+unterscheidet sich von dem indischen Buddhismus, dem Hinayana oder
+„kleineren Fahrzeug“, ganz bedeutend. Während letzterer, die ältere,
+einfachere Lehre, sich darauf beschränkt, die Gläubigen durch Entsagen
+von allem Weltlichen zu der Stufe eines Arhat hinaufzuführen und von
+zahlreichen Wiedergeburten absieht, legt ersterer gerade auf eine
+Unendlichkeit von ihnen Gewicht, vermöge deren es einem Menschen
+möglich gemacht wird, über die Stufe eines Arhat hinaus zum Bodhisatwa
+hinanzukommen, der in seiner nächsten Wiedergeburt dann Buddha selbst
+wird. Zahlreiche Tempel und Klöster finden sich in Japan, in denen
+eine Unmasse Götter von den einfachsten Stufen des Arhat bis zu den
+Bodhisatwa und zum Buddha selbst dargestellt sind. Zahlreiche Sekten,
+sowohl des Shintoismus wie des Buddhismus, haben sich im Laufe der
+Zeiten gebildet und auch ihre Anhänger gefunden. Die japanische
+Regierung übt nämlich die weitgehendste Toleranz auf dem Gebiete der
+Religionsübung aus.
+
+Der +Aberglaube+ treibt in Japan so viele Blüten wie wohl bei
+keinem Volke der Erde. Wollte man die Unmasse von Legenden und
+Gebräuchen aufzählen, die mit dem Aberglauben des japanischen Volkes
+zusammenhängen, dann würde dies ganze Bände füllen. Tierkunde und
+animistische Philosophie spielen eine große Rolle darin. Von gewissen
+Tieren glaubt man, daß sie die Boten bestimmter Götter seien, weswegen
+man ihnen kein Leid antut und beim Landvolke direkt mit Achtung
+begegnet. So zum Beispiel gibt der Schiffer, wenn er eine Schildkröte
+findet, die dem Gott des Meeres heilig ist, ihr zuvor Sake zu trinken,
+ehe er sie wieder freiläßt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 20. Tatauierter Japaner beim Saketrinken.
+
+Tatauieren ist bei den unteren Schichten Japans sehr verbreitet;
+besonders sind es die Kuli, die sich diese Körperverzierung anbringen
+lassen. Die Verzierungen gleichen meist denen eines Gewandes. Die
+japanischen Tatauierer gelten als die geschicktesten der Erde.]
+
+Besonders an den +Fuchs+ knüpft sich eine Unmenge von Aberglauben und
+Sagen. Diese Vorstellungen scheinen von der ursprünglichen Annahme
+ausgegangen zu sein, daß Füchse, die in den Reisfeldern gesehen werden,
+den Reisgeist verkörpern. Allmählich verband sich dieser Aberglaube
+mit der Verehrung der Shintogöttin des Überflusses zu Ise, und so
+kommt es, daß heutzutage viele Leute aus dem Volke irrtümlicherweise
+den Fuchs anbeten, dem sie alle möglichen übernatürlichen Fähigkeiten
+zuschreiben. Im Winter werden ihm besonders Opfergaben gespendet; man
+bringt ihm außer seinen Lieblingsleckerbissen noch Fettkerzen und
+Seidenwatte dar, damit er sich erwärme. Ein weitverbreiteter Aberglaube
+ist, daß er sich in die Gestalt einer schönen Frau verwandeln könne,
+um junge Männer zu bezaubern und zu verführen; der Tod ist für diese
+stets der Ausgang des Liebesabenteuers. Daher gilt der Fuchs auch
+in gewissem Sinne als Schutzpatron der Teehäuser. Man meint auch,
+daß ein solcher verwandelter Fuchs eine große Freude daran verspüre,
+verspätete Wanderer auf falsche Wege oder in Gefahr zu bringen, sowie
+daß er imstande wäre, den Leuten Visionen von Häusern und Dienern
+vorzuzaubern und Prozessionen in dünne Luft aufgehen zu lassen. Man
+erzählt sich Geschichten von Männern, die jahrelang mit verwandelten
+Füchsen verheiratet waren, ohne dies zu wissen, und daß die Fuchsfrau
+so lange die Rolle einer liebenden und treuen Gattin spielte, bis
+sie durch die Geisteraustreibung eines Priesters gezwungen wurde,
+ihre richtige Gestalt wieder anzunehmen, oder durch den Angriff von
+Hunden entlarvt wurde, die imstande sind, solche verwandelte Füchse
+zu unterscheiden. -- Der +Dachs+ spielt im japanischen Aberglauben
+ebenfalls eine wichtige Rolle; er steht hier im Geruche eines listigen
+Betrügers, der gern auf Kosten des Landvolkes Possen und Schabernack
+spielt. Den Pferden schneidet er die Schwänze ab, macht, daß man bei
+der Bezahlung falsches Geld weiter gibt, läßt Fische aus der Bratpfanne
+verschwinden, Pferde aus verschlossenen Ställen entlaufen und anderes
+mehr. Der Dachs soll sogar Priester täuschen, indem er vor ihnen die
+Gestalt Buddhas entstehen läßt und sich in einen Mönch verwandelt,
+um mit ihnen die heiligen Bücher durchzustudieren. -- Von alters her
+glauben die Japaner auch an die Macht zum Guten beim +Hunde+. Dieses
+Tier gilt als besonderer Beschützer der Frauen, kleinen Kinder und
+Häuser; das Zeichen für Hund wurde den Kindern mit roter Farbe auf die
+Stirn geschrieben, und heutigentags werden Hundebildnisse dem Kinde,
+wenn es sich im Tempel vorstellt, mitgegeben. Der Kaiser hielt sich
+eine besondere Leibwache, deren Pflicht es war, zu bestimmten Zeiten
+wie Hunde zu bellen, um böse Einflüsse und Teufel zu vertreiben.
+Schließlich sei noch der +Katze+ gedacht, an die sich ebenfalls
+allerhand unheimliche Geschichten knüpfen. Von solchen Tieren mit
+langem Schwanz glaubt man, daß sie im Alter Kobolde werden, weswegen
+man jungen Kätzchen, die mit einem langen Schwanz zur Welt kommen,
+diesen kürzt. Der Katzenkobold soll den Menschen stillstehende
+Spinnräder drehen, ihnen im Schlafe die Decken entfernen, auf dem
+Fußboden und auf den Dächern nachts unheimliche Lichter tanzen lassen
+und manchmal sogar zu einem Vampyr werden, in diesem Falle alte Frauen
+anfallen, sie verschlingen und ihre Gestalt annehmen.
+
+[Illustration: Abb. 21. Japanischer Shintopriester.]
+
+Auch +alte Bäume+ sind vielfach von Aberglauben umgeben. Man umzäumt
+sie oft mit geweihten Strohseilen oder den weißen Papierstreifen des
+Shinto und stellt winzige Torii und Stein- oder Holzschreine an ihrer
+Wurzel auf, beziehungsweise legt solche in die Höhlung ihres Stammes.
+Solche alte ehrwürdige Bäume denkt man sich von Geistern bewohnt und
+meint, daß die Geister der Pflaumen-, Kirsch- und Weidenbäume die
+Gestalt lieblicher junger Frauen annähmen. Es gibt hierüber mancherlei
+Legenden, daß solche weibliche Wesen sich mit guten und heldenhaften
+Männern ehelich verbunden hätten, auch daß die Baumgeister, weil man
+ihnen Generationen hindurch Pflege angedeihen ließe, den Schutz über
+die Familie übernähmen, ihre Mitglieder vor Unheil warnten und ihnen
+verborgene Schätze offenbarten. Auch einigen Blumen, wie der Päonie,
+der Lotusblume und der Chrysantheme, spricht man Geister zu. Werden sie
+von einer Stelle, die ihnen lieb geworden ist, entfernt, dann welken
+sie und gehen ein; anderseits erweisen sie sich für liebevolle Pflege
+auch erkenntlich. So erzählt man sich, daß ein Päoniengeist einem alten
+Gelehrten, der die Pflanze mit großer Geduld und Sorgfalt gepflegt
+hatte, in seiner Einsamkeit als blühendes junges Mädchen erschienen
+sei, um ihn aufzuheitern.
+
+[Illustration: Abb. 22. Geishas bei der Toilette.]
+
++Gespenster+, die den Gegenstand vieler Erzählungen bilden, werden
+meistens als Wesen mit wirren und lose über die abgemagerten Gesichter
+fallenden Haaren, von durchsichtigem Körper, dessen unterer Teil wie
+ein Dunst ohne Füße entlang ziehe, geschildert. Allgemein glaubt man,
+daß die Geister der Verstorbenen aus dem Grabe zurückkehren, um die
+Angehörigen entweder zu trösten und ihnen Gutes zu erweisen, oder auch
+die, die ihnen bei Lebzeiten Unrecht zugefügt hatten, zu bestrafen.
+Man meint sogar, daß allzu starke Liebe oder Haß imstande seien,
+zu bewirken, daß der Geist eines lebenden Menschen sich vom Körper
+loslöse, um sich dem Gegenstand seiner Liebe oder seines Hasses zu
+nahen.
+
+Auch das tägliche Leben des Japaners ist von unzähligen
++abergläubischen Gebräuchen+ durchsetzt. Ebenso wird den
++Vorbedeutungen+ ein großer Wert beigelegt und bestimmte Handlungen,
+wie Hochzeit, Umzug, Reise nicht unternommen, ohne einen Wahrsager
+vorher um Rat gefragt zu haben. Ganz besonders aber herrscht der
+Aberglaube auf dem Gebiete der Heilkunde. Unsere Abbildung 34 zeigt
+eine alte Japanerin, die sich vom Rheumatismus zu heilen sucht,
+indem sie den bronzenen Stier an der Stelle streicht, an der in
+ihrem eigenen Körper das Leiden sitzt. Von Kind auf ist ihr diese
+Heilmethode vertraut. Das bronzene Standbild ist ganz blank von dem
+jahrhundertelangen Darüberstreichen der Hände.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 23. Buddhistischer Priester.
+
+Die japanische Form des Buddhismus unterscheidet sich wesentlich von
+der indischen. Gelehrte fanden bemerkenswerte Ähnlichkeiten ihres
+Ursprungs und ihrer frühen Geschichte mit dem Christentum.]
+
+Abergläubische Furcht setzt auch bereits bei dem werdenden Menschen
+im Mutterleibe ein. Eine Frau, die gern Kinder haben möchte, muß an
+der Stelle niederknien, wo eben vorher ein Kind geboren wurde. Um sich
+ihre schwere Stunde zu erleichtern, darf sie über keinen Bambusbesen
+schreiten, ebensowenig auf Eierschalen treten, die Kochpfanne, aus der
+man ihr zu essen gegeben hat, nicht abwaschen, sondern muß sie halb mit
+Wasser gefüllt stehen lassen, auch muß sie eine Kormoranfeder in den
+Händen halten, ein Stückchen Papier mit der Abbildung des Schutzpatrons
+der Gebärenden verschlucken, einen Absud von ungeborenen Hirschkälbern
+trinken und anderes mehr. Früher scheinen die Schwangeren allgemein in
+besonderen Hütten niedergekommen zu sein, was noch heute auf einzelnen
+kleinen Inseln üblich ist. Die +Geburtshilfe+ lag vordem und jetzt
+noch auf dem Lande in den Händen weiser Frauen (Samba-san, das heißt
+verarmtes Frauenzimmer oder Toriage-baba, das heißt aufhebendes Mädchen
+genannt), die zur Beschleunigung der Geburt den Unterleib zu kneten
+(ambuk) pflegten. Der +Nabelstrang+, der niemals mit einem eisernen
+Messer abgeschnitten werden darf, sondern nur mit einem Bambusspan,
+einem Dornen oder Porzellanscherben, wobei siebenmal auf ihn gehaucht
+werden muß, wird in mehrere Bogen Papier eingewickelt, mit dem Namen
+der Eltern versehen und dem Familienarchiv übergeben. Stirbt das
+Kind, dann wird er mitbegraben, erreicht es das erwachsene Alter, dann
+bekommt es den Nabelstrang zurück und trägt ihn beständig bei sich.
+In wohlhabenderen Kreisen schneidet man ihn in zwölf Stücke und legt
+jedes Stückchen in ein aus Zedernholz angefertigtes, mit Kranichen,
+Schildkröten, Bambus, das heißt mit lauter glückbringenden Dingen
+bemaltes Tönnchen und vergräbt dieses zusammen mit Reis, Hanf, Stroh
+und Geld im Hofe in der Richtung der in zwölf Teile eingeteilten
+Windrose. Die +Nachgeburt+ wird ebenfalls unter dem Hause an einer vom
+Priester näher bezeichneten Stelle tief vergraben, und zwar die von
+Knaben zusammen mit einem Schreibpinsel und einem Stückchen Tusche, von
+einem Mädchen mit einer Nadel und etwas Garn. Am Nabel des Neugeborenen
+wird eine sogenannte Moxe (Zunder) abgebrannt, was Bauchweh im späteren
+Leben verhüten soll.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 24. Einsegnung einer Feuerwehrstandarte durch einen Shintopriester,
+
+die nach Neujahr zur Schau gestellt wird. Den Feuerwehrleuten ist ihre
+Standarte das, was den Soldaten ihre Fahne bedeutet.]
+
+Bei der großen Liebe, mit der die Japaner an Kindern hängen, wird die
++Geburt+ eines neuen Erdenbürgers mit Freuden begrüßt; besonders die
+eines männlichen Nachkommen, was schon in dem Sprichwort zum Ausdruck
+kommt: „Der Glanz des Mannes ist siebenfacher Glanz.“ Verwandte und
+Freunde eilen auf die Nachricht hin mit Gratulationsgaben herbei; sie
+schenken Eier, Obst, Kuchen und getrockneten Fisch, auch Krepp, Seide
+oder Kattun für das Kindchen.
+
+Der +wichtigste Tag im Leben des japanischen Kindes+ ist der
+Muja-Mairi, das ist der „Tag des Tempelbesuches“ (der einunddreißigste
+für die Knaben und der dreiunddreißigste für die Mädchen), an dem
+es aufs kostbarste geschmückt feierlich zum Altar des Schutzgottes
+der Gegend getragen und unter den Schirm desselben gestellt wird
+(Abb. 35). Innig betet hier die Mutter, daß das kleine Leben vor
+jeglichem Schaden und Krankheit bewahrt bleiben möge, und der Priester
+überreicht dem Kinde in liebevoller Weise ein Amulett in Gestalt
+einer kleinen Holztafel, die es fortan immer in einem gestickten
+Täschchen oder einem solchen aus Brokat um die Taille mit sich trägt.
+An diesem glückbringenden Tage werden rote Bohnen mit Reis gekocht
+und in Lackkästchen mit Deckeln (Jubako), die man hierfür besonders
+herstellt, getan; man schickt diese, mit besticktem Krepp oder Brokat
+bedeckt, an alle Verwandten und Freunde, die dem Kinde bei der Geburt
+Geschenke machten. Außerdem wird dieses ihnen zum erstenmal zu Besuch
+gebracht und erhält hier allerlei Spielzeug, von dem am beliebtesten
+ein Hund aus Papiermaché ist; dieser soll, am Kopfende des Bettes
+aufgestellt, die Teufel vertreiben. Ein zweites Fest, das ungefähr am
+hundertundneunten Tage nach der Geburt stattfindet, ist die +Zeremonie
+des „ersten Essens“+ des Kindes. In Anwesenheit der Freunde der Familie
+wird vor ihm ein Tablettchen mit Reis, Suppe und Fisch (der aber ganz
+sein und noch den Kopf haben muß) hingesetzt und seine Lippen mit
+dieser Speise befeuchtet. Auch hieran schließt sich ein fröhliches
+Zusammensein. Überhaupt hat das Leben des japanischen Kindes recht
+viele Festtage zu verzeichnen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 25. Kaguratanz, ausgeführt von Tempelmädchen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 26. Szene aus dem Gionfest zu Kyoto.
+
+Einer der dreiundzwanzig mächtigen Dashi oder Wagen, die aufs
+prächtigste geschmückt durch die Straßen gefahren werden. Sie
+tragen die Bildnisse chinesischer Philosophen, berühmter Männer der
+Wissenschaft, Darstellungen des Mondes und anderes mehr.]
+
+Da kommen zunächst die +Oiwaifeste+, an denen die kleinen Leute von
+drei (Abb. 36), fünf und sieben Jahren in eine neue Lebensphase
+eintreten, womit die Zeremonie der „Gurtentfernung“, des
+„Hakamatragens“ und der „Haarerhaltung“ verbunden ist. Das erstgenannte
+Fest hat seinen Namen davon erhalten, daß die Kinder beiderlei
+Geschlechtes den schmalen, bandartigen Gurt, an denen ihre Kleider
+hängen, fortan ablegen und dafür den Obi der Erwachsenen erhalten;
+das zweite Fest betrifft die Knaben allein, die zum erstenmal Hakama
+tragen, und das dritte bezieht sich darauf, daß von diesem Zeitpunkt
+an die Kinder, denen vordem der Kopf rasiert wurde, um einen möglichst
+starken Haarwuchs zu erzielen, ihr Kopfhaar lang wachsen lassen.
+Jedesmal, wenn die Kinder eine der bezeichneten Altersstufen erreichen,
+werden sie zum Altar ihrer Beschützer gebracht, um diesen davon
+Kenntnis zu geben.
+
+[Illustration: Phot.
+
+ Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 27. Onotänzerin.]
+
+Die wichtigsten Feste im Leben des japanischen Kindes, die sich
+einer ungemeinen Popularität bei alt und jung, sowie bei reich und
+arm erfreuen, sind das Puppenfest (Hina matsuri) und das Knabenfest
+(Tango-no-sekku); beide werden an bestimmten Tagen gefeiert. Das
++Puppenfest+, das auf den dritten Tag des dritten Monats fällt,
+wird besonders in den Häusern der Vornehmen großartig begangen. Es
+spielen bei ihm, wie der Name besagt, Puppen eine große Rolle, aber
+nicht die alltäglichen Puppen, jene bekannten, aus Holz oder Ton
+angefertigten, einander sich ähnelnden Geschöpfe mit kahlem Schädel
+oder Haarschopf und buntem Kimono, mit denen zu spielen zu der
+Lieblingsbeschäftigung der kleinen Mädchen gehört, sondern es sind
+dies kostbare, von Generation auf Generation überkommene Erbstücke in
+prächtigen Gewändern, auf deren Herstellung wirkliche Künstler ihre
+ganze Geschicklichkeit verschwendet haben. Es gibt deren wohl in jedem
+Haushalte eine mehr oder minder große Anzahl, die an diesem festlichen
+Tage aus den Truhen hervorgeholt und für drei Tage in dem vornehmsten
+Zimmer des Hauses auf einen aus fünf bis sechs Stufen bestehenden, mit
+purpurrotem Krepp überzogenen Aufbau zur Schau gestellt werden. Auf dem
+obersten Brett sitzen der Kaiser und die Kaiserin in alter Hoftracht
+(Abb. 40), zu ihren Seiten die Minister; auf der zweiten Stufe stehen
+drei Hofdamen, die das Amt der Erzmundschenkinnen ausüben und daher
+neben sich Gefäße und Geräte zum Darreichen des Reisweines haben;
+dann folgen weiter unten die Hofmusikanten und andere Hofschranzen.
+Außerdem finden noch hervorragende Personen der japanischen Götter-
+und Heldenlehre Aufstellung, und schließlich allerhand kunstvoll aus
+Lack angefertigte Haus-, Küchen- und Toilettengegenstände, wie sie
+der Kaiserhof zum täglichen Leben nötig hat, in Miniaturausgabe. Da
+natürlich die fürstlichen Gäste auch bewirtet werden müssen, so stehen
+auf der untersten Stufe des Gestelles noch die erforderlichen Eß- und
+Trinkgefäße mit Wein und Kuchen aufgebaut; alle diese Gegenstände
+werden den Kleinen von ihren Verwandten und Freunden geschenkt und
+stellen mitunter recht kostbare Sachen dar. Je vornehmer die Familie,
+um so großartiger fällt die Ausstellung an Puppen aus. Die kleinen
+Mädchen stehen den ganzen Tag über bewundernd vor ihren Schätzen
+und laden ihre Freundinnen ein, damit diese auch Freude an dieser
+Pracht haben. Dabei spielen sie vorzüglich die Rolle der Gastgeberin,
+bewillkommnen die Freundinnen unter vielen zeremoniellen Verbeugungen
+und reichen ihnen allerhand Leckerbissen dar. Ärmere Leute begnügen
+sich mit einfachen, aus Papier geschnittenen oder auch auf ein
+Hängebild (Kakemono) aufgemalten Puppen. Heiratet die Tochter, so gehen
+die Puppen in ihren Besitz über und werden später wieder einmal auf
+ihre weiblichen Nachkommen vererbt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. K. Satamoto.
+
+Strohpuppentanz in Japan.
+
+Nach eingebrachter Ernte führen die Landleute einen Tanz auf, bei dem
+sie als Kopfputz eine Maske wie eine Reisgarbe tragen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. K. Satamoto.
+
+Abb. 28. Onotänzer in reich gestickter Kleidung.]
+
+Das Puppenfest scheint aus einem alten shintoistischen Reinigungsfeste,
+das am 3. März, am Liomi, dem ersten Tage des Schlangenmonats,
+stattfand, hervorgegangen zu sein. Seine Bedeutung bestand darin, daß
+die Familienmitglieder sich an das Flußufer begaben, sich mit einem
+Stückchen Papier, dem der Priester durch Ausschneiden die rohe Form
+einer menschlichen Figur gegeben hatte, den Körper abrieben und damit
+ihre Sünden auf diese übertrugen; die Knaben warfen ihre Papierpuppen
+in den Fluß, die Mädchen aber bewahrten sie auf. Letztere scheinen
+späterhin eine plastische Form angenommen und sich zu den sogenannten
+„Himmelssöhnen“ entwickelt zu haben, das sind Puppen, die nach altem
+Volksglauben alles Unglück, das einer Frau während ihres Lebens,
+besonders auch in ihrer Ehe, zustoßen könnte, freiwillig auf sich
+nehmen. Ursprünglich stellten die beiden obersten Puppen überhaupt nur
+ein Ehepaar vor, um dadurch den jungen, in Abgeschlossenheit lebenden
+jungen Mädchen den Begriff der Ehe und Familie bildlich vor Augen zu
+führen, später aber erblickte man in diesen beiden das Kaiserpaar und
+pflanzte dadurch in das junge Mädchenherz frühzeitig die Liebe zum
+Herrscherhause ein.
+
+Das +Fest der Knaben+ wird am fünften Tage des fünften Monats
+gefeiert. Zu diesem Zeitpunkte sieht man neben jedem Hause, in
+dem ein Knabe im Laufe des vergangenen Jahres das Licht der Welt
+erblickte, eine mächtige Bambusstange, die mit vergoldeten Bällen
+und bunten Wimpeln geschmückt ist und an ihrem äußersten Ende einen
+oder mehrere mächtige Papier- oder Baumwollkarpfen (Abb. 39), die
+in Schwarz, Scharlachrot und Gelb recht realistisch angemalt sind,
+trägt. Wenn der Wind in die durch einen Ring offengehaltenen Mäuler
+dieser hohlen Fische hineinfährt, bläst er das Tier mächtig auf und
+setzt es in drehende Bewegung. Da an dem Knabenfeste Tausende und
+aber Tausende von bunten Karpfen über der Stadt flattern, so gleicht
+sie sozusagen einem Riesenaquarium. Daß man gerade dieses Tier als
+Festzeichen auswählte, hängt mit der volkstümlichen Auffassung des
+Karpfen als Symbol der Energie, des Mutes und der Standhaftigkeit
+zusammen. Man will damit andeuten, daß der Knabe in derselben Weise
+den Strom der Leidenschaften überwinden möge, wie der Karpfen imstande
+ist, nicht nur gegen den Strom zu schwimmen, sondern auch Wasserfälle
+zu überspringen, dank seiner großen Energie. Das Innere der Häuser
+wird mit Flaggen, auf denen sich die Helden der Götterlehre und der
+Geschichte dargestellt finden, sowie mit anderweitigen Bannern,
+Feldzeichen, Miniaturspeeren und Lanzen geschmückt, um dadurch in den
+Knaben bereits frühzeitig kriegerischen Sinn und Liebe zum Vaterlande
+zu erwecken. Auch die Knaben laden sich gegenseitig zu diesem ihrem
+Ehrentage ein und bewirten sich mit Leckerbissen. Außerdem flechten sie
+sich aus Kalmus Schwerter, mit denen sie in fröhlichem Spiel auf die
+Erde schlagen und dabei „zurück! du Teufelsauge“ ausrufen. Kalmus- und
+ebenso Beifußblätter gelten nämlich als Schutzmittel gegen allerhand
+schädliche Tiere und werden daher bei dem Knabenfeste auch in Bündeln
+am Vordache der Häuser aufgehängt.
+
+[Illustration: Abb. 29. Japanischer Schauspieler in der Tracht eines
+Samurai.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 30. Tempelfest in Japan,
+
+das einem Karneval gleichkommt. Der ganze Bezirk geht aus, um den Umzug
+des Gotteswagens zu feiern. Frauen und Töchter der Kaufleute sind
+prächtig in altertümlichem Stil gekleidet und beteiligen sich an der
+Prozession.]
+
+Schon frühzeitig werden die japanischen Kinder in die Volksschule
+gebracht; der hier ihnen erteilte Unterricht erstreckt sich auf einen
+mindestens vierjährigen Kursus im Lesen, Rechnen (Rechenmaschine, Abb.
+42), Satzlehre, Turnen und Sittenlehre. Besonderer Wert wird darauf
+gelegt, daß die Kleinen in die japanische Sittenlehre eingeführt
+werden, die in der Pflicht unbedingten Gehorsams gegen die Eltern
+gipfelt. Jeden Morgen haben die Kinder ihre Eltern in ehrfurchtvollster
+Weise zu begrüßen, indem sie vor ihnen ernst und würdig in knieender
+Stellung ihren Oberkörper und Kopf verbeugen und sich dabei mit
+ausgestreckten Händen auf die darunter liegende Matte stützen (Abb.
+11). Außerdem haben sie ihren Eltern nach jeder Richtung hin bei
+ihren Arbeiten hilfreiche Hand zu leisten, so die Knaben im Geschäft,
+Rechnen und Schreiben, die Mädchen im Haushalte. Außerdem wird den
+Kindern frühzeitig eingeschärft, sich bei allen Seelenerregungen
+möglichst zu beherrschen, also äußerlich jedes Gefühl von Freude
+oder Schmerz zu unterdrücken. Zur Kräftigung ihres Körpers und zur
+Erlangung großer Geschmeidigkeit werden sie bereits sehr frühzeitig
+zu allerhand Leibesübungen herangezogen (Abb. 43). Der zweite Grundsatz
+der japanischen Morallehre bezweckt die Pflege der Treue gegen den
+Kaiser, der schon bei Lebzeiten göttliche Verehrung genießt, und
+gegen das Reich, wie überhaupt gegen jedweden Vorgesetzten. Diese
+unbedingte Gehorsamspflicht gegen höher Stehende führt zu merkwürdigen
+Konsequenzen. Die eine davon ist, daß die Tochter verarmter Leute zur
+öffentlichen Dirne wird, um durch das dabei verdiente Geld ihre Eltern
+vor der Schande vollständigen materiellen Unterganges zu bewahren. Die
+andere Folge äußert sich in der unbedingten Unterordnung des Mädchens
+unter den Willen seiner Eltern bei der Wahl des Gatten.
+
+[Illustration: Phot.
+
+ Yei Ozaki.
+
+Abb. 31. Szene vom Setsubunfest,
+
+das im Frühling (ungefähr am 2. Februar) gefeiert wird. Nach alter
+Sitte geht ein mit einem Hakama bekleideter Mann durch das Haus, ruft
+aus: „Teufel raus! Alles Gute zieh’ hinein!“ und streut getrocknete
+Erbsen nach allen vier Himmelsrichtungen aus.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Clark & Hyde.
+
+Abb. 32. Japanischer Ringkampf.
+
+Die japanischen Ringer sind große, äußerst muskulöse Männer. Junge
+kräftige Burschen vom Lande werden ausgesucht und zu Ringkämpfern
+ausgebildet. Der Ringkampf hat meist zum Ziel, den Gegner aus einem
+Kreis von etwa fünf Meter Durchmesser hinauszudrängen.]
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. von G. Newns Ltd.
+
+Abb. 33. Szene vom Omitafest in Isobe,
+
+das alljährlich von den jungen Leuten auf den Reisfeldern gefeiert
+wird. Man kämpft um eine geschmückte lange Bambusstange.]
+
+Sobald der älteste Sohn in einer Familie das heiratsfähige Alter
+erreicht hat, sieht sich sein Vater unter den Töchtern seiner Freunde
+nach einer passenden +Lebensgefährtin+ um, und zwar bedient er sich
+hierzu eines Vermittlers. Dieser schlägt ihm dieses oder jenes junge
+Mädchen vor und veranlaßt, wenn eine Partei ihm geeignet erscheint,
+einen Mi-ai, das heißt eine „Sehbegegnung“ entweder im Hause der Eltern
+oder in einem Blumengarten, einem Restaurant oder im Theater. An einem
+solchen Orte, dessen Namen langes Leben, gutes Geschick und Glück
+versinnbildlicht, finden sich die jungen Leute in Begleitung ihrer
+Eltern zum ersten Stelldichein ein und lernen sich flüchtig kennen.
+Sind beide Parteien hiervon befriedigt, dann nehmen die weiteren
+Verhandlungen einen schnellen Verlauf. Der Vermittler hält jetzt in
+aller Form um die Hand des Mädchens an. Wird der Heirat zugestimmt,
+dann kommt es zum gegenseitigen Austausch von Geschenken, die bereits
+ebenso bindend sind, wie die Hochzeit. Der Bräutigam sendet seidene
+Kleider, einen Obi, Sake, getrockneten Fisch, Seetang, ein Weidenfaß
+und Flachsgarn, alles Gegenstände von guter Vorbedeutung; die Braut
+macht ihrem Bräutigam ebenfalls ein Geschenk; dabei ist es Vorschrift,
+daß die beiderseitigen Sendboten sich unterwegs treffen. Bevor die
+Hochzeit festgesetzt wird, wendet man sich noch an einen Wahrsager,
+damit er den günstigen Termin dazu auswähle.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 34. Deygutfrau,
+
+die einen bronzenen Bullen an der Körperstelle streicht, an der sie
+selbst vom Rheumatismus geplagt wird, in dem Glauben, dadurch Heilung
+zu finden.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 35. Zurschaustellung der Kinder im Alter von einem Monat, drei und
+fünf Jahren im Tempel durch die Anverwandten, damit der Priester sie
+segne.]
+
+Die japanische +Hochzeit+ ist, da es die erste Pflicht eines jeden
+Japaners ist, für einen männlichen Nachkommen zu sorgen, der die
+vorgeschriebene Ahnenverehrung vornehmen kann, keine persönliche
+Angelegenheit, sondern eine solche der Familie. Wirkliche Liebe
+spielt dabei selten mit. Bei der Hochzeit geht es sehr zeremoniell
+zu; je höher die Beteiligten im Range stehen, um so strenger sind die
+konventionellen Formen und um so großartiger die Zeremonien, die sie
+begleiten. Drei Tage vor der Hochzeit wird die Aussteuer der Braut
+in einem Zuge in ihr künftiges Heim getragen (Abb. 41). Die Sitte
+erfordert, daß die Braut außer den Gegenständen zu ihrem persönlichen
+Bedarf alles Notwendige mitbringt, um das Heim für sich und den Gatten
+auszustatten, nämlich Betten (baumwollene Schlafdecken mit Seide und
+Krepp bezogen), Kommoden zur Aufbewahrung ihrer Kleider, Küchengeräte,
+Schreibtische, Schränke, Kohlenpfannen, lackierte Tablette, Porzellan
+und Toilettengegenstände. Ist der Hochzeitstag erschienen, dann stellt
+sich zunächst die Friseurin ein, sie kämmt das rabenschwarze Haar
+der Braut zum letztenmal in der gleichen kunstvollen Weise, wie es
+die jungen Mädchen tragen und schmückt es mit Nadeln aus Bernstein,
+Schildpatt und Korallen, sowie mit einem kleinen Kamm aus Goldlack,
+der den ganzen Aufbau krönt. Die Braut kleidet sich darauf in eine
+wundervolle Hochzeitsrobe (Abb. 46) mit langen Ärmeln, die beinahe
+bis auf die Erde reichen, in altmodischen Häuslichkeiten legt sie
+noch eine Hochzeitskapuze an, um ihr Erröten zu verdecken (Abb. 44).
+Das Brautkleid ist ganz in Weiß gehalten -- der Farbe der Trauer --,
+wodurch der Austritt des Mädchens aus der Familie beziehungsweise Sippe
+angedeutet werden soll --; dagegen ist die Unterkleidung hellrot.
+Ehe das Mädchen ihr altes Heim verläßt, verabschiedet sie sich in
+aller Form von ihren Eltern; in diesem Augenblick überreicht ihr
+der Vater der Sitte gemäß ein kurzes Schwert (Abb. 45), wodurch er
+stillschweigend andeuten will, daß sie nicht vergessen soll, es im
+Notfalle, wenn ihre Ehre auf dem Spiele steht, zu gebrauchen. Von ihren
+Eltern begleitet, begibt sich die Braut, meistens am Abend, entweder
+in einer Jinrikscha oder in einer Kutsche, je nach den Geldmitteln
+der Familie, in ihr zukünftiges Heim. Die Eltern und Verwandten des
+Bräutigams, alle in knisternde Seide gekleidet, empfangen sie hier am
+Tore, der Bräutigam erwartet sie in dem Zimmer, wo die Heiratszeremonie
+stattfinden soll. An dieser dürfen außer dem zu trauenden Paar nur
+die beiderseitigen Eltern, der Vermittler und seine Frau, sowie
+zwei Bedienstete teilnehmen. In der Mitte des Zimmers befindet sich
+der Shima dai, ein weißer Tisch mit drei Beinen, auf dem das Land
+ewiger Jugend und Glückes dargestellt ist. Unter Kieferbäumen steht
+das alte Paar Takasago, das wegen seiner ehelichen Treue berühmt
+geworden ist, ihnen zu Füßen spielen Schildkröten mit langen grünen
+Schwänzen, deren Lebensspanne zehntausend Jahre beträgt; in der Höhe
+schweben Kraniche, ebenfalls Sinnbilder langen Lebens und Gedeihens,
+über einem Nest mit Jungen in den Fichtenbäumen, in deren Schatten
+Bambus und Pflaumenbäume stehen. Nachdem sich Braut und Bräutigam
+einander gegenüber gesetzt haben, findet das zeremonielle Trinken
+des San-san-ku-do („drei-drei-neunmal“) Bechers Sake statt. Dabei
+werden keine Versprechungen gemacht, keine Gelübde abgelegt, die
+ganze Zeremonie spielt sich schweigend ab. Zwischen das Paar wird ein
+viereckiger Ständer aus Lackarbeit gestellt, auf dem übereinander drei
+verschieden große zierliche Lackschalen für Sake stehen. Der Vermittler
+reicht zunächst die oberste Schale, mit diesem Stoff gefüllt, dem
+Bräutigam (Abb. 48), der sie in drei Zügen austrinkt, hierauf reicht
+er sie, neu gefüllt, der Braut, die sie ebenfalls leert. Dasselbe
+geschieht mit der mittleren und der unteren Schale. Hiermit ist die
+Ehe geschlossen. Das neuvermählte Paar wird sodann seinen zahlreichen
+Verwandten vorgestellt, die sich in einem Nebenraum versammelt haben
+und das frohe Ereignis durch ein Essen feiern. Ein Gang dieses
+Schmauses pflegt in einer Suppe aus Venusmuscheln zu bestehen, da
+die Schalen dieser Muschel eine glückliche und unzertrennliche
+Verbindung versinnbildlichen sollen; denn wie eine Schale nur mit der
+entsprechenden Partnerin ein Ganzes bilden kann, in die ihr Schloß
+hineinpaßt, so sollen auch Mann und Frau in der Ehe einander ergänzen.
+Auch ein Kranich wird serviert, indessen seltener, denn dieses Gericht
+können sich nur Wohlhabende leisten. Beim Festessen, währenddessen sich
+die Braut mehrere Male umkleidet, erhebt sich einer der männlichen
+Teilnehmer, der in klassischer Musik bewandert ist, und singt mit
+erhobenem offenen Fächer eine Ode, die dem feierlichen Augenblick
+angemessen ist.
+
+Eine religiöse Zeremonie fehlt bei einer rein japanischen Hochzeit. Das
+Gesetz verlangt nur, daß die beiderseitigen Eltern die eingegangene Ehe
+eintragen lassen, und daß der Name der Frau aus dem Familienregister
+ihres Vaters gestrichen und in das ihres Gatten übergeschrieben
+wird, denn ohne solche Eintragung ist die Ehe ungültig. Neuerdings
+kommt auch die sogenannte Shintotrauung in Mode, die eine Nachahmung
+unserer kirchlichen Trauung ist. Zu dieser versammelt sich die
+Hochzeitsgesellschaft im Tempel der Sonnengöttin in Tokyo, der
+„drei-drei-neunmal“ Becher mit Sake wird in Gegenwart weiß gekleideter
+Priester getrunken, die Gebete an die Sonnengöttin sowie an Izanagi und
+Izanami (die schöpferischen Gottheiten) richten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 36. Ein japanisches Kind wird im Alter von drei Jahren zum
+zweitenmal seiner Schutzgottheit zugeführt.
+
+Die Kinderwärterin trägt eine Tasche für das Schwert und den Talisman,
+die das Kind vom Priester erhält.]
+
+[Illustration: Das „Gion“-Fest in Kyoto.
+
+Dieses Tempelfest, das größte in Japan, wird vom 17. bis 24. Juli
+jeden Jahres durch einen prächtigen Umzug von dreiundzwanzig Dashi
+oder Festwagen gefeiert. Auf dem vorderen Wagen befindet sich zwischen
+zwei Gefährtinnen die Haupttänzerin in prächtigen Gewändern und reich
+geschmückt.]
+
+Eine große Rolle spielen bei der japanischen Hochzeit die +Geschenke,
+die das Brautpaar erhält+ (Abb. 47) und die oft genug einen großen Wert
+darstellen. Sie bestehen in allen Arten von Seide oder Krepp für die
+Kleidung des jungen Mannes und der jungen Frau. Meistens sind diese
+Stoffe in Weiß gehalten, damit die Empfänger sie nach eigenem Geschmack
+nachfärben lassen können. Von der Großartigkeit der Hochzeitsgeschenke
+und dem Luxus, der mit ihnen getrieben wird, kann man sich eine
+Vorstellung machen, wenn man hört, daß bestimmte Leute das Einwickeln
+von ihnen als besonderes Geschäft betreiben. Denn auch hierfür werden
+bestimmte Gewohnheiten beobachtet. Um jede Schachtel oder jedes
+Paket, das solche Glückwunschgaben enthält, werden zwei Stücke von
+extra schwerem weißen Papier gewickelt, und um das Ganze sodann noch
+in der Mitte ein rot und weißes zehnsträngiges Papierband, Mizuhiki
+genannt, das oft in Locken oder Ranken endigt, zu einer zierlichen
+Schmetterlingsschleife gebunden. Oft verwendet man dazu auch Gold- und
+Silberpapier und führt darin allerlei Muster und Phantasiegebilde aus;
+sehr beliebt sind Schleifen mit mehreren Schlingen in Form einer
+fünfblätterigen Pflaumenblüte, des Symbols der Lieblichkeit und Tugend
+der Frau, die sich im Unglück behauptet, geradeso wie die Pflaumenblüte
+mitten im Schnee zur Entwicklung gelangt. Auch ein Stück getrockneter
+Seeohrmuschel (Haliotis) pflegt jedes Geschenk zu begleiten. Da dieses
+Tier, das wie ein Stück getrockneten Pergaments aussieht, elastisch
+ist, so versinnbildlicht es Haltbarkeit und lange Lebensdauer, und
+seine Schale die Beständigkeit der Liebe. Die Geschenke aus Seide
+oder Krepp werden oft auch in Form großer Fächer arrangiert, um
+dadurch anzudeuten, daß sich im Leben des jungen Paares das Glück
+ebenso ausbreiten möge, wie der Fächer. Zu den genannten wertvollen
+Geschenken gesellen sich noch eine Menge getrockneten Fisches
+(Katsobushi genannt), der so hart ist, daß er wie Holz gehobelt werden
+muß und im Haushalte für alle möglichen Suppen und als Würze bei den
+meisten Gerichten Verwendung findet, sodann kleine Sträuße künstlicher
+Kiefer- und Bambuszweige, sowie Pflaumenblüten. In der romantischen
+Phantasie des Volkes stellt die Kiefer das Sinnbild der Ausdauer und
+Beständigkeit, der Bambus das der Aufrichtigkeit und die Pflaumenblüte
+das der weiblichen Tugend dar.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. Petrocokino.
+
+Abb. 37. Geishas in einem Zuge tanzend,
+
+der die Reise eines alten japanischen Edlen oder Samurai mit seinem
+Gefolge zur Darstellung bringt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Earl of Ronaldshay.
+
+Abb. 38. Das Tempelumwandern der Japaner.
+
+Um die Aufmerksamkeit der Götter behufs Erfüllung eines besonderen
+Wunsches auf sich zu lenken, wandern japanische Männer und Frauen, die
+dieses gelobt haben, viele Male um den Tempel des betreffenden Gottes
+herum.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 39. Knabenfest am 5. Mai jeden Jahres,
+
+zu dem jedes Haus, in das während des vergangenen Jahres ein männlicher
+Weltbürger Einzug hielt, durch bunt bemalte Karpfen aus Papier
+geschmückt ist.]
+
+Bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts waren unter den Geschenken,
+die man der jungen Frau darbrachte, gewisse Bilderbücher sehr
+beliebt, die voll köstlichen Witzes in Karikaturen Beischlafszenen
+in phantastischer Mannigfaltigkeit den Frauen zur Veranschaulichung
+bringen, sie also darüber belehren sollten, was sie in der Ehe zu
+leisten hätten, und die oft von namhaften Künstlern angefertigt
+waren, ebenso die sogenannten Frühlingstäfelchen, Kästchen von der
+Form unserer Tuschkästen, deren Schubdeckel oben ein Bild zeigte, das
+ein männliches und ein weibliches Wesen in anständiger Unterhaltung
+darstellte, auf der Unterseite aber in farbiger Reliefdarstellung
+eine Beischlafszene in komischer Stellung darbot. Für unsere
+Moralauffassung erscheinen solche Dinge in hohem Grade unanständig und
+unverständlich, zumal man sie jungen Frauen darbrachte; der Japaner
+indessen findet daran absolut nichts Anstößiges. Für ihn gilt das alte
+Sprichwort, daß das Natürliche nichts Schimpfliches ist. Er erblickt in
+dem nackten Körper daher etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches,
+sofern die Nacktheit im gegebenen Falle berechtigt ist. Er entledigt
+sich daher zu Hause möglichst aller ihn beengenden Kleidungsstücke
+und entblößt sich auch in der Öffentlichkeit, wenn ihn die Kleider am
+Arbeiten hindern. Er findet es auch keineswegs anstößig, daß beide
+Geschlechter zusammen baden, und ebenso ist für ihn der Geschlechtsakt
+etwas ganz Natürliches und das Preisgeben eines Mädchens nichts
+Entehrendes, wenn den Grund dazu die Unterstützung armer Eltern abgibt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 40. Japanisches Puppenfest.
+
+Ganz zu oberst finden sich der Kaiser und die Kaiserin mit Opfergaben
+in Wein und süßen Kuchen aufgestellt, darunter die Minister,
+Hofmusikanten, Palastdamen und Palastwächter. Ganz unten stehen schöne
+Miniaturgegenstände für den Puppenhaushalt.]
+
+[Illustration: Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 41. Ein Hochzeitsbrauch bei den Japanern.
+
+Die Brautausstattung wird drei Tage vor der Hochzeit in langen Kisten
+und großen Kästen nach dem zukünftigen Heim getragen. Sie sind mit
+grün bemalten, besonders für diesen Zweck gefärbten und mit dem
+Familienwappen gekennzeichneten Stoffen überzogen.]
+
+Die +Ehe+ des Japaners wird eigentlich +auf Zeit+ geschlossen, die bei
+den besseren Ständen fünf Jahre, bei den niederen weniger beträgt.
+Trotzdem kommt es höchst selten bei offenkundigem Unglück und fast nie
+bei vorhandenen gesunden Kindern vor, daß die Ehegatten auseinander
+gehen. Der Ehemann hat allerdings das Recht, sich ohne besonderen
+Grund von seiner Frau zu trennen und eine andere zu heiraten, nur darf
+dies nicht eine leibliche Schwester seiner Frau oder einer früheren
+Frau sein. Auch braucht er nicht die eheliche Treue zu halten, kann
+sich daher mehrere Frauen nehmen, soviel als ihm sein Geldbeutel
+erlaubt. Neuerdings jedoch machen sich in den besseren Kreisen Japans
+europäische Anschauungen auch über die Ehe geltend.
+
+Der Japaner scheint ein +starkes Geschlechtsbedürfnis+ zu besitzen;
+diesem wird dadurch Rechnung getragen, daß nicht nur jede größere Stadt
+und jeder Seehafen, sondern beinahe jedes Dorf öffentliche Lusthäuser
+besitzt. Es sind dies jedoch keineswegs Stätten unanständiger Orgien
+und Liederlichkeit, sondern, wenn man von dem nach unserer Ansicht
+unmoralischen Zwecke absieht, dem sie dienen, durchaus anständige
+Institute, über die der Staat nach jeder Hinsicht eine strenge
+Kontrolle ausübt.
+
+[Illustration: Abb. 42. Japanische Rechenmaschine.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 43. Japanische Kinder, die mit Schwertern fechten.
+
+Solche gymnastischen Übungen werden von ihnen von frühester Zeit an
+betrieben.]
+
+In Japan ist das +Prostitutionswesen+ in solchem Grade wie wohl
+nirgends auf der Welt verbreitet. Ein anonymer englischer Schriftsteller
+schätzt die Zahl der in etwa zwanzigtausend Freudenhäusern
+untergebrachten Mädchen auf vier- bis fünfhunderttausend, zu denen
+ungefähr die gleiche Anzahl Frauen kommen soll, die heimlich diesem
+Berufe nachgehen. Die Prostituierten bilden in Japan eine besondere
+Kaste, deren Entstehung schon um mehrere Jahrhunderte zurückreicht
+und die durch Gesetz und Sitte geschützt ist. Der Staat kauft die
+jungen Mädchen auf, läßt sie in allerlei Künsten ausbilden und so
+für ihren zukünftigen Beruf vorbereiten. Es sind dies meistens
+Mädchen armer Eltern oder Waisen, die zur Prostitution herangezogen
+werden. Die älteren Kurtisanen unterrichten sie in allerlei
+weiblichen Fertigkeiten, wie Schreiben, Lesen, Singen, Samisaspielen,
+vornehmen Manieren und anderem mehr. Dafür haben diese jenen kleine
+Handleistungen zu machen, sie gleichsam als ihre Zofen zu bedienen.
+Oft genug kommen die jungen Mädchen schon im zartesten Kindesalter in
+diese Häuser, aber erst mit vierzehn Jahren dürfen sie preisgegeben
+werden. Mit dem siebenundzwanzigsten Jahre erhalten sie ihre Freiheit
+wieder, falls sie nicht schon früher durch Freikauf in privaten Besitz
+übergehen oder sich verheiraten. Denn die wenigsten Leute nehmen an
+solchem Gewerbe einen Anstoß, im Gegenteil, die Mehrzahl der ärmeren
+Japaner bezieht aus den Freudenhäusern ihre Ehefrauen; denn der
+schon erwähnten allgemeinen Anschauung entsprechend wird die Schuld
+ihres früheren Lebenswandels nicht den Mädchen, sondern ihren Eltern
+zugeschoben; nur sie waren es, die zumeist unter dem Drucke der Not
+ihre Töchter solchem Lebenswandel zuführten, und diese taten nur
+ihre Pflicht, indem sie den Eltern gehorchten. Daher verachtet auch
+die bessere Gesellschaft diese Mädchen nicht, sondern bemitleidet
+sie nur. Die Bezeichnung für eine Prostituierte in Japan ist auch
+keineswegs eine herabwürdigende, sondern eine höchst dezente; man
+nennt sie „Zeitweib“ oder „Stundenehefrau“. Früher war es nämlich
+Sitte, daß diese Mädchen dem Fremden auf eine kurze Zeit gleichsam
+angetraut wurden. Die Zeremonie, die sich dabei abspielte, glich der
+bei wirklichen Hochzeiten, wie wir sie oben kennen gelernt haben; der
+Fremde heiratete aber nur auf Zeit.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 44. Eine Hochzeit der Mittelklasse in Japan.
+
+Die Braut trägt eine weiße Kopfbedeckung während der
+„Drei-drei-neunmal“-Zeremonie.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 45. Bevor die Braut den Eltern Lebewohl sagt,
+
+überreicht ihr der Vater ein kurzes Schwert.]
+
+Das Bordellviertel von Tokio hat eine gewisse Berühmtheit erlangt; es
+ist dies das +Yoshiwara+. Das Zugangstor zu ihm trägt die poetische
+Inschrift: „Ein Frühlingstraum, wenn die Straßen voll von Kirschblüten
+sind, eine Herbststimmung, wenn die Straßen auf beiden Seiten mit
+hellen Laternen umsäumt sind.“ Das Yoshiwara (Abb. 49) ist durch
+regelmäßig verlaufende Straßen eingeteilt, in denen es des Abends
+ein wirkliches Schauspiel gewährt, umherzuwandern. Geschmückt mit
+farbenprächtigen Gewändern sitzen die Mädchen in Reihen vor goldenen
+Schirmen in käfigartigen Räumen -- denn von der Außenwelt sind sie
+durch wirkliche Holzstäbe abgesperrt -- und stellen sich zur Schau
+(Abb. 50). Die Prostituierten kennzeichnen sich durch zahlreiche
+Nadeln, die sie im Kopfhaar tragen; auch pflegen sie sich als Abzeichen
+ihres Gewerbes die Schleife des Obi, die sonst über dem Gesäß sitzt,
+nach vorn zu drehen, so daß sie über den Schoß zu liegen kommt. In
+größeren Städten sind an den Häusern Laternen ausgehängt, die mit
+dem Wappen des betreffenden Mädchens geschmückt sind. Es gibt sogar
+Bücher, in denen sich Laternen und Wappen, sowie der Schirm, der
+vornehmen Prostituierten auf ihren Ausgängen vorangetragen wird, nach
+Art eines Verzeichnisses aufgeführt finden. Künstler von Bedeutung wie
+Yoshitoshi oder Kitagawa Utamaro haben es nicht für unter ihrer Würde
+erachtet, Darstellungen aus dem Leben des Yoshiwara mit ihrem Stifte
+wiederzugeben, und japanische Bücher bringen die Lebensbeschreibungen
+einiger berühmter Prostituierter sowie ihre Porträts (Abb. 51). --
+Da das ganze Yoshiwaraviertel besonderer polizeilicher Aufsicht
+unterstellt ist, so herrscht hier vollkommene Ordnung, musterhafte Ruhe
+und absolute Sicherheit; die öffentliche Scham wird durch das sich hier
+abspielende Treiben keineswegs verletzt. -- Die gleichgeschlechtliche
+Liebe unter Männern hat in Japan, besonders in seinen südlichen Teilen,
+weite Kreise des Volkes durchseucht; hier werden ebenso wie in China
+Knaben von frühester Jugend auf zu einem solchen Berufe systematisch
+vorbereitet. Auch Bordellwesen existiert nach dieser Richtung.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 46. Daimiotochter im Brautkleid.
+
+Der Kimono ist in scharlachrotem Krepp gehalten und prächtig gestickt,
+darüber hängt ein weißer Damastmantel. Im Gürtel steckt ein gesticktes
+Notizbuch.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 47. Japanische Hochzeitsgeschenke,
+
+darunter Pinienzapfen, Bambus- und Pflaumenblüten, alles Sinnbilder
+langen Lebens und des Glücks.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 48. Szene aus einer modernen Hochzeit nach dem Shintoritus.
+
+Neben dem Hausaltar mit den Gaben für die japanischen Götter der
+Fruchtbarkeit sitzt je ein weißgekleideter Priester; an den Wänden
+hängen Gohei, Papierstreifen, um das Unglück abzuwenden und die
+Anwesenden zu reinigen. Der Bräutigam erhält soeben geweihten Reiswein
+in eine dünne Porzellantasse gegossen.]
+
+Zu den vielen schönen und ergreifenden Eigenarten des japanischen
+Lebens gehört auch die +Verehrung der Toten+ und die peinliche
+Sorgfalt, die auf die feierlichen Gebräuche der Anbetung und Erinnerung
+an die Seelen der Heimgegangenen im Hause verwendet wird.
+
+Hat der +Sterbende+ den letzten Hauch getan, dann versuchen die, welche
+ihm am nächsten standen, ihn noch einmal ins Leben zurückzurufen,
+indem sie ihm seinen Namen ins Ohr schreien, denn sie glauben, die
+Seele könne es hören und noch einmal Rückkehr halten; besonders
+rührend ist, wenn zuerst das jüngste Kind die Mutter ruft, denn man
+erwartet, daß sie dieses am allermeisten liebe. Nützt dies nichts, dann
+befeuchtet man die Lippen des Toten mit Wasser, bedeckt sein Gesicht
+mit einem weißen Tuch und kehrt alles im Zimmer um. Auf einen niedern
+Tisch stellt man sodann die Tafel mit dem Namen des Verstorbenen, der
+ihm nach seinem Tode gegeben wird. Die Totentafel der Buddhisten ist
+kunstvoll gearbeitet und reich vergoldet; sie trägt als Namen eine
+langtönende Zusammenfassung vieler Tugenden; die Tafel der Shintoisten
+dagegen ist einfach, aus weißem Holz angefertigt und hat als Aufschrift
+nur den Lebensnamen des Verblichenen mit dem Zusatz „Mi-tama“, das ist
+Erhabener Geist. Vor dieser Tafel nun stellt man ein Weihrauchbecken
+mit einem dauernd brennenden Weihrauchstock, eine Tasse Wasser, ein
+ganz bescheidenes Licht -- in einer irdenen Untertasse mit Rübsenöl
+brennt ein Docht --, weiter einen Behälter mit einigen Aniszweigen, ein
+paar Klöße aus weißen Bohnen auf einem Teller, eine Schüssel mit Reis,
+über den Bohnensuppe gegossen ist, und ein Speisestäbchen auf; in die
+Nähe der Leiche legt man öfters noch quer über die Kniee ein Schwert,
+um die bösen Geister abzuwenden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 49. Bordellstraße im Yoshiwara.]
+
+In den Sarg gibt man dem Toten einen Bambusstab und einen Beutel
+mit buddhistischen Amuletten, Gebetssprüchen und einer Münze (für
+die Überfahrt) mit und bestreut das Ganze mit Weihrauchpulver und
+getrockneten Anisblättern. Stirbt ein Ehemann, so pflegt die Frau ihr
+Haar abzuschneiden und es ebenfalls in den Sarg zu legen; sie will
+damit bekunden, daß sie nie wieder heiraten wird; übereinstimmend
+mit diesem Entschlusse bestellt sie zu gleicher Zeit ihre eigene
+Totentafel, die mit der ihres verstorbenen Gatten gemeinsam auf
+dem Hausaltar und im Familientempel Aufstellung findet. Indessen
+beschränkt sich dieser Brauch nur auf die Ehefrauen der oberen Klassen,
+die dadurch fortan ihre Keuschheit anzeigen wollen.
+
+In der Nacht vor einem +Begräbnis+ (Abb. 54 und 55) halten die
+Hausangehörigen Wache, die Priester sagen dabei Gebete her. Auf die
+Nachricht von dem Tode machen die Freunde und Bekannten sofort ihren
+Beileidsbesuch; sie senden gleichzeitig oder bringen ein Geschenk in
+Form von Geld als Beitrag zu den Begräbniskosten mit, die in Japan
+ungewöhnlich hohe sind und auch nicht gespart werden, wenn es gilt,
+einen Toten zu ehren. Das Geld wird in weißes Papier gewickelt, mit der
+Bezeichnung „koden“ (Weihrauchgeld) versehen und mit einem schwarz und
+weißen Bande zugeschnürt. Die Familie macht zum Zeichen ihres Dankes
+innerhalb fünf Wochen nach dem Begräbnis ein Gegengeschenk in Form von
+Klößen aus grünen und weißen Bohnen, sowie von Blechdosen mit Tee. Auch
+sendet man Kuchen, und zwar merkwürdigerweise bei solchem traurigen
+Anlaß in gerader Zahl, hingegen bei freudigen Ereignissen in ungerader
+Zahl.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 50. Öffentliches Haus im Yoshiwara.
+
+Die Geishas mit abrasierten und schwarz aufgemalten Augenbrauen,
+weißgepudertem Gesicht und bronzierten Lippen sitzen in farbenprächtige
+Gewänder gekleidet hinter Holzgittern.]
+
+Der vertrauteste Gegenstand in einem japanischen Haushalte ist
+der +Familienaltar+, auf dem die Tafeln, welche den Toten geweiht
+sind, die Ihai, aufbewahrt werden. Der buddhistische Altar ist
+vornehmer ausgestattet, meistens lackiert, sein Inneres vergoldet.
+Der Shintoaltar dagegen besteht nur aus einfachem weißen Holz in der
+Form des archaistischen Shintotempels. Sind die Leute Anhänger des
+Buddhismus, so wird jeden Morgen von dem ersten Reis und Tee eine
+Opfergabe den Ihai auf dem Altar entrichtet; jeden Monat wird den
+Geistern am Todestage ein winziges Gemüsemahl serviert, dazu werden
+Blumen in kleinen Vasen hingestellt und Weihrauch verbrannt. Die
+Shintoanhänger ihrerseits opfern alle zehn Tage und am wiederkehrenden
+Todestage im Monat Sake, ungekochten Reis, rohes Fleisch, Obst und
+Gemüse dem „Erhabenen Geiste“. Weihrauchverbrennen gestattet jedoch
+die shintoistische Religion nicht, läßt dafür aber bei feierlichen
+Gelegenheiten und auch beim Begräbnisgottesdienst Zweige der ~Cleyera
+japonica~ darbringen (Abb. 55). Auch die Shintoisten betrachten alles,
+was mit dem Tode zusammenhängt, als unrein. Bei eintretendem Todesfall
+wird daher der Altar mit weißem Papier zugedeckt, um das Eindringen
+verunreinigter Luft zu verhindern; nach dem Begräbnis vollziehen die
+Priester eine feierliche Reinigung, indem sie Salz über das ganze Haus
+streuen und am Grabe geweihte Stäbe über die Trauernden schwenken.
+
+[Illustration:
+
+ Aus dem Handb. d. Sexualwissenschaften.
+
+Abb. 51. Japanische Halbweltdame
+
+(Oiran = Stundenehefrau) in prächtig gesticktem seidenem Gewand.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Yei Ozaki.
+
+Abb. 52. Japanisches Allerseelenfest,
+
+an dem Laternen vor die Häuser gehängt und Hanffeuer in der Vorhalle
+angezündet werden, um die Geister der Verstorbenen zu bewillkommnen,
+während im Hause für sie ein Altar mit besonders zugerichteten Speisen
+und Kuchen errichtet wird.]
+
+Die Buddhisten feiern ein +Allerseelenfest+, das wunderbare
+Bon-matsuri, vom 13. bis 16. August, denn um diesen Zeitpunkt, so
+glaubt man, suchen die Seelen der Toten ihre Hinterbliebenen auf. Von
+einem Ende des Reiches bis zum anderen werden freudige Vorbereitungen
+getroffen, um diese geisterhaften Besucher zu bewillkommnen. Die
+Kirchhöfe werden aufgesucht, die Grabsteine (Abb. 53) gewaschen und
+mit Blumen geschmückt, vor den Hügeln wird Weihrauch verbrannt,
+und vor den Häusern sowie den Altären werden Laternen aufgehängt,
+die von leuchtender, durchscheinender Schönheit sind, manchmal die
+Form von zart abgetönten Lotusblumen aufweisen und durchweg mit
+rosa und weißen Lotusblumen, sowie mit Fransen und langen Bändern
+aus feingeschnittenem Papier verziert sind. Auf den „Geisteraltar“,
+eine auf vier mit Fadennudelgewinden verzierten Bambuspfählen
+ruhende, mit einer Kryptomerienumzäunung versehene Strohmatte, werden
+„Willkommenkuchen“ und „glückbringende Klöße“, in Lotusblätter
+eingehüllt, sowie verschiedene Früchte und Beeren den Geistern als
+Speise hingesetzt, desgleichen für sie Gefährte in Gestalt kleiner
+Ochsen und Pferde, entweder aus Stroh geflochten oder aus Eierpflaumen
+und Melonen zugeschnitten, aufgestellt. Auf dem Lande geht die ganze
+Familie mit brennenden Laternen in den Händen zu den Gräbern, den
+ankommenden Seelen entgegen, zündet draußen vor dem Hause überall
+Hanfstockfeuer an (Abb. 52), um sie zu begrüßen, und stellt bei den
+Toren Schüsseln mit Wasser auf, damit sie sich die Füße waschen
+können. Am 14. August kommen die Priester, um vor dem Altar Gebete zu
+sprechen, und am nächsten Tage werden alle Feuer wieder angezündet,
+um die scheidenden Geister hinauszugeleiten. Altmodische Leute zünden
+sich an solchem Feuer ihre Pfeifen an und treten über dasselbe, um
+sich bestimmte Krankheiten fernzuhalten. -- An der Küste besteht in
+manchen Gegenden der Brauch, kleine Boote aus Stroh mit Papiersegeln
+und winzigen Gefäßen für Wasser und Weihrauch für die wiederkehrenden
+Geister auszusetzen; auf dem Segel dieser Boote steht der buddhistische
+Name des Toten geschrieben. An manchen Orten schmückt man die Boote
+abends auch mit kleinen Laternen, an anderen setzt man nur schwimmende
+Laternen aus.
+
++Die Ainu.+ Im nördlichen Japan (Jesso) sowie auf der Südspitze
+Sacchalins und auf den Kurilen wohnen die +Ainu+, ein Volk, das
+ehemals die ganze ostasiatische Inselkette, von den Kurilen angefangen
+bis Liu Kiu, sowie das Amurgebiet auf dem Festlande bewohnt haben
+muß und höchstwahrscheinlich von hier aus zur Steinzeit nach Japan
+einwanderte. Anscheinend trafen die Ainu hierbei auf eine einheimische
+Urbevölkerung, die die Bezeichnung Koro-pok-guru führte und mit ihnen
+zusammen, sowie mit hinzugewanderten mongolischen und malaiischen
+Elementen die heutige Bevölkerung Japans hervorbrachte.
+
+Die Ainu sind klein, stehen in der Größe sogar noch den Japanern nach,
+sind aber von kräftigem, gedrungenem Körperbau. Ihr Kopf ist länger
+als bei den Mongolen, ihr kurzes, rundes Gesicht besitzt tiefliegende,
+rundliche, gerade stehende Augen (meistens ohne Mongolenfalte), die
+von buschigen Augenbrauen überschattet werden, und etwas vorstehende
+Jochbeine. Die Nase ist kurz, an der Wurzel schmal, nach unten hin aber
+ausladend. Der große Mund besitzt wulstige Lippen, das Kinn ist breit.
+Die Hautfarbe gleicht im allgemeinen der der Japaner, zeigt aber einen
+Stich ins Rötliche. Das Haar ist ebenfalls straff und tiefschwarz. Eine
+auffällige Erscheinung ist die besonders starke Behaarung der Ainu,
+die um so wunderbarer erscheint, als sie mitten unter Völkern leben,
+die im Gegensatz dazu besonders spärlich behaart sind. An den Männern
+fällt der üppige Bart auf, der bis an die Ohren und ziemlich an die
+Augen heranreicht, desgleichen der Reichtum an Haaren am ganzen übrigen
+Körper, die ihn wie ein Pelz bedecken. Im großen und ganzen weisen die
+Ainu in ihren Gesichtszügen mehr Ähnlichkeit mit den kaukasischen,
+als mit den mongolischen Völkern auf; Bälz stellt sie geradezu mit
+den russischen Bauern in Parallele. Die Ainu sind von +Charakter+
+gutmütige, höfliche, man kann beinahe sagen, unnatürlich kriechende,
+unterwürfige, dabei aber träge und arbeitscheue, sowie dem Trunke und
+dem Tabakgenuß sehr ergebene Leute.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 53. Japanisches Grab,
+
+mit allen möglichen Gebrauchsgegenständen bedeckt, um dem Toten die
+Reise in das Jenseits zu erleichtern.]
+
+Im wesentlichen sind sie +Jäger+ und vor allem +Fischer+; Ackerbau
+erlaubt das kalte Klima ihnen kaum. Sie graben sich auch Wurzeln
+mittels Grabstöcken aus. Auf der See bedienen sie sich zum Fange der
+Harpunen (Abb. 56); früher betrieben sie die Jagd mittels (mit Akonit)
+vergifteter Pfeile. Ihr einziges Haustier ist der Hund, der ihnen
+ihre Schlitten zieht (Abb. 57). -- Sie +wohnen+ in Holzhütten mit
+Binsenbedeckung (Abb. 60 bis 62), die teils direkt auf dem Boden, teils
+auf Gerüsten stehen, teilweise auch in Erdwohnungen.
+
+Die +Kleidung+ der Ainu besteht aus Fellen und Stoffen aus Ulmenbast
+(Abb. 58); beide Geschlechter tragen enge Beinkleider, Jacke, langen
+Rock und Schuhe, dazu Schmuck in Gestalt von großen Ohrringen aus
+bunten Stoffstreifen oder Metall, silbernen Halsbändern und Kopfbinden.
+Ganz eigenartig ist die +Tatauierung+ der Frauen, künstlerisch
+verschlungene Linien auf Armen und Händen sowie schnurrbartähnliche
+Muster an der Ober- und Unterlippe, wodurch sie ein ganz männliches
+Aussehen bekommen (Abb. 62). Bereits im siebenten Lebensjahre beginnt
+man bei den kleinen Mädchen an der Oberlippe damit und fügt alljährlich
+ein Stück des blauschwarzen „Schnurrbartes“ mehr hinzu, so daß mit etwa
+zwanzig Jahren die Tatauierung vollendet ist.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Clark & Hyde.
+
+Abb. 54. Leichenbegängnis an einem buddhistischen Tempel.
+
+Die Buddhisten glauben, daß der Geist des Toten neunundvierzig
+Tage in der Nähe seines alten Heims umherirrt; strenge Trauer wird
+während dieser Zeit beobachtet. Am neunundvierzigsten Tage wird ein
+Tempeldienst abgehalten und am hundertundersten Tage nach dem Tode ein
+Erinnerungsfest gefeiert.]
+
+Die Ainu leben in +kleinen Horden+ in Dörfern unter einer Art
+Häuptlingen, die bei festlichen Gelegenheiten eine mit einem roh aus
+Holz geschnitzten Bärenkopfe geschmückte Krone aus Weidenholzspänen und
+Seegras, ein besonderes Kleid aus bunten Stoffstreifen und ein großes
+Schwert tragen.
+
+Die Ainu sind ihrer +religiösen Anschauung+ nach reine Animisten;
+sie halten die ganze lebende und tote Natur von Geistern und Göttern
+belebt, beten diese an und huldigen ihnen durch Opfer, im besonderen
+durch Darbringen von Reiswein. Ihre Hauptgottheit ist heutzutage (wohl
+von Japan aus eingeführt) der Gott der Sonne; dieser gebietet allen
+übrigen Gottheiten. Außer diesem hohen Gott gibt es noch eine ganze
+Reihe Götter zweiten Grades, die zahllosen Geister, die in dem Feuer,
+den Bergen, Flüssen, Tälern, Wäldern, selbst in den Tieren (Walfisch,
+Seebär, Walroß, Otter und vor allem dem Bären) leben oder die Seelen
+der Vorfahren vorstellen und insgesamt unter der Bezeichnung der Kamui
+zusammengefaßt werden. Alle diese Geister sind ihnen gutgesinnt und
+fördern ihr Wohlbefinden. Daneben aber kennen die Ainu auch solche
+Wesen, die sich angelegen sein lassen, sie zu schädigen, ihnen Unglück
+und besonders Krankheit und Tod zu bringen; diese verehren sie nicht,
+sie beten sie ebensowenig an oder opfern ihnen, sondern bekämpfen sie
+nur; den Kampf übernehmen die Schamanen.
+
+[Illustration: Abb. 55. Ein Shintoleichenbegängnis.
+
+Die Priester, die Leichenträger und weiblichen Leidtragenden sind alle
+in Weiß, die Trauerfarbe der Shintoanhänger Japans, gekleidet. Zweige
+der ~Cleyera japonica~ nehmen die Stelle von Kränzen ein. Beachtenswert
+ist die einer Arche gleichende Totenbahre.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Weule, Leitfaden d. Völkerkunde.
+
+Abb. 56. Ainu auf der Seehundjagd mittels Harpunen.
+
+(Nach einem japanischen Holzschnitt.)]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Weule, Leitfaden d. Völkerkunde.
+
+Abb. 57. Hundeschlitten der Ainu.
+
+(Nach einem japanischen Holzschnitt.)]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Weule, Leitfaden d. Völkerkunde.
+
+Abb. 58. Herstellung von Rindenstoff aus Ulmenbast durch die Ainu.
+
+(Nach einem japanischen Holzschnitt.)]
+
+Die +Opfer+, die die Ainu ihren Göttern darbringen, bestehen in Speise
+und Trank (Abb. 59); außerdem stellen sie ihnen zu Ehren überall,
+wo es nur möglich ist, eigenartige Gegenstände auf, die sie +Inau+
+nennen. Es sind dies für gewöhnlich Ästchen aus Weiden-, seltener
+aus Erlen- und Ebereschenholz, an denen stellenweise kurze Streifen
+abgespalten sind, so daß diese wie Locken herabhängen. Sie sollen
+menschliche Figuren darstellen, was man mit einiger Phantasie auch
+wohl erkennen kann. Daneben werden aber auch große Inaue in Gestalt
+hoher Stangen oder Bäume errichtet, die oft ganz verwickelte Gestalten
+wiedergeben; so zum Beispiel stellt ein kleiner Tannenbaum, an dem
+die Äste quirlähnlich stehen gelassen sind, den Sonnengott dar. Auch
+Bündelchen mit abgespaltenen Holzstückchen werden als Inau bezeichnet;
+das Bezeichnende für alle die so benannten Gegenstände scheint das
+Vorhandensein von Holzspänen zu sein. Man trifft die Inaue überall,
+entweder einzeln oder in Gruppen zusammen an, in und vor dem Hause,
+auf Bergen, am Meeres- und Flußufer, im Walde, auf Wegen, Grabstätten
+und sonst noch. Sie spielen eine überaus wichtige Rolle im Leben der
+Ainu, die sehr viel Zeit auf ihre Herstellung verwenden. Über die
+Bedeutung der Inaue sind die verschiedensten Meinungen aufgestellt
+worden. Die eine davon besagt, daß die Inaufigur an Stelle früherer
+Menschenopfer getreten sei und das Einkerben den Ausdruck des
+Bauchaufschneidens bedeute; eine andere behauptet, daß die Inaue aus
+dem Shintokultus herstammten, das heißt auf die mit farbigem Papier
+behängten Opferstäbchen der Japaner als Vorbild zurückgehen und
+ebenso wie diese aus dem Opfergegenstand zum direkten Gegenstand der
+Verehrung, das heißt zur Gottheit geworden seien. Indessen befriedigen
+auch diese Erklärungen nicht. Am wahrscheinlichsten erscheint mir die
+Annahme, daß die Inaue die Rolle eines Vermittlers zwischen Menschen
+und Göttern zu spielen haben, daß die „hölzernen Menschen“ gleichsam
+die Gabe besitzen, diesen die Wünsche und Bedürfnisse der lebenden
+Menschen zu überbringen, und daß die Späne an ihnen Zungen darstellen.
+Im Augenblick großer Gefahr, zum Beispiel bei Sturm auf dem Meere,
+holt der Ainu ein Holzstäbchen, das er stets bei sich trägt, hervor,
+kerbt es in der bekannten Weise ein und wirft es, sobald die Figur
+fertiggestellt ist, ins Meer mit den Worten: „Gehe zum Geist des
+Meeres und sage ihm, daß er gehörig acht gebe“ und so weiter. -- Eine
+besondere +Verehrung+ zollen die Ainu dem +Bären+, der auch ihre
+wichtigste Nahrungsquelle abgibt. Sie fangen im Beginn des Frühjahres
+junge Tiere ein und ziehen sie in Käfigen (Abb. 61 und 63), die im
+Hause der Häuptlinge stehen, angeblich an der Brust der Weiber, auf.
+Wenn sie erwachsen sind, werden diese Bären unter gewissen Zeremonien
+getötet und verzehrt. Die Schädel aber werden auf Pfählen aufgesteckt
+und dienen zur Anbetung (Abb. 64).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Admiral Holland.
+
+Abb. 59. Ainu beim Trankopfer
+
+für die Götter des Feuers, des Wassers, der Berge und der See.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Admiral Holland.
+
+Abb. 60. Ainudorf
+
+mit zwei einander mittels aufgehobener Handflächen sich begrüßenden
+Männern.]
+
+Die +Stellung der Ainufrau+ ist eine verhältnismäßig hohe, insofern
+sie nicht gekauft wird. Nach ihrer Heirat bleibt sie auch ihrem Stamme
+erhalten, denn die verwandtschaftlichen Beziehungen mütterlicherseits
+gelten für engere als die väterlicherseits. Demgemäß beeilt sich die
+Jungverheiratete nicht, in das Haus ihres Gatten überzusiedeln, sondern
+verbleibt in dem ihrer Eltern noch einige Jahre; in der Regel macht
+sie hier auch ihr erstes Wochenbett durch. Diese Erinnerungen an ein
+früheres Matriarchat machen sich auch in verschiedenen abergläubischen
+Vorstellungen bemerkbar. Frauenblut auf die Brust gerieben, bewirkt,
+daß alle, die mit Geldangelegenheiten zu tun haben, stets ihren Vorteil
+daraus ziehen, ein Stückchen der Menstruationsschürze ist ein mächtiger
+Talisman in allen Lagen des Lebens.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Admiral Holland.
+
+Abb. 61. Ainudorf mit einem Bärenkäfig in der Mitte.
+
+Die beiden Hütten zur Rechten sind Vorratshäuser.]
+
+Während ihrer +Schwangerschaft+ erfreut sich die Ainufrau ebenfalls
+einer gewissen Pflege und Aufmerksamkeit. Merkwürdigerweise muß sie
+sich, besonders gegen Ende der Schwangerschaft, recht viel Bewegung
+verschaffen, damit das Kind recht klein bleibe und die Entbindung
+leicht und schnell vonstatten gehe. Die Schwangere darf kein
+Hammelfleisch essen, weil sonst das Kind eine Hasenscharte erhalten,
+auch kein Geflügel, weil es sonst mit schielenden Augen zur Welt kommen
+würde. Zwei Monate vor ihrer Niederkunft darf sie nicht spinnen, Seile
+drehen oder Wolle wickeln, weil sonst die Eingeweide des werdenden
+Kindes wie die Fäden durcheinander geraten könnten, und anderes mehr.
+-- Während der +Geburt+ bleibt die Kreißende allein, weil eine größere
+Anzahl von Zuschauern ihre Wehen verstärken würde, jedoch steht ihr
+eine erfahrene Frau, meistens eine nahe Verwandte, bei. Diese wendet
+sich auch mit Gebeten an die Geister der verstorbenen Vorfahren, die
+allgemein für die Beschützer der Frauen gelten, um ihr dadurch eine
+leichte Geburt zu verschaffen. Bei Eintritt der Geburtswehen wird ein
+Inau in der Ecke des Herdes aus dem gleichen Grunde aufgestellt, als
+Opfer für die Göttin des Feuers. Ein auf einer Matte sitzender Greis
+sendet leise zu ihr ein für diesen Fall improvisiertes Gebet; fällt das
+glimmende Stäbchen in der Richtung nach ihm zu, so gilt dies als ein
+Anzeichen dafür, daß das Gebet erhört werden wird. Daneben kommen noch
+allerlei Mittel zur Erleichterung der Geburt in Anwendung, wie Umlegen
+einer aus Weidenspänen gedrehten langen Schnur oder eines getrockneten
+Bärendarms um den Unterleib, sein Einreiben mit einer in ebensolche
+Späne gewickelten, getrockneten Fledermaus oder mit den Bauchhaaren
+einer Hündin und so weiter. -- Sobald das +Kind+ geboren ist, hebt die
+Geburtshelferin es in die Höhe und ruft dabei aus: „Neuer Greis (bei
+Mädchen: Neue Greisin) sei gesund.“ Die Ainu glauben nämlich, daß ihnen
+die Kinder von verstorbenen Verwandten aus dem Jenseits gesandt werden,
+die dort unter den gleichen Verhältnissen wie hier auf Erden wohnen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 62. Ainufamilie vor ihrer Hütte.
+
+Die Frau zur Linken zeigt den üblichen auftatauierten Schnurrbart, der
+ihr ein männliches Aussehen verleiht.]
+
+Von +Zwillingen+ wird der eine für teuflischer Herkunft angesehen
+und getötet. Frauen, die solche zur Welt brachten, werden von ihren
+Geschlechtsgenossinnen gemieden, aus Furcht, sie könnten dadurch
+angesteckt werden. Dieser Aberglaube, daß erwachsene Menschen ihre
+Eigenschaften auf andere übertragen können, führt zum Beispiel dazu,
+daß eine unfruchtbare Frau von einem kinderreichen Weibe Geräte kauft
+und sich ihrer beständig bedient oder sie mit sich trägt.
+
++Abtreibung+ der Leibesfrucht kommt recht häufig vor, um das Ergebnis
+eines Verkehrs mit fremden Männern zu verheimlichen. Binden des
+Bauches, starkes Einschnüren der Taille, Herabspringen von großer Höhe
+sind die üblichen Methoden. Der Wöchnerin läßt man ebenso wie der
+Schwangeren große Pflege angedeihen.
+
+Bei dem aus Anlaß der Geburt veranstalteten Feste wird wilder Knoblauch
+als Lieblingsspeise der Götter ins Feuer geworfen, um sie dadurch
+zu zwingen, an der Feier teilzunehmen. Die Nachbarn finden sich zum
+Schmause ein, dessen Hauptgericht mit Knoblauch gekochter Reis bildet.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. Revilliod.
+
+Abb. 63. Bärenfest der Ainu.
+
+Ein jung eingefangener Bär wird von den Ainu gefüttert und gepflegt,
+um später unter großer Festlichkeit getötet und verspeist zu werden.
+Die Bärenjagd gilt bei den Ainu als vornehmste Beschäftigung und das
+Bärenfleisch als größter Leckerbissen. Vor der Jagd werden Gebete
+abgehalten.]
+
+Die +Toten+ der Ainu werden gewaschen und mit ihren Waffen und
+sonstigen Habseligkeiten wie auch Schmuck entweder in Matten gewickelt
+oder in Bretterkisten gelegt; gleichzeitig opfert man den Geistern
+der Verstorbenen Speise und Trank. Stirbt jemand unnatürlichen oder
+gewaltsamen Todes, so bringen sich die Angehörigen mit einem Messer
+leichte Wunden an der Stirn bei und opfern das herausquellende Blut dem
+Toten. Die +Beerdigung+ findet für gewöhnlich in der Nacht im Walde
+statt. Die Stätte, wo der Tote beigesetzt wurde, bezeichnet man durch
+einen mittels roher Rindeneinschnitte verzierten Pfahl oder Baumstamm,
+der, wenn es sich um eine Person männlichen Geschlechts handelt, in
+halber Höhe einen phallusartig zugestutzten Ast trägt (Abbild. 65)
+oder, wenn um eine weibliche, an seinem oberen Ende mit einem oder
+zwei länglichen Löchern versehen ist (Abbild. 66). An Beigaben legt
+man an diesen Grabstätten die Kleider, die Angelhaken, Pfeile oder
+Pfeilspitzen und Glasperlen entweder in Täschchen oder direkt auf der
+Erde nieder. Die +Trauer+ dauert je nach dem Grade der Verwandtschaft
+ein bis drei Jahre; als Zeichen für dieselbe trägt man eine eigenartige
+Mütze. Nach einem Jahr vom Todestage an kommen sämtliche Verwandte
+zusammen, vermeiden aber, etwas über den Toten zu sprechen, aus Furcht,
+es könnten die Geister der Verschiedenen zurückkommen und sie ängstigen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. Revilliod.
+
+Abb. 64. Bärenschädel, zur Anbetung von den Ainu auf Pfählen
+aufgesteckt.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: „Zeitschr. f. Anthropologie, Ethnogr. u. Urgeschichte d.
+ Menschen“.
+
+Abb. 65. Männliches Ainugrab.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: „Zeitschr. f. Anthropologie, Ethnogr. u. Urgeschichte d.
+ Menschen“.
+
+Abb. 66. Weibliches Ainugrab.]
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. W. Davidson.
+
+Abb. 67. Eine Sammlung von erbeuteten und aufgestellten Schädeln bei
+den Atayalen.
+
+Die Wilden stellen einen frisch abgeschlagenen Kopf auf einen Pfosten
+in das Dschungel und legen manchmal Körner in dessen Mund, um die Vögel
+anzuziehen. Wenn sein Fleisch entfernt ist, wird der Schädel auf das
+Brettergestell, das jede Familie besitzt, gelegt.]
+
+
+
+
+Formosa.
+
+
+Formosa, seit 1895 im Besitze der Japaner, wird von acht Wildstämmen
+bewohnt, die sich nicht nur in ihrer Sprache, sondern auch in der
+Kleidung, Bauart der Häuser, Tatauierung und sonstigen Sitten
+voneinander unterscheiden; gemeinsam ist ihnen allen das Äußere, kleine
+Statur, gelbbraune Hautfarbe und glattes, schwarzes Haar. Dieses ihr
+anthropologisches Verhalten, wie auch ihre Sprache und ethnographischen
+Verhältnisse lassen darauf schließen, daß sie malaiischer Herkunft
+sind, also von Völkern abstammen, die zu verschiedenen Zeiten
+von Süden, der indisch-australischen Inselwelt her nach Formosa
+einwanderten. Zu ihnen, den Sebenshin oder Wildstämmen, gesellten sich
+im fünfzehnten Jahrhundert Chinesen aus Südchina hinzu, die Hakka,
+später die Hoklo; diese machen die reiche Bevölkerung der großen Städte
+der Insel aus. Ihre Frauen verkrüppeln sich auch heute noch die Füße.
+
+Die +Wilden Formosas+, die durch die Chinesen in die gebirgigen Teile
+des Landes zurückgedrängt wurden und hier in fast unzugänglichen
+Dschungeln hausen, sind Ackerbauer; ihre Dörfer bilden ungefähr ein
+halbes Dutzend leicht gebauter Hütten. Eine feste Stammesverfassung
+unter Häuptlingen kennen sie nicht. -- Als +Schmuck+ ist bei allen
+Stämmen +Tatauierung+ beliebt; die einzelnen Stämme unterscheiden
+sich hierin deutlich voneinander. So sind die Männer der Atayalen an
+einer senkrecht von der Mitte der Haargrenze über die Stirn bis zu
+den Augenbrauen verlaufenden breiten blauen Linie, sowie an einer
+senkrechten am Kinn, ihre Frauen an einem breiten blauen Bande, das von
+einem Ohr zum anderen über den Mund sich hinzieht (Abb. 68), kenntlich,
+die Amifrauen an mehreren Bändern um die Handgelenke (Abb. 73) und
+so weiter. Die Atayalen tragen als weiteren Schmuck noch geschnitzte
+Stöcke in den Ohrläppchen, andere Stämme wieder Hals- und Kopfbinden
+aus einer Art Achat und anderes mehr. Bei einigen Stämmen besteht die
+Sitte des Zähneherausnehmens bei Eintritt der geschlechtlichen Reife.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. W. Davidson.
+
+Abb. 68. Atayalenfrauen mit Tatauierung.
+
+Diese dient als Schmuck und auch als Zeichen von Rang oder Reife. Die
+letztere wird durch hellblaue Linienmuster zum Ausdruck gebracht, die
+sich vom Mundwinkel zum Ohr ziehen.]
+
+Die Wilden Formosas besitzen eine außerordentliche +Gewandtheit+;
+mit affenartiger Geschwindigkeit verstehen sie es, die Klippen zu
+erklimmen, von Baum zu Baum zu springen und durch das beinahe
+undurchdringliche Dickicht des Urwaldes hindurchzukriechen. Sie tragen
+beständig ein Schwert bei sich, dessen Griff bei den Ami, ebenso wie
+ihre Pfeifenköpfe, mit Silberstäbchen ausgelegt ist.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. W. Davidson.
+
+Abb. 69. Ein erbeuteter Kopf
+
+auf einem Pfahl im Walde mit darüber aufgehängtem Muschelschmuck.]
+
+Die grausame Unsitte der +Kopfjägerei+ haben die Wildstämme aus ihrer
+malaiischen Urheimat auch hierhin verpflanzt; sie beherrscht direkt
+ihr ganzes soziales Leben. Besonders die Atayalen sind die eifrigsten
+und gefürchtetsten Kopfjäger (Abb. 71). Ihre Sitte erfordert es, daß
+man sich Köpfe verschafft, um eine reiche Ernte zu erzielen -- in
+diesem Falle werden die frisch abgeschnittenen Köpfe den Ahnen geopfert
+-- oder um sich eine Frau, eine Stellung oder überhaupt Einfluß zu
+verschaffen, um sich für die Aufnahme in den Rat Erwachsener zu eignen,
+und um als tapferer Mann angesehen zu werden oder um bei Verfehlungen
+gegen die eigenen Stammesgenossen seinen Ruf wiederherzustellen. Es
+kommt sogar so weit, daß zwei Männer, die Streit miteinander bekommen
+haben, aber zu keinem Ausgleich gelangen können, verschwinden und sich
+gegenseitig zu Leibe gehen, bis der eine dem anderen den Kopf abhaut;
+wer mit dem Kopfe seines Gegners ins Dorf zurückkehrt, zu dessen
+Gunsten wird der Streit entschieden. Bei der Rückkehr der Tapferen
+mit den erbeuteten Köpfen (Abb. 69) wird ein großes Freudenfest
+veranstaltet, häufig mit Tanz und Reisweintrinken; die Helden genießen
+fortan großes Ansehen. Die Köpfe werden bei den Atayalen auf kleinen,
+schmalen, drei bis vier Fuß hohen Plattformen (Abb. 67), bei den Paiwan
+zwischen aufeinander gelegten Steinplatten aufbewahrt und verbleiben
+dort als eine Art Heiligtum unter Aufsicht des Dorfältesten, damit sie
+nicht gestohlen werden (Abb. 70). Manche Dörfer sind im Besitze von
+mehreren hundert Köpfen, selbst der kleinste Weiler hat in der Regel
+deren mindestens zehn aufzuweisen. In den Distrikten, die durch die
+Kopfjäger unsicher gemacht werden, haben die Japaner mit Wällen und
+Gräben befestigte Niederlassungen erbaut.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. W. Davidson.
+
+Abb. 70. Eine Schädelniederlage bei den Tsalisen
+
+unter flachen Steinen. Die Tson verwenden dazu kleine Häuschen, die mit
+Fächern versehen sind.]
+
+Die Wilden Formosas sind reine +Animisten+; sie glauben an Geister,
+auch an Zauberbann und Zaubermittel. Eine Krankheit legen sie fast
+allgemein dem Zorne böser Geister zur Last; fast jedes Dorf hat eine
+alte Frau aufzuweisen, die sich damit abgibt, sie zu vertreiben.
+Zu diesem Zwecke hockt sie vor dem Kranken auf der Erde nieder und
+nimmt ein Bambusrohr zwischen die Knie, so daß es vorn etwas in die
+Höhe steht. Auf dem Ende dieses Rohres balanciert sie ein geweihtes
+Zaubermittel, einen durchlöcherten Stein, und bewegt die Hand darüber,
+indem sie gleichzeitig die Geister bittet, den Zauber fortzunehmen.
+Bleibt der Stein für einige Augenblicke liegen, dann erblickt man
+darin ein Anzeichen für eine günstige Wendung, fällt er aber sofort
+herunter, dann sind die Bemühungen aussichtslos. Die Ami schreiben
+Schmerzen einem schädlichen Stoffe im Fleische zu; ein Zauberer saugt
+daher kräftig an der schmerzhaften Stelle und holt dann plötzlich einen
+oder mehrere Gegenstände aus seinem Munde hervor, die er angeblich dem
+Kranken entnahm.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. W. Davidson.
+
+Abb. 71. Kopfjäger von Formosa.
+
+Zum Zeichen seiner Tätigkeit trägt er eine Tatauierung auf seiner
+Brust, die er hier aber durch ein Kleidungsstück verdeckt hat, damit
+die Japaner, die Herren der Insel, ihm nicht ansehen können, wie viele
+Menschen er schon getötet hat.]
+
+Nach dem +Einbringen der Ernte+ sowie bei der Aussaat pflegt man bei
+den meisten Stämmen an einem bestimmten Tage, an dem Vollmond sein
+muß, die +Ahnen+ anzubeten, teils um ihnen für die reichliche Ernte
+zu danken, teils auch um ihre weitere Gunst für die kommende Saat
+zu erbitten. Eine jede Familie bringt Kuchen von dem eingeernteten
+Getreide (Hirse und Reis) in der Dunkelheit der Nacht in den Dschungel,
+wickelt sie in Blätter ein und hängt sie an Bäumen auf, damit die
+Geister der Vorfahren von ihnen genießen. Am nächsten Tage kommen die
+Dorfbewohner alle zusammen und lassen Frohsinn und Freude walten;
+die Frauen führen dem Hula-Hula (I. Band Seite 24) ähnliche Tänze
+auf. -- Die Stämme der Tsougruppe weisen den Geistern ihrer Ahnen als
+Wohnsitze die Bäume an; am Eingange eines jeden Dorfes findet sich ein
+besonders wegen seiner Größe auffallender Baum, der sich besonderer
+Ehrung erfreut und nach Einbringen der Ernte aus Dankbarkeit gegen die
+Ahnen mit Wein besprengt wird. Eine besondere Orchideenart wird am Fuß
+des Baumes sowie bei den noch zu besprechenden Junggesellenhäusern
+als heilige Pflanze gezogen und darf nicht beschädigt oder gar
+abgeschnitten werden. Die Stämme der Paiwan glauben, daß die Geister
+ihrer Ahnen in den Schwertern sind, die ihre Eltern ihnen hinterlassen
+haben. Alle fünf Jahre führen sie an einem bestimmten heiligen Tage
+ein Wettspiel auf; sie versuchen ein auf der Spitze einer Bambuslanze
+sitzendes Bündel Borke aufzufangen, das die Form eines Menschenkopfes
+hat; wem es gelingt, dieses aufzuspießen, wird als Sieger gefeiert.
+Ursprünglich wurde dazu ein wirklicher Menschenkopf verwandt und am
+Schluß des Spieles den Geistern ein Opfer dargebracht. Die Puyuma
+fangen an dem Jahrestage des Festes einen Affen, binden ihn an einen
+Baum vor dem Schlafsaal der Knaben und töten ihn mit Pfeilen, worauf
+der Häuptling mit Wein dreimal das Tier und die Erde besprengt. Der
+Affe ist auch hier an Stelle eines Menschen getreten, der ursprünglich
+geopfert wurde.
+
+Bei vielen Stämmen gibt es ein besonderes Haus, in dem die
+unverheirateten Jünglinge wohnen, bis sie die Berechtigung erlangen,
+zu heiraten. Es ist mit Absicht so gebaut, daß es seinen Bewohnern
+wenig Behaglichkeit bietet, unter anderem den kalten und regnerischen
+Winden Eintritt gewährt, damit die jungen Leute abgehärtet und an das
+rauhe Kriegerleben gewöhnt werden. Sie dürfen auch nicht ein Haus, in
+dem Frauen leben, betreten, noch irgend einen Gegenstand besitzen, der
+einer Frau gehörte oder für eine Frau gedacht war. Für die +Heirat+
+besteht die Voraussetzung, daß der Jüngling (Abb. 72) in aller Form vom
+Stamme als Erwachsener anerkannt worden ist, was erst geschehen kann,
+wenn er von der großen Versammlung der Tapferen aufgenommen wurde,
+nachdem er einen Fremden getötet und dessen Kopf mitgebracht hat.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. W. Davidson.
+
+Abb. 72. Ein Häuptlingssohn vom Tainanstamme.
+
+Seine Jacke ist aus Leopardenfell angefertigt, der Kopfputz besteht in
+einer Krone aus Leopardenzähnen, das Band über der linken Schulter aus
+Muschelscheiben.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. J. W. Davidson.
+
+Abb. 73. Amileute in Festtracht.]
+
+Für die +Hochzeit+ muß bei den Tsalisen zuvor die Einwilligung der
+Eltern eingeholt werden, wofür man sich eines Vermittlers bedient.
+Ist dies geschehen, dann muß erst noch ein Monat verstreichen, um
+beiden Teilen Gelegenheit zu geben, sich kennen zu lernen und sich
+zu besinnen. Am verabredeten Tage besucht der Bewerber dann das Haus
+seiner Zukünftigen, und eine einfache Zeremonie berechtigt darauf das
+Paar, fortan zusammenzuleben. Die Frau bleibt aber bei ihrer Mutter,
+bis ein Kind geboren worden ist; erst dann siedelt sie in das Heim
+ihres Gatten über. Bleibt die Ehe aber kinderlos, dann hören die
+Besuche ihres Bewerbers und alle Vertraulichkeiten zwischen beiden
+Teilen auf, und ein jeder kann sich einen neuen Ehegefährten suchen.
+-- Bei manchen Stämmen erfordert die Ehezeremonie einen vorgegebenen
++Brautraub+. Manchmal kommt es auch zwischen den beiderseitigen
+Verwandten zu Scheinkämpfen; falls etwas Blut dabei vergossen wird,
+gilt dies als eine gute Vorbedeutung. -- Bei den Paiwan geht der
+junge Mann nach dem Hause seiner Geliebten und stellt Wasser und
+Brennmaterial vor ihre Tür; benutzt sie beides, so bekundet sie damit,
+daß sie ihn annimmt. Daraufhin schlägt der Jüngling seinen Wohnsitz
+in der Familie seiner Schwiegereltern auf, bis er imstande ist,
+seiner Frau ein eigenes Heim zu bieten. Bei dem Puyumastamm verbleibt
+der Gatte dauernd in der Familie seiner Frau, seine eigene Familie
+entsagt sich fortan jeglichen Anspruchs auf ihn. Als Sohn des neuen
+Heims nimmt er an allem teil, was das Haus darbietet; er besitzt aber
+keine gesetzmäßige Macht über die Familie, auch fallen ihm erst das
+Haus und sonstiger Besitz nach dem Tode seiner Schwiegereltern zu; er
+teilt das Erbe dann mit seiner Frau. Das Brennmaterial, das bei den
+Ami der junge Mann seiner Angebeteten als Werbung darbringt, wird ihr
+ratenweise -- jeden Tag ein Bündel, bis die Zahl zwanzig voll geworden
+ist -- zugesandt. Um im gegebenen Augenblick genügend Material zur
+Hand zu haben, pflanzen die jungen Knaben bereits Bäume, die, wenn sie
+eineinhalb bis zwei Meter groß geworden sind, gerade für ein derartiges
+Verlobungsgeschenk ausreichen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 74. Eingeborene von Nordformosa in Festtracht.]
+
+Über die +Totenzeremonien+ der Formosawilden ist wenig zu sagen. Die
+Atayalen ziehen dem Verstorbenen neue Kleider an und hüllen ihn noch
+in ein Rehfell oder in Ermangelung eines solchen in ein großes Tuch.
+Das Grab für ihn wird unter dem Schlafraum gegraben, den er bis zu
+seinem Tode bewohnte. Die Familientrauer hält zehn bis dreißig Tage an;
+darauf verlassen die Angehörigen für immer das Haus, welches dadurch
+in Wirklichkeit zu einem Grab für den Toten wird. -- Die Tsoustämme
+graben das Grab beim Eingange des Hauses aus und wälzen über den Toten
+einen möglichst großen Stein, um ihn zu schützen, füllen die Grube ganz
+mit Erde aus und machen die Oberfläche dem Erdboden gleich, so daß die
+Stelle unkenntlich bleibt und wieder anderweitig verwertet werden kann.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Platé & Co.
+
+Abb. 75. Peraharaprozession in den Straßen von Kandy.
+
+Der Tempelelefant in der Mitte des Zuges trägt auf seinem Rücken einen
+Pavillon, der die Zahnreliquie des Buddha birgt.]
+
+
+
+
+Ceylon.
+
+
+Auf der Insel Ceylon treten uns seit undenklichen Zeiten drei
+Bevölkerungselemente entgegen: die Ureinwohner oder Wedda, die aus
+Nordindien anscheinend auf dem Seewege hinzugekommenen Singhalesen und
+die von Südindien übergesetzten Tamulen. Neben diesen sind die aus
+einer Mischung von Europäern und Eingeborenen hervorgegangenen Burghers
+oder Eurasier zu nennen. Beschäftigen wir uns zunächst mit der ersten
+Gruppe, den Wedda.
+
+Zur heutigen Zeit lassen sich drei Arten von +Wedda+ unterscheiden, die
+Küstenwedda, die Dorfwedda und die Dschungel- oder wilden Wedda. Die
+beiden ersten Klassen, die man als „zahme Wedda“ zusammenfaßt, haben
+bereits viel singhalesisches und tamulisches Blut in sich aufgenommen,
+so daß ihre Sitten und Gebräuche denen dieser Völker ziemlich ähnlich
+sind. Dagegen haben die wenigen „wilden“ Wedda noch zumeist ihre
+Ursprünglichkeit bewahrt.
+
+Die reinen Wedda sind kleine Leute (Männer hundertfünfundvierzig bis
+höchstens hundertsechzig Zentimeter Höhe) von schlankem, zierlichem
+Körperbau, aber kräftig entwickeltem Brustkorb. Sie zeigen eine
+dunkelschokoladenähnliche bis schwärzliche Hautfarbe und besitzen
+wellige dichte Kopfhaare, aber nur spärlich entwickelten Bart. Ihr
+Kopf ist länglich, ihr Gesicht schmal und niedrig, springt in seinem
+unteren Teil verhältnismäßig stark vor und läuft zuweilen nach dem
+Kinn auffällig rasch spitz zu. Die Jochbeine sind weit ausladend.
+Die Nase ist flach, kurz und breit, an der Wurzel tief eingesattelt,
+besitzt breite Flügel und nach vorn sehende Nasenlöcher. Der große und
+unförmige Mund wird von einer dicken, wulstigen Oberlippe überragt. Im
+großen und ganzen erscheinen die Wedda in ihrem Äußeren als Verwandte
+der Australier, Sakai und anderer Stämme der indo-australischen Rasse,
+deren ursprünglichste Vertreter sie noch heute darstellen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 76. Die Nae Yaku-Zeremonie.
+
+Der Bruder des Verstorbenen wird besessen, der Geist heißt durch ihn
+die dargebrachten Opfer der Verwandten gut und verspricht ihnen guten
+Erfolg auf der Jagd.]
+
+Die +Körperbedeckung+ der Wedda ist eine sehr geringe; sie besteht nur
+in einem Hüftentuch oder einem Schurz aus grünen Zweigen; früher gingen
+sie gänzlich nackt. -- +Schmuck+ fehlt ihnen ganz und gar.
+
+Die +soziale Einheit+ der Wedda ist die Familie; über sie hinaus
+kommt es nur noch zur Horde, aber innerhalb dieser herrscht nur ein
+lockerer Zusammenhang, zumal es in ihr auch an einem Häuptling fehlt.
+Die älteren Männer scheinen eine Art Einfluß auszuüben, dem sich die
+übrigen unterordnen. Eine Gruppe von nahen Verwandten besitzt ihr
+bestimmtes Gebiet, in dem sie sich allein das Recht anmaßt, zu jagen
+und Honig einzusammeln.
+
+Die Wedda leben von der +Jagd+ (auf Büffel, Hirsch, wilden Schwan,
+Affen, Vögel) und dem +Einsammeln der Dschungelprodukte+ (Honig,
+Früchte und Wurzeln). Ihre +Waffen+ bestanden ursprünglich nur in
+Bogen und Holzpfeilen, heutigentags verfügen sie auch noch über
+eiserne Pfeilspitzen und Äxte. Pfeile und Äxte sind die einzigen
+Metallwerkzeuge, die ihnen bekannt sind und von ihnen mit großer
+Geschicklichkeit gehandhabt werden. Sie hausen zur kälteren Jahreszeit
+in +Felshöhlen+ oder unter Felsenschlupfen (Abb. 78), zur wärmeren
+hinter +Windschirmen+ oder ganz im Freien. Einige Weddafamilien
+betreiben auch etwas +Ackerbau+, insofern sie Mais oder Kurakhan, Samen
+einer Eleusineart, in die Erde stecken, und die Ernte verzehren, wenn
+Wild oder Honig, ihre beiden Hauptnahrungsmittel, knapp werden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 77. Die Nae Yaku-Zeremonie.
+
+Nach der Besänftigung der Geister des jüngst verstorbenen Toten durch
+Opfergaben werden die dargebrachten Speisen unter die Leute verteilt.]
+
+Der +Honig+ ist in der Tat ihre wichtigste Speise, von der sie selbst
+behaupten, daß sie sich nie so wohl befinden, als wenn sie tüchtig
+davon essen. Da er ihnen auch meistens reichlich zur Verfügung steht,
+so betreiben sie damit Tauschhandel und erhalten auf diesem Wege
+von den Singhalesen, die ihn ebenfalls sehr lieben, ihre eisernen
+Pfeilspitzen und Beile, sowie Tuch, Kokosnüsse und Reis. Das Einsammeln
+des Honigs, des Wabenerzeugnisses der Bambara (indischen Felsenbiene),
+ist recht umständlich. Die Bambara bauen ihre Nester vorzugsweise in
+den Spalten hoch oben in den Felsen an fast unzugänglich erscheinenden
+Stellen, zu denen man nur mittels Strickleiter gelangen kann. Bevor
+die Wedda auf diesen Leitern, die sie sich aus Rotang anfertigen,
+herabsteigen, lassen sie ein brennendes Bündel grüner Blätter herab,
+um die Bienen auszuräuchern oder zu betäuben. Sodann steigt einer aus
+der Gesellschaft auf der schwankenden Leiter hinunter, ebenfalls mit
+einer schwelenden Masse Blattwerk ausgestattet, während der Schamane
+der Gemeinde am Rande des Felsens steht und Zaubergesänge an die
+Geister der Verstorbenen richtet, auf daß sie den Honigeinsammler
+auf seiner „goldbesetzten Schnur“, wie sie die Leiter benennen,
+beschützen. Dieser führt außer seinem Feuerbrand noch einen kräftigen,
+etwa zweieinhalb Meter langen Stock mit vier Zinken, um die Waben
+loszureißen, (auch wohl einen Pfeil zur weiteren Hilfe) und einen
+festen Behälter aus Hirschfell zur Aufnahme des Ertrages, beides an
+einer Schlinge am Unterarm, mit sich. Für gewöhnlich schließen sich
+alle Gemeindemitglieder zur Gewinnung des Honigs zusammen und verteilen
+die Beute gleichmäßig ohne Rücksicht auf den, der sich den Gefahren des
+Einsammelns aussetzte. Die Frauen begleiten ihre Männer zu den Felsen
+und zu den Spalten, wo die Bambara ihre Nester anlegen; sie halten
+Fackeln während der Nacht, die man zum Einsammeln bevorzugt, und singen
+während der ganzen Zeit Lieder.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 78. Eine Weddafamilie (Hennebeddastamm) vor ihrer Wohnung unter
+einem überhängenden Felsen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 79. Speertanz der Wedda.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Platé & Co.
+
+Abb. 80. Eine indische Bajadere,
+
+auch Nautschmädchen genannt. Diese Mädchen werden zum Dienst in den
+Hindutempeln auf Ceylon sowohl wie im übrigen Indien gedungen; sie
+führen gelegentlich ihre Tänze, die hauptsächlich in verschiedenen
+Stellungen des Körpers bestehen, auch bei privaten Festlichkeiten auf.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 81. Anbetung des Kande und Bilinde Yaka
+
+durch einen Schamanen zum Dank für eine erfolgreiche Jagd.]
+
+Die +Religion+ der Wedda ist ein Toten- und Geisterkult. Nach der
+allgemeinen Annahme wird der Geist eines jeden Verstorbenen (Mann, Frau
+und Kind) wenige Tage nach dem Tode ein Yaka; wie manche allerdings
+behaupten, sollen nur Männer dieses Vorzuges teilhaftig werden, die in
+ihrem Leben sich durch Tapferkeit, Charakterstärke und Geschicklichkeit
+auszeichneten oder die Macht besaßen, die Geister der Verstorbenen
+zu beschwören. Diese Geister der Verstorbenen werden insgesamt als
+Nae Yaku bezeichnet; sie erscheinen den Überlebenden als wohlgesinnte
+Verwandte und Freunde, sofern sie gut behandelt werden, lassen aber
+ihren Zorn und Unwillen an ihnen aus und sind ihnen direkt feindlich
+gesinnt, wenn man sie vernachlässigt. Daher sind die Wedda bemüht, sie
+sich durch Darbringen von Opfern (Abb. 76 u. 77) geneigt zu machen.
+Außer den gewöhnlichen Yaku beten die Wedda noch eine Art Obergeister
+an, die Seelen zweier Brüder, die einst berühmte Jäger waren, Kande
+Yaka und Bilinde Yaka; nach dem allgemeinen Glauben sollen die Nae
+Yaku zu diesen gehen, um etwas für ihre überlebenden Angehörigen,
+im besonderen bei der Ausübung der Jagd, zu erreichen, und ihnen in
+gewissem Sinne Dienste leisten. Haben die Wedda Unglück auf der Jagd
+gehabt, dann wenden sie sich mit Bitten an diese großen Geister.
+Ihre Anrufe bestehen in einem Tanz um einen in die Erde gesteckten
+Pfeil (Abb. 79); die Tänzer schlagen sich dabei im Takte mit den
+flachen Händen auf ihre Seiten und rühmen die Tüchtigkeit des Kande
+als Jäger. Gelegentlich werden auch größere Feste vor Antreten eines
+Jagdzuges gefeiert. Nach der Schilderung, die Seligmann von einem
+solchen gibt, wurden zunächst Reis, Kokosnuß und Pfefferschoten mit
+bestimmten Wildstücken gekocht und in einer Lichtung des Dschungels
+als Opfer hingestellt. Der Schamane hockte sich davor nieder, wendete
+sich mit gefalteten Händen an die beiden Kande und Bilinde Yaka (Abb.
+81), dankte ihnen für den bisherigen Erfolg, den sie auf der Jagd
+den Leuten verliehen hätten, und forderte sie schließlich auf, von
+dem Opfer zu nehmen (Abb. 82). Nach kurzer Zeit, währenddessen die
+Geister, wie man annahm, sich versorgt hatten, wurde die Speise von
+den Wedda aufgezehrt. Darauf wurden auf freiem Platze in der Nähe der
+Höhle drei Stöcke zusammengebunden und auf diese ein tönerner Napf,
+Kirikoraha, gesetzt und darüber ein Zeremonialpfeil gelegt (Abb. 83).
+Alle stimmten nun Gebete an die Yaku an, der Schamane tanzte mit dem
+Pfeil und einer Kokosnuß in den Händen um das Gestell und schlug beides
+kräftig aneinander, so daß die Kokosnuß zerbrach; die ausfließende
+Milch ließ er in die Schüssel laufen; dabei sang er gleichfalls
+Beschwörungsformeln. Aus der Art und Weise, wie die Nuß sich spaltete,
+weissagte er, ob das nächste Tier, das erlegt werden würde, ein
+männliches (bei glattem Bruch) oder ein weibliches (bei zackigen
+Rändern) sei. Nachdem er darauf weitergetanzt und die Teilnehmer ihre
+Beschwörungsgesänge fortgesetzt hatten, untersuchte der Schamane auch
+die Milch, indem er sie sich durch die Finger laufen ließ und etwas
+auf seinen Pfeil schüttete (Abb. 84). Zunächst fiel er nun erschöpft
+in die Arme eines der Zuschauer, erholte sich aber bald wieder, füllte
+seine hohle Hand mit Milch und prophezeite unter Erschütterung des
+Körpers und Luftschnappen einigen der Anwesenden gutes Glück bei
+der Jagd. Sein aufgeregtes Wesen zeigte jetzt den Teilnehmern an,
+daß er vom Kande Yaka besessen sei; er kauerte sich zusammen und tat
+so, als verfolge er in Fußspuren die Fährte eines Tieres (Abb. 85).
+Darauf erhielt er Bogen und Pfeil und setzte unter großer Aufregung
+das Aufspüren des Wildes fort, bis er endlich einen Korb, der vor ihm
+auf die Erde gesetzt worden war, mit dem Pfeil durchschoß. Bald darauf
+verließ der Geist den Zauberer, und die Zeremonie war zu Ende. Zum
+Schluß wurde der Inhalt der Kokosnuß, die dem Yaka geopfert worden
+war, an die Festteilnehmer verteilt; ein jeder bemühte sich, etwas zu
+erhalten, damit ja nichts davon verloren gehe. Von der Milch wurde
+etwas den Hunden auf die Köpfe gerieben, damit sie tüchtiger beim
+Aufspüren und Erfassen des Wildes würden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 82. Der Schamane sagt eine gute Jagd voraus,
+
+nachdem Kande Yaka und Bilinde Yaka angerufen wurden.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 83. Anrufung des Kande und Bilinde Yaka.
+
+Der Schamane tanzt um den Dreifuß, er hält in den Händen den
+Zeremonialpfeil und die Kokosnuß.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 84. Prüfung der Kokosmilch nach dem Tanze.
+
+Der Schamane läßt die Milch durch seine Finger auf den Pfeil laufen.]
+
+Ähnliche Tänze, bei denen es zur Besessenheit kommt, werden zur Heilung
+von Krankheiten veranstaltet; sie spielen sich um und unter einem
+laubenartigen Gestell (Kolamaduwa) ab, von dessen wagrechten Stäben
+Blätterbüschel herabhängen (Abb. 87). Die Feststellung, welcher Yaka
+die Krankheit verursacht hat, geschieht dadurch, daß der Wedda einen
+Bogen auf seinen Fingern balancieren läßt und abwartet, bei wessen
+Namennennung dieser in Schwingungen gerät (Abb. 88).
+
+In gleicher Weise wird der Schutz der Yaku für den guten Verlauf einer
++Geburt+ angerufen. Man schlägt drei kräftige Pfosten mit gabelförmig
+gespaltenem Ende in die Erde und bindet an sie eine Menge Baststreifen
+an. Zwei Leute, von denen einer der Vater der Schwangeren sein muß
+(Abb. 86), tanzen zwischen diesen Pfosten umher, die während der
+Zeremonie den anzurufenden Geistern zum Aufenthalt dienen sollen,
+und benehmen sich bald darauf wie besessen. Der Vater ergreift einen
+Stock, der an seinem Ende gleichfalls eine Anzahl Baststreifen trägt,
+den Wila, fuchtelt mit ihm unter Geschrei in der Luft herum, so daß
+die Streifen weit weg flattern, nähert sich darauf seiner Tochter,
+schwingt den Wila über ihren Kopf und hüllt sie für einige Sekunden
+damit ganz ein, wobei er gleichzeitig das Geschlecht des kommenden
+Kindes voraussagt (Abb. 89). Darauf nimmt er den Wila wieder fort,
+schwingt ihn noch einmal, zieht ihn über die Frau nach unten, so daß
+die Blätter ihren Kopf und Körper streifen, und fegt dann weiter damit
+über den Erdboden; er tut dies, um die Schmerzen der Kindesnöte von der
+Schwangeren gleichsam hinwegzuwischen. Damit hört seine Besessenheit
+auf. Nach einer kurzen Pause geht er noch einmal zu den Baststreifen,
+die auf einem Haufen daliegen, nimmt ein paar von ihnen in die Hand
+(Abb. 90) und ruft den Geistern, wobei er noch ihre Anwesenheit
+voraussetzt, die Worte zu: „Ane! Möge irgendwelches Unheil meinem Kinde
+dieses Mal nicht widerfahren. Du mußt ihr gestatten zu landen“ (das
+heißt aus ihrem Meer von Mühsalen zu entkommen).
+
+Die +Kinder+ der Wedda wachsen ohne besondere Erziehung heran; die
+einzige Beschäftigung, die ihnen systematisch gelehrt wird, ist das
+Einsammeln des Honigs. Das Nachahmen der Erwachsenen nach dieser
+Richtung scheint ein beliebtes Spiel der Kleinen zu sein.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 85. Verfolgung der Spuren eines Samber
+
+durch den vom Geiste des Kande Yala besessenen Schamanen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 86. Gebetszeremonie bei den Wedda.
+
+Ein Tanz, durch den die Vorfahren um Schutz angegangen werden; der
+Vater der Schwangeren nimmt daran teil.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 87. Kolamaduwazeremonie zur Heilung von Krankheiten des Viehs
+
+und zur Abwehr von epidemischen Seuchen unter den Eingeborenen. Einer
+der Tänzer unter dem Blätterwerk ist vom Geiste besessen.]
+
+Die +sexuelle Moral+ ist bei den Wedda von jeher eine außerordentlich
+hohe gewesen und ist es auch jetzt noch; sowohl Verheiratete wie auch
+Unverheiratete sind gewohnheitsgemäß keusch. Die Leute leben streng
+monogam und halten sich die gegenseitige Treue bis in den Tod. Bei
+seiner +Werbung+ bringt der junge Mann dem Vater seiner Erkorenen
+Geschenke in Gestalt von Honig, getrocknetem Wild und Fleisch der
+Warneidechse dar, dieser ruft seine Tochter herbei und übergibt sie
+der Obhut ihres Gatten, für den sie sofort ein Gürtelband anfertigt.
+Bei der +Heirat+ überläßt der Vater meistens seinem Schwiegersohne
+ein Stück Land, für gewöhnlich einen Hügel, der von einer Kolonie
+Felsenbienen bewohnt ist, oder er schenkt ihm etwas aus seinem
+persönlichen Besitze, wie einen Bogen oder ein bis zwei Pfeile, auch
+wohl einen Hund. Ein anderer Brauch, der jetzt bereits im Schwinden
+begriffen ist, besteht darin, daß der Bräutigam zugleich mit den
+Eßwaren für den Vater des Mädchens diesem eine Haarlocke überreicht,
+die entweder von seiner Schwester oder von ihm stammen muß. Es war dies
+früher allgemeine Sitte und gehörte gleichsam zur Hochzeitszeremonie;
+unterließ der Bräutigam dieses Geschenk, so konnte das Mädchen darauf
+bestehen, daß sie eine Haarlocke erhielt. Anderseits aber war es auch
+Pflicht der Schwester des Bräutigams, sich für diesen beziehungsweise
+seine Braut eine Haarlocke abschneiden zu lassen, wenn sie wußte, daß
+es sich dabei um eine Hochzeitsgabe handelte. Nur wenn die Schwester
+zufällig fort oder überhaupt nicht vorhanden war, mußte der junge
+Mann die Locke seinem eigenen Haar abschneiden. Der Grund für diese
+eigentümliche Sitte ist ein ganz prosaischer. Bei den Wedda ist es
+allgemein üblich, daß die Frauen, aber nur die verheirateten, falsche
+Haare tragen, angeblich, damit der Haarknoten recht kräftig aussehen
+soll. Diese Erklärung erscheint aber recht unwahrscheinlich für ein
+Volk, das so herzlich wenig Wert auf sein Äußeres legt, wie die Wedda.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 88. Weddazauber.
+
+Um festzustellen, welcher Yaka für eine Krankheit verantwortlich zu
+machen ist, balanciert der Wedda seinen Bogen und wartet ab, bei
+welchem Namen dieser zu schwingen anfängt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 89. Geburtszeremonie bei den Wedda.
+
+Der Vater der Schwangeren bedeckt diese mit einem Wila und sagt das
+Geschlecht des zu erwartenden Kindes voraus.]
+
++Witwen+ dürfen sich wieder verheiraten, gewöhnlich verbinden sie
+sich mit einem unverheirateten Bruder des verstorbenen Mannes, sofern
+dies möglich ist. Auch ihre sexuelle Moral steht ebenso hoch wie die
+der unverheirateten Mädchen. -- Auffällig ist, daß bei den Wedda sich
+Kinder von Bruder und Schwester, also Cousin und Cousine über Kreuz
+heiraten dürfen, eine Verbindung, die anderwärts für Blutschande gilt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. G. Seligmann.
+
+Abb. 90. Geburtszeremonie bei den Wedda.
+
+Der Vater der Schwangeren bittet mit dem Wila in der Hand um eine
+glückliche Entbindung seiner Tochter.]
+
+Trotzdem die Religion der Wedda in einem Totenkult gipfelt, machen sie
+mit ihren +Verstorbenen+ keine besonderen Umstände. Stirbt jemand, so
+bleibt sein Körper einfach in der Höhle oder unter dem Felsenspalt
+liegen, wo der Tod eintrat; die Leiche wird weder gewaschen noch
+bekleidet oder in irgend einer Weise geschmückt, man läßt sie auf
+dem Rücken liegen und deckt sie nur mit Blättern und Zweigen zu; in
+früheren Tagen wälzte man noch einen Stein auf die Brust, jedenfalls um
+zu verhindern, daß die Seele austrete und die Überlebenden belästige.
+So schnell wie möglich wird die Höhle von den Angehörigen verlassen
+und für längere Zeit gemieden. Nach Jahren pflegen die Söhne zumeist
+wieder zu dieser Stätte zurückzukehren und die etwa noch vorhandenen
+Knochen einfach in den Dschungel zu werfen. -- Um die Geister gut zu
+stimmen, hält man es gewöhnlich für notwendig, den Verstorbenen eine
+Opfergabe, meistens ein bis zwei Wochen nach dem Tode, darzubringen;
+dieses Opfer muß aus gekochtem Reis und Kokosnußmilch, häufig auch
+noch aus Betelblättern und Arekanuß bestehen. In jeder Gemeinde gibt
+es wohl immer einen Schamanen, der die erforderliche Macht und die
+Kenntnisse besitzt, um die Geister, die Yaku, anzurufen; er fordert die
+kürzlich Verstorbenen auch auf, zu kommen und das ihnen dargebotene
+Opfer anzunehmen. Der Yaka kommt, nimmt von dem Schamanen Besitz und
+spricht durch dessen Mund mit heiseren gutturalen Tönen, daß er
+mit dem Opfer zufrieden sei und sich bemühen werde, den Angehörigen
+seiner Sippe bei der Jagd behilflich zu sein; oft gibt er ihnen auch
+an, welche Richtung die Männer beim nächsten Jagdausflug einzuschlagen
+haben, um Beute heimzubringen. Nachdem die Seele den Schamanen
+verlassen hat, verzehren die versammelten Hinterbliebenen den Reis,
+gewöhnlich sogleich an der Stelle, wo sie das Opfer darbrachten.
+
+[Illustration: Singhalesische Teufelstänzer,
+
+die groteske, Dämonen darstellende Holzmasken tragen. Diese Dämonen
+sollen in Krankheitsfällen durch die Teufelstänzer versöhnt werden.
+Über den Rücken des linken Tänzers hängt eine dreiköpfige, die Maske
+überragende Kobra. Alle Dämonen stellen sich die Singhalesen mit
+großen weißen Fangzähnen und starren, unbeweglichen Augen vor. Diese
+sonderbaren Teufelstänze sollen gewöhnlich einen guten Einfluß auf den
+Kranken ausüben.]
+
+Die herrschende Klasse auf Ceylon sind die +Singhalesen+, ein aus
+Nordindien eingewanderter Volksstamm, der zwar bei seinem Erscheinen
+schon gemischt war, aber im großen und ganzen doch in seinem Äußeren
+die Merkmale des Hindutypus seines Ursprungslandes bewahrt hatte.
+Dementsprechend besitzen sie feine, regelmäßige Züge; besonders
+die Frauen sind manchmal wirkliche Schönheiten (Abbild. 91). Von
+ihren dunkelhäutigen Mitbewohnern der Insel unterscheiden sich die
+Singhalesen durch ihre größere Gestalt (die Männer im Durchschnitt
+hundertdreiundsechzig Zentimeter), eine geringere Pigmentierung der
+Haut, die ein helles Braun oder hellbräunliches Gelb aufweist, eine
+größere und schmalere, feinere Nase und reichliches Körper- und
+Barthaar; schöngepflegte Vollbärte sind keine Seltenheit unter ihnen.
+
+[Illustration: Abb. 91. Singhalesin.]
+
+Die Singhalesen +wohnen+ zumeist in +Dörfern+ (Abb. 93) in den Tälern
+und Falten der Gebirge im Innern, sowie an der Küste; hier größtenteils
+in besonderen Vierteln der großen Städte.
