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-The Project Gutenberg eBook of Aus der Schweiz, by Ida von
-Düringsfeld
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
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-using this eBook.
-
-Title: Aus der Schweiz
-
-Authors: Ida von Düringsfeld
- Ida von Reinsberg-Düringsfeld
-
-Release Date: January 2, 2022 [eBook #67083]
-
-Language: German
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This transcription was produced from
- images generously made available by Bayerische
- Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHWEIZ ***
-
-
-
-
-
- Aus der Schweiz.
-
-
- Von
-
- Ida von Düringsfeld,
-
- Verfasserin von »Schloß Goczyn«.
-
-
- Bremen,
-
- Verlag von Franz Schlodtmann.
-
- 1850.
-
-
-
-
-An Otto.
-
-
- Es schäumen und es rauschen
- Die grünen Wellen des Rheins,
- Wir horchen, und wir lauschen
- Dem Steigen des Mondenscheins.
-
- Der Mondschein wiegt im Rheine
- Glühend, wie feurig Gold,
- Ueber die schwarzen Steine
- Das duftige Silber rollt.
-
- Wir blicken ernstlich nieder,
- Es dünkt uns so bekannt,
- Als wären wir schon wieder
- Im theuren Vaterland.
-
- Am Rheinfall, den 28. September 1849.
-
-
-
-
-Zwei Worte voraus
-
-
-vor diesem meinem ersten Wort »Aus der Schweiz« in die Heimath, um
-Täuschungen nicht erst entstehen zu lassen. Man möchte erwarten, ich
-hätte »die Schweiz« geschildert -- dem aber ist nicht so, -- ich schrieb
-nur »Aus der Schweiz«. Darum frage man mich nicht: wo ist Interlaken, wo
-Bern, wo Vevey? Ich habe gewählt aus dem Gesehenen. Und wenn das Gewählte
-ungleich erscheint, hier ganz modern, dort barock veraltet, so ist es eben
-wieder »aus der Schweiz«, und diese nicht nur eine Eidgenossenschaft
-von Cantonen, sondern auch von Contrasten. Meine persönlich-politische
-Empfindung mag denn auch mit gefärbt haben, Andere würden vielleicht
-anders sehen als ich. Ich habe mich zwar ernsthaft bemüht, so unparteiisch
-wie möglich zu sehen, aber Sympathie und Antipathie sind unsichtbare
-Brillen -- wer weiß, sind sie mir nicht zwischen das Auge und meine
-Gegenstände geschoben worden? Wie dem nun sei, möge mein kleines Buch von
-meinen Schweizer Freunden freundlich und arglos aufgenommen, in der Heimath
-aber gern gelesen werden, wenn man sich nämlich nach der langen Zeit eines
-Jahres einer armen Verschlagenen dort noch erinnert.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Mauricy W***. 1
-
- Von Genf nach Baden. 25
-
- Die beiden Wittwen. 43
-
- Waadtländerin und Pariser. 56
-
- Tagebuch in Schwyz. 111
-
- Im Mätteli. 126
-
- Mys lieb Beat. 132
-
- Die Urschweiz. 178
-
- Ein Sonnenaufgang auf der Rigi. 186
-
- Im Hotel Weber. 191
-
- Die Heimathlosen. 201
-
-
-
-
-Mauricy W***.
-
-
-Gleich zu Anfang unseres Aufenthaltes in der Schweiz wohnten wir einen
-Monat lang in Horgen am Zürchersee.
-
-Der Meierhof ist eigentlich keine Pension: außer uns hielt sich nur noch
-ein Pole dort auf, derselbe, dessen Namen diese Skizze trägt. Wir wußten
-jedoch damals seinen Namen noch nicht, sondern nur, daß er an der Brust
-leide, den Sommer über in Interlaken zur Molkenkur gewesen sei und jetzt
-in Horgen die Traubenkur gebrauchen wolle. Warum er zu diesem Zwecke nicht
-lieber in die französische Schweiz ging? Eine polnische Familie, welche
-in der Nähe von Zürich ein Landhaus besaß, hatte einen sehr geschickten
-Arzt bei sich. Mit diesem war Mauricy in Interlaken bekannt geworden und
-hatte solches Vertrauen zu ihm gefaßt, daß er noch länger in seiner
-Behandlung zu bleiben wünschte. Die Familie hatte mit jener Herzlichkeit,
-welche die Polen unter sich verbindet und sie gleichsam zu Gliedern _einer_
-Familie macht, dem kranken Landsmann ihr Haus angeboten, aber er wollte
-weder geniren, noch genirt sein, und so kam es, daß wir ihn in Horgen
-kennen lernten. Von hier aus konnte er mit den vielen Dampfschiffen, welche
-den Zürichersee durchfurchen, täglich nicht nur ein, sondern mehrere Male
-hinüber.
-
-Ich will unsern Hausgenossen schildern. Sein Aeußeres war sonderbar, doch
-für uns wenigstens gleich auf eine gewisse Art einnehmend. Wir sahen ihn
-zum ersten Male, als er die Treppe hinaufstieg, welche zu seinen und
-unsern Zimmern führte. Groß und schlank ging er langsam, gebückt und
-nachlässig, die Augen gleichgültig vor sich hin gerichtet, ohne irgend
-Etwas, folglich auch ohne uns zu bemerken. Sein glattes Haar war dunkel und
-tief auf die Stirn gekämmt, welche, gleich dem ganzen zusammengefallenen
-Gesichte, eine wachsgelbe Farbe hatte. Die Kleidung war grau, aber auch vom
-Kopf bis zu den Füßen so vollständig grau, daß wir Mauricy später
-nie anders nannten, als unsern grauen Geist. Indessen in dieser wunderlich
-schlotternden Umhüllung und trotz seines völligen Sichfallenlassens
-sah man in ihm den ächten Edelmann. Nie wäre es Einem eingekommen,
-den schlichten, blassen, grauen Menschen für einen =commis voyageur= zu
-halten. Sein Alter schätzte ich damals auf sechs- bis achtunddreißig
-Jahre, später sagte er uns, daß er achtundzwanzig sei.
-
-Am Abend wurde uns gemeinschaftlich der Thee im Salon servirt, wo ein
-vortrefflicher Flügel stand. Horgen wird blos durch die Reisenden belebt,
-welche von Arth kommen, oder dorthin fahren -- wir waren allein mit
-Mauricy. Er war anfangs ein stummer Gesellschafter; ich bemühe mich sonst
-gewöhnlich auch nicht um Bekanntwerden; was bewog mich denn, einen Versuch
-zum Gespräche mit dem bleichen Polen zu machen und mich durch seine
-Einsilbigkeit nicht zurückschrecken zu lassen? War es ein Vorgefühl, daß
-ein künftiger Freund zwischen uns Beiden sitze?
-
-Er ließ sich allmählich gewinnen und zum Sprechen bringen. Ohne gut
-französisch zu können, verstand er es genug, um sich hinreichend über
-Alles auszudrücken. Bald glitt unser Gespräch in die Politik hinein, eine
-damals, wie noch jetzt, gefährliche Bahn. Ich hatte ein Gemälde von dem
-Glücke entworfen, wie ich es mir wünsche. Ein Landhaus unter schönem
-Himmel, einen Garten voll Schatten und Stille, mit mir mein Mann und mein
-Kind, das Meer nicht weit, im Hause Bücher, Musik und Frieden. -- Unser
-Pole lächelte ein Wenig, schüttelte das Haupt -- »das würde mir nicht
-genügen. Wenn ich mein Vaterland nicht wieder glücklich sähe --« Hier
-war die Gefahr zum Streit da. Polen und Preußen haßten sich eben wie
-vielleicht noch nie. Die Polen warfen den Preußen vor, Verheißungen
-gemacht und nicht erfüllt zu haben -- die Preußen beschuldigten die
-Polen, daß sie gewährtes Vertrauen gemißbraucht. Bald versicherte
-Mauricy mir, daß er die Preußen weit mehr verabscheue als die Russen. Ich
-erwiederte eifrig und heftig: »Das habe ich schon vorausgesetzt, übrigens
-schätze ich jetzt die Polen so gering wie möglich.« Genug, wir stritten
-und sagten uns böse Dinge mit den bittersten Mienen und den lebhaftesten
-Geberden. Ich hatte über den Armen den Vortheil einer gesunden Brust und
-brachte ihn glücklich außer Athem. »Ich kann nicht mehr,« seufzte er,
-»Sie machen mich ganz schwach.« -- »Warum haben Sie denn angefangen?«
-entgegnete ich trotzig. »Ich hätte Sie wahrlich in Ruhe gelassen, denn
-ich kenne die Polen schon.« Er nahm sein Licht, schlich davon, drehte sich
-jedoch in der Thür noch einmal um. »Wenn einst Krieg wird,« sagte er
-komisch-böse, »so schieße ich Ihnen Ihren Mann dort todt.« -- »Ehe Sie
-das können, schieße ich Sie nieder,« war meine unumwundene Antwort. --
-»Oder ich Sie.« -- »So, Sie würden also auch meiner nicht schonen?«
--- »Nein, aber vorher würde ich sehr höflich meinen Hut abnehmen und um
-Erlaubniß bitten.« -- »O, bis Sie das gethan hätten!«
-
-So war unsere erste Berührung mit Mauricy. Wunderlich, wird man sagen.
-Vielleicht, doch nicht ganz so, wie es scheinen mag. Ich sage immer: einmal
-zankt man sich doch mit Jedermann; da ist's denn viel besser, mit Zank
-anfangen, als damit aufhören.
-
-Wenigstens bestätigte es sich hier. Die ausgetauschten zärtlichen
-Erklärungen störten nicht im Geringsten unser gutes Vernehmen, ja, sie
-schienen durch den unwillkürlichen Humor, welchen sie hervorgerufen, es im
-Gegentheil recht befördern zu wollen. Die gegenseitigen Fragen, wann
-wir uns todtschießen würden, ob wir einander dann beklagen würden und
-dürften, und andere, gleich harmlos-alberne, machten uns lachen, und
-wenn man erst über- und miteinander lacht, ist man auf gutem Wege zur
-Vertraulichkeit.
-
-Nicht daß wir uns nicht mehr gestritten und selbst erboßt an einander
-geärgert hätten --, alle Tage! Wir alle Drei, und insbesondere
-noch Mauricy und ich, waren zu aufgeregt durch die Zeit, um nicht das
-nachmittagliche Lesen der Zeitungen mit lauten Anmerkungen begleiten zu
-müssen. Und aus diesen Anmerkungen wurden Kämpfe zwischen Demokratismus
-und Royalismus, wie sie schwerlich selbst in der durch politische
-Haltung sich wenig auszeichnenden Paulskirche erbitterter und hitziger
-durchgefochten worden sind. Jeder, der nur auf einer Barrikade gekämpft
-hatte, war für Mauricy ein Held, für uns -- es ging Mauricy's Helden
-schlecht von uns! Dagegen schleuderte er die heftigsten Ergüsse seines
-Hasses gegen Alles, was auf Thronen saß, oder das unverzeihliche
-Verbrechen beging, in Amt oder Würden zu sein. Alle Könige und Fürsten
-müßten ermordet werden, das war sein unaufhörlich wiederkehrender Satz.
-Und wenn er könnte, setzte er jedes Mal hinzu und nahm sein Messer in die
-Hand, so würde er selbst immer Einen nach dem Andern niederstoßen.
-Wir, wieder nicht träge, ließen himmelhohe Galgen für die Radikalen
-errichten, kurz, es war schrecklich, was wir Alle wüthend und blutdürstig
-waren!
-
-Die Polen sind durch eine ganz eigene nationale Liebenswürdigkeit
-begünstigt, das hat man oft geäußert, und ich kann es nur bestätigen.
-Je mehr ich verschiedene Nationalitäten kennen lerne, je abstechender
-gegen alle, je bestechender für mich finde ich die Polen. Wäre ich
-ein Mann, ich würde mich gewiß nur in eine Italienerin oder eine Polin
-verlieben. Wenn Mauricy mich dadurch gekränkt hatte, daß er seine
-schonungslosen Angriffe vorzüglich auf Preußen richtete, so durfte er mir
-nur seine kalte Hand bieten und mich mit seinem guten Blicke um Verzeihung
-bitten, und ich war versöhnt.
-
-Der arme Mauricy, -- er hatte immer so kalte Hände! Und so blasse, -- noch
-nie hatte ich solche farblose Hände gesehen. Das Blut schien schon fremd
-in ihnen geworden zu sein, sich ganz nach den Lippen zu drängen, über die
-es täglich kam. Mauricy war krank, und wie er selbst glaubte, zum Tode.
-Auch ich war krank, an der Krankheit unseres Jahrhunderts, bei welcher
-das Leben lange währen kann, aber eigentlich nur eine lange Qual ist. Wir
-sahen uns gegenseitig leiden und bemitleideten einander. Er litt frömmer,
-geduldiger, als ich. Die Resignation, gegen welche ich mich noch sträubte,
-als müßte ich mit ihr das Leiden unwiderruflich annehmen, er _hatte_ sie
-schon -- hatte sich unter dem Kreuze gebeugt. Wir fragten einander
-eines Tages: wie lange wir schon krank wären. Vier Jahre, sagte er, ich
-sechzehn. »Dann,« sprach er sanft, »werden Sie zuerst gesund -- ich kann
-warten.«
-
-Dieses Wort war keine Phrase -- Mauricy kannte die Phrase nicht.
-Die Geselligkeit war ihm deswegen zuwider, weil in ihr so viel --
-Schicklichkeiten -- stattfinden müssen. »Was soll ich da?« fragte er,
-und ich konnte ihm das nicht sagen. Denn auch ich habe mich oft gefragt:
-was soll ich, wenn ich mich den Menschen so ganz überflüssig sah, und die
-Menschen mir.
-
-Wir, Otto, ich und Mauricy, waren einander nicht überflüssig. Wir suchten
-uns. Wir hatten uns oft auch Nichts zu sagen, aber wir saßen zusammen und
-waren still. Während des Stillschweigens gewannen wir uns noch lieber, als
-während des Zankens. Und jeden Abend wünschten wir uns mit besserm Herzen
-gute Nacht.
-
-Wenn wir Beide uns fragten, was eigentlich Mauricy zu uns führe, und
-uns bewege, für ihn Raum zu machen in unserm sonst so verschlossenen
-Zweileben, so wußte es am Ende Keiner. Er war nicht geistreich; -- was er
-auf den Universitäten von Kiew und Moskau gelernt -- ich hatte ihn stark
-in Verdacht, Alles wieder vergessen zu haben. Wie er das Examen zu seinem
-Proforma im russischen Staatsdienst gemacht, will mir noch jetzt nicht
-recht einleuchten. Uebrigens fehlte es ihm durchaus an nichts Wesentlichem,
-er wußte genug, dachte klar und klug, urtheilte richtig, nur glänzende
-Gaben hatte er nicht, und suchte sie auch nicht. Er hatte es sich wohl aus
-meinem Wesen und meinen Reden herausbuchstabirt, ich müsse eine geniale
-Frau sein, und wenn ich es ihm ausreden wollte, sagte er doch: ich denke
-mir das so, aber er fragte weiter nicht nach der genialen Frau. Ich ließ
-im Geplauder mit Mauricy Geist ganz ruhig Geist sein -- ihn kümmerte auf
-der ganzen Welt Nichts weniger. Das führte ihn also nicht zu uns.
-
-Ebensowenig das Bedürfniß, Erinnerungen auszutauschen, was bei
-Vielgereisten bisweilen so lebhaft ist, daß sie es selbst um den Preis
-befriedigen müssen, andere Gereiste und Nichtgereiste zu langweilen.
-Mauricy war am Rhein, in Belgien, in Frankreich und in Italien
-gewesen, aber er war eben auch nur dagewesen -- Eindrücke aufgenommen,
-Beobachtungen gesammelt, Studien gemacht, das Alles hatte er nicht. Aus Rom
-erzählte er ein einziges Mal von St. Peter, von Belgien äußerte er, es
-wären schöne Kirchen da, von Ems erfuhren wir, daß er alle Abende bei
-einer Familie Thee getrunken und dabei in einem sehr bequemen Lehnstuhl
-gesessen habe, von Schlesien bemerkte er, es gäbe in Reinerz so
-schrecklich häßliche alte Frauen. Von der übrigen Welt sagte er --
-Nichts, Polen ausgenommen; aber Polen war auch nicht die Welt: Polen war
-das Paradies.
-
-Unsern Geschmack, unsere Neigungen theilte er auch nicht. Die Natur war ihm
-gleichgültig. Wenn ich das Glühen der Appenzeller Alpen betrachtete, oder
-das lichtdurchschimmerte Abendwerden auf dem See, kam er wohl langsam zu
-mir und fragte: »Aber wie können Sie sich das so lange ansehen?« Nicht
-minder kalt ließ ihn die Literatur. Von Le Maistre hatte ihm die »Reise
-um meine Stube« gefallen, mit sich führte er außer der Bibel und Thomas
-a Kempis nur noch die »Gedanken« des Obersten Weiß, ein Buch in der Art,
-wie Oxenstierna es geschrieben, sonst habe ich ihn nie weder etwas lesen
-sehen, noch erwähnen hören. Lamartine's Reise in den Orient hatte er
-angefangen, als ich sie begehrte, überließ er sie mir gleich -- »ich
-schlafe, statt sie zu lesen,« sagte er. Was endlich die Musik betraf,
-so hörte er mich gern, besonders in dem böhmischen Liedchen: =ach neni,
-neni!= aber auch nur mit Melancholie, nicht mit Kennerschaft. Was führte
-uns denn also zusammen bei getrennten politischen Gesinnungen, ganz
-verschiedenen Neigungen, Anlagen und Charakteren?
-
-Das Menschlichste, Innerlichste, die Seele des Herzens -- das Gemüth.
-
-Mauricy's innerstes Wesen war Güte, keine sentimentale, keine moralisch
-erkämpfte, nein, eine einfache, naturgemäße, unbewußte Güte. Er war
-nicht schwächlich-nachgiebig, tadelte was zu tadeln war, mochte recht wild
-werden können, wenn sich gerade eine Gelegenheit dazu fand, hatte
-ganz unbefangen seine Fehler, aber dabei kannte er weder Neid, noch
-Gehässigkeit, noch Rache, noch Parteilichkeit -- er hatte eben zur Natur
-die Güte.
-
-Güte haben, man redet davon gemeiniglich ganz so leicht hin, wie von gut
-sein, und wie oft findet man denn Güte?
-
-Güte ist Gottes Gabe, sie lernt sich nicht und verlernt sich nicht -- wer
-sie hat ist Gottes Liebling, denn er lindert Leiden. Sie ist die Grazie der
-Seele und das Genie des Gemüthes -- als Grazie liebkos't und schmeichelt
-sie, erfreut und erquickt, erhellet und entzückt; als Genie hat sie
-den Drang, das gebeugte Rohr aufzurichten, Verirrten nachzueilen in die
-Wildniß, sich mit starker Kraft zwischen Verfolgte und Verfolger zu
-werfen, wider Ungerechte zu zürnen, Sinkende gewaltig zu erfassen, über
-Verlorene schmerzlich zu weinen. Sie ist nicht himmlisch, sie ist auch
-nicht irdisch -- von der Erde aufgestiegen als Hauch, fällt sie wieder
-herab als Thau; so schwebt sie immerfort zwischen Himmel und Erde und ist
-dadurch menschlich. Und wie das Veilchen den Rosenpurpur und das Irisblau
-in seiner köstlichen Weichheit verschmilzt, so athmet aus ihr als
-Wohlwollen das Süßeste der Innigkeit und das Feinste der Milde.
-
-Ich will nicht sagen, daß in Mauricy diese göttliche Erscheinung sich in
-voller Glorie offenbarte -- zu einem so auserwählten Gefäß war er
-nicht stark genug -- aber ein schöner, reiner Strahl leuchtete aus seinem
-weichen, dunkelblauen Auge. Vielleicht wirft man mir hier spottend ein:
-»und die umzubringenden Könige alle -- fiel auf die der Strahl auch?«
-da antworte ich denn ganz unbekümmert: »wenn ein verfolgter König Schutz
-und Stärkung bei Mauricy gesucht hätte, würde Mauricy ihm seinen eigenen
-Mantel gegeben und seinen letzten Becher Wein an ihn abgetreten haben.«
-
-Das dachte ich damals schon und lächelte, wenn er seine Philippiken
-herausseufzte, denn um sie kräftig hören zu lassen, war seine Brust zu
-müde. Wie er zur Erwiederung von uns dachte, sagte er eines Tages, als er
-uns sein Album brachte. »Man findet überall brave Leute, die man achten
-kann,« sprach er in seinem schleppenden Französisch, welches sich immer
-besann, ehe es über seine Zunge gekrochen kam. »Und darum bitt' ich Sie,
-sich Beide einzuschreiben.«
-
-Das Album war noch fast leer, obgleich bereits im vorigen Winter zu Rom
-gekauft. Mauricy war nicht eine Natur, die sich leicht und viel hingab --
-er konnte seine Freunde mit eins, zwei, drei, vier, fünf zählen. Auch das
-machte ihn mir werth; ich schätze solche Mäßigkeit in Freundschaften:
-viele intime Freunde sind in meinen Augen ein wahrer =embarras de
-richesse=, und was am schlimmsten ist, =de richesse factice=.
-
-Da etwas Schickliches nicht immer vom Himmel fällt, hatten wir einige Tage
-später noch Nichts eingeschrieben, als Mauricy das Buch auf wenige Stunden
-zurückverlangte. Er wollte es den drei Töchtern jener Familie bringen,
-die so gut wie seine eigene war, ja, noch besser als oft eine eigene ist.
-Ich hatte ihn schon einige Male wegen dieser jungen Mädchen geneckt, die
-er als sehr liebe, zugleich natürliche und ausgebildete Wesen schilderte.
-Jetzt reichte ich ihm das Buch mit einem bedeutungsvollen Blicke und einem
-sehr weisen Kopfnicken. Er lächelte und schüttelte langsam den Kopf. Noch
-aus keinem Antlitz hatte ich das Lächeln eine so wunderbare Erleuchtung
-hervorbringen sehen, wie auf dem Mauricy's. Es war ganz, als strömte
-plötzlich ein schimmernder Sonnenblick auf ein dunkles Gemälde. Für
-gewöhnlich war er nicht einmal hübsch, und kaum hob er seine Oberlippe
-ein wenig und ließ unter dem kleinen dunklen Bart zwei glänzende Zähne
-sehen, so mußte man ihn mindestens so gut wie schön finden.
-
-Gegen Abend brachte er das Buch wieder. »Sie haben sich nicht verlobt?«
-fragte ich. Abermals machte ein stummes und langsames Kopfschütteln
-die Verneinung aus. Wir waren im Garten; der See mit seiner lieblichen
-Heiterkeit, das weiße Zürich links, die weißbläulichen Alpen rechts,
-rings herum die weißen Ortschaften, welche sich wie ein dichter Kranz von
-Margueriten durch das Grün der Ufer winden, der Mond im reinen Himmel --
-es war ein Bild voll Anmuth. Mauricy saß, den Kopf an einen Baum gelehnt.
-Er ruhte sich gern so aus und glich dann einem kranken Kinde. Auf Otto's
-Arm gestützt, stand ich vor ihm und fragte: »warum wollen Sie denn allein
-bleiben? Sie haben mir gesagt, Ihr Herz müßte noch sechs Monate lang, bis
-Sie heimkehren könnten, wie gestorben liegen -- warum soll es das? Gönnen
-Sie ihm Leben -- die Liebe kann Sie noch gesund machen.« -- »Sollte ich
-ein junges Mädchen an mich ketten?« erwiederte er. -- »O, Sie wissen
-nicht, wie gern ein junges Mädchen sich ganz aufopfert und darin Glück
-findet.« -- »Wenn sie dafür geliebt wird,« sprach er. -- »Nun --«
-sagte ich ermuthigend. Er blickte melancholisch zu mir auf und zeigte
-mir einen Ring, schwarz emaillirt. »Das ist das Andenken meiner letzten
-Liebe.« Er küßte das weiße Kreuz auf dem schwarzen Email. »Ist sie
-gestorben?« fragte ich leise. -- »Für mich,« antwortete er ruhig.
-»Aber nie mehr werd' ich geliebt werden, wie von ihr -- nie nach ihr noch
-lieben.«
-
-Man hört fast Nichts seltener, als daß ein Mann eine -- ich will das so
-oft verspottete Wort muthig nennen -- eine unglückliche Liebe unbefangen
-ausspricht. Wohlverstanden, wenn er keine Verse macht. In Versen ist es
-ebenso Styl, es zu thun, wie es im Leben nicht Styl ist. Im Leben gilt ein
-solches Gefühl oft für ein Verbrechen, welches das Herz wider den Stolz
-begeht, im besten Falle für eine beschämende Weichlichkeit. Mauricy aber
-fürchtete nicht sich bloßzugeben, denn er war nicht eitel, und auch als
-weichlich meinte er nicht zu erscheinen, weil er stark und tief empfand.
-Und er hatte Recht. Was beweist mehr für unsere innere Macht, als die
-Fähigkeit zu einer großen Liebe?
-
-Mauricy trug die seine still in sich, zugleich mit dem Tod, mit dem Gram
-um sein Vaterland, mit der Trauer um seine jüngste Schwester. Diese hatte
-achtzehn Jahr alt und seit sechs Wochen verheirathet, ihren Mann nach
-Sibirien führen sehen und war nur so lange noch in der Heimath geblieben,
-um ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Als es geboren war, übergab sie
-es ihrer Schwester und folgte dem Gatten nach Sibirien. Das erzählte uns
-Mauricy an demselben Abend, und ebenso schlicht, wie er das von
-seiner ersten Liebe erzählt. Ich machte die Augen zu, um die Thränen
-zurückzudrängen. Mauricy sah mich still an und war dann still fort; sein
-Mund dankte mir nicht, ich denke aber sein Herz. Mein Gott, ich weiß ja,
-wie ich der einzigen Freundin, die mir einst schrieb, sie habe um mich
-geweint, wie ich ihr ernst und gerührt gedankt habe!
-
-Wo ein Wort erst den Weg gefunden hat, da finden ihn leicht mehrere.
-Oefter, wenn gleich nicht oft, redete Mauricy nun von dem, was sein Leben
-gefärbt und wieder entfärbt hatte, und wie wir wohl einsahen, ihn so
-gleichgültig dagegen machte. Leise, wie durch halbe Striche gelegentlich
-hingeworfen, gestaltete sich vor uns eine Skizze dieser einfachen, aber
-tiefbegründeten Begebenheit. Die Freundin war es gewesen, an deren
-Theetisch Mauricy jeden Abend in Ems den Lehnstuhl bereit gefunden. In
-Rom hatten sie in einem Hause gewohnt. Sie war verheirathet, dennoch hatte
-Mauricy Hoffnungen hegen dürfen: ihre Liebe wenigstens hatte sie ihm
-geschenkt. Warum nicht auch sich selbst? fragte ich ihn. Ehen können
-gelöst werden -- in Rom ist der Pabst. Sie hatte es gewollt, antwortete
-er. Aber sie hatte dann wieder anders gethan. Sie war zurück nach Polen,
-zum Gatten. »Sie hat es vorgezogen, Gottes Gebot zu erfüllen, statt ihr
-Herz zu befriedigen,« sagte Mauricy. »Gottes Gebot!« rief ich erregt.
-»Glauben Sie, Gott würde sie gestraft haben, wenn sie sich Ihnen gegeben,
-der Sie ihrer so ganz bedurften? Denn sagen Sie mir -- als Sie Hoffnung
-hatten, durften Sie da nicht die Genesung noch für möglich halten?«
-Er bejahte. »Und seit Sie von ihr getrennt sind, fühlen Sie sich nicht
-wieder um Vieles kränker?« -- »Das ist wohl natürlich,« sagte er
-sanft. -- »Nun denn, warum da Sie verlassen, nicht lieber ihr Heil selbst
-wagen, wenn ihr Glaube so streng ist, obgleich wahrlich Gott nicht
-gezürnt hätte?« Ich war unwillig. Beschwichtigend sprach er: »Ich
-denke vielleicht wie Sie und würde wahrscheinlich gehandelt haben, wie Sie
-sagen. Aber hatte ich das Recht, sie zu Etwas zu verleiten, was sie für
-Sünde hielt? Nein; obgleich sie mich aufgegeben, ich sage doch, sie hat
-gut gethan.«
-
-Ich schwieg, aber ich grollte der Frau im Stillen, besonders als ich
-vernahm, daß sie noch im Briefwechsel mit ihm stehe. »Sie hat einen Roman
-mit ihm gespielt,« eiferte ich später gegen Otto, »und damit er ihr ja
-nicht entgehe, hält sie ihn an den Briefen wie an einem Faden. Das mag
-für sie recht hübsch und unterhaltend sein, aber für den armen Menschen
-ist's tödtlich.« Otto antwortete mir: die Frau könne es doch ernstlich
-meinen; er halte die Polinnen einer solchen religiösen Ueberspannung
-ganz für fähig. »Der Geliebte ist das Opfer, welches sie Gott bringt,«
-setzte er hinzu, »und je schmerzlicher sie es fühlt, und je größer es
-ist, um so heiliger handelt sie.«
-
-Mochte das sein -- ich hätte Mauricy gar zu gern durch eine der drei
-jungen Polinnen getröstet gesehen. Was ich thun konnte, um ihn zu
-zerstreuen, das that ich, schon jener Frau zum Trotz, die den armen Kranken
-sich verzehren ließ, um mehr Himmel zu gewinnen. Halb gelang mir, was
-ich wollte -- Mauricy ließ sich zerstreuen, er konnte heiter, ja manchmal
-sogar ein klein wenig toll werden. So entsinn' ich mich eines Abends, wo
-eine niedliche junge Bernerin zum Besuch bei den Töchtern des Wirthes war.
-Wir trafen sie im Garten, und Mauricy trug sich dem armen verlegenen Kinde
-äußerst dringend zum Manne an. Die Hände gefaltet, saß er beweglich
-bittend vor ihr und spielte den schüchternen Liebhaber so natürlich,
-daß die kleine Bernerin sich zuletzt keinen andern Rath wußte, als
-ihm feierlich zu sagen: =Monsieur, mon père n'a pas l'honneur de vous
-connaître.= Das gute Kind hatte Alles für bittern Ernst genommen, ging
-ihm den ganzen nächsten Tag sorgfältig aus dem Wege und war seelenfroh,
-als sie wieder abreisen konnte, denn, sagte sie zufrieden: »=Maintenant
-monsieur le Polonais ne pourra plus me taquiner.=«
-
-Ein andermal versicherte Mauricy mir mit der höchsten Ernsthaftigkeit,
-da er ein Demokrat sei, wolle ich seinen Tod -- er werde mir daher das
-Vergnügen machen, sich diese Nacht vor meiner Thür zu hängen, und biete
-mir nur vorher noch die Hand zum ewigen Abschied. Ich glaubte nun zwar
-nicht, ihn am andern Morgen als Zierde meiner Thür zu finden, hielt es
-aber doch für möglich, daß der barocke Abschied eine nächtliche Abreise
-bedeuten könne. Aber er war am nächsten Morgen in höchsteigener grauer
-Person am gewohnten Platze und lachte mich vergnügt aus.
-
-So weit hatte ich es gebracht, -- vergaß er darum? Als ich ihn einmal
-danach fragte, küßte er statt aller Antwort wieder das weiße Kreuz auf
-dem schwarzen Grunde. Und am Abend, als ich sang, weinte er.
-
-Und fort wollt' er auch -- nach Rom. Umsonst suchte ihn sein Arzt zu
-bewegen, die lange, anstrengende Reise nicht zu unternehmen, lieber mit der
-Familie an den Genfersee zu kommen. Sie war nicht mehr in Rom, aber sie war
-dort gewesen. Er sagte das nicht, aber wir erriethen's. Ihre Spuren wollt'
-er suchen. Sie beherrschte ihn unumschränkt; er betete in ihr eine Heilige
-an.
-
-Da wir sahen, daß er fest war, versuchten wir nicht erst, ihn zu
-erschüttern. Am Ende -- was lag ihm am Leben?
-
-Den letzten Abend kam er noch spät zu uns, still und gut. Ich wünschte
-das Bild seiner Freundin zu sehen -- er brachte mir's. Es war kein
-schönes, aber ein liebes Gesicht, welches mit einem traurigen Ausdruck aus
-sanften schwarzen Augen blickte. Ich befragt' es ernstlich und prüfend --
-nein, es gehörte keiner Kokette -- ich hatte der Frau Unrecht gethan --
-wie sie auch gehandelt, aus Ueberzeugung war's gewesen.
-
-Wir sprachen noch lange von ihr. Gut, gut, himmlischgut, dieser Lobspruch
-ging immer wieder über Mauricy's bleiche Lippen. Es ist süß, geliebt zu
-werden, weil man als gut erkannt wird. Dieser Frau ward also ein lieblich
-Loos, und Mauricy -- wenigstens ging er nicht in der Anbetung eines
-Götzenbildes unter.
-
-In wie langen Zügen er das Gift getrunken, vernahmen wir erst jetzt.
-Nachdem er die Freundin in Ems kennen gelernt, hatten sie gemeinschaftlich
-einen Ausflug an den Rhein und nach Belgien, dann die Reise nach Rom
-gemacht. Noch erinnerte er sich, mit welcher Sorgfalt sie über ihn
-gewacht. Sie war fest entschlossen, die Scheidung von ihrem Gatten
-nachzusuchen und sobald Mauricy genesen, diesen zu heirathen. Ihr Gatte war
-alt, ruinirt, ein früherer Anbeter ihrer Mutter, welche die reiche Tochter
-mit achtzehn Jahren an ihn verheirathet hatte, dann aber, als diese ihn zu
-fesseln gewußt, eifersüchtig und die Störerin der Ehe geworden war. Als
-die Tochter nun aber in Rom die nöthigen Schritte zur völligen Aufhebung
-dieser unglücklichen Heirath thun will, bemächtigen sich ihrer die
-Priester, drohen mit Sünde und Strafe, schrecken und verwirren ihre fromme
-Seele, und sie entsagt dem Geliebten, weiht ihn der Verlassenheit, sich
-selbst abermals dem Gatten. Doch um den Abschied noch recht zu genießen,
-läßt sie sich von Mauricy über den Lago maggiore in die Schweiz
-begleiten. In Interlaken bleiben sie den Sommer, dann bringt er sie bis
-Zürich und bleibt allein. Acht Tage später lernten wir ihn kennen.
-
-Wir schwiegen und dachten nach; da sagt' er plötzlich zu mir: »Sie haben
-mich manchmal wegen der jungen Mädchen da drüben geneckt -- nun, als ich
-heute Adieu sagte, wurde die Eine etwas bewegt, und da« -- sein schönes
-Lächeln zeigte sich -- »da sah ich, daß sie hübsch war.« Ich wollte
-aus dieser Wahrnehmung geschwind einen Schluß ziehen, aber er sagte wieder
-ernst: »=Mon mariage sera avec la mort, madame.=« Dann stand er auf, bot
-mir die kalte Hand. »Gott segne Sie,« sagte er. »Gott geleite Sie,«
-sprach ich. Otto begleitete ihn noch in sein Zimmer.
-
-Am andern Morgen sahen wir die Thür zu diesem offen, es wurde gefegt,
-gescheuert. Als wär's das Zimmer eines Todten! Ein beklemmender,
-peinlicher Eindruck.
-
-Was uns anfänglich auch etwas verstörte -- wir waren so gewöhnt, die
-graue Gestalt zu sehen, die müden, langsamen Schritte zu hören, daß
-wir sie noch immer zu sehen, zu hören glaubten. Ja, bisweilen war mir's
-gerade, als müßte unser grauer Geist schleichend hereinkommen, mich
-ernsthaft grüßen und mir mit seiner schwachen Stimme sagen: =Madame, je
-viens vous dire, que je suis mort.=
-
-Briefe wollten wir gegenseitig nicht. Was nützen Briefe? Wir hörten
-einige Male durch die polnische Familie, daß er in Rom kränker und
-kränker werde. Schwerlich lebt er noch.
-
-Am Genfersee aber dichtete ich zur Erinnerung an ihn eine Romanze, die
-heißt:
-
- Der schwarze Ring.
-
- Ich bin fern von meinem Hause,
- Ich bin fern von meinem Land;
- Ich bin einsam und verlassen,
- Ungeliebt und unbekannt.
- Aus den Stunden unsers Glückes
- Blieb mir nur ein einzig Pfand:
- Dieser Zeuge meiner Freuden
- Ist der Ring an meiner Hand.
-
- Fremde öffnen mir die Pforten,
- Fremde schenken mir den Wein;
- Wenn ich traure, trauert Niemand,
- Wenn ich weine, ist's allein.
- Einen Freund nur hab' ich mit mir,
- Einen Freund aus unser'm Land:
- Dieser Zeuge meiner Thränen
- Ist der Ring an meiner Hand.
-
- Ich bin krank und werde sterben,
- Aber dich vergess' ich nicht;
- Bis die müden Augen brechen,
- Bist du meiner Seele Licht.
- Deine letzte Gabe nehm' ich
- Mit mir in das Bett von Sand:
- Denn der Zeuge unser's Liebens
- Ist der Ring an meiner Hand.
-
-
-
-
-Von Genf nach Baden.
-
-
- Den 2. August 1849.
-
-Abschied, sehr vergnügt und friedfertig. Die halbe Familie ist gerade
-heute auf dem Lande. Ich lasse Empfehlungen zurück -- das genügt meinem
-Herzen vollkommen. Die alte Tante allein ist betrübt -- sie allein hat
-mich liebgewonnen. Ich gebe ihr den einzigen Kuß, welchen ich bisher
-in der Schweiz gegeben, und verspreche ihr, sie in zehn Jahren wieder zu
-besuchen. »Ach, da bin ich gewiß todt!« ruft sie. Ich glaub' es auch --
-entweder sie, oder ich. Im Augenblicke, wo wir in den Kahn steigen, fällt
-uns noch ein Bullenbeißer an, natürlich ein menschlicher, ächte
-Genfer Race, fünfter Klasse. Er entgeht durch meine Gegenwart einem
-freundschaftlichen Stockschlage. Ich denke bei solchen Gelegenheiten nicht
-oft genug, aber doch bisweilen an Sokrates: wenn dich ein Esel anrennt
-u. s. w. Ein wärmerer Abschied findet zwischen uns und François statt.
-Er ist unser Ruderlehrer gewesen, ist der Portier der nicht zu vergessenden
-=Campagne du Port=. Wenn wir wieder nach Genf kommen, miethen wir den
-Pavillon unter den Platanen, meine stille Neigung, meine schmerzliche
-Leidenschaft -- aber wir kommen nicht wieder nach Genf. Die Bise leidet das
-Zelt nicht. Der Leman langweilt mich noch einmal ungebührlich. Alles sitzt
-voll Engländer und Engländerinnen, diese sind wieder unglaublich garstig.
-Ich weiß nicht, wie sie's anfangen, grüble darüber, warum man überhaupt
-auf Reisen so selten ansprechende Gesichter sieht, sondern fast immer
-Langeweile, Verdrossenheit, Abspannung, Geistlosigkeit. Das Reisen muß
-häßlich machen. Von Morges aus sehen wir, hoffentlich nur für jetzt, zum
-letzten Male den Gletscherdiamanten, den Montblanc. In Ouchy drängt so gut
-wie Alles sich in die Kähne -- wie es hineinkommt? »Frage die Sterne,«
-die glücklicher Weise noch nicht scheinen. Im Omnibus werden wir
-unaufhörlich aufgefordert: »=Messieurs et mesdames, serrez-vous,
-serrez-vous, messieurs et mesdames; encore un peu, un tout petit peu
-encore!=« Wir rücken zusammen und rücken zusammen, bis es endlich nicht
-mehr geht. Dabei fange ich an zu lachen, und Alles lacht mit, ausgenommen
-ein Hündchen, das ehrbar aus dem Fenster schaut. Die Kathedrale von
-Lausanne sehe ich mir im Vorüberfahren an und beschwichtige mein Gewissen
-mit der Versicherung: ich habe sie genug gesehen. Im Hotel de France essen
-wir mit tragischer Freude -- denn sie offenbart, wie sehr wir in Genf
-gehungert haben -- ein vortreffliches Zweifrankmittag. Ich habe mich über
-die guten Waadtländer so abscheulich lustig gemacht, und bekomme gleich
-in Lausanne eine wirkliche Brühsuppe, die erste seit drei Monaten -- ich
-schäme mich recht. Herren und eine Dame aus Yverdun essen mit uns;
-sie sind freundlich, fragen, ob man sich in Genf sehr vor den Preußen
-fürchte. Ich bejahe, setze aber hinzu, die Genfer wollten mit den Preußen
-ein Ende machen. »Sie sollen's doch versuchen,« sagt der jüngere Herr.
-Der Kellner nimmt das Wort und ruft: »=Les Génevois ont beaucoup de
-paroles et peu de coeur; c'est ce qu'ils ont montré dans la guerre du
-Sonderbund.=« Die brüderliche Liebe der Cantone unter sich ist rührend.
-Wir fragen: »Wird man uns als Preußen unangefochten durch Neufchatel
-lassen?« Die Antwort ist: »=Tous les honnêtes gens sont pour la
-Prusse.=« Im Coupé des Omnibus fahren wir durch flach, aber fruchtbar
-Land. Man begreift, woran man im Canton Genf irre wird, wie die Schweizer
-Brod essen können. Eine junge Person, Tochter eines Genfer Vaters und
-einer englischen Mutter, erzogen in England, zum Besuch bei Verwandten in
-Genf, fährt mit uns und erfreut unsere Abneigung, indem sie die Genfer
-durch und durch hechelt. Ich helfe ihr; dieses Vergnügen hält den ganzen
-Weg über vor. Sie versichert, die Genfer seien den letzten Tag einer
-Bekanntschaft noch ebenso eisig, wie den ersten -- »=you can't make any
-impression upon them=.« In Yverdun gehen wir spazieren, zuerst unter den
-Pappeln und Kastanien der Promenaden, nachher am Seeufer, da, wo die Zill
-einfließt. Die Wellen spielen auf dem dünenartigen Sande, junge Pappeln
-stehen im Mondlicht, Erlengebüsche scheinen undurchdringlich, es ist
-feucht, warm, ein Schiff mit hohem Segel kommt den Strom herauf, der Jura
-liegt dunkel umher, der See ist ein neuer, ein preußischer.
-
-
- Den 3. August.
-
-Im Speisesaale finde ich erst heute Morgen heraus, daß auf den Tapeten
-Tankred und Clotilde, Rinald und Armide sind. Das kleinste Dampfbötchen,
-=l'Industriel=, kommt pünktlich an; wir fahren heute unter einem Zelte.
-Mit uns sind ein Engländer mit zwei Töchtern, eine höfliche, aber etwas
-verblichene Familie. Ein einsamer, schwerfälliger, gelblicher Engländer.
-Ein junges Ehepaar. Die jungen Ehepaare sind unverkennbar. Schweizer. Einer
-von diesen, klug Gesicht über blauer Blouse, unter schwarzem Hut, giebt
-uns Erläuterungen. Links ist Granson mit seinem erhaltenen Schlosse,
-rechts im Freiburgischen Estavayer -- Otto von Granson und die schöne
-Dame von Estavayer, der feinste Intriguenstoff in der ganzen
-Schweizergeschichte. Drüben in der Ferne scheinen silbern die Alpen des
-Tessins. Schlösser des Grafen Pourtales liegen hinter Granson; der Graf
-besitzt deren mehrere auch in Genf und Waadt, aber beide Cantone haben
-verboten, ihm noch welche zu verkaufen, »denn er kauft die schönsten, und
-werden da die Fremden nach Genf und Waadt kommen, wenn sie nicht länger
-die schönsten Schlösser bewohnen können?« So mein Gewährsmann in
-der blauen Blouse. Neufchatel hat, neutral wie es sich gehalten, im
-Sonderbundskriege, der vorletzten großen Begebenheit der Schweiz, auf
-Handelswege durch den »Industriel« den Freiburgern Schießbedarf zukommen
-lassen -- Waadt legt in Yverdun Beschlag auf den »Industriel« und zwingt
-ihn, sechs Wochen lang nur in waadtländischen Staatsdiensten zu
-fahren. Auf waadtländisch heißen die Neufchateller Aristokraten und
-Jesuitenfreunde. Nachbarlich und freundschaftlich. (Immer mein Gewährsmann
-in der blauen Blouse.) Wir trinken vortrefflichen Wein aus Neufchatel. Die
-Stadt gekrönt mit Schloß und Kathedrale, unter beiden gelb und geräumig
-das Gymnasium. Vorher haben wir noch in das Val-de-Travers und in den
-Tunnel gesehen, durch welchen der Seyon genöthigt worden ist, anders als
-bisher in den See zu fließen. Am Lande fallen Kutscher über uns her. Wir
-sollen nach Basel, und Bern. Mit dem Omnibus sollen wir dahin, wohin
-wir wollen -- nach Biel. Aber nicht im Coupé -- darauf hat bereits die
-verblichene Familie Beschlag gelegt. Im Innern mögen wir nicht -- wir
-nehmen für zehn Franken einen =char-à-côté=. Der Omnibusführer findet
-das unerhört; er zeigt auf uns: »die Leute da nehmen einen eigenen
-Wagen, weil sie nicht im Coupé fahren können!« Dazu Geberden. Ohne seine
-Erlaubniß also fahren wir fort, zwischen dem Oertchen St. Blaise und dem
-Sanct Blasisee hindurch an den Bieler See. Da ist links auf malerischer
-Waldhöhe Neustadtschloß, Ruine -- rechts unter malerischer Felshöhe am
-See Neuville. Ich laufe durch den Weingarten des Gasthauses an das Ufer;
-Rohr wächst im Wasser, ein Badhäuschen steht, ein Kahn wiegt sich im
-Rohre; das Städtchen hat sechs Thürme, einen immer spitzer als den
-andern; der See ist mit dunklen Waldbergen eingefaßt; rechtshin im
-Laubwerk sehe ich den Thurm des Schlosses von St. Jean. Rousseau hat
-guten Geschmack gezeigt, als er auf St. Pierre saß, obgleich man seinen
-Schilderungen nach mehr Erhabenheit hier erwartet. Ich gucke auch in ein
-Sommerhäuschen; da überrasch' ich einen Herrn, der sich gebadet hat und
-wie eine Leiche in ein weiß Laken gewickelt ist; er erschrickt nicht, ich
-erschrecke ebenfalls nicht, lass' ihn sich weiter abtrocknen und komme zum
-Kaffee zurück in das Gasthaus. Dort hat es ein Erkennen zwischen Otto und
-einem Kutscher gegeben, der uns vorigen Herbst in Bern gefahren und »die
-Fru« gleich wiedererkannt hat. Der Mann hat eine rothe Weste an, raucht
-aus einer kurzen Pfeife und fährt nach Genf. Wir haben in Genf eine leere
-Kiste stehen lassen, die nach Bern gehört -- wir fragen den Mann, ob er
-sie mitnehmen wolle? Lauter Bereitwilligkeit, aber als es ans Bezahlen
-geht, lauter Schwierigkeit. Der Mann verlangt drei Franken -- die ganze
-Kiste ist nur zwei werth. Wir danken dem Manne freundlich; er ist ganz
-kurz geworden, erwiedert kaum unser Lebewohl. Vor uns her fährt mit einem
-Kutscher und einem Passagier ein anderer =char-à-côté=. Als wir aus
-Neuville heraus sind, wendet der vorausfahrende Kutscher sich um, ruft
-unserm Etwas zu, beide Chars halten, beide Kutscher springen ab, der
-vordere Kutscher wirft unserm seine Zügel zu, kommt an unsern Char, macht
-auf: »=Vite, faites-moi place pour ce jeune homme=« -- seinen Passagier.
-Wir starren ihn an -- »=Mais, monsieur= --« -- »=Eh, parbleu! faites;
-il faut qu'il soit à Bienne avant le départ de la diligence.=« -- »=Eh
-bien, qu'il aille à Bienne, mais pas dans notre voiture.=« -- »=Mais si,
-dans votre voiture, il-y-a trois places.=« -- »=Nous les avons prises.=«
--- »=Eh non, vous n'avez payé que deux -- je veux la troisième.
-Rangez-vous.=« -- »=Mais, monsieur, la voiture est-elle donc à vous?=«
--- »=Parbleu, si elle est à moi! Je veux conduire ce jeune homme à
-Bienne. Vous rangerez vous?=« -- »=Pas du tout. Nous avons pris la
-voiture et nous la garderons.=« -- »=Eh, ne faites donc pas tant de
-façons -- en quoi ce jeune homme peut-il vous gêner?=« -- »=Mais
-assurément il nous gênerait et même beaucoup. Enfin nous ne voulons
-pas.=« -- »=Oh, quels gens! quels gens!=« Er schwingt sich auf den
-Kutschersitz, nimmt den jungen Menschen auf seine Knie und in seinen
-Arm, und fort geht's, während unser bisheriger Kutscher dasteht und uns
-nachschaut. Sein Trinkgeld ist's, was davonfährt; der Herr ist ihm und uns
-nachgefahren, um ihn und uns einzuholen, statt seiner zu kutschiren, den zu
-befördernden Burschen zwischen uns einzuschieben und so von Neuville aus
-einen Char zu ersparen. Schönen Dank, das ist, wie da wir nach Mornex
-fuhren. Da wurde der Kutscher angerufen, hielt, fragte zu uns herein:
-»Wollen Sie zwei Personen mitfahren lassen?« Wir sahen hinaus -- da
-standen zwei ungeheure Bonnen mit drei Kindern -- die wollten zwei Personen
-vorstellen. Nun, jetzt kommen wir, Dank dem jungen Menschen, der nach
-Basel soll, wenigstens nicht zu spät nach Biel. Der Herr-Kutscher ist ganz
-geschmeidig geworden, seit wir beharrlich waren -- erklärt uns die Eile
-des jungen Menschen -- zum Begräbniß der Schwester soll er. Das thut
-uns sehr leid, aber darum können wir doch nicht -- der Kutscher sagt
-zustimmend: »=N'en parlons plus.=« Sein geschwindes Fahren hat uns ganz
-wirr gemacht, besonders weil wir die heißen Felsenwände vor uns hatten.
-Es ist ein beliebtes =On-dit= in der Schweiz, daß ein Engländer einst in
-einem =char-à-côté= um den ganzen Genfer See gefahren sei, ohne den
-See einmal gesehen zu haben. In Biel empfängt uns ein Omnibuskutscher und
-verspricht uns für vierzig Batzen einen schönen Wagen, in welchem wir
-ganz allein fahren sollen. Wir treten an das glückselige Fuhrwerk hinan
--- da steht unser junges Ehepaar vom »Industriel« und wartet, daß unser
-Kutscher es in dem schönen Wagen ganz allein nach Solothurn fahre. Der
-Omnibuskutscher sagt ganz vergnügt: »Ja, ich habe Sie allein fahren
-wollen, denn ich wußte ja nicht, daß noch mehr Personen kommen würden;
-nun diese zwei Personen gekommen sind, können Sie nicht allein fahren --
-nein, das geht nicht -- ich bin ein Omnibus -- ich fahre Alles.« Der junge
-Ehemann sagt: »Ich mag dem Manne seinen Verdienst nicht schmälern; es ist
-mir nur des Prinzips wegen.« -- »Eben des Prinzips wegen würd' ich uns
-nicht nehmen,« sagt Otto. Der Kutscher wiederholt: »Ich bin ein Omnibus
--- ich fahre Alles.« Also wir sollen fahren, selbst gegen das Prinzip,
-aber erst müssen wir essen -- wir sterben Hungers. Im Speisesaale sitzt
-die verblichene Familie. Der Vater kommt zu Otto. Er hat für jeden Platz
-im Coupé sechs Franken zahlen müssen. »Ist das nicht zu theuer?« --
-»Ja wohl, der Platz im Coupé ist immer nur einen Frank mehr, als der im
-Innern und für einen solchen hat man mir in Neufchatel nur vier Franken
-abverlangt.« -- »Entschuldigen Sie, hier hat die Person fünf und einen
-halben zahlen müssen.« Es ist klar -- die Gesellschaft hat für uns Beide
-mitbezahlt -- die Kutscher in Neufchatel und Biel scheinen sich das Wort
-gegeben zu haben, an diesem dritten August zu prellen. Wir verschlucken
-ein Beefsteak und eilen hinab -- da sitzt das junge Ehepaar auf den beiden
-Vordersitzen. Ich soll rückwärts fahren, nachdem ich so lange seitwärts
-gefahren -- dazu ist mein Kopf zu müde -- wir wollen wieder abladen
-lassen. Der Neufchateller Kutscher räth dem Bieler dringend, das junge
-Ehepaar in Biel zu lassen -- »am Ende, sie zahlen nicht zwanzig Franken!«
-Das will sagen, wir zahlen zehn Batzen mehr. Der Bieler Kutscher aber macht
-am Wagenschlage so eindringliche Vorstellungen über die Rücksichten gegen
-das Frauenzimmer, daß der junge Ehemann den Kopf heraussteckt und frägt:
-»Madame, können Sie nicht gut rückwärts fahren?« Meine Antwort ist
-Nein. »Nun gut,« sagt er, »ich kann's auch nicht gut, aber wir wollen's
-versuchen.« Wir versuchen's, es geht, und wir schwatzen recht angenehm
-bis Solothurn. Das junge Ehepaar besitzt einen Schatz, um welchen ich es
-aufrichtig beneide -- den allernachgiebigsten Magen. Des Morgens braucht es
-kaum zu frühstücken, des Mittags geradezu gar nicht zu essen, und nie
-ist es hungrig. In Solothurn muß es erst noch einen Spaziergang machen,
-um Eßlust zu finden! Nun frag' ich, kann man angenehmer reisen, als immer
-gesättigt, ohne je vor Abend zu essen? Wir haben immer Hunger, Morgens,
-Mittags und Abends auch noch, müssen immer in Eile sein, unsern innern
-Despoten zu befriedigen, können immer erst nach dem Beefsteak an den
-Mondschein denken. Glückseliges junges Ehepaar, in deiner poetischen
-Bedürfnißlosigkeit! Während es endlich irdisch genug fühlt, um zu Abend
-zu speisen, kommt unser einzelner Engländer vom Morgen. Er setzt sich
-langsam neben mich, unterhält und amüsirt sich langsam, spricht aber
-beileibe kein Wort Englisch außer auf Französisch. Nachdem er sich lange
-genug so amüsirt hat, steht er langsam auf, sagt uns langsam, er werde
-morgen nach Schinznach fahren, bietet uns langsam guten Abend und schreitet
-langsam aus dem Saale.
-
-
- Den 4. August.
-
-Als wir im vorigen October in Solothurn übernachteten, war's winterkalt
-und der große Ofen wurde erst am andern Morgen warm, während das Kamin
-unermüdlich rauchte. Heute ist's wärmer, aber der Röhrbrunnen an der
-Kathedrale rauscht so lebendig, daß er uns wach erhält und uns nöthigt,
-noch um Mitternacht im schlafenden Hause auf eigne Hand ein anderes Zimmer
-aufzusuchen. Am Morgen giebt es einen Retoureinspänner nach Aarau. Der
-Einspänner ist das nationale Fuhrwerk der Schweiz. Der Koffer will nicht
-recht darauf gehen -- ich benutze den Augenblick und gehe still in die
-Kathedrale. Das Gebäude ist weiß und hell von innen und außen. Auf
-den Beichtstühlen sind hingeworfene reuige Gestalten -- Petrus nach
-der Verleugnung eine von ihnen. Mir ist's nach dem ultrareformirten Genf
-herzlich wohl, wieder einmal zwischen heiligen Bildern und knieenden Betern
-zu wandern. Man betet besser unter einem Gewölbe, welches ausschließlich
-bestimmt ist, Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn zu hören, als in der
-Stube, wo alle die Kleinlichkeiten der Häuslichkeit gethan werden. Ein
-Oratorium allein kann das tägliche Gebet im Hause gesammelt machen. Als
-ich meine Wanderung vollbracht, fahren wir -- das junge Ehepaar fährt nach
-Basel. Wie malerisch ist hier der Jura! Voriges Jahr war er so überbunt,
-wie ich noch kaum weder Gebirg noch Wald gesehen. Ich hab' ihn liebgewonnen
-den langen, einförmigen und doch mannigfachen Jura, vielleicht weil er
-sowohl in der Ferne, wie in der Nähe so schöngeschwungene Linien hat,
-vielleicht auch, weil ich so oft auf ihm die ersten und letzten Lichter der
-Sonne und in der Mondnacht den leuchtenden Schnee blinken sah. Die Luft
-von ihm weht rauh; heute ist sie ein Sturm. Wir wenden uns endlich an der
-Stelle von ihm ab, wo wir damals von Basel her über ihn kamen. Den
-ganzen Tag bis Abends um sechs fahren wir durch die frischesten
-Hügellandschaften, welche für mich mit den Alpengegenden der Schweiz
-wetteifern. Aarau liegt geradezu allerliebst; es ist die erste Stadt in der
-Schweiz, wo zu wohnen mir gefallen könnte. Wir gehen vom Ochsen hinunter
-an die Aar, über ein Bächlein, das hineinschießt, die Aar hinauf.
-Jenseits liegt das Thal voll Landhäuser; Fähren gehen hinüber und kommen
-herüber; der Abend ist kühl, aber nicht rauh, Wiesenduft füllt ihn. Wie
-wohl thut das, wenn man so lange kalkige Luft geathmet. Auf einer Brücke,
-die, ich weiß nicht worüber führt, kehren wir in die Stadt zurück; ein
-zahm Starmätzchen sitzt auf dem Geländer, guckt uns an, springt vor uns
-herum, dreht klug und neugierig das Köpfchen und fliegt endlich in
-einen Gasthof neben der Brücke. In unserm Ochsen schiebt mich der lange,
-trockne, regungslose Kellner am Ellenbogen an den Speisetisch; es ist das
-seine Beförderungsart: allein läßt er einen nicht gehen. Der Ochse ist
-etwas ältlich, aber der Wirth einer der artigen Wirthe, wie man sie
-eben in den älteren schweizer Gasthäusern findet, Stube und Betten
-sind kolossal, auf der Gallerie blüht ein schöner Granatenbaum, und es
-gefällt mir in Aarau.
-
-
- Den 5. August.
-
-Alterthümertag, ohne unser Verdienst. Der lange Kellner weckt uns nicht,
-der Kutscher thut's, der natürlich wieder ein Retoureinspänner ist und
-zwar aus Baden am Stein. Dabei ein großer, starker, hübscher Mensch,
-in kurzer blauer Jacke und niedrigem grauen Troddelhut, mit krausem
-röthlich-blondem Bart und geradem, regelmäßigem Profil, Tell, wie man
-ihn sich nur denken kann, Xaver genannt, und so voll Kraft, daß er den
-schweren Koffer mit einem Ruck aus allen Fugen reißt. Er sieht bei dieser
-Heldenthat sehr gelassen darein -- wir sind weniger zufrieden damit,
-indessen was soll man sagen? Wir setzen uns zum Frühstück und sehen
-die Begrüßung zweier eidgenössischen Lieutenants, die einander genannt
-werden. Sie bleiben in einem Bückling vorgebogen stehen, lächeln sich
-verlegen an, wissen sich nicht ein Wort zu sagen und setzen sich endlich
-stillschweigend gleich uns zum Frühstück. Wir fahren mit Xaver -- der
-Wagen ist gut genug, aber das Pferd, das Pferd! Xaver hat es verzogen,
-wie eine Großmutter ihr jüngstes Enkelkind. Jeder seiner Neigungen wird
-nachgegeben, und es hat deren unendlich viele. Es will in jedes Thor, in
-jeden Seitenweg, in jedes Wirthshaus. Kein Grashalm steht am Wege, ohne
-daß es den Braunen danach gelüstet, und liegt nun gar ein Kleefeld da,
-so will er förmlich mit Gewalt hinein. Zugleich erschrickt er vor jedem
-Nichts; ein Karren, ein Haufen Flachs, ein Hund, ein Vogel sind sämmtlich
-ungeheuerliche Dinge, vor denen der Braune ebenfalls rechts oder links
-will. Xaver blickt bei jeder dieser =gentilesses= sich freundlich lächelnd
-nach einem um, als wollt' er sagen: seht, was das für ein Pferd ist!
-Dazu fehlt noch ein Nagel im linken Vorderrade; Xaver hat ein Hölzchen
-geschnitzt, es in die Lücke geschoben und spricht nun von Zeit zu Zeit:
-»Wenn das Nägli herausginge, würde das Rad rückwärts gehn, aber das
-Nägli geht nicht heraus.« In Folge aller dieser kleinen Hemmnisse kommen
-wir nur gemessen weiter; die Gegend wenigstens ist reizend. Rechts auf
-Höhen Wildeck und Habsburg, Schloß und Ruine; links im Thale Wildenstein,
-Schloß, auf ferner Höhe Schenkenberg, Ruine. Habsburg unstattlich.
-Der Erbauer borgt sich das Geld dazu von seinem Bruder, dem Bischof von
-Constanz. Wie's fertig, kommt der Bischof, besieht, wiegt das Haupt. »Für
-so viel Geld ein so klein Schloß mit so schlechten Mauern!« Der Besitzer
-zeigt hinunter vor das Schloß. Da stehen einige tausend Mann in
-Waffen. »Das sind meine Mauern; für die hab' ich euer Geld verwandt.«
-Schinznach, moderner Halbmond in Gehölzen zum Spazierengehen. Bei
-Brugg wird der Aar der Rücken gedreht. Links liegen Gebäude in einem
-fensterlosen Viereck, über das ein Thurm ragt. »Was ist denn das?« --
-»Kloster Königsfelden.« Agnesens Rachedenkmal. Man muß es doch sehen.
-Militair im Hofe. Hindurch. Ein Thor. Die Kirche schwer, rauh. Rechts die
-Mönchs-, links die Nonnenwohnung. Diese leer, wüst, Bohnen im Kreuzgange.
-Agnesens Zimmer voll von römischen Töpfen und Schüsseln -- Alles
-zerbrochen, nur ein Löwenkopf und ein Säulenfuß anständig. In der
-Zelle alte Malerei und neben dem Fremdenbuch römische Münzen. Die Kirche
-Holzschuppen. Zwischen Balken und Brettern das Denkmal der Kaiserfamilie.
-Ueber Grabsteine von Berner Herren in den Chor. Schöne bunte Fenster.
-Ueber den Stühlen die bei Sempach gefallenen Ritter. Alle knieen; einer
-sieht genau wie der andere aus. Von der Reuß an die Limmath, von der
-Limmath nach Baden.
-
-
-
-
-Die beiden Wittwen.
-
-
-In Baden am Stein ist der »Hinterhof« das letzte, älteste und stillste
-der Hotels, wirklich wie sein Name andeutet, ein Hof hinter allen andern
-Höfen, hinter dem »Raben«, dem »Ochsen« und dem »Bären«, hinter
-dem »Schiff«, hinter der »Blume«, ja sogar hinter der »Sonne«. Ein
-großer Hof, eingefaßt von Gebäuden, deren neuestes zweihundert Jahr
-zählt. Treppen hier und da, viel Thüren, viel Ecken. Eine Gallerie.
-Kürzlich umhergepflanzt Kastanien, Ahorn, Liliodendron, Kugelakazien.
-Dazwischen in großen Kübeln Granatbäumchen und schöne Fuchsien. Grüne
-Persiennen an Fenstern, von denen kaum eines so groß wie das andere
-ist, kaum zwei in gleicher Reihe und gleicher Entfernung von einander
-ausgebrochen sind. Hineinschauend, als gehörte er auch zum Hause, der
-Thurm einer kleinen Kirche, welche sich von Außen vertraulich an die
-Scheune legt. Das ist der Hof des »Hinterhofes« und hier saß ich an
-dem schönen Sonntagnachmittag, wo wir nach Baden kamen, während Otto die
-Stuben musterte. Da näherte sich eine alte Frau mit freundlicher Miene,
-rothen Wangen und buntem Anzug, machte mir einen höflichen Knix und
-fragte: »Spreche Sie dütsch?« Ich antwortete der Wahrheit gemäß, und
-wir waren gegenseitig bereits sehr verbindlich und freundschaftlich, als
-Otto mir Bericht erstatten kam. Wie öfter sprachen wir italienisch;
-die alte Frau machte ein noch freundlicher Gesicht und fragte auch auf
-italienisch: ob ich aus Bergamasco oder aus Mailand sei. Zu Ehren meines
-Italienisch muß ich bemerken, daß diese beiden Städte die einzigen
-italienischen waren, welche die alte Dame kannte. Ich erklärte ihr, wie
-es komme, daß wir diese schöne Sprache so liebten -- »O, ich war auch in
-Italien,« sagte sie mit Stolz, »fünfundzwanzig Jahre bin ich da gewesen,
-ja, meine Signora. In Locarno bei dem Signor Governatore. Und wenn ich
-Italienisch höre, fühl' ich's im Herzen.«
-
-So hatten wir eine Bekanntschaft, ehe wir noch in den »großen König«
-eingezogen. Diesen erhabenen Namen führte nämlich die älteste und
-häßlichste Stube in dem ganzen alten Hause. Lang, niedrig und dunkel
-hatte sie nur _ein_ vernünftiges Fenster, das andere war eine Art
-Schießscharte, mit kleinen runden Scheiben in Blei. Eine fehlte -- wir
-klebten Papier vor das Loch. Ein schwerer Tisch stand auf gekreuztem
-Balken, auf den Dielen stolperte man immerfort, ebenso auf der hohen
-Schwelle. An der Thür fehlte Nichts als die Klinke, und unser Doctor
-pflegte zu sagen, die Stube wäre noch von unsern Vorfahren, den alten
-Regensburgern, eingerichtet. Der sogenannte Alkoven daneben hatte ebenfalls
-eine Hügelschwelle und eine Schießscharte, außerdem mittelalterliche
-Wandnischen und endlich einen blaugestrichenen Kleiderschrank, an dessen
-Thür angeschrieben stand: Herr so und so aus Bern habe den und den Tag
-hier hinein seine Röcke gehangen. Grauer, veralteter, ja verfallener
-hätten wir gar keinen Raum finden können, und er gefiel uns natürlich
-ungemein.
-
-Die Gesellschaft an der Table d'hote war ungefähr wie die Stube und das
-ganze Haus. Mir wollte es beim Anhören der Gespräche immer vorkommen,
-als läse ich Goethe über den Elsaß. Da war ein Herr Wölflin, jetziger
-Tabacksfabrikant aus Rheinfelden, ehemaliger Napoleonischer Soldat ohne
-Enthusiasmus. Da war aus Mühlhausen, Fabrikant auch von Etwas, Herr
-Wangern, der an Regentagen als Liebhaber drosch und durch die That bewies,
-»was für eine Eßlust man dabei bekomme.« Da war der Herr Steiger aus
-Bregenz, jung, glatt gekämmt, Sonntags im Frack, Wochentags im grauen Rock
-mit grünem Sammtkragen. Da war Herr Kyslin, Lithograph aus Basel, dem
-die Thränen in die Augen drangen, wenn er an den nahen Untergang der Welt
-dachte, ein armes Opfer frommer Traktätchen. Da war endlich Herr Kaiser,
-Eisenhändler in Solothurn, gebürtig aus dem Schwarzwalde, krank an
-einem Halsleiden, das allerbeste Gemüth auf Erden, und, wie Herr Wölflin
-meinte, »halt etwas blindköpfig,« weßwegen den ganzen Mittag über
-immer gewetteifert wurde, wer den armen Mann am besten schrauben könne.
-Man sprach z. B. von der Verschiedenheit der Kartoffeln und der =pommes de
-terre=. Herr Kaiser sah schlau aus und meinte, das sei wohl dasselbe,
-nur auf französisch und auf deutsch. »Behüte,« wurde ihm geantwortet,
-»=pommes de terre= sind Erdäpfel, und diese, wie gesagt, völlig
-verschieden von den Kartoffeln. Es wäre eine gute Speculation, wenn man
-=pommes de terre= auf- und als Kartoffeln wieder verkaufte. Die Pflanze
-ist sonderbar, hat Blätter wie die Sonnenrose und wächst wie ein Strauch,
-manchmal ungeheuer hoch.« Herr Wangern versicherte: in Mühlhausen
-wachse die Cichorie auch oft neun Schuh hoch und zwar mit dem Hopfen
-zusammengezogen. Der Ertrag beider wunderbarer Pflanzen werde meistens
-über Neuenburg im Badischen verführt. Otto antwortete: Wir in Preußen
-bezögen auch fast alle Waaren über dieses Neuenburg. Folgte nun die
-Unterhaltung über die Stadt. Sie war klein, so gut wie gar keine Straßen,
-kaum Häuser, aber ein ungeheuerer Verkehr. Herr Kaiser hörte Alles an und
--- glaubte Alles.
-
-Ganz offen -- diese Gesellschaft machte mir die eine Stunde immer
-außerordentliches Vergnügen. Sie war so vollkommen neu für mich.
-Am oberen Ende des Tisches saßen mehrere Französinnen und elegante
-Waadtländerinnen, aber von ihnen hielt ich mich mit äußerster
-Sorgfalt entfernt -- ich hatte noch genug von Genf. Meine Elsässer und
-Schwarzwälder mit ihrem kernigen Humor waren mir weit lieber. Außerhalb
-des Tisches freilich hörten unsere Beziehungen zu ihnen fast gänzlich
-auf, nur mit meiner ersten Bekanntschaft gab es bei jeder Begegnung einen
-Austausch von Höflichkeit und Italienisch.
-
-Sie war 78 Jahr alt, dabei frisch, fett und froh, blos der Kopf zitterte
-ihr etwas. Seit acht Jahren lebte sie im Hinterhofe, Winters mit der
-Familie, Sommers mit den Fremden. Ihr »Herr« war hier im Bade gestorben
--- sie liebte, seinem Grabe nahe zu sein. Sie trocknete sich die Augen, als
-sie uns das erzählte, »wie eine junge Wittwe,« sagte ich damals zu
-Otto. O, ihr »Herr« war so süß gewesen und ihr so theuer! Er war
-Seckelmeister in Einsiedeln gewesen und ganz besonders um sie zu heirathen
-nach Italien gekommen. Sie war auch aus Einsiedeln, hatte dort Brüder als
-Conventualen und ich glaube gar einen Onkel als Fürstabt gehabt -- o, sie
-war von Familie und so aristokratisch, wie man es nur in der Schweiz
-noch ist. Mir, der fast 30 Jahr jüngeren Frau, küßte sie trotz meines
-Sträubens immer die Hand, denn ich war eine Signora, und sie verstand das.
-Ihr »Herr« war auch ein Signor gewesen, sonst hätte sie, obwohl bereits
-50 Jahre zählend, da er um sie gefreit, ihn gewiß nicht als Gemahl
-angenommen. Und im Hinterhofe würde sie auch nicht wohnen, wenn es nicht
-eine gute Familie wäre, aber die Dorers waren eine der ältesten Familien
-in Baden -- ihre Mutter, eine Baldinger, war mit ihnen verwandt. Freilich
-schätzten sie den Vorzug ihres Geschlechtes nicht genug -- sie verständen
-es nicht besser -- flüsterte sie vertraulich. Sie hatte Recht --
-Herr Dorer, dick, untersetzt und stumpfsinnig, dachte weit mehr an das
-Rindfleisch, welches er immer eigenhändig herumreichte, als an seinen Ahn,
-den Schultheiß, der einst die Mauern von Baden so tapfer vertheidigt.
-Sein Erbe schlachtete ihm nach -- weder der jetzige, noch der
-»Fideicommissair«, -- denn der Hinterhof im Canton Aargau ist ein
-Fideicommiß -- sah im Geringsten patricisch aus. Aber die Seckelmeisterin
-wußte, aus welchem Blute Beide stammten, und dieses Wissen tröstete sie
-über das plebejische Aussehen und machte es ihr angenehm im Hinterhofe.
-Sie selbst war allgemein beliebt; besonders schrie die kleine Amalie, das
-Schwesterchen des jüngeren Fideicommissairs, schon auf zwanzig Schritte
-mit ihrem hellen Stimmchen: »Scheckelmei! Scheckelmei!« Scheckelmei kam
-dann herbei und hieß Amalie vor den Fremden ihre »Kneikerle« machen.
-Scheckelmei war ihrer Manieren und ihrer Sprachkenntniß wegen Gouvernante
-bei den Fräulein Töchtern des Herrn Gouverneurs gewesen und wußte, was
-Lebensart heißt. Sie redete immer wohl und immer mit Feierlichkeit, ganz
-wie in Goldoni's Komödien geredet wird. Damit konnte sie uns inmitten
-des Hofes ganze Viertelstunden aufhalten. Wenn ich endlich durchaus
-entschlüpfen wollte, gab ich ihr geschwind einen Kuß; darüber war sie
-so erfreut, daß sie uns fortließ. Bei Tische machte sie immer die Wirthin
-und nöthigte einem Jeden weit mehr vom Nachtisch auf, als er essen wollte.
-Sie war gar gut die Scheckelmei, und ich hatte sie sehr lieb, und sie mich
-auch. Dann freute sie sich immer über meinen »=dulce signore=,« pries
-die Süßigkeit der Freundschaft, die Süßigkeit der Keuschheit und das
-Paradies der Liebesfreuden, sprach von ihrem »Herrn«, trocknete sich die
-Augen und wartete auf die Wiedervereinigung, wenn gleich vielleicht ohne
-sie besonders zu wünschen.
-
-Eine Table d'hote in einem Badeorte ist eines der treuesten Bilder des
-Lebens -- täglich verschwinden bekannte Gesichter, um fremden Platz zu
-machen. Wir hatten bald nicht mehr Herrn Wölflin, Herrn Wangern und selbst
-unsern guten Herrn Kaiser, dafür hatten wir eine »enorme« Jungfer aus
-Stäfa, die jeden Tag in einem anderen prachtvollen Seidenkleide erschien,
-eine Madame aus Chur mit einem vierjährigen Knaben, welcher durch seine
-grenzenlose Unbändigkeit bald den ganzen Hinterhof zur Verzweiflung
-brachte. Schweizer Officiere mit ihren Frauen, Professoren, Räthe und
-endlich ein Paar, das uns auffiel, weil der Mann noch so jung und so
-hübsch war und die Frau so bleich und so krank aussah. Auch trug sie
-Trauer und der Mann nicht. Dabei schienen sie sich sehr zu lieben; man sah
-Beide nie anders als miteinander; er führte sie stets. Wir machten
-eine Art Bekanntschaft mit ihnen auf einem Spaziergange, wo wir von
-verschiedenen Seiten zusammentrafen. Sie waren Beide in St. Gallen und
-Heidelberg so gleich gut bekannt, daß wir meinten, er sei irgend ein Rath
-oder dergleichen aus St. Gallen, der in Heidelberg studirt habe. Am Abend
-suchten wir in der Fremdenliste, konnten aber weder aus Heidelberg, noch
-aus St. Gallen ein Ehepaar entdecken und wunderten uns. Doch nur wie
-man sich über Dinge wundert, die einen wenig oder eigentlich gar nicht
-interessiren. Den nächsten Tag war der Mann abgereist; ich fragte
-natürlich die Frau, ob er ihr nicht sehr fehle. Sie lächelte verlegen.
-»Sie haben auch gedacht, das sei mein »Herr«, nicht wahr?« fragte sie.
-»Aber das ist nicht; ich bin Wittwe und in Trauer um meinen Mann, und Karl
-ist nur mein Bräutigam.«
-
-Ja, es war auch eine Wittwe, wirklich und wahrhaftig eine Wittwe -- wir
-hatten zwei Wittwen im Hinterhofe, eine alte und eine junge, eine treue und
-eine getröstete, eine Wittwe zum Beispiel, und eine Wittwe zur Warnung.
-Eine Figur aus Goldoni, und eine Frau aus Boccaccio. Ich fiel ein Mal
-um das andere aus den Wolken in die naivsten, freudigsten Verwunderungen
-darüber, daß die Mannheimerin mir eine jener frischen, verliebten Frauen
-so lebenswahr vorspielte, denn sie war aus Mannheim unsere verlobte
-Wittwe, sie war aus Mannheim und seit acht Jahren in St. Gallen äußerst
-glücklich verheirathet gewesen. O, ihr Mann war noch viel schöner gewesen
-als Karl, und wie sie ihn geliebt, und wie beweint hatte -- es ließ sich
-nicht sagen! Ganz St. Gallen war auch, als sie ihn verloren -- es war zu
-Neujahr gewesen, also jetzt gerade sieben und einen halben Monat -- ja,
-ganz St. Gallen war lauter Mitleid gewesen; obgleich eine Fremde, hatte
-sie sich völlig wie unter Landsleuten glauben können, so hatte man
-sich beeifert, ihr Theilnahme zu bezeigen, sie zu trösten! Die guten
-St. Gallener hatten vermuthlich gemeint, einen St. Gallener zu verlieren,
-müßte für eine Mannheimerin ein geradezu unermeßlicher Verlust sein!
-Einer der angesehensten Männer war zu ihrem Schutzvogt ernannt worden --
-die Interessen der armen Verlassenen mußten doch als heilig betrachtet
-werden. Die arme Verlassene, die so allein auf der Welt war, hatte den
-Winter über einsam ihrer Trauer gelebt und im Frühjahr eine Landsmännin
-aus Heidelberg nur darum aufgenommen, weil die unglückliche Frau sich
-vor den Wirren aus Baden geflüchtet und nicht gewußt hatte, wohin. Diese
-unglückliche Frau war zufälliger Weise die Mutter von Karl gewesen, und
-Karl natürlich zu seiner Mutter gekommen, als er mit seinem Bruder nicht
-in den Aufstand gewollt hatte. Und da hatten sie sich Monate lang täglich
-gesehen, und so -- o, sonst hätte sie's gewiß nimmer gethan, versicherte
-die Wittwe-Braut. Natürlich, wenn sie Karl nicht kennen gelernt hätte,
-würde sie sich nicht in ihn verliebt haben. Jetzt war sie's ordentlich,
-ein junges Mädchen, welches den ersten Bräutigam hat, kann's nicht ärger
-sein. Karl kam immer zugleich mit dem seligen Mann aus ihrem Munde. Diese
-Hoffnung auf ihren Künftigen zugleich mit der Trauer um ihren Seligen
-machte sie ungemein belustigend. Man wußte immer nicht, wen man hörte --
-ob die Wittwe oder die Braut. Dazu kam, daß dieser lebendige Widerspruch
-alle seine Empfindungen mit süddeutscher Offenheit herausplauderte. Wir
-erfuhren alle ihre Angst, daß die St. Gallener merken könnten, wie es mit
-ihrer Wittwenschaft aussähe, alle ihre Entschlüsse, so lange sie dieses
-Kleid trage, nicht wieder zu heirathen, alle ihre Furcht vor dem vornehmen
-Schutzvogt, der ihr jetzt ein wahrer Luxus von Ehre schien, unnütz, sehr
-unnütz, endlich die Noth, welche sie hier im Hause, in unserm scheinbar
-so soliden Hinterhofe gehabt. Die Leute waren schrecklich, aber schrecklich
-neugierig gewesen; immer hatten sie gelauscht, gelacht und bedeutungsvolle
-Mienen gemacht; selbst der Joseph war anzüglich geworden. Joseph war der
-Badewärter des Hinterhofes und eine der gelassensten Individualitäten,
-welche mich je um die Geduld gebracht. Aller Welt hätte ich boshafte
-Bemerkungen zugetraut, nur nicht dem Joseph, und dieser selbige Joseph
-hatte doch mit zweideutiger Miene gefragt: ob der Herr denn nicht mit
-in's Bad gehe. Um diese Frage nicht gar zu impertinent zu finden, muß man
-wissen, daß hier unter Eheleuten die Sitte des gemeinschaftlichen Badens
-herrscht, aber freilich nur unter Eheleuten, unter Verlobten nicht.
