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+The Project Gutenberg EBook of Die Leute von Seldwyla, Vol. 1, by Gottfried Keller
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+Title: Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
+
+Author: Gottfried Keller
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+Release Date: October, 2004 [EBook #6696]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on January 16, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-Latin-1
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE LEUTE VON SELDWYLA, VOL. 1 ***
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+
+
+
+Delphine Lettau and the Online Distributed Proofreading Team.
+
+
+
+GOTTFRIED KELLER
+
+DIE LEUTE VON SELDWYLA
+
+Erster Band
+
+
+
+
+INHALT
+
+Einleitung von Felix Rosenberg
+
+Pankraz, der Schmoller
+
+Romeo und Julia auf dem Dorfe
+
+Frau Regel Amrain und ihr Jüngster
+
+Die drei gerechten Kammacher
+
+Spiegel, das Kätzchen. Ein Märchen
+
+
+
+
+EINLEITUNG
+
+Seldwyla bedeutet nach der älteren Sprache einen wonnigen und sonnigen
+Ort, und so ist auch in der Tat die kleine Stadt dieses Namens gelegen
+irgendwo in der Schweiz. Sie steckt noch in den gleichen alten
+Ringmauern und Türmen, wie vor dreihundert Jahren, und ist also immer
+das gleiche Nest; die ursprüngliche tiefe Absicht dieser Anlage wird
+durch den Umstand erhärtet, daß die Gründer der Stadt dieselbe eine
+gute halbe Stunde von einem schiffbaren Flusse angepflanzt, zum
+deutlichen Zeichen, daß nichts daraus werden solle. Aber schön ist sie
+gelegen mitten in grünen Bergen, die nach der Mittagseite zu offen
+sind, so daß wohl die Sonne herein kann, aber kein rauhes Lüftchen.
+Deswegen gedeiht auch ein ziemlich guter Wein rings um die alte
+Stadtmauer, während höher hinauf an den Bergen unabsehbare Waldungen
+sich hinziehen, welche das Vermögen der Stadt ausmachen; denn dies ist
+das Wahrzeichen und sonderbare Schicksal derselben, daß die Gemeinde
+reich ist und die Bürgerschaft arm, und zwar so, daß kein Mensch zu
+Seldwyla etwas hat und niemand weiß, wovon sie seit Jahrhunderten
+eigentlich leben. Und sie leben sehr lustig und guter Dinge, halten
+die Gemütlichkeit für ihre besondere Kunst und, wenn sie irgendwo
+hinkommen, wo man anderes Holz brennt, so kritisieren sie zuerst die
+dortige Gemütlichkeit und meinen, ihnen tue es doch niemand zuvor in
+dieser Hantierung.
+
+Der Kern und der Glanz des Volkes besteht aus den jungen Leuten von
+etwa zwanzig bis fünf-, sechsunddreißig Jahren, und diese sind es,
+welche den Ton angeben, die Stange halten und die Herrlichkeit von
+Seldwyla darstellen. Denn während dieses Alters üben sie das Geschäft,
+das Handwerk, den Vorteil oder was sie sonst gelernt haben, d. h. sie
+lassen, solange es geht, fremde Leute für sich arbeiten und benutzen
+ihre Profession zur Betreibung eines trefflichen Schuldenverkehres,
+der eben die Grundlage der Macht, Herrlichkeit und Gemütlichkeit der
+Herren von Seldwyla bildet und mit einer ausgezeichneten
+Gegenseitigkeit und Verständnisinnigkeit gewahrt wird; aber
+wohlgemerkt, nur unter dieser Aristokratie der Jugend. Denn sowie
+einer die Grenze der besagten blühenden Jahre erreicht, wo die Männer
+anderer Städtlein etwa anfangen, erst recht in sich zu gehen und zu
+erstarken, so ist er in Seldwyla fertig; er muß fallen lassen und hält
+sich, wenn er ein ganz gewöhnlicher Seldwyler ist, ferner am Orte auf,
+als ein Entkräfteter und aus dem Paradies des Kredites Verstoßener,
+oder wenn noch etwas in ihm steckt, das noch nicht verbraucht ist, so
+geht er in fremde Kriegsdienste und lernt dort für einen fremden
+Tyrannen, was er für sich selbst zu üben verschmäht hat, sich
+einzuknöpfen und steif aufrechtzuhalten. Diese kehren als tüchtige
+Kriegsmänner nach einer Reihe von Jahren zurück und gehören dann zu
+den besten Exerziermeistern der Schweiz, welche die junge Mannschaft
+zu erziehen wissen, daß es eine Lust ist. Andere ziehen noch
+anderwärts auf Abenteuer aus gegen das vierzigste Jahr hin, und in den
+verschiedensten Weltteilen kann man Seldwyler treffen, die sich alle
+dadurch auszeichnen, daß sie sehr geschickt Fische zu essen verstehen,
+in Australien, in Kalifornien, in Texas, wie in Paris oder
+Konstantinopel.
+
+Was aber zurückbleibt und am Orte alt wird, das lernt dann
+nachträglich arbeiten, und zwar jene krabbelige Arbeit von tausend
+kleinen Dingen, die man eigentlich nicht gelernt, für den täglichen
+Kreuzer, und die alternden verarmten Seldwyler mit ihren Weibern und
+Kindern sind die emsigsten Leutchen von der Welt, nachdem sie das
+erlernte Handwerk aufgegeben, und es ist rührend anzusehen, wie tätig
+sie dahinter her sind, sich die Mittelchen zu einem guten Stückchen
+Fleisch von ehedem zu erwerben. Holz haben alle Bürger die Fülle und
+die Gemeinde verkauft jährlich noch einen guten Teil, woraus die große
+Armut unterstützt und genährt wird, und so steht das alte Städtchen in
+unveränderlichem Kreislauf der Dinge bis heute. Aber immer sind sie im
+ganzen zufrieden und munter, und wenn je ein Schatten ihre Seele
+trübt, wenn etwa eine allzu hartnäckige Geldklemme über der Stadt
+weilt, so vertreiben sie sich die Zeit und ermuntern sich durch ihre
+große politische Beweglichkeit, welche ein weiterer Charakterzug der
+Seldwyler ist. Sie sind nämlich leidenschaftliche Parteileute,
+Verfassungsrevisoren und Antragsteller, und wenn sie eine recht
+verrückte Motion ausgeheckt haben und durch ihr Großratsmitglied
+stellen lassen, oder wenn der Ruf nach Verfassungsänderung in Seldwyla
+ausgeht, so weiß man im Lande, daß im Augenblicke dort kein Geld
+zirkuliert. Dabei lieben sie die Abwechselung der Meinungen und
+Grundsätze und sind stets den Tag darauf, nachdem eine Regierung
+gewählt ist, in der Opposition gegen dieselbe. Ist es ein radikales
+Regiment, so scharen sie sich, um es zu ärgern, um den konservativen
+frömmlichen Stadtpfarrer, den sie noch gestern gehänselt, und machen
+ihm den Hof, indem sie sich mit verstellter Begeisterung in seine
+Kirche drängen, seine Predigten preisen und mit großem Geräusch seine
+gedruckten Traktätchen und Berichte der Baseler Missionsgesellschaft
+umherbieten, natürlich ohne ihm einen Pfennig beizusteuern. Ist aber
+ein Regiment am Ruder, welches nur halbwegs konservativ aussieht,
+stracks drängen sie sich um die Schullehrer der Stadt und der Pfarrer
+hat genug an den Glaser zu zahlen für eingeworfene Scheiben. Besteht
+hingegen die Regierung aus liberalen Juristen, die viel auf die Form
+halten, und aus häcklichen Geldmännern, so laufen sie flugs dem
+nächstwohnenden Sozialisten zu und ärgern die Regierung, indem sie
+denselben in den Rat wählen mit dem Feldgeschrei: Es sei nun genug des
+politischen Formenwesens und die materiellen Interessen seien es,
+welche allein das Volk noch kümmern könnten. Heute wollen sie das Veto
+haben und sogar die unmittelbarste Selbstregierung mit permanenter
+Volksversammlung, wozu freilich die Seldwyler am meisten Zeit hätten,
+morgen stellen sie sich übermüdet und blasiert in öffentlichen Dingen
+und lassen ein halbes Dutzend alte Stillständer, die vor dreißig
+Jahren falliert und sich seither stillschweigend rehabilitiert haben,
+die Wahlen besorgen; alsdann sehen sie behaglich hinter den
+Wirtshausfenstern hervor die Stillständer in die Kirche schleichen und
+lachen sich in die Faust, wie jener Knabe, welcher sagte: Es geschieht
+meinem Vater schon recht, wenn ich mir die Hände verfriere, warum
+kauft er mir keine Handschuhe! Gestern schwärmten sie allein für das
+eidgenössische Bundesleben und waren höchlich empört, daß man Anno
+achtundvierzig nicht gänzliche Einheit hergestellt habe; heute sind
+sie ganz versessen auf die Kantonalsouveränität und haben nicht mehr
+in den Nationalrat gewählt.
+
+Wenn aber eine ihrer Aufregungen und Motionen der Landesmehrheit
+störend und unbequem wird, so schickt ihnen die Regierung gewöhnlich
+als Beruhigungsmittel eine Untersuchungskommission auf den Hals,
+welche die Verwaltung des Seldwyler Gemeindegutes regulieren soll;
+dann haben sie vollauf mit sich selbst zu tun und die Gefahr ist
+abgeleitet.
+
+Alles dies macht ihnen großen Spaß, der nur überboten wird, wenn sie
+allherbstlich ihren jungen Wein trinken, den gärenden Most, den sie
+Sauser nennen; wenn er gut ist, so ist man des Lebens nicht sicher
+unter ihnen, und sie machen einen Höllenlärm; die ganze Stadt duftet
+nach jungem Wein und die Seldwyler taugen dann auch gar nichts. Je
+weniger aber ein Seldwyler zu Hause was taugt, um so besser hält er
+sich sonderbarerweise, wenn er ausrückt, und ob sie einzeln oder in
+Kompanie ausziehen, wie z.B. in früheren Kriegen, so haben sie sich
+doch immer gut gehalten. Auch als Spekulant und Geschäftsmann hat
+schon mancher sich rüstig umgetan, wenn er nur erst aus dem warmen
+sonnigen Tale herauskam, wo er nicht gedieh.
+
+In einer so lustigen und seltsamen Stadt kann es an allerhand
+seltsamen Geschichten und Lebensläufen nicht fehlen, da Müßiggang
+aller Laster Anfang ist. Doch nicht solche Geschichten, wie sie in dem
+beschriebenen Charakter von Seldwyla liegen, will ich eigentlich in
+diesem Büchlein erzählen, sondern einige sonderbare Abfällsel, die so
+zwischendurch passierten, gewissermaßen ausnahmsweise, und doch auch
+gerade nur zu Seldwyla vor sich gehen konnten.
+
+* * * * *
+
+
+
+
+PANKRAZ, DER SCHMOLLER
+
+Auf einem stillen Seitenplätzchen, nahe an der Stadtmauer, lebte die
+Witwe eines Seldwylers, der schon lange fertig geworden und unter dem
+Boden lag. Dieser war keiner von den schlimmsten gewesen, vielmehr
+fühlte er eine so starke Sehnsucht, ein ordentlicher und fester Mann
+zu sein, daß ihn der herrschende Ton, dem er als junger Mensch nicht
+entgehen konnte, angriff; und als seine Glanzzeit vorübergegangen und
+er der Sitte gemäß abtreten mußte von dem Schauplatz der Taten, da
+erschien ihm alles wie ein wüster Traum und wie ein Betrug um das
+Leben, und er bekam davon die Auszehrung und starb unverweilt.
+
+Er hinterließ seiner Witwe ein kleines baufälliges Häuschen, einen
+Kartoffelacker vor dem Tore und zwei Kinder, einen Sohn und eine
+Tochter. Mit dem Spinnrocken verdiente sie Milch und Butter, um die
+Kartoffeln zu kochen, die sie pflanzte, und ein kleiner Witwengehalt,
+den der Armenpfleger jährlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal
+einige Wochen über den Termin hinaus in seinem Geschäfte benutzt,
+reichte gerade zu dem Kleiderbedarf und einigen anderen kleinen
+Ausgaben hin. Dieses Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem
+die ärmlichen Gewänder der Kinder gerade um jene verlängerten Wochen
+zu früh gänzlich schadhaft waren und der Buttertopf überall seinen
+Grund durchblicken ließ. Dieses Durchblicken des grünen Topfbodens war
+eine so regelmäßige jährliche Erscheinung, wie irgendeine am Himmel,
+und verwandelte ebenso regelmäßig eine Zeitlang die kühle, kümmerlich-
+stille Zufriedenheit der Familie in eine wirkliche Unzufriedenheit.
+Die Kinder plagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen;
+denn sie hielten sie in ihrem Unverstande für mächtig genug dazu, weil
+sie ihr ein und alles, ihr einziger Schutz und ihre einzige
+Oberbehörde war. Die Mutter war unzufrieden, daß die Kinder nicht
+entweder mehr Verstand, oder mehr zu essen, oder beides zusammen
+erhielten.
+
+Besagte Kinder aber zeigten verschiedene Eigenschaften. Der Sohn war
+ein unansehnlicher Knabe von vierzehn Jahren, mit grauen Augen und
+ernsthaften Gesichtszügen, welcher des Morgens lang im Bette lag, dann
+ein wenig in einem zerrissenen Geschichts- und Geographiebuche las,
+und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg lief, um dem
+Sonnenuntergang beizuwohnen, welches die einzige glänzende und
+pomphafte Begebenheit war, welche sich für ihn zutrug. Sie schien für
+ihn etwa das zu sein, was für die Kaufleute der Mittag auf der Börse;
+wenigstens kam er mit ebenso abwechselnder Stimmung von diesem Vorgang
+zurück, und wenn es recht rotes und gelbes Gewölk gegeben, welches
+gleich großen Schlachtheeren in Blut und Feuer gestanden und
+majestätisch manövriert hatte, so war er eigentlich vergnügt zu
+nennen.
+
+Dann und wann, jedoch nur selten, beschrieb er ein Blatt Papier mit
+seltsamen Listen und Zahlen, welches er dann zu einem kleinen Bündel
+legte, das durch ein Endchen alte Goldtresse zusammengehalten wurde.
+In diesem Bündelchen stak hauptsächlich ein kleines Heft, aus einem
+zusammengefalteten Bogen Goldpapier gefertigt, dessen weiße Rückseiten
+mit allerlei Linien, Figuren und aufgereihten Punkten, dazwischen
+Rauchwolken und fliegende Bomben, gefüllt und beschrieben waren. Dies
+Büchlein betrachtete er oft mit großer Befriedigung und brachte neue
+Zeichnungen darin an, meistens um die Zeit, wenn das Kartoffelfeld in
+voller Blüte stand. Er lag dann im blühenden Kraut unter dem blauen
+Himmel, und wenn er eine weiße beschriebene Seite betrachtet hatte, so
+schaute er dreimal so lange in das gegenüberstehende glänzende
+Goldblatt, in welchem sich die Sonne brach. Im übrigen war es ein
+eigensinniger und zum Schmollen geneigter Junge, welcher nie lachte
+und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte.
+
+Seine Schwester war zwölf Jahre alt und ein bildschönes Kind mit
+langem und dickem braunen Haar, großen braunen Augen und der
+allerweißesten Hautfarbe. Dies Mädchen war sanft und still, ließ sich
+vieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besaß
+eine helle Stimme und sang gleich einer Nachtigall; doch obgleich es
+mit alle diesem freundlicher und lieblicher war, als der Knabe, so gab
+die Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und begünstigte ihn in
+seinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernen und
+es ihm wahrscheinlicherweise einmal recht schlecht ergehen konnte,
+während nach ihrer Ansicht das Mädchen nicht viel brauchte und schon
+deshalb unterkommen würde.
+
+Dieses mußte daher unaufhörlich spinnen, damit das Söhnlein desto mehr
+zu essen bekäme und recht mit Muße sein einstiges Unheil erwarten
+könne. Der Junge nahm dies ohne weiteres an und gebärdete sich wie ein
+kleiner Indianer, der die Weiber arbeiten läßt, und auch seine
+Schwester empfand hiervon keinen Verdruß und glaubte, das müsse so
+sein.
+
+Die einzige Entschädigung und Rache nahm sie sich durch eine
+allerdings arge Unzukömmlichkeit, welche sie sich beim Essen mit List
+oder Gewalt immer wieder erlaubte. Die Mutter kochte nämlich jeden
+Mittag einen dicken Kartoffelbrei, über welchen sie eine fette Milch
+oder eine Brühe von schöner brauner Butter goß. Diesen Kartoffelbrei
+aßen sie alle zusammen aus der Schüssel mit ihren Blechlöffeln, indem
+jeder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffelgebirge
+heineingrub. Das Söhnlein, welches bei aller Seltsamkeit in
+Eßangelegenheiten einen strengen Sinn für militärische Regelmäßigkeit
+beurkundete und streng daraufhielt, daß jeder nicht mehr noch weniger
+nahm, als was ihm zukomme, sah stets darauf, daß die Milch oder die
+gelbe Butter, welche am Rande der Schüssel umherfloß, gleichmäßig in
+die abgeteilten Gruben laufe; das Schwesterchen hingegen, welches viel
+harmloser war, suchte, sobald ihre Quellen versiegt waren, durch
+allerhand künstliche Stollen und Abzugsgräben die wohlschmeckenden
+Bächlein auf ihre Seite zu leiten, und wie sehr sich auch der Bruder
+dem widersetzte und ebenso künstliche Dämme aufbaute und überall
+verstopfte, wo sich ein verdächtiges Loch zeigen wollte, so wußte sie
+doch immer wieder eine geheime Ader des Breies zu eröffnen oder langte
+kurzweg in offenem Friedensbruch mit ihrem Löffel und mit lachenden
+Augen in des Bruders gefüllte Grube. Alsdann warf er den Löffel weg,
+lamentierte und schmollte, bis die gute Mutter die Schüssel zur Seite
+neigte und ihre eigene Brühe voll in das Labyrinth der Kanäle und
+Dämme ihrer Kinder strömen ließ. So lebte die kleine Familie einen Tag
+wie den andern, und indem dies immer so blieb, während doch die Kinder
+sich auswuchsen, ohne daß sich eine günstige Gelegenheit zeigte, die
+Welt zu erfassen und irgend etwas zu werden, fühlten sich alle immer
+unbehaglicher und kümmerlicher in ihrem Zusammensein. Pankraz, der
+Sohn, tat und lernte fortwährend nichts, als eine sehr ausgebildete
+und künstliche Art zu schmollen, mit welcher er seine Mutter, seine
+Schwester und sich selbst quälte. Es ward dies eine ordentliche und
+interessante Beschäftigung für ihn, bei welcher er die müßigen
+Seelenkräfte fleißig übte im Erfinden von hundert kleinen häuslichen
+Trauerspielen, die er veranlaßte und in welchen er behende und
+meisterlich den steten Unrechtleider zu spielen wußte. Estherchen, die
+Schwester, wurde dadurch zu reichlichem Weinen gebracht, durch welches
+aber die Sonne ihrer Heiterkeit schnell wieder hervorstrahlte. Diese
+Oberflächlichkeit ärgerte und kränkte dann den Pankraz so, daß er
+immer längere Zeiträume hindurch schmollte und aus selbstgeschaffenem
+Ärger selbst heimlich weinte.
+
+Doch nahm er bei dieser Lebensart merklich zu an Gesundheit und
+Kräften, und als er diese in seinen Gliedern anwachsen fühlte,
+erweiterte er seinen Wirkungskreis und strich mit einer tüchtigen
+Baumwurzel oder einem Besenstiel in der Hand durch Feld und Wald, um
+zu sehen, wie er irgendwo ein tüchtiges Unrecht auftreiben und
+erleiden könne. Sobald sich ein solches zur Not dargestellt und
+entwickelt, prügelte er unverweilt seine Widersacher auf das
+jämmerlichste durch, und er erwarb sich und bewies in dieser seltsamen
+Tätigkeit eine solche Gewandtheit, Energie und feine Taktik, sowohl im
+Ausspüren und Aufbringen des Feindes, als im Kampfe, daß er sowohl
+einzelne ihm an Stärke weit überlegene Jünglinge als ganze Trupps
+derselben entweder besiegte, oder wenigstens einen ungestraften
+Rückzug ausführte.
+
+War er von einem solchen wohlgelungenen Abenteuer zurückgekommen, so
+schmeckte ihm das Essen doppelt gut und die Seinigen erfreuten sich
+dann einer heitern Stimmung. Eines Tages aber war es ihm doch
+begegnet, daß er, statt welche auszuteilen, beträchtliche Schläge
+selbst geerntet hatte, und als er voll Scham, Verdruß und Wut nach
+Hause kam, hatte Estherchen, welche den ganzen Tag gesponnen, dem
+Gelüste nicht widerstehen können und sich noch einmal über das für
+Pankraz aufgehobene Essen hergemacht und davon einen Teil gegessen,
+und zwar, wie es ihm vorkam, den besten. Traurig und wehmütig, mit
+kaum verhaltenen Tränen in den Augen, besah er das unansehnliche,
+kaltgewordene Restchen, während die schlimme Schwester, welche schon
+wieder am Spinnrädchen saß, unmäßig lachte. Das war zu viel und nun
+mußte etwas Gründliches geschehen. Ohne zu essen, ging Pankraz hungrig
+in seine Kammer, und als ihn am Morgen seine Mutter wecken wollte, daß
+er doch zum Frühstück käme, war er verschwunden und nirgends zu
+finden. Der Tag verging, ohne daß er kam, und ebenso der zweite und
+dritte Tag. Die Mutter und Estherchen gerieten in große Angst und Not;
+sie sahen wohl, daß er vorsätzlich davongegangen, indem er seine
+Habseligkeiten mitgenommen. Sie weinten und klagten unaufhörlich, wenn
+alle Bemühungen fruchtlos blieben, eine Spur von ihm zu entdecken, und
+als nach Verlauf eines halben Jahres Pankrazius verschwunden war und
+blieb, ergaben sie sich mit trauriger Seele in ihr Schicksal, das
+ihnen nun doppelt einsam und arm erschien.
+
+Wie lang wird nicht eine Woche, ja nur ein Tag, wenn man nicht weiß,
+wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche
+Stille darüber durch die Welt herrscht, hab allnirgends auch nur der
+leiseste Hauch von ihrem Namen ergeht, und man weiß doch, sie sind da
+und atmen irgendwo.
+
+So erging es der Mutter und dem Estherlein fünf Jahre, zehn Jahre und
+fünfzehn Jahre, einen Tag wie den andern, und sie wußten nicht, ob ihr
+Pankrazius tot oder lebendig sei. Das war ein langes und gründliches
+Schmollen, und Estherchen, welches eine schöne Jungfrau geworden,
+wurde darüber zu einer hübschen und feinen alten Jungfer, welche nicht
+nur aus Kindestreue bei der alternden Mutter blieb, sondern ebensowohl
+aus Neugierde, um ja in dem Augenblicke da zu sein, wo der Bruder sich
+endlich zeigen würde, und zu sehen, wie die Sache eigentlich verlaufe.
+Denn sie war guter Dinge und glaubte fest, daß er eines Tages
+wiederkäme und daß es dann etwas Rechtes auszulachen gäbe. Übrigens
+fiel es ihr nicht schwer, ledig zu bleiben, da sie klug war und wohl
+sah, wie bei den Seldwylern nicht viel dahintersteckte an dauerhaftem
+Lebensglücke und sie dagegen mit ihrer Mutter unveränderlich in einem
+kleinen Wohlständchen lebte, ruhig und ohne Sorgen; denn sie hatten ja
+einen tüchtigen Esser weniger und brauchten für sich fast gar nichts.
+
+Da war es einst ein heller schöner Sommernachmittag, mitten in der
+Woche, wo man so an gar nichts denkt und die Leute in den kleinen
+Städten fleißig arbeiten. Der Glanz von Seldwyla befand sich sämtlich
+mit dem Sonnenschein auf den übergrünten Kegelbahnen vor dem Tore oder
+auch in kühlen Schenkstuben in der Stadt. Die Falliten und Alten aber
+hämmerten, näheten, schusterten, klebten, schnitzelten und bastelten
+gar emsig darauf los, um den langen Tag zu benutzen und einen
+vergnügten Abend zu erwerben, den sie nunmehr zu würdigen verstanden.
+Auf dem kleinen Platze, wo die Witwe wohnte, war nichts als die stille
+Sommersonne auf dem begrasten Pflaster zu sehen; an den offenen
+Fenstern aber arbeiteten ringsum die alten Leute und spielten die
+Kinder. Hinter einem blühenden Rosmaringärtchen auf einem Brette saß
+die Witwe und spann, und ihr gegenüber Estherchen und nähete. Es waren
+schon einige Stunden seit dem Essen verflossen und noch hatte niemand
+eine Zwiesprache gehalten von der ganzen Nachbarschaft. Da fand der
+Schuhmacher wahrscheinlich, daß es Zeit sei, eine kleine
+Erholungspause zu eröffnen, und nieste so laut und mutwillig: Hupschi!
+daß alle Fenster zitterten und der Buchbinder gegenüber, der
+eigentlich kein Buchbinder war, sondern nur so aus dem Stegreif
+allerhand Pappkästchen zusammenleimte und an der Türe ein verwittertes
+Glaskästchen hängen hatte, in welchem eine Stange Siegellack an der
+Sonne krumm wurde, dieser Buchbinder rief: Zur Gesundheit! und alle
+Nachbarsleute lachten. Einer nach dem andern steckte den Kopf durch
+das Fenster, einige traten sogar vor die Türe und gaben sich Prisen,
+und so war das Zeichen gegeben zu einer kleinen Nachmittagsunterhaltung
+und zu einem fröhlichen Gelächter während des Vesperkaffees, der schon
+aus allen Häusern duftete und zichorierte. Diese hatten endlich gelernt,
+sich aus wenigem einen Spaß zu machen. Da kam in dies Vergnügen
+herein ein fremder Leiermann mit einem schönpolierten Orgelkasten, was
+in der Schweiz eine ziemliche Seltenheit ist, da sie keine eingeborenen
+Leiermänner besitzt. Er spielte ein sehnsüchtiges Lied von der Ferne und
+ihren Dingen, welches die Leute über die Maßen schön dünkte und
+besonders der Witwe Tränen entlockte, da sie ihres Pankräzchens
+gedachte, das nun schon viele Jahre verschwunden war. Der
+Schuhmacher gab dem Manne einen Kreuzer, er zog ab und das Plätzchen
+wurde wieder still. Aber nicht lange nachher kam ein anderer Herumtreiber
+ mit einem großen fremden Vogel in einem Käfig, den er unaufhörlich
+zwischen dem Gitter durch mit einem Stäbchen anstach und erklärte, so daß
+der traurige Vogel keine Ruhe hatte. Es war ein Adler aus Amerika; und die
+fernen blauesten Länder, über denen er in seiner Freiheit geschwebt, kamen
+der Witwe in den Sinn und machten sie um so trauriger, als sie gar nicht
+wußte, was das für Länder wären, noch wo ihr Söhnchen sei. Um den
+Vogel zu sehen, hatten die Nachbarn auf das Plätzchen hinaustreten
+müssen, und als er nun fort war, bildeten sie eine Gruppe, steckten die
+Nasen in die Luft und lauerten auf noch mehr Merkwürdigkeiten, da sie nun
+doch die Lust ankam, den übrigen Tag zu vertrödeln.
+
+Diese Lust wurde denn auch erfüllt und es dauerte nicht lange, bis das
+allergrößte Spektakel sich mit großem Lärm näherte unter dem Zulauf
+aller Kinder des Städtchens. Denn ein mächtiges Kamel schwankte auf
+den Platz, von mehreren Affen bewohnt; ein großer Bär wurde an seinem
+Nasenringe herbeigeführt; zwei oder drei Männer waren dabei, kurz ein
+ganzer Bärentanz führte sich auf und der Bär tanzte und machte seine
+possierlichen Künste, indem er von Zeit zu Zeit unwirsch brummte, daß
+die friedlichen Leute sich fürchteten und in scheuer Entfernung dem
+wilden Wesen zuschauten. Estherchen lachte und freute sich unbändig
+über den Bären, wie er so zierlich umherwatschelte mit seinem Stecken,
+über das Kamel mit seinem selbstvergnügten Gesicht und über die Affen.
+Die Mutter dagegen mußte fortwährend weinen; denn der böse Bär
+erbarmte sie, und sie mußte wiederum ihres verschollenen Sohnes
+gedenken.
+
+Als endlich auch dieser Aufzug wieder verschwunden und es wieder still
+geworden, indem die aufgeregten Nachbarn sich mit seinem Gefolge
+ebenfalls aus dem Staube gemacht, um da oder dort zu einem
+Abendschöppchen unterzukommen, sagte Estherchen: „Mir ist es nun
+zumute, als ob der Pankraz ganz gewiß heute noch kommen würde, da
+schon so viele unerwartete Dinge geschehen und solche Kamele, Affen
+und Bären dagewesen sind!" Die Mutter ward böse darüber, daß sie den
+armen Pankraz mit diesen Bestien sozusagen zusammenzählte und
+auslachte, und hieß sie schweigen, nicht innewerdend, daß sie ja
+selbst das gleiche getan in ihren Gedanken. Dann sagte sie seufzend:
+„Ich werde es nicht erleben, daß er wiederkommt!"
+
+Indem sie dies sagte, begab sich die größte Merkwürdigkeit dieses
+Tages und ein offener Reisewagen mit einem Extrapostillion fuhr mit
+Macht auf das stille Plätzchen, das von der Abendsonne noch halb
+bestreift war. In dem Wagen saß ein Mann, der eine Mütze trug wie die
+französischen Offiziere sie tragen, und ebenso trug er einen Schnurr-
+und Kinnbart und ein gänzlich gebräuntes und ausgedörrtes Gesicht zur
+Schau, das überdies einige Spuren von Kugeln und Säbelhieben zeigte.
+Auch war er in einen Burnus gehüllt, alles dies, wie es französische
+Militärs aus Afrika mitzubringen pflegen, und die Füße stemmte er
+gegen eine kolossale Löwenhaut, welche auf dem Boden des Wagens lag;
+auf dem Rücksitze vor ihm lag ein Säbel und eine halblange arabische
+Pfeife neben anderen fremdartigen Gegenständen.
+
+Dieser Mann sperrte ungeachtet des ernsten Gesichtes, das er machte,
+die Augen weit auf und suchte mit denselben rings auf dem Platze ein
+Haus, wie einer, der aus einem schweren Traume erwacht. Beinahe
+taumelnd, sprang er aus dem Wagen, der von ungefähr auf der Mitte des
+Plätzchens stillhielt; doch ergriff er die Löwenhaut und seinen Säbel
+und ging sogleich sicheren Schrittes in das Häuschen der Witwe, als ob
+er erst vor einer Stunde aus demselben gegangen wäre. Die Mutter und
+Estherchen sahen dies voll Verwunderung und Neugierde und horchten
+auf, ob der Fremde die Treppe heraufkäme; denn obgleich sie kaum noch
+von Pankrazius gesprochen, hatten sie in diesem Augenblick keine
+Ahnung, daß er es sein könnte, und ihre Gedanken waren von der
+überraschten Neugierde himmelweit von ihm weggeführt. Doch urplötzlich
+erkannten sie ihn an der Art, wie er die obersten Stufen übersprang
+und über den kurzen Flur weg fast gleichzeitig die Klinke der
+Stubentür ergriff, nachdem er wie der Blitz vorher den lose steckenden
+Stubenschlüssel fester ins Schloß gestoßen, was sonst immer die Art
+des Verschwundenen gewesen, der in seinem Müßiggange eine seltsame
+Ordnungsliebe bewährt hatte. Sie schrien laut auf und standen
+festgebannt vor ihren Stühlen, mit offenem Munde nach der aufgehenden
+Türe sehend. Unter dieser stand der fremde Pankrazius mit dem dürren
+und harten Ernste eines fremden Kriegsmannes, nur zuckte es ihm
+seltsam um die Augen, indessen die Mutter erzitterte bei seinem
+Anblick und sich nicht zu helfen wußte und selbst Estherchen zum
+erstenmal gänzlich verblüfft war und sich nicht zu regen wagte. Doch
+alles dies dauerte nur einen Augenblick; der Herr Oberst, denn nichts
+Geringeres war der verlorene Sohn, nahm mit der Höflichkeit und
+Achtung, welche ihn die wilde Not des Lebens gelehrt, sogleich die
+Mütze ab, was er nie getan, wenn er früher in die Stube getreten; eine
+unaussprechliche Freundlichkeit, wenigstens wie es den Frauen vorkam,
+die ihn nie freundlich gesehen noch also denken konnten, verbreitete
+sich über das gefurchte und doch noch nicht alte Soldatengesicht und
+ließ schneeweiße Zähne sehen, als er auf sie zueilte und beide mit
+ausbrechendem Herzensweh in die Arme schloß.
+
+Hatte die Mutter erst vor dem martialischen und vermeintlich immer
+noch bösen Sohne sonderbar gezittert, so zitterte sie jetzt erst recht
+in scheuer Seligkeit, da sie sich in den Armen dieses wiedergekehrten
+Sohnes fühlte, dessen achtungsvolles Mützenabnehmen und dessen
+aufleuchtende nie gesehene Anmut, wie sie nur die Rührung und die Reue
+gibt, sie schon wie mit einem Zauberschlage berührt hatten. Denn noch
+ehe das Bürschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte es schon
+angefangen, sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither hatte
+Pankraz in bitterer Sprödigkeit und Verstockung sich gehütet, seine
+Mutter auch nur mit der Hand zu berühren, abgesehen davon, daß er
+unzählige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gutenacht zu
+sagen. Daher bedünkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer
+Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl
+dreißig Jahren sozusagen zum erstenmal sich von dem Sohne umfangen
+sah. Aber auch Estherchen bedünkte dieses veränderte Wesen so
+ernsthaft und wichtig, daß sie, die den Schmollenden tausendmal
+ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen
+anzulachen vermochte, sondern mit klaren Tränen in den Augen nach
+ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte.
+
+Pankraz war der erste, der sich nach mehreren Minuten wieder
+zusammennahm und als ein guter Soldat einen Übergang und Ausweg
+dadurch bewerkstelligte, daß er sein Gepäck heraufbeförderte. Die
+Mutter wollte mit Estherchen helfen; aber er führte sie äußerst
+holdselig zu ihrem Sitze zurück und duldete nur, daß Estherchen zum
+Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den
+weiteren Verlauf führte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren
+guten Humor wiedergewann und nicht länger unterlassen konnte, die
+Löwenhaut an dem langen gewaltigen Schwanze zu packen und auf dem
+Boden herumzuziehen, indem sie sich kranklachen wollte und einmal über
+das andere rief: „Was ist dies nur für ein Pelz? Was ist dies für ein
+Ungeheuer?"
+
+„Dies ist," sagte Pankraz, seinen Fuß auf das Fell stoßend, „vor drei
+Monaten noch ein lebendiger Löwe gewesen, den ich getötet habe. Dieser
+Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwölf Stunden lang so
+eindringlich gepredigt, daß ich armer Kerl endlich von allem Schmollen
+und Bössein für immer geheilt wurde. Zum Andenken soll seine Haut
+nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schöne Geschichte!"
+setzte er mit einem Seufzer hinzu.
+
+In der Voraussicht, daß seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig
+anträfe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause hätten, hatte er in
+der letzten größeren Stadt, wo er durchgereist, einen Korb guten
+Weines eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen guten Speisen,
+damit in Seldwyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille
+mit der Mutter und der Schwester ein Abendbrot einnehmen konnte. So
+brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken und Pankraz trug auf,
+einige gebratene Hühner, eine herrliche Sülzpastete und ein Paket
+feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht,
+wie dunkel einst das armselige Tranlämpchen gebrannt und wie oft er
+sich über die kümmerliche Beleuchtung geärgert, wobei er kaum seine
+müßigen Siebensachen handhaben gekonnt, ungeachtet die Mutter, die
+doch ältere Augen hatte, ihm immer das Lämpchen vor die Nase
+geschoben, wiederum zum großen Ergötzen Estherchens, die bei jeder
+Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktizieren verstanden. Ach,
+einmal hatte er sie zornig weinend ausgelöscht, und als die Mutter sie
+bekümmert wieder angezündet, blies sie Estherchen lachend wieder aus,
+worauf er zerrissenen Herzens ins Bett gerannt. Dies und noch anderes
+war ihm auf dem Wege eingefallen, und indem er schmerzlich und bang
+kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen wiedersehen würde, hatte er
+auch noch einige Wachskerzen eingekauft, und zündete jetzo zwei
+derselben an, so daß die Frauensleute sich nicht zu lassen wußten vor
+Verwunderung ob all der Herrlichkeit.
+
+Dergestalt ging es wie aus einer kleinen Hochzeit in dem Häuschen der
+Witwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der
+Kerzen, die gealterten Gesichter seiner Mutter und Schwester zu sehen,
+und dies Sehen rührte ihn stärker, als alle Gefahren, denen er ins
+Gesicht geschaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sinnen über die
+menschliche Art und das menschliche Leben, und wie gerade unsere
+kleineren Eigenschaften, eine freundliche oder herbe Gemütsart, nicht
+nur unser Schicksal und Glück machen, sondern auch dasjenige der uns
+Umgebenden und uns zu diesen in ein strenges Schuldverhältnis zu
+bringen vermögen, ohne daß wir wissen wie es zugegangen, da wir uns ja
+unser Gemüt nicht selbst gegeben. In diesen Betrachtungen ward er
+jedoch gestört durch die Nachbarn, welche jetzt ihre Neugierde nicht
+länger unterdrücken konnten und einer nach dem andern in die Stube
+drangen, um das Wundertier zu sehen, da sich schon in der ganzen Stadt
+das Gerücht verbreitet hatte, der verschollene Pankrazius sei
+erschienen, und zwar als ein französischer General in einem
+vierspännigen Wagen.
+
+Dies war nun ein höchst verwickelter Fall für die in ihren
+Vergnügungslokalen versammelten Seldwyler, sowohl für die Jungen als
+wie für die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hinter den Ohren.
+Denn dies war gänzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu
+Seldwyl, daß da einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann
+und General herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl
+sonst fertig war. Was wollte der denn nun beginnen? Wollte er wirklich
+am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu sein die übrige Zeit
+seines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt würde? Und wie
+hatte er es angefangen? Was zum Teufel hatte der unbeachtete und
+unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne
+sich aufzubrauchen? Das war die Frage, die alle Gemüter bewegte, und
+sie fanden durchaus keinen Schlüssel, das Rätsel zu lösen, weil ihre
+Menschen- oder Seelenkunde zu klein war, um zu wissen, daß gerade die
+herbe und bittere Gemütsart, welche ihm und seinen Angehörigen so
+bittere Schmerzen bereitet, sein Wesen im übrigen wohl konserviert,
+wie der scharfe Essig ein Stück Schöpfenfleisch, und ihm über das
+gefährliche Seldwyler Glanzalter hinweggeholfen hatte. Um die Frage zu
+lösen, stellte man überhaupt die Wahrheit des Ereignisses in Frage und
+bestritt dessen Möglichkeit, und um diese Auffassung zu bestätigen,
+wurden verschiedene alte Falliten nach dem Plätzchen abgesandt, so daß
+Pankraz, dessen schon versammelte Nachbarn ohnehin diesem Stande
+angehörten, sich von einer ganzen Versammlung neugieriger und
+gemütlicher Falliten umgeben sah, wie ein alter Heros in der Unterwelt
+von den herbeieilenden Schatten.
+
+Er zündete nun seine türkische Pfeife an und erfüllte das Zimmer mit
+dem fremden Wohlgeruch des morgenländischen Tabaks; die Schatten oder
+Falliten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken umher,
+und Estherchen und die Mutter bestaunten unaufhörlich die
+Leutseligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die
+Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere
+Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entließ, als es
+ihm Zeit dazu schien.
+
+Da aber die Freuden, welche auf dem Familienglück und auf frohen
+Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den längsten
+Leiden die Beteiligten plötzlich immer jung und munter machen, statt
+sie zu erschöpfen, wie die Aufregungen der weitern Welt es tun, so
+verspürte die alte Mutter noch nicht die geringste Müdigkeit und
+Schlaflust, so wenig als ihre Kinder, und von dem guten Weine erwärmt,
+den sie mit Zufriedenheit genossen, verlangte sie endlich mit ihrer
+noch viel ungeduldigeren Tochter etwas Näheres von Pankrazens
+Schicksal zu wissen.
+
+„Ausführlich," erwiderte dieser, „kann ich jetzt meine trübselige
+Geschichte nicht mehr beginnen und es findet sich wohl die Zeit, wo
+ich euch nach und nach meine Erlebnisse im einzelnen vorsagen werde.
+Für heute will ich euch aber nur einige Umrisse angeben, soviel als
+nötig ist, um auf den Schluß zu kommen, nämlich auf meine Wiederkehr
+und die Art, wie diese veranlaßt wurde, da sie eigentlich das rechte
+Seitenstück bildet zu meiner ehemaligen Flucht und aus dem gleichen
+Grundtone geht. Als ich damals auf so schnöde Weise entwich, war ich
+von einem unvertilgbaren Groll und Weh erfüllt; doch nicht gegen euch,
+sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese unnütze
+Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst deutlich
+geworden. Wenn ich hauptsächlich immer des Essens wegen bös wurde und
+schmollte, so war der geheime Grund hiervon das nagende Gefühl, daß
+ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte und nichts tat,
+ja weil mich gar nichts reizte zu irgendeiner Beschäftigung und also
+keine Hoffnung war, daß es je anders würde; denn alles was ich andere
+tun sah, kam mir erbärmlich und albern vor; selbst euer ewiges Spinnen
+war mir unerträglich und machte mir Kopfweh, obgleich es mich Müßigen
+erhielt. So rannte ich davon in einer Nacht in der bittersten
+Herzensqual und lief bis zum Morgen, wohl sieben Stunden weit von
+hier. Wie die Sonne aufging, sah ich Leute, die auf einer großen Wiese
+Heu machten; ohne ein Wort zu sagen oder zu fragen, legte ich mein
+Bündel an den Rand, ergriff einen Rechen oder eine Heugabel und
+arbeitete wie ein Besessener mit den Leuten und mit der größten
+Geschicklichkeit; denn ich hatte mir während meines Herumlungerns hier
+alle Handgriffe und Übungen derjenigen, welche arbeiteten,
+wohlgemerkt, sogar öfter dabei gedacht, wie sie dies und jenes
+ungeschickt in die Hand nähmen und wie man eigentlich die Hände ganz
+anders müßte fliegen lassen, wenn man erst einmal ein Arbeiter heißen
+wolle.
+
+„Die Leute sahen mir erstaunt zu und niemand hinderte mich an meiner
+Arbeit; als sie das Morgenbrot aßen, wurde ich dazu eingeladen; dieses
+hatte ich bezweckt und so arbeitete ich weiter, bis das Mittagessen
+kam, welches ich ebenfalls mit großem Appetit verzehrte. Doch nun
+erstaunten die Bauersleute noch viel mehr und sandten mir ein
+verdutztes Gelächter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu
+ergreifen, plötzlich den Mund wischte, mein Bündelchen wieder ergriff
+und ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiterzog. In
+einem dichten kühlen Buchenwäldchen legte ich mich hin und schlief bis
+zur Abenddämmerung; dann sprang ich auf, ging aus dem Wäldchen hervor
+und guckte am Himmel hin und her, an welchem die Sterne hervorzutreten
+begannen. Die Stellung der Sterne gehörte auch zu den wenigen Dingen,
+die ich während meines Müßigganges gemerkt, und da ich darin eine
+große Ordnung und Pünktlichkeit gefunden, so hatte sie mir immer
+wohlgefallen, und zwar um so mehr, als diese glänzenden Geschöpfe
+solche Pünktlichkeit nicht um Taglohn und um eine Portion
+Kartoffelsuppe zu üben schienen, sondern damit nur taten, was sie
+nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergnügen, und dabei wohl
+bestanden. Da ich nun durch das allmähliche Auswendiglernen unsres
+Geographiebuches, so einfach dieses war, auch auf dem Erdboden
+Bescheid wußte, so verstand ich meine Richtung wohl zu nehmen und
+beschloß in diesem Augenblick, nordwärts durch ganz Deutschland zu
+laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die Nacht hindurch
+wieder acht gute Stunden und kam mit der Morgensonne an eine wilde und
+entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein mit Kornsäcken
+beladenes Schiff an einer Untiefe aufstieß, indessen doch das Wasser
+über einen Teil der Ladung wegströmte. Da sich nur drei Männer bei dem
+Schiffe befanden und weit und breit in dieser Frühe und in dieser
+Wildnis niemand zu ersehen war, so kam ich sehr willkommen, als ich
+sogleich Hand anlegte und den Schiffern die schwere Ladung ans Ufer
+bringen und das Fahrzeug wieder flottmachen half. Was von dem Korne
+naßgeworden, schütteten wir auf Bretter, die wir an die Sonne legten,
+und wandten es fleißig um, und zuletzt beluden wir das Schiff wieder.
+Doch nahm dies alles den größten Teil des Tages weg, und ich fand
+dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten unterschiedliche tüchtige
+Mahlzeiten zu teilen; ja, als wir fertig waren, gaben sie mir sogar
+noch etwas Geld und setzten mich auf mein Verlangen an das andere Ufer
+über mittelst des kleinen Kähnchens, das sie hinter dem großen Kahne
+angebunden hatten.
+
+Drüben befand ich mich in einem großen Bergwald und schlief sofort bis
+es Nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Füße machte und bis
+zum Tagesanbruch lief. Mit wenig Worten zu sagen: auf diese nämliche
+Art gelangte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach Hamburg, indem
+ich, ohne je viel mit den Leuten zu sprechen, überall des Tages
+zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davonging, sobald ich
+gesättigt war, um die Nacht hindurch wiederum zu wandern. Meine Art
+überraschte die Leute immer, so daß ich niemals einen Widerspruch
+fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig zeigen wollten,
+war ich schon wieder weg. Da ich zugleich die Städte vermied und
+meinen Arbeitsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen und in Wäldern
+betrieb, wo nur ursprüngliche und einfache Menschen waren, so reisete
+ich wirklich wie zu der Zeit der Patriarchen. Ich sah nie eine Spur
+von dem Regiment der Staaten, über deren Boden ich hinlief, und mein
+einziges Denken war, über eben diesen Boden wegzukommen, ohne zu
+betteln oder für meine nötige Leibesnahrung jemandem verpflichtet sein
+zu müssen, im übrigen aber zu tun, was ich wollte, und insbesondere zu
+ruhen, wenn es mir gefiel, und zu wandern, wenn es mir beliebte.
+Später habe ich freilich auch gelernt, mich an eine feste außer mir
+liegende Ordnung und an eine regelmäßige Ausdauer zu halten, und wie
+ich erst urplötzlich arbeiten gelernt, lernte ich auch dies sogleich
+ohne weitere Anstrengung, sobald ich nur einmal eine erkleckliche
+Notwendigkeit einsah.
+
+Übrigens bekam mir dies Leben in der freien Luft, bei der steten
+Abwechslung von schwerer Arbeit, tüchtigem Essen und sorgloser Ruhe
+vortrefflich und meine Glieder wurden so geübt, daß ich als ein
+kräftiger und rühriger Kerl in der großen Handelsstadt Hamburg
+anlangte, wo ich alsbald dem Wasser zulief und mich unter die Seeleute
+mischte, welche sich da umtrieben und mit dem Befrachten ihrer Schiffe
+beschäftigt waren. Da ich überall zugriff und ohne albernes Gaffen
+doch aufmerksam war, ohne ein Wort dabei zu sprechen, noch je den Mund
+zu verziehen, so duldeten die einsilbigen derben Gesellen mich bald
+unter sich und ich brachte eine Woche unter ihnen zu, worauf sie mich
+auf einem englischen Kauffahrer einschmuggelten, dessen Kapitän mich
+aufnahm unter der Bedingung, daß ich ihm in seinem Privatgeschäfte
+helfe, das er während seiner Fahrten betrieb. Dieses bestand nämlich
+im Zusammensetzen und Herstellen von allerhand Feuerwaffen und
+Pistolen aus alten abgenutzten Bestandteilen, die er in großer Menge
+zusammenkaufte, wenn er in der Alten Welt vor Anker ging. Es waren
+seltsame und fabelhafte Todeswerkzeuge, die er so mit schrecklicher
+Leidenschaft zusammenfügte und dann bei Gelegenheit an wilden Küsten
+gegen wertvolle Friedensprodukte und sanfte Naturgegenstände
+austauschte. Ich hielt mich still zu der Arbeit, übte mich ein und war
+bald über und über mit Öl, Schmirgel und Feilenstaub beschmiert als
+ein wilder Büchsenmacher, und wenn ein solches Pistolengeschütz
+notdürftig zusammenhielt, so wurde es mit einem starken Knall
+probiert; doch nie zum zweitenmal, dieses wurde dem rothäutigen oder
+schwarzen Käufer überlassen auf den entlegenen Eilanden. Diesmal fuhr
+er aber nur nach Neuyork und von da nach England zurück, wo ich, der
+Büchsenmacherei nun genugsam kundig, mich von ihm entfernte und
+sogleich in ein Regiment anwerben ließ, das nach Ostindien abgehen
+sollte.
+
+In Neuyork hatte ich zwar den Fuß an das Land gesetzt und auf einige
+Stunden dies amerikanische Leben gesehen, welches mir eigentlich nun
+recht hätte zusagen müssen, da hier jeder tat, was er wollte, und sich
+gänzlich nach Bedürfnis und Laune rührte von einer Beschäftigung zur
+andern abspringend, wie es ihm eben besser schien, ohne sich
+irgendeiner Arbeit zu schämen, oder die eine für edler zu halten als
+die andere. Doch weiß ich nicht wie es kam, daß ich mich schleunig
+wieder auf unser Schiff sputete und so, statt in der Neuen Welt zu
+bleiben, in den ältesten, träumerischen Teil unsrer Welt geriet, in
+das uralte heiße Indien, und zwar in einem roten Rocke, als ein
+stiller englischer Soldat. Und ich kann nicht sagen, daß mir das neue
+Leben mißfiel, das schon auf dem großen Linienschiffe begann, auf
+welchem das Regiment sich befand. Schon der Umstand, daß wir alle, so
+viel wir waren, mit der größten Pünktlichkeit und Abgemessenheit
+ernährt wurden, indem jeder seine Ration so sicher bekam, wie die
+Sterne am Himmel gehen, keiner mehr noch minder als der andere, und
+ohne daß einer den andern beeinträchtigen konnte, behagte mir
+außerordentlich und um so mehr, als keiner dafür zu danken brauchte
+und alles nur unserm bloßen wohlgeordneten Dasein gebührte. Wenn wir
+Rekruten auch schon auf dem Schiffe eingeschult wurden und täglich
+exerzieren mußten, so gefiel mir doch diese Beschäftigung über die
+Maßen, da wir nicht das Bajonett herumschwenken mußten, um etwa mit
+Gewandtheit eine Kartoffel daran zu spießen, sondern es war lediglich
+eine reine Übung, welche mit dem Essen zunächst gar nicht
+zusammenhing, und man brauchte nichts als pünktlich und aufmerksam
+beim einen und dem andern zu sein und sich um weiter nichts zu
+kümmern. Schon am zweiten Tage unserer Fahrt sah ich einen Soldaten
+prügeln, der wider einen Vorgesetzten gemurrt, nachdem er schon
+verschiedene Unregelmäßigkeiten begangen. Sogleich nahm ich mir vor,
+daß dies mir nie widerfahren solle, und nun kam mir mein Schmollwesen
+sehr gut zustatten, indem es mir eine vortreffliche lautlose
+Pünktlichkeit und Aufmerksamkeit erleichterte und es mir fortwährend
+möglich machte, mir in keiner Weise etwas zu vergeben.
+
+So wurde ich ein ganz ordentlicher und brauchbarer Soldat; es machte
+mir Freude, alles recht zu begreifen und so zu tun, wie es als
+mustergültig vorgeschrieben war, und da es mir gelang, so fühlte ich
+mich endlich ziemlich zufrieden, ohne jedoch mehr Worte zu verlieren
+als bisher. Nur selten wurde ich beinahe ein wenig lustig und beging
+etwa einen närrischen halben Spaß, was mir vollends den Anstrich eines
+Soldaten gab, wie er sein soll, und zugleich verhinderte, daß man mich
+nicht leiden konnte, und so war kaum ein Jahr vergangen in dem heißen,
+seltsamen Lande, als ich anfing, vorzurücken und zuletzt ein
+ansehnlicher Unteroffizier wurde. Nach einem Verlauf von Jahren war
+ich ein großes Tier in meiner Art, war meistenteils in den Bureaus des
+Regimentskommandeurs beschäftigt und hatte mich als ein guter
+Verwalter herausgestellt, indem ich die notwendigen Künste, die
+Schreibereien und Rechnereien aus dem Gange der Dinge mir
+augenblicklich aneignete ohne weiteres Kopfzerbrechen. Es ging mir
+jetzt alles nach der Schnur und ich schien mir selbst zufrieden zu
+sein, da ich ohne Mühe und Sorgen da sein konnte unter dem warmen
+blauen Himmel; denn was ich zu verrichten hatte, geschah wie von
+selbst, und ich fühlte keinen Unterschied, ob ich in Geschäften oder
+müßig umherging. Das Essen war mir jetzt nichts Wichtiges mehr, und
+ich beachtete kaum, wann und was ich aß. Zweimal während dieser Zeit
+hatte ich Nachricht an euch abgesandt nebst einigen ersparten
+Geldmitteln; allein beide Schiffe gingen sonderbarerweise mit Mann und
+Maus zugrunde und ich gab die Sache auf, ärgerlich darüber, und nahm
+mir vor, sobald als tunlich selber heimzukehren und meine erworbene
+Arbeitsfähigkeit und feste Lebensart in der Heimat zu verwenden. Denn
+ich gedachte damit etwas Besseres nach Seldwyla zu bringen, als wenn
+ich eine Million dahin brächte, und malte mir schon aus, wie ich die
+Haselanten und Fischesser da anfahren wollte, wenn sie mir über den
+Weg liefen.
+
+Doch damit hatte es noch gute Wege und ich sollte erst noch solche
+Dinge erfahren und so in meinem Wesen verändert und aufgerüttelt
+werden, daß mir die Lust verging, andere Leute anfahren zu wollen. Der
+Kommandeur hatte mich gänzlich zu seinem Faktotum gemacht und ich
+mußte fast die ganze Zeit bei ihm zubringen. Er war ein seltsamen Mann
+von etwa fünfzig Jahren, dessen Gattin in Irland lebte auf einem alten
+Turm, da sie womöglich noch wunderlicher sein mußte, als er; solange
+sie zusammengelebt, hatten sie sich fortwährend angeknurrt, wie zwei
+wilde Katzen, und sie litten beide an der fixen Idee, daß sie sich
+gegenseitig ineinander getäuscht hätten, obwohl niemand besser
+füreinander geschaffen war. Auch waren sie gesund und munter und
+lebten behaglich in dieser Einbildung, ohne welche keines mehr hätte
+die Zeit verbringen können, und wenn sie weit auseinander waren, so
+sorgte eines für das andere mit rührender Aufmerksamkeit. Die einzige
+Tochter, die sie hatten, und die Lydia heißt, lebte dagegen
+meistenteils bei dem Vater und war ihm ergeben und zugetan, da der
+Unterschied des Geschlechtes selbst zwischen Vater und Tochter diese
+mehr zärtliches Mitleid für den Vater empfinden ließ, als für die
+Mutter, obgleich diese ebenso wenig oder so viel taugen mochte als
+jener in dem vermeintlich unglücklichen Verhältnis. Der Kommandeur
+hatte eine reizvolle luftige Wohnung bezogen, die außerhalb der Stadt
+in einem ganz mit Palmen, Zypressen, Sykomoren und anderen Bäumen
+angefüllten Tale lag. Unter diesen Bäumen, rings um das leichte weiße
+Haus herum, waren Gärten angelegt, in denen teils jederzeit frisches
+Gemüse, teils eine Menge Blumen gezogen wurden, welche zwar hier in
+allen Ecken wild wuchsen, die aber der Alte liebte beisammen zu haben
+in nächster Nähe und in möglichster Menge, so daß in dem grünen
+Schatten der Bäume es ordentlich leuchtete von großen purpurroten und
+weißen Blumen. Wenn es nun im Dienste nichts mehr zu tun gab, so mußte
+ich als ein militärischer zuverlässiger Vertrauensmann diese Gärten in
+Ordnung halten, oder um darüber nicht etwa zu verweichlichen, mit dem
+Oberst auf die Jagd gehen, und ich würde darüber zu einem gewandten
+Jäger; denn gleich hinter dem Tale begann eine wilde, unfruchtbare
+Landschaft, welche zuletzt gänzlich in eine Gebirgswildnis verlief,
+die nicht nur Schwärme und Scharen unschuldigeren Gewildes, sondern
+auch von Zeit zu Zeit reißende Tiere, besonders große Tiger
+beherbergte. Wenn ein solcher sich spüren ließ, so gab es einen großen
+Auszug gegen ihn, und ich lernte bei diesen Gelegenheiten die Gefahr
+lange kennen, ehe ich in das Gefecht mit Menschen kam. War aber weiter
+gar nichts zu tun, so mußte ich mit dem alten Herrn Schach spielen und
+dadurch seine Tochter Lydia ersetzen, welche, da sie gar keinen Sinn
+und Geschick dazu besaß und ganz kindisch spielte, ihm zu wenig
+Vergnügen verschaffte. Ich hingegen hatte mich bald soweit eingeübt,
+daß ich ihm einigermaßen die Stange halten konnte, ohne ihn des
+öfteren Sieges zu berauben, und wenn mein Kopf nicht durch andere
+Dinge verwirrt worden wäre, so würde ich dem grimmigen Alten bald
+überlegen geworden sein.
+
+Dergestalt war ich nun das merkwürdigste Institut von der Welt; ich
+ging unter diesen Palmen einher gravitätisch und wortlos in meiner
+Scharlachuniform, ein leichtes Schilfstöckchen in der Hand und über
+dem Kopfe ein weißes Tuch zum Schutze gegen die heiße Sonne. Ich war
+Soldat, Verwaltungsmann, Gärtner, Jäger, Hausfreund und
+Zeitvertreiber, und zwar ein ganz sonderbarer, da ich nie ein Wort
+sprach; denn obgleich ich jetzt nicht mehr schmollte und leidlich
+zufrieden war, so hatte ich mir das Schweigen doch so angewöhnt, daß
+meine Zunge durch nichts zu bewegen war, als etwa durch ein
+Kommandowort oder einen Fluch gegen unordentliche Soldaten. Doch
+diente gerade diese Weise dem Kommandeur, ich blieb so an die fünf
+Jahre bei ihm einen Tag wie den andern und konnte, wenn ich freie Zeit
+hatte, im übrigen tun, was mir beliebte. Diese Zeit benutzte ich dazu,
+das Dutzend Bücher, so der alte Herr besaß, immer wieder durchzulesen
+und aus denselben, da sie alle dickleibig waren, ein sonderbares Stück
+von der Welt kennenzulernen. Ich war so ein eifriger und stiller
+Leser, der sich eine Weisheit ausbildete, von der er nicht recht
+wußte, ob sie in der Welt galt oder nicht galt, wie ich bald erfahren
+sollte; denn obschon ich bereits vieles gesehen und erfahren, so war
+dies doch nur gewissermaßen strichweise und das meiste, was es gab,
+lag zur Seite des Striches, den ich passiert.
+
+Mein Kommandeur wurde endlich zum Gouverneur des ganzen Landstriches
+ernannt, wo wir bisher gestanden; er wünschte mich in seiner Nähe zu
+behalten und veranlaßte meine Versetzung aus dem Regiment, welches
+wieder nach England zurückging, in dasjenige, welches dafür ankam, und
+so fand sich wieder Gelegenheit, daß ich als Militärperson sowohl wie
+in allen übrigen Eigenschaften um ihn sein konnte, was mir ganz recht
+war; denn so blieb ich ein auf mich selbst gestellter Mensch, der
+keinen andern Herrn, als seine Fahne über sich hatte.
+
+Um die gleiche Zeit kam auch die Tochter aus dem alten irländischen
+Turme an, um von nun an bei ihrem Vater, dem Gouverneur, zu leben. Es
+war ein wohlgestaltetes Frauenzimmer von großer Schönheit; doch war
+sie nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine Person, die in ihren
+eigenen feinen Schuhen stand und ging und sogleich den Eindruck
+machte, daß es für den, der sich etwa in sie verliebte, nicht leicht
+hinter jedem Hag einen Ersatz oder einen Trost für diese gäbe, eben
+weil es eine ganze und selbständige Person schien, die so nicht zum
+zweiten Male vorkomme. Und zwar schien diese edle Selbständigkeit
+gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Güte des Charakters und
+mit jener Lauterkeit und Rückhaltlosigkeit in dieser Güte, welche,
+wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine
+wahre Überlegenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein
+unbefangenes ursprüngliches Gemütswesen ist, den Schein einer
+weihevollen und genialen Überlegenheit gibt. Indessen war sie sehr
+gebildet in allen schönen Dingen, da sie nach Art solcher Geschöpfe
+die Kindheit und bisherige Jugend damit zugebracht, alles zu lernen,
+was irgend wohl ansteht, und sie kannte sogar fast alle neueren
+Sprachen, ohne daß man jedoch viel davon bemerkte, so daß unwissende
+Männer ihr gegenüber nicht leicht in jene schreckliche Verlegenheit
+gerieten, weniger zu verstehen, als ein müßiges Ziergewächs von
+Jungfräulein. Überhaupt schien ein gesunder und wohldurchgebildeter
+Sinn in ihr sich mehr dadurch zu zeigen, daß sie die vorkommenden
+kleineren oder größeren Dinge, Vorfälle oder Gegenstände durchaus
+treffend beurteilte und behandelte, und dabei waren ihre Gedanken und
+Worte so einfach und lieblich und bestimmt, wie der Ton ihrer Stimme
+und die Bewegungen ihres Körpers. Und über alles dies war sie, wie
+gesagt, so kindlich, so wenig durchtrieben, daß sie nicht imstande
+war, eine überlegte Partie Schach spielenzulernen, und dennoch mit der
+fröhlichsten Geduld am Brette saß, um sich von ihrem Vater
+unaufhörlich überrumpeln zu lassen. So ward es einem sogleich
+heimatlich und wohl zumute in ihrer Nähe; man dachte unverweilt, diese
+wäre der wahre Jakob unter den Weibern und keine bessere gäbe es in
+der Welt. Ihre schönen blonden Locken und die dunkelblauen Augen, die
+fast immer ernst und frei in die Welt sahen, taten freilich auch das
+ihrige dazu, ja um so mehr, als ihre Schönheit, so sehr sie auffiel,
+von echt weiblicher Bescheidenheit und Sittsamkeit durchdrungen war
+und dabei gänzlich den Eindruck von etwas Einzigem und Persönlichem
+machte; es war eben kurz und abermals gesagt: eine Person. Das heißt,
+ich sage es schien so, oder eigentlich, weiß Gott, ob es am Ende doch
+so war und es nur an mir lag, daß es ein solcher trügerischer Schein
+schien, kurz--"
+
+Pankrazius vergaß hier weiterzureden und verfiel in ein schwermütiges
+Nachdenken, wozu er ein ziemlich unkriegerisches und beinahe
+einfältiges Gesicht machte. Die beiden Wachslichter waren über die
+Hälfte heruntergebrannt, die Mutter und die Schwester hatten die Köpfe
+gesenkt und nickten, schon nichts mehr sehend und hörend,
+schlaftrunken mit ihren Köpfen, denn schon seit Pankrazius die
+Schilderung seiner vermutlichen Geliebten begonnen, hatten sie
+angefangen, schläfrig zu werden, ließen ihn jetzt gänzlich im Stich
+und schliefen wirklich ein. Zum Glück für unsere Neugierde bemerkte
+der Oberst dies nicht, hatte überhaupt vergessen, vor wem er erzählte,
+und fuhr, ohne die niedergeschlagenen Augen zu erheben, fort, vor den
+schlafenden Frauen zu erzählen, wie einer, der etwas lange
+Verschwiegenes endlich mitzuteilen sich nicht mehr enthalten kann.
+
+„Ich hatte," sagte er, „bis zu dieser Zeit noch kein Weib näher
+angesehen und verstand oder wußte von ihnen ungefähr soviel, wie ein
+Nashorn vom Zitherspiel. Nicht daß ich solche etwa nicht von jeher
+gern gesehen hätte, wenn ich unbemerkt und ohne Aufwand von Mühe nach
+ihnen schielen konnte; doch war es mir äußerst zuwider, mit
+irgendeiner mich in den geringsten Wortwechsel einzulassen, da es mir
+von jeher schien, als ob es sämtlichen Weibern gar nicht um eine
+vernunftgemäße, klare und richtige Sache zu tun wäre, daß es ihnen
+unmöglich sei, nur sechs Worte lang in guter Ordnung bei der Sache zu
+bleiben, sondern daß sie einzig darauf ausgingen, wenn sie in diesem
+Augenblicke etwas Zweckmäßiges und Gutes gesagt haben, gleich darauf
+eine große Albernheit oder Verdrehtheit einzuwerfen, was sie dann als
+ihre weibliche Anmut und Beweglichkeit ausgäben, im Grunde aber eine
+Unredlichkeit sei, und um so abscheulicher, als sie halb und halb von
+bewußter Absicht begleitet sei, um hinter diesem Durcheinander allen
+schlechten Instinkten und Querköpfigkeiten desto bequemer zu frönen.
+Deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem Weibervolk
+und würdigte keines eines offenkundigen Blickes. In Indien, als ich
+mehr zufrieden war und keinen Groll fürder hegte, gab es zwar viel
+Frauensleute, sowohl indischen Geblütes, als auch eine Menge
+englischer, da viele Kaufleute, Offiziere und Soldaten ihre Familie
+bei sich hatten. Doch diese Indierinnen, die schön waren wie die
+Blumen und gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren eben nichts
+weiter als dies und rührten mich nicht im mindesten, da Schönheit und
+Güte ohne Salz und Wehrbarkeit, mir langweilig vorkamen, und es war
+mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau, wenn sie mein wäre, sich
+auf keine Weise gegen meine etwaigen schlimmen Launen zu wehren
+vermöchte. Die europäischen Weiber dagegen, die ich sah, welche
+größtenteils aus Großbritannien herstammten, schienen schon eher
+wehrhaft zu sein, jedoch waren sie weniger gut und selbst wenn sie es
+waren, so betrieben sie die Güte und Ehrbarkeit wie ein abscheulich
+nüchternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle
+Weiblichkeit, auf die sich diese selbstbewußten respektablen Weibsen
+so viel zugute taten, handhabten sie eher als Würzkrämer, denn als
+Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen
+sorglich in die löschpapierne Düte der Philisterhaftigkeit gewickelt.
+Überdies war mir immer, als ob durch das Innerste aller dieser
+abendländischen Schönen und Unschönen ein tiefer Zug von Gemeinheit
+zöge, die Krankheit unserer Zeit, welche sie zwar nur von unserem
+Geschlechte, von uns Herren Europäern, überkommen konnten, aber die
+gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten Übel wird.
+Denn es sind üble Zeiten, wo die Geschlechter ihre Krankheiten
+austauschen und eines dem andern seine angeborenen Schwachheiten
+mitteilt. Dies waren so meine unwissenden hypochondrischen Gedanken
+über die Weiber, welche meinem Verhalten gegen sie zugrunde lagen und
+mit welchen ich meiner Wege ging, ohne mich um eine zu bekümmern.
+
+Als nun die schöne Lydia bei uns anlangte und ich mich täglich in
+ihrer Nähe befand, erhielt meine ganze Weisheit einen Stoß und fiel
+zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zumute, wenn sie
+zugegen war, und ich wußte nicht, was ich hieraus machen sollte.
+Höchlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen diese
+zu empfinden, weder Geringschätzung, noch jene Lust, doch verstohlen
+nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen über
+ihr Dasein und sah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei und offen an,
+wenn ich in ihrer Nähe zu tun hatte. Dies fiel mir um so leichter, als
+ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu richten
+brauchte, ohne gefragt zu werden, und also kein anderes Benehmen zu
+beobachten hatte, als dasjenige eines sich aufrechthaltenden
+ernsthaften Unteroffiziers. Auch war mir das Schweigen, besonders
+gegenüber den Weibern, so zur andern Natur geworden durch das
+langjährige Kopfhängen, daß ich beim besten Willen jetzt nicht hätte
+eine Ausnahme machen können, auch wenn es sich geschickt hätte.
+Dennoch fühlte ich ein großes und ungewöhnliches Wohlwollen für diese
+Person, war in meinem Herzen sehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu
+Gefallen veränderte ich meine schlechten Ansichten von den Frauen und
+dachte mir, es müßte doch nicht so übel mit ihnen stehen, wenigstens
+sollten sie um dieser einen willen von nun an mehr Gnade finden bei
+mir. Ich war sehr froh, wenn Lydia zugegen war oder wenn ich
+Veranlassung fand, mich dahin zu verfügen, wo sie eben war; doch tat
+ich deswegen nicht einen Schritt mehr, als im natürlichen Gange der
+Dinge lag; nicht einmal blickte oder ging ich, wenn ich mich im
+gleichen Raume mit ihr befand, ohne einen bestimmten vernünftigen
+Grund nach ihr hin und fühlte überhaupt eine solche Ruhe in mir, wie
+das kühle Meerwasser, wenn kein Wind sich regt und die Sonne obenhin
+daraufscheint.
+
+Dies verhielt sich so ungefähr ein halbes Jahr, ein Jahr oder auch
+etwas darüber, ich weiß es nicht mehr genau; denn die ganze
+Zeitrechnung von damals ist mir verlorengegangen, der ganze Zeitraum
+schwebt mir nur noch wie ein schwüler von Träumen durchzogener
+Sommertag vor. Während dieses Anfanges nun, dessen längere oder
+kürzere Dauer ich nicht mehr weiß, ging so alles gut und ruhig
+vonstatten. Die Dame, obgleich sie mich öfters sehen mußte, hatte
+nicht besonders viel mit mir zu verkehren oder zu sprechen, wenn sie
+es aber tat, so war sie außerordentlich freundlich und tat es nie,
+ohne mit einem kindlichen harmlosen Lachen ihres schönen Gesichtes,
+was ich dann dankbarst damit erwiderte, daß ich ein um so ehrbareres
+Gesicht machte und den Mund nicht verzog, indem ich sagte: Sehr wohl,
+mein Fräulein! oder auch unbefangen widersprach, wenn sie sich irrte,
+was indes selten geschah. War sie aber nicht zugegen oder ich allein,
+so dachte ich wohl vielfältig an sie, aber nicht im mindesten wie ein
+Verliebter, sondern wie ein guter Freund oder Verwandter, welcher
+aufrichtig um sie bekümmert war, ihr alles Wohlergehen wünschte und
+allerlei gute Dinge für sie ausdachte. Kaum ging eine leise
+Veränderung dadurch mit mir vor, wenn ich mich recht entsinne, daß ich
+gegenüber dem Gouverneur ein wenig mehr auf mich hielt, ein wenig mehr
+den Soldaten hervorkehrte, der nichts als seine Pflicht kennt, und in
+meinen übrigen Dienstleistungen mehr den Schein der Unabhängigkeit
+wahrte, wie ich denn auch in keinerlei Lohnverhältnis zu ihm stand
+und, nachdem die eigentliche Arbeit auf seinem Bureau getan, wofür ich
+besoldet war, alles übrige als ein guter Vertrauter mitmachte und nur,
+da es die Gelegenheit mit sich brachte, etwa mit ihm aß und trank. Und
+so war ich, wie schon gesagt, vollkommen ruhig und zufrieden, was sich
+freilich auf meine besondere Weise ausnehmen mochte.
+
+Da geschah es eines Tages, als ich unter den schattigen Bäumen mir zu
+tun machte, daß die Lydia innerhalb einer kurzen Stunde dreimal
+herkam, ohne daß sie etwas da zu tun oder auszurichten hatte. Das
+erstemal setzte sie sich auf einen umgestürzten Korb und aß ein
+kleines Körbchen voll roter Kirschen auf, indem sie fortwährend mit
+mir plauderte und mich zum Reden veranlaßte. Das andere Mal kam sie
+und rückte den Korb ganz nahe an das Rosenbäumchen, das ich eben
+säuberte, setzte sich abermals darauf und nähte ein weißes seidenes
+Band auf ein zierliches Nachthäubchen oder was es war; denn genau
+konnte ich es nicht unterscheiden, da ich diesmal kaum hinsah und ihr
+nur wenig Bescheid gab, indem ich etwas verlegen wurde. Sie ging bald
+wieder fort und kam zum dritten Male mit einem feinen kunstvoll in
+Elfenbein gearbeiteten Geduldspiel aus China, packte den alten Korb
+und schleppte ihn wieder weg, indem sie sich in einiger Entfernung
+daraufsetzte, mir den Rücken zuwendend, und ganz still das Spiel zu
+lösen versuchte. Ich blickte jetzt unverwandt nach ihr hin, bis sie,
+das Spielzeug in die Tasche steckend, unversehens sich erhob und einen
+seltsamen wohllautenden Triller singend davonging, ohne sich wieder
+nach mir umzusehen. Dies alles wollte mir nicht klar sein noch
+einleuchten, und meine Seele rümpfte leise die Nase zu diesem Tun;
+aber von Stund an war ich verliebt in Lydia.
+
+In der wunderbarsten gelinden Aufregung ließ ich mein Bäumchen stehen,
+holte die Doppelbüchse und streifte in den Abend hinaus weit in die
+Wildnis. Viele Tiere sah ich wohl, aber alle vergaß ich zu schießen;
+denn wie ich auf eines anschlagen wollte, dachte ich wieder an das
+Benehmen dieser Dame und verlor so das Tier aus den Augen.
+
+Was will sie von dir, dachte ich, und was soll das heißen? Indem ich
+aber hierüber hin und her sann, entstand und lohete schon eine große
+Dankbarkeit in mir für alles mögliche und unmögliche, was irgend in
+dem Vorfalle liegen mochte, wogegen mein Ordnungssinn und das
+Bewußtsein meiner geringen und wenig anmutigen Person den
+widerwärtigsten Streit erhob. Als ich hieraus nicht klug wurde,
+verfielen meine Gedanken plötzlich auf den Ausweg, daß diese scheinbar
+so schöne und tüchtige Frau am Ende ganz einfach ein leichtfertiges
+und verbuhltes Wesen sei, das sich zu schaffen mache, mit wem es sei,
+und selbst mit einem armen Unteroffizier eine schlechte Geschichte
+anzuheben nicht verschmähe. Diese verwünschte Ansicht tat mir so weh
+und traf mich so unvermutet, daß ich wutentbrannt einen ungeheuren
+rauhen Eber niederschoß, der eben durch die hohen Bergkräuter
+heranbrach, und meine Kugel saß fast gleichzeitig und ebenso
+unvermutet und unwillkommen in seinem Gehirn, wie jener
+niederträchtige Gedanke in dem meinigen, und schon war mir zumute, als
+ob das wilde Tier noch zu beneiden wäre um seine Errungenschaft im
+Vergleich zu der meinigen. Ich setzte mich auf die tote Bestie; vor
+meinen Gedanken ging die schöne Gestalt vorüber und ich sah sie
+deutlich, wie sie die drei Male gekommen war, mit jeder ihrer
+Bewegungen, und jedes Wort tönte noch nach. Aber merkwürdigerweise
+ging dies gute Gedächtnis noch über diesen Tag hinaus und zurück
+überhaupt bis auf den ersten Tag, wo ich sie gesehen, den ganzen
+Zeitraum hindurch, wo ich doch gänzlich ruhig gewesen. Wie man bei
+ganz durchsichtiger Luft, wenn es Regen geben will, an entfernten
+Bergen viele Einzelheiten deutlich sieht, die man sonst nicht
+wahrnimmt, und in stiller Nacht die fernsten Glocken schlagen hört, so
+entdeckte ich jetzt mit Verwunderung, daß aus jenem ganzen Zeitraume
+jede Art und Wendung ihrer Erscheinung, jedes einzelne Auftreten sich
+ohne mein Wissen mir eingeprägt hatte, und fast jedes ihrer Worte,
+selbst das gleichgültigste und vorübergehendste, hörte ich mit klar
+vernehmlichem Ausdruck in der Stille dieser Wildnis wieder tönen.
+Diese sämtliche Herrlichkeit hatte also gleichsam schlafend oder
+heimlicherweise sich in mir aufgehalten und der heutige Vorgang hatte
+nur den Riegel davor weggeschoben oder eine Fackel in ein Bund Stroh
+geworfen. Ich vergaß über diesen Dingen wieder meinen schlechten Zorn
+und beschäftigte mich rückhaltlos mit der Ausbeutung meines guten
+Gedächtnisses und schenkte demselben nicht den kleinsten Zug, den es
+mir von dem Bilde Lydias irgend liefern konnte. Auf diese Weise
+schlenderte ich denn auch wieder der Behausung zu und überließ mich
+allein diesen angenehmen Vorstellungen; jedoch vermochte ich nun nicht
+mehr so unbefangen und ruhig in ihrer Nähe zu sein, und da ich nichts
+anderes anzufangen wußte noch gesonnen war, so vermied ich möglichst
+jeden Verkehr mit ihr, um desto eifriger an sie zu denken. So
+vergingen drei oder vier Wochen, ohne daß etwas weiteres vorfiel, als
+daß ich bemerkte, daß sie bei aller Zurückhaltung, die sie nun
+beobachtete, dennoch keine Gelegenheit versäumte, irgend etwas zu
+meinen Gunsten zu tun oder zu sagen, und sie fing an, mir völlig nach
+dem Munde oder zu Gefallen zu sprechen, da sie Ausdrücke brauchte,
+welche ich etwa gebraucht, und die Dinge so beurteilte, wie ich es zu
+tun gewohnt war. Dies schien nun erst nichts Besonderes, weil es mich
+eben von jeher angenehm dünkte, in ihr ganz dieselben Ansichten vom
+Zweckmäßigen oder vom Verkehrten zu entdecken, deren ich mich selber
+befleißigte; auch lachte sie über dieselben Dinge, über welche ich
+lachen mußte, oder ärgerte sich über die nämlichen Unschicklichkeiten,
+so etwa vorfielen. Aber zuletzt ward es so auffällig, daß sie mir, da
+ich kaum ein Wort mit ihr zu sprechen hatte, zu Gefallen zu leben
+suchte, und zwar nicht wie eine schelmische Kokette, sondern wie ein
+einfaches argloses Kind, daß ich in die größte Verwirrung geriet und
+vollends nicht mehr wußte, wie ich mich stellen sollte. So fand ich
+denn, um mich zu salvieren, unverfänglich mein Heil in meiner alten
+wohlhergestellten Schmollkunst und verhärtete mich vollkommen in
+derselben, zumal ich mich nichts weniger als glücklich fühlte in
+diesem sonderbaren Verhältnis. Nun schien sie wahrhaft bekümmert und
+niedergeschlagen, kleinlaut und schüchtern zu werden, was zu ihrem
+sonstigen resoluten und tüchtigen Wesen eine verführerische Wirkung
+hervorbrachte, da man an den gewöhnlichen Weibern und, je kleinlicher
+sie sind, desto weniger gewohnt ist, sie durch solche schüchterne
+Bescheidenheit glänzen und bestechen zu sehen. Vielmehr glauben sie,
+nichts stehe ihnen besser zu Gesicht, als eine schreckliche Sicherheit
+und Unverschämtheit. Da nun sogar noch der alte Gouverneur anfing, in
+einer mir unverständlichen und wenig delikaten Laune zu sticheln und
+zu scherzen und zehnmal des Tages sagte: ‚Wahrhaftig, Lydia, du bist
+verliebt in den Pankrazius!' so ward mir das Ding zu bunt; denn ich
+hielt das für einen sehr schlechten Spaß, in betreff auf seine Tochter
+für geschmacklos und vom ordinärsten Tone, in bezug auf mich aber für
+gewissenlos und roh, und ich war oft im Begriff, es ihm offen zu sagen
+und mich den Teufel um ihn weiter zu kümmern. Letzteres tat ich auch
+insofern, als ich mich nun gänzlich zusammennahm und in mich selber
+verschloß. Lydia wurde eintönig, ja sie schien nun sogar bleich und
+leidend zu werden, was mich tief bekümmerte, ohne daß ich daraus etwas
+Kluges zu machen wußte. Als sie aber trotz meines Verhaltens wieder
+anfing, mir nachzugehen und sich fortwährend zu schaffen machte, wo
+ich mich aufhielt, geriet ich in Verzweiflung und in der Verzweiflung
+begann ich, abgebrochene und ungeschickte Unterhaltungen mit ihr zu
+pflegen. Es war gar nichts, was wir sprachen, ganz unartikuliertes
+jämmerliches Zeug, als ob wir beide blödsinnig wären; allein beide
+schienen gar nicht hieran zu denken, sondern lachten uns an wie
+Kinder; denn auch ich vergaß darüber alles andere und war endlich
+froh, nur diese kurzen Reden mit ihr zu führen. Allein das Glück
+dauerte nie länger als zwei Minuten, da wir den Faden aus Mangel an
+Ruhe und Besonnenheit sogleich wieder verloren und dann zwei Kindern
+glichen, die ein Perlenband aufgezettelt haben und mit Betrübnis die
+schönen Perlen entgleiten sehen. Alsdann dauerte es wieder wochenlang,
+bis eine dieser großen Unternehmungen wieder gelang, und nie tat ich
+den ersten Schritt dazu, da ich gleich darauf wieder nur bedacht war,
+mir nichts zu vergeben und keine Dummheiten zu begehen bei diesen
+etwas ungewöhnlichen Leuten. Hundertmal war ich entschlossen, auf und
+davonzugehen, allein die Zeit verging mir so eilig, daß ich die Tat
+immer wieder hinausschieben mußte. Denn meine Gedanken waren jetzt
+ausschließlich mit dieser Sache beschäftigt und es ging mir dabei
+äußerst seltsam.
