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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-22 08:46:43 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Aus der Schweiz - -Authors: Ida von Düringsfeld - Ida von Reinsberg-Düringsfeld - -Release Date: January 2, 2022 [eBook #67083] - -Language: German - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This transcription was produced from - images generously made available by Bayerische - Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHWEIZ *** - - - - - - Aus der Schweiz. - - - Von - - Ida von Düringsfeld, - - Verfasserin von »Schloß Goczyn«. - - - Bremen, - - Verlag von Franz Schlodtmann. - - 1850. - - - - -An Otto. - - - Es schäumen und es rauschen - Die grünen Wellen des Rheins, - Wir horchen, und wir lauschen - Dem Steigen des Mondenscheins. - - Der Mondschein wiegt im Rheine - Glühend, wie feurig Gold, - Ueber die schwarzen Steine - Das duftige Silber rollt. - - Wir blicken ernstlich nieder, - Es dünkt uns so bekannt, - Als wären wir schon wieder - Im theuren Vaterland. - - Am Rheinfall, den 28. September 1849. - - - - -Zwei Worte voraus - - -vor diesem meinem ersten Wort »Aus der Schweiz« in die Heimath, um -Täuschungen nicht erst entstehen zu lassen. Man möchte erwarten, ich -hätte »die Schweiz« geschildert -- dem aber ist nicht so, -- ich schrieb -nur »Aus der Schweiz«. Darum frage man mich nicht: wo ist Interlaken, wo -Bern, wo Vevey? Ich habe gewählt aus dem Gesehenen. Und wenn das Gewählte -ungleich erscheint, hier ganz modern, dort barock veraltet, so ist es eben -wieder »aus der Schweiz«, und diese nicht nur eine Eidgenossenschaft -von Cantonen, sondern auch von Contrasten. Meine persönlich-politische -Empfindung mag denn auch mit gefärbt haben, Andere würden vielleicht -anders sehen als ich. Ich habe mich zwar ernsthaft bemüht, so unparteiisch -wie möglich zu sehen, aber Sympathie und Antipathie sind unsichtbare -Brillen -- wer weiß, sind sie mir nicht zwischen das Auge und meine -Gegenstände geschoben worden? Wie dem nun sei, möge mein kleines Buch von -meinen Schweizer Freunden freundlich und arglos aufgenommen, in der Heimath -aber gern gelesen werden, wenn man sich nämlich nach der langen Zeit eines -Jahres einer armen Verschlagenen dort noch erinnert. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - Mauricy W***. 1 - - Von Genf nach Baden. 25 - - Die beiden Wittwen. 43 - - Waadtländerin und Pariser. 56 - - Tagebuch in Schwyz. 111 - - Im Mätteli. 126 - - Mys lieb Beat. 132 - - Die Urschweiz. 178 - - Ein Sonnenaufgang auf der Rigi. 186 - - Im Hotel Weber. 191 - - Die Heimathlosen. 201 - - - - -Mauricy W***. - - -Gleich zu Anfang unseres Aufenthaltes in der Schweiz wohnten wir einen -Monat lang in Horgen am Zürchersee. - -Der Meierhof ist eigentlich keine Pension: außer uns hielt sich nur noch -ein Pole dort auf, derselbe, dessen Namen diese Skizze trägt. Wir wußten -jedoch damals seinen Namen noch nicht, sondern nur, daß er an der Brust -leide, den Sommer über in Interlaken zur Molkenkur gewesen sei und jetzt -in Horgen die Traubenkur gebrauchen wolle. Warum er zu diesem Zwecke nicht -lieber in die französische Schweiz ging? Eine polnische Familie, welche -in der Nähe von Zürich ein Landhaus besaß, hatte einen sehr geschickten -Arzt bei sich. Mit diesem war Mauricy in Interlaken bekannt geworden und -hatte solches Vertrauen zu ihm gefaßt, daß er noch länger in seiner -Behandlung zu bleiben wünschte. Die Familie hatte mit jener Herzlichkeit, -welche die Polen unter sich verbindet und sie gleichsam zu Gliedern _einer_ -Familie macht, dem kranken Landsmann ihr Haus angeboten, aber er wollte -weder geniren, noch genirt sein, und so kam es, daß wir ihn in Horgen -kennen lernten. Von hier aus konnte er mit den vielen Dampfschiffen, welche -den Zürichersee durchfurchen, täglich nicht nur ein, sondern mehrere Male -hinüber. - -Ich will unsern Hausgenossen schildern. Sein Aeußeres war sonderbar, doch -für uns wenigstens gleich auf eine gewisse Art einnehmend. Wir sahen ihn -zum ersten Male, als er die Treppe hinaufstieg, welche zu seinen und -unsern Zimmern führte. Groß und schlank ging er langsam, gebückt und -nachlässig, die Augen gleichgültig vor sich hin gerichtet, ohne irgend -Etwas, folglich auch ohne uns zu bemerken. Sein glattes Haar war dunkel und -tief auf die Stirn gekämmt, welche, gleich dem ganzen zusammengefallenen -Gesichte, eine wachsgelbe Farbe hatte. Die Kleidung war grau, aber auch vom -Kopf bis zu den Füßen so vollständig grau, daß wir Mauricy später -nie anders nannten, als unsern grauen Geist. Indessen in dieser wunderlich -schlotternden Umhüllung und trotz seines völligen Sichfallenlassens -sah man in ihm den ächten Edelmann. Nie wäre es Einem eingekommen, -den schlichten, blassen, grauen Menschen für einen =commis voyageur= zu -halten. Sein Alter schätzte ich damals auf sechs- bis achtunddreißig -Jahre, später sagte er uns, daß er achtundzwanzig sei. - -Am Abend wurde uns gemeinschaftlich der Thee im Salon servirt, wo ein -vortrefflicher Flügel stand. Horgen wird blos durch die Reisenden belebt, -welche von Arth kommen, oder dorthin fahren -- wir waren allein mit -Mauricy. Er war anfangs ein stummer Gesellschafter; ich bemühe mich sonst -gewöhnlich auch nicht um Bekanntwerden; was bewog mich denn, einen Versuch -zum Gespräche mit dem bleichen Polen zu machen und mich durch seine -Einsilbigkeit nicht zurückschrecken zu lassen? War es ein Vorgefühl, daß -ein künftiger Freund zwischen uns Beiden sitze? - -Er ließ sich allmählich gewinnen und zum Sprechen bringen. Ohne gut -französisch zu können, verstand er es genug, um sich hinreichend über -Alles auszudrücken. Bald glitt unser Gespräch in die Politik hinein, eine -damals, wie noch jetzt, gefährliche Bahn. Ich hatte ein Gemälde von dem -Glücke entworfen, wie ich es mir wünsche. Ein Landhaus unter schönem -Himmel, einen Garten voll Schatten und Stille, mit mir mein Mann und mein -Kind, das Meer nicht weit, im Hause Bücher, Musik und Frieden. -- Unser -Pole lächelte ein Wenig, schüttelte das Haupt -- »das würde mir nicht -genügen. Wenn ich mein Vaterland nicht wieder glücklich sähe --« Hier -war die Gefahr zum Streit da. Polen und Preußen haßten sich eben wie -vielleicht noch nie. Die Polen warfen den Preußen vor, Verheißungen -gemacht und nicht erfüllt zu haben -- die Preußen beschuldigten die -Polen, daß sie gewährtes Vertrauen gemißbraucht. Bald versicherte -Mauricy mir, daß er die Preußen weit mehr verabscheue als die Russen. Ich -erwiederte eifrig und heftig: »Das habe ich schon vorausgesetzt, übrigens -schätze ich jetzt die Polen so gering wie möglich.« Genug, wir stritten -und sagten uns böse Dinge mit den bittersten Mienen und den lebhaftesten -Geberden. Ich hatte über den Armen den Vortheil einer gesunden Brust und -brachte ihn glücklich außer Athem. »Ich kann nicht mehr,« seufzte er, -»Sie machen mich ganz schwach.« -- »Warum haben Sie denn angefangen?« -entgegnete ich trotzig. »Ich hätte Sie wahrlich in Ruhe gelassen, denn -ich kenne die Polen schon.« Er nahm sein Licht, schlich davon, drehte sich -jedoch in der Thür noch einmal um. »Wenn einst Krieg wird,« sagte er -komisch-böse, »so schieße ich Ihnen Ihren Mann dort todt.« -- »Ehe Sie -das können, schieße ich Sie nieder,« war meine unumwundene Antwort. -- -»Oder ich Sie.« -- »So, Sie würden also auch meiner nicht schonen?« --- »Nein, aber vorher würde ich sehr höflich meinen Hut abnehmen und um -Erlaubniß bitten.« -- »O, bis Sie das gethan hätten!« - -So war unsere erste Berührung mit Mauricy. Wunderlich, wird man sagen. -Vielleicht, doch nicht ganz so, wie es scheinen mag. Ich sage immer: einmal -zankt man sich doch mit Jedermann; da ist's denn viel besser, mit Zank -anfangen, als damit aufhören. - -Wenigstens bestätigte es sich hier. Die ausgetauschten zärtlichen -Erklärungen störten nicht im Geringsten unser gutes Vernehmen, ja, sie -schienen durch den unwillkürlichen Humor, welchen sie hervorgerufen, es im -Gegentheil recht befördern zu wollen. Die gegenseitigen Fragen, wann -wir uns todtschießen würden, ob wir einander dann beklagen würden und -dürften, und andere, gleich harmlos-alberne, machten uns lachen, und -wenn man erst über- und miteinander lacht, ist man auf gutem Wege zur -Vertraulichkeit. - -Nicht daß wir uns nicht mehr gestritten und selbst erboßt an einander -geärgert hätten --, alle Tage! Wir alle Drei, und insbesondere -noch Mauricy und ich, waren zu aufgeregt durch die Zeit, um nicht das -nachmittagliche Lesen der Zeitungen mit lauten Anmerkungen begleiten zu -müssen. Und aus diesen Anmerkungen wurden Kämpfe zwischen Demokratismus -und Royalismus, wie sie schwerlich selbst in der durch politische -Haltung sich wenig auszeichnenden Paulskirche erbitterter und hitziger -durchgefochten worden sind. Jeder, der nur auf einer Barrikade gekämpft -hatte, war für Mauricy ein Held, für uns -- es ging Mauricy's Helden -schlecht von uns! Dagegen schleuderte er die heftigsten Ergüsse seines -Hasses gegen Alles, was auf Thronen saß, oder das unverzeihliche -Verbrechen beging, in Amt oder Würden zu sein. Alle Könige und Fürsten -müßten ermordet werden, das war sein unaufhörlich wiederkehrender Satz. -Und wenn er könnte, setzte er jedes Mal hinzu und nahm sein Messer in die -Hand, so würde er selbst immer Einen nach dem Andern niederstoßen. -Wir, wieder nicht träge, ließen himmelhohe Galgen für die Radikalen -errichten, kurz, es war schrecklich, was wir Alle wüthend und blutdürstig -waren! - -Die Polen sind durch eine ganz eigene nationale Liebenswürdigkeit -begünstigt, das hat man oft geäußert, und ich kann es nur bestätigen. -Je mehr ich verschiedene Nationalitäten kennen lerne, je abstechender -gegen alle, je bestechender für mich finde ich die Polen. Wäre ich -ein Mann, ich würde mich gewiß nur in eine Italienerin oder eine Polin -verlieben. Wenn Mauricy mich dadurch gekränkt hatte, daß er seine -schonungslosen Angriffe vorzüglich auf Preußen richtete, so durfte er mir -nur seine kalte Hand bieten und mich mit seinem guten Blicke um Verzeihung -bitten, und ich war versöhnt. - -Der arme Mauricy, -- er hatte immer so kalte Hände! Und so blasse, -- noch -nie hatte ich solche farblose Hände gesehen. Das Blut schien schon fremd -in ihnen geworden zu sein, sich ganz nach den Lippen zu drängen, über die -es täglich kam. Mauricy war krank, und wie er selbst glaubte, zum Tode. -Auch ich war krank, an der Krankheit unseres Jahrhunderts, bei welcher -das Leben lange währen kann, aber eigentlich nur eine lange Qual ist. Wir -sahen uns gegenseitig leiden und bemitleideten einander. Er litt frömmer, -geduldiger, als ich. Die Resignation, gegen welche ich mich noch sträubte, -als müßte ich mit ihr das Leiden unwiderruflich annehmen, er _hatte_ sie -schon -- hatte sich unter dem Kreuze gebeugt. Wir fragten einander -eines Tages: wie lange wir schon krank wären. Vier Jahre, sagte er, ich -sechzehn. »Dann,« sprach er sanft, »werden Sie zuerst gesund -- ich kann -warten.« - -Dieses Wort war keine Phrase -- Mauricy kannte die Phrase nicht. -Die Geselligkeit war ihm deswegen zuwider, weil in ihr so viel -- -Schicklichkeiten -- stattfinden müssen. »Was soll ich da?« fragte er, -und ich konnte ihm das nicht sagen. Denn auch ich habe mich oft gefragt: -was soll ich, wenn ich mich den Menschen so ganz überflüssig sah, und die -Menschen mir. - -Wir, Otto, ich und Mauricy, waren einander nicht überflüssig. Wir suchten -uns. Wir hatten uns oft auch Nichts zu sagen, aber wir saßen zusammen und -waren still. Während des Stillschweigens gewannen wir uns noch lieber, als -während des Zankens. Und jeden Abend wünschten wir uns mit besserm Herzen -gute Nacht. - -Wenn wir Beide uns fragten, was eigentlich Mauricy zu uns führe, und -uns bewege, für ihn Raum zu machen in unserm sonst so verschlossenen -Zweileben, so wußte es am Ende Keiner. Er war nicht geistreich; -- was er -auf den Universitäten von Kiew und Moskau gelernt -- ich hatte ihn stark -in Verdacht, Alles wieder vergessen zu haben. Wie er das Examen zu seinem -Proforma im russischen Staatsdienst gemacht, will mir noch jetzt nicht -recht einleuchten. Uebrigens fehlte es ihm durchaus an nichts Wesentlichem, -er wußte genug, dachte klar und klug, urtheilte richtig, nur glänzende -Gaben hatte er nicht, und suchte sie auch nicht. Er hatte es sich wohl aus -meinem Wesen und meinen Reden herausbuchstabirt, ich müsse eine geniale -Frau sein, und wenn ich es ihm ausreden wollte, sagte er doch: ich denke -mir das so, aber er fragte weiter nicht nach der genialen Frau. Ich ließ -im Geplauder mit Mauricy Geist ganz ruhig Geist sein -- ihn kümmerte auf -der ganzen Welt Nichts weniger. Das führte ihn also nicht zu uns. - -Ebensowenig das Bedürfniß, Erinnerungen auszutauschen, was bei -Vielgereisten bisweilen so lebhaft ist, daß sie es selbst um den Preis -befriedigen müssen, andere Gereiste und Nichtgereiste zu langweilen. -Mauricy war am Rhein, in Belgien, in Frankreich und in Italien -gewesen, aber er war eben auch nur dagewesen -- Eindrücke aufgenommen, -Beobachtungen gesammelt, Studien gemacht, das Alles hatte er nicht. Aus Rom -erzählte er ein einziges Mal von St. Peter, von Belgien äußerte er, es -wären schöne Kirchen da, von Ems erfuhren wir, daß er alle Abende bei -einer Familie Thee getrunken und dabei in einem sehr bequemen Lehnstuhl -gesessen habe, von Schlesien bemerkte er, es gäbe in Reinerz so -schrecklich häßliche alte Frauen. Von der übrigen Welt sagte er -- -Nichts, Polen ausgenommen; aber Polen war auch nicht die Welt: Polen war -das Paradies. - -Unsern Geschmack, unsere Neigungen theilte er auch nicht. Die Natur war ihm -gleichgültig. Wenn ich das Glühen der Appenzeller Alpen betrachtete, oder -das lichtdurchschimmerte Abendwerden auf dem See, kam er wohl langsam zu -mir und fragte: »Aber wie können Sie sich das so lange ansehen?« Nicht -minder kalt ließ ihn die Literatur. Von Le Maistre hatte ihm die »Reise -um meine Stube« gefallen, mit sich führte er außer der Bibel und Thomas -a Kempis nur noch die »Gedanken« des Obersten Weiß, ein Buch in der Art, -wie Oxenstierna es geschrieben, sonst habe ich ihn nie weder etwas lesen -sehen, noch erwähnen hören. Lamartine's Reise in den Orient hatte er -angefangen, als ich sie begehrte, überließ er sie mir gleich -- »ich -schlafe, statt sie zu lesen,« sagte er. Was endlich die Musik betraf, -so hörte er mich gern, besonders in dem böhmischen Liedchen: =ach neni, -neni!= aber auch nur mit Melancholie, nicht mit Kennerschaft. Was führte -uns denn also zusammen bei getrennten politischen Gesinnungen, ganz -verschiedenen Neigungen, Anlagen und Charakteren? - -Das Menschlichste, Innerlichste, die Seele des Herzens -- das Gemüth. - -Mauricy's innerstes Wesen war Güte, keine sentimentale, keine moralisch -erkämpfte, nein, eine einfache, naturgemäße, unbewußte Güte. Er war -nicht schwächlich-nachgiebig, tadelte was zu tadeln war, mochte recht wild -werden können, wenn sich gerade eine Gelegenheit dazu fand, hatte -ganz unbefangen seine Fehler, aber dabei kannte er weder Neid, noch -Gehässigkeit, noch Rache, noch Parteilichkeit -- er hatte eben zur Natur -die Güte. - -Güte haben, man redet davon gemeiniglich ganz so leicht hin, wie von gut -sein, und wie oft findet man denn Güte? - -Güte ist Gottes Gabe, sie lernt sich nicht und verlernt sich nicht -- wer -sie hat ist Gottes Liebling, denn er lindert Leiden. Sie ist die Grazie der -Seele und das Genie des Gemüthes -- als Grazie liebkos't und schmeichelt -sie, erfreut und erquickt, erhellet und entzückt; als Genie hat sie -den Drang, das gebeugte Rohr aufzurichten, Verirrten nachzueilen in die -Wildniß, sich mit starker Kraft zwischen Verfolgte und Verfolger zu -werfen, wider Ungerechte zu zürnen, Sinkende gewaltig zu erfassen, über -Verlorene schmerzlich zu weinen. Sie ist nicht himmlisch, sie ist auch -nicht irdisch -- von der Erde aufgestiegen als Hauch, fällt sie wieder -herab als Thau; so schwebt sie immerfort zwischen Himmel und Erde und ist -dadurch menschlich. Und wie das Veilchen den Rosenpurpur und das Irisblau -in seiner köstlichen Weichheit verschmilzt, so athmet aus ihr als -Wohlwollen das Süßeste der Innigkeit und das Feinste der Milde. - -Ich will nicht sagen, daß in Mauricy diese göttliche Erscheinung sich in -voller Glorie offenbarte -- zu einem so auserwählten Gefäß war er -nicht stark genug -- aber ein schöner, reiner Strahl leuchtete aus seinem -weichen, dunkelblauen Auge. Vielleicht wirft man mir hier spottend ein: -»und die umzubringenden Könige alle -- fiel auf die der Strahl auch?« -da antworte ich denn ganz unbekümmert: »wenn ein verfolgter König Schutz -und Stärkung bei Mauricy gesucht hätte, würde Mauricy ihm seinen eigenen -Mantel gegeben und seinen letzten Becher Wein an ihn abgetreten haben.« - -Das dachte ich damals schon und lächelte, wenn er seine Philippiken -herausseufzte, denn um sie kräftig hören zu lassen, war seine Brust zu -müde. Wie er zur Erwiederung von uns dachte, sagte er eines Tages, als er -uns sein Album brachte. »Man findet überall brave Leute, die man achten -kann,« sprach er in seinem schleppenden Französisch, welches sich immer -besann, ehe es über seine Zunge gekrochen kam. »Und darum bitt' ich Sie, -sich Beide einzuschreiben.« - -Das Album war noch fast leer, obgleich bereits im vorigen Winter zu Rom -gekauft. Mauricy war nicht eine Natur, die sich leicht und viel hingab -- -er konnte seine Freunde mit eins, zwei, drei, vier, fünf zählen. Auch das -machte ihn mir werth; ich schätze solche Mäßigkeit in Freundschaften: -viele intime Freunde sind in meinen Augen ein wahrer =embarras de -richesse=, und was am schlimmsten ist, =de richesse factice=. - -Da etwas Schickliches nicht immer vom Himmel fällt, hatten wir einige Tage -später noch Nichts eingeschrieben, als Mauricy das Buch auf wenige Stunden -zurückverlangte. Er wollte es den drei Töchtern jener Familie bringen, -die so gut wie seine eigene war, ja, noch besser als oft eine eigene ist. -Ich hatte ihn schon einige Male wegen dieser jungen Mädchen geneckt, die -er als sehr liebe, zugleich natürliche und ausgebildete Wesen schilderte. -Jetzt reichte ich ihm das Buch mit einem bedeutungsvollen Blicke und einem -sehr weisen Kopfnicken. Er lächelte und schüttelte langsam den Kopf. Noch -aus keinem Antlitz hatte ich das Lächeln eine so wunderbare Erleuchtung -hervorbringen sehen, wie auf dem Mauricy's. Es war ganz, als strömte -plötzlich ein schimmernder Sonnenblick auf ein dunkles Gemälde. Für -gewöhnlich war er nicht einmal hübsch, und kaum hob er seine Oberlippe -ein wenig und ließ unter dem kleinen dunklen Bart zwei glänzende Zähne -sehen, so mußte man ihn mindestens so gut wie schön finden. - -Gegen Abend brachte er das Buch wieder. »Sie haben sich nicht verlobt?« -fragte ich. Abermals machte ein stummes und langsames Kopfschütteln -die Verneinung aus. Wir waren im Garten; der See mit seiner lieblichen -Heiterkeit, das weiße Zürich links, die weißbläulichen Alpen rechts, -rings herum die weißen Ortschaften, welche sich wie ein dichter Kranz von -Margueriten durch das Grün der Ufer winden, der Mond im reinen Himmel -- -es war ein Bild voll Anmuth. Mauricy saß, den Kopf an einen Baum gelehnt. -Er ruhte sich gern so aus und glich dann einem kranken Kinde. Auf Otto's -Arm gestützt, stand ich vor ihm und fragte: »warum wollen Sie denn allein -bleiben? Sie haben mir gesagt, Ihr Herz müßte noch sechs Monate lang, bis -Sie heimkehren könnten, wie gestorben liegen -- warum soll es das? Gönnen -Sie ihm Leben -- die Liebe kann Sie noch gesund machen.« -- »Sollte ich -ein junges Mädchen an mich ketten?« erwiederte er. -- »O, Sie wissen -nicht, wie gern ein junges Mädchen sich ganz aufopfert und darin Glück -findet.« -- »Wenn sie dafür geliebt wird,« sprach er. -- »Nun --« -sagte ich ermuthigend. Er blickte melancholisch zu mir auf und zeigte -mir einen Ring, schwarz emaillirt. »Das ist das Andenken meiner letzten -Liebe.« Er küßte das weiße Kreuz auf dem schwarzen Email. »Ist sie -gestorben?« fragte ich leise. -- »Für mich,« antwortete er ruhig. -»Aber nie mehr werd' ich geliebt werden, wie von ihr -- nie nach ihr noch -lieben.« - -Man hört fast Nichts seltener, als daß ein Mann eine -- ich will das so -oft verspottete Wort muthig nennen -- eine unglückliche Liebe unbefangen -ausspricht. Wohlverstanden, wenn er keine Verse macht. In Versen ist es -ebenso Styl, es zu thun, wie es im Leben nicht Styl ist. Im Leben gilt ein -solches Gefühl oft für ein Verbrechen, welches das Herz wider den Stolz -begeht, im besten Falle für eine beschämende Weichlichkeit. Mauricy aber -fürchtete nicht sich bloßzugeben, denn er war nicht eitel, und auch als -weichlich meinte er nicht zu erscheinen, weil er stark und tief empfand. -Und er hatte Recht. Was beweist mehr für unsere innere Macht, als die -Fähigkeit zu einer großen Liebe? - -Mauricy trug die seine still in sich, zugleich mit dem Tod, mit dem Gram -um sein Vaterland, mit der Trauer um seine jüngste Schwester. Diese hatte -achtzehn Jahr alt und seit sechs Wochen verheirathet, ihren Mann nach -Sibirien führen sehen und war nur so lange noch in der Heimath geblieben, -um ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Als es geboren war, übergab sie -es ihrer Schwester und folgte dem Gatten nach Sibirien. Das erzählte uns -Mauricy an demselben Abend, und ebenso schlicht, wie er das von -seiner ersten Liebe erzählt. Ich machte die Augen zu, um die Thränen -zurückzudrängen. Mauricy sah mich still an und war dann still fort; sein -Mund dankte mir nicht, ich denke aber sein Herz. Mein Gott, ich weiß ja, -wie ich der einzigen Freundin, die mir einst schrieb, sie habe um mich -geweint, wie ich ihr ernst und gerührt gedankt habe! - -Wo ein Wort erst den Weg gefunden hat, da finden ihn leicht mehrere. -Oefter, wenn gleich nicht oft, redete Mauricy nun von dem, was sein Leben -gefärbt und wieder entfärbt hatte, und wie wir wohl einsahen, ihn so -gleichgültig dagegen machte. Leise, wie durch halbe Striche gelegentlich -hingeworfen, gestaltete sich vor uns eine Skizze dieser einfachen, aber -tiefbegründeten Begebenheit. Die Freundin war es gewesen, an deren -Theetisch Mauricy jeden Abend in Ems den Lehnstuhl bereit gefunden. In -Rom hatten sie in einem Hause gewohnt. Sie war verheirathet, dennoch hatte -Mauricy Hoffnungen hegen dürfen: ihre Liebe wenigstens hatte sie ihm -geschenkt. Warum nicht auch sich selbst? fragte ich ihn. Ehen können -gelöst werden -- in Rom ist der Pabst. Sie hatte es gewollt, antwortete -er. Aber sie hatte dann wieder anders gethan. Sie war zurück nach Polen, -zum Gatten. »Sie hat es vorgezogen, Gottes Gebot zu erfüllen, statt ihr -Herz zu befriedigen,« sagte Mauricy. »Gottes Gebot!« rief ich erregt. -»Glauben Sie, Gott würde sie gestraft haben, wenn sie sich Ihnen gegeben, -der Sie ihrer so ganz bedurften? Denn sagen Sie mir -- als Sie Hoffnung -hatten, durften Sie da nicht die Genesung noch für möglich halten?« -Er bejahte. »Und seit Sie von ihr getrennt sind, fühlen Sie sich nicht -wieder um Vieles kränker?« -- »Das ist wohl natürlich,« sagte er -sanft. -- »Nun denn, warum da Sie verlassen, nicht lieber ihr Heil selbst -wagen, wenn ihr Glaube so streng ist, obgleich wahrlich Gott nicht -gezürnt hätte?« Ich war unwillig. Beschwichtigend sprach er: »Ich -denke vielleicht wie Sie und würde wahrscheinlich gehandelt haben, wie Sie -sagen. Aber hatte ich das Recht, sie zu Etwas zu verleiten, was sie für -Sünde hielt? Nein; obgleich sie mich aufgegeben, ich sage doch, sie hat -gut gethan.« - -Ich schwieg, aber ich grollte der Frau im Stillen, besonders als ich -vernahm, daß sie noch im Briefwechsel mit ihm stehe. »Sie hat einen Roman -mit ihm gespielt,« eiferte ich später gegen Otto, »und damit er ihr ja -nicht entgehe, hält sie ihn an den Briefen wie an einem Faden. Das mag -für sie recht hübsch und unterhaltend sein, aber für den armen Menschen -ist's tödtlich.« Otto antwortete mir: die Frau könne es doch ernstlich -meinen; er halte die Polinnen einer solchen religiösen Ueberspannung -ganz für fähig. »Der Geliebte ist das Opfer, welches sie Gott bringt,« -setzte er hinzu, »und je schmerzlicher sie es fühlt, und je größer es -ist, um so heiliger handelt sie.« - -Mochte das sein -- ich hätte Mauricy gar zu gern durch eine der drei -jungen Polinnen getröstet gesehen. Was ich thun konnte, um ihn zu -zerstreuen, das that ich, schon jener Frau zum Trotz, die den armen Kranken -sich verzehren ließ, um mehr Himmel zu gewinnen. Halb gelang mir, was -ich wollte -- Mauricy ließ sich zerstreuen, er konnte heiter, ja manchmal -sogar ein klein wenig toll werden. So entsinn' ich mich eines Abends, wo -eine niedliche junge Bernerin zum Besuch bei den Töchtern des Wirthes war. -Wir trafen sie im Garten, und Mauricy trug sich dem armen verlegenen Kinde -äußerst dringend zum Manne an. Die Hände gefaltet, saß er beweglich -bittend vor ihr und spielte den schüchternen Liebhaber so natürlich, -daß die kleine Bernerin sich zuletzt keinen andern Rath wußte, als -ihm feierlich zu sagen: =Monsieur, mon père n'a pas l'honneur de vous -connaître.= Das gute Kind hatte Alles für bittern Ernst genommen, ging -ihm den ganzen nächsten Tag sorgfältig aus dem Wege und war seelenfroh, -als sie wieder abreisen konnte, denn, sagte sie zufrieden: »=Maintenant -monsieur le Polonais ne pourra plus me taquiner.=« - -Ein andermal versicherte Mauricy mir mit der höchsten Ernsthaftigkeit, -da er ein Demokrat sei, wolle ich seinen Tod -- er werde mir daher das -Vergnügen machen, sich diese Nacht vor meiner Thür zu hängen, und biete -mir nur vorher noch die Hand zum ewigen Abschied. Ich glaubte nun zwar -nicht, ihn am andern Morgen als Zierde meiner Thür zu finden, hielt es -aber doch für möglich, daß der barocke Abschied eine nächtliche Abreise -bedeuten könne. Aber er war am nächsten Morgen in höchsteigener grauer -Person am gewohnten Platze und lachte mich vergnügt aus. - -So weit hatte ich es gebracht, -- vergaß er darum? Als ich ihn einmal -danach fragte, küßte er statt aller Antwort wieder das weiße Kreuz auf -dem schwarzen Grunde. Und am Abend, als ich sang, weinte er. - -Und fort wollt' er auch -- nach Rom. Umsonst suchte ihn sein Arzt zu -bewegen, die lange, anstrengende Reise nicht zu unternehmen, lieber mit der -Familie an den Genfersee zu kommen. Sie war nicht mehr in Rom, aber sie war -dort gewesen. Er sagte das nicht, aber wir erriethen's. Ihre Spuren wollt' -er suchen. Sie beherrschte ihn unumschränkt; er betete in ihr eine Heilige -an. - -Da wir sahen, daß er fest war, versuchten wir nicht erst, ihn zu -erschüttern. Am Ende -- was lag ihm am Leben? - -Den letzten Abend kam er noch spät zu uns, still und gut. Ich wünschte -das Bild seiner Freundin zu sehen -- er brachte mir's. Es war kein -schönes, aber ein liebes Gesicht, welches mit einem traurigen Ausdruck aus -sanften schwarzen Augen blickte. Ich befragt' es ernstlich und prüfend -- -nein, es gehörte keiner Kokette -- ich hatte der Frau Unrecht gethan -- -wie sie auch gehandelt, aus Ueberzeugung war's gewesen. - -Wir sprachen noch lange von ihr. Gut, gut, himmlischgut, dieser Lobspruch -ging immer wieder über Mauricy's bleiche Lippen. Es ist süß, geliebt zu -werden, weil man als gut erkannt wird. Dieser Frau ward also ein lieblich -Loos, und Mauricy -- wenigstens ging er nicht in der Anbetung eines -Götzenbildes unter. - -In wie langen Zügen er das Gift getrunken, vernahmen wir erst jetzt. -Nachdem er die Freundin in Ems kennen gelernt, hatten sie gemeinschaftlich -einen Ausflug an den Rhein und nach Belgien, dann die Reise nach Rom -gemacht. Noch erinnerte er sich, mit welcher Sorgfalt sie über ihn -gewacht. Sie war fest entschlossen, die Scheidung von ihrem Gatten -nachzusuchen und sobald Mauricy genesen, diesen zu heirathen. Ihr Gatte war -alt, ruinirt, ein früherer Anbeter ihrer Mutter, welche die reiche Tochter -mit achtzehn Jahren an ihn verheirathet hatte, dann aber, als diese ihn zu -fesseln gewußt, eifersüchtig und die Störerin der Ehe geworden war. Als -die Tochter nun aber in Rom die nöthigen Schritte zur völligen Aufhebung -dieser unglücklichen Heirath thun will, bemächtigen sich ihrer die -Priester, drohen mit Sünde und Strafe, schrecken und verwirren ihre fromme -Seele, und sie entsagt dem Geliebten, weiht ihn der Verlassenheit, sich -selbst abermals dem Gatten. Doch um den Abschied noch recht zu genießen, -läßt sie sich von Mauricy über den Lago maggiore in die Schweiz -begleiten. In Interlaken bleiben sie den Sommer, dann bringt er sie bis -Zürich und bleibt allein. Acht Tage später lernten wir ihn kennen. - -Wir schwiegen und dachten nach; da sagt' er plötzlich zu mir: »Sie haben -mich manchmal wegen der jungen Mädchen da drüben geneckt -- nun, als ich -heute Adieu sagte, wurde die Eine etwas bewegt, und da« -- sein schönes -Lächeln zeigte sich -- »da sah ich, daß sie hübsch war.« Ich wollte -aus dieser Wahrnehmung geschwind einen Schluß ziehen, aber er sagte wieder -ernst: »=Mon mariage sera avec la mort, madame.=« Dann stand er auf, bot -mir die kalte Hand. »Gott segne Sie,« sagte er. »Gott geleite Sie,« -sprach ich. Otto begleitete ihn noch in sein Zimmer. - -Am andern Morgen sahen wir die Thür zu diesem offen, es wurde gefegt, -gescheuert. Als wär's das Zimmer eines Todten! Ein beklemmender, -peinlicher Eindruck. - -Was uns anfänglich auch etwas verstörte -- wir waren so gewöhnt, die -graue Gestalt zu sehen, die müden, langsamen Schritte zu hören, daß -wir sie noch immer zu sehen, zu hören glaubten. Ja, bisweilen war mir's -gerade, als müßte unser grauer Geist schleichend hereinkommen, mich -ernsthaft grüßen und mir mit seiner schwachen Stimme sagen: =Madame, je -viens vous dire, que je suis mort.= - -Briefe wollten wir gegenseitig nicht. Was nützen Briefe? Wir hörten -einige Male durch die polnische Familie, daß er in Rom kränker und -kränker werde. Schwerlich lebt er noch. - -Am Genfersee aber dichtete ich zur Erinnerung an ihn eine Romanze, die -heißt: - - Der schwarze Ring. - - Ich bin fern von meinem Hause, - Ich bin fern von meinem Land; - Ich bin einsam und verlassen, - Ungeliebt und unbekannt. - Aus den Stunden unsers Glückes - Blieb mir nur ein einzig Pfand: - Dieser Zeuge meiner Freuden - Ist der Ring an meiner Hand. - - Fremde öffnen mir die Pforten, - Fremde schenken mir den Wein; - Wenn ich traure, trauert Niemand, - Wenn ich weine, ist's allein. - Einen Freund nur hab' ich mit mir, - Einen Freund aus unser'm Land: - Dieser Zeuge meiner Thränen - Ist der Ring an meiner Hand. - - Ich bin krank und werde sterben, - Aber dich vergess' ich nicht; - Bis die müden Augen brechen, - Bist du meiner Seele Licht. - Deine letzte Gabe nehm' ich - Mit mir in das Bett von Sand: - Denn der Zeuge unser's Liebens - Ist der Ring an meiner Hand. - - - - -Von Genf nach Baden. - - - Den 2. August 1849. - -Abschied, sehr vergnügt und friedfertig. Die halbe Familie ist gerade -heute auf dem Lande. Ich lasse Empfehlungen zurück -- das genügt meinem -Herzen vollkommen. Die alte Tante allein ist betrübt -- sie allein hat -mich liebgewonnen. Ich gebe ihr den einzigen Kuß, welchen ich bisher -in der Schweiz gegeben, und verspreche ihr, sie in zehn Jahren wieder zu -besuchen. »Ach, da bin ich gewiß todt!« ruft sie. Ich glaub' es auch -- -entweder sie, oder ich. Im Augenblicke, wo wir in den Kahn steigen, fällt -uns noch ein Bullenbeißer an, natürlich ein menschlicher, ächte -Genfer Race, fünfter Klasse. Er entgeht durch meine Gegenwart einem -freundschaftlichen Stockschlage. Ich denke bei solchen Gelegenheiten nicht -oft genug, aber doch bisweilen an Sokrates: wenn dich ein Esel anrennt -u. s. w. Ein wärmerer Abschied findet zwischen uns und François statt. -Er ist unser Ruderlehrer gewesen, ist der Portier der nicht zu vergessenden -=Campagne du Port=. Wenn wir wieder nach Genf kommen, miethen wir den -Pavillon unter den Platanen, meine stille Neigung, meine schmerzliche -Leidenschaft -- aber wir kommen nicht wieder nach Genf. Die Bise leidet das -Zelt nicht. Der Leman langweilt mich noch einmal ungebührlich. Alles sitzt -voll Engländer und Engländerinnen, diese sind wieder unglaublich garstig. -Ich weiß nicht, wie sie's anfangen, grüble darüber, warum man überhaupt -auf Reisen so selten ansprechende Gesichter sieht, sondern fast immer -Langeweile, Verdrossenheit, Abspannung, Geistlosigkeit. Das Reisen muß -häßlich machen. Von Morges aus sehen wir, hoffentlich nur für jetzt, zum -letzten Male den Gletscherdiamanten, den Montblanc. In Ouchy drängt so gut -wie Alles sich in die Kähne -- wie es hineinkommt? »Frage die Sterne,« -die glücklicher Weise noch nicht scheinen. Im Omnibus werden wir -unaufhörlich aufgefordert: »=Messieurs et mesdames, serrez-vous, -serrez-vous, messieurs et mesdames; encore un peu, un tout petit peu -encore!=« Wir rücken zusammen und rücken zusammen, bis es endlich nicht -mehr geht. Dabei fange ich an zu lachen, und Alles lacht mit, ausgenommen -ein Hündchen, das ehrbar aus dem Fenster schaut. Die Kathedrale von -Lausanne sehe ich mir im Vorüberfahren an und beschwichtige mein Gewissen -mit der Versicherung: ich habe sie genug gesehen. Im Hotel de France essen -wir mit tragischer Freude -- denn sie offenbart, wie sehr wir in Genf -gehungert haben -- ein vortreffliches Zweifrankmittag. Ich habe mich über -die guten Waadtländer so abscheulich lustig gemacht, und bekomme gleich -in Lausanne eine wirkliche Brühsuppe, die erste seit drei Monaten -- ich -schäme mich recht. Herren und eine Dame aus Yverdun essen mit uns; -sie sind freundlich, fragen, ob man sich in Genf sehr vor den Preußen -fürchte. Ich bejahe, setze aber hinzu, die Genfer wollten mit den Preußen -ein Ende machen. »Sie sollen's doch versuchen,« sagt der jüngere Herr. -Der Kellner nimmt das Wort und ruft: »=Les Génevois ont beaucoup de -paroles et peu de coeur; c'est ce qu'ils ont montré dans la guerre du -Sonderbund.=« Die brüderliche Liebe der Cantone unter sich ist rührend. -Wir fragen: »Wird man uns als Preußen unangefochten durch Neufchatel -lassen?« Die Antwort ist: »=Tous les honnêtes gens sont pour la -Prusse.=« Im Coupé des Omnibus fahren wir durch flach, aber fruchtbar -Land. Man begreift, woran man im Canton Genf irre wird, wie die Schweizer -Brod essen können. Eine junge Person, Tochter eines Genfer Vaters und -einer englischen Mutter, erzogen in England, zum Besuch bei Verwandten in -Genf, fährt mit uns und erfreut unsere Abneigung, indem sie die Genfer -durch und durch hechelt. Ich helfe ihr; dieses Vergnügen hält den ganzen -Weg über vor. Sie versichert, die Genfer seien den letzten Tag einer -Bekanntschaft noch ebenso eisig, wie den ersten -- »=you can't make any -impression upon them=.« In Yverdun gehen wir spazieren, zuerst unter den -Pappeln und Kastanien der Promenaden, nachher am Seeufer, da, wo die Zill -einfließt. Die Wellen spielen auf dem dünenartigen Sande, junge Pappeln -stehen im Mondlicht, Erlengebüsche scheinen undurchdringlich, es ist -feucht, warm, ein Schiff mit hohem Segel kommt den Strom herauf, der Jura -liegt dunkel umher, der See ist ein neuer, ein preußischer. - - - Den 3. August. - -Im Speisesaale finde ich erst heute Morgen heraus, daß auf den Tapeten -Tankred und Clotilde, Rinald und Armide sind. Das kleinste Dampfbötchen, -=l'Industriel=, kommt pünktlich an; wir fahren heute unter einem Zelte. -Mit uns sind ein Engländer mit zwei Töchtern, eine höfliche, aber etwas -verblichene Familie. Ein einsamer, schwerfälliger, gelblicher Engländer. -Ein junges Ehepaar. Die jungen Ehepaare sind unverkennbar. Schweizer. Einer -von diesen, klug Gesicht über blauer Blouse, unter schwarzem Hut, giebt -uns Erläuterungen. Links ist Granson mit seinem erhaltenen Schlosse, -rechts im Freiburgischen Estavayer -- Otto von Granson und die schöne -Dame von Estavayer, der feinste Intriguenstoff in der ganzen -Schweizergeschichte. Drüben in der Ferne scheinen silbern die Alpen des -Tessins. Schlösser des Grafen Pourtales liegen hinter Granson; der Graf -besitzt deren mehrere auch in Genf und Waadt, aber beide Cantone haben -verboten, ihm noch welche zu verkaufen, »denn er kauft die schönsten, und -werden da die Fremden nach Genf und Waadt kommen, wenn sie nicht länger -die schönsten Schlösser bewohnen können?« So mein Gewährsmann in -der blauen Blouse. Neufchatel hat, neutral wie es sich gehalten, im -Sonderbundskriege, der vorletzten großen Begebenheit der Schweiz, auf -Handelswege durch den »Industriel« den Freiburgern Schießbedarf zukommen -lassen -- Waadt legt in Yverdun Beschlag auf den »Industriel« und zwingt -ihn, sechs Wochen lang nur in waadtländischen Staatsdiensten zu -fahren. Auf waadtländisch heißen die Neufchateller Aristokraten und -Jesuitenfreunde. Nachbarlich und freundschaftlich. (Immer mein Gewährsmann -in der blauen Blouse.) Wir trinken vortrefflichen Wein aus Neufchatel. Die -Stadt gekrönt mit Schloß und Kathedrale, unter beiden gelb und geräumig -das Gymnasium. Vorher haben wir noch in das Val-de-Travers und in den -Tunnel gesehen, durch welchen der Seyon genöthigt worden ist, anders als -bisher in den See zu fließen. Am Lande fallen Kutscher über uns her. Wir -sollen nach Basel, und Bern. Mit dem Omnibus sollen wir dahin, wohin -wir wollen -- nach Biel. Aber nicht im Coupé -- darauf hat bereits die -verblichene Familie Beschlag gelegt. Im Innern mögen wir nicht -- wir -nehmen für zehn Franken einen =char-à-côté=. Der Omnibusführer findet -das unerhört; er zeigt auf uns: »die Leute da nehmen einen eigenen -Wagen, weil sie nicht im Coupé fahren können!« Dazu Geberden. Ohne seine -Erlaubniß also fahren wir fort, zwischen dem Oertchen St. Blaise und dem -Sanct Blasisee hindurch an den Bieler See. Da ist links auf malerischer -Waldhöhe Neustadtschloß, Ruine -- rechts unter malerischer Felshöhe am -See Neuville. Ich laufe durch den Weingarten des Gasthauses an das Ufer; -Rohr wächst im Wasser, ein Badhäuschen steht, ein Kahn wiegt sich im -Rohre; das Städtchen hat sechs Thürme, einen immer spitzer als den -andern; der See ist mit dunklen Waldbergen eingefaßt; rechtshin im -Laubwerk sehe ich den Thurm des Schlosses von St. Jean. Rousseau hat -guten Geschmack gezeigt, als er auf St. Pierre saß, obgleich man seinen -Schilderungen nach mehr Erhabenheit hier erwartet. Ich gucke auch in ein -Sommerhäuschen; da überrasch' ich einen Herrn, der sich gebadet hat und -wie eine Leiche in ein weiß Laken gewickelt ist; er erschrickt nicht, ich -erschrecke ebenfalls nicht, lass' ihn sich weiter abtrocknen und komme zum -Kaffee zurück in das Gasthaus. Dort hat es ein Erkennen zwischen Otto und -einem Kutscher gegeben, der uns vorigen Herbst in Bern gefahren und »die -Fru« gleich wiedererkannt hat. Der Mann hat eine rothe Weste an, raucht -aus einer kurzen Pfeife und fährt nach Genf. Wir haben in Genf eine leere -Kiste stehen lassen, die nach Bern gehört -- wir fragen den Mann, ob er -sie mitnehmen wolle? Lauter Bereitwilligkeit, aber als es ans Bezahlen -geht, lauter Schwierigkeit. Der Mann verlangt drei Franken -- die ganze -Kiste ist nur zwei werth. Wir danken dem Manne freundlich; er ist ganz -kurz geworden, erwiedert kaum unser Lebewohl. Vor uns her fährt mit einem -Kutscher und einem Passagier ein anderer =char-à-côté=. Als wir aus -Neuville heraus sind, wendet der vorausfahrende Kutscher sich um, ruft -unserm Etwas zu, beide Chars halten, beide Kutscher springen ab, der -vordere Kutscher wirft unserm seine Zügel zu, kommt an unsern Char, macht -auf: »=Vite, faites-moi place pour ce jeune homme=« -- seinen Passagier. -Wir starren ihn an -- »=Mais, monsieur= --« -- »=Eh, parbleu! faites; -il faut qu'il soit à Bienne avant le départ de la diligence.=« -- »=Eh -bien, qu'il aille à Bienne, mais pas dans notre voiture.=« -- »=Mais si, -dans votre voiture, il-y-a trois places.=« -- »=Nous les avons prises.=« --- »=Eh non, vous n'avez payé que deux -- je veux la troisième. -Rangez-vous.=« -- »=Mais, monsieur, la voiture est-elle donc à vous?=« --- »=Parbleu, si elle est à moi! Je veux conduire ce jeune homme à -Bienne. Vous rangerez vous?=« -- »=Pas du tout. Nous avons pris la -voiture et nous la garderons.=« -- »=Eh, ne faites donc pas tant de -façons -- en quoi ce jeune homme peut-il vous gêner?=« -- »=Mais -assurément il nous gênerait et même beaucoup. Enfin nous ne voulons -pas.=« -- »=Oh, quels gens! quels gens!=« Er schwingt sich auf den -Kutschersitz, nimmt den jungen Menschen auf seine Knie und in seinen -Arm, und fort geht's, während unser bisheriger Kutscher dasteht und uns -nachschaut. Sein Trinkgeld ist's, was davonfährt; der Herr ist ihm und uns -nachgefahren, um ihn und uns einzuholen, statt seiner zu kutschiren, den zu -befördernden Burschen zwischen uns einzuschieben und so von Neuville aus -einen Char zu ersparen. Schönen Dank, das ist, wie da wir nach Mornex -fuhren. Da wurde der Kutscher angerufen, hielt, fragte zu uns herein: -»Wollen Sie zwei Personen mitfahren lassen?« Wir sahen hinaus -- da -standen zwei ungeheure Bonnen mit drei Kindern -- die wollten zwei Personen -vorstellen. Nun, jetzt kommen wir, Dank dem jungen Menschen, der nach -Basel soll, wenigstens nicht zu spät nach Biel. Der Herr-Kutscher ist ganz -geschmeidig geworden, seit wir beharrlich waren -- erklärt uns die Eile -des jungen Menschen -- zum Begräbniß der Schwester soll er. Das thut -uns sehr leid, aber darum können wir doch nicht -- der Kutscher sagt -zustimmend: »=N'en parlons plus.=« Sein geschwindes Fahren hat uns ganz -wirr gemacht, besonders weil wir die heißen Felsenwände vor uns hatten. -Es ist ein beliebtes =On-dit= in der Schweiz, daß ein Engländer einst in -einem =char-à-côté= um den ganzen Genfer See gefahren sei, ohne den -See einmal gesehen zu haben. In Biel empfängt uns ein Omnibuskutscher und -verspricht uns für vierzig Batzen einen schönen Wagen, in welchem wir -ganz allein fahren sollen. Wir treten an das glückselige Fuhrwerk hinan --- da steht unser junges Ehepaar vom »Industriel« und wartet, daß unser -Kutscher es in dem schönen Wagen ganz allein nach Solothurn fahre. Der -Omnibuskutscher sagt ganz vergnügt: »Ja, ich habe Sie allein fahren -wollen, denn ich wußte ja nicht, daß noch mehr Personen kommen würden; -nun diese zwei Personen gekommen sind, können Sie nicht allein fahren -- -nein, das geht nicht -- ich bin ein Omnibus -- ich fahre Alles.« Der junge -Ehemann sagt: »Ich mag dem Manne seinen Verdienst nicht schmälern; es ist -mir nur des Prinzips wegen.« -- »Eben des Prinzips wegen würd' ich uns -nicht nehmen,« sagt Otto. Der Kutscher wiederholt: »Ich bin ein Omnibus --- ich fahre Alles.« Also wir sollen fahren, selbst gegen das Prinzip, -aber erst müssen wir essen -- wir sterben Hungers. Im Speisesaale sitzt -die verblichene Familie. Der Vater kommt zu Otto. Er hat für jeden Platz -im Coupé sechs Franken zahlen müssen. »Ist das nicht zu theuer?« -- -»Ja wohl, der Platz im Coupé ist immer nur einen Frank mehr, als der im -Innern und für einen solchen hat man mir in Neufchatel nur vier Franken -abverlangt.« -- »Entschuldigen Sie, hier hat die Person fünf und einen -halben zahlen müssen.« Es ist klar -- die Gesellschaft hat für uns Beide -mitbezahlt -- die Kutscher in Neufchatel und Biel scheinen sich das Wort -gegeben zu haben, an diesem dritten August zu prellen. Wir verschlucken -ein Beefsteak und eilen hinab -- da sitzt das junge Ehepaar auf den beiden -Vordersitzen. Ich soll rückwärts fahren, nachdem ich so lange seitwärts -gefahren -- dazu ist mein Kopf zu müde -- wir wollen wieder abladen -lassen. Der Neufchateller Kutscher räth dem Bieler dringend, das junge -Ehepaar in Biel zu lassen -- »am Ende, sie zahlen nicht zwanzig Franken!« -Das will sagen, wir zahlen zehn Batzen mehr. Der Bieler Kutscher aber macht -am Wagenschlage so eindringliche Vorstellungen über die Rücksichten gegen -das Frauenzimmer, daß der junge Ehemann den Kopf heraussteckt und frägt: -»Madame, können Sie nicht gut rückwärts fahren?« Meine Antwort ist -Nein. »Nun gut,« sagt er, »ich kann's auch nicht gut, aber wir wollen's -versuchen.« Wir versuchen's, es geht, und wir schwatzen recht angenehm -bis Solothurn. Das junge Ehepaar besitzt einen Schatz, um welchen ich es -aufrichtig beneide -- den allernachgiebigsten Magen. Des Morgens braucht es -kaum zu frühstücken, des Mittags geradezu gar nicht zu essen, und nie -ist es hungrig. In Solothurn muß es erst noch einen Spaziergang machen, -um Eßlust zu finden! Nun frag' ich, kann man angenehmer reisen, als immer -gesättigt, ohne je vor Abend zu essen? Wir haben immer Hunger, Morgens, -Mittags und Abends auch noch, müssen immer in Eile sein, unsern innern -Despoten zu befriedigen, können immer erst nach dem Beefsteak an den -Mondschein denken. Glückseliges junges Ehepaar, in deiner poetischen -Bedürfnißlosigkeit! Während es endlich irdisch genug fühlt, um zu Abend -zu speisen, kommt unser einzelner Engländer vom Morgen. Er setzt sich -langsam neben mich, unterhält und amüsirt sich langsam, spricht aber -beileibe kein Wort Englisch außer auf Französisch. Nachdem er sich lange -genug so amüsirt hat, steht er langsam auf, sagt uns langsam, er werde -morgen nach Schinznach fahren, bietet uns langsam guten Abend und schreitet -langsam aus dem Saale. - - - Den 4. August. - -Als wir im vorigen October in Solothurn übernachteten, war's winterkalt -und der große Ofen wurde erst am andern Morgen warm, während das Kamin -unermüdlich rauchte. Heute ist's wärmer, aber der Röhrbrunnen an der -Kathedrale rauscht so lebendig, daß er uns wach erhält und uns nöthigt, -noch um Mitternacht im schlafenden Hause auf eigne Hand ein anderes Zimmer -aufzusuchen. Am Morgen giebt es einen Retoureinspänner nach Aarau. Der -Einspänner ist das nationale Fuhrwerk der Schweiz. Der Koffer will nicht -recht darauf gehen -- ich benutze den Augenblick und gehe still in die -Kathedrale. Das Gebäude ist weiß und hell von innen und außen. Auf -den Beichtstühlen sind hingeworfene reuige Gestalten -- Petrus nach -der Verleugnung eine von ihnen. Mir ist's nach dem ultrareformirten Genf -herzlich wohl, wieder einmal zwischen heiligen Bildern und knieenden Betern -zu wandern. Man betet besser unter einem Gewölbe, welches ausschließlich -bestimmt ist, Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn zu hören, als in der -Stube, wo alle die Kleinlichkeiten der Häuslichkeit gethan werden. Ein -Oratorium allein kann das tägliche Gebet im Hause gesammelt machen. Als -ich meine Wanderung vollbracht, fahren wir -- das junge Ehepaar fährt nach -Basel. Wie malerisch ist hier der Jura! Voriges Jahr war er so überbunt, -wie ich noch kaum weder Gebirg noch Wald gesehen. Ich hab' ihn liebgewonnen -den langen, einförmigen und doch mannigfachen Jura, vielleicht weil er -sowohl in der Ferne, wie in der Nähe so schöngeschwungene Linien hat, -vielleicht auch, weil ich so oft auf ihm die ersten und letzten Lichter der -Sonne und in der Mondnacht den leuchtenden Schnee blinken sah. Die Luft -von ihm weht rauh; heute ist sie ein Sturm. Wir wenden uns endlich an der -Stelle von ihm ab, wo wir damals von Basel her über ihn kamen. Den -ganzen Tag bis Abends um sechs fahren wir durch die frischesten -Hügellandschaften, welche für mich mit den Alpengegenden der Schweiz -wetteifern. Aarau liegt geradezu allerliebst; es ist die erste Stadt in der -Schweiz, wo zu wohnen mir gefallen könnte. Wir gehen vom Ochsen hinunter -an die Aar, über ein Bächlein, das hineinschießt, die Aar hinauf. -Jenseits liegt das Thal voll Landhäuser; Fähren gehen hinüber und kommen -herüber; der Abend ist kühl, aber nicht rauh, Wiesenduft füllt ihn. Wie -wohl thut das, wenn man so lange kalkige Luft geathmet. Auf einer Brücke, -die, ich weiß nicht worüber führt, kehren wir in die Stadt zurück; ein -zahm Starmätzchen sitzt auf dem Geländer, guckt uns an, springt vor uns -herum, dreht klug und neugierig das Köpfchen und fliegt endlich in -einen Gasthof neben der Brücke. In unserm Ochsen schiebt mich der lange, -trockne, regungslose Kellner am Ellenbogen an den Speisetisch; es ist das -seine Beförderungsart: allein läßt er einen nicht gehen. Der Ochse ist -etwas ältlich, aber der Wirth einer der artigen Wirthe, wie man sie -eben in den älteren schweizer Gasthäusern findet, Stube und Betten -sind kolossal, auf der Gallerie blüht ein schöner Granatenbaum, und es -gefällt mir in Aarau. - - - Den 5. August. - -Alterthümertag, ohne unser Verdienst. Der lange Kellner weckt uns nicht, -der Kutscher thut's, der natürlich wieder ein Retoureinspänner ist und -zwar aus Baden am Stein. Dabei ein großer, starker, hübscher Mensch, -in kurzer blauer Jacke und niedrigem grauen Troddelhut, mit krausem -röthlich-blondem Bart und geradem, regelmäßigem Profil, Tell, wie man -ihn sich nur denken kann, Xaver genannt, und so voll Kraft, daß er den -schweren Koffer mit einem Ruck aus allen Fugen reißt. Er sieht bei dieser -Heldenthat sehr gelassen darein -- wir sind weniger zufrieden damit, -indessen was soll man sagen? Wir setzen uns zum Frühstück und sehen -die Begrüßung zweier eidgenössischen Lieutenants, die einander genannt -werden. Sie bleiben in einem Bückling vorgebogen stehen, lächeln sich -verlegen an, wissen sich nicht ein Wort zu sagen und setzen sich endlich -stillschweigend gleich uns zum Frühstück. Wir fahren mit Xaver -- der -Wagen ist gut genug, aber das Pferd, das Pferd! Xaver hat es verzogen, -wie eine Großmutter ihr jüngstes Enkelkind. Jeder seiner Neigungen wird -nachgegeben, und es hat deren unendlich viele. Es will in jedes Thor, in -jeden Seitenweg, in jedes Wirthshaus. Kein Grashalm steht am Wege, ohne -daß es den Braunen danach gelüstet, und liegt nun gar ein Kleefeld da, -so will er förmlich mit Gewalt hinein. Zugleich erschrickt er vor jedem -Nichts; ein Karren, ein Haufen Flachs, ein Hund, ein Vogel sind sämmtlich -ungeheuerliche Dinge, vor denen der Braune ebenfalls rechts oder links -will. Xaver blickt bei jeder dieser =gentilesses= sich freundlich lächelnd -nach einem um, als wollt' er sagen: seht, was das für ein Pferd ist! -Dazu fehlt noch ein Nagel im linken Vorderrade; Xaver hat ein Hölzchen -geschnitzt, es in die Lücke geschoben und spricht nun von Zeit zu Zeit: -»Wenn das Nägli herausginge, würde das Rad rückwärts gehn, aber das -Nägli geht nicht heraus.« In Folge aller dieser kleinen Hemmnisse kommen -wir nur gemessen weiter; die Gegend wenigstens ist reizend. Rechts auf -Höhen Wildeck und Habsburg, Schloß und Ruine; links im Thale Wildenstein, -Schloß, auf ferner Höhe Schenkenberg, Ruine. Habsburg unstattlich. -Der Erbauer borgt sich das Geld dazu von seinem Bruder, dem Bischof von -Constanz. Wie's fertig, kommt der Bischof, besieht, wiegt das Haupt. »Für -so viel Geld ein so klein Schloß mit so schlechten Mauern!« Der Besitzer -zeigt hinunter vor das Schloß. Da stehen einige tausend Mann in -Waffen. »Das sind meine Mauern; für die hab' ich euer Geld verwandt.« -Schinznach, moderner Halbmond in Gehölzen zum Spazierengehen. Bei -Brugg wird der Aar der Rücken gedreht. Links liegen Gebäude in einem -fensterlosen Viereck, über das ein Thurm ragt. »Was ist denn das?« -- -»Kloster Königsfelden.« Agnesens Rachedenkmal. Man muß es doch sehen. -Militair im Hofe. Hindurch. Ein Thor. Die Kirche schwer, rauh. Rechts die -Mönchs-, links die Nonnenwohnung. Diese leer, wüst, Bohnen im Kreuzgange. -Agnesens Zimmer voll von römischen Töpfen und Schüsseln -- Alles -zerbrochen, nur ein Löwenkopf und ein Säulenfuß anständig. In der -Zelle alte Malerei und neben dem Fremdenbuch römische Münzen. Die Kirche -Holzschuppen. Zwischen Balken und Brettern das Denkmal der Kaiserfamilie. -Ueber Grabsteine von Berner Herren in den Chor. Schöne bunte Fenster. -Ueber den Stühlen die bei Sempach gefallenen Ritter. Alle knieen; einer -sieht genau wie der andere aus. Von der Reuß an die Limmath, von der -Limmath nach Baden. - - - - -Die beiden Wittwen. - - -In Baden am Stein ist der »Hinterhof« das letzte, älteste und stillste -der Hotels, wirklich wie sein Name andeutet, ein Hof hinter allen andern -Höfen, hinter dem »Raben«, dem »Ochsen« und dem »Bären«, hinter -dem »Schiff«, hinter der »Blume«, ja sogar hinter der »Sonne«. Ein -großer Hof, eingefaßt von Gebäuden, deren neuestes zweihundert Jahr -zählt. Treppen hier und da, viel Thüren, viel Ecken. Eine Gallerie. -Kürzlich umhergepflanzt Kastanien, Ahorn, Liliodendron, Kugelakazien. -Dazwischen in großen Kübeln Granatbäumchen und schöne Fuchsien. Grüne -Persiennen an Fenstern, von denen kaum eines so groß wie das andere -ist, kaum zwei in gleicher Reihe und gleicher Entfernung von einander -ausgebrochen sind. Hineinschauend, als gehörte er auch zum Hause, der -Thurm einer kleinen Kirche, welche sich von Außen vertraulich an die -Scheune legt. Das ist der Hof des »Hinterhofes« und hier saß ich an -dem schönen Sonntagnachmittag, wo wir nach Baden kamen, während Otto die -Stuben musterte. Da näherte sich eine alte Frau mit freundlicher Miene, -rothen Wangen und buntem Anzug, machte mir einen höflichen Knix und -fragte: »Spreche Sie dütsch?« Ich antwortete der Wahrheit gemäß, und -wir waren gegenseitig bereits sehr verbindlich und freundschaftlich, als -Otto mir Bericht erstatten kam. Wie öfter sprachen wir italienisch; -die alte Frau machte ein noch freundlicher Gesicht und fragte auch auf -italienisch: ob ich aus Bergamasco oder aus Mailand sei. Zu Ehren meines -Italienisch muß ich bemerken, daß diese beiden Städte die einzigen -italienischen waren, welche die alte Dame kannte. Ich erklärte ihr, wie -es komme, daß wir diese schöne Sprache so liebten -- »O, ich war auch in -Italien,« sagte sie mit Stolz, »fünfundzwanzig Jahre bin ich da gewesen, -ja, meine Signora. In Locarno bei dem Signor Governatore. Und wenn ich -Italienisch höre, fühl' ich's im Herzen.« - -So hatten wir eine Bekanntschaft, ehe wir noch in den »großen König« -eingezogen. Diesen erhabenen Namen führte nämlich die älteste und -häßlichste Stube in dem ganzen alten Hause. Lang, niedrig und dunkel -hatte sie nur _ein_ vernünftiges Fenster, das andere war eine Art -Schießscharte, mit kleinen runden Scheiben in Blei. Eine fehlte -- wir -klebten Papier vor das Loch. Ein schwerer Tisch stand auf gekreuztem -Balken, auf den Dielen stolperte man immerfort, ebenso auf der hohen -Schwelle. An der Thür fehlte Nichts als die Klinke, und unser Doctor -pflegte zu sagen, die Stube wäre noch von unsern Vorfahren, den alten -Regensburgern, eingerichtet. Der sogenannte Alkoven daneben hatte ebenfalls -eine Hügelschwelle und eine Schießscharte, außerdem mittelalterliche -Wandnischen und endlich einen blaugestrichenen Kleiderschrank, an dessen -Thür angeschrieben stand: Herr so und so aus Bern habe den und den Tag -hier hinein seine Röcke gehangen. Grauer, veralteter, ja verfallener -hätten wir gar keinen Raum finden können, und er gefiel uns natürlich -ungemein. - -Die Gesellschaft an der Table d'hote war ungefähr wie die Stube und das -ganze Haus. Mir wollte es beim Anhören der Gespräche immer vorkommen, -als läse ich Goethe über den Elsaß. Da war ein Herr Wölflin, jetziger -Tabacksfabrikant aus Rheinfelden, ehemaliger Napoleonischer Soldat ohne -Enthusiasmus. Da war aus Mühlhausen, Fabrikant auch von Etwas, Herr -Wangern, der an Regentagen als Liebhaber drosch und durch die That bewies, -»was für eine Eßlust man dabei bekomme.« Da war der Herr Steiger aus -Bregenz, jung, glatt gekämmt, Sonntags im Frack, Wochentags im grauen Rock -mit grünem Sammtkragen. Da war Herr Kyslin, Lithograph aus Basel, dem -die Thränen in die Augen drangen, wenn er an den nahen Untergang der Welt -dachte, ein armes Opfer frommer Traktätchen. Da war endlich Herr Kaiser, -Eisenhändler in Solothurn, gebürtig aus dem Schwarzwalde, krank an -einem Halsleiden, das allerbeste Gemüth auf Erden, und, wie Herr Wölflin -meinte, »halt etwas blindköpfig,« weßwegen den ganzen Mittag über -immer gewetteifert wurde, wer den armen Mann am besten schrauben könne. -Man sprach z. B. von der Verschiedenheit der Kartoffeln und der =pommes de -terre=. Herr Kaiser sah schlau aus und meinte, das sei wohl dasselbe, -nur auf französisch und auf deutsch. »Behüte,« wurde ihm geantwortet, -»=pommes de terre= sind Erdäpfel, und diese, wie gesagt, völlig -verschieden von den Kartoffeln. Es wäre eine gute Speculation, wenn man -=pommes de terre= auf- und als Kartoffeln wieder verkaufte. Die Pflanze -ist sonderbar, hat Blätter wie die Sonnenrose und wächst wie ein Strauch, -manchmal ungeheuer hoch.« Herr Wangern versicherte: in Mühlhausen -wachse die Cichorie auch oft neun Schuh hoch und zwar mit dem Hopfen -zusammengezogen. Der Ertrag beider wunderbarer Pflanzen werde meistens -über Neuenburg im Badischen verführt. Otto antwortete: Wir in Preußen -bezögen auch fast alle Waaren über dieses Neuenburg. Folgte nun die -Unterhaltung über die Stadt. Sie war klein, so gut wie gar keine Straßen, -kaum Häuser, aber ein ungeheuerer Verkehr. Herr Kaiser hörte Alles an und --- glaubte Alles. - -Ganz offen -- diese Gesellschaft machte mir die eine Stunde immer -außerordentliches Vergnügen. Sie war so vollkommen neu für mich. -Am oberen Ende des Tisches saßen mehrere Französinnen und elegante -Waadtländerinnen, aber von ihnen hielt ich mich mit äußerster -Sorgfalt entfernt -- ich hatte noch genug von Genf. Meine Elsässer und -Schwarzwälder mit ihrem kernigen Humor waren mir weit lieber. Außerhalb -des Tisches freilich hörten unsere Beziehungen zu ihnen fast gänzlich -auf, nur mit meiner ersten Bekanntschaft gab es bei jeder Begegnung einen -Austausch von Höflichkeit und Italienisch. - -Sie war 78 Jahr alt, dabei frisch, fett und froh, blos der Kopf zitterte -ihr etwas. Seit acht Jahren lebte sie im Hinterhofe, Winters mit der -Familie, Sommers mit den Fremden. Ihr »Herr« war hier im Bade gestorben --- sie liebte, seinem Grabe nahe zu sein. Sie trocknete sich die Augen, als -sie uns das erzählte, »wie eine junge Wittwe,« sagte ich damals zu -Otto. O, ihr »Herr« war so süß gewesen und ihr so theuer! Er war -Seckelmeister in Einsiedeln gewesen und ganz besonders um sie zu heirathen -nach Italien gekommen. Sie war auch aus Einsiedeln, hatte dort Brüder als -Conventualen und ich glaube gar einen Onkel als Fürstabt gehabt -- o, sie -war von Familie und so aristokratisch, wie man es nur in der Schweiz -noch ist. Mir, der fast 30 Jahr jüngeren Frau, küßte sie trotz meines -Sträubens immer die Hand, denn ich war eine Signora, und sie verstand das. -Ihr »Herr« war auch ein Signor gewesen, sonst hätte sie, obwohl bereits -50 Jahre zählend, da er um sie gefreit, ihn gewiß nicht als Gemahl -angenommen. Und im Hinterhofe würde sie auch nicht wohnen, wenn es nicht -eine gute Familie wäre, aber die Dorers waren eine der ältesten Familien -in Baden -- ihre Mutter, eine Baldinger, war mit ihnen verwandt. Freilich -schätzten sie den Vorzug ihres Geschlechtes nicht genug -- sie verständen -es nicht besser -- flüsterte sie vertraulich. Sie hatte Recht -- -Herr Dorer, dick, untersetzt und stumpfsinnig, dachte weit mehr an das -Rindfleisch, welches er immer eigenhändig herumreichte, als an seinen Ahn, -den Schultheiß, der einst die Mauern von Baden so tapfer vertheidigt. -Sein Erbe schlachtete ihm nach -- weder der jetzige, noch der -»Fideicommissair«, -- denn der Hinterhof im Canton Aargau ist ein -Fideicommiß -- sah im Geringsten patricisch aus. Aber die Seckelmeisterin -wußte, aus welchem Blute Beide stammten, und dieses Wissen tröstete sie -über das plebejische Aussehen und machte es ihr angenehm im Hinterhofe. -Sie selbst war allgemein beliebt; besonders schrie die kleine Amalie, das -Schwesterchen des jüngeren Fideicommissairs, schon auf zwanzig Schritte -mit ihrem hellen Stimmchen: »Scheckelmei! Scheckelmei!« Scheckelmei kam -dann herbei und hieß Amalie vor den Fremden ihre »Kneikerle« machen. -Scheckelmei war ihrer Manieren und ihrer Sprachkenntniß wegen Gouvernante -bei den Fräulein Töchtern des Herrn Gouverneurs gewesen und wußte, was -Lebensart heißt. Sie redete immer wohl und immer mit Feierlichkeit, ganz -wie in Goldoni's Komödien geredet wird. Damit konnte sie uns inmitten -des Hofes ganze Viertelstunden aufhalten. Wenn ich endlich durchaus -entschlüpfen wollte, gab ich ihr geschwind einen Kuß; darüber war sie -so erfreut, daß sie uns fortließ. Bei Tische machte sie immer die Wirthin -und nöthigte einem Jeden weit mehr vom Nachtisch auf, als er essen wollte. -Sie war gar gut die Scheckelmei, und ich hatte sie sehr lieb, und sie mich -auch. Dann freute sie sich immer über meinen »=dulce signore=,« pries -die Süßigkeit der Freundschaft, die Süßigkeit der Keuschheit und das -Paradies der Liebesfreuden, sprach von ihrem »Herrn«, trocknete sich die -Augen und wartete auf die Wiedervereinigung, wenn gleich vielleicht ohne -sie besonders zu wünschen. - -Eine Table d'hote in einem Badeorte ist eines der treuesten Bilder des -Lebens -- täglich verschwinden bekannte Gesichter, um fremden Platz zu -machen. Wir hatten bald nicht mehr Herrn Wölflin, Herrn Wangern und selbst -unsern guten Herrn Kaiser, dafür hatten wir eine »enorme« Jungfer aus -Stäfa, die jeden Tag in einem anderen prachtvollen Seidenkleide erschien, -eine Madame aus Chur mit einem vierjährigen Knaben, welcher durch seine -grenzenlose Unbändigkeit bald den ganzen Hinterhof zur Verzweiflung -brachte. Schweizer Officiere mit ihren Frauen, Professoren, Räthe und -endlich ein Paar, das uns auffiel, weil der Mann noch so jung und so -hübsch war und die Frau so bleich und so krank aussah. Auch trug sie -Trauer und der Mann nicht. Dabei schienen sie sich sehr zu lieben; man sah -Beide nie anders als miteinander; er führte sie stets. Wir machten -eine Art Bekanntschaft mit ihnen auf einem Spaziergange, wo wir von -verschiedenen Seiten zusammentrafen. Sie waren Beide in St. Gallen und -Heidelberg so gleich gut bekannt, daß wir meinten, er sei irgend ein Rath -oder dergleichen aus St. Gallen, der in Heidelberg studirt habe. Am Abend -suchten wir in der Fremdenliste, konnten aber weder aus Heidelberg, noch -aus St. Gallen ein Ehepaar entdecken und wunderten uns. Doch nur wie -man sich über Dinge wundert, die einen wenig oder eigentlich gar nicht -interessiren. Den nächsten Tag war der Mann abgereist; ich fragte -natürlich die Frau, ob er ihr nicht sehr fehle. Sie lächelte verlegen. -»Sie haben auch gedacht, das sei mein »Herr«, nicht wahr?« fragte sie. -»Aber das ist nicht; ich bin Wittwe und in Trauer um meinen Mann, und Karl -ist nur mein Bräutigam.« - -Ja, es war auch eine Wittwe, wirklich und wahrhaftig eine Wittwe -- wir -hatten zwei Wittwen im Hinterhofe, eine alte und eine junge, eine treue und -eine getröstete, eine Wittwe zum Beispiel, und eine Wittwe zur Warnung. -Eine Figur aus Goldoni, und eine Frau aus Boccaccio. Ich fiel ein Mal -um das andere aus den Wolken in die naivsten, freudigsten Verwunderungen -darüber, daß die Mannheimerin mir eine jener frischen, verliebten Frauen -so lebenswahr vorspielte, denn sie war aus Mannheim unsere verlobte -Wittwe, sie war aus Mannheim und seit acht Jahren in St. Gallen äußerst -glücklich verheirathet gewesen. O, ihr Mann war noch viel schöner gewesen -als Karl, und wie sie ihn geliebt, und wie beweint hatte -- es ließ sich -nicht sagen! Ganz St. Gallen war auch, als sie ihn verloren -- es war zu -Neujahr gewesen, also jetzt gerade sieben und einen halben Monat -- ja, -ganz St. Gallen war lauter Mitleid gewesen; obgleich eine Fremde, hatte -sie sich völlig wie unter Landsleuten glauben können, so hatte man -sich beeifert, ihr Theilnahme zu bezeigen, sie zu trösten! Die guten -St. Gallener hatten vermuthlich gemeint, einen St. Gallener zu verlieren, -müßte für eine Mannheimerin ein geradezu unermeßlicher Verlust sein! -Einer der angesehensten Männer war zu ihrem Schutzvogt ernannt worden -- -die Interessen der armen Verlassenen mußten doch als heilig betrachtet -werden. Die arme Verlassene, die so allein auf der Welt war, hatte den -Winter über einsam ihrer Trauer gelebt und im Frühjahr eine Landsmännin -aus Heidelberg nur darum aufgenommen, weil die unglückliche Frau sich -vor den Wirren aus Baden geflüchtet und nicht gewußt hatte, wohin. Diese -unglückliche Frau war zufälliger Weise die Mutter von Karl gewesen, und -Karl natürlich zu seiner Mutter gekommen, als er mit seinem Bruder nicht -in den Aufstand gewollt hatte. Und da hatten sie sich Monate lang täglich -gesehen, und so -- o, sonst hätte sie's gewiß nimmer gethan, versicherte -die Wittwe-Braut. Natürlich, wenn sie Karl nicht kennen gelernt hätte, -würde sie sich nicht in ihn verliebt haben. Jetzt war sie's ordentlich, -ein junges Mädchen, welches den ersten Bräutigam hat, kann's nicht ärger -sein. Karl kam immer zugleich mit dem seligen Mann aus ihrem Munde. Diese -Hoffnung auf ihren Künftigen zugleich mit der Trauer um ihren Seligen -machte sie ungemein belustigend. Man wußte immer nicht, wen man hörte -- -ob die Wittwe oder die Braut. Dazu kam, daß dieser lebendige Widerspruch -alle seine Empfindungen mit süddeutscher Offenheit herausplauderte. Wir -erfuhren alle ihre Angst, daß die St. Gallener merken könnten, wie es mit -ihrer Wittwenschaft aussähe, alle ihre Entschlüsse, so lange sie dieses -Kleid trage, nicht wieder zu heirathen, alle ihre Furcht vor dem vornehmen -Schutzvogt, der ihr jetzt ein wahrer Luxus von Ehre schien, unnütz, sehr -unnütz, endlich die Noth, welche sie hier im Hause, in unserm scheinbar -so soliden Hinterhofe gehabt. Die Leute waren schrecklich, aber schrecklich -neugierig gewesen; immer hatten sie gelauscht, gelacht und bedeutungsvolle -Mienen gemacht; selbst der Joseph war anzüglich geworden. Joseph war der -Badewärter des Hinterhofes und eine der gelassensten Individualitäten, -welche mich je um die Geduld gebracht. Aller Welt hätte ich boshafte -Bemerkungen zugetraut, nur nicht dem Joseph, und dieser selbige Joseph -hatte doch mit zweideutiger Miene gefragt: ob der Herr denn nicht mit -in's Bad gehe. Um diese Frage nicht gar zu impertinent zu finden, muß man -wissen, daß hier unter Eheleuten die Sitte des gemeinschaftlichen Badens -herrscht, aber freilich nur unter Eheleuten, unter Verlobten nicht. -Der heillose Joseph schien indessen Karl und die Wittwe nicht blos für -Verlobte halten zu wollen, denn auf ihre Erwiederung: der Herr sei nicht -krank, hatte er trocken gemeint: ach, die Herren gingen doch mit, auch wenn -sie nicht badeten. Das war denn der armen Wittwe doch zu arg geworden und -sie hatte den Bräutigam beschworen, das ungestörte Zusammensein, welches -sie hier in Baden gehofft hatten, fahren zu lassen und sie in St. Gallen -zu erwarten. Karl war ein vernünftiger junger Mann gewesen und resolut -abgereist, aber, ach, was es jetzt der Wittwe leid that, daß sie nicht -lieber den Joseph hatte schlaue Bemerkungen machen lassen, ohne den -Bräutigam fortzuschicken! Sie wußte sich nicht mehr zu finden, sie -brauchte ihre Kur wie im Traume, sie versicherte, daß sie nicht aus dem -Fieber herauskomme. Endlich hielt sie's nicht mehr aus -- der Doctor mußte -ihr die Abreise erlauben. Sie kam zu uns herüber gelaufen, sie war wie -elektrisirt, nie habe ich ein glückseliger Geschöpf gesehen. Sie wollte -einen Antheil an dieser Freude ihrer kleinen Tochter zuschreiben, aber ich -fürchte sehr, die Wonne war einzig und allein für Karl. - -Die beiden Wittwen waren von einander verschieden, wie eine graue, -moosige Epheuranke, welche sich auf einem Grabstein eingewurzelt, und ein -leichtsinniger Finke, der, wenn sein Nest auf einem Baume zerstört wird, -sich zwitschernd einen andern sucht, um sich ein neues zu bauen. - - - - -Waadtländerin und Pariser. - - -Ein Nervenzufall. - -Die hübsche Madame Picard lag auf dem Sopha und hatte einen heftigen -Nervenzufall. Ihr Mann ging verdrießlich und unruhig hin und her und -begriff nicht, wie bei einer vernünftigen Frau ein so unvernünftiger -Zufall möglich sei. Herr Picard war an Nervenzufälle bei seiner Frau -gewöhnt, aber so einer! Wie gesagt, konnte man einen solchen Nervenzufall -haben? - -Die hübsche Waadtländerin ließ den ernsthaften Genfer nicht lange -darüber in Ungewißheit. Sie schrie höchst erbärmlich, daß er sie nicht -mehr liebe. - -»Aber, meine Theure,« fing der Gatte an. - -»Nein, lassen Sie mich,« schluchzte sie. »O, ich weiß es seit lange. -Glauben Sie, daß solche Veränderungen dem Herzen einer Frau nicht -fühlbar werden? Angebetet, wie ich war, glaubst Du, ich empfinde nicht, -Grausamer, daß Du kalt geworden bist, trostlos, ganz und gar kalt?« - -»Pauline, wir sind dreizehn Jahr verheirathet.« - -»Und das ist ein Grund, um uns nicht mehr zu lieben? Nun wohl, wie Sie -wollen, Monsieur, wie Sie wollen.« - -Der Mann sprach von Uebertreibung und unbilligen Forderungen, so -vernünftig, wie ein Genfer Kaufmann nur sprechen kann. Die Frau aber -geberdete sich vor dieser unwillkommenen Vernunft immer krankhaft -unverständiger, so daß dem Manne zuletzt Nichts übrig blieb, als der -Bonne zu schellen und nach dem Doctor zu schicken. - -Die Bonne erhob, als sie ihre Herrin in einem solchen Zustande sah, die -Augen gen Himmel, zuckte tragisch die Achseln und verkündete, indem sie -durch die Küche eilte, Monsieur bringe Madame noch um, das sei ganz klar. - -Die Köchin und ein eben anwesendes Nähtermädchen umarmten den -kleinen dreijährigen Emil, der ihrer besondern Sorgfalt anvertraut war, -schüttelten traurig die Köpfe und seufzten: »armes Kind!« Emil begehrte -noch eine Butterschnitte; unter neuen schweren Seufzern empfing er sie von -den bewegten Dienerinnen. Er biß hinein, beschmierte sich beide Backen -und watschelte in dieser wahrhaft kindlichen Verfassung hinaus auf die -Gallerie, ohne im mindesten zu wissen, daß seine Mutter als ein Gegenstand -des tiefsten Mitleidens auf ihrem Sopha am Rande des Grabes lag. - -Die Mutter schien es zu wissen, denn sie wehklagte über ihre armen Kinder -und beschwor ihren Mann, wenigstens diese zu lieben. Der Mann murrte: das -verstehe sich ja von selbst. - -Nein, das verstand sich nicht von selbst. Wer die Mutter nicht mehr liebte, -wie leicht konnte der auch der Kinder vergessen. - -Herr Picard griff sich mit allen zehn Fingern langsam in das Haar. Es war -ihm dies seit zehn Jahren nicht begegnet, aber seine Frau hatte sich auch -noch nie so aufgeführt. - -Sie lag starr und sprachlos, als der Doctor kam. Herr Picard fand diese -Sprachlosigkeit recht gut -- der Doctor war anderer Meinung. Kaum hörten -das die Bonne, die Köchin und das Nähtermädchen, so erhoben sie -einstimmig ein Geschrei von solcher Stärke, daß Herr Picard fürchtete, -die ganzen Eaux-vives könnten aufrührerisch werden. In dieser Vorstadt -von Genf stand nämlich das Häuschen, welches einen kleinen Hof, einen -kleinen Garten und zwei kleine Gallerien hatte und von Herrn Picard nebst -Frau und Kindern bewohnt wurde. - -Nachdem Madame zu Bett gebracht und mit Essenzen gerieben worden war, -bekam sie die Sprache wieder und verlangte nach ihren Kindern. Die beiden -ältesten Jungen konnten nicht aufgefunden werden -- sie fischten irgendwo, -wahrscheinlich in nicht kleiner Gefahr, aus dem Kahn in den See zu fallen. -Der kleine Emil wurde von der Bonne herbeigeführt -- die Mutter küßte -ihn und verzog den Mund, weil sie mit dem Kusse Butter auf die Lippen -bekommen hatte. Die Bonne, ziemlich hart über ihre wenige Sorgfalt für -den Kleinen angelassen, rümpfte die Nase und versicherte dann draußen -in der Küche: man könne es Madame nie recht machen; Monsieur möge -es manchmal schwerer mit ihr haben, als man glaube. Die Köchin und das -Nähtermädchen stimmten der Bonne völlig bei, und Madame schlief ein, -ohne länger bedauert zu werden. - -Unterdessen las der Doctor dem gelangweilten Ehemanne Moral. Eine so -reizbare Frau müsse geschont werden, oder man könne der übelsten Folgen -gewärtig sein. Herr Picard rief mit unterdrückter Erbitterung: »Wenn ich -nur erst wüßte, wie ich sie schonen soll!« -- »Wissen Sie's nicht?« -fragte der Doctor. »Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte der verdrossene -Mann. »Nun, das müssen Sie wissen,« schloß der Doctor phlegmatisch. - -Herr Picard wäre beinah heftig geworden, obgleich er ein Genfer war. »Sie -können gut reden -- Sie haben auch eine Frau --« -- »Aber die hat keine -Nervenzufälle,« ergänzte der Doctor. - -»Das war's, was ich sagen wollte. So haben Sie leicht predigen, was Sie -nicht zu thun brauchen.« - -»Ich predige nur, was nöthig ist. Denn ich wiederhole Ihnen -- schonen -Sie Ihre Frau, oder -- Sie möchten sie nicht gern verlieren, nicht wahr?« - -»Was für eine Frage!« - -»Nun, Sie können sie verlieren, wenn dergleichen Auftritte sich öfter -wiederholen. Widersprechen Sie ihr nie, sie mag verlangen, was sie will.« - -»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard mit einem Seufzer, der -vielfachen Erinnerungen galt. »Man sollte meinen, sie wäre statt am See -von Joux in Paris geboren worden.« - -»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der Doctor. »Es giebt Frauen, -die haben das Genie der Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau -ist eine von den ersteren.« - - -Madame Picard. - -Also im Jouxthal war sie geboren und in einem Pensionat zu Morges erzogen -worden. Ihre Mutter hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel und -hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn Jahr war, verliebte Herr -Picard, Pelz- und Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche -waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer Bewerbung. So kam sie, -jung, unerfahren und erwartungsvoll, in die dritte oder vierte Klasse der -Genfer Gesellschaft -- vielleicht auch in die fünfte oder sechste. Genf -ist ja in so viel Klassen getheilt, wie ein botanisches System. Wodurch die -eigentliche Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen können; -man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine, wohne im Winter in der -obern Stadt, im Sommer auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß -ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie kam und kein Haus in -der obern Stadt, sondern nur eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang -es ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden, freilich nur -an der Oberfläche und zugleich aus der Natur heraus. Groß und voll -gewachsen, würde sie sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht -eine gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei einem kleinen -Figürchen recht niedlich, fällt dagegen bei einer großen Gestalt leicht -ins Lächerliche. Ihr Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken -Backenknochen und keinem schönen Profil. Im Hute sah sie sogar häßlich -aus, in einem kleinen umgeknüpften Tuche dagegen recht anlockend. Sie -wußte das und trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie -that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen. Die arme Pauline -wollte gern recht gefährlich kokettiren und hatte doch weder große -Anlagen dazu, noch die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war -daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer laut, sprach nur von -sich, schob fortwährend ihren Fuß vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde -mit einem Wort kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen Genfer -Accent annahm und mit gekniffenen Lippen zwischen den Zähnen sprach, -war nicht nur verzeihlich, sondern unvermeidlich, aber freilich nicht -wohltönend. Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der Genferinnen, -doch will das nicht viel sagen. Sie hatte das Italienische angefangen und -wieder liegen lassen, das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur -das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem Jahre ihren beiden -ältesten Knaben lehren konnte. Wurde englisch gesprochen, so verstand sie -es nicht, aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr noch erinnerlich -genug, um sie überlieferungsartig den Kindern mittheilen zu können. Ihr -musikalisches Talent beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern, bei -denen sie den Takt, um nicht herauszukommen, mit dem Fuße schlug und mit -einem ausdrucksvollen Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren -politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und Aristokratin, dabei sehr -feurig und entschlossen. Wenn die Genfer gedacht hätten wie sie, würde -James Fazy, der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht lange -gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem ersten Wochenbette an einer -krankhaften Reizbarkeit der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen -durfte, stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte ziemlich -mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen Zwillinge und ihren -kleinen dümmlichen Emil, thronte in einem kleinen Kreise von Freundinnen -und würde sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben, -wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit hatte er allmählich -aufgehört. Natürlich; waren sie nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten -sie nicht zwei zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr -Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein Genfer? Es giebt viele Dinge, -welche ich mir vorstellen, eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen -kann -- zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine Frau anbetet. -Naive Mittheilungen von Genferinnen selbst haben mir einen sehr kleinen -Maßstab für die Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben. Auch -gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen für verzogene Kinder, und -diese Bemerkung wird beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht -gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon gesagt, Herr Picard -war Genfer durch und durch, das heißt ein großer, etwas steifer, sehr -zurückhaltender und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle -nie recht bequem gefunden hatte. Folglich zog er sich im Verlauf der Jahre -mehr und mehr in die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls -folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste Frau, nicht -nur in Genf, sondern auf Erden, verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen, -alle möglichen Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl vernünftig -widerredete, unvernünftige Nervenzufälle. - - -Die Frau des Compagnons. - -Herr Picard hatte einen Compagnon, der die Dienste eines Commis that. In -den sämmtlichen kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton -ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem Arme, jede Woche einmal umher -und forderte die Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard -zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr Hölty -- denn diesen -Dichternamen führte der Mann -- in ganz Genf der Compagnon des Herrn -Picard, und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes Haus auch in -den Eaux-vives, einen Hund, zwei Kinder und eine Frau. - -Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau oder Principalin eine -Waadtländerin, doch nicht so tief aus dem Lande, sondern hart von der -Grenze, aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß und stämmig, von -Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen schwarzen Augen und einer kupfrigen -Farbe. Vor ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame, wie die -böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer russischen Fürstin, jedenfalls -aber in der Krimm gewesen, denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich: -»Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von dieser vornehmen Zeit -her die Idee bekommen, daß sie eigentlich zu gut für die Schweiz -und hauptsächlich für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen -geheirathet, und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte aussuchen -können. Mehr wohl um andere Gesellschaft zu haben, als um ihre Einnahme -zu erhöhen, hielt sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die bei -den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit zu sagen: »Wenn -ich es nicht nöthig hätte, würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist: -sie empfing die Fremden wie Manna, und den ersten Monat konnte man gar -keine aufmerksamere Wirthin finden als Madame Hölty. Sie war eitel Honig -und Höflichkeit. Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke wahre -kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte sich in Rücksicht; Louise, -das Mädchen, dudelte nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen Lärm -mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine erhöhte Sphäre und empfing -keinen Befehl, ohne daß Madame hinzusetzte: »=s'il vous plait=.