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Ein Märchen + + + + +EINLEITUNG + +Seldwyla bedeutet nach der älteren Sprache einen wonnigen und sonnigen +Ort, und so ist auch in der Tat die kleine Stadt dieses Namens gelegen +irgendwo in der Schweiz. Sie steckt noch in den gleichen alten +Ringmauern und Türmen, wie vor dreihundert Jahren, und ist also immer +das gleiche Nest; die ursprüngliche tiefe Absicht dieser Anlage wird +durch den Umstand erhärtet, daß die Gründer der Stadt dieselbe eine +gute halbe Stunde von einem schiffbaren Flusse angepflanzt, zum +deutlichen Zeichen, daß nichts daraus werden solle. Aber schön ist sie +gelegen mitten in grünen Bergen, die nach der Mittagseite zu offen +sind, so daß wohl die Sonne herein kann, aber kein rauhes Lüftchen. +Deswegen gedeiht auch ein ziemlich guter Wein rings um die alte +Stadtmauer, während höher hinauf an den Bergen unabsehbare Waldungen +sich hinziehen, welche das Vermögen der Stadt ausmachen; denn dies ist +das Wahrzeichen und sonderbare Schicksal derselben, daß die Gemeinde +reich ist und die Bürgerschaft arm, und zwar so, daß kein Mensch zu +Seldwyla etwas hat und niemand weiß, wovon sie seit Jahrhunderten +eigentlich leben. Und sie leben sehr lustig und guter Dinge, halten +die Gemütlichkeit für ihre besondere Kunst und, wenn sie irgendwo +hinkommen, wo man anderes Holz brennt, so kritisieren sie zuerst die +dortige Gemütlichkeit und meinen, ihnen tue es doch niemand zuvor in +dieser Hantierung. + +Der Kern und der Glanz des Volkes besteht aus den jungen Leuten von +etwa zwanzig bis fünf-, sechsunddreißig Jahren, und diese sind es, +welche den Ton angeben, die Stange halten und die Herrlichkeit von +Seldwyla darstellen. Denn während dieses Alters üben sie das Geschäft, +das Handwerk, den Vorteil oder was sie sonst gelernt haben, d. h. sie +lassen, solange es geht, fremde Leute für sich arbeiten und benutzen +ihre Profession zur Betreibung eines trefflichen Schuldenverkehres, +der eben die Grundlage der Macht, Herrlichkeit und Gemütlichkeit der +Herren von Seldwyla bildet und mit einer ausgezeichneten +Gegenseitigkeit und Verständnisinnigkeit gewahrt wird; aber +wohlgemerkt, nur unter dieser Aristokratie der Jugend. Denn sowie +einer die Grenze der besagten blühenden Jahre erreicht, wo die Männer +anderer Städtlein etwa anfangen, erst recht in sich zu gehen und zu +erstarken, so ist er in Seldwyla fertig; er muß fallen lassen und hält +sich, wenn er ein ganz gewöhnlicher Seldwyler ist, ferner am Orte auf, +als ein Entkräfteter und aus dem Paradies des Kredites Verstoßener, +oder wenn noch etwas in ihm steckt, das noch nicht verbraucht ist, so +geht er in fremde Kriegsdienste und lernt dort für einen fremden +Tyrannen, was er für sich selbst zu üben verschmäht hat, sich +einzuknöpfen und steif aufrechtzuhalten. Diese kehren als tüchtige +Kriegsmänner nach einer Reihe von Jahren zurück und gehören dann zu +den besten Exerziermeistern der Schweiz, welche die junge Mannschaft +zu erziehen wissen, daß es eine Lust ist. Andere ziehen noch +anderwärts auf Abenteuer aus gegen das vierzigste Jahr hin, und in den +verschiedensten Weltteilen kann man Seldwyler treffen, die sich alle +dadurch auszeichnen, daß sie sehr geschickt Fische zu essen verstehen, +in Australien, in Kalifornien, in Texas, wie in Paris oder +Konstantinopel. + +Was aber zurückbleibt und am Orte alt wird, das lernt dann +nachträglich arbeiten, und zwar jene krabbelige Arbeit von tausend +kleinen Dingen, die man eigentlich nicht gelernt, für den täglichen +Kreuzer, und die alternden verarmten Seldwyler mit ihren Weibern und +Kindern sind die emsigsten Leutchen von der Welt, nachdem sie das +erlernte Handwerk aufgegeben, und es ist rührend anzusehen, wie tätig +sie dahinter her sind, sich die Mittelchen zu einem guten Stückchen +Fleisch von ehedem zu erwerben. Holz haben alle Bürger die Fülle und +die Gemeinde verkauft jährlich noch einen guten Teil, woraus die große +Armut unterstützt und genährt wird, und so steht das alte Städtchen in +unveränderlichem Kreislauf der Dinge bis heute. Aber immer sind sie im +ganzen zufrieden und munter, und wenn je ein Schatten ihre Seele +trübt, wenn etwa eine allzu hartnäckige Geldklemme über der Stadt +weilt, so vertreiben sie sich die Zeit und ermuntern sich durch ihre +große politische Beweglichkeit, welche ein weiterer Charakterzug der +Seldwyler ist. Sie sind nämlich leidenschaftliche Parteileute, +Verfassungsrevisoren und Antragsteller, und wenn sie eine recht +verrückte Motion ausgeheckt haben und durch ihr Großratsmitglied +stellen lassen, oder wenn der Ruf nach Verfassungsänderung in Seldwyla +ausgeht, so weiß man im Lande, daß im Augenblicke dort kein Geld +zirkuliert. Dabei lieben sie die Abwechselung der Meinungen und +Grundsätze und sind stets den Tag darauf, nachdem eine Regierung +gewählt ist, in der Opposition gegen dieselbe. Ist es ein radikales +Regiment, so scharen sie sich, um es zu ärgern, um den konservativen +frömmlichen Stadtpfarrer, den sie noch gestern gehänselt, und machen +ihm den Hof, indem sie sich mit verstellter Begeisterung in seine +Kirche drängen, seine Predigten preisen und mit großem Geräusch seine +gedruckten Traktätchen und Berichte der Baseler Missionsgesellschaft +umherbieten, natürlich ohne ihm einen Pfennig beizusteuern. Ist aber +ein Regiment am Ruder, welches nur halbwegs konservativ aussieht, +stracks drängen sie sich um die Schullehrer der Stadt und der Pfarrer +hat genug an den Glaser zu zahlen für eingeworfene Scheiben. Besteht +hingegen die Regierung aus liberalen Juristen, die viel auf die Form +halten, und aus häcklichen Geldmännern, so laufen sie flugs dem +nächstwohnenden Sozialisten zu und ärgern die Regierung, indem sie +denselben in den Rat wählen mit dem Feldgeschrei: Es sei nun genug des +politischen Formenwesens und die materiellen Interessen seien es, +welche allein das Volk noch kümmern könnten. Heute wollen sie das Veto +haben und sogar die unmittelbarste Selbstregierung mit permanenter +Volksversammlung, wozu freilich die Seldwyler am meisten Zeit hätten, +morgen stellen sie sich übermüdet und blasiert in öffentlichen Dingen +und lassen ein halbes Dutzend alte Stillständer, die vor dreißig +Jahren falliert und sich seither stillschweigend rehabilitiert haben, +die Wahlen besorgen; alsdann sehen sie behaglich hinter den +Wirtshausfenstern hervor die Stillständer in die Kirche schleichen und +lachen sich in die Faust, wie jener Knabe, welcher sagte: Es geschieht +meinem Vater schon recht, wenn ich mir die Hände verfriere, warum +kauft er mir keine Handschuhe! Gestern schwärmten sie allein für das +eidgenössische Bundesleben und waren höchlich empört, daß man Anno +achtundvierzig nicht gänzliche Einheit hergestellt habe; heute sind +sie ganz versessen auf die Kantonalsouveränität und haben nicht mehr +in den Nationalrat gewählt. + +Wenn aber eine ihrer Aufregungen und Motionen der Landesmehrheit +störend und unbequem wird, so schickt ihnen die Regierung gewöhnlich +als Beruhigungsmittel eine Untersuchungskommission auf den Hals, +welche die Verwaltung des Seldwyler Gemeindegutes regulieren soll; +dann haben sie vollauf mit sich selbst zu tun und die Gefahr ist +abgeleitet. + +Alles dies macht ihnen großen Spaß, der nur überboten wird, wenn sie +allherbstlich ihren jungen Wein trinken, den gärenden Most, den sie +Sauser nennen; wenn er gut ist, so ist man des Lebens nicht sicher +unter ihnen, und sie machen einen Höllenlärm; die ganze Stadt duftet +nach jungem Wein und die Seldwyler taugen dann auch gar nichts. Je +weniger aber ein Seldwyler zu Hause was taugt, um so besser hält er +sich sonderbarerweise, wenn er ausrückt, und ob sie einzeln oder in +Kompanie ausziehen, wie z.B. in früheren Kriegen, so haben sie sich +doch immer gut gehalten. Auch als Spekulant und Geschäftsmann hat +schon mancher sich rüstig umgetan, wenn er nur erst aus dem warmen +sonnigen Tale herauskam, wo er nicht gedieh. + +In einer so lustigen und seltsamen Stadt kann es an allerhand +seltsamen Geschichten und Lebensläufen nicht fehlen, da Müßiggang +aller Laster Anfang ist. Doch nicht solche Geschichten, wie sie in dem +beschriebenen Charakter von Seldwyla liegen, will ich eigentlich in +diesem Büchlein erzählen, sondern einige sonderbare Abfällsel, die so +zwischendurch passierten, gewissermaßen ausnahmsweise, und doch auch +gerade nur zu Seldwyla vor sich gehen konnten. + +* * * * * + + + + +PANKRAZ, DER SCHMOLLER + +Auf einem stillen Seitenplätzchen, nahe an der Stadtmauer, lebte die +Witwe eines Seldwylers, der schon lange fertig geworden und unter dem +Boden lag. Dieser war keiner von den schlimmsten gewesen, vielmehr +fühlte er eine so starke Sehnsucht, ein ordentlicher und fester Mann +zu sein, daß ihn der herrschende Ton, dem er als junger Mensch nicht +entgehen konnte, angriff; und als seine Glanzzeit vorübergegangen und +er der Sitte gemäß abtreten mußte von dem Schauplatz der Taten, da +erschien ihm alles wie ein wüster Traum und wie ein Betrug um das +Leben, und er bekam davon die Auszehrung und starb unverweilt. + +Er hinterließ seiner Witwe ein kleines baufälliges Häuschen, einen +Kartoffelacker vor dem Tore und zwei Kinder, einen Sohn und eine +Tochter. Mit dem Spinnrocken verdiente sie Milch und Butter, um die +Kartoffeln zu kochen, die sie pflanzte, und ein kleiner Witwengehalt, +den der Armenpfleger jährlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal +einige Wochen über den Termin hinaus in seinem Geschäfte benutzt, +reichte gerade zu dem Kleiderbedarf und einigen anderen kleinen +Ausgaben hin. Dieses Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem +die ärmlichen Gewänder der Kinder gerade um jene verlängerten Wochen +zu früh gänzlich schadhaft waren und der Buttertopf überall seinen +Grund durchblicken ließ. Dieses Durchblicken des grünen Topfbodens war +eine so regelmäßige jährliche Erscheinung, wie irgendeine am Himmel, +und verwandelte ebenso regelmäßig eine Zeitlang die kühle, kümmerlich- +stille Zufriedenheit der Familie in eine wirkliche Unzufriedenheit. +Die Kinder plagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen; +denn sie hielten sie in ihrem Unverstande für mächtig genug dazu, weil +sie ihr ein und alles, ihr einziger Schutz und ihre einzige +Oberbehörde war. Die Mutter war unzufrieden, daß die Kinder nicht +entweder mehr Verstand, oder mehr zu essen, oder beides zusammen +erhielten. + +Besagte Kinder aber zeigten verschiedene Eigenschaften. Der Sohn war +ein unansehnlicher Knabe von vierzehn Jahren, mit grauen Augen und +ernsthaften Gesichtszügen, welcher des Morgens lang im Bette lag, dann +ein wenig in einem zerrissenen Geschichts- und Geographiebuche las, +und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg lief, um dem +Sonnenuntergang beizuwohnen, welches die einzige glänzende und +pomphafte Begebenheit war, welche sich für ihn zutrug. Sie schien für +ihn etwa das zu sein, was für die Kaufleute der Mittag auf der Börse; +wenigstens kam er mit ebenso abwechselnder Stimmung von diesem Vorgang +zurück, und wenn es recht rotes und gelbes Gewölk gegeben, welches +gleich großen Schlachtheeren in Blut und Feuer gestanden und +majestätisch manövriert hatte, so war er eigentlich vergnügt zu +nennen. + +Dann und wann, jedoch nur selten, beschrieb er ein Blatt Papier mit +seltsamen Listen und Zahlen, welches er dann zu einem kleinen Bündel +legte, das durch ein Endchen alte Goldtresse zusammengehalten wurde. +In diesem Bündelchen stak hauptsächlich ein kleines Heft, aus einem +zusammengefalteten Bogen Goldpapier gefertigt, dessen weiße Rückseiten +mit allerlei Linien, Figuren und aufgereihten Punkten, dazwischen +Rauchwolken und fliegende Bomben, gefüllt und beschrieben waren. Dies +Büchlein betrachtete er oft mit großer Befriedigung und brachte neue +Zeichnungen darin an, meistens um die Zeit, wenn das Kartoffelfeld in +voller Blüte stand. Er lag dann im blühenden Kraut unter dem blauen +Himmel, und wenn er eine weiße beschriebene Seite betrachtet hatte, so +schaute er dreimal so lange in das gegenüberstehende glänzende +Goldblatt, in welchem sich die Sonne brach. Im übrigen war es ein +eigensinniger und zum Schmollen geneigter Junge, welcher nie lachte +und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte. + +Seine Schwester war zwölf Jahre alt und ein bildschönes Kind mit +langem und dickem braunen Haar, großen braunen Augen und der +allerweißesten Hautfarbe. Dies Mädchen war sanft und still, ließ sich +vieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besaß +eine helle Stimme und sang gleich einer Nachtigall; doch obgleich es +mit alle diesem freundlicher und lieblicher war, als der Knabe, so gab +die Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und begünstigte ihn in +seinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernen und +es ihm wahrscheinlicherweise einmal recht schlecht ergehen konnte, +während nach ihrer Ansicht das Mädchen nicht viel brauchte und schon +deshalb unterkommen würde. + +Dieses mußte daher unaufhörlich spinnen, damit das Söhnlein desto mehr +zu essen bekäme und recht mit Muße sein einstiges Unheil erwarten +könne. Der Junge nahm dies ohne weiteres an und gebärdete sich wie ein +kleiner Indianer, der die Weiber arbeiten läßt, und auch seine +Schwester empfand hiervon keinen Verdruß und glaubte, das müsse so +sein. + +Die einzige Entschädigung und Rache nahm sie sich durch eine +allerdings arge Unzukömmlichkeit, welche sie sich beim Essen mit List +oder Gewalt immer wieder erlaubte. Die Mutter kochte nämlich jeden +Mittag einen dicken Kartoffelbrei, über welchen sie eine fette Milch +oder eine Brühe von schöner brauner Butter goß. Diesen Kartoffelbrei +aßen sie alle zusammen aus der Schüssel mit ihren Blechlöffeln, indem +jeder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffelgebirge +heineingrub. Das Söhnlein, welches bei aller Seltsamkeit in +Eßangelegenheiten einen strengen Sinn für militärische Regelmäßigkeit +beurkundete und streng daraufhielt, daß jeder nicht mehr noch weniger +nahm, als was ihm zukomme, sah stets darauf, daß die Milch oder die +gelbe Butter, welche am Rande der Schüssel umherfloß, gleichmäßig in +die abgeteilten Gruben laufe; das Schwesterchen hingegen, welches viel +harmloser war, suchte, sobald ihre Quellen versiegt waren, durch +allerhand künstliche Stollen und Abzugsgräben die wohlschmeckenden +Bächlein auf ihre Seite zu leiten, und wie sehr sich auch der Bruder +dem widersetzte und ebenso künstliche Dämme aufbaute und überall +verstopfte, wo sich ein verdächtiges Loch zeigen wollte, so wußte sie +doch immer wieder eine geheime Ader des Breies zu eröffnen oder langte +kurzweg in offenem Friedensbruch mit ihrem Löffel und mit lachenden +Augen in des Bruders gefüllte Grube. Alsdann warf er den Löffel weg, +lamentierte und schmollte, bis die gute Mutter die Schüssel zur Seite +neigte und ihre eigene Brühe voll in das Labyrinth der Kanäle und +Dämme ihrer Kinder strömen ließ. So lebte die kleine Familie einen Tag +wie den andern, und indem dies immer so blieb, während doch die Kinder +sich auswuchsen, ohne daß sich eine günstige Gelegenheit zeigte, die +Welt zu erfassen und irgend etwas zu werden, fühlten sich alle immer +unbehaglicher und kümmerlicher in ihrem Zusammensein. Pankraz, der +Sohn, tat und lernte fortwährend nichts, als eine sehr ausgebildete +und künstliche Art zu schmollen, mit welcher er seine Mutter, seine +Schwester und sich selbst quälte. Es ward dies eine ordentliche und +interessante Beschäftigung für ihn, bei welcher er die müßigen +Seelenkräfte fleißig übte im Erfinden von hundert kleinen häuslichen +Trauerspielen, die er veranlaßte und in welchen er behende und +meisterlich den steten Unrechtleider zu spielen wußte. Estherchen, die +Schwester, wurde dadurch zu reichlichem Weinen gebracht, durch welches +aber die Sonne ihrer Heiterkeit schnell wieder hervorstrahlte. Diese +Oberflächlichkeit ärgerte und kränkte dann den Pankraz so, daß er +immer längere Zeiträume hindurch schmollte und aus selbstgeschaffenem +Ärger selbst heimlich weinte. + +Doch nahm er bei dieser Lebensart merklich zu an Gesundheit und +Kräften, und als er diese in seinen Gliedern anwachsen fühlte, +erweiterte er seinen Wirkungskreis und strich mit einer tüchtigen +Baumwurzel oder einem Besenstiel in der Hand durch Feld und Wald, um +zu sehen, wie er irgendwo ein tüchtiges Unrecht auftreiben und +erleiden könne. Sobald sich ein solches zur Not dargestellt und +entwickelt, prügelte er unverweilt seine Widersacher auf das +jämmerlichste durch, und er erwarb sich und bewies in dieser seltsamen +Tätigkeit eine solche Gewandtheit, Energie und feine Taktik, sowohl im +Ausspüren und Aufbringen des Feindes, als im Kampfe, daß er sowohl +einzelne ihm an Stärke weit überlegene Jünglinge als ganze Trupps +derselben entweder besiegte, oder wenigstens einen ungestraften +Rückzug ausführte. + +War er von einem solchen wohlgelungenen Abenteuer zurückgekommen, so +schmeckte ihm das Essen doppelt gut und die Seinigen erfreuten sich +dann einer heitern Stimmung. Eines Tages aber war es ihm doch +begegnet, daß er, statt welche auszuteilen, beträchtliche Schläge +selbst geerntet hatte, und als er voll Scham, Verdruß und Wut nach +Hause kam, hatte Estherchen, welche den ganzen Tag gesponnen, dem +Gelüste nicht widerstehen können und sich noch einmal über das für +Pankraz aufgehobene Essen hergemacht und davon einen Teil gegessen, +und zwar, wie es ihm vorkam, den besten. Traurig und wehmütig, mit +kaum verhaltenen Tränen in den Augen, besah er das unansehnliche, +kaltgewordene Restchen, während die schlimme Schwester, welche schon +wieder am Spinnrädchen saß, unmäßig lachte. Das war zu viel und nun +mußte etwas Gründliches geschehen. Ohne zu essen, ging Pankraz hungrig +in seine Kammer, und als ihn am Morgen seine Mutter wecken wollte, daß +er doch zum Frühstück käme, war er verschwunden und nirgends zu +finden. Der Tag verging, ohne daß er kam, und ebenso der zweite und +dritte Tag. Die Mutter und Estherchen gerieten in große Angst und Not; +sie sahen wohl, daß er vorsätzlich davongegangen, indem er seine +Habseligkeiten mitgenommen. Sie weinten und klagten unaufhörlich, wenn +alle Bemühungen fruchtlos blieben, eine Spur von ihm zu entdecken, und +als nach Verlauf eines halben Jahres Pankrazius verschwunden war und +blieb, ergaben sie sich mit trauriger Seele in ihr Schicksal, das +ihnen nun doppelt einsam und arm erschien. + +Wie lang wird nicht eine Woche, ja nur ein Tag, wenn man nicht weiß, +wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche +Stille darüber durch die Welt herrscht, hab allnirgends auch nur der +leiseste Hauch von ihrem Namen ergeht, und man weiß doch, sie sind da +und atmen irgendwo. + +So erging es der Mutter und dem Estherlein fünf Jahre, zehn Jahre und +fünfzehn Jahre, einen Tag wie den andern, und sie wußten nicht, ob ihr +Pankrazius tot oder lebendig sei. Das war ein langes und gründliches +Schmollen, und Estherchen, welches eine schöne Jungfrau geworden, +wurde darüber zu einer hübschen und feinen alten Jungfer, welche nicht +nur aus Kindestreue bei der alternden Mutter blieb, sondern ebensowohl +aus Neugierde, um ja in dem Augenblicke da zu sein, wo der Bruder sich +endlich zeigen würde, und zu sehen, wie die Sache eigentlich verlaufe. +Denn sie war guter Dinge und glaubte fest, daß er eines Tages +wiederkäme und daß es dann etwas Rechtes auszulachen gäbe. Übrigens +fiel es ihr nicht schwer, ledig zu bleiben, da sie klug war und wohl +sah, wie bei den Seldwylern nicht viel dahintersteckte an dauerhaftem +Lebensglücke und sie dagegen mit ihrer Mutter unveränderlich in einem +kleinen Wohlständchen lebte, ruhig und ohne Sorgen; denn sie hatten ja +einen tüchtigen Esser weniger und brauchten für sich fast gar nichts. + +Da war es einst ein heller schöner Sommernachmittag, mitten in der +Woche, wo man so an gar nichts denkt und die Leute in den kleinen +Städten fleißig arbeiten. Der Glanz von Seldwyla befand sich sämtlich +mit dem Sonnenschein auf den übergrünten Kegelbahnen vor dem Tore oder +auch in kühlen Schenkstuben in der Stadt. Die Falliten und Alten aber +hämmerten, näheten, schusterten, klebten, schnitzelten und bastelten +gar emsig darauf los, um den langen Tag zu benutzen und einen +vergnügten Abend zu erwerben, den sie nunmehr zu würdigen verstanden. +Auf dem kleinen Platze, wo die Witwe wohnte, war nichts als die stille +Sommersonne auf dem begrasten Pflaster zu sehen; an den offenen +Fenstern aber arbeiteten ringsum die alten Leute und spielten die +Kinder. Hinter einem blühenden Rosmaringärtchen auf einem Brette saß +die Witwe und spann, und ihr gegenüber Estherchen und nähete. Es waren +schon einige Stunden seit dem Essen verflossen und noch hatte niemand +eine Zwiesprache gehalten von der ganzen Nachbarschaft. Da fand der +Schuhmacher wahrscheinlich, daß es Zeit sei, eine kleine +Erholungspause zu eröffnen, und nieste so laut und mutwillig: Hupschi! +daß alle Fenster zitterten und der Buchbinder gegenüber, der +eigentlich kein Buchbinder war, sondern nur so aus dem Stegreif +allerhand Pappkästchen zusammenleimte und an der Türe ein verwittertes +Glaskästchen hängen hatte, in welchem eine Stange Siegellack an der +Sonne krumm wurde, dieser Buchbinder rief: Zur Gesundheit! und alle +Nachbarsleute lachten. Einer nach dem andern steckte den Kopf durch +das Fenster, einige traten sogar vor die Türe und gaben sich Prisen, +und so war das Zeichen gegeben zu einer kleinen Nachmittagsunterhaltung +und zu einem fröhlichen Gelächter während des Vesperkaffees, der schon +aus allen Häusern duftete und zichorierte. Diese hatten endlich gelernt, +sich aus wenigem einen Spaß zu machen. Da kam in dies Vergnügen +herein ein fremder Leiermann mit einem schönpolierten Orgelkasten, was +in der Schweiz eine ziemliche Seltenheit ist, da sie keine eingeborenen +Leiermänner besitzt. Er spielte ein sehnsüchtiges Lied von der Ferne und +ihren Dingen, welches die Leute über die Maßen schön dünkte und +besonders der Witwe Tränen entlockte, da sie ihres Pankräzchens +gedachte, das nun schon viele Jahre verschwunden war. Der +Schuhmacher gab dem Manne einen Kreuzer, er zog ab und das Plätzchen +wurde wieder still. Aber nicht lange nachher kam ein anderer Herumtreiber + mit einem großen fremden Vogel in einem Käfig, den er unaufhörlich +zwischen dem Gitter durch mit einem Stäbchen anstach und erklärte, so daß +der traurige Vogel keine Ruhe hatte. Es war ein Adler aus Amerika; und die +fernen blauesten Länder, über denen er in seiner Freiheit geschwebt, kamen +der Witwe in den Sinn und machten sie um so trauriger, als sie gar nicht +wußte, was das für Länder wären, noch wo ihr Söhnchen sei. Um den +Vogel zu sehen, hatten die Nachbarn auf das Plätzchen hinaustreten +müssen, und als er nun fort war, bildeten sie eine Gruppe, steckten die +Nasen in die Luft und lauerten auf noch mehr Merkwürdigkeiten, da sie nun +doch die Lust ankam, den übrigen Tag zu vertrödeln. + +Diese Lust wurde denn auch erfüllt und es dauerte nicht lange, bis das +allergrößte Spektakel sich mit großem Lärm näherte unter dem Zulauf +aller Kinder des Städtchens. Denn ein mächtiges Kamel schwankte auf +den Platz, von mehreren Affen bewohnt; ein großer Bär wurde an seinem +Nasenringe herbeigeführt; zwei oder drei Männer waren dabei, kurz ein +ganzer Bärentanz führte sich auf und der Bär tanzte und machte seine +possierlichen Künste, indem er von Zeit zu Zeit unwirsch brummte, daß +die friedlichen Leute sich fürchteten und in scheuer Entfernung dem +wilden Wesen zuschauten. Estherchen lachte und freute sich unbändig +über den Bären, wie er so zierlich umherwatschelte mit seinem Stecken, +über das Kamel mit seinem selbstvergnügten Gesicht und über die Affen. +Die Mutter dagegen mußte fortwährend weinen; denn der böse Bär +erbarmte sie, und sie mußte wiederum ihres verschollenen Sohnes +gedenken. + +Als endlich auch dieser Aufzug wieder verschwunden und es wieder still +geworden, indem die aufgeregten Nachbarn sich mit seinem Gefolge +ebenfalls aus dem Staube gemacht, um da oder dort zu einem +Abendschöppchen unterzukommen, sagte Estherchen: „Mir ist es nun +zumute, als ob der Pankraz ganz gewiß heute noch kommen würde, da +schon so viele unerwartete Dinge geschehen und solche Kamele, Affen +und Bären dagewesen sind!" Die Mutter ward böse darüber, daß sie den +armen Pankraz mit diesen Bestien sozusagen zusammenzählte und +auslachte, und hieß sie schweigen, nicht innewerdend, daß sie ja +selbst das gleiche getan in ihren Gedanken. Dann sagte sie seufzend: +„Ich werde es nicht erleben, daß er wiederkommt!" + +Indem sie dies sagte, begab sich die größte Merkwürdigkeit dieses +Tages und ein offener Reisewagen mit einem Extrapostillion fuhr mit +Macht auf das stille Plätzchen, das von der Abendsonne noch halb +bestreift war. In dem Wagen saß ein Mann, der eine Mütze trug wie die +französischen Offiziere sie tragen, und ebenso trug er einen Schnurr- +und Kinnbart und ein gänzlich gebräuntes und ausgedörrtes Gesicht zur +Schau, das überdies einige Spuren von Kugeln und Säbelhieben zeigte. +Auch war er in einen Burnus gehüllt, alles dies, wie es französische +Militärs aus Afrika mitzubringen pflegen, und die Füße stemmte er +gegen eine kolossale Löwenhaut, welche auf dem Boden des Wagens lag; +auf dem Rücksitze vor ihm lag ein Säbel und eine halblange arabische +Pfeife neben anderen fremdartigen Gegenständen. + +Dieser Mann sperrte ungeachtet des ernsten Gesichtes, das er machte, +die Augen weit auf und suchte mit denselben rings auf dem Platze ein +Haus, wie einer, der aus einem schweren Traume erwacht. Beinahe +taumelnd, sprang er aus dem Wagen, der von ungefähr auf der Mitte des +Plätzchens stillhielt; doch ergriff er die Löwenhaut und seinen Säbel +und ging sogleich sicheren Schrittes in das Häuschen der Witwe, als ob +er erst vor einer Stunde aus demselben gegangen wäre. Die Mutter und +Estherchen sahen dies voll Verwunderung und Neugierde und horchten +auf, ob der Fremde die Treppe heraufkäme; denn obgleich sie kaum noch +von Pankrazius gesprochen, hatten sie in diesem Augenblick keine +Ahnung, daß er es sein könnte, und ihre Gedanken waren von der +überraschten Neugierde himmelweit von ihm weggeführt. Doch urplötzlich +erkannten sie ihn an der Art, wie er die obersten Stufen übersprang +und über den kurzen Flur weg fast gleichzeitig die Klinke der +Stubentür ergriff, nachdem er wie der Blitz vorher den lose steckenden +Stubenschlüssel fester ins Schloß gestoßen, was sonst immer die Art +des Verschwundenen gewesen, der in seinem Müßiggange eine seltsame +Ordnungsliebe bewährt hatte. Sie schrien laut auf und standen +festgebannt vor ihren Stühlen, mit offenem Munde nach der aufgehenden +Türe sehend. Unter dieser stand der fremde Pankrazius mit dem dürren +und harten Ernste eines fremden Kriegsmannes, nur zuckte es ihm +seltsam um die Augen, indessen die Mutter erzitterte bei seinem +Anblick und sich nicht zu helfen wußte und selbst Estherchen zum +erstenmal gänzlich verblüfft war und sich nicht zu regen wagte. Doch +alles dies dauerte nur einen Augenblick; der Herr Oberst, denn nichts +Geringeres war der verlorene Sohn, nahm mit der Höflichkeit und +Achtung, welche ihn die wilde Not des Lebens gelehrt, sogleich die +Mütze ab, was er nie getan, wenn er früher in die Stube getreten; eine +unaussprechliche Freundlichkeit, wenigstens wie es den Frauen vorkam, +die ihn nie freundlich gesehen noch also denken konnten, verbreitete +sich über das gefurchte und doch noch nicht alte Soldatengesicht und +ließ schneeweiße Zähne sehen, als er auf sie zueilte und beide mit +ausbrechendem Herzensweh in die Arme schloß. + +Hatte die Mutter erst vor dem martialischen und vermeintlich immer +noch bösen Sohne sonderbar gezittert, so zitterte sie jetzt erst recht +in scheuer Seligkeit, da sie sich in den Armen dieses wiedergekehrten +Sohnes fühlte, dessen achtungsvolles Mützenabnehmen und dessen +aufleuchtende nie gesehene Anmut, wie sie nur die Rührung und die Reue +gibt, sie schon wie mit einem Zauberschlage berührt hatten. Denn noch +ehe das Bürschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte es schon +angefangen, sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither hatte +Pankraz in bitterer Sprödigkeit und Verstockung sich gehütet, seine +Mutter auch nur mit der Hand zu berühren, abgesehen davon, daß er +unzählige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gutenacht zu +sagen. Daher bedünkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer +Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl +dreißig Jahren sozusagen zum erstenmal sich von dem Sohne umfangen +sah. Aber auch Estherchen bedünkte dieses veränderte Wesen so +ernsthaft und wichtig, daß sie, die den Schmollenden tausendmal +ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen +anzulachen vermochte, sondern mit klaren Tränen in den Augen nach +ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte. + +Pankraz war der erste, der sich nach mehreren Minuten wieder +zusammennahm und als ein guter Soldat einen Übergang und Ausweg +dadurch bewerkstelligte, daß er sein Gepäck heraufbeförderte. Die +Mutter wollte mit Estherchen helfen; aber er führte sie äußerst +holdselig zu ihrem Sitze zurück und duldete nur, daß Estherchen zum +Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den +weiteren Verlauf führte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren +guten Humor wiedergewann und nicht länger unterlassen konnte, die +Löwenhaut an dem langen gewaltigen Schwanze zu packen und auf dem +Boden herumzuziehen, indem sie sich kranklachen wollte und einmal über +das andere rief: „Was ist dies nur für ein Pelz? Was ist dies für ein +Ungeheuer?" + +„Dies ist," sagte Pankraz, seinen Fuß auf das Fell stoßend, „vor drei +Monaten noch ein lebendiger Löwe gewesen, den ich getötet habe. Dieser +Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwölf Stunden lang so +eindringlich gepredigt, daß ich armer Kerl endlich von allem Schmollen +und Bössein für immer geheilt wurde. Zum Andenken soll seine Haut +nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schöne Geschichte!" +setzte er mit einem Seufzer hinzu. + +In der Voraussicht, daß seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig +anträfe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause hätten, hatte er in +der letzten größeren Stadt, wo er durchgereist, einen Korb guten +Weines eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen guten Speisen, +damit in Seldwyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille +mit der Mutter und der Schwester ein Abendbrot einnehmen konnte. So +brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken und Pankraz trug auf, +einige gebratene Hühner, eine herrliche Sülzpastete und ein Paket +feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht, +wie dunkel einst das armselige Tranlämpchen gebrannt und wie oft er +sich über die kümmerliche Beleuchtung geärgert, wobei er kaum seine +müßigen Siebensachen handhaben gekonnt, ungeachtet die Mutter, die +doch ältere Augen hatte, ihm immer das Lämpchen vor die Nase +geschoben, wiederum zum großen Ergötzen Estherchens, die bei jeder +Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktizieren verstanden. Ach, +einmal hatte er sie zornig weinend ausgelöscht, und als die Mutter sie +bekümmert wieder angezündet, blies sie Estherchen lachend wieder aus, +worauf er zerrissenen Herzens ins Bett gerannt. Dies und noch anderes +war ihm auf dem Wege eingefallen, und indem er schmerzlich und bang +kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen wiedersehen würde, hatte er +auch noch einige Wachskerzen eingekauft, und zündete jetzo zwei +derselben an, so daß die Frauensleute sich nicht zu lassen wußten vor +Verwunderung ob all der Herrlichkeit. + +Dergestalt ging es wie aus einer kleinen Hochzeit in dem Häuschen der +Witwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der +Kerzen, die gealterten Gesichter seiner Mutter und Schwester zu sehen, +und dies Sehen rührte ihn stärker, als alle Gefahren, denen er ins +Gesicht geschaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sinnen über die +menschliche Art und das menschliche Leben, und wie gerade unsere +kleineren Eigenschaften, eine freundliche oder herbe Gemütsart, nicht +nur unser Schicksal und Glück machen, sondern auch dasjenige der uns +Umgebenden und uns zu diesen in ein strenges Schuldverhältnis zu +bringen vermögen, ohne daß wir wissen wie es zugegangen, da wir uns ja +unser Gemüt nicht selbst gegeben. In diesen Betrachtungen ward er +jedoch gestört durch die Nachbarn, welche jetzt ihre Neugierde nicht +länger unterdrücken konnten und einer nach dem andern in die Stube +drangen, um das Wundertier zu sehen, da sich schon in der ganzen Stadt +das Gerücht verbreitet hatte, der verschollene Pankrazius sei +erschienen, und zwar als ein französischer General in einem +vierspännigen Wagen. + +Dies war nun ein höchst verwickelter Fall für die in ihren +Vergnügungslokalen versammelten Seldwyler, sowohl für die Jungen als +wie für die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hinter den Ohren. +Denn dies war gänzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu +Seldwyl, daß da einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann +und General herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl +sonst fertig war. Was wollte der denn nun beginnen? Wollte er wirklich +am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu sein die übrige Zeit +seines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt würde? Und wie +hatte er es angefangen? Was zum Teufel hatte der unbeachtete und +unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne +sich aufzubrauchen? Das war die Frage, die alle Gemüter bewegte, und +sie fanden durchaus keinen Schlüssel, das Rätsel zu lösen, weil ihre +Menschen- oder Seelenkunde zu klein war, um zu wissen, daß gerade die +herbe und bittere Gemütsart, welche ihm und seinen Angehörigen so +bittere Schmerzen bereitet, sein Wesen im übrigen wohl konserviert, +wie der scharfe Essig ein Stück Schöpfenfleisch, und ihm über das +gefährliche Seldwyler Glanzalter hinweggeholfen hatte. Um die Frage zu +lösen, stellte man überhaupt die Wahrheit des Ereignisses in Frage und +bestritt dessen Möglichkeit, und um diese Auffassung zu bestätigen, +wurden verschiedene alte Falliten nach dem Plätzchen abgesandt, so daß +Pankraz, dessen schon versammelte Nachbarn ohnehin diesem Stande +angehörten, sich von einer ganzen Versammlung neugieriger und +gemütlicher Falliten umgeben sah, wie ein alter Heros in der Unterwelt +von den herbeieilenden Schatten. + +Er zündete nun seine türkische Pfeife an und erfüllte das Zimmer mit +dem fremden Wohlgeruch des morgenländischen Tabaks; die Schatten oder +Falliten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken umher, +und Estherchen und die Mutter bestaunten unaufhörlich die +Leutseligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die +Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere +Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entließ, als es +ihm Zeit dazu schien. + +Da aber die Freuden, welche auf dem Familienglück und auf frohen +Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den längsten +Leiden die Beteiligten plötzlich immer jung und munter machen, statt +sie zu erschöpfen, wie die Aufregungen der weitern Welt es tun, so +verspürte die alte Mutter noch nicht die geringste Müdigkeit und +Schlaflust, so wenig als ihre Kinder, und von dem guten Weine erwärmt, +den sie mit Zufriedenheit genossen, verlangte sie endlich mit ihrer +noch viel ungeduldigeren Tochter etwas Näheres von Pankrazens +Schicksal zu wissen. + +„Ausführlich," erwiderte dieser, „kann ich jetzt meine trübselige +Geschichte nicht mehr beginnen und es findet sich wohl die Zeit, wo +ich euch nach und nach meine Erlebnisse im einzelnen vorsagen werde. +Für heute will ich euch aber nur einige Umrisse angeben, soviel als +nötig ist, um auf den Schluß zu kommen, nämlich auf meine Wiederkehr +und die Art, wie diese veranlaßt wurde, da sie eigentlich das rechte +Seitenstück bildet zu meiner ehemaligen Flucht und aus dem gleichen +Grundtone geht. Als ich damals auf so schnöde Weise entwich, war ich +von einem unvertilgbaren Groll und Weh erfüllt; doch nicht gegen euch, +sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese unnütze +Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst deutlich +geworden. Wenn ich hauptsächlich immer des Essens wegen bös wurde und +schmollte, so war der geheime Grund hiervon das nagende Gefühl, daß +ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte und nichts tat, +ja weil mich gar nichts reizte zu irgendeiner Beschäftigung und also +keine Hoffnung war, daß es je anders würde; denn alles was ich andere +tun sah, kam mir erbärmlich und albern vor; selbst euer ewiges Spinnen +war mir unerträglich und machte mir Kopfweh, obgleich es mich Müßigen +erhielt. So rannte ich davon in einer Nacht in der bittersten +Herzensqual und lief bis zum Morgen, wohl sieben Stunden weit von +hier. Wie die Sonne aufging, sah ich Leute, die auf einer großen Wiese +Heu machten; ohne ein Wort zu sagen oder zu fragen, legte ich mein +Bündel an den Rand, ergriff einen Rechen oder eine Heugabel und +arbeitete wie ein Besessener mit den Leuten und mit der größten +Geschicklichkeit; denn ich hatte mir während meines Herumlungerns hier +alle Handgriffe und Übungen derjenigen, welche arbeiteten, +wohlgemerkt, sogar öfter dabei gedacht, wie sie dies und jenes +ungeschickt in die Hand nähmen und wie man eigentlich die Hände ganz +anders müßte fliegen lassen, wenn man erst einmal ein Arbeiter heißen +wolle. + +„Die Leute sahen mir erstaunt zu und niemand hinderte mich an meiner +Arbeit; als sie das Morgenbrot aßen, wurde ich dazu eingeladen; dieses +hatte ich bezweckt und so arbeitete ich weiter, bis das Mittagessen +kam, welches ich ebenfalls mit großem Appetit verzehrte. Doch nun +erstaunten die Bauersleute noch viel mehr und sandten mir ein +verdutztes Gelächter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu +ergreifen, plötzlich den Mund wischte, mein Bündelchen wieder ergriff +und ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiterzog. In +einem dichten kühlen Buchenwäldchen legte ich mich hin und schlief bis +zur Abenddämmerung; dann sprang ich auf, ging aus dem Wäldchen hervor +und guckte am Himmel hin und her, an welchem die Sterne hervorzutreten +begannen. Die Stellung der Sterne gehörte auch zu den wenigen Dingen, +die ich während meines Müßigganges gemerkt, und da ich darin eine +große Ordnung und Pünktlichkeit gefunden, so hatte sie mir immer +wohlgefallen, und zwar um so mehr, als diese glänzenden Geschöpfe +solche Pünktlichkeit nicht um Taglohn und um eine Portion +Kartoffelsuppe zu üben schienen, sondern damit nur taten, was sie +nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergnügen, und dabei wohl +bestanden. Da ich nun durch das allmähliche Auswendiglernen unsres +Geographiebuches, so einfach dieses war, auch auf dem Erdboden +Bescheid wußte, so verstand ich meine Richtung wohl zu nehmen und +beschloß in diesem Augenblick, nordwärts durch ganz Deutschland zu +laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die Nacht hindurch +wieder acht gute Stunden und kam mit der Morgensonne an eine wilde und +entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein mit Kornsäcken +beladenes Schiff an einer Untiefe aufstieß, indessen doch das Wasser +über einen Teil der Ladung wegströmte. Da sich nur drei Männer bei dem +Schiffe befanden und weit und breit in dieser Frühe und in dieser +Wildnis niemand zu ersehen war, so kam ich sehr willkommen, als ich +sogleich Hand anlegte und den Schiffern die schwere Ladung ans Ufer +bringen und das Fahrzeug wieder flottmachen half. Was von dem Korne +naßgeworden, schütteten wir auf Bretter, die wir an die Sonne legten, +und wandten es fleißig um, und zuletzt beluden wir das Schiff wieder. +Doch nahm dies alles den größten Teil des Tages weg, und ich fand +dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten unterschiedliche tüchtige +Mahlzeiten zu teilen; ja, als wir fertig waren, gaben sie mir sogar +noch etwas Geld und setzten mich auf mein Verlangen an das andere Ufer +über mittelst des kleinen Kähnchens, das sie hinter dem großen Kahne +angebunden hatten. + +Drüben befand ich mich in einem großen Bergwald und schlief sofort bis +es Nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Füße machte und bis +zum Tagesanbruch lief. Mit wenig Worten zu sagen: auf diese nämliche +Art gelangte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach Hamburg, indem +ich, ohne je viel mit den Leuten zu sprechen, überall des Tages +zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davonging, sobald ich +gesättigt war, um die Nacht hindurch wiederum zu wandern. Meine Art +überraschte die Leute immer, so daß ich niemals einen Widerspruch +fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig zeigen wollten, +war ich schon wieder weg. Da ich zugleich die Städte vermied und +meinen Arbeitsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen und in Wäldern +betrieb, wo nur ursprüngliche und einfache Menschen waren, so reisete +ich wirklich wie zu der Zeit der Patriarchen. Ich sah nie eine Spur +von dem Regiment der Staaten, über deren Boden ich hinlief, und mein +einziges Denken war, über eben diesen Boden wegzukommen, ohne zu +betteln oder für meine nötige Leibesnahrung jemandem verpflichtet sein +zu müssen, im übrigen aber zu tun, was ich wollte, und insbesondere zu +ruhen, wenn es mir gefiel, und zu wandern, wenn es mir beliebte. +Später habe ich freilich auch gelernt, mich an eine feste außer mir +liegende Ordnung und an eine regelmäßige Ausdauer zu halten, und wie +ich erst urplötzlich arbeiten gelernt, lernte ich auch dies sogleich +ohne weitere Anstrengung, sobald ich nur einmal eine erkleckliche +Notwendigkeit einsah. + +Übrigens bekam mir dies Leben in der freien Luft, bei der steten +Abwechslung von schwerer Arbeit, tüchtigem Essen und sorgloser Ruhe +vortrefflich und meine Glieder wurden so geübt, daß ich als ein +kräftiger und rühriger Kerl in der großen Handelsstadt Hamburg +anlangte, wo ich alsbald dem Wasser zulief und mich unter die Seeleute +mischte, welche sich da umtrieben und mit dem Befrachten ihrer Schiffe +beschäftigt waren. Da ich überall zugriff und ohne albernes Gaffen +doch aufmerksam war, ohne ein Wort dabei zu sprechen, noch je den Mund +zu verziehen, so duldeten die einsilbigen derben Gesellen mich bald +unter sich und ich brachte eine Woche unter ihnen zu, worauf sie mich +auf einem englischen Kauffahrer einschmuggelten, dessen Kapitän mich +aufnahm unter der Bedingung, daß ich ihm in seinem Privatgeschäfte +helfe, das er während seiner Fahrten betrieb. Dieses bestand nämlich +im Zusammensetzen und Herstellen von allerhand Feuerwaffen und +Pistolen aus alten abgenutzten Bestandteilen, die er in großer Menge +zusammenkaufte, wenn er in der Alten Welt vor Anker ging. Es waren +seltsame und fabelhafte Todeswerkzeuge, die er so mit schrecklicher +Leidenschaft zusammenfügte und dann bei Gelegenheit an wilden Küsten +gegen wertvolle Friedensprodukte und sanfte Naturgegenstände +austauschte. Ich hielt mich still zu der Arbeit, übte mich ein und war +bald über und über mit Öl, Schmirgel und Feilenstaub beschmiert als +ein wilder Büchsenmacher, und wenn ein solches Pistolengeschütz +notdürftig zusammenhielt, so wurde es mit einem starken Knall +probiert; doch nie zum zweitenmal, dieses wurde dem rothäutigen oder +schwarzen Käufer überlassen auf den entlegenen Eilanden. Diesmal fuhr +er aber nur nach Neuyork und von da nach England zurück, wo ich, der +Büchsenmacherei nun genugsam kundig, mich von ihm entfernte und +sogleich in ein Regiment anwerben ließ, das nach Ostindien abgehen +sollte. + +In Neuyork hatte ich zwar den Fuß an das Land gesetzt und auf einige +Stunden dies amerikanische Leben gesehen, welches mir eigentlich nun +recht hätte zusagen müssen, da hier jeder tat, was er wollte, und sich +gänzlich nach Bedürfnis und Laune rührte von einer Beschäftigung zur +andern abspringend, wie es ihm eben besser schien, ohne sich +irgendeiner Arbeit zu schämen, oder die eine für edler zu halten als +die andere. Doch weiß ich nicht wie es kam, daß ich mich schleunig +wieder auf unser Schiff sputete und so, statt in der Neuen Welt zu +bleiben, in den ältesten, träumerischen Teil unsrer Welt geriet, in +das uralte heiße Indien, und zwar in einem roten Rocke, als ein +stiller englischer Soldat. Und ich kann nicht sagen, daß mir das neue +Leben mißfiel, das schon auf dem großen Linienschiffe begann, auf +welchem das Regiment sich befand. Schon der Umstand, daß wir alle, so +viel wir waren, mit der größten Pünktlichkeit und Abgemessenheit +ernährt wurden, indem jeder seine Ration so sicher bekam, wie die +Sterne am Himmel gehen, keiner mehr noch minder als der andere, und +ohne daß einer den andern beeinträchtigen konnte, behagte mir +außerordentlich und um so mehr, als keiner dafür zu danken brauchte +und alles nur unserm bloßen wohlgeordneten Dasein gebührte. Wenn wir +Rekruten auch schon auf dem Schiffe eingeschult wurden und täglich +exerzieren mußten, so gefiel mir doch diese Beschäftigung über die +Maßen, da wir nicht das Bajonett herumschwenken mußten, um etwa mit +Gewandtheit eine Kartoffel daran zu spießen, sondern es war lediglich +eine reine Übung, welche mit dem Essen zunächst gar nicht +zusammenhing, und man brauchte nichts als pünktlich und aufmerksam +beim einen und dem andern zu sein und sich um weiter nichts zu +kümmern. Schon am zweiten Tage unserer Fahrt sah ich einen Soldaten +prügeln, der wider einen Vorgesetzten gemurrt, nachdem er schon +verschiedene Unregelmäßigkeiten begangen. Sogleich nahm ich mir vor, +daß dies mir nie widerfahren solle, und nun kam mir mein Schmollwesen +sehr gut zustatten, indem es mir eine vortreffliche lautlose +Pünktlichkeit und Aufmerksamkeit erleichterte und es mir fortwährend +möglich machte, mir in keiner Weise etwas zu vergeben. + +So wurde ich ein ganz ordentlicher und brauchbarer Soldat; es machte +mir Freude, alles recht zu begreifen und so zu tun, wie es als +mustergültig vorgeschrieben war, und da es mir gelang, so fühlte ich +mich endlich ziemlich zufrieden, ohne jedoch mehr Worte zu verlieren +als bisher. Nur selten wurde ich beinahe ein wenig lustig und beging +etwa einen närrischen halben Spaß, was mir vollends den Anstrich eines +Soldaten gab, wie er sein soll, und zugleich verhinderte, daß man mich +nicht leiden konnte, und so war kaum ein Jahr vergangen in dem heißen, +seltsamen Lande, als ich anfing, vorzurücken und zuletzt ein +ansehnlicher Unteroffizier wurde. Nach einem Verlauf von Jahren war +ich ein großes Tier in meiner Art, war meistenteils in den Bureaus des +Regimentskommandeurs beschäftigt und hatte mich als ein guter +Verwalter herausgestellt, indem ich die notwendigen Künste, die +Schreibereien und Rechnereien aus dem Gange der Dinge mir +augenblicklich aneignete ohne weiteres Kopfzerbrechen. Es ging mir +jetzt alles nach der Schnur und ich schien mir selbst zufrieden zu +sein, da ich ohne Mühe und Sorgen da sein konnte unter dem warmen +blauen Himmel; denn was ich zu verrichten hatte, geschah wie von +selbst, und ich fühlte keinen Unterschied, ob ich in Geschäften oder +müßig umherging. Das Essen war mir jetzt nichts Wichtiges mehr, und +ich beachtete kaum, wann und was ich aß. Zweimal während dieser Zeit +hatte ich Nachricht an euch abgesandt nebst einigen ersparten +Geldmitteln; allein beide Schiffe gingen sonderbarerweise mit Mann und +Maus zugrunde und ich gab die Sache auf, ärgerlich darüber, und nahm +mir vor, sobald als tunlich selber heimzukehren und meine erworbene +Arbeitsfähigkeit und feste Lebensart in der Heimat zu verwenden. Denn +ich gedachte damit etwas Besseres nach Seldwyla zu bringen, als wenn +ich eine Million dahin brächte, und malte mir schon aus, wie ich die +Haselanten und Fischesser da anfahren wollte, wenn sie mir über den +Weg liefen. + +Doch damit hatte es noch gute Wege und ich sollte erst noch solche +Dinge erfahren und so in meinem Wesen verändert und aufgerüttelt +werden, daß mir die Lust verging, andere Leute anfahren zu wollen. Der +Kommandeur hatte mich gänzlich zu seinem Faktotum gemacht und ich +mußte fast die ganze Zeit bei ihm zubringen. Er war ein seltsamen Mann +von etwa fünfzig Jahren, dessen Gattin in Irland lebte auf einem alten +Turm, da sie womöglich noch wunderlicher sein mußte, als er; solange +sie zusammengelebt, hatten sie sich fortwährend angeknurrt, wie zwei +wilde Katzen, und sie litten beide an der fixen Idee, daß sie sich +gegenseitig ineinander getäuscht hätten, obwohl niemand besser +füreinander geschaffen war. Auch waren sie gesund und munter und +lebten behaglich in dieser Einbildung, ohne welche keines mehr hätte +die Zeit verbringen können, und wenn sie weit auseinander waren, so +sorgte eines für das andere mit rührender Aufmerksamkeit. Die einzige +Tochter, die sie hatten, und die Lydia heißt, lebte dagegen +meistenteils bei dem Vater und war ihm ergeben und zugetan, da der +Unterschied des Geschlechtes selbst zwischen Vater und Tochter diese +mehr zärtliches Mitleid für den Vater empfinden ließ, als für die +Mutter, obgleich diese ebenso wenig oder so viel taugen mochte als +jener in dem vermeintlich unglücklichen Verhältnis. Der Kommandeur +hatte eine reizvolle luftige Wohnung bezogen, die außerhalb der Stadt +in einem ganz mit Palmen, Zypressen, Sykomoren und anderen Bäumen +angefüllten Tale lag. Unter diesen Bäumen, rings um das leichte weiße +Haus herum, waren Gärten angelegt, in denen teils jederzeit frisches +Gemüse, teils eine Menge Blumen gezogen wurden, welche zwar hier in +allen Ecken wild wuchsen, die aber der Alte liebte beisammen zu haben +in nächster Nähe und in möglichster Menge, so daß in dem grünen +Schatten der Bäume es ordentlich leuchtete von großen purpurroten und +weißen Blumen. Wenn es nun im Dienste nichts mehr zu tun gab, so mußte +ich als ein militärischer zuverlässiger Vertrauensmann diese Gärten in +Ordnung halten, oder um darüber nicht etwa zu verweichlichen, mit dem +Oberst auf die Jagd gehen, und ich würde darüber zu einem gewandten +Jäger; denn gleich hinter dem Tale begann eine wilde, unfruchtbare +Landschaft, welche zuletzt gänzlich in eine Gebirgswildnis verlief, +die nicht nur Schwärme und Scharen unschuldigeren Gewildes, sondern +auch von Zeit zu Zeit reißende Tiere, besonders große Tiger +beherbergte. Wenn ein solcher sich spüren ließ, so gab es einen großen +Auszug gegen ihn, und ich lernte bei diesen Gelegenheiten die Gefahr +lange kennen, ehe ich in das Gefecht mit Menschen kam. War aber weiter +gar nichts zu tun, so mußte ich mit dem alten Herrn Schach spielen und +dadurch seine Tochter Lydia ersetzen, welche, da sie gar keinen Sinn +und Geschick dazu besaß und ganz kindisch spielte, ihm zu wenig +Vergnügen verschaffte. Ich hingegen hatte mich bald soweit eingeübt, +daß ich ihm einigermaßen die Stange halten konnte, ohne ihn des +öfteren Sieges zu berauben, und wenn mein Kopf nicht durch andere +Dinge verwirrt worden wäre, so würde ich dem grimmigen Alten bald +überlegen geworden sein. + +Dergestalt war ich nun das merkwürdigste Institut von der Welt; ich +ging unter diesen Palmen einher gravitätisch und wortlos in meiner +Scharlachuniform, ein leichtes Schilfstöckchen in der Hand und über +dem Kopfe ein weißes Tuch zum Schutze gegen die heiße Sonne. Ich war +Soldat, Verwaltungsmann, Gärtner, Jäger, Hausfreund und +Zeitvertreiber, und zwar ein ganz sonderbarer, da ich nie ein Wort +sprach; denn obgleich ich jetzt nicht mehr schmollte und leidlich +zufrieden war, so hatte ich mir das Schweigen doch so angewöhnt, daß +meine Zunge durch nichts zu bewegen war, als etwa durch ein +Kommandowort oder einen Fluch gegen unordentliche Soldaten. Doch +diente gerade diese Weise dem Kommandeur, ich blieb so an die fünf +Jahre bei ihm einen Tag wie den andern und konnte, wenn ich freie Zeit +hatte, im übrigen tun, was mir beliebte. Diese Zeit benutzte ich dazu, +das Dutzend Bücher, so der alte Herr besaß, immer wieder durchzulesen +und aus denselben, da sie alle dickleibig waren, ein sonderbares Stück +von der Welt kennenzulernen. Ich war so ein eifriger und stiller +Leser, der sich eine Weisheit ausbildete, von der er nicht recht +wußte, ob sie in der Welt galt oder nicht galt, wie ich bald erfahren +sollte; denn obschon ich bereits vieles gesehen und erfahren, so war +dies doch nur gewissermaßen strichweise und das meiste, was es gab, +lag zur Seite des Striches, den ich passiert. + +Mein Kommandeur wurde endlich zum Gouverneur des ganzen Landstriches +ernannt, wo wir bisher gestanden; er wünschte mich in seiner Nähe zu +behalten und veranlaßte meine Versetzung aus dem Regiment, welches +wieder nach England zurückging, in dasjenige, welches dafür ankam, und +so fand sich wieder Gelegenheit, daß ich als Militärperson sowohl wie +in allen übrigen Eigenschaften um ihn sein konnte, was mir ganz recht +war; denn so blieb ich ein auf mich selbst gestellter Mensch, der +keinen andern Herrn, als seine Fahne über sich hatte. + +Um die gleiche Zeit kam auch die Tochter aus dem alten irländischen +Turme an, um von nun an bei ihrem Vater, dem Gouverneur, zu leben. Es +war ein wohlgestaltetes Frauenzimmer von großer Schönheit; doch war +sie nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine Person, die in ihren +eigenen feinen Schuhen stand und ging und sogleich den Eindruck +machte, daß es für den, der sich etwa in sie verliebte, nicht leicht +hinter jedem Hag einen Ersatz oder einen Trost für diese gäbe, eben +weil es eine ganze und selbständige Person schien, die so nicht zum +zweiten Male vorkomme. Und zwar schien diese edle Selbständigkeit +gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Güte des Charakters und +mit jener Lauterkeit und Rückhaltlosigkeit in dieser Güte, welche, +wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine +wahre Überlegenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein +unbefangenes ursprüngliches Gemütswesen ist, den Schein einer +weihevollen und genialen Überlegenheit gibt. Indessen war sie sehr +gebildet in allen schönen Dingen, da sie nach Art solcher Geschöpfe +die Kindheit und bisherige Jugend damit zugebracht, alles zu lernen, +was irgend wohl ansteht, und sie kannte sogar fast alle neueren +Sprachen, ohne daß man jedoch viel davon bemerkte, so daß unwissende +Männer ihr gegenüber nicht leicht in jene schreckliche Verlegenheit +gerieten, weniger zu verstehen, als ein müßiges Ziergewächs von +Jungfräulein. Überhaupt schien ein gesunder und wohldurchgebildeter +Sinn in ihr sich mehr dadurch zu zeigen, daß sie die vorkommenden +kleineren oder größeren Dinge, Vorfälle oder Gegenstände durchaus +treffend beurteilte und behandelte, und dabei waren ihre Gedanken und +Worte so einfach und lieblich und bestimmt, wie der Ton ihrer Stimme +und die Bewegungen ihres Körpers. Und über alles dies war sie, wie +gesagt, so kindlich, so wenig durchtrieben, daß sie nicht imstande +war, eine überlegte Partie Schach spielenzulernen, und dennoch mit der +fröhlichsten Geduld am Brette saß, um sich von ihrem Vater +unaufhörlich überrumpeln zu lassen. So ward es einem sogleich +heimatlich und wohl zumute in ihrer Nähe; man dachte unverweilt, diese +wäre der wahre Jakob unter den Weibern und keine bessere gäbe es in +der Welt. Ihre schönen blonden Locken und die dunkelblauen Augen, die +fast immer ernst und frei in die Welt sahen, taten freilich auch das +ihrige dazu, ja um so mehr, als ihre Schönheit, so sehr sie auffiel, +von echt weiblicher Bescheidenheit und Sittsamkeit durchdrungen war +und dabei gänzlich den Eindruck von etwas Einzigem und Persönlichem +machte; es war eben kurz und abermals gesagt: eine Person. Das heißt, +ich sage es schien so, oder eigentlich, weiß Gott, ob es am Ende doch +so war und es nur an mir lag, daß es ein solcher trügerischer Schein +schien, kurz--" + +Pankrazius vergaß hier weiterzureden und verfiel in ein schwermütiges +Nachdenken, wozu er ein ziemlich unkriegerisches und beinahe +einfältiges Gesicht machte. Die beiden Wachslichter waren über die +Hälfte heruntergebrannt, die Mutter und die Schwester hatten die Köpfe +gesenkt und nickten, schon nichts mehr sehend und hörend, +schlaftrunken mit ihren Köpfen, denn schon seit Pankrazius die +Schilderung seiner vermutlichen Geliebten begonnen, hatten sie +angefangen, schläfrig zu werden, ließen ihn jetzt gänzlich im Stich +und schliefen wirklich ein. Zum Glück für unsere Neugierde bemerkte +der Oberst dies nicht, hatte überhaupt vergessen, vor wem er erzählte, +und fuhr, ohne die niedergeschlagenen Augen zu erheben, fort, vor den +schlafenden Frauen zu erzählen, wie einer, der etwas lange +Verschwiegenes endlich mitzuteilen sich nicht mehr enthalten kann. + +„Ich hatte," sagte er, „bis zu dieser Zeit noch kein Weib näher +angesehen und verstand oder wußte von ihnen ungefähr soviel, wie ein +Nashorn vom Zitherspiel. Nicht daß ich solche etwa nicht von jeher +gern gesehen hätte, wenn ich unbemerkt und ohne Aufwand von Mühe nach +ihnen schielen konnte; doch war es mir äußerst zuwider, mit +irgendeiner mich in den geringsten Wortwechsel einzulassen, da es mir +von jeher schien, als ob es sämtlichen Weibern gar nicht um eine +vernunftgemäße, klare und richtige Sache zu tun wäre, daß es ihnen +unmöglich sei, nur sechs Worte lang in guter Ordnung bei der Sache zu +bleiben, sondern daß sie einzig darauf ausgingen, wenn sie in diesem +Augenblicke etwas Zweckmäßiges und Gutes gesagt haben, gleich darauf +eine große Albernheit oder Verdrehtheit einzuwerfen, was sie dann als +ihre weibliche Anmut und Beweglichkeit ausgäben, im Grunde aber eine +Unredlichkeit sei, und um so abscheulicher, als sie halb und halb von +bewußter Absicht begleitet sei, um hinter diesem Durcheinander allen +schlechten Instinkten und Querköpfigkeiten desto bequemer zu frönen. +Deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem Weibervolk +und würdigte keines eines offenkundigen Blickes. In Indien, als ich +mehr zufrieden war und keinen Groll fürder hegte, gab es zwar viel +Frauensleute, sowohl indischen Geblütes, als auch eine Menge +englischer, da viele Kaufleute, Offiziere und Soldaten ihre Familie +bei sich hatten. Doch diese Indierinnen, die schön waren wie die +Blumen und gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren eben nichts +weiter als dies und rührten mich nicht im mindesten, da Schönheit und +Güte ohne Salz und Wehrbarkeit, mir langweilig vorkamen, und es war +mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau, wenn sie mein wäre, sich +auf keine Weise gegen meine etwaigen schlimmen Launen zu wehren +vermöchte. Die europäischen Weiber dagegen, die ich sah, welche +größtenteils aus Großbritannien herstammten, schienen schon eher +wehrhaft zu sein, jedoch waren sie weniger gut und selbst wenn sie es +waren, so betrieben sie die Güte und Ehrbarkeit wie ein abscheulich +nüchternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle +Weiblichkeit, auf die sich diese selbstbewußten respektablen Weibsen +so viel zugute taten, handhabten sie eher als Würzkrämer, denn als +Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen +sorglich in die löschpapierne Düte der Philisterhaftigkeit gewickelt. +Überdies war mir immer, als ob durch das Innerste aller dieser +abendländischen Schönen und Unschönen ein tiefer Zug von Gemeinheit +zöge, die Krankheit unserer Zeit, welche sie zwar nur von unserem +Geschlechte, von uns Herren Europäern, überkommen konnten, aber die +gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten Übel wird. +Denn es sind üble Zeiten, wo die Geschlechter ihre Krankheiten +austauschen und eines dem andern seine angeborenen Schwachheiten +mitteilt. Dies waren so meine unwissenden hypochondrischen Gedanken +über die Weiber, welche meinem Verhalten gegen sie zugrunde lagen und +mit welchen ich meiner Wege ging, ohne mich um eine zu bekümmern. + +Als nun die schöne Lydia bei uns anlangte und ich mich täglich in +ihrer Nähe befand, erhielt meine ganze Weisheit einen Stoß und fiel +zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zumute, wenn sie +zugegen war, und ich wußte nicht, was ich hieraus machen sollte. +Höchlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen diese +zu empfinden, weder Geringschätzung, noch jene Lust, doch verstohlen +nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen über +ihr Dasein und sah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei und offen an, +wenn ich in ihrer Nähe zu tun hatte. Dies fiel mir um so leichter, als +ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu richten +brauchte, ohne gefragt zu werden, und also kein anderes Benehmen zu +beobachten hatte, als dasjenige eines sich aufrechthaltenden +ernsthaften Unteroffiziers. Auch war mir das Schweigen, besonders +gegenüber den Weibern, so zur andern Natur geworden durch das +langjährige Kopfhängen, daß ich beim besten Willen jetzt nicht hätte +eine Ausnahme machen können, auch wenn es sich geschickt hätte. +Dennoch fühlte ich ein großes und ungewöhnliches Wohlwollen für diese +Person, war in meinem Herzen sehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu +Gefallen veränderte ich meine schlechten Ansichten von den Frauen und +dachte mir, es müßte doch nicht so übel mit ihnen stehen, wenigstens +sollten sie um dieser einen willen von nun an mehr Gnade finden bei +mir. Ich war sehr froh, wenn Lydia zugegen war oder wenn ich +Veranlassung fand, mich dahin zu verfügen, wo sie