+
+Ihrem +Charakter+ nach sind die Singhalesen klug, höflich, würdevoll
+und ernst, auch selbstbewußt; die des Unterlandes aber verweichlicht,
+schlaff und energielos. Dieser Eindruck wird noch durch ihre
++Kleidung+ erhöht. Ein um die Hüften geschlungenes Tuch macht bei
+beiden Geschlechtern das nationale Gewand aus; es hat bei den Männern
+verschiedene Länge, je nach der sozialen Rangordnung seines Trägers.
+Die Singhalesen zerfallen nämlich in eine Reihe +Berufskasten+;
+die vornehmste Kaste stellen die Goiwansa (die höheren Beamten und
+Grundbesitzer); es folgen sodann im Range die Karawo (Fischer), die
+Tschaudo (Palmweinbauern), die Atschari (Handwerker allerlei Art) und
+so weiter; auf der niedrigsten Stufe stehen die Rodiya (Abb. 92),
+denen jeglicher Verkehr mit Menschen höherer Klasse verboten ist.
+Diese Paria dürfen ihr Gewand nur bis zu den Knien, höchstens bis zu
+den Waden reichen lassen, dagegen die Goiwansa dürfen ein solches
+bis zu den Knöcheln tragen, was für große Vornehmheit gilt. In den
+Städten des Unterlandes tragen die Männer außerdem noch eine nach
+europäischem Schnitt angefertigte Jacke, im Berglande aber gehen sie
+mit entblößtem Oberkörper einher. Einen besonders weichlichen Eindruck
+macht die +Haartracht+ der Männer. Ihr langes Haar wird nach hinten
+zusammengerafft und durch einen halbkreisförmig gebogenen, quer über
+den Hinterkopf gelegten Schildpattkamm zurückgehalten. Im Oberland,
+wo diese Tracht nicht üblich ist, wird das Haar durch ein um den Kopf
+gelegtes Tuch hochgehalten oder bleibt auch ganz unbedeckt. Der Rock
+der Frauen gleicht dem der Männer; es wird von ihnen gleichfalls ein
+langes Tuch um den Unterkörper geschlungen, aber es ist so lang, daß es
+noch den Oberkörper einzuhüllen vermag. Sein Ende wird nämlich über die
+linke Schulter geworfen und an der Taille wieder unter das untere Stück
+eingesteckt. Den untersten Kasten ist es verboten, mit dem gleichen
+Stück auch den Oberkörper zu bedecken; sie müssen hierzu ein besonderes
+Tuch verwenden. -- Alle Singhalesen bekunden eine große Vorliebe für
+Schmuck, von dem wohl keine Körperstelle freigelassen wird; Finger,
+Vorder- und Oberarm, Hals, Ohren, Taille und selbst Fußgelenke und
+Zehen werden, wenn es die Verhältnisse erlauben, mit Schmuck gleichsam
+überladen, der nach Möglichkeit aus Edelmetallen (Gold und Silber)
+sowie aus Edelsteinen und Perlen besteht. Bei festlichen Gelegenheiten
+wird von den Frauen ein wahrer Prunk entfaltet; wo der eigene Besitz
+dazu nicht ausreicht, wird der Zierat von guten Bekannten geliehen.
+
+[Illustration: Abb. 92. Rodiya, die Bewohner von Hadirawalani.]
+
+Die Singhalesen sind ein +ackerbautreibendes+ Volk; in den Städten
+üben sie auch verschiedene Handwerke aus und bekunden hierin einen
+entschieden künstlerischen Sinn. Die meiste Arbeit im Haus, sowie im
+Garten und auf dem Felde verrichtet die Frau.
+
+Alle Singhalesen bekennen sich zum +Buddhismus+ (Abb. 94), aber
+ihre +religiösen Übungen+ umfassen mancherlei Handlungen und
+Zeremonien aus anderen, niederer stehenden Religionen, unter anderem
+das Darbringen von Opfergaben, und ein verwickeltes Ritual zur
+Versöhnung verschiedener Klassen von Teufeln, Yakan genannt, sowie zur
+Beseitigung schädlicher Einflüsse von seiten der Gestirne oder lokaler
+Gottheiten, der Geister von Ortshäuptlingen und sonstigen bedeutenden
+Persönlichkeiten, darunter auch einigen Königen. Dieser Geister muß
+es eine große Menge geben, denn Listen, von denen man weiß, daß sie
+unvollständig sind, zählen deren ungefähr hundertzwanzig mit Namen auf.
+Man hält sie im allgemeinen für wohlgesinnt und wohlwollend, aber oft
+auch für feindlich und schädlich und bringt ihnen daher Opfer dar. Alle
+diese Dienste verrichten geschulte Vermittler oder Priester. Unter den
+heiligen Handlungen, die sie vornehmen, um einen Dämon zu bewegen, daß
+er von seinem Opfer Abstand nehme, das er mit Krankheit heimgesucht
+hat, machen verschiedentlich Tänze (Abb. 95 und 96) den Hauptanteil
+an den Zeremonien aus; in anderen Fällen werden Opfer dargebracht und
+phantastischer Kopfschmuck und Masken getragen (siehe die farbige
+Kunstbeilage). -- Wie im übrigen Indien, so werden auf Ceylon für den
+Tempeldienst besondere Tänzerinnen, die sogenannten Nautschmädchen
+(Abb. 80), schon von klein auf ausgebildet.
+
+[Illustration: Abb. 93. Eingeborenenhütte in einer Kokosplantage
+(Wälawatta bei Colombo).]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Platé & Co.
+
+Abb. 94. Eine tragbare buddhistische Bethalle.
+
+An der Vorderseite sind Masken in Relief angebracht, die Dämonen
+vorstellen; einige davon sind von Cobraköpfen überragt. Zwei Dämonen
+bewachen die Seiten.]
+
+Ist jemand von einer Krankheit befallen, dann wenden sich die
+Angehörigen zuerst an einen eingeborenen Arzt. Wenn dessen medizinische
+Behandlung nach einigen Tagen ohne Wirkung zu bleiben scheint, nehmen
+sie an, daß die Krankheit auf diese Weise nicht gehoben werden könne,
+sondern von einem feindlichen Einflusse, entweder von einem bösen
+Blick oder einem Dämon oder einer schädlichen Einwirkung der Gestirne
+herrühren müsse. Sie wenden sich jetzt an einen Wahrsager, der, nachdem
+er sich hat Bericht erstatten lassen, für gewöhnlich erklärt, daß
+das Leiden die Tat eines bestimmten Dämons sei, und daher empfiehlt,
+ihm eine Opfergabe zu versprechen. Der Priester, der diese vollzieht,
+befestigt als äußerlich sichtbares Zeichen, daß dieser Forderung
+Genüge geschah, an die kranke Person ein Bare (Merkmal), entweder
+eine in ein Stückchen gelbgefärbten Kattuns eingewickelte Münze um
+den Hals oder Arm, auch einen dreifachen ebenso gefärbten Faden, oder
+ein zusammengelegtes Taschentuch und anderes mehr, hängt auch ein
+entsprechendes Merkmal in seinem Hause oder Kornspeicher auf. Soll
+daraufhin die Versöhnung des Dämons vor sich gehen, so kommt an einem
+festgesetzten Tage oder Abend der Priester mit noch einem oder mehreren
+anderen ins Haus des Kranken, wo sich auch bereits Tamtamschläger
+eingefunden haben. Auf einem auf vier Stöcken hergerichteten Tischaltar
+wird eine Speise gekocht, deren Auswahl sich nach dem zu versöhnenden
+Dämon richtet, und diesem auf Bananenblättern als Tellern geopfert.
+Den Altar umstehen kleine Dochtlämpchen. Alles, was für die Zeremonie
+verwendet und geopfert wird, muß drei Reinigungen oder Läuterungen
+durchmachen. Es wird Weihrauch in einem Fäßchen geschwungen oder auf
+einen brennenden Stock gestreut, und die Enden eines weißen Tuches
+von genügender Länge werden von dem Priester in Form einer Acht
+in horizontaler Richtung geschwungen. Der Priester ist mit einem
+weißen Tuch bekleidet, das Haupt und Schultern bedeckt. Gleichzeitig
+werden die Tamtame so laut wie möglich geschlagen und Rohrpfeifen
+und Trompeten geblasen, um die Aufmerksamkeit des Dämons auf sich zu
+lenken. In manchen Fällen erfassen die Priester die Fackeln, schwingen
+sie und tanzen umher; die ganze Szene macht auf jeden Zuschauer einen
+ganz unheimlichen Eindruck, auch auf den Kranken, der ihr von Anfang
+bis zu Ende beiwohnt. Wird der oberste der Teufel, Sanni Yaka, der
+Krämpfe, heftige Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und so weiter veranlaßt,
+angerufen, so kommen Masken in Anwendung. Es gibt deren nicht weniger
+als zweiunddreißig, jede von ihnen, ausgenommen die letzte, läßt
+äußerlich bestimmte, meistens verzerrte Züge eines Leidens erkennen,
+die er verursacht; die letzte Maske zeigt den Teufel aber in seiner
+wahren Gestalt als eine milde, gutartig aussehende Persönlichkeit. Wird
+er um Gnade angegangen, dann legt einer der Priester eine der Masken
+an, tritt aus dem Hintergrunde hervor, berührt die Speise, tanzt ein
+wenig und zieht sich darauf wieder zurück. Sodann erscheint er oder
+ein anderer mit einer neuen Maske; dies geht immer so weiter, bis
+alle zweiunddreißig Masken vorgeführt worden sind. Nach Ablauf dieser
+Zeremonie muß der Kranke dann genesen sein.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Platé & Co.
+
+Abb. 95. Singhalesische Stocktänzer,
+
+die hockend oder stehend um den in der Mitte befindlichen
+Leiter herumtanzen, indem sie gleichmäßig im Takt ihre Stöcke
+gegeneinanderschlagen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Platé & Co.
+
+Abb. 96. Singhalesische Teufelstänzer
+
+mit ihrem besonderen Kopfschmuck, großem Ohrgehänge,
+Messingachselstücken, Perlketten über der Brust, roten Tuchanhängseln,
+die über den Gürtel herunterhängen, und weiten Röcken.]
+
+Das Ritual, bei dem es sich darum handelt, die +schädlichen Einflüsse
+der Planeten+ und anderer Himmelskörper zu vertreiben, weist
+fünfunddreißig verschiedene Formen auf und besteht hauptsächlich aus
+Tänzen und Gesängen zu Ehren der Macht, welche die Krankheit veranlaßt
+hat, sowie in Anrufen des Inhaltes, daß sie ihre Wirkung auf den
+Kranken aufhören lassen möge; die Zeremonie dauert für gewöhnlich die
+ganze Nacht hindurch. Der Patient sitzt oder liegt dabei auf einer
+Matte dem Amtierenden gegenüber, ihm zur Seite je ein Freund. Bei
+jeder Pause in den Bittgesängen des Priesters rufen diese beiden der
+angeredeten Macht „Ayibo, Ayibo“, das heißt „Langes Leben, langes
+Leben“ zu. Der ganze Vorgang wird reichlich beleuchtet, die Tänzer
+tragen auch noch Fackeln; Tamtamschläger begleiten die Tänzer im
+Takt. Vor dem Kranken ist außerdem noch auf einem Rahmen ein farbiges
+Lehmrelief seiner selbst, sowie die Sinnbilder einiger Himmelskörper
+aufgestellt; er hält das Ende eines Fadens in der Hand, der an
+der Mittelfigur befestigt ist. -- Der +Glaube an den Einfluß der
+Gestirne+ ist in dem Singhalesen fest eingewurzelt, und seine stete
+Sorge ist es, überall die Gunst des Standes der Gestirne auszunutzen
+und ihre schädlichen Wirkungen abzuwenden. Vor Schluß des Jahres
+läßt er sich von dem Astrologen eine Zusammenstellung geben, in der
+alle glück- und unheilbringenden Stunden -- hierzu gehören in erster
+Linie die Finsternisse -- des neuen Jahres verzeichnet stehen, sowie
+alle Handlungen und Zeremonien, die man zu diesen Zeiten vorzunehmen,
+beziehungsweise zu unterlassen hat. In einem solchen astrologischen
+Kalender heißt es unter anderem: „Das Zeichen des kommenden Jahres
+wird ein roter Löwe sein, der gerade aufgerichtet auf einem Pferde
+reitet und aus einem Loch herauskommt, das wie das Maul eines Pferdes
+gestaltet ist. Dies wird am Anfange des Jahres geschehen, neun Stunden
+und vierundfünfzig Minuten nach Sonnenuntergang; in diesem glücklichen
+Augenblick soll man Milch an allen vier Ecken des Hauses kochen“ und so
+weiter.
+
+[Illustration:
+
+ Photo. Colombo Apothecaries Co.
+
+Abb. 97 Peraharaprozession in Kandy,
+
+bei der in jeder Nacht während zweier Wochen die Gerätschaften und
+Abzeichen der vier indischen Gottheiten, in der letzten Nacht der
+Buddhazahn auf einem Tempelelefanten durch die Straßen getragen
+werden. Den Elefanten gehen voraus und folgen die Dorfvorsteher mit
+breiten tellerartigen Kopfbedeckungen. Vor diesen kommen Tänzer und
+Stockschläger.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Colombo Apothecaries Co.
+
+Abb. 98. Der heilige Zahn des Buddha,
+
+der angeblich etwa achthundert Jahre nach dessen Tode nach Kandy
+gebracht wurde und hier in einem Tempel aufbewahrt wird. Er ruht auf
+einer goldenen Lotosblüte und wird für gewöhnlich mit einer goldenen,
+mit Edelsteinen besetzten Glocke zugedeckt.]
+
+Das +neue Jahr+ beginnt man mit verschiedenen Zeremonien, dem
+Anzünden des ersten Feuers, der Aufnahme der ersten Nahrung und
+ein paar Tage später mit der Ölung aller Familienhäupter mittels
+einer Mischung von fünf Ölen, die in günstigen Augenblicken, welche
+die Astrologen feststellten, gemischt wurden, um sich dadurch die
+allgemeinen Glücksfälle des Jahres zu sichern. Der Familienvater stellt
+sich mit dem Gesicht nach der Richtung gewendet, die für die günstige
+erklärt worden ist, vor einen Tisch, auf dem ein Licht und eine Tasse
+mit Öl steht, taucht einen oder auch alle Finger hinein und zieht die
+Fingerspitzen über die rechte Seite des Kopfes oberhalb des Ohres;
+unter tiefem Schweigen wiederholt er diesen Vorgang an den anderen.
+
+[Illustration: Das Periyapalayamfest,
+
+das jährlich zu Ehren der Dorfgöttin von Periyapalayam bei Madras
+stattfindet und von zahllosen Hindu aller Stände besucht wird. Männer,
+Frauen und Kinder kleiden sich in Blätter und Zweige des heiligen
+Mangojabaumes. Die Andächtigen zahlen eine kleine Eintrittsgebühr
+in den Tempelbezirk und gehen drei oder mehrere Male um den
+Göttinnenschrein herum.]
+
+Das große +Peraharafest+ wird im Juni gefeiert, da um die Zeit der
+Sonnenwende die Regenperiode einsetzt; man veranstaltet diese besonders
+für Kandy großartige Zeremonie, um Fruchtbarkeit für die Äcker zu
+erzielen. An jedem Abend während der zwei Wochen, die das Fest dauert,
+trägt man die Waffen und Abzeichen von vier indischen Gottheiten
+in feierlichem Zuge, an dem Elefanten, Musikbanden und Tänzer bei
+Fackelschein teilnehmen (Abb. 97), durch die Stadt, am letzten Abend
+kommt noch die angebliche Zahnreliquie des Buddha (Abb. 75 und 98)
+hinzu. An diesem Abend begibt sich der Aufzug schließlich noch nach dem
+Mahawäligangafluß zum Wasserschneiden. Bei Anbruch des nächsten Tages
+beschreiben die vier Priester der Tempel der indischen Gottheiten mit
+ihren Schwertern einen Kreis im Flusse, füllen vier Gefäße mit Wasser
+aus diesem Kreis und kehren damit zu ihren Tempeln zurück, wo man die
+Gefäße bis zum nächstjährigen Peraharafest stehen läßt. An anderen
+Stellen spielt sich der Vorgang etwas anders ab; hier wird ein weißes
+Tuch von zwei Männern über das Wasser gehalten und in der Mitte von den
+Symbolen der Gottheiten niedergedrückt; das in dem Tuch befindliche
+Wasser wird in den Tempel mitgenommen. Solches Wasser wird auch
+verabreicht, um Krankheiten zu heilen. -- Ein anderes wichtiges Fest
+wird alljährlich zu Ehren der Göttin Mariamma zu Periyapalayam gefeiert
+(Abb. 99 und die farbige Kunstbeilage).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 99. Eine Szene vom Periyapalayamfest,
+
+das alljährlich in der Nähe von Madras gefeiert wird. Büßer kriechen
+zur Erfüllung eines Gelübdes oder rollen sich auf der Erde rund um den
+Heiligenschrein der Göttin Mariamma.]
+
+Sobald dem Singhalesen ein +Kind+ geboren ist, eilt der Vater zum
+Astrologen, um sich für das Neugeborene das Horoskop stellen zu lassen.
+Früher wurde das Kind, falls der Stand der Gestirne ungünstig war,
+lebendig begraben, ertränkt oder dem Hungertod preisgegeben. Auch wenn
+man sonst bei kinderreicher Familie ein Kind aus dem Wege schaffen
+wollte, gab man als Grund hierfür an, daß es unter einem unglücklichen
+Planeten geboren sei. Selbst heute soll man von der Unsitte, die
+Kinder, im besonderen die Mädchen zu töten, wozu hauptsächlich Opium
+verwendet wird, noch nicht ganz abgekommen sein; auch Abtreibung
+soll im Schwange sein, um keine zu große Familie zu bekommen. Die
+Neugeborenen werden von der Mutter ernährt, und zwar ziemlich lange,
+oft drei, vier und noch mehr Jahre; vom fünften Monat an erhalten sie
+aber auch Reis als Beikost. Der Augenblick, in dem ihnen zum ersten
+Male diese Speise gereicht wird, wird unter großer Feierlichkeit
+begangen. Dabei erhalten die Kleinen auch ihren ersten Namen, den
+Reisnamen. Natürlich wird auch hier der Astrologe wieder zu Rat
+gezogen. Auf Grund des Horoskops bei der Geburt soll er den ersten
+Buchstaben des Namens ermitteln und die Eltern die übrigen nach ihrem
+Belieben hinzufügen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Colombo Apothecaries Co.
+
+Abb. 100. Einäscherung eines buddhistischen Mönches.]
+
+Die Singhalesen +heiraten+ sehr früh. Sobald das Mädchen die Reife
+erreicht hat, wird es für mehrere Tage abgesondert und muß für
+gewöhnlich noch mehrere Monate im Hause verbleiben. Nachdem es dann ein
+Bad genommen hat, darf es sich zum ersten Male im Spiegel beschauen,
+was vordem für unschicklich galt. Die Heirat ist für die Beteiligten
+das reine Geschäft, keine Herzensangelegenheit. Bei der Auswahl
+ihrer Schwiegertochter, welche die Eltern treffen, ist die erste
+Bedingung, daß sie derselben Kaste angehört; sodann kommt für sie die
+Vermögensfrage in Betracht, in dritter Linie, ob sie gesund, häuslich
+und so weiter ist. Genügt ein Mädchen diesen Vorbedingungen, so muß
+man sich weiter versichern, ob die beiden Auserwählten als Brautleute
+zusammenpassen, das heißt unter Planeten geboren wurden, die einander
+nicht feindlich sind. Stimmen ihre beiderseitigen Planeten überein,
+dann werden vom Sterndeuter auch Tag und Stunde festgesetzt, die für
+die Vereinigung günstig sind. Inzwischen werden die erforderlichen
+Vorbereitungen zur +Hochzeit+ getroffen, ein großer Speisesaal
+hergerichtet, seine Wände und Decke mit weißem Tuch ausgeschlagen, das
+Haus der beiden Parteien geschmückt, viel Kuchen gebacken und Früchte
+eingekocht. Am Hochzeitstage wird der Bräutigam in feierlichem Zuge von
+den Seinigen, die alle in Festgewänder gekleidet sind, zum Hause der
+Braut geleitet. Hier finden sie den Eingang der Umfriedigung versperrt
+und von zwei männlichen Mitgliedern der Partei der Braut bewacht;
+durch Singen machen diese den Ankömmlingen verständlich, daß ihnen der
+Zutritt verboten sei. Einer aus der Gruppe des Bräutigams erwidert in
+Versen, welche die Wächter veranlassen, die Sperre zu entfernen und
+dem Zug Eintritt zu gewähren. Die Besucher werden darauf im Hause von
+den Verwandten der Braut empfangen; sie bringen Geschenke und Speise
+mit, welche die Angehörigen der Braut verzehren. Die Brautmutter erhält
+von den Geschenken ein Stück weißes Tuch und Kleider, die Braut ihr
+Hochzeitsgewand nebst reichem Schmuck. Ärmere Leute leihen sich, um
+diese Sitte der Vornehmen ebenfalls nachahmen zu können, von ihren
+Freunden einen großen Teil der Schmuckstücke und geben sie, nachdem
+die Braut in ihrem neuen Heim angekommen ist, nach ungefähr einer
+Woche wieder zurück. Sodann setzen sich Braut und Bräutigam Seite an
+Seite auf ein weißes Tuch, das auf einer Matte ausgebreitet wurde,
+nehmen mit der rechten Hand gekochten Reis aus einer gemeinsamen
+Schüssel und stecken ihn sich dreimal gegenseitig in den Mund. Es
+werden ihnen nun durch den älteren Bruder der Brautmutter, der der
+Hauptzeremonienmeister ist, die Hände aneinandergelegt und die kleinen
+Finger zusammengebunden. Damit ist die Ehe vollzogen. Nachdem es mit
+einem Ruck den Faden zerrissen hat, stellt sich das neue Paar der Reihe
+nach vor jeden Gast mit erhobenen Händen hin, verneigt sich und sagt:
+„Langes Leben dir!“ Jeder Gast erwidert die Begrüßung und reicht dem
+Paar ein Geschenk. Danach findet für alle Teilnehmer eine Unterhaltung
+und Bewirtung statt. Nach einigen Tagen begleiten die Hochzeitsgäste
+die Neuvermählten in das Heim des Bräutigams; die gute Sitte erfordert
+es, daß die junge Frau Tränen vergießt, ehe sie das Elternhaus verläßt,
+zum mindesten sich betrübt stellt und fortzugehen zögert. Auf dem Wege
+zum neuen Heim muß sie ihrem Manne vorangehen, damit dieser sie stets
+vor Augen haben und sie nicht mit einem etwaigen Geliebten entfliehen
+kann, wie es vorgekommen sein soll. Auch wird die junge Frau manchmal
+in ihren weißen Brautschleier ganz eingehüllt und muß vor männlichen
+Bekannten, die ihr begegnen, die Augen niederschlagen. Die Ankunft
+wird so eingerichtet, daß sie zu einer glückbringenden Stunde erfolgt,
+die der Astrologe festsetzt, desgleichen wird das Brautgemach auch nur
+in einer solchen betreten. Eine Woche später findet in dem Begießen
+der jungen Eheleute mit Wasser noch eine Zeremonie statt, die durch
+einen Bruder oder eine Schwester der Mutter oder durch einen anderen
+angesehenen Verwandten der jungen Frau vollzogen wird, natürlich
+auch wieder an einem glückbringenden Tage. Neben seiner rechtmäßig
+angetrauten Gattin ist es dem Singhalesen erlaubt, sich noch andere
+Frauen zu nehmen, vorausgesetzt, daß jene und ihre Angehörigen nichts
+dagegen haben; ist die erstere aber nicht befragt worden, dann hat
+sie das Recht, sich von ihrem Manne zu trennen. Die +Lösung der Ehe+
+ist unter den Singhalesen leicht gemacht; sie kann von beiden Seiten,
+oft auf geringfügige Veranlassung hin, erfolgen. -- Im allgemeinen
+herrschen unter den Singhalesen laxe Auffassungen von der sexuellen
+Reinheit. Eheirrungen scheint man nicht besonders ernst zu nehmen; nur
+wenn sich eine Frau mit einem Mann aus niederer Kaste vergangen hat,
+dann gilt dies für ein schweres Verbrechen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Platé & Co.
+
+Abb. 101. Velprozession der Tamilen.
+
+Ein Wagen mit Hindugottheiten wird durch die Straßen geführt; mit
+gelben und roten Streifen (wie die Tiger) bemalte Tänzer, Riesen
+darstellend, sind dabei charakteristische Figuren.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Colombo Apothecaries Co.
+
+Abb. 102. Einäscherung eines buddhistischen Mönches.]
+
+Die +Begräbniszeremonien+ bei Armen und Leuten niederer Kaste sind sehr
+einfach. Der in weiße Tücher gehüllte Tote wird von weißgekleideten
+Freunden auf einer Bahre, die an einer Stange hängt, unter lautem
+Wehklagen der Frauen aus dem Hause nach dem Walde oder einem besonderen
+Begräbnisplatze getragen, wo man ihn lang ausgestreckt auf dem Rücken
+in die Erde legt und einen flachen Grabhügel darüber aufschüttet;
+oft wird dieser noch mit Dornensträuchern bedeckt, um die Leiche vor
+Schakalen zu schützen. Die Bahre verbleibt neben oder auf dem Grabe,
+Speiseopfer werden aber nicht dargebracht. Da eine Grabstätte ein Ort
+ist, der von einem schrecklichen Dämon, dem Sohon Yaka, dem Grabdämon,
+heimgesucht wird, meidet man ihn bei Eintritt der Dunkelheit. Nach
+etwa vier bis fünf Tagen finden sich Mönche aus dem nächstgelegenen
+Kloster ein, um eine oder zwei Stunden vor den versammelten Freunden
+und Verwandten aus den heiligen buddhistischen Büchern vorzulesen; sie
+erscheinen unter Vorantritt von Tamtamschlägern und Flötenbläsern.
+Am nächsten Tage erhalten die Mönche Speisen vorgesetzt; was sie
+übrig lassen, verzehren die Freunde und Nachbarn. Damit ist die
+Totenzeremonie beendet. Man nimmt an, daß der Geist des Verstorbenen
+sich zu diesen Feierlichkeiten einfindet und durch das Darbringen
+des Speiseopfers von seinen irdischen Fesseln befreit wird, so daß
+er sich nunmehr nach der anderen Welt, nach Paraloka, begeben kann.
+Vor dieser Opfergabe darf er die Erde nicht verlassen und muß so
+lange als entkörperter Geist auf ihr verweilen. -- Während früher die
+Leichen der einfachen Leute vielfach verbrannt wurden, beschränkt sich
+diese Bestattungsart heute auf die vornehmen Familien, die höheren
+Kasten, Häuptlingsfamilien und Buddhistenmönche. Der Tote wird auf
+einer Bahre, die den Verhältnissen entsprechend vornehm hergerichtet
+ist, zu einem Scheiterhaufen getragen, der aus Lagen von trockenem
+Holz und Kokosnußschalen aufgebaut ist (Abb. 100 u. 102). Eine Anzahl
+Mönche, bei wichtigen Persönlichkeiten etwa achtzig, gehen dem Zuge
+voran, ihnen folgen die Musikkapelle, darauf die Träger mit dem Sarg,
+schließlich die Angehörigen und Bekannten; auf dem Wege, den der
+Leichenzug nimmt, wird manchmal weißes Tuch ausgebreitet. Ehe man den
+Sarg auf den Scheiterhaufen legt, wird er dreimal um ihn herumgetragen.
+Über der Leiche türmt man noch Holz auf und gießt reichlich Erdöl
+darüber. Während ein Mönch eine Predigt über die Eitelkeit der Welt und
+das Flüchtige im Leben hält, die Erfüllung religiöser Pflichten preist
+und um Glück für den Verstorbenen im neuen Leben bittet, zündet ein
+naher männlicher Verwandter mit einer Fackel den Scheiterhaufen (Abb.
+103) an. Ist dieser heruntergebrannt, dann wird die Asche zunächst nur
+durch ringsherum in die Erde gesteckte Kokoszweige umgrenzt und erst
+nach sieben Tagen von den Angehörigen gesammelt und in einem irdenen
+Gefäß in aller Stille an geeigneter Stelle neben einem buddhistischen
+Tempel oder auf dem allgemeinen Begräbnisplatze beigesetzt. Auf den
+niederen Hügel pflanzt man einen Schößling, oft einen Bobaum; über den
+Aschenresten eines höher stehenden Mönches legt man im allgemeinen
+einen höheren Hügel an und umschließt ihn mit einer festen Mauer. Nur
+solche Personen, die an einer ansteckenden Krankheit, wie Cholera,
+Pocken und Ähnlichem, gestorben sind, werden, auch wenn sie der höheren
+Kaste angehören, nicht verbrannt, sondern begraben, denn man will den
+Krankheitsdämon, der in der Leiche sitzt, durch Feuer nicht noch mehr
+reizen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Colombo Apothecaries Co.
+
+Abb. 103. Einäscherung eines buddhistischen Mönches.]
+
+Die +Tamilen+ gleichen in ihrem Äußeren sowie in ihren Sitten und
+Gewohnheiten (Abb. 101) ihren Stammesbrüdern auf dem vorderindischen
+Festlande. Da sie im nächsten Abschnitt eingehende Berücksichtigung
+finden, so wollen wir uns mit ihnen an dieser Stelle nicht weiter
+beschäftigen.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 104. Szene von einem Hindufest in der heiligen Stadt Kumbakonam.
+
+Ein heiliger Wagen schwimmt im Vordergrunde links auf dem Wasser;
+rechts steht ein Heiligenschrein, ein Mantapam, dessen Dach mit
+Götterbildern geschmückt ist.]
+
+
+
+
+Vorderindien.
+
+
+Der südliche Teil der großen vorderindischen Halbinsel ist im
+wesentlichen das Verbreitungsgebiet der +Drawida+, eines dunklen
+Volkselementes, das den Hauptbestandteil des ausgedehnten Hinduvolkes
+dieser Gebiete ausmacht und auch Ausläufer nach Ceylon entsandt hat,
+wo die Tamilen seine Vertreter sind. Indessen sind die Drawida nicht
+als die Ureinwohner Südindiens anzusehen, sondern nur als Einwanderer,
+die auf eine Rasse von kleiner Gestalt, dunkler Hautfarbe und breiter
+Nase stießen, deren Reste sich bis auf unsere Tage, wenn auch nicht
+mehr rein, in den Wald- oder Dschungelvölkern, wie den Bhil, Mahair,
+Khond, Bhumidsch, Kurumba, Irula, Santal, Kolh, Munda und anderen, die
+man insgesamt als Munda-Kolh oder Kolarier zusammenfaßt, erhalten haben
+und die Angehörige der großen indo-australischen Grundrasse zu sein
+scheinen, deren Vertreter wir bereits in den Wedda, Sakai, Toala und
+auch Australiern kennen gelernt haben. Einen Beweis für einen solchen
+Zusammenhang der Australier mit den Ureinwohnern Südindiens erblickt
+man in der Übereinstimmung in ihrem Äußeren (lange Schädelform, kleine
+Gestalt, welliges oder lockiges Haar, schwarze Augen, breite, niedrige
+Nase mit weiten Löchern und dicke Lippen), in der Verwandtschaft der
+Sprache und in dem Vorkommen des Bumerangs in Neuholland sowohl
+wie im Tamillande; hier findet letzterer bei der Jagd auf kleines
+Wild Verwendung und wird einer alten Sitte gemäß zwischen Braut und
+Bräutigam auf der Hochzeit ausgetauscht. Allerdings besitzt der
+tamilische Bumerang nicht die klingenartige Form und die spiralige
+Drehung des australischen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 105. Grußform der Toda vor einem älteren Verwandten.
+
+Die Frau kniet auf die Erde und hebt seinen Fuß bis zu ihrem Kopfe.]
+
+Der +Drawidatypus+ erstreckt sich von Ceylon bis nach den Tälern des
+Ganges hin und nimmt ganz Madras, Haiderabad, die zentralen Provinzen,
+den größten Teil des mittleren Indien und Chutia Nagpur ein. Da die
+Drawida auf der einen Seite mit den Ariern, auf der anderen auch wieder
+mit der Urbevölkerung Kreuzungen eingegangen sind, so unterscheidet
+sich ihre äußere Erscheinung nicht unbeträchtlich, indessen läßt sich
+immerhin ein Durchschnittstypus aufstellen, der gekennzeichnet ist
+durch ziemlich mittelgroße Gestalt, schlanke, lange, geschmeidige
+Gliedmaßen, tiefdunkle, teils kaffeebraune, teils direkt schwarze
+Haut, tiefschwarzes, welliges oder gelocktes Haar, vorwiegend
+langen, schmalen Schädel, breites, niederes Gesicht von ovaler Form,
+tiefliegende, geradestehende, schwarze Augen, sehr breite, manchmal
+an der Wurzel eingedrückte Nase, großen Mund und volle Lippen. -- In
++geistiger Hinsicht+ werden die Drawidahindu als offene, gutmütige,
+duldsame, heitere, dabei aber kriegerische, auch selbstsüchtige Leute
+geschildert. Als die Arier ums Jahr 2000 vor Christus in Vorderindien
+erschienen, standen die Drawida auf einer ziemlich hohen Kulturstufe;
+sie besaßen beträchtliche Fertigkeit in der Ausübung des Handwerks
+und der Künste, trieben Ackerbau, Handel und Schifffahrt und hatten
+sich sogar zu einigen selbständigen Staaten zusammengeschlossen. Ihre
+Religion war der Brahmaismus, der noch barbarische Gebräuche, sogar die
+Menschenopfer kannte; mit diesen hat die europäische Kultur ziemlich
+aufgeräumt. So feierten die Bergkhond ein Fest, Meriah genannt, bei
+dem geweihte, gekaufte oder geraubte menschliche Opfer der Göttin der
+Erde dargebracht wurden (Abb. 106), um dadurch eine gute Ernte zu
+erzielen; heute werden Büffel, Affen, Schafe oder Ziegen an Stelle von
+Menschen geopfert. Bevor sich ehemals die umherziehenden Lambadi auf
+eine Reise begaben, pflegten sie ein kleines Kind in die Erde bis zum
+Hals einzugraben und die Gepäckbullen darüber zu treiben, um Erfolg
+zu haben; heute treibt man in der gleichen Absicht das Vieh über ein
+lebendig begrabenes Huhn oder eine Ziege. +Kindsmord+ war in früheren
+Zeiten Stammesbrauch bei den Khond; besonders Mädchen pflegte man
+bei den Bergtoda durch Ersticken ins Jenseits zu befördern. In der
+Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es ganze Dörfer, in denen nicht
+ein einziges weibliches Kind vorhanden war. Bei der Vakkaligakaste
+in Mysore war es Sitte, daß bestimmte Frauen sich, wenn ihnen ein
+Enkelkind geboren wurde, einige Finger abhauen ließen; sie bezogen
+sich dabei auf eine Überlieferung, wonach der Gott Siwa befohlen habe,
+daß in seinem Tempel andauernd zwei Finger geopfert werden müßten.
+Gegenwärtig wird dieser Brauch vielfach dadurch umgangen, daß man sich
+Gold- oder Silberstücke mittels Mehlkleisters an die Fingerspitzen
+klebt oder sich Blumen darum bindet und diese scheinbar abschneiden
+oder abreißen läßt. -- Eigenartig sind die Grußformen der Toda; die
+niedriger stehende Person fällt vor der höher stehenden auf die Knie
+und hebt deren Fuß zu ihrem Gesicht empor (Abb. 105 und 107).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 106. Meriah-Opferpfosten,
+
+der aus Holz in rohen Zügen einen Elefantenkopf darstellen soll.
+Auf ihm wurden früher von den Khond der Erdgöttin Opfer (Meriah)
+dargebracht.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 107. Grußform bei den Toda der Nilghiriberge.]
+
+Die +Kleidung+ der Drawida ist bei den niederen Klassen immer noch eine
+recht spärliche; an der Westküste besteht sie meistens nur in einem
+Scham- und einem Kopftuche. Die Weiber einiger Pariastämme, wie der
+Koraga, Vettuvan und Thanda Pulayan, tragen in Erinnerung an frühere
+Sitten noch Blättergewänder (Abb. 108), die in Form einer Schürze oder
+eines Rockes von der Hüfte herabhängen; sie behalten sie bei, weil
+sie fürchten, es würde ihnen Unglück bringen, wenn sie diese Kleidung
+abschafften. Legt ein Thanda Pulayan dieses aus Riedgrasblättern
+angefertigte Kleid an Stelle des Streifens Palmenrinde, den er in
+frühester Kindheit trägt, an, dann gibt diese Zeremonie, Thandahochzeit
+genannt -- Thanda ist der Name für das Gras -- Anlaß zu einem
+Familienfest. -- +Verunstaltungen des Körpers+ als dessen Verschönerung
+sind verschiedentlich beliebt, so die Erweiterung des Ohrläppchens,
+die ihren höchsten Grad im Tamillande erreicht. Den Kindern werden in
+der frühesten Jugend die Ohren durchbohrt und die Löcher allmählich
+mit Baumwollpflöcken, später Palmblattrollen, Bleistücken und
+Metallscheiben mehr und mehr erweitert, bis sie unter Umständen auf
+die Schultern herabreichen (Abb. 111). Unter den Dschungelkadir und
+Mala Vedan herrscht die Unsitte des +Zuspitzens der Schneidezähne+
+bei beiden Geschlechtern. Ein sehr beliebter Schmuck ist auch das
++Tatauieren+, mit dem sich die Frauen des Koravastammes im Umherziehen
+abgeben. Sie zeichnen das Muster mit einem stumpfen, in Zeichentinte
+getauchten Stäbchen auf die Haut auf und impfen die Farbe mittels
+Nadeln ein; anderwärts geschieht dies mittels der Dornen der Berberitze
+oder des Balbulbaumes. Die Bergkoyi legen großes Gewicht auf das
+Tatauieren, damit die Seele in der anderen Welt angemessen damit
+geschmückt erscheine. Auch bei Krankheiten wird Tatauierung angewendet,
+um den Schmerz zu lindern; sehr beliebt ist als Muster hierfür bei
+den Kanaresen das Bild des Affengottes Hanuman (Abbild. 110). Um
+Kinderkrämpfe oder Koliken zu lindern, schlimme Augen und andere Leiden
+zu heilen oder auch nur um eine Krankheit fernzuhalten, werden den
+verschiedenen Körperteilen Brandwunden mit einer glühend gemachten
+Nadel oder einem Safranstocke, einer Zigarre und anderem mehr zugefügt.
+Daher sieht man viele Leute mit mächtig erhöhten Narben einhergehen,
+die auf diese Weise entstanden. Die Toda lassen sich Narben einbrennen,
+weil sie glauben, daß sie dadurch die Fähigkeit erlangen, in aller Ruhe
+Büffel zu melken. -- Bei den Kanibar von Travankore trifft man noch
+eine primitive Art des Feueranzündens an (Abb. 109).
+
+Die +Religionen+ Südindiens sind in erster Linie der Brahmaismus,
+sodann auch die Lehre Mohammeds und das Christentum. Es würde zu
+weit führen, wollten wir die religiösen Übungen und Gebräuche dieser
+verschiedenen Bekenntnisse, vor allem der Sekten des Brahmaismus, hier
+näher behandeln; wir beschränken uns auf die interessantesten Punkte.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Anantha Krishna Iyer.
+
+Abb. 108. Blätterkleider der Vettuvanfrauen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 109. Feueranzünden bei den Kanibar von Travankore,
+
+wobei das stumpfe Ende eines Pfeiles in ein Loch eines Stückes weichen
+Holzes gedrückt und rasch hin und her gedreht wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 110. Der Affengott Hanuman,
+
+nach einem Gemälde, das eine Szene aus seinem Leben als volkstümlicher
+Held des hindostanischen Epos Ramayana vorstellt.]
+
+Fast jedes Dorf oder jede Stadt Südindiens besitzt eine +Ortsgottheit+,
+Grāma Dēvata genannt, die sich aber von der der nächsten Ortschaft
+schon zu unterscheiden pflegt. Ebenso mannigfaltig wie ihre Namen sind
+auch die Bildnisse (Abb. 114) oder Symbole der Gottheiten. In manchen
+Dörfern gibt es überhaupt kein bleibendes Bild von ihnen, sondern der
+Töpfer fertigt für jedes Fest eine Lehmfigur an, die eine Gottheit
+vorstellen soll und nach Beendigung des Festes wieder beiseite geworfen
+wird. In anderen Dörfern wieder wird die Gottheit einfach durch eine
+Steinsäule auf freiem Felde (Abb. 113) oder auf einer Steinplattform
+unter einem Baum (Abb. 116) oder innerhalb einer kleinen, aus Steinen
+aufgebauten Umfriedigung, oft auch nur durch kleine kegelförmige
+Steine, die nicht höher als zehn bis fünfzehn Zentimeter sind und
+infolge des beständigen Salbens mit Öl eine schwarze Farbe angenommen
+haben, dargestellt. Die Dorfgottheiten sind mit wenigen Ausnahmen
+weiblich; im Tamillande werden sie fast alle aber von männlichen
+Wärtern behütet und bedient. Eine männliche Gottheit, Aiyanar, hat
+einen eigenen Schrein und ist gleichsam der Nachtwächter des Dorfes,
+denn ihm fällt die Aufgabe zu, des Nachts auf seinem Geisterrosse
+die Dorfstraße abzureiten und die bösen Geister zu verscheuchen.
+Sein Schrein ist an Lehm- oder festen Pferdegestalten (Abb. 115) zu
+erkennen, die entweder zu beiden Seiten des Bildnisses aufgestellt sind
+oder in Haufen auf dem freien Platze umherliegen. Diese Pferde, die die
+Rosse vorstellen sollen, auf denen Aiyanar nachts seine Runde macht,
+werden von den Anbetern der Gottheit verehrt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 111. Tiyanweib von Malabar.
+
+Die Frauen dieses Stammes tragen den Oberkörper unbedeckt. Der
+Schmuck der erweiterten Ohrläppchen besteht in Metallscheiben
+oder zusammengerollten Palmblättern. Am Halsband sitzt ein Tali
+(Eheabzeichen).]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 112. Vadagottheiten aus Ton,
+
+die vor Antritt eines Fischzuges oder bei einer Krankheit angebetet
+werden, sowie Holzbilder von Vorfahren.]
+
+Um die Dorfgottheiten zu versöhnen und die Angriffe böser Geister
+abzuwenden, werden ihnen fast allgemein jährlich +große Opfer+
+dargebracht (Abbild. 118), bei denen Büffel, Schafe, Ziegen, Schweine
+und Geflügel (Abb. 119), oft genug zu Tausenden, so daß das Blut
+geradezu in Strömen hinter dem Opferplatz fließt und ganze Karren Sand
+herbeigeschafft werden, um die Lachen zuzuschütten, ihr Leben lassen
+müssen. Die Köpfe der geopferten Tiere werden zu einem etwa vier Meter
+hohen Haufen aufgetürmt; obendrauf wird eine Schüssel mit Öl und einem
+dicken baumwollenen Docht gestellt und das Ganze angezündet. Das
+Schlachten der Tiere dauert den ganzen Tag bis gegen Mitternacht; sie
+werden von den Priestern geköpft und auf die großen Reisberge geworfen,
+die man den Göttern dargebracht hat, so daß der Reis von ihrem Blut
+vollständig durchtränkt wird. Dabei spielen sich oft genug widerwärtige
+Szenen ab, bei denen die Tiere vielfach gequält werden. Unter anderem
+werden die Opfertiere bei lebendigem Leibe aufgespießt und so auf einer
+Karre durch das Dorf gefahren, den Schweinen wird Reis, der mit ihrem
+eigenen Blut getränkt ist, zu fressen gegeben und anderes mehr. Eine
+ganz sonderbare Verwendung findet das Blut der geschlachteten Tiere bei
+den Pudukkottai tāluk des Trichinopollidistriktes; man taucht Tücher in
+dieses ein und hängt sie an den Dachrinnen der Häuser auf, um das Vieh
+dadurch vor Krankheit zu schützen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. M. Bray.
+
+Abb. 113. Hindugötterschreine,
+
+wie man sie an Wegen zu errichten pflegt, damit die Vorbeigehenden
+und die Dorfbewohner die in ihnen aufgestellten Götterbilder anbeten
+können.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. V. Arumynayagam.
+
+Abb. 114. Kolossalstatue einer Dorfgottheit mit ihrem Wärter aus dem
+Tamillande.]
+
+Bei einem Fest, Mayāna oder Smasāna kollai (Beraubung des
+Begräbnisplatzes) genannt, das die Sembadawan, eine Fischerkaste,
+im Tamillande zu Ehren der Ankalamma feiern, trägt eine Person, die
+entsprechend aufgeputzt diese Göttin darstellen soll, auf den Armen ein
+Brett mit den sauber gewaschenen Eingeweiden eines Schafes (Abb. 117)
+und hält einen Teil von ihnen im Munde, so lange, bis die Prozession,
+die das Bildnis der Göttin zum Dorfaltar geleitet, zurückgekehrt ist.
+Dicht bei der Stelle, wo man die Leichen zu verbrennen pflegt, häufen
+die Priester sodann an fünf Stellen die Asche einer Leiche kegelförmig
+auf; diese Haufen sollen den Elefantengott Ganesha darstellen, dem
+Opfergaben aus Getreide, Betel, Spangen und so weiter in großen Mengen
+dargebracht werden. Das versammelte Volk fällt über die Haufen her
+und schleppt mit sich fort, was es nur mitnehmen kann. Man sagt, daß
+Hunderte von Personen dabei in Verzückung geraten, die Asche der
+Leichen essen und jedweden Knochenrest, dessen sie nur habhaft werden
+können, anbeißen. Die Asche der Leichen wird nämlich sehr geschätzt, da
+man glaubt, daß sie böse Geister fernzuhalten und unfruchtbaren Frauen
+Nachkommenschaft zu sichern vermag.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 115. Große Pferdefiguren, die zu Ehren der Dorfgottheit Aiyanar
+errichtet sind
+
+und auf denen der Gott nachts das Dorf besuchen und die Dämonen
+niederreiten soll.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 116. Hindugottheiten aus Ton oder Mörtel,
+
+die man häufig auf einer Plattform unterhalb eines heiligen Baumes
+antrifft. Ihnen bringt man Früchte, Kokosnüsse und andere bescheidene
+Opfer dar.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 117. Szene aus dem Feste der Dorfgöttin Ankalamma bei den
+Sembadawan-Tamilen.
+
+Die zur Linken die Gottheit darstellende Person mit Eingeweiden eines
+Schafes im Mund wird von einem anderen Manne begleitet, der als
+Birabhada, der Sohn von Siwa und Ankalamma, verkleidet ist.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 118. Darbringen von Opfergaben vor dem Geiste Guru.
+
+Im Vordergrunde Musikanten und ein Knabe mit aus die Stirn gemaltem
+Sektenabzeichen.]
+
+Die Vadafischer an der Ostküste errichten am Strande Miniaturschreine
+aus Ton oder Backsteinen, die nach der See zu offen sind (Abb. 123).
+In ihnen stellen sie die Lehmfiguren der Götter auf, die von ihnen
+angebetet werden, bevor sie einen Fischzug unternehmen, oder auch
+Holzfiguren von verstorbenen Verwandten. Die Namen ihrer Götter,
+einschließlich einer Göttin mit tausend Augen, die durch einen
+durchlöcherten Topf mit einem Öllicht in seinem Innern dargestellt
+wird, und eines Bengali Bābu genannten Gottes, der einen Hut trägt und
+auf einem schwarzen Pferde reitet (Abb. 112), sind unzählig. Letzterer
+steht in dem Rufe, die Fischer auf der See gegen Gefahren zu schützen
+und ihnen zu großen Fischzügen zu verhelfen. Die Hauptgöttin der Vada
+scheint indessen Orosundiamma zu sein, die nachts auf dem Meere in
+einem Boote umherfahren soll. Man huldigt ihr, indem man denjenigen,
+der die Zeremonie vorzunehmen hat, mit einer Ziege an einem Pfosten
+vor dem Hause festbindet und ein Spielzeugboot davorstellt. Die Ziege,
+der Pfosten, das kleine Boot und der Schrein für das Götzenbild werden
+darauf an die See gebracht und vor dem Schrein Andachten verrichtet.
+Kriecht die Ziege dabei auf allen vieren entlang und zittert sie, dann
+opfert man sie; tut sie dies aber nicht, dann erblickt man darin eine
+üble Vorbedeutung und beschafft sich eine andere Ziege an ihrer Stelle.
+
+In manchen Dörfern mit einem bleibenden Schrein werden den Gottheiten
+täglich Reis, Früchte und Blumen mit Weihrauch und Kampfer dargebracht,
+an anderen wieder nur alle Jahre oder an einem bestimmten Tage,
+ausgenommen zu Zeiten einer Epidemie, in denen man sofort die Götter
+durch Opfer zu versöhnen sucht. Auch bei Beginn der Bestellung des
+Ackers, sowie zur Erntezeit werden Festlichkeiten zu Ehren der Götter
+veranstaltet. Bei eintretender Dürre werden an den Regengott Gebete
+gerichtet, und an manchen Orten wird eine Lehm- oder Strohfigur mit
+den Füßen nach vorn durchs Dorf gezerrt und von den Totengräbern in
+regelrechter Weise begraben. In Südkanara werden, ehe die zweite Saat
+in die Erde kommt, Büffeljagden, denen „Teufelstänzer“ beiwohnen, auf
+einem tiefverschlammten Reisfelde abgehalten; am Tage darauf finden
+große Hahnenkämpfe auf einem freien Platze vor dem Dorfe statt, dieses
+alles in der Absicht, die verschiedenen Teufel zu versöhnen. -- Unter
+den sportlichen Tierkämpfen spielen die Kämpfe zwischen Elefanten eine
+hervorragende Rolle (Abb. 132).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 119. Büffelopfer zur Besänftigung einer erzürnten Gottheit.]
+
+In vielen Dörfern an der westlichen Küstengegend von Südkanara, wo
+die +Teufelsanbetung+ sehr verbreitet ist, befindet sich ein Bhuta
+Sthānam oder Teufelstempel; in manchen Häusern wird auch ein besonderer
+Raum oder ein Winkel für den Familienbhuta hergerichtet. In den
+Tempeln werden Götzenbilder oder eine Metallplatte, die das Bild eines
+menschlichen Wesens trägt, oder auch Figuren von Tigern, Schweinen,
+Hähnen und so weiter aufbewahrt; einige Tempel erhalten eine Reihe
+Lagerstätten, jede für einen besonderen Bhuta bestimmt, auf denen
+bei Gelegenheit einer Versöhnungsfeier der Bhuta Kostbarkeiten und
+Weihgeschenke niedergelegt werden. -- Die Teufelstänzer, die in ihrem
+bürgerlichen Berufe als Matten-, Korb- und Schirmmacher tätig sind,
+gehören der Nalke-, Parawa- und Pompadakaste an (Abb. 120, 122 und
+124). Man ruft sie, damit sie an Personen, die von Teufeln besessen
+sind, die Teufelaustreibung vornehmen oder damit sie, wenn Götzendienst
+in den Tempeln abgehalten wird, eine Maskerade in phantastischen
+Verkleidungen, die verschiedene Bhuta vorstellen, aufführen, dabei
+tanzen und Lieder singen. Die Vorstellung findet für gewöhnlich des
+Nachts statt. Zuerst tritt ein Pujari, ein Priester auf, wirbelt,
+mit dem Bhutaschwert und Glocken in den Händen, rings im Kreise
+herum und ahmt die mutmaßlichen Mienen und Gesten des Teufels nach.
+In Verzückung gerät er aber nicht, das bleibt einem Pompada oder
+Nalke (Abb. 124) vorbehalten, der ungefähr eine halbe Stunde später
+auf der Bildfläche erscheint. Dieser ist meist nackend bis auf das
+Hüftband, hat das Gesicht mit Ocker angemalt und trägt eine Art Bogen
+aus Kokosnußblättern, sowie eine Metallmaske. Nachdem er kurze Zeit
+langsam auf und ab gegangen ist, arbeitet er sich nach und nach in
+einen Zustand hysterischer Raserei hinein, unter beständiger Begleitung
+der Tamtame und unter langgezogenem, monotonem Geheule der Zuschauer.
+Endlich hält er inne und redet einen jeden seinem Range nach an.
+Strittige Angelegenheiten werden sodann dem Bhuta zur Entscheidung
+unterbreitet, und seine Entscheidung wird meistens auch angenommen.
+Entweder jetzt erst oder schon früher erhält der Teufel etwas zu essen;
+auch dem Pompada werden Reis und andere Speisen gereicht. Solche Feste
+dauern mehrere Nächte hindurch.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 120. Parawateufelstänzer
+
+des Tulugebietes in seiner Berufsgewandung mit einem leichtgebauten
+Kopfstück, das mit Figuren, Schlangen und so weiter bemalt ist.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Johnston & Hoffmann.
+
+Abb. 121. Religiöser Umzug in Puri.
+
+Einmal im Jahre wird der berühmte Juggernautwagen, der den Gott Vischnu
+in Form eines roh geschnitzten Holzklotzes enthält, durch mehrere
+tausend Menschen die Straßen von Puri entlanggezogen. Ein Hindu, der
+sich von den Rädern überfahren läßt, glaubt dadurch im Jenseits in
+eine höhere Kaste zu gelangen, daher kommen jedes Jahr eine Anzahl
+Selbstmorde auf diese Weise vor.]
+
+In auffallendem Gegensatze zu den bescheidenen Altären der
+Dorfgottheiten und Teufel stehen die prächtigen +Vaishnavite- und
+Saivitetempel+, zu deren bekanntesten die von Conjeeveram, Ramesvaram,
+Madura, Kumbakonam und Tanjore, der letztere wegen der mächtigen
+Steinfigur des heiligen Bullen Nandi (Abb. 126) berühmt, zählen.
+Die Tempelausstattung besteht in kunstvoll geschnitzten Wagen auf
+Rädern (Abb. 125), die bei Umzügen an Stricken gezogen werden (Abb.
+104, 121 u. 128), silbernen Gefährten der Gottheiten, Dēva-Dāsis
+oder Tänzerinnen, die ihr Leben dem Tempeldienst geweiht haben, und
+Prozessionselefanten (Abb. 127 und 130). Die Städte, in denen sich
+die großen Tempel befinden, sind der Brennpunkt des Brahmaismus und
+des brahmanischen Priestertums (Abb. 129, 131 und 135) und werden zum
+Schauplatze vieler hindostanischer Feste. Das berühmteste von ihnen,
+das ungeheure Massen von Pilgern aus ganz Indien herbeizieht (Abb.
+133), ist wohl das Mahāmakhafest, das man in Kumbakonam alle zwölf
+Jahre feiert. Strenggläubige Inder glauben, daß bei dieser Feier die
+heiligen Gewässer des Ganges in den dort befindlichen heiligen Teich
+fließen; in ihm baden daher die Pilger. Was Mekka für die Mohammedaner,
+Buddha Gaya für die Buddhisten ist, das bedeutet Mahamakha für die
+Hindu. Die wichtigsten Götterbilder werden im Zuge getragen und auf
+einen Altar am Rande des Teiches hingestellt; darauf wird ein Dreizack,
+das Abzeichen des Siva, in das Wasser gesenkt, zum Zeichen dessen, daß
+die Zeit zum Baden gekommen ist. Viele Tausende von Pilgern tauchen nun
+ihre Köpfe unter die Oberfläche und kommen ganz mit Schlamm bedeckt
+wieder heraus (Abb. 134). -- Von anderen religiösen Festen, welche die
+Hindu des südlichen Indien feiern, wären zu nennen das Mahāsivaratri
+zu Ehren Sivas, das Srijayanti oder der Geburtstag Krischnas, das
+Dipāvali oder das Fest der Lichter, das Vischnu -- oder Neujahrsfest,
+das Vinayaka Chaturthi oder der Tag der Anbetung der Elefantengöttin
+Vinayaka oder Ganēscha (Abb. 137) und das Sarasvati oder Ayudha
+Pujafest, bei dem man seinem Arbeitsgerät, der Brahmine seinen Büchern,
+der Handwerker seinem Werkzeug, der Fischer seinen Netzen, der Kaufmann
+seiner Wagschale und so weiter seine Anbetung darbringt, und das Pongal
+(Abb. 136) oder Sonnenfest, bei dem Milchreis und andere Speisen
+dargebracht werden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 122. Parawateufelstänzer
+
+in phantastischem Aufputz einen Dämon darstellend.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 123. Götterschreine der Vadafischerkaste.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 124. Nalketeufelstänzer.]
+
+Eine besondere Eigentümlichkeit Südindiens sind die verschiedenen
+Klassen +frommer Bettler+, die Bairāgi, Dasari, Gangeddu und Lingayat
+Jangam; sie ziehen in der Regel von Ort zu Ort und erbitten, mit
+einem ihrem Berufe eigenen Gewande angetan, in den Basaren und auf
+den Straßen Almosen. Die Bairagi tragen Kochgeschirre aus Messing,
+einen geweihten Salagramastein und eine Seemuschel bei sich und rufen
+beim Durchwandern der Straßen den Namen einer Gottheit laut aus. Für
+gewöhnlich lassen sie sich Bart und Haar lang wachsen (Abb. 139) und
+bestreichen ihren nackten Körper mit heiliger Asche. Die Abzeichen
+eines Dāsari sind eine Seemuschel, auf der er bläst, um seine Ankunft
+mitzuteilen, ein Gong, das er auf seinen Runden schlägt, eine hohe
+eiserne Lampe, die beim Betteln brennt, ein Metallgefäß, in das er
+seine Almosen legt, und ein Metallbild des Affengottes Hanuman um den
+Hals. Bei einem Fest im Tamillande stecken die Anbeter etwas von einer
+Mischung von Bananenfrüchten, Reis und anderen Sachen einem Dāsari, der
+zu dem betreffenden Tempel gehört, in den Mund, der es kaut und in die
+Hand des Anbeters wieder zurückspeit. Dieser ißt den zerkauten Bissen
+dann auf, um dadurch eine erbetene Wohltat zu erlangen. Die Jangam
+sind manchmal mit sehr auffallenden Gewändern angetan, hängen sich
+Messingteller mit Bildern verschiedener Gottheiten und ein Kästchen um,
+das den Lingam, ein phallisches Abzeichen des Siva, enthält, und tragen
+ein Schwert in der Hand und Metallglocken um die Knöchel gebunden (Abb.
+138), die klingen, wenn der Jangam tanzt und das Lob des Virabhadra,
+des Sohnes des Siva, preist.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb 125. Tempelwagen aus Seringapatram,
+
+der mit der großen geschnitzten Figur eines mythischen Tieres
+geschmückt ist.]
+
+Die Lingayat, eine Sekte, die gleichsam die Hindupuritaner vorstellt,
+tragen das Lingam, ein Sinnbild des männlichen Gliedes, als Symbol
+des Gottes Siva in einem Metallkästchen oder in einer rotseidenen
+Schärpe um den Hals oder den Arm gebunden. Ihre Kinder werden damit
+bereits im frühesten Kindesalter von dem geistlichen Berater der
+Familie bekleidet. Das Lingam wird mit geweihter Asche bestrichen
+und dem Kinde umgebunden, dem man außerdem einen Rosenkranz von
+geweihten Rudrakshaperlen um den Hals bindet und die vorgeschriebene
+geheiligte Formel ins Ohr flüstert. Auch Weihwasser, mit dem die Füße
+des Priesters gewaschen worden sind, wird über das Lingam ausgegossen,
+und von der gekochten Speise, die für jenen bestimmt ist, dem Kinde
+etwas in den Mund gesteckt. In Kanara besteht bei manchen Kasten die
+Sitte, der Gottheit gewisse Mädchen, Basawi genannt, zu weihen, die in
+derselben Weise wie die Dēva-Dasis oder Tanzmädchen ein öffentliches
+Leben führen. Die übliche Form ihrer Weihefeier besteht darin, daß
+ihnen ein Tali, das Eheabzeichen, an einer schwarzen Perlenschnur
+um den Hals gebunden und die Abzeichen der Chank und Chakra auf die
+Schultern gebrannt werden. Bei einer anderen Art dieser Zeremonie
+legen die Mädchen ein Schwert mit einer Limette an seiner Spitze, die
+den Bräutigam vorstellen soll, in das Allerheiligste der Gottheit. In
+wieder anderen Fällen werden die Mädchen an einem glückverheißenden
+Tage mit einer Blumengirlande an eine Lampe gebunden, wie sie manche
+fromme Bettler tragen, und aus dieser Stellung entweder von einem
+Manne, der ihrer ersten Gunstbezeigung teilhaftig werden will, oder von
+ihrem Onkel mütterlicherseits befreit; zum Zeichen daran wird ihnen
+eine schwarze Perlenschnur um den Hals gehängt. Der Aberglaube, daß
+eine Dēva-Dasi niemals Witwe werden kann, veranlaßt manche Hindu, um
+sich Glück zu verschaffen, das Tali, das bei ihrer Hochzeit gebraucht
+wird, zu einer dieser Frauen bringen zu lassen, damit sie das Band dazu
+herrichtet.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 126. Kolossalbildnis des heiligen Bullen Nandi
+
+in einem Schrein, der von geschnitzten Pfeilern getragen wird.]
+
+Bestimmte Zeremonien knüpfen sich an mancherlei andere +Einführungen+.
+Bei den Telugu Mādiga werden gewisse Frauen der Göttin geweiht und
+dadurch sogenannte Matangi. Bei dieser Zeremonie wird ein farbiges
+Muster auf den Hof des Hauses gezeichnet, an dessen Ecken und in dessen
+Mitte Töpfe aufgestellt werden, wie bei einer Hochzeit. Die Kandidatin
+sitzt, in ein weißes Gewand gekleidet, dicht bei dem mittleren Topf
+und erhält auf den Kopf einen Bambuskorb gestellt, der auch einen Topf
+mit dem Bild der Fußeindrücke der Göttin, einem irdenen oder hölzernen
+Behälter, einer eisernen Lampe und einem Rohr enthält. Der amtierende
+Priester bindet ihr darauf ein Bottu, ein Heiratsabzeichen, im Namen
+der Göttin um den Hals. Dieser Korb, dessen Inhalt die Abzeichen einer
+Matangi ausmacht, darf niemals auf die Erde gestellt werden, sondern
+wird, falls sie dieselben nicht benutzt, im Hause aufgehängt oder
+in eine Wandnische gestellt. Bei den Dorffestlichkeiten der Madiga
+beschimpft und bespeit die Frau, die als eine Verkörperung der Göttin
+Mātangi angesehen wird, die Versammelten; diese fassen dies nicht etwa
+als Beleidigung auf, sondern meinen im Gegenteil, daß ihr Speichel alle
+Verunreinigung wegnimmt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 127. Tempelelefant, dessen Gesicht, Ohren, Rücken und Rumpf mit
+religiösen Symbolen bemalt sind,
+
+darunter auch mit dem Zeichen der Vaishnavasekte am Vorderhaupt. Einige
+Elefanten sind dahin abgerichtet, durch Hochheben des Rüssels und
+lautes Trompeten zu grüßen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 128. Ein Tempelwagen zu Mylapore,
+
+der bei festlichen Gelegenheiten von Kulis an Stricken durch die
+Straßen gezogen wird. Er ist in wunderbarer Weise mit geschnitzten
+mythologischen Figuren und anderen Sinnbildern, sowie mit Schirmen,
+Flaggen und sonstigem Zierat geschmückt.]
+
+Soll ein Korawamädchen in den Beruf des Wahrsagens (Abb. 140)
+eingeführt werden, so verbindet man ihm die Augen und verabreicht
+ihm mindestens dreimal einen ganzen Mund voll von einer Mischung,
+die aus unreifem Getreide und dem Blute eines schwarzen Huhnes,
+einer ebensolchen Ziege und eines Schweines besteht. Stellt sich bei
+der Einzuführenden dabei kein Erbrechen ein, dann wird dies als ein
+günstiges Zeichen angesehen, daß sie eine gute Wahrsagerin werden wird.
+Schwarze Tiere stehen in dem Ansehen einer guten Vorbedeutung. -- Soll
+ein Neuling in die Brüderschaft der Donga (Dieberei treibenden)
+Dāsari aufgenommen werden, so führt man ihn an das Flußufer, wo er
+ein Ölbad erhält und mit einem neuen Tuche bekleidet wird. Darauf
+wird mit dem glühenden Zweige eines heiligen Baumes seine Zunge
+angebrannt. Nunmehr ist es ihm gestattet an einem Festgelage der
+Männer dieser Kaste teilzunehmen. Die Mitglieder der Dandāsikaste,
+deren überlieferter Beruf ebenfalls in Dieberei besteht, vollziehen
+eine eigentümliche Einführungsfeier an einem Neugeborenen. Das
+Oberhaupt der Sekte schiebt das erst mehrere Tage alte Kind dreimal
+durch das Loch einer Mauer oder unter der Türschwelle hindurch, wo es
+Familienangehörige in Empfang nehmen, mit den Worten: „Tritt ein, Kind,
+tritt ein; mögest du deinen Vater übertreffen!“
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 129. Ein Hindutempelpriester wird in einem heiligen Wagen durch
+die Straßen von Kumbakonam getragen.
+
+Am rechten Oberarm trägt er das Abzeichen seiner Sekte, um den Hals
+einen Perlenrosenkranz.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 130. Hinduprozession zu Kumbakonam mit Elefanten, die auf der
+Stirn das Sektenabzeichen aufweisen, und mit Kamelen.]
+
+Sehr verbreitet ist unter den Hindu das +Darbringen von silbernen
+Nachbildungen einzelner Körperteile+, die erkrankt waren (Abb.
+141), oder von ineinandergeschlungenen Schlangen nach überstandener
+Krankheit, des Modells eines Hauses nach einem gewonnenen Prozeß
+und anderer Dinge mehr als Votivgaben. Kinderlose Frauen geloben,
+unter einem heiligen Feigenbaum einen Stein mit dem eingravierten
+Doppelschlangensymbol aufzustellen; auch erbitten kinderlose Eltern
+manchmal vor einer Reihe solcher Steine, vor einem Lingamstein und
+einer Steinfigur der Ganeshagottheit Nachkommenschaft (Abb. 142).
+
+Der +Feuerlauf+, den wir bereits bei den Fidschiinsulanern (I. Band
+Seite 46) kennen gelernt haben, ist allenthalben sehr verbreitet; er
+wird hauptsächlich von solchen Leuten, die unter einem Gelübde stehen,
+ausgeführt, und zwar vor dem Schrein der Draupadi. Draupadi lebte einst
+mit fünf Brüdern Pandava in Vielmännerei und unterzog sich dieser
+Prozedur, um den Beweis für ihre Keuschheit während der Verbannung
+ihrer Männer anzutreten. Nachdem die Gläubigen an dem Tage der
+Zeremonie gefastet und zu der Göttin vor ihrem Schrein gebetet haben,
+wird ihr Bildnis auf den Schauplatz, wo sich der Vorgang abspielen
+soll, hingetragen. Der Priester, der bereits die Vorzeichen befragt
+hat, geht, mit Girlanden geschmückt und in gelbes Tuch gekleidet,
+zuerst über die glühende Asche, ihm folgen die Anbeter, die, nachdem
+sie hindurchgegangen sind, ihre Füße in einer Wasserpfütze, „Milchtopf“
+genannt, abkühlen. An manchen Orten treten allerdings Blumen an die
+Stelle der Aschenglut, auf denen man zu Ehren der Göttin wandelt.
+-- Eine ganz sonderbare Zeremonie, die heutzutage von der Regierung
+verboten wird, ist das +Hakenschwingen+, bei dem große eiserne Haken in
+den Rücken eines Menschen getrieben werden (Abb. 144). Dieser hängt am
+Ende eines hölzernen Hebels oben an einem hohen Mast und wird über der
+versammelten Menge in der Luft geschwungen. Der Zweck dieser Sitte war
+eine Beeinflussung der Witterung bei Regenmangel, eine Steigerung der
+Ernte, eine Beseitigung der Cholera und eine Erhöhung der Geburtenzahl.
+In der Provinz Mysore wird jetzt an Stelle eines Menschen bei diesem
+Fest eine kleine Figur, Sidi Viranna genannt, die in bunten Aufputz
+gekleidet ist und Schild und Schwert in den Händen trägt (Abb. 143),
+an einem aus menschlichem Haar geflochtenen Seil an einem Balken
+aufgehängt und geschwungen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 131. Ein Hohepriester eines Vaishnavatempels zu Tirapadi
+
+mit dem heiligen Zeichen auf der Stirn und anderen religiösen Abzeichen
+auf Brust und Schultern.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 132. Kampf zwischen zwei Elefanten,
+
+denen die Stoßzähne abgesägt wurden. Die eingeborenen Wärter sind mit
+langen Lanzen bewaffnet.]
+
+Die Hindu sind durchweg gläubige Anhänger krassen Aberglaubens. Bei
+allen wichtigen Gelegenheiten, wie Pubertät, Hochzeit, Todesfall,
+Aufbruch zur Reise, Prüfungstag, Neujahrsmorgen, werden die
++Vorbedeutungen+ zu Rate gezogen, und die Liste solcher Vorzeichen
+ist sehr groß. Zu den guten Vorbedeutungen rechnet man eine Jungfrau,
+Brahmanen, einen Radscha, einen Elefanten, eine Kuh mit ihrem Kalb,
+einen gebundenen Bullen, einen Topf mit Wasser und Milch, zu der
+Zahl der ungünstigen aber einen lahmen oder blinden Mann, eine
+Leiche, eine Witwe, einen Barbier, einen Wäscher, einen Besenstiel,
+zerbrochenes Geschirr, eine Katze und einen Esel. Manchmal hängt die
+Deutung auch davon ab, wie ein Satz Eier von der Henne ausgebrütet
+wird, wie ein Huhn nach dem Getreide pickt, wie die Milch beim
+Überkochen über den Topf läuft, ob eine Ziege oder ein Schaf beben,
+wenn man über sie Wasser schüttet, oder wie eine Blume von dem Kopfe
+eines Götzenbildes herabfällt. Das Auftauchen vieler Tiere bedeutet
+Glück oder Unglück; so zeigt der Ruf eines Schakals das eine oder das
+andere, je nach der Richtung, aus der er erschallt, an, bedeutet der
+Anblick eines Hasen für einen Wanderer Mißerfolg, ebenso das Erscheinen
+einer Katze oder einer Kuh am frühen Morgen, das Ersteigen des Daches
+durch einen Hund oder eine Ziege, das Einnisten einer Eule in einem
+Hause, das Hervorkriechen einer Schildkröte unter dem Pflug Unglück,
+und vieles andere mehr. Auf der anderen Seite erwartet man Glück,
+wenn Sperlinge ihr Nest in einem Hause bauen. -- Ungemein verbreitet
+ist auch der Glaube an die Wirksamkeit eines +Zaubermittels+ oder
+Talismans, wenn man solche zum Schutze gegen Teufel oder den bösen
+Blick (Abb. 145), oder zum Zeichen eines Gelübdes, um eine Krankheit
+zu heilen, oder um einen Prozeß zu gewinnen trägt; die unmöglichsten
+Dinge werden dazu verwandt bis herab zu einem Stück Scherben vom
+Begräbnisplatz her oder dem getrockneten Fuß einer Schildkröte, einem
+Krokodilzahn, der Borste aus einem Elefantenschwanz, Bärenhaaren,
+Tigerklauen, einer Schakalschnauze oder dem Schwanz eines Skorpions.
+-- Mit Buchstaben, Zeichen und Figuren bedeckte oder eingravierte
+Steintafeln werden oft an der Grenze der Dörfer angebracht, um seine
+Einwohner und das Vieh vor Krankheit zu schützen. Ist in einem
+Hause Krankheit ausgebrochen, dann wird bei Nacht in aller Stille
+an Wegkreuzungen ein geometrisches Muster auf die Erde gezeichnet
+oder vor dem Kranken eine Figur aus Reismehl, die mit Münzen an den
+verschiedensten Körperstellen beklebt ist, geschwungen und dann auf
+den Kreuzweg gelegt; man hofft dabei, daß dort die Krankheit auf einen
+zufällig Vorübergehenden übertragen werde. -- Um einen Feind zugrunde
+zu richten, formt man ein Bild aus Wachs, Mehl, Blei oder Erde, auf die
+er getreten hatte, und vergräbt es oder verbrennt es unter mystischen
+Handlungen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 133. Pilger beim Baden in dem heiligen Teich gelegentlich des
+Mahamakhafestes zu Kumbakonam,
+
+das einmal alle zwölf Jahre abgehalten wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 134. Pilger beim Baden gelegentlich des Mahamakhafestes zu
+Kumbakonam.
+
+Bei dieser Gelegenheit soll der Ganges durch unterirdische Zuleitung
+seine Wasser in den heiligen Teich fließen lassen.]
+
+Unter den Leuten, die berufsmäßig das Wahrsagen ausüben, haben die
+Kaniyan der Westküste einen gewissen Ruf erlangt; sie verstehen es,
+mit großer Geschicklichkeit das Horoskop zu stellen, einen Glückstag
+für eine Hochzeit oder eine andere Festlichkeit vorauszusagen, die
+Ursache eines Familienkummers ausfindig zu machen und ähnliches. Wo
+ein solcher Wahrsager zu Rate gezogen wird, erscheint er mit einem
+Beutel Muschelgeld und einem Astrologenkalender ausgerüstet, die Stirn
+mit dem dreifachen Zeichen des Siva bestrichen in dem Hause, zeichnet
+ein Diagramm auf den Fußboden und legt in dessen Felder Muschelgeld,
+das die Planeten darstellt. Nachdem er daran die Stellung der Planeten
+zueinander bestimmt hat, verkündet er nach reiflicher Überlegung die
+Entscheidung, zu der er gekommen ist. Manche Kaniyan sind auch wegen
+ihrer Kunst in der Geisterbeschwörung berühmt; sie kleiden sich dabei
+in ein Kokosnußblättergewand und tragen Masken, die verschiedene Teufel
+vorstellen sollen. Die malaiischen Zauberer von Malabar beschwören auch
+Teufel und verkleiden sich dazu auf die verschiedenste Weise (Abb.
+146, 148 u. 150). Die Pulluwan Malabars sind Astrologen und Priester
+in einer Person und hausen in den zahlreichen Schlangenhainen, die
+dem Nägesvara, dem Herrn der Schlangen, geweiht sind, Bildnisse von
+Schlangen aus Stein zu Tausenden enthalten (Abb. 149) und sich oft
+über ein Areal von vielen Morgen Landes erstrecken. Sie ziehen von
+Haus zu Haus und singen zu dem Ton einer Trommel, die aus einem mit
+einer Schnur überspannten irdenen Topfe (Abbild. 147) besteht und mit
+einem Stock geschlagen wird, Lieder, die den Schlangen wohlgefällig
+sein sollen. Werden sie für eine Schlangen- oder Teufelsbeschwörung zu
+Personen, die von diesen besessen sind, gerufen, dann zeichnen sie eine
+mächtige Schlangenfigur in farbigem Pulver auf den Fußboden, singen
+zu Ehren der Schlangengottheit Lieder und verwischen unter heftiger
+Erregung und vielem Getue das von ihnen gezeichnete Bild (Abb. 151);
+schließlich suchen sie noch den Schlangenhain auf und werfen sich vor
+den Steinbildnissen nieder.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 135. Ein Telegubrahmane
+
+mit einem Gewand und Kopfputz aus heiligen Rudrakshaperlen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 136. Eine Hinduzeremonie am Mattu Pongal-Tage.
+
+Die Frauen gehen im Kreise um einen Korb herum, der zerschlissene
+Kokosnußblätter enthält, mit denen die Hörner des Viehs an diesem Tage
+geschmückt werden, und singen und schlagen ihre Hände im Takt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 137. Bilder aus der hindostanischen Götterwelt.
+
+Dargestellt sind die Elefantengottheit Ganescha, Kali, Thayumanaswami
+und Sarasvati (Gottheit des Lernens). Das Musikinstrument, das die
+Figur rechts unten spielt, ist eine Vina, ein sehr verbreitetes
+Saiteninstrument der Hindu.]
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 138. Ein Lingayatbettler
+
+mit bemaltem Gesicht und falschem, mähnenähnlichem Haar. Er trägt lange
+Eisenstäbe, eine Glocke und Abbildungen von Gottheiten und hat einen
+Rosenkranz um den Hals.]
+
+Das ganze Leben der Hindu von der Wiege bis zum Grabe wird von
+abergläubischen Vorstellungen beherrscht. Schon vor der +Geburt+ werden
+an der Schwangeren zeremonielle Handlungen vorgenommen, die darauf
+zurückgehen. Bei den Tiyan Malabars zum Beispiel werden Mitglieder
+der Waschmännerkaste und Teufelstänzer geholt, um zur Besänftigung
+der bösen Geister, die die angehende Mutter und ihr Kind belästigen
+könnten, umfangreiche heilige Handlungen auszuführen. So wird unter
+anderem im Verlaufe derselben ein Muster auf die Erde unter einem
+Bananengestänge gezeichnet; die Frau muß um dieses herumgehen und
+einen brennenden Docht hineinwerfen. Musik und Tanz begleiten diese
+Zeremonie bis in die Nacht hinein, und zum Schluß des Ganzen wird ein
+Huhn, manchmal ein bereits geköpftes, der Frau an die Stirn gehalten,
+und Reis über sie ausgeschüttet. Die Nayar Malabars pressen aus den
+Blättern eines Tamarindenbaumes den Saft aus und kochen ihn mit Reis;
+der Bruder der Schwangeren schüttet davon etwas auf einer Messerklinge
+ihr in den Mund. Von den Bergbagaba wird an der Schwangeren im
+siebenten Monat ihrer ersten Schwangerschaft eine Zeremonie vollzogen,
+bei welcher der Ehekontrakt endgültig dadurch besiegelt wird, daß der
+Ehemann in Gegenwart seiner versammelten Freunde seiner Gattin einen
+Faden um den Hals wirft. Verfängt er sich in den Haaren -- manchmal
+wird, um dies zu erreichen, von ihr in schlauer Weise durch Hinzufügen
+falschen Haares die Frisur vergrößert --, dann muß er einige Rupien
+Strafe an sie zahlen. Vor dem Paar stehen zwei Schüsseln, in welche die
+Verwandten ebenfalls Geldstücke für die jung Verheirateten stiften.
+Ein Festschmaus wird am Schlusse veranstaltet. Bei einigen Kasten in
+der Tamilgegend werden um die Schwangere im siebenten Monat, während
+sie auf dem Hochzeitspodium steht, rotgefärbtes Wasser und Lichter
+geschwungen, um den bösen Blick von ihr abzulenken. Sie beugt sich
+sodann nieder und legt ihre Hände auf zwei große Töpfe, ihre Schwägerin
+oder eine andere Verwandte gießen ihr dabei Milch aus einem Betelblatt
+über den Rücken oder zeichnen ihr mit Reismehl ein Muster darauf und
+gießen dann erst die Milch darüber. Die Schwester des Ehemanns schmückt
+einen Stein in derselben Weise und betet, daß der Frau ein männliches
+Kind, ebenso stark wie ein Stein, beschert werden möge.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 139. Ein religiöser Büßer (Asket)
+
+mit langgewachsenen Nägeln und struppigem, ungepflegtem Haupthaar.]
+
+Fühlt eine Hindufrau ihre +schwere Stunde+ nahen, dann pflegt man
+sie allgemein in einer Hütte aus Blättern oder Matten abzusondern;
+in ihr muß sie niederkommen und eine geraume Zeit, bei den Adivi des
+Telegulandes neunzig Tage lang, für sich allein hausen. Niemand darf
+sie inzwischen anrühren, höchstens die Frauen, die ihr bei der Geburt
+manchmal beistanden; rührt sie jemand anderes an, dann muß er ebenso
+wie die Wöchnerin drei Monate lang außerhalb des Dorfes zubringen.
+Der Ehegatte baut sich für gewöhnlich eine kleine Hütte in einiger
+Entfernung und wacht über seine Frau, darf sich ihr aber nicht nähern.
+Das Essen für sie stellt man in der Nähe ihrer Hütte auf die Erde.
+Am vierten Tage nach der Entbindung schüttet eine Frau aus dem Dorfe
+Wasser über die Wöchnerin, ohne sie indessen zu berühren, am fünften
+Tage bringt man sie an eine neue Stelle, etwas näher der Ortschaft.
+Am neunten, fünfzehnten und dreißigsten Tage rückt man die Hütte in
+derselben Weise dem Dorfe immer etwas näher und tut dies schließlich
+noch einmal in den beiden folgenden Monaten. Am neunzigsten Tage
+endlich wäscht ein Waschmann ihr Zeug, worauf die junge Mutter in den
+Tempel gebracht und außerdem eine Läuterungszeremonie an ihr zu Hause
+vorgenommen wird. Bekommt eine Frau der Bergkota zum ersten Male ein
+Kind, dann läßt sich ihr Ehemann Bart- und Kopfhaar lang wachsen,
+desgleichen die Fingernägel. Ist das Kind geboren, dann legt er Zweige
+von fünf dornigen Pflanzen und einem heiligen Baume, die er durch
+Reibung anzündete, in einer Reihe außerhalb einer besonderen Hütte, die
+die Frau mit ihrem Kinde von rückwärts zwischen den Zweigen schreitend
+betreten muß. Einem Coorgknaben werden sogleich nach seiner Geburt ein
+Miniaturpfeil und ein ebensolcher Bogen in die Hände gelegt, wodurch
+man ihn als tüchtigen Krieger und Jäger in die Welt einführen will.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 140. Ein Koravaweib beim Schicksalverkünden.
+
+Der Wahrsageapparat besteht aus einem Korb, einer Getreideschaufel,
+einem Stock und einem geflochtenen Tablett mit Kaurimuscheln. Die Hand
+des Kunden ist über die Getreideschaufel gelegt. Die Wahrsagerin singt
+und berührt dabei die Hand mit dem Stock.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 141. Metallene Votivgaben der Hindu.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 142. Ein kinderloses Hinduehepaar bittet vor Lingamsteinen,
+die vor dem Elefantengott Ganesha stehen, und vor Steinplatten mit
+doppelten Schlangensymbolen um Nachkommenschaft.]
+
+Bei der Zeremonie der +Namensgebung+ unter den Nayar Malabars gibt ein
+älteres männliches Familienmitglied dem Kinde einen Mund voll Milch
+mit Bananenscheiben und Zucker vermischt zu essen und ruft ihm seinen
+Namen dreimal ins Ohr. Die Korava binden dem Kinde, das mit seiner
+Mutter auf einer Matte sitzt, einen schwarzen Faden um die Hüfte,
+spalten eine Kokosnuß in zwei Teile und reichen der Mutter ein Stück
+davon zu essen, dabei geben sie dem Kinde den Namen. Sie bezeichnen
+ihre Kinder, ebenso wie einige Oriyakasten, nach den Wochentagen, die
+nach den Planeten wieder benannt sind. Die Oriya scheinen den Sonnabend
+davon auszuschließen, wohl weil er in ihrer alten Mythologie für einen
+Tag übler Vorbedeutung galt. Die Bergkondh töten bei der Namensgebung
+einen Hund und waschen die Füße des Kindes. Darauf bindet ein Priester
+eine Schnur an eine Sichel, streut Reis darauf und wartet, bis sich
+die Sichel bei einem bestimmten Namen, deren eine ganze Reihe genannt
+werden, bewegt. Der so gefundene Name wird dem Kinde dann beigelegt.
+Überresten der Couvade, des +Männerkindbettes+, begegnen wir noch bei
+den Nomadenstämmen der Korava oder Yerukala. Bald nachdem die Frau
+entbunden ist, bekümmert man sich ausschließlich um den Mann, der sich
+in das Tuch seiner Gattin wickelt und sich auf ihren Platz neben das
+neugeborene Kind legt, allerdings nur für wenige Augenblicke, dann
+räumt er seiner Frau wieder den Platz ein. Eine ähnliche Sitte wird
+noch von einer anderen Gegend berichtet. Bei Eintritt der Geburtsstunde
+zieht sich der Ehegatte etwas von dem Zeug seiner Frau an, zeichnet
+sich das Mal, das Frauen auf der Stirn zu tragen pflegen, auf seine
+Stirn, zieht sich in ein verdunkeltes Zimmer zurück, in dem nur eine
+sehr trübe Lampe brennt, legt sich zu Bett und deckt sich mit einem
+langen Tuch zu. Sobald das Kind dann geboren ist, wäscht man es und
+legt es auf das Lager neben den Vater. Ihm, nicht der Mutter, werden
+gleichfalls bestimmte Mittel eingegeben; er darf sein Bett nicht
+verlassen und erhält alles Erforderliche gebracht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 143. Figur für die Hakenschwungzeremonie,
+
+die an Stelle eines Menschen, der früher dabei geopfert wurde, heute
+durch die Luft geschwungen wird.]
+
+Der +Eintritt der Reife+ bedeutet für ein Mädchen ein wichtiges
+Ereignis in seinem Leben. Es muß sich einer zeitweiligen zeremoniellen
+Abgeschlossenheit unterziehen, die häufig in einer zu diesem Zwecke
+besonders errichteten Hütte vor sich geht. Einige Okkiliyanstämme im
+Tamillande schlagen die erste Hütte nach wenigen Tagen wieder zusammen
+und errichten eine neue am dritten, fünften und siebenten Tage. Nach
+Beendigung der Unreinheit wird die Hütte vielfach von dem Mädchen oder
+seinem Onkel angezündet und bis auf die Erde niedergebrannt; die Töpfe,
+die das Mädchen benutzte, werden bei den Bergsavara in kleine Stücke
+zerschlagen, weil es sonst dem allgemeinen Aberglauben gemäß keine
+Nachkommenschaft erhalten würde, falls sich Regenwasser in den etwa
+ganz gebliebenen Töpfen ansammeln sollte. Um Teufel zu verscheuchen,
+werden Zweige von verschiedenen Bäumen ins Dach der Hütte gesteckt und
+ein Stück Eisen zusammen mit Margosablättern, Zweigen vom Strychnosbaum
+und der Arkapflanze in sie gelegt. Manchmal wird auch ein Gestell aus
+Besenstielen und Stücke von Palmblättern oder ein Bogen hineingelegt
+und täglich angebetet. Bei der Pubertätszeremonie eines Tiyanmädchens
+Malabars schüttet seine Tante oder eine andere weibliche Verwandte ein
+gewisses Öl aus einem becherförmig gebogenen Jackbaumblatte ihm über
+den Kopf, auf den vorher eine kleine goldene Münze gelegt wurde, und
+fängt das Öl samt der Münze wieder in einer Schüssel auf. Es gilt als
+gute Vorbedeutung, wenn das Geld in einer bestimmten Lage in diese
+fällt. In ähnlicher Weise leeren Frauen bei einigen Kasten Südkanaras
+über das Mädchen, das auf dem Hofe über fünf Kokosnüssen auf einem
+Bambusrohrgefäß sitzt, einen Topf aus, der Wasser, Betelnüsse und
+Arekanüsse enthält; darauf wird es in einem Nebenhause abgesondert. Die
+kanaresischen Kappiliyan stellen, wenn die Zeremonien ihren Abschluß
+erreichen, in der Nähe des Hauseinganges etwas für einen Hund zu
+fressen hin; dieser wird, wenn er mit der Vertilgung beschäftigt ist,
+tüchtig durchgeprügelt; je lauter er heult, desto günstiger stellen
+sich die Aussichten einer großen Nachkommenschaft für das Mädchen. Die
+Pulluwanmädchen werden am siebenten Tage ihrer Reinigung von sieben
+jungen Frauen gesalbt; diese bringen außerdem den Teufeln, durch die
+das Mädchen etwa besessen werden könnte, eine Opfergabe in Form eines
+aus der Rinde eines Bananenbaums angefertigten Triangels, an dem Stücke
+zarter Kokosnuß und kleine Miniaturfackeln hängen, dar. Der Triangel
+wird um den Kopf des Mädchens geschwungen und sodann aufs Wasser
+gesetzt, damit er fortschwimme.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 144. Sühnebrauch bei den niederen Hinduklassen vor ihrer Gottheit
+Mariatale.
+
+An Stelle von Menschen, die früher bei den niederen Hinduklassen an
+ihren Rückenmuskeln mittels eines eisernen Hakens aufgehängt und
+umhergeschwungen wurden, wird dieser Brauch jetzt an einer Figur, Sidi
+Viranna genannt, vollzogen.]
+
+Viele interessante +Werbegebräuche+ herrschen noch allenthalben in
+Südindien. Öfters ist für die jungen Mädchen bei der Auswahl ihres
+Zukünftigen dessen persönlicher Mut ausschlaggebend. Bei einigen
+Kallanstämmen zum Beispiel besteht der Brauch, daß beim Mattupongalfest
+Bullen, an den Hörnern geschmückt mit Kokosblattgirlanden und Tüchern
+der jungen Mädchen, in die Münzen gebunden sind, unter dem Getöse der
+Tamtam und anderer Musik, um sie in Angst zu versetzen, losgelassen
+werden. Wer von den jungen Burschen einem Mädchen sein Tuch, das
+von ihm um das Horn des Tieres gewickelt war, wieder wohlbehalten
+zurückbringt, wird von ihm zum Manne genommen. Die Coorgmädchen
+verlangen eine Probe physischer Kraft von ihrem zukünftigen Gatten;
+er muß sechs Bananenstämme, die aufrecht in der Erde stehen, jeden
+einzeln mit einem einzigen Hiebe seines Kriegsmessers umhauen. Bei den
+Bergbonda Porja besteht die Sitte, Gruben in den Erdboden zu graben,
+in die während der kalten Jahreszeit nachts die Kinder gelegt werden,
+damit sie warm bleiben. Im Frühling nun werden die heiratsfähigen
+jungen Mädchen des Dorfes in einer dieser Gruben zusammengedrängt,
+und ein junger Mann kommt und macht der einen von ihnen einen Antrag;
+weist das Mädchen ihn ab, dann macht er bei einer anderen den gleichen
+Versuch, bis er sein Ziel erreicht hat. Anderwärts wird auch wieder
+der persönliche Mut des jungen Mannes von seinem Mädchen auf die Probe
+gestellt; beide begeben sich in den Dschungel und zünden ein Feuer
+an; das Mädchen nimmt darauf einen schwelenden Feuerbrand und berührt
+damit den Rücken des Jünglings. Schreit er vor Schmerz auf, dann wird
+er abgewiesen, wenn aber nicht, dann wird die Ehe sofort geschlossen.
+Dem Zufall überlassen die Wahl des Bräutigams die Mädchen bei den
+Dschungelnayādi. Wenn ein solches das heiratsfähige Alter erreicht
+hat, begibt es sich in eine aus Blättern aufgebaute Hütte, um die die
+jungen Männer des Dorfes herumtanzen und singen. Sie sind mit Stöcken
+bewaffnet, die sie durch die Hüttenwand hindurchstoßen. Wessen Stock
+das junge Mädchen ergreift, der wird ihr Mann.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 145. Figuren gegen den bösen Blick.
+
+Geschnitzte Figuren von Tieren und Menschen, die in Malabar gegen den
+bösen Blick auf die Häuser gesetzt werden.]
+
+Bei manchen Stämmen herrschte die Sitte, daß der Schwiegersohn in die
+Dienste seines zukünftigen Schwiegervaters tritt und sich bei ihm die
+Frau gleichsam erarbeitet. Jetzt aber wird diese Dienstleistung schon
+durch eine Barzahlung ersetzt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 146. Malaiischer Teufelsaustreiber aus Malabar.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 147. Ein Pulluwanmann mit einer Topftrommel.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 148. Ein malaiischer Teufelsaustreiber.]
+
+Bei den Kondh begegnen wir unter den Hochzeitszeremonien noch der
++Brautentführung+. Dem Brautzug treten der Bräutigam und die jungen
+Männer seines Dorfes an der Dorfgrenze entgegen, jeder mit einem
+Bambusknüppel bewaffnet. Die jungen Frauen aus dem Dorfe der Braut aber
+gehen zuerst zum Angriff auf die Partei des Bräutigams mit Stöcken,
+Steinen und Erdklumpen vor, und ein Bombardieren wird eröffnet und
+fortgesetzt, bis das Dorf erreicht ist. Dann hört das Steinwerfen auf,
+und der Onkel des Bräutigams ergreift die Braut und trägt sie zum Hause
+seines Neffen. Der Umstand, daß es gerade der Onkel ist, der die Braut
+entführt, legt die Vermutung nahe, daß dieser Scheinkampf um die Braut,
+von dem in Südindien mancherlei Abänderungen vorkommen, nicht als ein
+Überbleibsel der Sitte, die man insgemein Raubehe nennt, anzusehen
+ist, sondern seine Erklärung in der Vorschrift findet, die noch bei
+vielen Kasten beobachtet wird, daß ein Mann die Tochter seines Onkels
+mütterlicherseits heiraten muß. Wo diese Vorschrift nicht zwangsweise
+durchgeführt wird, spielt dieser Onkel dennoch eine wichtige Rolle
+bei den Hochzeitszeremonien. So muß er öfters dem Bräutigam auf seine
+Bitte seine Zustimmung zur Heirat geben, oder der Onkel der Braut dem
+Bräutigam die Füße waschen, die Braut zur Hochzeitsbude tragen, ihr
+das Tāli um den Hals legen und die Finger des jungen Paares bei der
+Eheschließung zusammenbinden.
+
+Bei den Kasten, wo der Brauch, die Tochter des Onkels mütterlicherseits
+zu heiraten, sich erhalten hat, kommt es bisweilen vor, daß ein
+Knabe von sieben oder acht Jahren an ein Mädchen versprochen wird,
+das zweimal so alt ist wie er. Dem Mädchen ist es in manchen Fällen
+erlaubt, auch mit ihrem Schwiegervater zusammenzuleben und zu
+verkehren, bis der Knabe, der als der Vater aller inzwischen etwa
+geborenen Kinder gilt, heranwächst.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 149. Schlangengottesdienst zu Mylapore
+
+vor dem Altar unter einem heiligen Baume. Die Anbetung der giftigen,
+heilig gehaltenen Kobra kommt in ganz Südindien vor, indessen mehr an
+der Westküste, wo Schlangenhaine, manchmal viele Morgen Land bedeckend,
+in großer Menge vorhanden sind. In den Hainen stehen zahlreiche Steine
+mit eingegrabenen Abbildungen der Kobra.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 150. Malaiische Teufelsaustreiber.]
+
+Ein sonderbarer Brauch, „die Aufrechterhaltung des Hauses“ genannt,
+wird von den Bergkunnuwan beobachtet, wenn ein Mann keine Kinder außer
+einem Mädchen besitzt und seiner Familie die Gefahr des Aussterbens
+droht. Das Mädchen darf hier zwar nicht, wie es sonst vielfach üblich
+ist, von dem Sohn ihres Onkels beansprucht werden, kann aber mit einem
+Türpfosten des Hauses verheiratet werden; als Eheabzeichen erhält sie
+dann eine silberne Spange um das Handgelenk gelegt. Es ist ihr nun
+gestattet, sich mit irgend einem Manne aus ihrer Kaste zusammen zu
+tun; sollte sie von ihm einen Sohn bekommen, so erbt dieser durch sie
+den Besitz ihres wirklichen Gatten. -- +Mit einer dritten Frau eine
+Ehe einzugehen+, bringt nach Ansicht der Brahmanen Unglück. Um diesem
+aber aus dem Wege zu gehen, wird zunächst eine +Scheintrauung+
+vollzogen. Der Witwer bindet ein Tāli um eine Arkapflanze, die die
+Sonne versinnbildlicht, und haut sie dann um. Dadurch wird die nunmehr
+einzugehende Ehe die vierte anstatt der dritten. Eine ähnliche Form der
+Scheinehe mit einem Baume (Banane) wird manchmal von denen geschlossen,
+die die älteren Brüder einer Familie sind, jedoch aus irgend einem
+Grunde (zum Beispiel wegen körperlichen Fehlers) zur Ehelosigkeit
+verurteilt sind. Da den jüngeren Brüdern aber die Ehe nicht eher
+gestattet ist, bevor die älteren verheiratet sind, so tun diese dies,
+um jenen Gelegenheit zu geben, sich zu vermählen. -- Wenn ein Mädchen
+bei einigen Kasten im Oriyalande vor der Reife sich noch keinen Mann
+gesichert hat, so wird sie mit einem Messinggefäß, dem Sinnbild der
+Sonne, verheiratet, oder sie unterzieht sich einer Scheintrauung, bei
+der ein alter Mann oder ein Pfeil, ein Sahādabaum, um dessen Stamm ein
+neues Tuch gebunden ist und gegen den Pfeil und Bogen angelehnt sind,
+den Bräutigam vertreten. -- Geht ein Landbesitzer der Kambalakaste im
+Tamillande mit einer Frau aus niederer Kaste eine Ehe ein, so ist er
+nicht persönlich bei der Hochzeit zugegen, sondern wird durch einen
+Dolch vertreten, in dessen Gegenwart der Braut das Tāli um den Hals
+gebunden wird. In ähnlicher Weise stellt bei den Maravan der vornehme
+Bräutigam einen Stock als seinen Vertreter. Unsere Abbildung 153
+zeigt den bei Hochzeiten der Tamilen gebräuchlichen reichgeschmückten
+Baldachin, unter dem Braut und Bräutigam Platz nehmen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 151. Teufelstänzer in besonderem Aufputz mit klingenden Schellen
+um die Fußgelenke.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. V. Arumynayagam.
+
+Abb. 152. Eine Hindubraut aus dem Tamilgebiet mit zahlreichem Schmuck.
+
+Auch ihre Fußzehen tragen Ringe.]
+
+Die Sitte der brüderlichen +Vielmännerei+ besteht heutigentags noch bei
+den Toda, allerdings ist sie jetzt schon mehr im Abnehmen begriffen,
+denn es bürgert sich mehr und mehr bei diesem Volke der Brauch ein, daß
+Brüder je ein besonderes Weib sich nehmen oder auch mehrere Männer
+mehrere Weiber gemeinsam haben. Wenn ein Mädchen bei den Toda sich
+verheiratet, dann wird sie gleichzeitig das Eheweib sämtlicher Brüder
+des Gatten, ja es geht so weit, daß, wenn ein Mädchen schon mit einem
+Knaben verheiratet wird, man sie nicht bloß als die rechtmäßige Gattin
+aller lebenden jüngeren Brüder betrachtet, sondern im voraus auch
+als die aller derjenigen, die noch geboren werden können. Die Brüder
+leben in solcher polyandrischen Ehe einträchtig miteinander; jeder von
+ihnen wohnt der Frau abwechselnd bei. Wenn aber die Brüder nicht unter
+einem gemeinsamen Dach, sondern in verschiedenen Dörfern hausen, dann
+lebt die gemeinsame Frau abwechselnd für eine gewisse Zeit der Reihe
+nach mit jedem von ihnen zusammen. Interessant ist die Art und Weise,
+wie die Vaterschaft der Kinder festgestellt wird. Wird die Frau zum
+ersten Male schwanger, dann nimmt der älteste Bruder für gewöhnlich
+die Zeremonie des Überreichens von Bogen und Pfeil an dem Kinde vor,
+womit er andeuten will, daß er sich zum Vater des Neugeborenen bekennt;
+bei der zweiten Geburt ist es wohl Sitte, daß der andere Bruder diese
+Zeremonie übernimmt, für gewöhnlich aber gehören die ersten zwei bis
+drei Kinder demselben Ehemanne an, und erst bei den darauffolgenden
+läßt er die Zeremonie des Bogen- und Pfeilüberreichens durch einen
+anderen Bruder vollziehen. Gehen die Eheleute auseinander, dann nimmt
+jeder der Ehemänner die Kinder an sich, für die er sich bei der Geburt
+als Vater bekannt hatte.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. V. Arumynayagam.
+
+Abb. 153. Hochzeitsbrauch bei den Tamilen.
+
+Braut und Bräutigam sitzen in einer Sänfte, die mit allerhand Zierat
+und mit geschnitzten Figuren an den Ecken ausgeschmückt ist. Die die
+Sänfte umstehenden Personen zeigen den charakteristischen Typus der
+Tamilen, deren Haar über der Stirn wegrasiert ist.]
+
+Bisher haben wir die +Hochzeitsbräuche+ der Bewohner Südindiens
+behandelt, die nicht die allgemeine Regel bilden, sondern vielmehr
+eine seltenere Erscheinung ausmachen. Wir wollen jetzt die ersteren
+hier nachholen. Bereits mehrfach war von dem Tāli (auch Bottu
+genannt) die Rede. Es ist dies ein goldener Ziergegenstand, welcher
+der Braut (Abb. 152) um den Hals gebunden wird, nachdem er unter den
+Hochzeitsgästen die Runde gemacht und deren Segen empfangen hat, und
+etwa unserem Trauring entspricht, also das hindostanische Eheabzeichen
+(Abbild. 155) vorstellt. Bei manchen Kasten tritt an Stelle dieses
+wertvollen Gegenstandes eine Halskette aus schwarzen Perlen oder nur
+ein mit Safran gefärbtes Band. Safran bildet überhaupt einen wichtigen
+Bestandteil des indischen Zeremoniells. Die Sitte, sich damit das
+Gesicht zu färben, ist bei den Frauen sehr verbreitet; sie meinen
+dadurch ihren Männern mehr Lebensjahre zu verschaffen; daher pflegen
+sie sich geradezu verschwenderisch mit Safranwasser zu waschen. Um
+den bösen Blick abzuwenden, wird bei Hochzeiten ein Gefäß, das unter
+anderem auch Safranwasser enthält, vor dem Brautpaar geschwungen; beide
+baden sich darin und begießen sich gegenseitig damit.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 154. Ganigabrautleute aus dem Kanaragebiet.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 155. Kapubrautleute aus dem Telugugebiet.
+
+Sie tragen bereits das Tali, das Eheabzeichen.]
+
+Bei den meisten Kasten ist der wesentliche und bindende Teil der
+Hochzeitszeremonie das +Zusammenbinden der Hände+ von Braut und
+Bräutigam mittels eines baumwollenen oder seidenen, mit Safran
+gefärbten Fadens oder mittels des heiligen Dharbagrases, oder das
+Ineinanderlegen ihrer Hände oder kleinen Finger, wobei Wasser
+über sie ausgeschüttet wird. Manchmal werden auch die Hände des
+Brautpaares unter einem Tuch vereinigt, das die beiderseitigen Onkel
+mütterlicherseits halten. Bei einem Stamme der Bergbadaga bringt die
+Schwester der Braut etwas Reis und Milch in einer Tasse, in die das
+Paar seine aneinander gebundenen Finger eintaucht; darauf nehmen beide
+etwas Reis und stecken ihn sich dreimal in den Mund. Bei den Völkern
+von Telugu, Kanara (Abb. 154) und Oriya ist es allgemein üblich, einen
+Wandschirm oder einen Vorhang zwischen den Brautleuten anzubringen,
+über den hinüber die Braut Reis und Salz auf den Kopf ihres Bräutigams
+wirft. Man pflegt hier auch die Enden der Hüfttücher des Paares, in die
+Reis, Betelblätter, Arekanüsse, Muschelgeld und andere Dinge gebunden
+sind, miteinander zu verknoten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 156. Eine Hinduverbrennung.
+
+Die mit einem Tuch bedeckte Leiche wird auf den Scheiterhaufen gelegt
+und dieser durch ein unter besonderen religiösen Feierlichkeiten
+hergestelltes Feuer angezündet.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 157. Hindubegräbnis.
+
+Die Leiche wird unter einem mit Blumengirlanden reich geschmückten
+Baldachin zur Einäscherungsstätte getragen.]
+
+Eine wichtige Rolle spielen bei der Hinduhochzeit die +Töpfe+. Nach
+dem Aberglauben des Volkes sollen sie dreihundertdreißig Millionen
+kleinerer Götter oder Dēvas vorstellen; daher verwenden Brahmanen auch
+dreiunddreißig Töpfe bei ihrer Hochzeit. Die Dorftöpfer haben für
+solche Gelegenheiten gut zu tun; sie fertigen eine Menge Töpfe an,
+deren größter an Umfang etwa dreieinhalb Meter messen muß. Die Töpfe
+nun werden von Braut und Bräutigam in gebührender Weise angebetet.
+Verschiedene Oriyakasten pflegen einen Topf mit Wasser aus sieben
+verschiedenen Häusern anzufüllen und in der Hochzeitsbude aufzuhängen,
+oder sie stellen eine Anzahl Töpfe, einen auf den anderen geschichtet,
+in die vier Ecken und in die Mitte dieses Raumes auf und so weiter. --
+Dem +Barbier+ kommt bei Hochzeiten ein wichtiges Amt zu. Er hat dem
+Bräutigam die Fußnägel zu beschneiden und das Gesicht zu rasieren,
+wobei er zuweilen Kuhmilch an Stelle von Wasser verwendet. Er berührt
+auch die Stirn der Braut mit einem Rasiermesser und ihre Zehen mit
+einem in Milch getauchten Mangoblatt, dem Sinnbild des Wohlergehens;
+bei manchen Kasten bindet er der Braut auch das Tali um den Hals. Eine
+drollige Figur gibt der Barbier auf der Hochzeit bei den Lingayat
+Kannadiyan ab. Er hat hier die Aufgabe, die Köpfe des Brautpaares
+mit geklärter Butter aus einer Kokosnußschale zu besprengen, was ihm
+aber nicht leicht gemacht wird. Denn vorn trägt er einen Stein an
+einem Stricke um seinen Hals, der ihn dabei nach vorn herabzieht, und
+rückwärts ebenfalls einen Strick, an dem die Kinder ihn nach hinten
+ziehen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 158. Szene aus einer Hinduleichenverbrennung.
+
+Nachdem der Scheiterhaufen heruntergebrannt ist, werden Milch und
+Kokosnußwasser über die Asche gegossen, um den Durst des Verbrannten zu
+löschen, sowie Reis, Hülsenfrüchte und Kuchen ihm dargebracht.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 159. Verbrennung eines Hinduleichnams.
+
+Wenn der Leichenzug den Einäscherungsplatz erreicht hat, sprengt der
+die Feier abhaltende Priester Wasser auf den Scheiterhaufen und wirft
+eine kleine Münze darauf als Entgelt für die Benutzung des Bodens bei
+der Verbrennung. Ein Sohn des Verstorbenen entzündet einen Span an dem
+heiligen Feuer und setzt damit den Scheiterhaufen in Flammen, während
+er in die Sonne sieht.]
+
+Die Hochzeitszeremonien der +Mohammedaner+ Südindiens sind
+verschiedentlich ein Mittelding zwischen rein mohammedanischen und
+hindostanischen Gebräuchen. Bei einer Hochzeit der mohammedanischen
+Marakkayar wird eine Zeremonie direkt die „brahmanische Verkleidung“
+genannt. Die Braut ist wie eine Brahmanin gekleidet und fordert mit
+einem Messinggefäß in der einen und einem Stock in der anderen Hand vom
+Bräutigam Geld ein, wobei sie ihr Anliegen mit Stockschlägen begleitet.
+
++Eheliche Untreue+ der Frauen wird besonders dann streng geahndet,
+wenn sie sich mit Männern einer niederen Kaste einließen. Wer eines
+solchen Vergehens von dem Dorf- oder Gemeinderat überführt ist,
+wird aus der Kaste ausgestoßen und kann eine Wiederaufnahme erst
+dann wieder erlangen, wenn er sich verschiedenen seltsamen Formen
+von Gottesurteilen unterzogen hat. Sonderbar mutet von diesen
+Vorschriften die folgende an: ein schwerer Mörser wird der Frau vorn
+und eine Katze hinten auf dem Rücken angebunden; so ausgestattet muß
+sie durch die Straße ziehen. Während der Mörser sie beinahe bis auf die
+Erde hinabzieht, sucht die Katze sich durch Kratzen hinten zu befreien.
+-- Bei den Koraga von Südkanara wird eine Reihe von sieben Hütten am
+Flußufer errichtet und Grasbündel gegen sie aufgestapelt. Diese werden
+in Brand gesteckt, und die Übeltäterin muß über die brennenden Garben
+und die heiße Asche hinweggehen. Diese Zeremonie soll die sieben Leben
+versinnbildlichen, die nach dem Gesetze des Manu erforderlich sind,
+um einen Fehltritt gegen das Heiratsgesetz zu sühnen. Koyimädchen,
+die sich mit einem Mann aus niederer Kaste verbinden, werden dadurch
+geläutert, daß ihnen die Zunge mit einer erhitzten goldenen Nadel
+durchstochen wird und sie durch sieben Palmenblätterbogen hindurchgehen
+müssen, die nachher verbrannt werden. Die Kappiliyan kennzeichnen das
+Ausgestoßensein einer Frau wegen Ehevergehens dadurch, daß sie über
+einen ihr gehörigen Schmuckgegenstand in aller Form eine Trauerfeier
+abhalten und ihn verbrennen, und die Frau selbst von nun an für tot
+erklären. Die Parivaram töten die Frau in ähnlicher sinnbildlicher
+Weise; sie fertigen von ihr ein Lehmbildnis an, stechen ihm in die
+Augen Dornen und werfen es schließlich außerhalb des Dorfes fort.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 160. Szene aus einem Todabegräbnis.
+
+Die Weiber sitzen vor der Totenhütte und wehklagen, je zwei und zwei
+drücken dabei ihre Stirnen aneinander.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 161. Tötung eines Ochsen bei einem Todabegräbnis.
+
+Die Männer schleppen gewaltsam einen Ochsen herbei und zwingen ihn
+nieder.]
+
+Eine ganz besondere Strafe trifft manchmal bei den Oriya Ravulo
+den Ehemann, wenn er seine Frau mißhandelt oder verlassen hat.
+Er muß sich unter einen Bambusbottich und seine Frau oben darauf
+setzen; sodann wird der Inhalt von fünf Töpfen Wasser über das Paar
+gegossen in Nachahmung der bei dieser Kaste üblichen Sitte, über
+eine Leiche aus ebensoviel Gefäßen Wasser zu gießen, bevor man sie zum
+Verbrennungsplatz bringt. Dieser Vorgang spielt sich überdies in einem
+Hause ab, wo für gewöhnlich ein Toter gewaschen wird.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 162. Szene aus einem Todabegräbnis.
+
+Wenn der Büffel tödlich getroffen ist, legt man den Toten an den Kopf
+des seine Seele aushauchenden Tieres.]
+
+Um ihre Unschuld zu beweisen, kann eine verdächtigte Person ihre
+Zuflucht zu einem Gottesurteil nehmen. Meistens muß sie dann ihre Hand
+in kochendes Öl tauchen und eine Münze, eine Arekanuß oder einen Stein
+herausholen. Gelingt ihr dies nicht, so ist ihre Schuld bewiesen;
+andernfalls geht sie frei aus.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 163. Szene aus einem Todabegräbnis.
+
+Bevor der Büffel getötet wird, beschmiert man Rücken, Hörner und Kopf
+mit Butter und bindet ihm eine Glocke um den Hals.]
+
+Die vornehmste +Bestattungsform+ der Südindier, aber auch die
+teuerste, ist das Einäschern der Leichen; diese können sich nur die
+Wohlhabenderen leisten (Abb. 156 bis 159). Daher begegnen wir der
+Einäscherung allgemein bei den höheren Kasten, bei den niederen dagegen
+nur insoweit, als die pekuniären Verhältnisse der Familie es gestatten.
+Die Regel bildet bei den niederen Kasten das +Begraben+ der Toten. Beim
+Tode des Mannes wird der Witwe manchmal das Tali vom Halse abgenommen
+und mit den Blumen, die sie schmücken, der Leiche mit ins Grab gegeben,
+oder ihre Spangen werden vor einem hölzernen Pfahl, der mit dem Zeug
+des Mannes bekleidet ist, zerbrochen. Beerdigung in sitzender Haltung
+kommt noch unter anderen bei einigen primitiven Dschungelstämmen vor.
+Das Grab wird oft dadurch gekennzeichnet, daß man eine Hütte oder
+ein Schirmdach darüber baut und einen stachligen Zaun aus Zweigen
+herumlegt, damit die wilden Tiere, im besonderen die Schakale, nicht
+herankönnen, oder man legt einen Kiesel mit einem Zauberspruch auf
+das Grab, um den Geist des Verstorbenen daran zu hindern, daß er die
+Überlebenden belästigt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 164. Einfangen eines Ochsen für ein Todabegräbnis,
+
+der darauf zum Begräbnisplatz getrieben wird.]
+
+Vielseitig und manchmal auch sehr sinnig sind die Gebräuche, die man
+mit der +Asche des Toten+ vornimmt. Die Bergkoyi vermischen sie mit
+Wasser und formen Kugeln, vergraben diese in einem Loch und decken eine
+Steintafel darüber. Wenn Freunde des Mannes an der Stelle vorübergehen,
+legen sie ein paar Tabakblätter für ihn auf diese Tafel. Die Bergsavara
+begraben Reste der verbrannten Gebeine mit einem zerschlagenen Hühnerei
+in einer Miniaturhütte; auch schicken sie Stücke verkohlter Knochen
+an Verwandte, die entfernt wohnen, damit diese an ihnen bestimmte
+Begräbniszeremonien vornehmen. Manche Kasten legen ein Stück Knochen in
+einen Topf unter einen heiligen Feigenbaum; der Sohn des Verstorbenen
+nimmt diesen schließlich fort und vergräbt ihn in der Nähe seines
+Hauses. Andere wieder pflanzen eine Tulsipflanze an der Stelle, wo
+die Asche begraben liegt; manchmal werden die Aschenreste auf einen
+Baum, einen Ameisenhaufen, in fließendes Wasser oder auch in die See
+geschüttet. Vielfach besteht auch die Sitte, die Asche als Postpaket an
+einen bestimmten Agenten in Benares zu senden, auf daß er sie in den
+heiligen Ganges schütten läßt. -- Bildnisse des Verstorbenen werden
+oft aus seiner Asche, Reismehl, Stroh und Schlamm hergestellt oder auf
+ein neues Tuch aufgezeichnet und dann durch Opfergaben geehrt. Die
+Strohfiguren verbrennt man dann oft, die Bergkondh aber stellen sie vor
+oder auf dem Dache ihrer Häuser auf. Die Oriya Gaudo stecken sieben
+kleine Fahnen aus gelbgefärbtem Stoff in die Schultern, den Unterleib,
+die Beine und den Kopf einer Figur aus Asche und bringen ihr Speise
+dar. Von vielen Kasten wird ein Topf mit Wasser oder Reis von dem
+Hauptleidtragenden, in der Regel der Witwe des Verstorbenen oder seinem
+Onkel mütterlicherseits, auf dem Hinwege zum Verbrennungsplatz oder
+auch auf diesem selbst zertrümmert.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 165. Ein Leichenbegängnis der Badaga.
+
+Der Leichnam wird auf einen Wagen gelegt, der aus mehreren Stockwerken
+aufgebaut ist.]
+
+Zahlreich sind die Methoden, zu denen man seine Zuflucht nimmt, um die
++ruhelosen Geister der Verstorbenen zu versöhnen+ und zu beruhigen.
+Manche Bergstämme schießen zu diesem Zweck ein Gewehr ab, während das
+Begräbnis stattfindet. Im Tamilgebiet wird manchmal gerösteter Reis auf
+dem Wege zum Verbrennungsplatze ausgestreut, um dadurch den Geist, der
+am Abend versuchen wird, nach Hause zurückzukehren, zu veranlassen, daß
+er sich mit dem Auflesen der Speise aufhalte und sich dann zurückziehe.
+Um den boshaften Geist eines Menschen, der an einer ansteckenden
+Krankheit starb, an seiner Rückkehr zum Dorf zu verhindern, legen die
+Bergkoyi eine Fischfalle und dornige Zweige über den Weg, der zu ihm
+hinführt. Am dritten Tage nach dem Tode sollen die Khond eine Spinne
+vom Begräbnisplatze holen, sie einen Tag lang zu Hause behalten und
+mit Reis, Fleisch und einem neuen Tuch zu versöhnen suchen, weil
+sie annehmen, daß dieses Tier eine feindlich gesonnene Wiedergeburt
+des Verstorbenen vorstelle. Von den Bergkoyi wird bei Eintritt
+eines Todesfalles eine Kuh oder ein Bulle erschlagen, der Schwanz
+abgeschnitten und der Leiche in den Mund gesteckt. Auch pflegen sie
+einen solchen Schweif auf dem Begräbnisplatze an jeden der einzelnen
+Steine, die hier errichtet sind, zu binden; er bleibt hier, um den
+Geist des Verstorbenen zu besänftigen, dem man dadurch einreden will,
+daß er das ganze Tier erhalten habe. Manchmal werden dem Verstorbenen
+auch ein paar Rupien, die den Wert eines Ochsen darstellen, anstatt des
+Schweifes in den Mund gesteckt.
+
+Eine ganz besondere Form erhält das Totenzeremoniell bei den
++Hirtentoda+ und den ackerbautreibenden Badaga der Nilghiriberge. Bei
+ersteren weichen die Bräuche zwar sehr voneinander ab, je nach dem
+Geschlechte des Verstorbenen und den sonstigen Verhältnissen, aber
+im allgemeinen verfährt man mit der Leiche folgendermaßen. Der Tote
+wird in eine zu diesem Zwecke gebaute einfache Hütte gelegt, meistens
+innerhalb eines Steinkreises in der Nähe des Haines, in dem der
+Scheiterhaufen hergerichtet worden ist. Vor ihr gruppieren sich die
+Frauen, zu zweien zum Zeichen der Trauer die Stirnen aneinander gelegt
+(Abb. 160), wobei ihnen die Tränen über die Wangen rollen. Männer und
+Knaben gehen nun auf die Suche nach einem oder mehreren Ochsen, die sie
+nach der Stelle, wo der Tote liegt, hintreiben (Abb. 161 und 164). Hier
+packen die ersteren die Tiere mit aller Kraft bei den Hörnern, ducken
+sie nieder und versetzen ihnen auf die Stirn einen Axthieb. Der Tote
+wird sodann herbeigebracht und am Kopfe des seine Seele aushauchenden
+Tieres, das mit Butter beschmiert worden ist, niedergelegt (Abb. 162
+und 163). Männer, Frauen und Kinder drängen sich dann heran, um das
+tote Tier zu begrüßen und die Hände auf seinen Kopf und seine Hörner
+zu legen. Bei dem Leichenbegängnis eines Mannes pflegt man dreimal
+Erde auf den Leichnam und in eine Viehhürde oder einen Steinkreis zu
+werfen. Nach Ablauf einer gewissen Zeit wird eine zweite Totenfeier
+veranstaltet, bei der die Hinterlassenschaft des Verstorbenen samt
+einem Stück seines Schädels und einer Haarlocke in einem Steinkreis
+verbrannt werden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 166. Szene aus einer Badagabestattung.
+
+Die Frauen sitzen am Lager des Verstorbenen und wehklagen.]
+
+Bei einem +Leichenbegängnis der Badaga+ wird der Tote auf einen aus
+mehreren Stockwerken aufgebauten, mit Tüchern und Wimpeln festlich
+geschmückten Wagen (Abb. 165) gelegt. Eine Anzahl Frauen, Verwandte und
+Befreundete des Toten, stürzen sich auf seine Lagerstätte (Abb. 166)
+und erheben abteilungsweise großes Wehklagen; eine Frau läutet dabei
+eine Glocke. Die Männer aber tanzen, mit bunten Röcken und schmucken
+Turbanen herausgeputzt, um den Leichenwagen herum. Nachdem der Tote zum
+Einäscherungsplatz gebracht worden ist, wird der Wagen seines Schmuckes
+beraubt und in Stücke zerschlagen. Großen Eindruck macht es, wenn der
+Stammesälteste dann noch die herkömmlichen Sünden des Toten absingt;
+er erwähnt dabei unter anderem auch, daß er junge Vögel den Katzen zum
+Fressen reichte, Schlangen und Kühe tötete und die Schwiegertochter
+quälte.
+
+Bei den Billawa in Südkanara begegnen wir dem interessanten Beispiel
+einer +Totenhochzeit+. Ihr liegt der Gedanke zugrunde, daß ein
+Mädchen, das unverheiratet starb, das Haus heimsucht und daher durch
+einen nachträglichen Ehebund versöhnt werden muß. Seine Verwandten
+nehmen aus einem Hause, in dem sich eine Knabenleiche befindet, eine
+kleine Münze (Viertelannastück), binden sie zwischen zwei Löffel fest
+und hängen diese an dem Dache des Hauses auf, das der Familie des
+verstorbenen Mädchens gehört. Damit soll die Verlobungsfeier angedeutet
+werden. An einem bestimmten Tage, der nun für die Hochzeit festgesetzt
+worden ist, werden zwei Figuren, Braut und Bräutigam darstellend,
+mit ineinander gelegten Händen auf den Fußboden gezeichnet,
+Viertelannastücke, schwarze Perlen, Spangen und ein Nasenschmuck auf
+die Hände des Paares gelegt und darüber Wasser gegossen, wie bei einer
+Hochzeit im wirklichen Leben. Die Kaste der Idayan verheiratet eine
+menschenähnliche Figur aus Stroh mit der Leiche und vollzieht an diesem
+Paar einige Hochzeitsriten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 167. Eine Hütte der Tottiyan (Māle genannt),
+
+in der um einen hölzernen, mit männlichen und weiblichen Figuren
+bedeckten Pfosten Steine stehen, die die Vorfahren darstellen.]