« Madame -wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen hohen Begriff von ihrem -kleinen, aber ausgezeichneten Hauswesen und besonders von der Herrin dieses -Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man sie beim ersten Anblicke -für eine gute, aber ordinaire Frau gehalten, so ließ man sich von -ihrer Selbstschätzung allmählich überreden, sie als eine kluge Frau -anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen Ausbildung gebreche, -aber nicht an einem taktvollen Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen -gewissen Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen, die tischte -sie die ersten Abende zum Thee auf, und wenn man sich auch nicht gerade -interessirt fühlte, so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man zum -ersten Male am Sonntage mit dem Manne und den Kindern zusammen zu Mittag -und sah man in Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst bei -guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben vermochte, so bedauerte -man die Frau und fand es natürlich, daß sie andere Unterhaltung -wünschte. Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten zu -sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche Frau, der man gar nicht -ausweichen konnte, die einem des Morgens den ersten guten Tag bot und des -Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten begleitete, mochte es -Sonnen- oder Mondschein sein, die sich überall neben einen setzen kam und -immer sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene Gegenstände. -Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig, immer zu hören: »Als ich -in Baktschisarai war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen sich -vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen waren, immer von Neuem -zur Theilnahme darüber aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty Herrn -Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und die Wirthin waren den zweiten -Monat nie so zufrieden mit einander wie den ersten, wer einmal die -Gesellschaft der Madame Hölty gründlich genossen, kam nie wieder, um -diesen Genuß nochmals zu suchen, und längere Zeit blieben in den kleinen -Stübchen, wo die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer, die den -ganzen Tag außer dem Hause zubrachten. - -Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in einem Verhältnisse, welches sie -als vertraulich darzustellen suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard -gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede: »Meine Theure« zu -erwähnen. Wenn sie wirklich mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard, -sowie Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten zu Madame Hölty, -Madame Hölty fast noch seltener zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den -Fremden, mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame Picard sei ihr -zu weltlich, der Kreis, der Pauline umgebe, ein zu frivoler; aber ging man -etwas mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis Paulinens und -Pauline selbst Madame Hölty mit ihren Erinnerungen an Petersburg und -Baktschisarai zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein -sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte Pauline die Compagnonsfrau, -weil diese die Gefälligkeit haben mußte, alle Klagen der unglücklichen -Frau anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend nach der letzten -Katastrophe Madame Hölty am Bett Paulinens saß. - - -Vertrauliche Unterredung. - -Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. Herr Picard war -wenigstens ein Ungeheuer und hatte es lediglich der Schonung seiner Frau zu -verdanken, daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. Madame Hölty -hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, dann sagte sie langsam -- -Madame hatte eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr Gang --- also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, Madame Picard, wir sind an -Schweizer verheirathet. Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß -ich nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer Egoisten -sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, müssen wir auch Geduld -haben.« - -Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, Geduld zu haben, und diese -Worte galten ebenso der guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften -Ehemanne. - -»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es bei uns ist. Wie oft habe -ich zu meinem Manne gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du -nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, _bleibt_ er wohl? Früh -um fünf auf den See, nachher spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends -selbst führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich dagegen, wie -viel Sie von Herrn Picard haben.« Pauline dachte, es komme denn auch -darauf an, ob die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch sei; -Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit fort: »Ich versichere -Ihnen, mehr als ein Fremder hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty, -ist Ihr Mann denn unsichtbar?« - -»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte Pauline vor sich hin. -Laut fragte sie: »Ist Ihr Mann noch immer eine Woche conservativ und die -andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; sonst ist's ein recht -guter Mann.« - -»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei ihres Mannes ergriff, -sobald von Jemand anders, als von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte -sie lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden Radikaler gar -nicht so mißfallen, wie mein armer Mann.« - -Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline roth und antwortete sehr -verlegen: »Ach, Herr Leon -- aber das ist auch etwas Anderes -- er ist ein -junger Mann und in Paris erzogen worden -- wo soll er da gute Grundsätze -bekommen haben? Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt, -er hätte sich geändert -- er sagte mir, mit den Genfer Frauen könne man -sich ganz anders unterhalten, als mit den Pariserinnen; wir wären viel -ernster und gediegener.« - -Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, wollte sie Paulinen -geantwortet haben: »Aber, meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr -Leon das ernstlich gemeint habe -- kennen Sie denn die Franzosen nicht? -Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge -- es ist das ihre Art.« In -der Wirklichkeit aber, am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch -schmeichlerisch: »Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon sich sehr gern -mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« und süßer noch setzte sie dann -hinzu: »Wissen Sie, daß er wieder hier ist?« - -Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine gleichgültige Verwunderung -zu äußern. Dann fragte sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?« - -»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei seiner Mutter.« - -»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht wieder bei Ihnen?« rief -Pauline boshaft. - -Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie geht in wenigen Wochen nach -Leuk, und da sie Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in der -Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen Pension auf dem Quai, neben der -Krone, drei Treppen hoch.« - -»Und Herr Leon auch?« - -»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere Male bei uns, und ich will in -diesen Tagen einmal die Mutter und ihn zum Thee bitten -- werden Sie mir da -das Vergnügen machen, auch zu kommen?« - -»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline, ihre Freude schlecht -verbergend. »A propos, haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?« - -»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.« - -»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind doch noch immer da?« - -»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen sich sehr bei mir.« - -»Und sie lieben sich noch immer so?« - -»Wo möglich noch mehr.« - -»Ach, welches Glück! Und die Engländer -- sind sie eben so zärtlich?« - -»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat seiner Frau zum Geburtstage -eine goldene Uhr für zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen -pflückt er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf den Teller -legt.« - -»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline kummervoll, »und --« - -»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty. »Was wollen Sie, Madame -Picard, wir müssen uns darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst -heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend aufsitzen, bis es Herrn -Hölty gefällig ist, nach Hause zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut. -Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen Schlüssel -und spräche: nun komme du nach Hause, wenn es dir beliebt, vor oder nach -Mitternacht, aber mir erlaube, zu Bette zu gehen.« - -Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein »Wir« von Madame Hölty. -Sehr kühl fragte sie daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?« - -»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie aufstand, »aber, -Madame Picard, der häusliche Frieden -- was thut man nicht, um den zu -erhalten? Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im Hause. -Dennoch sagte ich es meinem Manne heute bei Mittag -- ich war es wirklich -müde, ihn zu erwarten -- die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen. Ich -sagte ihm also, daß ich ihm von nun an sein Abendbrod an das Feuer setzen -würde, da könnte er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme -- -mich aber würde er zu Bette finden.« - -»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie ihm nicht sagen -wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig das Geschwätz. »Und was -antwortete Herr Hölty?« - -»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher Zank, und er würde -diese Nacht gar nicht nach Hause kommen, sondern mit Freunden auf die Berge -gehen.« - -»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden morgen Regen haben, das wird ihn -abkühlen.« - -»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« antwortete Madame Hölty. - -»Was, es ist ja kaum halb neun!« - -»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat ganz Recht -- man muß nicht -immer zu gut sein, man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame Picard, --- pflegen Sie sich recht -- ich werde Ihnen durch Louise sagen lassen, -wann ich meinen Thee gebe -- nochmals guten Abend.« - -»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, daß Sie noch so spät -gekommen sind.« - -Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen der deutschen Dame, die -ich ziemlich genau kenne. Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen -Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und zwar um so -toller, je später und -- belebter er nach Hause kam. Da nun die Deutschen -unmittelbar unter dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer -wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken förmlich -spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr Hölty in ganzen vollen Tönen -schnarchte, die arme Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde zu -schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders da sie am Tage auch -keine Ruhe hatte. Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden -Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang Louise, da tobte Georges -- es -war schon im dritten Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der Familie -auch noch hören -- das war ihr zu viel, und sie redete Madame gegen -Monsieur auf, damit Monsieur, gehörig gescholten, früher und -- weniger -schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen mit der Nachtigall Duette -singen möge. - - -Herr Leon. - -Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr Pellet, Sohn eines Vaters, der -gestorben war, und einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der -Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau seines Bruders war. Der -Vater war Advokat gewesen, die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen -sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und -- füllte ihn nicht -mehr aus, indem die Republik ihm für seine Dienste gedankt hatte. Man -flüsterte sich zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen -- unsere kleine -Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig, und -man weiß, daß man da nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich. -Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert haben -- Madame -Hölty wenigstens vertraute es der jungen Deutschen an, als diese Herrn -Leon zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt hatte. »Und sein -Bruder ist noch entschieden roth,« fuhr Madame Hölty fort, »zum großen -Zorne der Mutter, welche ultraconservativ ist.« -- »Das muß ein gutes -Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen abgeben,« bemerkte die Deutsche, -Madame Hölty machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen Auftritt -mitangehört -- Madame, Sie würden erschrocken sein, hätten Sie diese Mutter -gesehen. Sie hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen und -war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie im Frühjahr hierher zu mir. Herr -Leon besuchte sie auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal -- sie -war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er so gut wie sein Bruder wäre -im Stande, sie zu ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen in den -Familien hervor.« -- »Wenn Herr Pellet unabhängig von seiner Mutter ist,« -meinte die Deutsche. »Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die -sich etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen Parisers so -eingeweiht zu sein. »Herr Leon und sein Bruder haben nur das Vermögen des -Vaters bekommen -- die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und Herr Leon -- wie -die jungen Leute sind -- hat fast Alles ausgegeben und ist nun noch dazu -ohne Amt. Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen suchen -- auch -nimmt er sich ungemein in Acht -- widerspricht ihr nie.« -- »Das wird auf -Kosten des Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. -- »Was wollen -Sie, Madame,« meinte Madame Hölty, »Jeder für sich. Herr Leon hat eine -schwere Zeit bei seiner Mutter -- da ist's billig, daß er belohnt werde.« -»Sehr wahr -- ich wünsche ihm, daß er seine Mutter ganz verstricken möge.« - -Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen die Eaux-vives hinauf in -die Stadt. Es war gegen zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es -in Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das Bedürfniß, -einen Augenblick zu athmen, oder war's ein anderer Beweggrund, der ihn -veranlaßte, einige Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und sich -die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen nach dem großen Nervenzufall, -Pauline eben aufgestanden. In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete -Persienne blickend -- zufällig, mein Himmel, so zufällig wie möglich, -sah sie den jungen Pariser und wich mit einem Herzklopfen zurück, als -wäre sie bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah von der Seite -nach dem Hause hinauf, konnte jedoch hinter der Persienne nichts entdecken. -Pauline fühlte eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu -schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon sah zwischen den -grünen Brettchen eine ziemlich weiße Hand sich unruhig, fast ungeschickt -bewegen -- er wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty hatte heute -erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen mitgetheilt. Selbstzufrieden -ging der junge Mann weiter. - -Herr Leon war, wenn ich es denn offen sagen soll, ein Geck, wie es nur je -einen gab. In Paris konnte er keine große Rolle spielen -- er war eben nur -Nachahmer von Nachahmern, hatte nur eine erwähnenswerthe Liebe gehabt mit -der Tochter eines Generals, war mit einem Worte gänzlich unbedeutend. Als -er im vorigen Jahre bei Madame Hölty wohnte, kam er so wenig in die gute -Genfer Gesellschaft wie Madame Hölty hineinkam, und -- die Wahrheit zu -sagen, langweilte er sich gränzenlos in dem »Schooße der Familie,« wie -Bulwer sagen würde. Da lernte er eines Abends bei dem Scheine des -Mondes und der Glühwürmchen Madame Picard kennen. Sie war gerade nicht -ausgezeichnet hübsch, sie war auch nicht besonders unterhaltend, aber -neben Madame Hölty und in dem langweiligen Genf überhaupt war sie eine -Erscheinung, und Herr Leon stellte sich so geblendet, als habe er eine -neue Sonne entdeckt. Madame Picard war es wirklich. Gewiß ist es, ihr Name -konnte überall mit Herrn Leon in die Schranken treten, und der Preis -der bessern Haltung nicht allein, auch des hübschen Aeußern wäre ihm -geworden. An Kenntnissen, an Charakter war Herr Picard gleichfalls der -Ueberlegene -- Leon wußte so gut wie gar Nichts und war an Charakter -so gut wie Null. Aber -- er war Pariser, sprach von der Oper und seinem -Schicksal, von Kirchthurmrennen und innerlicher Einsamkeit, von Toiletten -und der Liebenswürdigkeit Paulinens. Der kleine Roman war angefangen, und -wenn er nicht fortgesetzt wurde, so lag das nicht an Leon, sondern an der -Gelegenheit. Pauline hatte keinen Salon, Leon durfte selbst nicht wagen, -ihr sogleich einen Morgenbesuch zu machen. Ein Brief seines Bruders, -bezüglich auf die Plane ihrer Partei, rief ihn unvermuthet zurück; er -reis'te ab, ohne Pauline öfter als zwei Mal gesehen zu haben. In Paris -vergaß er ihrer bald ganz -- Pauline dachte seiner um so eifriger -- es -war der erste Mann, welcher sich ihr als Anbeter genähert. In Genf giebt -es keine Anbeter für Frauen: die Seltenheit gab Leon einen unberechenbaren -Werth. So oft Herr Picard als Ehemann sprach, dachte Pauline an Leon und -sagte sich: »_er_ würde nicht so sprechen.« Es ist der beste Beweis -für Paulinens Unverdorbenheit, daß sie diese erste kleine Koketterie -so ungemein ernsthaft nahm, doch konnte auch eben darum Gefahr in einem -Wiedersehen Leons liegen. Er für sein Theil erinnerte sich der hübschen -Waadtländerin erst wieder, als er sich drei Abende nach einander mit -seiner Mutter und ihren Freunden aus Lyon bei Whist und Zuckerwasser -gelangweilt hatte. - - -Die Abendgesellschaft. - -Der große Tag kam. Madame Hölty machte im Salon ein mächtiges Geräusch. -Der Sopha wurde ganz anders gestellt, neben die zweite Thür, welche -unmittelbar in den Garten führte. Die Deutsche, welche in ihrem Stübchen -oben das Gerassel der Vorbereitungen gehört, kam herunter und gab ihr Wort -dazu. Zwei Lehnsessel waren vorhanden; sie ließ sie von der Wand an den -runden Tisch vor den Sopha rücken. Es ist in Genf Sitte, daß besagter -runder Tisch mit Büchern geschmückt werde, und zwar in der Art, daß die -Bücher gleich Radien eines Kreises liegen. Auch hier war es der Fall; alle -Bücher Louisens waren ausgebreitet. Die Deutsche meinte, das passe nicht -zu einer Soirée. Madame Hölty sah kläglich aus; im ganzen Hause gab -es keine andere Bücher. Die Deutsche entschloß sich kurz, holte aus der -Reisebibliothek ihres Mannes eine Menge Sprachlehren und Wörterbücher und -garnirte damit den Tisch. Die Kinderbücher wurden in eine Ecke einquartirt -neben einem schadhaften Damenspiel und einem ehemals eleganten Kästchen, -und der Salon hatte auf einmal eine ganz eigene Physiognomie, ein gewisses -»capables Ansehen« angenommen. - -Der Mittag ging wie gewöhnlich des Sonntags vorüber -- die Genfer lobten -Gott, indem sie in Paquis knatternd nach der Scheibe schossen, Herr Hölty -hatte am frühen Morgen Fische gefangen, welche nebst Rindfleisch und einem -Kuchen das Diner ausmachten. Die Kinder aßen den Gästen mehr fort, als -diesen lieb war, der Hund bettelte am Fenster und bekam Nichts -- es war, -wie es schon sechs oder sieben Mal gewesen war. Aber am Abend sollte es -anders sein. - -»Madame Picard wird wohl etwas früher kommen, um den Abend im Garten -genießen zu können,« sagte Madame Hölty. - -»Wer kommt noch außer Madame Picard?« fragte die Deutsche. Die -Engländerin konnte kein Wort Französisch, folglich auch keine Frage thun. -»Kommt Herr Picard auch?« fragte die Deutsche. - -Nein, Herr Picard war auf einer Reise, es kamen außer Madame Pellet und -Herrn Leon nur noch ein Ehepaar aus Lyon und die Nichte der Madame Hölty, -»die ein Stück spielen solle«. - -Die Deutsche lachte über die ungemein glänzende Versammlung. - -Ein Herz schlug dieser Gesellschaft doch entgegen, so lächerlich klein sie -auch war. Pauline aß kaum Etwas zu Mittag. Die Kinder wurden gescholten, -die Bonne bekam Verweise. Pauline war fieberhaft erregt, hatte Kopfweh. Ob -sie nicht lieber absagen sollte? Am Ende -- eine Soirée bei Madame Hölty --- Gott, man wußte ja, wie langweilig das war. Allerdings, heute waren -Fremde da. Von der Deutschen hatte Pauline schon viel gehört. Der Mann -sollte noch jung und sehr angenehm, die Frau eine gute Sängerin sein. -Dann die Engländer -- Pauline mochte Engländer leiden, sie waren meistens -originell, »und etwas Originalität thut einem in Genf von Zeit zu Zeit -Noth,« seufzte Pauline. Ja, der Fremden wegen wollte sie gehen. Und so -- -mußte sie sich anziehen. - -Welches Kleid? Putzen konnte man sich nicht gut, aber elegant mußte man -doch auch aussehen. Die beiden Fremden würden sich gewiß sehr schön -machen. Pauline entschied sich für ein schwarzseidenes Kleid, eine -elegante Collerette, eine nelkenrothe Cravatte. Ein schwarzes Tuch um den -Kopf wurde nicht vergessen, ein Ueberwurf angezogen, welcher den Wuchs gut -hervorhob, dann der Hut aufgesetzt -- Pauline wußte nicht, wie sehr er sie -entstellte, und hätte sie es auch gewußt, man kann doch in einer Vorstadt -von Genf nicht ohne Hut gehen. Pauline rief den Zwillingen, welche Georges -die Freunde Picard nannte, übergab Emil der Bonne, warf nachlässig hin, -sie werde bald wiederkommen, nahm den Sonnenschirm in die Hand und das -gleichgültige Gesicht an und begab sich =comme il faut= zu Madame Hölty. - -Georges nahm am Gartenthor die Zwillinge in Empfang; Louise, im weißen -Kleide mit blauer Schürze, eilte den Gang hinauf, wo die Mutter mit der -Deutschen war. Madame Hölty stellte »ihre Freundin« vor. Madame Picard -erschrak -- die Deutsche hatte weder Hut noch Handschuhe. Auf eine sehr -faselige Art freute sie sich, die Bekanntschaft Paulinens zu machen, -versicherte dann, sie könne unmöglich den schönen Abend vorbeigehen -lassen, ohne sich noch etwas zu rudern und lief an den See, wo ihr Mann -bereits einen Kahn losgemacht hatte. Madame Hölty führte Pauline an die -Gartenmauer, und sie sahen, wie das Ehepaar lustig in den klaren See und in -die laue Luft hinausruderte. »Das ist alle Abend ihr Vergnügen,« sagte -Madame Hölty, »wird sie müde, so rudert er allein -- nie fast fahren sie -mit Jemand sonst. Und das dort ist der Engländer, der fährt seine Frau -auch.« Pauline folgte den leichten Barken, deren jede ein allem Anschein -nach vollkommen glückliches Paar trug, mit dem Blicke eines stillen -Neides. Warum konnte sie nicht auch so fahren, gerudert von einem Manne, -der sie anbetete, gleichsam Königin in der Schönheit dieses Abends? Eine -Erbitterung gegen ihren Mann ergriff sie, wie sie noch nie empfunden -- -»an ihm rächen möcht' ich mich,« dachte sie. »Madame, wie glücklich -bin ich, Sie wiederzusehen,« sagte eine Stimme hinter ihr. Erröthet -wandte sie sich um. Leon Pellet stand da und begrüßte sie mit -ausdrucksvollem Blicke. Er hatte kein schönes Organ, aber er sprach in -reinem Französisch, und Pauline glaubte, eine Bewegung in seinem Tone -zu errathen. Er hatte auch kein schönes Auge, -- es war stechend und -bisweilen selbst zweideutig im Ausdrucke, aber er heftete es fest auf -Pauline, und sie bedurfte es in diesem Augenblicke so sehr, bewundernd -angesehen zu werden. So dünkten denn Auge und Stimme ihr liebenswürdig, -ja, sogar bestechend. - -Leon war mit seiner Mutter gekommen -- er war jetzt ein so guter Sohn, daß -er seine Mutter nie ohne die Stütze seines Armes gehen ließ. Aber die -alte Dame spazierte mit Madame Hölty in einiger Entfernung auf und ab, und -Pauline fand sich nicht veranlaßt, die ersten Schritte ihr entgegenzuthun. -Sie setzte sich vielmehr auf eine grüne Bank, die zwischen Rosen stand. -Leon stützte sich auf die Lehne. Pauline athmete laut auf -- sie hatte -jetzt auch einen Mann neben sich, der nur auf sie sah, nur mit ihr redete. -Allerdings war es nicht der ihrige, aber -- man kann nicht immer Alles -haben. - -Sie sprachen. Die Unterhaltung, welche Leon mit ihr führte -- es bedurfte -keiner Genferin, um sie zu führen, wenn nämlich die Genferinnen sich -wirklich durch größeren Ernst und tieferen Gehalt auszeichnen sollten. -Der See war das Thema, das uralte und alltägliche Thema, welches zum -tausendsten Male in derselben Art abgehandelt und abgewandelt wurde. Der -See war schön, wer wollte es läugnen? Das Gartengestade drüben lag -in prächtiger Dunkelheit auf dem violetduftigen Jura. Die Stadt links, -beherrscht von der zweithürmigen Kathedrale, war kraftvoll in die -gelbliche Glorie des Himmels gemalt. Rechts hin -- wie lieblich verliefen -nicht die Linien des Sees in die des Joral, und die Umrisse des Joral in -den rosigen Osten! Und die vielen Fahrzeuge, welche auf der spiegelhellen -Glätte in die Abendröthe schifften, rascher, langsamer, gewaltsam, ruhig, -bald mit blähendem Segel, bald blos mit flatternden Wimpeln, gerudert von -zwei, vier, sechs, acht Rudern. Ja, der Abend auf dem See war schön, aber -um das zu empfinden, brauchte man blos eine Seele, um es zu sehen, nur zwei -gesunde Augen. - -Pauline ließ die ihren melancholisch einer kleinen Peniche folgen, worin -eine Frau saß, während zwei Männer ruderten. »Ich möchte wohl,« ließ -sie fallen und hielt inne. -- - -»Auch so fahren?« fragte Leon. »Ja, diese Beweglichkeit lockt an -- -man möchte sich hineinmischen. Haben Sie keinen Kahn? Ich würde Sie mit -Vergnügen fahren.« - -»Mein Mann liebt Wasserfahrten nicht,« erwiederte Pauline. »Für mich -ist es eine Erinnerung an meinen heimathlichen See.« - -»Ist der so schön wie dieser?« lispelte Leon. - -»Für mich schöner. Doch natürlich heißt das mit den Augen des Herzens -sehen.« - -»Das beste Sehen, das richtigste.« - -»Nicht immer.« - -»Doch. Sobald Sie eine Person auf diese Art sehen, werden Sie ihr -Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Ein Blick gab dieser Redensart ihre -Anwendung. - -Pauline erhob sich, anscheinend in Verwirrung. Sie spielte so gut wie Leon, -nur eifriger als er. Er that's nur, weil er nichts Besseres zu thun hatte --- sie, weil ihre Phantasie dadurch ergriffen war. In ihrer Rolle lag es -jetzt, verstanden zu haben und auszuweichen; sie sagte leise, es werde kalt -hier am See. -- - -Leon lächelte -- es war ein unverschämtes Lächeln. Pauline nahm es nur -für bedeutungsvoll. Er bot ihr den Arm. Der große Salève sah aus seiner -blauen Höhe über die Bäume des Gartens herein. »Dort hinauf will ich -einmal,« sagte der junge Mann. »Waren Sie schon oben?« - -Pauline bejahte, setzte hinzu, sie erwarte binnen einigen Tagen Verwandte --- mit denen wolle sie abermals hinauf. »O dann --« sagte Leon. Er -erwartete eine Einladung; er irrte sich. Pauline kokettirte als Genferin, -d. h. mit genauer Beobachtung einer gewissen Scheidelinie. Leon konnte sich -ihr Entgegenneigen nicht mit ihrer Zurückhaltung zusammenreimen. Daß -er sie interessirte, daß sie jede Bewegung in der Absicht machte, ihm zu -gefallen -- er sah es -- warum lud sie ihn also nicht ein, sie auf den Berg -zu begleiten? Ach, jetzt hatte er es errathen -- die Verwandten! - -»Aber ich glaube, wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich. - -»Nun gut, was weiter?« fragte Leon, und drückte leise ihren Arm. - -Sie schien nicht darauf zu achten, sondern flüsterte mit beredtem -Augenniederschlage: »o, es ist hier nicht Sitte, einsame Spaziergänge am -Ufer des Sees zu machen.« - -Leon führte sie den andern Frauen nach und sagte ziemlich kühl: -»sprechen wir von Politik, da wird es unschuldig. Sind Sie noch immer so -entsetzlich streng gegen alle arme Demagogen?« - -Die junge Frau kam beinah aus der Fassung. »Antworten Sie mir doch,« -flüsterte er ihr zu, »man beobachtet uns dort.« Er deutete ihr mit den -Augen Madame Hölty an, welche eben die Lyonneser bewillkommnete, -dabei aber nicht wenig scharf nach der Seite schielte, von welcher das -verspätete Paar kam. Leon fragte wieder laut: »Nun, hat James Fazy immer -noch keine Gnade vor Ihren Augen gefunden, Madame?« - -»Monsieur Fazy,« rief Pauline, Feuer fangend, mit natürlicher -Lebhaftigkeit, »Monsieur Fazy ist eine Canaille.« - -»Wenigstens eine Canaille, die Verstand hat,« sprach Leon, etwas -betroffen. »Nur so läßt es sich erklären, daß die Conservativen, -welche in der Mehrheit sind, ihn dulden.« - -»Die Conservativen sind Schöpse!« rief Pauline wieder. - -»So verdienen sie geschoren zu werden,« sagte Leon. »Aber, Madame, um -Himmelswillen, wie leidenschaftlich sind Sie in der Politik!« Es ärgerte -ihn, daß sie in der Politik nicht so kühl Maaß hielt wie in der -Koketterie. Er wurde einsylbig, zerstreut. Umsonst setzte Pauline, nachdem -sie die Lyonneser begrüßt, den Spaziergang fort, umsonst fing der Mond -an zu scheinen, umsonst duftete das Geißblatt -- Leon blieb fremd. Pauline -wurde dagegen lebhafter, sie wollte ihn wieder so haben, wie er eben -gewesen war. Ganz ausschließlich mit ihm beschäftigt, kam sie endlich in -den Salon und wies ihm einen Stuhl neben dem ihrigen an. Leon setzte sich -und betrachtete den Fußboden. »Was ist Ihnen?« fragte Pauline leise. -»Nichts,« antwortete er mit einem sehr geschickt modulirten Tone. -Pauline hörte Empfindlichkeit über ihre Zurückhaltung, dabei Trauer, -unterdrückte Leidenschaftlichkeit heraus. Sie glaubte wirklich Leons Herz -erfaßt zu haben und nach Gefallen schmerzhaft oder freudig erschüttern -zu können. Gerührt ließ sie ihre Augen ihm allerlei Versicherungen der -Milde und Güte ertheilen. In diesem Augenblicke traten die Fremden ein, -die Deutsche zuerst, dann die Engländer. Madame Hölty verstand nicht, -die Wirthin zu machen; sie stellte die Fremden der Gesellschaft, aber nicht -diese jenen vor. Die Engländerin setzte sich bequem hin und ließ sich von -ihrem Manne unterhalten; die Deutsche tauschte mit dem ihrigen flüsternd -Bemerkungen aus. Auf Pauline und Leon deutend, sagte sie: »Ich glaube, das -ist das Ehepaar aus Lyon.« Sie erkannte, kurzsichtig wie sie war, Pauline -ohne Hut nicht wieder. »Nur sieht der Mann wie der Pariser aus,« wandte -der Deutsche ein. -- »Ja, aber der Pariser ist nicht verheirathet. Nein, -nein, das sind Herr und Madame Caille oder wie sie heißen, aus Lyon, und -Herr Pellet ist der junge Mann dort oben.« Zu gleicher Zeit flüsterte die -Engländerin gegen ihren Mann: »Das ist ein hübsches Gesicht -- ihr Mann -scheint sie sehr zu lieben.« Pauline gehabte sich auch wirklich wie eine -nicht lange verheirathete Frau; Leon neben ihr hatte ganz das stille Wesen -eines zufriedenen, aber gehaltenen Ehemannes -- man konnte nicht anders als -Beide für verheirathet annehmen. Die Deutsche fragte Madame Hölty, die -eben vorbeikam, wie lange sie es wären. Madame Hölty lächelte. »Das --- aber das sind ja --« und die Erklärungen. Die Deutsche lachte. »Dann -ist's eine hübsche kleine Courmacherei.« -- »Ja wohl -- wir haben es -schon voriges Jahr bemerkt, und mein Mann war sehr unzufrieden damit.« Die -Deutsche blickte Madame Hölty einen Augenblick scharf an. - -Pauline kam jetzt zu der Deutschen und bat und hoffte, sie möchte und -würde sich doch hören lassen. »Nach Ihnen, Madame,« antwortete die -Deutsche. »O, ich, Madame!« Alle kleinen nöthigen Weigerungen erfolgten, -dann setzte Pauline sich an den Flügel, ließ ihr Tuch flattern, ihre -Schultern arbeiten, ihre Augen spielen und ihre Walzer hören. Leon hatte -ihr Aufstehen eilends benutzt, um sich in den Eßsaal zu begeben und mit -Herrn Hölty einige Gläser Wein zu nehmen; als er darin befriedigt war, -kam er geräuschlos wieder und setzte sich auf den Sopha. Pauline ließ, da -sie ihn nicht erreichen konnte, einige Augenblitze zu dem Deutschen und dem -Engländer fliegen, die beide näher saßen. Leon bemerkte es und machte -sich innerlich lustig über die verlorene Koketterie, denn beide Männer -schienen mit Kaltblütigkeit wahrhaft gepanzert. Und doch war Pauline bei -Weitem hübscher als die Deutsche und die Engländerin, aber beide Frauen -gaben sich keine Mühe, und Leon fand sie auf einmal weit mehr der seinigen -werth. Mit der Engländerin konnte er nicht sprechen, da sie nicht seine, -er nicht ihre Sprache verstand; blieb also die Deutsche. Sie sang jetzt, -Melodien in vier oder fünf Sprachen. Pauline, welche befürchtete, die -Aufmerksamkeit könne sich ausschließlich auf den Gesang wenden, bewegte -sich mit ihrer hübschen Gestalt unaufhörlich bald da, bald dort. Vor Leon -stand sie mehrmals; seine Mutter machte ihr Platz, sie setzte sich neben -ihn. Sie hatte jetzt die Besonnenheit verloren und that alles Mögliche, -um sich »zu affichiren.« Leon war ungemein »Löwe,« d. h. erhaben und -gelassen. Nachdem er Paulinens Lebhaftigkeit eine Zeit lang ertragen, stand -er auf und nahm einen Stuhl neben der Deutschen, die eben heimlich mit -der Engländerin plauderte. Sie sah ihn kommen und belustigte sich über -Paulinens sichtliche Unruhe. Die hübsche Waadtländerin wußte erst gar -nicht, was sie machen sollte; dann lockte sie den Deutschen an den Flügel -und brachte ihn dazu, eine unserer schönsten Compositionen zu spielen, -wobei die Gesellschaft sich über alle Maßen langweilte. Leon saß immer -geduldig da und wartete auf die Gelegenheit, sich liebenswürdig zu zeigen. -Endlich war die gute Musik aus, Pauline ließ ihre Beredtsamkeit über den -Deutschen ergehen, Leon wandte sich entschieden zu seiner Nachbarin und -flüsterte ihr in den weichsten Tönen seine Bewunderung über ihren Gesang -zu. Pauline flatterte wie ein Vogel über Kohlen -- die Deutsche sah es und -ging, boshaft genug, in ein Gespräch mit Leon ein. Pauline überredete den -Deutschen, eines ihrer Walzerhefte dazubehalten -- es knüpfte sich so -eine Bekanntschaft an, -- die Deutsche erhob sich, um auf Leons Bitte ein -venetianisches Gondellied zu singen. Die arme Pauline -- sie allein war bei -diesem Spiel ernsthaft; Leon wünschte, eben so sehr wie ihr, der Deutschen -zu gefallen -- diese lachte innerlich herzlich, ebenso ihr Mann. Die -Koketterie ist wie das Feuer; man verbrennt sich, wenn man damit spielen -will. Pauline ward ganz verwirrt, ganz beängstigt; ihr war, als gehöre -Leon ihr, als müsse sie alle ihre Kräfte anstrengen, um ihn festzuhalten. -Mehr und mehr gab sie sich ihrer Aufregung hin und der ganzen Gesellschaft -ein ergötzliches Schauspiel. Erst als der Aufbruch da war, beruhigte ihre -aufgescheuchte Eigenliebe sich in Etwas; sie sah sich wieder als den Punkt, -auf den Aller Augen sich hefteten. Der Engländer half ihr den Ueberwurf -anziehen, der Deutsche dankte ihr für die Noten, Leon stand bereit, ihr -den Arm zu bieten. Wenigstens einigermaßen beschwichtigt trat sie hinaus -in die schöne Nacht. - - -Beim Nachhauseführen. - -Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das andere am Ende der -Eaux-vives. Eine Viertelstunde war's wohl von einem zum andern, besonders -wenn man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft, denn der Abend war -köstlich. An Sommerabenden versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie -am Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr behauenen Platanen. Es -war so spät, daß die Straße einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die -Gärten der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus diesen Düften -hauchte etwas Südliches Beschleunigung in das Blut. Der Mond leuchtete. - -Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung! Pauline ging, tief -athmend vor Erwartung, an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten -unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines Freundes und -Principals an ihrer rechten Seite trabte, störte sie wohl etwas, -beunruhigte sie aber nicht. Der Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon -sprechen konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie ernsthaft an -und sprach kein Wort. - -Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann sahen sie sich dann wieder? -Es konnte ja nur zufällig sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so -kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte. »Sie haben sich viel mit -der deutschen Dame unterhalten. Spricht sie gut?« - -»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte Leon gehalten. Er -sah Pauline ankommen. - -»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?« fuhr Pauline unruhiger -fort. - -»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem gewissen Nachdruck. - -»Sind sie allein das?« fragte die Unvorsichtige. - -Leon schwieg. - -»Trauen Sie uns kein Gefühl zu?« forschte sie dringender. - -»Ich achte die Schweizerinnen unbegränzt,« erklärte Leon. - -»Warum sollten Sie auch nicht?« gab Herr Hölty dazu. - -Pauline ließ sich wirklich reizen. »Ach, aber liebenswürdig sind wir -nicht, nicht sentimental, wie -- die Deutschen?« - -»Die deutsche Dame bei uns ist gar nicht sentimental, sondern sehr -vergnügt,« schaltete Herr Hölty wieder ein. »Das Schießen kann sie -nicht leiden, sonst ist's eine gute Person.« - -Leon benutzte diese Rede und warf in Paulinens Ohr: »Wenn Sie wollten --« - -Sie wurde wieder Komödienspielerin, that als zittere sie. - -Leon seinerseits ließ sich täuschen, glaubte die junge Frau berückt zu -haben, ihrer endlich sicher zu sein. Leise brachte er seine Finger an -ihre Hand, berührte diese mit einem Drucke, in den er Willen und -unwillkührliche Aufregung zugleich legte. Paulinens Eitelkeit war -befriedigt, aber kein Puls ihrer Hand klopfte schneller. Sie war in diesem -Augenblicke noch härter und unwahrer als Leon. Er ahnte das nicht; die -Eitelkeit, welche sie kühl und sicher machte, verwirrte ihn. Sein Athem -streifte glühend Paulinens Wange. »Wenn ich mich nicht getäuscht,« -flüsterte er, »wenn Sie für mich --« Pauline lauschte, mit ihren Augen -an seinem Munde hängend -- der gute Hölty wußte gar nicht, warum die -beiden Leute auf einmal so stumm wurden und suchte in seinem Kopfe nach -einer Rede, um das Stillschweigen zu unterbrechen. Leon fuhr fort: »Seit -vorigem Jahre denke ich nur an Sie, und Sie, Madame --« Pauline blickte -nieder wie in tiefer Befangenheit. »O mein Gott, wenn Sie nur einen -Gedanken an mich gehabt hätten -- wenn ich -- wäre es zu dreist, Ihr -Schweigen so zu deuten?« Sie schien Etwas murmeln zu wollen. »Sprechen -Sie nicht, ich bitte Sie -- Sie wissen, was das Schweigen mir sagen soll -- -ein Gedanke, wie wenig, -- für mich die Welt, für Sie -- ein Augenblick, -welchen Sie der Toilette abgewendet haben, -- bin ich nicht bescheiden?« - -Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu -- Leon war in dieser -Minute wirklich verliebt. Gern wäre er mit Paulinen wieder am Rande des -See's gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines Freundes -Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht von der Seite der hübschen Frau -und der -- war es jetzt ganz erwünscht, -- sie fürchtete sich beinah -etwas vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen Wächter zu verwünschen. -»Kann man unleidlicher sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie -an das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. »Wann darf ich -morgen kommen?« fragte Leon rasch und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm, -sah plötzlich wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen bin ich -noch allein und nehme keine Besuche an,« sprach sie gezwungen. »Von -übermorgen an ist Herr Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause -- -da wird er sich ausnehmend freuen.« -- »Sie sind ausnehmend -gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. Pauline grüßte -fürstingleich, nahm von den Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied. -Sie glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen zu haben, die -Stellung der angebeteten Gebieterin gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie -irrte. Leon verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, aber er -ärgerte sich nicht über eine Minute. Als Herr Hölty Madame Pellet und -der Lyonneser Familie gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen -hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu laufen, hatte Leon sich schon -wieder gefaßt, bot, kühl wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und -führte sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt zurück. - - -Ungewißheit. - -»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« sprach am Morgen nach der -Abendgesellschaft Madame Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche -abgefangen hatte. - -»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie würde sich dadurch -geschmeichelt fühlen, so wenig schmeichelhaft es eigentlich auch für -sie ist. Thun Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar nicht, -dann vergißt Madame Picard sie von selbst. Sie beachten heißt sie -befördern.« - -»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. Eine Stunde später stand -sie am Gitter von Paulinens Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame Picard? -Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken Sie sich, gestern hat man Sie -und Herrn Leon für ein Ehepaar gehalten!« -- »Ist es möglich? Wer, wer -denn?« -- »Wer denn anders als die Deutschen und die Engländer. Das ist -sonderbar, nicht wahr?« -- »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor -Freude. - -»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« bemerkte -schmeichlerisch die wahre Freundin. »Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg -machen lassen -- denken Sie, wenn Herr Picard --« - -»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken zurück,« sprach Pauline -stolz. »Allerdings, er würde zu weit gehen -- ich weiß nicht, was ihn zu -mir zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte hier -- man -sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; aber wieder einen hohen -Ernst annehmend, fuhr sie fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine -Pariserin bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die leichten, -welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. Ich will ihn -nöthigen, die Frauen in mir zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin -schon sagen wollte -- er hat mich gefragt, wann ich ihn annehmen könnte. -Ich habe ihm geantwortet --« und Pauline erzählte, was sie geantwortet. -Madame Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen haben,« sagte -sie. - -Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich den Hergang mit. »Also -haben Sie es doch nicht verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend. -»Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem Besuche gebeten -hat, ist das Wenigste, was er thun konnte; Madame Picard kann nach ihrem -gestrigen Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von ihm bekommt.« --- »Meinen Sie, Madame?« -- »Allerdings.« - -»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame Pellet nicht trauen,« -bemerkte die Deutsche gegen ihren Mann und den Engländer. - -»Was soll sie denn der alten Madame Pellet thun?« fragte der Deutsche. - -Lachend antwortete die Deutsche: »Ich verwechsele in einem fort die Namen --- die beiden Menschen müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal -haben. Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten würde, wenn ihre -liebe Madame Picard sich ein wenig compromittirte.« - -»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer. - -»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück. »Madame Picard oder -unsere liebenswürdige Wirthin?« - -»Das ist wohl kein Zweifel.« - -»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat allenfalls die -Erlaubniß zu kokettiren?« - -»Alles kein Zweifel.« - -»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen -- wollen? Warten wir's -ab -- es ist eine völlige Novelle -- Nichts fehlt, nicht einmal die -heuchlerische Vertraute -- Madame Hölty spielt sie mit möglichster -Natürlichkeit.« - -»Und wie wird das Ende sein?« - -»Ueberall wo anders würde es zu einem -- komischen oder höchstens -dramatischen Ende kommen, hier in Genf besteht das Ende darin, daß es eben -kein Ende giebt.« - -»In der That?« - -»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der Schweiz giebt es keine -Romantik.« Sie sagte das mit der vollkommensten Ueberzeugung. - -Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie gut sie errathen -worden, befand sich unterdessen zum zweiten Male vor dem Stacketenzaun am -Picardschen Garten. - -»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht wundern, wenn Herr Leon -Ihnen noch heute die glühendste Liebeserklärung schriebe.« - -»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem Entzücken, »die -Deutschen sehen Alles mit poetischen Augen an. Herr Leon denkt nicht daran, -mir eine Erklärung zu schreiben -- überdies würde ich sie auch ungelesen -zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre Würde besinnend, feierlich -hinzu. - -Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline den ganzen Abend, sowie -den ganzen nächsten Morgen über auf einen glühenden Brief von Leon. Es -kam kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard. - -Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich Genfer, fand er diesen Empfang -doch zu kalt -- es gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die -Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu werden -- die kommen -sollende Liebeserklärung ging ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch -nicht. Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, aber nur, um mit -seiner Mutter am Arm vorüber und zu Madame Hölty zu gehen. - -Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. Wollte er die Deutsche -wieder singen hören? Pauline hätte sich deßwegen beruhigen können, -die Deutsche sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an ihrer -Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche sah Pauline den jungen -Pariser vorbeigehen, immer fein spießbürgerlich die Mutter führend. -Da sie das Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in den -allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine Engländerin sogar -blieb nicht frei. Pauline hielt nun einmal Leon für unwiderstehlich und -glaubte, beiläufig gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie. - -Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut einen Besuch und sah, wie die -Sachen standen? Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden Frauen, -die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. Und warum erkundigte sie sich -denn nicht bei Madame Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel zu thun -mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen für Georges und Kleidern für -Louise! Madame Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein würde, -darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen. - -Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um die ihm geliehenen Noten -zurückzubringen. Pauline sprach während der Stunde, die sie ihn -festhielt, außer von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen -auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als einen sehr angenehmen Mann, -wunderte sich, daß er roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens -politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie schon gesagt, auch -nicht zu dem kleinsten Faden, der sie in dem Labyrinth von Leons völligem -Schweigen leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine Frau noch -nicht wieder gesungen habe. - - -Unvermuthet. - -Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh, Madame Hölty aber schon auf -und im Garten. Da hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen« -sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um und erblickte Herrn -Leon. - -»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte ihm die Hand, »so -früh! Was bringen Sie?« - -»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck von Behaglichkeit. - -»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein gutes, hoff' ich?« - -»O, das allerbeste.« - -Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde zum Hunde geschickt. Madame -Hölty war voller Erwartung. - -»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere Einleitung an. - -Verliebt -- Madame Hölty fühlte eine gewisse Unruhe -- wollte er sie zur -Vertrauten machen -- das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen. - -Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt, sehr verliebt, und -will heirathen.« - -»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?« fuhr Madame Hölty heraus. - -»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach und sah sie groß an. »Was -fällt Ihnen ein? Was sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen -will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen aus Marseille, mit -vielem Vermögen, aus sehr guter Familie.« - -Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon verläumdet, indem sie ihn -als Rothen schilderte -- er war der conservativste Mensch. Auch sah sie -ihn ganz verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr geschenkte -Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und seit wann, wie, wo sind sie -denn auf diesen Gedanken gekommen?« - -»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In Paris. Wie? Indem ich mich -verliebte und die Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger -Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen verlangt, und ich leider -beinahe Nichts mehr besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen, -damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich hergekommen und habe mich -so aufgeopfert. Nun, ich bin auch belohnt worden -- meine Mutter willigt -ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, -- wünschen Sie mir -Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt begleite ich nur noch meine Mutter nach -Hause, dann reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder drei -Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen zu können.« - -Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig; Leon war ihr -entschiedener Günstling. Plötzlich sah sie sehr erschrocken aus und -fragte: »Aber Madame Picard?« - -»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon. »Was ist's mit Madame -Picard? Ich habe ihr im Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie -wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau vorstellen zu dürfen.« - -Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung geheim zu halten, -konnte es nicht fehlen, daß sie zu Mittag ihre Fremden davon in -Kenntniß setzte. Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das ist -allerliebst -- die Novelle endet, wie ich gesagt, ohne Ende.« Dann wurde -sie ernsthaft und setzte hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger -wäre als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne haben. Ein -sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin war, als man ihr den Verhalt -verdollmetscht, ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den -Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt. Dann kam die Frage zur -Sprache: ob und durch wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen es -ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche. - -»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte Madame Hölty, auf einmal -zurückhaltend. »Sie scheinen sich wunderbare Gedanken über Madame Picard -zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob Herr Pellet heirathet -oder nicht.« - -»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen Recht,« sagte die -Deutsche nachlässig, im Innern aber ergriff sie jetzt für die arme -Pauline Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach, ohne -daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch einmal Stoff zu hämischen -Betrachtungen liefern soll.« Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort; -so heißt es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es plötzlich -nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen einen Besuch zu machen. Da, neben -der hübschen Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin, was sie -wußte. Die arme Pauline ward roth und blaß -- es traf sie unvermuthet. -Ihren Anbeter hatte sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein -Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich schlimm!« seufzte sie -innerlich. Die Deutsche sagte lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir -die Braut? Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe ich meinen -Mann noch tausend Mal dem verbesserten Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie -werden wahrscheinlich eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum, das -Ideal unserer guten Madame Hölty -- nun, der Geschmack ist frei, aber -hier, unter uns, nicht gut. Herr Leon riecht immer so grenzenlos -nach Taback.« Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann -unwiderruflich verurtheilt. - -Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb über den Löwen ihrer -Träume. Es ist gut, daß man sich so leicht fassen kann, wenn man eben -nur kokett gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie schelmisch: -»Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty wollte Nichts wissen. »Aber ich -weiß Alles,« sagte lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, -jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle. Ich möchte gern von seiner -Braut hören.« - -Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch mit Gleichmuth von -Paulinens Gleichgültigkeit. Madame Hölty ärgerte sich darüber; sie -hätte Paulinen »gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem -ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin keine Gelegenheit mehr zu -freundlichen Wünschen geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten -Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf kommen, weil er es zu -demokratisch fand. Wie man sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten. - - - - -Tagebuch in Schwyz. - - - Den 9. September 1849. - -Wie kommen wir hierher? Vorgestern und gestern waren in Einsiedeln zum -Geburtstag der Jungfrau achttausend Pilger, und alle sechszehn Glocken -läuteten mit geringer Unterbrechung von früh vier bis acht Uhr Abends. -Aus meinem Fenster sah ich unaufhörlich das Hinundwiederströmen, wie ein -buntes Schattenspiel, auf dem weiten, farblosen Platze zu unsern Füßen. -In schwerer Ermattung kamen die Weithergewanderten, auf dem Rücken ihr -armes Gepäck, auf der Stirn Staub, im Herzen wohl Kummer oder Reue, -tranken an jeder der Röhren, aus denen der heilige Brunnen strömt, und -gingen dann noch erst in die Kirche, bevor sie ein Obdach suchten, das zu -finden ihnen oft vieles Bitten kosten sollte. »Mühselige und Beladene« -dachte ich immerfort, und mir war's, als legte das ganze Leben -erdrückend sich auf meine Brust. Ein finsteres Gewitter stand hinter -den Tannenwäldern, starke Donner rollten linkshin in Glarus, das graue -ausgedehnte Kloster ward von grellen Lichtern schneidend beleuchtet. In der -Nacht glaubt' ich immer, es wolle mit seinen beiden gewaltigen Thurmarmen -mich umschließen und zu Tode pressen. Fort wollt' ich, fort, fort, -gleichviel wohin. Wir fanden einen Kutscher aus Brunnen und eben als -die Procession sich geisterhaft zu entwickeln begann, fuhren wir dem -Vierwaldstädter See zu. Mir war's gleich, ich sah Nichts um mich her, -ich weinte. Nach dem Mittag in Sattel wurde der steinige Weg für meinen -gemarterten Kopf so furchtbar, daß ich in Schwyz zu bleiben begehrte, weil -wir eher dorthin kommen sollten, als nach Brunnen. Der Kutscher meinte: es -sei schön da, »und do,« setzte er hinzu, »do isch Goldau.« Die -Stätte einer Verwüstung und einer solchen -- das weckte mich aus meinem -Stumpfsinne -- ich ließ den Wagen zurückschlagen, da lagen am Lowerzer -See die Rigi und der Roßberg und zwischen beiden in der Tiefe die -röthlichen Trümmer. Den ganzen Roßberg herab ist noch die Straße dieses -Unheils sichtbar -- mir gefiel's -- es war ein herb Gefallen. - -Hier empfing uns Herr Hediger, Wirth des nach ihm getauften Hotels, sehr -freundlich. Das Haus war ganz leer, uns willkommen, ihm nicht. Vor acht -Tagen hatte er noch einen Gast gehabt -- Herrn Fritzsche aus Berlin. Der -war schon im vorigen Jahre acht Tage hier gewesen und in diesem »bereits -wirklich« auf vierzehn wiedergekommen. Wir wurden Herrn Fritzsche's Erben, -d. h. wir bezogen die von ihm verlassenen Zimmer, und können nun -von seinem Balkon die vollkommenste, ich möchte sagen klassischste -Alpenlandschaft, die wir noch gesehen, überschauen und gleichsam studiren. - -Vor uns liegt, durchblinkt von der Muotta, das grüne Thal, von Schwyz bis -Brunnen. Rechts in der Tiefe der See, rechts von ihm der Timbel, näher zu -uns der Urmiberg, links von uns die schöne Frohnalp, gegenüber jenseits -der Urner Rothstock und das Buochshorn in Unterwalden. Es ist eine warme -gesättigte Vollendung in diesem Gemälde, eine künstlerische Abrundung, -eine unübertreffliche Verschmelzung des idyllischen Vorgrundes mit -dem großen, reichen Hintergrunde und der prachtvollen Einrahmung. Die -Ueberleuchtung erinnert uns an das Innthal -- derselbe reine, sonnige -Glanz, nur dort krystallener, hier schwingender. - - - Den 10. September. - -Der Flügel im Salon neben unserm Balkonzimmer steht einen ganzen Ton zu -tief. Ich begehre nach dem Organisten. Um acht Uhr werden wir heute durch -Spielen geweckt. Otto geht hin, findet einen jungen Menschen, der sich als -halber Stimmer gehabt, schickt ihn fort, bis ich aufgestanden. Nach der -hiesigen Mittagsstunde von halb zwölf kommt der kleine schönfrisirte -Mensch wieder. Ich empfange ihn als Organisten, aber er ist es nicht, er -ist »nur so für sich.« Der Sohn des hiesigen Schmiedebesitzers. Ein -Elegant von Schwyz, Musiker, -- wird bei der nächsten Kirchweihe den -Richard in der Schweizerfamilie singen. Ich kenne doch wohl die Oper? Eine -Jungfer aus Gersau singt die Emmeline. Sie hat »wirklich« neulich in -einem Concert auf dem Rathhause die Arie: »Wer hörte« mit allgemeiner -Zufriedenheit gesungen. Richard sagt natürlich »gesunga«. Der Pater -Placidus, vertriebener Conventuale aus Wettingen bei Baden, lehrt hier den -Gesang und läßt seine Schüler die Oper einstudiren, die erste Oper, -an welche die hiesige Liebhabergesellschaft geht. Das Orchester will noch -nicht recht schnell streichen und blasen, eine große Probe ist noch -nicht gewesen, die Mitspielenden können noch nicht ihre Nummern alle, die -Gertrud hat eine etwas schwache Stimme, aber das thut Alles Nichts -- die -Oper wird gehen. Dramen sind schon mehrere aufgeführt worden, und Richard -kann sagen: »bereits wirklich zum Vergnügen des Publikums«. Nun, -wenigstens doch Sinn für etwas Anderes als Milch und Käse. Im Hause sogar -ein Lesecabinet mit deutschen, italienischen und französischen Blättern, -eingerichtet vom Redacteur der hiesigen neuen Zeitung, einem Flüchtling -aus dem Aargau. Die damals im Aargau für den Sonderbund gekämpft, sind -jetzt noch proscribirt -- die Badener, welche ihre Fahne verlassen haben, -sollen von ihrem Fürsten mit der bereitwilligsten Artigkeit aufgenommen -werden, verlangen die freien, d. h. die radikalen Schweizer. Bei -Bürgerkriegen in einer Republik hat jeder Einzelne die vollkommene -Berechtigung, zu ergreifen, welche Partei er wolle -- sollte man meinen. -Behüte, die freien Schweizer meinen es anders. Der Sonderbund war ein -Aufruhr gegen die jetzige Regierung -- welche noch nicht eingesetzt war. -Die Fürsten, welche sich etwa noch erhalten haben, sind Rebellen gegen die -künftige allgemeine Republik. Also sei es, da der Unverstand es so haben -will. Otto hat mit dem Redacteur gesprochen. Der junge Mann prophezeit -einen Ausbruch nicht mehr gar zu fern, und zwar einen blutigen. Ich glaube -ihm, ich habe schon im vorigen Winter im Waadtlande und diesen Frühling in -Genf mehr denn zehnmal zu Schweizern gesagt: »Gebt Acht, nach oder vor der -Heimkehr von der Alp giebt's ganz unversehens wieder bei Euch einen kleinen -Familienkrieg, eine allerliebste, niedliche Contrerevolution.« So wird's -auch kommen -- im Sommer nicht, im Winter eben so wenig: im Winter ist's -gefährlich in den Pässen und zu kalt obenein, im Sommer muß gealpt, -geerntet, gekeltert werden, und die Schweizer sind viel zu praktisch und zu -vernünftig, um einer Revolution wegen ihre Geschäfte ungethan zu lassen. -Aber im Frühling oder im Herbst, im Herbst besonders, wenn Vieh und Ernte -unter Dach und Fach sind, dann erlaubt man sich wohl von beiden Seiten das -Vergnügen wieder einmal an einander zu stoßen, und dann -- so gelassen, -überlegt und gutmüthig im Allgemeinen die Schweizer sind, zum Todfeind -möchte ich keinen haben. Sie besitzen, glaube ich, im höchsten Grade die -allen phlegmatischen Organisationen inwohnende Fähigkeit zur Rache. - -Der Redacteur wohnt im Hause, neben seinem Zeitungscabinet. Vor acht Tagen -hat auch »bereits wirklich« noch ein alter Sprachlehrer hier gewohnt, -»ein melancholischer Pedant«, der Englisch, Französisch und Italienisch -gelehrt. Otto sagte: »Da wohnt ja Alles hier im Hause.« Richard -antwortete mit schweizerischer Gründlichkeit: »O nein, eben nicht -Alles.« Der Flügel steht noch, wie er stand. - - - Den 11. September. - -Herbstwind und Wolkenschatten ziehen über die Gegend, die ich noch gleich -bildschön finde. Aus lauter großen Verhältnissen ergiebt sich hier die -anmuthigste Umgebung. Der Mythen hinter uns hat an sechstausend Fuß -- -wir blicken an ihm hinauf wie an einer mäßigen Felsenwand, deren Farben -deutlich erscheinen. Die Gletscher in Uri sind zehntausend Fuß hoch -- wir -sehen den Schnee auf ihnen so nahe liegen, als dürften wir, um eine Schale -voll zu nehmen, eben nur hinüber. Der See scheint ein hübsches, kleines -Gewässer und ein Dampfschiff auf ihm nicht viel größer, als das -Kähnchen mit der eidgenössischen Fahne, welches wir in Baden für Marco -kauften. - - - Nachmittag. - -Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die Lawinenspur auf der Frohnalp, -schiebt die Alpen zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder -Dunkelheit. Der Schnee leuchtet heller zwischen den jetzt dunkelblauen -Zacken, und der See ist Lichtkräuseln. - - - Den 12. September. - -Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen mit den wildesten -Krämpfen. Ich schreie dann, es sei, weil ich so lange keine wirkliche -Schönheit gesehen. Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten -mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber gewiß thut auch viel, -daß ich seit Italien keinen Himmel, kein Meer, keine Rosen und kaum zwei -oder drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der Prosa gelebt, wie -in einem zu niedrigen Raum, daß -- o Süden und Schönheit! - -Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung sah -- drei Jahre -sind's nun. Was hab' ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt! -Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen Anblick, und die -Wirthin fragte, neugierig wie nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum -weint denn die Frau so?« -- »Weil sie aus Italien zurück soll,« -antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,« war ihr naiver Vorschlag. -»Ja, fahren's doch wieder 'nein in das Land der Malerei, oder -- in den -Himmel.« - -Ein Haus wird gebaut -- nicht für uns! Und warum wird's denn hier in -Schwyz gebaut? Wohnt man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen -trotz der aufzuführenden Oper und der neuen Zeitung so überflüssig im -jetzigen Jahrhundert vor. Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des -Mythens und sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick völlig -einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf' ein -- ich will dir ein -Wiegenlied singen. - - - Abends. - -Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem Irren auf Lazzaro erzählt: -»Ist er toll, oder sind wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz -prosaisch, oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt uns Alles -und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge das Herz so kühl, wie sie die -Stirn heiß macht? - -Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz. Man sieht es recht, wenn -zwischen Schweizern ein Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer -schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie -- der Tyroler ginge, -als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten Herrn sich wahrhaft -unabhängig. In einem Wort es auszudrücken -- die Tyroler sind ein -poetisches, die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk. - -Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun, gegenüber dem Mythen, um -dessen rothe Spitze schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten wir -uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm Steinzaune nicht -schauerlicher aussähe. Wonach wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist -eigentlich nur die Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte aus so -verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die Alpen. Die eigenthümliche, -gleichsam körperliche Stille der Luft, welche wir im Berner Oberlande -gefühlt, berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte; die Echo's -schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach. Das Jodeln klingt unnatürlich, es -ist das letzte Mittel, worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen; -sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung. Ein Mädchen -that es auch; wir sahen uns mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem -Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie. - - - Den 13. September. - -Der See tobt regenbogenglühend im letzten Sonnenscheine, der wie durch -Schleier schräg darauf fällt. Wir sehen es von hier, wie die Wellen -anschlagen, als wollten sie empor auf die brennenden Matten in Uri. - -Ein Veilchen von der Steinmauer eines Landhauses gab uns heute -Frühlingsduft im Herbste. Es hat hier Landhäuser, aber sie nehmen -sich auch eben nicht anders aus, als wie kühle, gesicherte, angenehme -Schlafwohnungen. - -Wer einen schwachen Magen hat, komme geschwind her in die schönste -Alpenlandschaft und in das schläfrigste Städtchen. Drei Apotheken -sind hier und nicht ein einziger Zuckerbäcker, und selbst das einfache -Weißbrod ist immer: vom Tage vorher. Es ist hier ein Eden ohne Versuchung. - - - Den 14. September. - -Heute ist in Einsiedeln große Abendprocession mit glänzender Erleuchtung -des Klosters. Wir wollten hin und in der Nacht zurück, aber ich bin noch -zu matt. - -Ein Blinder aus Stuttgart hat eben den Flügel glücklich auf den Kammerton -gebracht, was dem guten Instrument seit dem Tage seiner Existenz noch nicht -begegnet sein soll. - -Hellblauer Himmel, hellblauer See, sonniggrüner Vorgrund, dunkelblaue -Alpen, große, weiße Wolken darauf. - -Alte Zeitungen studiren wir durch. Sehen, wie's heillos gewesen in der Welt -diesen Sommer. Sind dadurch bedrückt noch außer unserm eigenen Kummer. -Deutschland, -- werde nur Deutschland eins mit Preußen, Preußen durch -Deutschland groß, mächtig und prächtig! Mir füllt's manchmal die Brust: -Preußens deutsche Größe sei das Räthselwort dieser zwei Jahre. - -In drei Monaten hunderttausend Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Was -für unreine Elemente in den Gährungsproceß, der sich dort allmählich -vorbereitet! - -Unser Herr Hediger möchte auch hin. Der Kulmwirth vom Rigi ist ebenfalls -europamüde. Sind die Schweizerwirthe närrisch? - -Nestroy schreibt noch Possen. Das heißt auch Charakter. - -Gegenüber liegt die Rütli, wo die drei Schweizer gegen Oesterreich -schworen. Ich möchte hier auch ein antiösterreichisch Gelübde thun, wenn --- ein Gelübde von mir Etwas hülfe. - -An die Welt thue ich jetzt täglich die Frage: Was wirst du einst für -meinen Knaben sein? - - - Sieben Uhr. - -Wir gingen träumend durch den Herbstabend im Schwyzerländchen. Es ist -voll von Sägemühlen und Kapellen. Eine von diesen besuchten wir; die -Weihkessel waren fast leer; inwendig über der Thür stand zu lesen: - - Heiliger Antony, bitte für uns Alle, - Daß uns und unser Vieh kein Schaden befalle. - -Unter Nußbäumen kamen wir nach Uetenbach und an die Muotta, dann zurück -am Bächlein, wo Vergißmeinnicht blühten. Das Bächlein murmelte, die -Mühlen klapperten, die Kapellen läuteten, die Nebel webten um den Mythen -und allenthalben, -- ganz betäubt langte ich wieder in unserm Balkonzimmer -an und wunderte der grünen und weißen Dämmerung gegenüber mich -immerfort, wie ich eigentlich nach Schwyz gekommen sei. - -Da bringen Aloys und Franzl den Thee. Es sind die beiden Knaben des Hauses, -Franzl ist im Elsaß gewesen und antwortet mir sehr schön mit »=oui, -monsieur=«; Aloys soll nach Italien, um zu einem Herrn »=si, signora=« -sagen zu lernen -- ich kann einen nie vom andern unterscheiden. - - - Den 16. September. - -Und so verlassen wir Schwyz. Das ist unser langes Bleiben, unser schönes -Stillsitzen, mein Schreiben auf dem alten braunen Tisch, wo es sich so gut -geschrieben hätte. Der Blinde giebt morgen ein Concert; der Flügel wurde -gestern Abend zu meinem größten Schrecken hinuntergeschafft, dann von -acht bis ein Uhr gespielt und geraucht. Aller Rauch stieg vermittelst -eines Wandschrankes als kühler Geruch in unsere Schlafstube hinauf; heute, -morgen wird's dasselbe sein, denn die Schwyzer sind um Schweizer, den -Blinden, her, wie Fliegen um eine Honigwabe. Außerdem versammelt sich -morgen auf acht Tage der Cantonrath, und fast alle Räthe wohnen im Hause --- wir fliehen. So oft wir fein bürgerliche Niederlassungsgedanken fassen, -geht's so -- wir sollen zur Nachkur reisen. Nun gut, man wird reisen. -Wohin? Wenn wir angekommen sind, werd' ich's aufschreiben. Die Schwyzer -Gesellschaft sahen wir gestern noch bei der Probe zum Concert -- die -hiesigen Sänger werden den Blinden unterstützen. Pater Placidus ließ -singen oder vielmehr brüllen: »Morgen marschiren wir«, und wettete mit -Richard um einen Schoppen, daß er heute nicht predigen werde. Der Tenor -nahm die Pfeife aus dem Munde und setzte das Glas Wein weg, um dünn und -feierlich zu singen: »Laura betet, Engelharfen hallen«. Richard versprach -mir einmal Abends: »'s Herz ist ein spaßig Ding« als eine prächtige -Arie hören zu lassen. Das maurische Ständchen, welches der Blinde -auf unser Verlangen in wunderbar freier Weise vortrug, wurde stürmisch -beklatscht; wahrscheinlich hielt man es für etwas »Apartes«, weil wir's -begehrt hatten. Richard fragte: »Haben Sie dieses Lied bereits wirklich -bei sich?« - -Die Gesellschaft war, wie man sieht, vollkommen was die Engländer =quaint= -nennen, dennoch gefiel sie mir gut -- die Schwyzer sind schmucke Leute, wie -wir Schlesier sagen. Sie rauchen ein Bischen viel Taback -- nun, man -muß eben im Sommer herkommen, wenn man die Fenster offen haben kann. -Ich scheide also mit guter Gesinnung von Schwyz -- es ist uns schon viel -schlechter gegangen als hier, und man ist gar freundlich gegen uns gewesen. -Den sechs Kindern hinterlasse ich die Krapfen, welche die guten Nonnen -in Kloster Fahr den Descendenten der alten Regensberge verehrt haben. Die -Gegend ruht im Sonnenglanz, wie da wir sie zum ersten Male sahen. - - - - -Im Mätteli. - - -Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten Badeorte, sondern -einer der hübschesten Orte überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün -und Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten. Da ist der -langgestreckte Lägern, auf welchem noch die Burg unsers Stammes steht, da -der Uetliberg, der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg, -beide lieblich waldig, der Schloßberg mit der schönen Ruine des -Steins, die ein klein wenig an Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem -Martinsberg der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer in -den malerischen Gehölzen die aufrechte Fluh und die goldene Wand, -Felsengruppen zum Malen, auf dem linken der Weg an den Sonnenreben oben, -der Platanengang unten, und das Alles ist voll Schatten, einladend einsam, -aber immer erfreuend durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal. - -Von allen den grünen und frischen Orten ist jedoch der grünste und -frischeste das Mätteli, dieses liebliche Buchengehölz, welches die -Senkung des Limmath-Ufers vom Martinsberge bis zum Hinterhofe bedeckt. -Zwei Wege führen hindurch, der eine höher auf die Straße nach Bruck, -der zweite zu mehreren Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen, -schillernden, schäumenden und rauschenden Strome. Auf diesem Wege kauerte -ich eines schönen Nachmittags, um einer jener langen braunen Schnecken, -welche kein Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen Stöckchen -den Rücken zu krauen. Es gehörte das zu meinen Vergnügungen im Mätteli. -Der Schnecke aber wollte es nicht gefallen -- sie zog sich verdrießlich -zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu diesem Kundgeben von -Mißbehagen gebracht, sah ich sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette -an. In diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau am Arm an mir -vorüber, der Mann groß, die Frau schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah -im Vorüberstreifen verwundert auf meine Stellung und meine Beschäftigung -herab; ich mochte mich sonderbar genug ausnehmen. - -Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an das letzte der -Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher Sitz, uns besonders lieb -war. Eine kleine Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber -unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden, weiter rechts über den -Winterbergen die goldene Wand -- man konnte gern hier sitzen und der -Limmath zusehen und zuhören. Aber heute war die Bank nicht frei -- eine -Frau in Trauer saß da und strickte. Getäuscht und ziemlich -übellaunig hockten wir auf den Kiesboden nieder und fingen an, Steine -entzweizuschlagen, was ebenfalls zu meinen Vergnügungen im Mätteli -gehörte. Die Frau beobachtete uns eine Weile; dann kam sie zu uns und -sagte: »=Vous paraissez aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?=« - -Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete ich ihr von der -Erde auf, daß ich leider ganz Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier -so mit den Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich genug -hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die Bank, und ich erklärte ihr, -um mich wieder etwas zu Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein -ausschließliches Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften später -zu studiren gedenke, und was dergleichen mehr war. - -Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über Bandello und das -sechszehnte Jahrhundert in Italien, da kam hinter den Buchen am Ufer -ein langer Mann hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas -gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe in einen Spazierstock zurück -und antwortete mürrisch genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug -ein, nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und ließ uns im ungestörten -Besitz der Bank. - -Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen wieder. Jaques fischte -abermals und fing wieder Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen --- die Frau war in Italien gewesen. - -Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo ist denn Madame Jaques?« -fragten wir uns -- so schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem -Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen Jaques und seine -Frau auf einem der kanotähnlichen Kähne an, mit welchen allein die -Limmath befahren werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine Forelle -gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier wieder durchgegangen, indem -es den Haken entzweigebissen hatte. Heute plauderten wir zu Vier und zwar -abermals von Reisen -- Jaques war in Constantinopel gewesen. - -Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame Jaques fast täglich im -Mätteli zusammen, d. h. Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine -Forelle gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald sie einmal -im Haken bleiben würde, sollte ich sie erhalten -- sie hat's aber nicht -gethan, und ich habe sie nicht gesehen. - -Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in welchem ich Alles bemerke, -was ich sehe, höre, denke, beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus -sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von mir lesen, und schickte -ihr meine kleine Novelle »Hedwig« mit einem Gruß =de l'auteur à madame -Jaques=. - -Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques einen allerliebsten Brief, -worin sie mir sagte, in mir sei Alles Originalität, das habe sie gleich -gewußt, als sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern gesehen. -Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, die sich leicht enthusiasmiren, -war ich von nun an ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte -öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor wußte auf einmal, daß ich -Bücher schriebe. Und wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten -erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor eine, die er selbst -erlebt, und zwar in Baden, wo wir eben waren. - -Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern nachzuerzählen ich -versuchen will. - - - - -Mys lieb Beat. - - -Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger Mann, Beat -Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln, sich in Zürich als geschickter -Portraiteur in Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer, -hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in Tyrol gut genug gelernt, fand -jedoch in der Schweiz wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung. -Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen jedoch wollten -nicht kommen. Beat war arm; der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn -nicht länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu sein. Der -natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich tüchtigen Menschen. Da man -keiner Statuen begehrte, kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war -glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit fing an, sich zu -finden. Ein Freund seines Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm -für Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch weit mehr Glück -gemacht haben, hätte er sich nicht den Liberalen angeschlossen. Dadurch -verscherzte er sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er -gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig wie die Jugend es -ist, glaubte er nie mehr zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen -gemäß leben zu können. - -Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter als jetzt. Beat hoffte -mit Recht, unter den Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als -Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also eine kleine Werkstatt -für den Sommer dort auf, Vagabond unter den Vagabonden. Seine Hoffnung -wurde gerechtfertigt -- er bekam eine Menge Portraits und sehr hübsche -Summen Geldes. - -In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen Erfolg wurde er eines -Tages zu einer alten Dame eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster -so geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte Dame war reich, -eitel und liebte es, die Gönnerin zu spielen. Beat ließ sich mit der -größten Unterwürfigkeit beschützen und kam so oft zu Tische, wie die -alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien er, geputzt und von -gehorsamer Liebenswürdigkeit. Die alte Dame lud immer einige Frauen zu -ihrem Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen. Als er in das -Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen, welche ihm noch fremd waren. Die -alte Dame nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern ein Fräulein -Marguerite von Gontran aus Freiburg. Beide waren Kostgängerinnen im -Kloster Fahr, zwischen Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der alten -Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter zu besuchen auch für -Marguerite auszuwirken gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster, -sich fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr bedurfte, da ihr -elterliches Haus ein vermögliches und geselliges gewesen war. Weshalb -man sie aus demselben nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein Kloster -gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch lernen solle, eigentlich aber, -um sie vom Hause zu entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu -gewöhnen. Sie hatte einen Bruder; der wünschte das Vermögen einst nicht -mit der Schwester theilen zu müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je -reicher der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz für diese. -Marguerite wußte nicht um diesen Plan; sie war ungern nach Fahr gekommen, -fühlte sich unheimlich, besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der -Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen Kostgängerinnen; aber die -Besorgniß, es solle für immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn -ich Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,« das war ihr -Gedanke und ihr Trost. Um diesen glücklichen Zeitpunkt recht bald -heranzubringen, lernte sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber -fehlte ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen Thränen ihre -langsamen und geringen Fortschritte. Je länger sie am Deutschen lernte, je -länger mußte sie in Fahr bleiben. - -Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer gewissen Entfernung -von ihr -- sie wollten nicht durch ihre größere Schönheit verdunkelt -werden. Marguerite war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich -zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und naiven, schwärmerischen -Augen, mit langem, dunklem Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde -gewesen wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht ein anderes -Mädchen über die Sprödigkeit getröstet, welche sie von den neidischen -Schwestern erfuhr, aber Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu -unverdorben, sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und trauerte -oft, wenn sie sich so schön und so gemieden sah. Sophie allein hatte -sich ihr angeschlossen, vielleicht aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus -Sorglosigkeit, vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man sah überall -ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen neben dem poetischen Kopfe -Margueritens. Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft, -welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles gethan und -geopfert hätte, was in ihren Kräften lag. Sophie faßte zum Glück die -Freundschaft nicht von der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite -sollte mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite lachte und -plauderte so gern, daß sie immer wieder vergaß, wie sie ja Deutsch zu -lernen habe. Fiel ihr das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen, -machte Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie, ihr behülflich -zu sein. Sophie versprach es feierlich, wollte es ehrlich, und Alles -zwischen den beiden jungen, guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie es -war. - -Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen bei der Großmutter hatten -die Kinder sich schon wochenlang gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder -ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann kommen, ein Schützling -der Mama, ein Künstler, etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren -sie neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer war nicht schön, doch -konnte er wohl gefallen, besonders jungen Mädchen, die noch kaum einen -Begriff von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl, wie Marguerite -waren im Kloster groß geworden, immer nur in Frauengesellschaft gekommen, -selbst Marguerite bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie eine -Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte ihnen herrlich, selbst die -etwas geneigte Haltung gefiel ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig -aus, meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch kein Wort aus dem -großen Wörterbuche des Leidens verstanden, denn was war Margueritens -Gram? Die flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth klang den -Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein, gedämpft und süß. Beat -mußte schwermüthig aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den -Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber jetzt war er vollkommen. -Seine hohe Stirn, seine gerade, strenge Nase, sein glattes, langes, -schwarzes Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles entzückte -sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung, wie man beobachtet hat, -charakteristisch an den Eingebornen seiner Gegend, selbst die sollte -vornehm und fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles ernstlich -und wichtig zu, während Beat sich mit seiner ehrwürdigen Gönnerin und -einer ernsten jungen Frau unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu -Mellingen und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer billigend, doch -warm und redlich geneigt war. - -Während der junge Mann so der Gegenstand des heimlichen mädchenhaften -Beobachtens war, stahl auch sein Blick sich fort von den Frauen, mit denen -er redete. Marguerite hatte ihn geblendet. Noch nie hatte er eine lebendige -Schönheit so vollendet gesehen. Sie zog den Künstler unwiderstehlich an, -sie reizte den Jüngling mit einer neuen heftigen Sehnsucht. Er hätte sie -zugleich als Modell und als Geliebte rauben mögen. Madame Linder gewahrte -den Eindruck, welchen die schöne Freiburgerin machte, mit Wohlgefallen. -Die alte Dame gehörte zu den Hausherrinnen, welche in jedem Gast etwas -Auserlesenes einladen wollen. Wie sie vorher die Mädchen auf Beat -neugierig gemacht, so rühmte sie jetzt das Fräulein von Gontran als -reiches, schönes, vornehmes Mädchen, als das vergötterte Kind anbetender -Eltern, als die glänzendste Partie für den Mann, der so glücklich sei, -ihre Neigung zu gewinnen. Es hätte nicht so vieler Worte bedurft, wie -sie verschwendete, um den ehrgeizigen Beat zu dem brennenden Wunsch zu -stacheln, der Glückliche zu werden, welchen sie schon im Voraus pries. Der -Schwiegersohn einer begüterten, einflußreichen Familie -- welche Zukunft -für sein Talent, welcher Horizont von Ruhm und Ehre! Wie an das Gestirn, -welches diesen Himmel erleuchten sollte, hefteten des doppelt begehrlichen -Künstlers Augen sich an Marguerite. Sie war ganz Natur und Unschuld: -ergriffen, verwirrt, selig senkte sie ihre Augen, um nicht zu sehen, wie -sie angesehen werde. Sich zu sträuben gegen die neue Wonne, den dreisten -jungen Mann auch nur durch scheinbaren Ernst in Schranken zu halten, -fiel dem wahrhaften Wesen nicht ein; sie kannte noch keine künstlichen -Pflichten. Madame Linder schmunzelte und seufzte in Erinnerung ihrer -Jugend, Sophie neckte Marguerite mit Ausgelassenheit, nur die Frau des -Arztes sah ernsthaft darein; ihr mißfiel diese Liebelei, obwohl sie weit -entfernt war, ihr eine tiefere Bedeutung beizumessen. Eigenthümlich genug -war es, daß der Austausch dieses plötzlich entsprudelten Gefühls ganz -allein durch Blicke vor sich ging, denn wie Marguerite nicht Deutsch, -konnte Beat nicht Französisch. Es erregte diese gegenseitige -Unbeholfenheit die Laune der alten Dame und die laute Fröhlichkeit -Sophiens. Sie bemühten sich Beide, die Hülflosen durch Dolmetschen in ein -Gespräch zu bringen. Es ging nicht; Marguerite war zu verschämt und -Beat zu verliebt; er zog es vor, sie nur anzusehen, und sie sprach durch -Erröthen und Lächeln wahrlich lieblicher, als durch den etwas großen -Mund Sophiens. Als es gegen Abend kam, mußten die jungen Mädchen nach -dem Kloster zurückfahren. Freundlich, wenn auch etwas pomphaft und -umständlich lud Madame Linder Marguerite ein, ihren Besuch zu wiederholen. -Marguerite sah Beat an und versprach, eine helle Freude auf dem schönen -Gesichte. Der junge Mann half den Mädchen in den Wagen und drückte dabei -Margueriten lebhaft die Hand. Unschuldig erwiederte sie den Druck; ein Bund -zwischen ihnen war so gleichsam schon geschlossen. - -In das Zimmer zurückgekehrt, ergoß Beat sich in feurigen Lobpreisungen -Margueritens und erklärte, daß er ganz und gar verliebt sei. Die alte -Dame lachte auch jetzt und ermunterte ihren Günstling zum Beharren und -Heirathen, Madame Sinnich aber, so hieß die Frau des Arztes, äußerte -sich noch mißvergnügter als vorher. Bodenwieler würde sich da Etwas in -den Kopf setzen, was doch immer eine Einbildung bleiben müsse, meinte sie; -Madame Linder sollte ihn lieber wegen seines Uebermuthes schmälen, als ihn -darin bestärken! Beat, welcher vor der strengen, praktischen Frau eine Art -Respect hatte, suchte sie zu beschwichtigen und das Ganze als einen Scherz -darzustellen. »Ich will's um Ihretwillen wünschen,« sagte sie, nicht -vollkommen überzeugt. Am Abend bei ihrer Zurückkunft erzählte sie ihrem -Manne davon. Der nahm es leichter und lachte über die Schilderung, -welche sie ihm von Beat's Gehaben machte. »Es ließe sich ein Lied darauf -dichten,« sprach er. »Du denkst immer nur an Verse,« sagte die -Frau unzufrieden. Der Doctor malte sehr gut Landschaften und dichtete -allerliebst im Dialekt; die Frau mochte das nicht, hatte vielleicht auch -aus dem Grunde Beat nicht besonders gern, nämlich im Hause, sonst gönnte -sie ihm alles Gute. - -Beat lief unterdessen in seinen Freistunden wie toll in den schönen -Umgebungen von Baden umher. Er war wirklich verliebt, aber freilich nur -halb in Marguerite, halb in das reiche Mädchen. - -Marguerite dagegen liebte ihn von der ersten Stunde an und liebte nur -ihn. Sophie, die heute zum ersten Male etwas eifersüchtig auf Marguerite -geworden war, legte umsonst Nachdruck auf seine Armuth, wie er ein -aus Barmherzigkeit erzogenes Waisenkind sei, und so fort. Marguerite -erwiederte: »Die Waisenkinder sind des lieben Gottes Kinder.« Sie betete -am Abend für den armen Beat, der keinen Vater und keine Mutter habe. Es -war kein Gebet für eine zukünftige Nonne, aber gewiß eines für den -Himmel der Liebe. Marguerite glaubte Reichthum und eine Familie zu besitzen -und sehnte sich mit ungeduldiger Zärtlichkeit, dem bedürftigen Beat -zu geben, was ihm mangele. »Wann,« dachte sie, »wann werde ich ihn -wiedersehen, um ihm zeigen zu können, daß ich ihn liebe?« - -Diese Gelegenheit hatte sie bald. Kloster Fahr liegt ganz vereinzelt, nur -ein Gasthaus theilt mit ihm die Einsamkeit an der Limmath. Da dieses Haus -ein beliebter Vergnügungsort ist, konnte Beat öfter herkommen, ohne -anfänglich Aufsehen zu erregen. Die Kostgängerinnen wurden nicht sehr -streng gehalten und durften unter der Aufsicht einer Schwester spazieren -gehen. Mehrere Tannenwäldchen liegen in der Nähe; Beat konnte sich -verbergen, bis der Zug der hübschen Kinder herankam, dann sich wie -zufällig zeigen, mit Margueriten einen Blick wechseln. Leider erkannte -auch Sophie ihn, und Sophie war neidisch darüber, daß Marguerite von -einem Liebhaber verfolgt werden sollte und sie nicht. Die ersten Male -schwieg sie noch; sie schämte sich, Marguerite zu verrathen. Aber als Beat -sich häufiger sehen ließ, als Marguerite, die sich Sophiens veränderte -Gesinnung nicht vorstellen konnte, immer offener und feuriger von ihrem -Geliebten sprach, da siegte der Neid, und Sophie machte mehrere ihrer -Gefährtinnen darauf aufmerksam, daß Beat, welchen sie bisher für eine -Art allgemeinen Anbeter genommen, leicht nur Margueritens wegen auf allen -Spaziergängen sich finden lassen dürfte. Mehr bedurfte es nicht, um alle -die jungen Augen scharf zu machen, und gewiß, Beat schlich allein wegen -Marguerite auf allen Seiten ihnen vor oder nach. Das verdiente Strafe; -geschickt, um jeden Anschein der Angeberei zu vermeiden, wurde die -Arglosigkeit der Klosterfrauen aufgeweckt. Die guten Seelen -- daß in -ihrem Kloster eine Liebesgeschichte spielen sollte, war ihnen ganz neu und -wie unbegreiflich. Indessen sie überzeugten sich: Beat schlich dem -Kloster immer näher; es war ihm sogar gelungen, an der Mühle, welche die -Klostereinfriedigung gegen das offene Feld zu abschließt, mit Margueriten -eine Zusammenkunft von einigen Augenblicken zu haben. Das junge Paar hatte -hierfür blos dem besondern Fatum der Verliebten zu danken, Marguerite war -von innen und Beat von außen an die Mühle gekommen -- das war Alles, aber -im Kloster sah man darin eine geschickt ausgeführte Verabredung und die -Gefahr nah und dringend. Man rathschlagte, ob man das junge Mädchen in ein -scharfes Verhör nehmen solle, fand es aber dann für besser, ohne sie erst -einzuschüchtern, gleich an die Familie zu schreiben und dieser das Weitere -zu überlassen. Marguerite wollte man einstweilen nur gut bewachen, -und daß dies geschehe, wandte man sich an den frommen Eifer ihrer -Gefährtinnen. Die jungen Mädchen waren entzückt, das nunmehr im Auftrage -thun zu dürfen, was sie bisher im Geheimen gethan. Sollte man aus dieser -Bereitwilligkeit nicht auf wirkliche Gehässigkeit gegen die Fremde und die -Schönere schließen? Und doch war es sicher nur jugendliche Eifersucht auf -»den Liebhaber«. Hätte man allen den jungen Neiderinnen der Reihe nach -den Künstler angeboten, Keiner würde er recht gewesen sein, Keine ihn -gewollt haben. Aber Marguerite sollte nicht lieben und nicht geliebt -werden. - -Das arme Kind, sie fand sich in dem Hause, dessen Sprache sie nicht -verstand, welches ihr daher nie heimlich gedünkt, jetzt doppelt -unheimlich, doppelt verlassen. Nie mehr ließ man sie allein, nicht nur -jeder ihrer Schritte, jede ihrer Mienen wurde belauert. Für das Kloster -war es eine Pflicht, Etwas zu verhindern, wovon es mit Gewißheit annehmen -konnte, die Familie Margueritens würde es als ein Unheil und eine Schande -betrachten. Doch die arme Marguerite, mit dem Kopfe, der nicht rechnete, -mit dem Herzen, das zu seinem Beat wollte! Der junge Mann war nicht weniger -beunruhigt als seine Geliebte, wenn er auch innerlich minder litt. Während -mehr denn acht Tagen war es ihm nicht mehr geglückt, sie auch nur von -Weitem zu sehen. Geängstigt und verstört, wollte er sich bei seiner -großen Gönnerin Trost erholen, aber die alte Dame empfing ihn sehr -schlecht. Sophie hatte ihr etwas übertriebene Mittheilungen gemacht, und -sie erklärte dem jungen Armen unumwunden, ein kleiner Spaß habe nichts -geschadet, aber im Ernst sei er nicht für Fräulein von Gontran. Noch -mehr niedergeschlagen kam er nach Mellingen, aber auch da hörte er nichts -Erfreuliches. Der Doctor rieth ihm sehr ernstlich, von einer Thorheit -abzustehen, durch welche er sich und das Mädchen unglücklich machen -werde, und die Frau wollte es schon unverzeihlich finden, daß er so weit -gegangen. - -Im Kloster war inzwischen Margueritens Bruder angelangt. Die Schwester -empfing ihn nicht ohne Furcht; als sie aber vernahm, er sei gekommen um sie -nach Hause zu holen, warf sie sich ihm mit Thränen der Freude um den Hals. -Wenn sie nur wieder bei den Eltern war, da wollte sie so bitten, daß -Beat in das Haus eingelassen und sie glücklich würde. Daß er ihr folgen -würde, bezweifelte sie gar nicht erst: es verstand sich von selbst. -Vom Kloster nahm sie einen frohen Abschied, von Sophie einen traurig -vorwurfsvollen. Anders die abgefallene Freundin zu strafen, vermochte sie -nicht -- sie war gar zu weich -- ein Herz, recht geschaffen, um gequält -und gebrochen zu werden. - -Unterwegs fing der Bruder bald an, sie um ihren Beruf für das Klosterleben -zu befragen. Zutraulich und offen erklärte sie ihm, sie habe keinen, -dagegen eine herzliche Neigung, welcher sie durch eine Ehe Genüge gethan -wünsche. Der Bruder gab ihr zu bedenken, daß sie ja im Kloster auch ihrem -Vergnügen gemäß leben könne. »Wie oft findet das nicht statt,« setzte -er lächelnd hinzu. Die unschuldige Schwester verstand ihn nicht; sie -antwortete: »Ich würde nie mein Vergnügen im Kloster haben -- im -Gegentheil, ich würde schrecklich unglücklich sein -- wenn ich nicht gar -vor Gram stürbe.« Und zum ersten Male von dem Gedanken erschreckt, ihre -Familie könne ihr am Ende eben so feindlich sein, wie man ihrer Meinung -nach im Kloster ihr gewesen, fragte sie ängstlich und aufgeregt: »Man -will mich doch nicht etwa zwingen -- sage mir, könnte die Mutter -- Gott, -sie war immer so gut gegen mich -- könnte die das wollen?« - -Der junge Gontran wollte ausweichend antworten, aber sie rief mit einer an -ihr ganz ungewohnten Heftigkeit: »Sag' es mir nur gerade heraus -- lieben -sie Dich mehr, und soll ich aufgeopfert werden, wie es auch einmal einem -jungen Mädchen geschehen ist, die in's Kloster mußte, damit der Bruder -reicher würde -- verlangt man das von mir?« -- »Es ist das sehr häufig -der Fall,« sagte der Bruder kalt; »junge Mädchen, die ihre Familien -lieben, thun freiwillig ein Gelübde, welches die Zersplitterung des -Vermögens verhindert.« -- »Nie, nie werde ich das thun. Es ist -unnatürlich, barbarisch.« -- »Wie es Dir gefällt; sag' es, wenn -wir ankommen, dem Vater und dem Abbé, und höre, was sie Dir antworten -werden.« - -Der Abbé Lallemant war der Beichtvater des Hauses und für Marguerite von -jeher ein Gegenstand der Furcht gewesen. Er hatte es veranlaßt, daß man -sie nach Fahr gebracht, und nun sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr ihm, -dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten haben, vielleicht ohne auf Hülfe -hoffen zu dürfen, selbst von ihrer Mutter. Die arme Marguerite fror in der -Seele; ihr war es, als sitze ihr Feind und nicht ihr Bruder neben ihr. Doch -gab sie darum weder ihren Willen auf, noch ihre Liebe verloren; ihr war nur -bange vor der Heimkunft, auf die sie sich so gefreut, vor dem Elternhause, -wo man sie nicht mehr wollte, vor dem Streit, den sie erwartete. Der junge -Gontran saß still und mürrisch und ließ die Schwester sich quälen, so -viel sie mochte. Sie quälte sich sehr, aber sie faßte sich auch; »Gott -wird mich nicht verlassen,« dachte sie, »es ist für ihn.« - -Gegen Abend kamen sie in Solothurn an und fuhren bei dem Kloster der -Visitantinerinnen vor. Es fiel das dem jungen Mädchen nicht auf; sie hatte -bei der Hinreise auch hier geschlafen; die Aebtissin war eine Bekannte -ihrer Mutter. Der Bruder nahm flüchtig Abschied von ihr und sagte ihr, -sie möge sich morgen bei Zeiten fertig halten, er werde sie so früh wie -möglich abholen. - -Marguerite schlief nicht viel und war mit dem Tage bereit. Aber der Morgen -verstrich, und der Bruder kam nicht. Das junge Mädchen ward unruhig, ohne -jedoch Argwohn zu schöpfen. Der Bruder konnte verhindert sein. Als er -indessen um Mittag noch nicht da war, wollte sie eben bitten, man möge -nach ihm schicken, da ward sie zur Aebtissin gerufen, die sie am -vorigen Abend nicht gesehen. Die würdige Frau empfing das Mädchen mit -mütterlicher Zärtlichkeit. »Du gehörst uns an, meine Tochter,« sagte -sie; »Dein Bruder hat mir heute Morgen den Wunsch Deines frommen Herzens -eröffnet -- gern nehme ich Dich auf.« Marguerite, starr, antwortete nicht -gleich; sie überlegte im Stillen, ob solch ein Verrath von einem Bruder -möglich sei. Endlich fragte sie: »Und hat mein Bruder gesagt, ich wolle -in das Kloster?« -- »Nichts anders,« erwiederte die Aebtissin. -- »O, -dann vergebe ihm Gott!« rief Marguerite schmerzlich. »Er hat gelogen, -mich und Sie belogen, uns Beide gleich. Ich erwartete ihn heute, damit er -mich nach Hause bringe, und statt dessen -- o, Gott erbarme sich meiner, -denn von meinen Nächsten bin ich verrathen!« - -Eine Schlechtigkeit ahnend, tröstete die Aebtissin mit milden Worten das -weinende Mädchen. Auf die wiederholte feierliche Versicherung, nie solle -sie mit Gewalt hier zurückgehalten werden, eröffnete Marguerite der -würdigen Frau voll reinen Zutrauens alles Geschehene. Die Aebtissin -lächelte bei den naiven Bekenntnissen der kleinen verliebten Unschuld, -sie runzelte die Stirn, als sie von den Vorstellungen des jungen Gontran -vernahm. Als Marguerite geendet hatte und mit der Furcht einer Taube zu ihr -aufschaute, sagte sie beruhigend: »Mache Dir keine Sorge, mein Kind, Du -sollst nicht hierbleiben müssen; noch heute schreibe ich an Deine Mutter, -und wenn ich Dir auch nicht versprechen kann, es soll gleich Alles nach -Deinen Wünschen gehen, so will ich Dir doch keineswegs die Hoffnung für -später untersagen. Gott hilft seinen Kindern und will keine erzwungene -Opfer.« - -Marguerite hoffte. Die Aebtissin schrieb. Keine Antwort kam. Sie schrieb -wieder. Jetzt erfolgte ein Brief, bedrohend für die ungehorsame Tochter. -Die Mutter hatte vergessen, daß auch sie jung gewesen und geliebt. Diese -Vergessenheit der Eltern ist ein Fluch für die Jugend der Kinder, und --- wie häufig! Marguerite auch sollte darunter zu Grunde gehen. Was ihre -Mutter nicht länger war, das ward die Aebtissin. Wieder und wieder schrieb -die edle Frau, abmahnend, bittend, dringend. Bis ihr das schwere -Werk gelungen sein würde, unnatürliche Eltern wieder zur Natur -zurückzuführen, behandelte sie Marguerite ganz wie ihre Kostgängerin, -ließ sie an allem Unterricht Theil nehmen und gönnte ihr zugleich die -größte Freiheit. Die Gontrans waren mit mehreren Familien in Solothurn -bekannt; zu denen durfte Marguerite ungehindert, so lange sie freundlich -empfangen wurde. Das hörte indessen bald auf; man fürchtete, mit den -Eltern in Unannehmlichkeiten zu gerathen, wenn man die Tochter, welche sich -auflehnte, zu begünstigen schiene. Marguerite lernte gleich in dem ersten -Kampfe mit dem Leben die Menschen recht verschieden kennen -- die Mehrzahl -so feig in der Theilnahme, nur einige Wenige voll Muth zur Güte. Von -diesen war die Erste die Aebtissin, dann bezeigte der Arzt des Klosters -sich unverändert herzlich gegen das junge Mädchen, und je auffallender -andere Familien Marguerite abwehrten, je häufiger kamen die Einladungen -von ihm. Eines Tages schickte er schon früh und ließ bitten, Marguerite -möchte zu Mittag kommen dürfen. Die Aebtissin erlaubte es; Marguerite -trat um zwölf Uhr in das Wohnzimmer ihrer neuen, aber aufrichtigen -Freunde. Ein Schrei entfuhr ihr -- Beat stand da, breitete ihr die Arme -entgegen. Trunken von der plötzlichen Lust warf sie sich hinein: es war -die erste Umarmung, der erste Kuß. Als Marguerite wieder denken konnte, -wußte sie nicht, wo anfangen mit Fragen -- wem verdankte sie dieses Heil, -wie kam Beat hierher, wie hatte er erfahren, was mit ihr vorgegangen? Beat -konnte Alles leicht erklären; Solothurn war nicht so weit von Baden, -daß ein solcher Vorfall wie Margueritens Verlassenwerden nicht hätte -hindringen sollen. Beat vernahm es kaum, als er sein Atelier in Baden -aufhob, seine Geschäfte möglichst in Ordnung brachte und nach Solothurn -kam, wo er in dem Arzt des Klosters einen Jugendfreund hatte. Er hoffte -durch des Freundes Vermittelung wenigstens Nachrichten von Marguerite zu -erhalten; der Freund, aufgebracht über das Verfahren der Familie Gontran, -versprach ihm noch mehr -- eine ungestörte Zusammenkunft. Die hatten -sie jetzt, und Beat trug Sorge, daß die kostbaren Stunden nicht blos in -Liebeständeleien verschwendet wurden. Mit Hülfe des Arztes, welcher den -Dolmetscher spielte, vereinigten die Liebenden sich dahin, daß Beat an -Margueritens Vater schreiben und förmlich um ihre Hand anhalten sollte. -Die Aebtissin, zu welcher Marguerite voll Hoffnung und Freude zurückeilte, -billigte diesen Entschluß vollkommen; der Arzt schrieb den Brief und Beat -unterzeichnete ihn. Marguerite versuchte ihrerseits noch einmal, sich mit -kindlichem Vertrauen an die Brust der Mutter zu werfen. »Verlange nicht, -daß ich der Liebe und dem Glücke entsage,« flehte sie, »denke, meine -Mutter, wie es Dir gewesen sein würde, hättest Du in ein Kloster gesollt, -während Du jung warest und leben wolltest.« Der ganze Brief war so voll -einfältig bittender Hülflosigkeit, welche das Mutterherz anrief als ein -göttlich liebendes. Aber keine Antwort kam, nicht von Herrn von Gontran -an Beat, nicht von der Mutter an ihr Kind. Auf die Ermunterung des Freundes -schrieb Beat nochmals -- Marguerite, niedergeschlagen, wagte es nicht mehr, -aber die Aebtissin that es an ihrer Statt. Jetzt erfolgte von Freiburg ein -Schreiben, des Inhalts, Marguerite sei frei, die beabsichtigte Mißheirath -zu thun, habe aber dann von den Eltern Nichts mehr zu erwarten als -Vergessenheit. Mit diesem Segen wurden die Liebenden in der Kirche des -Klosters getraut, nachdem die Aebtissin noch einmal dem jungen Mädchen -eindringlich vorgestellt, was sie mit einer solchen Ehe wage. Leicht -Mangel, gewiß Sorgen, wer wußte, ob nicht Reue. Marguerite liebte Beat, -das war ihre ganze Antwort -- sie wurde getraut, unter Fremden, verstoßen -von den Ihrigen. Sie weinte, denn sie fühlte die Verstoßung, aber in -ihren Thränen war sie noch glücklich. - -Beat -- ein reiches Mädchen hatte er gewollt und ein armes genommen. Es -war eine herbe Täuschung, doch seine Jugend und seine Gutmüthigkeit, -welche durch Margueritens Schönheit und Liebe gereizt und gefesselt -wurden, halfen ihm darüber hinweg. Auch hegte er wohl noch Hoffnung auf -ein einstiges Nachgeben der Eltern. Wenn einmal geschehen war, was ihnen -mißfiel, wenn Marguerite wirklich des Beistandes bedurfte, vielleicht für -ein Kind neu bitten konnte -- »der Zorn währt nicht ewig,« dachte -Beat. Einstweilen verlangte er, was Margueriten rechtmäßig gehörte -- -bedeutende Pathengeschenke, die ihr von Zeit zu Zeit gemacht worden, eine -kleine Erbschaft, welche ihr übergeben werden sollte, sobald sie mündig -würde oder heirathete. Die Familie Gontran verharrte in ihrem einmal -angenommenen System -- sie schwieg. Marguerite erhielt Nichts, und Beat, -der in Solothurn keine Arbeit finden konnte, sah sich genöthigt, mit -seiner jungen Frau nach Einsiedeln zu seinem Oheim zu reisen und dessen -Obdach in Anspruch zu nehmen. - -Auf dem Wege dahin besuchte er den Doctor Sinnich in Mellingen. Der Doctor -schildert das Pärchen als rührend komisch. Marguerite hatte endlich -einige Bröckchen von der barbarischen Muttersprache ihres Geliebten -erlernt, doch ging die Unterhaltung noch immer kläglich genug von Statten. -Beat begnügte sich damit, seiner schönen jungen Frau von Zeit zu Zeit -seine Dose anzubieten; sie streichelte ihm mit beiden Händen die Wangen -und sagte ihm dabei zärtlich: »O mys lieb Beat!« - -Bitter ist das Brod der Abhängigkeit -- Marguerite sollte das erfahren! -Obgleich gute und brave Leute, waren doch Beats Oheim und Tante allzu -unzufrieden mit der thörichten Heirath ihres Neffen, um ihren Aerger nicht -ohne Schonung auszulassen. Beat kam dabei gut genug weg, sie liebten -ihn wie ihr eigenes Kind; die Vorwürfe, welche er erhielt, wurden durch -Liebkosungen gemildert und vergütet. Aber Marguerite, das unwillkommene, -überflüssige, zartgewöhnte Mädchen, denn sie war noch immer wie ein -junges Mädchen, so kindlich, so fremd in der Welt, man wußte Nichts mit -ihr anzufangen, man konnte sie zu Nichts gebrauchen -- das Fräulein -wurde sie spottweise genannt. Ihre Geburt ward ihr hier zum Vorwurf, der -Reichthum, mit welchem sie Beat verlockt haben sollte, nun sie ihn nicht -geben konnte, ihr zum Verbrechen gemacht. Wenn sie sich anbot, im Hause -nach ihren Kräften zu helfen, wies man sie als nutzlos zurück, und -verlangte doch gleich darauf mehr, als sie mit der größten Anstrengung -leisten konnte. Jeder Antheil an der täglichen Speise wurde ihr -vorgerechnet -- was that sie, um ihn zu verdienen? Wenn sie manchmal mit -überströmenden Thränen flehte, sie doch nicht so schlecht zu behandeln, -fragte man sie, ob sie etwa fort wolle -- die Thür stehe offen. Wohin -hätte sie gehen sollen? Auch dachte sie nicht daran -- Beat war da. -Beat war da, warum nahm er denn Marguerite nicht an seine Brust, sie zu -schützen vor dem Weh, das man ihr anthat? In seiner Gegenwart ließ man -sie unangefochten, und klagen wollte sie nicht, ihn nicht in Unfrieden mit -seinen Verwandten verwickeln, denen er Dank schuldete. Marguerite schleppte -sich also hin in jammervoller Dienstbarkeit, in hoffnungsloser Ermüdung. -Dazu war die Luft von Einsiedeln für ihre feine Organisation zu rauh. Und -dann, welch' ein Wohnort für ein junges, lebendurstiges und ach, so schwer -gedrücktes Geschöpf! Dieses weite, leere Hochthal, diese wilden Alpen, -welche über die Tannenberge hereinsehen, dieser Sand, diese einförmigen -Matten, diese Kahlheit, und mitten darin das baumlose, gleichsam verlorene -Städtchen und das riesige Kloster mit den beiden grauen Thürmen, so -großartig, aber auch so finster! Einsiedeln muß man besucht haben, aber -um dort wohnen zu können, muß man stärker und gewiß glücklicher sein, -als Marguerite es war. Sie verging hier vor Bangigkeit. Gewohnt wie sie -des reichen, schönen Freiburgs war, hatte ihr schon Fahr eine Art Wüste -geschienen, und nun gar Einsiedeln! Besonders der Winter war furchtbar für -sie. Diese Gegend, schon im Grün des Sommers so düster und eintönig --- was ward sie erst unter den Schneelasten, welche sich mit den ersten -dunkeln Tagen auf sie legten. Wie einsam war es, wie melancholisch tönten -die Glocken des Klosters! Und Marguerite, eingeschlossen in die niedrigen -Stuben, die man hier überall findet, mit Balkendecken, welche wie -vorzeitige Sargdeckel auf dem täglichen Leben liegen. Wer unter solchen -Decken geboren, gewiegt und großgezogen ward, der mag sich unter ihnen -wohl fühlen, aber wer gewöhnt gewesen ist, Raum über seinem Haupte zu -sehen, der erstickt unter ihrer Pressung. Marguerite träumte manchmal, -sie sei schon begraben, und zwar unter der Decke ihres bangen, luftlosen -Stübchens. Ich habe das Haus gesehen, wo die jungen Leute beinah zwei -Jahre gewohnt haben; es liegt an dem Platze des Klosters, doch in einiger -Entfernung von diesem, ist groß, ganz von Holz, ganz schwarz angestrichen, -hat eine Unzahl kleiner Fenster, und heißt »Zur heiligen Katharine«. Die -Braut des Heilandkindes konnte ihren Namen keinem unheimlicheren Gebäude -leihen. Als ich es sah, blühten auf allen Fenstern Blumen, besonders eine -Menge rother Pelargonien, aber trotz dieses Schmuckes und trotz des Glanzes -seiner Schwärze schauerte mich vor ihm noch mehr als vor ganz Einsiedeln. - -Der späte Frühling erlöste Marguerite von einiger ihrer Qual; sie konnte -aus, sah die Pilger ankommen und Bewegung in die heilige Oede bringen, fand -in den Tannenwäldern Blumen, wurde dann und wann freundlich gegrüßt. Man -hatte sie im Orte liebgewonnen, ohne daß sie es gewußt; es zeigte sich -jetzt, und sie fühlte sich etwas gelindert. Freilich war dieser Trost für -sie bald verloren, denn Beat beschloß, den Sommer zu Reisen anzuwenden. -Er wollte verdienen, was er hier nicht konnte; er wollte dahin, wo er noch -nicht gearbeitet hatte; vielleicht, so redete er Margueriten zu, würde er -so viel zurückbringen, daß sie den nächsten Winter in eine Stadt ziehen -könnten; aber um das Möglichste zu erwerben, mußte er möglichst sparen, -und Marguerite durfte daher nicht mit. Marguerite weinte und gehorchte. -Sonderbar genug wurden Oheim und Tante, seit Beat fort war, milder gegen -sie. Vielleicht hatte ihre immer gleiche Sanftmuth sie entwaffnet -- -genug, sie begegneten ihr mit mehr Barmherzigkeit. Marguerite, noch ganz -elastisch, bedurfte nur geringer Aufmunterung, um wieder Zutrauen zu -fassen. Sie wurde so heiter, wie sie ohne Beat werden konnte. - -Aber ihre Gesundheit war durch den Winter und die viele Trauer, welche -sie lautlos geduldet, unterwühlt worden. Ein Husten zeigte sich, den die -scharfen und häufigen Luftabwechselungen dieser hohen Lage unterhielten. -Der Oheim wandte umsonst sein Wissen an, Marguerite welkte, mit Geduld, wie -sie sich bisher gebeugt, langsam, unaufhaltbar. Beat fand sie bei seiner -Rückkehr erschreckend verändert. Hätte er genug Geld gebracht, um sie -gleich in eine andere Luft, in eine andere Umgebung führen zu können, -vielleicht daß Genesung noch möglich war. Aber sein Verdienst war gering -gewesen, wie es immer ist, wenn die Noth drängt. Wenn immer Arbeit -sich finden ließe, wer würde da zu Grunde gehen? Einer unter Hunderten -vielleicht. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist mächtig, nur -- muß man -sich erhalten können, und die Thüren schließen sich nie fester, als -vor dem Bedürfniß. Beat kam mit dieser trostlosen Erfahrung zurück. -Leichtsinnig, wie er im Grunde war, verzweifelte er noch nicht. Im -nächsten Jahre würde es besser gehen, ermunterte er Marguerite, im -nächsten Jahre wolle er sie nach Baden bringen, da solle sie gesund -werden. Marguerite horchte seinen Verheißungen wie ein gläubiges Kind und -wurde dabei kränker und kränker. Der zweite Winter kam über sie, noch -härter und rauher als der erste. Umsonst beeiferten sich jetzt Oheim und -Tante, sie zu pflegen, umsonst war Beat herzlich gut -- der Husten wich -nicht, sondern ward hohler -- und sie immer bleicher. Der Gönner Beat's, -der Doctor aus Zürich, kam einige Male die arme Kranke besuchen; sie nahm, -was er ihr gab, mit ihrer gewohnten frommen Unterwürfigkeit, tröstete -Beat, hoffte zuversichtlich und -- ward bleicher und kränker. Beat machte -sich eines Tages zu Fuß nach Mellingen auf, überbrachte dem Doctor -Sinnich eine Beschreibung von ihrem Zustande und bat ihn um Hülfe. Doctor -Sinnich sah bedenklich aus, versprach aber, sich mit Beat's Oheim in -Briefwechsel zu setzen und so zu thun, was er vermöge. - -Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine Frau in Luzern bei ihren -Eltern, er am Schreibtische, an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt -ein Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb der Stadt -gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte er, als er, an das Fenster getreten, -den Wagen mit Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür; »Doctor,« -sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte sich um, es war Beat, der blaß -vor ihm stand und ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen -meine Frau.« - -Sinnich war unwillig, erstaunt. »Was thun Sie mit der kranken Frau auf der -Landstraße, und ohne mich eine Silbe voraus wissen zu lassen?« -- »Ich -konnte nicht länger mit ihr in Einsiedeln bleiben, sie hält die Luft -nicht mehr aus, und -- sie wollen uns auch nicht mehr behalten.« Beat -sagte das mit einer Art von Trotz. Der Doctor dachte an die Kranke, die -erwartend unten lag. »Für's Erste müssen wir Ihre Frau unter Dach und -Fach bringen -- kommen Sie, lassen Sie sie in den Löwen fahren.« -- »Ja -Doctor, aber das sage ich Ihnen frei -- ich habe kein Geld.« - -Der Doctor erbarmte sich. Er ließ das arme, heimathlose Weib in sein Haus -tragen, er ließ sie in das Bett legen, welches für seine Eltern bestimmt -war, wenn sie zum Besuch kamen. Marguerite versuchte mit ihren kalten -Lippen seine Hand zu erreichen. Er zog die Hand fort und hieß die blasse -Kranke schlafen. Sie schlief unter dem Dache des Samaritaners. - -Als Madame Sinnich zurückkam, empfing der Doctor sie mit einiger -Ungewißheit, »ob es ihr recht sein würde.« Es war ihr recht; sie konnte -ihm schelten, wenn er ein Gedicht machte, nicht wenn er eine gute Handlung -ausübte. Dieses Blatt ist in dieser Geschichte das einzige tröstliche. -Möge man es mit Freude lesen, wie ich es mit Freude schrieb. - -Marguerite blieb, zum ersten Male wahrhaft gepflegt, mehrere Wochen -im Hause Sinnich's; dann hatte dieser, im Verein mit dem Pfarrer von -Mellingen, Etwas gefunden, wodurch den unglücklichen Eheleuten wenigstens -das bare Leben gesichert wurde. Sie errichteten eine Zeichenschule, die -Gemeinde gab dreihundert Franken und eine kleine Wohnung und Beat den -Unterricht. - -Mellingen ist ein klein Städtchen, etwa eine Stunde von Baden. Der Weg -führt über zwei Höhenrücken, die Badener und die Mellinger Sommerhalde. -Das Reußthal ist bei Mellingen ebenso lieblich wie bei Baden das -Limmaththal. Das Städtchen ist eine jener alten Ortschaften mit Mauern -und Thorthürmen, durch zwei Straßen kreuzweis, wenn auch nicht ganz -regelmäßig getheilt. Eine alterthümliche bedeckte Brücke führt über -die Reuß hinein; ich liebe solche alte Brücken, unter deren Bedachung -man geschützt stehen und den Strom fließen sehen kann. Das Wappen von -Mellingen, eine weiße Kugel im rothen Felde, ist einfach und doppelt an -den beiden Thorthürmen angebracht. An dem linken Arm des Straßenkreuzes -liegt der größte Platz des Ortes, mit dem Gasthof zur Krone, mit der -Kirche und einer Grabkapelle, mit dem frühern alten Schlosse, -dessen Garten bis an die Reuß geht. Die Grabkapelle hat einen hohen, -buntgedeckten Thurm, zwischen ihr und der Kirche steht der braune -Glockenthurm mit einem abgestumpften Dache, das Kirchthürmchen ist klein -und spitz, grau der spalierumgrünte Wendeltreppenthurm des Schlosses. Vier -Thürme also, die schwere Kirchthür mit Schnitzwerk, ein hohes, -hölzernes Kruzifix, viele kleine eiserne, wunderliche, verrostete, bemalte -Grabkreuze, ein paar Bäume, hinhängend, wie leidend, ein paar Beete mit -kranken Blumen, das Alles bildet eine Stätte des Begrabens, wo der Tod -nicht als der Bruder des Schlafes, sondern als der furchtbare Erbfeind -des Lebens erscheint. Marguerite sah sie täglich und stündlich, denn das -ihnen angewiesene Häuschen lag dicht neben der Vikarei, und die ist der -Krone gegenüber. Aber in Margueritens Herzen sprudelte wieder die Quelle -der Harmlosigkeit, sie glaubte gewiß, daß sie genesen werde, sie freute -sich in dem kleinen Garten, aus welchem sie die Alpen sehen konnte, zu -säen, zu pflanzen. Sinnich hatte sie wirklich so weit gebracht, daß sie -den Sommer weit mehr genoß, als den vorigen. Die Luft war hier so mild, -man zeigte ihr so viel Wohlwollen. Marguerite gewann sich Herzen, wo sie -nur wenige Wochen lebte; das Mitleid half denn auch; die jungen Eheleute -wurden unterstützt, soviel nur die Kräfte der Gemeinde es zuließen. Aber -mit dem Winter machte doch der Mangel sich wieder fühlbar, um so mehr, da -Marguerite auf das Neue zurücksank. Sinnich und seine Frau konnten -diese Entblößung, der sie ihren beschränkten Mitteln nach nur höchst -unvollkommen abzuhelfen vermochten, nicht länger so gelassen mit ansehen. -»Lassen Sie ihre Frau nach Freiburg schreiben,« sagten sie zu Beat, »die -Eltern müssen weich werden, wenn sie erfahren, in welchem Zustande ihre -Tochter ist.« Marguerite brachte mühsam einen Brief zu Stande -- ein -Brief, besonders ein solcher, ist für einen Kranken ein so mühsames Werk. -Das Blatt, auf welchem ihre Hand gezittert, auf welches ihre Thränen und -von ihrer Stirn der kalte Schweiß gefallen, das Blatt blieb unbeantwortet; -ein zweites, noch mühevoller, müder, bittender geschrieben, hatte -dasselbe Loos. Jetzt schrieben Sinnich und der Pfarrer, siegelten mit -Sinnich's Wappen und gaben den Brief in Zürich auf die Post. Wenn Frau von -Gontran ihre Tochter noch einmal sehen wolle, möge sie eilen; Margueritens -Tod sei nahe. - -Auf diesen Brief kam die Mutter; er war in ihre Hände gelangt, aber nicht -der, welchen Marguerite ihr von Solothurn aus geschrieben, keiner von der -Aebtissin, welche vor ihrem bald auf Margueritens Heirath erfolgten Tod -noch einmal versucht, Frau von Gontran zu erschüttern. Der junge Gontran -und der Abbé Lallemand hatten alle diese Blätter, ebenso wie auch die -beiden letzten Briefe Margueritens, unterschlagen, die Mutter wußte Nichts -von der Gefahr, Nichts von dem Elend der Tochter, sogar Nichts von ihrer -Heirath. Sie hatte bisher geglaubt, Marguerite lebe mit Beat als dessen -Geliebte. »Wie konntest Du denn das von mir denken?« fragte Marguerite -mit naivem Vorwurf. Die Mutter weinte und schuldigte sich an, doch war -selbst in diesen ergreifenden Augenblicken eine gewisse Gemüthskälte -bei ihr nicht zu verkennen. »Ach, wenn Du doch in's Kloster gegangen -wärest,« seufzte sie; »wie viel glücklicher wärest Du gewesen.« -- -»Sprich nicht so, meine Mutter,« antwortete Marguerite, mit dem Lächeln -des befriedigten Herzens, »ich habe meinen lieben Beat.« Und sich zu -ihm wendend und ihm die Hand darreichend, setzte sie in ihrem gebrochenen -Deutsch hinzu: »Mys lieb Beat, ich nicht mit einem König tauschen,« ihr -liebstes und häufigstes Wort. Die Mutter sah darum Beat nicht günstiger -an; sie betrachtete ihn als den einzigen Anlaß aller der Uebel, -die Marguerite zu leiden habe. Im Ganzen war der Besuch ein wenig -erquicklicher; die Mutter hatte allerdings einiges Geld mitgebracht, aber -das war nur wie ein Tropfen für die vielen und dringenden Bedürfnisse. -Auch fühlte Frau von Gontran sich gedemüthigt vor den Fremden, die ihr -Kind, welches sie verlassen, aufgenommen und genährt hatten. Sie konnte -nicht ohne Scham die Worte der Doctorin hören: »Bedenken Sie, Madame, -daß in dem armen Städtchen Mellingen auch der Aermste sich noch reich -genug findet, um Ihrer Tochter Kartoffeln schicken zu können.« Sie -versprach, alles Nöthige zu senden, um dem Mangel, der die Kranke umgab, -wenigstens einigermaßen abzuhelfen. Sogar das Piano Margueritens, welche -auf diesem Instrument Virtuosin war, sollte mit andern Möbeln kommen. -Bitter lächelnd sagte die Doctorin: »Madame, dazu ist es zu spät, Ihre -Tochter wird kein Piano mehr spielen, es hat ihr zu lange an Brod und -Kleidern gefehlt.« Das war keine Uebertreibung; Marguerite hatte sich in -Einsiedeln nicht immer satt essen können und besaß keine andern Kleider, -als die, welche sie mit in die Ehe gebracht. Sie waren abgenutzt, zerrissen -theilweise, Marguerite, die immer viel Geschmack für zierlichen Anzug -gehabt, bat die Mutter, ihr ein neues Kleid zu schenken. »Ach, nur eines, -Maman; ich komme mir in diesen alten Dingern selbst so alt vor. Gewiß, -ich würde besser aussehen, wenn ich ein hübsches Kleid anhätte.« Die -Kokette -- sie wollte noch jetzt ihrem Beat gefallen! - -Er pflegte sie wenigstens treulich, gab dabei seine Stunden, und machte -außerdem die Examina, welche zu einer bessern Anstellung nöthig waren. -Aber noch fand die sich nicht. - -Dagegen kam die versprochene mütterliche Hülfe von Freiburg. Worin -bestand sie? In einem kleinen Stuhl, den Marguerite als Kind gehabt, in -dem dazu gehörigen Tische und in einer Bettdecke von Damast. Sonst Nichts, -keine Wäsche, keine Geräthschaften, kein Geld, nicht einmal das erbetene -Kleid. Marguerite klagte nicht, sie sagte nur in ihrer treuherzigen Art: -»Sie werden die Mutter wieder herumgekriegt haben, aber das Kleid hätte -sie mir doch schicken können.« Beat war muthlos, der Doctor entrüstet, -seine Frau empört, besonders über den Hohn, welchen sie in der Sendung -der reichen Damastdecke wahrzunehmen meinte. »Man hat es der Armen recht -anschaulich machen wollen: sieh, was Du hättest haben können, wenn Du -nicht einen solchen Mann genommen,« sagte sie mit einem starken, redlichen -Unwillen. Vielleicht hatte sie Recht. - -Einige Zeit später kam der junge Gontran. Ob um seiner selbst, oder um -der Menschen willen? So gut Marguerite war, den Bruder, der ihr so viel -Herzeleid angethan, ohne daß sie ihn je anders beleidigt, als durch ihr -Dasein, den Bruder konnte sie nicht mit Vergnügen, ja, kaum mit Mäßigung -begrüßen. Die Unterredung war demnach kurz und gezwungen, Beat sah -den Schwager gar nicht, und dieser äußerte auch keinen Wunsch, die -Bekanntschaft zu machen. Beistand brachte er der Schwester nicht, selbst -keinen Gruß von den Eltern; er sagte nur, sie wären gesund. Nach einer -Viertelstunde stand er auf, wünschte der Schwester eisig eine bessere -Gesundheit und reichte ihr die Fingerspitzen. Sie wandte ihr Gesicht von -ihm ab zur Wand, ohne Etwas zu erwiedern; er ging, sichtlich erleichtert, -den unangenehmen Besuch überstanden zu haben. Sein Wagen war noch nicht -bereit; er hieß den Kutscher ihm nachkommen und ging zu Fuß bis zu -Sinnich's Haus. Dort ließ er sich melden. Sinnich lag gerade krank, nahm -aber den Bruder Margueritens doch an; »denn vielleicht,« sprach er -zu seiner Frau, »daß er doch in guter Absicht kommt.« Die Doctorin -schüttelte den Kopf; sie erwartete Nichts mehr von der Familie Gontran. -Der junge Mann trat ein, abstoßend von Physiognomie, so unähnlich wie -möglich seiner jetzt noch schönen Schwester. Im Betragen war er äußerst -höflich und dankte mit ausgesuchten Wendungen dem Doctor sowohl wie -dessen Gattin für die Güte, welche sie seiner beklagenswerthen Schwester -erwiesen. »Ich wünschte sehr, mein Herr von Gontran, die Familie -der Madame Bodenwieler hätte uns weniger Gelegenheit zu dieser Güte -gegeben,« antwortete der Doctor, geradezu wie er war, und hier doppelt -unumwunden im Gefühl, das Recht sei auf seiner Seite. Der junge Gontran -zuckte die Achseln, machte Mienen, bedauerte unendlich die Verhältnisse, -unglückliche Mißverständnisse. Es war nicht schwer, hierauf zu -antworten, und die Doctorin that es mit aller Rücksichtslosigkeit, -zu welcher in gewissen Stunden die Guten den Schlechten gegenüber die -Erlaubniß von Gott selbst haben. Der junge Gontran hörte sie mit übel -verhehlter Verlegenheit an. Endlich sagte er: »Damit Sie sehen, daß -es mir nicht an brüderlicher Liebe fehlt, so will ich von nun an meiner -Schwester drei Kreuzer täglich aussetzen und Sie bitten, ihr dafür -Geflügel zu kaufen.« Der Doctor maß den zärtlichen Bruder mit einem -Blick, der zwischen Erstaunen und Verachtung schwebte. »Ist das Ihr -Ernst, oder wollen Sie mich zum Narren haben?« -- »Es ist mein völliger -Ernst.« -- »Und wissen Sie, daß man für dieses Geld kaum am Sonntage -ein kleines, elendes Hühnchen kaufen könnte?« -- Gontran zuckte wieder -die Achseln und sagte: »Das thut mir sehr leid, aber mehr bin ich nicht -im Stande.« -- »Herr,« schrie jetzt der Doctor mit der gewaltigen Stimme -seiner gesunden Tage, »machen Sie, daß Sie fortkommen, oder, krank wie -ich bin, stehe ich auf und schmeiße Sie hinaus!« Gontran wartete diese -Anstrengung von Seiten des Doctors nicht erst ab; er entfernte sich eilig, -stieg in seinen Wagen, der gerade ankam, und wünschte sich gewiß Glück, -so gut davongekommen zu sein. - -Dies war das letzte Mal, wo Marguerite von ihrer Familie hörte. Sie war -jetzt aufgegeben; ein Theil der Luftröhre war bereits herausgefault, sie -hatte ganz die Stimme verloren und konnte nur noch essen, wenn sie sich -auf den Rücken an den Boden legte. Dennoch kam sie an guten Tagen noch -manchmal zu Doctors, wo sie sich recht eigentlich daheim zu glauben schien. -Sie liebte sehr kleine Leckereien, und Doctors pflegten, wenn sie Gäste -hatten, ihr immer etwas vom Nachtisch aufzuheben. Kam sie nun, und die -Doctorin reichte ihr die für sie bestimmten Früchte oder Bonbons, so warf -sie, kindisch begierig wie sie war, sich sogleich an den Boden und fing an, -auf ihre Art zu essen. Die Fremden wunderten sich dann nicht wenig; hörten -sie aber erst die Geschichte des armen, sonderbaren Geschöpfes, so machte -das Lächeln der tiefsten Theilnahme und den wärmsten Tröstungen Platz. - -Konnte Marguerite denn getröstet werden außer von Oben? Sie liebte, sie -lebte trotz aller Leiden mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses -das Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch nicht fragen, wie -schwer wir es finden. Marguerite blieb wenigstens heiter in der Geduld; -sie beklagte sich nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und -bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte, ohne zu grübeln, ohne -zu zweifeln, mit Dank für die wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys -lieb Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb ihre Rede, -selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen. - -Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen fühlende Mensch -bei dem Anblick solcher Leiden und besonders eines schweren Sterbens -weint. Aber er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht wegen der -bevorstehenden Trennung. Marguerite war für ihn längst Nichts weiter mehr -als eine Last. Er hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher der -Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen dürfen sollte, je mehr -athmete er auf. Jenseits dieses Grabes lag für ihn eigentlich erst das -Leben. Marguerite hatte einen andern Willen. »Höre, mys Beat,« sagte -sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit, »Du mir ja nicht wieder -heirathen. Ich Dich will gehabt haben allein hier unten und dort oben. Wenn -Du nehmen willst andere Frau, ich kommen und machen so.« Und sie machte -mit ihren abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des Erwürgens. - -Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann durchdringend an, halb -forschend, halb drohend. Noch in ihrer letzten Minute hatte sie diesen -Blick. Beat drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht mehr -ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne geliebt worden, ohne glücklich -gewesen zu sein, ohne glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum -des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen gekannt: Hoffen, Lieben und -Leiden. - -Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche der Anstand vorschreibt, -um sich nach einer neuen Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur -noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste Täuschung. -Jetzt wollte er nicht wieder getäuscht werden -- er spähete vor Allem -nach einem hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten sich -indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die Art zu beglücken, welche er -für die einzig wahre hielt. - -Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern Gehalt als Zeichenlehrer -nach Baden berufen worden, kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt -geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig verfolgten Wunsch erfüllt, -so schien auch der zweite in Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die -Schwester eines Regierungsrathes aus St. Gallen kennen, ein nicht mehr -ganz junges, aber dabei hübsches, und was noch besser war, sehr reiches -Mädchen. Wie Beat es angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle -Bewerber, denen es glückt -- genug, er gefiel dem Mädchen. Ihrer Familie -nicht; indessen da das Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als -sie nach St. Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel verabredet, und -sie schied von ihm mit der festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur -Einwilligung zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung zu -fragen. - -Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte, sagte Madame Sinnich -halb scherzend, halb ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat, -ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die Sterbende gemacht. - -Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie vergessen. Selbst mit ihrem -Denkmal blieb es beim Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung -nicht mangelten. - -Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn. Was er sich auch immer -gewünscht, einmal eine größere Arbeit in Marmor ausführen zu können, -das sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann bestellte bei ihm -die Statue von Julia Alpinula, dieser jungen Priesterin, welche aus Gram -darüber starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters nicht hatte -erbitten können. Beat hatte sich bereits eine Probe von dem Marmor kommen -lassen, aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen gedachte. Der -reine, weiße Stein war angelangt, stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer -belebt, entwarf er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue. Ermuthigt -durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge dem Glücke nähernd, schrieb er -seiner Geliebten und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle -Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte Wort geben. Als -er den Brief auf die Post getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber -er wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte die Skizze. -»Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er, »denn von St. Gallen kann -mir die günstigste Antwort nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der -Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend: »Bodenwieler, und das -Denkmal Ihrer Frau ist auch noch nicht weiter als auf so einem Blatte. -Bedenken Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen, ihre -Frau durch einen wirklichen Beweis Ihres Andenkens.« -- »Ich will's thun, -sobald ich verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist meine -ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und unzufrieden vor sich hin; -Beat ging. »Was fällt Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du -den Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst so sehr gegen alle -Phantasterie eifert?« Sie antwortete: »Rede, was Du willst -- mir ahnt -nichts Gutes.« - -Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine Stunde in seiner Schule zu geben. -Er kehrte in seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen -zu nehmen. Während er damit beschäftigt ist, fällt von seinem entfernt -stehenden Secretair die Brustbüste Margueritens herab, und wenige -Augenblicke nachher von der Wand gegenüber sein eigenes Portrait in -Alabaster. Beide Gegenstände waren nicht angerührt worden, von Außen war -keine Erschütterung gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen, läuft -im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's hinauf, findet aber nur die Frau, -erzählt ihr eilig, was vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch -noch halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache das Denkmal, -sobald ich verheirathet bin.« Damit geht er fort und in seine Schule, -welche er in dem alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin -bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend allein; da kommt ihr -Mann und sagt: »Der Bodenwieler ist in der Schule auf einmal so krank -geworden -- ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.« Er geht, kommt -nach einer halben Stunde wieder: »Der hat die Darmentzündung, und -ist, irre ich nicht sehr, unrettbar verloren.« -- »Da siehst Du's, -- -Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise. - -Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben, daß Beat am dritten Tage -seiner Krankheit in derselben Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner -neuen Braut aus St. Gallen eintraf. Erkläre man es, wie man es wolle, -mit dem alten Spruche Shakespeare's oder mit dem bequemen Worte: »Zufall, -nichts als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen, diese -Geschichte erzählt. Eine Erklärung am Ende versprach ich nicht. - -Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden getrennt -- er liegt in -Baden, und der kleine Marmor, den er als Probe kommen ließ, bildet seinen -Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber den neuen Kirchhof -von Mellingen, wo das unbezeichnete Grab Margueritens ist. Es war an einem -sonnigen Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die Wiesen voll -Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man Flachs, hackte Holz und schaffte -Kartoffeln ein. Der Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte -der beiden Straßen nach Luzern und Aarau. Pappeln umgeben ihn, eine -Kapelle zeigt sich weiß, mit offener Säulenhalle. Ich hätte für -Marguerite einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten und mehr Ruhe, -nicht so an der Landstraße, nicht so zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen, -ruhen wir im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite. - - - - -Die Urschweiz. - - -Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser der Schweiz, nicht der -gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn, sondern der alten, wirklichen, -lebendigen Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt -zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher von Uri, die Hörner der -beiden Walden, und um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der -Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht. Und hier, -wo diese Erinnerungen Grund und Boden haben, haben sie auch Poesie. -Die Tellsage, welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich -widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb. Tell's steife Bildsäule -auf dem Markte zu Altorf, der bemalte Thurm, welcher an dem Platze der -Linde steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte, Bürglen, -sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach, worin er ein heimathlich Grab -gefunden, seine Platte mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und -erhielt meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so hoch und -gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht, springt auch nicht von starren -Felsen hervor, sondern ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe --- nun was thut's? -- der Sprung war immer ein guter und ein natürlicher -dazu; denn wer wird sich selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es -anders machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger, dem -die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter sein muß als einem -civilisirten Menschen. Auch daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten -hatte, mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich -- seine -Landsleute würden heute noch dasselbe thun, wenn es sie drängte und -sie könnten. Der ganze Tell ist natürlich, nur der Mann eines -rücksichtslosen Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen -Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt, sondern seinen Feind aus -dem Hinterhalt getroffen wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne -jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit seines Schusses. Wenn -Goethe doch hier nicht Schillern gewichen wäre! Wir hätten dann einen -wahren Tell. - -Doch nicht allein durch die Sage, durch seine Natur fesselt der See der -Urkantone. Wenn der Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller -alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit, der Zuger -mit Grazie eingefaßt, der Zürcher überall lachend, der kleine Lowerger -rührend-traurig, der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge der -Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer wundersam phantastischen -Melancholie. Ich habe diesen Eindruck tief in mich aufgenommen, während -wir zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über den See hin und -her schifften. Wir wollten diesen kennen, auswendig lernen, seine Buchten, -seine Alpen, seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von diesen, der -Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an einen Schnabel des Bucintoro. -Wie schön am Abend die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der -einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie bedeutungsvoll die kleine -Kapelle von Kindleinsmord, auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah -den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet, mit dem Kopfe an -den Stein schlägt. Was die Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's -geschehen. Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist, ja, recht -eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig, so phantastisch, so -drachenhaft, wie dieser. Luzern dürfte gar nicht am Vierwaldstätter -See liegen, wenn es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem -Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat augenblicklich, ohne -daß man ihn mir genannt, so deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn -vorgestellt. Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten mir -Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens junge Herren -gelangten hinauf, und auch die nur unter Angst und Gefahren; man müßte -die Nacht im Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten -hinweg -- ich hatte bei dem Nebelritt von der Rigi herab meinen Muth messen -können -- es war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich blickte -den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz, auf den ich mich wirklich -hinaufgewünscht, traurig an und fuhr nach Fluelen. - -Von hier aus entschieden wir uns für den Weg nach der Teufelsbrücke. Wie -der Pilat der Berg, so ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und -nach dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen, welche -die Ströme den Menschen durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der -fahrwürdigsten. Goethe war ihn hinangewandert -- wir halten diese -Erinnerung gebührend an Ort und Stelle. Desgleichen vergegenwärtige ich -mir mit Vergnügen die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit -einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen Durchbruch der -Alpen sich ausnimmt wie ein Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es -im Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen -- die -Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche, die weißen Wasserfälle, wir -durften sie uns nur gefüllt, geschwellt und überbrausend denken, und wir -hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir noch fortwährend ein --- der Franzose, welcher in Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard -durchaus auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche Einwendung: -»Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die Lawine auf Sie,« gar nicht -beachtet. Hier würde die Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit -ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen Thale die Blöcke wie ein -Hagelschlag lagen, wilder noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen -hinauf zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung die -prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher und links bog die Schlange der -Straße zwischen die starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein -kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen schwarzen Pudelchen, bot -uns hier Krystalle vom Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in -der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen diese und andere -Krystallisationen aus den verborgenen Grotten mit herab und verkaufen -sie an Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die Knaben ihrerseits -verhandeln sie an die Fremden -- wir hatten in Amsteg welche ausgewählt, -mochten jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine beiden -Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze war ihm fremd; gravitätisch -ging er zum Kutscher und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt' -es ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er, »dann dank' ich -schön.« Wir kamen bald darauf langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme -an die Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht -- die vielen Brücken -vorher hatten uns vorbereitet, aber sie befriedigte. Die alte verlassene -unter ihr würde den Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine -über den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün bewachsen und mit -abgebrochenen Brüstungen daliegt und dabei viel besser gesehen werden -kann. Von Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem, noch am folgenden -Tage die Rede, obgleich wir in schöner, heißer Sonne nach Fluelen -zurückfuhren. Denn wir fuhren zurück -- wir machten es Goethe nach, doch -nicht um es ihm nachzumachen, sondern weil wir nicht anders konnten. Schnee -war in der Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der Paß nach -Bündten schwierig zu unternehmen geworden, und das Thermometer zeigte im -Zimmer nur sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen Links und Rechts, -zwischen den Rheinquellen und den Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt: -wir wollen zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht nach Italien -hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren. Hätten wir Italien nicht -verwüstet, verstört, für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns -ebenfalls nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch nicht leicht, -aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach Fluelen zurück. - -Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf dem scheinend blauen See -schwankten und die halbumwölkten Berge uns einen feinen Nebelregen in das -Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und mächtiger denn seit -lange die Sehnsucht nach einem Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie -im Frühling aus -- wir konnten's nicht; ungewiß lag auch dieser Winter -wieder vor uns. Otto sagte tröstend: »Laß gut sein, besser Liebe ohne -eine Heimath, als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die Hand, -aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen abtrocknen. - - - - -Ein Sonnenaufgang auf der Rigi. - - -»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten Sie hinauf auf den Rigi. -Den Rigi müssen Sie sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« -- -so sprach vor drei Jahren in Breslau =Dr.= Anton Theiner, drückte mir zum -letzten Male herzlich die Hände und ließ uns fortfahren nach Venedig. - -Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol und nicht durch die Schweiz, -bisweilen davon redeten, ob, wie und wann wir diese letztere besuchen -würden, so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir auch Theiner's -Willen thun?« Und Eines gestand dann immer dem Andern: »Du, ich habe -eigentlich gar keine Sehnsucht auf den Rigi.« - -Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz, doch Kummer und -Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß am Leman nahmen uns dermaßen ein, -daß wir des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da stets nur mit -der größten Gleichgültigkeit gedachten. - -In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht der Rigi, sondern die -Rigi sagen müsse. Wir nahmen diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener -Gleichgültigkeit an, denn wir beabsichtigten durchaus weder auf den, noch -auf die Rigi hinaufzureiten. - -Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder ihr Italien, nämlich irgend -einen Ort, wo irgend Etwas im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner, -Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis sein. Wir wollten -nach diesem Nizza. Ein Engländer, der mit einer englisch häßlichen Frau -und einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß, fragte mich, ob auch -wir »=to the Rigi=« gingen. »O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi -geht oder reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in Wäggis.« -Vier Stunden später sagte ich zu dem Engländer auf dem Kulm: »=Very -happy to see you.=« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen Dörfern, -wie sie an den Schweizerseen liegen, und der Sohn und Kellner des einzigen -Gasthofes ein so unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor -Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht Tage lang von ihm -bedienen lassen müssen. So ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die -Rigi. - -Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem unserm Jetzigen und nebst -seinen Sitten auch von seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird, -so wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung zu lesen bekommen: - -»Es gab in jener Zeit« -- ich sage mit Bedacht: es gab, denn die Rigi -könnte dann ja eingefallen, oder die Schweiz ein unbekanntes Land geworden -sein, also -- »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß Rigi. Dieser -Berg war, was viele andere Berge auch sind, so und so viel tausend Fuß -hoch, übrigens durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet, -man müßte denn als eine solche annehmen, daß man von seiner Höhe aus -elf kleinere und größere Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser -Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals sprach, d. h. man mußte -ihn gesehen haben. Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und Amerika, -zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber hauptsächlich doch aus -diesen beiden, und aus Europa hauptsächlich von England, Leute beider -Geschlechter und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen Berg -hinauf. Sie hießen die Rigireisenden. Waren sie auf der Höhe, welche die -Kulm genannt wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher, brachten -Lorgnetten und Operngläser an die Augen, ließen sich von den Führern, -die sie hinaufgeleitet, die Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten -die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das »Panorama«, wie man -den Anblick nannte, ein sehr prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher -wurden roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen Oceane. Es -geschah jedoch äußerst selten und man nannte es der Seltenheit wegen -den »Sonnenuntergang vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama in -Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich frierend und gelangweilt -- -nebenbei, das Gelangweiltsein war eins ihrer kenntlichsten Merkmale -- -gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück, welches von Holz -auf dem Kulm erbaut worden war. Dort schliefen sie, bis die Stunde des -»Sonnenaufgangs vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde war indessen -noch ungewisser als die des Sonnenunterganges. Unter hundert Rigireisenden -schlug sie nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen wieder -hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben, gewöhnlich im dichten Nebel, -häufig im starken Regen und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man die -»Tour auf die Rigi.« - -Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung ein Auszug der -gemäßigten Alpennatur. Die Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem -Fuße, das Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich die -Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene Felsenriffe, einzelne -seltsame Steine, den Epheu, die Quellen und die Mattenblumen, die blaue -Tiefe zu den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie hat Alles -- -wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren hat, reite hinauf und sehe zu, ob -er die Sonne zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die Rigi« am -meisten meine heftige Begierde gezähmt, den Pilatus, diesen Brocken der -Schweiz, in seiner Unbesuchtheit zu stören. - - - - -Im Hotel Weber. - - -»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?« fragte ich den Grafen -Wladislav. - -»Calclire, muß sein,« versetzte er. - -Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im ersten Stock des Hotel -Weber. Es war ein trüber Tag, welcher eben in einen trüben Abend -übergehen wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein hervorkommt, -fällt und sich weiter windet, waren bunt und feucht, der Rhein sah so -dunkelgrün aus wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein getrunken -wird; der Fall erschien noch weißer als gewöhnlich. - -Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort für alle Welt. -Wir waren dort von mehreren Bekannten getroffen worden, unter andern von -Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften gemacht, zuerst die -des zweiten großen Unbekannten Charles Sealsfield. In dem »Süden und -Norden« dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem Nachmittage -eifrig studirt, und so kam es, daß er mir halb absichtlich und halb -absichtslos auf gut kentuckisch antwortete. - -»Kommt mir vor, wär' noch nicht nöthig,« sagte ich lachend in derselben -Weise. - -»Sag' Euch, muß nach Hause,« antwortete er höchst ernsthaft. - -Wladislav war groß, schlank und dunkelblond. Sehr gehalten in seinem -Betragen, sehr überlegt in seinen Handlungen, und dabei doch der -seltsamsten Extravaganzen fähig, nur daß er sie eben auch so gelassen -unternahm und zu Ende brachte, wie alles Andere. Was ich an ihm sehr gern -hatte -- er war originell wie ein Kind, ohne es zu wissen. Vollkommen ruhig -in der Gewißheit, es gerade so zu machen wie Jedermann, wunderte er sich -ungemein, wenn man sich über ihn wunderte. Wir kannten uns schon mehrere -Jahre -- er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein, dabei Herr -über drei- bis viermalhunderttausend Thaler. Jetzt war er unsertwegen -vier Tage hiergeblieben, wir hätten ihn gern noch länger gesehen, aber er -wollte sich nicht länger mehr halten lassen. - -»Was versäumen Sie denn aber?« fragte Otto. - -»Haben Sie gar kein Heimweh, nicht Sie, und Sie auch nicht?« fragte er -uns Beide. - -»Und wenn wir's haben -- wir müssen doch noch hier bleiben.« - -»Um ein Buch zu schreiben, das überall just eben so gut geschrieben -werden kann, einen Brief zu erwarten, der nichts Gescheidtes bringen wird, -denn Briefe, auf die man so wartet, bringen nie etwas Gescheidtes.« - -»Sie sind sehr tröstlich.« - -»Ich will Sie gern hier fort haben. Sie entwickeln ein schreckliches -Talent zum Sitzenbleiben. Ich sehe Sie noch den ganzen Winter über hier -kleben und dann im Frühjahr mit Mr. Sealsfield nach Louisiana fahren, -um sich dort, wie er Ihnen versprochen hat, in eine Blumenvase setzen zu -lassen.« - -»Er hat ihr auch verheißen, sie könne vielleicht eine kleine Revolution -zu Stande bringen,« bemerkte Otto. - -»Wollen Sie das etwa?« fragte Wladislav feierlich. - -»Nein,« antwortete ich lachend, »eine Revolution in Amerika machen, -lockt mich nicht. Mein kleiner gigantischer Wunsch -- Sie wissen, Jedermann -hat einen solchen, nur größer oder winziger, -- meiner also wäre ein -hübsches, niedliches, comfortables Privat-Königreich im Orient.« - -»Wo Sie das biblisch-patriarchalische Verhältniß zwischen Herren -und Sklaven einführen würden, welches Mr. Sealsfield so wunderschön -findet?« - -»Sklaven würde ich natürlich kaufen. Wie sollte man es denn anders -machen?« - -»Vollkommen einverstanden, Majestät. Und wie würden Sie denn -heißen? Sie haben Mr. Sealsfield Herrn über Neger, Alligatoren und -Klapperschlangen genannt -- welchen Titel wollen Sie annehmen?« - -Ich ließ den Scherz fallen und sah trübselig hinaus. Wenig elastisch in -meiner Stimmung, wurde es mir jetzt leicht zu mühsam, den Federball des -Humors zu werfen. - -»Glauben Sie mir, kommen Sie zurück,« fing Wladislav nach einer Pause -wieder an, aber jetzt ernsthaft. »Da nun einmal für den Augenblick Mr. -Sealsfield im Zenith Ihrer Schätzung steht --« - -»Bekennen Sie es,« unterbrach ich ihn, »Sie sind etwas vaterländisch -eifersüchtig auf den ›überseeischen Autor‹.« - -»Aergerlich eher, weil er Deutschland so ganz und gar herunterreißt.« - -»Glauben Sie mir, wenn er das thut, verabscheue ich ihn so von Herzen, -daß ich mich am liebsten mit ihm auf Tod und Leben schießen möchte. -Aber er thut's nur in Stunden. Gewöhnlich ist er gar nicht so -hyperamerikanisch, dagegen ganz human und deßwegen mit seiner in die -literarische Civilisation verkleideten Urwäldlernatur sehr lieb und -wacker.« - -»Das ist eine curiose Lobrede,« sprach Wladislav kopfschüttelnd, -»die haben Sie sich vermuthlich ganz eigens für Sealsfield -›auscalculirt‹.« »Aber,« fuhr er, wieder zu seinem vorherigen -Gedanken zurückkehrend, mürrisch fort, »warum, wenn er Deutschland so -geringachtet, hat er sich die Mühe gegeben, Deutsch zu lernen? Warum -fuhr er nicht in aller Bequemlichkeit fort, Englisch zu schreiben? Bei uns -konnt' er ja sicher sein, übersetzt zu werden?« - -»Warum haben Sie ihn das nicht gefragt, ehe er gestern abreiste?« - -»Ich wollt' es thun, da sah ich einen Regenbogen auf dem Fall, das -zerstreute mich.« - -»O diese Regenbogen sind hier sehr häufig,« warf ich nachlässig hin. - -»Freilich, wenn man vier Wochen am Rheinfall sitzt, ist's das Wenigste -was man gewinnt, so von den Regenbogen auf ihm reden zu können. Es -ärgert mich -- ich möchte Sie entführen und mit Gewalt nach Deutschland -zurückbringen. Daß Sie nicht schon an der bloßen Sehnsucht nach Musik -verschmachten, bei der Unmöglichkeit, ein gutes Piano zu finden, und bei -der zweiten Unmöglichkeit, selbst das schlechte Piano ohne horrende Kosten -gestimmt zu kriegen!« - -»Herr Weber wird nächstes Frühjahr ein gutes Piano kaufen.« - -»Auf welchem Sie jetzt schon im Vorgefühl spielen können -- sehr -genügend! Und dann diese Einsamkeit -- das ganze Hotel ist ja schon leer -geworden.« - -»Schade genug,« sagte ich, »es sollte im Winter benutzt werden so gut -wie im Sommer. Diese hohen, großen Zimmer, diese freie Lage in der -Gegend, welche es einem mehr und mehr anthut, je länger man sie sieht, die -freundliche Familie, welcher es wirklich so Ernst ist --« - -Wladislav wollte mich unterbrechen -- ich ließ es nicht zu, sondern -fuhr fort: »und diese Stille -- wirklich, kein Ort ist mehr zu einem -Schriftsteller-Einsiedeln geeignet als dieses Hotel.« - -»Oder zu einer Schriftsteller-Colonie,« bestätigte Otto. - -»Sogar zu einer Schriftsteller-Colonie!« - -Wladislav hielt sich die Ohren zu. »Still, wenn Sie Beide erst mit Ihren -Extragedanken anfangen, so sind wir den nächsten Augenblick mitten in der -willkürlichen Absurdität, und vor der fürchte ich mich, denn man kann -sie bei einiger Uebereilung für die Vernunft nehmen. Ich sage Ihnen, alle -Schriftsteller-Verbindungen sind unheilsvoll -- aus einer jeden wird eine -Schule, in jeder Schule herrscht Zwang, und jeder Zwang drückt den Geist, -der nur ein Element hat -- die Schönheit in der Freiheit. Aber eben -so wenig taugt für den Schriftsteller einsiedlerisches Vornehmthun. Im -Gedräng soll er sich Bahn brechen, sich an die Ellenbogen stoßen, auf die -Füße treten lassen --« - -»Da wäre ich Ihnen bei der Tombola auf dem Markusplatze wahrhaft -idealisch erschienen, denn gedrängter kann es kein Gedränge geben -- man -wurde nicht nur gestoßen und getreten, sondern auch gelegentlich etwas -entzweigedrückt.« - -»Werden Sie denn ernsthafte Dinge nie ernsthaft behandeln lernen, oder -zu behandeln die Gnade haben?« fragte Wladislav mit dem Uebersehen -des Mannes, des durch die Gymnasialklassen geläuterten und in den -verschiedenen Collegien verschiedener Universitäten vollendeten Mannes. -»Was ich meine und was Ihnen auch Sealsfield sagte -- wenn Sie auf Ihr -Vaterland wirken wollen, so müssen Sie in und mit Ihrem Volke leben.« - -»Ja,« sagte ich geängstigt, »wenn nur die unglückliche Zweiheit in -meiner Natur nicht wäre! Intellectuell bedarf ich Deutschlands, physisch -der Sonne, folglich des fernsten Südens oder des Orients, denn das werden -Sie mir doch eingestehen -- die Sonne scheint in Deutschland nicht recht.« - -»Scheint sie hier in Schaffhausen mehr?« - -»Wenigstens eben so viel wie anderswo in der Schweiz.« - -»Ja,« sprach Otto, der es bei Wladislav immer darauf anlegte, mit ganz -ungehörigen Dingen dazwischen zu kommen, »ich finde, man thäte viel -gescheidter, sich hier in Pension zu geben, als im Waadtlande, wenigstens -die letzten Herbst- und die ersten Frühlingsmonate. Veranlassen Sie doch -recht viel Landsleute dazu -- wir wollen's auch thun.« - -»Man soll sich gar nicht in Pension geben,« schrie Wladislav ungeduldig, -»das ist eine moderne Albernheit. Man soll entweder vernünftig zu Hause -bleiben oder ordentlich reisen, aber nicht wie Sie sich immer zehn oder -zwanzig Meilen weiter von einem Schreibtisch an den andern schieben.« - -»Sie haben klug reden,« rief ich, auch ungeduldig. »Wenn man nun kein -eigen Haus hat und von zehntausend Hindernissen im ordentlichen Reisen -gehemmt wird?« - -»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit Cockley einen ganz -harmonischen Dialog führen.« - -»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer über gewesen?« fuhr ich fort. -»Auch in der Schweiz. Also --« - -Er bat schön, ich solle nicht böse sein -- ich habe Recht. Dann fragte er -mich, wie viel ich an meinem Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete -ihm, ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen, noch eine meiner -Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten. Ob ich da nicht eine Novelle von ihm -als Schluß annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig -- er habe sie, -angeregt durch das Geschwätz mit uns, am vorigen Morgen angefangen und -in der Nacht so weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande, -unter den Heimathlosen, von denen ich doch gehört? »Wer hätte im -Waadtlande nicht von den »Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort -aussprechen,« sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie -da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle, und Alles ist mir -buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn lächelnd an. -- »Ich betheure es,« -sprach er. So hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen, ob es -gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu ersparen. - -Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's Abfahrt. Die Lichter -des Dorfes Neuhausen brannten röthlich links in der Senkung diesseits -des Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf der jenseitigen -Erhöhung. Der weiße Fall spielte und rauschte geisterhaft durch die -dunkle Nacht. Sonst war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still, und -Wladislav las: - - - - -Die Heimathlosen. - - -Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey an. Sollt' ich den Winter -über am Genfer See bleiben? -- ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn -schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft war nicht blos warm, -sondern heiß -- das that mir wohl -- in Dresden war's so kalt gewesen. Ich -will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei Kronen« am Fenster -meines Zimmers stand. Warum nach Italien? Ist's dein Italien? dein -Bilderland? In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das Constitution -heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus gegen den armen Pius, -welcher hätte der auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu -dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich etwas anderes als Krieg, in -Venedig endlich -- ja, was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, ob -Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb ich am Genfer See. - -Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht zu theuer für den, -der Geld hat, und sehr unterhaltend für den, welcher keine Gesellschaft -braucht. Ich brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem Zimmer. -Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, melancholisch über die Zeit, -wie es eben Mode war. Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere -geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn es mit ihr auch einmal -drüber und drunter geht. Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der -gewaltigen Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas Geräusch, -etwas Störung, dann ist's wieder gut und der wundervoll riesige Organismus -vollführt weiter, was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an der -Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn da an uns glauben? - -O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an deiner Grenze sitz' ich, -da ich dieses schreibe! Der Rheinfall rauscht unten -- ich bin seines -Rauschens schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran denke. Es ist -hier fast wie in Deutschland -- nein, es ist ganz wie am Rhein, wo er unser -ist -- Rebenhügel, Wald, Felsen -- Alles lieblich, einfach poetisch. -Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich bin im Geist auf jenen -Hügeln, labe mich an jenen Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, =the -castled cliff of Drachenfels=, sumse vor mich hin von Heine: - - Die Luft ist kühl und es dunkelt, - Und unten flimmert der Rhein -- - Der Gipfel des Berges funkelt - Im klaren Mondenschein. - -O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie Heidelberg eines für -Uhlandsche, und ich lieb' den grünen Rhein und den hellen Neckar und die -blaue Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, mein Heiligthum -und meine Hoffnung, und böte man mir die ganze übrige Welt dafür, ich -vertauschte mein Deutschland nicht. - -Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. Bei einer Barrikade am -Pfingstfeste in Prag hatte ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem -Hradschin, als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem Hotel zu -kommen, mußte ich über mehrere im Bau begriffene Barrikaden. Bei -der einen wurde ich angehalten und sollte helfen. Ich weigerte mich; -natürlich, wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte mich nieder --- ein wüthender Student war's, der ihn gab. Mit Hülfe einiger minder -patriotischen Musenjünger rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir -war, und -- klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. Todtkrank lag ich -den ganzen Pfingsttag über, während Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und -Sturmläuten abwechselten -- gerade keine angenehme Musik, wenn man in die -Brust gestochen ist. Am nächsten Tage mußten alle Fremde aus der Stadt -- -wie sie mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam auf die Elbe -und auf der Elbe nach Dresden, welches seine Barrikaden noch erwartete. -Dort genas ich langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen -saß ich jetzt am Genfer See. - -Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu lange sieht. Manche Gegenden -kann man nicht genug sehen -- der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel -mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. Gerne wäre ich -manchen Tag noch wo anders hin gereist, aber ich wußte nur nicht wohin. -Ausdrücklich war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht aufregen -möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik zu leben, wenn nicht in der -Schweiz, die gerade ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, las was -ich eben fand, und ging spazieren, wenn es nicht allzu heiß war. - -Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann saß ich am Fenster, sah den -See blau sein, grau, grün, schwarz und dann wieder blau werden, und hatte -Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber auch recht vernünftige. - -Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich öfter mit den Bewohnern der -vielen kleinen Dörfer, die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute -waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten mich, wie -etwas Gleichgültiges interessiren kann. - -Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von einem Diebstahle, der -in Clarens begangen worden. Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen -sollten es gewesen sein. - -»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch das deutsche Wort in -dem französischen Munde. - -»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche keine Papiere haben und -deßwegen überall vertrieben werden.« - -»Und wo sind sie denn da?« - -»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.« - -»So duldet man sie hier im Canton?« - -»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.« - -»Wenn man es überall thut --« sagte ich ironisch. - -»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte der junge Mensch. - -Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons und fragte dann: »Aber -wovon leben sie?« - -»Sie machen Körbe und andere Dinge -- betteln, stehlen.« - -»Kommen sie in die Kirche?« - -»Nie.« - -»Aus welchem Stamme sind sie?« - -»Man weiß es nicht.« - -»Woher sind sie gekommen?« - -»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die Heimathlosen.« - -Die Heimathlosen -- die Zigeuner sind heimathlos. Waren die Heimathlosen in -den waadtländischen Gebirgen Zigeuner? - -Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die Waadtländer sind so -gelassen über Alles, was nicht entweder sie selbst, oder Kaiser und -Könige betrifft. Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht, -wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen -- wir nennen sie die -Heimathlosen.« - -»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines Tages ungeduldig, »da -sie doch ihre Körbe verkaufen --« - -»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von ihnen hier,« antwortete mir -der dümmste der sehr dummen Kellner. - -Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon tiefer Spätherbst -- die -»drei Kronen« langweilten mich bereits etwas -- eine Heimathlose wäre -mir eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den ausdrücklichen -Befehl, jedes sich zeigende Individuum dieser geheimnißvollen Kaste zu mir -zu führen, und wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner sah noch -dümmer aus als gewöhnlich -- er wunderte sich. - -Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser. »Unerträglich!« rief -ich am neunten Tage. Ich will es nur gestehen -- ich vegetirte in einer -trostlosen Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei einem -solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf einen Gegenstand heften -können. Meine Ungeduld wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten -mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich wollte zu ihnen, da sie -nicht zu mir kamen. Entschlossen erkundigte ich mich nach dem Wege. - -»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner, »Sie werden doch nicht -dieses Gesindel besuchen wollen?« Der Kellner war -- ein Landsmann von -mir. - -»Warum denn nicht?« fragte ich kurz. - -»Das Gesindel ist sehr unsicher.« - -»So?« - -»Ja gewiß -- es ist ihm nicht zu trauen.« - -»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte ich, an Shakespeare -denkend. Dann dankte ich dem Kellner für seine Warnung und versprach ihm, -mich in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich meine Pistolen -ein, aber nur wenig Geld, ließ mir noch einmal die Richtung andeuten, in -welcher die Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit Brod und Wein -um und machte mich auf. - -Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß ich diese Entdeckungswanderung -wagen durfte. Und hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich -hätt' es doch gethan. - -Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von jeher sind mir die -Localitätsschilderungen unausstehlich gewesen. Was kann dem Leser daran -liegen, ob, während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der und der -Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde das und das Gebirge zu -sehen gewesen? Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal -dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten nicht leiden -und sage von der Gegend nur ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und -Tannenwald bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen Felsen, -Bäche, manchmal ein wenig Gefahr auf den überschwemmten Steinen -- es -waren unermeßliche Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier oben schon -gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit -- die letzten Sennhütten waren -längst hinter mir geblieben -- kein rüstiger Waadtländer kam mir mit -einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen -- ich stieg allein im -menschenleeren Walde hinan. - -Menschenleer -- war er's? Die Heimathlosen sollten ja hier horsten wie die -Raubvögel, sich verbergen wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen keine -Spur von ihnen entdecken können. - -Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine Strecke Schnee wie ein -glatter Teppich, und darauf, in das Dickicht hineinführend, frische, tief -eingedrückte Fußstapfen. - -Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen ich hier herauf gekommen -war. - -Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang? - -Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen. Fürchtete ich mich? -An der Barrikade, umbrüllt von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur -Verachtung empfunden, hier -- schauerte mich. - -Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer zugleich ungewissen und -möglichen, zugleich sichtbaren und räthselhaften Gefahr gegenüber -- es -ist das ein eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so sehr, immer -auf den Beistand außer uns zu zählen, welcher Gesetz heißt, daß es uns -wohl seltsam zu Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner behaupten -sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns unserer Haut zu wehren wagten, -immer erst pflichtgehorsamst nach der hohen Polizei. Das ist bei mir -wenigstens nicht der Fall gewesen -- gerieth ich beim Berliner Carneval -etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte ich meine Hände tüchtig. Man warf -mich hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich denn ziemlich -auf mich verlassen, allein hier handelte es sich um etwas mehr, als den -Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur -dort kennt, den Hof zu machen. - -Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer Sennhütte hatte ich -für einen Frank ein Alpenfrühstück eingenommen, wie die Schweizer -Schriftsteller es seit zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch -gerühmt haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn nie bekommt man -Milch, immer nur Crême. Meine Tasche war also voll, und ich setzte mich -auf einen Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. Kraft wollt' -ich gewinnen für jeden Fall -- der Gesättigte hat Muth; der Hungrige, -welcher friert, schwerlich. - -Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber feucht, durchfröstelnd, um -mich her Einöde, mir zur Seite die Spur der Fußstapfen. - -Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als hätte ich keine gute Zähne -mehr. Endlich schämte ich mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich -Zeit. Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, um hier auf einem -alten Baume sitzen zu bleiben und trocknes Brod zu essen -- es wäre eine -Schande, die nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen sind ja eben -nichts mehr als arme Korbmacher und dergleichen -- an's Todtschlagen werden -sie, weiß der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln -- -gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und wollten sie etwas Anderes, gut, so -wolle du dich tüchtig wehren, und nun vorwärts.« - -Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig weiter in das Gebüsch -ein. Verwirrt war's wie kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen, -streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der Nachtreif hing hier noch -an den Nadeln, kalte Tropfen fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß -geworden und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. Eine Hütte -stand da, ein Hund schlug an. Die Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf -einem Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf einer Skizze hätte sie -sehr malerisch ausgesehen, in der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein -Wohnplatz der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck finden -für sie selbst und ihre Umgebung von Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und -einigen Krautköpfen. Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln mußten auch -da gewesen sein, denn ich sah ein Paar auf dem bischen Acker liegen, -wozu die Lichtung benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte -Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen -- ich fürchtete -Nichts mehr -- nein, wegen des Bewohners der Hütte. Oder hatte sie -Bewohner, diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath? - -Heimath -- was ist Heimath? Die Heimath habt ihr auf jeder Erde, unter -jedem Schatten -- wo ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, nicht -das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein eigenes Haus zu sein, sie ist --- der eigene Heerd. Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen Rauch -aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die Heimath. - -Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. Der Hund, der kleine, -graue, braune, gelbe, struppige, nackte Hund, ein Nondescript, für -welches ich keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig schimpfende -»Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem Brette, welches als Thür diente. -An meiner Kleidung erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen -wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, als ich an der -sogenannten Thür pochte. - -»=Entrez!=« sagte es von innen. - -Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und trat in das Zweighaus. -Ein Mann saß da und schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie. -Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, dann schnitzelte er -weiter. Doch sah man, daß diese Gleichgültigkeit nur gemacht war. - -»=Parlate italiano?=« fragte ich. - -»=Si, Signore=,« erwiederte er. - -Ich hatte etwas von Verirren u. s. w. vorbringen wollen, doch von diesem -Menschen fühlte ich instinktmäßig, er werde mich durchschauen. So sagte -ich denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.« - -Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein augenblicklicher stechender -Seitenblick. - -»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen. »Die -Heimathlosen.« - -Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig. - -»Ihr gehört auch zu ihnen?« - -Gemessenes Kopfneigen. - -»Ihr seid aus --« - -»Hier geboren, Signor.« - -»Aber der Vater?« - -»Der Vater? Aus Toscana.« - -»Und hierhergekommen -- wann?« - -Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge. Ich sah, daß er meine -Fragen unverschämt fand. - -»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch setze,« sagte ich -einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit hergekommen.« - -Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß Raum für mich wurde. Ich -setzte mich, wirklich angegriffen. - -»Von Vevey?« fragte nun er. - -Ich bejahte. - -»Der Signor wohnt dort?« - -»In den Kronen.« - -»Wegen der Gesundheit?« - -Ich zuckte die Achseln. - -»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter so weit herauf?« fuhr er -mit halbem Lächeln fort. - -»Wie ich Euch sagte -- um Euch zu besuchen.« - -Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. Er schien mich für -thöricht zu halten. Nach einigen Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns -ist doch wenig zu finden.« - -»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu lernen.« - -»Uns Alle?« antwortete er zweideutig. - -»Seid Ihr nicht Alle --« forschte ich. - -»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber sonderbar -- sonderbar, -ein klein wenig excentrisch. Man läßt uns ungestört.« - -Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen. Saß ich einmal neben -einem Heimathlosen, wollte ich ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang -nämlich. - -Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der Mensch neben mir war wie -versiegelt. Absichtliche Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig in -der Absicht, mich fortzuschicken. - -Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand er auf und fragte: -»Soll ich den Signor vielleicht ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht -könnte der Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er ihn hinauf -gleich gefunden hat.« - -Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten ließ sich dann -eben Nichts erwiedern. Mißmuthig stand ich auf. »Da bin ich so weit -hergekommen,« sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, die -sich denken lassen, und Ihr gönnt mir nicht einmal fünf volle Minuten -Ausruhen unter Euerm Dache.« - -»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er demüthig spöttisch, »und -es schickt sich nicht, daß ein solcher Signor darunter verweile.« - -»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser bekannt mit einander, daß -wir Freunde werden? Ich würde so gern Etwas für Euch thun.« - -»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen Gleich und Gleich, nicht -zwischen einem Reichen und einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben, -so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein Narr, wenn ich den -Stolzen spielen wollte; aber von Freundschaft redet nicht und kommt auch -nicht wieder.« - -Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. Es klang gerade, als -glaube er sich mir überlegen. Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn -Ihr's denn so wollt -- ich werde Euch nicht bitten.« - -Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus meiner Börse in die -Hand geschüttet. »Gott segne Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit -sichtlichem Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich milder, -zog den Rest des Brodes und die noch halb volle Flasche hervor und bot ihm -Beides. Ueberrascht blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann mit -Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu fassen, Signor. Wer mir Geld -giebt, der ist mein großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit mir -theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für einen Menschen. Das -habt Ihr gethan, Signor, und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen -wünscht, -- wenn Pietro es Euch sagen kann, so sollt Ihr es erfahren.« - -Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der Lichtung sichtbar war. -Der Abend brach bereits herein, und ich hatte noch mehrere Stunden bis -hinunter, ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht erreichen -konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, den ich nun wenigstens bei einem -christlichen Namen nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher, -erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, einen vortrefflichen -Weg. Der Signor würde sehen. Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an. -Ich fürchtete keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein -Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten Fuß. Treu meinem -Grundsatz, mich vor allem unnöthigen Schaden vorzusehen, wollte ich mich -lieber führen lassen, als romantisch allein verunglücken. Pietro lief zu -seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm den ersten Bissen von dem Brode und -gebot ihm, sich vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. Der Hund -begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte dieses Auftrages -- -er streckte sich mit der Majestät eines Löwen vor der sogenannten Thür -hin. Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das übrige fing er -selbst an zu essen. Den Wein hatte er Anfangs verwahren wollen, ohne davon -zu nehmen; vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht ruhigen -Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen werden. Aber als er an die Thür -gelangt war, hielt er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit einem -Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich selbst wahr und hieß ihn -trinken -- er solle in Vevey mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er -nun, doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. Als kein Tropfen -mehr aus der Flasche herauswollte, machte er ihr ein komisch-wehmüthig -Gesicht; dann wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte -sich und erklärte sich für bereit zu meinen Diensten, und nicht nur für -jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher -ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. Auch jünger dünkte er mir -jetzt um Vieles. Für einige dreißig hatt' ich ihn gehalten -- er war erst -zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal -- das macht alt,« sagte -er, aber ganz vergnügt, ja, mit wahrer Komik. Seiner Laune nach war das -Heimathlosendasein eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, aber ganz -gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß wenigstens keine Tragödie des -Elends, und am allerwenigsten eines jener Proletariats-Dramen, woran sich -jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend etwas einzuernten als -ein mäßiges Honorar, oder irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche -Langeweile. - -Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel des Waldes und des -Abends, auf Pfaden, die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen -aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, sondern völlig -vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet zu werden, wie ich sonst als -Kind unserm alten treuen Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige -Brüderschaft im Theilen des Brodes -- Pietro hatte mir nicht umsonst so -herzlich gedankt, und ich konnte mich ihm unbedingt überlassen. - -Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand ein tolles gewesen --- das sah ich ein, als ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte. -Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch dazu gestiegen, entweder -hinauf oder hinunter -- ich fühlte mich wie entzwei, der Frost der -Ueberreizung blieb auch nicht aus -- ich mußte mich legen, doch nicht ohne -für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche Wein befohlen zu haben. Er -verzehrte die für ihn märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und machte -dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte ich noch nie essen hören -- -ich dankte dem Himmel, als er sich für gesättigt erklärte und was noch -vorhanden war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem Kittel -hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme Hündlein, für den -Liebling, den er allein habe lassen müssen, um dem Signor zu dienen, wie -es seine Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. Eigentlich -beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein mitgeben zu lassen, aber -bei näherer Ueberlegung hielt ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu -verwöhnen und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm zu machen. -Er hatte heute schon Geld, zwei Mal Wein, ein Abendessen erhalten und -außerdem mich noch zum Freunde -- das war genug -- ich entließ ihn mit -meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz unnöthiger, und eben darum -erheiternder Feierlichkeit gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner -und Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, zu sein. Ich -hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; er dankte für die Ehre, welche ich -dem armen Thiere erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus -oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es schon bemerkt -- er -redete von sich und dem Nondescript, welches nebenbei gesagt, Tiger hieß, -immer in der Mehrheit. - -Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für den nächsten Tag keine -Langeweile zu befürchten. So war ich dann musterhaft in der Geduld. - -Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen pünktlich, daß ich, -ermattet von der bösen Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor -elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich auf. Ich fluchte sowohl -über den Kellner wie über meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so -wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner wieder zu begrüßen, -daß ich nicht böse bleiben konnte, sondern ihm Frühstück geben und mir -seine Geschichte erzählen ließ. - -Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so gut, so frisch, so bunttoll -und tollbunt, wie gewiß keiner unserer Schriftsteller sie erfinden -könnte, wer weiß sogar, ob ein englischer. - -Ich schreibe sie nicht nach -- ihr würden zu sehr die schwarzen -Augen fehlen, welche, wetteifernd mit dem überströmenden Munde, sie -erleuchteten, ihre Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten. -Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester und dann Bandit -gewesen, dann da und dort gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt, -verjagt worden war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet und -hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch sagte. Ein Weib sei mit ihm -gekommen, hätte --, gesegnet sollte sie sein! -- unter dem Dache, welches -ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den Glauben preisgegeben -haben, daß sie eine der ersten Familien der »Niederlassung«, vielleicht -gar die älteste seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! Ich -lachte --, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte mich, er wurde -wieder freundlich. Großen Werth legte er darauf, daß er lesen und -schreiben könne. Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung gegeben, -meinte er mit nicht geringer Genugthuung. Um es mir zu beweisen, holte er -aus seiner Tasche einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor -und las mit feuriger Declamation einige Ottaven. - -Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge für ein Einbürgern in -unsere Welt zu thun. Mit großer Demuth hörte er mich an, begleitete -Alles, was ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen -und am Ende kam es doch heraus, er wolle bleiben, wo und wie er sei. Es -werde nicht recht gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei zu -alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht auch zu träge,« bemerkte -ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« -- er gab es mit schmerzlichem -Bewußtsein seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren ist zu etwas, -ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. »Aber, Pietro, Ihr -werdet dann nie mehr Hunger haben.« -- »O, Signor, der Hunger kommt -selten, selten, und es ist immer besser, bisweilen einen Tag zu hungern, -als alle Tage thun zu müssen, was uns nicht gefällt«. Damit küßte er -mir die Hand, bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' es -nicht. Er war so =con amore= Vagabond, Heimathloser -- es wäre Grausamkeit -gewesen statt Güte, ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was -seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch vermehren mochte, -war, wie ich erwähnte, die Erinnerung an einige unschuldige Fehltritte, -begangen auf dem Markt des Lebens und angemerkt von der =bête noire= der -Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's Füße hatten die Grenzmarken der -Civilisation überschritten -- er war mit seinem Vater und allein einige -Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der übrigen Schweiz gewesen, -aber wie ich denke, nicht immer mit besonders gutem Gewissen wieder in sein -Waldasyl zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine Lust, sich legitim -bei Tageslicht und Angesichts der Menge sehen zu lassen. - -»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste vergeblich fand, -»thut wie Ihr wollt, aber bei denen, welche Ihr Eure Leute nennt, -werde ich nichtsdestoweniger versuchen, sie für etwas Besseres als die -Heimathlosigkeit zu gewinnen.« - -Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen klugen Blick an und -antwortete: »Ich zweifle, daß sie wollen werden -- ich bin gewiß, daß -sie nicht wollen werden.« - -»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der rauhen Erde, unter dem oft -mitleidlosen Himmel?« - -»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die Erde und den Himmel -- wir -haben die Freiheit. Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, wann -wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer Gesellschaft tausend Fesseln, -von denen eine einzige uns die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum -Gefängniß machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten als Schmuck -zu tragen -- wir würden das nicht verstehen. Wundert Euch nicht, mich so -reden zu hören. Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel --- wir denken auch nach und verständigen uns über unsere Gedanken. Auch -haben wir einige Studirte unter uns, die -- irgendwie unglücklich gewesen -sind. (Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) Von denen -lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« fuhr Pietro fort, »und, Signor, -verzeiht mir, es geht nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden -möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden -- das ist natürlich, noch -mehr, Euch muß unser Zustand schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes -Herz habt, möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten ist's, Ihr -lasset uns, wie Ihr uns findet.« - -Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. Ich konnte mich nicht -überzeugen, daß sie auch die der übrigen Zweihundert sein sollte -- -so viel dieser Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. Gewiß -waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen nach dem bürgerlichen -Dasein litten, für welche diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde -schlafen zu können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein ungeheures -Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen. - -Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu meinem Vorhaben zurück, -die Heimathlosen kennen zu lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht -mehr zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem Esel. Man ist -hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen liefen mir nicht nach, obwohl -meine langen Beine von dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten. - -Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel der Heimathlosen; -wohin Pietro mich geleitete -- er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut -empfangen -- von Gefahr war nie die Rede, wenigstens glaub' ich es nicht. -Tiger trabte immer mit uns. Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus -- Tiger -brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript hing unbeschreiblich -an mir -- er konnte, leider, nicht mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen -hatte, aber es war eben so gut, als thäte er's. - -Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen Bergen, ich auf -dem Esel, Pietro mit Stock und Provianttasche neben mir und der -unbeschreibliche Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's wirklich -sei. Aber ich war's. - -Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein wenig verrückt, wenn nicht -für ganz und gar. Anfangs machte man mir Vorstellungen über das, was -ich wage -- selbst der Wirth ließ sich herab: =Mais, monsieur!= zu mir zu -sagen. Ich gab ihm Recht, bedankte mich und war den nächsten Tag wieder -mit Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit. - -Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum -- ich fing an, das -Alles zu begreifen. Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch, -oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu war ich zu sehr, um mit -Immermann's Münchhausen zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern. -Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr mit dieser Horde, die -mitten in Europa ohne Gott, Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott -- das -muß ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem Walde. Sie beteten zu -ihm, die Einen so, die Andern so. - -Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner, Heiden, Christen, Verbrecher, -Herumtreiber, Verfolgte? - -Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht -- sie waren Heimathlose. - -Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer Existenzen. - -Die Prosa des Elends. - -Die Poesie der Armseligkeit. - -Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie. - -Voll Rohheit und voll Weichheit. - -Seelen zum Schaudern und zum Weinen. - -Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen über sich -selbst, wie das böse Gewissen. - -Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller, hätte ich studiren -können. - -Epopöen der Schuld hört' ich. - -Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an Brod, auch an Gottes Wort. - -Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren mir die liebsten -- die -Studirten dagegen sehr zuwider. Sie sprachen so viel, waren so erhitzte -Ankläger der ganzen Menschheit und so weitschweifige Vertheidiger von den -schlechtesten Bruchstücken derselben, von sich selbst. Dabei hatten sie -immer so ungeheuer viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im Kleinen -sein müssen, um sie befriedigen zu können. Was meine Mittel nicht -überstieg, that ich. Aber bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre -Contrebande nach Amerika versendete. - -Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird gegen die tausend socialen -Ueberflüssigkeiten, welche wir ihm so freigebig aufbringen. - -Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen Freunden am liebsten -gewonnen, konnte ich am wenigsten thun. Ihr Geschick war fertig, ihr -Gemüth hineingewachsen. Einige Kinder übergab man mir -- was aus denen -zu machen ich hoffen darf, würden die Tage lehren, die noch kommen sollen. -Bei den Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's Münchhausen zu -reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon vorgekommen, hätte ich irgend mir -einbilden können, sie auch nur halb zu civilisiren. - -Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke und dazu Ziegen. Was -diese Thierchen brauchten, konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung -von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle, Decken, Flachs, Kessel -kaufte ich auch -- für wenig Geld möblirte ich meine Heimathlosen -königlich. - -Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich ihnen, Herr, Freund. Die Welt -war in mir zu ihnen gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht lieblos. - -Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten. Sie war größer, etwas -fester gebaut als die übrigen Wohnungen, aber immer verschlossen. Die -Heimathlosen sagten mir: dort wohnten die Einsiedler. - -Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter. Sie lebten ganz geschieden von -den sie Umwohnenden. Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte schön -gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein, sehr fein. - -»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt sie sich gut, haben -sie's besser als Ihr?« - -»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau sieht Euch so an, bewegt -die Hand so, wie nur vornehme Damen es thun. Signor, ich verstehe mich -darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen habe.« - -Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat Pietro, dem Manne von -mir Dienstleistungen anzubieten. Pietro brachte mir einen Dank und eine -Ablehnung. - -Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und meine Gedanken waren in -der Hütte. - -War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen? Wenn ich vielleicht eine -unerträgliche Lage beenden konnte -- - -Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr verstörte? - -Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles natürlicher und ehrwürdiger -vorgekommen, als jedes andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf, -wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht sich von selbst nur -nach dem Gesetz. - -So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, untersagte mir selbst -die Neugier und fing nach und nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm -zu sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren sein, so schnell -verzehr' ich alle Interessen, die sich mir darbieten. - -Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen Brief »von der Frau aus der -stillen Hütte«, wie er ausdrucksvoll sagte. - -Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich das nothdürftig -zugeklebte Blatt auseinander und las in deutscher Sprache: - - »Herr Graf! - - »Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns kommen wollen und - sind nicht angenommen worden. Jetzt komme ich zu Ihnen -- werden auch - Sie mich zurückweisen? - - Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene Hand - zurückgestoßen. Er that es, Er, für den ich keinen Namen weiß; denn - jeder Name, den ich ihm geben würde, wäre eine Schande für mich. - Doch ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen. - - Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden Sie kommen? Es hängt von - Ihnen ab, ob verzweifeln oder gerettet werden soll - - Feodora Freiin von S.« - -Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen und sah noch immer -hinein, nachdem ich ihn schon lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die -mir schrieb -- sie war aus Berlin -- eine Jugendfreundin meiner Mutter. Von -ihrem Schicksale nachher, jetzt nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung -hätte Folge leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig zum -Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie hatte an mich ohne Adresse -geschrieben, mein Name war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person -und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich ihr nenne? dachte ich. -Doch sie schien »=to take it coolly=« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief -mißfiel mir ungemein. So ganz und gar theatralisch, und das von einer -Frau, die wenigstens gegen funfzig Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort -hinauf und hineingerathen sein mochte? -- Was ich von ihrer Geschichte -wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber noch widerlicher mußte der -Fortgang derselben sein. Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich -ihrer Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen in kalter -grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf. - -»Die stille Hütte« lag etwa noch eine Stunde hinter der Pietro's. -Gegen elf ungefähr kam ich an, -- allein, denn Pietro sollte mich nicht -begleiten, hatte die Dame gesagt. Aber wenn gleich der Herr nicht, der Hund -lief mit mir -- Tiger wäre nicht zurückzuhalten gewesen, sobald er mich -sah. Mit Tiger langte ich demnach bei der Freiin von S. an, welche sich in -einer so ungewöhnlichen Wohnung und in einer so unglaublichen Lage befand. - -Ich war etwas entfernt vom Hause abgestiegen, doch mußte sie mich gehört -haben, denn sie öffnete die Thür, noch ehe ich davor war. Pietro hatte -Recht -- die Frau mußte schön gewesen sein. Sie hatte eines jener -Profile, die unzerstörbar sind, weil sie klassisch sind. Ihre Haltung war -graziös -- etwas Magdalene darin, aber auch noch viel Hochmuth. Die Frau -gefiel mir eben so wenig als ihr Brief. - -Unsere Begrüßung war die sonderbarste und lächerlichste für den Ort und -die Umstände, gerade weil sie an jedem andern Ort und unter allen andern -Umständen die alltägliche gewesen wäre. - -Ich sagte: »Ich habe die Ehre --« - -Sie antwortete, mir die Thür zeigend: »Darf ich bitten.« - -Ich folgte ihr -- den Esel hatte ich angebunden -- Tiger folgte mir. - -»Was haben Sie da für einen eigenen Hund, Herr Graf«, sagte sie im -natürlichsten Tone. - -»Verzeihung, meine Gnädige«, rief ich und stieß Tiger hinaus. - -Als ich zurückkam, bot sie mir einen Schemel an. Ich setzte mich und -überreichte ihr meine Karte. Sie las meinen Namen, »Gott!« rief sie, und -gerieth in Aufregung, »dieser Name! Ich kannte Ihre Familie, wenn Sie aus -Berlin sind?« - -»Und Sie, gnädigste Frau, entflohen vor zwanzig Jahren mit -- --« ich -schämte mich fortzufahren. - -Sie lächelte bitter: »Ja, es war vor zwanzig Jahren einmal Mode, daß -vornehme Frauen mit Candidaten -- entflohen, wenn Sie die Güte haben -wollen, es so zu nennen. Ich nenn' es anders. Hoffentlich ist mein -Geschlecht wenigstens von dieser Thorheit zurückgekommen?« - -»Ja, gnädige Frau, die Candidaten sind jetzt ungefährlich. Sie verloben -sich, ehe sie Hauslehrer werden.« - -»=Tant mieux, tant mieux=,« sagte sie nachlässig. Plötzlich faßte -sie mich scharf und energisch ins Auge und sprach mit Lebhaftigkeit: »Ich -sehe, daß ich Ihnen keine Theilnahme einflöße. Auch begehr' ich keine, -aber Hülfe fordere ich. Wollen Sie mir die versprechen?« - -»Wozu?« fragte ich mißtrauisch. - -»Wozu?« wiederholte sie spöttisch. »Fürchten Sie, ich wolle Sie zu -einer Rolle in einem Trauerspiele dingen? Wozu anders, als mir zu helfen, -daß ich von dem Menschen loskomme.« - -»So sprechen Sie von Demjenigen, um dessenwillen Sie Alles verlassen -haben, sogar Ihre zwei Kinder?« fragte ich mit Ironie. - -»Wenn ich nicht um seinetwillen meine Kinder verlassen hätte, würde ich -wahrscheinlich anders von ihm sprechen,« sagte sie rauh. »Glauben Sie -mir, wir verzeihen es einem Manne nicht, ihm Alles geopfert zu haben.« - -»Haben wir denn Zeit, ein solches Gespräch zu führen, gnädige Frau?« - -»Ja. Er ist nach Gruyères hinüber, kommt erst heute Abend wieder.« - -»So läßt er Sie denn doch allein?« - -»Weil er mir vertraut.« - -»Wie es scheint, etwas zu sehr,« bemerkte ich. - -»Er glaubt, daß ich ihn noch liebe,« sprach sie verächtlich. »Ihn noch -lieben nach zwanzig Jahren der Entbehrung, der Erniedrigung, besonders nach -den letzten Jahren, die ich hier zugebracht! Es gehört eine Eitelkeit wie -die seine dazu, um das glauben zu können.« - -»Verzeihung,« sprach ich ernst, »ich glaubte bisher immer, Nichts -verkettete so unauflöslich wie gebrachte Opfer, gemeinschaftliche -Entbehrungen.« - -»Phrasen«, erwiederte sie mit ungeduldiger Bewegung. »Bringen Sie z. B. -ein Mal einer Frau Ihre ganze Carriere zum Opfer --« - -»Ich habe keine Carriere.« - -»Oder Ihre Ehre.« - -»Das thäte ich nicht.« - -»Dergestalt, daß Sie nie Etwas aufopfern würden? Dann können Sie mich -freilich nicht begreifen.« - -»Ich würde um einer Geliebten willen Alles aufgeben, was ein Mann -aufgeben darf -- alles Persönliche außer der Ehre, Alles sonst, außer -dem Vaterlande. Und wenn ich es gethan, würde ich wo möglich noch mehr -lieben, was auch logisch wäre; denn wie theuer muß uns nicht ein Wesen -sein, welches wir mit der Totalsumme unserer Existenz erkauft haben?« - -»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer bezahlt?« fragte sie kalt. - -»So ist Herr -- Herr --« - -Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte. Wenn meine Mutter die -Geschichte erzählte, sagte sie immer blos: »und so ein Candidat!« - -»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth sei?« - -Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als mache sie ein erhabenes -Zugeständniß: »Vielleicht ist er's nicht mehr geworden, als er von -Anfang an war, aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu, »wenn Sie -ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht mehr fragen.« - -»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes Glück gehabt,« sagte -ich; »aber, gnädigste Frau, wenn Sie das so gut wußten, warum da --« - -Sie sah mich an -- ihre ganze Gestalt zitterte vor Zorn. »Und Sie muß ich -um Hülfe bitten,« sprach sie langsam; »Es geschieht mir Recht.« - -Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte über meine Lippen. Nie -hatte ich mich so vollkommen abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast -lächerliche Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen, ich -hätte dieser Frau am liebsten die herbsten Dinge gesagt. Und was hatte sie -gethan? Ueber ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein. Sie -empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch inwendig um einige Grade -bequemer war, als die andern -- sie empfing mich wie in einem Salon -- das -machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste erhalten, und in einer -solchen Umgebung bewies das wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter. -Daß sie verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben -- -vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl einflößen, vielleicht war -er ein ordinairer Mensch, was in einer tragischen Situation doppelt -unerträglich ist. Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich hart -gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein -- sie hatte noch nicht nach -ihren Kindern gefragt. Das war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich -vermißt. - -»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir länger keine Hülfe -begehren wollen -- ich kenne Ihre Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist -ein edles, liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre Mutter geweint -hat. Schreiben Sie ihr -- ich werde den Brief besorgen -- Sie werden mir -dann für Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten Brief. Was -meinen Sie?« - -Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder doch mindestens auf -etwas Affekt. Täuschung. Ihre Miene veränderte sich nicht. Mit derselben -finstern Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um ihren Mund -gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie, daß ich mich an meine Tochter -wenden will? Daß ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie -nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu erscheinen? Nein, -wahrlich nicht, so lange ich noch meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese -Erniedrigung! das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu stehen.« - -»Gnädige Frau, Sie sind immer die Mutter.« - -»Die Mutter soll ein Vorbild und keine Schande sein.« - -Sie mochte in meinen Augen gelesen haben; denn sie fragte: »Sie meinen, -das sei ich schon? Gut, doch bin ich dann wenigstens nur eine vergangene, -halbvergessene. Eine gegenwärtige, aufgefrischte mag ich nicht werden.« - -»Wollen Sie denn Ihre Tochter nie wiedersehen?« - -»Hab' ich das Recht dazu? Ich richte mich, Graf, ich weiß, was ich -verdiene und was nicht. Doch Sie sprechen immer nur von meiner Tochter -- -mein Sohn --« - -»Ihr Sohn ist todt, gnädige Frau.« - -Sie bebte innerlich zusammen; dann sagte sie leise: »Für mich war er ja -schon lange todt. Wie war er?« setzte sie fast bittend hinzu. - -»Liebenswürdig und gut.« - -»Aber nicht bedeutend? Ja, das erkannte ich schon damals; nur sein Vater -wollte durchaus ein Genie in ihm sehen.« Sie war wehmüthig geworden. - -»Der Baron, gnädige Frau --« sagte ich zögernd. - -»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits vor sechs Jahren. -Damals las ich noch Zeitungen -- so erfuhr ich's. Es war ein braver, -rechtlicher Mann.« - -»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem Schweigen wieder an, -»wollten Sie nicht --« - -»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses Menschen werden, der mich --- nachdem ich --« Sie machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des -Ekels. - -»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben -- sollte denn nicht ein Gefühl -mehr --« - -»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich nicht blos aus Langeweile -auf dem Lande --« ich sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber -verläumdete sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig und -gereizt: »Möglich, möglich, kann sein -- es ist so lange her. Aber jetzt -ist's ja auch einerlei, warum ich es that, jetzt handelt es sich nur darum, -daß ich frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin, als -Verwalterin irgend eines Hauswesens, als Unterlehrerin irgend einer Schule. -Ich habe zwar furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren, -aber so viel werd' ich doch noch wissen.« - -»Und was soll aus Herrn W. werden?« - -»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie haben ja schon zwei bis drei -Subjecte hingeschickt -- eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen, -nicht wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.« - -»Wird er wollen?« - -»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er liebt mich noch. -Begreifen Sie das -- nach zwanzig Jahren!« - -»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen wollen,« rief ich -heftig. - -»Es klingt so und ist's doch nicht. Glauben Sie, daß ich ihm etwas -Anderes bin, als ein stündlicher Vorwurf? daß ich in meinem Herzen etwas -Anderes für ihn finde, als Abscheu, besonders seit -- Sie haben mich noch -nicht gefragt, warum ich hier bin. Wollen Sie es hören?« - -»Wozu?« fragte ich wieder. - -»Genügt es Ihnen, daß wir unglücklich und strafbar sind?« - -»Vollkommen. Es bedarf bei mir keines andern Empfehlungsbriefes; denn ich -kann auch unglücklich und strafbar werden.« - -»Auf die Manier wie Herr W. nicht. Dazu kenne ich Sie jetzt schon genug, -um das zu wissen. Wollen Sie mir die Hand geben?« - -Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.« - -»Ach!« rief sie, mir die Hand entziehend und sich von mir wendend. - -»Sie machen eine Schuld durch eine andere nicht gut. Und wenn er Sie -liebt. Vielleicht hat er um Ihretwillen auch Alles verlassen --« - -»Das Alles des Herrn W!« sagte sie lachend. - -»Verzeihung,« sprach ich ernster als bisher; »das bleibt sich gleich. -Wer Alles giebt, der giebt Alles, und mag sein Alles sich in einer hohlen -Hand verschließen lassen.« - -Sie war in Zerstreuung gefallen. Plötzlich fuhr sie auf und sagte lebhaft -zu mir: »Sonderbar, daß ich mitten in dieser Misère nie daran gedacht -habe, mir das Leben zu nehmen. Das beweist -- Feigheit oder Kraft.« - -»Ich traue Ihnen Kraft zu,« sagte ich. »Wenden Sie sie nur zum Guten -an.« - -»Das heißt werden Sie nachträglich die ehr- und tugendsame Ehefrau des -Herrn W.« - -Dieser Hohn empörte mich. »Wenn Sie es vorziehen, nur seine Maitresse -gewesen zu sein -- ich habe Nichts dagegen.« - -Sie maß mich. »Spricht man jetzt so in guter Gesellschaft?« - -»Nein,« erwiederte ich, »aber in schlechter.« - -Ich war wüthend auf diese Frau, die gefallen, schlecht, und meiner -bedürftig wie nur je ein Wesen des andern sein kann, mir doch trotzte und -wie! -- Moralisch. Denn ich hatte Recht. Was konnte sie mehr hoffen, als -noch ein Mal eine Gattin zu werden, noch ein Mal in eine Gesellschaft -zurückkehren zu dürfen? Wenn W., wie ich mir vorstellen konnte, wegen -einer infamirenden Schuld sich hier verborgen hatte -- ich wollte ihm ja -Mittel bieten, sich wieder rehabilitiren zu können. Meine Kasse würde -etwas darunter leiden, das sah ich mit ziemlicher Bekümmerniß, indessen, -ich wollte mich gern einschränken, um meine Don Quixoterieen wieder -einzubringen, nur diese Trennung zwischen zwei Menschen, die so lange -Sünde und Noth mit einander getheilt, kam mir unsittlich, ja, förmlich -barbarisch vor. - -Sie war meinen Ueberlegungen auf meinem Gesichte gefolgt und sagte jetzt -unendlich moquant: »Sie rechnen, ob es Ihnen nicht zu theuer kommen -könnte, mir zu helfen.« - -Erzürnt sprang ich auf. »Gnädige Frau, wenn Sie wollen, daß ich gern -thun soll, was ich thun will und thun werde, so beschimpfen Sie mich -nicht.« - -»Beschimpften Sie mich nicht?« erwiederte sie kaltblütig. »Ich habe nie -eine Beleidigung angenommen, ohne eine wiederzugeben.« - -»Nein, Sie passen nicht zu Ihrer Tochter,« sagte ich gedankenvoll, fast -traurig. Ich hatte jene junge Frau wahrhaft lieb -- sie war ganz Strenge in -ihren Grundsätzen, Milde in ihren Gesinnungen. Wie konnte sie die Tochter -einer solchen Mutter sein? - -»Waren Sie immer so, wie Sie jetzt sind?« fragte ich die Baronin. - -»Den Anlagen nach, gewiß,« erwiederte sie gleichgültig. »Das Leben -entwickelt nur was in uns ist.« - -»Ich glaube das nicht. Ich glaube -- kennen Sie die Geheimnisse von -Paris?« - -»Wann erschienen?« - -»Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren.« - -»Also nach der Zeit, wo ich noch las. Nein, ich kenne sie nicht, aber was -wollen Sie mit diesen Geheimnissen?« - -Statt der Antwort fragte ich: »Sechs Jahre sind Sie schon hier?« - -»D'rüber,« antwortete sie ruhig. - -»Aber, guter Gott, wie haben Sie denn gelebt?« - -»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man Bände lesen können, -»wie?« Sie schien sich sammeln zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier -gewesen, ein Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen -- dann gab sie -den Gedanken plötzlich auf und sagte nur: »nun, wie man als Heimathlose -lebt.« - -Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal nicht ohne eine Art -Antheil. Wenn sie durch diese Prüfung auch nicht geläutert worden, -sie hatte sie doch überdauert, das war immer schon viel von einer Frau, -verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch von Natur, wie sie -sich zeigte. »Wie haben Sie's nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte -ich zögernd. - -»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht mehr. Damit ist -Alles gesagt. Doch was wollten Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten -- -die Geheimnisse, oder wie hieß es?« - -»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte ich, »die Seele -könne sich mitten in der größten Verderbniß rein erhalten, eine weiße -Nymphäa aus einem Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in -die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war wohl schon früher -vorhanden und ist nur in diesem Buche am ausgeprägtesten dargestellt. -Lies't man es, lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so -möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um tugendhaft zu werden, erst -Ehebrecherin sein, ein Mädchen erst fallen, um die Unschuld zu kennen. -Das ist nun aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas von dieser -Apotheose der Untreue, dieser Verklärung der Courtisane hören wollen. -Meine Ueberzeugung ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie, -gnädige Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das, was Sie in Ihrem -Hause, als die Mutter Ihrer Kinder und der Gegenstand der allgemeinen -Achtung waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist. Sie sind so -gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu empfinden, daß Sie sich nicht mehr -besinnen, je anders gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf -geben -- Sie haben anders gefühlt.« - -»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung. - -»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht so --« - -Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat sind!« - -»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen Sie anfangen allein in -der Welt?« - -»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit ihm zusammen.« - -»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch nicht versucht. Wenn Sie -erst wissen werden, daß in dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach -Ihnen frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben zu lassen, kein -anhänglich Geschöpf mehr, um es zu mißhandeln --« - -»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln ist mir kein -Bedürfniß.« - -»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige brauchen das gar sehr.« - -»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch. - -»Der beißt Sie,« antwortete ich. - -Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht das Lachen verlernt hätte, -würd' ich lachen. Was sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich -wollen -- haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie mir -- es ängstigt -mich jetzt, Sie zu sehen; was wir gesprochen, kommt mir so verrückt vor. -Bedenken Sie, ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau, die schon -deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie sich unbedingt Ihnen anvertraute. -Gott, wenn ich mich getäuscht hätte -- wenn Sie Hohn mit mir trieben!« - -»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich mir an, aber auch -wirklich unbedingt, ohne Rück- und Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in -meine Hand -- ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich werden.« - -Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft, mit welcher sie sich mir -gegenüber gestellt, verließ sie. Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden, -jetzt mit tiefer Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse, die -Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht schlechtes Weib in zwanzig -Jahren voll Unterdrückung ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit, -ohne Aussicht, erleiden kann. - -Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung, auch ihrem -ursprünglichen Wesen nach -- wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so -war's nur gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen Skandals -herzugeben -- »ich wußte,« sagte sie mir, »das Geschwätz über meine -Flucht würde aufhören, sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es -gewiß nicht lange gewährt -- höchstens einige Freundinnen außer Ihrer -Mutter haben noch bisweilen ihre Kinder von mir unterhalten --« - -»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich, meine Mutter hat -stets nur mit großem Bedauern von Ihnen gesprochen.« - -»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau, nicht Das geworden, -wozu Sie mich jetzt machen wollen, die Gattin meines interessanten -Verführers. Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen, dieses -liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die arme Feodora! wie anders hat -sie's jetzt, als früher -- ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen -läßt, einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch zu heirathen -- -glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft mit Herrn W. hätte man mir gern -verziehen -- es gab noch andere Damen, denen er recht gut gefiel -- eine -Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit als lächerlich verurtheilt -worden.« - -Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott: »Gnädige Frau, und -meinen Sie, man habe Sie weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur -entführen ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat nie für tragisch -gegolten, obgleich es so tragisch ist, wie es nur eines geben kann. Warum -Sie keine Scheidung und keine neue Ehe wollten -- soll ich es Ihnen sagen? -Ihr Stolz als vornehme Frau und als feine und energische Natur sträubte -sich gegen die Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig, nicht -nur den äußeren Verhältnissen, auch dem innern Standpunkt nach -- eine -augenblickliche Schwäche allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu -ihm. Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?« - -»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch mit einer gewissen Freude, -erkannt worden zu sein; »daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher -Fehltritt. An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde gegangen -- -an meiner Dummheit verzweifle ich noch heute, wo sie schon zwanzig Jahr -alt ist. Doch je älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie. Sie -wächst immerfort.« - -»Verwandeln Sie die Dummheit.« - -»In was?« - -»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber lohnreiches Loos?« - -Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken, und sah mich mit einem -Blicke an, der mich um Erbarmen flehte. - -»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand nur verkaufen? Quälen -Sie mich wenigstens erst, wenn Sie ihn gesehen haben.« - -Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war vernünftig. Was für den -ersten Augenblick anzufangen, war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte -ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine Stube ausmitteln, -wo sie sich vor W. verbergen könne, bis ich ihn gesehen und geprüft. -Dann sollte ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden. -»Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn Sie mich für -moralisch incompetent halten. Meine Seele möchte in die Einsamkeit und -da ihrer Sünde vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren Aufruhr -ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses Mannes zu bleiben, daß meine -Buße darin besteht. Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern. Sie -sind jung und unverdorben -- Sie werden besser das Rechte erkennen, als -ich.« - -Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und sah mich an. - -Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die nachkommen sollten. Als er -aber nicht wieder anfing, fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht -weiter?« - -»Nein, es geht noch nicht weiter,« versetzte er -- »ich habe erst bis -hierher geschrieben. Ehe ich fortfahre, sagen Sie mir -- würden Sie die -Leute verheirathet haben?« - -»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich ohne mich zu besinnen. »Es heißt: -Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden, und nicht: Der -Mensch soll zusammenfügen, was Gott geschieden hat.« - -»Also glauben Sie, die Beiden seien von Gott geschieden gewesen?« - -»Versteht sich.« Ich antwortete in meinem Eifer mit einem Schweizer -Ausdruck. »Durch Gott sowohl, wie früher durch das Gesetz.« - -»Nun, ich habe sie trauen lassen,« sagte er trocken. - -»Da werden Sie was Schönes angerichtet haben!« - -»Calclire, nicht, war moralisch,« sprach er, wieder yankeesirend. - -»Moralisch, aber dumm,« versicherte ich ihm. - -Er legte sein Manuscript auf den Tisch, stützte Arm und Kopf auf und -vertiefte sich in Nachdenken, bis der Thee kam. Dann sagte er plötzlich -bestimmt, seine Tasse entgegen- und vom Teller eine Brezel wegnehmend: -»Sie täuschen sich; ich bin ganz gewiß, daß die Ehe gut ausfallen -wird.« - -»Wenn Sie dessen gewiß sind, ist's ja gut,« sprach ich lachend. -»Beweisen Sie es nur dem Leser.« - -»Ich schreibe das Ding nicht fertig,« sagte er entschieden. - -»Und warum denn nicht?« - -»Sie sprechen heute klassisch schweizerisch. Weil Sie die Heirath dumm -finden.« - -»Ich finde sie dumm, Andere finden sie vielleicht klug.« - -»Möglich, ich hoffe es sogar, aber ich mache die Novelle doch nicht -fertig.« - -»Des Menschen Wille --« sagte ich. »Nehmen Sie Quittensaft?« - -»Danke. Nehmen Sie meine Novelle?« - -»So wie sie da ist?« - -»Und warum denn nicht?« machte er mir nach. »Sie wollten sie ja als -Schluß Ihres Buches?« - -»Aber ordentlich geschlossen, nicht so in der Mitte abbrechend, wie eine -nicht fertig gewordene Brücke.« - -»O,« sprach er mit unnachahmlicher Kühle, »für Ihr Buch ist sie schon -noch gut genug.« - -»Dann schreibe ich auch unser jetziges Gespräch dazu.« - -»Alles, was Sie wollen.« - -»Und Sie müssen mir noch sagen, wohin Sie Ihr glückliches Paar -befördert haben. Vermuthlich auch nach Amerika?« - -»Nein,« versetzte er gelassen, »nach Australien.« - -»Das ist jedenfalls eine Abwechselung,« sprach Otto, der uns bisher mit -ziemlich spottender Miene zugehört hatte. - -»So mein' ich auch,« entgegnete Wladislav. - -»Aber Pietro?« fragte ich weiter. - -»Pietro hat zwei Ziegen und wir correspondiren mit einander.« - -»Die Ziegen und Sie?« - -»Nein, ich und Pietro.« - -»So einen Brief müssen Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto. - -Wladislav schüttelte den Kopf. »Briefgeheimniß -- unverletzlich.« Dann -bat er mich um die zweite Tasse Thee. Ich goß sie ihm ein, und that eine -dritte Frage, nach Tiger. - -Wladislav wurde roth. »Haben Sie nie in meinem Zimmer einen Hund kläffen -gehört?« - -»Allerdings, und ein eigenes, jämmerliches Gekläffe war's.« - -»Nun, das ist Tiger,« sagte er lächelnd und zögernd. - -»Warum haben Sie ihn denn nie bei sich?« - -»Ich schäme mich, weil er so häßlich ist,« bekannte er leise. - -Wir lachten ohne Umstände. »Sie sind,« sagte ich -- - -»Ich bin der Wladislav,« unterbrach er mich treuherzig, bittend. - -»Kriegen wir nicht wenigstens das Nondescript zu sehen?« - -Wladislav schwankte ein wenig. Dann aber sprach er sanft: »Nein, das arme -Vieh ist gar zu schauderhaft -- Sie würden ihn gewiß im Traume sehen.« - -Hier kam man, ihm den Wagen anzusagen. Er erhob sich etwas widerstrebend. -»Aus dem warmen Salon in die feuchte Nacht,« sagte er sich in der -Erwartung schüttelnd. - -»Es ist erst sieben, also noch Abend,« tröstete ich ihn. - -»Und gestern schien der Mond, deßwegen ist's heute nicht finster,« -setzte er mürrisch hinzu. »Sie sind --« - -»Ich bin Ihre Freundin, die Ihnen eine glückliche Reise wünscht, eine -frohe Heimkehr --« - -»Und ein langes Leben und eine selige Urständ,« fiel er mir in die Rede. -»Ich weiß das Alles schon -- bleiben Sie mir gesund, oder vielmehr werden -Sie Sich selbst gesund -- es ist ein klägliches Ding, immer so krank zu -sein.« - -Damit reichte er mir ingrimmig die Hand, schüttelte die meine so derb, -daß ich schrie, und ging, von Otto begleitet, nach der Thür. Dort kehrte -er plötzlich wieder um, kam zurück an den Tisch, sah mich scharf an und -fragte: »Wie finden Sie denn nun eigentlich meine Novelle, d. h. meine -wahre Geschichte?« -- »Barock und formlos,« antwortete ich, »auch -mit Nachlässigkeiten des Styles und Wiederholungen von Worten reichlich -gesegnet, aber dabei besonders genug und deßwegen --« -- »Schon gut!« -Damit hemmte er meine Kritik, flüsterte mir dann vertraulich zu: »Ich -will es Ihnen nur sagen: gerade so finde ich sie auch;« und ohne mir noch -ein Mal Adieu zu bieten, schritt er nun wirklich aus der Thür. - - -Hofbuchdruckerei der Gebr. Jänecke in Hannover. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Der Schmutztitel wurde entfernt. - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 18: - im Original "für den armen Menschen ist's tödtlich." - geändert in "für den armen Menschen ist's tödtlich.«" - - Seite 72: - im Original "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?" - geändert in "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«" - - Seite 72: - im Original "»Herr Leon auch.« Er war aber schon mehrere" - geändert in "»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere" - - Seite 82: - im Original "Die Engländerin konnte kein Wort Französich" - geändert in "Die Engländerin konnte kein Wort Französisch" - - Seite 89: - im Original "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.«" - geändert in "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich." - - Seite 104: - im Original "»Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf." - geändert in "Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf." - - Seite 104: - im Original "Und warum erkundigte sich sich denn nicht" - geändert in "Und warum erkundigte sie sich denn nicht" - - Seite 108: - im Original "meine junge Frau vorstellen zu dürfen«" - geändert in "meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«" - - Seite 108: - im Original "Sie scheinen sich wunderbare Gedanken" - geändert in "»Sie scheinen sich wunderbare Gedanken" - - Seite 110: - im Original "»Aber ich weiß Alles, sagte lachend Pauline." - geändert in "»Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline." - - Seite 110: - im Original "Ich möchte gern von seiner Braut hören." - geändert in "Ich möchte gern von seiner Braut hören.«" - - Seite 128: - im Original "Eben sprach ich sehr kennntnißreich und weise" - geändert in "Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise" - - Seite 147: - im Original "ihm, dem Überlegenen, Widerstand zu leisten" - geändert in "ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten" - - Seite 147: - im Original "sollte sie gleich bei ihrer Rückhehr" - geändert in "sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr" - - Seite 192: - im Original "er mochte ungefähr fünf- bis sechsund zwanzig sein" - geändert in "er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein" - - Seite 206: - im Original "Die Waadtländer sind so gelassen üller Alles" - geändert in "Die Waadtländer sind so gelassen über Alles" - - Seite 209: - im Original "sich ver-verbergen wie die Schlangen" - geändert in "sich verbergen wie die Schlangen" - - Seite 210: - im Original "den Berliner -- Schönen auf die wunderbare Manier" - geändert in "den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier" - - Seite 224: - im Original "nahm seinen klugen Blick an und anwortete" - geändert in "nahm seinen klugen Blick an und antwortete" - - Seite 232: - im Original "»=to take it coolly=« wie Jacob Faitful sagt" - geändert in "»=to take it coolly=« wie Jacob Faithful sagt" - - Seite 242: - im Original "»Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«" - geändert in "Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«" - - Seite 242: - im Original "ernster als bisher; das bleibt sich gleich" - geändert in "ernster als bisher; »das bleibt sich gleich" - - Seite 245: - im Original "sich so zu beugen? fragte ich zögernd" - geändert in "sich so zu beugen?« fragte ich zögernd" - - Seite 248: - im Original "wenn Sie Hohn mit mir trieben!" - geändert in "wenn Sie Hohn mit mir trieben!«" - - Seite 254: - im Original "Sie uns ein Mal zeigen, sprach Otto" - geändert in "Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto" - - Seite 256: - im Original "»Barock und formlos,« anwortete ich" - geändert in "»Barock und formlos,« antwortete ich" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER SCHWEIZ *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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September 1849.</td></tr> -</table> - - - - -<h2><span class="ge">Zwei Worte voraus</span></h2> - - -<p class="in0">vor diesem meinem ersten Wort »Aus der Schweiz« -in die Heimath, um Täuschungen nicht erst entstehen -zu lassen. Man möchte erwarten, ich hätte -»die Schweiz« geschildert – dem aber ist nicht -so, – ich schrieb nur »Aus der Schweiz«. Darum -frage man mich nicht: wo ist Interlaken, wo -Bern, wo Vevey? Ich habe gewählt aus dem -Gesehenen. Und wenn das Gewählte ungleich -erscheint, hier ganz modern, dort barock veraltet, -so ist es eben wieder »aus der Schweiz«, und -diese nicht nur eine Eidgenossenschaft von Cantonen, -sondern auch von Contrasten. Meine persönlich-politische -Empfindung mag denn auch mit -gefärbt haben, Andere würden vielleicht anders -sehen als ich. Ich habe mich zwar ernsthaft -bemüht, so unparteiisch wie möglich zu sehen, aber -Sympathie und Antipathie sind unsichtbare Brillen -– wer weiß, sind sie mir nicht zwischen das -Auge und meine Gegenstände geschoben worden? -Wie dem nun sei, möge mein kleines Buch von -meinen Schweizer Freunden freundlich und arglos -aufgenommen, in der Heimath aber gern gelesen -werden, wenn man sich nämlich nach der langen -Zeit eines Jahres einer armen Verschlagenen -dort noch erinnert.</p> - - - - -<h2><span class="ge">Inhalt.</span></h2> - - -<table cellpadding="5" summary=""> - <tr> - <td class="tdl"> </td> - <td class="tdr fss">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Mauricy W***.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_001">1</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Von Genf nach Baden.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_025">25</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Die beiden Wittwen.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_043">43</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Waadtländerin und Pariser.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_056">56</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Tagebuch in Schwyz.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_111">111</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Im Mätteli.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_126">126</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">  Mys lieb Beat.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_132">132</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Die Urschweiz.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_178">178</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Ein Sonnenaufgang auf der Rigi. </td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_186">186</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">Im Hotel Weber.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_191">191</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl">  Die Heimathlosen.</td> - <td class="tdr"><a class="ndcbl" href="#page_201">201</a></td> - </tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -Mauricy W***.</h2> - - -<p>Gleich zu Anfang unseres Aufenthaltes in der -Schweiz wohnten wir einen Monat lang in Horgen -am Zürchersee.</p> - -<p>Der Meierhof ist eigentlich keine Pension: außer -uns hielt sich nur noch ein Pole dort auf, derselbe, -dessen Namen diese Skizze trägt. Wir wußten jedoch -damals seinen Namen noch nicht, sondern nur, daß -er an der Brust leide, den Sommer über in Interlaken -zur Molkenkur gewesen sei und jetzt in Horgen -die Traubenkur gebrauchen wolle. Warum er zu diesem -Zwecke nicht lieber in die französische Schweiz -ging? Eine polnische Familie, welche in der Nähe -von Zürich ein Landhaus besaß, hatte einen sehr geschickten -Arzt bei sich. Mit diesem war Mauricy in -Interlaken bekannt geworden und hatte solches Vertrauen -zu ihm gefaßt, daß er noch länger in seiner -Behandlung zu bleiben wünschte. Die Familie hatte -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -mit jener Herzlichkeit, welche die Polen unter sich -verbindet und sie gleichsam zu Gliedern <em class="ge">einer</em> Familie -macht, dem kranken Landsmann ihr Haus angeboten, -aber er wollte weder geniren, noch genirt sein, und -so kam es, daß wir ihn in Horgen kennen lernten. -Von hier aus konnte er mit den vielen Dampfschiffen, -welche den Zürichersee durchfurchen, täglich nicht nur -ein, sondern mehrere Male hinüber.</p> - -<p>Ich will unsern Hausgenossen schildern. Sein -Aeußeres war sonderbar, doch für uns wenigstens -gleich auf eine gewisse Art einnehmend. Wir sahen -ihn zum ersten Male, als er die Treppe hinaufstieg, -welche zu seinen und unsern Zimmern führte. Groß -und schlank ging er langsam, gebückt und nachlässig, -die Augen gleichgültig vor sich hin gerichtet, ohne irgend -Etwas, folglich auch ohne uns zu bemerken. Sein -glattes Haar war dunkel und tief auf die Stirn gekämmt, -welche, gleich dem ganzen zusammengefallenen Gesichte, -eine wachsgelbe Farbe hatte. Die Kleidung war -grau, aber auch vom Kopf bis zu den Füßen so vollständig -grau, daß wir Mauricy später nie anders -nannten, als unsern grauen Geist. Indessen in dieser -wunderlich schlotternden Umhüllung und trotz seines -völligen Sichfallenlassens sah man in ihm den ächten -Edelmann. Nie wäre es Einem eingekommen, den -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -schlichten, blassen, grauen Menschen für einen <i>commis -voyageur</i> zu halten. Sein Alter schätzte ich -damals auf sechs- bis achtunddreißig Jahre, später -sagte er uns, daß er achtundzwanzig sei.</p> - -<p>Am Abend wurde uns gemeinschaftlich der Thee -im Salon servirt, wo ein vortrefflicher Flügel stand. -Horgen wird blos durch die Reisenden belebt, welche -von Arth kommen, oder dorthin fahren – wir waren -allein mit Mauricy. Er war anfangs ein stummer -Gesellschafter; ich bemühe mich sonst gewöhnlich auch -nicht um Bekanntwerden; was bewog mich denn, -einen Versuch zum Gespräche mit dem bleichen Polen -zu machen und mich durch seine Einsilbigkeit nicht zurückschrecken -zu lassen? War es ein Vorgefühl, daß -ein künftiger Freund zwischen uns Beiden sitze?</p> - -<p>Er ließ sich allmählich gewinnen und zum Sprechen -bringen. Ohne gut französisch zu können, verstand -er es genug, um sich hinreichend über Alles -auszudrücken. Bald glitt unser Gespräch in die Politik -hinein, eine damals, wie noch jetzt, gefährliche -Bahn. Ich hatte ein Gemälde von dem Glücke entworfen, -wie ich es mir wünsche. Ein Landhaus unter -schönem Himmel, einen Garten voll Schatten und -Stille, mit mir mein Mann und mein Kind, das -Meer nicht weit, im Hause Bücher, Musik und -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -Frieden. – Unser Pole lächelte ein Wenig, schüttelte -das Haupt – »das würde mir nicht genügen. Wenn -ich mein Vaterland nicht wieder glücklich sähe –« -Hier war die Gefahr zum Streit da. Polen und -Preußen haßten sich eben wie vielleicht noch nie. -Die Polen warfen den Preußen vor, Verheißungen -gemacht und nicht erfüllt zu haben – die Preußen -beschuldigten die Polen, daß sie gewährtes Vertrauen -gemißbraucht. Bald versicherte Mauricy mir, daß er -die Preußen weit mehr verabscheue als die Russen. -Ich erwiederte eifrig und heftig: »Das habe ich schon -vorausgesetzt, übrigens schätze ich jetzt die Polen so -gering wie möglich.« Genug, wir stritten und sagten -uns böse Dinge mit den bittersten Mienen und den -lebhaftesten Geberden. Ich hatte über den Armen -den Vortheil einer gesunden Brust und brachte ihn -glücklich außer Athem. »Ich kann nicht mehr,« -seufzte er, »Sie machen mich ganz schwach.« – -»Warum haben Sie denn angefangen?« entgegnete -ich trotzig. »Ich hätte Sie wahrlich in Ruhe gelassen, -denn ich kenne die Polen schon.« Er nahm sein -Licht, schlich davon, drehte sich jedoch in der Thür -noch einmal um. »Wenn einst Krieg wird,« sagte -er komisch-böse, »so schieße ich Ihnen Ihren Mann -dort todt.« – »Ehe Sie das können, schieße ich Sie -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -nieder,« war meine unumwundene Antwort. – »Oder -ich Sie.« – »So, Sie würden also auch meiner -nicht schonen?« – »Nein, aber vorher würde ich sehr -höflich meinen Hut abnehmen und um Erlaubniß bitten.« -– »O, bis Sie das gethan hätten!«</p> - -<p>So war unsere erste Berührung mit Mauricy. -Wunderlich, wird man sagen. Vielleicht, doch nicht -ganz so, wie es scheinen mag. Ich sage immer: einmal -zankt man sich doch mit Jedermann; da ist's -denn viel besser, mit Zank anfangen, als damit aufhören.</p> - -<p>Wenigstens bestätigte es sich hier. Die ausgetauschten -zärtlichen Erklärungen störten nicht im -Geringsten unser gutes Vernehmen, ja, sie schienen -durch den unwillkürlichen Humor, welchen sie hervorgerufen, -es im Gegentheil recht befördern zu wollen. -Die gegenseitigen Fragen, wann wir uns todtschießen -würden, ob wir einander dann beklagen würden und -dürften, und andere, gleich harmlos-alberne, machten -uns lachen, und wenn man erst über- und miteinander -lacht, ist man auf gutem Wege zur Vertraulichkeit.