eben war; doch tat +ich deswegen nicht einen Schritt mehr, als im natürlichen Gange der +Dinge lag; nicht einmal blickte oder ging ich, wenn ich mich im +gleichen Raume mit ihr befand, ohne einen bestimmten vernünftigen +Grund nach ihr hin und fühlte überhaupt eine solche Ruhe in mir, wie +das kühle Meerwasser, wenn kein Wind sich regt und die Sonne obenhin +daraufscheint. + +Dies verhielt sich so ungefähr ein halbes Jahr, ein Jahr oder auch +etwas darüber, ich weiß es nicht mehr genau; denn die ganze +Zeitrechnung von damals ist mir verlorengegangen, der ganze Zeitraum +schwebt mir nur noch wie ein schwüler von Träumen durchzogener +Sommertag vor. Während dieses Anfanges nun, dessen längere oder +kürzere Dauer ich nicht mehr weiß, ging so alles gut und ruhig +vonstatten. Die Dame, obgleich sie mich öfters sehen mußte, hatte +nicht besonders viel mit mir zu verkehren oder zu sprechen, wenn sie +es aber tat, so war sie außerordentlich freundlich und tat es nie, +ohne mit einem kindlichen harmlosen Lachen ihres schönen Gesichtes, +was ich dann dankbarst damit erwiderte, daß ich ein um so ehrbareres +Gesicht machte und den Mund nicht verzog, indem ich sagte: Sehr wohl, +mein Fräulein! oder auch unbefangen widersprach, wenn sie sich irrte, +was indes selten geschah. War sie aber nicht zugegen oder ich allein, +so dachte ich wohl vielfältig an sie, aber nicht im mindesten wie ein +Verliebter, sondern wie ein guter Freund oder Verwandter, welcher +aufrichtig um sie bekümmert war, ihr alles Wohlergehen wünschte und +allerlei gute Dinge für sie ausdachte. Kaum ging eine leise +Veränderung dadurch mit mir vor, wenn ich mich recht entsinne, daß ich +gegenüber dem Gouverneur ein wenig mehr auf mich hielt, ein wenig mehr +den Soldaten hervorkehrte, der nichts als seine Pflicht kennt, und in +meinen übrigen Dienstleistungen mehr den Schein der Unabhängigkeit +wahrte, wie ich denn auch in keinerlei Lohnverhältnis zu ihm stand +und, nachdem die eigentliche Arbeit auf seinem Bureau getan, wofür ich +besoldet war, alles übrige als ein guter Vertrauter mitmachte und nur, +da es die Gelegenheit mit sich brachte, etwa mit ihm aß und trank. Und +so war ich, wie schon gesagt, vollkommen ruhig und zufrieden, was sich +freilich auf meine besondere Weise ausnehmen mochte. + +Da geschah es eines Tages, als ich unter den schattigen Bäumen mir zu +tun machte, daß die Lydia innerhalb einer kurzen Stunde dreimal +herkam, ohne daß sie etwas da zu tun oder auszurichten hatte. Das +erstemal setzte sie sich auf einen umgestürzten Korb und aß ein +kleines Körbchen voll roter Kirschen auf, indem sie fortwährend mit +mir plauderte und mich zum Reden veranlaßte. Das andere Mal kam sie +und rückte den Korb ganz nahe an das Rosenbäumchen, das ich eben +säuberte, setzte sich abermals darauf und nähte ein weißes seidenes +Band auf ein zierliches Nachthäubchen oder was es war; denn genau +konnte ich es nicht unterscheiden, da ich diesmal kaum hinsah und ihr +nur wenig Bescheid gab, indem ich etwas verlegen wurde. Sie ging bald +wieder fort und kam zum dritten Male mit einem feinen kunstvoll in +Elfenbein gearbeiteten Geduldspiel aus China, packte den alten Korb +und schleppte ihn wieder weg, indem sie sich in einiger Entfernung +daraufsetzte, mir den Rücken zuwendend, und ganz still das Spiel zu +lösen versuchte. Ich blickte jetzt unverwandt nach ihr hin, bis sie, +das Spielzeug in die Tasche steckend, unversehens sich erhob und einen +seltsamen wohllautenden Triller singend davonging, ohne sich wieder +nach mir umzusehen. Dies alles wollte mir nicht klar sein noch +einleuchten, und meine Seele rümpfte leise die Nase zu diesem Tun; +aber von Stund an war ich verliebt in Lydia. + +In der wunderbarsten gelinden Aufregung ließ ich mein Bäumchen stehen, +holte die Doppelbüchse und streifte in den Abend hinaus weit in die +Wildnis. Viele Tiere sah ich wohl, aber alle vergaß ich zu schießen; +denn wie ich auf eines anschlagen wollte, dachte ich wieder an das +Benehmen dieser Dame und verlor so das Tier aus den Augen. + +Was will sie von dir, dachte ich, und was soll das heißen? Indem ich +aber hierüber hin und her sann, entstand und lohete schon eine große +Dankbarkeit in mir für alles mögliche und unmögliche, was irgend in +dem Vorfalle liegen mochte, wogegen mein Ordnungssinn und das +Bewußtsein meiner geringen und wenig anmutigen Person den +widerwärtigsten Streit erhob. Als ich hieraus nicht klug wurde, +verfielen meine Gedanken plötzlich auf den Ausweg, daß diese scheinbar +so schöne und tüchtige Frau am Ende ganz einfach ein leichtfertiges +und verbuhltes Wesen sei, das sich zu schaffen mache, mit wem es sei, +und selbst mit einem armen Unteroffizier eine schlechte Geschichte +anzuheben nicht verschmähe. Diese verwünschte Ansicht tat mir so weh +und traf mich so unvermutet, daß ich wutentbrannt einen ungeheuren +rauhen Eber niederschoß, der eben durch die hohen Bergkräuter +heranbrach, und meine Kugel saß fast gleichzeitig und ebenso +unvermutet und unwillkommen in seinem Gehirn, wie jener +niederträchtige Gedanke in dem meinigen, und schon war mir zumute, als +ob das wilde Tier noch zu beneiden wäre um seine Errungenschaft im +Vergleich zu der meinigen. Ich setzte mich auf die tote Bestie; vor +meinen Gedanken ging die schöne Gestalt vorüber und ich sah sie +deutlich, wie sie die drei Male gekommen war, mit jeder ihrer +Bewegungen, und jedes Wort tönte noch nach. Aber merkwürdigerweise +ging dies gute Gedächtnis noch über diesen Tag hinaus und zurück +überhaupt bis auf den ersten Tag, wo ich sie gesehen, den ganzen +Zeitraum hindurch, wo ich doch gänzlich ruhig gewesen. Wie man bei +ganz durchsichtiger Luft, wenn es Regen geben will, an entfernten +Bergen viele Einzelheiten deutlich sieht, die man sonst nicht +wahrnimmt, und in stiller Nacht die fernsten Glocken schlagen hört, so +entdeckte ich jetzt mit Verwunderung, daß aus jenem ganzen Zeitraume +jede Art und Wendung ihrer Erscheinung, jedes einzelne Auftreten sich +ohne mein Wissen mir eingeprägt hatte, und fast jedes ihrer Worte, +selbst das gleichgültigste und vorübergehendste, hörte ich mit klar +vernehmlichem Ausdruck in der Stille dieser Wildnis wieder tönen. +Diese sämtliche Herrlichkeit hatte also gleichsam schlafend oder +heimlicherweise sich in mir aufgehalten und der heutige Vorgang hatte +nur den Riegel davor weggeschoben oder eine Fackel in ein Bund Stroh +geworfen. Ich vergaß über diesen Dingen wieder meinen schlechten Zorn +und beschäftigte mich rückhaltlos mit der Ausbeutung meines guten +Gedächtnisses und schenkte demselben nicht den kleinsten Zug, den es +mir von dem Bilde Lydias irgend liefern konnte. Auf diese Weise +schlenderte ich denn auch wieder der Behausung zu und überließ mich +allein diesen angenehmen Vorstellungen; jedoch vermochte ich nun nicht +mehr so unbefangen und ruhig in ihrer Nähe zu sein, und da ich nichts +anderes anzufangen wußte noch gesonnen war, so vermied ich möglichst +jeden Verkehr mit ihr, um desto eifriger an sie zu denken. So +vergingen drei oder vier Wochen, ohne daß etwas weiteres vorfiel, als +daß ich bemerkte, daß sie bei aller Zurückhaltung, die sie nun +beobachtete, dennoch keine Gelegenheit versäumte, irgend etwas zu +meinen Gunsten zu tun oder zu sagen, und sie fing an, mir völlig nach +dem Munde oder zu Gefallen zu sprechen, da sie Ausdrücke brauchte, +welche ich etwa gebraucht, und die Dinge so beurteilte, wie ich es zu +tun gewohnt war. Dies schien nun erst nichts Besonderes, weil es mich +eben von jeher angenehm dünkte, in ihr ganz dieselben Ansichten vom +Zweckmäßigen oder vom Verkehrten zu entdecken, deren ich mich selber +befleißigte; auch lachte sie über dieselben Dinge, über welche ich +lachen mußte, oder ärgerte sich über die nämlichen Unschicklichkeiten, +so etwa vorfielen. Aber zuletzt ward es so auffällig, daß sie mir, da +ich kaum ein Wort mit ihr zu sprechen hatte, zu Gefallen zu leben +suchte, und zwar nicht wie eine schelmische Kokette, sondern wie ein +einfaches argloses Kind, daß ich in die größte Verwirrung geriet und +vollends nicht mehr wußte, wie ich mich stellen sollte. So fand ich +denn, um mich zu salvieren, unverfänglich mein Heil in meiner alten +wohlhergestellten Schmollkunst und verhärtete mich vollkommen in +derselben, zumal ich mich nichts weniger als glücklich fühlte in +diesem sonderbaren Verhältnis. Nun schien sie wahrhaft bekümmert und +niedergeschlagen, kleinlaut und schüchtern zu werden, was zu ihrem +sonstigen resoluten und tüchtigen Wesen eine verführerische Wirkung +hervorbrachte, da man an den gewöhnlichen Weibern und, je kleinlicher +sie sind, desto weniger gewohnt ist, sie durch solche schüchterne +Bescheidenheit glänzen und bestechen zu sehen. Vielmehr glauben sie, +nichts stehe ihnen besser zu Gesicht, als eine schreckliche Sicherheit +und Unverschämtheit. Da nun sogar noch der alte Gouverneur anfing, in +einer mir unverständlichen und wenig delikaten Laune zu sticheln und +zu scherzen und zehnmal des Tages sagte: ‚Wahrhaftig, Lydia, du bist +verliebt in den Pankrazius!' so ward mir das Ding zu bunt; denn ich +hielt das für einen sehr schlechten Spaß, in betreff auf seine Tochter +für geschmacklos und vom ordinärsten Tone, in bezug auf mich aber für +gewissenlos und roh, und ich war oft im Begriff, es ihm offen zu sagen +und mich den Teufel um ihn weiter zu kümmern. Letzteres tat ich auch +insofern, als ich mich nun gänzlich zusammennahm und in mich selber +verschloß. Lydia wurde eintönig, ja sie schien nun sogar bleich und +leidend zu werden, was mich tief bekümmerte, ohne daß ich daraus etwas +Kluges zu machen wußte. Als sie aber trotz meines Verhaltens wieder +anfing, mir nachzugehen und sich fortwährend zu schaffen machte, wo +ich mich aufhielt, geriet ich in Verzweiflung und in der Verzweiflung +begann ich, abgebrochene und ungeschickte Unterhaltungen mit ihr zu +pflegen. Es war gar nichts, was wir sprachen, ganz unartikuliertes +jämmerliches Zeug, als ob wir beide blödsinnig wären; allein beide +schienen gar nicht hieran zu denken, sondern lachten uns an wie +Kinder; denn auch ich vergaß darüber alles andere und war endlich +froh, nur diese kurzen Reden mit ihr zu führen. Allein das Glück +dauerte nie länger als zwei Minuten, da wir den Faden aus Mangel an +Ruhe und Besonnenheit sogleich wieder verloren und dann zwei Kindern +glichen, die ein Perlenband aufgezettelt haben und mit Betrübnis die +schönen Perlen entgleiten sehen. Alsdann dauerte es wieder wochenlang, +bis eine dieser großen Unternehmungen wieder gelang, und nie tat ich +den ersten Schritt dazu, da ich gleich darauf wieder nur bedacht war, +mir nichts zu vergeben und keine Dummheiten zu begehen bei diesen +etwas ungewöhnlichen Leuten. Hundertmal war ich entschlossen, auf und +davonzugehen, allein die Zeit verging mir so eilig, daß ich die Tat +immer wieder hinausschieben mußte. Denn meine Gedanken waren jetzt +ausschließlich mit dieser Sache beschäftigt und es ging mir dabei +äußerst seltsam. + +Mit den Büchern des Gouverneurs war ich endlich so ziemlich fertig +geworden und wußte nichts mehr aus denselben zu lernen. Lydia, welche +mich so oft lesen sah, benutzte diese Gelegenheit und gab mir von den +ihrigen. Darunter war ein dicker Band wie eine Handbibel und er sah +auch ganz geistlich aus, denn er war in schwarzes Leder gebunden und +vergoldet. Es waren aber lauter Schauspiele und Komödien darin mit der +kleinsten englischen Schrift gedruckt. Dies Buch nannte man den +Shakespeare, welches der Verfasser desselben und dessen Kopf auch +vorne drin zu sehen war. Dieser verführerische falsche Prophet führte +mich schön in die Patsche. Er schildert nämlich die Welt nach allen +Seiten hin durchaus einzig und wahr wie sie ist, aber nur wie sie es +in den ganzen Menschen ist, welche im Guten und im Schlechten das +Metier ihres Daseins und ihrer Neigungen vollständig und +charakteristisch betreiben und dabei durchsichtig wie Kristall, jeder +vom reinsten Wasser in seiner Art, so daß, wenn schlechte Skribenten +die Welt der Mittelmäßigkeit und farblosen Halbheit beherrschen und +malen und dadurch Schwachköpfe in die Irre führen und mit tausend +unbedeutenden Täuschungen anfüllen, dieser hingegen eben die Welt des +Ganzen und Gelungenen in seiner Art, d. h. wie es sein soll, +beherrscht, und dadurch gute Köpfe in die Irre führt, wenn sie in der +Welt dies wesentliche Leben zu sehen und wiederzufinden glauben. Ach +es ist schon in der Welt, aber nur niemals da, wo wir eben sind oder +dann, wann wir leben. Es gibt noch verwegene schlimme Weiber genug, +aber ohne den schönen Nachtwandel der Lady Macbeth und das bange +Reiben der kleinen Hand. Die Giftmischerinnen, die wir treffen, sind +nur frech und reulos und schreiben gar noch ihre Geschichte oder legen +einen Kramladen an, wenn sie ihre Strafe überstanden. Es gibt noch +Leute genug, die wähnen Hamlet zu sein, und sie rühmen sich dessen, +ohne eine Ahnung zu haben von den großen Herzensgründen eines wahren +Hamlet. Hier ist ein Blutmensch, ohne Macbeths dämonische und doch +wieder so menschliche Mannhaftigkeit, und dort ein Richard der Dritte, +ohne dessen Witz und Beredsamkeit. Hier ist eine Porzia, die nicht +schön, dort eine, die nicht geistreich, dort wieder eine, die +geistreich, aber nicht klug ist und wohl versteht, Leute unglücklich +zu machen, nicht aber sich selbst zu beglücken. Unsere Shylocks +möchten uns wohl das Fleisch ausschneiden, aber sie werden nun und +nimmer eine Barauslage zu diesem Behuf wagen, und unsere Kaufleute von +Venedig geraten nicht wegen eines lustigen Habenichts von Freund in +Gefahr, sondern wegen einfältigen Aktienschwindels und halten dann +nicht im mindesten so schöne melancholische Reden, sondern machen ein +ganz dummes Gesicht dazu. Doch eigentlich sind, wie gesagt, alle +solche Leute wohl in der Welt, aber nicht so hübsch beisammen, wie in +jenen Gedichten; nie trifft ein ganzer Schurke auf einen ganzen +wehrbaren Mann, nie ein vollständiger Narr auf einen unbedingt klugen +Fröhlichen, so daß es zu keinem rechten Trauerspiel und zu keiner +guten Komödie kommen kann. + +Ich aber las nun die ganze Nacht in diesem Buche und verfing mich ganz +in demselben, da es mir gar so gründlich und sachgemäß geschrieben +schien und mir außerdem eine solche Arbeit ebenso neu als +verdienstlich vorkam. Weil nun alles übrige so trefflich, wahr und +ganz erschien und ich es für die eigentliche und richtige Welt hielt, +so verließ ich mich insbesondere auch bei den Weibern, die es +vorbrachte, ganz auf ihn, verlockt und geleitet von dem schönen Sterne +Lydia, und ich glaubte, hier ginge mir ein Licht auf und sei die +Lösung meiner zweifelvollen Verwirrung und Qual zu finden. + +Gut! dachte ich, wenn ich diese schönen Bilder der Desdemona, der +Helena, der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen +Selbstherrlichkeit ihres Frauentums heraus so seltsamen Käuzen +nachgingen und anhingen, rückhaltlos wie unschuldige Kinder, edel, +stark und treu wie Helden, unwandelbar und treu wie die Sterne des +Himmels: gut! hier haben wir unsern Fall! Denn nichts anderes als ein +solches festes, schöngebautes und gradausfahrendes Frauenfahrzeug ist +diese Lydia, die ihren Anker nur einmal und dann in eine +unergründliche Tiefe auswirft und wohl weiß, was sie will. Diese +Meinung ging gleich einer strahlenden heißen Sonne in mir auf und in +deren Licht sah ich nun jede Bewegung und jede kleinste Handlung, +jedes Wort des schönen Geschöpfes, und es dauerte nicht lange, so +überbot sie in meinen Augen alles, was der gute Dichter mit seiner +mächtigen Einbildungskraft erfunden, da dies lebendige Gedicht im +Lichte der Sonne umherging in Fleisch und Blut, mit wirklichen +Herzschlägen und einem tatsächlichen Nacken voll goldener Locken. + +Das unheimliche Rätsel war nun gelöst und ich hatte nichts weiter zu +tun, als mich in diese mit dem Shakespeare in die Wette +zusammengedichtete Seligkeit zu finden und mit Mühe meine geringfügige +und unliebliche Person für eine solche Laune des Schicksals oder des +königlich großmütigen Frauengemütes einigermaßen leidlich +zurechtzustutzen mittelst hundertfacher Pläne und Aussichten, welche +sich an das große schöne Luftschloß anbaueten. Die unendliche +Dankbarkeit und Verehrung, welche ich solchergestalt gegen die +Geliebte empfand, hatte allerdings zum guten Teil ihren Grund in +meiner sich geschmeichelt fühlenden Eigenliebe; aber gewiß auch zum +noch größeren Teile darin, daß diese Erklärungsweise die einzige war, +welche mir möglich schien, ohne dies teuerste Wesen verachten und +bemitleiden zu müssen; denn eine hohe Achtung, die ich für sie +empfand, war mir zum Lebensbedürfnis geworden und mein Herz zitterte +vor ihr, das noch vor keinem Menschen und vor keinem wilden Tiere +gezittert hatte. + +So ging ich wohl ein halbes Jahr lang herum wie ein Nachtwandler, von +Träumen so vollhängend, wie ein Baum voll Äpfel, alles, ohne mit Lydia +um einen Schritt weiterzukommen. Ich fürchtete mich vor dem kleinsten +möglichen Ereignis, etwa wie ein guter Christ vor dem Tode, den er +zagend scheut, obgleich er durch selbigen in die ewige Seligkeit +einzugehen gewiß ist. Desto bunter ging es in meinem Gehirn zu und die +Ereignisse und aufregendsten Geschichten, alles aufs schönste und +unzweifelhafteste sich begebend, drängten und blühten da +durcheinander. Ich versäumte meine Geschäfte und war zu nichts zu +gebrauchen. Das Ärgste war mir, wenn ich stundenlang mit dem Alten +Schach spielen mußte, wo ich dann gezwungen war, meine Aufmerksamkeit +an das Spiel zu fesseln, und die einzige Muße für meine schweren +Liebesgedanken gewährte mir die kurze Zeit, wenn ein Spiel zu Ende war +und die Figuren wieder aufgestellt wurden. Ich ließ mich daher sobald +als immer möglich, ohne daß es zu sehr auffiel, matt machen und hielt +mich so lange mit dem Aufstellen des Königs und der Königin, der +Läufer, Springer und Bauern auf und rückte so lange an den Türmen hin +und her, daß der Gouverneur glaubte, ich sei kindisch geworden und +tändle mit den Figürchen zu meinem Vergnügen. + +Endlich aber drohete meine ganze Existenz sich in müßige +Traumseligkeit aufzulösen, und ich lief Gefahr, ein Tollhäusler zu +werden. Zudem war ich trotz aller dieser goldenen Luftschlösser +unsäglich kleinmütig und traurig, da, ehe das letzte Wort gesprochen +ist, die solchen wuchernden Träumen gegenüber immer zurückstehende +Wirklichkeit niederdrückt und die leibhafte Gegenwart etwas +Abkühlendes und Abwehrendes behält. Es ist das gewissermaßen die +schützende Dornenrüstung, womit sich die schöne Rose des körperlichen +Lebens umgibt. Je freundlicher und zutunlicher Lydia wurde, desto +ungewisser und zweifelhafter wurde ich, weil ich an mir selbst +entnahm, wie schwer es einem möglich wird, eine wirkliche Liebe zu +zeigen, ohne sie ganz bei ihrem Namen zu nennen. Nur wenn sie streng, +traurig und leidend schien, schöpfte ich wieder einen halben Grund zu +einer vernünftigen Hoffnung, aber dies quälte mich alsdann noch viel +tiefer und ich hielt mich nicht wert, daß sie nur eine schlimme Minute +um meinetwillen erleiden sollte, der ich gern den Kopf unter ihre Füße +gelegt hätte. Dann ärgerte ich mich wieder, daß sie, um guter Dinge zu +sein, verlangte, ich sollte etwa aussehen wie ein verliebter +närrischer Schneider, da ich doch kein solcher war und ich auf meine +Weise schon gedachte, beweglich zu werden zu ihrem Wohlgefallen. Kurz, +ich ging einer gänzlichen Verwirrung entgegen, war nicht mehr +imstande, ein einziges Geschäft ordnungsgemäß zu verrichten, und lief +Gefahr, als Soldat rückwärts zu kommen oder gar verabschiedet zu +werden, wenn ich nicht als ein abhängiger dienstbarer Lückenbüßer, der +zu weiter nichts zu brauchen, mich an das Haus des Gouverneurs hängen +wollte. + +Als daher die Engländer in bedenkliche Feindseligkeiten mit indischen +Völkern gerieten und ein Feldzug eröffnet wurde, der nachher ziemlich +blutig für sie ausfiel, entschloß ich mich kurz und trat wieder in +meine Kompanie als guter Kombattant, vom Gouverneur meinen Abschied +nehmend. Derselbe wollte zwar nichts davon wissen, sondern polterte, +bat und schmeichelte mir, daß ich bleiben möchte, wie alle solche +Leute, die glauben, alles stehe mit seinem Leib und Leben, mit seinem +Wohl und Wehe nur zu ihrer Verfügung da, um ihnen die Zeit zu +vertreiben und zur Bequemlichkeit zu dienen. Lydia hingegen ließ sich +während der drei oder vier Tage, während welcher von meinem Abzug die +Rede war, kaum sehen. Geschah es aber, so sah sie mich nicht an oder +warf einen kurzen Blick voll Zornes auf mich, wie es schien; aber nur +das Auge schien zornig, ihr Gang und die übrigen Bewegungen waren +dabei so still, edel und an sich haltend, daß dieser schöne Zorn mir +das Herz zerriß. Auch hörte ich, daß sie des Morgens sehr spät zum +Vorschein käme und daß man sich darüber den Kopf zerbräche; denn es +deutete darauf, daß sie des Nachts nicht schlafe, und als ich sie am +letzten Tage zufällig hinter ihrem Fenster sah, glaubte ich zu +bemerken, daß sie ganz verweinte Augen hatte; auch zog sie sich +schnell zurück, als ich vorüberging. Nichtsdestominder schritt ich +meinen steifen Feldwebelsgang ruhig fort und verrichtete alles, weder +rechts noch links sehend. So ging ich auch gegen Abend mit einem +Burschen noch einmal durch die Pflanzungen, um ihm die Obhut derselben +einigermaßen zu zeigen und ihn, so gut es ging, zu einem +provisorischen Gärtner zuzustutzen, bis sich ein tauglicheres Subjekt +zeigen würde. Wir standen eben in einem schlanken Rosenwäldchen, das +ich gezogen hatte; die Bäumen ragten just in die Höhe des Gesichtes +und waren so dicht, daß, wenn man darin herumging, die Rosen einem an +der Nase streiften, was sehr artig und bequem war und wozu der +Gouverneur sehr gelacht hatte, da er sich nun nicht mehr zu bücken +brauchte, um an den Rosen zu riechen. Als ich dem Burschen meine +Anweisungen erteilte, kam Lydia herbei und schickte ihn mit +irgendeinem Auftrage weg, und indem sie gleich mitzugehen willens +schien, zögerte sie doch eine kurze Zeit, einige Rosen brechend, bis +der Diener weg war. Ich zerrte ebenfalls noch ein Weilchen an einem +Zweige herum und wie ich mich umdrehte, um zu gehen, sah ich, daß ihr +Tränen aus den Augen fielen. Ich hatte Mühe, mich zu bezwingen, doch +tat ich, als ob ich nichts gesehen, und eilte hinweg. Doch kaum war +ich zehn Schritte gegangen, als ich hörte und fühlte, wie sie, bald +laufend, bald stehenbleibend, hinter mir herkam, und so eine ganze +Strecke weit. Ich hielt dies nicht mehr aus, wandte mich plötzlich um +und sagte zu ihr, die kaum noch drei Schritte von mir entfernt war: +‚Warum gehen Sie mir nach, Fräulein?' + +Sie stand still, wie von einer Schlange erschreckt, und wurde, den +Blick zur Erde gesenkt, glühendrot im Gesicht; dann wurde sie bleich +und weiß und zitterte am ganzen Leibe, während sie die großen blauen +Augen zu mir aufschlug und nicht ein Wort hervorbrachte. Endlich sagte +sie mit einer Stimme, in welcher empörter Stolz mit gern ertragener +Demütigung rang: ‚Ich denke, ich kann in meinem Besitztume herumgehen, +wo ich will!' + +‚Gewiß!' erwiderte ich kleinlaut und setzte meinen Weg fort. Sie war +jetzt an meiner Seite und ging neben mir her. Ich ging aber in meiner +heftigen Aufregung mit so langen und raschen Schritten, daß sie trotz +ihrer kräftigen Bewegungen mir mit Mühe folgen konnte, und doch tat +sie es. Ich sah sie mehrmals groß an von der Seite und sah, daß ihr +die Augen wieder voll Wasser standen, indessen dieselben wie +kummervoll und demütig auf den Boden gerichtet waren. Mir brannte es +ebenfalls siedendheiß im Gesicht und meine Augen wurden auch naß. Die +Sache stand jetzt dergestalt auf der Spitze, daß ich entweder eine +Dummheit oder eine Gewissenlosigkeit zu begehen im Begriffe stand, +wovon ich weder das eine noch das andere zu tun gesonnen war. Doch +dachte ich, indem ich so neben ihr herschritt, in meinen armen +Gedanken: Wenn dies Weib dich liebt und du jemals mit Ehren an ihre +Hand gelangest, so sollst du ihr auch dienen bis in den Tod, und wenn +sie der Teufel selbst wäre! + +Indem erreichten wir eine Stätte, wo ein oder zwei Dutzend +Orangenbäume standen und die Luft mit Wohlgeruch erfüllten, während +ein süßer frischer Lufthauch durch die reinlichen edelgeformten Stämme +wehte. Ich glaube diesen betörenden Hauch und Duft noch jetzt zu +fühlen, wenn ich daran denke, wahrscheinlich übte er eine ähnliche +Wirkung auf das Geschöpf, das neben mir ging, daß es seine wundersame +Leidenschaft, welche die Liebe zu sich selbst war, so aufs äußerste +empfand und darstellte, als ob es eine wirkliche Liebe zu einem Manne +wäre; denn sie ließ sich auf eine Bank unter den Orangen nieder und +senkte das schöne Haupt auf die Hände; die goldenen Haare fielen +darüber und reiche Tränen quollen durch ihre Finger. + +Ich stand vor ihr still und sagte mit versagender Stimme: ‚Was wollen +Sie denn, was ist Ihnen, Fräulein Lydia?' + +‚Was wollen Sie denn!' sagte sie, ‚ist es je erhört, eine schöne und +feine Dame so zu quälen und zu mißhandeln! Aus welchem barbarischen +Lande kommen Sie denn? Was tragen Sie für ein Stück Holz in der +Brust?' + +‚Wie quäle, wie mißhandle ich denn?' erwiderte ich unschlüssig und +betreten; denn obgleich sie einen guten Sinn haben konnte, schien mir +diese Sprache dennoch nicht die rechte zu sein. + +‚Sie sind ein grober und übermütiger Mensch!' sagte sie, ohne +aufzublicken. + +Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und erwiderte, ‚Sie würden +dies nicht sagen, mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie wenig grob und +übermütig ich in meinem Herzen gegen Sie gesinnt bin! Und es ist +gerade meine große Höflichkeit und Demut, welche--' + +Sie blickte, als ich wieder verstummte, auf, und das Gesicht mit einem +schmerzlichen, bittenden Lächeln aufgehellt, sagte sie hastig: ‚Nun?' +Wobei sie mir einen Blick zuwarf, der mich jetzt um den letzten Rest +von Überlegung brachte. Ich, der ich es nie für möglich gehalten +hätte, selbst dem geliebtesten Weibe zu Füßen zu fallen, da ich +solches für eine Torheit und Ziererei ansah, ich wußte jetzt nicht, +wie ich dazu kam, plötzlich vor ihr zu liegen und meinen Kopf ganz +hinzugeben und zerknirscht in den Saum ihres Gewandes zu verbergen, +den ich mit heißen Tränen benetzte. Sie stieß mich jedoch +augenblicklich zurück und hieß mich aufstehen; doch als ich dies tat, +hatte sich ihr Lächeln noch vermehrt und verschönert und ich rief nun: +‚Ja--so will ich es Ihnen nur sagen', und so weiter, und erzählte ihr +meine ganze Geschichte mit einer Beredsamkeit, die ich mir kaum je +zugetraut. Sie horchte begierig auf, während ich ihr gar nichts +verschwieg vom Anfang bis zu dieser Stunde und besonders ihr auch aus +überströmendem Herzen das Bild entwarf, das von ihr in meiner Seele +lebte und wie ich es seit einem halben Jahre oder mehr so emsig und +treu ausgearbeitet und vollendet. Sie lachte, vor sich niedersehend +und voll Zufriedenheit lauschend, die Hand unter das Kinn stützend, +und sah immer mehr einem seligen Kinde gleich, dem man ein gewünschtes +Spielzeug gegeben, als sie hörte und vernahm, wie nicht einer ihrer +Vorzüge und Reize und nicht eines ihrer Worte bei mir verlorengegangen +war. Dann reichte sie mir die Hand hin und sagte, freundlich errötend, +doch mit zufriedener Sicherheit: ‚Ich danke Ihnen sehr, mein Freund, +für Ihre herzliche Zuneigung! Glauben Sie, es schmerzt mich, daß Sie +um meinetwillen so lange besorgt und eingenommen waren; aber Sie sind +ein ganzer Mann und ich muß Sie achten, da Sie einer so schönen und +tiefen Neigung fähig sind!' + +Diese ruhige Rede fiel zwar wie ein Stück Eis in mein heißes Blut; +doch gedachte ich sogleich, es ihr wohl und von Herzen zu gönnen, wenn +sie jetzt die gefaßte und sich zierende Dame machen wolle, und mich in +alles zu ergeben, was sie auch vornehmen und welchen Ton sie auch +anschlagen würde. + +Doch erwiderte ich bekümmert: ‚Wer spricht denn von mir, schöne, +schöne Lydia! Was hat alles, was ich leide oder nicht leide, erlitten +habe oder noch erleiden werde, zu sagen, gegenüber auch nur einer +unmutigen oder gequälten Minute, die Sie erleiden? Wie kann ich +unwerter und ungefüger Geselle eine solche je ersetzen oder vergüten?' + +‚Nun,' sagte sie, immer vor sich niederblickend und immer noch +lächelnd, doch schon in einer etwas veränderten Weise, ‚nun, ich muß +allerdings gestehen, daß mich Ihr schroffes und ungeschicktes Benehmen +sehr geärgert und sogar gequält hat; denn ich war an so etwas nicht +gewöhnt, vielmehr daß ich überall, wo ich hinkam, Artigkeit und +Ergebenheit um mich verbreitete. Ihre scheinbare grobe Fühllosigkeit +hat mich ganz schändlich geärgert, sage ich Ihnen, und um so mehr, als +mein Vater und ich viel von Ihnen hielten. Um so lieber ist es mir +nun, zu sehen, daß Sie doch auch ein bißchen Gemüt haben, und +besonders, daß ich an meinem eigenen Werte nicht länger zu zweifeln +brauche; denn was mich am meisten kränkte, war tiefer Zweifel an mir +selbst, an meinem persönlichen Wesen, der in mir sich zu regen begann. +Übrigens, bester Freund, empfinde ich keine Neigung zu Ihnen, so wenig +als zu jemand anderm, und hoffe, daß Sie sich mit aller Hingebung und +Artigkeit, die Sie soeben beurkundet, in das Unabänderliche fügen +werden, ohne mir gram zu sein!' + +Wenn sie geglaubt, daß ich nach dieser unbefangenen Eröffnung gänzlich +rat- und wehrlos vor ihr darniederliegen werde, so hatte sie sich +getäuscht. Vor dem vermeintlich guten und liebevollen Weibe hatte mein +Herz gezittert, vor dem wilden Tiere dieser falschen gefährlichen +Selbstsucht zitterte ich so wenig mehr, als ich es vor Tigern und +Schlangen zu tun gewohnt war. Im Gegenteil, anstatt verwirrt und +verzweifelt zu sein und die Täuschung nicht aufgeben zu wollen, wie es +sonst wohl geschieht in dergleichen Auftritten, war ich plötzlich so +kalt und besonnen, wie nur ein Mann es sein sonnte, der auf das +schmählichste beleidigt und beschimpft worden ist, oder wie ein Jäger +es sein kann, der statt eines edlen scheuen Rehes urplötzlich eine +wilde Sau vor sich sieht. Ein seltsam gemischtes, unheimliches Gefühl +von Kälte freilich, wenn ich bei alledem die Schönheit ansehen mußte, +die da vor mir glänzte. Doch dieses ist das unheimliche Geheimnis der +Schönheit. + +Indessen, wäre ich nicht von der Sonne ganz braungebrannt gewesen, so +würde ich jetzt dennoch so weiß ausgesehen haben, wie die +Orangenblüten über mir, als ich ihr nach einigem Schweigen erwiderte. +‚Und also um Ihren edlen Glauben an Ihre Persönlichkeit herzustellen, +war es Ihnen möglich, alle Zeichen der reinen und tiefen Liebe und +Selbstentäußerung zu verwenden? Zu diesem Zwecke gingen Sie mir nach, +wie ein unschuldiges Kind, das seine Mutter sucht, redeten Sie mir +fortwährend nach dem Munde, wurden Sie bleich und leidend, vergossen +Sie Tränen und zeigten eine so goldene und rückhaltlose Freude, wenn +ich mit Ihnen nur ein Wort sprach?' + +‚Wenn es so ausgesehen hat, was ich tat,' sagte sie noch immer +selbstzufrieden, ‚so wird es wohl so sein. Sie sind wohl ein wenig +böse, eitler Mann! daß Sie nun doch nicht der Gegenstand einer gar so +demutvollen und grenzenlosen weiblichen Hingebung sind?' ‚Daß ich +Ärmste nicht das sehnlich blökende Lämmlein bin, für das Sie mich in +Ihrer Vergnügtheit gehalten?' + +‚Ich war nicht vergnügt, Fräulein!' erwiderte ich. ‚Indessen wenn die +Götter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den Menschen +vielfach sich hingaben und wenn die Menschheit von jeher ihr höchstes +Glück darin fand, dieser rückhaltlosen Liebe der Götter wert zu sein +und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schämen, mich ähnlich +geliebt gewähnt zu haben? Nein, Fräulein Lydia! Ich rechne es mir +sogar zur Ehre an, daß ich mich von Ihnen fangen ließ, daß ich eher an +die einfache Liebe und Güte eines unbefangenen Gemütes glaubte, bei so +klaren und entschiedenen Zeichen, als daß ich verdorbenerweise nichts +als eine einfältige Komödie dahinter gefürchtet. Denn einfältig ist +die Geschichte! Welche Garantie haben Sie denn nun für Ihren Glauben +an sich selbst, da Sie solche Mittel angewendet, um nur den ärmsten +aller armen Kriegsleute zu gewinnen, Sie, die schöne und vornehme +englische Dame?' + +‚Welche Garantie?' antwortete Lydia, die nun allmählich blaß und +verlegen wurde, ‚ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklärung ich +Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht leugnen wollen, +daß Sie hingerissen waren und mir soeben erzählten, wie ich Ihnen von +jeher gefallen? Warum ließen Sie das in Ihrer Grobheit nicht ein klein +weniges merken, so wie es dem schlichtesten und anspruchslosesten +Menschen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt wäre, so wurde uns +diese ganze Komödie, wie Sie es nennen, erspart worden sein und ich +hätte mich begnügt!' + +‚Hätten Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schöne', erwiderte +ich, ‚so hätten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen, daß +dies Wohlgefallen sich jetzt notwendig in sein Gegenteil verkehren +muß, zu meinen eigenen Schmerzen!' + +‚Hilft Ihnen nichts,' sagte sie, ‚ich weiß einmal, daß ich Ihnen +wohlgefallen habe und in Ihrem Blute wohne! Ich habe Ihr Geständnis +angehört und bin meiner Eroberung versichert. Alles übrige ist +gleichgültig; so geht es zu, bester Herr Pankrazius, und so werden +diejenigen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Königin +Schönheit!' ‚Das heißt,' sagte ich, ‚es scheint dies Reich eher einer +Zigeunerbande zu gleichen. Wie können Sie eine Feder auf den Hut +stecken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin? gegen +den Willen des Eigentümers?' + +Sie antwortete: ‚Auf diesem Felde, bester Herr Eigentümer, gereicht +der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur aufs neue, +wie gut ich Sie getroffen habe!' + +So zankten wir noch eine gute halbe Stunde herum in dem süßen +Orangenhaine, aber mit bittern harten Worten, und ich suchte +vergeblich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und +erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Wert für sie haben +könnte, den sie ihr beilegte. Ich führte diesen Beweis nicht nur aus +philisterhafter Verletztheit und Dummheit, sondern auch um irgendeinen +Funken vom Gefühl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer +Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht +einsehen, daß eine rechte Gemütsverfassung erst dann in der vollen und +rückhaltlosen Liebe aufflammt, wenn sie Grund zur Hoffnung zu haben +glaubt; und also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fühlen, immer +ein grober und unsittlicher Betrug bleibt, und um so gewissenloser, +als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art ist. Immer kam +sie auf das Faktum meiner Liebeserklärung zurück, und zwar warf sie, +die sonst ein so gesundes Urteil zu haben schien, die unsinnigsten, +kleinlichsten und unanständigsten Reden und Argumente durcheinander +und tat einen wahren Kindskopf kund. Während der ganzen Jahre unsers +Zusammenseins hatte ich nicht so viel mit ihr gesprochen, wie in +dieser letzten zänkischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter Gott! +daß es ein Weib war von einem großangelegten Wesen, mit den Manieren, +Bewegungen und Kennzeichen eines wirklich edeln und seltenen Weibes, +und bei alledem mit dem Gehirn--einer ganz gewöhnlichen Soubrette, wie +ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den Vaudevilletheatern +zu Paris! Während dieses Zankes aber verschlang ich sie dennoch +fortwährend mit den Augen und ihre unbegreifliche grundlose, so +persönlich scheinende Schönheit quälte mein Herz in die Wette mit dem +Wortwechsel, den wir führten. Als sie aber zuletzt ganz sinnlose und +unverschämte Dinge sagte, rief ich, in bittere Tränen ausbrechend: ‚O +Fräulein! Sie sind ja der größte Esel, den ich je gesehen habe!' + +Sie schüttelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und +erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so +schönen Mund schwebte. Es sollte wohl ein höhnisches Lächeln sein, +ward aber zu einem Zeichen seltsamer Verlegenheit. + +‚Ja,' sagte ich, mit den Fäusten meine Tränen zerreibend, ‚nur wir +Männer können sonst Esel sein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich +Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Auszeichnung und Ehre für +Sie. Wären Sie nur ein bißchen gewöhnlicher und geringer, so würde ich +Sie einfach eine schlechte Gans schelten!' + +Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne +ferner nach ihr hinzublicken, aber mit dem Gefühle, daß ich das, was +mir jemals in meinem Leben von reinem Glück beschieden sein mochte, +jetzt für immer hinter mir lasse, und daß es jetzt vorbei wäre mit +meiner gläubigen Frömmigkeit in solchen Dingen. + +Das hast du nun von deinem unglückseligen Schmollwesen! sagte ich zu +mir selbst, hättest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit ihr +freundlich gesprochen, so hätte es dir nicht verborgen bleiben können, +wes Geistes Kind sie ist, und du hättest dich nicht so gröblich +getäuscht! Fahr hin und zerfließe denn, du schönes Luftgebilde! + +Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur +verabschiedete, sah mich derselbe vergnüglich und verschmitzt an und +blinzelte spöttisch mit den Augen. Ich merkte, daß er meine Affäre +wohl kannte, überhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine +Art von schadenfrohem Spaß darüber empfand. Da er sonst ein ganz +biederer und honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als +die einfältige Freude aller Philister an grausamen und schlechten +Bratenspäßen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich große Herren +daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu +machen und dann mit Wasser zu begießen oder körperlich zu mißhandeln. +Heutzutage wird dies bei den Gebildeten nicht mehr beliebt; dagegen +unterhält man sich mit Vorliebe damit, allerlei feine Verwirrungen +anzuzetteln, und je weniger solche Philisterseelen selber einer +starken und gründlichen Leidenschaft fähig sind, desto mehr fühlen sie +das Bedürfnis, dergleichen mit mehr oder weniger plumpen Mitteln in +denen zu erwecken, die sich dazu eignen, in solche herzlos +aufgestellte Mausefallen zu geraten. Wenn nun der Gouverneur +seinerseits es nicht verschmähte, seine eigene Tochter als gebratenen +Speck zu verwenden, so war hiergegen nichts weiter zu sagen, und ich +nahm, obschon noch ein guter Gepäckwagen abfuhr, eigensinnig meinen +schweren Tornister und die Muskete auf den Rücken und führte einen +zurückgebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Regimente nach, das +schon in der Frühe abmarschiert war. + +Ich sah mich nach einem mühseligen und heißen Marsch nun in eine neue +Welt versetzt, als die Kampagne eröffnet war und die Truppen der +ostindischen Kompanie sich mit den wilden Bergstämmen an der äußersten +Grenze des indo-britischen Reiches herumschlugen. Einzelne Kompanien +unseres Regimentes waren fortwährend vorgeschoben; eines Tages aber +wurde die meinige so mörderisch umzingelt, daß wir uns mitten in einem +Knäuel von banditenähnlichen Reitern, Elefanten und sonderbar bemalten +und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille schöne hindostanische +Scheinfürsten saßen, von den wilden Häuptlingen als Puppen mitgeführt. +Unsere sämtlichen Offiziere fielen an diesen Tagen und die Kompanie +schmolz auf ein Drittel zusammen. Da ich mich ordentlich hielt und +einige Dienste leistete, so erlangte ich das Patent des ersten +Leutnants der Kompanie und nach Beendigung des Feldzuges war ich deren +Kapitän. + +Als solcher hielt ich mit etwa hundertundfünfzig Mann zwei Jahre lang +einen kleinen Grenzbezirk besetzt, welcher zur Abrundung unseres +Gebietes erobert worden, und war während dieser Zeit der oberste +Machthaber in dieser heidnischen Wildnis. Ich war nun so einsam, als +ich je in meinem Leben gewesen, mißtrauisch gegen alle Welt und +ziemlich streng in meinem Dienstverkehr, ohne gerade böse oder +ungerecht zu sein. Meine Haupttätigkeit bestand darin, christliche +Polizei einzuführen und unsern Religionsleuten nachdrücklichen Schutz +zu gewähren, damit sie ungefährdet arbeiten konnten. Hauptsächlich +aber hatte ich das Verbrennen indischer Weiber zu verhüten, wenn ihre +Männer gestorben, und da die Leute eine förmliche Sucht hatten, unser +englisches Verbot zu übertreten und einander bei lebendigem Leibe zu +braten zu Ehren der Gattentreue, so mußten wir stets auf den Beinen +sein, um dergleichen zu hintertreiben. Sie waren dann ebenso mürrisch +und mißvergnügt, wie wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes +Vergnügen stört. Einmal hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache +ganz schlau und heimlich soweit gebracht, daß der Scheiterhaufen schon +lichterloh brannte, als ich atemlos herzugeritten kam und das Völkchen +auseinanderjagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines uralten, gänzlich +vertrockneten Gockelhahns, welcher schon ein wenig brenzelte. Neben +ihm aber lag ein bildschönes Weibchen von kaum sechzehn Jahren, +welches mit lächelndem Munde und silberner Stimme seine Gebete sang. +Glücklicherweise hatte das Geschöpfchen noch nicht Feuer gefangen und +ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu springen und sie bei den +zierlichen Füßchen zu packen und vom Holzstoß zu ziehen. Sie gebärdete +sich aber wie besessen und wollte durchaus verbrannt sein mit ihrem +alten Stänker, so daß ich die größte Mühe hatte, sie zu bändigen und +zu beschwichtigen. Freilich gewannen diese armen Witwen nicht viel +durch solche Rettung; denn sie fielen hernach unter den Ihrigen der +äußersten Schande und Verlassenheit anheim, ohne daß das Gouvernement +etwas dafür tat, ihnen das gerettete Leben auch leichtzumachen. Diese +Kleine gelang es mir indessen zu versorgen, indem ich ihr eine +Aussteuer verschaffte und an einen getauften Hindu verheiratete der +bei uns diente, dem sie auch getreulich anhing. + +Allein diese wunderlichen Vorfälle beschäftigten meine Gedanken und +erweckten allmählich in mir den Wunsch nach dem Genusse solcher +unbedingten Treue, und da ich für diese Laune kein Weib zu meiner +Verfügung hatte, verfiel ich einer ganz weichlichen Sehnsucht, selber +so treu zu sein, und damit zugleich einer heißen Sehnsucht nach Lydia. +Da ich nun Rang und gute Aussichten besaß, schien es mir nicht +unmöglich, bei einem klugen Benehmen die schöne Person, falls sie noch +zu haben wäre, dennoch erlangen zu können, und in dieser tollen Idee +bestärkte mich noch der Umstand, daß sie sich doch so viel aufrichtige +und sorgenvolle Mühe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen. Irgendeinen +Wert mußt du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt haben, sonst +hätte sie gewiß nicht so viel darangesetzt. Also gedacht, getan; +nämlich ich geriet jetzt auf die fixe Idee, die Lydia, wenn sie mich +möchte, zu heiraten, wie sie eben wäre, und ihr um ihrer schönen +Persönlichkeit willen, für die es nichts Ähnliches gab, treu und +ergeben zu sein ohne Schranken noch Ziel, auch ihre Verkehrtheit und +schlimmen Eigenschaften als Tugenden zu betrachten und dieselben zu +ertragen, als ob sie das süßeste Zuckerbrot wären. Ja, ich +phantasierte mich wieder so hinein, daß mir ihre Fehler, selbst ihre +teilweise Dummheit zum wünschbarsten aller irdischen Güter wurden, und +in tausend erfundenen Variationen wandte ich dieselben hin und her und +malte mir ein Leben aus, wo ein kluger und geschickter Mann die +Verkehrtheiten und Mängel einer liebenswürdigen Frau täglich und +stündlich in ebensoviel artige und erfreuliche Abenteuer zu verwandeln +und ihren Dummheiten mittels einer von Liebe und Treue getragenen +Einbildungskraft einen goldenen Wert zu verleihen wisse, so daß sie +lachend auf dieselben sich noch etwas zugut tun könne. Gott weiß, wo +ich diese geschäftige Einbildungskraft hernahm, wahrscheinlich immer +noch aus dem unglücklichen Shakespeare, den mir die Hexe gegeben und +womit sie mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur wunder, ob +sie auch selbst je mit Andacht darin gelesen hat! + +Kurz, als ich hinlänglich wieder berauscht war von meinen Träumen und +von meinem entlegenen Posten zugleich abgelöst wurde, nahm ich Urlaub +und begab mich Hals über Kopf zu dem Gouverneur. Er lebte noch in den +alten Verhältnissen und empfing mich ganz gut und auch die Tochter war +noch bei ihm und empfing mich freundlicher, als ich erwartet. Kaum +hatte ich sie wieder gesehen und einige Worte sprechen gehört, so war +ich wieder ganz in sie vernarrt und in meiner fixen Idee vollends +bestärkt, und es schien mir unmöglich, ohne die Verwirklichung +derselben je frohzuwerden. + +Allein sie betrieb nun das Geschäft in krankhafter Überreizung ganz +offen und großartig und frönte ihrer unglücklichen Selbstsucht ohne +allen Rückhalt. Sie war jetzt umgeben von einer Schar ziemlich roher +und eitler Offiziere, die ihr auf ganz ordinäre Weise den Hof machten +und sagten, was sie gern hören mochte, kam es auch heraus, wie es +wollte. Es war eine vollständige Hetzjagd von Trivialitäten und hohlem +Wesen, und die derbsten Zudringlichkeiten wurden am liebsten +angenommen, wenn sie nur aus gänzlicher Ergebenheit herzurühren +schienen und die Unglückliche in ihrem Glauben an sich selbst aufrecht +erhielten. Außerdem hatte sie zur Zeit einem armen Tambour mit einem +einzigen Blick den Kopf verdreht, der nun ganz aufgeblasen umherging +und sich ihr überall in den Weg stellte; und einen Schuster, der für +sie arbeitete, hatte sie dermaßen betört, daß er jedesmal, wenn er ihr +Schuhe brachte, auf dem Hausflur ein Bürstchen mit einem Spiegelchen +hervorzog und sich sorgfältig den Kopf putzte, wie eine Katze, da er +zuverlässig erwartete, es würde diesmal etwas vorgehen. Wenn man ihn +kommen sah, so begab sich die ganze Gesellschaft auf eine verdeckte +Galerie, um dem armen Teufel in seinem feierlichen Werke zuzusehen. +Das Sonderbarste war, daß niemand an diesem Wesen ein Ärgernis nahm, +man also nichts Besseres von Lydia zu erwarten schien und ihre +Aufführung ihrer würdig hielt und also ich der einzige war, der so +große Meinungen von ihr im Herzen trug, so daß alle diese Hausnarren, +die ich verachtete, die sie aber nahmen, wie sie war, klüger zu sein +schienen, als ich in meiner tiefsinnigen Leidenschaft. Aber nein! rief +ich, sie ist doch so, wie ich sie denke, und eben weil das alles +Strohköpfe sind, sind sie so frech gegen sie und wissen nicht, was an +ihr ist oder sein könnte! Und ich zitterte danach, ihr noch einmal den +Spiegel vorzuhalten, aus dem ihr besseres Bild zurückstrahlte und +alles Wertlose um sie her wegblendete. Allein der äußere Anstand und +die Haltung, welche ich auch bei aller Anstrengung nicht aufgeben +konnte, machten es mir unmöglich, mich unter diese Affenschwänze zu +mischen und nur den kleinsten Schritt gegen Lydia zu tun. Ich ward +abermals konfus, ungeduldig, nahm plötzlich meinen Abschied aus der +indischen Armee und machte mich davon, um heimzukehren und die +Unselige zu vergessen. + +So gelangte ich nach Paris und hielt mich daselbst einige Wochen auf. +Da ich eine große Menge schöner und kluger Weiber sah, dachte ich, es +wäre das beste Mittel, meine unglückliche Geschichte loszuwerden, in +recht viele hübsche Frauengesichter zu blicken, und ging daher von +Theater zu Theater, und an alle Orte, wo dergleichen beisammen waren; +ließ mich auch in verschiedene gute Häuser und Gesellschaften +einführen. Ich sah in der Tat viele tüchtige Gestalten von edlem +Schwung und Zuschnitt und in deren Augen nicht unebene Gedanken lagen; +aber alles was ich sah, führte mich nur auf Lydia zurück und diente zu +deren Gunsten. Sie war nicht zu vergessen und ich war und blieb aufs +neue elend verliebt in sie. Ich hatte das allerunheimlichste, +sonderbarste Gefühl, wenn ich an sie dachte. Es war mir zumute, als ob +notwendigerweise ein weibliches Wesen in der Welt sein müßte, welches +genau das Äußere und die Manieren dieser Lydia, kürz deren bessere +Hälfte besäße, dazu aber auch die entsprechende andere Hälfte, und daß +ich nur dann würde zur Ruhe kommen, wenn ich diese ganze Lydia fände; +oder es war mir, als ob ich verpflichtet wäre, die rechte Seele zu +diesem schönen halben Gespenste zu suchen; mit einem Worte, ich wurde +abermals krank vor Sehnsucht nach ihr, und da es doch nicht anging, +zurückzukehren, suchte ich neue Sonnenglut, Gefahr und Tätigkeit und +nahm Dienste in der französisch-afrikanischen Armee. Ich begab mich +sogleich nach Algier und befand mich bald am äußersten Saume der +afrikanischen Provinz, wo ich im Sonnenbrand und auf dem glühenden +Sande mich herumtummelte und mit den Kabylen herumschlug." + +Da in diesem Augenblick das schlafende Estherchen, das immer einen +Unfug machen mußte, träumte, es falle eine Treppe hinunter, und +demgemäß auf seinem Stuhle ein plötzliches Geräusch erregte, blickte +der erzählende Pankrazius endlich auf und bemerkte, daß seine +Zuhörerinnen schliefen. Zugleich entdeckte er erst jetzt, daß er +denselben eigentlich nichts als eine Liebesgeschichte erzählt, schämte +sich dessen und wünschte, daß sie gar nichts davon gehört haben +möchten. Er weckte die Frauen auf und hieß sie ins Bett gehen, und er +selbst suchte ebenfalls das Lager auf, wo er mit einem langen, aber +gemütlichen Seufzer einschlief. Er lag wohl so lange im Bette, wie +einst, als er der faule und unnütze Pankräzlein gewesen, so daß ihn +die Mutter wie ehedem wecken mußte. Als sie nun zusammen beim +Frühstück saßen und Kaffee tranken, sagte er, mit seinem Bericht +fortfahrend: „Wenn ihr nicht geschlafen hättet, so würdet ihr gehört +haben, wie ich in Ostindien im Begriffe war, aus einem Murrkopf ein +äußerst zutunlicher und wohlwollender Mensch zu werden um eines +schönen Frauenzimmers willen, wie aber eben meine Schmollerei mir +einen argen Streich gespielt hat, da sie mich verhinderte, besagtes +Frauenzimmer näher zu kennen und mich blindlings in selbe verlieben +ließ; wie ich dann betrogen wurde und als ein neugestählter Schmoller +aus Indien nach Afrika ging zu den Franzosen, um dort den +Burnusträgern die lächerlichen turmartigen Strohhüte herunterzuschlagen +und ihnen die Köpfe zu zerbläuen, was ich mit so grimmigem Eifer tat, +daß ich auch bei den Franzosen avancierte und Oberst ward, was ich +geblieben bin bis jetzt. Ich war wieder so einsilbig und trübselig als +je und kannte nur zwei Arten, mich zu vergnügen: die Erfüllung meiner +Pflicht als Soldat und die Löwenjagd. Letztere betrieb ich ganz +allein, indem ich mit nichts als mit einer guten Büchse bewaffnet zu +Fuß ausging und das Tier aufsuchte, worauf es dann darauf ankam, +dasselbe sicher zu treffen, oder zugrunde zu gehen. Die stete +Wiederholung dieser einen großen Gefahr und das mögliche Eintreffen +eines endlichen Fehlschusses sagte meinem Wesen zu und nie war ich +behaglicher, als wenn ich so seelenallein auf den heißen Höhen +herumstreifte und einem starken wilden Burschen auf der Spur war, der +mich gar wohl bemerkte und ein ähnliches schmollendes Spiel trieb mit +mir, wie ich mit ihm. So war vor jetzt ungefähr vier Monaten ein +ungewöhnlich großer Löwe in der Gegend erschienen, dieser, dessen Fell +hier liegt, und lichtete den Beduinen ihre Herden, ohne daß man ihm +beikommen konnte; denn er schien ein durchtriebener Geselle zu sein +und machte täglich große Märsche kreuz und quer, so daß ich bei meiner +Weise zu Fuß zu jagen lange Zeit brauchte, bis ich ihn nur von ferne +zu Gesicht bekam. Als ich ihn zwei- oder dreimal gesehen, ohne zum +Schuß zu kommen, kannte er mich schon und merkte, daß ich gegen ihn +etwas im Schilde führe. Er fing gewaltig an zu brüllen und verzog +sich, um mir an einer andern Stelle wieder zu begegnen, und wir gingen +so umeinander herum während mehreren Tagen wie zwei Kater, die sich +zausen wollen, ich lautlos, wie das Grab, und er mit einem +zeitweiligen wilden Geknurre. + +Eines Tages war ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen und nach einer noch +nie eingeschlagenen Richtung hingegangen, weil der Löwe tags vorher +sich auf der entgegengesetzten Seite herumgetrieben und einen +vergeblichen Raubversuch gemacht; da die dortigen Leute mit ihren +Tieren abgezogen waren, so vermutete ich, der hungrige Herr werde +vergangene Nacht wohl diesen Weg eingeschlagen haben, wie es sich denn +auch erwies. Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemächlich über +ein hügeliges gold-gelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange +himmelblaue Schatten über den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel +war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch +erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin, an welchen +das arabische Städtchen lag, das ich bewohnte, und am andern Rande der +Aussicht einige Wälder und grüne Fluren, auf denen man den Rauch und +selbst die Zelte der Beduinen wie schwarze Punkte sehen konnte. Es war +totenstill überall und kein lebendes Wesen zu erspähen. Da stieß ich +an den Rand einer Schlucht, welche sich durch die ganze steinige +Gegend hinzog und nicht zu sehen war, bis man dicht an ihr stand. Es +floß ein kühler, frischer Bach auf ihrem Grunde, und wo ich eben +stand, war die Vertiefung ganz mit glühendem Oleandergebüsch +angefüllt. Nichts war schöner zu sehen, als das frische Grün dieser +Sträucher und ihre tausendfältigen rosenroten Blüten und zu unterst +das fließende klare Wässerlein. Der Anblick ließ eine verjährte +Sehnsucht in mir aufsteigen und ich vergaß, warum ich hier +herumstrich. Ich wünschte, in den Oleander hinabzugehen und aus dem +Bach zu trinken, und in diesen zerstreuten Gedanken legte ich mein +Gewehr auf den Boden und kletterte eiligst in die Schlucht hinunter, +wo ich mich zur Erde warf, aus dem Bache trank, mein Gesicht benetzte +und dabei an die schöne Lydia dachte. Ich grübelte, wo sie wohl sein +möchte, wo sie jetzt herumwandle und wie es ihr überhaupt gehen +möchte? Da hörte ich ganz nah den Löwen ein kurzes Gebrüll ausstoßen, +daß der Boden zitterte. Wie besessen sprang ich auf und schwang mich +den Abhang hinauf, blieb aber wie angenagelt oben stehen, als ich sah, +daß das große Tier, kaum zehn Schritte von mir, eben bei meinem Gewehr +angekommen war. Und wie ich dastand, so blieb ich auch stehen, die +Augen auf die Bestie geheftet. Denn als er mich erblickte, kauerte er +zum Sprunge nieder, gerade über meiner Doppelbüchse, daß sie quer +unter seinem Bauche lag, und wenn ich mich nur gerührt hätte, so würde +er gesprungen sein und mich unfehlbar zerrissen haben. Aber ich stand +und stand so einige lange Stunden, ohne ein Auge von ihm zu verwenden +und ohne daß er eines von mir verwandte. Er legte sich gemächlich +nieder und betrachtete mich. Die Sonne stieg höher; aber während die +furchtbarste Hitze mich zu quälen anfing, verging die Zeit so langsam, +wie die Ewigkeit der Hölle. Weiß Gott was mir alles durch den Kopf +ging: ich verwünschte die Lydia, deren bloßes Andenken mich abermals +in dieses Unheil gebracht, da ich darüber meine Waffe vergessen hatte. +Hundertmal war ich versucht, allem ein Ende zu machen und auf das +wilde Tier loszuspringen mit bloßen Händen; allein die Liebe zum Leben +behielt die Oberhand und ich stand und stand wie das versteinerte Weib +des Loth oder wie der Zeiger einer Sonnenuhr; denn mein Schatten ging +mit den Stunden um mich herum, wurde ganz kurz und begann schon wieder +sich zu verlängern. Das war die bitterste Schmollerei, die ich je +verrichtet, und ich nahm mir vor und gelobte, wenn ich dieser Gefahr +entränne, so wolle ich umgänglich und freundlich werden, nach Hause +gehen und mir und andern das Leben so angenehm als möglich machen. Der +Schweiß lief an mir herunter, ich zitterte vor krampfhafter +Anstrengung, um mich auf selbem Fleck unbeweglich aufrechtzuhalten, +leise an allen Gliedern, und wenn ich nur die vertrockneten Lippen +bewegte, so richtete sich der Löwe halb auf, wackelte mit seinem +Hintergestell, funkelte mit den Augen und brüllte, so daß ich den Mund +schnell wieder schloß und die Zähne aufeinander biß. Indem ich aber so +eine lange Minute um die andere abwickeln und erleben mußte, +verschwand der Zorn und die Bitterkeit in mir, selbst gegen den Löwen, +und je schwächer ich wurde, desto geschickter ward ich in einer mich +angenehm dünkenden, lieblichen Geduld, daß ich alle Pein aushielt und +tapfer ertrug. Es würde aber, als endlich der Tag schon vorgerückt +war, doch nicht mehr lange gegangen sein, als eine unverhoffte Rettung +sich auftat. Das Tier und ich waren so ineinander vernarrt, daß keiner +von uns zwei Soldaten bemerkte, welche im Rücken des Löwen +hermarschiert kamen, bis sie auf höchstens dreißig Schritte nahe +waren. Es war eine Patrouille, die ausgesandt war, mich zu suchen, da +sich Geschäfte eingestellt hatten. Sie trugen ihre Ordonnanzgewehre +auf der Schulter und ich sah gleichzeitig dieselben vor mir aufblitzen +gleich einer himmlischen Gnadensonne, als auch mein Widersacher ihre +Schritte hörte in der Stille der Landschaft; denn sie hatten schon von +weitem etwas bemerkt und waren so leise als möglich gegangen. +Plötzlich schrien sie jetzt: ‚Schau die Bestie! Hilf dem Oberst!' Der +Löwe wandte sich um, sprang empor, sperrte wütend den Rachen auf, +erbost wie ein Satan, und war einen Augenblick lang unschlüssig, auf +wen er sich zuerst stürzen solle. Als aber die zwei Soldaten als brave +lustige Franzosen, ohne sich zu besinnen, auf ihn zusprangen, tat er +einen Satz gegen sie. Im gleichen Augenblick lag auch der eine unter +seinen Tatzen und es wäre ihm schlecht ergangen, wenn nicht der andere +im gleichen Augenblicke dem Tier, zugleich den Schuß abfeuernd, das +Bajonett ein halbes Dutzendmal in die Flanke gestoßen hätte. Aber auch +diesem würde es schließlich schlimm ergangen sein, wenn ich nicht +endlich auf meine Büchse zugesprungen, auf den Kampfplatz getaumelt +wäre und dem Löwen, ohne weitere Vorsicht, beide Kugeln in das Ohr +geschossen hätte. Er streckte sich aus und sprang wieder auf, es war +noch der Schuß aus der andern Muskete nötig, ihn abermals +hinzustrecken, und endlich zerschlugen wir alle drei unsere Kolben an +dem Tiere, so zäh und wild war sein Leben. Es hatte merkwürdigerweise +keiner Schaden genommen, selbst der nicht, der unter dem Löwen +gelegen, ausgenommen seinen zerrissenen Rock und einige tüchtige +Schrammen auf der Schulter. So war die Sache für diesmal glücklich +abgelaufen und wir hatten obenein den lange gesuchten Löwen erlegt. +Ein wenig Wein und Brot stellte meinen guten Mut vollends wieder her, +und ich lachte wie ein Narr mit den guten Soldaten, welche über die +Freundlichkeit und Gesprächigkeit ihres bösen Obersten sehr verwundert +und erbaut waren. + +Noch in selber Woche aber führte ich mein Gelübde aus, kam um meine +Entlassung ein, und so bin ich nun hier." So lautete die Geschichte +von Pankrazens Leben und Bekehrung, und seine Leutchen waren höchlich +verwundert über seine Meinungen und Taten. Er verließ mit ihnen das +Städtchen Seldwyla und zog in den Hauptort des Kantons, wo er +Gelegenheit fand, mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen ein dem Lande +nützlicher Mann zu sein und zu bleiben, und er ward sowohl dieser +Tüchtigkeit, als seiner unverwüstlichen ruhigen Freundlichkeit wegen +geachtet und beliebt; denn nie mehr zeigte sich ein Rückfall in das +frühere Wesen. + +Nur ärgerten sich Estherchen und die Mutter, daß ihnen die Geschichte +mit der Lydia entgangen war, und wünschten unaufhörlich deren +Wiederholung. Allein Pankraz sagte, hätten sie damals nicht +geschlafen, so hätten sie dieselbe erfahren; er habe sie einmal +erzählt und werde es nie wieder tun, es sei das erste und letzte Mal, +daß er überhaupt gegen jemanden von diesem Liebeshandel gesprochen, +und damit Punktum. Die Moral von der Geschichte sei einfach, daß er in +der Fremde durch ein Weib und ein wildes Tier von der Unart des +Schmollens entwöhnt worden sei. + +Nun wollten sie wenigstens den Namen jener Dame wissen, welcher ihnen +wegen seiner Fremdartigkeit wieder entfallen war, und fragten +unaufhörlich: „Wie hieß sie denn nur?" Aber Pankraz erwiderte ebenso +unaufhörlich: „Hättet ihr aufgemerkt! Ich nenne diesen Namen nicht +mehr!" Und er hielt Wort; niemand hörte ihn jemals wieder das Wort +aussprechen und er schien es endlich selbst vergessen zu haben. + +* * * * * + + + + +ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE + +Diese Geschichte zu erzählen, würde eine müßige Nachahmung sein, wenn +sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief +im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die großen +alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig; aber stets +treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen +alsdann die Hand, sie festzuhalten. + +An dem schönen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl +vorüberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert +sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fuße +liegt ein Dorf, welches manche große Bauernhöfe enthält, und über die +sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige lange Äcker +weithingestreckt, gleich drei riesigen Bändern nebeneinander. An einem +sonnigen Septembermorgen pflügten zwei Bauern auf zweien dieser Äcker, +und zwar auf jedem der beiden äußersten; der mittlere schien seit +langen Jahren brach und wüst zu liegen, denn er war mit Steinen und +hohem Unkraut bedeckt und eine Welt von geflügelten Tierchen summte +ungestört über ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten hinter +ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Männer von ungefähr vierzig +Jahren und verkündeten auf den ersten Blick den sichern, gutbesorgten +Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starkem Zwillich, an dem +jede Falte ihre unveränderliche Lage hatte und wie in Stein gemeißelt +aussah. Wenn sie, auf ein Hindernis stoßend, den Pflug fester faßten, +so zitterten die groben Hemdärmel von der leichten Erschütterung, +indessen die wohlrasierten Gesichter ruhig und aufmerksam, aber ein +wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche +bemaßen, oben auch zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Geräusch die +Stille des Landes unterbrach. Langsam und mit einer gewissen +natürlichen Zierlichkeit setzten sie einen Fuß um den andern vorwärts +und keiner sprach ein Wort, außer wenn er etwa dem Knechte, der die +stattlichen Pferde antrieb, eine Anweisung gab. So glichen sie +einander vollkommen in einiger Entfernung; denn sie stellten die +ursprüngliche Art dieser Gegend dar, und man hätte sie auf den ersten +Blick nur daran unterscheiden können, daß der eine den Zipfel seiner +weißen Kappe nach vorn trug, der andere aber hinten im Nacken hängen +hatte. Aber das wechselte zwischen ihnen ab, indem sie in der +entgegengesetzten Richtung pflügten; denn wenn sie oben auf der Höhe +zusammentrafen und aneinander vorüberkamen, so schlug dem, welcher +gegen den frischen Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten über, +während sie bei dem andern, der den Wind im Rücken hatte, sich nach +vorne sträubte. Es gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo +die schimmernden Mützen aufrecht in der Luft schwankten und wie zwei +weiße Flammen gen Himmel züngelten. So pflügten sie beide ruhevoll und +es war schön anzusehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn +sie so auf der Höhe aneinander vorbeizogen, still und langsam und sich +mählich voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide +wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wölbung des Hügels +hinabgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu +erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen +sie denselben auf den wüsten Acker in der Mitte mit lässig kräftigem +Schwunge, was aber nur selten geschah, da derselbe schon fast mit +allen Steinen belastet war, welche überhaupt auf den Nachbaräckern zu +finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil vergangen, als von +dem Dorfe her ein kleines artiges Fuhrwerklein sich näherte, welches +kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Höhe heranzukommen. Das +war ein grünbemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der beiden +Pflüger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen, gemeinschaftlich +den Vormittagsimbiß heranfuhren. Für jeden Teil lag ein schönes Brot, +in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Gläsern und noch +irgendein Zutätchen in dem Wagen, welches die zärtliche Bäuerin für +den fleißigen Meister mitgesandt, und außerdem waren da noch verpackt +allerlei seltsam gestaltete angebissene Äpfel und Birnen, welche die +Kinder am Wege aufgelesen, und eine völlig nackte Puppe mit nur einem +Bein und einem verschmierten Gesicht, welches wie ein Fräulein +zwischen den Broten saß und sich behaglich fahren ließ. Dies Fuhrwerk +hielt nach manchem Anstoß und Aufenthalt endlich auf der Höhe im +Schatten eines jungen Lindengebüsches, welches da am Rande des Feldes +stand, und nun konnte man die beiden Fuhrleute näher betrachten. Es +war ein Junge von sieben Jahren und ein Dirnchen von fünfen, beide +gesund und munter, und weiter war nichts Auffälliges an ihnen, als daß +beide sehr hübsche Augen hatten und das Mädchen dazu noch eine +bräunliche Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare, welche ihm ein +feuriges und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflüger waren jetzt auch +wieder oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und ließen +die Pflüge in der halbvollendeten Furche stehen, während sie als gute +Nachbarn sich zu dem gemeinschaftlichen Imbiß begaben und sich da +zuerst begrüßten; denn bislang hatten sie sich noch nicht gesprochen +an diesem Tage. + +Wie nun die Männer mit Behagen ihr Frühstück einnahmen, und mit +zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht von der +Stelle wichen, solange gegessen und getrunken wurde, ließen sie ihre +Blicke in der Nähe und Ferne herumschweifen und sahen das Städtchen +räucherig glänzend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche +Mittagsmahl, welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein +weithin scheinendes Silbergewölk über ihre Dächer emporzutragen, +welches lachend an ihren Bergen hinschwebte. + +„Die Lumpenhunde zu Seldwyl kochen wieder gut!" sagte Manz, der eine +der Bauern, und Marti, der andere, erwiderte: „Gestern war einer bei +mir wegen des Ackers hier." „Aus dem Bezirksrat? bei mir ist er auch +gewesen!" sagte Manz. „So? und meinte wahrscheinlich auch, du solltest +das Land benutzen und den Herren die Pacht zahlen?" „Ja, bis es sich +entschieden habe, wem der Acker gehöre und was mit ihm anzufangen sei. +Ich habe mich aber bedankt, das verwilderte Wesen für einen anderen +herzustellen, und sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen und den +Ertrag aufheben, bis sich ein Eigentümer gefunden, was wohl nie +geschehen wird; denn was einmal auf der Kanzlei zu Seldwyl liegt, hat +da gute Weile, und überdem ist die Sache schwer zu entscheiden. Die +Lumpen möchten indessen gar zu gern etwas zu naschen bekommen +durch den Pachtzins, was sie freilich mit der Verkaufssumme auch tun +könnten; allein wir würden uns hüten, dieselbe zu hoch hinaufzutreiben, +und wir wüßten dann doch, was wir hätten und wem das Land gehört!" + +„Ganz so meine ich auch und habe dem Steckleinspringer eine ähnliche +Antwort gegeben!" + +Sie schwiegen eine Weile, dann fing Manz wiederum an: „Schade ist es +aber doch, daß der gute Boden so daliegen muß, es ist nicht zum +Ansehen, das geht nun schon in die zwanzig Jahre so, und keine Seele +fragt danach; denn hier im Dorf ist niemand, der irgendeinen Anspruch +auf den Acker hat, und niemand weiß auch, wo die Kinder des +verdorbenen Trompeters hingekommen sind!" + +„Hm!" sagte Marti, „das wäre so eine Sache! Wenn ich den schwarzen +Geiger ansehe, der sich bald bei den Heimatlosen aufhält, bald in den +Dörfern zum Tanz aufspielt, so möchte ich darauf schwören, daß er ein +Enkel des Trompeters ist, der freilich nicht weiß, daß er noch einen +Acker hat. Was täte er aber damit? Einen Monat lang sich besaufen und +dann nach wie vor! Zudem, wer dürfte da einen Wink geben, da man es +doch nicht sicher wissen kann!" + +„Da könnte man eine schöne Geschichte anrichten!" antwortete Manz, +„wir haben so genug zu tun, diesem Geiger das Heimatsrecht in unserer +Gemeinde abzustreiten, da man uns den Fetzel fortwährend aufhalsen +will. Haben sich seine Eltern einmal unter die Heimatlosen begeben, so +mag er auch dableiben und dem Kesselvolk das Geigelein streichen. Wie +in aller Welt können wir wissen, daß er des Trompeters Sohnessohn ist? +Was mich betrifft, wenn ich den Alten auch in dem dunklen Gesicht +vollkommen zu erkennen glaube, so sage ich: Irren ist menschlich, und +das geringste Fetzchen Papier, ein Stücklein von einem Taufschein +würde meinem Gewissen besser tun als zehn sündhafte +Menschengesichter!" + +„Eia, sicherlich!" sagte Marti, „er sagt zwar, er sei nicht schuld, daß man +ihn nicht getauft habe! Aber sollen wir unseren Taufstein tragbar machen +und in den Wäldern herumtragen? Nein, er steht fest in der Kirche, und +dafür ist die Totenbahre tragbar, die draußen an der Mauer hängt. Wir +sind schon übervölkert im Dorf und brauchen bald zwei Schulmeister!" + +Hiermit war die Mahlzeit und das Zwiegespräch der Bauern geendet, und +sie erhoben sich, den Rest ihrer heutigen Vormittagsarbeit zu +vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan +entworfen hatten, mit den Vätern nach Hause zu ziehen, zogen ihr +Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Linden und begaben sich dann auf +einen Streifzug in dem wilden Acker, da derselbe mit seinen +Unkräutern, Stauden und Steinhaufen eine ungewohnte und merkwürdige +Wildnis darstellte. Nachdem sie in der Mitte dieser grünen Wildnis +einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sich daran belustigt, die +verschlungenen Hände über die hohen Distelstauden zu schwingen, ließen +sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder, und das Mädchen +begann, seine Puppe mit den langen Blättern des Wegekrautes zu +bekleiden, so daß sie einen schönen grünen und ausgezackten Rock +bekam; eine einsame rote Mohnblume, die da noch blühte, wurde ihr als +Haube über den Kopf gezogen und mit einem Grase festgebunden, und nun +sah die kleine Person aus wie eine Zauberfrau, besonders nachdem sie +noch ein Halsband und einen Gürtel von kleinen roten Beerchen +erhalten. Dann wurde sie hoch in die Stengel der Distel gesetzt und +eine Weile mit vereinten Blicken angeschaut, bis der Knabe sie +genugsam besehen und mit einem Steine herunterwarf. Dadurch geriet +aber ihr Putz in Unordnung, und das Mädchen entkleidete sie +schleunigst, um sie aufs neue zu schmücken; doch als die Puppe eben +wieder nackt und bloß war und nur noch der roten Haube sich erfreute, +entriß der wilde Junge seiner Gefährtin das Spielzeug und warf es hoch +in die Luft. Das Mädchen sprang klagend danach, allein der Knabe fing +die Puppe zuerst wieder auf, warf sie aufs neue empor, und indem das +Mädchen sie vergeblich zu haschen bemühte, neckte er es auf diese +Weise eine gute Zeit. Unter seinen Händen aber nahm die fliegende +Puppe Schaden, und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein +kleines Loch einige Kleiekörner durchsickern ließ. Kaum bemerkte der +Peiniger dies Loch, so verhielt er sich mäuschenstill und war mit +offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Nägeln zu +vergrößern und dem Ursprung der Kleie nachzuspüren. Seine Stille +erschien dem armen Mädchen höchst verdächtig, und es drängte sich +herzu und mußte mit Schrecken sein böses Beginnen gewahren. „Sieh +mal!" rief er und schlenkerte ihr das Bein vor der Nase herum, daß ihr +die Kleie ins Gesicht flog, und wie sie danach langen wollte und +schrie und flehte, sprang er wieder fort und ruhte nicht eher, bis das +ganze Bein dürr und leer herabhing als eine traurige Hülse. Dann warf +er das mißhandelte Spielzeug hin und stellte sich höchst frech und +gleichgültig, als die Kleine sich weinend auf die Puppe warf und +dieselbe in ihre Schürze hüllte. Sie nahm sie aber wieder hervor und +betrachtete wehselig die Ärmste, und als sie das Bein sah, fing sie +abermals an laut zu weinen, denn dasselbe hing an dem Rumpfe nicht +anders, denn das Schwänzchen an einem Molche. Als sie gar so unbändig +weinte, ward es dem Missetäter endlich etwas übel zumut, und er stand +in Angst und Reue vor der Klagenden, und als sie dies merkte, hörte +sie plötzlich auf und schlug ihn einigemal mit der Puppe, und er tat, +als ob es ihm weh täte, und schrie au! so natürlich, daß sie zufrieden +war und nun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstörung und Zerlegung +fortsetzte. Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und ließen +aller Enden die Kleie entströmen, welche sie sorgfältig auf einem +flachen Steine zu einem Häufchen sammelten, umrührten und aufmerksam +betrachteten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war +der Kopf und mußte jetzt vorzüglich die Aufmerksamkeit der Kinder +erregen; sie trennten ihn sorgfältig los von dem ausgequetschten +Leichnam und guckten erstaunt in sein hohles Innere. Als sie die +bedenkliche Höhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es der nächste +und natürlichste Gedankensprung, den Kopf mit der Kleie auszufüllen, +und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschäftigt, um die Wette +Kleie in den Kopf zu tun, so daß zum erstenmal in seinem Leben etwas +in ihm steckte. Der Knabe mochte es aber immer noch für ein totes +Wissen halten, weil er plötzlich eine große blaue Fliege fing und, die +Summende zwischen beiden hohlen Händen haltend, dem Mädchen gebot, den +Kopf von der Kleie zu entleeren. Hierauf wurde die Fliege +hineingesperrt und das Loch mit Gras verstopft. Die Kinder hielten den +Kopf an die Ohren und setzten ihn dann feierlich auf einen Stein; da +er noch mit der roten Mohnblume bedeckt war, so glich der Tönende +jetzt einem weissagenden Haupte, und die Kinder lauschten in tiefer +Stille seinen Kunden und Märchen, indessen sie sich umschlungen +hielten. Aber jeder Prophet erweckt Schrecken und Undank; das wenige +Leben in dem dürftig geformten Bilde erregte die menschliche +Grausamkeit in den Kindern, und es wurde beschlossen, das Haupt zu +begraben. So machten sie ein Grab und legten den Kopf, ohne die +gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein und errichteten +über dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen. Dann +empfanden sie einiges Grauen, da sie etwas Geformtes und Belebtes +begraben hatten und entfernten sich ein gutes Stück von der +unheimlichen Stätte. Auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten +Plätzchen legte sich das Dirnchen auf den Rücken, da es müde war, und +begann in eintöniger Weise einige Worte zu singen, immer die +nämlichen, und der Junge kauerte daneben und half, indem er nicht +wußte, ob er auch vollends umfallen solle, so lässig und müßig war er. +Die Sonne schien dem singenden Mädchen in den geöffneten Mund, +beleuchtete dessen blendend weiße Zähnchen und durchschimmerte die +runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zähne, und dem Mädchen den Kopf +haltend und dessen Zähnchen neugierig untersuchend, rief er: „Rate, +wieviel Zähne hat man?" Das Mädchen besann sich einen Augenblick, als +ob es reiflich nachzählte, und sagte dann aufs Geratewohl: „Hundert!" +„Nein, zweiunddreißig!" rief er, „wart', ich will einmal zählen!" Da +zählte er die Zähne des Kindes, und weil er nicht zweiunddreißig +herausbrachte, so fing er immer wieder von neuem an. Das Mädchen hielt +lange still, als aber der eifrige Zähler nicht zu Ende kam, raffte es +sich auf und rief: „Nun will ich deine zählen!" Nun legte sich der +Bursche hin ins Kraut, das Mädchen über ihn, umschlang seinen Kopf, er +sperrte das Maul auf, und es zählte: „Eins, zwei, sieben, fünf, zwei, +eins;" denn die kleine Schöne konnte noch nicht zählen. Der Junge +verbesserte sie und gab ihr Anweisung, wie sie zählen solle, und so +fing auch sie unzähligemal von neuem an, und das Spiel schien ihnen am +besten zu gefallen von allem, was sie heut unternommen. Endlich aber +sank das Mädchen ganz auf den kleinen Rechenmeister nieder, und die +Kinder schliefen ein in der hellen Mittagssonne. + +Inzwischen hatten die Väter ihre Äcker fertig gepflügt und in +frischduftende braune Fläche umgewandelt. Als nun, mit der letzten +Furche zu Ende gekommen, der Knecht des einen halten wollte, rief sein +Meister: „Was hältst du? Kehr' noch einmal um!" „Wir sind ja fertig!" +sagte der Knecht. „Halt's Maul, und tu, wie ich dir sage!" der +Meister. Und sie kehrten um und rissen eine tüchtige Furche in den +mittleren herrenlosen Acker hinein, daß Kraut und Steine flogen. Der +Bauer hielt sich aber nicht mit der Beseitigung derselben auf, er +mochte denken, hierzu sei noch Zeit genug vorhanden, und er begnügte +sich, für heute die Sache nur aus dem Gröbsten zu tun. So ging es +rasch die Höhe empor in sanftem Bogen, und als man oben angelangt und +das liebliche Windeswehen eben wieder den Kappenzipfel des Mannes +zurückwarf, pflügte auf der anderen Seite der Nachbar vorüber, mit dem +Zipfel nach vorn, und schnitt ebenfalls eine ansehnliche Furche vom +mittleren Acker, daß die Schollen nur so zur Seite flogen. Jeder sah +wohl, was der andere tat, aber keiner schien es zu sehen, und sie +entschwanden sich wieder, indem jedes Sternbild still am andern +vorüberging und hinter diese runde Welt hinabtauchte. So gehen die +Weberschiffchen des Geschickes aneinander vorbei, und „was er webt, +das weiß kein Weber!" + +Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder größer und +schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen +breitgewordenen Nachbarn. Mit jedem Pflügen verlor er hüben und drüben +eine Furche, ohne daß ein Wort darüber gesprochen worden wäre und ohne +daß ein Menschenauge den Frevel zu sehen schien. Die Steine wurden +immer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentlichen Grat +auf der ganzen Länge des Ackers, und das wilde Gesträuch darauf war +schon so hoch, daß die Kinder, obgleich sie gewachsen waren, sich +nicht mehr sehen konnten, wenn eines dies- und das andere jenseits +ging. Denn sie gingen nun nicht mehr gemeinschaftlich auf das Feld, da +der zehnjährige Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon +wacker auf Seite der größeren Burschen und der Männer hielt; und das +braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dirnchen war, mußte bereits +unter der Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wäre es von den andern +als ein Bubenmädchen ausgelacht worden. Dennoch nahmen sie während +jeder Ernte, wenn alles auf den Äckern war, einmal Gelegenheit, den +wilden Steinkamm, der sie trennte, zu besteigen und sich gegenseitig +von demselben herunterzustoßen. + +Wenn sie auch sonst keinen Verkehr mehr miteinander hatten, so schien +diese jährliche Zeremonie um so sorglicher gewahrt zu werden, als +sonst nirgends die Felder ihrer Väter zusammenstießen. + +Indessen sollte der Acker doch endlich verkauft und der Erlös +einstweilen amtlich aufgehoben werden. Die Versteigerung fand an Ort +und Stelle statt, wo sich aber nur einige Gaffer einfanden außer den +Bauern Manz und Marti, da niemand Lust hatte, das seltsame Stückchen +zu erstehen und zwischen den zwei Nachbarn zu bebauen. Denn obgleich +diese zu den besten Bauern des Dorfes gehörten und nichts weiter getan +hatten, als was zwei Drittel der übrigen unter diesen Umständen auch +getan haben würden, so sah man sie doch jetzt stillschweigend darum +an, und niemand wollte zwischen ihnen eingeklemmt sein mit dem +geschmälerten Waisenfelde. Die meisten Menschen sind fähig oder +bereit, ein in den Lüften umgehendes Unrecht zu verüben, wenn sie mit +der Nase daraufstoßen; sowie es aber von einem begangen ist, sind die +übrigen froh, daß sie es doch nicht gewesen sind, daß die Versuchung +nicht sie betroffen hat, und sie machen nun den Auserwählten zu dem +Schlechtigkeitsmesser ihrer Eigenschaften und behandeln ihn mit zarter +Scheu als einen Ableiter des Übels, der von den Göttern gezeichnet +ist, während ihnen zugleich noch der Mund wässert nach den Vorteilen, +die er dabei genossen. Manz und Marti waren also die einzigen, welche +ernstlich auf den Acker boten; nach einem ziemlich hartnäckigen +Überbieten erstand ihn Manz, und er wurde ihm zugeschlagen. Die +Beamten und die Gaffer verloren sich vom Felde; die beiden Bauern, +welche sich auf ihren Äckern noch zu schaffen gemacht, trafen beim +Weggehen wieder zusammen, und Marti sagte: „Du wirst nun dein Land, +das alte und das neue, wohl zusammenschlagen und in zwei gleiche +Stücke teilen? Ich hätte es wenigstens so gemacht, wenn ich das Ding +bekommen hätte." „Ich werde es allerdings auch tun," antwortete Manz, +„denn als ein Acker würde mir das Stück zu groß sein. Doch was ich +sagen wollte: Ich habe bemerkt, daß du neulich noch am unteren Ende +dieses Ackers, der jetzt mir gehört, schräg hineingefahren bist und +ein gutes Dreieck abgeschnitten hast. Du hast es vielleicht getan in +der Meinung, du werdest das ganze Stück an dich bringen, und es sei +dann sowieso dein. Da es nun aber mir gehört, so, wirst du wohl +einsehen, daß ich eine solche ungehörige Einkrümmung nicht brauchen +noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn ich den Strich +wieder grad mache! Streit wird das nicht abgeben sollen!" + +Marti erwiderte ebenso kaltblütig, als ihn Manz angeredet hatte: „Ich +sehe auch nicht, wo der Streit herkommen soll! Ich denke, du hast den +Acker gekauft, wie er da ist, wir haben ihn alle gemeinschaftlich +besehen, und er hat sich seit einer Stunde nicht um ein Haar +verändert!" + +„Larifari!" sagte Manz, „was früher geschehen, wollen wir nicht +aufrühren! Was aber zu viel ist, ist zu viel, und alles muß zuletzt +eine ordentliche grade Art haben; diese drei Äcker sind von jeher so +gerade nebeneinander gelegen, wie nach dem Richtscheit gezeichnet; es +ist ein ganz absonderlicher Spaß von dir, wenn du nun einen solchen +lächerlichen und unvernünftigen Schnörkel dazwischen bringen willst, +und wir beide würden einen Übernamen bekommen, wenn wir den krummen +Zipfel da bestehen ließen. Er muß durchaus weg!" + +Marti lachte und sagte: „Du hast ja auf einmal eine merkwürdige Furcht +vor dem Gespötte der Leute! Das läßt sich aber ja wohl machen; mich +geniert das Krumme gar nicht; ärgert es dich, gut, machen wir es grad, +aber nicht auf meiner Seite, das geb' ich dir schriftlich, wenn du +willst!" + +„Rede doch nicht so spaßhaft," sagte Manz, „es wird wohl grad gemacht, +und zwar auf deiner Seite, darauf kannte du Gift nehmen!" + +„Das werden wir ja sehen und erleben!" sagte Marti, und beide Männer +gingen auseinander, ohne sich weiter anzublicken; vielmehr starrten +sie nach verschiedener Richtung ins Blaue hinaus, als ob sie da wunder +was für Merkwürdigkeiten im Auge hätten, die sie betrachten müßten mit +Aufbietung aller ihrer Geisteskräfte. + +Schon am nächsten Tage schickte Manz einen Dienstboten, ein +Tagelöhnermädchen und sein eigenes Söhnchen Sali auf den Acker hinaus, +um das wilde Unkraut und Gestrüpp auszureuten und auf Haufen zu +bringen, damit nachher die Steine um so bequemer weggefahren werden +konnten. Dies war eine Änderung in seinem Wesen, daß er den kaum +elfjährigen Jungen, der noch zu keiner Arbeit angehalten worden, nun +mit hinaussandte, gegen die Einsprache der Mutter. Es schien, da er es +mit ernsthaften und gesalbten Worten tat, als ob er mit dieser +Arbeitsstrenge gegen sein eigenes Blut das Unrecht betäuben wollte, in +dem er lebte, und welches nun begann, seine Folgen ruhig zu entfalten. +Das ausgesandte Völklein jätete inzwischen lustig an dem Unkraut und +hackte mit Vergnügen an den wunderlichen Stauden und Pflanzen aller +Art, die da seit Jahren wucherten. Denn da es eine außerordentliche +gleichsam wilde Arbeit war, bei der keine Regel und keine Sorgfalt +erheischt wurde, so galt sie als eine Lust. Das wilde Zeug, an der +Sonne gedörrt, wurde aufgehäuft und mit großem Jubel verbrannt, daß +der Qualm weithin sich verbreitete, und die jungen Leutchen dann +herumsprangen wie besessen. Dies war das letzte Freudenfest auf dem +Unglücksfelde, und das junge Vrenchen, Martis Tochter, kam auch +hinausgeschlichen und half tapfer mit. Das Ungewöhnliche dieser +Begebenheit und die lustige Aufregung gaben einen guten Anlaß, sich +seinem kleinen Jugendgespielen wieder einmal zu nähern, und die Kinder +waren recht glücklich und munter bei ihrem Feuer. Es kamen noch andere +Kinder hinzu, und es sammelte sich eine ganz vergnügte Gesellschaft; +doch immer, sobald sie getrennt wurden, suchte Sali alsobald wieder +neben Vrenchen zu gelangen, und dieses wußte desgleichen immer +vergnügt lächelnd zu ihm zu schlüpfen, und es war beiden Kreaturen, +wie wenn dieser herrliche Tag nie enden müßte und könnte. Doch der +alte Manz kam gegen Abend herbei, um zu sehen, was sie ausgerichtet, +und obgleich sie fertig waren, so schalt er doch ob dieser Lustbarkeit +und scheuchte die Gesellschaft auseinander. Zugleich zeigte sich Marti +auf seinem Grund und Boden und, seine Tochter gewahrend, pfiff er +derselben schrill und gebieterisch durch den Finger, daß sie +erschrocken hineilte, und er gab ihr, ohne zu wissen warum, einige +Ohrfeigen, also daß beide Kinder in großer Traurigkeit und weinend +nach Hause gingen, und sie wußten jetzt eigentlich so wenig, warum sie +so traurig waren, als warum sie vorhin so vergnügt gewesen; denn die +Rauheit der Väter, an sich ziemlich neu, war von den arglosen +Geschöpfen noch nicht begriffen und konnte sie nicht tiefer bewegen. +Die nächsten Tage war es schon eine härtere Arbeit, zu welcher +Mannsleute gehörten, als Manz die Steine aufnehmen und wegfahren ließ. +Es wollte kein Ende nehmen, und alle Steine der Welt schienen da +beisammen zu sein. Er ließ sie aber nicht ganz vom Felde wegbringen, +sondern jede Fuhre auf jenem streitigen Dreiecke abwerfen, welches von +Marti schon säuberlich umgepflügt war. Er hatte vorher einen geraden +Strich gezogen als Grenzscheide und belastete nun dies Fleckchen Erde +mit allen Steinen, welche beide Männer seit unvordenklichen Zeiten +herübergeworfen, so daß eine gewaltige Pyramide entstand, die +wegzubringen sein Gegner bleibenlassen würde, dachte er. Marti hatte +dies am wenigsten erwartet; er glaubte, der andere werde nach alter +Weise mit dem Pfluge zu Werke gehen wollen, und hatte daher +abgewartet, bis er ihn als Pflüger ausziehen sähe. Erst als die Sache +schon beinahe fertig, hörte er von dem schönen Denkmal, welches Manz +da errichtet, rannte voll Wut hinaus, sah die Bescherung, rannte +zurück und holte den Gemeindeammann, um vorläufig gegen den +Steinhaufen zu protestieren und den Fleck gerichtlich in Beschlag +nehmen zu lassen, und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im +Prozeß miteinander und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet +waren. + +Die Gedanken der sonst so wohlweisen Männer waren nun so kurz +geschnitten wie Häcksel; der beschränkteste Rechtssinn von der Welt +erfüllte jeden von ihnen, indem keiner begreifen konnte noch wollte, +wie der andere so offenbar unrechtmäßig und unwillkürlich den +fraglichen unbedeutenden Ackerzipfel an sich reißen könne. Bei Manz +kam noch ein wunderbarer Sinn für Symmetrie und parallele Linien +hinzu, und er fühlte sich wahrhaft gekränkt durch den aberwitzigen +Eigensinn, mit welchem Marti auf dem Dasein des unsinnigsten und +mutwilligsten Schnörkels beharrte. Beide aber trafen zusammen in der +Überzeugung, daß der andere, den anderen so frech und plump +übervorteilend, ihn notwendig für einen verächtlichen Dummkopf halten +müsse, da man dergleichen etwa einem armen haltlosen Teufel, nicht +aber einem aufrechten, klugen und wehrhaften Manne gegenüber sich +erlauben könne, und jeher sah sich in seiner wunderlichen Ehre +gekränkt und gab sich rückhaltlos der Leidenschaft des Streites und +dem daraus erfolgenden Verfalle hin, und ihr Leben glich fortan der +träumerischen Qual zweier Verdammten, welche auf einem schmalen Brette +einen dunklen Strom hinabtreibend sich befehden, in die Luft hauen und +sich selber anpacken und vernichten, in der Meinung, sie hätten ihr +Unglück gefaßt. Da sie eine faule Sache hatten, so gerieten beide in +die allerschlimmsten Hände von Tausendkünstlern, welche ihre +verdorbene Phantasie auftrieben zu ungeheuren Blasen, die mit den +nichtsnutzigsten Dingen angefüllt wurden. Vorzüglich waren es die +Spekulanten aus der Stadt Seldwyla, welchen dieser Handel ein +gefundenes Essen war, und bald hatte jeder der Streitenden einen +Anhang von Unterhändlern, Zuträgern und Ratgebern hinter sich, die +alles bare Geld auf hundert Wegen abzuziehen wußten. Denn das +Fleckchen Erde mit dem Steinhaufen darüber, auf welchem bereits wieder +ein Wald von Nesseln und Disteln blühte, war nur noch der erste Keim +oder der Grundstein einer verworrenen Geschichte und Lebensweise, in +welcher die zwei Fünfzigjährigen noch neue Gewohnheiten und Sitten, +Grundsätze und Hoffnungen annahmen, als sie bisher geübt. Je mehr Geld +sie verloren, desto sehnsüchtiger wünschten sie welches zu haben, und +je weniger sie besaßen, desto hartnäckiger dachten sie reich zu werden +und es dem andern zuvorzutun. Sie ließen sich zu jedem Schwindel +verleiten und setzten auch jahraus, jahrein in alle fremden Lotterien, +deren Lose massenhaft in Seldwyla zirkulierten. Aber nie bekamen sie +einen Taler Gewinn zu Gesicht, sondern hörten nur immer vom Gewinnen +anderer Leute und wie sie selbst beinahe gewonnen hätten, indessen +diese Leidenschaft ein regelmäßiger Geldabfluß für sie war. Bisweilen +machten sich die Seldwyler den Spaß, beide Bauern, ohne ihr Wissen, am +gleichen Lose teilnehmen zu lassen, so daß beide die Hoffnung auf +Unterdrückung und Vernichtung des andern auf ein und dasselbe Los +setzten. Sie brachten die Hälfte ihrer Zeit in der Stadt zu, wo jeder +in einer Spelunke sein Hauptquartier hatte, sich den Kopf heißmachen +und zu den lächerlichsten Ausgaben und einem elenden und ungeschickten +Schlemmen verleiten ließ, bei welchem ihm heimlich doch selber das +Herz blutete, also daß beide, welche eigentlich nur in diesem Hader +lebten, um für keine Dummköpfe zu gelten, nun solche von der besten +Sorte darstellten und von jedermann dafür angesehen wurden. Die andere +Hälfte der Zeit lagen sie verdrossen zu Hause oder gingen ihrer Arbeit +nach, wobei sie dann durch ein tolles böses Überhasten und Antreiben +das Versäumte einzuholen suchten und damit jeden ordentlichen und +zuverlässigen Arbeiter verscheuchten. So ging es gewaltig rückwärts +mit ihnen, und ehe zehn Jahre vorüber, steckten sie beide von Grund +aus in Schulden und standen wie die Störche auf einem Beine auf der +Schwelle ihrer Besitztümer, von der jeder Lufthauch sie herunterwehte. +Aber wie es ihnen auch erging, der Haß zwischen ihnen wurde täglich +größer, da jeder den andern als den Urheber seines Unsterns +betrachtete, als seinen Erbfeind und ganz unvernünftigen Widersacher, +den der Teufel absichtlich in die Welt gesetzt habe, um ihn zu +verderben. Sie spien aus, wenn sie sich nur von weitem sahen; kein +Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des andern ein +Wort sprechen, bei Vermeidung der gröbsten Mißhandlung. Ihre Weiber +verhielten sich verschieden bei dieser Verarmung und Verschlechterung +des ganzen Wesens. Die Frau des Marti, welche von guter Art war, hielt +den Verfall nicht aus, härmte sich ab und starb, ehe ihre Tochter +vierzehn Jahre alt war. Die Frau des Manz hingegen bequemte sich der +veränderten Lebensweise an, und um sich als eine schlechte Genossin zu +entfalten, hatte sie nichts zu tun, als einigen weiblichen Fehlern, +die ihr von jeher angehaftet, den Zügel schießen zu lassen und +dieselben zu Lastern auszubilden. Ihre Naschhaftigkeit wurde zu wilder +Begehrlichkeit, ihre Zungenfertigkeit zu einem grundfalschen und +verlogenen Schmeichel- und Verleumdungewesen, mit welchem sie jeden +Augenblick das Gegenteil von dem sagte, was sie dachte, alles +hintereinanderhetzte, und ihrem eigenen Manne ein X für ein U +vormachte; ihre ursprüngliche Offenheit, mit der sie sich der +unschuldigeren Plauderei erfreut, ward nun zur abgehärteten +Schamlosigkeit, mit der sie jenes falsche Wesen betrieb, und so, statt +unter ihrem Manne zu leiden, drehte sie ihm eine Nase; wenn er es arg +trieb, so machte sie es bunt, ließ sich nichts abgehen und gedieh zu +der dicksten Blüte einer Vorsteherin des zerfallenden Hauses. So war +es nun schlimm bestellt um die armen Kinder, welche weder eine gute +Hoffnung für ihre Zukunft fassen konnten, noch sich auch nur einer +lieblich frohen Jugend erfreuten, da überall nichts als Zank und Sorge +war. Vrenchen hatte anscheinend einen schlimmeren Stand als Sali, da +seine Mutter tot und es einsam in einem wüsten Hause der Tyrannei +eines verwilderten Vaters anheimgegeben war. Als es sechzehn Jahre +zählte, war es schon ein schlank gewachsenes, ziervolles Mädchen; +seine dunkelbraunen Haare ringelten sich unablässig fast bis über die +blitzenden braunen Augen, dunkelrotes Blut durchschimmerte die Wangen +des bräunlichen Gesichtes und glänzte als tiefer Purpur auf den +frischen Lippen, wie man es selten sah und was dem dunklen Kinde ein +eigentümliches Ansehen und Kennzeichen gab. Feurige Lebenslust und +Fröhlichkeit zitterte in jeder Fiber dieses Wesens; es lachte und war +aufgelegt zu Scherz und Spiel, wenn das Wetter nur im mindesten +lieblich war, d. h. wenn es nicht zu sehr gequält wurde und nicht zu +viel Sorgen ausstand. Diese plagten es aber häufig genug; denn nicht +nur hatte es den Kummer und das wachsende Elend des Hauses mit zu +tragen, sondern es mußte noch sich selber in acht nehmen und mochte +sich gern halbwegs ordentlich und reinlich kleiden, ohne daß der Vater +ihm die geringsten Mittel dazu geben wollte. So hatte Vrenchen die +größte Not, ihre anmutige Person einigermaßen auszustaffieren, sich +ein allerbescheidenstes Sonntagskleid zu erobern und einige bunte, +fast wertlose Halstüchelchen zusammenzuhalten. Darum war das schöne +wohlgemute junge Blut in jeder Weise gedemütigt und gehemmt und konnte +am wenigsten der Hoffart anheimfallen. Überdies hatte es bei schon +erwachendem Verstande das Leiden und den Tod seiner Mutter gesehen, +und dies Andenken war ein weiterer Zügel, der seinem lustigen und +feurigen Wesen angelegt war, so daß es nun höchst lieblich, +unbedenklich und rührend sich ansah, wenn trotz alledem das gute Kind +bei jedem Sonnenblick sich ermunterte und zum Lächeln bereit war. Sali +erging es nicht so hart auf den ersten Anschein; denn er war nun ein +hübscher und kräftiger junger Bursche, der sich zu wehren wußte und +dessen äußere Haltung wenigstens eine schlechte Behandlung von selbst +unzulässig machte. Er sah wohl die üble Wirtschaft seiner Eltern und +glaubte sich erinnern zu können, daß es einst nicht so gewesen; ja er +bewahrte noch das frühere Bild seines Vaters wohl in seinem +Gedächtnisse als eines festen, klugen und ruhigen Bauers, desselben +Mannes, den er jetzt als einen grauen Narren, Händelführer und +Müßiggänger vor sich sah, der mit Toben und Prahlen auf hundert +törichten und verfänglichen Wegen wandelte und mit jeder Stunde +rückwärts ruderte, wie ein Krebs. Wenn ihm nun dies mißfiel und ihn +oft mit Scham und Kummer erfüllte, während es seiner Unerfahrenheit +nicht klar war, wie die Dinge so gekommen, so wurden seine Sorgen +wieder betäubt durch die Schmeichelei, mit der ihn die Mutter +behandelte. Denn um in ihrem Unwesen ungestörter zu sein und einen +guten Parteigänger zu haben, auch um ihrer Großtuerei zu genügen, ließ +sie ihm zukommen, was er wünschte, kleidete ihn sauber und prahlerisch +und unterstützte ihn in allem, was er zu seinem Vergnügen vornahm. Er +ließ sich dies gefallen ohne viel Dankbarkeit, da ihm die Mutter viel +zu viel dazu schwatzte und log; und indem er so wenig Freude daran +empfand, tat er lässig und gedankenlos, was ihm gefiel, ohne daß dies +jedoch etwas Übles war, weil er für jetzt noch unbeschädigt war von +dem Beispiele der Alten und das jugendliche Bedürfnis fühlte, im +ganzen einfach, ruhig und leidlich tüchtig zu sein. Er war ziemlich +genau so, wie sein Vater in diesem Alter gewesen war, und dieses +flößte demselben eine unwillkürliche Achtung vor dem Sohne ein, in +welchem er mit verwirrtem Gewissen und gepeinigter Erinnerung seine +eigene Jugend achtete. Trotz dieser Freiheit, welche Sali genoß, ward +er seines Lebens doch nicht froh und fühlte wohl, wie er nichts +Rechtes vor sich hatte und ebensowenig etwas Rechtes lernte, da von +einem zusammenhängenden und vernunftgemäßen Arbeiten in Manzens Hause +längst nicht mehr die Rede war. Sein bester Trost war daher, stolz auf +seine Unabhängigkeit und einstweilige Unbescholtenheit zu sein, und in +diesem Stolze ließ er die Tage trotzig verstreichen und wandte die +Augen von der Zukunft ab. Der einzige Zwang, dem er unterworfen, war +die Feindschaft seines Vaters gegen alles, was Marti hieß und an +diesen erinnerte. Doch wußte er nichts anderes, als daß Marti seinem +Vater Schaden zugefügt und daß man in dessen Hause ebenso feindlich +gesinnt sei, und es fiel ihm daher nicht schwer, weder den Marti noch +seine Tochter anzusehen und seinerseits auch einen angehenden, doch +ziemlich zahmen Feind vorzustellen. Vrenchen hingegen, welches mehr +erdulden mußte als Sali und in seinem Hause viel verlassener war, +fühlte sich weniger zu einer förmlichen Feindschaft aufgelegt und +glaubte sich nur verachtet von dem wohlgekleideten und scheinbar +glücklicheren Sali; deshalb verbarg sie sich vor ihm, und wenn er +irgendwo nur in der Nähe war, so entfernte sie sich eilig, ohne daß er +sich die Mühe gab, ihr nachzublicken. So kam es, daß er das Mädchen +schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Nähe gesehen und gar +nicht wußte, wie es aussah, seit es herangewachsen. Und doch wunderte +es ihn zuweilen ganz gewaltig, und wenn überhaupt von den Martis +gesprochen wurde, so dachte er unwillkürlich nur an die Tochter, deren +jetziges Aussehen ihm nicht deutlich und deren Andenken ihm gar nicht +verhaßt war. + +Doch war sein Vater Manz nun der erste von den beiden Feinden, der +sich nicht mehr halten konnte und von Haus und Hof springen mußte. +Dieser Vortritt rührte daher, daß er eine Frau besaß, die ihm +geholfen, und einen Sohn, der doch auch einiges mit brauchte, während +Marti der einzige Verzehrer war in seinem wackeligen Königreich, und +seine Tochter durfte wohl arbeiten wie ein Haustierchen, aber nichts +gebrauchen. Manz aber wußte nichts anderes anzufangen, als auf den Rat +seiner Seldwyler Gönner in die Stadt zu ziehen und da sich als Wirt +aufzutun. Es ist immer betrüblich anzusehen, wenn ein ehemaliger +Landmann, der auf dem Felde alt geworden ist, mit den Trümmern seiner +Habe in eine Stadt zieht und da eine Schenke oder Kneipe auftut, um +als letzten Rettungsanker den freundlichen und gewandten Wirt zu +machen, während es ihm nichts weniger als freundlich zumut ist. Als +die Manzen vom Hofe zogen, sah man erst, wie arm sie bereits waren; +denn sie luden lauter alten und zerfallenden Hausrat auf, dem man es +ansah, daß seit vielen Jahren nichts erneuert und angeschafft worden +war. Die Frau legte aber nichtsdestominder ihren besten Staat an, als +sie sich oben auf die Gerümpelfuhre setzte, und machte ein Gesicht +voller Hoffnungen, als künftige Stadtfrau schon mit Verachtung auf die +Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mitleid hinter den Hecken hervor +dem bedenklichen Zuge zuschauten. Denn sie nahm sich vor, mit ihrer +Liebenswürdigkeit und Klugheit die ganze Stadt zu bezaubern, und was +ihr versimpelter Mann nicht machen könne, das wolle sie schon +ausrichten, wenn sie nur erst einmal als Frau Wirtin in einem +stattlichen Gasthofe säße. Dieser Gasthof bestand aber in einer +trübseligen Winkelschenke in einem abgelegenen schmalen Gäßchen, auf +der eben ein anderer zugrunde gegangen war und welche die Seldwyler +dem Manz verpachteten, da er noch einige hundert Taler einzuziehen +hatte. Sie verkauften ihm auch ein paar Fäßchen angemachten Weines und +das Wirtschaftsmobiliar, das aus einem Dutzend weißen geringen +Flaschen, ebensoviel Gläsern und einigen tannenen Tischen und Bänken +bestand, welche einst blutrot angestrichen gewesen und jetzt +vielfältig abgescheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein eiserner +Reifen in einem Haken, und in dem Reifen schenkte eine blecherne Hand +Rotwein aus einem Schöppchen in ein Glas. Überdies hing ein verdorrter +Busch von Stechpalme über der Haustüre, was Manz alles mit in die +Pacht bekam. Um deswillen war er nicht so wohlgemut wie seine Frau, +sondern trieb mit schlimmer Ahnung und voll Ingrimm die magern Pferde +an, welche er vom neuen Bauern geliehen. Das letzte schäbige +Knechtchen, das er gehabt, hatte ihn schon seit einigen Wochen +verlassen. Als er solcherweise abfuhr, sah er wohl, wie Marti voll +Hohn und Schadenfreude sich unfern der Straße zu schaffen machte, +fluchte ihm und hielt denselben für den alleinigen Urheber seines +Unglückes. Sali aber, sobald das Fuhrwerk im Gange war, beschleunigte +seine Schritte, eilte voraus und ging allein auf Seitenwegen nach der +Stadt. + +„Da wären wir!" sagte Manz, als die Fuhre vor dem Spelunkelein +anhielt. Die Frau erschrak darüber, denn das war in der Tat ein +trauriger Gasthof. Die Leute traten eilfertig unter die Fenster und +vor die Häuser, um sich den neuen Bauernwirt anzusehen, und machten +mit ihrer Seldwyler Überlegenheit mitleidig spöttische Gesichter. +Zornig und mit nassen Augen kletterte die Manzin vom Wagen herunter +und lief, ihre Zunge vorläufig wetzend, in das Haus, um sich heute +vornehm nicht wieder blicken zu lassen; denn sie schämte sich des +schlechten Gerätes und der verdorbenen Betten, welche nun abgeladen +wurden. Sali schämte sich auch, aber er mußte helfen und machte mit +seinem Vater einen seltsamen Verlag in dem Gäßchen, auf welchem +alsbald die Kinder der Falliten herumsprangen und sich über das +verlumpte Bauernpack lustig machten. Im Hause aber sah es noch +trübseliger aus, und es glich einer vollkommenen Räuberhöhle. Die +Wände waren schlechtgeweißtes, feuchtes Mauerwerk, außer der dunklen, +unfreundlichen Gaststube mit ihren ehemals blutroten Tischen waren nur +noch ein paar schlechte Kämmerchen da, und überall hatte der +ausgezogene Vorgänger den trostlosesten Schmutz und Kehricht +zurückgelassen. + +So war der Anfang, und so ging es auch fort. Während der ersten Woche +kamen, besonders am Abend, wohl hin und wieder ein Tisch voll Leute +aus Neugierde, den Bauernwirt zu sehen, und ob es da vielleicht +einigen Spaß absetzte. Am Wirt hatten sie nicht viel zu betrachten, +denn Manz war ungelenk, starr, unfreundlich und melancholisch und +wußte sich gar nicht zu benehmen, wollte es auch nicht wissen. Er +füllte langsam und ungeschickt die Schöppchen, stellte sie mürrisch +vor die Gäste und versuchte etwas zu sagen, brachte aber nichts +heraus. Desto eifriger warf sich nun seine Frau ins Geschirr und hielt +die Leute wirklich einige Tage zusammen, aber in einem ganz anderen +Sinne, als sie meinte. Die ziemlich dicke Frau hatte sich eine eigene +Haustracht zusammengesetzt, in der sie unwiderstehlich zu sein +glaubte. Zu einem leinenen, ungefärbten Landrock trug sie einen alten, +grünseidenen Spenzer, eine baumwollene Schürze und einen schlimmen, +weißen Halskragen. Von ihrem nicht mehr dichten Haar hatte sie an den +Schläfen possierliche Schnecken gewickelt und in das Zöpfchen hinten +einen hohen Kamm gesteckt. So schwänzelte und tänzelte sie mit +angestrengter Anmut herum, spitzte lächerlich das Maul, daß es süß +aussehen sollte, hüpfte elastisch an die Tische hin, und das Glas oder +den Teller mit gesalzenem Käse hinsetzend, sagte sie lächelnd: „So so? +so soli! herrlich, herrlich, ihr Herren!" und solches dummes Zeug +mehr; denn obwohl sie sonst eine geschliffene Zunge hatte, so wußte +sie jetzt doch nichts Gescheites vorzubringen, da sie fremd war und +die Leute nicht kannte. Die Seldwyler von der schlechtesten Sorte, die +da hockten, hielten die Hand vor den Mund, wollten vor Lachen +ersticken, stießen sich unter dem Tisch mit den Füßen und sagten: +„Potz tausig! Das ist ja eine Herrliche!" „Eine Himmlische!" sagte ein +anderer, „beim ewigen Hagel! Es ist der Mühe wert, hierherzukommen, so +eine haben wir lang nicht gesehen!" Ihr Mann bemerkte das wohl mit +finsterem Blicke; er gab ihr einen Stoß in die Rippen und flüsterte: +„Du alte Kuh! Was machst du denn?" „Störe mich nicht," sagte sie +unwillig, „du alter Tolpatsch! Siehst du nicht, wie ich mir Mühe gebe +und mit den Leuten umzugehen weiß? Das sind aber nur Lumpen von deinem +Anhang! Laß mich nur machen, ich will bald vornehmere Kundschaft hier +haben!" Dies alles war beleuchtet von einem oder zwei dünnen +Talglichten; Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die dunkle Küche, +setzte sich auf den Herd und weinte über Vater und Mutter. + +Die Gäste hatten aber das Schauspiel bald satt, welches ihnen die gute +Frau Manz gewährte, und blieben wieder, wo es ihnen wohler war und sie +über die wunderliche Wirtschaft lachen konnten; nur dann und wann +erschien ein einzelner, der ein Glas trank und die Wände angähnte, +oder es kam ausnahmsweise eine ganze Bande, die armen Leute mit einem +vorübergehenden Trubel und Lärm zu täuschen. Es ward ihnen angst und +bange in dem engen Mauerwinkel, wo sie kaum die Sonne sahen; und Manz, +welcher sonst gewohnt war, tagelang in der Stadt zu liegen, fand es +jetzt unerträglich zwischen diesen Mauern. Wenn er an die freie Weite +der Felder dachte, so stierte er finster brütend an die Decke oder auf +den Boden, lief unter die enge Haustüre und wieder zurück, da die +Nachbarn den bösen Wirt, wie sie ihn schon nannten, angafften. Nun +dauerte es aber nicht mehr lange und sie verarmten gänzlich und hatten +gar nichts mehr in der Hand; sie mußten, um etwas zu essen, warten, +bis einer kam und für wenig Geld etwas von dem noch vorhandenen Wein +verzehrte, und wenn er eine Wurst oder dergleichen begehrte, so hatten +sie oft die größte Angst und Sorge, dieselbe beizutreiben. Bald hatten +sie auch den Wein nur noch in einer großen Flasche verborgen, die sie +heimlich in einer andern Kneipe füllen ließen, und so sollten sie nun +die Wirte machen ohne Wein und Brot und freundlich sein, ohne +ordentlich gegessen zu haben. Sie waren beinahe froh, wenn nur niemand +kam, und hockten so in ihrem Kneipchen, ohne leben noch sterben zu +können. Als die Frau diese traurigen Erfahrungen machte, zog sie den +grünen Spenzer wieder aus und nahm abermals eine Veränderung vor, +indem sie nun, wie früher die Fehler, so nun einige weibliche Tugenden +aufkommen ließ und mehr ausbildete, da Not an den Mann ging. Sie übte +Geduld und suchte den Alten aufrechtzuhalten und den Jungen zum Guten +anzuweisen; sie opferte sich vielfältig in allerlei Dingen, kurz sie +übte in ihrer Weise eine Art von wohltätigem Einfluß, der zwar nicht +weit reichte und nicht viel besserte, aber immerhin besser war als gar +nichts oder als das Gegenteil und die Zeit wenigstens verbringen half, +welche sonst viel früher hätte brechen müssen für diese Leute. Sie +wußte manchen Rat zu geben nunmehr in erbärmlichen Dingen, nach ihrem +Verstande, und wenn der Rat nichts zu taugen schien und fehlschlug, so +ertrug sie willig den Grimm der Männer, kurzum, sie tat jetzt alles, +da sie alt war, was besser gedient hätte, wenn sie es früher geübt. + +Um wenigstens etwas Beißbares zu erwerben und die Zeit zu verbringen, +verlegten sich Vater und Sohn auf die Fischerei, d. h. mit der +Angelrute, soweit es für jeden erlaubt war, sie in den Fluß zu hängen. +Dies war auch eine Hauptbeschäftigung der Seldwyler, nachdem sie +falliert hatten. Bei günstigem Wetter, wenn die Fische gern anbissen, +sah man sie dutzendweise hinauswandern mit Rute und Eimer, und wenn +man an den Ufern des Flusses wandelte, hockte alle Spanne lang einer, +der angelte, der eine in einem langen, braunen Bürgerrock, die bloßen +Füße im Wasser, der andere in einem spitzen, blauen Frack auf einer +alten Weide stehend, den alten Filz schief auf dem Ohre; weiterhin +angelte gar einer im zerrissenen, großblumigen Schlafrock, da er +keinen andern mehr besaß, die lange Pfeife in der einen, die Rute in +der andern Hand, und wenn man um eine Krümmung des Flusses bog, stand +ein alter, kahlköpfiger Dickbauch faselnackt auf einem Stein und +angelte; dieser hatte, trotz des Aufenthaltes am Wasser, so schwarze +Füße, daß man glaubte, er habe die Stiefel anbehalten. Jeder hatte ein +Töpfchen oder ein Schächtelchen neben sich, in welchem Regenwürmer +wimmelten, nach denen sie zu andern Stunden zu graben pflegten. Wenn +der Himmel mit Wolken bezogen und es ein schwüles, dämmeriges Wetter +war, welches Regen verkündete, so standen diese Gestalten am +zahlreichsten an dem ziehenden Strome, regungslos gleich einer Galerie +von Heiligen, oder Prophetenbildern. Achtlos zogen die Landleute mit +Vieh und Wagen an ihnen vorüber, und die Schiffer auf dem Flusse sahen +sie nicht an, während sie leise murrten über die störenden Schiffe. + +Wenn man Manz vor zwölf Jahren, als er mit einem schönen Gespann +pflügte auf dem Hügel über dem Ufer, geweissagt hätte, er würde sich +einst zu diesen wunderlichen Heiligen gesellen und gleich ihnen Fische +fangen, so wäre er nicht übel aufgefahren. Auch eilte er jetzt hastig +an ihnen vorüber hinter ihrem Rücken und eilte stromaufwärts gleich +einem eigensinnigen Schatten der Unterwelt, der sich zu seiner +Verdammnis ein bequemes, einsames Plätzchen sucht an den dunkeln +Wässern. Mit der Angelrute zu stehen hatten er und sein Sohn indessen +keine Geduld, und sie erinnerten sich der Art, wie die Bauern auf +manche andere Weise etwa Fische fangen, wenn sie übermütig sind, +besonders mit den Händen in den Bächen; daher nahmen sie die Ruten nur +zum Schein mit und gingen an den Borden der Bäche hinauf, wo sie +wußten, daß es teure und gute Forellen gab. + +Dem auf dem Lande zurückgebliebenen Marti ging es inzwischen auch +immer schlimmer, und es war ihm höchst langweilig dabei, so daß er, +anstatt auf seinem vernachlässigten Felde zu arbeiten, ebenfalls auf +das Fischen verfiel und tagelang im Wasser herumplätscherte. Vrenchen +durfte nicht von seiner Seite und mußte ihm Eimer und Geräte +nachtragen durch nasse Wiesengründe, durch Bäche und Wassertümpel +aller Art, bei Regen und Sonnenschein, indessen sie das Notwendigste +zu Hause liegenlassen mußte. Denn es war sonst keine Seele mehr da und +wurde auch keine gebraucht, da Marti das meiste Land schon verloren +hatte und nur noch wenige Äcker besaß, die er mit seiner Tochter +liederlich genug oder gar nicht bebaute. + +So kam es, daß, als er eines Abends einen ziemlich tiefen und +reißenden Bach entlang ging, in welchem die Forellen fleißig sprangen, +da der Himmel voll Gewitterwolken hing, er unverhofft auf seinen Feind +Manz traf, der an dem andern Ufer daherkam. Sobald er ihn sah, stieg +ein schrecklicher Groll und Hohn in ihm auf; sie waren sich seit +Jahren nicht so nahe gewesen, ausgenommen vor den Gerichtsschranken, +wo sie nicht schelten durften, und Marti rief jetzt voll Grimm: „Was +tust du hier, du Hund? Kannst du nicht in deinem Lotterneste bleiben, +du Seldwyler Lumpenhund?" + +„Wirst nächstens wohl auch ankommen, du Schelm!" rief Manz. „Fische +fängst du ja auch schon und wirst deshalb nicht viel mehr zu versäumen +haben!" + +„Schweig, du Galgenhund!" schrie Marti, da hier die Wellen des Baches +stärker rauschten, „du hast mich ins Unglück gebracht!" Und da jetzt +auch die Weiden am Bache gewaltig zu rauschen anfingen im aufgehenden +Wetterwind, so mußte Manz noch lauter schreien: „Wenn dem nur so wäre, +so wollte ich mich freuen, du elender Tropf!" „O du Hund!" schrie +Marti herüber und Manz hinüber: „O du Kalb, wie dumm tust du!" Und +jener sprang wie ein Tiger den Bach entlang und suchte herüberzukommen. +Der Grund, warum er der Wütendere war, lag in seiner Meinung, daß Manz +als Wirt wenigstens genug zu essen und zu trinken hätte und +gewissermaßen ein kurzweiliges Leben führe, während es +ungerechterweise ihm so langweilig wäre auf seinem zertrümmerten Hofe. +Manz schritt indessen auch grimmig genug an der andern Seite hin, +hinter ihm sein Sohn, welcher, statt auf den bösen Streit zu hören, +neugierig und verwundert nach Vrenchen hinübersah, welche hinter ihrem +Vater ging, vor Scham in die Erde sehend, daß ihr die braunen, krausen +Haare ins Gesicht fielen. Sie trug einen hölzernen Fischeimer in der +einen Hand, in der andern hatte sie Schuh und Strümpfe getragen und +ihr Kleid der Nässe wegen aufgeschürzt. Seit aber Sali auf der andern +Seite ging, hatte sie es schamhaft sinken lassen und war nun dreifach +belästigt und gequält, da sie all das Zeug tragen, den Rock +zusammenhalten und des Streites wegen sich grämen mußte. Hätte sie +aufgesehen und nach Sali geblickt, so würde sie entdeckt haben, daß er +weder vornehm noch sehr stolz mehr aussah und selbst bekümmert genug +war. Während Vrenchen so ganz beschämt und verwirrt auf die Erde sah +und Sali nur diese in allem Elende schlanke und anmutige Gestalt im +Auge hatte, die so verlegen und demütig dahinschritt, beachteten sie +dabei nicht, wie ihre Väter stillgeworden, aber mit verstärkter Wut +einem hölzernen Stege zueilten, der in kleiner Entfernung über den +Bach führte und eben sichtbar wurde. Es fing an zu blitzen und +erleuchtete seltsam die dunkle, melancholische Wassergegend; es +donnerte auch in den grauschwarzen Wolken mit dumpfem Grolle, und +schwere Regentropfen fielen, als die verwilderten Männer gleichzeitig +auf die schmale, unter ihren Tritten schwankende Brücke stürzten, sich +gegenseitig packten und die Fäuste in die vor Zorn und ausbrechendem +Kummer bleichen, zitternden Gesichter schlugen. Es ist nichts +Anmutiges und nichts weniger als artig, wenn sonst gesetzte Menschen +noch in den Fall kommen, aus Übermut, Unbedacht oder Notwehr unter +allerhand Volk, das sie nicht näher berührt, Schläge auszuteilen oder +welche zu bekommen; allein dies ist eine harmlose Spielerei gegen das +tiefe Elend, das zwei alte Menschen überwältigt, die sich wohl kennen +und seit lange kennen, wenn diese aus innerster Feindschaft und aus +dem Gange einer ganzen Lebensgeschichte heraus sich mit nackten Händen +anfassen und mit Fäusten schlagen. So taten jetzt diese beiden +ergrauten Männer; vor fünfzig Jahren vielleicht hatten sie sich als +Buben zum letztenmal gerauft, dann aber fünfzig lange Jahre mit keiner +Hand mehr berührt, ausgenommen in ihrer guten Zeit, wo sie sich etwa +zum Gruße die Hände geschüttelt, und auch dies nur selten bei ihrem +trockenen und sicheren Wesen. Nachdem sie ein= oder zweimal +geschlagen, hielten sie inne und rangen still zitternd miteinander, +nur zuweilen aufstöhnend und elendiglich knirschend, und einer suchte +den andern über das knackende Geländer ins Wasser zu werfen. Jetzt +waren aber auch ihre Kinder nachgekommen und sahen den erbärmlichen +Auftritt. Sali sprang eines Satzes heran, um seinem Vater beizustehen +und ihm zu helfen, dem gehaßten Feinde den Garaus zu machen, der +ohnehin der schwächere schien und eben zu unterliegen drohte: Aber +auch Vrenchen sprang, alles wegwerfend, mit einem langen Aufschrei +herzu und umklammerte ihren Vater, um ihn zu schützen, während sie ihn +dadurch nur hinderte und beschwerte. Tränen strömten aus ihren Augen, +und sie sah flehend den Sali an, der im Begriff war, ihren Vater +ebenfalls zu fassen und vollends zu überwältigen. Unwillkürlich legte +er aber seine Hand an seinen eigenen Vater und suchte denselben mit +festem Arm von dem Gegner loszubringen und zu beruhigen, so daß der +Kampf eine kleine Weile ruhte oder vielmehr die ganze Gruppe unruhig +hin und her drängte, ohne auseinander zu kommen. Darüber waren die +jungen Leute, sich mehr zwischen die Alten schiebend, in dichte +Berührung gekommen, und in diesem Augenblicke erhellte ein Wolkenriß, +der den grellen Abendschein durchließ, das nahe Gesicht des Mädchens, +und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte und doch so viel anders und +schöner gewordene Gesicht. Vrenchen sah in diesem Augenblicke auch +sein Erstaunen, und es lächelte ganz kurz und geschwind mitten in +seinem Schrecken und seinen Tränen ihn an. Doch ermannte sich Sali, +geweckt durch die Anstrengungen seines Vaters, ihn abzuschütteln, und +brachte ihn mit eindringlich bittenden Worten und fester Haltung +endlich ganz von seinem Feinde weg. Beide alten Gesellen atmeten hoch +auf und begannen jetzt wieder zu schelten und zu schreien, sich +voneinander abwendend; ihre Kinder aber atmeten kaum und waren still +wie der Tod, gaben sich aber im Wegwenden und Trennen, ungesehen von +den Alten, schnell die Hände, welche vom Wasser und von den Fischen +feucht und kühl waren. + +Als die grollenden Parteien ihrer Wege gingen, hatten die Wolken sich +wieder geschlossen, es dunkelte mehr und mehr und der Regen goß nun in +Bächen durch die Luft. Manz schlenderte voraus auf den dunklen, nassen +Wegen, er duckte sich, beide Hände in den Taschen, unter den +Regengüssen, zitterte noch in seinen Gesichtszügen und mit den Zähnen, +und ungesehene Tränen rieselten ihm in den Stoppelbart, die er fließen +ließ, um sie durch das Wegwischen nicht zu verraten. Sein Sohn hatte +aber nichts gesehen, weil er in glückseligen Bildern verloren +daherging. Er merkte weder Regen noch Sturm, weder Dunkelheit, noch +Elend; sondern leicht, hell und warm war es ihm innen und außen, und +er fühlte sich so reich und wohlgeborgen wie ein Königssohn. Er sah +fortwährend das sekundenlange Lächeln des nahen schönen Gesichtes und +erwiderte dasselbe erst jetzt, eine gute halbe Stunde nachher, indem +er voll Liebe in Nacht und Wetter hinein und das liebe Gesicht +anlachte, das ihm allerwegen aus dem Dunkel entgegentrat, so daß er +glaubte, Vrenchen müsse auf seinen Wegen dies Lachen notwendig sehen +und seiner innewerden. + +Sein Vater war des andern Tags wie zerschlagen und wollte nicht aus +dem Hause. Der ganze Handel und das vieljährige Elend nahm heute eine +neue, deutlichere Gestalt an und breitete sich dunkel aus in der +drückenden Luft der Spelunke, also daß Mann und Frau matt und scheu um +das Gespenst herumschlichen, aus der Stube in die dunklen Kämmerchen, +von da in die Küche und aus dieser wieder sich in die Stube +schleppten, in welcher kein Gast sich sehen ließ. Zuletzt hockte jedes +in einem Winkel und begann den Tag über ein müdes, halbtotes Zanken +und Vorhalten mit dem andern, wobei sie zeitweise einschliefen, von +unruhigen Tagträumen geplagt, welche aus dem Gewissen kamen und sie +wieder weckten. Nur Sali sah und hörte nichts davon, denn er dachte +nur an Vrenchen. Es war ihm immer noch zumut, nicht nur als ob er +unsäglich reich wäre, sondern auch was Rechtes gelernt hätte und +unendlich viel Schönes und Gutes wüßte, da er nun so deutlich und +bestimmt um das wußte, was er gestern gesehen. Diese Wissenschaft war +ihm wie vom Himmel gefallen, und er war in einer unaufhörlichen +glücklichen Verwunderung darüber; und doch war es ihm, als ob er es +eigentlich von jeher gewußt und gekannt hätte, was ihn jetzt mit so +wundersamer Süßigkeit erfüllte. Denn nichts gleicht dem Reichtum und +der Unergründlichkeit eines Glückes, das an den Menschen herantritt in +einer so klaren und deutlichen Gestalt, vom Pfäfflein getauft und +wohlversehen mit einem eigenen Namen, der nicht tönt wie andere Namen. + +Sali fühlte sich an diesem Tage weder müßig noch unglücklich, weder +arm noch hoffnungslos; vielmehr war er vollauf beschäftigt, sich +Vrenchens Gesicht und Gestalt vorzustellen, unaufhörlich, eine Stunde +wie die andere; über dieser aufgeregten Tätigkeit aber verschwand ihm +der Gegenstand derselben fast vollständig, das heißt, er bildete sich +endlich ein, nun doch nicht zu wissen, wie Vrenchen recht genau +aussehe, er habe wohl ein allgemeines Bild von ihr im Gedächtnis, aber +wenn er sie beschreiben sollte, so könnte er das nicht. Er sah +fortwährend dies Bild, als ob es vor ihm stände, und fühlte seinen +angenehmen Eindruck, und doch sah er es nur, wie etwas, das man eben +nur einmal gesehen, in dessen Gewalt man liegt und das man doch noch +nicht kennt. Er erinnerte sich genau der Gesichtszüge, welche das +kleine Dirnchen einst gehabt, mit großem Wohlgefallen, aber nicht +eigentlich derjenigen, welche er gestern gesehen. Hätte er Vrenchen +nie wieder zu sehen bekommen, so hätten sich seine Erinnerungskräfte +schon behelfen müssen und das liebe Gesicht säuberlich wieder +zusammengetragen, daß nicht ein Zug daran fehlte. Jetzt aber versagten +sie schlau und hartnäckig ihren Dienst, weil die Augen nach ihrem +Recht und ihrer Lust verlangten, und als am Nachmittage die Sonne warm +und hell die oberen Stockwerke der schwarzen Häuser beschien, strich +Sali aus dem Tore und seiner alten Heimat zu, welche ihm jetzt erst +ein himmlisches Jerusalem zu sein schien mit zwölf glänzenden Pforten, +und die sein Herz klopfen machte, als er sich ihr näherte. + +Er stieß auf dem Wege auf Vrenchens Vater, welcher nach der Stadt zu +gehen schien. Der sah sehr wild und liederlich aus, sein +graugewordener Bart war seit Wochen nicht geschoren, und er sah aus +wie ein recht böser, verlorener Bauersmann, der sein Feld verscherzt +hat und nun geht, um andern Übles zuzufügen. Dennoch sah ihn Sali, als +sie sich vorübergingen, nicht mehr mit Haß, sondern voll Furcht und +Scheu an, als ob sein Leben in dessen Hand stände und er es lieber von +ihm erflehen als ertrotzen möchte. Marti aber maß ihn mit einem bösen +Blicke von oben bis unten und ging seines Weges. Das war indessen dem +Sali recht, welchem es nun, da er den Alten das Dorf verlassen sah, +deutlicher wurde, was er eigentlich da wolle, und er schlich sich auf +altbekannten Pfaden so lange um das Dorf herum und durch dessen +verdeckte Gäßchen, bis er sich Martis Haus und Hof gegenüber befand. +Seit mehreren Jahren hatte er diese Stätte nicht mehr so nah gesehen; +denn auch als sie noch hier wohnten, hüteten sich die verfeindeten +Leute gegenseitig, sich ins Gehege zu kommen. Deshalb war er nun +erstaunt über das, was er doch an seinem eigenen Vaterhause erlebt, +und starrte voll Verwunderung in die Wüstenei, die er vor sich sah. +Dem Marti war ein Stück Ackerland um das andere abgepfändet worden, er +besaß nichts mehr als das Haus und den Platz davor nebst etwas Garten +und dem Acker auf der Höhe am Flusse, von welchem er hartnäckig am +längsten nicht lassen wollte. + +Es war aber keine Rede mehr von einer ordentlichen Bebauung, und auf +dem Acker, der einst so schön im gleichmäßigen Korne gewogt, wenn die +Ernte kam, waren jetzt allerhand abfällige Samenreste gesät und +aufgegangen, aus alten Schachteln und zerrissenen Tüten +zusammengekehrt, Rüben, Kraut und dergleichen und etwas Kartoffeln, so +daß der Acker aussah wie ein recht übel gepflegter Gemüseplatz, und +eine wunderliche Musterkarte war, dazu angelegt, um von der Hand in +den Mund zu leben, hier eine Handvoll Rüben auszureißen, wenn man +Hunger hatte und nichts Besseres wußte, dort eine Tracht Kartoffeln +oder Kraut, und das übrige fortwuchern oder verfaulen zu lassen, wie +es mochte. Auch lief jedermann darin herum, wie es ihm gefiel, und das +schöne breite Stück Feld sah beinahe so aus, wie einst der herrenlose +Acker, von dem alles Unheil herkam. Deshalb war um das Haus nicht eine +Spur von Ackerwirtschaft zu sehen. Der Stall war leer, die Türe hing +nur in einer Angel, und unzählige Kreuzspinnen, den Sommer hindurch +halbgroß geworden, ließen ihre Fäden in der Sonne glänzen vor dem +dunklen Eingang. An dem offenstehenden Scheunentor, wo einst die +Früchte des festen Landes eingefahren, hing schlechtes Fischergeräte, +zum Zeugnis der verkehrten Wasserpfuscherei; auf dem Hofe war nicht +ein Huhn und nicht eine Taube, weder Katze noch Hund zu sehen; nur der +Brunnen war noch als etwas Lebendiges da, aber er floß nicht mehr +durch die Röhre, sondern sprang durch einen Riß nahe am Boden über +diesen hin und setzte überall kleine Tümpel an, so daß er das beste +Sinnbild der Faulheit abgab. Denn während mit wenig Mühe des Vaters +das Loch zu verstopfen und die Röhre herzustellen gewesen wäre, mußte +sich Vrenchen nun abquälen, selbst das lautere Wasser dieser +Verkommenheit abzugewinnen und seine Wäscherei in den seichten +Sammlungen am Boden vorzunehmen, statt in dem vertrockneten und +zerspellten Troge. Das Haus selbst war ebenso kläglich anzusehen; die +Fenster waren vielfältig zerbrochen und mit Papier verklebt, aber doch +waren sie das Freundlichste an dem Verfall; denn sie waren, selbst die +zerbrochenen Scheiben, klar und sauber gewaschen, ja förmlich poliert +und glänzten so hell, wie Vrenchens Augen, welche ihm in seiner Armut +ja auch allen übrigen Staat ersetzen mußten. Und wie die krausen Haare +und die rotgelben Kattunhalstücher zu Vrenchens Augen, stand zu diesen +blinkenden Fenstern das wilde grüne Gewächs, was da durcheinander +rankte um das Haus, flatternde Bohnenwäldchen und eine ganze duftende +Wildnis von rotgelbem Goldlack. Die Bohnen hielten sich, sogut sie +konnten, hier an einem Harkenstiel, oben an einem verkehrt in die Erde +gesteckten Stumpfbesen, dort an einer von Rost zerfressenen Helbarte +oder Sponton, wie man es nannte, als Vrenchens Großvater das Ding als +Wachtmeister getragen, welches es jetzt aus Not in die Bohnen +gepflanzt hatte; dort kletterten sie wieder lustig eine verwitterte +Leiter empor, die am Hause lehnte seit undenklichen Zeiten, und hingen +von da an in die klaren Fensterchen hinunter wie Vrenchens +Kräuselhaare in seine Augen. Dieser mehr malerische als wirtliche Hof +lag etwas beiseit und hatte keine näheren Nachbarhäuser, auch ließ +sich in diesem Augenblicke nirgends eine lebendige Seele wahrnehmen; +Sali lehnte daher in aller Sicherheit an einem alten Scheunchen, etwa +dreißig Schritte entfernt, und schaute unverwandt nach dem stillen, +wüsten Hause hinüber. Eine geraume Zeit lehnte und schaute er so, als +Vrenchen unter die Haustür kam und lange vor sich hinblickte, wie mit +allen ihren Gedanken an einem Gegenstande hängend. Sali rührte sich +nicht und wandte kein Auge von ihr. Als sie endlich zufällig in dieser +Richtung hinsah, fiel er ihr in die Augen. Sie sahen sich eine Weile +an, herüber und hinüber, als ob sie eine Lufterscheinung betrachteten, +bis sich Sali endlich aufrichtete und langsam über die Straße und über +den Hof ging auf Vrenchen los. Als er dem Mädchen nahe war, streckte +es seine Hände gegen ihn aus und sagte: „Sali!" Er ergriff die Hände +und sah ihr immerfort ins Gesicht. Tränen stürzten aus ihren Augen, +während sie unter seinen Blicken vollends dunkelrot wurde, und sie +sagte: „Was willst du hier?" „Nur dich sehen!" erwiderte er, „wollen +wir nicht wieder gute Freunde sein?" „Und unsere Eltern?" fragte +Vrenchen, sein weinendes Gesicht zur Seite neigend, da es die Hände +nicht frei hatte, um es zu bedecken. „Sind wir schuld an dem, was sie +getan und geworden sind?" sagte Sali, „vielleicht können wir das Elend +nur gutmachen, wenn wir zwei zusammenhalten und uns recht lieb sind!" +„Es wird nie gut kommen," antwortete Vrenchen mit einem tiefen +Seufzer, „geh in Gottes Namen deiner Wege, Sali!" „Bist du allein?" +fragte dieser, „kann ich einen Augenblick hineinkommen?" „Der Vater +ist zur Stadt, wie er sagte, um deinem Vater irgend etwas anzuhängen; +aber hereinkommen kannst du nicht, weil du später vielleicht nicht so +ungesehen weggehen kannst wie jetzt. Noch ist alles still und niemand +um den Weg, ich bitte dich, geh jetzt!" „Nein, so geh' ich nicht! Ich +mußte seit gestern immer an dich denken, und ich geh' nicht so fort, +wir müssen miteinander reden, wenigstens eine halbe Stunde lang oder +eine Stunde, das wird uns gut tun!" Vrenchen besann sich ein Weilchen +und sagte dann: „Ich geh' gegen Abend auf unsern Acker hinaus, du +weißt welchen, wir haben nur noch den, und hole etwas Gemüse. Ich +weiß, daß niemand weiter dort sein wird, weil die Leute anderswo +schneiden; wenn du willst, so komm dorthin, aber jetzt geh und nimm +dich in acht, daß dich niemand sieht! Wenn auch kein Mensch hier mehr +mit uns umgeht, so würden sie doch ein solches Gerede machen, daß es +der Vater sogleich vernähme." Sie ließen sich jetzt die Hände frei, +ergriffen sie aber auf der Stelle wieder, und beide sagten +gleichzeitig: „Und wie geht es dir auch?" Aber statt sich zu +antworten, fragten sie das gleiche aufs neue, und die Antwort lag nur +in den beredten Augen, da sie nach Art der Verliebten die Worte nicht +mehr zu lenken wußten und ohne sich weiter etwas zu sagen, endlich +halb selig und halb traurig auseinanderhuschten. „Ich komme recht bald +hinaus, geh nur gleich hin!" rief Vrenchen noch nach. + +Sali ging auch alsobald auf die stille, schöne Anhöhe hinaus, über +welche die zwei Äcker sich erstreckten, und die prächtige, stille +Junisonne, die fahrenden, weißen Wolken, welche über das reife, +wallende Kornfeld wegzogen, der glänzende, blaue Fluß, der unten +vorüberwallte, alles dies erfüllte ihn zum ersten Male seit langen +Jahren wieder mit Glück und Zufriedenheit, statt mit Kummer, und er +warf sich der Länge nach in den durchsichtigen Halbschatten des +Kornes, wo dasselbe Martis wilden Acker begrenzte, und guckte +glückselig in den Himmel. + +Obgleich es kaum eine Viertelstunde währte, bis Vrenchen nachkam und +er an nichts anderes dachte, als an sein Glück und dessen Namen, stand +es doch plötzlich und unverhofft vor ihm, auf ihn niederlächelnd, und +froh erschreckt sprang er auf. „Vreeli!" rief er, und dieses gab ihm +still und lächelnd beide Hände, und Hand in Hand gingen sie nun das +flüsternde Korn entlang bis gegen den Fluß hinunter und wieder zurück, +ohne viel zu reden; sie legten zwei- oder dreimal den Hin- und Herweg +zurück, still, glückselig und ruhig, so daß dieses einige Paar nun +auch einem Sternbilde glich, welches über die sonnige Rundung der +Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sichergehenden +Pflugzüge ihrer Väter. Als sie aber einsmals die Augen von den blauen +Kornblumen aufschlugen, an denen sie gehaftet, sahen sie plötzlich +einen andern dunkeln Stern vor sich hergehen, einen schwärzlichen +Kerl, von dem sie nicht wußten, woher er so unversehens gekommen. Er +mußte im Korne gelegen haben; Vrenchen zuckte zusammen, und Sali sagte +erschreckt: „Der schwarze Geiger!" In der Tat trug der Kerl, der vor +ihnen herstrich, eine Geige mit dem Bogen unter dem Arm und sah +übrigens schwarz genug aus; neben einem schwarzen Filzhütchen und +einem schwarzen, rußigen Kittel, den er trug, war auch sein Haar +pechschwarz, so wie der ungeschorene Bart, das Gesicht und die Hände +aber ebenfalls geschwärzt; denn er trieb allerlei Handwerk, meistens +Kesselflicken, half auch den Kohlenbrennern und Pechsiedern in den +Wäldern und ging mit der Geige nur auf einen guten Schick aus, wenn +die Bauern irgendwo lustig waren und ein Fest feierten. Sali und +Vrenchen gingen mäuschenstill hinter ihm drein und dachten, er würde +vom Felde gehen und verschwinden, ohne sich umzusehen, und so schien +es auch zu sein, denn er tat, als ob er nichts von ihnen merkte. Dazu +waren sie in einem seltsamen Bann, daß sie nicht wagten, den schmalen +Pfad zu verlassen, und dem unheimlichen Gesellen unwillkürlich +folgten, bis an das Ende des Feldes, wo jener ungerechte Steinhaufen +lag, der das immer noch streitige Ackerzipfelchen bedeckte. Eine +zahllose Menge von Mohnblumen oder Klatschrosen hatte sich darauf +angesiedelt, weshalb der kleine Berg feuerrot aussah zurzeit. +Plötzlich sprang der schwarze Geiger mit einem Satze auf die +rotgekleidete Steinmasse hinauf, kehrte sich und sah ringsum. Das +Pärchen blieb stehen und sah verlegen zu dem dunklen Burschen hinauf; +denn vorbei konnten sie nicht gehen, weil der Weg in das Dorf führte, +und umkehren mochten sie auch nicht vor seinen Augen. Er sah sie +scharf an und rief: „Ich kenne euch, ihr seid die Kinder derer, die +mir den Boden hier gestohlen haben! Es freut mich zu sehen, wie gut +ihr gefahren seid, und werde gewiß noch erleben, daß ihr vor mir den +Weg alles Fleisches geht! Seht mich nur an, ihr zwei Spatzen! Gefällt +euch meine Nase, wie?" In der Tat besaß er eine schreckbare Nase, +welche wie ein großes Winkelmaß aus dem dürren, schwarzen Gesicht +ragte oder eigentlich mehr einem tüchtigen Knebel oder Prügel glich, +welcher in dies Gesicht geworfen worden war, und unter dem ein +kleines, rundes Löchelchen von einem Munde sich seltsam stutzte und +zusammenzog, aus dem er unaufhörlich pustete, pfiff und zischte. Dazu +stand das kleine Filzhütchen ganz unheimlich, welches nicht rund und +nicht eckig und so sonderlich geformt war, daß es alle Augenblicke +seine Gestalt zu verändern schien, obgleich es unbeweglich saß, und +von den Augen des Kerls war fast nichts als das Weiße zu sehen, da die +Sterne unaufhörlich auf einer blitzschnellen Wanderung begriffen waren +und wie zwei Hasen im Zickzack umhersprangen. „Seht mich nur an," fuhr +er fort, „eure Väter kennen mich wohl, und jedermann in diesem Dorfe +weiß, wer ich bin, wenn er nur meine Nase sieht. Da haben sie vor +Jahren ausgeschrieben, daß ein Stück Geld für den Erben dieses Ackers +bereitliege; ich habe mich zwanzigmal gemeldet, aber ich habe keinen +Taufschein und keinen Heimatschein, und meine Freunde, die +Heimatlosen, die meine Geburt gesehen, haben kein gültiges Zeugnis, +und so ist die Frist längst verlaufen, und ich bin um den blutigen +Pfennig gekommen, mit dem ich hätte auswandern können! Ich habe eure +Väter angefleht, daß sie mir bezeugen möchten, sie müßten mich nach +ihrem Gewissen für den rechten Erben halten; aber sie haben mich von +ihren Höfen gejagt, und nun sind sie selbst zum Teufel gegangen! Item, +das ist der Welt Lauf, mir kann's recht sein, ich will euch doch +geigen, wenn ihr tanzen wollt!" Damit sprang er auf der andern Seite +von den Steinen hinunter und machte sich dem Dorfe zu, wo gegen Abend +der Erntesegen eingebracht wurde und die Leute guter Dinge waren. Als +er verschwunden, ließ sich das Paar ganz mutlos und betrübt auf die +Steine nieder; sie ließen ihre verschlungenen Hände fahren und +stützten die traurigen Köpfe darauf; denn die Erscheinung des Geigers +und seine Worte hatten sie aus der glücklichen Vergessenheit gerissen, +in welcher sie wie zwei Kinder auf und ab gewandelt; und wie sie nun +auf dem harten Grund ihres Elendes saßen, verdunkelte sich das heitere +Lebenslicht, und ihre Gemüter wurden so schwer wie Steine. + +Da erinnerte sich Vrenchen unversehens der wunderlichen Gestalt und +der Nase des Geigers, es mußte plötzlich hell auslachen und rief: „Der +arme Kerl sieht gar zu spaßhaft aus! Was für eine Nase!" und eine +allerliebste, sonnenhelle Lustigkeit verbreitete sich über des +Mädchens Gesicht, als ob sie nur geharrt hätte, bis des Geigers Nase +die trüben Wolken wegstieße. Sali sah Vrenchen an und sah diese +Fröhlichkeit. Es hatte die Ursache aber schon wieder vergessen und +lachte nur noch auf eigene Rechnung dem Sali ins Gesicht. Dieser, +verblüfft und erstaunt, starrte unwillkürlich mit lachendem Munde auf +die Augen, gleich einem Hungrigen, der ein süßes Weizenbrot erblickt, +und rief: „Bei Gott, Vreeli! Wie schön bist du!" Vrenchen lachte ihn +nur noch mehr an und hauchte dazu aus klangvoller Kehle einige kurze, +mutwillige Lachtöne, welche dem armen Sali nicht anders dünkten, als +der Gesang einer Nachtigall. „O du Hexe!" rief er, „wo hast du das +gelernt? Welche Teufelskünste treibst du da?" „Ach du lieber Gott!" +sagte Vrenchen mit schmeichelnder Stimme und nahm Salis Hand, „das +sind keine Teufelskünste! Wie lange hätte ich gern einmal gelacht! Ich +habe wohl zuweilen, wenn ich ganz allein war, über irgend etwas lachen +müssen, aber es war nichts Rechtes dabei; jetzt aber möchte ich dich +immer und ewig anlachen, wenn ich dich sehe, und ich möchte dich wohl +immer und ewig sehen! Bist du mir auch ein bißchen recht gut?" „O +Vreeli!" sagte er und sah ihr ergeben und treuherzig in die Augen, +„ich habe noch nie ein Mädchen angesehen, es war mir immer, als ob ich +dich einst liebhaben müßte, und ohne daß ich wollte oder wußte, hast +du mir doch immer im Sinn gelegen!" „Und du mir auch," sagte Vrenchen, +„und das noch viel mehr; denn du hast mich nie angesehen und wußtest +nicht, wie ich geworden bin; ich aber habe dich zuzeiten aus der Ferne +und sogar heimlich aus der Nähe recht gut betrachtet und wußte immer, +wie du aussiehst! Weißt du noch, wie oft wir als Kinder +hierhergekommen sind? Denkst du noch des kleinen Wagens? Wie kleine +Leute sind wir damals gewesen und wie lang ist es her! Man sollte +denken, wir wären recht alt." „Wie alt bist du jetzt?" fragte Sali +voll Vergnügen und Zufriedenheit, „du mußt ungefähr siebzehn sein?" +„Siebzehn und ein halbes Jahr bin ich alt!" erwiderte Vrenchen, „und +wie alt bist du? Ich weiß aber schon, du bist bald zwanzig?" „Woher +weißt du das?" fragte Sali. „Gelt, wenn ich es sagen wollte!" „Du +willst es nicht sagen?" „Nein!" „Gewiß nicht?" „Nein, nein!" „Du +sollst es sagen!" „Willst du mich etwa zwingen?" „Das wollen wir +sehen!" Diese einfältigen Reden führte Sali, um seine Hände zu +beschäftigen und mit ungeschickten Liebkosungen, welche wie eine +Strafe aussehen sollten, das schöne Mädchen zu bedrängen. Sie führte +auch, sich wehrend, mit vieler Langmut den albernen Wortwechsel fort, +der trotz seiner Leerheit beide witzig und süß genug dünkte, bis Sali +erbost und kühn genug war, Vrenchens Hände zu bezwingen und es in die +Mohnblumen zu drücken. Da lag es nun und zwinkerte in der Sonne mit +den Augen; seine Wangen glühten wie Purpur und sein Mund war halb +geöffnet und ließ zwei Reihen weiße Zähne durchschimmern. Fein und +schön flossen die dunklen Augenbrauen ineinander und die junge Brust +hob und senkte sich mutwillig unter sämtlichen vier Händen, welche +sich kunterbunt darauf streichelten und bekriegten. Sali wußte sich +nicht zu lassen vor Freuden, das schlanke schöne Geschöpf vor sich zu +sehen, es sein eigen zu wissen, und es dünkte ihm ein Königreich. +„Alle deine weißen Zähne hast du noch!" lachte er, „weißt du noch, wie +oft wir sie einst gezählt haben? Kannst du jetzt zählen?" „Das sind ja +nicht die gleichen, du Kind!" sagte Vrenchen, „jene sind längst +ausgefallen!" Sali wollte nun in seiner Einfalt jenes Spiel wieder +erneuern und die glänzenden Zahnperlen zählen; aber Vrenchen verschloß +plötzlich den roten Mund, richtete sich auf und begann einen Kranz von +Mohnrosen zu winden, den es sich auf den Kopf setzte. Der Kranz war +voll und breit und gab der bräunlichen Dirne ein fabelhaftes, +reizendes Ansehen, und der arme Sali hielt in seinem Arm, was reiche +Leute teuer bezahlt hätten, wenn sie es nur gemalt an ihren Wänden +hätten sehen können. Jetzt sprang sie aber empor und rief: „Himmel, +wie heiß ist es hier! Da sitzen wir wie die Narren und lassen uns +versengen! Komm, mein Lieber! laß uns ins hohe Korn sitzen!" Sie +schlüpften hinein so geschickt und sachte, daß sie kaum eine Spur +zurückließen, und bauten sich einen engen Kerker in den goldenen +Ähren, die ihnen hoch über den Kopf ragten, als sie drin saßen, so daß +sie nur den tiefblauen Himmel über sich sahen und sonst nichts von der +Welt. Sie umhalsten sich und küßten sich unverweilt und so lange, bis +sie einstweilen müde waren, oder wie man es nennen will, wenn das +Küssen zweier Verliebter auf eine oder zwei Minuten sich selbst +überlebt und die Vergänglichkeit alles Lebens mitten im Rausche der +Blütezeit ahnen läßt. Sie hörten die Lerchen singen hoch über sich und +suchten dieselben mit ihren scharfen Augen, und wenn sie glaubten, +flüchtig eine in der Sonne aufblitzen zu sehen, gleich einem plötzlich +aufleuchtenden oder hinschießenden Stern am blauen Himmel, so küßten +sie sich wieder zur Belohnung und suchten einander zu übervorteilen +und zu täuschen, soviel sie konnten. „Siehst du, dort blitzt eine!" +flüsterte Sali und Vrenchen erwiderte ebenso leise: „Ich höre sie +wohl, aber ich sehe sie nicht!" „Doch, paß nur auf, dort, wo das weiße +Wölkchen steht, ein wenig rechts davon!" Und beide sahen eifrig hin +und sperrten vorläufig ihre Schnäbel auf, wie die jungen Wachteln im +Neste, um sie unverzüglich aufeinanderzuheften, wenn sie sich +einbildeten, die Lerche gesehen zu haben. Auf einmal hielt Vrenchen +inne und sagte: „Dies ist also eine ausgemachte Sache, daß jedes von +uns einen Schatz hat, dünkt es dich nicht so?" „Ja," sagte Sali, „es +scheint mir auch so!" „Wie gefällt dir denn dein Schätzchen," sagte +Vrenchen, „was ist es für ein Ding, was hast du von ihm zu melden?" +„Es ist ein gar feines Ding," sagte Sali, „es hat zwei braune Augen, +einen roten Mund und läuft auf zwei Füssen; aber seinen Sinn kenn' ich +weniger, als den Papst zu Rom! Und was kannst du von deinem Schatz +berichten?" „Er hat zwei blaue Augen, einen nichtsnutzigen Mund und +braucht zwei verwegene starke Arme; aber seine Gedanken sind mir +unbekannter, als der türkische Kaiser!" „Es ist eigentlich wahr," +sagte Sali, „daß wir uns weniger kennen, als wenn wir uns nie gesehen +hätten, so fremd hat uns die lange Zeit gemacht, seit wir groß +geworden sind! Was ist alles vorgegangen in deinem Köpfchen, mein +liebes Kind?" „Ach, nicht viel! Tausend Narrenspossen haben sich +wollen regen, aber es ist mir immer so trübselig ergangen, daß sie +nicht aufkommen konnten!" „Du armes Schätzchen," sagte Sali, „ich +glaube aber, du hast es hinter den Ohren, nicht?" „Das kannst du ja +nach und nach erfahren, wenn du mich recht lieb hast!" „Wenn du einst +meine Frau bist?" Vrenchen zitterte leis bei diesem letzten Worte und +schmiegte sich tiefer in Salis Arme, ihn von neuem lange und zärtlich +küssend. Es traten ihr dabei Tränen in die Augen und beide wurden auf +einmal traurig, da ihnen ihre hoffnungsarme Zukunft in den Sinn kam +und die Feindschaft ihrer Eltern. Vrenchen seufzte und sagte: „Komm, +ich muß nun gehen!" und so erhoben sie sich und gingen Hand in Hand +aus dem Kornfeld, als sie Vrenchens Vater spähend vor sich sahen. Mit +dem kleinlichen Scharfsinn des müßigen Elends hatte dieser, als er dem +Sali begegnet, neugierig gegrübelt, was der wohl allein im Dorfe zu +suchen ginge, und sich des gestrigen Vorfalles erinnernd, verfiel er, +immer nach der Stadt zu schlendernd, endlich auf die richtige Spur, +rein aus Groll und unbeschäftigter Bosheit, und nicht so bald gewann +der Verdacht eine bestimmte Gestalt, als er mitten in den Gassen von +Seldwyla umkehrte und wieder in das Dorf hinaustrollte, wo er seine +Tochter in Haus und Hof und rings in den Hecken vergeblich suchte. Mit +wachsender Neugier rannte er auf den Acker hinaus, und als er da +Vrenchens Korb liegen sah, in welchem es die Früchte zu holen pflegte, +das Mädchen selbst aber nirgends erblickte, spähte er eben am Korne +des Nachbars herum, als die erschrockenen Kinder herauskamen. Sie +standen wie versteinert und Marti stand erst auch da und beschaute sie +mit bösen Blicken, bleich wie Blei; dann fing er fürchterlich an zu +toben in Gebärden und Schimpfworten und langte zugleich grimmig nach +dem jungen Burschen, um ihn zu würgen; Sali wich aus und floh einige +Schritte zurück, entsetzt über den wilden Mann, sprang aber sogleich +wieder zu, als er sah, daß der Alte statt seiner nun das zitternde +Mädchen faßte, ihm eine Ohrfeige gab, daß der rote Kranz herunterflog, +und seine Haare um die Hand wickelte, um es mit sich fortzureißen und +weiter zu mißhandeln. Ohne sich zu besinnen, raffte er einen Stein auf +und schlug mit demselben den Alten gegen den Kopf, halb in Angst um +Vrenchen und halb im Jähzorn. Marti taumelte erst ein wenig, sank dann +bewußtlos auf den Steinhaufen nieder und zog das erbärmlich +aufschreiende Vrenchen mit. Sali befreite noch dessen Haare aus der +Hand des Bewußtlosen und richtete es auf; dann stand er da wie eine +Bildsäule, ratlos und gedankenlos. Das Mädchen, als es den wie tot +daliegenden Vater sah, fuhr sich mit den Händen über das erbleichende +Gesicht, schüttelte sich und sagte: „Hast du ihn erschlagen?" Sali +nickte lautlos und Vrenchen schrie: „O Gott, du lieber Gott! Es ist +mein Vater! Der arme Mann!" und sinnlos warf es sich über ihn und hob +seinen Kopf auf, an welchem indessen kein Blut floß. Es ließ ihn +wieder sinken; Sali ließ sich auf der andern Seite den Mannes nieder, +und beide schauten, still wie das Grab und mit erlahmten, reglosen +Händen in das leblose Gesicht. Um nur etwas anzufangen, sagte endlich +Sali: „Er wird doch nicht gleich tot sein müssen? Das ist gar nicht +ausgemacht!" Vrenchen riß ein Blatt von einer Klatschrose ab und legte +es auf die erblaßten Lippen und es bewegte sich schwach. „Er atmet +noch," rief es, „so lauf doch ins Dorf und hol' Hilfe." Als Sali +aufsprang und laufen wollte, streckte es ihm die Hand nach und rief +ihn zurück: „Komm aber nicht mit zurück und sage nichts, wie es +zugegangen, ich werde auch schweigen, man soll nichts aus mir +herausbringen!" sagte es und sein Gesicht, das es dem armen, ratlosen +Burschen zuwandte, überfloß von schmerzlichen Tränen. „Komm, küß' mich +noch einmal! Nein, geh, mach' dich fort! Es ist aus, es ist ewig aus, +wir können nicht zusammenkommen!" Es stieß ihn fort und er lief +willenlos dem Dorfe zu. Er begegnete einem Knäbchen, das ihn nicht +kannte; diesem trug er auf, die nächsten Leute zu holen, und beschrieb +ihm genau, wo die Hilfe nötig sei. Dann machte er sich verzweifelt +fort und irrte die ganze Nacht im Gehölze herum. Am Morgen schlich er +in die Felder, um zu spähen, wie es gegangen sei, und hörte von frühen +Leuten, welche miteinander sprachen, daß Marti noch lebe, aber nichts +von sich wisse, und wie das eine seltsame Sache wäre, da kein Mensch +wisse, was ihm zugestoßen. Erst jetzt ging er in die Stadt zurück und +verbarg sich in dem dunkeln Elend des Hauses. + +Vrenchen hielt ihm Wort; es war nichts aus ihm herauszufragen, als daß +es selbst den Vater so gefunden habe, und da er am andern Tage sich +wieder tüchtig regte und atmete, freilich ohne Bewußtsein, und +überdies kein Kläger da war, so nahm man an, er sei betrunken gewesen +und auf die Steine gefallen, und ließ die Sache auf sich beruhen. +Vrenchen pflegte ihn und ging nicht von seiner Seite, außer um die +Arzneimittel zu holen beim Doktor und etwa für sich selbst eine +schlechte Suppe zu kochen; denn es lebte beinahe von nichts, obgleich +es Tag und Nacht wach sein mußte und niemand ihm half. Es dauerte +beinahe sechs Wochen, bis der Kranke allmählich zu seinem Bewußtsein +kam, obgleich er vorher schon wieder aß und in seinem Bette ziemlich +munter war. Aber es war nicht das alte Bewußtsein, das er jetzt +erlangte, sondern es zeigte sich immer deutlicher, je mehr er sprach, +daß er blödsinnig geworden, und zwar auf die wunderlichste Weise. Er +erinnerte sich nur dunkel an das Geschehene und wie an etwas sehr +Lustiges, was ihn nicht weiter berühre, lachte immer wie ein Narr und +war guter Dinge. Noch im Bette liegend, brachte er hundert närrische, +sinnlos mutwillige Redensarten und Einfälle zum Vorschein, schnitt +Gesichter und zog sich die schwarzwollene Zipfelmütze in die Augen und +über die Nase herunter, daß diese aussah, wie ein Sarg unter einem +Bahrtuch. Das bleiche und abgehärmte Vrenchen hörte ihm geduldig zu, +Tränen vergießend über das törichte Wesen, welches die arme Tochter +noch mehr ängstigte, als die frühere Bosheit; aber wenn der Alte +zuweilen etwas gar zu Drolliges anstellte, so mußte es mitten in +seiner Qual laut auflachen, da sein unterdrücktes Wesen immer zur Lust +aufzuspringen bereit war, wie ein gespannter Bogen, worauf dann eine +um so tiefere Betrübnis erfolgte. Als der Alte aber aufstehen konnte, +war gar nichts mehr mit ihm anzustellen; er machte nichts als +Dummheiten, lachte und stöberte um das Haus herum, setzte sich in die +Sonne und streckte die Zunge heraus oder hielt lange Reden in die +Bohnen hinein. + +Um die gleiche Zeit aber war es auch aus mit den wenigen Überbleibseln +seines ehemaligen Besitzes und die Unordnung so weit gediehen, daß +auch sein Haus und der letzte Acker, seit geraumer Zeit verpfändet, +nun gerichtlich verkauft wurden. Denn der Bauer, welcher die zwei +Äcker des Manz gekauft, benutzte die gänzliche Verkommenheit Martis +und seine Krankheit und führte den alten Streit wegen des streitigen +Steinfleckes kurz und entschlossen zu Ende, und der verlorene Prozeß +trieb Martis Faß vollends den Boden aus, indessen er in seinem +Blödsinne nichts mehr von diesen Dingen wußte. Die Versteigerung fand +statt; Marti wurde von der Gemeinde in einer Stiftung für dergleichen +arme Tröpfe auf öffentliche Kosten untergebracht. Diese Anstalt befand +sich in der Hauptstadt des Ländchens; der gesunde und eßbegierige +Blödsinnige wurde noch gut gefüttert, dann auf ein mit Ochsen +bespanntes Wägelchen geladen, das ein ärmlicher Bauersmann nach der +Stadt führte, um zugleich einen oder zwei Säcke Kartoffeln zu +verkaufen, und Vrenchen setzte sich zu dem Vater auf das Fuhrwerk, um +ihn auf diesem letzten Gange zu dem lebendigen Begräbnis zu begleiten. +Es war eine traurige und bittere Fahrt, aber Vrenchen wachte +sorgfältig über seinen Vater und ließ es ihm an nichts fehlen, und es +sah sich nicht um und ward nicht ungeduldig, wenn durch die Kapriolen +des Unglücklichen die Leute aufmerksam wurden und dem Wägelchen +nachliefen, wo sie durchfuhren. Endlich erreichten sie das weitläufige +Gebäude in der Stadt, wo die langen Gänge, die Höfe und ein +freundlicher Garten von einer Menge ähnlicher Tröpfe belebt waren, die +alle in weiße Kittel gekleidet waren und dauerhafte Lederkäppchen auf +den harten Köpfen trugen. Auch Marti wurde noch vor Vrenchens Augen in +diese Tracht gekleidet, und er freute sich wie ein Kind darüber und +tanzte singend umher. „Gott grüß euch, ihr geehrten Herren!" rief er +seine neuen Genossen an, „ein schönes Haus habt ihr hier! Geh heim, +Vrenggel, und sag' der Mutter, ich komme nicht mehr nach Haus, hier +gefällt's mir bei Gott! Juchhei! Es kreucht ein Igel über den Hag, ich +hab' ihn hören bellen! O Meitli, küß' kein' alten Knab', küß' nur die +jungen Gesellen! Alle die Wässerlein laufen in Rhein, die mit dem +Pflaumenaug', die muß es sein! Gehst du schon, Vreeli? Du siehst ja +aus wie der Tod im Häfelein und geht es mir doch so erfreulich! Die +Füchsin schreit im Felde: Halleo, halleo! Das Herz tut ihr weho! +hoho!" Ein Aufseher gebot ihm Ruhe und führte ihn zu einer leichten +Arbeit, und Vrenchen ging das Fuhrwerk aufzusuchen. Es setzte sich auf +den Wagen, zog ein Stückchen Brot hervor und aß dasselbe; dann schlief +es, bis der Bauer kam und mit ihm nach dem Dorfe zurückfuhr. Sie kamen +erst in der Nacht an. Vrenchen ging nach dem Hause, in dem es geboren +und nur zwei Tage bleiben durfte, und es war jetzt zum erstenmal in +seinem Leben ganz allein darin. Es machte ein Feuer, um das letzte +Restchen Kaffee zu kochen, das es noch besaß, und setzte sich auf den +Herd, denn es war ihm ganz elendiglich zumut. Es sehnte sich und +härmte sich ab, den Sali nur ein einziges Mal zu sehen, und dachte +inbrünstig an ihn; aber die Sorgen und der Kummer verbitterten seine +Sehnsucht und diese machten die Sorgen wieder viel schwerer. So saß es +und stützte den Kopf in die Hände, als jemand durch die offenstehende +Tür hereinkam. „Sali!" rief Vrenchen, als es aufsah, und fiel ihm um +den Hals; dann sahen sich aber beide erschrocken an und riefen: „Wie +siehst du elend aus!" Denn Sali sah nicht minder als Vrenchen bleich +und abgezehrt aus. Alles vergessend, zog es ihn zu sich auf den Herd +und sagte: „Bist du krank gewesen, oder ist es dir auch so schlimm +gegangen?" Sali antwortete: „Nein, ich bin gerade nicht krank, außer +vor Heimweh nach dir! Bei uns geht es jetzt hoch und herrlich zu; der +Vater hat einen Einzug und Unterschleif von auswärtigem Gesindel und +ich glaube, soviel ich merke, ist er ein Diebeshehler geworden. +Deshalb ist jetzt einstweilen Hülle und Fülle in unserer Taverne, +solang es geht und bis es ein Ende mit Schrecken nimmt. Die Mutter +hilft dazu, aus bitterlicher Gier, nur etwas im Hause zu sehen, und +glaubt den Unfug noch durch eine gewisse Aufsicht und Ordnung +annehmlich und nützlich zu machen! Mich fragt man nicht und ich konnte +mich nicht viel darum kümmern; denn ich kann nur an dich denken Tag +und Nacht. Da allerhand Landstreicher bei uns einkehren, so haben wir +alle Tage gehört, was bei euch vorgeht, worüber mein Vater sich freut +wie ein kleines Kind. Daß dein Vater heute nach dem Spittel gebracht +wurde, haben wir auch vernommen; ich habe gedacht, du werdest jetzt +allein sein, und bin gekommen, um dich zu sehen!" Vrenchen klagte ihm +jetzt auch alles, was sie drückte und was sie erlitt, aber mit so +leichter, zutraulicher Zunge, als ob sie ein großes Glück beschriebe, +weil sie glücklich war, Sali neben sich zu sehen. Sie brachte +inzwischen notdürftig ein Becken voll warmen Kaffee zusammen, welchen +mit ihr zu teilen sie den Geliebten zwang. „Also übermorgen mußt du +hier weg?" sagte Sali, „was soll denn ums Himmels willen werden?" „Das +weiß ich nicht," sagte Vrenchen, „ich werde dienen müssen und in die +Welt hinaus! Ich werde es aber nicht aushalten ohne dich, und doch +kann ich dich nie bekommen, auch wenn alles andere nicht wäre, bloß +weil du meinen Vater geschlagen und um dem Verstand gebracht hast! +Dies würde immer ein schlechter Grundstein unserer Ehe sein und wir +beide nie sorglos werden, nie!" Sali seufzte und sagte: „Ich wollte +auch schon hundertmal Soldat werden oder mich in einer fremden Gegend +als Knecht verdingen, aber ich kann noch nicht fortgehen, solange du +hier bist, und hernach wird es mich aufreiben. Ich glaube, das Elend +macht meine Liebe zu dir stärker und schmerzhafter, so daß es um Leben +und Tod geht! Ich habe von dergleichen keine Ahnung gehabt!" Vrenchen +sah ihn liebevoll lächelnd an; sie lehnten sich an die Wand zurück und +sprachen nichts mehr, sondern gaben sich schweigend der glückseligen +Empfindung hin, die sich über allen Gram erhob, daß sie sich im +größten Ernste gut wären und geliebt wüßten. Darüber schliefen sie +friedlich ein auf dem unbequemen Herde, ohne Kissen und Pfühl, und +schliefen so sanft und ruhig wie zwei Kinder in einer Wiege. Schon +graute der Morgen, als Sali zuerst erwachte; er weckte Vrenchen, so +sacht er konnte; aber es duckte sich immer wieder an ihn, +schlaftrunken, und wollte sich nicht ermuntern. Da küßte er es heftig +auf den Mund und Vrenchen fuhr empor, machte die Augen weit auf, und +als es Sali erblickte, rief es: „Herrgott! Ich habe eben noch von dir +geträumt! Es träumte mir, wir tanzten miteinander auf unserer +Hochzeit, lange, lange Stunden! und waren so glücklich, sauber +geschmückt und es fehlte uns an nichts. Da wollten wir uns endlich +küssen und dürsteten danach, aber immer zog uns etwas auseinander und +nun bist du es selbst gewesen, der uns gestört und gehindert hat! Aber +wie gut, daß du gleich da bist!" Gierig fiel es ihm um den Hals und +küßte ihn, als ob es kein Ende nehmen sollte. „Und was hast du denn +geträumt?" fragte sie und streichelte ihm Wangen und Kinn. „Mir +träumte, ich ginge endlos auf einer langen Straße durch einen Wald und +du in der Ferne immer vor mir her; zuweilen sahest du nach mir um, +winktest mir und lachtest und dann war ich wie im Himmel. Das ist +alles!" Sie traten unter die offengebliebene Küchentüre, die +unmittelbar ins Freie führte, und mußten lachen, als sie sich ins +Gesicht sahen. Denn die rechte Wange Vrenchens und die linke Salis, +welche im Schlafe aneinandergelehnt hatten, waren von dem Drucke ganz +rotgefärbt, während die Blässe der andern durch die kühle Nachtluft +noch erhöht war. Sie rieben sich zärtlich die kalte bleiche Seite +ihrer Gesichter, um sie auch rot zu machen; die frische Morgenluft, +der tauige stille Frieden, der über der Gegend lag, das junge +Morgenrot machten sie fröhlich und selbstvergessen und besonders in +Vrenchen schien ein freundlicher Geist der Sorglosigkeit gefahren zu +sein. „Morgen abend muß ich also aus diesem Hause fort," sagte es, +„und ein anderes Obdach suchen. Vorher aber möchte ich einmal, nur +einmal recht lustig sein, und zwar mit dir; ich möchte recht herzlich +und fleißig mit dir tanzen irgendwo, denn das Tanzen aus dem Traume +steckt mir immerfort im Sinn!" „Jedenfalls will ich dabei sein und +sehen, wo du unterkommst," sagte Sali, „und tanzen wollte ich auch +gerne mit dir, du herziges Kind! Aber wo?" „Es ist morgen Kirchweih an +zwei Orten nicht sehr weit von hier," erwiderte Vrenchen, „da kennt +und beachtet man uns weniger; draußen am Wasser will ich auf dich +warten und dann können wir gehen, wohin es uns gefällt, um uns lustig +zu machen, einmal, Einmal nur! Aber je, wir haben ja gar kein Geld!" +setzte es traurig hinzu, „da kann nichts daraus werden!" „Laß nur," +sagte Sali, „ich will schon etwas mitbringen!" „Doch nicht von deinem +Vater, von--von dem Gestohlenen?" „Nein, sei nur ruhig! Ich habe noch +meine silberne Uhr bewahrt bis dahin, die will ich verkaufen." „Ich +will dir nicht abraten," sagte Vrenchen errötend, „denn ich glaube, +ich müßte sterben, wenn ich nicht morgen mit dir tanzen könnte." „Es +wäre das beste, wir beide könnten sterben!" sagte Sali; sie umarmten +sich wehmütig und schmerzlich zum Abschied, und als sie +voneinanderließen, lachten sie sich doch freundlich an in der sicheren +Hoffnung auf den nächsten Tag. „Aber wann willst du denn kommen?" rief +Vrenchen noch. „Spätestens um elf Uhr mittags," erwiderte er, „wir +wollen recht ordentlich zusammen Mittag essen!" „Gut, gut! Komm lieber +um halb elf schon!" Doch als Sali schon im Gehen war, rief sie ihn +noch einmal zurück und zeigte ein plötzlich verändertes +verzweiflungsvolles Gesicht. „Es wird doch nichts daraus," sagte sie +bitterlich weinend, „ich habe keine Sonntagsschuhe mehr. Schon gestern +habe ich diese groben hier anziehen müssen, um nach der Stadt zu +kommen! Ich weiß keine Schuhe aufzubringen!" Sali stand ratlos und +verblüfft. „Keine Schuhe!" sagte er, „da mußt du halt in diesen +kommen!" „Nein, nein, in denen kann ich nicht tanzen!" „Nun, so müssen +wir welche kaufen!" „Wo, mit was?" „Ei, in Seldwyl da gibt es +Schuhläden genug! Geld werde ich in minder als zwei Stunden haben." +„Aber, ich kann doch nicht mit dir in Seldwyl herumgehen, und dann +wird das Geld nicht langen, auch noch Schuhe zu kaufen!" „Es muß! Und +ich will die Schuhe kaufen und morgen mitbringen!" „O du Närrchen, sie +werden ja nicht passen, die du kaufst!" „So gib mir einen alten Schuh +mit, oder halt, noch besser, ich will dir das Maß nehmen, das wird +doch kein Hexenwerk sein!" „Das Maß nehmen? Wahrhaftig, daran hab' ich +nicht gedacht! Komm, komm, ich will dir ein Schnürchen suchen!" Sie +setzte sich wieder auf den Herd, zog den Rock etwas zurück und +streifte den Schuh vom Fuße, der noch von der gestrigen Reise her mit +einem weißen Strumpfe bekleidet war. Sali kniete nieder und nahm, so +gut er es verstand, das Maß, indem er den zierlichen Fuß der Länge und +Breite nach umspannte mit dem Schnürchen und sorgfältig Knoten in +dasselbe knüpfte. „Du Schuhmacher!" sagte Vrenchen und lachte errötend +und freundschaftlich zu ihm nieder. Sali wurde aber auch rot und hielt +den Fuß fest in seinen Händen, länger als nötig war, so daß Vrenchen +ihn noch tiefer errötend zurückzog, den verwirrten Sali aber noch +einmal stürmisch umhalste und küßte, dann aber fortschickte. + +Sobald er in der Stadt war, trug er seine Uhr zu einem Uhrmacher, der +ihm sechs oder sieben Gulden dafür gab; für die silberne Kette bekam +er auch einige Gulden, und er dünkte sich nun reich genug, denn er +hatte, seit er groß war, nie so viel Geld besessen auf einmal. Wenn +nur erst der Tag vorüber und der Sonntag angebrochen wäre, um das +Glück damit zu erkaufen, das er sich von dem Tage versprach, dachte +er; denn wenn das Übermorgen auch um so dunkler und unbekannter +hereinragte, so gewann die ersehnte Lustbarkeit von morgen nur einen +seltsamern erhöhten Glanz und Schein. Indessen brachte er die Zeit +noch leidlich hin, indem er ein Paar Schuhe für Vrenchen suchte, und +dies war ihm das vergnügteste Geschäft, das er je betrieben. Er ging +von einem Schuhmacher zum andern, ließ sich alle Weiberschuhe zeigen, +die vorhanden waren, und endlich handelte er ein leichtes und feines +Paar ein, so hübsch, wie sie Vrenchen noch nie getragen. Er verbarg +die Schuhe unter seiner Weste und tat sie die übrige Zeit des Tages +nicht mehr von sich; er nahm sie sogar mit ins Bett und legte sie +unter das Kopfkissen. Da er das Mädchen heute früh noch gesehen und +morgen wieder sehen sollte, so schlief er fest und ruhig, war aber in +aller Frühe munter und begann seinen dürftigen Sonntagsstaat +zurechtzumachen und auszuputzen, so gut es gelingen wollte. Es fiel +seiner Mutter auf und sie fragte verwundert, was er vorhabe, da er +sich schon lange nicht mehr so sorglich angezogen. Er wolle einmal +über Land gehen und sich ein wenig umtun, erwiderte er, er werde sonst +krank in diesem Hause. „Das ist mir die Zeit her ein merkwürdiges +Leben," murrte der Vater, „und ein Herumschleichen!" „Laß ihn nur +gehen," sagte aber die Mutter, „es tut ihm vielleicht gut, es ist ja +ein Elend, wie er aussieht!" „Hast du Geld zum Spazierengehen? Woher +hast du es?" fragte der Alte. „Ich brauche keines!" sagte Sali. „Da +hast du einen Gulden!" versetzte der Alte und warf ihm denselben hin. +„Du kannst im Dorf ins Wirtshaus gehen und ihn dort verzehren, damit +sie nicht glauben, wir seien hier so übel dran." „Ich will nicht ins +Dorf und brauche den Gulden nicht, behaltet ihn nur!" „So hast du ihn +gehabt, es wäre schad, wenn du ihn haben müßtest, du Starrkopf!" rief +Manz und schob seinen Gulden wieder in die Tasche. Seine Frau aber, +welche nicht wußte, warum sie heute ihres Sohnes wegen so wehmütig und +gerührt war, brachte ihm ein großes schwarzes Mailänder Halstuch mit +rotem Rande, das sie nur selten getragen und er schon früher gern +gehabt hätte. Er schlang es um den Hals und ließ die langen Zipfel +fliegen; auch stellte er zum erstenmal den Hemdkragen, den er sonst +immer umgeschlagen, ehrbar und männlich in die Höhe, bis über die +Ohren hinauf, in einer Anwandlung ländlichen Stolzes, und machte sich +dann, seine Schuhe in der Brusttasche des Rockes, schon nach sieben +Uhr auf den Weg. Als er die Stube verließ, drängte ihn ein seltsames +Gefühl, Vater und Mutter die Hand zu geben, und auf der Straße sah er +sich noch einmal nach dem Hause um. „Ich glaube am Ende," sagte Manz, +„der Bursche streicht irgendeinem Weibsbild nach; das hätten wir +gerade noch nötig!" Die Frau sagte: „O wollte Gott! daß er vielleicht +ein Glück machte! Das täte dem armen Buben gut!" „Richtig!" sagte der +Mann, „das fehlt nicht! Das wird ein himmlisches Glück geben, wenn er +nur erst an eine solche Maultasche zu geraten das Unglück hat! Das +täte dem armen Bübchen gut! Natürlich!" + +Sali richtete seinen Schritt erst nach dem Flusse zu, wo er Vrenchen +erwarten wollte; aber unterwegs ward er anderen Sinnes und ging +geradezu ins Dorf, um Vrenchen im Hause selbst abzuholen, weil es ihm +zu lang währte bis halb elf! „Was kümmern uns die Leute!" dachte er. +„Niemand hilft uns und ich bin ehrlich und fürchte niemand!" So trat +er unerwartet in Vrenchens Stube und ebenso unerwartet fand er es +schon vollkommen angekleidet und geschmückt dasitzen und der Zeit +harren, wo es gehen könne, nur die Schuhe fehlten ihm noch. Aber Sali +stand mit offenem Munde still in der Mitte der Stube, als er das +Mädchen erblickte, so schön sah es aus. Es hatte nur ein einfaches +Kleid an von blaugefärbter Leinwand, aber dasselbe war frisch und +sauber und saß ihm sehr gut um den schlanken Leib. Darüber trug es ein +schneeweißes Musselinehalstuch und dies war der ganze Anzug. Das +braune gekräuselte Haar war sehr wohl geordnet und die sonst so wilden +Löckchen lagen nun fein und lieblich um den Kopf; da Vrenchen seit +vielen Wochen fast nicht aus dem Hause gekommen, so war seine Farbe +zarter und durchsichtiger geworden, so wie auch vom Kummer; aber in +diese Durchsichtigkeit goß jetzt die Liebe und die Freude ein Rot um +das andere, und an der Brust trug es einen schönen Blumenstrauß von +Rosmarin, Rosen und prächtigen Astern. Es saß am offenen Fenster und +atmete still und hold die frischdurchsonnte Morgenluft; wie es aber +Sali erscheinen sah, streckte es ihm beide hübsche Arme entgegen, +welche vom Ellbogen an bloß waren, und rief: „Wie recht hast du, daß +du schon jetzt und hierher kommst! Aber hast du mir Schuhe gebracht? +Gewiß? Nun steh' ich nicht auf, bis ich sie anhabe!" Er zog die +ersehnten aus der Tasche und gab sie dem begierigen schönen Mädchen; +es schleuderte die alten von sich, schlüpfte in die neuen und sie +paßten sehr gut. Erst jetzt erhob es sich vom Stuhl, wiegte sich in +den neuen Schuhen und ging eifrig einigemal auf und nieder. Es zog das +lange, blaue Kleid etwas zurück und beschaute wohlgefällig die roten +wollenen Schleifen, welche die Schuhe zierten, während Sali +unaufhörlich die feine reizende Gestalt betrachtete, welche da in +lieblicher Aufregung vor ihm sich regte und freute. „Du beschaust +meinen Strauß?" sagte Vrenchen, „hab' ich nicht einen schönen +zusammengebracht? Du mußt wissen, dies sind die letzten Blumen, die +ich noch aufgefunden in dieser Wüstenei. Hier war noch ein Röschen, +dort eine Aster, und wie sie nun gebunden sind, würde man es ihnen +nicht ansehen, daß sie aus einem Untergange zusammengesucht sind! Nun +ist es aber Zeit, daß ich fortkomme, nicht ein Blümchen mehr im Garten +und das Haus auch leer!" Sali sah sich um und bemerkte erst jetzt, daß +alle Fahrhabe, die noch dagewesen, weggebracht war. „Du armes Vreeli!" +sagte er, „haben sie dir schon alles genommen?" „Gestern," erwiderte +es, „haben sie's weggeholt, was sich von der Stelle bewegen ließ, und +mir kaum mehr als mein Bett gelassen. Ich hab's aber auch gleich +verkauft und hab' jetzt auch Geld, sieh!" Es holte einige neue +glänzende Talerstücke aus der Tasche seines Kleides und zeigte sie +ihm. „Damit," fuhr es fort, „sagte der Waisenvogt, der auch hier war, +solle ich mir einen Dienst suchen in einer Stadt und ich solle mich +heute gleich auf den Weg machen!" „Da ist aber auch gar nichts mehr +vorhanden," sagte Sali, nachdem er in die Küche geguckt hatte, „ich +sehe kein Hölzchen, kein Pfännchen, kein Messer! Hast du denn auch +nicht zu Morgen gegessen?" „Nichts!" sagte Vrenchen, „ich hätte mir +etwas holen können, aber ich dachte, ich wolle lieber hungrig bleiben, +damit ich recht viel essen könne mit dir zusammen, denn ich freue mich +so sehr darauf, du glaubst nicht, wie ich mich freue!" „Wenn ich dich +nur anrühren dürfte," sagte Sali, „so wollte ich dir zeigen, wie es +mir ist, du schönes, schönes Ding!" „Du hast recht, du würdest meinen +ganzen Staat verderben, und wenn wir die Blumen ein bißchen schonen, +so kommt es zugleich meinem armen Kopf zugut, den du mir übel +zuzurichten pflegst!" „So komm, jetzt wollen wir ausrücken!" „Noch +müssen wir warten, bis das Bett abgeholt wird; denn nachher schließe +ich das leere Haus zu und gehe nicht mehr hierher zurück! Mein +Bündelchen gebe ich der Frau aufzuheben, die das Bett gekauft hat." +Sie setzten sich daher einander gegenüber und warteten; die Bäuerin +kam bald, eine vierschrötige Frau mit lautem Mundwerk, und hatte einen +Burschen bei sich, welcher die Bettstelle tragen sollte. Als diese +Frau Vrenchens Liebhaber erblickte und das geputzte Mädchen selbst, +sperrte sie Mund und Augen auf, stemmte die Arme unter und schrie: +„Ei, sieh da, Vreeli! Du treibst es ja schon gut! Hast einen Besucher +und bist gerüstet wie eine Prinzeß?" „Gelt aber!" sagte Vrenchen +freundlich lachend, „wißt Ihr auch, wer das ist?" „Ei, ich denke, das +ist wohl der Sali Manz? Berg und Tal kommen nicht zusammen, sagt man, +aber die Leute! Aber nimm dich doch in acht, Kind, und denk, wie es +euren Eltern ergangen ist!" „Ei, das hat sich jetzt gewendet und alles +ist gut geworden," erwiderte Vrenchen lächelnd und freundlich +mitteilsam, ja beinahe herablassend, „seht, Sali ist mein Hochzeiter!" +„Dein Hochzeiter! Was du sagst!" „Ja und er ist ein reicher Herr, er +hat hunderttausend Gulden in der Lotterie gewonnen! Denket einmal, +Frau!" Diese tat einen Sprung, schlug ganz erschrocken die Hände +zusammen und schrie: „Hund--hunderttausend Gulden!" „Hunderttausend +Gulden!" versicherte Vrenchen ernsthaft. „Herr du meines Lebens! Es +ist aber nicht wahr, du lügst mich an, Kind!" „Nun, glaubt was Ihr +wollt!" „Aber, wenn es wahr ist und du heiratest ihn, was wollt ihr +denn machen mit dem Gelde? Willst du wirklich eine vornehme Frau +werden?" „Versteht sich, in drei Wochen halten wir die Hochzeit!" „Geh +mir weg, du bist eine häßliche Lügnerin!" „Das schönste Haus hat er +schon gekauft in Seldwyl mit einem großen Garten und Weinberg; Ihr +müßt mich auch besuchen, wenn wir eingerichtet sind, ich zähle +darauf!" „Allweg, du Teufelshexlein, was du bist!" „Ihr werdet sehen, +wie schön es da ist! Einen herrlichen Kaffee werde ich machen und Euch +mit seinem Eierbrot aufwarten, mit Butter und Honig!" „O du +Schelmenkind! Zähl' drauf, daß ich komme!" rief die Frau mit lüsternem +Gesicht und der Mund wässerte ihr. „Kommt Ihr aber um die Mittagszeit +und seid ermüdet vom Markt, so soll Euch eine kräftige Fleischbrühe +und ein Glas Wein immer bereitstehen!" „Das wird mir baß tun!" „Und an +etwas Zuckerwerk oder weißen Wecken für die lieben Kinder zu Hause +soll es Euch auch nicht fehlen!" „Es wird mir ganz schmachtend!" „Ein +artiges Halstüchelchen oder ein Restchen Seidenzeug oder ein hübsches +altes Band für Eure Röcke, oder ein Stück Zeug zu einer neuen Schürze +wird gewiß auch zu finden sein, wenn wir meine Kisten und Kasten +durchmustern in einer vertrauten Stunde!" Die Frau drehte sich auf den +Hacken herum und schüttelte jauchzend ihre Röcke. „Und wenn Euer Mann +ein vorteilhaftes Geschäft machen könnte mit einem Land- oder +Viehhandel, und er mangelt des Geldes, so wißt Ihr, wo Ihr anklopfen +sollt. Mein lieber Sali wird froh sein, jederzeit ein Stück Bares +sicher und erfreulich anzulegen! Ich selbst werde auch etwa einen +Sparpfennig haben, einer vertrauten Freundin beizustehen!" Jetzt war +der Frau nicht mehr zu helfen, sie sagte gerührt: „Ich habe immer +gesagt, du seiest ein braves und gutes und schönes Kind! Der Herr +wolle es dir wohlergehen lassen immer und ewiglich und es dir +gesegnen, was du an mir tust!" „Dagegen verlange ich aber auch, daß +Ihr es gut mit mir meint!" „Allweg kannst du das verlangen!" „Und daß +Ihr jederzeit Eure Ware, sei es Obst, seien es Kartoffeln, sei es +Gemüse, erst zu mir bringet und mir anbietet, ehe Ihr auf den Markt +gehet, damit ich sicher sei, eine rechte Bäuerin an der Hand zu haben, +auf die ich mich verlassen kann! Was irgendeiner gibt für die Ware, +werde ich gewiß auch geben mit tausend Freuden, Ihr kennt mich ja! +Ach, es ist nichts Schöneres, als wenn eine wohlhabende Stadtfrau, die +so ratlos in ihren Mauern sitzt und doch so vieler Dinge benötigt ist, +und eine rechtschaffene ehrliche Landfrau, erfahren in allem Wichtigen +und Nützlichen, eine gute und dauerhafte Freundschaft zusammen haben! +Es kommt einem zugut in hundert Fällen, in Freud und Leid, bei +Gevatterschaften und Hochzeiten, wenn die Kinder unterrichtet werden +und konfirmiert, wenn sie in die Lehre kommen und wenn sie in die +Fremde sollen! Bei Mißwachs und Überschwemmungen, bei Feuersbrünsten +und Hagelschlag, wofür uns Gott behüte!" „Wofür uns Gott behüte!" +sagte die gute Frau schluchzend und trocknete mit ihrer Schürze die +Augen; „welch ein verständiges und tiefsinniges Bräutlein bist du, ja, +dir wird es gut gehen, da müßte keine Gerechtigkeit in der Welt sein! +Schön, sauber, klug und weise bist du, arbeitsam und geschickt zu +allen Dingen! Keine ist feiner und besser als du, in und außer dem +Dorfe, und wer dich hat, der muß meinen, er sei im Himmelreich, oder +er ist ein Schelm und hat es mit mir zu tun. Hör', Sali! Daß du nur +recht artlich bist mit meinem Vreeli, oder ich will dir den Meister +zeigen, du Glückskind, das du bist, ein solches Röslein zu brechen!" +„So nehmt jetzt auch hier noch mein Bündel mit, wie Ihr mir +versprochen habt, bis ich es abholen lassen werde! Vielleicht komme +ich aber selbst in der Kutsche und hole es ab, wenn Ihr nichts dagegen +habt! Ein Töpfchen Milch werdet Ihr mir nicht abschlagen alsdann, und +etwa eine schöne Mandeltorte dazu werde ich schon selbst mitbringen!" +„Tausendskind! Gib her den Bündel!" Vrenchen lud ihr auf das +zusammengebundene Bett, das sie schon auf dem Kopfe trug, einen langen +Sack, in welchen es sein Plunder und Habseliges gestopft, so daß die +arme Frau mit einem schwankenden Turme auf dem Haupte dastand. „Es +wird mir doch fast zu schwer auf einmal," sagte sie, „könnte ich nicht +zweimal dran machen?" „Nein, nein! Wir müssen jetzt augenblicklich +gehen, denn wir haben einen weiten Weg, um vornehme Verwandte zu +besuchen, die sich jetzt gezeigt haben, seit wir reich sind! Ihr wißt +ja, wie es geht!" „Weiß wohl! So behüt' dich Gott, und denk' an mich +in deiner Herrlichkeit!" + +Die Bäuerin zog ab mit ihrem Bündelturme, mit Mühe das Gleichgewicht +behauptend, und hinter ihr drein ging ihr Knechtchen, das sich in +Vrenchens einst buntbemalte Bettstatt hineinstellte, den Kopf gegen +den mit verblichenen Sternen bedeckten Himmel derselben stemmte und, +ein zweiter Simson, die zwei vorderen zierlich geschnitzten Säulen +faßte, welche diesen Himmel trugen. Als Vrenchen, an Sali gelehnt, dem +Zuge nachschaute und den wandelnden Tempel zwischen den Gärten sah, +sagte es: „Das gäbe noch ein artiges Gartenhäuschen oder eine Laube, +wenn man's in einen Garten pflanzte, ein Tischchen und ein Bänklein +dreinstellte und Winden drum herumsäte! Wolltest du mit darin sitzen, +Sali?" „Ja, Vreeli! Besonders wenn die Winden aufgewachsen wären!" +„Was stehen wir noch?" sagte Vrenchen, „nichts hält uns mehr zurück!" +„So komm und schließ das Haus zu!" „Wem willst du denn den Schlüssel +übergeben?" Vrenchen sah sich um. „Hier an die Helbart wollen wir ihn +hängen; sie ist über hundert Jahr in diesem Hause gewesen, habe ich +den Vater oft sagen hören, nun steht sie da als der letzte Wächter!" +Sie hingen den rostigen Hausschlüssel an einen rostigen Schnörkel der +alten Waffe, an welcher die Bohnen rankten, und gingen davon. Vrenchen +wurde aber bleicher und verhüllte ein Weilchen die Augen, daß Sali es +führen mußte, bis sie ein Dutzend Schritte entfernt waren. Es sah aber +nicht zurück. „Wo gehen wir nun zuerst hin?" fragte es. „Wir wollen +ordentlich über Land gehen," erwiderte Sali, „wo es uns freut den +ganzen Tag, uns nicht übereilen, und gegen Abend werden wir dann schon +einen Tanzplatz finden!" „Gut!" sagte Vrenchen, „den ganzen Tag werden +wir beisammensein und gehen, wo wir Lust haben. Jetzt ist mir aber +elend, wir wollen gleich im andern Dorf einen Kaffee trinken!" +„Versteht sich!" sagte Sali, „mach' nur, daß wir aus diesem Dorf +wegkommen!" Bald waren sie auch im freien Felde und gingen still +nebeneinander durch die Fluren; es war ein schöner Sonntagmorgen im +September, keine Wolke stand am Himmel, die Höhen und die Wälder waren +mit einem zarten Duftgewebe bekleidet, welches die Gegend +geheimnisvoller und feierlicher machte, und von allen Seiten tönten +die Kirchenglocken herüber, hier das harmonische tiefe Geläute einer +reichen Ortschaft, dort die geschwätzigen zwei Bimmelglöcklein eines +kleinen armen Dörfchens. Das liebende Paar vergaß, was am Ende dieses +Tages werden sollte, und gab sich einzig der hochaufatmenden wortlosen +Freude hin, sauber gekleidet und frei, wie zwei Glückliche, die sich +von Rechts wegen angehören, in den Sonntag hineinzuwandeln. Jeder in +der Sonntagsstille verhallende Ton oder ferne Ruf klang ihnen +erschütternd durch die Seele; denn die Liebe ist eine Glocke, welche +das Entlegenste und Gleichgültigste widertönen läßt und in eine +besondere Musik verwandelt. Obgleich sie hungrig waren, dünkte sie die +halbe Stunde Weges bis zum nächsten Dorfe nur ein Katzensprung lang zu +sein und sie betraten zögernd das Wirtshaus am Eingange des Ortes. +Sali bestellte ein gutes Frühstück, und während es bereitet wurde, +sahen sie mäuschenstill der sichern und freundlichen Wirtschaft in der +großen reinlichen Gaststube zu. Der Wirt war zugleich ein Bäcker, das +eben Gebackene durchduftete angenehm das ganze Haus, und Brot aller +Art wurde in gehäuften Körben herbeigetragen, da nach der Kirche die +Leute hier ihr Weißbrot holten oder ihren Frühschoppen tranken. Die +Wirtin, eine artige und saubere Frau, putzte gelassen und freundlich +ihre Kinder heraus, und sowie eines entlassen war, kam es zutraulich +zu Vrenchen gelaufen, zeigte ihm seine Herrlichkeiten und erzählte von +allem, dessen es sich erfreute und rühmte. Wie nun der wohlduftende +starke Kaffee kam, setzten sich die zwei Leutchen schüchtern an den +Tisch, als ob sie da zu Gast gebeten wären. Sie ermunterten sich +jedoch bald und flüsterten bescheiden, aber glückselig miteinander; +ach, wie schmeckte dem aufblühenden Vrenchen der gute Kaffee, der +fette Rahm, die frischen noch warmen Brötchen, die schöne Butter und +der Honig, der Eierkuchen und was alles noch für Leckerbissen da +waren! Sie schmeckten ihm, weil es den Sali dazu ansah, und es aß so +vergnügt, als ob es ein Jahr lang gefastet hätte. Dazu freute es sich +über das feine Geschirr, über die silbernen Kaffeelöffelchen; denn die +Wirtin schien sie für rechtliche junge Leutchen zu halten, die man +anständig bedienen müsse, und setzte sich auch ab und zu plaudernd zu +ihnen, und die beiden gaben ihr verständigen Bescheid, welches ihr +gefiel. Es war dem guten Vrenchen so wählig zumut, daß es nicht wußte, +mochte es lieber wieder ins Freie, um allein mit seinem Schatz +herumzuschweifen durch Auen und Wälder, oder mochte es lieber in der +gastlichen Stube bleiben, um wenigstens auf Stunden sich an einem +stattlichen Orte zu Hause zu träumen. Doch Sali erleichterte die Wahl, +indem er ehrbar und geschäftig zum Aufbruch mahnte, als ob sie einen +bestimmten und wichtigen Weg zu machen hätten. Die Wirtin und der Wirt +begleiteten sie bis vor das Haus und entließen sie auf das +wohlwollendste wegen ihres guten Benehmens, trotz der durchscheinenden +Dürftigkeit, und das arme junge Blut verabschiedete sich mit den +besten Manieren von der Welt und wandelte sittig und ehrbar von +hinnen. Aber auch als sie schon wieder im Freien waren und einen +stundenlangen Eichwald betraten, gingen sie noch in dieser Weise +nebeneinander her, in angenehme Träume vertieft, als ob sie nicht aus +zank- und elenderfüllten vernichteten Häusern herkämen, sondern guter +Leute Kinder wären, welche in lieblicher Hoffnung wandelten. Vrenchen +senkte das Köpfchen tiefsinnig gegen seine blumengeschmückte Brust und +ging, die Hände sorglich an das Gewand gelegt, einher auf dem glatten +feuchten Waldboden; Sali dagegen schritt schlank aufgerichtet, rasch +und nachdenklich, die Augen auf die festen Eichenstämme geheftet wie +ein Bauer, der überlegt, welche Bäume er am vorteilhaftesten fällen +soll. Endlich erwachten sie aus diesen vergeblichen Träumen, sahen +sich an und entdeckten, daß sie immer noch in der Haltung gingen, in +welcher sie das Gasthaus verlassen, erröteten und ließen traurig die +Köpfe hängen. Aber Jugend hat keine Tugend, der Wald war grün, der +Himmel blau und sie allein in der weiten Welt, und sie überließen sich +alsbald wieder diesem Gefühle. Doch blieben sie nicht lange mehr +allein, da die schöne Waldstraße sich belebte mit lustwandelnden +Gruppen von jungen Leuten, sowie mit einzelnen Paaren, welche +schäkernd und singend die Zeit nach der Kirche verbrachten. Denn die +Landleute haben so gut ihre ausgesuchten Promenaden und Lustwälder, +wie die Städter, nur mit dem Unterschied, daß dieselben keine +Unterhaltung kosten und noch schöner sind; sie spazieren nicht nur mit +einem besonderen Sinn des Sonntags durch ihre blühenden und reifenden +Felder, sondern sie machen sehr gewählte Gänge durch Gehölze und an +grünen Halden entlang, setzen sich hier auf eine anmutige, +fernsichtige Höhe, dort an einen Waldrand, lassen ihre Lieder ertönen +und die schöne Wildnis ganz behaglich auf sich einwirken; und da sie +dies offenbar nicht zu ihrer Pönitenz tun, sondern zu ihrem Vergnügen, +so ist wohl anzunehmen, daß sie Sinn für die Natur haben, auch +abgesehen von ihrer Nützlichkeit. Immer brechen sie was Grünes ab, +junge Bursche wie alte Mütterchen, welche die alten Wege ihrer Jugend +aufsuchen, und selbst steife Landmänner in den besten Geschäftsjahren, +wenn sie über Land gehen, schneiden sich gern eine schlanke Gerte, +sobald sie durch einen Wald gehen, und schälen die Blätter ab, von +denen sie nur oben ein grünes Büschel stehenlassen. Solche Rute tragen +sie wie ein Zepter vor sich hin; wenn sie in eine Amtsstube oder +Kanzlei treten, so stellen sie die Gerte ehrerbietig in einen Winkel, +vergessen aber auch nach den ernstesten Verhandlungen nie, dieselbe +säuberlich wieder mitzunehmen und unversehrt nach Hause zu tragen, wo +es erst dem kleinsten Söhnchen gestattet ist, sie zugrunde zu +richten.