+
+Mit den Büchern des Gouverneurs war ich endlich so ziemlich fertig
+geworden und wußte nichts mehr aus denselben zu lernen. Lydia, welche
+mich so oft lesen sah, benutzte diese Gelegenheit und gab mir von den
+ihrigen. Darunter war ein dicker Band wie eine Handbibel und er sah
+auch ganz geistlich aus, denn er war in schwarzes Leder gebunden und
+vergoldet. Es waren aber lauter Schauspiele und Komödien darin mit der
+kleinsten englischen Schrift gedruckt. Dies Buch nannte man den
+Shakespeare, welches der Verfasser desselben und dessen Kopf auch
+vorne drin zu sehen war. Dieser verführerische falsche Prophet führte
+mich schön in die Patsche. Er schildert nämlich die Welt nach allen
+Seiten hin durchaus einzig und wahr wie sie ist, aber nur wie sie es
+in den ganzen Menschen ist, welche im Guten und im Schlechten das
+Metier ihres Daseins und ihrer Neigungen vollständig und
+charakteristisch betreiben und dabei durchsichtig wie Kristall, jeder
+vom reinsten Wasser in seiner Art, so daß, wenn schlechte Skribenten
+die Welt der Mittelmäßigkeit und farblosen Halbheit beherrschen und
+malen und dadurch Schwachköpfe in die Irre führen und mit tausend
+unbedeutenden Täuschungen anfüllen, dieser hingegen eben die Welt des
+Ganzen und Gelungenen in seiner Art, d. h. wie es sein soll,
+beherrscht, und dadurch gute Köpfe in die Irre führt, wenn sie in der
+Welt dies wesentliche Leben zu sehen und wiederzufinden glauben. Ach
+es ist schon in der Welt, aber nur niemals da, wo wir eben sind oder
+dann, wann wir leben. Es gibt noch verwegene schlimme Weiber genug,
+aber ohne den schönen Nachtwandel der Lady Macbeth und das bange
+Reiben der kleinen Hand. Die Giftmischerinnen, die wir treffen, sind
+nur frech und reulos und schreiben gar noch ihre Geschichte oder legen
+einen Kramladen an, wenn sie ihre Strafe überstanden. Es gibt noch
+Leute genug, die wähnen Hamlet zu sein, und sie rühmen sich dessen,
+ohne eine Ahnung zu haben von den großen Herzensgründen eines wahren
+Hamlet. Hier ist ein Blutmensch, ohne Macbeths dämonische und doch
+wieder so menschliche Mannhaftigkeit, und dort ein Richard der Dritte,
+ohne dessen Witz und Beredsamkeit. Hier ist eine Porzia, die nicht
+schön, dort eine, die nicht geistreich, dort wieder eine, die
+geistreich, aber nicht klug ist und wohl versteht, Leute unglücklich
+zu machen, nicht aber sich selbst zu beglücken. Unsere Shylocks
+möchten uns wohl das Fleisch ausschneiden, aber sie werden nun und
+nimmer eine Barauslage zu diesem Behuf wagen, und unsere Kaufleute von
+Venedig geraten nicht wegen eines lustigen Habenichts von Freund in
+Gefahr, sondern wegen einfältigen Aktienschwindels und halten dann
+nicht im mindesten so schöne melancholische Reden, sondern machen ein
+ganz dummes Gesicht dazu. Doch eigentlich sind, wie gesagt, alle
+solche Leute wohl in der Welt, aber nicht so hübsch beisammen, wie in
+jenen Gedichten; nie trifft ein ganzer Schurke auf einen ganzen
+wehrbaren Mann, nie ein vollständiger Narr auf einen unbedingt klugen
+Fröhlichen, so daß es zu keinem rechten Trauerspiel und zu keiner
+guten Komödie kommen kann.
+
+Ich aber las nun die ganze Nacht in diesem Buche und verfing mich ganz
+in demselben, da es mir gar so gründlich und sachgemäß geschrieben
+schien und mir außerdem eine solche Arbeit ebenso neu als
+verdienstlich vorkam. Weil nun alles übrige so trefflich, wahr und
+ganz erschien und ich es für die eigentliche und richtige Welt hielt,
+so verließ ich mich insbesondere auch bei den Weibern, die es
+vorbrachte, ganz auf ihn, verlockt und geleitet von dem schönen Sterne
+Lydia, und ich glaubte, hier ginge mir ein Licht auf und sei die
+Lösung meiner zweifelvollen Verwirrung und Qual zu finden.
+
+Gut! dachte ich, wenn ich diese schönen Bilder der Desdemona, der
+Helena, der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen
+Selbstherrlichkeit ihres Frauentums heraus so seltsamen Käuzen
+nachgingen und anhingen, rückhaltlos wie unschuldige Kinder, edel,
+stark und treu wie Helden, unwandelbar und treu wie die Sterne des
+Himmels: gut! hier haben wir unsern Fall! Denn nichts anderes als ein
+solches festes, schöngebautes und gradausfahrendes Frauenfahrzeug ist
+diese Lydia, die ihren Anker nur einmal und dann in eine
+unergründliche Tiefe auswirft und wohl weiß, was sie will. Diese
+Meinung ging gleich einer strahlenden heißen Sonne in mir auf und in
+deren Licht sah ich nun jede Bewegung und jede kleinste Handlung,
+jedes Wort des schönen Geschöpfes, und es dauerte nicht lange, so
+überbot sie in meinen Augen alles, was der gute Dichter mit seiner
+mächtigen Einbildungskraft erfunden, da dies lebendige Gedicht im
+Lichte der Sonne umherging in Fleisch und Blut, mit wirklichen
+Herzschlägen und einem tatsächlichen Nacken voll goldener Locken.
+
+Das unheimliche Rätsel war nun gelöst und ich hatte nichts weiter zu
+tun, als mich in diese mit dem Shakespeare in die Wette
+zusammengedichtete Seligkeit zu finden und mit Mühe meine geringfügige
+und unliebliche Person für eine solche Laune des Schicksals oder des
+königlich großmütigen Frauengemütes einigermaßen leidlich
+zurechtzustutzen mittelst hundertfacher Pläne und Aussichten, welche
+sich an das große schöne Luftschloß anbaueten. Die unendliche
+Dankbarkeit und Verehrung, welche ich solchergestalt gegen die
+Geliebte empfand, hatte allerdings zum guten Teil ihren Grund in
+meiner sich geschmeichelt fühlenden Eigenliebe; aber gewiß auch zum
+noch größeren Teile darin, daß diese Erklärungsweise die einzige war,
+welche mir möglich schien, ohne dies teuerste Wesen verachten und
+bemitleiden zu müssen; denn eine hohe Achtung, die ich für sie
+empfand, war mir zum Lebensbedürfnis geworden und mein Herz zitterte
+vor ihr, das noch vor keinem Menschen und vor keinem wilden Tiere
+gezittert hatte.
+
+So ging ich wohl ein halbes Jahr lang herum wie ein Nachtwandler, von
+Träumen so vollhängend, wie ein Baum voll Äpfel, alles, ohne mit Lydia
+um einen Schritt weiterzukommen. Ich fürchtete mich vor dem kleinsten
+möglichen Ereignis, etwa wie ein guter Christ vor dem Tode, den er
+zagend scheut, obgleich er durch selbigen in die ewige Seligkeit
+einzugehen gewiß ist. Desto bunter ging es in meinem Gehirn zu und die
+Ereignisse und aufregendsten Geschichten, alles aufs schönste und
+unzweifelhafteste sich begebend, drängten und blühten da
+durcheinander. Ich versäumte meine Geschäfte und war zu nichts zu
+gebrauchen. Das Ärgste war mir, wenn ich stundenlang mit dem Alten
+Schach spielen mußte, wo ich dann gezwungen war, meine Aufmerksamkeit
+an das Spiel zu fesseln, und die einzige Muße für meine schweren
+Liebesgedanken gewährte mir die kurze Zeit, wenn ein Spiel zu Ende war
+und die Figuren wieder aufgestellt wurden. Ich ließ mich daher sobald
+als immer möglich, ohne daß es zu sehr auffiel, matt machen und hielt
+mich so lange mit dem Aufstellen des Königs und der Königin, der
+Läufer, Springer und Bauern auf und rückte so lange an den Türmen hin
+und her, daß der Gouverneur glaubte, ich sei kindisch geworden und
+tändle mit den Figürchen zu meinem Vergnügen.
+
+Endlich aber drohete meine ganze Existenz sich in müßige
+Traumseligkeit aufzulösen, und ich lief Gefahr, ein Tollhäusler zu
+werden. Zudem war ich trotz aller dieser goldenen Luftschlösser
+unsäglich kleinmütig und traurig, da, ehe das letzte Wort gesprochen
+ist, die solchen wuchernden Träumen gegenüber immer zurückstehende
+Wirklichkeit niederdrückt und die leibhafte Gegenwart etwas
+Abkühlendes und Abwehrendes behält. Es ist das gewissermaßen die
+schützende Dornenrüstung, womit sich die schöne Rose des körperlichen
+Lebens umgibt. Je freundlicher und zutunlicher Lydia wurde, desto
+ungewisser und zweifelhafter wurde ich, weil ich an mir selbst
+entnahm, wie schwer es einem möglich wird, eine wirkliche Liebe zu
+zeigen, ohne sie ganz bei ihrem Namen zu nennen. Nur wenn sie streng,
+traurig und leidend schien, schöpfte ich wieder einen halben Grund zu
+einer vernünftigen Hoffnung, aber dies quälte mich alsdann noch viel
+tiefer und ich hielt mich nicht wert, daß sie nur eine schlimme Minute
+um meinetwillen erleiden sollte, der ich gern den Kopf unter ihre Füße
+gelegt hätte. Dann ärgerte ich mich wieder, daß sie, um guter Dinge zu
+sein, verlangte, ich sollte etwa aussehen wie ein verliebter
+närrischer Schneider, da ich doch kein solcher war und ich auf meine
+Weise schon gedachte, beweglich zu werden zu ihrem Wohlgefallen. Kurz,
+ich ging einer gänzlichen Verwirrung entgegen, war nicht mehr
+imstande, ein einziges Geschäft ordnungsgemäß zu verrichten, und lief
+Gefahr, als Soldat rückwärts zu kommen oder gar verabschiedet zu
+werden, wenn ich nicht als ein abhängiger dienstbarer Lückenbüßer, der
+zu weiter nichts zu brauchen, mich an das Haus des Gouverneurs hängen
+wollte.
+
+Als daher die Engländer in bedenkliche Feindseligkeiten mit indischen
+Völkern gerieten und ein Feldzug eröffnet wurde, der nachher ziemlich
+blutig für sie ausfiel, entschloß ich mich kurz und trat wieder in
+meine Kompanie als guter Kombattant, vom Gouverneur meinen Abschied
+nehmend. Derselbe wollte zwar nichts davon wissen, sondern polterte,
+bat und schmeichelte mir, daß ich bleiben möchte, wie alle solche
+Leute, die glauben, alles stehe mit seinem Leib und Leben, mit seinem
+Wohl und Wehe nur zu ihrer Verfügung da, um ihnen die Zeit zu
+vertreiben und zur Bequemlichkeit zu dienen. Lydia hingegen ließ sich
+während der drei oder vier Tage, während welcher von meinem Abzug die
+Rede war, kaum sehen. Geschah es aber, so sah sie mich nicht an oder
+warf einen kurzen Blick voll Zornes auf mich, wie es schien; aber nur
+das Auge schien zornig, ihr Gang und die übrigen Bewegungen waren
+dabei so still, edel und an sich haltend, daß dieser schöne Zorn mir
+das Herz zerriß. Auch hörte ich, daß sie des Morgens sehr spät zum
+Vorschein käme und daß man sich darüber den Kopf zerbräche; denn es
+deutete darauf, daß sie des Nachts nicht schlafe, und als ich sie am
+letzten Tage zufällig hinter ihrem Fenster sah, glaubte ich zu
+bemerken, daß sie ganz verweinte Augen hatte; auch zog sie sich
+schnell zurück, als ich vorüberging. Nichtsdestominder schritt ich
+meinen steifen Feldwebelsgang ruhig fort und verrichtete alles, weder
+rechts noch links sehend. So ging ich auch gegen Abend mit einem
+Burschen noch einmal durch die Pflanzungen, um ihm die Obhut derselben
+einigermaßen zu zeigen und ihn, so gut es ging, zu einem
+provisorischen Gärtner zuzustutzen, bis sich ein tauglicheres Subjekt
+zeigen würde. Wir standen eben in einem schlanken Rosenwäldchen, das
+ich gezogen hatte; die Bäumen ragten just in die Höhe des Gesichtes
+und waren so dicht, daß, wenn man darin herumging, die Rosen einem an
+der Nase streiften, was sehr artig und bequem war und wozu der
+Gouverneur sehr gelacht hatte, da er sich nun nicht mehr zu bücken
+brauchte, um an den Rosen zu riechen. Als ich dem Burschen meine
+Anweisungen erteilte, kam Lydia herbei und schickte ihn mit
+irgendeinem Auftrage weg, und indem sie gleich mitzugehen willens
+schien, zögerte sie doch eine kurze Zeit, einige Rosen brechend, bis
+der Diener weg war. Ich zerrte ebenfalls noch ein Weilchen an einem
+Zweige herum und wie ich mich umdrehte, um zu gehen, sah ich, daß ihr
+Tränen aus den Augen fielen. Ich hatte Mühe, mich zu bezwingen, doch
+tat ich, als ob ich nichts gesehen, und eilte hinweg. Doch kaum war
+ich zehn Schritte gegangen, als ich hörte und fühlte, wie sie, bald
+laufend, bald stehenbleibend, hinter mir herkam, und so eine ganze
+Strecke weit. Ich hielt dies nicht mehr aus, wandte mich plötzlich um
+und sagte zu ihr, die kaum noch drei Schritte von mir entfernt war:
+‚Warum gehen Sie mir nach, Fräulein?'
+
+Sie stand still, wie von einer Schlange erschreckt, und wurde, den
+Blick zur Erde gesenkt, glühendrot im Gesicht; dann wurde sie bleich
+und weiß und zitterte am ganzen Leibe, während sie die großen blauen
+Augen zu mir aufschlug und nicht ein Wort hervorbrachte. Endlich sagte
+sie mit einer Stimme, in welcher empörter Stolz mit gern ertragener
+Demütigung rang: ‚Ich denke, ich kann in meinem Besitztume herumgehen,
+wo ich will!'
+
+‚Gewiß!' erwiderte ich kleinlaut und setzte meinen Weg fort. Sie war
+jetzt an meiner Seite und ging neben mir her. Ich ging aber in meiner
+heftigen Aufregung mit so langen und raschen Schritten, daß sie trotz
+ihrer kräftigen Bewegungen mir mit Mühe folgen konnte, und doch tat
+sie es. Ich sah sie mehrmals groß an von der Seite und sah, daß ihr
+die Augen wieder voll Wasser standen, indessen dieselben wie
+kummervoll und demütig auf den Boden gerichtet waren. Mir brannte es
+ebenfalls siedendheiß im Gesicht und meine Augen wurden auch naß. Die
+Sache stand jetzt dergestalt auf der Spitze, daß ich entweder eine
+Dummheit oder eine Gewissenlosigkeit zu begehen im Begriffe stand,
+wovon ich weder das eine noch das andere zu tun gesonnen war. Doch
+dachte ich, indem ich so neben ihr herschritt, in meinen armen
+Gedanken: Wenn dies Weib dich liebt und du jemals mit Ehren an ihre
+Hand gelangest, so sollst du ihr auch dienen bis in den Tod, und wenn
+sie der Teufel selbst wäre!
+
+Indem erreichten wir eine Stätte, wo ein oder zwei Dutzend
+Orangenbäume standen und die Luft mit Wohlgeruch erfüllten, während
+ein süßer frischer Lufthauch durch die reinlichen edelgeformten Stämme
+wehte. Ich glaube diesen betörenden Hauch und Duft noch jetzt zu
+fühlen, wenn ich daran denke, wahrscheinlich übte er eine ähnliche
+Wirkung auf das Geschöpf, das neben mir ging, daß es seine wundersame
+Leidenschaft, welche die Liebe zu sich selbst war, so aufs äußerste
+empfand und darstellte, als ob es eine wirkliche Liebe zu einem Manne
+wäre; denn sie ließ sich auf eine Bank unter den Orangen nieder und
+senkte das schöne Haupt auf die Hände; die goldenen Haare fielen
+darüber und reiche Tränen quollen durch ihre Finger.
+
+Ich stand vor ihr still und sagte mit versagender Stimme: ‚Was wollen
+Sie denn, was ist Ihnen, Fräulein Lydia?'
+
+‚Was wollen Sie denn!' sagte sie, ‚ist es je erhört, eine schöne und
+feine Dame so zu quälen und zu mißhandeln! Aus welchem barbarischen
+Lande kommen Sie denn? Was tragen Sie für ein Stück Holz in der
+Brust?'
+
+‚Wie quäle, wie mißhandle ich denn?' erwiderte ich unschlüssig und
+betreten; denn obgleich sie einen guten Sinn haben konnte, schien mir
+diese Sprache dennoch nicht die rechte zu sein.
+
+‚Sie sind ein grober und übermütiger Mensch!' sagte sie, ohne
+aufzublicken.
+
+Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und erwiderte, ‚Sie würden
+dies nicht sagen, mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie wenig grob und
+übermütig ich in meinem Herzen gegen Sie gesinnt bin! Und es ist
+gerade meine große Höflichkeit und Demut, welche--'
+
+Sie blickte, als ich wieder verstummte, auf, und das Gesicht mit einem
+schmerzlichen, bittenden Lächeln aufgehellt, sagte sie hastig: ‚Nun?'
+Wobei sie mir einen Blick zuwarf, der mich jetzt um den letzten Rest
+von Überlegung brachte. Ich, der ich es nie für möglich gehalten
+hätte, selbst dem geliebtesten Weibe zu Füßen zu fallen, da ich
+solches für eine Torheit und Ziererei ansah, ich wußte jetzt nicht,
+wie ich dazu kam, plötzlich vor ihr zu liegen und meinen Kopf ganz
+hinzugeben und zerknirscht in den Saum ihres Gewandes zu verbergen,
+den ich mit heißen Tränen benetzte. Sie stieß mich jedoch
+augenblicklich zurück und hieß mich aufstehen; doch als ich dies tat,
+hatte sich ihr Lächeln noch vermehrt und verschönert und ich rief nun:
+‚Ja--so will ich es Ihnen nur sagen', und so weiter, und erzählte ihr
+meine ganze Geschichte mit einer Beredsamkeit, die ich mir kaum je
+zugetraut. Sie horchte begierig auf, während ich ihr gar nichts
+verschwieg vom Anfang bis zu dieser Stunde und besonders ihr auch aus
+überströmendem Herzen das Bild entwarf, das von ihr in meiner Seele
+lebte und wie ich es seit einem halben Jahre oder mehr so emsig und
+treu ausgearbeitet und vollendet. Sie lachte, vor sich niedersehend
+und voll Zufriedenheit lauschend, die Hand unter das Kinn stützend,
+und sah immer mehr einem seligen Kinde gleich, dem man ein gewünschtes
+Spielzeug gegeben, als sie hörte und vernahm, wie nicht einer ihrer
+Vorzüge und Reize und nicht eines ihrer Worte bei mir verlorengegangen
+war. Dann reichte sie mir die Hand hin und sagte, freundlich errötend,
+doch mit zufriedener Sicherheit: ‚Ich danke Ihnen sehr, mein Freund,
+für Ihre herzliche Zuneigung! Glauben Sie, es schmerzt mich, daß Sie
+um meinetwillen so lange besorgt und eingenommen waren; aber Sie sind
+ein ganzer Mann und ich muß Sie achten, da Sie einer so schönen und
+tiefen Neigung fähig sind!'
+
+Diese ruhige Rede fiel zwar wie ein Stück Eis in mein heißes Blut;
+doch gedachte ich sogleich, es ihr wohl und von Herzen zu gönnen, wenn
+sie jetzt die gefaßte und sich zierende Dame machen wolle, und mich in
+alles zu ergeben, was sie auch vornehmen und welchen Ton sie auch
+anschlagen würde.
+
+Doch erwiderte ich bekümmert: ‚Wer spricht denn von mir, schöne,
+schöne Lydia! Was hat alles, was ich leide oder nicht leide, erlitten
+habe oder noch erleiden werde, zu sagen, gegenüber auch nur einer
+unmutigen oder gequälten Minute, die Sie erleiden? Wie kann ich
+unwerter und ungefüger Geselle eine solche je ersetzen oder vergüten?'
+
+‚Nun,' sagte sie, immer vor sich niederblickend und immer noch
+lächelnd, doch schon in einer etwas veränderten Weise, ‚nun, ich muß
+allerdings gestehen, daß mich Ihr schroffes und ungeschicktes Benehmen
+sehr geärgert und sogar gequält hat; denn ich war an so etwas nicht
+gewöhnt, vielmehr daß ich überall, wo ich hinkam, Artigkeit und
+Ergebenheit um mich verbreitete. Ihre scheinbare grobe Fühllosigkeit
+hat mich ganz schändlich geärgert, sage ich Ihnen, und um so mehr, als
+mein Vater und ich viel von Ihnen hielten. Um so lieber ist es mir
+nun, zu sehen, daß Sie doch auch ein bißchen Gemüt haben, und
+besonders, daß ich an meinem eigenen Werte nicht länger zu zweifeln
+brauche; denn was mich am meisten kränkte, war tiefer Zweifel an mir
+selbst, an meinem persönlichen Wesen, der in mir sich zu regen begann.
+Übrigens, bester Freund, empfinde ich keine Neigung zu Ihnen, so wenig
+als zu jemand anderm, und hoffe, daß Sie sich mit aller Hingebung und
+Artigkeit, die Sie soeben beurkundet, in das Unabänderliche fügen
+werden, ohne mir gram zu sein!'
+
+Wenn sie geglaubt, daß ich nach dieser unbefangenen Eröffnung gänzlich
+rat- und wehrlos vor ihr darniederliegen werde, so hatte sie sich
+getäuscht. Vor dem vermeintlich guten und liebevollen Weibe hatte mein
+Herz gezittert, vor dem wilden Tiere dieser falschen gefährlichen
+Selbstsucht zitterte ich so wenig mehr, als ich es vor Tigern und
+Schlangen zu tun gewohnt war. Im Gegenteil, anstatt verwirrt und
+verzweifelt zu sein und die Täuschung nicht aufgeben zu wollen, wie es
+sonst wohl geschieht in dergleichen Auftritten, war ich plötzlich so
+kalt und besonnen, wie nur ein Mann es sein sonnte, der auf das
+schmählichste beleidigt und beschimpft worden ist, oder wie ein Jäger
+es sein kann, der statt eines edlen scheuen Rehes urplötzlich eine
+wilde Sau vor sich sieht. Ein seltsam gemischtes, unheimliches Gefühl
+von Kälte freilich, wenn ich bei alledem die Schönheit ansehen mußte,
+die da vor mir glänzte. Doch dieses ist das unheimliche Geheimnis der
+Schönheit.
+
+Indessen, wäre ich nicht von der Sonne ganz braungebrannt gewesen, so
+würde ich jetzt dennoch so weiß ausgesehen haben, wie die
+Orangenblüten über mir, als ich ihr nach einigem Schweigen erwiderte.
+‚Und also um Ihren edlen Glauben an Ihre Persönlichkeit herzustellen,
+war es Ihnen möglich, alle Zeichen der reinen und tiefen Liebe und
+Selbstentäußerung zu verwenden? Zu diesem Zwecke gingen Sie mir nach,
+wie ein unschuldiges Kind, das seine Mutter sucht, redeten Sie mir
+fortwährend nach dem Munde, wurden Sie bleich und leidend, vergossen
+Sie Tränen und zeigten eine so goldene und rückhaltlose Freude, wenn
+ich mit Ihnen nur ein Wort sprach?'
+
+‚Wenn es so ausgesehen hat, was ich tat,' sagte sie noch immer
+selbstzufrieden, ‚so wird es wohl so sein. Sie sind wohl ein wenig
+böse, eitler Mann! daß Sie nun doch nicht der Gegenstand einer gar so
+demutvollen und grenzenlosen weiblichen Hingebung sind?' ‚Daß ich
+Ärmste nicht das sehnlich blökende Lämmlein bin, für das Sie mich in
+Ihrer Vergnügtheit gehalten?'
+
+‚Ich war nicht vergnügt, Fräulein!' erwiderte ich. ‚Indessen wenn die
+Götter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den Menschen
+vielfach sich hingaben und wenn die Menschheit von jeher ihr höchstes
+Glück darin fand, dieser rückhaltlosen Liebe der Götter wert zu sein
+und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schämen, mich ähnlich
+geliebt gewähnt zu haben? Nein, Fräulein Lydia! Ich rechne es mir
+sogar zur Ehre an, daß ich mich von Ihnen fangen ließ, daß ich eher an
+die einfache Liebe und Güte eines unbefangenen Gemütes glaubte, bei so
+klaren und entschiedenen Zeichen, als daß ich verdorbenerweise nichts
+als eine einfältige Komödie dahinter gefürchtet. Denn einfältig ist
+die Geschichte! Welche Garantie haben Sie denn nun für Ihren Glauben
+an sich selbst, da Sie solche Mittel angewendet, um nur den ärmsten
+aller armen Kriegsleute zu gewinnen, Sie, die schöne und vornehme
+englische Dame?'
+
+‚Welche Garantie?' antwortete Lydia, die nun allmählich blaß und
+verlegen wurde, ‚ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklärung ich
+Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht leugnen wollen,
+daß Sie hingerissen waren und mir soeben erzählten, wie ich Ihnen von
+jeher gefallen? Warum ließen Sie das in Ihrer Grobheit nicht ein klein
+weniges merken, so wie es dem schlichtesten und anspruchslosesten
+Menschen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt wäre, so wurde uns
+diese ganze Komödie, wie Sie es nennen, erspart worden sein und ich
+hätte mich begnügt!'
+
+‚Hätten Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schöne', erwiderte
+ich, ‚so hätten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen, daß
+dies Wohlgefallen sich jetzt notwendig in sein Gegenteil verkehren
+muß, zu meinen eigenen Schmerzen!'
+
+‚Hilft Ihnen nichts,' sagte sie, ‚ich weiß einmal, daß ich Ihnen
+wohlgefallen habe und in Ihrem Blute wohne! Ich habe Ihr Geständnis
+angehört und bin meiner Eroberung versichert. Alles übrige ist
+gleichgültig; so geht es zu, bester Herr Pankrazius, und so werden
+diejenigen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Königin
+Schönheit!' ‚Das heißt,' sagte ich, ‚es scheint dies Reich eher einer
+Zigeunerbande zu gleichen. Wie können Sie eine Feder auf den Hut
+stecken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin? gegen
+den Willen des Eigentümers?'
+
+Sie antwortete: ‚Auf diesem Felde, bester Herr Eigentümer, gereicht
+der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur aufs neue,
+wie gut ich Sie getroffen habe!'
+
+So zankten wir noch eine gute halbe Stunde herum in dem süßen
+Orangenhaine, aber mit bittern harten Worten, und ich suchte
+vergeblich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und
+erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Wert für sie haben
+könnte, den sie ihr beilegte. Ich führte diesen Beweis nicht nur aus
+philisterhafter Verletztheit und Dummheit, sondern auch um irgendeinen
+Funken vom Gefühl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer
+Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht
+einsehen, daß eine rechte Gemütsverfassung erst dann in der vollen und
+rückhaltlosen Liebe aufflammt, wenn sie Grund zur Hoffnung zu haben
+glaubt; und also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fühlen, immer
+ein grober und unsittlicher Betrug bleibt, und um so gewissenloser,
+als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art ist. Immer kam
+sie auf das Faktum meiner Liebeserklärung zurück, und zwar warf sie,
+die sonst ein so gesundes Urteil zu haben schien, die unsinnigsten,
+kleinlichsten und unanständigsten Reden und Argumente durcheinander
+und tat einen wahren Kindskopf kund. Während der ganzen Jahre unsers
+Zusammenseins hatte ich nicht so viel mit ihr gesprochen, wie in
+dieser letzten zänkischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter Gott!
+daß es ein Weib war von einem großangelegten Wesen, mit den Manieren,
+Bewegungen und Kennzeichen eines wirklich edeln und seltenen Weibes,
+und bei alledem mit dem Gehirn--einer ganz gewöhnlichen Soubrette, wie
+ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den Vaudevilletheatern
+zu Paris! Während dieses Zankes aber verschlang ich sie dennoch
+fortwährend mit den Augen und ihre unbegreifliche grundlose, so
+persönlich scheinende Schönheit quälte mein Herz in die Wette mit dem
+Wortwechsel, den wir führten. Als sie aber zuletzt ganz sinnlose und
+unverschämte Dinge sagte, rief ich, in bittere Tränen ausbrechend: ‚O
+Fräulein! Sie sind ja der größte Esel, den ich je gesehen habe!'
+
+Sie schüttelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und
+erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so
+schönen Mund schwebte. Es sollte wohl ein höhnisches Lächeln sein,
+ward aber zu einem Zeichen seltsamer Verlegenheit.
+
+‚Ja,' sagte ich, mit den Fäusten meine Tränen zerreibend, ‚nur wir
+Männer können sonst Esel sein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich
+Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Auszeichnung und Ehre für
+Sie. Wären Sie nur ein bißchen gewöhnlicher und geringer, so würde ich
+Sie einfach eine schlechte Gans schelten!'
+
+Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne
+ferner nach ihr hinzublicken, aber mit dem Gefühle, daß ich das, was
+mir jemals in meinem Leben von reinem Glück beschieden sein mochte,
+jetzt für immer hinter mir lasse, und daß es jetzt vorbei wäre mit
+meiner gläubigen Frömmigkeit in solchen Dingen.
+
+Das hast du nun von deinem unglückseligen Schmollwesen! sagte ich zu
+mir selbst, hättest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit ihr
+freundlich gesprochen, so hätte es dir nicht verborgen bleiben können,
+wes Geistes Kind sie ist, und du hättest dich nicht so gröblich
+getäuscht! Fahr hin und zerfließe denn, du schönes Luftgebilde!
+
+Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur
+verabschiedete, sah mich derselbe vergnüglich und verschmitzt an und
+blinzelte spöttisch mit den Augen. Ich merkte, daß er meine Affäre
+wohl kannte, überhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine
+Art von schadenfrohem Spaß darüber empfand. Da er sonst ein ganz
+biederer und honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als
+die einfältige Freude aller Philister an grausamen und schlechten
+Bratenspäßen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich große Herren
+daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu
+machen und dann mit Wasser zu begießen oder körperlich zu mißhandeln.
+Heutzutage wird dies bei den Gebildeten nicht mehr beliebt; dagegen
+unterhält man sich mit Vorliebe damit, allerlei feine Verwirrungen
+anzuzetteln, und je weniger solche Philisterseelen selber einer
+starken und gründlichen Leidenschaft fähig sind, desto mehr fühlen sie
+das Bedürfnis, dergleichen mit mehr oder weniger plumpen Mitteln in
+denen zu erwecken, die sich dazu eignen, in solche herzlos
+aufgestellte Mausefallen zu geraten. Wenn nun der Gouverneur
+seinerseits es nicht verschmähte, seine eigene Tochter als gebratenen
+Speck zu verwenden, so war hiergegen nichts weiter zu sagen, und ich
+nahm, obschon noch ein guter Gepäckwagen abfuhr, eigensinnig meinen
+schweren Tornister und die Muskete auf den Rücken und führte einen
+zurückgebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Regimente nach, das
+schon in der Frühe abmarschiert war.
+
+Ich sah mich nach einem mühseligen und heißen Marsch nun in eine neue
+Welt versetzt, als die Kampagne eröffnet war und die Truppen der
+ostindischen Kompanie sich mit den wilden Bergstämmen an der äußersten
+Grenze des indo-britischen Reiches herumschlugen. Einzelne Kompanien
+unseres Regimentes waren fortwährend vorgeschoben; eines Tages aber
+wurde die meinige so mörderisch umzingelt, daß wir uns mitten in einem
+Knäuel von banditenähnlichen Reitern, Elefanten und sonderbar bemalten
+und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille schöne hindostanische
+Scheinfürsten saßen, von den wilden Häuptlingen als Puppen mitgeführt.
+Unsere sämtlichen Offiziere fielen an diesen Tagen und die Kompanie
+schmolz auf ein Drittel zusammen. Da ich mich ordentlich hielt und
+einige Dienste leistete, so erlangte ich das Patent des ersten
+Leutnants der Kompanie und nach Beendigung des Feldzuges war ich deren
+Kapitän.
+
+Als solcher hielt ich mit etwa hundertundfünfzig Mann zwei Jahre lang
+einen kleinen Grenzbezirk besetzt, welcher zur Abrundung unseres
+Gebietes erobert worden, und war während dieser Zeit der oberste
+Machthaber in dieser heidnischen Wildnis. Ich war nun so einsam, als
+ich je in meinem Leben gewesen, mißtrauisch gegen alle Welt und
+ziemlich streng in meinem Dienstverkehr, ohne gerade böse oder
+ungerecht zu sein. Meine Haupttätigkeit bestand darin, christliche
+Polizei einzuführen und unsern Religionsleuten nachdrücklichen Schutz
+zu gewähren, damit sie ungefährdet arbeiten konnten. Hauptsächlich
+aber hatte ich das Verbrennen indischer Weiber zu verhüten, wenn ihre
+Männer gestorben, und da die Leute eine förmliche Sucht hatten, unser
+englisches Verbot zu übertreten und einander bei lebendigem Leibe zu
+braten zu Ehren der Gattentreue, so mußten wir stets auf den Beinen
+sein, um dergleichen zu hintertreiben. Sie waren dann ebenso mürrisch
+und mißvergnügt, wie wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes
+Vergnügen stört. Einmal hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache
+ganz schlau und heimlich soweit gebracht, daß der Scheiterhaufen schon
+lichterloh brannte, als ich atemlos herzugeritten kam und das Völkchen
+auseinanderjagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines uralten, gänzlich
+vertrockneten Gockelhahns, welcher schon ein wenig brenzelte. Neben
+ihm aber lag ein bildschönes Weibchen von kaum sechzehn Jahren,
+welches mit lächelndem Munde und silberner Stimme seine Gebete sang.
+Glücklicherweise hatte das Geschöpfchen noch nicht Feuer gefangen und
+ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu springen und sie bei den
+zierlichen Füßchen zu packen und vom Holzstoß zu ziehen. Sie gebärdete
+sich aber wie besessen und wollte durchaus verbrannt sein mit ihrem
+alten Stänker, so daß ich die größte Mühe hatte, sie zu bändigen und
+zu beschwichtigen. Freilich gewannen diese armen Witwen nicht viel
+durch solche Rettung; denn sie fielen hernach unter den Ihrigen der
+äußersten Schande und Verlassenheit anheim, ohne daß das Gouvernement
+etwas dafür tat, ihnen das gerettete Leben auch leichtzumachen. Diese
+Kleine gelang es mir indessen zu versorgen, indem ich ihr eine
+Aussteuer verschaffte und an einen getauften Hindu verheiratete der
+bei uns diente, dem sie auch getreulich anhing.
+
+Allein diese wunderlichen Vorfälle beschäftigten meine Gedanken und
+erweckten allmählich in mir den Wunsch nach dem Genusse solcher
+unbedingten Treue, und da ich für diese Laune kein Weib zu meiner
+Verfügung hatte, verfiel ich einer ganz weichlichen Sehnsucht, selber
+so treu zu sein, und damit zugleich einer heißen Sehnsucht nach Lydia.
+Da ich nun Rang und gute Aussichten besaß, schien es mir nicht
+unmöglich, bei einem klugen Benehmen die schöne Person, falls sie noch
+zu haben wäre, dennoch erlangen zu können, und in dieser tollen Idee
+bestärkte mich noch der Umstand, daß sie sich doch so viel aufrichtige
+und sorgenvolle Mühe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen. Irgendeinen
+Wert mußt du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt haben, sonst
+hätte sie gewiß nicht so viel darangesetzt. Also gedacht, getan;
+nämlich ich geriet jetzt auf die fixe Idee, die Lydia, wenn sie mich
+möchte, zu heiraten, wie sie eben wäre, und ihr um ihrer schönen
+Persönlichkeit willen, für die es nichts Ähnliches gab, treu und
+ergeben zu sein ohne Schranken noch Ziel, auch ihre Verkehrtheit und
+schlimmen Eigenschaften als Tugenden zu betrachten und dieselben zu
+ertragen, als ob sie das süßeste Zuckerbrot wären. Ja, ich
+phantasierte mich wieder so hinein, daß mir ihre Fehler, selbst ihre
+teilweise Dummheit zum wünschbarsten aller irdischen Güter wurden, und
+in tausend erfundenen Variationen wandte ich dieselben hin und her und
+malte mir ein Leben aus, wo ein kluger und geschickter Mann die
+Verkehrtheiten und Mängel einer liebenswürdigen Frau täglich und
+stündlich in ebensoviel artige und erfreuliche Abenteuer zu verwandeln
+und ihren Dummheiten mittels einer von Liebe und Treue getragenen
+Einbildungskraft einen goldenen Wert zu verleihen wisse, so daß sie
+lachend auf dieselben sich noch etwas zugut tun könne. Gott weiß, wo
+ich diese geschäftige Einbildungskraft hernahm, wahrscheinlich immer
+noch aus dem unglücklichen Shakespeare, den mir die Hexe gegeben und
+womit sie mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur wunder, ob
+sie auch selbst je mit Andacht darin gelesen hat!
+
+Kurz, als ich hinlänglich wieder berauscht war von meinen Träumen und
+von meinem entlegenen Posten zugleich abgelöst wurde, nahm ich Urlaub
+und begab mich Hals über Kopf zu dem Gouverneur. Er lebte noch in den
+alten Verhältnissen und empfing mich ganz gut und auch die Tochter war
+noch bei ihm und empfing mich freundlicher, als ich erwartet. Kaum
+hatte ich sie wieder gesehen und einige Worte sprechen gehört, so war
+ich wieder ganz in sie vernarrt und in meiner fixen Idee vollends
+bestärkt, und es schien mir unmöglich, ohne die Verwirklichung
+derselben je frohzuwerden.
+
+Allein sie betrieb nun das Geschäft in krankhafter Überreizung ganz
+offen und großartig und frönte ihrer unglücklichen Selbstsucht ohne
+allen Rückhalt. Sie war jetzt umgeben von einer Schar ziemlich roher
+und eitler Offiziere, die ihr auf ganz ordinäre Weise den Hof machten
+und sagten, was sie gern hören mochte, kam es auch heraus, wie es
+wollte. Es war eine vollständige Hetzjagd von Trivialitäten und hohlem
+Wesen, und die derbsten Zudringlichkeiten wurden am liebsten
+angenommen, wenn sie nur aus gänzlicher Ergebenheit herzurühren
+schienen und die Unglückliche in ihrem Glauben an sich selbst aufrecht
+erhielten. Außerdem hatte sie zur Zeit einem armen Tambour mit einem
+einzigen Blick den Kopf verdreht, der nun ganz aufgeblasen umherging
+und sich ihr überall in den Weg stellte; und einen Schuster, der für
+sie arbeitete, hatte sie dermaßen betört, daß er jedesmal, wenn er ihr
+Schuhe brachte, auf dem Hausflur ein Bürstchen mit einem Spiegelchen
+hervorzog und sich sorgfältig den Kopf putzte, wie eine Katze, da er
+zuverlässig erwartete, es würde diesmal etwas vorgehen. Wenn man ihn
+kommen sah, so begab sich die ganze Gesellschaft auf eine verdeckte
+Galerie, um dem armen Teufel in seinem feierlichen Werke zuzusehen.
+Das Sonderbarste war, daß niemand an diesem Wesen ein Ärgernis nahm,
+man also nichts Besseres von Lydia zu erwarten schien und ihre
+Aufführung ihrer würdig hielt und also ich der einzige war, der so
+große Meinungen von ihr im Herzen trug, so daß alle diese Hausnarren,
+die ich verachtete, die sie aber nahmen, wie sie war, klüger zu sein
+schienen, als ich in meiner tiefsinnigen Leidenschaft. Aber nein! rief
+ich, sie ist doch so, wie ich sie denke, und eben weil das alles
+Strohköpfe sind, sind sie so frech gegen sie und wissen nicht, was an
+ihr ist oder sein könnte! Und ich zitterte danach, ihr noch einmal den
+Spiegel vorzuhalten, aus dem ihr besseres Bild zurückstrahlte und
+alles Wertlose um sie her wegblendete. Allein der äußere Anstand und
+die Haltung, welche ich auch bei aller Anstrengung nicht aufgeben
+konnte, machten es mir unmöglich, mich unter diese Affenschwänze zu
+mischen und nur den kleinsten Schritt gegen Lydia zu tun. Ich ward
+abermals konfus, ungeduldig, nahm plötzlich meinen Abschied aus der
+indischen Armee und machte mich davon, um heimzukehren und die
+Unselige zu vergessen.
+
+So gelangte ich nach Paris und hielt mich daselbst einige Wochen auf.
+Da ich eine große Menge schöner und kluger Weiber sah, dachte ich, es
+wäre das beste Mittel, meine unglückliche Geschichte loszuwerden, in
+recht viele hübsche Frauengesichter zu blicken, und ging daher von
+Theater zu Theater, und an alle Orte, wo dergleichen beisammen waren;
+ließ mich auch in verschiedene gute Häuser und Gesellschaften
+einführen. Ich sah in der Tat viele tüchtige Gestalten von edlem
+Schwung und Zuschnitt und in deren Augen nicht unebene Gedanken lagen;
+aber alles was ich sah, führte mich nur auf Lydia zurück und diente zu
+deren Gunsten. Sie war nicht zu vergessen und ich war und blieb aufs
+neue elend verliebt in sie. Ich hatte das allerunheimlichste,
+sonderbarste Gefühl, wenn ich an sie dachte. Es war mir zumute, als ob
+notwendigerweise ein weibliches Wesen in der Welt sein müßte, welches
+genau das Äußere und die Manieren dieser Lydia, kürz deren bessere
+Hälfte besäße, dazu aber auch die entsprechende andere Hälfte, und daß
+ich nur dann würde zur Ruhe kommen, wenn ich diese ganze Lydia fände;
+oder es war mir, als ob ich verpflichtet wäre, die rechte Seele zu
+diesem schönen halben Gespenste zu suchen; mit einem Worte, ich wurde
+abermals krank vor Sehnsucht nach ihr, und da es doch nicht anging,
+zurückzukehren, suchte ich neue Sonnenglut, Gefahr und Tätigkeit und
+nahm Dienste in der französisch-afrikanischen Armee. Ich begab mich
+sogleich nach Algier und befand mich bald am äußersten Saume der
+afrikanischen Provinz, wo ich im Sonnenbrand und auf dem glühenden
+Sande mich herumtummelte und mit den Kabylen herumschlug."
+
+Da in diesem Augenblick das schlafende Estherchen, das immer einen
+Unfug machen mußte, träumte, es falle eine Treppe hinunter, und
+demgemäß auf seinem Stuhle ein plötzliches Geräusch erregte, blickte
+der erzählende Pankrazius endlich auf und bemerkte, daß seine
+Zuhörerinnen schliefen. Zugleich entdeckte er erst jetzt, daß er
+denselben eigentlich nichts als eine Liebesgeschichte erzählt, schämte
+sich dessen und wünschte, daß sie gar nichts davon gehört haben
+möchten. Er weckte die Frauen auf und hieß sie ins Bett gehen, und er
+selbst suchte ebenfalls das Lager auf, wo er mit einem langen, aber
+gemütlichen Seufzer einschlief. Er lag wohl so lange im Bette, wie
+einst, als er der faule und unnütze Pankräzlein gewesen, so daß ihn
+die Mutter wie ehedem wecken mußte. Als sie nun zusammen beim
+Frühstück saßen und Kaffee tranken, sagte er, mit seinem Bericht
+fortfahrend: „Wenn ihr nicht geschlafen hättet, so würdet ihr gehört
+haben, wie ich in Ostindien im Begriffe war, aus einem Murrkopf ein
+äußerst zutunlicher und wohlwollender Mensch zu werden um eines
+schönen Frauenzimmers willen, wie aber eben meine Schmollerei mir
+einen argen Streich gespielt hat, da sie mich verhinderte, besagtes
+Frauenzimmer näher zu kennen und mich blindlings in selbe verlieben
+ließ; wie ich dann betrogen wurde und als ein neugestählter Schmoller
+aus Indien nach Afrika ging zu den Franzosen, um dort den
+Burnusträgern die lächerlichen turmartigen Strohhüte herunterzuschlagen
+und ihnen die Köpfe zu zerbläuen, was ich mit so grimmigem Eifer tat,
+daß ich auch bei den Franzosen avancierte und Oberst ward, was ich
+geblieben bin bis jetzt. Ich war wieder so einsilbig und trübselig als
+je und kannte nur zwei Arten, mich zu vergnügen: die Erfüllung meiner
+Pflicht als Soldat und die Löwenjagd. Letztere betrieb ich ganz
+allein, indem ich mit nichts als mit einer guten Büchse bewaffnet zu
+Fuß ausging und das Tier aufsuchte, worauf es dann darauf ankam,
+dasselbe sicher zu treffen, oder zugrunde zu gehen. Die stete
+Wiederholung dieser einen großen Gefahr und das mögliche Eintreffen
+eines endlichen Fehlschusses sagte meinem Wesen zu und nie war ich
+behaglicher, als wenn ich so seelenallein auf den heißen Höhen
+herumstreifte und einem starken wilden Burschen auf der Spur war, der
+mich gar wohl bemerkte und ein ähnliches schmollendes Spiel trieb mit
+mir, wie ich mit ihm. So war vor jetzt ungefähr vier Monaten ein
+ungewöhnlich großer Löwe in der Gegend erschienen, dieser, dessen Fell
+hier liegt, und lichtete den Beduinen ihre Herden, ohne daß man ihm
+beikommen konnte; denn er schien ein durchtriebener Geselle zu sein
+und machte täglich große Märsche kreuz und quer, so daß ich bei meiner
+Weise zu Fuß zu jagen lange Zeit brauchte, bis ich ihn nur von ferne
+zu Gesicht bekam. Als ich ihn zwei- oder dreimal gesehen, ohne zum
+Schuß zu kommen, kannte er mich schon und merkte, daß ich gegen ihn
+etwas im Schilde führe. Er fing gewaltig an zu brüllen und verzog
+sich, um mir an einer andern Stelle wieder zu begegnen, und wir gingen
+so umeinander herum während mehreren Tagen wie zwei Kater, die sich
+zausen wollen, ich lautlos, wie das Grab, und er mit einem
+zeitweiligen wilden Geknurre.
+
+Eines Tages war ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen und nach einer noch
+nie eingeschlagenen Richtung hingegangen, weil der Löwe tags vorher
+sich auf der entgegengesetzten Seite herumgetrieben und einen
+vergeblichen Raubversuch gemacht; da die dortigen Leute mit ihren
+Tieren abgezogen waren, so vermutete ich, der hungrige Herr werde
+vergangene Nacht wohl diesen Weg eingeschlagen haben, wie es sich denn
+auch erwies. Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemächlich über
+ein hügeliges gold-gelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange
+himmelblaue Schatten über den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel
+war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch
+erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin, an welchen
+das arabische Städtchen lag, das ich bewohnte, und am andern Rande der
+Aussicht einige Wälder und grüne Fluren, auf denen man den Rauch und
+selbst die Zelte der Beduinen wie schwarze Punkte sehen konnte. Es war
+totenstill überall und kein lebendes Wesen zu erspähen. Da stieß ich
+an den Rand einer Schlucht, welche sich durch die ganze steinige
+Gegend hinzog und nicht zu sehen war, bis man dicht an ihr stand. Es
+floß ein kühler, frischer Bach auf ihrem Grunde, und wo ich eben
+stand, war die Vertiefung ganz mit glühendem Oleandergebüsch
+angefüllt. Nichts war schöner zu sehen, als das frische Grün dieser
+Sträucher und ihre tausendfältigen rosenroten Blüten und zu unterst
+das fließende klare Wässerlein. Der Anblick ließ eine verjährte
+Sehnsucht in mir aufsteigen und ich vergaß, warum ich hier
+herumstrich. Ich wünschte, in den Oleander hinabzugehen und aus dem
+Bach zu trinken, und in diesen zerstreuten Gedanken legte ich mein
+Gewehr auf den Boden und kletterte eiligst in die Schlucht hinunter,
+wo ich mich zur Erde warf, aus dem Bache trank, mein Gesicht benetzte
+und dabei an die schöne Lydia dachte. Ich grübelte, wo sie wohl sein
+möchte, wo sie jetzt herumwandle und wie es ihr überhaupt gehen
+möchte? Da hörte ich ganz nah den Löwen ein kurzes Gebrüll ausstoßen,
+daß der Boden zitterte. Wie besessen sprang ich auf und schwang mich
+den Abhang hinauf, blieb aber wie angenagelt oben stehen, als ich sah,
+daß das große Tier, kaum zehn Schritte von mir, eben bei meinem Gewehr
+angekommen war. Und wie ich dastand, so blieb ich auch stehen, die
+Augen auf die Bestie geheftet. Denn als er mich erblickte, kauerte er
+zum Sprunge nieder, gerade über meiner Doppelbüchse, daß sie quer
+unter seinem Bauche lag, und wenn ich mich nur gerührt hätte, so würde
+er gesprungen sein und mich unfehlbar zerrissen haben. Aber ich stand
+und stand so einige lange Stunden, ohne ein Auge von ihm zu verwenden
+und ohne daß er eines von mir verwandte. Er legte sich gemächlich
+nieder und betrachtete mich. Die Sonne stieg höher; aber während die
+furchtbarste Hitze mich zu quälen anfing, verging die Zeit so langsam,
+wie die Ewigkeit der Hölle. Weiß Gott was mir alles durch den Kopf
+ging: ich verwünschte die Lydia, deren bloßes Andenken mich abermals
+in dieses Unheil gebracht, da ich darüber meine Waffe vergessen hatte.
+Hundertmal war ich versucht, allem ein Ende zu machen und auf das
+wilde Tier loszuspringen mit bloßen Händen; allein die Liebe zum Leben
+behielt die Oberhand und ich stand und stand wie das versteinerte Weib
+des Loth oder wie der Zeiger einer Sonnenuhr; denn mein Schatten ging
+mit den Stunden um mich herum, wurde ganz kurz und begann schon wieder
+sich zu verlängern. Das war die bitterste Schmollerei, die ich je
+verrichtet, und ich nahm mir vor und gelobte, wenn ich dieser Gefahr
+entränne, so wolle ich umgänglich und freundlich werden, nach Hause
+gehen und mir und andern das Leben so angenehm als möglich machen. Der
+Schweiß lief an mir herunter, ich zitterte vor krampfhafter
+Anstrengung, um mich auf selbem Fleck unbeweglich aufrechtzuhalten,
+leise an allen Gliedern, und wenn ich nur die vertrockneten Lippen
+bewegte, so richtete sich der Löwe halb auf, wackelte mit seinem
+Hintergestell, funkelte mit den Augen und brüllte, so daß ich den Mund
+schnell wieder schloß und die Zähne aufeinander biß. Indem ich aber so
+eine lange Minute um die andere abwickeln und erleben mußte,
+verschwand der Zorn und die Bitterkeit in mir, selbst gegen den Löwen,
+und je schwächer ich wurde, desto geschickter ward ich in einer mich
+angenehm dünkenden, lieblichen Geduld, daß ich alle Pein aushielt und
+tapfer ertrug. Es würde aber, als endlich der Tag schon vorgerückt
+war, doch nicht mehr lange gegangen sein, als eine unverhoffte Rettung
+sich auftat. Das Tier und ich waren so ineinander vernarrt, daß keiner
+von uns zwei Soldaten bemerkte, welche im Rücken des Löwen
+hermarschiert kamen, bis sie auf höchstens dreißig Schritte nahe
+waren. Es war eine Patrouille, die ausgesandt war, mich zu suchen, da
+sich Geschäfte eingestellt hatten. Sie trugen ihre Ordonnanzgewehre
+auf der Schulter und ich sah gleichzeitig dieselben vor mir aufblitzen
+gleich einer himmlischen Gnadensonne, als auch mein Widersacher ihre
+Schritte hörte in der Stille der Landschaft; denn sie hatten schon von
+weitem etwas bemerkt und waren so leise als möglich gegangen.
+Plötzlich schrien sie jetzt: ‚Schau die Bestie! Hilf dem Oberst!' Der
+Löwe wandte sich um, sprang empor, sperrte wütend den Rachen auf,
+erbost wie ein Satan, und war einen Augenblick lang unschlüssig, auf
+wen er sich zuerst stürzen solle. Als aber die zwei Soldaten als brave
+lustige Franzosen, ohne sich zu besinnen, auf ihn zusprangen, tat er
+einen Satz gegen sie. Im gleichen Augenblick lag auch der eine unter
+seinen Tatzen und es wäre ihm schlecht ergangen, wenn nicht der andere
+im gleichen Augenblicke dem Tier, zugleich den Schuß abfeuernd, das
+Bajonett ein halbes Dutzendmal in die Flanke gestoßen hätte. Aber auch
+diesem würde es schließlich schlimm ergangen sein, wenn ich nicht
+endlich auf meine Büchse zugesprungen, auf den Kampfplatz getaumelt
+wäre und dem Löwen, ohne weitere Vorsicht, beide Kugeln in das Ohr
+geschossen hätte. Er streckte sich aus und sprang wieder auf, es war
+noch der Schuß aus der andern Muskete nötig, ihn abermals
+hinzustrecken, und endlich zerschlugen wir alle drei unsere Kolben an
+dem Tiere, so zäh und wild war sein Leben. Es hatte merkwürdigerweise
+keiner Schaden genommen, selbst der nicht, der unter dem Löwen
+gelegen, ausgenommen seinen zerrissenen Rock und einige tüchtige
+Schrammen auf der Schulter. So war die Sache für diesmal glücklich
+abgelaufen und wir hatten obenein den lange gesuchten Löwen erlegt.
+Ein wenig Wein und Brot stellte meinen guten Mut vollends wieder her,
+und ich lachte wie ein Narr mit den guten Soldaten, welche über die
+Freundlichkeit und Gesprächigkeit ihres bösen Obersten sehr verwundert
+und erbaut waren.
+
+Noch in selber Woche aber führte ich mein Gelübde aus, kam um meine
+Entlassung ein, und so bin ich nun hier." So lautete die Geschichte
+von Pankrazens Leben und Bekehrung, und seine Leutchen waren höchlich
+verwundert über seine Meinungen und Taten. Er verließ mit ihnen das
+Städtchen Seldwyla und zog in den Hauptort des Kantons, wo er
+Gelegenheit fand, mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen ein dem Lande
+nützlicher Mann zu sein und zu bleiben, und er ward sowohl dieser
+Tüchtigkeit, als seiner unverwüstlichen ruhigen Freundlichkeit wegen
+geachtet und beliebt; denn nie mehr zeigte sich ein Rückfall in das
+frühere Wesen.
+
+Nur ärgerten sich Estherchen und die Mutter, daß ihnen die Geschichte
+mit der Lydia entgangen war, und wünschten unaufhörlich deren
+Wiederholung. Allein Pankraz sagte, hätten sie damals nicht
+geschlafen, so hätten sie dieselbe erfahren; er habe sie einmal
+erzählt und werde es nie wieder tun, es sei das erste und letzte Mal,
+daß er überhaupt gegen jemanden von diesem Liebeshandel gesprochen,
+und damit Punktum. Die Moral von der Geschichte sei einfach, daß er in
+der Fremde durch ein Weib und ein wildes Tier von der Unart des
+Schmollens entwöhnt worden sei.
+
+Nun wollten sie wenigstens den Namen jener Dame wissen, welcher ihnen
+wegen seiner Fremdartigkeit wieder entfallen war, und fragten
+unaufhörlich: „Wie hieß sie denn nur?" Aber Pankraz erwiderte ebenso
+unaufhörlich: „Hättet ihr aufgemerkt! Ich nenne diesen Namen nicht
+mehr!" Und er hielt Wort; niemand hörte ihn jemals wieder das Wort
+aussprechen und er schien es endlich selbst vergessen zu haben.
+
+* * * * *
+
+
+
+
+ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE
+
+Diese Geschichte zu erzählen, würde eine müßige Nachahmung sein, wenn
+sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief
+im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die großen
+alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig; aber stets
+treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen
+alsdann die Hand, sie festzuhalten.
+
+An dem schönen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl
+vorüberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert
+sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fuße
+liegt ein Dorf, welches manche große Bauernhöfe enthält, und über die
+sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige lange Äcker
+weithingestreckt, gleich drei riesigen Bändern nebeneinander. An einem
+sonnigen Septembermorgen pflügten zwei Bauern auf zweien dieser Äcker,
+und zwar auf jedem der beiden äußersten; der mittlere schien seit
+langen Jahren brach und wüst zu liegen, denn er war mit Steinen und
+hohem Unkraut bedeckt und eine Welt von geflügelten Tierchen summte
+ungestört über ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten hinter
+ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Männer von ungefähr vierzig
+Jahren und verkündeten auf den ersten Blick den sichern, gutbesorgten
+Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starkem Zwillich, an dem
+jede Falte ihre unveränderliche Lage hatte und wie in Stein gemeißelt
+aussah. Wenn sie, auf ein Hindernis stoßend, den Pflug fester faßten,
+so zitterten die groben Hemdärmel von der leichten Erschütterung,
+indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerksam, aber ein
+wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche
+bemaßen, oben auch zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Geräusch die
+Stille des Landes unterbrach. Langsam und mit einer gewissen
+natürlichen Zierlichkeit setzten sie einen Fuß um den andern vorwärts
+und keiner sprach ein Wort, außer wenn er etwa dem Knechte, der die
+stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie
+einander vollkommen in einiger Entfernung; denn sie stellten die
+ursprüngliche Art dieser Gegend dar, und man hätte sie auf den ersten
+Blick nur daran unterscheiden können, daß der eine den Zipfel seiner
+weißen Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken hängen
+hatte. Aber das wechselte zwischen ihnen ab, indem sie in der
+entgegengesetzten Richtung pflügten; denn wenn sie oben auf der Höhe
+zusammentrafen und aneinander vorüberkamen, so schlug dem, welcher
+gegen den frischen Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten über,
+während sie bei dem andern, der den Wind im Rücken hatte, sich nach
+vorne sträubte. Es gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo
+die schimmernden Mützen aufrecht in der Luft schwankten und wie zwei
+weiße Flammen gen Himmel züngelten. So pflügten sie beide ruhevoll und
+es war schön anzusehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn
+sie so auf der Höhe aneinander vorbeizogen, still und langsam und sich
+mählich voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide
+wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wölbung des Hügels
+hinabgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu
+erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen
+sie denselben auf den wüsten Acker in der Mitte mit lässig kräftigem
+Schwunge, was aber nur selten geschah, da derselbe schon fast mit
+allen Steinen belastet war, welche überhaupt auf den Nachbaräckern zu
+finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil vergangen, als von
+dem Dorfe her ein kleines artiges Fuhrwerklein sich näherte, welches
+kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Höhe heranzukommen. Das
+war ein grünbemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der beiden
+Pflüger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen, gemeinschaftlich
+den Vormittagsimbiß heranfuhren. Für jeden Teil lag ein schönes Brot,
+in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Gläsern und noch
+irgendein Zutätchen in dem Wagen, welches die zärtliche Bäuerin für
+den fleißigen Meister mitgesandt, und außerdem waren da noch verpackt
+allerlei seltsam gestaltete angebissene Äpfel und Birnen, welche die
+Kinder am Wege aufgelesen, und eine völlig nackte Puppe mit nur einem
+Bein und einem verschmierten Gesicht, welches wie ein Fräulein
+zwischen den Broten saß und sich behaglich fahren ließ. Dies Fuhrwerk
+hielt nach manchem Anstoß und Aufenthalt endlich auf der Höhe im
+Schatten eines jungen Lindengebüsches, welches da am Rande des Feldes
+stand, und nun konnte man die beiden Fuhrleute näher betrachten. Es
+war ein Junge von sieben Jahren und ein Dirnchen von fünfen, beide
+gesund und munter, und weiter war nichts Auffälliges an ihnen, als daß
+beide sehr hübsche Augen hatten und das Mädchen dazu noch eine
+bräunliche Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare, welche ihm ein
+feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflüger waren jetzt auch
+wieder oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und ließen
+die Pflüge in der halbvollendeten Furche stehen, während sie als gute
+Nachbarn sich zu dem gemeinschaftlichen Imbiß begaben und sich da
+zuerst begrüßten; denn bislang hatten sie sich noch nicht gesprochen
+an diesem Tage.
+
+Wie nun die Männer mit Behagen ihr Frühstück einnahmen, und mit
+zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht von der
+Stelle wichen, solange gegessen und getrunken wurde, ließen sie ihre
+Blicke in der Nähe und Ferne herumschweifen und sahen das Städtchen
+räucherig glänzend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche
+Mittagsmahl, welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein
+weithin scheinendes Silbergewölk über ihre Dächer emporzutragen,
+welches lachend an ihren Bergen hinschwebte.
+
+„Die Lumpenhunde zu Seldwyl kochen wieder gut!" sagte Manz, der eine
+der Bauern, und Marti, der andere, erwiderte: „Gestern war einer bei
+mir wegen des Ackers hier." „Aus dem Bezirksrat? bei mir ist er auch
+gewesen!" sagte Manz. „So? und meinte wahrscheinlich auch, du solltest
+das Land benutzen und den Herren die Pacht zahlen?" „Ja, bis es sich
+entschieden habe, wem der Acker gehöre und was mit ihm anzufangen sei.
+Ich habe mich aber bedankt, das verwilderte Wesen für einen anderen
+herzustellen, und sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen und den
+Ertrag aufheben, bis sich ein Eigentümer gefunden, was wohl nie
+geschehen wird; denn was einmal auf der Kanzlei zu Seldwyl liegt, hat
+da gute Weile, und überdem ist die Sache schwer zu entscheiden. Die
+Lumpen möchten indessen gar zu gern etwas zu naschen bekommen
+durch den Pachtzins, was sie freilich mit der Verkaufssumme auch tun
+könnten; allein wir würden uns hüten, dieselbe zu hoch hinaufzutreiben,
+und wir wüßten dann doch, was wir hätten und wem das Land gehört!"
+
+„Ganz so meine ich auch und habe dem Steckleinspringer eine ähnliche
+Antwort gegeben!"
+
+Sie schwiegen eine Weile, dann fing Manz wiederum an: „Schade ist es
+aber doch, daß der gute Boden so daliegen muß, es ist nicht zum
+Ansehen, das geht nun schon in die zwanzig Jahre so, und keine Seele
+fragt danach; denn hier im Dorf ist niemand, der irgendeinen Anspruch
+auf den Acker hat, und niemand weiß auch, wo die Kinder des
+verdorbenen Trompeters hingekommen sind!"
+
+„Hm!" sagte Marti, „das wäre so eine Sache! Wenn ich den schwarzen
+Geiger ansehe, der sich bald bei den Heimatlosen aufhält, bald in den
+Dörfern zum Tanz aufspielt, so möchte ich darauf schwören, daß er ein
+Enkel des Trompeters ist, der freilich nicht weiß, daß er noch einen
+Acker hat. Was täte er aber damit? Einen Monat lang sich besaufen und
+dann nach wie vor! Zudem, wer dürfte da einen Wink geben, da man es
+doch nicht sicher wissen kann!"
+
+„Da könnte man eine schöne Geschichte anrichten!" antwortete Manz,
+„wir haben so genug zu tun, diesem Geiger das Heimatsrecht in unserer
+Gemeinde abzustreiten, da man uns den Fetzel fortwährend aufhalsen
+will. Haben sich seine Eltern einmal unter die Heimatlosen begeben, so
+mag er auch dableiben und dem Kesselvolk das Geigelein streichen. Wie
+in aller Welt können wir wissen, daß er des Trompeters Sohnessohn ist?
+Was mich betrifft, wenn ich den Alten auch in dem dunklen Gesicht
+vollkommen zu erkennen glaube, so sage ich: Irren ist menschlich, und
+das geringste Fetzchen Papier, ein Stücklein von einem Taufschein
+würde meinem Gewissen besser tun als zehn sündhafte
+Menschengesichter!"
+
+„Eia, sicherlich!" sagte Marti, „er sagt zwar, er sei nicht schuld, daß man
+ihn nicht getauft habe! Aber sollen wir unseren Taufstein tragbar machen
+und in den Wäldern herumtragen? Nein, er steht fest in der Kirche, und
+dafür ist die Totenbahre tragbar, die draußen an der Mauer hängt. Wir
+sind schon übervölkert im Dorf und brauchen bald zwei Schulmeister!"
+
+Hiermit war die Mahlzeit und das Zwiegespräch der Bauern geendet, und
+sie erhoben sich, den Rest ihrer heutigen Vormittagsarbeit zu
+vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan
+entworfen hatten, mit den Vätern nach Hause zu ziehen, zogen ihr
+Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Linden und begaben sich dann auf
+einen Streifzug in dem wilden Acker, da derselbe mit seinen
+Unkräutern, Stauden und Steinhaufen eine ungewohnte und merkwürdige
+Wildnis darstellte. Nachdem sie in der Mitte dieser grünen Wildnis
+einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sich daran belustigt, die
+verschlungenen Hände über die hohen Distelstauden zu schwingen, ließen
+sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder, und das Mädchen
+begann, seine Puppe mit den langen Blättern des Wegekrautes zu
+bekleiden, so daß sie einen schönen grünen und ausgezackten Rock
+bekam; eine einsame rote Mohnblume, die da noch blühte, wurde ihr als
+Haube über den Kopf gezogen und mit einem Grase festgebunden, und nun
+sah die kleine Person aus wie eine Zauberfrau, besonders nachdem sie
+noch ein Halsband und einen Gürtel von kleinen roten Beerchen
+erhalten. Dann wurde sie hoch in die Stengel der Distel gesetzt und
+eine Weile mit vereinten Blicken angeschaut, bis der Knabe sie
+genugsam besehen und mit einem Steine herunterwarf. Dadurch geriet
+aber ihr Putz in Unordnung, und das Mädchen entkleidete sie
+schleunigst, um sie aufs neue zu schmücken; doch als die Puppe eben
+wieder nackt und bloß war und nur noch der roten Haube sich erfreute,
+entriß der wilde Junge seiner Gefährtin das Spielzeug und warf es hoch
+in die Luft. Das Mädchen sprang klagend danach, allein der Knabe fing
+die Puppe zuerst wieder auf, warf sie aufs neue empor, und indem das
+Mädchen sie vergeblich zu haschen bemühte, neckte er es auf diese
+Weise eine gute Zeit. Unter seinen Händen aber nahm die fliegende
+Puppe Schaden, und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein
+kleines Loch einige Kleiekörner durchsickern ließ. Kaum bemerkte der
+Peiniger dies Loch, so verhielt er sich mäuschenstill und war mit
+offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Nägeln zu
+vergrößern und dem Ursprung der Kleie nachzuspüren. Seine Stille
+erschien dem armen Mädchen höchst verdächtig, und es drängte sich
+herzu und mußte mit Schrecken sein böses Beginnen gewahren. „Sieh
+mal!" rief er und schlenkerte ihr das Bein vor der Nase herum, daß ihr
+die Kleie ins Gesicht flog, und wie sie danach langen wollte und
+schrie und flehte, sprang er wieder fort und ruhte nicht eher, bis das
+ganze Bein dürr und leer herabhing als eine traurige Hülse. Dann warf
+er das mißhandelte Spielzeug hin und stellte sich höchst frech und
+gleichgültig, als die Kleine sich weinend auf die Puppe warf und
+dieselbe in ihre Schürze hüllte. Sie nahm sie aber wieder hervor und
+betrachtete wehselig die Ärmste, und als sie das Bein sah, fing sie
+abermals an laut zu weinen, denn dasselbe hing an dem Rumpfe nicht
+anders, denn das Schwänzchen an einem Molche. Als sie gar so unbändig
+weinte, ward es dem Missetäter endlich etwas übel zumut, und er stand
+in Angst und Reue vor der Klagenden, und als sie dies merkte, hörte
+sie plötzlich auf und schlug ihn einigemal mit der Puppe, und er tat,
+als ob es ihm weh täte, und schrie au! so natürlich, daß sie zufrieden
+war und nun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstörung und Zerlegung
+fortsetzte. Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und ließen
+aller Enden die Kleie entströmen, welche sie sorgfältig auf einem
+flachen Steine zu einem Häufchen sammelten, umrührten und aufmerksam
+betrachteten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war
+der Kopf und mußte jetzt vorzüglich die Aufmerksamkeit der Kinder
+erregen; sie trennten ihn sorgfältig los von dem ausgequetschten
+Leichnam und guckten erstaunt in sein hohles Innere. Als sie die
+bedenkliche Höhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es der nächste
+und natürlichste Gedankensprung, den Kopf mit der Kleie auszufüllen,
+und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschäftigt, um die Wette
+Kleie in den Kopf zu tun, so daß zum erstenmal in seinem Leben etwas
+in ihm steckte. Der Knabe mochte es aber immer noch für ein totes
+Wissen halten, weil er plötzlich eine große blaue Fliege fing und, die
+Summende zwischen beiden hohlen Händen haltend, dem Mädchen gebot, den
+Kopf von der Kleie zu entleeren. Hierauf wurde die Fliege
+hineingesperrt und das Loch mit Gras verstopft. Die Kinder hielten den
+Kopf an die Ohren und setzten ihn dann feierlich auf einen Stein; da
+er noch mit der roten Mohnblume bedeckt war, so glich der Tönende
+jetzt einem weissagenden Haupte, und die Kinder lauschten in tiefer
+Stille seinen Kunden und Märchen, indessen sie sich umschlungen
+hielten. Aber jeder Prophet erweckt Schrecken und Undank; das wenige
+Leben in dem dürftig geformten Bilde erregte die menschliche
+Grausamkeit in den Kindern, und es wurde beschlossen, das Haupt zu
+begraben. So machten sie ein Grab und legten den Kopf, ohne die
+gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein und errichteten
+über dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen. Dann
+empfanden sie einiges Grauen, da sie etwas Geformtes und Belebtes
+begraben hatten und entfernten sich ein gutes Stück von der
+unheimlichen Stätte. Auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten
+Plätzchen legte sich das Dirnchen auf den Rücken, da es müde war, und
+begann in eintöniger Weise einige Worte zu singen, immer die
+nämlichen, und der Junge kauerte daneben und half, indem er nicht
+wußte, ob er auch vollends umfallen solle, so lässig und müßig war er.
+Die Sonne schien dem singenden Mädchen in den geöffneten Mund,
+beleuchtete dessen blendend weiße Zähnchen und durchschimmerte die
+runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zähne, und dem Mädchen den Kopf
+haltend und dessen Zähnchen neugierig untersuchend, rief er: „Rate,
+wieviel Zähne hat man?" Das Mädchen besann sich einen Augenblick, als
+ob es reiflich nachzählte, und sagte dann aufs Geratewohl: „Hundert!"
+„Nein, zweiunddreißig!" rief er, „wart', ich will einmal zählen!" Da
+zählte er die Zähne des Kindes, und weil er nicht zweiunddreißig
+herausbrachte, so fing er immer wieder von neuem an. Das Mädchen hielt
+lange still, als aber der eifrige Zähler nicht zu Ende kam, raffte es
+sich auf und rief: „Nun will ich deine zählen!" Nun legte sich der
+Bursche hin ins Kraut, das Mädchen über ihn, umschlang seinen Kopf, er
+sperrte das Maul auf, und es zählte: „Eins, zwei, sieben, fünf, zwei,
+eins;" denn die kleine Schöne konnte noch nicht zählen. Der Junge
+verbesserte sie und gab ihr Anweisung, wie sie zählen solle, und so
+fing auch sie unzähligemal von neuem an, und das Spiel schien ihnen am
+besten zu gefallen von allem, was sie heut unternommen. Endlich aber
+sank das Mädchen ganz auf den kleinen Rechenmeister nieder, und die
+Kinder schliefen ein in der hellen Mittagssonne.
+
+Inzwischen hatten die Väter ihre Äcker fertig gepflügt und in
+frischduftende braune Fläche umgewandelt. Als nun, mit der letzten
+Furche zu Ende gekommen, der Knecht des einen halten wollte, rief sein
+Meister: „Was hältst du? Kehr' noch einmal um!" „Wir sind ja fertig!"
+sagte der Knecht. „Halt's Maul, und tu, wie ich dir sage!" der
+Meister. Und sie kehrten um und rissen eine tüchtige Furche in den
+mittleren herrenlosen Acker hinein, daß Kraut und Steine flogen. Der
+Bauer hielt sich aber nicht mit der Beseitigung derselben auf, er
+mochte denken, hierzu sei noch Zeit genug vorhanden, und er begnügte
+sich, für heute die Sache nur aus dem Gröbsten zu tun. So ging es
+rasch die Höhe empor in sanftem Bogen, und als man oben angelangt und
+das liebliche Windeswehen eben wieder den Kappenzipfel des Mannes
+zurückwarf, pflügte auf der anderen Seite der Nachbar vorüber, mit dem
+Zipfel nach vorn, und schnitt ebenfalls eine ansehnliche Furche vom
+mittleren Acker, daß die Schollen nur so zur Seite flogen. Jeder sah
+wohl, was der andere tat, aber keiner schien es zu sehen, und sie
+entschwanden sich wieder, indem jedes Sternbild still am andern
+vorüberging und hinter diese runde Welt hinabtauchte. So gehen die
+Weberschiffchen des Geschickes aneinander vorbei, und „was er webt,
+das weiß kein Weber!"
+
+Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder größer und
+schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen
+breitgewordenen Nachbarn. Mit jedem Pflügen verlor er hüben und drüben
+eine Furche, ohne daß ein Wort darüber gesprochen worden wäre und ohne
+daß ein Menschenauge den Frevel zu sehen schien. Die Steine wurden
+immer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentlichen Grat
+auf der ganzen Länge des Ackers, und das wilde Gesträuch darauf war
+schon so hoch, daß die Kinder, obgleich sie gewachsen waren, sich
+nicht mehr sehen konnten, wenn eines dies- und das andere jenseits
+ging. Denn sie gingen nun nicht mehr gemeinschaftlich auf das Feld, da
+der zehnjährige Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon
+wacker auf Seite der größeren Burschen und der Männer hielt; und das
+braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dirnchen war, mußte bereits
+unter der Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wäre es von den andern
+als ein Bubenmädchen ausgelacht worden. Dennoch nahmen sie während
+jeder Ernte, wenn alles auf den Äckern war, einmal Gelegenheit, den
+wilden Steinkamm, der sie trennte, zu besteigen und sich gegenseitig
+von demselben herunterzustoßen.
+
+Wenn sie auch sonst keinen Verkehr mehr miteinander hatten, so schien
+diese jährliche Zeremonie um so sorglicher gewahrt zu werden, als
+sonst nirgends die Felder ihrer Väter zusammenstießen.
+
+Indessen sollte der Acker doch endlich verkauft und der Erlös
+einstweilen amtlich aufgehoben werden. Die Versteigerung fand an Ort
+und Stelle statt, wo sich aber nur einige Gaffer einfanden außer den
+Bauern Manz und Marti, da niemand Lust hatte, das seltsame Stückchen
+zu erstehen und zwischen den zwei Nachbarn zu bebauen. Denn obgleich
+diese zu den besten Bauern des Dorfes gehörten und nichts weiter getan
+hatten, als was zwei Drittel der übrigen unter diesen Umständen auch
+getan haben würden, so sah man sie doch jetzt stillschweigend darum
+an, und niemand wollte zwischen ihnen eingeklemmt sein mit dem
+geschmälerten Waisenfelde. Die meisten Menschen sind fähig oder
+bereit, ein in den Lüften umgehendes Unrecht zu verüben, wenn sie mit
+der Nase daraufstoßen; sowie es aber von einem begangen ist, sind die
+übrigen froh, daß sie es doch nicht gewesen sind, daß die Versuchung
+nicht sie betroffen hat, und sie machen nun den Auserwählten zu dem
+Schlechtigkeitsmesser ihrer Eigenschaften und behandeln ihn mit zarter
+Scheu als einen Ableiter des Übels, der von den Göttern gezeichnet
+ist, während ihnen zugleich noch der Mund wässert nach den Vorteilen,
+die er dabei genossen. Manz und Marti waren also die einzigen, welche
+ernstlich auf den Acker boten; nach einem ziemlich hartnäckigen
+Überbieten erstand ihn Manz, und er wurde ihm zugeschlagen. Die
+Beamten und die Gaffer verloren sich vom Felde; die beiden Bauern,
+welche sich auf ihren Äckern noch zu schaffen gemacht, trafen beim
+Weggehen wieder zusammen, und Marti sagte: „Du wirst nun dein Land,
+das alte und das neue, wohl zusammenschlagen und in zwei gleiche
+Stücke teilen? Ich hätte es wenigstens so gemacht, wenn ich das Ding
+bekommen hätte." „Ich werde es allerdings auch tun," antwortete Manz,
+„denn als ein Acker würde mir das Stück zu groß sein. Doch was ich
+sagen wollte: Ich habe bemerkt, daß du neulich noch am unteren Ende
+dieses Ackers, der jetzt mir gehört, schräg hineingefahren bist und
+ein gutes Dreieck abgeschnitten hast. Du hast es vielleicht getan in
+der Meinung, du werdest das ganze Stück an dich bringen, und es sei
+dann sowieso dein. Da es nun aber mir gehört, so, wirst du wohl
+einsehen, daß ich eine solche ungehörige Einkrümmung nicht brauchen
+noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn ich den Strich
+wieder grad mache! Streit wird das nicht abgeben sollen!"
+
+Marti erwiderte ebenso kaltblütig, als ihn Manz angeredet hatte: „Ich
+sehe auch nicht, wo der Streit herkommen soll! Ich denke, du hast den
+Acker gekauft, wie er da ist, wir haben ihn alle gemeinschaftlich
+besehen, und er hat sich seit einer Stunde nicht um ein Haar
+verändert!"
+
+„Larifari!" sagte Manz, „was früher geschehen, wollen wir nicht
+aufrühren! Was aber zu viel ist, ist zu viel, und alles muß zuletzt
+eine ordentliche grade Art haben; diese drei Äcker sind von jeher so
+gerade nebeneinander gelegen, wie nach dem Richtscheit gezeichnet; es
+ist ein ganz absonderlicher Spaß von dir, wenn du nun einen solchen
+lächerlichen und unvernünftigen Schnörkel dazwischen bringen willst,
+und wir beide würden einen Übernamen bekommen, wenn wir den krummen
+Zipfel da bestehen ließen. Er muß durchaus weg!"
+
+Marti lachte und sagte: „Du hast ja auf einmal eine merkwürdige Furcht
+vor dem Gespötte der Leute! Das läßt sich aber ja wohl machen; mich
+geniert das Krumme gar nicht; ärgert es dich, gut, machen wir es grad,
+aber nicht auf meiner Seite, das geb' ich dir schriftlich, wenn du
+willst!"
+
+„Rede doch nicht so spaßhaft," sagte Manz, „es wird wohl grad gemacht,
+und zwar auf deiner Seite, darauf kannte du Gift nehmen!"
+
+„Das werden wir ja sehen und erleben!" sagte Marti, und beide Männer
+gingen auseinander, ohne sich weiter anzublicken; vielmehr starrten
+sie nach verschiedener Richtung ins Blaue hinaus, als ob sie da wunder
+was für Merkwürdigkeiten im Auge hätten, die sie betrachten müßten mit
+Aufbietung aller ihrer Geisteskräfte.
+
+Schon am nächsten Tage schickte Manz einen Dienstboten, ein
+Tagelöhnermädchen und sein eigenes Söhnchen Sali auf den Acker hinaus,
+um das wilde Unkraut und Gestrüpp auszureuten und auf Haufen zu
+bringen, damit nachher die Steine um so bequemer weggefahren werden
+konnten. Dies war eine Änderung in seinem Wesen, daß er den kaum
+elfjährigen Jungen, der noch zu keiner Arbeit angehalten worden, nun
+mit hinaussandte, gegen die Einsprache der Mutter. Es schien, da er es
+mit ernsthaften und gesalbten Worten tat, als ob er mit dieser
+Arbeitsstrenge gegen sein eigenes Blut das Unrecht betäuben wollte, in
+dem er lebte, und welches nun begann, seine Folgen ruhig zu entfalten.
+Das ausgesandte Völklein jätete inzwischen lustig an dem Unkraut und
+hackte mit Vergnügen an den wunderlichen Stauden und Pflanzen aller
+Art, die da seit Jahren wucherten. Denn da es eine außerordentliche
+gleichsam wilde Arbeit war, bei der keine Regel und keine Sorgfalt
+erheischt wurde, so galt sie als eine Lust. Das wilde Zeug, an der
+Sonne gedörrt, wurde aufgehäuft und mit großem Jubel verbrannt, daß
+der Qualm weithin sich verbreitete, und die jungen Leutchen dann
+herumsprangen wie besessen. Dies war das letzte Freudenfest auf dem
+Unglücksfelde, und das junge Vrenchen, Martis Tochter, kam auch
+hinausgeschlichen und half tapfer mit. Das Ungewöhnliche dieser
+Begebenheit und die lustige Aufregung gaben einen guten Anlaß, sich
+seinem kleinen Jugendgespielen wieder einmal zu nähern, und die Kinder
+waren recht glücklich und munter bei ihrem Feuer. Es kamen noch andere
+Kinder hinzu, und es sammelte sich eine ganz vergnügte Gesellschaft;
+doch immer, sobald sie getrennt wurden, suchte Sali alsobald wieder
+neben Vrenchen zu gelangen, und dieses wußte desgleichen immer
+vergnügt lächelnd zu ihm zu schlüpfen, und es war beiden Kreaturen,
+wie wenn dieser herrliche Tag nie enden müßte und könnte. Doch der
+alte Manz kam gegen Abend herbei, um zu sehen, was sie ausgerichtet,
+und obgleich sie fertig waren, so schalt er doch ob dieser Lustbarkeit
+und scheuchte die Gesellschaft auseinander. Zugleich zeigte sich Marti
+auf seinem Grund und Boden und, seine Tochter gewahrend, pfiff er
+derselben schrill und gebieterisch durch den Finger, daß sie
+erschrocken hineilte, und er gab ihr, ohne zu wissen warum, einige
+Ohrfeigen, also daß beide Kinder in großer Traurigkeit und weinend
+nach Hause gingen, und sie wußten jetzt eigentlich so wenig, warum sie
+so traurig waren, als warum sie vorhin so vergnügt gewesen; denn die
+Rauheit der Väter, an sich ziemlich neu, war von den arglosen
+Geschöpfen noch nicht begriffen und konnte sie nicht tiefer bewegen.