</p> - -<p>Nicht daß wir uns nicht mehr gestritten und selbst -erboßt an einander geärgert hätten –, alle Tage! -Wir alle Drei, und insbesondere noch Mauricy und -ich, waren zu aufgeregt durch die Zeit, um nicht das -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -nachmittagliche Lesen der Zeitungen mit lauten Anmerkungen -begleiten zu müssen. Und aus diesen Anmerkungen -wurden Kämpfe zwischen Demokratismus -und Royalismus, wie sie schwerlich selbst in der durch -politische Haltung sich wenig auszeichnenden Paulskirche -erbitterter und hitziger durchgefochten worden -sind. Jeder, der nur auf einer Barrikade gekämpft -hatte, war für Mauricy ein Held, für uns – es -ging Mauricy's Helden schlecht von uns! Dagegen -schleuderte er die heftigsten Ergüsse seines Hasses -gegen Alles, was auf Thronen saß, oder das unverzeihliche -Verbrechen beging, in Amt oder Würden zu -sein. Alle Könige und Fürsten müßten ermordet werden, -das war sein unaufhörlich wiederkehrender Satz. -Und wenn er könnte, setzte er jedes Mal hinzu und -nahm sein Messer in die Hand, so würde er selbst -immer Einen nach dem Andern niederstoßen. Wir, -wieder nicht träge, ließen himmelhohe Galgen für die -Radikalen errichten, kurz, es war schrecklich, was wir -Alle wüthend und blutdürstig waren!</p> - -<p>Die Polen sind durch eine ganz eigene nationale -Liebenswürdigkeit begünstigt, das hat man oft geäußert, -und ich kann es nur bestätigen. Je mehr ich -verschiedene Nationalitäten kennen lerne, je abstechender -gegen alle, je bestechender für mich finde ich die Polen. -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Wäre ich ein Mann, ich würde mich gewiß nur in -eine Italienerin oder eine Polin verlieben. Wenn -Mauricy mich dadurch gekränkt hatte, daß er seine -schonungslosen Angriffe vorzüglich auf Preußen richtete, -so durfte er mir nur seine kalte Hand bieten und -mich mit seinem guten Blicke um Verzeihung bitten, -und ich war versöhnt.</p> - -<p>Der arme Mauricy, – er hatte immer so kalte -Hände! Und so blasse, – noch nie hatte ich solche -farblose Hände gesehen. Das Blut schien schon fremd -in ihnen geworden zu sein, sich ganz nach den Lippen -zu drängen, über die es täglich kam. Mauricy war -krank, und wie er selbst glaubte, zum Tode. Auch -ich war krank, an der Krankheit unseres Jahrhunderts, -bei welcher das Leben lange währen kann, aber -eigentlich nur eine lange Qual ist. Wir sahen uns -gegenseitig leiden und bemitleideten einander. Er litt -frömmer, geduldiger, als ich. Die Resignation, gegen -welche ich mich noch sträubte, als müßte ich mit ihr -das Leiden unwiderruflich annehmen, er <em class="ge">hatte</em> sie schon -– hatte sich unter dem Kreuze gebeugt. Wir fragten -einander eines Tages: wie lange wir schon krank -wären. Vier Jahre, sagte er, ich sechzehn. »Dann,« -sprach er sanft, »werden Sie zuerst gesund – ich -kann warten.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Dieses Wort war keine Phrase – Mauricy kannte -die Phrase nicht. Die Geselligkeit war ihm deswegen -zuwider, weil in ihr so viel – Schicklichkeiten – -stattfinden müssen. »Was soll ich da?« fragte er, -und ich konnte ihm das nicht sagen. Denn auch ich -habe mich oft gefragt: was soll ich, wenn ich mich -den Menschen so ganz überflüssig sah, und die Menschen -mir.</p> - -<p>Wir, Otto, ich und Mauricy, waren einander -nicht überflüssig. Wir suchten uns. Wir hatten uns -oft auch Nichts zu sagen, aber wir saßen zusammen -und waren still. Während des Stillschweigens gewannen -wir uns noch lieber, als während des Zankens. -Und jeden Abend wünschten wir uns mit besserm -Herzen gute Nacht.</p> - -<p>Wenn wir Beide uns fragten, was eigentlich Mauricy -zu uns führe, und uns bewege, für ihn Raum -zu machen in unserm sonst so verschlossenen Zweileben, -so wußte es am Ende Keiner. Er war nicht geistreich; -– was er auf den Universitäten von Kiew und -Moskau gelernt – ich hatte ihn stark in Verdacht, -Alles wieder vergessen zu haben. Wie er das Examen -zu seinem Proforma im russischen Staatsdienst -gemacht, will mir noch jetzt nicht recht einleuchten. -Uebrigens fehlte es ihm durchaus an nichts Wesentlichem, -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -er wußte genug, dachte klar und klug, urtheilte -richtig, nur glänzende Gaben hatte er nicht, und -suchte sie auch nicht. Er hatte es sich wohl aus meinem -Wesen und meinen Reden herausbuchstabirt, ich -müsse eine geniale Frau sein, und wenn ich es ihm -ausreden wollte, sagte er doch: ich denke mir das so, -aber er fragte weiter nicht nach der genialen Frau. -Ich ließ im Geplauder mit Mauricy Geist ganz ruhig -Geist sein – ihn kümmerte auf der ganzen Welt -Nichts weniger. Das führte ihn also nicht zu uns.</p> - -<p>Ebensowenig das Bedürfniß, Erinnerungen auszutauschen, -was bei Vielgereisten bisweilen so lebhaft -ist, daß sie es selbst um den Preis befriedigen müssen, -andere Gereiste und Nichtgereiste zu langweilen. Mauricy -war am Rhein, in Belgien, in Frankreich und -in Italien gewesen, aber er war eben auch nur dagewesen -– Eindrücke aufgenommen, Beobachtungen -gesammelt, Studien gemacht, das Alles hatte er nicht. -Aus Rom erzählte er ein einziges Mal von St. Peter, -von Belgien äußerte er, es wären schöne Kirchen -da, von Ems erfuhren wir, daß er alle Abende bei -einer Familie Thee getrunken und dabei in einem sehr -bequemen Lehnstuhl gesessen habe, von Schlesien bemerkte -er, es gäbe in Reinerz so schrecklich häßliche -alte Frauen. Von der übrigen Welt sagte er – -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Nichts, Polen ausgenommen; aber Polen war auch -nicht die Welt: Polen war das Paradies.</p> - -<p>Unsern Geschmack, unsere Neigungen theilte er -auch nicht. Die Natur war ihm gleichgültig. Wenn -ich das Glühen der Appenzeller Alpen betrachtete, oder -das lichtdurchschimmerte Abendwerden auf dem See, -kam er wohl langsam zu mir und fragte: »Aber wie -können Sie sich das so lange ansehen?« Nicht minder -kalt ließ ihn die Literatur. Von Le Maistre hatte -ihm die »Reise um meine Stube« gefallen, mit sich -führte er außer der Bibel und Thomas a Kempis -nur noch die »Gedanken« des Obersten Weiß, ein -Buch in der Art, wie Oxenstierna es geschrieben, sonst -habe ich ihn nie weder etwas lesen sehen, noch erwähnen -hören. Lamartine's Reise in den Orient hatte -er angefangen, als ich sie begehrte, überließ er sie -mir gleich – »ich schlafe, statt sie zu lesen,« sagte er. -Was endlich die Musik betraf, so hörte er mich gern, -besonders in dem böhmischen Liedchen: <i>ach neni, neni!</i> -aber auch nur mit Melancholie, nicht mit Kennerschaft. -Was führte uns denn also zusammen bei getrennten -politischen Gesinnungen, ganz verschiedenen -Neigungen, Anlagen und Charakteren?</p> - -<p>Das Menschlichste, Innerlichste, die Seele des -Herzens – das Gemüth.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Mauricy's innerstes Wesen war Güte, keine sentimentale, -keine moralisch erkämpfte, nein, eine einfache, -naturgemäße, unbewußte Güte. Er war nicht schwächlich-nachgiebig, -tadelte was zu tadeln war, mochte -recht wild werden können, wenn sich gerade eine Gelegenheit -dazu fand, hatte ganz unbefangen seine -Fehler, aber dabei kannte er weder Neid, noch Gehässigkeit, -noch Rache, noch Parteilichkeit – er hatte -eben zur Natur die Güte.</p> - -<p>Güte haben, man redet davon gemeiniglich ganz -so leicht hin, wie von gut sein, und wie oft findet -man denn Güte?</p> - -<p>Güte ist Gottes Gabe, sie lernt sich nicht und -verlernt sich nicht – wer sie hat ist Gottes Liebling, -denn er lindert Leiden. Sie ist die Grazie der Seele -und das Genie des Gemüthes – als Grazie liebkos't -und schmeichelt sie, erfreut und erquickt, erhellet und -entzückt; als Genie hat sie den Drang, das gebeugte -Rohr aufzurichten, Verirrten nachzueilen in die Wildniß, -sich mit starker Kraft zwischen Verfolgte und -Verfolger zu werfen, wider Ungerechte zu zürnen, -Sinkende gewaltig zu erfassen, über Verlorene schmerzlich -zu weinen. Sie ist nicht himmlisch, sie ist auch -nicht irdisch – von der Erde aufgestiegen als Hauch, -fällt sie wieder herab als Thau; so schwebt sie immerfort -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -zwischen Himmel und Erde und ist dadurch -menschlich. Und wie das Veilchen den Rosenpurpur -und das Irisblau in seiner köstlichen Weichheit verschmilzt, -so athmet aus ihr als Wohlwollen das Süßeste -der Innigkeit und das Feinste der Milde.</p> - -<p>Ich will nicht sagen, daß in Mauricy diese göttliche -Erscheinung sich in voller Glorie offenbarte – -zu einem so auserwählten Gefäß war er nicht stark -genug – aber ein schöner, reiner Strahl leuchtete -aus seinem weichen, dunkelblauen Auge. Vielleicht -wirft man mir hier spottend ein: »und die umzubringenden -Könige alle – fiel auf die der Strahl auch?« -da antworte ich denn ganz unbekümmert: »wenn ein -verfolgter König Schutz und Stärkung bei Mauricy -gesucht hätte, würde Mauricy ihm seinen eigenen -Mantel gegeben und seinen letzten Becher Wein an -ihn abgetreten haben.«</p> - -<p>Das dachte ich damals schon und lächelte, wenn -er seine Philippiken herausseufzte, denn um sie kräftig -hören zu lassen, war seine Brust zu müde. Wie er -zur Erwiederung von uns dachte, sagte er eines Tages, -als er uns sein Album brachte. »Man findet -überall brave Leute, die man achten kann,« sprach er -in seinem schleppenden Französisch, welches sich immer -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -besann, ehe es über seine Zunge gekrochen kam. -»Und darum bitt' ich Sie, sich Beide einzuschreiben.«</p> - -<p>Das Album war noch fast leer, obgleich bereits -im vorigen Winter zu Rom gekauft. Mauricy war -nicht eine Natur, die sich leicht und viel hingab – -er konnte seine Freunde mit eins, zwei, drei, vier, fünf -zählen. Auch das machte ihn mir werth; ich schätze -solche Mäßigkeit in Freundschaften: viele intime -Freunde sind in meinen Augen ein wahrer <i>embarras -de richesse</i>, und was am schlimmsten ist, <i>de richesse -factice</i>.</p> - -<p>Da etwas Schickliches nicht immer vom Himmel -fällt, hatten wir einige Tage später noch Nichts eingeschrieben, -als Mauricy das Buch auf wenige Stunden -zurückverlangte. Er wollte es den drei Töchtern -jener Familie bringen, die so gut wie seine eigene -war, ja, noch besser als oft eine eigene ist. Ich hatte -ihn schon einige Male wegen dieser jungen Mädchen -geneckt, die er als sehr liebe, zugleich natürliche und -ausgebildete Wesen schilderte. Jetzt reichte ich ihm -das Buch mit einem bedeutungsvollen Blicke und -einem sehr weisen Kopfnicken. Er lächelte und schüttelte -langsam den Kopf. Noch aus keinem Antlitz -hatte ich das Lächeln eine so wunderbare Erleuchtung -hervorbringen sehen, wie auf dem Mauricy's. Es -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -war ganz, als strömte plötzlich ein schimmernder Sonnenblick -auf ein dunkles Gemälde. Für gewöhnlich -war er nicht einmal hübsch, und kaum hob er seine -Oberlippe ein wenig und ließ unter dem kleinen dunklen -Bart zwei glänzende Zähne sehen, so mußte man -ihn mindestens so gut wie schön finden.</p> - -<p>Gegen Abend brachte er das Buch wieder. »Sie -haben sich nicht verlobt?« fragte ich. Abermals -machte ein stummes und langsames Kopfschütteln die -Verneinung aus. Wir waren im Garten; der See -mit seiner lieblichen Heiterkeit, das weiße Zürich links, -die weißbläulichen Alpen rechts, rings herum die weißen -Ortschaften, welche sich wie ein dichter Kranz von -Margueriten durch das Grün der Ufer winden, der -Mond im reinen Himmel – es war ein Bild voll -Anmuth. Mauricy saß, den Kopf an einen Baum -gelehnt. Er ruhte sich gern so aus und glich dann -einem kranken Kinde. Auf Otto's Arm gestützt, stand -ich vor ihm und fragte: »warum wollen Sie denn -allein bleiben? Sie haben mir gesagt, Ihr Herz -müßte noch sechs Monate lang, bis Sie heimkehren -könnten, wie gestorben liegen – warum soll es das? -Gönnen Sie ihm Leben – die Liebe kann Sie noch -gesund machen.« – »Sollte ich ein junges Mädchen -an mich ketten?« erwiederte er. – »O, Sie wissen -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -nicht, wie gern ein junges Mädchen sich ganz aufopfert -und darin Glück findet.« – »Wenn sie dafür -geliebt wird,« sprach er. – »Nun –« sagte ich ermuthigend. -Er blickte melancholisch zu mir auf und -zeigte mir einen Ring, schwarz emaillirt. »Das ist -das Andenken meiner letzten Liebe.« Er küßte das -weiße Kreuz auf dem schwarzen Email. »Ist sie gestorben?« -fragte ich leise. – »Für mich,« antwortete -er ruhig. »Aber nie mehr werd' ich geliebt werden, -wie von ihr – nie nach ihr noch lieben.«</p> - -<p>Man hört fast Nichts seltener, als daß ein Mann -eine – ich will das so oft verspottete Wort muthig -nennen – eine unglückliche Liebe unbefangen ausspricht. -Wohlverstanden, wenn er keine Verse macht. -In Versen ist es ebenso Styl, es zu thun, wie es im -Leben nicht Styl ist. Im Leben gilt ein solches Gefühl -oft für ein Verbrechen, welches das Herz wider -den Stolz begeht, im besten Falle für eine beschämende -Weichlichkeit. Mauricy aber fürchtete nicht sich bloßzugeben, -denn er war nicht eitel, und auch als weichlich -meinte er nicht zu erscheinen, weil er stark und -tief empfand. Und er hatte Recht. Was beweist -mehr für unsere innere Macht, als die Fähigkeit zu -einer großen Liebe?</p> - -<p>Mauricy trug die seine still in sich, zugleich mit -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -dem Tod, mit dem Gram um sein Vaterland, mit -der Trauer um seine jüngste Schwester. Diese hatte -achtzehn Jahr alt und seit sechs Wochen verheirathet, -ihren Mann nach Sibirien führen sehen und war nur -so lange noch in der Heimath geblieben, um ihr erstes -Kind zur Welt zu bringen. Als es geboren war, -übergab sie es ihrer Schwester und folgte dem Gatten -nach Sibirien. Das erzählte uns Mauricy an -demselben Abend, und ebenso schlicht, wie er das von -seiner ersten Liebe erzählt. Ich machte die Augen zu, -um die Thränen zurückzudrängen. Mauricy sah mich -still an und war dann still fort; sein Mund dankte -mir nicht, ich denke aber sein Herz. Mein Gott, ich -weiß ja, wie ich der einzigen Freundin, die mir einst -schrieb, sie habe um mich geweint, wie ich ihr ernst -und gerührt gedankt habe!</p> - -<p>Wo ein Wort erst den Weg gefunden hat, da -finden ihn leicht mehrere. Oefter, wenn gleich nicht -oft, redete Mauricy nun von dem, was sein Leben -gefärbt und wieder entfärbt hatte, und wie wir wohl -einsahen, ihn so gleichgültig dagegen machte. Leise, -wie durch halbe Striche gelegentlich hingeworfen, gestaltete -sich vor uns eine Skizze dieser einfachen, aber -tiefbegründeten Begebenheit. Die Freundin war es -gewesen, an deren Theetisch Mauricy jeden Abend in -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -Ems den Lehnstuhl bereit gefunden. In Rom hatten -sie in einem Hause gewohnt. Sie war verheirathet, -dennoch hatte Mauricy Hoffnungen hegen dürfen: -ihre Liebe wenigstens hatte sie ihm geschenkt. Warum -nicht auch sich selbst? fragte ich ihn. Ehen können -gelöst werden – in Rom ist der Pabst. Sie hatte -es gewollt, antwortete er. Aber sie hatte dann wieder -anders gethan. Sie war zurück nach Polen, zum -Gatten. »Sie hat es vorgezogen, Gottes Gebot zu -erfüllen, statt ihr Herz zu befriedigen,« sagte Mauricy. -»Gottes Gebot!« rief ich erregt. »Glauben -Sie, Gott würde sie gestraft haben, wenn sie sich -Ihnen gegeben, der Sie ihrer so ganz bedurften? -Denn sagen Sie mir – als Sie Hoffnung hatten, -durften Sie da nicht die Genesung noch für möglich -halten?« Er bejahte. »Und seit Sie von ihr getrennt -sind, fühlen Sie sich nicht wieder um Vieles kränker?« -– »Das ist wohl natürlich,« sagte er sanft. – »Nun -denn, warum da Sie verlassen, nicht lieber ihr Heil -selbst wagen, wenn ihr Glaube so streng ist, obgleich -wahrlich Gott nicht gezürnt hätte?« Ich war unwillig. -Beschwichtigend sprach er: »Ich denke vielleicht -wie Sie und würde wahrscheinlich gehandelt haben, -wie Sie sagen. Aber hatte ich das Recht, sie zu -Etwas zu verleiten, was sie für Sünde hielt? Nein; -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -obgleich sie mich aufgegeben, ich sage doch, sie hat -gut gethan.«</p> - -<p>Ich schwieg, aber ich grollte der Frau im Stillen, -besonders als ich vernahm, daß sie noch im Briefwechsel -mit ihm stehe. »Sie hat einen Roman mit -ihm gespielt,« eiferte ich später gegen Otto, »und damit -er ihr ja nicht entgehe, hält sie ihn an den Briefen -wie an einem Faden. Das mag für sie recht -hübsch und unterhaltend sein, aber für den armen -Menschen ist's tödtlich.« Otto antwortete mir: die -Frau könne es doch ernstlich meinen; er halte die -Polinnen einer solchen religiösen Ueberspannung ganz -für fähig. »Der Geliebte ist das Opfer, welches sie -Gott bringt,« setzte er hinzu, »und je schmerzlicher sie -es fühlt, und je größer es ist, um so heiliger handelt -sie.«</p> - -<p>Mochte das sein – ich hätte Mauricy gar zu gern -durch eine der drei jungen Polinnen getröstet gesehen. -Was ich thun konnte, um ihn zu zerstreuen, das that -ich, schon jener Frau zum Trotz, die den armen Kranken -sich verzehren ließ, um mehr Himmel zu gewinnen. -Halb gelang mir, was ich wollte – Mauricy -ließ sich zerstreuen, er konnte heiter, ja manchmal sogar -ein klein wenig toll werden. So entsinn' ich -mich eines Abends, wo eine niedliche junge Bernerin -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -zum Besuch bei den Töchtern des Wirthes war. Wir -trafen sie im Garten, und Mauricy trug sich dem -armen verlegenen Kinde äußerst dringend zum Manne -an. Die Hände gefaltet, saß er beweglich bittend vor -ihr und spielte den schüchternen Liebhaber so natürlich, -daß die kleine Bernerin sich zuletzt keinen andern -Rath wußte, als ihm feierlich zu sagen: <i>Monsieur, -mon père n'a pas l'honneur de vous connaître.</i> -Das gute Kind hatte Alles für bittern Ernst genommen, -ging ihm den ganzen nächsten Tag sorgfältig -aus dem Wege und war seelenfroh, als sie wieder -abreisen konnte, denn, sagte sie zufrieden: »<i>Maintenant -monsieur le Polonais ne pourra plus me taquiner.</i>«</p> - -<p>Ein andermal versicherte Mauricy mir mit der -höchsten Ernsthaftigkeit, da er ein Demokrat sei, wolle -ich seinen Tod – er werde mir daher das Vergnügen -machen, sich diese Nacht vor meiner Thür zu -hängen, und biete mir nur vorher noch die Hand -zum ewigen Abschied. Ich glaubte nun zwar nicht, -ihn am andern Morgen als Zierde meiner Thür zu -finden, hielt es aber doch für möglich, daß der barocke -Abschied eine nächtliche Abreise bedeuten könne. -Aber er war am nächsten Morgen in höchsteigener -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -grauer Person am gewohnten Platze und lachte mich -vergnügt aus.</p> - -<p>So weit hatte ich es gebracht, – vergaß er darum? -Als ich ihn einmal danach fragte, küßte er -statt aller Antwort wieder das weiße Kreuz auf dem -schwarzen Grunde. Und am Abend, als ich sang, -weinte er.</p> - -<p>Und fort wollt' er auch – nach Rom. Umsonst -suchte ihn sein Arzt zu bewegen, die lange, anstrengende -Reise nicht zu unternehmen, lieber mit der Familie -an den Genfersee zu kommen. Sie war nicht -mehr in Rom, aber sie war dort gewesen. Er sagte -das nicht, aber wir erriethen's. Ihre Spuren wollt' -er suchen. Sie beherrschte ihn unumschränkt; er betete -in ihr eine Heilige an.</p> - -<p>Da wir sahen, daß er fest war, versuchten wir -nicht erst, ihn zu erschüttern. Am Ende – was lag -ihm am Leben?</p> - -<p>Den letzten Abend kam er noch spät zu uns, still -und gut. Ich wünschte das Bild seiner Freundin zu -sehen – er brachte mir's. Es war kein schönes, aber -ein liebes Gesicht, welches mit einem traurigen Ausdruck -aus sanften schwarzen Augen blickte. Ich befragt' -es ernstlich und prüfend – nein, es gehörte -keiner Kokette – ich hatte der Frau Unrecht gethan -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -– wie sie auch gehandelt, aus Ueberzeugung war's -gewesen.</p> - -<p>Wir sprachen noch lange von ihr. Gut, gut, -himmlischgut, dieser Lobspruch ging immer wieder -über Mauricy's bleiche Lippen. Es ist süß, geliebt zu -werden, weil man als gut erkannt wird. Dieser Frau -ward also ein lieblich Loos, und Mauricy – wenigstens -ging er nicht in der Anbetung eines Götzenbildes -unter.</p> - -<p>In wie langen Zügen er das Gift getrunken, vernahmen -wir erst jetzt. Nachdem er die Freundin in -Ems kennen gelernt, hatten sie gemeinschaftlich einen -Ausflug an den Rhein und nach Belgien, dann die -Reise nach Rom gemacht. Noch erinnerte er sich, -mit welcher Sorgfalt sie über ihn gewacht. Sie war -fest entschlossen, die Scheidung von ihrem Gatten -nachzusuchen und sobald Mauricy genesen, diesen zu -heirathen. Ihr Gatte war alt, ruinirt, ein früherer -Anbeter ihrer Mutter, welche die reiche Tochter mit -achtzehn Jahren an ihn verheirathet hatte, dann aber, -als diese ihn zu fesseln gewußt, eifersüchtig und die -Störerin der Ehe geworden war. Als die Tochter -nun aber in Rom die nöthigen Schritte zur völligen -Aufhebung dieser unglücklichen Heirath thun will, bemächtigen -sich ihrer die Priester, drohen mit Sünde -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -und Strafe, schrecken und verwirren ihre fromme -Seele, und sie entsagt dem Geliebten, weiht ihn der -Verlassenheit, sich selbst abermals dem Gatten. Doch -um den Abschied noch recht zu genießen, läßt sie sich -von Mauricy über den Lago maggiore in die Schweiz -begleiten. In Interlaken bleiben sie den Sommer, -dann bringt er sie bis Zürich und bleibt allein. Acht -Tage später lernten wir ihn kennen.</p> - -<p>Wir schwiegen und dachten nach; da sagt' er -plötzlich zu mir: »Sie haben mich manchmal wegen -der jungen Mädchen da drüben geneckt – nun, als -ich heute Adieu sagte, wurde die Eine etwas bewegt, -und da« – sein schönes Lächeln zeigte sich – »da -sah ich, daß sie hübsch war.« Ich wollte aus dieser -Wahrnehmung geschwind einen Schluß ziehen, aber -er sagte wieder ernst: »<i>Mon mariage sera avec la -mort, madame.</i>« Dann stand er auf, bot mir die -kalte Hand. »Gott segne Sie,« sagte er. »Gott -geleite Sie,« sprach ich. Otto begleitete ihn noch in -sein Zimmer.</p> - -<p>Am andern Morgen sahen wir die Thür zu diesem -offen, es wurde gefegt, gescheuert. Als wär's -das Zimmer eines Todten! Ein beklemmender, peinlicher -Eindruck.</p> - -<p>Was uns anfänglich auch etwas verstörte – wir -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -waren so gewöhnt, die graue Gestalt zu sehen, die -müden, langsamen Schritte zu hören, daß wir sie noch -immer zu sehen, zu hören glaubten. Ja, bisweilen -war mir's gerade, als müßte unser grauer Geist schleichend -hereinkommen, mich ernsthaft grüßen und mir -mit seiner schwachen Stimme sagen: <i>Madame, je -viens vous dire, que je suis mort.</i></p> - -<p>Briefe wollten wir gegenseitig nicht. Was nützen -Briefe? Wir hörten einige Male durch die polnische -Familie, daß er in Rom kränker und kränker werde. -Schwerlich lebt er noch.</p> - -<p>Am Genfersee aber dichtete ich zur Erinnerung an -ihn eine Romanze, die heißt:</p> - -<table class="fss" summary="" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdc ge">Der schwarze Ring.</td></tr> - <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Ich bin fern von meinem Hause,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich bin fern von meinem Land;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich bin einsam und verlassen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ungeliebt und unbekannt.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aus den Stunden unsers Glückes</td></tr> - <tr><td class="tdl">Blieb mir nur ein einzig Pfand:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dieser Zeuge meiner Freuden</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist der Ring an meiner Hand.</td></tr> - <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Fremde öffnen mir die Pforten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Fremde schenken mir den Wein;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn ich traure, trauert Niemand,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn ich weine, ist's allein.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Einen Freund nur hab' ich mit mir,<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Einen Freund aus unser'm Land:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dieser Zeuge meiner Thränen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist der Ring an meiner Hand.</td></tr> - <tr class="fsxs"><td class="tdl fsxs"> </td></tr> - <tr><td class="tdl"> Ich bin krank und werde sterben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aber dich vergess' ich nicht;</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bis die müden Augen brechen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bist du meiner Seele Licht.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Deine letzte Gabe nehm' ich</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit mir in das Bett von Sand:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Denn der Zeuge unser's Liebens</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist der Ring an meiner Hand.</td></tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Von Genf nach Baden.</h2> - - -<h3 class="da">Den 2. August 1849.</h3> - -<p>Abschied, sehr vergnügt und friedfertig. Die -halbe Familie ist gerade heute auf dem Lande. Ich -lasse Empfehlungen zurück – das genügt meinem -Herzen vollkommen. Die alte Tante allein ist betrübt -– sie allein hat mich liebgewonnen. Ich gebe ihr -den einzigen Kuß, welchen ich bisher in der Schweiz -gegeben, und verspreche ihr, sie in zehn Jahren wieder -zu besuchen. »Ach, da bin ich gewiß todt!« ruft -sie. Ich glaub' es auch – entweder sie, oder ich. -Im Augenblicke, wo wir in den Kahn steigen, fällt -uns noch ein Bullenbeißer an, natürlich ein menschlicher, -ächte Genfer Race, fünfter Klasse. Er entgeht -durch meine Gegenwart einem freundschaftlichen Stockschlage. -Ich denke bei solchen Gelegenheiten nicht -oft genug, aber doch bisweilen an Sokrates: wenn -dich ein Esel anrennt u. s. w. Ein wärmerer Abschied -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -findet zwischen uns und François statt. Er ist unser -Ruderlehrer gewesen, ist der Portier der nicht zu vergessenden -<i>Campagne du Port</i>. Wenn wir wieder -nach Genf kommen, miethen wir den Pavillon unter -den Platanen, meine stille Neigung, meine schmerzliche -Leidenschaft – aber wir kommen nicht wieder -nach Genf. Die Bise leidet das Zelt nicht. Der Leman -langweilt mich noch einmal ungebührlich. Alles -sitzt voll Engländer und Engländerinnen, diese sind -wieder unglaublich garstig. Ich weiß nicht, wie sie's -anfangen, grüble darüber, warum man überhaupt auf -Reisen so selten ansprechende Gesichter sieht, sondern -fast immer Langeweile, Verdrossenheit, Abspannung, -Geistlosigkeit. Das Reisen muß häßlich machen. Von -Morges aus sehen wir, hoffentlich nur für jetzt, zum -letzten Male den Gletscherdiamanten, den Montblanc. -In Ouchy drängt so gut wie Alles sich in die Kähne -– wie es hineinkommt? »Frage die Sterne,« die -glücklicher Weise noch nicht scheinen. Im Omnibus -werden wir unaufhörlich aufgefordert: »<i>Messieurs et -mesdames, serrez-vous, serrez-vous, messieurs et -mesdames; encore un peu, un tout petit peu encore!</i>« -Wir rücken zusammen und rücken zusammen, -bis es endlich nicht mehr geht. Dabei fange ich an -zu lachen, und Alles lacht mit, ausgenommen ein -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -Hündchen, das ehrbar aus dem Fenster schaut. Die -Kathedrale von Lausanne sehe ich mir im Vorüberfahren -an und beschwichtige mein Gewissen mit der -Versicherung: ich habe sie genug gesehen. Im Hotel -de France essen wir mit tragischer Freude – denn sie -offenbart, wie sehr wir in Genf gehungert haben – -ein vortreffliches Zweifrankmittag. Ich habe mich -über die guten Waadtländer so abscheulich lustig gemacht, -und bekomme gleich in Lausanne eine wirkliche -Brühsuppe, die erste seit drei Monaten – ich schäme -mich recht. Herren und eine Dame aus Yverdun -essen mit uns; sie sind freundlich, fragen, ob man -sich in Genf sehr vor den Preußen fürchte. Ich bejahe, -setze aber hinzu, die Genfer wollten mit den -Preußen ein Ende machen. »Sie sollen's doch versuchen,« -sagt der jüngere Herr. Der Kellner nimmt -das Wort und ruft: »<i>Les Génevois ont beaucoup -de paroles et peu de coeur; c'est ce qu'ils ont -montré dans la guerre du Sonderbund.</i>« Die -brüderliche Liebe der Cantone unter sich ist rührend. -Wir fragen: »Wird man uns als Preußen unangefochten -durch Neufchatel lassen?« Die Antwort ist: -»<i>Tous les honnêtes gens sont pour la Prusse.</i>« -Im Coupé des Omnibus fahren wir durch flach, aber -fruchtbar Land. Man begreift, woran man im Canton -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Genf irre wird, wie die Schweizer Brod essen können. -Eine junge Person, Tochter eines Genfer Vaters und -einer englischen Mutter, erzogen in England, zum -Besuch bei Verwandten in Genf, fährt mit uns und -erfreut unsere Abneigung, indem sie die Genfer durch -und durch hechelt. Ich helfe ihr; dieses Vergnügen -hält den ganzen Weg über vor. Sie versichert, die -Genfer seien den letzten Tag einer Bekanntschaft noch -ebenso eisig, wie den ersten – »<i>you can't make -any impression upon them</i>.« In Yverdun gehen -wir spazieren, zuerst unter den Pappeln und Kastanien -der Promenaden, nachher am Seeufer, da, wo -die Zill einfließt. Die Wellen spielen auf dem dünenartigen -Sande, junge Pappeln stehen im Mondlicht, -Erlengebüsche scheinen undurchdringlich, es ist feucht, -warm, ein Schiff mit hohem Segel kommt den -Strom herauf, der Jura liegt dunkel umher, der See -ist ein neuer, ein preußischer.</p> - - -<h3 class="da">Den 3. August.</h3> - -<p>Im Speisesaale finde ich erst heute Morgen heraus, -daß auf den Tapeten Tankred und Clotilde, Rinald -und Armide sind. Das kleinste Dampfbötchen, -<i>l'Industriel</i>, kommt pünktlich an; wir fahren heute -unter einem Zelte. Mit uns sind ein Engländer mit -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -zwei Töchtern, eine höfliche, aber etwas verblichene -Familie. Ein einsamer, schwerfälliger, gelblicher Engländer. -Ein junges Ehepaar. Die jungen Ehepaare -sind unverkennbar. Schweizer. Einer von diesen, -klug Gesicht über blauer Blouse, unter schwarzem -Hut, giebt uns Erläuterungen. Links ist Granson -mit seinem erhaltenen Schlosse, rechts im Freiburgischen -Estavayer – Otto von Granson und die schöne -Dame von Estavayer, der feinste Intriguenstoff in -der ganzen Schweizergeschichte. Drüben in der Ferne -scheinen silbern die Alpen des Tessins. Schlösser des -Grafen Pourtales liegen hinter Granson; der Graf -besitzt deren mehrere auch in Genf und Waadt, aber -beide Cantone haben verboten, ihm noch welche zu -verkaufen, »denn er kauft die schönsten, und werden -da die Fremden nach Genf und Waadt kommen, wenn -sie nicht länger die schönsten Schlösser bewohnen können?« -So mein Gewährsmann in der blauen Blouse. -Neufchatel hat, neutral wie es sich gehalten, im Sonderbundskriege, -der vorletzten großen Begebenheit der -Schweiz, auf Handelswege durch den »Industriel« den -Freiburgern Schießbedarf zukommen lassen – Waadt -legt in Yverdun Beschlag auf den »Industriel« und -zwingt ihn, sechs Wochen lang nur in waadtländischen -Staatsdiensten zu fahren. Auf waadtländisch heißen -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -die Neufchateller Aristokraten und Jesuitenfreunde. -Nachbarlich und freundschaftlich. (Immer mein Gewährsmann -in der blauen Blouse.) Wir trinken vortrefflichen -Wein aus Neufchatel. Die Stadt gekrönt -mit Schloß und Kathedrale, unter beiden gelb und -geräumig das Gymnasium. Vorher haben wir noch -in das Val-de-Travers und in den Tunnel gesehen, -durch welchen der Seyon genöthigt worden ist, anders -als bisher in den See zu fließen. Am Lande -fallen Kutscher über uns her. Wir sollen nach Basel, -und Bern. Mit dem Omnibus sollen wir dahin, wohin -wir wollen – nach Biel. Aber nicht im Coupé -– darauf hat bereits die verblichene Familie Beschlag -gelegt. Im Innern mögen wir nicht – wir nehmen -für zehn Franken einen <i>char-à-côté</i>. Der Omnibusführer -findet das unerhört; er zeigt auf uns: »die -Leute da nehmen einen eigenen Wagen, weil sie nicht -im Coupé fahren können!« Dazu Geberden. Ohne -seine Erlaubniß also fahren wir fort, zwischen dem -Oertchen St. Blaise und dem Sanct Blasisee hindurch -an den Bieler See. Da ist links auf malerischer -Waldhöhe Neustadtschloß, Ruine – rechts unter -malerischer Felshöhe am See Neuville. Ich laufe -durch den Weingarten des Gasthauses an das Ufer; -Rohr wächst im Wasser, ein Badhäuschen steht, ein -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Kahn wiegt sich im Rohre; das Städtchen hat sechs -Thürme, einen immer spitzer als den andern; der -See ist mit dunklen Waldbergen eingefaßt; rechtshin -im Laubwerk sehe ich den Thurm des Schlosses von -St. Jean. Rousseau hat guten Geschmack gezeigt, -als er auf St. Pierre saß, obgleich man seinen Schilderungen -nach mehr Erhabenheit hier erwartet. Ich -gucke auch in ein Sommerhäuschen; da überrasch' ich -einen Herrn, der sich gebadet hat und wie eine Leiche -in ein weiß Laken gewickelt ist; er erschrickt nicht, -ich erschrecke ebenfalls nicht, lass' ihn sich weiter abtrocknen -und komme zum Kaffee zurück in das Gasthaus. -Dort hat es ein Erkennen zwischen Otto und -einem Kutscher gegeben, der uns vorigen Herbst in -Bern gefahren und »die Fru« gleich wiedererkannt -hat. Der Mann hat eine rothe Weste an, raucht aus -einer kurzen Pfeife und fährt nach Genf. Wir haben -in Genf eine leere Kiste stehen lassen, die nach Bern -gehört – wir fragen den Mann, ob er sie mitnehmen -wolle? Lauter Bereitwilligkeit, aber als es ans -Bezahlen geht, lauter Schwierigkeit. Der Mann -verlangt drei Franken – die ganze Kiste ist nur zwei -werth. Wir danken dem Manne freundlich; er ist -ganz kurz geworden, erwiedert kaum unser Lebewohl. -Vor uns her fährt mit einem Kutscher und einem -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Passagier ein anderer <i>char-à-côté</i>. Als wir aus -Neuville heraus sind, wendet der vorausfahrende -Kutscher sich um, ruft unserm Etwas zu, beide Chars -halten, beide Kutscher springen ab, der vordere Kutscher -wirft unserm seine Zügel zu, kommt an unsern -Char, macht auf: »<i>Vite, faites-moi place pour ce -jeune homme</i>« – seinen Passagier. Wir starren -ihn an – »<i>Mais, monsieur</i> –« – »<i>Eh, parbleu! -faites; il faut qu'il soit à Bienne avant le départ -de la diligence.</i>« – »<i>Eh bien, qu'il aille à Bienne, -mais pas dans notre voiture.</i>« – »<i>Mais si, dans -votre voiture, il-y-a trois places.</i>« – »<i>Nous les -avons prises.</i>« – »<i>Eh non, vous n'avez payé -que deux – je veux la troisième. Rangez-vous.</i>« -– »<i>Mais, monsieur, la voiture est-elle donc à -vous?</i>« – »<i>Parbleu, si elle est à moi! Je veux -conduire ce jeune homme à Bienne. Vous rangerez -vous?</i>« – »<i>Pas du tout. Nous avons pris -la voiture et nous la garderons.</i>« – »<i>Eh, ne -faites donc pas tant de façons – en quoi ce -jeune homme peut-il vous gêner?</i>« – »<i>Mais assurément -il nous gênerait et même beaucoup. -Enfin nous ne voulons pas.</i>« – »<i>Oh, quels gens! -quels gens!</i>« Er schwingt sich auf den Kutschersitz, -nimmt den jungen Menschen auf seine Knie und in -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -seinen Arm, und fort geht's, während unser bisheriger -Kutscher dasteht und uns nachschaut. Sein Trinkgeld -ist's, was davonfährt; der Herr ist ihm und uns -nachgefahren, um ihn und uns einzuholen, statt seiner -zu kutschiren, den zu befördernden Burschen zwischen -uns einzuschieben und so von Neuville aus einen Char -zu ersparen. Schönen Dank, das ist, wie da wir -nach Mornex fuhren. Da wurde der Kutscher angerufen, -hielt, fragte zu uns herein: »Wollen Sie zwei -Personen mitfahren lassen?« Wir sahen hinaus – -da standen zwei ungeheure Bonnen mit drei Kindern -– die wollten zwei Personen vorstellen. Nun, jetzt -kommen wir, Dank dem jungen Menschen, der nach -Basel soll, wenigstens nicht zu spät nach Biel. Der -Herr-Kutscher ist ganz geschmeidig geworden, seit wir -beharrlich waren – erklärt uns die Eile des jungen -Menschen – zum Begräbniß der Schwester soll er. -Das thut uns sehr leid, aber darum können wir doch -nicht – der Kutscher sagt zustimmend: »<i>N'en parlons -plus.</i>« Sein geschwindes Fahren hat uns ganz -wirr gemacht, besonders weil wir die heißen Felsenwände -vor uns hatten. Es ist ein beliebtes <i>On-dit</i> -in der Schweiz, daß ein Engländer einst in einem -<i>char-à-côté</i> um den ganzen Genfer See gefahren sei, -ohne den See einmal gesehen zu haben. In Biel -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -empfängt uns ein Omnibuskutscher und verspricht uns -für vierzig Batzen einen schönen Wagen, in welchem -wir ganz allein fahren sollen. Wir treten an das -glückselige Fuhrwerk hinan – da steht unser junges -Ehepaar vom »Industriel« und wartet, daß unser Kutscher -es in dem schönen Wagen ganz allein nach Solothurn -fahre. Der Omnibuskutscher sagt ganz vergnügt: -»Ja, ich habe Sie allein fahren wollen, denn -ich wußte ja nicht, daß noch mehr Personen kommen -würden; nun diese zwei Personen gekommen sind, -können Sie nicht allein fahren – nein, das geht -nicht – ich bin ein Omnibus – ich fahre Alles.« -Der junge Ehemann sagt: »Ich mag dem Manne seinen -Verdienst nicht schmälern; es ist mir nur des Prinzips -wegen.« – »Eben des Prinzips wegen würd' -ich uns nicht nehmen,« sagt Otto. Der Kutscher -wiederholt: »Ich bin ein Omnibus – ich fahre Alles.« -Also wir sollen fahren, selbst gegen das Prinzip, aber -erst müssen wir essen – wir sterben Hungers. Im -Speisesaale sitzt die verblichene Familie. Der Vater -kommt zu Otto. Er hat für jeden Platz im Coupé -sechs Franken zahlen müssen. »Ist das nicht zu -theuer?« – »Ja wohl, der Platz im Coupé ist immer -nur einen Frank mehr, als der im Innern und -für einen solchen hat man mir in Neufchatel nur vier -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Franken abverlangt.« – »Entschuldigen Sie, hier -hat die Person fünf und einen halben zahlen müssen.« -Es ist klar – die Gesellschaft hat für uns Beide -mitbezahlt – die Kutscher in Neufchatel und Biel -scheinen sich das Wort gegeben zu haben, an diesem -dritten August zu prellen. Wir verschlucken ein Beefsteak -und eilen hinab – da sitzt das junge Ehepaar -auf den beiden Vordersitzen. Ich soll rückwärts fahren, -nachdem ich so lange seitwärts gefahren – dazu -ist mein Kopf zu müde – wir wollen wieder abladen -lassen. Der Neufchateller Kutscher räth dem Bieler -dringend, das junge Ehepaar in Biel zu lassen – -»am Ende, sie zahlen nicht zwanzig Franken!« Das -will sagen, wir zahlen zehn Batzen mehr. Der Bieler -Kutscher aber macht am Wagenschlage so eindringliche -Vorstellungen über die Rücksichten gegen das -Frauenzimmer, daß der junge Ehemann den Kopf -heraussteckt und frägt: »Madame, können Sie nicht -gut rückwärts fahren?« Meine Antwort ist Nein. -»Nun gut,« sagt er, »ich kann's auch nicht gut, aber -wir wollen's versuchen.« Wir versuchen's, es geht, -und wir schwatzen recht angenehm bis Solothurn. -Das junge Ehepaar besitzt einen Schatz, um welchen -ich es aufrichtig beneide – den allernachgiebigsten -Magen. Des Morgens braucht es kaum zu frühstücken, -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -des Mittags geradezu gar nicht zu essen, und -nie ist es hungrig. In Solothurn muß es erst noch -einen Spaziergang machen, um Eßlust zu finden! -Nun frag' ich, kann man angenehmer reisen, als immer -gesättigt, ohne je vor Abend zu essen? Wir haben -immer Hunger, Morgens, Mittags und Abends auch -noch, müssen immer in Eile sein, unsern innern Despoten -zu befriedigen, können immer erst nach dem -Beefsteak an den Mondschein denken. Glückseliges -junges Ehepaar, in deiner poetischen Bedürfnißlosigkeit! -Während es endlich irdisch genug fühlt, um zu -Abend zu speisen, kommt unser einzelner Engländer -vom Morgen. Er setzt sich langsam neben mich, unterhält -und amüsirt sich langsam, spricht aber beileibe -kein Wort Englisch außer auf Französisch. Nachdem -er sich lange genug so amüsirt hat, steht er langsam -auf, sagt uns langsam, er werde morgen nach Schinznach -fahren, bietet uns langsam guten Abend und -schreitet langsam aus dem Saale.</p> - - -<h3 class="da">Den 4. August.</h3> - -<p>Als wir im vorigen October in Solothurn übernachteten, -war's winterkalt und der große Ofen wurde -erst am andern Morgen warm, während das Kamin -unermüdlich rauchte. Heute ist's wärmer, aber der -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -Röhrbrunnen an der Kathedrale rauscht so lebendig, -daß er uns wach erhält und uns nöthigt, noch um -Mitternacht im schlafenden Hause auf eigne Hand ein -anderes Zimmer aufzusuchen. Am Morgen giebt es -einen Retoureinspänner nach Aarau. Der Einspänner -ist das nationale Fuhrwerk der Schweiz. Der Koffer -will nicht recht darauf gehen – ich benutze den -Augenblick und gehe still in die Kathedrale. Das -Gebäude ist weiß und hell von innen und außen. -Auf den Beichtstühlen sind hingeworfene reuige Gestalten -– Petrus nach der Verleugnung eine von -ihnen. Mir ist's nach dem ultrareformirten Genf -herzlich wohl, wieder einmal zwischen heiligen Bildern -und knieenden Betern zu wandern. Man betet besser -unter einem Gewölbe, welches ausschließlich bestimmt -ist, Gebet und Gesang zu Ehren des Herrn zu hören, -als in der Stube, wo alle die Kleinlichkeiten der -Häuslichkeit gethan werden. Ein Oratorium allein -kann das tägliche Gebet im Hause gesammelt machen. -Als ich meine Wanderung vollbracht, fahren wir – -das junge Ehepaar fährt nach Basel. Wie malerisch -ist hier der Jura! Voriges Jahr war er so überbunt, -wie ich noch kaum weder Gebirg noch Wald -gesehen. Ich hab' ihn liebgewonnen den langen, einförmigen -und doch mannigfachen Jura, vielleicht weil -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -er sowohl in der Ferne, wie in der Nähe so schöngeschwungene -Linien hat, vielleicht auch, weil ich so oft -auf ihm die ersten und letzten Lichter der Sonne und -in der Mondnacht den leuchtenden Schnee blinken sah. -Die Luft von ihm weht rauh; heute ist sie ein Sturm. -Wir wenden uns endlich an der Stelle von ihm ab, -wo wir damals von Basel her über ihn kamen. Den -ganzen Tag bis Abends um sechs fahren wir durch -die frischesten Hügellandschaften, welche für mich mit -den Alpengegenden der Schweiz wetteifern. Aarau -liegt geradezu allerliebst; es ist die erste Stadt in der -Schweiz, wo zu wohnen mir gefallen könnte. Wir -gehen vom Ochsen hinunter an die Aar, über ein -Bächlein, das hineinschießt, die Aar hinauf. Jenseits -liegt das Thal voll Landhäuser; Fähren gehen hinüber -und kommen herüber; der Abend ist kühl, aber -nicht rauh, Wiesenduft füllt ihn. Wie wohl thut das, -wenn man so lange kalkige Luft geathmet. Auf einer -Brücke, die, ich weiß nicht worüber führt, kehren wir -in die Stadt zurück; ein zahm Starmätzchen sitzt auf -dem Geländer, guckt uns an, springt vor uns herum, -dreht klug und neugierig das Köpfchen und fliegt -endlich in einen Gasthof neben der Brücke. In unserm -Ochsen schiebt mich der lange, trockne, regungslose -Kellner am Ellenbogen an den Speisetisch; es ist -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -das seine Beförderungsart: allein läßt er einen nicht -gehen. Der Ochse ist etwas ältlich, aber der Wirth -einer der artigen Wirthe, wie man sie eben in den -älteren schweizer Gasthäusern findet, Stube und Betten -sind kolossal, auf der Gallerie blüht ein schöner -Granatenbaum, und es gefällt mir in Aarau.</p> - - -<h3 class="da">Den 5. August.</h3> - -<p>Alterthümertag, ohne unser Verdienst. Der lange -Kellner weckt uns nicht, der Kutscher thut's, der natürlich -wieder ein Retoureinspänner ist und zwar aus -Baden am Stein. Dabei ein großer, starker, hübscher -Mensch, in kurzer blauer Jacke und niedrigem grauen -Troddelhut, mit krausem röthlich-blondem Bart und -geradem, regelmäßigem Profil, Tell, wie man ihn sich -nur denken kann, Xaver genannt, und so voll Kraft, -daß er den schweren Koffer mit einem Ruck aus allen -Fugen reißt. Er sieht bei dieser Heldenthat sehr gelassen -darein – wir sind weniger zufrieden damit, -indessen was soll man sagen? Wir setzen uns zum -Frühstück und sehen die Begrüßung zweier eidgenössischen -Lieutenants, die einander genannt werden. Sie -bleiben in einem Bückling vorgebogen stehen, lächeln -sich verlegen an, wissen sich nicht ein Wort zu sagen -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -und setzen sich endlich stillschweigend gleich uns zum -Frühstück. Wir fahren mit Xaver – der Wagen ist -gut genug, aber das Pferd, das Pferd! Xaver hat -es verzogen, wie eine Großmutter ihr jüngstes Enkelkind. -Jeder seiner Neigungen wird nachgegeben, und -es hat deren unendlich viele. Es will in jedes Thor, -in jeden Seitenweg, in jedes Wirthshaus. Kein -Grashalm steht am Wege, ohne daß es den Braunen -danach gelüstet, und liegt nun gar ein Kleefeld da, -so will er förmlich mit Gewalt hinein. Zugleich erschrickt -er vor jedem Nichts; ein Karren, ein Haufen -Flachs, ein Hund, ein Vogel sind sämmtlich ungeheuerliche -Dinge, vor denen der Braune ebenfalls -rechts oder links will. Xaver blickt bei jeder dieser -<i>gentilesses</i> sich freundlich lächelnd nach einem um, -als wollt' er sagen: seht, was das für ein Pferd ist! -Dazu fehlt noch ein Nagel im linken Vorderrade; -Xaver hat ein Hölzchen geschnitzt, es in die Lücke geschoben -und spricht nun von Zeit zu Zeit: »Wenn das -Nägli herausginge, würde das Rad rückwärts gehn, -aber das Nägli geht nicht heraus.« In Folge aller -dieser kleinen Hemmnisse kommen wir nur gemessen -weiter; die Gegend wenigstens ist reizend. Rechts -auf Höhen Wildeck und Habsburg, Schloß und -Ruine; links im Thale Wildenstein, Schloß, auf -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -ferner Höhe Schenkenberg, Ruine. Habsburg unstattlich. -Der Erbauer borgt sich das Geld dazu von -seinem Bruder, dem Bischof von Constanz. Wie's -fertig, kommt der Bischof, besieht, wiegt das Haupt. -»Für so viel Geld ein so klein Schloß mit so schlechten -Mauern!« Der Besitzer zeigt hinunter vor das -Schloß. Da stehen einige tausend Mann in Waffen. -»Das sind meine Mauern; für die hab' ich -euer Geld verwandt.« Schinznach, moderner Halbmond -in Gehölzen zum Spazierengehen. Bei Brugg -wird der Aar der Rücken gedreht. Links liegen -Gebäude in einem fensterlosen Viereck, über das ein -Thurm ragt. »Was ist denn das?« – »Kloster -Königsfelden.« Agnesens Rachedenkmal. Man muß -es doch sehen. Militair im Hofe. Hindurch. Ein -Thor. Die Kirche schwer, rauh. Rechts die Mönchs-, -links die Nonnenwohnung. Diese leer, wüst, Bohnen -im Kreuzgange. Agnesens Zimmer voll von -römischen Töpfen und Schüsseln – Alles zerbrochen, -nur ein Löwenkopf und ein Säulenfuß anständig. -In der Zelle alte Malerei und neben dem -Fremdenbuch römische Münzen. Die Kirche Holzschuppen. -Zwischen Balken und Brettern das Denkmal -der Kaiserfamilie. Ueber Grabsteine von Berner -Herren in den Chor. Schöne bunte Fenster. Ueber -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -den Stühlen die bei Sempach gefallenen Ritter. -Alle knieen; einer sieht genau wie der andere aus. -Von der Reuß an die Limmath, von der Limmath -nach Baden.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -Die beiden Wittwen.</h2> - - -<p>In Baden am Stein ist der »Hinterhof« das -letzte, älteste und stillste der Hotels, wirklich wie sein -Name andeutet, ein Hof hinter allen andern Höfen, -hinter dem »Raben«, dem »Ochsen« und dem »Bären«, -hinter dem »Schiff«, hinter der »Blume«, ja -sogar hinter der »Sonne«. Ein großer Hof, eingefaßt -von Gebäuden, deren neuestes zweihundert Jahr -zählt. Treppen hier und da, viel Thüren, viel Ecken. -Eine Gallerie. Kürzlich umhergepflanzt Kastanien, -Ahorn, Liliodendron, Kugelakazien. Dazwischen in -großen Kübeln Granatbäumchen und schöne Fuchsien. -Grüne Persiennen an Fenstern, von denen kaum eines -so groß wie das andere ist, kaum zwei in gleicher -Reihe und gleicher Entfernung von einander ausgebrochen -sind. Hineinschauend, als gehörte er auch -zum Hause, der Thurm einer kleinen Kirche, welche -sich von Außen vertraulich an die Scheune legt. Das -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -ist der Hof des »Hinterhofes« und hier saß ich an -dem schönen Sonntagnachmittag, wo wir nach Baden -kamen, während Otto die Stuben musterte. Da näherte -sich eine alte Frau mit freundlicher Miene, rothen -Wangen und buntem Anzug, machte mir einen höflichen -Knix und fragte: »Spreche Sie dütsch?« Ich -antwortete der Wahrheit gemäß, und wir waren gegenseitig -bereits sehr verbindlich und freundschaftlich, -als Otto mir Bericht erstatten kam. Wie öfter sprachen -wir italienisch; die alte Frau machte ein noch -freundlicher Gesicht und fragte auch auf italienisch: -ob ich aus Bergamasco oder aus Mailand sei. Zu -Ehren meines Italienisch muß ich bemerken, daß diese -beiden Städte die einzigen italienischen waren, welche -die alte Dame kannte. Ich erklärte ihr, wie es -komme, daß wir diese schöne Sprache so liebten – -»O, ich war auch in Italien,« sagte sie mit Stolz, -»fünfundzwanzig Jahre bin ich da gewesen, ja, meine -Signora. In Locarno bei dem Signor Governatore. -Und wenn ich Italienisch höre, fühl' ich's im Herzen.«</p> - -<p>So hatten wir eine Bekanntschaft, ehe wir noch -in den »großen König« eingezogen. Diesen erhabenen -Namen führte nämlich die älteste und häßlichste Stube -in dem ganzen alten Hause. Lang, niedrig und dunkel -hatte sie nur <em class="ge">ein</em> vernünftiges Fenster, das andere -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -war eine Art Schießscharte, mit kleinen runden Scheiben -in Blei. Eine fehlte – wir klebten Papier vor -das Loch. Ein schwerer Tisch stand auf gekreuztem -Balken, auf den Dielen stolperte man immerfort, -ebenso auf der hohen Schwelle. An der Thür fehlte -Nichts als die Klinke, und unser Doctor pflegte zu -sagen, die Stube wäre noch von unsern Vorfahren, -den alten Regensburgern, eingerichtet. Der sogenannte -Alkoven daneben hatte ebenfalls eine Hügelschwelle -und eine Schießscharte, außerdem mittelalterliche -Wandnischen und endlich einen blaugestrichenen -Kleiderschrank, an dessen Thür angeschrieben stand: -Herr so und so aus Bern habe den und den Tag -hier hinein seine Röcke gehangen. Grauer, veralteter, -ja verfallener hätten wir gar keinen Raum finden -können, und er gefiel uns natürlich ungemein.</p> - -<p>Die Gesellschaft an der Table d'hote war ungefähr -wie die Stube und das ganze Haus. Mir -wollte es beim Anhören der Gespräche immer vorkommen, -als läse ich Goethe über den Elsaß. Da -war ein Herr Wölflin, jetziger Tabacksfabrikant aus -Rheinfelden, ehemaliger Napoleonischer Soldat ohne -Enthusiasmus. Da war aus Mühlhausen, Fabrikant -auch von Etwas, Herr Wangern, der an Regentagen -als Liebhaber drosch und durch die That bewies, -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -»was für eine Eßlust man dabei bekomme.« Da -war der Herr Steiger aus Bregenz, jung, glatt gekämmt, -Sonntags im Frack, Wochentags im grauen -Rock mit grünem Sammtkragen. Da war Herr -Kyslin, Lithograph aus Basel, dem die Thränen in -die Augen drangen, wenn er an den nahen Untergang -der Welt dachte, ein armes Opfer frommer -Traktätchen. Da war endlich Herr Kaiser, Eisenhändler -in Solothurn, gebürtig aus dem Schwarzwalde, -krank an einem Halsleiden, das allerbeste Gemüth -auf Erden, und, wie Herr Wölflin meinte, -»halt etwas blindköpfig,« weßwegen den ganzen Mittag -über immer gewetteifert wurde, wer den armen -Mann am besten schrauben könne. Man sprach z. B. -von der Verschiedenheit der Kartoffeln und der <i>pommes -de terre</i>. Herr Kaiser sah schlau aus und -meinte, das sei wohl dasselbe, nur auf französisch und -auf deutsch. »Behüte,« wurde ihm geantwortet, -»<i>pommes de terre</i> sind Erdäpfel, und diese, wie gesagt, -völlig verschieden von den Kartoffeln. Es wäre -eine gute Speculation, wenn man <i>pommes de terre</i> -auf- und als Kartoffeln wieder verkaufte. Die Pflanze -ist sonderbar, hat Blätter wie die Sonnenrose und -wächst wie ein Strauch, manchmal ungeheuer hoch.« -Herr Wangern versicherte: in Mühlhausen wachse die -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -Cichorie auch oft neun Schuh hoch und zwar mit -dem Hopfen zusammengezogen. Der Ertrag beider -wunderbarer Pflanzen werde meistens über Neuenburg -im Badischen verführt. Otto antwortete: Wir in -Preußen bezögen auch fast alle Waaren über dieses -Neuenburg. Folgte nun die Unterhaltung über die -Stadt. Sie war klein, so gut wie gar keine Straßen, -kaum Häuser, aber ein ungeheuerer Verkehr. Herr -Kaiser hörte Alles an und – glaubte Alles.</p> - -<p>Ganz offen – diese Gesellschaft machte mir die -eine Stunde immer außerordentliches Vergnügen. Sie -war so vollkommen neu für mich. Am oberen Ende -des Tisches saßen mehrere Französinnen und elegante -Waadtländerinnen, aber von ihnen hielt ich mich mit -äußerster Sorgfalt entfernt – ich hatte noch genug -von Genf. Meine Elsässer und Schwarzwälder mit -ihrem kernigen Humor waren mir weit lieber. Außerhalb -des Tisches freilich hörten unsere Beziehungen -zu ihnen fast gänzlich auf, nur mit meiner ersten -Bekanntschaft gab es bei jeder Begegnung einen Austausch -von Höflichkeit und Italienisch.</p> - -<p>Sie war 78 Jahr alt, dabei frisch, fett und froh, -blos der Kopf zitterte ihr etwas. Seit acht Jahren -lebte sie im Hinterhofe, Winters mit der Familie, -Sommers mit den Fremden. Ihr »Herr« war hier -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -im Bade gestorben – sie liebte, seinem Grabe nahe -zu sein. Sie trocknete sich die Augen, als sie uns -das erzählte, »wie eine junge Wittwe,« sagte ich damals -zu Otto. O, ihr »Herr« war so süß gewesen -und ihr so theuer! Er war Seckelmeister in Einsiedeln -gewesen und ganz besonders um sie zu heirathen -nach Italien gekommen. Sie war auch aus Einsiedeln, -hatte dort Brüder als Conventualen und ich -glaube gar einen Onkel als Fürstabt gehabt – o, -sie war von Familie und so aristokratisch, wie man -es nur in der Schweiz noch ist. Mir, der fast 30 -Jahr jüngeren Frau, küßte sie trotz meines Sträubens -immer die Hand, denn ich war eine Signora, und sie -verstand das. Ihr »Herr« war auch ein Signor gewesen, -sonst hätte sie, obwohl bereits 50 Jahre zählend, -da er um sie gefreit, ihn gewiß nicht als Gemahl -angenommen. Und im Hinterhofe würde sie auch -nicht wohnen, wenn es nicht eine gute Familie wäre, -aber die Dorers waren eine der ältesten Familien in -Baden – ihre Mutter, eine Baldinger, war mit ihnen -verwandt. Freilich schätzten sie den Vorzug ihres -Geschlechtes nicht genug – sie verständen es nicht -besser – flüsterte sie vertraulich. Sie hatte Recht – -Herr Dorer, dick, untersetzt und stumpfsinnig, dachte -weit mehr an das Rindfleisch, welches er immer -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -eigenhändig herumreichte, als an seinen Ahn, den -Schultheiß, der einst die Mauern von Baden so -tapfer vertheidigt. Sein Erbe schlachtete ihm nach – -weder der jetzige, noch der »Fideicommissair«, – denn -der Hinterhof im Canton Aargau ist ein Fideicommiß -– sah im Geringsten patricisch aus. Aber die -Seckelmeisterin wußte, aus welchem Blute Beide -stammten, und dieses Wissen tröstete sie über das plebejische -Aussehen und machte es ihr angenehm im -Hinterhofe. Sie selbst war allgemein beliebt; besonders -schrie die kleine Amalie, das Schwesterchen des -jüngeren Fideicommissairs, schon auf zwanzig Schritte -mit ihrem hellen Stimmchen: »Scheckelmei! Scheckelmei!« -Scheckelmei kam dann herbei und hieß Amalie -vor den Fremden ihre »Kneikerle« machen. Scheckelmei -war ihrer Manieren und ihrer Sprachkenntniß -wegen Gouvernante bei den Fräulein Töchtern des -Herrn Gouverneurs gewesen und wußte, was Lebensart -heißt. Sie redete immer wohl und immer mit -Feierlichkeit, ganz wie in Goldoni's Komödien geredet -wird. Damit konnte sie uns inmitten des Hofes -ganze Viertelstunden aufhalten. Wenn ich endlich -durchaus entschlüpfen wollte, gab ich ihr geschwind -einen Kuß; darüber war sie so erfreut, daß sie uns -fortließ. Bei Tische machte sie immer die Wirthin -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -und nöthigte einem Jeden weit mehr vom Nachtisch -auf, als er essen wollte. Sie war gar gut die -Scheckelmei, und ich hatte sie sehr lieb, und sie mich -auch. Dann freute sie sich immer über meinen »<i>dulce -signore</i>,« pries die Süßigkeit der Freundschaft, die -Süßigkeit der Keuschheit und das Paradies der Liebesfreuden, -sprach von ihrem »Herrn«, trocknete sich -die Augen und wartete auf die Wiedervereinigung, -wenn gleich vielleicht ohne sie besonders zu wünschen.</p> - -<p>Eine Table d'hote in einem Badeorte ist eines -der treuesten Bilder des Lebens – täglich verschwinden -bekannte Gesichter, um fremden Platz zu machen. -Wir hatten bald nicht mehr Herrn Wölflin, Herrn -Wangern und selbst unsern guten Herrn Kaiser, dafür -hatten wir eine »enorme« Jungfer aus Stäfa, -die jeden Tag in einem anderen prachtvollen Seidenkleide -erschien, eine Madame aus Chur mit einem -vierjährigen Knaben, welcher durch seine grenzenlose -Unbändigkeit bald den ganzen Hinterhof zur Verzweiflung -brachte. Schweizer Officiere mit ihren -Frauen, Professoren, Räthe und endlich ein Paar, das -uns auffiel, weil der Mann noch so jung und so -hübsch war und die Frau so bleich und so krank aussah. -Auch trug sie Trauer und der Mann nicht. -Dabei schienen sie sich sehr zu lieben; man sah Beide -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -nie anders als miteinander; er führte sie stets. Wir -machten eine Art Bekanntschaft mit ihnen auf einem -Spaziergange, wo wir von verschiedenen Seiten zusammentrafen. -Sie waren Beide in St. Gallen und -Heidelberg so gleich gut bekannt, daß wir meinten, -er sei irgend ein Rath oder dergleichen aus St. Gallen, -der in Heidelberg studirt habe. Am Abend suchten -wir in der Fremdenliste, konnten aber weder aus -Heidelberg, noch aus St. Gallen ein Ehepaar entdecken -und wunderten uns. Doch nur wie man sich -über Dinge wundert, die einen wenig oder eigentlich -gar nicht interessiren. Den nächsten Tag war der -Mann abgereist; ich fragte natürlich die Frau, ob er -ihr nicht sehr fehle. Sie lächelte verlegen. »Sie -haben auch gedacht, das sei mein »Herr«, nicht wahr?« -fragte sie. »Aber das ist nicht; ich bin Wittwe und -in Trauer um meinen Mann, und Karl ist nur mein -Bräutigam.«</p> - -<p>Ja, es war auch eine Wittwe, wirklich und wahrhaftig -eine Wittwe – wir hatten zwei Wittwen im -Hinterhofe, eine alte und eine junge, eine treue und -eine getröstete, eine Wittwe zum Beispiel, und eine -Wittwe zur Warnung. Eine Figur aus Goldoni, und -eine Frau aus Boccaccio. Ich fiel ein Mal um das -andere aus den Wolken in die naivsten, freudigsten -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -Verwunderungen darüber, daß die Mannheimerin mir -eine jener frischen, verliebten Frauen so lebenswahr -vorspielte, denn sie war aus Mannheim unsere verlobte -Wittwe, sie war aus Mannheim und seit acht -Jahren in St. Gallen äußerst glücklich verheirathet -gewesen. O, ihr Mann war noch viel schöner gewesen -als Karl, und wie sie ihn geliebt, und wie beweint -hatte – es ließ sich nicht sagen! Ganz St. Gallen -war auch, als sie ihn verloren – es war zu Neujahr -gewesen, also jetzt gerade sieben und einen halben -Monat – ja, ganz St. Gallen war lauter Mitleid -gewesen; obgleich eine Fremde, hatte sie sich völlig -wie unter Landsleuten glauben können, so hatte man -sich beeifert, ihr Theilnahme zu bezeigen, sie zu trösten! -Die guten St. Gallener hatten vermuthlich gemeint, -einen St. Gallener zu verlieren, müßte für eine -Mannheimerin ein geradezu unermeßlicher Verlust -sein! Einer der angesehensten Männer war zu ihrem -Schutzvogt ernannt worden – die Interessen der -armen Verlassenen mußten doch als heilig betrachtet -werden. Die arme Verlassene, die so allein auf der -Welt war, hatte den Winter über einsam ihrer Trauer -gelebt und im Frühjahr eine Landsmännin aus Heidelberg -nur darum aufgenommen, weil die unglückliche -Frau sich vor den Wirren aus Baden geflüchtet und -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -nicht gewußt hatte, wohin. Diese unglückliche Frau -war zufälliger Weise die Mutter von Karl gewesen, -und Karl natürlich zu seiner Mutter gekommen, als -er mit seinem Bruder nicht in den Aufstand gewollt -hatte. Und da hatten sie sich Monate lang täglich -gesehen, und so – o, sonst hätte sie's gewiß nimmer -gethan, versicherte die Wittwe-Braut. Natürlich, -wenn sie Karl nicht kennen gelernt hätte, würde sie -sich nicht in ihn verliebt haben. Jetzt war sie's ordentlich, -ein junges Mädchen, welches den ersten Bräutigam -hat, kann's nicht ärger sein. Karl kam immer -zugleich mit dem seligen Mann aus ihrem Munde. -Diese Hoffnung auf ihren Künftigen zugleich mit der -Trauer um ihren Seligen machte sie ungemein belustigend. -Man wußte immer nicht, wen man hörte -– ob die Wittwe oder die Braut. Dazu kam, daß -dieser lebendige Widerspruch alle seine Empfindungen -mit süddeutscher Offenheit herausplauderte. Wir erfuhren -alle ihre Angst, daß die St. Gallener merken -könnten, wie es mit ihrer Wittwenschaft aussähe, alle -ihre Entschlüsse, so lange sie dieses Kleid trage, nicht -wieder zu heirathen, alle ihre Furcht vor dem vornehmen -Schutzvogt, der ihr jetzt ein wahrer Luxus von -Ehre schien, unnütz, sehr unnütz, endlich die Noth, -welche sie hier im Hause, in unserm scheinbar so -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -soliden Hinterhofe gehabt. Die Leute waren schrecklich, -aber schrecklich neugierig gewesen; immer hatten -sie gelauscht, gelacht und bedeutungsvolle Mienen gemacht; -selbst der Joseph war anzüglich geworden. -Joseph war der Badewärter des Hinterhofes und eine -der gelassensten Individualitäten, welche mich je um -die Geduld gebracht. Aller Welt hätte ich boshafte -Bemerkungen zugetraut, nur nicht dem Joseph, und -dieser selbige Joseph hatte doch mit zweideutiger Miene -gefragt: ob der Herr denn nicht mit in's Bad gehe. -Um diese Frage nicht gar zu impertinent zu finden, -muß man wissen, daß hier unter Eheleuten die Sitte -des gemeinschaftlichen Badens herrscht, aber freilich -nur unter Eheleuten, unter Verlobten nicht. Der heillose -Joseph schien indessen Karl und die Wittwe nicht -blos für Verlobte halten zu wollen, denn auf ihre -Erwiederung: der Herr sei nicht krank, hatte er trocken -gemeint: ach, die Herren gingen doch mit, auch wenn -sie nicht badeten. Das war denn der armen Wittwe -doch zu arg geworden und sie hatte den Bräutigam -beschworen, das ungestörte Zusammensein, welches sie -hier in Baden gehofft hatten, fahren zu lassen und -sie in St. Gallen zu erwarten. Karl war ein vernünftiger -junger Mann gewesen und resolut abgereist, -aber, ach, was es jetzt der Wittwe leid that, -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -daß sie nicht lieber den Joseph hatte schlaue Bemerkungen -machen lassen, ohne den Bräutigam fortzuschicken! -Sie wußte sich nicht mehr zu finden, sie -brauchte ihre Kur wie im Traume, sie versicherte, daß -sie nicht aus dem Fieber herauskomme. Endlich hielt -sie's nicht mehr aus – der Doctor mußte ihr die -Abreise erlauben. Sie kam zu uns herüber gelaufen, -sie war wie elektrisirt, nie habe ich ein glückseliger -Geschöpf gesehen. Sie wollte einen Antheil an dieser -Freude ihrer kleinen Tochter zuschreiben, aber ich -fürchte sehr, die Wonne war einzig und allein für -Karl.</p> - -<p>Die beiden Wittwen waren von einander verschieden, -wie eine graue, moosige Epheuranke, welche sich -auf einem Grabstein eingewurzelt, und ein leichtsinniger -Finke, der, wenn sein Nest auf einem Baume -zerstört wird, sich zwitschernd einen andern sucht, um -sich ein neues zu bauen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -Waadtländerin und Pariser.</h2> - - -<h3>Ein Nervenzufall.</h3> - -<p>Die hübsche Madame Picard lag auf dem Sopha -und hatte einen heftigen Nervenzufall. Ihr Mann -ging verdrießlich und unruhig hin und her und begriff -nicht, wie bei einer vernünftigen Frau ein so unvernünftiger -Zufall möglich sei. Herr Picard war an -Nervenzufälle bei seiner Frau gewöhnt, aber so einer! -Wie gesagt, konnte man einen solchen Nervenzufall -haben?</p> - -<p>Die hübsche Waadtländerin ließ den ernsthaften -Genfer nicht lange darüber in Ungewißheit. Sie -schrie höchst erbärmlich, daß er sie nicht mehr liebe.</p> - -<p>»Aber, meine Theure,« fing der Gatte an.</p> - -<p>»Nein, lassen Sie mich,« schluchzte sie. »O, ich -weiß es seit lange. Glauben Sie, daß solche Veränderungen -dem Herzen einer Frau nicht fühlbar -werden? Angebetet, wie ich war, glaubst Du, ich -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -empfinde nicht, Grausamer, daß Du kalt geworden -bist, trostlos, ganz und gar kalt?«</p> - -<p>»Pauline, wir sind dreizehn Jahr verheirathet.«</p> - -<p>»Und das ist ein Grund, um uns nicht mehr zu -lieben? Nun wohl, wie Sie wollen, Monsieur, wie -Sie wollen.«</p> - -<p>Der Mann sprach von Uebertreibung und unbilligen -Forderungen, so vernünftig, wie ein Genfer -Kaufmann nur sprechen kann. Die Frau aber geberdete -sich vor dieser unwillkommenen Vernunft immer -krankhaft unverständiger, so daß dem Manne zuletzt -Nichts übrig blieb, als der Bonne zu schellen und -nach dem Doctor zu schicken.</p> - -<p>Die Bonne erhob, als sie ihre Herrin in einem -solchen Zustande sah, die Augen gen Himmel, zuckte -tragisch die Achseln und verkündete, indem sie durch -die Küche eilte, Monsieur bringe Madame noch um, -das sei ganz klar.</p> - -<p>Die Köchin und ein eben anwesendes Nähtermädchen -umarmten den kleinen dreijährigen Emil, der -ihrer besondern Sorgfalt anvertraut war, schüttelten -traurig die Köpfe und seufzten: »armes Kind!« Emil -begehrte noch eine Butterschnitte; unter neuen schweren -Seufzern empfing er sie von den bewegten Dienerinnen. -Er biß hinein, beschmierte sich beide Backen -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -und watschelte in dieser wahrhaft kindlichen Verfassung -hinaus auf die Gallerie, ohne im mindesten zu -wissen, daß seine Mutter als ein Gegenstand des tiefsten -Mitleidens auf ihrem Sopha am Rande des -Grabes lag.</p> - -<p>Die Mutter schien es zu wissen, denn sie wehklagte -über ihre armen Kinder und beschwor ihren -Mann, wenigstens diese zu lieben. Der Mann murrte: -das verstehe sich ja von selbst.</p> - -<p>Nein, das verstand sich nicht von selbst. Wer die -Mutter nicht mehr liebte, wie leicht konnte der auch -der Kinder vergessen.</p> - -<p>Herr Picard griff sich mit allen zehn Fingern -langsam in das Haar. Es war ihm dies seit zehn -Jahren nicht begegnet, aber seine Frau hatte sich auch -noch nie so aufgeführt.</p> - -<p>Sie lag starr und sprachlos, als der Doctor kam. -Herr Picard fand diese Sprachlosigkeit recht gut – -der Doctor war anderer Meinung. Kaum hörten -das die Bonne, die Köchin und das Nähtermädchen, -so erhoben sie einstimmig ein Geschrei von solcher -Stärke, daß Herr Picard fürchtete, die ganzen Eaux-vives -könnten aufrührerisch werden. In dieser Vorstadt -von Genf stand nämlich das Häuschen, welches -einen kleinen Hof, einen kleinen Garten und zwei -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -kleine Gallerien hatte und von Herrn Picard nebst -Frau und Kindern bewohnt wurde.</p> - -<p>Nachdem Madame zu Bett gebracht und mit Essenzen -gerieben worden war, bekam sie die Sprache -wieder und verlangte nach ihren Kindern. Die beiden -ältesten Jungen konnten nicht aufgefunden werden – -sie fischten irgendwo, wahrscheinlich in nicht kleiner -Gefahr, aus dem Kahn in den See zu fallen. Der -kleine Emil wurde von der Bonne herbeigeführt – -die Mutter küßte ihn und verzog den Mund, weil sie -mit dem Kusse Butter auf die Lippen bekommen -hatte. Die Bonne, ziemlich hart über ihre wenige -Sorgfalt für den Kleinen angelassen, rümpfte die -Nase und versicherte dann draußen in der Küche: -man könne es Madame nie recht machen; Monsieur -möge es manchmal schwerer mit ihr haben, als man -glaube. Die Köchin und das Nähtermädchen stimmten -der Bonne völlig bei, und Madame schlief ein, -ohne länger bedauert zu werden.</p> - -<p>Unterdessen las der Doctor dem gelangweilten -Ehemanne Moral. Eine so reizbare Frau müsse geschont -werden, oder man könne der übelsten Folgen -gewärtig sein. Herr Picard rief mit unterdrückter -Erbitterung: »Wenn ich nur erst wüßte, wie ich sie -schonen soll!« – »Wissen Sie's nicht?« fragte der -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Doctor. »Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte der -verdrossene Mann. »Nun, das müssen Sie wissen,« -schloß der Doctor phlegmatisch.</p> - -<p>Herr Picard wäre beinah heftig geworden, obgleich -er ein Genfer war. »Sie können gut reden – Sie -haben auch eine Frau –« – »Aber die hat keine -Nervenzufälle,« ergänzte der Doctor.</p> - -<p>»Das war's, was ich sagen wollte. So haben -Sie leicht predigen, was Sie nicht zu thun brauchen.«</p> - -<p>»Ich predige nur, was nöthig ist. Denn ich wiederhole -Ihnen – schonen Sie Ihre Frau, oder – -Sie möchten sie nicht gern verlieren, nicht wahr?«</p> - -<p>»Was für eine Frage!«</p> - -<p>»Nun, Sie können sie verlieren, wenn dergleichen -Auftritte sich öfter wiederholen. Widersprechen Sie -ihr nie, sie mag verlangen, was sie will.«</p> - -<p>»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard -mit einem Seufzer, der vielfachen Erinnerungen galt. -»Man sollte meinen, sie wäre statt am See von Joux -in Paris geboren worden.«</p> - -<p>»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der -Doctor. »Es giebt Frauen, die haben das Genie der -Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau -ist eine von den ersteren.«</p> - - -<h3><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Madame Picard.</h3> - -<p>Also im Jouxthal war sie geboren und in einem -Pensionat zu Morges erzogen worden. Ihre Mutter -hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel -und hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn -Jahr war, verliebte Herr Picard, Pelz- und -Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche -waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer -Bewerbung. So kam sie, jung, unerfahren und erwartungsvoll, -in die dritte oder vierte Klasse der -Genfer Gesellschaft – vielleicht auch in die fünfte -oder sechste. Genf ist ja in so viel Klassen getheilt, -wie ein botanisches System. Wodurch die eigentliche -Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen -können; man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine, -wohne im Winter in der obern Stadt, im Sommer -auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß -ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie -kam und kein Haus in der obern Stadt, sondern nur -eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang es -ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden, -freilich nur an der Oberfläche und zugleich aus der -Natur heraus. Groß und voll gewachsen, würde sie -sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht eine -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei -einem kleinen Figürchen recht niedlich, fällt dagegen -bei einer großen Gestalt leicht ins Lächerliche. Ihr -Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken Backenknochen -und keinem schönen Profil. Im Hute sah -sie sogar häßlich aus, in einem kleinen umgeknüpften -Tuche dagegen recht anlockend. Sie wußte das und -trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie -that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen. -Die arme Pauline wollte gern recht gefährlich kokettiren -und hatte doch weder große Anlagen dazu, noch -die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war -daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer -laut, sprach nur von sich, schob fortwährend ihren Fuß -vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde mit einem Wort -kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen -Genfer Accent annahm und mit gekniffenen Lippen -zwischen den Zähnen sprach, war nicht nur verzeihlich, -sondern unvermeidlich, aber freilich nicht wohltönend. -Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der -Genferinnen, doch will das nicht viel sagen. Sie hatte -das Italienische angefangen und wieder liegen lassen, -das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur -das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem -Jahre ihren beiden ältesten Knaben lehren konnte. -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -Wurde englisch gesprochen, so verstand sie es nicht, -aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr -noch erinnerlich genug, um sie überlieferungsartig den -Kindern mittheilen zu können. Ihr musikalisches Talent -beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern, -bei denen sie den Takt, um nicht herauszukommen, -mit dem Fuße schlug und mit einem ausdrucksvollen -Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren -politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und -Aristokratin, dabei sehr feurig und entschlossen. Wenn -die Genfer gedacht hätten wie sie, würde James Fazy, -der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht -lange gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem -ersten Wochenbette an einer krankhaften Reizbarkeit -der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen durfte, -stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte -ziemlich mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen -Zwillinge und ihren kleinen dümmlichen Emil, thronte -in einem kleinen Kreise von Freundinnen und würde -sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben, -wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit -hatte er allmählich aufgehört. Natürlich; waren sie -nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten sie nicht zwei -zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr -Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Genfer? Es giebt viele Dinge, welche ich mir vorstellen, -eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen -kann – zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine -Frau anbetet. Naive Mittheilungen von Genferinnen -selbst haben mir einen sehr kleinen Maßstab für die -Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben. -Auch gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen -für verzogene Kinder, und diese Bemerkung wird -beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht -gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon -gesagt, Herr Picard war Genfer durch und durch, -das heißt ein großer, etwas steifer, sehr zurückhaltender -und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle -nie recht bequem gefunden hatte. Folglich -zog er sich im Verlauf der Jahre mehr und mehr in -die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls -folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste -Frau, nicht nur in Genf, sondern auf Erden, -verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen, alle möglichen -Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl -vernünftig widerredete, unvernünftige Nervenzufälle.</p> - - -<h3><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Die Frau des Compagnons.</h3> - -<p>Herr Picard hatte einen Compagnon, der die -Dienste eines Commis that. In den sämmtlichen -kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton -ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem -Arme, jede Woche einmal umher und forderte die -Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard -zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr -Hölty – denn diesen Dichternamen führte der Mann -– in ganz Genf der Compagnon des Herrn Picard, -und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes -Haus auch in den Eaux-vives, einen Hund, zwei -Kinder und eine Frau.</p> - -<p>Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau -oder Principalin eine Waadtländerin, doch nicht so -tief aus dem Lande, sondern hart von der Grenze, -aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß -und stämmig, von Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen -schwarzen Augen und einer kupfrigen Farbe. Vor -ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame, -wie die böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer -russischen Fürstin, jedenfalls aber in der Krimm gewesen, -denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich: -»Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -dieser vornehmen Zeit her die Idee bekommen, daß sie -eigentlich zu gut für die Schweiz und hauptsächlich -für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen geheirathet, -und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte -aussuchen können. Mehr wohl um andere Gesellschaft -zu haben, als um ihre Einnahme zu erhöhen, hielt -sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die -bei den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit -zu sagen: »Wenn ich es nicht nöthig hätte, -würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist: sie empfing -die Fremden wie Manna, und den ersten Monat -konnte man gar keine aufmerksamere Wirthin finden -als Madame Hölty. Sie war eitel Honig und Höflichkeit. -Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke -wahre kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte -sich in Rücksicht; Louise, das Mädchen, dudelte -nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen -Lärm mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine -erhöhte Sphäre und empfing keinen Befehl, ohne daß -Madame hinzusetzte: »<i>s'il vous plait</i>.« Madame -wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen -hohen Begriff von ihrem kleinen, aber ausgezeichneten -Hauswesen und besonders von der Herrin dieses -Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man -sie beim ersten Anblicke für eine gute, aber ordinaire -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -Frau gehalten, so ließ man sich von ihrer Selbstschätzung -allmählich überreden, sie als eine kluge Frau -anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen -Ausbildung gebreche, aber nicht an einem taktvollen -Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen gewissen -Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen, -die tischte sie die ersten Abende zum Thee auf, -und wenn man sich auch nicht gerade interessirt fühlte, -so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man -zum ersten Male am Sonntage mit dem Manne und -den Kindern zusammen zu Mittag und sah man in -Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst -bei guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben -vermochte, so bedauerte man die Frau und fand es -natürlich, daß sie andere Unterhaltung wünschte. -Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten -zu sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche -Frau, der man gar nicht ausweichen konnte, die -einem des Morgens den ersten guten Tag bot und -des Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten -begleitete, mochte es Sonnen- oder Mondschein sein, -die sich überall neben einen setzen kam und immer -sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene -Gegenstände. Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig, -immer zu hören: »Als ich in Baktschisarai -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen -sich vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen -waren, immer von Neuem zur Theilnahme darüber -aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty -Herrn Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und -die Wirthin waren den zweiten Monat nie so zufrieden -mit einander wie den ersten, wer einmal die Gesellschaft -der Madame Hölty gründlich genossen, kam -nie wieder, um diesen Genuß nochmals zu suchen, -und längere Zeit blieben in den kleinen Stübchen, wo -die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer, -die den ganzen Tag außer dem Hause zubrachten.</p> - -<p>Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in -einem Verhältnisse, welches sie als vertraulich darzustellen -suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard -gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede: -»Meine Theure« zu erwähnen. Wenn sie wirklich -mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard, sowie -Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten -zu Madame Hölty, Madame Hölty fast noch seltener -zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den Fremden, -mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame -Picard sei ihr zu weltlich, der Kreis, der Pauline -umgebe, ein zu frivoler; aber ging man etwas -mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Paulinens und Pauline selbst Madame Hölty mit -ihren Erinnerungen an Petersburg und Baktschisarai -zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein -sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte -Pauline die Compagnonsfrau, weil diese die Gefälligkeit -haben mußte, alle Klagen der unglücklichen Frau -anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend -nach der letzten Katastrophe Madame Hölty am Bett -Paulinens saß.</p> - - -<h3>Vertrauliche Unterredung.