+
+Die Sitte des Sati, das ist die +Selbstopferung der Witwe+ beim
+Leichenbegängnis des Mannes, hat längst aufgehört. Eine Erinnerung
+daran lebt noch bei den Tottiyan fort, deren Kastengöttinnen zu
+Gottheiten gewordene Frauen sind, die sich auf solche Weise opferten.
+Ihnen zu Ehren wird noch alle vier Jahre ein Fest veranstaltet; das
+Hauptereignis dabei ist ein Ochsenkampf, bei dem ein Preis für den
+Gewinner ausgesetzt wird.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Thurston.
+
+Abb. 168. Sinnbilder der Puni Golla,
+
+die sie auf die Erde aufzeichnen.]
+
+Viele Hindustämme sind mit der Zeit von den Zeremonien für ihre
+Ahnen mehr und mehr abgekommen, die ihre Vorväter aufs peinlichste
+auszuführen sich angelegen sein ließen. Nur die Brahmanen und gewisse
+andere Hindukasten feiern noch ein Jahresfest als Erinnerung an die
+Toten, das Srādh. Hierbei wird den Vorfahren dreier Generationen
+ein Reisball dargebracht und sodann den Krähen vorgeworfen. Fressen
+diese davon, dann wird dies als ein günstiges Vorzeichen aufgefaßt.
+-- Die Dschungelnayadi Malabars stellen um einen Mangobaum Steine
+herum, die ihre verstorbenen Stammesmitglieder darstellen sollen;
+an sie richten sie in regelmäßigen Zeitabschnitten Gebete, auf daß
+ihre Geister sie vor den Verheerungen der wilden Tiere und besonders
+der Schlangen beschützen möchten. In ähnlicher Weise verehren die
+Yerrakolla Tottiyan des Tamilgebietes Steine als Vorfahren, die sich
+innerhalb ihrer Dorfgrenze in Kreisen aufgestellt finden; sobald jemand
+stirbt, wird ein Stein in die Asche des Toten gelegt und dann dem
+Ahnenkreise eingereiht. Die Vekkiliyan Tottiyan, bei denen die kürzlich
+Verstorbenen unter einem kuppelartigen Strohdach um eine geschnitzte
+Säule herum in Gestalt von Steinen verschiedener Größe verehrt werden,
+Māle genannt (Abb. 167), lassen bei ihren Festen eine Anzahl Stiere
+darauf los; das Tier, welches das Māle zuerst erreicht, wird geschmückt
+und in Ehren gehalten. -- Die Coorg verehren ihre Vorfahren entweder
+ebenfalls in Gestalt von Steinen, die sie auf einem aufgeschütteten
+Hügel unter einem Baum aufstellen, oder auch von Figuren, die sie in
+Silberplatten einschlagen oder in Topfsteinscheiben einritzen, oder
+von Bronzebildnissen. Sie werden in einem kleinen Hause oder in einer
+Nische des Wohnhauses untergebracht. -- Viele Kasten verbinden mit der
+Hochzeits- oder einer anderen Feier eine Versöhnung der Vorfahren.
+So bitten die Mādhvabrahmanen gelegentlich einer Hochzeit die Ahnen,
+die durch ein Männertuch und ein Mieder dargestellt werden, um ihren
+Segen für das Brautpaar. Um die Ahnen bei der gleichen Gelegenheit
+gutzustimmen, zeichnen die Telugu Puni Golla auf den Fußboden mit
+farbigen Pulvern ein Bild auf, das die Göttin Ganga, eine Lotusblume,
+eine Schlange und anderes mehr vorstellt (Abb. 168), und beten dieses
+in einer sehr sorgfältig durchgearbeiteten Zeremonie an. Im Laufe der
+Andacht wird ein Mann, der sich Glocken um die Beine gebunden hat,
+von dem Geiste eines Vorfahren besessen und verletzt sich mit einem
+Schwert. Dieses wird ihm entwunden und auf die Gestalt der Ganga
+gelegt. Zu guter Letzt wird auch noch der Bräutigam besessen; er
+wirft seinen Turban und sein Leibtuch fort und ergeht sich in wilden
+Bewegungen.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. R. Thiele.
+
+Abb. 169. Sannyasi Sadhu,
+
+für gewöhnlich Fakire genannt, die dem Gotte Shiwa geweiht sind. Sie
+dürfen nie ihr Haar schneiden lassen, das daher in langen Zöpfen
+herabfällt; ihren Körper beschmieren sie mit Asche vom heiligen Feuer.]
+
+
+
+
+Nordindien.
+
+Hindu und Mohammedaner.
+
+
+Je weiter wir in Indien nach Norden vordringen, um so reiner treten
+uns die Hindu entgegen, reiner insofern, als sie in höherem Grade
+die charakteristischen Züge ihrer Vorfahren bewahrt haben, die im
+zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung aus Europa über Iran in
+das Fünfströmeland einwanderten und sich von da aus über ganz Indien
+ausbreiteten. Je weiter nach Süden, um so stärker wurde ihre Mischung
+mit den bereits vor ihnen hier ansässigen Drawida und Ureinwohnern.
+Die +äußere Erscheinung+ der Hindu ist eine ansprechende; besonders
+sind beim weiblichen Geschlecht wirkliche Schönheiten keine Seltenheit.
+Die Hindu sind im allgemeinen ein mittelgroßer, schlank gewachsener
+Menschenschlag von geschmeidigen, aber verhältnismäßig langen
+Gliedmaßen, samtweicher, glänzender, ziemlich lichter Hautfarbe, die
+vielleicht der des Südeuropäers entspricht, üppigem, glänzendschwarzem,
+welligem oder lockigem Haupthaar und verhältnismäßig reichlichem
+Bartwuchs. Ihr Kopf ist klein, lang und schmal; das schmale,
+hohe (ovale) Gesicht mit wohlentwickelter Stirn und anliegenden
+Jochbogen zeigt regelmäßige, feine Züge, eine ebenfalls schmale,
+fein geschnittene Nase mit hohem, häufig konvexem Rücken, horizontal
+stehende, große Augen ohne Mongolenfalte, einen mittelgroßen Mund
+und ein kleines, rundes Kinn. Die reinsten Vertreter dieses dem
+europäischen nahekommenden Typus finden sich in den oberen Kasten des
+Fünfströmelandes, von Kaschmir und Radschputan, im besonderen unter
+den Brahmanen. Je niedriger eine Kaste in der sozialen Stufenordnung
+der Hindu steht, um so dunkler ist ihre Hautfarbe. Das Bestreben
+der arischen Einwanderer, die Rasse rein zu erhalten, hat im Laufe
+der Zeiten dazu geführt, daß sie sich in kleine Gemeinschaften
+absonderten, die unter gleichen Lebensbedingungen miteinander lebten
+und nur untereinander heirateten. Ein jeder, der außerhalb des so
+geschaffenen Ringes stand, galt als ein Fremder; mit ihm hörte eine
+soziale Gemeinschaft, im besonderen eine Heirat, auf. Auf diese Weise
+entstanden besondere Gesellschaftsklassen, die sogenannten +Kasten+ --
+das Sanskritwort für Kaste, „Warna“, bedeutet direkt Farbe -- deren
+es heutzutage eine ungeheure Menge gibt (im Jahre 1901 sollen deren
+nicht weniger als zweitausenddreihundertachtundsiebzig gezählt worden
+sein), zumal sie sich wieder in kleinere Unterkasten gliedern, die aber
+wieder häufig genug soziale Unterschiede, wenn auch nur geringfügige,
+unter sich machen. So ist zum Beispiel die Kaste der Brahmanen unter
+diesem Namen über ganz Indien verbreitet, aber in Wirklichkeit
+zerfällt sie wieder in eine Menge differenzierter Abstufungen --
+die nördlichen sollen ihrer allein vierhundertneunundsechzig zählen
+-- die hinsichtlich des geselligen Verkehrs vollständig voneinander
+getrennt leben. Für einen Brahmanen aus Kaschmir, der wohl den
+ursprünglichen arischen Typus noch am reinsten vertritt, würde ein
+solcher aus Madras, wenngleich er nominell derselben Kaste angehört,
+nicht als gleichgestellt gelten, ebensowenig ein Brahmane aus Bombay
+einen aus Bengalen als einen solchen anerkennen. Über den Verkehr der
+indischen Kasten herrschen strenge Gesetze. Wer sich dagegen vergeht,
+ja etwas von einem Angehörigen einer niederen Kaste auch nur berührt,
+gilt als unrein. Daß ein Mensch aus einer niederen Kaste in eine
+höhere übergeht, tritt wohl sehr selten ein, dagegen aber häufig der
+umgekehrte Fall, daß er in eine niedere verstoßen wird. Ein solches
+soziales System hat notgedrungen dazu geführt, daß bestimmte Kasten
+sich einem besonderen Handwerk zugewandt haben; daher decken sich
+vielfach Kaste und bestimmte Handwerke. Ursprünglich gab es in Indien
+nur vier große Kasten: die Brahmanen oder Priester, die Kshatriya oder
+Krieger, aus der die regierenden Fürsten hervorgingen, die Vaishya oder
+Ackerbauer und Kaufleute, und die Sudra oder Handwerker. Die letzteren
+wurden von den unterworfenen Eingeborenen gestellt. Diese Kasten
+unterschieden sich auch äußerlich in ihrer Tracht, die sich bis auf
+unsere Tage erhalten hat. Die Angehörigen der Brahmanenkaste tragen um
+den Hals ein Band aus locker mit der Hand gedrehten Baumwollfäden, die
+der Kshatriya ein solches aus Hanf, die Vaishya aus Schafwolle. Paria
+heißen die keiner Kaste Angehörigen, sowie die Ausgestoßenen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. N. Edwards, Littlehampton.
+
+Abb. 170. Verheiratete Bengalin.]
+
+[Illustration: Abb. 171. Fuß einer Hindufrau.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sohanlal Bros.
+
+Abb. 172. Eine Kohlenbrennersfrau der Dogra (Westhimalaya und Pendschab)
+
+mit ihrem Kind.]
+
+Die +Kleidung+ der Hindu besteht bei den niederen Klassen meistens nur
+in einem Hüfttuch, bei den höheren in weiten kurzen Beinkleidern und
+einem Obergewand, manchmal auch in einem mantelartig umgeschlungenen
+Tuch; um den Kopf wird ein Tuch nach Art eines Turbans, unter die
+Füße Sandalen gebunden. Für die Brahmanen ist vollständig weiße
+Kleidung vorgeschrieben. Die Frauen bekleiden sich mit einem mehrere
+Meter langen Schal aus Musselin oder bunter Seide, mit dem sie Kopf
+und Oberkörper leicht umhüllen und auch einen Teil des Unterkörpers
+umschlingen, einen trikotartigen, fest anliegenden Jäckchen, das
+eigentlich nur für die Einhüllung der Brüste bestimmt ist, denn von
+da an bis zum Nabel bleibt der Körper für gewöhnlich entblößt, und
+einem weiten, von den Hüften herabhängenden Rock aus Baumwolle oder
+Seide (Abb. 172). Die Mohammedanerinnen gehen vollkommen bekleidet und
+tragen noch eng anliegende Beinkleider. Besondere Vorliebe bekunden
+die Hindufrauen für +Schmuck+, der bei den wohlhabenderen auch sehr
+reichlich ausfällt: die entblößten Arme, die Handgelenke, der Hals,
+die Knöchel und selbst die Zehen (Abb. 171), ferner die Ohren und die
+Nase werden mit Ringen und Spangen, beziehungsweise Ketten, meistens
+aus Edelmetall mit wertvollen Steinen hergestellt, förmlich überladen.
+Ein Ring im linken Nasenflügel (Abb. 170) zeigt an, daß seine Trägerin
+verheiratet ist. Die Vornehmen beider Geschlechter salben sich mit
+wohlriechenden Ölen; die Frauen färben sich die Fußsohlen und Hände
+rosa, andere den ganzen Körper gelb, bemalen sich auch das Gesicht,
+schwärzen sich die Augenbrauen und tatauieren sich. Junge Mädchen
+tragen öfters ein kleines rundes Goldplättchen, Tica genannt, oberhalb
+der Nasenwurzel.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. J. Combridge & Co.
+
+Abb. 173. Ein Büßer der Urdhamukhi Sadhu oder Heiligensekte
+
+in hängender Stellung mit dem Kopf nach unten, wodurch diese Fakire in
+den Ruf großer Heiligkeit gelangen.]
+
+[Illustration: Abb. 174. Ein Brahmanenweib bei ihrer täglichen Andacht.
+
+Die Frau sitzt auf einer Matte, hält eine Glocke in der Hand und hat
+vor sich einen Opferbecher, eine Muschel, einen kleinen Ständer oder
+Aufsatz mit Bildern und das Gebetbuch.]
+
+Die Beschaffenheit der +Wohnungen+ hängt von dem Rohmaterial ab, das
+die Gegend liefert. Im allgemeinen wohnen die Vornehmen in Häusern aus
+Backsteinen oder aus Holz, die einfacheren Leute hausen in Hütten,
+die aus Bambus oder Lehm aufgebaut und mit Matten oder Palmblättern
+bedeckt sind. -- Die +Nahrungsweise+ der Hindu ist seit Zeiten ziemlich
+dieselbe geblieben; Pflanzenkost ist bevorzugt, für manche Kasten
+direkt vorgeschrieben. Daher machen Reis und Milch, in anderen Gegenden
+mehr Hirse und Weizen die Hauptnahrung aus.
+
+Die ursprüngliche +Religion+ der arischen Einwanderer in Nordindien
+war der Animismus oder die Seelenanbetung, die in allem in der Natur
+eine Seele erblickte und im Dämonen- und Zauberglauben ihren Ausdruck
+fand. Erst später trat die Vorstellung an bestimmte höhere Wesen hinzu,
+an Naturgötter, wie Agni, Indra, Surya, Waruna und andere mehr, die
+uns in der ältesten indischen Religionsliteratur, den Veden, begegnen.
+Aus dieser Lehre entwickelte sich allmählich eine hochphilosophische
+Lebensauffassung, die mit der Ausbildung des Brahmanentums (Abb. 174),
+der alles beherrschenden Priesterkaste, Hand in Hand ging. Durch
+Spekulation entstand aus der Naturreligion die Idee des Brahma, des
+All-Einen, der Weltseele, und schließlich die konkrete Gestalt des
+höchsten Gottes Brahma selbst. Diese Lehre führte weiter zur Annahme
+des Dogmas vom Weltübel und von der Seelenwanderung. Daher müssen alle
+von der Weltseele ausgestrahlten Wesen in sie auch wieder zurückkehren,
+zuvor aber sich einem Reinigungsprozeß unterwerfen, der sie von der
+Materie schließlich gänzlich frei macht. Die Bestrebungen des Gläubigen
+gehen dementsprechend darauf hinaus, schon bei Lebzeiten die Seele vom
+Körper unabhängig zu machen, was nur durch selbstlosen Lebenswandel,
+Sichlossagen von allen Begierden und Vergnügungen, intensives Versenken
+in sein Inneres erreicht werden kann. Je mehr man alle Lebensäußerungen
+einschränkt, um so eher gelangt man zu seinem Ziele. Diese merkwürdige
+Lehre hat in ihrer extremen Auffassung ganz merkwürdige Heilige
+großgezogen, denen man gerade in Indien auf Schritt und Tritt begegnet;
+es sind dies die sogenannten +Fakire+, deren es wiederum verschiedene
+Klassen gibt, vom Yogi, der niedrigsten Stufe, an bis zum Mahatma, der
+höchsten, hinauf. Diese Fakire, die sich aus allen Lebensaltern
+zusammensetzen und durch Leute aller möglichen geistlichen Fähigkeiten
+vertreten werden, sind zumeist echte Fanatiker und Asketen, oft
+genug aber wohl auch schlaue, geriebene Schwindler, Taugenichtse und
+selbst Geisteskranke. Ein außergewöhnliches Äußere und absonderliche
+Gewohnheiten gehören zum Teil zu ihrem Handwerk; sie gehen nämlich
+fast unbekleidet einher, reiben sich den Körper ganz mit Asche ein,
+verstümmeln ihn, liegen beständig auf einer nagelgespickten Unterlage
+(Abb. 175) oder gehen barfuß darüber (siehe die Kunstbeilage), stehen
+jahrelang an einer und derselben Stelle, setzen sich dem Feuer aus
+(Abb. 178), leben ohne ein Wort zu sprechen und nehmen noch andere
+Selbstpeinigungen vor (Abb. 176 u. 177). Nebenbei betreiben sie noch
+allerlei übernatürliche Künste, hypnotisieren sich selbst, lassen sich,
+ohne Nahrung zu sich zu nehmen, monatelang begraben und anderes mehr.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Genehmigung von Könyves Kálmán, Budapest.
+
+Fakire in einem indischen Tempel über ein Brett mit aufrechtstehenden
+Nägeln schreitend.
+
+Nach dem Gemälde von G. Tornai.]
+
+Wenn wir auch von solchen Extravaganzen absehen, die der
+Brahmanismus gezeitigt hat, so leuchtet doch ein, daß ein auf so
+tief-philosophischer Spekulation aufgebautes Religionssystem, wie er es
+ursprünglich war, unmöglich eine volkstümliche Lehre abgeben konnte.
+Eine dem Geschmack des Volkes wirklich entsprechende Religion entstand
+erst, als diese Lehre sich mit dem Kult der von den Eingeborenen
+übernommenen volkstümlichen Götter zum Hinduismus vereinigte, der eine
+Dreieinigkeit von Göttern aufstellte: Brahma als den Schöpfer, Wischnu
+als den Erhalter und Schiwa als den Zerstörer des Weltalls. Dieser
++Hinduismus+ (Abb. 180) der Gegenwart kann als ein systematisierter
+Animismus im weitesten Sinne des Wortes angesehen werden; feste
+Dogmen kennt er nicht, wenngleich er doch wieder im allgemeinen sich
+gleichbleibende Grundsätze besitzt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 175. Ein Fakir und Bettler,
+
+der seine Tage in der Erfüllung asketischer Gelübde durch
+Selbstpeinigung der verschiedensten Art verbringt und wohl in keiner
+Stadt Indiens fehlt.]
+
+Geradeso wie das indische Gesellschaftsleben in eine Unmasse sozialer
+Unterabteilungen zerfällt, zersplittert sich der Hinduismus der
+Gegenwart in unzählige kleinere oder größere religiöse Sekten, deren
+jede ihr eigenes System der Sittenlehre und heiligen Gebräuche
+aufweist. Eine seiner wichtigsten Sekten ist der +Sikhismus+, die
+Religion der Sikh des Pendschab (Abb. 179). Dieser stellte gleichsam
+eine Reform der bisherigen Lehre dar, insofern er die Götzenanbetung,
+das Kastenwesen, das Abschließen der Frauen, den Genuß von
+Berauschungsmitteln, im besonderen des Tabaks, die Pilgerfahrten und
+andere Sitten des Hinduismus verwarf. Unter so strenger Verneinung der
+alten Gebräuche vermochte sich der Sikhismus aber nicht zu halten,
+und daher neigt er bereits mehr dazu, langsam in die hindostanische
+Sittenlehre wieder zurückzufallen. Späterhin wurde er der Kultus einer
+einflußreichen militärischen Gesellschaft mit eigenartigen Zeremonien
+und Bräuchen. Das Merkwürdigste davon ist der Aufnahmeritus. Die
+Novizen müssen dabei eingemachtes Obst mit einem zweischneidigen
+Schwert in Wasser zerrühren und die Glaubensartikel in Gegenwart von
+fünf Eingeweihten hersagen, worauf sie mit diesem Wasser fünfmal
+besprengt werden und ebenso oft davon mit der hohlen Hand trinken
+müssen. Fortan haben sie die Pflicht, ihrem Personennamen den Titel
+„Singh“ hinzuzufügen und die fünf K zu tragen, nämlich „ungeschnittenes
+Haar“ am ganzen Körper, einen „Kamm“ zum Aufstecken der Haare, „kurze
+Hosen“, eine „eiserne Spange“ und einen „kleinen Stahldolch“. Die Worte
+für alle diese Gegenstände fangen mit dem Buchstaben K an, daher jene
+Bezeichnung. Es gibt unter den Anhängern der Sikhreligion auch eine Art
+von Sakrament oder Abendmahl aus geweihter Butter, Mehl und Zucker,
+an dem alle Getreuen teilnehmen müssen, und zwar ohne Unterschied der
+Kaste, um dadurch die ursprüngliche Verwerfung des Kastensystems zum
+Ausdruck zu bringen. -- Eine zweite, vor sehr langer Zeit aus dem alten
+Brahmanentum hervorgegangene Sekte sind die Vertreter des +Jainismus+,
+der Religion der Jain (in Oberindien auch Saraogi genannt). Im
+Gegensatz zum Buddhismus, der eine Seele in Abrede stellt, betont der
+Jainismus ihr Vorhandensein und stattet alle Dinge im Leben damit aus.
+Daher legen seine Anhänger einer jeden Lebensform eine außerordentliche
+Heiligkeit bei, töten auch nicht die niedrigsten Lebewesen und bedecken
+ihren Mund sogar mit einem herabhängenden Schleier, damit sie nicht
+versehentlich ein Insekt hinunterschlucken (Abb. 181). Früher teilten
+sie sich in Nackte und Bekleidete ein, heutzutage aber beschränken die
+ersteren (die Digambar oder Himmelbekleideten) ihr Prinzip auf die Zeit
+der Mahlzeiten in ihrem eigenen Heim.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Vividhakala Mandir.
+
+Abb. 176. Ein mohammedanischer Fakir.
+
+Die Gurzmarfakire tragen einen kurzen eisernen Bolzen mit Ketten, die
+sie beim Betteln rasseln lassen.]
+
+Eine weitere große religiöse Macht in Indien ist der +Islam+, der in
+der Theorie der Lehre Mohammeds in anderen Weltgegenden gleicht, aber
+in der Praxis in Indien unter dem Volke stark mit hindostanischen
+Gebräuchen durchsetzt erscheint.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The S. P. G.
+
+Abb. 177. Ein Hindubüßer
+
+mit sehr langem Haar, das er sich noch niemals schneiden ließ.]
+
+Als letzter religiöser Gruppe müssen wir noch der +Parsen+ Erwähnung
+tun, einer kleinen Schar -- sie zählen höchstens neunzigtausend Seelen
+-- von Anhängern der alten Lehre Zoroasters, die nach der Zerstörung
+des Perserreiches durch die Sassaniden nach Indien flüchteten und es
+hier dank ihrer auffälligen Befähigung und großen Energie zu einer
+wichtigen Gemeinde mit führendem Einflusse gebracht haben. Sie sind
+ihrem alten Glauben bis in die jüngsten Tage treu geblieben und daher
+noch Feueranbeter (Abb. 183), besitzen auch ihre eigenen Bräuche,
+obgleich sie sich in mancher Hinsicht auch schon den sie umgebenden
+Einflüssen angepaßt haben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The S. P. G.
+
+Abb. 178. Ein indischer Büßer zwischen fünf Agnifeuern.
+
+Fromme Hindu setzen sich in den heißesten Monaten während dreier
+Stunden den Strahlen der Mittagsonne aus inmitten von fünf glühenden
+Feuern aus Kuhdung.]
+
+Das Sehnen und Streben jedes gläubigen Hindu geht darauf hinaus,
+wenigstens einmal im Leben eine +Wallfahrt+ (Abb. 182) nach den
+heiligen Stätten (Tempeln oder Götterschreinen) zu unternehmen, um dort
+für das eigene Wohl und das der Vorfahren zu beten. Die religiösen
+Feierlichkeiten, deren es viele unter den Hindu gibt, weichen
+voneinander stark ab, aber ein bis zwei Feste können doch gleichsam als
+Nationalfeste gelten. Das eine von ihnen ist das +Holifest+ (Abb. 184),
+das im Frühjahr unter starker Beteiligung aller unteren Volksschichten,
+auch Andersgläubiger, mit großem Lärm gefeiert wird. In der Hauptsache
+besteht es darin, daß unter vielen Gesängen und großer Freude die
+Holifeuer angezündet werden, wobei es ohne große Lustigkeit, meistens
+in schamloser und selbst roher Weise, nicht abgeht. Man pflegt sich
+gegenseitig mit rotem Safran zu bewerfen, durch das Feuer zu gehen oder
+darüber zu springen und anderes mehr. Das zweite der gemeinsamen Feste
+Nordindiens fällt in den Herbst; es ist das hübsche +Diwali+ (Abb.
+185) oder Lampenfest. Jeder muß dann sein Haus fein sauber machen und
+erleuchten, sowie draußen am Abend mindestens eine Lampe anzünden,
+damit, wenn die Geister der Verstorbenen kommen, um ihrem früheren
+Aufenthaltsorte einen Besuch abzustatten, sie alles nett und strahlend
+und zu ihrem Empfange vorbereitet finden. Hieran schließt sich in den
+Dörfern noch das Godhanfest an. Die Kuhhirten machen bei ihren Herren
+die Runde, tragen in halbbetrunkenem Zustande Lieder vor und erbetteln
+sich Geschenke, ganz wie es von unseren ländlichen Festen her bekannt
+ist.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. R. Thiele.
+
+Abb. 179. Ein Sikhpriester.]
+
+Vier Monate im Jahre besteht eine Art +Fastenzeit+, die den Schlaf
+eines Gottes, meistens des Wischnu, versinnbildlichen soll und von
+Juli bis Oktober dauert (Abb. 186). Während dieser Zeit muß man es
+vermeiden, Hochzeiten zu feiern, Dächer auszubessern, eine Bettstatt
+zu zimmern oder dergleichen, weil dies Unglück bringen würde. Wenn
+der Gott seine Ruhe antritt, wird allgemein gefastet, wenn er wieder
+erwacht, wird ein Freudenfest gefeiert; die ganze Bevölkerung auf
+dem Lande läßt dabei unter Festgelage und Tanz der Freudigkeit
+ihre Zügel schießen. Die öffentlichen Festlichkeiten, die mit dem
+Anfange und dem Ende dieser Fastenzeit verknüpft sind, führen in den
+verschiedensten Teilen Indiens ganz verschiedene Namen und schwanken
+je nach der Bedeutung, die man ihnen beilegt, in der Art und Weise
+wie sie gefeiert werden. In Oberindien nennt man sie im allgemeinen
+Dasahra, in Bengalen und im Osten der Halbinsel Durgapuja = Anbetung
+der Vernichtung, im Süden wieder Charakhpuja = Schwebekult, weil
+früher, wie bereits erwähnt (S. 108), die Festgenossen sich mittels
+eines Hakens, der in ihre Rückenmuskulatur eingriff, an einer Stange
+aufhängen und hin und her schwingen ließen. Dasahra bedeutet den
+„freisprechenden zehnten“ Tag, und zwar zweier bestimmter Monate (Juli
+und Oktober), an denen man die Sünden durch ein vorgeschriebenes
+Zeremoniell abwaschen kann. Das Fest im Juli spielt sich an einem
+einzigen Tage ab, gewöhnlich zu Ehren der Geburt der Ganga, das ist
+des zur Gottheit erhobenen großen priesterlichen Reinigers Ganges. Wer
+im Gangesflusse und in anderen heiligen Flüssen und Wasserflächen,
+die diesen Läuterer vorstellen, badet, wäscht sich von seiner Sünde
+rein. Das Fest im Oktober ist das Hauptdasahra und dauert zehn Tage
+oder vielmehr Nächte. Es findet seinen Abschluß in einem allgemeinen
+Feueropfer, sowie in dem Hineinwerfen der Bilder der Göttin in den
+nächsten Strom. Die letzte Nacht nimmt auf das Kriegswesen Bezug;
+sie wird daher als die „Nacht des Sieges“ besonders von Soldaten und
+Prinzen gefeiert: Kriegsmaterial und Kriegsgeräte werden angebetet
+und verehrt, sowie Festgelage und Spiele veranstaltet, die dem Andenken
+an die Schlachten dienen sollen, von denen uns die beiden bedeutenden
+indischen Heldenepen Ramayan und Mahabharata erzählen. Dramen, die auf
+diesen hindostanischen Heldenlegenden sich aufbauen und in langatmiger
+Folge alle ihre Einzelheiten wiedergeben, werden bei verschiedenen
+Gelegenheiten aufgeführt. Am beliebtesten ist bei allen das Ram-Li, das
+„Spiel des Ram“ (Abb. 188). Es stellt die Geschichte von Ram und Sita
+dar, ursprünglich eines Helden und einer Heldin des zuerst genannten
+Epos, die später in die Götterwelt versetzt wurden. -- Ein ähnliches
+volkstümliches Schauspiel wird vielfach zu Ehren der alten Gottheit
+Krischna aufgeführt (Abb. 190).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bourne & Shepherd.
+
+Abb. 180. Ein Gyan-Bapi oder Teich der Erkenntnis.
+
+Links ein bekränzter Saiwaschrein, der über einer Quelle erbaut ist,
+mit den Bildnissen des Gottes und seines Weibes Parbati; fromme Bettler
+bringen ihm Opfer dar. Der diensttuende Priester sitzt in dem Schrein.
+Rechts der Nandistier.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bividhakala Mandir.
+
+Abb. 181. Ein Jainheiliger.
+
+Die Anhänger dieser Sekte zünden nie Licht an, kochen nicht und töten
+auch nicht die niedrigsten Lebewesen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 182. Die Bademesse zu Hardwar,
+
+einer heiligen Stadt an der Stelle, wo der Ganges von den Bergen kommt.
+Alle elf Jahre, wenn der Planet Jupiter im Zeichen des Wassermanns
+steht, findet hier eine Messe statt, bei der annähernd zwei Millionen
+Pilger zum Baden zusammenströmen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Fleet Agency.
+
+Abb. 183. Eine Parsendame bei der Andacht vor der alles reinigenden
+Flamme.]
+
+Die +Feste der Mohammedaner+ kennzeichnen sich sowohl in Indien wie
+auch anderwärts durch die Eigentümlichkeit, daß sie auf kein festes
+Datum nach unserer Zeitrechnung fallen, sondern, da die religiösen
+Übungen (Abb. 189) des Islam sich auf dem Mondjahr aufbauen, das um
+zehn Tage kürzer als unser Sonnenjahr ist, jedesmal früher stattfinden,
+so daß innerhalb sechsunddreißig Jahren sie allmählich alle
+Jahreszeiten durchlaufen haben. Das bedeutendste ist das +Mohurrum+
+(Abb. 191 bis 195) zur Erinnerung an den Tod oder, wie man lieber sagt,
+an das Martyrium der beiden Enkelsöhne Mohammeds, Hassan und Husain,
+die zwar zu verschiedenen Zeiten, aber unter auffallend tragischen
+Umständen ermordet wurden. Es dauert zehn Tage und ist in der
+Hauptsache ein Fest der Schiitensekte, wenngleich auch strenggläubige
+Sunniten sich am letzten Tage daran beteiligen, um die Schöpfung der
+Welt zu feiern. Dieses Fest gibt Anlaß zu mächtigen Volksansammlungen
+und großen Umzügen, bei denen allerlei Pferdespiele stattfinden. Im
+Vordergrunde des Ganzen steht für die strenggläubigen Islamanhänger
+das Einhertragen des Tabūt (Abb. 194) oder Tazia, des großartig
+illuminierten und verzierten Modells der Grabstätten der beiden
+Heiligen, in großer Prozession nach einem freien Platz unter Begleitung
+von Tänzern, die ihre kämpfenden, zu Märtyrern gemachten Verwandten
+vertreten, während die abergläubische Masse beider Religionen an den
+Mohurrumfeuern, die dabei angezündet werden, sein Hauptvergnügen hat.
+Sie brennen in Gruben während des ganzen Festes, sogar die Ärmsten
+leisten sie sich; Vorübergehende legen Gelübde bei ihnen ab, und die
+große Menge tanzt die Nächte um sie herum, springt durch die Flammen
+und streut brennende Scheite umher. Ein zweites Fest, das heutzutage zu
+allerhand Volksbelustigungen Anlaß gibt, im besonderen zum Abbrennen
+von Feuerwerk, ist das +Shab-i-barat+; es wurde als eine Nacht des
+Gebets begründet, in der die Gläubigen die ganze Nacht hindurch wachen
+sollten. -- Das bekannteste mohammedanische Fest ist der +Ramasan+
+oder der „Fastenmonat“. Er dauert von Neumond bis zu Neumond und wird
+von den indischen Anhängern des Islam oft mit staunenswerter Treue
+innegehalten, auch in den Jahren, wo er in die heißeste Jahreszeit
+fällt, trotz der großen Entsagungen, die dann das tägliche Fasten
+von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit sich bringt. Denn während
+dieser Zeit darf der Mohammedaner weder etwas essen noch trinken. Der
+Ramasan endigt mit dem „Fest des Fastenbrechens“ (Idu’l-fitr), bei dem
+alles wieder aufatmet und sich dem Vergnügen in vollen Zügen hingibt.
+Bestimmte Zeremonien werden dabei nicht beobachtet, die Familien putzen
+sich einfach festlich aus, amüsieren sich nach Kräften, besuchen
+einander und tun alles nur Erdenkliche hinsichtlich der Unterhaltung
+und Lustbarkeit. -- Einen weiteren wichtigen Anlaß für eine allgemeine
+Freude gibt das Idu’l-Azha oder Bakrid ab, auch einfach nur Id, das
+heißt das Fest im besonderen genannt. Es wird zur Erinnerung an das
+Opfer gefeiert, das Abraham mit seinem Sohne Ismael darbrachte. (Die
+Mohammedaner haben die biblische Erzählung von Isaaks Opferung auf
+Ismael, den Sohn Abrahams von der Hagar, übertragen.) An Stelle des
+Menschen tritt bei diesem Fest natürlich Vieh (im besonderen Ziegen).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sohanlal Bros.
+
+Abb. 184. Ausgeputzte Teilnehmer am Holifest.
+
+Der auf einem Löwen reitende Knabe in der Mitte soll die große Göttin
+Dewi vorstellen, deren Kult mit dem Feste verquickt ist.]
+
+[Illustration:
+
+ Mit Genehmigung von Könyves Kálmán, Budapest.
+
+Indische Bajadere im Tempel tanzend.
+
+Nach dem Gemälde von G. Tornai.]
+
+Neben diesen regelmäßigen Wallfahrten und Messen, die die Ausübung
+ihres besonderen Glaubens den Strenggläubigen vorschreibt, gibt es
+noch eine unregelmäßige und abergläubische Form der Religionsübung,
+die aber ebenso im ganzen indischen Volke wie jene verbreitet ist
+und aus der Verehrung übernatürlicher Mächte hervorging. Diese zeigt
+sich hauptsächlich in der Andachtverrichtung vor den Grabmälern und
+Schreinen früherer Volkshelden und selbst an den Wohnstätten noch
+lebender, heilig gesprochener Persönlichkeiten (Abb. 196). Eine
+Anbetung dieser lebenden oder toten Heiligen vermag ihren Anhängern
+die Wünsche zu erfüllen, Krankheit zu heilen und hervorzurufen, an
+den Orten der Verehrung Wundertaten zu verrichten, Lästerern und
+Ungläubigen auf unheimliche Art Schaden zuzufügen und auf der anderen
+Seite auch wieder ergebene Gläubige mit vollem Segen zu überschütten.
+Die Bezeichnungen für solche Gottheiten zweiten Grades, um sie
+kurzweg so zu benennen, fallen je nach der Religion verschieden aus
+-- die Mohammedaner heißen sie zum Beispiel Heilige, die Hindu kleine
+Götter oder einfach Teufel -- aber immer schreibt das Volk ihnen die
+gleichen übernatürlichen Kräfte und Fähigkeiten zu und verehrt sie
+in derselben Weise. Wie schon erwähnt, sind diese kleinen Gottheiten
+als Kulturüberbleibsel des Uranimismus oder der Geisteranbetung der
+Völker anzusehen, die vor alten Zeiten in Indien ansässig waren und
+ihre religiöse Richtung den Einwanderern aufzwangen. Die Diener dieser
+heiligen Personen und Stätten sind wandernde Barden, die in Scharen
+das Land durchziehen, Städte und Dörfer heimsuchen, Lieder und epische
+Gedichte, oft in sehr poetische Sprache gekleidet, vortragen und die
+Wundertaten und geistigen Fähigkeiten ihrer besonderen Herren, denen
+sie dienen, preisen. Als ein verdienstvolles Werk wird das Füttern von
+Affen betrachtet (Abb. 197).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 185. Szene vom Diwalifest,
+
+die eine Art Volksdrama wiedergibt. Die männlichen Teilnehmer sind mit
+weißen Streifen oder Flecken gezeichnet, um Tiger vorzustellen; die
+Weiber tragen einen festlichen Kopfputz.]
+
+Eine aufdringliche Erscheinung im täglichen Leben Indiens sind
+die allerwärts anzutreffenden +Bettelmönche+ der verschiedenen
+Religionen und ihrer überaus zahlreichen Sekten, die zwar unter
+mannigfaltigen Namen auftreten, aber sich überall darin ähneln, daß
+sie ihren Lebensunterhalt sich ausschließlich durch Ausbeutung der
+Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen verschaffen. Denn alle gelten
+insofern als „heilig“, als sie in dem Rufe stehen, Wünsche und
+Hoffnungen auf irgendeine übernatürliche Art und Weise zu erfüllen.
+Allgemein segeln sie unter der Bezeichnung der Fakire (Abb. 169 u.
+173). Sehr zustatten kommt ihnen die weitgehende Wohltätigkeit und
+große Freigebigkeit, die die verschiedenen Glaubensbekenntnisse ihren
+Anhängern beständig als höchste Tugend predigen, und zwar gerade in
+der Form des Almosengebens. Unter Almosen wird aber ein Geschenk an
+Geld oder an Naturalien an Priester, heilige Männer und an alle solche,
+die ein uraltes Anrecht auf Gewohnheitsgeschenke besitzen, verstanden.
+Jedwede Handlung, die Religion, Aberglaube und Sitte vorschreiben,
+jede Zeremonie bei Geburten, Hochzeiten, Todesfällen oder anderen
+häuslichen Vorfällen, die eine konventionelle Handlung erfordern, jeder
+Besuch eines Fakirs, Priesters, Sängers, Schlangenbändigers (Abb. 199)
+oder ähnlicher Persönlichkeiten, jede Wallfahrt nach einer heiligen
+Stätte, jeder Besuch einer Messe, alles dies bedingt die unvermeidliche
+Almosenspende oder das Pflichtgeschenk (Abb. 198).
+
+Eine eigentümliche Erscheinung bei den Bewohnern Indiens ist noch
+die, daß sie wohl +Musik+ und +Tanz+ sehr lieben, aber diese Künste
+niemals selbst ausüben, wie unsere Dilettanten dies tun, sondern sie
+berufsmäßigen Musikern und Tänzern überlassen, deren Ausführungen
+sie sich gern anhören und ansehen. Die meisten Festlichkeiten werden
+von Musik und Tanz begleitet. Eine besondere Stellung nehmen unter
+den Berufstänzern die +Nautsch+ oder +Tempelmädchen+, auch Bajaderen
+genannt, ein, die eine besondere angesehene Kaste bilden (Abb. 206
+und die Kunstbeilage). Sie werden bereits als kleine Kinder mit der
+Gottheit eines Tempels vermählt, wohnen in diesem ihr ganzes Leben lang
+und dürfen niemanden anders heiraten; von klein auf werden sie für
+ihren späteren Beruf vorbereitet und im Tanzen und Singen ausgebildet.
+Sobald diese Mädchen die Reife erlangt haben, werden sie vom Brahmanen
+oder auch von einer fremden angesehenen Person entjungfert und stehen
+fortan gegen Entgelt jedermann der gleichen oder einer höheren Kaste
+zur geschlechtlichen Benutzung zur Verfügung. Trotz dieses ihres
+Berufes erfreuen sich die Tempelmädchen großer Gunst und großen
+Ansehens, zumal sich früher zu dieser Stellung Mädchen aus angesehenen
+Kasten drängten. Sie führen auch, wie ihr Name besagt, bei religiösen
+Festen Tänze auf, die durch ihre Geschmeidigkeit und Ästhetik die
+Zuschauer entzücken. Jedoch beschränkt sich ihre Tätigkeit nicht auf
+den Tempeldienst, sondern die Nautsch treten sehr häufig auch bei
+festlichen Gelegenheiten in den Häusern, besonders bei Hochzeiten,
+großen Festlichkeiten und dergleichen auf. Es ist allgemeine Sitte, sie
+aus solchen Anlässen einzuladen und dafür reichlich zu beschenken.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sohanlal Bros.
+
+Abb. 186. Szene vom Janamashthami
+
+(einer Zeremonie am achten Tage nach der Geburt); ein alter
+Familienbrauch, der bei Beginn des indischen Fastens zur Erinnerung an
+die Geburt Krischnas abgehalten wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bourne & Spepherd.
+
+Abb. 187. Opferbrauch zu Bindhachal, Mirzapur (Nordindien).
+
+Zu Zeiten der Cholera, einer Hungersnot oder bei schweren
+Unglücksfällen werden der Göttin Kali Schafe als Opfer dargebracht und
+mit dem Blut ihr Schrein beschmiert.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. S. P. G.
+
+Abb. 188. Die moderne Form des Ram-Lila oder Ram-Schauspieles.]
+
++Abergläubische Vorstellungen+ (Abb. 200) beeinflussen die wichtigsten
+Augenblicke im Leben des Hindu; besonderes Gewicht legt er darauf,
+den bösen Blick abzuwenden. Um den etwaigen Einfluß der Planeten
+unschädlich zu machen, werden bestimmte Dinge als Almosen verteilt,
+so bei ungünstiger Konstellation des Saturn sieben verschiedene
+Getreidearten oder etwas Schwarzes, wie Eisen oder ein schwarzer
+Büffel, oder bei der des Mondes weiße Gegenstände, wie Silber, Reis,
+eine weiße Kuh, ein weißes Gewand und anderes mehr. Zahlreiche
+Gebräuche knüpfen sich aus dem gleichen Grunde an die +Geburt+ eines
+Kindes, die je nach den verschiedenen Gegenden ganz verschieden und
+auch ziemlich kompliziert ausfallen. Sie dauern ungefähr so lange, bis
+die Mutter ihre Reinigung durchgemacht hat, was im Durchschnitt etwa
+vierzehn Tage dauert, aber sich auch bis zu vierzig Tagen ausdehnen
+kann; für bestimmte Tage sind meistens auch bestimmte Zeremonien
+vorgeschrieben. So wird das Hindukind nach seiner Geburt mit Staub von
+Backsteinen eingerieben, die in der Sonne getrocknet wurden, darauf
+aber sofort in lauem Wasser gebadet. Es wird auch von der Hebamme
+fünfmal in die Luft geworfen. Öl wird auf den Fußboden der Stube und
+unter das Bett der Wöchnerin gegossen oder der Handgriff eines Pfluges
+unter ihr Bett gelegt; in dasselbe kommt grünes Gras zu liegen, Senf-
+und Dillkörner werden über ihren Kopf ausgestreut und sodann in einen
+irdenen Topf zusammen mit Feuer getan, das sie mit dem Fuße austreten
+muß. In den nächsten Tagen werden der Mutter die Nägel beschnitten
+und so weiter. Eine ganz sonderbare Zeremonie wird mit der Wöchnerin
+am sechsten Tage im Staate Jindh und in seiner Umgebung vorgenommen.
+Man errichtet auf der einen Seite des Hauses neben der Tür sieben
+konzentrische Kreise aus Kuhdung, legt in den innersten Haufen ein
+Vierannastück und steckt sieben Zweige vom Besenginster hinein, ebenso
+trägt man auf der anderen Seite der Haustür einen Haufen aus dem
+gleichen Material auf, auf das aber eine Rupie gelegt und ebenfalls
+sieben Ginsterzweige gesteckt werden, und breitet schließlich noch in
+der Mitte vor der Türschwelle auf einer Platte fünfeinhalb Sers Weizen,
+sowie ein weibliches Gewand aus. Darauf kommt die Mutter heraus, läßt
+sich nieder und betet diese Dinge an. Der Weizen, die Kleider und die
+beiden Münzen werden schließlich dem Sohne von des Vaters Schwester
+überlassen. Merkwürdigerweise spielt Kuhdung bei der Geburt der Hindu
+verschiedentlich eine große Rolle. -- Wird ein Kind bereits im achten
+Monat geboren, dann behauptet man, daß es entweder am achten Tage,
+im achten Monat, achten oder achtzehnten Jahre sterben wird. Einem
+totgeborenen oder unmittelbar nach der Geburt gestorbenen Kinde wird
+durch die Nase ein goldener Ring gezogen, damit es nicht der Familie
+Unglück bringe. -- Die Nachgeburt und die Nabelschnur werden für
+gewöhnlich verbrannt.
+
+Bei der +Namensgebung+ findet eine besondere Zeremonie statt. Ein rohes
+Viereck mit Diagonalen wird mittels Kuhdung auf die Wand gemalt, in
+jede Ecke und Kreuzung von ihm ein Stück Muschelgeld eingelassen und
+das Ganze mit Zinnober bestrichen; davor werden Kuchen gestellt. Das
+Kind wird ganz mit Öl eingerieben, um die Augen herum mit Augensalbe
+bemalt und in neue Gewänder gekleidet; gleichzeitig erhält es zum
+ersten Male Ringe um Arme und Knöchel gelegt und Geld in die Hand
+gesteckt. Darauf bekommt es seinen Namen. Dieser wird ihm meistens von
+dem ältesten Familienmitgliede gegeben; für seine Auswahl ist entweder
+das Urteil des Astrologen oder das Los ausschlaggebend.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 189. Mohammedanische Indier in Gebetstellung.]
+
+Bei den mohammedanischen Indiern bestehen ziemlich die gleichen
+Gewohnheiten, natürlich erhalten sie ihre besondere Eigenart durch
+die abweichenden religiösen Ansichten. Es ist im allgemeinen üblich,
+daß im siebenten Monat der Schwangerschaft die Eltern der angehenden
+Mutter allerlei Geschenke ins Haus senden, wie süße, getrocknete
+Früchte (sieben Arten), oder Reis, wohlriechende Öle, Parfüm, Hennah,
+Kleider, Schmucksachen und anderes mehr; die Eßwaren werden sogleich
+von den Anverwandten des Mannes verzehrt. Manchmal findet bei dieser
+Gelegenheit auch eine Festlichkeit statt, bei der die Schwangere,
+nachdem sie ein Bad genommen hat, festlich eingekleidet wird, „geradeso
+wie eine Braut“, und die Glückwünsche der Gäste empfängt. Das
+Geschlecht des zukünftigen Kindes glaubt man aus der Beschaffenheit
+der Milch der Schwangeren bestimmen zu können; ist sie dünnflüssig,
+dann steht ein Knabe zu erwarten, im anderen Falle ein Mädchen. --
+Sobald die Nabelschnur durchschnitten ist, weihen Männer auf dem Hofe
+eingemachte Früchte, und das Kind erhält in einer Muschel die Milch
+einer „guten“ Frau gereicht, während die Nachbarn durch den Klang einer
+mittels eines Stockes geschlagenen Schüssel zum Gebet aufgefordert
+werden. -- Die übrigen Gebräuche sind mit geringen Abweichungen
+ziemlich dieselben wie bei den Hindu.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bourne & Shepherd.
+
+Abb. 190. Szene aus dem Krischnaspiel, einem ähnlichen Volksepos wie
+das Rama.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 191. Die Volksmassen nach einer Predigt in dem mächtigen Hofe der
+Jama-Mashid-Moschee zu Delhi.]
+
+Den Hindumädchen wird +Keuschheit+ vor der Ehe zur strengen Pflicht
+gemacht; wird eines unehelich geschwängert, dann ist es dem Tode
+verfallen; man sagt, daß die Mutter selbst das Amt des Henkers
+ausübe. Bei den Parsen erdrosselt sie die Tochter in Anwesenheit
+der Priester mit den Händen. Die Gefahr eines vorehelichen Verkehrs
+ist in Indien bei weitem nicht so groß wie anderwärts, denn gerade
+hier sind die +Kinderehen+ unter allen Kasten und Klassen (weniger
+allerdings bei der mohammedanischen Bevölkerung) ungemein verbreitet.
+Noch ganz unentwickelte Mädchen, selbst unter fünf Jahren, werden
+von ihren Eltern an Männer verheiratet und dürfen auch bereits zum
+Geschlechtsakt herangezogen werden. Die gesundheitschädlichen Folgen
+solcher vorzeitigen Ehen sind meistens recht traurig; nach einer
+Zusammenstellung über zweihundertfünf Fälle starben fünf dieser
+kindlichen Ehegattinnen direkt infolge der ehelichen Beiwohnung und
+achtunddreißig erlitten schwere Verletzungen. Im allgemeinen pflegt
+man daher noch einige Jahre mit der Ausübung der Ehe zu warten, bis
+das Mädchen seine gehörige körperliche Entwicklung erreicht hat, und
+dann erst durch eine besondere Zeremonie (Muklawa oder Gaunâ genannt)
+sie zu den ehelichen Pflichten zuzulassen. Aber trotzdem sind
+Mütter von neun Jahren in Bengalen keine Seltenheit. Man zählt in
+ganz Indien Millionen von Mädchen, die mit dreizehn Jahren Mutter und
+mit fünfundzwanzig Großmutter wurden. Von der großen Verbreitung der
+Kinderehen in Indien kann man sich einen Begriff aus der von Risley und
+Gait über das Jahr 1901 gegebenen Statistik machen. Unter je tausend
+Personen waren im Alter unter fünf Jahren sieben männliche und dreizehn
+weibliche verheiratet, eine weibliche sogar schon verwitwet, im Alter
+von fünf bis zehn Jahren sechsunddreißig männliche und hundertzwei
+weibliche verheiratet und zwei männliche und fünf weibliche verwitwet,
+und im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren hundertvierunddreißig
+männliche und vierhundertdreiundzwanzig weibliche verheiratet,
+beziehungsweise sechs und achtzehn verwitwet. Im Jahre 1911 gab es in
+Indien zweihundertfünfzigtausend kleine Mädchen unter fünf Jahren, die
+bereits die Ehe eingegangen waren, zwei Millionen im Alter unter zehn
+und sechs Millionen von zehn bis fünfzehn Jahren. Alle Versuche von
+philanthropischer Seite, in dieser Unsitte Wandel zu schaffen, haben
+bisher leider nur ganz wenig Erfolg gehabt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 192. Szene vom Mohurrumfest.
+
+Ein Mullah oder Priester treibt die bösen Geister aus den Kindern aus.
+Für gewöhnlich begleitet ihn ein Diener, um in einem Gefäß dafür eine
+Belohnung einzusammeln.]
+
+Eine merkwürdige Form der Kinderehe treffen wir bei den Newâr in
+Nepal an. Hier wird ein jedes junge Mädchen bereits als Kind mit
+einer Betelfrucht verheiratet und diese dann in den heiligen Fluß
+geworfen. Nach erlangter Geschlechtsreife wird dann ein wirklicher
+Gatte für dasselbe ausgewählt. Fällt die Ehe unglücklich aus, dann
+kann die junge Frau in ganz leichter Weise sich von ihrem Manne
+trennen; sie braucht ihm nur eine Betelnuß unter sein Kopfkissen zu
+legen und dann davonzugehen. Nicht minder sonderbar ist die Sitte
+der Kalva Kunbis in Gujarât: ein heiratsfähiges Mädchen, das aber
+keinen Freier gefunden hat, mit einem Blumenstrauß zu vermählen und
+am nächsten Tage die verwelkten Blumen in den Brunnen zu werfen. Das
+Mädchen gilt dann für eine Witwe, darf sich aber später, wenn sich
+der richtige Gatte findet, wirklich verheiraten. Überhaupt begegnen
+wir der Sitte des +Verheiratens mit einer Pflanze, einem Tier und
+selbst einem Gegenstand+ mehrfach in Indien. Eine Braut der Kangra,
+die ihre Verpflichtung zur Heirat gern aufheben möchte, kann sich
+ihrer dadurch entledigen, daß sie in den Wald geht und sich hier mit
+irgendeinem wilden Gewächs verheiratet, indem sie rings um dasselbe
+ein Feuer anzündet. Damit ist ihre Verlobung gelöst. Reiche Hindu,
+die keine Kinder besitzen, pflegen manchmal eine Tulasipflanze mit
+einem Brahmanen zu verheiraten und betrachten diesen dann als ihren
+Schwiegersohn. Hat ein Mann zwei oder drei Frauen bereits verloren,
+dann läßt er durch eine Frau einen Vogel einfangen und diesen von ihr
+als Tochter adoptieren. Er heiratet dann den Vogel, zahlt auch den
+Brautpreis an die Adoptivmutter, läßt sich aber von ihm sogleich wieder
+scheiden und verheiratet sich schließlich mit einer wirklichen Gattin,
+die ihm dann als Folge der Zeremonie am Leben erhalten bleiben soll.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 193. Mohurrumfest in Mylapore,
+
+bei dem ein verziertes Gebilde, Tabut genannt, welches das Grab des
+Märtyrers Husain aus Karbela darstellen soll, nach einem offenen Platz,
+einem Wasserbassin oder einem Flußufer getragen wird.]
+
+Eine Werbung gibt es im gewöhnlichen indischen Haushalte nicht; die
++Heirat+ wird von der Familie des Mädchens dadurch meistens in die
+Wege geleitet, daß sie einem Heiratsvermittler den Auftrag gibt, einen
+passenden Jüngling auszusuchen, eine keineswegs für jenen leichte Sache
+in Anbetracht der vielen Kasten und sonstigen üblichen Einschränkungen
+hinsichtlich der Auswahl. Sind die Verhandlungen zum Abschluß gelangt
+und die Mitgiftfrage geregelt, dann findet eine formelle +Verlobung+
+statt. Damit setzt bereits die große Zahl der Hochzeitszeremonien
+ein, die sich sehr in die Länge ziehen und in ihren Einzelheiten
+nach Kaste, Religion und Lebensstellung verschieden ausfallen. Daher
+lassen sie sich auch nur ganz im allgemeinen schildern. Natürlich
+bedarf ein so wichtiges Ereignis, wie es die +Hochzeit+ vorstellt,
+eingehender Prüfung durch den Astrologen, ob der Stand der Gestirne
+auch ein günstiger ist. Ist die Hochzeit beschlossene Sache, dann
+finden Tag um Tag in den beiden elterlichen Häusern etwa eine Woche
+lang verschiedene konventionelle Handlungen statt, bevor der Zug des
+Bräutigams zum Hause der Braut aufbricht. Zu diesen gehören unter
+anderem das Bauen eines Hochzeitsschutzdaches, sowie das Salben des
+Paares. An manchen Orten besteht auch die seltsame Zeremonie des
+Verschluckens einer Mangoblattrippe. Der Bruder der Mutter steckt ihr
+ein Geschenk in Gestalt von Geld und Schmuck in die linke Hand, während
+die Frau des Barbiers ihm das Mittelstück eines in der Hochzeitshütte
+aufgehängten Mangoblattes gibt, das er der Mutter an den Mund hält.
+Diese beißt ein Stück davon ab, legt es sich in die hohle rechte Hand
+und gießt ein wenig Wasser hinzu. Darauf hält die Mutter das Blatt über
+den Kopf ihrer Tochter und schluckt es.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 194. Mohurrumfest in Madras.
+
+Mohammedanische Truppen im Umzug mit dem Tabut oder Grabmodell der
+beiden Märtyrer Hassan und Husain. Im Vordergrunde Tänzer.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Newton & Co.
+
+Abb. 195. Mohurrumfest in Firozpur.
+
+Vor dem Schrein, der das Grab Hassans und Husains darstellt, steht
+ein beschwingtes Wundertier, das Mohammed aus Jerusalem in den Himmel
+getragen haben soll.]
+
+Der Hochzeitszug spielt sich unter allem nur möglichen Aufwand ab
+(Abb. 201, 203-205); Bedingung ist dabei, daß etwas von dem Wasser,
+in dem der Bräutigam sich vor dem Aufbruch gebadet hat, mitgenommen
+wird, damit es dem Bade für die Braut zugeschüttet werde. Vor der
+Haustüre wird Reis über den Bräutigam ausgeschüttet, der Stempel der
+Familiencurrystampfe ihm auf die Wangen gedrückt und die Stirn mit
+gelblichem Sandelholz gezeichnet. Nach der Ankunft findet die wichtige
+heilige Handlung der Armbandanfertigung und -umlegung statt; ein
+paar Reiskörner werden in Mangoblätter eingewickelt und eines um das
+rechte Handgelenk des Bräutigams und das andere um das linke der Braut
+gelegt; man verehrt auch der Braut Süßigkeiten und Schmuckgegenstände
+als Geschenke. Sodann wird sie in ihrem Kopfputz aus Dattelblättern
+der Mutter auf den Schoß gesetzt, damit an ihr von der Frau des
+Familienbarbiers die Zeremonie der Nägelbeschneidung an Händen und
+Füßen vorgenommen werden kann. Sodann setzt sich das Brautpaar in
+die Hochzeitshütte. Die Trauung, die durch den Brahmanen vollzogen
+wird, wobei die Braut dem Vater auf dem Schoße sitzt, besteht in
+dem Hersagen von Sanskritsprüchen und verschiedenen Anbetungsakten,
+sowie in dem Räuchern mit Weihrauch und Umherstreuen von Reis. Ihren
+Abschluß findet diese Zeremonie in dem Zusammenknoten der Kleider
+von Braut und Bräutigam und in dem Herumgehen um das Opferfeuer; die
+Braut geht zuerst, und zwar fünfmal rechts herum. Beide tragen dabei
+ein Kornsieb in der Hand und streuen daraus Reis umher. Damit sind
+jedoch die Zeremonien des Hochzeitstages noch nicht erschöpft. Der
+Bräutigam drückt der Braut noch das scharlachrote Hochzeitsmal auf
+die Stirn; die Schwestern der Braut vertreten ihm an der Haustüre den
+Weg, geben ihm Rätsel auf, die er beantworten muß; außerdem werden ihm
+die Schuhe fortgenommen, die er sich wieder fordern muß, und anderes
+mehr. Am Abend beten die Neuvermählten den Familienschutzgeist an;
+der Bräutigam begibt sich dann zu seinen Angehörigen zurück, während
+die Braut bei den ihren bleibt. Nach vier Tagen werden beide gebadet
+und die Hochzeitsarmbänder ihnen wieder abgenommen. Damit sind die
+langatmigen Feierlichkeiten beendet. Bei einigen Hindukasten ist zu
+den Hochzeitsfeierlichkeiten noch ein hübsch geschmückter Ochsenwagen
+im Gebrauch, an dem geschnitzte mythologische Figuren angebracht sind
+(siehe die farbige Kunstbeilage).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 196. Die berühmte Felsenwohnung zu Hardwár,
+
+die seit undenklichen Zeiten von frommen Büßern eingenommen wird und
+als Wallfahrtsort für Pilger dient. Der fromme Einsiedler flüstert
+ihnen Worte ins Ohr, die ihnen als Führer durchs Leben dienen sollen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The Baptist M. S.
+
+Abb. 197. Ein verdienstvolles Hinduwerk.
+
+Die Fütterung von Affen aus der Umgegend von Simla durch einen frommen
+Hindu. Die Religion schreibt den Hindu vor, kein Tier zu töten, sondern
+im Gegenteil für seine Erhaltung Sorge zu tragen.]
+
+[Illustration: Abb. 198. Bettelnde Yogi,
+
+die gelegentlich der Bademessen sowie an heiligen Plätzen mit ihren
+reichgeschmückten Ochsenwagen herumziehen, unter Musikbegleitung
+religiöse Gesänge vortragen und dafür Almosen einsammeln.]
+
+Die gebildeten Kreise der +Mohammedaner+ kennen weiter keine
++Hochzeitszeremonien+ außer denen, die das islamitische Gesetz
+vorschreibt. Beachtenswert ist dabei nur, daß der Bräutigam seiner
+Braut ein Ausstattungsgeschenk von auffallend hohem Wert machen
+muß; dieses kommt ihr sehr zugute, im Falle ihr Mann sich später
+etwa von ihr scheiden lassen sollte. Dagegen gibt es unter den
+niedrigen Klassen der Islamanhänger Indiens eine ganze Reihe
+von Hochzeitszeremonien, von denen wir nur die wichtigsten hier
+wiedergeben können. Gemeinsam ist wohl allen die Verwendung von
+rotem oder rot gesprenkeltem Papier für die Dokumente und Briefe,
+das Trinken von Sorbet und das Verschenken von Süßigkeiten und
+kleineren Gaben an gewisse privilegierte Personen. Nach Abschluß der
+Vorverhandlungen und Austausch der üblichen Geschenke erfolgt die
+offizielle Verlobung; hierbei ist von Wichtigkeit, daß die Braut ihrem
+Erwählten einen glatten Ring, ein rotes Tuch, Süßigkeiten sowie einen
+Versprechungsbrief überreicht, in dem der Hochzeitstag festgesetzt
+wird. Hieran schließen sich zu bestimmten Zeiten verschiedene
+Zeremonien, wie die des Mehlmahlens, des Zuschneidens der Brautkleider
+und der Nachtwache. Diese letztere besteht darin, daß Frauen die ganze
+Nacht hindurch, ehe der Hochzeitsbaldachin angefertigt wird, vor einem
+besonders hergerichteten Wassergefäß sich hinsetzen, um „Gott wach zu
+erhalten“. In derselben Nacht wird noch ein verziertes Wassergefäß
+aufgestellt, um darin Sturm, Regen, Schlangen, Skorpione, Würmer und
+andere schädliche Dinge aufzufangen, und von frommen Bettelmönchen
+die Feuerlöschzeremonie, eine Art Durchsfeuergehen mit nackten
+Füßen, vollzogen. Am nächsten Abend wird den verstorbenen Vorfahren
+ein feierliches Opfer dargebracht und das Brautpaar von sieben
+verheirateten Frauen gesalbt. Nach allen diesen Vorarbeiten findet
+erst der Hochzeitszug statt, der sich in der schon geschilderten Weise
+abspielt. Dann erst bekommt der Bräutigam seine Braut zum ersten Male
+von Angesicht zu Angesicht zu sehen; denn bis dahin war sie ihm eine
+Unbekannte. Es folgen noch einige seltsame Zeremonien, wobei darauf
+geachtet wird, daß die Braut die ganze Zeit über die Augen geschlossen
+hält und keinen Fuß auf die Erde setzt; um dies zu vermeiden, wird
+sie auf den Armen einer Dienerin umhergetragen, sogar in das Haus ihres
+Gatten am Tage nach der Hochzeit. Hier finden während zwei bis drei
+Tagen weitere Zeremonien statt, worauf der Bräutigam für weitere zehn
+Tage mit ihr in das Heim ihrer Eltern zurückkehrt. Hier ist ein Raum
+für die jungen Leute hergerichtet, den die Braut zum ersten Male wieder
+mit den Füßen betreten muß; hier erwartet sie ihr Gatte. Denn damit ist
+erst die wirkliche Ehe geschlossen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 199. Ein Schlangenbeschwörer am Chaibassa Mela.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. S. P. G.
+
+Abb. 200. Ein Hinduweib,
+
+damit beschäftigt, vor ihrem Eintritt in das Haus die bösen Geister zu
+bannen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Johnston & Hoffmann.
+
+Abb. 201. Hochzeitsfestzug. Die Braut wird heimgetragen.]
+
+[Illustration: Hochzeitswagen der Hindu,
+
+geschmückt mit geschnitzten Figuren und mythologischen Tiergestalten
+und von zwei weißen Brahmanenbullen gezogen.]
+
+Die +Stellung der Frau+ in Indien ist eine recht tiefe. Der Hindu
+erblickt in ihr nur ein niedrigstehendes Geschöpf, was schon darin zum
+Ausdruck kommt, daß die Mädchen bei der Geburt mit einem Fluch begrüßt
+werden und früher in großen Massen sofort getötet wurden. Das indische
+Weib verbringt den größten Teil ihres Lebens in der Zenana, das ist
+dem Frauengemach, das sie nur mit der Genehmigung ihres Gatten, und
+dann auch nur verschleiert oder in einem verhängten Wagen (Abb. 202)
+verlassen darf. Sie ist in jeder Hinsicht seine Sklavin und ebenso die
+ihrer Schwiegermutter; denn die junge Frau siedelt nicht in ein eigenes
+Heim über, sondern in das der Eltern ihres Gatten, wo dem jungen Paar
+ein paar Räume überlassen werden. Hier fordert die Schwiegermutter
+die ihr gebührende Ehrfurcht und blinden Gehorsam. In gleicher Weise
+aber muß die junge Frau ihrem Ehemann in jeder Hinsicht untertänig
+sein. Das alte Gesetz des Manu schreibt hierüber: „Ihrem Manne soll
+ein tugendsames Weib mit Achtung ihr Leben lang dienen und ihm auch
+nach seinem Tode noch anhängen ... wenn auch der Mann sich tadelnswert
+betrüge und anderer Liebe sich zuwendete und guter Eigenschaften ledig
+wäre, so soll ein gutes Weib ihn dennoch wie einen Gott verehren; sie
+darf nichts tun, was ihm mißfällt, weder bei seinem Leben noch nach
+seinem Tode ... In dem Maße, wie eine Frau ihren Gebieter ehrt, wird
+sie im Himmel angesehen sein.“ Bleibt eine Ehe kinderlos, so wird das
+als ein großes Unglück angesehen; auch wenn die Frau ihrem Gatten nur
+Mädchen zur Welt bringt, wird ihr dies sehr verübelt; erst wenn sie
+einen männlichen Erben ihm schenkt, steigt sie etwas in seinem Ansehen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. N. P. Edwards.
+
+Abb. 202. Ein indischer verschlossener Frauenwagen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Johnston & Hoffmann.
+
+Abb. 203. Festzug bei der Hochzeit eines Radscha.]
+
++Polygamie+ ist den Indiern erlaubt; das Gesetz gestattet den Hindu
+eine unbestimmte Zahl von Frauen, der Islam seinen Anhängern deren
+höchstens vier. Die zuerst geheiratete Frau gilt für die rechtmäßige
+Gattin und nur die Kinder aus ihrer Ehe für legitim. Im allgemeinen
+wird von dieser Vergünstigung aber wenig Gebrauch gemacht. Man
+pflegt eine zweite Frau nur dann zu nehmen, wenn der ersten Kinder
+versagt bleiben, vorausgesetzt aber, daß der Mann die Mittel für
+eine nochmalige Ehe besitzt. Verarmte Brahmanen sollen sich diese
+Erlaubnis zur Aufbesserung ihrer Finanzen zunutze machen, indem sie
+eine wohlhabende Frau aus niederen Kasten heiraten; früher soll mancher
+von ihnen mehr als hundert Frauen nacheinander geheiratet haben.
+-- +Ehescheidung+ ist in Indien leicht, da der Gatte keine Gründe
+vorzubringen braucht. Er führt seine Frau, wenn er ihrer überdrüssig
+geworden ist, an den vier Wänden des Frauengemaches entlang und erklärt
+ihr, daß er sie nicht länger ausstehen könne. Damit ist sie entlassen.
+-- Die Stellung der Hindufrau ist eine recht niedrige; ein weibliches
+Wesen gilt in den Augen der Hindu für ein niedriges, unwürdiges
+Geschöpf, das auch im Jenseits keine ehrenvolle Stelle einnehme. Daher
+ist Töten der Mädchengeburten in Indien gleichsam an der Tagesordnung,
+was zur weiteren Folge hat, daß in manchen Gebieten kein einziges
+Mädchen anzutreffen ist. Ein Aussterben der betreffenden Stämme ist
+daher nur eine Frage der Zeit.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Johnston & Hoffmann.
+
+Abb. 204. Musikbande eines Hochzeitszuges der Hindu.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Johnston & Hoffmann.
+
+Abb. 205. Hochzeit eines Radscha.
+
+Die Braut, in vollem Hochzeitsstaat und mit der Brautkrone geschmückt,
+von der ein langer Schleier als Schutz gegen den „bösen Blick“ der
+sie umgebenden Menge niederwallt, ruht in einem festlich geschmückten
+Palantin. In diesem wird sie von den Dienern des Bräutigams nach dessen
+Hause getragen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lady Eardley-Wilmot.
+
+Abb. 206. Indisches Tanzmädchen.]
+
+Die +Bestattungsweise+ bei den Indiern ist keine einheitliche. Zwar
+behauptet man allgemein, daß sie ihre Toten verbrennen, aber dies
+ist durchaus nicht die Regel, denn viele Kasten und Stämme beerdigen
+sie auch. -- Ist ein gewöhnlicher Hindu gestorben, dann schafft man
+die Leiche sogleich aus dem Hause, das sofort durch frisches Tünchen
+gereinigt wird, und legt sie außerhalb des Dorfes auf eine Bahre,
+am liebsten sogleich in der Nähe eines Flusses. Hier wird sie
+gebadet, ihr auch der Mund innen gewaschen, dann wird die Leiche in
+ein neues Lendentuch sowie in ein großes Laken eingehüllt und auf den
+Scheiterhaufen getragen. Der Hauptleidtragende, gewöhnlich der Erbe,
+der sich inzwischen Kopf und Gesicht hat rasieren lassen, zündet den
+Scheiterhaufen mit einer langen Fackel an und geht fünfmal um ihn
+herum, indem er gleichzeitig jedesmal die Lippen der Leiche mit der
+Fackel berührt. Bevor der Körper gänzlich verbrannt ist, wirft jeder
+Anwesende fünf Stöcke ins Feuer und hilft sodann beim Auslöschen.
+Was unverbrannt bleibt, wird den Fischen im Flusse zugeworfen.
+Sodann waschen die Teilnehmer die Brandstätte, baden sich sämtlich
+im Flusse, aber an einer anderen Stelle, und gehen dann nach Hause.
+In der Nähe der gleichen Stätte wird ein geweihter Basilikumstrauch
+gepflanzt. Am nächsten Tage schüttet der Hauptleidtragende ein wenig
+frische Milch auf die Brandstätte und hängt zu Hause einen Topf mit
+solcher an einem Baume auf; dieser hat eine kleine Öffnung, so daß
+sein Inhalt herabtropfen kann. Er selbst geht dreimal um diesen Baum
+herum und gibt sodann seinen Verwandten einen Leichenschmaus. An den
+folgenden zehn Abenden zündet er zu Ehren des Verstorbenen eine Lampe
+an, und zwar an verschiedenen Stellen auf dem Weg vom Hause bis zum
+Scheiterhaufen. Noch weitere Zeremonien folgen an bestimmten Tagen. An
+dem letzten davon legt die Witwe ihre Trauerkleidung an, die sie fortan
+lebenslänglich trägt; bei den oberen Hinduklassen ist sie weiß, bei den
+übrigen wechselt ihre Farbe. -- In Benares und anderen großen Städten
+gibt es bestimmte heilige Plätze für die Einäscherung (Abb. 207).
+Wenn man die Hinduleichen begräbt, dann geschieht dies für gewöhnlich
+in ganzer Kleidung mit gekreuzten Beinen in sitzender Stellung (Abb.
+209); das Gesicht ist dabei nach Norden gewendet, in die Hände erhalten
+die Toten Kuchen mitgegeben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 207. Einäscherungsplatz in Benares.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lady Eardley-Wilmot.
+
+Abb. 208. Szene von einem mohammedanischen Begräbnis.
+
+Die Angehörigen und Freunde sitzen um das Grab, während es
+zugeschaufelt wird.]
+
+Auch die Mohammedaner Indiens begraben ihre Toten (Abb. 208 und 211).
+Sie werden ebenfalls erst gründlich gebadet, mit einem Lendentuch
+umhüllt und in ein großes Laken gewickelt, der Kopf wird durch ein
+Loch der Umhüllung gesteckt. In Sindh kommen die Frauen der Verwandten
+und der befreundeten Häuser in das Trauerhaus und erheben vor der Tür
+für mehrere Stunden ein Trauergeheul (Abb. 210). Auf dem Friedhof wird
+die Leiche, nachdem dann weiter Gebete gesprochen worden sind, mit dem
+Kopf nach Norden ins Grab gelegt. Einen Sarg kennen die Mohammedaner
+nicht, dafür aber befestigen sie den Körper mit Bambusstäben oder
+Brettern, überdecken ihn mit Gras und bestreichen das Ganze mit
+Lehm. Beim Zuschaufeln der Gruft beteiligen sich die anwesenden
+Familienmitglieder. Frommen Bettlern werden die üblichen Geschenke
+verabreicht. Zu Hause kocht man während der nächsten Tage nichts;
+Verwandte versorgen die Leidtragenden mit Speise. Am dritten Tage
+endlich findet die Totenfeier ihren Abschluß mit einer merkwürdigen
+Zeremonie. Alle männlichen Familienangehörigen versammeln sich auf
+einem freien Platz, wo Getreide, Blumen, Betelblätter und Sorbet
+zusammengetragen sind. Jeder Anwesende nimmt ein Korn auf, segnet es
+mit einem feierlichen Spruch und läßt es auf ein Tuch fallen, bis der
+ganze Haufe verbraucht ist. Die Getreidekörner verteilt man sodann
+an Bettelmönche, den Sorbet aber trinkt man selbst; dabei wird ein
+bestimmtes Kapitel aus dem Koran vorgelesen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 209. Szene von der Bestattung eines Hinduhandwerkers.
+
+Der Leichnam, der mit gekreuzten Beinen auf einer Tragbahre sitzt, wird
+zur Grabstätte getragen und in dieser Haltung auch beigesetzt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The C. E. Z. M. S.
+
+Abb. 210. Mohammedanische Klageweiber in Sindh.]
+
+Es bleiben noch ein paar Worte über die +Witwenverbrennung+ in
+Indien zu sagen. Wenngleich diese nicht direkt durch die Religion
+vorgeschrieben ist, so verlangte doch die Volkssitte, daß die Witwen
+ihrem Gatten auf dem Scheiterhaufen im Tode folgen. Diese Unsitte
+scheint auf eine Legende zurückzugehen, wonach Sati, die Gemahlin des
+Gottes Schiwa, sich beim Opfer ihres Vaters Dakscha aus Gram darüber,
+daß ihr Gatte von Brahma dazu nicht eingeladen war, ins heilige Feuer
+stürzte. Daher heißt jede Ehefrau, die ihrem verstorbenen Gatten auf
+den Holzstoß folgt, um gleich ihm zu Asche verbrannt zu werden, Sati;
+der Gebrauch selbst, den man bereits aus dem sechsten Jahrhundert nach
+Christo kennt, wird Sahagrama, das ist „das Mitgehen mit dem Tode“
+genannt. Bis zum Jahre 1829 war die „Selbstopferung“ der indischen
+Witwen gang und gäbe, dann hat die englische Regierung sie verboten,
+aber manche Witwe hat sich seitdem noch weiter geopfert, und selbst
+heute dürfte die Witwenverbrennung gelegentlich ganz im geheimen noch
+vorkommen. Man brachte auf den Scheiterhaufen ein Bett, und die Witwe
+legte sich in schöne Gewänder gekleidet darauf. Während die Flammen
+um sie emporzüngelten, machte Musik einen ohrenbetäubenden Lärm,
+aber nicht etwa, um ein etwaiges Jammergeschrei der Verbrennenden
+zu übertönen, sondern vielmehr um ihre Weissagungen nicht zu Gehör
+zu bringen, die vielleicht manchem Anwesenden hätten unangenehm
+sein können; denn nach dem Volksglauben besaßen solche Witwen die
+Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen. Heutzutage wird die sogenannte
+„kalte Witwenverbrennung“ geübt. Die Witwe wird nach dem Tode ihres
+Mannes ihrer Schmucksachen beraubt, muß ihre Gewänder ablegen und
+erhält dafür minderwertige Kleider, sie muß fortan ihre Mahlzeiten
+einschränken, gelegentlich auch fasten und verschiedene Kasteiungen
+sich auferlegen. Ihr schon bei Lebzeiten ihres Gatten trauriges
+Schicksal wird dadurch noch menschenunwürdiger. Auf jeden Fall ist
+es der Hinduwitwe verboten, sich wieder zu verheiraten. Vielfach
+werden die Hinduwitwen Tempeltänzerinnen (Abb. 206). Es gibt in
+Indien sechsundzwanzig Millionen Witwen, von denen zehntausend das
+Alter von kaum fünf Jahren, fünftausend noch nicht das von zehn und
+zweihundertfünfundsiebzigtausend das von höchstens fünfzehn Jahren
+erreicht haben. Allerdings kommen bei einigen nordindischen Stämmen
+auch Ausnahmen hiervon vor; hier ist die Leviratsehe gestattet,
+aber nur mit dem jüngeren Bruder des Verstorbenen. Dieser kann aber
+seinerseits auf dieses Recht Verzicht leisten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lady Eardley-Wilmot.
+
+Abb. 211. Ein Friedhof zu Kaschmir.
+
+Die Irispflanzen im Vordergrund zeigen an, daß es sich um einen
+mohammedanischen Begräbnisplatz handelt. Ihre flachen, scharfen Blätter
+stellen die Speere vor, die die bösen Geister von der Ruhestätte
+forttreiben sollen.]
+
+Wenn wir das im vorstehenden über die Eingeborenen Nordindiens Gesagte
+uns noch einmal vergegenwärtigen, so ergibt sich uns als das am meisten
+hervorspringende Merkmal dieser Völker, daß bei all ihrem Tun und
+Denken, in ihren Sitten und Bräuchen, sowie überall in ihren sozialen
+Einrichtungen religiöse Anschauungen ausschlaggebend sind. Von der
+Wiege bis zur Bahre beeinflussen den Indier, mag er nun strenggläubiger
+Hindu oder Mohammedaner sein oder einer der zahllosen sektierenden
+Religionsgemeinschaften angehören, in geradezu bedenklicher Weise
+beengende religiöse Vorschriften, hemmen seine freie Entfaltung und
+machen einen gesunden Fortschritt bei ihm fast zur Unmöglichkeit.
+Religiöse Engherzigkeit ist es denn auch, die im Verein mit dem
+ausgeprägtesten Kastenwesen jeden kräftigen politischen Aufschwung
+verhindert und die Indier ohne fremde Hilfe niemals aus dem Druck der
+englischen Knechtschaft herausläßt.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 212. Badeszene vom Snanfest zu Nangalbandh,
+
+zu dem mindestens eine halbe Million Pilger zusammenströmen, um ihre
+Sünden abzuwaschen.]
+
+
+
+
+Die Wildstämme im Norden und Osten Vorderindiens.
+
+
+Mit den Wildstämmen im Norden und Osten der vorderindischen Halbinsel
+kehren wir wieder zu der Urbevölkerung zurück, der im Süden die Drawida
+entsprechen. Sie stellen die Überreste der, jetzt allerdings mehr
+oder minder stark vermischten, angesessenen Bevölkerung dar, auf die
+die von Nordwesten her eindringenden Arier stießen; diese schoben auf
+ihrem Weiterzuge jene Reste teils nach Süden vor, teils drängten sie
+sie in die nördlichen und östlichen, schwerer zugänglichen Gebiete
+(Wälder und Gebirge) zurück. Eine reinliche Scheidung dieser Stämme in
+anthropologischer Hinsicht ist bisher nicht gelungen. Im allgemeinen
+kann man sagen, daß ihr Typus den der indo-australischen Grundrasse
+aufweist.
+
++Sprachlich+ unterscheidet man zwei große Gruppen, die +Kolarier+
+und die +eigentlichen Drawida des Nordens+. Die wichtigsten Stämme
+der ersten Gruppe sind die Munda, Kolh (Abb. 213), Santal, Juang
+oder Patua, Ho, Bhumidsch, Bhil (Abb. 214) und Savara; sie nehmen
+die östlichen Gebiete der Halbinsel, das heißt Bengalen, Orissa,
+Chota, Nagpur und Madras (vom Ganges südlich bis zum achtzehnten Grad
+nördlicher Breite) ein. Die zweite Gruppe zählt zu ihren bekannteren
+Stämmen die Malé oder Aral Paharia, Oraonen, Gond und Khond; ihre
+Vertreter wohnen in den Gebirgsgegenden an den Quellen des Ganges.
+Alle diese Völker lassen deutlich ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zur
+indo-australischen Grundrasse erkennen (dunkle Haut, kleine Statur,
+platte, kurze Nase, vorspringende Backenknochen, grobes, straffes,
+schwarzes Haar); indessen kommt auch vielfach Hindublut bei ihnen zum
+Vorschein (Abb. 215 bis 218). Einen einheitlichen Typus weisen sie
+nicht mehr auf.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bourne & Shepherd.
+
+Abb. 213. Die Kolh,
+
+ein Wildstamm, der sich hauptsächlich in der Hügelgegend südlich des
+Gangestales in Bengalen, den vereinigten Provinzen von Agra und Oudh,
+findet.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. T. E. Smurthwaite, F. R. A. J.
+
+Abb. 214. Eine Bhilfrau (Westliches Indien).]
+
+Das gleiche gilt für ihre +kulturellen Verhältnisse+, die
+verschiedentlich noch ursprüngliche sind, aber anderseits auch schon
+wieder hindostanischen Einfluß erkennen lassen. Die +Kleidung+ der
+Leute ist vielfach noch primitiv; die Männer begnügen sich mit einem
+Gürtel, die Frauen mit einem Lendentuch, die Kinder gehen ganz nackt.
+Die Juang haben ihren zweiten Namen, Patua, daher erhalten, daß sie
+um die Hüften einen Gurt trugen, von dem Blätter herabhingen, denn
+Patua heißt Blätterträger. Auch die +Hütten+ dieser Stämme sind
+sehr primitiv, ebenso ihre +Lebensweise+; bis vor kurzem lebten
+sie noch in der Steinzeit. Ihre Beschäftigung besteht zum Teil im
+Umherstreifen durch die Wälder (Abb. 220), zum Teil -- dort, wo
+sie bereits unterworfen worden sind -- in der Verrichtung niederer
+Arbeiten, Handwerke oder Gewerbe; im allgemeinen spielen sie die Rolle
+der Unterdrückten. -- Vielfach begegnen wir im Handwerk hier noch
+ganz ursprünglichen Arbeitsweisen. So benutzt man zum Überqueren der
+reißenden Gebirgsflüsse noch Flöße aus aufgeblasenen Ziegenfellen (Abb.
+219).
+
+Wie schon erwähnt, sind zu ihnen bereits arische Anschauungen
+durchgedrungen, besonders durch die herumziehenden Mönche und andere
+Asketen, die wir oben kennen gelernt haben. Diese bekehren die Leute
+oft genug zur Religion der Hindu und machen sie somit der indischen
+Kultur zugänglich. Die +Religion+ der Wildstämme besteht in dem schon
+von anderen primitiven Stämmen her bekannten Animismus, der die ganze
+Umgebung von Geistern bewohnt sein läßt. Große Verehrung und Achtung
+bringen sie vor allem den Tieren entgegen, von denen sie glauben, daß
+sie stimmbegabt sind, eigene Königreiche unter besonderen Fürsten
+besitzen und sich in Menschen verwandeln können, wie sie anderseits
+auch behaupten, daß ein Zauberer die Gestalt von Tieren, im besonderen
+von Tigern, annehmen kann. Wie anderwärts geht auch ihr Bestreben
+darauf hinaus, die Geister der Verstorbenen, deren Wohnsitze sie in
+Steine oder rohe Götzenfiguren verlegen, bei guter Laune zu erhalten;
+sie bringen ihnen von Zeit zu Zeit Opfer von Speisen und Getränken dar
+(Abb. 221 bis 226). Andere Stämme haben noch ihre besondere Orts- oder
+Dorfgottheit, deren Macht, wie sie annehmen, auf ein bestimmtes Gebiet
+beschränkt ist. Man denkt sie sich in einem Steinhaufen verkörpert, der
+unter einem heiligen Baume in der betreffenden Niederlassung errichtet
+wird. Bei den Saat- und Erntefesten wird die sinnbildliche Hochzeit
+dieser Götter, die man sich meistens paarweise denkt, gefeiert,
+um dadurch die Fruchtbarkeit der Äcker zu steigern. Eine andere
+Geistergruppe umfaßt solche, die epidemische Krankheiten, wie Pest,
+Cholera, Pocken, beseitigen oder sie auch herbeiführen können (Abb.
+227). Zeigen sich solche Krankheiten in einem Dorfe, so bringt man
+diesen Gottheiten ein Opfer in Gestalt von jungen Hühnern und Ziegen
+dar, deren Fleisch nach Beendigung der Zeremonie verzehrt wird, oder
+man entfernt einfach den Stein oder den Götzen, dem man die Schuld der
+Krankheit zuschreibt, aus der Umgebung des Dorfes und bringt ihn in
+eine andere Niederlassung, wodurch nun auch die Krankheit sich dorthin
+zieht. Noch niedriger stehende Stämme bemalen lediglich den Kopf eines
+jungen Huhnes mit Mennige und treiben es gleichsam als Sündenbock mit
+der Krankheit über die Dorfgrenze.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Vividhakala Mandir.
+
+Abb. 215. Eine Gruppe von Dhodia,
+
+den typischen Waldbewohnern Zentralindiens. Die Weiber sind mit
+schweren Arm- und Knöchelbändern sowie mit Amuletten um den Hals
+geschmückt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 216. Ein weiblicher Kuli niederer Kaste von Benares
+(Tagarbeiterin),
+
+die ihr Kind mittels zweier Stäbe gehen lehrt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sohanlal Bros.
+
+Abb. 217. Tschambafrauen in Festtracht.
+
+Ihr Halsschmuck besteht aus grob zugeschnittenen Steinen und enthält
+silberne Behälter mit Amuletten; in der Nase tragen sie große Ringe.]
+
+Zwei Klassen von Menschen stehen bei den Wildstämmen in dem Rufe, die
+Macht über die übelwollenden Geister zu besitzen, +die Dakin+ oder
++Hexe+, die die Geister dazu zu bestimmen weiß, daß sie Unheil senden,
+und der +Bhagat+ oder +Zauberpriester+, der sie wieder austreibt. Die
+erstere, zumeist ein altes häßliches Weib, macht sich den bösen Geist
+zu eigen und veranlaßt ihn, Krankheit über die Menschen zu bringen,
+denen sie nicht wohl gesinnt ist. Sie erreicht dies dadurch, daß sie
+sich eine Haarlocke oder einen Nagelabfall ihres Opfers verschafft,
+einen Zauber darüber spricht und so den Geist zwingt, seinen Einfluß
+auf den Träger dieser Gegenstände auszuüben. Die Dakin verkörpert
+somit die Macht der Finsternis. Hingegen übt der Bhagat die weiße
+Magie aus; er wird von dem Geist besessen, rast, tobt und bezeichnet
+dann jene Dakin, die als die Ursache des Unglücks anzusehen ist,
+sowie die Art des Opfers, das zur Besänftigung darzubringen ist. Er
+wirkt auch durch eine Art sympathischen Zaubers; die Nachahmung einer
+Handlung oder einer Erscheinung verursacht ihr Eintreten. So werden,
+um das Wetter günstig zu gestalten, im Frühjahr Feuer angezündet --
+man will damit die zur Ernte erforderliche Hitze herbeiführen; oder
+bei Trockenheit wird, um Regen zu erzielen, eine Person untergetaucht
+oder kopfüber mit Wasser begossen, oder ein Wassertier, zum Beispiel
+ein Frosch, gequält, wodurch der Regengeist veranlaßt werden soll,
+Regen zu senden (Abb. 228). Um ein drohendes Hagelwetter abzuwenden,
+zerschneidet man einige der Hagelkörner mit einem Messer, damit die
+anderen erschreckt werden und verschwinden. -- Die Furcht vor dem
+bösen Blick (beim Begegnen alter Leute, häßlicher oder kinderloser
+Menschen, Krüppel, Blinder und so weiter) ist unter den Wildstämmen
+sehr verbreitet und wird durch allerlei Zauber und Amulette bekämpft.
+Auch auf Vorbedeutungen wird viel Wert gelegt. Um Glück zu haben,
+muß man am Morgen zuerst etwas sehen, das für verheißungsvoll gilt,
+so zum Beispiel eine Kuh oder ein anderes der Glückstiere, die sich
+manche Leute im Hause halten, damit nach dem Erwachen ihr erster Blick
+darauf falle; glückverheißend ist es auch, wenn man am Morgen einem
+Oberhaupte, einem Brahmanen, einem achtbaren Handwerker mit seinem
+Handwerkszeug, Personen mit Obst oder Blumen, einer verheirateten
+Frau mit Kindern und so weiter begegnet; dagegen darf man sich auf
+Unglück gefaßt machen, wenn man einen nackten Mann, eine blinde oder
+kahlköpfige Person, einen Menschen in untergeordneter Stellung oder
+von erniedrigender Beschäftigung, einen, der weint, zankt, hustet
+oder niest, zuerst antrifft. Wenn man gähnt, kann es passieren, daß
+einem der böse Geist in den Hals fährt; darum muß man eine Gottheit
+dabei anrufen oder mit den Fingern knacken. Einmaliges Niesen
+bedeutet Unheil, beim zweiten Male aber kann man zuversichtlich seine
+Beschäftigung fortsetzen.
+
+Die Munda kennen ebenfalls eine vielköpfige Götterwelt, in der die
+Sonnengottheit obenan steht. Furcht vor Zauberei und Hexenkunst spielt
+bei ihnen ebenfalls eine große Rolle. Haben die üblichen Opfergaben
+keinen Erfolg, dann wendet man sich an einen Ojha (Zauberer) (Abb.
+229 und 230), der einen machtvollen Faktor im Dorfleben ausmacht,
+insofern er alles aufzudecken und alles zu beschwören vermag. Durch
+ganz sonderbare Mittel stellt er fest, wem die Schuld an einem Unglück
+zuzuschieben ist. Will der Ojha zum Beispiel herausbekommen, wer ein
+bestimmtes Zauberwerk angerichtet hat, dann wirft er eine Handvoll
+Reis auf ein großes Blatt, das auf dem Erdboden ausgebreitet liegt,
+und bezeichnet im voraus ein bestimmtes Muster, das die hingeworfenen
+Körner bilden, als dasjenige, bei dessen Entstehen der Name des
+Schuldigen gerade aufgerufen wird. Früher wurden die auf solche Weise
+namhaft Gemachten öfters getötet, und selbst in neuerer Zeit soll es
+noch vorgekommen sein, daß solche Opfer daran glauben mußten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Newnes, Ltd.
+
+Abb. 218. Ein Garoweib
+
+mit einer Menge Ringe (bis zu fünfzig und mehr) in jedem Ohr, von denen
+jeder öfters vier Zoll Durchmesser hat. Beim Tode ihres Gatten legt
+die Witwe diesen Ringschmuck bis zur Beendigung der Trauerfeier ab;
+manchmal legt sie ihn auch nie wieder an.]
+
+Ein wichtiger Platz im religiösen und sozialen Leben der Santal ist
+das +Manjhi Than+ (Abb. 231), ein aufgeworfener Erd- oder Lehmhügel
+mit einem auf Holzpfeilern darüber ruhenden Dach aus Lumpen vor dem
+Hause des Dorfobersten, des Manjhi, der eine gewichtige Persönlichkeit
+in allen öffentlichen Angelegenheiten der Gemeinde ist. Diese einfache
+Hütte wird als der Wohnplatz der Ahnen angesehen; ihr Fußboden, der
+stets sorgfältig gepflegt wird, weist in der Mitte einen kleinen, rot
+angemalten Holzblock auf, der Mittelpfeiler trägt außerdem noch ein
+Tongefäß, in das man Wasser für die Geister zum Trinken gießt, aber
+nur in der heißen Jahreszeit, da man glaubt, daß sie im Winter nicht
+durstig sind. Hier, inmitten der gleichsam die Aufsicht führenden
+Geisterschar, beim Manjhi Than, versammeln sich die alten Männer des
+Dorfes, um den Spruch des Ojha zu prüfen, wenn jemand im Verdacht der
+Hexerei steht oder durch den bösen Blick eine geheimnisvolle Krankheit
+unter dem Vieh verbreitet haben soll, und auf Grund dieser Prüfung
+wird dann das Urteil über den Übeltäter gefällt. Auch wird hier bei
+Streitigkeiten Recht gesprochen sowie der Kaufpreis für die Braut
+festgesetzt, und anderes mehr.
+
+Die Santal neigen sehr zu +Festlichkeiten+, die fast das ganze Jahr
+hindurch gefeiert werden. Mit besonderer Freude begeht man das
++Sohräfest+. Hier herrscht allgemeine Ungebundenheit, was von den
+Leuten mit ihren eigenen Worten deutlich zum Ausdruck gebracht wird:
+„Jetzt muß man seine Ohren mit Watte verstopfen, damit man nicht
+merkt, was der Nachbar tut oder sagt.“ Denn beim Sohräfest sind alle
+Sittengesetze aufgehoben, ein jeder kann tun, was ihm beliebt. Nach
+Beendigung des Festes kommen die alten Männer wieder zusammen und
+bringen Opfergaben dar, um das schändliche Betragen während desselben
+wieder zu sühnen. Einer der wichtigsten Momente beim Sohräfest ist die
+Glücksprobe, denn von ihrem Ausfall hängt der Erfolg des ganzen Jahres
+ab (Abb. 232). Am Ende der Dorfstraße oder einer schmalen Gasse wird
+Reis in einem Kreise auf der Erde ausgebreitet und ein Ei sorgfältig in
+die Mitte gelegt. Während nun die Dorfbewohner herumsitzen, wird alles
+Vieh aus dem Dorfe gegen den Reishaufen getrieben und darauf geachtet,
+wessen Tier das Ei in der Mitte zertritt; seinem Besitzer wird dann für
+das ganze Jahr Glück beschert sein.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 219. Fellfloß auf dem Sutlej, das gerade aufgeblasen wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 220. Tigerfang bei den Ho.
+
+Beim Betreten eines bestimmten Pfades, den der Tiger zu gehen pflegt,
+wird er in eine Schnur verwickelt und dadurch der Mechanismus eines in
+bestimmter Entfernung aufgestellten Bogens ausgelöst, der den Pfeil
+selbsttätig auf das Tier schießt.]
+
+Ein anderes wichtiges Fest ist das +Rath Jatra+ zu Puri (Abb. 233 und
+234), zu dem jedesmal viele Tausende von Pilgern herbeiströmen, um
+sich an dem Vorwärtsschieben des mächtigen, aus mehreren Stockwerken
+aufgebauten Prunkwagens, in dem die Götter zum Tempel gebracht werden,
+zu beteiligen und hier zu beten. Tausende von Andächtigen kämpfen
+hier um die Ehre, die Seile zu erfassen und auf ein gegebenes Zeichen
+anzuziehen, bis der plumpe Wagen in Bewegung gerät. Ein allgemeines
+Gedränge und Stoßen entsteht, da jedermann selbst Hand anlegen oder
+wenigstens mit zusehen will, ein Hin- und Herwogen der Volksmassen,
+von dem man sich kaum eine Vorstellung machen kann. Als ein besonderes
+Glück wird es von den Gläubigen angesehen, wenn sie ihren Tod unter
+den Rädern des Wagens finden, denn dann erreichen sie bei ihrem
+nächsten Dasein eine höhere Lebensstufe. Aus diesem Grunde begehen
+Fanatiker oft genug Selbstmord, indem sie sich absichtlich überfahren
+lassen. Nach zehn Tagen werden die Götter aus dem Tempel wieder in ihre
+Verborgenheit zurückgebracht.
+
+Zu Nangalbandh strömen an einem bestimmten Tage, an dem sich alle
+Tugenden der Welt hier im Brahmaputra vereinigen sollen, unzählige
+Pilger zusammen, um sich ihre Sünden in seinem Wasser abzuwaschen (Abb.
+212 und 235).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 221. Ein Götterschrein in einem Dorfe.
+
+Auf einem Haufen Erde im Innern, der den Altar vorstellt, bringen die
+Bauern ihrer örtlichen Gottheit Gaben in Gestalt von Korn, Milch,
+Blumen, und in ernsten Zeiten eine junge Ziege dar.]
+
+Ein ganz eigenartiges „+Familienfest+“ der Santal besteht darin,
+daß sich einmal im Jahre die ganze Familie in ihrem eigenen Hause
+einschließt, jeder einzelne sich die Ohren mit Watte verstopft, so daß
+kein Laut zu ihm dringen kann, und auf ein gegebenes Zeichen alle,
+Vater, Mutter, Söhne, Töchter, Schwestern, Vettern, Onkel und Tanten,
+einander die größten und gemeinsten Schimpfworte zurufen, die ihre
+Erfindungskraft nur aufzubringen vermag. Keines vermag natürlich zu
+verstehen, was das andere sagt. Man schreit so laut und so lange, bis
+man vor Erschöpfung anhalten muß. Über den Ursprung dieser sonderbaren
+Gewohnheit, die bereits auf ein hohes Alter zurückblicken soll,
+vermögen die Santal nichts Näheres anzugeben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 222. Ein Landmann beim Schrein seines Vaters,
+
+der von einem Panther zerrissen wurde; der Schrein soll dazu dienen,
+den Geist des Verstorbenen zu versöhnen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. Longworth-Dames.
+
+Abb. 223. Der Tempel der Jawala-Mukhi, der Göttin „mit dem flammenden
+Munde“,
+
+im Kangratal (Pendschab) am Ufer des Beasflusses. Dem Felsen, auf dem
+der Tempel erbaut ist, entströmt ein brennbares Gas.]
+
+Auch das von uns bereits oben erwähnte +Hakenschwingfest+, das
+allerdings durch das Gesetz verboten ist, wird verschiedentlich
+alljährlich noch gefeiert. Nach den darüber vorliegenden alten
+Berichten drängten sich die Gläubigen direkt zu dieser grauenerregenden
+Schaustellung. Der Priester weihte der Reihe nach die Bittenden, die
+sich vor ihm mit entblößtem Rücken auf die Erde warfen, indem er
+ihnen mit seinem in einen Aschenhaufen getauchten Finger auf den
+Rücken gerade unter die Schulterblätter zwei Zeichen schrieb, worauf
+sein Gehilfe an dieser Stelle das Fleisch in einer Falte hochhob und
+zwei große Haken durchstieß. Darauf erhoben sich die Opfer unter den
+Bewunderungsrufen der Menge und begaben sich zum Schwingpfosten, wobei
+sie, obwohl ihnen das Blut vom Rücken rieselte, stolz und ohne Schmerz
+zu äußern einhergingen. Möglicherweise waren sie vorher durch ein
+Mittel betäubt worden. Nachdem nun weiter die Haken an den Seilen der
+Schwingvorrichtung befestigt waren, wurden sie unter dem Geschrei der
+begeisterten Zuschauer und unter dem ohrenbetäubenden Lärm der Trommeln
+in die Höhe gezogen und in der Luft geschwungen; ein loser Gurt, der
+ihnen um die Brust gelegt war, verhinderte, daß die Haken dabei das
+Fleisch durchschnitten (Abb. 236). -- An keinem Feste der Wildstämme
+dürfen Tänze fehlen (Abb. 237 bis 239, 241 und 243).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 224. Ein Dawischrein.
+
+Sein Wärter, kein Brahmane, sondern ein Angehöriger der Wildstämme,
+hält eine Fuchtel aus eisernen Ringen, mit der an Krankheiten (wie
+Hysterie, Epilepsie) Leidende geschlagen werden, um die bösen Geister
+zu vertreiben.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sohanlal Bros.
+
+Abb. 225. Verehrung der Tschamunda oder Göttermutter,
+
+einer bei den Bewohnern des unteren Himalaya volkstümlichen Gottheit.
+Der Tempeldiener läutet vor dem Tor, das mit Hörnern von wilden Ziegen
+und anderem Wild als Opfergaben verziert ist, zum Gebet. An den Stufen,
+die zum Tempel führen, kniet ein Gläubiger.]
+
+Bei der starken Verbreitung des Glaubens an böse Geister unter den
+Wildstämmen kann es nicht wundernehmen, wenn sie die angehenden
+Mütter besonders stark durch sie gefährdet sehen und daher allerlei
+Abwehrmaßregeln dagegen treffen. So darf eine +Schwangere+ nicht
+über eine Schlange oder deren Haut, nicht über einen Kuhknochen oder
+ein Loch in der Erde treten, ebensowenig in einer Sänfte getragen
+werden, es müßte denn sein, daß sie dabei durch eine bis auf den Boden
+herabhängende Schnur mit der heiligen Erde in Verbindung bleibt; sie
+darf ferner nicht unter einer Dachrinne stehen, noch nach Einsetzen
+der Dunkelheit allein ausgehen; ist sie nach Sonnenuntergang hierzu
+gezwungen, so legt sie sich ein paar Grashalme zum Schutze auf den
+Kopf. Sonnen- und Mondfinsternisse, die nach dem Glauben der Wildstämme
+durch einen Angriff böser Geister auf diese Gestirne entstehen,
+bedeuten ebenfalls eine Gefahr für die Schwangere. Solange eine solche
+Finsternis anhält, darf sie keine Arbeit verrichten; sonst würde
+ihr Kind mißgestaltet werden. Man handelt außerdem sehr verständig,
+wenn man bei einer Finsternis die Hörner einer trächtigen Kuh rot
+anstreicht, denn Rot ist eine dem Finsternisteufel widerwärtige Farbe.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 226. Ein Hindupriester beim Opfern einer Ziege.
+
+Im Hintergrunde steht in seiner Farben- und Flitterpracht ein Bildnis
+des Mahadeo.]
+
+Bei der +Geburt+ werden ebenfalls mancherlei Schutzmittel gegen die
+bösen Geister angewendet. So wird Eisen, das besonders wirksam ist, in
+Form eines Messers oder Zinken ans Bett der Gebärenden gelegt. Man kann
+den Geist auch in eine Falle locken, wenn man ein Netz über die Tür des
+Zimmers hängt, in dem sie liegt. Feuer wirkt ebenfalls als Läuterungs-
+und Schutzmittel; daher wird es stets, auch beim heißesten Wetter,
+unterhalten. -- Nach der Geburt bestreicht man dem Kinde die Augenlider
+mit Ruß oder Antimon, um durch diese Entstellung des kleinen Wesens
+die Geister zu täuschen oder es in den Augen derer unansehnlich zu
+machen, die etwa einen bösen Blick darauf werfen könnten. Die Wöchnerin
+gilt als unrein und wird, damit Verwandte und Nachbarn nicht durch sie
+Schaden erleiden, in einem gesonderten Raum oder in einer Hütte im
+Dschungel untergebracht.
+
+Die +Nachgeburt+, von der man glaubt, daß sie eng mit dem Kinde
+verknüpft sei, wird entweder in einem Loch an Ort und Stelle tief
+vergraben oder verbrannt; auf jeden Fall darf sie keinem Zauberer
+oder keiner Hexe in die Hände fallen oder von einem wilden Tiere
+gefressen werden, da dies dem Kinde verhängnisvoll werden könnte. Kein
+Gegenstand aus der Wochenstube darf in die Hände einer kinderlosen
+Frau geraten, denn dadurch würde deren Unfruchtbarkeit auf Mutter und
+Kind übergehen, erstere keine Kinder mehr bekommen und ihre lebenden
+sterben. -- Die Geburt von +Zwillingen+ wird von manchen Stämmen als
+etwas Unglückbringendes gedeutet. Die wilderen Stämme setzen dieselben
+daher im Dschungel aus, während die mehr zivilisierten, falls ein
+Zwilling ein Mädchen ist, es absichtlich vernachlässigen und infolge
+der mangelhaften Pflege umkommen lassen.
+
+Den altertümlichen Brauch des +Männerkindbettes+ (Couvade) treffen wir
+verschiedentlich an. Bei den Drawidastämmen des Verwaltungsbezirkes
+Madras verrichtet der Vater bei der Geburt des Kindes gewisse
+Handlungen oder simuliert Zustände, die für die Mutter natürlich oder
+ihr eigentümlich sind; auch enthält er sich für eine gewisse Zeit des
+Genusses bestimmter Speisen oder der Verrichtung gewisser Handlungen,
+wie wenn er durch die Geburt körperlich sehr mitgenommen wäre. Im
+nördlichen Indien treten nur noch vereinzelte Überbleibsel der Couvade
+in die Erscheinung. Allgemein gesagt, teilt der Mann die Unreinheit
+seiner Frau und bleibt, wenn das Haus von den anderen Verwandten
+verlassen worden ist, bei ihr daheim, auch kocht er für sie. Was er
+unmittelbar vor der Geburt tut, soll auf seine Frau von Einfluß sein.
+Bei einem Stamme der Korbmacher im westlichen Indien geht die Wöchnerin
+sofort nach der Geburt an ihre Arbeit, als ob nichts vorgefallen sei,
+während der Ehemann sich in sein Bett legt und ein paar Tage kräftige
+(Wöchnerinnen-) Nahrung erhält.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 227. Die sieben Schreine der Sapta Mata oder sieben Mütter,
+
+von denen jede einzelne auf irgendeine epidemische Krankheit von
+Einfluß ist und bei Überhandnehmen einer solchen versöhnt wird. Die
+gefürchtetste von ihnen ist Sihala, die Göttin der Blattern.]
+
+Am sechsten Tage nach der Geburt, der für besonders heilig gilt,
+insofern man annimmt, daß am Abend dieses Tages die betreffende
+Gottheit erscheine und das Schicksal des Kindes aufzeichne (weshalb
+manchmal Schreibmaterial zur Benutzung hingelegt wird), pflegt man dem
+Kinde auch seinen +Namen zu geben+. Derselbe ist von größter Bedeutung
+und macht einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Damit nicht etwa eine
+Hexe oder ein Zauberer ihn erfahre, wird er geheim gehalten und ein
+zweiter dem Kinde beigelegt, mit dem es bei gewöhnlichen Anlässen
+angeredet wird. Öfters pflegt man ihm direkt Schimpfnamen, wie Unrat,
+Bettler und so weiter zu geben, einfach zu dem Zweck, daß damit kein
+übelwollender Mensch seinen bösen Blick auf ein so wertloses Geschöpf
+werfe.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Newnes.
+
+Abb. 228. Regenzauber.
+
+Läßt der Regen nach, dann versammelt sich das Volk und erhebt mit
+allerlei unharmonischen Musikinstrumenten einen großen Lärm, um den
+Regengott zu versöhnen.]
+
+Für die Knaben besteht keine andere +Pubertätszeremonie+ als die bei
+den Hindu überhaupt übliche Überreichung der Schnur. Bei den Mädchen
+aber ist das Erscheinen der ersten Regel ein wichtiges Ereignis. Da
+sie während dieser Zeit unter dem Einflusse von Geistern stehen und
+eine Quelle der Ansteckung sind, so darf niemand mit ihnen in Berührung
+kommen; sie werden daher streng abgesondert. Nach Ablauf der Periode
+werden sie gebadet, einer Läuterung unterzogen und kehren dann erst
+wieder in den Schoß ihrer Familie zurück. Auch werden sie um diese Zeit
+herum einer Tatauierung unterworfen.
+
++Heiraten+ ist bei den Wildstämmen ein unbedingtes Erfordernis; nur
+die Krüppel, Gebrechlichen und unheilbaren Kranken machen hiervon eine
+Ausnahme. Der drawidische Bewerber sieht bei seiner Auserwählten mehr
+auf Gesundheit und Kraft, als auf Schönheit; er will eine Frau haben,
+die im Hause und auf dem Felde tüchtig arbeiten kann, das Vieh besorgt,
+das Korn für den Haushalt mahlt, sowie Früchte und Beeren im Dschungel
+einsammelt. Für gewöhnlich übt die Hausfrau auch einen ziemlichen
+Einfluß aus, zumal sich ihr Aufenthalt auf keine Zenana beschränkt.
+Sie verhüllt ihr Gesicht auch selten in Gegenwart fremder Männer. In
+der Familie wird wenig unternommen ohne ihre Billigung; im besonderen
+greift sie in die Heiratsverhandlungen ihrer Kinder tätig ein.
+
+Für die +Wahl der Braut+ ist Gesetz, daß ein Mann innerhalb seines
+Stammes oder seiner Kaste, aber kein Mädchen aus seinem eigenen Clan
+oder Unterstamm (Sippe) heiratet. Der soziale Stand bietet wenigstens
+in der Theorie kein Hindernis bei einer Wechselheirat. Die Heiratsaison
+ist für gewöhnlich das Frühjahr, denn dann ist das Wetter zum Reisen
+schön, auf den Feldern gibt es keine dringende Arbeit, und um diese
+Zeit werden auch die Jahresfeste gefeiert, die die Fruchtbarkeit der
+Menschen, Tiere und Pflanzen fördern sollen. Bei den bereits durch
+die Hindureligion beeinflußten Stämmen wählt ein Astrologe, bei den
+ursprünglichen Gruppen der Dorfoberste den für die Hochzeit günstigsten
+Tag aus. Um die Unkosten der Hochzeitsfeiern zu ermäßigen, finden
+diese an manchen Orten an demselben Tage des Jahres statt. Bei den
+Kunbi im westlichen Indien besteht der merkwürdige Brauch, daß sie
+nur einmal alle zehn oder zwölf Jahre Heiraten vollziehen und daß der
+Dorfoberste die Erlaubnis dazu dem Schicksal überläßt. Er fertigt zu
+diesem Zweck eine Anzahl Papierstreifen an, schreibt auf sie entweder
+„ja“ oder „nein“ und wirft sie auf einen Haufen vor dem Bildnis
+der Stammesgöttin. Ein kleines Kind muß darauf eine gewisse Anzahl
+heraussuchen, und zwar tut es dies dreimal. Wenn sich dann bei der
+Prüfung herausstellt, daß die Mehrzahl bejahend ausfällt, dann nimmt
+man an, daß die Göttin dazu ihren Segen erteilt hat.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Wiele & Klein.
+
+Abb. 229. Geistervertreibung.
+
+Der Mann, der zuzeiten von einer lokalen Gottheit besessen wird,
+spricht sinnlose Worte, die als Orakel ausgelegt werden, und fächelt
+mit einem Pfauenfederbüschel um das Haupt der Person, aus der er die
+bösen Geister austreiben will.]
+
+Die +Eheschließung+ weist bei den einzelnen Stämmen verschiedene Formen
+auf. Bei den Waldstämmen wird fast jede Form des Zusammenlebens,
+sofern der Stammesrat sie gutheißt, als rechtsgültig anerkannt und dem
+Paare die Vorrechte des Stammes oder der Kaste übertragen, auch ihre
+Kinder als legitim angesehen. Obenan steht unter den Heiratsformen
+der +Raub+ oder die Entführung. Der Jüngling trägt das Mädchen unter
+Anzeichen von Gewalt in den Wald; nach einiger Zeit machen seine
+Angehörigen die Beleidigung wieder gut, indem sie den Brautpreis zahlen
+und den Stammesbrüdern ein Fest geben, und das junge Paar kehrt nach
+kurzen Flitterwochen ins Dorf zurück. Auch bei den zivilisierteren
+Stämmen begegnen wir noch Anklängen an diese Eheform (Abb. 240). Um
+den Brautpreis zu sparen, ist Austauschheirat keine ungewöhnliche
+Erscheinung. Die betreffenden Eltern tauschen dabei gegenseitig ihre
+Kinder aus; in diesem Falle wird von einer Bezahlung Abstand genommen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 230. Ein mittels Blättern weissagender Ojha.
+
+Hierbei gießt der Ojha Öl auf Blätter, die er über den Boden zerstreut
+hat. Aus der Art und Weise, wie das Öl sich über sie ausbreitet,
+weissagt er.]
+
+Eine andere Methode der Frauengewinnung ist die Sitte, +um die Braut
+zu dienen+. In solchem Falle tritt der Jüngling in die Familie
+seines zukünftigen Schwiegervaters ein und dient hier oft bis zu
+sieben Jahren, ehe das Paar heiraten darf. In der Theorie muß es
+während dieser Probezeit getrennt bleiben, aber in der Praxis wird
+diese Bedingung von ihm nicht immer innegehalten. Dieser Brauch
+hängt mit dem ursprünglichen Gesetz der Abstammung in weiblicher
+Linie zusammen, worauf auch noch die hohe Stellung der Schwester der
+Braut und des Onkels mütterlicherseits hinweist; ersterer fällt bei
+der Hochzeitszeremonie die Aufgabe zu, die Kleider des Paares zum
+Zeichen ihrer Verbindung zusammenzuknoten, letzterem dagegen, das
+Hochzeitskleid zu stiften und zum Brautpreis beizutragen. In den
+meisten Fällen jedoch wird die Braut ihrem zukünftigen Manne übergeben,
+sobald seine Verwandten eine Geldsumme, Vieh, messingene Kochgeräte
+oder andere Besitzgegenstände gezahlt haben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 231. Das Manjhi Than, ein wichtiger Platz in einem Santaldorfe.]
+
+Bei den Waldstämmen findet zumeist keine weitere +Werbung+ statt, bei
+den fortgeschritteneren Gruppen dagegen bestehen mancherlei Gebräuche,
+die indessen von Bezirk zu Bezirk verschieden sind. Meist pflegt sich
+die Werbung in der Weise abzuspielen, daß eine Deputation von Freunden
+des Jünglings ausgesandt wird, die durch sorgfältige Beobachtung der
+vorgeschlagenen Braut feststellen soll, daß sie an keinem körperlichen
+Gebrechen leidet. Fällt dieser Vorbesuch befriedigend aus und ist damit
+zusammenhängend der Kaufpreis festgesetzt, dann werden die Betreffenden
+verlobt. Dessenungeachtet macht sich der Vater der Form wegen noch auf
+den Weg, die Braut zu suchen, dabei muß er einen kleinen Vogel, Devi
+genannt, rechts von sich erblicken, um Glück zu haben. Ehe er diesen
+nicht sieht, bricht er auf keinen Fall auf, selbst wenn er monatelang
+warten sollte. Hat er seinen Wunsch erreicht, ist die Verlobung
+also ordnungsgemäß zustande gekommen, dann werden der Vater und die
+Freunde des Jünglings aufgefordert, bei den Angehörigen der Braut
+zu speisen. Während der Mahlzeit streuen ihre weiblichen Verwandten
+Getreidekörner auf die Türschwelle und stürzen sich, sobald der
+zukünftige Schwiegervater das Haus verlassen will, auf ihn, als ob sie
+ihn angreifen wollten, er aber eilt auf die Tür zu und gleitet auf den
+Körnern aus; das letztere wird immer so eingerichtet, daß es eintrifft,
+da sonst die Ehe keine glückliche sein würde. Bei der Verlobung
+beschenkt er die Braut mit einer silbernen Halskette und einem goldenen
+Nasenring, den sie zum Zeichen, daß sie bereits versprochen ist, fortan
+trägt. Bevor der Hochzeitstag festgesetzt wird, geht man den Astrologen
+um Rat an; dieser fragt nach den Namen des Paares und berechnet, ob
+diese mit den Gestirnen eine günstige Vorbedeutung ergeben. Da nun bei
+ungünstigem Stand der Sterne ein anderer Name in Vorschlag gebracht
+werden kann -- manchmal nacheinander eine ganze Reihe derselben --, so
+geben manche Leute schon bei der Geburt ihren Kindern zehn bis zwölf
+Namen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 232. Die Glücksprobe beim Sohräfest.]
+
+Kurz vor der +Hochzeit+ werden Braut und Bräutigam mit Öl und Safran
+gesalbt, um dadurch die bösen Geister zu verscheuchen. Bei Anbruch des
+verabredeten Hochzeitstages begibt sich der Jüngling in Begleitung
+seiner Freunde bewaffnet auf den Weg zu seiner Braut; er trägt ein
+besonderes Hochzeitsgewand und ist mit verschiedenen Zaubermitteln
+und Amuletten, die ihn vor Unheil schützen sollen, ausgerüstet; seine
+Augen sind mit Antimon oder Ruß gefärbt, auch sein Gesicht bisweilen
+gänzlich bedeckt oder mit einem Schleier bekleidet. An der Grenze des
+Dorfes, wo die Braut lebt, wird der Zug von einer Abteilung ihrer
+Sippenleute empfangen; die Teilnehmer werden noch auf besondere Weise
+gereinigt, um kein Unheil mitzubringen, und sodann in einer besonderen
+Hütte außerhalb des Dorfplatzes bewirtet. Zu einer günstigen Stunde
+wird nun der Bräutigam nach dem Hause seiner Zukünftigen geleitet. An
+der Haustür begrüßen ihn hier deren Freundinnen mit Speisebrettern
+voller Getreide und Früchte und mit einer brennenden Lampe. Diese
+schwingen sie über seinem Kopfe, um noch einmal Unglück abzuwenden,
+und die alten Frauen der Familie lassen ihre Fingergelenke knacken,
+wodurch sie das etwa noch vorhandene Unglück auf sich nehmen wollen.
+Unter Trommelwirbel und den Tönen sonstiger Musik betreten der
+Bräutigam und seine Schar den Hochzeitspavillon. Ursprünglich war dies
+ein heiliger Baum, unter dem die Verbindung stattfand. In moderner
+Form ist daraus eine Art Pavillon geworden, der aus den Zweigen eines
+solchen Baumes aufgebaut wird; zur Vermeidung von Unglück müssen die
+Zweige mit besonderer Vorsicht geschnitten werden. Im Innern des
+Pavillons haben die verheirateten Frauen des Stammes glückbringende
+Erde zusammengetragen; kinderlose Frauen waren, weil unheilbringend,
+davon ausgeschlossen. Auf dieser Erde, die oft zu einem primitiven
+Herde zusammengekehrt ist, wird dann der Hochzeitsschmaus gekocht,
+oder Braut und Bräutigam setzen sich darauf. Der Familien- oder
+Stammesgöttin, die man mit Safranstreifen auf die Wand gemalt hat,
+wird sodann gehuldigt, worauf eine der Schwestern der Braut die
+Kleider des Paares zusammenknotet. Der Jüngling führt jetzt seine
+junge Frau noch einigemal um das heilige Feuer im Pavillon herum und
+streicht ihr Mennige auf den Haarscheitel; ein etwa anwesender Brahmane
+murmelt inzwischen Gebete und Zauberformeln zur Abwendung von Unheil.
+Schließlich setzt sich das Paar zusammen hin und ißt gemeinsam aus
+einer Schüssel; hierdurch soll die Aufnahme der jungen Frau in den
+Stamm ihres Gatten angedeutet werden. Mancherlei Bräuche sind bei der
+Hochzeit noch üblich, um die Fruchtbarkeit der jungen Eheleute zu
+fördern. So füllt man den Schoß der Braut mit Obst oder Getreide, oder
+läßt sie mit einer Puppe spielen; sie und ihr Mann müssen ein Stück
+Land pflügen und etwas aussäen, man führt die junge Frau auch abends
+hinaus, um ihr den Polarstern, das Sinnbild der Beständigkeit, zu
+zeigen, und anderes mehr.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Fleet Agency.
+
+Abb. 233. Tempel des Juggernaut zu Puri,
+
+aus dem beim Rath Jatra die Götter im Triumph in einen anderen Tempel
+hin- und nach zehn Tagen wieder zurückgetragen werden.]
+
+Mit der +Heirat+ sind manche +Einschränkungen+ beziehungsweise Tabu für
+die jungen Eheleute verbunden. Der Mann darf mit seiner Schwiegermutter
+keinen direkten Verkehr haben, sondern, wenn er etwas von ihr will, muß
+seine Frau dies vermitteln; auch muß er es nach Möglichkeit vermeiden,
+ihr zu begegnen; treffen sie sich zufällig, dann muß sie beiseite
+treten und ihr Gesicht verhüllen. Mann und Frau dürfen sich nicht bei
+Namen anreden, besonders ist dies für die letztere strenges Gebot,
+selbst bei öffentlichen Verhandlungen. Der Mann nennt seine Frau mit
+dem Namen ihres Stammes oder ihrer Unterkaste, oder er bezeichnet
+sie mit „Mutter von ....“ (Name eines ihrer Kinder). Nur während der
+Hochzeitszeremonien ist es dem Paare erlaubt, sich gleichsam im Scherz
+mit seinem richtigen Namen zu rufen. Die Frau muß auch den älteren
+Brüdern ihres Mannes die höchste Ehrerbietung erweisen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bourne & Shepherd.
+
+Abb. 234. Ein Schrein des Juggernaut oder Jagannath zu Puri
+
+(Küste von Orissa).]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 235. Ein Snanfest zu Nangalbandh.
+
+Am achten Mondtage des Monats Chait badet man zu Nangalbandh im
+Brahmaputra, um seine Sünden loszuwerden.]