+Die nächsten Tage war es schon eine härtere Arbeit, zu welcher
+Mannsleute gehörten, als Manz die Steine aufnehmen und wegfahren ließ.
+Es wollte kein Ende nehmen, und alle Steine der Welt schienen da
+beisammen zu sein. Er ließ sie aber nicht ganz vom Felde wegbringen,
+sondern jede Fuhre auf jenem streitigen Dreiecke abwerfen, welches von
+Marti schon säuberlich umgepflügt war. Er hatte vorher einen geraden
+Strich gezogen als Grenzscheide und belastete nun dies Fleckchen Erde
+mit allen Steinen, welche beide Männer seit unvordenklichen Zeiten
+herübergeworfen, so daß eine gewaltige Pyramide entstand, die
+wegzubringen sein Gegner bleibenlassen würde, dachte er. Marti hatte
+dies am wenigsten erwartet; er glaubte, der andere werde nach alter
+Weise mit dem Pfluge zu Werke gehen wollen, und hatte daher
+abgewartet, bis er ihn als Pflüger ausziehen sähe. Erst als die Sache
+schon beinahe fertig, hörte er von dem schönen Denkmal, welches Manz
+da errichtet, rannte voll Wut hinaus, sah die Bescherung, rannte
+zurück und holte den Gemeindeammann, um vorläufig gegen den
+Steinhaufen zu protestieren und den Fleck gerichtlich in Beschlag
+nehmen zu lassen, und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im
+Prozeß miteinander und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet
+waren.
+
+Die Gedanken der sonst so wohlweisen Männer waren nun so kurz
+geschnitten wie Häcksel; der beschränkteste Rechtssinn von der Welt
+erfüllte jeden von ihnen, indem keiner begreifen konnte noch wollte,
+wie der andere so offenbar unrechtmäßig und unwillkürlich den
+fraglichen unbedeutenden Ackerzipfel an sich reißen könne. Bei Manz
+kam noch ein wunderbarer Sinn für Symmetrie und parallele Linien
+hinzu, und er fühlte sich wahrhaft gekränkt durch den aberwitzigen
+Eigensinn, mit welchem Marti auf dem Dasein des unsinnigsten und
+mutwilligsten Schnörkels beharrte. Beide aber trafen zusammen in der
+Überzeugung, daß der andere, den anderen so frech und plump
+übervorteilend, ihn notwendig für einen verächtlichen Dummkopf halten
+müsse, da man dergleichen etwa einem armen haltlosen Teufel, nicht
+aber einem aufrechten, klugen und wehrhaften Manne gegenüber sich
+erlauben könne, und jeher sah sich in seiner wunderlichen Ehre
+gekränkt und gab sich rückhaltlos der Leidenschaft des Streites und
+dem daraus erfolgenden Verfalle hin, und ihr Leben glich fortan der
+träumerischen Qual zweier Verdammten, welche auf einem schmalen Brette
+einen dunklen Strom hinabtreibend sich befehden, in die Luft hauen und
+sich selber anpacken und vernichten, in der Meinung, sie hätten ihr
+Unglück gefaßt. Da sie eine faule Sache hatten, so gerieten beide in
+die allerschlimmsten Hände von Tausendkünstlern, welche ihre
+verdorbene Phantasie auftrieben zu ungeheuren Blasen, die mit den
+nichtsnutzigsten Dingen angefüllt wurden. Vorzüglich waren es die
+Spekulanten aus der Stadt Seldwyla, welchen dieser Handel ein
+gefundenes Essen war, und bald hatte jeder der Streitenden einen
+Anhang von Unterhändlern, Zuträgern und Ratgebern hinter sich, die
+alles bare Geld auf hundert Wegen abzuziehen wußten. Denn das
+Fleckchen Erde mit dem Steinhaufen darüber, auf welchem bereits wieder
+ein Wald von Nesseln und Disteln blühte, war nur noch der erste Keim
+oder der Grundstein einer verworrenen Geschichte und Lebensweise, in
+welcher die zwei Fünfzigjährigen noch neue Gewohnheiten und Sitten,
+Grundsätze und Hoffnungen annahmen, als sie bisher geübt. Je mehr Geld
+sie verloren, desto sehnsüchtiger wünschten sie welches zu haben, und
+je weniger sie besaßen, desto hartnäckiger dachten sie reich zu werden
+und es dem andern zuvorzutun. Sie ließen sich zu jedem Schwindel
+verleiten und setzten auch jahraus, jahrein in alle fremden Lotterien,
+deren Lose massenhaft in Seldwyla zirkulierten. Aber nie bekamen sie
+einen Taler Gewinn zu Gesicht, sondern hörten nur immer vom Gewinnen
+anderer Leute und wie sie selbst beinahe gewonnen hätten, indessen
+diese Leidenschaft ein regelmäßiger Geldabfluß für sie war. Bisweilen
+machten sich die Seldwyler den Spaß, beide Bauern, ohne ihr Wissen, am
+gleichen Lose teilnehmen zu lassen, so daß beide die Hoffnung auf
+Unterdrückung und Vernichtung des andern auf ein und dasselbe Los
+setzten. Sie brachten die Hälfte ihrer Zeit in der Stadt zu, wo jeder
+in einer Spelunke sein Hauptquartier hatte, sich den Kopf heißmachen
+und zu den lächerlichsten Ausgaben und einem elenden und ungeschickten
+Schlemmen verleiten ließ, bei welchem ihm heimlich doch selber das
+Herz blutete, also daß beide, welche eigentlich nur in diesem Hader
+lebten, um für keine Dummköpfe zu gelten, nun solche von der besten
+Sorte darstellten und von jedermann dafür angesehen wurden. Die andere
+Hälfte der Zeit lagen sie verdrossen zu Hause oder gingen ihrer Arbeit
+nach, wobei sie dann durch ein tolles böses Überhasten und Antreiben
+das Versäumte einzuholen suchten und damit jeden ordentlichen und
+zuverlässigen Arbeiter verscheuchten. So ging es gewaltig rückwärts
+mit ihnen, und ehe zehn Jahre vorüber, steckten sie beide von Grund
+aus in Schulden und standen wie die Störche auf einem Beine auf der
+Schwelle ihrer Besitztümer, von der jeder Lufthauch sie herunterwehte.
+Aber wie es ihnen auch erging, der Haß zwischen ihnen wurde täglich
+größer, da jeder den andern als den Urheber seines Unsterns
+betrachtete, als seinen Erbfeind und ganz unvernünftigen Widersacher,
+den der Teufel absichtlich in die Welt gesetzt habe, um ihn zu
+verderben. Sie spien aus, wenn sie sich nur von weitem sahen; kein
+Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des andern ein
+Wort sprechen, bei Vermeidung der gröbsten Mißhandlung. Ihre Weiber
+verhielten sich verschieden bei dieser Verarmung und Verschlechterung
+des ganzen Wesens. Die Frau des Marti, welche von guter Art war, hielt
+den Verfall nicht aus, härmte sich ab und starb, ehe ihre Tochter
+vierzehn Jahre alt war. Die Frau des Manz hingegen bequemte sich der
+veränderten Lebensweise an, und um sich als eine schlechte Genossin zu
+entfalten, hatte sie nichts zu tun, als einigen weiblichen Fehlern,
+die ihr von jeher angehaftet, den Zügel schießen zu lassen und
+dieselben zu Lastern auszubilden. Ihre Naschhaftigkeit wurde zu wilder
+Begehrlichkeit, ihre Zungenfertigkeit zu einem grundfalschen und
+verlogenen Schmeichel- und Verleumdungewesen, mit welchem sie jeden
+Augenblick das Gegenteil von dem sagte, was sie dachte, alles
+hintereinanderhetzte, und ihrem eigenen Manne ein X für ein U
+vormachte; ihre ursprüngliche Offenheit, mit der sie sich der
+unschuldigeren Plauderei erfreut, ward nun zur abgehärteten
+Schamlosigkeit, mit der sie jenes falsche Wesen betrieb, und so, statt
+unter ihrem Manne zu leiden, drehte sie ihm eine Nase; wenn er es arg
+trieb, so machte sie es bunt, ließ sich nichts abgehen und gedieh zu
+der dicksten Blüte einer Vorsteherin des zerfallenden Hauses. So war
+es nun schlimm bestellt um die armen Kinder, welche weder eine gute
+Hoffnung für ihre Zukunft fassen konnten, noch sich auch nur einer
+lieblich frohen Jugend erfreuten, da überall nichts als Zank und Sorge
+war. Vrenchen hatte anscheinend einen schlimmeren Stand als Sali, da
+seine Mutter tot und es einsam in einem wüsten Hause der Tyrannei
+eines verwilderten Vaters anheimgegeben war. Als es sechzehn Jahre
+zählte, war es schon ein schlank gewachsenes, ziervolles Mädchen;
+seine dunkelbraunen Haare ringelten sich unablässig fast bis über die
+blitzenden braunen Augen, dunkelrotes Blut durchschimmerte die Wangen
+des bräunlichen Gesichtes und glänzte als tiefer Purpur auf den
+frischen Lippen, wie man es selten sah und was dem dunklen Kinde ein
+eigentümliches Ansehen und Kennzeichen gab. Feurige Lebenslust und
+Fröhlichkeit zitterte in jeder Fiber dieses Wesens; es lachte und war
+aufgelegt zu Scherz und Spiel, wenn das Wetter nur im mindesten
+lieblich war, d. h. wenn es nicht zu sehr gequält wurde und nicht zu
+viel Sorgen ausstand. Diese plagten es aber häufig genug; denn nicht
+nur hatte es den Kummer und das wachsende Elend des Hauses mit zu
+tragen, sondern es mußte noch sich selber in acht nehmen und mochte
+sich gern halbwegs ordentlich und reinlich kleiden, ohne daß der Vater
+ihm die geringsten Mittel dazu geben wollte. So hatte Vrenchen die
+größte Not, ihre anmutige Person einigermaßen auszustaffieren, sich
+ein allerbescheidenstes Sonntagskleid zu erobern und einige bunte,
+fast wertlose Halstüchelchen zusammenzuhalten. Darum war das schöne
+wohlgemute junge Blut in jeder Weise gedemütigt und gehemmt und konnte
+am wenigsten der Hoffart anheimfallen. Überdies hatte es bei schon
+erwachendem Verstande das Leiden und den Tod seiner Mutter gesehen,
+und dies Andenken war ein weiterer Zügel, der seinem lustigen und
+feurigen Wesen angelegt war, so daß es nun höchst lieblich,
+unbedenklich und rührend sich ansah, wenn trotz alledem das gute Kind
+bei jedem Sonnenblick sich ermunterte und zum Lächeln bereit war. Sali
+erging es nicht so hart auf den ersten Anschein; denn er war nun ein
+hübscher und kräftiger junger Bursche, der sich zu wehren wußte und
+dessen äußere Haltung wenigstens eine schlechte Behandlung von selbst
+unzulässig machte. Er sah wohl die üble Wirtschaft seiner Eltern und
+glaubte sich erinnern zu können, daß es einst nicht so gewesen; ja er
+bewahrte noch das frühere Bild seines Vaters wohl in seinem
+Gedächtnisse als eines festen, klugen und ruhigen Bauers, desselben
+Mannes, den er jetzt als einen grauen Narren, Händelführer und
+Müßiggänger vor sich sah, der mit Toben und Prahlen auf hundert
+törichten und verfänglichen Wegen wandelte und mit jeder Stunde
+rückwärts ruderte, wie ein Krebs. Wenn ihm nun dies mißfiel und ihn
+oft mit Scham und Kummer erfüllte, während es seiner Unerfahrenheit
+nicht klar war, wie die Dinge so gekommen, so wurden seine Sorgen
+wieder betäubt durch die Schmeichelei, mit der ihn die Mutter
+behandelte. Denn um in ihrem Unwesen ungestörter zu sein und einen
+guten Parteigänger zu haben, auch um ihrer Großtuerei zu genügen, ließ
+sie ihm zukommen, was er wünschte, kleidete ihn sauber und prahlerisch
+und unterstützte ihn in allem, was er zu seinem Vergnügen vornahm. Er
+ließ sich dies gefallen ohne viel Dankbarkeit, da ihm die Mutter viel
+zu viel dazu schwatzte und log; und indem er so wenig Freude daran
+empfand, tat er lässig und gedankenlos, was ihm gefiel, ohne daß dies
+jedoch etwas Übles war, weil er für jetzt noch unbeschädigt war von
+dem Beispiele der Alten und das jugendliche Bedürfnis fühlte, im
+ganzen einfach, ruhig und leidlich tüchtig zu sein. Er war ziemlich
+genau so, wie sein Vater in diesem Alter gewesen war, und dieses
+flößte demselben eine unwillkürliche Achtung vor dem Sohne ein, in
+welchem er mit verwirrtem Gewissen und gepeinigter Erinnerung seine
+eigene Jugend achtete. Trotz dieser Freiheit, welche Sali genoß, ward
+er seines Lebens doch nicht froh und fühlte wohl, wie er nichts
+Rechtes vor sich hatte und ebensowenig etwas Rechtes lernte, da von
+einem zusammenhängenden und vernunftgemäßen Arbeiten in Manzens Hause
+längst nicht mehr die Rede war. Sein bester Trost war daher, stolz auf
+seine Unabhängigkeit und einstweilige Unbescholtenheit zu sein, und in
+diesem Stolze ließ er die Tage trotzig verstreichen und wandte die
+Augen von der Zukunft ab. Der einzige Zwang, dem er unterworfen, war
+die Feindschaft seines Vaters gegen alles, was Marti hieß und an
+diesen erinnerte. Doch wußte er nichts anderes, als daß Marti seinem
+Vater Schaden zugefügt und daß man in dessen Hause ebenso feindlich
+gesinnt sei, und es fiel ihm daher nicht schwer, weder den Marti noch
+seine Tochter anzusehen und seinerseits auch einen angehenden, doch
+ziemlich zahmen Feind vorzustellen. Vrenchen hingegen, welches mehr
+erdulden mußte als Sali und in seinem Hause viel verlassener war,
+fühlte sich weniger zu einer förmlichen Feindschaft aufgelegt und
+glaubte sich nur verachtet von dem wohlgekleideten und scheinbar
+glücklicheren Sali; deshalb verbarg sie sich vor ihm, und wenn er
+irgendwo nur in der Nähe war, so entfernte sie sich eilig, ohne daß er
+sich die Mühe gab, ihr nachzublicken. So kam es, daß er das Mädchen
+schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Nähe gesehen und gar
+nicht wußte, wie es aussah, seit es herangewachsen. Und doch wunderte
+es ihn zuweilen ganz gewaltig, und wenn überhaupt von den Martis
+gesprochen wurde, so dachte er unwillkürlich nur an die Tochter, deren
+jetziges Aussehen ihm nicht deutlich und deren Andenken ihm gar nicht
+verhaßt war.
+
+Doch war sein Vater Manz nun der erste von den beiden Feinden, der
+sich nicht mehr halten konnte und von Haus und Hof springen mußte.
+Dieser Vortritt rührte daher, daß er eine Frau besaß, die ihm
+geholfen, und einen Sohn, der doch auch einiges mit brauchte, während
+Marti der einzige Verzehrer war in seinem wackeligen Königreich, und
+seine Tochter durfte wohl arbeiten wie ein Haustierchen, aber nichts
+gebrauchen. Manz aber wußte nichts anderes anzufangen, als auf den Rat
+seiner Seldwyler Gönner in die Stadt zu ziehen und da sich als Wirt
+aufzutun. Es ist immer betrüblich anzusehen, wenn ein ehemaliger
+Landmann, der auf dem Felde alt geworden ist, mit den Trümmern seiner
+Habe in eine Stadt zieht und da eine Schenke oder Kneipe auftut, um
+als letzten Rettungsanker den freundlichen und gewandten Wirt zu
+machen, während es ihm nichts weniger als freundlich zumut ist. Als
+die Manzen vom Hofe zogen, sah man erst, wie arm sie bereits waren;
+denn sie luden lauter alten und zerfallenden Hausrat auf, dem man es
+ansah, daß seit vielen Jahren nichts erneuert und angeschafft worden
+war. Die Frau legte aber nichtsdestominder ihren besten Staat an, als
+sie sich oben auf die Gerümpelfuhre setzte, und machte ein Gesicht
+voller Hoffnungen, als künftige Stadtfrau schon mit Verachtung auf die
+Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mitleid hinter den Hecken hervor
+dem bedenklichen Zuge zuschauten. Denn sie nahm sich vor, mit ihrer
+Liebenswürdigkeit und Klugheit die ganze Stadt zu bezaubern, und was
+ihr versimpelter Mann nicht machen könne, das wolle sie schon
+ausrichten, wenn sie nur erst einmal als Frau Wirtin in einem
+stattlichen Gasthofe säße. Dieser Gasthof bestand aber in einer
+trübseligen Winkelschenke in einem abgelegenen schmalen Gäßchen, auf
+der eben ein anderer zugrunde gegangen war und welche die Seldwyler
+dem Manz verpachteten, da er noch einige hundert Taler einzuziehen
+hatte. Sie verkauften ihm auch ein paar Fäßchen angemachten Weines und
+das Wirtschaftsmobiliar, das aus einem Dutzend weißen geringen
+Flaschen, ebensoviel Gläsern und einigen tannenen Tischen und Bänken
+bestand, welche einst blutrot angestrichen gewesen und jetzt
+vielfältig abgescheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein eiserner
+Reifen in einem Haken, und in dem Reifen schenkte eine blecherne Hand
+Rotwein aus einem Schöppchen in ein Glas. Überdies hing ein verdorrter
+Busch von Stechpalme über der Haustüre, was Manz alles mit in die
+Pacht bekam. Um deswillen war er nicht so wohlgemut wie seine Frau,
+sondern trieb mit schlimmer Ahnung und voll Ingrimm die magern Pferde
+an, welche er vom neuen Bauern geliehen. Das letzte schäbige
+Knechtchen, das er gehabt, hatte ihn schon seit einigen Wochen
+verlassen. Als er solcherweise abfuhr, sah er wohl, wie Marti voll
+Hohn und Schadenfreude sich unfern der Straße zu schaffen machte,
+fluchte ihm und hielt denselben für den alleinigen Urheber seines
+Unglückes. Sali aber, sobald das Fuhrwerk im Gange war, beschleunigte
+seine Schritte, eilte voraus und ging allein auf Seitenwegen nach der
+Stadt.
+
+„Da wären wir!" sagte Manz, als die Fuhre vor dem Spelunkelein
+anhielt. Die Frau erschrak darüber, denn das war in der Tat ein
+trauriger Gasthof. Die Leute traten eilfertig unter die Fenster und
+vor die Häuser, um sich den neuen Bauernwirt anzusehen, und machten
+mit ihrer Seldwyler Überlegenheit mitleidig spöttische Gesichter.
+Zornig und mit nassen Augen kletterte die Manzin vom Wagen herunter
+und lief, ihre Zunge vorläufig wetzend, in das Haus, um sich heute
+vornehm nicht wieder blicken zu lassen; denn sie schämte sich des
+schlechten Gerätes und der verdorbenen Betten, welche nun abgeladen
+wurden. Sali schämte sich auch, aber er mußte helfen und machte mit
+seinem Vater einen seltsamen Verlag in dem Gäßchen, auf welchem
+alsbald die Kinder der Falliten herumsprangen und sich über das
+verlumpte Bauernpack lustig machten. Im Hause aber sah es noch
+trübseliger aus, und es glich einer vollkommenen Räuberhöhle. Die
+Wände waren schlechtgeweißtes, feuchtes Mauerwerk, außer der dunklen,
+unfreundlichen Gaststube mit ihren ehemals blutroten Tischen waren nur
+noch ein paar schlechte Kämmerchen da, und überall hatte der
+ausgezogene Vorgänger den trostlosesten Schmutz und Kehricht
+zurückgelassen.
+
+So war der Anfang, und so ging es auch fort. Während der ersten Woche
+kamen, besonders am Abend, wohl hin und wieder ein Tisch voll Leute
+aus Neugierde, den Bauernwirt zu sehen, und ob es da vielleicht
+einigen Spaß absetzte. Am Wirt hatten sie nicht viel zu betrachten,
+denn Manz war ungelenk, starr, unfreundlich und melancholisch und
+wußte sich gar nicht zu benehmen, wollte es auch nicht wissen. Er
+füllte langsam und ungeschickt die Schöppchen, stellte sie mürrisch
+vor die Gäste und versuchte etwas zu sagen, brachte aber nichts
+heraus. Desto eifriger warf sich nun seine Frau ins Geschirr und hielt
+die Leute wirklich einige Tage zusammen, aber in einem ganz anderen
+Sinne, als sie meinte. Die ziemlich dicke Frau hatte sich eine eigene
+Haustracht zusammengesetzt, in der sie unwiderstehlich zu sein
+glaubte. Zu einem leinenen, ungefärbten Landrock trug sie einen alten,
+grünseidenen Spenzer, eine baumwollene Schürze und einen schlimmen,
+weißen Halskragen. Von ihrem nicht mehr dichten Haar hatte sie an den
+Schläfen possierliche Schnecken gewickelt und in das Zöpfchen hinten
+einen hohen Kamm gesteckt. So schwänzelte und tänzelte sie mit
+angestrengter Anmut herum, spitzte lächerlich das Maul, daß es süß
+aussehen sollte, hüpfte elastisch an die Tische hin, und das Glas oder
+den Teller mit gesalzenem Käse hinsetzend, sagte sie lächelnd: „So so?
+so soli! herrlich, herrlich, ihr Herren!" und solches dummes Zeug
+mehr; denn obwohl sie sonst eine geschliffene Zunge hatte, so wußte
+sie jetzt doch nichts Gescheites vorzubringen, da sie fremd war und
+die Leute nicht kannte. Die Seldwyler von der schlechtesten Sorte, die
+da hockten, hielten die Hand vor den Mund, wollten vor Lachen
+ersticken, stießen sich unter dem Tisch mit den Füßen und sagten:
+„Potz tausig! Das ist ja eine Herrliche!" „Eine Himmlische!" sagte ein
+anderer, „beim ewigen Hagel! Es ist der Mühe wert, hierherzukommen, so
+eine haben wir lang nicht gesehen!" Ihr Mann bemerkte das wohl mit
+finsterem Blicke; er gab ihr einen Stoß in die Rippen und flüsterte:
+„Du alte Kuh! Was machst du denn?" „Störe mich nicht," sagte sie
+unwillig, „du alter Tolpatsch! Siehst du nicht, wie ich mir Mühe gebe
+und mit den Leuten umzugehen weiß? Das sind aber nur Lumpen von deinem
+Anhang! Laß mich nur machen, ich will bald vornehmere Kundschaft hier
+haben!" Dies alles war beleuchtet von einem oder zwei dünnen
+Talglichten; Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die dunkle Küche,
+setzte sich auf den Herd und weinte über Vater und Mutter.
+
+Die Gäste hatten aber das Schauspiel bald satt, welches ihnen die gute
+Frau Manz gewährte, und blieben wieder, wo es ihnen wohler war und sie
+über die wunderliche Wirtschaft lachen konnten; nur dann und wann
+erschien ein einzelner, der ein Glas trank und die Wände angähnte,
+oder es kam ausnahmsweise eine ganze Bande, die armen Leute mit einem
+vorübergehenden Trubel und Lärm zu täuschen. Es ward ihnen angst und
+bange in dem engen Mauerwinkel, wo sie kaum die Sonne sahen; und Manz,
+welcher sonst gewohnt war, tagelang in der Stadt zu liegen, fand es
+jetzt unerträglich zwischen diesen Mauern. Wenn er an die freie Weite
+der Felder dachte, so stierte er finster brütend an die Decke oder auf
+den Boden, lief unter die enge Haustüre und wieder zurück, da die
+Nachbarn den bösen Wirt, wie sie ihn schon nannten, angafften. Nun
+dauerte es aber nicht mehr lange und sie verarmten gänzlich und hatten
+gar nichts mehr in der Hand; sie mußten, um etwas zu essen, warten,
+bis einer kam und für wenig Geld etwas von dem noch vorhandenen Wein
+verzehrte, und wenn er eine Wurst oder dergleichen begehrte, so hatten
+sie oft die größte Angst und Sorge, dieselbe beizutreiben. Bald hatten
+sie auch den Wein nur noch in einer großen Flasche verborgen, die sie
+heimlich in einer andern Kneipe füllen ließen, und so sollten sie nun
+die Wirte machen ohne Wein und Brot und freundlich sein, ohne
+ordentlich gegessen zu haben. Sie waren beinahe froh, wenn nur niemand
+kam, und hockten so in ihrem Kneipchen, ohne leben noch sterben zu
+können. Als die Frau diese traurigen Erfahrungen machte, zog sie den
+grünen Spenzer wieder aus und nahm abermals eine Veränderung vor,
+indem sie nun, wie früher die Fehler, so nun einige weibliche Tugenden
+aufkommen ließ und mehr ausbildete, da Not an den Mann ging. Sie übte
+Geduld und suchte den Alten aufrechtzuhalten und den Jungen zum Guten
+anzuweisen; sie opferte sich vielfältig in allerlei Dingen, kurz sie
+übte in ihrer Weise eine Art von wohltätigem Einfluß, der zwar nicht
+weit reichte und nicht viel besserte, aber immerhin besser war als gar
+nichts oder als das Gegenteil und die Zeit wenigstens verbringen half,
+welche sonst viel früher hätte brechen müssen für diese Leute. Sie
+wußte manchen Rat zu geben nunmehr in erbärmlichen Dingen, nach ihrem
+Verstande, und wenn der Rat nichts zu taugen schien und fehlschlug, so
+ertrug sie willig den Grimm der Männer, kurzum, sie tat jetzt alles,
+da sie alt war, was besser gedient hätte, wenn sie es früher geübt.
+
+Um wenigstens etwas Beißbares zu erwerben und die Zeit zu verbringen,
+verlegten sich Vater und Sohn auf die Fischerei, d. h. mit der
+Angelrute, soweit es für jeden erlaubt war, sie in den Fluß zu hängen.
+Dies war auch eine Hauptbeschäftigung der Seldwyler, nachdem sie
+falliert hatten. Bei günstigem Wetter, wenn die Fische gern anbissen,
+sah man sie dutzendweise hinauswandern mit Rute und Eimer, und wenn
+man an den Ufern des Flusses wandelte, hockte alle Spanne lang einer,
+der angelte, der eine in einem langen, braunen Bürgerrock, die bloßen
+Füße im Wasser, der andere in einem spitzen, blauen Frack auf einer
+alten Weide stehend, den alten Filz schief auf dem Ohre; weiterhin
+angelte gar einer im zerrissenen, großblumigen Schlafrock, da er
+keinen andern mehr besaß, die lange Pfeife in der einen, die Rute in
+der andern Hand, und wenn man um eine Krümmung des Flusses bog, stand
+ein alter, kahlköpfiger Dickbauch faselnackt auf einem Stein und
+angelte; dieser hatte, trotz des Aufenthaltes am Wasser, so schwarze
+Füße, daß man glaubte, er habe die Stiefel anbehalten. Jeder hatte ein
+Töpfchen oder ein Schächtelchen neben sich, in welchem Regenwürmer
+wimmelten, nach denen sie zu andern Stunden zu graben pflegten. Wenn
+der Himmel mit Wolken bezogen und es ein schwüles, dämmeriges Wetter
+war, welches Regen verkündete, so standen diese Gestalten am
+zahlreichsten an dem ziehenden Strome, regungslos gleich einer Galerie
+von Heiligen, oder Prophetenbildern. Achtlos zogen die Landleute mit
+Vieh und Wagen an ihnen vorüber, und die Schiffer auf dem Flusse sahen
+sie nicht an, während sie leise murrten über die störenden Schiffe.
+
+Wenn man Manz vor zwölf Jahren, als er mit einem schönen Gespann
+pflügte auf dem Hügel über dem Ufer, geweissagt hätte, er würde sich
+einst zu diesen wunderlichen Heiligen gesellen und gleich ihnen Fische
+fangen, so wäre er nicht übel aufgefahren. Auch eilte er jetzt hastig
+an ihnen vorüber hinter ihrem Rücken und eilte stromaufwärts gleich
+einem eigensinnigen Schatten der Unterwelt, der sich zu seiner
+Verdammnis ein bequemes, einsames Plätzchen sucht an den dunkeln
+Wässern. Mit der Angelrute zu stehen hatten er und sein Sohn indessen
+keine Geduld, und sie erinnerten sich der Art, wie die Bauern auf
+manche andere Weise etwa Fische fangen, wenn sie übermütig sind,
+besonders mit den Händen in den Bächen; daher nahmen sie die Ruten nur
+zum Schein mit und gingen an den Borden der Bäche hinauf, wo sie
+wußten, daß es teure und gute Forellen gab.
+
+Dem auf dem Lande zurückgebliebenen Marti ging es inzwischen auch
+immer schlimmer, und es war ihm höchst langweilig dabei, so daß er,
+anstatt auf seinem vernachlässigten Felde zu arbeiten, ebenfalls auf
+das Fischen verfiel und tagelang im Wasser herumplätscherte. Vrenchen
+durfte nicht von seiner Seite und mußte ihm Eimer und Geräte
+nachtragen durch nasse Wiesengründe, durch Bäche und Wassertümpel
+aller Art, bei Regen und Sonnenschein, indessen sie das Notwendigste
+zu Hause liegenlassen mußte. Denn es war sonst keine Seele mehr da und
+wurde auch keine gebraucht, da Marti das meiste Land schon verloren
+hatte und nur noch wenige Äcker besaß, die er mit seiner Tochter
+liederlich genug oder gar nicht bebaute.
+
+So kam es, daß, als er eines Abends einen ziemlich tiefen und
+reißenden Bach entlang ging, in welchem die Forellen fleißig sprangen,
+da der Himmel voll Gewitterwolken hing, er unverhofft auf seinen Feind
+Manz traf, der an dem andern Ufer daherkam. Sobald er ihn sah, stieg
+ein schrecklicher Groll und Hohn in ihm auf; sie waren sich seit
+Jahren nicht so nahe gewesen, ausgenommen vor den Gerichtsschranken,
+wo sie nicht schelten durften, und Marti rief jetzt voll Grimm: „Was
+tust du hier, du Hund? Kannst du nicht in deinem Lotterneste bleiben,
+du Seldwyler Lumpenhund?"
+
+„Wirst nächstens wohl auch ankommen, du Schelm!" rief Manz. „Fische
+fängst du ja auch schon und wirst deshalb nicht viel mehr zu versäumen
+haben!"
+
+„Schweig, du Galgenhund!" schrie Marti, da hier die Wellen des Baches
+stärker rauschten, „du hast mich ins Unglück gebracht!" Und da jetzt
+auch die Weiden am Bache gewaltig zu rauschen anfingen im aufgehenden
+Wetterwind, so mußte Manz noch lauter schreien: „Wenn dem nur so wäre,
+so wollte ich mich freuen, du elender Tropf!" „O du Hund!" schrie
+Marti herüber und Manz hinüber: „O du Kalb, wie dumm tust du!" Und
+jener sprang wie ein Tiger den Bach entlang und suchte herüberzukommen.
+Der Grund, warum er der Wütendere war, lag in seiner Meinung, daß Manz
+als Wirt wenigstens genug zu essen und zu trinken hätte und
+gewissermaßen ein kurzweiliges Leben führe, während es
+ungerechterweise ihm so langweilig wäre auf seinem zertrümmerten Hofe.
+Manz schritt indessen auch grimmig genug an der andern Seite hin,
+hinter ihm sein Sohn, welcher, statt auf den bösen Streit zu hören,
+neugierig und verwundert nach Vrenchen hinübersah, welche hinter ihrem
+Vater ging, vor Scham in die Erde sehend, daß ihr die braunen, krausen
+Haare ins Gesicht fielen. Sie trug einen hölzernen Fischeimer in der
+einen Hand, in der andern hatte sie Schuh und Strümpfe getragen und
+ihr Kleid der Nässe wegen aufgeschürzt. Seit aber Sali auf der andern
+Seite ging, hatte sie es schamhaft sinken lassen und war nun dreifach
+belästigt und gequält, da sie all das Zeug tragen, den Rock
+zusammenhalten und des Streites wegen sich grämen mußte. Hätte sie
+aufgesehen und nach Sali geblickt, so würde sie entdeckt haben, daß er
+weder vornehm noch sehr stolz mehr aussah und selbst bekümmert genug
+war. Während Vrenchen so ganz beschämt und verwirrt auf die Erde sah
+und Sali nur diese in allem Elende schlanke und anmutige Gestalt im
+Auge hatte, die so verlegen und demütig dahinschritt, beachteten sie
+dabei nicht, wie ihre Väter stillgeworden, aber mit verstärkter Wut
+einem hölzernen Stege zueilten, der in kleiner Entfernung über den
+Bach führte und eben sichtbar wurde. Es fing an zu blitzen und
+erleuchtete seltsam die dunkle, melancholische Wassergegend; es
+donnerte auch in den grauschwarzen Wolken mit dumpfem Grolle, und
+schwere Regentropfen fielen, als die verwilderten Männer gleichzeitig
+auf die schmale, unter ihren Tritten schwankende Brücke stürzten, sich
+gegenseitig packten und die Fäuste in die vor Zorn und ausbrechendem
+Kummer bleichen, zitternden Gesichter schlugen. Es ist nichts
+Anmutiges und nichts weniger als artig, wenn sonst gesetzte Menschen
+noch in den Fall kommen, aus Übermut, Unbedacht oder Notwehr unter
+allerhand Volk, das sie nicht näher berührt, Schläge auszuteilen oder
+welche zu bekommen; allein dies ist eine harmlose Spielerei gegen das
+tiefe Elend, das zwei alte Menschen überwältigt, die sich wohl kennen
+und seit lange kennen, wenn diese aus innerster Feindschaft und aus
+dem Gange einer ganzen Lebensgeschichte heraus sich mit nackten Händen
+anfassen und mit Fäusten schlagen. So taten jetzt diese beiden
+ergrauten Männer; vor fünfzig Jahren vielleicht hatten sie sich als
+Buben zum letztenmal gerauft, dann aber fünfzig lange Jahre mit keiner
+Hand mehr berührt, ausgenommen in ihrer guten Zeit, wo sie sich etwa
+zum Gruße die Hände geschüttelt, und auch dies nur selten bei ihrem
+trockenen und sicheren Wesen. Nachdem sie ein= oder zweimal
+geschlagen, hielten sie inne und rangen still zitternd miteinander,
+nur zuweilen aufstöhnend und elendiglich knirschend, und einer suchte
+den andern über das knackende Geländer ins Wasser zu werfen. Jetzt
+waren aber auch ihre Kinder nachgekommen und sahen den erbärmlichen
+Auftritt. Sali sprang eines Satzes heran, um seinem Vater beizustehen
+und ihm zu helfen, dem gehaßten Feinde den Garaus zu machen, der
+ohnehin der schwächere schien und eben zu unterliegen drohte: Aber
+auch Vrenchen sprang, alles wegwerfend, mit einem langen Aufschrei
+herzu und umklammerte ihren Vater, um ihn zu schützen, während sie ihn
+dadurch nur hinderte und beschwerte. Tränen strömten aus ihren Augen,
+und sie sah flehend den Sali an, der im Begriff war, ihren Vater
+ebenfalls zu fassen und vollends zu überwältigen. Unwillkürlich legte
+er aber seine Hand an seinen eigenen Vater und suchte denselben mit
+festem Arm von dem Gegner loszubringen und zu beruhigen, so daß der
+Kampf eine kleine Weile ruhte oder vielmehr die ganze Gruppe unruhig
+hin und her drängte, ohne auseinander zu kommen. Darüber waren die
+jungen Leute, sich mehr zwischen die Alten schiebend, in dichte
+Berührung gekommen, und in diesem Augenblicke erhellte ein Wolkenriß,
+der den grellen Abendschein durchließ, das nahe Gesicht des Mädchens,
+und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte und doch so viel anders und
+schöner gewordene Gesicht. Vrenchen sah in diesem Augenblicke auch
+sein Erstaunen, und es lächelte ganz kurz und geschwind mitten in
+seinem Schrecken und seinen Tränen ihn an. Doch ermannte sich Sali,
+geweckt durch die Anstrengungen seines Vaters, ihn abzuschütteln, und
+brachte ihn mit eindringlich bittenden Worten und fester Haltung
+endlich ganz von seinem Feinde weg. Beide alten Gesellen atmeten hoch
+auf und begannen jetzt wieder zu schelten und zu schreien, sich
+voneinander abwendend; ihre Kinder aber atmeten kaum und waren still
+wie der Tod, gaben sich aber im Wegwenden und Trennen, ungesehen von
+den Alten, schnell die Hände, welche vom Wasser und von den Fischen
+feucht und kühl waren.
+
+Als die grollenden Parteien ihrer Wege gingen, hatten die Wolken sich
+wieder geschlossen, es dunkelte mehr und mehr und der Regen goß nun in
+Bächen durch die Luft. Manz schlenderte voraus auf den dunklen, nassen
+Wegen, er duckte sich, beide Hände in den Taschen, unter den
+Regengüssen, zitterte noch in seinen Gesichtszügen und mit den Zähnen,
+und ungesehene Tränen rieselten ihm in den Stoppelbart, die er fließen
+ließ, um sie durch das Wegwischen nicht zu verraten. Sein Sohn hatte
+aber nichts gesehen, weil er in glückseligen Bildern verloren
+daherging. Er merkte weder Regen noch Sturm, weder Dunkelheit, noch
+Elend; sondern leicht, hell und warm war es ihm innen und außen, und
+er fühlte sich so reich und wohlgeborgen wie ein Königssohn. Er sah
+fortwährend das sekundenlange Lächeln des nahen schönen Gesichtes und
+erwiderte dasselbe erst jetzt, eine gute halbe Stunde nachher, indem
+er voll Liebe in Nacht und Wetter hinein und das liebe Gesicht
+anlachte, das ihm allerwegen aus dem Dunkel entgegentrat, so daß er
+glaubte, Vrenchen müsse auf seinen Wegen dies Lachen notwendig sehen
+und seiner innewerden.
+
+Sein Vater war des andern Tags wie zerschlagen und wollte nicht aus
+dem Hause. Der ganze Handel und das vieljährige Elend nahm heute eine
+neue, deutlichere Gestalt an und breitete sich dunkel aus in der
+drückenden Luft der Spelunke, also daß Mann und Frau matt und scheu um
+das Gespenst herumschlichen, aus der Stube in die dunklen Kämmerchen,
+von da in die Küche und aus dieser wieder sich in die Stube
+schleppten, in welcher kein Gast sich sehen ließ. Zuletzt hockte jedes
+in einem Winkel und begann den Tag über ein müdes, halbtotes Zanken
+und Vorhalten mit dem andern, wobei sie zeitweise einschliefen, von
+unruhigen Tagträumen geplagt, welche aus dem Gewissen kamen und sie
+wieder weckten. Nur Sali sah und hörte nichts davon, denn er dachte
+nur an Vrenchen. Es war ihm immer noch zumut, nicht nur als ob er
+unsäglich reich wäre, sondern auch was Rechtes gelernt hätte und
+unendlich viel Schönes und Gutes wüßte, da er nun so deutlich und
+bestimmt um das wußte, was er gestern gesehen. Diese Wissenschaft war
+ihm wie vom Himmel gefallen, und er war in einer unaufhörlichen
+glücklichen Verwunderung darüber; und doch war es ihm, als ob er es
+eigentlich von jeher gewußt und gekannt hätte, was ihn jetzt mit so
+wundersamer Süßigkeit erfüllte. Denn nichts gleicht dem Reichtum und
+der Unergründlichkeit eines Glückes, das an den Menschen herantritt in
+einer so klaren und deutlichen Gestalt, vom Pfäfflein getauft und
+wohlversehen mit einem eigenen Namen, der nicht tönt wie andere Namen.
+
+Sali fühlte sich an diesem Tage weder müßig noch unglücklich, weder
+arm noch hoffnungslos; vielmehr war er vollauf beschäftigt, sich
+Vrenchens Gesicht und Gestalt vorzustellen, unaufhörlich, eine Stunde
+wie die andere; über dieser aufgeregten Tätigkeit aber verschwand ihm
+der Gegenstand derselben fast vollständig, das heißt, er bildete sich
+endlich ein, nun doch nicht zu wissen, wie Vrenchen recht genau
+aussehe, er habe wohl ein allgemeines Bild von ihr im Gedächtnis, aber
+wenn er sie beschreiben sollte, so könnte er das nicht. Er sah
+fortwährend dies Bild, als ob es vor ihm stände, und fühlte seinen
+angenehmen Eindruck, und doch sah er es nur, wie etwas, das man eben
+nur einmal gesehen, in dessen Gewalt man liegt und das man doch noch
+nicht kennt. Er erinnerte sich genau der Gesichtszüge, welche das
+kleine Dirnchen einst gehabt, mit großem Wohlgefallen, aber nicht
+eigentlich derjenigen, welche er gestern gesehen. Hätte er Vrenchen
+nie wieder zu sehen bekommen, so hätten sich seine Erinnerungskräfte
+schon behelfen müssen und das liebe Gesicht säuberlich wieder
+zusammengetragen, daß nicht ein Zug daran fehlte. Jetzt aber versagten
+sie schlau und hartnäckig ihren Dienst, weil die Augen nach ihrem
+Recht und ihrer Lust verlangten, und als am Nachmittage die Sonne warm
+und hell die oberen Stockwerke der schwarzen Häuser beschien, strich
+Sali aus dem Tore und seiner alten Heimat zu, welche ihm jetzt erst
+ein himmlisches Jerusalem zu sein schien mit zwölf glänzenden Pforten,
+und die sein Herz klopfen machte, als er sich ihr näherte.
+
+Er stieß auf dem Wege auf Vrenchens Vater, welcher nach der Stadt zu
+gehen schien. Der sah sehr wild und liederlich aus, sein
+graugewordener Bart war seit Wochen nicht geschoren, und er sah aus
+wie ein recht böser, verlorener Bauersmann, der sein Feld verscherzt
+hat und nun geht, um andern Übles zuzufügen. Dennoch sah ihn Sali, als
+sie sich vorübergingen, nicht mehr mit Haß, sondern voll Furcht und
+Scheu an, als ob sein Leben in dessen Hand stände und er es lieber von
+ihm erflehen als ertrotzen möchte. Marti aber maß ihn mit einem bösen
+Blicke von oben bis unten und ging seines Weges. Das war indessen dem
+Sali recht, welchem es nun, da er den Alten das Dorf verlassen sah,
+deutlicher wurde, was er eigentlich da wolle, und er schlich sich auf
+altbekannten Pfaden so lange um das Dorf herum und durch dessen
+verdeckte Gäßchen, bis er sich Martis Haus und Hof gegenüber befand.
+Seit mehreren Jahren hatte er diese Stätte nicht mehr so nah gesehen;
+denn auch als sie noch hier wohnten, hüteten sich die verfeindeten
+Leute gegenseitig, sich ins Gehege zu kommen. Deshalb war er nun
+erstaunt über das, was er doch an seinem eigenen Vaterhause erlebt,
+und starrte voll Verwunderung in die Wüstenei, die er vor sich sah.
+Dem Marti war ein Stück Ackerland um das andere abgepfändet worden, er
+besaß nichts mehr als das Haus und den Platz davor nebst etwas Garten
+und dem Acker auf der Höhe am Flusse, von welchem er hartnäckig am
+längsten nicht lassen wollte.
+
+Es war aber keine Rede mehr von einer ordentlichen Bebauung, und auf
+dem Acker, der einst so schön im gleichmäßigen Korne gewogt, wenn die
+Ernte kam, waren jetzt allerhand abfällige Samenreste gesät und
+aufgegangen, aus alten Schachteln und zerrissenen Tüten
+zusammengekehrt, Rüben, Kraut und dergleichen und etwas Kartoffeln, so
+daß der Acker aussah wie ein recht übel gepflegter Gemüseplatz, und
+eine wunderliche Musterkarte war, dazu angelegt, um von der Hand in
+den Mund zu leben, hier eine Handvoll Rüben auszureißen, wenn man
+Hunger hatte und nichts Besseres wußte, dort eine Tracht Kartoffeln
+oder Kraut, und das übrige fortwuchern oder verfaulen zu lassen, wie
+es mochte. Auch lief jedermann darin herum, wie es ihm gefiel, und das
+schöne breite Stück Feld sah beinahe so aus, wie einst der herrenlose
+Acker, von dem alles Unheil herkam. Deshalb war um das Haus nicht eine
+Spur von Ackerwirtschaft zu sehen. Der Stall war leer, die Türe hing
+nur in einer Angel, und unzählige Kreuzspinnen, den Sommer hindurch
+halbgroß geworden, ließen ihre Fäden in der Sonne glänzen vor dem
+dunklen Eingang. An dem offenstehenden Scheunentor, wo einst die
+Früchte des festen Landes eingefahren, hing schlechtes Fischergeräte,
+zum Zeugnis der verkehrten Wasserpfuscherei; auf dem Hofe war nicht
+ein Huhn und nicht eine Taube, weder Katze noch Hund zu sehen; nur der
+Brunnen war noch als etwas Lebendiges da, aber er floß nicht mehr
+durch die Röhre, sondern sprang durch einen Riß nahe am Boden über
+diesen hin und setzte überall kleine Tümpel an, so daß er das beste
+Sinnbild der Faulheit abgab. Denn während mit wenig Mühe des Vaters
+das Loch zu verstopfen und die Röhre herzustellen gewesen wäre, mußte
+sich Vrenchen nun abquälen, selbst das lautere Wasser dieser
+Verkommenheit abzugewinnen und seine Wäscherei in den seichten
+Sammlungen am Boden vorzunehmen, statt in dem vertrockneten und
+zerspellten Troge. Das Haus selbst war ebenso kläglich anzusehen; die
+Fenster waren vielfältig zerbrochen und mit Papier verklebt, aber doch
+waren sie das Freundlichste an dem Verfall; denn sie waren, selbst die
+zerbrochenen Scheiben, klar und sauber gewaschen, ja förmlich poliert
+und glänzten so hell, wie Vrenchens Augen, welche ihm in seiner Armut
+ja auch allen übrigen Staat ersetzen mußten. Und wie die krausen Haare
+und die rotgelben Kattunhalstücher zu Vrenchens Augen, stand zu diesen
+blinkenden Fenstern das wilde grüne Gewächs, was da durcheinander
+rankte um das Haus, flatternde Bohnenwäldchen und eine ganze duftende
+Wildnis von rotgelbem Goldlack. Die Bohnen hielten sich, sogut sie
+konnten, hier an einem Harkenstiel, oben an einem verkehrt in die Erde
+gesteckten Stumpfbesen, dort an einer von Rost zerfressenen Helbarte
+oder Sponton, wie man es nannte, als Vrenchens Großvater das Ding als
+Wachtmeister getragen, welches es jetzt aus Not in die Bohnen
+gepflanzt hatte; dort kletterten sie wieder lustig eine verwitterte
+Leiter empor, die am Hause lehnte seit undenklichen Zeiten, und hingen
+von da an in die klaren Fensterchen hinunter wie Vrenchens
+Kräuselhaare in seine Augen. Dieser mehr malerische als wirtliche Hof
+lag etwas beiseit und hatte keine näheren Nachbarhäuser, auch ließ
+sich in diesem Augenblicke nirgends eine lebendige Seele wahrnehmen;
+Sali lehnte daher in aller Sicherheit an einem alten Scheunchen, etwa
+dreißig Schritte entfernt, und schaute unverwandt nach dem stillen,
+wüsten Hause hinüber. Eine geraume Zeit lehnte und schaute er so, als
+Vrenchen unter die Haustür kam und lange vor sich hinblickte, wie mit
+allen ihren Gedanken an einem Gegenstande hängend. Sali rührte sich
+nicht und wandte kein Auge von ihr. Als sie endlich zufällig in dieser
+Richtung hinsah, fiel er ihr in die Augen. Sie sahen sich eine Weile
+an, herüber und hinüber, als ob sie eine Lufterscheinung betrachteten,
+bis sich Sali endlich aufrichtete und langsam über die Straße und über
+den Hof ging auf Vrenchen los. Als er dem Mädchen nahe war, streckte
+es seine Hände gegen ihn aus und sagte: „Sali!" Er ergriff die Hände
+und sah ihr immerfort ins Gesicht. Tränen stürzten aus ihren Augen,
+während sie unter seinen Blicken vollends dunkelrot wurde, und sie
+sagte: „Was willst du hier?" „Nur dich sehen!" erwiderte er, „wollen
+wir nicht wieder gute Freunde sein?" „Und unsere Eltern?" fragte
+Vrenchen, sein weinendes Gesicht zur Seite neigend, da es die Hände
+nicht frei hatte, um es zu bedecken. „Sind wir schuld an dem, was sie
+getan und geworden sind?" sagte Sali, „vielleicht können wir das Elend
+nur gutmachen, wenn wir zwei zusammenhalten und uns recht lieb sind!"
+„Es wird nie gut kommen," antwortete Vrenchen mit einem tiefen
+Seufzer, „geh in Gottes Namen deiner Wege, Sali!" „Bist du allein?"
+fragte dieser, „kann ich einen Augenblick hineinkommen?" „Der Vater
+ist zur Stadt, wie er sagte, um deinem Vater irgend etwas anzuhängen;
+aber hereinkommen kannst du nicht, weil du später vielleicht nicht so
+ungesehen weggehen kannst wie jetzt. Noch ist alles still und niemand
+um den Weg, ich bitte dich, geh jetzt!" „Nein, so geh' ich nicht! Ich
+mußte seit gestern immer an dich denken, und ich geh' nicht so fort,
+wir müssen miteinander reden, wenigstens eine halbe Stunde lang oder
+eine Stunde, das wird uns gut tun!" Vrenchen besann sich ein Weilchen
+und sagte dann: „Ich geh' gegen Abend auf unsern Acker hinaus, du
+weißt welchen, wir haben nur noch den, und hole etwas Gemüse. Ich
+weiß, daß niemand weiter dort sein wird, weil die Leute anderswo
+schneiden; wenn du willst, so komm dorthin, aber jetzt geh und nimm
+dich in acht, daß dich niemand sieht! Wenn auch kein Mensch hier mehr
+mit uns umgeht, so würden sie doch ein solches Gerede machen, daß es
+der Vater sogleich vernähme." Sie ließen sich jetzt die Hände frei,
+ergriffen sie aber auf der Stelle wieder, und beide sagten
+gleichzeitig: „Und wie geht es dir auch?" Aber statt sich zu
+antworten, fragten sie das gleiche aufs neue, und die Antwort lag nur
+in den beredten Augen, da sie nach Art der Verliebten die Worte nicht
+mehr zu lenken wußten und ohne sich weiter etwas zu sagen, endlich
+halb selig und halb traurig auseinanderhuschten. „Ich komme recht bald
+hinaus, geh nur gleich hin!" rief Vrenchen noch nach.
+
+Sali ging auch alsobald auf die stille, schöne Anhöhe hinaus, über
+welche die zwei Äcker sich erstreckten, und die prächtige, stille
+Junisonne, die fahrenden, weißen Wolken, welche über das reife,
+wallende Kornfeld wegzogen, der glänzende, blaue Fluß, der unten
+vorüberwallte, alles dies erfüllte ihn zum ersten Male seit langen
+Jahren wieder mit Glück und Zufriedenheit, statt mit Kummer, und er
+warf sich der Länge nach in den durchsichtigen Halbschatten des
+Kornes, wo dasselbe Martis wilden Acker begrenzte, und guckte
+glückselig in den Himmel.
+
+Obgleich es kaum eine Viertelstunde währte, bis Vrenchen nachkam und
+er an nichts anderes dachte, als an sein Glück und dessen Namen, stand
+es doch plötzlich und unverhofft vor ihm, auf ihn niederlächelnd, und
+froh erschreckt sprang er auf. „Vreeli!" rief er, und dieses gab ihm
+still und lächelnd beide Hände, und Hand in Hand gingen sie nun das
+flüsternde Korn entlang bis gegen den Fluß hinunter und wieder zurück,
+ohne viel zu reden; sie legten zwei- oder dreimal den Hin- und Herweg
+zurück, still, glückselig und ruhig, so daß dieses einige Paar nun
+auch einem Sternbilde glich, welches über die sonnige Rundung der
+Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sichergehenden
+Pflugzüge ihrer Väter. Als sie aber einsmals die Augen von den blauen
+Kornblumen aufschlugen, an denen sie gehaftet, sahen sie plötzlich
+einen andern dunkeln Stern vor sich hergehen, einen schwärzlichen
+Kerl, von dem sie nicht wußten, woher er so unversehens gekommen. Er
+mußte im Korne gelegen haben; Vrenchen zuckte zusammen, und Sali sagte
+erschreckt: „Der schwarze Geiger!" In der Tat trug der Kerl, der vor
+ihnen herstrich, eine Geige mit dem Bogen unter dem Arm und sah
+übrigens schwarz genug aus; neben einem schwarzen Filzhütchen und
+einem schwarzen, rußigen Kittel, den er trug, war auch sein Haar
+pechschwarz, so wie der ungeschorene Bart, das Gesicht und die Hände
+aber ebenfalls geschwärzt; denn er trieb allerlei Handwerk, meistens
+Kesselflicken, half auch den Kohlenbrennern und Pechsiedern in den
+Wäldern und ging mit der Geige nur auf einen guten Schick aus, wenn
+die Bauern irgendwo lustig waren und ein Fest feierten. Sali und
+Vrenchen gingen mäuschenstill hinter ihm drein und dachten, er würde
+vom Felde gehen und verschwinden, ohne sich umzusehen, und so schien
+es auch zu sein, denn er tat, als ob er nichts von ihnen merkte. Dazu
+waren sie in einem seltsamen Bann, daß sie nicht wagten, den schmalen
+Pfad zu verlassen, und dem unheimlichen Gesellen unwillkürlich
+folgten, bis an das Ende des Feldes, wo jener ungerechte Steinhaufen
+lag, der das immer noch streitige Ackerzipfelchen bedeckte. Eine
+zahllose Menge von Mohnblumen oder Klatschrosen hatte sich darauf
+angesiedelt, weshalb der kleine Berg feuerrot aussah zurzeit.
+Plötzlich sprang der schwarze Geiger mit einem Satze auf die
+rotgekleidete Steinmasse hinauf, kehrte sich und sah ringsum. Das
+Pärchen blieb stehen und sah verlegen zu dem dunklen Burschen hinauf;
+denn vorbei konnten sie nicht gehen, weil der Weg in das Dorf führte,
+und umkehren mochten sie auch nicht vor seinen Augen. Er sah sie
+scharf an und rief: „Ich kenne euch, ihr seid die Kinder derer, die
+mir den Boden hier gestohlen haben! Es freut mich zu sehen, wie gut
+ihr gefahren seid, und werde gewiß noch erleben, daß ihr vor mir den
+Weg alles Fleisches geht! Seht mich nur an, ihr zwei Spatzen! Gefällt
+euch meine Nase, wie?" In der Tat besaß er eine schreckbare Nase,
+welche wie ein großes Winkelmaß aus dem dürren, schwarzen Gesicht
+ragte oder eigentlich mehr einem tüchtigen Knebel oder Prügel glich,
+welcher in dies Gesicht geworfen worden war, und unter dem ein
+kleines, rundes Löchelchen von einem Munde sich seltsam stutzte und
+zusammenzog, aus dem er unaufhörlich pustete, pfiff und zischte. Dazu
+stand das kleine Filzhütchen ganz unheimlich, welches nicht rund und
+nicht eckig und so sonderlich geformt war, daß es alle Augenblicke
+seine Gestalt zu verändern schien, obgleich es unbeweglich saß, und
+von den Augen des Kerls war fast nichts als das Weiße zu sehen, da die
+Sterne unaufhörlich auf einer blitzschnellen Wanderung begriffen waren
+und wie zwei Hasen im Zickzack umhersprangen. „Seht mich nur an," fuhr
+er fort, „eure Väter kennen mich wohl, und jedermann in diesem Dorfe
+weiß, wer ich bin, wenn er nur meine Nase sieht. Da haben sie vor
+Jahren ausgeschrieben, daß ein Stück Geld für den Erben dieses Ackers
+bereitliege; ich habe mich zwanzigmal gemeldet, aber ich habe keinen
+Taufschein und keinen Heimatschein, und meine Freunde, die
+Heimatlosen, die meine Geburt gesehen, haben kein gültiges Zeugnis,
+und so ist die Frist längst verlaufen, und ich bin um den blutigen
+Pfennig gekommen, mit dem ich hätte auswandern können! Ich habe eure
+Väter angefleht, daß sie mir bezeugen möchten, sie müßten mich nach
+ihrem Gewissen für den rechten Erben halten; aber sie haben mich von
+ihren Höfen gejagt, und nun sind sie selbst zum Teufel gegangen! Item,
+das ist der Welt Lauf, mir kann's recht sein, ich will euch doch
+geigen, wenn ihr tanzen wollt!" Damit sprang er auf der andern Seite
+von den Steinen hinunter und machte sich dem Dorfe zu, wo gegen Abend
+der Erntesegen eingebracht wurde und die Leute guter Dinge waren. Als
+er verschwunden, ließ sich das Paar ganz mutlos und betrübt auf die
+Steine nieder; sie ließen ihre verschlungenen Hände fahren und
+stützten die traurigen Köpfe darauf; denn die Erscheinung des Geigers
+und seine Worte hatten sie aus der glücklichen Vergessenheit gerissen,
+in welcher sie wie zwei Kinder auf und ab gewandelt; und wie sie nun
+auf dem harten Grund ihres Elendes saßen, verdunkelte sich das heitere
+Lebenslicht, und ihre Gemüter wurden so schwer wie Steine.
+
+Da erinnerte sich Vrenchen unversehens der wunderlichen Gestalt und
+der Nase des Geigers, es mußte plötzlich hell auslachen und rief: „Der
+arme Kerl sieht gar zu spaßhaft aus! Was für eine Nase!" und eine
+allerliebste, sonnenhelle Lustigkeit verbreitete sich über des
+Mädchens Gesicht, als ob sie nur geharrt hätte, bis des Geigers Nase
+die trüben Wolken wegstieße. Sali sah Vrenchen an und sah diese
+Fröhlichkeit. Es hatte die Ursache aber schon wieder vergessen und
+lachte nur noch auf eigene Rechnung dem Sali ins Gesicht. Dieser,
+verblüfft und erstaunt, starrte unwillkürlich mit lachendem Munde auf
+die Augen, gleich einem Hungrigen, der ein süßes Weizenbrot erblickt,
+und rief: „Bei Gott, Vreeli! Wie schön bist du!" Vrenchen lachte ihn
+nur noch mehr an und hauchte dazu aus klangvoller Kehle einige kurze,
+mutwillige Lachtöne, welche dem armen Sali nicht anders dünkten, als
+der Gesang einer Nachtigall. „O du Hexe!" rief er, „wo hast du das
+gelernt? Welche Teufelskünste treibst du da?" „Ach du lieber Gott!"
+sagte Vrenchen mit schmeichelnder Stimme und nahm Salis Hand, „das
+sind keine Teufelskünste! Wie lange hätte ich gern einmal gelacht! Ich
+habe wohl zuweilen, wenn ich ganz allein war, über irgend etwas lachen
+müssen, aber es war nichts Rechtes dabei; jetzt aber möchte ich dich
+immer und ewig anlachen, wenn ich dich sehe, und ich möchte dich wohl
+immer und ewig sehen! Bist du mir auch ein bißchen recht gut?" „O
+Vreeli!" sagte er und sah ihr ergeben und treuherzig in die Augen,
+„ich habe noch nie ein Mädchen angesehen, es war mir immer, als ob ich
+dich einst liebhaben müßte, und ohne daß ich wollte oder wußte, hast
+du mir doch immer im Sinn gelegen!" „Und du mir auch," sagte Vrenchen,
+„und das noch viel mehr; denn du hast mich nie angesehen und wußtest
+nicht, wie ich geworden bin; ich aber habe dich zuzeiten aus der Ferne
+und sogar heimlich aus der Nähe recht gut betrachtet und wußte immer,
+wie du aussiehst! Weißt du noch, wie oft wir als Kinder
+hierhergekommen sind? Denkst du noch des kleinen Wagens? Wie kleine
+Leute sind wir damals gewesen und wie lang ist es her! Man sollte
+denken, wir wären recht alt." „Wie alt bist du jetzt?" fragte Sali
+voll Vergnügen und Zufriedenheit, „du mußt ungefähr siebzehn sein?"
+„Siebzehn und ein halbes Jahr bin ich alt!" erwiderte Vrenchen, „und
+wie alt bist du? Ich weiß aber schon, du bist bald zwanzig?" „Woher
+weißt du das?" fragte Sali. „Gelt, wenn ich es sagen wollte!" „Du
+willst es nicht sagen?" „Nein!" „Gewiß nicht?" „Nein, nein!" „Du
+sollst es sagen!" „Willst du mich etwa zwingen?" „Das wollen wir
+sehen!" Diese einfältigen Reden führte Sali, um seine Hände zu
+beschäftigen und mit ungeschickten Liebkosungen, welche wie eine
+Strafe aussehen sollten, das schöne Mädchen zu bedrängen. Sie führte
+auch, sich wehrend, mit vieler Langmut den albernen Wortwechsel fort,
+der trotz seiner Leerheit beide witzig und süß genug dünkte, bis Sali
+erbost und kühn genug war, Vrenchens Hände zu bezwingen und es in die
+Mohnblumen zu drücken. Da lag es nun und zwinkerte in der Sonne mit
+den Augen; seine Wangen glühten wie Purpur und sein Mund war halb
+geöffnet und ließ zwei Reihen weiße Zähne durchschimmern. Fein und
+schön flossen die dunklen Augenbrauen ineinander und die junge Brust
+hob und senkte sich mutwillig unter sämtlichen vier Händen, welche
+sich kunterbunt darauf streichelten und bekriegten. Sali wußte sich
+nicht zu lassen vor Freuden, das schlanke schöne Geschöpf vor sich zu
+sehen, es sein eigen zu wissen, und es dünkte ihm ein Königreich.
+„Alle deine weißen Zähne hast du noch!" lachte er, „weißt du noch, wie
+oft wir sie einst gezählt haben? Kannst du jetzt zählen?" „Das sind ja
+nicht die gleichen, du Kind!" sagte Vrenchen, „jene sind längst
+ausgefallen!" Sali wollte nun in seiner Einfalt jenes Spiel wieder
+erneuern und die glänzenden Zahnperlen zählen; aber Vrenchen verschloß
+plötzlich den roten Mund, richtete sich auf und begann einen Kranz von
+Mohnrosen zu winden, den es sich auf den Kopf setzte. Der Kranz war
+voll und breit und gab der bräunlichen Dirne ein fabelhaftes,
+reizendes Ansehen, und der arme Sali hielt in seinem Arm, was reiche
+Leute teuer bezahlt hätten, wenn sie es nur gemalt an ihren Wänden
+hätten sehen können. Jetzt sprang sie aber empor und rief: „Himmel,
+wie heiß ist es hier! Da sitzen wir wie die Narren und lassen uns
+versengen! Komm, mein Lieber! laß uns ins hohe Korn sitzen!" Sie
+schlüpften hinein so geschickt und sachte, daß sie kaum eine Spur
+zurückließen, und bauten sich einen engen Kerker in den goldenen
+Ähren, die ihnen hoch über den Kopf ragten, als sie drin saßen, so daß
+sie nur den tiefblauen Himmel über sich sahen und sonst nichts von der
+Welt. Sie umhalsten sich und küßten sich unverweilt und so lange, bis
+sie einstweilen müde waren, oder wie man es nennen will, wenn das
+Küssen zweier Verliebter auf eine oder zwei Minuten sich selbst
+überlebt und die Vergänglichkeit alles Lebens mitten im Rausche der
+Blütezeit ahnen läßt. Sie hörten die Lerchen singen hoch über sich und
+suchten dieselben mit ihren scharfen Augen, und wenn sie glaubten,
+flüchtig eine in der Sonne aufblitzen zu sehen, gleich einem plötzlich
+aufleuchtenden oder hinschießenden Stern am blauen Himmel, so küßten
+sie sich wieder zur Belohnung und suchten einander zu übervorteilen
+und zu täuschen, soviel sie konnten. „Siehst du, dort blitzt eine!"
+flüsterte Sali und Vrenchen erwiderte ebenso leise: „Ich höre sie
+wohl, aber ich sehe sie nicht!" „Doch, paß nur auf, dort, wo das weiße
+Wölkchen steht, ein wenig rechts davon!" Und beide sahen eifrig hin
+und sperrten vorläufig ihre Schnäbel auf, wie die jungen Wachteln im
+Neste, um sie unverzüglich aufeinanderzuheften, wenn sie sich
+einbildeten, die Lerche gesehen zu haben. Auf einmal hielt Vrenchen
+inne und sagte: „Dies ist also eine ausgemachte Sache, daß jedes von
+uns einen Schatz hat, dünkt es dich nicht so?" „Ja," sagte Sali, „es
+scheint mir auch so!" „Wie gefällt dir denn dein Schätzchen," sagte
+Vrenchen, „was ist es für ein Ding, was hast du von ihm zu melden?"
+„Es ist ein gar feines Ding," sagte Sali, „es hat zwei braune Augen,
+einen roten Mund und läuft auf zwei Füssen; aber seinen Sinn kenn' ich
+weniger, als den Papst zu Rom! Und was kannst du von deinem Schatz
+berichten?" „Er hat zwei blaue Augen, einen nichtsnutzigen Mund und
+braucht zwei verwegene starke Arme; aber seine Gedanken sind mir
+unbekannter, als der türkische Kaiser!" „Es ist eigentlich wahr,"
+sagte Sali, „daß wir uns weniger kennen, als wenn wir uns nie gesehen
+hätten, so fremd hat uns die lange Zeit gemacht, seit wir groß
+geworden sind! Was ist alles vorgegangen in deinem Köpfchen, mein
+liebes Kind?" „Ach, nicht viel! Tausend Narrenspossen haben sich
+wollen regen, aber es ist mir immer so trübselig ergangen, daß sie
+nicht aufkommen konnten!" „Du armes Schätzchen," sagte Sali, „ich
+glaube aber, du hast es hinter den Ohren, nicht?" „Das kannst du ja
+nach und nach erfahren, wenn du mich recht lieb hast!" „Wenn du einst
+meine Frau bist?" Vrenchen zitterte leis bei diesem letzten Worte und
+schmiegte sich tiefer in Salis Arme, ihn von neuem lange und zärtlich
+küssend. Es traten ihr dabei Tränen in die Augen und beide wurden auf
+einmal traurig, da ihnen ihre hoffnungsarme Zukunft in den Sinn kam
+und die Feindschaft ihrer Eltern. Vrenchen seufzte und sagte: „Komm,
+ich muß nun gehen!" und so erhoben sie sich und gingen Hand in Hand
+aus dem Kornfeld, als sie Vrenchens Vater spähend vor sich sahen. Mit
+dem kleinlichen Scharfsinn des müßigen Elends hatte dieser, als er dem
+Sali begegnet, neugierig gegrübelt, was der wohl allein im Dorfe zu
+suchen ginge, und sich des gestrigen Vorfalles erinnernd, verfiel er,
+immer nach der Stadt zu schlendernd, endlich auf die richtige Spur,
+rein aus Groll und unbeschäftigter Bosheit, und nicht so bald gewann
+der Verdacht eine bestimmte Gestalt, als er mitten in den Gassen von
+Seldwyla umkehrte und wieder in das Dorf hinaustrollte, wo er seine
+Tochter in Haus und Hof und rings in den Hecken vergeblich suchte. Mit
+wachsender Neugier rannte er auf den Acker hinaus, und als er da
+Vrenchens Korb liegen sah, in welchem es die Früchte zu holen pflegte,
+das Mädchen selbst aber nirgends erblickte, spähte er eben am Korne
+des Nachbars herum, als die erschrockenen Kinder herauskamen. Sie
+standen wie versteinert und Marti stand erst auch da und beschaute sie
+mit bösen Blicken, bleich wie Blei; dann fing er fürchterlich an zu
+toben in Gebärden und Schimpfworten und langte zugleich grimmig nach
+dem jungen Burschen, um ihn zu würgen; Sali wich aus und floh einige
+Schritte zurück, entsetzt über den wilden Mann, sprang aber sogleich
+wieder zu, als er sah, daß der Alte statt seiner nun das zitternde
+Mädchen faßte, ihm eine Ohrfeige gab, daß der rote Kranz herunterflog,
+und seine Haare um die Hand wickelte, um es mit sich fortzureißen und
+weiter zu mißhandeln. Ohne sich zu besinnen, raffte er einen Stein auf
+und schlug mit demselben den Alten gegen den Kopf, halb in Angst um
+Vrenchen und halb im Jähzorn. Marti taumelte erst ein wenig, sank dann
+bewußtlos auf den Steinhaufen nieder und zog das erbärmlich
+aufschreiende Vrenchen mit. Sali befreite noch dessen Haare aus der
+Hand des Bewußtlosen und richtete es auf; dann stand er da wie eine
+Bildsäule, ratlos und gedankenlos. Das Mädchen, als es den wie tot
+daliegenden Vater sah, fuhr sich mit den Händen über das erbleichende
+Gesicht, schüttelte sich und sagte: „Hast du ihn erschlagen?" Sali
+nickte lautlos und Vrenchen schrie: „O Gott, du lieber Gott! Es ist
+mein Vater! Der arme Mann!" und sinnlos warf es sich über ihn und hob
+seinen Kopf auf, an welchem indessen kein Blut floß. Es ließ ihn
+wieder sinken; Sali ließ sich auf der andern Seite den Mannes nieder,
+und beide schauten, still wie das Grab und mit erlahmten, reglosen
+Händen in das leblose Gesicht. Um nur etwas anzufangen, sagte endlich
+Sali: „Er wird doch nicht gleich tot sein müssen? Das ist gar nicht
+ausgemacht!" Vrenchen riß ein Blatt von einer Klatschrose ab und legte
+es auf die erblaßten Lippen und es bewegte sich schwach. „Er atmet
+noch," rief es, „so lauf doch ins Dorf und hol' Hilfe." Als Sali
+aufsprang und laufen wollte, streckte es ihm die Hand nach und rief
+ihn zurück: „Komm aber nicht mit zurück und sage nichts, wie es
+zugegangen, ich werde auch schweigen, man soll nichts aus mir
+herausbringen!" sagte es und sein Gesicht, das es dem armen, ratlosen
+Burschen zuwandte, überfloß von schmerzlichen Tränen. „Komm, küß' mich
+noch einmal! Nein, geh, mach' dich fort! Es ist aus, es ist ewig aus,
+wir können nicht zusammenkommen!" Es stieß ihn fort und er lief
+willenlos dem Dorfe zu. Er begegnete einem Knäbchen, das ihn nicht
+kannte; diesem trug er auf, die nächsten Leute zu holen, und beschrieb
+ihm genau, wo die Hilfe nötig sei. Dann machte er sich verzweifelt
+fort und irrte die ganze Nacht im Gehölze herum. Am Morgen schlich er
+in die Felder, um zu spähen, wie es gegangen sei, und hörte von frühen
+Leuten, welche miteinander sprachen, daß Marti noch lebe, aber nichts
+von sich wisse, und wie das eine seltsame Sache wäre, da kein Mensch
+wisse, was ihm zugestoßen. Erst jetzt ging er in die Stadt zurück und
+verbarg sich in dem dunkeln Elend des Hauses.
+
+Vrenchen hielt ihm Wort; es war nichts aus ihm herauszufragen, als daß
+es selbst den Vater so gefunden habe, und da er am andern Tage sich
+wieder tüchtig regte und atmete, freilich ohne Bewußtsein, und
+überdies kein Kläger da war, so nahm man an, er sei betrunken gewesen
+und auf die Steine gefallen, und ließ die Sache auf sich beruhen.
+Vrenchen pflegte ihn und ging nicht von seiner Seite, außer um die
+Arzneimittel zu holen beim Doktor und etwa für sich selbst eine
+schlechte Suppe zu kochen; denn es lebte beinahe von nichts, obgleich
+es Tag und Nacht wach sein mußte und niemand ihm half. Es dauerte
+beinahe sechs Wochen, bis der Kranke allmählich zu seinem Bewußtsein
+kam, obgleich er vorher schon wieder aß und in seinem Bette ziemlich
+munter war. Aber es war nicht das alte Bewußtsein, das er jetzt
+erlangte, sondern es zeigte sich immer deutlicher, je mehr er sprach,
+daß er blödsinnig geworden, und zwar auf die wunderlichste Weise. Er
+erinnerte sich nur dunkel an das Geschehene und wie an etwas sehr
+Lustiges, was ihn nicht weiter berühre, lachte immer wie ein Narr und
+war guter Dinge. Noch im Bette liegend, brachte er hundert närrische,
+sinnlos mutwillige Redensarten und Einfälle zum Vorschein, schnitt
+Gesichter und zog sich die schwarzwollene Zipfelmütze in die Augen und
+über die Nase herunter, daß diese aussah, wie ein Sarg unter einem
+Bahrtuch. Das bleiche und abgehärmte Vrenchen hörte ihm geduldig zu,
+Tränen vergießend über das törichte Wesen, welches die arme Tochter
+noch mehr ängstigte, als die frühere Bosheit; aber wenn der Alte
+zuweilen etwas gar zu Drolliges anstellte, so mußte es mitten in
+seiner Qual laut auflachen, da sein unterdrücktes Wesen immer zur Lust
+aufzuspringen bereit war, wie ein gespannter Bogen, worauf dann eine
+um so tiefere Betrübnis erfolgte. Als der Alte aber aufstehen konnte,
+war gar nichts mehr mit ihm anzustellen; er machte nichts als
+Dummheiten, lachte und stöberte um das Haus herum, setzte sich in die
+Sonne und streckte die Zunge heraus oder hielt lange Reden in die
+Bohnen hinein.
+
+Um die gleiche Zeit aber war es auch aus mit den wenigen Überbleibseln
+seines ehemaligen Besitzes und die Unordnung so weit gediehen, daß
+auch sein Haus und der letzte Acker, seit geraumer Zeit verpfändet,
+nun gerichtlich verkauft wurden. Denn der Bauer, welcher die zwei
+Äcker des Manz gekauft, benutzte die gänzliche Verkommenheit Martis
+und seine Krankheit und führte den alten Streit wegen des streitigen
+Steinfleckes kurz und entschlossen zu Ende, und der verlorene Prozeß
+trieb Martis Faß vollends den Boden aus, indessen er in seinem
+Blödsinne nichts mehr von diesen Dingen wußte. Die Versteigerung fand
+statt; Marti wurde von der Gemeinde in einer Stiftung für dergleichen
+arme Tröpfe auf öffentliche Kosten untergebracht. Diese Anstalt befand
+sich in der Hauptstadt des Ländchens; der gesunde und eßbegierige
+Blödsinnige wurde noch gut gefüttert, dann auf ein mit Ochsen
+bespanntes Wägelchen geladen, das ein ärmlicher Bauersmann nach der
+Stadt führte, um zugleich einen oder zwei Säcke Kartoffeln zu
+verkaufen, und Vrenchen setzte sich zu dem Vater auf das Fuhrwerk, um
+ihn auf diesem letzten Gange zu dem lebendigen Begräbnis zu begleiten.
+Es war eine traurige und bittere Fahrt, aber Vrenchen wachte
+sorgfältig über seinen Vater und ließ es ihm an nichts fehlen, und es
+sah sich nicht um und ward nicht ungeduldig, wenn durch die Kapriolen
+des Unglücklichen die Leute aufmerksam wurden und dem Wägelchen
+nachliefen, wo sie durchfuhren. Endlich erreichten sie das weitläufige
+Gebäude in der Stadt, wo die langen Gänge, die Höfe und ein
+freundlicher Garten von einer Menge ähnlicher Tröpfe belebt waren, die
+alle in weiße Kittel gekleidet waren und dauerhafte Lederkäppchen auf
+den harten Köpfen trugen. Auch Marti wurde noch vor Vrenchens Augen in
+diese Tracht gekleidet, und er freute sich wie ein Kind darüber und
+tanzte singend umher. „Gott grüß euch, ihr geehrten Herren!" rief er
+seine neuen Genossen an, „ein schönes Haus habt ihr hier! Geh heim,
+Vrenggel, und sag' der Mutter, ich komme nicht mehr nach Haus, hier
+gefällt's mir bei Gott! Juchhei! Es kreucht ein Igel über den Hag, ich
+hab' ihn hören bellen! O Meitli, küß' kein' alten Knab', küß' nur die
+jungen Gesellen! Alle die Wässerlein laufen in Rhein, die mit dem
+Pflaumenaug', die muß es sein! Gehst du schon, Vreeli? Du siehst ja
+aus wie der Tod im Häfelein und geht es mir doch so erfreulich! Die
+Füchsin schreit im Felde: Halleo, halleo! Das Herz tut ihr weho!
+hoho!" Ein Aufseher gebot ihm Ruhe und führte ihn zu einer leichten
+Arbeit, und Vrenchen ging das Fuhrwerk aufzusuchen. Es setzte sich auf
+den Wagen, zog ein Stückchen Brot hervor und aß dasselbe; dann schlief
+es, bis der Bauer kam und mit ihm nach dem Dorfe zurückfuhr. Sie kamen
+erst in der Nacht an. Vrenchen ging nach dem Hause, in dem es geboren
+und nur zwei Tage bleiben durfte, und es war jetzt zum erstenmal in
+seinem Leben ganz allein darin. Es machte ein Feuer, um das letzte
+Restchen Kaffee zu kochen, das es noch besaß, und setzte sich auf den
+Herd, denn es war ihm ganz elendiglich zumut. Es sehnte sich und
+härmte sich ab, den Sali nur ein einziges Mal zu sehen, und dachte
+inbrünstig an ihn; aber die Sorgen und der Kummer verbitterten seine
+Sehnsucht und diese machten die Sorgen wieder viel schwerer. So saß es
+und stützte den Kopf in die Hände, als jemand durch die offenstehende
+Tür hereinkam. „Sali!" rief Vrenchen, als es aufsah, und fiel ihm um
+den Hals; dann sahen sich aber beide erschrocken an und riefen: „Wie
+siehst du elend aus!" Denn Sali sah nicht minder als Vrenchen bleich
+und abgezehrt aus. Alles vergessend, zog es ihn zu sich auf den Herd
+und sagte: „Bist du krank gewesen, oder ist es dir auch so schlimm
+gegangen?" Sali antwortete: „Nein, ich bin gerade nicht krank, außer
+vor Heimweh nach dir! Bei uns geht es jetzt hoch und herrlich zu; der
+Vater hat einen Einzug und Unterschleif von auswärtigem Gesindel und
+ich glaube, soviel ich merke, ist er ein Diebeshehler geworden.
+Deshalb ist jetzt einstweilen Hülle und Fülle in unserer Taverne,
+solang es geht und bis es ein Ende mit Schrecken nimmt. Die Mutter
+hilft dazu, aus bitterlicher Gier, nur etwas im Hause zu sehen, und
+glaubt den Unfug noch durch eine gewisse Aufsicht und Ordnung
+annehmlich und nützlich zu machen! Mich fragt man nicht und ich konnte
+mich nicht viel darum kümmern; denn ich kann nur an dich denken Tag
+und Nacht. Da allerhand Landstreicher bei uns einkehren, so haben wir
+alle Tage gehört, was bei euch vorgeht, worüber mein Vater sich freut
+wie ein kleines Kind. Daß dein Vater heute nach dem Spittel gebracht
+wurde, haben wir auch vernommen; ich habe gedacht, du werdest jetzt
+allein sein, und bin gekommen, um dich zu sehen!" Vrenchen klagte ihm
+jetzt auch alles, was sie drückte und was sie erlitt, aber mit so
+leichter, zutraulicher Zunge, als ob sie ein großes Glück beschriebe,
+weil sie glücklich war, Sali neben sich zu sehen. Sie brachte
+inzwischen notdürftig ein Becken voll warmen Kaffee zusammen, welchen
+mit ihr zu teilen sie den Geliebten zwang. „Also übermorgen mußt du
+hier weg?" sagte Sali, „was soll denn ums Himmels willen werden?" „Das
+weiß ich nicht," sagte Vrenchen, „ich werde dienen müssen und in die
+Welt hinaus! Ich werde es aber nicht aushalten ohne dich, und doch
+kann ich dich nie bekommen, auch wenn alles andere nicht wäre, bloß
+weil du meinen Vater geschlagen und um dem Verstand gebracht hast!