-Der heillose Joseph schien indessen Karl und die Wittwe nicht blos für
-Verlobte halten zu wollen, denn auf ihre Erwiederung: der Herr sei nicht
-krank, hatte er trocken gemeint: ach, die Herren gingen doch mit, auch wenn
-sie nicht badeten. Das war denn der armen Wittwe doch zu arg geworden und
-sie hatte den Bräutigam beschworen, das ungestörte Zusammensein, welches
-sie hier in Baden gehofft hatten, fahren zu lassen und sie in St. Gallen
-zu erwarten. Karl war ein vernünftiger junger Mann gewesen und resolut
-abgereist, aber, ach, was es jetzt der Wittwe leid that, daß sie nicht
-lieber den Joseph hatte schlaue Bemerkungen machen lassen, ohne den
-Bräutigam fortzuschicken! Sie wußte sich nicht mehr zu finden, sie
-brauchte ihre Kur wie im Traume, sie versicherte, daß sie nicht aus dem
-Fieber herauskomme. Endlich hielt sie's nicht mehr aus -- der Doctor mußte
-ihr die Abreise erlauben. Sie kam zu uns herüber gelaufen, sie war wie
-elektrisirt, nie habe ich ein glückseliger Geschöpf gesehen. Sie wollte
-einen Antheil an dieser Freude ihrer kleinen Tochter zuschreiben, aber ich
-fürchte sehr, die Wonne war einzig und allein für Karl.
-
-Die beiden Wittwen waren von einander verschieden, wie eine graue,
-moosige Epheuranke, welche sich auf einem Grabstein eingewurzelt, und ein
-leichtsinniger Finke, der, wenn sein Nest auf einem Baume zerstört wird,
-sich zwitschernd einen andern sucht, um sich ein neues zu bauen.
-
-
-
-
-Waadtländerin und Pariser.
-
-
-Ein Nervenzufall.
-
-Die hübsche Madame Picard lag auf dem Sopha und hatte einen heftigen
-Nervenzufall. Ihr Mann ging verdrießlich und unruhig hin und her und
-begriff nicht, wie bei einer vernünftigen Frau ein so unvernünftiger
-Zufall möglich sei. Herr Picard war an Nervenzufälle bei seiner Frau
-gewöhnt, aber so einer! Wie gesagt, konnte man einen solchen Nervenzufall
-haben?
-
-Die hübsche Waadtländerin ließ den ernsthaften Genfer nicht lange
-darüber in Ungewißheit. Sie schrie höchst erbärmlich, daß er sie nicht
-mehr liebe.
-
-»Aber, meine Theure,« fing der Gatte an.
-
-»Nein, lassen Sie mich,« schluchzte sie. »O, ich weiß es seit lange.
-Glauben Sie, daß solche Veränderungen dem Herzen einer Frau nicht
-fühlbar werden? Angebetet, wie ich war, glaubst Du, ich empfinde nicht,
-Grausamer, daß Du kalt geworden bist, trostlos, ganz und gar kalt?«
-
-»Pauline, wir sind dreizehn Jahr verheirathet.«
-
-»Und das ist ein Grund, um uns nicht mehr zu lieben? Nun wohl, wie Sie
-wollen, Monsieur, wie Sie wollen.«
-
-Der Mann sprach von Uebertreibung und unbilligen Forderungen, so
-vernünftig, wie ein Genfer Kaufmann nur sprechen kann. Die Frau aber
-geberdete sich vor dieser unwillkommenen Vernunft immer krankhaft
-unverständiger, so daß dem Manne zuletzt Nichts übrig blieb, als der
-Bonne zu schellen und nach dem Doctor zu schicken.
-
-Die Bonne erhob, als sie ihre Herrin in einem solchen Zustande sah, die
-Augen gen Himmel, zuckte tragisch die Achseln und verkündete, indem sie
-durch die Küche eilte, Monsieur bringe Madame noch um, das sei ganz klar.
-
-Die Köchin und ein eben anwesendes Nähtermädchen umarmten den
-kleinen dreijährigen Emil, der ihrer besondern Sorgfalt anvertraut war,
-schüttelten traurig die Köpfe und seufzten: »armes Kind!« Emil begehrte
-noch eine Butterschnitte; unter neuen schweren Seufzern empfing er sie von
-den bewegten Dienerinnen. Er biß hinein, beschmierte sich beide Backen
-und watschelte in dieser wahrhaft kindlichen Verfassung hinaus auf die
-Gallerie, ohne im mindesten zu wissen, daß seine Mutter als ein Gegenstand
-des tiefsten Mitleidens auf ihrem Sopha am Rande des Grabes lag.
-
-Die Mutter schien es zu wissen, denn sie wehklagte über ihre armen Kinder
-und beschwor ihren Mann, wenigstens diese zu lieben. Der Mann murrte: das
-verstehe sich ja von selbst.
-
-Nein, das verstand sich nicht von selbst. Wer die Mutter nicht mehr liebte,
-wie leicht konnte der auch der Kinder vergessen.
-
-Herr Picard griff sich mit allen zehn Fingern langsam in das Haar. Es war
-ihm dies seit zehn Jahren nicht begegnet, aber seine Frau hatte sich auch
-noch nie so aufgeführt.
-
-Sie lag starr und sprachlos, als der Doctor kam. Herr Picard fand diese
-Sprachlosigkeit recht gut -- der Doctor war anderer Meinung. Kaum hörten
-das die Bonne, die Köchin und das Nähtermädchen, so erhoben sie
-einstimmig ein Geschrei von solcher Stärke, daß Herr Picard fürchtete,
-die ganzen Eaux-vives könnten aufrührerisch werden. In dieser Vorstadt
-von Genf stand nämlich das Häuschen, welches einen kleinen Hof, einen
-kleinen Garten und zwei kleine Gallerien hatte und von Herrn Picard nebst
-Frau und Kindern bewohnt wurde.
-
-Nachdem Madame zu Bett gebracht und mit Essenzen gerieben worden war,
-bekam sie die Sprache wieder und verlangte nach ihren Kindern. Die beiden
-ältesten Jungen konnten nicht aufgefunden werden -- sie fischten irgendwo,
-wahrscheinlich in nicht kleiner Gefahr, aus dem Kahn in den See zu fallen.
-Der kleine Emil wurde von der Bonne herbeigeführt -- die Mutter küßte
-ihn und verzog den Mund, weil sie mit dem Kusse Butter auf die Lippen
-bekommen hatte. Die Bonne, ziemlich hart über ihre wenige Sorgfalt für
-den Kleinen angelassen, rümpfte die Nase und versicherte dann draußen
-in der Küche: man könne es Madame nie recht machen; Monsieur möge
-es manchmal schwerer mit ihr haben, als man glaube. Die Köchin und das
-Nähtermädchen stimmten der Bonne völlig bei, und Madame schlief ein,
-ohne länger bedauert zu werden.
-
-Unterdessen las der Doctor dem gelangweilten Ehemanne Moral. Eine so
-reizbare Frau müsse geschont werden, oder man könne der übelsten Folgen
-gewärtig sein. Herr Picard rief mit unterdrückter Erbitterung: »Wenn ich
-nur erst wüßte, wie ich sie schonen soll!« -- »Wissen Sie's nicht?«
-fragte der Doctor. »Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte der verdrossene
-Mann. »Nun, das müssen Sie wissen,« schloß der Doctor phlegmatisch.
-
-Herr Picard wäre beinah heftig geworden, obgleich er ein Genfer war. »Sie
-können gut reden -- Sie haben auch eine Frau --« -- »Aber die hat keine
-Nervenzufälle,« ergänzte der Doctor.
-
-»Das war's, was ich sagen wollte. So haben Sie leicht predigen, was Sie
-nicht zu thun brauchen.«
-
-»Ich predige nur, was nöthig ist. Denn ich wiederhole Ihnen -- schonen
-Sie Ihre Frau, oder -- Sie möchten sie nicht gern verlieren, nicht wahr?«
-
-»Was für eine Frage!«
-
-»Nun, Sie können sie verlieren, wenn dergleichen Auftritte sich öfter
-wiederholen. Widersprechen Sie ihr nie, sie mag verlangen, was sie will.«
-
-»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard mit einem Seufzer, der
-vielfachen Erinnerungen galt. »Man sollte meinen, sie wäre statt am See
-von Joux in Paris geboren worden.«
-
-»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der Doctor. »Es giebt Frauen,
-die haben das Genie der Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau
-ist eine von den ersteren.«
-
-
-Madame Picard.
-
-Also im Jouxthal war sie geboren und in einem Pensionat zu Morges erzogen
-worden. Ihre Mutter hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel und
-hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn Jahr war, verliebte Herr
-Picard, Pelz- und Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche
-waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer Bewerbung. So kam sie,
-jung, unerfahren und erwartungsvoll, in die dritte oder vierte Klasse der
-Genfer Gesellschaft -- vielleicht auch in die fünfte oder sechste. Genf
-ist ja in so viel Klassen getheilt, wie ein botanisches System. Wodurch die
-eigentliche Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen können;
-man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine, wohne im Winter in der
-obern Stadt, im Sommer auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß
-ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie kam und kein Haus in
-der obern Stadt, sondern nur eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang
-es ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden, freilich nur
-an der Oberfläche und zugleich aus der Natur heraus. Groß und voll
-gewachsen, würde sie sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht
-eine gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei einem kleinen
-Figürchen recht niedlich, fällt dagegen bei einer großen Gestalt leicht
-ins Lächerliche. Ihr Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken
-Backenknochen und keinem schönen Profil. Im Hute sah sie sogar häßlich
-aus, in einem kleinen umgeknüpften Tuche dagegen recht anlockend. Sie
-wußte das und trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie
-that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen. Die arme Pauline
-wollte gern recht gefährlich kokettiren und hatte doch weder große
-Anlagen dazu, noch die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war
-daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer laut, sprach nur von
-sich, schob fortwährend ihren Fuß vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde
-mit einem Wort kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen Genfer
-Accent annahm und mit gekniffenen Lippen zwischen den Zähnen sprach,
-war nicht nur verzeihlich, sondern unvermeidlich, aber freilich nicht
-wohltönend. Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der Genferinnen,
-doch will das nicht viel sagen. Sie hatte das Italienische angefangen und
-wieder liegen lassen, das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur
-das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem Jahre ihren beiden
-ältesten Knaben lehren konnte. Wurde englisch gesprochen, so verstand sie
-es nicht, aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr noch erinnerlich
-genug, um sie überlieferungsartig den Kindern mittheilen zu können. Ihr
-musikalisches Talent beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern, bei
-denen sie den Takt, um nicht herauszukommen, mit dem Fuße schlug und mit
-einem ausdrucksvollen Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren
-politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und Aristokratin, dabei sehr
-feurig und entschlossen. Wenn die Genfer gedacht hätten wie sie, würde
-James Fazy, der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht lange
-gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem ersten Wochenbette an einer
-krankhaften Reizbarkeit der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen
-durfte, stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte ziemlich
-mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen Zwillinge und ihren
-kleinen dümmlichen Emil, thronte in einem kleinen Kreise von Freundinnen
-und würde sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben,
-wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit hatte er allmählich
-aufgehört. Natürlich; waren sie nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten
-sie nicht zwei zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr
-Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein Genfer? Es giebt viele Dinge,
-welche ich mir vorstellen, eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen
-kann -- zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine Frau anbetet.
-Naive Mittheilungen von Genferinnen selbst haben mir einen sehr kleinen
-Maßstab für die Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben. Auch
-gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen für verzogene Kinder, und
-diese Bemerkung wird beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht
-gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon gesagt, Herr Picard
-war Genfer durch und durch, das heißt ein großer, etwas steifer, sehr
-zurückhaltender und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle
-nie recht bequem gefunden hatte. Folglich zog er sich im Verlauf der Jahre
-mehr und mehr in die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls
-folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste Frau, nicht
-nur in Genf, sondern auf Erden, verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen,
-alle möglichen Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl vernünftig
-widerredete, unvernünftige Nervenzufälle.
-
-
-Die Frau des Compagnons.
-
-Herr Picard hatte einen Compagnon, der die Dienste eines Commis that. In
-den sämmtlichen kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton
-ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem Arme, jede Woche einmal umher
-und forderte die Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard
-zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr Hölty -- denn diesen
-Dichternamen führte der Mann -- in ganz Genf der Compagnon des Herrn
-Picard, und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes Haus auch in
-den Eaux-vives, einen Hund, zwei Kinder und eine Frau.
-
-Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau oder Principalin eine
-Waadtländerin, doch nicht so tief aus dem Lande, sondern hart von der
-Grenze, aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß und stämmig, von
-Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen schwarzen Augen und einer kupfrigen
-Farbe. Vor ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame, wie die
-böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer russischen Fürstin, jedenfalls
-aber in der Krimm gewesen, denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich:
-»Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von dieser vornehmen Zeit
-her die Idee bekommen, daß sie eigentlich zu gut für die Schweiz
-und hauptsächlich für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen
-geheirathet, und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte aussuchen
-können. Mehr wohl um andere Gesellschaft zu haben, als um ihre Einnahme
-zu erhöhen, hielt sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die bei
-den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit zu sagen: »Wenn
-ich es nicht nöthig hätte, würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist:
-sie empfing die Fremden wie Manna, und den ersten Monat konnte man gar
-keine aufmerksamere Wirthin finden als Madame Hölty. Sie war eitel Honig
-und Höflichkeit. Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke wahre
-kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte sich in Rücksicht; Louise,
-das Mädchen, dudelte nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen Lärm
-mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine erhöhte Sphäre und empfing
-keinen Befehl, ohne daß Madame hinzusetzte: »=s'il vous plait=.« Madame
-wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen hohen Begriff von ihrem
-kleinen, aber ausgezeichneten Hauswesen und besonders von der Herrin dieses
-Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man sie beim ersten Anblicke
-für eine gute, aber ordinaire Frau gehalten, so ließ man sich von
-ihrer Selbstschätzung allmählich überreden, sie als eine kluge Frau
-anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen Ausbildung gebreche,
-aber nicht an einem taktvollen Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen
-gewissen Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen, die tischte
-sie die ersten Abende zum Thee auf, und wenn man sich auch nicht gerade
-interessirt fühlte, so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man zum
-ersten Male am Sonntage mit dem Manne und den Kindern zusammen zu Mittag
-und sah man in Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst bei
-guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben vermochte, so bedauerte
-man die Frau und fand es natürlich, daß sie andere Unterhaltung
-wünschte. Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten zu
-sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche Frau, der man gar nicht
-ausweichen konnte, die einem des Morgens den ersten guten Tag bot und des
-Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten begleitete, mochte es
-Sonnen- oder Mondschein sein, die sich überall neben einen setzen kam und
-immer sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene Gegenstände.
-Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig, immer zu hören: »Als ich
-in Baktschisarai war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen sich
-vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen waren, immer von Neuem
-zur Theilnahme darüber aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty Herrn
-Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und die Wirthin waren den zweiten
-Monat nie so zufrieden mit einander wie den ersten, wer einmal die
-Gesellschaft der Madame Hölty gründlich genossen, kam nie wieder, um
-diesen Genuß nochmals zu suchen, und längere Zeit blieben in den kleinen
-Stübchen, wo die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer, die den
-ganzen Tag außer dem Hause zubrachten.
-
-Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in einem Verhältnisse, welches sie
-als vertraulich darzustellen suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard
-gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede: »Meine Theure« zu
-erwähnen. Wenn sie wirklich mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard,
-sowie Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten zu Madame Hölty,
-Madame Hölty fast noch seltener zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den
-Fremden, mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame Picard sei ihr
-zu weltlich, der Kreis, der Pauline umgebe, ein zu frivoler; aber ging man
-etwas mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis Paulinens und
-Pauline selbst Madame Hölty mit ihren Erinnerungen an Petersburg und
-Baktschisarai zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein
-sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte Pauline die Compagnonsfrau,
-weil diese die Gefälligkeit haben mußte, alle Klagen der unglücklichen
-Frau anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend nach der letzten
-Katastrophe Madame Hölty am Bett Paulinens saß.
-
-
-Vertrauliche Unterredung.
-
-Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. Herr Picard war
-wenigstens ein Ungeheuer und hatte es lediglich der Schonung seiner Frau zu
-verdanken, daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. Madame Hölty
-hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, dann sagte sie langsam --
-Madame hatte eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr Gang
--- also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, Madame Picard, wir sind an
-Schweizer verheirathet. Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß
-ich nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer Egoisten
-sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, müssen wir auch Geduld
-haben.«
-
-Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, Geduld zu haben, und diese
-Worte galten ebenso der guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften
-Ehemanne.
-
-»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es bei uns ist. Wie oft habe
-ich zu meinem Manne gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du
-nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, _bleibt_ er wohl? Früh
-um fünf auf den See, nachher spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends
-selbst führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich dagegen, wie
-viel Sie von Herrn Picard haben.« Pauline dachte, es komme denn auch
-darauf an, ob die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch sei;
-Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit fort: »Ich versichere
-Ihnen, mehr als ein Fremder hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty,
-ist Ihr Mann denn unsichtbar?«
-
-»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte Pauline vor sich hin.
-Laut fragte sie: »Ist Ihr Mann noch immer eine Woche conservativ und die
-andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; sonst ist's ein recht
-guter Mann.«
-
-»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei ihres Mannes ergriff,
-sobald von Jemand anders, als von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte
-sie lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden Radikaler gar
-nicht so mißfallen, wie mein armer Mann.«
-
-Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline roth und antwortete sehr
-verlegen: »Ach, Herr Leon -- aber das ist auch etwas Anderes -- er ist ein
-junger Mann und in Paris erzogen worden -- wo soll er da gute Grundsätze
-bekommen haben? Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt,
-er hätte sich geändert -- er sagte mir, mit den Genfer Frauen könne man
-sich ganz anders unterhalten, als mit den Pariserinnen; wir wären viel
-ernster und gediegener.«
-
-Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, wollte sie Paulinen
-geantwortet haben: »Aber, meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr
-Leon das ernstlich gemeint habe -- kennen Sie denn die Franzosen nicht?
-Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge -- es ist das ihre Art.« In
-der Wirklichkeit aber, am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch
-schmeichlerisch: »Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon sich sehr gern
-mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« und süßer noch setzte sie dann
-hinzu: »Wissen Sie, daß er wieder hier ist?«
-
-Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine gleichgültige Verwunderung
-zu äußern. Dann fragte sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?«
-
-»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei seiner Mutter.«
-
-»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht wieder bei Ihnen?« rief
-Pauline boshaft.
-
-Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie geht in wenigen Wochen nach
-Leuk, und da sie Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in der
-Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen Pension auf dem Quai, neben der
-Krone, drei Treppen hoch.«
-
-»Und Herr Leon auch?«
-
-»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere Male bei uns, und ich will in
-diesen Tagen einmal die Mutter und ihn zum Thee bitten -- werden Sie mir da
-das Vergnügen machen, auch zu kommen?«
-
-»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline, ihre Freude schlecht
-verbergend. »A propos, haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«
-
-»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.«
-
-»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind doch noch immer da?«
-
-»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen sich sehr bei mir.«
-
-»Und sie lieben sich noch immer so?«
-
-»Wo möglich noch mehr.«
-
-»Ach, welches Glück! Und die Engländer -- sind sie eben so zärtlich?«
-
-»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat seiner Frau zum Geburtstage
-eine goldene Uhr für zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen
-pflückt er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf den Teller
-legt.«
-
-»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline kummervoll, »und --«
-
-»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty. »Was wollen Sie, Madame
-Picard, wir müssen uns darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst
-heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend aufsitzen, bis es Herrn
-Hölty gefällig ist, nach Hause zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut.
-Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen Schlüssel
-und spräche: nun komme du nach Hause, wenn es dir beliebt, vor oder nach
-Mitternacht, aber mir erlaube, zu Bette zu gehen.«
-
-Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein »Wir« von Madame Hölty.
-Sehr kühl fragte sie daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?«
-
-»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie aufstand, »aber,
-Madame Picard, der häusliche Frieden -- was thut man nicht, um den zu
-erhalten? Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im Hause.
-Dennoch sagte ich es meinem Manne heute bei Mittag -- ich war es wirklich
-müde, ihn zu erwarten -- die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen. Ich
-sagte ihm also, daß ich ihm von nun an sein Abendbrod an das Feuer setzen
-würde, da könnte er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme --
-mich aber würde er zu Bette finden.«
-
-»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie ihm nicht sagen
-wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig das Geschwätz. »Und was
-antwortete Herr Hölty?«
-
-»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher Zank, und er würde
-diese Nacht gar nicht nach Hause kommen, sondern mit Freunden auf die Berge
-gehen.«
-
-»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden morgen Regen haben, das wird ihn
-abkühlen.«
-
-»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« antwortete Madame Hölty.
-
-»Was, es ist ja kaum halb neun!«
-
-»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat ganz Recht -- man muß nicht
-immer zu gut sein, man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame Picard,
--- pflegen Sie sich recht -- ich werde Ihnen durch Louise sagen lassen,
-wann ich meinen Thee gebe -- nochmals guten Abend.«
-
-»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, daß Sie noch so spät
-gekommen sind.«
-
-Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen der deutschen Dame, die
-ich ziemlich genau kenne. Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen
-Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und zwar um so
-toller, je später und -- belebter er nach Hause kam. Da nun die Deutschen
-unmittelbar unter dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer
-wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken förmlich
-spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr Hölty in ganzen vollen Tönen
-schnarchte, die arme Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde zu
-schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders da sie am Tage auch
-keine Ruhe hatte. Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden
-Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang Louise, da tobte Georges -- es
-war schon im dritten Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der Familie
-auch noch hören -- das war ihr zu viel, und sie redete Madame gegen
-Monsieur auf, damit Monsieur, gehörig gescholten, früher und -- weniger
-schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen mit der Nachtigall Duette
-singen möge.
-
-
-Herr Leon.
-
-Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr Pellet, Sohn eines Vaters, der
-gestorben war, und einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der
-Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau seines Bruders war. Der
-Vater war Advokat gewesen, die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen
-sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und -- füllte ihn nicht
-mehr aus, indem die Republik ihm für seine Dienste gedankt hatte. Man
-flüsterte sich zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen -- unsere kleine
-Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig, und
-man weiß, daß man da nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich.
-Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert haben -- Madame
-Hölty wenigstens vertraute es der jungen Deutschen an, als diese Herrn
-Leon zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt hatte. »Und sein
-Bruder ist noch entschieden roth,« fuhr Madame Hölty fort, »zum großen
-Zorne der Mutter, welche ultraconservativ ist.« -- »Das muß ein gutes
-Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen abgeben,« bemerkte die Deutsche,
-Madame Hölty machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen Auftritt
-mitangehört -- Madame, Sie würden erschrocken sein, hätten Sie diese Mutter
-gesehen. Sie hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen und
-war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie im Frühjahr hierher zu mir. Herr
-Leon besuchte sie auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal -- sie
-war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er so gut wie sein Bruder wäre
-im Stande, sie zu ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen in den
-Familien hervor.« -- »Wenn Herr Pellet unabhängig von seiner Mutter ist,«
-meinte die Deutsche. »Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die
-sich etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen Parisers so
-eingeweiht zu sein. »Herr Leon und sein Bruder haben nur das Vermögen des
-Vaters bekommen -- die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und Herr Leon -- wie
-die jungen Leute sind -- hat fast Alles ausgegeben und ist nun noch dazu
-ohne Amt. Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen suchen -- auch
-nimmt er sich ungemein in Acht -- widerspricht ihr nie.« -- »Das wird auf
-Kosten des Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. -- »Was wollen
-Sie, Madame,« meinte Madame Hölty, »Jeder für sich. Herr Leon hat eine
-schwere Zeit bei seiner Mutter -- da ist's billig, daß er belohnt werde.«
-»Sehr wahr -- ich wünsche ihm, daß er seine Mutter ganz verstricken möge.«
-
-Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen die Eaux-vives hinauf in
-die Stadt. Es war gegen zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es
-in Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das Bedürfniß,
-einen Augenblick zu athmen, oder war's ein anderer Beweggrund, der ihn
-veranlaßte, einige Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und sich
-die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen nach dem großen Nervenzufall,
-Pauline eben aufgestanden. In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete
-Persienne blickend -- zufällig, mein Himmel, so zufällig wie möglich,
-sah sie den jungen Pariser und wich mit einem Herzklopfen zurück, als
-wäre sie bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah von der Seite
-nach dem Hause hinauf, konnte jedoch hinter der Persienne nichts entdecken.
-Pauline fühlte eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu
-schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon sah zwischen den
-grünen Brettchen eine ziemlich weiße Hand sich unruhig, fast ungeschickt
-bewegen -- er wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty hatte heute
-erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen mitgetheilt. Selbstzufrieden
-ging der junge Mann weiter.
-
-Herr Leon war, wenn ich es denn offen sagen soll, ein Geck, wie es nur je
-einen gab. In Paris konnte er keine große Rolle spielen -- er war eben nur
-Nachahmer von Nachahmern, hatte nur eine erwähnenswerthe Liebe gehabt mit
-der Tochter eines Generals, war mit einem Worte gänzlich unbedeutend. Als
-er im vorigen Jahre bei Madame Hölty wohnte, kam er so wenig in die gute
-Genfer Gesellschaft wie Madame Hölty hineinkam, und -- die Wahrheit zu
-sagen, langweilte er sich gränzenlos in dem »Schooße der Familie,« wie
-Bulwer sagen würde. Da lernte er eines Abends bei dem Scheine des
-Mondes und der Glühwürmchen Madame Picard kennen. Sie war gerade nicht
-ausgezeichnet hübsch, sie war auch nicht besonders unterhaltend, aber
-neben Madame Hölty und in dem langweiligen Genf überhaupt war sie eine
-Erscheinung, und Herr Leon stellte sich so geblendet, als habe er eine
-neue Sonne entdeckt. Madame Picard war es wirklich. Gewiß ist es, ihr Name
-konnte überall mit Herrn Leon in die Schranken treten, und der Preis
-der bessern Haltung nicht allein, auch des hübschen Aeußern wäre ihm
-geworden. An Kenntnissen, an Charakter war Herr Picard gleichfalls der
-Ueberlegene -- Leon wußte so gut wie gar Nichts und war an Charakter
-so gut wie Null. Aber -- er war Pariser, sprach von der Oper und seinem
-Schicksal, von Kirchthurmrennen und innerlicher Einsamkeit, von Toiletten
-und der Liebenswürdigkeit Paulinens. Der kleine Roman war angefangen, und
-wenn er nicht fortgesetzt wurde, so lag das nicht an Leon, sondern an der
-Gelegenheit. Pauline hatte keinen Salon, Leon durfte selbst nicht wagen,
-ihr sogleich einen Morgenbesuch zu machen. Ein Brief seines Bruders,
-bezüglich auf die Plane ihrer Partei, rief ihn unvermuthet zurück; er
-reis'te ab, ohne Pauline öfter als zwei Mal gesehen zu haben. In Paris
-vergaß er ihrer bald ganz -- Pauline dachte seiner um so eifriger -- es
-war der erste Mann, welcher sich ihr als Anbeter genähert. In Genf giebt
-es keine Anbeter für Frauen: die Seltenheit gab Leon einen unberechenbaren
-Werth. So oft Herr Picard als Ehemann sprach, dachte Pauline an Leon und
-sagte sich: »_er_ würde nicht so sprechen.« Es ist der beste Beweis
-für Paulinens Unverdorbenheit, daß sie diese erste kleine Koketterie
-so ungemein ernsthaft nahm, doch konnte auch eben darum Gefahr in einem
-Wiedersehen Leons liegen. Er für sein Theil erinnerte sich der hübschen
-Waadtländerin erst wieder, als er sich drei Abende nach einander mit
-seiner Mutter und ihren Freunden aus Lyon bei Whist und Zuckerwasser
-gelangweilt hatte.
-
-
-Die Abendgesellschaft.
-
-Der große Tag kam. Madame Hölty machte im Salon ein mächtiges Geräusch.
-Der Sopha wurde ganz anders gestellt, neben die zweite Thür, welche
-unmittelbar in den Garten führte. Die Deutsche, welche in ihrem Stübchen
-oben das Gerassel der Vorbereitungen gehört, kam herunter und gab ihr Wort
-dazu. Zwei Lehnsessel waren vorhanden; sie ließ sie von der Wand an den
-runden Tisch vor den Sopha rücken. Es ist in Genf Sitte, daß besagter
-runder Tisch mit Büchern geschmückt werde, und zwar in der Art, daß die
-Bücher gleich Radien eines Kreises liegen. Auch hier war es der Fall; alle
-Bücher Louisens waren ausgebreitet. Die Deutsche meinte, das passe nicht
-zu einer Soirée. Madame Hölty sah kläglich aus; im ganzen Hause gab
-es keine andere Bücher. Die Deutsche entschloß sich kurz, holte aus der
-Reisebibliothek ihres Mannes eine Menge Sprachlehren und Wörterbücher und
-garnirte damit den Tisch. Die Kinderbücher wurden in eine Ecke einquartirt
-neben einem schadhaften Damenspiel und einem ehemals eleganten Kästchen,
-und der Salon hatte auf einmal eine ganz eigene Physiognomie, ein gewisses
-»capables Ansehen« angenommen.
-
-Der Mittag ging wie gewöhnlich des Sonntags vorüber -- die Genfer lobten
-Gott, indem sie in Paquis knatternd nach der Scheibe schossen, Herr Hölty
-hatte am frühen Morgen Fische gefangen, welche nebst Rindfleisch und einem
-Kuchen das Diner ausmachten. Die Kinder aßen den Gästen mehr fort, als
-diesen lieb war, der Hund bettelte am Fenster und bekam Nichts -- es war,
-wie es schon sechs oder sieben Mal gewesen war. Aber am Abend sollte es
-anders sein.
-
-»Madame Picard wird wohl etwas früher kommen, um den Abend im Garten
-genießen zu können,« sagte Madame Hölty.
-
-»Wer kommt noch außer Madame Picard?« fragte die Deutsche. Die
-Engländerin konnte kein Wort Französisch, folglich auch keine Frage thun.
-»Kommt Herr Picard auch?« fragte die Deutsche.
-
-Nein, Herr Picard war auf einer Reise, es kamen außer Madame Pellet und
-Herrn Leon nur noch ein Ehepaar aus Lyon und die Nichte der Madame Hölty,
-»die ein Stück spielen solle«.
-
-Die Deutsche lachte über die ungemein glänzende Versammlung.
-
-Ein Herz schlug dieser Gesellschaft doch entgegen, so lächerlich klein sie
-auch war. Pauline aß kaum Etwas zu Mittag. Die Kinder wurden gescholten,
-die Bonne bekam Verweise. Pauline war fieberhaft erregt, hatte Kopfweh. Ob
-sie nicht lieber absagen sollte? Am Ende -- eine Soirée bei Madame Hölty
--- Gott, man wußte ja, wie langweilig das war. Allerdings, heute waren
-Fremde da. Von der Deutschen hatte Pauline schon viel gehört. Der Mann
-sollte noch jung und sehr angenehm, die Frau eine gute Sängerin sein.
-Dann die Engländer -- Pauline mochte Engländer leiden, sie waren meistens
-originell, »und etwas Originalität thut einem in Genf von Zeit zu Zeit
-Noth,« seufzte Pauline. Ja, der Fremden wegen wollte sie gehen. Und so --
-mußte sie sich anziehen.
-
-Welches Kleid? Putzen konnte man sich nicht gut, aber elegant mußte man
-doch auch aussehen. Die beiden Fremden würden sich gewiß sehr schön
-machen. Pauline entschied sich für ein schwarzseidenes Kleid, eine
-elegante Collerette, eine nelkenrothe Cravatte. Ein schwarzes Tuch um den
-Kopf wurde nicht vergessen, ein Ueberwurf angezogen, welcher den Wuchs gut
-hervorhob, dann der Hut aufgesetzt -- Pauline wußte nicht, wie sehr er sie
-entstellte, und hätte sie es auch gewußt, man kann doch in einer Vorstadt
-von Genf nicht ohne Hut gehen. Pauline rief den Zwillingen, welche Georges
-die Freunde Picard nannte, übergab Emil der Bonne, warf nachlässig hin,
-sie werde bald wiederkommen, nahm den Sonnenschirm in die Hand und das
-gleichgültige Gesicht an und begab sich =comme il faut= zu Madame Hölty.
-
-Georges nahm am Gartenthor die Zwillinge in Empfang; Louise, im weißen
-Kleide mit blauer Schürze, eilte den Gang hinauf, wo die Mutter mit der
-Deutschen war. Madame Hölty stellte »ihre Freundin« vor. Madame Picard
-erschrak -- die Deutsche hatte weder Hut noch Handschuhe. Auf eine sehr
-faselige Art freute sie sich, die Bekanntschaft Paulinens zu machen,
-versicherte dann, sie könne unmöglich den schönen Abend vorbeigehen
-lassen, ohne sich noch etwas zu rudern und lief an den See, wo ihr Mann
-bereits einen Kahn losgemacht hatte. Madame Hölty führte Pauline an die
-Gartenmauer, und sie sahen, wie das Ehepaar lustig in den klaren See und in
-die laue Luft hinausruderte. »Das ist alle Abend ihr Vergnügen,« sagte
-Madame Hölty, »wird sie müde, so rudert er allein -- nie fast fahren sie
-mit Jemand sonst. Und das dort ist der Engländer, der fährt seine Frau
-auch.« Pauline folgte den leichten Barken, deren jede ein allem Anschein
-nach vollkommen glückliches Paar trug, mit dem Blicke eines stillen
-Neides. Warum konnte sie nicht auch so fahren, gerudert von einem Manne,
-der sie anbetete, gleichsam Königin in der Schönheit dieses Abends? Eine
-Erbitterung gegen ihren Mann ergriff sie, wie sie noch nie empfunden --
-»an ihm rächen möcht' ich mich,« dachte sie. »Madame, wie glücklich
-bin ich, Sie wiederzusehen,« sagte eine Stimme hinter ihr. Erröthet
-wandte sie sich um. Leon Pellet stand da und begrüßte sie mit
-ausdrucksvollem Blicke. Er hatte kein schönes Organ, aber er sprach in
-reinem Französisch, und Pauline glaubte, eine Bewegung in seinem Tone
-zu errathen. Er hatte auch kein schönes Auge, -- es war stechend und
-bisweilen selbst zweideutig im Ausdrucke, aber er heftete es fest auf
-Pauline, und sie bedurfte es in diesem Augenblicke so sehr, bewundernd
-angesehen zu werden. So dünkten denn Auge und Stimme ihr liebenswürdig,
-ja, sogar bestechend.
-
-Leon war mit seiner Mutter gekommen -- er war jetzt ein so guter Sohn, daß
-er seine Mutter nie ohne die Stütze seines Armes gehen ließ. Aber die
-alte Dame spazierte mit Madame Hölty in einiger Entfernung auf und ab, und
-Pauline fand sich nicht veranlaßt, die ersten Schritte ihr entgegenzuthun.
-Sie setzte sich vielmehr auf eine grüne Bank, die zwischen Rosen stand.
-Leon stützte sich auf die Lehne. Pauline athmete laut auf -- sie hatte
-jetzt auch einen Mann neben sich, der nur auf sie sah, nur mit ihr redete.
-Allerdings war es nicht der ihrige, aber -- man kann nicht immer Alles
-haben.
-
-Sie sprachen. Die Unterhaltung, welche Leon mit ihr führte -- es bedurfte
-keiner Genferin, um sie zu führen, wenn nämlich die Genferinnen sich
-wirklich durch größeren Ernst und tieferen Gehalt auszeichnen sollten.
-Der See war das Thema, das uralte und alltägliche Thema, welches zum
-tausendsten Male in derselben Art abgehandelt und abgewandelt wurde. Der
-See war schön, wer wollte es läugnen? Das Gartengestade drüben lag
-in prächtiger Dunkelheit auf dem violetduftigen Jura. Die Stadt links,
-beherrscht von der zweithürmigen Kathedrale, war kraftvoll in die
-gelbliche Glorie des Himmels gemalt. Rechts hin -- wie lieblich verliefen
-nicht die Linien des Sees in die des Joral, und die Umrisse des Joral in
-den rosigen Osten! Und die vielen Fahrzeuge, welche auf der spiegelhellen
-Glätte in die Abendröthe schifften, rascher, langsamer, gewaltsam, ruhig,
-bald mit blähendem Segel, bald blos mit flatternden Wimpeln, gerudert von
-zwei, vier, sechs, acht Rudern. Ja, der Abend auf dem See war schön, aber
-um das zu empfinden, brauchte man blos eine Seele, um es zu sehen, nur zwei
-gesunde Augen.
-
-Pauline ließ die ihren melancholisch einer kleinen Peniche folgen, worin
-eine Frau saß, während zwei Männer ruderten. »Ich möchte wohl,« ließ
-sie fallen und hielt inne. --
-
-»Auch so fahren?« fragte Leon. »Ja, diese Beweglichkeit lockt an --
-man möchte sich hineinmischen. Haben Sie keinen Kahn? Ich würde Sie mit
-Vergnügen fahren.«
-
-»Mein Mann liebt Wasserfahrten nicht,« erwiederte Pauline. »Für mich
-ist es eine Erinnerung an meinen heimathlichen See.«
-
-»Ist der so schön wie dieser?« lispelte Leon.
-
-»Für mich schöner. Doch natürlich heißt das mit den Augen des Herzens
-sehen.«
-
-»Das beste Sehen, das richtigste.«
-
-»Nicht immer.«
-
-»Doch. Sobald Sie eine Person auf diese Art sehen, werden Sie ihr
-Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Ein Blick gab dieser Redensart ihre
-Anwendung.
-
-Pauline erhob sich, anscheinend in Verwirrung. Sie spielte so gut wie Leon,
-nur eifriger als er. Er that's nur, weil er nichts Besseres zu thun hatte
--- sie, weil ihre Phantasie dadurch ergriffen war. In ihrer Rolle lag es
-jetzt, verstanden zu haben und auszuweichen; sie sagte leise, es werde kalt
-hier am See. --
-
-Leon lächelte -- es war ein unverschämtes Lächeln. Pauline nahm es nur
-für bedeutungsvoll. Er bot ihr den Arm. Der große Salève sah aus seiner
-blauen Höhe über die Bäume des Gartens herein. »Dort hinauf will ich
-einmal,« sagte der junge Mann. »Waren Sie schon oben?«
-
-Pauline bejahte, setzte hinzu, sie erwarte binnen einigen Tagen Verwandte
--- mit denen wolle sie abermals hinauf. »O dann --« sagte Leon. Er
-erwartete eine Einladung; er irrte sich. Pauline kokettirte als Genferin,
-d. h. mit genauer Beobachtung einer gewissen Scheidelinie. Leon konnte sich
-ihr Entgegenneigen nicht mit ihrer Zurückhaltung zusammenreimen. Daß
-er sie interessirte, daß sie jede Bewegung in der Absicht machte, ihm zu
-gefallen -- er sah es -- warum lud sie ihn also nicht ein, sie auf den Berg
-zu begleiten? Ach, jetzt hatte er es errathen -- die Verwandten!
-
-»Aber ich glaube, wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.
-
-»Nun gut, was weiter?« fragte Leon, und drückte leise ihren Arm.
-
-Sie schien nicht darauf zu achten, sondern flüsterte mit beredtem
-Augenniederschlage: »o, es ist hier nicht Sitte, einsame Spaziergänge am
-Ufer des Sees zu machen.«
-
-Leon führte sie den andern Frauen nach und sagte ziemlich kühl:
-»sprechen wir von Politik, da wird es unschuldig. Sind Sie noch immer so
-entsetzlich streng gegen alle arme Demagogen?«
-
-Die junge Frau kam beinah aus der Fassung. »Antworten Sie mir doch,«
-flüsterte er ihr zu, »man beobachtet uns dort.« Er deutete ihr mit den
-Augen Madame Hölty an, welche eben die Lyonneser bewillkommnete,
-dabei aber nicht wenig scharf nach der Seite schielte, von welcher das
-verspätete Paar kam. Leon fragte wieder laut: »Nun, hat James Fazy immer
-noch keine Gnade vor Ihren Augen gefunden, Madame?«
-
-»Monsieur Fazy,« rief Pauline, Feuer fangend, mit natürlicher
-Lebhaftigkeit, »Monsieur Fazy ist eine Canaille.«
-
-»Wenigstens eine Canaille, die Verstand hat,« sprach Leon, etwas
-betroffen. »Nur so läßt es sich erklären, daß die Conservativen,
-welche in der Mehrheit sind, ihn dulden.«
-
-»Die Conservativen sind Schöpse!« rief Pauline wieder.
-
-»So verdienen sie geschoren zu werden,« sagte Leon. »Aber, Madame, um
-Himmelswillen, wie leidenschaftlich sind Sie in der Politik!« Es ärgerte
-ihn, daß sie in der Politik nicht so kühl Maaß hielt wie in der
-Koketterie. Er wurde einsylbig, zerstreut. Umsonst setzte Pauline, nachdem
-sie die Lyonneser begrüßt, den Spaziergang fort, umsonst fing der Mond
-an zu scheinen, umsonst duftete das Geißblatt -- Leon blieb fremd. Pauline
-wurde dagegen lebhafter, sie wollte ihn wieder so haben, wie er eben
-gewesen war. Ganz ausschließlich mit ihm beschäftigt, kam sie endlich in
-den Salon und wies ihm einen Stuhl neben dem ihrigen an. Leon setzte sich
-und betrachtete den Fußboden. »Was ist Ihnen?« fragte Pauline leise.
-»Nichts,« antwortete er mit einem sehr geschickt modulirten Tone.
-Pauline hörte Empfindlichkeit über ihre Zurückhaltung, dabei Trauer,
-unterdrückte Leidenschaftlichkeit heraus. Sie glaubte wirklich Leons Herz
-erfaßt zu haben und nach Gefallen schmerzhaft oder freudig erschüttern
-zu können. Gerührt ließ sie ihre Augen ihm allerlei Versicherungen der
-Milde und Güte ertheilen. In diesem Augenblicke traten die Fremden ein,
-die Deutsche zuerst, dann die Engländer. Madame Hölty verstand nicht,
-die Wirthin zu machen; sie stellte die Fremden der Gesellschaft, aber nicht
-diese jenen vor. Die Engländerin setzte sich bequem hin und ließ sich von
-ihrem Manne unterhalten; die Deutsche tauschte mit dem ihrigen flüsternd
-Bemerkungen aus. Auf Pauline und Leon deutend, sagte sie: »Ich glaube, das
-ist das Ehepaar aus Lyon.« Sie erkannte, kurzsichtig wie sie war, Pauline
-ohne Hut nicht wieder. »Nur sieht der Mann wie der Pariser aus,« wandte
-der Deutsche ein. -- »Ja, aber der Pariser ist nicht verheirathet. Nein,
-nein, das sind Herr und Madame Caille oder wie sie heißen, aus Lyon, und
-Herr Pellet ist der junge Mann dort oben.« Zu gleicher Zeit flüsterte die
-Engländerin gegen ihren Mann: »Das ist ein hübsches Gesicht -- ihr Mann
-scheint sie sehr zu lieben.« Pauline gehabte sich auch wirklich wie eine
-nicht lange verheirathete Frau; Leon neben ihr hatte ganz das stille Wesen
-eines zufriedenen, aber gehaltenen Ehemannes -- man konnte nicht anders als
-Beide für verheirathet annehmen. Die Deutsche fragte Madame Hölty, die
-eben vorbeikam, wie lange sie es wären. Madame Hölty lächelte. »Das
--- aber das sind ja --« und die Erklärungen. Die Deutsche lachte. »Dann
-ist's eine hübsche kleine Courmacherei.« -- »Ja wohl -- wir haben es
-schon voriges Jahr bemerkt, und mein Mann war sehr unzufrieden damit.« Die
-Deutsche blickte Madame Hölty einen Augenblick scharf an.
-
-Pauline kam jetzt zu der Deutschen und bat und hoffte, sie möchte und
-würde sich doch hören lassen. »Nach Ihnen, Madame,« antwortete die
-Deutsche. »O, ich, Madame!« Alle kleinen nöthigen Weigerungen erfolgten,
-dann setzte Pauline sich an den Flügel, ließ ihr Tuch flattern, ihre
-Schultern arbeiten, ihre Augen spielen und ihre Walzer hören. Leon hatte
-ihr Aufstehen eilends benutzt, um sich in den Eßsaal zu begeben und mit
-Herrn Hölty einige Gläser Wein zu nehmen; als er darin befriedigt war,
-kam er geräuschlos wieder und setzte sich auf den Sopha. Pauline ließ, da
-sie ihn nicht erreichen konnte, einige Augenblitze zu dem Deutschen und dem
-Engländer fliegen, die beide näher saßen. Leon bemerkte es und machte
-sich innerlich lustig über die verlorene Koketterie, denn beide Männer
-schienen mit Kaltblütigkeit wahrhaft gepanzert. Und doch war Pauline bei
-Weitem hübscher als die Deutsche und die Engländerin, aber beide Frauen
-gaben sich keine Mühe, und Leon fand sie auf einmal weit mehr der seinigen
-werth. Mit der Engländerin konnte er nicht sprechen, da sie nicht seine,
-er nicht ihre Sprache verstand; blieb also die Deutsche. Sie sang jetzt,
-Melodien in vier oder fünf Sprachen. Pauline, welche befürchtete, die
-Aufmerksamkeit könne sich ausschließlich auf den Gesang wenden, bewegte
-sich mit ihrer hübschen Gestalt unaufhörlich bald da, bald dort. Vor Leon
-stand sie mehrmals; seine Mutter machte ihr Platz, sie setzte sich neben
-ihn. Sie hatte jetzt die Besonnenheit verloren und that alles Mögliche,
-um sich »zu affichiren.« Leon war ungemein »Löwe,« d. h. erhaben und
-gelassen. Nachdem er Paulinens Lebhaftigkeit eine Zeit lang ertragen, stand
-er auf und nahm einen Stuhl neben der Deutschen, die eben heimlich mit
-der Engländerin plauderte. Sie sah ihn kommen und belustigte sich über
-Paulinens sichtliche Unruhe. Die hübsche Waadtländerin wußte erst gar
-nicht, was sie machen sollte; dann lockte sie den Deutschen an den Flügel
-und brachte ihn dazu, eine unserer schönsten Compositionen zu spielen,
-wobei die Gesellschaft sich über alle Maßen langweilte. Leon saß immer
-geduldig da und wartete auf die Gelegenheit, sich liebenswürdig zu zeigen.
-Endlich war die gute Musik aus, Pauline ließ ihre Beredtsamkeit über den
-Deutschen ergehen, Leon wandte sich entschieden zu seiner Nachbarin und
-flüsterte ihr in den weichsten Tönen seine Bewunderung über ihren Gesang
-zu. Pauline flatterte wie ein Vogel über Kohlen -- die Deutsche sah es und
-ging, boshaft genug, in ein Gespräch mit Leon ein. Pauline überredete den
-Deutschen, eines ihrer Walzerhefte dazubehalten -- es knüpfte sich so
-eine Bekanntschaft an, -- die Deutsche erhob sich, um auf Leons Bitte ein
-venetianisches Gondellied zu singen. Die arme Pauline -- sie allein war bei
-diesem Spiel ernsthaft; Leon wünschte, eben so sehr wie ihr, der Deutschen
-zu gefallen -- diese lachte innerlich herzlich, ebenso ihr Mann. Die
-Koketterie ist wie das Feuer; man verbrennt sich, wenn man damit spielen
-will. Pauline ward ganz verwirrt, ganz beängstigt; ihr war, als gehöre
-Leon ihr, als müsse sie alle ihre Kräfte anstrengen, um ihn festzuhalten.
-Mehr und mehr gab sie sich ihrer Aufregung hin und der ganzen Gesellschaft
-ein ergötzliches Schauspiel. Erst als der Aufbruch da war, beruhigte ihre
-aufgescheuchte Eigenliebe sich in Etwas; sie sah sich wieder als den Punkt,
-auf den Aller Augen sich hefteten. Der Engländer half ihr den Ueberwurf
-anziehen, der Deutsche dankte ihr für die Noten, Leon stand bereit, ihr
-den Arm zu bieten. Wenigstens einigermaßen beschwichtigt trat sie hinaus
-in die schöne Nacht.
-
-
-Beim Nachhauseführen.
-
-Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das andere am Ende der
-Eaux-vives. Eine Viertelstunde war's wohl von einem zum andern, besonders
-wenn man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft, denn der Abend war
-köstlich. An Sommerabenden versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie
-am Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr behauenen Platanen. Es
-war so spät, daß die Straße einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die
-Gärten der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus diesen Düften
-hauchte etwas Südliches Beschleunigung in das Blut. Der Mond leuchtete.
-
-Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung! Pauline ging, tief
-athmend vor Erwartung, an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten
-unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines Freundes und
-Principals an ihrer rechten Seite trabte, störte sie wohl etwas,
-beunruhigte sie aber nicht. Der Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon
-sprechen konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie ernsthaft an
-und sprach kein Wort.
-
-Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann sahen sie sich dann wieder?
-Es konnte ja nur zufällig sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so
-kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte. »Sie haben sich viel mit
-der deutschen Dame unterhalten. Spricht sie gut?«
-
-»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte Leon gehalten. Er
-sah Pauline ankommen.
-
-»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?« fuhr Pauline unruhiger
-fort.
-
-»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem gewissen Nachdruck.
-
-»Sind sie allein das?« fragte die Unvorsichtige.
-
-Leon schwieg.
-
-»Trauen Sie uns kein Gefühl zu?« forschte sie dringender.
-
-»Ich achte die Schweizerinnen unbegränzt,« erklärte Leon.
-
-»Warum sollten Sie auch nicht?« gab Herr Hölty dazu.
-
-Pauline ließ sich wirklich reizen. »Ach, aber liebenswürdig sind wir
-nicht, nicht sentimental, wie -- die Deutschen?«
-
-»Die deutsche Dame bei uns ist gar nicht sentimental, sondern sehr
-vergnügt,« schaltete Herr Hölty wieder ein. »Das Schießen kann sie
-nicht leiden, sonst ist's eine gute Person.«
-
-Leon benutzte diese Rede und warf in Paulinens Ohr: »Wenn Sie wollten --«
-
-Sie wurde wieder Komödienspielerin, that als zittere sie.
-
-Leon seinerseits ließ sich täuschen, glaubte die junge Frau berückt zu
-haben, ihrer endlich sicher zu sein. Leise brachte er seine Finger an
-ihre Hand, berührte diese mit einem Drucke, in den er Willen und
-unwillkührliche Aufregung zugleich legte. Paulinens Eitelkeit war
-befriedigt, aber kein Puls ihrer Hand klopfte schneller. Sie war in diesem
-Augenblicke noch härter und unwahrer als Leon. Er ahnte das nicht; die
-Eitelkeit, welche sie kühl und sicher machte, verwirrte ihn. Sein Athem
-streifte glühend Paulinens Wange. »Wenn ich mich nicht getäuscht,«
-flüsterte er, »wenn Sie für mich --« Pauline lauschte, mit ihren Augen
-an seinem Munde hängend -- der gute Hölty wußte gar nicht, warum die
-beiden Leute auf einmal so stumm wurden und suchte in seinem Kopfe nach
-einer Rede, um das Stillschweigen zu unterbrechen. Leon fuhr fort: »Seit
-vorigem Jahre denke ich nur an Sie, und Sie, Madame --« Pauline blickte
-nieder wie in tiefer Befangenheit. »O mein Gott, wenn Sie nur einen
-Gedanken an mich gehabt hätten -- wenn ich -- wäre es zu dreist, Ihr
-Schweigen so zu deuten?« Sie schien Etwas murmeln zu wollen. »Sprechen
-Sie nicht, ich bitte Sie -- Sie wissen, was das Schweigen mir sagen soll --
-ein Gedanke, wie wenig, -- für mich die Welt, für Sie -- ein Augenblick,
-welchen Sie der Toilette abgewendet haben, -- bin ich nicht bescheiden?«
-
-Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu -- Leon war in dieser
-Minute wirklich verliebt. Gern wäre er mit Paulinen wieder am Rande des
-See's gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines Freundes
-Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht von der Seite der hübschen Frau
-und der -- war es jetzt ganz erwünscht, -- sie fürchtete sich beinah
-etwas vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen Wächter zu verwünschen.
-»Kann man unleidlicher sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie
-an das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. »Wann darf ich
-morgen kommen?« fragte Leon rasch und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm,
-sah plötzlich wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen bin ich
-noch allein und nehme keine Besuche an,« sprach sie gezwungen. »Von
-übermorgen an ist Herr Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause --
-da wird er sich ausnehmend freuen.« -- »Sie sind ausnehmend
-gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. Pauline grüßte
-fürstingleich, nahm von den Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied.
-Sie glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen zu haben, die
-Stellung der angebeteten Gebieterin gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie
-irrte. Leon verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, aber er
-ärgerte sich nicht über eine Minute. Als Herr Hölty Madame Pellet und
-der Lyonneser Familie gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen
-hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu laufen, hatte Leon sich schon
-wieder gefaßt, bot, kühl wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und
-führte sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt zurück.
-
-
-Ungewißheit.
-
-»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« sprach am Morgen nach der
-Abendgesellschaft Madame Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche
-abgefangen hatte.
-
-»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie würde sich dadurch
-geschmeichelt fühlen, so wenig schmeichelhaft es eigentlich auch für
-sie ist. Thun Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar nicht,
-dann vergißt Madame Picard sie von selbst. Sie beachten heißt sie
-befördern.«
-
-»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. Eine Stunde später stand
-sie am Gitter von Paulinens Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame Picard?
-Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken Sie sich, gestern hat man Sie
-und Herrn Leon für ein Ehepaar gehalten!« -- »Ist es möglich? Wer, wer
-denn?« -- »Wer denn anders als die Deutschen und die Engländer. Das ist
-sonderbar, nicht wahr?« -- »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor
-Freude.
-
-»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« bemerkte
-schmeichlerisch die wahre Freundin. »Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg
-machen lassen -- denken Sie, wenn Herr Picard --«
-
-»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken zurück,« sprach Pauline
-stolz. »Allerdings, er würde zu weit gehen -- ich weiß nicht, was ihn zu
-mir zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte hier -- man
-sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; aber wieder einen hohen
-Ernst annehmend, fuhr sie fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine
-Pariserin bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die leichten,
-welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. Ich will ihn
-nöthigen, die Frauen in mir zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin
-schon sagen wollte -- er hat mich gefragt, wann ich ihn annehmen könnte.
-Ich habe ihm geantwortet --« und Pauline erzählte, was sie geantwortet.
-Madame Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen haben,« sagte
-sie.
-
-Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich den Hergang mit. »Also
-haben Sie es doch nicht verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend.
-»Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem Besuche gebeten
-hat, ist das Wenigste, was er thun konnte; Madame Picard kann nach ihrem
-gestrigen Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von ihm bekommt.«
--- »Meinen Sie, Madame?« -- »Allerdings.«
-
-»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame Pellet nicht trauen,«
-bemerkte die Deutsche gegen ihren Mann und den Engländer.
-
-»Was soll sie denn der alten Madame Pellet thun?« fragte der Deutsche.
-
-Lachend antwortete die Deutsche: »Ich verwechsele in einem fort die Namen
--- die beiden Menschen müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal
-haben. Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten würde, wenn ihre
-liebe Madame Picard sich ein wenig compromittirte.«
-
-»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer.
-
-»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück. »Madame Picard oder
-unsere liebenswürdige Wirthin?«
-
-»Das ist wohl kein Zweifel.«
-
-»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat allenfalls die
-Erlaubniß zu kokettiren?«
-
-»Alles kein Zweifel.«
-
-»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen -- wollen? Warten wir's
-ab -- es ist eine völlige Novelle -- Nichts fehlt, nicht einmal die
-heuchlerische Vertraute -- Madame Hölty spielt sie mit möglichster
-Natürlichkeit.«
-
-»Und wie wird das Ende sein?«
-
-»Ueberall wo anders würde es zu einem -- komischen oder höchstens
-dramatischen Ende kommen, hier in Genf besteht das Ende darin, daß es eben
-kein Ende giebt.«
-
-»In der That?«
-
-»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der Schweiz giebt es keine
-Romantik.« Sie sagte das mit der vollkommensten Ueberzeugung.
-
-Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie gut sie errathen
-worden, befand sich unterdessen zum zweiten Male vor dem Stacketenzaun am
-Picardschen Garten.
-
-»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht wundern, wenn Herr Leon
-Ihnen noch heute die glühendste Liebeserklärung schriebe.«
-
-»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem Entzücken, »die
-Deutschen sehen Alles mit poetischen Augen an. Herr Leon denkt nicht daran,
-mir eine Erklärung zu schreiben -- überdies würde ich sie auch ungelesen
-zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre Würde besinnend, feierlich
-hinzu.
-
-Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline den ganzen Abend, sowie
-den ganzen nächsten Morgen über auf einen glühenden Brief von Leon. Es
-kam kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.
-
-Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich Genfer, fand er diesen Empfang
-doch zu kalt -- es gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die
-Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu werden -- die kommen
-sollende Liebeserklärung ging ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch
-nicht. Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, aber nur, um mit
-seiner Mutter am Arm vorüber und zu Madame Hölty zu gehen.
-
-Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. Wollte er die Deutsche
-wieder singen hören? Pauline hätte sich deßwegen beruhigen können,
-die Deutsche sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an ihrer
-Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche sah Pauline den jungen
-Pariser vorbeigehen, immer fein spießbürgerlich die Mutter führend.
-Da sie das Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in den
-allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine Engländerin sogar
-blieb nicht frei. Pauline hielt nun einmal Leon für unwiderstehlich und
-glaubte, beiläufig gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.
-
-Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut einen Besuch und sah, wie die
-Sachen standen? Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden Frauen,
-die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. Und warum erkundigte sie sich
-denn nicht bei Madame Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel zu thun
-mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen für Georges und Kleidern für
-Louise! Madame Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein würde,
-darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.
-
-Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um die ihm geliehenen Noten
-zurückzubringen. Pauline sprach während der Stunde, die sie ihn
-festhielt, außer von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen
-auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als einen sehr angenehmen Mann,
-wunderte sich, daß er roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens
-politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie schon gesagt, auch
-nicht zu dem kleinsten Faden, der sie in dem Labyrinth von Leons völligem
-Schweigen leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine Frau noch
-nicht wieder gesungen habe.
-
-
-Unvermuthet.
-
-Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh, Madame Hölty aber schon auf
-und im Garten. Da hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen«
-sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um und erblickte Herrn
-Leon.
-
-»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte ihm die Hand, »so
-früh! Was bringen Sie?«
-
-»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck von Behaglichkeit.
-
-»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein gutes, hoff' ich?«
-
-»O, das allerbeste.«
-
-Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde zum Hunde geschickt. Madame
-Hölty war voller Erwartung.
-
-»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere Einleitung an.
-
-Verliebt -- Madame Hölty fühlte eine gewisse Unruhe -- wollte er sie zur
-Vertrauten machen -- das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen.
-
-Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt, sehr verliebt, und
-will heirathen.«
-
-»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?« fuhr Madame Hölty heraus.
-
-»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach und sah sie groß an. »Was
-fällt Ihnen ein? Was sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen
-will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen aus Marseille, mit
-vielem Vermögen, aus sehr guter Familie.«
-
-Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon verläumdet, indem sie ihn
-als Rothen schilderte -- er war der conservativste Mensch. Auch sah sie
-ihn ganz verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr geschenkte
-Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und seit wann, wie, wo sind sie
-denn auf diesen Gedanken gekommen?«
-
-»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In Paris. Wie? Indem ich mich
-verliebte und die Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger
-Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen verlangt, und ich leider
-beinahe Nichts mehr besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen,
-damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich hergekommen und habe mich
-so aufgeopfert. Nun, ich bin auch belohnt worden -- meine Mutter willigt
-ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, -- wünschen Sie mir
-Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt begleite ich nur noch meine Mutter nach
-Hause, dann reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder drei
-Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen zu können.«
-
-Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig; Leon war ihr
-entschiedener Günstling. Plötzlich sah sie sehr erschrocken aus und
-fragte: »Aber Madame Picard?«
-
-»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon. »Was ist's mit Madame
-Picard? Ich habe ihr im Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie
-wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«
-
-Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung geheim zu halten,
-konnte es nicht fehlen, daß sie zu Mittag ihre Fremden davon in
-Kenntniß setzte. Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das ist
-allerliebst -- die Novelle endet, wie ich gesagt, ohne Ende.« Dann wurde
-sie ernsthaft und setzte hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger
-wäre als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne haben. Ein
-sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin war, als man ihr den Verhalt
-verdollmetscht, ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den
-Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt. Dann kam die Frage zur
-Sprache: ob und durch wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen es
-ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche.
-
-»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte Madame Hölty, auf einmal
-zurückhaltend. »Sie scheinen sich wunderbare Gedanken über Madame Picard
-zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob Herr Pellet heirathet
-oder nicht.«
-
-»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen Recht,« sagte die
-Deutsche nachlässig, im Innern aber ergriff sie jetzt für die arme
-Pauline Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach, ohne
-daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch einmal Stoff zu hämischen
-Betrachtungen liefern soll.« Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort;
-so heißt es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es plötzlich
-nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen einen Besuch zu machen. Da, neben
-der hübschen Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin, was sie
-wußte. Die arme Pauline ward roth und blaß -- es traf sie unvermuthet.
-Ihren Anbeter hatte sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein
-Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich schlimm!« seufzte sie
-innerlich. Die Deutsche sagte lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir
-die Braut? Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe ich meinen
-Mann noch tausend Mal dem verbesserten Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie
-werden wahrscheinlich eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum, das
-Ideal unserer guten Madame Hölty -- nun, der Geschmack ist frei, aber
-hier, unter uns, nicht gut. Herr Leon riecht immer so grenzenlos
-nach Taback.« Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann
-unwiderruflich verurtheilt.
-
-Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb über den Löwen ihrer
-Träume. Es ist gut, daß man sich so leicht fassen kann, wenn man eben
-nur kokett gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie schelmisch:
-»Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty wollte Nichts wissen. »Aber ich
-weiß Alles,« sagte lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm,
-jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle. Ich möchte gern von seiner
-Braut hören.«
-
-Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch mit Gleichmuth von
-Paulinens Gleichgültigkeit. Madame Hölty ärgerte sich darüber; sie
-hätte Paulinen »gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem
-ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin keine Gelegenheit mehr zu
-freundlichen Wünschen geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten
-Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf kommen, weil er es zu
-demokratisch fand. Wie man sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten.
-
-
-
-
-Tagebuch in Schwyz.
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- Den 9. September 1849.
-
-Wie kommen wir hierher? Vorgestern und gestern waren in Einsiedeln zum
-Geburtstag der Jungfrau achttausend Pilger, und alle sechszehn Glocken
-läuteten mit geringer Unterbrechung von früh vier bis acht Uhr Abends.
-Aus meinem Fenster sah ich unaufhörlich das Hinundwiederströmen, wie ein
-buntes Schattenspiel, auf dem weiten, farblosen Platze zu unsern Füßen.
-In schwerer Ermattung kamen die Weithergewanderten, auf dem Rücken ihr
-armes Gepäck, auf der Stirn Staub, im Herzen wohl Kummer oder Reue,
-tranken an jeder der Röhren, aus denen der heilige Brunnen strömt, und
-gingen dann noch erst in die Kirche, bevor sie ein Obdach suchten, das zu
-finden ihnen oft vieles Bitten kosten sollte. »Mühselige und Beladene«
-dachte ich immerfort, und mir war's, als legte das ganze Leben
-erdrückend sich auf meine Brust. Ein finsteres Gewitter stand hinter
-den Tannenwäldern, starke Donner rollten linkshin in Glarus, das graue
-ausgedehnte Kloster ward von grellen Lichtern schneidend beleuchtet. In der
-Nacht glaubt' ich immer, es wolle mit seinen beiden gewaltigen Thurmarmen
-mich umschließen und zu Tode pressen. Fort wollt' ich, fort, fort,
-gleichviel wohin. Wir fanden einen Kutscher aus Brunnen und eben als
-die Procession sich geisterhaft zu entwickeln begann, fuhren wir dem
-Vierwaldstädter See zu. Mir war's gleich, ich sah Nichts um mich her,
-ich weinte. Nach dem Mittag in Sattel wurde der steinige Weg für meinen
-gemarterten Kopf so furchtbar, daß ich in Schwyz zu bleiben begehrte, weil
-wir eher dorthin kommen sollten, als nach Brunnen. Der Kutscher meinte: es
-sei schön da, »und do,« setzte er hinzu, »do isch Goldau.« Die
-Stätte einer Verwüstung und einer solchen -- das weckte mich aus meinem
-Stumpfsinne -- ich ließ den Wagen zurückschlagen, da lagen am Lowerzer
-See die Rigi und der Roßberg und zwischen beiden in der Tiefe die
-röthlichen Trümmer. Den ganzen Roßberg herab ist noch die Straße dieses
-Unheils sichtbar -- mir gefiel's -- es war ein herb Gefallen.
-
-Hier empfing uns Herr Hediger, Wirth des nach ihm getauften Hotels, sehr
-freundlich. Das Haus war ganz leer, uns willkommen, ihm nicht. Vor acht
-Tagen hatte er noch einen Gast gehabt -- Herrn Fritzsche aus Berlin. Der
-war schon im vorigen Jahre acht Tage hier gewesen und in diesem »bereits
-wirklich« auf vierzehn wiedergekommen. Wir wurden Herrn Fritzsche's Erben,
-d. h. wir bezogen die von ihm verlassenen Zimmer, und können nun
-von seinem Balkon die vollkommenste, ich möchte sagen klassischste
-Alpenlandschaft, die wir noch gesehen, überschauen und gleichsam studiren.
-
-Vor uns liegt, durchblinkt von der Muotta, das grüne Thal, von Schwyz bis
-Brunnen. Rechts in der Tiefe der See, rechts von ihm der Timbel, näher zu
-uns der Urmiberg, links von uns die schöne Frohnalp, gegenüber jenseits
-der Urner Rothstock und das Buochshorn in Unterwalden. Es ist eine warme
-gesättigte Vollendung in diesem Gemälde, eine künstlerische Abrundung,
-eine unübertreffliche Verschmelzung des idyllischen Vorgrundes mit
-dem großen, reichen Hintergrunde und der prachtvollen Einrahmung. Die
-Ueberleuchtung erinnert uns an das Innthal -- derselbe reine, sonnige
-Glanz, nur dort krystallener, hier schwingender.
-
-
- Den 10. September.
-
-Der Flügel im Salon neben unserm Balkonzimmer steht einen ganzen Ton zu
-tief. Ich begehre nach dem Organisten. Um acht Uhr werden wir heute durch
-Spielen geweckt. Otto geht hin, findet einen jungen Menschen, der sich als
-halber Stimmer gehabt, schickt ihn fort, bis ich aufgestanden. Nach der
-hiesigen Mittagsstunde von halb zwölf kommt der kleine schönfrisirte
-Mensch wieder. Ich empfange ihn als Organisten, aber er ist es nicht, er
-ist »nur so für sich.« Der Sohn des hiesigen Schmiedebesitzers. Ein
-Elegant von Schwyz, Musiker, -- wird bei der nächsten Kirchweihe den
-Richard in der Schweizerfamilie singen. Ich kenne doch wohl die Oper? Eine
-Jungfer aus Gersau singt die Emmeline. Sie hat »wirklich« neulich in
-einem Concert auf dem Rathhause die Arie: »Wer hörte« mit allgemeiner
-Zufriedenheit gesungen. Richard sagt natürlich »gesunga«. Der Pater
-Placidus, vertriebener Conventuale aus Wettingen bei Baden, lehrt hier den
-Gesang und läßt seine Schüler die Oper einstudiren, die erste Oper,
-an welche die hiesige Liebhabergesellschaft geht. Das Orchester will noch
-nicht recht schnell streichen und blasen, eine große Probe ist noch
-nicht gewesen, die Mitspielenden können noch nicht ihre Nummern alle, die
-Gertrud hat eine etwas schwache Stimme, aber das thut Alles Nichts -- die
-Oper wird gehen. Dramen sind schon mehrere aufgeführt worden, und Richard
-kann sagen: »bereits wirklich zum Vergnügen des Publikums«. Nun,
-wenigstens doch Sinn für etwas Anderes als Milch und Käse. Im Hause sogar
-ein Lesecabinet mit deutschen, italienischen und französischen Blättern,
-eingerichtet vom Redacteur der hiesigen neuen Zeitung, einem Flüchtling
-aus dem Aargau. Die damals im Aargau für den Sonderbund gekämpft, sind
-jetzt noch proscribirt -- die Badener, welche ihre Fahne verlassen haben,
-sollen von ihrem Fürsten mit der bereitwilligsten Artigkeit aufgenommen
-werden, verlangen die freien, d. h. die radikalen Schweizer. Bei
-Bürgerkriegen in einer Republik hat jeder Einzelne die vollkommene
-Berechtigung, zu ergreifen, welche Partei er wolle -- sollte man meinen.
-Behüte, die freien Schweizer meinen es anders. Der Sonderbund war ein
-Aufruhr gegen die jetzige Regierung -- welche noch nicht eingesetzt war.
-Die Fürsten, welche sich etwa noch erhalten haben, sind Rebellen gegen die
-künftige allgemeine Republik. Also sei es, da der Unverstand es so haben
-will. Otto hat mit dem Redacteur gesprochen. Der junge Mann prophezeit
-einen Ausbruch nicht mehr gar zu fern, und zwar einen blutigen. Ich glaube
-ihm, ich habe schon im vorigen Winter im Waadtlande und diesen Frühling in
-Genf mehr denn zehnmal zu Schweizern gesagt: »Gebt Acht, nach oder vor der
-Heimkehr von der Alp giebt's ganz unversehens wieder bei Euch einen kleinen
-Familienkrieg, eine allerliebste, niedliche Contrerevolution.« So wird's
-auch kommen -- im Sommer nicht, im Winter eben so wenig: im Winter ist's
-gefährlich in den Pässen und zu kalt obenein, im Sommer muß gealpt,
-geerntet, gekeltert werden, und die Schweizer sind viel zu praktisch und zu
-vernünftig, um einer Revolution wegen ihre Geschäfte ungethan zu lassen.
-Aber im Frühling oder im Herbst, im Herbst besonders, wenn Vieh und Ernte
-unter Dach und Fach sind, dann erlaubt man sich wohl von beiden Seiten das
-Vergnügen wieder einmal an einander zu stoßen, und dann -- so gelassen,
-überlegt und gutmüthig im Allgemeinen die Schweizer sind, zum Todfeind
-möchte ich keinen haben. Sie besitzen, glaube ich, im höchsten Grade die
-allen phlegmatischen Organisationen inwohnende Fähigkeit zur Rache.
-
-Der Redacteur wohnt im Hause, neben seinem Zeitungscabinet. Vor acht Tagen
-hat auch »bereits wirklich« noch ein alter Sprachlehrer hier gewohnt,
-»ein melancholischer Pedant«, der Englisch, Französisch und Italienisch
-gelehrt. Otto sagte: »Da wohnt ja Alles hier im Hause.« Richard
-antwortete mit schweizerischer Gründlichkeit: »O nein, eben nicht
-Alles.« Der Flügel steht noch, wie er stand.
-
-
- Den 11. September.
-
-Herbstwind und Wolkenschatten ziehen über die Gegend, die ich noch gleich
-bildschön finde. Aus lauter großen Verhältnissen ergiebt sich hier die
-anmuthigste Umgebung. Der Mythen hinter uns hat an sechstausend Fuß --
-wir blicken an ihm hinauf wie an einer mäßigen Felsenwand, deren Farben
-deutlich erscheinen. Die Gletscher in Uri sind zehntausend Fuß hoch -- wir
-sehen den Schnee auf ihnen so nahe liegen, als dürften wir, um eine Schale
-voll zu nehmen, eben nur hinüber. Der See scheint ein hübsches, kleines
-Gewässer und ein Dampfschiff auf ihm nicht viel größer, als das
-Kähnchen mit der eidgenössischen Fahne, welches wir in Baden für Marco
-kauften.
-
-
- Nachmittag.
-
-Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die Lawinenspur auf der Frohnalp,
-schiebt die Alpen zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder
-Dunkelheit. Der Schnee leuchtet heller zwischen den jetzt dunkelblauen
-Zacken, und der See ist Lichtkräuseln.
-
-
- Den 12. September.
-
-Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen mit den wildesten
-Krämpfen. Ich schreie dann, es sei, weil ich so lange keine wirkliche
-Schönheit gesehen. Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten
-mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber gewiß thut auch viel,
-daß ich seit Italien keinen Himmel, kein Meer, keine Rosen und kaum zwei
-oder drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der Prosa gelebt, wie
-in einem zu niedrigen Raum, daß -- o Süden und Schönheit!
-
-Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung sah -- drei Jahre
-sind's nun. Was hab' ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt!
-Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen Anblick, und die
-Wirthin fragte, neugierig wie nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum
-weint denn die Frau so?« -- »Weil sie aus Italien zurück soll,«
-antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,« war ihr naiver Vorschlag.
-»Ja, fahren's doch wieder 'nein in das Land der Malerei, oder -- in den
-Himmel.«
-
-Ein Haus wird gebaut -- nicht für uns! Und warum wird's denn hier in
-Schwyz gebaut? Wohnt man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen
-trotz der aufzuführenden Oper und der neuen Zeitung so überflüssig im
-jetzigen Jahrhundert vor. Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des
-Mythens und sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick völlig
-einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf' ein -- ich will dir ein
-Wiegenlied singen.
-
-
- Abends.
-
-Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem Irren auf Lazzaro erzählt:
-»Ist er toll, oder sind wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz
-prosaisch, oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt uns Alles
-und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge das Herz so kühl, wie sie die
-Stirn heiß macht?
-
-Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz. Man sieht es recht, wenn
-zwischen Schweizern ein Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer
-schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie -- der Tyroler ginge,
-als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten Herrn sich wahrhaft
-unabhängig. In einem Wort es auszudrücken -- die Tyroler sind ein
-poetisches, die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk.
-
-Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun, gegenüber dem Mythen, um
-dessen rothe Spitze schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten wir
-uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm Steinzaune nicht
-schauerlicher aussähe. Wonach wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist
-eigentlich nur die Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte aus so
-verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die Alpen. Die eigenthümliche,
-gleichsam körperliche Stille der Luft, welche wir im Berner Oberlande
-gefühlt, berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte; die Echo's
-schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach. Das Jodeln klingt unnatürlich, es
-ist das letzte Mittel, worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen;
-sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung. Ein Mädchen
-that es auch; wir sahen uns mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem
-Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie.
-
-
- Den 13. September.
-
-Der See tobt regenbogenglühend im letzten Sonnenscheine, der wie durch
-Schleier schräg darauf fällt. Wir sehen es von hier, wie die Wellen
-anschlagen, als wollten sie empor auf die brennenden Matten in Uri.
-
-Ein Veilchen von der Steinmauer eines Landhauses gab uns heute
-Frühlingsduft im Herbste. Es hat hier Landhäuser, aber sie nehmen
-sich auch eben nicht anders aus, als wie kühle, gesicherte, angenehme
-Schlafwohnungen.
-
-Wer einen schwachen Magen hat, komme geschwind her in die schönste
-Alpenlandschaft und in das schläfrigste Städtchen. Drei Apotheken
-sind hier und nicht ein einziger Zuckerbäcker, und selbst das einfache
-Weißbrod ist immer: vom Tage vorher. Es ist hier ein Eden ohne Versuchung.
-
-
- Den 14. September.
-
-Heute ist in Einsiedeln große Abendprocession mit glänzender Erleuchtung
-des Klosters. Wir wollten hin und in der Nacht zurück, aber ich bin noch
-zu matt.
-
-Ein Blinder aus Stuttgart hat eben den Flügel glücklich auf den Kammerton
-gebracht, was dem guten Instrument seit dem Tage seiner Existenz noch nicht
-begegnet sein soll.
-
-Hellblauer Himmel, hellblauer See, sonniggrüner Vorgrund, dunkelblaue
-Alpen, große, weiße Wolken darauf.
-
-Alte Zeitungen studiren wir durch. Sehen, wie's heillos gewesen in der Welt
-diesen Sommer. Sind dadurch bedrückt noch außer unserm eigenen Kummer.
-Deutschland, -- werde nur Deutschland eins mit Preußen, Preußen durch
-Deutschland groß, mächtig und prächtig! Mir füllt's manchmal die Brust:
-Preußens deutsche Größe sei das Räthselwort dieser zwei Jahre.
-
-In drei Monaten hunderttausend Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Was
-für unreine Elemente in den Gährungsproceß, der sich dort allmählich
-vorbereitet!
-
-Unser Herr Hediger möchte auch hin. Der Kulmwirth vom Rigi ist ebenfalls
-europamüde. Sind die Schweizerwirthe närrisch?
-
-Nestroy schreibt noch Possen. Das heißt auch Charakter.
-
-Gegenüber liegt die Rütli, wo die drei Schweizer gegen Oesterreich
-schworen. Ich möchte hier auch ein antiösterreichisch Gelübde thun, wenn
--- ein Gelübde von mir Etwas hülfe.
-
-An die Welt thue ich jetzt täglich die Frage: Was wirst du einst für
-meinen Knaben sein?
-
-
- Sieben Uhr.
-
-Wir gingen träumend durch den Herbstabend im Schwyzerländchen. Es ist
-voll von Sägemühlen und Kapellen. Eine von diesen besuchten wir; die
-Weihkessel waren fast leer; inwendig über der Thür stand zu lesen:
-
- Heiliger Antony, bitte für uns Alle,
- Daß uns und unser Vieh kein Schaden befalle.
-
-Unter Nußbäumen kamen wir nach Uetenbach und an die Muotta, dann zurück
-am Bächlein, wo Vergißmeinnicht blühten. Das Bächlein murmelte, die
-Mühlen klapperten, die Kapellen läuteten, die Nebel webten um den Mythen
-und allenthalben, -- ganz betäubt langte ich wieder in unserm Balkonzimmer
-an und wunderte der grünen und weißen Dämmerung gegenüber mich
-immerfort, wie ich eigentlich nach Schwyz gekommen sei.
-
-Da bringen Aloys und Franzl den Thee. Es sind die beiden Knaben des Hauses,
-Franzl ist im Elsaß gewesen und antwortet mir sehr schön mit »=oui,
-monsieur=«; Aloys soll nach Italien, um zu einem Herrn »=si, signora=«
-sagen zu lernen -- ich kann einen nie vom andern unterscheiden.
-
-
- Den 16. September.
-
-Und so verlassen wir Schwyz. Das ist unser langes Bleiben, unser schönes
-Stillsitzen, mein Schreiben auf dem alten braunen Tisch, wo es sich so gut
-geschrieben hätte. Der Blinde giebt morgen ein Concert; der Flügel wurde
-gestern Abend zu meinem größten Schrecken hinuntergeschafft, dann von
-acht bis ein Uhr gespielt und geraucht. Aller Rauch stieg vermittelst
-eines Wandschrankes als kühler Geruch in unsere Schlafstube hinauf; heute,
-morgen wird's dasselbe sein, denn die Schwyzer sind um Schweizer, den
-Blinden, her, wie Fliegen um eine Honigwabe. Außerdem versammelt sich
-morgen auf acht Tage der Cantonrath, und fast alle Räthe wohnen im Hause
--- wir fliehen. So oft wir fein bürgerliche Niederlassungsgedanken fassen,
-geht's so -- wir sollen zur Nachkur reisen. Nun gut, man wird reisen.
-Wohin? Wenn wir angekommen sind, werd' ich's aufschreiben. Die Schwyzer
-Gesellschaft sahen wir gestern noch bei der Probe zum Concert -- die
-hiesigen Sänger werden den Blinden unterstützen. Pater Placidus ließ
-singen oder vielmehr brüllen: »Morgen marschiren wir«, und wettete mit
-Richard um einen Schoppen, daß er heute nicht predigen werde. Der Tenor
-nahm die Pfeife aus dem Munde und setzte das Glas Wein weg, um dünn und
-feierlich zu singen: »Laura betet, Engelharfen hallen«. Richard versprach
-mir einmal Abends: »'s Herz ist ein spaßig Ding« als eine prächtige
-Arie hören zu lassen. Das maurische Ständchen, welches der Blinde
-auf unser Verlangen in wunderbar freier Weise vortrug, wurde stürmisch
-beklatscht; wahrscheinlich hielt man es für etwas »Apartes«, weil wir's
-begehrt hatten. Richard fragte: »Haben Sie dieses Lied bereits wirklich
-bei sich?«
-
-Die Gesellschaft war, wie man sieht, vollkommen was die Engländer =quaint=
-nennen, dennoch gefiel sie mir gut -- die Schwyzer sind schmucke Leute, wie
-wir Schlesier sagen. Sie rauchen ein Bischen viel Taback -- nun, man
-muß eben im Sommer herkommen, wenn man die Fenster offen haben kann.