--Als Sali und Vrenchen die vielen Spaziergänger sahen, +lachten sie ins Fäustchen und freuten sich, auch gepaart zu sein, +schlüpften aber seitwärts auf engere Waldpfade, wo sie sich in tiefen +Einsamkeiten verloren. Sie hielten sich auf, wo es sie freute, eilten +vorwärts und ruhten wieder, und wie keine Wolke am reinen Himmel +stand, trübte auch keine Sorge in diesen Stunden ihr Gemüt; sie +vergaßen, woher sie kamen und wohin sie gingen, und benahmen sich so +fein und ordentlich dabei, daß trotz aller frohen Erregung und +Bewegung Vrenchens niedlicher einfacher Aufputz so frisch und +unversehrt blieb, wie er am Morgen gewesen war. Sali betrug sich auf +diesem Wege nicht wie ein beinahe zwanzigjähriger Landbursche oder der +Sohn eines verkommenen Schenkwirtes, sondern wie wenn er einige Jahre +jünger und sehr wohlerzogen wäre, und es war beinahe komisch, wie er +nur immer sein feines lustiges Vrenchen ansah, voll Zärtlichkeit, +Sorgfalt und Achtung. Denn die armen Leutchen mußten an diesem einen +Tage, der ihnen vergönnt war, alle Manieren und Stimmungen der Liebe +durchleben und sowohl die verlorenen Tage der zarteren Zeit nachholen +als das leidenschaftliche Ende vorausnehmen mit der Hingabe ihres +Lebens. + +So liefen sie sich wieder hungrig und waren erfreut, von der Höhe +eines schattenreichen Berges ein glänzendes Dorf vor sich zu sehen, wo +sie Mittag halten wollten. Sie stiegen rasch hinunter, betraten dann +ebenso sittsam diesen Ort, wie sie den vorigen verlassen. Es war +niemand um den Weg, der sie erkannt hätte; denn besonders Vrenchen war +die letzten Jahre hindurch gar nicht unter die Leute und noch weniger +in andere Dörfer gekommen. Deshalb stellten sie ein wohlgefälliges +ehrsames Pärchen vor, das irgendeinen angelegentlichen Gang tut. Sie +gingen ins erste Wirtshaus des Dorfes, wo Sali ein erkleckliches Mahl +bestellte; ein eigener Tisch wurde ihnen sonntäglich gedeckt, und sie +saßen wieder still und bescheiden daran und beguckten die +schöngetäfelten Wände von gebohntem Nußbaumholz, das ländliche aber +glänzende und wohlbestellte Büfett von gleichem Holze, und die klaren +weißen Fenstervorhänge. Die Wirtin trat zutulich herzu und setzte ein +Geschirr voll frischer Blumen auf den Tisch. „Bis die Suppe kommt", +sagte sie, „könnt ihr, wenn es euch gefällig ist, einstweilen die +Augen sättigen an dem Strauße. Allem Anschein nach, wenn es erlaubt +ist zu fragen, seit ihr ein junges Brautpaar, das gewiß nach der Stadt +geht, um sich morgen kopulieren zu lassen?" Vrenchen wurde rot und +wagte nicht aufzusehen, Sali sagte auch nichts, und die Wirtin fuhr +fort: „Nun, ihr seid freilich beide noch wohl jung, aber jung +geheiratet lebt lang, sagt man zuweilen, und ihr seht wenigstens +hübsch und brav aus und braucht euch nicht zu verbergen. Ordentliche +Leute können etwas zuwege bringen, wenn sie so jung zusammenkommen und +fleißig und treu sind. Aber das muß man freilich sein, denn die Zeit +ist kurz und doch lang, und es kommen viele Tage, viele Tage! Je nun, +schön genug sind sie und amüsant dazu, wenn man gut haushält damit! +Nichts für ungut, aber es freut mich, euch anzusehen, so ein schmuckes +Pärchen seid ihr!" Die Kellnerin brachte die Suppe, und da sie einen +Teil dieser Worte noch gehört und lieber selbst geheiratet hätte, so +sah sie Vrenchen mit scheelen Augen an, welches nach ihrer Meinung so +gedeihliche Wege ging. In der Nebenstube ließ die unliebliche Person +ihren Unmut frei und sagte zur Wirtin, welche dort zu schaffen hatte, +so laut, daß man es hören konnte: „Das ist wieder ein rechtes +Hudelvölkchen, das wie es geht und steht nach der Stadt läuft und sich +kopulieren läßt, ohne einen Pfennig, ohne Freunde, ohne Aussteuer und +ohne Aussicht, als auf Armut und Bettelei! Wo soll das noch hinaus, +wenn solche Dinger heiraten, die die Jüppe noch nicht allein anziehen +und keine Suppe kochen können? Ach, der hübsche junge Mensch kann mich +nur dauern, der ist schön petschiert mit seiner jungen Gungeline!" +„Bscht! Willst du wohl schweigen, du gehässiges Ding!" sagte die +Wirtin, „denen lasse ich nichts geschehen! Das sind gewiß zwei recht +ordentliche Leutlein aus den Bergen, wo die Fabriken sind; dürftig +sind sie gekleidet, aber sauber, und wenn sie sich nur gernhaben und +arbeitsam sind, so werden sie weiter kommen, als du mit deinem bösen +Maul! Du kannst freilich noch lang warten, bis dich einer abholt, wenn +du nicht freundlicher bist, du Essighafen!" + +So genoß Vrenchen alle Wonnen einer Braut, die zur Hochzeit reiset: +die wohlwollende Ansprache und Aufmunterung einer sehr vernünftigen +Frau, den Neid einer heiratslustigen bösen Person, welche aus Ärger +den Geliebten lobte und bedauerte, und ein leckeres Mittagsmahl an der +Seite eben dieses Geliebten. Es glühte im Gesicht, wie eine rote +Nelke, das Herz klopfte ihm, aber es aß und trank nichtsdestominder +mit gutem Appetit und war mit der aufwartenden Kellnerin nur um so +artiger, konnte aber nicht unterlassen, dabei den Sali zärtlich +anzusehen und mit ihm zu lispeln, so daß es diesem auch ganz kraus im +Gemüt wurde. Sie saßen indessen lang und gemächlich am Tische, wie +wenn sie zögerten und sich scheuten, aus der halben Täuschung +herauszugehen. Die Wirtin brachte zum Nachtisch süßes Backwerk, und +Sali bestellte feineren und stärkeren Wein dazu, welcher Vrenchen +feurig durch die Adern rollte, als es ein wenig davon trank; aber es +nahm sich in acht, nippte bloß zuweilen und saß so züchtig und +verschämt da, wie eine wirkliche Braut. Halb spielte es aus Schalkheit +diese Rolle und aus Lust, zu versuchen, wie es tue, halb war es ihm in +der Tat so zumut und vor Bangigkeit und heißer Liebe wollte ihm das +Herz brechen, so daß es ihm zu eng ward innerhalb der vier Wände und +es zu gehen begehrte. Es war, als ob sie sich scheuten, auf dem Wege +wieder so abseits und allein zu sein; denn sie gingen unverabredet auf +der Hauptstraße weiter, mitten durch die Leute und sahen weder rechts +noch links. Als sie aber aus dem Dorfe waren und auf das +nächstgelegene zugingen, wo Kirchweih war, hing sich Vrenchen an Salis +Arm und flüsterte mit zitternden Worten: „Sali! warum sollen wir uns +nicht haben und glücklich sein!" „Ich weiß auch nicht warum!" +erwiderte er und heftete seine Augen an den milden Herbstsonnenschein, +der auf den Auen webte, und er mußte sich bezwingen und das Gesicht +ganz sonderbar verziehen. Sie standen still, um sich zu küssen; aber +es zeigten sich Leute und sie unterließen es und zogen weiter. Das +große Kirchdorf, in dem Kirchweih war, belebte sich schon von der Lust +des Volkes; und aus dem stattlichen Gasthofe tönte eine pomphafte +Tanzmusik, da die jungen Dörfler bereits um Mittag den Tanz angehoben, +und auf dem Platz vor dem Wirtshause war ein kleiner Markt +aufgeschlagen, bestehend aus einigen Tischen mit Süßigkeiten und +Backwerk und ein paar Buden mit Flitterstaat, um welche sich die +Kinder und dasjenige Volk drängten, welches sich einstweilen mehr mit +Zusehen begnügte. Sali und Vrenchen traten auch zu den Herrlichkeiten +und ließen ihre Augen darüberfliegen; denn beide hatten zugleich die +Hand in der Tasche und jedes wünschte dem andern etwas zu schenken, da +sie zum ersten und einzigen Male miteinander zu Markt waren; Sali +kaufte ein großes Haus von Lebkuchen, das mit Zuckerguß freundlich +geweißt war, mit einem grünen Dach, auf welchem weiße Tauben saßen und +aus dessen Schornstein ein Amörchen guckte als Kaminfeger; an den +offenen Fenstern umarmten sich pausbäckige Leutchen mit winzig kleinen +roten Mündchen, die sich recht eigentlich küßten, da der flüchtige +praktische Maler mit einem Kleckschen gleich zwei Mündchen gemacht, +die so ineinander verflossen. Schwarze Pünktchen stellten muntere +Äuglein vor. Auf der rosenroten Haustür aber waren diese Verse zu +lesen: + + Tritt in mein Haus, o Liebste! + Doch sei dir unverhehlt: + Drin wird allein nach Küssen + Gerechnet und gezählt! + + Die Liebste sprach: „O Liebster, + Mich schrecket nichts zurück! + Hab' alles wohl erwogen: + In dir nur lebt mein Glück! + + Und wenn ich's recht bedenke, + Kam ich deswegen auch!" + Nun denn, spazier' mit Segen + Herein und üb' den Brauch! + +Ein Herr in einem blauen Frack und eine Dame mit einem sehr hohen +Busen komplimentierten sich diesen Versen gemäß in das Haus hinein, +links und rechts an die Mauer gemalt. Vrenchen schenkte Sali dagegen +ein Herz, auf dessen einer Seite ein Zettelchen klebte mit den Worten: + + Ein süßer Mandelkern steckt in dem Herze hier, + Doch süßer als der Mandelkern ist meine Lieb' zu dir! + +Und auf der andern Seite: + + Wenn du dies Herz gegessen, vergiß dies Sprüchlein nicht! + Viel eh'r als meine Liebe mein braunes Auge bricht! + +Sie lasen eifrig die Sprüche und nie ist etwas Gereimtes und +Gedrucktes schöner befunden und tiefer empfunden worden, als diese +Pfefferkuchensprüche; sie hielten, was sie lasen, in besonderer +Absicht auf sich gemacht, so gut schien es ihnen zu passen. „Ach," +seufzte Vrenchen, „du schenkst mir ein Haus! Ich habe dir auch eines +und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus, +darin wir wohnen, und wir tragen so unsere Wohnung mit uns, wie die +Schnecken! Andere haben wir nicht!" „Dann sind wir aber zwei +Schnecken, von denen jede das Häuschen der andern trägt!" sagte Sali, +und Vrenchen erwiderte: „Desto weniger dürfen wir voneinander gehen, +damit jedes seiner Wohnung nahbleibt!" Doch wußten sie nicht, daß sie +in ihren Reden ebensolche Witze machten, als auf den vielfach +geformten Lebkuchen zu lesen waren, und fuhren fort, diese süße +einfache Liebesliteratur zu studieren, die da ausgebreitet lag und +besonders auf vielfach verzierte kleine und große Herzen geklebt war. +Alles dünkte sie schön und einzig zutreffend; als Vrenchen auf einem +vergoldeten Herzen, das wie eine Lyra mit Saiten bespannt war, las: +Mein Herz ist wie ein Zitherspiel, rührt man es viel, so tönt es viel! +ward ihm so musikalisch zumut, daß es glaubte, sein eigenes Herz +klingen zu hören. Ein Napoleonsbild war da, welches aber auch der +Träger eines verliebten Spruches sein mußte, denn es stand darunter +geschrieben: Groß war der Held Napoleon, sein Schwert von Stahl, sein +Herz von Ton; meine Liebe trägt ein Röslein frei, doch ist ihr Herz +wie Stahl so treu!--Während sie aber beiderseitig in das Lesen +vertieft schienen, nahm jedes die Gelegenheit wahr, einen heimlichen +Einkauf zu machen. Sali kaufte für Vrenchen ein vergoldetes Ringelchen +mit einem grünen Glassteinchen, und Vrenchen einen Ring von schwarzem +Gemshorn, auf welchem ein goldenes Vergißmeinnicht eingelegt war. +Wahrscheinlich hatten sie die gleichen Gedanken, sich diese armen +Zeichen bei der Trennung zu geben. + +Während sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen, +daß sie nicht bemerkten, wie nach und nach ein weiter Ring sich um sie +gebildet hatte von Leuten, die sie aufmerksam und neugierig +betrachteten. Denn da viele junge Burschen und Mädchen aus ihrem Dorfe +hier waren, so waren sie erkannt worden, und alles stand jetzt in +einiger Entfernung um sie herum und sah mit Verwunderung auf das +wohlgeputzte Paar, welches in andächtiger Innigkeit die Welt um sich +her zu vergessen schien. „Ei seht!" hieß es, „das ist ja wahrhaftig +das Vrenchen Marti und der Sali aus der Stadt! Die haben sich ja +säuberlich gefunden und verbunden! Und welche Zärtlichkeit und +Freundschaft, seht doch, seht! Wo die wohl hinauswollen?" Die +Verwunderung dieser Zuschauer war ganz seltsam gemischt aus Mitleid +mit dem Unglück, aus Verachtung der Verkommenheit und Schlechtigkeit +der Eltern und aus Neid gegen das Glück und die Einigkeit des Paares, +welches auf eine ganz ungewöhnliche und fast vornehme Weise verliebt +und aufgeregt war und in dieser rückhaltlosen Hingebung und +Selbstvergessenheit dem rohen Völkchen ebenso fremd erschien, wie in +seiner Verlassenheit und Armut. Als sie daher endlich aufwachten und +um sich sahen, erschauten sie nichts als gaffende Gesichter von allen +Seiten; niemand grüßte sie und sie wußten nicht, sollten sie jemand +grüßen, und diese Verfremdung und Unfreundlichkeit war von beiden +Seiten mehr Verlegenheit als Absicht. Es wurde Vrenchen bang und heiß, +es wurde bleich und rot, Sali nahm es aber bei der Hand und führte das +arme Wesen hinweg, das ihm mit seinem Haus in der Hand willig folgte, +obgleich die Trompeten im Wirtshause lustig schmetterten und Vrenchen +so gern tanzen wollte. „Hier können wir nicht tanzen!" sagte Sali, als +sie sich etwas entfernt hatten, „wir würden hier wenig Freude haben, +wie es scheint!" „Jedenfalls," sagte Vrenchen traurig, „es wird auch +am besten sein, wir lassen es ganz bleiben und ich sehe, wo ich ein +Unterkommen finde!" „Nein," rief Sali, „du sollst einmal tanzen, ich +habe dir darum Schuhe gebracht! Wir wollen gehen, wo das arme Volk +sich lustig macht, zu dem wir jetzt auch gehören, da werden sie uns +nicht verachten; im Paradiesgärtchen wird jedesmal auch getanzt, wenn +hier Kirchweih ist, da es in die Kirchgemeinde gehört, und dorthin +wollen wir gehen, dort kannst du zur Not auch übernachten." Vrenchen +schauerte zusammen bei dem Gedanken, nun zum erstenmal an einem +unbekannten Ort zu schlafen; doch folgte es willenlos seinem Führer, +der jetzt alles war, was es in der Welt hatte. Das Paradiesgärtlein +war ein schöngelegenes Wirtshaus an einer einsamen Berghalde, das weit +über das Land wegsah, in welchem aber an solchen Vergnügungstagen nur +das ärmere Volk, die Kinder der ganz kleinen Bauern und Tagelöhner und +sogar mancherlei fahrendes Gesinde verkehrte. Vor hundert Jahren war +es als ein kleines Landhaus von einem reichen Sonderling gebaut +worden, nach welchem niemand mehr da wohnen mochte, und da der Platz +sonst zu nichts zu gebrauchen war, so geriet der wunderliche Landsitz +in Verfall und zuletzt in die Hände eines Wirtes, der da sein Wesen +trieb. Der Name und die demselben entsprechende Bauart waren aber dem +Hause geblieben. Es bestand nur aus einem Erdgeschoß, über welchem ein +offener Estrich gebaut war, dessen Dach an den vier Ecken von Bildern +aus Sandstein getragen wurde, so die vier Erzengel vorstellten und +gänzlich verwittert waren. Auf dem Gesimse des Daches saßen ringsherum +kleine musizierende Engel mit dicken Köpfen und Bäuchen, den Triangel, +die Geige, die Flöte, Zimbel und Tamburin spielend, ebenfalls aus +Sandstein, und die Instrumente waren ursprünglich vergoldet gewesen. +Die Decke inwendig, sowie die Brustwehr des Estrichs und das übrige +Gemäuer des Hauses waren mit verwaschenen Freskomalereien bedeckt, +welche lustige Engelscharen, sowie singende und tanzende Heilige +darstellten. Aber alles war verwischt und undeutlich wie ein Traum und +überdies reichlich mit Weinreben übersponnen, und blaue reifende +Trauben hingen überall in dem Laube. Um das Haus herum standen +verwilderte Kastanienbäume, und knorrige starke Rosenbüsche, auf +eigene Hand fortlebend, wuchsen da und dort so wild herum, wie +anderswo die Holunderbäume. Der Estrich diente zum Tanzsaal; als Sali +mit Vrenchen daherkam, sahen sie schon von weitem die Paare unter dem +offenen Dache sich drehen und rund um das Haus zechten und lärmten +eine Menge lustiger Gäste. Vrenchen, welches andächtig und wehmütig +sein Liebeshaus trug, glich einer heiligen Kirchenpatronin auf alten +Bildern, welche das Modell eines Domes oder Klosters auf der Hand +hält, so sie gestiftet; aber aus der frommen Stiftung, die ihr im +Sinne lag, konnte nichts werden. Als es aber die wilde Musik hörte, +welche vom Estrich ertönte, vergaß es sein Leid und verlangte endlich +nichts, als mit Sali zu tanzen. Sie drängten sich durch die Gäste, die +vor dem Hause saßen und in der Stube, verlumpte Leute aus Seldwyla, +die eine billige Landpartie machten, armes Volk von allen Enden, und +stiegen die Treppe hinauf, und sogleich drehten sie sich im Walzer +herum, keinen Blick voneinander abwendend. Erst als der Walzer zu +Ende, sahen sie sich um, Vrenchen hatte sein Haus zerdrückt und +zerbrochen und wollte eben betrübt darüber werden, als es noch mehr +erschrak über den schwarzen Geiger, in dessen Nähe sie standen. Er saß +auf einer Bank, die auf einem Tische stand, und sah so schwarz aus wie +gewöhnlich; nur hatte er heute einen grünen Tannenbusch auf sein +Hütchen gesteckt, zu seinen Füßen hatte er eine Flasche Rotwein und +ein Glas stehen, welche er nie umstieß, obgleich er fortwährend mit +den Beinen strampelte, wenn er geigte, und so eine Art von Eiertanz +damit vollbrachte. Neben ihm saß noch ein schöner aber trauriger +junger Mensch mit einem Waldhorn, und ein Buckliger stand an einer +Baßgeige. Sali erschrak auch, als er den Geiger erblickte; dieser +grüßte sie aber auf das freundlichste und rief: „Ich habe doch gewußt, +daß ich euch noch einmal aufspielen werde! So macht euch nur recht +lustig, ihr Schätzchen, und tut mir Bescheid!" Er bot Sali das volle +Glas und Sali trank und tat ihm Bescheid. Als der Geiger sah, wie +erschrocken Vrenchen war, suchte er ihm freundlich zuzureden und +machte einige fast anmutige Scherze, die es zum Lachen brachten. Es +ermunterte sich wieder, und nun waren sie froh, hier einen Bekannten +zu haben und gewissermaßen unter dem besonderen Schutze des Geigers zu +stehen. Sie tanzten nun ohne Unterlaß, sich und die Welt vergessend in +dem Drehen, Singen und Lärmen, welches in und außer dem Hause rumorte +und vom Berge weit in die Gegend hinausschallte, welche sich +allmählich in den silbernen Duft des Herbstabends hüllte. Sie tanzten, +bis es dunkelte und der größere Teil der lustigen Gäste sich +schwankend und johlend nach allen Seiten entfernte. Was noch +zurückblieb, war das eigentliche Hudelvölkchen, welches nirgends zu +Hause war und sich zum guten Tag auch noch eine gute Nacht machen +wollte. Unter diesen waren einige, welche mit dem Geiger gut bekannt +schienen und fremdartig aussahen in ihrer zusammengewürfelten Tracht. +Besonders ein junger Bursche fiel auf, der eine grüne Manchesterjacke +trug und einen zerknitterten Strohhut, um den er einen Kranz von +Ebereschen oder Vogelbeerbüscheln gebunden hatte. Dieser führte eine +wilde Person mit sich, die einen Rock von kirschrotem, weißgetüpfeltem +Kattun trug und sich einen Reifen von Rebenschossen um den Kopf +gebunden, so daß an jeder Schläfe eine blaue Traube hing. Dies Paar +war das ausgelassenste von allen, tanzte und sang unermüdlich und war +in allen Ecken zugleich. Dann war noch ein schlankes hübsches Mädchen +da, welches ein schwarzseidenes abgeschossenes Kleid trug und ein +weißes Tuch um den Kopf, daß der Zipfel über den Rücken fiel. Das Tuch +zeigte rote, eingewobene Streifen und war eine gute leinene Handzwehle +oder Serviette. Darunter leuchteten aber ein Paar veilchenblaue Augen +hervor. Um den Hals und auf der Brust hing eine sechsfache Kette von +Vogelbeeren auf einen Faden gezogen und ersetzte die schönste +Korallenschnur. Diese Gestalt tanzte fortwährend allein mit sich +selbst und verweigerte hartnäckig, mit einem der Gesellen zu tanzen. +Nichtsdestominder bewegte sie sich anmutig und leicht herum und +lächelte jedesmal, wenn sie sich an dem traurigen Waldhornbläser +vorüberdrehte, wozu dieser immer den Kopf abwandte. Noch einige andere +vergnügte Frauensleute waren da mit ihren Beschützern, alle von +dürftigem Aussehen, aber sie waren um so lustiger und in bester +Eintracht untereinander. Als es gänzlich dunkel war, wollte der Wirt +keine Lichter anzünden, da er behauptete, der Wind lösche sie aus, +auch ginge der Vollmond sogleich auf und für das, was ihm diese +Herrschaften einbrächten, sei das Mondlicht gut genug. Diese Eröffnung +wurde mit großem Wohlgefallen aufgenommen; die ganze Gesellschaft +stellte sich an die Brüstung des luftigen Saales und sah dem Aufgange +des Gestirnes entgegen, dessen Röte schon am Horizonte stand; und +sobald der Mond aufging und sein Licht quer durch den Estrich des +Paradiesgärtels warf, tanzten sie im Mondschein weiter, und zwar so +still, artig und seelenvergnügt, als ob sie im Glanze von hundert +Wachskerzen tanzten. Das seltsame Licht machte alle vertrauter und so +konnten Sali und Vrenchen nicht umhin, sich unter die gemeinsame +Lustbarkeit zu mischen und auch mit andern zu tanzen. Aber jedesmal, +wenn sie ein Weilchen getrennt gewesen, flogen sie zusammen und +feierten ein Wiedersehen, als ob sie sich jahrelang gesucht und +endlich gefunden. Sali machte ein trauriges und unmutiges Gesicht, +wenn er mit einer andern tanzte, und drehte fortwährend das Gesicht +nach Vrenchen hin, welches ihn nicht ansah, wenn es vorüberschwebte, +glühte wie eine Purpurrose und überglücklich schien, mit wem es auch +tanzte. „Bist du eifersüchtig, Sali?" fragte es ihn, als die +Musikanten müde waren und aufhörten. „Gott bewahre!" sagte er, „ich +wüßte nicht, wie ich es anfangen sollte!" „Warum bist du denn so bös, +wenn ich mit andern tanze?" „Ich bin nicht darüber bös, sondern weil +ich mit andern tanzen muß! Ich kann kein anderes Mädchen ausstehen, es +ist mir, als wenn ich ein Stück Holz im Arm habe, wenn du es nicht +bist! Und du? Wie geht es dir?" „Oh, ich bin immer wie im Himmel, wenn +ich nur tanze und weiß, daß du zugegen bist! Aber ich glaube, ich +würde sogleich tot umfallen, wenn du weggingest und mich daließest!" +Sie waren hinabgegangen und standen vor dem Hause! Vrenchen umschloß +ihn mit beiden Armen, schmiegte seinen schlanken zitternden Leib an +ihn, drückte seine glühende Wange, die von heißen Tränen feucht war, +an sein Gesicht und sagte schluchzend: „Wir können nicht zusammensein +und doch kann ich nicht von dir lassen, nicht einen Augenblick mehr, +nicht eine Minute!" Sali umarmte und drückte das Mädchen heftig an +sich und bedeckte es mit Küssen. Seine verwirrten Gedanken rangen nach +einem Ausweg, aber er sah keinen. Wenn auch das Elend und die +Hoffnungslosigkeit seiner Herkunft zu überwinden gewesen wären, so war +seine Jugend und unerfahrene Leidenschaft nicht beschaffen, sich eine +lange Zeit der Prüfung und Entsagung vorzunehmen und zu überstehen, +und dann wäre erst noch Vrenchens Vater dagewesen, welchen er +zeitlebens elend gemacht. Das Gefühl, in der bürgerlichen Welt nur in +einer ganz ehrlichen und gewissenfreien Ehe glücklich sein zu können, +war in ihm ebenso lebendig wie in Vrenchen, und in beiden verlassenen +Wesen war es die letzte Flamme der Ehre, die in früheren Zeiten in +ihren Häusern geglüht hatte und welche die sich sicher fühlenden Väter +durch einen unscheinbaren Mißgriff ausgeblasen und zerstört hatten, +als sie, eben diese Ehre zu äufnen wähnend durch Vermehrung ihres +Eigentums, so gedankenlos sich das Gut eines Verschollenen aneigneten, +ganz gefahrlos, wie sie meinten. Das geschieht nun freilich alle Tage; +aber zuweilen stellt das Schicksal ein Exempel auf und läßt zwei +solche Äufner ihrer Hausehre und ihres Gutes zusammentreffen, die sich +dann unfehlbar aufreiben und auffressen wie zwei wilde Tiere. Denn die +Mehrer des Reiches verrechnen sich nicht nur auf den Thronen, sondern +zuweilen auch in den niedersten Hütten und langen ganz am +entgegengesetzten Ende an, als wohin sie zu kommen trachteten, und der +Schild der Ehre ist im Umsehen eine Tafel der Schande. Sali und +Vrenchen hatten aber noch die Ehre ihres Hauses gesehen in zarten +Kinderjahren und erinnerten sich, wie wohlgepflegte Kinderchen sie +gewesen und daß ihre Väter ausgesehen wie andere Männer, geachtet und +sicher. Dann waren sie auf lange getrennt worden, und als sie sich +wiederfanden, sahen sie in sich zugleich das verschwundene Glück des +Hauses, und beider Neigung klammerte sich nur um so heftiger +ineinander. Sie mochten so gern fröhlich und glücklich sein, aber nur +auf einem guten Grund und Boden, und dieser schien ihnen unerreichbar, +während ihr wallendes Blut am liebsten gleich zusammengeströmt wäre. +„Nun ist es Nacht," rief Vrenchen, „und wir sollen uns trennen!" „Ich +soll nach Hause gehen und dich allein lassen?" rief Sali, „nein, das +kann ich nicht!" „Dann wird es Tag werden und nicht besser um uns +stehen!" + +„Ich will euch einen Rat geben, ihr närrischen Dinger!" tönte eine +schrille Stimme hinter ihnen, und der Geiger trat vor sie hin. „Da +steht ihr," sagte er, „wißt nicht wo hinaus und hättet euch gern. Ich +rate euch, nehmt euch, wie ihr seid, und säumet nicht. Kommt mit mir +und meinen guten Freunden in die Berge, da brauchet ihr keinen +Pfarrer, kein Geld, keine Schriften, keine Ehre, kein Bett, nichts als +eueren guten Willen! Es ist gar nicht so übel bei uns, gesunde Luft +und genug zu essen, wenn man tätig ist; die grünen Wälder sind unser +Haus, wo wir uns liebhaben, wie es uns gefällt, und im Winter machen +wir uns die wärmsten Schlupfwinkel oder kriechen den Bauern ins warme +Heu. Also kurz entschlossen, haltet gleich hier Hochzeit und kommt mit +uns, dann seid ihr aller Sorgen los und habt euch für immer und +ewiglich, solang es euch gefällt wenigstens; denn alt werdet ihr bei +unserem freien Leben, das könnt ihr glauben! Denkt nicht etwa, daß ich +euch nachtragen will, was eure Alten an mir getan! Nein! Es macht mir +zwar Vergnügen, euch da angekommen zu sehen, wo ihr seid; allein damit +bin ich zufrieden und werde euch behilflich und dienstfertig sein, +wenn ihr mir folgt." Er sagte das wirklich in einem aufrichtigen und +gemütlichen Tone. „Nun, besinnt euch ein bißchen, aber folget mir, +wenn ich euch gut zum Rat bin! Laßt fahren die Welt und nehmet euch +und fraget niemandem was nach! Denkt an das luftige Hochzeitbett im +tiefen Wald oder auf einem Heustock, wenn es euch zu kalt ist!" Damit +ging er ins Haus. Vrenchen zitterte in Salis Armen und dieser sagte: +„Was meinst du dazu? Mich dünkt, es wäre nicht übel, die ganze Welt in +den Wind zu schlagen und uns dafür zu lieben ohne Hindernis und +Schranken!" Er sagte es aber mehr als einen verzweifelten Scherz, denn +im Ernst. Vrenchen aber erwiderte ganz treuherzig und küßte ihn: +„Nein, dahin möchte ich nicht gehen, denn da geht es auch nicht nach +meinem Sinne zu. Der junge Mensch mit dem Waldhorn und das Mädchen mit +dem seidenen Rocke gehören auch so zueinander und sollen sehr verliebt +gewesen sein. Nun sei letzte Woche die Person ihm zum erstenmal untreu +geworden, was ihm nicht in den Kopf wolle, und deshalb sei er so +traurig und schmolle mit ihr und mit den andern, die ihn auslachen. +Sie aber tut eine mutwillige Buße, indem sie allein tanzt und mit +niemandem spricht, und lacht ihn auch nur aus damit. Dem armen +Musikanten sieht man es jedoch an, daß er sich noch heute mit ihr +versöhnen wird. Wo es aber so hergeht, möchte ich nicht sein, denn nie +möcht' ich dir untreu werden, wenn ich auch sonst noch alles ertragen +würde, um dich zu besitzen !" Indessen aber fieberte das arme Vrenchen +immer heftiger an Salis Brust; denn schon seit dem Mittag, wo jene +Wirtin es für eine Braut gehalten und es eine solche ohne Widerrede +vorgestellt, lohte ihm das Brautwesen im Blute, und je hoffnungsloser +es war, um so wilder und unbezwinglicher. Dem Sali erging es ebenso +schlimm, da die Reden des Geigers, so wenig er ihnen folgen mochte, +dennoch seinen Kopf verwirrten, und er sagte mit ratlos stockender +Stimme: „Komm herein, wir müssen wenigstens noch was essen und +trinken." Sie gingen in die Gaststube, wo niemand mehr war, als die +kleine Gesellschaft der Heimatlosen, welche bereits um einen Tisch saß +und eine spärliche Mahlzeit hielt. „Da kommt unser Hochzeitpaar!" rief +der Geiger, „jetzt seid lustig und fröhlich und laßt euch +zusammengeben!" Sie wurden an den Tisch genötigt und flüchteten sich +vor sich selbst an denselben hin; sie waren froh, nur für den +Augenblick unter Leuten zu sein. Sali bestellte Wein und reichlichere +Speisen, und es begann eine große Fröhlichkeit. Der Schmollende hatte +sich mit der Untreuen versöhnt, und das Paar liebkoste sich in +begieriger Seligkeit; das andere wilde Paar sang und trank und ließ es +ebenfalls nicht an Liebesbezeigungen fehlen, und der Geiger nebst dem +buckligen Baßgeiger lärmten ins Blaue hinein. Sali und Vrenchen waren +still und hielten sich umschlungen; auf einmal gebot der Geiger Stille +und führte eine spaßhafte Zeremonie auf, welche eine Trauung +vorstellen sollte. Sie mußten sich die Hände geben und die +Gesellschaft stand auf und trat der Reihe nach zu ihnen, um sie zu +beglückwünschen und in ihrer Verbrüderung willkommen zu heißen. Sie +ließen es geschehen, ohne ein Wort zu sagen, und betrachteten es als +einen Spaß, während es sie doch kalt und heiß durchschauerte. + +Die kleine Versammlung wurde jetzt immer lauter und aufgeregter, +angefeuert durch den stärkeren Wein, bis plötzlich der Geiger zum +Aufbruch mahnte. „Wir haben weit," rief er, „und Mitternacht ist +vorüber! Auf! Wir wollen dem Brautpaar das Geleit geben und ich will +vorausgeigen, daß es eine Art hat!" Da die ratlosen Verlassenen nichts +Besseres wußten und überhaupt ganz verwirrt waren, ließen sie abermals +geschehen, daß man sie voranstellte und die übrigen zwei Paare einen +Zug hinter ihnen formierten, welchen der Bucklige abschloß mit seiner +Baßgeige über der Schulter. Der Schwarze zog voraus und spielte auf +seiner Geige wie besessen den Berg hinunter, und die andern lachten, +sangen und sprangen hintendrein. So strich der tolle nächtliche Zug +durch die stillen Felder und durch das Heimatdorf Salis und Vrenchens, +dessen Bewohner längst schliefen. + +Als sie durch die stillen Gassen kamen und an ihren verlorenen +Vaterhäusern vorüber, ergriff sie eine schmerzhaft wilde Laune und sie +tanzten mit den andern um die Wette hinter dem Geiger her, küßten +sich, lachten und weinten. Sie tanzten auch den Hügel hinauf, über +welchen der Geiger sie führte, wo die drei Äcker lagen, und oben +strich der schwärzliche Kerl die Geige noch einmal so wild, sprang und +hüpfte wie ein Gespenst, und seine Gefährten blieben nicht zurück in +der Ausgelassenheit, so daß es ein wahrer Blocksberg war auf der +stillen Höhe; selbst der Bucklige sprang keuchend mit seiner Last +herum und keines schien mehr das andere zu sehen. Sali faßte Vrenchen +fester in den Arm und zwang es, stillzustehen; denn er war zuerst zu +sich gekommen. Er küßte es, damit es schweige, heftig auf den Mund, da +es sich ganz vergessen hatte und laut sang. Es verstand ihn endlich, +und sie standen still und lauschend, bis ihr tobendes Hochzeitsgeleite +das Feld entlang gerast war und, ohne sie zu vermissen, am Ufer des +Stromes hinauf sich verzog. Die Geige, das Gelächter der Mädchen und +die Jauchzer der Burschen tönten aber noch eine gute Zeit durch die +Nacht, bis zuletzt alles verklang und still wurde. + +„Diesen sind wir entflohen," sagte Sali, „aber wie entfliehen wir uns +selbst? Wie meiden wir uns?" + +Vrenchen war nicht imstande zu antworten und lag hochaufatmend an +seinem Halse. „Soll ich dich nicht lieber ins Dorf zurückbringen und +Leute wecken, daß sie dich aufnehmen? Morgen kannst du ja dann deinen +Weges ziehen und gewiß wird es dir wohlgehen, du kommst überall fort!" + +„Fortkommen, ohne dich!" + +„Du mußt mich vergessen!" + +„Das werde ich nie! Könntest denn du es tun?" + +„Darauf kommt's nicht an, mein Herz!" sagte Sali und streichelte ihm +die heißen Wangen, je nachdem es sie leidenschaftlich an seiner Brust +herumwarf, „es handelt sich jetzt nur um dich; du bist noch so ganz +jung und es kann dir noch auf allen Wegen gut gehen!" + +„Und dir nicht auch, du alter Mann?" + +„Komm!" sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige +Schritte und standen wieder still, um sich bequemer zu umschlingen und +zu herzen. Die Stille der Welt sang und musizierte ihnen durch die +Seelen, man hörte nur den Fluß unten sacht und lieblich rauschen im +langsamen Ziehen. + +„Wie schön ist es da ringsherum! Hörst du nicht etwas tönen, wie ein +schöner Gesang oder ein Geläute!" + +„Es ist das Wasser, das rauscht! Sonst ist alles still." + +„Nein, es ist noch etwas anderes, hier, dort, hinaus überall tönt's!" + +„Ich glaube, wir hören unser eigenes Blut in unsern Ohren rauschen!" + +Sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten oder wirklichen +Töne, welche von der großen Stille herrührten, oder welche sie mit den +magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten, welches nah und +fern über die weißen Herbstnebel wallte, welche tief auf den Gründen +lagen. Plötzlich fiel Vrenchen etwas ein: es suchte in seinem +Brustgewand und sagte: „Ich habe dir noch ein Andenken gekauft, das +ich dir geben wollte!" Und es gab ihm den einfachen Ring und steckte +ihm denselben selbst an den Finger. Sali nahm sein Ringlein auch +hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte: „So haben +wir die gleichen Gedanken gehabt!" Vrenchen hielt seine Hand in das +bleiche Silberlicht und betrachtete den Ring. „Ei, wie ein feiner +Ring!" sagte es lachend; „nun sind wir aber doch verlobt und +versprochen, du bist mein Mann und ich deine Frau, wir wollen es +einmal einen Augenblick lang denken, nur bis jener Nebelstreif am Mond +vorüber ist, oder bis wir zwölf gezählt haben! Küsse mich zwölfmal!" + +Sali liebte gewiß ebenso stark als Vrenchen, aber die Heiratsfrage war +in ihm doch nicht so leidenschaftlich lebendig, als ein bestimmtes +Entweder--Oder, als ein unmittelbares Sein oder Nichtsein, wie in +Vrenchen, welches nur das eine zu fühlen fähig war und mit +leidenschaftlicher Entschiedenheit unmittelbar Tod oder Leben darin +sah. Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf und das weibliche +Gefühl des jungen Mädchens ward in ihm auf der Stelle zu einem wilden +und heißen Verlangen und eine glühende Klarheit erhellte ihm die +Sinne. So heftig er Vrenchen schon umarmt und liebkost hatte, tat er +es jetzt doch ganz anders und stürmischer und übersäte es mit Küssen. +Vrenchen fühlte trotz aller eigenen Leidenschaft auf der Stelle diesen +Wechsel und ein heftiges Zittern durchfuhr sein ganzes Wesen, aber ehe +jener Nebelstreif am Monde vorüber war, war es auch davon ergriffen. +Im heftigen Schmeicheln und Ringen begegneten sich ihre +ringgeschmückten Hände und faßten sich fest, wie von selbst eine +Trauung vollziehend, ohne den Befehl eines Willens. Salis Herz klopfte +halb wie mit Hämmern, bald stand es still, er atmete schwer und sagte +leise: „Es gibt eines für uns, Vrenchen, wir halten Hochzeit zu dieser +Stunde und gehen dann aus der Welt--dort ist das tiefe Wasser--dort +scheidet uns niemand mehr und wir sind zusammengewesen--ob kurz oder +lang, das kann uns dann gleich sein."-- + +Vrenchen sagte sogleich: „Sali--was du da sagst, habe ich schon lang +bei mir gedacht und ausgemacht, nämlich, daß wir sterben könnten und +dann alles vorbei wäre--so schwöre mir es, daß du es mit mir tun +willst!" + +„Es ist schon so gut wie getan, es nimmt dich niemand mehr aus meiner +Hand, als der Tod!" rief Sali außer sich. Vrenchen aber atmete hoch +auf, Tränen der Freude entströmten seinen Augen; es raffte sich auf +und sprang leicht wie ein Vogel über das Feld gegen den Fluß hinunter. +Sali eilte ihm nach; denn er glaubte, es wolle ihm entfliehen, und +Vrenchen glaubte, er wolle es zurückhalten, so sprangen sie einander +nach und Vrenchen lachte wie ein Kind, welches sich nicht will fangen +lassen. „Bereust du es schon?" rief eines zum andern, als sie am +Flusse angekommen waren und sich ergriffen; „nein, es freut mich immer +mehr!" erwiderte ein jedes. Aller Sorgen ledig, gingen sie am Ufer +hinunter und überholten die eilenden Wasser, so astig suchten sie eine +Stätte, um sich niederzulassen; denn ihre Leidenschaft sah jetzt nur +den Rausch der Seligkeit, der in ihrer Vereinigung lag, und der ganze +Wert und Inhalt des übrigen Lebens drängte sich in diesem zusammen; +was danach kam, Tod und Untergang, war ihnen ein Hauch, ein Nichts, +und sie dachten weniger daran, als ein Leichtsinniger denkt, wie er +den anderen Tag leben will, wenn er seine letzte Habe verzehrt. + +„Meine Blumen gehen mir voraus," rief Vrenchen, „sieh, sie sind ganz +dahin und verwelkt!" Es nahm sie von der Brust, warf sie ins Wasser +und sang laut dazu: „Doch süßer als ein Mandelkern ist meine Lieb' zu +dir!" + +„Halt!" rief Sali, „hier ist dein Brautbett!" + +Sie waren an einen Fahrweg gekommen, der vom Dorfe her an den Fluß +führte, und hier war eine Landungsstelle, wo ein großes Schiff, hoch +mit Heu beladen, angebunden lag. In wilder Laune begann er unverweilt +die starken Seile loszubinden, Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm +und rief: „Was willst du tun? Wollen mir den Bauern ihr Heuschiff +stehlen zu guter Letzt?" „Das soll die Aussteuer sein, die sie uns +geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut +gehabt! Sie werden überdies ihr Eigentum unten wieder finden, wo es ja +dochhin soll, und werden nicht wissen, was damit geschehen ist. Sieh, +schon schwankt es und will hinaus!" + +Das Schiff lag einige Schritte vom Ufer entfernt im tieferen Wasser. +Sali hob Vrenchen mit seinen Armen hoch empor und schritt durch das +Wasser gegen das Schiff; aber es liebkoste ihn so heftig ungebärdig +und zappelte wie ein Fisch, daß er im ziehenden Wasser keinen Stand +halten konnte. Es strebte Gesicht und Hände ins Wasser zu tauchen und +rief: „Ich will auch das kühle Wasser versuchen! Weißt du noch, wie +kalt und naß unsere Hände waren, als wir sie uns zum erstenmal gaben? +Fische fingen wir damals, jetzt werden wir selber Fische sein und zwei +schöne große!" „Sei ruhig, du lieber Teufel!" sagte Sali, der Mühe +hatte, zwischen dem tobenden Liebchen und den Wellen sich +aufrechtzuhalten, „es zieht mich sonst fort!" Er hob seine Last in das +Schiff und schwang sich nach; er hob sie auf die hochgebettete weiche +und duftende Ladung und schwang sich auch hinauf, und als sie oben +saßen, trieb das Schiff allmählich in die Mitte des Stromes hinaus und +schwamm dann, sich langsam drehend, zu Tal. + +Der Fluß zog bald durch hohe dunkle Wälder, die ihn überschatteten, +bald durch offenes Land; bald an stillen Dörfern vorbei, bald an +einzelnen Hütten; hier geriet er in eine Stille, daß er einem ruhigen +See glich und das Schiff beinah stillhielt, dort strömte er um Felsen +und ließ die schlafenden Ufer schnell hinter sich; und als die +Morgenröte auf stieg, tauchte zugleich eine Stadt mit ihren Türmen aus +dem silbergrauen Strome. Der untergehende Mond, rot wie Gold, legte +eine glänzende Bahn den Strom hinauf und auf dieser kam das Schiff +langsam überquer gefahren. Als es sich der Stadt näherte, glitten im +Froste des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, die sich fest +umwanden, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten. + +Das Schiff legte sich eine Weile nachher unbeschädigt an eine Brücke +und blieb da stehen. Als man später unterhalb der Stadt die Leichen +fand und ihre Herkunft ausgemittelt hatte, war in den Zeitungen zu +lesen, zwei junge Leute, die Kinder zweier blutarmen zugrunde +gegangenen Familien, welche in unversöhnlicher Feindschaft lebten, +hätten im Wasser den Tod gesucht, nachdem sie einen ganzen Nachmittag +herzlich miteinander getanzt und sich belustigt auf einer Kirchweih. +Es sei dies Ereignis vermutlich in Verbindung zu bringen mit einem +Heuschiff aus jener Gegend, welches ohne Schiffsleute in der Stadt +gelandet sei, und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff +entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu +halten, abermals ein Zeichen von der umsichgreifenden Entsittlichung +und Verwilderung der Leidenschaften. + +* * * * * + + +FRAU REGEL AMRAIN UND IHR JÜNGSTER + +Regula Amrain war die Frau eines abwesenden Seldwylers; dieser hatte +einen großen Steinbruch hinter dem Städtchen besessen und eine +Zeitlang ausgebeutet, und zwar auf Seldwyler Art. Das ganze Nest war +beinahe aus dem guten Sandstein gebaut, aus welchem der Berg bestand; +aber das Schuldenwesen, das auf den Häusern ruhte, hatte von jeher +recht eigentlich schon mit den Steinen begonnen, aus denen sie gebaut +waren; denn nichts schien den Seldwylern so wohlgeeignet, als Stoff +und Gegenstand eines muntern Verkehrs, als ein solcher Steinbruch, und +derselbe glich einer in Felsen gehauenen römischen Schaubühne, über +welche die Besitzer emsig hinwegliefen, einer den andern jagend. + +Herr Amrain, ein ansehnlicher Mann, der eine ansehnliche Menge +Fleisch, Fische und Wein verzehren mußte und mächtige Stücke +Seidenzeug zu seinen breiten schönen Westen brauchte, himmelblaue, +kirschrote und großartig gewürfelte, war ursprünglich ein Knopfmacher +gewesen und hatte auch die eine und andere Stunde des Tages Knöpfe +besponnen. Als er aber mit den Jahren gar so fest und breit wurde, +sagte ihm die sitzende Lebensart nicht mehr zu, und als er überhaupt +den rechten Phäakenaufschwung genommen: die rote Sammetweste, die +goldene Uhrkette und den Siegelring, liquidierte er die Knopfmacherei +und übernahm in einer wichtigen Hauptsitzung der Seldwyler Spekulanten +jenen Steinbruch. Nun hatte er die angemessene bewegliche Lebensweise +gefunden, indem er mit einer roten Brieftasche voll Papiere und einem +eleganten Spazierstock, auf welchem mit silbernen Stiften ein Zollmaß +angebracht war, etwa in den Steinbruch hinaus lustwandelte, wenn das +Wetter lieblich war, und dort mit dem besagten Stocke an den +verpfändeten Steinlagern herumstocherte, den Schweiß von der Stirn +wischte, in die schöne Gegend hinausschaute und dann schleunigst in +die Stadt zurückkehrte, um den eigentlichen Geschäften nachzugehen, +dem Umsatz der verschiedenen Papiere in der Brieftasche, was in den +kühlen Gaststuben auf das beste vor sich ging. Kurz, er war ein +vollkommener Seldwyler, bis auf die politische Veränderlichkeit, +welche aber die Ursache seines zu frühen Falles wurde. Denn ein +konservativer Kapitalist aus einer Finanzstadt, welcher keinen Spaß +verstand, hatte auf den Steinbruch einiges Geld hergegeben und damit +geglaubt, einem wackern Parteigenossen unter die Arme zu greifen. Als +daher Herr Amrain in einem Anfall gänzlicher Gedankenlosigkeit eines +Tages höchst verfängliche liberale Redensarten vernehmen ließ, welche +ruchbar wurden, erzürnte sich jener Herr mit Recht; denn nirgends ist +politische Gesinnungslosigkeit widerwärtiger, als an einem großen +dicken Manne, der eine bunte Sammetweste trägt! Der erboste Gönner zog +daher jählings sein Geld zurück, als kein Mensch daran dachte, und +trieb dadurch vor der Zeit den bestürzten Amrain vom Steinbruch in die +Welt hinaus. + +Man wird selten sehen, daß es großen schweren Männern schlecht ergeht, +weil sie eine durchgreifende und überzeugende Gabe besitzen, für ihren +anspruchsvollen Körperbau zu sorgen, und die Nahrungsmittel können +sich demselben nicht lange entziehen, sondern werden von dem +Magnetgebirge des Bauches mächtig angezogen. So fraß sich der +landflüchtige Amrain auch glücklich durch die Fernen; und obgleich er +nichts Großes mehr wurde, aß und trank er doch irgendwo in der Fremde +so weidlich wie zu Hause. + +Doch den Seldwylern, welche jetzt ratschlagten, welcher von ihnen nun +am tauglichsten wäre, eine Zeitlang die Honneurs am Steinbruch zu +machen, wurde abermals ein Strich durch die Rechnung gezogen, als die +zurückgebliebene Ehefrau des Herrn Amrain unerwartet ihren Fuß auf den +Sandstein setzte und kraft ihres herzugebrachten Weibergutes den +Steinbruch an sich zog und erklärte, das Geschäft fortsetzen und +möglicherweise die Gläubiger ihres Mannes befriedigen zu wollen. Sie +tat dies erst, als derselbe schon jenseits des Atlantischen Weltmeers +war und nicht mehr zurückkommen konnte. Man suchte sie auf jede Weise +von diesem Vorhaben abzubringen und zu hindern; allein sie zeigte eine +solche Entschlossenheit, Rührigkeit und Besonnenheit, daß nichts gegen +sie auszurichten war und sie wirklich die Besitzerin des Steinbruches +wurde. Sie ließ fleißig und ordentlich darin arbeiten unter der +Leitung eines guten fremden Werkführers und gründete zum erstenmal die +Unternehmung, statt auf den Scheinverkehr, auf wirkliche Produktion. +Hieran wollte man sie nun erst recht behindern; allein, es war nicht +gegen sie aufzukommen, da sie als Frau und sparsame Mutter keine +Ausgaben hatte, im Vergleich zu den Herren von Seldwyla, und daher auf +die einfachste Weise imstande war, alle Stürme abzuschlagen und alle +begründeten Forderungen zu bezahlen. Aber dennoch hielt es schwer, und +sie mußte Tag und Nacht mit Mut, List und Kraft bei der Hand sein, +sinnen und sorgen, um sich zu behaupten. + +Frau Regel hatte von auswärts in das Städtchen geheiratet und war eine +sehr frische, große und handfeste Dame mit kräftigen schwarzen +Haarflechten und einem festen, dunklen Blick. Von ihrem Manne hatte +sie drei Buben von ungefähr zehn, acht und fünf Jahren, welche sie +oftmals aufmerksam und ernsthaft betrachtete, darüber sinnend, ob +dieselben auch wert seien, daß sie das Haus für sie aufrechthalte, da +sie ja doch Seldwyler wären und bleiben würden. Doch weil die Burschen +einmal ihre Kinder waren, so ließ die Eigenliebe und die Mutterliebe +sie immer wieder einen guten Mut fassen, und sie traute sich zu, auch +in dieser Sache das Steuer am Ende anders zu lenken, als es zu Seldwyl +Mode war. + +In solche Gedanken versunken, saß sie einst nach dem Nachtessen am +Tische und hatte das Geschäftsbuch und eine Menge Rechnungen vor sich +liegen. Die Buben lagen im Bette und schliefen in der Kammer, deren +Türe offen stand, und sie hatte eben die drei schlafenden kleinen +Gesellen mit der Lampe in der Hand betrachtet und besonders den +kleinsten Kerl ins Auge gefaßt, der ihr am wenigsten glich. Er war +blond, hatte ein keckes Stumpfnäschen, während sie eine ernsthafte +gerade, lange Nase besaß, und statt ihres strenggeschnittenen Mundes +zeigte der kleine Fritz trotzig aufgeworfene Lippen, selbst wenn er +schlief. Dies hatte er alles vom Vater, und es war das gewesen, was +ihr eben so wohlgefallen hatte, als sie ihn heiratete, und was ihr +jetzt auch an dem kleinen Burschen so wohlgefiel und doch schwere +Sorgen machte. Wenn eine Gesichtsart einem einmal wohlgefällt, so +hilft hiergegen kein Kraut; deswegen war Frau Amrain froh, daß der +Alte weg war und sie ihn nicht mehr sah; aber er hatte ihr in dem +jüngsten Kinde ein treues Abbild seiner äußeren Art hinterlassen, +welches sie nie genug ansehen konnte. Über diesen Sorgen traf sie der +Werkführer oder oberste Arbeiter, der jetzt eintrat, um mit ihr die +Angelegenheiten und den Bestand der Geschäfte durchzusehen und manche +wichtige Dinge zu besprechen. Es war ein hübscher und unternehmender +Bursche von schlankem, kräftigem Körperbau, mäßig in seiner +Lebensweise, fleißig und ausdauernd und dabei in seinen Gedanken von +einer gewissen einfachen Schlauheit, welche zusammen mit den +erklecklichen Eigenschaften seiner Meisterin eben das Geschäft in +gutem Gange erhielt und die gedankenlosen Spitzfindigkeiten der +Seldwyler zu schanden werden ließ. Inzwischen war er aber ein Mensch +und dachte daher vor allem an sich selber und in diesem Denken hatte +er es nicht übel gefunden, selber der Herr und Meister hier zu sein +und sich eine bleibende Stätte zu gründen, daher auch in aller +Ehrerbietung der Frau Regula wiederholt nahegelegt, eine gesetzliche +Scheidung von ihrem abwesenden Manne herbeizuführen. + +Sie hatte ihn wohl verstanden; doch widerstrebte es ihrem Stolz, sich +öffentlich und mit schimpflichen Beweisgründen von einem Manne zu +trennen, der ihr einmal wohlgefallen, mit dem sie gelebt und von dem +sie drei Kinder hatte; und in der Sorge für diese Kinder wollte sie +auch keinen fremden Mann über das Haus setzen und wenigstens die +äußere Einheit desselben bewahren, bis die Söhne herangewachsen wären +und ein unzersplittertes Erbe aus ihrer Hand empfangen könnten; denn +ein solches gedachte sie trotz aller Schwierigkeiten zusammenzubringen +und den Hiesigen zu zeigen, was da Brauch sei, wo sie hergekommen. Sie +hielt daher den Werkführer knapp im Zügel und brachte sich dadurch nur +in größere Verlegenheit; denn als derselbe ihren Widerstand und ihren +festen Charakter ersah, verliebte er sich förmlich in sie und gedachte +erst recht seine Wünsche zu erreichen. Er änderte sein Benehmen, also +daß er, statt wie bisher ehrbar um ihre Hand als Meisterin sich zu +bewerben, nun um ihre Person schmachtete, wo sie ging, und sie stets +mit verliebten Augen ansah, wo es immer tunlich war. Dies schien für +ihn eine zweckdienliche Veränderung, da die eigentliche Verliebtheit +in die Person eines Menschen denselben viel mehr besticht und +bezwingt, als alle noch so ehrbaren Heiratsabsichten. Wenn nun Frau +Regel auch nicht die Haltung verlor und sich in ihn nicht wieder +verliebte, so wurde es doch schwerer für sie, ihn abzuwehren, ohne mit +ihm zu brechen und ihn zu verlieren, und es ist bekanntlich eine +Hauptliebhaberei der Frauen, sich nützliche Freunde und Parteigänger +zu erhalten, wenn es immer geschehen kann, ohne große Opfer. + +Als der Werkführer in die Stube trat, funkelten seine Augen mit +ungewöhnlichem Glanze, denn er hatte im Verkehr mit einigen +Geschäftsleuten, mit denen er sich zum Vorteil der Frau wacker +herumgeschlagen, eine Flasche kräftigen Wein getrunken. Während er ihr +Bericht erstattete und dann in den Papieren mit ihr rechnete, blickte +er sie oftmals unversehens an und wurde zerstreut und aufgeregt, wie +einer, der etwas vorhat. Sie rückte mit ihrem Sessel etwas zur Seite +und begann sich in acht zu nehmen, dabei kaum ein feines Lächeln +unterdrückend, wie aus Spott über die plötzliche Unternehmungslust des +jungen Mannes. Dieser aber faßte unversehens ihre beiden Hände und +suchte die hübsche Frau an sich zu ziehen, indem er sogleich in +demselben halblauten Tone, in welchem sie der schlafenden Kinder wegen +die ganze Verhandlung geführt hatten, so heftig und feurig anfing zu +schmeicheln und zuzureden, ihr Leben doch nicht so öde und unbenutzt +entfliehen zu lassen, sondern klug zu sein und sich seiner treuen +Ergebenheit zu erfreuen. Sie wagte keine rasche Bewegung und kein +lautes Wort, aus Furcht, die Kinder zur Unzeit zu wecken; doch +flüsterte sie voll Zorn, er solle ihre Hände freilassen und +augenblicklich hinausgehen. Er ließ sie aber nicht frei, sondern faßte +sie nur um so fester und hielt ihr mit eindringlichen Worten ihre +Jugend und schöne Gestalt vor und ihre Torheit, so gute Dinge +ungenossen vergehen zu lassen. Sie durchschaute ihren Feind wohl, +dessen Augen ebenso stark von Schlauheit als von Lebenslust glänzten, +und merkte, daß er auf diesem leidenschaftlich-sinnlichen Wege nur +beabsichtigte, sie sich zu unterwerfen und dienstbar zu machen, also +daß ihre Selbständigkeit ein schlimmes Ende nähme. Sie gab ihm dies +auch mit höhnischen Blicken zu verstehen, während sie fortfuhr, so +still als möglich sich von ihm loszumachen, was er nur mit vermehrter +Kraft und Eindringlichkeit erwiderte. Auf diese Weise rang sie mit dem +starken Gesellen eine gute Weile hin und her, ohne daß es dem einen +oder andern Teile gelang, weiter zu kommen, während nur zuweilen der +erschütterte Tisch oder ein unterdrückter zorniger Ausruf oder ein +Seufzer ein Geräusch verursachte, und so schwebte die brave Frau +peinvoll zwischen ihrer in der Kammer dreifach schlafenden Sorge und +zwischen dem heißen Anstürmen des wachen Lebens. Sie war kaum dreißig +Jahre alt und schon seit einigen Jahren von ihrem Manne verlassen und +ihr Blut floß so rasch und warm, wie eines; was Wunder, daß sie daher +endlich einen Augenblick innehielt und tief aufseufzte, und daß ihr in +diesem Augenblick der Zweifel durch den Kopf ging, ob es sich auch der +Mühe lohne, so treu und ausdauernd in Entbehrung und Arbeit zu sein, +und ob nicht das eigene Leben am Ende die Hauptsache und es klüger +sei, zu tun wie die andern und, nicht dem verwegenen und frechen +Andringling, sondern sich selbst zu gewähren, was ihr Lust und +Erfrischung bieten könne; die Dinge gingen zu Seldwyla vielleicht so +oder so ihren Weg! Indem sie einen Augenblick dies bedachte, zitterten +ihre Hände in denjenigen des Werkführers, und nicht sobald fühlte +dieser solche liebliche Änderung des Wetters, als er seine +Anstrengungen erneuerte und vielleicht trotz der abermaligen Gegenwehr +der tapfern Frau gesiegt haben würde, wenn nicht jetzt eine +unerwartete Hilfe erschienen wäre. + +Denn mit dem bangen, zornigen Ausruf: „Mutter! Es ist ein Dieb da!" +sprang der jüngste Knabe, der kleine Fritzchen, in die Stube und glich +vollständig einem kleinen Sankt Georg. Seine goldenen Ringellocken +flogen um das vom Schlafe gerötete Gesicht; feurig blickten aber die +blauen Augen in lieblichem Zorn und mutig warf sich der trotzige Mund +auf. Das kurze schneeige Hemdchen flatterte wie die Tunika eines +Kreuzfahrers und in den nackten Ärmchen schwang der kleine Rittersmann +eine lange Gardinenstange mit dickem vergoldeten Knopf, den er auch +mit aller erdenklichen Kraft dem aufspringenden Werkmeister auf den +Kopf schlug, daß sich dieser die entstehende Beule verlegen rieb und +ihm ordentlich die Augen übergingen. Frau Amrain aber hielt den Knaben +auf, tief errötend, und rief: „Was ist dir denn, Fritzchen? Es ist ja +nur der Florian und tut uns nichts!" Der Knabe fing bitterlich an zu +weinen, sich voll Verlegenheit an die Knie der Mutter klammernd; diese +hob ihn auf den Arm und das Kind an sich drückend, entließ sie mit +einem kaum verhaltenen Lachen den verblüfften Florian, der, obgleich +er den Kleinen gern geohrfeigt hätte, gute Miene zum bösen Spiel +machte und sich verlegen zurückzog. Sie riegelte die Tür rasch hinter +ihm zu; dann stand sie tief aufatmend und nachdenklich mitten in der +Stube, das tapfere Kind auf dem Arm, welches das linke Ärmchen um +ihren Hals schlang und mit dem rechten Händchen die lange Stange mit +dem glänzenden Knopf, die es noch immer umfaßt hielt, gegen den Boden +stemmte. Dann sah sie aufmerksam in das nahe Gesicht des Kindes und +bedeckte es mit Küssen, und endlich ergriff sie abermals die Lampe und +ging in die Kammer, um nach den beiden ältesten Knaben zu sehen. +Dieselben schliefen wie Murmeltiere und hatten von allem nichts +gehört. Also schienen sie Nachtmützen zu sein, obschon sie ihr selbst +glichen; der Jüngste aber, der dem Vater glich, hatte sich als +wachsam, feinfühlend und mutvoll erwiesen, und schien das werden zu +wollen, was der Alte eigentlich sein sollte und was sie einst auch +hinter ihm gesucht. Indem sie über dies geheimnisvolle Spiel der Natur +nachdachte und nicht wußte, ob sie froh sein sollte, daß das Abbild +des einst geliebten Mannes besser schien, als ihre eigenen so träge +daliegenden Bilder, legte sie das Kind in sein Bettchen zurück, deckte +es zu und beschloß, von Stund an alle ihre Treue und Hoffnung auf den +kleinen Sankt Georg zu setzen und ihm seine junge Ritterlichkeit zu +vergelten. „Wenn die zwei Schlafkappen," dachte sie, „welche +nichtsdestominder meine Kinder sind, dann auch mitgehen wollen auf +einem guten Wege, so mögen sie es tun." + +Am nächsten Morgen schien Fritzchen den Vorfall schon vergessen zu +haben, und so alt auch die Mutter und der Sohn wurden, so ward doch +nie mehr mit einer Silbe desselben erwähnt zwischen ihnen. Der Sohn +behielt ihn nichtsdestoweniger in deutlicher Erinnerung, obgleich er +viel spätere Erlebnisse mit der Zeit gänzlich vergaß. Er erinnerte +sich genau, schon bei dem Eintritte des Werkmeisters erwacht zu sein, +da er trotz eines gesunden Schlafes alles hörte und ein wachsames +Bürschchen war. Er hatte sodann jedes Wort der Unterredung, bis sie +bedenklich wurde, gehört, und ohne etwas davon zu verstehen, doch +etwas Gefährliches und Ungehöriges geahnt und war in eine heftige +Angst um seine Mutter verfallen, so daß er, als er das leise Ringen +mehr fühlte als hörte, aufsprang, um ihr zu helfen. Und dann, wer +verfolgt die geheimen Wege der Fähigkeiten, wie sie im Menschenkind +sich verlieren? Als er den Werkführer recht wohl erkannt: wer lehrte +den kleinen Bold die unbewußte blitzschnelle Heuchelei des +Zartgefühles, mit der er sich stellte, als ob er einen Dieb sähe, und +die ihn so unbefangen den Widersacher vor den Kopf schlagen ließ? + +Seine Mutter aber hielt ihr Wort und erzog ihn so, daß er ein braver +Mann wurde in Seldwyl und zu den wenigen gehörte, die aufrecht +blieben, solange sie lebten. Wie sie dies eigentlich anfing und +bewirkte, wäre schwer zu sagen; denn sie erzog eigentlich so wenig als +möglich und das Werk bestand fast lediglich darin, daß das junge +Bäumchen, so vom gleichen Holze mit ihr war, eben in ihrer Nähe wuchs +und sich nach ihr richtete. Tüchtige und wohlgeartete Leute haben +immer weit weniger Mühe, ihre Kinder ordentlich zu ziehen, wie es +hinwieder einem Tölpel, der selbst nicht lesen kann, schwer fällt, ein +Kind lesen zu lehren. Im ganzen lief ihre Erziehungskunst darauf +hinaus, daß sie das Söhnchen ohne Empfindsamkeit merken ließ, wie sehr +sie es liebte, und dadurch dessen Bedürfnis, ihr immer zu gefallen, +erweckte und so erreichte, daß es bei jeder Gelegenheit an sie dachte. +Ohne dessen freie Bewegungen einzeln zu hindern, hatte sie den Kleinen +viel um sich, so daß er ihre Manieren und ihre Denkungsart annahm und +bald von selbst nichts tat, was nicht im Geschmack der Mutter lag. Sie +hielt ihn stets einfach, aber gut und mit einem gewissen gewählten +Geschmack in der Kleidung: dadurch fühlte er sich sicher, bequem und +zufrieden in seinem Anzuge und wurde nie veranlaßt, an denselben zu +denken, wurde mithin nicht eitel und lernte gar nie die Sucht kennen, +sich besser oder anders zu kleiden, als er eben war. Ähnlich hielt sie +es mit dem Essen; sie erfüllte alle billigen und unschädlichen Wünsche +aller drei Kinder und niemand bekam in ihrem Hause etwas zu essen, +wovon diese nicht auch ihren Teil erhielten; aber trotz aller +Regelmäßigkeit und Ausgiebigkeit behandelte sie die Nahrungsmittel mit +solcher Leichtigkeit und Geringschätzung, daß Fritzchen abermals von +selbst lernte, kein besonderes Gewicht auf dieselben zu legen und, +wenn er satt war, nicht von neuem an etwas unerhört Gutes zu denken. +Nur die entsetzliche Wichtigtuerei und Breitspurigkeit, mit welcher +die meisten guten Frauen die Lebensmittel und deren Bereitung +behandeln, erweckt gewöhnlich in den Kindern jene Gelüstigkeit und +Tellerleckerei, die, wenn sie groß werden, zum Hang nach Wohlleben und +zur Verschwendung wird. Sonderbarerweise gilt durch den ganzen +germanischen Völkerstrich diejenige für die beste und tugendhafteste +Hausfrau, welche am meisten Geräusch macht mit ihren Schüsseln und +Pfannen und nie zu sehen ist, ohne daß sie etwas Eßbares zwischen den +Fingern herumzerrt; was Wunder, daß die Herren Germanen dabei die +größten Esser werden, das ganze Lebensglück auf eine wohlbestellte +Küche gegründet wird und man ganz vergißt, welche Nebensache +eigentlich das Essen auf dieser schnellen Lebensfahrt sei. Ebenso +verfuhr sie mit dem, was sonst von den Eltern mit einer schrecklich +ungeschickten Heiligkeit behandelt wird, mit dem Gelde. Sobald als +tunlich ließ sie ihren Sohn ihren Vermögensstand mitwissen, für sie +Geldsummen zählen und in das Behältnis legen, und sobald er nur +imstande war, die Münzen zu unterscheiden, ließ sie ihm eine kleine +Sparbüchse zu gänzlich freier Verfügung. Wenn er nun eine Dummheit +machte oder eine arge Nascherei beging, so behandelte sie das nicht +wie ein Kriminalverbrechen, sondern wies ihm mit wenig Worten die +Lächerlichkeit und Unzweckmäßigkeit nach. Wenn er etwas entwendete +oder sich aneignete, was ihm nicht zukam, oder einen jener heimlichen +Ankäufe machte, welche die Eltern so sehr erschrecken, machte sie +keine Katastrophe daraus, sondern beschämte ihn einfach und offen als +einen törichten und gedankenlosen Burschen. Desto strenger war sie +gegen ihn, wenn er in Worten oder Gebärden sich unedel und kleinlich +betrug, was zwar nur selten vorkam; aber dann las sie ihm hart und +schonungslos den Text und gab ihm so derbe Ohrfeigen, daß er die +leidige Begebenheit nie vergaß. Dies alles pflegt sonst +entgegengesetzt behandelt zu werden. Wenn ein Kind mit Geld sich +vergeht oder gar etwas irgendwo wegnimmt, so befällt die Eltern und +Lehrer eine ganz sonderbare Furcht vor einer verbrecherischen Zukunft, +als ob sie selbst wüßten, wie schwierig es sei, kein Dieb oder +Betrüger zu werden! Was unter hundert Fällen in neunundneunzig nur die +momentan unerklärlichen Einfälle und Gelüste des träumerisch +wachsenden Kindes sind, das wird zum Gegenstand eines furchtbaren +Strafgerichtes gemacht und von nichts als Galgen und Zuchthaus +gesprochen. Als ob alle diese lieben Pflänzchen bei erwachender +Vernunft nicht von selbst durch die menschliche Selbstliebe, sogar +bloß durch die Eitelkeit, davor gesichert würden, Diebe und Schelme +sein zu wollen. Dagegen wie milde und freundschaftlich werden da +tausend kleinere Züge und Zeichen des Neides, der Mißgunst, der +Eitelkeit, der Anmaßung, der moralischen Selbstsucht und +Selbstgefälligkeit behandelt und gehätschelt! Wie schwer merken die +wackern Erziehungsleute ein früh verlogenes und verblümtes inneres +Wesen an einem Kinde, während sie mit höllischem Zeter über ein +anderes herfahren, das aus Übermut oder Verlegenheit ganz naiv eine +vereinzelte derbe Lüge gesagt hat. Denn hier haben sie eine greifliche +bequeme Handhabe, um ihr donnerndes: Du sollst nicht lügen! dem +kleinen erstaunten Erfindungsgenie in die Ohren zu schreien. Wenn +Fritzchen eine solche derbe Lüge vorbrachte, so sagte Frau Regel +einfach, indem sie ihn groß ansah: „Was soll denn das heißen, du Affe? +Warum lügst du solche Dummheiten? Glaubst du die großen Leute zum +Narren halten zu können? Sei du froh, wenn dich niemand anlügt, und +laß dergleichen Späße!" Wenn er eine Notlüge vorbrachte, um eine +begangene Sünde zu vertuschen, zeigte sie ihm mit ernsten aber +liebevollen Worten, daß die Sache deswegen nicht ungeschehen sei, und +wußte ihm klarzumachen, daß er sich besser befinde, wenn er offen und +ehrlich einen begangenen Fehler eingestehe; aber sie baute keinen +neuen Strafprozeß auf die Lüge, sondern behandelte die Sache ganz +abgesehen davon, ob er gelogen oder nicht gelogen habe, so, daß er das +Zwecklose und Kleinliche des Herauslügens bald fühlte und hierfür zu +stolz wurde. Wenn er dagegen nur die leiseste Neigung verriet, sich +irgend Eigenschaften beizulegen, die er nicht besaß, oder etwas zu +übertreiben, was ihm gut zu stehen schien, oder sich mit etwas zu +zieren, wozu er das Zeug nicht hatte, so tadelte sie ihn mit +schneidenden harten Worten und versetzte ihm selbst einige Knüffe, +wenn ihr die Sache zu arg und widerlich war. Ebenso, wenn sie +bemerkte, daß er andere Kinder beim Spielen belog, um sich kleine +Vorteile zu erwerben, strafte sie ihn härter, als wenn er ein +erkleckliches Vergehen abgeleugnet hätte. + +Diese ganze Erzieherei kostete indessen kaum soviel Worte, als hier +gebraucht wurden, um sie zu schildern, und sie beruhte allerdings mehr +im Charakter der Frau Amrain, als in einem vorbedachten oder gar +angelesenen System. Daher wird ein Teil ihres Verfahrens von Leuten, +die nicht ihren Charakter besitzen, nicht befolgt werden können, +während ein anderer Teil, wie z. B. ihr Verhalten mit den Kleidern, +mit der Nahrung und mit dem Gelde, von ganz armen Leuten nicht kann +angewendet werden. Denn wo z. B. gar nichts zu essen ist, da wird +dieses natürlich jeden Augenblick zur nächsten Hauptsache, und +Kindern, unter solchen Umständen erzogen, wird man schwer die +Gelüstigkeit abgewöhnen können, da alles Sinnen und Trachten des +Hauses nach dem Essen gerichtet ist. Besonders während der kleineren +Jugend des Knaben war die Erziehungsmühe seiner Mutter sehr gering, da +sie, wie gesagt, weniger mit der Zunge, als mit ihrer ganzen Person +erzog, wie sie leibte und lebte, und es also in einem zu ging mit +ihrem sonstigen Dasein. Sollte man fragen, worin denn bei dieser +leichten Art und Mühelosigkeit ihre besondere Treue und ihr Vorsatz +bestand? so wäre zu antworten: lediglich in der zugewandten Liebe, mit +welcher sich das Wesen ihrer Person dem seinigen einprägte und sie +ihre Instinkte die seinigen werden ließ. Doch blieb die Zeit nicht +aus, wo sie allerdings einige vorsätzliche und kräftige +Erziehungsmaßregeln anwenden mußte, als nämlich der gute Fritz +herangewachsen war und sich für allbereits erzogen hielt, die Mutter +aber erst recht auf der Wacht stand, da es sich nun entscheiden +sollte, ob er in das gute oder schlechte Fahrwasser einlaufen würde. +Es waren nur wenige Momente, wo sie etwas Entscheidendes und +Energisches gegen seine junge Selbständigkeit unternahm, aber jedesmal +zur rechten Zeit und so plötzlich, einleuchtend und bedeutsam, daß es +nie seiner bleibenden Wirkung ermangelte. + +Als Fritz bald achtzehn Jahre zählte, war er ein schönes junges +Bürschchen, fein anzusehen mit seinem blonden Haare und seinen blauen +Augen, und von einer großen Selbständigkeit und Sicherheit in allem +was er tat. Er hatte bereits die Leitung des Geschäftes übernommen, +was