+Dies würde immer ein schlechter Grundstein unserer Ehe sein und wir
+beide nie sorglos werden, nie!" Sali seufzte und sagte: „Ich wollte
+auch schon hundertmal Soldat werden oder mich in einer fremden Gegend
+als Knecht verdingen, aber ich kann noch nicht fortgehen, solange du
+hier bist, und hernach wird es mich aufreiben. Ich glaube, das Elend
+macht meine Liebe zu dir stärker und schmerzhafter, so daß es um Leben
+und Tod geht! Ich habe von dergleichen keine Ahnung gehabt!" Vrenchen
+sah ihn liebevoll lächelnd an; sie lehnten sich an die Wand zurück und
+sprachen nichts mehr, sondern gaben sich schweigend der glückseligen
+Empfindung hin, die sich über allen Gram erhob, daß sie sich im
+größten Ernste gut wären und geliebt wüßten. Darüber schliefen sie
+friedlich ein auf dem unbequemen Herde, ohne Kissen und Pfühl, und
+schliefen so sanft und ruhig wie zwei Kinder in einer Wiege. Schon
+graute der Morgen, als Sali zuerst erwachte; er weckte Vrenchen, so
+sacht er konnte; aber es duckte sich immer wieder an ihn,
+schlaftrunken, und wollte sich nicht ermuntern. Da küßte er es heftig
+auf den Mund und Vrenchen fuhr empor, machte die Augen weit auf, und
+als es Sali erblickte, rief es: „Herrgott! Ich habe eben noch von dir
+geträumt! Es träumte mir, wir tanzten miteinander auf unserer
+Hochzeit, lange, lange Stunden! und waren so glücklich, sauber
+geschmückt und es fehlte uns an nichts. Da wollten wir uns endlich
+küssen und dürsteten danach, aber immer zog uns etwas auseinander und
+nun bist du es selbst gewesen, der uns gestört und gehindert hat! Aber
+wie gut, daß du gleich da bist!" Gierig fiel es ihm um den Hals und
+küßte ihn, als ob es kein Ende nehmen sollte. „Und was hast du denn
+geträumt?" fragte sie und streichelte ihm Wangen und Kinn. „Mir
+träumte, ich ginge endlos auf einer langen Straße durch einen Wald und
+du in der Ferne immer vor mir her; zuweilen sahest du nach mir um,
+winktest mir und lachtest und dann war ich wie im Himmel. Das ist
+alles!" Sie traten unter die offengebliebene Küchentüre, die
+unmittelbar ins Freie führte, und mußten lachen, als sie sich ins
+Gesicht sahen. Denn die rechte Wange Vrenchens und die linke Salis,
+welche im Schlafe aneinandergelehnt hatten, waren von dem Drucke ganz
+rotgefärbt, während die Blässe der andern durch die kühle Nachtluft
+noch erhöht war. Sie rieben sich zärtlich die kalte bleiche Seite
+ihrer Gesichter, um sie auch rot zu machen; die frische Morgenluft,
+der tauige stille Frieden, der über der Gegend lag, das junge
+Morgenrot machten sie fröhlich und selbstvergessen und besonders in
+Vrenchen schien ein freundlicher Geist der Sorglosigkeit gefahren zu
+sein. „Morgen abend muß ich also aus diesem Hause fort," sagte es,
+„und ein anderes Obdach suchen. Vorher aber möchte ich einmal, nur
+einmal recht lustig sein, und zwar mit dir; ich möchte recht herzlich
+und fleißig mit dir tanzen irgendwo, denn das Tanzen aus dem Traume
+steckt mir immerfort im Sinn!" „Jedenfalls will ich dabei sein und
+sehen, wo du unterkommst," sagte Sali, „und tanzen wollte ich auch
+gerne mit dir, du herziges Kind! Aber wo?" „Es ist morgen Kirchweih an
+zwei Orten nicht sehr weit von hier," erwiderte Vrenchen, „da kennt
+und beachtet man uns weniger; draußen am Wasser will ich auf dich
+warten und dann können wir gehen, wohin es uns gefällt, um uns lustig
+zu machen, einmal, Einmal nur! Aber je, wir haben ja gar kein Geld!"
+setzte es traurig hinzu, „da kann nichts daraus werden!" „Laß nur,"
+sagte Sali, „ich will schon etwas mitbringen!" „Doch nicht von deinem
+Vater, von--von dem Gestohlenen?" „Nein, sei nur ruhig! Ich habe noch
+meine silberne Uhr bewahrt bis dahin, die will ich verkaufen." „Ich
+will dir nicht abraten," sagte Vrenchen errötend, „denn ich glaube,
+ich müßte sterben, wenn ich nicht morgen mit dir tanzen könnte." „Es
+wäre das beste, wir beide könnten sterben!" sagte Sali; sie umarmten
+sich wehmütig und schmerzlich zum Abschied, und als sie
+voneinanderließen, lachten sie sich doch freundlich an in der sicheren
+Hoffnung auf den nächsten Tag. „Aber wann willst du denn kommen?" rief
+Vrenchen noch. „Spätestens um elf Uhr mittags," erwiderte er, „wir
+wollen recht ordentlich zusammen Mittag essen!" „Gut, gut! Komm lieber
+um halb elf schon!" Doch als Sali schon im Gehen war, rief sie ihn
+noch einmal zurück und zeigte ein plötzlich verändertes
+verzweiflungsvolles Gesicht. „Es wird doch nichts daraus," sagte sie
+bitterlich weinend, „ich habe keine Sonntagsschuhe mehr. Schon gestern
+habe ich diese groben hier anziehen müssen, um nach der Stadt zu
+kommen! Ich weiß keine Schuhe aufzubringen!" Sali stand ratlos und
+verblüfft. „Keine Schuhe!" sagte er, „da mußt du halt in diesen
+kommen!" „Nein, nein, in denen kann ich nicht tanzen!" „Nun, so müssen
+wir welche kaufen!" „Wo, mit was?" „Ei, in Seldwyl da gibt es
+Schuhläden genug! Geld werde ich in minder als zwei Stunden haben."
+„Aber, ich kann doch nicht mit dir in Seldwyl herumgehen, und dann
+wird das Geld nicht langen, auch noch Schuhe zu kaufen!" „Es muß! Und
+ich will die Schuhe kaufen und morgen mitbringen!" „O du Närrchen, sie
+werden ja nicht passen, die du kaufst!" „So gib mir einen alten Schuh
+mit, oder halt, noch besser, ich will dir das Maß nehmen, das wird
+doch kein Hexenwerk sein!" „Das Maß nehmen? Wahrhaftig, daran hab' ich
+nicht gedacht! Komm, komm, ich will dir ein Schnürchen suchen!" Sie
+setzte sich wieder auf den Herd, zog den Rock etwas zurück und
+streifte den Schuh vom Fuße, der noch von der gestrigen Reise her mit
+einem weißen Strumpfe bekleidet war. Sali kniete nieder und nahm, so
+gut er es verstand, das Maß, indem er den zierlichen Fuß der Länge und
+Breite nach umspannte mit dem Schnürchen und sorgfältig Knoten in
+dasselbe knüpfte. „Du Schuhmacher!" sagte Vrenchen und lachte errötend
+und freundschaftlich zu ihm nieder. Sali wurde aber auch rot und hielt
+den Fuß fest in seinen Händen, länger als nötig war, so daß Vrenchen
+ihn noch tiefer errötend zurückzog, den verwirrten Sali aber noch
+einmal stürmisch umhalste und küßte, dann aber fortschickte.
+
+Sobald er in der Stadt war, trug er seine Uhr zu einem Uhrmacher, der
+ihm sechs oder sieben Gulden dafür gab; für die silberne Kette bekam
+er auch einige Gulden, und er dünkte sich nun reich genug, denn er
+hatte, seit er groß war, nie so viel Geld besessen auf einmal. Wenn
+nur erst der Tag vorüber und der Sonntag angebrochen wäre, um das
+Glück damit zu erkaufen, das er sich von dem Tage versprach, dachte
+er; denn wenn das Übermorgen auch um so dunkler und unbekannter
+hereinragte, so gewann die ersehnte Lustbarkeit von morgen nur einen
+seltsamern erhöhten Glanz und Schein. Indessen brachte er die Zeit
+noch leidlich hin, indem er ein Paar Schuhe für Vrenchen suchte, und
+dies war ihm das vergnügteste Geschäft, das er je betrieben. Er ging
+von einem Schuhmacher zum andern, ließ sich alle Weiberschuhe zeigen,
+die vorhanden waren, und endlich handelte er ein leichtes und feines
+Paar ein, so hübsch, wie sie Vrenchen noch nie getragen. Er verbarg
+die Schuhe unter seiner Weste und tat sie die übrige Zeit des Tages
+nicht mehr von sich; er nahm sie sogar mit ins Bett und legte sie
+unter das Kopfkissen. Da er das Mädchen heute früh noch gesehen und
+morgen wieder sehen sollte, so schlief er fest und ruhig, war aber in
+aller Frühe munter und begann seinen dürftigen Sonntagsstaat
+zurechtzumachen und auszuputzen, so gut es gelingen wollte. Es fiel
+seiner Mutter auf und sie fragte verwundert, was er vorhabe, da er
+sich schon lange nicht mehr so sorglich angezogen. Er wolle einmal
+über Land gehen und sich ein wenig umtun, erwiderte er, er werde sonst
+krank in diesem Hause. „Das ist mir die Zeit her ein merkwürdiges
+Leben," murrte der Vater, „und ein Herumschleichen!" „Laß ihn nur
+gehen," sagte aber die Mutter, „es tut ihm vielleicht gut, es ist ja
+ein Elend, wie er aussieht!" „Hast du Geld zum Spazierengehen? Woher
+hast du es?" fragte der Alte. „Ich brauche keines!" sagte Sali. „Da
+hast du einen Gulden!" versetzte der Alte und warf ihm denselben hin.
+„Du kannst im Dorf ins Wirtshaus gehen und ihn dort verzehren, damit
+sie nicht glauben, wir seien hier so übel dran." „Ich will nicht ins
+Dorf und brauche den Gulden nicht, behaltet ihn nur!" „So hast du ihn
+gehabt, es wäre schad, wenn du ihn haben müßtest, du Starrkopf!" rief
+Manz und schob seinen Gulden wieder in die Tasche. Seine Frau aber,
+welche nicht wußte, warum sie heute ihres Sohnes wegen so wehmütig und
+gerührt war, brachte ihm ein großes schwarzes Mailänder Halstuch mit
+rotem Rande, das sie nur selten getragen und er schon früher gern
+gehabt hätte. Er schlang es um den Hals und ließ die langen Zipfel
+fliegen; auch stellte er zum erstenmal den Hemdkragen, den er sonst
+immer umgeschlagen, ehrbar und männlich in die Höhe, bis über die
+Ohren hinauf, in einer Anwandlung ländlichen Stolzes, und machte sich
+dann, seine Schuhe in der Brusttasche des Rockes, schon nach sieben
+Uhr auf den Weg. Als er die Stube verließ, drängte ihn ein seltsames
+Gefühl, Vater und Mutter die Hand zu geben, und auf der Straße sah er
+sich noch einmal nach dem Hause um. „Ich glaube am Ende," sagte Manz,
+„der Bursche streicht irgendeinem Weibsbild nach; das hätten wir
+gerade noch nötig!" Die Frau sagte: „O wollte Gott! daß er vielleicht
+ein Glück machte! Das täte dem armen Buben gut!" „Richtig!" sagte der
+Mann, „das fehlt nicht! Das wird ein himmlisches Glück geben, wenn er
+nur erst an eine solche Maultasche zu geraten das Unglück hat! Das
+täte dem armen Bübchen gut! Natürlich!"
+
+Sali richtete seinen Schritt erst nach dem Flusse zu, wo er Vrenchen
+erwarten wollte; aber unterwegs ward er anderen Sinnes und ging
+geradezu ins Dorf, um Vrenchen im Hause selbst abzuholen, weil es ihm
+zu lang währte bis halb elf! „Was kümmern uns die Leute!" dachte er.
+„Niemand hilft uns und ich bin ehrlich und fürchte niemand!" So trat
+er unerwartet in Vrenchens Stube und ebenso unerwartet fand er es
+schon vollkommen angekleidet und geschmückt dasitzen und der Zeit
+harren, wo es gehen könne, nur die Schuhe fehlten ihm noch. Aber Sali
+stand mit offenem Munde still in der Mitte der Stube, als er das
+Mädchen erblickte, so schön sah es aus. Es hatte nur ein einfaches
+Kleid an von blaugefärbter Leinwand, aber dasselbe war frisch und
+sauber und saß ihm sehr gut um den schlanken Leib. Darüber trug es ein
+schneeweißes Musselinehalstuch und dies war der ganze Anzug. Das
+braune gekräuselte Haar war sehr wohl geordnet und die sonst so wilden
+Löckchen lagen nun fein und lieblich um den Kopf; da Vrenchen seit
+vielen Wochen fast nicht aus dem Hause gekommen, so war seine Farbe
+zarter und durchsichtiger geworden, so wie auch vom Kummer; aber in
+diese Durchsichtigkeit goß jetzt die Liebe und die Freude ein Rot um
+das andere, und an der Brust trug es einen schönen Blumenstrauß von
+Rosmarin, Rosen und prächtigen Astern. Es saß am offenen Fenster und
+atmete still und hold die frischdurchsonnte Morgenluft; wie es aber
+Sali erscheinen sah, streckte es ihm beide hübsche Arme entgegen,
+welche vom Ellbogen an bloß waren, und rief: „Wie recht hast du, daß
+du schon jetzt und hierher kommst! Aber hast du mir Schuhe gebracht?
+Gewiß? Nun steh' ich nicht auf, bis ich sie anhabe!" Er zog die
+ersehnten aus der Tasche und gab sie dem begierigen schönen Mädchen;
+es schleuderte die alten von sich, schlüpfte in die neuen und sie
+paßten sehr gut. Erst jetzt erhob es sich vom Stuhl, wiegte sich in
+den neuen Schuhen und ging eifrig einigemal auf und nieder. Es zog das
+lange, blaue Kleid etwas zurück und beschaute wohlgefällig die roten
+wollenen Schleifen, welche die Schuhe zierten, während Sali
+unaufhörlich die feine reizende Gestalt betrachtete, welche da in
+lieblicher Aufregung vor ihm sich regte und freute. „Du beschaust
+meinen Strauß?" sagte Vrenchen, „hab' ich nicht einen schönen
+zusammengebracht? Du mußt wissen, dies sind die letzten Blumen, die
+ich noch aufgefunden in dieser Wüstenei. Hier war noch ein Röschen,
+dort eine Aster, und wie sie nun gebunden sind, würde man es ihnen
+nicht ansehen, daß sie aus einem Untergange zusammengesucht sind! Nun
+ist es aber Zeit, daß ich fortkomme, nicht ein Blümchen mehr im Garten
+und das Haus auch leer!" Sali sah sich um und bemerkte erst jetzt, daß
+alle Fahrhabe, die noch dagewesen, weggebracht war. „Du armes Vreeli!"
+sagte er, „haben sie dir schon alles genommen?" „Gestern," erwiderte
+es, „haben sie's weggeholt, was sich von der Stelle bewegen ließ, und
+mir kaum mehr als mein Bett gelassen. Ich hab's aber auch gleich
+verkauft und hab' jetzt auch Geld, sieh!" Es holte einige neue
+glänzende Talerstücke aus der Tasche seines Kleides und zeigte sie
+ihm. „Damit," fuhr es fort, „sagte der Waisenvogt, der auch hier war,
+solle ich mir einen Dienst suchen in einer Stadt und ich solle mich
+heute gleich auf den Weg machen!" „Da ist aber auch gar nichts mehr
+vorhanden," sagte Sali, nachdem er in die Küche geguckt hatte, „ich
+sehe kein Hölzchen, kein Pfännchen, kein Messer! Hast du denn auch
+nicht zu Morgen gegessen?" „Nichts!" sagte Vrenchen, „ich hätte mir
+etwas holen können, aber ich dachte, ich wolle lieber hungrig bleiben,
+damit ich recht viel essen könne mit dir zusammen, denn ich freue mich
+so sehr darauf, du glaubst nicht, wie ich mich freue!" „Wenn ich dich
+nur anrühren dürfte," sagte Sali, „so wollte ich dir zeigen, wie es
+mir ist, du schönes, schönes Ding!" „Du hast recht, du würdest meinen
+ganzen Staat verderben, und wenn wir die Blumen ein bißchen schonen,
+so kommt es zugleich meinem armen Kopf zugut, den du mir übel
+zuzurichten pflegst!" „So komm, jetzt wollen wir ausrücken!" „Noch
+müssen wir warten, bis das Bett abgeholt wird; denn nachher schließe
+ich das leere Haus zu und gehe nicht mehr hierher zurück! Mein
+Bündelchen gebe ich der Frau aufzuheben, die das Bett gekauft hat."
+Sie setzten sich daher einander gegenüber und warteten; die Bäuerin
+kam bald, eine vierschrötige Frau mit lautem Mundwerk, und hatte einen
+Burschen bei sich, welcher die Bettstelle tragen sollte. Als diese
+Frau Vrenchens Liebhaber erblickte und das geputzte Mädchen selbst,
+sperrte sie Mund und Augen auf, stemmte die Arme unter und schrie:
+„Ei, sieh da, Vreeli! Du treibst es ja schon gut! Hast einen Besucher
+und bist gerüstet wie eine Prinzeß?" „Gelt aber!" sagte Vrenchen
+freundlich lachend, „wißt Ihr auch, wer das ist?" „Ei, ich denke, das
+ist wohl der Sali Manz? Berg und Tal kommen nicht zusammen, sagt man,
+aber die Leute! Aber nimm dich doch in acht, Kind, und denk, wie es
+euren Eltern ergangen ist!" „Ei, das hat sich jetzt gewendet und alles
+ist gut geworden," erwiderte Vrenchen lächelnd und freundlich
+mitteilsam, ja beinahe herablassend, „seht, Sali ist mein Hochzeiter!"
+„Dein Hochzeiter! Was du sagst!" „Ja und er ist ein reicher Herr, er
+hat hunderttausend Gulden in der Lotterie gewonnen! Denket einmal,
+Frau!" Diese tat einen Sprung, schlug ganz erschrocken die Hände
+zusammen und schrie: „Hund--hunderttausend Gulden!" „Hunderttausend
+Gulden!" versicherte Vrenchen ernsthaft. „Herr du meines Lebens! Es
+ist aber nicht wahr, du lügst mich an, Kind!" „Nun, glaubt was Ihr
+wollt!" „Aber, wenn es wahr ist und du heiratest ihn, was wollt ihr
+denn machen mit dem Gelde? Willst du wirklich eine vornehme Frau
+werden?" „Versteht sich, in drei Wochen halten wir die Hochzeit!" „Geh
+mir weg, du bist eine häßliche Lügnerin!" „Das schönste Haus hat er
+schon gekauft in Seldwyl mit einem großen Garten und Weinberg; Ihr
+müßt mich auch besuchen, wenn wir eingerichtet sind, ich zähle
+darauf!" „Allweg, du Teufelshexlein, was du bist!" „Ihr werdet sehen,
+wie schön es da ist! Einen herrlichen Kaffee werde ich machen und Euch
+mit seinem Eierbrot aufwarten, mit Butter und Honig!" „O du
+Schelmenkind! Zähl' drauf, daß ich komme!" rief die Frau mit lüsternem
+Gesicht und der Mund wässerte ihr. „Kommt Ihr aber um die Mittagszeit
+und seid ermüdet vom Markt, so soll Euch eine kräftige Fleischbrühe
+und ein Glas Wein immer bereitstehen!" „Das wird mir baß tun!" „Und an
+etwas Zuckerwerk oder weißen Wecken für die lieben Kinder zu Hause
+soll es Euch auch nicht fehlen!" „Es wird mir ganz schmachtend!" „Ein
+artiges Halstüchelchen oder ein Restchen Seidenzeug oder ein hübsches
+altes Band für Eure Röcke, oder ein Stück Zeug zu einer neuen Schürze
+wird gewiß auch zu finden sein, wenn wir meine Kisten und Kasten
+durchmustern in einer vertrauten Stunde!" Die Frau drehte sich auf den
+Hacken herum und schüttelte jauchzend ihre Röcke. „Und wenn Euer Mann
+ein vorteilhaftes Geschäft machen könnte mit einem Land- oder
+Viehhandel, und er mangelt des Geldes, so wißt Ihr, wo Ihr anklopfen
+sollt. Mein lieber Sali wird froh sein, jederzeit ein Stück Bares
+sicher und erfreulich anzulegen! Ich selbst werde auch etwa einen
+Sparpfennig haben, einer vertrauten Freundin beizustehen!" Jetzt war
+der Frau nicht mehr zu helfen, sie sagte gerührt: „Ich habe immer
+gesagt, du seiest ein braves und gutes und schönes Kind! Der Herr
+wolle es dir wohlergehen lassen immer und ewiglich und es dir
+gesegnen, was du an mir tust!" „Dagegen verlange ich aber auch, daß
+Ihr es gut mit mir meint!" „Allweg kannst du das verlangen!" „Und daß
+Ihr jederzeit Eure Ware, sei es Obst, seien es Kartoffeln, sei es
+Gemüse, erst zu mir bringet und mir anbietet, ehe Ihr auf den Markt
+gehet, damit ich sicher sei, eine rechte Bäuerin an der Hand zu haben,
+auf die ich mich verlassen kann! Was irgendeiner gibt für die Ware,
+werde ich gewiß auch geben mit tausend Freuden, Ihr kennt mich ja!
+Ach, es ist nichts Schöneres, als wenn eine wohlhabende Stadtfrau, die
+so ratlos in ihren Mauern sitzt und doch so vieler Dinge benötigt ist,
+und eine rechtschaffene ehrliche Landfrau, erfahren in allem Wichtigen
+und Nützlichen, eine gute und dauerhafte Freundschaft zusammen haben!
+Es kommt einem zugut in hundert Fällen, in Freud und Leid, bei
+Gevatterschaften und Hochzeiten, wenn die Kinder unterrichtet werden
+und konfirmiert, wenn sie in die Lehre kommen und wenn sie in die
+Fremde sollen! Bei Mißwachs und Überschwemmungen, bei Feuersbrünsten
+und Hagelschlag, wofür uns Gott behüte!" „Wofür uns Gott behüte!"
+sagte die gute Frau schluchzend und trocknete mit ihrer Schürze die
+Augen; „welch ein verständiges und tiefsinniges Bräutlein bist du, ja,
+dir wird es gut gehen, da müßte keine Gerechtigkeit in der Welt sein!
+Schön, sauber, klug und weise bist du, arbeitsam und geschickt zu
+allen Dingen! Keine ist feiner und besser als du, in und außer dem
+Dorfe, und wer dich hat, der muß meinen, er sei im Himmelreich, oder
+er ist ein Schelm und hat es mit mir zu tun. Hör', Sali! Daß du nur
+recht artlich bist mit meinem Vreeli, oder ich will dir den Meister
+zeigen, du Glückskind, das du bist, ein solches Röslein zu brechen!"
+„So nehmt jetzt auch hier noch mein Bündel mit, wie Ihr mir
+versprochen habt, bis ich es abholen lassen werde! Vielleicht komme
+ich aber selbst in der Kutsche und hole es ab, wenn Ihr nichts dagegen
+habt! Ein Töpfchen Milch werdet Ihr mir nicht abschlagen alsdann, und
+etwa eine schöne Mandeltorte dazu werde ich schon selbst mitbringen!"
+„Tausendskind! Gib her den Bündel!" Vrenchen lud ihr auf das
+zusammengebundene Bett, das sie schon auf dem Kopfe trug, einen langen
+Sack, in welchen es sein Plunder und Habseliges gestopft, so daß die
+arme Frau mit einem schwankenden Turme auf dem Haupte dastand. „Es
+wird mir doch fast zu schwer auf einmal," sagte sie, „könnte ich nicht
+zweimal dran machen?" „Nein, nein! Wir müssen jetzt augenblicklich
+gehen, denn wir haben einen weiten Weg, um vornehme Verwandte zu
+besuchen, die sich jetzt gezeigt haben, seit wir reich sind! Ihr wißt
+ja, wie es geht!" „Weiß wohl! So behüt' dich Gott, und denk' an mich
+in deiner Herrlichkeit!"
+
+Die Bäuerin zog ab mit ihrem Bündelturme, mit Mühe das Gleichgewicht
+behauptend, und hinter ihr drein ging ihr Knechtchen, das sich in
+Vrenchens einst buntbemalte Bettstatt hineinstellte, den Kopf gegen
+den mit verblichenen Sternen bedeckten Himmel derselben stemmte und,
+ein zweiter Simson, die zwei vorderen zierlich geschnitzten Säulen
+faßte, welche diesen Himmel trugen. Als Vrenchen, an Sali gelehnt, dem
+Zuge nachschaute und den wandelnden Tempel zwischen den Gärten sah,
+sagte es: „Das gäbe noch ein artiges Gartenhäuschen oder eine Laube,
+wenn man's in einen Garten pflanzte, ein Tischchen und ein Bänklein
+dreinstellte und Winden drum herumsäte! Wolltest du mit darin sitzen,
+Sali?" „Ja, Vreeli! Besonders wenn die Winden aufgewachsen wären!"
+„Was stehen wir noch?" sagte Vrenchen, „nichts hält uns mehr zurück!"
+„So komm und schließ das Haus zu!" „Wem willst du denn den Schlüssel
+übergeben?" Vrenchen sah sich um. „Hier an die Helbart wollen wir ihn
+hängen; sie ist über hundert Jahr in diesem Hause gewesen, habe ich
+den Vater oft sagen hören, nun steht sie da als der letzte Wächter!"
+Sie hingen den rostigen Hausschlüssel an einen rostigen Schnörkel der
+alten Waffe, an welcher die Bohnen rankten, und gingen davon. Vrenchen
+wurde aber bleicher und verhüllte ein Weilchen die Augen, daß Sali es
+führen mußte, bis sie ein Dutzend Schritte entfernt waren. Es sah aber
+nicht zurück. „Wo gehen wir nun zuerst hin?" fragte es. „Wir wollen
+ordentlich über Land gehen," erwiderte Sali, „wo es uns freut den
+ganzen Tag, uns nicht übereilen, und gegen Abend werden wir dann schon
+einen Tanzplatz finden!" „Gut!" sagte Vrenchen, „den ganzen Tag werden
+wir beisammensein und gehen, wo wir Lust haben. Jetzt ist mir aber
+elend, wir wollen gleich im andern Dorf einen Kaffee trinken!"
+„Versteht sich!" sagte Sali, „mach' nur, daß wir aus diesem Dorf
+wegkommen!" Bald waren sie auch im freien Felde und gingen still
+nebeneinander durch die Fluren; es war ein schöner Sonntagmorgen im
+September, keine Wolke stand am Himmel, die Höhen und die Wälder waren
+mit einem zarten Duftgewebe bekleidet, welches die Gegend
+geheimnisvoller und feierlicher machte, und von allen Seiten tönten
+die Kirchenglocken herüber, hier das harmonische tiefe Geläute einer
+reichen Ortschaft, dort die geschwätzigen zwei Bimmelglöcklein eines
+kleinen armen Dörfchens. Das liebende Paar vergaß, was am Ende dieses
+Tages werden sollte, und gab sich einzig der hochaufatmenden wortlosen
+Freude hin, sauber gekleidet und frei, wie zwei Glückliche, die sich
+von Rechts wegen angehören, in den Sonntag hineinzuwandeln. Jeder in
+der Sonntagsstille verhallende Ton oder ferne Ruf klang ihnen
+erschütternd durch die Seele; denn die Liebe ist eine Glocke, welche
+das Entlegenste und Gleichgültigste widertönen läßt und in eine
+besondere Musik verwandelt. Obgleich sie hungrig waren, dünkte sie die
+halbe Stunde Weges bis zum nächsten Dorfe nur ein Katzensprung lang zu
+sein und sie betraten zögernd das Wirtshaus am Eingange des Ortes.
+Sali bestellte ein gutes Frühstück, und während es bereitet wurde,
+sahen sie mäuschenstill der sichern und freundlichen Wirtschaft in der
+großen reinlichen Gaststube zu. Der Wirt war zugleich ein Bäcker, das
+eben Gebackene durchduftete angenehm das ganze Haus, und Brot aller
+Art wurde in gehäuften Körben herbeigetragen, da nach der Kirche die
+Leute hier ihr Weißbrot holten oder ihren Frühschoppen tranken. Die
+Wirtin, eine artige und saubere Frau, putzte gelassen und freundlich
+ihre Kinder heraus, und sowie eines entlassen war, kam es zutraulich
+zu Vrenchen gelaufen, zeigte ihm seine Herrlichkeiten und erzählte von
+allem, dessen es sich erfreute und rühmte. Wie nun der wohlduftende
+starke Kaffee kam, setzten sich die zwei Leutchen schüchtern an den
+Tisch, als ob sie da zu Gast gebeten wären. Sie ermunterten sich
+jedoch bald und flüsterten bescheiden, aber glückselig miteinander;
+ach, wie schmeckte dem aufblühenden Vrenchen der gute Kaffee, der
+fette Rahm, die frischen noch warmen Brötchen, die schöne Butter und
+der Honig, der Eierkuchen und was alles noch für Leckerbissen da
+waren! Sie schmeckten ihm, weil es den Sali dazu ansah, und es aß so
+vergnügt, als ob es ein Jahr lang gefastet hätte. Dazu freute es sich
+über das feine Geschirr, über die silbernen Kaffeelöffelchen; denn die
+Wirtin schien sie für rechtliche junge Leutchen zu halten, die man
+anständig bedienen müsse, und setzte sich auch ab und zu plaudernd zu
+ihnen, und die beiden gaben ihr verständigen Bescheid, welches ihr
+gefiel. Es war dem guten Vrenchen so wählig zumut, daß es nicht wußte,
+mochte es lieber wieder ins Freie, um allein mit seinem Schatz
+herumzuschweifen durch Auen und Wälder, oder mochte es lieber in der
+gastlichen Stube bleiben, um wenigstens auf Stunden sich an einem
+stattlichen Orte zu Hause zu träumen. Doch Sali erleichterte die Wahl,
+indem er ehrbar und geschäftig zum Aufbruch mahnte, als ob sie einen
+bestimmten und wichtigen Weg zu machen hätten. Die Wirtin und der Wirt
+begleiteten sie bis vor das Haus und entließen sie auf das
+wohlwollendste wegen ihres guten Benehmens, trotz der durchscheinenden
+Dürftigkeit, und das arme junge Blut verabschiedete sich mit den
+besten Manieren von der Welt und wandelte sittig und ehrbar von
+hinnen. Aber auch als sie schon wieder im Freien waren und einen
+stundenlangen Eichwald betraten, gingen sie noch in dieser Weise
+nebeneinander her, in angenehme Träume vertieft, als ob sie nicht aus
+zank- und elenderfüllten vernichteten Häusern herkämen, sondern guter
+Leute Kinder wären, welche in lieblicher Hoffnung wandelten. Vrenchen
+senkte das Köpfchen tiefsinnig gegen seine blumengeschmückte Brust und
+ging, die Hände sorglich an das Gewand gelegt, einher auf dem glatten
+feuchten Waldboden; Sali dagegen schritt schlank aufgerichtet, rasch
+und nachdenklich, die Augen auf die festen Eichenstämme geheftet wie
+ein Bauer, der überlegt, welche Bäume er am vorteilhaftesten fällen
+soll. Endlich erwachten sie aus diesen vergeblichen Träumen, sahen
+sich an und entdeckten, daß sie immer noch in der Haltung gingen, in
+welcher sie das Gasthaus verlassen, erröteten und ließen traurig die
+Köpfe hängen. Aber Jugend hat keine Tugend, der Wald war grün, der
+Himmel blau und sie allein in der weiten Welt, und sie überließen sich
+alsbald wieder diesem Gefühle. Doch blieben sie nicht lange mehr
+allein, da die schöne Waldstraße sich belebte mit lustwandelnden
+Gruppen von jungen Leuten, sowie mit einzelnen Paaren, welche
+schäkernd und singend die Zeit nach der Kirche verbrachten. Denn die
+Landleute haben so gut ihre ausgesuchten Promenaden und Lustwälder,
+wie die Städter, nur mit dem Unterschied, daß dieselben keine
+Unterhaltung kosten und noch schöner sind; sie spazieren nicht nur mit
+einem besonderen Sinn des Sonntags durch ihre blühenden und reifenden
+Felder, sondern sie machen sehr gewählte Gänge durch Gehölze und an
+grünen Halden entlang, setzen sich hier auf eine anmutige,
+fernsichtige Höhe, dort an einen Waldrand, lassen ihre Lieder ertönen
+und die schöne Wildnis ganz behaglich auf sich einwirken; und da sie
+dies offenbar nicht zu ihrer Pönitenz tun, sondern zu ihrem Vergnügen,
+so ist wohl anzunehmen, daß sie Sinn für die Natur haben, auch
+abgesehen von ihrer Nützlichkeit. Immer brechen sie was Grünes ab,
+junge Bursche wie alte Mütterchen, welche die alten Wege ihrer Jugend
+aufsuchen, und selbst steife Landmänner in den besten Geschäftsjahren,
+wenn sie über Land gehen, schneiden sich gern eine schlanke Gerte,
+sobald sie durch einen Wald gehen, und schälen die Blätter ab, von
+denen sie nur oben ein grünes Büschel stehenlassen. Solche Rute tragen
+sie wie ein Zepter vor sich hin; wenn sie in eine Amtsstube oder
+Kanzlei treten, so stellen sie die Gerte ehrerbietig in einen Winkel,
+vergessen aber auch nach den ernstesten Verhandlungen nie, dieselbe
+säuberlich wieder mitzunehmen und unversehrt nach Hause zu tragen, wo
+es erst dem kleinsten Söhnchen gestattet ist, sie zugrunde zu
+richten.--Als Sali und Vrenchen die vielen Spaziergänger sahen,
+lachten sie ins Fäustchen und freuten sich, auch gepaart zu sein,
+schlüpften aber seitwärts auf engere Waldpfade, wo sie sich in tiefen
+Einsamkeiten verloren. Sie hielten sich auf, wo es sie freute, eilten
+vorwärts und ruhten wieder, und wie keine Wolke am reinen Himmel
+stand, trübte auch keine Sorge in diesen Stunden ihr Gemüt; sie
+vergaßen, woher sie kamen und wohin sie gingen, und benahmen sich so
+fein und ordentlich dabei, daß trotz aller frohen Erregung und
+Bewegung Vrenchens niedlicher einfacher Aufputz so frisch und
+unversehrt blieb, wie er am Morgen gewesen war. Sali betrug sich auf
+diesem Wege nicht wie ein beinahe zwanzigjähriger Landbursche oder der
+Sohn eines verkommenen Schenkwirtes, sondern wie wenn er einige Jahre
+jünger und sehr wohlerzogen wäre, und es war beinahe komisch, wie er
+nur immer sein feines lustiges Vrenchen ansah, voll Zärtlichkeit,
+Sorgfalt und Achtung. Denn die armen Leutchen mußten an diesem einen
+Tage, der ihnen vergönnt war, alle Manieren und Stimmungen der Liebe
+durchleben und sowohl die verlorenen Tage der zarteren Zeit nachholen
+als das leidenschaftliche Ende vorausnehmen mit der Hingabe ihres
+Lebens.
+
+So liefen sie sich wieder hungrig und waren erfreut, von der Höhe
+eines schattenreichen Berges ein glänzendes Dorf vor sich zu sehen, wo
+sie Mittag halten wollten. Sie stiegen rasch hinunter, betraten dann
+ebenso sittsam diesen Ort, wie sie den vorigen verlassen. Es war
+niemand um den Weg, der sie erkannt hätte; denn besonders Vrenchen war
+die letzten Jahre hindurch gar nicht unter die Leute und noch weniger
+in andere Dörfer gekommen. Deshalb stellten sie ein wohlgefälliges
+ehrsames Pärchen vor, das irgendeinen angelegentlichen Gang tut. Sie
+gingen ins erste Wirtshaus des Dorfes, wo Sali ein erkleckliches Mahl
+bestellte; ein eigener Tisch wurde ihnen sonntäglich gedeckt, und sie
+saßen wieder still und bescheiden daran und beguckten die
+schöngetäfelten Wände von gebohntem Nußbaumholz, das ländliche aber
+glänzende und wohlbestellte Büfett von gleichem Holze, und die klaren
+weißen Fenstervorhänge. Die Wirtin trat zutulich herzu und setzte ein
+Geschirr voll frischer Blumen auf den Tisch. „Bis die Suppe kommt",
+sagte sie, „könnt ihr, wenn es euch gefällig ist, einstweilen die
+Augen sättigen an dem Strauße. Allem Anschein nach, wenn es erlaubt
+ist zu fragen, seit ihr ein junges Brautpaar, das gewiß nach der Stadt
+geht, um sich morgen kopulieren zu lassen?" Vrenchen wurde rot und
+wagte nicht aufzusehen, Sali sagte auch nichts, und die Wirtin fuhr
+fort: „Nun, ihr seid freilich beide noch wohl jung, aber jung
+geheiratet lebt lang, sagt man zuweilen, und ihr seht wenigstens
+hübsch und brav aus und braucht euch nicht zu verbergen. Ordentliche
+Leute können etwas zuwege bringen, wenn sie so jung zusammenkommen und
+fleißig und treu sind. Aber das muß man freilich sein, denn die Zeit
+ist kurz und doch lang, und es kommen viele Tage, viele Tage! Je nun,
+schön genug sind sie und amüsant dazu, wenn man gut haushält damit!
+Nichts für ungut, aber es freut mich, euch anzusehen, so ein schmuckes
+Pärchen seid ihr!" Die Kellnerin brachte die Suppe, und da sie einen
+Teil dieser Worte noch gehört und lieber selbst geheiratet hätte, so
+sah sie Vrenchen mit scheelen Augen an, welches nach ihrer Meinung so
+gedeihliche Wege ging. In der Nebenstube ließ die unliebliche Person
+ihren Unmut frei und sagte zur Wirtin, welche dort zu schaffen hatte,
+so laut, daß man es hören konnte: „Das ist wieder ein rechtes
+Hudelvölkchen, das wie es geht und steht nach der Stadt läuft und sich
+kopulieren läßt, ohne einen Pfennig, ohne Freunde, ohne Aussteuer und
+ohne Aussicht, als auf Armut und Bettelei! Wo soll das noch hinaus,
+wenn solche Dinger heiraten, die die Jüppe noch nicht allein anziehen
+und keine Suppe kochen können? Ach, der hübsche junge Mensch kann mich
+nur dauern, der ist schön petschiert mit seiner jungen Gungeline!"
+„Bscht! Willst du wohl schweigen, du gehässiges Ding!" sagte die
+Wirtin, „denen lasse ich nichts geschehen! Das sind gewiß zwei recht
+ordentliche Leutlein aus den Bergen, wo die Fabriken sind; dürftig
+sind sie gekleidet, aber sauber, und wenn sie sich nur gernhaben und
+arbeitsam sind, so werden sie weiter kommen, als du mit deinem bösen
+Maul! Du kannst freilich noch lang warten, bis dich einer abholt, wenn
+du nicht freundlicher bist, du Essighafen!"
+
+So genoß Vrenchen alle Wonnen einer Braut, die zur Hochzeit reiset:
+die wohlwollende Ansprache und Aufmunterung einer sehr vernünftigen
+Frau, den Neid einer heiratslustigen bösen Person, welche aus Ärger
+den Geliebten lobte und bedauerte, und ein leckeres Mittagsmahl an der
+Seite eben dieses Geliebten. Es glühte im Gesicht, wie eine rote
+Nelke, das Herz klopfte ihm, aber es aß und trank nichtsdestominder
+mit gutem Appetit und war mit der aufwartenden Kellnerin nur um so
+artiger, konnte aber nicht unterlassen, dabei den Sali zärtlich
+anzusehen und mit ihm zu lispeln, so daß es diesem auch ganz kraus im
+Gemüt wurde. Sie saßen indessen lang und gemächlich am Tische, wie
+wenn sie zögerten und sich scheuten, aus der halben Täuschung
+herauszugehen. Die Wirtin brachte zum Nachtisch süßes Backwerk, und
+Sali bestellte feineren und stärkeren Wein dazu, welcher Vrenchen
+feurig durch die Adern rollte, als es ein wenig davon trank; aber es
+nahm sich in acht, nippte bloß zuweilen und saß so züchtig und
+verschämt da, wie eine wirkliche Braut. Halb spielte es aus Schalkheit
+diese Rolle und aus Lust, zu versuchen, wie es tue, halb war es ihm in
+der Tat so zumut und vor Bangigkeit und heißer Liebe wollte ihm das
+Herz brechen, so daß es ihm zu eng ward innerhalb der vier Wände und
+es zu gehen begehrte. Es war, als ob sie sich scheuten, auf dem Wege
+wieder so abseits und allein zu sein; denn sie gingen unverabredet auf
+der Hauptstraße weiter, mitten durch die Leute und sahen weder rechts
+noch links. Als sie aber aus dem Dorfe waren und auf das
+nächstgelegene zugingen, wo Kirchweih war, hing sich Vrenchen an Salis
+Arm und flüsterte mit zitternden Worten: „Sali! warum sollen wir uns
+nicht haben und glücklich sein!" „Ich weiß auch nicht warum!"
+erwiderte er und heftete seine Augen an den milden Herbstsonnenschein,
+der auf den Auen webte, und er mußte sich bezwingen und das Gesicht
+ganz sonderbar verziehen. Sie standen still, um sich zu küssen; aber
+es zeigten sich Leute und sie unterließen es und zogen weiter. Das
+große Kirchdorf, in dem Kirchweih war, belebte sich schon von der Lust
+des Volkes; und aus dem stattlichen Gasthofe tönte eine pomphafte
+Tanzmusik, da die jungen Dörfler bereits um Mittag den Tanz angehoben,
+und auf dem Platz vor dem Wirtshause war ein kleiner Markt
+aufgeschlagen, bestehend aus einigen Tischen mit Süßigkeiten und
+Backwerk und ein paar Buden mit Flitterstaat, um welche sich die
+Kinder und dasjenige Volk drängten, welches sich einstweilen mehr mit
+Zusehen begnügte. Sali und Vrenchen traten auch zu den Herrlichkeiten
+und ließen ihre Augen darüberfliegen; denn beide hatten zugleich die
+Hand in der Tasche und jedes wünschte dem andern etwas zu schenken, da
+sie zum ersten und einzigen Male miteinander zu Markt waren; Sali
+kaufte ein großes Haus von Lebkuchen, das mit Zuckerguß freundlich
+geweißt war, mit einem grünen Dach, auf welchem weiße Tauben saßen und
+aus dessen Schornstein ein Amörchen guckte als Kaminfeger; an den
+offenen Fenstern umarmten sich pausbäckige Leutchen mit winzig kleinen
+roten Mündchen, die sich recht eigentlich küßten, da der flüchtige
+praktische Maler mit einem Kleckschen gleich zwei Mündchen gemacht,
+die so ineinander verflossen. Schwarze Pünktchen stellten muntere
+Äuglein vor. Auf der rosenroten Haustür aber waren diese Verse zu
+lesen:
+
+ Tritt in mein Haus, o Liebste!
+ Doch sei dir unverhehlt:
+ Drin wird allein nach Küssen
+ Gerechnet und gezählt!
+
+ Die Liebste sprach: „O Liebster,
+ Mich schrecket nichts zurück!
+ Hab' alles wohl erwogen:
+ In dir nur lebt mein Glück!
+
+ Und wenn ich's recht bedenke,
+ Kam ich deswegen auch!"
+ Nun denn, spazier' mit Segen
+ Herein und üb' den Brauch!
+
+Ein Herr in einem blauen Frack und eine Dame mit einem sehr hohen
+Busen komplimentierten sich diesen Versen gemäß in das Haus hinein,
+links und rechts an die Mauer gemalt. Vrenchen schenkte Sali dagegen
+ein Herz, auf dessen einer Seite ein Zettelchen klebte mit den Worten:
+
+ Ein süßer Mandelkern steckt in dem Herze hier,
+ Doch süßer als der Mandelkern ist meine Lieb' zu dir!
+
+Und auf der andern Seite:
+
+ Wenn du dies Herz gegessen, vergiß dies Sprüchlein nicht!
+ Viel eh'r als meine Liebe mein braunes Auge bricht!
+
+Sie lasen eifrig die Sprüche und nie ist etwas Gereimtes und
+Gedrucktes schöner befunden und tiefer empfunden worden, als diese
+Pfefferkuchensprüche; sie hielten, was sie lasen, in besonderer
+Absicht auf sich gemacht, so gut schien es ihnen zu passen. „Ach,"
+seufzte Vrenchen, „du schenkst mir ein Haus! Ich habe dir auch eines
+und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus,
+darin wir wohnen, und wir tragen so unsere Wohnung mit uns, wie die
+Schnecken! Andere haben wir nicht!" „Dann sind wir aber zwei
+Schnecken, von denen jede das Häuschen der andern trägt!" sagte Sali,
+und Vrenchen erwiderte: „Desto weniger dürfen wir voneinander gehen,
+damit jedes seiner Wohnung nahbleibt!" Doch wußten sie nicht, daß sie
+in ihren Reden ebensolche Witze machten, als auf den vielfach
+geformten Lebkuchen zu lesen waren, und fuhren fort, diese süße
+einfache Liebesliteratur zu studieren, die da ausgebreitet lag und
+besonders auf vielfach verzierte kleine und große Herzen geklebt war.
+Alles dünkte sie schön und einzig zutreffend; als Vrenchen auf einem
+vergoldeten Herzen, das wie eine Lyra mit Saiten bespannt war, las:
+Mein Herz ist wie ein Zitherspiel, rührt man es viel, so tönt es viel!
+ward ihm so musikalisch zumut, daß es glaubte, sein eigenes Herz
+klingen zu hören. Ein Napoleonsbild war da, welches aber auch der
+Träger eines verliebten Spruches sein mußte, denn es stand darunter
+geschrieben: Groß war der Held Napoleon, sein Schwert von Stahl, sein
+Herz von Ton; meine Liebe trägt ein Röslein frei, doch ist ihr Herz
+wie Stahl so treu!--Während sie aber beiderseitig in das Lesen
+vertieft schienen, nahm jedes die Gelegenheit wahr, einen heimlichen
+Einkauf zu machen. Sali kaufte für Vrenchen ein vergoldetes Ringelchen
+mit einem grünen Glassteinchen, und Vrenchen einen Ring von schwarzem
+Gemshorn, auf welchem ein goldenes Vergißmeinnicht eingelegt war.
+Wahrscheinlich hatten sie die gleichen Gedanken, sich diese armen
+Zeichen bei der Trennung zu geben.
+
+Während sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen,
+daß sie nicht bemerkten, wie nach und nach ein weiter Ring sich um sie
+gebildet hatte von Leuten, die sie aufmerksam und neugierig
+betrachteten. Denn da viele junge Burschen und Mädchen aus ihrem Dorfe
+hier waren, so waren sie erkannt worden, und alles stand jetzt in
+einiger Entfernung um sie herum und sah mit Verwunderung auf das
+wohlgeputzte Paar, welches in andächtiger Innigkeit die Welt um sich
+her zu vergessen schien. „Ei seht!" hieß es, „das ist ja wahrhaftig
+das Vrenchen Marti und der Sali aus der Stadt! Die haben sich ja
+säuberlich gefunden und verbunden! Und welche Zärtlichkeit und
+Freundschaft, seht doch, seht! Wo die wohl hinauswollen?" Die
+Verwunderung dieser Zuschauer war ganz seltsam gemischt aus Mitleid
+mit dem Unglück, aus Verachtung der Verkommenheit und Schlechtigkeit
+der Eltern und aus Neid gegen das Glück und die Einigkeit des Paares,
+welches auf eine ganz ungewöhnliche und fast vornehme Weise verliebt
+und aufgeregt war und in dieser rückhaltlosen Hingebung und
+Selbstvergessenheit dem rohen Völkchen ebenso fremd erschien, wie in
+seiner Verlassenheit und Armut. Als sie daher endlich aufwachten und
+um sich sahen, erschauten sie nichts als gaffende Gesichter von allen
+Seiten; niemand grüßte sie und sie wußten nicht, sollten sie jemand
+grüßen, und diese Verfremdung und Unfreundlichkeit war von beiden
+Seiten mehr Verlegenheit als Absicht. Es wurde Vrenchen bang und heiß,
+es wurde bleich und rot, Sali nahm es aber bei der Hand und führte das
+arme Wesen hinweg, das ihm mit seinem Haus in der Hand willig folgte,
+obgleich die Trompeten im Wirtshause lustig schmetterten und Vrenchen
+so gern tanzen wollte. „Hier können wir nicht tanzen!" sagte Sali, als
+sie sich etwas entfernt hatten, „wir würden hier wenig Freude haben,
+wie es scheint!" „Jedenfalls," sagte Vrenchen traurig, „es wird auch
+am besten sein, wir lassen es ganz bleiben und ich sehe, wo ich ein
+Unterkommen finde!" „Nein," rief Sali, „du sollst einmal tanzen, ich
+habe dir darum Schuhe gebracht! Wir wollen gehen, wo das arme Volk
+sich lustig macht, zu dem wir jetzt auch gehören, da werden sie uns
+nicht verachten; im Paradiesgärtchen wird jedesmal auch getanzt, wenn
+hier Kirchweih ist, da es in die Kirchgemeinde gehört, und dorthin
+wollen wir gehen, dort kannst du zur Not auch übernachten." Vrenchen
+schauerte zusammen bei dem Gedanken, nun zum erstenmal an einem
+unbekannten Ort zu schlafen; doch folgte es willenlos seinem Führer,
+der jetzt alles war, was es in der Welt hatte. Das Paradiesgärtlein
+war ein schöngelegenes Wirtshaus an einer einsamen Berghalde, das weit
+über das Land wegsah, in welchem aber an solchen Vergnügungstagen nur
+das ärmere Volk, die Kinder der ganz kleinen Bauern und Tagelöhner und
+sogar mancherlei fahrendes Gesinde verkehrte. Vor hundert Jahren war
+es als ein kleines Landhaus von einem reichen Sonderling gebaut
+worden, nach welchem niemand mehr da wohnen mochte, und da der Platz
+sonst zu nichts zu gebrauchen war, so geriet der wunderliche Landsitz
+in Verfall und zuletzt in die Hände eines Wirtes, der da sein Wesen
+trieb. Der Name und die demselben entsprechende Bauart waren aber dem
+Hause geblieben. Es bestand nur aus einem Erdgeschoß, über welchem ein
+offener Estrich gebaut war, dessen Dach an den vier Ecken von Bildern
+aus Sandstein getragen wurde, so die vier Erzengel vorstellten und
+gänzlich verwittert waren. Auf dem Gesimse des Daches saßen ringsherum
+kleine musizierende Engel mit dicken Köpfen und Bäuchen, den Triangel,
+die Geige, die Flöte, Zimbel und Tamburin spielend, ebenfalls aus
+Sandstein, und die Instrumente waren ursprünglich vergoldet gewesen.
+Die Decke inwendig, sowie die Brustwehr des Estrichs und das übrige
+Gemäuer des Hauses waren mit verwaschenen Freskomalereien bedeckt,
+welche lustige Engelscharen, sowie singende und tanzende Heilige
+darstellten. Aber alles war verwischt und undeutlich wie ein Traum und
+überdies reichlich mit Weinreben übersponnen, und blaue reifende
+Trauben hingen überall in dem Laube. Um das Haus herum standen
+verwilderte Kastanienbäume, und knorrige starke Rosenbüsche, auf
+eigene Hand fortlebend, wuchsen da und dort so wild herum, wie
+anderswo die Holunderbäume. Der Estrich diente zum Tanzsaal; als Sali
+mit Vrenchen daherkam, sahen sie schon von weitem die Paare unter dem
+offenen Dache sich drehen und rund um das Haus zechten und lärmten
+eine Menge lustiger Gäste. Vrenchen, welches andächtig und wehmütig
+sein Liebeshaus trug, glich einer heiligen Kirchenpatronin auf alten
+Bildern, welche das Modell eines Domes oder Klosters auf der Hand
+hält, so sie gestiftet; aber aus der frommen Stiftung, die ihr im
+Sinne lag, konnte nichts werden. Als es aber die wilde Musik hörte,
+welche vom Estrich ertönte, vergaß es sein Leid und verlangte endlich
+nichts, als mit Sali zu tanzen. Sie drängten sich durch die Gäste, die
+vor dem Hause saßen und in der Stube, verlumpte Leute aus Seldwyla,
+die eine billige Landpartie machten, armes Volk von allen Enden, und
+stiegen die Treppe hinauf, und sogleich drehten sie sich im Walzer
+herum, keinen Blick voneinander abwendend. Erst als der Walzer zu
+Ende, sahen sie sich um, Vrenchen hatte sein Haus zerdrückt und
+zerbrochen und wollte eben betrübt darüber werden, als es noch mehr
+erschrak über den schwarzen Geiger, in dessen Nähe sie standen. Er saß
+auf einer Bank, die auf einem Tische stand, und sah so schwarz aus wie
+gewöhnlich; nur hatte er heute einen grünen Tannenbusch auf sein
+Hütchen gesteckt, zu seinen Füßen hatte er eine Flasche Rotwein und
+ein Glas stehen, welche er nie umstieß, obgleich er fortwährend mit
+den Beinen strampelte, wenn er geigte, und so eine Art von Eiertanz
+damit vollbrachte. Neben ihm saß noch ein schöner aber trauriger
+junger Mensch mit einem Waldhorn, und ein Buckliger stand an einer
+Baßgeige. Sali erschrak auch, als er den Geiger erblickte; dieser
+grüßte sie aber auf das freundlichste und rief: „Ich habe doch gewußt,
+daß ich euch noch einmal aufspielen werde! So macht euch nur recht
+lustig, ihr Schätzchen, und tut mir Bescheid!" Er bot Sali das volle
+Glas und Sali trank und tat ihm Bescheid. Als der Geiger sah, wie
+erschrocken Vrenchen war, suchte er ihm freundlich zuzureden und
+machte einige fast anmutige Scherze, die es zum Lachen brachten. Es
+ermunterte sich wieder, und nun waren sie froh, hier einen Bekannten
+zu haben und gewissermaßen unter dem besonderen Schutze des Geigers zu
+stehen. Sie tanzten nun ohne Unterlaß, sich und die Welt vergessend in
+dem Drehen, Singen und Lärmen, welches in und außer dem Hause rumorte
+und vom Berge weit in die Gegend hinausschallte, welche sich
+allmählich in den silbernen Duft des Herbstabends hüllte. Sie tanzten,
+bis es dunkelte und der größere Teil der lustigen Gäste sich
+schwankend und johlend nach allen Seiten entfernte. Was noch
+zurückblieb, war das eigentliche Hudelvölkchen, welches nirgends zu
+Hause war und sich zum guten Tag auch noch eine gute Nacht machen
+wollte. Unter diesen waren einige, welche mit dem Geiger gut bekannt
+schienen und fremdartig aussahen in ihrer zusammengewürfelten Tracht.
+Besonders ein junger Bursche fiel auf, der eine grüne Manchesterjacke
+trug und einen zerknitterten Strohhut, um den er einen Kranz von
+Ebereschen oder Vogelbeerbüscheln gebunden hatte. Dieser führte eine
+wilde Person mit sich, die einen Rock von kirschrotem, weißgetüpfeltem
+Kattun trug und sich einen Reifen von Rebenschossen um den Kopf
+gebunden, so daß an jeder Schläfe eine blaue Traube hing. Dies Paar
+war das ausgelassenste von allen, tanzte und sang unermüdlich und war
+in allen Ecken zugleich. Dann war noch ein schlankes hübsches Mädchen
+da, welches ein schwarzseidenes abgeschossenes Kleid trug und ein
+weißes Tuch um den Kopf, daß der Zipfel über den Rücken fiel. Das Tuch
+zeigte rote, eingewobene Streifen und war eine gute leinene Handzwehle
+oder Serviette. Darunter leuchteten aber ein Paar veilchenblaue Augen
+hervor. Um den Hals und auf der Brust hing eine sechsfache Kette von
+Vogelbeeren auf einen Faden gezogen und ersetzte die schönste
+Korallenschnur. Diese Gestalt tanzte fortwährend allein mit sich
+selbst und verweigerte hartnäckig, mit einem der Gesellen zu tanzen.
+Nichtsdestominder bewegte sie sich anmutig und leicht herum und
+lächelte jedesmal, wenn sie sich an dem traurigen Waldhornbläser
+vorüberdrehte, wozu dieser immer den Kopf abwandte. Noch einige andere
+vergnügte Frauensleute waren da mit ihren Beschützern, alle von
+dürftigem Aussehen, aber sie waren um so lustiger und in bester
+Eintracht untereinander. Als es gänzlich dunkel war, wollte der Wirt
+keine Lichter anzünden, da er behauptete, der Wind lösche sie aus,
+auch ginge der Vollmond sogleich auf und für das, was ihm diese
+Herrschaften einbrächten, sei das Mondlicht gut genug. Diese Eröffnung
+wurde mit großem Wohlgefallen aufgenommen; die ganze Gesellschaft
+stellte sich an die Brüstung des luftigen Saales und sah dem Aufgange
+des Gestirnes entgegen, dessen Röte schon am Horizonte stand; und
+sobald der Mond aufging und sein Licht quer durch den Estrich des
+Paradiesgärtels warf, tanzten sie im Mondschein weiter, und zwar so
+still, artig und seelenvergnügt, als ob sie im Glanze von hundert
+Wachskerzen tanzten. Das seltsame Licht machte alle vertrauter und so
+konnten Sali und Vrenchen nicht umhin, sich unter die gemeinsame
+Lustbarkeit zu mischen und auch mit andern zu tanzen. Aber jedesmal,
+wenn sie ein Weilchen getrennt gewesen, flogen sie zusammen und
+feierten ein Wiedersehen, als ob sie sich jahrelang gesucht und
+endlich gefunden. Sali machte ein trauriges und unmutiges Gesicht,
+wenn er mit einer andern tanzte, und drehte fortwährend das Gesicht
+nach Vrenchen hin, welches ihn nicht ansah, wenn es vorüberschwebte,
+glühte wie eine Purpurrose und überglücklich schien, mit wem es auch
+tanzte. „Bist du eifersüchtig, Sali?" fragte es ihn, als die
+Musikanten müde waren und aufhörten. „Gott bewahre!" sagte er, „ich
+wüßte nicht, wie ich es anfangen sollte!" „Warum bist du denn so bös,
+wenn ich mit andern tanze?" „Ich bin nicht darüber bös, sondern weil
+ich mit andern tanzen muß! Ich kann kein anderes Mädchen ausstehen, es
+ist mir, als wenn ich ein Stück Holz im Arm habe, wenn du es nicht
+bist! Und du? Wie geht es dir?" „Oh, ich bin immer wie im Himmel, wenn
+ich nur tanze und weiß, daß du zugegen bist! Aber ich glaube, ich
+würde sogleich tot umfallen, wenn du weggingest und mich daließest!"
+Sie waren hinabgegangen und standen vor dem Hause! Vrenchen umschloß
+ihn mit beiden Armen, schmiegte seinen schlanken zitternden Leib an
+ihn, drückte seine glühende Wange, die von heißen Tränen feucht war,
+an sein Gesicht und sagte schluchzend: „Wir können nicht zusammensein
+und doch kann ich nicht von dir lassen, nicht einen Augenblick mehr,
+nicht eine Minute!" Sali umarmte und drückte das Mädchen heftig an
+sich und bedeckte es mit Küssen. Seine verwirrten Gedanken rangen nach
+einem Ausweg, aber er sah keinen. Wenn auch das Elend und die
+Hoffnungslosigkeit seiner Herkunft zu überwinden gewesen wären, so war
+seine Jugend und unerfahrene Leidenschaft nicht beschaffen, sich eine
+lange Zeit der Prüfung und Entsagung vorzunehmen und zu überstehen,
+und dann wäre erst noch Vrenchens Vater dagewesen, welchen er
+zeitlebens elend gemacht. Das Gefühl, in der bürgerlichen Welt nur in
+einer ganz ehrlichen und gewissenfreien Ehe glücklich sein zu können,
+war in ihm ebenso lebendig wie in Vrenchen, und in beiden verlassenen
+Wesen war es die letzte Flamme der Ehre, die in früheren Zeiten in
+ihren Häusern geglüht hatte und welche die sich sicher fühlenden Väter
+durch einen unscheinbaren Mißgriff ausgeblasen und zerstört hatten,
+als sie, eben diese Ehre zu äufnen wähnend durch Vermehrung ihres
+Eigentums, so gedankenlos sich das Gut eines Verschollenen aneigneten,
+ganz gefahrlos, wie sie meinten. Das geschieht nun freilich alle Tage;
+aber zuweilen stellt das Schicksal ein Exempel auf und läßt zwei
+solche Äufner ihrer Hausehre und ihres Gutes zusammentreffen, die sich
+dann unfehlbar aufreiben und auffressen wie zwei wilde Tiere. Denn die
+Mehrer des Reiches verrechnen sich nicht nur auf den Thronen, sondern
+zuweilen auch in den niedersten Hütten und langen ganz am
+entgegengesetzten Ende an, als wohin sie zu kommen trachteten, und der
+Schild der Ehre ist im Umsehen eine Tafel der Schande. Sali und
+Vrenchen hatten aber noch die Ehre ihres Hauses gesehen in zarten
+Kinderjahren und erinnerten sich, wie wohlgepflegte Kinderchen sie
+gewesen und daß ihre Väter ausgesehen wie andere Männer, geachtet und
+sicher. Dann waren sie auf lange getrennt worden, und als sie sich
+wiederfanden, sahen sie in sich zugleich das verschwundene Glück des
+Hauses, und beider Neigung klammerte sich nur um so heftiger
+ineinander. Sie mochten so gern fröhlich und glücklich sein, aber nur
+auf einem guten Grund und Boden, und dieser schien ihnen unerreichbar,
+während ihr wallendes Blut am liebsten gleich zusammengeströmt wäre.
+„Nun ist es Nacht," rief Vrenchen, „und wir sollen uns trennen!" „Ich
+soll nach Hause gehen und dich allein lassen?" rief Sali, „nein, das
+kann ich nicht!" „Dann wird es Tag werden und nicht besser um uns
+stehen!"
+
+„Ich will euch einen Rat geben, ihr närrischen Dinger!" tönte eine
+schrille Stimme hinter ihnen, und der Geiger trat vor sie hin. „Da
+steht ihr," sagte er, „wißt nicht wo hinaus und hättet euch gern. Ich
+rate euch, nehmt euch, wie ihr seid, und säumet nicht. Kommt mit mir
+und meinen guten Freunden in die Berge, da brauchet ihr keinen
+Pfarrer, kein Geld, keine Schriften, keine Ehre, kein Bett, nichts als
+eueren guten Willen! Es ist gar nicht so übel bei uns, gesunde Luft
+und genug zu essen, wenn man tätig ist; die grünen Wälder sind unser
+Haus, wo wir uns liebhaben, wie es uns gefällt, und im Winter machen
+wir uns die wärmsten Schlupfwinkel oder kriechen den Bauern ins warme
+Heu. Also kurz entschlossen, haltet gleich hier Hochzeit und kommt mit
+uns, dann seid ihr aller Sorgen los und habt euch für immer und
+ewiglich, solang es euch gefällt wenigstens; denn alt werdet ihr bei
+unserem freien Leben, das könnt ihr glauben! Denkt nicht etwa, daß ich
+euch nachtragen will, was eure Alten an mir getan! Nein! Es macht mir
+zwar Vergnügen, euch da angekommen zu sehen, wo ihr seid; allein damit
+bin ich zufrieden und werde euch behilflich und dienstfertig sein,
+wenn ihr mir folgt." Er sagte das wirklich in einem aufrichtigen und
+gemütlichen Tone. „Nun, besinnt euch ein bißchen, aber folget mir,
+wenn ich euch gut zum Rat bin! Laßt fahren die Welt und nehmet euch
+und fraget niemandem was nach! Denkt an das luftige Hochzeitbett im
+tiefen Wald oder auf einem Heustock, wenn es euch zu kalt ist!" Damit
+ging er ins Haus. Vrenchen zitterte in Salis Armen und dieser sagte:
+„Was meinst du dazu? Mich dünkt, es wäre nicht übel, die ganze Welt in
+den Wind zu schlagen und uns dafür zu lieben ohne Hindernis und
+Schranken!" Er sagte es aber mehr als einen verzweifelten Scherz, denn
+im Ernst. Vrenchen aber erwiderte ganz treuherzig und küßte ihn:
+„Nein, dahin möchte ich nicht gehen, denn da geht es auch nicht nach
+meinem Sinne zu. Der junge Mensch mit dem Waldhorn und das Mädchen mit
+dem seidenen Rocke gehören auch so zueinander und sollen sehr verliebt
+gewesen sein. Nun sei letzte Woche die Person ihm zum erstenmal untreu
+geworden, was ihm nicht in den Kopf wolle, und deshalb sei er so
+traurig und schmolle mit ihr und mit den andern, die ihn auslachen.
+Sie aber tut eine mutwillige Buße, indem sie allein tanzt und mit
+niemandem spricht, und lacht ihn auch nur aus damit. Dem armen
+Musikanten sieht man es jedoch an, daß er sich noch heute mit ihr
+versöhnen wird. Wo es aber so hergeht, möchte ich nicht sein, denn nie
+möcht' ich dir untreu werden, wenn ich auch sonst noch alles ertragen
+würde, um dich zu besitzen !" Indessen aber fieberte das arme Vrenchen
+immer heftiger an Salis Brust; denn schon seit dem Mittag, wo jene
+Wirtin es für eine Braut gehalten und es eine solche ohne Widerrede
+vorgestellt, lohte ihm das Brautwesen im Blute, und je hoffnungsloser
+es war, um so wilder und unbezwinglicher. Dem Sali erging es ebenso
+schlimm, da die Reden des Geigers, so wenig er ihnen folgen mochte,
+dennoch seinen Kopf verwirrten, und er sagte mit ratlos stockender
+Stimme: „Komm herein, wir müssen wenigstens noch was essen und
+trinken." Sie gingen in die Gaststube, wo niemand mehr war, als die
+kleine Gesellschaft der Heimatlosen, welche bereits um einen Tisch saß
+und eine spärliche Mahlzeit hielt. „Da kommt unser Hochzeitpaar!" rief
+der Geiger, „jetzt seid lustig und fröhlich und laßt euch
+zusammengeben!" Sie wurden an den Tisch genötigt und flüchteten sich
+vor sich selbst an denselben hin; sie waren froh, nur für den
+Augenblick unter Leuten zu sein. Sali bestellte Wein und reichlichere
+Speisen, und es begann eine große Fröhlichkeit. Der Schmollende hatte
+sich mit der Untreuen versöhnt, und das Paar liebkoste sich in
+begieriger Seligkeit; das andere wilde Paar sang und trank und ließ es
+ebenfalls nicht an Liebesbezeigungen fehlen, und der Geiger nebst dem
+buckligen Baßgeiger lärmten ins Blaue hinein. Sali und Vrenchen waren
+still und hielten sich umschlungen; auf einmal gebot der Geiger Stille
+und führte eine spaßhafte Zeremonie auf, welche eine Trauung
+vorstellen sollte. Sie mußten sich die Hände geben und die
+Gesellschaft stand auf und trat der Reihe nach zu ihnen, um sie zu
+beglückwünschen und in ihrer Verbrüderung willkommen zu heißen. Sie
+ließen es geschehen, ohne ein Wort zu sagen, und betrachteten es als
+einen Spaß, während es sie doch kalt und heiß durchschauerte.
+
+Die kleine Versammlung wurde jetzt immer lauter und aufgeregter,
+angefeuert durch den stärkeren Wein, bis plötzlich der Geiger zum
+Aufbruch mahnte. „Wir haben weit," rief er, „und Mitternacht ist
+vorüber! Auf! Wir wollen dem Brautpaar das Geleit geben und ich will
+vorausgeigen, daß es eine Art hat!" Da die ratlosen Verlassenen nichts
+Besseres wußten und überhaupt ganz verwirrt waren, ließen sie abermals
+geschehen, daß man sie voranstellte und die übrigen zwei Paare einen
+Zug hinter ihnen formierten, welchen der Bucklige abschloß mit seiner
+Baßgeige über der Schulter. Der Schwarze zog voraus und spielte auf
+seiner Geige wie besessen den Berg hinunter, und die andern lachten,
+sangen und sprangen hintendrein. So strich der tolle nächtliche Zug
+durch die stillen Felder und durch das Heimatdorf Salis und Vrenchens,
+dessen Bewohner längst schliefen.
+
+Als sie durch die stillen Gassen kamen und an ihren verlorenen
+Vaterhäusern vorüber, ergriff sie eine schmerzhaft wilde Laune und sie
+tanzten mit den andern um die Wette hinter dem Geiger her, küßten
+sich, lachten und weinten. Sie tanzten auch den Hügel hinauf, über
+welchen der Geiger sie führte, wo die drei Äcker lagen, und oben
+strich der schwärzliche Kerl die Geige noch einmal so wild, sprang und
+hüpfte wie ein Gespenst, und seine Gefährten blieben nicht zurück in
+der Ausgelassenheit, so daß es ein wahrer Blocksberg war auf der
+stillen Höhe; selbst der Bucklige sprang keuchend mit seiner Last
+herum und keines schien mehr das andere zu sehen. Sali faßte Vrenchen
+fester in den Arm und zwang es, stillzustehen; denn er war zuerst zu
+sich gekommen. Er küßte es, damit es schweige, heftig auf den Mund, da
+es sich ganz vergessen hatte und laut sang. Es verstand ihn endlich,
+und sie standen still und lauschend, bis ihr tobendes Hochzeitsgeleite
+das Feld entlang gerast war und, ohne sie zu vermissen, am Ufer des
+Stromes hinauf sich verzog. Die Geige, das Gelächter der Mädchen und
+die Jauchzer der Burschen tönten aber noch eine gute Zeit durch die
+Nacht, bis zuletzt alles verklang und still wurde.
+
+„Diesen sind wir entflohen," sagte Sali, „aber wie entfliehen wir uns
+selbst? Wie meiden wir uns?"
+
+Vrenchen war nicht imstande zu antworten und lag hochaufatmend an
+seinem Halse. „Soll ich dich nicht lieber ins Dorf zurückbringen und
+Leute wecken, daß sie dich aufnehmen? Morgen kannst du ja dann deinen
+Weges ziehen und gewiß wird es dir wohlgehen, du kommst überall fort!"
+
+„Fortkommen, ohne dich!"
+
+„Du mußt mich vergessen!"
+
+„Das werde ich nie! Könntest denn du es tun?"
+
+„Darauf kommt's nicht an, mein Herz!" sagte Sali und streichelte ihm
+die heißen Wangen, je nachdem es sie leidenschaftlich an seiner Brust
+herumwarf, „es handelt sich jetzt nur um dich; du bist noch so ganz
+jung und es kann dir noch auf allen Wegen gut gehen!"
+
+„Und dir nicht auch, du alter Mann?"
+
+„Komm!" sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige
+Schritte und standen wieder still, um sich bequemer zu umschlingen und
+zu herzen. Die Stille der Welt sang und musizierte ihnen durch die
+Seelen, man hörte nur den Fluß unten sacht und lieblich rauschen im
+langsamen Ziehen.
+
+„Wie schön ist es da ringsherum! Hörst du nicht etwas tönen, wie ein
+schöner Gesang oder ein Geläute!"
+
+„Es ist das Wasser, das rauscht! Sonst ist alles still."
+
+„Nein, es ist noch etwas anderes, hier, dort, hinaus überall tönt's!"
+
+„Ich glaube, wir hören unser eigenes Blut in unsern Ohren rauschen!"
+
+Sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten oder wirklichen
+Töne, welche von der großen Stille herrührten, oder welche sie mit den
+magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten, welches nah und
+fern über die weißen Herbstnebel wallte, welche tief auf den Gründen
+lagen. Plötzlich fiel Vrenchen etwas ein: es suchte in seinem
+Brustgewand und sagte: „Ich habe dir noch ein Andenken gekauft, das
+ich dir geben wollte!" Und es gab ihm den einfachen Ring und steckte
+ihm denselben selbst an den Finger. Sali nahm sein Ringlein auch
+hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte: „So haben
+wir die gleichen Gedanken gehabt!" Vrenchen hielt seine Hand in das
+bleiche Silberlicht und betrachtete den Ring. „Ei, wie ein feiner
+Ring!" sagte es lachend; „nun sind wir aber doch verlobt und
+versprochen, du bist mein Mann und ich deine Frau, wir wollen es
+einmal einen Augenblick lang denken, nur bis jener Nebelstreif am Mond
+vorüber ist, oder bis wir zwölf gezählt haben! Küsse mich zwölfmal!"
+
+Sali liebte gewiß ebenso stark als Vrenchen, aber die Heiratsfrage war
+in ihm doch nicht so leidenschaftlich lebendig, als ein bestimmtes
+Entweder--Oder, als ein unmittelbares Sein oder Nichtsein, wie in
+Vrenchen, welches nur das eine zu fühlen fähig war und mit
+leidenschaftlicher Entschiedenheit unmittelbar Tod oder Leben darin
+sah. Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf und das weibliche
+Gefühl des jungen Mädchens ward in ihm auf der Stelle zu einem wilden
+und heißen Verlangen und eine glühende Klarheit erhellte ihm die
+Sinne. So heftig er Vrenchen schon umarmt und liebkost hatte, tat er
+es jetzt doch ganz anders und stürmischer und übersäte es mit Küssen.
+Vrenchen fühlte trotz aller eigenen Leidenschaft auf der Stelle diesen
+Wechsel und ein heftiges Zittern durchfuhr sein ganzes Wesen, aber ehe
+jener Nebelstreif am Monde vorüber war, war es auch davon ergriffen.
+Im heftigen Schmeicheln und Ringen begegneten sich ihre
+ringgeschmückten Hände und faßten sich fest, wie von selbst eine
+Trauung vollziehend, ohne den Befehl eines Willens. Salis Herz klopfte
+halb wie mit Hämmern, bald stand es still, er atmete schwer und sagte
+leise: „Es gibt eines für uns, Vrenchen, wir halten Hochzeit zu dieser
+Stunde und gehen dann aus der Welt--dort ist das tiefe Wasser--dort
+scheidet uns niemand mehr und wir sind zusammengewesen--ob kurz oder
+lang, das kann uns dann gleich sein."--
+
+Vrenchen sagte sogleich: „Sali--was du da sagst, habe ich schon lang
+bei mir gedacht und ausgemacht, nämlich, daß wir sterben könnten und
+dann alles vorbei wäre--so schwöre mir es, daß du es mit mir tun
+willst!"
+
+„Es ist schon so gut wie getan, es nimmt dich niemand mehr aus meiner
+Hand, als der Tod!" rief Sali außer sich. Vrenchen aber atmete hoch
+auf, Tränen der Freude entströmten seinen Augen; es raffte sich auf
+und sprang leicht wie ein Vogel über das Feld gegen den Fluß hinunter.
+Sali eilte ihm nach; denn er glaubte, es wolle ihm entfliehen, und
+Vrenchen glaubte, er wolle es zurückhalten, so sprangen sie einander
+nach und Vrenchen lachte wie ein Kind, welches sich nicht will fangen
+lassen. „Bereust du es schon?" rief eines zum andern, als sie am
+Flusse angekommen waren und sich ergriffen; „nein, es freut mich immer
+mehr!" erwiderte ein jedes. Aller Sorgen ledig, gingen sie am Ufer
+hinunter und überholten die eilenden Wasser, so astig suchten sie eine
+Stätte, um sich niederzulassen; denn ihre Leidenschaft sah jetzt nur
+den Rausch der Seligkeit, der in ihrer Vereinigung lag, und der ganze
+Wert und Inhalt des übrigen Lebens drängte sich in diesem zusammen;
+was danach kam, Tod und Untergang, war ihnen ein Hauch, ein Nichts,
+und sie dachten weniger daran, als ein Leichtsinniger denkt, wie er
+den anderen Tag leben will, wenn er seine letzte Habe verzehrt.
+
+„Meine Blumen gehen mir voraus," rief Vrenchen, „sieh, sie sind ganz
+dahin und verwelkt!" Es nahm sie von der Brust, warf sie ins Wasser
+und sang laut dazu: „Doch süßer als ein Mandelkern ist meine Lieb' zu
+dir!"
+
+„Halt!" rief Sali, „hier ist dein Brautbett!"
+
+Sie waren an einen Fahrweg gekommen, der vom Dorfe her an den Fluß
+führte, und hier war eine Landungsstelle, wo ein großes Schiff, hoch
+mit Heu beladen, angebunden lag. In wilder Laune begann er unverweilt
+die starken Seile loszubinden, Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm
+und rief: „Was willst du tun? Wollen mir den Bauern ihr Heuschiff
+stehlen zu guter Letzt?" „Das soll die Aussteuer sein, die sie uns
+geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut
+gehabt! Sie werden überdies ihr Eigentum unten wieder finden, wo es ja
+dochhin soll, und werden nicht wissen, was damit geschehen ist. Sieh,
+schon schwankt es und will hinaus!"
+
+Das Schiff lag einige Schritte vom Ufer entfernt im tieferen Wasser.
+Sali hob Vrenchen mit seinen Armen hoch empor und schritt durch das
+Wasser gegen das Schiff; aber es liebkoste ihn so heftig ungebärdig
+und zappelte wie ein Fisch, daß er im ziehenden Wasser keinen Stand
+halten konnte. Es strebte Gesicht und Hände ins Wasser zu tauchen und
+rief: „Ich will auch das kühle Wasser versuchen! Weißt du noch, wie
+kalt und naß unsere Hände waren, als wir sie uns zum erstenmal gaben?
+Fische fingen wir damals, jetzt werden wir selber Fische sein und zwei
+schöne große!" „Sei ruhig, du lieber Teufel!" sagte Sali, der Mühe
+hatte, zwischen dem tobenden Liebchen und den Wellen sich
+aufrechtzuhalten, „es zieht mich sonst fort!" Er hob seine Last in das
+Schiff und schwang sich nach; er hob sie auf die hochgebettete weiche
+und duftende Ladung und schwang sich auch hinauf, und als sie oben
+saßen, trieb das Schiff allmählich in die Mitte des Stromes hinaus und
+schwamm dann, sich langsam drehend, zu Tal.
+
+Der Fluß zog bald durch hohe dunkle Wälder, die ihn überschatteten,
+bald durch offenes Land; bald an stillen Dörfern vorbei, bald an
+einzelnen Hütten; hier geriet er in eine Stille, daß er einem ruhigen
+See glich und das Schiff beinah stillhielt, dort strömte er um Felsen
+und ließ die schlafenden Ufer schnell hinter sich; und als die
+Morgenröte auf stieg, tauchte zugleich eine Stadt mit ihren Türmen aus
+dem silbergrauen Strome. Der untergehende Mond, rot wie Gold, legte
+eine glänzende Bahn den Strom hinauf und auf dieser kam das Schiff
+langsam überquer gefahren. Als es sich der Stadt näherte, glitten im
+Froste des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, die sich fest
+umwanden, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten.
+
+Das Schiff legte sich eine Weile nachher unbeschädigt an eine Brücke
+und blieb da stehen. Als man später unterhalb der Stadt die Leichen
+fand und ihre Herkunft ausgemittelt hatte, war in den Zeitungen zu
+lesen, zwei junge Leute, die Kinder zweier blutarmen zugrunde
+gegangenen Familien, welche in unversöhnlicher Feindschaft lebten,
+hätten im Wasser den Tod gesucht, nachdem sie einen ganzen Nachmittag
+herzlich miteinander getanzt und sich belustigt auf einer Kirchweih.
+Es sei dies Ereignis vermutlich in Verbindung zu bringen mit einem
+Heuschiff aus jener Gegend, welches ohne Schiffsleute in der Stadt
+gelandet sei, und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff
+entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu
+halten, abermals ein Zeichen von der umsichgreifenden Entsittlichung
+und Verwilderung der Leidenschaften.
+
+* * * * *
+
+
+FRAU REGEL AMRAIN UND IHR JÜNGSTER
+
+Regula Amrain war die Frau eines abwesenden Seldwylers; dieser hatte
+einen großen Steinbruch hinter dem Städtchen besessen und eine
+Zeitlang ausgebeutet, und zwar auf Seldwyler Art. Das ganze Nest war
+beinahe aus dem guten Sandstein gebaut, aus welchem der Berg bestand;
+aber das Schuldenwesen, das auf den Häusern ruhte, hatte von jeher
+recht eigentlich schon mit den Steinen begonnen, aus denen sie gebaut
+waren; denn nichts schien den Seldwylern so wohlgeeignet, als Stoff
+und Gegenstand eines muntern Verkehrs, als ein solcher Steinbruch, und
+derselbe glich einer in Felsen gehauenen römischen Schaubühne, über
+welche die Besitzer emsig hinwegliefen, einer den andern jagend.
+
+Herr Amrain, ein ansehnlicher Mann, der eine ansehnliche Menge
+Fleisch, Fische und Wein verzehren mußte und mächtige Stücke
+Seidenzeug zu seinen breiten schönen Westen brauchte, himmelblaue,
+kirschrote und großartig gewürfelte, war ursprünglich ein Knopfmacher
+gewesen und hatte auch die eine und andere Stunde des Tages Knöpfe
+besponnen. Als er aber mit den Jahren gar so fest und breit wurde,
+sagte ihm die sitzende Lebensart nicht mehr zu, und als er überhaupt
+den rechten Phäakenaufschwung genommen: die rote Sammetweste, die
+goldene Uhrkette und den Siegelring, liquidierte er die Knopfmacherei
+und übernahm in einer wichtigen Hauptsitzung der Seldwyler Spekulanten
+jenen Steinbruch. Nun hatte er die angemessene bewegliche Lebensweise
+gefunden, indem er mit einer roten Brieftasche voll Papiere und einem
+eleganten Spazierstock, auf welchem mit silbernen Stiften ein Zollmaß
+angebracht war, etwa in den Steinbruch hinaus lustwandelte, wenn das
+Wetter lieblich war, und dort mit dem besagten Stocke an den
+verpfändeten Steinlagern herumstocherte, den Schweiß von der Stirn
+wischte, in die schöne Gegend hinausschaute und dann schleunigst in
+die Stadt zurückkehrte, um den eigentlichen Geschäften nachzugehen,
+dem Umsatz der verschiedenen Papiere in der Brieftasche, was in den
+kühlen Gaststuben auf das beste vor sich ging. Kurz, er war ein
+vollkommener Seldwyler, bis auf die politische Veränderlichkeit,
+welche aber die Ursache seines zu frühen Falles wurde. Denn ein
+konservativer Kapitalist aus einer Finanzstadt, welcher keinen Spaß
+verstand, hatte auf den Steinbruch einiges Geld hergegeben und damit
+geglaubt, einem wackern Parteigenossen unter die Arme zu greifen. Als
+daher Herr Amrain in einem Anfall gänzlicher Gedankenlosigkeit eines
+Tages höchst verfängliche liberale Redensarten vernehmen ließ, welche
+ruchbar wurden, erzürnte sich jener Herr mit Recht; denn nirgends ist
+politische Gesinnungslosigkeit widerwärtiger, als an einem großen
+dicken Manne, der eine bunte Sammetweste trägt! Der erboste Gönner zog
+daher jählings sein Geld zurück, als kein Mensch daran dachte, und
+trieb dadurch vor der Zeit den bestürzten Amrain vom Steinbruch in die
+Welt hinaus.
+
+Man wird selten sehen, daß es großen schweren Männern schlecht ergeht,
+weil sie eine durchgreifende und überzeugende Gabe besitzen, für ihren
+anspruchsvollen Körperbau zu sorgen, und die Nahrungsmittel können
+sich demselben nicht lange entziehen, sondern werden von dem
+Magnetgebirge des Bauches mächtig angezogen. So fraß sich der
+landflüchtige Amrain auch glücklich durch die Fernen; und obgleich er
+nichts Großes mehr wurde, aß und trank er doch irgendwo in der Fremde
+so weidlich wie zu Hause.