+
+Bei den Stämmen in Bengalen und Orissa, also den nördlichen Drawida,
+besteht die wichtigste Handlung des Vaters des Bräutigams, nachdem die
+Vorverhandlungen in der schon geschilderten Weise eingesetzt haben,
+darin, daß er dem Vater der Braut das Lorie bringt, einen kurzen (etwa
+drei Fuß langen) Bambusstock, der den Familiengott bergen soll. Dieser
+behält ihn einige Tage bei sich und bringt ihn dann der Familie des
+Bräutigams wieder zurück, womit er andeutet, daß ihm der in Vorschlag
+gebrachte Schwiegersohn willkommen ist und die Angehörigen der Braut
+gewillt sind, die Hochzeit vorzubereiten. Bei den Besuchen werden viel
+geistige Getränke, im besonderen Haria, eingenommen, so daß beide
+Parteien bereits in einen vorgeschrittenen Zustand der Trunkenheit
+gelangt sind, ehe die Verhandlungen zu Ende geführt werden. Am Vortage
+der Hochzeit begeben sich die Braut und ihre Familie unter Begleitung
+ihrer ganzen Freundschaft nach dem Hause des Bräutigams und schlagen
+in kurzer Entfernung vor ihm ein Lager auf; hier finden sie reichlich
+Erfrischungen vor, vor allem ein reichliches Quantum Haria. Die ganze
+Nacht wird unter dem Lärm der Tamtams und dem Getöne der Hörner und
+Pfeifen gefeiert. Mit dem Morgengrauen des nächsten Tages setzt sich
+der Bräutigam ganz feierlich vor seinem Hause auf einen Schemel und
+erwartet seine Braut. Bei ihrem Erscheinen verbeugt er sich vor ihr
+und läßt sie auf einem ähnlichen Schemel neben sich Platz nehmen. Wenn
+beide so zum erstenmal als Braut und Bräutigam zusammensitzen, macht
+der Baiga oder Priester den Versuch, in ihre Zukunft zu blicken und
+ihr Schicksal ihnen vorauszusagen, und dies auf eine ganz merkwürdige
+Weise. Nachdem er nämlich beiden je eine Haarlocke von der Mitte der
+Stirn genommen und auf den Nasenrücken herabgezogen hat, gießt er
+oben Öl auf den Kopf und beobachtet aufmerksam, wie es an der Locke
+herabträufelt. Läuft es in gerader Linie auf die Nasenspitze herab,
+dann wird die Zukunft eine glückliche sein; verbreitet es sich aber
+über die Stirn oder träufelt es zu beiden Seiten der Nase herab,
+so steht mit Bestimmtheit Mißgeschick zu erwarten. Für gewöhnlich
+aber sagt der Baiga eine glückliche Zukunft voraus, natürlich wenn
+man ihm vorher ein gutes Geschenk in Aussicht gestellt hat. Darauf
+bemalen Braut und Bräutigam sich gegenseitig mit Sindur (künstlichem
+Zinnober) die Stirn, wobei sie zwar nebeneinander stehen, aber die
+Gesichter abwenden müssen, denn es ist von größter Wichtigkeit, daß
+keiner während dieses wichtigen Vorganges, der das Paar schließlich
+zu Mann und Frau macht, von dem anderen auch nur einen flüchtigen
+Blick auffängt. Hieran schließen sich Musik und Tanz. Gegen Abend
+nimmt der Priester, der die ganze Zeit über für das neuvermählte Paar
+gebetet hat, beide an die Hand, führt sie ins Haus und schließt sie
+hier sorgfältig ein. Draußen versammeln sich die Gäste unter vielem
+Gelächter und verbrennen aus Übermut möglichst viel getrocknete
+Cayennepfefferschoten dicht vor der Tür und den Fenstern, damit der
+Rauch in das Zimmer dringe und die jungen Eheleute zum Niesen bringe,
+was aber für das allerschlimmste Omen gilt. Um daher dem Unfug ein
+Ende zu machen und der Gefahr des etwaigen Niesens aus dem Wege zu
+gehen, ist es üblich, daß der Bräutigam hinter der geschlossenen Tür
+den Gästen ein festes Versprechen macht, damit sie aufhören. Meistens
+verlangen diese so und so viele Hühner oder so und so viel Haria und
+drohen den Eingeschlossenen, falls sie diese Ablösung nicht bewilligen,
+sie durch das Verbrennen von Schoten noch weiter zu belästigen;
+sie haben auf der anderen Seite aber auch die Verpflichtung, ihre
+Ansprüche nicht zu hoch zu stellen, in Anbetracht der Tatsache, daß
+der junge Mann durch die Hochzeit schon genug Unkosten gehabt hat.
+Nachdem das Eß- und Trinkgelage die ganze Nacht hindurch angedauert
+hat, brechen die Gäste bei Morgengrauen auf. Damit endigen die
+Hochzeitsfeierlichkeiten, die im großen und ganzen bei allen Stämmen
+ziemlich die gleichen sind, aber in ihren Einzelheiten wohl manchmal
+voneinander abweichen. Gemeinsam sind ihnen aber stets das Gelage, der
+Tanz und das Auftragen von Sindur auf die Stirn.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 236. Szene vom Churuk Puja, dem Hakenschwingfest.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sohanlal Bros.
+
+Abb. 237. Churahitänze der Tschamba.]
+
+Bei einer +Mundahochzeit+ ist eine Szene ganz besonders ansprechend.
+Die Braut geht mit einer Kanne an einen nahe gelegenen Brunnen oder
+Fluß, füllt sie hier bis an den Rand, hebt sie auf den Kopf und stützt
+sie auf ihm mit der Hand. Der Bräutigam folgt ihr auf dem Rückweg und
+schießt einen Pfeil durch das Loch, das ihr nach oben gerichteter Arm
+mit der Kanne bildet. Die Braut geht dann weiter bis zu der Stelle, wo
+der Pfeil hingefallen ist, und nimmt ihn mit dem Fuße auf, wobei sie
+ihre Kanne auf dem Kopfe ruhig weiter balanciert; mit Anmut befördert
+sie sodann den Pfeil in ihre Hand und überreicht ihn dem Bräutigam,
+wodurch sie andeuten will, daß sie ihre häuslichen Pflichten gut mit
+Hand und Fuß in seinem Interesse erfüllen kann. Auf der anderen Seite
+will der Bräutigam durch seinen Pfeilschuß anzeigen, daß er imstande
+ist, seine Frau zu beschützen und jedwede Gefahr von ihr abzuwenden.
+
+Für die Santal ist nachzutragen, daß sie für die +Festsetzung des
+Datums des Hochzeitstages+ sich eines eigenartigen Kalenders bedienen.
+Sie schürzen eine Anzahl Knoten, die der Zahl der bis dahin noch
+vorhandenen Tage entspricht, in das Ende einer Schnur und versenden
+eine ebensolche bei der Einladung an die Hochzeitsgäste; an jedem
+Morgen wird ein Knoten gelöst, und wenn der letzte an die Reihe
+gekommen ist, dann wissen alle, daß der Hochzeitstag anbricht.
+
+Die +Scheidung+ ist im allgemeinen leicht. Will eine Frau ihre Freiheit
+wieder haben, so wendet sie sich an den Rat der Alten ihres Stammes und
+trägt ihm ihre Klagen vor; findet dieser sie begründet (Mißhandlung
+oder Unverträglichkeit von seiten des Mannes), so billigt er die
+Trennung der Gatten. Anderseits kann auch der Mann eine Scheidung
+beanspruchen, wenn er von seiner Frau keine Kinder bekommt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 238. Tanzende Weiber vor dem Tempel des Mahasu oder der vier
+Gottheiten bei Mussaorie.]
+
+Nach dem Grundsatze, daß die Frau gleichsam gekauft wird, geht sie in
+das Eigentum der Familie des Mannes über. Stirbt ihr Gatte, dann wird
+sie gewöhnlich einem seiner jüngeren Brüder als Ehefrau übertragen,
+jedoch nie einem älteren Bruder, denn das ist streng verboten. Nur
+wenn kein Verwandter ihres verstorbenen Mannes sie zur Frau haben
+will, kann sie sich an einen Fremden verheiraten, aber dieser muß für
+gewöhnlich eine Vergütung an die Freunde ihres ersten Gatten zahlen.
+Weil man den Zorn des Geistes des Verstorbenen fürchtet, pflegen die
+Hochzeitszeremonien im geheimen und des Nachts stattzufinden; auch
+wirft der neue Besitzer ein Tuch über sie und bespritzt die Haare
+mit Mennige. Die junge Frau ihrerseits trägt, um den Geist ihres
+verstorbenen Gatten zu versöhnen, ein Götzenbild aus Gold oder Silber
+um den Hals und bringt, falls sie einen Witwer heiratet, dem Bilde
+seiner verstorbenen Frau jedwedes Geschenk als Opfer dar, das sie von
+ihrem neuen Gatten erhalten sollte.
+
+Die meisten Dschungelbewohner begraben ihre +Toten+, und nur bei den
+Stämmen, die von der Hinduzivilisation bereits beeinflußt worden sind,
+werden sie verbrannt. Die ganz wilden Stämme entledigten sich früher
+ihrer Toten einfach durch Aussetzen in den Dschungel, heutzutage
+kommt dieses Verfahren wohl nur noch für ganz kleine Kinder und
+Aussätzige, deren Krankheit der Verhängung durch eine beleidigte
+Gottheit zugeschrieben wird, in Betracht. Beim +Begräbnis+ legt man
+dem Toten Geld in den Mund, damit sein Geist auf der Reise ins gelobte
+Land, das im Westen liegt, weiterkomme; auch fügt man öfters Speise,
+Getränke, Kleidung und Waffen (aber in zerbrochenem Zustande) bei,
+damit er sich dieser Dinge im Jenseits bediene. Allgemein wirft man in
+das Grab auch einige Kupfermünzen, um dadurch die Erdgöttin wegen der
+Störung, die sie durch das Begräbnis erfährt, milde zu stimmen. Handelt
+es sich um einen angesehenen Mann, dann legt man auf sein Grab noch
+einen Stein als Ruheplatz für seinen Geist und bringt ihm zu bestimmten
+Zeiten Trank- und Speiseopfer dar. Bei Leuten, die verunglückten oder
+einem Tiger oder einer Schlange zum Opfer fielen, werden besondere
+Vorsichtsmaßregeln getroffen, weil man fürchtet, daß die Geister
+nachtragend sein könnten. Man errichtet ein Steingrab über dem Toten,
+damit sein Geist unten gehalten werde, oder füllt die Grube mit Dornen
+auf, daß er sich nicht fortbewege; manchmal wird die Leiche auch mit
+dem Gesicht nach unten beigesetzt. Ist ein Mensch durch einen Tiger
+getötet worden, dann begibt sich der Baigapriester an den Ort, wo sich
+das Unglück abspielte, und baut dort aus der blutdurchtränkten Erde
+einen kleinen Kegel auf, der den Toten vorstellen soll; sodann treibt
+er allen möglichen Hokuspokus und ahmt unter anderem auch den Überfall
+des Tigers nach, wobei ihn ein anderer von hinten her als Bluträcher
+unterstützt. Der Lehmkegel wird sodann auf einen Ameisenhügel gestellt
+und ein Schwein darüber geopfert. Am nächsten Tage wird noch ein
+mit Mennige gezeichnetes Hühnchen, das den Geist des Verstorbenen
+darstellen soll, dorthin gebracht und schließlich in den Dschungel
+getrieben. Ähnliche Versöhnungsgebräuche werden noch eine Reihe von
+Jahren an der gleichen Stelle vollzogen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 239. Santal beim Tanzen des Pak Don.
+
+Der Pak Don (Schwert- und Schildtanz) wurde früher zu Ehren einer
+siegreichen Schlacht oder bei der ruhmreichen Heimkehr des Stammes
+getanzt. Die Tänzer gehen dabei im Kreise herum und schwingen ihre
+Schilde und Stäbe (an Stelle von Schwertern).]
+
+Bei gewöhnlichen Todesfällen +trauert+ die Familie ungefähr eine
+Woche lang; während dieser Zeit ruht alle Arbeit, die Leute unterhalten
+keinen Verkehr miteinander, kein Essen wird gekocht, sondern die
+Nachbarn liefern die Mahlzeiten für die Familie. Alles dieses könnte
+den Geist des Toten stören. Im allgemeinen werden alle Geister
+Verstorbener, ausgenommen derer, die heilig gesprochen wurden, für den
+Lebenden feindlich gesinnt gehalten, besonders aber die Geister von
+Fremden oder von solchen Menschen, die zu früh mit unerfüllten Wünschen
+aus der Welt schieden. Am meisten wird indessen der Geist einer Frau
+gefürchtet, die bei der Geburt oder im Wochenbett starb. Sie wird zu
+einer Churel, was daran zu erkennen ist, daß sie rückwärts gebogene
+Füße besitzt; sie umlagert junge Männer, verschleppt sie und gibt sie
+erst frei, wenn sie alt und gebrechlich geworden sind. Daher wird eine
+solche Frauenleiche mit Stricken zusammengebunden, erhält Nägel in die
+Glieder geschlagen, wird mit dem Gesicht nach unten begraben und so
+weiter, damit sie nicht „umgehen“ kann. Außerdem werden von ihrem Grabe
+bis zu ihrer Wohnung Sesamkörner gestreut, damit die Churel, falls sie
+doch aus ihrem Grab herauskommen sollte, auf dem Heimwege diese einzeln
+aufhebe; man nimmt an, daß dies länger dauern würde, als bis der Hahn
+kräht, woraufhin sie wieder in ihr Grab zurückkehren muß.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Crooke.
+
+Abb. 240. Ein Brautpaar.
+
+Der Bräutigam, der seine Braut in sein Heim führt, sitzt zu Pferde und
+trägt einen Gesichtschleier, um den bösen Blick abzuwenden; die Braut
+wird in einer Sänfte auf den Schultern von zwei Männern getragen.]
+
+Wenn jemand im Sterben liegt, so bringt man ihn ins Freie, damit sein
+Geist, den man sich als winziges Geschöpfchen vorstellt, wenn er den
+Körper durch die Schädeldecke verläßt, freie Beweglichkeit erhalte und
+ihm nichts im Wege stehe; eine brennende Lampe wird an der Stelle, wo
+der Geist ausgehaucht wurde, unterhalten, um diesen auf seiner Reise
+ins Jenseits zu geleiten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bourne & Shepherd.
+
+Abb. 241. Ein militärischer Tanz der Paik.
+
+Die Paik waren vornehme militärische Anhänger der Uriyahäuptlinge von
+Ganjam und Vizagapatam, die eine Art Polizeigewalt ausübten und die
+Übergriffe der wilden Stämme der Nachbarschaft zu unterdrücken hatten.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 242. Grabsteine,
+
+die von den Ho zur Erinnerung an ihre Toten außerhalb des Dorfes
+errichtet werden.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. F. B. Bradley-Birt.
+
+Abb. 243. Mundamädchen beim Tanz, zu dem einheimische Musikanten
+aufspielen.]
+
+Die Völker, die ihre Toten verbrennen, wie die Munda und Oraonen,
+begraben die Asche unter mächtigen Grabsteinen in weitausgedehnten
+Friedhöfen oder tragen sie, wie die Santal, nach ihrem heiligen Flusse,
+dem Damuda, und streuen sie in den Strom. Eine eigentümliche Abweichung
+weist die Begräbniszeremonie bei den Ho auf. Hier muß die nächste
+weibliche Verwandte des Verstorbenen seine Asche in einem tönernen
+Gefäß auf dem Kopfe von dem Verbrennungsplatz in feierlichem Zug nach
+der alten Wohnung tragen, in deren Nähe das Grab gemacht ist. Der Zug
+bewegt sich von Haus zu Haus, und aus jedem Hause kommen die Insassen
+hervor, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Das Ganze macht bei
+den feierlichen Trommelschlägen, die den Aufzug begleiten, und dem
+leisen Geklage der Frauen einen tiefernsten Eindruck. In dem Grabe wird
+die Urne zusammen mit Reis und anderen Speisen beigesetzt. Über der
+Grabstätte wird eine mächtige Steintafel errichtet. Die Ho ehren das
+Andenken der Toten noch dadurch, daß sie ihnen draußen vor dem Dorfe
+Denkmäler in Gestalt von mächtigen, bis zu drei und selbst vier Meter
+hohen Felsensäulen errichten (Abb. 242).
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. H. Furneß, 3rd.
+
+Abb. 244. Eine Junggesellenhütte der Naga, Ching-po, Mikoi und Mishmi,
+
+geschmückt mit Jagdtrophäen.]
+
+
+
+
+Assam.
+
+
+Assam, das zerklüftete Gebirgsland, das sich zwischen China, Indien,
+Tibet und Birma erstreckt, ist im Besitze einer Reihe Völker, die
+sich infolge ihrer Isoliertheit durch Sprache, Gewohnheiten und
+Religion ziemlich scharf voneinander unterscheiden. Einen gewissen
+höheren Grad von Zivilisation haben unter ihnen die Garo, Khasi und
+Kacha-Naga erreicht, da sie bereits länger mit den Engländern in
+Berührung gekommen sind, während hingegen die eigentlichen Naga, mit
+ihrem größten Stamme, den Ao, auf einer verhältnismäßig noch niederen
+Kulturstufe stehen.
+
+Vom +Rassenstandpunkt+ aus weisen alle diese Völker einen ziemlich
+einheitlichen Typus auf, nämlich den der +Mongolen+, wenngleich auch
+verschiedentlich +indonesischer Einschlag+ nicht zu verkennen ist,
+wofür auch manche aus dem Süden her übernommene Gebräuche sprechen.
+
+Die +Lebensweise+ der Naga ist eine ziemlich feste; solange es geht,
+bleiben sie an einem Orte seßhaft. Sie betreiben Acker-(Reis-)Bau.
+Oft genug liegen ihre Felder weit vom Dorfe ab. Die Ernte wird in
+besonderen kleinen Scheuern am Eingange des Dorfes untergebracht.
+Haustiere sind der Hund, die Katze, das Schwein und die Ziege. Die
+Naga +essen+ alles, dessen sie auf der Jagd habhaft werden können. Als
+größter Leckerbissen gilt für sie mit Reis ausgestopfter Hundebraten.
+Bei einzelnen Stämmen bestehen gewisse Speiseverbote. Die Naga
++wohnen+ in Dörfern, deren Eingangstor von Kriegern bewacht wird
+(Abb. 247). Die Hütten stehen meistens so nahe aneinander, daß sich
+die Giebel einer Häuserreihe mit der ihr gegenüberstehenden fast
+berühren (Abb. 245). In der Mitte eines jeden Dorfes und meistens auf
+seinem höchsten Punkt steht der +Murong+, das Gemeindeberatungshaus
+(Abb. 251), das gleichzeitig den Junggesellen als Aufenthaltsort und
+Schlafraum dient (Abb. 244). Auch die unverheirateten jungen Mädchen
+pflegen abgesondert von den Verheirateten unter Aufsicht einer Matrone
+in einem eigenen Haus für sich zu schlafen. Ein anderes wichtiges
+Gebäude der Naga ist neben der Versammlungshalle der Krieger (Abb.
+246) die Hütte, in der die große Dorftrommel aufbewahrt wird (Abb.
+249). Sie wird angeschlagen, um beim Herannahen eines Feindes die auf
+den weiter entfernten Reisfeldern arbeitenden Leute zusammenzurufen,
+und ist aus einem vier bis sechs Meter langen Baumstamme angefertigt;
+an ihrem hinteren Ende trägt sie einen geschnitzten Tiger- oder
+Ochsenkopf, an ihrem vorderen aber ist sie ausgebuchtet und endigt in
+zwei ausgebreitete Arme. In diese Rinne kamen früher bei Festlichkeiten
+nach einem Kriegszuge die Köpfe der erschlagenen Feinde zu liegen.
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Anthropos“.
+
+Abb. 245. Inneres eines Dorfes der Naga.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. H. Furneß, 3rd.
+
+Abb. 246. Eine Kriegerhalle der Naga.
+
+Die geschnitzten Pfosten stellen den Schädel eines heiligen wilden
+Ochsen dar. Darüber sind Menschenschädel angebracht.]
+
+Die +Kleidung+ der Naga ist für gewöhnlich aufs knappste bemessen.
+Diejenigen Stämme, die die halbtropischen Wälder und die tiefer
+gelegenen Gebirgsabschnitte bewohnen, gehen fast nackt. Die Männer
+begnügen sich mit einer langen gewebten Binde um die Hüften, die Frauen
+tragen dunkelblaue, selbstgewebte Röcke. Viele Leute gehen tatauiert
+und alle schmücken sich gern; in dieser Hinsicht überbieten die Männer
+die Frauen. Sehr beliebt sind bei den Mishmi mächtige Bambuspflöcke in
+den ausgedehnten Ohrläppchen (Abb. 250), ferner Halsketten aus Perlen
+oder Muscheln, sowie Armbänder aus Rohr, Messing oder Silber (Abb.
+248). Merkwürdigerweise legen die Weiber, sobald sie verheiratet sind,
+ihren Schmuck ab und überlassen ihn den jungen Mädchen.
+
+Ein Nagakrieger macht in seiner Galatracht einen imposanten Eindruck
+(Abb. 252). Sein kraftvoller Körper ist reich tatauiert und bemalt;
+er trägt einen kurzen blauen Schurz, der mit weißen Kaurimuscheln
+verziert ist, zum Zeichen, daß er an früheren räuberischen Einfällen
+teilgenommen hat. Über die Brust hat er sich mehrere farbenfrohe
+Schärpen mit vielen farbigen Bändern geworfen, auf das Genick sich eine
+Scheibe aus einer großen Seemuschel mit einem blauen Band gebunden.
+Dazu kommen schwere Armbänder aus Rohr über den Ellbogen, Rohrgamaschen
+und ein Kranz von ineinander verschlungenen Wildschweinzähnen, der,
+mit bunten Baumwollbändern verziert, seine Stirn umgibt. In einem
+Gürtel steckt eine hackbeilähnliche Axt, deren Griff mit gefärbten
+Haaren verziert ist. Die sehnige Faust hält einen großen Schild aus der
+ausgespannten Haut eines Tigers, Leoparden, Elefanten oder Bären, die
+gleichfalls mit Ziegenhaar geschmückt ist, und einen acht Fuß langen
+Speer, der schön mit steifem, karmesinrot und schwarz gefärbtem Samt
+aus Ziegenhaar umwickelt ist. Die ganze Tracht wirkt außerordentlich
+malerisch und zugleich furchterregend.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. H. Furneß, 3rd.
+
+Abb. 247. Die Dorfwache.
+
+Das Eingangstor eines Nagadorfes wird von Kriegern bewacht. Ihre Speere
+stecken hinter ihnen in der Erde, ihre Gewänder und Schürzen, die mit
+Muscheln verziert sind, hängen über dem Tor.]
+
+Die Naga kürzen ihr langes, straffes, pechschwarzes Haar auf dem ganzen
+Kopfe (Abb. 248), diese Prozedur wird aber nicht etwa mit einer Schere
+vorgenommen, sondern ein befreundeter Nachbar legt sein Jagdbeil unter
+das Haar und schlägt mit einem flachen Stück Holz die Haarspitzen ab.
+Bei festlichen Gelegenheiten setzen sich die Krieger noch besondere
+Haarkränze auf. Die jungen Mädchen tragen ihr Haar bis zur Hochzeit
+ebenfalls gekürzt, dann aber lassen sie es sich wachsen und binden es
+über dem Hinterkopf in einem Knoten zusammen. Bei den Mishmikriegern
+dienen die als Ohrschmuck getragenen großen Muscheln zum Schutze gegen
+Schwerthiebe (Abb. 253).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. Brian Hill.
+
+Abb. 248. Ein Nagadandy.
+
+Durch seinen Haarknoten ist ein hölzerner Kamm gesteckt. Eigenartig
+sind sein eng geschnürter Gürtel und seine Armbänder.]
+
+Die meisten Nagastämme befinden sich noch auf der niedrigsten Stufe
+religiösen Glaubens, auf der des Animismus, der alle Dinge sich belebt
+denkt und sie für den Wohnsitz von Geistern hält. Hauptsächlich
+werden aber nur jene Geister verehrt, von denen man annimmt, daß sie
+Böses zuzufügen imstande sind (Abb. 254). Götterbilder gibt es nicht,
+ebensowenig Tempel oder heilige Haine, dementsprechend auch keinen
+Priesterstand. Bei Ausbruch einer jeden Krankheit wird geopfert;
+was für ein Tier dazu genommen werden soll, das bestimmt ein alter
+Mann. Die Garo opfern den himmlischen Geistern weiße Hähne und den
+Erdgeistern die Erzeugnisse des Bodens, wie Reis, Blumen und Wein; sie
+bringen diese Opfer vor einem Bambusbaum dar. Die Abor (Abb. 255) beten
+mit Vorliebe Geister an, die in den Bäumen leben; erweisen diese sich
+aber boshaft, indem sie zum Beispiel die Cholera senden oder ein Kind
+in dem Walde sich verirren lassen, dann hauen sie aus Rache einfach die
+Bäume ihrer Umgebung um.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. H. Furneß, 3rd.
+
+Abb. 249. Eine Dorfkriegstrommel bei den Naga,
+
+die aus einem ausgehöhlten Baumstamme gefertigt ist und durch
+Holzklötze geschlagen wird, um die Krieger, wenn dem Dorfe Gefahr
+droht, zusammenzurufen.]
+
+Die Naga waren früher sehr gefürchtete +Kopfjäger+ und sind es in den
+Gebieten, wohin der englische Einfluß nicht reicht, noch. Nach Molz’
+Schätzung erjagten sie in einem Zeitraum von vierzig Jahren auf einem
+Gebiete von zwanzig Quadratmeilen allein zwölftausend Köpfe. Der
+wichtigste Grund dafür, daß die jungen Leute auf Schädel so erpicht
+sind, ist ihre Eitelkeit, der Wunsch, in den Augen ihrer Angebeteten
+für einen tüchtigen Krieger zu gelten. Denn alle anderen Liebesbeweise
+ziehen bei ihr nicht, wenn der junge Mann nicht einen erbeuteten Kopf
+seinem Mädchen zu Füßen gelegt hat. Dazu kommen aber noch religiöse
+Gründe. Man glaubt nämlich, daß die Geister der Erschlagenen, deren
+Köpfe man selbst besitzt, nach dem eigenen Tode in der nächsten Welt
+als Sklaven aufwarten müssen. Andere Stämme erblicken in den erbeuteten
+Köpfen ein gutes Schutzmittel gegen die Pocken oder in dem Verstreuen
+des Fleisches getöteter Feinde über die Reisfelder eine gute Förderung
+der Ernte. Bei dem Erwerb der Schädel pflegen die Naga oft genug recht
+rücksichtslos vorzugehen, indem sie hinterrücks aus dem Gebüsch fremde
+Menschen, selbst Frauen, überfallen und sie töten. Bezeichnend für ihre
+große Grausamkeit war in früheren Zeiten auch, daß sie den Feinden
+nicht nur den Kopf abschnitten, sondern sie bei lebendigem Leibe auch
+in Stücke zerteilten, ihnen die Brust öffneten, damit sie selbst
+ihr flatterndes Herz sehen könnten, oder ihnen einzelne Körperteile
+abschnitten und das eigene Fleisch zum Essen darreichten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 250. Ein Mishmimädchen,
+
+dessen Haar, weil die Person noch unverheiratet, abgeschnitten ist.
+Nur wenn sie Frau geworden ist, darf sie es sich lang wachsen lassen
+und zu einem Knoten binden. In den Ohren trägt das Mädchen große
+Bambuspflöcke.]
+
+Für die +niederkommende Mutter+ wird von einzelnen Stämmen eine kleine
+Hütte errichtet, in der sich der Vorgang unter der Beihilfe einiger
+Weiber abspielt und in der die Mutter mit dem Kinde noch einige Tage
+verweilt. Stirbt die Kreißende bei der Geburt, dann wird dies als ein
+großes Unheil für das ganze Dorf angesehen und es werden besondere
+Vorkehrungen getroffen, auf die wir weiter unten noch zurückkommen
+werden. -- Besondere Zeremonien bei der +Geburt+ kennt man in Assam
+nicht, auch keine besonderen Vorschriften für die Schwangeren. Nur
+bei den Miri bringt man den Vater zu Bett, wo er vierzig Tage lang
+nach der Geburt des Kindes liegen bleiben muß und wie eine Wöchnerin
+von einer Frau gefüttert wird. Auf seine üblichen Gewohnheiten muß er
+dabei verzichten, ja sogar eine gewisse Diät einhalten, weil sonst
+das Kind davon Schaden an seiner Gesundheit erleiden könnte. Die Miri
+befinden sich noch in einem Übergangsstadium von dem mutterrechtlichen
+zum vaterrechtlichen System; dieser ihrer Sitte des +Männerkindbettes+
+scheint der Gedanke zugrunde zu liegen, daß der Vater zu dem
+Neugeborenen in direkter Verwandtschaft steht. Auch die Khasia, Kuki
+und Kacha-Naga leben noch auf solcher Zwischenstufe.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. H. Furneß, 3rd.
+
+Abb. 251. Ein Nagaberatungshaus.]
+
+Die +Namensgebung+ des Kindes richtet sich bei den Kacha-Naga und
+Khasia nach dem matriarchalischen System. Weder der Vater noch die
+wirkliche Mutter haben nach dieser Richtung hin etwas zu sagen, die
+älteren Männer und Frauen im Dorfe erledigen die Angelegenheit. Das
+Ergebnis ist, daß die Eltern ihres eigenen Namens verlustig gehen und
+dafür in Zukunft nach ihrem Kinde genannt und gerufen werden, also mit
+„Vater von Soundso“, sowie „Mutter von Soundso“. Eine drollige weitere
+Folge dieser eigentümlichen Sitte ist die, daß, wenn ein Ehepaar
+alt geworden ist, ohne daß ihm Kinder beschert wurden, der Mann mit
+„kinderloser Vater“ und die Frau dementsprechend angeredet wird. --
+Beschneidung wird nicht geübt.
+
+Die +Kinder+ wachsen frei heran. Von dem Eintritt der Reife bei
+den Mädchen wird keine Notiz genommen; es finden daher auch keine
+Festlichkeiten statt. Sobald die Knaben in den Stamm aufgenommen worden
+sind, dürfen sie sich an den räuberischen Einfällen beteiligen. --
+Vor der Ehe wird beiden Geschlechtern die größte +geschlechtliche
+Freiheit+ gestattet. Jeder Bursche darf sein Mädchen zu allen Stunden
+der Nacht mit Willen und Einverständnis der Eltern besuchen. Wie wir
+schon hörten, gibt es auch Murong für die weibliche Jugend, in denen
+es zumeist recht zügellos zugeht. Ist der Verkehr von Folgen begleitet
+gewesen, dann heiratet der Verführer vielfach das Mädchen. Tut er
+es nicht und gerät die junge Mutter dadurch in Not, dann wird das
+neugeborene Kind von zwei alten Weibern ins Jenseits befördert, indem
+sie es mit einem Bambusrohr erdrosseln.
+
+Die Naga +heiraten+ verhältnismäßig spät. In einigen Dörfern herrscht
+Exogamie, in anderen wieder Endogamie; in letzteren ist also das
+Heiraten innerhalb desselben Clans gestattet. Die großen Tanzfeste
+bieten den jungen Leuten Gelegenheit zum Liebeswerben. Bei den
+Ao-Naga kommt gelegentlich eines solchen Tanzfestes noch eine Sitte
+zum Ausdruck, die lebhaft an die Raubehe erinnert. Die Mädchen eines
+Clans bilden einen Kreis und tanzen langsam herum, während die jungen
+Männer aus einem anderen Clan mit Fackeln herbeistürzen und ein jeder
+das Mädchen seiner Wahl davonschleppt. Durch diese Gefangennahme hat
+das Mädchen aber nur einen Trunk verwirkt, den es seinem jungen Manne
+verabreichen muß, um freizukommen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. H. Furneß, 3rd.
+
+Abb. 252. Ein Nagakrieger in vollem Kriegsschmuck.
+
+Auf dem Kopfe trägt er zum Schutz gegen Schwerthiebe einen Kranz aus
+Rohr und Eberzähnen, der von Schwanzfedern des Nashornvogels überragt
+wird. In den Ohrlöchern sind Büschel rotgefärbter Ziegenhaare und
+Baumwolle befestigt. Eine mit weißen Kaurimuscheln bedeckte Schürze
+deutet an, daß er sich schon früher an Kämpfen beteiligt hat. Sein
+Schild aus Tiger- und Bärenfell ist größer als er selbst.]
+
+Die +Hochzeitsfeierlichkeiten+ sind unter allen Nagastämmen sehr
+einfach. Bei den Garo tragen Freunde den Bräutigam nach dem Hause
+der Braut; hier werden ein Hahn und eine Henne geopfert und ihre
+Eingeweide auf eine günstige Vorbedeutung hin zu Rate gezogen. Ein
+Freund oder ein anderer Mann von Ansehen schlägt nun mit dem toten
+Hahn den Rücken der Frau und mit dem Huhn den des Mannes; damit ist
+den Zeremonien Genüge geleistet, und die Ehe wird für gültig erklärt.
+Natürlich findet im Anschluß hieran dann ein Festschmaus und ein
+Tanz statt. Der junge Ehemann bleibt mit seiner Frau im Hause ihrer
+Eltern und wird Angehöriger ihres Clans. Eine merkwürdige Folge dieser
+verworrenen weiblichen Verwandtschaft unter den Garo ist die, daß
+der Mann, der die Lieblingstochter eines Hauses heiratet, für den
+Fall, daß sein Schwiegervater sterben sollte, dessen Witwe, also
+seine Schwiegermutter heiraten muß. -- +Polygamie+ kommt nur unter
+den Mishmi (Abb. 256) vor; bei diesem Stamme darf sich ein Mann so
+viele Frauen kaufen, als er sich zu leisten vermag. Der Preis für eine
+Frau schwankt von einem Schwein bis zu zwanzig Ochsen; die Zahl der
+Frauen ist somit ein Zeichen des Wohlstandes. Beim Tode des Ehemannes
+werden alle überlebenden Frauen das Eigentum seines Erben, das heißt
+des Sohnes, ausgenommen die eigene Mutter. Bei einigen Stämmen kommt
+auch Ehe auf Probe für einige Wochen vor. Das Paar macht sich allein
+auf und davon; findet es Gefallen aneinander, dann folgt die bindende
+Hochzeitszeremonie.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. Brian Hill.
+
+Abb. 253. Ein Mishmikrieger,
+
+der zum Schutz des Halses gegen Schwerthiebe große Muscheln unterhalb
+der Ohren trägt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. H. Furneß, 3rd.
+
+Abb. 254. Ein Nagageisterschrein,
+
+vor dem große Bambusstangen mit Grasbüscheln aufgestellt sind.]
+
+Die +Stellung der Frau+ ist bei den Stämmen mit der „mütterlichen
+Verwandtschaft“, wie zum Beispiel bei den Garo und Khasia, eine recht
+hohe. Das Mädchen ist es, von dem der Eheantrag ausgeht; der Ehemann
+lebt fortan in der Familie seiner Frau. Diese kann ihn, sofern es
+ihr paßt, einfach vor die Türe setzen und im allgemeinen dann jeden
+beliebigen Mann heiraten; sie kann diesem auch ihren ganzen Besitz wie
+auch den ihres früheren Gatten übertragen; auch die Kinder gehören
+ihr. Der Mann seinerseits darf aber seine Frau unter keinen Umständen
+von sich stoßen, es sei denn, daß er seine ganze Habe und seine Kinder
+preiszugeben gewillt ist. Stirbt ein Häuptling, dann ist nicht sein
+Sohn der Erbe, sondern ein Sohn seiner Schwester, den die Witwe
+auswählt. Ist der Auserwählte etwa bereits verheiratet, dann trennt er
+sich sofort von seiner Frau, die sein ganzes Besitztum samt den Kindern
+mit sich nimmt, während er die alte Witwe heiratet, dafür aber auch die
+hohe Würde eines Häuptlings erhält.
+
+Ganz entgegengesetzt zu diesen Frauen aus den Stämmen, bei denen
+das Matriarchat herrscht, führen die aus den Stämmen der Naga mit
+Vaterschaftssystem ein recht mühevolles, untergeordnetes Dasein, und
+doch geben die Naga im allgemeinen glückliche Eheleute ab. Obwohl sie
+vor der Ehe in geschlechtlicher Hinsicht recht zügellos leben, halten
+sie nach der Hochzeit um so fester die Treue. +Ehescheidung+ kommt
+aber häufig genug vor und wird von dem Paar selbst vollzogen, indem es
+einfach auseinandergeht, doch hat der schuldige Teil Strafe zu zahlen.
+Eine Trennung der Eheleute ist erlaubt wegen Untreue, schlechten
+Charakters, Unfruchtbarkeit der Frau und noch aus anderen Gründen. Eine
+geschiedene Frau kann sich sogleich wieder mit einem anderen Manne
+verheiraten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 255. Eingeborener des Aborstammes.]
+
+Die +Toten+ der Naga werden zunächst nicht beerdigt, sondern fünf
+bis sechs Tage im Hause behalten, hierauf mittels eines Feuers
+tüchtig angeräuchert. Um den Verwesungsgeruch etwas erträglicher zu
+machen, zünden die Angehörigen auch vor dem Hause ein Feuer an; hier
+bauen sie auch alle Habseligkeiten des Verstorbenen, seine Waffen,
+Schmucksachen, Jagdbeute, in früheren Zeiten auch die erbeuteten Köpfe
+der Feinde auf. Ist der Räucherung Genüge geschehen, dann wird der
+meistens schon in Verwesung übergegangene Leichnam ohne besondere
+Feierlichkeit auf den Begräbnisplatz vor dem Dorfe getragen und hier,
+mit Flechtwerk und gespaltenen Bambusstangen wie ein Wickelkind fest
+eingewickelt, auf einer aus Bambuspfählen aufgebauten Plattform,
+dem sogenannten Majan, ausgesetzt, wo er auf seine Auferstehung
+warten muß. Über dem Toten wird dann noch ein kleines Strohdach
+errichtet und an der Begräbnisstelle sämtliche äußeren Abzeichen des
+Verstorbenen aufgehängt. War er ein großer Krieger, dann bilden diese
+ausgestellten Gegenstände wegen ihrer großen Anzahl gleichsam ein
+kleines Museum; sie werden aber nicht in Natura aufgehängt, sondern in
+Miniaturnachahmungen. -- Stirbt ein Krieger eines natürlichen Todes,
+dann muß sein nächster männlicher Verwandter mit einem Speere die
+Leiche verwunden, damit sie bei ihrem Erscheinen im Jenseits mit dem
+gleichen Kriegergruß empfangen werde wie jemand, der im Kampfe fiel.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 256. Ein Mishmikrieger.]
+
+Bei einer Frau wird nur ein schwarzes Tuch neben die Leiche gelegt
+und ein Korb voll Reis über sie gestülpt. Außerdem pflegt man daneben
+den Korb, in dem sie ihre Lasten trug, den Reismörser, in dem sie das
+Mehl für den Tagesbedarf stampfte, sowie ihre Webestöcke zu legen.
+Stirbt eine Frau im Wochenbett oder überhaupt eine Person infolge eines
+Unglücksfalles (Tötung durch ein wildes Tier, Ertrinken oder Fall von
+einem Baume), dann muß der Tote an der Stelle begraben werden, wo
+das Unglück geschah. Sobald die Beerdigung stattgefunden hat, werden
+die Häuser der Verunglückten von ihren Angehörigen abgebrochen, die
+bewegliche Habe bleibt liegen, das Vieh wird frei und herrenlos laufen
+gelassen, wohin es will. Einige Stämme lassen in solchen Fällen sogar
+ihre Felder brach liegen und das Korn in den Speichern verfaulen,
+oder sie heimsen die Ernte gar nicht erst ein. Die Bewohner eines
+so zerstörten Unglückshauses begeben sich für einen Monat in den
+Dschungel; dann erst ist es ihnen erlaubt, unter ihre Stammesgenossen
+zurückzukehren.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sven Hedin.
+
+Abb. 257. Tänzer in den tibetischen Mysterien.
+
+Sie tragen die Masken der Ogredämonen der buddhistischen Götterlehre.
+Im Vordergrunde sitzt ein Teufelstänzer.]
+
+
+
+
+Zentralasien.
+
+
+Als Zentralasien bezeichnet man das große abflußlose Gebirgsland im
+Innern Asiens, das durch die großen Massive des Himalaja im Süden,
+des Karakorum, Pamir, Tian-Schan, Alatan und Altai im Westen, des
+Sajan- und Jablonoigebirges im Norden und des Chingan und chinesischen
+Grenzgebirges im Osten in einer fortlaufenden Umwallung abgeschlossen
+wird. Es umfaßt in geographischer Hinsicht drei Gebiete: Tibet, die
+Mongolei und das Tarimbecken. Seine charakteristische Eigenschaft
+besteht eben in der großen Wasserarmut, die auch eine besondere Kultur
+seiner Völker geschaffen hat. Diese sind die eigentlichen Mongolen, von
+denen sich, entsprechend den drei geographischen Gebieten, ebensoviele
+große Völkergruppen unterscheiden lassen: die Tibeter, die Mongolen
+im engeren Sinne und die Ostturkistaner; an den Grenzen finden sich
+Mischvölker, aus der Verbindung der Mongolen mit Chinesen, Hindu und
+Iraniern hervorgegangen. Die mächtigen Züge mongolischer Horden, die im
+Mittelalter in mehrfachen Schwärmen bis ins Herz Europas eindrangen,
+kamen aus dieser Wiege der mongolischen Rasse. -- Die Völkerstämme
+Ostturkistans, im besonderen die Kirgisen, sind keine Mongolen im
+anthropologischen Sinne mehr, sondern zählen zu einer Abzweigung dieser
+Rasse, die bereits vorzeiten erfolgt sein muß und sich in Nordasien
+weiter ausbildete, zu den sogenannten Türkvölkern. Indessen können sie
+auf der anderen Seite auch nicht wieder als reine Türkvölker gelten,
+sondern als das Mischungsprodukt dieser mit hinzugekommenen Mongolen,
+so daß ihr Typus bald mehr dem mongolischen, bald mehr dem der
+Türkvölker nahekommt. Die Kultur der Ostturkistaner jedoch entspricht
+ganz und gar der der Mongolen, so daß wir sie weiter unten mit diesen
+gemeinsam abhandeln können.
+
+Die +Lebensweise der zentralasiatischen Mongolen+ ist eine ziemlich
+gleichmäßige. Alle Völker sind umherziehende Nomaden (nur vereinzelt
+seßhaft), deren Beschäftigung fast nur in der Viehzucht (hauptsächlich
+von Schafen, Pferden und Kamelen, daneben auch von Rindern und Ziegen)
+besteht. Sie wohnen in sogenannten Jurten, zylindrischen, etwa
+anderthalb Meter hohen Zelten aus Filz, mit Kegeldach, die sich leicht
+abbrechen und wieder aufstellen lassen. Gekleidet sind sie in Gewänder,
+die sie selbst aus Filz herstellen, oder auch in solche aus Pferdehaut;
+russische Stoffe finden aber bereits vielfach Eingang. Charakteristisch
+für die Mongolen ist eine hohe Schaffellmütze. Die Frauen tragen lange
+Zöpfe, in die sie allerhand Schmuck, wie Bänder, Glasperlen, Korallen
+und bunte Steine, einflechten, silberne Spangen auf dem Kopf, Ohrringe,
+Arm- und Fingerringe und anderen Schmuck aus dem gleichen Metall.
+
+Die +Nahrung+ der Mongolen besteht in erster Linie aus einem aus
+gerösteten und zermahlenen Getreidekörnern hergestellten Teig, Dsamba
+genannt, und aus Ziegeltee, einem minderwertigen chinesischen Tee,
+der, um leicht befördert werden zu können, zu einem Kuchen (wie ein
+Ziegel) zusammengepreßt ist. Es besteht nach ihm überall eine so große
+Nachfrage, daß er als Geld umgesetzt wird, also als Münze gilt. Von
+tierischen Erzeugnissen werden Schaffleisch, Käse, Butter, Milch und
+ein durch Gärung daraus hergestelltes kohlensäurehaltiges Getränk, der
+Kumys, genossen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. N. P. Edwards.
+
+Abb. 258. Tibetische Soldaten mit Schloßflinten.
+
+(Man beachte die Gewehrstütze.)]
+
+Die +Religion+ der zentralasiatischen Mongolen ist die Lehre Buddhas
+in ihrer nördlichen Umbildung, der sogenannte Lamaismus, der sich auch
+noch in der Mandschurei, China und Korea findet. Er ist gekennzeichnet
+durch die Annahme einer großen Anzahl von Wiedergeburten, die der
+Mensch nacheinander durchzumachen hat, um die schier unerreichbare
+höchste Stufe des Bodhisatva zu erlangen, deren nächste Stufe der
+Buddha selber ist. Dementsprechend besitzt die Götterwelt der
+nördlichen Schule des Buddhismus eine Unzahl von Götterbildern, die
+in ebenso zahllosen Tempeln und Klöstern untergebracht sind und die
+vielfachen Stufen darstellen, die vom einfachen Arbat, der ersten
+Stufe der Wiedergeburt, über die kaum zu zählenden Heiligen bis
+zum Bodhisatva führen, und damit zusammenhängend eine ausgebildete
+Priesterherrschaft, die es in Tibet zu einer völlig selbständigen
+Theokratie gebracht hat. Ihr Mittelpunkt ist die geheimnisvolle
+Residenz des buddhistischen Papstes, des Dalai-Lamas, zu Lhassa.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. L. A. Waddell.
+
+Abb. 259. Ein heiliger Felsen bei Lhassa
+
+mit Hunderten von Bildern der Götter und Heiligen, die teils
+unmittelbar in den Felsen gehauen, teils auf Votivtafeln niedergelegt
+sind. Sie sind alle mit leuchtenden Farben bemalt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Johnston & Hoffmann.
+
+Abb. 260. Frau aus Zentraltibet.
+
+Der mit Edelsteinen verzierte Kopfschmuck wird hauptsächlich in Lhassa
+und Osttibet getragen. An den Halsketten hängen Amulettkästchen aus
+Gold- oder Silberfiligran mit eingelegten Türkisen.]
+
++Tibet+ ist noch wenig durchforscht, vielleicht das dunkelste Land der
+Welt, da hier seit jeher strenge Vorschriften gegen das Einwandern
+europäischer Elemente bestehen. Daher ist über seine Bevölkerung auch
+noch wenig bekannt geworden. Sie gehört, wie schon erwähnt, zu den
+reinen Mongolen, und es werden die Bodpa oder eigentlichen Tibeter, die
+Tanguten im Nordosten, die Sifan im Südosten, die Ladakh im Osten und
+die Gurung, Magar, Mishmi und Leptscha im Süden, beziehungsweise in den
+in den angeführten Richtungen angrenzenden Gebieten der Nachbarländer
+unterschieden. Alle diese Völker bewohnen das mächtigste Hochland der
+Erde, das im Durchschnitt viertausendfünfhundert Meter aufweist.
+
+Die +Kleidung+ der Tibeter (Abb. 258) besteht aus einem langen wollenen
+Rock, Tschak genannt (im Winter aus einem Schafpelz), der durch
+einen Gürtel fest zusammengehalten wird, langen wollenen Strümpfen
+mit ledernen Sohlen und einer Schaffellmütze. Hosen und Hemd werden
+nicht getragen. Die Frauen kleiden sich in lange, faltenreiche Röcke.
+Die Haartracht der Männer besteht in einem durch Einflechten eines
+baumwollenen Fadens noch verlängerten Zopf, der spiralig um den Kopf
+gelegt wird; die der Frauen wechselt sehr nach der Ortschaft von
+einem chignon- oder turbanähnlichen Aufbau bis zu zahlreichen kleinen
+Zöpfchen, die manchmal fächerförmig auf einem Holzkamm ausgebreitet
+werden. Bei den Frauen ist Schmuck in Form von Halsketten und
+Diademen aus Gold oder Silber, die außerdem noch mit roh bearbeiteten
+Edelsteinen geschmückt sind, sehr beliebt (Abb. 260 und 261). Die
+Frauen Tibets pflegen sich auch das Gesicht mit Kleister zu beschmieren
+und sich darauf kleine Samenkörner in ziemlicher Regelmäßigkeit zu
+legen. Da die Luft in Tibet sehr trocken ist und die Leute sich fast
+nie waschen, so hält sich dieser Schmuck längere Zeit. Die Töchter sind
+durchweg sehr unsauber. -- Die +Wohnung+ der Tibeter ist in der Regel
+ein viereckiges Zelt. Wo sie ansässig geworden sind, besitzen sie auch
+wirkliche, aus Bruchsteinen aufgeführte Häuser (Abb. 258).
+
+[Illustration: Abb. 261. Toilettengebrauchsgegenstände einer
+tibetischen Schönen
+
+(Ohrlöffel, Zahnstocher, Zungenschaber usw.), die sie an der Halskette
+als Anhängsel mit sich trägt.]
+
+[Illustration: Abb. 262. Tibetischer Teetopf.]
+
+Die +Nahrung+ gleicht der der übrigen Mongolen; besonders bevorzugt
+wird aber gebutterter Tee, etwas für den europäischen Gaumen höchst
+Widerliches, das aber von den Tibetern fast zu jeder Tageszeit in
+ziemlichen Mengen mit großem Genuß getrunken wird und gleichsam
+ihr Nationalgetränk ausmacht; einem jeden Besucher wird es aus
+Gastfreundschaft aufgedrungen, und auch auf den Reisen wird es tagsüber
+des öfteren eingenommen. Es wird aus dem schon genannten Ziegeltee
+hergestellt. Auf ganz eigenartige Weise wird davon eine besondere
+Mischung gebraut. Eine genügend abgehobelte oder abgeschnittene Menge
+Tee wird mit ein wenig Wasser gekocht, dem eine Prise kohlensaures
+Natron beigegeben wird. Von dieser Abkochung wird ein wenig in ein
+kleines Butterfaß getan, das mehrere Liter kochendes Wasser und einen
+Kloß meist ranziger Butter enthält, und mit genügend Salz abgeschmeckt,
+darauf die ganze Mischung ein paar Minuten lang durchgebuttert und
+schließlich noch heiß aus Holzbechern getrunken, von denen jeder
+Tibeter einen in seiner Brusttasche bei sich trägt, und der, wenn
+er seinen Zweck erfüllt hat und trocken geleckt worden ist, wieder
+in diese zurückbefördert wird. In jede volle Tasse dieses Gebräus,
+das schon mehr eine Suppe oder Brühe vorstellt, aber entschieden
+nahrhaft und erfrischend sein dürfte, werden noch ein paar Kügelchen
+aus Brot oder Gerstenmehlteig als Beigabe geworfen. Bei feierlichen
+Gelegenheiten, wie bei Hochzeiten, Besuchen der Priester und anderer
+Ehrengäste, wird der gebutterte Tee aus massiven kupfernen Teekannen
+(Abb. 262) eingeschenkt, die oft mit künstlerisch ausgeführten
+Zeichnungen versehen und in erhabener Rankenverzierung aus Silber oder
+Messing reich plattiert erscheinen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sven Hedin.
+
+Abb. 263. Tempelaltar für den buddhistischen „Messias“ Maitreya
+
+oder „den kommenden Buddha“, dessen Erscheinen man von Westen her
+erwartet. Es ist dies der einzige Buddha, der beim Sitzen nicht mit
+gekreuzten Beinen dargestellt wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 264. Das buddhistische Lebensrad,
+
+das die sechs (oder fünf) Stadien der Wanderung der menschlichen Seele
+im Kreise der endlosen Wiedergeburten und des Unglücks zur Darstellung
+bringt.]
+
+Die offizielle +Religion+ (Abb. 259, 263, 264 und 265) in Tibet ist
+die Lehre Buddhas in ihrer Ausbildung durch die nördliche Schule,
+von der uns hier im besonderen das Dogma von der fortlaufenden
+Inkarnation, das ist Fleischwerdung der Gottheit in der Person des
+jeweiligen Dalai-Lamas, interessiert. Diesem neuen Dogma zufolge,
+das im Jahre 1439 entstand, können die buddhistischen Götter auf der
+Erde eine menschliche Form annehmen, wieder ins Fleisch zurückkehren,
+die göttlichen Kräfte also in menschlicher Gestalt auftreten und
+wirken. Der jeweilige Dalai-Lama ist die Inkarnation des Bodhisatva
+Avalokiteçvara, die höchste der menschgewordenen Gottheiten. Neben ihm
+gibt es noch eine sehr große Anzahl anderer inkarnierter Gottheiten,
+die aber nicht auf derselben hohen Stufe stehen wie er; es sind dies
+die sogenannten Chubilgane, das heißt Wiedergeborene. -- Eigenartig
+ist die Wahl eines neuen Dalai-Lamas, sobald der alte gestorben
+ist. Nach dessen Tode geht der Bodhisatva nicht einfach sofort in
+ein unbekanntes Kind über, sondern erst nach einer angemessenen
+Frist (bis zu drei Jahren). Es ist nun die Aufgabe des obersten
+Zauberpriesters, des Dharmapala, aus dem Kloster Nastschun das richtige
+Kind auszukundschaften. Zu diesem Zweck schickt er eine Anzahl Lamas
+im Lande umher auf die Suche. Der Knabe muß zu einem bestimmten Termin
+geboren, vollkommen normal gebildet, gesund und schön sein; außerdem
+wird auf bestimmte Anzeichen für seine göttliche Geburt gefahndet.
+Solche bestehen darin, daß Bäume in unmittelbarer Nachbarschaft des
+Geburtsortes zu einer Zeit in Blüte kommen, die von der natürlichen
+Blütezeit um Monate abliegt, daß Haustiere Junge entweder gleichzeitig
+oder in ungewöhnlicher Anzahl werfen, daß bei unheilbaren Kranken
+plötzliche Gesundung sich einstellt, nachdem sie in wirkliche Berührung
+mit der mutmaßlichen neuen Inkarnation gekommen waren, und anderes
+mehr. Der beste Beweis aber, daß der richtige gefunden ist, besteht
+in einem direkten Wunder. Leider geht die Wahl meistens nicht so
+leicht vonstatten, so daß man aus einer Anzahl Kinder wählen muß; man
+pflegt deren zwölf auszusondern, die den Anforderungen noch am meisten
+gerecht werden, und diese in ein Kloster zu bringen, um sie weiter zu
+prüfen. Zuletzt kommen drei Knaben in engere Wahl, und wenn im letzten
+Augenblick die Gottheit nicht eindeutig zu erkennen gibt, wer von ihnen
+der richtige ist, entscheidet das Los. Dieser Vorgang spielt sich
+unter höchst feierlichen Zeremonien ab. Der schließlich Auserwählte
+wird fortan der strengen klösterlichen Zucht unterworfen und für
+seinen hohen Beruf vorbereitet, den er mit dem erreichten achtzehnten
+Lebensjahre übernimmt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. L. A. Waddell.
+
+Abb. 265. Darstellung eines zum Gott erhobenen Priesters.
+
+Er reitet auf einem Löwen und hält dabei in der Rechten einen
+Donnerkeil, in der Linken eine Schädelschale mit Blut. Flammen
+umzüngeln ihn.]
+
+[Illustration: Abb. 266. Glocke und Donnerkeile eines Lamas.]
+
+[Illustration: Abb. 267. Ein Altarräuchergefäß aus Nepal.]
+
+[Illustration: Gebetmühle in einem buddhistischen Tempel in Tibet.]
+
+Der +Dalai-Lama+ ist nach außen hin fast gar nicht als weltliches
+Oberhaupt tätig; er ist nur das Oberhaupt der Kirche. Jene
+Tätigkeit liegt dem sogenannten Regenten und dem Ministerrat ob, die
+in seinem Namen amtieren. Dem Dalai-Lama sind eine Unmasse hoher und
+niederer Priester untertan, deren es in Lhassa selbst nicht weniger
+als achtzehntausend (Mönche und Nonnen) geben soll. Sie unterscheiden
+sich nach vier Rangstufen und leben alle im Zölibat. Die meisten der
+lamaistischen Priester leben in Klöstern, mit denen das ganze Land
+gleichsam übersät erscheint. -- Der +Gottesdienst des tibetischen
+Buddhismus+ (Abb. 266 und 267) ist in reinen Formenkram ausgeartet.
+Man betet nicht allein mit den Lippen und dem Herzen, sondern man
+bringt den Göttern seine Gebete bereits gedruckt oder geschrieben auf
+Felsplatten, die lange Mauern (Abb. 271) bilden, sogar viele Meter
+lang (in der Nähe geweihter Gebäude oder Bergpässe), auf Pyramiden,
+Papierstreifen und so weiter dar. Diese Gebete pflegen nur die vier
+typischen Worte zu enthalten: ~Om ma-ni pad-me hum~, gleich „O Gott,
+das Kleinod im Lotos. Amen“. Das bloße Aussprechen dieser Weiheformel
+genügt für den, der dies tut, um eine Wiedergeburt direkt ins Paradies
+zu bewirken. Die Anbetung wird dadurch noch besonders erleichtert, daß
+man nur Gebetmaschinen (siehe Kunstbeilage) zu drehen braucht, die in
+endloser Reihenfolge diese Formel, auf Papier oder Seide geschrieben,
+abwickeln. Für den Hausgebrauch werden kleine Gebetmühlen benutzt,
+kleine Zylinder, die in ihrem Innern auf einer Röhre Papierstreifen
+mit dem aufgeschriebenen Gebet enthalten und durch einen durchgehenden
+Stift in rotierende Bewegung versetzt werden (Abb. 268). In den Tempeln
+finden sich größere Gebetmaschinen, die mit einem Strick getrieben
+werden. Ja, auch ohne die geringste körperliche Anstrengung kann man
+seine Gebete zum Himmel senden, nämlich durch Mühlen, deren Inhalt
+durch Wind oder Wasser in Umdrehung versetzt wird.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 268. Ein Tibeter beim Drehen seiner Gebetmühle.
+
+In der linken Hand trägt er einen Rosenkranz aus hundertundacht Perlen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The Moravian Mission.
+
+Abb. 269. Ein Opfermast beim Bonistenfest.
+
+Er ist mit Fadenarbeiten in geometrischer Form ausgestattet, deren
+Rippen gewöhnlich ein einfaches oder ein Doppelkreuz bilden.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 270. Anbetung der Göttin der Chumulhariberge zu Phari und an
+anderen Orten dieses Gebirgstockes.
+
+Es werden Kuchen und Mehl, die nach uraltem Bonistenritus geweiht sind,
+nach den Bergen zu geworfen.]
+
+Trotz der hohen Entwicklung, die der Buddhismus in Tibet angenommen
+hat, ist das Volk doch noch in so hohem Grade von +animistischen und
+schamanistischen Anschauungen+ durchsetzt, wie wohl an wenigen Stellen
+der Erde. Wir begegnen als Überresten der vorbuddhistischen Religion,
+des Bonkultus (Abb. 269 bis 272), noch vielfach den +Teufelstänzern+,
+die die Aufgabe haben, die Dämonen zu beschwören, sie zu besänftigen
+und so Glück über das Land und seine Bewohner zu bringen (Abb. 275).
+Diese sind in hohem Grade abergläubisch und glauben sich auf Schritt
+und Tritt von Legionen böser Kräfte umgeben, gegen die sie nicht
+nur bei diesen Schamanen, sondern noch mehr bei den buddhistischen
+Priestern Schutz suchen, die sich übernatürliche Kräfte beilegen.
+Sie behaupten von sich sogar, sie besäßen die Macht, den Sündern ihr
+Geschick noch nach dem Tode zu erleichtern, auch wenn sie bereits in
+der Hölle weilen und hier allen möglichen schrecklichen Peinigungen
+unterworfen werden, sobald ihre irdischen Verwandten den Priestern
+Geschenke in entsprechender Menge machen, um für das Seelenheil der
+Verschiedenen die teuren Zeremonien vorzunehmen und Messen zu lesen.
+In der Hölle wären daher Lamas, die umhergehen, ihre Gebetmühlen
+drehen und Zaubersprüche zum Nutzen der gequälten Seelen murmeln,
+wenn überlebende Verwandte sich deren Heil angelegen sein lassen.
+Das Verlangen nach materiellem Schutz gegen die unsichtbaren bösen
+Geister führt die Menschen dazu, auf +Zaubersprüche+ und +Amulette+ ein
+felsenfestes Vertrauen zu setzen; man sieht jedermann, Männer, Frauen
+und Kinder damit behängt. Diese Zauberformeln sind meistens in Sanskrit
+geschriebene Aussprüche, die dem Buddha zugeschrieben werden und
+angeblich den indisch-buddhistischen Schriften entnommen wurden. Sie
+werden ergänzt durch Reliquien heiliger Mönche, geweihte Körner, kleine
+Götzenbilder und allerhand andere heilige Dinge, die, zusammen mit
+ihnen, in ein goldenes, silbernes oder kupfernes, reich verziertes
+Amulettkästchen eingeschlossen, als massiver Schmuck (Abb. 272 und
+277) getragen werden. Die volkstümlichste aller Zauberformeln sind die
+oben angeführten Worte, die auf den Gebetmühlen gedreht werden. Diese
+abergläubischen Vorstellungen finden sich auch wieder in dem Brauche,
+hohe Masten mit wehenden „Gebetfähnchen“ (Abb. 279) aufzustellen und
+Girlanden aus solchen von Dach zu Dach, an von Geistern bewohnten
+Bäumen und an Bergpässen (Abb. 276), die von Geistern besonders
+heimgesucht werden sollen, anzubringen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The Moravian Mission.
+
+Abb. 271. Eine heilige Mauer in Tibet,
+
+die beiderseitig in Türme (Chortens) endigt. An ihr sind hunderte von
+Steintafeln angebracht, in die die mystische Formel „~Om ma-ni pad-me
+hum~“ eingegraben ist. Daher heißt sie auch Manimauer.]
+
+[Illustration: Abb. 272. Ein tibetisches Amulettkästchen.]
+
+Große Wichtigkeit legt das Volk auch noch den Vorbedeutungen bei
+und regelt unter diesem Gesichtspunkte alle Angelegenheiten seines
+täglichen Lebens; nicht nur bei allen wichtigen Geschäften, sondern
+auch bei allen ernsten Vorfällen im Leben, wie Geburt, Hochzeit,
+Krankheit und Tod, ferner bei Aussaat, Ernte, Bautätigkeit, Reisen
+und so weiter holt es sich darüber Rat, ob ein bestimmter Tag oder
+ein Augenblick der Vornahme dieser Handlungen günstig sei. Bedeutende
++Zauberer+ werden nicht nur vom gewöhnlichen Volke, sondern auch von
+den Buddhistenmönchen und selbst von der Regierung bei wichtigen
+Staatsangelegenheiten hinzugezogen. Jedes Kloster hält sich zu
+diesem Zweck einen eigenen Zauberer, der aber nicht als Glied der
+buddhistischen Brüderschaft betrachtet wird. Er lebt auch gesondert
+von ihnen und darf heiraten, womit man zum Ausdruck bringen will,
+daß er nicht zur Lehre Buddhas gehört und sein Handwerk einer
+vorbuddhistischen Zeit entstammt. Seine Aussprüche werden in ganz
+geheimnisvolle und orakelähnliche Formen gekleidet. Eine besondere
+Aufgabe dieser Zauberer im ganzen Lande ist das „Regenerzwingen“. Unter
+diesem Himmelsstrich hängt der Erfolg der Ernte nämlich in besonders
+hohem Grade von einem rechtzeitig eintretenden Regen ab, dessen
+Herbeiführung ebenso wie die Abwendung des die Saat vernichtenden
+Hagels auf dem Einwirken des Zauberers beruht (Abb. 273).
+
+[Illustration: Abb. 273. Kappe eines Laienpriesters
+
+(chinesisches Muster) als Mittel gegen Schneeblindheit und
+ungewöhnliche Sommerhitze.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The Moravian Mission.
+
+Abb. 274. Bonistenfest für die Geister der Erde und der Luft.
+
+Der mit dem Hut der Teufelstänzer bekleidete Priester steht neben dem
+Opfermast und bringt in einer Schädelschale Wein als Opfer dar; vor ihm
+steht ein Dreifuß, auf den die Opferkuchen gelegt werden.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 275. Teufelstanz der Tibeter, um die Teufel auszutreiben und Glück
+ins Land zu bringen,
+
+ein Überrest der Bonreligion. Die Tänzer tragen konische,
+schlangengeschmückte Hüte mit breitem Rand aus schwarzem Yakhaar und
+seidene Gewänder, auf die schreckenerregende Köpfe der Riesendämonen
+gestickt sind. Einige Buddhistenpriester mit spitzzulaufenden Kapuzen
+nehmen an dieser Feier teil.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sven Hedin.
+
+Abb. 276. Gebetflaggen im Gebirge.]
+
+Unter den +tibetischen Festen+ nimmt ähnlich wie bei den Chinesen
+das +Neujahrsfest+ die erste Stelle ein. Es wird mit besonderem
+Pomp gefeiert und ist außerdem dadurch ausgezeichnet, daß an diesem
+Tage die Leute sämtlich neue Kleider anlegen, die dann allerdings
+für das ganze Jahr vorhalten müssen und von den meisten nicht einmal
+des Nachts oder überhaupt nicht gewechselt werden. Am Neujahrsmorgen
+findet am Hofe des Dalai-Lama großer Empfang statt, bei dem der erste
+Kammerherr die Zeremonien eröffnet, indem er dem großen Kirchenfürsten
+unter Darbringung von Reisbranntwein und Dsamba in goldenen Schalen
+auf goldener Platte Glück und Wohlergehen wünscht, worauf dieser seine
+Finger in die Flüssigkeit taucht, seine Umgebung bespritzt, etwas von
+der Speise kostet, alle anwesenden Würdenträger nacheinander segnet
+und sie bewirtet. Gleichzeitig finden außerhalb des Festsaales Tänze
+statt, denen die an der Gratulationskur nicht unmittelbar beteiligten
+hohen Beamten beiwohnen; die Knaben tanzen den „Tanz des glücklichen
+Schicksals“. An den beiden ersten Abenden, sowie am Vorabend des
+Neujahrsfestes werden sämtliche Tempel, alle öffentlichen sowie
+privaten Gebäude und Wohnungen aufs festlichste illuminiert. Für die
+Kleriker enden die Festlichkeiten bereits am dritten Tage, von da
+an versammeln sie sich alltäglich zu feierlichen Gottesdiensten um
+den Dalai-Lama, die zwanzig Tage lang dauern und von strengen Fasten
+begleitet werden. -- Von längerer Dauer und von reicherer Abwechslung
+als das eigentliche Neujahrsfest sind die Vorbereitungen dazu, die
+das Volk fast einen ganzen Monat lang in Anspruch nehmen. Besonders
+ist es der neunundzwanzigste Tag des letzten Monats, der eine große
+Rolle dabei spielt. An ihm wird nicht nur der Staub und Schmutz,
+der sich während des zum Abschluß kommenden Jahres angesammelt hat,
+durch eine gründliche Reinigung entfernt, sondern auch die bösen,
+übelwollenden Geister, die an allem Unglück Schuld tragen, werden
+verbrannt. Am frühen Morgen setzen in den Höfen der verschiedenen
+Tempel oder an nahe gelegenen, geeigneten Plätzen Zaubertänze ein,
+die von Leuten in den schrecklichen Masken (Abb. 280, 274, 275) der
+alten, aus dem Schamanentum noch übernommenen Götter und Halbgötter
+aufgeführt werden und mehrere Stunden dauern, da an ihnen gewöhnlich
+achtzig bis hundert Tänzer, alles nur Lama, nacheinander in Gruppen
+teilnehmen. Für den Humor sorgen dabei die Figuren der indischen
+„Azari“, die durch ihre Trachten, ihre groteske Gesichtsbemalung und
+ihre Grimassen das versammelte Volk belustigen wollen und es auch zu
+ausgelassenem Beifall hinreißen. Außer den Volksmassen sehen auch die
+höhere Geistlichkeit und vornehme Gäste unter großen Zelten dem Trubel
+zu. Nach Abschluß der Tänze und Abhaltung eines Morgengottesdienstes
+wird noch eine feierliche Prozession nach einem wenige Kilometer davon
+entfernten Orte auf freiem Platze in Bewegung gesetzt, um ein gewisses
+Symbol, das Torma, zu opfern beziehungsweise zu verbrennen. Ein Torma
+ist ein aus Dsamba mit Butter und Zucker hergestellter kegel- oder
+pyramidenförmiger, an der Oberfläche oft in einer oder mehreren Farben
+-- meistens rot, was die Flammen versinnbildlichen soll -- bemalter,
+gelegentlich auch noch mit allerlei auf den Kultus bezugnehmenden
+Figuren und Zeichen versehener Gegenstand von etwa einem halben,
+bei besonderen Gelegenheiten sogar bis zu vier Meter Höhe, der an
+der Spitze der Prozession von drei Lama auf einem eisernen Dreifuß
+vorangetragen wird; auf ihm ruht noch eine künstliche Schädelschale
+aus demselben Dsambateige. Außerdem tragen ebenfalls drei Lama auf
+einem eisernen Tablett ein aus dem gleichen Material hergestelltes
+menschliches Skelett. An dem vorbestimmten Platze werden Torma und
+Skelett auf einem aus Reisig oder Stroh errichteten Haufen verbrannt.
+Sobald die Flammen über dem Ganzen zusammenschlagen, senken die in
+der Prozession mitgezogenen vierundzwanzig Fahnenträger ihre Stangen
+und laufen, was sie nur können, ohne sich nur einmal umzusehen, nach
+dem Kloster zurück, während eine große Anzahl gleichfalls dabei
+beteiligter Soldaten ein furchtbares Gewehrgeknatter, natürlich nur
+mit Platzpatronen, über dem brennenden Haufen unterhalten, um dadurch
+die bösen Geister am Entweichen zu hindern und sie sämtlich dem
+Verbrennungstode zu überliefern.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 277. Frau aus Westtibet.
+
+Der Kopfputz ist mit Korallen, Türkisen und anderen ungeschliffenen
+Edelsteinen oder bunten Glasstücken besetzt. Jedem Stein wird eine
+besondere Wirkung gegen böse Geister zugeschrieben. An der Halskette
+hängt oben ein Amulettkästchen, weiter unten ein Rosenkranz mit den
+üblichen hundertundacht Perlen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 278. Tibetische theatralische Vorführungen zu Lhassa.
+
+Die Szene stellt ein Zwischenspiel in der Aufführung eines der heiligen
+Spiele von Buddhas früheren Geburten, der Jātakas, dar.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. L. A. Waddell.
+
+Abb. 279. Eine Gebetflagge als Talisman gegen Donnerschläge und Hagel.]
+
+Die +Hauptunterhaltung+ des Tibeters bilden heilige +Schauspiele+
+(Abb. 257, 278, 280 und 281) im Freien, die Jātakas, die an Fast- und
+Festtagen aufgeführt werden und zum Gegenstand die „früheren Leben“
+Buddhas haben. Auch hierbei treten manchmal Maskentänzer in Gestalt
+von grotesken Tieren und Teufeln, sowie Possenreißer auf, die in den
+Pausen das Volk durch ihre Sprünge und sonstigen Scherze unterhalten.
+Diese heiligen Schauspiele laufen immer auf dieselbe Lehre hinaus, daß
+nämlich die gute Tat belohnt und die schlechte bestraft wird.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. T. G. Longsloff.
+
+Abb. 280. Tibetische Maskentänzer.
+
+Sie wirbeln bei ihrem von Trommelschlägen und Zumbeln begleiteten Tanze
+mit ihren langen Flügeln aus Yakhaaren durch die Luft, bis ihr Körper
+beinahe wagrecht schwebt.]
+
+Die +Geburt+ eines neuen Weltbürgers wird von den Eltern, Verwandten
+und Nachbarsleuten mit großer Freude begrüßt, obgleich man nach der
+buddhistischen Lehre nicht wissen kann, ob das Kind wirklich das eigene
+Fleisch und Blut seiner Eltern ist und nicht etwa von einem wildfremden
+Menschen oder vielleicht auch von einem Tier, dessen Geist zufällig
+nach Wiedergeburt verlangt hat, abstammt. Dankopfer werden in den
+Tempeln dargebracht und etwaige Gelübde, die vordem abgelegt wurden, um
+einen Erben zu erhalten, werden erfüllt. Eine Tochter wird wie überall
+in den buddhistischen Ländern weniger geschätzt. Stirbt die Mutter kurz
+vor der Geburt, so wird das Kind durch Bauchschnitt herausgeholt. --
+Das +Neugeborene+ wird nicht gebadet, sondern mit Butter eingerieben
+und mehrere Tage lang den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Die Nahrung der
+Säuglinge besteht weniger in Milch, als vielmehr in der Hauptsache in
+Dsamba mit Suppe vermischt. Talismane werden dem Kinde an sein Kleid
+gebunden, um den bösen Blick abzulenken oder das Glück zum Eintritt
+zu zwingen, der Astrologe wird herzugezogen, um dem Neugeborenen das
+Horoskop zu stellen. Der Name, den das Kind erhält, pflegt oft ein
+recht hochtrabender zu sein, wie „Der Donnerschlag langen Lebens“
+oder „Das unermeßliche Banner“, oder es wird ihm einfach der Name
+des Wochentages beigelegt, an dem es geboren wurde, wie die „Sonne“
+für einen am Sonntag geborenen, oder „Saturn“ für einen am Sonnabend
+geborenen Knaben. Für Mädchen ist der beliebteste aller Namen derjenige
+der buddhistischen Mutter Gottes, nämlich „Dōlma“, was also unserem
+Maria entspricht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 281. Ein Teilnehmer der tibetischen Prunkspiele in der Tracht
+eines mittelalterlichen Panzerreiters mit Bogen und Pfeil.
+
+Die Rüstung besteht aus Eisenplatten, die durch Riemen aus Büffelhaut
+miteinander verbunden sind.]
+
+Die tibetischen Frauen sind im allgemeinen recht fruchtbar; sie
+bringen im Durchschnitt etwa zehn bis zwölf Kinder zur Welt, von denen
+allerdings die Hälfte wieder stirbt. Von drei bis vier Söhnen einer
+Familie wird mindestens einer zum Lama bestimmt. Die Lama sind aber zum
+Zölibat verurteilt, und daher übersteigt die Zahl der unverheirateten
+Mädchen weitaus die der Jünglinge, die heiraten dürfen. Obwohl daher
+ein junger Mann bei seiner Brautwahl eine ungewöhnlich große Auswahl
+hat, so nimmt er doch für gewöhnlich eine Frau, die älter als er ist.
+Da zwischen den Geschlechtern die weitgehendste Vertraulichkeit erlaubt
+ist, so sind echte Werbungen und Liebesheiraten nichts Ungewöhnliches.
+Die formelle +Verlobung+ indessen wird zumeist von einem Zwischenträger
+zustande gebracht, der ein Freund des Bewerbers ist und als Geschenk
+eine seidene Zeremonialschärpe mit überreicht. Diese, Chadak genannt,
+spielt eine sehr wichtige Rolle im gegenseitigen Verkehr, sobald
+eine Gefälligkeit erbeten oder ein Besuch gemacht wird. Sie dient als
+Zeichen der Begrüßung, der Freundschaft und des Glückwunsches und wird
+mit einer Verbeugung in der Weise überreicht, daß man sie gefaltet über
+beide parallel gehaltene Hände hinhält, worauf der andere sie auf seine
+ebenso vorgestreckten Hände übergleiten läßt, ohne die Finger dabei
+zu Hilfe zu nehmen. Um wieder auf die Werbung zu kommen, so wird die
+Antwort der Eltern dem Vermittler an einem festgesetzten Tage zuteil,
+an dem die Angehörigen der Braut und er, der dann eine große Menge
+Wein zur Bewirtung der Gesellschaft mitbringt, eingeladen werden. Wenn
+das Mädchen und ihre Eltern mit dem Vorschlage einverstanden sind,
+dann trinken sie den Wein und nehmen jeder einen Chadak an, worauf
+der Vermittler der Braut einen mit Türkisen besetzten Kranz, das
+Verlobungsgeschenk des Bewerbers, auf die Stirn setzt und noch andere
+Geschenke überreicht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The Moravian Mission.
+
+Abb. 282. Hochzeitsfeier in Nordwesttibet.
+
+Das Brautpaar, das hohe Hüte und eine Zeremonialschärpe um den Hals
+trägt, hockt auf einem Teppich neben einem Tisch, auf dem ein Gefäß mit
+Wein steht, während ein Lamapriester an einem Tisch mit Teetopf und
+Tassen sitzt.]
+
+Bei der nunmehr folgenden +Hochzeit+ finden keine religiösen Zeremonien
+statt, denn die Heirat ist in Tibet wie in anderen buddhistischen
+Ländern nichts als ein Zivilvertrag, der nur öffentlich bekannt gegeben
+zu werden braucht, um Gültigkeit zu besitzen. Nachdem die Astrologen
+einen günstigen Tag festgesetzt haben, werden Einladungsschärpen an
+alle Verwandten und Freunde gesandt, wofür man erwartet, daß sie das
+Geschenk durch ein Kleidungsstück oder einen anderen praktischen
+Gegenstand erwidern. Mehrere Freunde des Bräutigams holen die Braut ab
+und werden von den Angehörigen mit anderen Gästen festlich bewirtet.
+Alle Festgenossen sind aufs feinste angezogen; die Reicheren tragen
+Gewänder aus chinesischem Seidenbrokat, die Männer ihre Amtshüte,
+die Frauen sind mit schwerem Schmuck (silbernen und goldenen, mit
+Türkisen besetzten Amulettkästchen) förmlich überladen und tragen auf
+dem Haupte Tiaren. Besonders ausgeputzt ist natürlich die Braut, sie
+erhält ihren Platz zwischen ihren Eltern auf einem recht hohen Kissen,
+daneben nehmen Freunde und Verwandte in regelmäßiger Reihenfolge Platz.
+Nach Beendigung der Festtafel werfen Vater und Mutter der Braut je
+eine Schärpe (Abb. 282) um den Hals und wünschen ihr dabei reichen
+Kindersegen, während die übrigen Anwesenden Getreidekörner über sie
+ausschütten und sie sodann zum Hause des Bräutigams begleiten. Hier
+finden für gewöhnlich keine Zeremonien mehr statt. Braut und Bräutigam
+setzen sich nun nebeneinander nieder, essen und trinken Wein oder
+Tee, erheben sich darauf und nehmen die Glückwünsche der Gäste und
+die Schärpen entgegen; die letzteren legen sie sich zum Teil um den
+Hals oder häufen sie neben sich auf. Gelegentlich liest auch noch ein
+Priester etwas aus den heiligen Schriften vor und spendet seinen Segen.
+Die Gäste werden sodann noch einmal bewirtet. Nach der Hochzeit wandert
+das glückliche Paar noch drei Tage lang, aufs schönste gekleidet,
+umher, macht bei den Freunden Besuche, ißt und trinkt bei ihnen und
+beteiligt sich an sonstigen Lustbarkeiten. Wie bei allen feierlichen
+Gelegenheiten, so werden auch bei der Hochzeitsgratulation ausgesuchte
+Höflichkeiten ausgetauscht. Diese bestehen darin, daß man sich verbeugt
+und gegenseitig (wie beim Gruße überhaupt) die Zunge herausstreckt
+(Abb. 283). So sonderbar uns diese Sitte anmutet, ist sie doch die
+vornehmste aller Höflichkeitsformen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. L. A. Waddell.
+
+Abb. 283. Eine Begrüßung in Tibet.
+
+Der Tibeter nimmt beim Grüßen zuerst den Hut ab, biegt dann das linke
+Ohr nach vorn und reckt die Zunge heraus. Dies wird als die vornehmste
+Art des Grüßens betrachtet.]
+
+Eine in Tibet weit bis in die neuere Zeit hinein verbreitete Sitte
+war die Polyandrie oder +Vielmännerei+; heutigentags ist sie bereits
+im Aussterben begriffen. Hiernach gehört eine Frau gemeinsam allen
+Brüdern einer Familie (Abb. 284); der älteste heiratet sie. Wenn einer
+der jüngeren Brüder seine ehelichen Pflichten ausüben will, verläßt
+der älteste das Haus und geht für gewöhnlich auf Reisen; zum Zeichen
+dessen hängt der augenblickliche Gatte seine Schuhe, seinen Gürtel
+und seine Beinkleider vor der Tür des Hauses auf. Die Polyandrie
+der Tibetaner scheint im wesentlichen ein Ausfluß des Gesetzes der
+Erstgeburt zu sein, das in Tibet besteht. Diesem zufolge wird der
+älteste Sohn, sobald er sich verheiratet, der alleinige Besitzer aller
+Ländereien, Sklaven, des Hauses und sonstigen Zubehörs seiner Eltern;
+diese werden auf das Altenteil gesetzt, die jüngeren Brüder von dem
+ältesten unterhalten. Daher wird die gemeinsame Frau offiziell nur die
+des ältesten, und etwaige Kinder gelten nur als die seinigen.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Ploß-Renz, Das Kind.
+
+Abb. 284. Polyandrische Ladakhfamilie.]
+
+Wird ein Tibeter +krank+, dann nimmt man an, daß ein böser Geist von
+ihm Besitz ergriffen habe, und holt einen Lama herbei, um diesen
+auszutreiben. Erweist sich dessen Kunst als unzulänglich, dann macht
+man sich mit dem Gedanken vertraut, daß der Kranke sterben muß, und
+läßt ihn im Stich. Ist der +Tod eingetreten+, dann darf niemand
+den Körper berühren, bevor nicht der Priester mit seiner Seele
+fertig geworden ist. Er wird sofort gerufen, denn es besteht der
+Aberglaube, daß die Seele des Verstorbenen mindestens noch vier Tage
+lang in dem toten Körper weile und nur von einem erfahrenen Priester
+hinausgeleitet werden könne, der deswegen auch der „Seelenbeförderer“
+heißt. Bei seiner Ankunft verweist der Priester alle Menschen aus dem
+Sterbezimmer, schließt Fenster und Türen zu und setzt sich zu Häupten
+der Leiche nieder. Er ermuntert die Seele, den toten Körper nunmehr zu
+verlassen, und reißt, um ihr einen Weg zu bahnen, dem Toten ein paar
+Kopfhaare aus, in dem Glauben, daß durch die Poren der Haarwurzeln
+die Seele nun einen Ausgang finde. Er ermahnt sie dann weiter, die
+Gefahren, die ihr auf dem Wege zum Paradies drohen, zu meiden, und
+wünscht ihr gute Reise. Die ganze Zeremonie dauert ungefähr eine
+Stunde; der Lama erhält dafür einen ungewöhnlich großen Lohn an Geld
+und anderen Geschenken, dessen Höhe von der Hinterlassenschaft des
+Verblichenen abhängt; bei ganz reichen Leuten kann diese Gebühr beinahe
+die Hälfte des Nachlasses ausmachen. Sobald der Priester erklärt hat,
+daß die Seele von dem Toten gegangen sei, darf letzterer berührt
+werden. Die Männer, die die weiteren Handlungen mit ihm vornehmen,
+müssen unter dem gleichen Planeten wie der Verstorbene geboren sein;
+sie werden mit einem Tabu belegt. Durch Horoskop wird der geeignetste
+Tag für das Begräbnis und für die Gebete, die für die Sicherheit der
+Überlebenden vorgeschrieben sind, festgestellt. Der Tote wird, mit
+Stricken in Hockerstellung gebunden, in einen Sack aus rohem Fell oder
+in eine viereckige Kiste gesteckt und in einer Ecke des Zimmers oder
+in einem unbenutzten Raum hingestellt. Abwechselnd halten Priester Tag
+und Nacht Wache neben der Leiche; sie lesen Gebete vor und murmeln
+heilige Sprüche, so lange, bis der Tote aus dem Hause gebracht wird.
+Um ihn herum brennen Kerzen, von acht bis einhundertundacht an der
+Zahl, und die Verwandten, die sich im Nebenraum aufhalten, bringen
+ihm Speise und Trank auf niederen Tischen dar. Vor dem Begräbnis
+essen und trinken auch die Angehörigen im Hause; sobald aber der
+Tote aus ihm entfernt worden ist, genießt keiner darin einen Monat
+lang etwas von einer Speise oder einem Getränk, aus Furcht vor dem
+bösen Geist. Unter Umständen, so bei rauher Witterung, namentlich im
+Winter, bleibt der Tote wochen- und selbst monatelang unbeerdigt,
+bis sich eine günstige Gelegenheit dazu bietet, die aber immer erst
+von dem Astrologen vorausgesagt werden muß. Die Priester (Abb. 286)
+gehen im Leichenzuge voran, sie singen Zauberformeln aus indischen
+Schriften, andere stimmen unheimliche Totenlieder auf Hörnern an, die
+von Trommelschlag und Handglockengeläut begleitet werden (Abb. 285).
+Hierauf folgen die Verwandten -- ist der Hauptleidtragende eine Frau,
+dann begleitet sie den Zug nicht -- und zuletzt der Sarg, den ein
+Hauptpriester an einer langen seidenen Schärpe (wohl dem „Seelenbanner“
+der Chinesen entsprechend) unter Anschlagen einer Schädeltrommel
+(Abb. 287) führt. Menschenknochen wird bei Andachtsübungen eine große
+Bedeutung beigelegt; so finden Schalen aus Menschenschädeln als Becher
+(Abb. 288 und 289) bei Altaropfern Anwendung, Trommeln aus ebensolchen
+und Trompeten aus Oberschenkelknochen (Abb. 290) dienen bei der
+Teufelbeschwörung, Fingerknochen zu Rosenkränzen und so weiter.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 285. Begräbnisszene der Tibeter.
+
+Auf der einen Seite der Leiche stehen drei Laien, die auf Hörnern ein
+Trauerlied blasen und eine große Trommel schlagen, auf der anderen fünf
+Priester, von denen vier auf Handtrommeln aus menschlichen Schädeln
+trommeln, während der fünfte eine Art Totenmesse liest.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 286. Leichenzug der Tibeter.
+
+Die Priester gehen vor der Leiche her, die, in ein Bündel verpackt,
+von einem durch den Astrologen dazu bestimmten Mann auf den Schultern
+getragen wird; sie singen dabei Bittgesänge und spielen Klagelieder auf
+Trompeten, Hörnern und Trommeln.]
+
+Ein Begraben gibt es in Tibet nicht. Die Leichen der großen Lama und
+anderer hoher Priester werden +einbalsamiert+ und in vergoldeten
+Grabmälern, den sogenannten Chorten oder Stupen aufbewahrt, die
+sterblichen Reste der wohlhabenderen Priester werden manchmal auch
+eingeäschert und ihre Aschenteile mit Lehm zusammen zu kleinen
+Medaillons geformt, die man in Nischen in diesen Chorten unterbringt,
+oder sie werden in den schon beschriebenen Amulettkästchen als
+Zaubermittel getragen.
+
+[Illustration: Abb. 287. Handtrommel eines tibetischen Priesters,
+
+die aus zwei menschlichen Hirnschalen hergestellt ist.]
+
+Die +übliche Art, sich der Toten zu entledigen+, besteht darin, daß man
+das Fleisch von den Knochen schneidet und es den Hunden oder Geiern zum
+Fraße vorwirft (Abb. 292), eine Unsitte, die gewiß ein uralter Brauch
+ist und auch noch von den Parsen geübt wird. Von den Geiern verzehrt zu
+werden, wird besonders hoch eingeschätzt; die Wärter, die sich bemühen,
+andere aasfressende Tiere fernzuhalten, werden noch besonders dafür
+belohnt. Die Knochen des seines Fleisches beraubten Toten können wohl
+begraben werden, aber jede Familie, die es nur ermöglichen kann, läßt
+die Gebeine ihres lieben Angehörigen zerstoßen und in die Luft als Fraß
+für die Geier werfen; man hat für dieses Verfahren die schönklingende
+Bezeichnung „himmlische Erledigung der irdischen Reste“ erfunden. Die
+Leichen von armen Leuten, Verbrechern oder solchen, die durch einen
+Unfall ums Leben kamen, sowie von Aussätzigen und manchmal auch von
+kinderlosen Ehefrauen werden wie tote Tiere an einem Seil an Flüssen
+oder Seen geschleppt und hineingeworfen.
+
+Die +Trauer+ um Verwandte dauert gewöhnlich drei Monate, aber ein Jahr
+lang werden noch keine farbigen Kleider und kein Schmuck getragen. Die
+Jungen werden mehr als die Alten beklagt. Buddhistenpriester werden in
+häufig wiederkehrenden Zwischenräumen gerufen, um durch Messelesen für
+den Frieden der Seele des Verstorbenen zu beten und ihr den Weg durch
+ein Zwischenstadium, eine Art Fegefeuer, zum „Paradies des Westens“ zu
+verschaffen.
+
++Die Mongolei und Ostturkistan.+ Die Bevölkerung der Mongolei besteht
+ausschließlich aus umherziehenden Mongolen; nur in ein paar Städten,
+wie in der Hauptstadt Urga, und in einigen wenigen Handelszentren
+haben die Bewohner eine halb städtische Lebensweise angenommen. Die
++Wohnstätte+ dieser Nomaden ist die +Jurte+, ein hölzernes Gestell mit
+Filzbelag. Dem Eingang gegenüber findet man immer den Heiligenschrein,
+ein kleines Schränkchen oder eine Schatulle mit dem Götterbildnis oder
+wenigstens seiner Abbildung auf Papier oder Gewebe, vor dem in einigen
+Schalen Wasser, Getreidekörner, Käse, Rahm und so weiter dargebracht
+werden. Zur rechten Seite des Heiligenschreins steht ein breites,
+niederes Bett mit einer Filzmatratze. Der übrige Haushalt besteht in
+Lederschläuchen, deren Inhalt Kumys, Sauermilch und Butter bilden,
+sowie in hölzernen Kasten zur Aufbewahrung des Wirtschaftsgerätes. In
+der Mitte der Jurte findet sich der Herd, auf dem das Feuer mit Mist
+unterhalten wird. Dieselbe Hütte dient allen möglichen Zwecken; sie
+ist zugleich Schlafzimmer, Küche, Eßzimmer und Besuchsalon, selbst
+Viehstall, denn im Winter wird das Kleinvieh in ihr untergebracht.
+Infolgedessen herrscht hier eine recht unbehagliche Atmosphäre, in der
+der Aufenthalt noch schrecklicher durch das in Unmasse herumwimmelnde
+Ungeziefer, im besonderen Flöhe und Läuse, wird. Um diesem zu entgehen,
+greifen die Mongolen des Nachts zu folgendem angeblich erprobten
+Mittel. Alle, Männer und Frauen, legen sich nackend auf Schafpelze oder
+wollige Felle und decken sich mit diesen auch zu. Läuse besitzen sie in
+ihren Unterkleidern, die sie niemals wechseln oder waschen, sondern so
+lange tragen, bis sie ihnen buchstäblich vom Leibe fallen, in solcher
+Masse, daß sie, wenn sie diese Tiere mit Holzstücken vom Leibe geschabt
+haben, auf diese Weise ganze Haufen erhalten, die ins Feuer geworfen
+oder nicht selten auch mit viel Behagen verzehrt werden.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. d. Smithsonian Instit.
+
+Abb. 288.]
+
+[Illustration: Abb. 289.
+
+Ein aus einer menschlichen Hirnschale hergestellter Opferbecher.]
+
+Die +Kleidung+ ist die bei den Mongolen übliche, deren wir bereits
+oben gedachten; beide Geschlechter kleiden sich im allgemeinen gleich,
+nur binden die Frauen keinen Gürtel um die Hüften, sondern knöpfen das
+Obergewand zu. Außerdem haben die Ärmel an den Frauengewändern die Form
+eines in die Länge gezogenen Ballons: sie sind bauschig und werden vom
+Ellenbogen an enger (Abbild. 293 und 294).
+
+[Illustration: Abb. 290. Trompeten aus menschlichen Röhrenknochen.
+
+Sie werden gebraucht, um die Dämonen herbeizurufen oder auch
+auszutreiben.]
+
+Der Lama rasiert sich den Kopf; die Laien haben nur einen Teil des
+Kopfes rasiert und tragen im übrigen einen kurzen Zopf. Die Frauen
+teilen ihre Haare in zwei Büschel, schmieren sie mit Leim ein und
+lassen sie in Form von zwei flachen, bandartigen Locken auf die Brust
+und bis auf die Taille herabhängen. In den Ohren tragen sie massiven
+Schmuck mit mannigfachen Anhängern, an den Armen und Händen Armbänder
+und Ringe und am Halse Korallen und Glasperlen. Mit diesem Schmuck wird
+geradezu Verschwendung getrieben, denn man trifft sogar bei Frauen aus
+ärmeren Klassen solchen im Werte von sechshundert bis achthundert Mark
+an; die Familien pflegen ihre ganzen Ersparnisse beiseite zu legen,
+nur um einen kostbaren Schmuck zu ermöglichen. Die Kopfbedeckung ist
+bei Männern und Frauen die gleiche: eine konische Mütze mit breitem,
+aufwärts gebogenem Rande, der außen mit Fellbesatz oder Plüsch (Abb.
+291) eingefaßt ist; hinten fallen von dieser Mütze zwei karmoisinrote
+ungefähr fünfundvierzig Zentimeter lange Bänder herab.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. C. Binstead.
+
+Abb. 291. Unverheiratetes mongolisches Mädchen,
+
+deren Tracht sich von der der Verheirateten durch die Haarfrisur (ein
+Schwänzchen an Stelle der mächtigen Haartuffen) unterscheidet.]
+
+Die Mongolen sind im allgemeinen +gutmütige, freundliche und gastfreie
+Leute+, gleichzeitig aber leicht aufbrausend, starrköpfig und träge.
+Sie +begrüßen+ sich auf eine eigenartige Weise: der eine streckt beim
+Begegnen die Arme vor, der andere tut das gleiche, hält dabei aber
+seine Arme unter die seines Gegenübers. Bevor man in ein Zelt tritt,
+muß man sein Pferd in einiger Entfernung draußen lassen, Stöcke und
+Peitschen ablegen; als Grund hierfür gibt man an: „Stöcke und Peitschen
+sind gut für wilde Hunde; brächtest du sie herein, dann würdest du uns
+auch wie Hunde behandeln.“ Beim Eintritt muß man sich links zwischen
+Eingang und Hintergrund der Jurte niederlassen, sofern man nicht die
+Aufforderung erhält, „höher hinaufzurücken“, das heißt, weiter nach
+dem Inneren zu kommen. Den Hut behält man auf dem Kopfe oder legt ihn
+ab, aber nie in der Richtung der Türe. Kann man nicht mit gekreuzten
+Beinen sitzen, so muß man seine Füße nach der Türe hin ausstrecken. Man
+reicht dem Wirt und seinen Angehörigen die Schnupftabaksdose, und diese
+reichen umgekehrt die ihrige hin. Es ist nicht bloße Formsache, daß dem
+Gaste Tee dargereicht wird, sondern die gute Sitte verlangt, daß er
+auch tüchtig davon trinkt und sich immer wieder einschenken läßt.
+
+Zu den bereits an anderer Stelle erwähnten +Nahrungsmitteln+ der
+Mongolen kommt für dieses Gebiet noch das Fleisch von Murmeltieren
+hinzu, das besonders von den ärmeren Volksschichten verzehrt wird. Die
+Zubereitungsweise dieser Tiere ist eine eigenartige und erinnert an
+die tiefstehender Völker. Nach Abziehen des Felles und Entfernung der
+Eingeweide wird das Innere des Tieres mit glühenden Steinen ausgefüllt,
+das Ganze in eine flache Grube in die Erde gelegt und vollständig mit
+Erde zugeschüttet; über der Stelle wird ein Feuer so lange unterhalten,
+bis das Fleisch gar geworden ist.
+
+Die +Hauptbeschäftigung+ der Mongolen und zugleich die wichtigste
+Quelle ihres Reichtums ist die Viehzucht (Rinder, Schafe, Pferde,
+Kamele, Ziegen, weniger Schweine). Mit Ackerbau geben sie sich nur in
+beschränktem Maße ab. Zum Teil sind sie auch Jäger (auf Murmeltiere,
+deren Felle sie russischen Händlern verkaufen). Die Industrie steht
+auf sehr niederer Stufe und beschränkt sich auf die Anfertigung von
+allerlei Silberschmuck, die Bearbeitung von Leder und die Gewinnung von
+Filz.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Captain F. M. Bailey.
+
+Abb. 292. Aussetzung eines Verstorbenen in Tibet.
+
+In Tibet pflegt man den Leichen auf den Friedhöfen das Fleisch von den
+Knochen zu schneiden und den Schweinen, Hunden und Geiern zum Fraß
+zu überlassen. Von den Geiern verzehrt zu werden, wird am höchsten
+eingeschätzt. Nur die Leichen der großen Lama werden einbalsamiert und
+in vergoldeten Grabdenkmälern beigesetzt.]
+
+Die +Religion+ der Mongolen ist der Buddhismus, und zwar die besonders
+in Tibet übliche Form des Lamaismus (Abb. 296). Im allgemeinen sind
+sie sehr fromm. In jeder Jurte findet sich, wie schon angeführt, ein
+Altar zur Anbetung einer oder mehrerer lamaistischer Gottheiten;
+Gebetswimpel, die von den Stangen der Palisaden um die Hütte wehen,
+sollen Buddha ihre Bitten überbringen, und fast jeder zweite Mann,
+mindestens aber einer aus jeder Familie, wird ein Lama. Gebetsrad und
+Gebetsbrett sind überall anzutreffen. Unter letzterem versteht man ein
+Brett, auf das der Bittende sich wirft, wobei er mit dem Gesicht die
+Erde berührt und feierlich die Worte: „~Om ma-ni pad-me hum~“ ausruft.
++Aberglaube+ ist auch reichlich vertreten, und zwar in derselben Form
+wie in Tibet.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. C. Binstead.
+
+Abb. 293. Eine verheiratete Mongolin aus Urga mit ihrem Kinde.
+
+Bemerkenswert an ihrer Tracht sind die beiden hörnerähnlichen, von
+der Stirn abstehenden Zöpfe, das kostbare Geschmeide, dessen Wert
+auf tausend bis zwölfhundert Mark geschätzt wird, und die großen
+ballonähnlichen Ärmel, die in der Farbe für gewöhnlich von der der
+übrigen Gewandung abweichen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. C. Binstead.
+
+Abb. 294. Wintertracht einer verheirateten Mongolin.]
+
+Der Geistlichkeit ist die +Ehe+ verboten. Dafür aber sind fast
+ausnahmslos alle übrigen Mongolen verheiratet; Junggesellen gibt es
+daher so gut wie gar nicht. Bestimmte Verbotstage, an denen keine Ehe
+eingegangen werden darf, sind in der Mongolei nicht vorhanden, wohl
+aber bestimmte Jahre, in denen Eheschließung nicht erlaubt ist. Diese
+werden von den Astrologen in Peking festgelegt und durch die Lama
+bekanntgegeben. Die Heiraten bringen die Eltern zustande, Verlobungen
+finden bereits in früher Kindheit statt. Auf +geschlechtliche Unschuld+
+der Mädchen wird kein Wert gelegt, sie genießen in dieser Hinsicht
+vollkommene Freiheit. Oft vermitteln die Eltern vorehelichen Umgang
+ihrer Mädchen selbst, besonders wenn ihre Beihilfe durch Geschenke
+belohnt wird. Trotz dieser Freiheit der geschlechtlichen Beziehungen
+gilt der Verkehr des Schwiegervaters mit seiner Schwiegertochter
+für eine schwere Sünde; der Sohn, der seinen Vater auf frischer Tat
+ertappt, hat das Recht ihn zu ermorden oder Teilung des väterlichen
+Vermögens zu fordern. Auch die bereits von Marco Polo im dreizehnten
+Jahrhundert erwähnte Sitte der +gastlichen Prostitution+ ist noch heute
+bekannt; ein Gast wird nicht nur mit Speise, Trank und Unterkunft,
+sondern auch mit einer Frau versorgt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. C. Binstead.
+
+Abb. 295. Eine den Hunden und Geiern zum Fraße ausgesetzte menschliche
+Leiche.]
+
+Die +Mitgift+ des Mädchens besteht in lebendem Inventar, Schafen,
+Ochsen und Pferden. Diese Ausstattung kann unter Umständen eine recht
+ansehnliche sein; sie verbleibt der Witwe als Erbteil. Die Ehe pflegt
+man frühzeitig zu schließen. Am +Hochzeitstage+ geht der Bräutigam
+in das Haus seines Schwiegervaters, um zu opfern; dort bleibt er die
+ganze Nacht. Am nächsten Morgen geleitet er die verschleierte Braut in
+seine Hütte, vor der seine Eltern und die Gäste das Paar erwarten und
+es mit gekochtem Hammelfleisch bewirten. In der Hütte spricht ein Lama
+Zaubersprüche für das Wohlergehen der Brautleute aus und besprengt sie
+mit Weihwasser, worauf sich das Brautpaar in die elterliche Hütte des
+Bräutigams begibt und hier Butter als Opfergabe auf den Familienherd
+wirft. Den Abschluß des Festes bilden Gelage und Lustbarkeiten.
+Eine mutwillige Verstoßung der Frau ist mit großen Schwierigkeiten
+verbunden. -- Den Frauen wird ziemlich viel Arbeit aufgebürdet; sie
+haben nicht nur im Haushalte zu tun, wie Speisen zuzubereiten und die
+Kinder sowie die Herden zu hüten, sondern müssen auch Filze und Decken
+herstellen, die Kleidung nähen, die Zelte abbrechen und anderes mehr.
+
+Wird ein +Kind+ geboren, so ruft man einen Lama herbei, der Gebete
+spricht und die Mutter mit Weihwasser besprengt.
+
+Sobald ein Mongole +gestorben+ ist, wird der Lama ebenfalls
+herbeigeholt, und dieser bestimmt, wann er beigesetzt werden soll;
+dabei richtet er sich nach dem Geburtstage des Verstorbenen. Die Leiche
+wird darauf in einen alten Mantel gehüllt und eine Strecke weit von
+der Ortschaft oder dem Dorfe hinweggetragen, dort bleibt sie frei auf
+dem Erdboden liegen, der Gnade der Elemente und der Tiere überlassen
+(Abb. 295), und nur eine Gebetsfahne, auf der der Name des Verstorbenen
+geschrieben steht, bezeichnet seine Stätte. Nach der Beisetzung kehren
+alle in die Jurte zurück, schlachten und verzehren einen Hammel, womit
+die Feier zu Ende ist. Der Lama erhält das Pferd des Toten samt dem
+Geschirr, seinen Säbel und sämtliche Kleider. Wenn die Hunde mit ihrer
+Mahlzeit schnell aufräumen, dann gilt dies für ein gutes Omen, denn
+nach dem Glauben der Mongolen muß der Lebenswandel eines Toten um
+so heiliger gewesen sein, je schneller sein Leichnam von den Hunden
+aufgefressen wird. Wird dagegen die Leiche im Laufe einer Woche von
+keinem Hunde berührt, so gilt der Verstorbene für einen argen Sünder,
+dem man keine Totenfeier veranstaltet, während im entgegengesetzten
+Falle zum Andenken an den von den Hunden Verzehrten ein Schmaus zum
+besten gegeben wird, wobei sich die Teilnehmer am Hammelbraten,
+Branntwein und Tabak gütlich tun. -- Die Geistlichen sowie vornehme und
+reiche Leute werden nicht den Hunden überlassen, sondern eingeäschert.
+Die Asche wird, besonders bei hochstehenden Personen, gesammelt, mit
+Tonerde vermengt zu einer menschlichen Figur mit untergeschlagenen
+Füßen geformt und an der Verbrennungsstätte aufgestellt. Diese Figuren
+stehen im Rufe der Heiligkeit.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. C. Binstead.
+
+Abb. 296. Das Verbrennen der Sünden zu Urga,
+
+wie es die Lama eines jeden Klosters und Tempels in der letzten
+Woche des Buddhistenjahres (chinesischen alten Stils) mit großer
+Feierlichkeit vornehmen.]
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. Kett.
+
+Abb. 297. Samojeden auf einem Renntierschlitten.]
+
+
+
+
+Nordasien.
+
+
+Nordasien wird von einer Reihe Völkerstämme eingenommen, die
+verschiedenen Rassen angehören, aber unter den gleichen klimatischen
+Verhältnissen und Lebensbedingungen auch ziemlich dieselbe Kultur
+angenommen haben. Da sind zunächst die +Altasiaten+ als die
+Urbevölkerung im Osten dieses Gebietes zu nennen; zu ihnen gehören die
+Tschuktschen oder Tschautschu (Abb. 299), die Korjäken, die Itälmen
+oder Kamtschadalen, die Aleuten (bereits auf der Verbindungsbrücke
+nach Amerika hin), die Inkagiren, Tschuvanen, Inuit oder Eskimo und
+die Jenissejer (Abb. 298). Von allen dürften als am meisten typische
+Vertreter noch die Tschuktschen gelten, Leute von mittlerer Größe,
+hellbrauner Hautfarbe, straffem, schwarzem Kopfhaar, breitem Gesicht
+mit vorstehenden Backenknochen, gerader Nase, horizontalstehenden
+großen Augen und geringem Bartwuchs. Die übrigen Stämme lassen schon
+mehr oder minder mongolischen Einschlag erkennen. Denn eigentliche
++Mongolen+ sind auch bis nach Sibirien vorgedrungen, die Tungusen
+(Abb. 305) mit der Untergruppe der Lamuten und Orotschonen (Abb.
+307) und die Burjäten (Abb. 303), die in ihrem Äußern deutlich ihre
+Abstammung erkennen lassen. Eine dritte Gruppe bilden die +Ainu+
+(im Norden Sachalins und am Mündungsgebiet des Amur) mit den aus
+ihnen (mit Mandschumongolen?) hervorgegangenen Mischvölkern der
+Giljaken und Golde. Hierzu kommen dann noch Vertreter der +türkischen
+Völkerfamilie+, die Jakuten (Abb. 300, 302) und Tataren und schließlich
+solche der +finnisch-ugrischen+ Völkergruppe, die Ostjaken, Samojeden
+(Abb. 297), Karagassen, Sojoten und so weiter. Die Völker dieser
+Abstammung sind gekennzeichnet durch Kleinwüchsigkeit, hellgelbe
+Haut, schlichtes, dunkles, seltener helles Haar, dunkle Augen mit
+schräg verlaufender Lidspalte, flaches Gesicht, kurze, an der Wurzel
+eingedrückte Nase, die nach vorn in eine runde Kuppe endigt und
+große Nasenflügel aufweist, großen Mund mit wulstiger, herabhängender
+Unterlippe, kleines rundes Kinn und spärlichen Bartwuchs.
+
+Ihrem +Charakter+ nach sind alle diese Völker gutmütig, bieder,
+verträglich, gastfrei, ehrlich und widerstandsfähig in dem Ertragen von
+Strapazen, andererseits aber auch selbstbewußt, großprahlerisch, unter
+Umständen streitsüchtig, wenn sie sich unterordnen sollen, faul und
+besonders stark dem Trunke ergeben.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Buschan, Völkerkunde.
+
+Abb. 298. Jenissejerin.]
+
+Die +soziale Gliederung+ geht bei einigen Stämmen (Tungusen,
+Burjäten, Jakuten) über die Familie hinaus; denn es lassen sich bei
+ihnen schon Geschlechter und Stämme mit Häuptlingen oder leitenden
+Personen (Fürsten) unterscheiden. Bei den übrigen Stämmen ist die
+höchste Gemeinschaft die Familie; gelegentlich finden sich wohl
+mehrere Familien für eine gewisse Zeit (Fischfang, Wandern) zusammen,
+unterstehen aber keinem gemeinsamen Häuptling.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. des American Museum of Natural History New York.
+
+Abb. 299. Tschuktsche mit umgehängtem Tabaksbeutel.]
+
+Die +Kleidung+ der Sibirier ist sehr einfach und der Umwelt angepaßt,
+daher auch bei allen Stämmen ziemlich übereinstimmend. Männer und
+Weiber kleiden sich ebenfalls gleich. Das Material besteht aus Fellen
+oder Leder vom Renntier -- Renntiere sind für die Polarvölker von der
+größten Bedeutung; nicht mit Unrecht bezeichnen die Ostjaken sie als
+das „lebende Gold“ --, von den großen Wassersäugetieren, von Hunden
+und anderen Tieren mehr. Die Golde verstehen sich besonders darauf,
+Fischhaut in vorzüglicher Weise zu präparieren und sie zu Gewändern zu
+verarbeiten (namentlich die Haut der Lachse); die Haut wird zunächst
+getrocknet, sodann mittels hölzerner Hämmer geklopft und zu größeren
+Stücken zusammengenäht. Die aus ihr hergestellten Gewänder verziert man
+obendrein noch mit schönen Stickereien oder Malereien. -- Die Kleidung
+(Abb. 305) setzt sich aus einer kurzen Hose und langen Stiefeln,
+einem langen, bis zu den Oberschenkeln reichenden Rock oder Hemd, das
+durch einen Ledergurt zusammengehalten wird, einer kapuzenartigen
+Kopfbedeckung und Fausthandschuhen zusammen; die Männer tragen im
+Sommer Mützen oder Hüte, die Frauen gehen entweder barhäuptig oder
+setzen sich ein Häubchen auf. Das Haar lassen sich beide Geschlechter
+lang wachsen, nur einige wenige Stämme schneiden es sich ab; die
+mongolischen Völker tragen es nach Chinesenart. Die Frauen flechten
+das Kopfhaar gewöhnlich in zwei Zöpfe und bringen daran allerlei
+Zierat, wie Münzen, Perlen, Korallen, Bernsteinstücke und dergleichen,
+an.
+
+Die +Tatauierung+, die früher allgemein verbreitet war, ist neuerdings
+mehr in Abnahme gekommen; doch schmückt besonders das weibliche
+Geschlecht sich auch jetzt noch gern damit. Die Muster werden entweder
+mittels der sonst üblichen Methode des Stechens hervorgebracht oder
+mittels der des Nähens; bei diesem Verfahren zieht man durch die
+Haut einen mit Ruß oder Kohle geschwärzten Faden. Die eingestochenen
+Zeichnungen bestehen zumeist in einfachen Mustern, wie Kreisen,
+Halbkreisen oder Doppellinien, seltener in komplizierteren Mustern
+oder Tieren und Blumen. +Bemalen+ des Körpers, sowie +Durchbohren+
+der Nasenscheidewand, der Unterlippe und der Ohren und Hineinstecken
+von allerlei Zierat, im besonderen von Knochenstiften, kommen auch
+verschiedentlich vor.
+
+Die +Lebensweise+ der Nordvölker Asiens ist im allgemeinen eine
+nomadisierende (siehe Kunstbeilage). Wenngleich einige Stämme, die
+vorzugsweise dem Fang der Fische und Seetiere obliegen, eine gewisse
+Seßhaftigkeit bekunden, so verlegen sie von Zeit zu Zeit doch ihren
+Wohnsitz an einen anderen Ort. Die Unwirtlichkeit des Klimas zwingt
+die Polarvölker, große Strecken umherziehend zurückzulegen; Renntier
+(Abb. 297) und Hund (Abb. 301) erleichtern ihnen ihr Fortkommen;
+Schlitten und Boot dienen als die hauptsächlichsten Beförderungsmittel.
+Die wichtigste +Nahrungsquelle+ bildet die Jagd auf Bären, Wölfe,
+Hirsche und kleinere Pelztiere, an den Flüssen der Fischfang und
+an der Meeresküste die Jagd auf Seehunde, Walrosse, Walfische,
+Seelöwen und andere große Seesäugetiere. Als besondere Delikatesse
+gilt mit Zedernnüssen angefüllter und gerösteter Renntiermagen
+oder gefülltes Eichhörnchen. Die Mongolenstämme genießen mehr
+Schaf- und Pferdefleisch. Natürlich werden auch Pflanzenstoffe den
+Speisen beigegeben, im besonderen Zwiebeln, Beeren, Sauerampfer. Von
++Genußmitteln+ kennen die Sibirier Schnaps und Tabak. Die Korjäten und
+die ihnen verwandten Stämme stellen aus dem giftigen Fliegenpilz ein
+stark berauschendes Getränk her. -- Von den üblichen +Kochmethoden+
+verdienen zwei ältere Verfahren der Itälmen und Aleuten Erwähnung,
+das Steinkochen (durch Hineinwerfen glühend gemachter Steine in ein
+mit Wasser gefülltes Gefäß) und das Rösten des Fleisches zwischen
+zwei ausgehöhlten und mittels Lehm zusammengefügten Steinen in der
+Feuersglut. Feuer wird allgemein durch Anschlagen von Stahl an Steinen
+erzeugt.
+
+Die +Behausung+ der Sibirier ist ihrer Lebensweise und dem Klima
+angepaßt. Wo sie schon eine gewisse Seßhaftigkeit erreicht haben, wie
+an den Küsten, wohnen sie in Erdhütten oder Schneehäusern; dagegen
+leben alle umherziehenden Völker, auch die sonst seßhaften, im Sommer
+in leicht gebauten kegelförmigen Zelten aus oben zusammengebundenen
+Stangen, die zur kalten Jahreszeit mit mehreren Fellen, zur wärmeren
+mit Birkenrinde bedeckt werden. Der +Hausrat+ in diesen urwüchsigen
+Wohnungen (Abb. 304) ist sehr bescheiden; er besteht fast nur in
+einigen Gefäßen aus Birkenrinde oder Holz, Werkzeugen aus Knochen, Horn
+oder Eisen und eisernen Töpfen, die man durch Tauschhandel zu erlangen
+sucht, sowie in Ledersäcken. Besondere Fertigkeit bekunden die Männer
+in dem Schnitzen von allerlei Geräten aus Bein oder Horn, die Frauen
+in der Herstellung von Lederarbeiten und dem Benähen der Gewänder mit
+schönen Mustern aus bunten Fellstückchen, Perlen, Renntierhaaren und
+Ähnlichem.
+
+Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Lebensweise aller
+nordasiatischen Völker teilweise schon durch den Verkehr mit den Russen
+beeinflußt ist; dies gilt von ihren Sitten, Gebräuchen und religiösen
+Vorstellungen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. Klett.
+
+Samojedenfamilie in Winterkleidung.]
+
+Ihrem +religiösen Bekenntnis+ nach sind die meisten der sibirischen
+Völker rechtgläubige Christen, aber in Wirklichkeit huldigen sie
+doch noch vielfach ihrer alten heidnischen Religion, dem Schamanismus,
+der wieder auf dem Animismus und dem Ahnenkult (Abb. 306) beruht.
+Einige Stämme bekennen sich zum Lamaismus, noch andere zum Islam.
+Vielfach haben sich die christlichen Gebräuche mit heidnischem
+Aberglauben verquickt, so daß daraus eine eigentümliche Form der
+offenbarten Religion hervorgegangen ist. Zunächst sind es die Furcht
+und Freude zugleich einflößenden Naturgewalten, die für die Sibirier
+zum Gegenstand der Verehrung werden, in erster Linie die Sonne, sodann
+Blitz, Donner, Regen, Wolken, Feuer, ferner der Wald, auffallend
+geformte Steine, Gebirge, Flüsse, Seen, das Meer und so weiter. Ihnen
+bringen sie Opfer in Gestalt von Fleisch, Blut, Fett, Häuten, Fellen
+und Schmucksachen dar. So werfen die Itälmen die Nase der Pelztiere
+ins Feuer, die Jakuten und Tungusen schütten beim Essen von jedem
+Gericht einen Löffel voll hinein, die Samojeden legen Felle, Perlen
+und Schmucksachen an den Fuß gewisser Bäume, bestreichen Steine mit
+Blut und Fett, die Ostjaken behängen Bäume mit Pferde- und Rinderhäuten
+oder Pelzwerk, die Tungusen gießen beim Überschreiten von Gebirgspässen
+einen Schluck Branntwein aus oder hängen Pferdehaare, Felle, Tuchfetzen
+an die dort stehenden Bäume oder Steine.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Fr. Alexander.
+
+Abb. 300. Reiche Jakutenfrau.]
+
+Der animistischen Denkweise entsprechend werden auch +Tiere als
+höhere Wesen+ behandelt; man verehrt sie hauptsächlich aus Furcht,
+daß sie sich rächen könnten, wenn man sie tötet. Besonders der Bär
+und der Walfisch erfreuen sich der größten Achtung. Dem ersten zu
+Ehren werden große Feste veranstaltet, an denen schließlich ein Bär
+getötet wird. Die Giljaken fangen zu diesem Zwecke ein junges Tier
+ein; jedem Dorfe, in dem dasselbe bei dem Transport Aufenthalt nimmt,
+widerfährt dadurch ein Glück; wird durch Versehen der Führer etwa
+ein Kind vom Bären getötet, so schätzen die Eltern dies als eine
+Auszeichnung. In dem Heimatdorfe angekommen, bringen die Giljaken den
+Bären in einen besonderen Behälter, wo er längere Zeit gefüttert und
+gut gepflegt wird. Zum Festtage strömen die Leute von weit und breit
+zusammen; es finden gleichzeitig Hundewettrennen statt. Darauf wird
+der Bär, der für die Festlichkeit vorgesehen ist, herumgeführt und
+zum heiligen Platze gebracht; hier bindet man ihn an einen Pfahl und
+tötet ihn durch Pfeilschüsse unter dem Geschrei und dem Gejubel der
+versammelten Menge. Darauf wird er zerlegt und sein Fleisch an die
+Zuschauer verteilt; die Veranstalter des Festes müssen sich mit der
+Suppe begnügen. Die Knochen des Tieres werden schließlich gesammelt
+und in einer besonderen Gruft beigesetzt. Die Ostjaken stimmen vor der
+an einem Baume aufgehängten Haut des Bären Bittgesänge an, auf daß das
+getötete Tier ihnen ihr Vorgehen vergebe, und erweisen ihm große Ehre,
+um seinen Geist zu versöhnen, damit er sich nicht räche. Ein ähnliches
+Fest begehen im Anfang des Frühjahrs die Itälmen. Hierbei ist der
+Walfisch Gegenstand der Verehrung. Sie schnitzen aus Holz ein solches
+Tier von etwa einem halben Meter Länge und zünden vor ihm eine Lampe
+an, die die ganze Fangzeit über, also bis zum Herbste brennen muß. Im
+nächsten Frühjahr, bevor die Walnetze ausgelegt werden, bringen sie
+den hölzernen Walfisch unter Trommelwirbel und allgemeinem Jubel in
+eine Erdjurte und schlachten ihm zu Ehren eine Anzahl Hunde. Schamanen
+verkünden darauf, daß das Tier ins Wasser entflohen sei.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. Kett.
+
+Abb. 301. Samojeden mit sibirischen Hunden.]
+
+Ebenso wie die Rache getöteter Tiere wird auch die +verstorbener
+Menschen+ von den Sibiriern gefürchtet; sie sind daher bestrebt, wie
+wir noch weiter unten sehen werden, den Verstorbenen ihre Habe mit
+ins Grab zu geben und durch allerlei Zeremonien sie an der Rückkehr
+zu verhindern. Außerdem lassen sie es sich angelegen sein, mit Hilfe
+der Schamanen der Seele der Abgeschiedenen den Weg ins Jenseits zu
+zeigen. Über das Aussehen der Geister und ihr Wesen herrschen unter
+den Sibiriern nur unklare Vorstellungen; man glaubt vielfach, daß sie
+zu Bären, Adlern, Eulen, Käfern und so weiter werden oder als Schatten
+umhergehen, und unterscheidet gute und böse Geister. Die ersteren
+gelten meistens für die Beschützer des Hauses und des Eigentums,
+während die bösen hingegen als Unholde den Menschen alles mögliche Böse
+zuzufügen suchen, im besonderen Krankheit und Tod. Nach dem Glauben
+der Burjäten essen sie die kleinen Kinder und trinken ihr Blut, aber
+nur bei solchen unter einem Jahre; die Erwachsenen belästigen sie
+dagegen durch allerlei Ränke. Früher scheint man bei diesem Volke durch
+Menschenopfer die bösen Geister versöhnlich gestimmt zu haben, wie sich
+aus alten Liedern und Sagen der Burjäten entnehmen läßt. Da man mit der
+Möglichkeit rechnen muß, daß die Geister der Verstorbenen trotz aller
+Vorsichtsmaßregeln doch zu ihren Angehörigen zurückkehren, fertigt
+man Ahnenbildnisse für sie an, in denen sie dann einen ihrem früheren
+Körper ähnlichen Aufenthalt nehmen können. Es sind dieses aus Holz
+roh geschnitzte, bald größere, bald kleinere menschliche Figuren, an
+denen eigentlich nur der Kopf, als der Sitz der Seele, ausgearbeitet
+zu werden pflegt. Man bringt sie entweder im Hause oder unter dem
+Dachfirst an, stellt sie auch wohl an abgelegenen Plätzen auf.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Fr. Alexander.
+
+Abb. 302. Jakutenschnitter von der Arbeit ausruhend.
+
+In der rechten Hand hält er einen Wedel gegen Insekten, in der linken
+eine Sense.]
+
+Allgemein nimmt man an, daß die +Seelen der Verstorbenen+ nach längerer
+oder kürzerer Frist in eine andere Welt übergehen, wo sie ein dem
+irdischen ähnliches, aber weit glücklicheres Leben führen. Nach dem
+Glauben der Ostjaken geht die Seele zunächst in den Himmel ein und
+bleibt hier ebensolange, wie sie auf Erden weilte, sodann wandert sie
+in einen Käfer, der unter Steinen lebt, und schließlich geht sie in das
+Innere der Erde über. Die Eskimo kennen ein Totenreich, das unserem
+Fegfeuer entsprechen würde und für die bösen Geister als Aufenthalt
+dient, und ein Himmelreich, wo die Abgeschiedenen die wahre Seligkeit
+finden und wohin in erster Linie Männer gelangen, die im Leben viel
+erduldet und große Taten vollbracht haben, sowie die Frauen, die im
+Wochenbett starben. Zu diesen beiden Reichen ist indessen der Zugang
+nicht leicht; zu ersterem führt er über ein dünnes Seil oder über
+eine spiegelglatte Eisbrücke, an deren Ende zwei bissige Seehunde
+die Ankömmlinge erwarten, zu letzterem über den Regenbogen und einen
+bluttriefenden Berg. Wegen dieser mannigfachen Gefahren, die die
+Abgeschiedenen auf den Wegen ins Himmelreich erwarten, geben die Eskimo
+ihren Kindern Hundeköpfe ins Grab mit, die die schwachen Kinderseelen
+unterwegs leiten und beschirmen sollen. Bei den Jakuten sind die
+ursprünglichen Anschauungen von der Gottheit und dem Leben nach dem
+Tode bereits stark durch den Monotheismus der christlichen Religion
+beeinflußt worden. Gott ist nach ihrer heutigen Ansicht unsichtbar,
+er wohnt im siebenten Himmel und regiert von dort die Welt; zwischen
+ihm und der Erde bilden eine Reihe weniger bedeutender Götter die
+Vermittlung. Der Himmel hat sieben Firmamente übereinander, auf dem
+obersten thront Gott der Schöpfer, auf den niedriger gelegenen die
+übrigen Götter. An den Stufen des Himmels wohnen die guten Geister, in
+der Tiefe der Hölle die bösen, denn die Seelen der Verstorbenen werden
+je nach ihren Tugenden oder Lastern in jene oder in diese verwandelt.