-Ich scheide also mit guter Gesinnung von Schwyz -- es ist uns schon viel
-schlechter gegangen als hier, und man ist gar freundlich gegen uns gewesen.
-Den sechs Kindern hinterlasse ich die Krapfen, welche die guten Nonnen
-in Kloster Fahr den Descendenten der alten Regensberge verehrt haben. Die
-Gegend ruht im Sonnenglanz, wie da wir sie zum ersten Male sahen.
-
-
-
-
-Im Mätteli.
-
-
-Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten Badeorte, sondern
-einer der hübschesten Orte überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün
-und Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten. Da ist der
-langgestreckte Lägern, auf welchem noch die Burg unsers Stammes steht, da
-der Uetliberg, der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg,
-beide lieblich waldig, der Schloßberg mit der schönen Ruine des
-Steins, die ein klein wenig an Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem
-Martinsberg der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer in
-den malerischen Gehölzen die aufrechte Fluh und die goldene Wand,
-Felsengruppen zum Malen, auf dem linken der Weg an den Sonnenreben oben,
-der Platanengang unten, und das Alles ist voll Schatten, einladend einsam,
-aber immer erfreuend durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal.
-
-Von allen den grünen und frischen Orten ist jedoch der grünste und
-frischeste das Mätteli, dieses liebliche Buchengehölz, welches die
-Senkung des Limmath-Ufers vom Martinsberge bis zum Hinterhofe bedeckt.
-Zwei Wege führen hindurch, der eine höher auf die Straße nach Bruck,
-der zweite zu mehreren Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen,
-schillernden, schäumenden und rauschenden Strome. Auf diesem Wege kauerte
-ich eines schönen Nachmittags, um einer jener langen braunen Schnecken,
-welche kein Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen Stöckchen
-den Rücken zu krauen. Es gehörte das zu meinen Vergnügungen im Mätteli.
-Der Schnecke aber wollte es nicht gefallen -- sie zog sich verdrießlich
-zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu diesem Kundgeben von
-Mißbehagen gebracht, sah ich sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette
-an. In diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau am Arm an mir
-vorüber, der Mann groß, die Frau schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah
-im Vorüberstreifen verwundert auf meine Stellung und meine Beschäftigung
-herab; ich mochte mich sonderbar genug ausnehmen.
-
-Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an das letzte der
-Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher Sitz, uns besonders lieb
-war. Eine kleine Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber
-unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden, weiter rechts über den
-Winterbergen die goldene Wand -- man konnte gern hier sitzen und der
-Limmath zusehen und zuhören. Aber heute war die Bank nicht frei -- eine
-Frau in Trauer saß da und strickte. Getäuscht und ziemlich
-übellaunig hockten wir auf den Kiesboden nieder und fingen an, Steine
-entzweizuschlagen, was ebenfalls zu meinen Vergnügungen im Mätteli
-gehörte. Die Frau beobachtete uns eine Weile; dann kam sie zu uns und
-sagte: »=Vous paraissez aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?=«
-
-Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete ich ihr von der
-Erde auf, daß ich leider ganz Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier
-so mit den Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich genug
-hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die Bank, und ich erklärte ihr,
-um mich wieder etwas zu Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein
-ausschließliches Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften später
-zu studiren gedenke, und was dergleichen mehr war.
-
-Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über Bandello und das
-sechszehnte Jahrhundert in Italien, da kam hinter den Buchen am Ufer
-ein langer Mann hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas
-gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe in einen Spazierstock zurück
-und antwortete mürrisch genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug
-ein, nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und ließ uns im ungestörten
-Besitz der Bank.
-
-Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen wieder. Jaques fischte
-abermals und fing wieder Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen
--- die Frau war in Italien gewesen.
-
-Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo ist denn Madame Jaques?«
-fragten wir uns -- so schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem
-Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen Jaques und seine
-Frau auf einem der kanotähnlichen Kähne an, mit welchen allein die
-Limmath befahren werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine Forelle
-gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier wieder durchgegangen, indem
-es den Haken entzweigebissen hatte. Heute plauderten wir zu Vier und zwar
-abermals von Reisen -- Jaques war in Constantinopel gewesen.
-
-Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame Jaques fast täglich im
-Mätteli zusammen, d. h. Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine
-Forelle gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald sie einmal
-im Haken bleiben würde, sollte ich sie erhalten -- sie hat's aber nicht
-gethan, und ich habe sie nicht gesehen.
-
-Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in welchem ich Alles bemerke,
-was ich sehe, höre, denke, beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus
-sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von mir lesen, und schickte
-ihr meine kleine Novelle »Hedwig« mit einem Gruß =de l'auteur à madame
-Jaques=.
-
-Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques einen allerliebsten Brief,
-worin sie mir sagte, in mir sei Alles Originalität, das habe sie gleich
-gewußt, als sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern gesehen.
-Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, die sich leicht enthusiasmiren,
-war ich von nun an ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte
-öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor wußte auf einmal, daß ich
-Bücher schriebe. Und wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten
-erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor eine, die er selbst
-erlebt, und zwar in Baden, wo wir eben waren.
-
-Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern nachzuerzählen ich
-versuchen will.
-
-
-
-
-Mys lieb Beat.
-
-
-Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger Mann, Beat
-Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln, sich in Zürich als geschickter
-Portraiteur in Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer,
-hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in Tyrol gut genug gelernt, fand
-jedoch in der Schweiz wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung.
-Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen jedoch wollten
-nicht kommen. Beat war arm; der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn
-nicht länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu sein. Der
-natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich tüchtigen Menschen. Da man
-keiner Statuen begehrte, kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war
-glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit fing an, sich zu
-finden. Ein Freund seines Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm
-für Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch weit mehr Glück
-gemacht haben, hätte er sich nicht den Liberalen angeschlossen. Dadurch
-verscherzte er sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er
-gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig wie die Jugend es
-ist, glaubte er nie mehr zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen
-gemäß leben zu können.
-
-Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter als jetzt. Beat hoffte
-mit Recht, unter den Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als
-Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also eine kleine Werkstatt
-für den Sommer dort auf, Vagabond unter den Vagabonden. Seine Hoffnung
-wurde gerechtfertigt -- er bekam eine Menge Portraits und sehr hübsche
-Summen Geldes.
-
-In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen Erfolg wurde er eines
-Tages zu einer alten Dame eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster
-so geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte Dame war reich,
-eitel und liebte es, die Gönnerin zu spielen. Beat ließ sich mit der
-größten Unterwürfigkeit beschützen und kam so oft zu Tische, wie die
-alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien er, geputzt und von
-gehorsamer Liebenswürdigkeit. Die alte Dame lud immer einige Frauen zu
-ihrem Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen. Als er in das
-Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen, welche ihm noch fremd waren. Die
-alte Dame nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern ein Fräulein
-Marguerite von Gontran aus Freiburg. Beide waren Kostgängerinnen im
-Kloster Fahr, zwischen Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der alten
-Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter zu besuchen auch für
-Marguerite auszuwirken gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster,
-sich fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr bedurfte, da ihr
-elterliches Haus ein vermögliches und geselliges gewesen war. Weshalb
-man sie aus demselben nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein Kloster
-gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch lernen solle, eigentlich aber,
-um sie vom Hause zu entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu
-gewöhnen. Sie hatte einen Bruder; der wünschte das Vermögen einst nicht
-mit der Schwester theilen zu müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je
-reicher der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz für diese.
-Marguerite wußte nicht um diesen Plan; sie war ungern nach Fahr gekommen,
-fühlte sich unheimlich, besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der
-Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen Kostgängerinnen; aber die
-Besorgniß, es solle für immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn
-ich Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,« das war ihr
-Gedanke und ihr Trost. Um diesen glücklichen Zeitpunkt recht bald
-heranzubringen, lernte sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber
-fehlte ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen Thränen ihre
-langsamen und geringen Fortschritte. Je länger sie am Deutschen lernte, je
-länger mußte sie in Fahr bleiben.
-
-Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer gewissen Entfernung
-von ihr -- sie wollten nicht durch ihre größere Schönheit verdunkelt
-werden. Marguerite war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich
-zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und naiven, schwärmerischen
-Augen, mit langem, dunklem Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde
-gewesen wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht ein anderes
-Mädchen über die Sprödigkeit getröstet, welche sie von den neidischen
-Schwestern erfuhr, aber Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu
-unverdorben, sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und trauerte
-oft, wenn sie sich so schön und so gemieden sah. Sophie allein hatte
-sich ihr angeschlossen, vielleicht aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus
-Sorglosigkeit, vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man sah überall
-ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen neben dem poetischen Kopfe
-Margueritens. Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft,
-welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles gethan und
-geopfert hätte, was in ihren Kräften lag. Sophie faßte zum Glück die
-Freundschaft nicht von der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite
-sollte mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite lachte und
-plauderte so gern, daß sie immer wieder vergaß, wie sie ja Deutsch zu
-lernen habe. Fiel ihr das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen,
-machte Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie, ihr behülflich
-zu sein. Sophie versprach es feierlich, wollte es ehrlich, und Alles
-zwischen den beiden jungen, guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie es
-war.
-
-Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen bei der Großmutter hatten
-die Kinder sich schon wochenlang gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder
-ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann kommen, ein Schützling
-der Mama, ein Künstler, etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren
-sie neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer war nicht schön, doch
-konnte er wohl gefallen, besonders jungen Mädchen, die noch kaum einen
-Begriff von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl, wie Marguerite
-waren im Kloster groß geworden, immer nur in Frauengesellschaft gekommen,
-selbst Marguerite bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie eine
-Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte ihnen herrlich, selbst die
-etwas geneigte Haltung gefiel ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig
-aus, meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch kein Wort aus dem
-großen Wörterbuche des Leidens verstanden, denn was war Margueritens
-Gram? Die flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth klang den
-Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein, gedämpft und süß. Beat
-mußte schwermüthig aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den
-Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber jetzt war er vollkommen.
-Seine hohe Stirn, seine gerade, strenge Nase, sein glattes, langes,
-schwarzes Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles entzückte
-sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung, wie man beobachtet hat,
-charakteristisch an den Eingebornen seiner Gegend, selbst die sollte
-vornehm und fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles ernstlich
-und wichtig zu, während Beat sich mit seiner ehrwürdigen Gönnerin und
-einer ernsten jungen Frau unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu
-Mellingen und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer billigend, doch
-warm und redlich geneigt war.
-
-Während der junge Mann so der Gegenstand des heimlichen mädchenhaften
-Beobachtens war, stahl auch sein Blick sich fort von den Frauen, mit denen
-er redete. Marguerite hatte ihn geblendet. Noch nie hatte er eine lebendige
-Schönheit so vollendet gesehen. Sie zog den Künstler unwiderstehlich an,
-sie reizte den Jüngling mit einer neuen heftigen Sehnsucht. Er hätte sie
-zugleich als Modell und als Geliebte rauben mögen. Madame Linder gewahrte
-den Eindruck, welchen die schöne Freiburgerin machte, mit Wohlgefallen.
-Die alte Dame gehörte zu den Hausherrinnen, welche in jedem Gast etwas
-Auserlesenes einladen wollen. Wie sie vorher die Mädchen auf Beat
-neugierig gemacht, so rühmte sie jetzt das Fräulein von Gontran als
-reiches, schönes, vornehmes Mädchen, als das vergötterte Kind anbetender
-Eltern, als die glänzendste Partie für den Mann, der so glücklich sei,
-ihre Neigung zu gewinnen. Es hätte nicht so vieler Worte bedurft, wie
-sie verschwendete, um den ehrgeizigen Beat zu dem brennenden Wunsch zu
-stacheln, der Glückliche zu werden, welchen sie schon im Voraus pries. Der
-Schwiegersohn einer begüterten, einflußreichen Familie -- welche Zukunft
-für sein Talent, welcher Horizont von Ruhm und Ehre! Wie an das Gestirn,
-welches diesen Himmel erleuchten sollte, hefteten des doppelt begehrlichen
-Künstlers Augen sich an Marguerite. Sie war ganz Natur und Unschuld:
-ergriffen, verwirrt, selig senkte sie ihre Augen, um nicht zu sehen, wie
-sie angesehen werde. Sich zu sträuben gegen die neue Wonne, den dreisten
-jungen Mann auch nur durch scheinbaren Ernst in Schranken zu halten,
-fiel dem wahrhaften Wesen nicht ein; sie kannte noch keine künstlichen
-Pflichten. Madame Linder schmunzelte und seufzte in Erinnerung ihrer
-Jugend, Sophie neckte Marguerite mit Ausgelassenheit, nur die Frau des
-Arztes sah ernsthaft darein; ihr mißfiel diese Liebelei, obwohl sie weit
-entfernt war, ihr eine tiefere Bedeutung beizumessen. Eigenthümlich genug
-war es, daß der Austausch dieses plötzlich entsprudelten Gefühls ganz
-allein durch Blicke vor sich ging, denn wie Marguerite nicht Deutsch,
-konnte Beat nicht Französisch. Es erregte diese gegenseitige
-Unbeholfenheit die Laune der alten Dame und die laute Fröhlichkeit
-Sophiens. Sie bemühten sich Beide, die Hülflosen durch Dolmetschen in ein
-Gespräch zu bringen. Es ging nicht; Marguerite war zu verschämt und
-Beat zu verliebt; er zog es vor, sie nur anzusehen, und sie sprach durch
-Erröthen und Lächeln wahrlich lieblicher, als durch den etwas großen
-Mund Sophiens. Als es gegen Abend kam, mußten die jungen Mädchen nach
-dem Kloster zurückfahren. Freundlich, wenn auch etwas pomphaft und
-umständlich lud Madame Linder Marguerite ein, ihren Besuch zu wiederholen.
-Marguerite sah Beat an und versprach, eine helle Freude auf dem schönen
-Gesichte. Der junge Mann half den Mädchen in den Wagen und drückte dabei
-Margueriten lebhaft die Hand. Unschuldig erwiederte sie den Druck; ein Bund
-zwischen ihnen war so gleichsam schon geschlossen.
-
-In das Zimmer zurückgekehrt, ergoß Beat sich in feurigen Lobpreisungen
-Margueritens und erklärte, daß er ganz und gar verliebt sei. Die alte
-Dame lachte auch jetzt und ermunterte ihren Günstling zum Beharren und
-Heirathen, Madame Sinnich aber, so hieß die Frau des Arztes, äußerte
-sich noch mißvergnügter als vorher. Bodenwieler würde sich da Etwas in
-den Kopf setzen, was doch immer eine Einbildung bleiben müsse, meinte sie;
-Madame Linder sollte ihn lieber wegen seines Uebermuthes schmälen, als ihn
-darin bestärken! Beat, welcher vor der strengen, praktischen Frau eine Art
-Respect hatte, suchte sie zu beschwichtigen und das Ganze als einen Scherz
-darzustellen. »Ich will's um Ihretwillen wünschen,« sagte sie, nicht
-vollkommen überzeugt. Am Abend bei ihrer Zurückkunft erzählte sie ihrem
-Manne davon. Der nahm es leichter und lachte über die Schilderung,
-welche sie ihm von Beat's Gehaben machte. »Es ließe sich ein Lied darauf
-dichten,« sprach er. »Du denkst immer nur an Verse,« sagte die
-Frau unzufrieden. Der Doctor malte sehr gut Landschaften und dichtete
-allerliebst im Dialekt; die Frau mochte das nicht, hatte vielleicht auch
-aus dem Grunde Beat nicht besonders gern, nämlich im Hause, sonst gönnte
-sie ihm alles Gute.
-
-Beat lief unterdessen in seinen Freistunden wie toll in den schönen
-Umgebungen von Baden umher. Er war wirklich verliebt, aber freilich nur
-halb in Marguerite, halb in das reiche Mädchen.
-
-Marguerite dagegen liebte ihn von der ersten Stunde an und liebte nur
-ihn. Sophie, die heute zum ersten Male etwas eifersüchtig auf Marguerite
-geworden war, legte umsonst Nachdruck auf seine Armuth, wie er ein
-aus Barmherzigkeit erzogenes Waisenkind sei, und so fort. Marguerite
-erwiederte: »Die Waisenkinder sind des lieben Gottes Kinder.« Sie betete
-am Abend für den armen Beat, der keinen Vater und keine Mutter habe. Es
-war kein Gebet für eine zukünftige Nonne, aber gewiß eines für den
-Himmel der Liebe. Marguerite glaubte Reichthum und eine Familie zu besitzen
-und sehnte sich mit ungeduldiger Zärtlichkeit, dem bedürftigen Beat
-zu geben, was ihm mangele. »Wann,« dachte sie, »wann werde ich ihn
-wiedersehen, um ihm zeigen zu können, daß ich ihn liebe?«
-
-Diese Gelegenheit hatte sie bald. Kloster Fahr liegt ganz vereinzelt, nur
-ein Gasthaus theilt mit ihm die Einsamkeit an der Limmath. Da dieses Haus
-ein beliebter Vergnügungsort ist, konnte Beat öfter herkommen, ohne
-anfänglich Aufsehen zu erregen. Die Kostgängerinnen wurden nicht sehr
-streng gehalten und durften unter der Aufsicht einer Schwester spazieren
-gehen. Mehrere Tannenwäldchen liegen in der Nähe; Beat konnte sich
-verbergen, bis der Zug der hübschen Kinder herankam, dann sich wie
-zufällig zeigen, mit Margueriten einen Blick wechseln. Leider erkannte
-auch Sophie ihn, und Sophie war neidisch darüber, daß Marguerite von
-einem Liebhaber verfolgt werden sollte und sie nicht. Die ersten Male
-schwieg sie noch; sie schämte sich, Marguerite zu verrathen. Aber als Beat
-sich häufiger sehen ließ, als Marguerite, die sich Sophiens veränderte
-Gesinnung nicht vorstellen konnte, immer offener und feuriger von ihrem
-Geliebten sprach, da siegte der Neid, und Sophie machte mehrere ihrer
-Gefährtinnen darauf aufmerksam, daß Beat, welchen sie bisher für eine
-Art allgemeinen Anbeter genommen, leicht nur Margueritens wegen auf allen
-Spaziergängen sich finden lassen dürfte. Mehr bedurfte es nicht, um alle
-die jungen Augen scharf zu machen, und gewiß, Beat schlich allein wegen
-Marguerite auf allen Seiten ihnen vor oder nach. Das verdiente Strafe;
-geschickt, um jeden Anschein der Angeberei zu vermeiden, wurde die
-Arglosigkeit der Klosterfrauen aufgeweckt. Die guten Seelen -- daß in
-ihrem Kloster eine Liebesgeschichte spielen sollte, war ihnen ganz neu und
-wie unbegreiflich. Indessen sie überzeugten sich: Beat schlich dem
-Kloster immer näher; es war ihm sogar gelungen, an der Mühle, welche die
-Klostereinfriedigung gegen das offene Feld zu abschließt, mit Margueriten
-eine Zusammenkunft von einigen Augenblicken zu haben. Das junge Paar hatte
-hierfür blos dem besondern Fatum der Verliebten zu danken, Marguerite war
-von innen und Beat von außen an die Mühle gekommen -- das war Alles, aber
-im Kloster sah man darin eine geschickt ausgeführte Verabredung und die
-Gefahr nah und dringend. Man rathschlagte, ob man das junge Mädchen in ein
-scharfes Verhör nehmen solle, fand es aber dann für besser, ohne sie erst
-einzuschüchtern, gleich an die Familie zu schreiben und dieser das Weitere
-zu überlassen. Marguerite wollte man einstweilen nur gut bewachen,
-und daß dies geschehe, wandte man sich an den frommen Eifer ihrer
-Gefährtinnen. Die jungen Mädchen waren entzückt, das nunmehr im Auftrage
-thun zu dürfen, was sie bisher im Geheimen gethan. Sollte man aus dieser
-Bereitwilligkeit nicht auf wirkliche Gehässigkeit gegen die Fremde und die
-Schönere schließen? Und doch war es sicher nur jugendliche Eifersucht auf
-»den Liebhaber«. Hätte man allen den jungen Neiderinnen der Reihe nach
-den Künstler angeboten, Keiner würde er recht gewesen sein, Keine ihn
-gewollt haben. Aber Marguerite sollte nicht lieben und nicht geliebt
-werden.
-
-Das arme Kind, sie fand sich in dem Hause, dessen Sprache sie nicht
-verstand, welches ihr daher nie heimlich gedünkt, jetzt doppelt
-unheimlich, doppelt verlassen. Nie mehr ließ man sie allein, nicht nur
-jeder ihrer Schritte, jede ihrer Mienen wurde belauert. Für das Kloster
-war es eine Pflicht, Etwas zu verhindern, wovon es mit Gewißheit annehmen
-konnte, die Familie Margueritens würde es als ein Unheil und eine Schande
-betrachten. Doch die arme Marguerite, mit dem Kopfe, der nicht rechnete,
-mit dem Herzen, das zu seinem Beat wollte! Der junge Mann war nicht weniger
-beunruhigt als seine Geliebte, wenn er auch innerlich minder litt. Während
-mehr denn acht Tagen war es ihm nicht mehr geglückt, sie auch nur von
-Weitem zu sehen. Geängstigt und verstört, wollte er sich bei seiner
-großen Gönnerin Trost erholen, aber die alte Dame empfing ihn sehr
-schlecht. Sophie hatte ihr etwas übertriebene Mittheilungen gemacht, und
-sie erklärte dem jungen Armen unumwunden, ein kleiner Spaß habe nichts
-geschadet, aber im Ernst sei er nicht für Fräulein von Gontran. Noch
-mehr niedergeschlagen kam er nach Mellingen, aber auch da hörte er nichts
-Erfreuliches. Der Doctor rieth ihm sehr ernstlich, von einer Thorheit
-abzustehen, durch welche er sich und das Mädchen unglücklich machen
-werde, und die Frau wollte es schon unverzeihlich finden, daß er so weit
-gegangen.
-
-Im Kloster war inzwischen Margueritens Bruder angelangt. Die Schwester
-empfing ihn nicht ohne Furcht; als sie aber vernahm, er sei gekommen um sie
-nach Hause zu holen, warf sie sich ihm mit Thränen der Freude um den Hals.
-Wenn sie nur wieder bei den Eltern war, da wollte sie so bitten, daß
-Beat in das Haus eingelassen und sie glücklich würde. Daß er ihr folgen
-würde, bezweifelte sie gar nicht erst: es verstand sich von selbst.
-Vom Kloster nahm sie einen frohen Abschied, von Sophie einen traurig
-vorwurfsvollen. Anders die abgefallene Freundin zu strafen, vermochte sie
-nicht -- sie war gar zu weich -- ein Herz, recht geschaffen, um gequält
-und gebrochen zu werden.
-
-Unterwegs fing der Bruder bald an, sie um ihren Beruf für das Klosterleben
-zu befragen. Zutraulich und offen erklärte sie ihm, sie habe keinen,
-dagegen eine herzliche Neigung, welcher sie durch eine Ehe Genüge gethan
-wünsche. Der Bruder gab ihr zu bedenken, daß sie ja im Kloster auch ihrem
-Vergnügen gemäß leben könne. »Wie oft findet das nicht statt,« setzte
-er lächelnd hinzu. Die unschuldige Schwester verstand ihn nicht; sie
-antwortete: »Ich würde nie mein Vergnügen im Kloster haben -- im
-Gegentheil, ich würde schrecklich unglücklich sein -- wenn ich nicht gar
-vor Gram stürbe.« Und zum ersten Male von dem Gedanken erschreckt, ihre
-Familie könne ihr am Ende eben so feindlich sein, wie man ihrer Meinung
-nach im Kloster ihr gewesen, fragte sie ängstlich und aufgeregt: »Man
-will mich doch nicht etwa zwingen -- sage mir, könnte die Mutter -- Gott,
-sie war immer so gut gegen mich -- könnte die das wollen?«
-
-Der junge Gontran wollte ausweichend antworten, aber sie rief mit einer an
-ihr ganz ungewohnten Heftigkeit: »Sag' es mir nur gerade heraus -- lieben
-sie Dich mehr, und soll ich aufgeopfert werden, wie es auch einmal einem
-jungen Mädchen geschehen ist, die in's Kloster mußte, damit der Bruder
-reicher würde -- verlangt man das von mir?« -- »Es ist das sehr häufig
-der Fall,« sagte der Bruder kalt; »junge Mädchen, die ihre Familien
-lieben, thun freiwillig ein Gelübde, welches die Zersplitterung des
-Vermögens verhindert.« -- »Nie, nie werde ich das thun. Es ist
-unnatürlich, barbarisch.« -- »Wie es Dir gefällt; sag' es, wenn
-wir ankommen, dem Vater und dem Abbé, und höre, was sie Dir antworten
-werden.«
-
-Der Abbé Lallemant war der Beichtvater des Hauses und für Marguerite von
-jeher ein Gegenstand der Furcht gewesen. Er hatte es veranlaßt, daß man
-sie nach Fahr gebracht, und nun sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr ihm,
-dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten haben, vielleicht ohne auf Hülfe
-hoffen zu dürfen, selbst von ihrer Mutter. Die arme Marguerite fror in der
-Seele; ihr war es, als sitze ihr Feind und nicht ihr Bruder neben ihr. Doch
-gab sie darum weder ihren Willen auf, noch ihre Liebe verloren; ihr war nur
-bange vor der Heimkunft, auf die sie sich so gefreut, vor dem Elternhause,
-wo man sie nicht mehr wollte, vor dem Streit, den sie erwartete. Der junge
-Gontran saß still und mürrisch und ließ die Schwester sich quälen, so
-viel sie mochte. Sie quälte sich sehr, aber sie faßte sich auch; »Gott
-wird mich nicht verlassen,« dachte sie, »es ist für ihn.«
-
-Gegen Abend kamen sie in Solothurn an und fuhren bei dem Kloster der
-Visitantinerinnen vor. Es fiel das dem jungen Mädchen nicht auf; sie hatte
-bei der Hinreise auch hier geschlafen; die Aebtissin war eine Bekannte
-ihrer Mutter. Der Bruder nahm flüchtig Abschied von ihr und sagte ihr,
-sie möge sich morgen bei Zeiten fertig halten, er werde sie so früh wie
-möglich abholen.
-
-Marguerite schlief nicht viel und war mit dem Tage bereit. Aber der Morgen
-verstrich, und der Bruder kam nicht. Das junge Mädchen ward unruhig, ohne
-jedoch Argwohn zu schöpfen. Der Bruder konnte verhindert sein. Als er
-indessen um Mittag noch nicht da war, wollte sie eben bitten, man möge
-nach ihm schicken, da ward sie zur Aebtissin gerufen, die sie am
-vorigen Abend nicht gesehen. Die würdige Frau empfing das Mädchen mit
-mütterlicher Zärtlichkeit. »Du gehörst uns an, meine Tochter,« sagte
-sie; »Dein Bruder hat mir heute Morgen den Wunsch Deines frommen Herzens
-eröffnet -- gern nehme ich Dich auf.« Marguerite, starr, antwortete nicht
-gleich; sie überlegte im Stillen, ob solch ein Verrath von einem Bruder
-möglich sei. Endlich fragte sie: »Und hat mein Bruder gesagt, ich wolle
-in das Kloster?« -- »Nichts anders,« erwiederte die Aebtissin. -- »O,
-dann vergebe ihm Gott!« rief Marguerite schmerzlich. »Er hat gelogen,
-mich und Sie belogen, uns Beide gleich. Ich erwartete ihn heute, damit er
-mich nach Hause bringe, und statt dessen -- o, Gott erbarme sich meiner,
-denn von meinen Nächsten bin ich verrathen!«
-
-Eine Schlechtigkeit ahnend, tröstete die Aebtissin mit milden Worten das
-weinende Mädchen. Auf die wiederholte feierliche Versicherung, nie solle
-sie mit Gewalt hier zurückgehalten werden, eröffnete Marguerite der
-würdigen Frau voll reinen Zutrauens alles Geschehene. Die Aebtissin
-lächelte bei den naiven Bekenntnissen der kleinen verliebten Unschuld,
-sie runzelte die Stirn, als sie von den Vorstellungen des jungen Gontran
-vernahm. Als Marguerite geendet hatte und mit der Furcht einer Taube zu ihr
-aufschaute, sagte sie beruhigend: »Mache Dir keine Sorge, mein Kind, Du
-sollst nicht hierbleiben müssen; noch heute schreibe ich an Deine Mutter,
-und wenn ich Dir auch nicht versprechen kann, es soll gleich Alles nach
-Deinen Wünschen gehen, so will ich Dir doch keineswegs die Hoffnung für
-später untersagen. Gott hilft seinen Kindern und will keine erzwungene
-Opfer.«
-
-Marguerite hoffte. Die Aebtissin schrieb. Keine Antwort kam. Sie schrieb
-wieder. Jetzt erfolgte ein Brief, bedrohend für die ungehorsame Tochter.
-Die Mutter hatte vergessen, daß auch sie jung gewesen und geliebt. Diese
-Vergessenheit der Eltern ist ein Fluch für die Jugend der Kinder, und
--- wie häufig! Marguerite auch sollte darunter zu Grunde gehen. Was ihre
-Mutter nicht länger war, das ward die Aebtissin. Wieder und wieder schrieb
-die edle Frau, abmahnend, bittend, dringend. Bis ihr das schwere
-Werk gelungen sein würde, unnatürliche Eltern wieder zur Natur
-zurückzuführen, behandelte sie Marguerite ganz wie ihre Kostgängerin,
-ließ sie an allem Unterricht Theil nehmen und gönnte ihr zugleich die
-größte Freiheit. Die Gontrans waren mit mehreren Familien in Solothurn
-bekannt; zu denen durfte Marguerite ungehindert, so lange sie freundlich
-empfangen wurde. Das hörte indessen bald auf; man fürchtete, mit den
-Eltern in Unannehmlichkeiten zu gerathen, wenn man die Tochter, welche sich
-auflehnte, zu begünstigen schiene. Marguerite lernte gleich in dem ersten
-Kampfe mit dem Leben die Menschen recht verschieden kennen -- die Mehrzahl
-so feig in der Theilnahme, nur einige Wenige voll Muth zur Güte. Von
-diesen war die Erste die Aebtissin, dann bezeigte der Arzt des Klosters
-sich unverändert herzlich gegen das junge Mädchen, und je auffallender
-andere Familien Marguerite abwehrten, je häufiger kamen die Einladungen
-von ihm. Eines Tages schickte er schon früh und ließ bitten, Marguerite
-möchte zu Mittag kommen dürfen. Die Aebtissin erlaubte es; Marguerite
-trat um zwölf Uhr in das Wohnzimmer ihrer neuen, aber aufrichtigen
-Freunde. Ein Schrei entfuhr ihr -- Beat stand da, breitete ihr die Arme
-entgegen. Trunken von der plötzlichen Lust warf sie sich hinein: es war
-die erste Umarmung, der erste Kuß. Als Marguerite wieder denken konnte,
-wußte sie nicht, wo anfangen mit Fragen -- wem verdankte sie dieses Heil,
-wie kam Beat hierher, wie hatte er erfahren, was mit ihr vorgegangen? Beat
-konnte Alles leicht erklären; Solothurn war nicht so weit von Baden,
-daß ein solcher Vorfall wie Margueritens Verlassenwerden nicht hätte
-hindringen sollen. Beat vernahm es kaum, als er sein Atelier in Baden
-aufhob, seine Geschäfte möglichst in Ordnung brachte und nach Solothurn
-kam, wo er in dem Arzt des Klosters einen Jugendfreund hatte. Er hoffte
-durch des Freundes Vermittelung wenigstens Nachrichten von Marguerite zu
-erhalten; der Freund, aufgebracht über das Verfahren der Familie Gontran,
-versprach ihm noch mehr -- eine ungestörte Zusammenkunft. Die hatten
-sie jetzt, und Beat trug Sorge, daß die kostbaren Stunden nicht blos in
-Liebeständeleien verschwendet wurden. Mit Hülfe des Arztes, welcher den
-Dolmetscher spielte, vereinigten die Liebenden sich dahin, daß Beat an
-Margueritens Vater schreiben und förmlich um ihre Hand anhalten sollte.
-Die Aebtissin, zu welcher Marguerite voll Hoffnung und Freude zurückeilte,
-billigte diesen Entschluß vollkommen; der Arzt schrieb den Brief und Beat
-unterzeichnete ihn. Marguerite versuchte ihrerseits noch einmal, sich mit
-kindlichem Vertrauen an die Brust der Mutter zu werfen. »Verlange nicht,
-daß ich der Liebe und dem Glücke entsage,« flehte sie, »denke, meine
-Mutter, wie es Dir gewesen sein würde, hättest Du in ein Kloster gesollt,
-während Du jung warest und leben wolltest.« Der ganze Brief war so voll
-einfältig bittender Hülflosigkeit, welche das Mutterherz anrief als ein
-göttlich liebendes. Aber keine Antwort kam, nicht von Herrn von Gontran
-an Beat, nicht von der Mutter an ihr Kind. Auf die Ermunterung des Freundes
-schrieb Beat nochmals -- Marguerite, niedergeschlagen, wagte es nicht mehr,
-aber die Aebtissin that es an ihrer Statt. Jetzt erfolgte von Freiburg ein
-Schreiben, des Inhalts, Marguerite sei frei, die beabsichtigte Mißheirath
-zu thun, habe aber dann von den Eltern Nichts mehr zu erwarten als
-Vergessenheit. Mit diesem Segen wurden die Liebenden in der Kirche des
-Klosters getraut, nachdem die Aebtissin noch einmal dem jungen Mädchen
-eindringlich vorgestellt, was sie mit einer solchen Ehe wage. Leicht
-Mangel, gewiß Sorgen, wer wußte, ob nicht Reue. Marguerite liebte Beat,
-das war ihre ganze Antwort -- sie wurde getraut, unter Fremden, verstoßen
-von den Ihrigen. Sie weinte, denn sie fühlte die Verstoßung, aber in
-ihren Thränen war sie noch glücklich.
-
-Beat -- ein reiches Mädchen hatte er gewollt und ein armes genommen. Es
-war eine herbe Täuschung, doch seine Jugend und seine Gutmüthigkeit,
-welche durch Margueritens Schönheit und Liebe gereizt und gefesselt
-wurden, halfen ihm darüber hinweg. Auch hegte er wohl noch Hoffnung auf
-ein einstiges Nachgeben der Eltern. Wenn einmal geschehen war, was ihnen
-mißfiel, wenn Marguerite wirklich des Beistandes bedurfte, vielleicht für
-ein Kind neu bitten konnte -- »der Zorn währt nicht ewig,« dachte
-Beat. Einstweilen verlangte er, was Margueriten rechtmäßig gehörte --
-bedeutende Pathengeschenke, die ihr von Zeit zu Zeit gemacht worden, eine
-kleine Erbschaft, welche ihr übergeben werden sollte, sobald sie mündig
-würde oder heirathete. Die Familie Gontran verharrte in ihrem einmal
-angenommenen System -- sie schwieg. Marguerite erhielt Nichts, und Beat,
-der in Solothurn keine Arbeit finden konnte, sah sich genöthigt, mit
-seiner jungen Frau nach Einsiedeln zu seinem Oheim zu reisen und dessen
-Obdach in Anspruch zu nehmen.
-
-Auf dem Wege dahin besuchte er den Doctor Sinnich in Mellingen. Der Doctor
-schildert das Pärchen als rührend komisch. Marguerite hatte endlich
-einige Bröckchen von der barbarischen Muttersprache ihres Geliebten
-erlernt, doch ging die Unterhaltung noch immer kläglich genug von Statten.
-Beat begnügte sich damit, seiner schönen jungen Frau von Zeit zu Zeit
-seine Dose anzubieten; sie streichelte ihm mit beiden Händen die Wangen
-und sagte ihm dabei zärtlich: »O mys lieb Beat!«
-
-Bitter ist das Brod der Abhängigkeit -- Marguerite sollte das erfahren!
-Obgleich gute und brave Leute, waren doch Beats Oheim und Tante allzu
-unzufrieden mit der thörichten Heirath ihres Neffen, um ihren Aerger nicht
-ohne Schonung auszulassen. Beat kam dabei gut genug weg, sie liebten
-ihn wie ihr eigenes Kind; die Vorwürfe, welche er erhielt, wurden durch
-Liebkosungen gemildert und vergütet. Aber Marguerite, das unwillkommene,
-überflüssige, zartgewöhnte Mädchen, denn sie war noch immer wie ein
-junges Mädchen, so kindlich, so fremd in der Welt, man wußte Nichts mit
-ihr anzufangen, man konnte sie zu Nichts gebrauchen -- das Fräulein
-wurde sie spottweise genannt. Ihre Geburt ward ihr hier zum Vorwurf, der
-Reichthum, mit welchem sie Beat verlockt haben sollte, nun sie ihn nicht
-geben konnte, ihr zum Verbrechen gemacht. Wenn sie sich anbot, im Hause
-nach ihren Kräften zu helfen, wies man sie als nutzlos zurück, und
-verlangte doch gleich darauf mehr, als sie mit der größten Anstrengung
-leisten konnte. Jeder Antheil an der täglichen Speise wurde ihr
-vorgerechnet -- was that sie, um ihn zu verdienen? Wenn sie manchmal mit
-überströmenden Thränen flehte, sie doch nicht so schlecht zu behandeln,
-fragte man sie, ob sie etwa fort wolle -- die Thür stehe offen. Wohin
-hätte sie gehen sollen? Auch dachte sie nicht daran -- Beat war da.
-Beat war da, warum nahm er denn Marguerite nicht an seine Brust, sie zu
-schützen vor dem Weh, das man ihr anthat? In seiner Gegenwart ließ man
-sie unangefochten, und klagen wollte sie nicht, ihn nicht in Unfrieden mit
-seinen Verwandten verwickeln, denen er Dank schuldete. Marguerite schleppte
-sich also hin in jammervoller Dienstbarkeit, in hoffnungsloser Ermüdung.
-Dazu war die Luft von Einsiedeln für ihre feine Organisation zu rauh. Und
-dann, welch' ein Wohnort für ein junges, lebendurstiges und ach, so schwer
-gedrücktes Geschöpf! Dieses weite, leere Hochthal, diese wilden Alpen,
-welche über die Tannenberge hereinsehen, dieser Sand, diese einförmigen
-Matten, diese Kahlheit, und mitten darin das baumlose, gleichsam verlorene
-Städtchen und das riesige Kloster mit den beiden grauen Thürmen, so
-großartig, aber auch so finster! Einsiedeln muß man besucht haben, aber
-um dort wohnen zu können, muß man stärker und gewiß glücklicher sein,
-als Marguerite es war. Sie verging hier vor Bangigkeit. Gewohnt wie sie
-des reichen, schönen Freiburgs war, hatte ihr schon Fahr eine Art Wüste
-geschienen, und nun gar Einsiedeln! Besonders der Winter war furchtbar für
-sie. Diese Gegend, schon im Grün des Sommers so düster und eintönig
--- was ward sie erst unter den Schneelasten, welche sich mit den ersten
-dunkeln Tagen auf sie legten. Wie einsam war es, wie melancholisch tönten
-die Glocken des Klosters! Und Marguerite, eingeschlossen in die niedrigen
-Stuben, die man hier überall findet, mit Balkendecken, welche wie
-vorzeitige Sargdeckel auf dem täglichen Leben liegen. Wer unter solchen
-Decken geboren, gewiegt und großgezogen ward, der mag sich unter ihnen
-wohl fühlen, aber wer gewöhnt gewesen ist, Raum über seinem Haupte zu
-sehen, der erstickt unter ihrer Pressung. Marguerite träumte manchmal,
-sie sei schon begraben, und zwar unter der Decke ihres bangen, luftlosen
-Stübchens. Ich habe das Haus gesehen, wo die jungen Leute beinah zwei
-Jahre gewohnt haben; es liegt an dem Platze des Klosters, doch in einiger
-Entfernung von diesem, ist groß, ganz von Holz, ganz schwarz angestrichen,
-hat eine Unzahl kleiner Fenster, und heißt »Zur heiligen Katharine«. Die
-Braut des Heilandkindes konnte ihren Namen keinem unheimlicheren Gebäude
-leihen. Als ich es sah, blühten auf allen Fenstern Blumen, besonders eine
-Menge rother Pelargonien, aber trotz dieses Schmuckes und trotz des Glanzes
-seiner Schwärze schauerte mich vor ihm noch mehr als vor ganz Einsiedeln.
-
-Der späte Frühling erlöste Marguerite von einiger ihrer Qual; sie konnte
-aus, sah die Pilger ankommen und Bewegung in die heilige Oede bringen, fand
-in den Tannenwäldern Blumen, wurde dann und wann freundlich gegrüßt. Man
-hatte sie im Orte liebgewonnen, ohne daß sie es gewußt; es zeigte sich
-jetzt, und sie fühlte sich etwas gelindert. Freilich war dieser Trost für
-sie bald verloren, denn Beat beschloß, den Sommer zu Reisen anzuwenden.
-Er wollte verdienen, was er hier nicht konnte; er wollte dahin, wo er noch
-nicht gearbeitet hatte; vielleicht, so redete er Margueriten zu, würde er
-so viel zurückbringen, daß sie den nächsten Winter in eine Stadt ziehen
-könnten; aber um das Möglichste zu erwerben, mußte er möglichst sparen,
-und Marguerite durfte daher nicht mit. Marguerite weinte und gehorchte.
-Sonderbar genug wurden Oheim und Tante, seit Beat fort war, milder gegen
-sie. Vielleicht hatte ihre immer gleiche Sanftmuth sie entwaffnet --
-genug, sie begegneten ihr mit mehr Barmherzigkeit. Marguerite, noch ganz
-elastisch, bedurfte nur geringer Aufmunterung, um wieder Zutrauen zu
-fassen. Sie wurde so heiter, wie sie ohne Beat werden konnte.
-
-Aber ihre Gesundheit war durch den Winter und die viele Trauer, welche
-sie lautlos geduldet, unterwühlt worden. Ein Husten zeigte sich, den die
-scharfen und häufigen Luftabwechselungen dieser hohen Lage unterhielten.
-Der Oheim wandte umsonst sein Wissen an, Marguerite welkte, mit Geduld, wie
-sie sich bisher gebeugt, langsam, unaufhaltbar. Beat fand sie bei seiner
-Rückkehr erschreckend verändert. Hätte er genug Geld gebracht, um sie
-gleich in eine andere Luft, in eine andere Umgebung führen zu können,
-vielleicht daß Genesung noch möglich war. Aber sein Verdienst war gering
-gewesen, wie es immer ist, wenn die Noth drängt. Wenn immer Arbeit
-sich finden ließe, wer würde da zu Grunde gehen? Einer unter Hunderten
-vielleicht. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist mächtig, nur -- muß man
-sich erhalten können, und die Thüren schließen sich nie fester, als
-vor dem Bedürfniß. Beat kam mit dieser trostlosen Erfahrung zurück.
-Leichtsinnig, wie er im Grunde war, verzweifelte er noch nicht. Im
-nächsten Jahre würde es besser gehen, ermunterte er Marguerite, im
-nächsten Jahre wolle er sie nach Baden bringen, da solle sie gesund
-werden. Marguerite horchte seinen Verheißungen wie ein gläubiges Kind und
-wurde dabei kränker und kränker. Der zweite Winter kam über sie, noch
-härter und rauher als der erste. Umsonst beeiferten sich jetzt Oheim und
-Tante, sie zu pflegen, umsonst war Beat herzlich gut -- der Husten wich
-nicht, sondern ward hohler -- und sie immer bleicher. Der Gönner Beat's,
-der Doctor aus Zürich, kam einige Male die arme Kranke besuchen; sie nahm,
-was er ihr gab, mit ihrer gewohnten frommen Unterwürfigkeit, tröstete
-Beat, hoffte zuversichtlich und -- ward bleicher und kränker. Beat machte
-sich eines Tages zu Fuß nach Mellingen auf, überbrachte dem Doctor
-Sinnich eine Beschreibung von ihrem Zustande und bat ihn um Hülfe. Doctor
-Sinnich sah bedenklich aus, versprach aber, sich mit Beat's Oheim in
-Briefwechsel zu setzen und so zu thun, was er vermöge.
-
-Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine Frau in Luzern bei ihren
-Eltern, er am Schreibtische, an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt
-ein Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb der Stadt
-gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte er, als er, an das Fenster getreten,
-den Wagen mit Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür; »Doctor,«
-sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte sich um, es war Beat, der blaß
-vor ihm stand und ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen
-meine Frau.«
-
-Sinnich war unwillig, erstaunt. »Was thun Sie mit der kranken Frau auf der
-Landstraße, und ohne mich eine Silbe voraus wissen zu lassen?« -- »Ich
-konnte nicht länger mit ihr in Einsiedeln bleiben, sie hält die Luft
-nicht mehr aus, und -- sie wollen uns auch nicht mehr behalten.« Beat
-sagte das mit einer Art von Trotz. Der Doctor dachte an die Kranke, die
-erwartend unten lag. »Für's Erste müssen wir Ihre Frau unter Dach und
-Fach bringen -- kommen Sie, lassen Sie sie in den Löwen fahren.« -- »Ja
-Doctor, aber das sage ich Ihnen frei -- ich habe kein Geld.«
-
-Der Doctor erbarmte sich. Er ließ das arme, heimathlose Weib in sein Haus
-tragen, er ließ sie in das Bett legen, welches für seine Eltern bestimmt
-war, wenn sie zum Besuch kamen. Marguerite versuchte mit ihren kalten
-Lippen seine Hand zu erreichen. Er zog die Hand fort und hieß die blasse
-Kranke schlafen. Sie schlief unter dem Dache des Samaritaners.
-
-Als Madame Sinnich zurückkam, empfing der Doctor sie mit einiger
-Ungewißheit, »ob es ihr recht sein würde.« Es war ihr recht; sie konnte
-ihm schelten, wenn er ein Gedicht machte, nicht wenn er eine gute Handlung
-ausübte. Dieses Blatt ist in dieser Geschichte das einzige tröstliche.
-Möge man es mit Freude lesen, wie ich es mit Freude schrieb.
-
-Marguerite blieb, zum ersten Male wahrhaft gepflegt, mehrere Wochen
-im Hause Sinnich's; dann hatte dieser, im Verein mit dem Pfarrer von
-Mellingen, Etwas gefunden, wodurch den unglücklichen Eheleuten wenigstens
-das bare Leben gesichert wurde. Sie errichteten eine Zeichenschule, die
-Gemeinde gab dreihundert Franken und eine kleine Wohnung und Beat den
-Unterricht.
-
-Mellingen ist ein klein Städtchen, etwa eine Stunde von Baden. Der Weg
-führt über zwei Höhenrücken, die Badener und die Mellinger Sommerhalde.
-Das Reußthal ist bei Mellingen ebenso lieblich wie bei Baden das
-Limmaththal. Das Städtchen ist eine jener alten Ortschaften mit Mauern
-und Thorthürmen, durch zwei Straßen kreuzweis, wenn auch nicht ganz
-regelmäßig getheilt. Eine alterthümliche bedeckte Brücke führt über
-die Reuß hinein; ich liebe solche alte Brücken, unter deren Bedachung
-man geschützt stehen und den Strom fließen sehen kann. Das Wappen von
-Mellingen, eine weiße Kugel im rothen Felde, ist einfach und doppelt an
-den beiden Thorthürmen angebracht. An dem linken Arm des Straßenkreuzes
-liegt der größte Platz des Ortes, mit dem Gasthof zur Krone, mit der
-Kirche und einer Grabkapelle, mit dem frühern alten Schlosse,
-dessen Garten bis an die Reuß geht. Die Grabkapelle hat einen hohen,
-buntgedeckten Thurm, zwischen ihr und der Kirche steht der braune
-Glockenthurm mit einem abgestumpften Dache, das Kirchthürmchen ist klein
-und spitz, grau der spalierumgrünte Wendeltreppenthurm des Schlosses. Vier
-Thürme also, die schwere Kirchthür mit Schnitzwerk, ein hohes,
-hölzernes Kruzifix, viele kleine eiserne, wunderliche, verrostete, bemalte
-Grabkreuze, ein paar Bäume, hinhängend, wie leidend, ein paar Beete mit
-kranken Blumen, das Alles bildet eine Stätte des Begrabens, wo der Tod
-nicht als der Bruder des Schlafes, sondern als der furchtbare Erbfeind
-des Lebens erscheint. Marguerite sah sie täglich und stündlich, denn das
-ihnen angewiesene Häuschen lag dicht neben der Vikarei, und die ist der
-Krone gegenüber. Aber in Margueritens Herzen sprudelte wieder die Quelle
-der Harmlosigkeit, sie glaubte gewiß, daß sie genesen werde, sie freute
-sich in dem kleinen Garten, aus welchem sie die Alpen sehen konnte, zu
-säen, zu pflanzen. Sinnich hatte sie wirklich so weit gebracht, daß sie
-den Sommer weit mehr genoß, als den vorigen. Die Luft war hier so mild,
-man zeigte ihr so viel Wohlwollen. Marguerite gewann sich Herzen, wo sie
-nur wenige Wochen lebte; das Mitleid half denn auch; die jungen Eheleute
-wurden unterstützt, soviel nur die Kräfte der Gemeinde es zuließen. Aber
-mit dem Winter machte doch der Mangel sich wieder fühlbar, um so mehr, da
-Marguerite auf das Neue zurücksank. Sinnich und seine Frau konnten
-diese Entblößung, der sie ihren beschränkten Mitteln nach nur höchst
-unvollkommen abzuhelfen vermochten, nicht länger so gelassen mit ansehen.
-»Lassen Sie ihre Frau nach Freiburg schreiben,« sagten sie zu Beat, »die
-Eltern müssen weich werden, wenn sie erfahren, in welchem Zustande ihre
-Tochter ist.« Marguerite brachte mühsam einen Brief zu Stande -- ein
-Brief, besonders ein solcher, ist für einen Kranken ein so mühsames Werk.
-Das Blatt, auf welchem ihre Hand gezittert, auf welches ihre Thränen und
-von ihrer Stirn der kalte Schweiß gefallen, das Blatt blieb unbeantwortet;
-ein zweites, noch mühevoller, müder, bittender geschrieben, hatte
-dasselbe Loos. Jetzt schrieben Sinnich und der Pfarrer, siegelten mit
-Sinnich's Wappen und gaben den Brief in Zürich auf die Post. Wenn Frau von
-Gontran ihre Tochter noch einmal sehen wolle, möge sie eilen; Margueritens
-Tod sei nahe.
-
-Auf diesen Brief kam die Mutter; er war in ihre Hände gelangt, aber nicht
-der, welchen Marguerite ihr von Solothurn aus geschrieben, keiner von der
-Aebtissin, welche vor ihrem bald auf Margueritens Heirath erfolgten Tod
-noch einmal versucht, Frau von Gontran zu erschüttern. Der junge Gontran
-und der Abbé Lallemand hatten alle diese Blätter, ebenso wie auch die
-beiden letzten Briefe Margueritens, unterschlagen, die Mutter wußte Nichts
-von der Gefahr, Nichts von dem Elend der Tochter, sogar Nichts von ihrer
-Heirath. Sie hatte bisher geglaubt, Marguerite lebe mit Beat als dessen
-Geliebte. »Wie konntest Du denn das von mir denken?« fragte Marguerite
-mit naivem Vorwurf. Die Mutter weinte und schuldigte sich an, doch war
-selbst in diesen ergreifenden Augenblicken eine gewisse Gemüthskälte
-bei ihr nicht zu verkennen. »Ach, wenn Du doch in's Kloster gegangen
-wärest,« seufzte sie; »wie viel glücklicher wärest Du gewesen.« --
-»Sprich nicht so, meine Mutter,« antwortete Marguerite, mit dem Lächeln
-des befriedigten Herzens, »ich habe meinen lieben Beat.« Und sich zu
-ihm wendend und ihm die Hand darreichend, setzte sie in ihrem gebrochenen
-Deutsch hinzu: »Mys lieb Beat, ich nicht mit einem König tauschen,« ihr
-liebstes und häufigstes Wort. Die Mutter sah darum Beat nicht günstiger
-an; sie betrachtete ihn als den einzigen Anlaß aller der Uebel,
-die Marguerite zu leiden habe. Im Ganzen war der Besuch ein wenig
-erquicklicher; die Mutter hatte allerdings einiges Geld mitgebracht, aber
-das war nur wie ein Tropfen für die vielen und dringenden Bedürfnisse.
-Auch fühlte Frau von Gontran sich gedemüthigt vor den Fremden, die ihr
-Kind, welches sie verlassen, aufgenommen und genährt hatten. Sie konnte
-nicht ohne Scham die Worte der Doctorin hören: »Bedenken Sie, Madame,
-daß in dem armen Städtchen Mellingen auch der Aermste sich noch reich
-genug findet, um Ihrer Tochter Kartoffeln schicken zu können.« Sie
-versprach, alles Nöthige zu senden, um dem Mangel, der die Kranke umgab,
-wenigstens einigermaßen abzuhelfen. Sogar das Piano Margueritens, welche
-auf diesem Instrument Virtuosin war, sollte mit andern Möbeln kommen.
-Bitter lächelnd sagte die Doctorin: »Madame, dazu ist es zu spät, Ihre
-Tochter wird kein Piano mehr spielen, es hat ihr zu lange an Brod und
-Kleidern gefehlt.« Das war keine Uebertreibung; Marguerite hatte sich in
-Einsiedeln nicht immer satt essen können und besaß keine andern Kleider,
-als die, welche sie mit in die Ehe gebracht. Sie waren abgenutzt, zerrissen
-theilweise, Marguerite, die immer viel Geschmack für zierlichen Anzug
-gehabt, bat die Mutter, ihr ein neues Kleid zu schenken. »Ach, nur eines,
-Maman; ich komme mir in diesen alten Dingern selbst so alt vor. Gewiß,
-ich würde besser aussehen, wenn ich ein hübsches Kleid anhätte.« Die
-Kokette -- sie wollte noch jetzt ihrem Beat gefallen!
-
-Er pflegte sie wenigstens treulich, gab dabei seine Stunden, und machte
-außerdem die Examina, welche zu einer bessern Anstellung nöthig waren.
-Aber noch fand die sich nicht.
-
-Dagegen kam die versprochene mütterliche Hülfe von Freiburg. Worin
-bestand sie? In einem kleinen Stuhl, den Marguerite als Kind gehabt, in
-dem dazu gehörigen Tische und in einer Bettdecke von Damast. Sonst Nichts,
-keine Wäsche, keine Geräthschaften, kein Geld, nicht einmal das erbetene
-Kleid. Marguerite klagte nicht, sie sagte nur in ihrer treuherzigen Art:
-»Sie werden die Mutter wieder herumgekriegt haben, aber das Kleid hätte
-sie mir doch schicken können.« Beat war muthlos, der Doctor entrüstet,
-seine Frau empört, besonders über den Hohn, welchen sie in der Sendung
-der reichen Damastdecke wahrzunehmen meinte. »Man hat es der Armen recht
-anschaulich machen wollen: sieh, was Du hättest haben können, wenn Du
-nicht einen solchen Mann genommen,« sagte sie mit einem starken, redlichen
-Unwillen. Vielleicht hatte sie Recht.
-
-Einige Zeit später kam der junge Gontran. Ob um seiner selbst, oder um
-der Menschen willen? So gut Marguerite war, den Bruder, der ihr so viel
-Herzeleid angethan, ohne daß sie ihn je anders beleidigt, als durch ihr
-Dasein, den Bruder konnte sie nicht mit Vergnügen, ja, kaum mit Mäßigung
-begrüßen. Die Unterredung war demnach kurz und gezwungen, Beat sah
-den Schwager gar nicht, und dieser äußerte auch keinen Wunsch, die
-Bekanntschaft zu machen. Beistand brachte er der Schwester nicht, selbst
-keinen Gruß von den Eltern; er sagte nur, sie wären gesund. Nach einer
-Viertelstunde stand er auf, wünschte der Schwester eisig eine bessere
-Gesundheit und reichte ihr die Fingerspitzen. Sie wandte ihr Gesicht von
-ihm ab zur Wand, ohne Etwas zu erwiedern; er ging, sichtlich erleichtert,
-den unangenehmen Besuch überstanden zu haben. Sein Wagen war noch nicht
-bereit; er hieß den Kutscher ihm nachkommen und ging zu Fuß bis zu
-Sinnich's Haus. Dort ließ er sich melden. Sinnich lag gerade krank, nahm
-aber den Bruder Margueritens doch an; »denn vielleicht,« sprach er
-zu seiner Frau, »daß er doch in guter Absicht kommt.« Die Doctorin
-schüttelte den Kopf; sie erwartete Nichts mehr von der Familie Gontran.
-Der junge Mann trat ein, abstoßend von Physiognomie, so unähnlich wie
-möglich seiner jetzt noch schönen Schwester. Im Betragen war er äußerst
-höflich und dankte mit ausgesuchten Wendungen dem Doctor sowohl wie
-dessen Gattin für die Güte, welche sie seiner beklagenswerthen Schwester
-erwiesen. »Ich wünschte sehr, mein Herr von Gontran, die Familie
-der Madame Bodenwieler hätte uns weniger Gelegenheit zu dieser Güte
-gegeben,« antwortete der Doctor, geradezu wie er war, und hier doppelt
-unumwunden im Gefühl, das Recht sei auf seiner Seite. Der junge Gontran
-zuckte die Achseln, machte Mienen, bedauerte unendlich die Verhältnisse,
-unglückliche Mißverständnisse. Es war nicht schwer, hierauf zu
-antworten, und die Doctorin that es mit aller Rücksichtslosigkeit,
-zu welcher in gewissen Stunden die Guten den Schlechten gegenüber die
-Erlaubniß von Gott selbst haben. Der junge Gontran hörte sie mit übel
-verhehlter Verlegenheit an. Endlich sagte er: »Damit Sie sehen, daß
-es mir nicht an brüderlicher Liebe fehlt, so will ich von nun an meiner
-Schwester drei Kreuzer täglich aussetzen und Sie bitten, ihr dafür
-Geflügel zu kaufen.« Der Doctor maß den zärtlichen Bruder mit einem
-Blick, der zwischen Erstaunen und Verachtung schwebte. »Ist das Ihr
-Ernst, oder wollen Sie mich zum Narren haben?« -- »Es ist mein völliger
-Ernst.« -- »Und wissen Sie, daß man für dieses Geld kaum am Sonntage
-ein kleines, elendes Hühnchen kaufen könnte?« -- Gontran zuckte wieder
-die Achseln und sagte: »Das thut mir sehr leid, aber mehr bin ich nicht
-im Stande.« -- »Herr,« schrie jetzt der Doctor mit der gewaltigen Stimme
-seiner gesunden Tage, »machen Sie, daß Sie fortkommen, oder, krank wie
-ich bin, stehe ich auf und schmeiße Sie hinaus!« Gontran wartete diese
-Anstrengung von Seiten des Doctors nicht erst ab; er entfernte sich eilig,
-stieg in seinen Wagen, der gerade ankam, und wünschte sich gewiß Glück,
-so gut davongekommen zu sein.
-
-Dies war das letzte Mal, wo Marguerite von ihrer Familie hörte. Sie war
-jetzt aufgegeben; ein Theil der Luftröhre war bereits herausgefault, sie
-hatte ganz die Stimme verloren und konnte nur noch essen, wenn sie sich
-auf den Rücken an den Boden legte. Dennoch kam sie an guten Tagen noch
-manchmal zu Doctors, wo sie sich recht eigentlich daheim zu glauben schien.
-Sie liebte sehr kleine Leckereien, und Doctors pflegten, wenn sie Gäste
-hatten, ihr immer etwas vom Nachtisch aufzuheben. Kam sie nun, und die
-Doctorin reichte ihr die für sie bestimmten Früchte oder Bonbons, so warf
-sie, kindisch begierig wie sie war, sich sogleich an den Boden und fing an,
-auf ihre Art zu essen. Die Fremden wunderten sich dann nicht wenig; hörten
-sie aber erst die Geschichte des armen, sonderbaren Geschöpfes, so machte
-das Lächeln der tiefsten Theilnahme und den wärmsten Tröstungen Platz.
-
-Konnte Marguerite denn getröstet werden außer von Oben? Sie liebte, sie
-lebte trotz aller Leiden mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses
-das Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch nicht fragen, wie
-schwer wir es finden. Marguerite blieb wenigstens heiter in der Geduld;
-sie beklagte sich nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und
-bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte, ohne zu grübeln, ohne
-zu zweifeln, mit Dank für die wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys
-lieb Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb ihre Rede,
-selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen.
-
-Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen fühlende Mensch
-bei dem Anblick solcher Leiden und besonders eines schweren Sterbens
-weint. Aber er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht wegen der
-bevorstehenden Trennung. Marguerite war für ihn längst Nichts weiter mehr
-als eine Last. Er hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher der
-Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen dürfen sollte, je mehr
-athmete er auf. Jenseits dieses Grabes lag für ihn eigentlich erst das
-Leben. Marguerite hatte einen andern Willen. »Höre, mys Beat,« sagte
-sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit, »Du mir ja nicht wieder
-heirathen. Ich Dich will gehabt haben allein hier unten und dort oben. Wenn
-Du nehmen willst andere Frau, ich kommen und machen so.« Und sie machte
-mit ihren abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des Erwürgens.
-
-Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann durchdringend an, halb
-forschend, halb drohend. Noch in ihrer letzten Minute hatte sie diesen
-Blick. Beat drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht mehr
-ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne geliebt worden, ohne glücklich
-gewesen zu sein, ohne glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum
-des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen gekannt: Hoffen, Lieben und
-Leiden.
-
-Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche der Anstand vorschreibt,
-um sich nach einer neuen Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur
-noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste Täuschung.
-Jetzt wollte er nicht wieder getäuscht werden -- er spähete vor Allem
-nach einem hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten sich
-indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die Art zu beglücken, welche er
-für die einzig wahre hielt.
-
-Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern Gehalt als Zeichenlehrer
-nach Baden berufen worden, kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt
-geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig verfolgten Wunsch erfüllt,
-so schien auch der zweite in Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die
-Schwester eines Regierungsrathes aus St. Gallen kennen, ein nicht mehr
-ganz junges, aber dabei hübsches, und was noch besser war, sehr reiches
-Mädchen. Wie Beat es angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle
-Bewerber, denen es glückt -- genug, er gefiel dem Mädchen. Ihrer Familie
-nicht; indessen da das Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als
-sie nach St. Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel verabredet, und
-sie schied von ihm mit der festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur
-Einwilligung zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung zu
-fragen.
-
-Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte, sagte Madame Sinnich
-halb scherzend, halb ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat,
-ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die Sterbende gemacht.
-
-Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie vergessen. Selbst mit ihrem
-Denkmal blieb es beim Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung
-nicht mangelten.
-
-Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn. Was er sich auch immer
-gewünscht, einmal eine größere Arbeit in Marmor ausführen zu können,
-das sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann bestellte bei ihm
-die Statue von Julia Alpinula, dieser jungen Priesterin, welche aus Gram
-darüber starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters nicht hatte
-erbitten können. Beat hatte sich bereits eine Probe von dem Marmor kommen
-lassen, aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen gedachte. Der
-reine, weiße Stein war angelangt, stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer
-belebt, entwarf er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue. Ermuthigt
-durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge dem Glücke nähernd, schrieb er
-seiner Geliebten und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle
-Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte Wort geben. Als
-er den Brief auf die Post getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber
-er wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte die Skizze.
-»Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er, »denn von St. Gallen kann
-mir die günstigste Antwort nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der
-Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend: »Bodenwieler, und das
-Denkmal Ihrer Frau ist auch noch nicht weiter als auf so einem Blatte.
-Bedenken Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen, ihre
-Frau durch einen wirklichen Beweis Ihres Andenkens.« -- »Ich will's thun,
-sobald ich verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist meine
-ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und unzufrieden vor sich hin;
-Beat ging. »Was fällt Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du
-den Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst so sehr gegen alle
-Phantasterie eifert?« Sie antwortete: »Rede, was Du willst -- mir ahnt
-nichts Gutes.«
-
-Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine Stunde in seiner Schule zu geben.
-Er kehrte in seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen
-zu nehmen. Während er damit beschäftigt ist, fällt von seinem entfernt
-stehenden Secretair die Brustbüste Margueritens herab, und wenige
-Augenblicke nachher von der Wand gegenüber sein eigenes Portrait in
-Alabaster. Beide Gegenstände waren nicht angerührt worden, von Außen war
-keine Erschütterung gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen, läuft
-im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's hinauf, findet aber nur die Frau,
-erzählt ihr eilig, was vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch
-noch halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache das Denkmal,
-sobald ich verheirathet bin.« Damit geht er fort und in seine Schule,
-welche er in dem alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin
-bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend allein; da kommt ihr
-Mann und sagt: »Der Bodenwieler ist in der Schule auf einmal so krank
-geworden -- ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.« Er geht, kommt
-nach einer halben Stunde wieder: »Der hat die Darmentzündung, und
-ist, irre ich nicht sehr, unrettbar verloren.« -- »Da siehst Du's, --
-Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise.
-
-Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben, daß Beat am dritten Tage
-seiner Krankheit in derselben Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner
-neuen Braut aus St. Gallen eintraf. Erkläre man es, wie man es wolle,
-mit dem alten Spruche Shakespeare's oder mit dem bequemen Worte: »Zufall,
-nichts als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen, diese
-Geschichte erzählt. Eine Erklärung am Ende versprach ich nicht.
-
-Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden getrennt -- er liegt in
-Baden, und der kleine Marmor, den er als Probe kommen ließ, bildet seinen
-Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber den neuen Kirchhof
-von Mellingen, wo das unbezeichnete Grab Margueritens ist. Es war an einem
-sonnigen Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die Wiesen voll
-Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man Flachs, hackte Holz und schaffte
-Kartoffeln ein. Der Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte
-der beiden Straßen nach Luzern und Aarau. Pappeln umgeben ihn, eine
-Kapelle zeigt sich weiß, mit offener Säulenhalle. Ich hätte für
-Marguerite einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten und mehr Ruhe,
-nicht so an der Landstraße, nicht so zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen,
-ruhen wir im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite.
-
-
-
-
-Die Urschweiz.
-
-
-Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser der Schweiz, nicht der
-gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn, sondern der alten, wirklichen,
-lebendigen Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt
-zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher von Uri, die Hörner der
-beiden Walden, und um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der
-Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht. Und hier,
-wo diese Erinnerungen Grund und Boden haben, haben sie auch Poesie.
-Die Tellsage, welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich
-widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb. Tell's steife Bildsäule
-auf dem Markte zu Altorf, der bemalte Thurm, welcher an dem Platze der
-Linde steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte, Bürglen,
-sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach, worin er ein heimathlich Grab
-gefunden, seine Platte mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und
-erhielt meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so hoch und
-gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht, springt auch nicht von starren
-Felsen hervor, sondern ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe
--- nun was thut's? -- der Sprung war immer ein guter und ein natürlicher
-dazu; denn wer wird sich selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es
-anders machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger, dem
-die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter sein muß als einem
-civilisirten Menschen. Auch daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten
-hatte, mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich -- seine
-Landsleute würden heute noch dasselbe thun, wenn es sie drängte und
-sie könnten. Der ganze Tell ist natürlich, nur der Mann eines
-rücksichtslosen Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen
-Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt, sondern seinen Feind aus
-dem Hinterhalt getroffen wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne
-jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit seines Schusses. Wenn
-Goethe doch hier nicht Schillern gewichen wäre! Wir hätten dann einen
-wahren Tell.
-
-Doch nicht allein durch die Sage, durch seine Natur fesselt der See der
-Urkantone. Wenn der Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller
-alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit, der Zuger
-mit Grazie eingefaßt, der Zürcher überall lachend, der kleine Lowerger
-rührend-traurig, der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge der
-Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer wundersam phantastischen
-Melancholie. Ich habe diesen Eindruck tief in mich aufgenommen, während
-wir zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über den See hin und
-her schifften. Wir wollten diesen kennen, auswendig lernen, seine Buchten,
-seine Alpen, seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von diesen, der
-Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an einen Schnabel des Bucintoro.
-Wie schön am Abend die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der
-einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie bedeutungsvoll die kleine
-Kapelle von Kindleinsmord, auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah
-den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet, mit dem Kopfe an
-den Stein schlägt. Was die Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's
-geschehen. Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist, ja, recht
-eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig, so phantastisch, so
-drachenhaft, wie dieser. Luzern dürfte gar nicht am Vierwaldstätter
-See liegen, wenn es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem
-Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat augenblicklich, ohne
-daß man ihn mir genannt, so deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn
-vorgestellt. Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten mir
-Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens junge Herren
-gelangten hinauf, und auch die nur unter Angst und Gefahren; man müßte
-die Nacht im Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten
-hinweg -- ich hatte bei dem Nebelritt von der Rigi herab meinen Muth messen
-können -- es war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich blickte
-den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz, auf den ich mich wirklich
-hinaufgewünscht, traurig an und fuhr nach Fluelen.
-
-Von hier aus entschieden wir uns für den Weg nach der Teufelsbrücke. Wie
-der Pilat der Berg, so ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und
-nach dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen, welche
-die Ströme den Menschen durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der
-fahrwürdigsten. Goethe war ihn hinangewandert -- wir halten diese
-Erinnerung gebührend an Ort und Stelle. Desgleichen vergegenwärtige ich
-mir mit Vergnügen die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit
-einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen Durchbruch der
-Alpen sich ausnimmt wie ein Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es
-im Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen -- die
-Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche, die weißen Wasserfälle, wir
-durften sie uns nur gefüllt, geschwellt und überbrausend denken, und wir
-hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir noch fortwährend ein
--- der Franzose, welcher in Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard
-durchaus auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche Einwendung:
-»Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die Lawine auf Sie,« gar nicht
-beachtet. Hier würde die Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit
-ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen Thale die Blöcke wie ein
-Hagelschlag lagen, wilder noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen
-hinauf zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung die
-prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher und links bog die Schlange der
-Straße zwischen die starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein
-kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen schwarzen Pudelchen, bot
-uns hier Krystalle vom Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in
-der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen diese und andere
-Krystallisationen aus den verborgenen Grotten mit herab und verkaufen
-sie an Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die Knaben ihrerseits
-verhandeln sie an die Fremden -- wir hatten in Amsteg welche ausgewählt,
-mochten jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine beiden
-Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze war ihm fremd; gravitätisch
-ging er zum Kutscher und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt'
-es ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er, »dann dank' ich
-schön.« Wir kamen bald darauf langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme
-an die Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht -- die vielen Brücken
-vorher hatten uns vorbereitet, aber sie befriedigte. Die alte verlassene
-unter ihr würde den Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine
-über den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün bewachsen und mit
-abgebrochenen Brüstungen daliegt und dabei viel besser gesehen werden
-kann. Von Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem, noch am folgenden
-Tage die Rede, obgleich wir in schöner, heißer Sonne nach Fluelen
-zurückfuhren. Denn wir fuhren zurück -- wir machten es Goethe nach, doch
-nicht um es ihm nachzumachen, sondern weil wir nicht anders konnten. Schnee
-war in der Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der Paß nach
-Bündten schwierig zu unternehmen geworden, und das Thermometer zeigte im
-Zimmer nur sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen Links und Rechts,
-zwischen den Rheinquellen und den Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt:
-wir wollen zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht nach Italien
-hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren. Hätten wir Italien nicht
-verwüstet, verstört, für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns
-ebenfalls nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch nicht leicht,
-aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach Fluelen zurück.
-
-Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf dem scheinend blauen See
-schwankten und die halbumwölkten Berge uns einen feinen Nebelregen in das
-Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und mächtiger denn seit
-lange die Sehnsucht nach einem Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie
-im Frühling aus -- wir konnten's nicht; ungewiß lag auch dieser Winter
-wieder vor uns. Otto sagte tröstend: »Laß gut sein, besser Liebe ohne
-eine Heimath, als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die Hand,
-aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen abtrocknen.
-
-
-
-
-Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.
-
-
-»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten Sie hinauf auf den Rigi.
-Den Rigi müssen Sie sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« --
-so sprach vor drei Jahren in Breslau =Dr.= Anton Theiner, drückte mir zum
-letzten Male herzlich die Hände und ließ uns fortfahren nach Venedig.
-
-Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol und nicht durch die Schweiz,
-bisweilen davon redeten, ob, wie und wann wir diese letztere besuchen
-würden, so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir auch Theiner's
-Willen thun?« Und Eines gestand dann immer dem Andern: »Du, ich habe
-eigentlich gar keine Sehnsucht auf den Rigi.«
-
-Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz, doch Kummer und
-Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß am Leman nahmen uns dermaßen ein,
-daß wir des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da stets nur mit
-der größten Gleichgültigkeit gedachten.
-
-In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht der Rigi, sondern die
-Rigi sagen müsse. Wir nahmen diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener
-Gleichgültigkeit an, denn wir beabsichtigten durchaus weder auf den, noch
-auf die Rigi hinaufzureiten.
-
-Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder ihr Italien, nämlich irgend
-einen Ort, wo irgend Etwas im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner,
-Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis sein. Wir wollten
-nach diesem Nizza. Ein Engländer, der mit einer englisch häßlichen Frau
-und einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß, fragte mich, ob auch
-wir »=to the Rigi=« gingen. »O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi
-geht oder reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in Wäggis.«
-Vier Stunden später sagte ich zu dem Engländer auf dem Kulm: »=Very
-happy to see you.=« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen Dörfern,
-wie sie an den Schweizerseen liegen, und der Sohn und Kellner des einzigen
-Gasthofes ein so unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor
-Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht Tage lang von ihm
-bedienen lassen müssen. So ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die
-Rigi.
-
-Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem unserm Jetzigen und nebst
-seinen Sitten auch von seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird,
-so wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung zu lesen bekommen:
-
-»Es gab in jener Zeit« -- ich sage mit Bedacht: es gab, denn die Rigi
-könnte dann ja eingefallen, oder die Schweiz ein unbekanntes Land geworden
-sein, also -- »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß Rigi. Dieser
-Berg war, was viele andere Berge auch sind, so und so viel tausend Fuß
-hoch, übrigens durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet,
-man müßte denn als eine solche annehmen, daß man von seiner Höhe aus
-elf kleinere und größere Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser
-Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals sprach, d. h. man mußte
-ihn gesehen haben. Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und Amerika,
-zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber hauptsächlich doch aus
-diesen beiden, und aus Europa hauptsächlich von England, Leute beider
-Geschlechter und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen Berg
-hinauf. Sie hießen die Rigireisenden. Waren sie auf der Höhe, welche die
-Kulm genannt wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher, brachten
-Lorgnetten und Operngläser an die Augen, ließen sich von den Führern,
-die sie hinaufgeleitet, die Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten
-die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das »Panorama«, wie man
-den Anblick nannte, ein sehr prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher
-wurden roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen Oceane. Es
-geschah jedoch äußerst selten und man nannte es der Seltenheit wegen
-den »Sonnenuntergang vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama in
-Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich frierend und gelangweilt --
-nebenbei, das Gelangweiltsein war eins ihrer kenntlichsten Merkmale --
-gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück, welches von Holz
-auf dem Kulm erbaut worden war. Dort schliefen sie, bis die Stunde des
-»Sonnenaufgangs vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde war indessen
-noch ungewisser als die des Sonnenunterganges. Unter hundert Rigireisenden
-schlug sie nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen wieder
-hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben, gewöhnlich im dichten Nebel,
-häufig im starken Regen und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man die
-»Tour auf die Rigi.«
-
-Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung ein Auszug der
-gemäßigten Alpennatur. Die Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem
-Fuße, das Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich die
-Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene Felsenriffe, einzelne
-seltsame Steine, den Epheu, die Quellen und die Mattenblumen, die blaue
-Tiefe zu den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie hat Alles --
-wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren hat, reite hinauf und sehe zu, ob
-er die Sonne zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die Rigi« am
-meisten meine heftige Begierde gezähmt, den Pilatus, diesen Brocken der
-Schweiz, in seiner Unbesuchtheit zu stören.
-
-
-
-
-Im Hotel Weber.
-
-
-»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?« fragte ich den Grafen
-Wladislav.
-
-»Calclire, muß sein,« versetzte er.
-
-Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im ersten Stock des Hotel
-Weber. Es war ein trüber Tag, welcher eben in einen trüben Abend
-übergehen wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein hervorkommt,
-fällt und sich weiter windet, waren bunt und feucht, der Rhein sah so
-dunkelgrün aus wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein getrunken
-wird; der Fall erschien noch weißer als gewöhnlich.
-
-Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort für alle Welt.
-Wir waren dort von mehreren Bekannten getroffen worden, unter andern von
-Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften gemacht, zuerst die
-des zweiten großen Unbekannten Charles Sealsfield. In dem »Süden und
-Norden« dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem Nachmittage
-eifrig studirt, und so kam es, daß er mir halb absichtlich und halb
-absichtslos auf gut kentuckisch antwortete.
-
-»Kommt mir vor, wär' noch nicht nöthig,« sagte ich lachend in derselben
-Weise.
-
-»Sag' Euch, muß nach Hause,« antwortete er höchst ernsthaft.
-
-Wladislav war groß, schlank und dunkelblond. Sehr gehalten in seinem
-Betragen, sehr überlegt in seinen Handlungen, und dabei doch der
-seltsamsten Extravaganzen fähig, nur daß er sie eben auch so gelassen
-unternahm und zu Ende brachte, wie alles Andere. Was ich an ihm sehr gern
-hatte -- er war originell wie ein Kind, ohne es zu wissen. Vollkommen ruhig
-in der Gewißheit, es gerade so zu machen wie Jedermann, wunderte er sich
-ungemein, wenn man sich über ihn wunderte. Wir kannten uns schon mehrere
-Jahre -- er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein, dabei Herr
-über drei- bis viermalhunderttausend Thaler. Jetzt war er unsertwegen
-vier Tage hiergeblieben, wir hätten ihn gern noch länger gesehen, aber er
-wollte sich nicht länger mehr halten lassen.
-
-»Was versäumen Sie denn aber?« fragte Otto.
-
-»Haben Sie gar kein Heimweh, nicht Sie, und Sie auch nicht?« fragte er
-uns Beide.
-
-»Und wenn wir's haben -- wir müssen doch noch hier bleiben.«
-
-»Um ein Buch zu schreiben, das überall just eben so gut geschrieben
-werden kann, einen Brief zu erwarten, der nichts Gescheidtes bringen wird,
-denn Briefe, auf die man so wartet, bringen nie etwas Gescheidtes.«
-
-»Sie sind sehr tröstlich.«
-
-»Ich will Sie gern hier fort haben. Sie entwickeln ein schreckliches
-Talent zum Sitzenbleiben. Ich sehe Sie noch den ganzen Winter über hier
-kleben und dann im Frühjahr mit Mr. Sealsfield nach Louisiana fahren,
-um sich dort, wie er Ihnen versprochen hat, in eine Blumenvase setzen zu
-lassen.«
-
-»Er hat ihr auch verheißen, sie könne vielleicht eine kleine Revolution
-zu Stande bringen,« bemerkte Otto.
-
-»Wollen Sie das etwa?« fragte Wladislav feierlich.
-
-»Nein,« antwortete ich lachend, »eine Revolution in Amerika machen,
-lockt mich nicht. Mein kleiner gigantischer Wunsch -- Sie wissen, Jedermann
-hat einen solchen, nur größer oder winziger, -- meiner also wäre ein
-hübsches, niedliches, comfortables Privat-Königreich im Orient.«
-
-»Wo Sie das biblisch-patriarchalische Verhältniß zwischen Herren
-und Sklaven einführen würden, welches Mr. Sealsfield so wunderschön
-findet?«
-
-»Sklaven würde ich natürlich kaufen. Wie sollte man es denn anders
-machen?«
-
-»Vollkommen einverstanden, Majestät. Und wie würden Sie denn
-heißen? Sie haben Mr. Sealsfield Herrn über Neger, Alligatoren und
-Klapperschlangen genannt -- welchen Titel wollen Sie annehmen?«
-
-Ich ließ den Scherz fallen und sah trübselig hinaus. Wenig elastisch in
-meiner Stimmung, wurde es mir jetzt leicht zu mühsam, den Federball des
-Humors zu werfen.