+
+Doch den Seldwylern, welche jetzt ratschlagten, welcher von ihnen nun
+am tauglichsten wäre, eine Zeitlang die Honneurs am Steinbruch zu
+machen, wurde abermals ein Strich durch die Rechnung gezogen, als die
+zurückgebliebene Ehefrau des Herrn Amrain unerwartet ihren Fuß auf den
+Sandstein setzte und kraft ihres herzugebrachten Weibergutes den
+Steinbruch an sich zog und erklärte, das Geschäft fortsetzen und
+möglicherweise die Gläubiger ihres Mannes befriedigen zu wollen. Sie
+tat dies erst, als derselbe schon jenseits des Atlantischen Weltmeers
+war und nicht mehr zurückkommen konnte. Man suchte sie auf jede Weise
+von diesem Vorhaben abzubringen und zu hindern; allein sie zeigte eine
+solche Entschlossenheit, Rührigkeit und Besonnenheit, daß nichts gegen
+sie auszurichten war und sie wirklich die Besitzerin des Steinbruches
+wurde. Sie ließ fleißig und ordentlich darin arbeiten unter der
+Leitung eines guten fremden Werkführers und gründete zum erstenmal die
+Unternehmung, statt auf den Scheinverkehr, auf wirkliche Produktion.
+Hieran wollte man sie nun erst recht behindern; allein, es war nicht
+gegen sie aufzukommen, da sie als Frau und sparsame Mutter keine
+Ausgaben hatte, im Vergleich zu den Herren von Seldwyla, und daher auf
+die einfachste Weise imstande war, alle Stürme abzuschlagen und alle
+begründeten Forderungen zu bezahlen. Aber dennoch hielt es schwer, und
+sie mußte Tag und Nacht mit Mut, List und Kraft bei der Hand sein,
+sinnen und sorgen, um sich zu behaupten.
+
+Frau Regel hatte von auswärts in das Städtchen geheiratet und war eine
+sehr frische, große und handfeste Dame mit kräftigen schwarzen
+Haarflechten und einem festen, dunklen Blick. Von ihrem Manne hatte
+sie drei Buben von ungefähr zehn, acht und fünf Jahren, welche sie
+oftmals aufmerksam und ernsthaft betrachtete, darüber sinnend, ob
+dieselben auch wert seien, daß sie das Haus für sie aufrechthalte, da
+sie ja doch Seldwyler wären und bleiben würden. Doch weil die Burschen
+einmal ihre Kinder waren, so ließ die Eigenliebe und die Mutterliebe
+sie immer wieder einen guten Mut fassen, und sie traute sich zu, auch
+in dieser Sache das Steuer am Ende anders zu lenken, als es zu Seldwyl
+Mode war.
+
+In solche Gedanken versunken, saß sie einst nach dem Nachtessen am
+Tische und hatte das Geschäftsbuch und eine Menge Rechnungen vor sich
+liegen. Die Buben lagen im Bette und schliefen in der Kammer, deren
+Türe offen stand, und sie hatte eben die drei schlafenden kleinen
+Gesellen mit der Lampe in der Hand betrachtet und besonders den
+kleinsten Kerl ins Auge gefaßt, der ihr am wenigsten glich. Er war
+blond, hatte ein keckes Stumpfnäschen, während sie eine ernsthafte
+gerade, lange Nase besaß, und statt ihres strenggeschnittenen Mundes
+zeigte der kleine Fritz trotzig aufgeworfene Lippen, selbst wenn er
+schlief. Dies hatte er alles vom Vater, und es war das gewesen, was
+ihr eben so wohlgefallen hatte, als sie ihn heiratete, und was ihr
+jetzt auch an dem kleinen Burschen so wohlgefiel und doch schwere
+Sorgen machte. Wenn eine Gesichtsart einem einmal wohlgefällt, so
+hilft hiergegen kein Kraut; deswegen war Frau Amrain froh, daß der
+Alte weg war und sie ihn nicht mehr sah; aber er hatte ihr in dem
+jüngsten Kinde ein treues Abbild seiner äußeren Art hinterlassen,
+welches sie nie genug ansehen konnte. Über diesen Sorgen traf sie der
+Werkführer oder oberste Arbeiter, der jetzt eintrat, um mit ihr die
+Angelegenheiten und den Bestand der Geschäfte durchzusehen und manche
+wichtige Dinge zu besprechen. Es war ein hübscher und unternehmender
+Bursche von schlankem, kräftigem Körperbau, mäßig in seiner
+Lebensweise, fleißig und ausdauernd und dabei in seinen Gedanken von
+einer gewissen einfachen Schlauheit, welche zusammen mit den
+erklecklichen Eigenschaften seiner Meisterin eben das Geschäft in
+gutem Gange erhielt und die gedankenlosen Spitzfindigkeiten der
+Seldwyler zu schanden werden ließ. Inzwischen war er aber ein Mensch
+und dachte daher vor allem an sich selber und in diesem Denken hatte
+er es nicht übel gefunden, selber der Herr und Meister hier zu sein
+und sich eine bleibende Stätte zu gründen, daher auch in aller
+Ehrerbietung der Frau Regula wiederholt nahegelegt, eine gesetzliche
+Scheidung von ihrem abwesenden Manne herbeizuführen.
+
+Sie hatte ihn wohl verstanden; doch widerstrebte es ihrem Stolz, sich
+öffentlich und mit schimpflichen Beweisgründen von einem Manne zu
+trennen, der ihr einmal wohlgefallen, mit dem sie gelebt und von dem
+sie drei Kinder hatte; und in der Sorge für diese Kinder wollte sie
+auch keinen fremden Mann über das Haus setzen und wenigstens die
+äußere Einheit desselben bewahren, bis die Söhne herangewachsen wären
+und ein unzersplittertes Erbe aus ihrer Hand empfangen könnten; denn
+ein solches gedachte sie trotz aller Schwierigkeiten zusammenzubringen
+und den Hiesigen zu zeigen, was da Brauch sei, wo sie hergekommen. Sie
+hielt daher den Werkführer knapp im Zügel und brachte sich dadurch nur
+in größere Verlegenheit; denn als derselbe ihren Widerstand und ihren
+festen Charakter ersah, verliebte er sich förmlich in sie und gedachte
+erst recht seine Wünsche zu erreichen. Er änderte sein Benehmen, also
+daß er, statt wie bisher ehrbar um ihre Hand als Meisterin sich zu
+bewerben, nun um ihre Person schmachtete, wo sie ging, und sie stets
+mit verliebten Augen ansah, wo es immer tunlich war. Dies schien für
+ihn eine zweckdienliche Veränderung, da die eigentliche Verliebtheit
+in die Person eines Menschen denselben viel mehr besticht und
+bezwingt, als alle noch so ehrbaren Heiratsabsichten. Wenn nun Frau
+Regel auch nicht die Haltung verlor und sich in ihn nicht wieder
+verliebte, so wurde es doch schwerer für sie, ihn abzuwehren, ohne mit
+ihm zu brechen und ihn zu verlieren, und es ist bekanntlich eine
+Hauptliebhaberei der Frauen, sich nützliche Freunde und Parteigänger
+zu erhalten, wenn es immer geschehen kann, ohne große Opfer.
+
+Als der Werkführer in die Stube trat, funkelten seine Augen mit
+ungewöhnlichem Glanze, denn er hatte im Verkehr mit einigen
+Geschäftsleuten, mit denen er sich zum Vorteil der Frau wacker
+herumgeschlagen, eine Flasche kräftigen Wein getrunken. Während er ihr
+Bericht erstattete und dann in den Papieren mit ihr rechnete, blickte
+er sie oftmals unversehens an und wurde zerstreut und aufgeregt, wie
+einer, der etwas vorhat. Sie rückte mit ihrem Sessel etwas zur Seite
+und begann sich in acht zu nehmen, dabei kaum ein feines Lächeln
+unterdrückend, wie aus Spott über die plötzliche Unternehmungslust des
+jungen Mannes. Dieser aber faßte unversehens ihre beiden Hände und
+suchte die hübsche Frau an sich zu ziehen, indem er sogleich in
+demselben halblauten Tone, in welchem sie der schlafenden Kinder wegen
+die ganze Verhandlung geführt hatten, so heftig und feurig anfing zu
+schmeicheln und zuzureden, ihr Leben doch nicht so öde und unbenutzt
+entfliehen zu lassen, sondern klug zu sein und sich seiner treuen
+Ergebenheit zu erfreuen. Sie wagte keine rasche Bewegung und kein
+lautes Wort, aus Furcht, die Kinder zur Unzeit zu wecken; doch
+flüsterte sie voll Zorn, er solle ihre Hände freilassen und
+augenblicklich hinausgehen. Er ließ sie aber nicht frei, sondern faßte
+sie nur um so fester und hielt ihr mit eindringlichen Worten ihre
+Jugend und schöne Gestalt vor und ihre Torheit, so gute Dinge
+ungenossen vergehen zu lassen. Sie durchschaute ihren Feind wohl,
+dessen Augen ebenso stark von Schlauheit als von Lebenslust glänzten,
+und merkte, daß er auf diesem leidenschaftlich-sinnlichen Wege nur
+beabsichtigte, sie sich zu unterwerfen und dienstbar zu machen, also
+daß ihre Selbständigkeit ein schlimmes Ende nähme. Sie gab ihm dies
+auch mit höhnischen Blicken zu verstehen, während sie fortfuhr, so
+still als möglich sich von ihm loszumachen, was er nur mit vermehrter
+Kraft und Eindringlichkeit erwiderte. Auf diese Weise rang sie mit dem
+starken Gesellen eine gute Weile hin und her, ohne daß es dem einen
+oder andern Teile gelang, weiter zu kommen, während nur zuweilen der
+erschütterte Tisch oder ein unterdrückter zorniger Ausruf oder ein
+Seufzer ein Geräusch verursachte, und so schwebte die brave Frau
+peinvoll zwischen ihrer in der Kammer dreifach schlafenden Sorge und
+zwischen dem heißen Anstürmen des wachen Lebens. Sie war kaum dreißig
+Jahre alt und schon seit einigen Jahren von ihrem Manne verlassen und
+ihr Blut floß so rasch und warm, wie eines; was Wunder, daß sie daher
+endlich einen Augenblick innehielt und tief aufseufzte, und daß ihr in
+diesem Augenblick der Zweifel durch den Kopf ging, ob es sich auch der
+Mühe lohne, so treu und ausdauernd in Entbehrung und Arbeit zu sein,
+und ob nicht das eigene Leben am Ende die Hauptsache und es klüger
+sei, zu tun wie die andern und, nicht dem verwegenen und frechen
+Andringling, sondern sich selbst zu gewähren, was ihr Lust und
+Erfrischung bieten könne; die Dinge gingen zu Seldwyla vielleicht so
+oder so ihren Weg! Indem sie einen Augenblick dies bedachte, zitterten
+ihre Hände in denjenigen des Werkführers, und nicht sobald fühlte
+dieser solche liebliche Änderung des Wetters, als er seine
+Anstrengungen erneuerte und vielleicht trotz der abermaligen Gegenwehr
+der tapfern Frau gesiegt haben würde, wenn nicht jetzt eine
+unerwartete Hilfe erschienen wäre.
+
+Denn mit dem bangen, zornigen Ausruf: „Mutter! Es ist ein Dieb da!"
+sprang der jüngste Knabe, der kleine Fritzchen, in die Stube und glich
+vollständig einem kleinen Sankt Georg. Seine goldenen Ringellocken
+flogen um das vom Schlafe gerötete Gesicht; feurig blickten aber die
+blauen Augen in lieblichem Zorn und mutig warf sich der trotzige Mund
+auf. Das kurze schneeige Hemdchen flatterte wie die Tunika eines
+Kreuzfahrers und in den nackten Ärmchen schwang der kleine Rittersmann
+eine lange Gardinenstange mit dickem vergoldeten Knopf, den er auch
+mit aller erdenklichen Kraft dem aufspringenden Werkmeister auf den
+Kopf schlug, daß sich dieser die entstehende Beule verlegen rieb und
+ihm ordentlich die Augen übergingen. Frau Amrain aber hielt den Knaben
+auf, tief errötend, und rief: „Was ist dir denn, Fritzchen? Es ist ja
+nur der Florian und tut uns nichts!" Der Knabe fing bitterlich an zu
+weinen, sich voll Verlegenheit an die Knie der Mutter klammernd; diese
+hob ihn auf den Arm und das Kind an sich drückend, entließ sie mit
+einem kaum verhaltenen Lachen den verblüfften Florian, der, obgleich
+er den Kleinen gern geohrfeigt hätte, gute Miene zum bösen Spiel
+machte und sich verlegen zurückzog. Sie riegelte die Tür rasch hinter
+ihm zu; dann stand sie tief aufatmend und nachdenklich mitten in der
+Stube, das tapfere Kind auf dem Arm, welches das linke Ärmchen um
+ihren Hals schlang und mit dem rechten Händchen die lange Stange mit
+dem glänzenden Knopf, die es noch immer umfaßt hielt, gegen den Boden
+stemmte. Dann sah sie aufmerksam in das nahe Gesicht des Kindes und
+bedeckte es mit Küssen, und endlich ergriff sie abermals die Lampe und
+ging in die Kammer, um nach den beiden ältesten Knaben zu sehen.
+Dieselben schliefen wie Murmeltiere und hatten von allem nichts
+gehört. Also schienen sie Nachtmützen zu sein, obschon sie ihr selbst
+glichen; der Jüngste aber, der dem Vater glich, hatte sich als
+wachsam, feinfühlend und mutvoll erwiesen, und schien das werden zu
+wollen, was der Alte eigentlich sein sollte und was sie einst auch
+hinter ihm gesucht. Indem sie über dies geheimnisvolle Spiel der Natur
+nachdachte und nicht wußte, ob sie froh sein sollte, daß das Abbild
+des einst geliebten Mannes besser schien, als ihre eigenen so träge
+daliegenden Bilder, legte sie das Kind in sein Bettchen zurück, deckte
+es zu und beschloß, von Stund an alle ihre Treue und Hoffnung auf den
+kleinen Sankt Georg zu setzen und ihm seine junge Ritterlichkeit zu
+vergelten. „Wenn die zwei Schlafkappen," dachte sie, „welche
+nichtsdestominder meine Kinder sind, dann auch mitgehen wollen auf
+einem guten Wege, so mögen sie es tun."
+
+Am nächsten Morgen schien Fritzchen den Vorfall schon vergessen zu
+haben, und so alt auch die Mutter und der Sohn wurden, so ward doch
+nie mehr mit einer Silbe desselben erwähnt zwischen ihnen. Der Sohn
+behielt ihn nichtsdestoweniger in deutlicher Erinnerung, obgleich er
+viel spätere Erlebnisse mit der Zeit gänzlich vergaß. Er erinnerte
+sich genau, schon bei dem Eintritte des Werkmeisters erwacht zu sein,
+da er trotz eines gesunden Schlafes alles hörte und ein wachsames
+Bürschchen war. Er hatte sodann jedes Wort der Unterredung, bis sie
+bedenklich wurde, gehört, und ohne etwas davon zu verstehen, doch
+etwas Gefährliches und Ungehöriges geahnt und war in eine heftige
+Angst um seine Mutter verfallen, so daß er, als er das leise Ringen
+mehr fühlte als hörte, aufsprang, um ihr zu helfen. Und dann, wer
+verfolgt die geheimen Wege der Fähigkeiten, wie sie im Menschenkind
+sich verlieren? Als er den Werkführer recht wohl erkannt: wer lehrte
+den kleinen Bold die unbewußte blitzschnelle Heuchelei des
+Zartgefühles, mit der er sich stellte, als ob er einen Dieb sähe, und
+die ihn so unbefangen den Widersacher vor den Kopf schlagen ließ?
+
+Seine Mutter aber hielt ihr Wort und erzog ihn so, daß er ein braver
+Mann wurde in Seldwyl und zu den wenigen gehörte, die aufrecht
+blieben, solange sie lebten. Wie sie dies eigentlich anfing und
+bewirkte, wäre schwer zu sagen; denn sie erzog eigentlich so wenig als
+möglich und das Werk bestand fast lediglich darin, daß das junge
+Bäumchen, so vom gleichen Holze mit ihr war, eben in ihrer Nähe wuchs
+und sich nach ihr richtete. Tüchtige und wohlgeartete Leute haben
+immer weit weniger Mühe, ihre Kinder ordentlich zu ziehen, wie es
+hinwieder einem Tölpel, der selbst nicht lesen kann, schwer fällt, ein
+Kind lesen zu lehren. Im ganzen lief ihre Erziehungskunst darauf
+hinaus, daß sie das Söhnchen ohne Empfindsamkeit merken ließ, wie sehr
+sie es liebte, und dadurch dessen Bedürfnis, ihr immer zu gefallen,
+erweckte und so erreichte, daß es bei jeder Gelegenheit an sie dachte.
+Ohne dessen freie Bewegungen einzeln zu hindern, hatte sie den Kleinen
+viel um sich, so daß er ihre Manieren und ihre Denkungsart annahm und
+bald von selbst nichts tat, was nicht im Geschmack der Mutter lag. Sie
+hielt ihn stets einfach, aber gut und mit einem gewissen gewählten
+Geschmack in der Kleidung: dadurch fühlte er sich sicher, bequem und
+zufrieden in seinem Anzuge und wurde nie veranlaßt, an denselben zu
+denken, wurde mithin nicht eitel und lernte gar nie die Sucht kennen,
+sich besser oder anders zu kleiden, als er eben war. Ähnlich hielt sie
+es mit dem Essen; sie erfüllte alle billigen und unschädlichen Wünsche
+aller drei Kinder und niemand bekam in ihrem Hause etwas zu essen,
+wovon diese nicht auch ihren Teil erhielten; aber trotz aller
+Regelmäßigkeit und Ausgiebigkeit behandelte sie die Nahrungsmittel mit
+solcher Leichtigkeit und Geringschätzung, daß Fritzchen abermals von
+selbst lernte, kein besonderes Gewicht auf dieselben zu legen und,
+wenn er satt war, nicht von neuem an etwas unerhört Gutes zu denken.
+Nur die entsetzliche Wichtigtuerei und Breitspurigkeit, mit welcher
+die meisten guten Frauen die Lebensmittel und deren Bereitung
+behandeln, erweckt gewöhnlich in den Kindern jene Gelüstigkeit und
+Tellerleckerei, die, wenn sie groß werden, zum Hang nach Wohlleben und
+zur Verschwendung wird. Sonderbarerweise gilt durch den ganzen
+germanischen Völkerstrich diejenige für die beste und tugendhafteste
+Hausfrau, welche am meisten Geräusch macht mit ihren Schüsseln und
+Pfannen und nie zu sehen ist, ohne daß sie etwas Eßbares zwischen den
+Fingern herumzerrt; was Wunder, daß die Herren Germanen dabei die
+größten Esser werden, das ganze Lebensglück auf eine wohlbestellte
+Küche gegründet wird und man ganz vergißt, welche Nebensache
+eigentlich das Essen auf dieser schnellen Lebensfahrt sei. Ebenso
+verfuhr sie mit dem, was sonst von den Eltern mit einer schrecklich
+ungeschickten Heiligkeit behandelt wird, mit dem Gelde. Sobald als
+tunlich ließ sie ihren Sohn ihren Vermögensstand mitwissen, für sie
+Geldsummen zählen und in das Behältnis legen, und sobald er nur
+imstande war, die Münzen zu unterscheiden, ließ sie ihm eine kleine
+Sparbüchse zu gänzlich freier Verfügung. Wenn er nun eine Dummheit
+machte oder eine arge Nascherei beging, so behandelte sie das nicht
+wie ein Kriminalverbrechen, sondern wies ihm mit wenig Worten die
+Lächerlichkeit und Unzweckmäßigkeit nach. Wenn er etwas entwendete
+oder sich aneignete, was ihm nicht zukam, oder einen jener heimlichen
+Ankäufe machte, welche die Eltern so sehr erschrecken, machte sie
+keine Katastrophe daraus, sondern beschämte ihn einfach und offen als
+einen törichten und gedankenlosen Burschen. Desto strenger war sie
+gegen ihn, wenn er in Worten oder Gebärden sich unedel und kleinlich
+betrug, was zwar nur selten vorkam; aber dann las sie ihm hart und
+schonungslos den Text und gab ihm so derbe Ohrfeigen, daß er die
+leidige Begebenheit nie vergaß. Dies alles pflegt sonst
+entgegengesetzt behandelt zu werden. Wenn ein Kind mit Geld sich
+vergeht oder gar etwas irgendwo wegnimmt, so befällt die Eltern und
+Lehrer eine ganz sonderbare Furcht vor einer verbrecherischen Zukunft,
+als ob sie selbst wüßten, wie schwierig es sei, kein Dieb oder
+Betrüger zu werden! Was unter hundert Fällen in neunundneunzig nur die
+momentan unerklärlichen Einfälle und Gelüste des träumerisch
+wachsenden Kindes sind, das wird zum Gegenstand eines furchtbaren
+Strafgerichtes gemacht und von nichts als Galgen und Zuchthaus
+gesprochen. Als ob alle diese lieben Pflänzchen bei erwachender
+Vernunft nicht von selbst durch die menschliche Selbstliebe, sogar
+bloß durch die Eitelkeit, davor gesichert würden, Diebe und Schelme
+sein zu wollen. Dagegen wie milde und freundschaftlich werden da
+tausend kleinere Züge und Zeichen des Neides, der Mißgunst, der
+Eitelkeit, der Anmaßung, der moralischen Selbstsucht und
+Selbstgefälligkeit behandelt und gehätschelt! Wie schwer merken die
+wackern Erziehungsleute ein früh verlogenes und verblümtes inneres
+Wesen an einem Kinde, während sie mit höllischem Zeter über ein
+anderes herfahren, das aus Übermut oder Verlegenheit ganz naiv eine
+vereinzelte derbe Lüge gesagt hat. Denn hier haben sie eine greifliche
+bequeme Handhabe, um ihr donnerndes: Du sollst nicht lügen! dem
+kleinen erstaunten Erfindungsgenie in die Ohren zu schreien. Wenn
+Fritzchen eine solche derbe Lüge vorbrachte, so sagte Frau Regel
+einfach, indem sie ihn groß ansah: „Was soll denn das heißen, du Affe?
+Warum lügst du solche Dummheiten? Glaubst du die großen Leute zum
+Narren halten zu können? Sei du froh, wenn dich niemand anlügt, und
+laß dergleichen Späße!" Wenn er eine Notlüge vorbrachte, um eine
+begangene Sünde zu vertuschen, zeigte sie ihm mit ernsten aber
+liebevollen Worten, daß die Sache deswegen nicht ungeschehen sei, und
+wußte ihm klarzumachen, daß er sich besser befinde, wenn er offen und
+ehrlich einen begangenen Fehler eingestehe; aber sie baute keinen
+neuen Strafprozeß auf die Lüge, sondern behandelte die Sache ganz
+abgesehen davon, ob er gelogen oder nicht gelogen habe, so, daß er das
+Zwecklose und Kleinliche des Herauslügens bald fühlte und hierfür zu
+stolz wurde. Wenn er dagegen nur die leiseste Neigung verriet, sich
+irgend Eigenschaften beizulegen, die er nicht besaß, oder etwas zu
+übertreiben, was ihm gut zu stehen schien, oder sich mit etwas zu
+zieren, wozu er das Zeug nicht hatte, so tadelte sie ihn mit
+schneidenden harten Worten und versetzte ihm selbst einige Knüffe,
+wenn ihr die Sache zu arg und widerlich war. Ebenso, wenn sie
+bemerkte, daß er andere Kinder beim Spielen belog, um sich kleine
+Vorteile zu erwerben, strafte sie ihn härter, als wenn er ein
+erkleckliches Vergehen abgeleugnet hätte.
+
+Diese ganze Erzieherei kostete indessen kaum soviel Worte, als hier
+gebraucht wurden, um sie zu schildern, und sie beruhte allerdings mehr
+im Charakter der Frau Amrain, als in einem vorbedachten oder gar
+angelesenen System. Daher wird ein Teil ihres Verfahrens von Leuten,
+die nicht ihren Charakter besitzen, nicht befolgt werden können,
+während ein anderer Teil, wie z. B. ihr Verhalten mit den Kleidern,
+mit der Nahrung und mit dem Gelde, von ganz armen Leuten nicht kann
+angewendet werden. Denn wo z. B. gar nichts zu essen ist, da wird
+dieses natürlich jeden Augenblick zur nächsten Hauptsache, und
+Kindern, unter solchen Umständen erzogen, wird man schwer die
+Gelüstigkeit abgewöhnen können, da alles Sinnen und Trachten des
+Hauses nach dem Essen gerichtet ist. Besonders während der kleineren
+Jugend des Knaben war die Erziehungsmühe seiner Mutter sehr gering, da
+sie, wie gesagt, weniger mit der Zunge, als mit ihrer ganzen Person
+erzog, wie sie leibte und lebte, und es also in einem zu ging mit
+ihrem sonstigen Dasein. Sollte man fragen, worin denn bei dieser
+leichten Art und Mühelosigkeit ihre besondere Treue und ihr Vorsatz
+bestand? so wäre zu antworten: lediglich in der zugewandten Liebe, mit
+welcher sich das Wesen ihrer Person dem seinigen einprägte und sie
+ihre Instinkte die seinigen werden ließ. Doch blieb die Zeit nicht
+aus, wo sie allerdings einige vorsätzliche und kräftige
+Erziehungsmaßregeln anwenden mußte, als nämlich der gute Fritz
+herangewachsen war und sich für allbereits erzogen hielt, die Mutter
+aber erst recht auf der Wacht stand, da es sich nun entscheiden
+sollte, ob er in das gute oder schlechte Fahrwasser einlaufen würde.
+Es waren nur wenige Momente, wo sie etwas Entscheidendes und
+Energisches gegen seine junge Selbständigkeit unternahm, aber jedesmal
+zur rechten Zeit und so plötzlich, einleuchtend und bedeutsam, daß es
+nie seiner bleibenden Wirkung ermangelte.
+
+Als Fritz bald achtzehn Jahre zählte, war er ein schönes junges
+Bürschchen, fein anzusehen mit seinem blonden Haare und seinen blauen
+Augen, und von einer großen Selbständigkeit und Sicherheit in allem
+was er tat. Er hatte bereits die Leitung des Geschäftes übernommen,
+was die Arbeit im Freien betraf, nachdem er schon vom vierzehnten
+Jahre an im Steinbruch tüchtig gearbeitet. Er machte ein ernsthaftes
+und kluges Gesicht und war dennoch aufgeräumt und guter Dinge, und was
+seiner Mutter am besten gefiel, war seine Fähigkeit, mit allen Leuten
+umzugehen, ohne ihre Art anzunehmen. Sie hielt ihn nicht ab
+auszugehen, wenn es ihm langweilig war zu Hause, und mit anderen
+jungen Burschen zu verkehren; aber die scharf Aufmerkende sah mit
+Vergnügen, daß er an der Weise der jungen Seldwyler, mit denen er
+abwechselnd verkehrte, bald mit diesem, bald mit jenem, keinen
+sonderlichen Geschmack gewann, sie überschaute und nur sich etwas mit
+ihnen die Zeit vertrieb, wie und solange er es für gut fand. Mit
+Vergnügen sah sie auch, daß er sich nicht lumpen ließ und bei Gelagen
+manche Flasche zum besten gab, ohne je für sich selbst schlimme Folgen
+davonzutragen, und daß er nicht in einen schlimmen oder schimpflichen
+Handel verwickelt wurde, obgleich er überall sich zu schaffen machte
+und wußte, wie es zugegangen, ohne daß er übrigens ein Duckmäuser und
+Aufpasser war. Auch hielt er was auf sich, ohne hochmütig zu sein, und
+wußte s ich zu wehren, wenn es galt. Frau Regula war daher guten Mutes
+und dachte, das wäre gerade die rechte Weise und ihr Söhnchen sei
+nicht auf den Kopf gefallen. Da bemerkte sie, daß er anfing zu
+erröten, wenn schöne Mädchen ihm in den Weg kamen, daß er selbst
+häßliche Mädchen aufmerksam und kritisch betrachtete und daß er
+verlegen wurde, wenn eine hübsche runde und muntere Frau in der Stube
+war, während er dieselbe doch heimlicherweise mit den Augen
+verschlang. Aus diesen drei Zeichen entnahm sie zwei Dinge: erstens,
+daß noch nichts an ihm verdorben sei, zweitens aber, daß wenn eine
+Gefahr für ihn vorhanden wäre, auf den breiten Weg der Stadt zu
+tölpeln, diese Gefahr nur von seiten der Damen von Seldwyla herkommen
+könne, und sie sagte sogleich in ihrem Herzen: Also da willst du
+hinaus, du Schuft?
+
+Die Schönen dieser Stadt waren nicht schlimmer gesinnt als ihre Männer
+und sie hielten, wenn sie erst zu Jahren kamen, noch manches zusammen,
+was diese lieber auch noch zerstreut hätten. Allein, da die Männer
+sich gern lustig machten, so wollten sie, solange es ihnen gut erging,
+auch nicht zurückbleiben, und bei dem schönen Geschlecht laufen
+bekanntlich alle Abirrungen und Unzukömmlichkeiten zuletzt nur auf ein
+und dasselbe Ende hinaus, jene alte Geschichte, welche vielfältige
+Rückwirkungen auf das Wohl oder Weh der Herren Mitschuldigen mit sich
+führt. Sonach ging es auch in dieser Hinsicht zu Seldwyla etwas
+lustiger zu, als an anderen Orten.
+
+Wie nun Frau Amrain ihre schwarzen Augen offenhielt und mit zorniger
+Bangigkeit aufmerkte, wann und wie man etwa ihr Kind verderben wolle,
+ergab sich bald eine Gelegenheit für ihr mütterliches Einschreiten. Es
+wurde eine große Hochzeit gefeiert auf dem Rathause und das
+neuvermählte Paar gehörte den geräuschvollsten und lustigsten Kreisen
+an, die gerade im Flor waren. Wie an anderen Orten der Schweiz, gibt
+es an den Hochzeiten zu Seldwyl, wenn Bankett und Ball am Abend
+stattfinden, zweierlei Gäste: die eigentlichen geladenen
+Hochzeitsgäste und dann die Freunde oder Verwandten dieser, welche
+ihnen scherzhafte Hochzeit- oder Tafelgeschenke überbringen mit
+allerlei Witzen, Gedichten und Anspielungen. Sie verkleiden sich zu
+diesem Ende hin in allerhand lustige Trachten, welche dem zu
+überbringenden Geschenk entsprechen, und sind maskiert, indem jeder
+seinen Freund oder seine Verwandte aufsucht, sich hinter deren Stuhl
+begibt, seine Gabe überreicht und seine Rede hält. Fritz Amrain hatte
+sich schon vorgenommen, einem kleinen Bäschen einige Geschenke zu
+bringen, und die Mutter nichts dagegen gehabt, da das Mädchen noch
+sehr jung und sonst wohlgeartet war. Allein, weniger das Bäschen
+lockte ihn, als ein dunkles Verlangen, sich unter den lustigen Damen
+von Seldwyl einmal recht herumzutummeln, deren Fröhlichkeit, wenn
+viele beisammen waren, ihm schon oft sehr anmutig geschildert worden.
+Er war nur noch unschlüssig, welche Verkleidung er wählen sollte, um
+auf der Hochzeit zu erscheinen, und erst am Abend entschloß er sich
+auf den Rat einiger Bekannten, sich als Frauenzimmer zu kleiden. Seine
+Mutter war eben ausgegangen, als er mit diesem lustigen Vorsatz nach
+Hause gelaufen kam und denselben sogleich ins Werk setzte. Ohne
+Schlimmes zu ahnen, geriet er über den Kleiderschrank seiner Mutter
+und warf da so lange alles durcheinander, von einem lachenden
+Dienstmädchen unterstützt, bis er die besten und buntesten
+Toilettenstücke zusammengesucht und sich angeeignet hatte. Er zog das
+schönste und beste Kleid der Mutter an, das sie selbst nur bei
+feierlichen Gelegenheiten trug, und wühlte dazu aus den reichlichen
+Schachteln Krausen, Bänder und sonstigen Putz hervor. Zum Überfluß
+hing er sich noch die Halskette der Mutter um und zog so, aus dem
+Gröbsten geputzt, zu seinen Genossen, die sich inzwischen ebenfalls
+angekleidet. Dort vollendeten zwei muntere Schwestern seinen Anzug,
+indem sie vornehmlich seinen blonden Kopf auf das zierlichste
+frisierten und seine Brust mit einem sachgemäßen Frauenbusen
+ausschmückten. Indem er so auf seinem Stuhle saß und diese Bemühungen
+der wenig schüchternen Mädchen um sich geschehen ließ, errötete er
+einmal um das andere und das Herz klopfte ihm vor erwartungsvollem
+Vergnügen, während zugleich das böse Gewissen sich regte und ihm
+anfing zuzuflüstern, die Sache mochte doch nicht so recht in der
+Ordnung sein. Als er daher mit seiner Gesellschaft dem Rathause zuzog,
+ein Körbchen mit den Geschenken tragend, sah er so verschämt und
+verwirrt aus, wie ein wirkliches Mädchen, und schlug die Augen nieder,
+und als er so auf der Hochzeit erschien, erregte er den allgemeinen
+Beifall besonders der versammelten Frauen. Während der Zeit war aber
+seine Mutter nach Hause zurückgekehrt und sah ihren offenstehenden
+Kleiderschrank sowie die Verwüstung, die er in Schachteln und Kästen
+angerichtet. Als sie vollends vernahm, zu welchem Ende hin dies
+geschehen und daß ihre Hoffnung in Weiberkleidern, und noch dazu in
+ihren besten, ausgezogen sei, überfiel sie erst ein großer Zorn, dann
+aber eine noch größere Unruhe; denn nichts schien ihr geeigneter,
+einen jungen Menschen in das Lotterleben zu bringen, als wenn er in
+Weiberkleidern auf eine Seldwyler Hochzeit ging. Sie ließ daher ihr
+Abendessen ungenossen stehen und ging eine Stunde lang in der größten
+Unruhe umher, nicht wissend, wie sie ihren Sohn den drohenden Gefahren
+entreißen sollte. Es widerstrebte ihr, ihn kurzweg abrufen zu lassen
+und dadurch zu beschämen; auch fürchtete sie nicht mit Unrecht, daß er
+würde zurückgehalten werden oder aus eigenem Willen nicht kommen
+dürfte. Und dennoch fühlte sie wohl, wie er durch diese einzige Nacht
+auf eine entscheidende Weise auf die schlechte Seite verschlagen
+werden könne. Sie entschloß sich endlich kurz, da es ihr nicht Ruhe
+ließ, ihren Sohn selbst wegzuholen, und da sie mannigfacher
+Beziehungen wegen einen halben Vorwand hatte, selbst etwa ein
+Stündchen auf der Hochzeit zu erscheinen, kleidete sie sich rasch um
+und wählte einen Anzug, ein wenig besser als der alltägliche und doch
+nicht festlich genug, um etwa zu hohe Achtung vor der lustigen
+Versammlung zu verraten. So begab sie sich also nach dem Rathaus, nur
+von dem Dienstmädchen begleitet, welches ihr eine Laterne vorantrug.
+Sie betrat zuerst den Speisesaal; allein die erste Tafel und die
+Lustbarkeit mit den Geschenken war schon vorüber und die Überbringer
+derselben hatten ihre Masken abgenommen und sich unter die übrigen
+Gäste gemischt. In dem Saale war nichts zu sehen als einige
+Herrengesellschaften, die teils Karten spielten, teils zechten, und so
+stieg sie die Treppe nach einer altertümlichen Galerie hinauf, von wo
+man den Saal übersehen konnte, in welchem getanzt wurde. Diese Galerie
+war mit allerlei Volk angefüllt, das nicht im Flor war und hier dem
+Tanze zusehen durfte wie etwa die Einwohner einer Residenz einer
+Fürstenhochzeit. Frau Regula konnte daher unbemerkt den Ball
+übersehen, der so ziemlich feierlich vor sich ging und die allgemeine
+Lüsternheit und Begehrlichkeit mit seinem steifen und lächerlichen
+Zeremoniell zur Not verdeckte. Denn dies hätten die Seldwyler nicht
+anders getan; sie huldigten vielmehr dem Spruch: Alles zu seiner Zeit!
+und wenn sie mit wenig Mühe das Schauspiel eines nach ihren Begriffen
+noblen Balles geben oder genießen konnten, warum sollten sie es
+unterlassen?
+
+Fritzchen Amrain aber war unter den Tanzenden nicht zu erblicken, und
+je länger ihn seine Mutter mit den Augen suchte, desto weniger fand
+sie ihn. Je länger sie ihn aber nicht fand, desto mehr wünschte sie
+ihn zu sehen, nicht allein mehr aus Besorgnis, sondern auch um
+wirklich zu schauen, wie er sich eigentlich ausnähme und ob er in
+seiner Dummheit nicht noch die Lächerlichkeit zum Leichtsinn
+hinzugefügt habe, indem er als eine ungeschickt angezogene schlottrige
+Weibsperson sich weiß Gott wo herumtreibe? In diesen Untersuchungen
+geriet sie auf einen Seitengang der hohen Galerie, welcher mit einem
+Fenster endigte, das mit einem Vorhang versehen und bestimmt war,
+Licht in eben diesen Gang einzulassen. Das Fenster aber ging in das
+kleinere Ratszimmer, ein altes gotisches Gemach, und war hoch an
+dessen Wand zu sehen. Wie sie nun jenen Vorhang ein wenig lüftete und
+in das tiefe Gemach hinunterschaute, welches durch einen seltsamen
+Firlefanz von Kronleuchtern ziemlich schwach erleuchtet war, erblickte
+sie eine kleinere Gesellschaft, die da in aller Stille und
+Fröhlichkeit sich zu unterhalten schien. Als Frau Regel genauer
+hinsah, erkannte sie sieben bis acht verheiratete, Frauen, deren
+Männer sie schon in dem Speisesaal hatte spielen sehen zu einem hohen
+und prahlerischen Satze. Diese Frauen saßen in einem engen Halbkreise
+und vor ihnen ebensoviel junge Männer, die ihnen den Hof machten.
+Unter letzteren war Fritz abermals nicht zu finden und seine Mutter
+hierüber sehr froh, da der Kreis dieser Damen nichts weniger als
+beruhigend anzusehen war. Denn als sie dieselben einzeln musterte,
+waren es lauter jüngere Frauen, welche jede auf ihre Weise für
+gefährlich galt und in der Stadt, wenn auch nicht eines schlimmen,
+doch eines geheimnisvollen Rufes genoß, was bei der herrschenden
+Duldsamkeit immer noch genug war. Da saß erstens die nicht häßliche
+Adele Anderau, welche üppig und verlockend anzusehen war, ohne daß man
+recht wußte, woran es lag, und welche alle jungen Leute jezuweilen mit
+halbgeschlossenen Augen so anzublicken wußte in einem windstillen
+Augenblick, daß sie einen seltsamen Funken von hoffnungsreichem
+Verlangen in ihr Herz schleuderte. Aber zehn derselben ließ sie
+schonungslos und mit Aufsehen abziehen, um desto regelmäßiger den
+elften in einer sichern Stunde zu beglücken. Da war ferner die
+leidenschaftliche Julie Haider, welche ihren Mann öffentlich und vor
+so vielen Zeugen als möglich stürmisch liebkoste, die glühendste
+Eifersucht auf ihn an den Tag legte und fortwährend der Untreue
+anklagte, dies alles solange, bis irgendein dritter den fühllosen
+Gatten beneidete und solcher Leidenschaftlichkeit teilhaftig zu werden
+trachtete. Da trauerte auch die sanfte Emmeline Ackerstein, welche
+eine Dulderin war und von ihrem Manne mißhandelt wurde, weil sie gar
+nichts gelernt hatte und das Hauswesen vernachlässigte; diese sah
+bleich und schmachtend aus und sank mit Tränen dem in die Arme, der
+sie trösten mochte. Auch die schlimme Lieschen Aufdermaur war da,
+welche solange Klatschereien und Zänkereien anrichtete, bis irgendein
+Aufgebrachter, den sie verleumdet, sie unter vier Augen in die Klemme
+brachte und sich an ihr rächte. Dann folgte, außer zwei oder drei
+aufgeweckten Wesen, welche ohne weitere Begründungen schlechtweg taten
+was sie mochten, die stille Theresa Gut, welche äußerst teilnahmlos
+weder rechts noch links sah, niemandem entgegenkam und kaum
+antwortete, wenn man sie anredete, welche aber, zufällig in ein
+Abenteuer verwickelt und angegriffen, unerwarteterweise lachte wie
+eine Närrin und alles geschehen ließ. Endlich saß auch dort das
+leichtsinnige Käthchen Amhag, welches immer eine Menge heimlicher
+Schulden zu tragen hatte.
+
+Nachdem Frau Amrain die Beschaffenheit dieses weiblichen Kreises
+erkannt, wollte sie eben Gott danken, daß ihr Sohn wenigstens auch da
+nicht zu erblicken sei, als sie noch eine weibliche Gestalt zwischen
+ihnen entdeckte, die sie im ersten Augenblick nicht kannte, obgleich
+sie dieselbe schon gesehen zu haben glaubte. Es war ein großes
+prächtig gewachsenes Wesen von amazonenhafter Haltung und mit einem
+kecken blonden Lockenkopfe, das aber hold verschämt und verliebt unter
+den lustigen Frauen saß und von ihnen sehr aufmerksam behandelt wurde.
+Beim zweiten Blick erkannte sie jedoch ihren Sohn und ihr violettes
+Seidenkleid zugleich und sah, wie trefflich ihm dasselbe saß, und
+mußte sich auch gestehen, daß er ganz geschickt und reizend ausgeputzt
+sei. Aber im gleichen Augenblicke sah sie auch, wie ihn seine eine
+Nachbarin küßte, infolge irgendeines Unterhaltungsspieles, das die
+fröhliche Gesellschaft eben beschäftigte, und wie er gleichzeitig die
+andere Nachbarin küßte, und nun hielt sie den Zeitpunkt für gekommen,
+wo sie ihrem Sohne den Dienst, welchen er ihr als fünfjähriges
+Knäblein geleistet, erwidern konnte.
+
+Sie stieg ungesäumt die Treppe hinunter und trat in das Zimmer, die
+überraschte Gesellschaft bescheiden und höflich begrüßend. Alles erhob
+sich verlegen; denn obgleich sie sattsam durchgehechelt wurde in der
+Stadt, so flößte sie doch Achtung ein, wo sie erschien. Die jungen
+Männer grüßten sie mit aufrichtig verlegener Ehrerbietung, und um so
+aufrichtiger, je wilder sie sonst waren; von den Frauen aber wollte
+keine scheinen, als ob sie mit der achtbarsten Frau der Stadt etwa
+schlecht stände und nicht mit ihr umzugehen wüßte, weshalb sie sich
+mit großem Geräusch um sie drängten, als sie sich von ihrer
+Überraschung etwas erholt. Am verblüfftesten war jedoch Fritz, welcher
+nicht mehr wußte, wie er sich in dem Kleide seiner Mutter zu gebärden
+habe; denn dies war jetzt plötzlich sein erster Schrecken und er bezog
+den ernsten Blick, den sie einstweilen auf ihn geworfen, nur auf die
+gute Seide dieses Kleides. Andere Bedenken waren noch nicht ernstlich
+in ihm aufgestiegen, da in der allgemeinen Lust der Scherz zu
+gewöhnlich und erlaubt schien. Als alle sich wieder gesetzt hatten und
+nachdem sich Frau Amrain ein Viertelstündchen freundlich mit den
+jungen Leuten unterhalten, winkte sie ihren Sohn zu sich und sagte
+ihm, er möchte sie nach Hause begleiten, da sie gehen wolle. Als er
+sich dazu ganz bereit erklärte, flüsterte sie ihm aber mit strengem
+Tone zu: „Wenn ich von einem Weibe will begleitet sein, so konnte ich
+die Grete hier behalten, die mir hergeleuchtet hat! Du wirst so gut
+sein und erst heimlaufen, um Kleider anzuziehen, die dir besser
+stehen, als diese hier!"
+
+Erst jetzt merkte er, daß die Sache nicht richtig sei; tief errötend
+machte er sich fort, und als er über die Straße eilte und das
+rauschende Kleid ihm so ungewohnt gegen die Füße schlug, während der
+Nachtwächter ihm verdächtig nachsah, merkte er erst recht, daß das
+eine ungeeignete Tracht wäre für einen jungen Republikaner, in der man
+niemandem ins Gesicht sehen dürfe. Als er aber, zu Hause angekommen,
+sich hastig umkleidete, fiel es ihm ein, daß nun die Mutter allein
+unter dem Volke auf dem Rathause sitze, und dieser Gedanke machte ihn
+plötzlich und sonderbarerweise so zornig und besorgt um ihre Ehre, daß
+er sich beeilte nur wieder hinzukommen und sie abzuholen. Auch glaubte
+er ihr einen rechten Ritterdienst damit zu erweisen, daß er so
+pünktlich wieder erschien, und alle etwaigen Unebenheiten dadurch aufs
+schönste ausgeglichen. Frau Amrain aber empfahl sich der Gesellschaft
+und ging ernst und schweigsam neben ihrem Sohne nach Hause. Dort
+setzte sie sich seufzend auf ihren gewohnten Sessel und schwieg eine
+Weile; dann aber stand sie auf, ergriff das daliegende Staatskleid und
+zerriß es in Stücken, indem sie sagte: „Das kann ich nun wegwerfen,
+denn tragen werde ich es nie mehr!"
+
+„Warum denn?" sagte Fritz erstaunt und wieder kleinlaut. „Wie werde
+ich," erwiderte sie, „ein Kleid ferner tragen, in welchem mein Sohn
+unter liederlichen Weibern gesessen hat, selber einem gleichsehend?"
+Und sie brach in Tränen aus und hieß ihn zu Bette gehen. „Hoho", sagte
+er, als er ging, „das wird denn doch nicht so gefährlich sein." Er
+konnte aber nicht einschlafen, da sein Kopf sowohl von der
+unterbrochenen Lustbarkeit als auch von den Worten der Mutter
+aufgeregt war; es gab also Muße, über die Sache nachzudenken, und er
+fand, daß die Mutter einigermaßen recht habe, aber er fand dies nur
+insofern, als er selbst die Leute verachtete, mit denen er sich eben
+vergnügt hatte. Auch fühlte er sich durch diese Auslegung eher
+geschmeichelt in seinem Stolze, und erst, als die Mutter am Morgen und
+die folgenden Tage ernst und traurig blieb, kam er dem Grunde der
+Sache näher. Es wurde kein Wort mehr darüber gesprochen; aber Fritz
+war für einmal gerettet, denn er schämte sich vor seiner Mutter mehr,
+als vor der ganzen übrigen Welt.
+
+Während einiger Monate fand sie keine Ursache, neue Besorgnisse zu
+hegen, bis eines Tages, als ein blühendes junges Landmädchen sich
+einfand, um den Dienst bei ihr nachzusuchen, Fritz dasselbe unverwandt
+betrachtete und endlich auf es zutrat und, alles andere vergessend,
+ihm die Wangen streichelte. Er erschrak sogleich selbst darüber und
+ging hinaus; die Mutter erschrak auch und das Mädchen wurde rot und
+zornig und wandte sich, ohne weitern Aufenthalt zu gehen. Als Frau
+Amrain dies sah, hielt sie es zurück und nahm es mit einiger
+Überredung in ihren Dienst. Nun muß es biegen oder brechen, dachte sie
+und fühlte gleichzeitig, daß auf dem bisherigen, bloß verneinenden
+Wege dies Blut sich nicht länger meistern ließ. Sie näherte sich
+deshalb noch am selben Tage ihrem Sohne, als er mit seinem Vesperbrote
+sich unter eine schattige Rebenlaube gesetzt hatte hinter dem Hause,
+von wo man zum Teil hinaus in die Ferne sah nach blauen Höhenstrichen,
+wo andere Leute wohnten. Sie legte ihren Arm um seine Schultern, sah
+ihm freundlich in die Augen und sagte: „Lieber Fritz! Sei mir jetzt
+nur noch zwei oder drei Jährchen brav und gehorsam, und ich will dir
+das schönste und beste Frauchen verschaffen aus meinem Ort, daß du dir
+was darauf einbilden kannst!"
+
+Fritz schlug errötend die Augen nieder, wurde ganz verlegen und
+erwiderte mürrisch: „Wer sagt denn, daß ich eine Frau haben wolle?"
+„Du sollst aber eine haben!" versetzte sie, „und wie ich sage, eine
+von guter und schöner Art; aber nur, wenn du sie verdienst; denn ich
+werde mich hüten, eine rechtschaffene Tochter hierher ins Elend zu
+bringen!" Damit küßte sie ihren Sohn, wie sie seit undenklicher Zeit
+nicht getan, und ging ins Haus zurück.
+
+Es ward ihm aber auf einmal ganz seltsam zumute und von Stund an waren
+seine Gedanken auf eine solche gute und schöne Frau gerichtet, und
+diese Gedanken schmeichelten ihm so sehr und beschäftigten ihn so
+anhaltend, daß er darüber keine Frauensperson in Seldwyla mehr ansah.
+Die Zärtlichkeit, mit welcher die Mutter ihm solche Ideen beigebracht,
+gab seinen Wünschen eine innigere und edlere Richtung, und er fühlte
+sich wohlgeborgen, da man es so gut mit ihm meine. Er wartete aber die
+zwei Jahre und die Anstalten seiner Mutter nicht ab, sondern fing
+schon in der nächsten Zeit an, an schönen Sonntagen ins Land hinaus zu
+gehen und insbesondere in der Heimat der Mutter herumzukreuzen. Er war
+bis jetzt kaum einmal dort gewesen und wurde von den Verwandten und
+Freunden seiner Mutter um so freundlicher aufgenommen, als sie großes
+Wohlgefallen an dem hübschen Jüngling fanden und er zudem eine Art
+Merkwürdigkeit war als ein wohlgeratener, fester und nicht
+prahlerischer Seldwyler. Er machte sich ordentlich heimisch in jenen
+Gegenden, was seine Mutter wohl merkte und geschehen ließ, aber sie
+ahnte nicht, daß er, ehe sie es vermutete, schon in bester Form einen
+Schatz hatte, der ihm allen von der Mutter ihm gemachten
+Vorspiegelungen vollkommen zu entsprechen schien. Als sie davon
+erfuhr, machte sie sich dahinter her, voll Besorgnis, wer es sein
+möchte, und fand zu ihrer frohen Verwunderung, daß er nun gänzlich auf
+einem guten Wege sei; denn sie mußte den Geschmack und das Urteil des
+Sohnes nur loben und ebenso dessen ungetrübte Treue und Fröhlichkeit,
+mit welcher er dem erwählten Mädchen anhing, so daß sie sich aller
+weitern Zucht und aller Listen endlich enthoben sah.
+
+Diese Klippe war unterdessen kaum glücklich umschifft, als sich eine
+andere zeigte, welche noch gefährlicher zu werden drohte, und der Frau
+Regula abermals Gelegenheit gab, ihre Klugheit zu erproben. Denn die
+Zeit war nun da, wo Fritz, der Sohn, anfing zu politisieren und damit
+mehr als durch alles andere in die Gemeinschaft seiner Mitbürger
+gezogen wurde. Er war ein liberaler Gesell, wegen seiner Jugend,
+seines Verstandes, seines ruhigen Gewissens in Hinsicht seiner
+persönlichen Pflichterfüllung und aus anererbtem Mutterwitz. Obgleich
+man nach gewöhnlicher oberflächlicher Anschauungsweise etwa hätte
+meinen können, Frau Amrain wäre aristokratischer Gesinnung gewesen,
+weil sie die meisten Leute verachten mußte, unter denen sie lebte, so
+war dem doch nicht also; denn höher und feiner als die Verachtung ist
+die Achtung vor der Welt im ganzen. Wer freisinnig ist, traut sich und
+der Welt etwas Gutes zu und weiß mannhaft von nichts anderem, als daß
+man hierfür einzustehen vermöge, während der Unfreisinn oder der
+Konservatismus auf Zaghaftigkeit und Beschränktheit gegründet ist.
+Diese lassen sich aber schwer mit wahrer Männlichkeit vereinigen. Vor
+tausend Jahren begann die Zeit, da nur derjenige für einen
+vollkommenen Helden und Rittersmann galt, der zugleich ein frommer
+Christ war; denn im Christentum lag damals die Menschlichkeit und
+Aufklärung. Heute kann man sagen: sei einer so tapfer und resolut, als
+er wolle, wenn er nicht vermag freisinnig zu sein, so ist er kein
+ganzer Mann. Und die Frau Regula hatte, nachdem sie sich einmal an
+ihrem Eheherrn so getäuscht, zu strenge Regeln in ihrem Geschmack
+betreffs der Mannestugend angenommen, als daß sie eine feste und
+sichere Freisinnigkeit daran vermissen wollte. Übrigens, als ihr Mann
+um sie geworben, hatte er in allem Flor eines jugendlichen
+Radikalismus geglänzt, welchen er freilich mehr in der Weise
+handhabte, wie ein Lehrling die erste silberne Sackuhr.
+
+Abgesehen von diesen Geschmacksgründen aber war sie aus einem Orte
+gebürtig, wo seit unvordenklichen Zeiten jedermann freisinnig gewesen
+und der im Laufe der Zeit bei jeder Gelegenheit sich als ein
+entschlossenes, tatkräftiges und sich gleichbleibendes Bürgernest
+hervorgetan, so daß, wenn es hieß: die von So und So haben dies gesagt
+oder jenes getan! sie gleich einen ganzen Landstrich mitnahmen und
+einen kräftigen Anstoß gaben. Wenn also Frau Amrain in den Fall kam,
+ihre Meinung über einen Streit festzustellen, so hörte sie nicht auf
+das, was die Seldwyler, sondern auf das, was die Leute ihrer
+Jugendheimat sagten, und richtete ihre Gedanken dorthin.
+
+Alles das waren Gründe genug für Fritz, ein guter Liberaler zu sein,
+ohne absonderliche Studien gemacht zu haben. Was nun die nächste
+Gefahr anbelangt, welche da, wo das Wort und die rechtlichen
+Handlungen frei sind und die Leute sich das Wetter selbst machen, für
+einen politisch Aufgeregten entsteht, nämlich die Gefahr, ein
+Müßiggänger und Schenkeläufer zu werden, so war dieselbe zu Seldwyla
+allerdings noch größer, als an anderen Schweizerorten, welche mit der
+ganzen Alten Welt noch an der gemütlichen ostländischen Weise
+festhalten, das Wichtigste in breiter halbträumender Ruhe an den
+Quellen des Getränkes oder bei irgendeinem Genusse zu verhandeln und
+immer wieder zu verhandeln. Und doch sollte das nicht so sein; denn
+ein gutes Glas in fröhlicher Ruhe zu trinken, ist ein Zweck, ein Lohn
+oder eine Frucht, und, wenn man das in einem tiefern Sinne nimmt, das
+Ausüben politischer Rechte bloß ein Mittel, dazu zu gelangen. Indessen
+war für Fritz diese Gefahr nicht beträchtlich, weil er schon zu sehr
+an Ordnung und Arbeit gewöhnt war und es ihn gerade zu Seldwyla nicht
+reizte, den anderen nachzufahren. Größer war schon die Gefahr für ihn,
+ein Schwätzer und Prahler zu werden, der immer das gleiche sagt und
+sich selbst gern reden hört; denn in solcher Jugend verführt nichts so
+leicht dazu, als das lebendige Empfinden von Grundsätzen und
+Meinungen, welche man zur Schau stellen darf ohne Rückhalt, da sie
+gemeinnützig sind und das Wohl aller betreffen.
+
+Als er aber wirklich begann, Tag und Nacht von Politik zu sprechen,
+ein und dieselbe Sache ewig herumzerrte und jene kindische Manier
+annahm, durch blindes Behaupten sich selbst zu betäuben und zu tun,
+als ob es wirklich so gehen müsse, wie man wünscht und behauptet, da
+sagte seine Mutter ein einzigesmal, als er eben im schönsten Eifer
+war, ganz unerwartet: „Was ist denn das für ein ewiges Schwatzen und
+Kannegießern? Ich mag das nicht hören! Wenn du es nicht lassen kannst,
+so geh auf die Gasse oder ins Wirtshaus, hier in der Stube will ich
+den Lärm nicht haben!"
+
+Dies war ein Wort zur rechten Zeit gesprochen; Fritz blieb in seiner
+also durchschnittenen Rede ganz verblüfft stecken und wußte gar nichts
+zu sagen. Er ging hinaus, und indem er über dies wunderliche Ereignis
+nachgrübelte, fing er an sich zu schämen, so daß er erst eine gute
+halbe Stunde nachher rot wurde bis hinter die Ohren, von Stund an
+geheilt war und seine Politik mit weniger Worten und mehr Gedanken
+abzumachen sich gewöhnte. So gut traf ihn der einmalige Vorwurf aus
+Frauenmund, ein Schwätzer und Kannegießer zu sein.
+
+Um so größer erwies sich nun die dritte, entgegengesetzte Gefahr, an
+übel gewendeter Tatkraft zu verderben. So wetterwendisch nämlich sonst
+die Seldwyler in ihren politischen Stimmungen waren, so beharrlich
+blieben sie in der Teilnahme an allem Freischaren- und Zuzügerwesen,
+und wenn irgendwo in der Nachbarschaft es galt, gewaltsam ein
+widerstehendes Regiment zu sprengen, eine schwache Mehrheit
+einzuschüchtern oder einer trotzigen ungefügigen Minderheit bewaffnet
+beizuspringen, so zog jedesmal, mochte nun die herrschende Stimmung
+sein, welche sie wollte, von Seldwyla ein Trupp bewaffneter Leute aus,
+nach dem aufgeregten Punkte hin, bald bei Nacht und Nebel auf
+Seitenwegen, bald am hellen Tage auf offener Landstraße, je nachdem
+ihnen die Luft sicher schien. Denn nichts dünkte sie so ergötzlich,
+als bei schönem Wetter einige Tage im Lande herumzustreichen, so
+sechzig oder siebenzig, wohlbewaffnet mit feinen Zielgewehren,
+versehen mit gewichtigen drohenden Bleikugeln und silbernen Talern,
+mittelst letzterer sich in den besetzten Wirtshäusern gütlich zu tun
+und mit tüchtigem Hallo, das Glas in der Hand, auf andere Zuzüge zu
+stoßen, denen es ebenfalls mehr oder minder Ernst war. Da nun das
+Gesetzliche und das Leidenschaftliche, das Vertragsmäßige und das
+ursprünglich Naturwüchsige, der Bestand und das Revolutionäre zusammen
+erst das Leben ausmachen und es vorwärts bringen, so war hiergegen
+nichts zu sagen, als: seht euch vor, was ihr ausrichtet! Nun aber
+erfuhren die Seldwyler den eigenen Unstern, daß sie bei ihren Auszügen
+immerdar entweder zu früh oder zu spät und am unrechten Orte eintrafen
+und gar nicht zum Schusse kamen, wenn sie nicht auf dem Heimwege, der
+dann nach mannigfachem Hin- und Herreden und genugsamem Trinken
+eingeschlagen wurde, zum Vergnügen wenigstens einige Patronen in die
+Luft schossen. Doch dies genügte ihnen, sie waren gewissermaßen dabei
+gewesen und es hieß im Lande, die Seldwyler seien auch ausgerückt in
+schöner Haltung, lauter Männer mit gezogenen Büchsen und goldenen
+Uhren in der Tasche.
+
+Als es das erstemal begegnete, daß Fritz Amrain von einem solchen
+Ausrücken hörte und zugleich seines Alters halber fähig war
+mitzugehen, lief er, da es soweit eine gute Sache betraf, sogleich
+nach Hause, denn es war eben die höchste Zeit und der Trupp im Begriff
+aufzubrechen. Zu Hause zog er seine besten Kleider an, steckte
+genugsam Geld zu sich, hing seine Patronentasche um und ergriff sein
+wohl instand gehaltenes Infanteriegewehr, denn da er bereits ein
+ordentlicher und handfester junger Flügelmann war, dachte er nicht
+daran, mit einer kostbaren Schützenwaffe zu prahlen, die er nicht zu
+handhaben verstand, sondern aufrichtig und emsig sein leichtes Gewehr
+zu laden und loszubrennen, sobald er irgend vor den Mann kommen würde;
+und er sah sehnsüchtig im Geiste schon nichts anderes mehr, als den
+letzten Hügel, die letzte Straßenecke, um welche herumbiegend man den
+verhaßten Gegner erblicken und es losgehen würde mit Puffen und
+Knallen.
+
+Er nahm nicht das geringste Gepäck mit und verabschiedete sich kaum
+bei der Mutter, die ihm aufgebracht und mit klopfendem Herzen, aber
+schweigend zusah. „Adieu!" sagte er, „morgen oder übermorgen früh
+spätestens sind wir wieder hier!" und ging weg, ohne ihr nur die Hand
+zu geben, als ob er nur in den Steinbruch hinausginge, um die Arbeiter
+anzutreiben. So ließ sie ihn auch gehen ohne Einwendung, da es ihr
+widerstand, den hübschen jungen Burschen von solcher ersten
+Mutesäußerung abzuhalten, ehe die Zeit und die Erfahrung ihn selber
+belehrt. Vielmehr sah sie ihm durch das Fenster wohlgefällig nach, als
+er so leicht und froh dahinschritt. Doch ging sie nicht einmal ganz an
+das Fenster, sondern blieb in der Mitte der Stube stehen und schaute
+von da aus hin. Übrigens war sie selbst mutigen Charakters und hegte
+nicht sonderliche Sorgen, zumal sie wohl wußte, wie diese Auszüge von
+Seldwyla abzulaufen pflegten.
+
+Fritz kam denn auch richtig schon am anderen Morgen ganz in der Frühe
+wieder an und stahl sich ziemlich verschämt in das Haus. Er war
+ermüdet, überwacht, von vielem Weintrinken abgespannt und schlechter
+Laune und hatte nicht das mindeste erlebt oder ausgerichtet, außer daß
+er seinen feinen Rock verdorben durch das Herumlungern und sein
+Geldbeutel geleert war.
+
+Als seine Mutter dies bemerkte und als sie überdies sah, daß er nicht
+wie die anderen, die inzwischen auch gruppenweise zurückgeschlendert
+kamen, nur die Kleider wechselte, neues Geld zu sich steckte und nach
+dem Wirtshause eilte, um da den mißlungenen Feldzug
+auseinanderzusetzen und sich nach den ermüdenden Nichttaten zu
+stärken, sondern daß er eine Stunde lang schlief und dann schweigend
+an seine Geschäfte ging, da ward sie in ihrem Herzen froh und dachte,
+dieser merke von selber, was die Glocke geschlagen. Indessen dauerte
+es kaum ein halbes Jahr, als sich eine neue Gelegenheit zeigte,
+auszuziehen nach einer anderen Seite hin, und die Seldwyler auch
+wirklich wieder auszogen. Eine benachbarte Regierung sollte gestürzt
+werden, welche sich auf eine ganz kleine Mehrheit eines andächtigen
+gutkatholischen Landvolkes stützte. Da aber dies Landvolk seine
+andächtige Gesinnung und politische Meinung ebenso handlich, munter
+und leidenschaftlich betrieb und bei den Wahlvorgängen ebenso
+geschlossen und prügelfertig zusammenhielt, wie die aufgeklärten Gegner,
+so empfanden diese einen heftigen und ungeduldigen Verdruß, und es
+wurde beschlossen, jenen vernagelten Dummköpfen durch einen mutigen
+ Handstreich zu zeigen, wer Meister im Lande sei, und zahlreiche
+Parteigenossen umliegender Kantone hatten ihren Zuzug zugesagt, als ob
+ ein Hering zu einem Lachs würde, wenn man ihm den Kopf abbeißt und
+sagt: dies soll ein Lachs sein! Aber in Zeiten des Umschwunges, wenn ein
+neuer Geist umgeht, hat die alte Schale des gewohnten Rechtes keinen
+Wert mehr, da der Kern heraus ist, und ein neues Rechtsbewußtsein
+muß erst erlernt und angewöhnt werden, damit „rechtlich am längsten
+wäre", das heißt, solange der neue Geist lebt und währt, bis er wiederum
+veraltet ist und das Auslegen und Zanken um die Schale des Rechtes von
+neuem angeht. Als gewohnterweise wieder einige Dutzend Seldwyler
+beisammen waren, um als ein tapferes Häuflein auszurücken und der
+verhaßten Nachbarregierung vom Amte zu helfen, war Frau Regel Amrain
+guter Laune, indem sie dachte, diese bewaffneten Kannegießer wären
+diesmal recht angeführt, wenn sie glaubten, daß ihr Sohn mitginge; denn
+nach ihren bisherigen Erfahrungen, laut welchen das wackere Blut stets
+durch eine einmalige Lehre sich gebessert, mußte es ihm jetzt nicht
+einfallen mitzugehen. Aber siehe da! Fritz erschien unversehens; als
+sie ihn bei seinen Geschäften glaubte, im Hause, bürstete seine
+starken Werkeltagskleider wohl aus und steckte die Bürste nebst
+anderen Ausrüstungsgegenständen und einige Wäsche in eine
+Reisetasche, welche er umhing, kreuzweise mit der wohlgefüllten
+Patrontasche; dann ergriff er abermals sein Gewehr und senkte es zum
+Gehen, nachdem er mit dem Daumen einige Male den Hahn hin und her
+gezogen, um die Federkraft des Schlosses zu erproben.
+
+„Diesmal", sagte er, „wollen wir die Sache anders angreifen, adieu!"
+und so zog er ab, ungehindert von der Mutter, welcher es abermals
+unmöglich war, ihn von seinem Tun abzuhalten, da sie Wohl sah, daß es
+ihm Ernst war. Um so besorgter war sie jetzt plötzlich und sie
+erbleichte einen Augenblick lang, während sie abermals mit
+Wohlgefallen seine Entschlossenheit bemerkte. Die Seldwyler Schar
+kehrte am nächsten Tage ganz in der alten Weise zurück, ohne noch zu
+wissen, wie es auf dem Kampfplatze ergangen; denn da sie die Grenze
+ein bißchen überschritten hatten, fanden sie das dasige Ländchen sehr
+aufgeregt und die Bauern darüber erbost, daß man solchergestalt auf
+ihrem Territorium erscheine, wie zu den Zeiten des Faustrechtes. Sie
+stellten jedoch kein Hindernis entgegen, sondern standen nur an den
+Wegen mit spöttischen Gesichtern, welche zu sagen schienen, daß sie
+die Eindringlinge einstweilen vorwärts spazieren lassen, aber auf dem
+Rückwege dann näher ansehen wollten. Dies kam den Seldwylern gar nicht
+geheuer vor und sie beschlossen deshalb, das versprochene Eintreffen
+anderer Zuzüge abzuwarten, ehe sie weiter gingen. Als diese aber nicht
+kamen und ein Gerücht sich verbreitete, der Putsch sei schon vorüber
+und günstig abgelaufen, machten sie sich endlich wieder auf den
+Rückweg mit Ausnahme des Fritz Amrain, welcher seelenallein und
+trotzig verwegen sich von ihnen trennte und mitten durch das
+gegnerische Gebiet wegmarschierte auf dessen Hauptstadt zu. Denn er
+hatte, indem er seine Gefährten zechen und schwatzen ließ, sich
+erkundigt und vernommen, daß ein Häuflein Bursche aus dem Geburtsorte
+seiner Mutter einige Stunden von da eintreffen würde, und zu diesen
+gedachte er zu stoßen. Er erreichte sie auch ohne Gefährde, weil er
+rasch und unbekümmert seinen Weg ging, und drang mit ihnen ungesäumt
+vorwärts. Allein die Sache schlug fehl, jene schwankhafte Regierung
+behauptete sich für diesmal wieder durch einige günstige Zufälle, und
+sobald diese sich deutlich entwickelt, tat sich das Landvolk zusammen,
+strömte der Hauptstadt zu in die Wette mit den Freizügern und
+versperrte diesen die Wege, so daß Fritz und seine Genossen, noch ehe
+sie die Stadt erreichten, zwischen zwei großen Haufen bewaffneter
+Bauern gerieten, und, da sie sich mannlich durchzuschlagen gedachten,
+ein Gefecht sich unverweilt entspann. So sah sich denn Fritz
+angesichts fremder Dorfschaften und Kirchtürme ladend, schießend und
+wieder ladend, indessen die Glocken stürmten und heulten über den
+verwegenen Einbruch und den Verdruß des beleidigten Bodens auszuklagen
+schienen. Wo sich die kleine Schar hinwandte, wichen die Landleute mit
+großem Lärm etwas zurück; denn ihre junge Mannschaft war im
+Soldatenrock schon nach der Stadt gezogen worden, und was sich hier
+den Angreifern entgegenstellte, bestand mehr aus alten und ganz jungen
+unerwachsenen Leuten, von Priestern, Küstern und selbst Weibern
+angefeuert. Aber sie zogen sich dennoch immer dichter zusammen, und
+nachdem erst einige unter ihnen verwundet waren, stellte gerade dieser
+dunkle Saum erschreckter alter Menschen, Weiber und Priester, die sich
+zusammen den Landsturm nannten, das aufgebrachte und beleidigte Gebiet
+vor und die Glocken schrien den Zorn über alles Getöse hinweg weit in
+das Land hinaus. Aber der drohende Saum zog sich immer enger und enger
+um die fechtenden Parteigänger, einige entschlossene und erfahrene
+Alte gingen voran, und es dauerte nicht mehr lange, so waren die
+Freischärler gefangen. Sie ergaben sich ohne weiteres, als sie sahen,
+daß sie alles gegen sich hatten, was hier wohnte. Wenn man im offenen
+Kriege vom Reichsfeind gefangen wird, so ist das ein Unstern wie ein
+anderer und kränkt den Mann nicht tiefer; aber von seinen Mitbürgern
+als ein gewalttätiger politischer Widersacher gefangen zu werden, ist
+so demütigend und kränkend, als irgend etwas auf Erden sein kann. Kaum
+waren sie entwaffnet und von dem Volke umringt, als alle möglichen
+Ehrentitel auf sie niederregneten: Landfriedenbrecher, Freischärler,
+Räuber, Buben waren noch die mildesten Ausrufe, die sie zu hören
+bekamen. Zudem wurden sie von vorn und hinten betrachtet wie wilde
+Tiere, und je solider sie in ihrer Tracht und Haltung aussahen, desto
+erboster schienen die Bauern darüber zu werden, daß solche Leute
+solche Streiche machten.
+
+So hatten sie nun nichts weiter zu tun, als zu stehen oder zu gehen,
+wo und wie man ihnen befahl, hierhin, dorthin, wie es dem vielköpfigen
+Souverän beliebte, welchem sie sein Recht hatten nehmen wollen. Und er
+übte es jetzt in reichlichem Maße aus und es fehlte nicht an Knüffen
+und Püffen, wenn die Herren Gefangenen sich trotzig zeigten oder nicht
+gehorchen wollten. Jeder schrie ihnen eine gute Lehre zu: „Wäret ihr
+zu Hause geblieben, so brauchtet ihr uns nicht zu gehorchen! Wer hat
+euch hergerufen? Da ihr uns regieren wolltet, so wollen wir nun euch
+auch regieren, ihr Spitzbuben! Was bezieht ihr für Gehalt für euer
+Geschäft, was für Sold für euer Kriegswesen? Wo habt ihr eure
+Kriegskasse und wo euren General? Pflegt ihr oft auszuziehen ohne
+Trompeter, so in der Stille? Oder habt ihr den Trompeter
+heimgeschickt, um euren Sieg zu verkünden? Glaubtet ihr, die Luft in
+unserm Gebiet sei schlechter als eure, da ihr kamet, sie mit
+Bleikugeln zu peitschen? Habt ihr schon gefrühstückt, ihr Herren? Oder
+wollt ihr ins Gras beißen? Verdienen würdet ihr es wohl! Habt ihr
+geglaubt, wir hätten hier keinen ordentlichen Staat, wir stellten gar
+nichts vor in unserem Ländchen, daß ihr da rottenweise herumstreicht
+ohne Erlaubnis? Wolltet ihr Füchse fangen oder Kaninchen? Schöne
+Bundesgenossen, die uns mit dem Schießprügel in der Hand unser gutes
+Recht stellen wollen! Ihr könnt euch bei denen bedanken, die euch
+hergerufen; denn man wird euch eine schöne Mahlzeit anrichten! Ihr
+dürfet einstweilen unsere Zuchthauskost versuchen; es ist eine ganz
+entschiedene Majorität von gesunden Erbsen, gewürzt mit dem Salze
+eines handlichen Strafgesetzes gegen Hochverrat, und wenn ihr Jahr und
+Tag gesessen habt, so wird man euch erlauben, zur Feier eures
+glorreichen Einzuges auch eine kleine Minorität von Speck zu
+überwältigen, aber beißt euch alsdann die Zähne nicht daran aus! Es
+geht allerdings nichts über einen gesunden Spaziergang und ist
+zuträglich für die Gesundheit, insbesondere wenn man keine regelmäßige
+Arbeit und Bewegung zu haben scheint; aber man muß sich doch immer in
+acht nehmen, wo man spazieren geht, und es ist unhöflich, mit dem Hut
+auf dem Kopfe in eine Kirche und mit dem Gewehr in der Hand in ein
+friedfertiges Staatswesen hereinzuspazieren! Oder habt ihr geglaubt,
+wir stellen keinen Staat vor, weil wir noch Religion haben und unsere
+Pfaffen zu ehren belieben? Dieses gefällt uns einmal so, und wir
+wohnen gerade so lang im Lande, als ihr, ihr Maulaffen, die ihr nun
+dasteht und euch nicht zu helfen wißt!"
+
+So tönte es unaufhörlich um sie her, und die Beredsamkeit der Sieger
+war um so unerschöpflicher, als sie das gleiche, dessen sie ihre
+Gegner nun anklagten, entweder selbst schon getan oder es jeden
+Augenblick zu tun bereit waren, wenn die Umstände und die persönliche
+Rüstigkeit es erlaubten, gleich wie ein Dieb die beredteste Entrüstung
+verlauten läßt, wenn ein Kleinod, das er selbst gestohlen, ihm
+abermals entfremdet wird. Denn der Mensch trägt die unbefangene
+Schamlosigkeit des Tieres geradeswegs in das moralische Gebiet hinüber
+und gebärdet sich da im guten Glauben an das nützliche Recht seiner
+Willkür so naiv, wie die Hündlein auf den Gassen. Die gefangenen
+Freischärler mußten indessen alles über sich ergehen lassen und waren
+nur bedacht, durch keinerlei Herausforderung eine körperliche
+Mißhandlung zu veranlassen. Dies war das einzige, was sie tun konnten
+und die Älteren und Erfahreneren unter ihnen ertrugen das Übel mit
+möglichstem Humor, da sie voraussahen, daß die Sache nicht so
+gefährlich abliefe, als es schien. Der eine oder andere merkte sich
+ein schimpfendes Bäuerlein, das in seinem Laden etwa eine Sense oder
+ein Maß Kleesamen gekauft und schuldig geblieben war, und gedachte,
+demselben seinerzeit seine beißenden Anmerkungen mit Zinsen
+zurückzugeben, und wenn ein solches Bäuerlein solchen Blick bemerkte
+und den Absender erkannte, so hörte es darum nicht plötzlich auf zu
+schelten, aber richtete unvermerkt seine Augen und seine Worte
+anderswohin in den Haufen und verzog sich allmählich hinter die Front;
+so gemütlich und seltsam spielen die Menschlichkeiten durcheinander.
+Fritz Amrain aber war im höchsten Grade niedergeschlagen und trostlos.
+Zwei oder drei seiner Gefährten waren gefallen und lagen noch da,
+andere waren verwundet und er sah den Boden um sich her mit Blut
+gefärbt; sein Gewehr und seine Taschen waren ihm abgenommen, ringsum
+erblickte er drohende Gesichter, und so war er plötzlich aus seiner
+bedachtlosen und fieberhaften Aufregung erwacht, der Sonnenschein des
+lustigen Kampftages war verwischt und verdunkelt, das lustige Knallen
+der Schüsse und die angenehme Musik des kurzen Gefechtslärmens
+verklungen, und als nun gar endlich die Behörden oder
+Landesautoritäten sich hervortaten aus dem Wirrsal und eine trockene
+geschäftliche Einteilung und Abführung der Gefangenen begann, war es
+ihm zumute wie einem Schulknaben, welcher aus einer mutwilligen
+Herrlichkeit, die ihm für die Ewigkeit gegründet und höchst rechtmäßig
+schien, unversehens von dem häßlichsten Schulmeister aufgerüttelt und
+beigesteckt wird, und der nun in seinem Gram alles verloren und das
+Ende der Welt herbeigekommen wähnt. Er schämte sich, ohne zu wissen
+vor wem, er verachtete seine Feinde und war doch in ihrer Hand. Er war
+begeistert gewesen, gegen sie auszuziehen, und doch waren sie jetzt in
+jeder Hinsicht in ihrem Rechte; denn selbst ihre Beschränktheit oder
+ihre Dummheit war ihr gutes rechtliches Eigentum und es gab kein
+Mandat dagegen, als dasjenige des Erfolges, der nun leider
+ausgeblieben war. Die leidenschaftlich erbosten Gesichter aller dieser
+bejahrten und gefurchten Landleute, welche auf ihren gefundenen Sieg
+trotzten, traten ihm in seiner helldunklen Trostlosigkeit mit einer
+seltsamen Deutlichkeit vor die Augen; überall, wo er durchgeführt
+wurde, gab es neue Gesichter, die er nie gesehen, die er nicht einzeln
+und nicht mit Willen ansah, und die sich ihm dennoch scharf und
+trefflich beleuchtet einprägten als ebenso viele Vorwürfe,
+Beleidigungen und Strafgerichte. Je näher der Zug der Gefangenen der
+Stadt kam, desto lebendiger wurde es; die Stadt selbst war mit
+Soldaten und bewaffneten Landleuten angefüllt, welche sich um die neu
+befestigte Regierung scharten, und die Gefangenen wurden im Triumphe
+durchgeführt. Von der Opposition, welche gestern noch so mächtig
+gewesen, daß sie um die Herrschaft ringen konnte, und sich bewegte,
+wie es ihr gefiel, war nicht die leiseste Spur mehr zu erblicken; es
+war eine ganz andere grobe und widerstehende Welt, als sich Fritz
+gedacht hatte, welche sich für unzweifelhaft und aufs beste begründet
+ausgab und nur verwundert schien, wie man sie irgend habe in Frage
+stellen und angreifen können. Denn jeder tanzt, wenn seine Geige
+gestrichen wird, und wenn viele Menschen zusammen sich was einbilden,
+so blähet sich eine Unendlichkeit in dieser Einbildung. Endlich aber
+waren die Gefangenen in Türmen und andern Baulichkeiten untergebracht,
+alle schon bewohnt von ähnlichen Unternehmungslustigen, und so befand
+sich auch Fritz hinter Schloß und Riegel und war es erklärlich, daß er
+nicht mit den Seldwylern zurückgekehrt war. Diese rächten sich für
+ihren mißlungenen Zug dadurch, daß sie den sieghaften Gegnern auf der
+Stelle die abscheulichste und rücksichtsloseste Rachsucht zuschrieben
+und daß jeder, der entkommen war, es als für gewiß annahm, die
+Gefangenen würden erschossen werden. Es gab Leute, die sonst nicht
+ganz unklug waren, welche allen Ernstes glaubten und wieder sagten,
+daß die fanatisierten Bauern gefangene Freischärler zwischen zwei
+Bretter gebunden und entzweigesägt oder auch etliche derselben
+gekreuzigt hätten.
+
+Sobald Frau Regula diese Übertreibungen und dies unmäßige Mißtrauen
+vernahm, verlor sie die Hälfte des Schreckens, welchen sie zuerst
+empfunden, da die Torheit der Leute ihren Einfluß auf die
+Wohlbestellten immer selbst reguliert und unschädlich macht. Denn
+hätten die Seldwyler nur etwa die Befürchtung ausgesprochen, die
+Gefangenen könnten vielleicht wohl erschossen werden nach dem
+Standrecht, so wäre sie in tödlicher Besorgnis geblieben; als man aber
+sagte, sie seien entzweigesägt und gekreuzigt, glaubte sie auch jenes
+nicht mehr. Dagegen erhielt sie bald einen kurzen Brief von ihrem
+Sohne, laut welchem er wirklich eingetürmt war und sie um die
+sofortige Erlegung einer Geldbürgschaft bat, gegen welche er entlassen
+würde. Mehrere Kameraden seien schon auf diese Weise freigegeben
+worden. Denn die sieghafte Regierung war in großen Geldnöten und
+verschaffte sich auf diese Weise einige willkommene außerordentliche
+Einkünfte, da sie nachher nur die hinterlegten Summen in ebenso viele
+Geldbußen zu verwandeln brauchte. Frau Amrain steckte den Brief ganz
+vergnügt in ihren Busen und begann gemächlich und ohne sich zu
+übereilen, die erforderlichen Geldmittel beizubringen und
+zurechtzulegen, so daß wohl acht Tage vergingen, ehe sie Anstalt
+machte, damit abzureisen. Da kam ein zweiter Brief, welchen der Sohn
+Gelegenheit gefunden, heimlich abzuschicken und worin er sie beschwor,
+sich ja zu eilen, da es ganz unerträglich sei, seinen Leib dergestalt
+in der Gewalt verhaßter Menschen zu sehen. Sie wären eingesperrt wie
+wilde Tiere, ohne frische Luft und Bewegung, und müßten Habermus und
+Erbsenkost aus einer hölzernen Bütte gemeinschaftlich essen mit
+hölzernen Löffeln. Da schob sie lächelnd ihre Abreise noch um einige
+Tage auf, und erst als der eingepferchte Tatkräftige volle vierzehn
+Tage gesessen, nahm sie ein Gefährt, packte die Erlösungsgelder nebst
+frischer Wäsche und guten Kleidern ein und begab sich auf den Weg. Als
+sie aber ankam, vernahm sie, daß ehestens eine Amnestie ausgesprochen
+würde über alle, die nicht ausgezeichnete Rädelsführer seien, und
+besonders über die Fremden, da man diese nicht unnütz zu füttern
+gedachte und jetzt keine eingehenden Gelder mehr erwartete. Da blieb
+sie noch zwei oder drei Tage in einem Gasthofe, bereit, ihren Sohn
+jeden Augenblick zu erlösen, der übrigens seiner Jugend wegen nicht
+sehr beachtet wurde. Die Amnestie würde auch wirklich verkündet, da
+diesmal die siegende Partei aus Sparsamkeit die wahre Weise befolgte:
+im Siege selbst, und nicht in der Rache oder Strafe, ihr Bewußtsein
+und ihre Genugtuung zu finden. So fand denn der verzweifelte Fritz
+seine Mutter an der Pforte des Gefängnisses seiner harrend. Sie
+speiste und tränkte ihn, gab ihm neue Kleider und fuhr mit ihm nebst
+der geretteten Bürgschaft von dannen. Als er sich nun wohlgeborgen und
+gestärkt neben seiner Mutter sah, fragte er sie, warum sie ihn denn so
+lange habe sitzen lassen? Sie erwiderte kurz und ziemlich vergnügt,
+wie ihm schien, daß das Geld eben nicht früher wäre aufzutreiben
+gewesen. Er kannte aber den Stand ihrer Angelegenheiten nur zu wohl
+und wußte genau, wo die Mittel zu suchen und zu beziehen waren. Er
+ließ also diese Ausflucht nicht gelten und fragte abermals. Sie
+meinte, er möchte sich nur zufrieden geben, da er durch sein Sitzen in
+dem Turme ein gutes Stück Geld verdient und überdies Gelegenheit
+erhalten, eine schöne Erfahrung zu machen. Gewiß habe er diesen oder
+jenen vernünftigen Gedanken zu fassen die Muße gehabt. „Du hast mich
+am Ende absichtlich stecken lassen," erwiderte er und sah sie groß an,
+„und hast mir in deinem mütterlichen Sinne das Gefängnis förmlich
+zuerkannt?" Hierauf antwortete sie nichts, sondern lachte laut und
+lustig in dem rollenden Wagen, wie er sie noch nie lachen gesehen. Als
+er hierauf nicht wußte, welches Gesicht er machen sollte, und seltsam
+die Nase rümpfte, umhalste sie ihn noch lauter lachend und gab ihm
+einen Kuß. Er sagte aber kein Wort mehr, und es zeigte sich von nun
+an, daß er in dem Gefängnis in der Tat etwas gelernt habe.