+Der Fürst der Hölle wird auch als ein Gott angesehen. Die Erde ist
+dem Teufel zur Verfügung gestellt; er kann die auf ihr lebenden
+Menschen verführen; damit er diese ihm verliehene Macht nicht zu sehr
+mißbrauche, hat Gott die geringeren Götter auf die Erde gesandt; sie
+sollen die Menschen vor den Angriffen des Teufels schützen. Nach dem
+Tode nimmt der Teufel die Seele und führt sie an alle Stellen, wo der
+Lebende sündigte, und bestraft sie dort; darauf gelangt die Seele an
+den ihr zukommenden Platz.
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Globus“.
+
+Abb. 303. Burjätische Frau.]
+
+Auch während des Schlafes trennt sich die Seele zeitweilig von dem
+Körper des Menschen und kann umherschweifen. Fängt der Teufel dabei
+die Seele ein, so erkrankt der Mensch; hält er sie zu lange fest,
+dann muß er sterben. Ist ein Mensch krank geworden, so versucht man
+es bei den Tschuktschen mittels Suggestion (Abb. 313). Sonst wendet
+man sich an den Schamanen, da nur ein solcher imstande ist, die Seele
+zurückzuschaffen. Die +Schamanen+ sind zumeist Männer (Abb. 308),
+seltener Frauen (Abb. 311), denen die Aufgabe zufällt, zwischen den
+Menschen und den überirdischen Geistern, im besonderen den bösen, dem
+Teufel, zu vermitteln. Ihr Beruf pflegt sich von Vater auf Sohn zu
+vererben, jedoch kann ihnen ihre Bestimmung auch von den Göttern im
+Traume verkündet werden; auf jeden Fall haben die angehenden Schamanen
+eine langdauernde Schule durchzumachen, in der sie in die Geheimnisse
+eingeweiht werden. Zumeist sind sie wohl von ihrer Kunst überzeugt, oft
+genug aber sind sie auch bewußte Betrüger, die durch ihre besondere
+Klugheit die übrigen zu betören vermögen; sie machen zur Erhöhung ihres
+Ansehens auch allerlei Taschenspielerkunststückchen, ähnlich unseren
+Spiritisten. Eine wesentliche Vorbedingung für den Schamanenberuf
+scheint eine gewisse Überempfindlichkeit des Nervensystems zu sein,
+eine Art Hysterie. Sie zeichnen sich äußerlich durch eine besondere
+Tracht aus, die durch auffälligen Zierat, wie allerlei Lederstreifen,
+Adlerklauen, Schlangenhäute, Federn, Ringe, Glöckchen, Amulette und
+so weiter, furchterregend auf die Zuschauer wirkt. In der Hand halten
+sie das wichtigste Werkzeug ihrer Kunst, eine Trommel von etwa fünfzig
+bis siebzig Zentimeter Durchmesser, die aus einem hölzernen Rahmen
+besteht, mit Renntier- oder Seesäugerhaut bespannt und mit kleinen
+Schellen behängt ist. Die Trommel wird mit einem kurzen Stock aus Holz
+geschlagen, der mit Fell überzogen ist und vorn meist in zwei Hörner
+ausläuft. Außerdem gehört zum Ausputz eines Schamanen eine runde
+Kupferscheibe, die zusammen mit Tigeridolen als Zeichen der Kraft
+und einigen Götterbildnissen an einem Lederriemen über seiner Brust
+hängt; in dieser Scheibe sollen sich die guten und bösen Taten der
+Menschen widerspiegeln, so daß sie der Schamane erkennen kann. Bevor
+der Schamane seine offizielle Kleidung anlegt, werden alle Gegenstände
+von seinem Gehilfen mit Branntwein bespritzt. Bei einer Krankenheilung
+setzt er sich bei den Golde noch eine Kopfbedeckung aus Hobelspänen
+auf, deren Enden ihm über den Nacken herabfallen, und befestigt solche
+auch an seinen Ellbogen und Knien. Der Zweck derselben soll der sein,
+daß die Krankheit während der Behandlung in diese Späne übergehe, die
+nach eingetretener Heilung dann fortgeworfen werden.
+
+Wird der Schamane zu einem +Kranken+ gerufen, um die von einem bösen
+Geiste diesem geraubte Seele wieder einzufangen, so erscheint er
+im vollen Kostüm, was an und für sich schon Schaudern einzuflößen
+geeignet ist, und nimmt an dem Kranken seine Beschwörungen vor. Er
+beginnt zunächst einen Tanz, der anfänglich langsam und manchmal nicht
+ungraziös, dann immer schneller ausgeführt wird und schließlich in
+einen wirren Wirbel ausartet. Gleichzeitig schlägt er seine Trommel,
+singt, schreit, brüllt, verzerrt mehr und mehr sein Gesicht und gerät
+allmählich in einen Zustand von Ekstase, in der er den bösen Geist
+erkennt und zu dem Kranken zitiert. Sodann kämpft er mit ihm, bestürmt
+ihn anfänglich mit Bitten und Versprechungen, dann mit Drohungen.
+Dieses Spiel treibt er so lange, bis er vollständig erschöpft zu Boden
+sinkt. Darauf erteilt er dem harrenden Kranken -- oft genug, indem er
+sich dazu der Sprache eines Bauchredners bedient -- die Antwort des
+bösen Geistes, die meistens darin besteht, daß dieser zur Versöhnung
+eine Anzahl Schafe oder Pferde fordert. Oft verlangen die Schamanen von
+dem Kranken beziehungsweise seiner Umgebung noch ganz andere Dinge,
+so zum Beispiel, daß er die Kleider wechsle und in den Wald an eine
+bestimmte Stelle hinlege; oft geben sie dem Kranken auch allerlei
+Mittel ein, stellen ihm Idole an die Seite (Abb. 310), schwingen bei
+der Beschwörung eine Gerte mit einem Pferdehaarbüschel über dem Kranken
+und anderes mehr. Trifft die Voraussage des Schamanen zu und findet
+der Kranke Genesung, dann wird jener gut belohnt; mißglückt dagegen
+der Beschwörungsversuch und stirbt der Kranke, so ist der Schamane um
+eine Ausrede nicht verlegen: er meint dann, daß die Seele auf ihrer
+Wanderung sich verirrt habe, oder daß die bösen Geister mit dem Opfer
+nicht zufrieden gewesen seien.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.
+
+Abb. 304. Inneres einer ostjakischen Hütte (Tschum).
+
+In der Mitte das Herdfeuer mit dem Kochkessel an einer Stange, die
+zum Aufhängen der Wäsche und der nassen Kleider dient. Links oben ein
+Hausgötze, links unten Lagerstätten (aus Riedgrasbündeln gefertigte
+Matten mit Renntierfellen).]
+
+Die Mitwirkung eines Schamanen pflegt meistens auch gefordert zu werden
+bei der Aufdeckung eines Diebstahls, beim Wahrsagen, beim Wetterzauber
+und bei der Herstellung von Amuletten. Schließlich fällt ihm noch die
+Aufgabe zu, die Seele eines Verstorbenen ins Jenseits zu begleiten.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Deniker, Races of Men.
+
+Abb. 305. Tunguse in seiner typischen Tracht
+
+mit Schneeschuh und Stock auf der Jagd.]
+
+Wenn eine +Schwangere+ bei den Sibiriern merkt, daß ihre schwere Stunde
+naht, dann zieht sie sich für einige Zeit in eine besondere Jurte oder
+Schneehütte zurück oder begibt sich abseits vom Dorfe ins Dickicht,
+um niederzukommen. In dieser Zurückgezogenheit bringt sie nach der
+Geburt auch noch einige Wochen (bei den Samojeden bis zu zwei Monaten)
+zu; nach Abschluß dieser Zeit unterzieht sie sich einer Läuterung.
+Bereits während ihrer Schwangerschaft ist die junge Mutter mancherlei
+Verboten unterworfen. Bei den Ostjaken ist es ihr untersagt, sich einem
+Manne zu nähern oder über Gegenstände des Haushaltes zu steigen. Ist
+ein schwangeres Weib zufällig doch über ein Netz gestiegen, so wird
+dieses zerschnitten, dann aber wieder zusammengenäht. Bei den Inuk
+muß sie aus einem besonderen Gefäß trinken, darf ihre Nahrung nicht
+vor der Hütte zu sich nehmen und mehr dergleichen. Wenn bei den Golde
+eine Frau Mutter wird, dann pflegt sie den Schamanen über die Zukunft
+ihres Kindes um Rat zu fragen. Sie verschluckt die Regenbogenhaut
+eines Bärenauges, damit das Kind ein gutes Aussehen bekomme, sagt dies
+aber keinem anderen, sondern behauptet, daß sie das Auge versteckt
+habe; denn es würde ihr als Sünde ausgelegt werden, wenn sie sie etwa
+gegessen hätte. Nach dem Glauben dieses Volkes leben die menschlichen
+Seelen vor ihrer Geburt im Himmel, wo sie in der Gestalt eines kleinen
+Vögelchens in einem großen heiligen Baume wohnen. Steigt eine solche
+Seele zur Erde hinab, dann bildet sie sich im Leibe der Frau zu einem
+Menschen um. Stirbt das Kind innerhalb eines Jahres, dann kehrt
+seine Seele wieder zum Himmel zurück, behält aber die Fähigkeit,
+zum zweitenmal Mensch zu werden. -- Die +Geburt+ geht meistens
+unter Beihilfe einer alten Frau vor sich. Um ihre schwere Stunde zu
+erleichtern, muß die Gebärende bei den Ostjaken dieser ihre Sünden
+bekennen. Soviel Sünden sie beichtet, so viel Knoten macht die Alte
+in einen dünnen Strick. Gleichzeitig aber bekennt der Mann ebenfalls
+einer alten Frau, daß er in unerlaubtem Verkehr mit einem fremden
+Weibe gestanden oder daß er, was gar nicht so selten ist, Sodomiterei
+getrieben habe. Auch diese bindet für jedes Vergehen einen Knoten
+in einen Strick. Darauf werden beide Stricke miteinander verglichen,
+die überzähligen Knoten werden abgeschnitten, und der Rest wird der
+Kreißenden auf den Unterleib gelegt. Falls die Eheleute keine Sünde
+bei dieser Generalbeichte verheimlicht haben, steht der Gebärenden
+eine leichte Geburt bevor. +Nach der Niederkunft+ muß die Frau sich
+gewissen Reinigungsgebräuchen unterziehen, die in der Hauptsache darin
+bestehen, daß sie sich täglich an dem Feuer in ihrer Hütte, in das
+sie wohlriechende Stoffe geworfen hat, durchräuchern läßt, auch wohl
+darüber hinwegspringt. Der Samojedin ist es zwei Monate lang verboten,
+frisches Fleisch zu essen, der Inukfrau sogar ein Jahr lang; auch
+darf diese das Fleisch eines durch Herzschuß getöteten Tieres nicht
+verzehren. Beim Wiederbetreten der gemeinsamen Wohnung legt sich die
+Ostjakin vor dem Eingang auf die Erde, worauf sämtliche Hausbewohner
+über sie wegschreiten; die Inukfrau betritt bei dem gleichen Anlaß
+das Haus nicht durch die Tür, sondern durch ein Loch in der Wand,
+die Tungusin ebenso durch ein Loch in der Decke; alles dieses hängt
+offenbar mit der Reinigung der Wöchnerin zusammen.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Falkenhorst, Nordpolfahrten.
+
+Abb. 306. Götzenhain am unteren Ob.]
+
+Das +Neugeborene+ wird bei den Jakuten von einer alten Frau vor dem
+Läuterungsfeuer mit Wasser, das sie zuvor in den Mund nimmt, besprengt
+und gewaschen; darauf schmiert sie es mit frischer Sahne ein. Die
+Burjäten reiben das Kind mit schmutzigen Lappen ab und wickeln es in
+eine frisch abgezogene Schafhaut ein. Die Ostjaken sowie die Samojeden
+stecken das Neugeborene in den Schnee und reiben es damit tüchtig ab.
+Darauf legen sie es in eine Art Wiege, einen elliptischen Korb an einem
+Hängeband, den die Mutter aus Birkenrinde selbst angefertigt hat. Bei
+den Golde muß das Kind dreimal die Wiege wechseln, um zu gedeihen; eine
+leere Wiege darf nicht geschaukelt werden. Gestillt werden die Kinder
+wohl überall sehr lange; man hat beobachtet, daß fünfjährige Kinder
+noch neben den jüngeren Geschwistern die Brust dargereicht erhielten.
+Solange das Kind noch nicht sprechen gelernt hat, besteht bei den
+Jakuten der Aberglaube, daß es die Fähigkeit besitze, die Sprache der
+Tiere, im besonderen der Vögel, sowie des Feuers und der Geister zu
+verstehen. Die Burjäten glauben, daß böse Geister die kleinen Kinder
+aufessen; daher sind sie bestrebt, alles mögliche zu tun, um jene von
+diesen fernzuhalten. Sie beauftragen Schamanen, die Geister aus dem
+Hause zu verjagen. Auch geben sie keinem Fremden Zutritt zur Jurte,
+weil mit diesem zugleich ein böser Geist eintreten könnte; die Türe
+bleibt in solchem Falle beständig geschlossen. Wollen die Angehörigen
+in die Jurte, so müssen sie mit einem Schläger an einen Topf, der
+draußen hingestellt wird, schlagen; dadurch soll der böse Geist
+erschreckt und zur Flucht gezwungen werden. Manchmal ruft auch der
+Schamane den guten Geist an, auf daß er das Neugeborene vor dem bösen
+beschütze.
+
+Die +Namengebung+ erfolgt zumeist bald nach der Geburt. Die Jakuten
+geben dem Knaben erst einen Namen, wenn er sich aufzusetzen beginnt;
+einen zweiten erhält er, wenn er den Bogen zu spannen gelernt hat.
+Die Mädchen erhalten für gewöhnlich keinen Namen, sie werden entweder
+einfach mit „Weib“ oder „Frau“ oder „Tochter des Soundso“ angeredet.
+Die Ostjaken benennen ihre Kinder nach irgendeinem zufälligen Merkmal
+aus der Umgebung; die Korjäken hängen ein in Haut eingewickeltes
+Steinchen an einem Faden zwischen zwei Stäben auf und nennen darauf
+eine Reihe Namen; derjenige Name, bei dem der Stein sich bewegt, wird
+dem Kinde gegeben. Bei den Golde ändert man den Namen, sobald man
+erfährt, daß einer Person, die den gleichen Namen trägt, ein Unglück
+zugestoßen ist. -- Wenn bei den Golde ein Weib mehrere Male tote
+Kinder zur Welt gebracht hat, dann fertigt der Schamane bei einer
+neuen Schwangerschaft ein Säckchen an, in das er die neue Seele des
+Kindes legt, und trägt dieses beständig an seinem Gürtel mit sich;
+dadurch hofft er das Kind am Leben zu erhalten. -- Die jungen Mädchen
+werden bei den Burjäten bis zu ihrem siebenten Lebensjahre auf dem Kopf
+rasiert; erst dann läßt man ihr Haar wachsen und ordnet es in Flechten
+an.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Hawes, Im äußersten Osten.
+
+Abb. 307. Orotschonenfrau.]
+
+Verschiedentlich begegnen wir unter den sibirischen Völkerschaften den
+bekannten +Kinderverlöbnissen+. Bei den Giljaken zum Beispiel zahlt
+der Vater eines vier- bis fünfjährigen Knaben an die Eltern eines
+entsprechend alten Mädchens den Brautpreis, und dieses bleibt entweder
+im Hause ihrer Eltern oder siedelt in die Hütte ihrer zukünftigen
+Schwiegereltern über, wo es mit ihrem „Manne“ zusammen aufwächst und
+auch seine Frau genannt wird. Besondere Hochzeitszeremonien finden
+nicht statt, nur ein Schmaus wird gegeben, der sich manchmal durch
+Wochen hinzieht und bei dem der Branntwein in Strömen fließt. Auch
+bei den Golde wird das Mädchen in noch ganz jugendlichem Alter ihrem
+Zukünftigen versprochen. -- Im übrigen ist das +Heiratsalter+ für alle
+diese nordischen Völkerschaften ein ziemlich frühes. Bei den Samojeden
+und Ostjaken werden die Mädchen bereits mit zehn Jahren verheiratet
+und im elften oder zwölften Jahre Mutter, und bei den Tungusen gehen
+sie mit zwölf Jahren die Ehe ein. Die Braut wird durchweg durch Kauf
+erworben; dieser Kalym wird entweder in Renntieren oder in Kleidern,
+Gerätschaften, Pelzwerk, neuerdings jedoch mehr und mehr in barem
+Gelde (Rubeln) erlegt. Ist der Bräutigam arm, dann darf er nicht eher
+heiraten, als bis er alles, was ausgemacht wurde, abgezahlt hat. Oft
+genug geben die Eltern der Braut dieser auch eine Mitgift, die dem
+Kalym an Wert meistens gleichzukommen pflegt. Das Werben geschieht
+bei den Ostjaken durch Frauen, die sich in die Jurte, wo das Mädchen
+sich aufhält, begeben und hier ohne ein Wort zu sagen seinen Eltern
+Geschenke darbringen; nehmen diese sie an, dann bekunden sie hierdurch
+ihr Einverständnis. Darauf treten die Eltern des Bräutigams mit ihnen
+wegen Festsetzung des Brautpreises in Verbindung. Bei den Jukagiren
+sind auch wirkliche Neigungen mit im Spiele. Hier ritzen die jungen
+Mädchen in ihrer Freizeit in Birkenrinde, die das Papier vorstellt, mit
+einem Messer Zeichnungen (Abb. 309) ein, in denen sie ihrer Liebe zu
+einem bestimmten Jüngling oder auch ihrem Kummer darüber, daß er sie
+verlassen hat, Ausdruck geben. Es besteht hier nämlich die Sitte, daß
+nur die jungen Männer ihre Liebe in Worte fassen dürfen, weswegen die
+Mädchen ihre Zuflucht zu einem solchen Mittel nehmen, um die ihrige
+bekannt zu geben. -- Während der Brautzeit wird bei den Burjäten die
+Anzahl der Zöpfe, die die jungen Mädchen tragen, bis auf zweiundzwanzig
+erhöht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Fr. Alexander.
+
+Abb. 308. Jakutenschamane.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Globus“.
+
+Abb. 309. Zeichnung eines jukagirischen Mädchens auf Birkenrinde, um
+ihre Liebe zu einem jungen Manne zu bekunden.
+
+Figur +~abcdef~+ stellt eine Hütte vor, die Figuren +~oj~+ einen jungen
+Mann, +~kh~+ ein junges Mädchen (durch größere Breite in der Hüfte
++~xz~+ und den Zopf +~tv~+ gekennzeichnet), +~xt~+ und +~zt~+ die
+Arme. Die Verbindungslinien ~rs~, ~tu~ und ~r′t′~ sollen andeuten, daß
+die beiden Personen sich lieben, die Linie +~ji~+, die bei dem Kopf
+der männlichen Figur beginnt und über den der weiblichen hinübergeht,
+ebenso die Linie +~hg~+, die in entgegengesetzter Richtung geht,
+drücken die Umarmung aus. Also ein Liebesbrief des Inhalts: „Ich liebe
+dich mit meiner ganzen Seele.“]
+
+[Illustration: Abb. 310. Idole der Golde.]
+
+Die +Hochzeitszeremonien+ sind bald ziemlich komplizierte, wie bei
+den Golde und den Jakuten, bald wieder ganz bescheidene wie bei den
+Tschuktschen, Giljaken und Ostjaken. Bei letzteren wird die reich
+geschmückte Braut im Schlitten von den Werberinnen abgeholt und nach
+der Behausung der Eltern ihres Bräutigams gefahren, wo diese sie
+empfangen und von ihr Geschenke, die meistens in Tüchern bestehen,
+erhalten; bevor der Schlitten sich in Bewegung setzt, tritt einer
+der Jurtenbewohner hervor und verlangt ein Lösegeld. -- Bei den
+Tschuktschen wachsen die Kinder, die später als Mann und Weib leben
+sollen, schon von früher Jugend an miteinander auf; sobald der
+Jüngling imstande ist, sich selbst zu ernähren, tun beide sich als
+Ehepaar zusammen. -- Bei den Golde erwartet der Bräutigam im reichen
+Jagdkostüm (Abb. 312) seine mit dem Boot eintreffende Zukünftige.
+Sobald er ihrer sichtbar wird, springt er schnell in ihr Boot und
+kämpft um sie ungefähr eine halbe Stunde lang, bis Friede zwischen den
+Parteien geschlossen wird. Hierbei haben wir es offenbar mit einem
+Überrest des Brautraubes zu tun. Darauf begibt sich der Bräutigam mit
+dem Schwiegervater ins Haus, während die Braut und ihre Mutter mit
+ihren nächsten Angehörigen am Strande warten und erst auf eindringliche
+Einladung von seiten der Mutter und Schwestern des Bräutigams das Haus
+betreten. Hier wird die Braut sogleich auf ihren Ehrenplatz geführt und
+sodann in die neue Hausgenossenschaft aufgenommen. Der Vater breitet
+einen neuen Teppich auf der Erde aus, läßt das Brautpaar niederknien
+und reicht seinem Sohne ein Glas Branntwein, das dieser wieder seiner
+Braut darbietet und sodann die Runde unter den Gästen machen läßt.
+Hierauf begrüßt die nunmehrige junge Frau den Hausgott und verteilt
+Tabak an die Teilnehmer, während diese sie beschenken. Den Schluß
+bildet der Hochzeitschmaus, bei dem der Branntwein wiederum eine große
+Rolle spielt. Die junge Frau wechselt hierbei ihren Hochzeitstaat mit
+einem Arbeitsanzug und geht Wasser holen. Damit erreicht das Fest sein
+Ende. -- Sehr zeremoniell geht es bei einer Jakutenhochzeit zu. Hier
+erscheint der Bräutigam hoch zu Roß in Begleitung seiner Angehörigen
+im Hause der Braut und bringt viel Fleisch für das Hochzeitsmahl mit.
+Beim Empfang im Hofe hält ihm der Schwiegervater den Steigbügel.
+Während nun alle Gäste sich im Hause versammeln, bleibt der Bräutigam
+vorläufig allein draußen, verbeugt sich nach Osten und begrüßt die
+aufgehende Sonne, bis er von seinem Vetter mit einer Peitsche ins
+Haus hineingetrieben wird. Die Schwiegereltern gehen ihm hier mit
+Heiligenbildern entgegen und segnen ihn; gleichzeitig erfaßt sein
+eigener Vater ihn von hinten und zwingt ihn, dreimal vor deren Füßen
+sich niederzulassen. Darauf wird das Fleisch hineingebracht und vom
+Bräutigam ausgewickelt; er selbst nimmt von einem bereits gekochten
+Pferdekopf drei Stückchen Fett unter den Augen heraus und wirft sie
+ins Feuer. Sodann wird er in die rechte Ecke des Raumes geführt und
+muß sich hier mit dem Gesicht nach der Wand zu niedersetzen. In
+entsprechender Weise nimmt seine Braut in der linken Ecke Platz. So
+verharren beide eine bestimmte Zeit, bis das Festmahl beginnt. Bei
+diesem werden ein Ochse und ein Pferd geschlachtet und vor sämtlichen
+Gästen gekocht; diese selbst nehmen auf der frisch abgezogenen Haut der
+Tiere Platz. Dabei werden Trinksprüche ausgebracht und auf die neue
+Verwandtschaft mit den Worten getrunken: „Wir sind jetzt miteinander
+verwandt geworden und wollen daher in Freundschaft und Eintracht
+leben.“ Die gleiche Szene wiederholt sich an den folgenden Tagen. Die
+Weiber werden zur Tafel nicht zugelassen; sie nehmen ihre Mahlzeit
+in den Ecken des Zimmers ein. Am vierten Tage endlich besteigen die
+fremden Gäste wieder ihre Pferde und machen sich auf den Heimweg;
+zuvor aber wird ihnen das übrig gebliebene Fleisch zugesteckt, damit
+sie es ihren Angehörigen, die nicht an dem Mahle teilnehmen konnten,
+mitbringen.
+
+Einer eigenartigen Erinnerung an den +Brautraub+ begegnen wir bei den
+Burjäten. Hier schließt sich die Braut am Hochzeitstage mit ihren
+Freundinnen in einer Jurte ein. Diese machen ihre Zöpfe auf und
+verflechten sie mit denen der Braut, so daß die Haare aller zusammen
+gleichsam ein Ganzes bilden. Aufgabe des hinzukommenden Bräutigams
+ist es nun, die Gefährtinnen von seiner Auserkorenen zu trennen und
+letztere zu veranlassen, daß sie ihm in sein Haus folgt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Fr. Alexander.
+
+Abb. 311. Sojotenschamanin.]
+
+Für gewöhnlich begnügen sich die Sibirier mit einer Frau, jedoch ist
+es keine Seltenheit, daß Männer, die es sich leisten können, mehrere
+nehmen.
+
+Die +Stellung des Weibes+ ist überall eine recht niedrige; besonders
+untergeordnet erscheint sein Los bei den Burjäten, Ostjaken und
+Samojeden. Hier ist die Frau gleichsam das Lasttier des Mannes; es
+wird ihr nicht nur alle Arbeit im Haushalte auferlegt, sondern sie
+muß auch noch bei einem Wechsel des Aufenthalts die Hütte abbrechen,
+die ganze Last auf den Schlitten verstauen und am neuen Ort die Hütte
+wieder aufbauen.
+
+Bei den Samojeden gilt alles, was ein Weib anfaßt, für unrein. Wenn
+eine Frau das Zelt aufgeschlagen hat, dann erhält sie nicht eher
+Zutritt zu ihm, als bis sie nicht nur ihre eigene Person, sondern alle
+Stücke, auf denen sie saß, einschließlich des Schlittens, sowie jeden
+Gegenstand, den sie in den Händen getragen, über einem kleinen Feuer
+mittels Renntierhaaren ausgeräuchert hat. Bei den Tungusen wird die
+eine Hälfte des Zeltes ausschließlich von den Männern, die andere von
+den Weibern eingenommen.
+
+Eines etwas besseren Schicksals erfreut sich die Frau bei den Giljaken,
+was wohl daher kommen mag, daß unter diesen Völkern das weibliche
+Geschlecht in der Minderzahl und darum sehr gesucht und geschätzt
+ist. Bei ihnen kann eine Frau sogar Schamanin werden. Eine besondere
+Liebesbezeigung der Giljakeneheleute besteht darin, daß sie sich
+gegenseitig die Läuse vom Kopfe suchen und sich in den Mund stecken,
+sowie daß sie einander mit ihrem Speichel das Gesicht waschen. Die
+Giljaken behandeln ihre Frauen im allgemeinen gut; wenn dies nicht der
+Fall ist, dann verläßt die Gattin einfach ihren Mann und wird die Frau
+eines anderen, der den Brautpreis für sie erlegt.
+
+Da die Frau durch den Kalym Eigentum des Mannes wird, so kann er mit
+ihr machen, was er will. Er kann sie auch züchtigen, sowie weiter
+verhandeln, vertauschen und verschenken. Gegenseitiger Austausch der
+Ehefrau war unter den Aleuten, Jakuten und Itälmen üblich. Ebenso
+kann ein Korjäke seine Frau einem Freunde, selbst wenn dieser schon
+verheiratet ist, für längere Zeit durch Vertrag überlassen. Sehr
+verbreitet ist unter den Sibiriern (Tschuktschen, Tungusen, Korjäken,
+Samojeden und so weiter) die Sitte, einem Gastfreunde, um ihn besonders
+zu ehren, Frau, Tochter oder Schwiegertochter für die Nacht zu
+überlassen. Als Zeichen einer solchen Annäherung von seiten der Frau
+gilt bei den Tschuktschen ein Kitzeln der Fußsohle des Gastes.
+
+[Illustration: Abb. 312. Junger Golde auf der Brautschau.]
+
+Eine +Scheidung+ der Ehe geht leicht vor sich. Ist ein Mann mit seiner
+Frau nicht zufrieden oder ist er ihrer überdrüssig geworden, dann
+sendet er sie einfach ihren Eltern zurück; er ist dann allerdings
+verpflichtet, den Kalym zurückzuerstatten. Einer Witwe ist es erlaubt,
+wieder zu heiraten; falls sie es aber nicht tut, steigt sie bei den
+Giljaken in der Achtung. Bei den Ostjaken siedelt die Witwe nach
+dem Tode ihres Mannes zu den Eltern des Verstorbenen über, die sie
+dann wieder wie ihre eigene Tochter verheiraten können; sind die
+Schwiegereltern schon gestorben, dann kehrt die Frau zu ihren eigenen
+Eltern zurück.
+
+Mit der +Sittlichkeit+ der Sibirier ist es im allgemeinen nicht
+sonderlich gut bestellt. Die unverheirateten Mädchen haben in
+geschlechtlicher Hinsicht vollständige Freiheit; niemand nimmt daran
+Anstoß, wenn sie vor der Ehe Verkehr haben, wohl aber wird es für
+entehrend gehalten, wenn dieser von Folgen begleitet ist. Daher ist der
+Kindsmord keine ungewöhnliche Erscheinung.
+
+Bei Erkrankungen eines Menschen pflegt man den Schamanen zu rufen, der
+durch Beschwörung (wie wir oben schilderten) versucht, die entwichene
+Seele wieder einzufangen und zurückzubringen. Ist seine Kunst
+vergeblich und steht der +Tod+ des Kranken zu erwarten, dann schrecken
+die Tschuktschen nicht davor zurück, ihn auf gewaltsame Weise aus dem
+Wege zu räumen. Wenn der Kranke in Schlummer verfallen ist, legen sie
+um seinen Hals einen Riemen und schnüren ihm damit die Kehle zu (Abb.
+314). Nach Eintritt des Todes wird die Brust geöffnet und die Luftröhre
+durchschnitten. Es kommt auch vor, daß alte Leute, die des Lebens
+überdrüssig geworden sind, ihre Angehörigen angehen, sie ins Jenseits
+zu befördern; diesem ihrem Wunsche wird dann auch entsprochen. An
+demselben Tage noch wird der Leichnam in Felle eingehüllt und auf einem
+Renntierschlitten auf eine Hochebene oder in die Wildnis gefahren, wo
+man ihn vollkommen nackt mit nach Nordosten gerichtetem Kopfe einfach
+auf den Boden hinlegt und den Tieren zum Fraße überläßt (Abb. 315).
+Der Schlitten, der ihn dorthin brachte, wird zerhackt, die Renntiere,
+die ihn zogen, werden getötet und einige Streifen ihres Fleisches
+über den Toten gelegt. Meistens umgibt man den Toten noch mit einer
+Steinumwallung in Form eines Rechtecks und setzt einen kleinen Napf mit
+etwas Wegzehrung für die Reise ins Jenseits neben ihn, ferner einige
+Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, wie seine Pfeife und sein
+Messer, damit er sich ihrer auch dort bediene, wie hier auf Erden. Nie
+wieder wird die Begräbnisstätte von den Angehörigen betreten.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
+
+Abb. 313. Heidnische Krankenheilung bei den Tschuktschen durch
+Suggestion (Auflegen eines Stabes auf den Kopf).]
+
+Nach dem Tode eines Ostjaken zündet man im Tschum um die Leiche ein
+Feuer an und läßt den Schamanen kommen, damit er den Toten frage,
+auf welchem Friedhofe er beerdigt sein will. Dies geschieht in der
+Weise, daß man den Ort nennt und den Kopf der Leiche zu erheben sucht.
+Das Einverständnis erkennt man daran, daß der Tote dieses zuläßt; im
+anderen Falle würden drei Männer nicht imstande sein, seinen Kopf
+zu heben. Die Frage muß solange wiederholt werden, bis der Tote
+einwilligt. Darauf wird die festlich gekleidete Leiche entweder in
+einen Sarg oder in ein Boot gelegt; das letztere zerschneiden sie zu
+diesem Zwecke in zwei Hälften, in die eine kommt die Leiche zu liegen,
+mit der anderen wird sie zugedeckt. Sodann wird sie in einer Grube
+beigesetzt, wobei der Sarg erst mit Birkenrinde und dann mit Erde
+bedeckt wird.
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Globus“.
+
+Abb. 314. Kamitok bei den Tschuktschen.]
+
+Das Grab wird überdacht nach Art eines Hauses oder einer Jurte, doch
+bleibt in dem Dache eine Öffnung, um dem bösen Geist einen Ausweg
+zu lassen. Durch die gleiche Öffnung reicht man dem Verstorbenen
+Speise und Branntwein. Auf das Dach werden allerlei Gegenstände
+gelegt, ein Schlitten, ein Stein, Körbe, ein kleines Täschchen, ein
+Ruder und anderes mehr, unter das Dach stellt man auf das Grab eine
+Schale und einen Löffel, um den Verstorbenen bei Gelegenheit seines
+Gedächtnismahles zu speisen. Ein solches wird nämlich fünf Tage nach
+dem Tode eines Mannes und vier nach dem eines Weibes abgehalten;
+dabei werden Renntiere geopfert und verspeist, sowie Branntwein dazu
+getrunken. Nach dem Leichenmahle spießt man die Schädel der Opfertiere
+auf Pfähle (Abb. 316) und behängt letztere mit deren Geschirr, sowie
+mit kleinen Glocken. Der Schlitten, der die Leiche nach dem Friedhof
+brachte, wird zerschlagen. Zum Zeichen der Trauer tragen die Weiber
+einige Tage ihre Zöpfe aufgelöst. Eine Ostjakenehefrau zerkratzt sich
+beim Tode ihres Gatten das Gesicht mit den Nägeln, reißt sich die Haare
+aus und wirft sie auf die Leiche. Außerdem zieht sie einem hölzernen
+Block, dem man annähernd die Gestalt ihres Mannes gegeben hat, die
+Kleider ihres Gatten an, stellt ihn an den Ort, wo er zu sitzen
+pflegte, nimmt ihn nachts mit auf ihr Lager und küßt ihn; so treibt sie
+es ein volles Jahr lang, worauf sie den Klotz unter Tränen begräbt.
+
+Bei den Jakuten wird der Verstorbene am dritten Tage in einem mit einem
+weißen Tuche vollständig bedeckten Sarge auf einem von Ochsen (niemals
+von Pferden) gezogenen Schlitten zur Grabstätte hinausgebracht. Niemand
+begleitet ihn außer den Trägern und Totengräbern; die letzteren
+schaufeln in größter Hast das Grab aus und eilen dann schnell nach
+Hause, bei der Heimkehr dürfen sie sich aber auf keinen Fall umsehen.
+Zu Hause führen sie dann die Tiere, die die Leiche zogen, durch ein
+Feuer, das sie aus den Abfällen des Sarges und dem Stroh, auf dem der
+Tote lag, entzünden. Die Spaten und auch die sonstigen Werkzeuge, mit
+denen sie beim Grabe hantierten, werden an diesem zurückgelassen; bei
+einem Kinde dagegen legt man dessen Spielzeug auf das Grab und hängt
+seine Wiege nebenan an einem Baume auf. Ist ein Schamane beerdigt
+worden, dann werden seine Zaubertrommel und sein Kostüm ebenfalls am
+Grabe aufgehängt. Man begräbt diese Leute bei Nacht oder wenigstens am
+Abend in großer Eile und meidet späterhin ihre Stätte ängstlich.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. des American Museum of Natural History, New York.
+
+Abb. 315. Begräbnisplatz der Tschuktschen auf einer Hochebene in den
+Tschannbergen.]
+
+Die Frau eines Golde legt sich des Nachts neben den verstorbenen
+Ehemann und deckt sich mit dem gleichen Tuche wie die Leiche zu; sie
+glaubt nämlich, daß seine Seele noch nicht fortgegangen sei, sondern so
+lange im Hause weile, bis der Schamane sie ins Jenseits geführt hat.
+Auch nach dem Begräbnis geht die Witwe von Zeit zu Zeit nach dem Grabe
+des Gatten und legt sich hier nieder. Am nächsten Tage nach dem Tode
+wird die Leiche durch das Fenster gehoben und auf der Straße in den
+Zedernholzsarg gelegt; unter ihren Kopf legen die Frauen aus Papier
+geschnittene Tierfiguren und unter die Füße einen Stein; dies ist
+nötig, um ins Jenseits zu gelangen. Auf dem Wege zur Grabstätte wird
+mehrere Male haltgemacht und der Sarg jedesmal mit Branntwein begossen;
+dabei ruft man dem Toten noch die Worte zu: „Trinke, gute Reise in das
+Land der Seelen; komm nicht wieder und nimm keines deiner Kinder und
+Tiere mit.“ Der Sarg wird in einer Grube beigesetzt und über ihm eine
+Hütte errichtet, in die man die Jagdgeräte und Lieblingsgegenstände
+des Toten legt. Währenddessen zünden die Frauen neben der Grabstätte
+ein großes Feuer an und bitten den Toten noch einmal, daß er nicht
+wieder kommen und niemand nach sich ziehen möge. Hierauf wird ein Hund
+getötet, an einem Baume aufgehängt und mit Hirschfell bedeckt. Zu Hause
+wäscht sich die Witwe Hände und Gesicht und verbrennt wohlriechende
+Kräuter. Sodann werden die Vorratsräume, die, solange der Tote noch
+im Hause lag, geschlossen waren, wieder geöffnet und ein Totenmahl
+abgehalten.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.
+
+Abb. 316. Ein Begräbnis bei den Ostjaken.]
+
+Nach einigen Monaten findet sich ein Schamane ein, um die Seele des
+Verstorbenen mit Hilfe des Vogels Koori (eines aus Holz geschnitzten,
+mit rotem Rehfell überzogenen Vogels von der Gestalt eines Kranichs)
+und des Schutzgeistes Butschtschu (einer gleichfalls mit Rehfell
+überzogenen geflügelten menschlichen Figur mit krummen Beinen) auf
+ihrem Wege ins Jenseits zu begleiten, zu dem sie nicht allein den Weg
+kennt, sondern auch die Namen der Orte, die die Seele zu passieren
+hat -- es sind achtzehn Stationen -- und die Gefahren, die sich ihr
+auf dem Wege entgegenstellen. Der Schamane macht im Geiste bei seiner
+Beschwörung alle die furchtbaren Qualen angeblich mit durch und kehrt
+nach dem Erwachen aus seinem Dämmerzustand völlig erschöpft auf dem
+Vogel Koori und im Gefolge des Geistes Butschtschu wieder heim. Bis der
+Schamane ihre Führung übernimmt, hält sich die Seele des Abgeschiedenen
+in einem kleinen viereckigen Kissen auf, das man zu diesem Zwecke
+anfertigt. Man behandelt dasselbe wie eine lebende Person; man spricht
+mit ihm, gibt ihm zu essen und zu trinken und bedeckt es von Zeit zu
+Zeit mit den neuen Kleidern des Verstorbenen. Sobald aber die Seele ins
+Jenseits hinüber befördert worden ist, wird das Kissen zerrissen und
+ins Feuer geworfen. Damit sind alle Beziehungen zu dem Toten für immer
+aufgehoben, und die Witwe kann jetzt wieder heiraten.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Major P. M. Sykes.
+
+Abb. 317. Persische Tänzer, wie sie sich zu Hochzeiten und anderen
+Festlichkeiten einfinden.
+
+Ihre Tänze bestehen in Stellungen und Wendungen unter Musikbegleitung.]
+
+
+
+
+Iran.
+
+
+Iran, ein Hochland, das sich als Bindeglied zwischen
+Türkisch-Vorderasien und Indien hinzieht und in fast allen Richtungen
+zu der es umgebenden Niederung abfällt, umfaßt die drei Länder Persien,
+Afghanistan und Beludschistan. Seine Bewohner (Iranier) sind in der
+Hauptsache arischer, also nordeuropäischer Herkunft, haben sich aber
+teils mit der vor ihnen ansässigen Urbevölkerung, teils mit später
+eingewanderten Mongolen mehr oder weniger vermischt. +Sprachlich+
+zerfallen die Iranier in die Perser, Afghanen, Beludschen und Kurden;
+alle diese Völker sprechen indogermanische Dialekte.
+
+Der Grundstock der iranischen Bevölkerung gehört der
+zentralasiatischen, den Mongolen verwandten Rasse an, die sich durch
+kleine Gestalt, dunkle Haut und runden Schädel auszeichnet; man trifft
+sie noch in zusammenhängender Masse an vielen Orten an. Augenscheinlich
+wurde sie hierhin durch die von Osten her vordringenden langköpfigen
+und hellfarbigen Angehörigen der nordeuropäischen (arischen) Rasse,
+die sich mit ihr mehr oder minder vermischten, zurückgedrängt.
+Ihre Vertreter sind hauptsächlich die Tadschik und die Galtscha.
+Bekanntlich hat die gleiche Rasse auch an der Zusammensetzung der
+mitteleuropäischen Bevölkerung, vor allem in den Alpenländern bis nach
+dem zentralen Hochplateau Frankreichs hin, den Hauptanteil genommen;
+französische Autoren haben die Tadschik nicht mit Unrecht als die
+„Savoyarden von Kohistan“ bezeichnet.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 318. Islamitischer Perser beim Gebet,
+
+das er fünfmal täglich verrichten muß. Der Muezzin ruft vom Minarett
+der Moschee die Zeit dazu aus.]
+
+Unter der iranischen Bevölkerung nehmen die erste Stelle, sowohl ihrer
+Zahl als auch ihrer Kultur und weltgeschichtlichen Bedeutung nach,
+die +Perser+ ein. Sie sind die allerdings mit mongolischen Elementen
+durchsetzten Nachkommen der alten Perser der Geschichte und dürfen als
+die verhältnismäßig reinsten Vertreter des arischen Typus angesehen
+werden. Ihre äußere Erscheinung ist gekennzeichnet durch hohe Statur,
+schönen Wuchs mit schlanken Gliedmaßen, schlichtes dunkles Haar,
+dunklen Teint (heller Milchkaffee), länglichen Schädel, ovales Gesicht,
+große, hellbraune Augen, edelgeformte, gerade oder leicht gebogene
+Nase, dünne Lippen und schmales Kinn. In zweiter Linie kommen die
++Afghanen+ oder Paschtu; auch sie sind Vertreter des indoeuropäischen
+Typus mit der Eigentümlichkeit, daß ihr Gesicht einen sozusagen
+jüdischen Zug aufweist, nämlich eine kräftig gebogene Nase. Nach der
+Volksüberlieferung sollen ihre Vorfahren tatsächlich in Syrien gewohnt
+haben, bis Nebukadnezar die Bewohner dieses Landes gefangennahm und
+zum Auswandern nötigte; sie wurden zunächst von ihm in Persien und
+Medien angesiedelt, drangen dann aber von hier weiter ostwärts bis in
+die heutigen Gebiete von Afghanistan vor, wobei sie die eigentlichen
+Arier nach Indien vor sich herschoben. Die Afghanen zerfallen in eine
+Reihe Stämme, von denen die Durami, Ghilzai, Nasir, Pathan, Khattar
+und Kafir die wichtigsten sind. Im wesentlichen betreiben alle das
+Kriegshandwerk; mit ihren langen Flinten, Dolchmessern, sowie mit Bogen
+und Pfeilen verstehen sie gut umzugehen. Nebenbei aber sind sie auch
+Ackerbauer und Viehzüchter.
+
+Die +Beludschen+ oder Biloch, die sich bis nach Indien hinein
+verbreiten, lassen in ihrem Äußeren bereits mehr fremdländischen
+Einschlag als die beiden genannten Völker erkennen. Die nördlichen
+Teile ihres Landes werden vorzugsweise von türkischen, die südlichen
+von arabischen Stämmen eingenommen, und nach Südwesten haben sich
+schwarze Drawida (die Brahui) vorgeschoben. Die Beludschen sind
+umherziehende Nomaden, die aber gleichfalls sehr kriegerisch und durch
+ihre räuberischen Einfälle ins persische Grenzgebiet gefürchtet sind.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 319. Persisches Gastmahl,
+
+das mit Teetrinken und Nüsseessen eröffnet wird. Nach zweistündigem
+Plaudern wird erst das richtige Mahl vorgesetzt. Man ißt unter
+Stillschweigen und sehr rasch. Die Gäste ziehen sich unmittelbar darauf
+zurück.]
+
+Ihrem +Glaubensbekenntnis+ nach sind alle Iranier Anhänger der
+Lehre Mohammeds; die religiösen Gebräuche (Abb. 318 und 320) und
+Festlichkeiten (Abb. 319) sind daher meistens die gleichen wie sonst
+in der Welt des Islams. Sie spalten sich aber in zwei sich feindlich
+gegenüberstehende große Sekten, in die Sunniten in Afghanistan und
+Beludschistan -- auch die Kurden bekennen sich als solche -- und in
+die Schiiten in Persien. Die +Sunniten+ oder Traditionisten, die die
+große Mehrheit der Mohammedaner in Indien und der Türkei ausmachen,
+hängen an der Sunna, einer Sammlung von Überlieferungen über die
+Gebräuche und Vorschriften des Islams, die bereits zu Zeiten des
+Propheten in Medina entstand, und erklären sie als gleichberechtigt
+neben dem Koran, den gesammelten Offenbarungen des Propheten. Unter
+diesen orthodoxen Anhängern der Lehre Mohammeds gibt es wieder viele
+Abstufungen, von den hochgradigen fanatischen Afghanen (zum Beispiel
+im Kabultale) an bis zu den die Sache leichter auffassenden Beludschen
+herab, denen es meist genügt, wenn ihr Häuptling für den ganzen Stamm
+die Gebete verrichtet. Die +Schiiten+ dagegen erkennen nur den Koran
+an und halten Mohammeds Schwiegersohn Ali für den ersten rechtmäßigen
+Kalifen und seine Nachkommen, die im Bürgerkriege unterlagen, für
+seine wahren Nachfolger. Nach dem Tode des Propheten nämlich wurde
+Ali zugunsten seiner Rivalen um das Kalifat dreimal übergangen und
+bald darauf meuchlings ermordet. Ebenso fiel sein unglücklicher Sohn
+Hussein, der die Rechte des Vaters geltend machen wollte, in der Ebene
+von Kerbela am Tigris. Diese Tragödie rief so tiefes Mitgefühl für das
+Haus Ali hervor, daß seine Anhänger ihn fortan als den Schutzheiligen
+von Persien betrachteten, auf die gleiche Stufe mit Mohammed stellten
+und seitdem nicht mehr nach Mekka, sondern nach Kerbela am Tigris
+pilgern, wo sich das Grab Husseins und seines Bruders Hassan befindet.
+Die Nachkommen Alis vom Vater auf den Sohn, die Imame, werden von den
+Schiiten allein als die wahren geistlichen Führer, als die wahren und
+unfehlbaren Kalifen angesehen. Die Schiiten erwarten auch noch einen
+Messias, den Mahdi, der natürlich auch ein Nachkomme Alis sein wird;
+schon mehrfach haben sich Betrüger und Aufrührer für ihn ausgegeben.
+
+Neben den Mohammedanern gibt es in Persien noch Anhänger der
+altiranischen Avestalehre oder Zoroasterreligion, die uns schon
+bekannten +Parsen+ (Parsis). Sie sind hier allerdings nicht sehr
+zahlreich vertreten, da die meisten nach der Zerstörung des Reiches der
+Sassaniden nach Indien auswanderten; aber sie bilden doch ein wichtiges
+Element im wirtschaftlichen Leben, zumal reiche und gebildete Leute
+(Bankiers und Gelehrte) zu ihnen gehören.
+
+Die +Kleidung+ (Abb. 318 u. 320) der Perser besteht in einem
+baumwollenen langen, meist reich bestickten Hemd mit weiten Ärmeln,
+leinenen Hosen, die um die Hüften mit einer roten oder grünen seidenen
+Schnur zusammengehalten werden, einem kragenlosen, kaftanartigen
+Überrock aus Baumwolle oder Seide und einem vorn offenen, in seiner
+Länge nach der sozialen Stellung des Trägers sehr verschiedenen, häufig
+pelzverbrämten Mantel, der mit einem Gürtel geschlossen wird und dessen
+Falten die Stelle von Taschen vertreten. Die Frauen (Abb. 321) kleiden
+sich in ganz derselben Weise; sie ziehen sich ebenfalls Hosen an, die
+bei wohlhabenderen Damen aus einem kostbaren, reich bestickten oder
+perlenbesetzten Stoffe (Goldbrokat) angefertigt zu sein pflegen. Auf
+der Straße gehen sie mit verhüllten Gesichtern (Abb. 322), wie es der
+Koran vorschreibt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 320. Islamitischer Perser beim Gebet.]
+
+Die Perser +wohnen+ in Häusern aus lufttrockenen Ziegeln oder, in
+waldreichen Gegenden, aus Holz. Die reichen Leute leisten sich recht
+luxuriöse Paläste. -- Als +Nahrung+ dient ihnen in erster Linie Reis,
+entweder gedämpft und getrocknet (Tschillau) oder mit Lammfleisch zu
+einer Art Pudding hergerichtet (Pillau) oder schließlich auch als
+Suppe (Arsh). Außerdem werden Lammfleisch (die einzige Fleischsorte),
+Hühner, Milch, Gerstenbrot, Früchte und besonders viel Süßigkeiten von
+ihnen genossen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 321. Perserin der wohlhabenden Klasse
+
+in Besuchskleidung nach Ablegung des schwarzen Straßenumhängetuchs.]
+
+Die Perser gelten für besonders +fanatische Schiiten+. In Erinnerung
+an die Tragödie von Kerbela wird alljährlich im Monat Mohurrum eine
+Art +Passionsspiele+ aufgeführt, durch die alles in so hochgradige
+Aufregung gerät, daß es keineswegs zu den Seltenheiten gehört, wenn
+ein Schauspieler, der den Mörder des Imams Hussein darstellt, in
+Wirklichkeit getötet wird. Am zehnten Tage des Festes finden Umzüge von
+Männern und Knaben aus allen Gegenden durch die Straßen statt, wobei
+sich die Teilnehmer rhythmisch mit dem Rufe „O Hassan, o Hussein“ auf
+die Brust schlagen. Besonders fanatische Leute, die die Prozessionen
+(Abb. 323) anführen, sind in Totengewänder gekleidet und tragen am
+bloßen Körper Ketten, Hufeisen und Dolche, mit denen sie sich unter
+lautem Aufschreien Wunden beibringen (Abb. 324 und die farbige
+Kunstbeilage) und andere dazu ermuntern. In Yedz, einer abgelegenen
+Stadt mit besonders fanatischer Bevölkerung, wird ein mächtiges, mit
+Fahnen, Spiegeln, Schwertern und Dolchen ausgeputztes und mit Schals
+behangenes Gerüst langsam von fünfhundert Männern um den freien Platz
+der Stadt getragen (Abb. 327). Wer diesen Passionsspielen (Abb. 326)
+einmal beigewohnt hat, wird von der Tiefe der Gefühle, die hier zum
+Ausdruck kommen, ergriffen und wird auf der anderen Seite auch den Haß
+verstehen, mit dem die Schiiten ihre Feinde, die Sunniten, beständig
+verfolgen. Die heilige Stadt Persiens, der Stolz der Schiitenwelt, ist
+Mesched, denn dort ruhen unter einer goldenen Kuppel die sterblichen
+Überreste des achten Imams, namens Riza. Der Kalif Mamun, der Sohn des
+bekannten Harun al Raschid, der dort ebenfalls begraben liegt, ernannte
+diesen Imam zu seinem Erben in Anerkennung der Ansprüche des Hauses
+Ali, mußte aber diese Verfügung, die in Bagdad einen mächtigen Sturm
+der Entrüstung hervorrief, nicht nur wieder zurücknehmen, sondern ließ
+den Imam obendrein auch noch vergiften. Auf manchem persischen Bild
+findet sich dieser Vorgang wiedergegeben. Für fromme Schiiten bedeutet
+eine +Pilgerfahrt+ (Abb. 330) nach +Mesched+ das Höchste im Leben und
+steht bei ihnen in dem gleichen Ansehen, wie eine solche nach Mekka bei
+den Sunniten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. N. P. Edwards.
+
+Abb. 322. Perserin im Straßenkleid.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 323. Szene aus der Prozession am Mohurrumfeste.
+
+Alle Gläubigen tragen während der Feier Trauerkleidung.]
+
+Die Pilger ziehen in großen Karawanen unter der Obhut eines Chausch
+oder Führers, der für ganz besonders tapfer und umsichtig gilt,
+dorthin; reiche Leute lassen sich von einem Mullah oder Priester
+begleiten, der ihnen Gebete oder Stellen aus den Passionsspielen
+vorliest, worauf manchmal alle Teilnehmer des Pilgerzuges antworten,
+so daß die Wüste von ihren Gesängen und Gebeten widerhallt. So wandern
+die Pilger Tag und Nacht weiter, alle fünfzehn Meilen etwa machen
+sie halt, und wenn sie aus dem südlichen Persien kommen, schrecken
+sie nicht einmal vor den Gefährlichkeiten des Lut, des schrecklichen
+„Toten Herzens“ Irans, zurück, wo die Nahrungsmittel sehr knapp sind
+und das Wasser salzig und schwer zu bekommen ist und wo außerdem
+Räuberbanden den unbewaffneten Wanderern auflauern. Wer diese
+Schrecknisse überwunden hat und an dem „Berge des Heils“ angelangt ist,
+für den bedeutet es dann das höchste Glück, auf die in grünen Gärten
+gebettete heilige Stadt mit dem goldenen Glanz ihrer Kuppeln und Türme
+hinabzuschauen und mit Freudentränen in ein Gebet einzustimmen. Nach
+einem Reinigungsbad legt der Pilger einen neuen Anzug an und betritt
+die „heilige Schwelle“ durch eine Pforte, über der Ketten hängen,
+zum Zeichen, daß er seine Füße auf geweihte Erde setzt. Sein Weg
+führt ihn zunächst über einen alten Hof, dessen Häuser mit ausgesucht
+feinen Ziegeln bedeckt sind, und dann weiter durch ein reich mit Gold
+bekleidetes Portal zu einer sehr geräumigen Halle, die unter dem Namen
+„Ort der Größe“ bekannt ist; von hier aus vermag er durch ein Gitter
+bereits in die Grabkammer hineinzusehen, muß aber noch eine zweite
+Halle durchschreiten, bis er die Freude erlebt, sich in Andacht auf
+der Schwelle des goldenen Tores niederzuwerfen. Geläutert erhebt er
+sich nach inbrünstigem Gebet, nähert sich dem reichen Gitterwerk und
+küßt das Schloß. Von dem Reichtum der Grabkammer kann man sich kaum
+eine Vorstellung machen. Das Grab ist durch drei Gitter geschützt,
+von denen das mittlere aus Silber angefertigt und mit Edelsteinen
+besetzt ist; darüber hängen sehr kostbare Reiherbüsche, mit Juwelen
+besetzte Schwerter und Dolche, vielfach Geschenke von Fürsten. Am Fuß
+des Grabes befindet sich eine mit Goldplatten bedeckte und ebenfalls
+mit Edelsteinen reich verzierte Tür, kurz gesagt, das ganze Gemach
+flutet sozusagen in einem Meer von Glanz. Die Pilger umkreisen das Grab
+dreimal; dabei fluchen sie allen Feinden des Imams, im besonderen dem
+Harun al Raschid, worauf sie zum Schluß noch zu Allah beten.
+
+Eine auf den Straßen Persiens beinahe alltägliche Erscheinung sind
+die Derwische (Abb. 325), Bettelmönche, die nicht nur durch ihre
+sonderbaren Manieren, sondern auch durch ihre phantastische Tracht
+auffallen. Auf dem Kopf tragen sie eine weiße, mit Koransprüchen
+oder den Namen der zwölf Imame bestickte spitze Mütze, um Hals und
+Brust Glasperlen in allen Farben, sowie hölzerne Kugeln und über den
+Schultern noch ein Wolfs- oder Pantherfell, in der Hand meistens eine
+Stahlaxt, die mit goldenen und silbernen Einlegearbeiten versehen ist,
+oder wenigstens einen mit Nägeln und eisernen Knöpfen oder Spitzen
+besetzten schweren Knüppel; an Messingketten hängt ihnen vom Arme die
+Opferschale herab. Mit einem Horn künden sie ihr Erscheinen an und
+blasen vor einem Haus so lange, bis man ihnen eine Gabe spendet.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 324. Selbstverstümmelung fanatischer Teilnehmer am Mohurrumfeste
+
+durch Einschneiden in die Kopfhaut, bis Blut über ihre Kleider fließt.]
+
+In Persien herrscht ein doppeltes +Recht+, das religiöse und
+das allgemeine. Das erstere, das sich auf den Koran, die
+niedergeschriebenen Ansichten der zwölf Imame und auf die
+Kommentare einer Schule kirchlicher Rechtsgelehrter stützt, wird
+von den religiösen Behörden vertreten, das andere dagegen, das
+auf ungeschriebenen Bräuchen und auf der Überlieferung fußt,
+von den weltlichen Behörden, die ihre Entscheidungen lediglich
+nach ihrem eigenen Ermessen von Recht und Unrecht treffen. Die
+allgemein übliche +Strafe+, die in Persien von Behörden, Lehrern und
+Haushaltungsvorständen verhängt werden darf, besteht in +Stockhieben+;
+wer diese Strafe erhält, „ißt Stöcke“, wie es im Volksmunde heißt. Man
+wirft ihn auf den Rücken, bindet seine Füße an eine Stange, die von
+zwei Männern gehalten wird, und schlägt ihn auf die nach oben sehenden
+Fußsohlen (Abb. 328). Die Männer, die diese Strafe vollziehen, sind
+aber leicht der Bestechung zugänglich; wenn der Delinquent ihnen ein
+Geschenk verspricht, lassen sie ihre Schläge auf die Stange anstatt
+auf die Füße gehen, zum Scheine aber muß das Opfer dann furchtbar
+stöhnen und schreien. Es gibt aber noch viel qualvollere Strafen, wie
+das Einsperren in Türme, in denen der Verbrecher unter großen Qualen
+schmachten muß, das Beschlagen der Füße mit Hufeisen, das Aufpfählen,
+das Hautabziehen bei lebendigem Leibe und das Erschießen mit einer
+Kanone; allerdings werden diese Strafen heutzutage seltener als noch
+vor wenigen Jahrzehnten verhängt. Allgemein hat in Persien noch der
+alte biblische Ausspruch Geltung: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“; ein
+Mörder wird oft zur Vergeltung seines Verbrechens der Familie des
+Getöteten übergeben.
+
+[Illustration: Abb. 325. Persischer Derwisch.]
+
+Der Lieblingswunsch jeder wahren Perserfrau geht dahin, +Kinder zur
+Welt zu bringen+. Um dies zu erreichen, sammelt eine Frau in Mesched
+am letzten Mittwoch des Monats Safar sieben Walnüsse, ebensoviel
+Mandeln und Blätter eines Krautes, sowie drei Fäden so lang wie sie
+selbst groß ist, und besucht am anderen Morgen, von einem alten Weibe
+begleitet, den berühmten Steinlöwen. Hier öffnet sie, nachdem einige
+Gebete verlesen worden sind, die Nüsse und geht dreimal unter dem
+Löwen hindurch (Abb. 329). Dieser Brauch wird in Mesched und Hamadan
+beobachtet. In anderen Städten wird das Grab eines kurz zuvor getöteten
+Mannes und in Teheran die berühmte „Perlenkanone“ am letzten Mittwoch
+vor Neujahr in ähnlicher Absicht aufgesucht, angeblich stets mit
+gutem Erfolge. Hat die Frau ihren Wunsch erreicht, das heißt ist sie
++schwanger+ geworden, dann treten an sie +verschiedene Verbote+ heran.
+So darf sie über keinen Kirchhof schreiten, auch nachts nicht in eine
+Küche treten, weil sie dann von einem bösen Geist (Dschinn) heimgesucht
+werden könnte; bei etwaiger Mondfinsternis darf sie nicht in den Mond
+sehen, ebensowenig ihren Körper mit den Händen berühren, da dies
+unfehlbar auf dem Körper des Kindes ein schwarzes Zeichen hervorbringen
+würde.
+
+[Illustration: Mohurrumfest in Persien.
+
+Die fanatischen Gläubigen bringen sich selbst Wunden bei.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 326. Passionsspiele zur Erinnerung an Hassan und Hussein,
+
+die alle Jahre im Monat Mohurrum abgehalten werden. Die Szene spielt
+sich auf dem Innenhofe einer Moschee ab; die Plattform ist über dem
+künstlichen Gewässer im Hofe errichtet. An den Seiten ist Platz für den
+Umzug gelassen.]
+
+Um ein +leichtes Kindbett+ zu erzielen, muß man einen Erdklumpen
+zurechtmachen, das Eingangskapitel des Korans daraufhauchen und
+dann den Kloß in den Brunnen werfen. Im westlichen Persien schießt
+man Flinten ab, wenn eine Frau in den Wehen liegt, um Dämonen zu
+vertreiben, oder man legt einen Säbel neben die Kreißende oder setzt
+auf dem flachen Dache des Hauses eine Reihe als Soldaten angezogener
+Puppen durch Fäden in Bewegung. Zögert trotzdem die Geburt, dann läßt
+der Ehemann einen Schimmel von der nackten Brust seiner Frau Gerste
+fressen. Manche Pferde haben durch solchen vermeintlich günstigen
+Einfluß einen gewissen Ruf bekommen, und es geschieht dann, daß sich
+in einem Dorfe die Männer zweier Frauen, die gleichzeitig Geburtswehen
+verspüren, um dieses Heilmittel streiten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 327. Das Banner des Propheten
+
+inmitten einer Pilgergruppe beim Hassan-Hussein-Fest.]
+
+Sobald ein +Knabe geboren+ ist, wird er fest wie eine Mumie
+eingewickelt, seine Augen werden mit Antimon geschwärzt und um seinen
+rechten Arm werden ein oder mehrere Amulette gebunden, um den bösen
+Blick abzuwenden. Dasselbe will die Hebamme dadurch erreichen, daß
+sie das Kind dreimal feierlichst Hals über Kopf umdreht. -- Während
+des +Wochenbetts+ darf kein Glas Wasser ins Zimmer gebracht werden,
+das würde Schielaugen beim Kinde zur Folge haben; ebensowenig darf
+es jemand, der Trauer hat, betreten, denn das würde Unglück bringen.
+Am siebenten Tage reibt man die Gelenke des Kindes mit Antimon ein.
+Verwandte und Freunde setzen sich dann in einem Kreis um dasselbe
+herum und schieben das Kind dreimal durch eine Rolle, auf der das
+schon öfters erwähnte Yasinkapitel des Korans geschrieben steht. Die
+persischen Mütter nähren ihre Lieblinge zwei Jahre lang; sie sind
+auf das Erscheinen des ersten Zahnes noch mehr erpicht als unsere
+Mütter. Denn sollte sich ein Zahn zuerst in dem Oberkiefer zeigen,
+dann stünde den Eltern ein furchtbares Unglück, vielleicht selbst der
+Tod bevor, falls nicht etwa, um das Unheil abzuwenden, das Kind vom
+Dache heruntergeworfen wird. Um nun in solchem Falle zu vermeiden, daß
+dieses gewaltsame Heilmittel einen noch schlimmeren Ausgang nehme als
+die Krankheit selbst, fangen vier Männer das fallende Kind mit einer
+ausgespannten Decke auf.
+
+Eine +Einweihungsfeierlichkeit+ (Beschneidung) +der Knaben+ bis zum
+Alter von vierzehn Jahren wird allen Anhängern des Islams zur strengen
+Pflicht gemacht; bei den Reichen erfolgt diese Aufnahme bereits im
+Alter von acht Jahren. Freunde und Verwandte nehmen an diesem Feste
+teil. Ist die Zeremonie vorüber, dann wird ein Kohlenbecken mit Raute
+gefüllt und diese angezündet, um durch den Rauch Unglück abzuwenden;
+jeder der Anwesenden wirft eine Münze in die Flamme.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 328. Persische Bastonade.]
+
+Die +Heirat+ erfolgt in Persien bereits in frühem Alter; für gewöhnlich
+wird für den Jüngling, wenn er das achtzehnte Jahr erreicht hat,
+von seiner Mutter Umschau nach einer geeigneten Frau gehalten, aber
+oft genug werden auch schon vierzehnjährige Knaben mit elfjährigen
+Mädchen verheiratet. Der Grund hierfür liegt in dem in Persien noch
+herrschenden Patriarchat, in dem Wunsche des Vaters, eine möglichst
+junge Schwiegertochter ins Haus zu bekommen, damit sie sich unter
+geringeren Schwierigkeiten an die neue Familie gewöhne, als dies bei
+einer schon älteren der Fall sein würde. Die Mutter hält also für
+ihren Sohn Umschau und sucht ihm, wenn möglich, eine Cousine aus,
+da diese sich bei ihren Verwandten bereits wie zu Hause fühlt. Läßt
+sich dies aber nicht einrichten, dann treten besondere Vermittler in
+Tätigkeit. Ist ein passendes Mädchen aus entsprechender Familie und
+mit entsprechendem Vermögen gefunden, dann machen die Mutter und
+ihre Schwester der neuen Familie einen formellen Besuch. Dabei wird
+das junge Mädchen aufgefordert, Zucker und Wasser hereinzuholen. Sie
+zieht sich zurück und legt ihre besten Kleider an; bei der Rückkehr
+wird sie von den Besuchern umarmt und aufs genauste untersucht, sogar
+ihre Haare werden auf Echtheit geprüft. Hieran schließt sich eine
+lange Besprechung, an der das Mädchen aber nicht teilnehmen darf.
+Beide Parteien übertreiben mit echt persischer Phantasie die Vorzüge
+ihrer Kinder und der beiderseitigen sozialen Stellung. In der nächsten
+Zeit suchen es die Frauen häufig so einzurichten, daß das Mädchen
+seinen Zukünftigen zu Gesicht bekommt, was sich leicht machen läßt,
+wenn er vorüberreitet oder spazieren geht. Es verstößt gegen die
+gute Sitte, daß der Jüngling die für ihn Ausgesuchte erblickt, aber
+manchmal wird dies doch bewerkstelligt; er versteckt sich dann in
+einem Nebenraum, wenn seine Auserwählte in Begleitung ihrer Mutter den
+Gegenbesuch macht. Ist man über den Brautpreis einig geworden, um den
+viel gefeilscht zu werden pflegt, dann findet die Verlobung statt, zu
+der Geschenke in Form von Schmucksachen und Schalen mit Süßigkeiten
+ins Haus der Braut gesandt werden; jedoch beteiligen sich an dieser
+Feierlichkeit nur die Frauen beider Familien. Ungefähr zwei Monate
+später findet dann die Hochzeit an einem glückverheißenden Tage statt,
+den der Astrologe festgesetzt hat. Es werden dazu wiederum Geschenke
+gesandt, darunter befindet sich eine Platte mit hundert verschiedenen
+Kräutertränken und Kräutern, ein Spiegel und zehn Meter Leinwand, mit
+der die Braut während der Zeremonie verhüllt wird, ferner ein Paar
+Leuchter, zwanzig Paar Schuhe und mehrere Platten mit Süßigkeiten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Major P. M. Sykes.
+
+Abb. 329. Steinlöwe in Mesched.
+
+Um Kinder zu bekommen, sammelt die Perserin gewisse Zaubermittel
+und geht dann dreimal unter dem hier abgebildeten steinernen Löwen
+hindurch.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 330. Läuterungszeremonie auf dem Wege von Teheran nach Ispahan bei
+der heiligen Stadt Kum.
+
+Pilger, die das Grab der Fatme, der Tochter Alis, besuchen wollen,
+müssen unter einer über die Straße gespannten Schnur hinweggehen oder
+-fahren, an der ein Koran hängt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 331. Zwei Widder, die zum Kampfe aufeinander losgelassen werden,
+
+eine zu Neujahr in Persien beliebte Volksbelustigung.]
+
+Die Braut, die am Tage vorher ein Bad genommen hat, wird vor dem
+Spiegel mit den Leuchtern geputzt, dabei wird ihr die Leinwand um
+den Kopf geschlungen und durch die weiße Hülle ein Faden in sieben
+Farben gezogen. Ferner wird ihr der Mund voll Süßigkeiten gestopft und
+Zucker über den Kopf gestreut. In das Feuer schüttet man wohlriechende
+Drogen. Während dieser Vorbereitungen läßt ein Rechtsgelehrter, der
+bei den Männern sitzt, den Bräutigam rufen und sich von ihm in aller
+Form die Zusage machen, daß er für ihn als Vermittler tätig sein darf;
+darauf verliest er den Entwurf des Ehevertrages. Ein entsprechender
+Vermittler von seiten der Braut begibt sich zu dieser und fragt sie
+dreimal vor dem Vorhang zu den Frauengemächern, ob sie den Bräutigam
+zu den genannten Vereinbarungen nehmen wolle. Ihre bejahende Antwort
+läßt er sich noch von einer der anwesenden Frauen bestätigen. Nun
+verhandeln beide Agenten noch einmal gemeinsam; der des Bräutigams
+bittet dreimal den der Braut um deren Hand für seinen Klienten unter
+den Bedingungen, die im Ehevertrag festgelegt wurden. Der letztere
+bejaht die Frage dreimal, worauf das Ehebündnis für vollzogen erklärt
+wird und man Süßigkeiten zu sich nimmt. Die Zeremonie findet vorläufig
+ihren Abschluß damit, daß der Bräutigam nunmehr in die Frauengemächer
+geführt wird, wo er nach Überreichung eines Geschenkes, meist eines
+Ringes, den Vorzug genießt, seine ihm soeben angetraute Frau im Spiegel
+zu sehen. Weiter erfolgt nichts. Bis die Braut ihrem zukünftigen
+Heim zugeführt wird, vergeht noch einige Zeit, die zur Beschaffung
+der Einrichtung benutzt wird. An einem Nachmittag, den wiederum der
+Astrologe festgesetzt hat, werden die Hochzeitsgeschenke (Zeug,
+Möbel, Kochgeräte und so weiter) auf reich geschmückten Maultieren
+nach dem Hause des Bräutigams geschafft. Nach Einbruch der Dunkelheit
+begeben sich die männlichen Verwandten und Freunde des Bräutigams,
+denen in einiger Entfernung die weiblichen sich anschließen, zum Hause
+der Braut unter Begleitung von Musikanten, die Lampen und Fackeln
+tragen. Nach ihrer Ankunft wird dem Vater der Braut der abgeschlossene
+Ehevertrag überreicht. Inzwischen sind der Braut die Körperhaare
+sorgfältig entfernt worden, besonders auf dem Rücken, da hierüber der
+Aberglaube besteht, daß dort ein Haar des Todesengels wachse; außerdem
+wird sie jetzt in ihr Brautgewand gekleidet.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. R. Sykes.
+
+Abb. 332. Wandermusikanten aus Ostpersien.
+
+Sie brüllen in nasalen Tönen unter eintöniger Begleitung von
+Handtrommeln altiranische Legenden und die Taten ihrer Nationalhelden
+oder zweideutige Liebeslieder. Wie die Zigeuner ziehen sie von Ort zu
+Ort und sind als Luti beim Volke bekannt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Crawshay Williams.
+
+Abb. 333. Grab eines Scheiks zu Schiras.]
+
+Endlich setzt sich der Hochzeitszug in Bewegung. Die Braut fährt in
+einem Wagen; Brot, Salz und Käse führt sie in einem Taschentuch mit
+sich. Regen bei dieser Fahrt bedeutet besonderes Glück. Der Bräutigam
+erwartet die Ankommenden in der Nähe seines Hauses, seine weiblichen
+Verwandten rufen der Braut zu: „Wir haben dich aufgenommen.“ Der
+Bräutigam schließt sich dem Zuge bis zu seinem Heim an. Hier werden
+noch Schafe geopfert, um den bösen Blick abzuwenden, und nun kann die
+junge Frau endlich ihr neues Heim betreten. Hier wird sodann eine
+große Freudenfeier abgehalten, zu der besondere Tänzer und Musikanten
+(Abb. 317 u. 332) eingeladen worden sind; in dem Hochzeitszimmer wird
+glückbringende Raute über einem Kohlenbecken verbrannt. Der junge
+Ehemann entfernt seiner Frau die Oberkleidung und nimmt ihr, nachdem
+sie sich gegenseitig die Füße gewaschen haben, den Schleier ab; beide
+betrachten sich nun wieder gegenseitig im Spiegel. Bei der sich daran
+anschließenden Mahlzeit steckt eines dem anderen einen Bissen in
+den Mund. Nach dem Essen brechen die Verwandten auf, nachdem sie im
+Brautgemach der jungen Frau beim Entkleiden behilflich waren. Der junge
+Gatte trägt dabei zum Schluß einige artige Verse vor.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. E. Crawshay Williams.
+
+Abb. 334. Weihgaben, die persische Mädchen am Grabe des Cyrus (vom Volk
+als Grab der Mutter Salomons bezeichnet) darbringen, um Erfüllung ihrer
+Wünsche zu erlangen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Henri D’Allemagne.
+
+Abb. 335. Szene von einem persischen Begräbnis.
+
+Die Männer tragen die Leiche zu Grabe, während der Mullah vorangeht.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. O’Brien.
+
+Abb. 336. Wie man in Beludschistan reist.
+
+Die Frauen gehen mit den Kindern und der Wegzehrung voran, der Hausherr
+folgt zu Roß, und ein Kamel trägt Hab und Gut der Familie.]
+
+Zu den unter dem Volke beliebten Belustigungen gehören die meist zu
+Neujahr stattfindenden Widderkämpfe (Abb. 331).
+
++Aberglaube und Zauberei+ sind unter der persischen Bevölkerung noch
+sehr im Schwange. Zahlreich sind die Mittel, sich einer lästigen Person
+oder eines Feindes auf dem Wege des Sympathiezaubers zu entledigen.
+Zu diesem Zwecke muß man ein bestimmtes Gebet einundvierzig Tage lang
+lesen, dann stirbt der Feind, oder man fertigt sich ein Bildnis an,
+das die unliebsame Person vorstellen soll, schlägt es täglich bis zum
+vierzigsten Tage und haut ihm am nächsten Morgen den Kopf ab, dann
+stirbt die betreffende Person ebenfalls, oder endlich man nagelt ein
+Stück Schafsfett an die westliche Mauer eines unbenutzten Friedhofs, am
+besten an einem Mittwoch, und steckt vierzig Tage lang eine Stecknadel
+in das Fett; in dem Maße, wie das Fett vergeht, löst sich auch der
+Feind auf. Es wird versichert, daß Leute, die von diesem Zauber, der
+gegen sie angewendet wurde, hörten, so in Angst und Aufregung gerieten,
+daß sie wirklich starben. Wünscht man nicht den Tod einer Person,
+sondern nur ihre Unbeliebtheit, dann zerstößt man eine Eselsrippe und
+mischt sie unter ihr Essen. Es muß aber eine linke Rippe sein; würde
+man aus Versehen eine rechte Rippe dazu verwenden, dann träte das
+Gegenteil ein, die betreffende Person würde in hohem Grade beliebt
+werden. -- Sehr verbreitet ist auch der +Liebeszauber+. Um die Neigung
+des Mannes zurückzugewinnen, streut die Frau Kardamom, Nelken, Zimt
+und anderes Gewürz in einen Krug, liest über ihm das schon erwähnte
+Yasinkapitel aus dem Koran siebenmal rückwärts, füllt hierauf die Kanne
+mit Rosenwasser, legt noch ein Blatt Papier, das den Namen ihres Mannes
+und die von vier Engeln enthält, sowie das Hemd des ersteren hinein
+und setzt schließlich das Ganze aufs Feuer; sobald die Flüssigkeit in
+der Kanne kocht, kehrt der Ungetreue eilenden Schrittes heim. Oder
+ein anderes, nicht minder wirksames Mittel. Man kratzt den Namen des
+Geliebten auf ein Hufeisen mit einem wirksamen Talisman ein und hält es
+ins Feuer; sofort wird der Geliebte unruhig und eilt stehenden Fußes zu
+seiner Angebeteten. -- Dort, wo Polygamie herrscht, wird eine neue Frau
+zumeist mit gemischten Gefühlen begrüßt. Um sie zu zwingen, bald wieder
+nach Hause zurückzukehren, wendet die bisherige Gattin folgenden Zauber
+an. Sie beschafft sich Erde vom Grabe eines ermordeten Mannes und einer
+Frau und streut sie im Hause aus, nachdem sie das Kapitel im Koran,
+das vom Jüngsten Tage handelt, gelesen hat. Dadurch soll Zwietracht
+zwischen dem Manne und seiner neuen Gattin gestiftet und erreicht
+werden, daß diese freiwillig in das Haus ihrer Eltern zurückkehrt oder
+auch von jenem ausgewiesen wird. Ehefrauen, die gern Liebesabenteuern
+nachgehen möchten, mischen ihrem Manne in das Essen das getrocknete
+Gehirn eines Esels; dadurch wird er unfähig, ihre Schuld zu entdecken.
+
++Kranke+ werden auf eigentümliche Weise geheilt. Die persische Medizin
+teilt alle Krankheiten in vier Klassen ein, in solche, die kalt und naß
+sind, in kalte und zugleich trockene, in heiße und dabei nasse, und in
+heiße und trockene. Als Heilmittel wird das entgegengesetzte Verfahren
+eingeschlagen, gegen Fieber zum Beispiel, das eine heiße Krankheit ist,
+wird das Fleisch von einem Hahn verordnet, denn Hahnenfleisch ist kalt,
+hingegen das vom Huhn heiß.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. O’Brien.
+
+Abb. 337. Eine andere Art zu reisen.
+
+Frauen und Kinder sitzen in einem Kajawa, einem hölzernen Gestell, auf
+dem Rücken eines Kamels, das von einem Manne am Nasenring geführt wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. R. C. Bolster.
+
+Abb. 338. Reisende reiten auf einem Ochsen über das Geröll im Bett
+eines ausgetrockneten Bergstroms.]
+
+Nützen derartige Heilmittel dem Kranken nichts und steht sein Ende
+bevor, dann legt man ihn mit dem Gesicht nach Mekka hingewendet
+nieder und liest ihm das Yasinkapitel aus dem Koran vor. Darauf wird
+er veranlaßt, sein Testament in Gegenwart von Zeugen zu machen. Ist
+dies geschehen, dann zerbricht man das Siegel des Sterbenden und legt
+es unter seine rechte Hand. Auch bereitet man das Totenkleid vor und
+bedeckt es mit Gebeten, die von einundvierzig Männern niedergeschrieben
+sind und besagen: „O Allah, in Wahrheit wissen wir nichts als Gutes
+über diesen Mann; du aber kennst sein Verhalten besser.“ +Nach
+Beendigung des Todeskampfes+ schließt man dem Verschiedenen die
+Augen, streckt ihm die Glieder, bindet ihm die Zehen der beiden
+Füße zusammen und schlingt eine Schärpe um den Kopf. Dann wird der
+Tote auf einer Bahre auf dem Hofe umhergetragen und zur Waschstätte
+gebracht; voraus gehen die „Totenprediger“, die auch das traurige
+Ereignis vorher bekanntgegeben haben. Nachdem die Waschung vollzogen
+worden ist, wird die Leiche in ein Leichentuch gehüllt, wobei ihr
+zwei grüne Weidenstöcke unter die Achselhöhlen gelegt werden, und auf
+der Bahre unter Begleitung von Verwandten und Freunden zum Friedhof
+getragen; ein Mullah sagt auf dem Wege dorthin das Al Raham-Kapitel
+aus dem Koran (Abb. 335). Auf dem Friedhof wird der Tote noch dreimal
+von der Bahre genommen und wieder hingelegt, beim vierten Male aber
+mit dem Kopf voran ins Grab gesenkt. Er kommt auf die rechte Seite
+zu liegen, mit dem Gesicht nach Mekka gewendet. Das Grab wird nun
+zugemauert; es bleibt aber über dem Toten noch so viel Raum, daß er
+sich aufrecht setzen kann, um das gefürchtete Verhör der beiden Engel
+Munkir und Nakir zu bestehen. Wenn die Erde endlich aufgeschüttet
+ist, machen alle Anwesenden mit den Fingern Zeichen darüber, wobei
+sie das Anfangskapitel des Korans hersagen. Man glaubt nun, daß die
+beiden genannten Engel den Toten besuchen und ihn verhören. Fällt
+seine Antwort befriedigend aus, dann gehen sie wieder fort; ist das
+Ergebnis des Verhörs aber nicht zufriedenstellend, dann schlagen sie
+beide die Leiche mit ihren feurigen Keulen zu Staub, worauf diese ihre
+frühere Gestalt wieder annimmt. Die Geister derer, die bestanden haben,
+werden an den „Wohnort des Friedens“ in der Nähe von Najaf geleitet,
+um dort den Jüngsten Tag abzuwarten, während die Geister derjenigen,
+die für unwürdig befunden wurden, nach Sahra-i-Barahut in der Nähe von
+Babylon gebracht werden, um sich dort den Strafen und der Läuterung zu
+unterziehen bis zu demselben, für sie so furchtbaren Tag.
+
+Drei Tage lang wird um den Toten getrauert. Am ersten Tage sprechen
+einundvierzig Männer die „Gebete der Beunruhigung“, um den Verstorbenen
+für die Begegnung mit Munkir und Nakir zu stärken, am folgenden
+Tage besuchen Verwandte das Grab, bilden einen Kreis, bitten um die
+Vergebung aller Propheten und Heiligen und danken den Freunden für
+ihre Teilnahme, am dritten Tage endlich fordert ein Geistlicher die
+Angehörigen auf, die Öffnungen in ihren Hemden, die sie sich zum
+Zeichen ihrer Trauer eingerissen haben, wieder zu schließen, und
+beendet damit die Trauer. Am vierzigsten Tage endlich wird über
+dem Grabe ein Gedenkstein errichtet (Abb. 333). -- Zu den Gräbern
+großer Heiligen werden Wallfahrten unternommen und Weihgaben an ihnen
+dargebracht (Abb. 334).
+
++Leviratsehe+ ist zwar nicht direkte Vorschrift in Persien, aber
+sie gilt für die Brüder des Verstorbenen als eine Anstandspflicht,
+gleichviel, ob Kinder da sind oder nicht. -- +Ehebruch+ führt zur
+Ehescheidung.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. R. C. Bolster.
+
+Abb. 339. Hütten der Nomadenstämme.
+
+Der Unterbau besteht aus lose zusammengefügten Steinen, die beim
+Abbrechen der Hütte für gewöhnlich stehen bleiben; das Dach bilden
+Matten aus geflochtenen Blättern der Zwergpalme. Die Hütte im
+Hintergrunde ist aus Reisig hergestellt.]
+
++Afghanistan und Beludschistan.+ Die +Kleidung+ der Afghanen wie auch
+der Beludschen besteht in einem langen Hemd, weiten Hosen (bei den
+einen aus Baumwolle, bei den anderen aus Leinen), einem mantelartigen
+Überwurf aus Schaffell und einer Mütze, die bei den Beludschen eine
+zylindrische Form aufweist. Die Städter haben bereits vielfach
+persische Tracht angenommen. Die Frauen kleiden sich in derselben
+Weise; Schmuck ist bei ihnen äußerst beliebt. Die afghanischen
+Bergvölker +wohnen+ in Dörfern, die oft sehr stark befestigt sind und
+mit Hörnern versehene Türme besitzen. Die nomadisierenden Povindah
+bringen ihr Leben in Zelten zu. Die Stadtbewohner verfügen bereits
+über festgebaute Häuser, die oft sehr vornehm eingerichtet sind. Die
+Beludschen führen ein +Nomadenleben+ (Abb. 336 bis 338) und hausen
+in primitiven Mattenhütten, die öfters auf einem aus losen Steinen
+aufgebauten Unterbau ruhen (Abb. 339). Diese Steinmauern, die sich
+vorzugsweise an solchen Plätzen finden, in deren Nähe Wasser ist,
+lassen sie bei ihrem Fortzuge für die nächsten Wanderer stehen; nur die
+Mattenwände nehmen sie mit.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. O’Brien.
+
+Abb. 340. Pferdewettrennen, ein bei den Beludschen sehr beliebter Sport,
+
+der auf ein ziemliches Alter zurückblicken kann.]
+
+Afghanen wie Beludschen sind Anhänger des Islams, die ersteren aber
+viel fanatischer als die letzteren. Dafür sind diese aber um so
++abergläubischer+. Sehr verbreitet ist unter den Beludschen der Glaube
+an den Mamm; es ist dies der gewöhnliche braune Bär, dem man aber
+die Eigenschaften eines Werwolfs oder Vampirs zuschreibt. Von vielen
+Frauen nimmt man an, daß sie in Wahrheit Mamms sind, die eine solche
+Gestalt nur angenommen haben, um Männer in die Falle zu locken, ihr
+Blut auszusaugen oder sie durch ihre Liebesumarmungen zu Tode zu
+drücken. Eine besondere Merkwürdigkeit der Beludschen, die von ihren
+Nachbarn, den Afghanen, nicht geteilt wird, ist ihre +Abneigung gegen
+Fische+, offenbar ein Überbleibsel aus alten totemistischen Gebräuchen.
+Sie essen niemals Fisch. Ebenso meiden sie Eier. An Teufel glauben
+die Beludschen zwar nicht, wohl aber an allerlei Geister. Die Hazara
+stellen aus diesem Grunde bei der Geburt eines Kindes stets Speise für
+einen solchen Dschinn an die Seite der Kreißenden. Auch Feuerproben
+werden von den Beludschen vorgenommen, im besonderen das uns schon von
+anderwärts her bekannte +Feuerlaufen+.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. O’Brien.
+
+Abb. 341. Eselwettrennen.
+
+Wettrennen zwischen Kamelen oder Eseln sind unter den Beludschen beim
+Mittelstande sehr beliebt. Der Häuptling will das Zeichen zum Start
+geben.]
+
+[Illustration: Abb. 342. Musikanten vom Domstamme.
+
+Sie sind indischer Herkunft, tragen aber Beludschenkleidung. Einer
+von ihnen spielt gerade auf der Sarinda mittels eines mit Roßhaaren
+bespannten Bogens.]
+
+Die +Beludschen+ haben in viel höherem Grade noch ihre Ursprünglichkeit
+bewahrt als die Afghanen. Sie sind ein +Volk von Reitern und
+Pferdezüchtern+. Leidenschaftlich interessieren sie sich daher auch
+für +Pferdewettrennen+ (Abb. 340 und 341); gelegentlich wetteifert
+dabei ein Stamm gegen einen anderen. Nach ihrer Überlieferung ist
+dies eine alte Neigung, die vor vielen Jahrhunderten einmal zu
+Bürgerkriegen und Spaltungen in feindliche Parteien innerhalb des
+Volkes führte. Bei allen größeren Festen oder Versammlungen finden
+solche Pferderennen statt, die auch immer von Tänzen begleitet sind.
+Am ausgebildetsten zeigen ihren +Nationaltanz+ noch die Bergstämme.
+Die Tänzer, die lange, wallende weiße Gewänder tragen, fassen sich bei
+den Händen, bilden einen Kreis, in dessen Mitte die Musik -- Trommeln
+und zwei weitere, unserem Violoncell und unserer Gitarre ähnliche
+Instrumente -- aufspielt, und setzen sich mit leicht federndem Schritt
+in Bewegung, den Kreis bald enger ziehend, bald ihn vergrößernd.
+Allmählich werden ihre Bewegungen, die anmutig und gemessen begannen,
+immer schneller, die Tänzer machen sich oft voneinander los und drehen
+sich allein, schließlich endet das Ganze in einen wilden Taumel.
+Die Umstehenden werden ebenfalls von der Lust zu tanzen erfaßt und
+fallen unter wüstem Geschrei ein (siehe die farbige Kunstbeilage). --
+Unter den berufsmäßigen Kameltreibern ist ein ähnlicher Tanz üblich.
+Sobald sie dabei in Aufregung geraten, nehmen sie ganz seltsame
+und groteske Stellungen ein: sie kauern sich nieder, hüpfen umher,
+springen wie Frösche und stoßen ein wildes Geheul aus, grunzen oder
+geben andere eigenartige Töne von sich. -- Der Tanz der Afghanen ist
+ein Schwertertanz. Zumeist halten nämlich die Tänzer ein Schwert
+in beiden Händen, manchmal ein solches nur in der einen und eine
+Flinte in der anderen Hand. Sie kreisen um einen Pfosten, schwenken
+das Schwert um den Kopf und werden nach und nach so erregt, daß sie
+in wilden Bewegungen umherspringen und nicht selten ihre Gewehre
+abschießen. Die Musikanten halten sich hier außerhalb des Kreises auf.
+Aus anderen freudigen Anlässen tragen bei den Beludschen berufsmäßige
++Sänger+ Lieder, im besonderen alte Balladen vor. Jedoch sind dies
+keine eigentlichen Beludschen, sondern Domen, das heißt Männer des
+Zigeunerstammes, die die Lieder gleichzeitig auf den schon erwähnten
+Musikinstrumenten begleiten (Abb. 342). Die Beludschen verfassen auch
+noch mancherlei Dichtungen, aber keiner von ihnen gibt sich dazu her,
+selbst sein Erzeugnis öffentlich vorzutragen; er lehrt es einen Dom,
+und dieser singt es vor dem versammelten Volke. Die Bergbewohner üben
+auch Gesänge, kurze Liebeslieder und kleine lyrische Gedichte, ein und
+begleiten sie mit der Flöte. Diese Gedichte atmen mitunter einen recht
+romantischen Geist, besonders wenn die Liebe mitspricht. Denn Flirten
+und Hofmachen kommt unter den jungen Leuten recht häufig vor. Im großen
+und ganzen erfreuen sich die Frauen der Beludschen ziemlicher Freiheit,
+wenngleich bei der Auswahl des Gatten ihre Stimme wenig ins Gewicht
+fällt. Dafür entschädigen sich die Frauen aber durch Liebeleien nach
+der Hochzeit. Daß jungverheiratete Frauen sich von ihren Liebhabern aus
+anderen Stämmen oder Familien entführen lassen, kommt sehr häufig vor.
+Ein solches Vergehen hat den Tod der Frau oder des Liebhabers, meistens
+beider zur Folge, wenn es dem Paare nicht gelingt, sich auf das Gebiet
+eines anderen Stammes zu flüchten, denn hier verbietet das Gesetz der
+Gastfreundschaft ihre Auslieferung. Frauen dürfen bei Fehden unter
+den einzelnen Stämmen nicht getötet werden, ebensowenig Knaben bis
+zur Pubertät. Sobald sie aber die Reife erlangt haben, werden sie mit
+Hosen bekleidet, wie sie die erwachsenen Männer tragen, gelten dann für
+Männer und dürfen wie diese fortan mit Fug und Recht umgebracht werden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. R. J. Bruce.
+
+Abb. 343. Szene aus einem Begräbnis der Afghanen.
+
+Povindahfrauen erwarten die Ankunft einer Kinderleiche an einer
+Haltestelle im Gomalpaß.]
+
+[Illustration: Der Nationaltanz der Balutschen,
+
+der am ausgebildetsten unter den Hügelstämmen gefunden wird. Dreißig
+oder mehr Männer bilden, sich an den Händen haltend, einen Kreis, in
+dem zwei oder drei Spielleute sitzen. Sie bewegen sich langsam und in
+wellenförmigen Linien gegeneinander und gehen zurück, um den Kreis
+wieder zu bilden, ohne sich loszulassen. Allmählich wird der Tanz
+bewegter, die Männer geraten in Aufregung und bewegen sich schneller
+und schneller, bis der Tanz zum Tumult ausartet; einige sinken
+erschöpft um, während andere dafür ihren Platz ausfüllen.]
+
+Bei +Erkrankung+ werden Zaubermittel angewandt. Viele Mullah stehen in
+dem Rufe, Krankheiten heilen zu können, entweder durch Verabreichung
+eines solchen Mittels oder durch Anblasen der Kranken. Auch gegen den
+bösen Blick gibt es zahlreiche Zaubermittel; man schützt durch sie
+auch die Lieblingstiere, wie Kamele, Stuten, Ziegen und so weiter; sehr
+beliebt sind zu diesem Zweck blaue Perlenketten.
+
+Die +Beisetzung der Toten+ erfolgt nach mohammedanischem Ritus, aber
+in den Einzelheiten herrscht manche Abweichung unter den verschiedenen
+Stämmen. In den Städten befolgen sowohl Afghanen wie Beludschen die
+üblichen Methoden; sie errichten schöne gewölbte Grabdenkmäler für
+gewichtige Persönlichkeiten und bestatten die Leichen des gewöhnlichen
+Volkes in bescheidenen Lehmgräbern. Die wilden Stämme errichten über
+den Gräbern vielfach Steinhaufen, die Povindah legen Hörner des Schafes
+oder der wilden Ziege obenauf (Abb. 343 und 344). Wird ein Heiliger
+oder eine Persönlichkeit von Ruf begraben, dann errichtet man ihm zu
+Ehren einen Schrein. Einer der berühmtesten dieser Schreine ist der
+von Sakhi Sarwar (Abb. 345) im Dera-Ghazi-Khan-Gebiet. Alljährlich im
+Frühjahr wird zu ihm gewallfahrtet; auf den in den Felsen gehauenen
+Stufen versammeln sich die Menschen, um den Spielen, Ringkämpfen und
+Pferderennen zuzusehen, die zu den Füßen des Felsens, auf dem der
+Schrein steht, sich abspielen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. R. C. Bolster.
+
+Abb. 344. Das Grab eines Heiligen oder Pir,
+
+das aus Steinen errichtet und durch Stangen mit Kleiderfetzen als
+Fahnen weithin sichtbar gemacht ist. Rechts obenauf liegen Hörner des
+wilden Schafes oder Urtels.]
+
++Russisch-Turkistan.+ Turkistan mit Buchara, Chiwa und Transkaspien
+bildet einen Teil von Russisch-Asien, der sich nördlich von Afghanistan
+und östlich von Persien bis zu den großen Binnenseen (Kaspisee,
+Aralsee und Balchaschsee) erstreckt. Seine +Bevölkerung+ bietet ein
+recht buntes Bild, das allerdings in der Hauptsache aus Angehörigen
+der mongolischen Rasse besteht, die aber hinsichtlich ihrer Tracht,
+Sitten und Gewohnheiten ziemlich voneinander abweichen, so daß eine
+erschöpfende Schilderung auf Schwierigkeiten stoßen dürfte. Die
+geographische Lage Turkistans und der westlich anstoßenden Gebiete,
+die den innerasiatischen Stämmen im Laufe der Jahrtausende gleichsam
+als Einfallstor nach Europa dienten, gibt uns die Erklärung für
+dieses Völkergemisch. Mongolen, Arier, Juden (Abb. 346), Araber und
+Türkenvölker haben sich hier im Laufe der Zeiten zusammengefunden
+und sind miteinander Kreuzungen eingegangen, deren heutiges Produkt
+bald den einen, bald den anderen Typus mehr hervortreten läßt. Es
+ist in verschiedener Hinsicht praktisch, die Bevölkerung der uns
+interessierenden Gebiete in die Städtebewohner und in die Nomaden zu
+teilen; beide Gruppen unterscheiden sich nämlich voneinander nicht
+nur in kultureller, sondern auch in anthropologischer Hinsicht. Die
+ansässige Bevölkerung heißt +Sarten+; es sind stattlich gewachsene
+Leute von bräunlicher Hautfarbe, die sich von den Mongolen durch
+diesen ihren hohen Wuchs, mehr länglichen Schädel, edlere Züge und
+stärkeren Haarwuchs unterscheiden. Zum großen Teil zu seßhafter
+Lebensweise sind die Uzbegen übergegangen, wohingegen die Turkmenen im
+Westen, die Kirgisen im Osten Turkistans noch reine Nomaden sind. Sie,
+besonders die letzteren, weisen in ihrem Äußeren noch ziemlich reinen
+Mongolentypus auf.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. R. C. Bolster.
+
+Abb. 345. Das große Grabmal zu Sakhi Sarwar.
+
+Es ist auf einem Felsvorsprung angelegt; die Steinstufen sind aus dem
+natürlichen Felsen herausgehauen. Auf ihnen versammeln sich zahlreiche
+Pilger aus Beludschistan und dem Pandschab, um den unten stattfindenden
+Spielen und Wettrennen zuzusehen.]
+
+Die +Tracht der Sarten+ ist eine recht charakteristische und erinnert
+im ersten Augenblick an weibliche Gewandung. Das kommt von dem
+langwallenden (bis zum unteren Drittel des Unterschenkels reichenden),
+schlafrockähnlichen Oberkleid, dem Chalat, her, das zumeist noch
+offen getragen wird und daher hinterherschleppt. Darunter sitzt ein
+zweiter Chalat, der aber durch einen Gürtel aus baumwollenen Tüchern
+geschlossen gehalten wird; der Gürtel dient gleichzeitig als Behältnis
+für Tabaksdose, Geld, Speisen und so weiter. Baumwollene oder leinene
+Beinkleider, schwarze Lederstrümpfe, große gelbe Stiefel und ein Turban
+vervollständigen die Kleidung. Während das Tragen eines Turbans bei
+den Persern nur den Mullah gestattet ist, geht ein Sarte niemals ohne
+einen solchen aus. Die Tracht der Frauen ist im großen und ganzen der
+der Männer gleich. Sobald sie das Haus verlassen, was nur äußerst
+selten der Fall ist, hüllen sie sich in einen dichten Roßhaarschleier
+und in ein graues Gewand, das lange, eng auslaufende Ärmel hat und sie
+vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt (Abb. 347 u. 348). Reiche und Arme
+kleiden sich auf dieselbe Weise, nur unterscheiden sich die Frauen
+der oberen Klassen von ihren ärmeren Mitschwestern durch die bessere
+Qualität des Stoffes und die größere Sauberkeit des Gewandes.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 346. Bucharische Juden am Tabernakelfest.
+
+Eine Familie hat sich zum Festmahl versammelt.]
+
+Jeder Sarte muß sich zeit seines Lebens den +Kopf rasieren+ lassen,
+sobald sein Bart zu wachsen beginnt; ebensowenig darf er sich ein
+Haar auf der Oberlippe stehen lassen, hingegen wohl seinen übrigen
+Bart, der sogar überhaupt niemals geschnitten wird. Schon ganz jungen
+Kindern, wenn sie das erste Lebensjahr gerade erreicht haben, rasiert
+man den Kopf, Knaben sowohl wie Mädchen. Letztere lassen sich aber vom
+siebenten Jahre an die Kopfhaare wieder wachsen. Unter Umständen dürfen
+zwei kleine Haarbüschel über dem Ohr eines Knaben stehen bleiben,
+wenn die Eltern damit anzeigen wollen, daß sie ein besonderes Gelübde
+abgelegt haben; manchmal befestigen sie daran noch eine dichte Flechte
+Frauenhaar. Weil sie keine Haare auf dem Kopfe haben, tragen alle
+Sarten beständig eine kleine Mütze, die erwachsenen Männer darüber noch
+ihren aus meterlangen Tüchern geschlungenen Turban. Ihre Mützen pflegen
+in bunten, leuchtenden Farben bestickt zu sein. Überhaupt legen
+alle Sarten großes Gewicht auf besondere Schönheit ihrer Gewandung,
+die zumeist farbenprächtig ausgestattet ist. Oft genug tragen sie
+bis zu einem halben Dutzend bunter Chalats, einen über dem anderen,
+sogar zur heißesten Jahreszeit. -- Die Mädchen tragen ihr dichtes,
+üppiges Haar glatt und in der Mitte gescheitelt und lassen es in
+zahlreichen Flechten herabhängen. Kopfschmuck ist ihnen verboten. Die
+verheirateten Frauen verlängern ihre schwarzen Augenbrauen künstlich
+mittels Farbstifts; zum mindesten bringen sie sie über der Nasenwurzel
+zusammen, oft aber führen sie sie auch seitwärts weiter. Handflächen
+und Nägel werden von ihnen, wie es für die Anhängerinnen des Islams
+Vorschrift ist, mit Henna gefärbt. Bei festlichen Gelegenheiten tragen
+die Damen viele Korallenschnüre um den Hals und schwere silberne
+Ringe im Ohr, außerdem mit Türkisen, Korallen und Glasperlen besetzte
+Amulette über den Ohren im Haar.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Annette M. B. Meakin.
+
+Abb. 347. Sartenbraut.
+
+Beim Ausgehen trägt jede Sartenfrau einen dicken Schleier aus Roßhaar
+und ein langes, graues, vom Kopf bis zu den Füßen reichendes Gewand.]
+
+Die Sarten können für die +strenggläubigsten Mohammedaner+ der
+ganzen Welt gelten (Anhänger der Sunna): sie befolgen nicht nur aufs
+genaueste die Vorschriften des Korans, sondern übertreiben sie unter
+Umständen sogar. Während jeder andere Mohammedaner sich im allgemeinen
+damit begnügt, die ihm auferlegten Waschungen an Händen, Füßen und
+Mund fünfmal am Tage vorzunehmen, gewinnen es die Sarten über sich,
+diese Vorschrift gegen zwanzigmal zu erfüllen (Abb. 349 und 350). --
+Eine +besondere Ehrfurcht+ bekunden die Sarten +gegenüber dem Brot+.
+Diese geht so weit, daß sie es für Unrecht halten, einen Laib Brot
+„auf den Rücken zu legen“. Nach dem Ramadan legt jede Familie ein
+Stückchen beiseite, um es bis zur nächsten Fastenzeit als glückbringend
+aufzubewahren. Es gilt als Zeichen von Wohlhabenheit, wenn ein Sarte
+vor seinem Gaste seine Brote hoch aufbaut.
+
+Eine Eigentümlichkeit der Sarten sind die +Batschas+ oder +Tanzknaben+,
+wozu besonders schöne oder, besser gesagt, mädchenhaft erscheinende
+Knaben eigens ausgewählt werden. Sie werden auch ähnlich wie Mädchen
+gekleidet: sie tragen das Kopfhaar vorn abgeschnitten und hinten
+langwallend; man steckt sie in buntschillernde Gewänder, zieht ihnen
+lose Beinkleider sowie hohe Lederstiefel an und setzt ihnen eine
+reich und recht bunt bestickte Mütze auf. Unter einem Leiter, der mit
+ihnen sehr streng umgehen soll, ziehen sie in Gruppen von zehn bis
+zwölf von Ort zu Ort und werden an wohlhabende Männer vermietet, um
+diese durch ihre Tänze zu unterhalten (Abb. 352), auch wohl von ihnen
+sich geschlechtlich mißbrauchen zu lassen. Während des Fastenmonats
+Ramadan sind diese Knaben hochgradig in Anspruch genommen; denn sie
+müssen ganze Nächte durchtanzen, bis sie vor Ermüdung zusammenbrechen.
+-- Die sartischen Musikanten, die bei Volksbelustigungen (Abb. 351)
+aufspielen, blasen auf mächtigen Trompeten von etwa zweieinhalb Meter
+Länge (Abb. 355).
+
+Die +Begrüßungsform+ der Sarten ist sonderbar. Bei der Begegnung
+reichen sie sich die Hände und streichen sich darauf mit beiden Händen
+den Bart. Überhaupt ist das Händereichen unter ihnen sehr beliebt; ein
+Höhergestellter hält es nicht für unter seiner Würde, einem Manne von
+niedrigerem Stande die Hand zu geben.
+
+Im Alter von acht bis zwölf Jahren wird an den Knaben die
++Aufnahmezeremonie+ vollzogen, kraft deren es ihnen gestattet ist,
+fortan an Stelle der gestickten kleinen Mütze einen Turban zu tragen.
+Für die jungen Mädchen besteht die Pflicht darin, sich eine Bettdecke
+zu arbeiten. Das Material dazu geben ein grober straminähnlicher
+Stoff und karmesinrote Seide ab; je dichter der Stoff mit der Seide
+bestickt wird, für um so kostbarer gilt die Bettdecke. Sticken ist die
+einzige Handarbeit, die die Sartenfrau am Freitag, der unserem Sonntag
+entspricht, vornehmen darf.
+
+Die +Sartenfrauen+ bringen ihr ganzes Leben in strenger
+Abgeschlossenheit zu; wohl bei keinem Volke der Erde ist diese so
+ausgeprägt wie in Turkistan. Eine Frau, die nur etwas auf ihren Ruf
+hält, gleichviel, ob sie erst neun oder bereits neunzig Jahre alt ist,
+wird sich außerhalb ihres Heims nie sehen lassen, ohne, wie wir es
+schon geschildert haben, tief verschleiert zu gehen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Annette M. B. Meakin.
+
+Abb. 348. Sartenfrau mit zwei Töchtern
+
+vor einem Tonofen. Sie hat den typischen Roßhaarschleier
+zurückgeschlagen.]
+
+Die Sarten sind große Fatalisten, die dem +Tode+ als dem Willen
+Allahs mit Ruhe und Ergebenheit entgegensehen. Unmittelbar nach dem
++Hinscheiden+ beginnt ein lautes Klagen und Weinen der Angehörigen;
+Freunde und Bekannte gehen aus und ein, um ihr Beileid zu bezeigen.
+Bezahlte Klageweiber sorgen dafür, daß das laute Jammern und Schluchzen
+nicht aufhört. Der von gemieteten Weibern gewaschene und in lange
+Decken wie ein Wickelkind eingehüllte Tote bleibt nur kurze Zeit im
+Hause; er wird vielmehr sehr bald nach der Moschee getragen und schon
+innerhalb der ersten zwölf Stunden der Erde übergeben. Wohlhabende
+werden auf einer Tragbahre hinausgetragen, die Ärmeren quer über ein
+Pferd gelegt, wobei die Leiche am Kopfe und an den Füßen gestützt wird.
+Während des feierlichen Zuges, an dem die männlichen Verwandten, der
+Mullah, die Totengräber und Bettler teilnehmen, wird vollständiges
+Stillschweigen beobachtet; jeder Mann trägt zum Zeichen der Trauer
+einen Stock und ein dunkelblaues Taschentuch. Da die Mohammedaner
+keine Särge kennen, anderseits aber auch keine Erde auf eine Leiche
+geworfen werden darf, so legt man den Toten nicht direkt in die
+geschaufelte Grube, sondern in eine Seitennische, die sich neben ihr
+in der Tiefe befindet, und schließt diese sogar erst noch mit Schilf
+ab, bevor man das Grab zuschüttet. Nach der +Beerdigung+ begeben
+sich die Leidtragenden ins Haus zurück und werden hier sämtlich mit
+Süßigkeiten, Früchten, Tee und so weiter bewirtet; selbst die vor
+dem Hause sich einfindenden zahlreichen Bettler werden dabei nicht
+vergessen. Nach Beendigung des schweigsamen Totenmahles werden an
+die Verwandten, Freunde und Bettler Stücke Baumwollenzeug, Tücher
+und andere Sachen von geringem Wert zum Andenken an den Verstorbenen
+verteilt. Drei Tage nach einem Todesfall wird von den Angehörigen nicht
+verlangt, daß sie für sich kochen; man trägt ihnen das Erforderliche
+von außen zu. Die Männer der Sarten pflegen keine Trauer anzulegen,
+die Frauen tragen bei tiefer Trauer schwarze, bei Halbtrauer blaue
+Gewänder. -- Auf den Grabhügeln werden nach der Stellung des Toten und
+seinen Vermögensverhältnissen einfachere oder kostbarere Denkmäler
+errichtet. Die Grabhügel der Ärmeren bleiben meistens ohne Schmuck,
+die der Wohlhabenderen dagegen werden mit Ziegeln oder Fliesen belegt
+und mit allerlei Verzierungen aus Alabaster versehen. Man setzt auch
+mit Inschriften versehene Gedenksteine darauf. Gräber von Leuten, die
+sich besonderer Heiligkeit erfreuen, erhalten kleine Tempel (Abb.
+353). Von den Verehrern derartiger Heiligen bringen ihnen Hirten
+oder Viehbesitzer die Schädel und Hörner von Haustieren, Kaufleute
+Stücke Zeug oder Gewänder, Talglichter und Sesamöl zu Nachtlampen dar.
+Mitunter hausen bei solchen Gräbern in elenden Erdhütten armselige
+Bettler, die ihr Leben kümmerlich durch Almosen der die heiligen Gräber
+aufsuchenden Leute fristen; solche Bettler werden oft nach ihrem Tode
+ebenfalls für Heilige erklärt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Annette M. B. Meakin.
+
+Abb. 349. Sarten bei der Andacht.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. W. Rickmers.
+
+Abb. 350. Versammlung der Turkistaner in dem Winkel einer Moschee,
+
+wo ihnen ein des Lesens Kundiger Stellen aus heiligen Schriften oder
+Neuigkeiten vorzulesen pflegt.]
+
+Die +Kirgisen+ (das heißt Steppenwanderer) sind ein kräftiges
+Nomadenvolk, das die Steppe zwischen den nördlichen Gebieten Turkistans
+und dem mittleren Sibirien durchstreift; sie kommen auch in die
+Sartenstädte, wo man sie häufig auf den Basaren und Märkten antrifft.
+Ihre irdischen Güter bestehen nur in Viehherden (Kamelen, Pferden,
+Schafen, Ziegen, Eseln), die aber einen recht hohen Wert darstellen.
+Da die klimatischen Verhältnisse des Landes nicht das ganze Jahr
+hindurch genügend Futter für die Herden an einer Stelle gewähren, so
+sind die Kirgisen gezwungen, ein Nomadenleben zu führen. Sie leben
+daher in Zelten, die sie zum Schutz gegen wilde Tiere öfters noch
+mit einer Lehmmauer umgeben. Sobald der Sommer anbricht, ziehen sie
+mit ihren Herden aus der Ebene in die umgebenden Berge. Die Frauen
+schlagen die Zelte auf und brechen sie auch wieder ab; es sind dieses
+Holzgerüste, die im Sommer mit Rohrmatten, im Winter mit Filzdecken
+überspannt werden. Je nach der Wohlhabenheit ihrer Besitzer weisen die
+Zelte eine mehr oder weniger kostbare Innenausstattung in Gestalt von
+Teppichen und Seidenstoffen auf (Abb. 354). Sonst ist ihre Ausstattung
+bescheiden; aber ein Prunkstück hat wohl jede Jurte aufzuweisen: einen
+mit grüner oder roter Farbe bemalten, metallbeschlagenen Holzkoffer,
+der zur Aufnahme des Familienreichtums, der Schmucksachen, des Geldes,
+kostbarer Stickereien und so weiter dient.
+
+[Illustration: Abb. 351. Stelzenlaufen der Sarten,
+
+eine Belustigung des sehr trägen Volkes. Sie sehen an der Stadtmauer
+sitzend dem Schauspiel zu, das die Bezeichnung Tamasha führt.]
+
+Die +Kleidung+ der Kirgisen setzt sich aus kurzen, aber sehr weiten
+Reithosen aus Baumwollstoff, Leder oder Häuten, deren Haare nach außen
+gerichtet sind, mächtigen Stiefeln und einem langen Mantel mit sehr
+langen, engen Ärmeln und (zur Winterszeit) einem Baschlik zusammen. Die
+Kleidung der Frauen (Abb. 356) ist der der Männer gleich. Merkwürdig
+ist an ihr, daß unverheiratete Mädchen sich mit reichem Schmuck aus
+Edelsteinen und Edelmetall behängen dürfen, verheirateten Frauen
+dies aber verboten ist; sie unterscheiden sich von ersteren auch
+noch dadurch, daß sie sich ein weißes baumwollenes Tuch um Kopf und
+Schultern binden.
+
+[Illustration: Abb. 352. Ein Tanzknabe bei seiner Vorstellung.]
+
+Trotz ihres enormen Reichtums an Vieh verstehen sich die Kirgisen nur
+im Notfalle dazu, ein Stück zu schlachten; sie betrachten ihre Herden
+als ihr Kapital und begnügen sich mit Milch und deren Erzeugnissen,
+unter denen der Kumys (in schafledernen Schläuchen gegorene
+Stutenmilch) die erste Stelle einnimmt, Hirsebrei und einer aus Mehl
+hergestellten Speise. Nur bei festlichen Gelegenheiten genießen sie
+Fleisch; dann aber lassen sie auch, wie man zu sagen pflegt, etwas
+springen, und zahlreiche Tiere müssen daran glauben. Als große
+Delikatesse wird der Tjustjuk geschätzt, ein etwa handtellergroßes, nur
+aus Fett bestehendes Bruststück vom Schaf, das man mit dem noch daran
+haftenden Fell an einem Holzstab über Kohlenfeuer röstet.
+
+Obwohl sich die Kirgisen zum Islam bekennen, gehen sie doch ganz in
++animistischen Anschauungen+ auf; wie die sibirischen Völker kennen
+auch sie Schamanen (Baksas genannt). Diese wahrsagen auch und heilen
+Kranke, wobei sie Pferdeopfer darbringen. Zu Heil- und Schutzzwecken
+verwenden sie außer Amuletten allerlei tierische Substanzen. Sehr
+gefürchtet wird der böse Blick; allgemein verbreitet ist auch der
+Glaube an Vorzeichen in Träumen und Körperzuckungen, ferner der
+Tier-, Zahlen-, Sternenglaube und das Orakel. Man wahrsagt aus
+Schafsknochen und Schafmistkugeln.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. der Cambridge University Preß.
+
+Abb. 353. Eine heilige Grabstätte, Mazar genannt,
+
+die gleichzeitig Gebetshaus ist. Die angebrachten Steinbockhörner sind
+Symbole der männlichen Kraft. Vom Mast hängt ein Yakschwanz herab.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Globus“.
+
+Abb. 354. Jurte eines reichen Kirgisen bei Omsk. Innere Ansicht.]
+
+Die +Frauen+ der Kirgisen sind die reinen Arbeitstiere, wie auch sonst
+bei den Nomadenstämmen. Während die Männer auf ihren Wanderzügen stets
+zu Pferde sitzen, müssen die Frauen vielfach zu Fuß nebenher laufen.
+Sie tragen keinen Schleier.
+
+Eigentliche +Hochzeitsgebräuche+ kennen die Kirgisen nicht. Man begnügt
+sich im allgemeinen damit, ein großes Hochzeitsmahl zu veranstalten.
+Die Braut trägt einen unförmigen, hohen, kegelartigen Kopfputz
+(Saukele) aus rotem Stoff, der reich mit Perlen, Münzen, Edelsteinen
+und Silberschmuck verziert ist und unter Umständen einen Wert von
+mehreren tausend Mark darstellt.
+
+Bei Beginn der +Geburt+ werden alle Weiber aus der Jurte entfernt,
+in dem Glauben, es könnte eine darunter sein, die vom Satan besessen
+wäre. Dagegen versammeln sich die Männer drinnen, und draußen stellen
+sich alle übrigen Dorfbewohner auf. Man schreit, lärmt, knallt mit der
+Peitsche und schießt mit der Flinte, manchmal schlägt man auch, nur
+zum Schein, auf die Kreißende ein. Offenbar sollen dadurch die bösen
+Geister verscheucht werden. Außerdem holt man einen Dargon, eine Art
+Arzt, oder häufiger den Schamanen hinzu. Dieser nimmt die üblichen
+Beschwörungen vor, um die Geburt zu erleichtern.
+
+Wird ein solcher Baksa zu einer Kreißenden gerufen, dann läßt er
+zunächst alle Feuer bis auf das auf dem Herde brennende auslöschen,
+kniet, mit einem langen, weißen Hemd bekleidet, vor ihr nieder und
+beginnt, sich langsam hin und her neigend, auf einem dreisaitigen
+mandolinenähnlichen Instrumente zu spielen, das er von Zeit zu Zeit
+schüttelt. Darauf singt er mit zitternder Stimme eine fremdartige,
+wilde Melodie. Ab und zu unterbricht er die Musik und seinen
+Gesang durch unartikulierte laute Schreie und springt endlich nach
+einer kurzen Pause sehr erregt auf; mit verzerrtem Gesicht und
+rollenden Augen fängt er an, in der Jurte im Kreise umherzugehen, zu
+gestikulieren, als ob er Krämpfe habe, umherzuspringen, überhaupt
+sich wie toll zu gebärden. Wenn gar zwei Baksen herzugezogen worden
+sind, wird die Szene noch wilder. Beide rasen umher, und einer sucht
+den anderen an Wildheit zu überbieten; sie beißen sich, bewerfen sich
+mit glühenden Feuerbränden und hören mit ihrem Toben nicht eher auf,
+als bis der schwächere kraftlos zusammenbricht. Inzwischen soll die
+Geburt sich leicht abwickeln. -- Die ganze +Kindererziehung+ beschränkt
+sich für die Knaben auf das Erlernen des Reitens -- die Kirgisen sind
+vorzügliche Reiter --, für die Mädchen auf Spinnen, Weben, Sticken
+und Herstellen von Gewändern und Filz, sowie in dem Erlernen der
+Hauswirtschaft.
+
+[Illustration: Abb. 355. Sartische Musikanten.
+
+Bemerkenswert sind die über zwei Meter langen Trompeten aus Kupfer,
+die nur bei ganz besonderen Gelegenheiten geblasen werden. Ihre Töne
+klingen wie Ochsengebrüll.]
+
++Turkmenen.+ Der dritte Volksstamm, der für unser Gebiet in Betracht
+kommt, sind die Turkmenen. Sie führen die gleiche Lebensweise wie
+die Kirgisen. Dementsprechend leben sie unter Zelten, die sie in der
+Weise herstellen, daß sie dicken Filz über ein Gestell aus Weidenruten
+hängen. Das Innere dieser Wohnungen ist an den Wänden mit kostbaren
+Gebetsteppichen, gewebten Vorhängen und den berühmten Satteltaschen
+ausgestattet; ebenso liegen dicke Filzdecken oder Teppiche auf dem
+Boden. Ihr Reichtum an Herden, die vorwiegend aus Pferden bestehen, ist
+bei weitem nicht so bedeutend wie der der Kirgisen.
+
+Ihre Tracht gleicht der kirgisischen; nur ein Kleidungsstück
+unterscheidet die Turkmenen von diesen ihren Stammesvettern, das ist
+ihre große buschige schwarze Schafwollmütze, der Kalpak. -- Wie die
+Kirgisenfrauen gehen auch die Turkmeninnen unverschleiert. Dagegen
+behängen sie sich viel mit allerlei Schmuckstücken, die ein ziemliches
+Gewicht haben, zum Beispiel schweren Brustharnischen mit Achatsteinen
+oder massiven Daumenringen, dicken Armbändern, die so breit sind, daß
+sie den ganzen Vorderarm bedecken, und anderem mehr. Mancher Ehemann
+legt in diesem Schmuck beinahe sein ganzes Vermögen an.
+
+Auch die Turkmenen sind +vorzügliche Reiter+, und ihre Frauen sind in
+dieser Kunst nicht minder geschickt als die Männer. Außerdem sind die
+Turkmenen große +Liebhaber von Ringkämpfen+, bei denen die Zuschauer
+in dichten Reihen umherstehen. Jeder barfüßige Held, dem es gelingt,
+seinen Gegner zum Straucheln zu bringen und ihn platt auf die Erde zu
+werfen, wird mit lautem Beifall von ihnen begrüßt. Der Kampf spielt
+sich in ruhiger, bedächtiger Weise ab; Roheiten kommen dabei nicht
+vor. Ein Schiedsrichter überreicht dem Sieger helleuchtende seidene
+Taschentücher; mit dem Stock in der Hand hält er die Ordnung aufrecht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Annette M. B. Meakin.
+
+Abb. 356. Kirgisenfrauen.
+
+Im Unterschied von den Sarten verschleiern sie sich nicht.]
+
+Die +Toten+ werden in der üblichen Weise begraben. Am dritten,
+siebenten, vierzigsten, hundertsten und am Jahrestag werden
+Erinnerungsfeste an die Verschiedenen abgehalten, am Jahrestage geht
+es ganz besonders feierlich zu. Auf das Grab werden Steine gesetzt,
+und man umfriedigt es mit Platten; auch errichtet man Sarkophage und
+Mausoleen auf ihm.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Sir Mark Sykes, M. P.
+
+Abb. 357. Beduinen beim Wasserschöpfen
+
+aus einem Wasserloche in der Wüste mittels ledernen Eimers.]
+
+
+
+
+Vorderasien.
+
+
+Die +Bevölkerung+ Vorderasiens (Syriens und Palästinas) bildet
+ebenso wie die Turkistans eine zusammengewürfelte Gesellschaft. Denn
+dieses Gebiet, die Brücke, die von Asien nach Europa führt, wurde in
+der gleichen Weise von den aus Zentral- und Nordasien nach Westen
+vorstürmenden Völkerstämmen zu den verschiedensten Zeiten überflutet.
+Dazu kommt noch, daß die Osmanen von ihren Kriegszügen her die
+Frauen der heterogensten Rassen mit heimbrachten und ihren Harems
+einverleibten, so daß die Rassenmischung dadurch noch mehr gesteigert
+wurde.