</h3> - -<p>Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. -Herr Picard war wenigstens ein Ungeheuer und hatte -es lediglich der Schonung seiner Frau zu verdanken, -daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. -Madame Hölty hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, -dann sagte sie langsam – Madame hatte -eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr -Gang – also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, -Madame Picard, wir sind an Schweizer verheirathet. -Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß ich -nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer -Egoisten sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, -müssen wir auch Geduld haben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, -Geduld zu haben, und diese Worte galten ebenso der -guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften -Ehemanne.</p> - -<p>»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es -bei uns ist. Wie oft habe ich zu meinem Manne -gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du -nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, -<em class="ge">bleibt</em> er wohl? Früh um fünf auf den See, nachher -spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends selbst -führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich -dagegen, wie viel Sie von Herrn Picard haben.« -Pauline dachte, es komme denn auch darauf an, ob -die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch -sei; Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit -fort: »Ich versichere Ihnen, mehr als ein Fremder -hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty, -ist Ihr Mann denn unsichtbar?«</p> - -<p>»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte -Pauline vor sich hin. Laut fragte sie: »Ist Ihr -Mann noch immer eine Woche conservativ und die -andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; -sonst ist's ein recht guter Mann.«</p> - -<p>»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei -ihres Mannes ergriff, sobald von Jemand anders, als -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte sie -lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden -Radikaler gar nicht so mißfallen, wie mein -armer Mann.«</p> - -<p>Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline -roth und antwortete sehr verlegen: »Ach, Herr -Leon – aber das ist auch etwas Anderes – er ist -ein junger Mann und in Paris erzogen worden – -wo soll er da gute Grundsätze bekommen haben? -Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt, -er hätte sich geändert – er sagte mir, mit den Genfer -Frauen könne man sich ganz anders unterhalten, als -mit den Pariserinnen; wir wären viel ernster und -gediegener.«</p> - -<p>Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, -wollte sie Paulinen geantwortet haben: »Aber, -meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr Leon das -ernstlich gemeint habe – kennen Sie denn die Franzosen -nicht? Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge -– es ist das ihre Art.« In der Wirklichkeit aber, -am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch schmeichlerisch: -»Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon -sich sehr gern mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« -und süßer noch setzte sie dann hinzu: »Wissen Sie, -daß er wieder hier ist?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine -gleichgültige Verwunderung zu äußern. Dann fragte -sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?«</p> - -<p>»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei -seiner Mutter.«</p> - -<p>»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht -wieder bei Ihnen?« rief Pauline boshaft.</p> - -<p>Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie -geht in wenigen Wochen nach Leuk, und da sie -Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in -der Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen -Pension auf dem Quai, neben der Krone, drei Treppen -hoch.«</p> - -<p>»Und Herr Leon auch?«</p> - -<p>»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere -Male bei uns, und ich will in diesen Tagen einmal -die Mutter und ihn zum Thee bitten – werden Sie -mir da das Vergnügen machen, auch zu kommen?«</p> - -<p>»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline, -ihre Freude schlecht verbergend. »A propos, haben -Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«</p> - -<p>»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.«</p> - -<p>»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind -doch noch immer da?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen -sich sehr bei mir.«</p> - -<p>»Und sie lieben sich noch immer so?«</p> - -<p>»Wo möglich noch mehr.«</p> - -<p>»Ach, welches Glück! Und die Engländer – sind -sie eben so zärtlich?«</p> - -<p>»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat -seiner Frau zum Geburtstage eine goldene Uhr für -zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen pflückt -er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf -den Teller legt.«</p> - -<p>»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline -kummervoll, »und –«</p> - -<p>»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty. -»Was wollen Sie, Madame Picard, wir müssen uns -darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst -heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend -aufsitzen, bis es Herrn Hölty gefällig ist, nach Hause -zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut. Wenn -ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen -Schlüssel und spräche: nun komme du nach Hause, -wenn es dir beliebt, vor oder nach Mitternacht, aber -mir erlaube, zu Bette zu gehen.«</p> - -<p>Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -»Wir« von Madame Hölty. Sehr kühl fragte sie -daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?«</p> - -<p>»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie -aufstand, »aber, Madame Picard, der häusliche Frieden -– was thut man nicht, um den zu erhalten? -Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im -Hause. Dennoch sagte ich es meinem Manne heute -bei Mittag – ich war es wirklich müde, ihn zu erwarten -– die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen. -Ich sagte ihm also, daß ich ihm von nun an -sein Abendbrod an das Feuer setzen würde, da könnte -er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme – -mich aber würde er zu Bette finden.«</p> - -<p>»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie -ihm nicht sagen wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig -das Geschwätz. »Und was antwortete Herr -Hölty?«</p> - -<p>»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher -Zank, und er würde diese Nacht gar nicht nach Hause -kommen, sondern mit Freunden auf die Berge gehen.«</p> - -<p>»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden -morgen Regen haben, das wird ihn abkühlen.«</p> - -<p>»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« -antwortete Madame Hölty.</p> - -<p>»Was, es ist ja kaum halb neun!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat -ganz Recht – man muß nicht immer zu gut sein, -man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame -Picard, – pflegen Sie sich recht – ich werde Ihnen -durch Louise sagen lassen, wann ich meinen Thee gebe -– nochmals guten Abend.«</p> - -<p>»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, -daß Sie noch so spät gekommen sind.«</p> - -<p>Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen -der deutschen Dame, die ich ziemlich genau kenne. -Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen -Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und -zwar um so toller, je später und – belebter er nach -Hause kam. Da nun die Deutschen unmittelbar unter -dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer -wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken -förmlich spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr -Hölty in ganzen vollen Tönen schnarchte, die arme -Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde -zu schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders -da sie am Tage auch keine Ruhe hatte. -Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden -Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang -Louise, da tobte Georges – es war schon im dritten -Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Familie auch noch hören – das war ihr zu viel, -und sie redete Madame gegen Monsieur auf, damit -Monsieur, gehörig gescholten, früher und – weniger -schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen -mit der Nachtigall Duette singen möge.</p> - - -<h3>Herr Leon.</h3> - -<p>Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr -Pellet, Sohn eines Vaters, der gestorben war, und -einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der -Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau -seines Bruders war. Der Vater war Advokat gewesen, -die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen -sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und -– füllte ihn nicht mehr aus, indem die Republik ihm -für seine Dienste gedankt hatte. Man flüsterte sich -zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen – unsere -kleine Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig, -und man weiß, daß man da -nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich. -Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert -haben – Madame Hölty wenigstens vertraute -es der jungen Deutschen an, als diese Herrn Leon -zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -hatte. »Und sein Bruder ist noch entschieden roth,« -fuhr Madame Hölty fort, »zum großen Zorne der -Mutter, welche ultraconservativ ist.« – »Das muß -ein gutes Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen -abgeben,« bemerkte die Deutsche, Madame Hölty -machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen -Auftritt mitangehört – Madame, Sie würden erschrocken -sein, hätten Sie diese Mutter gesehen. Sie -hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen -und war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie -im Frühjahr hierher zu mir. Herr Leon besuchte sie -auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal – -sie war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er -so gut wie sein Bruder wäre im Stande, sie zu -ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen -in den Familien hervor.« – »Wenn Herr Pellet unabhängig -von seiner Mutter ist,« meinte die Deutsche. -»Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die sich -etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen -Parisers so eingeweiht zu sein. »Herr Leon und -sein Bruder haben nur das Vermögen des Vaters -bekommen – die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und -Herr Leon – wie die jungen Leute sind – hat fast -Alles ausgegeben und ist nun noch dazu ohne Amt. -Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -suchen – auch nimmt er sich ungemein in Acht – -widerspricht ihr nie.« – »Das wird auf Kosten des -Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. – -»Was wollen Sie, Madame,« meinte Madame Hölty, -»Jeder für sich. Herr Leon hat eine schwere Zeit bei -seiner Mutter – da ist's billig, daß er belohnt werde.« -»Sehr wahr – ich wünsche ihm, daß er seine Mutter -ganz verstricken möge.«</p> - -<p>Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen -die Eaux-vives hinauf in die Stadt. Es war gegen -zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es in -Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das -Bedürfniß, einen Augenblick zu athmen, oder war's -ein anderer Beweggrund, der ihn veranlaßte, einige -Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und -sich die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen -nach dem großen Nervenzufall, Pauline eben aufgestanden. -In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete -Persienne blickend – zufällig, mein Himmel, -so zufällig wie möglich, sah sie den jungen Pariser -und wich mit einem Herzklopfen zurück, als wäre sie -bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah -von der Seite nach dem Hause hinauf, konnte jedoch -hinter der Persienne nichts entdecken. Pauline fühlte -eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon -sah zwischen den grünen Brettchen eine ziemlich weiße -Hand sich unruhig, fast ungeschickt bewegen – er -wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty -hatte heute erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen -mitgetheilt. Selbstzufrieden ging der junge Mann -weiter.</p> - -<p>Herr Leon war, wenn ich es denn offen sagen -soll, ein Geck, wie es nur je einen gab. In Paris -konnte er keine große Rolle spielen – er war eben -nur Nachahmer von Nachahmern, hatte nur eine erwähnenswerthe -Liebe gehabt mit der Tochter eines -Generals, war mit einem Worte gänzlich unbedeutend. -Als er im vorigen Jahre bei Madame Hölty wohnte, -kam er so wenig in die gute Genfer Gesellschaft wie -Madame Hölty hineinkam, und – die Wahrheit zu -sagen, langweilte er sich gränzenlos in dem »Schooße -der Familie,« wie Bulwer sagen würde. Da lernte -er eines Abends bei dem Scheine des Mondes und -der Glühwürmchen Madame Picard kennen. Sie war -gerade nicht ausgezeichnet hübsch, sie war auch nicht -besonders unterhaltend, aber neben Madame Hölty -und in dem langweiligen Genf überhaupt war sie -eine Erscheinung, und Herr Leon stellte sich so geblendet, -als habe er eine neue Sonne entdeckt. Madame -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Picard war es wirklich. Gewiß ist es, ihr Name -konnte überall mit Herrn Leon in die Schranken treten, -und der Preis der bessern Haltung nicht allein, -auch des hübschen Aeußern wäre ihm geworden. An -Kenntnissen, an Charakter war Herr Picard gleichfalls -der Ueberlegene – Leon wußte so gut wie gar -Nichts und war an Charakter so gut wie Null. Aber -– er war Pariser, sprach von der Oper und seinem -Schicksal, von Kirchthurmrennen und innerlicher Einsamkeit, -von Toiletten und der Liebenswürdigkeit Paulinens. -Der kleine Roman war angefangen, und -wenn er nicht fortgesetzt wurde, so lag das nicht an -Leon, sondern an der Gelegenheit. Pauline hatte keinen -Salon, Leon durfte selbst nicht wagen, ihr sogleich -einen Morgenbesuch zu machen. Ein Brief seines -Bruders, bezüglich auf die Plane ihrer Partei, -rief ihn unvermuthet zurück; er reis'te ab, ohne Pauline -öfter als zwei Mal gesehen zu haben. In Paris -vergaß er ihrer bald ganz – Pauline dachte seiner -um so eifriger – es war der erste Mann, welcher -sich ihr als Anbeter genähert. In Genf giebt es keine -Anbeter für Frauen: die Seltenheit gab Leon einen -unberechenbaren Werth. So oft Herr Picard als -Ehemann sprach, dachte Pauline an Leon und sagte -sich: »<em class="ge">er</em> würde nicht so sprechen.« Es ist der beste -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Beweis für Paulinens Unverdorbenheit, daß sie diese -erste kleine Koketterie so ungemein ernsthaft nahm, -doch konnte auch eben darum Gefahr in einem Wiedersehen -Leons liegen. Er für sein Theil erinnerte -sich der hübschen Waadtländerin erst wieder, als er -sich drei Abende nach einander mit seiner Mutter und -ihren Freunden aus Lyon bei Whist und Zuckerwasser -gelangweilt hatte.</p> - - -<h3>Die Abendgesellschaft.</h3> - -<p>Der große Tag kam. Madame Hölty machte -im Salon ein mächtiges Geräusch. Der Sopha -wurde ganz anders gestellt, neben die zweite Thür, -welche unmittelbar in den Garten führte. Die Deutsche, -welche in ihrem Stübchen oben das Gerassel der -Vorbereitungen gehört, kam herunter und gab ihr -Wort dazu. Zwei Lehnsessel waren vorhanden; sie -ließ sie von der Wand an den runden Tisch vor den -Sopha rücken. Es ist in Genf Sitte, daß besagter -runder Tisch mit Büchern geschmückt werde, und zwar -in der Art, daß die Bücher gleich Radien eines Kreises -liegen. Auch hier war es der Fall; alle Bücher -Louisens waren ausgebreitet. Die Deutsche meinte, -das passe nicht zu einer Soirée. Madame Hölty sah -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -kläglich aus; im ganzen Hause gab es keine andere -Bücher. Die Deutsche entschloß sich kurz, holte aus -der Reisebibliothek ihres Mannes eine Menge Sprachlehren -und Wörterbücher und garnirte damit den -Tisch. Die Kinderbücher wurden in eine Ecke einquartirt -neben einem schadhaften Damenspiel und -einem ehemals eleganten Kästchen, und der Salon -hatte auf einmal eine ganz eigene Physiognomie, ein -gewisses »capables Ansehen« angenommen.</p> - -<p>Der Mittag ging wie gewöhnlich des Sonntags -vorüber – die Genfer lobten Gott, indem sie in Paquis -knatternd nach der Scheibe schossen, Herr Hölty -hatte am frühen Morgen Fische gefangen, welche nebst -Rindfleisch und einem Kuchen das Diner ausmachten. -Die Kinder aßen den Gästen mehr fort, als diesen -lieb war, der Hund bettelte am Fenster und bekam -Nichts – es war, wie es schon sechs oder sieben Mal -gewesen war. Aber am Abend sollte es anders sein.</p> - -<p>»Madame Picard wird wohl etwas früher kommen, -um den Abend im Garten genießen zu können,« -sagte Madame Hölty.</p> - -<p>»Wer kommt noch außer Madame Picard?« fragte -die Deutsche. Die Engländerin konnte kein Wort -Französisch, folglich auch keine Frage thun. »Kommt -Herr Picard auch?« fragte die Deutsche.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -Nein, Herr Picard war auf einer Reise, es kamen -außer Madame Pellet und Herrn Leon nur noch ein -Ehepaar aus Lyon und die Nichte der Madame Hölty, -»die ein Stück spielen solle«.</p> - -<p>Die Deutsche lachte über die ungemein glänzende -Versammlung.</p> - -<p>Ein Herz schlug dieser Gesellschaft doch entgegen, -so lächerlich klein sie auch war. Pauline aß kaum -Etwas zu Mittag. Die Kinder wurden gescholten, -die Bonne bekam Verweise. Pauline war fieberhaft -erregt, hatte Kopfweh. Ob sie nicht lieber absagen -sollte? Am Ende – eine Soirée bei Madame Hölty – -Gott, man wußte ja, wie langweilig das war. Allerdings, -heute waren Fremde da. Von der Deutschen -hatte Pauline schon viel gehört. Der Mann sollte -noch jung und sehr angenehm, die Frau eine gute -Sängerin sein. Dann die Engländer – Pauline -mochte Engländer leiden, sie waren meistens originell, -»und etwas Originalität thut einem in Genf von Zeit -zu Zeit Noth,« seufzte Pauline. Ja, der Fremden -wegen wollte sie gehen. Und so – mußte sie sich anziehen.</p> - -<p>Welches Kleid? Putzen konnte man sich nicht -gut, aber elegant mußte man doch auch aussehen. -Die beiden Fremden würden sich gewiß sehr schön -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -machen. Pauline entschied sich für ein schwarzseidenes -Kleid, eine elegante Collerette, eine nelkenrothe Cravatte. -Ein schwarzes Tuch um den Kopf wurde nicht vergessen, -ein Ueberwurf angezogen, welcher den Wuchs -gut hervorhob, dann der Hut aufgesetzt – Pauline -wußte nicht, wie sehr er sie entstellte, und hätte sie -es auch gewußt, man kann doch in einer Vorstadt -von Genf nicht ohne Hut gehen. Pauline rief den -Zwillingen, welche Georges die Freunde Picard nannte, -übergab Emil der Bonne, warf nachlässig hin, sie -werde bald wiederkommen, nahm den Sonnenschirm -in die Hand und das gleichgültige Gesicht an und -begab sich <i>comme il faut</i> zu Madame Hölty.</p> - -<p>Georges nahm am Gartenthor die Zwillinge in -Empfang; Louise, im weißen Kleide mit blauer -Schürze, eilte den Gang hinauf, wo die Mutter mit -der Deutschen war. Madame Hölty stellte »ihre -Freundin« vor. Madame Picard erschrak – die -Deutsche hatte weder Hut noch Handschuhe. Auf -eine sehr faselige Art freute sie sich, die Bekanntschaft -Paulinens zu machen, versicherte dann, sie könne -unmöglich den schönen Abend vorbeigehen lassen, ohne -sich noch etwas zu rudern und lief an den See, wo -ihr Mann bereits einen Kahn losgemacht hatte. Madame -Hölty führte Pauline an die Gartenmauer, und -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -sie sahen, wie das Ehepaar lustig in den klaren See -und in die laue Luft hinausruderte. »Das ist alle -Abend ihr Vergnügen,« sagte Madame Hölty, »wird -sie müde, so rudert er allein – nie fast fahren sie -mit Jemand sonst. Und das dort ist der Engländer, -der fährt seine Frau auch.« Pauline folgte den leichten -Barken, deren jede ein allem Anschein nach vollkommen -glückliches Paar trug, mit dem Blicke eines -stillen Neides. Warum konnte sie nicht auch so fahren, -gerudert von einem Manne, der sie anbetete, -gleichsam Königin in der Schönheit dieses Abends? -Eine Erbitterung gegen ihren Mann ergriff sie, wie -sie noch nie empfunden – »an ihm rächen möcht' ich -mich,« dachte sie. »Madame, wie glücklich bin ich, -Sie wiederzusehen,« sagte eine Stimme hinter ihr. -Erröthet wandte sie sich um. Leon Pellet stand da -und begrüßte sie mit ausdrucksvollem Blicke. Er hatte -kein schönes Organ, aber er sprach in reinem Französisch, -und Pauline glaubte, eine Bewegung in seinem -Tone zu errathen. Er hatte auch kein schönes Auge, -– es war stechend und bisweilen selbst zweideutig -im Ausdrucke, aber er heftete es fest auf Pauline, und -sie bedurfte es in diesem Augenblicke so sehr, bewundernd -angesehen zu werden. So dünkten denn Auge -und Stimme ihr liebenswürdig, ja, sogar bestechend.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -Leon war mit seiner Mutter gekommen – er war -jetzt ein so guter Sohn, daß er seine Mutter nie ohne -die Stütze seines Armes gehen ließ. Aber die alte -Dame spazierte mit Madame Hölty in einiger Entfernung -auf und ab, und Pauline fand sich nicht veranlaßt, -die ersten Schritte ihr entgegenzuthun. Sie -setzte sich vielmehr auf eine grüne Bank, die zwischen -Rosen stand. Leon stützte sich auf die Lehne. Pauline -athmete laut auf – sie hatte jetzt auch einen -Mann neben sich, der nur auf sie sah, nur mit ihr -redete. Allerdings war es nicht der ihrige, aber – -man kann nicht immer Alles haben.</p> - -<p>Sie sprachen. Die Unterhaltung, welche Leon mit -ihr führte – es bedurfte keiner Genferin, um sie zu -führen, wenn nämlich die Genferinnen sich wirklich -durch größeren Ernst und tieferen Gehalt auszeichnen -sollten. Der See war das Thema, das uralte -und alltägliche Thema, welches zum tausendsten -Male in derselben Art abgehandelt und abgewandelt -wurde. Der See war schön, wer wollte es läugnen? -Das Gartengestade drüben lag in prächtiger Dunkelheit -auf dem violetduftigen Jura. Die Stadt links, -beherrscht von der zweithürmigen Kathedrale, war -kraftvoll in die gelbliche Glorie des Himmels gemalt. -Rechts hin – wie lieblich verliefen nicht die Linien -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -des Sees in die des Joral, und die Umrisse des Joral -in den rosigen Osten! Und die vielen Fahrzeuge, -welche auf der spiegelhellen Glätte in die Abendröthe -schifften, rascher, langsamer, gewaltsam, ruhig, bald -mit blähendem Segel, bald blos mit flatternden -Wimpeln, gerudert von zwei, vier, sechs, acht Rudern. -Ja, der Abend auf dem See war schön, aber um das -zu empfinden, brauchte man blos eine Seele, um es -zu sehen, nur zwei gesunde Augen.</p> - -<p>Pauline ließ die ihren melancholisch einer kleinen -Peniche folgen, worin eine Frau saß, während zwei -Männer ruderten. »Ich möchte wohl,« ließ sie fallen -und hielt inne. –</p> - -<p>»Auch so fahren?« fragte Leon. »Ja, diese Beweglichkeit -lockt an – man möchte sich hineinmischen. -Haben Sie keinen Kahn? Ich würde Sie mit Vergnügen -fahren.«</p> - -<p>»Mein Mann liebt Wasserfahrten nicht,« erwiederte -Pauline. »Für mich ist es eine Erinnerung an meinen -heimathlichen See.«</p> - -<p>»Ist der so schön wie dieser?« lispelte Leon.</p> - -<p>»Für mich schöner. Doch natürlich heißt das mit -den Augen des Herzens sehen.«</p> - -<p>»Das beste Sehen, das richtigste.«</p> - -<p>»Nicht immer.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -»Doch. Sobald Sie eine Person auf diese Art -sehen, werden Sie ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen.« -Ein Blick gab dieser Redensart ihre Anwendung.</p> - -<p>Pauline erhob sich, anscheinend in Verwirrung. -Sie spielte so gut wie Leon, nur eifriger als er. Er -that's nur, weil er nichts Besseres zu thun hatte – -sie, weil ihre Phantasie dadurch ergriffen war. In -ihrer Rolle lag es jetzt, verstanden zu haben und -auszuweichen; sie sagte leise, es werde kalt hier am -See. –</p> - -<p>Leon lächelte – es war ein unverschämtes Lächeln. -Pauline nahm es nur für bedeutungsvoll. Er bot ihr -den Arm. Der große Salève sah aus seiner blauen -Höhe über die Bäume des Gartens herein. »Dort -hinauf will ich einmal,« sagte der junge Mann. -»Waren Sie schon oben?«</p> - -<p>Pauline bejahte, setzte hinzu, sie erwarte binnen -einigen Tagen Verwandte – mit denen wolle sie abermals -hinauf. »O dann –« sagte Leon. Er erwartete -eine Einladung; er irrte sich. Pauline kokettirte -als Genferin, d. h. mit genauer Beobachtung -einer gewissen Scheidelinie. Leon konnte sich ihr Entgegenneigen -nicht mit ihrer Zurückhaltung zusammenreimen. -Daß er sie interessirte, daß sie jede Bewegung -in der Absicht machte, ihm zu gefallen – er -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -sah es – warum lud sie ihn also nicht ein, sie auf -den Berg zu begleiten? Ach, jetzt hatte er es errathen -– die Verwandten!</p> - -<p>»Aber ich glaube, wir sind ganz allein,« sagte -Pauline plötzlich.</p> - -<p>»Nun gut, was weiter?« fragte Leon, und drückte -leise ihren Arm.</p> - -<p>Sie schien nicht darauf zu achten, sondern flüsterte -mit beredtem Augenniederschlage: »o, es ist hier nicht -Sitte, einsame Spaziergänge am Ufer des Sees zu -machen.«</p> - -<p>Leon führte sie den andern Frauen nach und sagte -ziemlich kühl: »sprechen wir von Politik, da wird es -unschuldig. Sind Sie noch immer so entsetzlich streng -gegen alle arme Demagogen?«</p> - -<p>Die junge Frau kam beinah aus der Fassung. -»Antworten Sie mir doch,« flüsterte er ihr zu, »man -beobachtet uns dort.« Er deutete ihr mit den Augen -Madame Hölty an, welche eben die Lyonneser bewillkommnete, -dabei aber nicht wenig scharf nach der -Seite schielte, von welcher das verspätete Paar kam. -Leon fragte wieder laut: »Nun, hat James Fazy immer -noch keine Gnade vor Ihren Augen gefunden, -Madame?«</p> - -<p>»Monsieur Fazy,« rief Pauline, Feuer fangend, -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -mit natürlicher Lebhaftigkeit, »Monsieur Fazy ist eine -Canaille.«</p> - -<p>»Wenigstens eine Canaille, die Verstand hat,« -sprach Leon, etwas betroffen. »Nur so läßt es sich -erklären, daß die Conservativen, welche in der Mehrheit -sind, ihn dulden.«</p> - -<p>»Die Conservativen sind Schöpse!« rief Pauline -wieder.</p> - -<p>»So verdienen sie geschoren zu werden,« sagte -Leon. »Aber, Madame, um Himmelswillen, wie leidenschaftlich -sind Sie in der Politik!« Es ärgerte -ihn, daß sie in der Politik nicht so kühl Maaß hielt -wie in der Koketterie. Er wurde einsylbig, zerstreut. -Umsonst setzte Pauline, nachdem sie die Lyonneser begrüßt, -den Spaziergang fort, umsonst fing der Mond -an zu scheinen, umsonst duftete das Geißblatt – -Leon blieb fremd. Pauline wurde dagegen lebhafter, -sie wollte ihn wieder so haben, wie er eben gewesen -war. Ganz ausschließlich mit ihm beschäftigt, kam -sie endlich in den Salon und wies ihm einen Stuhl -neben dem ihrigen an. Leon setzte sich und betrachtete -den Fußboden. »Was ist Ihnen?« fragte Pauline -leise. »Nichts,« antwortete er mit einem sehr geschickt -modulirten Tone. Pauline hörte Empfindlichkeit über -ihre Zurückhaltung, dabei Trauer, unterdrückte -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Leidenschaftlichkeit heraus. Sie glaubte wirklich Leons -Herz erfaßt zu haben und nach Gefallen schmerzhaft -oder freudig erschüttern zu können. Gerührt ließ sie -ihre Augen ihm allerlei Versicherungen der Milde und -Güte ertheilen. In diesem Augenblicke traten die -Fremden ein, die Deutsche zuerst, dann die Engländer. -Madame Hölty verstand nicht, die Wirthin zu -machen; sie stellte die Fremden der Gesellschaft, aber -nicht diese jenen vor. Die Engländerin setzte sich -bequem hin und ließ sich von ihrem Manne unterhalten; -die Deutsche tauschte mit dem ihrigen flüsternd -Bemerkungen aus. Auf Pauline und Leon deutend, -sagte sie: »Ich glaube, das ist das Ehepaar aus -Lyon.« Sie erkannte, kurzsichtig wie sie war, Pauline -ohne Hut nicht wieder. »Nur sieht der Mann -wie der Pariser aus,« wandte der Deutsche ein. – -»Ja, aber der Pariser ist nicht verheirathet. Nein, -nein, das sind Herr und Madame Caille oder wie sie -heißen, aus Lyon, und Herr Pellet ist der junge -Mann dort oben.« Zu gleicher Zeit flüsterte die -Engländerin gegen ihren Mann: »Das ist ein hübsches -Gesicht – ihr Mann scheint sie sehr zu lieben.« -Pauline gehabte sich auch wirklich wie eine nicht lange -verheirathete Frau; Leon neben ihr hatte ganz das -stille Wesen eines zufriedenen, aber gehaltenen Ehemannes -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -– man konnte nicht anders als Beide für -verheirathet annehmen. Die Deutsche fragte Madame -Hölty, die eben vorbeikam, wie lange sie es -wären. Madame Hölty lächelte. »Das – aber das -sind ja –« und die Erklärungen. Die Deutsche -lachte. »Dann ist's eine hübsche kleine Courmacherei.« -– »Ja wohl – wir haben es schon voriges Jahr -bemerkt, und mein Mann war sehr unzufrieden damit.« -Die Deutsche blickte Madame Hölty einen -Augenblick scharf an.</p> - -<p>Pauline kam jetzt zu der Deutschen und bat und -hoffte, sie möchte und würde sich doch hören lassen. -»Nach Ihnen, Madame,« antwortete die Deutsche. -»O, ich, Madame!« Alle kleinen nöthigen Weigerungen -erfolgten, dann setzte Pauline sich an den Flügel, -ließ ihr Tuch flattern, ihre Schultern arbeiten, ihre -Augen spielen und ihre Walzer hören. Leon hatte -ihr Aufstehen eilends benutzt, um sich in den Eßsaal -zu begeben und mit Herrn Hölty einige Gläser Wein -zu nehmen; als er darin befriedigt war, kam er geräuschlos -wieder und setzte sich auf den Sopha. -Pauline ließ, da sie ihn nicht erreichen konnte, einige -Augenblitze zu dem Deutschen und dem Engländer -fliegen, die beide näher saßen. Leon bemerkte es und -machte sich innerlich lustig über die verlorene Koketterie, -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -denn beide Männer schienen mit Kaltblütigkeit -wahrhaft gepanzert. Und doch war Pauline bei -Weitem hübscher als die Deutsche und die Engländerin, -aber beide Frauen gaben sich keine Mühe, und -Leon fand sie auf einmal weit mehr der seinigen -werth. Mit der Engländerin konnte er nicht sprechen, -da sie nicht seine, er nicht ihre Sprache verstand; -blieb also die Deutsche. Sie sang jetzt, Melodien in -vier oder fünf Sprachen. Pauline, welche befürchtete, -die Aufmerksamkeit könne sich ausschließlich auf den -Gesang wenden, bewegte sich mit ihrer hübschen Gestalt -unaufhörlich bald da, bald dort. Vor Leon -stand sie mehrmals; seine Mutter machte ihr Platz, -sie setzte sich neben ihn. Sie hatte jetzt die Besonnenheit -verloren und that alles Mögliche, um sich »zu -affichiren.« Leon war ungemein »Löwe,« d. h. erhaben -und gelassen. Nachdem er Paulinens Lebhaftigkeit -eine Zeit lang ertragen, stand er auf und nahm einen -Stuhl neben der Deutschen, die eben heimlich mit der -Engländerin plauderte. Sie sah ihn kommen und -belustigte sich über Paulinens sichtliche Unruhe. Die -hübsche Waadtländerin wußte erst gar nicht, was sie -machen sollte; dann lockte sie den Deutschen an den -Flügel und brachte ihn dazu, eine unserer schönsten -Compositionen zu spielen, wobei die Gesellschaft sich -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -über alle Maßen langweilte. Leon saß immer geduldig -da und wartete auf die Gelegenheit, sich liebenswürdig -zu zeigen. Endlich war die gute Musik aus, -Pauline ließ ihre Beredtsamkeit über den Deutschen -ergehen, Leon wandte sich entschieden zu seiner Nachbarin -und flüsterte ihr in den weichsten Tönen seine -Bewunderung über ihren Gesang zu. Pauline flatterte -wie ein Vogel über Kohlen – die Deutsche sah es -und ging, boshaft genug, in ein Gespräch mit Leon -ein. Pauline überredete den Deutschen, eines ihrer -Walzerhefte dazubehalten – es knüpfte sich so eine -Bekanntschaft an, – die Deutsche erhob sich, um -auf Leons Bitte ein venetianisches Gondellied zu singen. -Die arme Pauline – sie allein war bei diesem -Spiel ernsthaft; Leon wünschte, eben so sehr wie ihr, -der Deutschen zu gefallen – diese lachte innerlich -herzlich, ebenso ihr Mann. Die Koketterie ist wie -das Feuer; man verbrennt sich, wenn man damit -spielen will. Pauline ward ganz verwirrt, ganz beängstigt; -ihr war, als gehöre Leon ihr, als müsse sie -alle ihre Kräfte anstrengen, um ihn festzuhalten. Mehr -und mehr gab sie sich ihrer Aufregung hin und der -ganzen Gesellschaft ein ergötzliches Schauspiel. Erst -als der Aufbruch da war, beruhigte ihre aufgescheuchte -Eigenliebe sich in Etwas; sie sah sich wieder als den -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -Punkt, auf den Aller Augen sich hefteten. Der Engländer -half ihr den Ueberwurf anziehen, der Deutsche -dankte ihr für die Noten, Leon stand bereit, ihr den -Arm zu bieten. Wenigstens einigermaßen beschwichtigt -trat sie hinaus in die schöne Nacht.</p> - - -<h3>Beim Nachhauseführen.</h3> - -<p>Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das -andere am Ende der Eaux-vives. Eine Viertelstunde -war's wohl von einem zum andern, besonders wenn -man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft, -denn der Abend war köstlich. An Sommerabenden -versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie am -Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr -behauenen Platanen. Es war so spät, daß die Straße -einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die Gärten -der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus -diesen Düften hauchte etwas Südliches Beschleunigung -in das Blut. Der Mond leuchtete.</p> - -<p>Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung! -Pauline ging, tief athmend vor Erwartung, -an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten -unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -Freundes und Principals an ihrer rechten Seite trabte, -störte sie wohl etwas, beunruhigte sie aber nicht. Der -Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon sprechen -konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie -ernsthaft an und sprach kein Wort.</p> - -<p>Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann -sahen sie sich dann wieder? Es konnte ja nur zufällig -sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so -kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte. -»Sie haben sich viel mit der deutschen Dame unterhalten. -Spricht sie gut?«</p> - -<p>»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte -Leon gehalten. Er sah Pauline ankommen.</p> - -<p>»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?« -fuhr Pauline unruhiger fort.</p> - -<p>»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem -gewissen Nachdruck.</p> - -<p>»Sind sie allein das?« fragte die Unvorsichtige.</p> - -<p>Leon schwieg.</p> - -<p>»Trauen Sie uns kein Gefühl zu?« forschte sie -dringender.</p> - -<p>»Ich achte die Schweizerinnen unbegränzt,« erklärte -Leon.</p> - -<p>»Warum sollten Sie auch nicht?« gab Herr Hölty -dazu.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -Pauline ließ sich wirklich reizen. »Ach, aber liebenswürdig -sind wir nicht, nicht sentimental, wie – -die Deutschen?«</p> - -<p>»Die deutsche Dame bei uns ist gar nicht sentimental, -sondern sehr vergnügt,« schaltete Herr Hölty -wieder ein. »Das Schießen kann sie nicht leiden, -sonst ist's eine gute Person.«</p> - -<p>Leon benutzte diese Rede und warf in Paulinens -Ohr: »Wenn Sie wollten –«</p> - -<p>Sie wurde wieder Komödienspielerin, that als -zittere sie.</p> - -<p>Leon seinerseits ließ sich täuschen, glaubte die junge -Frau berückt zu haben, ihrer endlich sicher zu sein. -Leise brachte er seine Finger an ihre Hand, berührte -diese mit einem Drucke, in den er Willen und unwillkührliche -Aufregung zugleich legte. Paulinens Eitelkeit -war befriedigt, aber kein Puls ihrer Hand klopfte -schneller. Sie war in diesem Augenblicke noch härter -und unwahrer als Leon. Er ahnte das nicht; die -Eitelkeit, welche sie kühl und sicher machte, verwirrte -ihn. Sein Athem streifte glühend Paulinens Wange. -»Wenn ich mich nicht getäuscht,« flüsterte er, »wenn -Sie für mich –« Pauline lauschte, mit ihren Augen -an seinem Munde hängend – der gute Hölty wußte -gar nicht, warum die beiden Leute auf einmal so -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -stumm wurden und suchte in seinem Kopfe nach einer -Rede, um das Stillschweigen zu unterbrechen. Leon -fuhr fort: »Seit vorigem Jahre denke ich nur an -Sie, und Sie, Madame –« Pauline blickte nieder -wie in tiefer Befangenheit. »O mein Gott, wenn -Sie nur einen Gedanken an mich gehabt hätten – -wenn ich – wäre es zu dreist, Ihr Schweigen so zu -deuten?« Sie schien Etwas murmeln zu wollen. -»Sprechen Sie nicht, ich bitte Sie – Sie wissen, -was das Schweigen mir sagen soll – ein Gedanke, -wie wenig, – für mich die Welt, für Sie – ein -Augenblick, welchen Sie der Toilette abgewendet haben, -– bin ich nicht bescheiden?«</p> - -<p>Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu -– Leon war in dieser Minute wirklich verliebt. Gern -wäre er mit Paulinen wieder am Rande des See's -gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines -Freundes Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht -von der Seite der hübschen Frau und der – war es -jetzt ganz erwünscht, – sie fürchtete sich beinah etwas -vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen -Wächter zu verwünschen. »Kann man unleidlicher -sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie an -das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. -»Wann darf ich morgen kommen?« fragte Leon rasch -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm, sah plötzlich -wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen -bin ich noch allein und nehme keine Besuche an,« -sprach sie gezwungen. »Von übermorgen an ist Herr -Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause – da -wird er sich ausnehmend freuen.« – »Sie sind ausnehmend -gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. -Pauline grüßte fürstingleich, nahm von den -Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied. Sie -glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen -zu haben, die Stellung der angebeteten Gebieterin -gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie irrte. Leon -verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, -aber er ärgerte sich nicht über eine Minute. Als -Herr Hölty Madame Pellet und der Lyonneser Familie -gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen -hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu -laufen, hatte Leon sich schon wieder gefaßt, bot, kühl -wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und führte -sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt -zurück.</p> - - -<h3>Ungewißheit.</h3> - -<p>»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« -sprach am Morgen nach der Abendgesellschaft Madame -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche abgefangen -hatte.</p> - -<p>»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie -würde sich dadurch geschmeichelt fühlen, so wenig -schmeichelhaft es eigentlich auch für sie ist. Thun -Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar -nicht, dann vergißt Madame Picard sie von selbst. -Sie beachten heißt sie befördern.«</p> - -<p>»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. -Eine Stunde später stand sie am Gitter von Paulinens -Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame -Picard? Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken -Sie sich, gestern hat man Sie und Herrn Leon -für ein Ehepaar gehalten!« – »Ist es möglich? Wer, -wer denn?« – »Wer denn anders als die Deutschen -und die Engländer. Das ist sonderbar, nicht wahr?« -– »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor -Freude.</p> - -<p>»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« -bemerkte schmeichlerisch die wahre Freundin. -»Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg machen lassen -– denken Sie, wenn Herr Picard –«</p> - -<p>»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken -zurück,« sprach Pauline stolz. »Allerdings, er würde -zu weit gehen – ich weiß nicht, was ihn zu mir -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte -hier – man sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; -aber wieder einen hohen Ernst annehmend, fuhr sie -fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine Pariserin -bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die -leichten, welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. -Ich will ihn nöthigen, die Frauen in mir -zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin schon -sagen wollte – er hat mich gefragt, wann ich ihn -annehmen könnte. Ich habe ihm geantwortet –« -und Pauline erzählte, was sie geantwortet. Madame -Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen -haben,« sagte sie.</p> - -<p>Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich -den Hergang mit. »Also haben Sie es doch nicht -verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend. -»Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem -Besuche gebeten hat, ist das Wenigste, was er thun -konnte; Madame Picard kann nach ihrem gestrigen -Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von -ihm bekommt.« – »Meinen Sie, Madame?« – -»Allerdings.«</p> - -<p>»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame -Pellet nicht trauen,« bemerkte die Deutsche -gegen ihren Mann und den Engländer.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -»Was soll sie denn der alten Madame Pellet -thun?« fragte der Deutsche.</p> - -<p>Lachend antwortete die Deutsche: »Ich verwechsele -in einem fort die Namen – die beiden Menschen -müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal haben. -Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten -würde, wenn ihre liebe Madame Picard sich ein -wenig compromittirte.«</p> - -<p>»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer.</p> - -<p>»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück. -»Madame Picard oder unsere liebenswürdige Wirthin?«</p> - -<p>»Das ist wohl kein Zweifel.«</p> - -<p>»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat -allenfalls die Erlaubniß zu kokettiren?«</p> - -<p>»Alles kein Zweifel.«</p> - -<p>»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen – -wollen? Warten wir's ab – es ist eine völlige -Novelle – Nichts fehlt, nicht einmal die heuchlerische -Vertraute – Madame Hölty spielt sie mit möglichster -Natürlichkeit.«</p> - -<p>»Und wie wird das Ende sein?«</p> - -<p>»Ueberall wo anders würde es zu einem – komischen -oder höchstens dramatischen Ende kommen, hier -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -in Genf besteht das Ende darin, daß es eben kein -Ende giebt.«</p> - -<p>»In der That?«</p> - -<p>»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der -Schweiz giebt es keine Romantik.« Sie sagte das -mit der vollkommensten Ueberzeugung.</p> - -<p>Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie -gut sie errathen worden, befand sich unterdessen zum -zweiten Male vor dem Stacketenzaun am Picardschen -Garten.</p> - -<p>»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht -wundern, wenn Herr Leon Ihnen noch heute die -glühendste Liebeserklärung schriebe.«</p> - -<p>»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem -Entzücken, »die Deutschen sehen Alles mit poetischen -Augen an. Herr Leon denkt nicht daran, mir -eine Erklärung zu schreiben – überdies würde ich sie -auch ungelesen zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre -Würde besinnend, feierlich hinzu.</p> - -<p>Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline -den ganzen Abend, sowie den ganzen nächsten Morgen -über auf einen glühenden Brief von Leon. Es kam -kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.</p> - -<p>Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich -Genfer, fand er diesen Empfang doch zu kalt – es -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die -Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu -werden – die kommen sollende Liebeserklärung ging -ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch nicht. -Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, -aber nur, um mit seiner Mutter am Arm vorüber -und zu Madame Hölty zu gehen.</p> - -<p>Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. -Wollte er die Deutsche wieder singen hören? Pauline -hätte sich deßwegen beruhigen können, die Deutsche -sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an -ihrer Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche -sah Pauline den jungen Pariser vorbeigehen, immer -fein spießbürgerlich die Mutter führend. Da sie das -Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in -den allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine -Engländerin sogar blieb nicht frei. Pauline hielt nun -einmal Leon für unwiderstehlich und glaubte, beiläufig -gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.</p> - -<p>Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut -einen Besuch und sah, wie die Sachen standen? -Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden -Frauen, die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. -Und warum erkundigte sie sich denn nicht bei Madame -Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -zu thun mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen -für Georges und Kleidern für Louise! Madame -Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein -würde, darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.</p> - -<p>Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um -die ihm geliehenen Noten zurückzubringen. Pauline -sprach während der Stunde, die sie ihn festhielt, außer -von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen -auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als -einen sehr angenehmen Mann, wunderte sich, daß er -roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens -politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie -schon gesagt, auch nicht zu dem kleinsten Faden, der -sie in dem Labyrinth von Leons völligem Schweigen -leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine -Frau noch nicht wieder gesungen habe.</p> - - -<h3>Unvermuthet.</h3> - -<p>Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh, -Madame Hölty aber schon auf und im Garten. Da -hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen« -sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um -und erblickte Herrn Leon.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte -ihm die Hand, »so früh! Was bringen Sie?«</p> - -<p>»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck -von Behaglichkeit.</p> - -<p>»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein -gutes, hoff' ich?«</p> - -<p>»O, das allerbeste.«</p> - -<p>Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde -zum Hunde geschickt. Madame Hölty war voller -Erwartung.</p> - -<p>»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere -Einleitung an.</p> - -<p>Verliebt – Madame Hölty fühlte eine gewisse -Unruhe – wollte er sie zur Vertrauten machen – -das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen.</p> - -<p>Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt, -sehr verliebt, und will heirathen.«</p> - -<p>»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?« -fuhr Madame Hölty heraus.</p> - -<p>»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach -und sah sie groß an. »Was fällt Ihnen ein? Was -sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen -will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen -aus Marseille, mit vielem Vermögen, aus sehr -guter Familie.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon -verläumdet, indem sie ihn als Rothen schilderte – er -war der conservativste Mensch. Auch sah sie ihn ganz -verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr -geschenkte Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und -seit wann, wie, wo sind sie denn auf diesen Gedanken -gekommen?«</p> - -<p>»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In -Paris. Wie? Indem ich mich verliebte und die -Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger -Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen -verlangt, und ich leider beinahe Nichts mehr -besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen, -damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich -hergekommen und habe mich so aufgeopfert. Nun, -ich bin auch belohnt worden – meine Mutter willigt -ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, – -wünschen Sie mir Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt -begleite ich nur noch meine Mutter nach Hause, dann -reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder -drei Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen -zu können.«</p> - -<p>Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig; -Leon war ihr entschiedener Günstling. Plötzlich -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -sah sie sehr erschrocken aus und fragte: »Aber -Madame Picard?«</p> - -<p>»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon. -»Was ist's mit Madame Picard? Ich habe ihr im -Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie -wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau -vorstellen zu dürfen.«</p> - -<p>Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung -geheim zu halten, konnte es nicht fehlen, daß -sie zu Mittag ihre Fremden davon in Kenntniß setzte. -Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das -ist allerliebst – die Novelle endet, wie ich gesagt, -ohne Ende.« Dann wurde sie ernsthaft und setzte -hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger wäre -als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne -haben. Ein sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin -war, als man ihr den Verhalt verdollmetscht, -ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den -Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt. -Dann kam die Frage zur Sprache: ob und durch -wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen -es ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche.</p> - -<p>»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte -Madame Hölty, auf einmal zurückhaltend. »Sie scheinen -sich wunderbare Gedanken über Madame Picard -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob -Herr Pellet heirathet oder nicht.«</p> - -<p>»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen -Recht,« sagte die Deutsche nachlässig, im -Innern aber ergriff sie jetzt für die arme Pauline -Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach, -ohne daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch -einmal Stoff zu hämischen Betrachtungen liefern soll.« -Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort; so heißt -es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es -plötzlich nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen -einen Besuch zu machen. Da, neben der hübschen -Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin, -was sie wußte. Die arme Pauline ward roth und -blaß – es traf sie unvermuthet. Ihren Anbeter hatte -sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein -Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich -schlimm!« seufzte sie innerlich. Die Deutsche sagte -lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir die Braut? -Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe -ich meinen Mann noch tausend Mal dem verbesserten -Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie werden wahrscheinlich -eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum, -das Ideal unserer guten Madame Hölty – nun, der -Geschmack ist frei, aber hier, unter uns, nicht gut. -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -Herr Leon riecht immer so grenzenlos nach Taback.« -Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann -unwiderruflich verurtheilt.</p> - -<p>Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb -über den Löwen ihrer Träume. Es ist gut, daß man -sich so leicht fassen kann, wenn man eben nur kokett -gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie -schelmisch: »Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty -wollte Nichts wissen. »Aber ich weiß Alles,« sagte -lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie -ihm, jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle. -Ich möchte gern von seiner Braut hören.«</p> - -<p>Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch -mit Gleichmuth von Paulinens Gleichgültigkeit. Madame -Hölty ärgerte sich darüber; sie hätte Paulinen -»gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem -ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin -keine Gelegenheit mehr zu freundlichen Wünschen -geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten -Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf -kommen, weil er es zu demokratisch fand. Wie man -sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -Tagebuch in Schwyz.</h2> - - -<h3 class="da">Den 9. September 1849.</h3> - -<p>Wie kommen wir hierher? Vorgestern und -gestern waren in Einsiedeln zum Geburtstag der Jungfrau -achttausend Pilger, und alle sechszehn Glocken -läuteten mit geringer Unterbrechung von früh vier bis -acht Uhr Abends. Aus meinem Fenster sah ich unaufhörlich -das Hinundwiederströmen, wie ein buntes Schattenspiel, -auf dem weiten, farblosen Platze zu unsern -Füßen. In schwerer Ermattung kamen die Weithergewanderten, -auf dem Rücken ihr armes Gepäck, auf -der Stirn Staub, im Herzen wohl Kummer oder -Reue, tranken an jeder der Röhren, aus denen der -heilige Brunnen strömt, und gingen dann noch erst -in die Kirche, bevor sie ein Obdach suchten, das zu -finden ihnen oft vieles Bitten kosten sollte. »Mühselige -und Beladene« dachte ich immerfort, und mir -war's, als legte das ganze Leben erdrückend sich auf -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -meine Brust. Ein finsteres Gewitter stand hinter den -Tannenwäldern, starke Donner rollten linkshin in -Glarus, das graue ausgedehnte Kloster ward von -grellen Lichtern schneidend beleuchtet. In der Nacht -glaubt' ich immer, es wolle mit seinen beiden gewaltigen -Thurmarmen mich umschließen und zu Tode -pressen. Fort wollt' ich, fort, fort, gleichviel wohin. -Wir fanden einen Kutscher aus Brunnen und eben -als die Procession sich geisterhaft zu entwickeln begann, -fuhren wir dem Vierwaldstädter See zu. Mir war's -gleich, ich sah Nichts um mich her, ich weinte. Nach -dem Mittag in Sattel wurde der steinige Weg für -meinen gemarterten Kopf so furchtbar, daß ich in -Schwyz zu bleiben begehrte, weil wir eher dorthin -kommen sollten, als nach Brunnen. Der Kutscher -meinte: es sei schön da, »und do,« setzte er hinzu, -»do isch Goldau.« Die Stätte einer Verwüstung -und einer solchen – das weckte mich aus meinem -Stumpfsinne – ich ließ den Wagen zurückschlagen, -da lagen am Lowerzer See die Rigi und der Roßberg -und zwischen beiden in der Tiefe die röthlichen -Trümmer. Den ganzen Roßberg herab ist noch die -Straße dieses Unheils sichtbar – mir gefiel's – es -war ein herb Gefallen.</p> - -<p>Hier empfing uns Herr Hediger, Wirth des nach -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -ihm getauften Hotels, sehr freundlich. Das Haus -war ganz leer, uns willkommen, ihm nicht. Vor acht -Tagen hatte er noch einen Gast gehabt – Herrn -Fritzsche aus Berlin. Der war schon im vorigen -Jahre acht Tage hier gewesen und in diesem »bereits -wirklich« auf vierzehn wiedergekommen. Wir wurden -Herrn Fritzsche's Erben, d. h. wir bezogen die von -ihm verlassenen Zimmer, und können nun von seinem -Balkon die vollkommenste, ich möchte sagen klassischste -Alpenlandschaft, die wir noch gesehen, überschauen und -gleichsam studiren.</p> - -<p>Vor uns liegt, durchblinkt von der Muotta, das -grüne Thal, von Schwyz bis Brunnen. Rechts in -der Tiefe der See, rechts von ihm der Timbel, näher -zu uns der Urmiberg, links von uns die schöne Frohnalp, -gegenüber jenseits der Urner Rothstock und das -Buochshorn in Unterwalden. Es ist eine warme gesättigte -Vollendung in diesem Gemälde, eine künstlerische -Abrundung, eine unübertreffliche Verschmelzung -des idyllischen Vorgrundes mit dem großen, reichen -Hintergrunde und der prachtvollen Einrahmung. Die -Ueberleuchtung erinnert uns an das Innthal – derselbe -reine, sonnige Glanz, nur dort krystallener, hier -schwingender.</p> - - -<h3 class="da"><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -Den 10. September.</h3> - -<p>Der Flügel im Salon neben unserm Balkonzimmer -steht einen ganzen Ton zu tief. Ich begehre -nach dem Organisten. Um acht Uhr werden wir heute -durch Spielen geweckt. Otto geht hin, findet einen -jungen Menschen, der sich als halber Stimmer gehabt, -schickt ihn fort, bis ich aufgestanden. Nach der hiesigen -Mittagsstunde von halb zwölf kommt der kleine -schönfrisirte Mensch wieder. Ich empfange ihn als -Organisten, aber er ist es nicht, er ist »nur so für -sich.« Der Sohn des hiesigen Schmiedebesitzers. Ein -Elegant von Schwyz, Musiker, – wird bei der nächsten -Kirchweihe den Richard in der Schweizerfamilie -singen. Ich kenne doch wohl die Oper? Eine Jungfer -aus Gersau singt die Emmeline. Sie hat »wirklich« -neulich in einem Concert auf dem Rathhause die Arie: -»Wer hörte« mit allgemeiner Zufriedenheit gesungen. -Richard sagt natürlich »gesunga«. Der Pater Placidus, -vertriebener Conventuale aus Wettingen bei Baden, -lehrt hier den Gesang und läßt seine Schüler die -Oper einstudiren, die erste Oper, an welche die hiesige -Liebhabergesellschaft geht. Das Orchester will noch -nicht recht schnell streichen und blasen, eine große -Probe ist noch nicht gewesen, die Mitspielenden können -noch nicht ihre Nummern alle, die Gertrud hat -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -eine etwas schwache Stimme, aber das thut Alles -Nichts – die Oper wird gehen. Dramen sind schon -mehrere aufgeführt worden, und Richard kann sagen: -»bereits wirklich zum Vergnügen des Publikums«. -Nun, wenigstens doch Sinn für etwas Anderes als -Milch und Käse. Im Hause sogar ein Lesecabinet -mit deutschen, italienischen und französischen Blättern, -eingerichtet vom Redacteur der hiesigen neuen Zeitung, -einem Flüchtling aus dem Aargau. Die damals im -Aargau für den Sonderbund gekämpft, sind jetzt noch -proscribirt – die Badener, welche ihre Fahne verlassen -haben, sollen von ihrem Fürsten mit der bereitwilligsten -Artigkeit aufgenommen werden, verlangen die -freien, d. h. die radikalen Schweizer. Bei Bürgerkriegen -in einer Republik hat jeder Einzelne die vollkommene -Berechtigung, zu ergreifen, welche Partei -er wolle – sollte man meinen. Behüte, die freien -Schweizer meinen es anders. Der Sonderbund war -ein Aufruhr gegen die jetzige Regierung – welche -noch nicht eingesetzt war. Die Fürsten, welche sich -etwa noch erhalten haben, sind Rebellen gegen die -künftige allgemeine Republik. Also sei es, da der -Unverstand es so haben will. Otto hat mit dem Redacteur -gesprochen. Der junge Mann prophezeit einen -Ausbruch nicht mehr gar zu fern, und zwar einen -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -blutigen. Ich glaube ihm, ich habe schon im vorigen -Winter im Waadtlande und diesen Frühling in Genf -mehr denn zehnmal zu Schweizern gesagt: »Gebt -Acht, nach oder vor der Heimkehr von der Alp giebt's -ganz unversehens wieder bei Euch einen kleinen Familienkrieg, -eine allerliebste, niedliche Contrerevolution.« -So wird's auch kommen – im Sommer nicht, im -Winter eben so wenig: im Winter ist's gefährlich in -den Pässen und zu kalt obenein, im Sommer muß -gealpt, geerntet, gekeltert werden, und die Schweizer -sind viel zu praktisch und zu vernünftig, um einer -Revolution wegen ihre Geschäfte ungethan zu lassen. -Aber im Frühling oder im Herbst, im Herbst besonders, -wenn Vieh und Ernte unter Dach und Fach -sind, dann erlaubt man sich wohl von beiden Seiten -das Vergnügen wieder einmal an einander zu stoßen, -und dann – so gelassen, überlegt und gutmüthig im -Allgemeinen die Schweizer sind, zum Todfeind möchte -ich keinen haben. Sie besitzen, glaube ich, im höchsten -Grade die allen phlegmatischen Organisationen -inwohnende Fähigkeit zur Rache.</p> - -<p>Der Redacteur wohnt im Hause, neben seinem -Zeitungscabinet. Vor acht Tagen hat auch »bereits -wirklich« noch ein alter Sprachlehrer hier gewohnt, -»ein melancholischer Pedant«, der Englisch, Französisch -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -und Italienisch gelehrt. Otto sagte: »Da wohnt ja -Alles hier im Hause.« Richard antwortete mit schweizerischer -Gründlichkeit: »O nein, eben nicht Alles.« -Der Flügel steht noch, wie er stand.</p> - - -<h3 class="da">Den 11. September.</h3> - -<p>Herbstwind und Wolkenschatten ziehen über die -Gegend, die ich noch gleich bildschön finde. Aus lauter -großen Verhältnissen ergiebt sich hier die anmuthigste -Umgebung. Der Mythen hinter uns hat an sechstausend -Fuß – wir blicken an ihm hinauf wie an -einer mäßigen Felsenwand, deren Farben deutlich erscheinen. -Die Gletscher in Uri sind zehntausend Fuß -hoch – wir sehen den Schnee auf ihnen so nahe -liegen, als dürften wir, um eine Schale voll zu nehmen, -eben nur hinüber. Der See scheint ein hübsches, -kleines Gewässer und ein Dampfschiff auf ihm nicht -viel größer, als das Kähnchen mit der eidgenössischen -Fahne, welches wir in Baden für Marco kauften.</p> - - -<h3 class="da">Nachmittag.</h3> - -<p>Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die -Lawinenspur auf der Frohnalp, schiebt die Alpen -zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder Dunkelheit. -Der Schnee leuchtet heller zwischen den -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -jetzt dunkelblauen Zacken, und der See ist Lichtkräuseln.</p> - - -<h3 class="da">Den 12. September.</h3> - -<p>Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen -mit den wildesten Krämpfen. Ich schreie dann, es sei, -weil ich so lange keine wirkliche Schönheit gesehen. -Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten -mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber -gewiß thut auch viel, daß ich seit Italien keinen Himmel, -kein Meer, keine Rosen und kaum zwei oder -drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der -Prosa gelebt, wie in einem zu niedrigen Raum, daß -– o Süden und Schönheit!</p> - -<p>Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung -sah – drei Jahre sind's nun. Was hab' -ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt! -Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen -Anblick, und die Wirthin fragte, neugierig wie -nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum weint -denn die Frau so?« – »Weil sie aus Italien zurück -soll,« antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,« -war ihr naiver Vorschlag. »Ja, fahren's doch wieder -'nein in das Land der Malerei, oder – in den Himmel.«</p> - -<p>Ein Haus wird gebaut – nicht für uns! Und -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -warum wird's denn hier in Schwyz gebaut? Wohnt -man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen -trotz der aufzuführenden Oper und der neuen -Zeitung so überflüssig im jetzigen Jahrhundert vor. -Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des Mythens und -sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick -völlig einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf' -ein – ich will dir ein Wiegenlied singen.</p> - - -<h3 class="da">Abends.</h3> - -<p>Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem -Irren auf Lazzaro erzählt: »Ist er toll, oder sind -wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz prosaisch, -oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt -uns Alles und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge -das Herz so kühl, wie sie die Stirn heiß macht?</p> - -<p>Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz. -Man sieht es recht, wenn zwischen Schweizern ein -Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer -schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie – der -Tyroler ginge, als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten -Herrn sich wahrhaft unabhängig. In einem -Wort es auszudrücken – die Tyroler sind ein poetisches, -die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk.</p> - -<p>Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun, -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -gegenüber dem Mythen, um dessen rothe Spitze -schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten -wir uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm -Steinzaune nicht schauerlicher aussähe. Wonach -wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist eigentlich nur die -Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte -aus so verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die -Alpen. Die eigenthümliche, gleichsam körperliche Stille -der Luft, welche wir im Berner Oberlande gefühlt, -berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte; -die Echo's schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach. -Das Jodeln klingt unnatürlich, es ist das letzte Mittel, -worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen; -sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung. -Ein Mädchen that es auch; wir sahen uns -mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem -Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie.</p> - - -<h3 class="da">Den 13. September.</h3> - -<p>Der See tobt regenbogenglühend im letzten Sonnenscheine, -der wie durch Schleier schräg darauf fällt. -Wir sehen es von hier, wie die Wellen anschlagen, -als wollten sie empor auf die brennenden Matten in -Uri.</p> - -<p>Ein Veilchen von der Steinmauer eines Landhauses -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -gab uns heute Frühlingsduft im Herbste. Es hat -hier Landhäuser, aber sie nehmen sich auch eben nicht -anders aus, als wie kühle, gesicherte, angenehme -Schlafwohnungen.</p> - -<p>Wer einen schwachen Magen hat, komme geschwind -her in die schönste Alpenlandschaft und in das schläfrigste -Städtchen. Drei Apotheken sind hier und nicht -ein einziger Zuckerbäcker, und selbst das einfache Weißbrod -ist immer: vom Tage vorher. Es ist hier ein -Eden ohne Versuchung.</p> - - -<h3 class="da">Den 14. September.</h3> - -<p>Heute ist in Einsiedeln große Abendprocession mit -glänzender Erleuchtung des Klosters. Wir wollten -hin und in der Nacht zurück, aber ich bin noch zu -matt.</p> - -<p>Ein Blinder aus Stuttgart hat eben den Flügel -glücklich auf den Kammerton gebracht, was dem guten -Instrument seit dem Tage seiner Existenz noch nicht -begegnet sein soll.</p> - -<p>Hellblauer Himmel, hellblauer See, sonniggrüner -Vorgrund, dunkelblaue Alpen, große, weiße Wolken -darauf.</p> - -<p>Alte Zeitungen studiren wir durch. Sehen, wie's -heillos gewesen in der Welt diesen Sommer. Sind -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -dadurch bedrückt noch außer unserm eigenen Kummer. -Deutschland, – werde nur Deutschland eins mit -Preußen, Preußen durch Deutschland groß, mächtig -und prächtig! Mir füllt's manchmal die Brust: -Preußens deutsche Größe sei das Räthselwort dieser -zwei Jahre.</p> - -<p>In drei Monaten hunderttausend Einwanderer in -den Vereinigten Staaten. Was für unreine Elemente -in den Gährungsproceß, der sich dort allmählich vorbereitet!</p> - -<p>Unser Herr Hediger möchte auch hin. Der Kulmwirth -vom Rigi ist ebenfalls europamüde. Sind die -Schweizerwirthe närrisch?</p> - -<p>Nestroy schreibt noch Possen. Das heißt auch -Charakter.</p> - -<p>Gegenüber liegt die Rütli, wo die drei Schweizer -gegen Oesterreich schworen. Ich möchte hier auch ein -antiösterreichisch Gelübde thun, wenn – ein Gelübde -von mir Etwas hülfe.</p> - -<p>An die Welt thue ich jetzt täglich die Frage: Was -wirst du einst für meinen Knaben sein?</p> - - -<h3 class="da">Sieben Uhr.</h3> - -<p>Wir gingen träumend durch den Herbstabend im -Schwyzerländchen. Es ist voll von Sägemühlen und -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Kapellen. Eine von diesen besuchten wir; die Weihkessel -waren fast leer; inwendig über der Thür stand -zu lesen:</p> - -<table class="fss" summary="" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">Heiliger Antony, bitte für uns Alle,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß uns und unser Vieh kein Schaden befalle.</td></tr> -</table> - -<p>Unter Nußbäumen kamen wir nach Uetenbach -und an die Muotta, dann zurück am Bächlein, wo -Vergißmeinnicht blühten. Das Bächlein murmelte, -die Mühlen klapperten, die Kapellen läuteten, die -Nebel webten um den Mythen und allenthalben, – -ganz betäubt langte ich wieder in unserm Balkonzimmer -an und wunderte der grünen und weißen -Dämmerung gegenüber mich immerfort, wie ich eigentlich -nach Schwyz gekommen sei.</p> - -<p>Da bringen Aloys und Franzl den Thee. Es -sind die beiden Knaben des Hauses, Franzl ist im -Elsaß gewesen und antwortet mir sehr schön mit -»<i>oui, monsieur</i>«; Aloys soll nach Italien, um zu -einem Herrn »<i>si, signora</i>« sagen zu lernen – ich -kann einen nie vom andern unterscheiden.</p> - - -<h3 class="da">Den 16. September.</h3> - -<p>Und so verlassen wir Schwyz. Das ist unser -langes Bleiben, unser schönes Stillsitzen, mein -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Schreiben auf dem alten braunen Tisch, wo es sich -so gut geschrieben hätte. Der Blinde giebt morgen -ein Concert; der Flügel wurde gestern Abend zu meinem -größten Schrecken hinuntergeschafft, dann von -acht bis ein Uhr gespielt und geraucht. Aller Rauch -stieg vermittelst eines Wandschrankes als kühler Geruch -in unsere Schlafstube hinauf; heute, morgen -wird's dasselbe sein, denn die Schwyzer sind um -Schweizer, den Blinden, her, wie Fliegen um eine -Honigwabe. Außerdem versammelt sich morgen auf -acht Tage der Cantonrath, und fast alle Räthe wohnen -im Hause – wir fliehen. So oft wir fein bürgerliche -Niederlassungsgedanken fassen, geht's so – -wir sollen zur Nachkur reisen. Nun gut, man wird -reisen. Wohin? Wenn wir angekommen sind, werd' -ich's aufschreiben. Die Schwyzer Gesellschaft sahen -wir gestern noch bei der Probe zum Concert – die -hiesigen Sänger werden den Blinden unterstützen. -Pater Placidus ließ singen oder vielmehr brüllen: -»Morgen marschiren wir«, und wettete mit Richard -um einen Schoppen, daß er heute nicht predigen -werde. Der Tenor nahm die Pfeife aus dem Munde -und setzte das Glas Wein weg, um dünn und feierlich -zu singen: »Laura betet, Engelharfen hallen«. -Richard versprach mir einmal Abends: »'s Herz ist -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -ein spaßig Ding« als eine prächtige Arie hören zu -lassen. Das maurische Ständchen, welches der Blinde -auf unser Verlangen in wunderbar freier Weise vortrug, -wurde stürmisch beklatscht; wahrscheinlich hielt -man es für etwas »Apartes«, weil wir's begehrt -hatten. Richard fragte: »Haben Sie dieses Lied bereits -wirklich bei sich?«</p> - -<p>Die Gesellschaft war, wie man sieht, vollkommen -was die Engländer <i>quaint</i> nennen, dennoch gefiel sie -mir gut – die Schwyzer sind schmucke Leute, wie -wir Schlesier sagen. Sie rauchen ein Bischen viel -Taback – nun, man muß eben im Sommer herkommen, -wenn man die Fenster offen haben kann. Ich -scheide also mit guter Gesinnung von Schwyz – es -ist uns schon viel schlechter gegangen als hier, und -man ist gar freundlich gegen uns gewesen. Den sechs -Kindern hinterlasse ich die Krapfen, welche die guten -Nonnen in Kloster Fahr den Descendenten der alten -Regensberge verehrt haben. Die Gegend ruht im -Sonnenglanz, wie da wir sie zum ersten Male sahen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Im Mätteli.</h2> - - -<p>Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten -Badeorte, sondern einer der hübschesten Orte -überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün und -Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten. -Da ist der langgestreckte Lägern, auf welchem noch -die Burg unsers Stammes steht, da der Uetliberg, -der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg, -beide lieblich waldig, der Schloßberg mit -der schönen Ruine des Steins, die ein klein wenig an -Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem Martinsberg -der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer -in den malerischen Gehölzen die aufrechte -Fluh und die goldene Wand, Felsengruppen zum Malen, -auf dem linken der Weg an den Sonnenreben -oben, der Platanengang unten, und das Alles ist voll -Schatten, einladend einsam, aber immer erfreuend -durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -Von allen den grünen und frischen Orten ist -jedoch der grünste und frischeste das Mätteli, dieses -liebliche Buchengehölz, welches die Senkung des Limmath-Ufers -vom Martinsberge bis zum Hinterhofe -bedeckt. Zwei Wege führen hindurch, der eine höher -auf die Straße nach Bruck, der zweite zu mehreren -Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen, schillernden, -schäumenden und rauschenden Strome. Auf -diesem Wege kauerte ich eines schönen Nachmittags, -um einer jener langen braunen Schnecken, welche kein -Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen -Stöckchen den Rücken zu krauen. Es gehörte das -zu meinen Vergnügungen im Mätteli. Der Schnecke -aber wollte es nicht gefallen – sie zog sich verdrießlich -zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu -diesem Kundgeben von Mißbehagen gebracht, sah ich -sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette an. In -diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau -am Arm an mir vorüber, der Mann groß, die Frau -schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah im Vorüberstreifen -verwundert auf meine Stellung und meine -Beschäftigung herab; ich mochte mich sonderbar genug -ausnehmen.</p> - -<p>Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an -das letzte der Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -Sitz, uns besonders lieb war. Eine kleine -Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber -unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden, -weiter rechts über den Winterbergen die goldene Wand -– man konnte gern hier sitzen und der Limmath zusehen -und zuhören. Aber heute war die Bank nicht -frei – eine Frau in Trauer saß da und strickte. -Getäuscht und ziemlich übellaunig hockten wir auf -den Kiesboden nieder und fingen an, Steine entzweizuschlagen, -was ebenfalls zu meinen Vergnügungen -im Mätteli gehörte. Die Frau beobachtete uns eine -Weile; dann kam sie zu uns und sagte: »<i>Vous paraissez -aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?</i>«</p> - -<p>Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete -ich ihr von der Erde auf, daß ich leider ganz -Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier so mit den -Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich -genug hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die -Bank, und ich erklärte ihr, um mich wieder etwas zu -Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein ausschließliches -Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften -später zu studiren gedenke, und was -dergleichen mehr war.</p> - -<p>Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Bandello und das sechszehnte Jahrhundert in Italien, -da kam hinter den Buchen am Ufer ein langer Mann -hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas -gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe -in einen Spazierstock zurück und antwortete mürrisch -genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug ein, -nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und -ließ uns im ungestörten Besitz der Bank.</p> - -<p>Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen -wieder. Jaques fischte abermals und fing wieder -Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen -– die Frau war in Italien gewesen.</p> - -<p>Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo -ist denn Madame Jaques?« fragten wir uns – so -schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem -Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen -Jaques und seine Frau auf einem der kanotähnlichen -Kähne an, mit welchen allein die Limmath befahren -werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine -Forelle gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier -wieder durchgegangen, indem es den Haken entzweigebissen -hatte. Heute plauderten wir zu Vier und -zwar abermals von Reisen – Jaques war in Constantinopel -gewesen.</p> - -<p>Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Jaques fast täglich im Mätteli zusammen, d. h. -Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine Forelle -gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald -sie einmal im Haken bleiben würde, sollte ich sie -erhalten – sie hat's aber nicht gethan, und ich habe -sie nicht gesehen.</p> - -<p>Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in -welchem ich Alles bemerke, was ich sehe, höre, denke, -beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus -sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von -mir lesen, und schickte ihr meine kleine Novelle -»Hedwig« mit einem Gruß <i>de l'auteur à madame -Jaques</i>.</p> - -<p>Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques -einen allerliebsten Brief, worin sie mir sagte, in mir -sei Alles Originalität, das habe sie gleich gewußt, als -sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern -gesehen. Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, -die sich leicht enthusiasmiren, war ich von nun an -ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte -öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor -wußte auf einmal, daß ich Bücher schriebe. Und -wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten -erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -eine, die er selbst erlebt, und zwar in Baden, wo wir -eben waren.</p> - -<p>Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern -nachzuerzählen ich versuchen will.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -Mys lieb Beat.</h2> - - -<p>Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger -Mann, Beat Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln, -sich in Zürich als geschickter Portraiteur in -Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer, -hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in -Tyrol gut genug gelernt, fand jedoch in der Schweiz -wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung. -Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen -jedoch wollten nicht kommen. Beat war arm; -der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn nicht -länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu -sein. Der natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich -tüchtigen Menschen. Da man keiner Statuen begehrte, -kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war -glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit -fing an, sich zu finden. Ein Freund seines -Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm für -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch -weit mehr Glück gemacht haben, hätte er sich nicht -den Liberalen angeschlossen. Dadurch verscherzte er -sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er -gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig -wie die Jugend es ist, glaubte er nie mehr -zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen -gemäß leben zu können.</p> - -<p>Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter -als jetzt. Beat hoffte mit Recht, unter den -Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als -Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also -eine kleine Werkstatt für den Sommer dort auf, Vagabond -unter den Vagabonden. Seine Hoffnung -wurde gerechtfertigt – er bekam eine Menge Portraits -und sehr hübsche Summen Geldes.