-
-»Glauben Sie mir, kommen Sie zurück,« fing Wladislav nach einer Pause
-wieder an, aber jetzt ernsthaft. »Da nun einmal für den Augenblick Mr.
-Sealsfield im Zenith Ihrer Schätzung steht --«
-
-»Bekennen Sie es,« unterbrach ich ihn, »Sie sind etwas vaterländisch
-eifersüchtig auf den ›überseeischen Autor‹.«
-
-»Aergerlich eher, weil er Deutschland so ganz und gar herunterreißt.«
-
-»Glauben Sie mir, wenn er das thut, verabscheue ich ihn so von Herzen,
-daß ich mich am liebsten mit ihm auf Tod und Leben schießen möchte.
-Aber er thut's nur in Stunden. Gewöhnlich ist er gar nicht so
-hyperamerikanisch, dagegen ganz human und deßwegen mit seiner in die
-literarische Civilisation verkleideten Urwäldlernatur sehr lieb und
-wacker.«
-
-»Das ist eine curiose Lobrede,« sprach Wladislav kopfschüttelnd,
-»die haben Sie sich vermuthlich ganz eigens für Sealsfield
-›auscalculirt‹.« »Aber,« fuhr er, wieder zu seinem vorherigen
-Gedanken zurückkehrend, mürrisch fort, »warum, wenn er Deutschland so
-geringachtet, hat er sich die Mühe gegeben, Deutsch zu lernen? Warum
-fuhr er nicht in aller Bequemlichkeit fort, Englisch zu schreiben? Bei uns
-konnt' er ja sicher sein, übersetzt zu werden?«
-
-»Warum haben Sie ihn das nicht gefragt, ehe er gestern abreiste?«
-
-»Ich wollt' es thun, da sah ich einen Regenbogen auf dem Fall, das
-zerstreute mich.«
-
-»O diese Regenbogen sind hier sehr häufig,« warf ich nachlässig hin.
-
-»Freilich, wenn man vier Wochen am Rheinfall sitzt, ist's das Wenigste
-was man gewinnt, so von den Regenbogen auf ihm reden zu können. Es
-ärgert mich -- ich möchte Sie entführen und mit Gewalt nach Deutschland
-zurückbringen. Daß Sie nicht schon an der bloßen Sehnsucht nach Musik
-verschmachten, bei der Unmöglichkeit, ein gutes Piano zu finden, und bei
-der zweiten Unmöglichkeit, selbst das schlechte Piano ohne horrende Kosten
-gestimmt zu kriegen!«
-
-»Herr Weber wird nächstes Frühjahr ein gutes Piano kaufen.«
-
-»Auf welchem Sie jetzt schon im Vorgefühl spielen können -- sehr
-genügend! Und dann diese Einsamkeit -- das ganze Hotel ist ja schon leer
-geworden.«
-
-»Schade genug,« sagte ich, »es sollte im Winter benutzt werden so gut
-wie im Sommer. Diese hohen, großen Zimmer, diese freie Lage in der
-Gegend, welche es einem mehr und mehr anthut, je länger man sie sieht, die
-freundliche Familie, welcher es wirklich so Ernst ist --«
-
-Wladislav wollte mich unterbrechen -- ich ließ es nicht zu, sondern
-fuhr fort: »und diese Stille -- wirklich, kein Ort ist mehr zu einem
-Schriftsteller-Einsiedeln geeignet als dieses Hotel.«
-
-»Oder zu einer Schriftsteller-Colonie,« bestätigte Otto.
-
-»Sogar zu einer Schriftsteller-Colonie!«
-
-Wladislav hielt sich die Ohren zu. »Still, wenn Sie Beide erst mit Ihren
-Extragedanken anfangen, so sind wir den nächsten Augenblick mitten in der
-willkürlichen Absurdität, und vor der fürchte ich mich, denn man kann
-sie bei einiger Uebereilung für die Vernunft nehmen. Ich sage Ihnen, alle
-Schriftsteller-Verbindungen sind unheilsvoll -- aus einer jeden wird eine
-Schule, in jeder Schule herrscht Zwang, und jeder Zwang drückt den Geist,
-der nur ein Element hat -- die Schönheit in der Freiheit. Aber eben
-so wenig taugt für den Schriftsteller einsiedlerisches Vornehmthun. Im
-Gedräng soll er sich Bahn brechen, sich an die Ellenbogen stoßen, auf die
-Füße treten lassen --«
-
-»Da wäre ich Ihnen bei der Tombola auf dem Markusplatze wahrhaft
-idealisch erschienen, denn gedrängter kann es kein Gedränge geben -- man
-wurde nicht nur gestoßen und getreten, sondern auch gelegentlich etwas
-entzweigedrückt.«
-
-»Werden Sie denn ernsthafte Dinge nie ernsthaft behandeln lernen, oder
-zu behandeln die Gnade haben?« fragte Wladislav mit dem Uebersehen
-des Mannes, des durch die Gymnasialklassen geläuterten und in den
-verschiedenen Collegien verschiedener Universitäten vollendeten Mannes.
-»Was ich meine und was Ihnen auch Sealsfield sagte -- wenn Sie auf Ihr
-Vaterland wirken wollen, so müssen Sie in und mit Ihrem Volke leben.«
-
-»Ja,« sagte ich geängstigt, »wenn nur die unglückliche Zweiheit in
-meiner Natur nicht wäre! Intellectuell bedarf ich Deutschlands, physisch
-der Sonne, folglich des fernsten Südens oder des Orients, denn das werden
-Sie mir doch eingestehen -- die Sonne scheint in Deutschland nicht recht.«
-
-»Scheint sie hier in Schaffhausen mehr?«
-
-»Wenigstens eben so viel wie anderswo in der Schweiz.«
-
-»Ja,« sprach Otto, der es bei Wladislav immer darauf anlegte, mit ganz
-ungehörigen Dingen dazwischen zu kommen, »ich finde, man thäte viel
-gescheidter, sich hier in Pension zu geben, als im Waadtlande, wenigstens
-die letzten Herbst- und die ersten Frühlingsmonate. Veranlassen Sie doch
-recht viel Landsleute dazu -- wir wollen's auch thun.«
-
-»Man soll sich gar nicht in Pension geben,« schrie Wladislav ungeduldig,
-»das ist eine moderne Albernheit. Man soll entweder vernünftig zu Hause
-bleiben oder ordentlich reisen, aber nicht wie Sie sich immer zehn oder
-zwanzig Meilen weiter von einem Schreibtisch an den andern schieben.«
-
-»Sie haben klug reden,« rief ich, auch ungeduldig. »Wenn man nun kein
-eigen Haus hat und von zehntausend Hindernissen im ordentlichen Reisen
-gehemmt wird?«
-
-»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit Cockley einen ganz
-harmonischen Dialog führen.«
-
-»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer über gewesen?« fuhr ich fort.
-»Auch in der Schweiz. Also --«
-
-Er bat schön, ich solle nicht böse sein -- ich habe Recht. Dann fragte er
-mich, wie viel ich an meinem Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete
-ihm, ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen, noch eine meiner
-Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten. Ob ich da nicht eine Novelle von ihm
-als Schluß annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig -- er habe sie,
-angeregt durch das Geschwätz mit uns, am vorigen Morgen angefangen und
-in der Nacht so weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande,
-unter den Heimathlosen, von denen ich doch gehört? »Wer hätte im
-Waadtlande nicht von den »Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort
-aussprechen,« sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie
-da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle, und Alles ist mir
-buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn lächelnd an. -- »Ich betheure es,«
-sprach er. So hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen, ob es
-gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu ersparen.
-
-Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's Abfahrt. Die Lichter
-des Dorfes Neuhausen brannten röthlich links in der Senkung diesseits
-des Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf der jenseitigen
-Erhöhung. Der weiße Fall spielte und rauschte geisterhaft durch die
-dunkle Nacht. Sonst war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still, und
-Wladislav las:
-
-
-
-
-Die Heimathlosen.
-
-
-Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey an. Sollt' ich den Winter
-über am Genfer See bleiben? -- ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn
-schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft war nicht blos warm,
-sondern heiß -- das that mir wohl -- in Dresden war's so kalt gewesen. Ich
-will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei Kronen« am Fenster
-meines Zimmers stand. Warum nach Italien? Ist's dein Italien? dein
-Bilderland? In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das Constitution
-heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus gegen den armen Pius,
-welcher hätte der auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu
-dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich etwas anderes als Krieg, in
-Venedig endlich -- ja, was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, ob
-Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb ich am Genfer See.
-
-Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht zu theuer für den,
-der Geld hat, und sehr unterhaltend für den, welcher keine Gesellschaft
-braucht. Ich brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem Zimmer.
-Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, melancholisch über die Zeit,
-wie es eben Mode war. Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere
-geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn es mit ihr auch einmal
-drüber und drunter geht. Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der
-gewaltigen Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas Geräusch,
-etwas Störung, dann ist's wieder gut und der wundervoll riesige Organismus
-vollführt weiter, was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an der
-Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn da an uns glauben?
-
-O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an deiner Grenze sitz' ich,
-da ich dieses schreibe! Der Rheinfall rauscht unten -- ich bin seines
-Rauschens schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran denke. Es ist
-hier fast wie in Deutschland -- nein, es ist ganz wie am Rhein, wo er unser
-ist -- Rebenhügel, Wald, Felsen -- Alles lieblich, einfach poetisch.
-Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich bin im Geist auf jenen
-Hügeln, labe mich an jenen Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, =the
-castled cliff of Drachenfels=, sumse vor mich hin von Heine:
-
- Die Luft ist kühl und es dunkelt,
- Und unten flimmert der Rhein --
- Der Gipfel des Berges funkelt
- Im klaren Mondenschein.
-
-O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie Heidelberg eines für
-Uhlandsche, und ich lieb' den grünen Rhein und den hellen Neckar und die
-blaue Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, mein Heiligthum
-und meine Hoffnung, und böte man mir die ganze übrige Welt dafür, ich
-vertauschte mein Deutschland nicht.
-
-Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. Bei einer Barrikade am
-Pfingstfeste in Prag hatte ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem
-Hradschin, als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem Hotel zu
-kommen, mußte ich über mehrere im Bau begriffene Barrikaden. Bei
-der einen wurde ich angehalten und sollte helfen. Ich weigerte mich;
-natürlich, wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte mich nieder
--- ein wüthender Student war's, der ihn gab. Mit Hülfe einiger minder
-patriotischen Musenjünger rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir
-war, und -- klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. Todtkrank lag ich
-den ganzen Pfingsttag über, während Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und
-Sturmläuten abwechselten -- gerade keine angenehme Musik, wenn man in die
-Brust gestochen ist. Am nächsten Tage mußten alle Fremde aus der Stadt --
-wie sie mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam auf die Elbe
-und auf der Elbe nach Dresden, welches seine Barrikaden noch erwartete.
-Dort genas ich langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen
-saß ich jetzt am Genfer See.
-
-Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu lange sieht. Manche Gegenden
-kann man nicht genug sehen -- der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel
-mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. Gerne wäre ich
-manchen Tag noch wo anders hin gereist, aber ich wußte nur nicht wohin.
-Ausdrücklich war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht aufregen
-möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik zu leben, wenn nicht in der
-Schweiz, die gerade ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, las was
-ich eben fand, und ging spazieren, wenn es nicht allzu heiß war.
-
-Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann saß ich am Fenster, sah den
-See blau sein, grau, grün, schwarz und dann wieder blau werden, und hatte
-Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber auch recht vernünftige.
-
-Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich öfter mit den Bewohnern der
-vielen kleinen Dörfer, die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute
-waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten mich, wie
-etwas Gleichgültiges interessiren kann.
-
-Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von einem Diebstahle, der
-in Clarens begangen worden. Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen
-sollten es gewesen sein.
-
-»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch das deutsche Wort in
-dem französischen Munde.
-
-»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche keine Papiere haben und
-deßwegen überall vertrieben werden.«
-
-»Und wo sind sie denn da?«
-
-»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«
-
-»So duldet man sie hier im Canton?«
-
-»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.«
-
-»Wenn man es überall thut --« sagte ich ironisch.
-
-»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte der junge Mensch.
-
-Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons und fragte dann: »Aber
-wovon leben sie?«
-
-»Sie machen Körbe und andere Dinge -- betteln, stehlen.«
-
-»Kommen sie in die Kirche?«
-
-»Nie.«
-
-»Aus welchem Stamme sind sie?«
-
-»Man weiß es nicht.«
-
-»Woher sind sie gekommen?«
-
-»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die Heimathlosen.«
-
-Die Heimathlosen -- die Zigeuner sind heimathlos. Waren die Heimathlosen in
-den waadtländischen Gebirgen Zigeuner?
-
-Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die Waadtländer sind so
-gelassen über Alles, was nicht entweder sie selbst, oder Kaiser und
-Könige betrifft. Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht,
-wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen -- wir nennen sie die
-Heimathlosen.«
-
-»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines Tages ungeduldig, »da
-sie doch ihre Körbe verkaufen --«
-
-»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von ihnen hier,« antwortete mir
-der dümmste der sehr dummen Kellner.
-
-Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon tiefer Spätherbst -- die
-»drei Kronen« langweilten mich bereits etwas -- eine Heimathlose wäre
-mir eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den ausdrücklichen
-Befehl, jedes sich zeigende Individuum dieser geheimnißvollen Kaste zu mir
-zu führen, und wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner sah noch
-dümmer aus als gewöhnlich -- er wunderte sich.
-
-Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser. »Unerträglich!« rief
-ich am neunten Tage. Ich will es nur gestehen -- ich vegetirte in einer
-trostlosen Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei einem
-solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf einen Gegenstand heften
-können. Meine Ungeduld wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten
-mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich wollte zu ihnen, da sie
-nicht zu mir kamen. Entschlossen erkundigte ich mich nach dem Wege.
-
-»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner, »Sie werden doch nicht
-dieses Gesindel besuchen wollen?« Der Kellner war -- ein Landsmann von
-mir.
-
-»Warum denn nicht?« fragte ich kurz.
-
-»Das Gesindel ist sehr unsicher.«
-
-»So?«
-
-»Ja gewiß -- es ist ihm nicht zu trauen.«
-
-»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte ich, an Shakespeare
-denkend. Dann dankte ich dem Kellner für seine Warnung und versprach ihm,
-mich in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich meine Pistolen
-ein, aber nur wenig Geld, ließ mir noch einmal die Richtung andeuten, in
-welcher die Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit Brod und Wein
-um und machte mich auf.
-
-Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß ich diese Entdeckungswanderung
-wagen durfte. Und hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich
-hätt' es doch gethan.
-
-Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von jeher sind mir die
-Localitätsschilderungen unausstehlich gewesen. Was kann dem Leser daran
-liegen, ob, während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der und der
-Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde das und das Gebirge zu
-sehen gewesen? Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal
-dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten nicht leiden
-und sage von der Gegend nur ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und
-Tannenwald bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen Felsen,
-Bäche, manchmal ein wenig Gefahr auf den überschwemmten Steinen -- es
-waren unermeßliche Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier oben schon
-gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit -- die letzten Sennhütten waren
-längst hinter mir geblieben -- kein rüstiger Waadtländer kam mir mit
-einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen -- ich stieg allein im
-menschenleeren Walde hinan.
-
-Menschenleer -- war er's? Die Heimathlosen sollten ja hier horsten wie die
-Raubvögel, sich verbergen wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen keine
-Spur von ihnen entdecken können.
-
-Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine Strecke Schnee wie ein
-glatter Teppich, und darauf, in das Dickicht hineinführend, frische, tief
-eingedrückte Fußstapfen.
-
-Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen ich hier herauf gekommen
-war.
-
-Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang?
-
-Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen. Fürchtete ich mich?
-An der Barrikade, umbrüllt von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur
-Verachtung empfunden, hier -- schauerte mich.
-
-Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer zugleich ungewissen und
-möglichen, zugleich sichtbaren und räthselhaften Gefahr gegenüber -- es
-ist das ein eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so sehr, immer
-auf den Beistand außer uns zu zählen, welcher Gesetz heißt, daß es uns
-wohl seltsam zu Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner behaupten
-sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns unserer Haut zu wehren wagten,
-immer erst pflichtgehorsamst nach der hohen Polizei. Das ist bei mir
-wenigstens nicht der Fall gewesen -- gerieth ich beim Berliner Carneval
-etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte ich meine Hände tüchtig. Man warf
-mich hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich denn ziemlich
-auf mich verlassen, allein hier handelte es sich um etwas mehr, als den
-Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur
-dort kennt, den Hof zu machen.
-
-Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer Sennhütte hatte ich
-für einen Frank ein Alpenfrühstück eingenommen, wie die Schweizer
-Schriftsteller es seit zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch
-gerühmt haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn nie bekommt man
-Milch, immer nur Crême. Meine Tasche war also voll, und ich setzte mich
-auf einen Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. Kraft wollt'
-ich gewinnen für jeden Fall -- der Gesättigte hat Muth; der Hungrige,
-welcher friert, schwerlich.
-
-Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber feucht, durchfröstelnd, um
-mich her Einöde, mir zur Seite die Spur der Fußstapfen.
-
-Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als hätte ich keine gute Zähne
-mehr. Endlich schämte ich mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich
-Zeit. Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, um hier auf einem
-alten Baume sitzen zu bleiben und trocknes Brod zu essen -- es wäre eine
-Schande, die nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen sind ja eben
-nichts mehr als arme Korbmacher und dergleichen -- an's Todtschlagen werden
-sie, weiß der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln --
-gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und wollten sie etwas Anderes, gut, so
-wolle du dich tüchtig wehren, und nun vorwärts.«
-
-Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig weiter in das Gebüsch
-ein. Verwirrt war's wie kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen,
-streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der Nachtreif hing hier noch
-an den Nadeln, kalte Tropfen fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß
-geworden und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. Eine Hütte
-stand da, ein Hund schlug an. Die Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf
-einem Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf einer Skizze hätte sie
-sehr malerisch ausgesehen, in der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein
-Wohnplatz der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck finden
-für sie selbst und ihre Umgebung von Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und
-einigen Krautköpfen. Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln mußten auch
-da gewesen sein, denn ich sah ein Paar auf dem bischen Acker liegen,
-wozu die Lichtung benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte
-Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen -- ich fürchtete
-Nichts mehr -- nein, wegen des Bewohners der Hütte. Oder hatte sie
-Bewohner, diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?
-
-Heimath -- was ist Heimath? Die Heimath habt ihr auf jeder Erde, unter
-jedem Schatten -- wo ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, nicht
-das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein eigenes Haus zu sein, sie ist
--- der eigene Heerd. Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen Rauch
-aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die Heimath.
-
-Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. Der Hund, der kleine,
-graue, braune, gelbe, struppige, nackte Hund, ein Nondescript, für
-welches ich keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig schimpfende
-»Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem Brette, welches als Thür diente.
-An meiner Kleidung erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen
-wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, als ich an der
-sogenannten Thür pochte.
-
-»=Entrez!=« sagte es von innen.
-
-Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und trat in das Zweighaus.
-Ein Mann saß da und schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie.
-Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, dann schnitzelte er
-weiter. Doch sah man, daß diese Gleichgültigkeit nur gemacht war.
-
-»=Parlate italiano?=« fragte ich.
-
-»=Si, Signore=,« erwiederte er.
-
-Ich hatte etwas von Verirren u. s. w. vorbringen wollen, doch von diesem
-Menschen fühlte ich instinktmäßig, er werde mich durchschauen. So sagte
-ich denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.«
-
-Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein augenblicklicher stechender
-Seitenblick.
-
-»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen. »Die
-Heimathlosen.«
-
-Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig.
-
-»Ihr gehört auch zu ihnen?«
-
-Gemessenes Kopfneigen.
-
-»Ihr seid aus --«
-
-»Hier geboren, Signor.«
-
-»Aber der Vater?«
-
-»Der Vater? Aus Toscana.«
-
-»Und hierhergekommen -- wann?«
-
-Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge. Ich sah, daß er meine
-Fragen unverschämt fand.
-
-»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch setze,« sagte ich
-einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit hergekommen.«
-
-Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß Raum für mich wurde. Ich
-setzte mich, wirklich angegriffen.
-
-»Von Vevey?« fragte nun er.
-
-Ich bejahte.
-
-»Der Signor wohnt dort?«
-
-»In den Kronen.«
-
-»Wegen der Gesundheit?«
-
-Ich zuckte die Achseln.
-
-»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter so weit herauf?« fuhr er
-mit halbem Lächeln fort.
-
-»Wie ich Euch sagte -- um Euch zu besuchen.«
-
-Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. Er schien mich für
-thöricht zu halten. Nach einigen Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns
-ist doch wenig zu finden.«
-
-»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu lernen.«
-
-»Uns Alle?« antwortete er zweideutig.
-
-»Seid Ihr nicht Alle --« forschte ich.
-
-»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber sonderbar -- sonderbar,
-ein klein wenig excentrisch. Man läßt uns ungestört.«
-
-Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen. Saß ich einmal neben
-einem Heimathlosen, wollte ich ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang
-nämlich.
-
-Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der Mensch neben mir war wie
-versiegelt. Absichtliche Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig in
-der Absicht, mich fortzuschicken.
-
-Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand er auf und fragte:
-»Soll ich den Signor vielleicht ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht
-könnte der Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er ihn hinauf
-gleich gefunden hat.«
-
-Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten ließ sich dann
-eben Nichts erwiedern. Mißmuthig stand ich auf. »Da bin ich so weit
-hergekommen,« sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, die
-sich denken lassen, und Ihr gönnt mir nicht einmal fünf volle Minuten
-Ausruhen unter Euerm Dache.«
-
-»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er demüthig spöttisch, »und
-es schickt sich nicht, daß ein solcher Signor darunter verweile.«
-
-»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser bekannt mit einander, daß
-wir Freunde werden? Ich würde so gern Etwas für Euch thun.«
-
-»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen Gleich und Gleich, nicht
-zwischen einem Reichen und einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben,
-so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein Narr, wenn ich den
-Stolzen spielen wollte; aber von Freundschaft redet nicht und kommt auch
-nicht wieder.«
-
-Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. Es klang gerade, als
-glaube er sich mir überlegen. Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn
-Ihr's denn so wollt -- ich werde Euch nicht bitten.«
-
-Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus meiner Börse in die
-Hand geschüttet. »Gott segne Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit
-sichtlichem Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich milder,
-zog den Rest des Brodes und die noch halb volle Flasche hervor und bot ihm
-Beides. Ueberrascht blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann mit
-Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu fassen, Signor. Wer mir Geld
-giebt, der ist mein großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit mir
-theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für einen Menschen. Das
-habt Ihr gethan, Signor, und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen
-wünscht, -- wenn Pietro es Euch sagen kann, so sollt Ihr es erfahren.«
-
-Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der Lichtung sichtbar war.
-Der Abend brach bereits herein, und ich hatte noch mehrere Stunden bis
-hinunter, ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht erreichen
-konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, den ich nun wenigstens bei einem
-christlichen Namen nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher,
-erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, einen vortrefflichen
-Weg. Der Signor würde sehen. Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an.
-Ich fürchtete keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein
-Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten Fuß. Treu meinem
-Grundsatz, mich vor allem unnöthigen Schaden vorzusehen, wollte ich mich
-lieber führen lassen, als romantisch allein verunglücken. Pietro lief zu
-seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm den ersten Bissen von dem Brode und
-gebot ihm, sich vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. Der Hund
-begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte dieses Auftrages --
-er streckte sich mit der Majestät eines Löwen vor der sogenannten Thür
-hin. Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das übrige fing er
-selbst an zu essen. Den Wein hatte er Anfangs verwahren wollen, ohne davon
-zu nehmen; vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht ruhigen
-Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen werden. Aber als er an die Thür
-gelangt war, hielt er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit einem
-Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich selbst wahr und hieß ihn
-trinken -- er solle in Vevey mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er
-nun, doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. Als kein Tropfen
-mehr aus der Flasche herauswollte, machte er ihr ein komisch-wehmüthig
-Gesicht; dann wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte
-sich und erklärte sich für bereit zu meinen Diensten, und nicht nur für
-jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher
-ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. Auch jünger dünkte er mir
-jetzt um Vieles. Für einige dreißig hatt' ich ihn gehalten -- er war erst
-zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal -- das macht alt,« sagte
-er, aber ganz vergnügt, ja, mit wahrer Komik. Seiner Laune nach war das
-Heimathlosendasein eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, aber ganz
-gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß wenigstens keine Tragödie des
-Elends, und am allerwenigsten eines jener Proletariats-Dramen, woran sich
-jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend etwas einzuernten als
-ein mäßiges Honorar, oder irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche
-Langeweile.
-
-Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel des Waldes und des
-Abends, auf Pfaden, die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen
-aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, sondern völlig
-vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet zu werden, wie ich sonst als
-Kind unserm alten treuen Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige
-Brüderschaft im Theilen des Brodes -- Pietro hatte mir nicht umsonst so
-herzlich gedankt, und ich konnte mich ihm unbedingt überlassen.
-
-Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand ein tolles gewesen
--- das sah ich ein, als ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte.
-Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch dazu gestiegen, entweder
-hinauf oder hinunter -- ich fühlte mich wie entzwei, der Frost der
-Ueberreizung blieb auch nicht aus -- ich mußte mich legen, doch nicht ohne
-für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche Wein befohlen zu haben. Er
-verzehrte die für ihn märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und machte
-dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte ich noch nie essen hören --
-ich dankte dem Himmel, als er sich für gesättigt erklärte und was noch
-vorhanden war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem Kittel
-hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme Hündlein, für den
-Liebling, den er allein habe lassen müssen, um dem Signor zu dienen, wie
-es seine Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. Eigentlich
-beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein mitgeben zu lassen, aber
-bei näherer Ueberlegung hielt ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu
-verwöhnen und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm zu machen.
-Er hatte heute schon Geld, zwei Mal Wein, ein Abendessen erhalten und
-außerdem mich noch zum Freunde -- das war genug -- ich entließ ihn mit
-meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz unnöthiger, und eben darum
-erheiternder Feierlichkeit gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner
-und Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, zu sein. Ich
-hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; er dankte für die Ehre, welche ich
-dem armen Thiere erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus
-oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es schon bemerkt -- er
-redete von sich und dem Nondescript, welches nebenbei gesagt, Tiger hieß,
-immer in der Mehrheit.
-
-Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für den nächsten Tag keine
-Langeweile zu befürchten. So war ich dann musterhaft in der Geduld.
-
-Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen pünktlich, daß ich,
-ermattet von der bösen Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor
-elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich auf. Ich fluchte sowohl
-über den Kellner wie über meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so
-wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner wieder zu begrüßen,
-daß ich nicht böse bleiben konnte, sondern ihm Frühstück geben und mir
-seine Geschichte erzählen ließ.
-
-Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so gut, so frisch, so bunttoll
-und tollbunt, wie gewiß keiner unserer Schriftsteller sie erfinden
-könnte, wer weiß sogar, ob ein englischer.
-
-Ich schreibe sie nicht nach -- ihr würden zu sehr die schwarzen
-Augen fehlen, welche, wetteifernd mit dem überströmenden Munde, sie
-erleuchteten, ihre Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten.
-Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester und dann Bandit
-gewesen, dann da und dort gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt,
-verjagt worden war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet und
-hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch sagte. Ein Weib sei mit ihm
-gekommen, hätte --, gesegnet sollte sie sein! -- unter dem Dache, welches
-ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den Glauben preisgegeben
-haben, daß sie eine der ersten Familien der »Niederlassung«, vielleicht
-gar die älteste seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! Ich
-lachte --, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte mich, er wurde
-wieder freundlich. Großen Werth legte er darauf, daß er lesen und
-schreiben könne. Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung gegeben,
-meinte er mit nicht geringer Genugthuung. Um es mir zu beweisen, holte er
-aus seiner Tasche einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor
-und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.
-
-Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge für ein Einbürgern in
-unsere Welt zu thun. Mit großer Demuth hörte er mich an, begleitete
-Alles, was ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen
-und am Ende kam es doch heraus, er wolle bleiben, wo und wie er sei. Es
-werde nicht recht gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei zu
-alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht auch zu träge,« bemerkte
-ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« -- er gab es mit schmerzlichem
-Bewußtsein seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren ist zu etwas,
-ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. »Aber, Pietro, Ihr
-werdet dann nie mehr Hunger haben.« -- »O, Signor, der Hunger kommt
-selten, selten, und es ist immer besser, bisweilen einen Tag zu hungern,
-als alle Tage thun zu müssen, was uns nicht gefällt«. Damit küßte er
-mir die Hand, bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' es
-nicht. Er war so =con amore= Vagabond, Heimathloser -- es wäre Grausamkeit
-gewesen statt Güte, ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was
-seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch vermehren mochte,
-war, wie ich erwähnte, die Erinnerung an einige unschuldige Fehltritte,
-begangen auf dem Markt des Lebens und angemerkt von der =bête noire= der
-Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's Füße hatten die Grenzmarken der
-Civilisation überschritten -- er war mit seinem Vater und allein einige
-Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der übrigen Schweiz gewesen,
-aber wie ich denke, nicht immer mit besonders gutem Gewissen wieder in sein
-Waldasyl zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine Lust, sich legitim
-bei Tageslicht und Angesichts der Menge sehen zu lassen.
-
-»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste vergeblich fand,
-»thut wie Ihr wollt, aber bei denen, welche Ihr Eure Leute nennt,
-werde ich nichtsdestoweniger versuchen, sie für etwas Besseres als die
-Heimathlosigkeit zu gewinnen.«
-
-Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen klugen Blick an und
-antwortete: »Ich zweifle, daß sie wollen werden -- ich bin gewiß, daß
-sie nicht wollen werden.«
-
-»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der rauhen Erde, unter dem oft
-mitleidlosen Himmel?«
-
-»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die Erde und den Himmel -- wir
-haben die Freiheit. Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, wann
-wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer Gesellschaft tausend Fesseln,
-von denen eine einzige uns die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum
-Gefängniß machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten als Schmuck
-zu tragen -- wir würden das nicht verstehen. Wundert Euch nicht, mich so
-reden zu hören. Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel
--- wir denken auch nach und verständigen uns über unsere Gedanken. Auch
-haben wir einige Studirte unter uns, die -- irgendwie unglücklich gewesen
-sind. (Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) Von denen
-lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« fuhr Pietro fort, »und, Signor,
-verzeiht mir, es geht nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden
-möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden -- das ist natürlich, noch
-mehr, Euch muß unser Zustand schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes
-Herz habt, möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten ist's, Ihr
-lasset uns, wie Ihr uns findet.«
-
-Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. Ich konnte mich nicht
-überzeugen, daß sie auch die der übrigen Zweihundert sein sollte --
-so viel dieser Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. Gewiß
-waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen nach dem bürgerlichen
-Dasein litten, für welche diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde
-schlafen zu können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein ungeheures
-Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.
-
-Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu meinem Vorhaben zurück,
-die Heimathlosen kennen zu lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht
-mehr zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem Esel. Man ist
-hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen liefen mir nicht nach, obwohl
-meine langen Beine von dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten.
-
-Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel der Heimathlosen;
-wohin Pietro mich geleitete -- er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut
-empfangen -- von Gefahr war nie die Rede, wenigstens glaub' ich es nicht.
-Tiger trabte immer mit uns. Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus -- Tiger
-brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript hing unbeschreiblich
-an mir -- er konnte, leider, nicht mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen
-hatte, aber es war eben so gut, als thäte er's.
-
-Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen Bergen, ich auf
-dem Esel, Pietro mit Stock und Provianttasche neben mir und der
-unbeschreibliche Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's wirklich
-sei. Aber ich war's.
-
-Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein wenig verrückt, wenn nicht
-für ganz und gar. Anfangs machte man mir Vorstellungen über das, was
-ich wage -- selbst der Wirth ließ sich herab: =Mais, monsieur!= zu mir zu
-sagen. Ich gab ihm Recht, bedankte mich und war den nächsten Tag wieder
-mit Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit.
-
-Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum -- ich fing an, das
-Alles zu begreifen. Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch,
-oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu war ich zu sehr, um mit
-Immermann's Münchhausen zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern.
-Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr mit dieser Horde, die
-mitten in Europa ohne Gott, Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott -- das
-muß ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem Walde. Sie beteten zu
-ihm, die Einen so, die Andern so.
-
-Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner, Heiden, Christen, Verbrecher,
-Herumtreiber, Verfolgte?
-
-Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht -- sie waren Heimathlose.
-
-Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer Existenzen.
-
-Die Prosa des Elends.
-
-Die Poesie der Armseligkeit.
-
-Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie.
-
-Voll Rohheit und voll Weichheit.
-
-Seelen zum Schaudern und zum Weinen.
-
-Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen über sich
-selbst, wie das böse Gewissen.
-
-Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller, hätte ich studiren
-können.
-
-Epopöen der Schuld hört' ich.
-
-Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an Brod, auch an Gottes Wort.
-
-Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren mir die liebsten -- die
-Studirten dagegen sehr zuwider. Sie sprachen so viel, waren so erhitzte
-Ankläger der ganzen Menschheit und so weitschweifige Vertheidiger von den
-schlechtesten Bruchstücken derselben, von sich selbst. Dabei hatten sie
-immer so ungeheuer viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im Kleinen
-sein müssen, um sie befriedigen zu können. Was meine Mittel nicht
-überstieg, that ich. Aber bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre
-Contrebande nach Amerika versendete.
-
-Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird gegen die tausend socialen
-Ueberflüssigkeiten, welche wir ihm so freigebig aufbringen.
-
-Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen Freunden am liebsten
-gewonnen, konnte ich am wenigsten thun. Ihr Geschick war fertig, ihr
-Gemüth hineingewachsen. Einige Kinder übergab man mir -- was aus denen
-zu machen ich hoffen darf, würden die Tage lehren, die noch kommen sollen.
-Bei den Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's Münchhausen zu
-reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon vorgekommen, hätte ich irgend mir
-einbilden können, sie auch nur halb zu civilisiren.
-
-Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke und dazu Ziegen. Was
-diese Thierchen brauchten, konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung
-von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle, Decken, Flachs, Kessel
-kaufte ich auch -- für wenig Geld möblirte ich meine Heimathlosen
-königlich.
-
-Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich ihnen, Herr, Freund. Die Welt
-war in mir zu ihnen gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht lieblos.
-
-Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten. Sie war größer, etwas
-fester gebaut als die übrigen Wohnungen, aber immer verschlossen. Die
-Heimathlosen sagten mir: dort wohnten die Einsiedler.
-
-Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter. Sie lebten ganz geschieden von
-den sie Umwohnenden. Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte schön
-gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein, sehr fein.
-
-»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt sie sich gut, haben
-sie's besser als Ihr?«
-
-»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau sieht Euch so an, bewegt
-die Hand so, wie nur vornehme Damen es thun. Signor, ich verstehe mich
-darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen habe.«
-
-Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat Pietro, dem Manne von
-mir Dienstleistungen anzubieten. Pietro brachte mir einen Dank und eine
-Ablehnung.
-
-Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und meine Gedanken waren in
-der Hütte.
-
-War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen? Wenn ich vielleicht eine
-unerträgliche Lage beenden konnte --
-
-Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr verstörte?
-
-Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles natürlicher und ehrwürdiger
-vorgekommen, als jedes andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf,
-wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht sich von selbst nur
-nach dem Gesetz.
-
-So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, untersagte mir selbst
-die Neugier und fing nach und nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm
-zu sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren sein, so schnell
-verzehr' ich alle Interessen, die sich mir darbieten.
-
-Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen Brief »von der Frau aus der
-stillen Hütte«, wie er ausdrucksvoll sagte.
-
-Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich das nothdürftig
-zugeklebte Blatt auseinander und las in deutscher Sprache:
-
- »Herr Graf!
-
- »Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns kommen wollen und
- sind nicht angenommen worden. Jetzt komme ich zu Ihnen -- werden auch
- Sie mich zurückweisen?
-
- Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene Hand
- zurückgestoßen. Er that es, Er, für den ich keinen Namen weiß; denn
- jeder Name, den ich ihm geben würde, wäre eine Schande für mich.
- Doch ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen.
-
- Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden Sie kommen? Es hängt von
- Ihnen ab, ob verzweifeln oder gerettet werden soll
-
- Feodora Freiin von S.«
-
-Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen und sah noch immer
-hinein, nachdem ich ihn schon lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die
-mir schrieb -- sie war aus Berlin -- eine Jugendfreundin meiner Mutter. Von
-ihrem Schicksale nachher, jetzt nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung
-hätte Folge leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig zum
-Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie hatte an mich ohne Adresse
-geschrieben, mein Name war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person
-und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich ihr nenne? dachte ich.
-Doch sie schien »=to take it coolly=« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief
-mißfiel mir ungemein. So ganz und gar theatralisch, und das von einer
-Frau, die wenigstens gegen funfzig Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort
-hinauf und hineingerathen sein mochte? -- Was ich von ihrer Geschichte
-wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber noch widerlicher mußte der
-Fortgang derselben sein. Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich
-ihrer Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen in kalter
-grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf.
-
-»Die stille Hütte« lag etwa noch eine Stunde hinter der Pietro's.
-Gegen elf ungefähr kam ich an, -- allein, denn Pietro sollte mich nicht
-begleiten, hatte die Dame gesagt. Aber wenn gleich der Herr nicht, der Hund
-lief mit mir -- Tiger wäre nicht zurückzuhalten gewesen, sobald er mich
-sah. Mit Tiger langte ich demnach bei der Freiin von S. an, welche sich in
-einer so ungewöhnlichen Wohnung und in einer so unglaublichen Lage befand.
-
-Ich war etwas entfernt vom Hause abgestiegen, doch mußte sie mich gehört
-haben, denn sie öffnete die Thür, noch ehe ich davor war. Pietro hatte
-Recht -- die Frau mußte schön gewesen sein. Sie hatte eines jener
-Profile, die unzerstörbar sind, weil sie klassisch sind. Ihre Haltung war
-graziös -- etwas Magdalene darin, aber auch noch viel Hochmuth. Die Frau
-gefiel mir eben so wenig als ihr Brief.
-
-Unsere Begrüßung war die sonderbarste und lächerlichste für den Ort und
-die Umstände, gerade weil sie an jedem andern Ort und unter allen andern
-Umständen die alltägliche gewesen wäre.
-
-Ich sagte: »Ich habe die Ehre --«
-
-Sie antwortete, mir die Thür zeigend: »Darf ich bitten.«
-
-Ich folgte ihr -- den Esel hatte ich angebunden -- Tiger folgte mir.
-
-»Was haben Sie da für einen eigenen Hund, Herr Graf«, sagte sie im
-natürlichsten Tone.
-
-»Verzeihung, meine Gnädige«, rief ich und stieß Tiger hinaus.
-
-Als ich zurückkam, bot sie mir einen Schemel an. Ich setzte mich und
-überreichte ihr meine Karte. Sie las meinen Namen, »Gott!« rief sie, und
-gerieth in Aufregung, »dieser Name! Ich kannte Ihre Familie, wenn Sie aus
-Berlin sind?«
-
-»Und Sie, gnädigste Frau, entflohen vor zwanzig Jahren mit -- --« ich
-schämte mich fortzufahren.
-
-Sie lächelte bitter: »Ja, es war vor zwanzig Jahren einmal Mode, daß
-vornehme Frauen mit Candidaten -- entflohen, wenn Sie die Güte haben
-wollen, es so zu nennen. Ich nenn' es anders. Hoffentlich ist mein
-Geschlecht wenigstens von dieser Thorheit zurückgekommen?«
-
-»Ja, gnädige Frau, die Candidaten sind jetzt ungefährlich. Sie verloben
-sich, ehe sie Hauslehrer werden.«
-
-»=Tant mieux, tant mieux=,« sagte sie nachlässig. Plötzlich faßte
-sie mich scharf und energisch ins Auge und sprach mit Lebhaftigkeit: »Ich
-sehe, daß ich Ihnen keine Theilnahme einflöße. Auch begehr' ich keine,
-aber Hülfe fordere ich. Wollen Sie mir die versprechen?«
-
-»Wozu?« fragte ich mißtrauisch.
-
-»Wozu?« wiederholte sie spöttisch. »Fürchten Sie, ich wolle Sie zu
-einer Rolle in einem Trauerspiele dingen? Wozu anders, als mir zu helfen,
-daß ich von dem Menschen loskomme.«
-
-»So sprechen Sie von Demjenigen, um dessenwillen Sie Alles verlassen
-haben, sogar Ihre zwei Kinder?« fragte ich mit Ironie.
-
-»Wenn ich nicht um seinetwillen meine Kinder verlassen hätte, würde ich
-wahrscheinlich anders von ihm sprechen,« sagte sie rauh. »Glauben Sie
-mir, wir verzeihen es einem Manne nicht, ihm Alles geopfert zu haben.«
-
-»Haben wir denn Zeit, ein solches Gespräch zu führen, gnädige Frau?«
-
-»Ja. Er ist nach Gruyères hinüber, kommt erst heute Abend wieder.«
-
-»So läßt er Sie denn doch allein?«
-
-»Weil er mir vertraut.«
-
-»Wie es scheint, etwas zu sehr,« bemerkte ich.
-
-»Er glaubt, daß ich ihn noch liebe,« sprach sie verächtlich. »Ihn noch
-lieben nach zwanzig Jahren der Entbehrung, der Erniedrigung, besonders nach
-den letzten Jahren, die ich hier zugebracht! Es gehört eine Eitelkeit wie
-die seine dazu, um das glauben zu können.«
-
-»Verzeihung,« sprach ich ernst, »ich glaubte bisher immer, Nichts
-verkettete so unauflöslich wie gebrachte Opfer, gemeinschaftliche
-Entbehrungen.«
-
-»Phrasen«, erwiederte sie mit ungeduldiger Bewegung. »Bringen Sie z. B.
-ein Mal einer Frau Ihre ganze Carriere zum Opfer --«
-
-»Ich habe keine Carriere.«
-
-»Oder Ihre Ehre.«
-
-»Das thäte ich nicht.«
-
-»Dergestalt, daß Sie nie Etwas aufopfern würden? Dann können Sie mich
-freilich nicht begreifen.«
-
-»Ich würde um einer Geliebten willen Alles aufgeben, was ein Mann
-aufgeben darf -- alles Persönliche außer der Ehre, Alles sonst, außer
-dem Vaterlande. Und wenn ich es gethan, würde ich wo möglich noch mehr
-lieben, was auch logisch wäre; denn wie theuer muß uns nicht ein Wesen
-sein, welches wir mit der Totalsumme unserer Existenz erkauft haben?«
-
-»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer bezahlt?« fragte sie kalt.
-
-»So ist Herr -- Herr --«
-
-Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte. Wenn meine Mutter die
-Geschichte erzählte, sagte sie immer blos: »und so ein Candidat!«
-
-»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth sei?«
-
-Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als mache sie ein erhabenes
-Zugeständniß: »Vielleicht ist er's nicht mehr geworden, als er von
-Anfang an war, aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu, »wenn Sie
-ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht mehr fragen.«
-
-»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes Glück gehabt,« sagte
-ich; »aber, gnädigste Frau, wenn Sie das so gut wußten, warum da --«
-
-Sie sah mich an -- ihre ganze Gestalt zitterte vor Zorn. »Und Sie muß ich
-um Hülfe bitten,« sprach sie langsam; »Es geschieht mir Recht.«
-
-Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte über meine Lippen. Nie
-hatte ich mich so vollkommen abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast
-lächerliche Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen, ich
-hätte dieser Frau am liebsten die herbsten Dinge gesagt. Und was hatte sie
-gethan? Ueber ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein. Sie
-empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch inwendig um einige Grade
-bequemer war, als die andern -- sie empfing mich wie in einem Salon -- das
-machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste erhalten, und in einer
-solchen Umgebung bewies das wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter.
-Daß sie verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben --
-vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl einflößen, vielleicht war
-er ein ordinairer Mensch, was in einer tragischen Situation doppelt
-unerträglich ist. Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich hart
-gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein -- sie hatte noch nicht nach
-ihren Kindern gefragt. Das war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich
-vermißt.
-
-»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir länger keine Hülfe
-begehren wollen -- ich kenne Ihre Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist
-ein edles, liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre Mutter geweint
-hat. Schreiben Sie ihr -- ich werde den Brief besorgen -- Sie werden mir
-dann für Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten Brief. Was
-meinen Sie?«
-
-Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder doch mindestens auf
-etwas Affekt. Täuschung. Ihre Miene veränderte sich nicht. Mit derselben
-finstern Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um ihren Mund
-gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie, daß ich mich an meine Tochter
-wenden will? Daß ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie
-nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu erscheinen? Nein,
-wahrlich nicht, so lange ich noch meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese
-Erniedrigung! das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu stehen.«
-
-»Gnädige Frau, Sie sind immer die Mutter.«
-
-»Die Mutter soll ein Vorbild und keine Schande sein.«
-
-Sie mochte in meinen Augen gelesen haben; denn sie fragte: »Sie meinen,
-das sei ich schon? Gut, doch bin ich dann wenigstens nur eine vergangene,
-halbvergessene. Eine gegenwärtige, aufgefrischte mag ich nicht werden.«
-
-»Wollen Sie denn Ihre Tochter nie wiedersehen?«
-
-»Hab' ich das Recht dazu? Ich richte mich, Graf, ich weiß, was ich
-verdiene und was nicht. Doch Sie sprechen immer nur von meiner Tochter --
-mein Sohn --«
-
-»Ihr Sohn ist todt, gnädige Frau.«
-
-Sie bebte innerlich zusammen; dann sagte sie leise: »Für mich war er ja
-schon lange todt. Wie war er?« setzte sie fast bittend hinzu.
-
-»Liebenswürdig und gut.«
-
-»Aber nicht bedeutend? Ja, das erkannte ich schon damals; nur sein Vater
-wollte durchaus ein Genie in ihm sehen.« Sie war wehmüthig geworden.
-
-»Der Baron, gnädige Frau --« sagte ich zögernd.
-
-»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits vor sechs Jahren.
-Damals las ich noch Zeitungen -- so erfuhr ich's. Es war ein braver,
-rechtlicher Mann.«
-
-»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem Schweigen wieder an,
-»wollten Sie nicht --«
-
-»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses Menschen werden, der mich
--- nachdem ich --« Sie machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des
-Ekels.
-
-»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben -- sollte denn nicht ein Gefühl
-mehr --«
-
-»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich nicht blos aus Langeweile
-auf dem Lande --« ich sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber
-verläumdete sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig und
-gereizt: »Möglich, möglich, kann sein -- es ist so lange her. Aber jetzt
-ist's ja auch einerlei, warum ich es that, jetzt handelt es sich nur darum,
-daß ich frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin, als
-Verwalterin irgend eines Hauswesens, als Unterlehrerin irgend einer Schule.
-Ich habe zwar furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren,
-aber so viel werd' ich doch noch wissen.«
-
-»Und was soll aus Herrn W. werden?«
-
-»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie haben ja schon zwei bis drei
-Subjecte hingeschickt -- eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen,
-nicht wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.«
-
-»Wird er wollen?«
-
-»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er liebt mich noch.
-Begreifen Sie das -- nach zwanzig Jahren!«
-
-»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen wollen,« rief ich
-heftig.
-
-»Es klingt so und ist's doch nicht. Glauben Sie, daß ich ihm etwas
-Anderes bin, als ein stündlicher Vorwurf? daß ich in meinem Herzen etwas
-Anderes für ihn finde, als Abscheu, besonders seit -- Sie haben mich noch
-nicht gefragt, warum ich hier bin. Wollen Sie es hören?«
-
-»Wozu?« fragte ich wieder.
-
-»Genügt es Ihnen, daß wir unglücklich und strafbar sind?«
-
-»Vollkommen. Es bedarf bei mir keines andern Empfehlungsbriefes; denn ich
-kann auch unglücklich und strafbar werden.«
-
-»Auf die Manier wie Herr W. nicht. Dazu kenne ich Sie jetzt schon genug,
-um das zu wissen. Wollen Sie mir die Hand geben?«
-
-Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«
-
-»Ach!« rief sie, mir die Hand entziehend und sich von mir wendend.
-
-»Sie machen eine Schuld durch eine andere nicht gut. Und wenn er Sie
-liebt. Vielleicht hat er um Ihretwillen auch Alles verlassen --«
-
-»Das Alles des Herrn W!« sagte sie lachend.
-
-»Verzeihung,« sprach ich ernster als bisher; »das bleibt sich gleich.
-Wer Alles giebt, der giebt Alles, und mag sein Alles sich in einer hohlen
-Hand verschließen lassen.«
-
-Sie war in Zerstreuung gefallen. Plötzlich fuhr sie auf und sagte lebhaft
-zu mir: »Sonderbar, daß ich mitten in dieser Misère nie daran gedacht
-habe, mir das Leben zu nehmen. Das beweist -- Feigheit oder Kraft.«
-
-»Ich traue Ihnen Kraft zu,« sagte ich. »Wenden Sie sie nur zum Guten
-an.«
-
-»Das heißt werden Sie nachträglich die ehr- und tugendsame Ehefrau des
-Herrn W.«
-
-Dieser Hohn empörte mich. »Wenn Sie es vorziehen, nur seine Maitresse
-gewesen zu sein -- ich habe Nichts dagegen.«
-
-Sie maß mich. »Spricht man jetzt so in guter Gesellschaft?«
-
-»Nein,« erwiederte ich, »aber in schlechter.«
-
-Ich war wüthend auf diese Frau, die gefallen, schlecht, und meiner
-bedürftig wie nur je ein Wesen des andern sein kann, mir doch trotzte und
-wie! -- Moralisch. Denn ich hatte Recht. Was konnte sie mehr hoffen, als
-noch ein Mal eine Gattin zu werden, noch ein Mal in eine Gesellschaft
-zurückkehren zu dürfen? Wenn W., wie ich mir vorstellen konnte, wegen
-einer infamirenden Schuld sich hier verborgen hatte -- ich wollte ihm ja
-Mittel bieten, sich wieder rehabilitiren zu können. Meine Kasse würde
-etwas darunter leiden, das sah ich mit ziemlicher Bekümmerniß, indessen,
-ich wollte mich gern einschränken, um meine Don Quixoterieen wieder
-einzubringen, nur diese Trennung zwischen zwei Menschen, die so lange
-Sünde und Noth mit einander getheilt, kam mir unsittlich, ja, förmlich
-barbarisch vor.
-
-Sie war meinen Ueberlegungen auf meinem Gesichte gefolgt und sagte jetzt
-unendlich moquant: »Sie rechnen, ob es Ihnen nicht zu theuer kommen
-könnte, mir zu helfen.«
-
-Erzürnt sprang ich auf. »Gnädige Frau, wenn Sie wollen, daß ich gern
-thun soll, was ich thun will und thun werde, so beschimpfen Sie mich
-nicht.«
-
-»Beschimpften Sie mich nicht?« erwiederte sie kaltblütig. »Ich habe nie
-eine Beleidigung angenommen, ohne eine wiederzugeben.«
-
-»Nein, Sie passen nicht zu Ihrer Tochter,« sagte ich gedankenvoll, fast
-traurig. Ich hatte jene junge Frau wahrhaft lieb -- sie war ganz Strenge in
-ihren Grundsätzen, Milde in ihren Gesinnungen. Wie konnte sie die Tochter
-einer solchen Mutter sein?
-
-»Waren Sie immer so, wie Sie jetzt sind?« fragte ich die Baronin.
-
-»Den Anlagen nach, gewiß,« erwiederte sie gleichgültig. »Das Leben
-entwickelt nur was in uns ist.«
-
-»Ich glaube das nicht. Ich glaube -- kennen Sie die Geheimnisse von
-Paris?«
-
-»Wann erschienen?«
-
-»Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren.«
-
-»Also nach der Zeit, wo ich noch las. Nein, ich kenne sie nicht, aber was
-wollen Sie mit diesen Geheimnissen?«
-
-Statt der Antwort fragte ich: »Sechs Jahre sind Sie schon hier?«
-
-»D'rüber,« antwortete sie ruhig.
-
-»Aber, guter Gott, wie haben Sie denn gelebt?«
-
-»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man Bände lesen können,
-»wie?« Sie schien sich sammeln zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier
-gewesen, ein Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen -- dann gab sie
-den Gedanken plötzlich auf und sagte nur: »nun, wie man als Heimathlose
-lebt.«
-
-Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal nicht ohne eine Art
-Antheil. Wenn sie durch diese Prüfung auch nicht geläutert worden,
-sie hatte sie doch überdauert, das war immer schon viel von einer Frau,
-verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch von Natur, wie sie
-sich zeigte. »Wie haben Sie's nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte
-ich zögernd.
-
-»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht mehr. Damit ist
-Alles gesagt. Doch was wollten Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten --
-die Geheimnisse, oder wie hieß es?«
-
-»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte ich, »die Seele
-könne sich mitten in der größten Verderbniß rein erhalten, eine weiße
-Nymphäa aus einem Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in
-die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war wohl schon früher
-vorhanden und ist nur in diesem Buche am ausgeprägtesten dargestellt.
-Lies't man es, lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so
-möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um tugendhaft zu werden, erst
-Ehebrecherin sein, ein Mädchen erst fallen, um die Unschuld zu kennen.
-Das ist nun aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas von dieser
-Apotheose der Untreue, dieser Verklärung der Courtisane hören wollen.
-Meine Ueberzeugung ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie,
-gnädige Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das, was Sie in Ihrem
-Hause, als die Mutter Ihrer Kinder und der Gegenstand der allgemeinen
-Achtung waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist. Sie sind so
-gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu empfinden, daß Sie sich nicht mehr
-besinnen, je anders gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf
-geben -- Sie haben anders gefühlt.«
-
-»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung.
-
-»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht so --«
-
-Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat sind!«
-
-»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen Sie anfangen allein in
-der Welt?«
-
-»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit ihm zusammen.«
-
-»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch nicht versucht. Wenn Sie
-erst wissen werden, daß in dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach
-Ihnen frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben zu lassen, kein
-anhänglich Geschöpf mehr, um es zu mißhandeln --«
-
-»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln ist mir kein
-Bedürfniß.«
-
-»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige brauchen das gar sehr.«
-
-»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch.
-
-»Der beißt Sie,« antwortete ich.
-
-Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht das Lachen verlernt hätte,
-würd' ich lachen. Was sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich
-wollen -- haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie mir -- es ängstigt
-mich jetzt, Sie zu sehen; was wir gesprochen, kommt mir so verrückt vor.
-Bedenken Sie, ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau, die schon
-deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie sich unbedingt Ihnen anvertraute.
-Gott, wenn ich mich getäuscht hätte -- wenn Sie Hohn mit mir trieben!«
-
-»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich mir an, aber auch
-wirklich unbedingt, ohne Rück- und Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in
-meine Hand -- ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich werden.«
-
-Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft, mit welcher sie sich mir
-gegenüber gestellt, verließ sie. Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden,
-jetzt mit tiefer Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse, die
-Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht schlechtes Weib in zwanzig
-Jahren voll Unterdrückung ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit,
-ohne Aussicht, erleiden kann.
-
-Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung, auch ihrem
-ursprünglichen Wesen nach -- wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so
-war's nur gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen Skandals
-herzugeben -- »ich wußte,« sagte sie mir, »das Geschwätz über meine
-Flucht würde aufhören, sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es
-gewiß nicht lange gewährt -- höchstens einige Freundinnen außer Ihrer
-Mutter haben noch bisweilen ihre Kinder von mir unterhalten --«
-
-»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich, meine Mutter hat
-stets nur mit großem Bedauern von Ihnen gesprochen.«
-
-»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau, nicht Das geworden,
-wozu Sie mich jetzt machen wollen, die Gattin meines interessanten
-Verführers. Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen, dieses
-liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die arme Feodora! wie anders hat
-sie's jetzt, als früher -- ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen
-läßt, einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch zu heirathen --
-glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft mit Herrn W. hätte man mir gern
-verziehen -- es gab noch andere Damen, denen er recht gut gefiel -- eine
-Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit als lächerlich verurtheilt
-worden.«
-
-Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott: »Gnädige Frau, und
-meinen Sie, man habe Sie weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur
-entführen ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat nie für tragisch
-gegolten, obgleich es so tragisch ist, wie es nur eines geben kann. Warum
-Sie keine Scheidung und keine neue Ehe wollten -- soll ich es Ihnen sagen?
-Ihr Stolz als vornehme Frau und als feine und energische Natur sträubte
-sich gegen die Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig, nicht
-nur den äußeren Verhältnissen, auch dem innern Standpunkt nach -- eine
-augenblickliche Schwäche allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu
-ihm. Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?«
-
-»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch mit einer gewissen Freude,
-erkannt worden zu sein; »daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher
-Fehltritt. An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde gegangen --
-an meiner Dummheit verzweifle ich noch heute, wo sie schon zwanzig Jahr
-alt ist. Doch je älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie. Sie
-wächst immerfort.«
-
-»Verwandeln Sie die Dummheit.«
-
-»In was?«
-
-»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber lohnreiches Loos?«
-
-Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken, und sah mich mit einem
-Blicke an, der mich um Erbarmen flehte.
-
-»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand nur verkaufen? Quälen
-Sie mich wenigstens erst, wenn Sie ihn gesehen haben.«
-
-Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war vernünftig. Was für den
-ersten Augenblick anzufangen, war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte
-ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine Stube ausmitteln,
-wo sie sich vor W. verbergen könne, bis ich ihn gesehen und geprüft.
-Dann sollte ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden.
-»Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn Sie mich für
-moralisch incompetent halten. Meine Seele möchte in die Einsamkeit und
-da ihrer Sünde vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren Aufruhr
-ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses Mannes zu bleiben, daß meine
-Buße darin besteht. Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern. Sie
-sind jung und unverdorben -- Sie werden besser das Rechte erkennen, als
-ich.«
-
-Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und sah mich an.
-
-Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die nachkommen sollten. Als er
-aber nicht wieder anfing, fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht
-weiter?«
-
-»Nein, es geht noch nicht weiter,« versetzte er -- »ich habe erst bis
-hierher geschrieben. Ehe ich fortfahre, sagen Sie mir -- würden Sie die
-Leute verheirathet haben?«
-
-»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich ohne mich zu besinnen. »Es heißt:
-Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden, und nicht: Der
-Mensch soll zusammenfügen, was Gott geschieden hat.«
-
-»Also glauben Sie, die Beiden seien von Gott geschieden gewesen?«
-
-»Versteht sich.« Ich antwortete in meinem Eifer mit einem Schweizer
-Ausdruck. »Durch Gott sowohl, wie früher durch das Gesetz.«
-
-»Nun, ich habe sie trauen lassen,« sagte er trocken.
-
-»Da werden Sie was Schönes angerichtet haben!«
-
-»Calclire, nicht, war moralisch,« sprach er, wieder yankeesirend.
-
-»Moralisch, aber dumm,« versicherte ich ihm.
-
-Er legte sein Manuscript auf den Tisch, stützte Arm und Kopf auf und
-vertiefte sich in Nachdenken, bis der Thee kam. Dann sagte er plötzlich
-bestimmt, seine Tasse entgegen- und vom Teller eine Brezel wegnehmend:
-»Sie täuschen sich; ich bin ganz gewiß, daß die Ehe gut ausfallen
-wird.«
-
-»Wenn Sie dessen gewiß sind, ist's ja gut,« sprach ich lachend.
-»Beweisen Sie es nur dem Leser.«
-
-»Ich schreibe das Ding nicht fertig,« sagte er entschieden.
-
-»Und warum denn nicht?«
-
-»Sie sprechen heute klassisch schweizerisch. Weil Sie die Heirath dumm
-finden.«
-
-»Ich finde sie dumm, Andere finden sie vielleicht klug.«
-
-»Möglich, ich hoffe es sogar, aber ich mache die Novelle doch nicht
-fertig.«
-
-»Des Menschen Wille --« sagte ich. »Nehmen Sie Quittensaft?«
-
-»Danke. Nehmen Sie meine Novelle?«
-
-»So wie sie da ist?«
-
-»Und warum denn nicht?« machte er mir nach. »Sie wollten sie ja als
-Schluß Ihres Buches?«
-
-»Aber ordentlich geschlossen, nicht so in der Mitte abbrechend, wie eine
-nicht fertig gewordene Brücke.«
-
-»O,« sprach er mit unnachahmlicher Kühle, »für Ihr Buch ist sie schon
-noch gut genug.«
-
-»Dann schreibe ich auch unser jetziges Gespräch dazu.«
-
-»Alles, was Sie wollen.«
-
-»Und Sie müssen mir noch sagen, wohin Sie Ihr glückliches Paar
-befördert haben. Vermuthlich auch nach Amerika?«
-
-»Nein,« versetzte er gelassen, »nach Australien.«
-
-»Das ist jedenfalls eine Abwechselung,« sprach Otto, der uns bisher mit
-ziemlich spottender Miene zugehört hatte.
-
-»So mein' ich auch,« entgegnete Wladislav.
-
-»Aber Pietro?« fragte ich weiter.
-
-»Pietro hat zwei Ziegen und wir correspondiren mit einander.«
-
-»Die Ziegen und Sie?«
-
-»Nein, ich und Pietro.«
-
-»So einen Brief müssen Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto.
-
-Wladislav schüttelte den Kopf. »Briefgeheimniß -- unverletzlich.« Dann
-bat er mich um die zweite Tasse Thee. Ich goß sie ihm ein, und that eine
-dritte Frage, nach Tiger.
-
-Wladislav wurde roth. »Haben Sie nie in meinem Zimmer einen Hund kläffen
-gehört?«
-
-»Allerdings, und ein eigenes, jämmerliches Gekläffe war's.«
-
-»Nun, das ist Tiger,« sagte er lächelnd und zögernd.
-
-»Warum haben Sie ihn denn nie bei sich?«
-
-»Ich schäme mich, weil er so häßlich ist,« bekannte er leise.
-
-Wir lachten ohne Umstände. »Sie sind,« sagte ich --
-
-»Ich bin der Wladislav,« unterbrach er mich treuherzig, bittend.
-
-»Kriegen wir nicht wenigstens das Nondescript zu sehen?«
-
-Wladislav schwankte ein wenig. Dann aber sprach er sanft: »Nein, das arme
-Vieh ist gar zu schauderhaft -- Sie würden ihn gewiß im Traume sehen.«
-
-Hier kam man, ihm den Wagen anzusagen. Er erhob sich etwas widerstrebend.
-»Aus dem warmen Salon in die feuchte Nacht,« sagte er sich in der
-Erwartung schüttelnd.
-
-»Es ist erst sieben, also noch Abend,« tröstete ich ihn.
-
-»Und gestern schien der Mond, deßwegen ist's heute nicht finster,«
-setzte er mürrisch hinzu. »Sie sind --«
-
-»Ich bin Ihre Freundin, die Ihnen eine glückliche Reise wünscht, eine
-frohe Heimkehr --«
-
-»Und ein langes Leben und eine selige Urständ,« fiel er mir in die Rede.
-»Ich weiß das Alles schon -- bleiben Sie mir gesund, oder vielmehr werden
-Sie Sich selbst gesund -- es ist ein klägliches Ding, immer so krank zu
-sein.«
-
-Damit reichte er mir ingrimmig die Hand, schüttelte die meine so derb,
-daß ich schrie, und ging, von Otto begleitet, nach der Thür. Dort kehrte
-er plötzlich wieder um, kam zurück an den Tisch, sah mich scharf an und
-fragte: »Wie finden Sie denn nun eigentlich meine Novelle, d. h. meine
-wahre Geschichte?« -- »Barock und formlos,« antwortete ich, »auch
-mit Nachlässigkeiten des Styles und Wiederholungen von Worten reichlich
-gesegnet, aber dabei besonders genug und deßwegen --« -- »Schon gut!«
-Damit hemmte er meine Kritik, flüsterte mir dann vertraulich zu: »Ich
-will es Ihnen nur sagen: gerade so finde ich sie auch;« und ohne mir noch
-ein Mal Adieu zu bieten, schritt er nun wirklich aus der Thür.
-
-
-Hofbuchdruckerei der Gebr. Jänecke in Hannover.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 18:
- im Original "für den armen Menschen ist's tödtlich."
- geändert in "für den armen Menschen ist's tödtlich.«"
-
- Seite 72:
- im Original "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?"
- geändert in "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«"
-
- Seite 72:
- im Original "»Herr Leon auch.« Er war aber schon mehrere"
- geändert in "»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere"
-
- Seite 82:
- im Original "Die Engländerin konnte kein Wort Französich"
- geändert in "Die Engländerin konnte kein Wort Französisch"
-
- Seite 89:
- im Original "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.«"
- geändert in "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich."
-
- Seite 104:
- im Original "»Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf."
- geändert in "Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf."
-
- Seite 104:
- im Original "Und warum erkundigte sich sich denn nicht"
- geändert in "Und warum erkundigte sie sich denn nicht"
-
- Seite 108:
- im Original "meine junge Frau vorstellen zu dürfen«"
- geändert in "meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«"
-
- Seite 108:
- im Original "Sie scheinen sich wunderbare Gedanken"
- geändert in "»Sie scheinen sich wunderbare Gedanken"
-
- Seite 110:
- im Original "»Aber ich weiß Alles, sagte lachend Pauline."
- geändert in "»Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline."
-
- Seite 110:
- im Original "Ich möchte gern von seiner Braut hören."
- geändert in "Ich möchte gern von seiner Braut hören.«"
-
- Seite 128:
- im Original "Eben sprach ich sehr kennntnißreich und weise"
- geändert in "Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise"
-
- Seite 147:
- im Original "ihm, dem Überlegenen, Widerstand zu leisten"
- geändert in "ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten"
-
- Seite 147:
- im Original "sollte sie gleich bei ihrer Rückhehr"
- geändert in "sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr"
-
- Seite 192:
- im Original "er mochte ungefähr fünf- bis sechsund zwanzig sein"
- geändert in "er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein"
-
- Seite 206:
- im Original "Die Waadtländer sind so gelassen üller Alles"
- geändert in "Die Waadtländer sind so gelassen über Alles"
-
- Seite 209:
- im Original "sich ver-verbergen wie die Schlangen"
- geändert in "sich verbergen wie die Schlangen"
-
- Seite 210:
- im Original "den Berliner -- Schönen auf die wunderbare Manier"
- geändert in "den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier"
-
- Seite 224:
- im Original "nahm seinen klugen Blick an und anwortete"
- geändert in "nahm seinen klugen Blick an und antwortete"
-
- Seite 232:
- im Original "»=to take it coolly=« wie Jacob Faitful sagt"
- geändert in "»=to take it coolly=« wie Jacob Faithful sagt"
-
- Seite 242:
- im Original "»Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«"
- geändert in "Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«"
-
- Seite 242:
- im Original "ernster als bisher; das bleibt sich gleich"
- geändert in "ernster als bisher; »das bleibt sich gleich"
-
- Seite 245:
- im Original "sich so zu beugen? fragte ich zögernd"
- geändert in "sich so zu beugen?« fragte ich zögernd"
-
- Seite 248:
- im Original "wenn Sie Hohn mit mir trieben!"
- geändert in "wenn Sie Hohn mit mir trieben!«"
-
- Seite 254:
- im Original "Sie uns ein Mal zeigen, sprach Otto"
- geändert in "Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto"
-
- Seite 256:
- im Original "»Barock und formlos,« anwortete ich"
- geändert in "»Barock und formlos,« antwortete ich" ]
-
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHWEIZ ***
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Aus der Schweiz</span>, by Ida von Düringsfeld</p>
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Aus der Schweiz</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Authors: Ida von Düringsfeld</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:0; margin-left:2em;'>Ida von Reinsberg-Düringsfeld</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 2, 2022 [eBook #67083]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This transcription was produced from images generously made available by Bayerische Staatsbibliothek / Bavarian State Library.)</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>AUS DER SCHWEIZ</span> ***</div>
-
-
-<h1 class="pb">Aus der Schweiz.</h1>
-
-<p class="mt4 ce">Von</p>
-
-<p class="mt2 ce lh2"><span class="fsxl"><b>Ida von Düringsfeld,</b></span><br />
-<span class="fss ge">Verfasserin von »Schloß Goczyn«.</span></p>
-
-<hr class="mt4" />
-
-<p class="ce lh1"><span class="fsl ge"><b>Bremen,</b></span><br />
-<span class="ge">Verlag von Franz Schlodtmann.</span><br />
-<span class="ge"><b>1850.</b></span></p>
-
-
-
-
-<h2>An Otto.</h2>
-
-
-<table summary="" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">&emsp;Es schäumen und es rauschen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die grünen Wellen des Rheins,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wir horchen, und wir lauschen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dem Steigen des Mondenscheins.</td></tr>
- <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Der Mondschein wiegt im Rheine&emsp;&emsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Glühend, wie feurig Gold,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ueber die schwarzen Steine</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das duftige Silber rollt.</td></tr>
- <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Wir blicken ernstlich nieder,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es dünkt uns so bekannt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Als wären wir schon wieder</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im theuren Vaterland.</td></tr>
- <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdr fss">Am Rheinfall, den 28. September 1849.</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><span class="ge">Zwei Worte voraus</span></h2>
-
-
-<p class="in0">vor diesem meinem ersten Wort »Aus der Schweiz«
-in die Heimath, um Täuschungen nicht erst entstehen
-zu lassen. Man möchte erwarten, ich hätte
-»die Schweiz« geschildert &ndash; dem aber ist nicht
-so, &ndash; ich schrieb nur »Aus der Schweiz«. Darum
-frage man mich nicht: wo ist Interlaken, wo
-Bern, wo Vevey? Ich habe gewählt aus dem
-Gesehenen. Und wenn das Gewählte ungleich
-erscheint, hier ganz modern, dort barock veraltet,
-so ist es eben wieder »aus der Schweiz«, und
-diese nicht nur eine Eidgenossenschaft von Cantonen,
-sondern auch von Contrasten. Meine persönlich-politische
-Empfindung mag denn auch mit
-gefärbt haben, Andere würden vielleicht anders
-sehen als ich. Ich habe mich zwar ernsthaft
-bemüht, so unparteiisch wie möglich zu sehen, aber
-Sympathie und Antipathie sind unsichtbare Brillen
-&ndash; wer weiß, sind sie mir nicht zwischen das
-Auge und meine Gegenstände geschoben worden?
-Wie dem nun sei, möge mein kleines Buch von
-meinen Schweizer Freunden freundlich und arglos
-aufgenommen, in der Heimath aber gern gelesen
-werden, wenn man sich nämlich nach der langen
-Zeit eines Jahres einer armen Verschlagenen
-dort noch erinnert.</p>
-
-
-
-
-<h2><span class="ge">Inhalt.</span></h2>
-
-
-<table cellpadding="5" summary="">
- <tr>
- <td class="tdl">&nbsp;</td>
- <td class="tdr fss">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Mauricy W***.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_001">1</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Von Genf nach Baden.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_025">25</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Die beiden Wittwen.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_043">43</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Waadtländerin und Pariser.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_056">56</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Tagebuch in Schwyz.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_111">111</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Im Mätteli.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_126">126</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&emsp;&emsp;Mys lieb Beat.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_132">132</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Die Urschweiz.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_178">178</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.&emsp;</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_186">186</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">Im Hotel Weber.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_191">191</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdl">&emsp;&emsp;Die Heimathlosen.</td>
- <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_201">201</a></td>
- </tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-Mauricy W***.</h2>
-
-
-<p>Gleich zu Anfang unseres Aufenthaltes in der
-Schweiz wohnten wir einen Monat lang in Horgen
-am Zürchersee.</p>
-
-<p>Der Meierhof ist eigentlich keine Pension: außer
-uns hielt sich nur noch ein Pole dort auf, derselbe,
-dessen Namen diese Skizze trägt. Wir wußten jedoch
-damals seinen Namen noch nicht, sondern nur, daß
-er an der Brust leide, den Sommer über in Interlaken
-zur Molkenkur gewesen sei und jetzt in Horgen
-die Traubenkur gebrauchen wolle. Warum er zu diesem
-Zwecke nicht lieber in die französische Schweiz
-ging? Eine polnische Familie, welche in der Nähe
-von Zürich ein Landhaus besaß, hatte einen sehr geschickten
-Arzt bei sich. Mit diesem war Mauricy in
-Interlaken bekannt geworden und hatte solches Vertrauen
-zu ihm gefaßt, daß er noch länger in seiner
-Behandlung zu bleiben wünschte. Die Familie hatte
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-mit jener Herzlichkeit, welche die Polen unter sich
-verbindet und sie gleichsam zu Gliedern <em class="ge">einer</em> Familie
-macht, dem kranken Landsmann ihr Haus angeboten,
-aber er wollte weder geniren, noch genirt sein, und
-so kam es, daß wir ihn in Horgen kennen lernten.
-Von hier aus konnte er mit den vielen Dampfschiffen,
-welche den Zürichersee durchfurchen, täglich nicht nur
-ein, sondern mehrere Male hinüber.</p>
-
-<p>Ich will unsern Hausgenossen schildern. Sein
-Aeußeres war sonderbar, doch für uns wenigstens
-gleich auf eine gewisse Art einnehmend. Wir sahen
-ihn zum ersten Male, als er die Treppe hinaufstieg,
-welche zu seinen und unsern Zimmern führte. Groß
-und schlank ging er langsam, gebückt und nachlässig,
-die Augen gleichgültig vor sich hin gerichtet, ohne irgend
-Etwas, folglich auch ohne uns zu bemerken. Sein
-glattes Haar war dunkel und tief auf die Stirn gekämmt,
-welche, gleich dem ganzen zusammengefallenen Gesichte,
-eine wachsgelbe Farbe hatte. Die Kleidung war
-grau, aber auch vom Kopf bis zu den Füßen so vollständig
-grau, daß wir Mauricy später nie anders
-nannten, als unsern grauen Geist. Indessen in dieser
-wunderlich schlotternden Umhüllung und trotz seines
-völligen Sichfallenlassens sah man in ihm den ächten
-Edelmann. Nie wäre es Einem eingekommen, den
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-schlichten, blassen, grauen Menschen für einen <i>commis
-voyageur</i> zu halten. Sein Alter schätzte ich
-damals auf sechs- bis achtunddreißig Jahre, später
-sagte er uns, daß er achtundzwanzig sei.</p>
-
-<p>Am Abend wurde uns gemeinschaftlich der Thee
-im Salon servirt, wo ein vortrefflicher Flügel stand.
-Horgen wird blos durch die Reisenden belebt, welche
-von Arth kommen, oder dorthin fahren &ndash; wir waren
-allein mit Mauricy. Er war anfangs ein stummer
-Gesellschafter; ich bemühe mich sonst gewöhnlich auch
-nicht um Bekanntwerden; was bewog mich denn,
-einen Versuch zum Gespräche mit dem bleichen Polen
-zu machen und mich durch seine Einsilbigkeit nicht zurückschrecken
-zu lassen? War es ein Vorgefühl, daß
-ein künftiger Freund zwischen uns Beiden sitze?</p>
-
-<p>Er ließ sich allmählich gewinnen und zum Sprechen
-bringen. Ohne gut französisch zu können, verstand
-er es genug, um sich hinreichend über Alles
-auszudrücken. Bald glitt unser Gespräch in die Politik
-hinein, eine damals, wie noch jetzt, gefährliche
-Bahn. Ich hatte ein Gemälde von dem Glücke entworfen,
-wie ich es mir wünsche. Ein Landhaus unter
-schönem Himmel, einen Garten voll Schatten und
-Stille, mit mir mein Mann und mein Kind, das
-Meer nicht weit, im Hause Bücher, Musik und
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-Frieden. &ndash; Unser Pole lächelte ein Wenig, schüttelte
-das Haupt &ndash; »das würde mir nicht genügen. Wenn
-ich mein Vaterland nicht wieder glücklich sähe&nbsp;&ndash;«
-Hier war die Gefahr zum Streit da. Polen und
-Preußen haßten sich eben wie vielleicht noch nie.
-Die Polen warfen den Preußen vor, Verheißungen
-gemacht und nicht erfüllt zu haben &ndash; die Preußen
-beschuldigten die Polen, daß sie gewährtes Vertrauen
-gemißbraucht. Bald versicherte Mauricy mir, daß er
-die Preußen weit mehr verabscheue als die Russen.
-Ich erwiederte eifrig und heftig: »Das habe ich schon
-vorausgesetzt, übrigens schätze ich jetzt die Polen so
-gering wie möglich.« Genug, wir stritten und sagten
-uns böse Dinge mit den bittersten Mienen und den
-lebhaftesten Geberden. Ich hatte über den Armen
-den Vortheil einer gesunden Brust und brachte ihn
-glücklich außer Athem. »Ich kann nicht mehr,«
-seufzte er, »Sie machen mich ganz schwach.« &ndash;
-»Warum haben Sie denn angefangen?« entgegnete
-ich trotzig. »Ich hätte Sie wahrlich in Ruhe gelassen,
-denn ich kenne die Polen schon.« Er nahm sein
-Licht, schlich davon, drehte sich jedoch in der Thür
-noch einmal um. »Wenn einst Krieg wird,« sagte
-er komisch-böse, »so schieße ich Ihnen Ihren Mann
-dort todt.« &ndash; »Ehe Sie das können, schieße ich Sie
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-nieder,« war meine unumwundene Antwort. &ndash; »Oder
-ich Sie.« &ndash; »So, Sie würden also auch meiner
-nicht schonen?« &ndash; »Nein, aber vorher würde ich sehr
-höflich meinen Hut abnehmen und um Erlaubniß bitten.«
-&ndash; »O, bis Sie das gethan hätten!«</p>
-
-<p>So war unsere erste Berührung mit Mauricy.
-Wunderlich, wird man sagen. Vielleicht, doch nicht
-ganz so, wie es scheinen mag. Ich sage immer: einmal
-zankt man sich doch mit Jedermann; da ist's
-denn viel besser, mit Zank anfangen, als damit aufhören.</p>
-
-<p>Wenigstens bestätigte es sich hier. Die ausgetauschten
-zärtlichen Erklärungen störten nicht im
-Geringsten unser gutes Vernehmen, ja, sie schienen
-durch den unwillkürlichen Humor, welchen sie hervorgerufen,
-es im Gegentheil recht befördern zu wollen.
-Die gegenseitigen Fragen, wann wir uns todtschießen
-würden, ob wir einander dann beklagen würden und
-dürften, und andere, gleich harmlos-alberne, machten
-uns lachen, und wenn man erst über- und miteinander
-lacht, ist man auf gutem Wege zur Vertraulichkeit.</p>
-
-<p>Nicht daß wir uns nicht mehr gestritten und selbst
-erboßt an einander geärgert hätten&nbsp;&ndash;, alle Tage!
-Wir alle Drei, und insbesondere noch Mauricy und
-ich, waren zu aufgeregt durch die Zeit, um nicht das
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-nachmittagliche Lesen der Zeitungen mit lauten Anmerkungen
-begleiten zu müssen. Und aus diesen Anmerkungen
-wurden Kämpfe zwischen Demokratismus
-und Royalismus, wie sie schwerlich selbst in der durch
-politische Haltung sich wenig auszeichnenden Paulskirche
-erbitterter und hitziger durchgefochten worden
-sind. Jeder, der nur auf einer Barrikade gekämpft
-hatte, war für Mauricy ein Held, für uns &ndash; es
-ging Mauricy's Helden schlecht von uns! Dagegen
-schleuderte er die heftigsten Ergüsse seines Hasses
-gegen Alles, was auf Thronen saß, oder das unverzeihliche
-Verbrechen beging, in Amt oder Würden zu
-sein. Alle Könige und Fürsten müßten ermordet werden,
-das war sein unaufhörlich wiederkehrender Satz.