+
+Als die +Urbevölkerung+ Vorderasiens werden allgemein die
++Hittiter+ oder Kheta der Bibel angesehen, ein Volk, das nach der
+Überlieferung auf den Denkmälern und nach den assyrischen Berichten
+der zentralasiatischen Bevölkerung verwandt gewesen sein muß. Zu
+ihnen gesellten sich bereits in der Urzeit von Süden (Arabien) her
+die Semiten und von Norden nordeuropäische oder diesen verwandte
+Völker (vor allem die Amoriter). Aus einer Mischung von Hittitern
+und Amoritern sind die +Juden+ Palästinas hervorgegangen, die sich
+von hier aus über ganz Nord- und Mitteleuropa sowie Nordamerika
+ausbreiteten (die sogenannten Akenaschim). Die südeuropäischen und
+afrikanischen Juden dagegen (die sogenannten Sephardim) stehen den
+eigentlichen Semiten (Arabern) näher. Wenngleich die +Osmanlitürken+
+(Abb. 358) die politische Herrschaft über ganz Vorderasien ausüben,
+so bilden die +Armenier+ doch das wichtigste Rassenelement. Sie sind
+die unveränderten Nachkommen der alten hittitischen Urbevölkerung und
+weisen noch heute ziemlich denselben Typus auf, wie er uns auf den
+alten Denkmälern entgegentritt. Es sind große, stämmige Menschen von
+dunkelbräunlicher Hautfärbung, dunklen Augen, schwarzem Kopf- und
+Barthaar, sehr kurzem Schädel, breiter, langer, im Rücken gekrümmter
+Nase (Judennase) und dicken, etwas umgestülpten Lippen. Sie sind nicht
+nur über einen großen Teil Vorderasiens, sondern auch über Osteuropa
+verbreitet. Dort, wo sie an die Scholle gebunden sind, betreiben
+sie vorzugsweise Ackerbau, wie ihre Vorfahren; in der Fremde aber
+beschäftigen sie sich mit Handel und gelten für sehr geschickte, ja
+selbst sehr gerissene und schlaue Kaufleute, Händler, Bankiers und
+Makler („Juden des Orients“).
+
+Ein anderes, den Armeniern in hohem Grade feindselig gegenüberstehendes
+Rassenelement sind die wilden +Kurden+, ein Volksstamm, der, seinem
+Äußeren nach zu urteilen, viel arisches Blut in sich aufgenommen
+haben muß. Zumeist sind die Kurden umherschweifende Nomaden, deren
+Lieblingsbeschäftigung in Raub und Kampf besteht, weswegen sie
+gefürchtete Grenznachbarn der Perser sind; ein Teil von ihnen ist
+ansässig geworden und betreibt Ackerbau. -- Zu den genannten Völkern
+kommen noch eine ganze Reihe anderer, weniger wichtiger, die ihre Sitze
+hauptsächlich in dem Kaukasusgebiet haben; mit ihnen werden wir uns an
+anderer Stelle zu beschäftigen haben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Robinson Lees.
+
+Abb. 358. Die mohammedanische „Wage“ auf der Haramplattform,
+
+wo die Islamiten nach ihrem Glauben am Jüngsten Tage gewogen werden,
+um, wenn sie würdig befunden sind, ins Paradies einzugehen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bonfils.
+
+Abb. 359. Verschleierte syrische Frauen.
+
+Das sie umhüllende Tuch (Izar) ist aus Seide hergestellt und bunt
+gemustert. Die christlichen Frauen und armen Modammedanerinnen tragen
+eine weiße Umhüllung. Das Gesicht wird noch besonders mit einem
+Gazeschleier (Mandeel) bedeckt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. A. Hornstein.
+
+Abb. 360. Inneres eines Beduinenzeltes aus Palästina.
+
+Man bereitet gerade Kaffee. Zu diesem Zweck werden die gerösteten
+Bohnen in einem hölzernen Mörser mit einem Stößel zerstampft.]
+
+Aus politischen Gründen hat die türkische Regierung die Bevölkerung
+Vorderasiens in drei Klassen eingeteilt: in die Mohammedaner, die
+Christen und die Juden; jede dieser Klassen weist wieder Unterschiede
+auf, die auf der Rasse und dem Wohnort beruhen. Dem Namen nach sind
+die meisten Stämme Anhänger des Islams, aber in Wirklichkeit setzt
+sich ihre Religion aus einem Mischmasch von überkommenem Ahnenkult,
+Christentum und Mohammedanismus, selbst Judentum zusammen. Dies zeigt
+sich unter anderem an der Glaubenslehre der +Jesiden+, einer Sekte
+der Kurden. Ihre Lehre wird als strenges Geheimnis bewahrt, in ihrem
+vollen Umfange ist sie allein dem Ältesten des Geschlechtes, Hassan al
+Bussri, bekannt. Die Jesiden glauben an einen höchsten Gott, den sie
+Melek-Taus nennen; ihr Prophet ist Scheich Adi, der dem Gotte gleich
+ist. Außer diesen beiden höchsten göttlichen Wesen kennen sie noch eine
+große Anzahl niederer Gottheiten, darunter verehren sie die Abendröte,
+die Morgenröte und das Sternbild des großen Bären. Ihr Kultus ist
+ein Gemisch von christlichen, mohammedanischen und sogar jüdischen
+Gebräuchen. Der Religionsunterricht findet in einem besonderen Raum
+statt, den kein Fremder betreten darf. Weil der Name des Satans nicht
+ausgesprochen werden darf, so sind alle diesbezüglichen Bezeichnungen
+aus der Glaubenslehre ausgelöscht. Die Jesiden haben sogar, um das Wort
+Scheitan (Teufel) zu vermeiden, aus ihrer Sprache eine Menge Worte
+verbannt, die mit einem Sch beginnen und an diese Bezeichnung erinnern
+könnten. -- Das heilige Buch der Jesiden, das mit sieben Siegeln
+versehen vom Himmel fiel und in dem Grabmal des Scheich Adi aufbewahrt
+wird, berichtet unter anderem von der Erschaffung der Welt, die sich im
+Jesidenglauben ganz eigenartig ausnimmt. Als Gott der Finsternis in der
+Welt müde war, schuf er sich einen Papagei, der ihn vierzig Jahre lang
+erfreute und unterhielt. Darauf wurde er über ihn zornig und schlug
+ihn tot. Aus den Federn des Tieres bildeten sich Berge und Täler, aus
+dem letzten Atemzuge die Luft. Darauf schuf Gott das Himmelsgewölbe
+und hängte es mittels eines Haares seines Hauptes auf. Weiter gingen
+aus seiner Hand sechs Götter, die Sonne, der Mond, die Morgenröte, das
+Licht, der Morgenstern, das Siebengestirn und alle anderen Sterne, wie
+die Funken aus dem Feuer, hervor. Jede dieser Gottheiten schuf sich ein
+Pferd, um durch den Luftraum reiten zu können. Sodann versammelten sich
+alle Götter und schufen die Engel; der siebente Gott schuf allmählich
+die Tiere, sowie Adam und Eva. Eva gab ihrem Manne hundertvierzehn
+Kinder, alles Zwillinge, aber die Jesiden stammen nicht von ihnen ab,
+sondern von einem Einzelkind, das nach einem Versprechen Gottes auf
+wunderbare Weise durch eine der Huris des Paradieses geboren wurde,
+und so weiter. -- Im Grabe des Scheich Adi wird eine heilige Fahne
+aufbewahrt, die vom König Salomon stammen soll, aber von jedem Jesiden
+durch Geld für eine gewisse Zeit gekauft werden kann. Derjenige, der
+sich das Recht dazu erworben hat, taucht die Fahne in Wasser, feuchtet
+mit diesem etwas Staub vom Grabe Adis an und fertigt daraus Pillen
+für die Gläubigen. Jede Pille verleiht dem, der sie einnimmt, die
+Eigenschaft, auf ein Jahr gesund zu bleiben. Mit dieser Fahne ziehen
+die Jesiden siebenmal um ihr Haus, schlagen sich dabei auf die Brust
+und bitten Gott um Vergebung ihrer Sünden. Im Herbst kommen alle
+Jesiden zusammen, um ein Fest zu feiern. Jeder Teilnehmer über dreißig
+Jahre muß dazu aus seiner Herde für den Scheich etwas mitbringen. Vom
+Morgen bis zum Abend wird in einem großen Kessel ein Rind gekocht.
+Sobald das Fleisch gar geworden ist, ruft der Scheich einige junge
+Leute herbei und befiehlt ihnen, trotz des siedenden Wassers mit
+den Armen in den Kessel zu greifen und das Fleisch herauszuheben;
+wer infolge der dabei erhaltenen Brandwunden etwa stirbt, gilt als
+Märtyrer. Darauf beginnt das Volk von der gekochten Suppe zu essen;
+einzelne werfen Geld in sie hinein. Nachdem drei Tage lang gefeiert
+worden ist, baden sich Männer und Frauen im Flusse, waschen die
+Bilder des Königs Pfau darin und stellen sie unter die heilige Fahne.
+Schließlich ziehen sie noch siebenmal im Kreise herum, wobei sie den
+Staub ihrer Füße, der für heilig gilt, sammeln. Das Fest endigt mit
+einem Opfer zu Ehren des genannten Königs. Ein anderes wichtiges Fest
+ist das Neujahr (am ersten Mittwoch nach Frühlings-Tagundnachtgleiche).
+An diesem Tage versammelt Gott nach dem Glauben der Jesiden alle
+Bewohner des Himmels und alle Seligen und übergibt ihnen für das
+folgende Jahr die Erde wie in einer Versteigerung; wer von ihnen am
+meisten bietet, erhält die Macht über die Geschicke der Menschen. --
+Die Jesiden glauben an ein Leben nach dem Tode, meinen aber, daß nur
+ihnen und den Christen ein solches beschieden sei, während die Seelen
+der Mohammedaner nach dem Tode in Tiere übergehen sollen. Ehe die
+gläubigen Seelen ins Paradies eingehen, müssen sie sich eine Weile
+in einem sogenannten Fegefeuer aufhalten, wo sie von ihren Sünden
+gereinigt werden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. S. M. Zwemer.
+
+Abb. 361. Ein Osmanlimädchen von Muscat.
+
+Der Gesichtsschmuck ist zugleich eine Art Schleier. Die Schmucksachen
+sind aus Silber angefertigt; in der Mütze wird meist ein Zaubermittel
+getragen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 362. Knabe beim Werfen eines Schleudersteins,
+
+um Schafe, die sich von der Herde entfernen wollen, zurückzurufen.]
+
+Auch die Drusen im Libanon und Hauran besitzen eine merkwürdige
+Religion, die zwar auf islamitischer Grundlage beruht, aber von
+zahlreichen Elementen der Lehre Christi und Zoroasters, selbst auch von
+abergläubischen Vorstellungen durchsetzt ist. Ihre erbittertsten Feinde
+sind die am Westabhang des Libanon wohnenden Maroniten, deren Vorfahren
+zu den allerersten Christen zählten und ihrer Glaubenslehre daher eine
+eigenartige Richtung gaben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Newnes Ltd.
+
+Abb. 363. Kämpfende Kamele.
+
+Die Tiere werden, sorgfältig mit einem Maulkorb versehen, von ihren
+Eigentümern mit Trommeln und Pfeifen angefeuert. Die Ausrüstung der
+Kamele bildet einen Teil des Einsatzes.]
+
+Die +Kleidung+ der Osmanen besteht in weiten Pluderhosen, baumwollenem
+oder seidenem Hemd, kurzer wattierter Jacke, über der sie einen langen
+Rock tragen, weichen Lederpantoffeln und einem Fez oder Turban. Die
+Frauentracht (Abb. 359 und 361) ist der der Männer im allgemeinen
+gleich, nur trägt das weibliche Geschlecht als Kopfbedeckung eine
+kleine Kappe oder ein Schleiertuch und außerdem auf der Straße einen
+langen, dunkelfarbigen Mantel mit breitem Kragen, der über den Kopf
+geschlagen wird, sowie einen Gesichtsschleier. -- Die Tracht der
+Armenier ist keine einheitliche, sie schließt sich vielmehr der des
+jeweiligen Volkes an, unter dem sie leben. Eher kann man von einer
+typischen Gewandung der Armenierinnen sprechen, die in hellfarbigen,
+über den Knöcheln zusammengebundenen Pluderhosen, einem Hemd, das in
+der Taille mit einem seidenen oder goldenen Band zusammengehalten wird,
+und einer gestickten Weste einhergehen. Die Kleidung der Kurden setzt
+sich aus roter Tuchhose, weitärmliger, mit Goldborten und Schnüren
+verzierter Jacke, roten Lederstiefeln und großem Turban zusammen.
+
+Die Beschäftigung der Stämme auf dem Lande besteht hauptsächlich in
+Ackerbau und Viehzucht. Ein nomadisierendes Leben führen die Beduinen
+Palästinas (Abb. 360), die mit ihren zahlreichen Herden dessen Wüsten
+durchziehen (Abb. 357, 362 und 363) und teilweise auch von Raub leben,
+wie wir dies bereits von den Kurden hörten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Robinson Lees.
+
+Abb. 364. Der heilige Felsen (Sakhrah) in der Omarmoschee zu Jerusalem,
+
+um den die Moslim dreimal herumgehen müssen, damit ihre Gebete erhört
+werden.]
+
+Für alle Bewohner Kleinasiens, ganz gleich ob sie Mohammedaner,
+Christen oder Juden sind, bildet die Stadt +Jerusalem+ den +Mittelpunkt
+ihrer Anbetung+; ihr einheimischer Name „El Kuds“, das heißt „die
+Heilige“, ist bezeichnend für die hohe Einschätzung dieser Stadt unter
+den Anhängern aller Glaubensbekenntnisse. Sie zieht zahlreiche Scharen
+von Pilgern herbei, die ihre Empfindungen den verschiedenen religiösen
+Bräuchen und Riten gegenüber gemeinsam und geflissentlich zum Ausdruck
+bringen. Der +Sakhrah+, der große Felsen unter dem Dom, den Europäern
+unter der Bezeichnung Moschee des Omar, den Bewohnern des Orients aber
+als der Dom des Felsens bekannt (Abb. 364), ist der Anziehungspunkt
+für die Bekenner des Islams. Allen Gläubigen liegt die heilige Pflicht
+ob, ihn zu besuchen und dreimal um ihn herumzugehen; sie haben dann
+die Gewißheit, daß ihre Gebete erhört werden. Der mohammedanischen
+Legende zufolge ist diese Stelle der erste Teil der Erde, der von Gott
+erschaffen wurde. Man sagt, daß der große Prophet hier mit allen seinen
+Vorgängern zusammengetroffen und von dort aus in den Himmel eingegangen
+sei. Der Felsen sei ihm gefolgt, aber auf seiner Reise durch den Engel
+Gabriel achtzehn Meilen von der Erde aufgehalten worden; daher schwebe
+er jetzt mitten in der Luft. -- Das größte Fest für die Mohammedaner
+ist die +Neby-Musa-Prozession+ (Abb. 365), die ganze Scharen von
+Menschen aus allen Gegenden des Landes zu dem angeblichen Grabe des
+Moses bei dem Orte gleichen Namens im Jordantale herbeizieht. Die
+Scheiche (Abb. 366) von Haram, der Pascha und alle Mohammedaner von
+Bedeutung, auch die Banner, die in Mekka gewesen sind, gehen im Zuge
+vom Dome des Felsens nach Neby-Musa; ihnen folgt Musik und eine
+ungeheure Menschenmenge. Es herrscht dabei eine ungemeine Begeisterung.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Robinson Lees.
+
+Abb. 365. Die Neby-Musa-Prozession
+
+mit den heiligen Bannern, die in Mekka waren, zieht, auf dem Weg zum
+mutmaßlichen Grabe des Moses am Toten Meer, durch den Garten von
+Gethsemane.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 366. Der Scheich von Askalon (im alten Philisterland)
+
+raucht im Empfangszimmer die Nargilehpfeife. Das neben ihm liegende
+Schwert ist das Zeichen seiner Würde.]
+
+Die +christlichen Feste+ (Abb. 367 bis 370) sind eng mit der
++Kirche des Heiligen Grabes+ verknüpft. Ursprünglich gab es in
+Jerusalem nur zwei heilige Stätten: die der Kreuzigung und die der
+Auferstehung; allmählich sind aber noch andere Stellen aufgefunden und
+heiliggesprochen worden, die mit dem großen Trauerspiel auf Golgatha im
+Zusammenhang stehen. Wenn die Pilger die Schritte Christi auf seinem
+Wege nach Golgatha verfolgen, beginnen sie mit der Stelle, an der
+Pilatus gestanden haben soll, als er in die Worte ausbrach: „Sehet,
+welch ein Mensch!“ Der Bogen über dieser Straße ist als Eccehomobogen
+(Abb. 374) bekannt; ihm schließen sich die Stellen an, wo sich seit
+Jahrhunderten die verschiedenen Stationen des Kreuzweges dargestellt
+finden. Den Schluß des Ganzen bildet die Kirche des Heiligen Grabes
+(Abb. 372). Außerhalb derselben werden zu gewissen Zeiten Schauspiele
+aufgeführt. Das imposanteste davon ist die Fußwaschung (Abb. 376),
+bei der der griechische Patriarch zwölf Bischöfen die Füße wäscht, um
+den Heiland darin nachzuahmen. Am Palmsonntag (Abb. 371) findet eine
+Wallfahrt hierher statt, mit der eine prachtvolle Schau von Palmzweigen
+verbunden ist. Zum +griechischen Osterfest+ zieht das Fest des
+Heiligen Feuers die meisten Pilger herbei, die es als die wichtigste
+Handlung ihrer Pilgerfahrt ansehen, eine Kerze an der heiligen Flamme
+anzuzünden. Wer auf das Gelingen dieser religiösen Handlung besonderes
+Gewicht legt, sichert sich bereits Stunden, sogar Tage vorher einen
+Platz. Die Stadtverwaltung trifft alle mögliche Fürsorge, daß keine
+Störung oder irgendwelche Folgen des Fanatismus sich bemerkbar machen;
+sie stellt je eine Kompanie Soldaten in und vor der Kirche auf und
+hält eine solche in der nächstgelegenen Kaserne bereit. Denn zu leicht
+werden die Zuhörer zu großer Begeisterung und sogar direkt zur Raserei
+hingerissen, wenn die Würdenträger der Kirche, mit kostbaren glänzenden
+Gewändern geschmückt, erscheinen und die verwirrte Volksmenge
+zurückzudrängen suchen, um genügend Platz für den Umzug um das Heilige
+Grab zu schaffen. Nachdem dieser dreimal unter wilder Begeisterung
+stattgefunden hat, betritt der Patriarch (Abb. 373) das Heilige Grab
+und reicht bald eine Fackel aus ihm heraus, die von einem kräftigen
+Arm, der darauf schon wartet, sofort ergriffen wird, um nach Bethlehem
+getragen zu werden. Es entsteht dann eine große allgemeine Verwirrung;
+ein jeder will von diesem heiligen Feuer etwas abbekommen. Allmählich
+entleert sich die Kirche, und wer das Glück hatte, seine Kerze
+anzuzünden, kehrt freudig heim.
+
+Für die +Juden+ ist die +Klagemauer+ (siehe die Kunstbeilage) der
+Anziehungspunkt in Jerusalem; seit vielen Jahrhunderten bildet sie
+die Stätte, zu der Tausende und aber Tausende hinströmen, um über den
+Steinen ihres verlorenen Erbes zu weinen. Doch kommen die Juden auch
+bei freudigen Anlässen in ihrer Stadt zusammen. So bietet +Purim+,
+das Fest, das zur Erinnerung an die Niederlage von Haman und das
+Vorrücken von Mardochai gefeiert wird, Gelegenheit zu ausgelassener
+Freude. Besonders auch die Kinder belustigen sich dabei, weil allerlei
+Süßigkeiten in der Form von Schuhen, Pantoffeln und Hüten unter die
+Jugend verteilt werden. Wenn dann das Buch Esther vom Rabbi in der
+Synagoge vorgelesen wird und die versammelten Andächtigen den Namen
+Haman hören, fangen alle an, mit den Füßen zu stampfen und auszurufen:
+„Sein Name soll ausgelöscht werden“; die Kinder, die sich draußen
+aufhalten, schütteln die Klappern, die sie von den Eltern zu diesem
+Zweck erhalten haben, und schlagen mit Holzhämmern gegen die Mauer.
+Ferner sei des +Laubhüttenfestes+ gedacht, des einzigen Festes, das
+wohl noch in seiner ursprünglichen Einfachheit gefeiert wird. Man baut
+Hütten (Abb. 375) aus Schilfrohr und Baumzweigen auf den Dächern der
+Häuser, den Balkonen und auch in den Gärten und schmückt sie mit Obst,
+wie es das Alte Testament vorschreibt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 367. Christliche Pilger baden im Jordan.
+
+Ihre Gewänder haben die Länge des Salbsteins in der heiligen
+Grabeskirche zu Jerusalem, auf den nach der Legende der Leichnam
+Christi vor seiner Bestattung gelegt wurde.]
+
+In Palästina besteht noch eine kleine, nicht einmal zweihundert
+Seelen zählende jüdische Sekte, die das Passahfest (siehe die farbige
+Kunstbeilage) noch ganz nach der Sitte ihrer Vorväter auf dem heiligen
+Berge Gerizim, der ihre Wohnstätte überblickt, feiert. Es sind dies
+die +Samaritaner+. Die dabei stattfindenden Riten werden ganz nach
+dem Plan vollzogen, wie ihn das zweite Buch Mosis im 12. Kapitel
+schildert. Sie schlagen ihre Zelte (Abb. 377) so dicht wie möglich in
+zwei Reihen auf; darunter ist das wichtigste ein längliches Zelt für
+das Tabernakel, dicht beim Opferplatz, der sich neben dem Zelt des
+Hohenpriesters befindet. Neun Tage lang werden die Vorbereitungen zu
+dem hohen Feste getroffen, im besonderen die Lämmer durch reichliches
+und sorgfältiges Waschen für das Opfer zurechtgemacht. Am letzten
+Abend, dem fünfzehnten des Monats Nisan, kleiden sich Männer und
+Knaben in weiße Baumwollhemden und Hosen (Abb. 380); die Frauen legen
+ebenfalls ihre beste Kleidung an, bleiben aber in den Zelten. In einem
+Graben, dem Tabernakel gerade gegenüber, legt man Feuer an und bringt
+darüber zwei große Kessel zum Wasserkochen an; währenddessen wird das
+„Gesetz“ gelesen (Abb. 378). Am Ende dieses Grabens wird eine große,
+etwa zwei Meter tiefe Grube gegraben und in ihr gleichfalls ein Feuer
+entzündet, um das Opfer zu verbrennen. Zwei Stunden vor Sonnenuntergang
+versammeln sich die männlichen Samaritaner im Tabernakel mit Ausnahme
+der jungen Leute, denen die Aufgabe zufällt, die Lämmer zu töten und
+auch auf das kochende Wasser, sowie die Feuer acht zu geben. Das Gesetz
+wird noch einmal verlesen, wobei die Gesichter der Zuhörer den Ruinen
+des Tempels auf der Bergesspitze zugewendet sind, und dann werden bei
+Sonnenuntergang die Lämmer den jungen Burschen zum Schlachten gebracht;
+die übrigen Samaritaner versammeln sich um die Opfer.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 368. Prozession am Sankt-Simons-Fest der griechisch-katholischen
+Kirche.
+
+Türkische Soldaten sorgen dabei für Aufrechterhaltung der Ordnung.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 369. Weihnachtsprozession der römisch-katholischen Gemeinde in
+Bethlehem bei der Rückkehr in die Kirche.]
+
+Auf ein gegebenes Zeichen wird jedes Lamm ergriffen, auf den Rücken
+geworfen und erhält mit dem Opfermesser einen Schnitt quer durch den
+Hals. Das Blut spritzt aus der Wunde, das Osterlamm rollt auf die
+Seite und verendet nach kurzem Todeskampf. Die Stirnen der Knaben,
+die im inneren Kreise stehen, werden mit Blut gezeichnet; die Männer
+umarmen und küssen sich, freuen sich und wünschen sich Glück, daß die
+Lämmer ihrer Erlösung gefallen sind. Nachdem der Hohepriester die
+Tiere sorgfältig geprüft hat, ob sie vorschriftsmäßig getötet wurden,
+ohne Fehl sind und nicht mehr leben, wird kochendes Wasser aus den
+Kesseln über sie gegossen, worauf die jungen Männer daran gehen, die
+Wolle abzuzupfen und die Eingeweide zu entfernen. Diese werden in der
+Grube verbrannt. Die Tierleiber werden auf lange Stangen aufgespießt
+und den Flammen zum Braten übergeben. Damit die Grube die Hitze
+halte, deckt man sie mit nasser Erde zu. Das Braten dauert bis gegen
+Mitternacht. Inzwischen kommen die einzelnen Familien zusammen, um das
+ungesäuerte Brot und die bitteren Kräuter zu essen; sie bieten sie auch
+den Besuchern, die sich vielfach aus Neugierde einfinden, an. Damit
+keine Störung von dieser Seite geschehe, ist während der ganzen Feier
+türkisches Militär kommandiert, das die Ordnung aufrecht zu erhalten
+hat; natürlich wird es dafür von den Samaritanern reichlich bezahlt.
+Wenn das Fleisch nachts fertig gebraten ist, wird es aus der Grube
+gezogen und von den Gläubigen, die mit gegürteten Lenden, Stäben in den
+Händen und Schuhen an den Füßen dastehen, in großer Eile verzehrt.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Genehmigung von Braun & Co., Dornach.
+
+Vor der Klagemauer Jerusalems.
+
+Nach dem Gemälde von Ralli.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 370. Russische Pilger an der Abrahamseiche zu Hebron.
+
+Unter diesem Baum, einem der ältesten des Landes, soll der Patriarch
+gewohnt haben. Die Stätte wird daher von einheimischen und fremden
+Pilgern viel besucht.]
+
++Abergläubische Vorstellungen+ beherrschen die Bevölkerung Syriens
+und Palästinas in weitem Umfange. In der Wildnis im Süden und Osten
+Vorderasiens glaubt das Volk unbedingt an das +Vorhandensein böser
+Geister+ (Jans genannt), die nach seiner Ansicht in der Unterwelt leben
+sollen. Ebenso behauptet es, daß manche Menschen die Macht besitzen,
+anderen ein Leid zuzufügen, wenn sie sie ansehen. Die Furcht +vor
+dem bösen Blick+ ist allgemein verbreitet, besonders für Kinder und
+Vieh, die ihn nicht abwehren können, fürchtet man in dieser Hinsicht.
+Zahlreich sind die Abwehrmittel (Abb. 379), die hiergegen in Vorschlag
+gebracht werden. Zum Schutze gegen den bösen Blick pflegt man am Halse
+von Kindern (Abb. 382) und Haustieren, auch an der Mähne oder dem
+Schwanz der letzteren, blaue Perlen oder Amulette (Dreiecke aus Kupfer
+oder einem anderen Metall, an denen Papierschnitzel mit arabischen
+Beschwörungsformeln befestigt sind) anzubringen. Als sicheres Mittel
+gilt auch, ein Stück Zeug von der Person, die von dem verderblichen
+Element heimgesucht ist, unter dem Opfer zu verbrennen; der Rauch
+beseitigt dann den bösen Einfluß. Die Christen nehmen ein Stück von
+den Palmzweigen, die am Palmsonntag verwendet wurden, tun es mit
+einer Prise Salz oder Alaun in einer Pfanne aufs Feuer und gehen
+dann siebenmal herum; sobald sie einen knisternden Ton vernehmen,
+sind sie von ihrem Bann erlöst. Um Gärten und Reben gegen den bösen
+Blick zu schützen, hängt man auf dem Lande Schädel von Kühen, Pferden
+oder Kamelen an der Umfriedigung oder auf einer hohen Stange auf. --
++Bestimmte Tage und Stunden+ gelten für +unheilbringend+, weswegen
+dann keine Arbeit vorgenommen werden darf, so der Dienstag und die
+Stunden vor Sonnenuntergang. An bestimmte Ereignisse oder Tage knüpfen
+sich auch wieder allerlei abergläubische Vorstellungen; so wälzt man
+sich beim ersten Donnerschlag im Jahre auf der Erde, um keine Flöhe
+zu bekommen. Das Brot wird besonders heilig gehalten; man darf es
+nie mit senkrecht stehender Klinge durchschneiden, sondern nur mit
+wagrecht liegender. Glückbringende Amulette werden von Menschen und
+Haustieren getragen, ebenso an Häusern und Gärten angebracht. So findet
+man vielfach an jüdischen Häusern die „Hand der Allmacht“ angemalt,
+oft in solcher Größe, daß sie die ganze Front bedeckt; meistens
+allerdings nur eine rohe Wiedergabe der fünf Finger, etwa ein Meter
+lang, in Wasserfarbe. Der jüdische Trauring hat die Form einer Hand,
+und kleine Glashände werden von der ärmeren Bevölkerung vielfach
+getragen, ebenfalls um Glück zu bringen. Am Türpfosten der jüdischen
+Häuser befindet sich die M’zuza-Rolle angebracht, ein kleines Pergament
+in einer Metall- oder Holzhülse, auf dem in hebräischer Sprache
+einige Stellen aus dem Gesetz sowie das Wort Schaddai (Allmächtiger)
+geschrieben stehen, das in einem Loch in der Hülle sichtbar sein muß;
+so oft der gläubige Jude seine Wohnung betritt oder verläßt, küßt oder
+berührt er dieses Wort. -- Den +Schlangen+ wird große Macht zum Guten
+oder Bösen zugeschrieben; daher wird ein Bauer es wohl nie wagen, eine
+Schlange zu töten oder auch nur zu stören, in der festen Überzeugung,
+daß das ganze Geschlecht der getöteten oder verwundeten Schlange den
+Mörder und seinen Anhang unbarmherzig verfolgen würde, um Rache zu
+nehmen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 371. Palmsonntagfeier zu Jerusalem.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 372. Altäre in der heiligen Grabeskirche,
+
+die letzten Stationen des Leidensganges des Heilands für Pilger der
+römischen und griechischen Kirche.]
+
+Das Bestreben jeder strenggläubigen Moslemitin sowie jeder Jüdin
+ist darauf gerichtet, ihrem Manne recht viele, womöglich männliche
++Kinder+ zu schenken. Ist ihr solches Glück versagt und leidet sie
+infolgedessen unter Vernachlässigung von seiten ihres Gatten sowie
+unter der Verspottung ihrer Nachbarn, die unter höhnischem Lachen mit
+dem Finger auf sie zeigen, dann sucht sie diesem Übelstande mit allen
+Mitteln abzuhelfen. Sie sucht die verschiedensten heiligen Stätten
+(Schreine) auf und nimmt die Hilfe weiser Frauen oder heiliger Männer
+in Anspruch. Der bedeutendste Schrein ist der Neby Daud, das heißt
+der „Prophet“ David, womit das angebliche Grabmal Davids gemeint ist,
+ein moslemitischer Schrein, der von einer größeren Anzahl Menschen
+alljährlich aufgesucht wird. Jede Frau glaubt, daß der „Prophet“ David
+sich für alle diejenigen verwenden wird, die sich Kinder wünschen,
+sofern sie ein Gelübde ablegen. Zum Zeichen dessen trägt sie meistens
+ein Stück Zeug, und das Gelübde erfüllt sie durch das Opfer eines
+Lammes, das ein heiliger Mann schlachtet; das Fleisch des Tieres wird
+darauf unter die Armen verteilt. Sind alle Bemühungen, Mutter zu
+werden, vergeblich gewesen, so tut die Mohammedanerin ihr letztes und
+trägt eine schwarze Schlange drei Tage lang auf bloßer Haut; dann ist
+sie fest überzeugt, daß sie nicht mehr lange auf die Mutterschaft zu
+warten braucht. -- Die +Geburt eines Kindes+ bildet in jedem Dorfe ein
+wichtiges Ereignis. Verspürt die islamitische Frau, daß ihre schwere
+Stunde naht, so verläßt der Gatte seine Wohnung, nachdem er einen
+Freund gebeten hat, dort zu bleiben und ihm die Nachricht von der
+erfolgten Entbindung zu überbringen. Ist ein Knabe zur Welt gekommen,
+so läuft dieser Freund in größter Eile zum Vater, schwenkt von weitem
+schon freudig seine Arme und ruft ihm so laut er nur kann zu: „Bschara,
+Bschara“, das heißt „gute Nachricht, gute Nachricht“. Der neugebackene
+Vater macht sich spornstreichs auf den Weg nach Hause, um dem Kinde
+einen Namen zu geben. Dieses wird nach der Geburt sofort ganz und gar
+mit Salz eingerieben, mit Olivenöl bestrichen und sodann in Windeln
+gewickelt. Erst nach sieben Tagen wird es ausgebündelt, noch einmal
+mit Öl gewaschen, mit Salz eingerieben und dann wieder eingehüllt.
+Dieses Verfahren wird vierzig Tage lang fortgesetzt. Dann wird das
+Kind (Knabe wie Mädchen) in die Kleidung der Erwachsenen gesteckt. Der
+Vater gibt seinen Freunden, von denen man erwartet, daß sie sich mit
+Geschenken einfinden werden, ein Fest. Es schenkt auch jeder, seinen
+Mitteln entsprechend, einen gewissen Betrag, angeblich zum Besten des
+Kindes, aber in Wirklichkeit für die eigenen Zwecke des einsammelnden
+Vaters. Vielfach, meistens bei den Bauern, werden Geschenke auch
+in Gestalt von Naturalien (Schafe, Ziegen, Getreide, Linsen und
+dergleichen) verabreicht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 373. Der armenische Patriarch in vollem Staate auf dem Totenbett.]
+
+Bei der Geburt eines Mädchens ist die Freude bei weitem nicht so groß.
+Der Bote kommt nur langsam zum Vater, der von weitem schon den Inhalt
+der Botschaft ahnt, und teilt ihm diese schonend mit. Er weist zwar
+gleichzeitig tröstend darauf hin, daß der Vater später einmal von der
+Tochter auch einen Vorteil haben wird. Denn vorläufig hat ein Mädchen
+für ihn keinen Wert; erst wenn es älter wird und heiratet, steigt es
+in den Augen des Vaters. Dieser interessiert sich dann für die äußere
+Erscheinung der Tochter und schätzt ihren Wert ein; er genießt fortan
+auch bei dem Händler, von dem er seine Nahrungsmittel bezieht, Kredit.
+Hat er drei Töchter, so kann er dies dem Besitze von etwa achthundert
+bis zweitausend Mark gleich achten, je nach dem Alter und den Reizen
+derselben. Gleichwohl werden die Mädchen niemals mitgezählt, wenn man
+von der Zahl der Familienmitglieder spricht. -- Manchmal wird bei der
+Geburt eines Kindes auch ein Lamm als Geschenk dargebracht, um Achtung
+und Ergebenheit zu bekunden. Dieser Brauch wird indessen nicht als
+eine religiöse Zeremonie angesehen, wenngleich sich meistens daran ein
+Festgelage anschließt und vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes damit
+verknüpft ist. Oft wird diese Gelegenheit dazu benutzt, um Frieden zu
+schließen, das Geschenk bedeutet dann ein Versöhnungszeichen zwischen
+zwei Nachbarn oder Bekannten, deren gute Beziehungen durch Fehde oder
+Blutvergießen getrübt gewesen waren. Oft entspricht das Darbringen von
+Geschenken auch lediglich eigennützigen Beweggründen: derjenige, der
+das Opfer „führt“, erwartet davon eine Belohnung, die dem Brauche gemäß
+in einem Kleidungsstück bestehen muß. -- Auch bei der Rückkehr eines
+teuren Verwandten wird noch heute wie in früheren Zeiten aus Freude ein
+Tier geschlachtet (Abb. 383).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Robinson Lees.
+
+Abb. 374. Der Eccehomobogen am Anfang des Leidensweges zu Jerusalem.]
+
+Bei der Geburt eines ersten Sohnes steigt der Vater in der Achtung
+seiner Mitmenschen und nimmt dann auch einen neuen Namen an. Man kennt
+ihn fortan nicht mehr unter seinem bisherigen Namen, sondern nur
+noch unter dem seines Sohnes; so heißt er nunmehr, um ein Beispiel
+anzuführen, Abu Abdallah, das heißt „Vater des Abdallah“.
+
+Ist der +Knabe ein Jahr+ alt geworden, dann opfert bei den
+nomadisierenden Stämmen der Vater ein Schaf oder eine Ziege, teils aus
+dankbarer Anerkennung dafür, daß Allah ihn und sein Kind bisher gnädig
+beschützt hat, teils aber auch, um sich im voraus von einem etwaigen
+Opfer loszukaufen, das Gott von ihm in seinem Sohne fordern könnte.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Robinson Lees.
+
+Abb. 375. Eine Laubhütte vom gleichnamigen jüdischen Fest.
+
+Sie ist aus Baumzweigen und Palmen auf dem Dach des Hauses errichtet
+und mit Getreide behängt.]
+
+Die +Hochzeitsgebräuche+ in Vorderasien sind je nach der Religion, zu
+der sich die Brautleute bekennen, ganz verschieden, nur eines ist fast
+allen drei Bekenntnissen gemeinsam, das ist die Frage nach der Mitgift,
+die eine wichtige Stelle bei den Vorverhandlungen einnimmt.
+
+Die mohammedanischen Bauern gehen sehr jung die Ehe ein und heiraten
+wohl alle. Jedes Mädchen weiß daher, daß sie einmal Braut werden wird;
+sie bereitet schon beizeiten, sobald sie nähen kann, ein mit der Hand
+hergestelltes Gewand für dieses große Ereignis vor. Der Zeitpunkt,
+wann sie von ihrem Auserwählten heimgeführt werden wird, steht für
+sie jedoch nicht fest; denn die Heirat hängt von den Mitteln des
+Mannes, nicht von seinem Alter ab. Arme Männer können es sich nicht
+leisten, sich jung zu verheiraten, obgleich unter Umständen für sie
+doch Aussicht besteht, daß sie das in der Armut liegende Hindernis
+beseitigen können. Wenn sie nämlich eine Schwester haben, so können
+sie diese gegen die Schwester eines anderen Mannes austauschen; beide
+Hochzeiten finden dann an einem und demselben Tage mit gemeinsamer
+Festlichkeit statt. Das wichtigste bei den Heiratsvorschlägen ist, wie
+schon hervorgehoben, die Geldsumme, die man für das +Brautgeschenk+
+aussetzt. Manchmal verpflichtet sich der Jüngling, der keine genügend
+große Summe aufbringen kann und bei seiner Stellung auch nicht zu
+sparen vermag, oder der gern die Tochter eines Freundes heiraten
+möchte, die indessen für ihn noch zu jung ist, die Brautsumme in
+Teilbeträgen zu zahlen; mit dem vierzehnten Lebensjahre des Mädchens
+muß in solchen Fällen das Geschäft ganz erledigt sein.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 376. Fußwaschung auf dem Hofe der heiligen Grabeskirche zu
+Jerusalem.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Robinson Lees.
+
+Abb. 377. Zeltlager beim Passahfest der Samaritaner.]
+
+Ist die Verlobung zustande gekommen, so beginnen acht Tage vor dem
+zur +Hochzeit+ festgesetzten Termin die festlichen Vorbereitungen.
+Abend für Abend versammeln sich Freunde und Verwandte entweder auf dem
+Dreschboden des Dorfes oder auf dem Hofe des Hauses und unterhalten
+einander mit Rätselaufgeben und besonders mit einem Tanz, der ein
+Bärentanz zu sein pflegt. Ein Mann stellt sich in die Mitte eines
+Halbkreises von Frauen und gebärdet sich wie ein Bär; er stößt allerlei
+Töne aus, die sich wie lautes Grunzen anhören, und bewegt sich
+taktmäßig auf die Frauen zu, die zu dem rhythmischen Trommelschlag
+einer Musikbande in die Hände klatschen und das ziemlich laute Grunzen
+mit schriller Stimme beantworten. Auf diese Weise wollen sie andeuten,
+daß sie den Bären vom Dorfe zurückschrecken, damit er die junge Braut
+nicht einfange. Die Männer führen einen Schwertertanz (Abb. 381 u.
+386) auf, bei dem sie ähnliche Possen treiben, im besonderen sich in
+verschiedenen lächerlichen Stellungen versuchen. Sie klirren mit den
+Schwertern, um die bösen Geister zu vertreiben, die in dem Rufe stehen,
+dem Brautpaar Leid zuzufügen.
+
+[Illustration: Das jüdische Osterfest der Samaritaner.
+
+Die Samaritaner versammeln sich, vorausgesetzt daß ihnen von türkischen
+Soldaten genügend Schutz gewährleistet wird, im Freien innerhalb einer
+von Steinen erbauten Umfriedigung bei Sonnenuntergang, um das Osterfest
+abzuhalten. Die Männer lesen vor dem Hohenpriester den Exodus XII, 6.
+Die Lämmer werden von dem Schochetim ergriffen, von dem Hohenpriester
+geprüft und geschlachtet, worauf man sie rasch für das Rösten in einer
+Grube zurichtet.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 378. Rabbi beim Vorlesen der Tora, des Gesetzes Mosis.]
+
+Am Morgen des festlichen Tages holt eine große Schar junger Männer die
+Braut unter Musikbegleitung vom Haus ihres Vaters ab; sie wird dazu
+geschmückt, in einen Schleier gehüllt und auf ein Kamel oder Pferd
+gesetzt (Abb. 384). Das Volk macht sich diese Gelegenheit zunutze,
+um möglichst großen Lärm durch Abschießen von Gewehren, Schlagen
+von Trommeln und Geschrei zu veranstalten; es geleitet den Zug zum
+Hause des Bräutigams, in dem die Braut den Tag mit ihren weiblichen
+Verwandten und Freundinnen verbringt, während ihr Auserwählter mit
+seinen Gästen verschiedenen männlichen Übungen und dem Sporte nachgeht.
+Gegen Abend, wenn das Festmahl fertig gestellt ist, zu dem unter
+Umständen bis zu anderthalbhundert Schafe geschlachtet worden sind,
+machen sich die Gäste daran, den Speisen fleißig zuzusprechen. Der
+Bräutigam nimmt dabei einen erhöhten Platz ein, um die Gesellschaft gut
+übersehen zu können; ein Zeremonienmeister mit Gehilfen ist besonders
+angestellt, um für das leibliche Wohl der Teilnehmer zu sorgen. Sind
+alle im Überflusse gesättigt, dann werden die Geschenke eingesammelt.
+Ein jeder, der zur Hochzeit geladen ist, soll von Rechts wegen ein
+solches mitbringen, das immer in barem Gelde zu bestehen pflegt. Um
+die Hochherzigkeit der gütigen Geber anzuspornen, ruft der Einsammler
+jedesmal mit lauter Stimme den Namen des Spenders aus, nennt aber eine
+viel größere Summe, als er in Wirklichkeit gegeben hat, damit der
+nächste nicht hinter ihm zurückstehe; gleichzeitig fleht er des Himmels
+Segen auf dessen Familie herab. Sind alle Geschenke eingesammelt, dann
+erhebt sich der junge Ehemann und zieht sich mit seiner Frau zurück;
+die Brautjungfern erwarten das Paar mit brennenden Öllämpchen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 379. Eine Sammlung von Amuletten, durch die der böse Blick gebannt
+werden soll.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 380. Szene aus dem Passahfest in Palästina,
+
+das zur Erinnerung an das Sterben der Erstgeburt im alten Ägypten bis
+auf den heutigen Tag gefeiert wird. Ein fleckenloses Lamm wird als
+Opfer geschlachtet.]
+
+Eigenartig ist die Werbung bei den +Drusen+, einer mohammedanischen
+Sekte, die innerhalb ihres eigenen Stammes zu heiraten pflegt und sich
+mit einer einzigen Frau begnügt, obwohl der Islam ihnen deren mehrere
+erlaubt. Drei Tage vor dem Hochzeitstag begibt sich der Bräutigam mit
+einem Gefolge von Altersgenossen, die, wie er, vollständig bewaffnet
+sind, zu seinem zukünftigen Schwiegervater, der, gleichfalls im
+Waffenschmuck, die Gesellschaft an der Schwelle seines Hauses erwartet,
+um von diesem in aller Form die Tochter als Frau zu verlangen. Der
+Vater gesteht sie ihm unter den Bedingungen des Brautvertrages zu und
+erteilt, wenn das Heiratsgut ausgemacht und auf die Braut übertragen
+ist, dem Paare seinen Segen. Die Braut erscheint dabei für einen
+Augenblick tief verschleiert in Begleitung ihrer weiblichen Verwandten;
+die Mutter übernimmt die Bürgschaft für die unbefleckte Reinheit ihrer
+Tochter. Der junge Mann fragt seine Zukünftige, ob sie ihn heiraten
+wolle, und erhält die zusagende Antwort: „Ich nehme dich“; dabei
+überreicht sie ihm einen sehr schönen syrischen Dolch, den Khanjar,
+in ein großes Taschentuch aus Wolle gewickelt, das sie mit eigenen
+Händen gearbeitet hat. Sie will damit andeuten, daß sie sich in Zukunft
+unter den Schutz ihres Mannes stellen wird, aber auch, daß dieser
+mit dem Dolch ein etwaiges Vergehen ihrerseits sühnen darf, sei es,
+daß sie mit ihrer Jungfrauenehre etwa leichtsinnig umgegangen sein
+oder sonst ein von ihr bei der Hochzeit abgelegtes Gelübde übertreten
+oder ihre Pflicht als gehorsame Gattin nicht erfüllt haben sollte. Am
+Hochzeitsabend führen die Frauen den Bräutigam zum Brautgemach, wo
+ihn die Braut, vom Kopf bis zum Fuß in einen roten, mit Goldflitter
+besetzten Schleier gehüllt, erwartet; er entfernt diesen und setzt ihr
+den Tantur aufs Haupt, den sie so lange trägt, als sie lebt. Es ist
+dies eine silberne, manchmal auch nur zinnerne, spitz zulaufende Tube,
+die auf dem Kopfe im rechten Winkel zu der Stirn getragen wird (ähnlich
+wie man das Horn eines Einhorns darstellte) und das Abzeichen für die
+verheiratete Drusenfrau bildet (Abb. 385). Dies Schmuckstück wird auf
+sehr verschiedene und für die einzelnen Örtlichkeiten kennzeichnende
+Weise getragen, so daß jemand, der mit Land und Sitten vertraut ist,
+nach der Art, wie eine Frau den Tantur trägt, zu sagen vermag, aus
+welchem Bezirk sie stammt. Für gewöhnlich ruht er mit seinem breiteren
+Ende auf einem Kissen oben auf dem Kopf und wird hier durch zwei
+Seidenschnüre festgehalten, die, nachdem sie um den Kopf geschlungen
+worden sind, hinten fast bis zur Erde hinabreichen und in Troddeln
+endigen, die bei den besseren Klassen noch mit einer Silberkappe
+versehen sind. Sobald der Schleier vom jungen Ehemann gelüftet wird,
+laufen alle Anwesenden eiligst aus dem Zimmer; sie schreien dabei in
+tiefen Kehllauten und lassen diese mißtönende Musik noch stundenlang
+weiter erschallen. Die Männer führen inzwischen in einem anderen Raum
+oder auf dem Hofe einen Schwertertanz auf; sie fuchteln in drolligen
+Stellungen mit ihren Schwertern und Messern in der Luft herum, um die
+Jans (bösen Geister) dem künftigen Leben der Neuvermählten fernzuhalten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 381. Schwertertanz bei einer Hochzeit.
+
+Die Trommeln schlagen den Takt zu den Bewegungen des Tänzers. Es sollen
+dadurch die bösen Geister gebannt und die Zuschauer unterhalten werden.]
+
+Abweichend von den sonstigen Hochzeitsgebräuchen besteht bei den
++Kurden+ die Sitte, daß die Braut, nachdem sie von dem Bräutigam in
+sein Zelt geführt worden ist, vor dem zwei Freunde mit gezückten
+Schwertern die Ehrenwache halten, damit kein Unberufener es betrete,
+sich gegen die Annäherung des jungen Gatten zunächst heftig sträubt
+und erst nach langem Bitten, das durch Überreichung eines wertvollen
+Geschenks unterstützt wird, das Beilager erlaubt. Wird ein Mädchen
+unter den Kurden nicht mehr für jungfräulich befunden, dann setzt man
+sie, nur mit einem wollenen Hemd bekleidet, verkehrt auf einen Esel,
+gibt ihr den Schwanz in die Hand und jagt sie unter Verhöhnungen
+aus dem Dorfe hinaus; ein jeder, der sie trifft, hat das Recht, die
+Gefallene mit Kot zu bewerfen.
+
+Bei den christlichen +Armeniern+ besteht noch die Sitte, daß die Kinder
+in der Wiege, selbst noch ungeborene, miteinander verlobt werden, um
+feste Verbindungen zwischen zwei Familien dadurch anzuknüpfen. Als
+Zeichen solcher Verlobung gilt ein Einschnitt in das Obergestell der
+Wiege des Mädchens, den der Vater des Knaben macht, oder das dreimalige
+Umwickeln des Gestelles mit einem baumwollenen Faden. Bei der Werbung
+eines Erwachsenen legt der Jüngling seiner Angebeteten nachts im
+geheimen einen Korb mit frischen Blumen oder Pakete mit süßen Früchten
+vor die Tür des elterlichen Hauses. Nachdem er auf solche Weise zwei-
+bis dreimal das Mädchen aufmerksam gemacht hat, gibt er dessen Eltern
+durch seine Verwandten zu wissen, daß er es war, der diese Gaben
+hinlegte. Sind die Eltern gesonnen, ihre Tochter ihm zum Weibe zu
+geben, so tun sie in den von ihm dargebrachten Korb ein gekochtes Huhn,
+einige aus Milch, Eiern und Butter gebackene Kuchen sowie einige Eier
+und senden ihn dem Jüngling zurück. Daraufhin gilt die Verlobung für
+abgemacht. Zum Zeichen dessen überreicht die Mutter des Bräutigams
+oder eine andere weibliche Anverwandte während des Gottesdienstes am
+Palmsonntag dem Mädchen eine angezündete Kerze und wirft ihr ein großes
+rotes Tuch über den Kopf. Einige Monate nach der Verlobung findet
+die Vermählung statt. Sie wird in der Weise begangen, daß Braut und
+Bräutigam dreimal um den Herd des Hauses gehen, seinen Rand küssen und
+sich, das Gesicht gen Osten gewandt, vor ihm aufstellen; der Geistliche
+stellt Kerzen auf den Herd und legt beiden eine Schnur aus grüner und
+roter Seide um den Hals, die er an den Enden mit einem Wachssiegel,
+auf das ein Kreuz gedrückt wird, schließt. Solange diese Schnur (Narot
+genannt) am Halse der Neuvermählten sitzt, haben sie kein Anrecht auf
+geschlechtlichen Verkehr. Durch eine besondere kirchliche Feier wird
+das Paar erst von diesem Verbot befreit.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 382. Ein mit Amuletten gegen den bösen Blick behängtes Kind.]
+
+Bei den +Juden+ gilt es für eine Sünde, wenn ein gesunder junger
+Mann unverheiratet bleibt; Mittellosigkeit wird nicht als
+Entschuldigungsgrund anerkannt, sofern die Braut eine Mitgift
+mitbringt. Da es ebenso als Schande gilt, wenn eine Tochter
+unverheiratet bleibt, so werden für eine bedürftige Witwe zur Aussteuer
+ihrer Tochter Beiträge gesammelt. An dem zur Verlobung festgesetzten
+Tage wird der Ehevertrag von den Eltern des Brautpaares und ihren
+Freunden aufgesetzt. Die Väter geben sich zur Bekräftigung in Gegenwart
+von Zeugen, mit denen sie nicht verwandt sind, die Hände. Hierauf
+ergreift der Bräutigam ein mit Wein gefülltes Glas mit den Worten:
+„Gesegnet seist du, o Herr, König der Welt, der du uns mit deinen
+Geboten geheiligt hast,“ trinkt nach diesem feierlichen Ausspruch
+ein wenig davon und gibt das Glas dann der Braut. Nun werden irdene
+Töpfe oder ein Glas hereingebracht und auf die Erde geworfen, so daß
+sie in viele Stücke zerbrechen. Währenddessen bringen die Gäste ihre
+Glückwünsche dar. Dieser Brauch soll besagen, daß ebenso wie die Stücke
+nie wieder zusammengesetzt werden können, auch die bevorstehende
+Verbindung nie gelöst werden möge; je mehr Stücke es sind, in die
+das Gefäß zersplittert, um so größer werden Glück und Wohlergehen
+des Paares ausfallen. Die Verlobten erhalten von ihren Eltern zwei
+Scherben, die sie sich aufheben müssen. Wenn später einer der Eheleute
+stirbt, dann legt der Überlebende, so erzählt man sich von frommen
+Juden, dieselben auf die Augen des verstorbenen Gefährten. Nachdem
+noch die Verlobungsgeschenke ausgetauscht worden sind, folgt ein
+Fest. Während der letzten acht Tage vor der Hochzeit darf keiner der
+Verlobten seine Wohnung verlassen, weil man fürchtet, er könne behext
+werden.
+
+Am Hochzeitsmorgen wird der Bräutigam von seinen Freunden zur Synagoge
+geleitet, wo der Rabbi (Abb. 378) ein Kapitel aus den Büchern Mosis
+vorliest. Am Nachmittag oder Abend versammelt sich das junge Paar mit
+Eltern, Verwandten und Gästen zu der eigentlichen Vermählungsfeier;
+hierbei muß der Kontrakt vorgelegt werden. Darauf wird die Braut
+dreimal um den Bräutigam herumgeführt; dieser nimmt sie bei der Hand
+und führt sie unter einen Baldachin, ein Stück Tuch, das über Stäben
+von den Gästen gehalten wird; gleichzeitig schütten die Gäste und
+näheren Freunde Korn aus einer Schüssel über sie mit den Worten:
+„Seid fruchtbar und mehret euch; Friede sei mit euch.“ Der amtierende
+Rabbiner nimmt die Hände des Paares, legt sie ineinander und bedeckt
+ihre Häupter mit einem Schleier oder Schal. Darauf ergreift er ein
+Glas Wein, spricht den Hochzeitsegen und gibt Braut und Bräutigam zu
+trinken. Der Bräutigam wendet der Braut das Gesicht zu, reicht dem
+Rabbi den Trauring dar, damit dieser ihn auf seine Echtheit prüfe,
+und steckt ihn schließlich der Braut an den Finger mit den Worten:
+„Siehe, durch diesen Ring bist du mir nach den Gesetzen von Moses und
+Israel angetraut.“ Schließlich wird noch der Ehekontrakt vorgelesen,
+der letzte Segen gesprochen, Wein getrunken und das Glas zerschlagen.
+Der Abend vergeht unter Musik und Tanz. Auf den Trauring, der für
+gewöhnlich die Form einer Hand aufweist, sind meistens die Worte „Gut
+Glück“ in hebräischer Sprache eingegraben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 383. Schlachten eines gemästeten Kalbes.
+
+Man pflegt bei der Rückkehr eines Verwandten von der Reise Freunde und
+Familienmitglieder zum Essen einzuladen. Weniger Bemittelte begnügen
+sich dabei mit einem Lamm.]
+
+Von der Erlaubnis des Korans, sich mehrere Frauen zu halten, wird von
+den +Mohammedanern+ Vorderasiens, wie auch anderwärts, wenig Gebrauch
+gemacht; die Drusen haben die Einehe sogar zum Gesetz erhoben. Da
+mit der Hochzeit die Frau in den Besitz des Mannes übergeht, so hat
+er auch vollständige Verfügung über sie und kann sich leicht von ihr
+wieder +scheiden lassen+. Ein Wort genügt manchmal, um die Ehe als
+aufgelöst zu betrachten. Wenn der Kurde von seiner Frau loskommen
+will, nimmt er einfach drei Steinchen in die Hand und spricht zu ihr,
+indem er die Steine auf die Erde wirft: „Ich löse die Ehe mit dir
+auf.“ Daraufhin ist sie frei geworden und darf nun auch nicht wieder
+zurückkehren. Bereut der Mann sein voreiliges Vorgehen, so darf er
+die „Geschiedene“ nicht ohne weiteres wieder heiraten. Indessen kann
+dem dadurch abgeholfen werden, daß ein anderer sie heiratet, sich von
+ihr wieder scheiden läßt und der erste Gatte dann eine zweite Ehe mit
+ihr eingeht. Da aber die Kurden sehr argwöhnisch und eifersüchtig
+sind, ihre Frau also keinem anderen überlassen wollen, so ist dafür
+gesorgt, daß bei der Scheinehe, die der Kasi schließt, ein Mann,
+genannt der „Esel des Kasi“, zur Verfügung steht, der gegen Bezahlung
+die Geschiedene heiratet und sich von ihr wieder scheiden läßt, ohne
+sie berührt zu haben. Da aber auch nicht jeder sich dazu entschließen
+kann, seine Frau diesem Esel des Kasi anzuvertrauen, so hat man sich
+ein noch einfacheres Verfahren ausgedacht. Die geschiedene Frau wird
+mit einem tönernen Kruge vermählt, den sie mehrere Nächte hindurch ins
+Bett nehmen und in den Armen halten muß. Da eine Scheidung von diesem
+„Gatten“ insofern schwierig ist, als er nicht reden und seine Gründe
+vorbringen kann, so wird eine Person gedungen, die ihn tötet, das heißt
+den Krug zertrümmert; dadurch wird die Frau frei und kann ihren ersten
+Gatten wieder heiraten.
+
++Eheliche Untreue+ wird von den Drusen mit dem Tode bestraft, indessen
+führt der Gatte diese Strafe nicht selbst aus, sondern überläßt dies
+den Eltern oder Angehörigen seiner Frau, denen er durch sie einen Dolch
+übersendet. Die Schuld trifft nicht ihn, sondern die Verwandtschaft der
+Frau.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Amerikanische Kolonie, Jerusalem.
+
+Abb. 384. Ein Hochzeitszug.]
+
+Das +Begräbnis+ eines Mohammedaners gestaltet sich im allgemeinen nach
+dem gleichen Ritus, wie er für die islamitische Welt vorgeschrieben ist
+und von uns bereits geschildert wurde. Sofort nach Bekanntwerden eines
+Todesfalles im Dorfe erhebt sich allgemeines Wehklagen. Die Weiber
+der ganzen Ortschaft stimmen darin ein; sie zerreißen ihre Kleider,
+raufen sich die Haare und stoßen lautes Wehgeschrei aus. Die Beisetzung
+erfolgt in möglichster Eile. Männer tragen die Leiche auf einer Bahre
+nach dem Friedhof, wobei sie beständig langsam das mohammedanische
+Glaubensbekenntnis singen: „Gott ist groß; es gibt keine andere
+Gottheit neben Gott; Mohammed ist sein Prophet. Gott begünstige und
+erhalte ihn.“ Während man den Toten neben das ausgeschaufelte Grab
+legt, murmeln die Teilnehmer sein Lob. Sodann fordert der Kadi den
+Geist des Verstorbenen auf, so zu antworten, wie er in Gegenwart des
+Allerhöchsten es tun würde. Für ihn antwortet ein Verwandter mit den
+Worten: „Er glaubt an einen Gott und an Mohammed, seinen Apostel.“
+Nach der Beerdigung weinen die Frauen den ganzen Tag über am Grabe und
+besuchen es täglich, bis ein Stein am Kopfende die Stätte kennzeichnet,
+wo der Abgeschiedene begraben liegt. -- Das Grab eines „Heiligen“ wird
+vom umwohnenden Volke hoch in Ehren gehalten; die Steine darauf geben
+Zeugnis von der Verehrung, die der Tote genießt, und sind ein Zeichen
+der dargebrachten Gelübde.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Bonfils.
+
+Abb. 385. Drusenfrau mit dem Tantur.]
+
+Im Lager der Nomaden gestaltet sich die Trauer noch viel tiefer; man
+klagt und härmt sich hier so lange ab, bis vollständige Erschöpfung
+eintritt. Die Leiche wird in einer flachen Grube beigesetzt, und
+darüber werden Steine gehäuft, damit die wilden Tiere oder die Vögel
+ihr nichts anhaben können. War ein Scheich wegen wohlwollender
+Behandlung seiner Mitmenschen sehr beliebt, dann gibt eine Kaffeekanne
+auf dem Grabe Kunde von dieser seiner Gastfreundschaft. Die Beisetzung
+findet sonst nach dem mohammedanischen Ritus statt, gestaltet sich
+aber ganz schlicht, ohne Zeremonie und großes Gepränge. Die Verwandten
+opfern, wenn es sich um einen Mann handelt, ein Mutterschaf, ohne
+jedoch sein Blut zu versprengen; sie kochen und verteilen alsdann das
+Fleisch. Bei der Leiche einer Frau wird kein Opfer dargebracht, sie
+wird aber beim Heraustragen aus dem Lager mit wohlriechendem Wasser
+besprengt. Die Weiber besuchen häufig die Gräber ihrer Lieben und
+weinen um die Toten; eine Witwe pflegt ihre Kinder dorthin zu führen
+und sie über den Verlust des Vaters aufzuklären. -- In den Städten
+und größeren Dörfern gestalten sich die Beisetzungszeremonien schon
+großartiger. In Jerusalem begräbt man die jüdischen Toten stets am
+Abhang des Ölbergs und die mohammedanischen auf der gegenüberliegenden
+Seite des Kidrontales. Die allgemeine Meinung geht dahin, daß hier
+alle Toten am Jüngsten Tag auferstehen werden. An diesem großen Tage
+wird Mohammed eine Sichtung vornehmen, die bösen Mohammedaner auf der
+anderen Seite bei den Ungläubigen zurücklassen, die guten aber in Flöhe
+verwandeln und sie, nachdem er die Gestalt eines Schafes angenommen, in
+seiner Wolle über die Brücke Es Sirat, die so dünn wie ein Pferdehaar
+ist, ins Paradies hinüberführen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 386. Szene aus einer moslemitischen Dorfhochzeit.
+
+Neben dem Bräutigam steht der Leiter der Festlichkeit mit einem
+Schwert. Die jungen Leute tanzen um die beiden herum, wobei sie mit den
+Händen den Takt schlagen.]
+
+Noch einer mohammedanischen Sekte sei hier kurz Erwähnung getan, der
++Nosairier+ oder Ansarije, die sich selbst als Fellach bezeichnen.
+Früher über ganz Syrien und Mesopotamien verbreitet, sind sie heute
+in einer Kopfzahl von 70-80000 fast nur noch in dem syrischen
+Küstengebirge zwischen Libanon und Antiochia, dem Dschebel Ansarije,
+anzutreffen. Sie sind auch äußerlich von der übrigen Bevölkerung
+Syriens auffallend verschieden. In religiöser Hinsicht sind sie eine
+Abzweigung der Schiiten, doch ist ihre Glaubenslehre, in die sie unter
+anderem auch die Seelenwanderung aufgenommen haben, mit so vielen
+Anschauungen aus dem altsyrischen Heidentum und dem altchristlichen
+Gnostizismus durchsetzt, daß sie ein recht wirres Religionsgemisch
+darstellt. So beten die Nosairier, um nur eines hervorzuheben, die
+Sonne an, die sie als Wohnsitz Gottes nach seinen verschiedenen
+Inkarnationen -- als Adam, Moses, Jesus, Mohammed, Ali, Hussein und so
+weiter -- ansehen.
+
+
+
+
+Afrika
+
+[Illustration]
+
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.
+
+Abb. 387. Bierbereitung der Kaffern.
+
+Das kaffrische Bier, Utshwala genannt, wird aus Mais und Kafferkorn
+hergestellt; es wirkt berauschend.]
+
+
+Afrika wird, wenn wir von der Bevölkerung nördlich der großen Wüste,
+der Sahara, sowie Ägyptens absehen, die sowohl in körperlicher als auch
+in kultureller Hinsicht Beziehungen zu Südeuropa aufweist, von der
++Negerrasse+ eingenommen. Ihre Angehörigen sind gekennzeichnet durch
+einen langen, aufgeschossenen Körper (im Mittel hundertsiebzig bis
+hundertachtundsiebzig Zentimeter) mit verhältnismäßig langen Armen,
+schlanken Beinen und breiten, flachen Füßen, einen ausgesprochen
+langen, schmalen Schädel mit etwas fliehendem Vorderhaupt, große,
+runde, vorstehende Augen von schwarzer Farbe, sehr flache, kurze,
+an der Wurzel sehr breite Nase, kleine oder nur mäßig vorspringende
+Wangenbeine, vorgeschobenen Unterkiefer, dicke, fleischige, oft
+wulstige Lippen und stets schwarzes, grobes, kurzes, krauses oder
+wolliges Haar. Ihre Hautfarbe ist ein dunkles Braun bis Schwarz.
+Infolge vielfacher Vermischung mit fremdem Blut, im besonderen
+mit hamitischem und semitischem, auch mit dem der einheimischen
+Zwergvölker, hat dieser Typus mancherlei Veränderungen erfahren, wobei
+der eine oder der andere vorstechende Zug der sich mischenden Rassen
+in dem Kreuzungsprodukt zum Ausdruck kommt. Man teilt die Neger in
++Sudan-+ und +Bantuneger+ ein. Diese Unterscheidung beruht weniger auf
+körperlichen Verschiedenheiten, als vielmehr auf solchen sprachlicher
+und kultureller Natur, und ist manchmal schwer durchzuführen. Allgemein
+läßt sich nur sagen, daß der Sudanneger die meisten Eigentümlichkeiten
+des dunklen Afrikaners in verstärktem Grade (also zum Beispiel dunklere
+Haut, größere Nasenbreite, mehr umgestülpte Lippen und so weiter) zur
+Schau trägt.
+
+Außer der Negerrasse finden sich nun noch, mehr oder weniger unter
+sie verstreut, Angehörige einer kleinwüchsigen helleren Rasse, die
+wir als die Urbewohner Afrikas annehmen dürfen, der +afrikanischen
+Grundrasse+, der +Pygmäen+. Ihre relativ reinsten Vertreter besitzt sie
+in den Buschleuten Südafrikas und in gewissen zentralafrikanischen
+Zwergstämmen. Diese Leute sind von niedrigem Wuchs (Männer etwa
+hundertvierundvierzig, Weiber hundertfünfunddreißig Zentimeter), haben
+einen im Verhältnis zu den Gliedmaßen langen Rumpf, vergleichsweise
+breite Schultern und kurze Arme wie Beine. Ihr Schädel ist von mehr
+rundlicher Form, zeigt eine ziemlich steil aufsteigende, breite, gut
+gewölbte Stirn und ein niederes, zumeist breites Gesicht, aus dem die
+Jochbeine ziemlich weit vorspringen. Die Augen stehen weit voneinander
+ab, die kurze Nase ist an der Wurzel tief eingesattelt und hat einen
+ziemlich breiten Rücken; die Kieferpartie ist mehr oder weniger
+vorgeschoben. Das Gesicht erhält dadurch ein schnauzenartiges Aussehen.
+Die Hautfarbe dieser Rasse ist ziemlich hell, von gelblichem bis
+milchkaffeebraunem Ton. Sehr bezeichnend für sie ist die Beschaffenheit
+ihrer Haare, die in kleinen, spiraligen Büschelchen (sogenannte
+Pfefferkornbildung) auf dem Kopfe stehen. Man bezeichnet dies als
+Krausköpfigkeit. Der Bart ist spärlich entwickelt, dafür aber ist der
+übrige Körper mit einem zarten Flaum ganz überzogen. Für die Buschleute
+ist noch im besonderen bezeichnend die geringe Entwicklung, man könnte
+fast sagen das Fehlen des Unterhautzellgewebes am ganzen Körper,
+wodurch die Haut Neigung zur Faltenbildung erhält, mit Ausnahme der
+Gesäßpartien, die geradezu einer übermäßigen Ausbildung von Fettpolster
+sich erfreuen. Die Verbreitung der Zwergvölker erstreckt sich auf
+einzelne Teile des zentralen Afrika, die der Buschleute auf die
+mittlere Kalahari. Ursprünglich müssen die Vertreter dieser Grundrasse
+ein viel ausgedehnteres Gebiet eingenommen haben, bis nach Westafrika
+auf der einen und bis zu den Quellen des Nils auf der anderen Seite
+hin; ebenso saßen die Buschleute früher weit über ihre heutigen Grenzen
+hinaus.
+
+[Illustration: Abb. 388. Buschleute.]
+
+
+
+
+Südafrika.
+
+
+Südafrika wird von den Bantu, den Buschleuten und den Hottentotten,
+wahrscheinlich einer Mischung zwischen letzteren und Hamiten,
+eingenommen.
+
+Die +Buschleute+ (Abb. 388) führen ein umherschweifendes Leben,
+betreiben daher weder Ackerbau noch Viehzucht, sondern suchen sich
+ihre spärliche Nahrung durch Jagen und Sammeln von Erzeugnissen der
+Pflanzenwelt. In früheren Zeiten, als die Jagdgründe noch reich
+bestellt waren, wurde die tierische Nahrung von ihnen bevorzugt;
+mit Pfeil und Bogen erlegten sie das Wild. Heutzutage aber, wo der
+Wildreichtum bedeutend nachgelassen hat, beschränken sie sich auf
+das Ausgraben von Knollen und Wurzeln mittels des Grabstockes. Die
+Speisen werden, da man vielfach keine Gefäße besitzt, meist nur
+geröstet und halb roh hinuntergeschlungen. Sehr schwierig hält es mit
+der Beschaffung von Wasser zur heißen Jahreszeit. Solange man solches
+zur Verfügung hat, bewahrt man es in Straußeneierschalen auf. Fehlt
+es, so nimmt man zu Saugbrunnen seine Zuflucht. Man treibt ein Loch
+in den harten Boden, senkt einen mit einem Filter aus Gras versehenen
+Rohrhalm hinein und bemüht sich, das sich ganz spärlich aus dem
+Grundwasser einfindende Naß durch Ansaugen heraufzubefördern und dann
+in Straußeneierschalen zu sammeln. -- Ihre +Wohnungen+ entsprechen
+ihrem unsteten Leben. Was die Natur ihnen auf ihren Wanderungen
+gerade als Unterschlupf darbietet, wird dazu benutzt, so zum Beispiel
+Höhlen oder Felsenüberhänge. Sonst erfüllen denselben Zweck primitive
+Windschirme aus einem Paar zusammengebundener Büschel oder auch schon
+bienenkorbähnliche Hütten, die sie bei den sie umgebenden Stämmen
+kennen gelernt haben.
+
+Die +Kleidung+ der Buschleute besteht in einem Lendenschurz oder beim
+weiblichen Geschlecht in einem Gürtel, von dem vorn ein kleinerer,
+hinten ein größerer Schurz herabhängt. Ihr +Schmuck+ ist sehr
+bescheiden, Halsketten von kleinen Scheibchen aus Straußeneierschalen.
+Besondere Sorgfalt verwenden die Buschleute auf ihre Gesichtsbemalung,
+die beide Geschlechter für die Tänze oder auch ohne besonderen Anlaß an
+sich vornehmen lassen, und zwar durch die Zauberdoktoren selbst; diese
+Bemalung hat religiösen Hintergrund.
+
+[Illustration: Abb. 389. Zwei Ovambomädchen.]
+
+Von den +künstlerischen Neigungen+ der Buschleute ist ihre Vorliebe
+für Musik zu erwähnen; ihr einziges Musikinstrument besteht allerdings
+nur in einem Bogen, dessen eines Ende zwischen die Zähne eingeklemmt
+wird, während die Hand die Sehne schlägt. Mehr Beachtung verdient
+ihre Zeichenkunst, deren Spuren man, über ganz Südafrika zerstreut,
+an den Felsen und in den Höhlen antrifft. Sie äußert sich nach
+zwei Richtungen: einmal als richtige Felsenmalerei, zum anderen
+als eingeritzte Zeichnungen. Gegenstand dieser Darstellungen sind
+meistens Tiere und Menschen, im allgemeinen Jagdszenen, die durch ihre
+Naturwahrheit Staunen erregen müssen. Diese Malereien und Gravierungen
+stammen bereits von früheren Generationen her; wenn diese Kunst
+heutzutage nur noch wenig oder gar nicht mehr von den Buschleuten geübt
+wird, so liegt dies einmal daran, daß sie unter ganz unglücklichen
+Lebensbedingungen ihr Dasein fristen, sodann aber daran, daß sie sich
+jetzt in einem Gebiete aufhalten, wo es keine Felsen und keine Höhlen
+gibt, nämlich in der Wüste, so daß sich ihnen also keine Gelegenheit
+mehr bietet, die ihnen innewohnende Fertigkeit im Malen zu betätigen.
+Früher waren die Buschleute über ganz Südafrika verbreitet; sie wurden
+aber von den mehr und mehr vordringenden großen Völkern zurückgedrängt
+und ziemlich ausgerottet. Augenblicklich gehen sie ihrem Untergange mit
+Riesenschritten entgegen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Britische Südafrika-Gesellschaft.
+
+Abb. 390. Ein Kaffernkral.
+
+Ein ornamentierter Fries am niederen Eingang zeigt an, daß hier eine
+Persönlichkeit von Rang wohnt.]
+
+Die +Religion+ der Buschleute beruht in der Hauptsache auf einer
+Verquickung von Geisterglauben und Ahnenkult. Die Seelen Verstorbener,
+die man sich teils als freundlich, teils als feindlich gesinnt
+vorstellt und von denen man beständig das menschliche Leben in dem
+einen oder dem anderen Sinne beeinflußt glaubt, werden durch das
+übliche Darbringen von Opfern, durch Veranstaltung von Tänzen oder
+durch Zaubermittel, die die guten Geister festhalten, die bösen
+bannen sollen, verehrt. +Zaubermittel+, um Krankheiten oder Unheil
+abzuwenden oder auf der Jagd Glück zu bringen, sind sehr verbreitet.
+So zum Beispiel gilt es als wirksam gegen Rheumatismus, wenn man sich
+eine Schlange um den Hals wickelt; auf der Jagd glaubt man Erfolg zu
+haben, wenn man sich eine bestimmte streifenförmige Tatauierung auf
+dem Oberarm anbringen läßt; das Wild glaubt man bezaubern zu können,
+so daß es den Jäger nicht sieht, wenn man sich mit einer Jagdmedizin
+einreibt, die aus einem Stück vom Herzen und dem linken Ohr eines
+erlegten Exemplars der zu jagenden Tiergattung durch Verbrennen mit
+glühender Kohle hergestellt ist. Und manches Ähnliche. Auch auf
++Wahrsagen+ und +Vorbedeutungen+ wird großer Wert gelegt. Um den Erfolg
+einer bevorstehenden Unternehmung, Reise, Jagd und so weiter, im voraus
+zu erfahren, wirft man ein Bündel Hölzchen in die Luft und schließt
+aus der Lage, die die einzelnen Stücke beim Herabfallen einnehmen,
+auf den Ausgang der Sache. -- Ist jemand krank geworden, dann läßt man
+einen der vielen Zauberdoktoren kommen. Dieser erscheint phantastisch
+aufgeputzt und mit zahlreichen Amuletten behängt und verordnet entweder
+eine Medizin, die er selbst aus gekochten Kräutern und anderen Säften
+-- hierbei spielt eine Abkochung der schweißigen Kleidungsstücke sowie
+des Urins des Zauberers eine wichtige Rolle -- angefertigt hat, oder
+er bläst, tanzt, singt, beschwört und treibt den üblichen Hokuspokus.
+Zuletzt beugt er sich über den Kranken und bläst ihm den bösen Geist
+fort oder saugt ihn aus; zum Zeichen, daß er des Übeltäters Herr
+geworden ist, holt er ihn dann aus seinem Munde in Gestalt eines
+Steinchens, Stöckchens oder eines Hirsekorns hervor.
+
+[Illustration: Abb. 391. Basutomädchen.
+
+(Sammlung v. d. Goot.)]
+
+Die +Tänze+ der Buschleute beziehen sich sämtlich auf das
+Geschlechtsleben der Tiere und ahmen ihre Bewegungen zur Brunstzeit
+in ziemlich drastischer Weise nach, so der Elandbullentanz, den wir
+noch weiter unten kennen lernen werden, der Duckerbocktanz, der
+Stachelschweintanz, der Pfautanz und anderes mehr. Allen diesen Tänzen
+kommt eine religiöse Bedeutung zu; anscheinend will man den Tieren,
+die man nachahmt, durch einen derartigen Tanz eine Ehrung erweisen.
+Bei diesen Tänzen sind beide Geschlechter beteiligt. Daneben gibt es
+aber noch andere, an denen nur Männer in Tätigkeit treten, Weiber
+aber gänzlich ausgeschlossen zu sein scheinen. Passarge beobachtete
+zwei solcher Tänze, einen, der auf den Knien, und einen anderen, der
+unter heftigem Trampeln mit den Füßen ausgeführt wurde, und will ihnen
+eine noch tiefere religiöse Bedeutung als den schon erwähnten Tänzen
+beigelegt wissen, wenn er auch nichts Näheres über sie in Erfahrung
+bringen konnte. Im ganzen scheint das Tanzen eine wahre Leidenschaft
+der Buschleute zu sein. Besonders in schönen Mondscheinnächten artet es
+in wirkliche Raserei und Liebesbrunst aus, zumal nach einem reichlich
+genossenen Mahle. Vor allem sind es die jungen Männer, die sich beim
+Anblick des weiblichen Geschlechtes ganz berauschen und ihre wilde
+Leidenschaft durch Springen, Stampfen und Gliederverrenken zum Ausdruck
+bringen.
+
+Auch Kriegstänze und Scheinkämpfe mit Assagaien gehören zu den
+Belustigungen der Buschleute. Beliebt ist schließlich noch das
+Melonenspiel, wobei man eine ausgehöhlte und mit Steinchen angefüllte
+Melone mit dem Finger, der in ein entsprechendes Loch in der Frucht
+hineinpaßt, in die Luft wirbelt und mit dem Finger wieder auffängt.
+
+Bei der +Geburt+ eines Kindes dürfen männliche Personen nicht zugegen
+sein. Das Neugeborene wird mit Gras abgerieben. Falls die Mutter mit
+Nahrungssorgen zu kämpfen hat, wird das Kind für gewöhnlich lebendig
+begraben; wenn sie aber einigermaßen zu leben hat und das vorhergehende
+Kind sich bereits so weit entwickelt hat, daß es sich selbst Wurzeln
+und Knollen ausgraben, also der Mutter zu seinem Lebensunterhalt
+entbehren kann, dann wird das Neugeborene aufgezogen. Eine besondere
+Pflege kann ihm trotzdem nicht zuteil werden; daher gehen viele Kinder
+der Buschleute zugrunde. -- Nach der Geburt erfolgt die +Namengebung+
+durch die Eltern in Gegenwart der nächsten Angehörigen; hat man
+gerade ein Stück Wild erbeutet, so wird ein Festschmaus mit Tanz
+veranstaltet. Die Söhne erhalten zumeist den Namen des älteren Bruders
+des Vaters oder des Großvaters, die Töchter den der älteren Schwester
+der Mutter oder der Großmutter. -- Die Kinder werden frühzeitig zur
+Selbständigkeit erzogen; man lehrt sie die für ihre Ernährung wichtigen
+Pflanzen und Tiere kennen und unterweist sie in den Sammel- und
+Fangmethoden, im Aufspüren des Wildes sowie in der Anfertigung der
+Hausgeräte und Waffen.
+
+Die Knaben werden bei +Eintritt der Männlichkeit+ von einem älteren
+Manne in die Geheimnisse des Geschlechtslebens eingeweiht; im
+besonderen erhalten sie Unterricht in den religiösen Tänzen. Diese
+Unterweisungen der Jünglinge finden draußen auf dem Felde zur
+kalten Jahreszeit statt, wo sie unter Aufsicht in einer großen
+Hütte untergebracht werden, kein Feuer anzünden und Wasser nur in
+beschränktem Maße trinken, auch nur von Wurzeln und Früchten leben
+dürfen. Alles das soll zur Abhärtung und Stählung des Körpers
+dienen. Nach Abschluß dieser Zeit werden die Knaben zu Männern
+geweiht, indem der Lehrer seinen Schülern auf die Stirn und zwischen
+die Schulterblätter Tatauierungen einschneidet und die Wunden mit
+Holzkohlenpulver einreibt. Hierauf dürfen die Jünglinge heiraten und
+an den Versammlungen und Tänzen der Erwachsenen teilnehmen. Eine
+Beschneidung findet nicht statt.
+
+Bei den Mädchen wird der Eintritt der Reife ebenfalls gefeiert, aber
+eine Unterweisung geht der Zeremonie nicht voraus. Die Sitte schreibt
+dabei ebenfalls gewisse Tänze vor. Ein solcher Tanz des Aikwestammes
+ist der Elandbullentanz, den Passarge folgendermaßen schildert. Das zum
+erstenmal menstruierende junge Mädchen liegt auf der Erde, die älteren
+Weiber stehen um dasselbe herum, singen, klatschen in die Hände und
+klappern mit Eisenstücken. Die verheirateten jungen Frauen aber ziehen
+im Gänsemarsch, mit den Füßen den Takt dazu stampfend, um das Mädchen
+herum; dabei haben sie ihr Gesäß entblößt, wackeln und kokettieren
+mit demselben und stoßen die Arme rhythmisch nach unten. Nach einer
+Weile nähert sich ihnen mit langsamem Schritte ein Buschmann, der ein
+Fell mit Hörnern der Elandantilope auf dem Kopf trägt und ähnliche
+stampfende Bewegungen wie die Frauen ausführt. Er stellt den Bullen
+dar, die Weiber die Kühe. Zunächst läuft der Mann mehrere Male um sie
+herum, schließlich springt er in die Reihe hinter eine Frau und zieht
+sie an sich. Die Bewegungen des Bullen und der Kühe lassen deutlich
+erkennen, daß es sich hierbei um eine Szene aus dem Liebesleben dieser
+Tiere handeln soll.
+
+Bei der +Auswahl seiner Lebensgefährtin+ sieht sich der junge Buschmann
+unter den Mädchen einer anderen Sippe um; als Vermittlerin pflegt
+ihm seine Schwester zu dienen. Hat er die ihm Zusagende gefunden,
+dann sucht er sich die Gunst der Eltern durch Geschenke zu erwerben.
+Früher bestanden diese in einem ganzen Stück Wild oder wenigstens in
+einem großen Teil eines solchen; heutzutage, wo der Wildreichtum sehr
+zurückgegangen ist, genügen auch kleinere Geschenke. Mit der Erlegung
+dieses Brautpreises ist die Ehe geschlossen, die dann noch durch einen
+Hochzeitschmaus gefeiert zu werden pflegt. Gelegentlich ist es dabei
+Sitte, daß der neue Ehemann, wenn die eingeladenen Nachbarn sich über
+ihn lustig machen, sein junges Weib ergreift, worauf jene mit ihren
+Grabstöcken auf ihn eindringen, so daß sich ein regelrechtes Gefecht
+entwickelt; steht der Bräutigam dabei seinen Mann, so wird der Kampf
+eingestellt und die Frau ihm überlassen. Der Ehemann tritt in deren
+Sippe über.
+
+Von der ihnen erlaubten +Vielweiberei+ machen die Buschleute (Abb.
+388) oft Gebrauch, und drei bis vier Weiber sind keine Seltenheit.
+Recht häufig heiratet der Mann nach der Reihe die Schwestern seiner
+Frau oder ihre Cousinen. Im allgemeinen steht die Sittlichkeit bei den
+Buschleuten auf verhältnismäßig hoher Stufe.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 392. Zulumädchen beim Tragen von Lasten,
+
+die unter Umständen sehr schwer sind. Die vorangehenden erst zwölf- bis
+dreizehnjährigen Mädchen pflegen auf weite Strecken vierzig bis fünfzig
+Pfund auf dem Kopfe zu tragen.]
+
+Bei der Nachricht von dem +Tode+ eines Buschmannes erhebt sich lautes
+Schreien und Jammern unter den Weibern des Dorfes. Die Leiche, der der
+Kopf mit rotem Ocker und Salbe eingerieben worden ist, wird ans Feuer
+gestellt, nach Angabe anderer Autoren auch direkt durchgeräuchert. Die
+Beerdigung erfolgt möglichst schnell. Der Tote wird in einer Grube in
+hockender Stellung (mit über der Brust gekreuzten Armen), das Gesicht
+nach Osten gewandt, zusammen mit seinen Waffen, Hausgeräten und mit
+etwas Nahrung beigesetzt; sodann wird seine Hütte zerstört oder auch
+verbrannt, deren Überreste in die Grube auf die Leiche geworfen und
+das Ganze mit Erde zugeschaufelt. Zum Schutz gegen die wilden Tiere,
+vielleicht auch um ein Hervorkommen des Geistes des Verstorbenen zu
+verhindern, wird eine Steinpackung oder eine Steinsetzung über dem
+Grabe aufgeführt; ein jeder, der vorübergeht und das Grab als ein
+solches erkennt, wirft einen neuen Stein darauf. Die Grabstätte wird
+von den Angehörigen möglichst schnell verlassen und für ein bis zwei
+Jahre gemieden; selbst fremde Buschleute, die auf ihrem Zuge an einem
+solchen Grabe vorbeikommen, hüten sich, in seiner Nähe zu schlafen.
+Anscheinend bestehen unter den Buschleuten auch Vorstellungen von einem
+Weiterleben nach dem Tode. So begegnet man der Ansicht, daß diejenigen,
+die sich bei ihren Tänzen schwere Unsittlichkeiten hätten zuschulden
+kommen lassen, nach ihrem Tode an einen geheimnisvollen Ort unter das
+Wasser gebracht und hier in Tiere verwandelt würden, die für ihre
+Ausschreitungen beständige Pein erlitten. -- Wie in ihren Sitten und
+Gebräuchen überhaupt, so sind die Buschleute im besonderen auch in
+denen, die sich auf die Begräbnisfeierlichkeiten beziehen, von den
+umwohnenden Hottentotten sowie den Bantu verschiedentlich beeinflußt
+worden.
+
+Eine zweite Sondergruppe innerhalb der südafrikanischen Völker bilden
+die +Hottentotten+. Man hat sie früher als Verwandte der Buschleute
+aufgefaßt, und dies mit einer gewissen Berechtigung, insofern es sich
+bei einer Gegenüberstellung mit den dunkelhäutigen Bantu bei beiden
+um „hellfarbige Südafrikaner“ handelt und sie auch sonst manches
+Gemeinsame in ihrem äußeren Verhalten darbieten. Indessen war es
+der Sprachwissenschaft vorbehalten, Klarheit über die Stellung der
+Hottentotten innerhalb des afrikanischen Völkerkreises zu schaffen.
+Meinhof, der beste Kenner afrikanischer Sprachen, hat nämlich gezeigt,
+daß ihre Grammatik eine ganz auffällige Übereinstimmung mit den
+grammatikalischen Regeln der hamitischen Sprachen aufweist und daß auf
+der anderen Seite die Schnalzlaute, die ihre Sprache mit den Dialekten
+der Buschleute gemeinsam hat, von diesen nur entlehnt sind. Da nun die
+Hottentotten trotz mancherlei Ähnlichkeit mit den Buschleuten in ihrem
+Äußeren auf der anderen Seite auch wieder Eigenschaften aufweisen,
+die sie den Hamiten nähern, wie die höhere Statur und die größere
+Hellfarbigkeit, so liegt unter Berücksichtigung der sprachlichen Gründe
+die Wahrscheinlichkeit sehr nahe, daß es sich bei ihnen um frühzeitig
+weit nach dem Süden verschlagene und von ihren Stammesangehörigen
+vollständig abgeschnittene Stämme hamitischer Völker handeln mag, die
+durch starke Vermischung mit den in der Überzahl vorhanden gewesenen
+Buschleuten der meisten ihrer ursprünglichen Rasseneigenschaften
+verlustig gingen, jedoch ihre geistigen Eigenschaften, im besonderen
+ihre entwickeltere Sprache, ihre verfeinerte Grammatik und
+vorgeschrittenere Religion, sowie manche ihrer Gewohnheiten bis auf die
+Neuzeit retteten.
+
+Die Hottentotten sind heutzutage auf Deutsch-Südwestafrika, im
+besonderen Groß-Namaland, beschränkt; ihre +wichtigsten Stämme+ sind
+die Zwartboi, Bondelzwart (so benannt nach dem Bündel schwarzer
+Streifen über den Augen), die Veldschoendrager, die Witboi, Simon
+Kopper- und die Fransmann-Hottentotten. Im Gegensatz zu den Buschleuten
+sind sie durchweg Viehzüchter geblieben, wie es ihre hamitischen
+Vorfahren vor langen Zeiträumen schon waren. Bekannt sind ihre blutigen
+Kämpfe mit der deutschen Regierung, durch die sie ziemlich aufgerieben
+worden sind. Infolge der seit langem unter ihnen wirkenden Mission
+haben sie das meiste Ursprüngliche bereits abgestreift und europäische
+Sitten angenommen; ein Teil von ihnen ist Mischehen mit den vor den
+Deutschen hier sehr verbreitet gewesenen Buren eingegangen. Im großen
+und ganzen ähneln sie in körperlicher Hinsicht den Buschleuten,
+unterscheiden sich aber von ihnen vor allem durch ihre bedeutendere
+Größe sowie durch feinere Gesichtszüge. Ein einheitlicher Typus läßt
+sich für die Hottentotten nicht aufstellen.
+
+Ihre +Wohnungen+ sind halbkuglige niedere Hütten (sogenannte Pontoks),
+die aus einem Gestell kreisförmig in den Boden gesteckter und oben
+kuppelförmig miteinander verbundener dünner Zweige hergestellt sind
+und mit Fellen oder Matten bedeckt werden. -- Jetzt kleiden sich
+die Hottentotten schon meistens nach europäischer Art. Ihre frühere
++Tracht+ war ganz aus Leder beziehungsweise Fellen angefertigt, sie
+bestand in einem solchen Hüftschurz, einem großen Fellmantel, Karoß
+genannt, und einer Kopfbedeckung aus Pelz. -- Ihre +Waffen+ sind Bogen
+und Pfeile, Speere und Wurfstöcke; neuerdings auch Schießgewehre.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.
+
+Abb. 393. Basutokrieger in Kriegstracht.
+
+Die Basuto galten früher für sehr gefürchtet im Kriegshandwerk, dem
+ein jeder Mann obliegen mußte; jetzt haben sie friedlichere Sitten
+angenommen.]
+
+Die ursprüngliche +Religion+ der Hottentotten (heutzutage sind sie
+Christen) scheint auf Ahnenverehrung und Geisterglauben beruht zu
+haben. Die Geister der Verstorbenen wurden von ihnen als böse Dämonen
+angesehen; daher war man auch bestrebt, durch Zusammenbinden der
+Leiche sie an der Wiederkehr zu hindern. Der Ahnenkult kam in der
+Gewohnheit zum Ausdruck, daß die an Gräbern Vorübergehenden diesen eine
+Gabe darbrachten, entweder einen Stein oder Reisig, einen Blumenzweig,
+ein Scheit Holz oder ein Büschel wohlriechender Kräuter darauf legten
+und gleichzeitig den Verstorbenen um Gesundheit, viel Kinder und
+viel Kleinvieh anflehten. -- Unglücksfälle und Krankheiten werden
+dem Einflusse böser Geister zugeschrieben, gegen die man sich durch
+Amulette und Beschwörungen durch einen Zauberer zu schützen sucht.
+
+Die Hottentotten sind heutzutage +faule und zur Genußsucht geneigte
+Menschen+; sie verstehen sich darauf, aus Honig ein berauschendes,
+stark mussierendes Getränk herzustellen, dem sie eifrig zusprechen.
+Besondere Freude haben sie an +Musik+ und +Tanz+. Ihr beliebtestes
+Musikinstrument ist die Riedflöte, eine Art Schalmei, die aus einem
+fußlangen Ried hergestellt wird; die verschiedenen Töne werden durch
+Auf- und Niederschieben eines Stempels erzeugt. Die Männer bilden einen
+Kreis und die Weiber darum einen anderen; sie bewegen sich darauf
+in entgegengesetzter Richtung unter Verbiegungen des Oberkörpers,
+die Weiber kehren ihre hintere Körperpartie hervor und führen unter
+Händeklatschen und Musik groteske Sprünge und Bewegungen aus. --
+Eine recht sonderbare Art von +Selbstbefriedigung+ betreiben die
+jungen Mädchen der Hottentotten (sowie der Buschleute), indem sie
+von frühester Jugend an beginnen, ihre ohnehin schon verhältnismäßig
+stark entwickelten kleinen Schamlippen zu ziehen und zu zerren (sogar
+unter Benutzung kleiner Gewichte), bis sie eine ansehnliche Größe
+(Hottentottenschürze) erreichen.
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie und Heimat“.
+
+Abb. 394. Hererofrau.]
+
+Nach der Geburt eines Kindes wird ein Feuer angezündet, an dem aber
+so lange weder gekocht noch gebraten werden darf, bis der Nabelstrang
+abgefallen ist, sonst würde dem Kinde ein Unglück begegnen. Der Mann
+darf der Niederkunft seiner Frau, die von älteren Frauen unterstützt
+wird, nicht beiwohnen. Nach der Geburt wird dem Vater das Kind vor
+die Hütte gebracht; man legt es auf die Erde, und er hebt es auf zum
+Zeichen, daß er es als das seine anerkennt. Bei der Geburt eines
+männlichen Nachkommen herrscht große Freude; sie erhöht die Eltern
+in der Achtung der Dorfbewohner. Je nach den Vermögensverhältnissen
+schlachtet der Vater zwei bis drei Ochsen und gibt den Nachbarn
+ein Fest; bei der Geburt eines Mädchens begnügt er sich mit einer
+Ziege. Werden +Zwillinge+ geboren, dann ist die Freude weniger groß,
+zumal wenn beide weiblichen Geschlechts sind. Entweder wird der eine
+Zwilling in einer verlassenen Tierhöhle ausgesetzt, die man mit
+Steinen oder Erde zubaut, oder an einen der nächsten Bäume gehängt, wo
+er verhungern muß. -- Das Neugeborene wird nicht gewaschen, sondern
+zunächst mit Kuhmist vom Kopf bis zu den Füßen eingerieben, darauf
+zum Trocknen in die Sonne gelegt, vom Mist gereinigt und sodann mit
+dem Saft einer Pflanze gewaschen, damit es gelenkig und ausdauernd im
+Laufen werde. Schließlich wird es, nachdem es noch einmal an der Luft
+getrocknet worden ist, mit Schaffett oder Butter eingerieben. -- Die
+Hottentottenmütter stillen ihr Kind, lassen es gelegentlich nebenbei
+auch einen Zug aus der Tabakspfeife tun.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Britische Südafrika-Gesellschaft.
+
+Abb. 395. Angonikrieger im Kriegsschmuck.
+
+Die Angoni, der nördlichste Stamm der Zulu, bewohnen die nördliche
+Küste des Tanganjikasees. Sie waren früher unter den Nachbarvölkern
+sehr berüchtigt wegen ihrer barbarischen Streifzüge.]
+
+Bis zum Eintritt der +Reife+ gehen die Kinder nackt. Die Mädchen
+werden dann mit einem reichverzierten Karoß bekleidet, dessen Tragen
+sie fortan als heiratsfähig stempelt. Nach dieser Einkleidung müssen
+die Mädchen drei Tage lang in einem von fußhohen Stäben errichteten
+Kreis von etwa einem Meter Durchmesser mit untergeschlagenen Beinen
+dem Eingang der Hütte gegenüber sitzen, den gespitzten Mund dabei
+vorgestreckt halten und mit dem Kopfe herausfordernd nicken. Am
+dritten Tage wird eine junge fette Kuh geschlachtet und ein Schmaus
+veranstaltet, zu dem der nächste Anverwandte, gewöhnlich ihr ältester
+unverheirateter Vetter, mit den Nachbarn sich einfindet. Er stülpt ihr
+den Magen des Rindes über den Kopf und wünscht ihr dabei, so fruchtbar
+wie eine junge Kuh zu sein und recht viele Kinder zur Welt zu bringen.
+Die Freunde und Freundinnen schließen sich diesem Glückwunsche an
+und nehmen ebenfalls an dem Schmause teil, der mit Tanz, Gesang und
+Bezechtheit infolge allzu reichlichen Genusses von Honigbier endigt.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.
+
+Abb. 396. Zulugigerl.]
+
+Die +Stellung der Frau+ und auch schon des Mädchens ist bei den
+Hottentotten eine verhältnismäßig angesehene. Eine besonders hohe
+Achtung genießt die älteste Tochter innerhalb der Familie; Beweis
+dafür ist unter anderem die für jeden Mann bindende Versicherung: „So
+wahr meine Schwester lebt.“ Es darf daher nicht wundernehmen, wenn wir
+hören, daß das Hottentottenmädchen seinen Lebensgefährten selbst wählt.
+Bei der +Hochzeit+ geht es hoch her. Der Vater schlachtet ein Rind, es
+muß dies aber ein tragendes weibliches Tier sein, damit die Ehe auch
+fruchtbar werde. Auch unfruchtbare Weiber essen davon, um in gesegnete
+Umstände zu kommen. -- Früher war Polygamie erlaubt, heutzutage hat das
+Christentum damit aufgeräumt.
+
+[Illustration: Abb. 397. Zulumädchen (Natal).]
+
+Bei +Krankheitsfällen+ versammeln sich die nächsten Angehörigen
+um den Kranken und beginnen durch Schreien, Heulen, Klatschen und
+Stampfen einen Heidenlärm zu machen. Nützt dies nichts und hat es
+den Anschein, daß es mit dem Kranken zu Ende gehe, dann rütteln und
+schütteln sie den Sterbenden unter lautem Geschrei und reden ihm mit
+schmeichelnden Worten zu, noch länger unter ihnen zu verweilen. Hat
+der Kranke unter solchem Lärm sein Leben ausgehaucht, so versucht
+man noch einmal, ihn auf dieselbe Weise zurückzurufen, und macht
+ihm gleichzeitig wegen seines Dahinscheidens schwere Vorwürfe. Hat
+auch dies keinen Erfolg mehr, dann nehmen das Wehklagen der Frauen
+und der Lärm noch zu. Früher schlachtete der Sohn des Verstorbenen,
+sobald es wieder ruhig geworden war, einen Bock und bestrich mit
+dessen Blute die Leiche. Darauf brachte man sie in Hockerstellung,
+das heißt man legte sie so, daß ihre Knie an den Bauch, die Ellbogen
+auf die Knie und die Arme über die Brust gekreuzt zu liegen kamen,
+band sie mit Lederriemen fest und wickelte sie in den Karoß, den der
+Verstorbene bei Lebzeiten getragen hatte, oder auch in Felle oder
+Matten. Heutzutage wird die Leiche einfach von den Weibern gewaschen
+und ausgestreckt in Felle eingenäht, darauf von drei bis vier Trägern
+nach dem Grabe außerhalb der Werft geschleppt; die Leiche darf die
+Hütte aber niemals durch die Tür, sondern nur durch ein zu diesem
+Zweck durch Wegnahme einer Matte hergestelltes Loch in der Wand
+verlassen. Die Beerdigung findet möglichst bald nach dem Tode statt.
+Alle Männer und Weiber, die während der Vorbereitungen sich vor der
+Hütte versammelt und in zwei Kreisen niedergehockt haben, rufen in
+einem fort Bo-Bo, das heißt Vater, und folgen sodann unter vielem
+Lärm in zwei ebenfalls nach Geschlechtern getrennten Gruppen der
+Leiche. Diese wird zusammen mit den Habseligkeiten des Verstorbenen
+ohne besondere Zeremonie in einer bald flacheren, bald tieferen Grube
+beerdigt. Auf das zugeschaufelte Grab wirft man aus den uns bereits
+bekannt gewordenen Gründen Steine; Vorübergehende pflegen einen neuen
+Stein hinzuzufügen, so daß schließlich unter Umständen große Haufen
+entstehen. Nach Beendigung dieser Zeremonie kehren alle Teilnehmer
+nach dem Dorfe zurück, wobei sie noch einmal den Verstorbenen laut
+mit Namen rufen; zu Hause setzen sie sich vor seiner Hütte in zwei
+Kreisen nieder und klagen stunden-, selbst tagelang. Früher gingen
+nach Beendigung dieser Klagen der Dorfälteste oder zwei alte Leute in
+beiden Kreisen herum und bespritzten alle Sitzenden mit ihrem Urin,
+holten sodann von dem Herde in der Hütte, die sie durch das für den
+Toten gebrochene Loch verließen, eine Handvoll Asche und bestreuten
+die draußen Sitzenden damit. Diese rieben sich zunächst mit der Asche
+ein, schrieen wiederum und beschmierten sich sodann noch mit Kuhmist,
+den die nächsten Anverwandten aus dem Viehkral herbeiholten. Offenbar
+sollten diese Handlungen zur Reinigung dienen, da allem, was mit
+den Körperausscheidungen zusammenhängt (Urin, Mist), eine besondere
+Zauberwirkung zugeschrieben wird. Am nächsten Tage packten die Bewohner
+des ganzen Dorfes ihre Habe zusammen, brachen ihre Häuser ab -- das
+des Verstorbenen ließen sie stehen, nahmen auch nichts von ihm mit aus
+Furcht vor seinem Geiste -- und zogen von dannen. Ehe man auseinander
+ging, schlachtete der Erbe noch ein Schaf zu einem Abschiedsschmaus. --
+Eigenartig sind die +Trauer+abzeichen bei den Hottentotten. Das Netz
+des von den Erben geschlachteten Tieres wurde dem Ehegatten oder, falls
+dieser tot war, dessen ältestem Sohn überlassen, der es zu einem Strick
+drehte und sich um den Hals band, wo es so lange hängen blieb, bis
+es von selbst abfiel. Auch Trauerfrisuren werden getragen, besonders
+von den ärmeren Leuten, die sich kein Schlachttier leisten können.
+Sie lassen sich das Haar so scheren, daß mitten auf dem Wirbel eine
+Platte und rund um den Kopf lauter schmale Streifen stehen bleiben.
+Sogar Körperverstümmlungen scheinen früher üblich gewesen zu sein;
+es wird berichtet, daß Freunde und Anverwandte sich ein Fingerglied
+gleichsam als Opfer für den Verstorbenen weghauen ließen und es ihm in
+das Grab nachwarfen; von anderer Seite wird wieder erzählt, daß nur
+die Witwe sich dieser Verstümmlung unterzogen habe, weil sie dadurch
+in den Augen der Hottentotten gleichsam wieder jungfräulich werde. Man
+konnte dann aus der Zahl der fehlenden ersten Fingerglieder an einer
+Frau sogleich erkennen, wie oft sie schon verheiratet gewesen war. --
+Daß die Hottentotten an ein +Fortleben nach dem Tode+ glaubten, dafür
+dürfen wir den Beweis in ihren Begräbnisgebräuchen erblicken; aber wie
+sie sich dieses vorstellten, darüber fehlen uns nähere Angaben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. R. Thiele.
+
+Abb. 398. Kaffernfrauen in Festtracht,
+
+die ihre große Vorliebe für allerlei Schmuck verrät.]
+
+Mehrfach ist beobachtet worden, daß man alte Leute, die sich nicht
+mehr ernähren konnten und ihren Angehörigen zur Last fielen, einfach
+aussetzte und ihrem Schicksal, das heißt der Tötung durch wilde Tiere,
+überließ; sie ertrugen dies als etwas ganz Selbstverständliches.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Britische Südafrika-Gesellschaft.
+
+Abb. 399. Eingeborener Schmied aus Rhodesia beim Anlegen von Fußringen.
+
+Der Beruf eines Schmiedes gilt als besonders wichtig, da er die
+mannigfaltigen Messing- und Kupferzieraten anzufertigen hat, mit denen
+sich die Frauen so gern schmücken. Im Vordergrund erblickt man eine
+Zimba, ein Musikinstrument, das aus dünnen, auf einem Brett befestigten
+Stahlstreifen von verschiedener Länge besteht.]
+
+Das dritte einheimische Rassenelement in Südafrika bilden die
++Bantuneger+, die die östlichen Landstrecken vom großen Fischfluß an
+bis zum Tanganjikasee hinauf einnehmen. Sie sind offenbar von Norden
+her zu verschiedenen Zeiten hierhin vorgedrungen und haben selbst
+Ausläufer nach Westen in das Gebiet der Buschleute und Hottentotten
+geschickt, die Herero und Ovambo (Abb. 389).
+
+Von den uns hier beschäftigenden südafrikanischen Bantu nehmen die
+größte Verbreitung die +Kaffern+ ein mit ihren Unterstämmen der Xosa,
+Pondo, Tembu, Zulu, Swasi und anderen. Die wichtigste Gruppe hiervon
+sind zweifelsohne die Zulu, insofern sie den Europäern am meisten zu
+schaffen gemacht haben. Westlich von den Kaffern sitzen die ihnen
+stammverwandten +Betschuanen+, die weniger kriegerisch als sie sind,
+sondern sich mehr den Künsten des Friedens widmen. Auch sie zerfallen
+in eine Reihe Untervölker, deren wichtigstes die +Basuto+ (Abb. 391)
+sind. Zu ihnen wiederum stehen in nahem verwandtschaftlichen Verhältnis
+die das Hochland zwischen Limpopo und Sambesi bewohnenden +Baronga+,
++Makalaka+ und +Maschona+. Die nördlichste Gruppe der südafrikanischen
+Bantu sind die +Barotse+ und +Mambunda+, am Sambesibogen, sowie die
+berüchtigten +Angoni+ (Abb. 395) am Tanganjikasee, der nördlichste
+Zweig der Zulu überhaupt, die bis heute ihre alten Stammessitten wohl
+noch am reinsten bewahrt haben dürften.
+
+[Illustration: Abb. 400. Tochter eines Zuluhäuptlings.
+
+Das Haar wird von den Zulu kegelförmig in die Höhe frisiert und mit
+einem Metallband unten zusammengehalten.]
+
+Die südafrikanischen Bantu, mit Ausnahme der Herero, betreiben durchweg
++Ackerbau+, und zwar in der Form des Hackbaus. Sofern nicht die
+Europäer den Pflug eingeführt haben, ist sein Gebrauch ihnen unbekannt.
+Die wichtigsten Kulturpflanzen sind die Getreidearten, vor allem Hirse
+in drei verschiedenen Sorten, sowie Mais und auch Reis. Das Getreide
+wird in großen Mörsern zerquetscht oder auch auf steinernen Handmühlen
+zermahlen und zumeist in Breiform genossen. Neben Ackerbau wird auch
+Viehzucht betrieben, von dem einen Stamm mehr, von dem anderen weniger.
+Die Stelle der Lasttiere wird vielfach von Frauen und Mädchen vertreten
+(Abb. 392). Schließlich trägt auch die Jagd zum Lebensunterhalt der
+Bantu bei, wenngleich nur in beschränktem Maße. In der Auswahl
+der Speisen sind sie nicht wählerisch; an vielen Speisen, die uns
+geradezu Ekel erregen würden, empfinden sie Genuß. So sind geröstete
+Heuschrecken, Raupen, Würmer und Termiten wirkliche Delikatessen für
+die Neger; auch verfaultes Fleisch verzehren sie mit Vergnügen. Die
+Basuto waren früher Menschenfresser.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 401. Zulufrauen beim Frisieren,
+
+wobei sie sich gegenseitig helfen. Bemerkenswert ist die
+Mannigfaltigkeit ihres Schmuckes und die charakteristische
+Narbenverzierung auf dem rechten Arm der einen Frau.]
+
+Die +Hütten+ der südafrikanischen Bantuneger weisen verschiedene
+Formen auf. Am verbreitetsten ist die kegeldachförmige Rundhütte.
+Es werden Stangen im Kreise in die Erde gesteckt und über sie ein
+fertiges kegelförmiges, aus Matten hergestelltes Dach gesetzt.
+Zwischen den Stangen werden Ruten wie in einem Geflecht durchgeführt
+und die so entstehenden Wände mit Gras behängt. Eine andere Form ist
+die Bienenkorbhütte (Abb. 390). Auch hier werden Stangen kreisförmig
+in die Erde gestoßen, aber an ihrem oberen Ende zusammengebunden,
+dieses Gerüst wird darauf ebenfalls durch dazwischen geflochtene Ruten
+verstärkt und mit Gras bedeckt. Eine dritte Form endlich gleicht
+unserer fensterlosen Scheune. Zu ihrer Herstellung werden Pfähle
+in Rechteckform in die Erde gerammt und durch Querlatten zu einem
+Gitterwerk verbunden, das man mit Palmblattmatten bekleidet. Auf diesen
+Unterbau wird dann ein auf mehreren in der Mitte des Raumes stehenden
+Pfählen ruhendes Satteldach gebaut, das gleichfalls eine Bedeckung
+durch Matten erhält.
+
+Die +Kleidung+ der Bantu hängt von dem Grade ihrer Kultur
+beziehungsweise der Stärke des europäischen Einflusses ab. Unter den
+ursprünglichen Verhältnissen pflegen Männer und Frauen fast nackt
+zu gehen oder sich nur eine Hüftschnur oder einen Lendenschurz (Abb.
+391 und 397) umzulegen; andere Stämme wieder tragen Hüfttücher aus
+Baumrindenstoff oder Felle. Eine Ausnahme macht die Kleidung der
+Hererofrauen (Abb. 394), die ganz einzig dasteht. Sie tragen außer
+einem Lendenschurz und einem langen Mantel aus dem gleichen Stoffe, der
+überdies mit eisernen Perlen in verschiedenen Mustern besetzt ist, noch
+eine Art Korsett, das aus einer Anzahl Riemen mit runden, durchbohrten
+Scheibchen aus Straußeneierschalen hergestellt ist, und eine durch
+aufrecht stehende Ohren und einen tief in den Nacken herabhängenden
+eisernen Perlenbehang gekennzeichneten Kopfputz aus Leder.
+
+Die Vorliebe für +Schmuck+ ist bei beiden Geschlechtern sehr
+verbreitet, und die Art, wie man sich ausputzt, sehr mannigfaltig (Abb.
+393, 395 und 396). Die Männer legen großen Wert auf einen mächtigen
+Kopfputz in Gestalt bunter Federn oder Felle, desgleichen auf einen
+Körperbehang aus Fellen (Abb. 393 und 395), während die Weiber mehr
+Neigung für Perlenschmuck bekunden: dicke Schnüre beziehungsweise
+Wülste oder Behänge aus bunten aus Europa bezogenen Perlen, die
+in geschmackvollen Mustern angeordnet sind; an allen möglichen
+Körperstellen, von der Stirn herab bis zu den Füßen, wird solcher
+Schmuck angebracht (Abb. 397 und 398). Bei beiden Geschlechtern sind
+ferner eiserne oder kupferne Ringe um Arme und Beine sehr beliebt
+(Abb. 399). Eigenartig ist der Schmuck der Hererofrauen; sie tragen
+nämlich um die Unterschenkel eine Art Beinschienen aus Lederriemen mit
+aufgezogenen Eisenperlen. Große Sorgfalt verwenden die Frauen auf ihre
+Frisuren (Abb. 400 und 401); die Betschuanenfrauen reiben sich das
+Kopfhaar mit einer Mischung aus Fett und Glimmer ein, wodurch es ein
+schillerndes Aussehen erhält. Sehr verbreitet ist schließlich noch die
+Bemalung, die Tatauierung und das Anbringen von Narben; von sonstigen
+Verunstaltungen wäre das Durchbohren der Ohren, der Lippen sowie das
+Ausschlagen beziehungsweise Zuspitzen der Zähne und auch das Abschlagen
+des letzten Gliedes am kleinen Finger zu erwähnen.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.
+
+Abb. 402. Regendoktor der Zulu, der ein drohendes Hagelwetter aufhalten
+will.]
+
+Die +religiösen Vorstellungen+ der Bantu beruhen ausschließlich auf dem
+Glauben an die Macht der Geister der Vorfahren, wie wir ihn bereits
+verschiedentlich bei anderen Naturvölkern kennen gelernt haben. Dieser
+Aberglaube beeinflußt alle Verhältnisse ihres Lebens, ihr ganzes Denken
+und Handeln von der Wiege bis zum Grabe. Ihre religiösen Übungen
+gehen demgemäß darauf aus, die Geister der Verstorbenen durch Opfer
+günstig zu stimmen. Die Vermittler zwischen Lebenden und Toten sind
+die +Wahrsager+, die eine fast unbegrenzte Macht besitzen und daher
+eine wichtige Rolle in allen Lebenslagen spielen. Diese Wahrsager
+bilden einen bestimmten Stand unter den Stämmen; sie sind gleichsam
+Staatsbeamte, die ihre Tätigkeit für das Wohl des Ganzen ausüben,
+insofern ihre Aufgabe darin besteht, die Verbrecher und Zauberer
+zu offenbaren, und erfreuen sich unter ihren Stammesgenossen ganz
+besonderer Achtung. Das Amt des Wahrsagens wird sowohl von Männern wie
+von Weibern ausgeübt. Auf eigene Hand kann es keiner übernehmen, wohl
+aber sich zu einem solchen melden oder in Vorschlag gebracht werden.
+Glauben die Angehörigen einer Person aus ihrem sonderbaren Verhalten
+(wie lebhaftem Träumen, Stimmenhören, Aufsuchen der Einsamkeit,
+Menschenscheu, Krämpfen, Zwiegesprächen mit Vögeln, launenhaftem
+Wesen, Nahrungsverweigerung und so weiter) entnehmen zu können, daß
+sie sich für einen Wahrsager eignen dürfte, so lassen sie den oder
+die Betreffende durch einen erfahrenen Wahrsager prüfen. „Hält dieser
+den Fall für aussichtsvoll, so verordnet er dem Lehrling eine Medizin
+zur Verstärkung aller der eben erwähnten und ähnlicher Erscheinungen.
+Hierauf setzt er ihm einen Federbusch auf das Haupt, und der Unterricht
+in der geheimen Wissenschaft beginnt. Unter der Kur, die hauptsächlich
+in Einreibungen und Einnahme von Medizinen besteht, verstärken sich die
+rätselhaften Symptome des Novizen immer mehr. Zuletzt springt dieser
+an Felswänden hinab, oder er wirft sich ins Wasser, oder er gefährdet
+auf andere Weise sein Leben, so daß seine Freunde ihn bewachen müssen,
+damit er nicht umkomme. Er beschwört nun Schlangen und windet sie um
+Hals und Brust. Magert bei alledem der Prüfling stark ab, so gilt
+dies als ein günstiges Zeichen für den Beruf; denn die Eingeborenen
+setzen nur wenig Vertrauen in einen fetten Wahrsager. Nach einiger Zeit
+erklärt der Novize, daß er die äußere Schale der Sünde abgestreift
+und sich zu einem Geiste entwickelt habe und daß die Geister der
+Vorfahren in dem ihnen eigenen pfeifenden Tone zu ihm sprächen. Zu
+seiner Beruhigung werden ihm nunmehr Zaubermittel um den Hals gehängt.
+Der Appetit kehrt wieder, die Träume werden ruhiger. Er gibt vor, im
+Schlafe hellzusehen, und befaßt sich mit dem Finden verlorener Sachen,
+so daß sein Lehrmeister es für an der Zeit hält, ihn vollständig in die
+Geheimnisse der Kunst einzuweihen.“ Ehe nun der angehende Wahrsager
+öffentlich anerkannt wird, muß er eine Probe ablegen. Fällt diese zu
+seinen Gunsten aus, dann wird er von den Ältesten des Stammes unter
+Zustimmung des Häuptlings gewählt. -- In der Hauptsache scheint es sich
+bei den Wahrsagern um neuropathische oder hysterische Individuen zu
+handeln, denen indessen eine gewisse Gerissenheit nicht abgeht. Denn
+wenn ihre Kuren keinen Erfolg haben, dann entschuldigen sie sich damit,
+daß die betreffende Krankheit nicht zu ihrem besonderen Fach gehöre,
+und werfen den Angehörigen sogar vor, daß sie keinen anderen Doktor
+geholt haben.
+
+Die Wahrsager pflegen als Abzeichen ihrer Würde mit einem Stück
+Ziegenhaut auf den Schultern (Abb. 403), das in zwei breiten Streifen
+über die Brust herabhängt, oder als Ersatz dafür mit dicken Schnüren
+oder Bändern aus Gras, Perlen, Sehnen und so weiter bekleidet zu sein;
+auf dem Kopf tragen sie eine oder mehrere Gallenblasen einer Ziege,
+wenn möglich von solchen Tieren, die für einen von ihnen erfolgreich
+durchgeführten Fall geschlachtet wurden -- je größer ihre Anzahl ist,
+um so höher steht der Ruf des Wahrsagers --, und hängen zahlreiche
+Tierschwänze an ihren Gürtel; auch Schlangen tragen sie als Schmuck.
+Die weiblichen Künstler bemalen sich Gesicht, Brust, Arme und Beine
+mit weißer Farbe. Ist der Wahrsager zugleich Medizinmann, so trägt
+er um den Hals ein Band aus Bockshörnern, in deren Höhlung er seine
+Heilmittel aufbewahrt.
+
+Die bei der Ausübung seines Handwerks zur Anwendung kommenden Methoden
+sind verschiedene. Zumeist werden Knochen oder Stöcke verwendet.
+Handelt es sich darum, festzustellen, ob eine verdächtige Person
+eines Verbrechens schuldig ist, so gibt der Wahrsager ihr eine Anzahl
+kleiner Knochen in die Hand; er selbst nimmt auch welche zu sich. Beide
+werfen sie sodann auf den Boden. Je nachdem die Knochen nebeneinander,
+gegeneinander, übereinander oder sonstwie fallen, gibt der Wahrsager
+sein Urteil ab. Handelt es sich darum, zu erfahren, wo ein ausfindig
+zu machender Zauberer wohnt oder wo verloren gegangene Sachen liegen
+und ähnliches mehr, so erschließt der Wahrsager die Antwort aus der
+Richtung, in der die Knochen zu liegen kommen. Wo Stöcke zum Wahrsagen
+benutzt werden, schleudert der Wahrsager sie hastig auf den Boden;
+bleiben sie flach am Boden liegen, so bedeutet dies für ihn Verneinung
+der Frage, springen sie aber auf den vermeinten Übeltäter zu, dann
+lautet die Antwort bejahend. Angeblich wird dem Wahrsager dieses alles
+von den Geistern im Schlafe offenbart. In Wirklichkeit aber weiß er auf
+ganz geschickte und scharfsinnige Weise unter Zuhilfenahme zahlreicher
+Auskunftsquellen bereits vorher auszukundschaften, wer in Frage kommen
+könnte oder wo sich ein vermißter Gegenstand befindet. Seine Hilfe
+wird bei allen möglichen Dingen angerufen, sei es, daß es sich darum
+handelt, ausfindig zu machen, wer ein Verbrechen begangen hat, wo ein
+gestohlener Gegenstand versteckt liegt, wo ein entlaufenes Stück Vieh
+sich aufhält, wo der Sitz eines Leidens bei einem Kranken ist, wer ihm
+die Krankheit angezaubert hat, oder daß die Witterung beeinflußt, also
+Regen herbeigezaubert, die Dürre gebannt, Blitz und Donner beschworen
+werden soll (Abb. 402), oder schließlich, daß man darauf ausgeht,
+anderen Schaden zuzufügen, zum Beispiel jemand Zaubermittel auf den Weg
+zu streuen, um ihm dadurch, wenn er diesen überschreitet, Verderben zu
+bringen und dergleichen. Wird ein Wahrsager zur Heilung einer Krankheit
+um Hilfe angerufen, so erscheint er mit einem Dutzend Medizinen
+bewaffnet (Säften aus Kräutern, Wurzeln, Rinde oder aus Galle, Haut,
+Knochen wilder Tiere, gestampften Kuheingeweiden, pulverisierten
+Affenzähnen und so weiter), um damit eine oft tagelang dauernde Kur an
+dem Leidenden vorzunehmen. Nach vielem Hokuspokus bringt der Wahrsager
+schließlich im günstigen Augenblick den Erreger der Krankheit, meistens
+eine Eidechse, die er vorher zu sich gesteckt hatte, zum Vorschein.
+Wenn die Geister der Vorfahren an der Entstehung des Leidens schuld
+sind, dann muß ihnen ein Opfer dargebracht werden, und wenn böse Leute
+es dem Betreffenden angezaubert haben, dann erfolgt eine Ausriechung
+des Schuldigen durch den Wahrsager (siehe die farbige Kunstbeilage).
+In beiden Fällen geht der Zeremonie ein allgemeiner Tanz voraus, von
+dem sich niemand ausschließt, weil er durch sein Fernbleiben vielleicht
+Verdacht erregen könnte. Der Lärm der Trommeln und Pauken wird immer
+lauter, und der Wahrsager gerät mehr und mehr in Verzückung und
+wirkliche Raserei; dadurch tritt er in Beziehung zu den Geistern. Bei
+dem nunmehr folgenden Opfer ist streng darauf zu achten, daß nicht
+das geringste Blut auf den Boden fällt; es wird sorgfältig in einer
+Opferschale gesammelt. Die Knochen und etwas vom Fett oder auch vom
+Mageninhalt werden den Vorfahren zu Ehren verbrannt, die sich an dem
+in die Lüfte steigenden Rauch begnügen müssen, während die Teilnehmer
+sich an dem übrigen Fleisch gütlich tun; natürlich erhält der Wahrsager
+und sein Anhang den Löwenanteil davon. Während der Rauch hochsteigt,
+fleht er die Geister um ihre Hilfe an. Soll ein Schuldiger ausfindig
+gemacht werden, so tritt der Wahrsager nach beendetem Tanz an eine
+jede Person heran und beriecht sie; glaubt er den Schuldigen gefunden
+zu haben, dann springt er über dessen Kopf hinweg oder zeigt auf ihn.