+
+Denn er hielt sich in seinem Wesen jetzt viel ernster und
+geschlossener zusammen und geriet nie wieder in Versuchung, durch eine
+unrechtmäßige oder leichtsinnige Tatlust eine Gewalt herauszufordern
+und seine Person in ihre Hand zu geben zu seiner Schmach und niemand
+zu Nutzen. Er nahm sich nicht gerade vor, nie mehr auszuziehen, da die
+Ereignisse nicht zum voraus gezählt werden können und niemand seinem
+Blut gebieten kann, stille zu stehn, wenn es rascher fließt; aber er
+war nun sicher vor jeder nur äußerlichen und unbedachten Kampflust.
+Diese Erfahrung wirkte überhaupt dermaßen auf den jungen Mann, daß er
+mit verdoppeltem Fortschritt an Tüchtigkeit in allen Dingen zuzunehmen
+schien und den Sachen schon mit voller Männlichkeit vorstand, als er
+kaum zwanzig Jahre alt war. Frau Amrain gab ihm deswegen nun die junge
+Frau, welche er wünschte, und nach Verlauf eines Jahres, als er
+bereits ein kleines hübsches Söhnchen besaß, war er zwar immer
+wohlgemut, aber um so ernsthafter und gemessener in seinen fleißigen
+Geschäften, als seine Frau lustig, voll Gelächter und guter Dinge war;
+denn es gefiel ihr über die Maßen in diesem Hause und sie kam
+vortrefflich mit ihrer Schwiegermutter aus, obgleich sie von dieser
+verschieden und wieder eine andere Art von gutem Charakter war.
+
+So schien nun das Erziehungswerk der Frau Regula auf das beste
+gekrönt, um der Zukunft mit Ruhe entgegenzusehen; denn auch die beiden
+älteren Söhne, welche zwar trägen Wesens, aber sonst gutartig waren,
+hatte sie hinter dem wackeren Fritz her leidlich durchgeschleppt, und
+als dieselben herangewachsen, die Vorsicht gebraucht, sie in anderen
+Städten in die Lehre zu geben, wo sie denn auch blieben und ihr
+ferneres Leben begründeten als ziemlich bequemliche, aber sonst
+ordentliche Menschen, von denen nachher so wenig zu sagen war, wie
+vorher.
+
+Fritz aber, da er bereits ein würdiger Familienvater war, mußte doch
+noch einmal in die Schule genommen werden von der Mutter, und zwar in
+einer Sache, um die sich manche Mutter vom gemeinen Schlage wenig
+bekümmert hätte. Der Sohn war ungefähr zwei Jahre schon verheiratet,
+als das Ländchen, welchem Seldwyla angehörte, seinen obersten
+maßgebenden Rat neu zu bestellen und deshalben die vierjährigen Wahlen
+vorzunehmen hatte, infolge deren denn auch die verwaltenden und
+richterlichen Behörden bestellt wurden. Bei den letzten Hauptwahlen
+war Fritz noch nicht stimmfähig gewesen und es war jetzt das erstemal,
+wo er dergleichen beiwohnen sollte. Es war aber eine große Stille im
+Lande. Die Gegensätze hatten sich einigermaßen ausgeglichen und die
+Parteien einander abgeschliffen; es wurde in allen Ecken fleißig
+gearbeitet, man lichtete die alten Winkeleien in der Gesetzsammlung
+und machte fleißig neue, gute und schlechte, bauete öffentliche Werke,
+übte sich in einer geschickten Verwaltung ohne Unbesonnenheit, doch
+auch ohne Zopf, und ging darauf aus, jeden an seiner Stelle zu
+verwenden, die er verstand und treulich versah, und endlich gegen
+jedermann artig und gerecht zu sein, der es in seiner Weise gut meinte
+und selbst kein Zwinger und Hasser war. Dies alles war nun den
+Seldwylern höchst langweilig, da bei solcher stillgewordenen
+Entwicklung keine Aufregung stattfand. Denn Wahlen ohne Aufregung,
+ohne Vorversammlungen, Zechgelage, Reden, Aufrufe, ohne Umtriebe und
+heftige schwankende Krisen, waren ihnen so gut wie gar keine Wahlen,
+und so war es diesmal entschieden schlechter Ton zu Seldwyla, von den
+Wahlen nur zu sprechen, wogegen sie sehr beschäftigt taten mit
+Errichtung einer großen Aktienbierbrauerei und Anlegung einer
+Aktienhopfenpflanzung, da sie plötzlich auf den Gedanken gekommen
+waren, eine solche stattliche Bieranstalt mit weitläufigen guten
+Kellereien, Trinkhallen und Terrassen werde der Stadt einen neuen
+Aufschwung geben und dieselbe berühmt und vielbesucht machen. Fritz
+Amrain nahm an diesen Bestrebungen eben keinen Anteil, allein er
+kümmerte sich auch wenig um die Wahlen, so sehr er sich vor vier
+Jahren gesehnt hatte, daran teilzunehmen. Er dachte sich, da alles gut
+ginge im Lande, so sei kein Grund, den öffentlichen Dingen
+nachzugehen, und die Maschine würde deswegen nicht stille stehen, wenn
+er schon nicht wähle. Es war ihm unbequem, an dem schönen Tage in der
+Kirche zu sitzen mit einigen alten Leuten; und, wenn man es recht
+betrachtete, schien sogar ein Anflug von philisterhafter
+Lächerlichkeit zu kleben an den diesjährigen Wahlen, da sie eine gar
+so stille und regelmäßige Pflichterfüllung waren. Fritz scheuete die
+Pflicht nicht; wohl aber haßte er nach Art aller jungen Leute kleinere
+Pflichten, welche uns zwingen, zu ungelegener Stunde den guten Rock
+anzuziehen, den besseren Hut zu nehmen und uns an einen höchst
+langweiligen oder trübseligen Ort hinzubegeben, als wie ein Taufstein,
+ein Kirchhof oder ein Gerichtszimmer. Frau Amrain jedoch hielt gerade
+diese Weise der Seldwyler, die sie nun angenommen, für unerträglich
+und unverschämt, und weil eben niemand hinging, so wünschte sie
+doppelt, daß ihr Sohn es täte. Sie steckte es daher hinter seine Frau
+und trug dieser auf, ihn zu überreden, daß er am Wahltage ordentlich
+in die Versammlung ginge und einem tüchtigen Manne seine Stimme gebe,
+und wenn er auch ganz allein stände mit derselben. Allein mochte nun
+das junge Weibchen nicht die nötige Beredsamkeit besitzen in einer
+Sache, die es selber nicht viel kümmerte, oder mochte der junge Mann
+nicht gesonnen sein, sich in ihr eine neue Erzieherin zu nähren und
+großzuziehen, genug, er ging an dem betreffenden Morgen in aller Frühe
+in seinen Steinbruch hinaus und schaffte dort in der warmen Maisonne
+so eifrig und ernsthaft herum, als ob an diesem einen Tage noch alle
+Arbeit der Welt abgetan werden müßte und nie wieder die Sonne aufginge
+hernach. Da ward seine Mutter ungehalten und setzte ihren Kopf darauf,
+daß er dennoch in die Kirche gehen solle; und sie band ihre immer noch
+glänzend schwarzen Zöpfe auf, nahm einen breiten Strohhut darüber und
+Fritzens Rock und Hut an den Arm und wanderte rasch hinter das
+Städtchen hinaus, wo der weitläufige Steinbruch an der Höhe lag. Als
+sie den langen krummen Fahrweg hinanstieg, auf welchem die Steinlasten
+herabgebracht wurden, bemerkte sie, wie tief der Bruch seit zwanzig
+Jahren in den Berg hineingegangen, und überschlug das unzweifelhafte
+gute Erbtum, das sie erworben und zusammengehalten. Auf verschiedenen
+Abstufungen hämmerten zahlreiche Arbeiter, welchen Fritz längst ohne
+Werkführer vorstand, und zu oberst, wo grünes Buchenholz die frischen
+weißen Brüche krönte, erkannte sie ihn jetzt selbst an seinem weißeren
+Hemde, da er Weste und Jacke weggeworfen, wie er mit einem Trüppchen
+Leute die Köpfe zusammensteckte über einem Punkte. Gleichzeitig aber
+sah man sie und rief ihr zu, sich in acht zu nehmen. Sie duckte sich
+unter einen Felsen, worauf in der Höhe nach einer kleinen Stille ein
+starker Schlag erfolgte und eine Menge kleiner Steine und Erde rings
+herniederregneten. „Da glaubt er nun," sagte sie zu sich selbst, „was
+er für Heldenwerk verrichtet, wenn er hier Steine gen Himmel sprengt,
+statt seine Pflicht als Bürger zu tun!" Als sie oben ankam und
+verschnaufte, schien er, nachdem er flüchtig auf den Rock und Hut
+geschielt, den sie trug, sie nicht zu bemerken, sondern untersuchte
+eifrig die Löcher, die er eben gesprengt, und fuhr mit dem Zollstock
+an den Steinen herum. Als er sie aber nicht mehr vermeiden konnte,
+sagte er: „Guten Tag, Mutter! Spazierest ein wenig? Schön ist das
+Wetter dazu!" und wollte sich wieder wegmachen. Sie ergriff ihn aber
+bei der Hand und führte ihn etwas zur Seite, indem sie sagte: „Hier
+habe ich dir Rock und Hut gebracht, nun tu mir den Gefallen und geh zu
+den Wahlen! Es ist eine wahre Schande, wenn niemand geht aus der
+Stadt!" „Das fehlte auch noch," erwiderte Fritz ungeduldig, „jetzt
+abermals bei diesem Wetter in der langweiligen Kirche zu sitzen und
+Stimmzettel umherzubieten. Natürlich wirst du dann für den Nachmittag
+schon irgendein Leichenbegängnis in Bereitschaft haben, wo ich wieder
+mithumpeln soll, damit der Tag ja ganz verschleudert werde! Daß ihr
+Weibsleute unsereinen immer an Begräbnisse und Kindertaufen
+hinspediert, ist begreiflich; daß ihr euch aber so sehr um die Politik
+bekümmert, ist mir ganz etwas Neues!"
+
+„Schande genug," sagte sie, „daß die Frauen euch vermahnen sollen zu
+tun, was sich gebührt und was eine verschworene Pflicht und
+Schuldigkeit ist!"
+
+„Ei so tue doch nicht so," erwiderte Fritz, „seit wann wird denn der
+Staat stille stehn, wenn einer mehr oder weniger mitgeht, und seit
+wann ist es denn nötig, daß ich gerade überall dabei bin?"
+
+„Dies ist keine Bescheidenheit, die dies sagt," antwortete die Mutter,
+„dies ist vielmehr verborgener Hochmut! Denn ihr glaubt wohl, daß ihr
+müßt dabei sein, wenn es irgend darauf ankäme, und nur weil ihr den
+gewohnten stillen Gang der Dinge verachtet, so haltet ihr euch für zu
+gut, dabei zu sein!"
+
+„Es ist aber in der Tat lächerlich, allein dahin zu gehen," sagte
+Fritz, „jedermann sieht einen hingehen, wo dann niemand als die
+Kirchenmaus zu sehen ist."
+
+Frau Amrain ließ aber nicht nach und erwiderte: „Es genügt nicht, daß
+du unterlassest, was du an den Seldwylern lächerlich findest! Du mußt
+außerdem noch tun grade, was sie für lächerlich halten; denn was
+diesen Eseln so vorkommt, ist gewiß etwas Gutes und Vernünftiges! Man
+kennt die Vögel an den Federn, so die Seldwyler an dem, was sie für
+lächerlich halten. Bei allen kleinen Angelegenheiten, bei allen
+schlechten Geschichten, eitlen Vergnügungen und Dummheiten, bei allem
+Gevatter- und Geschnatterwesen befleißigt man sich der größten
+Pünktlichkeit; aber alle vier Jahre einmal sich pünktlich und
+vollzählig zu einer Wahlhandlung einzufinden, welche die Grundlage
+unsers ganzen öffentlichen Wesens und Regimentes ist, das soll
+langweilig, unausstehlich und lächerlich sein! Das soll in dem
+Belieben und in der Bequemlichkeit jedes einzelnen stehen, der immer
+nach seinem Rechte schreit, aber sobald dies Recht nur ein bißchen
+auch nach Pflicht riecht, sein Recht darin sucht, keines zu üben! Wie,
+ihr wollt einen freien Staat vorstellen und seid zu faul, alle vier
+Jahre einen halben Tag zu opfern, einige Aufmerksamkeit zu bezeigen
+und eure Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem Regiment, das ihr
+vertragsmäßig eingesetzt, zu offenbaren? Sagt nicht, daß ihr immer da
+wäret, wenn es sein müßte! Wer nur da ist, wenn es ihn belustigt und
+seine Leidenschaft kitzelt, der wird einmal ausbleiben und sich eine
+Nase drehen lassen, grade wenn er am wenigsten daran denkt.
+
+Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, und so auch der, welcher für
+das Wohl des Landes arbeitet und dessen öffentliche Dinge besorgt, die
+in jedem Hause in Einrichtungen und Gesetzen auf das tiefste
+eingreifen. Schon die alleräußerlichste Artigkeit und Höflichkeit
+gegen die betrauten Männer erforderte es, wenigstens an diesem Tage
+sich vollzählig einzufinden, damit sie sehen, daß sie nicht in der
+Luft stehen. Der Anstand vor den Nachbarn und das Beispiel für die
+Kinder verlangen es ebenfalls, daß diese Handlung mit Kraft und Würde
+begangen wird, und da finden es diese Helden unbequem und lächerlich,
+die gleichen, welche täglich die größte Pünktlichkeit innehalten, um
+einer Kegelpartie oder einer nichtssagenden aberwitzigen Geschichte
+beizuwohnen.
+
+Wie, wenn nun die sämtlichen Behörden, über solche Unhöflichkeit
+erbittert, euch den Sack vor die Tür würfen und auf einmal abtreten
+würden? Sag' nicht, daß dies nie geschehen werde! Es wäre doch immer
+möglich, und alsdann würde eure Selbstherrlichkeit dastehen, wie die
+Butter an der Sonne; denn nur durch gute Gewöhnung, Ordnung und
+regelrechte Ablösung oder kräftige Bestätigung ist in Friedenszeiten
+diese Selbstherrlichkeit zu brauchen und bemerklich zu machen.
+Wenigstens ist es die allerverkehrteste Anwendung oder Offenbarung
+derselben, sich gar nicht zu zeigen, warum? weil es ihr so beliebt!
+
+Nimm mir nicht übel, das sind Kindesgedanken und Weibernücken; wenn
+ihr glaubt, daß solche Aufführung euch wohl anstehe, so seid ihr im
+Irrtum. Aber ihr beneidet euch selbst um die Ruhe und um den Frieden,
+und damit die Dinge, obgleich ihr nichts dagegen einzuwenden wißt, und
+nur auf alle Fälle hin so ins Blaue hinein schlecht begründet
+erscheinen, so wählt ihr nicht oder überlaßt die Handlung den
+Nachtwächtern, damit, wie gesagt; vorkommendenfalls von eurem Neste
+Seldwyla ausgeschrien werden könne, die öffentliche Gewalt habe keinen
+festen Fuß im Volke. Bübisch ist aber dieses und es ist gut, daß eure
+Macht nicht weiter reicht, als eure lotterige Stadtmauer!"
+
+„Ihr und immer ihr!" sagte Fritz ungehalten, „was hab' ich denn mit
+diesen Leuten zu schaffen? Wenn dieselben solche elende Launen und
+Beweggründe haben, was geht das mich an?"
+
+„Gut denn," rief Frau Regel, „so benimm dich auch anders als sie in
+dieser Sache und geh' zu den Wahlen!"
+
+„Damit", wandte ihr Sohn lächelnd ein, „man außerhalb sage, der
+einzige Seldwyler, welcher denselben beigewohnt, sei noch von den
+Weibern hingeschickt worden?"
+
+Frau Amrain legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: „Wenn es
+heißt, daß deine Mutter dich hingeschickt habe, so bringt dir dies
+keine Schande und mir bringt es Ehre, wenn ein solcher tüchtiger
+Gesell sich von seiner Mutter schicken läßt! Ich würde wahrhaftig
+stolz darauf sein und du kannst mir am Ende den kleinen Gefallen zu
+meinem Vergnügen erweisen, nicht so?"
+
+Fritz wußte hiergegen nichts mehr vorzubringen und zog den Rock an und
+setzte den Bürgerhut auf. Als er mit der trefflichen Frau den Berg
+hinunterging, sagte er: „Ich habe dich in meinem Leben nie so viel
+politisieren hören, wie soeben, Mutter! Ich habe dir so lange Reden
+gar nicht zugetraut!"
+
+Sie lachte, erwiderte dann aber ernsthaft: „Was ich gesagt, ist
+eigentlich weniger politisch gemeint, als gut hausmütterlich. Wenn du
+nicht bereits Frau und Kind hättest, so würde es mir vielleicht nicht
+eingefallen sein, dich zu überreden; so aber, da ich ein
+wohlerhaltenes Haus von meinem Geblüte in Aussicht sehe, so halte ich
+es für ein gutes Erbteil solchen Hauses, wenn darin in allen Dingen
+das rechte Maß gehalten wird. Wenn die Söhne eines Hauses beizeiten
+sehen und lernen, wie die öffentlichen Dinge auf rechte Weise zu ehren
+sind, so bewahrt sie vielleicht gerade dies vor unrechten und
+unbesonnenen Streichen. Ferner, wenn sie das eine ehren und
+zuverlässig tun, so werden sie es auch mit dem andern so halten, und
+so, siehst du, habe ich am Ende nur als fürsichtige häusliche
+Großmutter gehandelt, während man sagen wird, ich sei die ärgste alte
+Kannegießerin!"
+
+In der Kirche fand Fritz statt einer Zahl von sechs- oder
+siebenhundert Männern kaum deren vier Dutzend, und diese waren beinahe
+ausschließlich Landleute aus umliegenden Gehöften, welche mit den
+Seldwylern zu wählen hatten. Diese Landleute hätten zwar auch eine
+sechsmal stärkere Zahl zu stellen gehabt; aber da die Ausgebliebenen
+wirklich im Schweiße ihres Angesichts auf den Feldern arbeiteten, so
+war ihr Wegbleiben mehr eine harmlose Gedankenlosigkeit und ein
+bäuerlicher Geiz mit dem schönen Wetter, und weil sie einen weiten Weg
+zu machen hatten, erschien das Dasein der Anwesenden um so löblicher.
+Aus der Stadt selbst war niemand da als der Gemeindepräsident, die
+Wahlen zu leiten, der Gemeindeschreiber, das Protokoll zu führen, dann
+der Nachtwächter und zwei oder drei arme Teufel, welche kein Geld
+hatten, um mit den lachenden Seldwylern den Frühschoppen zu trinken.
+Der Herr Präsident aber war ein Gastwirt, welcher vor Jahren schon
+falliert hatte und seither die Wirtschaft auf Rechnung seiner Frau
+fortbetrieb. Hierin wurde er von seinen Mitbürgern reichlich
+unterstützt, da er ganz ihr Mann war, das große Wort zu führen wußte
+und bei allen Händeln als ein erfahrener Wirt auf dem Posten war. Daß
+er aber in Amt und Würden stand und hier den Wahlen präsidierte,
+gehörte zu jenen Sünden der Seldwyler, die sich zeitweise so lange
+anhäuften, bis ihnen die Regierung mit einer Untersuchung auf den Leib
+rückte. Die Landleute wußten teilweise wohl, daß es nicht ganz richtig
+war mit diesem Präsidenten, allein sie waren viel zu langsam und zu
+häcklich, als daß sie etwas gegen ihn unternommen hätten, und so hatte
+er sich bereits in einem Handumdrehen mit seinen drei oder vier
+Mitbürgern das Geschäft des Tages zugeeignet, als Fritz ankam. Dieser,
+als er das Häuflein rechtlicher Landleute sah, freute sich, wenigstens
+nicht ganz allein da zu sein, und es fuhr plötzlich ein unternehmender
+Geist in ihn, daß er unversehens das Wort verlangte und gegen den
+Präsidenten protestierte, da derselbe falliert und bürgerlich tot sei.
+
+Dies war ein Donnerschlag aus heiterm Himmel. Der ansehnliche Gastwirt
+machte ein Gesicht, wie einer, der tausend Jahre begraben lag und
+wieder auferstanden ist; jedermann sah sich nach dem kühnen Redner um;
+aber die Sache war so kindlich einfach, daß auch nicht ein Laut
+dagegen ertönen konnte, in keiner Weise; nicht die leiseste Diskussion
+ließ sich eröffnen. Je unerhörter und unverhoffter das Ereignis war,
+um so begreiflicher und natürlicher erschien es jetzt, und je
+begreiflicher es erschien, um so zorniger und empörter waren die paar
+Seldwyler gerade über diese Begreiflichkeit, über sich selbst, über
+den jungen Amrain, über die heimtückische Trivialität der Welt, welche
+das Unscheinbarste und Naheliegendste ergreift, um Große zu stürzen
+und die Verhältnisse umzukehren. Der Herr Präsident Usurpator sagte
+nach einer minutenlangen Verblüffung, nach welcher er wieder so klug
+wie zu Anfang war, gar nichts, als: „Wenn--wenn man gegen meine Person
+Einwendungen--allerdings, ich werde mich nicht aufdringen, so ersuche
+ich die geehrte Versammlung, zu einer neuen Wahl des Präsidenten zu
+schreiten, und die Stimmenzähler, die betreffenden Stimmzettel
+auszuteilen."
+
+„Ihr habt überhaupt weder etwas vorzuschlagen hier, noch den
+Stimmenzählern etwas aufzutragen!" rief Fritz Amrain, und dem großen
+Magnaten und Gastwirt blieb nichts anderes übrig, als das Unerhörte
+abermals so begreiflich zu finden, daß es ans Triviale grenzte, und
+ohne ein Wort weiter zu sagen, verließ er die Kirche, gefolgt von dem
+bestürzten Nachtwächter und den andern Lumpen. Nur der Schreiber
+blieb, um das Protokoll weiterzuführen, und Fritz Amrain begab sich in
+dessen Nähe und sah ihm auf die Finger. Die Bauern aber erholten sich
+endlich aus ihrer Verwunderung und benutzten die Gelegenheit, das
+Wahlgeschäft rasch zu beendigen und statt der bisherigen zwei
+Mitglieder zwei tüchtige Männer aus ihrer Gegend zu wählen, die sie
+schon lange gerne im Rate gesehen, wenn die Seldwyler ihnen irgend
+Raum gegönnt hätten. Dies lag nun am wenigsten im Plane der
+nichterschienenen Seldwyler; denn sie hatten sich doch gedacht, daß
+ihr Präsident und der Nachtwächter unfehlbar die alten zwei Popanze
+wählen würden, wie es auch ausgemacht war in einer flüchtigen
+Viertelstunde in irgendeinem Hinterstübchen. Wie erstaunten sie daher,
+als sie nun, durch den heimgeschickten falschen Präsidenten
+aufgeschreckt, in hellen Haufen dahergerannt kamen und das Protokoll
+rechtskräftig geschlossen fanden samt dem Resultat. Ruhig lächelnd
+gingen die Landleute auseinander; Fritz Amrain aber, welcher nach
+seiner Behausung schritt, wurde von den Bürgern aufgebracht, verlegen
+und wild höhnisch betrachtet, mit halbem Blicke oder weit
+aufgesperrten Augen. Der eine rief ein abgebrochenes Ha! der andere
+ein Ho! Fritz fühlte, daß er jetzt zum ersten Male wirkliche Feinde
+habe, und zwar gefährlicher als jene, gegen welche er einst mit Blei
+und Pulver ausgezogen. Auch wußte er, da er so unerbittlich über einen
+Mann gerichtet, der zwanzig Jahre älter war als er, daß er sich nun
+doppelt wehren müsse, selber nicht in die Grube zu fallen, und so
+hatte das Leben nun wieder ein ganz anderes Gesicht für ihn, als noch
+vor kaum zwei Stunden. Mit ernsten Gedanken trat er in sein Haus und
+gedachte, um sich aufzuheitern, seine Mutter zu prüfen, ob ihr diese
+Wendung der Dinge auch genehm sei, da sie ihn allein veranlaßt hatte,
+sich in die Gefahr zu begeben.
+
+Allein da er den Hausflur betrat, kam ihm seine Mutter entgegen, fiel
+ihm weinend um den Hals und sagte nichts als: „Dein Vater ist
+wiedergekommen!" Da sie aber sah, daß ihn dieser Bericht noch
+verlegener und ungewisser machte, als sie selbst war, faßte sie sich,
+nachdem sie den Sohn an sich gedrückt, und sagte: „Nun, er soll uns
+nichts anhaben! Sei nur freundlich gegen ihn, wie es einem Kinde
+zukommt!" So hatten sich in der Tat die Dinge abermals verändert; noch
+vor wenig Augenblicken, da er auf der Straße ging, schien es ihm
+höchst bedenklich, sich eine ganze Stadt verfeindet zu wissen, und
+jetzt, was war dies Bedenken gegen die Lage, urplötzlich sich einem
+Vater gegenüberzusehen, den er nie gekannt, von dem er nur wußte, daß
+er ein eitler, wilder und leichtsinniger Mann war, der zudem die ganze
+Welt durchzogen während zwanzig Jahren und nun weiß der Himmel welch
+ein fremdartiger und erschrecklicher Kumpan sein mochte. „Wo kommt er
+denn her? Was will er, wie sieht er denn aus, was will er denn?" sagte
+Fritz, und die Mutter erwiderte: „Er scheint irgendein Glück gemacht
+und was erschnappt zu haben und nun kommt er mit Gebärden
+dahergefahren, als ob er uns in Gnaden auffressen wollte! Fremd und
+wild sieht er aus, aber er ist der Alte, das hab' ich gleich gesehen."
+Fritz war aber jetzt doch neugierig und ging festen Schrittes die
+Treppe hinauf und auf die Wohnstube zu, während die Mutter in die
+Küche huschte und auf einem andern Wege fast gleichzeitig in die Stube
+trat; denn das dünkte sie nun der beste Lohn und Triumph für alle
+Mühsal, zu sehen, wie ihrem Manne der eigne Sohn, den sie erzogen,
+entgegentrat. Als Fritz die Türe öffnete und eintrat, sah er einen
+großen schweren Mann am Tische sitzen, der ihm wohl er selbst zu sein
+schien, wenn er zwanzig Jahre älter wäre. Der Fremde war fein, aber
+unordentlich gekleidet, hatte etwas Ruhig-Trotziges in seinem Wesen
+und doch etwas Unstetes in seinem Blicke, als er jetzt aufstand und
+ganz erschrocken sein junges Ebenbild eintreten sah, hoch aufgerichtet
+und nicht um eine Linie kürzer als er selbst. Aber um das Haupt des
+Jungen wehten starke goldene Locken, und während sein Angesicht ebenso
+ruhig-trotzig dreinsah, wie das des Alten, errötete er bei aller Kraft
+doch in Unschuld und Bescheidenheit. Als der Alte ihn mit der
+verlegenen Unverschämtheit der Zerfahrenen ansah und sagte: „So wirst
+du also mein Sohn sein?" schlug der Junge die Augen nieder und sagte:
+„Ja, und Ihr seid also mein Vater? Es freut mich, Euch endlich zu
+sehen!" Dann schaute er neugierig empor und betrachtete gutmütig den
+Alten; als dieser aber ihm nun die Hand gab und die seinige mit einem
+prahlerischen Druck schüttelte, um ihm seine große Kraft und Gewalt
+anzukünden, erwiderte der Sohn unverweilt diesen Druck, so daß die
+Gewalt wie ein Blitz in den Arm des Alten zurückströmte und den ganzen
+Mann gelinde erschütterte. Als aber vollends der Junge nun mit ruhigem
+Anstand den Alten zu seinem Stuhle zurückführte und ihn mit
+freundlicher Bestimmtheit zu sitzen nötigte, da ward es dem
+Zurückgekehrten ganz wunderlich zumut, ein solch wohlgeratenes
+Ebenbild vor sich zu sehen, das er selbst und doch wieder ganz ein
+anderer war. Frau Regula sprach beinahe kein Wort und ergriff den
+klugen Ausweg, den Mann auf seine Weise zu ehren, indem sie ihn
+reichlich bewirtete und sich mit dem Vorweisen und Einschenken ihres
+besten Weines zu schaffen machte. Dadurch wurde seine Verlegenheit,
+als er so zwischen seiner Frau und seinem Sohne saß, etwas gemildert,
+und das Loben des guten Weines gab ihm Veranlassung, die Vermutung
+auszusprechen, daß es also mit ihnen gut stehen müsse, wie er zu
+seiner Befriedigung ersehe, was denn den besten Übergang gab zu der
+Auseinandersetzung ihrer Verhältnisse. Frau und Sohn suchten nun nicht
+ängstlich zurückzuhalten und heimlich zu tun, sondern sie legten ihm
+offen den Stand ihres Hauses und ihres Vermögens dar; Fritz holte die
+Bücher und Papiere herbei und wies ihm die Dinge mit solchem Verstand
+und Klarheit nach, daß er erstaunt die Augen aufsperrte über die gute
+Geschäftsführung und über die Wohlhabenheit seiner Familie. Indessen
+reckte er sich empor und sprach: „Da steht ihr ja herrlich im Zeuge
+und habt euch gut gehalten, was mir lieb ist. Ich komme aber auch
+nicht mit leeren Händen und habe mir einen Pfennig erworben, durch
+Fleiß und Rührigkeit!" Und er zog einige Wechselbriefe hervor, sowie
+einen mit Gold angefüllten Gurt, was er alles auf den Tisch warf, und
+es waren allerdings einige Tausend Gulden oder Taler. Allein er hatte
+sie nicht nach und nach erworben und verschwieg weislich, daß er diese
+Habe auf einmal durch irgendeinen Glücksfall erwischt, nachdem er sich
+lange genug ärmlich herumgetrieben in allen nordamerikanischen
+Staaten. „Dies wollen wir", sagte er, „nun sogleich in das Geschäft
+stecken und mit vereinten Kräften weiter schaffen; denn ich habe eine
+ordentliche Lust, hier, da es nun geht, wieder ans Zeug zu gehen und
+den Hunden etwas vorzuspielen, die mich damals fortgetrieben." Sein
+Sohn schenkte ihm aber ruhig ein anderes Glas Wein ein und sagte:
+„Vater, ich wollte Euch raten, daß Ihr vorderhand Euch ausruhet und es
+Euch wohl sein lasset. Eure Schulden sind längst bezahlt und so könnet
+Ihr Euer Geldchen gebrauchen, wie es Euch gutdünkt, und ohnedies soll
+es Euch an nichts bei uns fehlen! Was aber das Geschäft betrifft, so
+habe ich selbiges von Jugend auf gelernt und weiß nun, woran es lag,
+daß es Euch damals mißlang. Ich muß aber freie Hand darin haben, wenn
+es nicht abermals rückwärts gehen soll. Wenn es Euch Lust macht, hier
+und da ein wenig mitzuhelfen und Euch die Sache anzusehen, so ist es
+zu Eurem Zeitvertreib hinreichend, daß Ihr es tut. Wenn Ihr aber nicht
+nur mein Vater, sondern sogar ein Engel vom Himmel wäret, so würde ich
+Euch nicht zum förmlichen Anteilhaber annehmen, weil Ihr das Werk
+nicht gelernt habt und, verzeiht mir meine Unhöflichkeit, nicht
+versteht!" Der Alte wurde durch diese Rede höchst verstimmt und
+verlegen, wußte aber nichts darauf zu erwidern, da sie mit großer
+Entschiedenheit gesprochen war und er sah, daß sein Sohn wußte, was er
+wollte. Er packte seine Reichtümer zusammen und ging aus, sich in der
+Stadt umzusehen. Er trat in verschiedene Wirtshäuser; allein er fand
+da ein neues Geschlecht an der Tagesordnung und seine alten Genossen
+waren längst in die Dunkelheit verschwunden. Zudem hatte er in Amerika
+doch etwas andere Manieren bekommen. Er hatte sich gewöhnen müssen,
+sein Gläschen stehend zu trinken, um unverweilt dem Drange und der
+einsilbigen Jagd des Lebens wieder nachzugehen; er hatte ein tüchtiges
+rastloses Arbeiten wenigstens mit angesehen und sich unter den
+Amerikanern ein wenig abgerieben, so daß ihm diese ewige Sitzerei und
+Schwätzerei nun selbst nicht mehr zusagte. Er fühlte, daß er in seinem
+wohlbestellten Hause doch besser aufgehoben wäre, als in diesen
+Wirtshäusern, und kehrte unwillkürlich dahin zurück, ohne zu wissen,
+ob er dort bleiben oder wieder fortgehen solle? So ging er in die
+Stube, die man ihm eingeräumt; dort warf der alternde Mann seine
+Barschaft unmutig in einen Winkel, setzte sich rittlings auf einen
+Stuhl, senkte den großen betrübten Kopf auf die Lehne und fing ganz
+bitterlich an zu weinen. Da trat seine Frau herein, sah, daß er sich
+elend fühlte, und mußte sein Elend achten. Sowie sie aber wieder etwas
+an ihm achten konnte, kehrte ihre Liebe augenblicklich zurück. Sie
+sprach nicht mit ihm, blieb aber den übrigen Teil des Tages in der
+Kammer, ordnete erst dies und jenes zu seiner Bequemlichkeit und
+setzte sich endlich mit ihrem Strickzeug schweigend ans Fenster, indem
+sich erst nach und nach ein Gespräch zwischen den lange getrennten
+Eheleuten entwickelte. Was sie gesprochen, wäre schwer zu schildern,
+aber es ward beiden wohler zumut, und der alte Herr ließ sich von da
+an von seinem wohlerzogenen Sohne nachträglich noch ein bißchen
+erziehen und leiten ohne Widerrede und ohne daß der Sohn sich eine
+Unkindlichkeit zuschulden kommen ließ. Aber der seltsame Kursus
+dauerte nicht einmal sehr lange, und der Alte ward doch noch ein
+gelassener und zuverlässiger Teilnehmer an der Arbeit, mit manchen
+Ruhepunkten und kleinen Abschweifungen, aber ohne dem blühenden
+Hausstande Nachteile oder Unehre zu bringen. Sie lebten alle zufrieden
+und wohlbegütert und das Glück der Frau Regula Amrain wucherte so
+kräftig in diesem Hause, daß auch die zahlreichen Kinder des Fritz vor
+dem Untergang gesichert blieben. Sie selbst streckte sich, als sie
+starb, im Tode noch stolz aus, und noch nie ward ein so langer
+Frauensarg in die Kirche getragen und der eine so edle Leiche barg zu
+Seldwyla.
+
+* * * * *
+
+
+DIE DREI GERECHTEN KAMMACHER
+
+Die Leute von Seldwyla haben bewiesen, daß eine ganze Stadt von
+Ungerechten oder Leichtsinnigen zur Not fortbestehen kann im Wechsel
+der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kammacher aber, daß nicht drei
+Gerechte lang unter einem Dache leben können, ohne sich in die Haare
+zu geraten. Es ist hier aber nicht die himmlische Gerechtigkeit
+gemeint oder die natürliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens,
+sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Vaterunser die
+Bitte gestrichen hat: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir
+vergeben unsern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch
+keine ausstehen hat; welche niemandem zuleid lebt, aber auch niemandem
+zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und
+an der Arbeitstreue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche
+Gerechte werfen keine Laternen ein, aber sie zünden auch keine an und
+kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hantierung und
+eine ist ihnen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner
+Fährlichkeit verbunden ist; am liebsten siedeln sie sich dort an, wo
+recht viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie untereinander,
+wenn keine solche zwischen ihnen wären, würden sich bald abreiben, wie
+Mühlsteine, zwischen denen kein Korn liegt. Wenn diese ein Unglück
+betrifft, so sind sie höchst verwundert und jammern, als ob sie am
+Spieße stäken, da sie doch niemanden etwas zuleid getan haben; denn
+sie betrachten die Welt als eine große wohlgesicherte Polizeianstalt,
+wo keiner eine Kontraventionsbuße zu fürchten braucht, wenn er vor
+seiner Türe fleißig kehrt, keine Blumentöpfe unverwahrt vor das
+Fenster stellt und kein Wasser aus demselben gießt.
+
+Zu Seldwyl bestand ein Kammachergeschäft, dessen Inhaber
+gewohnterweise alle fünf bis sechs Jahre wechselten, obgleich es ein
+gutes Geschäft war, wenn es fleißig betrieben wurde; denn die Krämer,
+welche die umliegenden Jahrmärkte besuchten, holten da ihre Kammwaren.
+Außer den notwendigen Hornstriegeln aller Art wurden auch die
+wunderbarsten Schmuckkämme für die Dorfschönen und Dienstmägde
+verfertigt aus schönem, durchsichtigem Ochsenhorn, in welches die
+Kunst der Gesellen (denn die Meister arbeiteten nie) ein tüchtiges
+braunrotes Schildpattgewölke beizte, je nach ihrer Phantasie, so daß,
+wenn man die Kämme gegen das Licht hielt, man die herrlichsten
+Sonnenauf- und Niedergänge zu sehen glaubte, rote Schäfchenhimmel,
+Gewitterstürme und andere gesprenkelte Naturerscheinungen. Im Sommer,
+wenn die Gesellen gerne wanderten und rar waren, wurden sie mit
+Höflichkeit behandelt und bekamen guten Lohn und gutes Essen; im
+Winter aber, wenn sie ein Unterkommen suchten und häufig zu haben
+waren, mußten sie sich ducken, Kämme machen, was das Zeug halten
+wollte, für geringen Lohn; die Meisterin stellte einen Tag wie den
+andern eine Schüssel Sauerkraut auf den Tisch und der Meister sagte:
+„Das sind Fische!" Wenn dann ein Geselle zu sagen wagte: „Bitt' um
+Verzeihung, es ist Sauerkraut!" so bekam er auf der Stelle den
+Abschied und mußte wandern in den Winter hinaus. Sobald aber die
+Wiesen grün wurden und die Wege gangbar, sagten sie: „Es ist doch
+Sauerkraut!" und schnürten ihr Bündel. Denn wenn dann auch die
+Meisterin auf der Stelle einen Schinken auf das Kraut warf, und der
+Meister sagte: „Meiner Seel'! ich glaubte, es wären Fische! Nun, dies
+es ist doch gewiß ein Schinken!" so sehnten sie sich doch hinaus, da
+alle drei Gesellen in einem zweispännigen Bett schlafen mußten und
+sich den Winter durch herzlich satt bekamen wegen der Rippenstöße und
+erfrorenen Seiten.
+
+Einsmals aber kam ein ordentlicher und sanfter Geselle angereist aus
+irgendeinem der sächsischen Lande, der fügte sich in alles, arbeitete
+wie ein Tierlein und war nicht zu vertreiben, so daß er zuletzt ein
+bleibender Hausrat wurde in dem Geschäft und mehrmals den Meister
+wechseln sah, da es die Jahre her gerade etwas stürmischer herging als
+sonst. Jobst streckte sich in dem Bette so steif er konnte und
+behauptete seinen Platz zunächst der Wand Winter und Sommer; er nahm
+das Sauerkraut willig für Fische und im Frühjahr mit bescheidenem Dank
+ein Stückchen von dem Schinken. Den kleineren Lohn legte er so gut zur
+Seite, wie den größeren; denn er gab nichts aus, sondern sparte sich
+alles auf. Er lebte nicht wie andere Handwerksgesellen, trank nie
+einen Schoppen, verkehrte mit keinem Landsmann noch mit anderen jungen
+Gesellen, sondern stellte sich des Abends unter die Haustüre und
+schäkerte mit den alten Weibern, hob ihnen die Wassereimer auf den
+Kopf, wenn er besonders freigebiger Laune war, und ging mit den
+Hühnern zu Bett, wenn nicht reichliche Arbeit da war, daß er für
+besondere Rechnung die Nacht durcharbeiten konnte. Am Sonntag
+arbeitete er ebenfalls bis in den Nachmittag hinein, und wenn es das
+herrlichste Wetter war; man denke aber nicht, daß er dies mit Frohsinn
+und Vergnügen tat, wie Johann der muntere Seifensieder; vielmehr war
+er bei dieser freiwilligen Mühe niedergeschlagen und beklagte sich
+fortwährend über die Mühseligkeit des Lebens. War dann der
+Sonntagnachmittag gekommen, so ging er in seinem Arbeitsschmutz und in
+den klappernden Pantoffeln über die Gasse und holte sich bei der
+Wäscherin das frische Hemd und das geglättete Vorhemdchen, den
+Vatermörder oder das bessere Schnupftuch, und trug diese
+Herrlichkeiten auf der flachen Hand mit elegantem Gesellenschritt vor
+sich her nach Hause. Denn im Arbeitsschurz und in den Schlappschuhen
+beobachten manche Gesellen immer einen eigentümlich gezierten Gang,
+als ob sie in höheren Sphären schwebten, besonders die gebildeten
+Buchbinder, die lustigen Schuhmacher und die seltenen sonderbaren
+Kammacher. In seiner Kammer bedachte sich Jobst aber noch wohl, ob er
+das Hemd oder das Vorhemdchen auch wirklich anziehen wolle, denn er
+war bei aller Sanftmut und Gerechtigkeit ein kleiner Schweinigel, oder
+ob es die alte Wäsche noch für eine Woche tun müsse und er bei Hause
+bleiben und noch ein bißchen arbeiten wolle. In diesem Falle setzte er
+sich mit einem Seufzer über die Schwierigkeit und Mühsal der Welt von
+neuem dahinter und schnitt verdrossen seine Zähne in die Kämme oder er
+wandelte das Horn in Schildkrötschalen um, wobei er aber so nüchtern
+und phantasielos verfuhr, daß er immer die gleichen drei trostlosen
+Kleckse darauf schmierte; denn wenn es nicht unzweifelhaft
+vorgeschrieben war, so wandte er nicht die kleinste Mühe an eine
+Sache. Entschloß er sich aber zu einem Spaziergang, so putzte er sich
+eine oder zwei Stunden lang peinlich heraus, nahm sein
+Spazierstöckchen und wandelte steif ein wenig vors Tor, wo er demütig
+und langweilig herumstand und langweilige Gespräche führte mit andern
+Herumständern, die auch nichts Besseres zu tun wußten, etwa alte arme
+Seldwyler, welche nicht mehr ins Wirtshaus gehen konnten. Mit solchen
+stellte er sich dann gern vor ein im Bau begriffenes Haus, vor ein
+Saatfeld, vor einen wetterbeschädigten Apfelbaum oder vor eine neue
+Zwirnfabrik und tüftelte auf das angelegentlichste über diese Dinge,
+deren Zweckmäßigkeit und den Kostenpunkt, über die Jahrshoffnungen und
+den Stand der Feldfrüchte, von was allem er nicht den Teufel verstand.
+Es war ihm auch nicht darum zu tun; aber die Zeit verging ihm so auf
+die billigste und kurzweiligste Weise nach seiner Art und die alten
+Leute nannten ihn nur den artigen und vernünftigen Sachsen, denn sie
+verstanden auch nichts. Als die Seldwyler eine große Aktienbrauerei
+anlegten, von der sie sich ein gewaltiges Leben versprachen, und die
+weitläufigen Fundamente aus dem Boden ragten, stöckerte er manchen
+Sonntagabend darin herum, mit Kennerblicken und mit dem scheinbar
+lebendigsten Interesse die Fortschritte des Baues untersuchend, wie
+wenn er ein alter Bauverständiger und der größte Biertrinker wäre.
+„Aber nein!" rief er einmal um das andere, „des is ein fameses Wergg!
+Des gibt eine großartigte Anstalt! Aber Geld kosten duht's, na das
+Geld! Aber schade, hier mißte mir des Gewehlbe doch en bißgen diefer
+sein und die Mauer um eine Idee stärger!" Bei alledem dachte er sich
+gar nichts, als daß er noch rechtzeitig zum Abendessen wolle, eh' es
+dunkel werde; denn dieses war der einzige Tort, den er seiner Frau
+Meisterin antat, daß er nie das Abendbrot versäumte am Sonntag, wie
+etwa die anderen Gesellen, sondern daß sie seinetwegen allein zu Hause
+bleiben oder sonstwie Bedacht auf ihn nehmen mußte. Hatte er sein
+Stückchen Braten oder Wurst versorgt, so wurmisierte er noch ein
+Weilchen in der Kammer herum und ging dann zu Bett; dies war dann ein
+vergnügter Sonntag für ihn gewesen.
+
+Bei all diesem anspruchlosen, sanften und ehrbaren Wesen ging ihm aber
+nicht ein leiser Zug von innerlicher Ironie ab, wie wenn er sich
+heimlich über die Leichtsinnigkeit und Eitelkeit der Welt lustig
+machte, und er schien die Größe und Erheblichkeit der Dinge nicht
+undeutlich zu bezweifeln und sich eines viel tieferen Gedankenplanes
+bewußt zu sein. In der Tat machte er auch zuweilen ein so kluges
+Gesicht, besonders wenn er die sachverständigen sonntäglichen Reden
+führte, daß man ihm wohl ansah, wie er heimlich viel wichtigere Dinge
+im Sinne trage, wogegen alles, was andere unternahmen, bauten und
+aufrichteten, nur ein Kinderspiel wäre. Der große Plan, welchen er Tag
+und Nacht mit sich herumtrug und welcher sein stiller Leitstern war
+die ganzen Jahre lang, während er in Seldwyl Geselle war, bestand
+darin, sich so lange seinen Arbeitslohn aufzusparen, bis er hinreiche,
+eines schönen Morgens das Geschäft, wenn es gerade vakant würde,
+anzukaufen und ihn selbst zum Inhaber und Meister zu machen. Dies lag
+all seinem Tun und Trachten zugrunde, da er wohl bemerkt hatte, wie
+ein fleißiger und sparsamer Mann allhier wohl gedeihen müßte, ein
+Mann, welcher seinen eigenen stillen Weg ginge und von der
+Sorglosigkeit der andern nur den Nutzen, aber nicht die Nachteile zu
+ziehen wüßte. Wenn er aber erst Meister wäre, dann wollte er bald so
+viel erworben haben, um sich auch einzubürgern, und dann erst gedachte
+er so klug und zweckmäßig zu leben, wie noch nie ein Bürger in
+Seldwyl, sich um gar nichts zu kümmern, was nicht seinen Wohlstand
+mehre, nicht einen Deut auszugeben, aber deren so viele als möglich an
+sich zu ziehen in dem leichtsinnigen Strudel dieser Stadt. Dieser Plan
+war ebenso einfach als richtig und begreiflich, besonders da er ihn
+auch ganz gut und ausdauernd durchführte; denn er hatte schon ein
+hübsches Sümmchen zurückgelegt, welches er sorgfältig verwahrte und
+sicherer Berechnung nach mit der Zeit groß genug werden mußte zur
+Erreichung dieses Zieles. Aber das Unmenschliche an diesem so stillen
+und friedfertigen Plane war nur, daß Jobst ihn überhaupt gefaßt hatte;
+denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in Seldwyla zu bleiben,
+weder eine Vorliebe für die Gegend, noch für die Leute, weder für die
+politische Verfassung dieses Landes, noch für seine Sitten. Dies alles
+war ihm so gleichgültig, wie seine eigene Heimat, nach welcher er sich
+gar nicht zurücksehnte; an hundert Orten in der Welt konnte er sich
+mit seinem Fleiß und mit seiner Gerechtigkeit ebensowohl festhalten,
+wie hier; aber er hatte keine freie Wahl und ergriff in seinem öden
+Sinne die erste zufällige Hoffnungsfaser, die sich ihm bot, um sich
+daran zu hängen und sich daran groß zu saugen. Wo es mir wohl geht, da
+ist mein Vaterland! heißt es sonst und dieses Sprichwort soll
+unangetastet bleiben für diejenigen, welche auch wirklich eine bessere
+und notwendige Ursache ihres Wohlergehens im neuen Vaterlande haben,
+welche in freiem Entschlusse in die Welt hinausgegangen, um sich
+rüstig einen Vorteil zu erringen und als geborgene Leute
+zurückzukehren, oder welche einem unwohnlichen Zustande in Scharen
+entfliehen und, dem Zuge der Zeit gehorchend, die neue Völkerwanderung
+über die Meere mitwandern; oder welche irgendwo treuere Freunde
+gefunden haben als daheim, oder ihren eigensten Neigungen mehr
+entsprechende Verhältnisse oder durch irgendein schöneres menschliches
+Band festgebunden werden. Aber auch das neue Land ihres Wohlergehens
+werden alle diese wenigstens lieben müssen, wo sie immerhin sind, und
+auch da zur Not einen Menschen vorstellen. Aber Jobst wußte kaum, wo
+er war; die Einrichtungen und Gebräuche der Schweizer waren ihm
+unverständlich, und er sagte bloß zuweilen: „Ja, ja, die Schweizer
+sind politische Leute! Es ist gewißlich, wie ich glaube, eine schöne
+Sache um die Politik, wenn man Liebhaber davon ist! Ich für meinen
+Teil bin kein Kenner davon, wo ich zu Haus bin, da ist es nicht der
+Brauch gewesen." Die Sitten der Seldwyler waren ihm zuwider und
+machten ihn ängstlich, und wenn sie einen Tumult oder Zug vorhatten,
+hockte er zitternd zu hinterst in der Werkstatt und fürchtete Mord und
+Totschlag. Und dennoch war es sein einziges Denken und sein großes
+Geheimnis, hier zu bleiben bis an das Ende seiner Tage. Auf alle
+Punkte der Erde sind solche Gerechte hingestreut, die aus keinem
+anderen Grunde sich dahin verkrümelten, als weil sie zufällig an ein
+Saugeröhrchen des guten Auskommens gerieten, und sie saugen still
+daran ohne Heimweh nach dem alten, ohne Liebe zu dem neuen Lande, ohne
+einen Blick in die Weite und ohne einen für die Nähe, und gleichen
+daher weniger dem freien Menschen, als jenen niederen Organismen,
+wunderlichen Tierchen und Pflanzensamen, die durch Luft und Wasser an
+die zufällige Stätte ihres Gedeihens getragen worden.
+
+So lebte er ein Jährchen um das andere in Seldwyla und äufnete seinen
+heimlichen Schatz, welchen er unter einer Fliese seines Kammerbodens
+vergraben hielt. Noch konnte sich kein Schneider rühmen, einen Batzen
+an ihm verdient zu haben, denn noch war der Sonntagsrock, mit dem er
+angereist, im gleichen Zustande wie damals. Noch hatte kein Schuster
+einen Pfennig von ihm gelöst, denn noch waren nicht einmal die
+Stiefelsohlen durchgelaufen, die bei seiner Ankunft das Äußere seines
+Felleisens geziert; denn das Jahr hat nur zweiundfünfzig Sonntage, und
+von diesen wurde nur die Hälfte zu einem kleinen Spaziergange
+verwandt. Niemand konnte sich rühmen, je ein kleines oder großes Stück
+Geld in seiner Hand gesehen zu haben; denn wenn er seinen Lohn
+empfing, verschwand dieser auf der Stelle auf die geheimnisvollste
+Weise, und selbst wenn er vor das Tor ging, steckte er nicht einen
+Deut zu sich, so daß es ihm gar nicht möglich war, etwas auszugeben.
+Wenn Weiber mit Kirschen, Pflaumen oder Birnen in die Werkstatt kamen
+und die anderen Arbeiter ihre Gelüste befriedigten, hatte er auch
+tausend und ein Gelüste, welche er dadurch zu beruhigen wußte, daß er
+mit der größten Aufmerksamkeit die Verhandlung mit führte, die
+hübschen Kirschen und Pflaumen streichelte und betastete und zuletzt
+die Weiber, welche ihn für den eifrigsten Käufer genommen, verblüfft
+abziehen ließ, sich seiner Enthaltsamkeit freuend; und mit zufriedenem
+Vergnügen, mit tausend kleinen Ratschlägen, wie sie die gekauften
+Äpfel braten oder schälen sollten, sah er seine Mitgesellen essen.
+Aber so wenig jemand eine Münze von ihm zu besehen kriegte,
+ebensowenig erhielt jemand von ihm je ein barsches Wort, eine
+unbillige Zumutung oder ein schiefes Gesicht; er wich vielmehr allen
+Händeln auf das sorgfältigste aus und nahm keinen Scherz übel, den man
+sich mit ihm erlaubte; und so neugierig er war, den Verlauf von
+allerlei Klatschereien und Streitigkeiten zu betrachten und zu
+beurteilen, da solche jederzeit einen kostenfreien Zeitvertreib
+gewährten, während andere Gesellen ihren rohen Gelagen nachgingen, so
+hütete er sich wohl, sich in etwas zu mischen und über einer
+Unvorsichtigkeit betreffen zu lassen. Kurz, er war die merkwürdigste
+Mischung von wahrhaft heroischer Weisheit und Ausdauer und von sanfter
+schnöder Herz- und Gefühllosigkeit.
+
+Einst war er schon seit vielen Wochen der einzige Geselle in dem
+Geschäft und es ging ihm so wohl in dieser Ungestörtheit wie einem
+Fisch im Wasser. Besonders des Nachts freute er sich des breiten
+Raumes im Bette und benutzte sehr ökonomisch diese schöne Zeit, sich
+für die kommenden Tage zu entschädigen und seine Person gleichsam zu
+verdreifachen, indem er unaufhörlich die Lage wechselte und sich
+vorstellte, als ob drei zumal im Bette lägen, von denen zwei den
+Dritten ersuchten, sich doch nicht zu genieren und es sich bequem zu
+machen. Dieser Dritte war er selbst und er wickelte sich auf die
+Einladung hin wollüstig in die ganze Decke oder spreizte die Beine
+weit auseinander, legte sich quer über das Bett oder schlug in
+harmloser Lust Purzelbäume darin. Eines Tages aber, als er noch beim
+Abendscheine schon im Bette lag, kam unverhofft noch ein fremder
+Geselle zugesprochen und wurde von der Meisterin in die Schlafkammer
+gewiesen. Jobst lag eben in wohligem Behagen mit dem Kopfe am Fußende
+und mit den Füßen auf den Pfülmen, als der Fremde eintrat, sein
+schweres Felleisen abstellte und unverweilt anfing, sich auszuziehen,
+da er müde war. Jobst schnellte blitzschnell herum und streckte sich
+steif an seinen ursprünglichen Platz an der Wand, und er dachte: „Der
+wird bald wieder ausreißen, da es Sommer ist und lieblich zu wandern!"
+In dieser Hoffnung ergab er sich mit stillen Seufzern in sein
+Schicksal und war der nächtlichen Rippenstöße und des Streites um die
+Decke gewärtig, die es nun absetzen würde. Aber wie erstaunt war er,
+als der Neuangekommene, obgleich es ein Bayer war, sich mit höflichem
+Gruße zu ihm ins Bett legte, sich ebenso friedlich und manierlich, wie
+er selbst, am andern Ende des Bettes verhielt und ihn während der
+ganzen Nacht nicht im mindesten belästigte. Dies unerhörte Abenteuer
+brachte ihn so um alle Ruhe, daß er, während der Bayer wohlgemut
+schlief, diese Nacht kein Auge zutat. Am Morgen betrachtete er den
+wundersamen Schlafgefährten mit äußerst aufmerksamen Mienen und sah,
+daß es ein ebenfalls nicht mehr junger Geselle war, der sich mit
+anständigen Worten nach den Umständen und dem Leben hier erkundigte,
+ganz in der Weise, wie er es etwa selbst getan haben würde. Sobald er
+dies nur bemerkte, hielt er an sich und verschwieg die einfachsten
+Dinge, wie ein großes Geheimnis, trachtete aber dagegen das Geheimnis
+des Bayers zu ergründen; denn daß derselbe ebenfalls eines besaß, war
+ihm von weitem anzusehen; wozu sollte er sonst ein so verständiger,
+sanftmütiger und gewiegter Mensch sein, wenn er nicht irgend etwas
+Heimliches, sehr Vorteilhaftes vorhatte? Nun suchten sie sich
+gegenseitig die Würmer aus der Nase zu ziehen, mit der größten
+Vorsicht und Friedfertigkeit, in halben Worten und auf anmutigen
+Umwegen. Keiner gab eine vernünftige klare Antwort und doch wußte nach
+Verlauf einiger Stunden jeder, daß der andere nichts mehr oder minder
+als sein vollkommener Doppelgänger sei. Als im Laufe des Tages
+Fridolin, der Bayer, mehrmals nach der Kammer lief und sich dort zu
+schaffen machte, nahm Jobst die Gelegenheit wahr, auch einmal
+hinzuschleichen, als jener bei der Arbeit saß, und durchmusterte im
+Fluge die Habseligkeiten Fridolins; er entdeckte aber nichts weiter,
+als fast die gleichen Siebensächelchen, die er selbst besaß, bis auf
+die hölzerne Nadelbüchse, welche aber hier einen Fisch vorstellte,
+während Jobst scherzhafterweise ein kleines Wickelkindchen besaß, und
+statt einer zerrissenen französischen Sprachlehre für das Volk, welche
+Jobst bisweilen durchblätterte, war bei dem Bayer ein gut gebundenes
+Büchlein zu finden, betitelt: Die kalte und warme Küpe, ein
+unentbehrliches Handbuch für Blaufärber. Darin war aber mit Bleistift
+geschrieben: Unterfand für die 3 Kreizer, welche ich dem Nassauer
+geborgt. Hieraus schloß er, daß es ein Mann war, der das Seinige
+zusammenhielt, und spähete unwillkürlich am Boden herum, und bald
+entdeckte er eine Fliese, die ihm gerade so vorkam, als ob sie
+kürzlich herausgenommen wäre, und unter derselben lag auch richtig ein
+Schatz in ein altes halbes Schnupftuch und mit Zwirn umwickelt, fast
+ganz so schwer wie der seinige, welcher zum Unterschied in einem
+zugebundenen Socken steckte. Zitternd drückte er die Backsteinplatte
+wieder zurecht, zitternd aus Aufregung und Bewunderung der fremden
+Größe und aus tiefer Sorge um sein Geheimnis. Stracks lief er hinunter
+in die Werkstatt und arbeitete, als ob es gelte, die Welt mit Kämmen
+zu versehen, und der Bayer arbeitete, als ob der Himmel noch dazu
+gekämmt werden müßte. Die nächsten acht Tage bestätigten durchaus
+diese erste gegenseitige Auffassung; denn war Jobst fleißig und
+genügsam, so war Fridolin tätig und enthaltsam mit den gleichen
+bedenklichen Seufzern über das Schwierige solcher Tugend; war aber
+Jobst heiter und weise, so zeigte sich Fridolin spaßhaft und klug; war
+jener bescheiden, so war dieser demütig, jener schlau und ironisch,
+dieser durchtrieben und beinahe satirisch, und machte Jobst ein
+friedlich einfältiges Gesicht zu einer Sache, die ihn ängstigte, so
+sah Fridolin unübertrefflich wie ein Esel aus. Es war nicht sowohl ein
+Wettkampf, als die Übung wohlbewußter Meisterschaft, die sie beseelte,
+wobei keiner verschmähte, sich den andern zum Vorbild zu nehmen und
+ihm die feinsten Züge eines vollkommenen Lebenswandels, die ihm etwa
+noch fehlten, nachzuahmen. Sie sahen sogar so einträchtig und
+verständnisinnig aus, daß sie eine gemeinsame Sache zu machen
+schienen, und glichen so zwei tüchtigen Helden, die sich ritterlich
+vertragen und gegenseitig stählen, ehe sie sich befehden. Aber nach
+kaum acht Tagen kam abermals einer zugereist, ein Schwabe, namens
+Dietrich, worüber die beiden eine stillschweigende Freude empfanden,
+wie über einen lustigen Maßstab, an welchem ihre stille Größe sich
+messen konnte, und sie gedachten das arme Schwäbchen, welches gewiß
+ein rechter Taugenichts war, in die Mitte zwischen ihre Tugenden zu
+nehmen, wie zwei Löwen ein Äffchen, mit dem sie spielen.
+
+Aber wer beschreibt ihr Erstaunen, als der Schwabe sich gerade so
+benahm, wie sie selbst, und sich die Erkennung, die zwischen ihnen
+vorgegangen, noch einmal wiederholte zu dritt, wodurch sie nicht nur
+dem Dritten gegenüber in eine unverhoffte Stellung gerieten, sondern
+sie selbst unter sich in eine ganz veränderte Lage kamen.
+
+Schon als sie ihn im Bette zwischen sich nahmen, zeigte sich der
+Schwabe als vollkommen ebenbürtig und lag wie ein Schwefelholz so
+strack und ruhig, so daß immer noch ein bißchen Raum zwischen jedem
+der Gesellen blieb und das Deckbett auf ihnen lag, wie ein Papier auf
+drei Heringen. Die Lage wurde nun ernster, und indem alle drei
+gleichmäßig sich gegenüberstanden, wie die Winkel eines gleichseitigen
+Dreiecks, und kein vertrauliches Verhältnis mehr zwischen zweien
+möglich war, kein Waffenstillstand oder anmutiger Wettstreit, waren
+sie allen Ernstes beflissen, einander aus dem Bett und dem Haus hinaus
+zu dulden. Als der Meister sah, daß diese drei Käuze sich alles
+gefallen ließen, um nur dazubleiben, brach er ihnen am Lohn ab und gab
+ihnen geringere Kost; aber desto fleißiger arbeiteten sie und setzten
+ihn in den Stand, große Vorräte von billigen Waren in Umlauf zu
+bringen und vermehrten Bestellungen zu genügen, also daß er ein
+Heidengeld durch die stillen Gesellen verdiente und eine wahre
+Goldgrube an ihnen besaß. Er schnallte sich den Gurt um einige XXX
+Löcher weiter und spielte eine große Rolle in der Stadt, während die
+törichten Arbeiter in der dunklen Werkstatt Tag und Nacht sich
+abmühten und sich gegenseitig hinausarbeiten wollten. Dietrich, der
+Schwabe, welcher der jüngste war, erwies sich als ganz vom gleichen
+Holze geschnitten, wie die zwei andern, nur besaß er noch keine
+Ersparnis, denn er war noch zu wenig gereist. Dies wäre ein
+bedenklicher Umstand für ihn gewesen, da Jobst und Fridolin einen zu
+großen Vorsprung gewannen, wenn er nicht als ein erfindungsreiches
+Schwäblein eine neue Zaubermacht heraufbeschworen hätte, um den
+Vorteil der andern aufzuwiegen. Da sein Gemüt nämlich von jeglicher
+Leidenschaft frei war, so frei wie dasjenige seiner Nebengesellen,
+außer von der Leidenschaft, gerade hier und nirgends anders sich
+anzusiedeln und den Vorteil wahrzunehmen, so erfand er den Gedanken,
+sich zu verlieben und um die Hand einer Person zu werben, welche
+ungefähr so viel besaß, als der Sachse und der Bayer unter den Fliesen
+liegen hatten. Es gehörte zu den besseren Eigentümlichkeiten der
+Seldwyler, daß sie um einiger Mittel willen keine häßlichen oder
+unliebenswürdigen Frauen nahmen; in große Versuchung gerieten sie
+ohnehin nicht, da es in ihrer Stadt keine reichen Erbinnen gab, weder
+schöne noch unschöne, und so behaupteten sie wenigstens die
+Tapferkeit, auch die kleineren Brocken zu verschmähen und sich lieber
+mit lustigen und hübschen Wesen zu verbinden, mit welchen sie einige
+Jahre Staat machen konnten. Daher wurde es dem ausspähenden Schwaben
+nicht schwer, sich den Weg zu einer tugendhaften Jungfrau zu bahnen,
+welche in derselben Straße wohnte und von der er, im klugen Gespräche
+mit alten Weibern, in Erfahrung gebracht, daß sie einen Gültbrief von
+siebenhundert Gulden ihr Eigentum nenne. Dies war Züs Bünzlin, eine
+Tochter von achtundzwanzig Jahren, welche mit ihrer Mutter, der
+Wäscherin, zusammenlebte, aber über jenes väterliche Erbteil
+unbeschränkt herrschte. Sie hatte den Brief in einer kleinen
+lackierten Lade liegen, wo sie auch die Zinsen davon, ihren
+Taufzettel, ihren Konfirmationsschein und ein bemaltes und vergoldetes
+Osterei bewahrte; ferner ein halbes Dutzend silberne Teelöffel, ein
+Vaterunser mit Gold auf einen roten durchsichtigen Glasstoff gedruckt,
+den sie Menschenhaut nannte, einen Kirschkern, in welchen das Leiden
+Christi geschnitten war, und eine Büchse aus durchbrochenem und mit
+rotem Taft unterlegtem Elfenbein, in welcher ein Spiegelchen war und
+ein silberner Fingerhut; ferner war darin ein anderer Kirschkern, in
+welchem ein winziges Kegelspiel klapperte, eine Nuß, worin eine kleine
+Muttergottes hinter Glas lag, wenn man sie öffnete, ein silbernes
+Herz, worin ein Riechschwämmchen steckte, und eine Bonbonbüchse aus
+Zitronenschale, auf deren Deckel eine Erdbeere gemalt war, und in
+welcher eine goldene Stecknadel auf Baumwolle lag, die ein
+Vergißmeinnicht vorstellte, und ein Medaillon mit einem Monument von
+Haaren; ferner ein Bündel vergilbter Papiere mit Rezepten und
+Geheimnissen, ein Fläschchen mit Hoffmannstropfen, ein anderes mit
+Kölnischem Wasser und eine Büchse mit Moschus; eine andere, worin ein
+Endchen Marderdreck lag, und ein Körbchen, aus wohlriechenden Halmen
+geflochten, sowie eines, aus Glasperlen und Gewürznägelein
+zusammengesetzt; endlich ein kleines Buch, in himmelblaues geripptes
+Papier gebunden mit silbernem Schnitt, betitelt: Goldene Lebensregeln
+für die Jungfrau als Braut, Gattin und Mutter; und ein Traumbüchlein,
+ein Briefsteller, fünf oder sechs Liebesbriefe und ein Schnepper zum
+Aderlassen; denn einst hatte sie ein Verhältnis mit einem
+Barbiergesellen oder Chirurgiegehilfen gepflogen, welchen sie zu
+ehelichen gedachte; und da sie eine geschickte und überaus verständige
+Person war, so hatte sie von ihrem Liebhaber gelernt, die Ader zu
+schlagen, Blutegel und Schröpfköpfe anzusetzen und dergleichen mehr
+und konnte ihn selbst sogar schon rasieren. Allein er hatte sich als
+ein unwürdiger Mensch gezeigt, bei welchem leichtlich ihr ganzes
+Lebensglück aufs Spiel gesetzt war, und so hatte sie mit trauriger,
+aber weiser Entschlossenheit das Verhältnis gelöst. Die Geschenke
+wurden von beiden Seiten zurückgegeben mit Ausnahme des Schneppers;
+diesen vorenthielt sie als ein Unterpfand für einen Gulden und
+achtundvierzig Kreuzer, welche sie ihm einst bar geliehen; der
+Unwürdige behauptete aber, solche nicht schuldig zu sein, da sie das
+Geld ihm bei Gelegenheit eines Balles in die Hand gegeben, um die
+Auslagen zu bestreiten, und sie hätte zweimal soviel verzehrt als er.
+So behielt er den Gulden und die achtundvierzig Kreuzer und sie den
+Schnepper, mit welchem sie unter der Hand allen Frauen ihrer
+Bekanntschaft Ader ließ und manchen schönen Batzen verdiente. Aber
+jedesmal, wenn sie das Instrument gebrauchte, mußte sie mit Schmerzen
+der niedrigen Gesinnungsart dessen gedenken, der ihr so nahegestanden
+und beinahe ihr Gemahl geworden wäre!
+
+Dies alles war in der lackierten Lade enthalten, wohlverschlossen, und
+diese war wiederum in einem alten Nußbaumschrank aufgehoben, dessen
+Schlüssel die Züs Bünzlin allfort in der Tasche trug. Die Person
+selbst hatte dünne rötliche Haare und wasserblaue Augen, welche nicht
+ohne Reiz waren und zuweilen sanft und weise zu blicken wußten; sie
+besaß eine große Menge Kleider, von denen sie nur wenige und stets die
+ältesten trug, aber immer war sie sorgsam und reinlich angezogen, und
+ebenso sauber und aufgeräumt sah es in der Stube aus. Sie war sehr
+fleißig und half ihrer Mutter bei ihrer Wäscherei, indem sie die
+feineren Sachen plättete und die Hauben und Manschetten der
+Seldwylerinnen wusch, womit sie einen schönen Pfennig gewann; von
+dieser Tätigkeit mochte es auch kommen, daß sie allwöchentlich die
+Tage hindurch, wo gewaschen wurde, jene strenge und gemessene Stimmung
+innehielt, welche die Weiber immer während einer Wäsche befällt, und
+daß diese Stimmung sich in ihr festsetzte ein für allemal an diesen
+Tagen; erst wenn das Glätten anging, griff eine größere Heiterkeit
+Platz, welche bei Züsi aber jederzeit mit Weisheit gewürzt war. Den
+gemessenen Geist beurkundete auch die Hauptzierde der Wohnung, ein
+Kranz von viereckigen, genau abgezirkelten Seifenstücken, welche rings
+auf das Gesimse des Tannengetäfels gelegt waren zum Hartwerden, behufs
+besserer Nutznießung. Diese Stücke zirkelte ab und schnitt aus den
+frischen Tafeln mittelst eines Messingdrahtes jederzeit Züs selbst.
+Der Draht hatte zwei Querhölzchen an den Enden zum bequemen Anfassen
+und Durchschneiden der weichen Seife; einen schönen Zirkel aber zum
+Einteilen hatte ihr ein Zeugschmiedgesell verfertigt und geschenkt,
+mit welchem sie einst so gut wie versprochen war. Von demselben rührte
+auch ein blanker kleiner Gewürzmörser her, welcher das Gesimse ihres
+Schrankes zierte zwischen der blauen Teekanne und dem bemalten
+Blumenglas; schon lange war ein solches artiges Mörserchen ihr Wunsch
+gewesen, und der aufmerksame Zeugschmied kam daher wie gerufen, als er
+an ihrem Namenstage damit erschien und auch was zum Stoßen mitbrachte:
+eine Schachtel voll Zimmet, Zucker, Nägelein und Pfeffer. Den Mörser
+hing er dazumal vor der Stubentüre, ehe er eintrat, mit dem einen
+Henkel an den kleinen Finger, und hub mit dem Stößel ein schönes
+Geläute an, wie mit einer Glocke, so daß es ein fröhlicher Morgen
+ward. Aber kurz darauf entfloh der falsche Mensch aus der Gegend und
+ließ nie wieder von sich hören. Sein Meister verlangte obenein noch
+den Mörser zurück, da der Entflohene ihn seinem Laden entnommen, aber
+nicht bezahlt habe. Aber Züs Bünzlin gab das werte Andenken nicht
+heraus, sondern führte einen tapfern und heftigen kleinen Prozeß
+darum, den sie selbst vor Gericht verteidigte auf Grundlage einer
+Rechnung für gewaschene Vorhemden des Entwichenen. Dies waren, als sie
+den Streit um den Mörser führen mußte, die bedeutsamsten und
+schmerzhaftesten Tage ihres Lebens, da sie mit ihrem tiefen Verstande
+die Dinge und besonders das Erscheinen vor Gericht um solch zarter
+Sache willen viel lebendiger begriff und empfand als andere leichtere
+Leute. Doch erstritt sie den Sieg und behielt den Mörser.
+
+Wenn aber die zierliche Seifengalerie ihre Werktätigkeit und ihren
+exakten Sinn verkündete, so pries nicht minder ihren erbaulichen und
+geschulten Geist ein Häufchen unterschiedlicher Bücher, welches am
+Fenster ordentlich aufgeschichtet lag und in denen sie des Sonntags
+fleißig las. Sie besaß noch alle ihre Schulbücher seit vielen Jahren
+her und hatte auch nicht eines verloren, sowie sie auch noch die ganze
+kleine Gelehrsamkeit im Gedächtnis trug, und sie wußte noch den
+Katechismus auswendig wie das Deklinierbuch, das Rechenbuch wie das
+Geographiebuch, die biblische Geschichte und die weltlichen
+Lesebücher; auch besaß sie einige der hübschen Geschichten von
+Christoph Schmid und dessen kleine Erzählungen mit den artigen
+Spruchversen am Ende, wenigstens ein halbes Dutzend verschiedene
+Schatzkästlein und Rosengärtchen zum Aufschlagen, eine Sammlung
+Kalender voll bewährter mannigfacher Erfahrung und Weisheit, einige
+merkwürdige Prophezeiungen, eine Anleitung zum Kartenschlagen, ein
+Erbauungsbuch auf alle Tage des Jahres für denkende Jungfrauen und ein
+altes Exemplar von Schillers Räubern, welches sie so oft las, als sie
+glaubte es genugsam vergessen zu haben, und jedesmal wurde sie von
+neuem gerührt, hielt aber sehr verständige und sichtende Reden
+darüber. Alles, was in diesen Büchern stand, hatte sie auch im Kopfe
+und wußte auf das schönste darüber und über noch viel mehr zu
+sprechen. Wenn sie zufrieden und nicht zu sehr beschäftigt war, so
+ertönten unaufhörliche Reden aus ihrem Munde und alle Dinge wußte sie
+heimzuweisen und zu beurteilen, und jung und alt, hoch und niedrig,
+gelehrt und ungelehrt mußte von ihr lernen und sich ihrem Urteile
+unterziehen, wenn sie lächelnd oder sinnig erst ein Weilchen
+aufgemerkt hatte, worum es sich handle; sie sprach zuweilen so viel
+und salbungsvoll wie eine gelehrte Blinde, die nichts von der Welt
+sieht und deren einziger Genuß ist, sich selbst reden zu hören. Von
+der Stadtschule her und aus dem Konfirmationsunterrichte hatte sie die
+Übung ununterbrochen beibehalten, Aufsätze und geistliche
+Memorierungen und allerhand spruchweise Schemata zu schreiben, und so
+verfertigte sie zuweilen an stillen Sonntagen die wunderbarsten
+Aufsätze, indem sie an irgendeinen wohlklingenden Titel, den sie
+gehört oder gelesen, die sonderbarsten und unsinnigsten Sätze
+anreihte, ganze Bogen voll, wie sie ihrem seltsamen Gehirn
+entsprangen, wie z.B. über das Nutzbringende eines Krankenbettes, über
+den Tod, über die Heilsamkeit des Entsagens, über die Größe der
+sichtbaren Welt und das Geheimnisvolle der unsichtbaren, über das
+Landleben und dessen Freuden, über die Natur, über die Träume, über
+die Liebe, einiges über das Erlösungswerk Christi, drei Punkte über
+die Selbstgerechtigkeit, Gedanken über die Unsterblichkeit. Sie las
+ihren Freunden und Anbetern diese Arbeiten laut vor, und wem sie recht
+wohlwollte, dem schenkte sie einen oder zwei solcher Aufsätze und der
+mußte sie in die Bibel legen, wenn er eine hatte. Diese ihre geistige
+Seite hatte ihr einst die tiefe und aufrichtige Neigung eines jungen
+Buchbindergesellen zugezogen, welcher alle Bücher las, die er einband,
+und ein strebsamer, gefühlvoller und unerfahrener Mensch war. Wenn er
+sein Waschbündel zu Züsis Mutter brachte, dünkte er im Himmel zu sein,
+so wohl gefiel es ihm, solche herrliche Reden zu hören, die er sich
+selbst schon so oft idealisch gedacht, aber nicht auszustoßen getraut
+hatte. Schüchtern und ehrerbietig näherte er sich der abwechselnd
+strengen und beredten Jungfrau, und sie gewährte ihm ihren Umgang und
+band ihn an sich während eines Jahres, aber nicht ohne ihn ganz in den
+Schranken klarer Hoffnungslosigkeit zu halten, die sie mit sanfter,
+aber unerbittlicher Hand vorzeichnete. Denn da er neun Jahre jünger
+war als sie, arm wie eine Maus und ungeschickt zum Erwerb, der für
+einen Buchbinder in Seldwyla ohnehin nicht erheblich war, weil die
+Leute da nicht lasen und wenig Bücher binden ließen, so verbarg sie
+sich keinen Augenblick die Unmöglichkeit einer Vereinigung und suchte
+nur seinen Geist auf alle Weise an ihrer eigenen Entsagungsfähigkeit
+heranzubilden und in einer Wolke von buntscheckigen Phrasen
+einzubalsamieren. Er hörte ihr andächtig zu und wagte zuweilen selbst
+einen schönen Ausspruch, den sie ihm aber, kaum geboren, totmachte mit
+einem noch schöneren; dies war das geistigste und edelste ihrer Jahre,
+durch keinen gröberen Hauch getrübt, und der junge Mensch band ihr
+während derselben alle ihre Bücher neu ein und bauete überdies während
+vieler Nächte und vieler Feiertage ein kunstreiches und kostbares
+Denkmal seiner Verehrung. Es war ein großer chinesischer Tempel aus
+Papparbeit mit unzähligen Behältern und geheimen Fächern, den man in
+vielen Stücken auseinandernehmen konnte. Mit den feinsten farbigen und
+gepreßten Papieren war er beklebt und überall mit Goldbörtchen
+geziert. Spiegelwände und Säulen wechselten ab, und hob man ein Stück
+ab oder öffnete ein Gelaß, so erblickte man neue Spiegel und
+verborgene Bilderchen, Blumenbuketts und liebende Pärchen; an den
+ausgeschweiften Spitzen der Dächer hingen allwärts kleine Glöcklein.
+Auch ein Uhrgehäuse für eine Damenuhr war angebracht mit schönen
+Häkchen an den Säulen, um die goldene Kette daran zu henken und an dem
+Gebäude hin und her zu schlängeln; aber bis jetzt hatte sich noch kein
+Uhrenmacher genähert, welcher eine Uhr, und kein Goldschmied, welcher
+eine Kette auf diesen Altar gelegt hätte. Eine unendliche Mühe und
+Kunstfertigkeit war an diesem sinnreichen Tempel verschwendet und der
+geometrische Plan nicht minder mühevoll als die saubere genaue Arbeit.
+Als das Denkmal eines schön verlebten Jahrs fertig war, ermunterte Züs
+Bünzlin den guten Buchbinder, mit Bezwingung ihrer selbst, sich nun
+loszureißen und seinen Stab weiterzusetzen, da ihm die Welt offenstehe
+und ihm, nachdem er in ihrem Umgange, in ihrer Schule so sehr sein
+Herz veredelt habe, gewiß noch das schönste Glück lachen werde,
+während sie ihn nie vergessen und sich der Einsamkeit ergeben wolle.
+Er weinte wahrhaftige Tränen, als er sich so schicken ließ und aus dem
+Städtlein zog. Sein Werk dagegen thronte seitdem auf Züsis
+altväterischer Kommode, von einem meergrünen Gazeschleier bedeckt, dem
+Staub und allen unwürdigen Blicken entzogen. Sie hielt es so heilig,
+daß sie es ungebraucht und neu erhielt und gar nichts in die
+Behältnisse steckte, auch nannte sie den Urheber desselben in der
+Erinnerung Emanuel, während er Veit geheißen, und sagte jedermann, nur
+Emanuel habe sie verstanden und ihr Wesen erfaßt. Nur ihm selber hatte
+sie das selten zugestanden, sondern ihn in ihrem strengen Sinne kurz
+gehalten und zur höheren Anspornung ihm häufig gezeigt, daß er sie am
+wenigsten verstehe, wenn er sich am meisten einbilde, es zu tun.
+Dagegen spielte er ihr auch einen Streich und legte in einen doppelten
+Boden, auf dem innersten Grunde des Tempels, den allerschönsten Brief,
+von Tränen benetzt, worin er eine unsägliche Betrübnis, Liebe,
+Verehrung und ewige Treue aussprach, und in so hübschen und
+unbefangenen Worten, wie sie nur das wahre Gefühl findet, welches sich
+in eine Vexiergasse verrannt hat. So schöne Dinge hatte er gar nie
+ausgesprochen, weil sie ihn niemals zu Worte kommen ließ. Da sie aber
+keine Ahnung hatte von dem verborgenen Schatze, so geschah es hier,
+daß das Schicksal gerecht war und eine falsche Schöne nicht das zu
+Gesicht bekam, was sie nicht zu sehen verdiente. Auch war es ein
+Symbol, daß sie es war, welche das törichte, aber innige und
+aufrichtig gemeinte Wesen des Buchbinders nicht verstanden.