-Und wenn er könnte, setzte er jedes Mal hinzu und
-nahm sein Messer in die Hand, so würde er selbst
-immer Einen nach dem Andern niederstoßen. Wir,
-wieder nicht träge, ließen himmelhohe Galgen für die
-Radikalen errichten, kurz, es war schrecklich, was wir
-Alle wüthend und blutdürstig waren!</p>
-
-<p>Die Polen sind durch eine ganz eigene nationale
-Liebenswürdigkeit begünstigt, das hat man oft geäußert,
-und ich kann es nur bestätigen. Je mehr ich
-verschiedene Nationalitäten kennen lerne, je abstechender
-gegen alle, je bestechender für mich finde ich die Polen.
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Wäre ich ein Mann, ich würde mich gewiß nur in
-eine Italienerin oder eine Polin verlieben. Wenn
-Mauricy mich dadurch gekränkt hatte, daß er seine
-schonungslosen Angriffe vorzüglich auf Preußen richtete,
-so durfte er mir nur seine kalte Hand bieten und
-mich mit seinem guten Blicke um Verzeihung bitten,
-und ich war versöhnt.</p>
-
-<p>Der arme Mauricy, &ndash; er hatte immer so kalte
-Hände! Und so blasse, &ndash; noch nie hatte ich solche
-farblose Hände gesehen. Das Blut schien schon fremd
-in ihnen geworden zu sein, sich ganz nach den Lippen
-zu drängen, über die es täglich kam. Mauricy war
-krank, und wie er selbst glaubte, zum Tode. Auch
-ich war krank, an der Krankheit unseres Jahrhunderts,
-bei welcher das Leben lange währen kann, aber
-eigentlich nur eine lange Qual ist. Wir sahen uns
-gegenseitig leiden und bemitleideten einander. Er litt
-frömmer, geduldiger, als ich. Die Resignation, gegen
-welche ich mich noch sträubte, als müßte ich mit ihr
-das Leiden unwiderruflich annehmen, er <em class="ge">hatte</em> sie schon
-&ndash; hatte sich unter dem Kreuze gebeugt. Wir fragten
-einander eines Tages: wie lange wir schon krank
-wären. Vier Jahre, sagte er, ich sechzehn. »Dann,«
-sprach er sanft, »werden Sie zuerst gesund &ndash; ich
-kann warten.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Dieses Wort war keine Phrase &ndash; Mauricy kannte
-die Phrase nicht. Die Geselligkeit war ihm deswegen
-zuwider, weil in ihr so viel &ndash; Schicklichkeiten &ndash;
-stattfinden müssen. »Was soll ich da?« fragte er,
-und ich konnte ihm das nicht sagen. Denn auch ich
-habe mich oft gefragt: was soll ich, wenn ich mich
-den Menschen so ganz überflüssig sah, und die Menschen
-mir.</p>
-
-<p>Wir, Otto, ich und Mauricy, waren einander
-nicht überflüssig. Wir suchten uns. Wir hatten uns
-oft auch Nichts zu sagen, aber wir saßen zusammen
-und waren still. Während des Stillschweigens gewannen
-wir uns noch lieber, als während des Zankens.
-Und jeden Abend wünschten wir uns mit besserm
-Herzen gute Nacht.</p>
-
-<p>Wenn wir Beide uns fragten, was eigentlich Mauricy
-zu uns führe, und uns bewege, für ihn Raum
-zu machen in unserm sonst so verschlossenen Zweileben,
-so wußte es am Ende Keiner. Er war nicht geistreich;
-&ndash; was er auf den Universitäten von Kiew und
-Moskau gelernt &ndash; ich hatte ihn stark in Verdacht,
-Alles wieder vergessen zu haben. Wie er das Examen
-zu seinem Proforma im russischen Staatsdienst
-gemacht, will mir noch jetzt nicht recht einleuchten.
-Uebrigens fehlte es ihm durchaus an nichts Wesentlichem,
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-er wußte genug, dachte klar und klug, urtheilte
-richtig, nur glänzende Gaben hatte er nicht, und
-suchte sie auch nicht. Er hatte es sich wohl aus meinem
-Wesen und meinen Reden herausbuchstabirt, ich
-müsse eine geniale Frau sein, und wenn ich es ihm
-ausreden wollte, sagte er doch: ich denke mir das so,
-aber er fragte weiter nicht nach der genialen Frau.
-Ich ließ im Geplauder mit Mauricy Geist ganz ruhig
-Geist sein &ndash; ihn kümmerte auf der ganzen Welt
-Nichts weniger. Das führte ihn also nicht zu uns.</p>
-
-<p>Ebensowenig das Bedürfniß, Erinnerungen auszutauschen,
-was bei Vielgereisten bisweilen so lebhaft
-ist, daß sie es selbst um den Preis befriedigen müssen,
-andere Gereiste und Nichtgereiste zu langweilen. Mauricy
-war am Rhein, in Belgien, in Frankreich und
-in Italien gewesen, aber er war eben auch nur dagewesen
-&ndash; Eindrücke aufgenommen, Beobachtungen
-gesammelt, Studien gemacht, das Alles hatte er nicht.
-Aus Rom erzählte er ein einziges Mal von St.&nbsp;Peter,
-von Belgien äußerte er, es wären schöne Kirchen
-da, von Ems erfuhren wir, daß er alle Abende bei
-einer Familie Thee getrunken und dabei in einem sehr
-bequemen Lehnstuhl gesessen habe, von Schlesien bemerkte
-er, es gäbe in Reinerz so schrecklich häßliche
-alte Frauen. Von der übrigen Welt sagte er &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Nichts, Polen ausgenommen; aber Polen war auch
-nicht die Welt: Polen war das Paradies.</p>
-
-<p>Unsern Geschmack, unsere Neigungen theilte er
-auch nicht. Die Natur war ihm gleichgültig. Wenn
-ich das Glühen der Appenzeller Alpen betrachtete, oder
-das lichtdurchschimmerte Abendwerden auf dem See,
-kam er wohl langsam zu mir und fragte: »Aber wie
-können Sie sich das so lange ansehen?« Nicht minder
-kalt ließ ihn die Literatur. Von Le Maistre hatte
-ihm die »Reise um meine Stube« gefallen, mit sich
-führte er außer der Bibel und Thomas a Kempis
-nur noch die »Gedanken« des Obersten Weiß, ein
-Buch in der Art, wie Oxenstierna es geschrieben, sonst
-habe ich ihn nie weder etwas lesen sehen, noch erwähnen
-hören. Lamartine's Reise in den Orient hatte
-er angefangen, als ich sie begehrte, überließ er sie
-mir gleich &ndash; »ich schlafe, statt sie zu lesen,« sagte er.
-Was endlich die Musik betraf, so hörte er mich gern,
-besonders in dem böhmischen Liedchen: <i>ach neni, neni!</i>
-aber auch nur mit Melancholie, nicht mit Kennerschaft.
-Was führte uns denn also zusammen bei getrennten
-politischen Gesinnungen, ganz verschiedenen
-Neigungen, Anlagen und Charakteren?</p>
-
-<p>Das Menschlichste, Innerlichste, die Seele des
-Herzens &ndash; das Gemüth.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Mauricy's innerstes Wesen war Güte, keine sentimentale,
-keine moralisch erkämpfte, nein, eine einfache,
-naturgemäße, unbewußte Güte. Er war nicht schwächlich-nachgiebig,
-tadelte was zu tadeln war, mochte
-recht wild werden können, wenn sich gerade eine Gelegenheit
-dazu fand, hatte ganz unbefangen seine
-Fehler, aber dabei kannte er weder Neid, noch Gehässigkeit,
-noch Rache, noch Parteilichkeit &ndash; er hatte
-eben zur Natur die Güte.</p>
-
-<p>Güte haben, man redet davon gemeiniglich ganz
-so leicht hin, wie von gut sein, und wie oft findet
-man denn Güte?</p>
-
-<p>Güte ist Gottes Gabe, sie lernt sich nicht und
-verlernt sich nicht &ndash; wer sie hat ist Gottes Liebling,
-denn er lindert Leiden. Sie ist die Grazie der Seele
-und das Genie des Gemüthes &ndash; als Grazie liebkos't
-und schmeichelt sie, erfreut und erquickt, erhellet und
-entzückt; als Genie hat sie den Drang, das gebeugte
-Rohr aufzurichten, Verirrten nachzueilen in die Wildniß,
-sich mit starker Kraft zwischen Verfolgte und
-Verfolger zu werfen, wider Ungerechte zu zürnen,
-Sinkende gewaltig zu erfassen, über Verlorene schmerzlich
-zu weinen. Sie ist nicht himmlisch, sie ist auch
-nicht irdisch &ndash; von der Erde aufgestiegen als Hauch,
-fällt sie wieder herab als Thau; so schwebt sie immerfort
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-zwischen Himmel und Erde und ist dadurch
-menschlich. Und wie das Veilchen den Rosenpurpur
-und das Irisblau in seiner köstlichen Weichheit verschmilzt,
-so athmet aus ihr als Wohlwollen das Süßeste
-der Innigkeit und das Feinste der Milde.</p>
-
-<p>Ich will nicht sagen, daß in Mauricy diese göttliche
-Erscheinung sich in voller Glorie offenbarte &ndash;
-zu einem so auserwählten Gefäß war er nicht stark
-genug &ndash; aber ein schöner, reiner Strahl leuchtete
-aus seinem weichen, dunkelblauen Auge. Vielleicht
-wirft man mir hier spottend ein: »und die umzubringenden
-Könige alle &ndash; fiel auf die der Strahl auch?«
-da antworte ich denn ganz unbekümmert: »wenn ein
-verfolgter König Schutz und Stärkung bei Mauricy
-gesucht hätte, würde Mauricy ihm seinen eigenen
-Mantel gegeben und seinen letzten Becher Wein an
-ihn abgetreten haben.«</p>
-
-<p>Das dachte ich damals schon und lächelte, wenn
-er seine Philippiken herausseufzte, denn um sie kräftig
-hören zu lassen, war seine Brust zu müde. Wie er
-zur Erwiederung von uns dachte, sagte er eines Tages,
-als er uns sein Album brachte. »Man findet
-überall brave Leute, die man achten kann,« sprach er
-in seinem schleppenden Französisch, welches sich immer
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-besann, ehe es über seine Zunge gekrochen kam.
-»Und darum bitt' ich Sie, sich Beide einzuschreiben.«</p>
-
-<p>Das Album war noch fast leer, obgleich bereits
-im vorigen Winter zu Rom gekauft. Mauricy war
-nicht eine Natur, die sich leicht und viel hingab &ndash;
-er konnte seine Freunde mit eins, zwei, drei, vier, fünf
-zählen. Auch das machte ihn mir werth; ich schätze
-solche Mäßigkeit in Freundschaften: viele intime
-Freunde sind in meinen Augen ein wahrer <i>embarras
-de richesse</i>, und was am schlimmsten ist, <i>de richesse
-factice</i>.</p>
-
-<p>Da etwas Schickliches nicht immer vom Himmel
-fällt, hatten wir einige Tage später noch Nichts eingeschrieben,
-als Mauricy das Buch auf wenige Stunden
-zurückverlangte. Er wollte es den drei Töchtern
-jener Familie bringen, die so gut wie seine eigene
-war, ja, noch besser als oft eine eigene ist. Ich hatte
-ihn schon einige Male wegen dieser jungen Mädchen
-geneckt, die er als sehr liebe, zugleich natürliche und
-ausgebildete Wesen schilderte. Jetzt reichte ich ihm
-das Buch mit einem bedeutungsvollen Blicke und
-einem sehr weisen Kopfnicken. Er lächelte und schüttelte
-langsam den Kopf. Noch aus keinem Antlitz
-hatte ich das Lächeln eine so wunderbare Erleuchtung
-hervorbringen sehen, wie auf dem Mauricy's. Es
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-war ganz, als strömte plötzlich ein schimmernder Sonnenblick
-auf ein dunkles Gemälde. Für gewöhnlich
-war er nicht einmal hübsch, und kaum hob er seine
-Oberlippe ein wenig und ließ unter dem kleinen dunklen
-Bart zwei glänzende Zähne sehen, so mußte man
-ihn mindestens so gut wie schön finden.</p>
-
-<p>Gegen Abend brachte er das Buch wieder. »Sie
-haben sich nicht verlobt?« fragte ich. Abermals
-machte ein stummes und langsames Kopfschütteln die
-Verneinung aus. Wir waren im Garten; der See
-mit seiner lieblichen Heiterkeit, das weiße Zürich links,
-die weißbläulichen Alpen rechts, rings herum die weißen
-Ortschaften, welche sich wie ein dichter Kranz von
-Margueriten durch das Grün der Ufer winden, der
-Mond im reinen Himmel &ndash; es war ein Bild voll
-Anmuth. Mauricy saß, den Kopf an einen Baum
-gelehnt. Er ruhte sich gern so aus und glich dann
-einem kranken Kinde. Auf Otto's Arm gestützt, stand
-ich vor ihm und fragte: »warum wollen Sie denn
-allein bleiben? Sie haben mir gesagt, Ihr Herz
-müßte noch sechs Monate lang, bis Sie heimkehren
-könnten, wie gestorben liegen &ndash; warum soll es das?
-Gönnen Sie ihm Leben &ndash; die Liebe kann Sie noch
-gesund machen.« &ndash; »Sollte ich ein junges Mädchen
-an mich ketten?« erwiederte er. &ndash; »O, Sie wissen
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-nicht, wie gern ein junges Mädchen sich ganz aufopfert
-und darin Glück findet.« &ndash; »Wenn sie dafür
-geliebt wird,« sprach er. &ndash; »Nun&nbsp;&ndash;« sagte ich ermuthigend.
-Er blickte melancholisch zu mir auf und
-zeigte mir einen Ring, schwarz emaillirt. »Das ist
-das Andenken meiner letzten Liebe.« Er küßte das
-weiße Kreuz auf dem schwarzen Email. »Ist sie gestorben?«
-fragte ich leise. &ndash; »Für mich,« antwortete
-er ruhig. »Aber nie mehr werd' ich geliebt werden,
-wie von ihr &ndash; nie nach ihr noch lieben.«</p>
-
-<p>Man hört fast Nichts seltener, als daß ein Mann
-eine &ndash; ich will das so oft verspottete Wort muthig
-nennen &ndash; eine unglückliche Liebe unbefangen ausspricht.
-Wohlverstanden, wenn er keine Verse macht.
-In Versen ist es ebenso Styl, es zu thun, wie es im
-Leben nicht Styl ist. Im Leben gilt ein solches Gefühl
-oft für ein Verbrechen, welches das Herz wider
-den Stolz begeht, im besten Falle für eine beschämende
-Weichlichkeit. Mauricy aber fürchtete nicht sich bloßzugeben,
-denn er war nicht eitel, und auch als weichlich
-meinte er nicht zu erscheinen, weil er stark und
-tief empfand. Und er hatte Recht. Was beweist
-mehr für unsere innere Macht, als die Fähigkeit zu
-einer großen Liebe?</p>
-
-<p>Mauricy trug die seine still in sich, zugleich mit
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-dem Tod, mit dem Gram um sein Vaterland, mit
-der Trauer um seine jüngste Schwester. Diese hatte
-achtzehn Jahr alt und seit sechs Wochen verheirathet,
-ihren Mann nach Sibirien führen sehen und war nur
-so lange noch in der Heimath geblieben, um ihr erstes
-Kind zur Welt zu bringen. Als es geboren war,
-übergab sie es ihrer Schwester und folgte dem Gatten
-nach Sibirien. Das erzählte uns Mauricy an
-demselben Abend, und ebenso schlicht, wie er das von
-seiner ersten Liebe erzählt. Ich machte die Augen zu,
-um die Thränen zurückzudrängen. Mauricy sah mich
-still an und war dann still fort; sein Mund dankte
-mir nicht, ich denke aber sein Herz. Mein Gott, ich
-weiß ja, wie ich der einzigen Freundin, die mir einst
-schrieb, sie habe um mich geweint, wie ich ihr ernst
-und gerührt gedankt habe!</p>
-
-<p>Wo ein Wort erst den Weg gefunden hat, da
-finden ihn leicht mehrere. Oefter, wenn gleich nicht
-oft, redete Mauricy nun von dem, was sein Leben
-gefärbt und wieder entfärbt hatte, und wie wir wohl
-einsahen, ihn so gleichgültig dagegen machte. Leise,
-wie durch halbe Striche gelegentlich hingeworfen, gestaltete
-sich vor uns eine Skizze dieser einfachen, aber
-tiefbegründeten Begebenheit. Die Freundin war es
-gewesen, an deren Theetisch Mauricy jeden Abend in
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-Ems den Lehnstuhl bereit gefunden. In Rom hatten
-sie in einem Hause gewohnt. Sie war verheirathet,
-dennoch hatte Mauricy Hoffnungen hegen dürfen:
-ihre Liebe wenigstens hatte sie ihm geschenkt. Warum
-nicht auch sich selbst? fragte ich ihn. Ehen können
-gelöst werden &ndash; in Rom ist der Pabst. Sie hatte
-es gewollt, antwortete er. Aber sie hatte dann wieder
-anders gethan. Sie war zurück nach Polen, zum
-Gatten. »Sie hat es vorgezogen, Gottes Gebot zu
-erfüllen, statt ihr Herz zu befriedigen,« sagte Mauricy.
-»Gottes Gebot!« rief ich erregt. »Glauben
-Sie, Gott würde sie gestraft haben, wenn sie sich
-Ihnen gegeben, der Sie ihrer so ganz bedurften?
-Denn sagen Sie mir &ndash; als Sie Hoffnung hatten,
-durften Sie da nicht die Genesung noch für möglich
-halten?« Er bejahte. »Und seit Sie von ihr getrennt
-sind, fühlen Sie sich nicht wieder um Vieles kränker?«
-&ndash; »Das ist wohl natürlich,« sagte er sanft. &ndash; »Nun
-denn, warum da Sie verlassen, nicht lieber ihr Heil
-selbst wagen, wenn ihr Glaube so streng ist, obgleich
-wahrlich Gott nicht gezürnt hätte?« Ich war unwillig.
-Beschwichtigend sprach er: »Ich denke vielleicht
-wie Sie und würde wahrscheinlich gehandelt haben,
-wie Sie sagen. Aber hatte ich das Recht, sie zu
-Etwas zu verleiten, was sie für Sünde hielt? Nein;
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-obgleich sie mich aufgegeben, ich sage doch, sie hat
-gut gethan.«</p>
-
-<p>Ich schwieg, aber ich grollte der Frau im Stillen,
-besonders als ich vernahm, daß sie noch im Briefwechsel
-mit ihm stehe. »Sie hat einen Roman mit
-ihm gespielt,« eiferte ich später gegen Otto, »und damit
-er ihr ja nicht entgehe, hält sie ihn an den Briefen
-wie an einem Faden. Das mag für sie recht
-hübsch und unterhaltend sein, aber für den armen
-Menschen ist's tödtlich.« Otto antwortete mir: die
-Frau könne es doch ernstlich meinen; er halte die
-Polinnen einer solchen religiösen Ueberspannung ganz
-für fähig. »Der Geliebte ist das Opfer, welches sie
-Gott bringt,« setzte er hinzu, »und je schmerzlicher sie
-es fühlt, und je größer es ist, um so heiliger handelt
-sie.«</p>
-
-<p>Mochte das sein &ndash; ich hätte Mauricy gar zu gern
-durch eine der drei jungen Polinnen getröstet gesehen.
-Was ich thun konnte, um ihn zu zerstreuen, das that
-ich, schon jener Frau zum Trotz, die den armen Kranken
-sich verzehren ließ, um mehr Himmel zu gewinnen.
-Halb gelang mir, was ich wollte &ndash; Mauricy
-ließ sich zerstreuen, er konnte heiter, ja manchmal sogar
-ein klein wenig toll werden. So entsinn' ich
-mich eines Abends, wo eine niedliche junge Bernerin
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-zum Besuch bei den Töchtern des Wirthes war. Wir
-trafen sie im Garten, und Mauricy trug sich dem
-armen verlegenen Kinde äußerst dringend zum Manne
-an. Die Hände gefaltet, saß er beweglich bittend vor
-ihr und spielte den schüchternen Liebhaber so natürlich,
-daß die kleine Bernerin sich zuletzt keinen andern
-Rath wußte, als ihm feierlich zu sagen: <i>Monsieur,
-mon père n'a pas l'honneur de vous connaître.</i>
-Das gute Kind hatte Alles für bittern Ernst genommen,
-ging ihm den ganzen nächsten Tag sorgfältig
-aus dem Wege und war seelenfroh, als sie wieder
-abreisen konnte, denn, sagte sie zufrieden: »<i>Maintenant
-monsieur le Polonais ne pourra plus me taquiner.</i>«</p>
-
-<p>Ein andermal versicherte Mauricy mir mit der
-höchsten Ernsthaftigkeit, da er ein Demokrat sei, wolle
-ich seinen Tod &ndash; er werde mir daher das Vergnügen
-machen, sich diese Nacht vor meiner Thür zu
-hängen, und biete mir nur vorher noch die Hand
-zum ewigen Abschied. Ich glaubte nun zwar nicht,
-ihn am andern Morgen als Zierde meiner Thür zu
-finden, hielt es aber doch für möglich, daß der barocke
-Abschied eine nächtliche Abreise bedeuten könne.
-Aber er war am nächsten Morgen in höchsteigener
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-grauer Person am gewohnten Platze und lachte mich
-vergnügt aus.</p>
-
-<p>So weit hatte ich es gebracht, &ndash; vergaß er darum?
-Als ich ihn einmal danach fragte, küßte er
-statt aller Antwort wieder das weiße Kreuz auf dem
-schwarzen Grunde. Und am Abend, als ich sang,
-weinte er.</p>
-
-<p>Und fort wollt' er auch &ndash; nach Rom. Umsonst
-suchte ihn sein Arzt zu bewegen, die lange, anstrengende
-Reise nicht zu unternehmen, lieber mit der Familie
-an den Genfersee zu kommen. Sie war nicht
-mehr in Rom, aber sie war dort gewesen. Er sagte
-das nicht, aber wir erriethen's. Ihre Spuren wollt'
-er suchen. Sie beherrschte ihn unumschränkt; er betete
-in ihr eine Heilige an.</p>
-
-<p>Da wir sahen, daß er fest war, versuchten wir
-nicht erst, ihn zu erschüttern. Am Ende &ndash; was lag
-ihm am Leben?</p>
-
-<p>Den letzten Abend kam er noch spät zu uns, still
-und gut. Ich wünschte das Bild seiner Freundin zu
-sehen &ndash; er brachte mir's. Es war kein schönes, aber
-ein liebes Gesicht, welches mit einem traurigen Ausdruck
-aus sanften schwarzen Augen blickte. Ich befragt'
-es ernstlich und prüfend &ndash; nein, es gehörte
-keiner Kokette &ndash; ich hatte der Frau Unrecht gethan
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-&ndash; wie sie auch gehandelt, aus Ueberzeugung war's
-gewesen.</p>
-
-<p>Wir sprachen noch lange von ihr. Gut, gut,
-himmlischgut, dieser Lobspruch ging immer wieder
-über Mauricy's bleiche Lippen. Es ist süß, geliebt zu
-werden, weil man als gut erkannt wird. Dieser Frau
-ward also ein lieblich Loos, und Mauricy &ndash; wenigstens
-ging er nicht in der Anbetung eines Götzenbildes
-unter.</p>
-
-<p>In wie langen Zügen er das Gift getrunken, vernahmen
-wir erst jetzt. Nachdem er die Freundin in
-Ems kennen gelernt, hatten sie gemeinschaftlich einen
-Ausflug an den Rhein und nach Belgien, dann die
-Reise nach Rom gemacht. Noch erinnerte er sich,
-mit welcher Sorgfalt sie über ihn gewacht. Sie war
-fest entschlossen, die Scheidung von ihrem Gatten
-nachzusuchen und sobald Mauricy genesen, diesen zu
-heirathen. Ihr Gatte war alt, ruinirt, ein früherer
-Anbeter ihrer Mutter, welche die reiche Tochter mit
-achtzehn Jahren an ihn verheirathet hatte, dann aber,
-als diese ihn zu fesseln gewußt, eifersüchtig und die
-Störerin der Ehe geworden war. Als die Tochter
-nun aber in Rom die nöthigen Schritte zur völligen
-Aufhebung dieser unglücklichen Heirath thun will, bemächtigen
-sich ihrer die Priester, drohen mit Sünde
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-und Strafe, schrecken und verwirren ihre fromme
-Seele, und sie entsagt dem Geliebten, weiht ihn der
-Verlassenheit, sich selbst abermals dem Gatten. Doch
-um den Abschied noch recht zu genießen, läßt sie sich
-von Mauricy über den Lago maggiore in die Schweiz
-begleiten. In Interlaken bleiben sie den Sommer,
-dann bringt er sie bis Zürich und bleibt allein. Acht
-Tage später lernten wir ihn kennen.</p>
-
-<p>Wir schwiegen und dachten nach; da sagt' er
-plötzlich zu mir: »Sie haben mich manchmal wegen
-der jungen Mädchen da drüben geneckt &ndash; nun, als
-ich heute Adieu sagte, wurde die Eine etwas bewegt,
-und da« &ndash; sein schönes Lächeln zeigte sich &ndash; »da
-sah ich, daß sie hübsch war.« Ich wollte aus dieser
-Wahrnehmung geschwind einen Schluß ziehen, aber
-er sagte wieder ernst: »<i>Mon mariage sera avec la
-mort, madame.</i>« Dann stand er auf, bot mir die
-kalte Hand. »Gott segne Sie,« sagte er. »Gott
-geleite Sie,« sprach ich. Otto begleitete ihn noch in
-sein Zimmer.</p>
-
-<p>Am andern Morgen sahen wir die Thür zu diesem
-offen, es wurde gefegt, gescheuert. Als wär's
-das Zimmer eines Todten! Ein beklemmender, peinlicher
-Eindruck.</p>
-
-<p>Was uns anfänglich auch etwas verstörte &ndash; wir
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-waren so gewöhnt, die graue Gestalt zu sehen, die
-müden, langsamen Schritte zu hören, daß wir sie noch
-immer zu sehen, zu hören glaubten. Ja, bisweilen
-war mir's gerade, als müßte unser grauer Geist schleichend
-hereinkommen, mich ernsthaft grüßen und mir
-mit seiner schwachen Stimme sagen: <i>Madame, je
-viens vous dire, que je suis mort.</i></p>
-
-<p>Briefe wollten wir gegenseitig nicht. Was nützen
-Briefe? Wir hörten einige Male durch die polnische
-Familie, daß er in Rom kränker und kränker werde.
-Schwerlich lebt er noch.</p>
-
-<p>Am Genfersee aber dichtete ich zur Erinnerung an
-ihn eine Romanze, die heißt:</p>
-
-<table class="fss" summary="" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdc ge">Der schwarze Ring.</td></tr>
- <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Ich bin fern von meinem Hause,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich bin fern von meinem Land;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich bin einsam und verlassen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ungeliebt und unbekannt.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aus den Stunden unsers Glückes</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Blieb mir nur ein einzig Pfand:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dieser Zeuge meiner Freuden</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist der Ring an meiner Hand.</td></tr>
- <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Fremde öffnen mir die Pforten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Fremde schenken mir den Wein;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn ich traure, trauert Niemand,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn ich weine, ist's allein.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Einen Freund nur hab' ich mit mir,<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Einen Freund aus unser'm Land:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dieser Zeuge meiner Thränen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist der Ring an meiner Hand.</td></tr>
- <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">&emsp;Ich bin krank und werde sterben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aber dich vergess' ich nicht;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bis die müden Augen brechen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bist du meiner Seele Licht.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Deine letzte Gabe nehm' ich</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit mir in das Bett von Sand:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Denn der Zeuge unser's Liebens</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist der Ring an meiner Hand.</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Von Genf nach Baden.</h2>
-
-
-<h3 class="da">Den 2. August 1849.</h3>
-
-<p>Abschied, sehr vergnügt und friedfertig. Die
-halbe Familie ist gerade heute auf dem Lande. Ich
-lasse Empfehlungen zurück &ndash; das genügt meinem
-Herzen vollkommen. Die alte Tante allein ist betrübt
-&ndash; sie allein hat mich liebgewonnen. Ich gebe ihr
-den einzigen Kuß, welchen ich bisher in der Schweiz
-gegeben, und verspreche ihr, sie in zehn Jahren wieder
-zu besuchen. »Ach, da bin ich gewiß todt!« ruft
-sie. Ich glaub' es auch &ndash; entweder sie, oder ich.
-Im Augenblicke, wo wir in den Kahn steigen, fällt
-uns noch ein Bullenbeißer an, natürlich ein menschlicher,
-ächte Genfer Race, fünfter Klasse. Er entgeht
-durch meine Gegenwart einem freundschaftlichen Stockschlage.
-Ich denke bei solchen Gelegenheiten nicht
-oft genug, aber doch bisweilen an Sokrates: wenn
-dich ein Esel anrennt u.&nbsp;s.&nbsp;w. Ein wärmerer Abschied
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-findet zwischen uns und François statt. Er ist unser
-Ruderlehrer gewesen, ist der Portier der nicht zu vergessenden
-<i>Campagne du Port</i>. Wenn wir wieder
-nach Genf kommen, miethen wir den Pavillon unter
-den Platanen, meine stille Neigung, meine schmerzliche
-Leidenschaft &ndash; aber wir kommen nicht wieder
-nach Genf. Die Bise leidet das Zelt nicht. Der Leman
-langweilt mich noch einmal ungebührlich. Alles
-sitzt voll Engländer und Engländerinnen, diese sind
-wieder unglaublich garstig. Ich weiß nicht, wie sie's
-anfangen, grüble darüber, warum man überhaupt auf
-Reisen so selten ansprechende Gesichter sieht, sondern
-fast immer Langeweile, Verdrossenheit, Abspannung,
-Geistlosigkeit. Das Reisen muß häßlich machen. Von
-Morges aus sehen wir, hoffentlich nur für jetzt, zum
-letzten Male den Gletscherdiamanten, den Montblanc.
-In Ouchy drängt so gut wie Alles sich in die Kähne
-&ndash; wie es hineinkommt? »Frage die Sterne,« die
-glücklicher Weise noch nicht scheinen. Im Omnibus
-werden wir unaufhörlich aufgefordert: »<i>Messieurs et
-mesdames, serrez-vous, serrez-vous, messieurs et
-mesdames; encore un peu, un tout petit peu encore!</i>«
-Wir rücken zusammen und rücken zusammen,
-bis es endlich nicht mehr geht. Dabei fange ich an
-zu lachen, und Alles lacht mit, ausgenommen ein
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Hündchen, das ehrbar aus dem Fenster schaut. Die
-Kathedrale von Lausanne sehe ich mir im Vorüberfahren
-an und beschwichtige mein Gewissen mit der
-Versicherung: ich habe sie genug gesehen. Im Hotel
-de France essen wir mit tragischer Freude &ndash; denn sie
-offenbart, wie sehr wir in Genf gehungert haben &ndash;
-ein vortreffliches Zweifrankmittag. Ich habe mich
-über die guten Waadtländer so abscheulich lustig gemacht,
-und bekomme gleich in Lausanne eine wirkliche
-Brühsuppe, die erste seit drei Monaten &ndash; ich schäme
-mich recht. Herren und eine Dame aus Yverdun
-essen mit uns; sie sind freundlich, fragen, ob man
-sich in Genf sehr vor den Preußen fürchte. Ich bejahe,
-setze aber hinzu, die Genfer wollten mit den
-Preußen ein Ende machen. »Sie sollen's doch versuchen,«
-sagt der jüngere Herr. Der Kellner nimmt
-das Wort und ruft: »<i>Les Génevois ont beaucoup
-de paroles et peu de coeur; c'est ce qu'ils ont
-montré dans la guerre du Sonderbund.</i>« Die
-brüderliche Liebe der Cantone unter sich ist rührend.
-Wir fragen: »Wird man uns als Preußen unangefochten
-durch Neufchatel lassen?« Die Antwort ist:
-»<i>Tous les honnêtes gens sont pour la Prusse.</i>«
-Im Coupé des Omnibus fahren wir durch flach, aber
-fruchtbar Land. Man begreift, woran man im Canton
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Genf irre wird, wie die Schweizer Brod essen können.
-Eine junge Person, Tochter eines Genfer Vaters und
-einer englischen Mutter, erzogen in England, zum
-Besuch bei Verwandten in Genf, fährt mit uns und
-erfreut unsere Abneigung, indem sie die Genfer durch
-und durch hechelt. Ich helfe ihr; dieses Vergnügen
-hält den ganzen Weg über vor. Sie versichert, die
-Genfer seien den letzten Tag einer Bekanntschaft noch
-ebenso eisig, wie den ersten &ndash; »<i>you can't make
-any impression upon them</i>.« In Yverdun gehen
-wir spazieren, zuerst unter den Pappeln und Kastanien
-der Promenaden, nachher am Seeufer, da, wo
-die Zill einfließt. Die Wellen spielen auf dem dünenartigen
-Sande, junge Pappeln stehen im Mondlicht,
-Erlengebüsche scheinen undurchdringlich, es ist feucht,
-warm, ein Schiff mit hohem Segel kommt den
-Strom herauf, der Jura liegt dunkel umher, der See
-ist ein neuer, ein preußischer.</p>
-
-
-<h3 class="da">Den 3. August.</h3>
-
-<p>Im Speisesaale finde ich erst heute Morgen heraus,
-daß auf den Tapeten Tankred und Clotilde, Rinald
-und Armide sind. Das kleinste Dampfbötchen,
-<i>l'Industriel</i>, kommt pünktlich an; wir fahren heute
-unter einem Zelte. Mit uns sind ein Engländer mit
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-zwei Töchtern, eine höfliche, aber etwas verblichene
-Familie. Ein einsamer, schwerfälliger, gelblicher Engländer.
-Ein junges Ehepaar. Die jungen Ehepaare
-sind unverkennbar. Schweizer. Einer von diesen,
-klug Gesicht über blauer Blouse, unter schwarzem
-Hut, giebt uns Erläuterungen. Links ist Granson
-mit seinem erhaltenen Schlosse, rechts im Freiburgischen
-Estavayer &ndash; Otto von Granson und die schöne
-Dame von Estavayer, der feinste Intriguenstoff in
-der ganzen Schweizergeschichte. Drüben in der Ferne
-scheinen silbern die Alpen des Tessins. Schlösser des
-Grafen Pourtales liegen hinter Granson; der Graf
-besitzt deren mehrere auch in Genf und Waadt, aber
-beide Cantone haben verboten, ihm noch welche zu
-verkaufen, »denn er kauft die schönsten, und werden
-da die Fremden nach Genf und Waadt kommen, wenn
-sie nicht länger die schönsten Schlösser bewohnen können?«
-So mein Gewährsmann in der blauen Blouse.
-Neufchatel hat, neutral wie es sich gehalten, im Sonderbundskriege,
-der vorletzten großen Begebenheit der
-Schweiz, auf Handelswege durch den »Industriel« den
-Freiburgern Schießbedarf zukommen lassen &ndash; Waadt
-legt in Yverdun Beschlag auf den »Industriel« und
-zwingt ihn, sechs Wochen lang nur in waadtländischen
-Staatsdiensten zu fahren. Auf waadtländisch heißen
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-die Neufchateller Aristokraten und Jesuitenfreunde.
-Nachbarlich und freundschaftlich. (Immer mein Gewährsmann
-in der blauen Blouse.) Wir trinken vortrefflichen
-Wein aus Neufchatel. Die Stadt gekrönt
-mit Schloß und Kathedrale, unter beiden gelb und
-geräumig das Gymnasium. Vorher haben wir noch
-in das Val-de-Travers und in den Tunnel gesehen,
-durch welchen der Seyon genöthigt worden ist, anders
-als bisher in den See zu fließen. Am Lande
-fallen Kutscher über uns her. Wir sollen nach Basel,
-und Bern. Mit dem Omnibus sollen wir dahin, wohin
-wir wollen &ndash; nach Biel. Aber nicht im Coupé
-&ndash; darauf hat bereits die verblichene Familie Beschlag
-gelegt. Im Innern mögen wir nicht &ndash; wir nehmen
-für zehn Franken einen <i>char-à-côté</i>. Der Omnibusführer
-findet das unerhört; er zeigt auf uns: »die
-Leute da nehmen einen eigenen Wagen, weil sie nicht
-im Coupé fahren können!« Dazu Geberden. Ohne
-seine Erlaubniß also fahren wir fort, zwischen dem
-Oertchen St.&nbsp;Blaise und dem Sanct Blasisee hindurch
-an den Bieler See. Da ist links auf malerischer
-Waldhöhe Neustadtschloß, Ruine &ndash; rechts unter
-malerischer Felshöhe am See Neuville. Ich laufe
-durch den Weingarten des Gasthauses an das Ufer;
-Rohr wächst im Wasser, ein Badhäuschen steht, ein
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Kahn wiegt sich im Rohre; das Städtchen hat sechs
-Thürme, einen immer spitzer als den andern; der
-See ist mit dunklen Waldbergen eingefaßt; rechtshin
-im Laubwerk sehe ich den Thurm des Schlosses von
-St.&nbsp;Jean. Rousseau hat guten Geschmack gezeigt,
-als er auf St.&nbsp;Pierre saß, obgleich man seinen Schilderungen
-nach mehr Erhabenheit hier erwartet. Ich
-gucke auch in ein Sommerhäuschen; da überrasch' ich
-einen Herrn, der sich gebadet hat und wie eine Leiche
-in ein weiß Laken gewickelt ist; er erschrickt nicht,
-ich erschrecke ebenfalls nicht, lass' ihn sich weiter abtrocknen
-und komme zum Kaffee zurück in das Gasthaus.
-Dort hat es ein Erkennen zwischen Otto und
-einem Kutscher gegeben, der uns vorigen Herbst in
-Bern gefahren und »die Fru« gleich wiedererkannt
-hat. Der Mann hat eine rothe Weste an, raucht aus
-einer kurzen Pfeife und fährt nach Genf. Wir haben
-in Genf eine leere Kiste stehen lassen, die nach Bern
-gehört &ndash; wir fragen den Mann, ob er sie mitnehmen
-wolle? Lauter Bereitwilligkeit, aber als es ans
-Bezahlen geht, lauter Schwierigkeit. Der Mann
-verlangt drei Franken &ndash; die ganze Kiste ist nur zwei
-werth. Wir danken dem Manne freundlich; er ist
-ganz kurz geworden, erwiedert kaum unser Lebewohl.
-Vor uns her fährt mit einem Kutscher und einem
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Passagier ein anderer <i>char-à-côté</i>. Als wir aus
-Neuville heraus sind, wendet der vorausfahrende
-Kutscher sich um, ruft unserm Etwas zu, beide Chars
-halten, beide Kutscher springen ab, der vordere Kutscher
-wirft unserm seine Zügel zu, kommt an unsern
-Char, macht auf: »<i>Vite, faites-moi place pour ce
-jeune homme</i>« &ndash; seinen Passagier. Wir starren
-ihn an &ndash; »<i>Mais, monsieur</i>&nbsp;&ndash;« &ndash; »<i>Eh, parbleu!
-faites; il faut qu'il soit à Bienne avant le départ
-de la diligence.</i>« &ndash; »<i>Eh bien, qu'il aille à Bienne,
-mais pas dans notre voiture.</i>« &ndash; »<i>Mais si, dans
-votre voiture, il-y-a trois places.</i>« &ndash; »<i>Nous les
-avons prises.</i>« &ndash; »<i>Eh non, vous n'avez payé
-que deux &ndash; je veux la troisième. Rangez-vous.</i>«
-&ndash; »<i>Mais, monsieur, la voiture est-elle donc à
-vous?</i>« &ndash; »<i>Parbleu, si elle est à moi! Je veux
-conduire ce jeune homme à Bienne. Vous rangerez
-vous?</i>« &ndash; »<i>Pas du tout. Nous avons pris
-la voiture et nous la garderons.</i>« &ndash; »<i>Eh, ne
-faites donc pas tant de façons &ndash; en quoi ce
-jeune homme peut-il vous gêner?</i>« &ndash; »<i>Mais assurément
-il nous gênerait et même beaucoup.
-Enfin nous ne voulons pas.</i>« &ndash; »<i>Oh, quels gens!
-quels gens!</i>« Er schwingt sich auf den Kutschersitz,
-nimmt den jungen Menschen auf seine Knie und in
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-seinen Arm, und fort geht's, während unser bisheriger
-Kutscher dasteht und uns nachschaut. Sein Trinkgeld
-ist's, was davonfährt; der Herr ist ihm und uns
-nachgefahren, um ihn und uns einzuholen, statt seiner
-zu kutschiren, den zu befördernden Burschen zwischen
-uns einzuschieben und so von Neuville aus einen Char
-zu ersparen. Schönen Dank, das ist, wie da wir
-nach Mornex fuhren. Da wurde der Kutscher angerufen,
-hielt, fragte zu uns herein: »Wollen Sie zwei
-Personen mitfahren lassen?« Wir sahen hinaus &ndash;
-da standen zwei ungeheure Bonnen mit drei Kindern
-&ndash; die wollten zwei Personen vorstellen. Nun, jetzt
-kommen wir, Dank dem jungen Menschen, der nach
-Basel soll, wenigstens nicht zu spät nach Biel. Der
-Herr-Kutscher ist ganz geschmeidig geworden, seit wir
-beharrlich waren &ndash; erklärt uns die Eile des jungen
-Menschen &ndash; zum Begräbniß der Schwester soll er.
-Das thut uns sehr leid, aber darum können wir doch
-nicht &ndash; der Kutscher sagt zustimmend: »<i>N'en parlons
-plus.</i>« Sein geschwindes Fahren hat uns ganz
-wirr gemacht, besonders weil wir die heißen Felsenwände
-vor uns hatten. Es ist ein beliebtes <i>On-dit</i>
-in der Schweiz, daß ein Engländer einst in einem
-<i>char-à-côté</i> um den ganzen Genfer See gefahren sei,
-ohne den See einmal gesehen zu haben. In Biel
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-empfängt uns ein Omnibuskutscher und verspricht uns
-für vierzig Batzen einen schönen Wagen, in welchem
-wir ganz allein fahren sollen. Wir treten an das
-glückselige Fuhrwerk hinan &ndash; da steht unser junges
-Ehepaar vom »Industriel« und wartet, daß unser Kutscher
-es in dem schönen Wagen ganz allein nach Solothurn
-fahre. Der Omnibuskutscher sagt ganz vergnügt:
-»Ja, ich habe Sie allein fahren wollen, denn
-ich wußte ja nicht, daß noch mehr Personen kommen
-würden; nun diese zwei Personen gekommen sind,
-können Sie nicht allein fahren &ndash; nein, das geht
-nicht &ndash; ich bin ein Omnibus &ndash; ich fahre Alles.«
-Der junge Ehemann sagt: »Ich mag dem Manne seinen
-Verdienst nicht schmälern; es ist mir nur des Prinzips
-wegen.« &ndash; »Eben des Prinzips wegen würd'
-ich uns nicht nehmen,« sagt Otto. Der Kutscher
-wiederholt: »Ich bin ein Omnibus &ndash; ich fahre Alles.«
-Also wir sollen fahren, selbst gegen das Prinzip, aber
-erst müssen wir essen &ndash; wir sterben Hungers. Im
-Speisesaale sitzt die verblichene Familie. Der Vater
-kommt zu Otto. Er hat für jeden Platz im Coupé
-sechs Franken zahlen müssen. »Ist das nicht zu
-theuer?« &ndash; »Ja wohl, der Platz im Coupé ist immer
-nur einen Frank mehr, als der im Innern und
-für einen solchen hat man mir in Neufchatel nur vier
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Franken abverlangt.« &ndash; »Entschuldigen Sie, hier
-hat die Person fünf und einen halben zahlen müssen.«
-Es ist klar &ndash; die Gesellschaft hat für uns Beide
-mitbezahlt &ndash; die Kutscher in Neufchatel und Biel
-scheinen sich das Wort gegeben zu haben, an diesem
-dritten August zu prellen. Wir verschlucken ein Beefsteak
-und eilen hinab &ndash; da sitzt das junge Ehepaar
-auf den beiden Vordersitzen. Ich soll rückwärts fahren,
-nachdem ich so lange seitwärts gefahren &ndash; dazu
-ist mein Kopf zu müde &ndash; wir wollen wieder abladen
-lassen. Der Neufchateller Kutscher räth dem Bieler
-dringend, das junge Ehepaar in Biel zu lassen &ndash;
-»am Ende, sie zahlen nicht zwanzig Franken!« Das
-will sagen, wir zahlen zehn Batzen mehr. Der Bieler
-Kutscher aber macht am Wagenschlage so eindringliche
-Vorstellungen über die Rücksichten gegen das
-Frauenzimmer, daß der junge Ehemann den Kopf
-heraussteckt und frägt: »Madame, können Sie nicht
-gut rückwärts fahren?« Meine Antwort ist Nein.
-»Nun gut,« sagt er, »ich kann's auch nicht gut, aber
-wir wollen's versuchen.« Wir versuchen's, es geht,
-und wir schwatzen recht angenehm bis Solothurn.
-Das junge Ehepaar besitzt einen Schatz, um welchen
-ich es aufrichtig beneide &ndash; den allernachgiebigsten
-Magen. Des Morgens braucht es kaum zu frühstücken,
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-des Mittags geradezu gar nicht zu essen, und
-nie ist es hungrig. In Solothurn muß es erst noch
-einen Spaziergang machen, um Eßlust zu finden!
-Nun frag' ich, kann man angenehmer reisen, als immer
-gesättigt, ohne je vor Abend zu essen? Wir haben
-immer Hunger, Morgens, Mittags und Abends auch
-noch, müssen immer in Eile sein, unsern innern Despoten
-zu befriedigen, können immer erst nach dem
-Beefsteak an den Mondschein denken. Glückseliges
-junges Ehepaar, in deiner poetischen Bedürfnißlosigkeit!
-Während es endlich irdisch genug fühlt, um zu
-Abend zu speisen, kommt unser einzelner Engländer
-vom Morgen. Er setzt sich langsam neben mich, unterhält
-und amüsirt sich langsam, spricht aber beileibe
-kein Wort Englisch außer auf Französisch. Nachdem
-er sich lange genug so amüsirt hat, steht er langsam
-auf, sagt uns langsam, er werde morgen nach Schinznach
-fahren, bietet uns langsam guten Abend und
-schreitet langsam aus dem Saale.</p>
-
-
-<h3 class="da">Den 4. August.</h3>
-
-<p>Als wir im vorigen October in Solothurn übernachteten,
-war's winterkalt und der große Ofen wurde
-erst am andern Morgen warm, während das Kamin
-unermüdlich rauchte. Heute ist's wärmer, aber der
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-Röhrbrunnen an der Kathedrale rauscht so lebendig,
-daß er uns wach erhält und uns nöthigt, noch um
-Mitternacht im schlafenden Hause auf eigne Hand ein
-anderes Zimmer aufzusuchen. Am Morgen giebt es
-einen Retoureinspänner nach Aarau. Der Einspänner
-ist das nationale Fuhrwerk der Schweiz. Der Koffer
-will nicht recht darauf gehen &ndash; ich benutze den
-Augenblick und gehe still in die Kathedrale. Das
-Gebäude ist weiß und hell von innen und außen.
-Auf den Beichtstühlen sind hingeworfene reuige Gestalten
-&ndash; Petrus nach der Verleugnung eine von
-ihnen. Mir ist's nach dem ultrareformirten Genf
-herzlich wohl, wieder einmal zwischen heiligen Bildern
-und knieenden Betern zu wandern. Man betet besser
-unter einem Gewölbe, welches ausschließlich bestimmt
-ist, Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn zu hören,
-als in der Stube, wo alle die Kleinlichkeiten der
-Häuslichkeit gethan werden. Ein Oratorium allein
-kann das tägliche Gebet im Hause gesammelt machen.
-Als ich meine Wanderung vollbracht, fahren wir &ndash;
-das junge Ehepaar fährt nach Basel. Wie malerisch
-ist hier der Jura! Voriges Jahr war er so überbunt,
-wie ich noch kaum weder Gebirg noch Wald
-gesehen. Ich hab' ihn liebgewonnen den langen, einförmigen
-und doch mannigfachen Jura, vielleicht weil
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-er sowohl in der Ferne, wie in der Nähe so schöngeschwungene
-Linien hat, vielleicht auch, weil ich so oft
-auf ihm die ersten und letzten Lichter der Sonne und
-in der Mondnacht den leuchtenden Schnee blinken sah.
-Die Luft von ihm weht rauh; heute ist sie ein Sturm.
-Wir wenden uns endlich an der Stelle von ihm ab,
-wo wir damals von Basel her über ihn kamen. Den
-ganzen Tag bis Abends um sechs fahren wir durch
-die frischesten Hügellandschaften, welche für mich mit
-den Alpengegenden der Schweiz wetteifern. Aarau
-liegt geradezu allerliebst; es ist die erste Stadt in der
-Schweiz, wo zu wohnen mir gefallen könnte. Wir
-gehen vom Ochsen hinunter an die Aar, über ein
-Bächlein, das hineinschießt, die Aar hinauf. Jenseits
-liegt das Thal voll Landhäuser; Fähren gehen hinüber
-und kommen herüber; der Abend ist kühl, aber
-nicht rauh, Wiesenduft füllt ihn. Wie wohl thut das,
-wenn man so lange kalkige Luft geathmet. Auf einer
-Brücke, die, ich weiß nicht worüber führt, kehren wir
-in die Stadt zurück; ein zahm Starmätzchen sitzt auf
-dem Geländer, guckt uns an, springt vor uns herum,
-dreht klug und neugierig das Köpfchen und fliegt
-endlich in einen Gasthof neben der Brücke. In unserm
-Ochsen schiebt mich der lange, trockne, regungslose
-Kellner am Ellenbogen an den Speisetisch; es ist
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-das seine Beförderungsart: allein läßt er einen nicht
-gehen. Der Ochse ist etwas ältlich, aber der Wirth
-einer der artigen Wirthe, wie man sie eben in den
-älteren schweizer Gasthäusern findet, Stube und Betten
-sind kolossal, auf der Gallerie blüht ein schöner
-Granatenbaum, und es gefällt mir in Aarau.</p>
-
-
-<h3 class="da">Den 5. August.</h3>
-
-<p>Alterthümertag, ohne unser Verdienst. Der lange
-Kellner weckt uns nicht, der Kutscher thut's, der natürlich
-wieder ein Retoureinspänner ist und zwar aus
-Baden am Stein. Dabei ein großer, starker, hübscher
-Mensch, in kurzer blauer Jacke und niedrigem grauen
-Troddelhut, mit krausem röthlich-blondem Bart und
-geradem, regelmäßigem Profil, Tell, wie man ihn sich
-nur denken kann, Xaver genannt, und so voll Kraft,
-daß er den schweren Koffer mit einem Ruck aus allen
-Fugen reißt. Er sieht bei dieser Heldenthat sehr gelassen
-darein &ndash; wir sind weniger zufrieden damit,
-indessen was soll man sagen? Wir setzen uns zum
-Frühstück und sehen die Begrüßung zweier eidgenössischen
-Lieutenants, die einander genannt werden. Sie
-bleiben in einem Bückling vorgebogen stehen, lächeln
-sich verlegen an, wissen sich nicht ein Wort zu sagen
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-und setzen sich endlich stillschweigend gleich uns zum
-Frühstück. Wir fahren mit Xaver &ndash; der Wagen ist
-gut genug, aber das Pferd, das Pferd! Xaver hat
-es verzogen, wie eine Großmutter ihr jüngstes Enkelkind.
-Jeder seiner Neigungen wird nachgegeben, und
-es hat deren unendlich viele. Es will in jedes Thor,
-in jeden Seitenweg, in jedes Wirthshaus. Kein
-Grashalm steht am Wege, ohne daß es den Braunen
-danach gelüstet, und liegt nun gar ein Kleefeld da,
-so will er förmlich mit Gewalt hinein. Zugleich erschrickt
-er vor jedem Nichts; ein Karren, ein Haufen
-Flachs, ein Hund, ein Vogel sind sämmtlich ungeheuerliche
-Dinge, vor denen der Braune ebenfalls
-rechts oder links will. Xaver blickt bei jeder dieser
-<i>gentilesses</i> sich freundlich lächelnd nach einem um,
-als wollt' er sagen: seht, was das für ein Pferd ist!
-Dazu fehlt noch ein Nagel im linken Vorderrade;
-Xaver hat ein Hölzchen geschnitzt, es in die Lücke geschoben
-und spricht nun von Zeit zu Zeit: »Wenn das
-Nägli herausginge, würde das Rad rückwärts gehn,
-aber das Nägli geht nicht heraus.« In Folge aller
-dieser kleinen Hemmnisse kommen wir nur gemessen
-weiter; die Gegend wenigstens ist reizend. Rechts
-auf Höhen Wildeck und Habsburg, Schloß und
-Ruine; links im Thale Wildenstein, Schloß, auf
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-ferner Höhe Schenkenberg, Ruine. Habsburg unstattlich.
-Der Erbauer borgt sich das Geld dazu von
-seinem Bruder, dem Bischof von Constanz. Wie's
-fertig, kommt der Bischof, besieht, wiegt das Haupt.
-»Für so viel Geld ein so klein Schloß mit so schlechten
-Mauern!« Der Besitzer zeigt hinunter vor das
-Schloß. Da stehen einige tausend Mann in Waffen.
-»Das sind meine Mauern; für die hab' ich
-euer Geld verwandt.« Schinznach, moderner Halbmond
-in Gehölzen zum Spazierengehen. Bei Brugg
-wird der Aar der Rücken gedreht. Links liegen
-Gebäude in einem fensterlosen Viereck, über das ein
-Thurm ragt. »Was ist denn das?« &ndash; »Kloster
-Königsfelden.« Agnesens Rachedenkmal. Man muß
-es doch sehen. Militair im Hofe. Hindurch. Ein
-Thor. Die Kirche schwer, rauh. Rechts die Mönchs-,
-links die Nonnenwohnung. Diese leer, wüst, Bohnen
-im Kreuzgange. Agnesens Zimmer voll von
-römischen Töpfen und Schüsseln &ndash; Alles zerbrochen,
-nur ein Löwenkopf und ein Säulenfuß anständig.
-In der Zelle alte Malerei und neben dem
-Fremdenbuch römische Münzen. Die Kirche Holzschuppen.
-Zwischen Balken und Brettern das Denkmal
-der Kaiserfamilie. Ueber Grabsteine von Berner
-Herren in den Chor. Schöne bunte Fenster. Ueber
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-den Stühlen die bei Sempach gefallenen Ritter.
-Alle knieen; einer sieht genau wie der andere aus.
-Von der Reuß an die Limmath, von der Limmath
-nach Baden.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Die beiden Wittwen.</h2>
-
-
-<p>In Baden am Stein ist der »Hinterhof« das
-letzte, älteste und stillste der Hotels, wirklich wie sein
-Name andeutet, ein Hof hinter allen andern Höfen,
-hinter dem »Raben«, dem »Ochsen« und dem »Bären«,
-hinter dem »Schiff«, hinter der »Blume«, ja
-sogar hinter der »Sonne«. Ein großer Hof, eingefaßt
-von Gebäuden, deren neuestes zweihundert Jahr
-zählt. Treppen hier und da, viel Thüren, viel Ecken.
-Eine Gallerie. Kürzlich umhergepflanzt Kastanien,
-Ahorn, Liliodendron, Kugelakazien. Dazwischen in
-großen Kübeln Granatbäumchen und schöne Fuchsien.
-Grüne Persiennen an Fenstern, von denen kaum eines
-so groß wie das andere ist, kaum zwei in gleicher
-Reihe und gleicher Entfernung von einander ausgebrochen
-sind. Hineinschauend, als gehörte er auch
-zum Hause, der Thurm einer kleinen Kirche, welche
-sich von Außen vertraulich an die Scheune legt. Das
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-ist der Hof des »Hinterhofes« und hier saß ich an
-dem schönen Sonntagnachmittag, wo wir nach Baden
-kamen, während Otto die Stuben musterte. Da näherte
-sich eine alte Frau mit freundlicher Miene, rothen
-Wangen und buntem Anzug, machte mir einen höflichen
-Knix und fragte: »Spreche Sie dütsch?« Ich
-antwortete der Wahrheit gemäß, und wir waren gegenseitig
-bereits sehr verbindlich und freundschaftlich,
-als Otto mir Bericht erstatten kam. Wie öfter sprachen
-wir italienisch; die alte Frau machte ein noch
-freundlicher Gesicht und fragte auch auf italienisch:
-ob ich aus Bergamasco oder aus Mailand sei. Zu
-Ehren meines Italienisch muß ich bemerken, daß diese
-beiden Städte die einzigen italienischen waren, welche
-die alte Dame kannte. Ich erklärte ihr, wie es
-komme, daß wir diese schöne Sprache so liebten &ndash;
-»O, ich war auch in Italien,« sagte sie mit Stolz,
-»fünfundzwanzig Jahre bin ich da gewesen, ja, meine
-Signora. In Locarno bei dem Signor Governatore.
-Und wenn ich Italienisch höre, fühl' ich's im Herzen.«</p>
-
-<p>So hatten wir eine Bekanntschaft, ehe wir noch
-in den »großen König« eingezogen. Diesen erhabenen
-Namen führte nämlich die älteste und häßlichste Stube
-in dem ganzen alten Hause. Lang, niedrig und dunkel
-hatte sie nur <em class="ge">ein</em> vernünftiges Fenster, das andere
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-war eine Art Schießscharte, mit kleinen runden Scheiben
-in Blei. Eine fehlte &ndash; wir klebten Papier vor
-das Loch. Ein schwerer Tisch stand auf gekreuztem
-Balken, auf den Dielen stolperte man immerfort,
-ebenso auf der hohen Schwelle. An der Thür fehlte
-Nichts als die Klinke, und unser Doctor pflegte zu
-sagen, die Stube wäre noch von unsern Vorfahren,
-den alten Regensburgern, eingerichtet. Der sogenannte
-Alkoven daneben hatte ebenfalls eine Hügelschwelle
-und eine Schießscharte, außerdem mittelalterliche
-Wandnischen und endlich einen blaugestrichenen
-Kleiderschrank, an dessen Thür angeschrieben stand:
-Herr so und so aus Bern habe den und den Tag
-hier hinein seine Röcke gehangen. Grauer, veralteter,
-ja verfallener hätten wir gar keinen Raum finden
-können, und er gefiel uns natürlich ungemein.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft an der Table d'hote war ungefähr
-wie die Stube und das ganze Haus. Mir
-wollte es beim Anhören der Gespräche immer vorkommen,
-als läse ich Goethe über den Elsaß. Da
-war ein Herr Wölflin, jetziger Tabacksfabrikant aus
-Rheinfelden, ehemaliger Napoleonischer Soldat ohne
-Enthusiasmus. Da war aus Mühlhausen, Fabrikant
-auch von Etwas, Herr Wangern, der an Regentagen
-als Liebhaber drosch und durch die That bewies,
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-»was für eine Eßlust man dabei bekomme.« Da
-war der Herr Steiger aus Bregenz, jung, glatt gekämmt,
-Sonntags im Frack, Wochentags im grauen
-Rock mit grünem Sammtkragen. Da war Herr
-Kyslin, Lithograph aus Basel, dem die Thränen in
-die Augen drangen, wenn er an den nahen Untergang
-der Welt dachte, ein armes Opfer frommer
-Traktätchen. Da war endlich Herr Kaiser, Eisenhändler
-in Solothurn, gebürtig aus dem Schwarzwalde,
-krank an einem Halsleiden, das allerbeste Gemüth
-auf Erden, und, wie Herr Wölflin meinte,
-»halt etwas blindköpfig,« weßwegen den ganzen Mittag
-über immer gewetteifert wurde, wer den armen
-Mann am besten schrauben könne. Man sprach z.&nbsp;B.
-von der Verschiedenheit der Kartoffeln und der <i>pommes
-de terre</i>. Herr Kaiser sah schlau aus und
-meinte, das sei wohl dasselbe, nur auf französisch und
-auf deutsch. »Behüte,« wurde ihm geantwortet,
-»<i>pommes de terre</i> sind Erdäpfel, und diese, wie gesagt,
-völlig verschieden von den Kartoffeln. Es wäre
-eine gute Speculation, wenn man <i>pommes de terre</i>
-auf- und als Kartoffeln wieder verkaufte. Die Pflanze
-ist sonderbar, hat Blätter wie die Sonnenrose und
-wächst wie ein Strauch, manchmal ungeheuer hoch.«
-Herr Wangern versicherte: in Mühlhausen wachse die
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-Cichorie auch oft neun Schuh hoch und zwar mit
-dem Hopfen zusammengezogen. Der Ertrag beider
-wunderbarer Pflanzen werde meistens über Neuenburg
-im Badischen verführt. Otto antwortete: Wir in
-Preußen bezögen auch fast alle Waaren über dieses
-Neuenburg. Folgte nun die Unterhaltung über die
-Stadt. Sie war klein, so gut wie gar keine Straßen,
-kaum Häuser, aber ein ungeheuerer Verkehr. Herr
-Kaiser hörte Alles an und &ndash; glaubte Alles.</p>
-
-<p>Ganz offen &ndash; diese Gesellschaft machte mir die
-eine Stunde immer außerordentliches Vergnügen. Sie
-war so vollkommen neu für mich. Am oberen Ende
-des Tisches saßen mehrere Französinnen und elegante
-Waadtländerinnen, aber von ihnen hielt ich mich mit
-äußerster Sorgfalt entfernt &ndash; ich hatte noch genug
-von Genf. Meine Elsässer und Schwarzwälder mit
-ihrem kernigen Humor waren mir weit lieber. Außerhalb
-des Tisches freilich hörten unsere Beziehungen
-zu ihnen fast gänzlich auf, nur mit meiner ersten
-Bekanntschaft gab es bei jeder Begegnung einen Austausch
-von Höflichkeit und Italienisch.</p>
-
-<p>Sie war 78 Jahr alt, dabei frisch, fett und froh,
-blos der Kopf zitterte ihr etwas. Seit acht Jahren
-lebte sie im Hinterhofe, Winters mit der Familie,
-Sommers mit den Fremden. Ihr »Herr« war hier
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-im Bade gestorben &ndash; sie liebte, seinem Grabe nahe
-zu sein. Sie trocknete sich die Augen, als sie uns
-das erzählte, »wie eine junge Wittwe,« sagte ich damals
-zu Otto. O, ihr »Herr« war so süß gewesen
-und ihr so theuer! Er war Seckelmeister in Einsiedeln
-gewesen und ganz besonders um sie zu heirathen
-nach Italien gekommen. Sie war auch aus Einsiedeln,
-hatte dort Brüder als Conventualen und ich
-glaube gar einen Onkel als Fürstabt gehabt &ndash; o,
-sie war von Familie und so aristokratisch, wie man
-es nur in der Schweiz noch ist. Mir, der fast 30
-Jahr jüngeren Frau, küßte sie trotz meines Sträubens
-immer die Hand, denn ich war eine Signora, und sie
-verstand das. Ihr »Herr« war auch ein Signor gewesen,
-sonst hätte sie, obwohl bereits 50 Jahre zählend,
-da er um sie gefreit, ihn gewiß nicht als Gemahl
-angenommen. Und im Hinterhofe würde sie auch
-nicht wohnen, wenn es nicht eine gute Familie wäre,
-aber die Dorers waren eine der ältesten Familien in
-Baden &ndash; ihre Mutter, eine Baldinger, war mit ihnen
-verwandt. Freilich schätzten sie den Vorzug ihres
-Geschlechtes nicht genug &ndash; sie verständen es nicht
-besser &ndash; flüsterte sie vertraulich. Sie hatte Recht &ndash;
-Herr Dorer, dick, untersetzt und stumpfsinnig, dachte
-weit mehr an das Rindfleisch, welches er immer
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-eigenhändig herumreichte, als an seinen Ahn, den
-Schultheiß, der einst die Mauern von Baden so
-tapfer vertheidigt. Sein Erbe schlachtete ihm nach &ndash;
-weder der jetzige, noch der »Fideicommissair«, &ndash; denn
-der Hinterhof im Canton Aargau ist ein Fideicommiß
-&ndash; sah im Geringsten patricisch aus. Aber die
-Seckelmeisterin wußte, aus welchem Blute Beide
-stammten, und dieses Wissen tröstete sie über das plebejische
-Aussehen und machte es ihr angenehm im
-Hinterhofe. Sie selbst war allgemein beliebt; besonders
-schrie die kleine Amalie, das Schwesterchen des
-jüngeren Fideicommissairs, schon auf zwanzig Schritte
-mit ihrem hellen Stimmchen: »Scheckelmei! Scheckelmei!«
-Scheckelmei kam dann herbei und hieß Amalie
-vor den Fremden ihre »Kneikerle« machen. Scheckelmei
-war ihrer Manieren und ihrer Sprachkenntniß
-wegen Gouvernante bei den Fräulein Töchtern des
-Herrn Gouverneurs gewesen und wußte, was Lebensart
-heißt. Sie redete immer wohl und immer mit
-Feierlichkeit, ganz wie in Goldoni's Komödien geredet
-wird. Damit konnte sie uns inmitten des Hofes
-ganze Viertelstunden aufhalten. Wenn ich endlich
-durchaus entschlüpfen wollte, gab ich ihr geschwind
-einen Kuß; darüber war sie so erfreut, daß sie uns
-fortließ. Bei Tische machte sie immer die Wirthin
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-und nöthigte einem Jeden weit mehr vom Nachtisch
-auf, als er essen wollte. Sie war gar gut die
-Scheckelmei, und ich hatte sie sehr lieb, und sie mich
-auch. Dann freute sie sich immer über meinen »<i>dulce
-signore</i>,« pries die Süßigkeit der Freundschaft, die
-Süßigkeit der Keuschheit und das Paradies der Liebesfreuden,
-sprach von ihrem »Herrn«, trocknete sich
-die Augen und wartete auf die Wiedervereinigung,
-wenn gleich vielleicht ohne sie besonders zu wünschen.</p>
-
-<p>Eine Table d'hote in einem Badeorte ist eines
-der treuesten Bilder des Lebens &ndash; täglich verschwinden
-bekannte Gesichter, um fremden Platz zu machen.
-Wir hatten bald nicht mehr Herrn Wölflin, Herrn
-Wangern und selbst unsern guten Herrn Kaiser, dafür
-hatten wir eine »enorme« Jungfer aus Stäfa,
-die jeden Tag in einem anderen prachtvollen Seidenkleide
-erschien, eine Madame aus Chur mit einem
-vierjährigen Knaben, welcher durch seine grenzenlose
-Unbändigkeit bald den ganzen Hinterhof zur Verzweiflung
-brachte. Schweizer Officiere mit ihren
-Frauen, Professoren, Räthe und endlich ein Paar, das
-uns auffiel, weil der Mann noch so jung und so
-hübsch war und die Frau so bleich und so krank aussah.
-Auch trug sie Trauer und der Mann nicht.
-Dabei schienen sie sich sehr zu lieben; man sah Beide
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-nie anders als miteinander; er führte sie stets. Wir
-machten eine Art Bekanntschaft mit ihnen auf einem
-Spaziergange, wo wir von verschiedenen Seiten zusammentrafen.
-Sie waren Beide in St.&nbsp;Gallen und
-Heidelberg so gleich gut bekannt, daß wir meinten,
-er sei irgend ein Rath oder dergleichen aus St.&nbsp;Gallen,
-der in Heidelberg studirt habe. Am Abend suchten
-wir in der Fremdenliste, konnten aber weder aus
-Heidelberg, noch aus St.&nbsp;Gallen ein Ehepaar entdecken
-und wunderten uns. Doch nur wie man sich
-über Dinge wundert, die einen wenig oder eigentlich
-gar nicht interessiren. Den nächsten Tag war der
-Mann abgereist; ich fragte natürlich die Frau, ob er
-ihr nicht sehr fehle. Sie lächelte verlegen. »Sie
-haben auch gedacht, das sei mein »Herr«, nicht wahr?«
-fragte sie. »Aber das ist nicht; ich bin Wittwe und
-in Trauer um meinen Mann, und Karl ist nur mein
-Bräutigam.«</p>
-
-<p>Ja, es war auch eine Wittwe, wirklich und wahrhaftig
-eine Wittwe &ndash; wir hatten zwei Wittwen im
-Hinterhofe, eine alte und eine junge, eine treue und
-eine getröstete, eine Wittwe zum Beispiel, und eine
-Wittwe zur Warnung. Eine Figur aus Goldoni, und
-eine Frau aus Boccaccio. Ich fiel ein Mal um das
-andere aus den Wolken in die naivsten, freudigsten
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-Verwunderungen darüber, daß die Mannheimerin mir
-eine jener frischen, verliebten Frauen so lebenswahr
-vorspielte, denn sie war aus Mannheim unsere verlobte
-Wittwe, sie war aus Mannheim und seit acht
-Jahren in St.&nbsp;Gallen äußerst glücklich verheirathet
-gewesen. O, ihr Mann war noch viel schöner gewesen
-als Karl, und wie sie ihn geliebt, und wie beweint
-hatte &ndash; es ließ sich nicht sagen! Ganz St.&nbsp;Gallen
-war auch, als sie ihn verloren &ndash; es war zu Neujahr
-gewesen, also jetzt gerade sieben und einen halben
-Monat &ndash; ja, ganz St.&nbsp;Gallen war lauter Mitleid
-gewesen; obgleich eine Fremde, hatte sie sich völlig
-wie unter Landsleuten glauben können, so hatte man
-sich beeifert, ihr Theilnahme zu bezeigen, sie zu trösten!
-Die guten St.&nbsp;Gallener hatten vermuthlich gemeint,
-einen St.&nbsp;Gallener zu verlieren, müßte für eine
-Mannheimerin ein geradezu unermeßlicher Verlust
-sein! Einer der angesehensten Männer war zu ihrem
-Schutzvogt ernannt worden &ndash; die Interessen der
-armen Verlassenen mußten doch als heilig betrachtet
-werden. Die arme Verlassene, die so allein auf der
-Welt war, hatte den Winter über einsam ihrer Trauer
-gelebt und im Frühjahr eine Landsmännin aus Heidelberg
-nur darum aufgenommen, weil die unglückliche
-Frau sich vor den Wirren aus Baden geflüchtet und
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-nicht gewußt hatte, wohin. Diese unglückliche Frau
-war zufälliger Weise die Mutter von Karl gewesen,
-und Karl natürlich zu seiner Mutter gekommen, als
-er mit seinem Bruder nicht in den Aufstand gewollt
-hatte. Und da hatten sie sich Monate lang täglich
-gesehen, und so &ndash; o, sonst hätte sie's gewiß nimmer
-gethan, versicherte die Wittwe-Braut. Natürlich,
-wenn sie Karl nicht kennen gelernt hätte, würde sie
-sich nicht in ihn verliebt haben. Jetzt war sie's ordentlich,
-ein junges Mädchen, welches den ersten Bräutigam
-hat, kann's nicht ärger sein. Karl kam immer
-zugleich mit dem seligen Mann aus ihrem Munde.
-Diese Hoffnung auf ihren Künftigen zugleich mit der
-Trauer um ihren Seligen machte sie ungemein belustigend.
-Man wußte immer nicht, wen man hörte
-&ndash; ob die Wittwe oder die Braut. Dazu kam, daß
-dieser lebendige Widerspruch alle seine Empfindungen
-mit süddeutscher Offenheit herausplauderte. Wir erfuhren
-alle ihre Angst, daß die St.&nbsp;Gallener merken
-könnten, wie es mit ihrer Wittwenschaft aussähe, alle
-ihre Entschlüsse, so lange sie dieses Kleid trage, nicht
-wieder zu heirathen, alle ihre Furcht vor dem vornehmen
-Schutzvogt, der ihr jetzt ein wahrer Luxus von
-Ehre schien, unnütz, sehr unnütz, endlich die Noth,
-welche sie hier im Hause, in unserm scheinbar so
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-soliden Hinterhofe gehabt. Die Leute waren schrecklich,
-aber schrecklich neugierig gewesen; immer hatten
-sie gelauscht, gelacht und bedeutungsvolle Mienen gemacht;
-selbst der Joseph war anzüglich geworden.
-Joseph war der Badewärter des Hinterhofes und eine
-der gelassensten Individualitäten, welche mich je um
-die Geduld gebracht. Aller Welt hätte ich boshafte
-Bemerkungen zugetraut, nur nicht dem Joseph, und
-dieser selbige Joseph hatte doch mit zweideutiger Miene
-gefragt: ob der Herr denn nicht mit in's Bad gehe.
-Um diese Frage nicht gar zu impertinent zu finden,
-muß man wissen, daß hier unter Eheleuten die Sitte
-des gemeinschaftlichen Badens herrscht, aber freilich
-nur unter Eheleuten, unter Verlobten nicht. Der heillose
-Joseph schien indessen Karl und die Wittwe nicht
-blos für Verlobte halten zu wollen, denn auf ihre
-Erwiederung: der Herr sei nicht krank, hatte er trocken
-gemeint: ach, die Herren gingen doch mit, auch wenn
-sie nicht badeten. Das war denn der armen Wittwe
-doch zu arg geworden und sie hatte den Bräutigam
-beschworen, das ungestörte Zusammensein, welches sie
-hier in Baden gehofft hatten, fahren zu lassen und
-sie in St.&nbsp;Gallen zu erwarten. Karl war ein vernünftiger
-junger Mann gewesen und resolut abgereist,
-aber, ach, was es jetzt der Wittwe leid that,
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-daß sie nicht lieber den Joseph hatte schlaue Bemerkungen
-machen lassen, ohne den Bräutigam fortzuschicken!
-Sie wußte sich nicht mehr zu finden, sie
-brauchte ihre Kur wie im Traume, sie versicherte, daß
-sie nicht aus dem Fieber herauskomme. Endlich hielt
-sie's nicht mehr aus &ndash; der Doctor mußte ihr die
-Abreise erlauben. Sie kam zu uns herüber gelaufen,
-sie war wie elektrisirt, nie habe ich ein glückseliger
-Geschöpf gesehen. Sie wollte einen Antheil an dieser
-Freude ihrer kleinen Tochter zuschreiben, aber ich
-fürchte sehr, die Wonne war einzig und allein für
-Karl.</p>
-
-<p>Die beiden Wittwen waren von einander verschieden,
-wie eine graue, moosige Epheuranke, welche sich
-auf einem Grabstein eingewurzelt, und ein leichtsinniger
-Finke, der, wenn sein Nest auf einem Baume
-zerstört wird, sich zwitschernd einen andern sucht, um
-sich ein neues zu bauen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-Waadtländerin und Pariser.</h2>
-
-
-<h3>Ein Nervenzufall.</h3>
-
-<p>Die hübsche Madame Picard lag auf dem Sopha
-und hatte einen heftigen Nervenzufall. Ihr Mann
-ging verdrießlich und unruhig hin und her und begriff
-nicht, wie bei einer vernünftigen Frau ein so unvernünftiger
-Zufall möglich sei. Herr Picard war an
-Nervenzufälle bei seiner Frau gewöhnt, aber so einer!
-Wie gesagt, konnte man einen solchen Nervenzufall
-haben?</p>
-
-<p>Die hübsche Waadtländerin ließ den ernsthaften
-Genfer nicht lange darüber in Ungewißheit. Sie
-schrie höchst erbärmlich, daß er sie nicht mehr liebe.</p>
-
-<p>»Aber, meine Theure,« fing der Gatte an.</p>
-
-<p>»Nein, lassen Sie mich,« schluchzte sie. »O, ich
-weiß es seit lange. Glauben Sie, daß solche Veränderungen
-dem Herzen einer Frau nicht fühlbar
-werden? Angebetet, wie ich war, glaubst Du, ich
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-empfinde nicht, Grausamer, daß Du kalt geworden
-bist, trostlos, ganz und gar kalt?«</p>
-
-<p>»Pauline, wir sind dreizehn Jahr verheirathet.«</p>
-
-<p>»Und das ist ein Grund, um uns nicht mehr zu
-lieben? Nun wohl, wie Sie wollen, Monsieur, wie
-Sie wollen.«</p>
-
-<p>Der Mann sprach von Uebertreibung und unbilligen
-Forderungen, so vernünftig, wie ein Genfer
-Kaufmann nur sprechen kann. Die Frau aber geberdete
-sich vor dieser unwillkommenen Vernunft immer
-krankhaft unverständiger, so daß dem Manne zuletzt
-Nichts übrig blieb, als der Bonne zu schellen und
-nach dem Doctor zu schicken.</p>
-
-<p>Die Bonne erhob, als sie ihre Herrin in einem
-solchen Zustande sah, die Augen gen Himmel, zuckte
-tragisch die Achseln und verkündete, indem sie durch
-die Küche eilte, Monsieur bringe Madame noch um,
-das sei ganz klar.</p>
-
-<p>Die Köchin und ein eben anwesendes Nähtermädchen
-umarmten den kleinen dreijährigen Emil, der
-ihrer besondern Sorgfalt anvertraut war, schüttelten
-traurig die Köpfe und seufzten: »armes Kind!« Emil
-begehrte noch eine Butterschnitte; unter neuen schweren
-Seufzern empfing er sie von den bewegten Dienerinnen.
-Er biß hinein, beschmierte sich beide Backen
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-und watschelte in dieser wahrhaft kindlichen Verfassung
-hinaus auf die Gallerie, ohne im mindesten zu
-wissen, daß seine Mutter als ein Gegenstand des tiefsten
-Mitleidens auf ihrem Sopha am Rande des
-Grabes lag.</p>
-
-<p>Die Mutter schien es zu wissen, denn sie wehklagte
-über ihre armen Kinder und beschwor ihren
-Mann, wenigstens diese zu lieben. Der Mann murrte:
-das verstehe sich ja von selbst.</p>
-
-<p>Nein, das verstand sich nicht von selbst. Wer die
-Mutter nicht mehr liebte, wie leicht konnte der auch
-der Kinder vergessen.</p>
-
-<p>Herr Picard griff sich mit allen zehn Fingern
-langsam in das Haar. Es war ihm dies seit zehn
-Jahren nicht begegnet, aber seine Frau hatte sich auch
-noch nie so aufgeführt.</p>
-
-<p>Sie lag starr und sprachlos, als der Doctor kam.
-Herr Picard fand diese Sprachlosigkeit recht gut &ndash;
-der Doctor war anderer Meinung. Kaum hörten
-das die Bonne, die Köchin und das Nähtermädchen,
-so erhoben sie einstimmig ein Geschrei von solcher
-Stärke, daß Herr Picard fürchtete, die ganzen Eaux-vives
-könnten aufrührerisch werden. In dieser Vorstadt
-von Genf stand nämlich das Häuschen, welches
-einen kleinen Hof, einen kleinen Garten und zwei
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-kleine Gallerien hatte und von Herrn Picard nebst
-Frau und Kindern bewohnt wurde.</p>
-
-<p>Nachdem Madame zu Bett gebracht und mit Essenzen
-gerieben worden war, bekam sie die Sprache
-wieder und verlangte nach ihren Kindern. Die beiden
-ältesten Jungen konnten nicht aufgefunden werden &ndash;
-sie fischten irgendwo, wahrscheinlich in nicht kleiner
-Gefahr, aus dem Kahn in den See zu fallen. Der
-kleine Emil wurde von der Bonne herbeigeführt &ndash;
-die Mutter küßte ihn und verzog den Mund, weil sie
-mit dem Kusse Butter auf die Lippen bekommen
-hatte. Die Bonne, ziemlich hart über ihre wenige
-Sorgfalt für den Kleinen angelassen, rümpfte die
-Nase und versicherte dann draußen in der Küche:
-man könne es Madame nie recht machen; Monsieur
-möge es manchmal schwerer mit ihr haben, als man
-glaube. Die Köchin und das Nähtermädchen stimmten
-der Bonne völlig bei, und Madame schlief ein,
-ohne länger bedauert zu werden.</p>
-
-<p>Unterdessen las der Doctor dem gelangweilten
-Ehemanne Moral. Eine so reizbare Frau müsse geschont
-werden, oder man könne der übelsten Folgen
-gewärtig sein. Herr Picard rief mit unterdrückter
-Erbitterung: »Wenn ich nur erst wüßte, wie ich sie
-schonen soll!« &ndash; »Wissen Sie's nicht?« fragte der
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Doctor. »Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte der
-verdrossene Mann. »Nun, das müssen Sie wissen,«
-schloß der Doctor phlegmatisch.</p>
-
-<p>Herr Picard wäre beinah heftig geworden, obgleich
-er ein Genfer war. »Sie können gut reden &ndash; Sie
-haben auch eine Frau&nbsp;&ndash;« &ndash; »Aber die hat keine
-Nervenzufälle,« ergänzte der Doctor.</p>
-
-<p>»Das war's, was ich sagen wollte. So haben
-Sie leicht predigen, was Sie nicht zu thun brauchen.«</p>
-
-<p>»Ich predige nur, was nöthig ist. Denn ich wiederhole
-Ihnen &ndash; schonen Sie Ihre Frau, oder &ndash;
-Sie möchten sie nicht gern verlieren, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Was für eine Frage!«</p>
-
-<p>»Nun, Sie können sie verlieren, wenn dergleichen
-Auftritte sich öfter wiederholen. Widersprechen Sie
-ihr nie, sie mag verlangen, was sie will.«</p>
-
-<p>»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard
-mit einem Seufzer, der vielfachen Erinnerungen galt.