die Arbeit im Freien betraf, nachdem er schon vom vierzehnten +Jahre an im Steinbruch tüchtig gearbeitet. Er machte ein ernsthaftes +und kluges Gesicht und war dennoch aufgeräumt und guter Dinge, und was +seiner Mutter am besten gefiel, war seine Fähigkeit, mit allen Leuten +umzugehen, ohne ihre Art anzunehmen. Sie hielt ihn nicht ab +auszugehen, wenn es ihm langweilig war zu Hause, und mit anderen +jungen Burschen zu verkehren; aber die scharf Aufmerkende sah mit +Vergnügen, daß er an der Weise der jungen Seldwyler, mit denen er +abwechselnd verkehrte, bald mit diesem, bald mit jenem, keinen +sonderlichen Geschmack gewann, sie überschaute und nur sich etwas mit +ihnen die Zeit vertrieb, wie und solange er es für gut fand. Mit +Vergnügen sah sie auch, daß er sich nicht lumpen ließ und bei Gelagen +manche Flasche zum besten gab, ohne je für sich selbst schlimme Folgen +davonzutragen, und daß er nicht in einen schlimmen oder schimpflichen +Handel verwickelt wurde, obgleich er überall sich zu schaffen machte +und wußte, wie es zugegangen, ohne daß er übrigens ein Duckmäuser und +Aufpasser war. Auch hielt er was auf sich, ohne hochmütig zu sein, und +wußte s ich zu wehren, wenn es galt. Frau Regula war daher guten Mutes +und dachte, das wäre gerade die rechte Weise und ihr Söhnchen sei +nicht auf den Kopf gefallen. Da bemerkte sie, daß er anfing zu +erröten, wenn schöne Mädchen ihm in den Weg kamen, daß er selbst +häßliche Mädchen aufmerksam und kritisch betrachtete und daß er +verlegen wurde, wenn eine hübsche runde und muntere Frau in der Stube +war, während er dieselbe doch heimlicherweise mit den Augen +verschlang. Aus diesen drei Zeichen entnahm sie zwei Dinge: erstens, +daß noch nichts an ihm verdorben sei, zweitens aber, daß wenn eine +Gefahr für ihn vorhanden wäre, auf den breiten Weg der Stadt zu +tölpeln, diese Gefahr nur von seiten der Damen von Seldwyla herkommen +könne, und sie sagte sogleich in ihrem Herzen: Also da willst du +hinaus, du Schuft? + +Die Schönen dieser Stadt waren nicht schlimmer gesinnt als ihre Männer +und sie hielten, wenn sie erst zu Jahren kamen, noch manches zusammen, +was diese lieber auch noch zerstreut hätten. Allein, da die Männer +sich gern lustig machten, so wollten sie, solange es ihnen gut erging, +auch nicht zurückbleiben, und bei dem schönen Geschlecht laufen +bekanntlich alle Abirrungen und Unzukömmlichkeiten zuletzt nur auf ein +und dasselbe Ende hinaus, jene alte Geschichte, welche vielfältige +Rückwirkungen auf das Wohl oder Weh der Herren Mitschuldigen mit sich +führt. Sonach ging es auch in dieser Hinsicht zu Seldwyla etwas +lustiger zu, als an anderen Orten. + +Wie nun Frau Amrain ihre schwarzen Augen offenhielt und mit zorniger +Bangigkeit aufmerkte, wann und wie man etwa ihr Kind verderben wolle, +ergab sich bald eine Gelegenheit für ihr mütterliches Einschreiten. Es +wurde eine große Hochzeit gefeiert auf dem Rathause und das +neuvermählte Paar gehörte den geräuschvollsten und lustigsten Kreisen +an, die gerade im Flor waren. Wie an anderen Orten der Schweiz, gibt +es an den Hochzeiten zu Seldwyl, wenn Bankett und Ball am Abend +stattfinden, zweierlei Gäste: die eigentlichen geladenen +Hochzeitsgäste und dann die Freunde oder Verwandten dieser, welche +ihnen scherzhafte Hochzeit- oder Tafelgeschenke überbringen mit +allerlei Witzen, Gedichten und Anspielungen. Sie verkleiden sich zu +diesem Ende hin in allerhand lustige Trachten, welche dem zu +überbringenden Geschenk entsprechen, und sind maskiert, indem jeder +seinen Freund oder seine Verwandte aufsucht, sich hinter deren Stuhl +begibt, seine Gabe überreicht und seine Rede hält. Fritz Amrain hatte +sich schon vorgenommen, einem kleinen Bäschen einige Geschenke zu +bringen, und die Mutter nichts dagegen gehabt, da das Mädchen noch +sehr jung und sonst wohlgeartet war. Allein, weniger das Bäschen +lockte ihn, als ein dunkles Verlangen, sich unter den lustigen Damen +von Seldwyl einmal recht herumzutummeln, deren Fröhlichkeit, wenn +viele beisammen waren, ihm schon oft sehr anmutig geschildert worden. +Er war nur noch unschlüssig, welche Verkleidung er wählen sollte, um +auf der Hochzeit zu erscheinen, und erst am Abend entschloß er sich +auf den Rat einiger Bekannten, sich als Frauenzimmer zu kleiden. Seine +Mutter war eben ausgegangen, als er mit diesem lustigen Vorsatz nach +Hause gelaufen kam und denselben sogleich ins Werk setzte. Ohne +Schlimmes zu ahnen, geriet er über den Kleiderschrank seiner Mutter +und warf da so lange alles durcheinander, von einem lachenden +Dienstmädchen unterstützt, bis er die besten und buntesten +Toilettenstücke zusammengesucht und sich angeeignet hatte. Er zog das +schönste und beste Kleid der Mutter an, das sie selbst nur bei +feierlichen Gelegenheiten trug, und wühlte dazu aus den reichlichen +Schachteln Krausen, Bänder und sonstigen Putz hervor. Zum Überfluß +hing er sich noch die Halskette der Mutter um und zog so, aus dem +Gröbsten geputzt, zu seinen Genossen, die sich inzwischen ebenfalls +angekleidet. Dort vollendeten zwei muntere Schwestern seinen Anzug, +indem sie vornehmlich seinen blonden Kopf auf das zierlichste +frisierten und seine Brust mit einem sachgemäßen Frauenbusen +ausschmückten. Indem er so auf seinem Stuhle saß und diese Bemühungen +der wenig schüchternen Mädchen um sich geschehen ließ, errötete er +einmal um das andere und das Herz klopfte ihm vor erwartungsvollem +Vergnügen, während zugleich das böse Gewissen sich regte und ihm +anfing zuzuflüstern, die Sache mochte doch nicht so recht in der +Ordnung sein. Als er daher mit seiner Gesellschaft dem Rathause zuzog, +ein Körbchen mit den Geschenken tragend, sah er so verschämt und +verwirrt aus, wie ein wirkliches Mädchen, und schlug die Augen nieder, +und als er so auf der Hochzeit erschien, erregte er den allgemeinen +Beifall besonders der versammelten Frauen. Während der Zeit war aber +seine Mutter nach Hause zurückgekehrt und sah ihren offenstehenden +Kleiderschrank sowie die Verwüstung, die er in Schachteln und Kästen +angerichtet. Als sie vollends vernahm, zu welchem Ende hin dies +geschehen und daß ihre Hoffnung in Weiberkleidern, und noch dazu in +ihren besten, ausgezogen sei, überfiel sie erst ein großer Zorn, dann +aber eine noch größere Unruhe; denn nichts schien ihr geeigneter, +einen jungen Menschen in das Lotterleben zu bringen, als wenn er in +Weiberkleidern auf eine Seldwyler Hochzeit ging. Sie ließ daher ihr +Abendessen ungenossen stehen und ging eine Stunde lang in der größten +Unruhe umher, nicht wissend, wie sie ihren Sohn den drohenden Gefahren +entreißen sollte. Es widerstrebte ihr, ihn kurzweg abrufen zu lassen +und dadurch zu beschämen; auch fürchtete sie nicht mit Unrecht, daß er +würde zurückgehalten werden oder aus eigenem Willen nicht kommen +dürfte. Und dennoch fühlte sie wohl, wie er durch diese einzige Nacht +auf eine entscheidende Weise auf die schlechte Seite verschlagen +werden könne. Sie entschloß sich endlich kurz, da es ihr nicht Ruhe +ließ, ihren Sohn selbst wegzuholen, und da sie mannigfacher +Beziehungen wegen einen halben Vorwand hatte, selbst etwa ein +Stündchen auf der Hochzeit zu erscheinen, kleidete sie sich rasch um +und wählte einen Anzug, ein wenig besser als der alltägliche und doch +nicht festlich genug, um etwa zu hohe Achtung vor der lustigen +Versammlung zu verraten. So begab sie sich also nach dem Rathaus, nur +von dem Dienstmädchen begleitet, welches ihr eine Laterne vorantrug. +Sie betrat zuerst den Speisesaal; allein die erste Tafel und die +Lustbarkeit mit den Geschenken war schon vorüber und die Überbringer +derselben hatten ihre Masken abgenommen und sich unter die übrigen +Gäste gemischt. In dem Saale war nichts zu sehen als einige +Herrengesellschaften, die teils Karten spielten, teils zechten, und so +stieg sie die Treppe nach einer altertümlichen Galerie hinauf, von wo +man den Saal übersehen konnte, in welchem getanzt wurde. Diese Galerie +war mit allerlei Volk angefüllt, das nicht im Flor war und hier dem +Tanze zusehen durfte wie etwa die Einwohner einer Residenz einer +Fürstenhochzeit. Frau Regula konnte daher unbemerkt den Ball +übersehen, der so ziemlich feierlich vor sich ging und die allgemeine +Lüsternheit und Begehrlichkeit mit seinem steifen und lächerlichen +Zeremoniell zur Not verdeckte. Denn dies hätten die Seldwyler nicht +anders getan; sie huldigten vielmehr dem Spruch: Alles zu seiner Zeit! +und wenn sie mit wenig Mühe das Schauspiel eines nach ihren Begriffen +noblen Balles geben oder genießen konnten, warum sollten sie es +unterlassen? + +Fritzchen Amrain aber war unter den Tanzenden nicht zu erblicken, und +je länger ihn seine Mutter mit den Augen suchte, desto weniger fand +sie ihn. Je länger sie ihn aber nicht fand, desto mehr wünschte sie +ihn zu sehen, nicht allein mehr aus Besorgnis, sondern auch um +wirklich zu schauen, wie er sich eigentlich ausnähme und ob er in +seiner Dummheit nicht noch die Lächerlichkeit zum Leichtsinn +hinzugefügt habe, indem er als eine ungeschickt angezogene schlottrige +Weibsperson sich weiß Gott wo herumtreibe? In diesen Untersuchungen +geriet sie auf einen Seitengang der hohen Galerie, welcher mit einem +Fenster endigte, das mit einem Vorhang versehen und bestimmt war, +Licht in eben diesen Gang einzulassen. Das Fenster aber ging in das +kleinere Ratszimmer, ein altes gotisches Gemach, und war hoch an +dessen Wand zu sehen. Wie sie nun jenen Vorhang ein wenig lüftete und +in das tiefe Gemach hinunterschaute, welches durch einen seltsamen +Firlefanz von Kronleuchtern ziemlich schwach erleuchtet war, erblickte +sie eine kleinere Gesellschaft, die da in aller Stille und +Fröhlichkeit sich zu unterhalten schien. Als Frau Regel genauer +hinsah, erkannte sie sieben bis acht verheiratete, Frauen, deren +Männer sie schon in dem Speisesaal hatte spielen sehen zu einem hohen +und prahlerischen Satze. Diese Frauen saßen in einem engen Halbkreise +und vor ihnen ebensoviel junge Männer, die ihnen den Hof machten. +Unter letzteren war Fritz abermals nicht zu finden und seine Mutter +hierüber sehr froh, da der Kreis dieser Damen nichts weniger als +beruhigend anzusehen war. Denn als sie dieselben einzeln musterte, +waren es lauter jüngere Frauen, welche jede auf ihre Weise für +gefährlich galt und in der Stadt, wenn auch nicht eines schlimmen, +doch eines geheimnisvollen Rufes genoß, was bei der herrschenden +Duldsamkeit immer noch genug war. Da saß erstens die nicht häßliche +Adele Anderau, welche üppig und verlockend anzusehen war, ohne daß man +recht wußte, woran es lag, und welche alle jungen Leute jezuweilen mit +halbgeschlossenen Augen so anzublicken wußte in einem windstillen +Augenblick, daß sie einen seltsamen Funken von hoffnungsreichem +Verlangen in ihr Herz schleuderte. Aber zehn derselben ließ sie +schonungslos und mit Aufsehen abziehen, um desto regelmäßiger den +elften in einer sichern Stunde zu beglücken. Da war ferner die +leidenschaftliche Julie Haider, welche ihren Mann öffentlich und vor +so vielen Zeugen als möglich stürmisch liebkoste, die glühendste +Eifersucht auf ihn an den Tag legte und fortwährend der Untreue +anklagte, dies alles solange, bis irgendein dritter den fühllosen +Gatten beneidete und solcher Leidenschaftlichkeit teilhaftig zu werden +trachtete. Da trauerte auch die sanfte Emmeline Ackerstein, welche +eine Dulderin war und von ihrem Manne mißhandelt wurde, weil sie gar +nichts gelernt hatte und das Hauswesen vernachlässigte; diese sah +bleich und schmachtend aus und sank mit Tränen dem in die Arme, der +sie trösten mochte. Auch die schlimme Lieschen Aufdermaur war da, +welche solange Klatschereien und Zänkereien anrichtete, bis irgendein +Aufgebrachter, den sie verleumdet, sie unter vier Augen in die Klemme +brachte und sich an ihr rächte. Dann folgte, außer zwei oder drei +aufgeweckten Wesen, welche ohne weitere Begründungen schlechtweg taten +was sie mochten, die stille Theresa Gut, welche äußerst teilnahmlos +weder rechts noch links sah, niemandem entgegenkam und kaum +antwortete, wenn man sie anredete, welche aber, zufällig in ein +Abenteuer verwickelt und angegriffen, unerwarteterweise lachte wie +eine Närrin und alles geschehen ließ. Endlich saß auch dort das +leichtsinnige Käthchen Amhag, welches immer eine Menge heimlicher +Schulden zu tragen hatte. + +Nachdem Frau Amrain die Beschaffenheit dieses weiblichen Kreises +erkannt, wollte sie eben Gott danken, daß ihr Sohn wenigstens auch da +nicht zu erblicken sei, als sie noch eine weibliche Gestalt zwischen +ihnen entdeckte, die sie im ersten Augenblick nicht kannte, obgleich +sie dieselbe schon gesehen zu haben glaubte. Es war ein großes +prächtig gewachsenes Wesen von amazonenhafter Haltung und mit einem +kecken blonden Lockenkopfe, das aber hold verschämt und verliebt unter +den lustigen Frauen saß und von ihnen sehr aufmerksam behandelt wurde. +Beim zweiten Blick erkannte sie jedoch ihren Sohn und ihr violettes +Seidenkleid zugleich und sah, wie trefflich ihm dasselbe saß, und +mußte sich auch gestehen, daß er ganz geschickt und reizend ausgeputzt +sei. Aber im gleichen Augenblicke sah sie auch, wie ihn seine eine +Nachbarin küßte, infolge irgendeines Unterhaltungsspieles, das die +fröhliche Gesellschaft eben beschäftigte, und wie er gleichzeitig die +andere Nachbarin küßte, und nun hielt sie den Zeitpunkt für gekommen, +wo sie ihrem Sohne den Dienst, welchen er ihr als fünfjähriges +Knäblein geleistet, erwidern konnte. + +Sie stieg ungesäumt die Treppe hinunter und trat in das Zimmer, die +überraschte Gesellschaft bescheiden und höflich begrüßend. Alles erhob +sich verlegen; denn obgleich sie sattsam durchgehechelt wurde in der +Stadt, so flößte sie doch Achtung ein, wo sie erschien. Die jungen +Männer grüßten sie mit aufrichtig verlegener Ehrerbietung, und um so +aufrichtiger, je wilder sie sonst waren; von den Frauen aber wollte +keine scheinen, als ob sie mit der achtbarsten Frau der Stadt etwa +schlecht stände und nicht mit ihr umzugehen wüßte, weshalb sie sich +mit großem Geräusch um sie drängten, als sie sich von ihrer +Überraschung etwas erholt. Am verblüfftesten war jedoch Fritz, welcher +nicht mehr wußte, wie er sich in dem Kleide seiner Mutter zu gebärden +habe; denn dies war jetzt plötzlich sein erster Schrecken und er bezog +den ernsten Blick, den sie einstweilen auf ihn geworfen, nur auf die +gute Seide dieses Kleides. Andere Bedenken waren noch nicht ernstlich +in ihm aufgestiegen, da in der allgemeinen Lust der Scherz zu +gewöhnlich und erlaubt schien. Als alle sich wieder gesetzt hatten und +nachdem sich Frau Amrain ein Viertelstündchen freundlich mit den +jungen Leuten unterhalten, winkte sie ihren Sohn zu sich und sagte +ihm, er möchte sie nach Hause begleiten, da sie gehen wolle. Als er +sich dazu ganz bereit erklärte, flüsterte sie ihm aber mit strengem +Tone zu: „Wenn ich von einem Weibe will begleitet sein, so konnte ich +die Grete hier behalten, die mir hergeleuchtet hat! Du wirst so gut +sein und erst heimlaufen, um Kleider anzuziehen, die dir besser +stehen, als diese hier!" + +Erst jetzt merkte er, daß die Sache nicht richtig sei; tief errötend +machte er sich fort, und als er über die Straße eilte und das +rauschende Kleid ihm so ungewohnt gegen die Füße schlug, während der +Nachtwächter ihm verdächtig nachsah, merkte er erst recht, daß das +eine ungeeignete Tracht wäre für einen jungen Republikaner, in der man +niemandem ins Gesicht sehen dürfe. Als er aber, zu Hause angekommen, +sich hastig umkleidete, fiel es ihm ein, daß nun die Mutter allein +unter dem Volke auf dem Rathause sitze, und dieser Gedanke machte ihn +plötzlich und sonderbarerweise so zornig und besorgt um ihre Ehre, daß +er sich beeilte nur wieder hinzukommen und sie abzuholen. Auch glaubte +er ihr einen rechten Ritterdienst damit zu erweisen, daß er so +pünktlich wieder erschien, und alle etwaigen Unebenheiten dadurch aufs +schönste ausgeglichen. Frau Amrain aber empfahl sich der Gesellschaft +und ging ernst und schweigsam neben ihrem Sohne nach Hause. Dort +setzte sie sich seufzend auf ihren gewohnten Sessel und schwieg eine +Weile; dann aber stand sie auf, ergriff das daliegende Staatskleid und +zerriß es in Stücken, indem sie sagte: „Das kann ich nun wegwerfen, +denn tragen werde ich es nie mehr!" + +„Warum denn?" sagte Fritz erstaunt und wieder kleinlaut. „Wie werde +ich," erwiderte sie, „ein Kleid ferner tragen, in welchem mein Sohn +unter liederlichen Weibern gesessen hat, selber einem gleichsehend?" +Und sie brach in Tränen aus und hieß ihn zu Bette gehen. „Hoho", sagte +er, als er ging, „das wird denn doch nicht so gefährlich sein." Er +konnte aber nicht einschlafen, da sein Kopf sowohl von der +unterbrochenen Lustbarkeit als auch von den Worten der Mutter +aufgeregt war; es gab also Muße, über die Sache nachzudenken, und er +fand, daß die Mutter einigermaßen recht habe, aber er fand dies nur +insofern, als er selbst die Leute verachtete, mit denen er sich eben +vergnügt hatte. Auch fühlte er sich durch diese Auslegung eher +geschmeichelt in seinem Stolze, und erst, als die Mutter am Morgen und +die folgenden Tage ernst und traurig blieb, kam er dem Grunde der +Sache näher. Es wurde kein Wort mehr darüber gesprochen; aber Fritz +war für einmal gerettet, denn er schämte sich vor seiner Mutter mehr, +als vor der ganzen übrigen Welt. + +Während einiger Monate fand sie keine Ursache, neue Besorgnisse zu +hegen, bis eines Tages, als ein blühendes junges Landmädchen sich +einfand, um den Dienst bei ihr nachzusuchen, Fritz dasselbe unverwandt +betrachtete und endlich auf es zutrat und, alles andere vergessend, +ihm die Wangen streichelte. Er erschrak sogleich selbst darüber und +ging hinaus; die Mutter erschrak auch und das Mädchen wurde rot und +zornig und wandte sich, ohne weitern Aufenthalt zu gehen. Als Frau +Amrain dies sah, hielt sie es zurück und nahm es mit einiger +Überredung in ihren Dienst. Nun muß es biegen oder brechen, dachte sie +und fühlte gleichzeitig, daß auf dem bisherigen, bloß verneinenden +Wege dies Blut sich nicht länger meistern ließ. Sie näherte sich +deshalb noch am selben Tage ihrem Sohne, als er mit seinem Vesperbrote +sich unter eine schattige Rebenlaube gesetzt hatte hinter dem Hause, +von wo man zum Teil hinaus in die Ferne sah nach blauen Höhenstrichen, +wo andere Leute wohnten. Sie legte ihren Arm um seine Schultern, sah +ihm freundlich in die Augen und sagte: „Lieber Fritz! Sei mir jetzt +nur noch zwei oder drei Jährchen brav und gehorsam, und ich will dir +das schönste und beste Frauchen verschaffen aus meinem Ort, daß du dir +was darauf einbilden kannst!" + +Fritz schlug errötend die Augen nieder, wurde ganz verlegen und +erwiderte mürrisch: „Wer sagt denn, daß ich eine Frau haben wolle?" +„Du sollst aber eine haben!" versetzte sie, „und wie ich sage, eine +von guter und schöner Art; aber nur, wenn du sie verdienst; denn ich +werde mich hüten, eine rechtschaffene Tochter hierher ins Elend zu +bringen!" Damit küßte sie ihren Sohn, wie sie seit undenklicher Zeit +nicht getan, und ging ins Haus zurück. + +Es ward ihm aber auf einmal ganz seltsam zumute und von Stund an waren +seine Gedanken auf eine solche gute und schöne Frau gerichtet, und +diese Gedanken schmeichelten ihm so sehr und beschäftigten ihn so +anhaltend, daß er darüber keine Frauensperson in Seldwyla mehr ansah. +Die Zärtlichkeit, mit welcher die Mutter ihm solche Ideen beigebracht, +gab seinen Wünschen eine innigere und edlere Richtung, und er fühlte +sich wohlgeborgen, da man es so gut mit ihm meine. Er wartete aber die +zwei Jahre und die Anstalten seiner Mutter nicht ab, sondern fing +schon in der nächsten Zeit an, an schönen Sonntagen ins Land hinaus zu +gehen und insbesondere in der Heimat der Mutter herumzukreuzen. Er war +bis jetzt kaum einmal dort gewesen und wurde von den Verwandten und +Freunden seiner Mutter um so freundlicher aufgenommen, als sie großes +Wohlgefallen an dem hübschen Jüngling fanden und er zudem eine Art +Merkwürdigkeit war als ein wohlgeratener, fester und nicht +prahlerischer Seldwyler. Er machte sich ordentlich heimisch in jenen +Gegenden, was seine Mutter wohl merkte und geschehen ließ, aber sie +ahnte nicht, daß er, ehe sie es vermutete, schon in bester Form einen +Schatz hatte, der ihm allen von der Mutter ihm gemachten +Vorspiegelungen vollkommen zu entsprechen schien. Als sie davon +erfuhr, machte sie sich dahinter her, voll Besorgnis, wer es sein +möchte, und fand zu ihrer frohen Verwunderung, daß er nun gänzlich auf +einem guten Wege sei; denn sie mußte den Geschmack und das Urteil des +Sohnes nur loben und ebenso dessen ungetrübte Treue und Fröhlichkeit, +mit welcher er dem erwählten Mädchen anhing, so daß sie sich aller +weitern Zucht und aller Listen endlich enthoben sah. + +Diese Klippe war unterdessen kaum glücklich umschifft, als sich eine +andere zeigte, welche noch gefährlicher zu werden drohte, und der Frau +Regula abermals Gelegenheit gab, ihre Klugheit zu erproben. Denn die +Zeit war nun da, wo Fritz, der Sohn, anfing zu politisieren und damit +mehr als durch alles andere in die Gemeinschaft seiner Mitbürger +gezogen wurde. Er war ein liberaler Gesell, wegen seiner Jugend, +seines Verstandes, seines ruhigen Gewissens in Hinsicht seiner +persönlichen Pflichterfüllung und aus anererbtem Mutterwitz. Obgleich +man nach gewöhnlicher oberflächlicher Anschauungsweise etwa hätte +meinen können, Frau Amrain wäre aristokratischer Gesinnung gewesen, +weil sie die meisten Leute verachten mußte, unter denen sie lebte, so +war dem doch nicht also; denn höher und feiner als die Verachtung ist +die Achtung vor der Welt im ganzen. Wer freisinnig ist, traut sich und +der Welt etwas Gutes zu und weiß mannhaft von nichts anderem, als daß +man hierfür einzustehen vermöge, während der Unfreisinn oder der +Konservatismus auf Zaghaftigkeit und Beschränktheit gegründet ist. +Diese lassen sich aber schwer mit wahrer Männlichkeit vereinigen. Vor +tausend Jahren begann die Zeit, da nur derjenige für einen +vollkommenen Helden und Rittersmann galt, der zugleich ein frommer +Christ war; denn im Christentum lag damals die Menschlichkeit und +Aufklärung. Heute kann man sagen: sei einer so tapfer und resolut, als +er wolle, wenn er nicht vermag freisinnig zu sein, so ist er kein +ganzer Mann. Und die Frau Regula hatte, nachdem sie sich einmal an +ihrem Eheherrn so getäuscht, zu strenge Regeln in ihrem Geschmack +betreffs der Mannestugend angenommen, als daß sie eine feste und +sichere Freisinnigkeit daran vermissen wollte. Übrigens, als ihr Mann +um sie geworben, hatte er in allem Flor eines jugendlichen +Radikalismus geglänzt, welchen er freilich mehr in der Weise +handhabte, wie ein Lehrling die erste silberne Sackuhr. + +Abgesehen von diesen Geschmacksgründen aber war sie aus einem Orte +gebürtig, wo seit unvordenklichen Zeiten jedermann freisinnig gewesen +und der im Laufe der Zeit bei jeder Gelegenheit sich als ein +entschlossenes, tatkräftiges und sich gleichbleibendes Bürgernest +hervorgetan, so daß, wenn es hieß: die von So und So haben dies gesagt +oder jenes getan! sie gleich einen ganzen Landstrich mitnahmen und +einen kräftigen Anstoß gaben. Wenn also Frau Amrain in den Fall kam, +ihre Meinung über einen Streit festzustellen, so hörte sie nicht auf +das, was die Seldwyler, sondern auf das, was die Leute ihrer +Jugendheimat sagten, und richtete ihre Gedanken dorthin. + +Alles das waren Gründe genug für Fritz, ein guter Liberaler zu sein, +ohne absonderliche Studien gemacht zu haben. Was nun die nächste +Gefahr anbelangt, welche da, wo das Wort und die rechtlichen +Handlungen frei sind und die Leute sich das Wetter selbst machen, für +einen politisch Aufgeregten entsteht, nämlich die Gefahr, ein +Müßiggänger und Schenkeläufer zu werden, so war dieselbe zu Seldwyla +allerdings noch größer, als an anderen Schweizerorten, welche mit der +ganzen Alten Welt noch an der gemütlichen ostländischen Weise +festhalten, das Wichtigste in breiter halbträumender Ruhe an den +Quellen des Getränkes oder bei irgendeinem Genusse zu verhandeln und +immer wieder zu verhandeln. Und doch sollte das nicht so sein; denn +ein gutes Glas in fröhlicher Ruhe zu trinken, ist ein Zweck, ein Lohn +oder eine Frucht, und, wenn man das in einem tiefern Sinne nimmt, das +Ausüben politischer Rechte bloß ein Mittel, dazu zu gelangen. Indessen +war für Fritz diese Gefahr nicht beträchtlich, weil er schon zu sehr +an Ordnung und Arbeit gewöhnt war und es ihn gerade zu Seldwyla nicht +reizte, den anderen nachzufahren. Größer war schon die Gefahr für ihn, +ein Schwätzer und Prahler zu werden, der immer das gleiche sagt und +sich selbst gern reden hört; denn in solcher Jugend verführt nichts so +leicht dazu, als das lebendige Empfinden von Grundsätzen und +Meinungen, welche man zur Schau stellen darf ohne Rückhalt, da sie +gemeinnützig sind und das Wohl aller betreffen. + +Als er aber wirklich begann, Tag und Nacht von Politik zu sprechen, +ein und dieselbe Sache ewig herumzerrte und jene kindische Manier +annahm, durch blindes Behaupten sich selbst zu betäuben und zu tun, +als ob es wirklich so gehen müsse, wie man wünscht und behauptet, da +sagte seine Mutter ein einzigesmal, als er eben im schönsten Eifer +war, ganz unerwartet: „Was ist denn das für ein ewiges Schwatzen und +Kannegießern? Ich mag das nicht hören! Wenn du es nicht lassen kannst, +so geh auf die Gasse oder ins Wirtshaus, hier in der Stube will ich +den Lärm nicht haben!" + +Dies war ein Wort zur rechten Zeit gesprochen; Fritz blieb in seiner +also durchschnittenen Rede ganz verblüfft stecken und wußte gar nichts +zu sagen. Er ging hinaus, und indem er über dies wunderliche Ereignis +nachgrübelte, fing er an sich zu schämen, so daß er erst eine gute +halbe Stunde nachher rot wurde bis hinter die Ohren, von Stund an +geheilt war und seine Politik mit weniger Worten und mehr Gedanken +abzumachen sich gewöhnte. So gut traf ihn der einmalige Vorwurf aus +Frauenmund, ein Schwätzer und Kannegießer zu sein. + +Um so größer erwies sich nun die dritte, entgegengesetzte Gefahr, an +übel gewendeter Tatkraft zu verderben. So wetterwendisch nämlich sonst +die Seldwyler in ihren politischen Stimmungen waren, so beharrlich +blieben sie in der Teilnahme an allem Freischaren- und Zuzügerwesen, +und wenn irgendwo in der Nachbarschaft es galt, gewaltsam ein +widerstehendes Regiment zu sprengen, eine schwache Mehrheit +einzuschüchtern oder einer trotzigen ungefügigen Minderheit bewaffnet +beizuspringen, so zog jedesmal, mochte nun die herrschende Stimmung +sein, welche sie wollte, von Seldwyla ein Trupp bewaffneter Leute aus, +nach dem aufgeregten Punkte hin, bald bei Nacht und Nebel auf +Seitenwegen, bald am hellen Tage auf offener Landstraße, je nachdem +ihnen die Luft sicher schien. Denn nichts dünkte sie so ergötzlich, +als bei schönem Wetter einige Tage im Lande herumzustreichen, so +sechzig oder siebenzig, wohlbewaffnet mit feinen Zielgewehren, +versehen mit gewichtigen drohenden Bleikugeln und silbernen Talern, +mittelst letzterer sich in den besetzten Wirtshäusern gütlich zu tun +und mit tüchtigem Hallo, das Glas in der Hand, auf andere Zuzüge zu +stoßen, denen es ebenfalls mehr oder minder Ernst war. Da nun das +Gesetzliche und das Leidenschaftliche, das Vertragsmäßige und das +ursprünglich Naturwüchsige, der Bestand und das Revolutionäre zusammen +erst das Leben ausmachen und es vorwärts bringen, so war hiergegen +nichts zu sagen, als: seht euch vor, was ihr ausrichtet! Nun aber +erfuhren die Seldwyler den eigenen Unstern, daß sie bei ihren Auszügen +immerdar entweder zu früh oder zu spät und am unrechten Orte eintrafen +und gar nicht zum Schusse kamen, wenn sie nicht auf dem Heimwege, der +dann nach mannigfachem Hin- und Herreden und genugsamem Trinken +eingeschlagen wurde, zum Vergnügen wenigstens einige Patronen in die +Luft schossen. Doch dies genügte ihnen, sie waren gewissermaßen dabei +gewesen und es hieß im Lande, die Seldwyler seien auch ausgerückt in +schöner Haltung, lauter Männer mit gezogenen Büchsen und goldenen +Uhren in der Tasche. + +Als es das erstemal begegnete, daß Fritz Amrain von einem solchen +Ausrücken hörte und zugleich seines Alters halber fähig war +mitzugehen, lief er, da es soweit eine gute Sache betraf, sogleich +nach Hause, denn es war eben die höchste Zeit und der Trupp im Begriff +aufzubrechen. Zu Hause zog er seine besten Kleider an, steckte +genugsam Geld zu sich, hing seine Patronentasche um und ergriff sein +wohl instand gehaltenes Infanteriegewehr, denn da er bereits ein +ordentlicher und handfester junger Flügelmann war, dachte er nicht +daran, mit einer kostbaren Schützenwaffe zu prahlen, die er nicht zu +handhaben verstand, sondern aufrichtig und emsig sein leichtes Gewehr +zu laden und loszubrennen, sobald er irgend vor den Mann kommen würde; +und er sah sehnsüchtig im Geiste schon nichts anderes mehr, als den +letzten Hügel, die letzte Straßenecke, um welche herumbiegend man den +verhaßten Gegner erblicken und es losgehen würde mit Puffen und +Knallen. + +Er nahm nicht das geringste Gepäck mit und verabschiedete sich kaum +bei der Mutter, die ihm aufgebracht und mit klopfendem Herzen, aber +schweigend zusah. „Adieu!" sagte er, „morgen oder übermorgen früh +spätestens sind wir wieder hier!" und ging weg, ohne ihr nur die Hand +zu geben, als ob er nur in den Steinbruch hinausginge, um die Arbeiter +anzutreiben. So ließ sie ihn auch gehen ohne Einwendung, da es ihr +widerstand, den hübschen jungen Burschen von solcher ersten +Mutesäußerung abzuhalten, ehe die Zeit und die Erfahrung ihn selber +belehrt. Vielmehr sah sie ihm durch das Fenster wohlgefällig nach, als +er so leicht und froh dahinschritt. Doch ging sie nicht einmal ganz an +das Fenster, sondern blieb in der Mitte der Stube stehen und schaute +von da aus hin. Übrigens war sie selbst mutigen Charakters und hegte +nicht sonderliche Sorgen, zumal sie wohl wußte, wie diese Auszüge von +Seldwyla abzulaufen pflegten. + +Fritz kam denn auch richtig schon am anderen Morgen ganz in der Frühe +wieder an und stahl sich ziemlich verschämt in das Haus. Er war +ermüdet, überwacht, von vielem Weintrinken abgespannt und schlechter +Laune und hatte nicht das mindeste erlebt oder ausgerichtet, außer daß +er seinen feinen Rock verdorben durch das Herumlungern und sein +Geldbeutel geleert war. + +Als seine Mutter dies bemerkte und als sie überdies sah, daß er nicht +wie die anderen, die inzwischen auch gruppenweise zurückgeschlendert +kamen, nur die Kleider wechselte, neues Geld zu sich steckte und nach +dem Wirtshause eilte, um da den mißlungenen Feldzug +auseinanderzusetzen und sich nach den ermüdenden Nichttaten zu +stärken, sondern daß er eine Stunde lang schlief und dann schweigend +an seine Geschäfte ging, da ward sie in ihrem Herzen froh und dachte, +dieser merke von selber, was die Glocke geschlagen. Indessen dauerte +es kaum ein halbes Jahr, als sich eine neue Gelegenheit zeigte, +auszuziehen nach einer anderen Seite hin, und die Seldwyler auch +wirklich wieder auszogen. Eine benachbarte Regierung sollte gestürzt +werden, welche sich auf eine ganz kleine Mehrheit eines andächtigen +gutkatholischen Landvolkes stützte. Da aber dies Landvolk seine +andächtige Gesinnung und politische Meinung ebenso handlich, munter +und leidenschaftlich betrieb und bei den Wahlvorgängen ebenso +geschlossen und prügelfertig zusammenhielt, wie die aufgeklärten Gegner, +so empfanden diese einen heftigen und ungeduldigen Verdruß, und es +wurde beschlossen, jenen vernagelten Dummköpfen durch einen mutigen + Handstreich zu zeigen, wer Meister im Lande sei, und zahlreiche +Parteigenossen umliegender Kantone hatten ihren Zuzug zugesagt, als ob + ein Hering zu einem Lachs würde, wenn man ihm den Kopf abbeißt und +sagt: dies soll ein Lachs sein! Aber in Zeiten des Umschwunges, wenn ein +neuer Geist umgeht, hat die alte Schale des gewohnten Rechtes keinen +Wert mehr, da der Kern heraus ist, und ein neues Rechtsbewußtsein +muß erst erlernt und angewöhnt werden, damit „rechtlich am längsten +wäre", das heißt, solange der neue Geist lebt und währt, bis er wiederum +veraltet ist und das Auslegen und Zanken um die Schale des Rechtes von +neuem angeht. Als gewohnterweise wieder einige Dutzend Seldwyler +beisammen waren, um als ein tapferes Häuflein auszurücken und der +verhaßten Nachbarregierung vom Amte zu helfen, war Frau Regel Amrain +guter Laune, indem sie dachte, diese bewaffneten Kannegießer wären +diesmal recht angeführt, wenn sie glaubten, daß ihr Sohn mitginge; denn +nach ihren bisherigen Erfahrungen, laut welchen das wackere Blut stets +durch eine einmalige Lehre sich gebessert, mußte es ihm jetzt nicht +einfallen mitzugehen. Aber siehe da! Fritz erschien unversehens; als +sie ihn bei seinen Geschäften glaubte, im Hause, bürstete seine +starken Werkeltagskleider wohl aus und steckte die Bürste nebst +anderen Ausrüstungsgegenständen und einige Wäsche in eine +Reisetasche, welche er umhing, kreuzweise mit der wohlgefüllten +Patrontasche; dann ergriff er abermals sein Gewehr und senkte es zum +Gehen, nachdem er mit dem Daumen einige Male den Hahn hin und her +gezogen, um die Federkraft des Schlosses zu erproben. + +„Diesmal", sagte er, „wollen wir die Sache anders angreifen, adieu!" +und so zog er ab, ungehindert von der Mutter, welcher es abermals +unmöglich war, ihn von seinem Tun abzuhalten, da sie Wohl sah, daß es +ihm Ernst war. Um so besorgter war sie jetzt plötzlich und sie +erbleichte einen Augenblick lang, während sie abermals mit +Wohlgefallen seine Entschlossenheit bemerkte. Die Seldwyler Schar +kehrte am nächsten Tage ganz in der alten Weise zurück, ohne noch zu +wissen, wie es auf dem Kampfplatze ergangen; denn da sie die Grenze +ein bißchen überschritten hatten, fanden sie das dasige Ländchen sehr +aufgeregt und die Bauern darüber erbost, daß man solchergestalt auf +ihrem Territorium erscheine, wie zu den Zeiten des Faustrechtes. Sie +stellten jedoch kein Hindernis entgegen, sondern standen nur an den +Wegen mit spöttischen Gesichtern, welche zu sagen schienen, daß sie +die Eindringlinge einstweilen vorwärts spazieren lassen, aber auf dem +Rückwege dann näher ansehen wollten. Dies kam den Seldwylern gar nicht +geheuer vor und sie beschlossen deshalb, das versprochene Eintreffen +anderer Zuzüge abzuwarten, ehe sie weiter gingen. Als diese aber nicht +kamen und ein Gerücht sich verbreitete, der Putsch sei schon vorüber +und günstig abgelaufen, machten sie sich endlich wieder auf den +Rückweg mit Ausnahme des Fritz Amrain, welcher seelenallein und +trotzig verwegen sich von ihnen trennte und mitten durch das +gegnerische Gebiet wegmarschierte auf dessen Hauptstadt zu. Denn er +hatte, indem er seine Gefährten zechen und schwatzen ließ, sich +erkundigt und vernommen, daß ein Häuflein Bursche aus dem Geburtsorte +seiner Mutter einige Stunden von da eintreffen würde, und zu diesen +gedachte er zu stoßen. Er erreichte sie auch ohne Gefährde, weil er +rasch und unbekümmert seinen Weg ging, und drang mit ihnen ungesäumt +vorwärts. Allein die Sache schlug fehl, jene schwankhafte Regierung +behauptete sich für diesmal wieder durch einige günstige Zufälle, und +sobald diese sich deutlich entwickelt, tat sich das Landvolk zusammen, +strömte der Hauptstadt zu in die Wette mit den Freizügern und +versperrte diesen die Wege, so daß Fritz und seine Genossen, noch ehe +sie die Stadt erreichten, zwischen zwei großen Haufen bewaffneter +Bauern gerieten, und, da sie sich mannlich durchzuschlagen gedachten, +ein Gefecht sich unverweilt entspann. So sah sich denn Fritz +angesichts fremder Dorfschaften und Kirchtürme ladend, schießend und +wieder ladend, indessen die Glocken stürmten und heulten über den +verwegenen Einbruch und den Verdruß des beleidigten Bodens auszuklagen +schienen. Wo sich die kleine Schar hinwandte, wichen die Landleute mit +großem Lärm etwas zurück; denn ihre junge Mannschaft war im +Soldatenrock schon nach der Stadt gezogen worden, und was sich hier +den Angreifern entgegenstellte, bestand mehr aus alten und ganz jungen +unerwachsenen Leuten, von Priestern, Küstern und selbst Weibern +angefeuert. Aber sie zogen sich dennoch immer dichter zusammen, und +nachdem erst einige unter ihnen verwundet waren, stellte gerade dieser +dunkle Saum erschreckter alter Menschen, Weiber und Priester, die sich +zusammen den Landsturm nannten, das aufgebrachte und beleidigte Gebiet +vor und die Glocken schrien den Zorn über alles Getöse hinweg weit in +das Land hinaus. Aber der drohende Saum zog sich immer enger und enger +um die fechtenden Parteigänger, einige entschlossene und erfahrene +Alte gingen voran, und es dauerte nicht mehr lange, so waren die +Freischärler gefangen. Sie ergaben sich ohne weiteres, als sie sahen, +daß sie alles gegen sich hatten, was hier wohnte. Wenn man im offenen +Kriege vom Reichsfeind gefangen wird, so ist das ein Unstern wie ein +anderer und kränkt den Mann nicht tiefer; aber von seinen Mitbürgern +als ein gewalttätiger politischer Widersacher gefangen zu werden, ist +so demütigend und kränkend, als irgend etwas auf Erden sein kann. Kaum +waren sie entwaffnet und von dem Volke umringt, als alle möglichen +Ehrentitel auf sie niederregneten: Landfriedenbrecher, Freischärler, +Räuber, Buben waren noch die mildesten Ausrufe, die sie zu hören +bekamen. Zudem wurden sie von vorn und hinten betrachtet wie wilde +Tiere, und je solider sie in ihrer Tracht und Haltung aussahen, desto +erboster schienen die Bauern darüber zu werden, daß solche Leute +solche Streiche machten. + +So hatten sie nun nichts weiter zu tun, als zu stehen oder zu gehen, +wo und wie man ihnen befahl, hierhin, dorthin, wie es dem vielköpfigen +Souverän beliebte, welchem sie sein Recht hatten nehmen wollen. Und er +übte es jetzt in reichlichem Maße aus und es fehlte nicht an Knüffen +und Püffen, wenn die Herren Gefangenen sich trotzig zeigten oder nicht +gehorchen wollten. Jeder schrie ihnen eine gute Lehre zu: „Wäret ihr +zu Hause geblieben, so brauchtet ihr uns nicht zu gehorchen! Wer hat +euch hergerufen? Da ihr uns regieren wolltet, so wollen wir nun euch +auch regieren, ihr Spitzbuben! Was bezieht ihr für Gehalt für euer +Geschäft, was für Sold für euer Kriegswesen? Wo habt ihr eure +Kriegskasse und wo euren General? Pflegt ihr oft auszuziehen ohne +Trompeter, so in der Stille? Oder habt ihr den Trompeter +heimgeschickt, um euren Sieg zu verkünden? Glaubtet ihr, die Luft in +unserm Gebiet sei schlechter als eure, da ihr kamet, sie mit +Bleikugeln zu peitschen? Habt ihr schon gefrühstückt, ihr Herren? Oder +wollt ihr ins Gras beißen? Verdienen würdet ihr es wohl! Habt ihr +geglaubt, wir hätten hier keinen ordentlichen Staat, wir stellten gar +nichts vor in unserem Ländchen, daß ihr da rottenweise herumstreicht +ohne Erlaubnis? Wolltet ihr Füchse fangen oder Kaninchen? Schöne +Bundesgenossen, die uns mit dem Schießprügel in der Hand unser gutes +Recht stellen wollen! Ihr könnt euch bei denen bedanken, die euch +hergerufen; denn man wird euch eine schöne Mahlzeit anrichten! Ihr +dürfet einstweilen unsere Zuchthauskost versuchen; es ist eine ganz +entschiedene Majorität von gesunden Erbsen, gewürzt mit dem Salze +eines handlichen Strafgesetzes gegen Hochverrat, und wenn ihr Jahr und +Tag gesessen habt, so wird man euch erlauben, zur Feier eures +glorreichen Einzuges auch eine kleine Minorität von Speck zu +überwältigen, aber beißt euch alsdann die Zähne nicht daran aus! Es +geht allerdings nichts über einen gesunden Spaziergang und ist +zuträglich für die Gesundheit, insbesondere wenn man keine regelmäßige +Arbeit und Bewegung zu haben scheint; aber man muß sich doch immer in +acht nehmen, wo man spazieren geht, und es ist unhöflich, mit dem Hut +auf dem Kopfe in eine Kirche und mit dem Gewehr in der Hand in ein +friedfertiges Staatswesen hereinzuspazieren! Oder habt ihr geglaubt, +wir stellen keinen Staat vor, weil wir noch Religion haben und unsere +Pfaffen zu ehren belieben? Dieses gefällt uns einmal so, und wir +wohnen gerade so lang im Lande, als ihr, ihr Maulaffen, die ihr nun +dasteht und euch nicht zu helfen wißt!" + +So tönte es unaufhörlich um sie her, und die Beredsamkeit der Sieger +war um so unerschöpflicher, als sie das gleiche, dessen sie ihre +Gegner nun anklagten, entweder selbst schon getan oder es jeden +Augenblick zu tun bereit waren, wenn die Umstände und die persönliche +Rüstigkeit es erlaubten, gleich wie ein Dieb die beredteste Entrüstung +verlauten läßt, wenn ein Kleinod, das er selbst gestohlen, ihm +abermals entfremdet wird. Denn der Mensch trägt die unbefangene +Schamlosigkeit des Tieres geradeswegs in das moralische Gebiet hinüber +und gebärdet sich da im guten Glauben an das nützliche Recht seiner +Willkür so naiv, wie die Hündlein auf den Gassen. Die gefangenen +Freischärler mußten indessen alles über sich ergehen lassen und waren +nur bedacht, durch keinerlei Herausforderung eine körperliche +Mißhandlung zu veranlassen. Dies war das einzige, was sie tun konnten +und die Älteren und Erfahreneren unter ihnen ertrugen das Übel mit +möglichstem Humor, da sie voraussahen, daß die Sache nicht so +gefährlich abliefe, als es schien. Der eine oder andere merkte sich +ein schimpfendes Bäuerlein, das in seinem Laden etwa eine Sense oder +ein Maß Kleesamen gekauft und schuldig geblieben war, und gedachte, +demselben seinerzeit seine beißenden Anmerkungen mit Zinsen +zurückzugeben, und wenn ein solches Bäuerlein solchen Blick bemerkte +und den Absender erkannte, so hörte es darum nicht plötzlich auf zu +schelten, aber richtete unvermerkt seine Augen und seine Worte +anderswohin in den Haufen und verzog sich allmählich hinter die Front; +so gemütlich und seltsam spielen die Menschlichkeiten durcheinander. +Fritz Amrain aber war im höchsten Grade niedergeschlagen und trostlos. +Zwei oder drei seiner Gefährten waren gefallen und lagen noch da, +andere waren verwundet und er sah den Boden um sich her mit Blut +gefärbt; sein Gewehr und seine Taschen waren ihm abgenommen, ringsum +erblickte er drohende Gesichter, und so war er plötzlich aus seiner +bedachtlosen und fieberhaften Aufregung erwacht, der Sonnenschein des +lustigen Kampftages war verwischt und verdunkelt, das lustige Knallen +der Schüsse und die angenehme Musik des kurzen Gefechtslärmens +verklungen, und als nun gar endlich die Behörden oder +Landesautoritäten sich hervortaten aus dem Wirrsal und eine trockene +geschäftliche Einteilung und Abführung der Gefangenen begann, war es +ihm zumute wie einem Schulknaben, welcher aus einer mutwilligen +Herrlichkeit, die ihm für die Ewigkeit gegründet und höchst rechtmäßig +schien, unversehens von dem häßlichsten Schulmeister aufgerüttelt und +beigesteckt wird, und der nun in seinem Gram alles verloren und das +Ende der Welt herbeigekommen wähnt. Er schämte sich, ohne zu wissen +vor wem, er verachtete seine Feinde und war doch in ihrer Hand. Er war +begeistert gewesen, gegen sie auszuziehen, und doch waren sie jetzt in +jeder Hinsicht in ihrem Rechte; denn selbst ihre Beschränktheit oder +ihre Dummheit war ihr gutes rechtliches Eigentum und es gab kein +Mandat dagegen, als dasjenige des Erfolges, der nun leider +ausgeblieben war. Die leidenschaftlich erbosten Gesichter aller dieser +bejahrten und gefurchten Landleute, welche auf ihren gefundenen Sieg +trotzten, traten ihm in seiner helldunklen Trostlosigkeit mit einer +seltsamen Deutlichkeit vor die Augen; überall, wo er durchgeführt +wurde, gab es neue Gesichter, die er nie gesehen, die er nicht einzeln +und nicht mit Willen ansah, und die sich ihm dennoch scharf und +trefflich beleuchtet einprägten als ebenso viele Vorwürfe, +Beleidigungen und Strafgerichte. Je näher der Zug der Gefangenen der +Stadt kam, desto lebendiger wurde es; die Stadt selbst war mit +Soldaten und bewaffneten Landleuten angefüllt, welche sich um die neu +befestigte Regierung scharten, und die Gefangenen wurden im Triumphe +durchgeführt. Von der Opposition, welche gestern noch so mächtig +gewesen, daß sie um die Herrschaft ringen konnte, und sich bewegte, +wie es ihr gefiel, war nicht die leiseste Spur mehr zu erblicken; es +war eine ganz andere grobe und widerstehende Welt, als sich Fritz +gedacht hatte, welche sich für unzweifelhaft und aufs beste begründet +ausgab und nur verwundert schien, wie man sie irgend habe in Frage +stellen und angreifen können. Denn jeder tanzt, wenn seine Geige +gestrichen wird, und wenn viele Menschen zusammen sich was einbilden, +so blähet sich eine Unendlichkeit in dieser Einbildung. Endlich aber +waren die Gefangenen in Türmen und andern Baulichkeiten untergebracht, +alle schon bewohnt von ähnlichen Unternehmungslustigen, und so befand +sich auch Fritz hinter Schloß und Riegel und war es erklärlich, daß er +nicht mit den Seldwylern zurückgekehrt war. Diese rächten sich für +ihren mißlungenen Zug dadurch, daß sie den sieghaften Gegnern auf der +Stelle die abscheulichste und rücksichtsloseste Rachsucht zuschrieben +und daß jeder, der entkommen war, es als für gewiß annahm, die +Gefangenen würden erschossen werden. Es gab Leute, die sonst nicht +ganz unklug waren, welche allen Ernstes glaubten und wieder sagten, +daß die fanatisierten Bauern gefangene Freischärler zwischen zwei +Bretter gebunden und entzweigesägt oder auch etliche derselben +gekreuzigt hätten. + +Sobald Frau Regula diese Übertreibungen und dies unmäßige Mißtrauen +vernahm, verlor sie die Hälfte des Schreckens, welchen sie zuerst +empfunden, da die Torheit der Leute ihren Einfluß auf die +Wohlbestellten immer selbst reguliert und unschädlich macht. Denn +hätten die Seldwyler nur etwa die Befürchtung ausgesprochen, die +Gefangenen könnten vielleicht wohl erschossen werden nach dem +Standrecht, so wäre sie in tödlicher Besorgnis geblieben; als man aber +sagte, sie seien entzweigesägt und gekreuzigt, glaubte sie auch jenes +nicht mehr. Dagegen erhielt sie bald einen kurzen Brief von ihrem +Sohne, laut welchem er wirklich eingetürmt war und sie um die +sofortige Erlegung einer Geldbürgschaft bat, gegen welche er entlassen +würde. Mehrere Kameraden seien schon auf diese Weise freigegeben +worden. Denn die sieghafte Regierung war in großen Geldnöten und +verschaffte sich auf diese Weise einige willkommene außerordentliche +Einkünfte, da sie nachher nur die hinterlegten Summen in ebenso viele +Geldbußen zu verwandeln brauchte. Frau Amrain steckte den Brief ganz +vergnügt in ihren Busen und begann gemächlich und ohne sich zu +übereilen, die erforderlichen Geldmittel beizubringen und +zurechtzulegen, so daß wohl acht Tage vergingen, ehe sie Anstalt +machte, damit abzureisen. Da kam ein zweiter Brief, welchen der Sohn +Gelegenheit gefunden, heimlich abzuschicken und worin er sie beschwor, +sich ja zu eilen, da es ganz unerträglich sei, seinen Leib dergestalt +in der Gewalt verhaßter Menschen zu sehen. Sie wären eingesperrt wie +wilde Tiere, ohne frische Luft und Bewegung, und müßten Habermus und +Erbsenkost aus einer hölzernen Bütte gemeinschaftlich essen mit +hölzernen Löffeln. Da schob sie lächelnd ihre Abreise noch um einige +Tage auf, und erst als der eingepferchte Tatkräftige volle vierzehn +Tage gesessen, nahm sie ein Gefährt, packte die Erlösungsgelder nebst +frischer Wäsche und guten Kleidern ein und begab sich auf den Weg. Als +sie aber ankam, vernahm sie, daß ehestens eine Amnestie ausgesprochen +würde über alle, die nicht ausgezeichnete Rädelsführer seien, und +besonders über die Fremden, da man diese nicht unnütz zu füttern +gedachte und jetzt keine eingehenden Gelder mehr erwartete. Da blieb +sie noch zwei oder drei Tage in einem Gasthofe, bereit, ihren Sohn +jeden Augenblick zu erlösen, der übrigens seiner Jugend wegen nicht +sehr beachtet wurde. Die Amnestie würde auch wirklich verkündet, da +diesmal die siegende Partei aus Sparsamkeit die wahre Weise befolgte: +im Siege selbst, und nicht in der Rache oder Strafe, ihr Bewußtsein +und ihre Genugtuung zu finden. So fand denn der verzweifelte Fritz +seine Mutter an der Pforte des Gefängnisses seiner harrend. Sie +speiste und tränkte ihn, gab ihm neue Kleider und fuhr mit ihm nebst +der geretteten Bürgschaft von dannen. Als er sich nun wohlgeborgen und +gestärkt neben seiner Mutter sah, fragte er sie, warum sie ihn denn so +lange habe sitzen lassen? Sie erwiderte kurz und ziemlich vergnügt, +wie ihm schien, daß das Geld eben nicht früher wäre aufzutreiben +gewesen. Er kannte aber den Stand ihrer Angelegenheiten nur zu wohl +und wußte genau, wo die Mittel zu suchen und zu beziehen waren. Er +ließ also diese Ausflucht nicht gelten und fragte abermals. Sie +meinte, er möchte sich nur zufrieden geben, da er durch sein Sitzen in +dem Turme ein gutes Stück Geld verdient und überdies Gelegenheit +erhalten, eine schöne Erfahrung zu machen. Gewiß habe er diesen oder +jenen vernünftigen Gedanken zu fassen die Muße gehabt. „Du hast mich +am Ende absichtlich stecken lassen," erwiderte er und sah sie groß an, +„und hast mir in deinem mütterlichen Sinne das Gefängnis förmlich +zuerkannt?" Hierauf antwortete sie nichts, sondern lachte laut und +lustig in dem rollenden Wagen, wie er sie noch nie lachen gesehen. Als +er hierauf nicht wußte, welches Gesicht er machen sollte, und seltsam +die Nase rümpfte, umhalste sie ihn noch lauter lachend und gab ihm +einen Kuß. Er sagte aber kein Wort mehr, und es zeigte sich von nun +an, daß er in dem Gefängnis in der Tat etwas gelernt habe. + +Denn er hielt sich in seinem Wesen jetzt viel ernster und +geschlossener zusammen und geriet nie wieder in Versuchung, durch eine +unrechtmäßige oder leichtsinnige Tatlust eine Gewalt herauszufordern +und seine Person in ihre Hand zu geben zu seiner Schmach und niemand +zu Nutzen. Er nahm sich nicht gerade vor, nie mehr auszuziehen, da die +Ereignisse nicht zum voraus gezählt werden können und niemand seinem +Blut gebieten kann, stille zu stehn, wenn es rascher fließt; aber er +war nun sicher vor jeder nur äußerlichen und unbedachten Kampflust. +Diese Erfahrung wirkte überhaupt dermaßen auf den jungen Mann, daß er +mit verdoppeltem Fortschritt an Tüchtigkeit in allen Dingen zuzunehmen +schien und den Sachen schon mit voller Männlichkeit vorstand, als er +kaum zwanzig Jahre alt war. Frau Amrain gab ihm deswegen nun die junge +Frau, welche er wünschte, und nach Verlauf eines Jahres, als er +bereits ein kleines hübsches Söhnchen besaß, war er zwar immer +wohlgemut, aber um so ernsthafter und gemessener in seinen fleißigen +Geschäften, als seine Frau lustig, voll Gelächter und guter Dinge war; +denn es gefiel ihr über die Maßen in diesem Hause und sie kam +vortrefflich mit ihrer Schwiegermutter aus, obgleich sie von dieser +verschieden und wieder eine andere Art von gutem Charakter war. + +So schien nun das Erziehungswerk der Frau Regula auf das beste +gekrönt, um der Zukunft mit Ruhe entgegenzusehen; denn auch die beiden +älteren Söhne, welche zwar trägen Wesens, aber sonst gutartig waren, +hatte sie hinter dem wackeren Fritz her leidlich durchgeschleppt, und +als dieselben herangewachsen, die Vorsicht gebraucht, sie in anderen +Städten in die Lehre zu geben, wo sie denn auch blieben und ihr +ferneres Leben begründeten als ziemlich bequemliche, aber sonst +ordentliche Menschen, von denen nachher so wenig zu sagen war, wie +vorher. + +Fritz aber, da er bereits ein würdiger Familienvater war, mußte doch +noch einmal in die Schule genommen werden von der Mutter, und zwar in +einer Sache, um die sich manche Mutter vom gemeinen Schlage wenig +bekümmert hätte. Der Sohn war ungefähr zwei Jahre schon verheiratet, +als das Ländchen, welchem Seldwyla angehörte, seinen obersten +maßgebenden Rat neu zu bestellen und deshalben die vierjährigen Wahlen +vorzunehmen hatte, infolge deren denn auch die verwaltenden und +richterlichen Behörden bestellt wurden. Bei den letzten Hauptwahlen +war Fritz noch nicht stimmfähig gewesen und es war jetzt das erstemal, +wo er dergleichen beiwohnen sollte. Es war aber eine große Stille im +Lande. Die Gegensätze hatten sich einigermaßen ausgeglichen und die +Parteien einander abgeschliffen; es wurde in allen Ecken fleißig +gearbeitet, man lichtete die alten Winkeleien in der Gesetzsammlung +und machte fleißig neue, gute und schlechte, bauete öffentliche Werke, +übte sich in einer geschickten Verwaltung ohne Unbesonnenheit, doch +auch ohne Zopf, und ging darauf aus, jeden an seiner Stelle zu +verwenden, die er verstand und treulich versah, und endlich gegen +jedermann artig und gerecht zu sein, der es in seiner Weise gut meinte +und selbst kein Zwinger und Hasser war. Dies alles war nun den +Seldwylern höchst langweilig, da bei solcher stillgewordenen +Entwicklung keine Aufregung stattfand. Denn Wahlen ohne Aufregung, +ohne Vorversammlungen, Zechgelage, Reden, Aufrufe, ohne Umtriebe und +heftige schwankende Krisen, waren ihnen so gut wie gar keine Wahlen, +und so war es diesmal entschieden schlechter Ton zu Seldwyla, von den +Wahlen nur zu sprechen, wogegen sie sehr beschäftigt taten mit +Errichtung einer großen Aktienbierbrauerei und Anlegung einer +Aktienhopfenpflanzung, da sie plötzlich auf den Gedanken gekommen +waren, eine solche stattliche Bieranstalt mit weitläufigen guten +Kellereien, Trinkhallen und Terrassen werde der Stadt einen neuen +Aufschwung geben und dieselbe berühmt und vielbesucht machen. Fritz +Amrain nahm an diesen Bestrebungen eben keinen Anteil, allein er +kümmerte sich auch wenig um die Wahlen, so sehr er sich vor vier +Jahren gesehnt hatte, daran teilzunehmen. Er dachte sich, da alles gut +ginge im Lande, so sei kein Grund, den öffentlichen Dingen +nachzugehen, und die Maschine würde deswegen nicht stille stehen, wenn +er schon nicht wähle. Es war ihm unbequem, an dem schönen Tage in der +Kirche zu sitzen mit einigen alten Leuten; und, wenn man es recht +betrachtete, schien sogar ein Anflug von philisterhafter +Lächerlichkeit zu kleben an den diesjährigen Wahlen, da sie eine gar +so stille und regelmäßige Pflichterfüllung waren. Fritz scheuete die +Pflicht nicht; wohl aber haßte er nach Art aller jungen Leute kleinere +Pflichten, welche uns zwingen, zu ungelegener Stunde den guten Rock +anzuziehen, den besseren Hut zu nehmen und uns an einen höchst +langweiligen oder trübseligen Ort hinzubegeben, als wie ein Taufstein, +ein Kirchhof oder ein Gerichtszimmer. Frau Amrain jedoch hielt gerade +diese Weise der Seldwyler, die sie nun angenommen, für unerträglich +und unverschämt, und weil eben niemand hinging, so wünschte sie +doppelt, daß ihr Sohn es täte. Sie steckte es daher hinter seine Frau +und trug dieser auf, ihn zu überreden, daß er am Wahltage ordentlich +in die Versammlung ginge und einem tüchtigen Manne seine Stimme gebe, +und wenn er auch ganz allein stände mit derselben. Allein mochte nun +das junge Weibchen nicht die nötige Beredsamkeit besitzen in einer +Sache, die es selber nicht viel kümmerte, oder mochte der junge Mann +nicht gesonnen sein, sich in ihr eine neue Erzieherin zu nähren und +großzuziehen, genug, er ging an dem betreffenden Morgen in aller Frühe +in seinen Steinbruch hinaus und schaffte dort in der warmen Maisonne +so eifrig und ernsthaft herum, als ob an diesem einen Tage noch alle +Arbeit der Welt abgetan werden müßte und nie wieder die Sonne aufginge +hernach. Da ward seine Mutter ungehalten und setzte ihren Kopf darauf, +daß er dennoch in die Kirche gehen solle; und sie band ihre immer noch +glänzend schwarzen Zöpfe auf, nahm einen breiten Strohhut darüber und +Fritzens Rock und Hut an den Arm und wanderte rasch hinter das +Städtchen hinaus, wo der weitläufige Steinbruch an der Höhe lag. Als +sie den langen krummen Fahrweg hinanstieg, auf welchem die Steinlasten +herabgebracht wurden, bemerkte sie, wie tief der Bruch seit zwanzig +Jahren in den Berg hineingegangen, und überschlug das unzweifelhafte +gute Erbtum, das sie erworben und zusammengehalten. Auf verschiedenen +Abstufungen hämmerten zahlreiche Arbeiter, welchen Fritz längst ohne +Werkführer vorstand, und zu oberst, wo grünes Buchenholz die frischen +weißen Brüche krönte, erkannte sie ihn jetzt selbst an seinem weißeren +Hemde, da er Weste und Jacke weggeworfen, wie er mit einem Trüppchen +Leute die Köpfe zusammensteckte über einem Punkte. Gleichzeitig aber +sah man sie und rief ihr zu, sich in acht zu nehmen. Sie duckte sich +unter einen Felsen, worauf in der Höhe nach einer kleinen Stille ein +starker Schlag erfolgte und eine Menge kleiner Steine und Erde rings +herniederregneten. „Da glaubt er nun," sagte sie zu sich selbst, „was +er für Heldenwerk verrichtet, wenn er hier Steine gen Himmel sprengt, +statt seine Pflicht als Bürger zu tun!" Als sie oben ankam und +verschnaufte, schien er, nachdem er flüchtig auf den Rock und Hut +geschielt, den sie trug, sie nicht zu bemerken, sondern untersuchte +eifrig die Löcher, die er eben gesprengt, und fuhr mit dem Zollstock +an den Steinen herum. Als er sie aber nicht mehr vermeiden konnte, +sagte er: „Guten Tag, Mutter! Spazierest ein wenig? Schön ist das +Wetter dazu!" und wollte sich wieder wegmachen. Sie ergriff ihn aber +bei der Hand und führte ihn etwas zur Seite, indem sie sagte: „Hier +habe ich dir Rock und Hut gebracht, nun tu mir den Gefallen und geh zu +den Wahlen! Es ist eine wahre Schande, wenn niemand geht aus der +Stadt!" „Das fehlte auch noch," erwiderte Fritz ungeduldig, „jetzt +abermals bei diesem Wetter in der langweiligen Kirche zu sitzen und +Stimmzettel umherzubieten. Natürlich wirst du dann für den Nachmittag +schon irgendein Leichenbegängnis in Bereitschaft haben, wo ich wieder +mithumpeln soll, damit der Tag ja ganz verschleudert werde! Daß ihr +Weibsleute unsereinen immer an Begräbnisse und Kindertaufen +hinspediert, ist begreiflich; daß ihr euch aber so sehr um die Politik +bekümmert, ist mir ganz etwas Neues!" + +„Schande genug," sagte sie, „daß die Frauen euch vermahnen sollen zu +tun, was sich gebührt und was eine verschworene Pflicht und +Schuldigkeit ist!" + +„Ei so tue doch nicht so," erwiderte Fritz, „seit wann wird denn der +Staat stille stehn, wenn einer mehr oder weniger mitgeht, und seit +wann ist es denn nötig, daß ich gerade überall dabei bin?" + +„Dies ist keine Bescheidenheit, die dies sagt," antwortete die Mutter, +„dies ist vielmehr verborgener Hochmut! Denn ihr glaubt wohl, daß ihr +müßt dabei sein, wenn es irgend darauf ankäme, und nur weil ihr den +gewohnten stillen Gang der Dinge verachtet, so haltet ihr euch für zu +gut, dabei zu sein!" + +„Es ist aber in der Tat lächerlich, allein dahin zu gehen," sagte +Fritz, „jedermann sieht einen hingehen, wo dann niemand als die +Kirchenmaus zu sehen ist." + +Frau Amrain ließ aber nicht nach und erwiderte: „Es genügt nicht, daß +du unterlassest, was du an den Seldwylern lächerlich findest! Du mußt +außerdem noch tun grade, was sie für lächerlich halten; denn was +diesen Eseln so vorkommt, ist gewiß etwas Gutes und Vernünftiges! Man +kennt die Vögel an den Federn, so die Seldwyler an dem, was sie für +lächerlich halten. Bei allen kleinen Angelegenheiten, bei allen +schlechten Geschichten, eitlen Vergnügungen und Dummheiten, bei allem +Gevatter- und Geschnatterwesen befleißigt man sich der größten +Pünktlichkeit; aber alle vier Jahre einmal sich pünktlich und +vollzählig zu einer Wahlhandlung einzufinden, welche die Grundlage +unsers ganzen öffentlichen Wesens und Regimentes ist, das soll +langweilig, unausstehlich und lächerlich sein! Das soll in dem +Belieben und in der Bequemlichkeit jedes einzelnen stehen, der immer +nach seinem Rechte schreit, aber sobald dies Recht nur ein bißchen +auch nach Pflicht riecht, sein Recht darin sucht, keines zu üben! Wie, +ihr wollt einen freien Staat vorstellen und seid zu faul, alle vier +Jahre einen halben Tag zu opfern, einige Aufmerksamkeit zu bezeigen +und eure Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem Regiment, das ihr +vertragsmäßig eingesetzt, zu offenbaren? Sagt nicht, daß ihr immer da +wäret, wenn es sein müßte! Wer nur da ist, wenn es ihn belustigt und +seine Leidenschaft kitzelt, der wird einmal ausbleiben und sich eine +Nase drehen lassen, grade wenn er am wenigsten daran denkt. + +Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, und so auch der, welcher für +das Wohl des Landes arbeitet und dessen öffentliche Dinge besorgt, die +in jedem Hause in Einrichtungen und Gesetzen auf das tiefste +eingreifen. Schon die alleräußerlichste Artigkeit und Höflichkeit +gegen die betrauten Männer erforderte es, wenigstens an diesem Tage +sich vollzählig einzufinden, damit sie sehen, daß sie nicht in der +Luft stehen. Der Anstand vor den Nachbarn und das Beispiel für die +Kinder verlangen es ebenfalls, daß diese Handlung mit Kraft und Würde +begangen wird, und da finden es diese Helden unbequem und lächerlich, +die gleichen, welche täglich die größte Pünktlichkeit innehalten, um +einer Kegelpartie oder einer nichtssagenden aberwitzigen Geschichte +beizuwohnen. + +Wie, wenn nun die sämtlichen Behörden, über solche Unhöflichkeit +erbittert, euch den Sack vor die Tür würfen und auf einmal abtreten +würden? Sag' nicht, daß dies nie geschehen werde! Es wäre doch immer +möglich, und alsdann würde eure Selbstherrlichkeit dastehen, wie die +Butter an der Sonne; denn nur durch gute Gewöhnung, Ordnung und +regelrechte Ablösung oder kräftige Bestätigung ist in Friedenszeiten +diese Selbstherrlichkeit zu brauchen und bemerklich zu machen. +Wenigstens ist es die allerverkehrteste Anwendung oder Offenbarung +derselben, sich gar nicht zu zeigen, warum? weil es ihr so beliebt! + +Nimm mir nicht übel, das sind Kindesgedanken und Weibernücken; wenn +ihr glaubt, daß solche Aufführung euch wohl anstehe, so seid ihr im +Irrtum. Aber ihr beneidet euch selbst um die Ruhe und um den Frieden, +und