</p> - -<p>In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen -Erfolg wurde er eines Tages zu einer alten Dame -eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster so -geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte -Dame war reich, eitel und liebte es, die Gönnerin -zu spielen. Beat ließ sich mit der größten Unterwürfigkeit -beschützen und kam so oft zu Tische, wie die -alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien -er, geputzt und von gehorsamer Liebenswürdigkeit. -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -Die alte Dame lud immer einige Frauen zu ihrem -Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen. -Als er in das Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen, -welche ihm noch fremd waren. Die alte Dame -nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern -ein Fräulein Marguerite von Gontran aus Freiburg. -Beide waren Kostgängerinnen im Kloster Fahr, zwischen -Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der -alten Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter -zu besuchen auch für Marguerite auszuwirken -gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster, sich -fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr -bedurfte, da ihr elterliches Haus ein vermögliches und -geselliges gewesen war. Weshalb man sie aus demselben -nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein -Kloster gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch -lernen solle, eigentlich aber, um sie vom Hause zu -entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu gewöhnen. -Sie hatte einen Bruder; der wünschte das -Vermögen einst nicht mit der Schwester theilen zu -müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je reicher -der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz -für diese. Marguerite wußte nicht um diesen Plan; -sie war ungern nach Fahr gekommen, fühlte sich unheimlich, -besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen -Kostgängerinnen; aber die Besorgniß, es solle für -immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn ich -Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,« -das war ihr Gedanke und ihr Trost. Um diesen -glücklichen Zeitpunkt recht bald heranzubringen, lernte -sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber fehlte -ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen -Thränen ihre langsamen und geringen Fortschritte. -Je länger sie am Deutschen lernte, je länger mußte -sie in Fahr bleiben.</p> - -<p>Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer -gewissen Entfernung von ihr – sie wollten nicht -durch ihre größere Schönheit verdunkelt werden. Marguerite -war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich -zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und -naiven, schwärmerischen Augen, mit langem, dunklem -Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde gewesen -wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht -ein anderes Mädchen über die Sprödigkeit getröstet, -welche sie von den neidischen Schwestern erfuhr, aber -Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu unverdorben, -sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und -trauerte oft, wenn sie sich so schön und so gemieden -sah. Sophie allein hatte sich ihr angeschlossen, vielleicht -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus Sorglosigkeit, -vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man -sah überall ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen -neben dem poetischen Kopfe Margueritens. -Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft, -welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles -gethan und geopfert hätte, was in ihren Kräften lag. -Sophie faßte zum Glück die Freundschaft nicht von -der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite sollte -mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite -lachte und plauderte so gern, daß sie immer wieder -vergaß, wie sie ja Deutsch zu lernen habe. Fiel ihr -das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen, machte -Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie, -ihr behülflich zu sein. Sophie versprach es feierlich, -wollte es ehrlich, und Alles zwischen den beiden jungen, -guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie -es war.</p> - -<p>Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen -bei der Großmutter hatten die Kinder sich schon wochenlang -gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder -ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann -kommen, ein Schützling der Mama, ein Künstler, -etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren sie -neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -war nicht schön, doch konnte er wohl gefallen, besonders -jungen Mädchen, die noch kaum einen Begriff -von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl, -wie Marguerite waren im Kloster groß geworden, -immer nur in Frauengesellschaft gekommen, selbst Marguerite -bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie -eine Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte -ihnen herrlich, selbst die etwas geneigte Haltung gefiel -ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig aus, -meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch -kein Wort aus dem großen Wörterbuche des Leidens -verstanden, denn was war Margueritens Gram? Die -flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth -klang den Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein, -gedämpft und süß. Beat mußte schwermüthig -aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den -Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber -jetzt war er vollkommen. Seine hohe Stirn, seine -gerade, strenge Nase, sein glattes, langes, schwarzes -Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles -entzückte sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung, -wie man beobachtet hat, charakteristisch an den Eingebornen -seiner Gegend, selbst die sollte vornehm und -fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles -ernstlich und wichtig zu, während Beat sich mit seiner -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -ehrwürdigen Gönnerin und einer ernsten jungen Frau -unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu Mellingen -und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer -billigend, doch warm und redlich geneigt war.</p> - -<p>Während der junge Mann so der Gegenstand des -heimlichen mädchenhaften Beobachtens war, stahl auch -sein Blick sich fort von den Frauen, mit denen er -redete. Marguerite hatte ihn geblendet. Noch nie -hatte er eine lebendige Schönheit so vollendet gesehen. -Sie zog den Künstler unwiderstehlich an, sie reizte den -Jüngling mit einer neuen heftigen Sehnsucht. Er -hätte sie zugleich als Modell und als Geliebte rauben -mögen. Madame Linder gewahrte den Eindruck, -welchen die schöne Freiburgerin machte, mit Wohlgefallen. -Die alte Dame gehörte zu den Hausherrinnen, -welche in jedem Gast etwas Auserlesenes einladen -wollen. Wie sie vorher die Mädchen auf Beat neugierig -gemacht, so rühmte sie jetzt das Fräulein von -Gontran als reiches, schönes, vornehmes Mädchen, -als das vergötterte Kind anbetender Eltern, als die -glänzendste Partie für den Mann, der so glücklich -sei, ihre Neigung zu gewinnen. Es hätte nicht so -vieler Worte bedurft, wie sie verschwendete, um den -ehrgeizigen Beat zu dem brennenden Wunsch zu stacheln, -der Glückliche zu werden, welchen sie schon im -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Voraus pries. Der Schwiegersohn einer begüterten, -einflußreichen Familie – welche Zukunft für sein Talent, -welcher Horizont von Ruhm und Ehre! Wie -an das Gestirn, welches diesen Himmel erleuchten -sollte, hefteten des doppelt begehrlichen Künstlers -Augen sich an Marguerite. Sie war ganz Natur und -Unschuld: ergriffen, verwirrt, selig senkte sie ihre Augen, -um nicht zu sehen, wie sie angesehen werde. -Sich zu sträuben gegen die neue Wonne, den dreisten -jungen Mann auch nur durch scheinbaren Ernst in -Schranken zu halten, fiel dem wahrhaften Wesen nicht -ein; sie kannte noch keine künstlichen Pflichten. Madame -Linder schmunzelte und seufzte in Erinnerung -ihrer Jugend, Sophie neckte Marguerite mit Ausgelassenheit, -nur die Frau des Arztes sah ernsthaft darein; -ihr mißfiel diese Liebelei, obwohl sie weit entfernt -war, ihr eine tiefere Bedeutung beizumessen. Eigenthümlich -genug war es, daß der Austausch dieses -plötzlich entsprudelten Gefühls ganz allein durch Blicke -vor sich ging, denn wie Marguerite nicht Deutsch, -konnte Beat nicht Französisch. Es erregte diese gegenseitige -Unbeholfenheit die Laune der alten Dame und -die laute Fröhlichkeit Sophiens. Sie bemühten sich -Beide, die Hülflosen durch Dolmetschen in ein Gespräch -zu bringen. Es ging nicht; Marguerite war -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -zu verschämt und Beat zu verliebt; er zog es vor, -sie nur anzusehen, und sie sprach durch Erröthen und -Lächeln wahrlich lieblicher, als durch den etwas großen -Mund Sophiens. Als es gegen Abend kam, mußten -die jungen Mädchen nach dem Kloster zurückfahren. -Freundlich, wenn auch etwas pomphaft und umständlich -lud Madame Linder Marguerite ein, ihren Besuch -zu wiederholen. Marguerite sah Beat an und versprach, -eine helle Freude auf dem schönen Gesichte. -Der junge Mann half den Mädchen in den Wagen -und drückte dabei Margueriten lebhaft die Hand. Unschuldig -erwiederte sie den Druck; ein Bund zwischen -ihnen war so gleichsam schon geschlossen.</p> - -<p>In das Zimmer zurückgekehrt, ergoß Beat sich in -feurigen Lobpreisungen Margueritens und erklärte, daß -er ganz und gar verliebt sei. Die alte Dame lachte -auch jetzt und ermunterte ihren Günstling zum Beharren -und Heirathen, Madame Sinnich aber, so hieß -die Frau des Arztes, äußerte sich noch mißvergnügter -als vorher. Bodenwieler würde sich da Etwas in -den Kopf setzen, was doch immer eine Einbildung -bleiben müsse, meinte sie; Madame Linder sollte ihn -lieber wegen seines Uebermuthes schmälen, als ihn -darin bestärken! Beat, welcher vor der strengen, praktischen -Frau eine Art Respect hatte, suchte sie zu -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -beschwichtigen und das Ganze als einen Scherz darzustellen. -»Ich will's um Ihretwillen wünschen,« -sagte sie, nicht vollkommen überzeugt. Am Abend -bei ihrer Zurückkunft erzählte sie ihrem Manne davon. -Der nahm es leichter und lachte über die Schilderung, -welche sie ihm von Beat's Gehaben machte. »Es -ließe sich ein Lied darauf dichten,« sprach er. »Du -denkst immer nur an Verse,« sagte die Frau unzufrieden. -Der Doctor malte sehr gut Landschaften und -dichtete allerliebst im Dialekt; die Frau mochte das -nicht, hatte vielleicht auch aus dem Grunde Beat -nicht besonders gern, nämlich im Hause, sonst gönnte -sie ihm alles Gute.</p> - -<p>Beat lief unterdessen in seinen Freistunden wie toll -in den schönen Umgebungen von Baden umher. Er -war wirklich verliebt, aber freilich nur halb in Marguerite, -halb in das reiche Mädchen.</p> - -<p>Marguerite dagegen liebte ihn von der ersten -Stunde an und liebte nur ihn. Sophie, die heute -zum ersten Male etwas eifersüchtig auf Marguerite -geworden war, legte umsonst Nachdruck auf seine -Armuth, wie er ein aus Barmherzigkeit erzogenes -Waisenkind sei, und so fort. Marguerite erwiederte: -»Die Waisenkinder sind des lieben Gottes Kinder.« -Sie betete am Abend für den armen Beat, der keinen -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -Vater und keine Mutter habe. Es war kein Gebet -für eine zukünftige Nonne, aber gewiß eines für den -Himmel der Liebe. Marguerite glaubte Reichthum -und eine Familie zu besitzen und sehnte sich mit ungeduldiger -Zärtlichkeit, dem bedürftigen Beat zu geben, -was ihm mangele. »Wann,« dachte sie, »wann werde -ich ihn wiedersehen, um ihm zeigen zu können, daß -ich ihn liebe?«</p> - -<p>Diese Gelegenheit hatte sie bald. Kloster Fahr -liegt ganz vereinzelt, nur ein Gasthaus theilt mit ihm -die Einsamkeit an der Limmath. Da dieses Haus ein -beliebter Vergnügungsort ist, konnte Beat öfter herkommen, -ohne anfänglich Aufsehen zu erregen. Die -Kostgängerinnen wurden nicht sehr streng gehalten -und durften unter der Aufsicht einer Schwester spazieren -gehen. Mehrere Tannenwäldchen liegen in der -Nähe; Beat konnte sich verbergen, bis der Zug der -hübschen Kinder herankam, dann sich wie zufällig -zeigen, mit Margueriten einen Blick wechseln. Leider -erkannte auch Sophie ihn, und Sophie war neidisch -darüber, daß Marguerite von einem Liebhaber verfolgt -werden sollte und sie nicht. Die ersten Male -schwieg sie noch; sie schämte sich, Marguerite zu verrathen. -Aber als Beat sich häufiger sehen ließ, als -Marguerite, die sich Sophiens veränderte Gesinnung -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -nicht vorstellen konnte, immer offener und feuriger von -ihrem Geliebten sprach, da siegte der Neid, und Sophie -machte mehrere ihrer Gefährtinnen darauf aufmerksam, -daß Beat, welchen sie bisher für eine Art allgemeinen -Anbeter genommen, leicht nur Margueritens wegen -auf allen Spaziergängen sich finden lassen dürfte. -Mehr bedurfte es nicht, um alle die jungen Augen -scharf zu machen, und gewiß, Beat schlich allein wegen -Marguerite auf allen Seiten ihnen vor oder nach. -Das verdiente Strafe; geschickt, um jeden Anschein -der Angeberei zu vermeiden, wurde die Arglosigkeit -der Klosterfrauen aufgeweckt. Die guten Seelen – -daß in ihrem Kloster eine Liebesgeschichte spielen sollte, -war ihnen ganz neu und wie unbegreiflich. Indessen -sie überzeugten sich: Beat schlich dem Kloster immer -näher; es war ihm sogar gelungen, an der Mühle, -welche die Klostereinfriedigung gegen das offene Feld -zu abschließt, mit Margueriten eine Zusammenkunft -von einigen Augenblicken zu haben. Das junge Paar -hatte hierfür blos dem besondern Fatum der Verliebten -zu danken, Marguerite war von innen und Beat -von außen an die Mühle gekommen – das war -Alles, aber im Kloster sah man darin eine geschickt -ausgeführte Verabredung und die Gefahr nah und -dringend. Man rathschlagte, ob man das junge -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -Mädchen in ein scharfes Verhör nehmen solle, fand -es aber dann für besser, ohne sie erst einzuschüchtern, -gleich an die Familie zu schreiben und dieser das Weitere -zu überlassen. Marguerite wollte man einstweilen -nur gut bewachen, und daß dies geschehe, wandte man -sich an den frommen Eifer ihrer Gefährtinnen. Die -jungen Mädchen waren entzückt, das nunmehr im -Auftrage thun zu dürfen, was sie bisher im Geheimen -gethan. Sollte man aus dieser Bereitwilligkeit nicht -auf wirkliche Gehässigkeit gegen die Fremde und die -Schönere schließen? Und doch war es sicher nur -jugendliche Eifersucht auf »den Liebhaber«. Hätte man -allen den jungen Neiderinnen der Reihe nach den -Künstler angeboten, Keiner würde er recht gewesen sein, -Keine ihn gewollt haben. Aber Marguerite sollte nicht -lieben und nicht geliebt werden.</p> - -<p>Das arme Kind, sie fand sich in dem Hause, dessen -Sprache sie nicht verstand, welches ihr daher nie heimlich -gedünkt, jetzt doppelt unheimlich, doppelt verlassen. -Nie mehr ließ man sie allein, nicht nur jeder ihrer -Schritte, jede ihrer Mienen wurde belauert. Für das -Kloster war es eine Pflicht, Etwas zu verhindern, -wovon es mit Gewißheit annehmen konnte, die Familie -Margueritens würde es als ein Unheil und eine -Schande betrachten. Doch die arme Marguerite, mit -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -dem Kopfe, der nicht rechnete, mit dem Herzen, das -zu seinem Beat wollte! Der junge Mann war nicht -weniger beunruhigt als seine Geliebte, wenn er auch -innerlich minder litt. Während mehr denn acht -Tagen war es ihm nicht mehr geglückt, sie auch nur -von Weitem zu sehen. Geängstigt und verstört, -wollte er sich bei seiner großen Gönnerin Trost erholen, -aber die alte Dame empfing ihn sehr schlecht. -Sophie hatte ihr etwas übertriebene Mittheilungen -gemacht, und sie erklärte dem jungen Armen unumwunden, -ein kleiner Spaß habe nichts geschadet, aber -im Ernst sei er nicht für Fräulein von Gontran. -Noch mehr niedergeschlagen kam er nach Mellingen, -aber auch da hörte er nichts Erfreuliches. Der Doctor -rieth ihm sehr ernstlich, von einer Thorheit abzustehen, -durch welche er sich und das Mädchen unglücklich -machen werde, und die Frau wollte es schon -unverzeihlich finden, daß er so weit gegangen.</p> - -<p>Im Kloster war inzwischen Margueritens Bruder -angelangt. Die Schwester empfing ihn nicht ohne -Furcht; als sie aber vernahm, er sei gekommen um -sie nach Hause zu holen, warf sie sich ihm mit -Thränen der Freude um den Hals. Wenn sie nur -wieder bei den Eltern war, da wollte sie so bitten, -daß Beat in das Haus eingelassen und sie glücklich -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -würde. Daß er ihr folgen würde, bezweifelte sie gar -nicht erst: es verstand sich von selbst. Vom Kloster -nahm sie einen frohen Abschied, von Sophie einen -traurig vorwurfsvollen. Anders die abgefallene Freundin -zu strafen, vermochte sie nicht – sie war gar zu -weich – ein Herz, recht geschaffen, um gequält und -gebrochen zu werden.</p> - -<p>Unterwegs fing der Bruder bald an, sie um -ihren Beruf für das Klosterleben zu befragen. Zutraulich -und offen erklärte sie ihm, sie habe keinen, -dagegen eine herzliche Neigung, welcher sie durch eine -Ehe Genüge gethan wünsche. Der Bruder gab ihr -zu bedenken, daß sie ja im Kloster auch ihrem Vergnügen -gemäß leben könne. »Wie oft findet das -nicht statt,« setzte er lächelnd hinzu. Die unschuldige -Schwester verstand ihn nicht; sie antwortete: »Ich -würde nie mein Vergnügen im Kloster haben – im -Gegentheil, ich würde schrecklich unglücklich sein – -wenn ich nicht gar vor Gram stürbe.« Und zum -ersten Male von dem Gedanken erschreckt, ihre Familie -könne ihr am Ende eben so feindlich sein, wie -man ihrer Meinung nach im Kloster ihr gewesen, -fragte sie ängstlich und aufgeregt: »Man will mich -doch nicht etwa zwingen – sage mir, könnte die -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -Mutter – Gott, sie war immer so gut gegen mich – -könnte die das wollen?«</p> - -<p>Der junge Gontran wollte ausweichend antworten, -aber sie rief mit einer an ihr ganz ungewohnten -Heftigkeit: »Sag' es mir nur gerade heraus – lieben -sie Dich mehr, und soll ich aufgeopfert werden, -wie es auch einmal einem jungen Mädchen geschehen -ist, die in's Kloster mußte, damit der Bruder reicher -würde – verlangt man das von mir?« – »Es ist -das sehr häufig der Fall,« sagte der Bruder kalt; -»junge Mädchen, die ihre Familien lieben, thun freiwillig -ein Gelübde, welches die Zersplitterung des -Vermögens verhindert.« – »Nie, nie werde ich das -thun. Es ist unnatürlich, barbarisch.« – »Wie es -Dir gefällt; sag' es, wenn wir ankommen, dem Vater -und dem Abbé, und höre, was sie Dir antworten -werden.«</p> - -<p>Der Abbé Lallemant war der Beichtvater des -Hauses und für Marguerite von jeher ein Gegenstand -der Furcht gewesen. Er hatte es veranlaßt, daß man -sie nach Fahr gebracht, und nun sollte sie gleich bei -ihrer Rückkehr ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu -leisten haben, vielleicht ohne auf Hülfe hoffen zu dürfen, -selbst von ihrer Mutter. Die arme Marguerite -fror in der Seele; ihr war es, als sitze ihr Feind -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -und nicht ihr Bruder neben ihr. Doch gab sie darum -weder ihren Willen auf, noch ihre Liebe verloren; ihr -war nur bange vor der Heimkunft, auf die sie sich so -gefreut, vor dem Elternhause, wo man sie nicht mehr -wollte, vor dem Streit, den sie erwartete. Der junge -Gontran saß still und mürrisch und ließ die Schwester -sich quälen, so viel sie mochte. Sie quälte sich -sehr, aber sie faßte sich auch; »Gott wird mich nicht -verlassen,« dachte sie, »es ist für ihn.«</p> - -<p>Gegen Abend kamen sie in Solothurn an und -fuhren bei dem Kloster der Visitantinerinnen vor. Es -fiel das dem jungen Mädchen nicht auf; sie hatte bei -der Hinreise auch hier geschlafen; die Aebtissin war -eine Bekannte ihrer Mutter. Der Bruder nahm -flüchtig Abschied von ihr und sagte ihr, sie möge sich -morgen bei Zeiten fertig halten, er werde sie so früh -wie möglich abholen.</p> - -<p>Marguerite schlief nicht viel und war mit dem -Tage bereit. Aber der Morgen verstrich, und der -Bruder kam nicht. Das junge Mädchen ward unruhig, -ohne jedoch Argwohn zu schöpfen. Der Bruder -konnte verhindert sein. Als er indessen um Mittag -noch nicht da war, wollte sie eben bitten, man -möge nach ihm schicken, da ward sie zur Aebtissin -gerufen, die sie am vorigen Abend nicht gesehen. Die -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -würdige Frau empfing das Mädchen mit mütterlicher -Zärtlichkeit. »Du gehörst uns an, meine Tochter,« -sagte sie; »Dein Bruder hat mir heute Morgen den -Wunsch Deines frommen Herzens eröffnet – gern -nehme ich Dich auf.« Marguerite, starr, antwortete -nicht gleich; sie überlegte im Stillen, ob solch ein -Verrath von einem Bruder möglich sei. Endlich -fragte sie: »Und hat mein Bruder gesagt, ich wolle -in das Kloster?« – »Nichts anders,« erwiederte die -Aebtissin. – »O, dann vergebe ihm Gott!« rief -Marguerite schmerzlich. »Er hat gelogen, mich und -Sie belogen, uns Beide gleich. Ich erwartete ihn -heute, damit er mich nach Hause bringe, und statt -dessen – o, Gott erbarme sich meiner, denn von -meinen Nächsten bin ich verrathen!«</p> - -<p>Eine Schlechtigkeit ahnend, tröstete die Aebtissin -mit milden Worten das weinende Mädchen. Auf die -wiederholte feierliche Versicherung, nie solle sie mit -Gewalt hier zurückgehalten werden, eröffnete Marguerite -der würdigen Frau voll reinen Zutrauens -alles Geschehene. Die Aebtissin lächelte bei den naiven -Bekenntnissen der kleinen verliebten Unschuld, sie -runzelte die Stirn, als sie von den Vorstellungen des -jungen Gontran vernahm. Als Marguerite geendet -hatte und mit der Furcht einer Taube zu ihr aufschaute, -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -sagte sie beruhigend: »Mache Dir keine Sorge, -mein Kind, Du sollst nicht hierbleiben müssen; noch -heute schreibe ich an Deine Mutter, und wenn ich -Dir auch nicht versprechen kann, es soll gleich Alles -nach Deinen Wünschen gehen, so will ich Dir doch -keineswegs die Hoffnung für später untersagen. Gott -hilft seinen Kindern und will keine erzwungene Opfer.«</p> - -<p>Marguerite hoffte. Die Aebtissin schrieb. Keine -Antwort kam. Sie schrieb wieder. Jetzt erfolgte ein -Brief, bedrohend für die ungehorsame Tochter. Die -Mutter hatte vergessen, daß auch sie jung gewesen -und geliebt. Diese Vergessenheit der Eltern ist ein -Fluch für die Jugend der Kinder, und – wie häufig! -Marguerite auch sollte darunter zu Grunde gehen. -Was ihre Mutter nicht länger war, das ward die -Aebtissin. Wieder und wieder schrieb die edle Frau, -abmahnend, bittend, dringend. Bis ihr das schwere -Werk gelungen sein würde, unnatürliche Eltern wieder -zur Natur zurückzuführen, behandelte sie Marguerite -ganz wie ihre Kostgängerin, ließ sie an allem Unterricht -Theil nehmen und gönnte ihr zugleich die größte -Freiheit. Die Gontrans waren mit mehreren Familien -in Solothurn bekannt; zu denen durfte Marguerite -ungehindert, so lange sie freundlich empfangen wurde. -Das hörte indessen bald auf; man fürchtete, mit den -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -Eltern in Unannehmlichkeiten zu gerathen, wenn man die -Tochter, welche sich auflehnte, zu begünstigen schiene. -Marguerite lernte gleich in dem ersten Kampfe mit dem -Leben die Menschen recht verschieden kennen – die Mehrzahl -so feig in der Theilnahme, nur einige Wenige voll -Muth zur Güte. Von diesen war die Erste die Aebtissin, -dann bezeigte der Arzt des Klosters sich unverändert herzlich -gegen das junge Mädchen, und je auffallender andere -Familien Marguerite abwehrten, je häufiger kamen -die Einladungen von ihm. Eines Tages schickte er -schon früh und ließ bitten, Marguerite möchte zu -Mittag kommen dürfen. Die Aebtissin erlaubte es; -Marguerite trat um zwölf Uhr in das Wohnzimmer -ihrer neuen, aber aufrichtigen Freunde. Ein Schrei -entfuhr ihr – Beat stand da, breitete ihr die Arme -entgegen. Trunken von der plötzlichen Lust warf sie -sich hinein: es war die erste Umarmung, der erste -Kuß. Als Marguerite wieder denken konnte, wußte -sie nicht, wo anfangen mit Fragen – wem verdankte -sie dieses Heil, wie kam Beat hierher, wie hatte er -erfahren, was mit ihr vorgegangen? Beat konnte -Alles leicht erklären; Solothurn war nicht so weit -von Baden, daß ein solcher Vorfall wie Margueritens -Verlassenwerden nicht hätte hindringen sollen. Beat -vernahm es kaum, als er sein Atelier in Baden aufhob, -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -seine Geschäfte möglichst in Ordnung brachte und -nach Solothurn kam, wo er in dem Arzt des Klosters -einen Jugendfreund hatte. Er hoffte durch des -Freundes Vermittelung wenigstens Nachrichten von -Marguerite zu erhalten; der Freund, aufgebracht über -das Verfahren der Familie Gontran, versprach ihm -noch mehr – eine ungestörte Zusammenkunft. Die -hatten sie jetzt, und Beat trug Sorge, daß die kostbaren -Stunden nicht blos in Liebeständeleien verschwendet -wurden. Mit Hülfe des Arztes, welcher -den Dolmetscher spielte, vereinigten die Liebenden sich -dahin, daß Beat an Margueritens Vater schreiben -und förmlich um ihre Hand anhalten sollte. Die -Aebtissin, zu welcher Marguerite voll Hoffnung und -Freude zurückeilte, billigte diesen Entschluß vollkommen; -der Arzt schrieb den Brief und Beat unterzeichnete -ihn. Marguerite versuchte ihrerseits noch einmal, sich -mit kindlichem Vertrauen an die Brust der Mutter -zu werfen. »Verlange nicht, daß ich der Liebe und -dem Glücke entsage,« flehte sie, »denke, meine Mutter, -wie es Dir gewesen sein würde, hättest Du in ein -Kloster gesollt, während Du jung warest und leben -wolltest.« Der ganze Brief war so voll einfältig -bittender Hülflosigkeit, welche das Mutterherz anrief -als ein göttlich liebendes. Aber keine Antwort kam, -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -nicht von Herrn von Gontran an Beat, nicht von -der Mutter an ihr Kind. Auf die Ermunterung des -Freundes schrieb Beat nochmals – Marguerite, niedergeschlagen, -wagte es nicht mehr, aber die Aebtissin -that es an ihrer Statt. Jetzt erfolgte von Freiburg -ein Schreiben, des Inhalts, Marguerite sei -frei, die beabsichtigte Mißheirath zu thun, habe -aber dann von den Eltern Nichts mehr zu erwarten -als Vergessenheit. Mit diesem Segen wurden -die Liebenden in der Kirche des Klosters getraut, -nachdem die Aebtissin noch einmal dem jungen Mädchen -eindringlich vorgestellt, was sie mit einer solchen -Ehe wage. Leicht Mangel, gewiß Sorgen, wer -wußte, ob nicht Reue. Marguerite liebte Beat, das -war ihre ganze Antwort – sie wurde getraut, unter -Fremden, verstoßen von den Ihrigen. Sie weinte, -denn sie fühlte die Verstoßung, aber in ihren Thränen -war sie noch glücklich.</p> - -<p>Beat – ein reiches Mädchen hatte er gewollt -und ein armes genommen. Es war eine herbe Täuschung, -doch seine Jugend und seine Gutmüthigkeit, -welche durch Margueritens Schönheit und Liebe gereizt -und gefesselt wurden, halfen ihm darüber hinweg. -Auch hegte er wohl noch Hoffnung auf ein einstiges -Nachgeben der Eltern. Wenn einmal geschehen war, -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -was ihnen mißfiel, wenn Marguerite wirklich des Beistandes -bedurfte, vielleicht für ein Kind neu bitten -konnte – »der Zorn währt nicht ewig,« dachte Beat. -Einstweilen verlangte er, was Margueriten rechtmäßig -gehörte – bedeutende Pathengeschenke, die ihr von -Zeit zu Zeit gemacht worden, eine kleine Erbschaft, -welche ihr übergeben werden sollte, sobald sie mündig -würde oder heirathete. Die Familie Gontran verharrte -in ihrem einmal angenommenen System – sie -schwieg. Marguerite erhielt Nichts, und Beat, der in -Solothurn keine Arbeit finden konnte, sah sich genöthigt, -mit seiner jungen Frau nach Einsiedeln zu seinem -Oheim zu reisen und dessen Obdach in Anspruch -zu nehmen.</p> - -<p>Auf dem Wege dahin besuchte er den Doctor -Sinnich in Mellingen. Der Doctor schildert das -Pärchen als rührend komisch. Marguerite hatte endlich -einige Bröckchen von der barbarischen Muttersprache -ihres Geliebten erlernt, doch ging die Unterhaltung -noch immer kläglich genug von Statten. -Beat begnügte sich damit, seiner schönen jungen Frau -von Zeit zu Zeit seine Dose anzubieten; sie streichelte -ihm mit beiden Händen die Wangen und sagte ihm -dabei zärtlich: »O mys lieb Beat!«</p> - -<p>Bitter ist das Brod der Abhängigkeit – Marguerite -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -sollte das erfahren! Obgleich gute und brave Leute, -waren doch Beats Oheim und Tante allzu unzufrieden -mit der thörichten Heirath ihres Neffen, um ihren -Aerger nicht ohne Schonung auszulassen. Beat kam -dabei gut genug weg, sie liebten ihn wie ihr eigenes -Kind; die Vorwürfe, welche er erhielt, wurden durch -Liebkosungen gemildert und vergütet. Aber Marguerite, -das unwillkommene, überflüssige, zartgewöhnte -Mädchen, denn sie war noch immer wie ein junges -Mädchen, so kindlich, so fremd in der Welt, man -wußte Nichts mit ihr anzufangen, man konnte sie -zu Nichts gebrauchen – das Fräulein wurde sie -spottweise genannt. Ihre Geburt ward ihr hier -zum Vorwurf, der Reichthum, mit welchem sie -Beat verlockt haben sollte, nun sie ihn nicht geben -konnte, ihr zum Verbrechen gemacht. Wenn sie sich anbot, -im Hause nach ihren Kräften zu helfen, wies -man sie als nutzlos zurück, und verlangte doch gleich -darauf mehr, als sie mit der größten Anstrengung -leisten konnte. Jeder Antheil an der täglichen Speise -wurde ihr vorgerechnet – was that sie, um ihn zu -verdienen? Wenn sie manchmal mit überströmenden -Thränen flehte, sie doch nicht so schlecht zu behandeln, -fragte man sie, ob sie etwa fort wolle – die Thür -stehe offen. Wohin hätte sie gehen sollen? Auch -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -dachte sie nicht daran – Beat war da. Beat war -da, warum nahm er denn Marguerite nicht an seine -Brust, sie zu schützen vor dem Weh, das man ihr -anthat? In seiner Gegenwart ließ man sie unangefochten, -und klagen wollte sie nicht, ihn nicht in -Unfrieden mit seinen Verwandten verwickeln, denen er -Dank schuldete. Marguerite schleppte sich also hin -in jammervoller Dienstbarkeit, in hoffnungsloser Ermüdung. -Dazu war die Luft von Einsiedeln für ihre -feine Organisation zu rauh. Und dann, welch' ein -Wohnort für ein junges, lebendurstiges und ach, so -schwer gedrücktes Geschöpf! Dieses weite, leere Hochthal, -diese wilden Alpen, welche über die Tannenberge -hereinsehen, dieser Sand, diese einförmigen Matten, -diese Kahlheit, und mitten darin das baumlose, gleichsam -verlorene Städtchen und das riesige Kloster mit -den beiden grauen Thürmen, so großartig, aber auch -so finster! Einsiedeln muß man besucht haben, aber -um dort wohnen zu können, muß man stärker und -gewiß glücklicher sein, als Marguerite es war. Sie -verging hier vor Bangigkeit. Gewohnt wie sie des -reichen, schönen Freiburgs war, hatte ihr schon Fahr -eine Art Wüste geschienen, und nun gar Einsiedeln! -Besonders der Winter war furchtbar für sie. Diese -Gegend, schon im Grün des Sommers so düster und -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -eintönig – was ward sie erst unter den Schneelasten, -welche sich mit den ersten dunkeln Tagen auf -sie legten. Wie einsam war es, wie melancholisch -tönten die Glocken des Klosters! Und Marguerite, -eingeschlossen in die niedrigen Stuben, die man hier -überall findet, mit Balkendecken, welche wie vorzeitige -Sargdeckel auf dem täglichen Leben liegen. Wer -unter solchen Decken geboren, gewiegt und großgezogen -ward, der mag sich unter ihnen wohl fühlen, -aber wer gewöhnt gewesen ist, Raum über seinem -Haupte zu sehen, der erstickt unter ihrer Pressung. -Marguerite träumte manchmal, sie sei schon begraben, -und zwar unter der Decke ihres bangen, luftlosen -Stübchens. Ich habe das Haus gesehen, wo die -jungen Leute beinah zwei Jahre gewohnt haben; es -liegt an dem Platze des Klosters, doch in einiger -Entfernung von diesem, ist groß, ganz von Holz, -ganz schwarz angestrichen, hat eine Unzahl kleiner -Fenster, und heißt »Zur heiligen Katharine«. Die -Braut des Heilandkindes konnte ihren Namen keinem -unheimlicheren Gebäude leihen. Als ich es sah, blühten -auf allen Fenstern Blumen, besonders eine Menge -rother Pelargonien, aber trotz dieses Schmuckes und -trotz des Glanzes seiner Schwärze schauerte mich vor -ihm noch mehr als vor ganz Einsiedeln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -Der späte Frühling erlöste Marguerite von einiger -ihrer Qual; sie konnte aus, sah die Pilger ankommen -und Bewegung in die heilige Oede bringen, fand in -den Tannenwäldern Blumen, wurde dann und wann -freundlich gegrüßt. Man hatte sie im Orte liebgewonnen, -ohne daß sie es gewußt; es zeigte sich -jetzt, und sie fühlte sich etwas gelindert. Freilich war -dieser Trost für sie bald verloren, denn Beat beschloß, -den Sommer zu Reisen anzuwenden. Er wollte verdienen, -was er hier nicht konnte; er wollte dahin, -wo er noch nicht gearbeitet hatte; vielleicht, so redete -er Margueriten zu, würde er so viel zurückbringen, -daß sie den nächsten Winter in eine Stadt ziehen -könnten; aber um das Möglichste zu erwerben, mußte -er möglichst sparen, und Marguerite durfte daher -nicht mit. Marguerite weinte und gehorchte. Sonderbar -genug wurden Oheim und Tante, seit Beat -fort war, milder gegen sie. Vielleicht hatte ihre immer -gleiche Sanftmuth sie entwaffnet – genug, sie -begegneten ihr mit mehr Barmherzigkeit. Marguerite, -noch ganz elastisch, bedurfte nur geringer Aufmunterung, -um wieder Zutrauen zu fassen. Sie wurde so -heiter, wie sie ohne Beat werden konnte.</p> - -<p>Aber ihre Gesundheit war durch den Winter und -die viele Trauer, welche sie lautlos geduldet, unterwühlt -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -worden. Ein Husten zeigte sich, den die scharfen -und häufigen Luftabwechselungen dieser hohen Lage -unterhielten. Der Oheim wandte umsonst sein Wissen -an, Marguerite welkte, mit Geduld, wie sie sich bisher -gebeugt, langsam, unaufhaltbar. Beat fand sie bei -seiner Rückkehr erschreckend verändert. Hätte er genug -Geld gebracht, um sie gleich in eine andere Luft, in -eine andere Umgebung führen zu können, vielleicht daß -Genesung noch möglich war. Aber sein Verdienst war -gering gewesen, wie es immer ist, wenn die Noth -drängt. Wenn immer Arbeit sich finden ließe, wer -würde da zu Grunde gehen? Einer unter Hunderten -vielleicht. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist mächtig, -nur – muß man sich erhalten können, und die Thüren -schließen sich nie fester, als vor dem Bedürfniß. -Beat kam mit dieser trostlosen Erfahrung zurück. -Leichtsinnig, wie er im Grunde war, verzweifelte er -noch nicht. Im nächsten Jahre würde es besser gehen, -ermunterte er Marguerite, im nächsten Jahre wolle -er sie nach Baden bringen, da solle sie gesund werden. -Marguerite horchte seinen Verheißungen wie -ein gläubiges Kind und wurde dabei kränker und -kränker. Der zweite Winter kam über sie, noch härter -und rauher als der erste. Umsonst beeiferten sich -jetzt Oheim und Tante, sie zu pflegen, umsonst war -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -Beat herzlich gut – der Husten wich nicht, sondern -ward hohler – und sie immer bleicher. Der Gönner -Beat's, der Doctor aus Zürich, kam einige Male die -arme Kranke besuchen; sie nahm, was er ihr gab, mit -ihrer gewohnten frommen Unterwürfigkeit, tröstete -Beat, hoffte zuversichtlich und – ward bleicher und -kränker. Beat machte sich eines Tages zu Fuß nach -Mellingen auf, überbrachte dem Doctor Sinnich eine -Beschreibung von ihrem Zustande und bat ihn um -Hülfe. Doctor Sinnich sah bedenklich aus, versprach -aber, sich mit Beat's Oheim in Briefwechsel zu setzen -und so zu thun, was er vermöge.</p> - -<p>Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine -Frau in Luzern bei ihren Eltern, er am Schreibtische, -an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt ein -Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb -der Stadt gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte -er, als er, an das Fenster getreten, den Wagen mit -Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür; -»Doctor,« sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte -sich um, es war Beat, der blaß vor ihm stand und -ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen -meine Frau.«</p> - -<p>Sinnich war unwillig, erstaunt. »Was thun Sie -mit der kranken Frau auf der Landstraße, und ohne -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -mich eine Silbe voraus wissen zu lassen?« – »Ich -konnte nicht länger mit ihr in Einsiedeln bleiben, sie -hält die Luft nicht mehr aus, und – sie wollen uns -auch nicht mehr behalten.« Beat sagte das mit einer -Art von Trotz. Der Doctor dachte an die Kranke, -die erwartend unten lag. »Für's Erste müssen wir -Ihre Frau unter Dach und Fach bringen – kommen -Sie, lassen Sie sie in den Löwen fahren.« – »Ja Doctor, -aber das sage ich Ihnen frei – ich habe kein -Geld.«</p> - -<p>Der Doctor erbarmte sich. Er ließ das arme, -heimathlose Weib in sein Haus tragen, er ließ sie in -das Bett legen, welches für seine Eltern bestimmt -war, wenn sie zum Besuch kamen. Marguerite versuchte -mit ihren kalten Lippen seine Hand zu erreichen. -Er zog die Hand fort und hieß die blasse Kranke -schlafen. Sie schlief unter dem Dache des Samaritaners.</p> - -<p>Als Madame Sinnich zurückkam, empfing der -Doctor sie mit einiger Ungewißheit, »ob es ihr recht -sein würde.« Es war ihr recht; sie konnte ihm schelten, -wenn er ein Gedicht machte, nicht wenn er eine -gute Handlung ausübte. Dieses Blatt ist in dieser -Geschichte das einzige tröstliche. Möge man es mit -Freude lesen, wie ich es mit Freude schrieb.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -Marguerite blieb, zum ersten Male wahrhaft gepflegt, -mehrere Wochen im Hause Sinnich's; dann -hatte dieser, im Verein mit dem Pfarrer von Mellingen, -Etwas gefunden, wodurch den unglücklichen -Eheleuten wenigstens das bare Leben gesichert wurde. -Sie errichteten eine Zeichenschule, die Gemeinde gab -dreihundert Franken und eine kleine Wohnung und -Beat den Unterricht.</p> - -<p>Mellingen ist ein klein Städtchen, etwa eine Stunde -von Baden. Der Weg führt über zwei Höhenrücken, -die Badener und die Mellinger Sommerhalde. Das -Reußthal ist bei Mellingen ebenso lieblich wie bei Baden -das Limmaththal. Das Städtchen ist eine jener -alten Ortschaften mit Mauern und Thorthürmen, -durch zwei Straßen kreuzweis, wenn auch nicht ganz -regelmäßig getheilt. Eine alterthümliche bedeckte Brücke -führt über die Reuß hinein; ich liebe solche alte -Brücken, unter deren Bedachung man geschützt stehen -und den Strom fließen sehen kann. Das Wappen -von Mellingen, eine weiße Kugel im rothen Felde, -ist einfach und doppelt an den beiden Thorthürmen -angebracht. An dem linken Arm des Straßenkreuzes -liegt der größte Platz des Ortes, mit dem Gasthof -zur Krone, mit der Kirche und einer Grabkapelle, mit -dem frühern alten Schlosse, dessen Garten bis an die -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -Reuß geht. Die Grabkapelle hat einen hohen, buntgedeckten -Thurm, zwischen ihr und der Kirche steht -der braune Glockenthurm mit einem abgestumpften -Dache, das Kirchthürmchen ist klein und spitz, grau -der spalierumgrünte Wendeltreppenthurm des Schlosses. -Vier Thürme also, die schwere Kirchthür mit -Schnitzwerk, ein hohes, hölzernes Kruzifix, viele kleine -eiserne, wunderliche, verrostete, bemalte Grabkreuze, -ein paar Bäume, hinhängend, wie leidend, ein paar -Beete mit kranken Blumen, das Alles bildet eine -Stätte des Begrabens, wo der Tod nicht als der -Bruder des Schlafes, sondern als der furchtbare Erbfeind -des Lebens erscheint. Marguerite sah sie täglich -und stündlich, denn das ihnen angewiesene Häuschen -lag dicht neben der Vikarei, und die ist der Krone -gegenüber. Aber in Margueritens Herzen sprudelte -wieder die Quelle der Harmlosigkeit, sie glaubte gewiß, -daß sie genesen werde, sie freute sich in dem -kleinen Garten, aus welchem sie die Alpen sehen -konnte, zu säen, zu pflanzen. Sinnich hatte sie wirklich -so weit gebracht, daß sie den Sommer weit mehr -genoß, als den vorigen. Die Luft war hier so mild, -man zeigte ihr so viel Wohlwollen. Marguerite gewann -sich Herzen, wo sie nur wenige Wochen lebte; -das Mitleid half denn auch; die jungen Eheleute wurden -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -unterstützt, soviel nur die Kräfte der Gemeinde -es zuließen. Aber mit dem Winter machte doch der -Mangel sich wieder fühlbar, um so mehr, da Marguerite -auf das Neue zurücksank. Sinnich und seine -Frau konnten diese Entblößung, der sie ihren beschränkten -Mitteln nach nur höchst unvollkommen abzuhelfen -vermochten, nicht länger so gelassen mit ansehen. -»Lassen Sie ihre Frau nach Freiburg schreiben,« sagten -sie zu Beat, »die Eltern müssen weich werden, -wenn sie erfahren, in welchem Zustande ihre Tochter -ist.« Marguerite brachte mühsam einen Brief zu -Stande – ein Brief, besonders ein solcher, ist für -einen Kranken ein so mühsames Werk. Das Blatt, -auf welchem ihre Hand gezittert, auf welches ihre -Thränen und von ihrer Stirn der kalte Schweiß gefallen, -das Blatt blieb unbeantwortet; ein zweites, -noch mühevoller, müder, bittender geschrieben, hatte -dasselbe Loos. Jetzt schrieben Sinnich und der Pfarrer, -siegelten mit Sinnich's Wappen und gaben den Brief -in Zürich auf die Post. Wenn Frau von Gontran -ihre Tochter noch einmal sehen wolle, möge sie eilen; -Margueritens Tod sei nahe.</p> - -<p>Auf diesen Brief kam die Mutter; er war in ihre -Hände gelangt, aber nicht der, welchen Marguerite ihr -von Solothurn aus geschrieben, keiner von der Aebtissin, -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -welche vor ihrem bald auf Margueritens Heirath -erfolgten Tod noch einmal versucht, Frau von -Gontran zu erschüttern. Der junge Gontran und der -Abbé Lallemand hatten alle diese Blätter, ebenso wie -auch die beiden letzten Briefe Margueritens, unterschlagen, -die Mutter wußte Nichts von der Gefahr, -Nichts von dem Elend der Tochter, sogar Nichts von -ihrer Heirath. Sie hatte bisher geglaubt, Marguerite -lebe mit Beat als dessen Geliebte. »Wie konntest -Du denn das von mir denken?« fragte Marguerite -mit naivem Vorwurf. Die Mutter weinte und schuldigte -sich an, doch war selbst in diesen ergreifenden -Augenblicken eine gewisse Gemüthskälte bei ihr nicht -zu verkennen. »Ach, wenn Du doch in's Kloster gegangen -wärest,« seufzte sie; »wie viel glücklicher wärest -Du gewesen.« – »Sprich nicht so, meine Mutter,« -antwortete Marguerite, mit dem Lächeln des befriedigten -Herzens, »ich habe meinen lieben Beat.« Und -sich zu ihm wendend und ihm die Hand darreichend, -setzte sie in ihrem gebrochenen Deutsch hinzu: »Mys -lieb Beat, ich nicht mit einem König tauschen,« ihr -liebstes und häufigstes Wort. Die Mutter sah darum -Beat nicht günstiger an; sie betrachtete ihn als den -einzigen Anlaß aller der Uebel, die Marguerite zu leiden -habe. Im Ganzen war der Besuch ein wenig -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -erquicklicher; die Mutter hatte allerdings einiges Geld -mitgebracht, aber das war nur wie ein Tropfen für -die vielen und dringenden Bedürfnisse. Auch fühlte -Frau von Gontran sich gedemüthigt vor den Fremden, -die ihr Kind, welches sie verlassen, aufgenommen und -genährt hatten. Sie konnte nicht ohne Scham die -Worte der Doctorin hören: »Bedenken Sie, Madame, -daß in dem armen Städtchen Mellingen auch -der Aermste sich noch reich genug findet, um Ihrer -Tochter Kartoffeln schicken zu können.« Sie versprach, -alles Nöthige zu senden, um dem Mangel, der die -Kranke umgab, wenigstens einigermaßen abzuhelfen. -Sogar das Piano Margueritens, welche auf diesem -Instrument Virtuosin war, sollte mit andern Möbeln -kommen. Bitter lächelnd sagte die Doctorin: »Madame, -dazu ist es zu spät, Ihre Tochter wird kein -Piano mehr spielen, es hat ihr zu lange an Brod -und Kleidern gefehlt.« Das war keine Uebertreibung; -Marguerite hatte sich in Einsiedeln nicht immer satt -essen können und besaß keine andern Kleider, als die, -welche sie mit in die Ehe gebracht. Sie waren abgenutzt, -zerrissen theilweise, Marguerite, die immer viel -Geschmack für zierlichen Anzug gehabt, bat die Mutter, -ihr ein neues Kleid zu schenken. »Ach, nur eines, -Maman; ich komme mir in diesen alten Dingern -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -selbst so alt vor. Gewiß, ich würde besser aussehen, -wenn ich ein hübsches Kleid anhätte.« Die Kokette -– sie wollte noch jetzt ihrem Beat gefallen!</p> - -<p>Er pflegte sie wenigstens treulich, gab dabei seine -Stunden, und machte außerdem die Examina, welche -zu einer bessern Anstellung nöthig waren. Aber noch -fand die sich nicht.</p> - -<p>Dagegen kam die versprochene mütterliche Hülfe -von Freiburg. Worin bestand sie? In einem kleinen -Stuhl, den Marguerite als Kind gehabt, in dem dazu -gehörigen Tische und in einer Bettdecke von Damast. -Sonst Nichts, keine Wäsche, keine Geräthschaften, kein -Geld, nicht einmal das erbetene Kleid. Marguerite -klagte nicht, sie sagte nur in ihrer treuherzigen Art: -»Sie werden die Mutter wieder herumgekriegt haben, -aber das Kleid hätte sie mir doch schicken können.« -Beat war muthlos, der Doctor entrüstet, seine Frau -empört, besonders über den Hohn, welchen sie in der -Sendung der reichen Damastdecke wahrzunehmen -meinte. »Man hat es der Armen recht anschaulich -machen wollen: sieh, was Du hättest haben können, -wenn Du nicht einen solchen Mann genommen,« sagte -sie mit einem starken, redlichen Unwillen. Vielleicht -hatte sie Recht.</p> - -<p>Einige Zeit später kam der junge Gontran. Ob -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -um seiner selbst, oder um der Menschen willen? So -gut Marguerite war, den Bruder, der ihr so viel Herzeleid -angethan, ohne daß sie ihn je anders beleidigt, -als durch ihr Dasein, den Bruder konnte sie nicht -mit Vergnügen, ja, kaum mit Mäßigung begrüßen. -Die Unterredung war demnach kurz und gezwungen, -Beat sah den Schwager gar nicht, und dieser äußerte -auch keinen Wunsch, die Bekanntschaft zu machen. -Beistand brachte er der Schwester nicht, selbst keinen -Gruß von den Eltern; er sagte nur, sie wären gesund. -Nach einer Viertelstunde stand er auf, wünschte der -Schwester eisig eine bessere Gesundheit und reichte ihr -die Fingerspitzen. Sie wandte ihr Gesicht von ihm -ab zur Wand, ohne Etwas zu erwiedern; er ging, -sichtlich erleichtert, den unangenehmen Besuch überstanden -zu haben. Sein Wagen war noch nicht -bereit; er hieß den Kutscher ihm nachkommen und -ging zu Fuß bis zu Sinnich's Haus. Dort ließ er -sich melden. Sinnich lag gerade krank, nahm aber -den Bruder Margueritens doch an; »denn vielleicht,« -sprach er zu seiner Frau, »daß er doch in guter Absicht -kommt.« Die Doctorin schüttelte den Kopf; sie -erwartete Nichts mehr von der Familie Gontran. -Der junge Mann trat ein, abstoßend von Physiognomie, -so unähnlich wie möglich seiner jetzt noch schönen -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -Schwester. Im Betragen war er äußerst höflich und -dankte mit ausgesuchten Wendungen dem Doctor sowohl -wie dessen Gattin für die Güte, welche sie seiner -beklagenswerthen Schwester erwiesen. »Ich wünschte -sehr, mein Herr von Gontran, die Familie der Madame -Bodenwieler hätte uns weniger Gelegenheit zu dieser -Güte gegeben,« antwortete der Doctor, geradezu wie -er war, und hier doppelt unumwunden im Gefühl, -das Recht sei auf seiner Seite. Der junge Gontran -zuckte die Achseln, machte Mienen, bedauerte unendlich -die Verhältnisse, unglückliche Mißverständnisse. Es -war nicht schwer, hierauf zu antworten, und die -Doctorin that es mit aller Rücksichtslosigkeit, zu welcher -in gewissen Stunden die Guten den Schlechten -gegenüber die Erlaubniß von Gott selbst haben. Der -junge Gontran hörte sie mit übel verhehlter Verlegenheit -an. Endlich sagte er: »Damit Sie sehen, daß -es mir nicht an brüderlicher Liebe fehlt, so will ich -von nun an meiner Schwester drei Kreuzer täglich -aussetzen und Sie bitten, ihr dafür Geflügel zu kaufen.« -Der Doctor maß den zärtlichen Bruder mit -einem Blick, der zwischen Erstaunen und Verachtung -schwebte. »Ist das Ihr Ernst, oder wollen Sie mich -zum Narren haben?« – »Es ist mein völliger Ernst.« -– »Und wissen Sie, daß man für dieses Geld kaum -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -am Sonntage ein kleines, elendes Hühnchen kaufen -könnte?« – Gontran zuckte wieder die Achseln und -sagte: »Das thut mir sehr leid, aber mehr bin ich -nicht im Stande.« – »Herr,« schrie jetzt der Doctor -mit der gewaltigen Stimme seiner gesunden Tage, -»machen Sie, daß Sie fortkommen, oder, krank wie -ich bin, stehe ich auf und schmeiße Sie hinaus!« -Gontran wartete diese Anstrengung von Seiten des -Doctors nicht erst ab; er entfernte sich eilig, stieg in -seinen Wagen, der gerade ankam, und wünschte sich -gewiß Glück, so gut davongekommen zu sein.</p> - -<p>Dies war das letzte Mal, wo Marguerite von -ihrer Familie hörte. Sie war jetzt aufgegeben; ein -Theil der Luftröhre war bereits herausgefault, sie hatte -ganz die Stimme verloren und konnte nur noch essen, -wenn sie sich auf den Rücken an den Boden legte. -Dennoch kam sie an guten Tagen noch manchmal zu -Doctors, wo sie sich recht eigentlich daheim zu glauben -schien. Sie liebte sehr kleine Leckereien, und -Doctors pflegten, wenn sie Gäste hatten, ihr immer -etwas vom Nachtisch aufzuheben. Kam sie nun, und -die Doctorin reichte ihr die für sie bestimmten Früchte -oder Bonbons, so warf sie, kindisch begierig wie sie -war, sich sogleich an den Boden und fing an, auf -ihre Art zu essen. Die Fremden wunderten sich dann -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -nicht wenig; hörten sie aber erst die Geschichte des -armen, sonderbaren Geschöpfes, so machte das Lächeln -der tiefsten Theilnahme und den wärmsten Tröstungen -Platz.</p> - -<p>Konnte Marguerite denn getröstet werden außer -von Oben? Sie liebte, sie lebte trotz aller Leiden -mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses das -Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch -nicht fragen, wie schwer wir es finden. Marguerite -blieb wenigstens heiter in der Geduld; sie beklagte sich -nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und -bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte, -ohne zu grübeln, ohne zu zweifeln, mit Dank für die -wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys lieb -Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb -ihre Rede, selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen.</p> - -<p>Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen -fühlende Mensch bei dem Anblick solcher Leiden -und besonders eines schweren Sterbens weint. Aber -er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht -wegen der bevorstehenden Trennung. Marguerite war -für ihn längst Nichts weiter mehr als eine Last. Er -hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher -der Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen -dürfen sollte, je mehr athmete er auf. Jenseits dieses -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -Grabes lag für ihn eigentlich erst das Leben. Marguerite -hatte einen andern Willen. »Höre, mys -Beat,« sagte sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit, -»Du mir ja nicht wieder heirathen. Ich -Dich will gehabt haben allein hier unten und dort -oben. Wenn Du nehmen willst andere Frau, ich -kommen und machen so.« Und sie machte mit ihren -abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des -Erwürgens.</p> - -<p>Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann -durchdringend an, halb forschend, halb drohend. Noch -in ihrer letzten Minute hatte sie diesen Blick. Beat -drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht -mehr ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne -geliebt worden, ohne glücklich gewesen zu sein, ohne -glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum -des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen -gekannt: Hoffen, Lieben und Leiden.</p> - -<p>Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche -der Anstand vorschreibt, um sich nach einer neuen -Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur -noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste -Täuschung. Jetzt wollte er nicht wieder -getäuscht werden – er spähete vor Allem nach einem -hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -sich indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die -Art zu beglücken, welche er für die einzig wahre hielt.</p> - -<p>Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern -Gehalt als Zeichenlehrer nach Baden berufen worden, -kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt -geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig -verfolgten Wunsch erfüllt, so schien auch der zweite in -Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die Schwester -eines Regierungsrathes aus St. Gallen kennen, ein -nicht mehr ganz junges, aber dabei hübsches, und was -noch besser war, sehr reiches Mädchen. Wie Beat es -angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle -Bewerber, denen es glückt – genug, er gefiel dem -Mädchen. Ihrer Familie nicht; indessen da das -Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als -sie nach St. Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel -verabredet, und sie schied von ihm mit der -festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur Einwilligung -zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung -zu fragen.</p> - -<p>Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte, -sagte Madame Sinnich halb scherzend, halb -ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat, -ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die -Sterbende gemacht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie -vergessen. Selbst mit ihrem Denkmal blieb es beim -Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung -nicht mangelten.</p> - -<p>Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn. -Was er sich auch immer gewünscht, einmal eine -größere Arbeit in Marmor ausführen zu können, das -sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann -bestellte bei ihm die Statue von Julia Alpinula, -dieser jungen Priesterin, welche aus Gram darüber -starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters -nicht hatte erbitten können. Beat hatte sich -bereits eine Probe von dem Marmor kommen lassen, -aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen -gedachte. Der reine, weiße Stein war angelangt, -stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer belebt, entwarf -er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue. -Ermuthigt durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge -dem Glücke nähernd, schrieb er seiner Geliebten -und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle -Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte -Wort geben. Als er den Brief auf die Post -getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber er -wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte -die Skizze. »Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er, -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -»denn von St. Gallen kann mir die günstigste Antwort -nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der -Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend: -»Bodenwieler, und das Denkmal Ihrer Frau ist auch -noch nicht weiter als auf so einem Blatte. Bedenken -Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen, -ihre Frau durch einen wirklichen Beweis -Ihres Andenkens.« – »Ich will's thun, sobald ich -verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist -meine ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und -unzufrieden vor sich hin; Beat ging. »Was fällt -Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du den -Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst -so sehr gegen alle Phantasterie eifert?« Sie antwortete: -»Rede, was Du willst – mir ahnt nichts -Gutes.«</p> - -<p>Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine -Stunde in seiner Schule zu geben. Er kehrte in -seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen -zu nehmen. Während er damit beschäftigt -ist, fällt von seinem entfernt stehenden Secretair die -Brustbüste Margueritens herab, und wenige Augenblicke -nachher von der Wand gegenüber sein eigenes -Portrait in Alabaster. Beide Gegenstände waren -nicht angerührt worden, von Außen war keine Erschütterung -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen, -läuft im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's -hinauf, findet aber nur die Frau, erzählt ihr eilig, was -vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch noch -halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache -das Denkmal, sobald ich verheirathet bin.« Damit -geht er fort und in seine Schule, welche er in dem -alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin -bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend -allein; da kommt ihr Mann und sagt: »Der Bodenwieler -ist in der Schule auf einmal so krank geworden -– ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.« -Er geht, kommt nach einer halben Stunde wieder: -»Der hat die Darmentzündung, und ist, irre ich nicht -sehr, unrettbar verloren.« – »Da siehst Du's, – -Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise.</p> - -<p>Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben, -daß Beat am dritten Tage seiner Krankheit in derselben -Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner -neuen Braut aus St. Gallen eintraf. Erkläre man -es, wie man es wolle, mit dem alten Spruche Shakespeare's -oder mit dem bequemen Worte: »Zufall, nichts -als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen, -diese Geschichte erzählt. Eine Erklärung -am Ende versprach ich nicht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden -getrennt – er liegt in Baden, und der kleine Marmor, -den er als Probe kommen ließ, bildet seinen -Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber -den neuen Kirchhof von Mellingen, wo das unbezeichnete -Grab Margueritens ist. Es war an einem sonnigen -Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die -Wiesen voll Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man -Flachs, hackte Holz und schaffte Kartoffeln ein. Der -Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte -der beiden Straßen nach Luzern und Aarau. -Pappeln umgeben ihn, eine Kapelle zeigt sich weiß, -mit offener Säulenhalle. Ich hätte für Marguerite -einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten -und mehr Ruhe, nicht so an der Landstraße, nicht so -zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen, ruhen wir -im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -Die Urschweiz.</h2> - - -<p>Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser -der Schweiz, nicht der gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn, -sondern der alten, wirklichen, lebendigen -Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt -zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher -von Uri, die Hörner der beiden Walden, und -um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der -Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht. -Und hier, wo diese Erinnerungen Grund und -Boden haben, haben sie auch Poesie. Die Tellsage, -welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich -widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb. -Tell's steife Bildsäule auf dem Markte zu Altorf, der -bemalte Thurm, welcher an dem Platze der Linde -steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte, -Bürglen, sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach, -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -worin er ein heimathlich Grab gefunden, seine Platte -mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und erhielt -meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so -hoch und gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht, -springt auch nicht von starren Felsen hervor, sondern -ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe – -nun was thut's? – der Sprung war immer ein -guter und ein natürlicher dazu; denn wer wird sich -selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es anders -machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger, -dem die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter -sein muß als einem civilisirten Menschen. Auch -daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten hatte, -mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich -– seine Landsleute würden heute noch dasselbe thun, -wenn es sie drängte und sie könnten. Der ganze -Tell ist natürlich, nur der Mann eines rücksichtslosen -Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen -Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt, -sondern seinen Feind aus dem Hinterhalt getroffen -wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne -jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit -seines Schusses. Wenn Goethe doch hier nicht Schillern -gewichen wäre! Wir hätten dann einen wahren -Tell.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -Doch nicht allein durch die Sage, durch seine -Natur fesselt der See der Urkantone. Wenn der -Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller -alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit, -der Zuger mit Grazie eingefaßt, der Zürcher -überall lachend, der kleine Lowerger rührend-traurig, -der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge -der Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer -wundersam phantastischen Melancholie. Ich habe diesen -Eindruck tief in mich aufgenommen, während wir -zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über -den See hin und her schifften. Wir wollten diesen -kennen, auswendig lernen, seine Buchten, seine Alpen, -seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von -diesen, der Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an -einen Schnabel des Bucintoro. Wie schön am Abend -die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der -einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie -bedeutungsvoll die kleine Kapelle von Kindleinsmord, -auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah -den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet, -mit dem Kopfe an den Stein schlägt. Was die -Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's geschehen. -Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist, -ja, recht eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig, -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -so phantastisch, so drachenhaft, wie dieser. Luzern -dürfte gar nicht am Vierwaldstätter See liegen, wenn -es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem -Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat -augenblicklich, ohne daß man ihn mir genannt, so -deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn vorgestellt. -Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten -mir Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens -junge Herren gelangten hinauf, und auch die nur -unter Angst und Gefahren; man müßte die Nacht im -Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten -hinweg – ich hatte bei dem Nebelritt von -der Rigi herab meinen Muth messen können – es -war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich -blickte den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz, -auf den ich mich wirklich hinaufgewünscht, traurig an -und fuhr nach Fluelen.</p> - -<p>Von hier aus entschieden wir uns für den Weg -nach der Teufelsbrücke. Wie der Pilat der Berg, so -ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und nach -dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen, -welche die Ströme den Menschen -durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der fahrwürdigsten. -Goethe war ihn hinangewandert – wir halten -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -diese Erinnerung gebührend an Ort und Stelle. -Desgleichen vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen -die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit -einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen -Durchbruch der Alpen sich ausnimmt wie ein -Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es im -Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen -– die Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche, -die weißen Wasserfälle, wir durften sie uns nur gefüllt, -geschwellt und überbrausend denken, und wir -hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir -noch fortwährend ein – der Franzose, welcher in -Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard durchaus -auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche -Einwendung: »Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die -Lawine auf Sie,« gar nicht beachtet. Hier würde die -Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit -ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen -Thale die Blöcke wie ein Hagelschlag lagen, wilder -noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen hinauf -zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung -die prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher -und links bog die Schlange der Straße zwischen die -starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein -kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -schwarzen Pudelchen, bot uns hier Krystalle vom -Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in -der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen -diese und andere Krystallisationen aus den verborgenen -Grotten mit herab und verkaufen sie an -Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die -Knaben ihrerseits verhandeln sie an die Fremden – -wir hatten in Amsteg welche ausgewählt, mochten -jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine -beiden Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze -war ihm fremd; gravitätisch ging er zum Kutscher -und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt' es -ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er, -»dann dank' ich schön.« Wir kamen bald darauf -langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme an die -Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht – die vielen -Brücken vorher hatten uns vorbereitet, aber sie -befriedigte. Die alte verlassene unter ihr würde den -Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine über -den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün -bewachsen und mit abgebrochenen Brüstungen daliegt -und dabei viel besser gesehen werden kann. Von -Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem, -noch am folgenden Tage die Rede, obgleich wir in -schöner, heißer Sonne nach Fluelen zurückfuhren. -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -Denn wir fuhren zurück – wir machten es Goethe -nach, doch nicht um es ihm nachzumachen, sondern -weil wir nicht anders konnten. Schnee war in der -Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der -Paß nach Bündten schwierig zu unternehmen geworden, -und das Thermometer zeigte im Zimmer nur -sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen -Links und Rechts, zwischen den Rheinquellen und den -Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt: wir wollen -zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht -nach Italien hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren. -Hätten wir Italien nicht verwüstet, verstört, -für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns ebenfalls -nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch -nicht leicht, aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach -Fluelen zurück.</p> - -<p>Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf -dem scheinend blauen See schwankten und die halbumwölkten -Berge uns einen feinen Nebelregen in das -Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und -mächtiger denn seit lange die Sehnsucht nach einem -Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie im -Frühling aus – wir konnten's nicht; ungewiß lag -auch dieser Winter wieder vor uns. Otto sagte tröstend: -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -»Laß gut sein, besser Liebe ohne eine Heimath, -als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die -Hand, aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen -abtrocknen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.</h2> - - -<p>»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten -Sie hinauf auf den Rigi. Den Rigi müssen Sie -sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« – so -sprach vor drei Jahren in Breslau <i>Dr.</i> Anton Theiner, -drückte mir zum letzten Male herzlich die Hände und -ließ uns fortfahren nach Venedig.</p> - -<p>Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol -und nicht durch die Schweiz, bisweilen davon redeten, -ob, wie und wann wir diese letztere besuchen würden, -so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir -auch Theiner's Willen thun?« Und Eines gestand -dann immer dem Andern: »Du, ich habe eigentlich -gar keine Sehnsucht auf den Rigi.«</p> - -<p>Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz, -doch Kummer und Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß -am Leman nahmen uns dermaßen ein, daß wir -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da -stets nur mit der größten Gleichgültigkeit gedachten.</p> - -<p>In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht -der Rigi, sondern die Rigi sagen müsse. Wir nahmen -diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener Gleichgültigkeit -an, denn wir beabsichtigten durchaus weder -auf den, noch auf die Rigi hinaufzureiten.</p> - -<p>Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder -ihr Italien, nämlich irgend einen Ort, wo irgend Etwas -im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner, -Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis -sein. Wir wollten nach diesem Nizza. Ein Engländer, -der mit einer englisch häßlichen Frau und -einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß, -fragte mich, ob auch wir »<i>to the Rigi</i>« gingen. -»O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi geht oder -reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in -Wäggis.« Vier Stunden später sagte ich zu dem -Engländer auf dem Kulm: »<i>Very happy to see -you.</i>« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen -Dörfern, wie sie an den Schweizerseen liegen, und -der Sohn und Kellner des einzigen Gasthofes ein so -unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor -Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht -Tage lang von ihm bedienen lassen müssen. So -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die -Rigi.</p> - -<p>Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem -unserm Jetzigen und nebst seinen Sitten auch von -seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird, so -wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung -zu lesen bekommen:</p> - -<p>»Es gab in jener Zeit« – ich sage mit Bedacht: -es gab, denn die Rigi könnte dann ja eingefallen, oder -die Schweiz ein unbekanntes Land geworden sein, -also – »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß -Rigi. Dieser Berg war, was viele andere Berge -auch sind, so und so viel tausend Fuß hoch, übrigens -durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet, -man müßte denn als eine solche annehmen, daß -man von seiner Höhe aus elf kleinere und größere -Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser -Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals -sprach, d. h. man mußte ihn gesehen haben. -Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und -Amerika, zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber -hauptsächlich doch aus diesen beiden, und aus Europa -hauptsächlich von England, Leute beider Geschlechter -und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -Berg hinauf. Sie hießen die Rigireisenden. -Waren sie auf der Höhe, welche die Kulm genannt -wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher, -brachten Lorgnetten und Operngläser an die Augen, -ließen sich von den Führern, die sie hinaufgeleitet, die -Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten -die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das -»Panorama«, wie man den Anblick nannte, ein sehr -prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher wurden -roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen -Oceane. Es geschah jedoch äußerst selten und man -nannte es der Seltenheit wegen den »Sonnenuntergang -vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama -in Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich -frierend und gelangweilt – nebenbei, das Gelangweiltsein -war eins ihrer kenntlichsten Merkmale – -gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück, -welches von Holz auf dem Kulm erbaut worden war. -Dort schliefen sie, bis die Stunde des »Sonnenaufgangs -vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde -war indessen noch ungewisser als die des Sonnenunterganges. -Unter hundert Rigireisenden schlug sie -nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen -wieder hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben, -gewöhnlich im dichten Nebel, häufig im starken Regen -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man -die »Tour auf die Rigi.«</p> - -<p>Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung -ein Auszug der gemäßigten Alpennatur. Die -Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem Fuße, das -Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich -die Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene -Felsenriffe, einzelne seltsame Steine, den Epheu, die -Quellen und die Mattenblumen, die blaue Tiefe zu -den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie -hat Alles – wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren -hat, reite hinauf und sehe zu, ob er die Sonne -zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die -Rigi« am meisten meine heftige Begierde gezähmt, -den Pilatus, diesen Brocken der Schweiz, in seiner -Unbesuchtheit zu stören.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -Im Hotel Weber.</h2> - - -<p>»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?« -fragte ich den Grafen Wladislav.</p> - -<p>»Calclire, muß sein,« versetzte er.</p> - -<p>Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im -ersten Stock des Hotel Weber. Es war ein trüber -Tag, welcher eben in einen trüben Abend übergehen -wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein -hervorkommt, fällt und sich weiter windet, waren -bunt und feucht, der Rhein sah so dunkelgrün aus -wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein -getrunken wird; der Fall erschien noch weißer als -gewöhnlich.</p> - -<p>Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort -für alle Welt. Wir waren dort von mehreren -Bekannten getroffen worden, unter andern von -Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften -gemacht, zuerst die des zweiten großen Unbekannten -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -Charles Sealsfield. In dem »Süden und Norden« -dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem -Nachmittage eifrig studirt, und so kam es, daß er -mir halb absichtlich und halb absichtslos auf gut -kentuckisch antwortete.</p> - -<p>»Kommt mir vor, wär' noch nicht nöthig,« sagte -ich lachend in derselben Weise.</p> - -<p>»Sag' Euch, muß nach Hause,« antwortete er -höchst ernsthaft.</p> - -<p>Wladislav war groß, schlank und dunkelblond. -Sehr gehalten in seinem Betragen, sehr überlegt in -seinen Handlungen, und dabei doch der seltsamsten -Extravaganzen fähig, nur daß er sie eben auch so -gelassen unternahm und zu Ende brachte, wie alles -Andere. Was ich an ihm sehr gern hatte – er war -originell wie ein Kind, ohne es zu wissen. Vollkommen -ruhig in der Gewißheit, es gerade so zu machen -wie Jedermann, wunderte er sich ungemein, wenn -man sich über ihn wunderte. Wir kannten uns schon -mehrere Jahre – er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig -sein, dabei Herr über drei- bis viermalhunderttausend -Thaler. Jetzt war er unsertwegen vier -Tage hiergeblieben, wir hätten ihn gern noch länger -gesehen, aber er wollte sich nicht länger mehr halten -lassen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -»Was versäumen Sie denn aber?« fragte Otto.</p> - -<p>»Haben Sie gar kein Heimweh, nicht Sie, und -Sie auch nicht?« fragte er uns Beide.</p> - -<p>»Und wenn wir's haben – wir müssen doch noch -hier bleiben.«</p> - -<p>»Um ein Buch zu schreiben, das überall just eben -so gut geschrieben werden kann, einen Brief zu erwarten, -der nichts Gescheidtes bringen wird, denn -Briefe, auf die man so wartet, bringen nie etwas -Gescheidtes.«</p> - -<p>»Sie sind sehr tröstlich.«</p> - -<p>»Ich will Sie gern hier fort haben. Sie entwickeln -ein schreckliches Talent zum Sitzenbleiben. Ich -sehe Sie noch den ganzen Winter über hier kleben -und dann im Frühjahr mit Mr. Sealsfield nach -Louisiana fahren, um sich dort, wie er Ihnen versprochen -hat, in eine Blumenvase setzen zu lassen.«</p> - -<p>»Er hat ihr auch verheißen, sie könne vielleicht -eine kleine Revolution zu Stande bringen,« bemerkte -Otto.</p> - -<p>»Wollen Sie das etwa?« fragte Wladislav -feierlich.</p> - -<p>»Nein,« antwortete ich lachend, »eine Revolution -in Amerika machen, lockt mich nicht. Mein kleiner -gigantischer Wunsch – Sie wissen, Jedermann hat -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -einen solchen, nur größer oder winziger, – meiner -also wäre ein hübsches, niedliches, comfortables Privat-Königreich -im Orient.«</p> - -<p>»Wo Sie das biblisch-patriarchalische Verhältniß -zwischen Herren und Sklaven einführen würden, welches -Mr. Sealsfield so wunderschön findet?«</p> - -<p>»Sklaven würde ich natürlich kaufen. Wie sollte -man es denn anders machen?«</p> - -<p>»Vollkommen einverstanden, Majestät. Und wie -würden Sie denn heißen? Sie haben Mr. Sealsfield -Herrn über Neger, Alligatoren und Klapperschlangen -genannt – welchen Titel wollen Sie annehmen?«</p> - -<p>Ich ließ den Scherz fallen und sah trübselig hinaus. -Wenig elastisch in meiner Stimmung, wurde -es mir jetzt leicht zu mühsam, den Federball des -Humors zu werfen.</p> - -<p>»Glauben Sie mir, kommen Sie zurück,« fing -Wladislav nach einer Pause wieder an, aber jetzt -ernsthaft. »Da nun einmal für den Augenblick Mr. -Sealsfield im Zenith Ihrer Schätzung steht –«</p> - -<p>»Bekennen Sie es,« unterbrach ich ihn, »Sie -sind etwas vaterländisch eifersüchtig auf den ›überseeischen -Autor‹.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -»Aergerlich eher, weil er Deutschland so ganz und -gar herunterreißt.«</p> - -<p>»Glauben Sie mir, wenn er das thut, verabscheue -ich ihn so von Herzen, daß ich mich am liebsten mit -ihm auf Tod und Leben schießen möchte. Aber er -thut's nur in Stunden. Gewöhnlich ist er gar nicht -so hyperamerikanisch, dagegen ganz human und deßwegen -mit seiner in die literarische Civilisation verkleideten -Urwäldlernatur sehr lieb und wacker.«</p> - -<p>»Das ist eine curiose Lobrede,« sprach Wladislav -kopfschüttelnd, »die haben Sie sich vermuthlich ganz -eigens für Sealsfield ›auscalculirt‹.« »Aber,« fuhr er, -wieder zu seinem vorherigen Gedanken zurückkehrend, -mürrisch fort, »warum, wenn er Deutschland so geringachtet, -hat er sich die Mühe gegeben, Deutsch zu lernen? -Warum fuhr er nicht in aller Bequemlichkeit -fort, Englisch zu schreiben? Bei uns konnt' er ja -sicher sein, übersetzt zu werden?«</p> - -<p>»Warum haben Sie ihn das nicht gefragt, ehe -er gestern abreiste?«</p> - -<p>»Ich wollt' es thun, da sah ich einen Regenbogen -auf dem Fall, das zerstreute mich.«</p> - -<p>»O diese Regenbogen sind hier sehr häufig,« warf -ich nachlässig hin.</p> - -<p>»Freilich, wenn man vier Wochen am Rheinfall -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -sitzt, ist's das Wenigste was man gewinnt, so von -den Regenbogen auf ihm reden zu können. Es -ärgert mich – ich möchte Sie entführen und mit -Gewalt nach Deutschland zurückbringen. Daß Sie -nicht schon an der bloßen Sehnsucht nach Musik verschmachten, -bei der Unmöglichkeit, ein gutes Piano -zu finden, und bei der zweiten Unmöglichkeit, selbst -das schlechte Piano ohne horrende Kosten gestimmt -zu kriegen!«</p> - -<p>»Herr Weber wird nächstes Frühjahr ein gutes -Piano kaufen.«</p> - -<p>»Auf welchem Sie jetzt schon im Vorgefühl spielen -können – sehr genügend! Und dann diese Einsamkeit -– das ganze Hotel ist ja schon leer geworden.«</p> - -<p>»Schade genug,« sagte ich, »es sollte im Winter benutzt -werden so gut wie im Sommer. Diese hohen, großen -Zimmer, diese freie Lage in der Gegend, welche es -einem mehr und mehr anthut, je länger man sie sieht, -die freundliche Familie, welcher es wirklich so Ernst -ist –«</p> - -<p>Wladislav wollte mich unterbrechen – ich ließ es -nicht zu, sondern fuhr fort: »und diese Stille – -wirklich, kein Ort ist mehr zu einem Schriftsteller-Einsiedeln -geeignet als dieses Hotel.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -»Oder zu einer Schriftsteller-Colonie,« bestätigte -Otto.</p> - -<p>»Sogar zu einer Schriftsteller-Colonie!