-»Man sollte meinen, sie wäre statt am See von Joux
-in Paris geboren worden.«</p>
-
-<p>»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der
-Doctor. »Es giebt Frauen, die haben das Genie der
-Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau
-ist eine von den ersteren.«</p>
-
-
-<h3><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Madame Picard.</h3>
-
-<p>Also im Jouxthal war sie geboren und in einem
-Pensionat zu Morges erzogen worden. Ihre Mutter
-hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel
-und hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn
-Jahr war, verliebte Herr Picard, Pelz- und
-Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche
-waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer
-Bewerbung. So kam sie, jung, unerfahren und erwartungsvoll,
-in die dritte oder vierte Klasse der
-Genfer Gesellschaft &ndash; vielleicht auch in die fünfte
-oder sechste. Genf ist ja in so viel Klassen getheilt,
-wie ein botanisches System. Wodurch die eigentliche
-Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen
-können; man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine,
-wohne im Winter in der obern Stadt, im Sommer
-auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß
-ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie
-kam und kein Haus in der obern Stadt, sondern nur
-eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang es
-ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden,
-freilich nur an der Oberfläche und zugleich aus der
-Natur heraus. Groß und voll gewachsen, würde sie
-sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht eine
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei
-einem kleinen Figürchen recht niedlich, fällt dagegen
-bei einer großen Gestalt leicht ins Lächerliche. Ihr
-Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken Backenknochen
-und keinem schönen Profil. Im Hute sah
-sie sogar häßlich aus, in einem kleinen umgeknüpften
-Tuche dagegen recht anlockend. Sie wußte das und
-trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie
-that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen.
-Die arme Pauline wollte gern recht gefährlich kokettiren
-und hatte doch weder große Anlagen dazu, noch
-die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war
-daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer
-laut, sprach nur von sich, schob fortwährend ihren Fuß
-vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde mit einem Wort
-kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen
-Genfer Accent annahm und mit gekniffenen Lippen
-zwischen den Zähnen sprach, war nicht nur verzeihlich,
-sondern unvermeidlich, aber freilich nicht wohltönend.
-Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der
-Genferinnen, doch will das nicht viel sagen. Sie hatte
-das Italienische angefangen und wieder liegen lassen,
-das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur
-das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem
-Jahre ihren beiden ältesten Knaben lehren konnte.
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-Wurde englisch gesprochen, so verstand sie es nicht,
-aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr
-noch erinnerlich genug, um sie überlieferungsartig den
-Kindern mittheilen zu können. Ihr musikalisches Talent
-beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern,
-bei denen sie den Takt, um nicht herauszukommen,
-mit dem Fuße schlug und mit einem ausdrucksvollen
-Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren
-politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und
-Aristokratin, dabei sehr feurig und entschlossen. Wenn
-die Genfer gedacht hätten wie sie, würde James Fazy,
-der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht
-lange gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem
-ersten Wochenbette an einer krankhaften Reizbarkeit
-der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen durfte,
-stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte
-ziemlich mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen
-Zwillinge und ihren kleinen dümmlichen Emil, thronte
-in einem kleinen Kreise von Freundinnen und würde
-sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben,
-wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit
-hatte er allmählich aufgehört. Natürlich; waren sie
-nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten sie nicht zwei
-zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr
-Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Genfer? Es giebt viele Dinge, welche ich mir vorstellen,
-eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen
-kann &ndash; zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine
-Frau anbetet. Naive Mittheilungen von Genferinnen
-selbst haben mir einen sehr kleinen Maßstab für die
-Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben.
-Auch gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen
-für verzogene Kinder, und diese Bemerkung wird
-beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht
-gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon
-gesagt, Herr Picard war Genfer durch und durch,
-das heißt ein großer, etwas steifer, sehr zurückhaltender
-und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle
-nie recht bequem gefunden hatte. Folglich
-zog er sich im Verlauf der Jahre mehr und mehr in
-die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls
-folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste
-Frau, nicht nur in Genf, sondern auf Erden,
-verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen, alle möglichen
-Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl
-vernünftig widerredete, unvernünftige Nervenzufälle.</p>
-
-
-<h3><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Die Frau des Compagnons.</h3>
-
-<p>Herr Picard hatte einen Compagnon, der die
-Dienste eines Commis that. In den sämmtlichen
-kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton
-ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem
-Arme, jede Woche einmal umher und forderte die
-Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard
-zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr
-Hölty &ndash; denn diesen Dichternamen führte der Mann
-&ndash; in ganz Genf der Compagnon des Herrn Picard,
-und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes
-Haus auch in den Eaux-vives, einen Hund, zwei
-Kinder und eine Frau.</p>
-
-<p>Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau
-oder Principalin eine Waadtländerin, doch nicht so
-tief aus dem Lande, sondern hart von der Grenze,
-aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß
-und stämmig, von Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen
-schwarzen Augen und einer kupfrigen Farbe. Vor
-ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame,
-wie die böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer
-russischen Fürstin, jedenfalls aber in der Krimm gewesen,
-denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich:
-»Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-dieser vornehmen Zeit her die Idee bekommen, daß sie
-eigentlich zu gut für die Schweiz und hauptsächlich
-für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen geheirathet,
-und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte
-aussuchen können. Mehr wohl um andere Gesellschaft
-zu haben, als um ihre Einnahme zu erhöhen, hielt
-sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die
-bei den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit
-zu sagen: »Wenn ich es nicht nöthig hätte,
-würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist: sie empfing
-die Fremden wie Manna, und den ersten Monat
-konnte man gar keine aufmerksamere Wirthin finden
-als Madame Hölty. Sie war eitel Honig und Höflichkeit.
-Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke
-wahre kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte
-sich in Rücksicht; Louise, das Mädchen, dudelte
-nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen
-Lärm mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine
-erhöhte Sphäre und empfing keinen Befehl, ohne daß
-Madame hinzusetzte: »<i>s'il vous plait</i>.« Madame
-wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen
-hohen Begriff von ihrem kleinen, aber ausgezeichneten
-Hauswesen und besonders von der Herrin dieses
-Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man
-sie beim ersten Anblicke für eine gute, aber ordinaire
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-Frau gehalten, so ließ man sich von ihrer Selbstschätzung
-allmählich überreden, sie als eine kluge Frau
-anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen
-Ausbildung gebreche, aber nicht an einem taktvollen
-Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen gewissen
-Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen,
-die tischte sie die ersten Abende zum Thee auf,
-und wenn man sich auch nicht gerade interessirt fühlte,
-so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man
-zum ersten Male am Sonntage mit dem Manne und
-den Kindern zusammen zu Mittag und sah man in
-Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst
-bei guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben
-vermochte, so bedauerte man die Frau und fand es
-natürlich, daß sie andere Unterhaltung wünschte.
-Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten
-zu sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche
-Frau, der man gar nicht ausweichen konnte, die
-einem des Morgens den ersten guten Tag bot und
-des Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten
-begleitete, mochte es Sonnen- oder Mondschein sein,
-die sich überall neben einen setzen kam und immer
-sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene
-Gegenstände. Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig,
-immer zu hören: »Als ich in Baktschisarai
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen
-sich vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen
-waren, immer von Neuem zur Theilnahme darüber
-aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty
-Herrn Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und
-die Wirthin waren den zweiten Monat nie so zufrieden
-mit einander wie den ersten, wer einmal die Gesellschaft
-der Madame Hölty gründlich genossen, kam
-nie wieder, um diesen Genuß nochmals zu suchen,
-und längere Zeit blieben in den kleinen Stübchen, wo
-die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer,
-die den ganzen Tag außer dem Hause zubrachten.</p>
-
-<p>Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in
-einem Verhältnisse, welches sie als vertraulich darzustellen
-suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard
-gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede:
-»Meine Theure« zu erwähnen. Wenn sie wirklich
-mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard, sowie
-Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten
-zu Madame Hölty, Madame Hölty fast noch seltener
-zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den Fremden,
-mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame
-Picard sei ihr zu weltlich, der Kreis, der Pauline
-umgebe, ein zu frivoler; aber ging man etwas
-mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Paulinens und Pauline selbst Madame Hölty mit
-ihren Erinnerungen an Petersburg und Baktschisarai
-zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein
-sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte
-Pauline die Compagnonsfrau, weil diese die Gefälligkeit
-haben mußte, alle Klagen der unglücklichen Frau
-anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend
-nach der letzten Katastrophe Madame Hölty am Bett
-Paulinens saß.</p>
-
-
-<h3>Vertrauliche Unterredung.</h3>
-
-<p>Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich.
-Herr Picard war wenigstens ein Ungeheuer und hatte
-es lediglich der Schonung seiner Frau zu verdanken,
-daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde.
-Madame Hölty hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank,
-dann sagte sie langsam &ndash; Madame hatte
-eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr
-Gang &ndash; also langsam sagte sie: »Was wollen Sie,
-Madame Picard, wir sind an Schweizer verheirathet.
-Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich
-nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer
-Egoisten sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan,
-müssen wir auch Geduld haben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer,
-Geduld zu haben, und diese Worte galten ebenso der
-guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften
-Ehemanne.</p>
-
-<p>»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es
-bei uns ist. Wie oft habe ich zu meinem Manne
-gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du
-nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte,
-<em class="ge">bleibt</em> er wohl? Früh um fünf auf den See, nachher
-spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends selbst
-führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich
-dagegen, wie viel Sie von Herrn Picard haben.«
-Pauline dachte, es komme denn auch darauf an, ob
-die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch
-sei; Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit
-fort: »Ich versichere Ihnen, mehr als ein Fremder
-hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty,
-ist Ihr Mann denn unsichtbar?«</p>
-
-<p>»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte
-Pauline vor sich hin. Laut fragte sie: »Ist Ihr
-Mann noch immer eine Woche conservativ und die
-andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm;
-sonst ist's ein recht guter Mann.«</p>
-
-<p>»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei
-ihres Mannes ergriff, sobald von Jemand anders, als
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte sie
-lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden
-Radikaler gar nicht so mißfallen, wie mein
-armer Mann.«</p>
-
-<p>Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline
-roth und antwortete sehr verlegen: »Ach, Herr
-Leon &ndash; aber das ist auch etwas Anderes &ndash; er ist
-ein junger Mann und in Paris erzogen worden &ndash;
-wo soll er da gute Grundsätze bekommen haben?
-Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt,
-er hätte sich geändert &ndash; er sagte mir, mit den Genfer
-Frauen könne man sich ganz anders unterhalten, als
-mit den Pariserinnen; wir wären viel ernster und
-gediegener.«</p>
-
-<p>Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte,
-wollte sie Paulinen geantwortet haben: »Aber,
-meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr Leon das
-ernstlich gemeint habe &ndash; kennen Sie denn die Franzosen
-nicht? Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge
-&ndash; es ist das ihre Art.« In der Wirklichkeit aber,
-am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch schmeichlerisch:
-»Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon
-sich sehr gern mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,«
-und süßer noch setzte sie dann hinzu: »Wissen Sie,
-daß er wieder hier ist?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine
-gleichgültige Verwunderung zu äußern. Dann fragte
-sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?«</p>
-
-<p>»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei
-seiner Mutter.«</p>
-
-<p>»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht
-wieder bei Ihnen?« rief Pauline boshaft.</p>
-
-<p>Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie
-geht in wenigen Wochen nach Leuk, und da sie
-Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in
-der Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen
-Pension auf dem Quai, neben der Krone, drei Treppen
-hoch.«</p>
-
-<p>»Und Herr Leon auch?«</p>
-
-<p>»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere
-Male bei uns, und ich will in diesen Tagen einmal
-die Mutter und ihn zum Thee bitten &ndash; werden Sie
-mir da das Vergnügen machen, auch zu kommen?«</p>
-
-<p>»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline,
-ihre Freude schlecht verbergend. »A propos, haben
-Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«</p>
-
-<p>»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.«</p>
-
-<p>»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind
-doch noch immer da?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen
-sich sehr bei mir.«</p>
-
-<p>»Und sie lieben sich noch immer so?«</p>
-
-<p>»Wo möglich noch mehr.«</p>
-
-<p>»Ach, welches Glück! Und die Engländer &ndash; sind
-sie eben so zärtlich?«</p>
-
-<p>»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat
-seiner Frau zum Geburtstage eine goldene Uhr für
-zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen pflückt
-er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf
-den Teller legt.«</p>
-
-<p>»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline
-kummervoll, »und&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty.
-»Was wollen Sie, Madame Picard, wir müssen uns
-darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst
-heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend
-aufsitzen, bis es Herrn Hölty gefällig ist, nach Hause
-zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut. Wenn
-ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen
-Schlüssel und spräche: nun komme du nach Hause,
-wenn es dir beliebt, vor oder nach Mitternacht, aber
-mir erlaube, zu Bette zu gehen.«</p>
-
-<p>Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-»Wir« von Madame Hölty. Sehr kühl fragte sie
-daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?«</p>
-
-<p>»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie
-aufstand, »aber, Madame Picard, der häusliche Frieden
-&ndash; was thut man nicht, um den zu erhalten?
-Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im
-Hause. Dennoch sagte ich es meinem Manne heute
-bei Mittag &ndash; ich war es wirklich müde, ihn zu erwarten
-&ndash; die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen.
-Ich sagte ihm also, daß ich ihm von nun an
-sein Abendbrod an das Feuer setzen würde, da könnte
-er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme &ndash;
-mich aber würde er zu Bette finden.«</p>
-
-<p>»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie
-ihm nicht sagen wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig
-das Geschwätz. »Und was antwortete Herr
-Hölty?«</p>
-
-<p>»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher
-Zank, und er würde diese Nacht gar nicht nach Hause
-kommen, sondern mit Freunden auf die Berge gehen.«</p>
-
-<p>»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden
-morgen Regen haben, das wird ihn abkühlen.«</p>
-
-<p>»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,«
-antwortete Madame Hölty.</p>
-
-<p>»Was, es ist ja kaum halb neun!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat
-ganz Recht &ndash; man muß nicht immer zu gut sein,
-man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame
-Picard, &ndash; pflegen Sie sich recht &ndash; ich werde Ihnen
-durch Louise sagen lassen, wann ich meinen Thee gebe
-&ndash; nochmals guten Abend.«</p>
-
-<p>»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen,
-daß Sie noch so spät gekommen sind.«</p>
-
-<p>Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen
-der deutschen Dame, die ich ziemlich genau kenne.
-Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen
-Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und
-zwar um so toller, je später und &ndash; belebter er nach
-Hause kam. Da nun die Deutschen unmittelbar unter
-dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer
-wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken
-förmlich spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr
-Hölty in ganzen vollen Tönen schnarchte, die arme
-Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde
-zu schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders
-da sie am Tage auch keine Ruhe hatte.
-Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden
-Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang
-Louise, da tobte Georges &ndash; es war schon im dritten
-Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Familie auch noch hören &ndash; das war ihr zu viel,
-und sie redete Madame gegen Monsieur auf, damit
-Monsieur, gehörig gescholten, früher und &ndash; weniger
-schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen
-mit der Nachtigall Duette singen möge.</p>
-
-
-<h3>Herr Leon.</h3>
-
-<p>Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr
-Pellet, Sohn eines Vaters, der gestorben war, und
-einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der
-Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau
-seines Bruders war. Der Vater war Advokat gewesen,
-die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen
-sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und
-&ndash; füllte ihn nicht mehr aus, indem die Republik ihm
-für seine Dienste gedankt hatte. Man flüsterte sich
-zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen &ndash; unsere
-kleine Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig,
-und man weiß, daß man da
-nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich.
-Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert
-haben &ndash; Madame Hölty wenigstens vertraute
-es der jungen Deutschen an, als diese Herrn Leon
-zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-hatte. »Und sein Bruder ist noch entschieden roth,«
-fuhr Madame Hölty fort, »zum großen Zorne der
-Mutter, welche ultraconservativ ist.« &ndash; »Das muß
-ein gutes Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen
-abgeben,« bemerkte die Deutsche, Madame Hölty
-machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen
-Auftritt mitangehört &ndash; Madame, Sie würden erschrocken
-sein, hätten Sie diese Mutter gesehen. Sie
-hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen
-und war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie
-im Frühjahr hierher zu mir. Herr Leon besuchte sie
-auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal &ndash;
-sie war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er
-so gut wie sein Bruder wäre im Stande, sie zu
-ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen
-in den Familien hervor.« &ndash; »Wenn Herr Pellet unabhängig
-von seiner Mutter ist,« meinte die Deutsche.
-»Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die sich
-etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen
-Parisers so eingeweiht zu sein. »Herr Leon und
-sein Bruder haben nur das Vermögen des Vaters
-bekommen &ndash; die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und
-Herr Leon &ndash; wie die jungen Leute sind &ndash; hat fast
-Alles ausgegeben und ist nun noch dazu ohne Amt.
-Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-suchen &ndash; auch nimmt er sich ungemein in Acht &ndash;
-widerspricht ihr nie.« &ndash; »Das wird auf Kosten des
-Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. &ndash;
-»Was wollen Sie, Madame,« meinte Madame Hölty,
-»Jeder für sich. Herr Leon hat eine schwere Zeit bei
-seiner Mutter &ndash; da ist's billig, daß er belohnt werde.«
-»Sehr wahr &ndash; ich wünsche ihm, daß er seine Mutter
-ganz verstricken möge.«</p>
-
-<p>Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen
-die Eaux-vives hinauf in die Stadt. Es war gegen
-zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es in
-Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das
-Bedürfniß, einen Augenblick zu athmen, oder war's
-ein anderer Beweggrund, der ihn veranlaßte, einige
-Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und
-sich die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen
-nach dem großen Nervenzufall, Pauline eben aufgestanden.
-In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete
-Persienne blickend &ndash; zufällig, mein Himmel,
-so zufällig wie möglich, sah sie den jungen Pariser
-und wich mit einem Herzklopfen zurück, als wäre sie
-bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah
-von der Seite nach dem Hause hinauf, konnte jedoch
-hinter der Persienne nichts entdecken. Pauline fühlte
-eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon
-sah zwischen den grünen Brettchen eine ziemlich weiße
-Hand sich unruhig, fast ungeschickt bewegen &ndash; er
-wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty
-hatte heute erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen
-mitgetheilt. Selbstzufrieden ging der junge Mann
-weiter.</p>
-
-<p>Herr Leon war, wenn ich es denn offen sagen
-soll, ein Geck, wie es nur je einen gab. In Paris
-konnte er keine große Rolle spielen &ndash; er war eben
-nur Nachahmer von Nachahmern, hatte nur eine erwähnenswerthe
-Liebe gehabt mit der Tochter eines
-Generals, war mit einem Worte gänzlich unbedeutend.
-Als er im vorigen Jahre bei Madame Hölty wohnte,
-kam er so wenig in die gute Genfer Gesellschaft wie
-Madame Hölty hineinkam, und &ndash; die Wahrheit zu
-sagen, langweilte er sich gränzenlos in dem »Schooße
-der Familie,« wie Bulwer sagen würde. Da lernte
-er eines Abends bei dem Scheine des Mondes und
-der Glühwürmchen Madame Picard kennen. Sie war
-gerade nicht ausgezeichnet hübsch, sie war auch nicht
-besonders unterhaltend, aber neben Madame Hölty
-und in dem langweiligen Genf überhaupt war sie
-eine Erscheinung, und Herr Leon stellte sich so geblendet,
-als habe er eine neue Sonne entdeckt. Madame
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Picard war es wirklich. Gewiß ist es, ihr Name
-konnte überall mit Herrn Leon in die Schranken treten,
-und der Preis der bessern Haltung nicht allein,
-auch des hübschen Aeußern wäre ihm geworden. An
-Kenntnissen, an Charakter war Herr Picard gleichfalls
-der Ueberlegene &ndash; Leon wußte so gut wie gar
-Nichts und war an Charakter so gut wie Null. Aber
-&ndash; er war Pariser, sprach von der Oper und seinem
-Schicksal, von Kirchthurmrennen und innerlicher Einsamkeit,
-von Toiletten und der Liebenswürdigkeit Paulinens.
-Der kleine Roman war angefangen, und
-wenn er nicht fortgesetzt wurde, so lag das nicht an
-Leon, sondern an der Gelegenheit. Pauline hatte keinen
-Salon, Leon durfte selbst nicht wagen, ihr sogleich
-einen Morgenbesuch zu machen. Ein Brief seines
-Bruders, bezüglich auf die Plane ihrer Partei,
-rief ihn unvermuthet zurück; er reis'te ab, ohne Pauline
-öfter als zwei Mal gesehen zu haben. In Paris
-vergaß er ihrer bald ganz &ndash; Pauline dachte seiner
-um so eifriger &ndash; es war der erste Mann, welcher
-sich ihr als Anbeter genähert. In Genf giebt es keine
-Anbeter für Frauen: die Seltenheit gab Leon einen
-unberechenbaren Werth. So oft Herr Picard als
-Ehemann sprach, dachte Pauline an Leon und sagte
-sich: »<em class="ge">er</em> würde nicht so sprechen.« Es ist der beste
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Beweis für Paulinens Unverdorbenheit, daß sie diese
-erste kleine Koketterie so ungemein ernsthaft nahm,
-doch konnte auch eben darum Gefahr in einem Wiedersehen
-Leons liegen. Er für sein Theil erinnerte
-sich der hübschen Waadtländerin erst wieder, als er
-sich drei Abende nach einander mit seiner Mutter und
-ihren Freunden aus Lyon bei Whist und Zuckerwasser
-gelangweilt hatte.</p>
-
-
-<h3>Die Abendgesellschaft.</h3>
-
-<p>Der große Tag kam. Madame Hölty machte
-im Salon ein mächtiges Geräusch. Der Sopha
-wurde ganz anders gestellt, neben die zweite Thür,
-welche unmittelbar in den Garten führte. Die Deutsche,
-welche in ihrem Stübchen oben das Gerassel der
-Vorbereitungen gehört, kam herunter und gab ihr
-Wort dazu. Zwei Lehnsessel waren vorhanden; sie
-ließ sie von der Wand an den runden Tisch vor den
-Sopha rücken. Es ist in Genf Sitte, daß besagter
-runder Tisch mit Büchern geschmückt werde, und zwar
-in der Art, daß die Bücher gleich Radien eines Kreises
-liegen. Auch hier war es der Fall; alle Bücher
-Louisens waren ausgebreitet. Die Deutsche meinte,
-das passe nicht zu einer Soirée. Madame Hölty sah
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-kläglich aus; im ganzen Hause gab es keine andere
-Bücher. Die Deutsche entschloß sich kurz, holte aus
-der Reisebibliothek ihres Mannes eine Menge Sprachlehren
-und Wörterbücher und garnirte damit den
-Tisch. Die Kinderbücher wurden in eine Ecke einquartirt
-neben einem schadhaften Damenspiel und
-einem ehemals eleganten Kästchen, und der Salon
-hatte auf einmal eine ganz eigene Physiognomie, ein
-gewisses »capables Ansehen« angenommen.</p>
-
-<p>Der Mittag ging wie gewöhnlich des Sonntags
-vorüber &ndash; die Genfer lobten Gott, indem sie in Paquis
-knatternd nach der Scheibe schossen, Herr Hölty
-hatte am frühen Morgen Fische gefangen, welche nebst
-Rindfleisch und einem Kuchen das Diner ausmachten.
-Die Kinder aßen den Gästen mehr fort, als diesen
-lieb war, der Hund bettelte am Fenster und bekam
-Nichts &ndash; es war, wie es schon sechs oder sieben Mal
-gewesen war. Aber am Abend sollte es anders sein.</p>
-
-<p>»Madame Picard wird wohl etwas früher kommen,
-um den Abend im Garten genießen zu können,«
-sagte Madame Hölty.</p>
-
-<p>»Wer kommt noch außer Madame Picard?« fragte
-die Deutsche. Die Engländerin konnte kein Wort
-Französisch, folglich auch keine Frage thun. »Kommt
-Herr Picard auch?« fragte die Deutsche.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-Nein, Herr Picard war auf einer Reise, es kamen
-außer Madame Pellet und Herrn Leon nur noch ein
-Ehepaar aus Lyon und die Nichte der Madame Hölty,
-»die ein Stück spielen solle«.</p>
-
-<p>Die Deutsche lachte über die ungemein glänzende
-Versammlung.</p>
-
-<p>Ein Herz schlug dieser Gesellschaft doch entgegen,
-so lächerlich klein sie auch war. Pauline aß kaum
-Etwas zu Mittag. Die Kinder wurden gescholten,
-die Bonne bekam Verweise. Pauline war fieberhaft
-erregt, hatte Kopfweh. Ob sie nicht lieber absagen
-sollte? Am Ende &ndash; eine Soirée bei Madame Hölty &ndash;
-Gott, man wußte ja, wie langweilig das war. Allerdings,
-heute waren Fremde da. Von der Deutschen
-hatte Pauline schon viel gehört. Der Mann sollte
-noch jung und sehr angenehm, die Frau eine gute
-Sängerin sein. Dann die Engländer &ndash; Pauline
-mochte Engländer leiden, sie waren meistens originell,
-»und etwas Originalität thut einem in Genf von Zeit
-zu Zeit Noth,« seufzte Pauline. Ja, der Fremden
-wegen wollte sie gehen. Und so &ndash; mußte sie sich anziehen.</p>
-
-<p>Welches Kleid? Putzen konnte man sich nicht
-gut, aber elegant mußte man doch auch aussehen.
-Die beiden Fremden würden sich gewiß sehr schön
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-machen. Pauline entschied sich für ein schwarzseidenes
-Kleid, eine elegante Collerette, eine nelkenrothe Cravatte.
-Ein schwarzes Tuch um den Kopf wurde nicht vergessen,
-ein Ueberwurf angezogen, welcher den Wuchs
-gut hervorhob, dann der Hut aufgesetzt &ndash; Pauline
-wußte nicht, wie sehr er sie entstellte, und hätte sie
-es auch gewußt, man kann doch in einer Vorstadt
-von Genf nicht ohne Hut gehen. Pauline rief den
-Zwillingen, welche Georges die Freunde Picard nannte,
-übergab Emil der Bonne, warf nachlässig hin, sie
-werde bald wiederkommen, nahm den Sonnenschirm
-in die Hand und das gleichgültige Gesicht an und
-begab sich <i>comme il faut</i> zu Madame Hölty.</p>
-
-<p>Georges nahm am Gartenthor die Zwillinge in
-Empfang; Louise, im weißen Kleide mit blauer
-Schürze, eilte den Gang hinauf, wo die Mutter mit
-der Deutschen war. Madame Hölty stellte »ihre
-Freundin« vor. Madame Picard erschrak &ndash; die
-Deutsche hatte weder Hut noch Handschuhe. Auf
-eine sehr faselige Art freute sie sich, die Bekanntschaft
-Paulinens zu machen, versicherte dann, sie könne
-unmöglich den schönen Abend vorbeigehen lassen, ohne
-sich noch etwas zu rudern und lief an den See, wo
-ihr Mann bereits einen Kahn losgemacht hatte. Madame
-Hölty führte Pauline an die Gartenmauer, und
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-sie sahen, wie das Ehepaar lustig in den klaren See
-und in die laue Luft hinausruderte. »Das ist alle
-Abend ihr Vergnügen,« sagte Madame Hölty, »wird
-sie müde, so rudert er allein &ndash; nie fast fahren sie
-mit Jemand sonst. Und das dort ist der Engländer,
-der fährt seine Frau auch.« Pauline folgte den leichten
-Barken, deren jede ein allem Anschein nach vollkommen
-glückliches Paar trug, mit dem Blicke eines
-stillen Neides. Warum konnte sie nicht auch so fahren,
-gerudert von einem Manne, der sie anbetete,
-gleichsam Königin in der Schönheit dieses Abends?
-Eine Erbitterung gegen ihren Mann ergriff sie, wie
-sie noch nie empfunden &ndash; »an ihm rächen möcht' ich
-mich,« dachte sie. »Madame, wie glücklich bin ich,
-Sie wiederzusehen,« sagte eine Stimme hinter ihr.
-Erröthet wandte sie sich um. Leon Pellet stand da
-und begrüßte sie mit ausdrucksvollem Blicke. Er hatte
-kein schönes Organ, aber er sprach in reinem Französisch,
-und Pauline glaubte, eine Bewegung in seinem
-Tone zu errathen. Er hatte auch kein schönes Auge,
-&ndash; es war stechend und bisweilen selbst zweideutig
-im Ausdrucke, aber er heftete es fest auf Pauline, und
-sie bedurfte es in diesem Augenblicke so sehr, bewundernd
-angesehen zu werden. So dünkten denn Auge
-und Stimme ihr liebenswürdig, ja, sogar bestechend.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-Leon war mit seiner Mutter gekommen &ndash; er war
-jetzt ein so guter Sohn, daß er seine Mutter nie ohne
-die Stütze seines Armes gehen ließ. Aber die alte
-Dame spazierte mit Madame Hölty in einiger Entfernung
-auf und ab, und Pauline fand sich nicht veranlaßt,
-die ersten Schritte ihr entgegenzuthun. Sie
-setzte sich vielmehr auf eine grüne Bank, die zwischen
-Rosen stand. Leon stützte sich auf die Lehne. Pauline
-athmete laut auf &ndash; sie hatte jetzt auch einen
-Mann neben sich, der nur auf sie sah, nur mit ihr
-redete. Allerdings war es nicht der ihrige, aber &ndash;
-man kann nicht immer Alles haben.</p>
-
-<p>Sie sprachen. Die Unterhaltung, welche Leon mit
-ihr führte &ndash; es bedurfte keiner Genferin, um sie zu
-führen, wenn nämlich die Genferinnen sich wirklich
-durch größeren Ernst und tieferen Gehalt auszeichnen
-sollten. Der See war das Thema, das uralte
-und alltägliche Thema, welches zum tausendsten
-Male in derselben Art abgehandelt und abgewandelt
-wurde. Der See war schön, wer wollte es läugnen?
-Das Gartengestade drüben lag in prächtiger Dunkelheit
-auf dem violetduftigen Jura. Die Stadt links,
-beherrscht von der zweithürmigen Kathedrale, war
-kraftvoll in die gelbliche Glorie des Himmels gemalt.
-Rechts hin &ndash; wie lieblich verliefen nicht die Linien
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-des Sees in die des Joral, und die Umrisse des Joral
-in den rosigen Osten! Und die vielen Fahrzeuge,
-welche auf der spiegelhellen Glätte in die Abendröthe
-schifften, rascher, langsamer, gewaltsam, ruhig, bald
-mit blähendem Segel, bald blos mit flatternden
-Wimpeln, gerudert von zwei, vier, sechs, acht Rudern.
-Ja, der Abend auf dem See war schön, aber um das
-zu empfinden, brauchte man blos eine Seele, um es
-zu sehen, nur zwei gesunde Augen.</p>
-
-<p>Pauline ließ die ihren melancholisch einer kleinen
-Peniche folgen, worin eine Frau saß, während zwei
-Männer ruderten. »Ich möchte wohl,« ließ sie fallen
-und hielt inne.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Auch so fahren?« fragte Leon. »Ja, diese Beweglichkeit
-lockt an &ndash; man möchte sich hineinmischen.
-Haben Sie keinen Kahn? Ich würde Sie mit Vergnügen
-fahren.«</p>
-
-<p>»Mein Mann liebt Wasserfahrten nicht,« erwiederte
-Pauline. »Für mich ist es eine Erinnerung an meinen
-heimathlichen See.«</p>
-
-<p>»Ist der so schön wie dieser?« lispelte Leon.</p>
-
-<p>»Für mich schöner. Doch natürlich heißt das mit
-den Augen des Herzens sehen.«</p>
-
-<p>»Das beste Sehen, das richtigste.«</p>
-
-<p>»Nicht immer.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-»Doch. Sobald Sie eine Person auf diese Art
-sehen, werden Sie ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen.«
-Ein Blick gab dieser Redensart ihre Anwendung.</p>
-
-<p>Pauline erhob sich, anscheinend in Verwirrung.
-Sie spielte so gut wie Leon, nur eifriger als er. Er
-that's nur, weil er nichts Besseres zu thun hatte &ndash;
-sie, weil ihre Phantasie dadurch ergriffen war. In
-ihrer Rolle lag es jetzt, verstanden zu haben und
-auszuweichen; sie sagte leise, es werde kalt hier am
-See.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Leon lächelte &ndash; es war ein unverschämtes Lächeln.
-Pauline nahm es nur für bedeutungsvoll. Er bot ihr
-den Arm. Der große Salève sah aus seiner blauen
-Höhe über die Bäume des Gartens herein. »Dort
-hinauf will ich einmal,« sagte der junge Mann.
-»Waren Sie schon oben?«</p>
-
-<p>Pauline bejahte, setzte hinzu, sie erwarte binnen
-einigen Tagen Verwandte &ndash; mit denen wolle sie abermals
-hinauf. »O dann&nbsp;&ndash;« sagte Leon. Er erwartete
-eine Einladung; er irrte sich. Pauline kokettirte
-als Genferin, d.&nbsp;h. mit genauer Beobachtung
-einer gewissen Scheidelinie. Leon konnte sich ihr Entgegenneigen
-nicht mit ihrer Zurückhaltung zusammenreimen.
-Daß er sie interessirte, daß sie jede Bewegung
-in der Absicht machte, ihm zu gefallen &ndash; er
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-sah es &ndash; warum lud sie ihn also nicht ein, sie auf
-den Berg zu begleiten? Ach, jetzt hatte er es errathen
-&ndash; die Verwandten!</p>
-
-<p>»Aber ich glaube, wir sind ganz allein,« sagte
-Pauline plötzlich.</p>
-
-<p>»Nun gut, was weiter?« fragte Leon, und drückte
-leise ihren Arm.</p>
-
-<p>Sie schien nicht darauf zu achten, sondern flüsterte
-mit beredtem Augenniederschlage: »o, es ist hier nicht
-Sitte, einsame Spaziergänge am Ufer des Sees zu
-machen.«</p>
-
-<p>Leon führte sie den andern Frauen nach und sagte
-ziemlich kühl: »sprechen wir von Politik, da wird es
-unschuldig. Sind Sie noch immer so entsetzlich streng
-gegen alle arme Demagogen?«</p>
-
-<p>Die junge Frau kam beinah aus der Fassung.
-»Antworten Sie mir doch,« flüsterte er ihr zu, »man
-beobachtet uns dort.« Er deutete ihr mit den Augen
-Madame Hölty an, welche eben die Lyonneser bewillkommnete,
-dabei aber nicht wenig scharf nach der
-Seite schielte, von welcher das verspätete Paar kam.
-Leon fragte wieder laut: »Nun, hat James Fazy immer
-noch keine Gnade vor Ihren Augen gefunden,
-Madame?«</p>
-
-<p>»Monsieur Fazy,« rief Pauline, Feuer fangend,
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-mit natürlicher Lebhaftigkeit, »Monsieur Fazy ist eine
-Canaille.«</p>
-
-<p>»Wenigstens eine Canaille, die Verstand hat,«
-sprach Leon, etwas betroffen. »Nur so läßt es sich
-erklären, daß die Conservativen, welche in der Mehrheit
-sind, ihn dulden.«</p>
-
-<p>»Die Conservativen sind Schöpse!« rief Pauline
-wieder.</p>
-
-<p>»So verdienen sie geschoren zu werden,« sagte
-Leon. »Aber, Madame, um Himmelswillen, wie leidenschaftlich
-sind Sie in der Politik!« Es ärgerte
-ihn, daß sie in der Politik nicht so kühl Maaß hielt
-wie in der Koketterie. Er wurde einsylbig, zerstreut.
-Umsonst setzte Pauline, nachdem sie die Lyonneser begrüßt,
-den Spaziergang fort, umsonst fing der Mond
-an zu scheinen, umsonst duftete das Geißblatt &ndash;
-Leon blieb fremd. Pauline wurde dagegen lebhafter,
-sie wollte ihn wieder so haben, wie er eben gewesen
-war. Ganz ausschließlich mit ihm beschäftigt, kam
-sie endlich in den Salon und wies ihm einen Stuhl
-neben dem ihrigen an. Leon setzte sich und betrachtete
-den Fußboden. »Was ist Ihnen?« fragte Pauline
-leise. »Nichts,« antwortete er mit einem sehr geschickt
-modulirten Tone. Pauline hörte Empfindlichkeit über
-ihre Zurückhaltung, dabei Trauer, unterdrückte
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Leidenschaftlichkeit heraus. Sie glaubte wirklich Leons
-Herz erfaßt zu haben und nach Gefallen schmerzhaft
-oder freudig erschüttern zu können. Gerührt ließ sie
-ihre Augen ihm allerlei Versicherungen der Milde und
-Güte ertheilen. In diesem Augenblicke traten die
-Fremden ein, die Deutsche zuerst, dann die Engländer.
-Madame Hölty verstand nicht, die Wirthin zu
-machen; sie stellte die Fremden der Gesellschaft, aber
-nicht diese jenen vor. Die Engländerin setzte sich
-bequem hin und ließ sich von ihrem Manne unterhalten;
-die Deutsche tauschte mit dem ihrigen flüsternd
-Bemerkungen aus. Auf Pauline und Leon deutend,
-sagte sie: »Ich glaube, das ist das Ehepaar aus
-Lyon.« Sie erkannte, kurzsichtig wie sie war, Pauline
-ohne Hut nicht wieder. »Nur sieht der Mann
-wie der Pariser aus,« wandte der Deutsche ein. &ndash;
-»Ja, aber der Pariser ist nicht verheirathet. Nein,
-nein, das sind Herr und Madame Caille oder wie sie
-heißen, aus Lyon, und Herr Pellet ist der junge
-Mann dort oben.« Zu gleicher Zeit flüsterte die
-Engländerin gegen ihren Mann: »Das ist ein hübsches
-Gesicht &ndash; ihr Mann scheint sie sehr zu lieben.«
-Pauline gehabte sich auch wirklich wie eine nicht lange
-verheirathete Frau; Leon neben ihr hatte ganz das
-stille Wesen eines zufriedenen, aber gehaltenen Ehemannes
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-&ndash; man konnte nicht anders als Beide für
-verheirathet annehmen. Die Deutsche fragte Madame
-Hölty, die eben vorbeikam, wie lange sie es
-wären. Madame Hölty lächelte. »Das &ndash; aber das
-sind ja&nbsp;&ndash;« und die Erklärungen. Die Deutsche
-lachte. »Dann ist's eine hübsche kleine Courmacherei.«
-&ndash; »Ja wohl &ndash; wir haben es schon voriges Jahr
-bemerkt, und mein Mann war sehr unzufrieden damit.«
-Die Deutsche blickte Madame Hölty einen
-Augenblick scharf an.</p>
-
-<p>Pauline kam jetzt zu der Deutschen und bat und
-hoffte, sie möchte und würde sich doch hören lassen.
-»Nach Ihnen, Madame,« antwortete die Deutsche.
-»O, ich, Madame!« Alle kleinen nöthigen Weigerungen
-erfolgten, dann setzte Pauline sich an den Flügel,
-ließ ihr Tuch flattern, ihre Schultern arbeiten, ihre
-Augen spielen und ihre Walzer hören. Leon hatte
-ihr Aufstehen eilends benutzt, um sich in den Eßsaal
-zu begeben und mit Herrn Hölty einige Gläser Wein
-zu nehmen; als er darin befriedigt war, kam er geräuschlos
-wieder und setzte sich auf den Sopha.
-Pauline ließ, da sie ihn nicht erreichen konnte, einige
-Augenblitze zu dem Deutschen und dem Engländer
-fliegen, die beide näher saßen. Leon bemerkte es und
-machte sich innerlich lustig über die verlorene Koketterie,
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-denn beide Männer schienen mit Kaltblütigkeit
-wahrhaft gepanzert. Und doch war Pauline bei
-Weitem hübscher als die Deutsche und die Engländerin,
-aber beide Frauen gaben sich keine Mühe, und
-Leon fand sie auf einmal weit mehr der seinigen
-werth. Mit der Engländerin konnte er nicht sprechen,
-da sie nicht seine, er nicht ihre Sprache verstand;
-blieb also die Deutsche. Sie sang jetzt, Melodien in
-vier oder fünf Sprachen. Pauline, welche befürchtete,
-die Aufmerksamkeit könne sich ausschließlich auf den
-Gesang wenden, bewegte sich mit ihrer hübschen Gestalt
-unaufhörlich bald da, bald dort. Vor Leon
-stand sie mehrmals; seine Mutter machte ihr Platz,
-sie setzte sich neben ihn. Sie hatte jetzt die Besonnenheit
-verloren und that alles Mögliche, um sich »zu
-affichiren.« Leon war ungemein »Löwe,« d.&nbsp;h. erhaben
-und gelassen. Nachdem er Paulinens Lebhaftigkeit
-eine Zeit lang ertragen, stand er auf und nahm einen
-Stuhl neben der Deutschen, die eben heimlich mit der
-Engländerin plauderte. Sie sah ihn kommen und
-belustigte sich über Paulinens sichtliche Unruhe. Die
-hübsche Waadtländerin wußte erst gar nicht, was sie
-machen sollte; dann lockte sie den Deutschen an den
-Flügel und brachte ihn dazu, eine unserer schönsten
-Compositionen zu spielen, wobei die Gesellschaft sich
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-über alle Maßen langweilte. Leon saß immer geduldig
-da und wartete auf die Gelegenheit, sich liebenswürdig
-zu zeigen. Endlich war die gute Musik aus,
-Pauline ließ ihre Beredtsamkeit über den Deutschen
-ergehen, Leon wandte sich entschieden zu seiner Nachbarin
-und flüsterte ihr in den weichsten Tönen seine
-Bewunderung über ihren Gesang zu. Pauline flatterte
-wie ein Vogel über Kohlen &ndash; die Deutsche sah es
-und ging, boshaft genug, in ein Gespräch mit Leon
-ein. Pauline überredete den Deutschen, eines ihrer
-Walzerhefte dazubehalten &ndash; es knüpfte sich so eine
-Bekanntschaft an, &ndash; die Deutsche erhob sich, um
-auf Leons Bitte ein venetianisches Gondellied zu singen.
-Die arme Pauline &ndash; sie allein war bei diesem
-Spiel ernsthaft; Leon wünschte, eben so sehr wie ihr,
-der Deutschen zu gefallen &ndash; diese lachte innerlich
-herzlich, ebenso ihr Mann. Die Koketterie ist wie
-das Feuer; man verbrennt sich, wenn man damit
-spielen will. Pauline ward ganz verwirrt, ganz beängstigt;
-ihr war, als gehöre Leon ihr, als müsse sie
-alle ihre Kräfte anstrengen, um ihn festzuhalten. Mehr
-und mehr gab sie sich ihrer Aufregung hin und der
-ganzen Gesellschaft ein ergötzliches Schauspiel. Erst
-als der Aufbruch da war, beruhigte ihre aufgescheuchte
-Eigenliebe sich in Etwas; sie sah sich wieder als den
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-Punkt, auf den Aller Augen sich hefteten. Der Engländer
-half ihr den Ueberwurf anziehen, der Deutsche
-dankte ihr für die Noten, Leon stand bereit, ihr den
-Arm zu bieten. Wenigstens einigermaßen beschwichtigt
-trat sie hinaus in die schöne Nacht.</p>
-
-
-<h3>Beim Nachhauseführen.</h3>
-
-<p>Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das
-andere am Ende der Eaux-vives. Eine Viertelstunde
-war's wohl von einem zum andern, besonders wenn
-man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft,
-denn der Abend war köstlich. An Sommerabenden
-versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie am
-Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr
-behauenen Platanen. Es war so spät, daß die Straße
-einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die Gärten
-der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus
-diesen Düften hauchte etwas Südliches Beschleunigung
-in das Blut. Der Mond leuchtete.</p>
-
-<p>Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung!
-Pauline ging, tief athmend vor Erwartung,
-an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten
-unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-Freundes und Principals an ihrer rechten Seite trabte,
-störte sie wohl etwas, beunruhigte sie aber nicht. Der
-Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon sprechen
-konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie
-ernsthaft an und sprach kein Wort.</p>
-
-<p>Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann
-sahen sie sich dann wieder? Es konnte ja nur zufällig
-sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so
-kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte.
-»Sie haben sich viel mit der deutschen Dame unterhalten.
-Spricht sie gut?«</p>
-
-<p>»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte
-Leon gehalten. Er sah Pauline ankommen.</p>
-
-<p>»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?«
-fuhr Pauline unruhiger fort.</p>
-
-<p>»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem
-gewissen Nachdruck.</p>
-
-<p>»Sind sie allein das?« fragte die Unvorsichtige.</p>
-
-<p>Leon schwieg.</p>
-
-<p>»Trauen Sie uns kein Gefühl zu?« forschte sie
-dringender.</p>
-
-<p>»Ich achte die Schweizerinnen unbegränzt,« erklärte
-Leon.</p>
-
-<p>»Warum sollten Sie auch nicht?« gab Herr Hölty
-dazu.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-Pauline ließ sich wirklich reizen. »Ach, aber liebenswürdig
-sind wir nicht, nicht sentimental, wie &ndash;
-die Deutschen?«</p>
-
-<p>»Die deutsche Dame bei uns ist gar nicht sentimental,
-sondern sehr vergnügt,« schaltete Herr Hölty
-wieder ein. »Das Schießen kann sie nicht leiden,
-sonst ist's eine gute Person.«</p>
-
-<p>Leon benutzte diese Rede und warf in Paulinens
-Ohr: »Wenn Sie wollten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie wurde wieder Komödienspielerin, that als
-zittere sie.</p>
-
-<p>Leon seinerseits ließ sich täuschen, glaubte die junge
-Frau berückt zu haben, ihrer endlich sicher zu sein.
-Leise brachte er seine Finger an ihre Hand, berührte
-diese mit einem Drucke, in den er Willen und unwillkührliche
-Aufregung zugleich legte. Paulinens Eitelkeit
-war befriedigt, aber kein Puls ihrer Hand klopfte
-schneller. Sie war in diesem Augenblicke noch härter
-und unwahrer als Leon. Er ahnte das nicht; die
-Eitelkeit, welche sie kühl und sicher machte, verwirrte
-ihn. Sein Athem streifte glühend Paulinens Wange.
-»Wenn ich mich nicht getäuscht,« flüsterte er, »wenn
-Sie für mich&nbsp;&ndash;« Pauline lauschte, mit ihren Augen
-an seinem Munde hängend &ndash; der gute Hölty wußte
-gar nicht, warum die beiden Leute auf einmal so
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-stumm wurden und suchte in seinem Kopfe nach einer
-Rede, um das Stillschweigen zu unterbrechen. Leon
-fuhr fort: »Seit vorigem Jahre denke ich nur an
-Sie, und Sie, Madame&nbsp;&ndash;« Pauline blickte nieder
-wie in tiefer Befangenheit. »O mein Gott, wenn
-Sie nur einen Gedanken an mich gehabt hätten &ndash;
-wenn ich &ndash; wäre es zu dreist, Ihr Schweigen so zu
-deuten?« Sie schien Etwas murmeln zu wollen.
-»Sprechen Sie nicht, ich bitte Sie &ndash; Sie wissen,
-was das Schweigen mir sagen soll &ndash; ein Gedanke,
-wie wenig, &ndash; für mich die Welt, für Sie &ndash; ein
-Augenblick, welchen Sie der Toilette abgewendet haben,
-&ndash; bin ich nicht bescheiden?«</p>
-
-<p>Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu
-&ndash; Leon war in dieser Minute wirklich verliebt. Gern
-wäre er mit Paulinen wieder am Rande des See's
-gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines
-Freundes Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht
-von der Seite der hübschen Frau und der &ndash; war es
-jetzt ganz erwünscht, &ndash; sie fürchtete sich beinah etwas
-vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen
-Wächter zu verwünschen. »Kann man unleidlicher
-sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie an
-das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür.
-»Wann darf ich morgen kommen?« fragte Leon rasch
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm, sah plötzlich
-wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen
-bin ich noch allein und nehme keine Besuche an,«
-sprach sie gezwungen. »Von übermorgen an ist Herr
-Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause &ndash; da
-wird er sich ausnehmend freuen.« &ndash; »Sie sind ausnehmend
-gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend.
-Pauline grüßte fürstingleich, nahm von den
-Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied. Sie
-glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen
-zu haben, die Stellung der angebeteten Gebieterin
-gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie irrte. Leon
-verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger,
-aber er ärgerte sich nicht über eine Minute. Als
-Herr Hölty Madame Pellet und der Lyonneser Familie
-gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen
-hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu
-laufen, hatte Leon sich schon wieder gefaßt, bot, kühl
-wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und führte
-sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt
-zurück.</p>
-
-
-<h3>Ungewißheit.</h3>
-
-<p>»Ich werde das Madame Picard doch sagen,«
-sprach am Morgen nach der Abendgesellschaft Madame
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche abgefangen
-hatte.</p>
-
-<p>»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie
-würde sich dadurch geschmeichelt fühlen, so wenig
-schmeichelhaft es eigentlich auch für sie ist. Thun
-Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar
-nicht, dann vergißt Madame Picard sie von selbst.
-Sie beachten heißt sie befördern.«</p>
-
-<p>»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty.
-Eine Stunde später stand sie am Gitter von Paulinens
-Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame
-Picard? Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken
-Sie sich, gestern hat man Sie und Herrn Leon
-für ein Ehepaar gehalten!« &ndash; »Ist es möglich? Wer,
-wer denn?« &ndash; »Wer denn anders als die Deutschen
-und die Engländer. Das ist sonderbar, nicht wahr?«
-&ndash; »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor
-Freude.</p>
-
-<p>»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,«
-bemerkte schmeichlerisch die wahre Freundin.
-»Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg machen lassen
-&ndash; denken Sie, wenn Herr Picard&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken
-zurück,« sprach Pauline stolz. »Allerdings, er würde
-zu weit gehen &ndash; ich weiß nicht, was ihn zu mir
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte
-hier &ndash; man sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte;
-aber wieder einen hohen Ernst annehmend, fuhr sie
-fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine Pariserin
-bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die
-leichten, welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut.
-Ich will ihn nöthigen, die Frauen in mir
-zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin schon
-sagen wollte &ndash; er hat mich gefragt, wann ich ihn
-annehmen könnte. Ich habe ihm geantwortet&nbsp;&ndash;«
-und Pauline erzählte, was sie geantwortet. Madame
-Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen
-haben,« sagte sie.</p>
-
-<p>Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich
-den Hergang mit. »Also haben Sie es doch nicht
-verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend.
-»Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem
-Besuche gebeten hat, ist das Wenigste, was er thun
-konnte; Madame Picard kann nach ihrem gestrigen
-Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von
-ihm bekommt.« &ndash; »Meinen Sie, Madame?« &ndash;
-»Allerdings.«</p>
-
-<p>»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame
-Pellet nicht trauen,« bemerkte die Deutsche
-gegen ihren Mann und den Engländer.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-»Was soll sie denn der alten Madame Pellet
-thun?« fragte der Deutsche.</p>
-
-<p>Lachend antwortete die Deutsche: »Ich verwechsele
-in einem fort die Namen &ndash; die beiden Menschen
-müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal haben.
-Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten
-würde, wenn ihre liebe Madame Picard sich ein
-wenig compromittirte.«</p>
-
-<p>»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer.</p>
-
-<p>»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück.
-»Madame Picard oder unsere liebenswürdige Wirthin?«</p>
-
-<p>»Das ist wohl kein Zweifel.«</p>
-
-<p>»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat
-allenfalls die Erlaubniß zu kokettiren?«</p>
-
-<p>»Alles kein Zweifel.«</p>
-
-<p>»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen &ndash;
-wollen? Warten wir's ab &ndash; es ist eine völlige
-Novelle &ndash; Nichts fehlt, nicht einmal die heuchlerische
-Vertraute &ndash; Madame Hölty spielt sie mit möglichster
-Natürlichkeit.«</p>
-
-<p>»Und wie wird das Ende sein?«</p>
-
-<p>»Ueberall wo anders würde es zu einem &ndash; komischen
-oder höchstens dramatischen Ende kommen, hier
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-in Genf besteht das Ende darin, daß es eben kein
-Ende giebt.«</p>
-
-<p>»In der That?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der
-Schweiz giebt es keine Romantik.« Sie sagte das
-mit der vollkommensten Ueberzeugung.</p>
-
-<p>Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie
-gut sie errathen worden, befand sich unterdessen zum
-zweiten Male vor dem Stacketenzaun am Picardschen
-Garten.</p>
-
-<p>»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht
-wundern, wenn Herr Leon Ihnen noch heute die
-glühendste Liebeserklärung schriebe.«</p>
-
-<p>»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem
-Entzücken, »die Deutschen sehen Alles mit poetischen
-Augen an. Herr Leon denkt nicht daran, mir
-eine Erklärung zu schreiben &ndash; überdies würde ich sie
-auch ungelesen zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre
-Würde besinnend, feierlich hinzu.</p>
-
-<p>Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline
-den ganzen Abend, sowie den ganzen nächsten Morgen
-über auf einen glühenden Brief von Leon. Es kam
-kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.</p>
-
-<p>Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich
-Genfer, fand er diesen Empfang doch zu kalt &ndash; es
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die
-Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu
-werden &ndash; die kommen sollende Liebeserklärung ging
-ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch nicht.
-Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person,
-aber nur, um mit seiner Mutter am Arm vorüber
-und zu Madame Hölty zu gehen.</p>
-
-<p>Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf.
-Wollte er die Deutsche wieder singen hören? Pauline
-hätte sich deßwegen beruhigen können, die Deutsche
-sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an
-ihrer Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche
-sah Pauline den jungen Pariser vorbeigehen, immer
-fein spießbürgerlich die Mutter führend. Da sie das
-Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in
-den allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine
-Engländerin sogar blieb nicht frei. Pauline hielt nun
-einmal Leon für unwiderstehlich und glaubte, beiläufig
-gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.</p>
-
-<p>Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut
-einen Besuch und sah, wie die Sachen standen?
-Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden
-Frauen, die sie so naiv für Leons Gattin gehalten.
-Und warum erkundigte sie sich denn nicht bei Madame
-Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-zu thun mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen
-für Georges und Kleidern für Louise! Madame
-Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein
-würde, darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.</p>
-
-<p>Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um
-die ihm geliehenen Noten zurückzubringen. Pauline
-sprach während der Stunde, die sie ihn festhielt, außer
-von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen
-auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als
-einen sehr angenehmen Mann, wunderte sich, daß er
-roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens
-politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie
-schon gesagt, auch nicht zu dem kleinsten Faden, der
-sie in dem Labyrinth von Leons völligem Schweigen
-leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine
-Frau noch nicht wieder gesungen habe.</p>
-
-
-<h3>Unvermuthet.</h3>
-
-<p>Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh,
-Madame Hölty aber schon auf und im Garten. Da
-hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen«
-sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um
-und erblickte Herrn Leon.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte
-ihm die Hand, »so früh! Was bringen Sie?«</p>
-
-<p>»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck
-von Behaglichkeit.</p>
-
-<p>»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein
-gutes, hoff' ich?«</p>
-
-<p>»O, das allerbeste.«</p>
-
-<p>Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde
-zum Hunde geschickt. Madame Hölty war voller
-Erwartung.</p>
-
-<p>»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere
-Einleitung an.</p>
-
-<p>Verliebt &ndash; Madame Hölty fühlte eine gewisse
-Unruhe &ndash; wollte er sie zur Vertrauten machen &ndash;
-das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen.</p>
-
-<p>Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt,
-sehr verliebt, und will heirathen.«</p>
-
-<p>»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?«
-fuhr Madame Hölty heraus.</p>
-
-<p>»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach
-und sah sie groß an. »Was fällt Ihnen ein? Was
-sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen
-will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen
-aus Marseille, mit vielem Vermögen, aus sehr
-guter Familie.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon
-verläumdet, indem sie ihn als Rothen schilderte &ndash; er
-war der conservativste Mensch. Auch sah sie ihn ganz
-verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr
-geschenkte Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und
-seit wann, wie, wo sind sie denn auf diesen Gedanken
-gekommen?«</p>
-
-<p>»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In
-Paris. Wie? Indem ich mich verliebte und die
-Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger
-Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen
-verlangt, und ich leider beinahe Nichts mehr
-besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen,
-damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich
-hergekommen und habe mich so aufgeopfert. Nun,
-ich bin auch belohnt worden &ndash; meine Mutter willigt
-ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, &ndash;
-wünschen Sie mir Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt
-begleite ich nur noch meine Mutter nach Hause, dann
-reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder
-drei Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen
-zu können.«</p>
-
-<p>Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig;
-Leon war ihr entschiedener Günstling. Plötzlich
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-sah sie sehr erschrocken aus und fragte: »Aber
-Madame Picard?«</p>
-
-<p>»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon.
-»Was ist's mit Madame Picard? Ich habe ihr im
-Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie
-wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau
-vorstellen zu dürfen.«</p>
-
-<p>Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung
-geheim zu halten, konnte es nicht fehlen, daß
-sie zu Mittag ihre Fremden davon in Kenntniß setzte.
-Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das
-ist allerliebst &ndash; die Novelle endet, wie ich gesagt,
-ohne Ende.« Dann wurde sie ernsthaft und setzte
-hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger wäre
-als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne
-haben. Ein sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin
-war, als man ihr den Verhalt verdollmetscht,
-ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den
-Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt.
-Dann kam die Frage zur Sprache: ob und durch
-wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen
-es ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche.</p>
-
-<p>»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte
-Madame Hölty, auf einmal zurückhaltend. »Sie scheinen
-sich wunderbare Gedanken über Madame Picard
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob
-Herr Pellet heirathet oder nicht.«</p>
-
-<p>»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen
-Recht,« sagte die Deutsche nachlässig, im
-Innern aber ergriff sie jetzt für die arme Pauline
-Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach,
-ohne daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch
-einmal Stoff zu hämischen Betrachtungen liefern soll.«
-Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort; so heißt
-es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es
-plötzlich nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen
-einen Besuch zu machen. Da, neben der hübschen
-Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin,
-was sie wußte. Die arme Pauline ward roth und
-blaß &ndash; es traf sie unvermuthet. Ihren Anbeter hatte
-sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein
-Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich
-schlimm!« seufzte sie innerlich. Die Deutsche sagte
-lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir die Braut?
-Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe
-ich meinen Mann noch tausend Mal dem verbesserten
-Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie werden wahrscheinlich
-eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum,
-das Ideal unserer guten Madame Hölty &ndash; nun, der
-Geschmack ist frei, aber hier, unter uns, nicht gut.
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-Herr Leon riecht immer so grenzenlos nach Taback.«
-Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann
-unwiderruflich verurtheilt.</p>
-
-<p>Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb
-über den Löwen ihrer Träume. Es ist gut, daß man
-sich so leicht fassen kann, wenn man eben nur kokett
-gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie
-schelmisch: »Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty
-wollte Nichts wissen. »Aber ich weiß Alles,« sagte
-lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie
-ihm, jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle.
-Ich möchte gern von seiner Braut hören.«</p>
-
-<p>Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch
-mit Gleichmuth von Paulinens Gleichgültigkeit. Madame
-Hölty ärgerte sich darüber; sie hätte Paulinen
-»gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem
-ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin
-keine Gelegenheit mehr zu freundlichen Wünschen
-geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten
-Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf
-kommen, weil er es zu demokratisch fand. Wie man
-sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-Tagebuch in Schwyz.</h2>
-
-
-<h3 class="da">Den 9. September 1849.</h3>
-
-<p>Wie kommen wir hierher? Vorgestern und
-gestern waren in Einsiedeln zum Geburtstag der Jungfrau
-achttausend Pilger, und alle sechszehn Glocken
-läuteten mit geringer Unterbrechung von früh vier bis
-acht Uhr Abends. Aus meinem Fenster sah ich unaufhörlich
-das Hinundwiederströmen, wie ein buntes Schattenspiel,
-auf dem weiten, farblosen Platze zu unsern
-Füßen. In schwerer Ermattung kamen die Weithergewanderten,
-auf dem Rücken ihr armes Gepäck, auf
-der Stirn Staub, im Herzen wohl Kummer oder
-Reue, tranken an jeder der Röhren, aus denen der
-heilige Brunnen strömt, und gingen dann noch erst
-in die Kirche, bevor sie ein Obdach suchten, das zu
-finden ihnen oft vieles Bitten kosten sollte. »Mühselige
-und Beladene« dachte ich immerfort, und mir
-war's, als legte das ganze Leben erdrückend sich auf
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-meine Brust. Ein finsteres Gewitter stand hinter den
-Tannenwäldern, starke Donner rollten linkshin in
-Glarus, das graue ausgedehnte Kloster ward von
-grellen Lichtern schneidend beleuchtet. In der Nacht
-glaubt' ich immer, es wolle mit seinen beiden gewaltigen
-Thurmarmen mich umschließen und zu Tode
-pressen. Fort wollt' ich, fort, fort, gleichviel wohin.
-Wir fanden einen Kutscher aus Brunnen und eben
-als die Procession sich geisterhaft zu entwickeln begann,
-fuhren wir dem Vierwaldstädter See zu. Mir war's
-gleich, ich sah Nichts um mich her, ich weinte. Nach
-dem Mittag in Sattel wurde der steinige Weg für
-meinen gemarterten Kopf so furchtbar, daß ich in
-Schwyz zu bleiben begehrte, weil wir eher dorthin
-kommen sollten, als nach Brunnen. Der Kutscher
-meinte: es sei schön da, »und do,« setzte er hinzu,
-»do isch Goldau.« Die Stätte einer Verwüstung
-und einer solchen &ndash; das weckte mich aus meinem
-Stumpfsinne &ndash; ich ließ den Wagen zurückschlagen,
-da lagen am Lowerzer See die Rigi und der Roßberg
-und zwischen beiden in der Tiefe die röthlichen
-Trümmer. Den ganzen Roßberg herab ist noch die
-Straße dieses Unheils sichtbar &ndash; mir gefiel's &ndash; es
-war ein herb Gefallen.</p>
-
-<p>Hier empfing uns Herr Hediger, Wirth des nach
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-ihm getauften Hotels, sehr freundlich. Das Haus
-war ganz leer, uns willkommen, ihm nicht. Vor acht
-Tagen hatte er noch einen Gast gehabt &ndash; Herrn
-Fritzsche aus Berlin. Der war schon im vorigen
-Jahre acht Tage hier gewesen und in diesem »bereits
-wirklich« auf vierzehn wiedergekommen. Wir wurden
-Herrn Fritzsche's Erben, d.&nbsp;h. wir bezogen die von
-ihm verlassenen Zimmer, und können nun von seinem
-Balkon die vollkommenste, ich möchte sagen klassischste
-Alpenlandschaft, die wir noch gesehen, überschauen und
-gleichsam studiren.</p>
-
-<p>Vor uns liegt, durchblinkt von der Muotta, das
-grüne Thal, von Schwyz bis Brunnen. Rechts in
-der Tiefe der See, rechts von ihm der Timbel, näher
-zu uns der Urmiberg, links von uns die schöne Frohnalp,
-gegenüber jenseits der Urner Rothstock und das
-Buochshorn in Unterwalden. Es ist eine warme gesättigte
-Vollendung in diesem Gemälde, eine künstlerische
-Abrundung, eine unübertreffliche Verschmelzung
-des idyllischen Vorgrundes mit dem großen, reichen
-Hintergrunde und der prachtvollen Einrahmung. Die
-Ueberleuchtung erinnert uns an das Innthal &ndash; derselbe
-reine, sonnige Glanz, nur dort krystallener, hier
-schwingender.</p>
-
-
-<h3 class="da"><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-Den 10. September.</h3>
-
-<p>Der Flügel im Salon neben unserm Balkonzimmer
-steht einen ganzen Ton zu tief. Ich begehre
-nach dem Organisten. Um acht Uhr werden wir heute
-durch Spielen geweckt. Otto geht hin, findet einen
-jungen Menschen, der sich als halber Stimmer gehabt,
-schickt ihn fort, bis ich aufgestanden. Nach der hiesigen
-Mittagsstunde von halb zwölf kommt der kleine
-schönfrisirte Mensch wieder. Ich empfange ihn als
-Organisten, aber er ist es nicht, er ist »nur so für
-sich.« Der Sohn des hiesigen Schmiedebesitzers. Ein
-Elegant von Schwyz, Musiker, &ndash; wird bei der nächsten
-Kirchweihe den Richard in der Schweizerfamilie
-singen. Ich kenne doch wohl die Oper? Eine Jungfer
-aus Gersau singt die Emmeline. Sie hat »wirklich«
-neulich in einem Concert auf dem Rathhause die Arie:
-»Wer hörte« mit allgemeiner Zufriedenheit gesungen.
-Richard sagt natürlich »gesunga«. Der Pater Placidus,
-vertriebener Conventuale aus Wettingen bei Baden,
-lehrt hier den Gesang und läßt seine Schüler die
-Oper einstudiren, die erste Oper, an welche die hiesige
-Liebhabergesellschaft geht. Das Orchester will noch
-nicht recht schnell streichen und blasen, eine große
-Probe ist noch nicht gewesen, die Mitspielenden können
-noch nicht ihre Nummern alle, die Gertrud hat
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-eine etwas schwache Stimme, aber das thut Alles
-Nichts &ndash; die Oper wird gehen. Dramen sind schon
-mehrere aufgeführt worden, und Richard kann sagen:
-»bereits wirklich zum Vergnügen des Publikums«.
-Nun, wenigstens doch Sinn für etwas Anderes als
-Milch und Käse. Im Hause sogar ein Lesecabinet
-mit deutschen, italienischen und französischen Blättern,
-eingerichtet vom Redacteur der hiesigen neuen Zeitung,
-einem Flüchtling aus dem Aargau. Die damals im
-Aargau für den Sonderbund gekämpft, sind jetzt noch
-proscribirt &ndash; die Badener, welche ihre Fahne verlassen
-haben, sollen von ihrem Fürsten mit der bereitwilligsten
-Artigkeit aufgenommen werden, verlangen die
-freien, d.&nbsp;h. die radikalen Schweizer. Bei Bürgerkriegen
-in einer Republik hat jeder Einzelne die vollkommene
-Berechtigung, zu ergreifen, welche Partei
-er wolle &ndash; sollte man meinen. Behüte, die freien
-Schweizer meinen es anders. Der Sonderbund war
-ein Aufruhr gegen die jetzige Regierung &ndash; welche
-noch nicht eingesetzt war. Die Fürsten, welche sich
-etwa noch erhalten haben, sind Rebellen gegen die
-künftige allgemeine Republik. Also sei es, da der
-Unverstand es so haben will. Otto hat mit dem Redacteur
-gesprochen. Der junge Mann prophezeit einen
-Ausbruch nicht mehr gar zu fern, und zwar einen
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-blutigen. Ich glaube ihm, ich habe schon im vorigen
-Winter im Waadtlande und diesen Frühling in Genf
-mehr denn zehnmal zu Schweizern gesagt: »Gebt
-Acht, nach oder vor der Heimkehr von der Alp giebt's
-ganz unversehens wieder bei Euch einen kleinen Familienkrieg,
-eine allerliebste, niedliche Contrerevolution.«
-So wird's auch kommen &ndash; im Sommer nicht, im
-Winter eben so wenig: im Winter ist's gefährlich in
-den Pässen und zu kalt obenein, im Sommer muß
-gealpt, geerntet, gekeltert werden, und die Schweizer
-sind viel zu praktisch und zu vernünftig, um einer
-Revolution wegen ihre Geschäfte ungethan zu lassen.
-Aber im Frühling oder im Herbst, im Herbst besonders,
-wenn Vieh und Ernte unter Dach und Fach
-sind, dann erlaubt man sich wohl von beiden Seiten
-das Vergnügen wieder einmal an einander zu stoßen,
-und dann &ndash; so gelassen, überlegt und gutmüthig im
-Allgemeinen die Schweizer sind, zum Todfeind möchte
-ich keinen haben. Sie besitzen, glaube ich, im höchsten
-Grade die allen phlegmatischen Organisationen
-inwohnende Fähigkeit zur Rache.</p>
-
-<p>Der Redacteur wohnt im Hause, neben seinem
-Zeitungscabinet. Vor acht Tagen hat auch »bereits
-wirklich« noch ein alter Sprachlehrer hier gewohnt,
-»ein melancholischer Pedant«, der Englisch, Französisch
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-und Italienisch gelehrt. Otto sagte: »Da wohnt ja
-Alles hier im Hause.« Richard antwortete mit schweizerischer
-Gründlichkeit: »O nein, eben nicht Alles.«
-Der Flügel steht noch, wie er stand.</p>
-
-
-<h3 class="da">Den 11. September.</h3>
-
-<p>Herbstwind und Wolkenschatten ziehen über die
-Gegend, die ich noch gleich bildschön finde. Aus lauter
-großen Verhältnissen ergiebt sich hier die anmuthigste
-Umgebung. Der Mythen hinter uns hat an sechstausend
-Fuß &ndash; wir blicken an ihm hinauf wie an
-einer mäßigen Felsenwand, deren Farben deutlich erscheinen.
-Die Gletscher in Uri sind zehntausend Fuß
-hoch &ndash; wir sehen den Schnee auf ihnen so nahe
-liegen, als dürften wir, um eine Schale voll zu nehmen,
-eben nur hinüber. Der See scheint ein hübsches,
-kleines Gewässer und ein Dampfschiff auf ihm nicht
-viel größer, als das Kähnchen mit der eidgenössischen
-Fahne, welches wir in Baden für Marco kauften.</p>
-
-
-<h3 class="da">Nachmittag.</h3>
-
-<p>Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die
-Lawinenspur auf der Frohnalp, schiebt die Alpen
-zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder Dunkelheit.
-Der Schnee leuchtet heller zwischen den
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-jetzt dunkelblauen Zacken, und der See ist Lichtkräuseln.</p>
-
-
-<h3 class="da">Den 12. September.</h3>
-
-<p>Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen
-mit den wildesten Krämpfen. Ich schreie dann, es sei,
-weil ich so lange keine wirkliche Schönheit gesehen.
-Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten
-mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber
-gewiß thut auch viel, daß ich seit Italien keinen Himmel,
-kein Meer, keine Rosen und kaum zwei oder
-drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der
-Prosa gelebt, wie in einem zu niedrigen Raum, daß
-&ndash; o Süden und Schönheit!</p>
-
-<p>Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung
-sah &ndash; drei Jahre sind's nun. Was hab'
-ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt!
-Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen
-Anblick, und die Wirthin fragte, neugierig wie
-nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum weint
-denn die Frau so?« &ndash; »Weil sie aus Italien zurück
-soll,« antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,«
-war ihr naiver Vorschlag. »Ja, fahren's doch wieder
-'nein in das Land der Malerei, oder &ndash; in den Himmel.«</p>
-
-<p>Ein Haus wird gebaut &ndash; nicht für uns! Und
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-warum wird's denn hier in Schwyz gebaut? Wohnt
-man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen
-trotz der aufzuführenden Oper und der neuen
-Zeitung so überflüssig im jetzigen Jahrhundert vor.
-Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des Mythens und
-sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick
-völlig einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf'
-ein &ndash; ich will dir ein Wiegenlied singen.</p>
-
-
-<h3 class="da">Abends.</h3>
-
-<p>Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem
-Irren auf Lazzaro erzählt: »Ist er toll, oder sind
-wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz prosaisch,
-oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt
-uns Alles und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge
-das Herz so kühl, wie sie die Stirn heiß macht?</p>
-
-<p>Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz.
-Man sieht es recht, wenn zwischen Schweizern ein
-Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer
-schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie &ndash; der
-Tyroler ginge, als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten
-Herrn sich wahrhaft unabhängig. In einem
-Wort es auszudrücken &ndash; die Tyroler sind ein poetisches,
-die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk.</p>
-
-<p>Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun,
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-gegenüber dem Mythen, um dessen rothe Spitze
-schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten
-wir uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm
-Steinzaune nicht schauerlicher aussähe. Wonach
-wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist eigentlich nur die
-Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte
-aus so verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die
-Alpen. Die eigenthümliche, gleichsam körperliche Stille
-der Luft, welche wir im Berner Oberlande gefühlt,
-berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte;
-die Echo's schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach.
-Das Jodeln klingt unnatürlich, es ist das letzte Mittel,
-worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen;
-sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung.
-Ein Mädchen that es auch; wir sahen uns
-mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem
-Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie.</p>
-
-
-<h3 class="da">Den 13. September.</h3>
-
-<p>Der See tobt regenbogenglühend im letzten Sonnenscheine,
-der wie durch Schleier schräg darauf fällt.
-Wir sehen es von hier, wie die Wellen anschlagen,
-als wollten sie empor auf die brennenden Matten in
-Uri.</p>
-
-<p>Ein Veilchen von der Steinmauer eines Landhauses
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-gab uns heute Frühlingsduft im Herbste. Es hat
-hier Landhäuser, aber sie nehmen sich auch eben nicht
-anders aus, als wie kühle, gesicherte, angenehme
-Schlafwohnungen.</p>
-
-<p>Wer einen schwachen Magen hat, komme geschwind
-her in die schönste Alpenlandschaft und in das schläfrigste
-Städtchen. Drei Apotheken sind hier und nicht
-ein einziger Zuckerbäcker, und selbst das einfache Weißbrod
-ist immer: vom Tage vorher. Es ist hier ein
-Eden ohne Versuchung.</p>
-
-
-<h3 class="da">Den 14. September.</h3>
-
-<p>Heute ist in Einsiedeln große Abendprocession mit
-glänzender Erleuchtung des Klosters. Wir wollten
-hin und in der Nacht zurück, aber ich bin noch zu
-matt.</p>
-
-<p>Ein Blinder aus Stuttgart hat eben den Flügel
-glücklich auf den Kammerton gebracht, was dem guten
-Instrument seit dem Tage seiner Existenz noch nicht
-begegnet sein soll.</p>
-
-<p>Hellblauer Himmel, hellblauer See, sonniggrüner
-Vorgrund, dunkelblaue Alpen, große, weiße Wolken
-darauf.</p>
-
-<p>Alte Zeitungen studiren wir durch. Sehen, wie's
-heillos gewesen in der Welt diesen Sommer. Sind
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-dadurch bedrückt noch außer unserm eigenen Kummer.
-Deutschland, &ndash; werde nur Deutschland eins mit
-Preußen, Preußen durch Deutschland groß, mächtig
-und prächtig! Mir füllt's manchmal die Brust:
-Preußens deutsche Größe sei das Räthselwort dieser
-zwei Jahre.</p>
-
-<p>In drei Monaten hunderttausend Einwanderer in
-den Vereinigten Staaten. Was für unreine Elemente
-in den Gährungsproceß, der sich dort allmählich vorbereitet!</p>
-
-<p>Unser Herr Hediger möchte auch hin. Der Kulmwirth
-vom Rigi ist ebenfalls europamüde. Sind die
-Schweizerwirthe närrisch?</p>
-
-<p>Nestroy schreibt noch Possen. Das heißt auch
-Charakter.</p>
-
-<p>Gegenüber liegt die Rütli, wo die drei Schweizer
-gegen Oesterreich schworen. Ich möchte hier auch ein
-antiösterreichisch Gelübde thun, wenn &ndash; ein Gelübde
-von mir Etwas hülfe.</p>
-
-<p>An die Welt thue ich jetzt täglich die Frage: Was
-wirst du einst für meinen Knaben sein?</p>
-
-
-<h3 class="da">Sieben Uhr.</h3>
-
-<p>Wir gingen träumend durch den Herbstabend im
-Schwyzerländchen. Es ist voll von Sägemühlen und
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Kapellen. Eine von diesen besuchten wir; die Weihkessel
-waren fast leer; inwendig über der Thür stand
-zu lesen:</p>
-
-<table class="fss" summary="" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">Heiliger Antony, bitte für uns Alle,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß uns und unser Vieh kein Schaden befalle.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Unter Nußbäumen kamen wir nach Uetenbach
-und an die Muotta, dann zurück am Bächlein, wo
-Vergißmeinnicht blühten. Das Bächlein murmelte,
-die Mühlen klapperten, die Kapellen läuteten, die
-Nebel webten um den Mythen und allenthalben, &ndash;
-ganz betäubt langte ich wieder in unserm Balkonzimmer
-an und wunderte der grünen und weißen
-Dämmerung gegenüber mich immerfort, wie ich eigentlich
-nach Schwyz gekommen sei.</p>
-
-<p>Da bringen Aloys und Franzl den Thee. Es
-sind die beiden Knaben des Hauses, Franzl ist im
-Elsaß gewesen und antwortet mir sehr schön mit
-»<i>oui, monsieur</i>«; Aloys soll nach Italien, um zu
-einem Herrn »<i>si, signora</i>« sagen zu lernen &ndash; ich
-kann einen nie vom andern unterscheiden.</p>
-
-
-<h3 class="da">Den 16. September.</h3>
-
-<p>Und so verlassen wir Schwyz. Das ist unser
-langes Bleiben, unser schönes Stillsitzen, mein
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Schreiben auf dem alten braunen Tisch, wo es sich
-so gut geschrieben hätte. Der Blinde giebt morgen
-ein Concert; der Flügel wurde gestern Abend zu meinem
-größten Schrecken hinuntergeschafft, dann von
-acht bis ein Uhr gespielt und geraucht. Aller Rauch
-stieg vermittelst eines Wandschrankes als kühler Geruch
-in unsere Schlafstube hinauf; heute, morgen
-wird's dasselbe sein, denn die Schwyzer sind um
-Schweizer, den Blinden, her, wie Fliegen um eine
-Honigwabe. Außerdem versammelt sich morgen auf
-acht Tage der Cantonrath, und fast alle Räthe wohnen
-im Hause &ndash; wir fliehen. So oft wir fein bürgerliche
-Niederlassungsgedanken fassen, geht's so &ndash;
-wir sollen zur Nachkur reisen. Nun gut, man wird
-reisen. Wohin? Wenn wir angekommen sind, werd'
-ich's aufschreiben. Die Schwyzer Gesellschaft sahen
-wir gestern noch bei der Probe zum Concert &ndash; die
-hiesigen Sänger werden den Blinden unterstützen.
-Pater Placidus ließ singen oder vielmehr brüllen:
-»Morgen marschiren wir«, und wettete mit Richard
-um einen Schoppen, daß er heute nicht predigen
-werde. Der Tenor nahm die Pfeife aus dem Munde
-und setzte das Glas Wein weg, um dünn und feierlich
-zu singen: »Laura betet, Engelharfen hallen«.