damit die Dinge, obgleich ihr nichts dagegen einzuwenden wißt, und +nur auf alle Fälle hin so ins Blaue hinein schlecht begründet +erscheinen, so wählt ihr nicht oder überlaßt die Handlung den +Nachtwächtern, damit, wie gesagt; vorkommendenfalls von eurem Neste +Seldwyla ausgeschrien werden könne, die öffentliche Gewalt habe keinen +festen Fuß im Volke. Bübisch ist aber dieses und es ist gut, daß eure +Macht nicht weiter reicht, als eure lotterige Stadtmauer!" + +„Ihr und immer ihr!" sagte Fritz ungehalten, „was hab' ich denn mit +diesen Leuten zu schaffen? Wenn dieselben solche elende Launen und +Beweggründe haben, was geht das mich an?" + +„Gut denn," rief Frau Regel, „so benimm dich auch anders als sie in +dieser Sache und geh' zu den Wahlen!" + +„Damit", wandte ihr Sohn lächelnd ein, „man außerhalb sage, der +einzige Seldwyler, welcher denselben beigewohnt, sei noch von den +Weibern hingeschickt worden?" + +Frau Amrain legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: „Wenn es +heißt, daß deine Mutter dich hingeschickt habe, so bringt dir dies +keine Schande und mir bringt es Ehre, wenn ein solcher tüchtiger +Gesell sich von seiner Mutter schicken läßt! Ich würde wahrhaftig +stolz darauf sein und du kannst mir am Ende den kleinen Gefallen zu +meinem Vergnügen erweisen, nicht so?" + +Fritz wußte hiergegen nichts mehr vorzubringen und zog den Rock an und +setzte den Bürgerhut auf. Als er mit der trefflichen Frau den Berg +hinunterging, sagte er: „Ich habe dich in meinem Leben nie so viel +politisieren hören, wie soeben, Mutter! Ich habe dir so lange Reden +gar nicht zugetraut!" + +Sie lachte, erwiderte dann aber ernsthaft: „Was ich gesagt, ist +eigentlich weniger politisch gemeint, als gut hausmütterlich. Wenn du +nicht bereits Frau und Kind hättest, so würde es mir vielleicht nicht +eingefallen sein, dich zu überreden; so aber, da ich ein +wohlerhaltenes Haus von meinem Geblüte in Aussicht sehe, so halte ich +es für ein gutes Erbteil solchen Hauses, wenn darin in allen Dingen +das rechte Maß gehalten wird. Wenn die Söhne eines Hauses beizeiten +sehen und lernen, wie die öffentlichen Dinge auf rechte Weise zu ehren +sind, so bewahrt sie vielleicht gerade dies vor unrechten und +unbesonnenen Streichen. Ferner, wenn sie das eine ehren und +zuverlässig tun, so werden sie es auch mit dem andern so halten, und +so, siehst du, habe ich am Ende nur als fürsichtige häusliche +Großmutter gehandelt, während man sagen wird, ich sei die ärgste alte +Kannegießerin!" + +In der Kirche fand Fritz statt einer Zahl von sechs- oder +siebenhundert Männern kaum deren vier Dutzend, und diese waren beinahe +ausschließlich Landleute aus umliegenden Gehöften, welche mit den +Seldwylern zu wählen hatten. Diese Landleute hätten zwar auch eine +sechsmal stärkere Zahl zu stellen gehabt; aber da die Ausgebliebenen +wirklich im Schweiße ihres Angesichts auf den Feldern arbeiteten, so +war ihr Wegbleiben mehr eine harmlose Gedankenlosigkeit und ein +bäuerlicher Geiz mit dem schönen Wetter, und weil sie einen weiten Weg +zu machen hatten, erschien das Dasein der Anwesenden um so löblicher. +Aus der Stadt selbst war niemand da als der Gemeindepräsident, die +Wahlen zu leiten, der Gemeindeschreiber, das Protokoll zu führen, dann +der Nachtwächter und zwei oder drei arme Teufel, welche kein Geld +hatten, um mit den lachenden Seldwylern den Frühschoppen zu trinken. +Der Herr Präsident aber war ein Gastwirt, welcher vor Jahren schon +falliert hatte und seither die Wirtschaft auf Rechnung seiner Frau +fortbetrieb. Hierin wurde er von seinen Mitbürgern reichlich +unterstützt, da er ganz ihr Mann war, das große Wort zu führen wußte +und bei allen Händeln als ein erfahrener Wirt auf dem Posten war. Daß +er aber in Amt und Würden stand und hier den Wahlen präsidierte, +gehörte zu jenen Sünden der Seldwyler, die sich zeitweise so lange +anhäuften, bis ihnen die Regierung mit einer Untersuchung auf den Leib +rückte. Die Landleute wußten teilweise wohl, daß es nicht ganz richtig +war mit diesem Präsidenten, allein sie waren viel zu langsam und zu +häcklich, als daß sie etwas gegen ihn unternommen hätten, und so hatte +er sich bereits in einem Handumdrehen mit seinen drei oder vier +Mitbürgern das Geschäft des Tages zugeeignet, als Fritz ankam. Dieser, +als er das Häuflein rechtlicher Landleute sah, freute sich, wenigstens +nicht ganz allein da zu sein, und es fuhr plötzlich ein unternehmender +Geist in ihn, daß er unversehens das Wort verlangte und gegen den +Präsidenten protestierte, da derselbe falliert und bürgerlich tot sei. + +Dies war ein Donnerschlag aus heiterm Himmel. Der ansehnliche Gastwirt +machte ein Gesicht, wie einer, der tausend Jahre begraben lag und +wieder auferstanden ist; jedermann sah sich nach dem kühnen Redner um; +aber die Sache war so kindlich einfach, daß auch nicht ein Laut +dagegen ertönen konnte, in keiner Weise; nicht die leiseste Diskussion +ließ sich eröffnen. Je unerhörter und unverhoffter das Ereignis war, +um so begreiflicher und natürlicher erschien es jetzt, und je +begreiflicher es erschien, um so zorniger und empörter waren die paar +Seldwyler gerade über diese Begreiflichkeit, über sich selbst, über +den jungen Amrain, über die heimtückische Trivialität der Welt, welche +das Unscheinbarste und Naheliegendste ergreift, um Große zu stürzen +und die Verhältnisse umzukehren. Der Herr Präsident Usurpator sagte +nach einer minutenlangen Verblüffung, nach welcher er wieder so klug +wie zu Anfang war, gar nichts, als: „Wenn--wenn man gegen meine Person +Einwendungen--allerdings, ich werde mich nicht aufdringen, so ersuche +ich die geehrte Versammlung, zu einer neuen Wahl des Präsidenten zu +schreiten, und die Stimmenzähler, die betreffenden Stimmzettel +auszuteilen." + +„Ihr habt überhaupt weder etwas vorzuschlagen hier, noch den +Stimmenzählern etwas aufzutragen!" rief Fritz Amrain, und dem großen +Magnaten und Gastwirt blieb nichts anderes übrig, als das Unerhörte +abermals so begreiflich zu finden, daß es ans Triviale grenzte, und +ohne ein Wort weiter zu sagen, verließ er die Kirche, gefolgt von dem +bestürzten Nachtwächter und den andern Lumpen. Nur der Schreiber +blieb, um das Protokoll weiterzuführen, und Fritz Amrain begab sich in +dessen Nähe und sah ihm auf die Finger. Die Bauern aber erholten sich +endlich aus ihrer Verwunderung und benutzten die Gelegenheit, das +Wahlgeschäft rasch zu beendigen und statt der bisherigen zwei +Mitglieder zwei tüchtige Männer aus ihrer Gegend zu wählen, die sie +schon lange gerne im Rate gesehen, wenn die Seldwyler ihnen irgend +Raum gegönnt hätten. Dies lag nun am wenigsten im Plane der +nichterschienenen Seldwyler; denn sie hatten sich doch gedacht, daß +ihr Präsident und der Nachtwächter unfehlbar die alten zwei Popanze +wählen würden, wie es auch ausgemacht war in einer flüchtigen +Viertelstunde in irgendeinem Hinterstübchen. Wie erstaunten sie daher, +als sie nun, durch den heimgeschickten falschen Präsidenten +aufgeschreckt, in hellen Haufen dahergerannt kamen und das Protokoll +rechtskräftig geschlossen fanden samt dem Resultat. Ruhig lächelnd +gingen die Landleute auseinander; Fritz Amrain aber, welcher nach +seiner Behausung schritt, wurde von den Bürgern aufgebracht, verlegen +und wild höhnisch betrachtet, mit halbem Blicke oder weit +aufgesperrten Augen. Der eine rief ein abgebrochenes Ha! der andere +ein Ho! Fritz fühlte, daß er jetzt zum ersten Male wirkliche Feinde +habe, und zwar gefährlicher als jene, gegen welche er einst mit Blei +und Pulver ausgezogen. Auch wußte er, da er so unerbittlich über einen +Mann gerichtet, der zwanzig Jahre älter war als er, daß er sich nun +doppelt wehren müsse, selber nicht in die Grube zu fallen, und so +hatte das Leben nun wieder ein ganz anderes Gesicht für ihn, als noch +vor kaum zwei Stunden. Mit ernsten Gedanken trat er in sein Haus und +gedachte, um sich aufzuheitern, seine Mutter zu prüfen, ob ihr diese +Wendung der Dinge auch genehm sei, da sie ihn allein veranlaßt hatte, +sich in die Gefahr zu begeben. + +Allein da er den Hausflur betrat, kam ihm seine Mutter entgegen, fiel +ihm weinend um den Hals und sagte nichts als: „Dein Vater ist +wiedergekommen!" Da sie aber sah, daß ihn dieser Bericht noch +verlegener und ungewisser machte, als sie selbst war, faßte sie sich, +nachdem sie den Sohn an sich gedrückt, und sagte: „Nun, er soll uns +nichts anhaben! Sei nur freundlich gegen ihn, wie es einem Kinde +zukommt!" So hatten sich in der Tat die Dinge abermals verändert; noch +vor wenig Augenblicken, da er auf der Straße ging, schien es ihm +höchst bedenklich, sich eine ganze Stadt verfeindet zu wissen, und +jetzt, was war dies Bedenken gegen die Lage, urplötzlich sich einem +Vater gegenüberzusehen, den er nie gekannt, von dem er nur wußte, daß +er ein eitler, wilder und leichtsinniger Mann war, der zudem die ganze +Welt durchzogen während zwanzig Jahren und nun weiß der Himmel welch +ein fremdartiger und erschrecklicher Kumpan sein mochte. „Wo kommt er +denn her? Was will er, wie sieht er denn aus, was will er denn?" sagte +Fritz, und die Mutter erwiderte: „Er scheint irgendein Glück gemacht +und was erschnappt zu haben und nun kommt er mit Gebärden +dahergefahren, als ob er uns in Gnaden auffressen wollte! Fremd und +wild sieht er aus, aber er ist der Alte, das hab' ich gleich gesehen." +Fritz war aber jetzt doch neugierig und ging festen Schrittes die +Treppe hinauf und auf die Wohnstube zu, während die Mutter in die +Küche huschte und auf einem andern Wege fast gleichzeitig in die Stube +trat; denn das dünkte sie nun der beste Lohn und Triumph für alle +Mühsal, zu sehen, wie ihrem Manne der eigne Sohn, den sie erzogen, +entgegentrat. Als Fritz die Türe öffnete und eintrat, sah er einen +großen schweren Mann am Tische sitzen, der ihm wohl er selbst zu sein +schien, wenn er zwanzig Jahre älter wäre. Der Fremde war fein, aber +unordentlich gekleidet, hatte etwas Ruhig-Trotziges in seinem Wesen +und doch etwas Unstetes in seinem Blicke, als er jetzt aufstand und +ganz erschrocken sein junges Ebenbild eintreten sah, hoch aufgerichtet +und nicht um eine Linie kürzer als er selbst. Aber um das Haupt des +Jungen wehten starke goldene Locken, und während sein Angesicht ebenso +ruhig-trotzig dreinsah, wie das des Alten, errötete er bei aller Kraft +doch in Unschuld und Bescheidenheit. Als der Alte ihn mit der +verlegenen Unverschämtheit der Zerfahrenen ansah und sagte: „So wirst +du also mein Sohn sein?" schlug der Junge die Augen nieder und sagte: +„Ja, und Ihr seid also mein Vater? Es freut mich, Euch endlich zu +sehen!" Dann schaute er neugierig empor und betrachtete gutmütig den +Alten; als dieser aber ihm nun die Hand gab und die seinige mit einem +prahlerischen Druck schüttelte, um ihm seine große Kraft und Gewalt +anzukünden, erwiderte der Sohn unverweilt diesen Druck, so daß die +Gewalt wie ein Blitz in den Arm des Alten zurückströmte und den ganzen +Mann gelinde erschütterte. Als aber vollends der Junge nun mit ruhigem +Anstand den Alten zu seinem Stuhle zurückführte und ihn mit +freundlicher Bestimmtheit zu sitzen nötigte, da ward es dem +Zurückgekehrten ganz wunderlich zumut, ein solch wohlgeratenes +Ebenbild vor sich zu sehen, das er selbst und doch wieder ganz ein +anderer war. Frau Regula sprach beinahe kein Wort und ergriff den +klugen Ausweg, den Mann auf seine Weise zu ehren, indem sie ihn +reichlich bewirtete und sich mit dem Vorweisen und Einschenken ihres +besten Weines zu schaffen machte. Dadurch wurde seine Verlegenheit, +als er so zwischen seiner Frau und seinem Sohne saß, etwas gemildert, +und das Loben des guten Weines gab ihm Veranlassung, die Vermutung +auszusprechen, daß es also mit ihnen gut stehen müsse, wie er zu +seiner Befriedigung ersehe, was denn den besten Übergang gab zu der +Auseinandersetzung ihrer Verhältnisse. Frau und Sohn suchten nun nicht +ängstlich zurückzuhalten und heimlich zu tun, sondern sie legten ihm +offen den Stand ihres Hauses und ihres Vermögens dar; Fritz holte die +Bücher und Papiere herbei und wies ihm die Dinge mit solchem Verstand +und Klarheit nach, daß er erstaunt die Augen aufsperrte über die gute +Geschäftsführung und über die Wohlhabenheit seiner Familie. Indessen +reckte er sich empor und sprach: „Da steht ihr ja herrlich im Zeuge +und habt euch gut gehalten, was mir lieb ist. Ich komme aber auch +nicht mit leeren Händen und habe mir einen Pfennig erworben, durch +Fleiß und Rührigkeit!" Und er zog einige Wechselbriefe hervor, sowie +einen mit Gold angefüllten Gurt, was er alles auf den Tisch warf, und +es waren allerdings einige Tausend Gulden oder Taler. Allein er hatte +sie nicht nach und nach erworben und verschwieg weislich, daß er diese +Habe auf einmal durch irgendeinen Glücksfall erwischt, nachdem er sich +lange genug ärmlich herumgetrieben in allen nordamerikanischen +Staaten. „Dies wollen wir", sagte er, „nun sogleich in das Geschäft +stecken und mit vereinten Kräften weiter schaffen; denn ich habe eine +ordentliche Lust, hier, da es nun geht, wieder ans Zeug zu gehen und +den Hunden etwas vorzuspielen, die mich damals fortgetrieben." Sein +Sohn schenkte ihm aber ruhig ein anderes Glas Wein ein und sagte: +„Vater, ich wollte Euch raten, daß Ihr vorderhand Euch ausruhet und es +Euch wohl sein lasset. Eure Schulden sind längst bezahlt und so könnet +Ihr Euer Geldchen gebrauchen, wie es Euch gutdünkt, und ohnedies soll +es Euch an nichts bei uns fehlen! Was aber das Geschäft betrifft, so +habe ich selbiges von Jugend auf gelernt und weiß nun, woran es lag, +daß es Euch damals mißlang. Ich muß aber freie Hand darin haben, wenn +es nicht abermals rückwärts gehen soll. Wenn es Euch Lust macht, hier +und da ein wenig mitzuhelfen und Euch die Sache anzusehen, so ist es +zu Eurem Zeitvertreib hinreichend, daß Ihr es tut. Wenn Ihr aber nicht +nur mein Vater, sondern sogar ein Engel vom Himmel wäret, so würde ich +Euch nicht zum förmlichen Anteilhaber annehmen, weil Ihr das Werk +nicht gelernt habt und, verzeiht mir meine Unhöflichkeit, nicht +versteht!" Der Alte wurde durch diese Rede höchst verstimmt und +verlegen, wußte aber nichts darauf zu erwidern, da sie mit großer +Entschiedenheit gesprochen war und er sah, daß sein Sohn wußte, was er +wollte. Er packte seine Reichtümer zusammen und ging aus, sich in der +Stadt umzusehen. Er trat in verschiedene Wirtshäuser; allein er fand +da ein neues Geschlecht an der Tagesordnung und seine alten Genossen +waren längst in die Dunkelheit verschwunden. Zudem hatte er in Amerika +doch etwas andere Manieren bekommen. Er hatte sich gewöhnen müssen, +sein Gläschen stehend zu trinken, um unverweilt dem Drange und der +einsilbigen Jagd des Lebens wieder nachzugehen; er hatte ein tüchtiges +rastloses Arbeiten wenigstens mit angesehen und sich unter den +Amerikanern ein wenig abgerieben, so daß ihm diese ewige Sitzerei und +Schwätzerei nun selbst nicht mehr zusagte. Er fühlte, daß er in seinem +wohlbestellten Hause doch besser aufgehoben wäre, als in diesen +Wirtshäusern, und kehrte unwillkürlich dahin zurück, ohne zu wissen, +ob er dort bleiben oder wieder fortgehen solle? So ging er in die +Stube, die man ihm eingeräumt; dort warf der alternde Mann seine +Barschaft unmutig in einen Winkel, setzte sich rittlings auf einen +Stuhl, senkte den großen betrübten Kopf auf die Lehne und fing ganz +bitterlich an zu weinen. Da trat seine Frau herein, sah, daß er sich +elend fühlte, und mußte sein Elend achten. Sowie sie aber wieder etwas +an ihm achten konnte, kehrte ihre Liebe augenblicklich zurück. Sie +sprach nicht mit ihm, blieb aber den übrigen Teil des Tages in der +Kammer, ordnete erst dies und jenes zu seiner Bequemlichkeit und +setzte sich endlich mit ihrem Strickzeug schweigend ans Fenster, indem +sich erst nach und nach ein Gespräch zwischen den lange getrennten +Eheleuten entwickelte. Was sie gesprochen, wäre schwer zu schildern, +aber es ward beiden wohler zumut, und der alte Herr ließ sich von da +an von seinem wohlerzogenen Sohne nachträglich noch ein bißchen +erziehen und leiten ohne Widerrede und ohne daß der Sohn sich eine +Unkindlichkeit zuschulden kommen ließ. Aber der seltsame Kursus +dauerte nicht einmal sehr lange, und der Alte ward doch noch ein +gelassener und zuverlässiger Teilnehmer an der Arbeit, mit manchen +Ruhepunkten und kleinen Abschweifungen, aber ohne dem blühenden +Hausstande Nachteile oder Unehre zu bringen. Sie lebten alle zufrieden +und wohlbegütert und das Glück der Frau Regula Amrain wucherte so +kräftig in diesem Hause, daß auch die zahlreichen Kinder des Fritz vor +dem Untergang gesichert blieben. Sie selbst streckte sich, als sie +starb, im Tode noch stolz aus, und noch nie ward ein so langer +Frauensarg in die Kirche getragen und der eine so edle Leiche barg zu +Seldwyla. + +* * * * * + + +DIE DREI GERECHTEN KAMMACHER + +Die Leute von Seldwyla haben bewiesen, daß eine ganze Stadt von +Ungerechten oder Leichtsinnigen zur Not fortbestehen kann im Wechsel +der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kammacher aber, daß nicht drei +Gerechte lang unter einem Dache leben können, ohne sich in die Haare +zu geraten. Es ist hier aber nicht die himmlische Gerechtigkeit +gemeint oder die natürliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens, +sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Vaterunser die +Bitte gestrichen hat: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir +vergeben unsern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch +keine ausstehen hat; welche niemandem zuleid lebt, aber auch niemandem +zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und +an der Arbeitstreue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche +Gerechte werfen keine Laternen ein, aber sie zünden auch keine an und +kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hantierung und +eine ist ihnen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner +Fährlichkeit verbunden ist; am liebsten siedeln sie sich dort an, wo +recht viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie untereinander, +wenn keine solche zwischen ihnen wären, würden sich bald abreiben, wie +Mühlsteine, zwischen denen kein Korn liegt. Wenn diese ein Unglück +betrifft, so sind sie höchst verwundert und jammern, als ob sie am +Spieße stäken, da sie doch niemanden etwas zuleid getan haben; denn +sie betrachten die Welt als eine große wohlgesicherte Polizeianstalt, +wo keiner eine Kontraventionsbuße zu fürchten braucht, wenn er vor +seiner Türe fleißig kehrt, keine Blumentöpfe unverwahrt vor das +Fenster stellt und kein Wasser aus demselben gießt. + +Zu Seldwyl bestand ein Kammachergeschäft, dessen Inhaber +gewohnterweise alle fünf bis sechs Jahre wechselten, obgleich es ein +gutes Geschäft war, wenn es fleißig betrieben wurde; denn die Krämer, +welche die umliegenden Jahrmärkte besuchten, holten da ihre Kammwaren. +Außer den notwendigen Hornstriegeln aller Art wurden auch die +wunderbarsten Schmuckkämme für die Dorfschönen und Dienstmägde +verfertigt aus schönem, durchsichtigem Ochsenhorn, in welches die +Kunst der Gesellen (denn die Meister arbeiteten nie) ein tüchtiges +braunrotes Schildpattgewölke beizte, je nach ihrer Phantasie, so daß, +wenn man die Kämme gegen das Licht hielt, man die herrlichsten +Sonnenauf- und Niedergänge zu sehen glaubte, rote Schäfchenhimmel, +Gewitterstürme und andere gesprenkelte Naturerscheinungen. Im Sommer, +wenn die Gesellen gerne wanderten und rar waren, wurden sie mit +Höflichkeit behandelt und bekamen guten Lohn und gutes Essen; im +Winter aber, wenn sie ein Unterkommen suchten und häufig zu haben +waren, mußten sie sich ducken, Kämme machen, was das Zeug halten +wollte, für geringen Lohn; die Meisterin stellte einen Tag wie den +andern eine Schüssel Sauerkraut auf den Tisch und der Meister sagte: +„Das sind Fische!" Wenn dann ein Geselle zu sagen wagte: „Bitt' um +Verzeihung, es ist Sauerkraut!" so bekam er auf der Stelle den +Abschied und mußte wandern in den Winter hinaus. Sobald aber die +Wiesen grün wurden und die Wege gangbar, sagten sie: „Es ist doch +Sauerkraut!" und schnürten ihr Bündel. Denn wenn dann auch die +Meisterin auf der Stelle einen Schinken auf das Kraut warf, und der +Meister sagte: „Meiner Seel'! ich glaubte, es wären Fische! Nun, dies +es ist doch gewiß ein Schinken!" so sehnten sie sich doch hinaus, da +alle drei Gesellen in einem zweispännigen Bett schlafen mußten und +sich den Winter durch herzlich satt bekamen wegen der Rippenstöße und +erfrorenen Seiten. + +Einsmals aber kam ein ordentlicher und sanfter Geselle angereist aus +irgendeinem der sächsischen Lande, der fügte sich in alles, arbeitete +wie ein Tierlein und war nicht zu vertreiben, so daß er zuletzt ein +bleibender Hausrat wurde in dem Geschäft und mehrmals den Meister +wechseln sah, da es die Jahre her gerade etwas stürmischer herging als +sonst. Jobst streckte sich in dem Bette so steif er konnte und +behauptete seinen Platz zunächst der Wand Winter und Sommer; er nahm +das Sauerkraut willig für Fische und im Frühjahr mit bescheidenem Dank +ein Stückchen von dem Schinken. Den kleineren Lohn legte er so gut zur +Seite, wie den größeren; denn er gab nichts aus, sondern sparte sich +alles auf. Er lebte nicht wie andere Handwerksgesellen, trank nie +einen Schoppen, verkehrte mit keinem Landsmann noch mit anderen jungen +Gesellen, sondern stellte sich des Abends unter die Haustüre und +schäkerte mit den alten Weibern, hob ihnen die Wassereimer auf den +Kopf, wenn er besonders freigebiger Laune war, und ging mit den +Hühnern zu Bett, wenn nicht reichliche Arbeit da war, daß er für +besondere Rechnung die Nacht durcharbeiten konnte. Am Sonntag +arbeitete er ebenfalls bis in den Nachmittag hinein, und wenn es das +herrlichste Wetter war; man denke aber nicht, daß er dies mit Frohsinn +und Vergnügen tat, wie Johann der muntere Seifensieder; vielmehr war +er bei dieser freiwilligen Mühe niedergeschlagen und beklagte sich +fortwährend über die Mühseligkeit des Lebens. War dann der +Sonntagnachmittag gekommen, so ging er in seinem Arbeitsschmutz und in +den klappernden Pantoffeln über die Gasse und holte sich bei der +Wäscherin das frische Hemd und das geglättete Vorhemdchen, den +Vatermörder oder das bessere Schnupftuch, und trug diese +Herrlichkeiten auf der flachen Hand mit elegantem Gesellenschritt vor +sich her nach Hause. Denn im Arbeitsschurz und in den Schlappschuhen +beobachten manche Gesellen immer einen eigentümlich gezierten Gang, +als ob sie in höheren Sphären schwebten, besonders die gebildeten +Buchbinder, die lustigen Schuhmacher und die seltenen sonderbaren +Kammacher. In seiner Kammer bedachte sich Jobst aber noch wohl, ob er +das Hemd oder das Vorhemdchen auch wirklich anziehen wolle, denn er +war bei aller Sanftmut und Gerechtigkeit ein kleiner Schweinigel, oder +ob es die alte Wäsche noch für eine Woche tun müsse und er bei Hause +bleiben und noch ein bißchen arbeiten wolle. In diesem Falle setzte er +sich mit einem Seufzer über die Schwierigkeit und Mühsal der Welt von +neuem dahinter und schnitt verdrossen seine Zähne in die Kämme oder er +wandelte das Horn in Schildkrötschalen um, wobei er aber so nüchtern +und phantasielos verfuhr, daß er immer die gleichen drei trostlosen +Kleckse darauf schmierte; denn wenn es nicht unzweifelhaft +vorgeschrieben war, so wandte er nicht die kleinste Mühe an eine +Sache. Entschloß er sich aber zu einem Spaziergang, so putzte er sich +eine oder zwei Stunden lang peinlich heraus, nahm sein +Spazierstöckchen und wandelte steif ein wenig vors Tor, wo er demütig +und langweilig herumstand und langweilige Gespräche führte mit andern +Herumständern, die auch nichts Besseres zu tun wußten, etwa alte arme +Seldwyler, welche nicht mehr ins Wirtshaus gehen konnten. Mit solchen +stellte er sich dann gern vor ein im Bau begriffenes Haus, vor ein +Saatfeld, vor einen wetterbeschädigten Apfelbaum oder vor eine neue +Zwirnfabrik und tüftelte auf das angelegentlichste über diese Dinge, +deren Zweckmäßigkeit und den Kostenpunkt, über die Jahrshoffnungen und +den Stand der Feldfrüchte, von was allem er nicht den Teufel verstand. +Es war ihm auch nicht darum zu tun; aber die Zeit verging ihm so auf +die billigste und kurzweiligste Weise nach seiner Art und die alten +Leute nannten ihn nur den artigen und vernünftigen Sachsen, denn sie +verstanden auch nichts. Als die Seldwyler eine große Aktienbrauerei +anlegten, von der sie sich ein gewaltiges Leben versprachen, und die +weitläufigen Fundamente aus dem Boden ragten, stöckerte er manchen +Sonntagabend darin herum, mit Kennerblicken und mit dem scheinbar +lebendigsten Interesse die Fortschritte des Baues untersuchend, wie +wenn er ein alter Bauverständiger und der größte Biertrinker wäre. +„Aber nein!" rief er einmal um das andere, „des is ein fameses Wergg! +Des gibt eine großartigte Anstalt! Aber Geld kosten duht's, na das +Geld! Aber schade, hier mißte mir des Gewehlbe doch en bißgen diefer +sein und die Mauer um eine Idee stärger!" Bei alledem dachte er sich +gar nichts, als daß er noch rechtzeitig zum Abendessen wolle, eh' es +dunkel werde; denn dieses war der einzige Tort, den er seiner Frau +Meisterin antat, daß er nie das Abendbrot versäumte am Sonntag, wie +etwa die anderen Gesellen, sondern daß sie seinetwegen allein zu Hause +bleiben oder sonstwie Bedacht auf ihn nehmen mußte. Hatte er sein +Stückchen Braten oder Wurst versorgt, so wurmisierte er noch ein +Weilchen in der Kammer herum und ging dann zu Bett; dies war dann ein +vergnügter Sonntag für ihn gewesen. + +Bei all diesem anspruchlosen, sanften und ehrbaren Wesen ging ihm aber +nicht ein leiser Zug von innerlicher Ironie ab, wie wenn er sich +heimlich über die Leichtsinnigkeit und Eitelkeit der Welt lustig +machte, und er schien die Größe und Erheblichkeit der Dinge nicht +undeutlich zu bezweifeln und sich eines viel tieferen Gedankenplanes +bewußt zu sein. In der Tat machte er auch zuweilen ein so kluges +Gesicht, besonders wenn er die sachverständigen sonntäglichen Reden +führte, daß man ihm wohl ansah, wie er heimlich viel wichtigere Dinge +im Sinne trage, wogegen alles, was andere unternahmen, bauten und +aufrichteten, nur ein Kinderspiel wäre. Der große Plan, welchen er Tag +und Nacht mit sich herumtrug und welcher sein stiller Leitstern war +die ganzen Jahre lang, während er in Seldwyl Geselle war, bestand +darin, sich so lange seinen Arbeitslohn aufzusparen, bis er hinreiche, +eines schönen Morgens das Geschäft, wenn es gerade vakant würde, +anzukaufen und ihn selbst zum Inhaber und Meister zu machen. Dies lag +all seinem Tun und Trachten zugrunde, da er wohl bemerkt hatte, wie +ein fleißiger und sparsamer Mann allhier wohl gedeihen müßte, ein +Mann, welcher seinen eigenen stillen Weg ginge und von der +Sorglosigkeit der andern nur den Nutzen, aber nicht die Nachteile zu +ziehen wüßte. Wenn er aber erst Meister wäre, dann wollte er bald so +viel erworben haben, um sich auch einzubürgern, und dann erst gedachte +er so klug und zweckmäßig zu leben, wie noch nie ein Bürger in +Seldwyl, sich um gar nichts zu kümmern, was nicht seinen Wohlstand +mehre, nicht einen Deut auszugeben, aber deren so viele als möglich an +sich zu ziehen in dem leichtsinnigen Strudel dieser Stadt. Dieser Plan +war ebenso einfach als richtig und begreiflich, besonders da er ihn +auch ganz gut und ausdauernd durchführte; denn er hatte schon ein +hübsches Sümmchen zurückgelegt, welches er sorgfältig verwahrte und +sicherer Berechnung nach mit der Zeit groß genug werden mußte zur +Erreichung dieses Zieles. Aber das Unmenschliche an diesem so stillen +und friedfertigen Plane war nur, daß Jobst ihn überhaupt gefaßt hatte; +denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in Seldwyla zu bleiben, +weder eine Vorliebe für die Gegend, noch für die Leute, weder für die +politische Verfassung dieses Landes, noch für seine Sitten. Dies alles +war ihm so gleichgültig, wie seine eigene Heimat, nach welcher er sich +gar nicht zurücksehnte; an hundert Orten in der Welt konnte er sich +mit seinem Fleiß und mit seiner Gerechtigkeit ebensowohl festhalten, +wie hier; aber er hatte keine freie Wahl und ergriff in seinem öden +Sinne die erste zufällige Hoffnungsfaser, die sich ihm bot, um sich +daran zu hängen und sich daran groß zu saugen. Wo es mir wohl geht, da +ist mein Vaterland! heißt es sonst und dieses Sprichwort soll +unangetastet bleiben für diejenigen, welche auch wirklich eine bessere +und notwendige Ursache ihres Wohlergehens im neuen Vaterlande haben, +welche in freiem Entschlusse in die Welt hinausgegangen, um sich +rüstig einen Vorteil zu erringen und als geborgene Leute +zurückzukehren, oder welche einem unwohnlichen Zustande in Scharen +entfliehen und, dem Zuge der Zeit gehorchend, die neue Völkerwanderung +über die Meere mitwandern; oder welche irgendwo treuere Freunde +gefunden haben als daheim, oder ihren eigensten Neigungen mehr +entsprechende Verhältnisse oder durch irgendein schöneres menschliches +Band festgebunden werden. Aber auch das neue Land ihres Wohlergehens +werden alle diese wenigstens lieben müssen, wo sie immerhin sind, und +auch da zur Not einen Menschen vorstellen. Aber Jobst wußte kaum, wo +er war; die Einrichtungen und Gebräuche der Schweizer waren ihm +unverständlich, und er sagte bloß zuweilen: „Ja, ja, die Schweizer +sind politische Leute! Es ist gewißlich, wie ich glaube, eine schöne +Sache um die Politik, wenn man Liebhaber davon ist! Ich für meinen +Teil bin kein Kenner davon, wo ich zu Haus bin, da ist es nicht der +Brauch gewesen." Die Sitten der Seldwyler waren ihm zuwider und +machten ihn ängstlich, und wenn sie einen Tumult oder Zug vorhatten, +hockte er zitternd zu hinterst in der Werkstatt und fürchtete Mord und +Totschlag. Und dennoch war es sein einziges Denken und sein großes +Geheimnis, hier zu bleiben bis an das Ende seiner Tage. Auf alle +Punkte der Erde sind solche Gerechte hingestreut, die aus keinem +anderen Grunde sich dahin verkrümelten, als weil sie zufällig an ein +Saugeröhrchen des guten Auskommens gerieten, und sie saugen still +daran ohne Heimweh nach dem alten, ohne Liebe zu dem neuen Lande, ohne +einen Blick in die Weite und ohne einen für die Nähe, und gleichen +daher weniger dem freien Menschen, als jenen niederen Organismen, +wunderlichen Tierchen und Pflanzensamen, die durch Luft und Wasser an +die zufällige Stätte ihres Gedeihens getragen worden. + +So lebte er ein Jährchen um das andere in Seldwyla und äufnete seinen +heimlichen Schatz, welchen er unter einer Fliese seines Kammerbodens +vergraben hielt. Noch konnte sich kein Schneider rühmen, einen Batzen +an ihm verdient zu haben, denn noch war der Sonntagsrock, mit dem er +angereist, im gleichen Zustande wie damals. Noch hatte kein Schuster +einen Pfennig von ihm gelöst, denn noch waren nicht einmal die +Stiefelsohlen durchgelaufen, die bei seiner Ankunft das Äußere seines +Felleisens geziert; denn das Jahr hat nur zweiundfünfzig Sonntage, und +von diesen wurde nur die Hälfte zu einem kleinen Spaziergange +verwandt. Niemand konnte sich rühmen, je ein kleines oder großes Stück +Geld in seiner Hand gesehen zu haben; denn wenn er seinen Lohn +empfing, verschwand dieser auf der Stelle auf die geheimnisvollste +Weise, und selbst wenn er vor das Tor ging, steckte er nicht einen +Deut zu sich, so daß es ihm gar nicht möglich war, etwas auszugeben. +Wenn Weiber mit Kirschen, Pflaumen oder Birnen in die Werkstatt kamen +und die anderen Arbeiter ihre Gelüste befriedigten, hatte er auch +tausend und ein Gelüste, welche er dadurch zu beruhigen wußte, daß er +mit der größten Aufmerksamkeit die Verhandlung mit führte, die +hübschen Kirschen und Pflaumen streichelte und betastete und zuletzt +die Weiber, welche ihn für den eifrigsten Käufer genommen, verblüfft +abziehen ließ, sich seiner Enthaltsamkeit freuend; und mit zufriedenem +Vergnügen, mit tausend kleinen Ratschlägen, wie sie die gekauften +Äpfel braten oder schälen sollten, sah er seine Mitgesellen essen. +Aber so wenig jemand eine Münze von ihm zu besehen kriegte, +ebensowenig erhielt jemand von ihm je ein barsches Wort, eine +unbillige Zumutung oder ein schiefes Gesicht; er wich vielmehr allen +Händeln auf das sorgfältigste aus und nahm keinen Scherz übel, den man +sich mit ihm erlaubte; und so neugierig er war, den Verlauf von +allerlei Klatschereien und Streitigkeiten zu betrachten und zu +beurteilen, da solche jederzeit einen kostenfreien Zeitvertreib +gewährten, während andere Gesellen ihren rohen Gelagen nachgingen, so +hütete er sich wohl, sich in etwas zu mischen und über einer +Unvorsichtigkeit betreffen zu lassen. Kurz, er war die merkwürdigste +Mischung von wahrhaft heroischer Weisheit und Ausdauer und von sanfter +schnöder Herz- und Gefühllosigkeit. + +Einst war er schon seit vielen Wochen der einzige Geselle in dem +Geschäft und es ging ihm so wohl in dieser Ungestörtheit wie einem +Fisch im Wasser. Besonders des Nachts freute er sich des breiten +Raumes im Bette und benutzte sehr ökonomisch diese schöne Zeit, sich +für die kommenden Tage zu entschädigen und seine Person gleichsam zu +verdreifachen, indem er unaufhörlich die Lage wechselte und sich +vorstellte, als ob drei zumal im Bette lägen, von denen zwei den +Dritten ersuchten, sich doch nicht zu genieren und es sich bequem zu +machen. Dieser Dritte war er selbst und er wickelte sich auf die +Einladung hin wollüstig in die ganze Decke oder spreizte die Beine +weit auseinander, legte sich quer über das Bett oder schlug in +harmloser Lust Purzelbäume darin. Eines Tages aber, als er noch beim +Abendscheine schon im Bette lag, kam unverhofft noch ein fremder +Geselle zugesprochen und wurde von der Meisterin in die Schlafkammer +gewiesen. Jobst lag eben in wohligem Behagen mit dem Kopfe am Fußende +und mit den Füßen auf den Pfülmen, als der Fremde eintrat, sein +schweres Felleisen abstellte und unverweilt anfing, sich auszuziehen, +da er müde war. Jobst schnellte blitzschnell herum und streckte sich +steif an seinen ursprünglichen Platz an der Wand, und er dachte: „Der +wird bald wieder ausreißen, da es Sommer ist und lieblich zu wandern!" +In dieser Hoffnung ergab er sich mit stillen Seufzern in sein +Schicksal und war der nächtlichen Rippenstöße und des Streites um die +Decke gewärtig, die es nun absetzen würde. Aber wie erstaunt war er, +als der Neuangekommene, obgleich es ein Bayer war, sich mit höflichem +Gruße zu ihm ins Bett legte, sich ebenso friedlich und manierlich, wie +er selbst, am andern Ende des Bettes verhielt und ihn während der +ganzen Nacht nicht im mindesten belästigte. Dies unerhörte Abenteuer +brachte ihn so um alle Ruhe, daß er, während der Bayer wohlgemut +schlief, diese Nacht kein Auge zutat. Am Morgen betrachtete er den +wundersamen Schlafgefährten mit äußerst aufmerksamen Mienen und sah, +daß es ein ebenfalls nicht mehr junger Geselle war, der sich mit +anständigen Worten nach den Umständen und dem Leben hier erkundigte, +ganz in der Weise, wie er es etwa selbst getan haben würde. Sobald er +dies nur bemerkte, hielt er an sich und verschwieg die einfachsten +Dinge, wie ein großes Geheimnis, trachtete aber dagegen das Geheimnis +des Bayers zu ergründen; denn daß derselbe ebenfalls eines besaß, war +ihm von weitem anzusehen; wozu sollte er sonst ein so verständiger, +sanftmütiger und gewiegter Mensch sein, wenn er nicht irgend etwas +Heimliches, sehr Vorteilhaftes vorhatte? Nun suchten sie sich +gegenseitig die Würmer aus der Nase zu ziehen, mit der größten +Vorsicht und Friedfertigkeit, in halben Worten und auf anmutigen +Umwegen. Keiner gab eine vernünftige klare Antwort und doch wußte nach +Verlauf einiger Stunden jeder, daß der andere nichts mehr oder minder +als sein vollkommener Doppelgänger sei. Als im Laufe des Tages +Fridolin, der Bayer, mehrmals nach der Kammer lief und sich dort zu +schaffen machte, nahm Jobst die Gelegenheit wahr, auch einmal +hinzuschleichen, als jener bei der Arbeit saß, und durchmusterte im +Fluge die Habseligkeiten Fridolins; er entdeckte aber nichts weiter, +als fast die gleichen Siebensächelchen, die er selbst besaß, bis auf +die hölzerne Nadelbüchse, welche aber hier einen Fisch vorstellte, +während Jobst scherzhafterweise ein kleines Wickelkindchen besaß, und +statt einer zerrissenen französischen Sprachlehre für das Volk, welche +Jobst bisweilen durchblätterte, war bei dem Bayer ein gut gebundenes +Büchlein zu finden, betitelt: Die kalte und warme Küpe, ein +unentbehrliches Handbuch für Blaufärber. Darin war aber mit Bleistift +geschrieben: Unterfand für die 3 Kreizer, welche ich dem Nassauer +geborgt. Hieraus schloß er, daß es ein Mann war, der das Seinige +zusammenhielt, und spähete unwillkürlich am Boden herum, und bald +entdeckte er eine Fliese, die ihm gerade so vorkam, als ob sie +kürzlich herausgenommen wäre, und unter derselben lag auch richtig ein +Schatz in ein altes halbes Schnupftuch und mit Zwirn umwickelt, fast +ganz so schwer wie der seinige, welcher zum Unterschied in einem +zugebundenen Socken steckte. Zitternd drückte er die Backsteinplatte +wieder zurecht, zitternd aus Aufregung und Bewunderung der fremden +Größe und aus tiefer Sorge um sein Geheimnis. Stracks lief er hinunter +in die Werkstatt und arbeitete, als ob es gelte, die Welt mit Kämmen +zu versehen, und der Bayer arbeitete, als ob der Himmel noch dazu +gekämmt werden müßte. Die nächsten acht Tage bestätigten durchaus +diese erste gegenseitige Auffassung; denn war Jobst fleißig und +genügsam, so war Fridolin tätig und enthaltsam mit den gleichen +bedenklichen Seufzern über das Schwierige solcher Tugend; war aber +Jobst heiter und weise, so zeigte sich Fridolin spaßhaft und klug; war +jener bescheiden, so war dieser demütig, jener schlau und ironisch, +dieser durchtrieben und beinahe satirisch, und machte Jobst ein +friedlich einfältiges Gesicht zu einer Sache, die ihn ängstigte, so +sah Fridolin unübertrefflich wie ein Esel aus. Es war nicht sowohl ein +Wettkampf, als die Übung wohlbewußter Meisterschaft, die sie beseelte, +wobei keiner verschmähte, sich den andern zum Vorbild zu nehmen und +ihm die feinsten Züge eines vollkommenen Lebenswandels, die ihm etwa +noch fehlten, nachzuahmen. Sie sahen sogar so einträchtig und +verständnisinnig aus, daß sie eine gemeinsame Sache zu machen +schienen, und glichen so zwei tüchtigen Helden, die sich ritterlich +vertragen und gegenseitig stählen, ehe sie sich befehden. Aber nach +kaum acht Tagen kam abermals einer zugereist, ein Schwabe, namens +Dietrich, worüber die beiden eine stillschweigende Freude empfanden, +wie über einen lustigen Maßstab, an welchem ihre stille Größe sich +messen konnte, und sie gedachten das arme Schwäbchen, welches gewiß +ein rechter Taugenichts war, in die Mitte zwischen ihre Tugenden zu +nehmen, wie zwei Löwen ein Äffchen, mit dem sie spielen. + +Aber wer beschreibt ihr Erstaunen, als der Schwabe sich gerade so +benahm, wie sie selbst, und sich die Erkennung, die zwischen ihnen +vorgegangen, noch einmal wiederholte zu dritt, wodurch sie nicht nur +dem Dritten gegenüber in eine unverhoffte Stellung gerieten, sondern +sie selbst unter sich in eine ganz veränderte Lage kamen. + +Schon als sie ihn im Bette zwischen sich nahmen, zeigte sich der +Schwabe als vollkommen ebenbürtig und lag wie ein Schwefelholz so +strack und ruhig, so daß immer noch ein bißchen Raum zwischen jedem +der Gesellen blieb und das Deckbett auf ihnen lag, wie ein Papier auf +drei Heringen. Die Lage wurde nun ernster, und indem alle drei +gleichmäßig sich gegenüberstanden, wie die Winkel eines gleichseitigen +Dreiecks, und kein vertrauliches Verhältnis mehr zwischen zweien +möglich war, kein Waffenstillstand oder anmutiger Wettstreit, waren +sie allen Ernstes beflissen, einander aus dem Bett und dem Haus hinaus +zu dulden. Als der Meister sah, daß diese drei Käuze sich alles +gefallen ließen, um nur dazubleiben, brach er ihnen am Lohn ab und gab +ihnen geringere Kost; aber desto fleißiger arbeiteten sie und setzten +ihn in den Stand, große Vorräte von billigen Waren in Umlauf zu +bringen und vermehrten Bestellungen zu genügen, also daß er ein +Heidengeld durch die stillen Gesellen verdiente und eine wahre +Goldgrube an ihnen besaß. Er schnallte sich den Gurt um einige XXX +Löcher weiter und spielte eine große Rolle in der Stadt, während die +törichten Arbeiter in der dunklen Werkstatt Tag und Nacht sich +abmühten und sich gegenseitig hinausarbeiten wollten. Dietrich, der +Schwabe, welcher der jüngste war, erwies sich als ganz vom gleichen +Holze geschnitten, wie die zwei andern, nur besaß er noch keine +Ersparnis, denn er war noch zu wenig gereist. Dies wäre ein +bedenklicher Umstand für ihn gewesen, da Jobst und Fridolin einen zu +großen Vorsprung gewannen, wenn er nicht als ein erfindungsreiches +Schwäblein eine neue Zaubermacht heraufbeschworen hätte, um den +Vorteil der andern aufzuwiegen. Da sein Gemüt nämlich von jeglicher +Leidenschaft frei war, so frei wie dasjenige seiner Nebengesellen, +außer von der Leidenschaft, gerade hier und nirgends anders sich +anzusiedeln und den Vorteil wahrzunehmen, so erfand er den Gedanken, +sich zu verlieben und um die Hand einer Person zu werben, welche +ungefähr so viel besaß, als der Sachse und der Bayer unter den Fliesen +liegen hatten. Es gehörte zu den besseren Eigentümlichkeiten der +Seldwyler, daß sie um einiger Mittel willen keine häßlichen oder +unliebenswürdigen Frauen nahmen; in große Versuchung gerieten sie +ohnehin nicht, da es in ihrer Stadt keine reichen Erbinnen gab, weder +schöne noch unschöne, und so behaupteten sie wenigstens die +Tapferkeit, auch die kleineren Brocken zu verschmähen und sich lieber +mit lustigen und hübschen Wesen zu verbinden, mit welchen sie einige +Jahre Staat machen konnten. Daher wurde es dem ausspähenden Schwaben +nicht schwer, sich den Weg zu einer tugendhaften Jungfrau zu bahnen, +welche in derselben Straße wohnte und von der er, im klugen Gespräche +mit alten Weibern, in Erfahrung gebracht, daß sie einen Gültbrief von +siebenhundert Gulden ihr Eigentum nenne. Dies war Züs Bünzlin, eine +Tochter von achtundzwanzig Jahren, welche mit ihrer Mutter, der +Wäscherin, zusammenlebte, aber über jenes väterliche Erbteil +unbeschränkt herrschte. Sie hatte den Brief in einer kleinen +lackierten Lade liegen, wo sie auch die Zinsen davon, ihren +Taufzettel, ihren Konfirmationsschein und ein bemaltes und vergoldetes +Osterei bewahrte; ferner ein halbes Dutzend silberne Teelöffel, ein +Vaterunser mit Gold auf einen roten durchsichtigen Glasstoff gedruckt, +den sie Menschenhaut nannte, einen Kirschkern, in welchen das Leiden +Christi geschnitten war, und eine Büchse aus durchbrochenem und mit +rotem Taft unterlegtem Elfenbein, in welcher ein Spiegelchen war und +ein silberner Fingerhut; ferner war darin ein anderer Kirschkern, in +welchem ein winziges Kegelspiel klapperte, eine Nuß, worin eine kleine +Muttergottes hinter Glas lag, wenn man sie öffnete, ein silbernes +Herz, worin ein Riechschwämmchen steckte, und eine Bonbonbüchse aus +Zitronenschale, auf deren Deckel eine Erdbeere gemalt war, und in +welcher eine goldene Stecknadel auf Baumwolle lag, die ein +Vergißmeinnicht vorstellte, und ein Medaillon mit einem Monument von +Haaren; ferner ein Bündel vergilbter Papiere mit Rezepten und +Geheimnissen, ein Fläschchen mit Hoffmannstropfen, ein anderes mit +Kölnischem Wasser und eine Büchse mit Moschus; eine andere, worin ein +Endchen Marderdreck lag, und ein Körbchen, aus wohlriechenden Halmen +geflochten, sowie eines, aus Glasperlen und Gewürznägelein +zusammengesetzt; endlich ein kleines Buch, in himmelblaues geripptes +Papier gebunden mit silbernem Schnitt, betitelt: Goldene Lebensregeln +für die Jungfrau als Braut, Gattin und Mutter; und ein Traumbüchlein, +ein Briefsteller, fünf oder sechs Liebesbriefe und ein Schnepper zum +Aderlassen; denn einst hatte sie ein Verhältnis mit einem +Barbiergesellen oder Chirurgiegehilfen gepflogen, welchen sie zu +ehelichen gedachte; und da sie eine geschickte und überaus verständige +Person war, so hatte sie von ihrem Liebhaber gelernt, die Ader zu +schlagen, Blutegel und Schröpfköpfe anzusetzen und dergleichen mehr +und konnte ihn selbst sogar schon rasieren. Allein er hatte sich als +ein unwürdiger Mensch gezeigt, bei welchem leichtlich ihr ganzes +Lebensglück aufs Spiel gesetzt war, und so hatte sie mit trauriger, +aber weiser Entschlossenheit das Verhältnis gelöst. Die Geschenke +wurden von beiden Seiten zurückgegeben mit Ausnahme des Schneppers; +diesen vorenthielt sie als ein Unterpfand für einen Gulden und +achtundvierzig Kreuzer, welche sie ihm einst bar geliehen; der +Unwürdige behauptete aber, solche nicht schuldig zu sein, da sie das +Geld ihm bei Gelegenheit eines Balles in die Hand gegeben, um die +Auslagen zu bestreiten, und sie hätte zweimal soviel verzehrt als er. +So behielt er den Gulden und die achtundvierzig Kreuzer und sie den +Schnepper, mit welchem sie unter der Hand allen Frauen ihrer +Bekanntschaft Ader ließ und manchen schönen Batzen verdiente. Aber +jedesmal, wenn sie das Instrument gebrauchte, mußte sie mit Schmerzen +der niedrigen Gesinnungsart dessen gedenken, der ihr so nahegestanden +und beinahe ihr Gemahl geworden wäre! + +Dies alles war in der lackierten Lade enthalten, wohlverschlossen, und +diese war wiederum in einem alten Nußbaumschrank aufgehoben, dessen +Schlüssel die Züs Bünzlin allfort in der Tasche trug. Die Person +selbst hatte dünne rötliche Haare und wasserblaue Augen, welche nicht +ohne Reiz waren und zuweilen sanft und weise zu blicken wußten; sie +besaß eine große Menge Kleider, von denen sie nur wenige und stets die +ältesten trug, aber immer war sie sorgsam und reinlich angezogen, und +ebenso sauber und aufgeräumt sah es in der Stube aus. Sie war sehr +fleißig und half ihrer Mutter bei ihrer Wäscherei, indem sie die +feineren Sachen plättete und die Hauben und Manschetten der +Seldwylerinnen wusch, womit sie einen schönen Pfennig gewann; von +dieser Tätigkeit mochte es auch kommen, daß sie allwöchentlich die +Tage hindurch, wo gewaschen wurde, jene strenge und gemessene Stimmung +innehielt, welche die Weiber immer während einer Wäsche befällt, und +daß diese Stimmung sich in ihr festsetzte ein für allemal an diesen +Tagen; erst wenn das Glätten anging, griff eine größere Heiterkeit +Platz, welche bei Züsi aber jederzeit mit Weisheit gewürzt war. Den +gemessenen Geist beurkundete auch die Hauptzierde der Wohnung, ein +Kranz von viereckigen, genau abgezirkelten Seifenstücken, welche rings +auf das Gesimse des Tannengetäfels gelegt waren zum Hartwerden, behufs +besserer Nutznießung. Diese Stücke zirkelte ab und schnitt aus den +frischen Tafeln mittelst eines Messingdrahtes jederzeit Züs selbst. +Der Draht hatte zwei Querhölzchen an den Enden zum bequemen Anfassen +und Durchschneiden der weichen Seife; einen schönen Zirkel aber zum +Einteilen hatte ihr ein Zeugschmiedgesell verfertigt und geschenkt, +mit welchem sie einst so gut wie versprochen war. Von demselben rührte +auch ein blanker kleiner Gewürzmörser her, welcher das Gesimse ihres +Schrankes zierte zwischen der blauen Teekanne und dem bemalten +Blumenglas; schon lange war ein solches artiges Mörserchen ihr Wunsch +gewesen, und der aufmerksame Zeugschmied kam daher wie gerufen, als er +an ihrem Namenstage damit erschien und auch was zum Stoßen mitbrachte: +eine Schachtel voll Zimmet, Zucker, Nägelein und Pfeffer. Den Mörser +hing er dazumal vor der Stubentüre, ehe er eintrat, mit dem einen +Henkel an den kleinen Finger, und hub mit dem Stößel ein schönes +Geläute an, wie mit einer Glocke, so daß es ein fröhlicher Morgen +ward. Aber kurz darauf entfloh der falsche Mensch aus der Gegend und +ließ nie wieder von sich hören. Sein Meister verlangte obenein noch +den Mörser zurück, da der Entflohene ihn seinem Laden entnommen, aber +nicht bezahlt habe. Aber Züs Bünzlin gab das werte Andenken nicht +heraus, sondern führte einen tapfern und heftigen kleinen Prozeß +darum, den sie selbst vor Gericht verteidigte auf Grundlage einer +Rechnung für gewaschene Vorhemden des Entwichenen. Dies waren, als sie +den Streit um den Mörser führen mußte, die bedeutsamsten und +schmerzhaftesten Tage ihres Lebens, da sie mit ihrem tiefen Verstande +die Dinge und besonders das Erscheinen vor Gericht um solch zarter +Sache willen viel lebendiger begriff und empfand als andere leichtere +Leute. Doch erstritt sie den Sieg und behielt den Mörser. + +Wenn aber die zierliche Seifengalerie ihre Werktätigkeit und ihren +exakten Sinn verkündete, so pries nicht minder ihren erbaulichen und +geschulten Geist ein Häufchen unterschiedlicher Bücher, welches am +Fenster ordentlich aufgeschichtet lag und in denen sie des Sonntags +fleißig las. Sie besaß noch alle ihre Schulbücher seit vielen Jahren +her und hatte auch nicht eines verloren, sowie sie auch noch die ganze +kleine Gelehrsamkeit im Gedächtnis trug, und sie wußte noch den +Katechismus auswendig wie das Deklinierbuch, das Rechenbuch wie das +Geographiebuch, die biblische Geschichte und die weltlichen +Lesebücher; auch besaß sie einige der hübschen Geschichten von +Christoph Schmid und dessen kleine Erzählungen mit den artigen +Spruchversen am Ende, wenigstens ein halbes Dutzend verschiedene +Schatzkästlein und Rosengärtchen zum Aufschlagen, eine Sammlung +Kalender voll bewährter mannigfacher Erfahrung und Weisheit, einige +merkwürdige Prophezeiungen, eine Anleitung zum Kartenschlagen, ein +Erbauungsbuch auf alle Tage des Jahres für denkende Jungfrauen und ein +altes Exemplar von Schillers Räubern, welches sie so oft las, als sie +glaubte es genugsam vergessen zu haben, und jedesmal wurde sie von +neuem gerührt, hielt aber sehr verständige und sichtende Reden +darüber. Alles, was in diesen Büchern stand, hatte sie auch im Kopfe +und wußte auf das schönste darüber und über noch viel mehr zu +sprechen. Wenn sie zufrieden und nicht zu sehr beschäftigt war, so +ertönten unaufhörliche Reden aus ihrem Munde und alle Dinge wußte sie +heimzuweisen und zu beurteilen, und jung und alt, hoch und niedrig, +gelehrt und ungelehrt mußte von ihr lernen und sich ihrem Urteile +unterziehen, wenn sie lächelnd oder sinnig erst ein Weilchen +aufgemerkt hatte, worum es sich handle; sie sprach zuweilen so viel +und salbungsvoll wie eine gelehrte Blinde, die nichts von der Welt +sieht und deren einziger Genuß ist, sich selbst reden zu hören. Von +der Stadtschule her und aus dem Konfirmationsunterrichte hatte sie die +Übung ununterbrochen beibehalten, Aufsätze und geistliche +Memorierungen und allerhand spruchweise Schemata zu schreiben, und so +verfertigte sie zuweilen an stillen Sonntagen die wunderbarsten +Aufsätze, indem sie an irgendeinen wohlklingenden Titel, den sie +gehört oder gelesen, die sonderbarsten und unsinnigsten Sätze +anreihte, ganze Bogen voll, wie sie ihrem seltsamen Gehirn +entsprangen, wie z.B. über das Nutzbringende eines Krankenbettes, über +den Tod, über die Heilsamkeit des Entsagens, über die Größe der +sichtbaren Welt und das Geheimnisvolle der unsichtbaren, über das +Landleben und dessen Freuden, über die Natur, über die Träume, über +die Liebe, einiges über das Erlösungswerk Christi, drei Punkte über +die Selbstgerechtigkeit, Gedanken über die Unsterblichkeit. Sie las +ihren Freunden und Anbetern diese Arbeiten laut vor, und wem sie recht +wohlwollte, dem schenkte sie einen oder zwei solcher Aufsätze und der +mußte sie in die Bibel legen, wenn er eine hatte. Diese ihre geistige +Seite hatte ihr einst die tiefe und aufrichtige Neigung eines jungen +Buchbindergesellen zugezogen, welcher alle Bücher las, die er einband, +und ein strebsamer, gefühlvoller und unerfahrener Mensch war. Wenn er +sein Waschbündel zu Züsis Mutter brachte, dünkte er im Himmel zu sein, +so wohl gefiel es ihm, solche herrliche Reden zu hören, die er sich +selbst schon so oft idealisch gedacht, aber nicht auszustoßen getraut +hatte. Schüchtern und ehrerbietig näherte er sich der abwechselnd +strengen und beredten Jungfrau, und sie gewährte ihm ihren Umgang und +band ihn an sich während eines Jahres, aber nicht ohne ihn ganz in den +Schranken klarer Hoffnungslosigkeit zu halten, die sie mit sanfter, +aber unerbittlicher Hand vorzeichnete. Denn da er neun Jahre jünger +war als sie, arm wie eine Maus und ungeschickt zum Erwerb, der für +einen Buchbinder in Seldwyla ohnehin nicht erheblich war, weil die +Leute da nicht lasen und wenig Bücher binden ließen, so verbarg sie +sich keinen Augenblick die Unmöglichkeit einer Vereinigung und suchte +nur seinen Geist auf alle Weise an ihrer eigenen Entsagungsfähigkeit +heranzubilden und in einer Wolke von buntscheckigen Phrasen +einzubalsamieren. Er hörte ihr andächtig zu und wagte zuweilen selbst +einen schönen Ausspruch, den sie ihm aber, kaum geboren, totmachte mit +einem noch schöneren; dies war das geistigste und edelste ihrer Jahre, +durch keinen gröberen Hauch getrübt, und der junge Mensch band ihr +während derselben alle ihre Bücher neu ein und bauete überdies während +vieler Nächte und vieler Feiertage ein kunstreiches und kostbares +Denkmal seiner Verehrung. Es war ein großer chinesischer Tempel aus +Papparbeit mit unzähligen Behältern und geheimen Fächern, den man in +vielen Stücken auseinandernehmen konnte. Mit den feinsten farbigen und +gepreßten Papieren war er beklebt und überall mit Goldbörtchen +geziert. Spiegelwände und Säulen wechselten ab, und hob man ein Stück +ab oder öffnete ein Gelaß, so erblickte man neue Spiegel und +verborgene Bilderchen, Blumenbuketts und liebende Pärchen; an den +ausgeschweiften Spitzen der Dächer hingen allwärts kleine Glöcklein. +Auch ein Uhrgehäuse für eine Damenuhr war angebracht mit schönen +Häkchen an den Säulen, um die goldene Kette daran zu henken und an dem +Gebäude hin und her zu schlängeln; aber bis jetzt hatte sich noch kein +Uhrenmacher genähert, welcher eine Uhr, und kein Goldschmied, welcher +eine Kette auf diesen Altar gelegt hätte. Eine unendliche Mühe und +Kunstfertigkeit war an diesem sinnreichen Tempel verschwendet und der +geometrische Plan nicht minder mühevoll als die saubere genaue Arbeit. +Als das Denkmal eines schön verlebten Jahrs fertig war, ermunterte Züs +Bünzlin den guten Buchbinder, mit Bezwingung ihrer selbst, sich nun +loszureißen und seinen Stab weiterzusetzen, da ihm die Welt offenstehe +und ihm, nachdem er in ihrem Umgange, in ihrer Schule so sehr sein +Herz veredelt habe, gewiß noch das schönste Glück lachen werde, +während sie ihn nie vergessen und sich der Einsamkeit ergeben wolle. +Er weinte wahrhaftige Tränen, als er sich so schicken ließ und aus dem +Städtlein zog. Sein Werk dagegen thronte seitdem auf Züsis +altväterischer Kommode, von einem meergrünen Gazeschleier bedeckt, dem +Staub und allen unwürdigen Blicken entzogen. Sie hielt es so heilig, +daß sie es ungebraucht und neu erhielt und gar nichts in die +Behältnisse steckte, auch nannte sie den Urheber desselben in der +Erinnerung Emanuel, während er Veit geheißen, und sagte jedermann, nur +Emanuel habe sie verstanden und ihr Wesen erfaßt. Nur ihm selber hatte +sie das selten zugestanden, sondern ihn in ihrem strengen Sinne kurz +gehalten und zur höheren Anspornung ihm häufig gezeigt, daß er sie am +wenigsten verstehe, wenn er sich am meisten einbilde, es zu tun. +Dagegen spielte er ihr auch einen Streich und legte in einen doppelten +Boden, auf dem innersten Grunde des Tempels, den allerschönsten Brief, +von Tränen benetzt, worin er eine unsägliche Betrübnis, Liebe, +Verehrung und ewige Treue aussprach, und in so hübschen und +unbefangenen Worten, wie sie nur das wahre Gefühl findet, welches sich +in eine Vexiergasse verrannt hat. So schöne Dinge hatte er gar nie +ausgesprochen, weil sie ihn niemals zu Worte kommen ließ. Da sie aber +keine Ahnung hatte von dem verborgenen Schatze, so geschah es hier, +daß das Schicksal gerecht war und eine falsche Schöne nicht das zu +Gesicht bekam, was sie nicht zu sehen verdiente. Auch war es ein +Symbol, daß sie es war, welche das törichte, aber innige und +aufrichtig gemeinte Wesen des Buchbinders nicht verstanden. + +Schon lange hatte sie das Leben der drei Kammacher gelobt und +dieselben drei gerechte und verständige Männer genannt; denn sie hatte +sie wohl beobachtet. Als daher Dietrich der Schwabe begann, sich +länger bei ihr aufzuhalten, wenn er sein Hemd brachte oder holte, und +ihr den Hof zu machen, benahm sie sich freundschaftlich gegen ihn und +hielt ihn mit trefflichen Gesprächen stundenlang bei sich fest, und +Dietrich redete ihr voll Bewunderung nach dem Munde, so stark er +konnte; und sie vermochte ein tüchtiges Lob zu ertragen, ja sie liebte +den Pfeffer desselben um so mehr, je stärker er war, und wenn man ihre +Weisheit pries, hielt sie sich möglichst still, bis man das Herz +geleert, worauf sie mit erhöhter Salbung den Faden aufnahm und das +Gemälde da und dort ergänzte, das man von ihr entworfen. Nicht lange +war Dietrich bei Züs aus und ein gegangen, so hatte sie ihm auch schon +den Gültbrief gezeigt, und er war voll guter Dinge und tat gegen seine +Gefährten so heimlich wie einer, der das Perpetuum mobile erfunden +hat. Jobst und Fridolin kamen ihm jedoch bald auf die Spur und +erstaunten über seinen tiefen Geist und über seine Gewandtheit. Jobst +besonders schlug sich förmlich vor den Kopf; denn schon seit Jahren +ging er ja auch in das Haus und noch nie war ihm eingefallen, etwas +anderes da zu suchen als seine Wäsche; er haßte vielmehr die Leute +beinahe, weil sie die einzigen waren, bei welchen er einige bare +Pfennige herausklauben mußte allwöchentlich. An eine eheliche +Verbindung pflegte er nie zu denken, weil er unter einer Frau nichts +anderes denken konnte als ein Wesen, das etwas von ihm wollte, was er +nicht schuldig sei, und etwas von einer selbst zu wollen, was ihm +nützlich sein könnte, fiel ihm auch nicht ein, da er nur sich selbst +vertraute und seine kurzen Gedanken nicht über den nächsten und +allerengsten Kreis seines Geheimnisses hinausgingen. Aber jetzt galt +es, dem Schwäbchen den Rang abzulaufen, denn dieses konnte mit den +siebenhundert Gulden der Jungfer Züs schlimme Geschichten aufstellen, +wenn es sie erhielt, und die siebenhundert Gulden selbst bekamen auf +einmal einen verklärten Glanz und Schimmer in den Augen des Sachsen +wie des Bayers. So hatte Dietrich, der erfindungsreiche, nur ein Land +entdeckt, welches alsobald Gemeingut wurde, und teilte das herbe +Schicksal aller Entdecker; denn die zwei andern folgten sogleich +seiner Fährte und stellten sich ebenfalls bei Züs Bünzlin auf, und +diese sah sich von einem ganzen Hof verständiger und ehrbarer +Kammacher umgeben. Das gefiel ihr ausnehmend wohl; noch nie hatte sie +mehrere Verehrer auf einmal besessen, weshalb es eine neue +Geistesübung für sie ward, diese drei mit der größten Klugheit und +Unparteilichkeit zu behandeln und im Zaume zu halten und sie so lange +mit wunderbaren Reden zur Entsagung und Uneigennützigkeit +aufzumuntern, bis der Himmel über das Unabänderliche etwas entschiede. +Denn da jeder von ihnen ihr insbesondere sein Geheimnis und seinen +Plan vertraut hatte, so entschloß sie sich auf der Stelle, denjenigen +zu beglücken, welcher sein Ziel erreiche und Inhaber des Geschäftes +würde. Den Schwaben, welcher es nur durch sie werden konnte, schloß +sie aber davon aus und nahm sich vor, diesen jedenfalls nicht zu +heiraten; weil er aber der jüngste, klügste und liebenswürdigste der +Gesellen war, so gab sie ihm durch manche stille Zeichen noch am +ehesten einige Hoffnung und spornte durch die Freundlichkeit, mit +welcher sie ihn besonders zu beaufsichtigen und zu regieren schien, +die anderen zu größerem Eifer an, so daß dieser arme Kolumbus, der das +schöne Land erfunden hatte, vollständig der Narr im Spiele ward. Alle +drei wetteiferten miteinander in der Ergebenheit, Bescheidenheit und +Verständigkeit und in der anmutigen Kunst, sich von der gestrengen +Jungfrau im Zaume halten zu lassen und sie ohne Eigennutz zu +bewundern, und wenn die ganze Gesellschaft beieinander war, glich sie +einem seltsamen Konventikel, in welchem die sonderbarsten Reden +geführt wurden. Trotz aller Frömmigkeit und Demut geschah es doch alle +Augenblicke, daß einer oder der andere, vom Lobpreisen der gemeinsamen +Herrin plötzlich abspringend, sich selbst zu loben und herauszustreichen +versuchte und sich, sanft von ihr zurechtgewiesen, beschämt unterbrochen + sah oder anhören mußte, wie sie ihm die Tugenden der übrigen +entgegenhielt, die er eiligst anerkannte und bestätigte. + +Aber dies war ein strenges Leben für die armen Kammacher; so kühl sie +von Gemüt waren, gab es doch, seit einmal ein Weib im Spiele, ganz +ungewohnte Erregungen der Eifersucht, der Besorgnis, der Furcht und +der Hoffnung; sie rieben sich in Arbeit und Sparsamkeit beinahe auf +und magerten sichtlich ab; sie wurden schwermütig, und während sie vor +den Leuten und besonders bei Züs sich der friedlichsten Beredsamkeit +beflissen, sprachen sie, wenn sie zusammen bei der Arbeit oder in +ihrer Schlafkammer saßen, kaum ein Wort miteinander und legten sich +seufzend in ihr gemeinschaftliches Bett, noch immer so still und +verträglich wie drei Bleistifte. Ein und derselbe Traum schwebte +allnächtlich über dem Kleeblatt, bis er einst so lebendig wurde, daß +Jobst an der Wand sich herumwarf und den Dietrich anstieß; Dietrich +fuhr zurück und stieß den Fridolin, und nun brach in den +schlummertrunkenen Gesellen ein wilder Groll aus und in dem Bette der +schreckbarste Kampf, indem sie während drei Minuten sich so heftig mit +den Füßen stießen, traten und ausschlugen, daß alle sechs Beine sich +ineinander verwickelten und der ganze Knäuel unter furchtbarem +Geschrei aus dem Bette