«</p> - -<p>Wladislav hielt sich die Ohren zu. »Still, wenn -Sie Beide erst mit Ihren Extragedanken anfangen, -so sind wir den nächsten Augenblick mitten in der -willkürlichen Absurdität, und vor der fürchte ich mich, -denn man kann sie bei einiger Uebereilung für die -Vernunft nehmen. Ich sage Ihnen, alle Schriftsteller-Verbindungen -sind unheilsvoll – aus einer jeden wird -eine Schule, in jeder Schule herrscht Zwang, und -jeder Zwang drückt den Geist, der nur ein Element -hat – die Schönheit in der Freiheit. Aber eben so -wenig taugt für den Schriftsteller einsiedlerisches Vornehmthun. -Im Gedräng soll er sich Bahn brechen, -sich an die Ellenbogen stoßen, auf die Füße treten -lassen –«</p> - -<p>»Da wäre ich Ihnen bei der Tombola auf dem -Markusplatze wahrhaft idealisch erschienen, denn gedrängter -kann es kein Gedränge geben – man wurde -nicht nur gestoßen und getreten, sondern auch gelegentlich -etwas entzweigedrückt.«</p> - -<p>»Werden Sie denn ernsthafte Dinge nie ernsthaft -behandeln lernen, oder zu behandeln die Gnade haben?« -fragte Wladislav mit dem Uebersehen des Mannes, -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -des durch die Gymnasialklassen geläuterten und in den -verschiedenen Collegien verschiedener Universitäten vollendeten -Mannes. »Was ich meine und was Ihnen -auch Sealsfield sagte – wenn Sie auf Ihr Vaterland -wirken wollen, so müssen Sie in und mit Ihrem -Volke leben.«</p> - -<p>»Ja,« sagte ich geängstigt, »wenn nur die unglückliche -Zweiheit in meiner Natur nicht wäre! Intellectuell -bedarf ich Deutschlands, physisch der Sonne, -folglich des fernsten Südens oder des Orients, denn -das werden Sie mir doch eingestehen – die Sonne -scheint in Deutschland nicht recht.«</p> - -<p>»Scheint sie hier in Schaffhausen mehr?«</p> - -<p>»Wenigstens eben so viel wie anderswo in der -Schweiz.«</p> - -<p>»Ja,« sprach Otto, der es bei Wladislav immer -darauf anlegte, mit ganz ungehörigen Dingen dazwischen -zu kommen, »ich finde, man thäte viel gescheidter, -sich hier in Pension zu geben, als im -Waadtlande, wenigstens die letzten Herbst- und die -ersten Frühlingsmonate. Veranlassen Sie doch recht -viel Landsleute dazu – wir wollen's auch thun.«</p> - -<p>»Man soll sich gar nicht in Pension geben,« -schrie Wladislav ungeduldig, »das ist eine moderne -Albernheit. Man soll entweder vernünftig zu Hause -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -bleiben oder ordentlich reisen, aber nicht wie Sie sich -immer zehn oder zwanzig Meilen weiter von einem -Schreibtisch an den andern schieben.«</p> - -<p>»Sie haben klug reden,« rief ich, auch ungeduldig. -»Wenn man nun kein eigen Haus hat und von zehntausend -Hindernissen im ordentlichen Reisen gehemmt -wird?«</p> - -<p>»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit -Cockley einen ganz harmonischen Dialog führen.«</p> - -<p>»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer -über gewesen?« fuhr ich fort. »Auch in der Schweiz. -Also –«</p> - -<p>Er bat schön, ich solle nicht böse sein – ich habe -Recht. Dann fragte er mich, wie viel ich an meinem -Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete ihm, -ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen, -noch eine meiner Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten. -Ob ich da nicht eine Novelle von ihm als Schluß -annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig – -er habe sie, angeregt durch das Geschwätz mit uns, -am vorigen Morgen angefangen und in der Nacht so -weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande, -unter den Heimathlosen, von denen ich doch -gehört? »Wer hätte im Waadtlande nicht von den -»Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort aussprechen,« -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie -da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle, -und Alles ist mir buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn -lächelnd an. – »Ich betheure es,« sprach er. So -hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen, -ob es gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu -ersparen.</p> - -<p>Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's -Abfahrt. Die Lichter des Dorfes Neuhausen -brannten röthlich links in der Senkung diesseits des -Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf -der jenseitigen Erhöhung. Der weiße Fall spielte und -rauschte geisterhaft durch die dunkle Nacht. Sonst -war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still, -und Wladislav las:</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -Die Heimathlosen.</h2> - - -<p>Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey -an. Sollt' ich den Winter über am Genfer See -bleiben? – ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn -schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft -war nicht blos warm, sondern heiß – das that mir -wohl – in Dresden war's so kalt gewesen. Ich -will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei -Kronen« am Fenster meines Zimmers stand. Warum -nach Italien? Ist's dein Italien? dein Bilderland? -In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das -Constitution heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus -gegen den armen Pius, welcher hätte der -auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu -dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich -etwas anderes als Krieg, in Venedig endlich – ja, -was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -ob Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb -ich am Genfer See.</p> - -<p>Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht -zu theuer für den, der Geld hat, und sehr unterhaltend -für den, welcher keine Gesellschaft braucht. Ich -brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem -Zimmer. Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, -melancholisch über die Zeit, wie es eben Mode war. -Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere -geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn -es mit ihr auch einmal drüber und drunter geht. -Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der gewaltigen -Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas -Geräusch, etwas Störung, dann ist's wieder gut und -der wundervoll riesige Organismus vollführt weiter, -was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an -der Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn -da an uns glauben?</p> - -<p>O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an -deiner Grenze sitz' ich, da ich dieses schreibe! Der -Rheinfall rauscht unten – ich bin seines Rauschens -schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran -denke. Es ist hier fast wie in Deutschland – nein, -es ist ganz wie am Rhein, wo er unser ist – Rebenhügel, -Wald, Felsen – Alles lieblich, einfach poetisch. -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich -bin im Geist auf jenen Hügeln, labe mich an jenen -Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, <i>the castled -cliff of Drachenfels</i>, sumse vor mich hin von Heine:</p> - -<table class="fss" summary="" cellpadding="1"> - <tr><td class="tdl">Die Luft ist kühl und es dunkelt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und unten flimmert der Rhein –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der Gipfel des Berges funkelt</td></tr> - <tr><td class="tdl">Im klaren Mondenschein.</td></tr> -</table> - -<p class="in0">O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie -Heidelberg eines für Uhlandsche, und ich lieb' den -grünen Rhein und den hellen Neckar und die blaue -Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, -mein Heiligthum und meine Hoffnung, und böte man -mir die ganze übrige Welt dafür, ich vertauschte mein -Deutschland nicht.</p> - -<p>Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. -Bei einer Barrikade am Pfingstfeste in Prag hatte -ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem Hradschin, -als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem -Hotel zu kommen, mußte ich über mehrere im Bau -begriffene Barrikaden. Bei der einen wurde ich angehalten -und sollte helfen. Ich weigerte mich; natürlich, -wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte -mich nieder – ein wüthender Student war's, der ihn -gab. Mit Hülfe einiger minder patriotischen Musenjünger -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir -war, und – klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. -Todtkrank lag ich den ganzen Pfingsttag über, während -Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und Sturmläuten -abwechselten – gerade keine angenehme Musik, -wenn man in die Brust gestochen ist. Am nächsten -Tage mußten alle Fremde aus der Stadt – wie sie -mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam -auf die Elbe und auf der Elbe nach Dresden, welches -seine Barrikaden noch erwartete. Dort genas ich -langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen -saß ich jetzt am Genfer See.</p> - -<p>Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu -lange sieht. Manche Gegenden kann man nicht genug -sehen – der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel -mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. -Gerne wäre ich manchen Tag noch wo anders hin -gereist, aber ich wußte nur nicht wohin. Ausdrücklich -war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht -aufregen möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik -zu leben, wenn nicht in der Schweiz, die gerade -ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, -las was ich eben fand, und ging spazieren, wenn es -nicht allzu heiß war.</p> - -<p>Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -saß ich am Fenster, sah den See blau sein, grau, -grün, schwarz und dann wieder blau werden, und -hatte Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber -auch recht vernünftige.</p> - -<p>Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich -öfter mit den Bewohnern der vielen kleinen Dörfer, -die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute -waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten -mich, wie etwas Gleichgültiges interessiren -kann.</p> - -<p>Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von -einem Diebstahle, der in Clarens begangen worden. -Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen sollten -es gewesen sein.</p> - -<p>»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch -das deutsche Wort in dem französischen Munde.</p> - -<p>»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche -keine Papiere haben und deßwegen überall vertrieben -werden.«</p> - -<p>»Und wo sind sie denn da?«</p> - -<p>»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«</p> - -<p>»So duldet man sie hier im Canton?«</p> - -<p>»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.«</p> - -<p>»Wenn man es überall thut –« sagte ich ironisch.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte -der junge Mensch.</p> - -<p>Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons -und fragte dann: »Aber wovon leben sie?«</p> - -<p>»Sie machen Körbe und andere Dinge – betteln, -stehlen.«</p> - -<p>»Kommen sie in die Kirche?«</p> - -<p>»Nie.«</p> - -<p>»Aus welchem Stamme sind sie?«</p> - -<p>»Man weiß es nicht.«</p> - -<p>»Woher sind sie gekommen?«</p> - -<p>»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die -Heimathlosen.«</p> - -<p>Die Heimathlosen – die Zigeuner sind heimathlos. -Waren die Heimathlosen in den waadtländischen -Gebirgen Zigeuner?</p> - -<p>Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die -Waadtländer sind so gelassen über Alles, was nicht -entweder sie selbst, oder Kaiser und Könige betrifft. -Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht, -wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen -– wir nennen sie die Heimathlosen.«</p> - -<p>»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines -Tages ungeduldig, »da sie doch ihre Körbe verkaufen –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von -ihnen hier,« antwortete mir der dümmste der sehr -dummen Kellner.</p> - -<p>Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon -tiefer Spätherbst – die »drei Kronen« langweilten -mich bereits etwas – eine Heimathlose wäre mir -eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den -ausdrücklichen Befehl, jedes sich zeigende Individuum -dieser geheimnißvollen Kaste zu mir zu führen, und -wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner -sah noch dümmer aus als gewöhnlich – er wunderte -sich.</p> - -<p>Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser. -»Unerträglich!« rief ich am neunten Tage. Ich will -es nur gestehen – ich vegetirte in einer trostlosen -Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei -einem solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf -einen Gegenstand heften können. Meine Ungeduld -wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten -mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich -wollte zu ihnen, da sie nicht zu mir kamen. Entschlossen -erkundigte ich mich nach dem Wege.</p> - -<p>»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner, -»Sie werden doch nicht dieses Gesindel besuchen wollen?« -Der Kellner war – ein Landsmann von mir.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -»Warum denn nicht?« fragte ich kurz.</p> - -<p>»Das Gesindel ist sehr unsicher.«</p> - -<p>»So?«</p> - -<p>»Ja gewiß – es ist ihm nicht zu trauen.«</p> - -<p>»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte -ich, an Shakespeare denkend. Dann dankte ich dem -Kellner für seine Warnung und versprach ihm, mich -in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich -meine Pistolen ein, aber nur wenig Geld, ließ mir -noch einmal die Richtung andeuten, in welcher die -Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit -Brod und Wein um und machte mich auf.</p> - -<p>Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß -ich diese Entdeckungswanderung wagen durfte. Und -hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich -hätt' es doch gethan.</p> - -<p>Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von -jeher sind mir die Localitätsschilderungen unausstehlich -gewesen. Was kann dem Leser daran liegen, ob, -während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der -und der Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde -das und das Gebirge zu sehen gewesen? -Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal -dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten -nicht leiden und sage von der Gegend nur -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und Tannenwald -bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen -Felsen, Bäche, manchmal ein wenig Gefahr -auf den überschwemmten Steinen – es waren unermeßliche -Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier -oben schon gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit -– die letzten Sennhütten waren längst hinter mir -geblieben – kein rüstiger Waadtländer kam mir mit -einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen -– ich stieg allein im menschenleeren Walde hinan.</p> - -<p>Menschenleer – war er's? Die Heimathlosen -sollten ja hier horsten wie die Raubvögel, sich verbergen -wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen -keine Spur von ihnen entdecken können.</p> - -<p>Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine -Strecke Schnee wie ein glatter Teppich, und darauf, -in das Dickicht hineinführend, frische, tief eingedrückte -Fußstapfen.</p> - -<p>Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen -ich hier herauf gekommen war.</p> - -<p>Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang?</p> - -<p>Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen. -Fürchtete ich mich? An der Barrikade, umbrüllt -von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur -Verachtung empfunden, hier – schauerte mich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer -zugleich ungewissen und möglichen, zugleich sichtbaren -und räthselhaften Gefahr gegenüber – es ist das ein -eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so -sehr, immer auf den Beistand außer uns zu zählen, -welcher Gesetz heißt, daß es uns wohl seltsam zu -Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner -behaupten sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns -unserer Haut zu wehren wagten, immer erst pflichtgehorsamst -nach der hohen Polizei. Das ist bei mir -wenigstens nicht der Fall gewesen – gerieth ich beim -Berliner Carneval etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte -ich meine Hände tüchtig. Man warf mich -hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich -denn ziemlich auf mich verlassen, allein hier handelte -es sich um etwas mehr, als den Berliner-Schönen -auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur -dort kennt, den Hof zu machen.</p> - -<p>Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer -Sennhütte hatte ich für einen Frank ein Alpenfrühstück -eingenommen, wie die Schweizer Schriftsteller es seit -zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch gerühmt -haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn -nie bekommt man Milch, immer nur Crême. Meine -Tasche war also voll, und ich setzte mich auf einen -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. -Kraft wollt' ich gewinnen für jeden Fall – der Gesättigte -hat Muth; der Hungrige, welcher friert, schwerlich.</p> - -<p>Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber -feucht, durchfröstelnd, um mich her Einöde, mir zur -Seite die Spur der Fußstapfen.</p> - -<p>Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als -hätte ich keine gute Zähne mehr. Endlich schämte ich -mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich Zeit. -Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, -um hier auf einem alten Baume sitzen zu bleiben und -trocknes Brod zu essen – es wäre eine Schande, die -nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen -sind ja eben nichts mehr als arme Korbmacher -und dergleichen – an's Todtschlagen werden sie, weiß -der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln -– gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und -wollten sie etwas Anderes, gut, so wolle du dich -tüchtig wehren, und nun vorwärts.«</p> - -<p>Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig -weiter in das Gebüsch ein. Verwirrt war's wie -kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen, -streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der -Nachtreif hing hier noch an den Nadeln, kalte Tropfen -fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß geworden -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. -Eine Hütte stand da, ein Hund schlug an. Die -Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf einem -Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf -einer Skizze hätte sie sehr malerisch ausgesehen, in -der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein Wohnplatz -der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck -finden für sie selbst und ihre Umgebung von -Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und einigen Krautköpfen. -Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln -mußten auch da gewesen sein, denn ich sah ein Paar -auf dem bischen Acker liegen, wozu die Lichtung -benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte -Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen -– ich fürchtete Nichts mehr – nein, wegen des -Bewohners der Hütte. Oder hatte sie Bewohner, -diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?</p> - -<p>Heimath – was ist Heimath? Die Heimath -habt ihr auf jeder Erde, unter jedem Schatten – wo -ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, -nicht das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein -eigenes Haus zu sein, sie ist – der eigene Heerd. -Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen -Rauch aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die -Heimath.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. -Der Hund, der kleine, graue, braune, gelbe, struppige, -nackte Hund, ein Nondescript, für welches ich -keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig -schimpfende »Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem -Brette, welches als Thür diente. An meiner Kleidung -erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen -wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, -als ich an der sogenannten Thür pochte.</p> - -<p>»<i>Entrez!</i>« sagte es von innen.</p> - -<p>Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und -trat in das Zweighaus. Ein Mann saß da und -schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie. -Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, -dann schnitzelte er weiter. Doch sah man, daß diese -Gleichgültigkeit nur gemacht war.</p> - -<p>»<i>Parlate italiano?</i>« fragte ich.</p> - -<p>»<i>Si, Signore</i>,« erwiederte er.</p> - -<p>Ich hatte etwas von Verirren u. s. w. vorbringen -wollen, doch von diesem Menschen fühlte ich instinktmäßig, -er werde mich durchschauen. So sagte ich -denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.«</p> - -<p>Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein -augenblicklicher stechender Seitenblick.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen. -»Die Heimathlosen.«</p> - -<p>Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig.</p> - -<p>»Ihr gehört auch zu ihnen?«</p> - -<p>Gemessenes Kopfneigen.</p> - -<p>»Ihr seid aus –«</p> - -<p>»Hier geboren, Signor.«</p> - -<p>»Aber der Vater?«</p> - -<p>»Der Vater? Aus Toscana.«</p> - -<p>»Und hierhergekommen – wann?«</p> - -<p>Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge. -Ich sah, daß er meine Fragen unverschämt fand.</p> - -<p>»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch -setze,« sagte ich einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit -hergekommen.«</p> - -<p>Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß -Raum für mich wurde. Ich setzte mich, wirklich angegriffen.</p> - -<p>»Von Vevey?« fragte nun er.</p> - -<p>Ich bejahte.</p> - -<p>»Der Signor wohnt dort?«</p> - -<p>»In den Kronen.«</p> - -<p>»Wegen der Gesundheit?«</p> - -<p>Ich zuckte die Achseln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter -so weit herauf?« fuhr er mit halbem Lächeln fort.</p> - -<p>»Wie ich Euch sagte – um Euch zu besuchen.«</p> - -<p>Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. -Er schien mich für thöricht zu halten. Nach einigen -Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns ist doch -wenig zu finden.«</p> - -<p>»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu -lernen.«</p> - -<p>»Uns Alle?« antwortete er zweideutig.</p> - -<p>»Seid Ihr nicht Alle –« forschte ich.</p> - -<p>»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber -sonderbar – sonderbar, ein klein wenig excentrisch. -Man läßt uns ungestört.«</p> - -<p>Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen. -Saß ich einmal neben einem Heimathlosen, wollte ich -ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang nämlich.</p> - -<p>Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der -Mensch neben mir war wie versiegelt. Absichtliche -Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig -in der Absicht, mich fortzuschicken.</p> - -<p>Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand -er auf und fragte: »Soll ich den Signor vielleicht -ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht könnte der -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er -ihn hinauf gleich gefunden hat.«</p> - -<p>Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten -ließ sich dann eben Nichts erwiedern. Mißmuthig -stand ich auf. »Da bin ich so weit hergekommen,« -sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, -die sich denken lassen, und Ihr gönnt mir -nicht einmal fünf volle Minuten Ausruhen unter Euerm -Dache.«</p> - -<p>»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er -demüthig spöttisch, »und es schickt sich nicht, daß ein -solcher Signor darunter verweile.«</p> - -<p>»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser -bekannt mit einander, daß wir Freunde werden? Ich -würde so gern Etwas für Euch thun.«</p> - -<p>»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen -Gleich und Gleich, nicht zwischen einem Reichen und -einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben, -so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein -Narr, wenn ich den Stolzen spielen wollte; aber von -Freundschaft redet nicht und kommt auch nicht wieder.«</p> - -<p>Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. -Es klang gerade, als glaube er sich mir überlegen. -Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn Ihr's denn -so wollt – ich werde Euch nicht bitten.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus -meiner Börse in die Hand geschüttet. »Gott segne -Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit sichtlichem -Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich -milder, zog den Rest des Brodes und die noch halb -volle Flasche hervor und bot ihm Beides. Ueberrascht -blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann -mit Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu -fassen, Signor. Wer mir Geld giebt, der ist mein -großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit -mir theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für -einen Menschen. Das habt Ihr gethan, Signor, -und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen -wünscht, – wenn Pietro es Euch sagen kann, so -sollt Ihr es erfahren.«</p> - -<p>Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der -Lichtung sichtbar war. Der Abend brach bereits herein, -und ich hatte noch mehrere Stunden bis hinunter, -ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht -erreichen konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, -den ich nun wenigstens bei einem christlichen Namen -nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher, -erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, -einen vortrefflichen Weg. Der Signor würde sehen. -Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an. Ich fürchtete -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein -Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten -Fuß. Treu meinem Grundsatz, mich vor allem unnöthigen -Schaden vorzusehen, wollte ich mich lieber -führen lassen, als romantisch allein verunglücken. -Pietro lief zu seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm -den ersten Bissen von dem Brode und gebot ihm, sich -vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. -Der Hund begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte -dieses Auftrages – er streckte sich mit der Majestät -eines Löwen vor der sogenannten Thür hin. -Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das -übrige fing er selbst an zu essen. Den Wein hatte -er Anfangs verwahren wollen, ohne davon zu nehmen; -vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht -ruhigen Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen -werden. Aber als er an die Thür gelangt war, hielt -er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit -einem Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich -selbst wahr und hieß ihn trinken – er solle in Vevey -mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er nun, -doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. -Als kein Tropfen mehr aus der Flasche herauswollte, -machte er ihr ein komisch-wehmüthig Gesicht; dann -wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -sich und erklärte sich für bereit zu meinen -Diensten, und nicht nur für jetzt, sondern in alle -Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher -ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. -Auch jünger dünkte er mir jetzt um Vieles. Für -einige dreißig hatt' ich ihn gehalten – er war erst -zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal – -das macht alt,« sagte er, aber ganz vergnügt, ja, mit -wahrer Komik. Seiner Laune nach war das Heimathlosendasein -eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, -aber ganz gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß -wenigstens keine Tragödie des Elends, und am allerwenigsten -eines jener Proletariats-Dramen, woran sich -jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend -etwas einzuernten als ein mäßiges Honorar, oder -irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche Langeweile.</p> - -<p>Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel -des Waldes und des Abends, auf Pfaden, -die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen -aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, -sondern völlig vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet -zu werden, wie ich sonst als Kind unserm alten treuen -Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige Brüderschaft -im Theilen des Brodes – Pietro hatte mir -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -nicht umsonst so herzlich gedankt, und ich konnte mich -ihm unbedingt überlassen.</p> - -<p>Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand -ein tolles gewesen – das sah ich ein, als -ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte. -Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch -dazu gestiegen, entweder hinauf oder hinunter – ich -fühlte mich wie entzwei, der Frost der Ueberreizung -blieb auch nicht aus – ich mußte mich legen, doch -nicht ohne für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche -Wein befohlen zu haben. Er verzehrte die für ihn -märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und -machte dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte -ich noch nie essen hören – ich dankte dem Himmel, -als er sich für gesättigt erklärte und was noch vorhanden -war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem -Kittel hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme -Hündlein, für den Liebling, den er allein habe lassen -müssen, um dem Signor zu dienen, wie es seine -Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. -Eigentlich beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein -mitgeben zu lassen, aber bei näherer Ueberlegung hielt -ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu verwöhnen -und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm -zu machen. Er hatte heute schon Geld, zwei Mal -<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Wein, ein Abendessen erhalten und außerdem mich noch -zum Freunde – das war genug – ich entließ ihn mit -meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz -unnöthiger, und eben darum erheiternder Feierlichkeit -gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner und -Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, -zu sein. Ich hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; -er dankte für die Ehre, welche ich dem armen Thiere -erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus -oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es -schon bemerkt – er redete von sich und dem Nondescript, -welches nebenbei gesagt, Tiger hieß, immer in -der Mehrheit.</p> - -<p>Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für -den nächsten Tag keine Langeweile zu befürchten. So -war ich dann musterhaft in der Geduld.</p> - -<p>Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen -pünktlich, daß ich, ermattet von der bösen -Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor -elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich -auf. Ich fluchte sowohl über den Kellner wie über -meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so -wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner -wieder zu begrüßen, daß ich nicht böse bleiben konnte, -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -sondern ihm Frühstück geben und mir seine Geschichte -erzählen ließ.</p> - -<p>Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so -gut, so frisch, so bunttoll und tollbunt, wie gewiß keiner -unserer Schriftsteller sie erfinden könnte, wer weiß -sogar, ob ein englischer.</p> - -<p>Ich schreibe sie nicht nach – ihr würden zu sehr -die schwarzen Augen fehlen, welche, wetteifernd mit -dem überströmenden Munde, sie erleuchteten, ihre -Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten. -Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester -und dann Bandit gewesen, dann da und dort -gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt, verjagt worden -war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet -und hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch -sagte. Ein Weib sei mit ihm gekommen, hätte –, -gesegnet sollte sie sein! – unter dem Dache, welches -ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den -Glauben preisgegeben haben, daß sie eine der ersten -Familien der »Niederlassung«, vielleicht gar die älteste -seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! -Ich lachte –, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte -mich, er wurde wieder freundlich. Großen Werth -legte er darauf, daß er lesen und schreiben könne. -Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -gegeben, meinte er mit nicht geringer Genugthuung. -Um es mir zu beweisen, holte er aus seiner Tasche -einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor -und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.</p> - -<p>Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge -für ein Einbürgern in unsere Welt zu thun. Mit -großer Demuth hörte er mich an, begleitete Alles, was -ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen -und am Ende kam es doch heraus, er wolle -bleiben, wo und wie er sei. Es werde nicht recht -gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei -zu alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht -auch zu träge,« bemerkte ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« -– er gab es mit schmerzlichem Bewußtsein -seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren -ist zu etwas, ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. -»Aber, Pietro, Ihr werdet dann nie mehr Hunger -haben.« – »O, Signor, der Hunger kommt selten, -selten, und es ist immer besser, bisweilen einen -Tag zu hungern, als alle Tage thun zu müssen, was -uns nicht gefällt«. Damit küßte er mir die Hand, -bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' -es nicht. Er war so <i>con amore</i> Vagabond, Heimathloser -– es wäre Grausamkeit gewesen statt Güte, -ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch -vermehren mochte, war, wie ich erwähnte, die Erinnerung -an einige unschuldige Fehltritte, begangen auf -dem Markt des Lebens und angemerkt von der <i>bête -noire</i> der Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's -Füße hatten die Grenzmarken der Civilisation überschritten -– er war mit seinem Vater und allein einige -Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der -übrigen Schweiz gewesen, aber wie ich denke, nicht immer -mit besonders gutem Gewissen wieder in sein Waldasyl -zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine -Lust, sich legitim bei Tageslicht und Angesichts der -Menge sehen zu lassen.</p> - -<p>»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste -vergeblich fand, »thut wie Ihr wollt, aber bei -denen, welche Ihr Eure Leute nennt, werde ich nichtsdestoweniger -versuchen, sie für etwas Besseres als die -Heimathlosigkeit zu gewinnen.«</p> - -<p>Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen -klugen Blick an und antwortete: »Ich zweifle, daß sie -wollen werden – ich bin gewiß, daß sie nicht wollen -werden.«</p> - -<p>»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der -rauhen Erde, unter dem oft mitleidlosen Himmel?«</p> - -<p>»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -Erde und den Himmel – wir haben die Freiheit. -Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, -wann wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer -Gesellschaft tausend Fesseln, von denen eine einzige uns -die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum Gefängniß -machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten -als Schmuck zu tragen – wir würden das nicht verstehen. -Wundert Euch nicht, mich so reden zu hören. -Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel -– wir denken auch nach und verständigen uns -über unsere Gedanken. Auch haben wir einige Studirte -unter uns, die – irgendwie unglücklich gewesen sind. -(Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) -Von denen lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« -fuhr Pietro fort, »und, Signor, verzeiht mir, es geht -nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden -möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden – das -ist natürlich, noch mehr, Euch muß unser Zustand -schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes Herz habt, -möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten -ist's, Ihr lasset uns, wie Ihr uns findet.«</p> - -<p>Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. -Ich konnte mich nicht überzeugen, daß sie auch die -der übrigen Zweihundert sein sollte – so viel dieser -Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -Gewiß waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen -nach dem bürgerlichen Dasein litten, für welche -diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde schlafen zu -können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein -ungeheures Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.</p> - -<p>Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu -meinem Vorhaben zurück, die Heimathlosen kennen zu -lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht mehr -zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem -Esel. Man ist hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen -liefen mir nicht nach, obwohl meine langen Beine von -dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten.</p> - -<p>Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel -der Heimathlosen; wohin Pietro mich geleitete -– er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut empfangen -– von Gefahr war nie die Rede, wenigstens -glaub' ich es nicht. Tiger trabte immer mit uns. -Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus – Tiger -brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript -hing unbeschreiblich an mir – er konnte, leider, nicht -mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen hatte, aber -es war eben so gut, als thäte er's.</p> - -<p>Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen -Bergen, ich auf dem Esel, Pietro mit Stock -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -und Provianttasche neben mir und der unbeschreibliche -Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's -wirklich sei. Aber ich war's.</p> - -<p>Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein -wenig verrückt, wenn nicht für ganz und gar. Anfangs -machte man mir Vorstellungen über das, was -ich wage – selbst der Wirth ließ sich herab: <i>Mais, -monsieur!</i> zu mir zu sagen. Ich gab ihm Recht, -bedankte mich und war den nächsten Tag wieder mit -Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit.</p> - -<p>Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum -– ich fing an, das Alles zu begreifen. -Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch, -oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu -war ich zu sehr, um mit Immermann's Münchhausen -zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern. -Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr -mit dieser Horde, die mitten in Europa ohne Gott, -Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott – das muß -ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem -Walde. Sie beteten zu ihm, die Einen so, die Andern -so.</p> - -<p>Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner, -Heiden, Christen, Verbrecher, Herumtreiber, Verfolgte?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht – -sie waren Heimathlose.</p> - -<p>Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer -Existenzen.</p> - -<p>Die Prosa des Elends.</p> - -<p>Die Poesie der Armseligkeit.</p> - -<p>Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie.</p> - -<p>Voll Rohheit und voll Weichheit.</p> - -<p>Seelen zum Schaudern und zum Weinen.</p> - -<p>Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen -über sich selbst, wie das böse Gewissen.</p> - -<p>Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller, -hätte ich studiren können.</p> - -<p>Epopöen der Schuld hört' ich.</p> - -<p>Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an -Brod, auch an Gottes Wort.</p> - -<p>Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren -mir die liebsten – die Studirten dagegen sehr zuwider. -Sie sprachen so viel, waren so erhitzte Ankläger -der ganzen Menschheit und so weitschweifige -Vertheidiger von den schlechtesten Bruchstücken derselben, -von sich selbst. Dabei hatten sie immer so ungeheuer -viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im -Kleinen sein müssen, um sie befriedigen zu können. -Was meine Mittel nicht überstieg, that ich. Aber -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre Contrebande -nach Amerika versendete.</p> - -<p>Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird -gegen die tausend socialen Ueberflüssigkeiten, welche -wir ihm so freigebig aufbringen.</p> - -<p>Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen -Freunden am liebsten gewonnen, konnte ich am wenigsten -thun. Ihr Geschick war fertig, ihr Gemüth hineingewachsen. -Einige Kinder übergab man mir – -was aus denen zu machen ich hoffen darf, würden -die Tage lehren, die noch kommen sollen. Bei den -Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's -Münchhausen zu reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon -vorgekommen, hätte ich irgend mir einbilden können, -sie auch nur halb zu civilisiren.</p> - -<p>Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke -und dazu Ziegen. Was diese Thierchen brauchten, -konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung -von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle, -Decken, Flachs, Kessel kaufte ich auch – für wenig -Geld möblirte ich meine Heimathlosen königlich.</p> - -<p>Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich -ihnen, Herr, Freund. Die Welt war in mir zu ihnen -gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht -lieblos.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten. -Sie war größer, etwas fester gebaut als die übrigen -Wohnungen, aber immer verschlossen. Die Heimathlosen -sagten mir: dort wohnten die Einsiedler.</p> - -<p>Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter. -Sie lebten ganz geschieden von den sie Umwohnenden. -Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte -schön gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein, -sehr fein.</p> - -<p>»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt -sie sich gut, haben sie's besser als Ihr?«</p> - -<p>»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau -sieht Euch so an, bewegt die Hand so, wie nur vornehme -Damen es thun. Signor, ich verstehe mich -darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen -habe.«</p> - -<p>Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat -Pietro, dem Manne von mir Dienstleistungen anzubieten. -Pietro brachte mir einen Dank und eine Ablehnung.</p> - -<p>Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und -meine Gedanken waren in der Hütte.</p> - -<p>War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen? -Wenn ich vielleicht eine unerträgliche Lage beenden -konnte –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr -verstörte?</p> - -<p>Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles -natürlicher und ehrwürdiger vorgekommen, als jedes -andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf, -wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht -sich von selbst nur nach dem Gesetz.</p> - -<p>So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, -untersagte mir selbst die Neugier und fing nach und -nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm zu -sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren -sein, so schnell verzehr' ich alle Interessen, die sich mir -darbieten.</p> - -<p>Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen -Brief »von der Frau aus der stillen Hütte«, wie er -ausdrucksvoll sagte.</p> - -<p>Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich -das nothdürftig zugeklebte Blatt auseinander und -las in deutscher Sprache:</p> - - -<div class="mw30 mt2 mb2 ci"> -<p>  »Herr Graf!</p> - -<p>»Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns -kommen wollen und sind nicht angenommen worden. -Jetzt komme ich zu Ihnen – werden auch Sie mich -zurückweisen?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene -Hand zurückgestoßen. Er that es, Er, für den -ich keinen Namen weiß; denn jeder Name, den ich -ihm geben würde, wäre eine Schande für mich. Doch -ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen.</p> - -<p>Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden -Sie kommen? Es hängt von Ihnen ab, ob verzweifeln -oder gerettet werden soll</p> - -<p class="si">Feodora Freiin von S.«</p> -</div> - - -<p>Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen -und sah noch immer hinein, nachdem ich ihn schon -lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die mir -schrieb – sie war aus Berlin – eine Jugendfreundin -meiner Mutter. Von ihrem Schicksale nachher, jetzt -nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung hätte Folge -leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig -zum Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie -hatte an mich ohne Adresse geschrieben, mein Name -war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person -und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich -ihr nenne? dachte ich. Doch sie schien »<i>to take it -coolly</i>« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief mißfiel -mir ungemein. So ganz und gar theatralisch, -und das von einer Frau, die wenigstens gegen funfzig -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort hinauf und -hineingerathen sein mochte? – Was ich von ihrer -Geschichte wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber -noch widerlicher mußte der Fortgang derselben sein. -Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich ihrer -Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen -in kalter grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf.</p> - -<p>»Die stille Hütte« lag etwa noch eine Stunde -hinter der Pietro's. Gegen elf ungefähr kam ich an, -– allein, denn Pietro sollte mich nicht begleiten, hatte -die Dame gesagt. Aber wenn gleich der Herr nicht, -der Hund lief mit mir – Tiger wäre nicht zurückzuhalten -gewesen, sobald er mich sah. Mit Tiger langte -ich demnach bei der Freiin von S. an, welche sich in -einer so ungewöhnlichen Wohnung und in einer so -unglaublichen Lage befand.</p> - -<p>Ich war etwas entfernt vom Hause abgestiegen, -doch mußte sie mich gehört haben, denn sie öffnete -die Thür, noch ehe ich davor war. Pietro hatte Recht -– die Frau mußte schön gewesen sein. Sie hatte -eines jener Profile, die unzerstörbar sind, weil sie klassisch -sind. Ihre Haltung war graziös – etwas Magdalene -darin, aber auch noch viel Hochmuth. Die -Frau gefiel mir eben so wenig als ihr Brief.</p> - -<p>Unsere Begrüßung war die sonderbarste und lächerlichste -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -für den Ort und die Umstände, gerade weil sie -an jedem andern Ort und unter allen andern Umständen -die alltägliche gewesen wäre.</p> - -<p>Ich sagte: »Ich habe die Ehre –«</p> - -<p>Sie antwortete, mir die Thür zeigend: »Darf ich -bitten.«</p> - -<p>Ich folgte ihr – den Esel hatte ich angebunden – -Tiger folgte mir.</p> - -<p>»Was haben Sie da für einen eigenen Hund, -Herr Graf«, sagte sie im natürlichsten Tone.</p> - -<p>»Verzeihung, meine Gnädige«, rief ich und stieß -Tiger hinaus.</p> - -<p>Als ich zurückkam, bot sie mir einen Schemel an. -Ich setzte mich und überreichte ihr meine Karte. Sie -las meinen Namen, »Gott!« rief sie, und gerieth in -Aufregung, »dieser Name! Ich kannte Ihre Familie, -wenn Sie aus Berlin sind?«</p> - -<p>»Und Sie, gnädigste Frau, entflohen vor zwanzig -Jahren mit – –« ich schämte mich fortzufahren.</p> - -<p>Sie lächelte bitter: »Ja, es war vor zwanzig Jahren -einmal Mode, daß vornehme Frauen mit Candidaten -– entflohen, wenn Sie die Güte haben wollen, -es so zu nennen. Ich nenn' es anders. Hoffentlich -ist mein Geschlecht wenigstens von dieser Thorheit -zurückgekommen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -»Ja, gnädige Frau, die Candidaten sind jetzt ungefährlich. -Sie verloben sich, ehe sie Hauslehrer werden.«</p> - -<p>»<i>Tant mieux, tant mieux</i>,« sagte sie nachlässig. -Plötzlich faßte sie mich scharf und energisch ins Auge -und sprach mit Lebhaftigkeit: »Ich sehe, daß ich Ihnen -keine Theilnahme einflöße. Auch begehr' ich keine, -aber Hülfe fordere ich. Wollen Sie mir die versprechen?«</p> - -<p>»Wozu?« fragte ich mißtrauisch.</p> - -<p>»Wozu?« wiederholte sie spöttisch. »Fürchten Sie, -ich wolle Sie zu einer Rolle in einem Trauerspiele dingen? -Wozu anders, als mir zu helfen, daß ich von -dem Menschen loskomme.«</p> - -<p>»So sprechen Sie von Demjenigen, um dessenwillen -Sie Alles verlassen haben, sogar Ihre zwei Kinder?« -fragte ich mit Ironie.</p> - -<p>»Wenn ich nicht um seinetwillen meine Kinder verlassen -hätte, würde ich wahrscheinlich anders von ihm -sprechen,« sagte sie rauh. »Glauben Sie mir, wir verzeihen -es einem Manne nicht, ihm Alles geopfert zu -haben.«</p> - -<p>»Haben wir denn Zeit, ein solches Gespräch zu -führen, gnädige Frau?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -»Ja. Er ist nach Gruyères hinüber, kommt erst -heute Abend wieder.«</p> - -<p>»So läßt er Sie denn doch allein?«</p> - -<p>»Weil er mir vertraut.«</p> - -<p>»Wie es scheint, etwas zu sehr,« bemerkte ich.</p> - -<p>»Er glaubt, daß ich ihn noch liebe,« sprach sie -verächtlich. »Ihn noch lieben nach zwanzig Jahren -der Entbehrung, der Erniedrigung, besonders nach den -letzten Jahren, die ich hier zugebracht! Es gehört eine -Eitelkeit wie die seine dazu, um das glauben zu können.«</p> - -<p>»Verzeihung,« sprach ich ernst, »ich glaubte bisher -immer, Nichts verkettete so unauflöslich wie gebrachte -Opfer, gemeinschaftliche Entbehrungen.«</p> - -<p>»Phrasen«, erwiederte sie mit ungeduldiger Bewegung. -»Bringen Sie z. B. ein Mal einer Frau Ihre -ganze Carriere zum Opfer –«</p> - -<p>»Ich habe keine Carriere.«</p> - -<p>»Oder Ihre Ehre.«</p> - -<p>»Das thäte ich nicht.«</p> - -<p>»Dergestalt, daß Sie nie Etwas aufopfern würden? -Dann können Sie mich freilich nicht begreifen.«</p> - -<p>»Ich würde um einer Geliebten willen Alles aufgeben, -was ein Mann aufgeben darf – alles Persönliche -außer der Ehre, Alles sonst, außer dem Vaterlande. -Und wenn ich es gethan, würde ich wo -<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -möglich noch mehr lieben, was auch logisch wäre; -denn wie theuer muß uns nicht ein Wesen sein, welches -wir mit der Totalsumme unserer Existenz erkauft haben?«</p> - -<p>»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer -bezahlt?« fragte sie kalt.</p> - -<p>»So ist Herr – Herr –«</p> - -<p>Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte. -Wenn meine Mutter die Geschichte erzählte, sagte sie -immer blos: »und so ein Candidat!«</p> - -<p>»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth -sei?«</p> - -<p>Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als -mache sie ein erhabenes Zugeständniß: »Vielleicht ist -er's nicht mehr geworden, als er von Anfang an war, -aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu, -»wenn Sie ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht -mehr fragen.«</p> - -<p>»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes -Glück gehabt,« sagte ich; »aber, gnädigste Frau, wenn -Sie das so gut wußten, warum da –«</p> - -<p>Sie sah mich an – ihre ganze Gestalt zitterte vor -Zorn. »Und Sie muß ich um Hülfe bitten,« sprach -sie langsam; »Es geschieht mir Recht.«</p> - -<p>Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -über meine Lippen. Nie hatte ich mich so vollkommen -abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast lächerliche -Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen, -ich hätte dieser Frau am liebsten die herbsten -Dinge gesagt. Und was hatte sie gethan? Ueber -ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein. -Sie empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch -inwendig um einige Grade bequemer war, als die -andern – sie empfing mich wie in einem Salon – -das machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste -erhalten, und in einer solchen Umgebung bewies das -wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter. Daß sie -verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben -– vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl -einflößen, vielleicht war er ein ordinairer Mensch, was -in einer tragischen Situation doppelt unerträglich ist. -Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich -hart gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein – -sie hatte noch nicht nach ihren Kindern gefragt. Das -war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich vermißt.</p> - -<p>»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir -länger keine Hülfe begehren wollen – ich kenne Ihre -Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist ein edles, -liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre -Mutter geweint hat. Schreiben Sie ihr – ich werde -<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -den Brief besorgen – Sie werden mir dann für -Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten -Brief. Was meinen Sie?«</p> - -<p>Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder -doch mindestens auf etwas Affekt. Täuschung. Ihre -Miene veränderte sich nicht. Mit derselben finstern -Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um -ihren Mund gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie, -daß ich mich an meine Tochter wenden will? Daß -ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie -nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu -erscheinen? Nein, wahrlich nicht, so lange ich noch -meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese Erniedrigung! -das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu -stehen.«</p> - -<p>»Gnädige Frau, Sie sind immer die Mutter.«</p> - -<p>»Die Mutter soll ein Vorbild und keine Schande -sein.«</p> - -<p>Sie mochte in meinen Augen gelesen haben; denn -sie fragte: »Sie meinen, das sei ich schon? Gut, -doch bin ich dann wenigstens nur eine vergangene, -halbvergessene. Eine gegenwärtige, aufgefrischte mag -ich nicht werden.«</p> - -<p>»Wollen Sie denn Ihre Tochter nie wiedersehen?«</p> - -<p>»Hab' ich das Recht dazu? Ich richte mich, Graf, -<a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -ich weiß, was ich verdiene und was nicht. Doch Sie -sprechen immer nur von meiner Tochter – mein -Sohn –«</p> - -<p>»Ihr Sohn ist todt, gnädige Frau.«</p> - -<p>Sie bebte innerlich zusammen; dann sagte sie leise: -»Für mich war er ja schon lange todt. Wie war er?« -setzte sie fast bittend hinzu.</p> - -<p>»Liebenswürdig und gut.«</p> - -<p>»Aber nicht bedeutend? Ja, das erkannte ich schon -damals; nur sein Vater wollte durchaus ein Genie in -ihm sehen.« Sie war wehmüthig geworden.</p> - -<p>»Der Baron, gnädige Frau –« sagte ich zögernd.</p> - -<p>»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits -vor sechs Jahren. Damals las ich noch Zeitungen – -so erfuhr ich's. Es war ein braver, rechtlicher Mann.«</p> - -<p>»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem -Schweigen wieder an, »wollten Sie nicht –«</p> - -<p>»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses -Menschen werden, der mich – nachdem ich –« Sie -machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des -Ekels.</p> - -<p>»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben – sollte -denn nicht ein Gefühl mehr –«</p> - -<p>»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich -nicht blos aus Langeweile auf dem Lande –« ich -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber verläumdete -sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig -und gereizt: »Möglich, möglich, kann sein – es ist so -lange her. Aber jetzt ist's ja auch einerlei, warum -ich es that, jetzt handelt es sich nur darum, daß ich -frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin, -als Verwalterin irgend eines Hauswesens, -als Unterlehrerin irgend einer Schule. Ich habe zwar -furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren, -aber so viel werd' ich doch noch wissen.«</p> - -<p>»Und was soll aus Herrn W. werden?«</p> - -<p>»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie -haben ja schon zwei bis drei Subjecte hingeschickt – -eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen, nicht -wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.«</p> - -<p>»Wird er wollen?«</p> - -<p>»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er -liebt mich noch. Begreifen Sie das – nach zwanzig -Jahren!«</p> - -<p>»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen -wollen,« rief ich heftig.</p> - -<p>»Es klingt so und ist's doch nicht. Glauben Sie, -daß ich ihm etwas Anderes bin, als ein stündlicher -Vorwurf? daß ich in meinem Herzen etwas Anderes -für ihn finde, als Abscheu, besonders seit – Sie haben -<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -mich noch nicht gefragt, warum ich hier bin. Wollen -Sie es hören?«</p> - -<p>»Wozu?« fragte ich wieder.</p> - -<p>»Genügt es Ihnen, daß wir unglücklich und strafbar -sind?«</p> - -<p>»Vollkommen. Es bedarf bei mir keines andern -Empfehlungsbriefes; denn ich kann auch unglücklich -und strafbar werden.«</p> - -<p>»Auf die Manier wie Herr W. nicht. Dazu kenne -ich Sie jetzt schon genug, um das zu wissen. Wollen -Sie mir die Hand geben?«</p> - -<p>Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«</p> - -<p>»Ach!« rief sie, mir die Hand entziehend und sich -von mir wendend.</p> - -<p>»Sie machen eine Schuld durch eine andere nicht -gut. Und wenn er Sie liebt. Vielleicht hat er um -Ihretwillen auch Alles verlassen –«</p> - -<p>»Das Alles des Herrn W!« sagte sie lachend.</p> - -<p>»Verzeihung,« sprach ich ernster als bisher; »das -bleibt sich gleich. Wer Alles giebt, der giebt Alles, -und mag sein Alles sich in einer hohlen Hand verschließen -lassen.«</p> - -<p>Sie war in Zerstreuung gefallen. Plötzlich fuhr -sie auf und sagte lebhaft zu mir: »Sonderbar, daß ich -mitten in dieser Misère nie daran gedacht habe, mir -<a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -das Leben zu nehmen. Das beweist – Feigheit oder -Kraft.«</p> - -<p>»Ich traue Ihnen Kraft zu,« sagte ich. »Wenden -Sie sie nur zum Guten an.«</p> - -<p>»Das heißt werden Sie nachträglich die ehr- und -tugendsame Ehefrau des Herrn W.«</p> - -<p>Dieser Hohn empörte mich. »Wenn Sie es vorziehen, -nur seine Maitresse gewesen zu sein – ich habe -Nichts dagegen.«</p> - -<p>Sie maß mich. »Spricht man jetzt so in guter -Gesellschaft?«</p> - -<p>»Nein,« erwiederte ich, »aber in schlechter.«</p> - -<p>Ich war wüthend auf diese Frau, die gefallen, -schlecht, und meiner bedürftig wie nur je ein Wesen -des andern sein kann, mir doch trotzte und wie! – -Moralisch. Denn ich hatte Recht. Was konnte sie mehr -hoffen, als noch ein Mal eine Gattin zu werden, noch -ein Mal in eine Gesellschaft zurückkehren zu dürfen? -Wenn W., wie ich mir vorstellen konnte, wegen einer infamirenden -Schuld sich hier verborgen hatte – ich -wollte ihm ja Mittel bieten, sich wieder rehabilitiren -zu können. Meine Kasse würde etwas darunter leiden, -das sah ich mit ziemlicher Bekümmerniß, indessen, ich -wollte mich gern einschränken, um meine Don Quixoterieen -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -wieder einzubringen, nur diese Trennung zwischen -zwei Menschen, die so lange Sünde und Noth mit -einander getheilt, kam mir unsittlich, ja, förmlich barbarisch -vor.</p> - -<p>Sie war meinen Ueberlegungen auf meinem Gesichte -gefolgt und sagte jetzt unendlich moquant: »Sie -rechnen, ob es Ihnen nicht zu theuer kommen könnte, -mir zu helfen.«</p> - -<p>Erzürnt sprang ich auf. »Gnädige Frau, wenn -Sie wollen, daß ich gern thun soll, was ich thun -will und thun werde, so beschimpfen Sie mich nicht.«</p> - -<p>»Beschimpften Sie mich nicht?« erwiederte sie -kaltblütig. »Ich habe nie eine Beleidigung angenommen, -ohne eine wiederzugeben.«</p> - -<p>»Nein, Sie passen nicht zu Ihrer Tochter,« sagte -ich gedankenvoll, fast traurig. Ich hatte jene junge -Frau wahrhaft lieb – sie war ganz Strenge in ihren -Grundsätzen, Milde in ihren Gesinnungen. Wie konnte -sie die Tochter einer solchen Mutter sein?</p> - -<p>»Waren Sie immer so, wie Sie jetzt sind?« fragte -ich die Baronin.</p> - -<p>»Den Anlagen nach, gewiß,« erwiederte sie gleichgültig. -»Das Leben entwickelt nur was in uns ist.«</p> - -<p>»Ich glaube das nicht. Ich glaube – kennen -Sie die Geheimnisse von Paris?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -»Wann erschienen?«</p> - -<p>»Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren.«</p> - -<p>»Also nach der Zeit, wo ich noch las. Nein, ich -kenne sie nicht, aber was wollen Sie mit diesen Geheimnissen?«</p> - -<p>Statt der Antwort fragte ich: »Sechs Jahre sind -Sie schon hier?«</p> - -<p>»D'rüber,« antwortete sie ruhig.</p> - -<p>»Aber, guter Gott, wie haben Sie denn gelebt?«</p> - -<p>»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man -Bände lesen können, »wie?« Sie schien sich sammeln -zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier gewesen, ein -Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen – dann -gab sie den Gedanken plötzlich auf und sagte nur: -»nun, wie man als Heimathlose lebt.«</p> - -<p>Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal -nicht ohne eine Art Antheil. Wenn sie durch diese -Prüfung auch nicht geläutert worden, sie hatte sie doch -überdauert, das war immer schon viel von einer Frau, -verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch -von Natur, wie sie sich zeigte. »Wie haben Sie's -nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte ich zögernd.</p> - -<p>»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht -mehr. Damit ist Alles gesagt. Doch was wollten -<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten – die -Geheimnisse, oder wie hieß es?«</p> - -<p>»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte -ich, »die Seele könne sich mitten in der größten Verderbniß -rein erhalten, eine weiße Nymphäa aus einem -Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in -die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war -wohl schon früher vorhanden und ist nur in diesem -Buche am ausgeprägtesten dargestellt. Lies't man es, -lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so -möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um -tugendhaft zu werden, erst Ehebrecherin sein, ein Mädchen -erst fallen, um die Unschuld zu kennen. Das ist nun -aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas -von dieser Apotheose der Untreue, dieser Verklärung -der Courtisane hören wollen. Meine Ueberzeugung -ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie, gnädige -Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das, -was Sie in Ihrem Hause, als die Mutter Ihrer -Kinder und der Gegenstand der allgemeinen Achtung -waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist. -Sie sind so gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu -empfinden, daß Sie sich nicht mehr besinnen, je anders -gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf -geben – Sie haben anders gefühlt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung.</p> - -<p>»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht -so –«</p> - -<p>Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat -sind!«</p> - -<p>»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen -Sie anfangen allein in der Welt?«</p> - -<p>»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit -ihm zusammen.«</p> - -<p>»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch -nicht versucht. Wenn Sie erst wissen werden, daß in -dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach Ihnen -frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben -zu lassen, kein anhänglich Geschöpf mehr, um es zu -mißhandeln –«</p> - -<p>»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln -ist mir kein Bedürfniß.«</p> - -<p>»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige -brauchen das gar sehr.«</p> - -<p>»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch.</p> - -<p>»Der beißt Sie,« antwortete ich.</p> - -<p>Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht -das Lachen verlernt hätte, würd' ich lachen. Was -sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich wollen -<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -– haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie -mir – es ängstigt mich jetzt, Sie zu sehen; was wir -gesprochen, kommt mir so verrückt vor. Bedenken Sie, -ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau, -die schon deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie -sich unbedingt Ihnen anvertraute. Gott, wenn ich -mich getäuscht hätte – wenn Sie Hohn mit mir -trieben!«</p> - -<p>»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich -mir an, aber auch wirklich unbedingt, ohne Rück- und -Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in meine Hand -– ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich -werden.«</p> - -<p>Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft, -mit welcher sie sich mir gegenüber gestellt, verließ sie. -Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden, jetzt mit tiefer -Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse, -die Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht -schlechtes Weib in zwanzig Jahren voll Unterdrückung -ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit, ohne -Aussicht, erleiden kann.</p> - -<p>Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung, -auch ihrem ursprünglichen Wesen nach – -wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so war's nur -gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen -<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -Skandals herzugeben – »ich wußte,« sagte sie mir, -»das Geschwätz über meine Flucht würde aufhören, -sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es -gewiß nicht lange gewährt – höchstens einige Freundinnen -außer Ihrer Mutter haben noch bisweilen ihre -Kinder von mir unterhalten –«</p> - -<p>»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich, -meine Mutter hat stets nur mit großem Bedauern -von Ihnen gesprochen.«</p> - -<p>»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau, -nicht Das geworden, wozu Sie mich jetzt machen -wollen, die Gattin meines interessanten Verführers. -Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen, -dieses liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die -arme Feodora! wie anders hat sie's jetzt, als früher -– ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen läßt, -einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch -zu heirathen – glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft -mit Herrn W. hätte man mir gern verziehen -– es gab noch andere Damen, denen er recht gut -gefiel – eine Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit -als lächerlich verurtheilt worden.«</p> - -<p>Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott: -»Gnädige Frau, und meinen Sie, man habe Sie -weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur entführen -<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat -nie für tragisch gegolten, obgleich es so tragisch ist, -wie es nur eines geben kann. Warum Sie keine -Scheidung und keine neue Ehe wollten – soll ich es -Ihnen sagen? Ihr Stolz als vornehme Frau und -als feine und energische Natur sträubte sich gegen die -Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig, -nicht nur den äußeren Verhältnissen, auch dem -innern Standpunkt nach – eine augenblickliche Schwäche -allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu ihm. -Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?«</p> - -<p>»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch -mit einer gewissen Freude, erkannt worden zu sein; -»daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher Fehltritt. -An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde -gegangen – an meiner Dummheit verzweifle ich noch -heute, wo sie schon zwanzig Jahr alt ist. Doch je -älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie. -Sie wächst immerfort.«</p> - -<p>»Verwandeln Sie die Dummheit.«</p> - -<p>»In was?«</p> - -<p>»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber -lohnreiches Loos?«</p> - -<p>Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken, -<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -und sah mich mit einem Blicke an, der mich um Erbarmen -flehte.</p> - -<p>»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand -nur verkaufen? Quälen Sie mich wenigstens erst, -wenn Sie ihn gesehen haben.«</p> - -<p>Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war -vernünftig. Was für den ersten Augenblick anzufangen, -war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte -ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine -Stube ausmitteln, wo sie sich vor W. verbergen -könne, bis ich ihn gesehen und geprüft. Dann sollte -ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden. -»Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn -Sie mich für moralisch incompetent halten. Meine -Seele möchte in die Einsamkeit und da ihrer Sünde -vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren -Aufruhr ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses -Mannes zu bleiben, daß meine Buße darin besteht. -Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern. -Sie sind jung und unverdorben – Sie werden besser -das Rechte erkennen, als ich.«</p> - -<p>Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und -sah mich an.</p> - -<p>Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die -nachkommen sollten. Als er aber nicht wieder anfing, -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht weiter?«</p> - -<p>»Nein, es geht noch nicht weiter,« versetzte er – -»ich habe erst bis hierher geschrieben. Ehe ich fortfahre, -sagen Sie mir – würden Sie die Leute verheirathet -haben?«</p> - -<p>»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich ohne mich zu -besinnen. »Es heißt: Was Gott zusammenfügt, das -soll der Mensch nicht scheiden, und nicht: Der Mensch -soll zusammenfügen, was Gott geschieden hat.«</p> - -<p>»Also glauben Sie, die Beiden seien von Gott -geschieden gewesen?«</p> - -<p>»Versteht sich.« Ich antwortete in meinem Eifer mit -einem Schweizer Ausdruck. »Durch Gott sowohl, wie -früher durch das Gesetz.«</p> - -<p>»Nun, ich habe sie trauen lassen,« sagte er trocken.</p> - -<p>»Da werden Sie was Schönes angerichtet haben!«</p> - -<p>»Calclire, nicht, war moralisch,« sprach er, wieder -yankeesirend.</p> - -<p>»Moralisch, aber dumm,« versicherte ich ihm.</p> - -<p>Er legte sein Manuscript auf den Tisch, stützte -Arm und Kopf auf und vertiefte sich in Nachdenken, -bis der Thee kam. Dann sagte er plötzlich bestimmt, -seine Tasse entgegen- und vom Teller eine Brezel wegnehmend: -<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -»Sie täuschen sich; ich bin ganz gewiß, daß -die Ehe gut ausfallen wird.«</p> - -<p>»Wenn Sie dessen gewiß sind, ist's ja gut,« sprach -ich lachend. »Beweisen Sie es nur dem Leser.«</p> - -<p>»Ich schreibe das Ding nicht fertig,« sagte er entschieden.</p> - -<p>»Und warum denn nicht?«</p> - -<p>»Sie sprechen heute klassisch schweizerisch. Weil -Sie die Heirath dumm finden.«</p> - -<p>»Ich finde sie dumm, Andere finden sie vielleicht -klug.«</p> - -<p>»Möglich, ich hoffe es sogar, aber ich mache die -Novelle doch nicht fertig.«</p> - -<p>»Des Menschen Wille –« sagte ich. »Nehmen -Sie Quittensaft?«</p> - -<p>»Danke. Nehmen Sie meine Novelle?«</p> - -<p>»So wie sie da ist?«</p> - -<p>»Und warum denn nicht?« machte er mir nach. -»Sie wollten sie ja als Schluß Ihres Buches?«</p> - -<p>»Aber ordentlich geschlossen, nicht so in der Mitte -abbrechend, wie eine nicht fertig gewordene Brücke.«</p> - -<p>»O,« sprach er mit unnachahmlicher Kühle, »für -Ihr Buch ist sie schon noch gut genug.«</p> - -<p>»Dann schreibe ich auch unser jetziges Gespräch -dazu.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -»Alles, was Sie wollen.«</p> - -<p>»Und Sie müssen mir noch sagen, wohin Sie Ihr -glückliches Paar befördert haben. Vermuthlich auch -nach Amerika?«</p> - -<p>»Nein,« versetzte er gelassen, »nach Australien.«</p> - -<p>»Das ist jedenfalls eine Abwechselung,« sprach -Otto, der uns bisher mit ziemlich spottender Miene -zugehört hatte.</p> - -<p>»So mein' ich auch,« entgegnete Wladislav.</p> - -<p>»Aber Pietro?« fragte ich weiter.</p> - -<p>»Pietro hat zwei Ziegen und wir correspondiren -mit einander.«</p> - -<p>»Die Ziegen und Sie?«</p> - -<p>»Nein, ich und Pietro.«</p> - -<p>»So einen Brief müssen Sie uns ein Mal zeigen,« -sprach Otto.</p> - -<p>Wladislav schüttelte den Kopf. »Briefgeheimniß – -unverletzlich.« Dann bat er mich um die zweite Tasse -Thee. Ich goß sie ihm ein, und that eine dritte Frage, -nach Tiger.</p> - -<p>Wladislav wurde roth. »Haben Sie nie in meinem -Zimmer einen Hund kläffen gehört?«</p> - -<p>»Allerdings, und ein eigenes, jämmerliches Gekläffe -war's.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -»Nun, das ist Tiger,« sagte er lächelnd und -zögernd.</p> - -<p>»Warum haben Sie ihn denn nie bei sich?«</p> - -<p>»Ich schäme mich, weil er so häßlich ist,« bekannte -er leise.</p> - -<p>Wir lachten ohne Umstände. »Sie sind,« sagte -ich –</p> - -<p>»Ich bin der Wladislav,« unterbrach er mich treuherzig, -bittend.</p> - -<p>»Kriegen wir nicht wenigstens das Nondescript zu -sehen?«</p> - -<p>Wladislav schwankte ein wenig. Dann aber sprach -er sanft: »Nein, das arme Vieh ist gar zu schauderhaft -– Sie würden ihn gewiß im Traume sehen.«</p> - -<p>Hier kam man, ihm den Wagen anzusagen. Er -erhob sich etwas widerstrebend. »Aus dem warmen -Salon in die feuchte Nacht,« sagte er sich in der -Erwartung schüttelnd.</p> - -<p>»Es ist erst sieben, also noch Abend,« tröstete -ich ihn.</p> - -<p>»Und gestern schien der Mond, deßwegen ist's -heute nicht finster,« setzte er mürrisch hinzu. »Sie -sind –«</p> - -<p>»Ich bin Ihre Freundin, die Ihnen eine glückliche -Reise wünscht, eine frohe Heimkehr –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a> -»Und ein langes Leben und eine selige Urständ,« -fiel er mir in die Rede. »Ich weiß das Alles schon – -bleiben Sie mir gesund, oder vielmehr werden Sie -Sich selbst gesund – es ist ein klägliches Ding, immer -so krank zu sein.«</p> - -<p>Damit reichte er mir ingrimmig die Hand, schüttelte -die meine so derb, daß ich schrie, und ging, von -Otto begleitet, nach der Thür. Dort kehrte er plötzlich -wieder um, kam zurück an den Tisch, sah mich -scharf an und fragte: »Wie finden Sie denn nun -eigentlich meine Novelle, d. h. meine wahre Geschichte?« – -»Barock und formlos,« antwortete ich, »auch mit Nachlässigkeiten -des Styles und Wiederholungen von Worten -reichlich gesegnet, aber dabei besonders genug und -deßwegen –« – »Schon gut!« Damit hemmte er -meine Kritik, flüsterte mir dann vertraulich zu: »Ich -will es Ihnen nur sagen: gerade so finde ich sie auch;« -und ohne mir noch ein Mal Adieu zu bieten, schritt -er nun wirklich aus der Thür.</p> - - -<p class="ce mt2 fss">Hofbuchdruckerei der Gebr. Jänecke in Hannover.</p> - -<hr class="mb4" /> - - - - -<div class="mw36 bo"> -<h2 class="mt0">Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <span class="ge">gesperrt</span>, <i>Antiqua</i>.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_018">18</a>:<br /> -im Original "für den armen Menschen ist's tödtlich."<br /> -geändert in "für den armen Menschen ist's tödtlich.«"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_072">72</a>:<br /> -im Original "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?"<br /> -geändert in "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_072">72</a>:<br /> -im Original "»Herr Leon auch.« Er war aber schon mehrere"<br /> -geändert in "»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_082">82</a>:<br /> -im Original "Die Engländerin konnte kein Wort Französich"<br /> -geändert in "Die Engländerin konnte kein Wort Französisch"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_089">89</a>:<br /> -im Original "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.«"<br /> -geändert in "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich."</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_104">104</a>:<br /> -im Original "»Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf."<br /> -geändert in "Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf."</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_104">104</a>:<br /> -im Original "Und warum erkundigte sich sich denn nicht"<br /> -geändert in "Und warum erkundigte sie sich denn nicht"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_108">108</a>:<br /> -im Original "meine junge Frau vorstellen zu dürfen«"<br /> -geändert in "meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_108">108</a>:<br /> -im Original "Sie scheinen sich wunderbare Gedanken"<br /> -geändert in "»Sie scheinen sich wunderbare Gedanken"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_110">110</a>:<br /> -im Original "»Aber ich weiß Alles, sagte lachend Pauline."<br /> -geändert in "»Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline."</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_110">110</a>:<br /> -im Original "Ich möchte gern von seiner Braut hören."<br /> -geändert in "Ich möchte gern von seiner Braut hören.«"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_128">128</a>:<br /> -im Original "Eben sprach ich sehr kennntnißreich und weise"<br /> -geändert in "Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_147">147</a>:<br /> -im Original "ihm, dem Überlegenen, Widerstand zu leisten"<br /> -geändert in "ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_147">147</a>:<br /> -im Original "sollte sie gleich bei ihrer Rückhehr"<br /> -geändert in "sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_192">192</a>:<br /> -im Original "er mochte ungefähr fünf- bis sechsund zwanzig sein"<br /> -geändert in "er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_206">206</a>:<br /> -im Original "Die Waadtländer sind so gelassen üller Alles"<br /> -geändert in "Die Waadtländer sind so gelassen über Alles"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_209">209</a>:<br /> -im Original "sich ver-verbergen wie die Schlangen"<br /> -geändert in "sich verbergen wie die Schlangen"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_210">210</a>:<br /> -im Original "den Berliner – Schönen auf die wunderbare Manier"<br /> -geändert in "den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_224">224</a>:<br /> -im Original "nahm seinen klugen Blick an und anwortete"<br /> -geändert in "nahm seinen klugen Blick an und antwortete"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_232">232</a>:<br /> -im Original "»<i>to take it coolly</i>« wie Jacob Faitful sagt"<br /> -geändert in "»<i>to take it coolly</i>« wie Jacob Faithful sagt"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_242">242</a>:<br /> -im Original "»Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«"<br /> -geändert in "Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_242">242</a>:<br /> -im Original "ernster als bisher; das bleibt sich gleich"<br /> -geändert in "ernster als bisher; »das bleibt sich gleich"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_245">245</a>:<br /> -im Original "sich so zu beugen? fragte ich zögernd"<br /> -geändert in "sich so zu beugen?« fragte ich zögernd"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_248">248</a>:<br /> -im Original "wenn Sie Hohn mit mir trieben!"<br /> -geändert in "wenn Sie Hohn mit mir trieben!«"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_254">254</a>:<br /> -im Original "Sie uns ein Mal zeigen, sprach Otto"<br /> -geändert in "Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto"</p> - -<p class="ci">Seite <a class="ndcbl" href="#page_256">256</a>:<br /> -im Original "»Barock und formlos,« anwortete ich"<br /> -geändert in "»Barock und formlos,« antwortete ich"</p> -</div> - - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>AUS DER SCHWEIZ</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. 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