-Richard versprach mir einmal Abends: »'s Herz ist
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-ein spaßig Ding« als eine prächtige Arie hören zu
-lassen. Das maurische Ständchen, welches der Blinde
-auf unser Verlangen in wunderbar freier Weise vortrug,
-wurde stürmisch beklatscht; wahrscheinlich hielt
-man es für etwas »Apartes«, weil wir's begehrt
-hatten. Richard fragte: »Haben Sie dieses Lied bereits
-wirklich bei sich?«</p>
-
-<p>Die Gesellschaft war, wie man sieht, vollkommen
-was die Engländer <i>quaint</i> nennen, dennoch gefiel sie
-mir gut &ndash; die Schwyzer sind schmucke Leute, wie
-wir Schlesier sagen. Sie rauchen ein Bischen viel
-Taback &ndash; nun, man muß eben im Sommer herkommen,
-wenn man die Fenster offen haben kann. Ich
-scheide also mit guter Gesinnung von Schwyz &ndash; es
-ist uns schon viel schlechter gegangen als hier, und
-man ist gar freundlich gegen uns gewesen. Den sechs
-Kindern hinterlasse ich die Krapfen, welche die guten
-Nonnen in Kloster Fahr den Descendenten der alten
-Regensberge verehrt haben. Die Gegend ruht im
-Sonnenglanz, wie da wir sie zum ersten Male sahen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Im Mätteli.</h2>
-
-
-<p>Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten
-Badeorte, sondern einer der hübschesten Orte
-überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün und
-Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten.
-Da ist der langgestreckte Lägern, auf welchem noch
-die Burg unsers Stammes steht, da der Uetliberg,
-der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg,
-beide lieblich waldig, der Schloßberg mit
-der schönen Ruine des Steins, die ein klein wenig an
-Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem Martinsberg
-der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer
-in den malerischen Gehölzen die aufrechte
-Fluh und die goldene Wand, Felsengruppen zum Malen,
-auf dem linken der Weg an den Sonnenreben
-oben, der Platanengang unten, und das Alles ist voll
-Schatten, einladend einsam, aber immer erfreuend
-durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-Von allen den grünen und frischen Orten ist
-jedoch der grünste und frischeste das Mätteli, dieses
-liebliche Buchengehölz, welches die Senkung des Limmath-Ufers
-vom Martinsberge bis zum Hinterhofe
-bedeckt. Zwei Wege führen hindurch, der eine höher
-auf die Straße nach Bruck, der zweite zu mehreren
-Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen, schillernden,
-schäumenden und rauschenden Strome. Auf
-diesem Wege kauerte ich eines schönen Nachmittags,
-um einer jener langen braunen Schnecken, welche kein
-Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen
-Stöckchen den Rücken zu krauen. Es gehörte das
-zu meinen Vergnügungen im Mätteli. Der Schnecke
-aber wollte es nicht gefallen &ndash; sie zog sich verdrießlich
-zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu
-diesem Kundgeben von Mißbehagen gebracht, sah ich
-sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette an. In
-diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau
-am Arm an mir vorüber, der Mann groß, die Frau
-schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah im Vorüberstreifen
-verwundert auf meine Stellung und meine
-Beschäftigung herab; ich mochte mich sonderbar genug
-ausnehmen.</p>
-
-<p>Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an
-das letzte der Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-Sitz, uns besonders lieb war. Eine kleine
-Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber
-unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden,
-weiter rechts über den Winterbergen die goldene Wand
-&ndash; man konnte gern hier sitzen und der Limmath zusehen
-und zuhören. Aber heute war die Bank nicht
-frei &ndash; eine Frau in Trauer saß da und strickte.
-Getäuscht und ziemlich übellaunig hockten wir auf
-den Kiesboden nieder und fingen an, Steine entzweizuschlagen,
-was ebenfalls zu meinen Vergnügungen
-im Mätteli gehörte. Die Frau beobachtete uns eine
-Weile; dann kam sie zu uns und sagte: »<i>Vous paraissez
-aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?</i>«</p>
-
-<p>Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete
-ich ihr von der Erde auf, daß ich leider ganz
-Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier so mit den
-Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich
-genug hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die
-Bank, und ich erklärte ihr, um mich wieder etwas zu
-Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein ausschließliches
-Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften
-später zu studiren gedenke, und was
-dergleichen mehr war.</p>
-
-<p>Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Bandello und das sechszehnte Jahrhundert in Italien,
-da kam hinter den Buchen am Ufer ein langer Mann
-hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas
-gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe
-in einen Spazierstock zurück und antwortete mürrisch
-genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug ein,
-nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und
-ließ uns im ungestörten Besitz der Bank.</p>
-
-<p>Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen
-wieder. Jaques fischte abermals und fing wieder
-Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen
-&ndash; die Frau war in Italien gewesen.</p>
-
-<p>Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo
-ist denn Madame Jaques?« fragten wir uns &ndash; so
-schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem
-Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen
-Jaques und seine Frau auf einem der kanotähnlichen
-Kähne an, mit welchen allein die Limmath befahren
-werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine
-Forelle gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier
-wieder durchgegangen, indem es den Haken entzweigebissen
-hatte. Heute plauderten wir zu Vier und
-zwar abermals von Reisen &ndash; Jaques war in Constantinopel
-gewesen.</p>
-
-<p>Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Jaques fast täglich im Mätteli zusammen, d.&nbsp;h.
-Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine Forelle
-gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald
-sie einmal im Haken bleiben würde, sollte ich sie
-erhalten &ndash; sie hat's aber nicht gethan, und ich habe
-sie nicht gesehen.</p>
-
-<p>Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in
-welchem ich Alles bemerke, was ich sehe, höre, denke,
-beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus
-sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von
-mir lesen, und schickte ihr meine kleine Novelle
-»Hedwig« mit einem Gruß <i>de l'auteur à madame
-Jaques</i>.</p>
-
-<p>Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques
-einen allerliebsten Brief, worin sie mir sagte, in mir
-sei Alles Originalität, das habe sie gleich gewußt, als
-sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern
-gesehen. Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit,
-die sich leicht enthusiasmiren, war ich von nun an
-ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte
-öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor
-wußte auf einmal, daß ich Bücher schriebe. Und
-wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten
-erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-eine, die er selbst erlebt, und zwar in Baden, wo wir
-eben waren.</p>
-
-<p>Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern
-nachzuerzählen ich versuchen will.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Mys lieb Beat.</h2>
-
-
-<p>Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger
-Mann, Beat Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln,
-sich in Zürich als geschickter Portraiteur in
-Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer,
-hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in
-Tyrol gut genug gelernt, fand jedoch in der Schweiz
-wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung.
-Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen
-jedoch wollten nicht kommen. Beat war arm;
-der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn nicht
-länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu
-sein. Der natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich
-tüchtigen Menschen. Da man keiner Statuen begehrte,
-kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war
-glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit
-fing an, sich zu finden. Ein Freund seines
-Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm für
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch
-weit mehr Glück gemacht haben, hätte er sich nicht
-den Liberalen angeschlossen. Dadurch verscherzte er
-sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er
-gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig
-wie die Jugend es ist, glaubte er nie mehr
-zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen
-gemäß leben zu können.</p>
-
-<p>Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter
-als jetzt. Beat hoffte mit Recht, unter den
-Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als
-Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also
-eine kleine Werkstatt für den Sommer dort auf, Vagabond
-unter den Vagabonden. Seine Hoffnung
-wurde gerechtfertigt &ndash; er bekam eine Menge Portraits
-und sehr hübsche Summen Geldes.</p>
-
-<p>In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen
-Erfolg wurde er eines Tages zu einer alten Dame
-eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster so
-geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte
-Dame war reich, eitel und liebte es, die Gönnerin
-zu spielen. Beat ließ sich mit der größten Unterwürfigkeit
-beschützen und kam so oft zu Tische, wie die
-alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien
-er, geputzt und von gehorsamer Liebenswürdigkeit.
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-Die alte Dame lud immer einige Frauen zu ihrem
-Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen.
-Als er in das Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen,
-welche ihm noch fremd waren. Die alte Dame
-nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern
-ein Fräulein Marguerite von Gontran aus Freiburg.
-Beide waren Kostgängerinnen im Kloster Fahr, zwischen
-Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der
-alten Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter
-zu besuchen auch für Marguerite auszuwirken
-gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster, sich
-fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr
-bedurfte, da ihr elterliches Haus ein vermögliches und
-geselliges gewesen war. Weshalb man sie aus demselben
-nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein
-Kloster gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch
-lernen solle, eigentlich aber, um sie vom Hause zu
-entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu gewöhnen.
-Sie hatte einen Bruder; der wünschte das
-Vermögen einst nicht mit der Schwester theilen zu
-müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je reicher
-der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz
-für diese. Marguerite wußte nicht um diesen Plan;
-sie war ungern nach Fahr gekommen, fühlte sich unheimlich,
-besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen
-Kostgängerinnen; aber die Besorgniß, es solle für
-immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn ich
-Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,«
-das war ihr Gedanke und ihr Trost. Um diesen
-glücklichen Zeitpunkt recht bald heranzubringen, lernte
-sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber fehlte
-ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen
-Thränen ihre langsamen und geringen Fortschritte.
-Je länger sie am Deutschen lernte, je länger mußte
-sie in Fahr bleiben.</p>
-
-<p>Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer
-gewissen Entfernung von ihr &ndash; sie wollten nicht
-durch ihre größere Schönheit verdunkelt werden. Marguerite
-war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich
-zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und
-naiven, schwärmerischen Augen, mit langem, dunklem
-Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde gewesen
-wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht
-ein anderes Mädchen über die Sprödigkeit getröstet,
-welche sie von den neidischen Schwestern erfuhr, aber
-Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu unverdorben,
-sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und
-trauerte oft, wenn sie sich so schön und so gemieden
-sah. Sophie allein hatte sich ihr angeschlossen, vielleicht
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus Sorglosigkeit,
-vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man
-sah überall ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen
-neben dem poetischen Kopfe Margueritens.
-Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft,
-welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles
-gethan und geopfert hätte, was in ihren Kräften lag.
-Sophie faßte zum Glück die Freundschaft nicht von
-der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite sollte
-mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite
-lachte und plauderte so gern, daß sie immer wieder
-vergaß, wie sie ja Deutsch zu lernen habe. Fiel ihr
-das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen, machte
-Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie,
-ihr behülflich zu sein. Sophie versprach es feierlich,
-wollte es ehrlich, und Alles zwischen den beiden jungen,
-guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie
-es war.</p>
-
-<p>Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen
-bei der Großmutter hatten die Kinder sich schon wochenlang
-gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder
-ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann
-kommen, ein Schützling der Mama, ein Künstler,
-etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren sie
-neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-war nicht schön, doch konnte er wohl gefallen, besonders
-jungen Mädchen, die noch kaum einen Begriff
-von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl,
-wie Marguerite waren im Kloster groß geworden,
-immer nur in Frauengesellschaft gekommen, selbst Marguerite
-bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie
-eine Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte
-ihnen herrlich, selbst die etwas geneigte Haltung gefiel
-ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig aus,
-meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch
-kein Wort aus dem großen Wörterbuche des Leidens
-verstanden, denn was war Margueritens Gram? Die
-flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth
-klang den Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein,
-gedämpft und süß. Beat mußte schwermüthig
-aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den
-Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber
-jetzt war er vollkommen. Seine hohe Stirn, seine
-gerade, strenge Nase, sein glattes, langes, schwarzes
-Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles
-entzückte sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung,
-wie man beobachtet hat, charakteristisch an den Eingebornen
-seiner Gegend, selbst die sollte vornehm und
-fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles
-ernstlich und wichtig zu, während Beat sich mit seiner
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-ehrwürdigen Gönnerin und einer ernsten jungen Frau
-unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu Mellingen
-und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer
-billigend, doch warm und redlich geneigt war.</p>
-
-<p>Während der junge Mann so der Gegenstand des
-heimlichen mädchenhaften Beobachtens war, stahl auch
-sein Blick sich fort von den Frauen, mit denen er
-redete. Marguerite hatte ihn geblendet. Noch nie
-hatte er eine lebendige Schönheit so vollendet gesehen.
-Sie zog den Künstler unwiderstehlich an, sie reizte den
-Jüngling mit einer neuen heftigen Sehnsucht. Er
-hätte sie zugleich als Modell und als Geliebte rauben
-mögen. Madame Linder gewahrte den Eindruck,
-welchen die schöne Freiburgerin machte, mit Wohlgefallen.
-Die alte Dame gehörte zu den Hausherrinnen,
-welche in jedem Gast etwas Auserlesenes einladen
-wollen. Wie sie vorher die Mädchen auf Beat neugierig
-gemacht, so rühmte sie jetzt das Fräulein von
-Gontran als reiches, schönes, vornehmes Mädchen,
-als das vergötterte Kind anbetender Eltern, als die
-glänzendste Partie für den Mann, der so glücklich
-sei, ihre Neigung zu gewinnen. Es hätte nicht so
-vieler Worte bedurft, wie sie verschwendete, um den
-ehrgeizigen Beat zu dem brennenden Wunsch zu stacheln,
-der Glückliche zu werden, welchen sie schon im
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Voraus pries. Der Schwiegersohn einer begüterten,
-einflußreichen Familie &ndash; welche Zukunft für sein Talent,
-welcher Horizont von Ruhm und Ehre! Wie
-an das Gestirn, welches diesen Himmel erleuchten
-sollte, hefteten des doppelt begehrlichen Künstlers
-Augen sich an Marguerite. Sie war ganz Natur und
-Unschuld: ergriffen, verwirrt, selig senkte sie ihre Augen,
-um nicht zu sehen, wie sie angesehen werde.
-Sich zu sträuben gegen die neue Wonne, den dreisten
-jungen Mann auch nur durch scheinbaren Ernst in
-Schranken zu halten, fiel dem wahrhaften Wesen nicht
-ein; sie kannte noch keine künstlichen Pflichten. Madame
-Linder schmunzelte und seufzte in Erinnerung
-ihrer Jugend, Sophie neckte Marguerite mit Ausgelassenheit,
-nur die Frau des Arztes sah ernsthaft darein;
-ihr mißfiel diese Liebelei, obwohl sie weit entfernt
-war, ihr eine tiefere Bedeutung beizumessen. Eigenthümlich
-genug war es, daß der Austausch dieses
-plötzlich entsprudelten Gefühls ganz allein durch Blicke
-vor sich ging, denn wie Marguerite nicht Deutsch,
-konnte Beat nicht Französisch. Es erregte diese gegenseitige
-Unbeholfenheit die Laune der alten Dame und
-die laute Fröhlichkeit Sophiens. Sie bemühten sich
-Beide, die Hülflosen durch Dolmetschen in ein Gespräch
-zu bringen. Es ging nicht; Marguerite war
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-zu verschämt und Beat zu verliebt; er zog es vor,
-sie nur anzusehen, und sie sprach durch Erröthen und
-Lächeln wahrlich lieblicher, als durch den etwas großen
-Mund Sophiens. Als es gegen Abend kam, mußten
-die jungen Mädchen nach dem Kloster zurückfahren.
-Freundlich, wenn auch etwas pomphaft und umständlich
-lud Madame Linder Marguerite ein, ihren Besuch
-zu wiederholen. Marguerite sah Beat an und versprach,
-eine helle Freude auf dem schönen Gesichte.
-Der junge Mann half den Mädchen in den Wagen
-und drückte dabei Margueriten lebhaft die Hand. Unschuldig
-erwiederte sie den Druck; ein Bund zwischen
-ihnen war so gleichsam schon geschlossen.</p>
-
-<p>In das Zimmer zurückgekehrt, ergoß Beat sich in
-feurigen Lobpreisungen Margueritens und erklärte, daß
-er ganz und gar verliebt sei. Die alte Dame lachte
-auch jetzt und ermunterte ihren Günstling zum Beharren
-und Heirathen, Madame Sinnich aber, so hieß
-die Frau des Arztes, äußerte sich noch mißvergnügter
-als vorher. Bodenwieler würde sich da Etwas in
-den Kopf setzen, was doch immer eine Einbildung
-bleiben müsse, meinte sie; Madame Linder sollte ihn
-lieber wegen seines Uebermuthes schmälen, als ihn
-darin bestärken! Beat, welcher vor der strengen, praktischen
-Frau eine Art Respect hatte, suchte sie zu
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-beschwichtigen und das Ganze als einen Scherz darzustellen.
-»Ich will's um Ihretwillen wünschen,«
-sagte sie, nicht vollkommen überzeugt. Am Abend
-bei ihrer Zurückkunft erzählte sie ihrem Manne davon.
-Der nahm es leichter und lachte über die Schilderung,
-welche sie ihm von Beat's Gehaben machte. »Es
-ließe sich ein Lied darauf dichten,« sprach er. »Du
-denkst immer nur an Verse,« sagte die Frau unzufrieden.
-Der Doctor malte sehr gut Landschaften und
-dichtete allerliebst im Dialekt; die Frau mochte das
-nicht, hatte vielleicht auch aus dem Grunde Beat
-nicht besonders gern, nämlich im Hause, sonst gönnte
-sie ihm alles Gute.</p>
-
-<p>Beat lief unterdessen in seinen Freistunden wie toll
-in den schönen Umgebungen von Baden umher. Er
-war wirklich verliebt, aber freilich nur halb in Marguerite,
-halb in das reiche Mädchen.</p>
-
-<p>Marguerite dagegen liebte ihn von der ersten
-Stunde an und liebte nur ihn. Sophie, die heute
-zum ersten Male etwas eifersüchtig auf Marguerite
-geworden war, legte umsonst Nachdruck auf seine
-Armuth, wie er ein aus Barmherzigkeit erzogenes
-Waisenkind sei, und so fort. Marguerite erwiederte:
-»Die Waisenkinder sind des lieben Gottes Kinder.«
-Sie betete am Abend für den armen Beat, der keinen
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-Vater und keine Mutter habe. Es war kein Gebet
-für eine zukünftige Nonne, aber gewiß eines für den
-Himmel der Liebe. Marguerite glaubte Reichthum
-und eine Familie zu besitzen und sehnte sich mit ungeduldiger
-Zärtlichkeit, dem bedürftigen Beat zu geben,
-was ihm mangele. »Wann,« dachte sie, »wann werde
-ich ihn wiedersehen, um ihm zeigen zu können, daß
-ich ihn liebe?«</p>
-
-<p>Diese Gelegenheit hatte sie bald. Kloster Fahr
-liegt ganz vereinzelt, nur ein Gasthaus theilt mit ihm
-die Einsamkeit an der Limmath. Da dieses Haus ein
-beliebter Vergnügungsort ist, konnte Beat öfter herkommen,
-ohne anfänglich Aufsehen zu erregen. Die
-Kostgängerinnen wurden nicht sehr streng gehalten
-und durften unter der Aufsicht einer Schwester spazieren
-gehen. Mehrere Tannenwäldchen liegen in der
-Nähe; Beat konnte sich verbergen, bis der Zug der
-hübschen Kinder herankam, dann sich wie zufällig
-zeigen, mit Margueriten einen Blick wechseln. Leider
-erkannte auch Sophie ihn, und Sophie war neidisch
-darüber, daß Marguerite von einem Liebhaber verfolgt
-werden sollte und sie nicht. Die ersten Male
-schwieg sie noch; sie schämte sich, Marguerite zu verrathen.
-Aber als Beat sich häufiger sehen ließ, als
-Marguerite, die sich Sophiens veränderte Gesinnung
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-nicht vorstellen konnte, immer offener und feuriger von
-ihrem Geliebten sprach, da siegte der Neid, und Sophie
-machte mehrere ihrer Gefährtinnen darauf aufmerksam,
-daß Beat, welchen sie bisher für eine Art allgemeinen
-Anbeter genommen, leicht nur Margueritens wegen
-auf allen Spaziergängen sich finden lassen dürfte.
-Mehr bedurfte es nicht, um alle die jungen Augen
-scharf zu machen, und gewiß, Beat schlich allein wegen
-Marguerite auf allen Seiten ihnen vor oder nach.
-Das verdiente Strafe; geschickt, um jeden Anschein
-der Angeberei zu vermeiden, wurde die Arglosigkeit
-der Klosterfrauen aufgeweckt. Die guten Seelen &ndash;
-daß in ihrem Kloster eine Liebesgeschichte spielen sollte,
-war ihnen ganz neu und wie unbegreiflich. Indessen
-sie überzeugten sich: Beat schlich dem Kloster immer
-näher; es war ihm sogar gelungen, an der Mühle,
-welche die Klostereinfriedigung gegen das offene Feld
-zu abschließt, mit Margueriten eine Zusammenkunft
-von einigen Augenblicken zu haben. Das junge Paar
-hatte hierfür blos dem besondern Fatum der Verliebten
-zu danken, Marguerite war von innen und Beat
-von außen an die Mühle gekommen &ndash; das war
-Alles, aber im Kloster sah man darin eine geschickt
-ausgeführte Verabredung und die Gefahr nah und
-dringend. Man rathschlagte, ob man das junge
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-Mädchen in ein scharfes Verhör nehmen solle, fand
-es aber dann für besser, ohne sie erst einzuschüchtern,
-gleich an die Familie zu schreiben und dieser das Weitere
-zu überlassen. Marguerite wollte man einstweilen
-nur gut bewachen, und daß dies geschehe, wandte man
-sich an den frommen Eifer ihrer Gefährtinnen. Die
-jungen Mädchen waren entzückt, das nunmehr im
-Auftrage thun zu dürfen, was sie bisher im Geheimen
-gethan. Sollte man aus dieser Bereitwilligkeit nicht
-auf wirkliche Gehässigkeit gegen die Fremde und die
-Schönere schließen? Und doch war es sicher nur
-jugendliche Eifersucht auf »den Liebhaber«. Hätte man
-allen den jungen Neiderinnen der Reihe nach den
-Künstler angeboten, Keiner würde er recht gewesen sein,
-Keine ihn gewollt haben. Aber Marguerite sollte nicht
-lieben und nicht geliebt werden.</p>
-
-<p>Das arme Kind, sie fand sich in dem Hause, dessen
-Sprache sie nicht verstand, welches ihr daher nie heimlich
-gedünkt, jetzt doppelt unheimlich, doppelt verlassen.
-Nie mehr ließ man sie allein, nicht nur jeder ihrer
-Schritte, jede ihrer Mienen wurde belauert. Für das
-Kloster war es eine Pflicht, Etwas zu verhindern,
-wovon es mit Gewißheit annehmen konnte, die Familie
-Margueritens würde es als ein Unheil und eine
-Schande betrachten. Doch die arme Marguerite, mit
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-dem Kopfe, der nicht rechnete, mit dem Herzen, das
-zu seinem Beat wollte! Der junge Mann war nicht
-weniger beunruhigt als seine Geliebte, wenn er auch
-innerlich minder litt. Während mehr denn acht
-Tagen war es ihm nicht mehr geglückt, sie auch nur
-von Weitem zu sehen. Geängstigt und verstört,
-wollte er sich bei seiner großen Gönnerin Trost erholen,
-aber die alte Dame empfing ihn sehr schlecht.
-Sophie hatte ihr etwas übertriebene Mittheilungen
-gemacht, und sie erklärte dem jungen Armen unumwunden,
-ein kleiner Spaß habe nichts geschadet, aber
-im Ernst sei er nicht für Fräulein von Gontran.
-Noch mehr niedergeschlagen kam er nach Mellingen,
-aber auch da hörte er nichts Erfreuliches. Der Doctor
-rieth ihm sehr ernstlich, von einer Thorheit abzustehen,
-durch welche er sich und das Mädchen unglücklich
-machen werde, und die Frau wollte es schon
-unverzeihlich finden, daß er so weit gegangen.</p>
-
-<p>Im Kloster war inzwischen Margueritens Bruder
-angelangt. Die Schwester empfing ihn nicht ohne
-Furcht; als sie aber vernahm, er sei gekommen um
-sie nach Hause zu holen, warf sie sich ihm mit
-Thränen der Freude um den Hals. Wenn sie nur
-wieder bei den Eltern war, da wollte sie so bitten,
-daß Beat in das Haus eingelassen und sie glücklich
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-würde. Daß er ihr folgen würde, bezweifelte sie gar
-nicht erst: es verstand sich von selbst. Vom Kloster
-nahm sie einen frohen Abschied, von Sophie einen
-traurig vorwurfsvollen. Anders die abgefallene Freundin
-zu strafen, vermochte sie nicht &ndash; sie war gar zu
-weich &ndash; ein Herz, recht geschaffen, um gequält und
-gebrochen zu werden.</p>
-
-<p>Unterwegs fing der Bruder bald an, sie um
-ihren Beruf für das Klosterleben zu befragen. Zutraulich
-und offen erklärte sie ihm, sie habe keinen,
-dagegen eine herzliche Neigung, welcher sie durch eine
-Ehe Genüge gethan wünsche. Der Bruder gab ihr
-zu bedenken, daß sie ja im Kloster auch ihrem Vergnügen
-gemäß leben könne. »Wie oft findet das
-nicht statt,« setzte er lächelnd hinzu. Die unschuldige
-Schwester verstand ihn nicht; sie antwortete: »Ich
-würde nie mein Vergnügen im Kloster haben &ndash; im
-Gegentheil, ich würde schrecklich unglücklich sein &ndash;
-wenn ich nicht gar vor Gram stürbe.« Und zum
-ersten Male von dem Gedanken erschreckt, ihre Familie
-könne ihr am Ende eben so feindlich sein, wie
-man ihrer Meinung nach im Kloster ihr gewesen,
-fragte sie ängstlich und aufgeregt: »Man will mich
-doch nicht etwa zwingen &ndash; sage mir, könnte die
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-Mutter &ndash; Gott, sie war immer so gut gegen mich &ndash;
-könnte die das wollen?«</p>
-
-<p>Der junge Gontran wollte ausweichend antworten,
-aber sie rief mit einer an ihr ganz ungewohnten
-Heftigkeit: »Sag' es mir nur gerade heraus &ndash; lieben
-sie Dich mehr, und soll ich aufgeopfert werden,
-wie es auch einmal einem jungen Mädchen geschehen
-ist, die in's Kloster mußte, damit der Bruder reicher
-würde &ndash; verlangt man das von mir?« &ndash; »Es ist
-das sehr häufig der Fall,« sagte der Bruder kalt;
-»junge Mädchen, die ihre Familien lieben, thun freiwillig
-ein Gelübde, welches die Zersplitterung des
-Vermögens verhindert.« &ndash; »Nie, nie werde ich das
-thun. Es ist unnatürlich, barbarisch.« &ndash; »Wie es
-Dir gefällt; sag' es, wenn wir ankommen, dem Vater
-und dem Abbé, und höre, was sie Dir antworten
-werden.«</p>
-
-<p>Der Abbé Lallemant war der Beichtvater des
-Hauses und für Marguerite von jeher ein Gegenstand
-der Furcht gewesen. Er hatte es veranlaßt, daß man
-sie nach Fahr gebracht, und nun sollte sie gleich bei
-ihrer Rückkehr ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu
-leisten haben, vielleicht ohne auf Hülfe hoffen zu dürfen,
-selbst von ihrer Mutter. Die arme Marguerite
-fror in der Seele; ihr war es, als sitze ihr Feind
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-und nicht ihr Bruder neben ihr. Doch gab sie darum
-weder ihren Willen auf, noch ihre Liebe verloren; ihr
-war nur bange vor der Heimkunft, auf die sie sich so
-gefreut, vor dem Elternhause, wo man sie nicht mehr
-wollte, vor dem Streit, den sie erwartete. Der junge
-Gontran saß still und mürrisch und ließ die Schwester
-sich quälen, so viel sie mochte. Sie quälte sich
-sehr, aber sie faßte sich auch; »Gott wird mich nicht
-verlassen,« dachte sie, »es ist für ihn.«</p>
-
-<p>Gegen Abend kamen sie in Solothurn an und
-fuhren bei dem Kloster der Visitantinerinnen vor. Es
-fiel das dem jungen Mädchen nicht auf; sie hatte bei
-der Hinreise auch hier geschlafen; die Aebtissin war
-eine Bekannte ihrer Mutter. Der Bruder nahm
-flüchtig Abschied von ihr und sagte ihr, sie möge sich
-morgen bei Zeiten fertig halten, er werde sie so früh
-wie möglich abholen.</p>
-
-<p>Marguerite schlief nicht viel und war mit dem
-Tage bereit. Aber der Morgen verstrich, und der
-Bruder kam nicht. Das junge Mädchen ward unruhig,
-ohne jedoch Argwohn zu schöpfen. Der Bruder
-konnte verhindert sein. Als er indessen um Mittag
-noch nicht da war, wollte sie eben bitten, man
-möge nach ihm schicken, da ward sie zur Aebtissin
-gerufen, die sie am vorigen Abend nicht gesehen. Die
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-würdige Frau empfing das Mädchen mit mütterlicher
-Zärtlichkeit. »Du gehörst uns an, meine Tochter,«
-sagte sie; »Dein Bruder hat mir heute Morgen den
-Wunsch Deines frommen Herzens eröffnet &ndash; gern
-nehme ich Dich auf.« Marguerite, starr, antwortete
-nicht gleich; sie überlegte im Stillen, ob solch ein
-Verrath von einem Bruder möglich sei. Endlich
-fragte sie: »Und hat mein Bruder gesagt, ich wolle
-in das Kloster?« &ndash; »Nichts anders,« erwiederte die
-Aebtissin. &ndash; »O, dann vergebe ihm Gott!« rief
-Marguerite schmerzlich. »Er hat gelogen, mich und
-Sie belogen, uns Beide gleich. Ich erwartete ihn
-heute, damit er mich nach Hause bringe, und statt
-dessen &ndash; o, Gott erbarme sich meiner, denn von
-meinen Nächsten bin ich verrathen!«</p>
-
-<p>Eine Schlechtigkeit ahnend, tröstete die Aebtissin
-mit milden Worten das weinende Mädchen. Auf die
-wiederholte feierliche Versicherung, nie solle sie mit
-Gewalt hier zurückgehalten werden, eröffnete Marguerite
-der würdigen Frau voll reinen Zutrauens
-alles Geschehene. Die Aebtissin lächelte bei den naiven
-Bekenntnissen der kleinen verliebten Unschuld, sie
-runzelte die Stirn, als sie von den Vorstellungen des
-jungen Gontran vernahm. Als Marguerite geendet
-hatte und mit der Furcht einer Taube zu ihr aufschaute,
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-sagte sie beruhigend: »Mache Dir keine Sorge,
-mein Kind, Du sollst nicht hierbleiben müssen; noch
-heute schreibe ich an Deine Mutter, und wenn ich
-Dir auch nicht versprechen kann, es soll gleich Alles
-nach Deinen Wünschen gehen, so will ich Dir doch
-keineswegs die Hoffnung für später untersagen. Gott
-hilft seinen Kindern und will keine erzwungene Opfer.«</p>
-
-<p>Marguerite hoffte. Die Aebtissin schrieb. Keine
-Antwort kam. Sie schrieb wieder. Jetzt erfolgte ein
-Brief, bedrohend für die ungehorsame Tochter. Die
-Mutter hatte vergessen, daß auch sie jung gewesen
-und geliebt. Diese Vergessenheit der Eltern ist ein
-Fluch für die Jugend der Kinder, und &ndash; wie häufig!
-Marguerite auch sollte darunter zu Grunde gehen.
-Was ihre Mutter nicht länger war, das ward die
-Aebtissin. Wieder und wieder schrieb die edle Frau,
-abmahnend, bittend, dringend. Bis ihr das schwere
-Werk gelungen sein würde, unnatürliche Eltern wieder
-zur Natur zurückzuführen, behandelte sie Marguerite
-ganz wie ihre Kostgängerin, ließ sie an allem Unterricht
-Theil nehmen und gönnte ihr zugleich die größte
-Freiheit. Die Gontrans waren mit mehreren Familien
-in Solothurn bekannt; zu denen durfte Marguerite
-ungehindert, so lange sie freundlich empfangen wurde.
-Das hörte indessen bald auf; man fürchtete, mit den
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-Eltern in Unannehmlichkeiten zu gerathen, wenn man die
-Tochter, welche sich auflehnte, zu begünstigen schiene.
-Marguerite lernte gleich in dem ersten Kampfe mit dem
-Leben die Menschen recht verschieden kennen &ndash; die Mehrzahl
-so feig in der Theilnahme, nur einige Wenige voll
-Muth zur Güte. Von diesen war die Erste die Aebtissin,
-dann bezeigte der Arzt des Klosters sich unverändert herzlich
-gegen das junge Mädchen, und je auffallender andere
-Familien Marguerite abwehrten, je häufiger kamen
-die Einladungen von ihm. Eines Tages schickte er
-schon früh und ließ bitten, Marguerite möchte zu
-Mittag kommen dürfen. Die Aebtissin erlaubte es;
-Marguerite trat um zwölf Uhr in das Wohnzimmer
-ihrer neuen, aber aufrichtigen Freunde. Ein Schrei
-entfuhr ihr &ndash; Beat stand da, breitete ihr die Arme
-entgegen. Trunken von der plötzlichen Lust warf sie
-sich hinein: es war die erste Umarmung, der erste
-Kuß. Als Marguerite wieder denken konnte, wußte
-sie nicht, wo anfangen mit Fragen &ndash; wem verdankte
-sie dieses Heil, wie kam Beat hierher, wie hatte er
-erfahren, was mit ihr vorgegangen? Beat konnte
-Alles leicht erklären; Solothurn war nicht so weit
-von Baden, daß ein solcher Vorfall wie Margueritens
-Verlassenwerden nicht hätte hindringen sollen. Beat
-vernahm es kaum, als er sein Atelier in Baden aufhob,
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-seine Geschäfte möglichst in Ordnung brachte und
-nach Solothurn kam, wo er in dem Arzt des Klosters
-einen Jugendfreund hatte. Er hoffte durch des
-Freundes Vermittelung wenigstens Nachrichten von
-Marguerite zu erhalten; der Freund, aufgebracht über
-das Verfahren der Familie Gontran, versprach ihm
-noch mehr &ndash; eine ungestörte Zusammenkunft. Die
-hatten sie jetzt, und Beat trug Sorge, daß die kostbaren
-Stunden nicht blos in Liebeständeleien verschwendet
-wurden. Mit Hülfe des Arztes, welcher
-den Dolmetscher spielte, vereinigten die Liebenden sich
-dahin, daß Beat an Margueritens Vater schreiben
-und förmlich um ihre Hand anhalten sollte. Die
-Aebtissin, zu welcher Marguerite voll Hoffnung und
-Freude zurückeilte, billigte diesen Entschluß vollkommen;
-der Arzt schrieb den Brief und Beat unterzeichnete
-ihn. Marguerite versuchte ihrerseits noch einmal, sich
-mit kindlichem Vertrauen an die Brust der Mutter
-zu werfen. »Verlange nicht, daß ich der Liebe und
-dem Glücke entsage,« flehte sie, »denke, meine Mutter,
-wie es Dir gewesen sein würde, hättest Du in ein
-Kloster gesollt, während Du jung warest und leben
-wolltest.« Der ganze Brief war so voll einfältig
-bittender Hülflosigkeit, welche das Mutterherz anrief
-als ein göttlich liebendes. Aber keine Antwort kam,
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-nicht von Herrn von Gontran an Beat, nicht von
-der Mutter an ihr Kind. Auf die Ermunterung des
-Freundes schrieb Beat nochmals &ndash; Marguerite, niedergeschlagen,
-wagte es nicht mehr, aber die Aebtissin
-that es an ihrer Statt. Jetzt erfolgte von Freiburg
-ein Schreiben, des Inhalts, Marguerite sei
-frei, die beabsichtigte Mißheirath zu thun, habe
-aber dann von den Eltern Nichts mehr zu erwarten
-als Vergessenheit. Mit diesem Segen wurden
-die Liebenden in der Kirche des Klosters getraut,
-nachdem die Aebtissin noch einmal dem jungen Mädchen
-eindringlich vorgestellt, was sie mit einer solchen
-Ehe wage. Leicht Mangel, gewiß Sorgen, wer
-wußte, ob nicht Reue. Marguerite liebte Beat, das
-war ihre ganze Antwort &ndash; sie wurde getraut, unter
-Fremden, verstoßen von den Ihrigen. Sie weinte,
-denn sie fühlte die Verstoßung, aber in ihren Thränen
-war sie noch glücklich.</p>
-
-<p>Beat &ndash; ein reiches Mädchen hatte er gewollt
-und ein armes genommen. Es war eine herbe Täuschung,
-doch seine Jugend und seine Gutmüthigkeit,
-welche durch Margueritens Schönheit und Liebe gereizt
-und gefesselt wurden, halfen ihm darüber hinweg.
-Auch hegte er wohl noch Hoffnung auf ein einstiges
-Nachgeben der Eltern. Wenn einmal geschehen war,
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-was ihnen mißfiel, wenn Marguerite wirklich des Beistandes
-bedurfte, vielleicht für ein Kind neu bitten
-konnte &ndash; »der Zorn währt nicht ewig,« dachte Beat.
-Einstweilen verlangte er, was Margueriten rechtmäßig
-gehörte &ndash; bedeutende Pathengeschenke, die ihr von
-Zeit zu Zeit gemacht worden, eine kleine Erbschaft,
-welche ihr übergeben werden sollte, sobald sie mündig
-würde oder heirathete. Die Familie Gontran verharrte
-in ihrem einmal angenommenen System &ndash; sie
-schwieg. Marguerite erhielt Nichts, und Beat, der in
-Solothurn keine Arbeit finden konnte, sah sich genöthigt,
-mit seiner jungen Frau nach Einsiedeln zu seinem
-Oheim zu reisen und dessen Obdach in Anspruch
-zu nehmen.</p>
-
-<p>Auf dem Wege dahin besuchte er den Doctor
-Sinnich in Mellingen. Der Doctor schildert das
-Pärchen als rührend komisch. Marguerite hatte endlich
-einige Bröckchen von der barbarischen Muttersprache
-ihres Geliebten erlernt, doch ging die Unterhaltung
-noch immer kläglich genug von Statten.
-Beat begnügte sich damit, seiner schönen jungen Frau
-von Zeit zu Zeit seine Dose anzubieten; sie streichelte
-ihm mit beiden Händen die Wangen und sagte ihm
-dabei zärtlich: »O mys lieb Beat!«</p>
-
-<p>Bitter ist das Brod der Abhängigkeit &ndash; Marguerite
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-sollte das erfahren! Obgleich gute und brave Leute,
-waren doch Beats Oheim und Tante allzu unzufrieden
-mit der thörichten Heirath ihres Neffen, um ihren
-Aerger nicht ohne Schonung auszulassen. Beat kam
-dabei gut genug weg, sie liebten ihn wie ihr eigenes
-Kind; die Vorwürfe, welche er erhielt, wurden durch
-Liebkosungen gemildert und vergütet. Aber Marguerite,
-das unwillkommene, überflüssige, zartgewöhnte
-Mädchen, denn sie war noch immer wie ein junges
-Mädchen, so kindlich, so fremd in der Welt, man
-wußte Nichts mit ihr anzufangen, man konnte sie
-zu Nichts gebrauchen &ndash; das Fräulein wurde sie
-spottweise genannt. Ihre Geburt ward ihr hier
-zum Vorwurf, der Reichthum, mit welchem sie
-Beat verlockt haben sollte, nun sie ihn nicht geben
-konnte, ihr zum Verbrechen gemacht. Wenn sie sich anbot,
-im Hause nach ihren Kräften zu helfen, wies
-man sie als nutzlos zurück, und verlangte doch gleich
-darauf mehr, als sie mit der größten Anstrengung
-leisten konnte. Jeder Antheil an der täglichen Speise
-wurde ihr vorgerechnet &ndash; was that sie, um ihn zu
-verdienen? Wenn sie manchmal mit überströmenden
-Thränen flehte, sie doch nicht so schlecht zu behandeln,
-fragte man sie, ob sie etwa fort wolle &ndash; die Thür
-stehe offen. Wohin hätte sie gehen sollen? Auch
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-dachte sie nicht daran &ndash; Beat war da. Beat war
-da, warum nahm er denn Marguerite nicht an seine
-Brust, sie zu schützen vor dem Weh, das man ihr
-anthat? In seiner Gegenwart ließ man sie unangefochten,
-und klagen wollte sie nicht, ihn nicht in
-Unfrieden mit seinen Verwandten verwickeln, denen er
-Dank schuldete. Marguerite schleppte sich also hin
-in jammervoller Dienstbarkeit, in hoffnungsloser Ermüdung.
-Dazu war die Luft von Einsiedeln für ihre
-feine Organisation zu rauh. Und dann, welch' ein
-Wohnort für ein junges, lebendurstiges und ach, so
-schwer gedrücktes Geschöpf! Dieses weite, leere Hochthal,
-diese wilden Alpen, welche über die Tannenberge
-hereinsehen, dieser Sand, diese einförmigen Matten,
-diese Kahlheit, und mitten darin das baumlose, gleichsam
-verlorene Städtchen und das riesige Kloster mit
-den beiden grauen Thürmen, so großartig, aber auch
-so finster! Einsiedeln muß man besucht haben, aber
-um dort wohnen zu können, muß man stärker und
-gewiß glücklicher sein, als Marguerite es war. Sie
-verging hier vor Bangigkeit. Gewohnt wie sie des
-reichen, schönen Freiburgs war, hatte ihr schon Fahr
-eine Art Wüste geschienen, und nun gar Einsiedeln!
-Besonders der Winter war furchtbar für sie. Diese
-Gegend, schon im Grün des Sommers so düster und
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-eintönig &ndash; was ward sie erst unter den Schneelasten,
-welche sich mit den ersten dunkeln Tagen auf
-sie legten. Wie einsam war es, wie melancholisch
-tönten die Glocken des Klosters! Und Marguerite,
-eingeschlossen in die niedrigen Stuben, die man hier
-überall findet, mit Balkendecken, welche wie vorzeitige
-Sargdeckel auf dem täglichen Leben liegen. Wer
-unter solchen Decken geboren, gewiegt und großgezogen
-ward, der mag sich unter ihnen wohl fühlen,
-aber wer gewöhnt gewesen ist, Raum über seinem
-Haupte zu sehen, der erstickt unter ihrer Pressung.
-Marguerite träumte manchmal, sie sei schon begraben,
-und zwar unter der Decke ihres bangen, luftlosen
-Stübchens. Ich habe das Haus gesehen, wo die
-jungen Leute beinah zwei Jahre gewohnt haben; es
-liegt an dem Platze des Klosters, doch in einiger
-Entfernung von diesem, ist groß, ganz von Holz,
-ganz schwarz angestrichen, hat eine Unzahl kleiner
-Fenster, und heißt »Zur heiligen Katharine«. Die
-Braut des Heilandkindes konnte ihren Namen keinem
-unheimlicheren Gebäude leihen. Als ich es sah, blühten
-auf allen Fenstern Blumen, besonders eine Menge
-rother Pelargonien, aber trotz dieses Schmuckes und
-trotz des Glanzes seiner Schwärze schauerte mich vor
-ihm noch mehr als vor ganz Einsiedeln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Der späte Frühling erlöste Marguerite von einiger
-ihrer Qual; sie konnte aus, sah die Pilger ankommen
-und Bewegung in die heilige Oede bringen, fand in
-den Tannenwäldern Blumen, wurde dann und wann
-freundlich gegrüßt. Man hatte sie im Orte liebgewonnen,
-ohne daß sie es gewußt; es zeigte sich
-jetzt, und sie fühlte sich etwas gelindert. Freilich war
-dieser Trost für sie bald verloren, denn Beat beschloß,
-den Sommer zu Reisen anzuwenden. Er wollte verdienen,
-was er hier nicht konnte; er wollte dahin,
-wo er noch nicht gearbeitet hatte; vielleicht, so redete
-er Margueriten zu, würde er so viel zurückbringen,
-daß sie den nächsten Winter in eine Stadt ziehen
-könnten; aber um das Möglichste zu erwerben, mußte
-er möglichst sparen, und Marguerite durfte daher
-nicht mit. Marguerite weinte und gehorchte. Sonderbar
-genug wurden Oheim und Tante, seit Beat
-fort war, milder gegen sie. Vielleicht hatte ihre immer
-gleiche Sanftmuth sie entwaffnet &ndash; genug, sie
-begegneten ihr mit mehr Barmherzigkeit. Marguerite,
-noch ganz elastisch, bedurfte nur geringer Aufmunterung,
-um wieder Zutrauen zu fassen. Sie wurde so
-heiter, wie sie ohne Beat werden konnte.</p>
-
-<p>Aber ihre Gesundheit war durch den Winter und
-die viele Trauer, welche sie lautlos geduldet, unterwühlt
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-worden. Ein Husten zeigte sich, den die scharfen
-und häufigen Luftabwechselungen dieser hohen Lage
-unterhielten. Der Oheim wandte umsonst sein Wissen
-an, Marguerite welkte, mit Geduld, wie sie sich bisher
-gebeugt, langsam, unaufhaltbar. Beat fand sie bei
-seiner Rückkehr erschreckend verändert. Hätte er genug
-Geld gebracht, um sie gleich in eine andere Luft, in
-eine andere Umgebung führen zu können, vielleicht daß
-Genesung noch möglich war. Aber sein Verdienst war
-gering gewesen, wie es immer ist, wenn die Noth
-drängt. Wenn immer Arbeit sich finden ließe, wer
-würde da zu Grunde gehen? Einer unter Hunderten
-vielleicht. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist mächtig,
-nur &ndash; muß man sich erhalten können, und die Thüren
-schließen sich nie fester, als vor dem Bedürfniß.
-Beat kam mit dieser trostlosen Erfahrung zurück.
-Leichtsinnig, wie er im Grunde war, verzweifelte er
-noch nicht. Im nächsten Jahre würde es besser gehen,
-ermunterte er Marguerite, im nächsten Jahre wolle
-er sie nach Baden bringen, da solle sie gesund werden.
-Marguerite horchte seinen Verheißungen wie
-ein gläubiges Kind und wurde dabei kränker und
-kränker. Der zweite Winter kam über sie, noch härter
-und rauher als der erste. Umsonst beeiferten sich
-jetzt Oheim und Tante, sie zu pflegen, umsonst war
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-Beat herzlich gut &ndash; der Husten wich nicht, sondern
-ward hohler &ndash; und sie immer bleicher. Der Gönner
-Beat's, der Doctor aus Zürich, kam einige Male die
-arme Kranke besuchen; sie nahm, was er ihr gab, mit
-ihrer gewohnten frommen Unterwürfigkeit, tröstete
-Beat, hoffte zuversichtlich und &ndash; ward bleicher und
-kränker. Beat machte sich eines Tages zu Fuß nach
-Mellingen auf, überbrachte dem Doctor Sinnich eine
-Beschreibung von ihrem Zustande und bat ihn um
-Hülfe. Doctor Sinnich sah bedenklich aus, versprach
-aber, sich mit Beat's Oheim in Briefwechsel zu setzen
-und so zu thun, was er vermöge.</p>
-
-<p>Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine
-Frau in Luzern bei ihren Eltern, er am Schreibtische,
-an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt ein
-Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb
-der Stadt gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte
-er, als er, an das Fenster getreten, den Wagen mit
-Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür;
-»Doctor,« sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte
-sich um, es war Beat, der blaß vor ihm stand und
-ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen
-meine Frau.«</p>
-
-<p>Sinnich war unwillig, erstaunt. »Was thun Sie
-mit der kranken Frau auf der Landstraße, und ohne
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-mich eine Silbe voraus wissen zu lassen?« &ndash; »Ich
-konnte nicht länger mit ihr in Einsiedeln bleiben, sie
-hält die Luft nicht mehr aus, und &ndash; sie wollen uns
-auch nicht mehr behalten.« Beat sagte das mit einer
-Art von Trotz. Der Doctor dachte an die Kranke,
-die erwartend unten lag. »Für's Erste müssen wir
-Ihre Frau unter Dach und Fach bringen &ndash; kommen
-Sie, lassen Sie sie in den Löwen fahren.« &ndash; »Ja Doctor,
-aber das sage ich Ihnen frei &ndash; ich habe kein
-Geld.«</p>
-
-<p>Der Doctor erbarmte sich. Er ließ das arme,
-heimathlose Weib in sein Haus tragen, er ließ sie in
-das Bett legen, welches für seine Eltern bestimmt
-war, wenn sie zum Besuch kamen. Marguerite versuchte
-mit ihren kalten Lippen seine Hand zu erreichen.
-Er zog die Hand fort und hieß die blasse Kranke
-schlafen. Sie schlief unter dem Dache des Samaritaners.</p>
-
-<p>Als Madame Sinnich zurückkam, empfing der
-Doctor sie mit einiger Ungewißheit, »ob es ihr recht
-sein würde.« Es war ihr recht; sie konnte ihm schelten,
-wenn er ein Gedicht machte, nicht wenn er eine
-gute Handlung ausübte. Dieses Blatt ist in dieser
-Geschichte das einzige tröstliche. Möge man es mit
-Freude lesen, wie ich es mit Freude schrieb.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-Marguerite blieb, zum ersten Male wahrhaft gepflegt,
-mehrere Wochen im Hause Sinnich's; dann
-hatte dieser, im Verein mit dem Pfarrer von Mellingen,
-Etwas gefunden, wodurch den unglücklichen
-Eheleuten wenigstens das bare Leben gesichert wurde.
-Sie errichteten eine Zeichenschule, die Gemeinde gab
-dreihundert Franken und eine kleine Wohnung und
-Beat den Unterricht.</p>
-
-<p>Mellingen ist ein klein Städtchen, etwa eine Stunde
-von Baden. Der Weg führt über zwei Höhenrücken,
-die Badener und die Mellinger Sommerhalde. Das
-Reußthal ist bei Mellingen ebenso lieblich wie bei Baden
-das Limmaththal. Das Städtchen ist eine jener
-alten Ortschaften mit Mauern und Thorthürmen,
-durch zwei Straßen kreuzweis, wenn auch nicht ganz
-regelmäßig getheilt. Eine alterthümliche bedeckte Brücke
-führt über die Reuß hinein; ich liebe solche alte
-Brücken, unter deren Bedachung man geschützt stehen
-und den Strom fließen sehen kann. Das Wappen
-von Mellingen, eine weiße Kugel im rothen Felde,
-ist einfach und doppelt an den beiden Thorthürmen
-angebracht. An dem linken Arm des Straßenkreuzes
-liegt der größte Platz des Ortes, mit dem Gasthof
-zur Krone, mit der Kirche und einer Grabkapelle, mit
-dem frühern alten Schlosse, dessen Garten bis an die
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Reuß geht. Die Grabkapelle hat einen hohen, buntgedeckten
-Thurm, zwischen ihr und der Kirche steht
-der braune Glockenthurm mit einem abgestumpften
-Dache, das Kirchthürmchen ist klein und spitz, grau
-der spalierumgrünte Wendeltreppenthurm des Schlosses.
-Vier Thürme also, die schwere Kirchthür mit
-Schnitzwerk, ein hohes, hölzernes Kruzifix, viele kleine
-eiserne, wunderliche, verrostete, bemalte Grabkreuze,
-ein paar Bäume, hinhängend, wie leidend, ein paar
-Beete mit kranken Blumen, das Alles bildet eine
-Stätte des Begrabens, wo der Tod nicht als der
-Bruder des Schlafes, sondern als der furchtbare Erbfeind
-des Lebens erscheint. Marguerite sah sie täglich
-und stündlich, denn das ihnen angewiesene Häuschen
-lag dicht neben der Vikarei, und die ist der Krone
-gegenüber. Aber in Margueritens Herzen sprudelte
-wieder die Quelle der Harmlosigkeit, sie glaubte gewiß,
-daß sie genesen werde, sie freute sich in dem
-kleinen Garten, aus welchem sie die Alpen sehen
-konnte, zu säen, zu pflanzen. Sinnich hatte sie wirklich
-so weit gebracht, daß sie den Sommer weit mehr
-genoß, als den vorigen. Die Luft war hier so mild,
-man zeigte ihr so viel Wohlwollen. Marguerite gewann
-sich Herzen, wo sie nur wenige Wochen lebte;
-das Mitleid half denn auch; die jungen Eheleute wurden
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-unterstützt, soviel nur die Kräfte der Gemeinde
-es zuließen. Aber mit dem Winter machte doch der
-Mangel sich wieder fühlbar, um so mehr, da Marguerite
-auf das Neue zurücksank. Sinnich und seine
-Frau konnten diese Entblößung, der sie ihren beschränkten
-Mitteln nach nur höchst unvollkommen abzuhelfen
-vermochten, nicht länger so gelassen mit ansehen.
-»Lassen Sie ihre Frau nach Freiburg schreiben,« sagten
-sie zu Beat, »die Eltern müssen weich werden,
-wenn sie erfahren, in welchem Zustande ihre Tochter
-ist.« Marguerite brachte mühsam einen Brief zu
-Stande &ndash; ein Brief, besonders ein solcher, ist für
-einen Kranken ein so mühsames Werk. Das Blatt,
-auf welchem ihre Hand gezittert, auf welches ihre
-Thränen und von ihrer Stirn der kalte Schweiß gefallen,
-das Blatt blieb unbeantwortet; ein zweites,
-noch mühevoller, müder, bittender geschrieben, hatte
-dasselbe Loos. Jetzt schrieben Sinnich und der Pfarrer,
-siegelten mit Sinnich's Wappen und gaben den Brief
-in Zürich auf die Post. Wenn Frau von Gontran
-ihre Tochter noch einmal sehen wolle, möge sie eilen;
-Margueritens Tod sei nahe.</p>
-
-<p>Auf diesen Brief kam die Mutter; er war in ihre
-Hände gelangt, aber nicht der, welchen Marguerite ihr
-von Solothurn aus geschrieben, keiner von der Aebtissin,
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-welche vor ihrem bald auf Margueritens Heirath
-erfolgten Tod noch einmal versucht, Frau von
-Gontran zu erschüttern. Der junge Gontran und der
-Abbé Lallemand hatten alle diese Blätter, ebenso wie
-auch die beiden letzten Briefe Margueritens, unterschlagen,
-die Mutter wußte Nichts von der Gefahr,
-Nichts von dem Elend der Tochter, sogar Nichts von
-ihrer Heirath. Sie hatte bisher geglaubt, Marguerite
-lebe mit Beat als dessen Geliebte. »Wie konntest
-Du denn das von mir denken?« fragte Marguerite
-mit naivem Vorwurf. Die Mutter weinte und schuldigte
-sich an, doch war selbst in diesen ergreifenden
-Augenblicken eine gewisse Gemüthskälte bei ihr nicht
-zu verkennen. »Ach, wenn Du doch in's Kloster gegangen
-wärest,« seufzte sie; »wie viel glücklicher wärest
-Du gewesen.« &ndash; »Sprich nicht so, meine Mutter,«
-antwortete Marguerite, mit dem Lächeln des befriedigten
-Herzens, »ich habe meinen lieben Beat.« Und
-sich zu ihm wendend und ihm die Hand darreichend,
-setzte sie in ihrem gebrochenen Deutsch hinzu: »Mys
-lieb Beat, ich nicht mit einem König tauschen,« ihr
-liebstes und häufigstes Wort. Die Mutter sah darum
-Beat nicht günstiger an; sie betrachtete ihn als den
-einzigen Anlaß aller der Uebel, die Marguerite zu leiden
-habe. Im Ganzen war der Besuch ein wenig
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-erquicklicher; die Mutter hatte allerdings einiges Geld
-mitgebracht, aber das war nur wie ein Tropfen für
-die vielen und dringenden Bedürfnisse. Auch fühlte
-Frau von Gontran sich gedemüthigt vor den Fremden,
-die ihr Kind, welches sie verlassen, aufgenommen und
-genährt hatten. Sie konnte nicht ohne Scham die
-Worte der Doctorin hören: »Bedenken Sie, Madame,
-daß in dem armen Städtchen Mellingen auch
-der Aermste sich noch reich genug findet, um Ihrer
-Tochter Kartoffeln schicken zu können.« Sie versprach,
-alles Nöthige zu senden, um dem Mangel, der die
-Kranke umgab, wenigstens einigermaßen abzuhelfen.
-Sogar das Piano Margueritens, welche auf diesem
-Instrument Virtuosin war, sollte mit andern Möbeln
-kommen. Bitter lächelnd sagte die Doctorin: »Madame,
-dazu ist es zu spät, Ihre Tochter wird kein
-Piano mehr spielen, es hat ihr zu lange an Brod
-und Kleidern gefehlt.« Das war keine Uebertreibung;
-Marguerite hatte sich in Einsiedeln nicht immer satt
-essen können und besaß keine andern Kleider, als die,
-welche sie mit in die Ehe gebracht. Sie waren abgenutzt,
-zerrissen theilweise, Marguerite, die immer viel
-Geschmack für zierlichen Anzug gehabt, bat die Mutter,
-ihr ein neues Kleid zu schenken. »Ach, nur eines,
-Maman; ich komme mir in diesen alten Dingern
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-selbst so alt vor. Gewiß, ich würde besser aussehen,
-wenn ich ein hübsches Kleid anhätte.« Die Kokette
-&ndash; sie wollte noch jetzt ihrem Beat gefallen!</p>
-
-<p>Er pflegte sie wenigstens treulich, gab dabei seine
-Stunden, und machte außerdem die Examina, welche
-zu einer bessern Anstellung nöthig waren. Aber noch
-fand die sich nicht.</p>
-
-<p>Dagegen kam die versprochene mütterliche Hülfe
-von Freiburg. Worin bestand sie? In einem kleinen
-Stuhl, den Marguerite als Kind gehabt, in dem dazu
-gehörigen Tische und in einer Bettdecke von Damast.
-Sonst Nichts, keine Wäsche, keine Geräthschaften, kein
-Geld, nicht einmal das erbetene Kleid. Marguerite
-klagte nicht, sie sagte nur in ihrer treuherzigen Art:
-»Sie werden die Mutter wieder herumgekriegt haben,
-aber das Kleid hätte sie mir doch schicken können.«
-Beat war muthlos, der Doctor entrüstet, seine Frau
-empört, besonders über den Hohn, welchen sie in der
-Sendung der reichen Damastdecke wahrzunehmen
-meinte. »Man hat es der Armen recht anschaulich
-machen wollen: sieh, was Du hättest haben können,
-wenn Du nicht einen solchen Mann genommen,« sagte
-sie mit einem starken, redlichen Unwillen. Vielleicht
-hatte sie Recht.</p>
-
-<p>Einige Zeit später kam der junge Gontran. Ob
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-um seiner selbst, oder um der Menschen willen? So
-gut Marguerite war, den Bruder, der ihr so viel Herzeleid
-angethan, ohne daß sie ihn je anders beleidigt,
-als durch ihr Dasein, den Bruder konnte sie nicht
-mit Vergnügen, ja, kaum mit Mäßigung begrüßen.
-Die Unterredung war demnach kurz und gezwungen,
-Beat sah den Schwager gar nicht, und dieser äußerte
-auch keinen Wunsch, die Bekanntschaft zu machen.
-Beistand brachte er der Schwester nicht, selbst keinen
-Gruß von den Eltern; er sagte nur, sie wären gesund.
-Nach einer Viertelstunde stand er auf, wünschte der
-Schwester eisig eine bessere Gesundheit und reichte ihr
-die Fingerspitzen. Sie wandte ihr Gesicht von ihm
-ab zur Wand, ohne Etwas zu erwiedern; er ging,
-sichtlich erleichtert, den unangenehmen Besuch überstanden
-zu haben. Sein Wagen war noch nicht
-bereit; er hieß den Kutscher ihm nachkommen und
-ging zu Fuß bis zu Sinnich's Haus. Dort ließ er
-sich melden. Sinnich lag gerade krank, nahm aber
-den Bruder Margueritens doch an; »denn vielleicht,«
-sprach er zu seiner Frau, »daß er doch in guter Absicht
-kommt.« Die Doctorin schüttelte den Kopf; sie
-erwartete Nichts mehr von der Familie Gontran.
-Der junge Mann trat ein, abstoßend von Physiognomie,
-so unähnlich wie möglich seiner jetzt noch schönen
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-Schwester. Im Betragen war er äußerst höflich und
-dankte mit ausgesuchten Wendungen dem Doctor sowohl
-wie dessen Gattin für die Güte, welche sie seiner
-beklagenswerthen Schwester erwiesen. »Ich wünschte
-sehr, mein Herr von Gontran, die Familie der Madame
-Bodenwieler hätte uns weniger Gelegenheit zu dieser
-Güte gegeben,« antwortete der Doctor, geradezu wie
-er war, und hier doppelt unumwunden im Gefühl,
-das Recht sei auf seiner Seite. Der junge Gontran
-zuckte die Achseln, machte Mienen, bedauerte unendlich
-die Verhältnisse, unglückliche Mißverständnisse. Es
-war nicht schwer, hierauf zu antworten, und die
-Doctorin that es mit aller Rücksichtslosigkeit, zu welcher
-in gewissen Stunden die Guten den Schlechten
-gegenüber die Erlaubniß von Gott selbst haben. Der
-junge Gontran hörte sie mit übel verhehlter Verlegenheit
-an. Endlich sagte er: »Damit Sie sehen, daß
-es mir nicht an brüderlicher Liebe fehlt, so will ich
-von nun an meiner Schwester drei Kreuzer täglich
-aussetzen und Sie bitten, ihr dafür Geflügel zu kaufen.«
-Der Doctor maß den zärtlichen Bruder mit
-einem Blick, der zwischen Erstaunen und Verachtung
-schwebte. »Ist das Ihr Ernst, oder wollen Sie mich
-zum Narren haben?« &ndash; »Es ist mein völliger Ernst.«
-&ndash; »Und wissen Sie, daß man für dieses Geld kaum
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-am Sonntage ein kleines, elendes Hühnchen kaufen
-könnte?« &ndash; Gontran zuckte wieder die Achseln und
-sagte: »Das thut mir sehr leid, aber mehr bin ich
-nicht im Stande.« &ndash; »Herr,« schrie jetzt der Doctor
-mit der gewaltigen Stimme seiner gesunden Tage,
-»machen Sie, daß Sie fortkommen, oder, krank wie
-ich bin, stehe ich auf und schmeiße Sie hinaus!«
-Gontran wartete diese Anstrengung von Seiten des
-Doctors nicht erst ab; er entfernte sich eilig, stieg in
-seinen Wagen, der gerade ankam, und wünschte sich
-gewiß Glück, so gut davongekommen zu sein.</p>
-
-<p>Dies war das letzte Mal, wo Marguerite von
-ihrer Familie hörte. Sie war jetzt aufgegeben; ein
-Theil der Luftröhre war bereits herausgefault, sie hatte
-ganz die Stimme verloren und konnte nur noch essen,
-wenn sie sich auf den Rücken an den Boden legte.
-Dennoch kam sie an guten Tagen noch manchmal zu
-Doctors, wo sie sich recht eigentlich daheim zu glauben
-schien. Sie liebte sehr kleine Leckereien, und
-Doctors pflegten, wenn sie Gäste hatten, ihr immer
-etwas vom Nachtisch aufzuheben. Kam sie nun, und
-die Doctorin reichte ihr die für sie bestimmten Früchte
-oder Bonbons, so warf sie, kindisch begierig wie sie
-war, sich sogleich an den Boden und fing an, auf
-ihre Art zu essen. Die Fremden wunderten sich dann
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-nicht wenig; hörten sie aber erst die Geschichte des
-armen, sonderbaren Geschöpfes, so machte das Lächeln
-der tiefsten Theilnahme und den wärmsten Tröstungen
-Platz.</p>
-
-<p>Konnte Marguerite denn getröstet werden außer
-von Oben? Sie liebte, sie lebte trotz aller Leiden
-mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses das
-Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch
-nicht fragen, wie schwer wir es finden. Marguerite
-blieb wenigstens heiter in der Geduld; sie beklagte sich
-nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und
-bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte,
-ohne zu grübeln, ohne zu zweifeln, mit Dank für die
-wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys lieb
-Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb
-ihre Rede, selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen.</p>
-
-<p>Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen
-fühlende Mensch bei dem Anblick solcher Leiden
-und besonders eines schweren Sterbens weint. Aber
-er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht
-wegen der bevorstehenden Trennung. Marguerite war
-für ihn längst Nichts weiter mehr als eine Last. Er
-hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher
-der Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen
-dürfen sollte, je mehr athmete er auf. Jenseits dieses
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-Grabes lag für ihn eigentlich erst das Leben. Marguerite
-hatte einen andern Willen. »Höre, mys
-Beat,« sagte sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit,
-»Du mir ja nicht wieder heirathen. Ich
-Dich will gehabt haben allein hier unten und dort
-oben. Wenn Du nehmen willst andere Frau, ich
-kommen und machen so.« Und sie machte mit ihren
-abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des
-Erwürgens.</p>
-
-<p>Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann
-durchdringend an, halb forschend, halb drohend. Noch
-in ihrer letzten Minute hatte sie diesen Blick. Beat
-drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht
-mehr ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne
-geliebt worden, ohne glücklich gewesen zu sein, ohne
-glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum
-des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen
-gekannt: Hoffen, Lieben und Leiden.</p>
-
-<p>Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche
-der Anstand vorschreibt, um sich nach einer neuen
-Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur
-noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste
-Täuschung. Jetzt wollte er nicht wieder
-getäuscht werden &ndash; er spähete vor Allem nach einem
-hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-sich indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die
-Art zu beglücken, welche er für die einzig wahre hielt.</p>
-
-<p>Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern
-Gehalt als Zeichenlehrer nach Baden berufen worden,
-kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt
-geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig
-verfolgten Wunsch erfüllt, so schien auch der zweite in
-Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die Schwester
-eines Regierungsrathes aus St.&nbsp;Gallen kennen, ein
-nicht mehr ganz junges, aber dabei hübsches, und was
-noch besser war, sehr reiches Mädchen. Wie Beat es
-angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle
-Bewerber, denen es glückt &ndash; genug, er gefiel dem
-Mädchen. Ihrer Familie nicht; indessen da das
-Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als
-sie nach St.&nbsp;Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel
-verabredet, und sie schied von ihm mit der
-festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur Einwilligung
-zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung
-zu fragen.</p>
-
-<p>Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte,
-sagte Madame Sinnich halb scherzend, halb
-ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat,
-ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die
-Sterbende gemacht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie
-vergessen. Selbst mit ihrem Denkmal blieb es beim
-Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung
-nicht mangelten.</p>
-
-<p>Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn.
-Was er sich auch immer gewünscht, einmal eine
-größere Arbeit in Marmor ausführen zu können, das
-sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann
-bestellte bei ihm die Statue von Julia Alpinula,
-dieser jungen Priesterin, welche aus Gram darüber
-starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters
-nicht hatte erbitten können. Beat hatte sich
-bereits eine Probe von dem Marmor kommen lassen,
-aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen
-gedachte. Der reine, weiße Stein war angelangt,
-stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer belebt, entwarf
-er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue.
-Ermuthigt durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge
-dem Glücke nähernd, schrieb er seiner Geliebten
-und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle
-Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte
-Wort geben. Als er den Brief auf die Post
-getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber er
-wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte
-die Skizze. »Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er,
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-»denn von St.&nbsp;Gallen kann mir die günstigste Antwort
-nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der
-Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend:
-»Bodenwieler, und das Denkmal Ihrer Frau ist auch
-noch nicht weiter als auf so einem Blatte. Bedenken
-Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen,
-ihre Frau durch einen wirklichen Beweis
-Ihres Andenkens.« &ndash; »Ich will's thun, sobald ich
-verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist
-meine ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und
-unzufrieden vor sich hin; Beat ging. »Was fällt
-Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du den
-Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst
-so sehr gegen alle Phantasterie eifert?« Sie antwortete:
-»Rede, was Du willst &ndash; mir ahnt nichts
-Gutes.«</p>
-
-<p>Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine
-Stunde in seiner Schule zu geben. Er kehrte in
-seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen
-zu nehmen. Während er damit beschäftigt
-ist, fällt von seinem entfernt stehenden Secretair die
-Brustbüste Margueritens herab, und wenige Augenblicke
-nachher von der Wand gegenüber sein eigenes
-Portrait in Alabaster. Beide Gegenstände waren
-nicht angerührt worden, von Außen war keine Erschütterung
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen,
-läuft im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's
-hinauf, findet aber nur die Frau, erzählt ihr eilig, was
-vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch noch
-halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache
-das Denkmal, sobald ich verheirathet bin.« Damit
-geht er fort und in seine Schule, welche er in dem
-alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin
-bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend
-allein; da kommt ihr Mann und sagt: »Der Bodenwieler
-ist in der Schule auf einmal so krank geworden
-&ndash; ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.«
-Er geht, kommt nach einer halben Stunde wieder:
-»Der hat die Darmentzündung, und ist, irre ich nicht
-sehr, unrettbar verloren.« &ndash; »Da siehst Du's, &ndash;
-Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise.</p>
-
-<p>Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben,
-daß Beat am dritten Tage seiner Krankheit in derselben
-Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner
-neuen Braut aus St.&nbsp;Gallen eintraf. Erkläre man
-es, wie man es wolle, mit dem alten Spruche Shakespeare's
-oder mit dem bequemen Worte: »Zufall, nichts
-als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen,
-diese Geschichte erzählt. Eine Erklärung
-am Ende versprach ich nicht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden
-getrennt &ndash; er liegt in Baden, und der kleine Marmor,
-den er als Probe kommen ließ, bildet seinen
-Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber
-den neuen Kirchhof von Mellingen, wo das unbezeichnete
-Grab Margueritens ist. Es war an einem sonnigen
-Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die
-Wiesen voll Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man
-Flachs, hackte Holz und schaffte Kartoffeln ein. Der
-Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte
-der beiden Straßen nach Luzern und Aarau.
-Pappeln umgeben ihn, eine Kapelle zeigt sich weiß,
-mit offener Säulenhalle. Ich hätte für Marguerite
-einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten
-und mehr Ruhe, nicht so an der Landstraße, nicht so
-zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen, ruhen wir
-im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-Die Urschweiz.</h2>
-
-
-<p>Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser
-der Schweiz, nicht der gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn,
-sondern der alten, wirklichen, lebendigen
-Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt
-zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher
-von Uri, die Hörner der beiden Walden, und
-um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der
-Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht.
-Und hier, wo diese Erinnerungen Grund und
-Boden haben, haben sie auch Poesie. Die Tellsage,
-welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich
-widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb.
-Tell's steife Bildsäule auf dem Markte zu Altorf, der
-bemalte Thurm, welcher an dem Platze der Linde
-steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte,
-Bürglen, sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach,
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-worin er ein heimathlich Grab gefunden, seine Platte
-mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und erhielt
-meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so
-hoch und gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht,
-springt auch nicht von starren Felsen hervor, sondern
-ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe &ndash;
-nun was thut's? &ndash; der Sprung war immer ein
-guter und ein natürlicher dazu; denn wer wird sich
-selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es anders
-machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger,
-dem die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter
-sein muß als einem civilisirten Menschen. Auch
-daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten hatte,
-mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich
-&ndash; seine Landsleute würden heute noch dasselbe thun,
-wenn es sie drängte und sie könnten. Der ganze
-Tell ist natürlich, nur der Mann eines rücksichtslosen
-Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen
-Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt,
-sondern seinen Feind aus dem Hinterhalt getroffen
-wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne
-jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit
-seines Schusses. Wenn Goethe doch hier nicht Schillern
-gewichen wäre! Wir hätten dann einen wahren
-Tell.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-Doch nicht allein durch die Sage, durch seine
-Natur fesselt der See der Urkantone. Wenn der
-Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller
-alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit,
-der Zuger mit Grazie eingefaßt, der Zürcher
-überall lachend, der kleine Lowerger rührend-traurig,
-der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge
-der Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer
-wundersam phantastischen Melancholie. Ich habe diesen
-Eindruck tief in mich aufgenommen, während wir
-zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über
-den See hin und her schifften. Wir wollten diesen
-kennen, auswendig lernen, seine Buchten, seine Alpen,
-seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von
-diesen, der Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an
-einen Schnabel des Bucintoro. Wie schön am Abend
-die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der
-einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie
-bedeutungsvoll die kleine Kapelle von Kindleinsmord,
-auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah
-den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet,
-mit dem Kopfe an den Stein schlägt. Was die
-Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's geschehen.
-Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist,
-ja, recht eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig,
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-so phantastisch, so drachenhaft, wie dieser. Luzern
-dürfte gar nicht am Vierwaldstätter See liegen, wenn
-es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem
-Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat
-augenblicklich, ohne daß man ihn mir genannt, so
-deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn vorgestellt.
-Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten
-mir Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens
-junge Herren gelangten hinauf, und auch die nur
-unter Angst und Gefahren; man müßte die Nacht im
-Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten
-hinweg &ndash; ich hatte bei dem Nebelritt von
-der Rigi herab meinen Muth messen können &ndash; es
-war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich
-blickte den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz,
-auf den ich mich wirklich hinaufgewünscht, traurig an
-und fuhr nach Fluelen.</p>
-
-<p>Von hier aus entschieden wir uns für den Weg
-nach der Teufelsbrücke. Wie der Pilat der Berg, so
-ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und nach
-dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen,
-welche die Ströme den Menschen
-durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der fahrwürdigsten.
-Goethe war ihn hinangewandert &ndash; wir halten
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-diese Erinnerung gebührend an Ort und Stelle.
-Desgleichen vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen
-die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit
-einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen
-Durchbruch der Alpen sich ausnimmt wie ein
-Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es im
-Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen
-&ndash; die Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche,
-die weißen Wasserfälle, wir durften sie uns nur gefüllt,
-geschwellt und überbrausend denken, und wir
-hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir
-noch fortwährend ein &ndash; der Franzose, welcher in
-Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard durchaus
-auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche
-Einwendung: »Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die
-Lawine auf Sie,« gar nicht beachtet. Hier würde die
-Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit
-ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen
-Thale die Blöcke wie ein Hagelschlag lagen, wilder
-noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen hinauf
-zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung
-die prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher
-und links bog die Schlange der Straße zwischen die
-starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein
-kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-schwarzen Pudelchen, bot uns hier Krystalle vom
-Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in
-der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen
-diese und andere Krystallisationen aus den verborgenen
-Grotten mit herab und verkaufen sie an
-Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die
-Knaben ihrerseits verhandeln sie an die Fremden &ndash;
-wir hatten in Amsteg welche ausgewählt, mochten
-jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine
-beiden Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze
-war ihm fremd; gravitätisch ging er zum Kutscher
-und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt' es
-ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er,
-»dann dank' ich schön.« Wir kamen bald darauf
-langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme an die
-Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht &ndash; die vielen
-Brücken vorher hatten uns vorbereitet, aber sie
-befriedigte. Die alte verlassene unter ihr würde den
-Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine über
-den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün
-bewachsen und mit abgebrochenen Brüstungen daliegt
-und dabei viel besser gesehen werden kann. Von
-Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem,
-noch am folgenden Tage die Rede, obgleich wir in
-schöner, heißer Sonne nach Fluelen zurückfuhren.
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-Denn wir fuhren zurück &ndash; wir machten es Goethe
-nach, doch nicht um es ihm nachzumachen, sondern
-weil wir nicht anders konnten. Schnee war in der
-Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der
-Paß nach Bündten schwierig zu unternehmen geworden,
-und das Thermometer zeigte im Zimmer nur
-sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen
-Links und Rechts, zwischen den Rheinquellen und den
-Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt: wir wollen
-zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht
-nach Italien hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren.
-Hätten wir Italien nicht verwüstet, verstört,
-für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns ebenfalls
-nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch
-nicht leicht, aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach
-Fluelen zurück.</p>
-
-<p>Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf
-dem scheinend blauen See schwankten und die halbumwölkten
-Berge uns einen feinen Nebelregen in das
-Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und
-mächtiger denn seit lange die Sehnsucht nach einem
-Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie im
-Frühling aus &ndash; wir konnten's nicht; ungewiß lag
-auch dieser Winter wieder vor uns. Otto sagte tröstend:
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-»Laß gut sein, besser Liebe ohne eine Heimath,
-als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die
-Hand, aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen
-abtrocknen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.</h2>
-
-
-<p>»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten
-Sie hinauf auf den Rigi. Den Rigi müssen Sie
-sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« &ndash; so
-sprach vor drei Jahren in Breslau <i>Dr.</i> Anton Theiner,
-drückte mir zum letzten Male herzlich die Hände und
-ließ uns fortfahren nach Venedig.</p>
-
-<p>Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol
-und nicht durch die Schweiz, bisweilen davon redeten,
-ob, wie und wann wir diese letztere besuchen würden,
-so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir
-auch Theiner's Willen thun?« Und Eines gestand
-dann immer dem Andern: »Du, ich habe eigentlich
-gar keine Sehnsucht auf den Rigi.«</p>
-
-<p>Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz,
-doch Kummer und Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß
-am Leman nahmen uns dermaßen ein, daß wir
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da
-stets nur mit der größten Gleichgültigkeit gedachten.</p>
-
-<p>In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht
-der Rigi, sondern die Rigi sagen müsse. Wir nahmen
-diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener Gleichgültigkeit
-an, denn wir beabsichtigten durchaus weder
-auf den, noch auf die Rigi hinaufzureiten.</p>
-
-<p>Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder
-ihr Italien, nämlich irgend einen Ort, wo irgend Etwas
-im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner,
-Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis
-sein. Wir wollten nach diesem Nizza. Ein Engländer,
-der mit einer englisch häßlichen Frau und
-einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß,
-fragte mich, ob auch wir »<i>to the Rigi</i>« gingen.
-»O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi geht oder
-reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in
-Wäggis.« Vier Stunden später sagte ich zu dem
-Engländer auf dem Kulm: »<i>Very happy to see
-you.</i>« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen
-Dörfern, wie sie an den Schweizerseen liegen, und
-der Sohn und Kellner des einzigen Gasthofes ein so
-unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor
-Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht
-Tage lang von ihm bedienen lassen müssen. So
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die
-Rigi.</p>
-
-<p>Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem
-unserm Jetzigen und nebst seinen Sitten auch von
-seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird, so
-wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung
-zu lesen bekommen:</p>
-
-<p>»Es gab in jener Zeit« &ndash; ich sage mit Bedacht:
-es gab, denn die Rigi könnte dann ja eingefallen, oder
-die Schweiz ein unbekanntes Land geworden sein,
-also &ndash; »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß
-Rigi. Dieser Berg war, was viele andere Berge
-auch sind, so und so viel tausend Fuß hoch, übrigens
-durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet,
-man müßte denn als eine solche annehmen, daß
-man von seiner Höhe aus elf kleinere und größere
-Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser
-Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals
-sprach, d.&nbsp;h. man mußte ihn gesehen haben.
-Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und
-Amerika, zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber
-hauptsächlich doch aus diesen beiden, und aus Europa
-hauptsächlich von England, Leute beider Geschlechter
-und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-Berg hinauf. Sie hießen die Rigireisenden.
-Waren sie auf der Höhe, welche die Kulm genannt
-wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher,
-brachten Lorgnetten und Operngläser an die Augen,
-ließen sich von den Führern, die sie hinaufgeleitet, die
-Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten
-die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das
-»Panorama«, wie man den Anblick nannte, ein sehr
-prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher wurden
-roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen
-Oceane. Es geschah jedoch äußerst selten und man
-nannte es der Seltenheit wegen den »Sonnenuntergang
-vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama
-in Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich
-frierend und gelangweilt &ndash; nebenbei, das Gelangweiltsein
-war eins ihrer kenntlichsten Merkmale &ndash;
-gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück,
-welches von Holz auf dem Kulm erbaut worden war.
-Dort schliefen sie, bis die Stunde des »Sonnenaufgangs
-vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde
-war indessen noch ungewisser als die des Sonnenunterganges.
-Unter hundert Rigireisenden schlug sie
-nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen
-wieder hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben,
-gewöhnlich im dichten Nebel, häufig im starken Regen
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man
-die »Tour auf die Rigi.«</p>
-
-<p>Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung
-ein Auszug der gemäßigten Alpennatur. Die
-Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem Fuße, das
-Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich
-die Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene
-Felsenriffe, einzelne seltsame Steine, den Epheu, die
-Quellen und die Mattenblumen, die blaue Tiefe zu
-den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie
-hat Alles &ndash; wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren
-hat, reite hinauf und sehe zu, ob er die Sonne
-zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die
-Rigi« am meisten meine heftige Begierde gezähmt,
-den Pilatus, diesen Brocken der Schweiz, in seiner
-Unbesuchtheit zu stören.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-Im Hotel Weber.</h2>
-
-
-<p>»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?«
-fragte ich den Grafen Wladislav.</p>
-
-<p>»Calclire, muß sein,« versetzte er.</p>
-
-<p>Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im
-ersten Stock des Hotel Weber. Es war ein trüber
-Tag, welcher eben in einen trüben Abend übergehen
-wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein
-hervorkommt, fällt und sich weiter windet, waren
-bunt und feucht, der Rhein sah so dunkelgrün aus
-wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein
-getrunken wird; der Fall erschien noch weißer als
-gewöhnlich.</p>
-
-<p>Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort
-für alle Welt. Wir waren dort von mehreren
-Bekannten getroffen worden, unter andern von
-Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften
-gemacht, zuerst die des zweiten großen Unbekannten
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-Charles Sealsfield. In dem »Süden und Norden«
-dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem
-Nachmittage eifrig studirt, und so kam es, daß er
-mir halb absichtlich und halb absichtslos auf gut
-kentuckisch antwortete.</p>
-
-<p>»Kommt mir vor, wär' noch nicht nöthig,« sagte
-ich lachend in derselben Weise.</p>
-
-<p>»Sag' Euch, muß nach Hause,« antwortete er
-höchst ernsthaft.</p>
-
-<p>Wladislav war groß, schlank und dunkelblond.