+Dadurch ist er „ausgerochen“ und der Strafe verfallen, die entweder in
+einer Geldbuße oder in Ausstoßung aus dem Stamm, in schweren Fällen
+auch im Tode besteht. Eine Beteuerung der Unschuld nützt nichts,
+höchstens kann der als schuldig Bezeichnete noch an das Urteil eines
+höheren Zauberers appellieren, der, falls er genügend Geld dafür
+erhalten hat, ihn freispricht.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Erl. der Mariannhiller Mission, Vertretung Würzburg.
+
+Abb. 403. Kaffrische Wahrsagerin
+
+mit dem Ziegenfellskapulier auf dem Rücken. Der Fragesteller muß bei
+ihren Aussagen in die Hände klatschen.]
+
+Alle Bantu sind große Anhänger von +Musik+ und +Tanz+ (Abb. 405 und
+407). Die Musikinstrumente sind keine musikalischen in unserem Sinne,
+insofern sie, mehr für das Taktmäßige der Tänze zugeschnitten, das
+rhythmische Element vor dem melodischen betonen. Die Tänze bestehen in
+einem taktmäßigen Gestampfe der Füße mit langsamer Vorwärtsbewegung
+im Kreise und entsprechenden Bewegungen der oberen Gliedmaßen, unter
+eintönigem Lärm des Tamtam, einer primitiven Flöte und des einsaitigen
+Musikbogens. Auch Schellen an den Füßen werden zur Steigerung der
+musikalischen Wirkung getragen (Abb. 405). Dabei werden die Schilde
+oder Stöcke wie Speere im Takt mit den Tanzbewegungen über dem
+Kopfe geschwungen. Die gleichmäßigen, kraftvollen und geschmeidigen
+Bewegungen der Tanzenden gewähren einen ästhetisch schönen Anblick. Die
+Basuto bevorzugen für ihre Tänze die Vollmondnächte und begehen auf
+solche Weise das Fest einer guten Ernte. Die Barotse tragen bei ihren
+Tänzen Masken (Abb. 407), denen aber keine religiöse Bedeutung zukommt.
+-- Bei allen Festlichkeiten spielt der +Biergenuß+ eine große Rolle.
+Männer, Frauen und Kinder pflegen dieses Genußmittel, das von dem
+weiblichen Geschlecht aus dem Kaffernkorn hergestellt wird (Abb. 387),
+oft in großen Mengen zu sich zu nehmen; wenn dann der Alkohol die Sinne
+benebelt hat, arten diese Tänze nicht selten in wilde Orgien aus.
+
+Die +Geburt+ eines Sohnes wird von den südafrikanischen Bantu nicht
+so freudig wie die eines Mädchens begrüßt, wohl weil letzteres als
+zukünftige Arbeitskraft einen wertvolleren Familienzuwachs bedeutet.
+Der Vater hält sich während der Entbindung außerhalb der Hütte auf.
+Die Boten, die ihm die Nachricht melden, prügeln ihn durch, wenn das
+Neugeborene ein Knabe ist an Stelle des sehnlich erwünschten Mädchens,
+begießen ihn aber mit Wasser, wenn sein Wunsch nach einer Tochter in
+Erfüllung gegangen ist, damit ihm die übergroße Freude nicht schade.
+
+Das +Neugeborene+ wird vielfach nicht gebadet, sondern am ganzen Körper
+mit Fett oder Öl abgerieben; bei den Awenda bekommt es Salz in den
+Mund gesteckt. Der Vater macht sogleich den Nachbarn von dem freudigen
+Ereignis Mitteilung mit den Worten „Wa-kanando“, das heißt „er ist für
+die Hacke“, womit er einen Sohn, oder „Wa-mpero“, das heißt „sie ist
+für die Mühle“, womit er eine Tochter bezeichnen will. Darauf kommen
+die Freundinnen der Frau und begrüßen sie mit „Samalale mukwai“,
+das heißt Glückwünsche. -- Sehr besorgt ist man, böse Einflüsse von
+dem Kinde fernzuhalten. So stecken die Kaffern es mehrere Wochen
+lang täglich in den beißenden Rauch von schwelenden wohlriechenden
+Hölzern, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, andere Stämme graben
+es bis an den Hals in die Erde ein. Sie legen dem Neugeborenen als
+gesundheitfördernd ein Amulett aus Ziegenriemen um den Hals und
+später ein solches aus dem Schweife eines Rindes. Kann das Kind auf
+allen vieren umherkriechen, dann schlachtet der Vater eine Ziege und
+befestigt deren Gallenblase um das Handgelenk des Kindes. -- Wird eine
+Basutofrau zum erstenmal Mutter, dann legt sie ihren bisherigen Namen
+ab und nennt sich „Mutter des X“, nämlich ihres Erstgeborenen. Der Name
+des Vaters bleibt meistens von dieser Tatsache unberührt, kann sich
+aber auch in dem gleichen Sinne ändern. Spätere Kinder beeinflussen den
+Namen der Eltern nicht mehr.
+
++Zwillinge+ werden im allgemeinen nicht mit Freuden begrüßt,
+ebensowenig betrauert, wenn einer von ihnen sterben sollte. Nach dem
+Aberglauben der Kaffern besitzt der eine von den Zwillingen die Natur
+eines wilden Tieres; er genießt daher auch nicht die Stammesrechte,
+auch wird bei seiner Hochzeit nicht getanzt. Die Basuto töten meistens
+den einen Zwilling, andere Stämme sogar beide. Man wirft das dem Tode
+geweihte Kind in ein Erdloch, schüttet trockenen Kuhmist darüber und
+läßt diesen durch Tiere festtreten, um die Stelle unkenntlich zu
+machen; die Zauberer gehen nämlich darauf aus, Kinderleichen wieder
+auszugraben, um sie als Medizin zu verwerten. Die Makalaka lassen den
+Wahrsager durch Wurfhölzer darüber entscheiden, welcher Zwilling aus
+der Welt zu schaffen ist, und setzen diesen in einem Topfe als Beute
+für die Hyänen aus. Ganz anders verhalten sich bei der Geburt von
+Zwillingen die Herero, die in ihren Gebräuchen, wie wir schon oben
+sahen, auch anderweitig von den Bantu abweichen. Von ihnen wird eine
+solche Geburt als ein ausnehmend großes Glück betrachtet, weswegen die
+Kinder sowohl wie ihr Vater besondere Rechte und Vorzüge genießen.
+Besondere Feierlichkeiten und Zeremonien werden unter Beteiligung
+aller Dorfbewohner vollzogen und die Eltern für heilig erklärt. --
+Die Bantumutter pflegt ihre Kinder stets selbst zu stillen und dies
+meistens mehrere Jahre hindurch. Sie trägt sie, in ein Tuch oder ein
+Fell eingehüllt, bei ihren Arbeiten immer mit sich herum, entweder auf
+dem Rücken oder auf ihrer linken Hüfte reitend.
+
+Die Basuto lassen nach der Geburt eines Kindes den Wahrsager
+kommen und durch dessen Zauberwürfel zunächst sein Lebensschicksal
+vorausbestimmen, sodann ihm den Kopf bis auf einen kleinen Büschel
+rasieren, der auf dem Scheitel stehen bleibt. Als Honorar dafür erhält
+er einen Ziegenbock und reichlich Bier. Überall bei den Bantu werden
+die Geburt eines Kindes und die damit zusammenhängenden Zeremonien
+durch einen Festschmaus gefeiert.
+
+[Illustration: Ein Medizinmann der Swasi,
+
+wie er einen Zauberer „ausriecht“. Diese Leute sind sehr geschickt im
+Ausfindigmachen von Übeltätern und im Weissagen.]
+
+[Illustration: Abb. 404. Eine Kaffernhochzeit.]
+
+Bei +Eintritt der Reife+ müssen sowohl Knaben wie Mädchen sich
+bestimmten Vorschriften unterziehen. Bei den Kaffern ziehen sich die
+Knaben in einem bestimmten Alter für längere Zeit in eine Hütte in der
+Wildnis unter Aufsicht eines älteren Mannes zurück, malen sich weiß
+an und werden unter gewissen Feierlichkeiten beschnitten. Jeder Knabe
+hat die ihm abgeschnittene Vorhaut an irgendeiner Stelle heimlich zu
+vergraben, damit niemand mit ihr Sympathiezauber treiben kann. Sie
+haben sich auch gewissen Peinigungen zu unterziehen, so zum Beispiel
+stellen sie sich in einer Reihe auf und erhalten von den älteren
+Leuten, die vor ihnen tanzen, unter bestimmten Fragen Rutenschläge
+ausgeteilt, gegen die sie sich mit Sandalen, die sie in den Händen
+halten, zu schützen suchen, wenn auch nur in beschränktem Maße, so daß
+sie manche Wunde davontragen. Haben sie diese und andere Mutproben
+bestanden, dann gelten sie für Männer, und dies nicht nur in den
+Augen ihrer männlichen Genossen, sondern auch in denen der jungen
+Mädchen, die ohne einen solchen Beweis ihrer Tapferkeit keinen von
+ihnen ehelichen würden. Zum Zeichen, daß sie nun Männer geworden und
+der Obhut ihrer Mütter entwachsen sind, empfangen die Jünglinge diese,
+wenn sie sie abholen wollen, mit Stockschlägen. -- Bei den Basuto
+findet eine ähnliche Absonderung der Knaben statt; der Platz, auf dem
+sie in Hütten untergebracht werden, wird ängstlich durch Dornengebüsch
+vor den Unberufenen behütet. Jeder Jüngling muß eine Beichte über
+sich ergehen lassen und wird für jedes Vergehen, das er eingesteht,
+mit Ruten gezüchtigt. Darauf hat er aus einem herumgehenden Topfe
+eine Zaubermedizin zu trinken, wodurch festgestellt werden soll, ob
+er die Wahrheit bekannt hat; wer gelogen hat, empfindet nach ihrem
+Genuß furchtbare Schmerzen und kann sogar sterben. Hieran schließt
+sich die Beschneidung und die Aufnahme unter die Erwachsenen. Damit
+sind aber auch wieder allerlei Peinigungen verbunden; man peitscht die
+Knaben, hält sie über Feuer und anderes mehr. Jeder Erwachsene hat
+nämlich das Recht, die jungen Leute mit Ruten zu schlagen, was sich
+mancher zunutze macht, um sein Mütchen an ihnen zu kühlen; aber auch
+gegenseitig dürfen sich die Jünglinge durchpeitschen. Nicht selten
+geschieht es, daß ihr Rücken tatsächlich blutig geschlagen wird, und
+sogar der eine oder der andere daran stirbt. Wenn später die Mütter
+ihre Kinder in Empfang nehmen wollen, sagt man ihnen, die Koma, das
+heißt die Mannbarkeitserklärung habe sie gefressen. Natürlich spielt
+sich der ganze Vorgang, wie anderwärts, unter großem Trommellärm,
+Gesang und Tanz ab, und ein Festessen darf nicht fehlen. Gegen Ende des
+ersten Monats erhalten die jungen Leute noch in der Götterlehre und den
+Stammesmysterien, sowie in der Verwaltung und Politik, auch im Tanzen
+Unterricht.
+
+Die heranwachsenden Mädchen der Bantu haben gleichfalls, bevor sie
+als heiratsfähig in den Stamm aufgenommen werden, eine längere
+Abschließung und eine strenge Unterweisung über ihre Frauenpflichten
+durch eine Matrone durchzumachen. Bei den Betschuanen bemalen sie
+sich zum Zeichen dessen mit weißer Farbe und kleiden sich in eine
+Art phantastischen Kostüms, indem sie sich die Lenden, den Hals, die
+Schultern und selbst den Kopf mit Röhrichtstreifen behängen und sich
+dazu noch mit aufgereihten Kürbiskernen schmücken. Einem männlichen
+Wesen ist es streng verboten, sich solchen Mädchen, die sich durch
+ein eigentümliches Rasseln ihrer Kleidung schon auf weite Entfernung
+bemerkbar machen, zu nähern; wer es dennoch tut, muß gewärtigen, mit
+Stockhieben von ihnen empfangen zu werden. Von der Matrone werden
+die Kandidatinnen in die Geheimnisse des Geschlechtslebens und in
+die Pflichten der zukünftigen Hausfrau und Mutter eingeweiht. Nach
+Abschluß dieser ihrer Prüfungszeit, während deren sie hier und da
+auch besondere Peinigungen durchzumachen haben, legen die Mädchen
+ihre Röhrichtkleidung ab und werfen sie auf einen Haufen zusammen,
+den sie anzünden und mit lautem Toben und wüstem Singen zusammen mit
+ihren Müttern umtanzen. Die Bewegungen dieser Tänze sollen manchmal
+recht unanständig sein. Am anderen Morgen reinigen sich die Mädchen,
+bemalen sich mit rotem Ocker und Fett und reiben sich Fett und Glimmer
+ins Kopfhaar. Dadurch kennzeichnen sie sich als heiratsfähig. -- In
+ziemlich ähnlicher Weise spielen sich die Pubertätsfeste bei den
+übrigen Stämmen ab. Bei den Makalaka tatauieren ältere Frauen außerdem
+die Mädchen; unter großen Schmerzen erhalten sie etwa viertausend
+kleine Hautschnitte, in die man darauf eine ätzende, durch Kohlenpulver
+geschwärzte Salbe reibt. Bei den Basuto muß ein Mädchen, das ein Kind
+geboren hat, bevor es die Komazeremonie durchmachte, ebenso ein Mann,
+der, ohne sich ihr unterzogen zu haben, schon ein Kind gezeugt hat,
+dies mit dem Tode büßen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Britische Südafrika-Gesellschaft.
+
+Abb. 405. Tänzer von Rhodesia.]
+
+Die ersten Schritte zur +Verlobung+ werden meistens von den jungen
+Männern unternommen; nur bei den Kaffern kommt es manchmal vor, daß
+die Angehörigen des Mädchens die Angelegenheit in die Wege leiten.
+Man pflegt meistens durch Vermittler vorsichtig auszukundschaften,
+ob Aussicht auf Heirat besteht, natürlich unter Darbringung von
+Geschenken. Erst wenn die Bereitwilligkeit bekannt geworden ist,
+werden direkte Verhandlungen angeknüpft, die sich in erster Linie
+um die Festsetzung des Brautpreises drehen, wobei nach Möglichkeit
+geschachert wird. Mitunter werden sehr weitschweifige Zeremonien bei
+der Werbung beobachtet. Bei den Basuto macht der Vater des Jünglings
+dem Vater der von diesem Auserwählten einen Besuch -- nebenbei bemerkt
+sind einzelne Stämme sehr förmlich bei ihrer Begrüßung (Abb. 406) --,
+spricht zunächst über gleichgültige Sachen und kommt dann mit seinem
+Anliegen heraus, das er in die Worte kleidet: „Ich bin gekommen, ein
+Hündchen von euch zu erbitten.“ Nach langer Pause und scheinbar langem
+Nachdenken erwidert der Angeredete: „Wir sind arm, wir haben kein Vieh;
+hast du Vieh?“ Darauf beginnt der Werbende über die schlechten Zeiten
+zu klagen und erreicht schließlich nach langem Feilschen eine Einigung
+über den Kaufpreis in Vieh, womit er seine Aufgabe erfüllt hat. Darauf
+wird ein zweiter Bote in den Kral des Mädchens entsandt, der sich mit
+den Worten einfindet: „Ich bin gekommen, um Schnupftabak zu erbitten.“
+Die alten Frauen füllen ihm reichlich davon in eine Kalabasse und
+übersenden sie dem Bräutigam. Zu Hause wird von diesem die ganze Sippe
+versammelt, der Mann der ältesten Schwester des Bräutigams öffnet die
+Schnupftabaksdose, und jeder der Anwesenden nimmt daraus unter großer
+Feierlichkeit. Am nächsten Tage wird die Dose nebst Angeld an Kleinvieh
+in den Kral des Mädchens zurückgesandt; dieses umwickelt sie zierlich
+mit Perlengewinden und trägt sie, beständig oder doch bei feierlichen
+Anlässen, um den Hals. Damit will es andeuten, daß es fortan Braut ist.
+Erst wenn die junge Frau ihr erstes Kind geboren hat, legt sie die Dose
+ab, nimmt die Perlenschnüre herunter und legt diese ihrem Kinde um. Die
+Verlobung wird festlich gefeiert und mit viel Bier begossen. Den Rest
+des Brautpreises bringt der Bräutigam später persönlich, allerdings
+nicht auf einmal, sondern in Raten. Die Heimführung der Braut erfolgt
+aber erst, wenn alles bezahlt worden ist.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. P. M. Clarke.
+
+Abb. 406. Begrüßung bei den Barotse,
+
+die bei ihnen sehr förmlich ausfällt. Man kniet nieder und küßt
+einander die Hände, wiegt den Körper von einer Seite zur andern und
+überhäuft sich mit Worten der Bewillkommnung.]
+
+Bei der +Hochzeit+ der Bantu (Abb. 404) finden ganz verschiedene
+Zeremonien statt; sie dehnen sich bei den Awenda oft über einen Monat
+und länger aus. Ehe sie nicht abgeschlossen sind, dürfen Braut und
+Bräutigam nicht als Mann und Frau zusammenleben. -- Ein Brauch, der
+sich bisher nicht hat ausrotten lassen, ist das +Eheversprechen unter
+Kindern+ im zartesten Alter. -- Die +Vielehe+ ist unter den Bantu
+erlaubt und wird auch vom Gesetz anerkannt, erfährt aber meist durch
+die Armut des Bräutigams Einschränkung. Wo die Mittel dagegen vorhanden
+sind, kann sich der Ehemann so viel Frauen kaufen, als ihm beliebt.
+Der Brautpreis besteht, wie schon erwähnt, in Vieh. Die Weiber eines
+Mannes vertragen sich im allgemeinen gut miteinander, weil sie meistens
+eine eigene Hütte haben und eigene Wirtschaft führen. Der Mann haust
+zeitweilig in dem einen Haushalt, dann wieder in einem anderen; die
+Frauen sind jedoch verpflichtet, ihm täglich Speisen zu bereiten und
+sie ihm dorthin zu bringen, wo er sich gerade aufhält. Unter den
+Kaffernfrauen sollen +Duelle+ nichts Seltenes sein und mit Händen,
+Füßen, Nägeln und Zähnen ausgefochten werden.
+
++Ehescheidung+ kommt häufig vor und ist für gewöhnlich mit einer
+Rückgabe des Kaufpreises verbunden. Der Mann kann seine Frau ohne
+Gründe verstoßen, geht dann aber dieser Rückgabe verlustig. +Ehebruch+
+wird von den Angoni stets mit dem Tode geahndet; der Verführer wird in
+Gegenwart der ehebrecherischen Frau mit einer Keule erschlagen, sie
+selbst an einen Baum gebunden und mit einem Strick erdrosselt. Den
+Angehörigen der Schuldigen ist es verboten, diesen ein zeremonielles
+Begräbnis zu bereiten. -- Die Awenda heiraten, wenn ihre Frau stirbt,
+deren Schwester oder nächste Verwandte; sind diese aber noch zu jung,
+um zu heiraten, dann muß der Vater eine entsprechende Vertreterin
+stellen, bis sie herangewachsen sind. Bei den Matabele nehmen die
+Brüder des Verstorbenen die Witwe zur Frau; bei den Maschona erben oft
+die Söhne des Vaters Witwen, ausgenommen die eigene Mutter.
+
+Nach dem Bekanntwerden eines +Todesfalles+ kommen die Verwandten
+sofort zusammen, und die Frauen heulen laut; bei den Barotse wird
+meistens durch Schießen ein großer Lärm gemacht. Der Tote wird in
+Felle oder Rindenstoffe, auch in wollene Decken eingehüllt und in
+hockender Stellung mit seinen Waffen und seinem persönlichen Besitz
+in der Erde beigesetzt. Verbrennung kommt unter den Bantustämmen
+nirgends vor, dagegen wird die Leiche vereinzelt im Busch ausgesetzt
+oder ins Wasser geworfen. In diesen Fällen handelt es sich aber nur
+um Sklaven, Stammesfremde oder um Leute, die keine Angehörigen mehr
+haben. Besondere Begräbnisstätten gibt es nicht; zumeist wird der
+Verstorbene in der Hütte selbst begraben und diese dann entweder
+gänzlich aufgegeben oder ruhig weiter bewohnt. Die Kaffern begraben
+ihre Häuptlinge im Kral. Die Awenda beten zu den Verstorbenen und
+versprechen, ihnen Bier zum Grabe zu bringen und für die Kinder zu
+sorgen. Bevor das Grab zugeschaufelt wird, schneidet der nächste
+Verwandte in die Decke, welche die Leiche umhüllt, ein Loch, gerade
+über dem Ohr, damit der Tote den großen Geist reden höre.
+
+Bei den Basuto werden nach der Beerdigung die schon vorher
+abgeschnittenen Enden des Kuhfelles, in das man den Toten gehüllt
+hatte, zu kleinen Riemen zurechtgeschnitten und der Witwe zum Zeichen
+der Trauer als Band um die Stirn gebunden. Bei den Angoni legt die
+Witwe gleichfalls einen Trauerschmuck in Gestalt einer Binde um die
+Stirn an und trägt ihn ein halbes oder auch ein ganzes Jahr. Nach
+dieser Trauerzeit ruft sie ihre Verwandten und Bekannten zusammen,
+entledigt sich feierlich des Trauerabzeichens, verbrennt es über dem
+Feuer und schüttet die Asche in einen Fluß, in dessen Nähe die Handlung
+vor sich geht. Nachdem sie auch noch die Feuerstätte gereinigt hat,
+um das Andenken an den Verstorbenen damit gänzlich auszulöschen,
+kehren alle Teilnehmer in die Hütte zurück und halten zum Schluß ein
+festliches Gelage ab. Fortan darf die Witwe wieder heiraten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. P. M. Clarke.
+
+Abb. 407. Ein Barotsetänzer.
+
+Man pflegt hauptsächlich nach den Tönen der Serimba zu tanzen, einer
+Reihe von Kalabassen, in deren jeder eine Zunge aus Holz angebracht
+ist. Die Masken haben hier keine religiöse Bedeutung, sondern sollen
+nur die betreffende Person unkenntlich machen.]
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 408. Häuser der Antanosy.
+
+Im Vordergrunde sind Frauen beschäftigt, in einem Steinmörser Reis zu
+stampfen; hinter ihnen ein Kornspeicher, den man auf Pfähle gesetzt
+hat, um den Ratten den Zugang zu erschweren.]
+
+
+
+
+Madagaskar.
+
+
+Die Bevölkerung der Südafrika im Osten vorgelagerten Insel Madagaskar
+setzt sich aus verschiedenfarbigen Völkerelementen zusammen, deren
+Grundbestandteile ein interessantes Rassenproblem abgeben. In der
+Hauptsache scheinen es zwei Rassen gewesen zu sein, die zu ihrer
+Zusammensetzung beigetragen haben; die reinsten Vertreter der einen
+sind die Hova, die der anderen die Sakalaven; die Mischungsprodukte
+zwischen beiden sind die übrigen überaus zahlreichen Stämme, die die
+Franzosen unter dem Sammelnamen der Madagassen zusammenfassen.
+
+Die +Hova+, ursprünglich ein kleiner Stamm, der das Hochland von
+Imerina in Besitz nahm, haben es vermöge ihrer hohen Intelligenz und
+guten Beanlagung verstanden, bis die Franzosen sich zu Herren der
+Insel aufwarfen, die Führung über die übrigen Stämme zu behaupten;
+sie bilden auch jetzt noch die Oberschicht. Wie ihr Äußeres, ihre
+Geschichte, Sprache und ethnologischen Verhältnisse deutlich verraten,
+sind die Hova malaio-polynesischen Ursprungs und wanderten vor etwa
+achthundert bis tausend Jahren, mutmaßlich von den Großen Sundainseln
+her, ein; bekanntlich sind ja diese Völker in der Schiffahrt von jeher
+gut bewandert gewesen. Ihr Typus ähnelt in der Tat dem der Javanen;
+kleiner Wuchs, olivgelbe Hautfarbe, üppiges straffes oder leicht
+gelocktes schwarzes Haar, rundlicher Kopf, kleine, öfter schiefstehende
+Augen, flaches Gesicht, vorstehende Backenknochen, vorstehende gerade
+Nase und etwas dicke Lippen sind seine hauptsächlichen Kennzeichen.
+Weniger rein schon erscheint dieser malaiische Typus bei den südlich
+von den Hova wohnenden Betsileo. Die Hova bildeten früher einen
+Feudalstaat und zerfielen in drei Klassen: die Adligen (Andriana), die
+Freien (eigentlichen Hova) und die Sklaven (Andevo). -- Das gerade
+Gegenteil der Hova sind die +Sakalaven+, ein Volk von tiefdunkler
+Hautfarbe und negerartigem Aussehen (wolligem Haar, länglichem Schädel,
+vorspringendem Gesicht und so weiter). Es liegt bei der Nähe Südafrikas
+die Vermutung nahe, daß sie von dort hergekommen sein mögen, aber ein
+derartiger Ursprung der Sakalaven wird aus gewichtigen Gründen --
+vor allem sind die Bantu durchaus keine Seefahrer -- von zuständigen
+Kennern der Verhältnisse in Abrede gestellt. Es mag ja möglich sein,
+daß an der Zusammensetzung der dunklen Völker Madagaskars auch
+Bantuneger sich beteiligt haben, aber diese kamen nicht von selbst über
+die Meerenge von Mozambique, sondern wurden von den Arabern als Sklaven
+eingeführt. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, daß es sich bei den
+Sakalaven um Reste einer Urbevölkerung handelt, die zur afrikanischen
+Grundrasse gehörte, also den Negritos verwandt gewesen sein wird.
+Südafrika, Madagaskar, Südindien, die Sundainseln und so weiter
+bildeten ursprünglich ein zusammenhängendes Festland, das von eben
+dieser Rasse bewohnt gewesen sein muß; erst später hat dieses Festland
+seine heutige Gliederung erfahren.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 409. Haus der Betsimasaraka aus Bambus mit Strohdach.]
+
+Die übrige Bevölkerung Madagaskars, die sogenannten +Madagassen+
+(Abb. 410), kann man als eine Mischbevölkerung ansehen, die aus einer
+Kreuzung jener beiden Grundelemente hervorgegangen ist und in ihrem
+Äußeren bald mehr den einen, bald mehr den anderen Zug verrät. Es haben
+zu ihrer Zusammensetzung auch noch weitere Rassenelemente beigetragen,
+die, teils freiwillig, teils durch Schiffbruch verschlagen, die Insel
+besiedelten; es zählen zu diesen vor allem Araber, ferner Perser und
+Inder, vielleicht auch Chinesen und Japaner, und seit den letzten
+Jahrhunderten auch die Weißen. Die Madagassen weisen eine Unzahl von
+Stämmen auf, als deren wichtigste die Betsimasaraka (Abb. 412), die
+Tanala, Bara und andere zu nennen sind.
+
+Die Grundverschiedenheit in der Abstammung der Hova und Sakalaven
+kommt auch in ihrer Kleidung, ihren Wohnungen (Abb. 408 und 409) und
+in ihren sonstigen Gepflogenheiten zum Ausdruck. Die +Nationaltracht+
+der Madagassen ist der Lamba (Abb. 410 und 411), ein großes Stück
+Zeug, entweder aus weißer Baumwolle oder aus leuchtend bunter Seide
+hergestellt, das als Überwurf getragen wird. Die Betsimasaraka tragen
+oft eine Tunika aus Raphiafasern, ihre Frauen außerdem noch eine
+kurze Jacke, die nur die Schultern, die Arme und den oberen Teil der
+Brust bedeckt, aber die Bauchgegend freiläßt, ähnlich wie die Tracht
+der Indierinnen. In den südöstlichen Provinzen haben manche Stämme
+noch ihre althergebrachten Mattentrachten aus Schilf in Gebrauch, ein
+röhrenähnliches Gewand, in das man hineinsteigen muß; es wird um die
+Hüften mit einem Gürtel zusammengehalten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 410. Madagassenfrau mit ihrem Kinde auf dem Rücken,
+
+das sie bei ihren Arbeiten auf dem Felde oder zu Hause in ihren Lamba
+gehüllt stets mit sich schleppt.]
+
++Schmuck+ ist besonders bei den dunklen Stämmen sehr beliebt und
+recht abwechslungsreich. Er besteht in möglichst vielen Ketten aus
+Korallen-, Glas- oder Silberperlen, Armbändern und Ringen aus Metall,
+großen Ohrringen und Stiften in den Nasenflügeln. Eine große Vorliebe
+zeigen die Hova- und Sakalavenfrauen für das Aufsetzen kleiner
+Schönheitstüpfelchen (bei den einen in schwarzer, bei den anderen in
+weißer oder gelber Farbe) auf die Haut des Gesichtes. Besonders pflegen
+alle Madagassenfrauen ihr Kopfhaar; bei Trauer wird es stark zerzaust
+und aufgebauscht (Abb. 423). -- +Tatauierung+ kommt nur noch selten vor.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 411. Eingeborenentanz zu Tananarivo.
+
+Von den mit dem Nationalgewand (Lamba) bekleideten und mit Blumen
+geschmückten Mädchen tanzen die größeren einen Kindertanz; die jüngeren
+begleiten sie mit taktmäßigem Händeklatschen.]
+
+Die +Religion+ der Hova, wie der Madagassen überhaupt, ist offiziell
+das Christentum, aber in Wirklichkeit zeigen sie sich religiös
+gleichgültig und neigen eher zu ihrem alten animistischen Aberglauben.
+Sie erkennen ein höchstes Wesen, Sanahary, das heißt den allgemeinen
+Schöpfer, an, den sie aber, da er seinem Wesen nach gut ist und
+dementsprechend im allgemeinen kein Unglück verhängt, in ihrem Kult
+ziemlich vernachlässigen. Dagegen sind die Geister der Ahnen Gegenstand
+der größten Verehrung, zumal sie außerordentliche Furcht einflößen.
+Man glaubt nämlich an ihre absolute Macht, Gutes und Böses über die
+Lebenden zu verhängen, denen sie sogar von Zeit zu Zeit einen Besuch
+abstatten. Das geht selbst so weit, daß man annimmt, ein verstorbener
+Mann könne nachts seiner Ehefrau beiwohnen, weswegen auch lange
+nach seinem Tode geborene Kinder als legitim anerkannt werden. Die
+Ahnengeister erhalten Opfergaben, gewöhnlich ein Stück Rindfleisch und
+etwas Rum, das man zu ihrem Grabe bringt, wenn man ihre Gunst gewinnen
+will. Die Madagassen glauben auch an die Unsterblichkeit der Seele,
+nehmen aber an, daß diese nicht ohne weiteres zum Himmel aufsteige,
+sondern zuvor noch eine Reihe Wanderungen durch teils wirkliche,
+teils eingebildete tierische Wesen durchzumachen habe, die der Mensch
+sich bis zu einem gewissen Grade aussuchen könne. Am meisten ist der
+Aberglaube verbreitet, daß die Seele des Toten sich zuerst in ein
+Kokolampy verwandle, ein Fabeltier mit langen Haaren, das in düsteren
+Wäldern umherirre, um die Gräber schleiche, sich von Krabben nähre und
+am Tage in Höhlen hause, nachts aber unheimliche Laute von sich gebe.
+Sobald man diese Töne hört, wagt sich niemand allein des Nachts in den
+Wald, in den Häusern stockt die Unterhaltung, kurz, es herrscht große
+Furcht. Wenn das Kokolampy stirbt, geht die Seele in den Körper eines
+dicken Nachtschmetterlings, den Voangoamba, über, dem zu begegnen den
+bevorstehenden Tod eines Familiengliedes anzeigt, sodann in ein
+Chamäleon, weiter in ein Insekt, namens Angalatsaka, und schließlich
+in eine Ameise, nach deren Tod sie sich erst befreit und in den Himmel
+eingeht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 412. Wasserträger der Betsimasaraka.
+
+Als Wasserbehälter dienen mächtige Bambusrohre, die das heiße, feuchte
+Klima prächtig gedeihen ließ.]
+
+Unter den Sakalaven ist der +Steinkultus+ noch sehr verbreitet, der
+offenbar mit alten religiösen Vorstellungen zusammenhängt. So begegnet
+man öfters großen Steinhaufen, die von Goldsuchern zusammengetragen
+wurden und von ihnen, unter Darbringung von Honig als Opfergabe, um
+Hilfe bei ihrem Gewerbe angefleht werden. An anderen Orten trifft man
+auf zwei einzelne große Steine, deren einer nach Norden, der andere
+nach Süden zeigt, die von Frauen, die Mütter werden wollen, angebetet
+und mit Honig und Fett eingerieben werden; wer sich einen Knaben
+wünscht, wendet sich an den südlichen, wer ein Mädchen haben möchte,
+an den nördlichen Stein. Andere Steine werden angegangen, um eine
+Zunahme des Besitztums, eine Vermehrung der Herden, Fruchtbarkeit für
+die Aussaat und ähnliches mehr zu erflehen. Es gibt auch Steinbauten
+in Form von Dolmen; auf sie gießen die Tanala, bevor sie ihre Toten
+begraben, die von diesen ausgeschiedene Flüssigkeit aus und richten
+Gebete und Danksagungen an die Seelen der Vorfahren. Daher findet man
+auf ihnen auch stets Bananenblätter mit Reis und einen Bambusbehälter
+mit Honig oder Rum.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 413. Madagassische Zauberer weissagen mittels Getreidekörnern,
+
+die sie auf einer Matte in sechzehn Häuschen hinlegen, darauf Figuren
+aus ihnen bilden und deren Bedeutung dann auslegen.]
+
+Der Madagasse unternimmt nichts Wichtiges, ohne daß er einen +Zauberer+
+zu Rate zieht. Dieser breitet eine Handvoll Getreide oder eine Anzahl
+Samen nach gewissen Regeln auf einer Matte aus und bildet aus ihnen
+sechzehn Figuren, deren Bedeutung er nach einem bestimmten Gesetz
+auslegt (Abb. 413). Überhaupt sind die Zauberer, die bald Mpanazary,
+bald Ombissa, Mpisikidy oder Masina und so weiter heißen, auf der
+ganzen Insel sehr wichtige Persönlichkeiten. Sie stehen in dem Rufe,
+nicht nur wahrsagen und Kranke heilen zu können, sondern auch die Macht
+zu besitzen, das Ody, einen Talisman, anzufertigen, der gewöhnlich aus
+kleinen Stücken geschnitzten Holzes, den Enden von Ochsenhörnern, die
+mit Glasperlen verziert sind, und Krokodilzähnen besteht. Die Hörner
+und Zähne werden mit Sand oder Erde, auch mit verschiedenen kleinen
+Gegenständen, wie vergoldeten Nägeln, Eisenabfällen und anderem mehr
+angefüllt. Nachdem der Zauberer Gott angerufen und das Zaubermittel
+noch mit Rinderfett eingerieben hat, händigt er es gegen Barzahlung
+seinem Kunden aus, der es nun beständig um den Hals trägt und fortan
+überzeugt ist, daß er bei allen seinen Unternehmungen vom Glück
+begünstigt sein werde. So zum Beispiel wird er überall Gegenliebe
+finden, gegen Kugeln sowie gegen Krokodilbisse gefeit sein, bei
+Diebstählen unentdeckt bleiben und auch in allen übrigen Dingen stets
+Erfolge zu verzeichnen haben. -- Mit diesen Zaubermitteln und Fetischen
+ist fast stets ein +Fady+ verknüpft, das heißt ein Verbot bestimmten
+Handlungen oder bestimmten Fleischsorten gegenüber. Bei Nichtbefolgung
+dieses Fady verliert der Ody seine sämtlichen Tugenden und büßt seine
+Kraft ein. Dieser Brauch des Fady, der über ganz Madagaskar verbreitet
+ist, erinnert sehr an das Tabu in Ozeanien.
+
+Die früher üblichen +Gottesurteile+ sind jetzt mehr in Wegfall
+gekommen, aber bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein wandte
+die einheimische Regierung zur Ermittlung eines Verbrechens noch die
+Tangenprobe an, so benannt nach der je nach der genossenen Menge mehr
+oder weniger giftigen Frucht des Tangenbaumes (~Tanginia venenifera~),
+die der Verdächtigte essen mußte; übergab er sich nach ihrem Genuß,
+dann galt seine Unschuld für erwiesen. Andere Ordalien sind jetzt noch
+in Gebrauch (siehe unten).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. D. Marcuse.
+
+Abb. 414. Madagassische Fischerboote.]
+
+Die +Hauptbeschäftigung+ der Frauen von Madagaskar ist das Zerstampfen
+von Reis für den Tagesbedarf; nebenbei weben sie auch primitive
+Stoffe zu Kleidern und flechten Matten, Körbe und Hüte aus Binsen
+oder Reisstroh. Die Männer dagegen führen, sofern sie nicht gerade,
+wie einige Bewohner von Merina, Kaufleute oder eigentlich Hausierer
+sind, ein vollkommen müßiges Leben, ausgenommen während der Zeit des
+Säens und Erntens. Entsprechend dieser ihnen angeborenen Trägheit
+geben sie auch gute Hirten ab. Die Küstenmadagassen, deren einzige
+Beschäftigung das Fischen ist, sind oft tüchtige Seeleute, die auch
+über gut gebaute Boote (Abb. 414) verfügen. -- Als Unterbrechung des
+süßen Nichtstuns, das den gewöhnlichen Zustand der Madagassen ausmacht,
+sind ihnen Vergnügungen willkommen; auch dem Spiel (Abb. 415) sind sie
+sehr ergeben. Ein jedes Familienereignis gibt Anlaß zu Gesellschaften
+und Festen; Geburt, Hochzeit, Tod, das Errichten eines neuen Hauses,
+die Ankunft eines vornehmen Fremden, die Befreiung von einem Unglück,
+wie etwa einer Epidemie oder einer Überschwemmung -- dies alles dient
+als Vorwand zu einem Freudenfest, bei dem Ochsen geschlachtet, viel
+Rum getrunken und getanzt wird. Der +Tanz+ ist auf der ganzen Insel
+eine der beliebtesten Unterhaltungen (Abb. 416); langsame Bewegungen in
+anmutigen, ungezwungenen Stellungen kennzeichnen ihn. Ebenso sind die
+Madagassen sehr musikliebend (Abb. 417).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 415. Madagassen beim Spiel,
+
+auf das sie viel Zeit zu verwenden pflegen, besonders die Sakalaven.
+Der Einsatz besteht in Eiern.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 416. Sakalaventanz zu Maintirano.
+
+Er ist gekennzeichnet durch langsame Bewegungen und zwanglose, anmutige
+Stellungen. Die Tänzer bewegen sich dabei langsam von der Stelle,
+während sie mit den Armen eigentümliche Drehungen ausführen.]
+
+Ohne Nachkommen zu sterben, gilt bei ihnen als das größte aller Übel,
+was bei ihrer großen Verehrung der Vorfahren und ihrer feudalen
+Gesellschaftsgliederung erklärlich erscheint. Daher war es Vorschrift,
+daß, wenn ein Mann kinderlos starb, die Witwe von neuem heiratete,
+damit „der Keim wieder auflebe“. Das Bestreben eines jeden Madagassen
+läuft somit darauf hinaus, eine +möglichst große Nachkommenschaft+ zu
+haben; nicht damit zufrieden, was ihm die Natur gewähren kann, macht es
+ihm Freude, noch andere Kinder zu adoptieren, wo dies nur möglich ist.
+Bei all dieser Liebe zu den Kindern und dem Wunsche nach einer großen
+Familie muß es um so mehr wundernehmen, daß die schreckliche Unsitte
+des +Kindsmordes+ auf Madagaskar so verbreitet war. Es hängt dies aber
+mit dem stark ausgeprägten Aberglauben an Unglückstage und -stunden
+zusammen. Wird ein Kind zum Beispiel um Mitternacht im Monat Mai
+
+geboren, dann gerät die Familie in große Bestürzung, denn das Kind wird
+dann ein Zauberer. Erscheint es zu der Stunde auf der Welt, wenn die
+Ochsen auf die Weide oder die Leute an die Arbeit gehen, dann steht
+zu befürchten, daß aus ihm ein Verschwender werde. Der ganze Monat
+September gilt für verhängnisvoll, denn die in ihm Geborenen werden
+sicherlich Bösewichter oder bringen den Eltern Unheil, wenn sie nicht
+gar deren Tod verursachen. Daher schafft man sie sofort entweder durch
+Lebendigbegraben oder Ertränken aus der Welt. Eine Ausnahme machen
+allein diejenigen, die gegen zwölfeinhalb Uhr mittags, das heißt wenn
+die Sonne ihre Strahlen gerade auf die Türschwelle sendet, das Licht
+der Welt erblicken; jedoch dürfen auch sie nicht so ohne weiteres am
+Leben bleiben, sondern werden einem Gottesurteil unterworfen. Man
+legt das Kind vor den Ausgang einer Ochsenhürde und wartet ab, ob die
+Tiere beim Herausgehen ihm einen Schaden zufügen. Auch wenn es nur von
+ihnen verwundet werden sollte, ist es dem Tode verfallen; nur wenn es
+unverletzt bleibt, läßt man es am Leben. Für die Geburt eines Prinzen
+dagegen ist nach dem Aberglauben der Madagassen der September gerade
+günstig, denn sie meinen, daß man, um ein großer und berühmter Fürst
+zu werden, recht böse sein und jeden mit Füßen treten müsse. Eine
+glückliche Zukunft steht ferner den Kindern bevor, die im Juli zur Welt
+kommen, besonders dann, wenn die Sonne aufgeht, oder wenn ihre Strahlen
+zwischen vier und fünf Uhr nachmittags die Hauspforten vergolden; denn
+dann wird der neue Weltbürger sehr große Reichtümer einernten. Man
+kennt aber auch Mittel und Wege, um das böse Schicksal eines unter
+ungünstigen Aussichten geborenen Kindes abzuwenden. So muß man bei
+einem Februarkinde, das man zu einem Brandstifter bestimmt glaubt,
+schnell eine kleine Hütte aus Erde und Kalk machen und sie verbrennen,
+oder man kann auch eine Heuschrecke oder einen Maikäfer als Opfer
+darbringen.
+
+Die +Schwangere+ ist mancherlei Fady unterworfen. Sie darf keine
+Ochsenschnauze essen, weil sonst ihr Kind eine schnauzenförmige
+Oberlippe bekäme, ebensowenig das Fleisch eines bestimmten
+Wasservogels, weil seine Beine sonst so dünn wie bei diesem Tiere
+werden würden, auch nicht von einem Raubvogel, weil das Kind sonst
+diebische Eigenschaften annähme; sie darf sich auch nicht über eine
+taubstumme oder geisteskranke Person lustig machen, weil das Kind dann
+die gleichen Eigenschaften erwürbe, und anderes mehr. Naht die Stunde
+der +Geburt+, dann versammeln sich die Angehörigen und jeder von ihnen
+nimmt nach dem Vorbilde des ältesten Familienmitgliedes etwas Wasser in
+den Mund, das dann auf die Gebärende ausgespien wird.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. James Sibree.
+
+Abb. 417. Madagassische Musikanten.
+
+Die Madagassen besitzen eine ziemliche Auswahl von Musikinstrumenten,
+so (auf dem Bilde von links nach rechts zu sehen): die Flöte, die
+einsaitige Geige, den Lamako (zwei Holzbretter, die man gegeneinander
+schlägt), die Bambusgitarre, die Trommel, die Kürbisgeige und als
+weiteres Blasinstrument die Muschel.]
+
+Ist die Geburt erfolgt, was mit großer Freude begrüßt wird, dann
+fleht der Vater den Segen Gottes, der Vorfahren, der „zwölf Könige“
+und der „heiligen zwölf Berge Imerinas“ herab. Der +Säugling+ wird
+mit Rinderfett abgerieben, damit er kräftig gedeihe. Daher pflegen
+Erwachsene bei Wettspielen und Kämpfen einander mit den Worten
+herauszufordern: „Komm her, wenn du von deiner Mutter wirklich mit Fett
+eingerieben worden bist.“ Die +Namen+, die die Madagassen ihren Kindern
+beilegen, werden meistens von Tieren oder Pflanzen hergenommen und mit
+der Vorsilbe ra versehen; es können dabei unter Umständen recht lange
+Namen herauskommen, wie Ravoninahitriniarivo, was „tausend Blüten des
+Grases“ heißen soll. Auch häßlich klingende Namen, wie zum Beispiel
+Misthaufen, werden dem Kinde beigelegt, um dadurch das Unglück, das ihm
+droht, abzuwenden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. D. Marcuse.
+
+Abb. 418. Krankenbehandlung zu Tulear.
+
+Der Leidende, dessen Zustand auf die Wirkung eines Teufels (Bilo)
+zurückgeführt wird, muß auf einer Plattform vom Blute eines Ochsen
+trinken, der zu seiner Wiederherstellung geopfert wurde.]
+
+Einen wichtigen Augenblick im Leben des Kindes bildet die erste
++Haarschur+, die etwa im Alter von drei Monaten stattfindet und zu
+einem großen Fest sich gestaltet; zu ihr finden sich auch entfernt
+lebende Familienmitglieder ein. Bei der Auswahl des Haarschneiders muß
+man achtgeben, daß sein Vater noch lebt, denn sonst würden die Eltern
+selbst sterben und ihr Kind als Waise zurücklassen. Man beginnt auf der
+linken Seite und entfernt hier mit einer Schere das „böse Haarbüschel“
+über dem linken Ohr, das man sofort mit der dazu gebrauchten Schere
+wegwirft. Darauf wird die rechte Kopfseite vorgenommen und das über
+dem rechten Ohr stehende „gute Haarbüschel“ abgeschnitten, aber nicht
+fortgeworfen, sondern in einer Reisschwinge mit Fleischstückchen aus
+dem Höcker des Zebuochsen und Knollen von Arum esculentum zu einem
+Talisman für glückliche Geburten gemischt, den man unter die gierig
+danach haschenden Festgenossen wirft.
+
+Wenn die Knaben das erste Lebensjahr zurückgelegt haben, wird an
+ihnen die +Beschneidung+ vorgenommen. Dieser Vorgang bietet Anlaß zu
+einer mehr oder minder großen Feier mit mancherlei Zeremonien, die
+früher recht umfangreich waren. Wichtig ist dabei, daß sowohl die
+Eltern als auch Paten und Patinnen während der dem Akte vorausgehenden
+Woche vom Bett getrennt schlafen müssen. Jetzt sind die Zeremonien
+bereits sehr vereinfacht worden. Am Abend vorher wird ein Bananenbaum
+unter Begleitung der Menge, die mit der rechten Hand ihre Lambas
+schwenkt, tanzt und singt, eingeholt, in Mannshöhe abgeschnitten und
+in der nordöstlichen Ecke der Hütte in den Boden gesteckt; auf seine
+abgeschnittene Spitze wird ein irdener Napf mit einem aus Kuhmist durch
+Kneten hergestellten Docht und Unschlitt gesetzt, worauf man diese
+Lampe anzündet. Sie muß bis zum nächsten Morgen brennen und darf nur
+von männlichen Wesen bedient werden; falls eine Frau dies besorgte,
+würde der Knabe kein „Mann“ werden. Während der Nacht wird der Segen
+über das Kind gesprochen. Man stellt zu diesem Zweck eine flache
+Holzschüssel mit Wasser auf, in die silberne Ketten gelegt werden.
+Drei Männer müssen nun mit einem Rohrstengel diese Ketten zehnmal
+hintereinander herausholen und dabei dem Kinde viel Geld und Reichtümer
+wünschen. Beim ersten Hahnenschrei befestigt einer der versammelten
+Männer einen Pflanzenstengel (Hundezahn oder Quecke) an einer Flasche
+oder an einer Kalabasse, worauf die kräftigsten und mutigsten Männer
+ausgesandt werden, um in diesem Gefäß „kräftiges“ Wasser zu holen,
+das zum Auswaschen der Wunde bei der Beschneidung gebraucht wird.
+Der Operateur, der bereits am Abend vorher eingetroffen ist und die
+Nacht in einer Hütte zubrachte, worin sich kein weibliches Wesen
+aufhalten durfte, nimmt an dem Kinde mittels eines kleinen Messers
+die Beschneidung vor. Ein Assistent wartet den Augenblick ab, wo die
+Wunde zu bluten anfängt, schwingt hierauf seine Lanze und schlägt
+damit die Türschwelle, wobei er wünscht, daß der Knabe ein „Muster
+von Schönheit und Güte“ werden möge. Die abgeschnittene Vorhaut muß
+der Vater in Stückchen zerschnitten mit einer Banane verzehren. Bei
+den Sakalaven wird sie in eine Flinte geladen oder auf die Spitze
+einer Lanze gesteckt und diese über das väterliche Haus geschleudert;
+stellt sich der Speer senkrecht zur Erde, dann erblickt man darin ein
+Anzeichen dafür, daß der Knabe mutig werden wird. Bei den Bara werfen
+die Väter die Vorhaut in den nächsten Fluß. -- Bei den Antankarana wird
+die Beschneidung in etwas abweichender Weise vorgenommen. Es geht dem
+eigentlichen Akte ein reichliches Essen und Trinken der Verwandten und
+Gäste voraus. Darauf wird ein Ochse gefesselt und zu Boden geworfen,
+den Kopf nach Osten gerichtet. Der Familienälteste begießt mit einem
+Topf Wasser das Tier vom Kopf bis zu den Füßen, stellt sich mit einem
+Stäbchen in der Hand hinter dasselbe, klopft ihm viermal auf die Rippen
+und fleht dabei Gesundheit, Reichtum und sonstiges Gute auf die Kinder
+herab. Darauf wird der Ochse durch Zerschneiden der Halsschlagader
+getötet und sein Fleisch gegessen; seine Hörner aber werden mit einem
+Stück Schädeldecke auf eine lange spitze Stange gesteckt und mitten im
+Dorfe aufgestellt. Die Beschneidung wird an den Knaben einzeln in einem
+dicht geschlossenen Zelte vorgenommen, die abgeschnittene Vorhaut auch
+hier von den Verwandten in eine Flinte geladen und unter Jubel in die
+Luft oder gegen die Ochsenhörner geschossen. Essen, Trinken und Tanz
+beschließen das Fest.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. D. Marcuse.
+
+Abb. 419. Krankenbehandlung bei den Sakalaven,
+
+die in der Hauptsache in einer Einreibung des Gesichts mit Maniokpulver
+und gelbem Ocker besteht. Diese Salbe bleibt so lange liegen, bis der
+Kranke gesund geworden ist.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. James Sibree.
+
+Abb. 420. Ein Grab der Betsileo.
+
+Der Tote ruht in dem steinernen Unterbau; der Turm ist aus Holz
+hergestellt und weist oft schöne Schnitzereien auf.]
+
+Die +Kinder+ wachsen von der Liebe und Sorgfalt der Mutter behütet
+heran; solange sie nicht gehen können, trägt diese sie beständig auf
+dem Rücken mit sich herum, sei es, daß sie auf dem Felde arbeitet
+oder im Haushalte tätig ist. Eine Erziehung erhalten diese Kinder
+weder in geistiger noch in moralischer Hinsicht, und sie wachsen
+heran, ohne daß ihre Fehler beachtet und verbessert werden. Überhaupt
+nimmt die +Moral+ in Madagaskar eine ganz untergeordnete Stufe ein,
+besonders in geschlechtlichen Dingen. Ein junges Mädchen kann tun und
+lassen, was ihm beliebt. Daher ist es auch gang und gäbe, daß die
+Mädchen bereits vor ihrer Reife, also etwa mit zehn bis elf Jahren,
+oft auch noch früher, geschlechtlichen Verkehr anfangen und freie
+Vereinigungen der jungen Leute allgemein üblich sind. Schamhaftigkeit
+und Keuschheit sind, mit wenigen Ausnahmen, auf Madagaskar ziemlich
+unbekannte Tugenden. Im Gegenteil, die Eltern begünstigen sogar die
+freie Liebe ihrer Töchter, nur der Verkehr eines Mitgliedes der
+adligen oder der freien Kaste mit einer Sklavin wird mißbilligt. Da
+auf die Jungfräulichkeit der Mädchen absolut kein Wert gelegt wird, so
+erscheint es verständlich, daß auch die gastliche Prostitution, das
+heißt das Überlassen der Töchter des Hauses an Gastfreunde von hohem
+Rang, zu den Pflichten des Hausherrn gehört.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. D. Marcuse.
+
+Abb. 421. Behandlung eines vom bösen Geiste (Bilo) Besessenen
+
+durch Tanz, Gesang und Zechen; hat die Kur Erfolg, so schließt sich ein
+Dankfest an sie an.]
+
+Die freien ungesetzlichen Vereinigungen der jungen Leute pflegen
+mehrere Monate und selbst ein bis zwei Jahre zu dauern, ehe sie sich
+entschließen, die wirkliche Ehe miteinander einzugehen. Finden sie
+in dieser Zeit, daß sie nicht zueinander passen, dann gehen sie ruhig
+wieder auseinander und beginnen ein neues Zusammenleben mit anderen
+Personen. Haben sie aber die Überzeugung gewonnen, daß sie miteinander
+glücklich werden, dann zieht das Mädchen wieder in das elterliche Haus
+zurück, und der junge Mann macht sich auf die +Werbung+ bei ihrem
+Vater. Doch zuvor sendet er eine Anzahl festlich gekleideter junger
+Leute, die immer unpaar sein muß, an einem bestimmten Tage, den der
+Astrologe als günstig bezeichnet hat, in das Haus seiner Auserwählten.
+Der Sprecher zählt zu diesem Zwecke vor den Eltern die wirklichen und
+angeblichen Tugenden des Bräutigams sowie seiner Vorfahren auf, spendet
+seinen Eltern Lob und rühmt ihre Vermögensverhältnisse, schließlich
+teilt er dem Vater mit, daß der Betreffende nicht länger mit seiner
+Tochter im Konkubinat leben, sondern mit ihr eine richtige Ehe eingehen
+wolle, eine „Frau unter seiner Achsel tragen“, wie der Ausdruck dafür
+lautet. -- Bei den Sakalaven, Betsileo und einigen anderen Stämmen
+finden sich noch Überreste einer früheren Raubehe.
+
+Wenn die Annahme des Antrages erfolgt ist, dann bespricht man die Natur
+und den Wert der Geschenke, die der zukünftige Schwiegersohn seinen
+Schwiegereltern und seiner Braut darzubringen hat und die meistens in
+Rindern, Schafen, Ziegen, Geflügel, Honig, Rum, Geld, Kleidungsstücken
+und so weiter bestehen; ihr Wert hängt von der Vermögenslage des
+Werbers ab. Aber immer müssen gewisse Fleischstücke (zum Beispiel eine
+Hammelkeule mit daranhängendem Schwanz) als besonderes Angebinde für
+das Familienoberhaupt darunter sein. Heutzutage wird diese „Vodiondry“
+zumeist mit Geld abgelöst.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. Grandidier.
+
+Abb. 422. Familiengrab der Hova.
+
+Die Toten ruhen in dem Grabe, über dem ein viereckiger Bau aus Steinen
+errichtet ist; daneben steht ein geschnitzter Pfeiler, der die Köpfe
+der zu Ehren des letzten Verstorbenen geopferten Ochsen trägt, sowie
+ein hoher Stein, der zur Erinnerung an Familienmitglieder aufgestellt
+wurde, die an anderer Stelle begraben liegen.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. D. Marcuse.
+
+Abb. 423. Sakalavenfrau in Trauerkleidung,
+
+die man an dem aufgelösten Kopfhaar und am weißen Stoff der im übrigen
+schmutzigen Kleidung erkennt. Während der Trauerzeit müssen die
+Trauernden auf alle Vergnügungen verzichten.]
+
+Wenn der +Hochzeitstag+ festgesetzt ist, wozu auch wieder der Astrologe
+angehört wurde, begeben sich die Leute, die die Braut holen sollen,
+ebenfalls in ungerader Zahl, im Zuge nach dem Heim ihrer Eltern,
+wo sich die Anverwandten und Gäste bereits eingefunden haben und
+ein Festmahl hergerichtet ist. Dann wird vor Zeugen der Ehevertrag
+vereinbart, der alle erdenklichen Möglichkeiten berücksichtigt, zum
+Beispiel, daß der Ehemann diesen oder jenen Fehler begehen, die Frau
+ihre Freiheit wiedererlangen oder Witwe werden, die Eltern bei ihrem
+Tode Schulden hinterlassen sollten und anderes mehr. Nachdem von den
+Vertretern des Bräutigams die ausbedungenen Geschenke überbracht
+worden sind und man Gegengeschenke überreicht hat, gilt die Ehe für
+geschlossen. Man begrüßt die Neuvermählten mit den Worten: „Möge euer
+ferneres Leben ein glückliches sein!“ Hieran schließt sich ein großes
+Mahl an, bei dem der Hausherr die Gäste unermüdlich auffordert, tüchtig
+den Speisen zuzusprechen. Handelt es sich um ein Hochzeitsmahl eines
+vornehmen Hova, dann wird das Fleisch nicht in gewöhnlichen Töpfen
+gebraten, sondern nach der Sitte der Vorfahren in Blätter eingewickelt
+in Erdlöchern, die mit glühenden Steinen ausgelegt sind, geröstet.
+Bei diesem Mahle essen die jungen Eheleute das einzige Mal in ihrem
+Leben mit einfachen schwarzen Hornlöffeln aus demselben Napfe oder
+nach dem Brauch ihrer Vorfahren auf einem Bananenblatte Reissuppe,
+Honig und gerösteten Fisch oder ein Stück Fleisch. Nach Beendigung
+desselben spricht der Hausvater noch einen Glück- und Segenswunsch
+über sie aus, worauf sie im Zuge, für gewöhnlich in einem Tragsessel,
+unter Gesang und Jubel nach dem Hause des Bräutigams sich begeben.
+In dem Augenblick, wo die junge Frau das Haus verläßt, setzt sich
+ihre Großmutter mit gekreuzten Beinen vor dem Hauspfeiler nieder
+und verharrt ohne sich zu rühren so lange, bis sie annimmt, daß das
+junge Paar in seinem neuen Heim angelangt ist, oder wenigstens bis
+es ihren Blicken entschwunden ist, um, wie man sagt, dadurch die
+Beständigkeit in dem neuen Haushalt zu sichern. Bei der Ankunft
+geht der Zug dreimal um die kleine Umfriedigungsmauer herum, ebenso
+um das Haus und schließlich um den Herd. Diese Zeremonie soll die
+jungen Leute an die neue Wohnung fesseln und verhindern, daß sie
+sie verlassen. Sodann wird noch einmal in der bereits geschilderten
+Weise ein Mahl eingenommen. Bei diesem werden die Neuvermählten zum
+Zeichen ihres zukünftigen festen Zusammenlebens noch in einen großen
+Lamba aus Seide eingewickelt, dessen Enden man zusammenknotet; der
+junge Mann muß diesen Knoten dann lösen, womit er andeuten will,
+daß ihm das Recht zusteht, auch den Ehebund zu lösen. Dies ist der
+Schluß der Festlichkeit. -- Bei der ärmeren Bevölkerung Madagaskars
+gestaltet sich die Hochzeitszeremonie viel einfacher, weist auch einige
+Verschiedenheiten von der soeben geschilderten auf. So wurde die junge
+Frau beim Verlassen des elterlichen Hauses in früheren Zeiten angespien
+oder mit dem Blut des Opfertieres besprengt, um sie zu segnen; jetzt
+nimmt man dazu Wasser. Bei den Hirtenstämmen setzt sich die Braut
+bei ihrer Hochzeit bescheiden in einen Winkel der Hütte und erwartet
+sehnsüchtig, daß der Bräutigam ihr den einen für diesen Zweck besonders
+zubereiteten Schenkel eines Huhnes darbiete. Wenn sie diesen und der
+Bräutigam den anderen verzehrt hat, gilt die Ehe für geschlossen.
+
+Neben dieser richtigen Ehe kennen die Madagassen noch eine +Zeitehe+;
+dieselbe ist bei den Betsimasaraka, den Sakalaven und anderen Stämmen
+üblich. Hierbei wird eine bestimmte Zeit von etwa ein bis drei Jahren
+mit den Eltern der Braut vereinbart; nach Ablauf dieses Zeitraums hat
+letztere das Recht, von ihrem Manne fortzugehen. Will sie die Ehe
+verlängern, dann bedarf dies wieder derselben Förmlichkeiten wie das
+erste Mal. Wird inzwischen aber ein Kind geboren, dann ist der Ehemann
+verpflichtet, die übliche Vodiondry zu geben, und die Ehe gilt fortan
+als für die Dauer geschlossen. -- Früher, und verschiedentlich auch
+noch bis in die neueste Zeit hinein, nahmen Madagassen, deren Mittel
+es erlaubten, sich mehrere Frauen, selbst bis zu fünfzig und mehr.
+-- Obwohl die Ehe bei den Madagassen eigentlich eine rein äußerliche
+Einrichtung ist, kommt es hin und wieder doch vor, daß tiefergehende,
+edlere Neigungen die jungen Leute zusammenführen. Liebestränke,
+Talismane, Zauberformeln, um sich die Schöne geneigt zu machen oder
+um andererseits einen kühlen Ehemann wieder zu fesseln, sind sehr
+verbreitet.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. James Sibree.
+
+Abb. 424. Gedenkstein für einen verstorbenen Betsileo.
+
+Die Säule ist aus Stein gearbeitet, das Gitterwerk an ihrem oberen
+Ende, auf das die Schädel und Hörner der bei der Leichenfeier
+dargebrachten Ochsen gesteckt werden, besteht aus Holz.]
+
+Keuschheit ist unter den Madagassen, wie schon gesagt, eine seltene
+Tugend; dasselbe gilt von der +ehelichen Treue+. Denn es gibt in
+Wirklichkeit wenige Ehen, die dauernd sind. Nur bei einigen Stämmen
+gilt Ehebruch für eine schändliche Handlung. Die Antimorona verlangen,
+wenn sie von einer Reise zurückgekehrt sind, von ihren Frauen, daß sie
+in Gegenwart der Eltern und Freunde einen Eid ablegen, während der
+Abwesenheit der Männer die eheliche Treue bewahrt zu haben, und daß sie
+sich zur Erhärtung der Wahrheit einem Gottesurteil unterwerfen. Sie
+müssen nämlich durch einen Fluß schwimmen, in dem Krokodile hausen:
+kommen sie unversehrt hindurch, dann sind sie frei von Schuld; jetzt
+erst begrüßt sie der Ehemann und überreicht ihnen die mitgebrachten
+Geschenke.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 425. Ein Wandorobbomann bei der Morgenandacht
+
+spuckt gegen die aufgehende Sonne aus. Das Schwert hat er dabei zur
+Seite gestellt. -- Die Wandorobbo stehen in dem Rufe, den Regen dadurch
+bannen zu können, daß sie ihr Schwert gegen den Himmel zücken.]
+
+[Illustration:
+
+ Kunstverlag Karl Vincenti.
+
+Abb. 426. Suahelimädchen.]
+
+Die Madagassen halten den Tod nur dann für natürlich, wenn er infolge
+hohen Alters eintritt. In allen anderen Fällen schreiben sie den
++Verlust des Lebens+ Zaubereien zu. Um nicht Gefahr zu laufen, daß
+ein Zauberer Gegenstände von ihnen zu fassen bekomme und sie zu bösen
+Zwecken verwende, achten sie sehr darauf, daß sie nie abgeschnittene
+Haare oder Nägel oder sonst etwas von sich umherliegen lassen. Die
+Sakalavenkönige gingen in dieser ihrer Furcht sogar so weit, daß
+sie sich immer von einem Diener begleiten ließen, dessen alleinige
+Obliegenheit es war, die Erde aufzusammeln, auf die sie gespien hatten.
+-- Neben der Zauberei als +Krankheitsursache+ kennen die Madagassen
+aber noch eine Entstehung von Krankheit durch +Besessensein von einem
+Teufel+ oder bösen Geiste (Bilo genannt). Hiergegen nehmen sie eine Art
+Austreibung vor (Abb. 418 u. 421). Der Kranke wird aus dem Dorfe nach
+einem freien Platz gebracht, auf dem eine kleine Plattform besonders
+hergerichtet wurde. Ihr zu Füßen haben auf der einen Seite alle Leute
+aus der Nachbarschaft Aufstellung genommen, auf der anderen stehen die
+Herden des Kranken oder seiner Familie. Bei der Ankunft des Leidenden
+erhebt sich Tanz und Gesang; besonders aber wird dem Rum zugesprochen,
+von dem auch der Kranke eine große Menge zu sich nehmen muß. Sodann
+führt man ihn mitten unter das Vieh; mit einem Stabe weist er auf zwei
+Tiere hin, von denen das eine sofort geopfert und von den Teilnehmern
+verzehrt wird, das andere gleichsam als Sündenbock von den Eltern des
+Patienten heilig gehalten und mit der größten Sorgfalt behandelt wird.
+Dann klettert der Kranke auf einer recht primitiven Hühnerstiege auf
+die Plattform, ein bei seinem Zustand manchmal recht gefährliches
+Unternehmen. Gelangt er ohne sonderliche Hilfe oben an, dann beweist
+dies, daß Gott ihm wohlwill und ihm Genesung geben wird; wenn nicht,
+gibt man von vornherein alle Hoffnung auf. Sobald er auf der die
+Plattform bedeckenden Matte sich niedergelegt hat, wartet ihm eine
+Frau, die in den letzten vierundzwanzig Stunden keusch gelebt haben
+muß, mit Speise, die sie für ihn besonders zubereitet hat, in erster
+Linie mit dem Fleisch des geopferten Ochsen, auf; ißt er davon oder
+tut er wenigstens so, dann erblickt man darin ein sicheres Anzeichen
+für baldige Genesung und ein langes Leben. Sodann beginnt von neuem
+ein mächtiger Lärm, Gesang und Geschrei. Der Kranke verbleibt oft
+viele Stunden auf seinem erhabenen Posten, während die anderen sich
+in Rum betrinken und sich an dem Fleisch des geschlachteten Tieres
+gütlich tun. Zuletzt wird er unter großem Gepränge in seine Hütte
+zurückgebracht, wo er in der Mehrzahl der Fälle dann doch stirbt. --
+Die Sakalaven reiben das Gesicht des Kranken mit Maniokpulver und
+gelbem Ocker ein (Abb. 419).
+
+Die +Begräbniszeremonien+ der Madagassen sind nicht überall dieselben.
+Manche Stämme legen ihre Begräbnisplätze tief im Walde, unter Felsen
+verborgen, oder in öden Gegenden an, also an Stellen, die dem
+menschlichen Auge und der menschlichen Berührung fern bleiben; andere
+wiederum begraben ihre Angehörigen am Wege oder auch mitten in ihrer
+Hütte. Die ersteren, die eine solche Scheu vor den Friedhöfen haben,
+sind vorwiegend die Küstenstämme, dem Ursprung nach zumeist Araber;
+die zweite Gruppe, die gern den letzten Aufenthaltsort vor Augen hat,
+der ihrer harrt, bilden die Zentralstämme, besonders die Merina und
+die Betsileo; man erkennt in dieser Sitte ganz deutlich den großen
+Einfluß der malaiischen Kultur. Stirbt ein Madagasse, besonders ein
+Merina, fern von seiner Heimat, dann geht sein letzter Wunsch dahin,
+daß seine Angehörigen möglichst bald seine Gebeine abholen, um sie in
+heimatlicher Erde, meistens in einer Familiengruft, beizusetzen. Ist
+die Leiche eines Verwandten nicht aufzufinden, dann pflegt die Familie
+sein Kopfkissen und seine Ruhematte statt seiner zu beerdigen oder zu
+seinem Andenken am Wege oder in der Nähe des Dorfes ein Grabmal zu
+errichten, das in einer Tafel oder einem Pfosten besteht (Abb. 422 und
+424).
+
+[Illustration:
+
+ Kunstverlag Karl Vincenti.
+
+Abb. 427. Wadschaggamädchen.]
+
+Die +Leiche+ wird für gewöhnlich gewaschen, in einen Lamba gekleidet
+und in einen ausgehöhlten Baumstamm gelegt, den ein oft dachförmiger
+Deckel schließt. Dieser ist häufig mit Schnitzereien verziert; bei den
+Tanala trägt er, wenn es sich um einen regierenden Häuptling handelt,
+zwei halbmondförmig gekrümmte Hörner. Die östlichen Stämme stellen den
+Sarg entweder einfach auf die Erde oder auf ein Gerüst inmitten von
+Palisaden, die mit Blättern überdacht werden. Die Antankarana setzen
+ihn in natürlichen Grotten des Kalksteingebirges bei, die übrigen
+Inselbewohner begraben ihn in der Erde. Vielfach wird der Sarg noch
+mit einem Steinhaufen zugedeckt. Manche Sakalavenfamilien umgeben die
+Gräber mit Pfosten, auf denen sich Schnitzereien in Form von Menschen,
+Krokodilen, Vögeln und so weiter befinden. Die Merina graben gewöhnlich
+eine Totenkammer, über der sie für Adlige ein kleines Haus erbauen. Bei
+den Hova wird eine kleine rechtwinklige Mauer errichtet, in der man
+Steine anhäuft; die Winkel werden mit besonders großen Steinen versehen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 428. Zeremonialtracht der Watatura,
+
+eines Bantustammes, der in Tracht und Bewaffnung die Masai nachahmt.
+Ihre Kleidung besteht hauptsächlich aus Colobusfellen, ihr Schmuck aus
+Straußenfedern.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie und Heimat.“
+
+Inneres der Palisadenfeste eines Eingeborenensultans in Ostafrika, die
+von den deutschen Truppen bei der Besitznahme des Landes unter großen
+Opfern erstürmt werden mußte.]
+
+Verschiedene Madagassenstämme, im besonderen die Betsileo und
+Antaokara, befolgten früher die von Ozeanien her übernommene Sitte,
+ihre Toten nicht sogleich zu begraben, sondern über der Erde erst die
+Verwesung abzuwarten und Leichenwachen daneben zu stellen. Um sich
+diese Pflicht nach Möglichkeit erträglich zu gestalten, betranken sich
+die Angehörigen und Freunde tüchtig in Rum und verbrannten Unmassen
+von Weihrauch, Talg und sogar Leder. Bei den Betsileo (Abb. 420)
+begräbt man jetzt den Toten möglichst bald, nimmt aber nach einiger
+Zeit noch ein zweites Begräbnis mit seiner Nachbildung vor, die die
+Frauen, während die eigentliche Beisetzung stattfindet, in dem Hause
+anfertigen. Sie rollen eine Matte zusammen, umkleiden sie mit Lambas
+und legen diese Nachbildung des Toten in einen aus Bambusstangen
+geflochtenen Käfig, weswegen dieses ganze Erzeugnis Trano vorona,
+das heißt „Käfig mit Vögeln“, benannt wird. Dieser Trano vorona wird
+etwa zwei bis sieben Tage ausgestellt, das heißt so lange, als die
+Mittel ausreichen, um die zahlreich versammelten Trauergäste mit Rum
+und Fleisch reichlich zu versorgen, und sodann entweder neben der
+wirklichen Leiche mit vielem Lärm und Gesang begraben oder einfach so
+wie er ist ausgesetzt. +Begräbnisse+ auf Madagaskar sind stets von
+Festlichkeiten begleitet. Früher wurden massenhaft Tiere geschlachtet;
+die Regierung hat aber, um einer zu starken Schmälerung der Herden
+vorzubeugen, diese Unsitte auf ein einziges Tier beschränkt. Die Köpfe
+der Ochsen mit den daran bleibenden Hörnern werden auf das Grab ihres
+verstorbenen Besitzers gelegt. Viel Rum wird getrunken und vielfach
+auch zahlreiche Gewehrsalven abgeschossen. Ein solches Fest dauert so
+lange, als Essen und Getränke eben vorhalten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Gebr. Haeckel.
+
+Abb. 429. Wagaiamädchen in ihrer üblichen Tracht.]
+
+Bei den Sakalaven erfahren die Könige eine besondere Behandlung. Sie
+wickeln deren Leichen zunächst in Ochsenhäute und hängen sie tief im
+Busch an Bäumen auf. Nach einigen Monaten gehen die Häuptlinge hin
+und entnehmen dem verwesten Leichnam einige Reliquien, nämlich einen
+Halswirbel, einen Fingernagel und eine Haarlocke. Während der übrige
+Körper unter großen Feierlichkeiten begraben wird, bringt man die
+oben genannten Stücke nach einer heiligen Stätte, wo bereits ähnliche
+Reliquien von früher begrabenen Königen her aufbewahrt sind. Mit ihrem
+Besitz ist das Recht der königlichen Gewalt verbunden.
+
++Trauernde+ Madagassen lassen sich das Haar zerzausen und tragen grobe
+und schmutzige Kleidung (Abbild. 423); sie dürfen sich auch nicht
+waschen, auch nicht in den Spiegel sehen, falls sie etwa einen solchen
+im Besitz haben sollten. Die Frauen müssen alle Gedanken an Gefallsucht
+aufgeben und ihre Umgebung durch ihren jämmerlichen Anblick geradezu
+zum Abscheu bringen. Die Farbe der Trauer ist, wie überall sonst im
+Osten, auch bei den Madagassen weiß.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. W. Hattersley.
+
+Abb. 430. Tapfere Krieger bringen den Schädel eines erlegten
+Flußpferdes vor den König.
+
+Zum Zeichen ihres Sieges über das Tier, das viele Opfer an Menschen
+gefordert hat, haben sie sich die Köpfe mit Bananenblättern geschmückt.]
+
+
+
+
+Ostafrika.
+
+
+Das große Gebiet südlich von Abessinien und dem Golf von Aden bis
+herab zum Nyassasee, beziehungsweise dem Unterlauf des Zambesi
+bezeichnen wir als Ostafrika. Es bildet ein ebenso interessantes und
+vielleicht noch bunteres Völkergemisch als Südafrika. In seinen Teilen
+südlich vom Gleicher, ganz allgemein gesagt, herrschen die schon von
+Südafrika her bekannten Bantustämme vor, wenngleich hier bereits
+verschiedentlich vom Osthorn her andere Rassenelemente zugewandert
+sind, die Hamiten heißen. Zu letzteren gehören die Wahima, Kavirondo
+(oder Wagaia), Masai, Wandorobbo (Abb. 425) und Watatura (Abb. 428)
+im sogenannten Zwischenseengebiet. In Deutsch-Ostafrika sind die
+bekanntesten Bantustämme die Wanyamwesi, Waschambala, Wanguru, Wakami,
+Kirundi, Waganda, Wasoga, Wakikuyu, Wakamba, Wadigo, Wagogo, Wanyuturu,
+Wadschagga (Abb. 427), Wapare, Warangi, Wahehe, Wabena, Wapoto und
+andere mehr. Längs der ganzen Küste haben sich im Lauf der beiden
+letzten Jahrtausende zahlreiche Araber, Inder und Perser auf die
+altangesessene Bantuschicht aufgelagert und durch Vermischung mit ihr
+ein ziemlich homogenes neues Volk entstehen lassen, die Suaheli (Abb.
+426). -- In den nördlichen Gebieten Ostafrikas (Somalland) dagegen
+sitzen Stämme hamitischer und semitischer Zugehörigkeit, mit denen
+wir uns an anderer Stelle beschäftigen werden. Hier wollen wir uns
+darauf beschränken, nur zu erwähnen, daß sich ihr Typus vollständig von
+dem der Bantuneger unterscheidet. Wo beide Rassenelemente aufeinander
+gestoßen sind, wie in den nördlichen Teilen Ostafrikas, da haben
+natürlich vielfach mehr oder minder starke Kreuzungen zwischen ihnen
+stattgefunden. Ebenso sind die Bantu mehrfach Vermischungen mit den
+zwischen sie versprengten Zwergvölkern eingegangen.
+
+Die übliche +Wirtschaftsform+ der ostafrikanischen Bantu ist der
+Ackerbau, nebenbei auch vielfach die Viehzucht. Die mit hamitischen
+Elementen gekreuzten Bantu bevorzugen die letztere. Auch Jagd wird von
+den meisten ostafrikanischen Stämmen eifrig betrieben (Abb. 430).
+
+Die +Wohnungen+ der ostafrikanischen Bevölkerung sind teils
+Kegeldachhütten, teils Temben. Vor der Besitznahme des Landes suchten
+sich die übermütigen Sultane durch Palisadenfesten zu schützen (siehe
+die Kunstbeilage).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 431. Kavirondofrau mit einer Fischfalle.
+
+Man errichtet im Flusse in spitzem Winkel zueinander zwei kleine
+Steinmauern, zwischen denen das Korbnetz ausgelegt wird.]
+
+Dieselben Ursachen, die dazu beigetragen haben, daß man in Ostafrika so
+vielen und verschiedenen Mischtypen begegnet, wie Wanderungen, Aufnahme
+von Kriegsgefangenen in den Stamm, Sklavenraub, Ausübung der Exogamie,
+Zuflucht bei fremden Stämmen bei Eintritt einer Hungersnot und Dürre
+oder bei Bedrängung von seiten vorrückender Stämme und anderes mehr,
+haben auch dazu geführt, daß die verschiedenen alten Gebräuche und
+Sitten der einzelnen Völker sich ebenfalls miteinander vermischten,
+so daß es vielfach ein Ding der Unmöglichkeit ist, zu entscheiden, ob
+ein bestimmter Brauch bei dem einzelnen Stamm heimisch ist oder zu ihm
+eingeführt wurde. Im großen und ganzen können wir wohl sagen, daß,
+soweit die Bantu in Betracht kommen, bei den ostafrikanischen Stämmen
+die Sitten und Gebräuche so ziemlich dieselben sind, wie wir sie oben
+bereits in dem Abschnitt Südafrika schilderten. Daher beschränken wir
+uns an dieser Stelle auf die Wiedergabe einiger Eigenheiten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 432. Kavirondofrauen auf dem Wege zum Markt.
+
+Verheiratete Frauen, wie zum Beispiel die links dargestellte, tragen
+einen schmalen Gürtel mit einer hinten herabhängenden Quaste; ältere
+Frauen tragen eine schwanzähnliche kurze Schürze am Gürtel.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie und Heimat“.
+
+Abb. 433. Neger bei der Herstellung von Rindenstoff.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 434. Kavirondofrau.
+
+Sie ist mit einem Ziegenfell bekleidet, in das ein Muster eingebrannt
+ist; von weitem erweckt dieses den Eindruck, als sei es ein
+Leopardenfell.]
+
+Was die +Kleidung+ anbetrifft, so begegnen wir bei den Jaluo und den
+südlichen Wagaia (Abbild. 429) noch vollständiger Nacktheit, und
+trotz oder vielmehr gerade wegen dieser Nacktheit stehen diese Stämme
+sittlich so hoch wie wohl selten Negerstämme. Man ersieht hieraus,
+daß die Bekleidung nichts mit der Moral zu tun hat. Manchmal wird
+ein kleiner Schamschutz (Abb. 431) oder ein Ziegenfell (auch um den
+Hals gelegt) getragen. Auf diese Häute werden seltsame Flecken-
+oder Streifenmuster eingebrannt, so daß sie von weitem wie Tiger-
+oder Leopardenfelle aussehen (Abb. 434). Bei den Wagaia erfordert
+es der gute Ton, daß ein verheirateter Mann, der bereits Vater ist,
+vor seiner Schwiegermutter niemals ohne Ziegenfell erscheinen darf,
+sonst würde sie ernstlich beleidigt sein und auf Zahlung einer
+Ziege bestehen. Ältere Frauen bekleiden sich mit einer Art Troddel
+oder Bindfadenschwanz, der von ihrem Taillengürtel herabhängt (Abb.
+432). Berührt etwa ein Mann, und wäre es selbst der eigene Gatte,
+dieses Anhängsel, so muß er eine Ziege opfern, andernfalls würde
+dem Aberglauben zufolge die betreffende Frau schwer krank werden
+oder gar sterben. Der Taillengürtel besteht meistens aus Perlen oder
+Kaurimuscheln; er wird von allen afrikanischen Schönen getragen; selbst
+wenn noch andere Kleidung darüber gezogen wird, behält man ihn bei.
+Andere Stämme, besonders die Frauen bei ihnen, kleiden sich in gegerbte
+Häute, die entweder wie ein Schurz vorn und hinten herunterhängen
+oder den Unterkörper ganz umhüllen (siehe die Kunstbeilage), oder in
+selbst durch Klopfen angefertigte Rindenstoffe (Abb. 433). Diese werden
+togaähnlich um den Körper geschlungen und oft über der einen Schulter
+zusammengeknotet, so daß entweder beide Arme oder wenigstens einer
+frei bleibt (Abbild. 436). Eigenartig ist die Kleidung der Waheia,
+ein Rock aus feinen geschlitzten Fasern der Raphiapalmenblätter oder
+von Grashalmen, die auf einer Schnur aufgereiht sind. Dieser wird
+meistens wie ein Rock um die Hüften getragen oder auch nach Art eines
+Mäntelchens um den Hals gelegt. Die mehr südlich und nach der Küste
+zu wohnenden Bantustämme haben in manchen Gegenden die Kleidung vom
+Sansibartypus (Abb. 435) angenommen, die für gewöhnlich in einem
+Lendentuch aus weißem oder gemustertem Kattun, einer Hose und einer
+ärmellosen Jacke oder in einem langen Araberhemd, beziehungsweise einer
+Zusammenstellung beider Trachten (siehe die farbige Kunstbeilage) und
+einem Fes besteht. An der Küste kennt man auch bereits Anzüge nach
+europäischem Schnitt. Die Bantufrauen dieser Gegenden tragen vielfach
+lange baumwollene Gewänder, die den ganzen Körper einhüllen und unter
+den Armen befestigt werden, oder auch geradezu arabische Frauenkleider.
+-- Die mohammedanischen Frauen der besseren Kreise gehen nach den
+Vorschriften des Islams verhüllt über die Straße (Abb. 437).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. W. Ladbury.
+
+Abb. 435. Kleidungs- und Schmuckstücke der Suaheli (Sansibar).
+
+Perlenarbeiten, ausgelegte Sandalen, Armbänder und Kämme aus Elfenbein,
+eine Schnupftabaksbüchse, Nasenringe.]
+
+Der +Pflege der Haare+ wird vielfach besondere Sorgfalt zuteil,
+auch von seiten der Männer (Abb. 438). Darüber trägt man zuweilen
+ganz sonderbaren Kopfputz (Abb. 440 und 443). In einzelnen Gegenden
+wird das Haar allerdings vollständig abrasiert oder nur in kleinen
+Büschelchen stehen gelassen. Die Masaimänner verlängern durch
+Einflechten von Rindenfasern ihr Kopfhaar und machen sodann starke
+Zöpfe daraus, von denen einer hinten weit herabhängt und noch mit
+Zeugstreifen fest umwickelt wird, der andere oder auch mehrere kürzere,
+neben- und übereinander angeordnet, nach vorn fallen (Abb. 441).
+Ihre Frauen rasieren sich häufig den Kopf (Abb. 442 und 446), so daß
+ihr Haar kaum länger als einen Zentimeter ausfällt. Ganz eigenartig
+ist die Haartracht der Wahima. Die Männer dieses Volkes lassen sich
+Streifen in Spiralform auf ihrem Schädel ausrasieren und ziehen die
+stehengebliebenen Haare nach oben aus. Die jungen Mädchen drehen sich
+unter Zuhilfenahme von Butter das Haar zu langen dicken Strähnen, die
+ihnen über Ohr und Augen herabfallen, und flechten als Schmuck noch
+Kaurimuscheln und Perlen in sie hinein.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. Ponting.
+
+Abb. 436. Eine Kikuyufrau mit ihrem Kinde.
+
+Auf dem Rücken trägt sie eine schwere Last Holz an einem über die Stirn
+laufenden Tragband.]
+
+Zur +Verschönerung+ des Körpers wird er mit Ziernarben bedeckt oder
+mit Farbe (Ocker oder weißem Ton) angemalt (Abb. 444), entweder ganz
+oder nur einzelne Teile, zum Beispiel bei den Waganda die Beine; auch
+werden die Zähne teilweise ausgeschlagen, sowie allerhand Gegenstände
+in die durchbohrten und manchmal mächtig erweiterten Ohrläppchen (Abb.
+446, 447 und 449), Nasenflügel und Lippen (Abb. 445) eingefügt. Die
+Wagogo tragen wohl die größten Ohrpflöcke; die Wagaia stecken durch das
+Bohrloch des Ohres dünne Rindenholzstückchen, die mit eingebrannten
+Strich- und Kreismustern verziert sind und überdies an ihren Enden
+häufig noch ein Federbüschelchen aufweisen; die Masai hängen sich
+mächtige Spiralscheiben (Abb. 448) mittels kleiner Riemchen an die
+Ohren und so weiter. Das Drolligste an Lippenschmuck bieten jedoch die
+Sarafrauen, die sich die Lippen durchbohren und diese Öffnung durch
+stetes Einstecken immer größer werdender Holzscheiben derart erweitern,
+daß ihre Lippen, mit diesem Zierat ausgestattet, wie ein Schnabel
+vorstehen (Abb. 451) und sie am Essen, Trinken und Sprechen ziemlich
+behindern. An sonstigem +Schmuck+ sind sehr beliebt und allenthalben
+in Ostafrika verbreitet eiserne oder messingene Ringe, die um Arme und
+Beine und um den Hals getragen werden, manchmal einer über dem anderen
+(Spiralen) bis zu ganz anständigem Gewicht (Abb. 453). Besonders die
+Masai sind große Verehrer solchen „gewichtigen“ Schmuckes (Abb. 450);
+ihre Krieger tragen sogar ganze Kragen aus Eisendraht.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 437. Vornehme Mohammedanerinnen machen unter einem Schleierzelt
+einen Gang durch die Stadt (Lamu).]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: S. A. Elena di Francia, Duchessa d’Aosta, Viaggi in Africa.
+
+Negerfrauen aus Ostafrika, die in Flaschenkürbissen Bier auf dem Kopfe
+tragen.]
+
+Die Afrikaner sind alle auf ihre Art ziemlich +musikalisch+, doch ist
+ihre Musik eher als rhythmisch denn als harmonisch zu bezeichnen. Die
+großen Negerfürsten halten sich meistens eigene Musikbanden (Abb. 452).
+Das Lieblingsinstrument, das wohl bei keinem Stamme fehlen dürfte,
+ist die +Trommel+, ein aus einem ausgehöhlten Baumstamm bestehender
+Zylinder, der mit Fell, meistens Ziegenfell, oder Eidechsenhaut
+überzogen ist. Die Masai kennen kein weiteres Instrument. Die Trommel
+kommt in allen Größen vor und spielt bei jedweder Zeremonie eine große
+Rolle; sie erschallt im Kriege wie im Frieden, um Regen herbeizuführen,
+als Ruf zu den Waffen und als Werkzeug zum Signalisieren. Zur Feier
+fast jedes Ereignisses werden Tänze abgehalten (Abb. 454 und 455), bei
+denen die Trommel und Biertrinken die Hauptsache ausmachen. Die Suaheli
+verwenden die Trommel in Verbindung mit Opfern auch dazu, Teufel
+auszutreiben. Steht von einem Menschen fest, daß er von einem bösen
+Geiste besessen ist, so ordnet der Medizinmann an, daß ein Trommeln
+abgehalten und gewisse Tiere geopfert werden. Dieses Trommeln wird
+oft viele Tage lang ununterbrochen fortgesetzt, bis die bösen Geister
+gewichen sind.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 438. Ein Sabeimann vom Nandistamme.
+
+Die Haare sind mit Fett und Ton zu kleinen Klumpen gedreht und mit fein
+geschnittenen Muschelplatten behängt.]
+
+Mehr den wirklichen +Musikinstrumenten+ nähern sich die +Blashörner+
+aus Elefantenzähnen und Antilopenhörnern, ferner kleine +Pfeifen+
+aus Elfenbein, Holz oder Knochen, sowie +Flöten+ (Abbild. 458)
+aus Rohr (auch Panflöten). Die Hörner werden allerdings häufiger
+zu Signalzwecken benutzt. Ein über ganz Afrika sehr verbreitetes
+Instrument ist ferner die +Sansa+, in ihrer einfachsten Form ein Brett,
+auf dem eine Anzahl elastischer Stäbe oder Plättchen aus Holz oder
+Eisen angebracht sind, die an dem einen Ende fest aufliegen, während
+sie an dem anderen frei in die Luft ragen. Man spielt die Sansa in der
+Weise, daß man die Plättchen mit dem Daumen herabdrückt und sie wieder
+zurückschnellen läßt. Die Banyoro besitzen ein eigenartiges Instrument,
+das an unsere Xylophone erinnert: an zwei Stangen sind Holzbalken von
+verschiedener Länge befestigt, die mit einem Stock geschlagen werden.
+Von den Saiteninstrumenten findet sich in Ostafrika die über ganz
+Afrika verbreitete +Sese+, die Negergitarre, sowie +Harfe+ und +Lyra+,
+die aus Nordostafrika stammen.
+
+Für Unterhaltungsspiele hat der Neger großes Interesse (Abb. 456 u.
+457). Sehr beliebt, nicht nur unter den Negern Ostafrikas, sondern
+unter den Schwarzen des ganzen Erdteils überhaupt, ist das Nsolo (Abb.
+463). Es wird entweder in achtundvierzig, in vier Parallelreihen
+angeordneten Löchern, die man auf dem Erdboden aushebt, oder auf
+einem Brett, das die erforderliche Anzahl Aushöhlungen besitzt, mit
+Steinchen, Scherben oder Samenkörnern gespielt.
+
+Das Handwerk steht unter den ostafrikanischen Negern in ziemlicher
+Blüte. In erster Linie ist hier die Eisentechnik zu nennen, sowohl
+die Gewinnung und Verhüttung des Rohmaterials (Abb. 459) wie auch im
+besonderen die weitere Verarbeitung, und das Schmiedehandwerk, in
+dem es einzelne Stämme zu wirklich meisterhafter Fertigkeit gebracht
+haben. Die Öfen, in denen man das Erz verhüttet, sind über einen Meter
+hoch und aus Lehm gebaut (Abb. 439); sie werden abwechselnd mit einer
+Schicht Holzkohle und einer Lage Eisenerze beschickt; um den Ofen herum
+sind eine größere Anzahl Löcher angebracht, die zur Aufnahme der Düsen
+des Blasebalges, für gewöhnlich eines Ziegenfelles, dienen (Abb. 466).
+Auch in der Schnitzkunst (Herstellung von Milchgefäßen, Schnitzen von
+Löffeln und Köchern), Bearbeitung von Elfenbein (Abb. 460), Anfertigung
+von Booten und so weiter verraten die Neger ein ziemliches Geschick. In
+den Bereich der Frauentätigkeit fällt die Herstellung von Tongefäßen
+(Abb. 461) und Flechtarbeiten.
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie und Heimat“.
+
+Abb. 439. Eisenschmelzöfen in Banjeli.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 440. Ein eigenartiger Kopfputz der Kavirondo.]
+
+Abgesehen von denjenigen Stämmen, wo der Islam und das Christentum
+bereits Eingang gefunden haben, huldigen die Völker Ostafrikas
++animistischen Anschauungen+, soweit man dies bei der Unnahbarkeit
+vieler Stämme in religiösen Dingen hat feststellen können.
+Verschiedentlich besteht aber auch der Glaube an einen Gott, ein
+allmächtiges Wesen oder einen ebenso beschaffenen Geist, dem manchmal
+noch andere Götter untertan sind. So verehren die Masai ein höchstes
+Wesen unter dem Namen ’Ng ai als den Schöpfer der Welt, der Erde
+und aller Dinge, die sie beherbergt; daneben kennen sie noch seine
+erstgeborene Tochter Barsai, die den Menschen Regen bringt, seinen
+ältesten Sohn Ol gurugur, der den Menschen durch Blitz und Donner den
+Unwillen des ’Ng ai verkündet, und so weiter. Die Wagaia glauben an
+zwei Götter; der eine, Awafra, gilt als der oberste der guten Geister,
+der andere, Ischischemi, als der oberste der Teufel; die Waganda beten
+eine höchste Macht namens Mukasa an, die der Gott des Nyanzasees
+ist, daneben Chiwuka und Nanda, die Kriegsgötter, und so weiter. Für
+gewöhnlich kümmert man sich um diese Gottheiten wenig; nur in Zeiten
+der Gefahr, sei es, daß es sich um ein Naturereignis, wie Dürre oder
+Hungersnot, oder um einen Einbruch des Feindes, das Auftreten einer
+epidemischen Krankheit oder irgendeine andere Heimsuchung handelt,
+nimmt man durch Bitten und Opfer seine Zuflucht zu ihnen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 441. Typische Haartracht der Masai.
+
+Die Haare werden dick mit Fett und roter Erde eingeschmiert und in
+einen schweineschwanzähnlichen Zopf geflochten. Ein Ziegenfell dient
+als Schutz gegen den Regen.]
+
+Aus solchen Anlässen besteigen bei den Kikuyu die Priester einen
+heiligen Berg oder betreten einen geweihten Hain und opfern dort ein
+Schaf, dessen Fleisch gekocht und von ihnen verzehrt wird, während
+sie in das Fett Zweige eintauchen und damit die umstehenden Bäume
+bestreichen. Diese heiligen Haine (Kahinga) kommen im Kikuyulande
+häufig vor; sie heben sich hier von der sonst baumlosen Ebene auf
+Hügeln ab. Kein Mensch darf einen Baum in ihnen niederhauen; bei
+Nichtbeachtung dieses Gebotes würden Krankheit und Unglück die Folge
+sein. Wo sich kein Hain finden sollte, wird ein großer Baum als
+solcher heiliger Ort bestimmt. Die Masaifrauen beten morgens und
+abends zu ihrem Gott ’Ng ai; dabei heben sie die Hände, in denen sie
+Grasbüschel halten, zum Himmel empor. Bei jedem Gebet opfern sie auch
+ein wenig Milch, entweder drücken sie etwas aus ihrer eigenen Brust
+heraus oder gießen es aus einer Kalabasse auf die Erde. In schweren
+Krankheitsfällen wird von den Masai ein schwarzer Schafbock oder auch
+ein schwarzer Ochse geschlachtet und ein Teil seines Blutes als Opfer
+auf den Fußboden gegossen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 442. Kikuyumädchen in vollem Schmuck.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The Hon. K. R. Dundas.
+
+Abb. 443. Ein Sukmann mit eigenartigem Kopfputz,
+
+bestehend in einem Sack, der sich nach hinten öffnet und Feuerbohrer,
+Perlen, Schnupftabak und andere Sachen in seinem Innern birgt.]
+
+Die große Mehrzahl der Stämme bringt den Geistern, beziehungsweise
+den Ahnen Opfer dar, meistens an den Gräbern der letzteren oder
+den Wohnstätten der ersteren, die man in große oder auffallende
+Bäume, Steine und so weiter verlegt. Die Waganda glauben, daß die
+Geister ihrer verstorbenen Könige in die rahmenartigen Gestelle aus
+Perlenarbeit eingehen, die sie auf den Gräbern derselben aufbewahren
+(Abb. 464). Die späteren Könige statten den Grabstätten ihrer Vorgänger
+Besuche ab und bringen ihnen Opfer dar; in früheren Zeiten bestanden
+diese sogar in Hunderten von Menschen, die bei solchem Besuch zur
+Versöhnung der Geister ihr Leben lassen mußten. Viele Stämme bauen
+den Geistern kleine Miniaturhütten und stellen Speise und Opfergaben
+für sie hinein (Abb. 462). Die Wagaia setzen in der Nähe ihrer Hütten
+Steine in die Erde, opfern an ihnen den Geistern ihrer Vorfahren Ziegen
+und schütten deren Blut über sie, während sie das Fleisch verzehren.
+Die Waganda opferten früher viele Hunderte von Menschen dem Mayanja und
+Kitinda, den Geistern des Leoparden und Krokodils; den Opfern für die
+zuletzt genannte Gottheit pflegten sie die Ellenbogen- und Kniegelenke
+zu zerbrechen und sie dann entweder ins Wasser zu werfen oder am Ufer
+als Fraß für die Krokodile liegen zu lassen. -- Die Suaheli und Waganda
+sind die wichtigsten Vertreter des Islams in Ostafrika (Abbild. 465).
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie und Heimat“.
+
+Abb. 444. Wagaia beim Bemalen.
+
+Manche Volksstämme, wie die Wagaia, pflegen sich bunt zu bemalen.
+Auch für den Tanz und den Kampf geben sich manche Eingeborene einen
+tierähnlichen Anstrich, namentlich aber für die Jagd, um sich dadurch
+leichter an das Wild heranpirschen zu können; Tierfelle ergänzen dann
+noch das Jagdkostüm.]
+
+Mit der Religion der ostafrikanischen Stämme ist allgemein der
++Aberglaube an Zauberei+ (Abbild. 467) so eng verknüpft, daß es
+vielfach schwer hält, beides voneinander zu trennen. Man glaubt
+allgemein, daß ein Mensch anderen Menschen durch Zauberei Unglück,
+Krankheit und selbst den Tod anhexen könne. Daher trägt wohl jeder
+Ostafrikaner zum mindesten ein Amulett oder einen Talisman bei sich,
+um entweder damit einen Zauber, der ihm zugefügt werden könnte,
+zurückzuweisen oder auch einen Vorteil für sich zu erwirken. Gehen zum
+Beispiel die Masaifrauen in die benachbarten Ortschaften zum Einkauf,
+so schützen sie sich vor Zauberei durch Bestreichen von Stirn und
+Backen mit Rindermist oder durch Anlegen einer Schnur um den Hals,
+auf der kleine gespaltene Stäbchen aufgereiht sind. Die Masaimänner
+tragen ein bestimmtes Amulett, um sich vor dem Zorn ihrer Ehefrauen zu
+schützen, wenn sie etwa auf Abwegen gegangen sein sollten. Ihre Weiber
+tragen ferner ein anderes Amulett um den Hals, um die Empfängnis zu
+fördern, oder eines um die Knöchel, um einer Erkältung der Beine zu
+entgehen. Die Lugware binden ein Zaubermittel an ihre Bogen, damit der
+Pfeil gerade gehe, die Madi legen ein Stückchen Holz um ihren Hals,
+um Erfolg in der Liebe zu haben, und so weiter. Als Amulette werden
+alle nur denkbaren Gegenstände verwendet, wie Holzstäbchen, Steine,
+Maiskolben, Tierzähne und -krallen, Schlangenhautstückchen, Säckchen,
+in die Pflanzenmehle, Holz, Samen oder -- bei den Anhängern des Islams
+-- Zettel mit frommen Koransprüchen eingenäht sind, und anderes mehr.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 445. Sukkrieger.
+
+Ihr Haar ist mit weißem Ton bestrichen und mit Straußenfedern sowie
+einem gebogenen Stück Eisen geschmückt. Die Unterlippe trägt einen
+Stift.]
+
+Allgemein verbreitet ist auch der +Glaube an den bösen Blick+, der
+Menschen und Vieh krank mache. Wer in dem Verdacht steht, mit dieser
+Gabe ausgestattet zu sein, darf sich bei den Masai ja nicht in der Nähe
+eines Krals sehen lassen, sondern muß zusammen mit seiner Familie in
+einem besonderen Kral abseits leben; sollte er es wagen, den fremden
+Kral zu betreten, so kann er gewärtig sein, totgeschlagen zu werden.
+Erkranken Menschen oder Tiere plötzlich, ohne daß man es sich durch
+natürliche Ursachen, wie eine im Kampfe empfangene Wunde, erklären
+kann, dann führt man dies auf Hexerei von seiten bösgesinnter Menschen
+zurück. Selbst die verhältnismäßig hochstehenden Suaheli glauben fest
+daran, ein Mensch könne umgebracht werden, wenn er über ein Horn
+schreite, das man ihm auf den Weg gelegt habe, oder wenn ein Zauberbann
+über ihn verhängt werde. Man behauptet auch, daß die Hexen für
+gewöhnlich Leichen essen und schon darum bestrebt seien, den Tod eines
+Menschen herbeizuführen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 446. Kikuyufrau.
+
+Man beachte das auf der vorderen Hälfte des Kopfes abrasierte Haar und
+die aus Perlen bestehenden, oft wertvollen großen Ohrringe.]
+
+Zum Herausholen von Geständnissen sind gewisse +Torturen+ bei den Masai
+üblich. Man schnürt zunächst dem Angeklagten die Sehne eines Bogens
+so fest um seinen Vorderarm, daß sie ins Fleisch schneidet. Wird auf
+diese Weise nichts erreicht, so geht man zu einem +Gottesurteil+ über.
+Zumeist erhält der Angeschuldigte aus einer Schale zu essen, die ein
+Gemisch von Mehl und Blut enthält. Bleibt er acht bis zehn Minuten
+nach dem Genusse noch am Leben, so wird er für unschuldig angesehen.
+Auch die Wagaia kennen solche Gottesurteile. Sie nehmen zum Beispiel
+einen kleinen Wassernapf und tun etwas Milch und Medizin hinein; kocht
+sein Inhalt über, dann beweist dies die Schuld des Angeklagten. Oder
+man läßt ihn trockenes Mehl hinunterschlucken; kann er das nicht,
+dann ist man von seiner Schuld überzeugt. Noch sonderbarer ist die
+Unschuldsprobe bei den Wasoga: Lehm und Grieß werden in einem Napf
+zusammengemischt, und der Angeschuldigte muß dreimal damit beworfen
+werden. Bleibt die Masse an ihm kleben, so zeigt dies an, daß er
+schuldig ist.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood. Nach einem Gemälde von F. Seth.
+
+Suaheliweiber aus Sansibar mit ihrem Fetisch,
+
+der ihnen Glück bringen und die bösen Geister vertreiben soll. Die
+Masken, die sie als Ersatz für die Gesichtsverhüllung der Muselmaninnen
+tragen, sind aus Leder und Perlen auf hölzerner Unterlage angefertigt.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 447. Ein Wandorobbomann
+
+mit großen hölzernen Zylindern in den Ohren.]
+
+Auch an die +Schwangerschaft+ knüpft sich mancherlei Aberglaube. Der
+Makonde fertigt seiner Frau, die zum ersten Male guter Hoffnung ist,
+unter Gesangbegleitung einer Verwandten ein Amulett aus Rindenstoff
+an, das mit Perlen bestickt und der angehenden Mutter um den Hals
+gehängt wird. Bei den Wandorobbo muß die Schwangere den Genuß von
+gefallenem oder durch Raubtiere geschlagenem Wild vermeiden, ebenso
+Honig, in dem sich tote Bienenlarven befinden. Sie darf auch nicht
+in die Nähe eines Chamäleons oder einer Schlange kommen, weil dieses
+alles der Frucht schaden könnte. Bei den Masai trennen sich die
+Ehegatten, sobald sich die junge Frau schwanger fühlt. Während dieser
+ganzen Zeit und auch noch ungefähr ein Jahr nach ihrer Niederkunft
+darf sie mit keinem Manne geschlechtlichen Verkehr haben; auch muß sie
+währenddessen allen Schmuck ablegen, angeblich um dadurch keinem Manne
+zu gefallen. Kurz vor der Geburt darf der Ehemann auf keine Reise mehr
+gehen, noch in den Krieg ziehen, sondern muß in der Nähe des Krals
+sich aufhalten; der Zutritt zur Hütte, wo die Schwangere sich aufhält,
+ist ihm jedoch verboten. Will eine Wandorobbofrau einem anderen Kral
+einen Besuch abstatten, so muß sie sich vorher ihre Stirn mit weißem
+Ton anstreichen, um sich kenntlich zu machen, außerdem auf dem Wege
+dorthin sich von einem kleinen Mädchen an der Hand führen lassen; bei
+Nichtbefolgung dieser Vorschrift würde sie die Gefahr einer Fehlgeburt
+laufen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 448. Eine Masaifrau
+
+mit reichem eisernen Ohr- und Halsschmuck.]
+
+Die +Geburt+ erfolgt meistens unter Beihilfe einer weisen Frau in der
+Hütte; bei einzelnen Stämmen, zum Beispiel den Waganda, darf die Frau
+dagegen nur im Freien niederkommen. Der Ehemann muß während dieser Zeit
+die Hütte verlassen und darf erst erscheinen, wenn er gerufen wird.
+Will die Geburt nicht recht vonstatten gehen, so erhält der Ehegatte
+den Auftrag, mit einer Frau oder einem Mädchen den Beischlaf zu
+vollziehen; dies hilft dann. Ist das Kind geboren, so pflegt der Vater
+es sogleich zu begrüßen und seine Freude auszudrücken. Bei den Makonde
+sieht er es erst, wenn es entwöhnt ist; ebenso darf bei den Wagaia der
+Ehemann vor diesem Zeitpunkt in der Hütte weder schlafen noch essen.
+Bei den Waheia bespeit der Vater das Kind bei seinem ersten Anblick mit
+einer heilkräftigen Medizin, die er im Munde gekaut hat, und bewirft
+es auch damit. Ebenso bespucken die Masai ihr Neugeborenes, weil dies
+ihm Glück bringen soll. Hat ein Masaimann mit einer seiner Frauen
+Verkehr gehabt, dann darf er am nächsten Tage keinen Säugling anfassen,
+weil dieser sonst dadurch krank werden würde. Die Geburt eines Kindes
+wird wohl von allen Stämmen durch Tanz und Gesang sowie durch einen
+Festschmaus gefeiert.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 449. Kikuyumann.]
+
+Die Behandlung von +Zwillingen+ ist eine ganz verschiedene. Viele
+Stämme empfinden solche Geburt als ein Unglück oder wenigstens als
+ein Hindernis bei der Arbeit der Frau, die dann zwei Würmer mit
+sich schleppen müßte, und töten daher entweder beide oder einen der
+Zwillinge. Im letzteren Falle legt die Wanjamwesimutter nach der
+Fortnahme des einen Zwillings eine mit Fell umwickelte Kalabasse
+neben das überlebende Kind und reicht dieser Puppe ebenso wie dem ihr
+verbliebenen Kinde die Nahrung. In der Landschaft Mkulwe fürchtet
+man, daß infolge der Geburt von Zwillingen allen Verwandten der Bauch
+anschwellen werde, und wendet daher sofort Vorbeugungsmittel an.
+Ein Zauberdoktor mischt eine Medizin unter die Speise und läßt alle
+Angehörigen davon essen. Sodann kommt ein entfernt wohnender Verwandter
+und bestreicht seine Stirn mit der gleichen Medizin, die einige Zeit
+vor der Hütte der Zwillingsmutter in einem irdenen Topfe zwischen drei
+Pflöcken gestanden haben muß. Andere Stämme pflegen sich über Zwillinge
+zwar auch nicht zu freuen, lassen aber doch beide am Leben. Die Yao
+kleiden sie dann ganz gleich, weil eine Verletzung dieser Sitte den Tod
+des einen zur Folge haben würde. In Kiziba erhalten sie zwei gleiche
+viereckige Amulette um den Hals gehängt; stirbt einer der Zwillinge,
+dann geht sein Amulett auf den anderen über, der es sich zu seinem
+eigenen umhängen und fortan aus zwei Flaschen trinken, aus zwei Pfeifen
+rauchen muß und anderes mehr. Bei noch anderen Stämmen werden Zwillinge
+aber mit uneingeschränkter Freude begrüßt und ihre Geburt ganz
+besonders gefeiert; es geht dabei noch festlicher zu als bei der Geburt
+nur eines Kindes. -- Auch +mißgestaltete Kinder+ und solche, die in
+abnormer Stellung (zum Beispiel mit den Füßen voraus) zur Welt gekommen
+sind, ferner Albinos fallen verschiedentlich dem Tode anheim. Bei den
+Kikuyu mußte die Mutter noch an demselben Tage ihr Kindchen in den
+Wald tragen, es dort in einer seichten Grube mit Holzasche bedecken und
+den Hyänen zum Fraß überlassen. In Useguha dreht die Geburtshelferin
+den verkrüppelten Kindern den Hals um und trägt die Leiche in den
+Wald, wo sie einen Kochtopf über sie stülpt. Von einzelnen Stämmen
+(Usambara, Wakilindi, Suaheli und so weiter) werden auch Kinder, die in
+unregelmäßiger Weise zahnen, aus dem Wege geräumt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 450. Masaimädchen in vollem Schmuck.]
+
+Kommt bei den Suaheli ein Kind mit den Füßen zuerst zur Welt, so
+wird der Mwalimu (der mohammedanische Priester) geholt, um Allah zu
+bitten, daß er das unheilbringende Kind sterben lasse. Bleibt es trotz
+aller Gebete am Leben, so glaubt man, daß Vater oder Mutter sterben
+müssen. Wenn dies aber wider Erwarten auch nicht eintrifft, so wird
+es eben als Schicksalsfügung hingenommen. Der Mwalimu fertigt auch
+allerlei Zaubermittel gegen etwa dem Kinde drohendes Unheil an, eine
+mit Koransprüchen beschriebene kleine Rolle oder eine Kette aus bunten
+Perlen, Fisch- und Vogelknochen, Holzstückchen, Pflanzenkernen und so
+weiter, die abwechselnd die Mutter als Diadem auf dem Kopfe und das
+Kind um den Hals gehängt trägt.
+
+Die +Namengebung+ erfolgt bei den meisten ostafrikanischen Stämmen
+schon am Tage der Geburt, seltener erst später, zum Beispiel wenn das
+Kind Zähne bekommen hat. Dieser ursprüngliche Name wird häufig später
+gegen einen anderen vertauscht. Die Namen, die die Kinder erhalten,
+sind manchmal recht drollig. So zum Beispiel hießen die eingeborenen
+Träger Weules „Zweipfennig“, „der lange Mann mit dem flachen Käppchen“,
+„Berg“, „Boot“, „das Dampfboot“, „Ratte“, „Käfer“, „Nashorn“ und so
+weiter; allerdings waren dies Namen, die die Leute erst mit Eintritt
+der Pubertät bei der Beschneidung erhalten hatten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Dr. Kumm.
+
+Abb. 451. Künstliche Verunstaltung der Lippen bei den Sara,
+
+die bei ihnen als besonders schön gilt. Die Lippen werden durchbohrt
+und die Öffnungen allmählich durch die Verwendung immer größerer
+Holzscheibchen erweitert.]
+
+Vielfach wird die Brustdrüse durch bestimmte Verunstaltungen zu einem
+Nachlassen und schließlich zum Aufhören der Milchabsonderung gebracht.
+Die Frauen pflegen um den Oberkörper eine aus Baumbast gedrehte dicke
+Schnur zu tragen, die, vorn über die herabhängenden Brüste gelegt,
+diese fest abschnürt und so die Blutzufuhr zum Drüsengewebe verhindert.
+Bei den Masaiweibern üben gewundene schwere Drahtgeflechte, die auf die
+Brüste gedrückt werden, eine ähnliche Wirkung auf diese aus.
+
+Die Mutter +nährt+ ihre Kinder für gewöhnlich wohl selbst, aber bereits
+nach wenigen Tagen pflegt sie als Beikost noch Milch oder Mehlbrei zu
+verabreichen, die sie ihnen, da sie noch nicht selbst schlucken können,
+in den Mund stopft (Abb. 468). Da die Beschäftigung der Negerfrauen
+meistens im Freien stattfindet, so nehmen sie ihre Kleinen stets mit
+sich aufs Feld. Sie setzen sie auf den Rücken, ziehen ihr oberes
+baumwollenes Gewand fest um sich und das Kindchen und knoten die
+Enden über der Brust. In diesem engen Behältnis, flach wie ein Frosch
+an den Rücken der Mutter gedrückt, mit seitwärts gewandtem Gesicht,
+müssen diese armen Würmer stundenlang in der Tropenhitze ausharren,
+während die Mutter hackt und jätet; sie machen, unter anderem beim
+Maisstampfen, in dieser Lage alle Bewegungen der Mutter, wie auf einem
+schlingernden Schiffe, mit, natürlich auch beim Tanz, zu dem das Kind
+gleich vom ersten Tage an mitgebracht wird. Wiegt die Mutter sich im
+Reigentanz, so macht das Kindchen auf dem Rücken alle Bewegungen mit
+und lernt ganz von selbst frühzeitig das Gleichgewicht halten, so daß
+es, sobald es auf eigenen Füßen zu stehen vermag, auch das Tanzen
+sehr bald erlernt. Viele Stämme, die nackend einhergehen, tragen eine
+„Felltasche für alles“ bei sich, und in dieser wird das Kind ebenfalls
+auf dem Rücken der Weiber mitgeschleppt.
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie und Heimat“.
+
+Abb. 452. Musikbande eines Sultans aus Uganda.]
+
+Das +Leben der Negerkinder+ Ostafrikas spielt sich meistens recht
+sorglos ab, denn auch hier kennt man eine Reihe +Spiele+, an denen die
+Kleinen sich wie bei uns vergnügen. Die Jungen rotten sich zu kleinen
+Trupps im Dorfe zusammen und treiben ihr Wesen: sie bauen Hütten,
+formen Sandkuchen, nehmen Schießübungen mit kleinen Bogen und Pfeilen
+vor, machen Lärm auf der Trommel, lassen Kreisel tanzen und anderes
+mehr, während die Mädchen sich aus Lumpenbündeln oder Ton höchst
+einfache Puppen zurechtmachen, die sie nach dem Vorbilde ihrer Mütter
+besorgen. Bei vereinzelten Stämmen tritt allerdings frühzeitig der
+Ernst des Lebens an die Kinder heran; sie müssen den Eltern beim Hüten
+des Kleinviehs, mit Wasserholen und durch sonstige Hilfeleistung an die
+Hand gehen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 453. Masaifrau.
+
+Die Mädchen der Masai begnügen sich mit wenigen Armbändern. Wenn
+sie aber in die Ehe treten, legen sie dicke, schwere Ärmel aus
+Eisenspiralen an, auch rupfen sie sich die Augenbrauen aus und rasieren
+sich das Kopfhaar.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 454. Tanz der Eingeborenen von Mombassa,
+
+dem Haupthafenplatz von Britisch-Ostafrika.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. The Hon. K. R. Dundas.
+
+Abb. 455. Sukleute beim Tanz.
+
+Man schließt einen Kreis um die Tänzer. Ein Teil der ihn bildenden
+Leute klatscht in die Hände und singt, andere springen kerzengerade mit
+steifem Oberkörper in die Höhe.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. S. W. Edwardes.
+
+Abb. 456. Steckenpferdreiter,
+
+der sich wie ein richtiger Reiter aufführt. Das Pferd besteht aus einem
+Bambusgestell, das mit Tüchern behängt ist.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. S. W. Edwardes.
+
+Abb. 457. Marionettenvorstellung.
+
+Die unter einem Tuche verborgene Person führt zur Freude der Zuschauer
+Puppen vor, ähnlich wie bei unserem Kasperltheater.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.
+
+Abb. 458. Flötende Hirtenknaben.]
+
+Wenn die Kinder das +Reifealter+ erreichen, müssen sich sowohl
+die Knaben wie die Mädchen für gewöhnlich besonderen Zeremonien
+unterziehen. Diese schwanken bei den verschiedenen Stämmen oft sehr
+beträchtlich; zumeist sind sie zu obszön, als daß man sie schildern
+könnte. Zu diesem Zeitpunkte werden den angehenden Jünglingen und
+Jungfrauen vielfach auch die Stammesabzeichen durch Schröpfen oder
+Tatauieren gewisser Muster aufgetragen, bei einzelnen Stämmen, wie
+den Masai, Wadschagga, Kikuyu, Wakamba und Suaheli, wird an ihnen
+auch die Beschneidung vorgenommen. Der Eintritt der Reife bedeutet bei
+wohl allen ostafrikanischen Völkern ein überaus wichtiges Ereignis im
+Leben beider Geschlechter; deshalb werden damit große Festlichkeiten
+verbunden, Tänze abgehalten (Abb. 470 und 471), Essen veranstaltet
+und viel Bier getrunken. Bei den Masai setzen die Zeremonien bereits
+wochenlang vor dem eigentlichen Festakt ein. Man sieht dann die Knaben
+mit möglichst viel Schmuck behängt im eigenen und in den Nachbarkralen
+täglich tanzen und singen. Zu diesen Vorführungen finden sich auch
+viele Frauen ein, die Mütter der Knaben mit Begleiterinnen, sodann aber
+auch Frauen, die gern Kinder haben möchten. Diese lassen sich von den
+Knaben mit frischem Rindermist bewerfen und hoffen dadurch fruchtbar
+zu werden. Am Tage vor der Beschneidung wird den angehenden Jünglingen
+der Kopf rasiert und ihnen an Stelle des Fellumhangs, den sie bis dahin
+trugen, ein von der Mutter angefertigter, bis auf die Füße reichender
+Lederschurz verabreicht. Die Zeremonie findet am frühen Morgen statt.
+Kein weibliches Wesen darf aber derselben beiwohnen; dagegen nehmen die
+Krieger an ihr teil: sie bespötteln die Knaben, die nicht standhaft
+sind und nicht lautlos die Schmerzen ertragen, legen ihnen sogar
+Spottnamen bei und strafen sie und unter Umständen selbst ihre Eltern
+mit Verachtung, letztere auch mit Schlägen dafür, daß sie ihre Söhne
+nicht zu der nötigen Standhaftigkeit und Abhärtung erzogen haben. Nach
+Beendigung dieser Handlung versammeln sich alle männlichen Teilnehmer
+und werden von den Eltern in ausgiebigem Maße mit Fleisch und Honigbier
+bewirtet. Es geht dabei immer recht lustig zu; man scherzt und lacht
+und renommiert. Die Krieger brüsten sich mit ihren Heldentaten, und die
+Väter der Beschnittenen malen sich bereits in Gedanken die künftigen
+Taten ihrer Sprößlinge und den Gewinn aus, den sie ihnen von ihren
+Kriegszügen heimbringen werden. Den Abschluß des Festes bildet ein
+Tanz. -- Von der Beschneidung der Mädchen, die in ziemlich dem gleichen
+Alter wie die der Knaben (vierzehn bis sechzehn Jahre) stattfindet
+und in Abtrennung eines Teiles des Kitzlers besteht, wird von den
+Masai nicht so viel Aufsehens gemacht. Dagegen gestaltet sich die
+Beschneidung der Mädchen bei den eigentlichen Bantu zu einer äußerst
+wichtigen Angelegenheit. Die Mädchen erhalten hier längere Zeit vor der
+eigentlichen Einweihung von einer Ehefrau Unterricht, der sie über das
+Geschlechtsleben sowie über die Sitten und Umgangsformen gegenüber den
+Familien- und Stammesmitgliedern aufklärt. Die betreffende Lehrerin
+bleibt auch für die Zukunft ihre Beraterin. Der Unterricht, der in
+einer besonderen Hütte erteilt wird, zerfällt manchmal in verschiedene
+Stufen und nimmt Monate in Anspruch. Währenddessen dürfen die jungen
+Mädchen sich von keinem männlichen Wesen erblicken lassen und müssen
+sich, falls sie die Hütte einmal verlassen, mit einem Kopftuch, das sie
+zu diesem Zwecke tragen, bedecken. In einzelnen Gegenden fertigen die
+Lehrerinnen auch zum Anschauungsunterricht Lehmfiguren an, die auf das
+Eheleben Bezug nehmen. Diese Belehrungen finden ihren Abschluß in einem
+großen Fest, bei dem die Frauen, die den Unterricht erteilten, von
+ihren Schülerinnen und deren Eltern reichlich beschenkt werden. Dabei
+werden unter Trommelbegleitung und Händeklatschen Aufführungen und
+Tänze veranstaltet, die oft einen sehr lasziven Charakter (Bauchtänze)
+annehmen; an ihnen beteiligen sich auch die Novizinnen, um darzutun,
+daß sie sich auf solche Künste (wie obszöne Gesäßbewegungen und so
+weiter) auch verstehen. Bei den Makonde werden die Mädchen auch noch
+durch schreckenerregende Masken, darunter solche, die den Teufel mit
+Hörnern und Bart vorstellen, geängstigt, um ihren Mut zu erproben. Als
+Zeichen der Reife werden sie von ihren Lehrerinnen mit Eigelb, das
+mit Rizinusöl vermischt ist, auf Stirn, Brust und Rücken angemalt.
+Bei den Bakulia ist für die Mädchen, die der Beschneidung harren, ein
+mit zahlreichen kleinen weißen und roten Perlen bestickter Lederkranz
+charakteristisch, den sie wie einen Heiligenschein um den Kopf
+tragen. Außerdem gehören zu ihrer Ausrüstung während dieser Zeit eine
+Kürbisflasche und eine Rute, um die Fliegen von ihrer Wunde abzuwehren
+(Abb. 472). Sowie die Operation vollendet ist, legen sie sich ein
+großes, sorgfältig gegerbtes und mit rotem Ocker gefärbtes Fell an.
+Von jetzt an dürfen die jungen Mädchen offiziell Geschlechtsverkehr
+haben, und sie machen auch von dieser Erlaubnis ausgiebigen Gebrauch.
+Mit dem ersten Unterricht pflegen die Pubertätsgebräuche nicht immer
+abgeschlossen zu sein, sondern meistens folgen jenem noch ein zweiter
+und ein dritter, die unter Umständen, wenn die Mädchen etwa inzwischen
+geheiratet haben, in ihrer Hütte in Gegenwart des Ehemanns abgehalten
+werden.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.