+
+Schon lange hatte sie das Leben der drei Kammacher gelobt und
+dieselben drei gerechte und verständige Männer genannt; denn sie hatte
+sie wohl beobachtet. Als daher Dietrich der Schwabe begann, sich
+länger bei ihr aufzuhalten, wenn er sein Hemd brachte oder holte, und
+ihr den Hof zu machen, benahm sie sich freundschaftlich gegen ihn und
+hielt ihn mit trefflichen Gesprächen stundenlang bei sich fest, und
+Dietrich redete ihr voll Bewunderung nach dem Munde, so stark er
+konnte; und sie vermochte ein tüchtiges Lob zu ertragen, ja sie liebte
+den Pfeffer desselben um so mehr, je stärker er war, und wenn man ihre
+Weisheit pries, hielt sie sich möglichst still, bis man das Herz
+geleert, worauf sie mit erhöhter Salbung den Faden aufnahm und das
+Gemälde da und dort ergänzte, das man von ihr entworfen. Nicht lange
+war Dietrich bei Züs aus und ein gegangen, so hatte sie ihm auch schon
+den Gültbrief gezeigt, und er war voll guter Dinge und tat gegen seine
+Gefährten so heimlich wie einer, der das Perpetuum mobile erfunden
+hat. Jobst und Fridolin kamen ihm jedoch bald auf die Spur und
+erstaunten über seinen tiefen Geist und über seine Gewandtheit. Jobst
+besonders schlug sich förmlich vor den Kopf; denn schon seit Jahren
+ging er ja auch in das Haus und noch nie war ihm eingefallen, etwas
+anderes da zu suchen als seine Wäsche; er haßte vielmehr die Leute
+beinahe, weil sie die einzigen waren, bei welchen er einige bare
+Pfennige herausklauben mußte allwöchentlich. An eine eheliche
+Verbindung pflegte er nie zu denken, weil er unter einer Frau nichts
+anderes denken konnte als ein Wesen, das etwas von ihm wollte, was er
+nicht schuldig sei, und etwas von einer selbst zu wollen, was ihm
+nützlich sein könnte, fiel ihm auch nicht ein, da er nur sich selbst
+vertraute und seine kurzen Gedanken nicht über den nächsten und
+allerengsten Kreis seines Geheimnisses hinausgingen. Aber jetzt galt
+es, dem Schwäbchen den Rang abzulaufen, denn dieses konnte mit den
+siebenhundert Gulden der Jungfer Züs schlimme Geschichten aufstellen,
+wenn es sie erhielt, und die siebenhundert Gulden selbst bekamen auf
+einmal einen verklärten Glanz und Schimmer in den Augen des Sachsen
+wie des Bayers. So hatte Dietrich, der erfindungsreiche, nur ein Land
+entdeckt, welches alsobald Gemeingut wurde, und teilte das herbe
+Schicksal aller Entdecker; denn die zwei andern folgten sogleich
+seiner Fährte und stellten sich ebenfalls bei Züs Bünzlin auf, und
+diese sah sich von einem ganzen Hof verständiger und ehrbarer
+Kammacher umgeben. Das gefiel ihr ausnehmend wohl; noch nie hatte sie
+mehrere Verehrer auf einmal besessen, weshalb es eine neue
+Geistesübung für sie ward, diese drei mit der größten Klugheit und
+Unparteilichkeit zu behandeln und im Zaume zu halten und sie so lange
+mit wunderbaren Reden zur Entsagung und Uneigennützigkeit
+aufzumuntern, bis der Himmel über das Unabänderliche etwas entschiede.
+Denn da jeder von ihnen ihr insbesondere sein Geheimnis und seinen
+Plan vertraut hatte, so entschloß sie sich auf der Stelle, denjenigen
+zu beglücken, welcher sein Ziel erreiche und Inhaber des Geschäftes
+würde. Den Schwaben, welcher es nur durch sie werden konnte, schloß
+sie aber davon aus und nahm sich vor, diesen jedenfalls nicht zu
+heiraten; weil er aber der jüngste, klügste und liebenswürdigste der
+Gesellen war, so gab sie ihm durch manche stille Zeichen noch am
+ehesten einige Hoffnung und spornte durch die Freundlichkeit, mit
+welcher sie ihn besonders zu beaufsichtigen und zu regieren schien,
+die anderen zu größerem Eifer an, so daß dieser arme Kolumbus, der das
+schöne Land erfunden hatte, vollständig der Narr im Spiele ward. Alle
+drei wetteiferten miteinander in der Ergebenheit, Bescheidenheit und
+Verständigkeit und in der anmutigen Kunst, sich von der gestrengen
+Jungfrau im Zaume halten zu lassen und sie ohne Eigennutz zu
+bewundern, und wenn die ganze Gesellschaft beieinander war, glich sie
+einem seltsamen Konventikel, in welchem die sonderbarsten Reden
+geführt wurden. Trotz aller Frömmigkeit und Demut geschah es doch alle
+Augenblicke, daß einer oder der andere, vom Lobpreisen der gemeinsamen
+Herrin plötzlich abspringend, sich selbst zu loben und herauszustreichen
+versuchte und sich, sanft von ihr zurechtgewiesen, beschämt unterbrochen
+ sah oder anhören mußte, wie sie ihm die Tugenden der übrigen
+entgegenhielt, die er eiligst anerkannte und bestätigte.
+
+Aber dies war ein strenges Leben für die armen Kammacher; so kühl sie
+von Gemüt waren, gab es doch, seit einmal ein Weib im Spiele, ganz
+ungewohnte Erregungen der Eifersucht, der Besorgnis, der Furcht und
+der Hoffnung; sie rieben sich in Arbeit und Sparsamkeit beinahe auf
+und magerten sichtlich ab; sie wurden schwermütig, und während sie vor
+den Leuten und besonders bei Züs sich der friedlichsten Beredsamkeit
+beflissen, sprachen sie, wenn sie zusammen bei der Arbeit oder in
+ihrer Schlafkammer saßen, kaum ein Wort miteinander und legten sich
+seufzend in ihr gemeinschaftliches Bett, noch immer so still und
+verträglich wie drei Bleistifte. Ein und derselbe Traum schwebte
+allnächtlich über dem Kleeblatt, bis er einst so lebendig wurde, daß
+Jobst an der Wand sich herumwarf und den Dietrich anstieß; Dietrich
+fuhr zurück und stieß den Fridolin, und nun brach in den
+schlummertrunkenen Gesellen ein wilder Groll aus und in dem Bette der
+schreckbarste Kampf, indem sie während drei Minuten sich so heftig mit
+den Füßen stießen, traten und ausschlugen, daß alle sechs Beine sich
+ineinander verwickelten und der ganze Knäuel unter furchtbarem
+Geschrei aus dem Bette purzelte. Sie glaubten, völlig erwachend, der
+Teufel wolle sie holen, oder es seien Räuber in die Kammer gebrochen;
+sie sprangen schreiend auf, Jobst stellte sich auf seinen Stein,
+Fridolin eiligst auf seinen und Dietrich auf denjenigen, unter welchem
+sich bereits auch seine kleine Ersparnis angesetzt hatte, und indem
+sie so in einem Dreieck standen, zitterten und mit den Armen vor sich
+hin in die Luft schlugen, schrien sie Zeter Mordio und riefen: „Geh
+fort! Geh fort!" bis der erschreckte Meister in die Kammer drang und
+die tollen Gesellen beruhigte. Zitternd vor Furcht, Groll und Scham
+zugleich krochen sie endlich wieder ins Bett und lagen lautlos
+nebeneinander bis zum Morgen. Aber der nächtliche Spuk war nur ein
+Vorspiel gewesen eines größeren Schreckens, der sie jetzt erwartete,
+als der Meister ihnen beim Frühstück eröffnete, daß er nicht mehr drei
+Arbeiter brauchen könne und daher zwei von ihnen wandern müßten. Sie
+hatten nämlich des Guten zu viel getan und so viel Ware zuweg
+gebracht, daß ein Teil davon liegen blieb, indes der Meister den
+vermehrten Erwerb dazu verwendet hatte, das Geschäft, als es auf dem
+Gipfelpunkt stand, um so rascher rückwärts zu bringen, und ein solch
+lustiges Leben führte, daß er bald doppelt soviel Schulden hatte, als
+er einnahm. Daher waren ihm die Gesellen, so fleißig und enthaltsam
+sie auch waren, plötzlich eine überflüssige Last. Er sagte ihnen zum
+Trost, daß sie ihm alle drei gleich lieb und wert wären und es ihnen
+überließe, unter sich auszumachen, welcher dableiben und welche
+wandern sollten. Aber sie machten nichts aus, sondern standen da
+bleich wie der Tod und lächelten einer den andern an; dann gerieten
+sie in eine furchtbare Aufregung, da dies die verhängnisvollste Stunde
+war; denn die Ankündigung des Meisters war ein sicheres Zeichen, daß
+er es nicht lange mehr treiben und das Kammfabrikchen endlich wieder
+käuflich würde. Also war das Ziel, nach dem sie alle gestrebt, nahe
+und glänzte wie ein himmlisches Jerusalem, und zwei sollten vor den
+Toren desselben umkehren und ihm den Rücken wenden. Ohne alle fürdere
+Rücksicht erklärte jeder, dableiben zu wollen, und wenn er ganz
+umsonst arbeiten müsse. Der Meister konnte aber auch dies nicht
+brauchen und versicherte sie, daß zwei von ihnen jedenfalls gehen
+müßten; sie fielen ihm zu Füßen, sie rangen die Hände, sie beschworen
+ihn und jeder bat insbesondere für sich, daß er ihn behalten möchte,
+nur noch zwei Monate, nur noch vier Wochen: Allein er wußte wohl,
+worauf sie spekulierten, ärgerte sich darüber und machte sich über sie
+lustig, indem er plötzlich einen spaßhaften Ausweg vorschlug, wie sie
+die Sache entscheiden sollten. „Wenn ihr euch durchaus nicht einigen
+könnt," sagte er, „welche von euch den Abschied wollen, so will ich
+euch die Weise angeben, wie ihr die Sache entscheidet, und so soll es
+dann sein und bleiben! Morgen ist Sonntag, da zahle ich euch aus, ihr
+packt euer Felleisen, ergreift euren Stab und wandert alle drei
+einträchtiglich zum Tore hinaus, eine gute halbe Stünde weit, auf
+welche Seite ihr wollt. Alsdann ruhet ihr euch aus und könnt auch
+einen Schoppen trinken, wenn ihr mögt, und habt ihr das getan, so
+wandert ihr wieder in die Stadt herein, und welcher dann der erste
+sein wird, der mich von neuem um Arbeit anspricht, den werde ich
+behalten; die anderen aber werden unausbleiblich gehen, wo es ihnen
+beliebt!" Sie fielen ihm abermals zu Füßen und baten ihn, von diesem
+grausamen Vorhaben abzustehen, aber umsonst; er blieb fest und
+unerbittlich. Unversehens sprang der Schwabe auf und rannte wie
+besessen zum Hause hinaus und zu Züs Bünzlin hinüber; kaum gewahrten
+dies Jobst und der Bayer, so unterbrachen sie ihr Lamentieren und
+rannten ihm nach, und die verzweifelte Szene war alsobald in die
+Wohnung der erschrockenen Jungfrau verlegt.
+
+Diese war sehr betroffen und bewegt durch das unerwartete Abenteuer;
+doch faßte sie sich zuerst, und die Lage der Dinge überschauend,
+beschloß sie, ihr eigenes Schicksal an des Meisters wunderlichen
+Einfall zu knüpfen, und betrachtete diesen als eine höhere Eingebung;
+sie holte gerührt ein Schatzkästlein hervor und stach mit einer Nadel
+zwischen die Blätter, und der Spruch, welchen sie aufschlug, handelte
+vom unentwegten Verfolgen eines guten Zieles. Sodann ließ sie die
+aufgeregten Gesellen aufschlagen, und alles, was diese aufschlugen,
+handelte vom eifrigen Wandel auf dem schmalen Wege, vom Vorwärtsgehen
+ohne Rückschauen, von einer Laufbahn, kurz vom Laufen und Rennen aller
+Art, so daß der morgende Wettlauf deutlich vom Himmel vorgeschrieben
+schien. Da sie aber befürchtete, daß Dietrich als der Jüngste leicht
+am besten springen und die Palme erringen könnte, beschloß sie, selbst
+mit den drei Liebhabern auszuziehen und zu sehen, was etwa zu ihrem
+Vorteil zu machen wäre; denn sie wünschte, daß nur einer der zwei
+Älteren Sieger würde, und es war ihr ganz gleichgültig, welcher. Sie
+befahl daher den Wehklagenden und sich Bezankenden Ruhe und Ergebung
+und sagte: „Wisset, meine Freunde, daß nichts ohne Bedeutung
+geschieht, und so merkwürdig und ungewöhnlich die Zumutung eures
+Meisters ist, so müssen wir sie doch als eine Fügung ansehen und uns
+mit einer höheren Weisheit, von welcher der mutwillige Mann nichts
+ahnt, dieser jähen Entscheidung unterwerfen. Unser friedliches und
+verständiges Zusammenleben ist zu schön gewesen, als daß es noch lange
+so erbaulich stattfinden könnte; denn ach! Alles Schöne und
+Ersprießliche ist ja so vergänglich und vorübergehend, und nichts
+besteht in die Länge als das Übel, das Hartnäckige und die Einsamkeit
+der Seele, die wir alsdann mit unserer frommen Vernünftigkeit
+betrachten und beobachten. Daher wollen wir, ehe sich etwa ein böser
+Dämon des Zwiespaltes unter uns erhebt, uns lieber vorher freiwillig
+trennen und auseinanderscheiden wie die lieben Frühlingslüftlein, wenn
+sie ihren eilenden Lauf am Himmel nehmen, ehe wir auseinanderfahren
+wie der Sturmwind des Herbstes. Ich selbst will euch hinausbegleiten
+auf dem schweren Wege und zugegen sein, wenn ihr den Prüfungslauf
+antretet, damit ihr einen fröhlichen Mut fasset und einen schönen
+Antrieb hinter euch habt, während vor euch das Ziel des Sieges winkt.
+Aber so wie der Sieger sich seines Glückes nicht überheben wird, so
+sollen die, welche unterliegen, nicht verzagen und keinen Gram oder
+Groll von dannen nehmen, sondern unsers liebevollen Andenkens gewärtig
+sein und als vergnügte Wanderjünglinge in die weite Welt ziehen; denn
+die Menschen haben viele Städte gebauet, welche so schön oder noch
+schöner sind wie Seldwyla; Rom ist eine große, merkwürdige Stadt,
+allwo der heilige Vater wohnt, und Paris ist eine gar mächtige Stadt
+mit vielen Seelen und herrlichen Palästen, und in Konstantinopel
+herrscht der Sultan, von türkischem Glauben, und Lissabon, welches
+einst durch ein Erdbeben verschüttet ward, ist desto schöner wieder
+aufgebaut worden. Wien ist die Hauptstadt von Osterreich und die
+Kaiserstadt genannt, und London ist die reichste Stadt der Welt, in
+Engelland gelegen, an einem Fluß, der die Themse benannt wird. Zwei
+Millionen Menschen wohnen da! Petersburg aber ist die Haupt- und
+Residenzstadt von Rußland, so wie Neapel die Hauptstadt des
+Königreiches gleichen Namens, mit dem feuerspeienden Berg Vesuvius,
+auf welchem einst einem englischen Schiffshauptmann eine verdammte
+Seele erschienen ist, wie ich in einer merkwürdigen Reisebeschreibung
+gelesen habe, welche Seele einem gewissen John Smidt angehöret, der
+vor hundertundfünfzig Jahren ein gottloser Mann gewesen und nun
+besagtem Hauptmann einen Auftrag erteilte an seine Nachkommen in
+England, damit er erlöst würde; denn der ganze Feuerberg ist ein
+Aufenthalt der Verdammten, wie auch in des gelehrten Peter Haslers
+Traktatus über die mutmaßliche Gelegenheit der Hölle zu lesen ist.
+Noch viele andere Städte gibt es, wovon ich nur noch Mailand, Venedig,
+das ganz im Wasser gebaut ist, Lyon, Marseilingen, Straßburg, Köllen
+und Amsterdam nennen will; Paris hab' ich schon gesagt, aber noch
+nicht Nürnberg, Augsburg und Frankfurt, Basel, Bern und Genf, alles
+schöne Städte, sowie das schöne Zürich, und weiterhin noch eine Menge,
+mit deren Aufzählung ich nicht fertig würde. Denn alles hat seine
+Grenzen, nur nicht die Erfindungsgabe der Menschen, welche sich
+allwärts ausbreiten und alles unternehmen, was ihnen nützlich scheint.
+Wenn sie gerecht sind, so wird es ihnen gelingen, aber der Ungerechte
+vergehet wie das Gras der Felder und wie ein Rauch. Viele sind
+erwählt, aber nur wenige sind berufen. Aus allen diesen Gründen und in
+noch manch anderer Hinsicht, die uns die Pflicht und die Tugend
+unseres reinen Gewissens auferlegen, wollen wir uns dem Schicksalsrufe
+unterziehen. Darum gehet und bereitet euch zur Wanderschaft, aber als
+gerechte und sanftmütige Männer, die ihren Wert in sich tragen, wo sie
+auch hingehen, und deren Stab überall Wurzel schlägt, welche, was sie
+auch ergreifen mögen, sich sagen können: ich habe das bessere Teil
+erwählt!"
+
+Die Kammacher wollten aber von allem nichts hören, sondern bestürmten
+die kluge Züs, daß sie einen von ihnen auserwählen und dableiben
+heißen solle, und jeder meinte damit sich selbst. Aber sie hütete
+sich, eine Wahl zu treffen, und kündigte ihnen ernsthaft und
+gebieterisch an, daß sie ihr gehorchen müßten, ansonst sie ihnen ihre
+Freundschaft auf immer entziehen würde. Jetzt rannte Jobst, der
+älteste, wieder davon und in das Haus des Meisters hinüber, und
+spornstreichs rannten die anderen hinter ihm her, befürchtend, daß er
+dort etwas gegen sie unternähme, und so schossen sie den ganzen Tag
+umher wie Sternschnuppen und wurden sich untereinander so zuwider wie
+drei Spinnen in einem Netz. Die halbe Stadt sah dies seltsame
+Schauspiel der verstörten Kammacher, die bislang so still und ruhig
+gewesen, und die alten Leute wurden darüber ängstlich und hielten die
+Erscheinung für ein geheimnisvolles Vorzeichen schwerer Begebenheiten.
+Gegen Abend wurden sie matt und erschöpft, ohne daß sie sich eines
+Besseren besonnen und zu etwas entschieden hatten, und legten sich
+zähneklappernd in das alte Bett; einer nach dem andern kroch unter die
+Decke und lag da wie vom Tode hingestreckt, in verwirrten Gedanken,
+bis ein heilsamer Schlaf ihn umfing. Jobst war der erste, welcher in
+aller Frühe erwachte und sah, daß ein heiterer Frühlingsmorgen in die
+Kammer schien, in welcher er nun schon seit sechs Jahren geschlafen.
+So dürftig das Gemach aussah, so erschien es ihm doch wie ein
+Paradies, welches er verlassen sollte, und zwar so ungerechterweise.
+Er ließ seine Augen umhergehen an den Wänden und zählte alle die
+vertrauten Spuren von den vielen Gesellen, die hier schon gewohnt
+kürzere oder längere Zeit; hier hatte der seinen Kopf zu reiben
+gepflegt und einen dunklen Fleck verfertigt, dort hatte jener einen
+Nagel eingeschlagen, um seine Pfeife daranzuhängen, und das rote
+Schnürchen hing noch daran. Welche guten Menschen waren das gewesen,
+daß sie so harmlos wieder davongegangen, während diese, welche neben
+ihm lagen, durchaus nicht weichen wollten. Dann heftete er sein Auge
+auf die Gegend zunächst seinem Gesichte und betrachtete da die
+kleineren Gegenstände, welche er schon tausendmal betrachtet, wenn er
+des Morgens oder am Abend noch bei Tageshelle im Bette lag und sich
+eines seligen, kostenfreien Daseins erfreute. Da war eine beschädigte
+Stelle in dem Bewurf, welche wie ein Land aussah mit Seen und
+Städtchen, und ein Häufchen von groben Sandkörnern stellte eine
+glückselige Inselgruppe vor; weiterhin erstreckte sich eine lange
+Schweinsborste, welche aus dem Pinsel gefallen und in der blauen
+Tünche steckengeblieben war; denn Jobst hatte im letzten Herbst einmal
+ein kleines Restchen solcher Tünche gefunden und, damit es nicht
+umkommen sollte, eine Viertelswandseite damit angestrichen, soweit es
+reichen wollte, und zwar hatte er die Stelle bemalt, wo er zunächst im
+Bette lag. Jenseits der Schweinsborste aber ragte eine ganz geringe
+Erhöhung, wie ein kleines, blaues Gebirge, welches einen zarten
+Schlagschatten über die Borste weg nach den glückseligen Inseln
+hinüberwarf. Über dies Gebirge hatte er schon den ganzen Winter
+gegrübelt, da es ihn dünkte, als ob es früher nicht dagewesen wäre.
+Wie er nun mit seinem traurigen, duselnden Auge dasselbe suchte und
+plötzlich vermißte, traute er seinen Sinnen kaum, als er statt
+desselben einen kleinen kahlen Fleck an der Mauer fand, dagegen sah,
+wie der winzige blaue Berg nicht weit davon sich bewegte und zu
+wandeln schien. Erstaunt fuhr Jobst in die Höhe, als ob er ein blaues
+Wunder sähe, und sah, daß es eine Wanze war, welche er also im vorigen
+Herbst achtlos mit der Farbe überstrichen, als sie schon in Erstarrung
+dagesessen hatte. Jetzt aber war sie von der Frühlingswärme neu
+belebt, hatte sich aufgemacht und stieg eben in diesem Augenblicke mit
+ihrem blauen Rücken unverdrossen die Wand hinan. Er blickte ihr
+gerührt und voll Verwunderung nach; solange sie im Blauen ging, war
+sie kaum von der Wand zu unterscheiden; als sie aber aus dem
+gestrichenen Bereich hinaustrat und die letzten vereinzelten Spritze
+hinter sich hatte, wandelte das gute himmelblaue Tierchen weithin
+sichtbar seine Bahn durch die dunkleren Bezirke. Wehmütig sank Jobst
+in den Pfülmen zurück; so wenig er sich sonst aus dergleichen machte,
+rührte diese Erscheinung doch jetzt ein Gefühl in ihm auf, als ob er
+doch auch endlich wieder wandern müßte, und es bedünkte ihn ein gutes
+Zeichen zu sein, daß er sich in das Unabänderliche ergeben und sich
+wenigstens mit gutem Willen auf den Weg machen solle. Durch diese
+ruhigeren Gedanken kehrte seine natürliche Besonnenheit und Weisheit
+zurück, und indem er die Sache näher überlegte, fand er, daß, wenn er
+sich ergebungsvoll und bescheiden anstelle, sich dem schwierigen Werke
+unterziehe und dabei sich zusammennehme und klug verhalte, er noch am
+ehesten über seine Nebenbuhler obsiegen könne. Sachte stieg er aus dem
+Bette und begann seine Sachen zu ordnen und vor allem seinen Schatz zu
+heben und zu unterst in das alte Felleisen zu verpacken. Darüber
+erwachten sogleich seine Gefährten; wie diese sahen, daß er so
+gelassen sein Bündel schnürte, verwunderten sie sich sehr und noch
+mehr, als Jobst sie mit versöhnlichen Worten anredete und ihnen einen
+guten Morgen wünschte. Weiter ließ er sich aber nicht aus, sondern
+fuhr in seinem Geschäfte still und friedfertig fort. Sogleich, obschon
+sie nicht wußten, was er im Schilde führe, witterten sie eine
+Kriegslist in seinem Benehmen und ahmten es auf der Stelle nach,
+höchst aufmerksam auf alles, was er ferner beginnen würde. Hierbei war
+es seltsam, wie sie alle drei zum erstenmal offen ihre Schätze unter
+den Fliesen hervorholten und dieselben, ohne sie zu zählen, in die
+Ranzen versorgten. Denn sie wußten schon lange, daß jeder das
+Geheimnis der übrigen kannte, und nach alter ehrbarer Art mißtrauten
+sie sich nicht in der Weise, daß sie eine Verletzung des Eigentums
+befürchteten, und jeder wußte wohl, daß ihn die anderen nicht berauben
+würden, wie denn in den Schlafkammern der Handwerksgesellen, Soldaten
+und dergleichen kein Verschluß und kein Mißtrauen bestehen soll.
+
+So waren sie unversehens zum Aufbruch gerüstet, der Meister zahlte
+ihnen den Lohn aus und gab ihnen ihre Wanderbücher, in welche von der
+Stadt und vom Meister die allerschönsten Zeugnisse geschrieben waren
+über ihre gute andauernde Führung und Vortrefflichkeit, und sie
+standen wehmutsvoll vor der Haustüre der Züs Bünzlin, in lange braune
+Röcke gekleidet, mit alten, verwaschenen Staubhemden darüber, und die
+Hüte, obgleich sie verjährt und abgebürstet genug waren, sorglich mit
+Wachsleinwand überzogen. Hinten auf dem Felleisen hatte jeder ein
+kleines Wägelchen befestigt, um das Gepäck darauf zu ziehen, wenn es
+ins Weite ginge; sie dachten aber die Räder nicht zu brauchen, und
+deswegen ragten dieselben hoch über ihrem Rücken. Jobst stützte sich
+auf einen ehrbaren Rohrstock, Fridolin auf einen rot und schwarz
+geflammten und gemalten Eschenstab und Dietrich auf ein
+abenteuerliches Stockungeheuer, um welches sich ein wildes Geflecht
+von Zweigen wand. Er schämte sich aber beinahe dieses prahlerischen
+Dinges, da es noch aus der ersten Wanderzeit herstammte, wo er bei
+weitem noch nicht so sehr gesetzt und vernünftig gewesen wie jetzt.
+Viele Nachbarn und deren Kinder umstanden die ernsten drei Männer und
+wünschten ihnen Glück auf den Weg. Da erschien Züs unter der Türe, mit
+feierlicher Miene, und zog an der Spitze der Gesellen gefaßten Mutes
+aus dem Tore. Sie hatte ihnen zu Ehren einen ungewöhnlichen Staat
+angelegt, trug einen großen Hut mit mächtigen gelben Bändern, ein
+rosafarbenes Indiennekleid mit verschollenen Ausladungen und
+Verzierungen, eine schwarze Sammetschärpe mit einer Tombakschnalle und
+rote Saffianschuhe mit Fransen besetzt. Dazu trug sie einen
+grünseidenen großen Ritikül, welchen sie mit gedörrten Birnen und
+Pflaumen gefüllt hatte, und hielt ein Sonnenschirmchen ausgespannt,
+auf welchem oben eine große Lyra aus Elfenbein stand. Sie hatte auch
+ihr Medaillon mit dem blonden Haardenkmal umgehängt und das goldene
+Vergißmeinnicht vorgesteckt und trug weiße gestrickte Handschuhe. Sie
+sah freundlich und zart aus in all diesem Schmuck, ihr Antlitz war
+leicht gerötet und ihr Busen schien sich höher als sonst zu heben, und
+die ausziehenden Nebenbuhler wußten sich nicht zu lassen vor Wehmut
+und Betrübnis; denn die äußerste Lage der Dinge, der schöne
+Frühlingstag, der ihren Auszug beschien, und Züsis Putz mischten in
+ihre gespannten Empfindungen fast etwas von dem, was man wirklich
+Liebe nennt. Vor dem Tore ermahnte aber die freundliche Jungfrau ihre
+Liebhaber, die Felleisen auf die Räderchen zu stellen und zu ziehen,
+damit sie sich nicht unnötigerweise ermüdeten. Sie taten es, und als
+sie hinter dem Städtlein hinaus die Berge hinanfuhren, war es fast wie
+ein Artilleriewesen, das da hinauffuhrwerkte, um oben eine Batterie zu
+besetzen. Als sie eine gute halbe Stunde dahingezogen, machten sie
+halt auf einer anmutigen Anhöhe, über welche ein Kreuzweg ging, und
+setzten sich unter einer Linde in einen Halbkreis, wo man einer weiten
+Aussicht genoß und über Wälder, Seen und Ortschaften wegsah. Züs
+öffnete ihren Beutel und gab jedem eine Handvoll Birnen und Pflaumen,
+um sich zu erfrischen, und sie saßen so eine geraume Weile schweigend
+und ernst, nur mit den schnalzenden Zungen, wenn sie die süßen Früchte
+damit zerdrückten, ein sanftes Geräusch erregend.
+
+Dann begann Züs, indem sie einen Pflaumenkern fortwarf und die davon
+gefärbten Fingerspitzen am jungen Grase abwischte, zu sprechen:
+„Lieben Freunde! Sehet, wie schön und weitläufig die Welt ist,
+ringsherum voll herrlicher Sachen und voll Wohnungen der Menschen! Und
+dennoch wollte ich wetten, daß in dieser feierlichen Stunde nirgends
+in dieser weiten Welt vier so rechtfertige und gutartige Seelen
+beieinander versammelt sitzen, wie wir hier sind, so sinnreich und
+bedachtsam von Gemüt, so zugetan allen arbeitsamen Übungen und
+Tugenden, der Eingezogenheit, der Sparsamkeit, der Friedfertigkeit und
+der innigen Freundschaft. Wie viele Blumen stehen hier um uns herum,
+von allen Arten, die der Frühling hervorbringt, besonders die gelben
+Schlüsselblumen, welche einen wohlschmeckenden und gesunden Tee geben;
+aber sind sie gerecht oder arbeitsam? sparsam, vorsichtig und
+geschickt zu klugen und lehrreichen Gedanken? Nein, es sind unwissende
+und geistlose Geschöpfe, unbeseelt und vernunftlos vergeuden sie ihre
+Zeit, und so schön sie sind, wird ein totes Heu daraus, während wir in
+unserer Tugend ihnen so weit überlegen sind und ihnen wahrlich an Zier
+der Gestalt nichts nachgeben; denn Gott hat uns nach seinem Bilde
+geschaffen und uns seinen göttlichen Odem eingeblasen. Oh, könnten wir
+doch ewig hier sitzen in diesem Paradiese und in solcher Unschuld; ja,
+meine Freunde, es ist mir so, als wären wir sämtlich im Stande der
+Unschuld, aber durch eine sündenlose Erkenntnis veredelt; denn wir
+alle können, Gott sei Dank, lesen und schreiben und haben alle eine
+geschickte Hantierung gelernt. Zu vielem hätte ich Geschick und
+Anlagen und getraute mir wohl, Dinge zu verrichten, wie sie das
+gelehrteste Fräulein nicht kann, wenn ich über meinen Stand
+hinausgehen wollte; aber die Bescheidenheit und die Demut sind die
+vornehmste Tugend eines rechtschaffenen Frauenzimmers, und es genügt
+mir zu wissen, daß mein Geist nicht wertlos und verachtet ist vor
+einer höheren Einsicht. Schon viele haben mich begehrt, die meiner
+nicht wert waren, und nun auf einmal sehe ich drei würdige
+Junggesellen um mich versammelt, von denen ein jeder gleich wert wäre,
+mich zu besitzen! Bemesset danach, wie mein Herz in diesem wunderbaren
+Überflusse schmachten muß, und nehmet euch jeder ein Beispiel an mir
+und denket euch, jeder wäre von drei gleichwerten Jungfrauen umblühet,
+die sein begehrten, und er könnte sich um deswillen zu keiner
+hinneigen und gar keine bekommen! Stellt euch doch recht lebhaft vor,
+um jeden von euch buhleten drei Jungfern Bünzlin, und säßen so um euch
+her, gekleidet wie ich und von gleichem Ansehen, so daß ich gleichsam
+verneunfacht hier vorhanden wäre und euch von allen Seiten anblickte
+und nach euch schmachtete! Tut ihr dies?"
+
+Die wackeren Gesellen hörten verwundert auf zu kauen und studierten
+mit einfältigen Gesichtern, die seltsame Aufgabe zu lösen. Das
+Schwäblein kam zuerst damit zustande und rief mit lüsternem Gesicht:
+„Ja, werteste Jungfer Züs! Wenn Sie es denn gütigst erlauben, so sehe
+ich Sie nicht nur dreifach, sondern verhundertfacht um mich
+herumschweben und mich mit huldreichen Äuglein anblicken und mir
+tausend Küßlein anbieten!"
+
+„Nicht doch!" sagte Züs unwillig verweisend, „nicht in so ungehöriger
+und übertriebener Weise! Was fällt Ihnen denn ein, unbescheidener
+Dietrich? Nicht hundertfach und nicht Küßlein anbietend habe ich es
+erlaubt, sondern nur dreifach für jeden und in züchtiger und ehrbarer
+Manier, daß mir nicht zu nahe geschieht!"
+
+„Ja," rief jetzt endlich Jobst und zeigte mit einem abgenagten
+Birnenstiel um sich her, „nur dreifach, aber in größter Ehrbarkeit
+sehe ich die liebste Jungfer Bünzli um mich her spazieren und mir
+wohlwollend zuwinken, indem sie die Hand aufs Herz legt! Ich danke
+sehr, danke, danke ergebenst!" sagte er schmunzelnd, sich nach drei
+Seiten verneigend, als ob er wirklich die Erscheinungen sähe. „So
+ist's recht," sagte Züs lächelnd, „wenn irgendein Unterschied zwischen
+euch besteht, so seid Ihr doch der Begabteste, lieber Jobst,
+wenigstens der Verständigste!" Der Bayer Fridolin war immer noch nicht
+fertig mit seiner Vorstellung, da er aber den Jobst so loben hörte,
+wurde es ihm angst und er rief eilig: „Ich sehe auch die liebste
+Jungfrau Bünzli dreifach um mich herspazieren in größter Ehrbarkeit
+und mir wollüstig zuwinken, indem sie die Hand auf--"
+
+„Pfui, Bayer!" schrie Züs und wandte das Gesicht ab, „nicht ein Wort
+weiter! Woher nehmen Sie den Mut, von mir in so wüsten Worten zu reden
+und sich solche Sauereien einzubilden! Pfui, pfui!" Der arme Bayer war
+wie vom Donner gerührt und wurde glühend rot, ohne zu wissen, wofür;
+denn er hatte sich gar nichts eingebildet und nur ungefähr dem Klange
+nach gesagt, was er von Jobsten gehört, da er gesehen, wie dieser für
+seine Rede belobt worden. Züs wandte sich wieder zu Dietrich und
+sagte: „Nun, lieber Dietrich, haben Sie's noch nicht auf eine etwas
+bescheidenere Art zuwege gebracht?" „Ja, mit Ihrer Erlaubnis,"
+erwiderte er, froh, wieder angeredet zu werden, „ich erblicke Sie
+jetzt nur dreimal um mich her, freundlich, aber anständig mich
+anschauend und mir drei weiße Hände bietend, welche ich küsse!"
+
+„Gut denn!" sagte Züs, „und Sie, Fridolin? Sind Sie noch nicht von
+Ihrer Abirrung zurückgekehrt? Kann sich Ihr ungestümes Blut noch nicht
+zu einer wohlanständigen Vorstellung beruhigen?" „Um Vergebung!" sagte
+Fridolin kleinlaut, „ich glaube jetzt drei Jungfern zu sehen, die mir
+gedörrte Birnen anbieten und mir nicht abgeneigt scheinen. Es ist
+keine schöner als die andere, und die Wahl unter ihnen scheint mir ein
+bitteres Kraut zu sein."
+
+„Nun also," sprach Züs, „da ihr in euerer Einbildungskraft von neun
+solchen ganz gleichwerten Personen umgeben seid und in diesem
+liebreizenden Überflusse dennoch Mangel in euerem Herzen leidet,
+ermesset danach meinen eigenen Zustand; und wie ihr an mir sahet, daß
+ich mich weisen und bescheidenen Herzens zu fassen weiß, so nehmet
+doch ein Beispiel an meiner Stärke und gelobet mir und euch
+untereinander, euch ferner zu vertragen und, wie ich liebevoll von
+euch scheide, euch ebenso liebevoll voneinander zu trennen, wie auch
+das Schicksal, das eurer wartet, entscheiden möge! So leget denn alle
+eure Hände zusammen in meine Hand und gelobt es!"
+
+„Ja, wahrhaftig," rief Jobst, „ich will es wenigstens tun, an mir
+soll's nicht fehlen!" und die andern zwei riefen eiligst: „An mir auch
+nicht, an mir auch nicht!" und sie legten alle die Hände zusammen,
+wobei sich jedoch jeder vornahm, auf alle Fälle zu springen, sogut er
+vermöchte. „An mir soll es wahrhaftig nicht fehlen!" wiederholte
+Jobst, „denn ich bin von Jugend auf barmherziger und einträchtiger
+Natur gewesen. Noch nie habe ich einen Streit gehabt und konnte nie
+ein Tierlein leiden sehen; wo ich noch gewesen bin, habe ich mich gut
+vertragen und das beste Lob geerntet ob meines geruhsamen Betragens;
+denn obgleich ich gar manche Dinge auch ein bißchen verstehe und ein
+verständiger junger Mann bin, so hat man nie gesehen, daß ich mich in
+etwas mischte, was mich nichts anging, und habe stets meine Pflicht
+auf eine einsichtsvolle Weise getan. Ich kann arbeiten soviel ich
+will, und es schadet mir nichts, da ich gesund und wohlauf bin und in
+den besten Jahren! Alle meine Meisterinnen haben noch gesagt, ich sei
+ein Tausendsmensch, ein Ausbund, und mit mir sei gut auskommen! Ach!
+ich glaube wirklich selbst, ich könnte leben wie im Himmel mit Ihnen,
+allerliebste Jungfer Züs!"
+
+„Ei!" sagte der Bayer eifrig, „das glaub' ich wohl, das wäre auch
+keine Kunst, mit der Jungfer wie im Himmel zu leben! Das wollt' ich
+mir auch zutrauen, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen! Mein
+Handwerk versteh' ich aus dem Grund und weiß die Dinge in Ordnung zu
+halten, ohne ein Unwort zu verlieren. Nirgends habe ich Händel
+bekommen, obgleich ich in den größten Städten gearbeitet habe, und
+niemals habe ich eine Katze geschlagen oder eine Spinne getötet. Ich
+bin mäßig und enthaltsam und mit jeder Nahrung zufrieden, und ich weiß
+mich am Geringfügigsten zu vergnügen und damit zufrieden zu sein. Aber
+ich bin auch gesund und munter und kann etwas aushalten, ein gutes
+Gewissen ist das beste Lebenselixier, alle Tiere lieben mich und
+laufen mir nach, weil sie mein gutes Gewissen wittern, denn bei einem
+ungerechten Menschen wollen sie nicht bleiben. Ein Pudelhund ist mir
+einst drei Tage lang nachgefolgt, als ich aus der Stadt Ulm verreiste,
+und ich mußte ihn endlich einem Bauersmann in Gewahrsam geben, da ich
+als ein demütiger Handwerksgesell kein solches Tier ernähren konnte,
+und als ich durch den Böhmerwald reiste, sind die Hirsche und Rehe auf
+zwanzig Schritt noch stehen geblieben und haben sich nicht vor mir
+gefürchtet. Es ist wunderbar, wie selbst die wilden Tiere sich bei den
+Menschen auskennen und wissen, welche guten Herzens sind!"
+
+„Ja, das muß wahr sein!" rief der Schwabe, „seht ihr nicht, wie dieser
+Fink schon die ganze Zeit da vor mir herumfliegt und sich mir zu
+nähern sucht? Und jenes Eichhörnchen auf der Tanne sieht sich
+immerfort nach mir um, und hier kriecht ein kleiner Käfer allfort an
+meinem Beine und will sich durchaus nicht vertreiben lassen. Dem muß
+es gewiß recht wohl sein bei mir, dem lieben guten Tierchen!"
+
+Jetzt wurde aber Züs eifersüchtig und sagte etwas heftig: „Bei mir
+wollen alle Tiere gern bleiben! Einen Vogel hab' ich acht Jahre gehabt
+und er ist sehr ungern von mir weggestorben; unsere Katze streicht mir
+nach, wo ich geh' und stehe, und des Nachbars Tauben drängen und
+zanken sich vor meinem Fenster, wenn ich ihnen Brosamen streue!
+Wunderbare Eigenschaften haben die Tiere je nach ihrer Art! Der Löwe
+folgt gern den Königen nach und den Helden, und der Elefant begleitet
+den Fürsten und den tapfern Krieger; das Kamel trägt den Kaufmann
+durch die Wüste und bewahrt ihm frisches Wasser in seinem Bauch, und
+der Hund begleitet seinen Herrn durch alle Gefahren und stürzt sich
+für ihn in das Meer! Der Delphin liebt die Musik und folgt den
+Schiffen, und der Adler den Kriegsheeren. Der Affe ist ein
+menschenähnliches Wesen und tut alles, was er die Menschen tun sieht,
+und der Papagei versteht unsere Sprache und plaudert mit uns, wie ein
+Alter! Selbst die Schlangen lassen sich zähmen und tanzen auf der
+Spitze ihres Schwanzes; das Krokodil weint menschliche Tränen und wird
+von den Bürgern dort geachtet und verschont; der Strauß läßt sich
+satteln und reiten wie ein Roß; der wilde Büffel ziehet den Wagen des
+Menschen und das gehörnte Renntier seinen Schlitten. Das Einhorn
+liefert ihm das schneeweiße Elfenbein und die Schildkröte ihre
+durchsichtigen Knochen--"
+
+„Mit Verlaub," sagten alle drei Kammacher zugleich, „hierin irren Sie
+sich gewißlich, das Elfenbein wird aus den Elefantenzähnen gewonnen
+und die Schildpattkämme macht man aus der Schale und nicht aus den
+Knochen der Schildkröte!"
+
+Züs wurde feuerrot und sagte: „Das ist noch die Frage, denn ihr habt
+gewiß nicht gesehen, wo man es hernimmt, sondern verarbeitet nur die
+Stücke; ich irre mich sonst selten, doch sei dem wie ihm wolle, so
+lasset mich ausreden; nicht nur die Tiere haben ihre merkwürdigen von
+Gott eingepflanzten Besonderheiten, sondern selbst das tote Gestein,
+so aus den Bergen gegraben wird. Der Kristall ist durchsichtig wie
+Glas, der Marmor aber hart und geädert, bald weiß und bald schwarz;
+der Bernstein hat elektrische Eigenschaften und ziehet den Blitz an;
+aber dann verbrennt er und riecht wie Weihrauch. Der Magnet zieht
+Eisen an, auf die Schiefertafel kann man schreiben, aber nicht auf den
+Diamant, denn dieser ist hart wie Stahl; auch gebraucht ihn der Glaser
+zum Glasschneiden, weil er klein und spitzig ist. Ihr sehet, liebe
+Freunde, daß ich auch ein weniges von den Tieren zu sagen weiß! Was
+aber mein Verhältnis zu ihnen betrifft, so ist dies zu bemerken: Die
+Katze ist ein schlaues und listiges Tier und ist daher nur schlauen
+und listigen Menschen anhänglich; die Taube aber ist ein Sinnbild der
+Unschuld und Einfalt und kann sich nur von einfältigen, schuldlosen
+Seelen angezogen fühlen. Da mir nun Katzen und Tauben anhänglich sind,
+so folgt hieraus, daß ich klug und einfältig, schlau und unschuldig
+zugleich bin, wie es denn auch heißt: Seid klug wie die Schlangen und
+einfältig wie die Tauben! Auf diese Weise können wir allerdings die
+Tiere und ihr Verhältnis zu uns würdigen und manches daraus lernen,
+wenn wir die Sache recht zu betrachten wissen."
+
+Die armen Gesellen wagten nicht ein Wort weiter zu sagen; Züs hatte
+sie gut zugedeckt und sprach noch viele hochtrabende Dinge
+durcheinander, daß ihnen Hören und Sehen verging. Sie bewunderten aber
+Züsis Geist und Beredsamkeit, und in solcher Bewunderung dünkte sich
+keiner zu schlecht, das Kleinod zu besitzen, besonders da diese Zierde
+eines Hauses so wohlfeil war und nur in einer rastlosen Zunge bestand.
+Ob sie selbst dessen, was sie so hoch stellen, auch wert seien und
+etwas damit anzufangen wüßten, fragen sich solche Schwachköpfe zu
+allerletzt oder auch gar nicht, sondern sie sind wie die Kinder,
+welche nach allem greifen, was ihnen in die Augen glänzt, von allen
+bunten Dingen die Farben abschlecken und ein Schellenspiel ganz in den
+Mund stecken wollen, statt es bloß an die Ohren zu halten. So
+erhitzten sie sich immer mehr in der Begierde und Einbildung, diese
+ausgezeichnete Person zu erwerben, und je schnöder, herzlos er und
+eitler Züsens unsinnige Phrasen wurden, desto gerührter und
+jämmerlicher waren die Kammacher daran. Zugleich fühlten sie einen
+heftigen Durst von dem trockenen Obste, welches sie inzwischen
+aufgegessen; Jobst und der Bayer suchten im Gehölz nach Wasser, fanden
+eine Quelle und tranken sich voll kaltes Wasser. Der Schwabe hingegen
+hatte listigerweise ein Fläschchen mitgenommen, in welchem er
+Kirschgeist mit Wasser und Zucker gemischt, welches liebliche Getränk
+ihn stärken und ihm einen Vorschub gewähren sollte beim Laufen; denn
+er wußte, daß die anderen zu sparsam waren, um etwas mitzunehmen oder
+eine Einkehr zu halten. Dies Fläschchen zog er jetzt eilig hervor,
+während jene sich mit Wasser füllten, und bot es der Jungfer Züs an;
+sie trank es halb aus, es schmeckte ihr vortrefflich und erquickte sie
+und sie sah den Dietrich dabei überquer ganz holdselig an, daß ihm der
+Rest, welchen er selber trank, so lieblich schmeckte wie Cyperwein und
+ihn gewaltig stärkte. Er konnte sich nicht enthalten, Züsis Hand zu
+ergreifen und ihr zierlich die Fingerspitzen zu küssen; sie tippte ihm
+leicht mit dem Zeigefinger auf die Lippen und er tat, als ob er danach
+schnappen wollte und machte dazu ein Maul, wie ein lächelnder Karpfen;
+Züs schmunzelte falsch und freundlich, Dietrich schmunzelte schlau und
+süßlich; sie saßen auf der Erde sich gegenüber und tätschelten
+zuweilen mit den Schuhsohlen gegeneinander, wie wenn sie sich mit den
+Füßen die Hände geben wollten. Züs beugte sich ein wenig vornüber und
+legte die Hand auf seine Schulter, und Dietrich wollte eben dieses
+holde Spiel erwidern und fortsetzen, als der Sachse und der Bayer
+zurückkamen und bleich und stöhnend zuschauten. Denn es war ihnen von
+dem vielen Wasser, welches sie an die genossenen Backbirnen
+geschüttet, plötzlich elend geworden und das Herzeleid, welches sie
+bei dem Anblicke den spielenden Paares empfanden, vereinigte sich mit
+dem öden Gefühle des Bauches, so daß ihnen der kalte Schweiß auf der
+Stirne stand. Züs verlor aber die Fassung nicht, sondern winkte ihnen
+überaus freundlich zu und rief: „Kommet, ihr Lieben, und setzet euch
+doch auch noch ein bißchen zu mir her, daß wir noch ein Weilchen und
+zum letztenmal unsere Eintracht und Freundschaft genießen!" Jobst und
+Fridolin drängten sich hastig herbei und streckten ihre Beine aus; Züs
+ließ dem Schwaben die eine Hand, gab Jobsten die andere und berührte
+mit den Füßen Fridolins Stiefelsohlen, während sie mit dem Angesicht
+einen nach dem andern der Reihe nach anlächelte. So gibt es Virtuosen,
+welche viele Instrumente zugleich spielen, auf dem Kopfe ein
+Glockenspiel schütteln, mit dem Munde die Panspfeife blasen, mit den
+Händen die Gitarre spielen, mit den Knien die Zimbel schlagen, mit dem
+Fuß den Dreiangel und mit den Ellbogen eine Trommel, die ihnen auf dem
+Rücken hängt.
+
+Dann aber erhob sie sich von der Erde, strich ihr Kleid, welches sie
+sorgfältig aufgeschürzt hatte, zurecht und sagte: „Nun ist es wohl Zeit,
+liebe Freunde! daß wir uns aufmachen und daß ihr euch zu jenem
+ernsthaften Gange rüstet, welchen euch der Meister in seiner Torheit
+auferlegt, wir aber als die Anordnung eines höheren Geschickes ansehen!
+Tretet diesen Weg an voll schönen Eifers, aber ohne Feindschaft noch
+Neid gegeneinander, und überlasset dem Sieger willig die Krone!" Wie
+von einer Wespe gestochen, sprangen die Gesellen auf und stellten sich
+ auf die Beine. Da standen sie nun und sollten mit denselben einander
+den Rang ablaufen, mit denselben guten Beinen, welche bislang nur in
+bedachtem, ehrbarem Schritt gewandelt! Keiner wußte sich mehr zu
+entsinnen, daß er je einmal gesprungen oder gelaufen wäre; am ehesten
+ schien sich noch der Schwabe zu trauen und mit den Füßen sogar leise
+zu scharren und dieselben ungeduldig zu heben. Sie sahen sich ganz
+sonderbar und verdächtig an, waren bleich und schwitzten dabei, als ob
+sie schon im heftigsten Laufen begriffen wären.
+
+„Gebet euch," sagte Züs, „noch einmal die Hand!" Sie taten es, aber so
+willenlos und lässig, daß die drei Hände kalt voneinander abglitten
+und abfielen wie Bleihände. „Sollen wir denn wirklich das Torenwerk
+beginnen?" sagte Jobst und wischte sich die Augen, welche anfingen zu
+träufeln. „Ja," versetzte der Bayer, „sollen wir wirklich laufen und
+springen?" und begann zu weinen. „Und Sie, allerliebste Jungfer
+Bünzlin?" sagte Jobst heulend, „wie werden Sie sich denn verhalten?"
+„Mir geziemt," antwortete sie und hielt sich das Schnupftuch vor die
+Augen, „mir geziemt zu schweigen, zu leiden und zuzusehen!" Der Schwabe
+sagte freundlich und listig: „Aber dann nachher, Jungfer Züsi?" „O
+Dietrich!" erwiderte sie sanft, „wissen Sie nicht, daß es heißt, der
+Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme?" Und dabei sah sie ihn von
+der Seite so verblümt an, daß er abermals die Beine hob und Lust
+verspürte, sogleich in Trab zu geraten. Während die zwei Nebenbuhler
+ihre kleinen Felleisenfuhrwerke in Ordnung brachten und Dietrich das
+gleiche tat, streifte sie abermals mit Nachdruck seinen Ellbogen oder
+trat ihm auf den Fuß; auch wischte sie ihm den Staub von dem Hute,
+lächelte aber gleichzeitig den andern zu, wie wenn sie den Schwaben
+auslachte, doch so, daß es dieser nicht sehen konnte. Alle drei bliesen
+jetzt mächtig die Backen auf und sandten große Seufzer in die Luft. Sie
+sahen sich um nach allen Seiten, nahmen die Hüte ab, wischten sich den
+Schweiß von der Stirn, strichen die steif geklebten Haare und setzten
+die Hüte wieder auf. Nochmals schauten sie nach allen Winden und
+schnappten nach Luft. Züs erbarmte sich ihrer und war so gerührt,
+daß sie selbst weinte. „Hier sind noch drei dürre Pflaumen," sagte
+sie, „nehmt jeder eine in den Mund und behaltet sie darin, das wird
+euch erquicken! So ziehet denn dahin und kehret die Torheit der
+Schlechten um in Weisheit der Gerechten! Was sie zum Mutwillen
+ausgesonnen, das verwandelt in ein erbauliches Werk der Prüfung und
+der Selbstbeherrschung, in eine sinnreiche Schlußhandlung eines
+langjährigen Wohlverhaltens und Wettlaufes in der Tugend!" Jedem
+steckte sie die Pflaume in den Mund, und er sog daran. Jobst drückte
+die Hand auf seinen Magen und rief: „Wenn es denn sein muß, so sei es
+in Himmels Namen!" und plötzlich fing er, indem er den Stock erhob,
+mit stark gebogenen Knien mächtig an auszuschreiten und zog sein
+Felleisen an sich. Kaum sah dies Fridolin, so folgte er ihm nach mit
+langen Schritten, und ohne sich ferner umzusehen, eilten sie schon
+ziemlich hastig die Straße hinab.
+
+Der Schwabe war der letzte, der sich aufmachte, und ging mit listig
+vergnügtem Gesicht und scheinbar ganz gemächlich neben Züs her, wie
+wenn er seiner Sache sicher und edelmütig seinen Gefährten einen
+Vorsprung gönnen wollte. Züs belobte seine freundliche Gelassenheit
+und hing sich vertraulich an seinen Arm. „Ach, es ist doch schön,"
+sagte sie mit einem Seufzer, „eine feste Stütze zu haben im Leben!
+Selbst wenn man hinlänglich begabt ist mit Klugheit und Einsicht und
+einen tugendhaften Weg wandelt, so geht es sich auf diesem Wege doch
+viel gemütlicher am vertrauten Freundesarme!" „Der Tausend, ei ja
+wohl, das wollte ich wirklich meinen!" erwiderte Dietrich und stieß
+ihr den Ellbogen tüchtig in die Seite, indem er zugleich nach seinen
+Nebenbuhlern spähte, ob der Vorsprung auch nicht zu groß würde, „sehen
+Sie wohl, werteste Jungfer! Kommt es Ihnen allendlich? Merken Sie, wo
+Barthel den Most holt?" „O Dietrich, lieber Dietrich," sagte sie mit
+einem noch viel stärkeren Seufzer, „ich fühle mich oft recht einsam!"
+„Hopsele, so muß es kommen!" rief er und sein Herz hüpfte wie ein
+Häschen im Weißkohl. „O Dietrich!" rief sie und drückte sich fester an
+ihn; es ward ihm schwül und sein Herz wollte zerspringen vor pfiffigem
+Vergnügen; aber zugleich entdeckte er, daß seine Vorläufer nicht mehr
+sichtbar, sondern um eine Ecke herum verschwunden waren. Sogleich
+wollte er sich losreißen von Züsis Arm und jenen nachspringen; aber
+sie hielt ihn so fest, daß es ihm nicht gelang, und klammerte sich an,
+wie wenn sie schwach würde. „Dietrich!" flüsterte sie, die Augen
+verdrehend, „lassen Sie mich jetzt nicht allein, ich vertraue auf Sie,
+stützen Sie mich!" „Den Teufel noch einmal, lassen Sie mich los,
+Jungfer!" rief er ängstlich, „oder ich komm' zu spät und dann ade
+Zipfelmütze!" „Nein, nein! Sie dürfen mich nicht verlassen, ich fühle,
+mir wird übel!" jammerte sie. „Übel oder nicht übel!" schrie er und
+riß sich gewaltsam los; er sprang auf eine Erhöhung und sah sich um
+und sah die Läufer schon im vollen Rennen weit den Berg hinunter. Nun
+setzte er zum Sprung an, schaute sich aber im selben Augenblick noch
+einmal nach Züs um. Da sah er sie, wie sie am Eingange eines engen
+schattigen Waldpfades saß und lieblich lockend ihm mit den Händen
+winkte. Diesem Anblicke konnte er nicht widerstehen, sondern eilte,
+statt den Berg hinunter, wieder zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah,
+stand sie auf und ging tiefer in das Holz hinein, sich nach ihm
+umsehend; denn sie dachte ihn auf alle Weise vom Laufen abzuhalten und
+so lange zu vexieren, bis er zu spät käme und nicht in Seldwyl bleiben
+könne.
+
+Allein der erfindungsreiche Schwabe änderte zu selber Zeit seine
+Gedanken und nahm sich vor, sein Heil hier oben zu erkämpfen, und so
+geschah es, daß es ganz anders kam, als die listige Person es hoffte.
+Sobald er sie erreicht und an einem verborgenen Plätzchen mit ihr
+allein war, fiel er ihr zu Füßen und bestürmte sie mit den feurigsten
+Liebeserklärungen, welche ein Kammacher je gemacht hat. Erst suchte
+sie ihm Ruhe zu gebieten und, ohne ihn fortzuscheuchen, auf gute
+Manier hinzuhalten, indem sie alle ihre Weisheiten und Anmutungen
+spielen ließ. Als er ihr aber Himmel und Hölle vorstellte, wozu ihm
+sein aufgeregter und gespannter Unternehmungsgeist herrliche
+Zauberworte verlieh, als er sie mit Zärtlichkeiten jeder Art
+überhäufte und bald ihrer Hände, bald ihrer Fuße sich zu bemächtigen
+suchte und ihren Leib und ihren Geist, alles was an ihr war, lobte und
+rühmte, daß der Himmel hätte grün werden mögen, als dazu die Witterung
+und der Wald so still und lieblich waren, verlor Züs endlich den
+Kompaß, als ein Wesen, dessen Gedanken am Ende doch so kurz sind als
+seine Sinne; ihr Herz krabbelte so ängstlich und wehrlos, wie ein
+Käfer, der auf dem Rücken liegt, und Dietrich besiegte es in jeder
+Weise. Sie hatte ihn in dies Dickicht verlockt, um ihn zu verraten,
+und war im Handumdrehen von dem Schwäbchen erobert; dies geschah
+nicht, weil sie etwa eine besonders verliebte Person war, sondern weil
+sie als eine kurze Natur trotz aller eingebildeten Weisheit doch nicht
+über ihre eigene Nase wegsah. Sie blieben wohl eine Stunde in dieser
+kurzweiligen Einsamkeit, umarmten sich immer aufs neue und gaben sich
+tausend Küßchen. Sie schwuren sich ewige Treue und in aller
+Aufrichtigkeit und wurden einig, sich zu heiraten auf alle Fälle.
+
+Unterdessen hatte sich in der Stadt die Kunde von dem seltsamen
+Unternehmen der drei Gesellen verbreitet und der Meister selbst zu
+seiner Belustigung die Sache bekannt gemacht; deshalb freuten sich die
+Seldwyler auf das unverhoffte Schauspiel und waren begierig, die
+gerechten und ehrbaren Kammacher zu ihrem Spaße laufen und ankommen zu
+sehen. Eine große Menschenmenge zog vor das Tor und lagerte sich zu
+beiden Seiten der Straße, wie wenn man einen Schnelläufer erwartet.
+Die Knaben kletterten auf die Bäume, die Alten und Rückgesetzten saßen
+im Grase und rauchten ihr Pfeifchen, zufrieden, daß sich ihnen ein so
+wohlfeiles Vergnügen aufgetan. Selbst die Herren waren ausgerückt, um
+den Hauptspaß mit anzusehen, saßen fröhlich diskurierend in den Gärten
+und Lauben der Wirtshäuser und bereiteten eine Menge Wetten vor. In
+den Straßen, durch welche die Läufer kommen mußten, waren alle Fenster
+geöffnet, die Frauen hatten in den Visitenstuben rote und weiße Kissen
+ausgelegt, die Arme darauf zu legen, und zahlreichen Damenbesuch
+empfangen, so daß fröhliche Kaffeegesellschaften aus dem Stegreif
+entstanden und die Mägde genug zu laufen hatten, um Kuchen und
+Zwieback zu holen. Vor dem Tore aber sahen jetzt die Buben auf den
+höchsten Bäumen eine kleine Staubwolke sich nähern und begannen zu
+rufen: „Sie kommen, sie kommen!" Und nicht lange dauerte es, so kamen
+Fridolin und Jobst wirklich wie ein Sturmwind herangesaust, mitten auf
+der Straße, eine dicke Wolke Staubes aufrührend. Mit der einen Hand
+zogen sie die Felleisen, welche wie toll über die Steine flogen, mit
+der andern hielten sie die Hüte fest, welche ihnen' im Nacken saßen,
+und ihre langen Röcke flogen und wehten um die Wette. Beide waren von
+Schweiß und Staub bedeckt, sie sperrten den Mund auf und lechzten nach
+Atem, sahen und hörten nichts, was um sie her vorging und dicke Tränen
+rollten den armen Männern über die Gesichter, welche sie nicht
+abzuwischen Zeit hatten. Sie liefen sich dicht auf den Fersen, doch
+war der Bayer voraus um eine Spanne. Ein entsetzliches Geschrei und
+Gelächter erhob sich und dröhnte, so weit das Ohr reichte. Alles
+raffte sich auf und drängte sich dicht an den Weg, von allen Seiten
+rief es: „So recht, so recht! Lauft, wehr' dich, Sachs! Halt dich
+brav, Bayer! Einer ist schon abgefallen, es sind nur noch zwei!" Die
+Herren in den Gärten standen auf den Tischen und wollten sich
+ausschütten vor Lachen. Ihr Gelächter dröhnte aber donnernd und fest
+über den haltlosen Lärm der Menge weg, die auf der Straße lagerte, und
+gab das Signal zu einem unerhörten Freudentage. Die Buben und das
+Gesindel strömten hinter den zwei armen Gesellen zusammen und ein
+wilder Haufen, eine furchtbare Wolke erregend, wälzte sich mit ihnen
+dem Tore zu; selbst Weiber und junge Gassenmädchen liefen mit und
+mischten ihre hellen quiekenden Stimmen in das Geschrei der Burschen.
+Schon waren sie dem Tore nah, dessen Türme von Neugierigen besetzt
+waren, die ihre Mützen schwenkten; die zwei rannten wie scheu
+gewordene Pferde, das Herz voll Qual und Angst; da kniete ein
+Gassenjunge wie ein Kobold auf Jobstens fahrendes Felleisen und ließ
+sich unter dem Beifallsgeschrei der Menge mitfahren. Jobst wandte sich
+und flehte ihn an, loszulassen, auch schlug er mit dem Stocke nach
+ihm; aber der Junge duckte sich und grinste ihn an. Darüber gewann
+Fridolin einen größeren Vorsprung, und wie Jobst es merkte, warf er
+ihm den Stock zwischen die Füße, daß er hinstürzte. Wie aber Jobst
+über ihn wegspringen wollte, erwischte ihn der Bayer am Rockschoß und
+zog sich daran in die Höhe; Jobst schlug ihm auf die Hände und schrie:
+„Laß los, laß los!" Fridolin ließ aber nicht los, Jobst packte dafür
+seinen Rockschoß und nun hielten sie sich gegenseitig fest und drehten
+sich langsam zum Tore hinein, nur zuweilen einen Sprung versuchend, um
+einer dem andern zu entrinnen. Sie weinten, schluchzten und heulten
+wie Kinder und schrien in unsäglicher Beklemmung: „O Gott, laß los! Du
+lieber Heiland, laß los, Jobst! Laß los, Fridolin! Laß los, du Satan!"
+Dazwischen schlugen sie sich fleißig auf die Hände, kamen aber immer
+um ein weniges vorwärts. Hut und Stock hatten sie verloren, zwei Buben
+trugen dieselben, die Hüte auf die Stöcke gesteckt, voran und hinter
+ihnen her wälzte sich der tobende Haufen; alle Fenster waren von der
+Damenwelt besetzt, welche ihr silbernes Gelächter in die unten tosende
+Brandung warf, und seit langer Zeit war man nicht mehr so fröhlich
+gestimmt gewesen in dieser Stadt. Das rauschende Vergnügen schmeckte
+den Bewohnern so gut, daß kein Mensch den zwei Ringenden ihr Ziel
+zeigte, des Meisters Haus, an welchem sie endlich angelangt. Sie
+selben sahen es nicht, sie sahen überhaupt nichts, und so wälzte sich
+der tolle Zug durch das ganze Städtchen und zum anderen Tore wieder
+hinaus. Der Meister hatte lachend unter dem Fenster gelegen, und
+nachdem er noch ein Stündchen auf den endlichen Sieger gewartet,
+wollte er eben weggehen, um die Früchte seines Schwankes zu genießen,
+als Dietrich und Züs still und unversehens bei ihm eintraten.
+
+Diese hatten nämlich unterdessen ihre Gedanken zusammengetan und
+beraten, daß der Kammachermeister wohl geneigt sein dürfte, da er doch
+nicht lang mehr machen würde, sein Geschäft gegen eine bare Summe zu
+verkaufen. Züs wollte ihren Gültbrief dazu hergeben und der Schwabe
+sein Geldchen auch dazutun, und dann wären sie die Herren der Sachlage
+und könnten die andern zwei auslachen. Sie trugen ihre Vereinigung dem
+überraschten Meister vor; diesem leuchtete es sogleich ein, hinter dem
+Rücken seiner Gläubiger, ehe es zum Bruch kam, noch schnell den Handel
+abzuschließen und unverhofft des baren Kaufpreises habhaft zu werden.
+Rasch wurde alles festgestellt, und ehe die Sonne unterging, war
+Jungfer Bünzlin die rechtmäßige Besitzerin des Kammachergeschäftes und
+ihr Bräutigam der Mieter des Hauses, in welchem dasselbe lag, und so
+war Züs, ohne es am Morgen geahnt zu haben, endlich erobert und
+gebunden durch die Handlichkeit des Schwäbchens.
+
+Halbtot vor Scham, Mattigkeit und Ärger lagen Jobst und Fridolin in
+der Herberge, wohin man sie geführt hatte, nachdem sie auf dem freien
+Felde endlich umgefallen waren, ganz ineinander verbissen. Die ganze
+Stadt, da sie einmal aufgeregt war, hatte die Ursache schon vergessen
+und feierte eine lustige Nacht. In vielen Häusern wurde getanzt und in
+den Schenken wurde gezecht und gesungen, wie an den größten
+Seldwylertagen; denn die Seldwyler brauchten nicht viel Zeug, um mit
+Meisterhand eine Lustbarkeit daraus zu formen. Als die beiden armen
+Teufel sahen, wie ihre Tapferkeit, mit welcher sie gedacht hatten, die
+Torheit der Welt zu benutzen, nur dazu gedient hatte, dieselbe
+triumphieren zu lassen und sich selbst zum allgemeinen Gespött zu
+machen, wollte ihnen das Herz brechen; denn sie hatten nicht nur den
+weisen Plan mancher Jahre verfehlt und vernichtet, sondern auch den
+Ruhm besonnener und rechtlich ruhiger Leute eingebüßt.
+
+Jobst, der der älteste war und sieben Jahre hier gewesen, war ganz
+verloren und konnte sich nicht zurechtfinden. Ganz schwermütig zog er
+vor Tag wieder aus der Stadt, und hing sich an der Stelle, wo sie alle
+gestern gesessen, an einen Baum. Als der Bayer eine Stunde später da
+vorüberkam und ihn erblickte, faßte ihn ein solches Entsetzen, daß er
+wie wahnsinnig davonrannte, sein ganzes Wesen veränderte und, wie man
+nachher hörte, ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch
+wurde, der keines Menschen Freund war.
+
+Dietrich der Schwabe allein blieb ein Gerechter und hielt sich oben in
+dem Städtchen; aber er hatte nicht viel Freude davon; denn Züs ließ
+ihm gar nicht den Ruhm, regierte und unterdrückte ihn und betrachtete
+sich selbst als die alleinige Quelle alles Guten.
+
+* * * * *
+
+
+
+SPIEGEL, DAS KÄTZCHEN
+
+EIN MÄRCHEN
+
+Wenn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemacht hat oder angeführt
+worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer
+abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwärts gebräuchlich, aber
+nirgends hört man es so oft wie dort, was vielleicht daher rühren mag,
+daß es in dieser Stadt eine alte Sage gibt über den Ursprung und die
+Bedeutung dieses Sprichwortes.
+
+Vor mehreren hundert Jahren, heißt es, wohnte in Seldwyla eine
+ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen,
+welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und
+niemandem, der es ruhig ließ, etwas zuleide tat. Seine einzige
+Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung
+befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft
+zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel,
+beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit hinreißen zu
+lassen. Es fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten
+Mäuse, welche sich in einem gewissen Umkreise des Hauses betreten
+ließen, aber diese dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten
+verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt
+hatte, über diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit
+vieler Höflichkeit von den Herren Nachbarn die Erlaubnis, in ihren
+Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es
+die Milchtöpfe stehenließ, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche
+etwa an den Wänden hingen, sondern seinem Geschäfte still und
+aufmerksam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem
+Mäuslein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht
+scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann, und floh nicht
+vor vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten
+Spaß gefallen und selbst ein bißchen an den Ohren zupfen, ohne zu
+kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von
+welchen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und
+nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen
+entweder aus dem Wege oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb
+über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten.
+
+Spiegel, so war der Name des Kätzchens wegen seines glatten und
+glänzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und
+beschaulich dahin, in anständiger Wohlhabenheit und ohne Überhebung.
+Er saß nicht zu oft auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin,
+um ihr die Bissen von der Gabel wegzufangen, sondern nur, wenn er
+merkte, daß ihr dieser Spaß angenehm war, auch lag und schlief er den
+Tag über selten auf seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern
+hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen
+Treppengeländer oder in der Dachrinne zu liegen und sich
+philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Welt zu
+überlassen. Nur jeden Frühling und Herbst einmal wurde dies ruhige
+Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen blühten oder die
+milde Wärme des Altweibersommers die Veilchenzeit nachäffte. Alsdann
+ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verliebter Begeisterung
+über die fernsten Dächer und sang die allerschönsten Lieder. Als ein
+rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die bedenklichsten
+Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im Hause sehen ließ,
+so erschien er mit einem so verwegenen, burschikosen, ja liederlichen
+und zerzausten Aussehen, daß die stille Person, seine Gebieterin, fast
+unwillig ausrief: „Aber Spiegel! Schämst du dich denn nicht, ein
+solches Leben zu führen?" Wer sich aber nicht schämte, war Spiegel;
+als ein Mann von Grundsätzen, der wohl wußte, was er sich zur
+wohltätigen Abwechslung erlauben durfte, beschäftigte er sich ganz
+ruhig damit, die Glätte seines Pelzes und die unschuldige Munterkeit
+seines Aussehens wiederherzustellen, und er fuhr sich so unbefangen
+mit dem feuchten Pfötchen über die Nase, als ob gar nichts geschehen
+wäre.
+
+Allein dies gleichmäßige Leben nahm plötzlich ein trauriges Ende. Als
+das Kätzchen Spiegel eben in der Blüte seiner Jahre stand, starb die
+Herrin unversehens an Altersschwäche und ließ das schöne Kätzchen
+herrenlos und verwaist zurück. Es war das erste Unglück, welches ihm
+widerfuhr, und mit jenen Klagetönen, welche so schneidend den bangen
+Zweifel an der wirklichen und rechtmäßigen Ursache eines großen
+Schmerzes ausdrücken, begleitete es die Leiche bis auf die Straße und
+strich den ganzen übrigen Tag ratlos im Hause und rings um dasselbe
+her. Doch seine gute Natur, seine Vernunft und Philosophie geboten ihm
+bald, sich zu fassen, das Unabänderliche zu tragen und seine dankbare
+Anhänglichkeit an das Haus seiner toten Gebieterin dadurch zu
+beweisen, daß er ihren ladenden Erben seine Dienste anbot und sich
+bereitmachte, denselben mit Rat und Tat beizustehen, die Muse ferner
+im Zaume zu halten und überdies ihnen manche gute Mitteilung zu
+machen, welche die Törichten nicht verschmäht hätten, wenn sie eben
+nicht unvernünftige Menschen gewesen wären. Aber diese Leute ließen
+Spiegel gar nicht zu Wort kommen, sondern warfen ihm die Pantoffeln
+und das artige Fußschemelchen der Seligen an den Kopf, sooft er sich
+blicken ließ, zankten sich acht Tage lang untereinander, begannen
+endlich einen Prozeß und schlossen das Haus bis auf weiteres zu, so
+daß nun gar niemand darin wohnte.
+
+Da saß nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen
+Stufe vor der Haustüre und hatte niemand, der ihn hineinließ. Des
+Nachts begab er sich wohl auf Umwegen unter das Dach den Hauses, und
+im Anfang hielt er sich einen großen Teil den Tages dort verborgen und
+suchte seinen Kummer zu verschlafen; doch der Hunger trieb ihn bald an
+das Licht und nötigte ihn, an der warmen Sonne und unter den Leuten zu
+erscheinen, um bei der Hand zu sein und zu gewärtigen, wo sich etwa
+ein Maulvoll geringer Nahrung neigen möchte. Je seltener dies geschah,
+desto aufmerksamer wurde der gute Spiegel, und alle seine moralischen
+Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf, so daß er sehr bald
+sich selber nicht mehr gleichsah. Er machte zahlreiche Ausflüge von
+seiner Haustüre aus und stahl sich scheu und flüchtig über die Straße,
+um manchmal mit einem schlechten, unappetitlichen Bissen, dergleichen
+er früher nie gesehen, manchmal mit gar nichts zurückzukehren. Er
+wurde von Tag zu Tag magerer und zerzauster, dabei gierig, kriechend
+und feig; all sein Mut, seine zierliche Katzenwürde, seine Vernunft
+und Philosophie waren dahin. Wenn die Buben aus der Schule kamen, so
+kroch er in einen verborgenen Winkel, sobald er sie kommen hörte, und
+guckte nur hervor, um aufzupassen, welcher von ihnen etwa eine
+Brotrinde wegwürfe, und merkte sich den Ort, wo sie hinfiel. Wenn der
+schlechteste Köter von weitem ankam, so sprang er hastig fort, während
+er früher gelassen der Gefahr ins Auge geschaut und böse Hunde oft
+tapfer gezüchtigt hatte. Nur wenn ein grober und einfältiger Mensch
+daherkam, dergleichen er sonst klüglich gemieden, blieb er sitzen,
+obgleich das arme Kätzchen mit dem Reste seiner Menschenkenntnis den
+Lümmel recht gut erkannte; allein die Not zwang Spiegelchen, sich zu
+täuschen und zu hoffen, daß der Schlimme ausnahmsweise einmal es
+freundlich streicheln und ihm einen Bissen darreichen werde. Und
+selbst wenn er statt dessen nun doch geschlagen oder in den Schwanz
+gekneift würde, so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur
+Seite und sah dann noch verlangend nach der Hand, die es geschlagen
+und gekneift, und welche nach Wurst oder Hering roch.
+
+Als der edle und kluge Spiegel so heruntergekommen war, saß er eines
+Tages ganz mager und traurig auf seinem Stein und blinzelte in der
+Sonne. Da kam der Stadthexenmeister Pineiß des Weges, sah das Kätzchen
+und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich es den
+Unheimlichen wohl kannte, saß Spiegelchen demütig auf dem Stein und
+erwartete, was der Herr Pineiß etwa tun oder sagen würde. Als dieser
+aber begann und sagte: „Na, Katze! Soll ich dir deinen Schmer
+abkaufen?" da verlor es die Hoffnung, denn es glaubte, der
+Stadthexenmeister wolle es seiner Magerkeit wegen verhöhnen. Doch
+erwiderte er bescheiden und lächelnd, um es mit niemand zu verderben:
+„Ach, der Herr Pineiß belieben zu scherzen!" „Mitnichten!" rief
+Pineiß, „es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmer vorzüglich
+zur Hexerei; aber er muß mir vertragsmäßig und freiwillig von den
+werten Herren Katzen abgetreten werden, sonst ist er unwirksam. Ich
+denke, wenn je ein wackeres Kätzlein in der Lage war, einen
+vorteilhaften Handel abzuschließen, so bist es du! Begib dich in
+meinen Dienst; ich füttere dich herrlich heraus, mache dich fett und
+kugelrund mit Würstchen und gebratenen Wachteln. Auf dem ungeheuer
+hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das
+köstlichste Dach von der Welt ist für eine Katze, voll interessanter
+Gegenden und Winkel, wächst auf den sonnigsten Höhen treffliches
+Spitzgras, grün wie Smaragd, schlank und fein in den Lüften
+schwankend, dich einladend, die zartesten Spitzen abzubeißen und zu
+genießen, wenn du dir an meinen Leckerbissen eine leichte
+Unverdaulichkeit zugezogen hast. So wirst du bei trefflicher
+Gesundheit bleiben und mir dereinst einen kräftigen brauchbaren Schmer
+liefern!"
+
+Spiegel hatte schon längst die Ohren gespitzt und mit wässerndem
+Mäulchen gelauscht; doch war seinem geschwächten Verstande die Sache
+noch nicht klar und er versetzte daher: „Das ist soweit nicht übel,
+Herr Pineiß! Wenn ich nur wüßte, wie ich alsdann, wenn ich doch, um
+Euch meinen Schmer abzutreten, mein Leben lassen muß, des verabredeten
+Preises habhaft werden und ihn genießen soll, da ich nicht mehr bin?"
+„Des Preises habhaft werden?" sagte der Hexenmeister verwundert, „den
+Preis genießest du ja eben in den reichlichen und üppigen Speisen,
+womit ich dich fettmache, das versteht sich von selber! Doch will ich
+dich zu dem Handel nicht zwingen!" Und er machte Miene, sich von
+dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig und ängstlich:
+„Ihr müßt mir wenigstens eine mäßige Frist gewähren über die Zeit
+meiner höchsten erreichten Rundheit und Fettigkeit hinaus, daß ich
+nicht so jählings von hinnen gehen muß, wenn jener angenehme und ach!
+so traurige Zeitpunkt herangekommen und entdeckt ist!"
+
+„Es sei!" sagte Herr Pineiß mit anscheinender Gutmütigkeit, „bis zum
+nächsten Vollmond sollst du dich alsdann deines angenehmen Zustandes
+erfreuen dürfen, aber nicht länger! Denn in den abnehmenden Mond
+hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen verminderten Einfluß auf
+mein wohlerworbenes Eigentum ausüben würde."
+
+Das Kätzchen beeilte sich zuzuschlagen und unterzeichnete einen
+Vertrag, welchen der Hexenmeister im Vorrat bei sich führte, mit
+seiner scharfen Handschrift, welche sein letztes Besitztum und Zeichen
+besserer Tage war.
+
+„Du kannst dich nun zum Mittagessen bei mir einfinden, Kater!" sagte
+der Hexer, „Punkt zwölf Uhr wird gegessen!" „Ich werde so frei sein,
+wenn Ihr's erlaubt!" sagte Spiegel und fand sich pünktlich um die
+Mittagsstunde bei Herrn Pineiß ein. Dort begann nun während einiger
+Monate ein höchst angenehmes Leben für das Kätzchen; denn es hatte auf
+der Welt weiter nichts zu tun, als die guten Dinge zu verzehren, die
+man ihm vorsetzte, dem Meister bei der Hexerei zuzuschauen, wenn es
+mochte, und auf dem Dache spazierenzugehen. Dies Dach glich einem
+ungeheuren schwarzen Nebelspalter oder Dreiröhrenhut, wie man die
+großen Hüte der schwäbischen Bauern nennt, und wie ein solcher Hut ein
+Gehirn voller Nücken und Finten überschattet, so bedeckte dies Dach
+ein großes, dunkles und winkliges Haus voll Hexenwerk und
+Tausendsgeschichten. Herr Pineiß war ein Kannalles, welcher hundert
+Ämtchen versah, Leute kurierte, Wanzen vertilgte, Zähne auszog und
+Geld auf Zinsen lieh; er war der Vormünder aller Waisen und Witwen,
+schnitt in seinen Mußestunden Federn, das Dutzend für einen Pfennig,
+und machte schöne schwarze Tinte; er handelte mit Ingwer und Pfeffer,
+mit Wagenschmiere und Rosoli, mit Häftlein und Schuhnägeln, er
+renovierte die Turmuhr und machte jährlich den Kalender mit der
+Witterung, den Bauernregeln, und dem Aderlaßmännchen; er verrichtete
+zehntausend rechtliche Dinge am hellen Tag um mäßigen Lohn, und einige
+unrechtliche nur in der Finsternis und aus Privatleidenschaft, oder
+hing auch den rechtlichen, ehe er sie aus seiner Hand entließ, schnell
+noch ein unrechtliches Schwänzchen an, so klein wie die Schwänzchen
+der jungen Frösche, gleichsam nur der Possierlichkeit wegen. Überdies
+machte er das Wetter in schwierigen Zeiten, überwachte mit seiner
+Kunst die Hexen, und wenn sie reif waren, ließ er sie verbrennen; für
+sich trieb er die Hexerei nur als wissenschaftlichen Versuch und zum
+Hausgebrauch, sowie er auch die Stadtgesetze, die er redigierte und
+ins reine schrieb, unter der Hand probierte und verdrehte, um ihre
+Dauerhaftigkeit zu ergründen. Da die Seldwyler stets einen solchen
+Bürger brauchten, der alle unlustigen kleinen und großen Dinge für sie
+tat, so war er zum Stadthexenmeister ernannt worden und bekleidete
+dies Amt schon seit vielen Jahren mit unermüdlicher Hingebung und
+Geschicklichkeit, früh und spät. Daher war sein Haus von unten bis
+oben vollgestopft mit allen erdenklichen Dingen, und Spiegel hatte
+viel Kurzweil, alles zu besehen und zu beriechen. Doch im Anfang
+gewann er keine Aufmerksamkeit für andere Dinge, als für das Essen. Er
+schlang gierig alles hinunter, was Pineiß ihm darreichte, und mochte
+kaum von einer Zeit zur andern warten. Dabei überlud er sich den Magen
+und mußte wirklich auf das Dach gehen, um dort von den grünen Gräsern
+abzubeißen und sich von allerhand Unwohlsein zu kurieren. Als der
+Meister diesen Heißhunger bemerkte, freute er sich und dachte, das
+Kätzchen würde solcherweise recht bald fett werden, und je besser er
+daran wende, desto klüger verfahre und spare er im ganzen. Er baute
+daher für Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube, indem
+er ein Wäldchen von Tannenbäumchen aufstellte, kleine Hügel von
+Steinen und Moos errichtete und einen kleinen See anlegte. Auf die
+Bäumchen setzte er duftig gebratene Lerchen, Finken, Meisen und
+Sperlinge, je nach der Jahreszeit, so daß da Spiegel immer etwas
+herunterzuholen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge
+versteckte er in künstlichen Mauslöchern herrliche Mäuse, welche er
+sorgfältig mit Weizenmehl gemästet, dann ausgeweidet, mit zarten
+Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Einige dieser Mäuse konnte
+Spiegel mit der Hand hervorholen, andere waren zur Erhöhung des
+Vergnügens tiefer verborgen, aber an einen Faden gebunden, an welchem
+Spiegel sie behutsam hervorziehen mußte, wenn er diese Lustbarkeit
+einer nachgeahmten Jagd genießen wollte. Das Becken des Sees aber
+füllte Pineiß alle Tage mit frischer Milch, damit Spiegel in der süßen
+seinen Durst lösche, und ließ gebratene Gründlinge darin schwimmen, da
+er wußte, daß Katzen zuweilen auch die Fischerei lieben. Aber da nun
+Spiegel ein so herrliches Leben führte, tun und lassen, essen und
+trinken konnte, was ihm beliebte und wann es ihm einfiel, so gedieh er
+allerdings zusehends an seinem Leibe; sein Pelz wurde wieder glatt und
+glänzend und sein Auge munter; aber zugleich nahm er, da sich seine
+Geisteskräfte in gleichem Maße wieder ansammelten, bessere Sitten an;
+die wilde Gier legte sich, und weil er jetzt eine traurige Erfahrung
+hinter sich hatte, so wurde er nun klüger als zuvor. Er mäßigte sich
+in seinen Gelüsten und fraß nicht mehr als ihm zuträglich war, indem
+er zugleich wieder vernünftigen und tiefsinnigen Betrachtungen
+nachhing und die Dinge weder durchschaute. So holte er eines Tages
+einen hübschen Krammetsvogel von den Ästen herunter, und als er
+denselben nachdenklich zerlegte, fand er dessen kleinen Magen ganz
+kugelrund angefüllt mit frischer unversehrter Speise. Grüne Kräutchen,
+artig zusammengerollt, schwarze und weiße Samenkörner und eine
+glänzendrote Beere waren da so niedlich und dicht ineinander
+gepfropft, als ob ein Mütterchen für ihren Sohn das Ränzchen zur Reise
+gepackt hätte. Als Spiegel den Vogel langsam verzehrt und das so
+vergnüglich gefüllte Mäglein an seine Klaue hing und philosophisch
+betrachtete, rührte ihn das Schicksal des armen Vogels, welcher nach
+so friedlich verbrachtem Geschäft so schnell sein Leben lassen gemußt,
+daß er nicht einmal die eingepackten Sachen verdauen konnte. „Was hat
+er nun davon gehabt, der arme Kerl," sagte Spiegel, „daß er sich so
+fleißig und eifrig genährt hat, daß dies kleine Säckchen aussieht, wie
+ein wohl vollbrachtes Tagewerk? Diese rote Beere ist es, die ihn aus
+dem freien Walde in die Schlinge des Vogelstellers gelockt hat. Aber
+er dachte doch seine Sache noch besser zu machen und sein Leben an
+solchen Beeren zu fristen, während ich, der ich soeben den
+unglücklichen Vogel gegessen, daran mich nur um einen Schritt näher
+zum Tode gegessen habe! Kann man einen elenderen und feigeren Vertrag
+abschließen, als sein Leben noch ein Weilen fristenzulassen, um es
+dann um diesen Preis doch zu verlieren? Wäre nicht ein freiwilliger
+und schneller Tod vorzuziehen gewesen für einen entschlossenen Kater?