-Sehr gehalten in seinem Betragen, sehr überlegt in
-seinen Handlungen, und dabei doch der seltsamsten
-Extravaganzen fähig, nur daß er sie eben auch so
-gelassen unternahm und zu Ende brachte, wie alles
-Andere. Was ich an ihm sehr gern hatte &ndash; er war
-originell wie ein Kind, ohne es zu wissen. Vollkommen
-ruhig in der Gewißheit, es gerade so zu machen
-wie Jedermann, wunderte er sich ungemein, wenn
-man sich über ihn wunderte. Wir kannten uns schon
-mehrere Jahre &ndash; er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig
-sein, dabei Herr über drei- bis viermalhunderttausend
-Thaler. Jetzt war er unsertwegen vier
-Tage hiergeblieben, wir hätten ihn gern noch länger
-gesehen, aber er wollte sich nicht länger mehr halten
-lassen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-»Was versäumen Sie denn aber?« fragte Otto.</p>
-
-<p>»Haben Sie gar kein Heimweh, nicht Sie, und
-Sie auch nicht?« fragte er uns Beide.</p>
-
-<p>»Und wenn wir's haben &ndash; wir müssen doch noch
-hier bleiben.«</p>
-
-<p>»Um ein Buch zu schreiben, das überall just eben
-so gut geschrieben werden kann, einen Brief zu erwarten,
-der nichts Gescheidtes bringen wird, denn
-Briefe, auf die man so wartet, bringen nie etwas
-Gescheidtes.«</p>
-
-<p>»Sie sind sehr tröstlich.«</p>
-
-<p>»Ich will Sie gern hier fort haben. Sie entwickeln
-ein schreckliches Talent zum Sitzenbleiben. Ich
-sehe Sie noch den ganzen Winter über hier kleben
-und dann im Frühjahr mit Mr. Sealsfield nach
-Louisiana fahren, um sich dort, wie er Ihnen versprochen
-hat, in eine Blumenvase setzen zu lassen.«</p>
-
-<p>»Er hat ihr auch verheißen, sie könne vielleicht
-eine kleine Revolution zu Stande bringen,« bemerkte
-Otto.</p>
-
-<p>»Wollen Sie das etwa?« fragte Wladislav
-feierlich.</p>
-
-<p>»Nein,« antwortete ich lachend, »eine Revolution
-in Amerika machen, lockt mich nicht. Mein kleiner
-gigantischer Wunsch &ndash; Sie wissen, Jedermann hat
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-einen solchen, nur größer oder winziger, &ndash; meiner
-also wäre ein hübsches, niedliches, comfortables Privat-Königreich
-im Orient.«</p>
-
-<p>»Wo Sie das biblisch-patriarchalische Verhältniß
-zwischen Herren und Sklaven einführen würden, welches
-Mr. Sealsfield so wunderschön findet?«</p>
-
-<p>»Sklaven würde ich natürlich kaufen. Wie sollte
-man es denn anders machen?«</p>
-
-<p>»Vollkommen einverstanden, Majestät. Und wie
-würden Sie denn heißen? Sie haben Mr. Sealsfield
-Herrn über Neger, Alligatoren und Klapperschlangen
-genannt &ndash; welchen Titel wollen Sie annehmen?«</p>
-
-<p>Ich ließ den Scherz fallen und sah trübselig hinaus.
-Wenig elastisch in meiner Stimmung, wurde
-es mir jetzt leicht zu mühsam, den Federball des
-Humors zu werfen.</p>
-
-<p>»Glauben Sie mir, kommen Sie zurück,« fing
-Wladislav nach einer Pause wieder an, aber jetzt
-ernsthaft. »Da nun einmal für den Augenblick Mr.
-Sealsfield im Zenith Ihrer Schätzung steht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Bekennen Sie es,« unterbrach ich ihn, »Sie
-sind etwas vaterländisch eifersüchtig auf den ›überseeischen
-Autor‹.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-»Aergerlich eher, weil er Deutschland so ganz und
-gar herunterreißt.«</p>
-
-<p>»Glauben Sie mir, wenn er das thut, verabscheue
-ich ihn so von Herzen, daß ich mich am liebsten mit
-ihm auf Tod und Leben schießen möchte. Aber er
-thut's nur in Stunden. Gewöhnlich ist er gar nicht
-so hyperamerikanisch, dagegen ganz human und deßwegen
-mit seiner in die literarische Civilisation verkleideten
-Urwäldlernatur sehr lieb und wacker.«</p>
-
-<p>»Das ist eine curiose Lobrede,« sprach Wladislav
-kopfschüttelnd, »die haben Sie sich vermuthlich ganz
-eigens für Sealsfield ›auscalculirt‹.« »Aber,« fuhr er,
-wieder zu seinem vorherigen Gedanken zurückkehrend,
-mürrisch fort, »warum, wenn er Deutschland so geringachtet,
-hat er sich die Mühe gegeben, Deutsch zu lernen?
-Warum fuhr er nicht in aller Bequemlichkeit
-fort, Englisch zu schreiben? Bei uns konnt' er ja
-sicher sein, übersetzt zu werden?«</p>
-
-<p>»Warum haben Sie ihn das nicht gefragt, ehe
-er gestern abreiste?«</p>
-
-<p>»Ich wollt' es thun, da sah ich einen Regenbogen
-auf dem Fall, das zerstreute mich.«</p>
-
-<p>»O diese Regenbogen sind hier sehr häufig,« warf
-ich nachlässig hin.</p>
-
-<p>»Freilich, wenn man vier Wochen am Rheinfall
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-sitzt, ist's das Wenigste was man gewinnt, so von
-den Regenbogen auf ihm reden zu können. Es
-ärgert mich &ndash; ich möchte Sie entführen und mit
-Gewalt nach Deutschland zurückbringen. Daß Sie
-nicht schon an der bloßen Sehnsucht nach Musik verschmachten,
-bei der Unmöglichkeit, ein gutes Piano
-zu finden, und bei der zweiten Unmöglichkeit, selbst
-das schlechte Piano ohne horrende Kosten gestimmt
-zu kriegen!«</p>
-
-<p>»Herr Weber wird nächstes Frühjahr ein gutes
-Piano kaufen.«</p>
-
-<p>»Auf welchem Sie jetzt schon im Vorgefühl spielen
-können &ndash; sehr genügend! Und dann diese Einsamkeit
-&ndash; das ganze Hotel ist ja schon leer geworden.«</p>
-
-<p>»Schade genug,« sagte ich, »es sollte im Winter benutzt
-werden so gut wie im Sommer. Diese hohen, großen
-Zimmer, diese freie Lage in der Gegend, welche es
-einem mehr und mehr anthut, je länger man sie sieht,
-die freundliche Familie, welcher es wirklich so Ernst
-ist&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Wladislav wollte mich unterbrechen &ndash; ich ließ es
-nicht zu, sondern fuhr fort: »und diese Stille &ndash;
-wirklich, kein Ort ist mehr zu einem Schriftsteller-Einsiedeln
-geeignet als dieses Hotel.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-»Oder zu einer Schriftsteller-Colonie,« bestätigte
-Otto.</p>
-
-<p>»Sogar zu einer Schriftsteller-Colonie!«</p>
-
-<p>Wladislav hielt sich die Ohren zu. »Still, wenn
-Sie Beide erst mit Ihren Extragedanken anfangen,
-so sind wir den nächsten Augenblick mitten in der
-willkürlichen Absurdität, und vor der fürchte ich mich,
-denn man kann sie bei einiger Uebereilung für die
-Vernunft nehmen. Ich sage Ihnen, alle Schriftsteller-Verbindungen
-sind unheilsvoll &ndash; aus einer jeden wird
-eine Schule, in jeder Schule herrscht Zwang, und
-jeder Zwang drückt den Geist, der nur ein Element
-hat &ndash; die Schönheit in der Freiheit. Aber eben so
-wenig taugt für den Schriftsteller einsiedlerisches Vornehmthun.
-Im Gedräng soll er sich Bahn brechen,
-sich an die Ellenbogen stoßen, auf die Füße treten
-lassen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Da wäre ich Ihnen bei der Tombola auf dem
-Markusplatze wahrhaft idealisch erschienen, denn gedrängter
-kann es kein Gedränge geben &ndash; man wurde
-nicht nur gestoßen und getreten, sondern auch gelegentlich
-etwas entzweigedrückt.«</p>
-
-<p>»Werden Sie denn ernsthafte Dinge nie ernsthaft
-behandeln lernen, oder zu behandeln die Gnade haben?«
-fragte Wladislav mit dem Uebersehen des Mannes,
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-des durch die Gymnasialklassen geläuterten und in den
-verschiedenen Collegien verschiedener Universitäten vollendeten
-Mannes. »Was ich meine und was Ihnen
-auch Sealsfield sagte &ndash; wenn Sie auf Ihr Vaterland
-wirken wollen, so müssen Sie in und mit Ihrem
-Volke leben.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte ich geängstigt, »wenn nur die unglückliche
-Zweiheit in meiner Natur nicht wäre! Intellectuell
-bedarf ich Deutschlands, physisch der Sonne,
-folglich des fernsten Südens oder des Orients, denn
-das werden Sie mir doch eingestehen &ndash; die Sonne
-scheint in Deutschland nicht recht.«</p>
-
-<p>»Scheint sie hier in Schaffhausen mehr?«</p>
-
-<p>»Wenigstens eben so viel wie anderswo in der
-Schweiz.«</p>
-
-<p>»Ja,« sprach Otto, der es bei Wladislav immer
-darauf anlegte, mit ganz ungehörigen Dingen dazwischen
-zu kommen, »ich finde, man thäte viel gescheidter,
-sich hier in Pension zu geben, als im
-Waadtlande, wenigstens die letzten Herbst- und die
-ersten Frühlingsmonate. Veranlassen Sie doch recht
-viel Landsleute dazu &ndash; wir wollen's auch thun.«</p>
-
-<p>»Man soll sich gar nicht in Pension geben,«
-schrie Wladislav ungeduldig, »das ist eine moderne
-Albernheit. Man soll entweder vernünftig zu Hause
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-bleiben oder ordentlich reisen, aber nicht wie Sie sich
-immer zehn oder zwanzig Meilen weiter von einem
-Schreibtisch an den andern schieben.«</p>
-
-<p>»Sie haben klug reden,« rief ich, auch ungeduldig.
-»Wenn man nun kein eigen Haus hat und von zehntausend
-Hindernissen im ordentlichen Reisen gehemmt
-wird?«</p>
-
-<p>»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit
-Cockley einen ganz harmonischen Dialog führen.«</p>
-
-<p>»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer
-über gewesen?« fuhr ich fort. »Auch in der Schweiz.
-Also&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er bat schön, ich solle nicht böse sein &ndash; ich habe
-Recht. Dann fragte er mich, wie viel ich an meinem
-Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete ihm,
-ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen,
-noch eine meiner Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten.
-Ob ich da nicht eine Novelle von ihm als Schluß
-annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig &ndash;
-er habe sie, angeregt durch das Geschwätz mit uns,
-am vorigen Morgen angefangen und in der Nacht so
-weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande,
-unter den Heimathlosen, von denen ich doch
-gehört? »Wer hätte im Waadtlande nicht von den
-»Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort aussprechen,«
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie
-da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle,
-und Alles ist mir buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn
-lächelnd an. &ndash; »Ich betheure es,« sprach er. So
-hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen,
-ob es gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu
-ersparen.</p>
-
-<p>Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's
-Abfahrt. Die Lichter des Dorfes Neuhausen
-brannten röthlich links in der Senkung diesseits des
-Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf
-der jenseitigen Erhöhung. Der weiße Fall spielte und
-rauschte geisterhaft durch die dunkle Nacht. Sonst
-war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still,
-und Wladislav las:</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-Die Heimathlosen.</h2>
-
-
-<p>Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey
-an. Sollt' ich den Winter über am Genfer See
-bleiben? &ndash; ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn
-schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft
-war nicht blos warm, sondern heiß &ndash; das that mir
-wohl &ndash; in Dresden war's so kalt gewesen. Ich
-will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei
-Kronen« am Fenster meines Zimmers stand. Warum
-nach Italien? Ist's dein Italien? dein Bilderland?
-In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das
-Constitution heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus
-gegen den armen Pius, welcher hätte der
-auferweckte Sixtus&nbsp;V. sein müssen, um wollen zu
-dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich
-etwas anderes als Krieg, in Venedig endlich &ndash; ja,
-was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen,
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-ob Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb
-ich am Genfer See.</p>
-
-<p>Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht
-zu theuer für den, der Geld hat, und sehr unterhaltend
-für den, welcher keine Gesellschaft braucht. Ich
-brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem
-Zimmer. Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre,
-melancholisch über die Zeit, wie es eben Mode war.
-Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere
-geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn
-es mit ihr auch einmal drüber und drunter geht.
-Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der gewaltigen
-Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas
-Geräusch, etwas Störung, dann ist's wieder gut und
-der wundervoll riesige Organismus vollführt weiter,
-was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an
-der Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn
-da an uns glauben?</p>
-
-<p>O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an
-deiner Grenze sitz' ich, da ich dieses schreibe! Der
-Rheinfall rauscht unten &ndash; ich bin seines Rauschens
-schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran
-denke. Es ist hier fast wie in Deutschland &ndash; nein,
-es ist ganz wie am Rhein, wo er unser ist &ndash; Rebenhügel,
-Wald, Felsen &ndash; Alles lieblich, einfach poetisch.
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich
-bin im Geist auf jenen Hügeln, labe mich an jenen
-Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, <i>the castled
-cliff of Drachenfels</i>, sumse vor mich hin von Heine:</p>
-
-<table class="fss" summary="" cellpadding="1">
- <tr><td class="tdl">Die Luft ist kühl und es dunkelt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und unten flimmert der Rhein &ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der Gipfel des Berges funkelt</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im klaren Mondenschein.</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie
-Heidelberg eines für Uhlandsche, und ich lieb' den
-grünen Rhein und den hellen Neckar und die blaue
-Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz,
-mein Heiligthum und meine Hoffnung, und böte man
-mir die ganze übrige Welt dafür, ich vertauschte mein
-Deutschland nicht.</p>
-
-<p>Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme.
-Bei einer Barrikade am Pfingstfeste in Prag hatte
-ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem Hradschin,
-als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem
-Hotel zu kommen, mußte ich über mehrere im Bau
-begriffene Barrikaden. Bei der einen wurde ich angehalten
-und sollte helfen. Ich weigerte mich; natürlich,
-wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte
-mich nieder &ndash; ein wüthender Student war's, der ihn
-gab. Mit Hülfe einiger minder patriotischen Musenjünger
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir
-war, und &ndash; klüger als ich, sich nicht geweigert hatte.
-Todtkrank lag ich den ganzen Pfingsttag über, während
-Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und Sturmläuten
-abwechselten &ndash; gerade keine angenehme Musik,
-wenn man in die Brust gestochen ist. Am nächsten
-Tage mußten alle Fremde aus der Stadt &ndash; wie sie
-mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam
-auf die Elbe und auf der Elbe nach Dresden, welches
-seine Barrikaden noch erwartete. Dort genas ich
-langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen
-saß ich jetzt am Genfer See.</p>
-
-<p>Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu
-lange sieht. Manche Gegenden kann man nicht genug
-sehen &ndash; der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel
-mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's.
-Gerne wäre ich manchen Tag noch wo anders hin
-gereist, aber ich wußte nur nicht wohin. Ausdrücklich
-war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht
-aufregen möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik
-zu leben, wenn nicht in der Schweiz, die gerade
-ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld,
-las was ich eben fand, und ging spazieren, wenn es
-nicht allzu heiß war.</p>
-
-<p>Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-saß ich am Fenster, sah den See blau sein, grau,
-grün, schwarz und dann wieder blau werden, und
-hatte Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber
-auch recht vernünftige.</p>
-
-<p>Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich
-öfter mit den Bewohnern der vielen kleinen Dörfer,
-die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute
-waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten
-mich, wie etwas Gleichgültiges interessiren
-kann.</p>
-
-<p>Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von
-einem Diebstahle, der in Clarens begangen worden.
-Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen sollten
-es gewesen sein.</p>
-
-<p>»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch
-das deutsche Wort in dem französischen Munde.</p>
-
-<p>»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche
-keine Papiere haben und deßwegen überall vertrieben
-werden.«</p>
-
-<p>»Und wo sind sie denn da?«</p>
-
-<p>»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«</p>
-
-<p>»So duldet man sie hier im Canton?«</p>
-
-<p>»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.«</p>
-
-<p>»Wenn man es überall thut&nbsp;&ndash;« sagte ich ironisch.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte
-der junge Mensch.</p>
-
-<p>Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons
-und fragte dann: »Aber wovon leben sie?«</p>
-
-<p>»Sie machen Körbe und andere Dinge &ndash; betteln,
-stehlen.«</p>
-
-<p>»Kommen sie in die Kirche?«</p>
-
-<p>»Nie.«</p>
-
-<p>»Aus welchem Stamme sind sie?«</p>
-
-<p>»Man weiß es nicht.«</p>
-
-<p>»Woher sind sie gekommen?«</p>
-
-<p>»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die
-Heimathlosen.«</p>
-
-<p>Die Heimathlosen &ndash; die Zigeuner sind heimathlos.
-Waren die Heimathlosen in den waadtländischen
-Gebirgen Zigeuner?</p>
-
-<p>Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die
-Waadtländer sind so gelassen über Alles, was nicht
-entweder sie selbst, oder Kaiser und Könige betrifft.
-Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht,
-wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen
-&ndash; wir nennen sie die Heimathlosen.«</p>
-
-<p>»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines
-Tages ungeduldig, »da sie doch ihre Körbe verkaufen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von
-ihnen hier,« antwortete mir der dümmste der sehr
-dummen Kellner.</p>
-
-<p>Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon
-tiefer Spätherbst &ndash; die »drei Kronen« langweilten
-mich bereits etwas &ndash; eine Heimathlose wäre mir
-eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den
-ausdrücklichen Befehl, jedes sich zeigende Individuum
-dieser geheimnißvollen Kaste zu mir zu führen, und
-wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner
-sah noch dümmer aus als gewöhnlich &ndash; er wunderte
-sich.</p>
-
-<p>Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser.
-»Unerträglich!« rief ich am neunten Tage. Ich will
-es nur gestehen &ndash; ich vegetirte in einer trostlosen
-Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei
-einem solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf
-einen Gegenstand heften können. Meine Ungeduld
-wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten
-mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich
-wollte zu ihnen, da sie nicht zu mir kamen. Entschlossen
-erkundigte ich mich nach dem Wege.</p>
-
-<p>»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner,
-»Sie werden doch nicht dieses Gesindel besuchen wollen?«
-Der Kellner war &ndash; ein Landsmann von mir.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-»Warum denn nicht?« fragte ich kurz.</p>
-
-<p>»Das Gesindel ist sehr unsicher.«</p>
-
-<p>»So?«</p>
-
-<p>»Ja gewiß &ndash; es ist ihm nicht zu trauen.«</p>
-
-<p>»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte
-ich, an Shakespeare denkend. Dann dankte ich dem
-Kellner für seine Warnung und versprach ihm, mich
-in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich
-meine Pistolen ein, aber nur wenig Geld, ließ mir
-noch einmal die Richtung andeuten, in welcher die
-Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit
-Brod und Wein um und machte mich auf.</p>
-
-<p>Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß
-ich diese Entdeckungswanderung wagen durfte. Und
-hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich
-hätt' es doch gethan.</p>
-
-<p>Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von
-jeher sind mir die Localitätsschilderungen unausstehlich
-gewesen. Was kann dem Leser daran liegen, ob,
-während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der
-und der Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde
-das und das Gebirge zu sehen gewesen?
-Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal
-dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten
-nicht leiden und sage von der Gegend nur
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und Tannenwald
-bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen
-Felsen, Bäche, manchmal ein wenig Gefahr
-auf den überschwemmten Steinen &ndash; es waren unermeßliche
-Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier
-oben schon gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit
-&ndash; die letzten Sennhütten waren längst hinter mir
-geblieben &ndash; kein rüstiger Waadtländer kam mir mit
-einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen
-&ndash; ich stieg allein im menschenleeren Walde hinan.</p>
-
-<p>Menschenleer &ndash; war er's? Die Heimathlosen
-sollten ja hier horsten wie die Raubvögel, sich verbergen
-wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen
-keine Spur von ihnen entdecken können.</p>
-
-<p>Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine
-Strecke Schnee wie ein glatter Teppich, und darauf,
-in das Dickicht hineinführend, frische, tief eingedrückte
-Fußstapfen.</p>
-
-<p>Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen
-ich hier herauf gekommen war.</p>
-
-<p>Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang?</p>
-
-<p>Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen.
-Fürchtete ich mich? An der Barrikade, umbrüllt
-von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur
-Verachtung empfunden, hier &ndash; schauerte mich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer
-zugleich ungewissen und möglichen, zugleich sichtbaren
-und räthselhaften Gefahr gegenüber &ndash; es ist das ein
-eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so
-sehr, immer auf den Beistand außer uns zu zählen,
-welcher Gesetz heißt, daß es uns wohl seltsam zu
-Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner
-behaupten sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns
-unserer Haut zu wehren wagten, immer erst pflichtgehorsamst
-nach der hohen Polizei. Das ist bei mir
-wenigstens nicht der Fall gewesen &ndash; gerieth ich beim
-Berliner Carneval etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte
-ich meine Hände tüchtig. Man warf mich
-hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich
-denn ziemlich auf mich verlassen, allein hier handelte
-es sich um etwas mehr, als den Berliner-Schönen
-auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur
-dort kennt, den Hof zu machen.</p>
-
-<p>Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer
-Sennhütte hatte ich für einen Frank ein Alpenfrühstück
-eingenommen, wie die Schweizer Schriftsteller es seit
-zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch gerühmt
-haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn
-nie bekommt man Milch, immer nur Crême. Meine
-Tasche war also voll, und ich setzte mich auf einen
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche.
-Kraft wollt' ich gewinnen für jeden Fall &ndash; der Gesättigte
-hat Muth; der Hungrige, welcher friert, schwerlich.</p>
-
-<p>Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber
-feucht, durchfröstelnd, um mich her Einöde, mir zur
-Seite die Spur der Fußstapfen.</p>
-
-<p>Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als
-hätte ich keine gute Zähne mehr. Endlich schämte ich
-mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich Zeit.
-Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern,
-um hier auf einem alten Baume sitzen zu bleiben und
-trocknes Brod zu essen &ndash; es wäre eine Schande, die
-nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen
-sind ja eben nichts mehr als arme Korbmacher
-und dergleichen &ndash; an's Todtschlagen werden sie, weiß
-der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln
-&ndash; gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und
-wollten sie etwas Anderes, gut, so wolle du dich
-tüchtig wehren, und nun vorwärts.«</p>
-
-<p>Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig
-weiter in das Gebüsch ein. Verwirrt war's wie
-kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen,
-streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der
-Nachtreif hing hier noch an den Nadeln, kalte Tropfen
-fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß geworden
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung.
-Eine Hütte stand da, ein Hund schlug an. Die
-Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf einem
-Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf
-einer Skizze hätte sie sehr malerisch ausgesehen, in
-der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein Wohnplatz
-der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck
-finden für sie selbst und ihre Umgebung von
-Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und einigen Krautköpfen.
-Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln
-mußten auch da gewesen sein, denn ich sah ein Paar
-auf dem bischen Acker liegen, wozu die Lichtung
-benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte
-Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen
-&ndash; ich fürchtete Nichts mehr &ndash; nein, wegen des
-Bewohners der Hütte. Oder hatte sie Bewohner,
-diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?</p>
-
-<p>Heimath &ndash; was ist Heimath? Die Heimath
-habt ihr auf jeder Erde, unter jedem Schatten &ndash; wo
-ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort,
-nicht das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein
-eigenes Haus zu sein, sie ist &ndash; der eigene Heerd.
-Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen
-Rauch aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die
-Heimath.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte.
-Der Hund, der kleine, graue, braune, gelbe, struppige,
-nackte Hund, ein Nondescript, für welches ich
-keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig
-schimpfende »Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem
-Brette, welches als Thür diente. An meiner Kleidung
-erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen
-wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor,
-als ich an der sogenannten Thür pochte.</p>
-
-<p>»<i>Entrez!</i>« sagte es von innen.</p>
-
-<p>Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und
-trat in das Zweighaus. Ein Mann saß da und
-schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie.
-Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick,
-dann schnitzelte er weiter. Doch sah man, daß diese
-Gleichgültigkeit nur gemacht war.</p>
-
-<p>»<i>Parlate italiano?</i>« fragte ich.</p>
-
-<p>»<i>Si, Signore</i>,« erwiederte er.</p>
-
-<p>Ich hatte etwas von Verirren u.&nbsp;s.&nbsp;w. vorbringen
-wollen, doch von diesem Menschen fühlte ich instinktmäßig,
-er werde mich durchschauen. So sagte ich
-denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.«</p>
-
-<p>Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein
-augenblicklicher stechender Seitenblick.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen.
-»Die Heimathlosen.«</p>
-
-<p>Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig.</p>
-
-<p>»Ihr gehört auch zu ihnen?«</p>
-
-<p>Gemessenes Kopfneigen.</p>
-
-<p>»Ihr seid aus&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Hier geboren, Signor.«</p>
-
-<p>»Aber der Vater?«</p>
-
-<p>»Der Vater? Aus Toscana.«</p>
-
-<p>»Und hierhergekommen &ndash; wann?«</p>
-
-<p>Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge.
-Ich sah, daß er meine Fragen unverschämt fand.</p>
-
-<p>»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch
-setze,« sagte ich einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit
-hergekommen.«</p>
-
-<p>Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß
-Raum für mich wurde. Ich setzte mich, wirklich angegriffen.</p>
-
-<p>»Von Vevey?« fragte nun er.</p>
-
-<p>Ich bejahte.</p>
-
-<p>»Der Signor wohnt dort?«</p>
-
-<p>»In den Kronen.«</p>
-
-<p>»Wegen der Gesundheit?«</p>
-
-<p>Ich zuckte die Achseln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter
-so weit herauf?« fuhr er mit halbem Lächeln fort.</p>
-
-<p>»Wie ich Euch sagte &ndash; um Euch zu besuchen.«</p>
-
-<p>Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher.
-Er schien mich für thöricht zu halten. Nach einigen
-Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns ist doch
-wenig zu finden.«</p>
-
-<p>»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu
-lernen.«</p>
-
-<p>»Uns Alle?« antwortete er zweideutig.</p>
-
-<p>»Seid Ihr nicht Alle&nbsp;&ndash;« forschte ich.</p>
-
-<p>»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber
-sonderbar &ndash; sonderbar, ein klein wenig excentrisch.
-Man läßt uns ungestört.«</p>
-
-<p>Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen.
-Saß ich einmal neben einem Heimathlosen, wollte ich
-ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang nämlich.</p>
-
-<p>Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der
-Mensch neben mir war wie versiegelt. Absichtliche
-Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig
-in der Absicht, mich fortzuschicken.</p>
-
-<p>Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand
-er auf und fragte: »Soll ich den Signor vielleicht
-ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht könnte der
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er
-ihn hinauf gleich gefunden hat.«</p>
-
-<p>Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten
-ließ sich dann eben Nichts erwiedern. Mißmuthig
-stand ich auf. »Da bin ich so weit hergekommen,«
-sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen,
-die sich denken lassen, und Ihr gönnt mir
-nicht einmal fünf volle Minuten Ausruhen unter Euerm
-Dache.«</p>
-
-<p>»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er
-demüthig spöttisch, »und es schickt sich nicht, daß ein
-solcher Signor darunter verweile.«</p>
-
-<p>»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser
-bekannt mit einander, daß wir Freunde werden? Ich
-würde so gern Etwas für Euch thun.«</p>
-
-<p>»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen
-Gleich und Gleich, nicht zwischen einem Reichen und
-einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben,
-so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein
-Narr, wenn ich den Stolzen spielen wollte; aber von
-Freundschaft redet nicht und kommt auch nicht wieder.«</p>
-
-<p>Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt.
-Es klang gerade, als glaube er sich mir überlegen.
-Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn Ihr's denn
-so wollt &ndash; ich werde Euch nicht bitten.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus
-meiner Börse in die Hand geschüttet. »Gott segne
-Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit sichtlichem
-Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich
-milder, zog den Rest des Brodes und die noch halb
-volle Flasche hervor und bot ihm Beides. Ueberrascht
-blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann
-mit Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu
-fassen, Signor. Wer mir Geld giebt, der ist mein
-großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit
-mir theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für
-einen Menschen. Das habt Ihr gethan, Signor,
-und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen
-wünscht, &ndash; wenn Pietro es Euch sagen kann, so
-sollt Ihr es erfahren.«</p>
-
-<p>Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der
-Lichtung sichtbar war. Der Abend brach bereits herein,
-und ich hatte noch mehrere Stunden bis hinunter,
-ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht
-erreichen konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen,
-den ich nun wenigstens bei einem christlichen Namen
-nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher,
-erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg,
-einen vortrefflichen Weg. Der Signor würde sehen.
-Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an. Ich fürchtete
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein
-Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten
-Fuß. Treu meinem Grundsatz, mich vor allem unnöthigen
-Schaden vorzusehen, wollte ich mich lieber
-führen lassen, als romantisch allein verunglücken.
-Pietro lief zu seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm
-den ersten Bissen von dem Brode und gebot ihm, sich
-vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen.
-Der Hund begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte
-dieses Auftrages &ndash; er streckte sich mit der Majestät
-eines Löwen vor der sogenannten Thür hin.
-Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das
-übrige fing er selbst an zu essen. Den Wein hatte
-er Anfangs verwahren wollen, ohne davon zu nehmen;
-vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht
-ruhigen Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen
-werden. Aber als er an die Thür gelangt war, hielt
-er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit
-einem Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich
-selbst wahr und hieß ihn trinken &ndash; er solle in Vevey
-mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er nun,
-doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit.
-Als kein Tropfen mehr aus der Flasche herauswollte,
-machte er ihr ein komisch-wehmüthig Gesicht; dann
-wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-sich und erklärte sich für bereit zu meinen
-Diensten, und nicht nur für jetzt, sondern in alle
-Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher
-ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind.
-Auch jünger dünkte er mir jetzt um Vieles. Für
-einige dreißig hatt' ich ihn gehalten &ndash; er war erst
-zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal &ndash;
-das macht alt,« sagte er, aber ganz vergnügt, ja, mit
-wahrer Komik. Seiner Laune nach war das Heimathlosendasein
-eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich,
-aber ganz gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß
-wenigstens keine Tragödie des Elends, und am allerwenigsten
-eines jener Proletariats-Dramen, woran sich
-jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend
-etwas einzuernten als ein mäßiges Honorar, oder
-irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche Langeweile.</p>
-
-<p>Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel
-des Waldes und des Abends, auf Pfaden,
-die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen
-aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos,
-sondern völlig vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet
-zu werden, wie ich sonst als Kind unserm alten treuen
-Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige Brüderschaft
-im Theilen des Brodes &ndash; Pietro hatte mir
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-nicht umsonst so herzlich gedankt, und ich konnte mich
-ihm unbedingt überlassen.</p>
-
-<p>Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand
-ein tolles gewesen &ndash; das sah ich ein, als
-ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte.
-Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch
-dazu gestiegen, entweder hinauf oder hinunter &ndash; ich
-fühlte mich wie entzwei, der Frost der Ueberreizung
-blieb auch nicht aus &ndash; ich mußte mich legen, doch
-nicht ohne für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche
-Wein befohlen zu haben. Er verzehrte die für ihn
-märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und
-machte dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte
-ich noch nie essen hören &ndash; ich dankte dem Himmel,
-als er sich für gesättigt erklärte und was noch vorhanden
-war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem
-Kittel hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme
-Hündlein, für den Liebling, den er allein habe lassen
-müssen, um dem Signor zu dienen, wie es seine
-Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu.
-Eigentlich beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein
-mitgeben zu lassen, aber bei näherer Ueberlegung hielt
-ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu verwöhnen
-und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm
-zu machen. Er hatte heute schon Geld, zwei Mal
-<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Wein, ein Abendessen erhalten und außerdem mich noch
-zum Freunde &ndash; das war genug &ndash; ich entließ ihn mit
-meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz
-unnöthiger, und eben darum erheiternder Feierlichkeit
-gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner und
-Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere,
-zu sein. Ich hieß ihn auch seinen Hund mitbringen;
-er dankte für die Ehre, welche ich dem armen Thiere
-erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus
-oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es
-schon bemerkt &ndash; er redete von sich und dem Nondescript,
-welches nebenbei gesagt, Tiger hieß, immer in
-der Mehrheit.</p>
-
-<p>Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für
-den nächsten Tag keine Langeweile zu befürchten. So
-war ich dann musterhaft in der Geduld.</p>
-
-<p>Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen
-pünktlich, daß ich, ermattet von der bösen
-Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor
-elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich
-auf. Ich fluchte sowohl über den Kellner wie über
-meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so
-wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner
-wieder zu begrüßen, daß ich nicht böse bleiben konnte,
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-sondern ihm Frühstück geben und mir seine Geschichte
-erzählen ließ.</p>
-
-<p>Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so
-gut, so frisch, so bunttoll und tollbunt, wie gewiß keiner
-unserer Schriftsteller sie erfinden könnte, wer weiß
-sogar, ob ein englischer.</p>
-
-<p>Ich schreibe sie nicht nach &ndash; ihr würden zu sehr
-die schwarzen Augen fehlen, welche, wetteifernd mit
-dem überströmenden Munde, sie erleuchteten, ihre
-Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten.
-Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester
-und dann Bandit gewesen, dann da und dort
-gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt, verjagt worden
-war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet
-und hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch
-sagte. Ein Weib sei mit ihm gekommen, hätte&nbsp;&ndash;,
-gesegnet sollte sie sein! &ndash; unter dem Dache, welches
-ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den
-Glauben preisgegeben haben, daß sie eine der ersten
-Familien der »Niederlassung«, vielleicht gar die älteste
-seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen!
-Ich lachte&nbsp;&ndash;, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte
-mich, er wurde wieder freundlich. Großen Werth
-legte er darauf, daß er lesen und schreiben könne.
-Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-gegeben, meinte er mit nicht geringer Genugthuung.
-Um es mir zu beweisen, holte er aus seiner Tasche
-einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor
-und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.</p>
-
-<p>Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge
-für ein Einbürgern in unsere Welt zu thun. Mit
-großer Demuth hörte er mich an, begleitete Alles, was
-ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen
-und am Ende kam es doch heraus, er wolle
-bleiben, wo und wie er sei. Es werde nicht recht
-gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei
-zu alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht
-auch zu träge,« bemerkte ich mit einiger Strenge. »Vielleicht«
-&ndash; er gab es mit schmerzlichem Bewußtsein
-seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren
-ist zu etwas, ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich.
-»Aber, Pietro, Ihr werdet dann nie mehr Hunger
-haben.« &ndash; »O, Signor, der Hunger kommt selten,
-selten, und es ist immer besser, bisweilen einen
-Tag zu hungern, als alle Tage thun zu müssen, was
-uns nicht gefällt«. Damit küßte er mir die Hand,
-bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt'
-es nicht. Er war so <i>con amore</i> Vagabond, Heimathloser
-&ndash; es wäre Grausamkeit gewesen statt Güte,
-ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch
-vermehren mochte, war, wie ich erwähnte, die Erinnerung
-an einige unschuldige Fehltritte, begangen auf
-dem Markt des Lebens und angemerkt von der <i>bête
-noire</i> der Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's
-Füße hatten die Grenzmarken der Civilisation überschritten
-&ndash; er war mit seinem Vater und allein einige
-Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der
-übrigen Schweiz gewesen, aber wie ich denke, nicht immer
-mit besonders gutem Gewissen wieder in sein Waldasyl
-zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine
-Lust, sich legitim bei Tageslicht und Angesichts der
-Menge sehen zu lassen.</p>
-
-<p>»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste
-vergeblich fand, »thut wie Ihr wollt, aber bei
-denen, welche Ihr Eure Leute nennt, werde ich nichtsdestoweniger
-versuchen, sie für etwas Besseres als die
-Heimathlosigkeit zu gewinnen.«</p>
-
-<p>Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen
-klugen Blick an und antwortete: »Ich zweifle, daß sie
-wollen werden &ndash; ich bin gewiß, daß sie nicht wollen
-werden.«</p>
-
-<p>»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der
-rauhen Erde, unter dem oft mitleidlosen Himmel?«</p>
-
-<p>»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-Erde und den Himmel &ndash; wir haben die Freiheit.
-Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen,
-wann wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer
-Gesellschaft tausend Fesseln, von denen eine einzige uns
-die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum Gefängniß
-machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten
-als Schmuck zu tragen &ndash; wir würden das nicht verstehen.
-Wundert Euch nicht, mich so reden zu hören.
-Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel
-&ndash; wir denken auch nach und verständigen uns
-über unsere Gedanken. Auch haben wir einige Studirte
-unter uns, die &ndash; irgendwie unglücklich gewesen sind.
-(Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.)
-Von denen lernen wir, wie es in der Welt zugeht,«
-fuhr Pietro fort, »und, Signor, verzeiht mir, es geht
-nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden
-möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden &ndash; das
-ist natürlich, noch mehr, Euch muß unser Zustand
-schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes Herz habt,
-möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten
-ist's, Ihr lasset uns, wie Ihr uns findet.«</p>
-
-<p>Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen.
-Ich konnte mich nicht überzeugen, daß sie auch die
-der übrigen Zweihundert sein sollte &ndash; so viel dieser
-Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt.
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-Gewiß waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen
-nach dem bürgerlichen Dasein litten, für welche
-diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde schlafen zu
-können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein
-ungeheures Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.</p>
-
-<p>Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu
-meinem Vorhaben zurück, die Heimathlosen kennen zu
-lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht mehr
-zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem
-Esel. Man ist hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen
-liefen mir nicht nach, obwohl meine langen Beine von
-dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten.</p>
-
-<p>Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel
-der Heimathlosen; wohin Pietro mich geleitete
-&ndash; er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut empfangen
-&ndash; von Gefahr war nie die Rede, wenigstens
-glaub' ich es nicht. Tiger trabte immer mit uns.
-Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus &ndash; Tiger
-brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript
-hing unbeschreiblich an mir &ndash; er konnte, leider, nicht
-mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen hatte, aber
-es war eben so gut, als thäte er's.</p>
-
-<p>Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen
-Bergen, ich auf dem Esel, Pietro mit Stock
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-und Provianttasche neben mir und der unbeschreibliche
-Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's
-wirklich sei. Aber ich war's.</p>
-
-<p>Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein
-wenig verrückt, wenn nicht für ganz und gar. Anfangs
-machte man mir Vorstellungen über das, was
-ich wage &ndash; selbst der Wirth ließ sich herab: <i>Mais,
-monsieur!</i> zu mir zu sagen. Ich gab ihm Recht,
-bedankte mich und war den nächsten Tag wieder mit
-Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit.</p>
-
-<p>Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum
-&ndash; ich fing an, das Alles zu begreifen.
-Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch,
-oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu
-war ich zu sehr, um mit Immermann's Münchhausen
-zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern.
-Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr
-mit dieser Horde, die mitten in Europa ohne Gott,
-Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott &ndash; das muß
-ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem
-Walde. Sie beteten zu ihm, die Einen so, die Andern
-so.</p>
-
-<p>Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner,
-Heiden, Christen, Verbrecher, Herumtreiber, Verfolgte?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht &ndash;
-sie waren Heimathlose.</p>
-
-<p>Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer
-Existenzen.</p>
-
-<p>Die Prosa des Elends.</p>
-
-<p>Die Poesie der Armseligkeit.</p>
-
-<p>Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie.</p>
-
-<p>Voll Rohheit und voll Weichheit.</p>
-
-<p>Seelen zum Schaudern und zum Weinen.</p>
-
-<p>Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen
-über sich selbst, wie das böse Gewissen.</p>
-
-<p>Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller,
-hätte ich studiren können.</p>
-
-<p>Epopöen der Schuld hört' ich.</p>
-
-<p>Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an
-Brod, auch an Gottes Wort.</p>
-
-<p>Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren
-mir die liebsten &ndash; die Studirten dagegen sehr zuwider.
-Sie sprachen so viel, waren so erhitzte Ankläger
-der ganzen Menschheit und so weitschweifige
-Vertheidiger von den schlechtesten Bruchstücken derselben,
-von sich selbst. Dabei hatten sie immer so ungeheuer
-viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im
-Kleinen sein müssen, um sie befriedigen zu können.
-Was meine Mittel nicht überstieg, that ich. Aber
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre Contrebande
-nach Amerika versendete.</p>
-
-<p>Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird
-gegen die tausend socialen Ueberflüssigkeiten, welche
-wir ihm so freigebig aufbringen.</p>
-
-<p>Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen
-Freunden am liebsten gewonnen, konnte ich am wenigsten
-thun. Ihr Geschick war fertig, ihr Gemüth hineingewachsen.
-Einige Kinder übergab man mir &ndash;
-was aus denen zu machen ich hoffen darf, würden
-die Tage lehren, die noch kommen sollen. Bei den
-Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's
-Münchhausen zu reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon
-vorgekommen, hätte ich irgend mir einbilden können,
-sie auch nur halb zu civilisiren.</p>
-
-<p>Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke
-und dazu Ziegen. Was diese Thierchen brauchten,
-konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung
-von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle,
-Decken, Flachs, Kessel kaufte ich auch &ndash; für wenig
-Geld möblirte ich meine Heimathlosen königlich.</p>
-
-<p>Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich
-ihnen, Herr, Freund. Die Welt war in mir zu ihnen
-gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht
-lieblos.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten.
-Sie war größer, etwas fester gebaut als die übrigen
-Wohnungen, aber immer verschlossen. Die Heimathlosen
-sagten mir: dort wohnten die Einsiedler.</p>
-
-<p>Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter.
-Sie lebten ganz geschieden von den sie Umwohnenden.
-Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte
-schön gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein,
-sehr fein.</p>
-
-<p>»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt
-sie sich gut, haben sie's besser als Ihr?«</p>
-
-<p>»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau
-sieht Euch so an, bewegt die Hand so, wie nur vornehme
-Damen es thun. Signor, ich verstehe mich
-darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen
-habe.«</p>
-
-<p>Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat
-Pietro, dem Manne von mir Dienstleistungen anzubieten.
-Pietro brachte mir einen Dank und eine Ablehnung.</p>
-
-<p>Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und
-meine Gedanken waren in der Hütte.</p>
-
-<p>War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen?
-Wenn ich vielleicht eine unerträgliche Lage beenden
-konnte&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr
-verstörte?</p>
-
-<p>Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles
-natürlicher und ehrwürdiger vorgekommen, als jedes
-andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf,
-wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht
-sich von selbst nur nach dem Gesetz.</p>
-
-<p>So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen,
-untersagte mir selbst die Neugier und fing nach und
-nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm zu
-sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren
-sein, so schnell verzehr' ich alle Interessen, die sich mir
-darbieten.</p>
-
-<p>Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen
-Brief »von der Frau aus der stillen Hütte«, wie er
-ausdrucksvoll sagte.</p>
-
-<p>Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich
-das nothdürftig zugeklebte Blatt auseinander und
-las in deutscher Sprache:</p>
-
-
-<div class="mw30 mt2 mb2 ci">
-<p>&emsp;&emsp;»Herr Graf!</p>
-
-<p>»Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns
-kommen wollen und sind nicht angenommen worden.
-Jetzt komme ich zu Ihnen &ndash; werden auch Sie mich
-zurückweisen?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene
-Hand zurückgestoßen. Er that es, Er, für den
-ich keinen Namen weiß; denn jeder Name, den ich
-ihm geben würde, wäre eine Schande für mich. Doch
-ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen.</p>
-
-<p>Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden
-Sie kommen? Es hängt von Ihnen ab, ob verzweifeln
-oder gerettet werden soll</p>
-
-<p class="si">Feodora Freiin von S.«</p>
-</div>
-
-
-<p>Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen
-und sah noch immer hinein, nachdem ich ihn schon
-lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die mir
-schrieb &ndash; sie war aus Berlin &ndash; eine Jugendfreundin
-meiner Mutter. Von ihrem Schicksale nachher, jetzt
-nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung hätte Folge
-leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig
-zum Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie
-hatte an mich ohne Adresse geschrieben, mein Name
-war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person
-und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich
-ihr nenne? dachte ich. Doch sie schien »<i>to take it
-coolly</i>« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief mißfiel
-mir ungemein. So ganz und gar theatralisch,
-und das von einer Frau, die wenigstens gegen funfzig
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort hinauf und
-hineingerathen sein mochte? &ndash; Was ich von ihrer
-Geschichte wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber
-noch widerlicher mußte der Fortgang derselben sein.
-Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich ihrer
-Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen
-in kalter grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf.</p>
-
-<p>»Die stille Hütte« lag etwa noch eine Stunde
-hinter der Pietro's. Gegen elf ungefähr kam ich an,
-&ndash; allein, denn Pietro sollte mich nicht begleiten, hatte
-die Dame gesagt. Aber wenn gleich der Herr nicht,
-der Hund lief mit mir &ndash; Tiger wäre nicht zurückzuhalten
-gewesen, sobald er mich sah. Mit Tiger langte
-ich demnach bei der Freiin von S. an, welche sich in
-einer so ungewöhnlichen Wohnung und in einer so
-unglaublichen Lage befand.</p>
-
-<p>Ich war etwas entfernt vom Hause abgestiegen,
-doch mußte sie mich gehört haben, denn sie öffnete
-die Thür, noch ehe ich davor war. Pietro hatte Recht
-&ndash; die Frau mußte schön gewesen sein. Sie hatte
-eines jener Profile, die unzerstörbar sind, weil sie klassisch
-sind. Ihre Haltung war graziös &ndash; etwas Magdalene
-darin, aber auch noch viel Hochmuth. Die
-Frau gefiel mir eben so wenig als ihr Brief.</p>
-
-<p>Unsere Begrüßung war die sonderbarste und lächerlichste
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-für den Ort und die Umstände, gerade weil sie
-an jedem andern Ort und unter allen andern Umständen
-die alltägliche gewesen wäre.</p>
-
-<p>Ich sagte: »Ich habe die Ehre&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie antwortete, mir die Thür zeigend: »Darf ich
-bitten.«</p>
-
-<p>Ich folgte ihr &ndash; den Esel hatte ich angebunden &ndash;
-Tiger folgte mir.</p>
-
-<p>»Was haben Sie da für einen eigenen Hund,
-Herr Graf«, sagte sie im natürlichsten Tone.</p>
-
-<p>»Verzeihung, meine Gnädige«, rief ich und stieß
-Tiger hinaus.</p>
-
-<p>Als ich zurückkam, bot sie mir einen Schemel an.
-Ich setzte mich und überreichte ihr meine Karte. Sie
-las meinen Namen, »Gott!« rief sie, und gerieth in
-Aufregung, »dieser Name! Ich kannte Ihre Familie,
-wenn Sie aus Berlin sind?«</p>
-
-<p>»Und Sie, gnädigste Frau, entflohen vor zwanzig
-Jahren mit&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;« ich schämte mich fortzufahren.</p>
-
-<p>Sie lächelte bitter: »Ja, es war vor zwanzig Jahren
-einmal Mode, daß vornehme Frauen mit Candidaten
-&ndash; entflohen, wenn Sie die Güte haben wollen,
-es so zu nennen. Ich nenn' es anders. Hoffentlich
-ist mein Geschlecht wenigstens von dieser Thorheit
-zurückgekommen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-»Ja, gnädige Frau, die Candidaten sind jetzt ungefährlich.
-Sie verloben sich, ehe sie Hauslehrer werden.«</p>
-
-<p>»<i>Tant mieux, tant mieux</i>,« sagte sie nachlässig.
-Plötzlich faßte sie mich scharf und energisch ins Auge
-und sprach mit Lebhaftigkeit: »Ich sehe, daß ich Ihnen
-keine Theilnahme einflöße. Auch begehr' ich keine,
-aber Hülfe fordere ich. Wollen Sie mir die versprechen?«</p>
-
-<p>»Wozu?« fragte ich mißtrauisch.</p>
-
-<p>»Wozu?« wiederholte sie spöttisch. »Fürchten Sie,
-ich wolle Sie zu einer Rolle in einem Trauerspiele dingen?
-Wozu anders, als mir zu helfen, daß ich von
-dem Menschen loskomme.«</p>
-
-<p>»So sprechen Sie von Demjenigen, um dessenwillen
-Sie Alles verlassen haben, sogar Ihre zwei Kinder?«
-fragte ich mit Ironie.</p>
-
-<p>»Wenn ich nicht um seinetwillen meine Kinder verlassen
-hätte, würde ich wahrscheinlich anders von ihm
-sprechen,« sagte sie rauh. »Glauben Sie mir, wir verzeihen
-es einem Manne nicht, ihm Alles geopfert zu
-haben.«</p>
-
-<p>»Haben wir denn Zeit, ein solches Gespräch zu
-führen, gnädige Frau?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-»Ja. Er ist nach Gruyères hinüber, kommt erst
-heute Abend wieder.«</p>
-
-<p>»So läßt er Sie denn doch allein?«</p>
-
-<p>»Weil er mir vertraut.«</p>
-
-<p>»Wie es scheint, etwas zu sehr,« bemerkte ich.</p>
-
-<p>»Er glaubt, daß ich ihn noch liebe,« sprach sie
-verächtlich. »Ihn noch lieben nach zwanzig Jahren
-der Entbehrung, der Erniedrigung, besonders nach den
-letzten Jahren, die ich hier zugebracht! Es gehört eine
-Eitelkeit wie die seine dazu, um das glauben zu können.«</p>
-
-<p>»Verzeihung,« sprach ich ernst, »ich glaubte bisher
-immer, Nichts verkettete so unauflöslich wie gebrachte
-Opfer, gemeinschaftliche Entbehrungen.«</p>
-
-<p>»Phrasen«, erwiederte sie mit ungeduldiger Bewegung.
-»Bringen Sie z.&nbsp;B. ein Mal einer Frau Ihre
-ganze Carriere zum Opfer&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich habe keine Carriere.«</p>
-
-<p>»Oder Ihre Ehre.«</p>
-
-<p>»Das thäte ich nicht.«</p>
-
-<p>»Dergestalt, daß Sie nie Etwas aufopfern würden?
-Dann können Sie mich freilich nicht begreifen.«</p>
-
-<p>»Ich würde um einer Geliebten willen Alles aufgeben,
-was ein Mann aufgeben darf &ndash; alles Persönliche
-außer der Ehre, Alles sonst, außer dem Vaterlande.
-Und wenn ich es gethan, würde ich wo
-<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-möglich noch mehr lieben, was auch logisch wäre;
-denn wie theuer muß uns nicht ein Wesen sein, welches
-wir mit der Totalsumme unserer Existenz erkauft haben?«</p>
-
-<p>»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer
-bezahlt?« fragte sie kalt.</p>
-
-<p>»So ist Herr &ndash; Herr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte.
-Wenn meine Mutter die Geschichte erzählte, sagte sie
-immer blos: »und so ein Candidat!«</p>
-
-<p>»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth
-sei?«</p>
-
-<p>Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als
-mache sie ein erhabenes Zugeständniß: »Vielleicht ist
-er's nicht mehr geworden, als er von Anfang an war,
-aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu,
-»wenn Sie ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht
-mehr fragen.«</p>
-
-<p>»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes
-Glück gehabt,« sagte ich; »aber, gnädigste Frau, wenn
-Sie das so gut wußten, warum da&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie sah mich an &ndash; ihre ganze Gestalt zitterte vor
-Zorn. »Und Sie muß ich um Hülfe bitten,« sprach
-sie langsam; »Es geschieht mir Recht.«</p>
-
-<p>Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-über meine Lippen. Nie hatte ich mich so vollkommen
-abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast lächerliche
-Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen,
-ich hätte dieser Frau am liebsten die herbsten
-Dinge gesagt. Und was hatte sie gethan? Ueber
-ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein.
-Sie empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch
-inwendig um einige Grade bequemer war, als die
-andern &ndash; sie empfing mich wie in einem Salon &ndash;
-das machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste
-erhalten, und in einer solchen Umgebung bewies das
-wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter. Daß sie
-verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben
-&ndash; vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl
-einflößen, vielleicht war er ein ordinairer Mensch, was
-in einer tragischen Situation doppelt unerträglich ist.
-Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich
-hart gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein &ndash;
-sie hatte noch nicht nach ihren Kindern gefragt. Das
-war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich vermißt.</p>
-
-<p>»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir
-länger keine Hülfe begehren wollen &ndash; ich kenne Ihre
-Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist ein edles,
-liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre
-Mutter geweint hat. Schreiben Sie ihr &ndash; ich werde
-<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-den Brief besorgen &ndash; Sie werden mir dann für
-Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten
-Brief. Was meinen Sie?«</p>
-
-<p>Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder
-doch mindestens auf etwas Affekt. Täuschung. Ihre
-Miene veränderte sich nicht. Mit derselben finstern
-Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um
-ihren Mund gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie,
-daß ich mich an meine Tochter wenden will? Daß
-ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie
-nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu
-erscheinen? Nein, wahrlich nicht, so lange ich noch
-meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese Erniedrigung!
-das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu
-stehen.«</p>
-
-<p>»Gnädige Frau, Sie sind immer die Mutter.«</p>
-
-<p>»Die Mutter soll ein Vorbild und keine Schande
-sein.«</p>
-
-<p>Sie mochte in meinen Augen gelesen haben; denn
-sie fragte: »Sie meinen, das sei ich schon? Gut,
-doch bin ich dann wenigstens nur eine vergangene,
-halbvergessene. Eine gegenwärtige, aufgefrischte mag
-ich nicht werden.«</p>
-
-<p>»Wollen Sie denn Ihre Tochter nie wiedersehen?«</p>
-
-<p>»Hab' ich das Recht dazu? Ich richte mich, Graf,
-<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-ich weiß, was ich verdiene und was nicht. Doch Sie
-sprechen immer nur von meiner Tochter &ndash; mein
-Sohn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ihr Sohn ist todt, gnädige Frau.«</p>
-
-<p>Sie bebte innerlich zusammen; dann sagte sie leise:
-»Für mich war er ja schon lange todt. Wie war er?«
-setzte sie fast bittend hinzu.</p>
-
-<p>»Liebenswürdig und gut.«</p>
-
-<p>»Aber nicht bedeutend? Ja, das erkannte ich schon
-damals; nur sein Vater wollte durchaus ein Genie in
-ihm sehen.« Sie war wehmüthig geworden.</p>
-
-<p>»Der Baron, gnädige Frau&nbsp;&ndash;« sagte ich zögernd.</p>
-
-<p>»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits
-vor sechs Jahren. Damals las ich noch Zeitungen &ndash;
-so erfuhr ich's. Es war ein braver, rechtlicher Mann.«</p>
-
-<p>»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem
-Schweigen wieder an, »wollten Sie nicht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses
-Menschen werden, der mich &ndash; nachdem ich&nbsp;&ndash;« Sie
-machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des
-Ekels.</p>
-
-<p>»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben &ndash; sollte
-denn nicht ein Gefühl mehr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich
-nicht blos aus Langeweile auf dem Lande&nbsp;&ndash;« ich
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber verläumdete
-sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig
-und gereizt: »Möglich, möglich, kann sein &ndash; es ist so
-lange her. Aber jetzt ist's ja auch einerlei, warum
-ich es that, jetzt handelt es sich nur darum, daß ich
-frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin,
-als Verwalterin irgend eines Hauswesens,
-als Unterlehrerin irgend einer Schule. Ich habe zwar
-furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren,
-aber so viel werd' ich doch noch wissen.«</p>
-
-<p>»Und was soll aus Herrn W. werden?«</p>
-
-<p>»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie
-haben ja schon zwei bis drei Subjecte hingeschickt &ndash;
-eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen, nicht
-wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.«</p>
-
-<p>»Wird er wollen?«</p>
-
-<p>»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er
-liebt mich noch. Begreifen Sie das &ndash; nach zwanzig
-Jahren!«</p>
-
-<p>»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen
-wollen,« rief ich heftig.</p>
-
-<p>»Es klingt so und ist's doch nicht. Glauben Sie,
-daß ich ihm etwas Anderes bin, als ein stündlicher
-Vorwurf? daß ich in meinem Herzen etwas Anderes
-für ihn finde, als Abscheu, besonders seit &ndash; Sie haben
-<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-mich noch nicht gefragt, warum ich hier bin. Wollen
-Sie es hören?«</p>
-
-<p>»Wozu?« fragte ich wieder.</p>
-
-<p>»Genügt es Ihnen, daß wir unglücklich und strafbar
-sind?«</p>
-
-<p>»Vollkommen. Es bedarf bei mir keines andern
-Empfehlungsbriefes; denn ich kann auch unglücklich
-und strafbar werden.«</p>
-
-<p>»Auf die Manier wie Herr W. nicht. Dazu kenne
-ich Sie jetzt schon genug, um das zu wissen. Wollen
-Sie mir die Hand geben?«</p>
-
-<p>Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«</p>
-
-<p>»Ach!« rief sie, mir die Hand entziehend und sich
-von mir wendend.</p>
-
-<p>»Sie machen eine Schuld durch eine andere nicht
-gut. Und wenn er Sie liebt. Vielleicht hat er um
-Ihretwillen auch Alles verlassen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das Alles des Herrn W!« sagte sie lachend.</p>
-
-<p>»Verzeihung,« sprach ich ernster als bisher; »das
-bleibt sich gleich. Wer Alles giebt, der giebt Alles,
-und mag sein Alles sich in einer hohlen Hand verschließen
-lassen.«</p>
-
-<p>Sie war in Zerstreuung gefallen. Plötzlich fuhr
-sie auf und sagte lebhaft zu mir: »Sonderbar, daß ich
-mitten in dieser Misère nie daran gedacht habe, mir
-<a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-das Leben zu nehmen. Das beweist &ndash; Feigheit oder
-Kraft.«</p>
-
-<p>»Ich traue Ihnen Kraft zu,« sagte ich. »Wenden
-Sie sie nur zum Guten an.«</p>
-
-<p>»Das heißt werden Sie nachträglich die ehr- und
-tugendsame Ehefrau des Herrn W.«</p>
-
-<p>Dieser Hohn empörte mich. »Wenn Sie es vorziehen,
-nur seine Maitresse gewesen zu sein &ndash; ich habe
-Nichts dagegen.«</p>
-
-<p>Sie maß mich. »Spricht man jetzt so in guter
-Gesellschaft?«</p>
-
-<p>»Nein,« erwiederte ich, »aber in schlechter.«</p>
-
-<p>Ich war wüthend auf diese Frau, die gefallen,
-schlecht, und meiner bedürftig wie nur je ein Wesen
-des andern sein kann, mir doch trotzte und wie! &ndash;
-Moralisch. Denn ich hatte Recht. Was konnte sie mehr
-hoffen, als noch ein Mal eine Gattin zu werden, noch
-ein Mal in eine Gesellschaft zurückkehren zu dürfen?
-Wenn W., wie ich mir vorstellen konnte, wegen einer infamirenden
-Schuld sich hier verborgen hatte &ndash; ich
-wollte ihm ja Mittel bieten, sich wieder rehabilitiren
-zu können. Meine Kasse würde etwas darunter leiden,
-das sah ich mit ziemlicher Bekümmerniß, indessen, ich
-wollte mich gern einschränken, um meine Don Quixoterieen
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-wieder einzubringen, nur diese Trennung zwischen
-zwei Menschen, die so lange Sünde und Noth mit
-einander getheilt, kam mir unsittlich, ja, förmlich barbarisch
-vor.</p>
-
-<p>Sie war meinen Ueberlegungen auf meinem Gesichte
-gefolgt und sagte jetzt unendlich moquant: »Sie
-rechnen, ob es Ihnen nicht zu theuer kommen könnte,
-mir zu helfen.«</p>
-
-<p>Erzürnt sprang ich auf. »Gnädige Frau, wenn
-Sie wollen, daß ich gern thun soll, was ich thun
-will und thun werde, so beschimpfen Sie mich nicht.«</p>
-
-<p>»Beschimpften Sie mich nicht?« erwiederte sie
-kaltblütig. »Ich habe nie eine Beleidigung angenommen,
-ohne eine wiederzugeben.«</p>
-
-<p>»Nein, Sie passen nicht zu Ihrer Tochter,« sagte
-ich gedankenvoll, fast traurig. Ich hatte jene junge
-Frau wahrhaft lieb &ndash; sie war ganz Strenge in ihren
-Grundsätzen, Milde in ihren Gesinnungen. Wie konnte
-sie die Tochter einer solchen Mutter sein?</p>
-
-<p>»Waren Sie immer so, wie Sie jetzt sind?« fragte
-ich die Baronin.</p>
-
-<p>»Den Anlagen nach, gewiß,« erwiederte sie gleichgültig.
-»Das Leben entwickelt nur was in uns ist.«</p>
-
-<p>»Ich glaube das nicht. Ich glaube &ndash; kennen
-Sie die Geheimnisse von Paris?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-»Wann erschienen?«</p>
-
-<p>»Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren.«</p>
-
-<p>»Also nach der Zeit, wo ich noch las. Nein, ich
-kenne sie nicht, aber was wollen Sie mit diesen Geheimnissen?«</p>
-
-<p>Statt der Antwort fragte ich: »Sechs Jahre sind
-Sie schon hier?«</p>
-
-<p>»D'rüber,« antwortete sie ruhig.</p>
-
-<p>»Aber, guter Gott, wie haben Sie denn gelebt?«</p>
-
-<p>»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man
-Bände lesen können, »wie?« Sie schien sich sammeln
-zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier gewesen, ein
-Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen &ndash; dann
-gab sie den Gedanken plötzlich auf und sagte nur:
-»nun, wie man als Heimathlose lebt.«</p>
-
-<p>Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal
-nicht ohne eine Art Antheil. Wenn sie durch diese
-Prüfung auch nicht geläutert worden, sie hatte sie doch
-überdauert, das war immer schon viel von einer Frau,
-verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch
-von Natur, wie sie sich zeigte. »Wie haben Sie's
-nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte ich zögernd.</p>
-
-<p>»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht
-mehr. Damit ist Alles gesagt. Doch was wollten
-<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten &ndash; die
-Geheimnisse, oder wie hieß es?«</p>
-
-<p>»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte
-ich, »die Seele könne sich mitten in der größten Verderbniß
-rein erhalten, eine weiße Nymphäa aus einem
-Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in
-die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war
-wohl schon früher vorhanden und ist nur in diesem
-Buche am ausgeprägtesten dargestellt. Lies't man es,
-lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so
-möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um
-tugendhaft zu werden, erst Ehebrecherin sein, ein Mädchen
-erst fallen, um die Unschuld zu kennen. Das ist nun
-aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas
-von dieser Apotheose der Untreue, dieser Verklärung
-der Courtisane hören wollen. Meine Ueberzeugung
-ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie, gnädige
-Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das,
-was Sie in Ihrem Hause, als die Mutter Ihrer
-Kinder und der Gegenstand der allgemeinen Achtung
-waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist.
-Sie sind so gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu
-empfinden, daß Sie sich nicht mehr besinnen, je anders
-gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf
-geben &ndash; Sie haben anders gefühlt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung.</p>
-
-<p>»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht
-so&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat
-sind!«</p>
-
-<p>»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen
-Sie anfangen allein in der Welt?«</p>
-
-<p>»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit
-ihm zusammen.«</p>
-
-<p>»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch
-nicht versucht. Wenn Sie erst wissen werden, daß in
-dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach Ihnen
-frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben
-zu lassen, kein anhänglich Geschöpf mehr, um es zu
-mißhandeln&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln
-ist mir kein Bedürfniß.«</p>
-
-<p>»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige
-brauchen das gar sehr.«</p>
-
-<p>»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch.</p>
-
-<p>»Der beißt Sie,« antwortete ich.</p>
-
-<p>Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht
-das Lachen verlernt hätte, würd' ich lachen. Was
-sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich wollen
-<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-&ndash; haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie
-mir &ndash; es ängstigt mich jetzt, Sie zu sehen; was wir
-gesprochen, kommt mir so verrückt vor. Bedenken Sie,
-ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau,
-die schon deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie
-sich unbedingt Ihnen anvertraute. Gott, wenn ich
-mich getäuscht hätte &ndash; wenn Sie Hohn mit mir
-trieben!«</p>
-
-<p>»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich
-mir an, aber auch wirklich unbedingt, ohne Rück- und
-Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in meine Hand
-&ndash; ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich
-werden.«</p>
-
-<p>Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft,
-mit welcher sie sich mir gegenüber gestellt, verließ sie.
-Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden, jetzt mit tiefer
-Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse,
-die Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht
-schlechtes Weib in zwanzig Jahren voll Unterdrückung
-ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit, ohne
-Aussicht, erleiden kann.</p>
-
-<p>Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung,
-auch ihrem ursprünglichen Wesen nach &ndash;
-wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so war's nur
-gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen
-<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-Skandals herzugeben &ndash; »ich wußte,« sagte sie mir,
-»das Geschwätz über meine Flucht würde aufhören,
-sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es
-gewiß nicht lange gewährt &ndash; höchstens einige Freundinnen
-außer Ihrer Mutter haben noch bisweilen ihre
-Kinder von mir unterhalten&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich,
-meine Mutter hat stets nur mit großem Bedauern
-von Ihnen gesprochen.«</p>
-
-<p>»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau,
-nicht Das geworden, wozu Sie mich jetzt machen
-wollen, die Gattin meines interessanten Verführers.
-Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen,
-dieses liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die
-arme Feodora! wie anders hat sie's jetzt, als früher
-&ndash; ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen läßt,
-einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch
-zu heirathen &ndash; glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft
-mit Herrn W. hätte man mir gern verziehen
-&ndash; es gab noch andere Damen, denen er recht gut
-gefiel &ndash; eine Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit
-als lächerlich verurtheilt worden.«</p>
-
-<p>Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott:
-»Gnädige Frau, und meinen Sie, man habe Sie
-weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur entführen
-<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat
-nie für tragisch gegolten, obgleich es so tragisch ist,
-wie es nur eines geben kann. Warum Sie keine
-Scheidung und keine neue Ehe wollten &ndash; soll ich es
-Ihnen sagen? Ihr Stolz als vornehme Frau und
-als feine und energische Natur sträubte sich gegen die
-Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig,
-nicht nur den äußeren Verhältnissen, auch dem
-innern Standpunkt nach &ndash; eine augenblickliche Schwäche
-allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu ihm.
-Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?«</p>
-
-<p>»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch
-mit einer gewissen Freude, erkannt worden zu sein;
-»daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher Fehltritt.
-An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde
-gegangen &ndash; an meiner Dummheit verzweifle ich noch
-heute, wo sie schon zwanzig Jahr alt ist. Doch je
-älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie.
-Sie wächst immerfort.«</p>
-
-<p>»Verwandeln Sie die Dummheit.«</p>
-
-<p>»In was?«</p>
-
-<p>»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber
-lohnreiches Loos?«</p>
-
-<p>Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken,
-<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-und sah mich mit einem Blicke an, der mich um Erbarmen
-flehte.</p>
-
-<p>»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand
-nur verkaufen? Quälen Sie mich wenigstens erst,
-wenn Sie ihn gesehen haben.«</p>
-
-<p>Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war
-vernünftig. Was für den ersten Augenblick anzufangen,
-war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte
-ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine
-Stube ausmitteln, wo sie sich vor W. verbergen
-könne, bis ich ihn gesehen und geprüft. Dann sollte
-ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden.
-»Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn
-Sie mich für moralisch incompetent halten. Meine
-Seele möchte in die Einsamkeit und da ihrer Sünde
-vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren
-Aufruhr ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses
-Mannes zu bleiben, daß meine Buße darin besteht.
-Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern.
-Sie sind jung und unverdorben &ndash; Sie werden besser
-das Rechte erkennen, als ich.«</p>
-
-<p>Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und
-sah mich an.</p>
-
-<p>Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die
-nachkommen sollten. Als er aber nicht wieder anfing,
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht weiter?«</p>
-
-<p>»Nein, es geht noch nicht weiter,« versetzte er &ndash;
-»ich habe erst bis hierher geschrieben. Ehe ich fortfahre,
-sagen Sie mir &ndash; würden Sie die Leute verheirathet
-haben?«</p>
-
-<p>»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich ohne mich zu
-besinnen. »Es heißt: Was Gott zusammenfügt, das
-soll der Mensch nicht scheiden, und nicht: Der Mensch
-soll zusammenfügen, was Gott geschieden hat.«</p>
-
-<p>»Also glauben Sie, die Beiden seien von Gott
-geschieden gewesen?«</p>
-
-<p>»Versteht sich.« Ich antwortete in meinem Eifer mit
-einem Schweizer Ausdruck. »Durch Gott sowohl, wie
-früher durch das Gesetz.«</p>
-
-<p>»Nun, ich habe sie trauen lassen,« sagte er trocken.</p>
-
-<p>»Da werden Sie was Schönes angerichtet haben!«</p>
-
-<p>»Calclire, nicht, war moralisch,« sprach er, wieder
-yankeesirend.</p>
-
-<p>»Moralisch, aber dumm,« versicherte ich ihm.</p>
-
-<p>Er legte sein Manuscript auf den Tisch, stützte
-Arm und Kopf auf und vertiefte sich in Nachdenken,
-bis der Thee kam. Dann sagte er plötzlich bestimmt,
-seine Tasse entgegen- und vom Teller eine Brezel wegnehmend:
-<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-»Sie täuschen sich; ich bin ganz gewiß, daß
-die Ehe gut ausfallen wird.«</p>
-
-<p>»Wenn Sie dessen gewiß sind, ist's ja gut,« sprach
-ich lachend. »Beweisen Sie es nur dem Leser.«</p>
-
-<p>»Ich schreibe das Ding nicht fertig,« sagte er entschieden.</p>
-
-<p>»Und warum denn nicht?«</p>
-
-<p>»Sie sprechen heute klassisch schweizerisch. Weil
-Sie die Heirath dumm finden.«</p>
-
-<p>»Ich finde sie dumm, Andere finden sie vielleicht
-klug.«</p>
-
-<p>»Möglich, ich hoffe es sogar, aber ich mache die
-Novelle doch nicht fertig.«</p>
-
-<p>»Des Menschen Wille&nbsp;&ndash;« sagte ich. »Nehmen
-Sie Quittensaft?«</p>
-
-<p>»Danke. Nehmen Sie meine Novelle?«</p>
-
-<p>»So wie sie da ist?«</p>
-
-<p>»Und warum denn nicht?« machte er mir nach.
-»Sie wollten sie ja als Schluß Ihres Buches?«</p>
-
-<p>»Aber ordentlich geschlossen, nicht so in der Mitte
-abbrechend, wie eine nicht fertig gewordene Brücke.«</p>
-
-<p>»O,« sprach er mit unnachahmlicher Kühle, »für
-Ihr Buch ist sie schon noch gut genug.«</p>
-
-<p>»Dann schreibe ich auch unser jetziges Gespräch
-dazu.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-»Alles, was Sie wollen.«</p>
-
-<p>»Und Sie müssen mir noch sagen, wohin Sie Ihr
-glückliches Paar befördert haben. Vermuthlich auch
-nach Amerika?«</p>
-
-<p>»Nein,« versetzte er gelassen, »nach Australien.«</p>
-
-<p>»Das ist jedenfalls eine Abwechselung,« sprach
-Otto, der uns bisher mit ziemlich spottender Miene
-zugehört hatte.</p>
-
-<p>»So mein' ich auch,« entgegnete Wladislav.</p>
-
-<p>»Aber Pietro?« fragte ich weiter.</p>
-
-<p>»Pietro hat zwei Ziegen und wir correspondiren
-mit einander.«</p>
-
-<p>»Die Ziegen und Sie?«</p>
-
-<p>»Nein, ich und Pietro.«</p>
-
-<p>»So einen Brief müssen Sie uns ein Mal zeigen,«
-sprach Otto.</p>
-
-<p>Wladislav schüttelte den Kopf. »Briefgeheimniß &ndash;
-unverletzlich.« Dann bat er mich um die zweite Tasse
-Thee. Ich goß sie ihm ein, und that eine dritte Frage,
-nach Tiger.</p>
-
-<p>Wladislav wurde roth. »Haben Sie nie in meinem
-Zimmer einen Hund kläffen gehört?«</p>
-
-<p>»Allerdings, und ein eigenes, jämmerliches Gekläffe
-war's.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-»Nun, das ist Tiger,« sagte er lächelnd und
-zögernd.</p>
-
-<p>»Warum haben Sie ihn denn nie bei sich?«</p>
-
-<p>»Ich schäme mich, weil er so häßlich ist,« bekannte
-er leise.</p>
-
-<p>Wir lachten ohne Umstände. »Sie sind,« sagte
-ich&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ich bin der Wladislav,« unterbrach er mich treuherzig,
-bittend.</p>
-
-<p>»Kriegen wir nicht wenigstens das Nondescript zu
-sehen?«</p>
-
-<p>Wladislav schwankte ein wenig. Dann aber sprach
-er sanft: »Nein, das arme Vieh ist gar zu schauderhaft
-&ndash; Sie würden ihn gewiß im Traume sehen.«</p>
-
-<p>Hier kam man, ihm den Wagen anzusagen. Er
-erhob sich etwas widerstrebend. »Aus dem warmen
-Salon in die feuchte Nacht,« sagte er sich in der
-Erwartung schüttelnd.</p>
-
-<p>»Es ist erst sieben, also noch Abend,« tröstete
-ich ihn.</p>
-
-<p>»Und gestern schien der Mond, deßwegen ist's
-heute nicht finster,« setzte er mürrisch hinzu. »Sie
-sind&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich bin Ihre Freundin, die Ihnen eine glückliche
-Reise wünscht, eine frohe Heimkehr&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
-»Und ein langes Leben und eine selige Urständ,«
-fiel er mir in die Rede. »Ich weiß das Alles schon &ndash;
-bleiben Sie mir gesund, oder vielmehr werden Sie
-Sich selbst gesund &ndash; es ist ein klägliches Ding, immer
-so krank zu sein.«</p>
-
-<p>Damit reichte er mir ingrimmig die Hand, schüttelte
-die meine so derb, daß ich schrie, und ging, von
-Otto begleitet, nach der Thür. Dort kehrte er plötzlich
-wieder um, kam zurück an den Tisch, sah mich
-scharf an und fragte: »Wie finden Sie denn nun
-eigentlich meine Novelle, d.&nbsp;h. meine wahre Geschichte?« &ndash;
-»Barock und formlos,« antwortete ich, »auch mit Nachlässigkeiten
-des Styles und Wiederholungen von Worten
-reichlich gesegnet, aber dabei besonders genug und
-deßwegen&nbsp;&ndash;« &ndash; »Schon gut!« Damit hemmte er
-meine Kritik, flüsterte mir dann vertraulich zu: »Ich
-will es Ihnen nur sagen: gerade so finde ich sie auch;«
-und ohne mir noch ein Mal Adieu zu bieten, schritt
-er nun wirklich aus der Thür.</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fss">Hofbuchdruckerei der Gebr. Jänecke in Hannover.</p>
-
-<hr class="mb4" />
-
-
-
-
-<div class="mw36 bo">
-<h2 class="mt0">Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <span class="ge">gesperrt</span>, <i>Antiqua</i>.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_018">18</a>:<br />
-im Original "für den armen Menschen ist's tödtlich."<br />
-geändert in "für den armen Menschen ist's tödtlich.«"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_072">72</a>:<br />
-im Original "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?"<br />
-geändert in "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_072">72</a>:<br />
-im Original "»Herr Leon auch.« Er war aber schon mehrere"<br />
-geändert in "»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_082">82</a>:<br />
-im Original "Die Engländerin konnte kein Wort Französich"<br />
-geändert in "Die Engländerin konnte kein Wort Französisch"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_089">89</a>:<br />
-im Original "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.«"<br />
-geändert in "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich."</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_104">104</a>:<br />
-im Original "»Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf."<br />
-geändert in "Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf."</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_104">104</a>:<br />
-im Original "Und warum erkundigte sich sich denn nicht"<br />
-geändert in "Und warum erkundigte sie sich denn nicht"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_108">108</a>:<br />
-im Original "meine junge Frau vorstellen zu dürfen«"<br />
-geändert in "meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_108">108</a>:<br />
-im Original "Sie scheinen sich wunderbare Gedanken"<br />
-geändert in "»Sie scheinen sich wunderbare Gedanken"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_110">110</a>:<br />
-im Original "»Aber ich weiß Alles, sagte lachend Pauline."<br />
-geändert in "»Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline."</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_110">110</a>:<br />
-im Original "Ich möchte gern von seiner Braut hören."<br />
-geändert in "Ich möchte gern von seiner Braut hören.«"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_128">128</a>:<br />
-im Original "Eben sprach ich sehr kennntnißreich und weise"<br />
-geändert in "Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_147">147</a>:<br />
-im Original "ihm, dem Überlegenen, Widerstand zu leisten"<br />
-geändert in "ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_147">147</a>:<br />
-im Original "sollte sie gleich bei ihrer Rückhehr"<br />
-geändert in "sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_192">192</a>:<br />
-im Original "er mochte ungefähr fünf- bis sechsund zwanzig sein"<br />
-geändert in "er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_206">206</a>:<br />
-im Original "Die Waadtländer sind so gelassen üller Alles"<br />
-geändert in "Die Waadtländer sind so gelassen über Alles"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_209">209</a>:<br />
-im Original "sich ver-verbergen wie die Schlangen"<br />
-geändert in "sich verbergen wie die Schlangen"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_210">210</a>:<br />
-im Original "den Berliner &ndash; Schönen auf die wunderbare Manier"<br />
-geändert in "den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_224">224</a>:<br />
-im Original "nahm seinen klugen Blick an und anwortete"<br />
-geändert in "nahm seinen klugen Blick an und antwortete"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_232">232</a>:<br />
-im Original "»<i>to take it coolly</i>« wie Jacob Faitful sagt"<br />
-geändert in "»<i>to take it coolly</i>« wie Jacob Faithful sagt"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_242">242</a>:<br />
-im Original "»Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«"<br />
-geändert in "Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_242">242</a>:<br />
-im Original "ernster als bisher; das bleibt sich gleich"<br />
-geändert in "ernster als bisher; »das bleibt sich gleich"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_245">245</a>:<br />
-im Original "sich so zu beugen? fragte ich zögernd"<br />
-geändert in "sich so zu beugen?« fragte ich zögernd"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_248">248</a>:<br />
-im Original "wenn Sie Hohn mit mir trieben!"<br />
-geändert in "wenn Sie Hohn mit mir trieben!«"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_254">254</a>:<br />
-im Original "Sie uns ein Mal zeigen, sprach Otto"<br />
-geändert in "Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto"</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_256">256</a>:<br />
-im Original "»Barock und formlos,« anwortete ich"<br />
-geändert in "»Barock und formlos,« antwortete ich"</p>
-</div>
-
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>AUS DER SCHWEIZ</span> ***</div>
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-(or any other work associated in any way with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221;), you agree to comply with all the terms of the Full
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-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
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-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
-Defect you cause.
-</div>
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-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
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