+
+Abb. 459. Hochofen in Mpororo.]
+
+Die Ansichten der ostafrikanischen Völker über das +moralische Leben
+der jungen Leute+ sind sehr geteilt; während man auf der einen
+Seite die Jungfräulichkeit hoch einschätzt und einen vorehelichen
+Geschlechtsgenuß mißbilligt, legt man auf der anderen wieder auf
+Reinheit vor der Ehe kein weiteres Gewicht. Zur letzten Gruppe gehören
+unter anderen die Masai. Hier haben sich die jungen Krieger (Abb. 473)
+eines Bezirkes zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, die einen
+bestimmten Kral bewohnt; die Verheirateten leben in einem besonderen
+Kral (Abb. 469). Ein Kriegerkral beherbergt etwa fünfzig bis hundert
+junge Leute und fast die doppelte Anzahl junger Mädchen, die, abgesehen
+von den notwendigen Hausarbeiten, wie im besonderen dem Melken des
+Viehs, in erster Linie zur Unterhaltung jener dienen. Jeder Krieger
+besitzt ein Lieblingsmädchen, das beständig bei ihm wohnt und, solange
+er sich im Kral aufhält, ihm auch Treue halten soll. Wenn er aber
+abwesend ist, sucht sich das junge Mädchen einen anderen Liebhaber.
+Diesem ihrem Wunsche gibt sie beim Tanz dadurch Ausdruck, daß sie
+am Schluß desselben auf einen ihr gefallenden Krieger in kurzen
+Hochsprüngen zueilt. Damit will sie andeuten, daß sie ihn abends zum
+Schäferstündchen erwartet. Hüpft er in gleicher Weise in die Höhe, dann
+liegt darin eine zusagende Antwort.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 460. Schön geschnitztes Elfenbeinhorn
+
+aus der Stadt Siu im Lamuarchipel (Küste Sansibars), einem Hauptsitz
+arabischer Kultur.]
+
+Als Grund, warum die jungen Männer die Mädchen nicht heiraten, geben
+sie an, daß sie im Fall eines Krieges leichteren Herzens auszögen,
+wenn sie nicht gebunden seien durch die Sorge um Weib und Kind. In
+Friedenszeiten vergnügen sich die Krieger durch Gelage, Spiel und Tanz.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.
+
+Abb. 461. Bakuliatöpferinnen bei der Arbeit.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. W. Hattersley.
+
+Abb. 462. Eine Geisterhütte in Uganda,
+
+in der man den Geistern Speisen und Getränke darbringt.]
+
+Erst wenn sie aus dem Kriegerstande austreten, das ist um das
+achtundzwanzigste bis dreißigste Jahr herum, denken die Masaijünglinge
+an die +Ehe+. Ist der Bräutigam mit seiner Auserwählten einig, dann
+begibt sich sein Vater zu ihrer Mutter und wirbt in seines Sohnes
+Namen. Ist ihm die Zusage erteilt worden, dann wird dem jungen Mädchen
+der Kopf mit Fett eingerieben zum Zeichen, daß es versprochen ist.
+Die gute Sitte erfordert es, daß der Bräutigam während der ganzen
+Verlobungszeit mit seiner Braut nicht in Berührung kommt. Er lebt als
+Krieger in seinem Kral, sie mit ihren Freundinnen in einem anderen.
+Kommt es trotzdem zu einer Schwangerschaft zwischen den jungen
+Leuten, so sieht man dies als Verstoß gegen die guten Sitten an, und
+die Verlobung wird aufgehoben. Vor der Hochzeit ist der Rest des
+Heiratsgutes zu entrichten, das bereits bei der Verlobung angezahlt
+wurde und in Vieh sowie in einigen Töpfen Honig besteht. Besondere
+Schönheit des Mädchens sowie vornehmer Stand und Einfluß der Eltern
+werden höher bewertet. Die +Hochzeitsfeier+ besteht in einem Festessen,
+Trinkgelage und Tanz. Beim Festschmaus sitzen alle Anwesenden in einem
+Kreise zusammen, auf der einen Seite der Bräutigam mit den Männern,
+auf der anderen die Braut mit den Weibern. Nach dem Mahle zieht sich
+das junge Ehepaar in seine neu erbaute Hütte zurück; hier setzt die
+Mutter des Mannes der jungen Frau ein kleines Kind auf den Schoß, die
+ihm sodann Milch zu trinken gibt. Hierdurch soll ein günstiger Einfluß
+auf die Fruchtbarkeit der jungen Ehe ausgeübt werden. Es ist bei
+den Masai allgemein üblich, daß der junge Ehemann einem oder zweien
+seiner alten Kampfgenossen das ~Jus primae noctis~, das heißt die
+Berechtigung des ersten Beilagers mit seiner Frau, gewährt, sofern sie
+es fordern; eine Abweisung ist nicht statthaft. -- Bei den Wahima läßt
+sich ein verlobtes Mädchen eine etwa handbreite Stelle ausrasieren,
+die quer über den Kopf von einem Ende zum anderen verläuft, an seinem
+Hochzeitstage aber den Kopf ganz kahl rasieren und vergräbt die
+abrasierten Haare in der Hütte; später läßt es sich die Haare für immer
+wieder lang wachsen. Als Hochzeitsgeschenk erhält die junge Frau von
+ihrem Gatten zahlreiche dünne, gedrehte, eiserne Ringe um die Knöchel,
+die bis zur Wade hinaufreichen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 463. Nsolospieler vom Nyassaland.
+
+Dieses Spiel ist unter den Negern von wohl ganz Afrika verbreitet.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. C. W. Hattersley.
+
+Abb. 464. Rahmen, in denen nach dem Glauben der Waganda die Geister der
+verstorbenen Könige wohnen.
+
+Sie werden auf das Grab gelegt und sorgsam behütet. Die Frauen des
+Verstorbenen leben in seiner Grabkammer und glauben, daß, solange das
+betreffende Rahmengestell erhalten bleibe, der Geist ihres Gatten noch
+unter ihnen weile.]
+
+Werbung und Heirat sind bei den ostafrikanischen Stämmen im großen und
+ganzen dieselben. Meistens hält der junge Mann bei seinem zukünftigen
+Schwiegervater um dessen Tochter an, gelegentlich machen aber auch
+die beiderseitigen Väter die Sache untereinander aus. Bei den Waganda
+geht das Mädchen auf die Freite; wenn die jungen Leute einig geworden
+sind, führt die Verlobte ihren Auserwählten zu ihrer Tante, diese
+ihn wieder zu dem Bruder des Mädchens und dieser endlich zum Vater.
+Der Bruder setzt aber den Brautpreis fest. Die Wagandamädchen dürfen
+sogar Reisen unternehmen, um sich einen Mann zu suchen; zum Zeichen
+dessen tragen sie eine Unmasse Armringe. Bei den Latuka und Wasoga
+geht das junge Paar, wenn es einig geworden ist, einfach durch; Vater
+oder Bruder kommen dann und fordern das Hochzeitsgeschenk ein. Hat
+bei den ersteren der Schwiegersohn nicht so viel, um zu bezahlen,
+dann hat der Vater der jungen Frau das Anrecht auf das erste Kind.
+-- Der Preis für heiratsfähige Mädchen schwankt sehr; bei den Lenda
+geht er bis zu sechzehn Kühen und hundert Ziegen. Für gewöhnlich
+erhält der Vater das ausbedungene Hochzeitsgeschenk oder, falls er
+bereits verstorben sein sollte, der Bruder des Mädchens. Bei den
+Wasukuma muß der junge Ehemann für seinen Schwiegervater die ersten
+zwei Jahre seiner Ehe arbeiten, erst dann darf er mit der Frau in
+sein Dorf zurückkehren. -- Einige Stämme verloben ihre Töchter
+bereits im Alter von etwa acht Jahren. Von diesem Zeitpunkt an macht
+der zukünftige Schwiegersohn von Zeit zu Zeit dem Vater Geschenke.
+Haben sich, wenn das Mädchen heiratsfähig geworden ist, genügend
+Geschenke angesammelt, ungefähr vierzig Hacken, zwanzig Ziegen und
+eine Kuh, dann findet die Hochzeit statt. Der Ehemann hat dann aber
+auch den ersten Anspruch auf alle Schwestern seiner Frau, sowie sie
+heiratsfähig geworden sind. Stirbt ihm die Frau ohne Kind, so muß der
+Vater den Brautpreis zurückerstatten. Besonders bei den Wagaia geht
+der Ehe eine lange Verlobungszeit voraus, denn die jungen Mädchen
+werden hier schon mit sechs bis sieben Jahren verlobt, aber erst nach
+eingetretener Reife ihrem Gatten überlassen. Dieser holt sie dann aus
+dem elterlichen Hause ab; der Schwiegervater schlachtet einen Ochsen
+und sorgt für das erforderliche Hochzeitsbier. Großen Wert legt der
+junge Ehemann darauf, daß seine junge Frau noch unberührt ist. Ist
+das nicht der Fall, dann schickt er sie mit großem Schimpf zu ihren
+Eltern zurück; der Schwiegervater ist daraufhin verpflichtet, ihm
+nicht nur den ganzen Brautpreis zurückzuzahlen, sondern wegen der
+Schande, die die ungeratene Tochter über den Gatten brachte, noch eine
+Entschädigungsumme zuzuzahlen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. N. Mc Lean.
+
+Abb. 465. Mohammedanische Prozession vor dem Sultanspalast in Sansibar.]
+
++Vielweiberei+ ist unter den ostafrikanischen Stämmen sehr verbreitet.
+Der Masai pflegt sogar außer seinen Ehefrauen sich noch Nebenfrauen
+zu halten, je nach seinen Vermögensverhältnissen. Die zuerst
+angeheiratete Gattin ist indessen die Hauptgattin und steht über den
+späteren Frauen. -- Zwischen Schwiegereltern und Schwiegersohn bestehen
+unzählige Gepflogenheiten. Bei den Lendu darf der Schwiegervater
+seinen Schwiegersohn nicht besuchen, bei den Batoro ihn nicht einmal
+mehr sehen. Der Unyoroschwiegersohn hat niederzuknien, wenn er seiner
+Schwiegermutter begegnet, und anderes mehr.
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie und Heimat“.
+
+Abb. 466. Erzschmelzen bei den Wagaia am Viktoriasee.
+
+In der Mitte wird aus nassen Bananenblättern ein Ring gebildet. In
+diesen wird Holzkohle und das Eisenerz gelegt. In dem Ring sind
+Öffnungen, durch die mit Blasebälgen Luft zugeführt wird. Diese Bälge
+werden, wie man auf dem Bilde sieht, durch Auf- und Niederstoßen der
+Stangen bedient.]
+
++Eheliche Treue+ ist bei manchen Stämmen, vor allen bei den Masai, ein
+unbekannter Begriff, und zwar sowohl für den Mann wie für die Frau.
+Läuft eine Frau ihrem Manne weg und kehrt sie zu ihren Eltern zurück,
+so haben diese, falls sie ihre Tochter wieder ins Haus nehmen, den
+Brautpreis zurückzuerstatten. Es kommt aber auch vor, daß der Mann sich
+seine Frau wieder holt, dann nimmt er aber für gewöhnlich ein kleines
+Geschenk mit.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 467. Zauberer der Kavirondo.
+
+Er behandelt Wunden mit allerlei Salben, versucht aber auch wohl,
+Kranke dadurch zu heilen, daß er aus einer Kalabasse Kiesel über sie
+ausschüttet.]
+
+Ehebruch pflegt bei den Bantu mit einer Geldstrafe an den beleidigten
+Ehemann bestraft zu werden. Diese besteht manchmal nur in einer Ziege,
+manchmal auch wieder in der Höhe des ursprünglichen Preises der Frau.
+Die Masai und Nandi betrachten Ehebruch als kein schweres Vergehen,
+belegen ihn aber ab und zu doch auch mit einer Geldstrafe. Manche
+Stämme indessen ahnden solches Vergehen schwer und, wenn das Mädchen
+unverheiratet war, sogar mit dem Tode. Die Manyema, sowohl Mann wie
+Frau, führen wirklichen Kampf mit der Frau oder dem Manne, mit denen
+ihr Lebensgefährte Ehebruch beging. Kommt einer dabei ums Leben, dann
+müssen die Verwandten die Fehde aufnehmen.
+
+[Illustration:
+
+ Aus „Kolonie und Heimat“.
+
+Abb. 468. Ostafrikanische Negerin füttert ihr Kind mit Mehlbrei.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 469. Ein Masaikral.]
+
+Im allgemeinen gelten bei den Bantu Mord, Diebstahl, Ehebruch und
+Hexerei für die einzigen strafbaren +Übertretungen+. Mord, an einem
+Manne aus einem anderen Stamme begangen, wird für gewöhnlich nicht
+für ein Vergehen angesehen, oft auch der Mord an einer Ehefrau nicht
+weiter beachtet. Die Banyoro und Wahima bestrafen einen Mord mit dem
+Tode, die Masai nur mit einer Geldstrafe in schwankender Höhe. Die
+Wasukuma haben hundert Ziegen zu zahlen, wenn sie einen Mann, und halb
+so viel, wenn sie eine Frau ermordet haben. Das Todesurteil wird für
+gewöhnlich durch den Spieß vollstreckt, außer wenn es sich um einen
+Zauberer handelt; dieser wird oft totgeprügelt. -- Die Nandi bestrafen
+Viehdiebstahl ebenfalls mit dem Tode, die Kamasia mit einer schweren
+Geldstrafe, nur wenn der Dieb sie zu bezahlen nicht imstande ist,
+ebenfalls mit dem Tode, die Masai auch nur mit einer Geldstrafe, die
+aber dreimal so hoch ausfällt, als der gestohlene Gegenstand Wert hat.
+In Uganda wurde früher Diebstahl nicht geahndet, außer etwa, wenn es
+sich um das Eigentum eines Häuptlings handelte. Bei den Lendu bleibt es
+einem Bestohlenen überlassen, den Dieb ausfindig zu machen und selbst
+zu bestrafen. Auf Hexerei steht fast immer die Todesstrafe.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Underwood & Underwood.
+
+Abb. 470. Junge Mädchen aus dem Tavetagebiet (Kilimandscharo)
+
+bei einem Zeremonialtanz vor Erlangung der Mannbarkeit.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. S. L. Hinde.
+
+Abb. 471. Tanz der Kikuyujünglinge.]
+
+Nach eingetretenem Tode ist es üblich, den Körper zu waschen, was für
+gewöhnlich die Ehefrauen des Verstorbenen oder die sonstigen Weiber
+des Haushalts besorgen. Die Suaheli legen die +Leiche+ auf eine
+Bettstelle inmitten der Hütte und graben in den Boden darunter ein
+Loch, in welches das zum Waschen verwendete Wasser abläuft. Darauf
+wird die Leiche in ein großes Tuch aus Glanzkattun (Bafuta) gehüllt
+und auf einer Bahre zum Grabe getragen; hier begräbt man sie nach
+mohammedanischem Ritus. In Uganda berief früher beim Tode eines Kabaka
+oder Fürsten der erste Minister die Prinzen und fragte ihren Vormund,
+wer sich wohl von ihnen am besten zur Nachfolge eignen dürfte, worauf
+dieser einen berührte. Dieser wurde nun Kabaka und erhielt eine Rolle
+Rindentuch, in das er seinen verstorbenen Vater einzuhüllen hatte.
+Jetzt wählt der Rat der Eingeborenen, der Lukiku, ihren neuen Fürsten.
+Ein gewöhnlicher Untertan wurde einfach begraben, die Leiche eines
+Fürsten aber brachte man an einen besonderen Platz und legte sie hier
+auf eine erhöhte Plattform. Dann wurde der Unterkiefer abgeschnitten,
+in eine Holzschüssel getan und, mit Kaurimuscheln verziert, in einer
+eigenen, dicht bei dem Grabe erbauten Hütte untergebracht. Um die
+Leiche wurde hierauf ein großes Grabmal oder eine Hütte erbaut und
+deren Tür für immer verschlossen. Früher pflegte man noch Menschenopfer
+zu Hunderten darzubringen, deren Überreste vor der Tür der Hütte den
+Geiern zum Fraß überlassen wurden. Die ganze Stätte wurde schließlich
+mit einer Umfriedigung eingeschlossen, innerhalb deren noch Hütten für
+die Wächter und die Frauen des toten Königs errichtet wurden; ihre
+Pflicht war es, das Grab bis zu ihrem Lebensende zu bewachen; sodann
+traten andere Personen an ihre Stelle.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: Weiß, Völkerstämme Ostafrikas.
+
+Abb. 472. Schmuck, Topf und Besen beschnittener Bakuliamädchen.]
+
+Die Banyoro entsetzen sich davor, in der Nacht zu sterben, da zu dieser
+Zeit die Geister sie holen könnten. Um dieser Gefahr vorzubeugen,
+soll es vorkommen, daß man sehr kranke Menschen manchmal lebendigen
+Leibes schon am Tage begräbt, sofern zu befürchten steht, daß es nachts
+doch mit ihnen zu Ende gehen werde. Die Leiche wird in Rindentuch
+oder bei großer Armut in Gras eingewickelt und in der Nähe der Hütte
+begraben. Einen Häuptling pflegt man mit an den Körper herangezogenen
+Beinen und unter den Kopf gelegten Händen in die Haut einer frisch
+geschlachteten Kuh zu nähen, ihn auf die linke Seite zu legen und so
+ins Grab zu senken, worauf man Rindenstoff hineinwirft und das Grab
+zuschaufelt. Der Mukuma oder König wurde in derselben Weise gewickelt
+und dann mit neun lebenden Männern in ein großes Grab gelegt; dieses
+aber wurde nicht zugeschüttet, sondern über seiner Öffnung eine Haut
+fest mit Pflöcken befestigt und eine Hütte oder ein Grabmal darüber
+errichtet. In dieser Hütte mußten der Oberbefehlshaber und die Diener
+des Königs das Grab bewachen. -- Die Masai, Suk und Turkena erheben
+bei eingetretenem Todesfall ein Wehklagen und tragen die Leiche darauf
+in den Busch, wo sie sie einfach mit dem Gesicht gegen Westen, damit
+sie den Neumond sehe, hinlegen, zur Freude der Geier und Hyänen. Die
+Nandi, Kikuyu und Lumbwa begraben ebenfalls ihre Häuptlinge, während
+sie im übrigen die Leichen im Busch liegen lassen. Die Kamasia legen
+für ihre Häuptlinge im Viehkral das Grab an und pflanzen Sträucher
+darauf, alle anderen Leichen aber bringen sie in den Busch und legen
+Felle darüber. Die Kavirondo und Baziba begraben einen Häuptling in
+sitzender Stellung in seiner Hütte, lassen den Kopf aber aus der Erde
+heraussehen. Bei ersteren müssen die Frauen in der Hütte bleiben, bis
+das Fleisch vom Kopfe abfault, dann wird auch dieser begraben. Bei
+letzteren übernimmt ein bestimmter Wächter diese Pflicht. Nach zwei
+Monaten wird auch hier der Kopf unter die Erde geschoben und darauf
+ein neuer Häuptling gewählt. Die Wahima brechen ihren Toten, wenn sie
+erkaltet sind, die Gelenke und den Hals, wickeln sie in eine Matte und
+begraben sie unter einem Dunghaufen im Viehkral. Nach seinem Tode wird
+der Name des Verstorbenen nie mehr genannt; war sein Name etwa auch die
+Bezeichnung für irgendeinen Gegenstand, so verschwindet dieses Wort
+aus der Sprache, und ein neues wird für den betreffenden Gegenstand
+geschaffen. Ähnlich verfahren die Masai, die niemals mehr den Namen
+eines Verstorbenen in den Mund nehmen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. C. Hollis.
+
+Abb. 473. Masaikrieger.
+
+Ihre Bewaffnung besteht aus Speer, Schild, Bogen und Pfeilen, ferner
+aus einer Keule und einem Schwert.]
+
+Nach einem +Begräbnis+ oder wenigstens nach Ablauf der Trauer pflegt
+man einen großen Tanz und ein Biergelage abzuhalten. Die Madi markieren
+oft einen Kampf; ein jeder gerät in große Aufregung, und es ist daher
+nichts Ungewöhnliches, daß Männer bei Begräbnissen getötet oder zum
+mindesten schwer verletzt werden. Bei den Manyema ertönt nach Eintritt
+eines Todesfalls ein Signal, auf das hin die Freunde und Verwandten
+sehr zahlreich zusammenströmen und die Leiche hinwegbringen. Sie kochen
+sie darauf und essen sie zu Hause. Nahe Angehörige wie die Eltern essen
+nicht von dem Fleische, wohnen auch nicht der Beerdigung bei. -- Der
+Sohn eines Baziba trägt um den Hals ein Band, an dem zwei Stückchen
+Holz befestigt sind, die Vater und Mutter vorstellen; stirbt eines von
+ihnen, dann wird das betreffende Hölzchen weggeworfen.
+
+Die +Witwen+ des Verstorbenen gehen häufig auf den ältesten Sohn
+oder Bruder über; jedoch haben die verschiedenen Stämme vielfach
+besondere Sitten. In der Regel dürfen die Witwen erst nach Ablauf einer
+bestimmten Trauerzeit wieder heiraten, und auch dann nur mit Zustimmung
+ihres Vormundes. Bei den Suaheli ist die Witwe gezwungen, drei Monate
+lang sich zurückzuziehen; sie darf während dieser Zeit nicht ausgehen,
+wohl aber Besuche ihrer Angehörigen empfangen.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
+
+Abb. 474. Somalkrieger.]
+
+
+
+
+Nordostafrika.
+
+
+Nordostafrika läßt sich geographisch, das heißt seinem landschaftlichen
+Charakter nach, in zwei große Gebiete gliedern: in das Hochland und in
+die Ebene. Das erstere, eine Anzahl größerer und kleinerer Tafelländer
+und Tafelberge mit zahlreichen Bergzacken und turmartigen Erhebungen,
+bildet nicht nur im geographischen, sondern auch im politischen Sinne
+eine Einheit, das Kaiserreich +Abessinien+, das bereits auf ein hohes
+Alter zurückblicken kann. Es wurde schon im vierten Jahrhundert die
+Wiege des Christentums im Herzen Afrikas. Leider ist sein alter Ruhm
+mehr und mehr verblaßt, und jetzt ist Abessinien nur noch die Karikatur
+eines Staatswesens. Südlich von diesem Hochland breitet sich die große
+öde und unwirtliche ostafrikanische Steppe aus, ein gleichförmiges
+Landschaftsbild, das sich weit nach Süden nach dem eigentlichen
+Ostafrika hinein erstreckt. Die das afrikanische Osthorn begrenzenden
+Gebiete führen die Bezeichnung +Somalland+.
+
+Die für Nordostafrika in Betracht kommenden +wichtigsten Völker+
+sind ganz im Osten, am Golf von Aden und Indischen Ozean, die
++Somal+, nördlich von ihnen an der Küste des Roten Meeres die ihnen
+stammverwandten +Danakil+ oder Afar, auf der abessinischen Hochebene
+die Stämme der Abessinier und im Süden von ihnen, also im Südwesten,
+die +Galla+; ihnen schließen sich die uns schon bekannten +Masai+
+an. Alle diese Völker, ebenso die nördlich von ihnen wohnenden
+Nubier und Ägypter bezeichnet man als +östliche Hamiten+, die
+nordostafrikanischen im besonderen als Äthiopier. Sie unterscheiden
+sich deutlich von den Negern Afrikas; ob sie, wie vielfach behauptet
+wird, direkt aus Stämmen hervorgegangen sind, die aus Asien
+herüberkamen, oder durch Aufpfropfung solcher Einwanderer auf bereits
+ansässige Negervölker entstanden sind, bleibt noch zu entscheiden.
+Abgesehen hiervon sind die Hamiten heutigestags nicht das einzige
+anthropologische Element der nordostafrikanischen Völker, sondern
+gleichsam nur die Unterschicht, zu der viel semitisches (arabisches)
+Blut hinzugekommen ist. Besonders die Somal haben solches in starkem
+Maße aufgenommen, weniger schon die Danakil, und am reinsten dürften
+die Galla den ursprünglichen Typus bewahrt haben. Noch bunter aber ist
+die Mischung in Abessinien; hier haben sich Ägypter, Griechen, Juden,
+Portugiesen, Inder, Araber und Neger zu einem wirklichen Völkerchaos
+zusammengeschlossen, den Kern des abessinischen Volkes aber bilden
+Semiten. Der eigentliche östliche Hamitentypus ist gekennzeichnet durch
+eine ziemlich hohe, grazile Gestalt (im Mittel hundertsiebenundsechzig
+Zentimeter), langen, schmalen Schädel, langes, ovales Gesicht mit
+feiner, gerader oder leicht gebogener, hervortretender Nase, schlanke
+Gliedmaßen, eine braunrötliche bis schokoladefarbige Haut, dunkle Augen
+und schwarzes, bald mehr lockiges, bald mehr wolliges Haar.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Exclusive News Agency.
+
+Abb. 475. Abessinischer Krieger.]
+
+Die +Beschäftigung+ der Abessinier erstreckt sich auf ganz einfachen
+Ackerbau, Viehzucht und etwas Industrie, besonders auf die Herstellung
+von silbernen Filigran-, Leder- und Flechtarbeiten sowie Stickereien.
+Kunst und Technik werden vielfach in den Dienst der Kirche gestellt.
+Auch die übrigen Hamitenstämme sind überwiegend Viehzüchter (Abb. 477
+und 478), treiben daneben aber auch alle das Kriegshandwerk (Abb. 474
+und 475) und Raub. Besonders die Galla werden als kühne Krieger gerühmt.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
+
+Abb. 476. Somal in Reisetracht mit aufgeschürztem Kleid.]
+
+[Illustration: Der Borana-Bororansi-Tanz der Somal.]
+
+Die +Kleidung+ der Abessinier hat viel Arabisches an sich. Sie besteht
+aus anliegenden Beinkleidern, einem langen, über sie hinausreichenden
+weißen Hemd und einem baumwollenen oder seidenen Umschlagetuch, das
+wie eine Toga über die Schulter geworfen wird und in malerischen
+Falten herabfällt (Abb. 479). Die Frauen raffen ihr weitärmliges
+Hemd um die Taille mit einem Gürtel zusammen. Füße und Kopf bleiben
+unbekleidet, nur die Priester (Abb. 480) tragen ein turbanähnlich um
+den Kopf geschlagenes Tuch. Sie zeichnen sich ferner durch eine weiße
+Jacke mit weiten Ärmeln und Schuhe mit aufgebogenem Schnabel aus.
+-- Die Kleidung der Somal (Abb. 481) und der ihnen verwandten Stämme
+ist ebenfalls ein langes, lakenähnliches Tuch, das um den Körper
+geschlungen wird (Abb. 476) und häufig auch noch den Kopf wie eine
+Kapuze bedeckt; bei den Frauen (Abb. 482) sind es zwei Teile, von denen
+der eine, längere, einen losen Rock mit vielen Falten bildet, während
+der andere die Stelle einer Weste oder eines Mieders vertritt und sich
+nach oben in die Kapuze verlängert.
+
+[Illustration:
+
+ Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
+
+Abb. 477. Somal auf dem Marsche.
+
+Sie sind ein nomadisierendes Volk und leben von ihren Herden. Die
+Kamele sind ihr ein und alles; sie dienen ihnen als Lasttiere und
+spenden ihnen in ihrer Milch die Nahrung.]
+
+Die +Haare+ werden bei den abessinischen Männern entweder
+kurzgeschnitten getragen oder zu kurzen anliegenden Zöpfen geflochten.
+Die Haartracht der Frauen besteht ausschließlich in solchen, auch
+bei den Somal und verwandten Stämmen. Eigenartig ist die Frisur der
+Somalmädchen. Erst lassen sie sich das Haar bis zu einer gewissen
+Länge wachsen, scheiteln es sodann in der Mitte und flechten es dicht
+am Scheitel oder ein bis zwei Zoll tiefer in Dutzenden von kleinen
+Zöpfchen rings um den Kopf; am Ende eines jeden dieser Zöpfe lassen sie
+noch einen kleinen Haarbüschel stehen (Abb. 483). Während die älteren
+Somalmänner sich das Haar zu rasieren pflegen, lassen die jüngeren
+es sich abwechselnd zu einem großen Wulst auswachsen und wieder
+rasieren. Die Esasomal stecken stets lange speilartige Kämme in ihre
+aufgebauschten Haare (Abb. 486). Vor den üblichen Aufnahmezeremonien
+der Knaben wird diesen eine runde Stelle oben auf dem Kopfe geschoren;
+nur ein kleiner Haarbusch bleibt auf dem Wirbel stehen. Den jungen
+Mädchen hingegen wird der ganze Kopf in mancherlei Mustern geschoren;
+später lassen sie sich die Haare wieder wachsen und dann niemals mehr
+kürzen. Verheiratete Frauen tragen stets ein Netz um ihr Haar.
+
+Um ihre natürliche +Schönheit+ noch zu +erhöhen+, +färben+ sich die
+Abessinierinnen die Finger- und Fußnägel rot und das Zahnfleisch
+schwarz, wodurch sich die Zähne vorteilhaft abheben. Ferner werden die
+Augenbrauen künstlich scharf gezeichnet, und Brust, Hals und Rücken
+tragen nicht selten kunstvolle Tatauierungsmuster. In erster Linie aber
+wenden sich die Frauen an den Geruch-, weniger an den Gesichtsinn der
+Männer, denn auf Wohlgerüche wird ein außerordentlicher Wert gelegt
+und eine solche Verschwendung mit ihnen getrieben, daß die Wirkung
+auf den Europäer eine der beabsichtigten gerade entgegengesetzte ist.
+Natürlich behängen sie ihren Körper, soweit sie dazu imstande sind, mit
+zahlreichem, oft genug recht kostbarem Schmuck (Abb. 488).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Colonel A. F. Appleton.
+
+Abb. 478. Niederlassung der Somal.
+
+Die Häuser werden aus Holz gebaut und mit Häuten bedeckt. Das Vieh
+wird in Hürden gehalten, die man zum Schutz gegen Löwen und Hyänen aus
+dickem Dornbusch herstellt.]
+
+Die Abessinier sind sehr +intelligent+ und besonders schlau im
+Abschließen von Geschäften, aber sehr faul und schmutzig. Daher
+besitzen sie auch beinahe mehr Feier- als Arbeitstage. In jedem Monat
+feiern sie als Hauptfeste die vier Sonnabende und Sonntage, den
+Sankt-Michael-, Sankt-Gabriel-, Sankt-Miriam- und Sankt-Georg-Tag am
+12., 19., 21. und 23., sowie Christi Geburt am 28. jedes Monats. Dazu
+kommen noch als wichtige Feiertage Ostern, Weihnachten, Neujahr (im
+September) und kurz danach Mascal zur Erinnerung an die Entdeckung des
+Kreuzes (Abb. 487). Die Festlichkeiten pflegen länger als drei Tage zu
+dauern. Die Priester, die in bunte Gewänder gekleidet und mit Kreuzen
+aus Silber, Gold oder Messing, mit Weihrauchfäßchen, Kronen, Bildern
+der Jungfrau Maria mit ihrem Kinde und seidenen Sonnenschirmen mit
+aufgezeichnetem Kreuz einhergehen, führen bei diesen Gelegenheiten
+Tänze auf; viele dieser Tänze blicken auf ein hohes Alter zurück und
+sollen auf den Tanz Bezug nehmen, den König David vor der Bundeslade
+aufführte. Bei all dieser Lustigkeit vergessen die Abessinier jedoch
+auch nicht das +Fasten+, sie beobachten im Gegenteil häufig und streng
+die ihnen durch die Religion vorgeschriebene Enthaltsamkeit. So
+fasten sie an jedem Mittwoch und Freitag sowie während der Monate März
+und April; auch die Regenzeit um den August herum ist für sie eine
+besondere Zeit des Fastens und des Gebets.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Schulein.
+
+Abb. 479. Abessinier.
+
+Sie tragen über den Hosen ein weißes Hemd, ferner ein Umschlagetuch,
+das in malerischen Falten über die Schultern gelegt wird.]
+
+Wie die meisten Naturvölker finden auch die +Somal+ an +Tanz+ (siehe
+die farbige Kunstbeilage) und +Gesang+ große Freude. Der Somal
+komponiert sich sein Lied vielfach selbst, unterwegs beim Wandern;
+sein Inhalt erhebt sich aber meistens kaum über eine öde Schmeichelei
+auf diejenige Persönlichkeit, der zu Ehren es verfaßt ist. Findet der
+Sänger, daß sein Werk bei seinen Freunden anspricht, dann lernt er es
+auswendig und lehrt es oft noch andere; auf diese Weise überliefern
+sich manche Lieder mehrere Menschenalter hindurch. -- Wird unter
+den Somal ein neuer Sultan gewählt, dann findet für gewöhnlich ein
+Dibaltig statt. Es ist dies sozusagen ein Reiterschaustück. Jedes
+Stammesmitglied, das ein Pferd zur Verfügung hat oder es sich borgen
+kann, beteiligt sich daran. Zuerst wird ein Sänger erwählt, der ein
+Lied, Gerar genannt (Abb. 484), komponieren muß, und zwar tut er
+dies meistens sogleich an Ort und Stelle. Es besteht auch wieder aus
+widerlichen Schmeicheleien auf den Sultan. Alle Reiter stellen sich
+bei seinem Vortrage in Reih und Glied auf, der Sänger vor ihnen in
+der Mitte; darauf läßt er mit erhobenem Speer seine Weise erklingen,
+setzt seinen Pony in Bewegung und trabt auf den neuen Sultan zu (Abb.
+485). Die übrigen folgen ihm, anfänglich langsam, dann aber schneller
+werdend, alle mit hochgehobenen Speeren und Schilden, und bringen ihre
+Pferde nach gestrecktem Galopp unmittelbar vor ihrem neuen Herrscher
+zum Stehen. -- Die Galla sind gleichfalls dem Tanze sehr zugetan (Abb.
+490).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Schulein.
+
+Abb. 480. Abessinische Priester.
+
+Ihren Oberpriester, den Abuna, ernennt der Patriarch zu Alexandria. Sie
+dürfen nur einmal im Leben heiraten.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
+
+Abb. 481. Somalknaben mit Milchgefäßen aus Fellen.
+
+Ihre Kleidung besteht aus einem weißen oder bunten Hemd, über dem die
+„Tobe“, ein togaähnlicher Überwurf, getragen wird.]
+
+Die +Galla+ feiern alle Jahre das +Fest der Maisernte+, Yarabbi
+genannt; an ihm dürfen nur Frauen teilnehmen, Männern ist es nur
+gestattet, in beschränkter Anzahl aus der Entfernung zuzusehen. Die
+feierliche Handlung spielt sich zunächst um eine heilige Sykomore
+ab. Hier erwartet eine greise Priesterin auf einem dreistufigen
+Schemel sitzend die Ankömmlinge; sie hält einen langen Stab in der
+Rechten und trägt als einziges Abzeichen ihrer Würde einen breiten,
+langen, mit Muschelscheiben geschmückten Lederriemen um das rechte
+Handgelenk. Die Frauen erscheinen alle ebenfalls mit einem langen
+Stecken, den sie gegen den Baum lehnen, mit einer Handvoll Grünzeug und
+mit Maisbroten, die sie ablegen. Alle tragen auf dem Kopfe entweder
+einen Zweig mit wohlriechenden Blättern beziehungsweise Blumen oder
+einen elfenbeinernen Kamm. Sobald sich ihrer etwa fünfzig eingefunden
+haben, pflücken sie von den benachbarten Sträuchern Blätter ab; dann
+lassen sie sich in Gruppen von je etwa fünfzehn auf die Knie nieder
+inmitten zweier großen Haufen Grünes, die mit ihrer gewölbten Seite
+einander zugekehrt aufgeschichtet sind. Jede von ihnen legt den linken
+Arm um die Hüften ihrer Nachbarin und schlägt mit der Rechten unter
+Hervorstoßen eintöniger Laute, die später einem Grunzen gleichkommen,
+taktmäßig auf die vor ihr liegenden Blätterhaufen, wobei sie den Kopf
+gleichfalls im Takt nach hinten wirft. Diese Bewegungen werden immer
+wilder und arten schließlich in ein wirkliches Verzücktsein aus. Wenn
+dieses ein paar Minuten angehalten hat, verstummt der Lärm plötzlich.
+Die Frauen erheben sich und machen neuen Ankömmlingen Platz, die
+dieselbe Handlung vornehmen; der Vorgang wiederholt sich etwa fünf-
+bis sechsmal. Darauf ergreifen die Weiber ihre Stäbe und gehen langsam
+unter eintönigem Gesang etwa hundert Meter den Weg, den sie gekommen
+sind, zurück, wobei sie auf der Stelle hüpfen und zugleich Hände
+voll Kräuter pflücken, die sie zu einer Garbe zusammenraffen. Sodann
+hocken alle in langer Reihe eine nach der anderen nieder und halten
+ihre Stäbe mit den Bündeln wagrecht über die Köpfe, dabei murmeln sie
+wieder unverständliche Worte. Sobald sie sich erhoben haben, stellen
+sie alle ihre Stäbe zu einem Haufen zusammen und strecken gegen diesen
+die Hände mit Grünzeugbündeln aus. Schließlich kehrt die Gesellschaft
+wieder zum heiligen Baume zurück, hüpfend und singend, wie sie gekommen
+war. Mittlerweile sind die hier zurückgebliebenen Frauen nicht untätig
+gewesen; die eine von ihnen hat in einem aus Ton gefertigten Napfe
+Kaffeebohnen mit Butter und Salz geröstet, während vier andere den
+Gesang um die Kräuterhaufen fortgesetzt haben. Die Zurückgebliebenen
+erheben sich jetzt und gehen den unter Führung ihrer Priesterin
+Zurückkehrenden gleichfalls unter Hüpfen mit Grasbüscheln in den Händen
+entgegen. Nun umarmen sich alle und begeben sich gemeinsam zum Baum,
+der von dem ganzen Zug noch einmal umgangen wird. Dann legen die Frauen
+ihre Bündel am Fuße des Baumes nieder, umstellen ihn im Kreise und
+sagen dabei mit tiefer Stimme allerlei Sprüche auf. Damit schließt die
+eigentliche Feier. Es werden nun noch die mitgebrachten Maisbrote am
+Baume niedergelegt, auf die sich die abseits lauernden Kinder auf ein
+verabredetes Zeichen stürzen und um die sie sich balgen, um möglichst
+viele in ihren Fellsäcken verschwinden zu lassen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Exclusive News Agency.
+
+Abb. 482. Gallafrau.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
+
+Abb. 483. Somalmädchen beim Haarmachen.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
+
+Abb. 484. Somal beim Gesang eines „Gerar“,
+
+der in Lobpreisungen des Häuptlings besteht und immer zu Pferde
+vorgetragen wird.]
+
+[Illustration:
+
+ Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
+
+Abb. 485. Ein Dibaltig oder Reiterschaustück zu Ehren eines großen
+Häuptlings.
+
+Nach seiner Beendigung galoppieren die Teilnehmer mit hochgehobenen
+Speeren und Schilden unter Heilrufen auf den Häuptling zu.]
+
+Ein interessantes Gebiet der abessinischen Kultur ist die
++Rechtspflege+, die noch auf dem alten Grundsatze beruht: „Auge um
+Auge, Zahn um Zahn.“ Im allgemeinen können die Abessinier nicht
+ohne ständige Gerichte leben; wegen der geringsten Kleinigkeit wird
+von ihnen das Gericht angerufen und unter hochgradigen Aufregungen
+verhandelt und gestikuliert. Eigentliche Freiheitstrafen kennt das
+abessinische Recht nicht, es wendet nur Körper- oder Geldstrafen an.
+Erstere werden meistens auf dem Hauptmarktplatze am Sonnabend unter
+Anwesenheit mächtiger Menschenmassen vollstreckt. Ist ein Diebstahl
+begangen worden und kann der Täter nicht sogleich ermittelt werden,
+so greift man zu einem eigentümlichen Verfahren, um ihn ausfindig
+zu machen. Man läßt in das betreffende Haus einen Knaben kommen und
+versetzt ihn durch Trinken von Milch, in die eine betäubende Medizin
+getan wurde, sowie durch Rauchen aus einer Pfeife, die etwas Ähnliches
+enthält, in eine Art Traumzustand. Der Knabe zieht sodann, ähnlich
+wie ein Polizeihund, mit einem Vertreter der Gerichtsbarkeit, mit dem
+er durch einen Strick verbunden ist, durch die Straßen und Häuser
+der Stadt. Derjenige, den er berührt, gilt als der Dieb, und damit
+ist dessen Urteil gesprochen, denn für den vermeintlichen Dieb gibt
+es kein Mittel, seine Unschuld zu beweisen. Die Strafen, die auf
+Diebstahl stehen, sind besonders hart. In einfacheren Fällen wird dem
+Diebe mit einer Peitsche der entblößte Rücken blutig geschlagen, oft
+so, daß dieser eine einzige blutige Masse bildet. Ist das Vergehen
+schwerer, dann wird dem Übeltäter die rechte Hand abgehauen, im
+Wiederholungsfalle der linke Fuß, dann eventuell noch die linke Hand
+und der rechte Fuß. Falsche Aussagen vor Gericht werden zunächst mit
+Geldstrafe, bei Rückfälligkeit mit Ausschneiden der Zunge bestraft. Der
+Abessinier schwört beim Tode eines Großen des Reiches. Straßenraub und
+Mord werden mit Todesstrafe geahndet. Der Mörder wird den Angehörigen
+des Toten ausgeliefert, die über sein Schicksal zu bestimmen haben,
+sei es, daß sie, was meistens geschieht, durch Totschlag an ihm Rache
+nehmen oder sich mit Geld und Vieh begnügen. Meist findet die Ahndung
+durch die gleiche Todesart statt, wie sie der Verbrecher gegen sein
+Opfer angewendet hatte. Das ehrenvollste ist das Erschossen-, das
+entehrendste das Gehängtwerden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Carl Hagenbeck, Stellingen.
+
+Abb. 486. Somaljüngling mit Kämmen im Haar.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Schulein.
+
+Abb. 487. Das Mascalfest oder Fest des Heiligen Kreuzes,
+
+das wichtigste der abessinischen Feste. Die Priester tanzen dabei in
+prächtigen Gewändern vor dem König.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lekegian & Co.
+
+Abb. 488. Abessinierin.
+
+Man beachte den reichen Schmuck (Armbänder, Ohrringe, mit Edelsteinen
+besetzte Halsketten).]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Schulein.
+
+Abb. 489. Abessinische Kirche.]
+
+
+[Illustration:
+
+ Aus: R. E. Drake-Brockman, Britisch-Somaliland.
+
+Abb. 490. Tanz der Galla,
+
+bei dem die mit Schild und Speer bewaffneten Krieger ihr „Opfer“
+umtanzen und so tun, als wollten sie es erstechen.]
+
+Die Abessinier sind monophysitische +Christen+ und als solche der
+koptischen Kirche (Abb. 489) zugeteilt; noch heutzutage weiht der
+koptische Bischof von Alexandria den abessinischen. Die Lehre Jesu
+fand bereits im vierten Jahrhundert Eingang in Abessinien durch zwei
+gefangene Christen aus dem Abendlande, sie verbreitete sich bald im
+Lande und wußte sich gegenüber den Stürmen des auf sie eindringenden
+Islams zu erhalten. Allerdings ist dieses Christentum vielfach auf
+Abwege geraten und hat in Aberglauben und Kultus allerlei Zutaten
+erfahren, die teils dem Islam, teils dem Heidentum der Grenzvölker,
+auch wohl dem Judentum entstammen. Doch ist unter den Abessiniern auch
+die Lehre Mohammeds vielfach mit solchen durchsetzt. Alle Abessinier,
+ob Christen, Mohammedaner oder Heiden, glauben an Geister der
+verschiedensten Form und Gestalt, die alle möglichen Beziehungen zum
+Bösen haben. Dementsprechend halten sie noch an vielen abergläubischen
+Gebräuchen fest. Ein paar Beispiele hiervon. Wer eine Hyäne tötet,
+zerstört sein Glück, denn man meint, daß diese Tiere Tote verschlingen,
+deren Seelen dann in ihrem Körper weiterleben. Man glaubt ferner, daß
+Grobschmiede nachts den Schornstein hinauf verschwinden und sich in
+Hyänen verwandeln; sie sollen auch mit dem Teufel im Bunde stehen.
+Wenngleich solcher Aberglaube heutigestags im Abnehmen begriffen
+ist, so wird doch immer noch kein Abessinier besseren Standes seine
+Tochter einem Grobschmied zur Frau geben. Der weiße Adler soll großes
+Unglück bringen und wird, wenn möglich, stets geschossen. Seine Leber
+wird herausgeschnitten und sodann gegen ein Kuheuter gerieben; ein
+Teil kommt schließlich in ein Amulett, und der Rest wird unter das
+Trockenfutter der Haustiere verteilt. Auf diese Weise hofft man einen
+reichlichen Milchertrag zu erzielen. Der Kopf eines weißen Raben
+soll, um den Hals eines Tieres gehängt, dieses gegen den bösen Blick
+schützen. Überhaupt spielt der böse Blick eine große Rolle; viele
+Krankheiten werden ihm zugeschoben. Kinder schützt man dagegen, indem
+man sie stets mit Baumwollstoff bedeckt. Krankheiten, die durch den
+bösen Blick bereits entstanden sind, werden auf folgende Weise wieder
+beseitigt: Fleisch und Haut einer Hyäne werden in ein kleines Gefäß
+getan und glühende Kohlen darauf gelegt; den sich daraus entwickelnden
+Brodem muß der Leidende durch Mund und Nase einziehen, dabei wie eine
+Hyäne heulen und sprechen: „Der und der hat den bösen Blick auf mich
+geworfen.“ Die Furcht vor dem bösen Blick ist auch die Ursache, daß
+ein Abessinier es nicht gern hat, wenn jemand ihm beim Essen zusieht;
+man kann daher oft beobachten, wie Menschen, die am Wege gerade ihre
+Mahlzeit einnehmen, sich den Kopf mit einem Shama bedecken (Abb. 491).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Schulein.
+
+Abb. 491. Ein Abessinier,
+
+der bei der Mahlzeit am Wegrand sein Gewand über den Kopf gezogen hat,
+um von dem bösen Blick der Vorbeiziehenden nicht getroffen zu werden.]
+
+Ärzte sind, außer in den von Europäern bewohnten Gegenden, in
+Abessinien unbekannt. Das Volk wird von den Priestern behandelt,
+die ihren Patienten Amulette (Abb. 492) und Kräuterabkochungen
+verabreichen. Sie behaupten die Macht zu haben, den Teufel auszutreiben.
+
+Die Priester (Abb. 493) der abessinischen Kirche dürfen mit Ausnahme
+dessen, der im Allerheiligsten waltet, die Ehe eingehen, aber nur
+einmal in ihrem Leben. Es gibt auch unzählige Mönche und Nonnen, aber
+nur unverheiratete Männer und ältere Frauen dürfen in ein Kloster
+gehen. Die Klöster werden durch Almosen unterhalten. -- Die Erziehung
+des Volkes liegt in den Händen der Priester, jedoch darf niemand über
+seinen Stand hinaus erzogen werden. Alle modernen Ideen sind vom
+Unterricht ausgeschlossen, und wer etwa für solche empfänglich sein
+oder Neugierde nach ihnen verraten sollte, wird der Ketzerei angeklagt.
+Auch dem Reichtum, den der einzelne anhäufen darf, ist ein Ziel gesetzt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Schulein.
+
+Abb. 492. Knabe mit einem Amulett um den Hals,
+
+in das die Priester, die zugleich Heilkundige sind, bestimmte Mittel
+hineinzutun pflegen.]
+
+Wie schon gelegentlich erwähnt, bekennt sich ein Teil der Abessinier
+zum Mohammedanismus; auch die Somal und zum größten Teil die Galla sind
+Anhänger dieser Glaubenslehre; aber obwohl sie diese streng befolgen,
+oft in dem Maße, daß sich ihre Anbetung zur wahren Ekstase steigert,
+lassen sie sich auf der anderen Seite doch nicht daran hindern, an
+manchen abergläubischen Vorstellungen festzuhalten. Ein Teil der Galla
+ist noch vollständig im Heidentum befangen.
+
+Über besondere Bräuche bei +Schwangeren+ und +Gebärenden+ unter den
+Abessiniern ist meines Wissens nichts bekannt geworden; sie werden
+sich wohl im großen und ganzen nach den Riten der christlichen und
+mohammedanischen Kirche richten. Nur soll es während der Niederkunft
+einer Abessinierin sehr laut zugehen; die Personen, die sie umgeben,
+erheben fortwährend ein lautes Geschrei, wohl ein Überbleibsel der
+alten Sitte, die Dämonen dadurch zu vertreiben. Will die Geburt nicht
+recht vonstatten gehen, dann zieht sich der Ehegatte die Sandalen aus,
+umschreitet barfuß das Haus und teilt mit der flachen Klinge seines
+Schwertes auf dessen Außenwände Schläge aus, während drinnen die
+helfenden Frauen heiße Gebete an die Jungfrau Maria, die Beschützerin
+aller Gebärenden, richten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Schulein.
+
+Abb. 493. Abzeichen eines abessinischen Priesters.
+
+1. Krückstöcke. 2. Klapper. 3. Wedel mit Elfenbein- oder Holzgriff. 4.
+Krone.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. George Schulein.
+
+Abb. 494. Tanz der Galla bei dem Pubertätsfeste in Adis Abeba.
+
+Die älteren Leute tanzen wild im Kreise umher, schreien und schlagen an
+die Schilde.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. G. F. Archer.
+
+Abb. 495. Somal beim Gesang eines „Iyar“,
+
+den sie zur Feier einer Hochzeit anstimmen. Beim Iyar wird gesungen und
+rund im Kreise getanzt, dabei in die Hände geklatscht und mit den Füßen
+getrampelt.]
+
+Bei den Somal verläuft die Geburt ohne sonderliche Feier. Ein Knabe
+wird im allgemeinen mit großer Freude begrüßt. Die Nachbarn des
+glücklichen Vaters werfen dann Baumzweige auf seine Hütte und sprechen
+hierbei den Wunsch aus, daß Allah ihm eine an Söhnen reiche Familie
+verleihen möge. Bei den Somal pflegen sich nach Bekanntwerden einer
+Geburt die Yebir einzufinden, Angehörige einer Pariaklasse, von denen
+man glaubt, daß sie keines natürlichen Todes sterben; sie verlangen
+eine kleine Abgabe von den Eltern, die diese ihnen wohl niemals
+abschlagen, aus Furcht davor, daß sie bei etwaiger Verweigerung von
+den Yebir Schaden zugefügt bekommen könnten. Als Gegengabe für solches
+Geschenk verabreicht der Yebir der jungen Mutter ein Zaubermittel,
+für gewöhnlich ein winzig kleines Stückchen in Leder eingewickelten
+Holzes, das dem Kinde um den Hals gehängt wird. -- Die Somal und Galla
+beschneiden ihre Kinder; dabei finden große Festlichkeiten statt (Abb.
+494). Bei den Mädchen der Somal wird zugleich auch die Infibulation
+angewendet, die bis zu der Verheiratung erhalten bleibt. Die Knaben der
+Abessinier bleiben bis zum sechsten Jahre bei der Mutter, dann kommen
+sie, falls die Familie vornehm ist, an den Hof, wo sie Unterricht
+erhalten und Pagendienste tun müssen. Die Mädchen werden im Hause
+erzogen, wo sie das Hauswesen, das Spinnen und die Künste, den Männern
+zu gefallen, erlernen. Bereits mit vierzehn bis fünfzehn Jahren gehen
+sie die Ehe ein; meistens erhalten die Eltern für sie einen Kaufpreis
+in Form von Vieh oder Geld. Es gibt drei Wege, die Ehe zu schließen. Am
+unbeliebtesten ist die kirchliche Einsegnung, weil die Ehe dann nicht
+geschieden werden kann; sie kommt fast nur in fürstlichen Familien
+vor. Eine zweite Art besteht darin, daß sich das Brautpaar zu einem
+besonderen Richter und fünf Schöffen begibt, vor denen der Mann im
+Namen Meneliks gelobt, seine Frau stets gut zu behandeln und im Falle
+einer Scheidung ihr eine Abfindungssumme (für gewöhnlich achtzig
+Mariatheresientaler) zu gewähren. Die dritte Art der Eheschließung
+ist die einfachste. Der Mann sagt zu seiner Auserwählten einfach:
+„Komm!“ Folgt sie seinem Wunsche und ziehen sie beide zusammen, dann
+sind sie verheiratet. -- Für gewöhnlich bietet eine Hochzeit Anlaß zu
+ausgiebigen Fest- und Trinkgelagen. Die Frau ist Herrin im Hause; sie
+bringt ihr Gesinde mit, beköstigt und bekleidet es.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Frances L. Swayne.
+
+Abb. 496. Somalgräber. Die auf ihnen errichteten Steine machen sie
+weithin kenntlich.]
+
+Ehescheidungen kommen häufig vor und sind leicht herbeizuführen. Mit
+Zustimmung der beiderseitigen Eltern können auch kirchlich geschlossene
+Ehen für ungültig erklärt werden. Scheidet sich das Ehepaar, dann
+zieht die Frau mit ihren Sklaven und Sklavinnen, den Kindern, die aus
+der Ehe hervorgegangen sind, und ihrer Abfindungssumme einfach ab.
+Etwas Unehrenhaftes wird darin nicht erblickt, und ein jeder Teil hat
+das Recht, sich wieder zu verheiraten; er macht auch meistens davon
+Gebrauch.
+
+Beim Tode eines Mannes erfordert es der Brauch, daß der Bruder des
+Verstorbenen die Witwe heiratet.
+
+Bei den +Somal+ ist es das Mädchen, das sich den Ehegatten mit
+Billigung ihrer Eltern wählt. Auch bei diesem Volke wird vor der
++Hochzeit+ ein Brautpreis ausbedungen, der bei den habsüchtigen
+Forderungen des Schwiegervaters oft ziemlich hoch ausfällt; natürlich
+werden dabei auch die Vermögensverhältnisse des Werbers in Betracht
+gezogen. Der Preis bewegt sich von wenigen Rupien und einem halben
+Dutzend Schafe und Ziegen bis zu hundert Kamelen und wird in zwei Raten
+bezahlt, die eine Hälfte sogleich bei seiner Feststellung, die andere
+vor der Hochzeitsfeier. Die Trauung selbst ist eine sehr einfache
+Sache. Nachdem der Preis bezahlt worden ist, begeben sich Braut und
+Bräutigam in die Wohnung des Kadis, woselbst der künftige Gatte ein
+feierliches Gelübde ablegt des Inhaltes, daß er dem Mädchen Wohnung
+geben, es ernähren, kleiden und versorgen werde. Nachdem der Kadi noch
+einige Koranverse vorgelesen hat, ist die Handlung beendet, und der
+junge Ehemann führt seine Frau in sein Haus. Am Abend dieses Tages wird
+dann aber noch ein Iyar (Abb. 495) abgehalten, zu dem alle Freunde des
+Paares eingeladen werden. Ein Iyar besteht in Sang und Tanz, den der
+Bräutigam eröffnet. Im übrigen beteiligt er sich nicht weiter daran,
+sondern zieht sich, nachdem er das Zeichen zur Eröffnung gegeben hat,
+mit zwei Freunden in seine Hütte zurück. Darauf nähern sich einige
+Männer unter dem Gesang eines Liedes, das für diese Gelegenheit
+besonders verfaßt wurde und aus guten Ratschlägen für das junge Paar
+besteht, der Hütte und beschreiben einen Halbkreis um sie. Zwei Leute
+treten hervor und führen einen bestimmten Tanz, Shirbo genannt, auf,
+wobei sie mit den Füßen aufstampfen und Luftsprünge machen. Ist der
+Shirbo zu Ende, dann schließen sich die Freundinnen der Braut den
+Männern an, und alle begehen jetzt zusammen den eigentlichen Iyar. Sie
+tanzen im Kreise, klatschen in die Hände und stampfen nach dem Takte
+eines besonderen Liedes mit den Füßen, bis sie erschöpft umfallen.
+Darauf werden noch Erfrischungen umhergereicht, und die Gäste brechen
+auf. An allen diesen Festlichkeiten nimmt die Braut keinen Anteil; es
+gehört zum guten Ton, daß sie sich dabei überhaupt nicht sehen läßt.
+
+Im großen und ganzen hält der Somal viel von seiner Frau; er behütet
+sie sorgfältig. Wenn sie ihm treu bleibt und ihn mit Kindern beschenkt,
+heiratet er häufig genug keine zweite mehr, obgleich ihm das
+mohammedanische Gesetz, wie wir bereits wissen, vier Frauen zu nehmen
+gestattet.
+
+Beim +Todesfall+ eines Abessiniers versammeln sich Freunde und gute
+Nachbarn draußen im Hof des Sterbehauses, und die Frauen erheben eine
+Wehklage und einen Totengesang. Die Leiche wird auf ein gerüstartiges
+Holzgestell mit geschnitzten Füßen gelegt, mit Ochsenhautstreifen
+verschnürt, mit Stoff zugedeckt und von kräftigen Männern zum
+Begräbnisplatz getragen, wo man den Toten, dem man das Gesicht nach
+Osten gewendet hat, ins Grab senkt. Nach dem Begräbnis findet für
+gewöhnlich noch ein Festgelage statt. Vierzig Tage später gibt es
+zur Erinnerung an die Auferstehung ein zweites, und im dritten sowie
+im zwölften Monat nach dem Tode wiederholt sich die Feierlichkeit
+abermals. Zum Zeichen der Trauer wird das Haar kurz geschnitten.
+
+Unter den Somal fällt ein hoher Prozentsatz den blutigen Raubzügen und
+Fehden zum Opfer. Denn Räubereien stehen unter diesen Stämmen gleichsam
+auf der Tagesordnung; natürlich werden dabei viele Menschen getötet.
+Die Gegenpartei verlangt dementsprechend Sühne und beginnt, falls eine
+solche nicht bezahlt wird, die Fehde von neuem. So hören die blutigen
+Kämpfe meistens nicht eher auf, als bis ein großer Teil der Leute hat
+daran glauben müssen. Kommt schließlich ein Ausgleich zwischen den
+Parteien zustande, so währt der Friede leider oft genug auch nicht
+allzu lange, denn irgendein gestohlenes Kamel oder ein Streit um ein
+Weib bringen die Kugel von neuem ins Rollen, und bald liegen sich die
+Stämme wiederum in den Haaren. Auf diese Weise wird die Volkszahl der
+Somal stark geschmälert. Der bekannte Afrikareisende und Geograph
+Philipp Paulitschke schätzte ihre Gesamtzahl noch Mitte der neunziger
+Jahre des vorigen Jahrhunderts auf mehr als zwei Millionen. Nach
+neueren Berechnungen aber beträgt ihre Kopfzahl kaum eine Million.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. American Colony, Jerusalem.
+
+Abb. 497. Eine mohammedanische Prozession am Geburtstage des Propheten.
+
+Der Zug begibt sich unter Vorantritt angesehener Männer mit Bannern,
+die bereits die Pilgerfahrt nach Mekka mitgemacht haben, nach der
+Moschee.]
+
+Wie wenig übrigens den Somal ein Menschenleben gilt, zeigt unter
+anderem auch die auf uraltem Herkommen beruhende Forderung, daß jeder
+Jüngling, der sich zu verehelichen wünscht, die Tötung zum mindesten
+eines Mannes muß nachweisen können.
+
+Ihre Toten werden von ihnen, da sie Anhänger des Islams sind, nach
+mohammedanischem Brauch beerdigt. Auf dem Grabe wird ein Stein
+errichtet. Wo der Boden locker ist, so daß die Hyänen die Leichen
+leicht ausgraben können, wird ein hoher Palisadenzaun um die Gräber
+errichtet (Abb. 496). Auch bei den heidnischen Galla sind solche Zäune
+üblich.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Em. Frechon, Biskra.
+
+Abb. 498. Bauchtänzerin bei einer Hochzeit.]
+
+
+
+
+Ägypten.
+
+
+Die Bevölkerung des Landes der Pharaonen besteht in der Hauptsache aus
+hamitischen Elementen, zu denen sich im Laufe der Zeiten semitische
+und in geringerem Grade auch Negerstämme hinzugesellten. Schon in der
+Vorzeit muß dieselbe ziemlich die gleiche wie heute gewesen sein, denn
+wir begegnen auf den Figuren der alten Malereien und Bildwerke aus der
+Pharaonenzeit bereits den gleichen Köpfen und Zügen sowie der gleichen
+Hautfarbe, die wir jetzt noch auf der Straße antreffen.
+
+Der +Religion+ nach unterscheiden sich die Ägypter in +Kopten+ und
++Fellachen+; die ersteren sind Anhänger des christlichen, die letzteren
+des islamitischen Glaubens, aber in ihrem Äußeren sind sich beide
+Teile ziemlich gleich, höchstens kann man sagen, daß die Kopten
+vermöge ihrer Religion sich mehr davor gescheut haben, arabisches, das
+heißt semitisches Blut in sich aufzunehmen. Es ist daher falsch, die
+Fellachen zu Arabern zu stempeln, zu behaupten, daß sie ausschließlich
+von den mohammedanischen Eroberern des Landes abstammten, wie es
+vielfach geschieht. Zwar mag ihre Eigenschaft als Anhänger des Islams
+sie selbst dazu geführt haben, daß sie sich als Verwandte der Araber
+betrachteten und dementsprechend die Besonderheit ihrer ägyptischen
+Nationalität aus den Augen verloren haben, aber in Wirklichkeit sind
+sie mit den Kopten eines Stammes. Beide sind Nachkommen der alten
+Nilbewohner aus der Zeit der Denkmäler und Sphinxe.
+
+Wenngleich diese religiöse Spaltung naturgemäß manche Unterschiede in
+den Gebräuchen, besonders in den Festen und Fasten, zur Folge gehabt
+hat, so sind diese doch keineswegs so groß, wie man annehmen könnte,
+nicht einmal in religiösen Dingen. So kommt es vor, daß ein alter
+Moslem zur Jungfrau Maria betet und den christlichen Heiligen bei
+gewissen Gelegenheiten und an bestimmten Orten Opfergaben darbringt,
+und die Mosleme sowohl Christus wie auch seine Mutter verehrt.
+
+[Illustration:
+
+ Nach einem Gemälde von R. Ernst.
+
+Abb. 499. Am Tage vor einer mohammedanischen Hochzeit.]
+
+Auch in ihrer +Kleidung+ gleichen sich Christen und Mohammedaner
+Ägyptens. Die oberen Klassen tragen meistens europäische Kleidung, mit
+Ausnahme des mohammedanischen Fes und des christlichen Tarbusch. Der
+junge Mann aus dem unteren und dem Mittelstande in den Städten trägt
+über seiner Landestracht einen kurzen Rock nach europäischem Schnitt
+an Stelle des feinen schwarzen Gewandes, das der reiche Fellache auf
+dem Lande sich umhängt. -- Die +nationale Tracht+ besteht in weiten
+Beinkleidern, einem weichen Hemd, einer kurzen Weste ohne Ärmel und
+einer langen, bis zu den Knöcheln reichenden Jacke aus gestreiftem
+baumwollenem oder seidenem Stoff, die vorn offen ist und lange Ärmel
+aufweist. Sie wird meistens durch einen Gürtel über den Hüften
+geschlossen gehalten. Zur Winterszeit gehört zur Kleidung noch ein
+großer schwarzer Mantel aus Tuch oder Seide, der alles umhüllt. Nur in
+ihrer +Kopfbedeckung+ unterscheiden sich die beiden Religionen: der
+Mohammedaner trägt einen türkischen Fes mit kurzer, schwarzer Troddel,
+der Kopte einen Tarbusch aus weicherem Stoff und von dunklerer Farbe
+mit langer, blauer Troddel. Fes und Tarbusch werden beständig getragen
+und gelten als Abzeichen männlicher Würde; es einem vom Kopfe zu
+schlagen, kommt der schwersten Beleidigung gleich. Keine Kopfbedeckung
+zu besitzen, ist das Zeichen schrecklicher Armut und in dieser
+Beziehung etwa dem Barfußgehen unter Europäern gleichbedeutend.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Em. Frechon, Biskra.
+
+Abb. 500. Mohammedaner beim Abendgebet.]
+
+Alle Ägypter der oberen Klassen tragen das +Haar+ ganz kurz
+geschnitten. Die Fellachen rasieren sich den Kopf für gewöhnlich
+kahl und lassen nur auf dem Wirbel ein langes Büschel stehen. Diese
+sonderbare Haartracht erklären sie selbst auf zweierlei Weise. Die
+einen meinen, daß man dieses Büschel stehen lasse, damit der Engel
+sie daran festhalten könne, wenn sie nach dem Tode von der Brücke
+al-Sirat, die ins Jenseits führe und an Schmalheit einer Messerklinge
+gleichkomme, herabfallen sollten; andere dagegen sagen, man wolle
+dadurch Vorsorge treffen, daß ein ungläubiger Feind, der ihren Kopf
+etwa abgehauen hätte und mit sich schleppte, ihn an diesem Haarbüschel
+ergreifen könne, nicht aber ihn mittels der Mundöffnung einhake und
+dadurch den Mund entweihe, der so oft Allah gepriesen und zeitlebens
+Gebete aus dem Koran gesprochen habe.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 501. Junges Volk in Marokko.]
+
+Die +Frauenkleidung+ gleicht im großen und ganzen der der Männer. Auf
+dem Lande gehen die Frauen im Sommer so gut wie nackt, nur mit einem
+Schurz bekleidet, Knaben überhaupt vollständig nackt. Die Städterinnen
+legen weite Hosen, eine lange Unterjacke (Yelek), einen Gürtel und eine
+Jacke und beim Ausgang darüber noch ein langes, weites, schwarzseidenes
+Oberkleid (Tôb) an. Das Haar tragen die Frauen in unzählige kleine
+Zöpfchen geflochten, in die sie mit schwarzer Seide noch Münzen binden.
+Auf dem Kopfe tragen sie eine Art Turban mit einer Verzierung aus Gold
+oder vergoldetem Metall, Kûrs genannt, und darüber einen schwarzen
+oder weißen Schleier, der das ganze Gesicht bedeckt und nur die Augen
+freiläßt. Typisch ist ferner noch ein eigenartiges Schmuckstück
+zwischen den Augen, eine kleine Walze aus Gold oder Messing, um die
+zwei Rillen herumlaufen. Die Fellachinnen begnügen sich mit einem
+Kopfschleier, mit dem sie auch ihr Gesicht bedecken können. +Schmuck+
+um Hals, Arme, Finger und an den Ohren ist sehr beliebt. Die Männer
+tragen keine Ohrringe, obwohl ihnen als Kindern die Ohrläppchen
+durchstochen werden; nur die Stutzer in Oberägypten hängen sich oft
+einen schweren einzelnen Ring in das eine Ohr.
+
+Die +Nahrung+ der Ägypter ist eine recht bescheidene, man kann fast
+sagen, erbärmliche, was größtenteils auf den vielen Fasten beruht,
+die einen ziemlichen Teil des Jahres in Anspruch nehmen. Sie leben
+meistens von Brot oder Fladen aus Weizen- und Hirsemehl, gerösteten
+Getreidekörnern, Früchten, Erbsen, Bohnen, Linsen, Eiern, Milch, Käse
+und Fischen; als Leckerbissen kommen gelegentlich Geflügel, Hammel-,
+Ziegen- und Büffelfleisch auf den Tisch. Den Kopten ist der Genuß von
+Schweine- wie auch von Kamelfleisch verboten. Zur Zeit der Fasten
+besteht die tägliche Nahrung nur aus Erbsen, Bohnen und Fischen. Wein
+rühren die Mohammedaner nicht an, obwohl davon sehr viel für die unter
+ihnen lebenden Griechen und Italiener, die ohne ihn nicht leben können,
+eingeführt wird.
+
+Die Fellachen leben meistens auf dem Lande und treiben +Ackerbau+,
+dabei wenden sie noch ganz dieselben ursprünglichen Bearbeitungsweisen
+an wie ihre Vorfahren vor Tausenden von Jahren. So dreschen sie noch
+heutigestags das Getreide mit Hilfe eines Dreschschlittens aus und
+bewässern ihre Ländereien mit dem Schöpfrade. Sie +wohnen+ in elenden
+Hütten, die aus Nilschlamm errichtet sind.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 502. Typen junger Berberinnen.]
+
+Von allen Mohammedanern können die Ägypter für die duldsamsten gelten;
+auch nehmen sie ihre +Glaubensvorschriften+ verhältnismäßig leicht. So
+führen sie selten eine Wallfahrt nach Mekka aus, beobachten nicht immer
+so streng ihre Fasten und sind saumseliger in der Ausführung sonstiger
+religiöser Gebräuche; doch verrichten sie für gewöhnlich wohl ihre
+Zwangsgebete mit den üblichen Fasten und Kniebeugungen (Abb. 500) und
+enthalten sich des Weingenusses. Ganz frei von Fanatismus sind sie aber
+nicht. Dies kommt unter der Landbevölkerung manchmal gelegentlich der
++Zikrs+ zum Ausdruck; es sind dies eine Art Erbauungspredigten, die
+oft eine Zugabe zu einem Feste vorstellen, stets jedoch im Anschluß
+an die Dorfvergnügungen gelegentlich des „Großen Bairamfestes“ und
+anderer wichtiger Feste abgehalten werden. Die Teilnehmer eines Zikrs
+versammeln sich gewöhnlich bei einer Moschee oder dem Grabe eines
+Heiligen und setzen sich in zwei Reihen einander gegenüber; meistens
+sind es streng religiös gesinnte Männer, das weniger gläubige Publikum
+sieht zu und spendet seinen Beifall. Man beginnt im Sitzen den Namen
+Allah zu rufen, anfänglich langsam, und dieses Wort mit leichtem
+Kopfnicken zu begleiten. Bald werden die Worte hastiger ausgesprochen
+und dementsprechend auch die Bewegungen des Kopfes verstärkt. Hierauf
+stehen beide Reihen unter sichtlicher Anstrengung auf und stoßen den
+Oberkörper vorwärts und rückwärts; verschiedene andere Bezeichnungen
+der Gottheit treten jetzt an Stelle des Namens Allah, und man sieht
+den Gesichtern deutlich ihre Verzückung an. Schließlich dreht sich der
+ganze Körper wie im Wirbel; der Schweiß perlt von den Gesichtern der
+Anbeter, die nur noch ein heiseres, atemberaubendes „Hu, Hu, Hu!“ (Er,
+das heißt der Eine Gott) ausstoßen können. Befinden sich Epileptiker
+in der Gesellschaft, die für besonders heilig gelten -- und an solchen
+fehlt es wohl nie -- dann bekommen sie ihren Anfall und sinken um;
+auch die übrigen Teilnehmer fallen erschöpft zur Erde. Die Sekte der
++Derwische+ in Kairo führt ähnliche Tänze mit Verzückungen auf. Viele
+Fellachen, besonders die Sakkah oder Wasserträger, gehören zu dieser
+Sekte, sie unterscheiden sich aber von der übrigen Landbevölkerung
+äußerlich nicht. Dagegen tragen die Derwische in Kairo, wo sie in
+Klöstern zusammenwohnen, eine hohe weiße Kopfbedeckung, die sie als
+solche kennzeichnet. Die niederen Mitglieder des Derwischordens sind
+ganz ungebildete Leute, die meistens zerlumpt im Lande umherziehen und
+sich den Lebensunterhalt zusammenbetteln; sie leisten aber nichts auf
+dem Gebiete der guten Werke. Dagegen sind die Derwische, die höhere
+Stellen im Orden einnehmen, oft sehr begabte Menschen, die sich für
+ihre Person von den Verzückungen der übrigen fernhalten, wenn sie sie
+auch nicht gerade mißbilligen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 503. Junge Berberin von schönem Wuchs.]
+
+Eines der bemerkenswertesten +Feste des Islams+ in Ägypten (Abb.
+497) ist die Reise der heiligen Sänfte („Mahmal“) nach Mekka. Die
+althergebrachte Sitte, das Mahmal der Stadt auf dem Rücken eines Kamels
+nach diesem heiligen Orte des Islams tragen zu lassen (siehe die
+farbige Kunstbeilage), wird jetzt nur noch als Zeichen der Höflichkeit
+von seiten des ägyptischen Herrscherhauses ausgeübt. Nebenbei gesagt,
+hat noch niemand in dieser Sänfte gesessen, und es sitzt auch jetzt
+keiner darin. Sie ist eigentlich ein pyramidenförmiger Aufbau, der
+reich mit Goldstickereien behängt ist und viele Inschriften trägt. Das
+Kamel, das die Sänfte auf seinem Rücken mitführt, wird von der gesamten
+hohen Geistlichkeit zu Fuß begleitet, natürlich unter militärischer
+Eskorte. Der Statthalter, sein Stab und eine Abteilung Kavallerie
+reiten voran, den Schluß bildet der von einem Kamel getragene Shek
+el-Gemel oder Shek el-Hagg als Leiter der Wallfahrt. Früher war
+es üblich, daß dieser über die Rücken der Gläubigen hinwegritt.
+Der Aufbruch und die Ankunft der Karawane ist Gegenstand großer
+Begeisterung unter der Bevölkerung; ungeheure Menschenmassen pflegen
+sich dabei anzusammeln.
+
+[Illustration: Die Prozession des Mahmal.
+
+Eines der bemerkenswertesten Feste in Ägypten wird jedes Jahr in Kairo
+gefeiert, wenn das Mahmal oder die heilige Sänfte nach Mekka gebracht
+wird. Der Umzug ruft stets größte Begeisterung hervor.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Neurdein Frères.
+
+Abb. 504. Algerische Reiter.]
+
+Ein seltsamer Brauch, der wahrscheinlich auf ein hohes Alter
+zurückblickt, wurde bis vor kurzem alljährlich in Kairo geübt, das
+„+Durchschneiden des Khalîg+“. Der Khalîg war ein Kanal, der vordem
+durch die Stadt führte, jetzt aber zugeschüttet und in eine Straße
+umgewandelt worden ist. Zur Zeit des Tiefwasserstandes des Nils wurde
+der Eingang dieses Kanals durch einen Deich abgedämmt, der dann, wenn
+der Nil anstieg, jedes Jahr feierlich durchbrochen wurde, um die Fluten
+des Stromes in ihn hineinzulassen. Dabei wurde ein kleines Schiff,
+das mit kleinen Geschützen ausgerüstet und an seinen Masten und Rahen
+mit bunten Wimpeln geschmückt war, in feierlichem Zuge unter lautem
+Tamtamschlag und Geschützdonner zum Kanaleingang geschleppt und hierauf
+der Deichdurchstich mit großer Festlichkeit vorgenommen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. S. W. Edwardes.
+
+Abb. 505. Ein Reitersmann der Tuareg auf der Reise vor der Stadt Blida.
+
+Ein Reisender läßt sich niemals unverschleiert sehen. Das Pferd ist mit
+Amuletten behängt.]
+
+Eine bei allen Festlichkeiten stets wiederkehrende Erscheinung sind
++Kampfspiele+ mit kurzen schweren Stöcken oder mit einschneidigen
+Schwertern, in deren Handhabung die Ägypter sehr gewandt sind. Diese
+Spiele werden nach ganz bestimmten Regeln gehandhabt, um zu verhindern,
+daß sie etwa in einen richtigen Kampf ausarten. Die Dorfbewohner bilden
+einen Ring, und zwei von ihnen nehmen in der Mitte mit gekreuzten
+Beinen auf der Erde Platz. In dieser Stellung fangen sie mit Stöcken
+ihr Gefecht an, zugleich müssen sie sich bemühen, sich allmählich
+auf die Füße zu stellen, ohne mit den Händen nachzuhelfen. Das Spiel
+wird nach und nach immer schneller und wilder, harte Schläge dürfen
+aber nicht ausgeteilt werden. Wird der Kopf des Gegners getroffen,
+so gilt dieser für besiegt, und ein neuer Kämpe tritt aus dem Kreis
+hervor, um sich mit dem Sieger zu messen. Waffentänze kommen nur bei
+den Wüstenstämmen Oberägyptens vor. Die geschilderten Spiele werden
+meistens in der Nähe einer Moschee, am Grabe eines Heiligen oder an
+irgendeiner geweihten Stätte abgehalten, die oft durch einen heiligen
+Stein oder Baum gekennzeichnet ist. An einem solchen heiligen Platze in
+der Nähe von El Kab in Oberägypten lassen die Gläubigen winzige Teile
+ihrer Speise oder ihrer Gewänder als Opfergabe in Tonkisten zurück.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Em. Frechon, Biskra.
+
+Abb. 506. Algerische Frauen auf der Reise.
+
+Auf jeder Seite des Kamelrückens sitzt eine Frau in einem käfigartigen
+Gestell, das ziemlich unbequem und heiß ist.]
+
+Ägypten ist von jeher das Land der +Tänzerinnen+ gewesen. Die
+berühmtesten von ihnen gehören einem besonderen Stamme an und heißen
+Ghawazu. Sie führen ihre Tänze unter Begleitung eines zither- oder
+violinenähnlichen Musikinstruments sowie einer Rohrpfeife auf und
+begleiten sich daneben noch selbst mit Kastagnetten. Diese Tänze
+bestehen in schreitenden und drehenden Bewegungen und vor allem in
+einem Zittern der Muskeln der leicht verschleierten Hüftgegend, in
+dessen Ausführung die Ghawazu eine unbegreifliche Geschmeidigkeit
+und Fertigkeit bekunden, und arten öfters in ein ziemlich laszives
+Schauspiel aus, das die männlichen Zuschauer sinnlich erregen soll,
+wozu noch feuriger Augenaufschlag, herausforderndes Lächeln und andere
+pantomimische Liebeserklärungen beitragen. Diese Vorstellungen finden
+auf offener Straße, in Höfen, in Kaffeehäusern sowie in den Haremen
+(gelegentlich gewisser Festlichkeiten, wie Hochzeit, Geburt und so
+weiter) statt; je nach dem Stande der Zuschauer sind die Tänzerinnen
+mehr oder weniger bekleidet und ihre Darbietungen freier. Besonders
+schlüpfrig fallen sie vor Männergesellschaften aus. Ganz besonders gilt
+dies von dem für Ägypten geradezu spezifischen +Bauchtanz+ (Abb. 498).
+Eigentlich ist diese Bezeichnung irreführend, denn es handelt sich hier
+nicht nur um Bewegungen des Bauches, wenngleich dieser in erster Linie
+daran beteiligt ist, sondern um solche des ganzen Oberkörpers; die
+Beine bleiben dabei ruhig oder bewegen sich nur wenig. Das Bezeichnende
+für ihn sind die Leidenschaft und die Wollust, die in den Bewegungen
+zum Ausdruck kommen.
+
+[Illustration:
+
+ Naturaufnahme von ~Dr.~ G. Buschan.
+
+Abb. 507. Tunesische Jüdin.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. J. N. Tremearne.
+
+Abb. 508. Geisterkultus bei den Negern Nordafrikas.
+
+Eine schwarze Ziege wird beräuchert, in besonderer Weise gefüttert und
+hierauf den Geistern geopfert.]
+
+Neben den Tanzmädchen gibt es auch +Tanzknaben+, die Khewalin; diese
+tragen gewöhnliche männliche Kleidung, lassen sich aber ihr Haar wie
+Mädchen lang wachsen und durchflechten es geradeso wie diese mit Münzen.
+
+Die Ägypter, vor allem die Fellachen, sind sehr +abergläubisch+; sie
+schreiben den Zaubermitteln und Amuletten jeglicher Art große Macht zu.
+Daher trägt jeder Bauer ein derartiges Schutzmittel in einer kleinen
+Lederhülle auf dem bloßen Körper. Oft ist es nur ein Koranspruch, den
+ihm ein öffentlicher Schreiber aufgeschrieben hat, denn für gewöhnlich
+sind die Fellachen des Schreibens unkundig. Auch ist bei dem Fellachen
+der Glaube an Geister stark eingewurzelt, die er für bösartig hält.
+Besondere Scheu hat er vor den Gräbern der alten Ägypter; denn diese
+hält er für den Sitz der Teufel oder Afrîts. Dessenungeachtet hat er an
+vielen Orten, besonders in Theben, die alten Grabstätten in Wohnhäuser
+umgewandelt. Kein Fellache begibt sich an einem dunkeln Abend ins
+Freie, aus Furcht vor diesen mächtigen Teufeln, auch wird er sich
+hüten, einen modernen Begräbnisplatz zu überschreiten, obwohl alle,
+die hier ruhen, seine Mitgläubigen waren und man im Leben nichts gegen
+sie einzuwenden gehabt hatte.
+
+Die +Geburtsgebräuche+ der beiden Religionen in Ägypten unterscheiden
+sich nur durch den christlichen Taufritus. Die Geburt eines Knaben wird
+mit besonderer Freude aufgenommen; reiche Fellachenfamilien lassen sich
+dann Tänzer, sowohl Ghawazu wie Khewalin -- die letzteren schicken
+sich mehr bei der Geburt eines männlichen Familienmitgliedes -- aus
+der Stadt kommen. Am siebenten Tage wird das Kind den Freundinnen der
+Mutter in großem Staat vorgeführt, in einem Siebe geschüttelt und
+feierlich im Harem umhergetragen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 509. Kinder eines nomadisierenden Stammes vom Nordrande der Wüste.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 510. Kabylenfrau (unverschleiert).]
+
+Der nächste wichtige Vorgang im Leben eines Ägypters, sei er
+Mohammedaner oder Christ, ist die +Beschneidung+. Dieselbe wird für
+gewöhnlich beim Alter von etwa sechs bis acht Jahren vorgenommen,
+unter Umständen auch später und selbst noch in den zwanziger Jahren.
+Dabei werden die Knaben stets aufgeputzt, und zwar in Weiberkleidung
+gesteckt, auch mit Weiberputz behängt; nur auf dem Kopfe tragen sie ein
+männliches Abzeichen, nämlich einen Turban. Am Vorabend, „der Nacht der
+Hennah“, versammeln sich die Frauen im Harem, kneten kleine Kerzen aus
+Teig und Hennahblättern, setzen sie auf einen Prunkteller und zünden
+sie an. Unter Gesang und Paukenschall ziehen sie mit dem Teller, dem
+der Knabe folgt, durch das ganze Haus und beschenken die Mutter. Für
+die Nacht legen sie sich und ebenso dem Beschneidungsanwärter ein Stück
+Hennahpflaster in die Handhöhlung, so daß diese am anderen Morgen eine
+rotbraune Färbung aufweist. Am nächsten Tage findet großer Umzug statt.
+Der Kandidat wird in seiner Weibertracht von einem Diener auf einem
+Pferde durch die Straßen geführt; dabei hält er sich beständig ein
+besticktes Tuch vor den Mund. Ihm voran schreiten ein Diener des die
+Handlung vornehmenden Barbiers und ein paar Musikanten; ersterer trägt
+ein Schild seines Herrn, einen hölzernen Halbzylinder mit vier kurzen
+Beinen, dessen Rückseite mit einem Vorhang und dessen Vorderseite
+mit Spiegelscheiben und Kupferbeschlag bedeckt ist. Dem jugendlichen
+Reiter schließen sich die Verwandten an. Zur Verringerung der Kosten
+verbindet man einen solchen Aufzug öfters mit einem Hochzeitszug;
+häufig pflegt man auch zwei Knaben auf ein Pferd zu setzen. Noch
+feierlicher und großartiger gestaltet sich die Sache in den gelehrten
+Familien und bei den Wohlhabenderen. Am Tage vorher begibt sich der
+Knabe unter Begleitung seiner festlich gekleideten Mitschüler und
+zahlreicher Angehöriger, Verwandter und Freunde in eine Moschee, um
+hier seine Gebete zu verrichten. Dann wird er in festlichem Zuge zum
+Elternhause zurückgeleitet. Die Schulkameraden, die teils aus silbernen
+Flaschen wohlriechende Wässer auf die Zuschauer sprengen, teils ein
+silbernes Weihrauchgefäß schwingen, singen religiöse Wechselgesänge;
+Diener teilen aus einer silbernen Kaffeekanne an bessergekleidete
+Spaziergänger Kaffee aus, die ihnen dafür einen halben Piaster zu geben
+pflegen; auch einige Lehrer nehmen an dem Festzuge teil und stimmen
+gleichfalls Lobgesänge auf den Propheten an. Ein Knabe im Zuge trägt
+die vom Lehrer verzierte Schreibtafel des Beschneidungsanwärters an
+einem Tuche um den Hals. Dieser ist, wie schon erwähnt, nach Weiberart
+gekleidet und hält sich ein besticktes Taschentuch vor den Mund. Ihm
+folgen Weiber unter lautem Freudengeschrei, von denen eine beständig
+Salz hinter ihm ausstreut, um ihn vor dem bösen Blick zu bewahren.
+Vor dem elterlichen Hause und auch noch drinnen im Harem werden die
+Wechselgesänge von Knaben und Frauen fortgesetzt. Währenddessen lassen
+die letzteren auf die Schreibtafel des Knaben ihre Geschenke fallen,
+die nachher von ihm feierlichst dem Lehrer überreicht werden. Hieran
+schließt sich ein Festmahl, für die Frauen oben im Frauengemach, für
+die Männer und Knaben unten. Erst dann findet die Beschneidung in einem
+besonderen Raume in Gegenwart von zwei männlichen Verwandten statt.
+Wohlhabende Eltern lassen zur Erhöhung der Festfreude Fecht- und andere
+Spiele veranstalten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 511. Kabylenmädchen in charakteristischer Tracht.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 512. Wohlhabende Nordafrikanerin mit reichem Schmuck.]
+
+Von einer +Werbung+ des jungen Mannes um seine Frau ist in Ägypten
+nicht viel die Rede. Entweder seine Mutter bringt die Heirat zustande
+oder ein Vermittler von Beruf. Der Jüngling bekommt seine Auserwählte
+vorher niemals zu Gesicht (siehe die farbige Kunstbeilage), außer
+wenn es sich um gewöhnliche Fellachen handelt, die täglich zusammen
+arbeiten. Man vermählt sich sehr jung, Kinderhochzeiten aber sind
+unbekannt. Ist die Heirat ausgemachte Sache, dann findet sich der
+älteste männliche Verwandte der Braut ein, um die Brautsumme ins reine
+zu bringen. Nach Zahlung des festgesetzten Betrages wird der Ehevertrag
+unterschrieben oder, da er nicht immer schriftlich aufgesetzt wird,
+vor Zeugen wenigstens anerkannt, und zwar im Hause der Braut. Bei
+den Muselmanen setzen sich der männliche Vertreter der Braut und der
+Bräutigam auf die Erde und reichen sich die Hände, über die ein Fikih
+ein Taschentuch ausbreitet; dabei spricht er die vorgeschriebenen
+Verlöbnisworte, die ihm die beiden Männer nachsprechen. Darauf findet
+ein Fest statt. Während der nächsten acht bis zehn Tage sendet der
+Bräutigam der Braut täglich Geschenke; diese schickt ihm dafür die
+Möbel, die sie in die Ehe mitbringt, ins Haus. Der Bräutigam bewirtet
+jeden Abend Gäste bei sich. Die Braut sucht jetzt das öffentliche
+Bad auf; sie geht dabei unter einem Baldachin (Abb. 499), den ihre
+männlichen Verwandten tragen, und wird von Weibern begleitet, die
+schrille, zitternde Freudenlaute ausstoßen. Bei ihrer letztmaligen
+Anwesenheit im elterlichen Heim bewirtet sie Freunde und Verwandte und
+sammelt Geldbeträge von ihnen ein in einem Klumpen Hennah, in den die
+Eingeladenen Münzen stecken. Dieser letzte Abend, bei dem die Gäste
+außerdem noch durch bezahlte Sänger unterhalten werden, heißt deshalb
+Hennahabend. Am nächsten Abend zieht die Braut in feierlichem Zuge
+in das Haus des Bräutigams ein; die Straße, in der es liegt, hat man
+mit Lampions sowie mit roten und grünen Fähnchen geschmückt. In den
+Städten pflegt die Braut zu Fuß zu gehen oder auf einem Esel unter
+einem Baldachin zu reiten, auf dem Lande aber sitzt die Fellachenbraut,
+besonders wenn sie einer wohlhabenden Familie entstammt, auf einem
+stattlichen Kamel und hat einen prunkvollen, zeltähnlichen Baldachin
+über sich, der gewöhnlich von zwei sich kreuzenden Palmenzweigen
+getragen wird. Oft reiten auch noch zwei oder drei ihrer Freundinnen
+mit auf dem Tier. Selten wird eine Kamelsänfte benutzt. Hinter der
+Braut reiten Musikanten mit Pauken, ebenfalls auf Kamelen, und das
+ganze Dorf begleitet den Zug. Vor ihrem neuen Heim steigt die Braut
+ab, wird aber, ehe sie eintritt, noch in ein besonderes Zelt geführt,
+in dem sie mit ihren weiblichen Verwandten zu Abend speist. Inzwischen
+begibt sich der Bräutigam, von Fackelträgern und Musikanten begleitet,
+zur Moschee, um zu beten. Vor seiner Rückkehr hat die Braut ihr
+neues Heim bereits betreten, wo sie der Bräutigam zum ersten Male
+von Angesicht zu Angesicht sieht. Flößt sie ihm sogleich Abscheu
+ein, dann kann er sich auf der Stelle wieder von ihr losmachen; er
+braucht nur die Formel der dreifachen Scheidung auszusprechen. Für
+gewöhnlich geht er aber nicht gleich so weit, sondern wartet einen
+geeigneteren Zeitpunkt ab. Der Koran gewährt nämlich dem Manne die
+weitgehendste Freiheit bei der Scheidung. -- Von der Erlaubnis, sich
+vier Frauen und als Konkubinen Sklavinnen zu halten, ist man neuerdings
+sehr abgekommen; die meisten Muselmanen geben sich mit einer Frau
+zufrieden. Die Kopten kennen ihrer Religion entsprechend natürlich
+nur die Einehe. Ihre Hochzeitsfeierlichkeiten ähneln denen in anderen
+christlichen Ländern. In der Kirche findet eine Trauung statt, bei der
+der Braut eine Krone aufgesetzt wird. Man hält sodann eine Messe ab,
+und allen Teilnehmern wird das Abendmahl gereicht.
+
+[Illustration:
+
+ Nach einem Gemälde von H. Seppings Wright.
+
+Kriegsspiel in Marokko (sogen. Fantasia).]
+
+Sowie der Tod eingetreten ist, muß die +Leiche+ mit dem Gesicht nach
+Mekka zu gelagert und noch am selben oder spätestens am nächsten
+Tage beerdigt werden. Inzwischen klagen und schreien die Frauen des
+Hauses unaufhörlich. Die Leiche wird in eine Art Sack gehüllt und
+auf einer Bahre zum Grabe getragen; vorauf gehen Männer, die das
+Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist
+sein größter Prophet“ und im Anschluß daran „Die Gnade Gottes sei mit
+ihm und Friede“ singen. Hinter der Bahre, die von Freunden getragen
+wird, gehen die Frauen in Haufen und stimmen ein gleichsam heulendes
+Begräbnisgeschrei an; sie schlagen sich dabei auf die Brust, bewerfen
+sich den Kopf mit Staub und zerraufen sich das Haar. Zunächst kommt
+die Leiche noch in die Moschee, wo der Imam sie einsegnet, dann wird
+sie auf den Friedhof getragen, wo die letzten Förmlichkeiten vollzogen
+werden. In der ersten Nacht nach dem Begräbnis, der „Nacht der
+Einsamkeit“ -- so genannt, weil in ihr die Seele des Verstorbenen, noch
+mit dem Leibe verbunden, für sich allein auf dem Friedhof zurückbleibt,
+um erst am andern Tage entweder nach dem Ort der Seligen oder nach
+dem Gefängnis der Verdammnis zu wandern -- kommen die Freunde und
+Bekannten der Leidtragenden in deren Hause zusammen, um ihnen ihr
+Beileid auszusprechen und bei Kaffee und Tabak sich zu unterhalten,
+während jene entweder sich dabei beteiligen oder sich in einem Winkel
+des Hauses ihrem Schmerz überlassen. Zu gleicher Zeit finden sich zwei
+bis drei Schulmeister ein, die zuerst eine einfache Mahlzeit einnehmen
+und dann das siebenundsechzigste Kapitel des Korans herbeten, auch
+unaufhörlich den Namen „Allah“ ausrufen, um Gott zu zwingen, sich der
+armen Seele des Heimgegangenen zu erbarmen. -- An den nächstfolgenden
+Tagen setzt sich das eintönige Klagen der Weiber fort und wiederholt
+sich sogar noch jahrelang an bestimmten Tagen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 513. Nordafrikanerin mit Gewandnadeln (Fibeln)
+
+in ursprünglicher Form.]
+
+Männer tragen keine +Trauerkleidung+, die Frauen aber legen Schwarz
+an und lassen für gewöhnlich ihr Haar ungeflochten. Eine Woche später
+besuchen sie das Grab und legen zerbrochene Palmzweige darauf. In
+Oberägypten opfern sie oft noch ein Lamm oder eine Ziege am Grabe.
+Diese Zeremonien wiederholt man gelegentlich bis zum vierzigsten Tage
+nach dem Tode. -- Die Begräbnisgebräuche der Kopten sind denen der
+Mohammedaner ziemlich ähnlich, ausgenommen die Riten, die bei diesen
+den Vorschriften der christlichen Religion entsprechen.
+
+
+
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Em. Frechon, Biskra.
+
+Abb. 514. Betende Mohammedaner aus Algerien.
+
+Vor dem Gebet werden die Sandalen abgelegt.]
+
+
+
+
+Nordafrika.
+
+
+Als Nordafrika bezeichnen wir die französischen Provinzen
+beziehungsweise Schutzstaaten Marokko, Algerien und Tunis, sowie die
+italienische Provinz Tripolis. Ursprünglich wurden diese Gebiete wohl
+von Menschen bevölkert, die mit der Urbevölkerung der europäischen
+Mittelmeerländer gleicher Abstammung waren, anscheinend auch eine
+ganz nahe Verwandtschaft mit den Urhamiten besessen haben müssen.
+Ihre heutigen Nachkommen sind die +Berber+ Marokkos und die +Kabylen+
+Algeriens. Zu ihnen gesellten sich bereits in der Vorzeit von Europa
+her, über damals wahrscheinlich zahlreicher vorhanden gewesene
+Inselbrücken, nordeuropäische (urgermanische) Völker hinzu, die jener
+Urbevölkerung vielfach ihren Typus aufprägten, denn anders lassen sich
+die zahlreichen blonden oder wenigstens hellfarbigen und helläugigen
+Elemente unter den Berbern -- Tissot behauptet, daß solche unter
+der heutigen Bevölkerung Marokkos etwa zu einem Drittel, unter den
+Riffberbern sogar bis zu zwei Dritteln angetroffen werden -- nicht
+erklären. Um die Mitte des elften Jahrhunderts erfolgte von Osten her
+die Einwanderung von +Arabern+, also von semitischen Elementen, die
+sich zu Herren des Landes aufwarfen und es bis heute geblieben sind.
+Sie wohnen meistens in den Städten und größeren Ortschaften, während
+die Berber mehr auf dem Lande angesiedelt sind.
+
+Die +Berber+ sind schlanke, aber kräftig entwickelte Gestalten (Abb.
+502 und 503) von einer Körpergröße, die über das Mittelmaß hinausgeht.
+Ihr Schädel ist vorwiegend lang, desgleichen ihr Gesicht lang und
+schmal, die Nase gerade oder gebogen (siehe die Kunstbeilage und Abb.
+501). Sehr auffallend ist, wie schon gesagt, das Vorkommen hellfarbiger
+Elemente unter ihnen, die sonst dunkles Haar, ebensolche Augen und
+tiefbrünetten Teint ausweisen. Sie (und ebenso die Kabylen) sind
+kriegerisch veranlagte Leute (siehe die farbige Kunstbeilage sowie
+Abb. 504 und 505), die sowohl unter sich wie auch besonders mit der
+Regierung des Sultans in beständiger Fehde leben; die meisten von
+ihnen leben unabhängig, andere wiederum zahlen eine Abgabe, aber
+gewöhnlich nur auf kräftiges Drängen des Sultans. Trotz dieser ihrer
+Liebe zum Rauben und Plündern ist der Charakter der Berber von größerer
+Offenheit und Geradheit als der der Araber; im besonderen rühmt man
+ihnen große Gastfreundschaft nach. Infolge des jahrhundertelangen
+Zusammenlebens mit den Arabern sind die Berber vielfache Mischungen
+mit ihnen eingegangen, zumal beide Teile Anhänger des Islams sind,
+die Religion also keinen Hinderungsgrund dafür abgibt. Vollblutaraber
+gibt es also heutigestags wohl nur wenige, am meisten noch in den
+Zeltdörfern in einzelnen ebenen Teilen des Landes, sowie jenseits des
+Atlasgebirges in den breiten, meistens ausgetrockneten Flußtälern am
+Nordrande der Wüste, wo sie ein Nomadenleben (Abb. 506 und 509) führen
+oder auch etwas Ackerbau treiben. Je weiter nach Osten zu, um so
+zahlreicher werden die arabischen Elemente gegenüber den berberischen.
+Die nordafrikanischen +Araber+ -- in Tunis und Algerien Mauren genannt
+-- verleugnen ihre semitische Abstammung nicht. Sie sind etwas kleiner
+als die Berber, auch schlanker gebaut als diese. Das ovale Gesicht ist
+von hellerer Hautfarbe, die Nase gebogen. Auch in der Charakteranlage
+erinnert der Araber sehr an seine semitische Abstammung.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 515. Kabylenfrau (unverschleiert).]
+
+Ein drittes Volkselement in Nordafrika bilden die +Juden+. Sie
+sind für das Land sehr wichtig, da in ihren Händen nicht nur der
+gesamte Handel, sondern auch die Industrie ruht. Die meisten von
+ihnen stammen von portugiesischen und spanischen Flüchtlingen ab,
+die Ende des sechzehnten Jahrhunderts und auch noch später infolge
+der Judenverfolgungen einwanderten, und weisen daher den vornehmen
+Typus der sogenannten Spaniolen, nicht den zumeist häßlichen der
+nordeuropäischen Juden auf. Durch +besondere Schönheit+ zeichnen sich
+die marokkanischen Jüdinnen aus, zumal in ihren Mädchenjahren. Leider
+wird dieser Liebreiz schon frühzeitig durch das gewohnheitsmäßige
+Nudeln sehr beeinträchtigt, eine Unsitte, die sie mit den Araberinnen
+wie überhaupt mit allen Orientalinnen teilen. Denn Wohlbeleibtheit
+(Abb. 507) gilt im Orient allgemein als Ideal weiblicher Schönheit.
+Besonders in der Zeit zwischen Verlobung und Vermählung stopfen sich
+die jungen Jüdinnen Marokkos, um recht dick zu werden, täglich mit
+vierzig bis sechzig zigarrenförmigen Nudeln aus Weizenmehl, dazu mit
+Süßigkeiten; die in Tunis mästen sich mit dem Fleisch junger Hunde und
+mit Fettlebern, bis die gewünschte Körperfülle erreicht ist.
+
+Schließlich wollen wir nicht vergessen, die zahlreichen +Mischlinge+ zu
+erwähnen, die aus einer Kreuzung nicht nur der Araber mit den Berbern,
+sondern auch zwischen diesen und den im Laufe der Zeiten eingewanderten
+zahlreichen Römern, Vandalen, Spaniern, Italienern und anderen Völkern
+der Mittelmeerländer hervorgegangen sind. Auch Neger haben hieran
+teilgenommen, die noch ihren Geisterkultus treiben (Abb. 508 und 516).
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. J. R. Tremcarne.
+
+Abb. 516. Geisterkultus bei den Negern Nordafrikas.
+
+Das Bild zeigt ein von einem Buschgeist oder Dschinn (Joguwa)
+besessenes Weib.]
+
+Die +Kleidung+ der nordafrikanischen Eingeborenen ist im allgemeinen
+die in den islamitischen Ländern übliche. Bei den einfacheren Stämmen
+des Sahararandes beschränkt sie sich auf ein umgebundenes Fell; wer
+sich aber mehr leisten kann, legt sich eine Tobe, ein weites, bis
+an die Knie reichendes Hemd, zu. Darüber wird meistens noch ein
+Umschlagetuch aus Baumwolle, zur kälteren Jahreszeit oder auf Reisen
+aus Wolle, der sogenannte Burnus, von den Männern getragen. Als
+Kopfbedeckung kommen der Fes oder bei reicheren Leuten der Turban und
+als Fußbekleidung gelbe Lederpantoffel hinzu. Die jüngeren Männer
+nehmen heutzutage mehr und mehr europäische Kleidung an. Das Haar
+wird meistens kurzgeschnitten getragen, die Riffberber lassen sich
+den Kopf scheren und nur auf der rechten Seite des Hinterkopfes ein
+Büschel stehen, das sie in kleine Zöpfchen flechten. Frauen und
+Mädchen (Abb. 511) pflegen weite Beinkleider aus farbigem Stoff, ein
+weißes Musselinhemd und eine farbige, meistens mit Gold, Silber und
+Seide kunstvoll bestickte Jacke anzulegen und über den Hüften einen
+silbernen Gürtel zu tragen. Auf dem Kopfe haben sie eine bestickte
+Mütze, an den Füßen Sandalen aus feinem Marokkinleder. Bei den ärmeren
+Stämmen beschränkt sich die Gewandung auf zwei Stücke groben, für
+gewöhnlich blaugefärbten Stoffes. Stets aber wird großes Gewicht auf
+recht viele Ketten aus Silber und Münzen im Haar und um den Hals, sowie
+auf nicht minder zahlreiche Ringe und Spangen um Hand- und Fußgelenke
+gelegt; reichere Frauen vervollständigen ihren +Schmuck+ durch Perlen,
+Diamanten und andere Edelsteine (siehe die Kunstbeilage und Abb.
+512). Ein altes Überbleibsel aus der Vorzeit sind die Fibeln oder
+Gewandnadeln (ganz noch in der ursprünglichen einfachen Form gehalten)
+zum Zusammenstecken der Kleidungstücke (Abb. 513). Natürlich geht
+die Mohammedanerin auch hier außerhalb ihres Hauses stets verschleiert;
+ärmere Weiber begnügen sich damit, durch Vorziehen ihres Gewandes das
+Gesicht zu verhüllen. Bei Ausgängen hüllen sich die Frauen in ein
+großes wollenes Tuch, den Haik, das über den Kopf geht und bis auf die
+Augen herabreicht, von der linken Hand über der Brust zusammengehalten
+und mit der rechten bis über die Nase hochgehoben wird. In solcher
+Umhüllung gleichen sie lebendig gewordenen Wäschebündeln von manchmal
+nicht ganz einwandfreier Beschaffenheit. Die Kabylenfrauen (Abb. 510
+und 515) halten sich hinsichtlich der Verschleierung nicht so streng an
+die Vorschrift des Islams.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock.
+
+Marokkanische Schönheit.]
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock.
+
+Marokkanischer Beduinenscheich.]
+
+Sehr kostbar pflegt die +Kleidung der Jüdinnen+ zu sein. Ihre
+Hauptstücke bestehen aus Samt und Seide; sie sind in der
+verschwenderischsten Weise mit echtem Gold besetzt. Dazu kommen die
+sonstigen Schmucksachen, Ketten, Ringe, Spangen und so weiter, die in
+ihrer Kostbarkeit oft bis zu zweitausend Mark Wert vorstellen sollen.
+Der junge Ehemann schenkt seiner Neuvermählten an kostbaren Gewändern,
+Schmucksachen und anderen wertvollen Dingen, soviel nur in seinen
+Kräften steht. In Tunis tragen die Jüdinnen, die sich rühmen, von den
+ursprünglichen Ansiedlern abzustammen, die bereits zu Salomos Zeiten
+herüberkamen, eine ganz eigenartige, schwer vergoldete spitze Kappe,
+über die sie noch einen seidenen Schal ziehen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Mary Tremearne.
+
+Abb. 517. Eine über die Haustür gemalte Hand als Schutz gegen den bösen
+Blick.]
+
+Wenngleich der Araber behauptet, daß er sein ganzes Vertrauen auf
+Allah setze (Abb. 514), so lebt er dennoch in ständiger Furcht, daß
+irgendein böser Geist, von ihm Dschinn genannt (Abb. 518), seinen
+Untergang beschlossen oder irgendein Mitmensch ihm mit dem bösen Blick
+etwas angetan habe. Um dies zu verhüten, bedeckt er sich mit allerlei
++Talismanen+, die in frommen Sprüchen aus dem Koran, magischen Zeichen
+oder Figuren bestehen, oder mit verschiedenen Zaubermitteln in Gestalt
+eines Fisches, einer Menschenhand, eines Schwertes, Schlüssels,
+Halbmondes und anderer ähnlicher Dinge. Ja noch mehr, nicht nur seine
+eigene Person sucht er dadurch zu schützen, sondern auch sein Eigentum;
+er hängt zu diesem Zweck ein Hufeisen über seine Tür und bemalt seine
+Hausgegenstände und Tiere mit den angeführten Figuren, beziehungsweise
+hängt sie ihnen um. Ein sehr beliebtes Zeichen ist hierfür die
+menschliche Hand (Abb. 517), die in schwarzer oder roter Farbe über
+fast jeder Türe prangt, auf die Haut der Haustiere gestrichen oder
+mit Blut auf die Instrumente, die bei gewissen religiösen Handlungen
+Verwendung finden, gemalt, wie auch von den Schönen des Landes in
+Silber um den Hals getragen wird. An vielen Gebäuden ferner füllt
+man die Mauerritzen mit Papier aus, auf dem Koransprüche geschrieben
+stehen, mischt solche Papierstückchen auch wohl unter den Mörtel, mit
+dem die Häuser aufgeführt werden.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. J. N. Tremearne.
+
+Abb. 518. Eine Borizeremonie.
+
+Einer der Tänzer hält sich für besessen von dem Bori oder Dschinn
+Mai-Aska, der als Barbier der Geisterstadt gilt. Er schickt sich an,
+die anderen zu rasieren.]
+
+Da die Araber Nordafrikas so tief im +Aberglauben+ stecken, nimmt es
+nicht wunder, wenn man hört, daß +Wahrsager+ und +Kristallschauer+ sehr
+gesucht von ihnen sind. Gewahrsagt wird aus Mustern, die auf Sandhaufen
+gezeichnet werden, durch Zählen von Bohnen oder durch Schriftzeichen;
+auch das Weissagen aus den Eingeweiden der Opfertiere und andere
+derartige Verfahren sind noch gebräuchlich. Christen und Juden sind für
+den Araber Fremde, daher schreibt er ihnen auch böse Kräfte zu. Bekommt
+er am Morgen den einen oder den anderen als erste Person, die ihm
+begegnet, zu Gesicht, so legt er dieses Zusammentreffen als eine üble
+Vorbedeutung aus. Auch die schwarze Farbe gilt für eine solche; daher
+begegnet ein Araber ungern einem Neger, selbst einem solchen seines
+Glaubens, und noch weniger gern Amseln. Dagegen ist Weiß die Farbe
+der Freude und der guten Vorbedeutung; ein junges Mädchen, das Milch
+austrägt, gilt für ein erfreuliches Vorzeichen.
+
+Um Regen herbeizuführen, der bei der unter den nordafrikanischen
+Himmelstrichen herrschenden Trockenheit meistens sehr erwünscht ist,
+werden ebenfalls allerlei geheimnisvolle Maßnahmen getroffen. Eine der
+interessantesten ist der Ghonja. Ist eine große Dürre eingetreten,
+dann kleidet man eine Wasserkelle wie eine Puppe (Ghonja) an und führt
+sie im Zuge durch die Straßen; die alten Weiber und die Kinder singen
+dabei: „Ghonja hat sein Haupt entblößt. Gib ihm zu trinken! O Herr, gib
+uns Regen!“ oder so ähnlich. Die Puppe und die mit ihr Hantierenden
+werden zuletzt mit Wasser begossen.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 519. Kabylenknabe im Alter der Beschneidung.]
+
+Um die +Liebe+ des anderen Geschlechtes zu gewinnen, gibt es
+eine Unmenge +Zaubermittel+. Durch solche Hilfsmittel kann man
+auch Uneinigkeiten zwischen Verliebten stiften, wenn man ihre
+bevorstehende Hochzeit nicht gern sieht. Zu diesem Zwecke nimmt man
+Wasser, mit dem ein Toter gewaschen wurde, und schüttet es über das
+betreffende Mädchen. Daraufhin entstehen zwischen dem verlobten
+Paare Streitigkeiten, die eine Auflösung seines Verhältnisses zur
+wahrscheinlichen Folge haben. Glaubt eine Frau in Marokko, daß die
+Zuneigung ihres Gatten im Abnehmen begriffen sei, so läßt sie sich
+Honig von der Stirn bis zum Kinn über das Gesicht herablaufen und
+fängt ihn unten mit einem Löffel auf. Darauf sticht sie sich mittels
+eines Feigenblattes in die Zunge, mischt das daraus hervorquellende
+Blut mit sieben Salzkörnern und mengt es unter den Honig; weiter
+läßt sie Blut in den Löffel tropfen, das von der Stelle zwischen den
+Augenbrauen stammt, und fügt darauf noch weitere sieben Salzkörnchen
+hinzu. Das Ganze vermischt sie mit so viel Erde von ihren Fußspuren,
+wie erforderlich ist, um drei Silbermünzen zu bedecken, und tut alles
+zusammen in das Essen ihres Mannes, worauf bei diesem die im Erkalten
+begriffene Liebe wieder entfacht werden soll.
+
+Da der +Wunsch nach Kindern+ unter den Mohammedanerinnen ein recht
+reger ist und auf der anderen Seite die Frau, die ihrem Gatten keine
+solchen schenkt, der allgemeinen Verachtung preisgegeben ist, auch
+schwer einen zweiten Mann bekommen kann, so greift sie in ihrer Angst
+nach allerhand Amuletten und Zaubersprüchen, die ihr zur Erreichung
+ihres Zieles behilflich sein sollen. Wir haben diese verschiedenen
+magischen Zeichen und Gegenstände bereits kennen gelernt; für besonders
+wirksam werden solche Formeln, Zeichen und Figuren gehalten, wenn
+sie mit einem Myrtenzweig und einer Tinte aus Safran und Rosenwasser
+auf Gazellenhaut aufgetragen und dann in einem stählernen Behälter
+aufbewahrt werden. Auch werden von unfruchtbaren Frauen Pilgerfahrten
+nach heiligen Orten oder Schreinen unternommen, wo sie vielfach an
+einem besonderen Baum Zeugfetzen aufhängen.
+
+Wenn eine +schwangere Kabylin+ eine schwere Geburt bereits
+durchgemacht hat und eine solche von neuem befürchtet, trägt sie
+zur Erleichterung ihrer Niederkunft in den Falten ihres Haiks eine
+Mischung von Öl und Eichelasche mit sich herum oder bindet sich auf
+einen ihrer Oberschenkel einen Feuerstein auf; ebenso trägt sie wohl
+an ihrem rechten Oberschenkel ihren eigenen Haarkamm mit dem darauf
+geschriebenen Wunsche einer leichten Geburt.
+
+Die +Geburt+ eines Kindes wird auch in Nordafrika von den einheimischen
+Stämmen mit großer Freude und lautem Lärm begrüßt, besonders aber,
+wenn ein Sohn angekommen ist. Die Geburtshelferin meldet dies bei den
+Kabylen mit einem lauten „Yu, yu“ an, worauf sich alle Männer des
+Dorfes versammeln und Freudenschüsse abgeben. Die Großeltern beschenken
+das Neugeborene, festlich angetan, mit mancherlei Gaben und wünschen
+ihm Glück, und mit Stolz befestigt man auf der Stirn der Wöchnerin das
+Thabazimth, ein rundes, broschenähnliches Schmuckstück, zum Zeichen,
+daß sie der Familie einen Erben und dem Dorfe einen Verteidiger
+gegeben hat. Der glückliche Vater zahlt der Gemeinde eine Abgabe,
+oft verdoppelt er sie aus eigenem Antrieb. Um den bösen Blick oder
+die Dschinns zu bannen, werden Mutter und Kind mit Salz bestreut. Am
+siebenten Tage nach der Geburt pflegen sich die Bekannten einzufinden
+und das Kind zu beschenken. Dabei findet für gewöhnlich eine religiöse
+Festlichkeit statt.
+
+Sind die Mädchen etwa sieben Jahre alt geworden, dann +färbt+ man
+ihnen die +Hände mit Hennah+, fettet ihnen das Haar ein und flicht es
+fest zu einem Zopf; von da an gelten sie für Jungfrauen und müssen an
+der Öffentlichkeit auch den Schleier tragen. Die Knaben (Abb. 519)
+werden zu ungefähr der gleichen Zeit, bald etwas früher, bald später,
++beschnitten+. Auch hierbei werden Festlichkeiten abgehalten.
+
+[Illustration:
+
+ Mit Genehmigung von Richard Bong in Berlin.
+
+Arabischer Schleiertanz.
+
+Nach dem Gemälde von F. M. Bredt.]
+
+Die +Brautwerbung+ ist die bei den islamitischen Völkern überhaupt
+übliche. Wenn die Brautgeschenke dargebracht sind, wird der
+Hochzeitstag festgesetzt. An diesem begeben sich die Brautjungfern
+mit der Braut zum Bade, waschen sie dort und schmücken sie mit neuen
+Kleidern. Da Wert darauf gelegt wird, recht prunkvoll aufzutreten, so
+werden vielfach besonders kostbare Kleidungstücke und Schmucksachen
+von guten Bekannten geborgt. Auf dem Wege nach dem Bade besprengen
+andere Frauen die Braut mit Weihwasser als Symbol der Fruchtbarkeit.
+Die eigentlichen +Hochzeitsfeierlichkeiten+ dauern für gewöhnlich
+drei Tage, der Abend des zweiten Tages ist aber der bedeutungsvollste
+für die Braut, denn an ihm findet das Hennahfest statt. Nachdem sich
+die versammelten Gäste an den ihnen vorgesetzten Leckerbissen gütlich
+getan haben, sorgt man noch für ihre Unterhaltung durch Vorführung
+von Tänzen (siehe die Kunstbeilage), die von einer weiblichen Kapelle
+oder blinden männlichen Musikanten begleitet werden; solche sind außer
+den allernächsten Angehörigen die einzigen männlichen Wesen, denen
+man Zutritt zu den Frauengemächern (Abb. 520) gewährt. Vielfach sind
+die Tänze (Bauchtanz) und die Darbietungen der Musikanten ziemlich
+obszöner Natur. Auch Lieder und Geschichten werden aus diesem Anlaß
+vorgetragen (Abb. 522). Überhaupt sind Geschichten- und Märchenerzähler
+allgemein beliebt; man trifft sie vielfach auf den Straßen an, umgeben
+von einer aufmerksamen Zuhörerschaft (Abb. 521). Die Braut und ihre
+Begleiterinnen sind bei dem Gelage zunächst nicht zugegen, zumal
+sich bisweilen Männer unter den Gästen befinden; sie kommen aber
+herunter, wenn sich diese zurückgezogen haben. Wie während der ganzen
+drei Tage ihrer Hochzeit muß die Braut auch jetzt wieder still auf
+einem erhöhten Holzschemel oder Stuhl sitzen; ihre Füße ruhen dabei
+auf dem Brautkoffer, der ihre Ausstattung enthält, oder auf einem
+Schmuckkasten mit kostbarem Inhalt, ihre Hände ausgestreckt auf
+den Knien; sie darf sich nicht bewegen, auch ihr Gesicht nicht zum
+Lächeln verziehen, sondern muß ganz still und ernst dasitzen. Darauf
+wird das Hennahfärben an ihr vorgenommen. Meistens tut dies eine
+hierfür bestellte Frau, die dazu einen großen Korb mit Hennah und zwei
+gestickte Taschen mitbringt. Sie kaut Hennahblätter in ihrem Munde zu
+einem Brei und färbt der Braut damit die Handflächen, die Fußsohlen
+und manchmal auch das Gesicht an der Haargrenze. Besondere Sorgfalt
+wird auf die Färbung der Hände verwendet. Es werden auf ihnen zwei
+Striche gemacht, der eine vom Daumenballen zum vierten Finger und
+der andere über die Fingerspitzen bis zum ersten Gelenk; die Ränder
+dieser Striche werden noch mit Zierpunkten und geschwungenen Linien
+verziert. Nun werden die Hände fest verbunden, worauf sie von der Braut
+in die erwähnten Taschen gesteckt werden. Der Verband darf nicht eher
+abgenommen werden, bis die Farbe genügend in die Haut eingedrungen
+ist; um die Sache zu beschleunigen und am Hochzeitstage nicht zu lange
+deswegen warten zu müssen, lassen manche Mädchen das Färben schon
+vorher an sich vornehmen. Inzwischen wird die Braut verschleiert und,
+wenn die Hennahzeichen trocken geworden sind, ins Brautgemach geführt.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. Lehnert & Landrock, Tunis.
+
+Abb. 520. Im Frauengemach (Nordafrika).]
+
+Bei den +Juden+ geht, wie schon erwähnt, der +Hochzeit+ das Mästen
+des jungen Mädchens voraus. Die Hochzeitsfeierlichkeit spielt sich
+hier in ganz anderer Weise als bei den Mohammedanern ab. Sie findet
+in der Synagoge oder im Schlafzimmer der angehenden Eheleute statt.
+Die Ankunft des Bräutigams wird von den Frauen mit einem eigenartigen
+Ruf oder Kururua begrüßt; er wird hineingeleitet, bindet sich eine
+seidene Schärpe um den Hut und nimmt zur Linken der Braut Platz. Der
+Rabbi segnet das Paar ein, betet für sein Wohlergehen, legt seine Hände
+ineinander und läßt die Ringe wechseln. Sodann nimmt er ein Glas Wein
+in die eine Hand, breitet die andere über die Neuvermählten aus und
+bietet beiden zum Trinken an, worauf das Glas zertrümmert wird. Man
+verabreicht auch Wein in kleinen Gläsern an die nahestehenden Freunde
+und Verwandten, sowie Süßigkeiten an alle Teilnehmer der Trauung.
+
+Über die +Sittlichkeit+ der nordafrikanischen Stämme scheinen die
+Ansichten auseinanderzugehen; zumeist wird allerdings berichtet, daß
+man streng auf Moralität sowohl vor wie in der Ehe halte, indessen
+kommen auch Ausnahmen vor. Eine solche macht der ganze Stamm der Uled
+Nail in Algerien. Hier gehen sämtliche Mädchen in Begleitung ihrer
+Mütter oder älteren Schwestern in die von Fremden und Nomaden gut
+besuchten Oasenstädte und geben sich dort für mehrere Jahre dem Gewerbe
+der Prostitution hin. Nachdem sie sich damit ein kleines Vermögen
+erworben haben, kehren sie in ihre Heimat zurück und bekommen als
+begüterte Frauen hier leicht einen Gatten.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. A. B. Liley.
+
+Abb. 521. Ein Geschichtenerzähler.
+
+Es sind dies bei der maurischen Bevölkerung sehr beliebte
+Persönlichkeiten. Manche dieser Erzähler füllen die Pausen durch
+Musikvorträge aus einem Tamburin oder einer zweisaitigen Geige aus;
+andere lassen sich von ihren Dienern im Chor begleiten.]
+
+Ist ein Araber ernstlich +erkrankt+, dann wird der Priester gerufen,
+um zu sehen, was er für ihn tun kann. Der Sterbende wird von ihm
+aufgefordert, zu beichten und sein Glaubensbekenntnis herzusagen;
+das genügt für sein Seelenheil. Daneben kommt aber auch wieder der
+Aberglaube zu seinem Recht. Man holt ein Huhn und schneidet ihm
+die Kehle durch. Ein Knabe muß es dann eine Strecke weit in einer
+bestimmten Richtung forttragen. Begegnet ihm dabei niemand, dann
+darf man auf Genesung des Kranken rechnen; sollte er aber doch auf
+jemand stoßen, obwohl man die Nachbarn davor zu warnen pflegt, ihm
+in den Weg zu laufen, so ist dies eben Kismet, wie der Mohammedaner
+zu sagen pflegt, das Schicksal, der Wille Allahs. Die +Leichen- und
+Bestattungsgebräuche+ sind die gleichen, wie wir sie bereits von der
+islamitischen Bevölkerung Ägyptens oben kennen gelernt haben. Die
+Beisetzung erfolgt in einem Grabe, auf das eine Platte aus Marmor oder
+aus gemauerten Ziegelsteinen, die angeweißt werden, zu liegen kommt.
+Ein darauf angebrachter Fes oder Turban bezeichnet ein männliches
+Grab. In der Mitte der Platte wird ein Loch angebracht, das man
+mit Opfergaben aus Brot und Wasser versieht, damit der Geist des
+Verstorbenen daran merke, daß die Hinterbliebenen ihn nicht vergessen
+haben.
+
+[Illustration:
+
+ Phot. H. H. Johnston.
+
+Abb. 522. Szene von einer Berberhochzeit.
+
+Der Brautführer trägt ein Lied vor.]
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+ Druck der
+ Union Deutsche Verlagsgesellschaft
+ in Stuttgart.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 67289 ***