+Aber ich habe keine Gedanken gehabt, und nun da ich wieder solche
+habe, sehe ich nichts vor mir, als das Schicksal dieses
+Krammetsvogels; wenn ich rund genug bin, so muß ich von hinnen, aus
+keinem andern Grunde, als weil ich rund bin. Ein schöner Grund für
+einen lebenslustigen und gedankenreichen Katzmann! Ach, könnte ich aus
+dieser Schlinge kommen!" Er vertiefte sich nun in vielfältige
+Grübeleien, wie das gelingen möchte; aber da die Zeit der Gefahr noch
+nicht da war, so wurde es ihm nicht klar und er fand keinen Ausweg;
+aber als ein kluger Mann ergab er sich bis dahin der Tugend der
+Selbstbeherrschung, welches immer die beste Vorschule und
+Zeitverwendung ist, bis sich etwas entscheiden soll. Er verschmähte
+das weiche Kissen, welches ihm Pineiß zurechtgelegt hatte, damit er
+fleißig darauf schlafen und fett werden sollte, und zog es vor, wieder
+auf schmalen Gesimsen und hohen gefährlichen Stellen zu liegen, wenn
+er ruhen wollte. Ebenso verschmähte er die gebratenen Vögel und die
+gespickten Mäuse und fing sich lieber auf den Dächern, da er nun
+wieder einen rechtmäßigen Jagdgrund hatte, mit List und Gewandtheit
+einen schlichten lebendigen Sperling, oder auf den Speichern eine
+flinke Maus, und solche Beute schmeckte ihm vortrefflicher, als das
+gebratene Wild in Pineißens künstlichem Gehege, während sie ihn nicht
+zu fett machte; auch die Bewegung und Tapferkeit, sowie der
+wiedererlangte Gebrauch der Tugend und Philosophie verhinderten ein zu
+schnelles Fettwerden, so daß Spiegel zwar gesund und glänzend aussah,
+aber zu Pineißens Verwunderung auf einer gewissen Stufe der
+Beleibtheit stehen blieb, welche lange nicht das erreichte, was der
+Hexenmeister mit seiner freundlichen Mästung bezweckte; denn dieser
+stellte sich darunter ein kugelrundes, schwerfälliges Tier vor,
+welches sich nicht vom Ruhekissen bewegte und aus eitel Schmer
+bestand. Aber hierin hatte sich seine Hexerei eben geirrt und er wußte
+bei aller Schlauheit nicht, daß wenn man einen Esel füttert, derselbe
+ein Esel bleibt, wenn man aber einen Fuchsen speiset, derselbe nichts
+anders wird als ein Fuchs; denn jede Kreatur wächst sich nach ihrer
+Weise aus. Als Herr Pineiß entdeckte, wie Spiegel immer auf demselben
+Punkte einer wohlgenährten, aber geschmeidigen und zügigen Schlankheit
+stehen blieb, ohne eine erkleckliche Fettigkeit anzusetzen, stellte er
+ihn eines Abends plötzlich zur Rede und sagte barsch: „Was ist das,
+Spiegel? Warum frissest du die guten Speisen nicht, die ich dir mit so
+viel Sorgfalt und Kunst präpariere und herstelle? Warum fängst du die
+gebratenen Vögel nicht auf den Bäumen, warum suchst du die leckeren
+Mäuschen nicht in den Berghöhlen? Warum fischest du nicht mehr in dem
+See? Warum pflegst du dich nicht? Warum schläfst du nicht auf dem
+Kissen? Warum strapazierst du dich und wirst mir nicht fett?" „Ei,
+Herr Pineiß!" sagte Spiegel, „weil es mir wohler ist auf diese Weise!
+Soll ich meine kurze Frist nicht auf die Art verbringen, die mir am
+angenehmsten ist!" „Wie!" rief Pineiß, „du sollst so leben, daß du
+dick und rund wirst und nicht dich abjagen! Ich merke aber wohl, wo du
+hinauswillst! Du denkst mich zu äffen und hinzuhalten, daß ich dich in
+Ewigkeit in diesem Mittelzustande herumlaufen lasse? Mitnichten soll
+dir das gelingen! Es ist deine Pflicht, zu essen und zu trinken und
+dich zu pflegen, auf daß du dick werdest und Schmer bekommst! Auf der
+Stelle entsage daher dieser hinterlistigen und kontraktwidrigen
+Mäßigkeit, oder ich werde ein Wörtlein mit dir sprechen!" Spiegel
+unterbrach sein behagliches Spinnen, das er angefangen, um seine
+Fassung zu behaupten, und sagte: „Ich weiß kein Sterbenswörtchen
+davon, daß in dem Kontrakt steht, ich solle der Mäßigkeit und einem
+gesunden Lebenswandel entsagen! Wenn der Herr Stadthexenmeister darauf
+gerechnet hat, daß ich ein fauler Schlemmer sei, so ist das nicht
+meine Schuld! Ihr tut tausend rechtliche Dinge des Tages, so lasset
+dieses auch noch hinzukommen und uns beide hübsch in der Ordnung
+bleiben; denn Ihr wißt ja wohl, daß Euch mein Schmer nur nützlich ist,
+wenn er auf rechtliche Weise erwachsen!" „Ei du Schwätzer!" rief
+Pineiß erbost, „willst du mich belehren? Zeig' her, wieweit bist du
+denn eigentlich gediehen, du Müßiggänger? Vielleicht kann man dich
+doch bald abtun!" Er griff dem Kätzchen an den Bauch; allein dieses
+fühlte sich dadurch unangenehm gekitzelt und hieb dem Hexenmeister
+einen scharfen Kratz über die Hand. Diesen betrachtete Pineiß
+aufmerksam, dann sprach er: „Stehen wir so miteinander, du Bestie?
+Wohlan, so erkläre ich dich hiermit feierlich, kraft des Vertrages,
+für fett genug! Ich begnüge mich mit dem Ergebnis und werde mich
+desselben zu versichern wissen! In fünf Tagen ist der Mond voll, und
+bis dahin magst du dich noch deines Lebens erfreuen, wie es
+geschrieben steht, und nicht eine Minute länger!" Damit kehrte er ihm
+den Rücken und überließ ihn seinen Gedanken.
+
+Diese waren jetzt sehr bedenklich und düster; so war denn die Stunde
+doch nahe, wo der gute Spiegel seine Haut lassen sollte? Und war mit
+aller Klugheit gar nichts mehr zu machen? Seufzend stieg er auf das
+hohe Dach, dessen Firste dunkel in den schönen Herbstabendhimmel
+emporragten. Da ging der Mond über der Stadt auf und warf seinen
+Schein auf die schwarzen bemoosten Hohlziegel des alten Daches, ein
+lieblicher Gesang tönte in Spiegels Ohren und eine schneeweiße Kätzin
+wandelte glänzend über einen benachbarten First weg. Sogleich vergaß
+Spiegel die Todesaussichten, in welchen er lebte, und erwiderte mit
+seinem schönsten Katerliede den Lobgesang der Schönen. Er eilte ihr
+entgegen und war bald im hitzigen Gefecht mit drei fremden Katern
+begriffen, die er mutig und wild in die Flucht schlug. Dann machte er
+der Dame feurig und ergeben den Hof und brachte Tag und Nacht bei ihr
+zu, ohne an den Pineiß zu denken oder im Hause sich sehenzulassen. Er
+sang wie eine Nachtigall die schönen Mondnächte hindurch, jagte hinter
+der weißen Geliebten her über die Dächer, durch die Gärten, und rollte
+mehr als einmal im heftigen Minnespiel oder im Kampfe mit den Rivalen
+über hohe Dächer hinunter und fiel auf die Straße; aber nur um sich
+aufzuraffen, das Fell zu schütteln und die wilde Jagd seiner
+Leidenschaften von neuem anzuheben. Stille und laute Stunden, süße
+Gefühle und sonniger Streit, anmutiges Zwiegespräch, witziger
+Gedankenaustausch, Ränke und Schwänke der Liebe und Eifersucht,
+Liebkosungen und Raufereien, die Gewalt des Glückes und die Leiden des
+Unsterns ließen den verliebten Spiegel nicht zu sich selbst kommen,
+und als die Scheibe des Mondes vollgeworden, war er von allen diesen
+Aufregungen und Leidenschaften so heruntergekommen, daß er
+jämmerlicher, magerer und zerzauster aussah, als je. Im selben
+Augenblicke rief ihm Pineiß aus einem Dachtürmchen: „Spiegelchen,
+Spiegelchen! Wo bist du? Komm doch ein bißchen nach Hause!"
+
+Da schied Spiegel von der weißen Freundin, welche zufrieden und kühl
+miauend ihrer Wege ging, und wandte sich stolz seinem Henker zu.
+Dieser stieg in die Küche hinunter, raschelte mit dem Kontrakt und
+sagte: „Komm, Spiegelchen, komm, Spiegelchen!" und Spiegel folgte ihm
+und setzte sich in der Hexenküche trotzig vor den Meister hin in all
+seiner Magerkeit und Zerzaustheit. Als Herr Pineiß erblickte, wie er
+so schmählich um seinen Gewinn gebracht war, sprang er wie besessen in
+die Höhe und schrie wütend: „Was seh' ich? Du Schelm, du gewissenloser
+Spitzbube! Was hast du mir getan?" Außer sich vor Zorn griff er nach
+einem Besen und wollte Spiegelein schlagen; aber dieser krümmte den
+schwarzen Rücken, ließ die Haare emporstarren, daß ein fahler Schein
+darüber knisterte, legte die Ohren zurück, prustete und funkelte den
+Alten so grimmig an, daß dieser voll Furcht und Entsetzen drei Schritt
+zurücksprang. Er begann zu fürchten, daß er einen Hexenmeister vor
+sich habe, welcher ihn foppe und mehr könne, als er selbst. Ungewiß
+und kleinlaut sagte er: „Ist der ehrsame Herr Spiegel vielleicht vom
+Handwerk? Sollte ein gelehrter Zaubermeister beliebt haben, sich in
+dero äußere Gestalt zu verkleiden, da er nach Gefallen über sein
+Leibliches gebieten und genau so beleibt werden kann, als es ihm
+angenehm dünkt, nicht zu wenig und nicht zu viel, oder unversehens so
+mager wird, wie ein Gerippe, um dem Tode zu entschlüpfen?"
+
+Spiegel beruhigte sich wieder und sprach ehrlich: „Nein, ich bin kein
+Zauberer! Es ist allein die süße Gewalt der Leidenschaft, welche mich
+so heruntergebracht und zu meinem Vergnügen Euer Fett dahingenommen
+hat. Wenn wir übrigens jetzt unser Geschäft von neuem beginnen wollen,
+so will ich tapfer dabei sein und dreinbeißen! Setzt mir nur eine
+recht schöne und große Bratwurst vor, denn ich bin ganz erschöpft und
+hungrig!" Da packte Pineiß den Spiegel wütend am Kragen, sperrte ihn
+in den Gänsestall, der immer leer war, und schrie: „Da sieh zu, ob dir
+deine süße Gewalt der Leidenschaft noch einmal heraushilft und ob sie
+stärker ist, als die Gewalt der Hexerei und meines rechtlichen
+Vertrages! Jetzt heißt's: Vogel friß und stirb!" Sogleich briet er
+eine lange Wurst, die so lecker duftete, daß er sich nicht enthalten
+konnte, selbst ein bißchen an beiden Zipfeln zu lecken, ehe er sie
+durch das Gitter steckte. Spiegel fraß sie von vorn bis hinten auf,
+und indem er sich behaglich den Schnurrbart putzte und den Pelz
+leckte, sagte er zu sich selber: „Meiner Seel! Es ist doch eine schöne
+Sache um die Liebe! Sie hat mich für diesmal wieder aus der Schlinge
+gezogen. Jetzt will ich mich ein wenig ausruhen und trachten, daß ich
+durch Beschaulichkeit und gute Nahrung wieder zu vernünftigen Gedanken
+komme! Alles hat seine Zeit! Heute ein bißchen Leidenschaft, morgen
+ein wenig Besonnenheit und Ruhe, ist jedes in seiner Weise gut. Dies
+Gefängnis ist gar nicht so übel und es läßt sich gewiß etwas
+Ersprießliches darin ausdenken!" Pineiß aber nahm sich nun zusammen
+und bereitete alle Tage mit aller seiner Kunst solche Leckerbissen und
+in solch reizender Abwechslung und Zuträglichkeit, daß der gefangene
+Spiegel denselben nicht widerstehen konnte; denn Pineißens Vorrat an
+freiwilligem und rechtmäßigem Katzenschmer nahm alle Tage mehr ab und
+drohte nächstens ganz auszugehen, und dann war der Hexer ohne dies
+Hauptmittel ein geschlagener Mann. Aber der gute Hexenmeister nährte
+mit dem Leibe Spiegels dessen Geist immer wieder mit, und es war
+durchaus nicht von dieser unbequemen Zutat loszukommen, weshalb auch
+seine Hexerei sich hier als lückenhaft erwies.
+
+Als Spiegel in seinem Käfig ihm endlich fett genug dünkte, säumte er
+nicht länger, sondern stellte vor den Augen des aufmerksamen Katers
+alle Geschirre zurecht und machte ein helles Feuer auf dem Herd, um
+den langersehnten Gewinn auszukochen. Dann wetzte er ein großes
+Messer, öffnete den Kerker, zog Spiegelchen hervor, nachdem er die
+Küchentüre wohlverschlossen, und sagte wohlgemut: „Komm, du
+Sapperlöter! Wir wollen dir den Kopf abschneiden vorderhand, und dann
+das Fell abziehen! Dieses wird eine warme Mütze für mich geben, woran
+ich Einfältiger noch gar nicht gedacht habe! Oder soll ich dir erst
+das Fell abziehen und dann den Kopf abschneiden?" „Nein, wenn es Euch
+gefällig ist," sagte Spiegel demütig, „lieber zuerst den Kopf
+abschneiden!" „Hast recht, du armer Kerl!" sagte Herr Pineiß, „wir
+wollen dich nicht unnütz quälen! Alles was recht ist!" „Dies ist ein
+wahres Wort!" sagte Spiegel mit einem erbärmlichen Seufzer und legte
+das Haupt ergebungsvoll auf die Seite, „o hätt' ich doch jederzeit
+getan, was recht ist, und nicht eine so wichtige Sache leichtsinnig
+unterlassen, so könnte ich jetzt mit besserem Gewissen sterben, denn
+ich sterbe gern; aber ein Unrecht erschwert mir den sonst so
+willkommenen Tod; denn was bietet mir das Leben? Nichts als Furcht,
+Sorge und Armut und zur Abwechslung einen Sturm verzehrender
+Leidenschaft, die noch schlimmer ist, als die stille zitternde
+Furcht!" „Ei, welches Unrecht, welche wichtige Sache?" fragte Pineiß
+neugierig. „Ach was hilft das Reden jetzt noch," seufzte Spiegel,
+„geschehen ist geschehen und jetzt ist Reue zu spät!" „Siehst du,
+Sappermenter, was für ein Sünder du bist?" sagte Pineiß, „und wiewohl
+du deinen Tod verdienst? Aber was tausend hast du denn angestellt?
+Hast du mir vielleicht etwas entwendet, entfremdet, verdorben? Hast du
+mir ein himmelschreiendes Unrecht getan, von dem ich noch gar nichts
+weiß, ahne, vermute, du Satan? Das sind mir schöne Geschichten! Gut,
+daß ich noch dahinterkomme! Auf der Stelle beichte mir, oder ich
+schinde und siede dich lebendig aus! Wirst du sprechen oder nicht?"
+„Ach nein!" sagte Spiegel, „wegen Euch habe ich mir nichts
+vorzuwerfen. Es betrifft die zehntausend Goldgülden meiner seligen
+Gebieterin--aber was hilft Reden!--Zwar--wenn ich bedenke und Euch
+ansehe, so möchte es vielleicht doch nicht ganz zu spät sein--wenn ich
+Euch betrachte, so sehe ich, daß Ihr ein noch ganz schöner und
+rüstiger Mann seid, in den besten Jahren--sagt doch, Herr Pineiß! Habt
+Ihr noch nie etwa den Wunsch verspürt, Euch zu verehelichen, ehrbar
+und vorteilhaft? Aber was schwatze ich! Wie wird ein so kluger und
+kunstreicher Mann auf dergleichen müßige Gedanken kommen! Wie wird ein
+so nützlich beschäftigter Meister an törichte Weiber denken! Zwar
+allerdings hat auch die Schlimmste noch irgendwas an sich, was etwa
+nützlich für einen Mann ist, das ist nicht abzuleugnen! Und wenn sie
+nur halbwegs was taugt, so ist eine gute Hausfrau etwa weiß am Leibe,
+sorgfältig im Sinne, zutulich von Sitten, treu von Herzen, sparsam im
+Verwalten, aber verschwenderisch in der Pflege ihres Mannes,
+kurzweilig in Worten und angenehm in ihren Taten, einschmeichelnd in
+ihren Handlungen! Sie küßt den Mann mit ihrem Munde und streichelt ihm
+den Bart, sie umschließt ihn mit ihren Armen und kraut ihm hinter den
+Ohren, wie er es wünscht, kurz, sie tut tausend Dinge, die nicht zu
+verwerfen sind. Sie hält sich ihm ganz nah zu oder in bescheidener
+Entfernung, je nach seiner Stimmung, und wenn er seinen Geschäften
+nachgeht, so stört sie ihn nicht, sondern verbreitet unterdessen sein
+Lob in und außer dem Hause; denn sie läßt nichts an ihn kommen und
+rühmt alles, was an ihm ist! Aber das Anmutigste ist die wunderbare
+Beschaffenheit ihres zarten leiblichen Daseins, welche die Natur so
+verschieden gemacht hat von unserm Wesen bei anscheinender
+Menschenähnlichkeit, daß es ein fortwährendes Meerwunder in einer
+glückhaften Ehe bewirkt und eigentlich die allerdurchtriebenste
+Hexerei in sich birgt! Doch was schwatze ich da wie ein Tor an der
+Schwelle des Todes! Wie wird ein weiser Mann auf dergleichen
+Eitelkeiten sein Augenmerk richten! Verzeiht, Herr Pineiß, und
+schneidet mir den Kopf ab!"
+
+Pineiß aber rief heftig: „So halt doch endlich inne, du Schwätzer! und
+sage mir: Wo ist eine solche und hat sie zehntausend Goldgülden?"
+
+„Zehntausend Goldgülden?" sagte Spiegel.
+
+„Nun ja," rief Pineiß ungeduldig, „sprachest du nicht eben erst
+davon?"
+
+„Nein," antwortete jener, „das ist eine andere Sache! Die liegen
+vergraben an einem Orte!"
+
+„Und was tun sie da, wem gehören sie?" schrie Pineiß.
+
+„Niemand gehören sie, das ist eben meine Gewissensbürde, denn ich
+hätte sie unterbringen sollen! Eigentlich gehören sie jenem, der eine
+solche Person heiratet, wie ich eben beschrieben habe. Aber wie soll
+man drei solche Dinge zusammenbringen in dieser gottlosen Stadt:
+zehntausend Goldgülden, eine weiße, feine und gute Hausfrau und einen
+weisen rechtschaffenen Mann? Daher ist eigentlich meine Sünde nicht
+allzu groß, denn der Auftrag war zu schwer für eine arme Katze!"
+
+„Wenn du jetzt", rief Pineiß, „nicht bei der Sache bleibst, und sie
+verständlich der Ordnung nach dartust, so schneide ich dir vorläufig
+den Schwanz und beide Ohren ab! Jetzt fang an!"
+
+„Da Ihr es befehlt, so muß ich die Sache wohl erzählen," sagte Spiegel
+und setzte sich gelassen auf seine Hinterfüße, „obgleich dieser
+Aufschub meine Leiden nur vergrößert!" Pineiß steckte das scharfe
+Messer zwischen sich und Spiegel in die Diele und setzte sich
+neugierig auf ein Fäßchen, um zuzuhören, und Spiegel fuhr fort:
+
+„Ihr wisset doch, Herr Pineiß, daß die brave Person, meine selige
+Meisterin, unverheiratet gestorben ist als eine alte Jungfer, die in
+aller Stille viel Gutes getan und niemandem zuwidergelebt hat. Aber
+nicht immer war es um sie her so still und ruhig zugegangen, und
+obgleich sie niemals von bösem Gemüt gewesen, so hatte sie doch einst
+viel Leid und Schaden angerichtet; denn in ihrer Jugend war sie das
+schönste Fräulein weit und breit, und was von jungen Herren und kecken
+Gesellen in der Gegend war oder des Weges kam, verliebte sich in sie
+und wollte sie durchaus heiraten. Nun hatte sie wohl große Lust, zu
+heiraten und einen hübschen, ehrenfesten und klugen Mann zu nehmen,
+und sie hatte die Auswahl, da sich Einheimische und Fremde um sie
+stritten und einander mehr als einmal die Degen in den Leib rannten,
+um den Vorrang zu gewinnen. Es bewarben sich um sie und versammelten
+sich kühne und verzagte, listige und treuherzige, reiche und arme
+Freier, solche mit einem guten und anständigen Geschäft, und solche,
+welche als Kavaliere zierlich von ihren Renten lebten; dieser mit
+diesen, jener mit jenen Vorzügen, beredt oder schweigsam, der eine
+munter und liebenswürdig, und ein anderer schien es mehr in sich zu
+haben, wenn er auch etwas einfältig aussah; kurz, das Fräulein hatte
+eine so vollkommene Auswahl, wie es ein mannbares Frauenzimmer sich
+nur wünschen kann. Allein sie besaß außer ihrer Schönheit ein schönes
+Vermögen von vielen tausend Goldgülden, und diese waren die Ursache,
+daß sie nie dazukam, eine Wahl treffen und einen Mann nehmen zu
+können, denn sie verwaltete ihr Gut mit trefflicher Umsicht und
+Klugheit und legte einen großen Wert auf dasselbe, und da nun der
+Mensch immer von seinen eigenen Neigungen aus andere beurteilt, so
+geschah es, daß sie, sobald sich ihr ein achtungswerter Freier
+genähert und ihr halbwegs gefiel, alsobald sich einbildete, derselbe
+begehre sie nur um ihres Gutes willen. War einer reich, so glaubte
+sie, er würde sie doch nicht begehren, wenn sie nicht auch reich wäre,
+und von den Unbemittelten nahm sie vollends als gewiß an, daß sie nur
+ihre Goldgülden im Auge hätten und sich daran gedächten gütlich zu
+tun, und das arme Fräulein, welches doch selbst so große Dinge auf den
+irdischen Besitz hielt, war nicht imstande, diese Liebe zu Geld und
+Gut an ihren Freiern von der Liebe zu ihr selbst zu unterscheiden,
+oder wenn sie wirklich etwa vorhanden war, dieselbe nachzusehen und zu
+verzeihen. Mehrere Male war sie schon sogut wie verlobt und ihr Herz
+klopfte endlich stärker; aber plötzlich glaubte sie aus irgendeinem
+Zuge zu entnehmen, daß sie verraten sei und man einzig an ihr Vermögen
+denke, und sie brach unverweilt die Geschichte entzwei und zog sich
+voll Schmerzen, aber unerbittlich zurück. Sie prüfte alle, welche ihr
+nicht mißfielen, auf hundert Arten, so daß eine große Gewandtheit dazu
+gehörte, nicht in die Falle zu gehen, und zuletzt keiner mehr sich mit
+einiger Hoffnung nähern konnte, als wer ein durchaus geriebener und
+verstellter Mensch war, so daß schon aus diesen Gründen endlich die
+Wahl wirklich schwer wurde, weil solche Menschen dann zuletzt doch
+eine unheimliche Unruhe erwecken und die peinlichste Ungewißheit bei
+einer Schönen zurücklassen, je geriebener und geschickter sie sind.
+Das Hauptmittel, ihre Anbeter zu prüfen, war, daß sie ihre
+Uneigennützigkeit auf die Probe stellte und sie alle Tage zu großen
+Ausgaben, zu reichen Geschenken und zu wohltätigen Handlungen
+veranlaßte. Aber sie mochten es machen, wie sie wollten, so trafen sie
+doch nie das Rechte; denn zeigten sie sich freigebig und aufopfernd,
+gaben sie glänzende Feste, brachten sie ihr Geschenke dar, oder
+anvertrauten ihr beträchtliche Gelder für die Armen, so sagte sie
+plötzlich, dies alles geschehe nur, um mit einem Würmchen den Lachs zu
+fangen oder mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen, wie man zu
+sagen pflegt. Und sie vergabte die Geschenke sowohl wie das
+anvertraute Geld an Klöster und milde Stiftungen und speisete die
+Armen; aber die betrogenen Freier wies sie unbarmherzig ab. Bezeigten
+sich dieselben aber zurückhaltend oder gar knauserig, so war der Stab
+sogleich über sie gebrochen, da sie das noch viel übler nahm und daran
+eine schnöde und nackte Rücksichtslosigkeit und Eigenliebe zu erkennen
+glaubte. So kam es, daß sie, welche ein reines und nur ihrer Person
+hingegebenes Herz suchte, zuletzt von lauter verstellten, listigen und
+eigensüchtigen Freiersleuten umgeben war, aus denen sie nie klug wurde
+und die ihr das Leben verbitterten. Eines Tages fühlte sie sich so
+mißmutig und trostlos, daß sie ihren ganzen Hof aus dem Hause wies,
+dasselbe zuschloß und nach Mailand verreiste, wo sie eine Base hatte.
+Als sie über den Sankt Gotthard ritt auf einem Eselein, war ihre
+Gesinnung so schwarz und schaurig, wie das wilde Gestein, das sich aus
+den Abgründen emportürmte, und sie fühlte die heftigste Versuchung,
+sich von der Teufelsbrücke in die tobenden Gewässer der Reuß
+hinabzustürzen. Nur mit der größten Mühe gelang es den zwei Mägden,
+die sie bei sich hatte, und die ich selbst noch gekannt habe, welche
+aber nun schon lange tot sind, und dem Führer, sie zu beruhigen und
+von der finstern Anwandlung abzubringen. Doch langte sie bleich und
+traurig in dem schönen Land Italien an, und so blau dort der Himmel
+war, wollten sich ihre dunklen Gedanken doch nicht aufhellen. Aber als
+sie einige Tage bei ihrer Base verweilt, sollte unverhofft eine andere
+Melodie ertönen und ein Frühlingsanfang in ihr aufgehen, von dem sie
+his dato noch nicht viel gewußt. Denn es kam ein junger Landsmann in
+das Haus der Base, der ihr gleich beim ersten Anblick so wohl gefiel,
+daß man wohl sagen kann, sie verliebte sich jetzt von selbst und zum
+erstenmal. Es war ein schöner Jüngling, von guter Erziehung und edlem
+Benehmen, nicht arm und nicht reich zur Zeit, denn er hatte nichts als
+zehntausend Goldgulden, welche er von seinen verstorbenen Eltern
+ererbt und womit er, da er die Kaufmannschaft erlernt hatte, in
+Mailand einen Handel mit Seide begründen wollte; denn er war
+unternehmend und klar von Gedanken und hatte eine glückliche Hand, wie
+es unbefangene und unschuldige Leute oft haben; denn auch dies war der
+junge Mann; er schien, so wohlgelehrt er war, doch so arglos und
+unschuldig wie ein Kind. Und obgleich er ein Kaufmann war und ein so
+unbefangenes Gemüt, was schon zusammen eine köstliche Seltenheit ist,
+so war er doch fest und ritterlich in seiner Haltung und trug sein
+Schwert so keck zur Seite, wie nur ein geübter Kriegsmann es tragen
+kann. Dies alles, sowie seine frische Schönheit und Jugend bezwangen
+das Herz des Fräuleins dermaßen, daß sie kaum an sich halten konnte
+und ihm mit großer Freundlichkeit begegnete. Sie wurde wieder heiter,
+und wenn sie dazwischen auch traurig war, so geschah dies in dem
+Wechsel der Liebesfurcht und Hoffnung, welche immerhin ein edleres und
+angenehmeres Gefühl war, als jene peinliche Verlegenheit in der Wahl,
+welche sie früher unter den vielen Freiern empfunden. Jetzt kannte sie
+nur eine Mühe und Besorgnis, diejenige nämlich, dem schönen und guten
+Jüngling zu gefallen, und je schöner sie selbst war, desto demütiger
+und unsicherer war sie jetzt, da sie zum ersten Male eine wahre
+Neigung gefaßt hatte. Aber auch der junge Kaufmann hatte noch nie eine
+solche Schönheit gesehen, oder war wenigstens noch keiner so nahe
+gewesen, und von ihr so freundlich und artig behandelt worden. Da sie
+nun, wie gesagt, nicht nur schön, sondern auch gut von Herzen und fein
+von Sitten war, so ist es nicht zu verwundern, daß der offene und frische
+Jüngling, dessen Herz noch ganz frei und unerfahren war, sich ebenfalls
+in sie verliebte und das mit aller Kraft und Rückhaltlosigkeit, die in seiner
+ganzen Natur lag. Aber vielleicht hätte das nie jemand erfahren, wenn er
+in seiner Einfalt nicht aufgemuntert worden wäre durch des Fräuleins
+Zutulichkeit, welche er mit heimlichem Zittern und Zagen für eine
+Erwiderung seiner Liebe zu halten wagte, da er selber keine Verstellung
+kannte. Doch bezwang er sich einige Wochen und glaubte die Sache zu
+verheimlichen; aber jeder sah ihm von weitem an, daß er zum Sterben
+verliebt war, und wenn er irgend in die Nähe des Fräuleins geriet oder sie
+nur genannt wurde, so sah man auch gleich, in wen er verliebt war. Er war
+aber nicht lange verliebt, sondern begann wirklich zu lieben mit aller
+Heftigkeit seiner Jugend, sodaß ihm das Fräulein das Höchste und Beste
+auf der Welt wurde, an welches er ein für allemal das Heil und den
+ganzen Wert seiner eigenen Person setzte. Dies gefiel ihr über die Maßen
+wohl; denn es war in allem, was er sagte oder tat, eine andere Art, als sie
+bislang erfahren, und dies bestärkte und rührte sie so tief, daß sie
+nun gleichermaßen der stärksten Liebe anheimfiel und nun nicht mehr
+von einer Wahl für sie die Rede war. Jedermann sah diese Geschichte
+spielen, und es wurde offen darüber gesprochen und vielfach gescherzt.
+Dem Fräulein war es höchlich wohl dabei, und indem ihr das Herz vor
+banger Erwartung zerspringen wollte, half sie den Roman von ihrer
+Seite doch ein wenig verwickeln und ausspinnen, um ihn recht
+auszukosten und zu genießen. Denn der junge Mann beging in seiner
+Verwirrung so köstliche und kindliche Dinge, dergleichen sie niemals
+erfahren, und für sie einmal schmeichelhafter und angenehmer waren als
+das andere. Er aber in seiner Gradheit und Ehrlichkeit konnte es nicht
+lange so aushalten; da jeder darauf anspielte und sich einen Scherz
+erlaubte, so schien es ihm eine Komödie zu werden, als deren
+Gegenstand ihm seine Geliebte viel zu gut und heilig war, und was ihr
+ausnehmend behagte, das machte ihn bekümmert, ungewiß und verlegen um
+sie selber. Auch glaubte er sie zu beleidigen und zu hintergehen, wenn
+er da lange eine so heftige Leidenschaft zu ihr herumtrüge und
+unaufhörlich an sie denke, ohne daß sie eine Ahnung davon habe, was
+doch gar nicht schicklich sei und ihm selber nicht recht! Daher sah
+man ihm eines Morgens von weitem an, daß er etwas vorhatte, und er
+bekannte ihr seine Liebe in einigen Worten, um es einmal und nie zum
+zweitenmal zu sagen, wenn er nicht glücklich sein sollte. Denn er war
+nicht gewohnt zu denken, daß ein solches schönes und wohlbeschaffenes
+Fräulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und nicht auch gleich zum
+erstenmal ihr unwiderrufliches Ja oder Nein erwidern sollte. Er war
+ebenso zart gesinnt als heftig verliebt, ebenso spröde als kindlich
+und ebenso stolz als unbefangen, und bei ihm galt es gleich auf Tod
+und Leben, auf Ja oder Nein, Schlag um Schlag. In demselben
+Augenblicke aber, in welchem das Fräulein sein Geständnis anhörte, das
+sie so sehnlich erwartet, überfiel sie ihr altes Mißtrauen, und es
+fiel ihr zur unglücklichen Stunde ein, daß ihr Liebhaber ein Kaufmann
+sei, welcher am Ende nur ihr Vermögen zu erlangen wünsche, um seine
+Unternehmungen zu erweitern. Wenn er daneben auch ein wenig in ihre
+Person verliebt sein sollte, so wäre ja das bei ihrer Schönheit kein
+sonderliches Verdienst und nur um so empörender, wenn sie eine bloße
+erwünschte Zugabe zu ihrem Golde vorstellen sollte. Anstatt ihm daher
+ihre Gegenliebe zu gestehen und ihn wohl aufzunehmen, wie sie am
+liebsten getan hätte, ersann sie auf der Stelle eine neue List, um
+seine Hingebung zu prüfen, und nahm eine ernste, fast traurige Miene
+an, indem sie ihm vertraute, wie sie bereits mit einem jungen Mann
+verlobt sei in ihrer Heimat, welchen sie auf das allerherzlichste
+liebe. Sie habe ihm das schon mehrmals mitteilen wollen, da sie ihn,
+den Kaufmann nämlich, als Freund sehr lieb habe, wie er habe wohl
+sehen können aus ihrem Benehmen, und sie vertraue ihm wie einem
+Bruder. Aber die ungeschickten Scherze, welche in der Gesellschaft
+aufgekommen seien, hätten ihr eine vertrauliche Unterhaltung
+erschwert; da er nun aber selbst sie mit feinem braven und edlen
+Herzen überrascht und dasselbe vor ihr aufgetan, so könne sie ihm für
+seine Neigung nicht besser danken, als indem sie ihm ebenso offen sich
+anvertraue. Ja, fuhr sie fort, nur demjenigen könne sie angehören,
+welchen sie einmal erwählt habe, und nie würde es ihr möglich sein,
+ihr Herz einem anderen Mannsbilde zuzuwenden, dies stehe mit goldenem
+Feuer in ihrer Seele geschrieben und der liebe Mann wisse selbst
+nicht, wie lieb er ihr sei, so wohl er sie auch kenne! Aber ein trüber
+Unstern hätte sie betroffen; ihr Bräutigam sei ein Kaufmann, aber so
+arm wie eine Maus; darum hätten sie den Plan gefaßt, daß er aus den
+Mitteln der Braut einen Handel begründen solle; der Anfang sei gemacht
+und alles auf das beste eingeleitet, die Hochzeit sollte in diesen
+Tagen gefeiert werden, da wollte ein unverhofftes Mißgeschick, daß ihr
+ganzes Vermögen plötzlich ihr angetastet und abgestritten würde und
+vielleicht für immer verloren gehe, während der arme Bräutigam in
+nächster Zeit seine ersten Zahlungen zu leisten habe an die Mailänder
+und Venezianischen Kaufleute, worauf sein ganzer Kredit, sein Gedeihen
+und seine Ehre beruhe, nicht zu sprechen von ihrer Vereinigung und
+glücklichen Hochzeit! Sie sei in der Eile nach Mailand gekommen, wo
+sie begüterte Verwandte habe, um da Mittel und Auswege zu finden; aber
+zu einer schlimmen Stunde sei sie gekommen, denn nichts wolle sich
+fügen und schicken, während der Tag immer näher rücke, und wenn sie
+ihrem Geliebten nicht helfen könne, so müsse sie sterben vor
+Traurigkeit. Denn es sei der liebste und beste Mensch, den man sich
+denken könne, und würde sicherlich ein großer Kaufherr werden, wenn
+ihm geholfen würde, und sie kenne kein anderes Glück mehr auf Erden,
+als dann dessen Gemahlin zu sein! Als sie diese Erzählung beendet,
+hatte sich der arme schöne Jüngling schon lange entfärbt und war
+bleich wie ein weißes Tuch. Aber er ließ keinen Laut der Klage
+vernehmen und sprach nicht ein Sterbenswörtchen mehr von sich selbst
+und von seiner Liebe, sondern fragte bloß traurig, auf wieviel sich
+denn die eingegangenen Verpflichtungen des glücklich unglücklichen
+Bräutigams beliefen? Auf zehntausend Goldgulden! antwortete sie noch
+viel trauriger. Der junge traurige Kaufherr stand auf, ermahnte das
+Fräulein, guten Mutes zu sein, da sich gewiß ein Ausweg zeigen werde,
+und entfernte sich von ihr, ohne daß er sie anzusehen wagte, so sehr
+fühlte er sich betroffen und beschämt, daß er sein Auge auf eine Dame
+geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen andern liebte. Denn
+der Arme glaubte jedes Wort von ihrer Erzählung wie ein Evangelium.
+Dann begab er sich ohne Säumnis zu seinen Handelsfreunden und brachte
+sie durch Bitten und Einbüßung einer gewissen Summe dahin, seine
+Bestellungen und Einkäufe wieder rückgängig zu machen, welche er
+selbst in diesen Tagen auch grad mit seinen zehntausend Goldgulden
+bezahlen sollte und worauf er seine ganze Laufbahn bauete, und ehe
+sechs Stunden verflossen waren, erschien er wieder bei dem Fräulein
+mit seinem ganzen Besitztum und bat sie um Gottes willen, diese
+Aushilfe von ihm annehmen zu wollen. Ihre Augen funkelten vor
+freudiger Überraschung und ihre Brust pochte wie ein Hammerwerk; sie
+fragte ihn, wo er denn dies Kapital hergenommen, und er erwiderte, er
+habe es auf seinen guten Namen geliehen und würde es, da seine
+Geschäfte sich glücklich wendeten, ohne Unbequemlichkeit
+zurückerstatten können. Sie sah ihm deutlich an, daß er log und daß es
+sein einziges Vermögen und ganze Hoffnung war, welche er ihrem Glücke
+opferte; doch stellte sie sich, als glaubte sie seinen Worten. Sie
+ließ ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und tat grausamerweise,
+als ob diese dem Glücke gälten, nun doch ihren Erwählten retten und
+heiraten zu dürfen, und sie konnte nicht Worte finden, ihre
+Dankbarkeit auszudrücken. Doch plötzlich besann sie sich und erklärte,
+nur unter einer Bedingung die großmütige Tat annehmen zu können, da
+sonst alles Zureden unnütz wäre. Befragt, worin diese Bedingung
+bestehe, verlangte sie das heilige Versprechen, daß er an einem
+bestimmten Tage sich bei ihr einfinden wolle, um ihrer Hochzeit
+beizuwohnen und der beste Freund und Gönner ihres zukünftigen
+Ehegemahls zu werden, sowie der treuste Freund, Schützer und Berater
+ihrer selbst. Errötend bat er sie, von diesem Begehren abzustehen;
+aber umsonst wandte er alle Gründe an, um sie davon abzubringen,
+umsonst stellte er ihr vor, daß seine Angelegenheiten jetzt nicht
+erlaubten, nach der Schweiz zurückzureisen, und daß er von einem
+solchen Abstecher einen erheblichen Schaden erleiden würde. Sie
+beharrte entschieden auf ihrem Verlangen und schob ihm sogar sein Geld
+wieder zu, da er sich nicht dazu verstehen wollte. Endlich versprach
+er es, aber er mußte ihr die Hand daraufgeben und es ihr bei seiner
+Ehre und Seligkeit beschwören. Sie bezeichnete ihm genau den Tag und
+die Stunde, wann er eintreffen solle, und alles dies mußte er bei
+seinem Christenglauben und bei seiner Seligkeit beschwören. Erst dann
+nahm sie sein Opfer an und ließ den Schatz vergnügt in ihre
+Schlafkammer tragen, wo sie ihn eigenhändig in ihrer Reisetruhe
+verschloß und den Schlüssel in den Busen steckte. Nun hielt sie sich
+nicht länger in Mailand auf, sondern reiste ebenso fröhlich über den
+Sankt Gotthard zurück, als schwermütig sie hergekommen war. Auf der
+Teufelsbrücke, wo sie hatte hinabspringen wollen, lachte sie wie eine
+Unkluge und warf mit hellem Jauchzen ihrer wohlklingenden Stimme einen
+Granatblütenstrauß in die Reuß, welchen sie vor der Brust trug, kurz,
+ihre Lust war nicht zu bändigen, und es war die fröhlichste Reise, die
+je getan wurde. Heimgekehrt, öffnete und lüftete sie ihr Haus von oben
+bis unten und schmückte es, als ob sie einen Prinzen erwartete. Aber
+zu Häupten ihres Bettes legte sie den Sack mit den zehntausend
+Goldgulden und legte des Nachts den Kopf so glückselig auf den harten
+Klumpen, und schlief darauf, wie wenn es das weichste Flaumkissen
+gewesen wäre. Kaum konnte sie den verabredeten Tag erwarten, wo sie
+ihn sicher kommen sah, da sie wußte, daß er nicht das einfachste
+Versprechen, geschweige denn einen Schwur brechen würde, und wenn es
+ihm um das Leben ginge. Aber der Tag brach an und der Geliebte
+erschien nicht, und es vergingen viele Tage und Wochen, ohne daß er
+von sich hören ließ. Da fing sie an allen Gliedern an zu zittern und
+verfiel in die größte Angst und Bangigkeit; sie schickte Briefe über
+Briefe nach Mailand, aber niemand wußte ihr zu sagen, wo er geblieben
+sei. Endlich aber stellte es sich durch einen Zufall heraus, daß der
+junge Kaufherr aus einem blutroten Stück Seidendamast, welches er von
+seinem Handelsanfang her im Haus liegen und bereits bezahlt hatte,
+sich ein Kriegskleid hatte anfertigen lassen und unter die Schweizer
+gegangen war, welche damals eben im Solde des Königs Franz von
+Frankreich den Mailändischen Krieg mitstritten. Nach der Schlacht bei
+Pavia, in welcher so viele Schweizer das Leben verloren, wurde er auf
+einem Haufen erschlagener Spaniolen liegend gefunden, von vielen
+tödlichen Wunden zerrissen und sein rotes Seidengewand von unten bis
+oben zerschlitzt und zerfetzt. Eh' er den Geist aufgab, jagte er einem
+neben ihm liegenden Seldwyler, der minder übel zugerichtet war,
+folgende Botschaft ins Gedächtnis und bat ihn, dieselbe auszurichten,
+wenn er mit dem Leben davonkäme: ‚Liebstes Fräulein! Obgleich ich Euch
+bei meiner Ehre, bei meinem Christenglauben und bei meiner Seligkeit
+geschworen habe, auf Euerer Hochzeit zu erscheinen, so ist es mir
+dennoch nicht möglich gewesen, Euch nochmals zu sehen und einen andern
+des höchsten Glückes teilhaftig zu erblicken, das es für mich geben
+könnte. Dieses habe ich erst in Euerer Abwesenheit verspürt und habe
+vorher nicht gewußt, welch eine strenge und unheimliche Sache es ist
+um solche Liebe, wie ich zu Euch habe, sonst würde ich mich
+zweifelsohne besser davor gehütet haben. Da es aber einmal so ist, so
+wollte ich lieber meiner weltlichen Ehre und meiner geistlichen
+Seligkeit verloren und in die ewige Verdammnis eingehen als ein
+Meineidiger, denn noch einmal in Euerer Nähe erscheinen mit einem
+Feuer in der Brust, welches stärker und unauslöschlicher ist als das
+Höllenfeuer, und mich dieses kaum wird verspüren lassen. Betet nicht
+etwa für mich, schönstes Fräulein, denn ich kann und werde nie selig
+werden ohne Euch, sei es hier oder dort, und somit lebet glücklich und
+seid gegrüßt!' So hatte in dieser Schlacht, nach welcher König
+Franziskus sagte: ‚Alles verloren, außer der Ehre!' der unglückliche
+Liebhaber alles verloren, die Hoffnung, die Ehre, das Leben und die
+ewige Seligkeit, nur die Liebe nicht, die ihn verzehrte. Der Seldwyler
+kam glücklich davon, und sobald er sich in etwas erholt und außer
+Gefahr sah, schrieb er die Worte des Umgekommenen getreu auf seine
+Schreibtafel, um sie nicht zu vergessen, reiste nach Hause, meldete
+sich bei dem unglücklichen Fräulein und las ihr die Botschaft so steif
+und kriegerisch vor, wie er zu tun gewohnt war, wenn er sonst die
+Mannschaft seines Fähnleins verlas; denn er war ein Feldleutnant. Das
+Fräulein aber zerraufte sich die Haare, zerriß ihre Kleider und begann
+so laut zu schreien und zu weinen, daß man es die Straße auf und
+nieder hörte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie
+wahnsinnig die zehntausend Goldgulden herbei, zerstreute sie auf dem
+Boden, warf sich der Länge nach darauf hin und küßte die glänzenden
+Goldstücke. Ganz von Sinnen, suchte sie den umherrollenden Schatz
+zusammenzuraffen und zu umarmen, als ob der verlorene Geliebte darin
+zugegen wäre. Sie lag Tag und Nacht auf dem Golde und wollte weder
+Speise noch Trank zu sich nehmen; unaufhörlich liebkoste und küßte sie
+das kalte Metall, bis sie mitten in einer Nacht plötzlich aufstand,
+den Schatz emsig hin und her eilend nach dem Garten trug und dort
+unter bitteren Tränen in den tiefen Brunnen warf und einen Fluch
+darüber aussprach, daß er niemals jemand anderm angehören solle."
+
+Als Spiegel soweit erzählt hatte, sagte Pineiß: „Und liegt das schöne
+Geld noch in dem Brunnen?" „Ja, wo sollte es sonst liegen?" antwortete
+Spiegel, „denn nur ich kann es herausbringen und habe es bis zur
+Stunde noch nicht getan!" „Ei ja so, richtig!" sagte Pineiß, „ich habe
+es ganz vergessen über deiner Geschichte! Du kannst nicht übel
+erzählen, du Sapperlöter! Und es ist mir ganz gelüstig geworden nach
+einem Weibchen, die so für mich eingenommen wäre; aber sehr schön
+müßte sie sein! Doch erzähle jetzt schnell noch, wie die Sache
+eigentlich zusammenhängt!" „Es dauerte manche Jahre," sagte Spiegel,
+„bis das Fräulein aus bittern Seelenleiden so weit zu sich kam, daß
+sie anfangen konnte, die stille alte Jungfer zu werden, als welche ich
+sie kennen lernte. Ich darf mich berühmen, daß ich ihr einziger Trost
+und ihr vertrautester Freund geworden bin in ihrem einsamen Leben bis
+an ihr stilles Ende. Als sie aber dieses herannahen sah,
+vergegenwärtigte sie sich noch einmal die Zeit ihrer fernen Jugend und
+Schönheit und erlitt noch einmal mit milderen ergebenen Gedanken erst
+die süßen Erregungen und dann die bittern Leiden jener Zeit, und sie
+weinte still sieben Tage und Nächte hindurch über die Liebe des
+Jünglings, deren Genuß sie durch ihr Mißtrauen verloren hatte, so daß
+ihre alten Augen noch kurz vor dem Tode erblindeten. Dann bereute sie
+den Fluch, welchen sie über jenen Schatz ausgesprochen, und sagte zu
+mir, indem sie mich mit dieser wichtigen Sache beauftragte: ‚Ich
+bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe dir die Vollmacht, daß
+du meine Verordnung vollziehest. Sieh dich um und suche, bis du eine
+bildschöne, aber unbemittelte Frauensperson findest, welcher es ihrer
+Armut wegen an Freiern gebricht! Wenn sich dann ein verständiger,
+rechtlicher und hübscher Mann finden sollte, der sein gutes Auskommen
+hat, und die Jungfrau ungeachtet ihrer Armut, nur allein von ihrer
+Schönheit bewegt, zur Frau begehrt, so soll dieser Mann mit den
+stärksten Eiden sich verpflichten, derselben so treu, aufopfernd und
+unabänderlich ergeben zu sein, wie es mein unglücklicher Liebster
+gewesen ist, und dieser Frau sein Leben lang in allen Dingen zu
+willfahren. Dann gib der Braut die zehntausend Goldgulden, welche im
+Brunnen liegen, zur Mitgift, daß sie ihren Bräutigam am Hochzeitmorgen
+damit überrasche!' So sprach die Selige, und ich habe meiner widrigen
+Geschicke wegen versäumt, dieser Sache nachzugehen, und muß nun
+befürchten, daß die Arme deswegen im Grabe noch beunruhigt sei, was
+für mich eben auch nicht die angenehmsten Folgen haben kann!"
+
+Pineiß sah den Spiegel mißtrauisch an und sagte: „Wärst du wohl
+imstande, Bürschchen! mir den Schatz ein wenig nachzuweisen und
+augenscheinlich zu machen?"
+
+„Zu jeder Stunde!" versetzte Spiegel, „aber Ihr müßt wissen, Herr
+Stadthexenmeister! daß Ihr das Gold nicht etwa so ohne weiteres
+herausfischen dürftet. Man würde Euch unfehlbar das Genick umdrehen;
+denn es ist nicht ganz geheuer in dem Brunnen, ich habe darüber
+bestimmte Inzichten, welche ich aus Rücksichten nicht näher berühren
+darf!"
+
+„Hei, wer spricht denn von Herausholen?" sagte Pineiß etwas furchtsam,
+„führe mich einmal hin und zeige mir den Schatz! Oder vielmehr will
+ich dich führen an einem guten Schnürlein, damit du mir nicht
+entwischest!"
+
+„Wie Ihr wollt!" sagte Spiegel, „aber nehmt auch eine andere lange
+Schnur mit und eine Blendlaterne, welche Ihr daran in den Brunnen
+hinablassen könnt; denn der ist sehr tief und dunkel!" Pineiß befolgte
+diesen Rat und führte das muntere Kätzchen nach dem Garten jener
+Verstorbenen. Sie überstiegen miteinander die Mauer, und Spiegel
+zeigte dem Hexer den Weg zu dem alten Brunnen, welcher unter
+verwildertem Gebüsche verborgen war. Dort ließ Pineiß sein Laternchen
+hinunter, begierig nachblickend, während er den angebundenen Spiegel
+nicht von der Hand ließ. Aber richtig sah er in der Tiefe das Gold
+funkeln unter dem grünlichen Wasser und rief: „Wahrhaftig, ich seh's,
+es ist wahr! Spiegel, du bist ein Tausendskerl!" Dann guckte er wieder
+eifrig hinunter und sagte: „Mögen es auch zehntausend sein?" „Ja, das
+ist nun nicht zu schwören!" sagte Spiegel, „ich bin nie da unten
+gewesen und hab's nicht gezählt! Ist auch möglich, daß die Dame
+dazumal einige Stücke auf dem Wege verloren hat, als sie den Schatz
+hierher trug, da sie in einem aufgeregten Zustande war." „Nun, seien
+es auch ein Dutzend oder mehr weniger!" sagte Herr Pineiß, „es soll
+mir darauf nicht ankommen!" Er setzte sich auf den Rand des Brunnens,
+Spiegel setzte sich auch nieder und leckte sich das Pfötchen. „Da wäre
+nun der Schatz!" sagte Pineiß, indem er sich hinter den Ohren kratzte,
+„und hier wäre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschöne
+Weib!" „Wie?" sagte Spiegel. „Ich meine, es fehlt nur noch diejenige,
+welche die Zehntausend als Mitgift bekommen soll, um mich damit zu
+überraschen am Hochzeitmorgen, und welche alle jene angenehmen
+Tugenden hat, von denen du gesprochen !" „Hm!" versetzte Spiegel, „die
+Sache verhält sich nicht ganz so, wie Ihr sagt! Der Schatz ist da, wie
+Ihr richtig einseht; das schöne Weib habe ich, um es aufrichtig zu
+gestehen, allbereits auch schon ausgespürt; aber mit dem Mann, der sie
+unter diesen schwierigen Umständen heiraten möchte, da hapert es eben;
+denn heutzutage muß die Schönheit obenein vergoldet sein, wie die
+Weihnachtsnüsse, und je hohler die Köpfe werden, desto mehr sind sie
+bestrebt, die Leere mit einigem Weibergut nachzufüllen, damit sie die
+Zeit besser zu verbringen vermögen; da wird dann mit wichtigem Gesicht
+ein Pferd besehen und ein Stück Sammet gekauft, mit Laufen und Rennen
+eine gute Armbrust bestellt, und der Büchsenschmied kommt nicht aus
+dem Hause; da heißt es, ich muß meinen Wein einheimsen und meine
+Fässer putzen, meine Bäume putzen lassen und mein Dach decken; ich muß
+meine Frau ins Bad schicken, sie kränkelt und kostet mich viel Geld,
+und muß mein Holz fahren lassen und mein Ausstehendes eintreiben; ich
+habe ein Paar Windspiele gekauft und meine Bracken vertauscht, ich
+habe einen schönen eichenen Ausziehtisch eingehandelt und meine große
+Nußbaumlade drangegeben; ich habe meine Bohnenstangen geschnitten,
+meinen Gärtner fortgejagt, mein Heu verkauft und meinen Salat gesät,
+immer mein und mein vom Morgen bis zu Abend. Manche sagen sogar: ich
+habe meine Wäsche die nächste Woche, ich muß meine Betten sonnen, ich
+muß eine Magd dingen und einen neuen Metzger haben, denn den alten
+will ich abschaffen; ich habe ein allerliebstes Waffeleisen erstanden,
+durch Zufall, und habe mein silbernes Zimmetbüchschen verkauft, es war
+mir so nichts nütze; alles das sind wohlverstanden die Sachen der
+Frau, und so verbringt ein solcher Kerl die Zeit und stiehlt unserm
+Herrgott den Tag ab, indem er alle diese Verrichtungen aufzählt, ohne
+einen Streich zu tun. Wenn es hochkommt und ein solcher Patron sich
+etwa ducken muß, so wird er vielleicht sagen: unsere Kühe und unsere
+Schweine, aber--" Pineiß riß den Spiegel an der Schnur, daß er miau!
+schrie, und rief: „Genug, du Plappermaul! Sag' jetzt unverzüglich: wo
+ist sie, von der du weißt?" Denn die Aufzählung aller dieser
+Herrlichkeiten und Verrichtungen, die mit einem Weibergute verbunden
+sind, hatte dem dürren Hexenmeister den Mund nur noch wässeriger
+gemacht. Spiegel sagte erstaunt: „Wollt Ihr denn wirklich das Ding
+unternehmen, Herr Pineiß?"
+
+„Versteht sich, will ich! Wer sonst als ich? Drum heraus damit: wo ist
+diejenige?"
+
+„Damit Ihr hingehen und sie freien könnt?"
+
+„Ohne Zweifel!" „So wisset, die Sache geht nur durch meine Hand! mit
+mir müßt Ihr sprechen, wenn Ihr Geld und Frau wollt!" sagte Spiegel
+kaltblütig und gleichgültig und fuhr sich mit den beiden Pfoten eifrig
+über die Ohren, nachdem er sie jedesmal ein bißchen naß gemacht.
+Pineiß besann sich sorgfältig, stöhnte ein bißchen und sagte: „Ich
+merke, du willst unsern Kontrakt aufheben und deinen Kopf salvieren!"
+
+„Schiene Euch das so uneben und unnatürlich?"
+
+„Du betrügst mich am Ende und belügst mich, wie ein Schelm!"
+
+„Dies ist auch möglich!" sagte Spiegel.
+
+„Ich sage dir: Betrüge mich nicht!" rief Pineiß gebieterisch.
+
+„Gut, so betrüge ich Euch nicht!" sagte Spiegel.
+
+„Wenn du's tust!"
+
+„So tu' ich's."
+
+„Quäle mich nicht, Spiegelchen!" sprach Pineiß beinahe weinerlich, und
+Spiegel erwiderte jetzt ernsthaft: „Ihr seid ein wunderbarer Mensch,
+Herr Pineiß! Da haltet Ihr mich an einer Schnur gefangen und zerrt
+daran, daß mir der Atem vergeht! Ihr lasset das Schwert des Todes über
+mir schweben seit länger als zwei Stunden, was sag' ich! seit einem
+halben Jahre! und nun sprecht Ihr: Quäle mich nicht, Spiegelchen!
+
+Wenn Ihr erlaubt, so sage ich Euch in Kürze: Es kann mir nur lieb
+sein, jene Liebespflicht gegen die Tote doch noch zu erfüllen und für
+das bewußte Frauenzimmer einen tauglichen Mann zu finden, und Ihr
+scheint mir allerdings in aller Hinsicht zu genügen; es ist keine
+Leichtigkeit, ein Weibstück wohl unterzubringen, so sehr dies auch
+scheint, und ich sage noch einmal: ich bin froh, daß Ihr Euch hierzu
+bereitfinden lasset! Aber umsonst ist der Tod! Eh' ich ein Wort weiter
+spreche, einen Schritt tue, ja eh' ich nur den Mund noch einmal
+aufmache, will ich erst meine Freiheit wieder haben und mein Leben
+versichert! Daher nehmt diese Schnur weg und legt den Kontrakt hier
+auf den Brunnen, hier auf diesen Stein, oder schneidet mir den Kopf
+ab, eins von beiden!"
+
+„Ei du Tollhäusler und Obenhinaus!" sagte Pineiß, „du Hitzkopf, so
+streng wird es nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein
+und muß jedenfalls ein neuer Vertrag geschlossen werden!" Spiegel gab
+keine Antwort mehr und saß unbeweglich da, ein, zwei und drei Minuten.
+Da ward dem Meister bänglich, er zog seine Brieftasche hervor, klaubte
+seufzend den Schein heraus, las ihn noch einmal durch und legte ihn
+dann zögernd vor Spiegel hin. Kaum lag das Papier dort, so schnappte
+es Spiegel auf und verschlang es; und obgleich er heftig daran zu
+würgen hatte, so dünkte es ihn doch die beste und gedeihlichste Speise
+zu sein, die er je genossen, und er hoffte, daß sie ihm noch auf lange
+wohlbekommen und ihn rundlich und munter machen würde. Als er mit der
+angenehmen Mahlzeit fertig war, begrüßte er den Hexenmeister höflich
+und sagte: „Ihr werdet unfehlbar von mir hören, Herr Pineiß, und Weib
+und Geld sollen Euch nicht entgehen. Dagegen macht Euch bereit, recht
+verliebt zu sein, damit Ihr jene Bedingungen einer unverbrüchlichen
+Hingebung an die Liebkosungen Eurer Frau, die schon sogut wie Euer
+ist, ja beschwören und erfüllen könnt! Und hiermit bedanke ich mich
+des vorläufigen für genossene Pflege und Beköstigung und beurlaube
+mich."
+
+Somit ging Spiegel seines Weges und freute sich über die Dummheit des
+Hexenmeisters, welcher glaubte, sich selbst und alle Welt betrügen zu
+können, indem er ja die gehoffte Braut nicht uneigennützig, aus bloßer
+Liebe zur Schönheit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit den
+zehntausend Goldgulden vorher wußte. Indessen hatte er schon eine
+Person im Auge, welche er dem törichten Hexenmeister aufzuhalsen
+gedachte für seine gebratenen Krammetsvögel, Mäuse und Würstchen.
+
+Dem Hause des Herrn Pineiß gegenüber war ein anderes Haus, dessen
+vordere Seite auf das sauberste geweißt war und dessen Fenster immer
+frisch gewaschen glänzten. Die bescheidenen Fenstervorhänge waren
+immer schneeweiß und wie soeben geplättet, und ebenso weiß war der
+Habit und das Kopf- und Halstuch einer alten Beghine, welche in dem
+Hause wohnte, also daß ihr nonnenartiger Kopfputz, der ihre Brust
+bekleidete, immer wie aus Schreibpapier gefaltet aussah, so daß man
+gleich darauf hätte schreiben mögen; das hätte man wenigstens auf der
+Brust bequem tun können, da sie so eben und so hart war wie ein Brett.
+So scharf die weißen Kanten und Ecken ihrer Kleidung, so scharf war
+auch die lange Nase und das Kinn der Beghine, ihre Zunge und der böse
+Blick ihrer Augen; doch sprach sie nur wenig mit der Zunge und blickte
+wenig mit den Augen, da sie die Verschwendung nicht liebte und alles
+nur zur rechten Zeit und mit Bedacht verwendete. Alle Tage ging sie
+dreimal in die Kirche, und wenn sie in ihrem frischen, weißen und
+knitternden Zeuge und mit ihrer weißen spitzigen Nase über die Straße
+ging, liefen die Kinder furchtsam davon, und selbst erwachsene Leute
+traten gern hinter die Haustüre, wenn es noch Zeit war. Sie stand aber
+wegen ihrer strengen Frömmigkeit und Eingezogenheit in großem Rufe und
+besonders bei der Geistlichkeit in hohem Ansehen, aber selbst die
+Pfaffen verkehrten lieber schriftlich mit ihr als mündlich, und wenn
+sie beichtete, so schoß der Pfarrer jedesmal so schweißtriefend aus
+dem Beichtstuhl heraus, als ob er aus einem Backofen käme. So lebte
+die fromme Beghine, die keinen Spaß verstand, in tiefem Frieden und
+blieb ungeschoren. Sie machte sich auch mit niemand zu schaffen und
+ließ die Leute gehen, vorausgesetzt, daß sie ihr aus dem Wege gingen;
+nur auf ihren Nachbar Pineiß schien sie einen besonderen Haß geworfen
+zu haben; denn so oft er sich an seinem Fenster blicken ließ, warf sie
+ihm einen bösen Blick hinüber und zog augenblicklich ihre weißen
+Vorhänge vor, und Pineiß fürchtete sie wie das Feuer, und wagte nur
+zuhinterst in seinem Hause, wenn alles gut verschlossen war, etwa
+einen Witz über sie zu machen. So weiß und hell aber das Haus der
+Beghine nach der Straße zu aussah, so schwarz und räucherig,
+unheimlich und seltsam sah es von hinten aus, wo es jedoch fast gar
+nicht gesehen werden konnte, als von den Vögeln des Himmels und den
+Katzen auf den Dächern, weil es in eine dunkle Winkelei von
+himmelhohen Brandmauern ohne Fenster hineingebaut war, wo nirgends ein
+menschliches Gesicht sich sehen ließ. Unter dem Dache dort hingen alte
+zerrissene Unterröcke, Körbe und Kräutersäcke, auf dem Dache wuchsen
+ordentliche Eibenbäumchen und Dornsträucher, und ein großer rußiger
+Schornstein ragte unheimlich in die Luft. Aus diesem Schornstein aber
+fuhr in der dunklen Nacht nicht selten eine Hexe auf ihrem Besen in
+die Höhe, jung und schön und splitternackt, wie Gott die Weiber
+geschaffen und der Teufel sie gern sieht. Wenn sie aus dem Schornstein
+fuhr, so schnupperte sie mit dem feinsten Näschen und mit lächelnden
+Kirschenlippen in der frischen Nachtluft und fuhr in dem weißen
+Scheine ihres Leibes dahin, indes ihr langes rabenschwarzes Haar wie
+eine Nachtfahne hinter ihr herflatterte. In einem Loch am Schornstein
+saß ein alter Eulenvogel, und zu diesem begab sich jetzt der befreite
+Spiegel, eine fette Maus im Maule, die er unterwegs gefangen.
+
+„Wünsch' guten Abend, liebe Frau Eule! Eifrig auf der Wacht?" sagte
+er, und die Eule erwiderte: „Muß wohl! Wünsch' gleichfalls guten
+Abend! Ihr habt Euch lange nicht sehen lassen, Herr Spiegel!"
+
+„Hat seine Gründe gehabt, werde Euch das erzählen. Hier habe ich Euch
+ein Mäuschen gebracht, schlecht und recht, wie es die Jahreszeit gibt,
+wenn Ihr's nicht verschmähen wollt! Ist die Meisterin ausgeritten?"
+
+„Noch nicht, sie will erst gegen Morgen auf ein Stündchen hinaus. Habt
+Dank für die schöne Maus! Seid doch immer der höfliche Spiegel! Habe
+hier einen schlechten Sperling zur Seite gelegt, der mir heut zu nahe
+flog; wenn Euch beliebt, so kostet den Vogel! Und wie ist es Euch denn
+ergangen?"
+
+„Fast wunderlich," erwiderte Spiegel, „sie wollten mir an den Kragen.
+Hört, wenn es Euch gefällig ist." Während sie nun vergnüglich ihr
+Abendessen einnahmen, erzählte Spiegel der aufmerksamen Eule alles,
+was ihn betroffen und wie er sich aus den Händen des Herrn Pineiß
+befreit habe. Die Eule sagte: „Da wünsch' ich tausendmal Glück, nun
+seid Ihr wieder ein gemachter Mann, und könnt gehen, wo Ihr wollt,
+nachdem Ihr mancherlei erfahren!"
+
+„Damit sind wir noch nicht zu Ende," sagte Spiegel, „der Mann muß
+seine Frau und seine Goldgulden haben!"
+
+„Seid Ihr von Sinnen, dem Schelm noch wohlzutun, der Euch das Fell
+abziehen wollte?"
+
+„Ei, er hat es doch rechtlich und vertragsmäßig tun können, und da ich
+ihn in gleicher Münze wieder bedienen kann, warum sollt' ich es
+unterlassen? Wer sagt denn, daß ich ihm wohltun will? Jene Erzählung
+war eine reine Erfindung von mir, meine in Gott ruhende Meisterin war
+eine simple Person, welche in ihrem Leben nie verliebt, noch von
+Anbetern umringt war, und jener Schatz ist ein ungerechtes Gut, das
+sie einst ererbt und in den Brunnen geworfen hat, damit sie kein
+Unglück daran erlebe. ‚Verflucht sei, wer es da herausnimmt und
+verbraucht,' sagte sie. Es macht sich also in Betreff des Wohltuns!"
+
+„Dann ist die Sache freilich anders! Aber nun, wo wollt Ihr die
+entsprechende Frau hernehmen?" „Hier aus diesem Schornstein! Deshalb
+bin ich gekommen, um ein vernünftiges Wort mit Euch zu reden! Möchtet
+Ihr denn nicht einmal wieder freiwerden aus den Banden dieser Hexe?
+Sinnt nach, wie wir sie fangen und mit dem alten Bösewicht
+verheiraten!"
+
+„Spiegel, Ihr braucht Euch nur zu nähern, so weckt Ihr mir
+ersprießliche Gedanken."
+
+„Das wußt' ich wohl, daß Ihr klug seid! Ich habe das Meinige getan und
+es ist besser, daß Ihr auch Euren Senf dazugebt und neue Kräfte
+vorspannt, so kann es gewiß nicht fehlen!"
+
+„Da alle Dinge so schön zusammentreffen, so brauche ich nicht lang zu
+sinnen, mein Plan ist längst gemacht!" „Wie fangen wir sie?" „Mit
+einem neuen Schnepfengarn aus guten starken Hanfschnüren; geflochten
+muß es sein von einem zwanzigjährigen Jägerssohn, der noch kein Weib
+angesehen hat, und es muß schon dreimal der Nachttau daraufgefallen
+sein, ohne daß sich eine Schnepfe gefangen; der Grund aber hiervon muß
+dreimal eine gute Handlung sein. Ein solches Netz ist stark genug, die
+Hexe zu fangen."
+
+„Nun bin ich neugierig, wo Ihr ein solches hernehmt," sagte Spiegel,
+„denn ich weiß, daß Ihr keine vergeblichen Worte schwatzt!"
+
+„Es ist auch schon gefunden, wie für uns gemacht; in einem Walde nicht
+weit von hier sitzt ein zwanzigjähriger Jägerssohn, welcher noch kein
+Weib angesehen hat; denn er ist blindgeboren. Deswegen ist er auch zu
+nichts zu gebrauchen, als zum Garnflechten und hat vor einigen Tagen
+ein neues, sehr schönes Schnepfengarn zustande gebracht. Aber als der
+alte Jäger es zum ersten Male ausspannen wollte, kam ein Weib daher,
+welches ihn zur Sünde verlocken wollte; es war aber so häßlich, daß
+der alte Mann voll Schreckens davonlief und das Garn am Boden
+liegenließ. Darum ist ein Tau darauf gefallen, ohne daß sich eine
+Schnepfe fing, und war also eine gute Handlung daran schuld. Als er
+des andern Tages hinging, um das Garn abermals auszuspannen, kam eben
+ein Reiter daher, welcher einen schweren Mantelsack hinter sich hatte;
+in diesem war ein Loch, aus welchem von Zeit zu Zeit ein Goldstück auf
+die Erde fiel. Da ließ der Jäger das Garn abermals fallen und lief
+eifrig hinter dem Reiter her und sammelte die Goldstücke in seinen
+Hut, bis der Reiter sich umkehrte, es sah und voll Grimm seine Lanze
+auf ihn richtete. Da bückte der Jäger sich erschrocken, reichte ihm
+den Hut dar und sagte: ‚Erlaubt, gnädiger Herr, Ihr habt hier viel
+Gold verloren, das ich Euch sorgfältig aufgelesen!' Dies war wiederum
+eine gute Handlung, indem das ehrliche Finden eine der schwierigsten
+und besten ist; er war aber so weit von dem Schnepfengarn entfernt,
+daß er es die zweite Nacht im Walde liegenließ und den nähern Weg nach
+Hause ging. Am dritten Tage endlich, nämlich gestern, als er eben
+wieder auf dem Wege war, traf er eine hübsche Gevattersfrau an, die
+dem Alten um den Bart zu gehen pflegte und der er schon manches
+Häslein geschenkt hat. Darüber vergaß er die Schnepfen gänzlich und
+sagte am Morgen: ‚Ich habe den armen Schnepflein das Leben geschenkt;
+auch gegen Tiere muß man barmherzig sein!' Und um dieser drei guten
+Handlungen willen fand er, daß er jetzt zu gut sei für diese Welt, und
+ist heute Vormittag beizeiten in ein Kloster gegangen. So liegt das
+Garn noch ungebraucht im Walde und ich darf es nur holen." „Holt es
+geschwind!" sagte Spiegel, „es wird gut sein zu unserm Zweck!" „Ich
+will es holen," sagte die Eule, „ steht nur solang Wache für mich in
+diesem Loch, und wenn etwa die Meisterin den Schornstein hinaufrufen
+sollte, ob die Luft rein sei? so antwortet, indem Ihr meine Stimme
+nachahmt: ‚Nein, es stinkt noch nicht in der Fechtschul'!'" Spiegel
+stellte sich in die Nische, und die Eule flog still über die Stadt weg
+nach dem Wald. Bald kam sie mit dem Schnepfengarn zurück und fragte:
+„Hat sie schon gerufen?" „Noch nicht!" sagte Spiegel.
+
+Da spannten sie das Garn aus über den Schornstein und setzten sich
+daneben still und klug: die Luft war dunkel, und es ging ein leichtes
+Morgenwindchen, in welchem ein paar Sternbilder flackerten. „Ihr sollt
+sehen," flüsterte die Eule, „wie geschickt die durch den Schornstein
+heraufzusäuseln versteht, ohne sich die blanken Schultern schwarz zu
+machen!" „Ich hab' sie noch nie so nah gesehen," erwiderte Spiegel
+leise, „wenn sie uns nur nicht zu fassen kriegt!" Da rief die Hexe von
+unten: „Ist die Luft rein?" Die Eule rief: „Ganz rein, es stinkt
+herrlich in der Fechtschul'!" und alsobald kam die Hexe heraufgefahren
+und wurde in dem Garne gefangen, welches die Katze und die Eule
+eiligst zusammenzogen und verbanden. „Haltet fest!" sagte Spiegel, und
+„Binde gut!" die Eule. Die Hexe zappelte und tobte mäuschenstill, wie
+ein Fisch im Netz; aber es half ihr nichts und das Garn bewährte sich
+auf das beste. Nur der Stiel ihres Besens ragte durch die Maschen.
+Spiegel wollte ihn sachte herausziehen, erhielt aber einen solchen
+Nasenstüber, daß er beinahe in Ohnmacht fiel und einsah, wie man auch
+einer Löwin im Netz nicht zu nahe kommen dürfe. Endlich hielt die Hexe
+still und sagte: „Was wollt ihr denn von mir, ihr wunderlichen Tiere?"
+„Ihr sollt mich aus Eurem Dienste entlassen und meine Freiheit
+zurückgeben!" sagte die Eule. „So viel Geschrei und wenig Wolle!"
+sagte die Hexe, „du bist frei, mach' dies Garn auf!" „Noch nicht!"
+sagte Spiegel, der immer noch seine Nase rieb, „Ihr müßt Euch
+verpflichten, den Stadthexenmeister Pineiß, Euren Nachbar, zu heiraten
+auf die Weise, wie wir euch sagen werden, und ihn nicht mehr zu
+verlassen!" Da fing die Hexe wieder an zu zappeln und zu prusten wie
+der Teufel, und die Eule sagte: „Sie will nicht dran!" Spiegel aber
+sagte: „Wenn Ihr nicht ruhig seid, und alles tut, was wir wünschen, so
+hängen wir das Garn samt seinem Inhalte da vorn an den Drachenkopf der
+Dachtraufe, nach der Straße zu, daß man Euch morgen sieht und die Hexe
+erkennt! Sagt also: Wollt Ihr lieber unter dem Vorsitze des Herrn
+Pineiß gebraten werden, oder ihn braten, indem Ihr ihn heiratet?"
+
+Da sagte die Hexe mit einem Seufzer: „So sprecht, wie meint Ihr die
+Sache?" Und Spiegel setzte ihr alles zierlich auseinander, wie es
+gemeint sei und was sie zu tun hätte. „Das ist allenfalls noch
+auszuhalten, wenn es nicht anders sein kann!" sagte sie und ergab sich
+unter den stärksten Formeln, die eine Hexe binden können. Da taten die
+Tiere das Gefängnis auf und ließen sie heraus. Sie bestieg sogleich
+den Besen, die Eule setzte sich hinter sie auf den Stiel und Spiegel
+zuhinderst auf das Reisigbündel und hielt sich da fest, und so ritten
+sie nach dem Brunnen, in welchen die Hexe hinabfuhr, um den Schatz
+heraufzuholen.
+
+Am Morgen erschien Spiegel bei Herrn Pineiß und meldete ihm, daß er
+die bewußte Person angehen und freien könne; sie sei aber allbereits
+so arm geworden, daß sie, gänzlich verlassen und verstoßen, vor dem
+Tore unter einem Baum sitze und bitterlich weine. Sogleich kleidete
+sich Herr Pineiß in sein abgeschabtes gelbes Sammetwämschen, das er
+nur bei feierlichen Gelegenheiten trug, setzte die bessere Pudelmütze
+auf und umgürtete sich mit seinem Degen; in die Hand nahm er einen
+alten grünen Handschuh, ein Balsamfläschchen, worin einst Balsam
+gewesen und das noch ein bißchen roch, und eine papierne Nelke, worauf
+er mit Spiegel vor das Tor ging, um zu freien. Dort traf er ein
+weinendes Frauenzimmer sitzend unter einem Weidenbaum, von so großer
+Schönheit, wie er noch nie gesehen; aber ihr Gewand war so dürftig und
+zerrissen, daß, sie mochte sich auch schamhaft gebärden wie sie
+wollte, immer da oder dort der schneeweiße Leib ein bißchen
+durchschimmerte. Pineiß riß die Augen auf und konnte vor heftigem
+Entzücken kaum seine Bewerbung vorbringen. Da trocknete die Schöne
+ihre Tränen, gab ihm mit süßem Lächeln die Hand, dankte ihm mit einer
+himmlischen Glockenstimme für seine Großmut und schwur, ihm ewig treu
+zu sein. Aber im selben Augenblicke erfüllte ihn eine solche
+Eifersucht und Neideswut auf seine Braut, daß er beschloß, sie vor
+keinem menschlichen Auge jemals sehen zu lassen. Er ließ sich bei
+einem uralten Einsiedler mit ihr trauen und feierte das Hochzeitsmahl
+in seinem Hause, ohne andere Gäste, als Spiegel und die Eule, welche
+ersterer mitzubringen sich die Erlaubnis erbeten hatte. Die
+zehntausend Goldgulden standen in einer Schüssel auf dem Tisch, und
+Pineiß griff zuweilen hinein und wühlte in dem Golde; dann sah er
+wieder die schöne Frau an, welche in einem meerblauen Sammetkleide
+dasaß, das Haar mit einem goldenen Netze umflochten und mit Blumen
+geschmückt, und den weißen Hals mit Perlen umgeben. Er wollte sie
+fortwährend küssen, aber sie wußte verschämt und züchtig ihn
+abzuhalten, mit einem verführerischen Lächeln, und schwur, daß sie
+dieses vor Zeugen und vor Anbruch der Nacht nicht tun würde. Dies
+machte ihn nur noch verliebter und glückseliger, und Spiegel würzte
+das Mahl mit lieblichen Gesprächen, welche die schöne Frau mit den
+angenehmsten, witzigsten und einschmeichelndsten Worten fortführte, so
+daß der Hexenmeister nicht wußte, wie ihm geschah vor Zufriedenheit.
+Als es aber dunkel geworden, beurlaubten sich die Eule und die Katze
+und entfernten sich bescheiden; Herr Pineiß begleitete sie bis unter
+die Haustüre mit einem Lichte und dankte dem Spiegel nochmals, indem
+er ihn einen trefflichen und höflichen Mann nannte, und als er in die
+Stube zurückkehrte, saß die alte weiße Beghine, seine Nachbarin, am
+Tisch und sah ihn mit einem bösen Blick an. Entsetzt ließ Pineiß den
+Leuchter fallen und lehnte sich zitternd an die Wand. Er hing die
+Zunge heraus, und sein Gesicht war so fahl und spitzig geworden, wie
+das der Beghine. Diese aber stand auf, näherte sich ihm und trieb ihn
+vor sich her in die Hochzeitskammer, wo sie mit höllischen Künsten ihn
+auf eine Folter spannte, wie noch kein Sterblicher erlebt. So war er
+nun mit der Alten unauflöslich verehelicht, und in der Stadt hieß es,
+als es ruchbar würde: Ei seht, wie stille Wasser tief sind! Wer hätte
+gedacht, daß die fromme Beghine und der Herr Stadthexenmeister sich
+noch verheiraten würden! Nun, es ist ein ehrbares und rechtliches
+Paar, wenn auch nicht sehr liebenswürdig!
+
+Herr Pineiß aber führte von nun an ein erbärmliches Leben; seine
+Gattin hatte sich sogleich in den Besitz aller seiner Geheimnisse
+gesetzt und beherrschte ihn vollständig. Es war ihm nicht die
+geringste Freiheit und Erholung gestattet, er mußte hexen vom Morgen
+bis zum Abend, was das Zeug halten wollte, und wenn Spiegel
+vorüberging und es sah, sagte er freundlich: „Immer fleißig, fleißig,
+Herr Pineiß?"
+
+Seit dieser Zeit sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer
+abgekauft! besonders wenn einer eine böse und widerwärtige Frau
+erhandelt hat.
+
+* * * * *
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE LEUTE VON SELDWYLA, VOL. 1 ***
+
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
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+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
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+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
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+10000 2004 January*
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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