purzelte. Sie glaubten, völlig erwachend, der +Teufel wolle sie holen, oder es seien Räuber in die Kammer gebrochen; +sie sprangen schreiend auf, Jobst stellte sich auf seinen Stein, +Fridolin eiligst auf seinen und Dietrich auf denjenigen, unter welchem +sich bereits auch seine kleine Ersparnis angesetzt hatte, und indem +sie so in einem Dreieck standen, zitterten und mit den Armen vor sich +hin in die Luft schlugen, schrien sie Zeter Mordio und riefen: „Geh +fort! Geh fort!" bis der erschreckte Meister in die Kammer drang und +die tollen Gesellen beruhigte. Zitternd vor Furcht, Groll und Scham +zugleich krochen sie endlich wieder ins Bett und lagen lautlos +nebeneinander bis zum Morgen. Aber der nächtliche Spuk war nur ein +Vorspiel gewesen eines größeren Schreckens, der sie jetzt erwartete, +als der Meister ihnen beim Frühstück eröffnete, daß er nicht mehr drei +Arbeiter brauchen könne und daher zwei von ihnen wandern müßten. Sie +hatten nämlich des Guten zu viel getan und so viel Ware zuweg +gebracht, daß ein Teil davon liegen blieb, indes der Meister den +vermehrten Erwerb dazu verwendet hatte, das Geschäft, als es auf dem +Gipfelpunkt stand, um so rascher rückwärts zu bringen, und ein solch +lustiges Leben führte, daß er bald doppelt soviel Schulden hatte, als +er einnahm. Daher waren ihm die Gesellen, so fleißig und enthaltsam +sie auch waren, plötzlich eine überflüssige Last. Er sagte ihnen zum +Trost, daß sie ihm alle drei gleich lieb und wert wären und es ihnen +überließe, unter sich auszumachen, welcher dableiben und welche +wandern sollten. Aber sie machten nichts aus, sondern standen da +bleich wie der Tod und lächelten einer den andern an; dann gerieten +sie in eine furchtbare Aufregung, da dies die verhängnisvollste Stunde +war; denn die Ankündigung des Meisters war ein sicheres Zeichen, daß +er es nicht lange mehr treiben und das Kammfabrikchen endlich wieder +käuflich würde. Also war das Ziel, nach dem sie alle gestrebt, nahe +und glänzte wie ein himmlisches Jerusalem, und zwei sollten vor den +Toren desselben umkehren und ihm den Rücken wenden. Ohne alle fürdere +Rücksicht erklärte jeder, dableiben zu wollen, und wenn er ganz +umsonst arbeiten müsse. Der Meister konnte aber auch dies nicht +brauchen und versicherte sie, daß zwei von ihnen jedenfalls gehen +müßten; sie fielen ihm zu Füßen, sie rangen die Hände, sie beschworen +ihn und jeder bat insbesondere für sich, daß er ihn behalten möchte, +nur noch zwei Monate, nur noch vier Wochen: Allein er wußte wohl, +worauf sie spekulierten, ärgerte sich darüber und machte sich über sie +lustig, indem er plötzlich einen spaßhaften Ausweg vorschlug, wie sie +die Sache entscheiden sollten. „Wenn ihr euch durchaus nicht einigen +könnt," sagte er, „welche von euch den Abschied wollen, so will ich +euch die Weise angeben, wie ihr die Sache entscheidet, und so soll es +dann sein und bleiben! Morgen ist Sonntag, da zahle ich euch aus, ihr +packt euer Felleisen, ergreift euren Stab und wandert alle drei +einträchtiglich zum Tore hinaus, eine gute halbe Stünde weit, auf +welche Seite ihr wollt. Alsdann ruhet ihr euch aus und könnt auch +einen Schoppen trinken, wenn ihr mögt, und habt ihr das getan, so +wandert ihr wieder in die Stadt herein, und welcher dann der erste +sein wird, der mich von neuem um Arbeit anspricht, den werde ich +behalten; die anderen aber werden unausbleiblich gehen, wo es ihnen +beliebt!" Sie fielen ihm abermals zu Füßen und baten ihn, von diesem +grausamen Vorhaben abzustehen, aber umsonst; er blieb fest und +unerbittlich. Unversehens sprang der Schwabe auf und rannte wie +besessen zum Hause hinaus und zu Züs Bünzlin hinüber; kaum gewahrten +dies Jobst und der Bayer, so unterbrachen sie ihr Lamentieren und +rannten ihm nach, und die verzweifelte Szene war alsobald in die +Wohnung der erschrockenen Jungfrau verlegt. + +Diese war sehr betroffen und bewegt durch das unerwartete Abenteuer; +doch faßte sie sich zuerst, und die Lage der Dinge überschauend, +beschloß sie, ihr eigenes Schicksal an des Meisters wunderlichen +Einfall zu knüpfen, und betrachtete diesen als eine höhere Eingebung; +sie holte gerührt ein Schatzkästlein hervor und stach mit einer Nadel +zwischen die Blätter, und der Spruch, welchen sie aufschlug, handelte +vom unentwegten Verfolgen eines guten Zieles. Sodann ließ sie die +aufgeregten Gesellen aufschlagen, und alles, was diese aufschlugen, +handelte vom eifrigen Wandel auf dem schmalen Wege, vom Vorwärtsgehen +ohne Rückschauen, von einer Laufbahn, kurz vom Laufen und Rennen aller +Art, so daß der morgende Wettlauf deutlich vom Himmel vorgeschrieben +schien. Da sie aber befürchtete, daß Dietrich als der Jüngste leicht +am besten springen und die Palme erringen könnte, beschloß sie, selbst +mit den drei Liebhabern auszuziehen und zu sehen, was etwa zu ihrem +Vorteil zu machen wäre; denn sie wünschte, daß nur einer der zwei +Älteren Sieger würde, und es war ihr ganz gleichgültig, welcher. Sie +befahl daher den Wehklagenden und sich Bezankenden Ruhe und Ergebung +und sagte: „Wisset, meine Freunde, daß nichts ohne Bedeutung +geschieht, und so merkwürdig und ungewöhnlich die Zumutung eures +Meisters ist, so müssen wir sie doch als eine Fügung ansehen und uns +mit einer höheren Weisheit, von welcher der mutwillige Mann nichts +ahnt, dieser jähen Entscheidung unterwerfen. Unser friedliches und +verständiges Zusammenleben ist zu schön gewesen, als daß es noch lange +so erbaulich stattfinden könnte; denn ach! Alles Schöne und +Ersprießliche ist ja so vergänglich und vorübergehend, und nichts +besteht in die Länge als das Übel, das Hartnäckige und die Einsamkeit +der Seele, die wir alsdann mit unserer frommen Vernünftigkeit +betrachten und beobachten. Daher wollen wir, ehe sich etwa ein böser +Dämon des Zwiespaltes unter uns erhebt, uns lieber vorher freiwillig +trennen und auseinanderscheiden wie die lieben Frühlingslüftlein, wenn +sie ihren eilenden Lauf am Himmel nehmen, ehe wir auseinanderfahren +wie der Sturmwind des Herbstes. Ich selbst will euch hinausbegleiten +auf dem schweren Wege und zugegen sein, wenn ihr den Prüfungslauf +antretet, damit ihr einen fröhlichen Mut fasset und einen schönen +Antrieb hinter euch habt, während vor euch das Ziel des Sieges winkt. +Aber so wie der Sieger sich seines Glückes nicht überheben wird, so +sollen die, welche unterliegen, nicht verzagen und keinen Gram oder +Groll von dannen nehmen, sondern unsers liebevollen Andenkens gewärtig +sein und als vergnügte Wanderjünglinge in die weite Welt ziehen; denn +die Menschen haben viele Städte gebauet, welche so schön oder noch +schöner sind wie Seldwyla; Rom ist eine große, merkwürdige Stadt, +allwo der heilige Vater wohnt, und Paris ist eine gar mächtige Stadt +mit vielen Seelen und herrlichen Palästen, und in Konstantinopel +herrscht der Sultan, von türkischem Glauben, und Lissabon, welches +einst durch ein Erdbeben verschüttet ward, ist desto schöner wieder +aufgebaut worden. Wien ist die Hauptstadt von Osterreich und die +Kaiserstadt genannt, und London ist die reichste Stadt der Welt, in +Engelland gelegen, an einem Fluß, der die Themse benannt wird. Zwei +Millionen Menschen wohnen da! Petersburg aber ist die Haupt- und +Residenzstadt von Rußland, so wie Neapel die Hauptstadt des +Königreiches gleichen Namens, mit dem feuerspeienden Berg Vesuvius, +auf welchem einst einem englischen Schiffshauptmann eine verdammte +Seele erschienen ist, wie ich in einer merkwürdigen Reisebeschreibung +gelesen habe, welche Seele einem gewissen John Smidt angehöret, der +vor hundertundfünfzig Jahren ein gottloser Mann gewesen und nun +besagtem Hauptmann einen Auftrag erteilte an seine Nachkommen in +England, damit er erlöst würde; denn der ganze Feuerberg ist ein +Aufenthalt der Verdammten, wie auch in des gelehrten Peter Haslers +Traktatus über die mutmaßliche Gelegenheit der Hölle zu lesen ist. +Noch viele andere Städte gibt es, wovon ich nur noch Mailand, Venedig, +das ganz im Wasser gebaut ist, Lyon, Marseilingen, Straßburg, Köllen +und Amsterdam nennen will; Paris hab' ich schon gesagt, aber noch +nicht Nürnberg, Augsburg und Frankfurt, Basel, Bern und Genf, alles +schöne Städte, sowie das schöne Zürich, und weiterhin noch eine Menge, +mit deren Aufzählung ich nicht fertig würde. Denn alles hat seine +Grenzen, nur nicht die Erfindungsgabe der Menschen, welche sich +allwärts ausbreiten und alles unternehmen, was ihnen nützlich scheint. +Wenn sie gerecht sind, so wird es ihnen gelingen, aber der Ungerechte +vergehet wie das Gras der Felder und wie ein Rauch. Viele sind +erwählt, aber nur wenige sind berufen. Aus allen diesen Gründen und in +noch manch anderer Hinsicht, die uns die Pflicht und die Tugend +unseres reinen Gewissens auferlegen, wollen wir uns dem Schicksalsrufe +unterziehen. Darum gehet und bereitet euch zur Wanderschaft, aber als +gerechte und sanftmütige Männer, die ihren Wert in sich tragen, wo sie +auch hingehen, und deren Stab überall Wurzel schlägt, welche, was sie +auch ergreifen mögen, sich sagen können: ich habe das bessere Teil +erwählt!" + +Die Kammacher wollten aber von allem nichts hören, sondern bestürmten +die kluge Züs, daß sie einen von ihnen auserwählen und dableiben +heißen solle, und jeder meinte damit sich selbst. Aber sie hütete +sich, eine Wahl zu treffen, und kündigte ihnen ernsthaft und +gebieterisch an, daß sie ihr gehorchen müßten, ansonst sie ihnen ihre +Freundschaft auf immer entziehen würde. Jetzt rannte Jobst, der +älteste, wieder davon und in das Haus des Meisters hinüber, und +spornstreichs rannten die anderen hinter ihm her, befürchtend, daß er +dort etwas gegen sie unternähme, und so schossen sie den ganzen Tag +umher wie Sternschnuppen und wurden sich untereinander so zuwider wie +drei Spinnen in einem Netz. Die halbe Stadt sah dies seltsame +Schauspiel der verstörten Kammacher, die bislang so still und ruhig +gewesen, und die alten Leute wurden darüber ängstlich und hielten die +Erscheinung für ein geheimnisvolles Vorzeichen schwerer Begebenheiten. +Gegen Abend wurden sie matt und erschöpft, ohne daß sie sich eines +Besseren besonnen und zu etwas entschieden hatten, und legten sich +zähneklappernd in das alte Bett; einer nach dem andern kroch unter die +Decke und lag da wie vom Tode hingestreckt, in verwirrten Gedanken, +bis ein heilsamer Schlaf ihn umfing. Jobst war der erste, welcher in +aller Frühe erwachte und sah, daß ein heiterer Frühlingsmorgen in die +Kammer schien, in welcher er nun schon seit sechs Jahren geschlafen. +So dürftig das Gemach aussah, so erschien es ihm doch wie ein +Paradies, welches er verlassen sollte, und zwar so ungerechterweise. +Er ließ seine Augen umhergehen an den Wänden und zählte alle die +vertrauten Spuren von den vielen Gesellen, die hier schon gewohnt +kürzere oder längere Zeit; hier hatte der seinen Kopf zu reiben +gepflegt und einen dunklen Fleck verfertigt, dort hatte jener einen +Nagel eingeschlagen, um seine Pfeife daranzuhängen, und das rote +Schnürchen hing noch daran. Welche guten Menschen waren das gewesen, +daß sie so harmlos wieder davongegangen, während diese, welche neben +ihm lagen, durchaus nicht weichen wollten. Dann heftete er sein Auge +auf die Gegend zunächst seinem Gesichte und betrachtete da die +kleineren Gegenstände, welche er schon tausendmal betrachtet, wenn er +des Morgens oder am Abend noch bei Tageshelle im Bette lag und sich +eines seligen, kostenfreien Daseins erfreute. Da war eine beschädigte +Stelle in dem Bewurf, welche wie ein Land aussah mit Seen und +Städtchen, und ein Häufchen von groben Sandkörnern stellte eine +glückselige Inselgruppe vor; weiterhin erstreckte sich eine lange +Schweinsborste, welche aus dem Pinsel gefallen und in der blauen +Tünche steckengeblieben war; denn Jobst hatte im letzten Herbst einmal +ein kleines Restchen solcher Tünche gefunden und, damit es nicht +umkommen sollte, eine Viertelswandseite damit angestrichen, soweit es +reichen wollte, und zwar hatte er die Stelle bemalt, wo er zunächst im +Bette lag. Jenseits der Schweinsborste aber ragte eine ganz geringe +Erhöhung, wie ein kleines, blaues Gebirge, welches einen zarten +Schlagschatten über die Borste weg nach den glückseligen Inseln +hinüberwarf. Über dies Gebirge hatte er schon den ganzen Winter +gegrübelt, da es ihn dünkte, als ob es früher nicht dagewesen wäre. +Wie er nun mit seinem traurigen, duselnden Auge dasselbe suchte und +plötzlich vermißte, traute er seinen Sinnen kaum, als er statt +desselben einen kleinen kahlen Fleck an der Mauer fand, dagegen sah, +wie der winzige blaue Berg nicht weit davon sich bewegte und zu +wandeln schien. Erstaunt fuhr Jobst in die Höhe, als ob er ein blaues +Wunder sähe, und sah, daß es eine Wanze war, welche er also im vorigen +Herbst achtlos mit der Farbe überstrichen, als sie schon in Erstarrung +dagesessen hatte. Jetzt aber war sie von der Frühlingswärme neu +belebt, hatte sich aufgemacht und stieg eben in diesem Augenblicke mit +ihrem blauen Rücken unverdrossen die Wand hinan. Er blickte ihr +gerührt und voll Verwunderung nach; solange sie im Blauen ging, war +sie kaum von der Wand zu unterscheiden; als sie aber aus dem +gestrichenen Bereich hinaustrat und die letzten vereinzelten Spritze +hinter sich hatte, wandelte das gute himmelblaue Tierchen weithin +sichtbar seine Bahn durch die dunkleren Bezirke. Wehmütig sank Jobst +in den Pfülmen zurück; so wenig er sich sonst aus dergleichen machte, +rührte diese Erscheinung doch jetzt ein Gefühl in ihm auf, als ob er +doch auch endlich wieder wandern müßte, und es bedünkte ihn ein gutes +Zeichen zu sein, daß er sich in das Unabänderliche ergeben und sich +wenigstens mit gutem Willen auf den Weg machen solle. Durch diese +ruhigeren Gedanken kehrte seine natürliche Besonnenheit und Weisheit +zurück, und indem er die Sache näher überlegte, fand er, daß, wenn er +sich ergebungsvoll und bescheiden anstelle, sich dem schwierigen Werke +unterziehe und dabei sich zusammennehme und klug verhalte, er noch am +ehesten über seine Nebenbuhler obsiegen könne. Sachte stieg er aus dem +Bette und begann seine Sachen zu ordnen und vor allem seinen Schatz zu +heben und zu unterst in das alte Felleisen zu verpacken. Darüber +erwachten sogleich seine Gefährten; wie diese sahen, daß er so +gelassen sein Bündel schnürte, verwunderten sie sich sehr und noch +mehr, als Jobst sie mit versöhnlichen Worten anredete und ihnen einen +guten Morgen wünschte. Weiter ließ er sich aber nicht aus, sondern +fuhr in seinem Geschäfte still und friedfertig fort. Sogleich, obschon +sie nicht wußten, was er im Schilde führe, witterten sie eine +Kriegslist in seinem Benehmen und ahmten es auf der Stelle nach, +höchst aufmerksam auf alles, was er ferner beginnen würde. Hierbei war +es seltsam, wie sie alle drei zum erstenmal offen ihre Schätze unter +den Fliesen hervorholten und dieselben, ohne sie zu zählen, in die +Ranzen versorgten. Denn sie wußten schon lange, daß jeder das +Geheimnis der übrigen kannte, und nach alter ehrbarer Art mißtrauten +sie sich nicht in der Weise, daß sie eine Verletzung des Eigentums +befürchteten, und jeder wußte wohl, daß ihn die anderen nicht berauben +würden, wie denn in den Schlafkammern der Handwerksgesellen, Soldaten +und dergleichen kein Verschluß und kein Mißtrauen bestehen soll. + +So waren sie unversehens zum Aufbruch gerüstet, der Meister zahlte +ihnen den Lohn aus und gab ihnen ihre Wanderbücher, in welche von der +Stadt und vom Meister die allerschönsten Zeugnisse geschrieben waren +über ihre gute andauernde Führung und Vortrefflichkeit, und sie +standen wehmutsvoll vor der Haustüre der Züs Bünzlin, in lange braune +Röcke gekleidet, mit alten, verwaschenen Staubhemden darüber, und die +Hüte, obgleich sie verjährt und abgebürstet genug waren, sorglich mit +Wachsleinwand überzogen. Hinten auf dem Felleisen hatte jeder ein +kleines Wägelchen befestigt, um das Gepäck darauf zu ziehen, wenn es +ins Weite ginge; sie dachten aber die Räder nicht zu brauchen, und +deswegen ragten dieselben hoch über ihrem Rücken. Jobst stützte sich +auf einen ehrbaren Rohrstock, Fridolin auf einen rot und schwarz +geflammten und gemalten Eschenstab und Dietrich auf ein +abenteuerliches Stockungeheuer, um welches sich ein wildes Geflecht +von Zweigen wand. Er schämte sich aber beinahe dieses prahlerischen +Dinges, da es noch aus der ersten Wanderzeit herstammte, wo er bei +weitem noch nicht so sehr gesetzt und vernünftig gewesen wie jetzt. +Viele Nachbarn und deren Kinder umstanden die ernsten drei Männer und +wünschten ihnen Glück auf den Weg. Da erschien Züs unter der Türe, mit +feierlicher Miene, und zog an der Spitze der Gesellen gefaßten Mutes +aus dem Tore. Sie hatte ihnen zu Ehren einen ungewöhnlichen Staat +angelegt, trug einen großen Hut mit mächtigen gelben Bändern, ein +rosafarbenes Indiennekleid mit verschollenen Ausladungen und +Verzierungen, eine schwarze Sammetschärpe mit einer Tombakschnalle und +rote Saffianschuhe mit Fransen besetzt. Dazu trug sie einen +grünseidenen großen Ritikül, welchen sie mit gedörrten Birnen und +Pflaumen gefüllt hatte, und hielt ein Sonnenschirmchen ausgespannt, +auf welchem oben eine große Lyra aus Elfenbein stand. Sie hatte auch +ihr Medaillon mit dem blonden Haardenkmal umgehängt und das goldene +Vergißmeinnicht vorgesteckt und trug weiße gestrickte Handschuhe. Sie +sah freundlich und zart aus in all diesem Schmuck, ihr Antlitz war +leicht gerötet und ihr Busen schien sich höher als sonst zu heben, und +die ausziehenden Nebenbuhler wußten sich nicht zu lassen vor Wehmut +und Betrübnis; denn die äußerste Lage der Dinge, der schöne +Frühlingstag, der ihren Auszug beschien, und Züsis Putz mischten in +ihre gespannten Empfindungen fast etwas von dem, was man wirklich +Liebe nennt. Vor dem Tore ermahnte aber die freundliche Jungfrau ihre +Liebhaber, die Felleisen auf die Räderchen zu stellen und zu ziehen, +damit sie sich nicht unnötigerweise ermüdeten. Sie taten es, und als +sie hinter dem Städtlein hinaus die Berge hinanfuhren, war es fast wie +ein Artilleriewesen, das da hinauffuhrwerkte, um oben eine Batterie zu +besetzen. Als sie eine gute halbe Stunde dahingezogen, machten sie +halt auf einer anmutigen Anhöhe, über welche ein Kreuzweg ging, und +setzten sich unter einer Linde in einen Halbkreis, wo man einer weiten +Aussicht genoß und über Wälder, Seen und Ortschaften wegsah. Züs +öffnete ihren Beutel und gab jedem eine Handvoll Birnen und Pflaumen, +um sich zu erfrischen, und sie saßen so eine geraume Weile schweigend +und ernst, nur mit den schnalzenden Zungen, wenn sie die süßen Früchte +damit zerdrückten, ein sanftes Geräusch erregend. + +Dann begann Züs, indem sie einen Pflaumenkern fortwarf und die davon +gefärbten Fingerspitzen am jungen Grase abwischte, zu sprechen: +„Lieben Freunde! Sehet, wie schön und weitläufig die Welt ist, +ringsherum voll herrlicher Sachen und voll Wohnungen der Menschen! Und +dennoch wollte ich wetten, daß in dieser feierlichen Stunde nirgends +in dieser weiten Welt vier so rechtfertige und gutartige Seelen +beieinander versammelt sitzen, wie wir hier sind, so sinnreich und +bedachtsam von Gemüt, so zugetan allen arbeitsamen Übungen und +Tugenden, der Eingezogenheit, der Sparsamkeit, der Friedfertigkeit und +der innigen Freundschaft. Wie viele Blumen stehen hier um uns herum, +von allen Arten, die der Frühling hervorbringt, besonders die gelben +Schlüsselblumen, welche einen wohlschmeckenden und gesunden Tee geben; +aber sind sie gerecht oder arbeitsam? sparsam, vorsichtig und +geschickt zu klugen und lehrreichen Gedanken? Nein, es sind unwissende +und geistlose Geschöpfe, unbeseelt und vernunftlos vergeuden sie ihre +Zeit, und so schön sie sind, wird ein totes Heu daraus, während wir in +unserer Tugend ihnen so weit überlegen sind und ihnen wahrlich an Zier +der Gestalt nichts nachgeben; denn Gott hat uns nach seinem Bilde +geschaffen und uns seinen göttlichen Odem eingeblasen. Oh, könnten wir +doch ewig hier sitzen in diesem Paradiese und in solcher Unschuld; ja, +meine Freunde, es ist mir so, als wären wir sämtlich im Stande der +Unschuld, aber durch eine sündenlose Erkenntnis veredelt; denn wir +alle können, Gott sei Dank, lesen und schreiben und haben alle eine +geschickte Hantierung gelernt. Zu vielem hätte ich Geschick und +Anlagen und getraute mir wohl, Dinge zu verrichten, wie sie das +gelehrteste Fräulein nicht kann, wenn ich über meinen Stand +hinausgehen wollte; aber die Bescheidenheit und die Demut sind die +vornehmste Tugend eines rechtschaffenen Frauenzimmers, und es genügt +mir zu wissen, daß mein Geist nicht wertlos und verachtet ist vor +einer höheren Einsicht. Schon viele haben mich begehrt, die meiner +nicht wert waren, und nun auf einmal sehe ich drei würdige +Junggesellen um mich versammelt, von denen ein jeder gleich wert wäre, +mich zu besitzen! Bemesset danach, wie mein Herz in diesem wunderbaren +Überflusse schmachten muß, und nehmet euch jeder ein Beispiel an mir +und denket euch, jeder wäre von drei gleichwerten Jungfrauen umblühet, +die sein begehrten, und er könnte sich um deswillen zu keiner +hinneigen und gar keine bekommen! Stellt euch doch recht lebhaft vor, +um jeden von euch buhleten drei Jungfern Bünzlin, und säßen so um euch +her, gekleidet wie ich und von gleichem Ansehen, so daß ich gleichsam +verneunfacht hier vorhanden wäre und euch von allen Seiten anblickte +und nach euch schmachtete! Tut ihr dies?" + +Die wackeren Gesellen hörten verwundert auf zu kauen und studierten +mit einfältigen Gesichtern, die seltsame Aufgabe zu lösen. Das +Schwäblein kam zuerst damit zustande und rief mit lüsternem Gesicht: +„Ja, werteste Jungfer Züs! Wenn Sie es denn gütigst erlauben, so sehe +ich Sie nicht nur dreifach, sondern verhundertfacht um mich +herumschweben und mich mit huldreichen Äuglein anblicken und mir +tausend Küßlein anbieten!" + +„Nicht doch!" sagte Züs unwillig verweisend, „nicht in so ungehöriger +und übertriebener Weise! Was fällt Ihnen denn ein, unbescheidener +Dietrich? Nicht hundertfach und nicht Küßlein anbietend habe ich es +erlaubt, sondern nur dreifach für jeden und in züchtiger und ehrbarer +Manier, daß mir nicht zu nahe geschieht!" + +„Ja," rief jetzt endlich Jobst und zeigte mit einem abgenagten +Birnenstiel um sich her, „nur dreifach, aber in größter Ehrbarkeit +sehe ich die liebste Jungfer Bünzli um mich her spazieren und mir +wohlwollend zuwinken, indem sie die Hand aufs Herz legt! Ich danke +sehr, danke, danke ergebenst!" sagte er schmunzelnd, sich nach drei +Seiten verneigend, als ob er wirklich die Erscheinungen sähe. „So +ist's recht," sagte Züs lächelnd, „wenn irgendein Unterschied zwischen +euch besteht, so seid Ihr doch der Begabteste, lieber Jobst, +wenigstens der Verständigste!" Der Bayer Fridolin war immer noch nicht +fertig mit seiner Vorstellung, da er aber den Jobst so loben hörte, +wurde es ihm angst und er rief eilig: „Ich sehe auch die liebste +Jungfrau Bünzli dreifach um mich herspazieren in größter Ehrbarkeit +und mir wollüstig zuwinken, indem sie die Hand auf--" + +„Pfui, Bayer!" schrie Züs und wandte das Gesicht ab, „nicht ein Wort +weiter! Woher nehmen Sie den Mut, von mir in so wüsten Worten zu reden +und sich solche Sauereien einzubilden! Pfui, pfui!" Der arme Bayer war +wie vom Donner gerührt und wurde glühend rot, ohne zu wissen, wofür; +denn er hatte sich gar nichts eingebildet und nur ungefähr dem Klange +nach gesagt, was er von Jobsten gehört, da er gesehen, wie dieser für +seine Rede belobt worden. Züs wandte sich wieder zu Dietrich und +sagte: „Nun, lieber Dietrich, haben Sie's noch nicht auf eine etwas +bescheidenere Art zuwege gebracht?" „Ja, mit Ihrer Erlaubnis," +erwiderte er, froh, wieder angeredet zu werden, „ich erblicke Sie +jetzt nur dreimal um mich her, freundlich, aber anständig mich +anschauend und mir drei weiße Hände bietend, welche ich küsse!" + +„Gut denn!" sagte Züs, „und Sie, Fridolin? Sind Sie noch nicht von +Ihrer Abirrung zurückgekehrt? Kann sich Ihr ungestümes Blut noch nicht +zu einer wohlanständigen Vorstellung beruhigen?" „Um Vergebung!" sagte +Fridolin kleinlaut, „ich glaube jetzt drei Jungfern zu sehen, die mir +gedörrte Birnen anbieten und mir nicht abgeneigt scheinen. Es ist +keine schöner als die andere, und die Wahl unter ihnen scheint mir ein +bitteres Kraut zu sein." + +„Nun also," sprach Züs, „da ihr in euerer Einbildungskraft von neun +solchen ganz gleichwerten Personen umgeben seid und in diesem +liebreizenden Überflusse dennoch Mangel in euerem Herzen leidet, +ermesset danach meinen eigenen Zustand; und wie ihr an mir sahet, daß +ich mich weisen und bescheidenen Herzens zu fassen weiß, so nehmet +doch ein Beispiel an meiner Stärke und gelobet mir und euch +untereinander, euch ferner zu vertragen und, wie ich liebevoll von +euch scheide, euch ebenso liebevoll voneinander zu trennen, wie auch +das Schicksal, das eurer wartet, entscheiden möge! So leget denn alle +eure Hände zusammen in meine Hand und gelobt es!" + +„Ja, wahrhaftig," rief Jobst, „ich will es wenigstens tun, an mir +soll's nicht fehlen!" und die andern zwei riefen eiligst: „An mir auch +nicht, an mir auch nicht!" und sie legten alle die Hände zusammen, +wobei sich jedoch jeder vornahm, auf alle Fälle zu springen, sogut er +vermöchte. „An mir soll es wahrhaftig nicht fehlen!" wiederholte +Jobst, „denn ich bin von Jugend auf barmherziger und einträchtiger +Natur gewesen. Noch nie habe ich einen Streit gehabt und konnte nie +ein Tierlein leiden sehen; wo ich noch gewesen bin, habe ich mich gut +vertragen und das beste Lob geerntet ob meines geruhsamen Betragens; +denn obgleich ich gar manche Dinge auch ein bißchen verstehe und ein +verständiger junger Mann bin, so hat man nie gesehen, daß ich mich in +etwas mischte, was mich nichts anging, und habe stets meine Pflicht +auf eine einsichtsvolle Weise getan. Ich kann arbeiten soviel ich +will, und es schadet mir nichts, da ich gesund und wohlauf bin und in +den besten Jahren! Alle meine Meisterinnen haben noch gesagt, ich sei +ein Tausendsmensch, ein Ausbund, und mit mir sei gut auskommen! Ach! +ich glaube wirklich selbst, ich könnte leben wie im Himmel mit Ihnen, +allerliebste Jungfer Züs!" + +„Ei!" sagte der Bayer eifrig, „das glaub' ich wohl, das wäre auch +keine Kunst, mit der Jungfer wie im Himmel zu leben! Das wollt' ich +mir auch zutrauen, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen! Mein +Handwerk versteh' ich aus dem Grund und weiß die Dinge in Ordnung zu +halten, ohne ein Unwort zu verlieren. Nirgends habe ich Händel +bekommen, obgleich ich in den größten Städten gearbeitet habe, und +niemals habe ich eine Katze geschlagen oder eine Spinne getötet. Ich +bin mäßig und enthaltsam und mit jeder Nahrung zufrieden, und ich weiß +mich am Geringfügigsten zu vergnügen und damit zufrieden zu sein. Aber +ich bin auch gesund und munter und kann etwas aushalten, ein gutes +Gewissen ist das beste Lebenselixier, alle Tiere lieben mich und +laufen mir nach, weil sie mein gutes Gewissen wittern, denn bei einem +ungerechten Menschen wollen sie nicht bleiben. Ein Pudelhund ist mir +einst drei Tage lang nachgefolgt, als ich aus der Stadt Ulm verreiste, +und ich mußte ihn endlich einem Bauersmann in Gewahrsam geben, da ich +als ein demütiger Handwerksgesell kein solches Tier ernähren konnte, +und als ich durch den Böhmerwald reiste, sind die Hirsche und Rehe auf +zwanzig Schritt noch stehen geblieben und haben sich nicht vor mir +gefürchtet. Es ist wunderbar, wie selbst die wilden Tiere sich bei den +Menschen auskennen und wissen, welche guten Herzens sind!" + +„Ja, das muß wahr sein!" rief der Schwabe, „seht ihr nicht, wie dieser +Fink schon die ganze Zeit da vor mir herumfliegt und sich mir zu +nähern sucht? Und jenes Eichhörnchen auf der Tanne sieht sich +immerfort nach mir um, und hier kriecht ein kleiner Käfer allfort an +meinem Beine und will sich durchaus nicht vertreiben lassen. Dem muß +es gewiß recht wohl sein bei mir, dem lieben guten Tierchen!" + +Jetzt wurde aber Züs eifersüchtig und sagte etwas heftig: „Bei mir +wollen alle Tiere gern bleiben! Einen Vogel hab' ich acht Jahre gehabt +und er ist sehr ungern von mir weggestorben; unsere Katze streicht mir +nach, wo ich geh' und stehe, und des Nachbars Tauben drängen und +zanken sich vor meinem Fenster, wenn ich ihnen Brosamen streue! +Wunderbare Eigenschaften haben die Tiere je nach ihrer Art! Der Löwe +folgt gern den Königen nach und den Helden, und der Elefant begleitet +den Fürsten und den tapfern Krieger; das Kamel trägt den Kaufmann +durch die Wüste und bewahrt ihm frisches Wasser in seinem Bauch, und +der Hund begleitet seinen Herrn durch alle Gefahren und stürzt sich +für ihn in das Meer! Der Delphin liebt die Musik und folgt den +Schiffen, und der Adler den Kriegsheeren. Der Affe ist ein +menschenähnliches Wesen und tut alles, was er die Menschen tun sieht, +und der Papagei versteht unsere Sprache und plaudert mit uns, wie ein +Alter! Selbst die Schlangen lassen sich zähmen und tanzen auf der +Spitze ihres Schwanzes; das Krokodil weint menschliche Tränen und wird +von den Bürgern dort geachtet und verschont; der Strauß läßt sich +satteln und reiten wie ein Roß; der wilde Büffel ziehet den Wagen des +Menschen und das gehörnte Renntier seinen Schlitten. Das Einhorn +liefert ihm das schneeweiße Elfenbein und die Schildkröte ihre +durchsichtigen Knochen--" + +„Mit Verlaub," sagten alle drei Kammacher zugleich, „hierin irren Sie +sich gewißlich, das Elfenbein wird aus den Elefantenzähnen gewonnen +und die Schildpattkämme macht man aus der Schale und nicht aus den +Knochen der Schildkröte!" + +Züs wurde feuerrot und sagte: „Das ist noch die Frage, denn ihr habt +gewiß nicht gesehen, wo man es hernimmt, sondern verarbeitet nur die +Stücke; ich irre mich sonst selten, doch sei dem wie ihm wolle, so +lasset mich ausreden; nicht nur die Tiere haben ihre merkwürdigen von +Gott eingepflanzten Besonderheiten, sondern selbst das tote Gestein, +so aus den Bergen gegraben wird. Der Kristall ist durchsichtig wie +Glas, der Marmor aber hart und geädert, bald weiß und bald schwarz; +der Bernstein hat elektrische Eigenschaften und ziehet den Blitz an; +aber dann verbrennt er und riecht wie Weihrauch. Der Magnet zieht +Eisen an, auf die Schiefertafel kann man schreiben, aber nicht auf den +Diamant, denn dieser ist hart wie Stahl; auch gebraucht ihn der Glaser +zum Glasschneiden, weil er klein und spitzig ist. Ihr sehet, liebe +Freunde, daß ich auch ein weniges von den Tieren zu sagen weiß! Was +aber mein Verhältnis zu ihnen betrifft, so ist dies zu bemerken: Die +Katze ist ein schlaues und listiges Tier und ist daher nur schlauen +und listigen Menschen anhänglich; die Taube aber ist ein Sinnbild der +Unschuld und Einfalt und kann sich nur von einfältigen, schuldlosen +Seelen angezogen fühlen. Da mir nun Katzen und Tauben anhänglich sind, +so folgt hieraus, daß ich klug und einfältig, schlau und unschuldig +zugleich bin, wie es denn auch heißt: Seid klug wie die Schlangen und +einfältig wie die Tauben! Auf diese Weise können wir allerdings die +Tiere und ihr Verhältnis zu uns würdigen und manches daraus lernen, +wenn wir die Sache recht zu betrachten wissen." + +Die armen Gesellen wagten nicht ein Wort weiter zu sagen; Züs hatte +sie gut zugedeckt und sprach noch viele hochtrabende Dinge +durcheinander, daß ihnen Hören und Sehen verging. Sie bewunderten aber +Züsis Geist und Beredsamkeit, und in solcher Bewunderung dünkte sich +keiner zu schlecht, das Kleinod zu besitzen, besonders da diese Zierde +eines Hauses so wohlfeil war und nur in einer rastlosen Zunge bestand. +Ob sie selbst dessen, was sie so hoch stellen, auch wert seien und +etwas damit anzufangen wüßten, fragen sich solche Schwachköpfe zu +allerletzt oder auch gar nicht, sondern sie sind wie die Kinder, +welche nach allem greifen, was ihnen in die Augen glänzt, von allen +bunten Dingen die Farben abschlecken und ein Schellenspiel ganz in den +Mund stecken wollen, statt es bloß an die Ohren zu halten. So +erhitzten sie sich immer mehr in der Begierde und Einbildung, diese +ausgezeichnete Person zu erwerben, und je schnöder, herzlos er und +eitler Züsens unsinnige Phrasen wurden, desto gerührter und +jämmerlicher waren die Kammacher daran. Zugleich fühlten sie einen +heftigen Durst von dem trockenen Obste, welches sie inzwischen +aufgegessen; Jobst und der Bayer suchten im Gehölz nach Wasser, fanden +eine Quelle und tranken sich voll kaltes Wasser. Der Schwabe hingegen +hatte listigerweise ein Fläschchen mitgenommen, in welchem er +Kirschgeist mit Wasser und Zucker gemischt, welches liebliche Getränk +ihn stärken und ihm einen Vorschub gewähren sollte beim Laufen; denn +er wußte, daß die anderen zu sparsam waren, um etwas mitzunehmen oder +eine Einkehr zu halten. Dies Fläschchen zog er jetzt eilig hervor, +während jene sich mit Wasser füllten, und bot es der Jungfer Züs an; +sie trank es halb aus, es schmeckte ihr vortrefflich und erquickte sie +und sie sah den Dietrich dabei überquer ganz holdselig an, daß ihm der +Rest, welchen er selber trank, so lieblich schmeckte wie Cyperwein und +ihn gewaltig stärkte. Er konnte sich nicht enthalten, Züsis Hand zu +ergreifen und ihr zierlich die Fingerspitzen zu küssen; sie tippte ihm +leicht mit dem Zeigefinger auf die Lippen und er tat, als ob er danach +schnappen wollte und machte dazu ein Maul, wie ein lächelnder Karpfen; +Züs schmunzelte falsch und freundlich, Dietrich schmunzelte schlau und +süßlich; sie saßen auf der Erde sich gegenüber und tätschelten +zuweilen mit den Schuhsohlen gegeneinander, wie wenn sie sich mit den +Füßen die Hände geben wollten. Züs beugte sich ein wenig vornüber und +legte die Hand auf seine Schulter, und Dietrich wollte eben dieses +holde Spiel erwidern und fortsetzen, als der Sachse und der Bayer +zurückkamen und bleich und stöhnend zuschauten. Denn es war ihnen von +dem vielen Wasser, welches sie an die genossenen Backbirnen +geschüttet, plötzlich elend geworden und das Herzeleid, welches sie +bei dem Anblicke den spielenden Paares empfanden, vereinigte sich mit +dem öden Gefühle des Bauches, so daß ihnen der kalte Schweiß auf der +Stirne stand. Züs verlor aber die Fassung nicht, sondern winkte ihnen +überaus freundlich zu und rief: „Kommet, ihr Lieben, und setzet euch +doch auch noch ein bißchen zu mir her, daß wir noch ein Weilchen und +zum letztenmal unsere Eintracht und Freundschaft genießen!" Jobst und +Fridolin drängten sich hastig herbei und streckten ihre Beine aus; Züs +ließ dem Schwaben die eine Hand, gab Jobsten die andere und berührte +mit den Füßen Fridolins Stiefelsohlen, während sie mit dem Angesicht +einen nach dem andern der Reihe nach anlächelte. So gibt es Virtuosen, +welche viele Instrumente zugleich spielen, auf dem Kopfe ein +Glockenspiel schütteln, mit dem Munde die Panspfeife blasen, mit den +Händen die Gitarre spielen, mit den Knien die Zimbel schlagen, mit dem +Fuß den Dreiangel und mit den Ellbogen eine Trommel, die ihnen auf dem +Rücken hängt. + +Dann aber erhob sie sich von der Erde, strich ihr Kleid, welches sie +sorgfältig aufgeschürzt hatte, zurecht und sagte: „Nun ist es wohl Zeit, +liebe Freunde! daß wir uns aufmachen und daß ihr euch zu jenem +ernsthaften Gange rüstet, welchen euch der Meister in seiner Torheit +auferlegt, wir aber als die Anordnung eines höheren Geschickes ansehen! +Tretet diesen Weg an voll schönen Eifers, aber ohne Feindschaft noch +Neid gegeneinander, und überlasset dem Sieger willig die Krone!" Wie +von einer Wespe gestochen, sprangen die Gesellen auf und stellten sich + auf die Beine. Da standen sie nun und sollten mit denselben einander +den Rang ablaufen, mit denselben guten Beinen, welche bislang nur in +bedachtem, ehrbarem Schritt gewandelt! Keiner wußte sich mehr zu +entsinnen, daß er je einmal gesprungen oder gelaufen wäre; am ehesten + schien sich noch der Schwabe zu trauen und mit den Füßen sogar leise +zu scharren und dieselben ungeduldig zu heben. Sie sahen sich ganz +sonderbar und verdächtig an, waren bleich und schwitzten dabei, als ob +sie schon im heftigsten Laufen begriffen wären. + +„Gebet euch," sagte Züs, „noch einmal die Hand!" Sie taten es, aber so +willenlos und lässig, daß die drei Hände kalt voneinander abglitten +und abfielen wie Bleihände. „Sollen wir denn wirklich das Torenwerk +beginnen?" sagte Jobst und wischte sich die Augen, welche anfingen zu +träufeln. „Ja," versetzte der Bayer, „sollen wir wirklich laufen und +springen?" und begann zu weinen. „Und Sie, allerliebste Jungfer +Bünzlin?" sagte Jobst heulend, „wie werden Sie sich denn verhalten?" +„Mir geziemt," antwortete sie und hielt sich das Schnupftuch vor die +Augen, „mir geziemt zu schweigen, zu leiden und zuzusehen!" Der Schwabe +sagte freundlich und listig: „Aber dann nachher, Jungfer Züsi?" „O +Dietrich!" erwiderte sie sanft, „wissen Sie nicht, daß es heißt, der +Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme?" Und dabei sah sie ihn von +der Seite so verblümt an, daß er abermals die Beine hob und Lust +verspürte, sogleich in Trab zu geraten. Während die zwei Nebenbuhler +ihre kleinen Felleisenfuhrwerke in Ordnung brachten und Dietrich das +gleiche tat, streifte sie abermals mit Nachdruck seinen Ellbogen oder +trat ihm auf den Fuß; auch wischte sie ihm den Staub von dem Hute, +lächelte aber gleichzeitig den andern zu, wie wenn sie den Schwaben +auslachte, doch so, daß es dieser nicht sehen konnte. Alle drei bliesen +jetzt mächtig die Backen auf und sandten große Seufzer in die Luft. Sie +sahen sich um nach allen Seiten, nahmen die Hüte ab, wischten sich den +Schweiß von der Stirn, strichen die steif geklebten Haare und setzten +die Hüte wieder auf. Nochmals schauten sie nach allen Winden und +schnappten nach Luft. Züs erbarmte sich ihrer und war so gerührt, +daß sie selbst weinte. „Hier sind noch drei dürre Pflaumen," sagte +sie, „nehmt jeder eine in den Mund und behaltet sie darin, das wird +euch erquicken! So ziehet denn dahin und kehret die Torheit der +Schlechten um in Weisheit der Gerechten! Was sie zum Mutwillen +ausgesonnen, das verwandelt in ein erbauliches Werk der Prüfung und +der Selbstbeherrschung, in eine sinnreiche Schlußhandlung eines +langjährigen Wohlverhaltens und Wettlaufes in der Tugend!" Jedem +steckte sie die Pflaume in den Mund, und er sog daran. Jobst drückte +die Hand auf seinen Magen und rief: „Wenn es denn sein muß, so sei es +in Himmels Namen!" und plötzlich fing er, indem er den Stock erhob, +mit stark gebogenen Knien mächtig an auszuschreiten und zog sein +Felleisen an sich. Kaum sah dies Fridolin, so folgte er ihm nach mit +langen Schritten, und ohne sich ferner umzusehen, eilten sie schon +ziemlich hastig die Straße hinab. + +Der Schwabe war der letzte, der sich aufmachte, und ging mit listig +vergnügtem Gesicht und scheinbar ganz gemächlich neben Züs her, wie +wenn er seiner Sache sicher und edelmütig seinen Gefährten einen +Vorsprung gönnen wollte. Züs belobte seine freundliche Gelassenheit +und hing sich vertraulich an seinen Arm. „Ach, es ist doch schön," +sagte sie mit einem Seufzer, „eine feste Stütze zu haben im Leben! +Selbst wenn man hinlänglich begabt ist mit Klugheit und Einsicht und +einen tugendhaften Weg wandelt, so geht es sich auf diesem Wege doch +viel gemütlicher am vertrauten Freundesarme!" „Der Tausend, ei ja +wohl, das wollte ich wirklich meinen!" erwiderte Dietrich und stieß +ihr den Ellbogen tüchtig in die Seite, indem er zugleich nach seinen +Nebenbuhlern spähte, ob der Vorsprung auch nicht zu groß würde, „sehen +Sie wohl, werteste Jungfer! Kommt es Ihnen allendlich? Merken Sie, wo +Barthel den Most holt?" „O Dietrich, lieber Dietrich," sagte sie mit +einem noch viel stärkeren Seufzer, „ich fühle mich oft recht einsam!" +„Hopsele, so muß es kommen!" rief er und sein Herz hüpfte wie ein +Häschen im Weißkohl. „O Dietrich!" rief sie und drückte sich fester an +ihn; es ward ihm schwül und sein Herz wollte zerspringen vor pfiffigem +Vergnügen; aber zugleich entdeckte er, daß seine Vorläufer nicht mehr +sichtbar, sondern um eine Ecke herum verschwunden waren. Sogleich +wollte er sich losreißen von Züsis Arm und jenen nachspringen; aber +sie hielt ihn so fest, daß es ihm nicht gelang, und klammerte sich an, +wie wenn sie schwach würde. „Dietrich!" flüsterte sie, die Augen +verdrehend, „lassen Sie mich jetzt nicht allein, ich vertraue auf Sie, +stützen Sie mich!" „Den Teufel noch einmal, lassen Sie mich los, +Jungfer!" rief er ängstlich, „oder ich komm' zu spät und dann ade +Zipfelmütze!" „Nein, nein! Sie dürfen mich nicht verlassen, ich fühle, +mir wird übel!" jammerte sie. „Übel oder nicht übel!" schrie er und +riß sich gewaltsam los; er sprang auf eine Erhöhung und sah sich um +und sah die Läufer schon im vollen Rennen weit den Berg hinunter. Nun +setzte er zum Sprung an, schaute sich aber im selben Augenblick noch +einmal nach Züs um. Da sah er sie, wie sie am Eingange eines engen +schattigen Waldpfades saß und lieblich lockend ihm mit den Händen +winkte. Diesem Anblicke konnte er nicht widerstehen, sondern eilte, +statt den Berg hinunter, wieder zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah, +stand sie auf und ging tiefer in das Holz hinein, sich nach ihm +umsehend; denn sie dachte ihn auf alle Weise vom Laufen abzuhalten und +so lange zu vexieren, bis er zu spät käme und nicht in Seldwyl bleiben +könne. + +Allein der erfindungsreiche Schwabe änderte zu selber Zeit seine +Gedanken und nahm sich vor, sein Heil hier oben zu erkämpfen, und so +geschah es, daß es ganz anders kam, als die listige Person es hoffte. +Sobald er sie erreicht und an einem verborgenen Plätzchen mit ihr +allein war, fiel er ihr zu Füßen und bestürmte sie mit den feurigsten +Liebeserklärungen, welche ein Kammacher je gemacht hat. Erst suchte +sie ihm Ruhe zu gebieten und, ohne ihn fortzuscheuchen, auf gute +Manier hinzuhalten, indem sie alle ihre Weisheiten und Anmutungen +spielen ließ. Als er ihr aber Himmel und Hölle vorstellte, wozu ihm +sein aufgeregter und gespannter Unternehmungsgeist herrliche +Zauberworte verlieh, als er sie mit Zärtlichkeiten jeder Art +überhäufte und bald ihrer Hände, bald ihrer Fuße sich zu bemächtigen +suchte und ihren Leib und ihren Geist, alles was an ihr war, lobte und +rühmte, daß der Himmel hätte grün werden mögen, als dazu die Witterung +und der Wald so still und lieblich waren, verlor Züs endlich den +Kompaß, als ein Wesen, dessen Gedanken am Ende doch so kurz sind als +seine Sinne; ihr Herz krabbelte so ängstlich und wehrlos, wie ein +Käfer, der auf dem Rücken liegt, und Dietrich besiegte es in jeder +Weise. Sie hatte ihn in dies Dickicht verlockt, um ihn zu verraten, +und war im Handumdrehen von dem Schwäbchen erobert; dies geschah +nicht, weil sie etwa eine besonders verliebte Person war, sondern weil +sie als eine kurze Natur trotz aller eingebildeten Weisheit doch nicht +über ihre eigene Nase wegsah. Sie blieben wohl eine Stunde in dieser +kurzweiligen Einsamkeit, umarmten sich immer aufs neue und gaben sich +tausend Küßchen. Sie schwuren sich ewige Treue und in aller +Aufrichtigkeit und wurden einig, sich zu heiraten auf alle Fälle. + +Unterdessen hatte sich in der Stadt die Kunde von dem seltsamen +Unternehmen der drei Gesellen verbreitet und der Meister selbst zu +seiner Belustigung die Sache bekannt gemacht; deshalb freuten sich die +Seldwyler auf das unverhoffte Schauspiel und waren begierig, die +gerechten und ehrbaren Kammacher zu ihrem Spaße laufen und ankommen zu +sehen. Eine große Menschenmenge zog vor das Tor und lagerte sich zu +beiden Seiten der Straße, wie wenn man einen Schnelläufer erwartet. +Die Knaben kletterten auf die Bäume, die Alten und Rückgesetzten saßen +im Grase und rauchten ihr Pfeifchen, zufrieden, daß sich ihnen ein so +wohlfeiles Vergnügen aufgetan. Selbst die Herren waren ausgerückt, um +den Hauptspaß mit anzusehen, saßen fröhlich diskurierend in den Gärten +und Lauben der Wirtshäuser und bereiteten eine Menge Wetten vor. In +den Straßen, durch welche die Läufer kommen mußten, waren alle Fenster +geöffnet, die Frauen hatten in den Visitenstuben rote und weiße Kissen +ausgelegt, die Arme darauf zu legen, und zahlreichen Damenbesuch +empfangen, so daß fröhliche Kaffeegesellschaften aus dem Stegreif +entstanden und die Mägde genug zu laufen hatten, um Kuchen und +Zwieback zu holen. Vor dem Tore aber sahen jetzt die Buben auf den +höchsten Bäumen eine kleine Staubwolke sich nähern und begannen zu +rufen: „Sie kommen, sie kommen!" Und nicht lange dauerte es, so kamen +Fridolin und Jobst wirklich wie ein Sturmwind herangesaust, mitten auf +der Straße, eine dicke Wolke Staubes aufrührend. Mit der einen Hand +zogen sie die Felleisen, welche wie toll über die Steine flogen, mit +der andern hielten sie die Hüte fest, welche ihnen' im Nacken saßen, +und ihre langen Röcke flogen und wehten um die Wette. Beide waren von +Schweiß und Staub bedeckt, sie sperrten den Mund auf und lechzten nach +Atem, sahen und hörten nichts, was um sie her vorging und dicke Tränen +rollten den armen Männern über die Gesichter, welche sie nicht +abzuwischen Zeit hatten. Sie liefen sich dicht auf den Fersen, doch +war der Bayer voraus um eine Spanne. Ein entsetzliches Geschrei und +Gelächter erhob sich und dröhnte, so weit das Ohr reichte. Alles +raffte sich auf und drängte sich dicht an den Weg, von allen Seiten +rief es: „So recht, so recht! Lauft, wehr' dich, Sachs! Halt dich +brav, Bayer! Einer ist schon abgefallen, es sind nur noch zwei!" Die +Herren in den Gärten standen auf den Tischen und wollten sich +ausschütten vor Lachen. Ihr Gelächter dröhnte aber donnernd und fest +über den haltlosen Lärm der Menge weg, die auf der Straße lagerte, und +gab das Signal zu einem unerhörten Freudentage. Die Buben und das +Gesindel strömten hinter den zwei armen Gesellen zusammen und ein +wilder Haufen, eine furchtbare Wolke erregend, wälzte sich mit ihnen +dem Tore zu; selbst Weiber und junge Gassenmädchen liefen mit und +mischten ihre hellen quiekenden Stimmen in das Geschrei der Burschen. +Schon waren sie dem Tore nah, dessen Türme von Neugierigen besetzt +waren, die ihre Mützen schwenkten; die zwei rannten wie scheu +gewordene Pferde, das Herz voll Qual und Angst; da kniete ein +Gassenjunge wie ein Kobold auf Jobstens fahrendes Felleisen und ließ +sich unter dem Beifallsgeschrei der Menge mitfahren. Jobst wandte sich +und flehte ihn an, loszulassen, auch schlug er mit dem Stocke nach +ihm; aber der Junge duckte sich und grinste ihn an. Darüber gewann +Fridolin einen größeren Vorsprung, und wie Jobst es merkte, warf er +ihm den Stock zwischen die Füße, daß er hinstürzte. Wie aber Jobst +über ihn wegspringen wollte, erwischte ihn der Bayer am Rockschoß und +zog sich daran in die Höhe; Jobst schlug ihm auf die Hände und schrie: +„Laß los, laß los!" Fridolin ließ aber nicht los, Jobst packte dafür +seinen Rockschoß und nun hielten sie sich gegenseitig fest und drehten +sich langsam zum Tore hinein, nur zuweilen einen Sprung versuchend, um +einer dem andern zu entrinnen. Sie weinten, schluchzten und heulten +wie Kinder und schrien in unsäglicher Beklemmung: „O Gott, laß los! Du +lieber Heiland, laß los, Jobst! Laß los, Fridolin! Laß los, du Satan!" +Dazwischen schlugen sie sich fleißig auf die Hände, kamen aber immer +um ein weniges vorwärts. Hut und Stock hatten sie verloren, zwei Buben +trugen dieselben, die Hüte auf die Stöcke gesteckt, voran und hinter +ihnen her wälzte sich der tobende Haufen; alle Fenster waren von der +Damenwelt besetzt, welche ihr silbernes Gelächter in die unten tosende +Brandung warf, und seit langer Zeit war man nicht mehr so fröhlich +gestimmt gewesen in dieser Stadt. Das rauschende Vergnügen schmeckte +den Bewohnern so gut, daß kein Mensch den zwei Ringenden ihr Ziel +zeigte, des Meisters Haus, an welchem sie endlich angelangt. Sie +selben sahen es nicht, sie sahen überhaupt nichts, und so wälzte sich +der tolle Zug durch das ganze Städtchen und zum anderen Tore wieder +hinaus. Der Meister hatte lachend unter dem Fenster gelegen, und +nachdem er noch ein Stündchen auf den endlichen Sieger gewartet, +wollte er eben weggehen, um die Früchte seines Schwankes zu genießen, +als Dietrich und Züs still und unversehens bei ihm eintraten. + +Diese hatten nämlich unterdessen ihre Gedanken zusammengetan und +beraten, daß der Kammachermeister wohl geneigt sein dürfte, da er doch +nicht lang mehr machen würde, sein Geschäft gegen eine bare Summe zu +verkaufen. Züs wollte ihren Gültbrief dazu hergeben und der Schwabe +sein Geldchen auch dazutun, und dann wären sie die Herren der Sachlage +und könnten die andern zwei auslachen. Sie trugen ihre Vereinigung dem +überraschten Meister vor; diesem leuchtete es sogleich ein, hinter dem +Rücken seiner Gläubiger, ehe es zum Bruch kam, noch schnell den Handel +abzuschließen und unverhofft des baren Kaufpreises habhaft zu werden. +Rasch wurde alles festgestellt, und ehe die Sonne unterging, war +Jungfer Bünzlin die rechtmäßige Besitzerin des Kammachergeschäftes und +ihr Bräutigam der Mieter des Hauses, in welchem dasselbe lag, und so +war Züs, ohne es am Morgen geahnt zu haben, endlich erobert und +gebunden durch die Handlichkeit des Schwäbchens. + +Halbtot vor Scham, Mattigkeit und Ärger lagen Jobst und Fridolin in +der Herberge, wohin man sie geführt hatte, nachdem sie auf dem freien +Felde endlich umgefallen waren, ganz ineinander verbissen. Die ganze +Stadt, da sie einmal aufgeregt war, hatte die Ursache schon vergessen +und feierte eine lustige Nacht. In vielen Häusern wurde getanzt und in +den Schenken wurde gezecht und gesungen, wie an den größten +Seldwylertagen; denn die Seldwyler brauchten nicht viel Zeug, um mit +Meisterhand eine Lustbarkeit daraus zu formen. Als die beiden armen +Teufel sahen, wie ihre Tapferkeit, mit welcher sie gedacht hatten, die +Torheit der Welt zu benutzen, nur dazu gedient hatte, dieselbe +triumphieren zu lassen und sich selbst zum allgemeinen Gespött zu +machen, wollte ihnen das Herz brechen; denn sie hatten nicht nur den +weisen Plan mancher Jahre verfehlt und vernichtet, sondern auch den +Ruhm besonnener und rechtlich ruhiger Leute eingebüßt. + +Jobst, der der älteste war und sieben Jahre hier gewesen, war ganz +verloren und konnte sich nicht zurechtfinden. Ganz schwermütig zog er +vor Tag wieder aus der Stadt, und hing sich an der Stelle, wo sie alle +gestern gesessen, an einen Baum. Als der Bayer eine Stunde später da +vorüberkam und ihn erblickte, faßte ihn ein solches Entsetzen, daß er +wie wahnsinnig davonrannte, sein ganzes Wesen veränderte und, wie man +nachher hörte, ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch +wurde, der keines Menschen Freund war. + +Dietrich der Schwabe allein blieb ein Gerechter und hielt sich oben in +dem Städtchen; aber er hatte nicht viel Freude davon; denn Züs ließ +ihm gar nicht den Ruhm, regierte und unterdrückte ihn und betrachtete +sich selbst als die alleinige Quelle alles Guten. + +* * * * * + + + +SPIEGEL, DAS KÄTZCHEN + +EIN MÄRCHEN + +Wenn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemacht hat oder angeführt +worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer +abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwärts gebräuchlich, aber +nirgends hört man es so oft wie dort, was vielleicht daher rühren mag, +daß es in dieser Stadt eine alte Sage gibt über den Ursprung und die +Bedeutung dieses Sprichwortes. + +Vor mehreren hundert Jahren, heißt es, wohnte in Seldwyla eine +ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen, +welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und +niemandem, der es ruhig ließ, etwas zuleide tat. Seine einzige +Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung +befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft +zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel, +beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit hinreißen zu +lassen. Es fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten +Mäuse, welche sich in einem gewissen Umkreise des Hauses betreten +ließen, aber diese dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten +verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt +hatte, über diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit +vieler Höflichkeit von den Herren Nachbarn die Erlaubnis, in ihren +Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es +die Milchtöpfe stehenließ, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche +etwa an den Wänden hingen, sondern seinem Geschäfte still und +aufmerksam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem +Mäuslein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht +scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann, und floh nicht +vor vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten +Spaß gefallen und selbst ein bißchen an den Ohren zupfen, ohne zu +kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von +welchen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und +nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen +entweder aus dem Wege oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb +über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten. + +Spiegel, so war der Name des Kätzchens wegen seines glatten und +glänzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und +beschaulich dahin, in anständiger Wohlhabenheit und ohne Überhebung. +Er saß nicht zu oft auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin, +um ihr die Bissen von der Gabel wegzufangen, sondern nur, wenn er +merkte, daß ihr dieser Spaß angenehm war, auch lag und schlief er den +Tag über selten auf seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern +hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen +Treppengeländer oder in der Dachrinne zu liegen und sich +philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Welt zu +überlassen. Nur jeden Frühling und Herbst einmal wurde dies ruhige +Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen blühten oder die +milde Wärme des Altweibersommers die Veilchenzeit nachäffte. Alsdann +ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verliebter Begeisterung +über die fernsten Dächer und sang die allerschönsten Lieder. Als ein +rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die bedenklichsten +Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im Hause sehen ließ, +so erschien er mit einem so verwegenen, burschikosen, ja liederlichen +und zerzausten Aussehen, daß die stille Person, seine Gebieterin, fast +unwillig ausrief: „Aber Spiegel! Schämst du dich denn nicht, ein +solches Leben zu führen?" Wer sich aber nicht schämte, war Spiegel; +als ein Mann von Grundsätzen, der wohl wußte, was er sich zur +wohltätigen Abwechslung erlauben durfte, beschäftigte er sich ganz +ruhig damit, die Glätte seines Pelzes und die unschuldige Munterkeit +seines Aussehens wiederherzustellen, und er fuhr sich so unbefangen +mit dem feuchten Pfötchen über die Nase, als ob gar nichts geschehen +wäre. + +Allein dies gleichmäßige Leben nahm plötzlich ein trauriges Ende. Als +das Kätzchen Spiegel eben in der Blüte seiner Jahre stand, starb die +Herrin unversehens an Altersschwäche und ließ das schöne Kätzchen +herrenlos und verwaist zurück. Es war das erste Unglück, welches ihm +widerfuhr, und mit jenen Klagetönen, welche so schneidend den bangen +Zweifel an der wirklichen und rechtmäßigen Ursache eines großen +Schmerzes ausdrücken, begleitete es die Leiche bis auf die Straße und +strich den ganzen übrigen Tag ratlos im Hause und rings um dasselbe +her. Doch seine gute Natur, seine Vernunft und Philosophie geboten ihm +bald, sich zu fassen, das Unabänderliche zu tragen und seine dankbare +Anhänglichkeit an das Haus seiner toten Gebieterin dadurch zu +beweisen, daß er ihren ladenden Erben seine Dienste anbot und sich +bereitmachte, denselben mit Rat und Tat beizustehen, die Muse ferner +im Zaume zu halten und überdies ihnen manche gute Mitteilung zu +machen, welche die Törichten nicht verschmäht hätten, wenn sie eben +nicht unvernünftige Menschen gewesen wären. Aber diese Leute ließen +Spiegel gar nicht zu Wort kommen, sondern warfen ihm die Pantoffeln +und das artige Fußschemelchen der Seligen an den Kopf, sooft er sich +blicken ließ, zankten sich acht Tage lang untereinander, begannen +endlich einen Prozeß und schlossen das Haus bis auf weiteres zu, so +daß nun gar niemand darin wohnte. + +Da saß nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen +Stufe vor der Haustüre und hatte niemand, der ihn hineinließ. Des +Nachts begab er sich wohl auf Umwegen unter das Dach den Hauses, und +im Anfang hielt er sich einen großen Teil den Tages dort verborgen und +suchte seinen Kummer zu verschlafen; doch der Hunger trieb ihn bald an +das Licht und nötigte ihn, an der warmen Sonne und unter den Leuten zu +erscheinen, um bei der Hand zu sein und zu gewärtigen, wo sich etwa +ein Maulvoll geringer Nahrung neigen möchte. Je seltener dies geschah, +desto aufmerksamer wurde der gute Spiegel, und alle seine moralischen +Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf, so daß er sehr bald +sich selber nicht mehr gleichsah. Er machte zahlreiche Ausflüge von +seiner Haustüre aus und stahl sich scheu und flüchtig über die Straße, +um manchmal mit einem schlechten, unappetitlichen Bissen, dergleichen +er früher nie gesehen, manchmal mit gar nichts zurückzukehren. Er +wurde von Tag zu Tag magerer und zerzauster, dabei gierig, kriechend +und feig; all sein Mut, seine zierliche Katzenwürde, seine Vernunft +und Philosophie waren dahin. Wenn die Buben aus der Schule kamen, so +kroch er in einen verborgenen Winkel, sobald er sie kommen hörte, und +guckte nur hervor, um aufzupassen, welcher von ihnen etwa eine +Brotrinde wegwürfe, und merkte sich den Ort, wo sie hinfiel. Wenn der +schlechteste Köter von weitem ankam, so sprang er hastig fort, während +er früher gelassen der Gefahr ins Auge geschaut und böse Hunde oft +tapfer gezüchtigt hatte. Nur wenn ein grober und einfältiger Mensch +daherkam, dergleichen er sonst klüglich gemieden, blieb er sitzen, +obgleich das arme Kätzchen mit dem Reste seiner Menschenkenntnis den +Lümmel recht gut erkannte; allein die Not zwang Spiegelchen, sich zu +täuschen und zu hoffen, daß der Schlimme ausnahmsweise einmal es +freundlich streicheln und ihm einen Bissen darreichen werde. Und +selbst wenn er statt dessen nun doch geschlagen oder in den Schwanz +gekneift würde, so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur +Seite und sah dann noch verlangend nach der Hand, die es geschlagen +und gekneift, und welche nach Wurst oder Hering roch. + +Als der edle und kluge Spiegel so heruntergekommen war, saß er eines +Tages ganz mager und traurig auf seinem Stein und blinzelte in der +Sonne. Da kam der Stadthexenmeister Pineiß des Weges, sah das Kätzchen +und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich es den +Unheimlichen wohl kannte, saß Spiegelchen demütig auf dem Stein und +erwartete, was der Herr Pineiß etwa tun oder sagen würde. Als dieser +aber begann und sagte: „Na, Katze! Soll ich dir deinen Schmer +abkaufen?" da verlor es die Hoffnung, denn es glaubte, der +Stadthexenmeister wolle es seiner Magerkeit wegen verhöhnen. Doch +erwiderte er bescheiden und lächelnd, um es mit niemand zu verderben: +„Ach, der Herr Pineiß belieben zu scherzen!" „Mitnichten!" rief +Pineiß, „es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmer vorzüglich +zur Hexerei; aber er muß mir vertragsmäßig und freiwillig von den +werten Herren Katzen abgetreten werden, sonst ist er unwirksam. Ich +denke, wenn je ein wackeres Kätzlein in der Lage war, einen +vorteilhaften Handel abzuschließen, so bist es du! Begib dich in +meinen Dienst; ich füttere dich herrlich heraus, mache dich fett und +kugelrund mit Würstchen und gebratenen Wachteln. Auf dem ungeheuer +hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das +köstlichste Dach von der Welt ist für eine Katze, voll interessanter +Gegenden und Winkel, wächst auf den sonnigsten Höhen treffliches +Spitzgras, grün wie Smaragd, schlank und fein in den Lüften +schwankend, dich einladend, die zartesten Spitzen abzubeißen und zu +genießen, wenn du dir an meinen Leckerbissen eine leichte +Unverdaulichkeit zugezogen hast. So wirst du bei trefflicher +Gesundheit bleiben und mir dereinst einen kräftigen brauchbaren Schmer +liefern!" + +Spiegel hatte schon längst die Ohren gespitzt und mit wässerndem +Mäulchen gelauscht; doch war seinem geschwächten Verstande die Sache +noch nicht klar und er versetzte daher: „Das ist soweit nicht übel, +Herr Pineiß! Wenn ich nur wüßte, wie ich alsdann, wenn ich doch, um +Euch meinen Schmer abzutreten, mein Leben lassen muß, des verabredeten +Preises habhaft werden und ihn genießen soll, da ich nicht mehr bin?" +„Des Preises habhaft werden?" sagte der Hexenmeister verwundert, „den +Preis genießest du ja eben in den reichlichen und üppigen Speisen, +womit ich dich fettmache, das versteht sich von selber! Doch will ich +dich zu dem Handel nicht zwingen!" Und er machte Miene, sich von +dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig und ängstlich: +„Ihr müßt mir wenigstens eine mäßige Frist gewähren über die Zeit +meiner höchsten erreichten Rundheit und Fettigkeit hinaus, daß ich +nicht so jählings von hinnen gehen muß, wenn jener angenehme und ach! +so traurige Zeitpunkt herangekommen und entdeckt ist!" + +„Es sei!" sagte Herr Pineiß mit anscheinender Gutmütigkeit, „bis zum +nächsten Vollmond sollst du dich alsdann deines angenehmen Zustandes +erfreuen dürfen, aber nicht länger! Denn in den abnehmenden Mond +hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen verminderten Einfluß auf +mein wohlerworbenes Eigentum ausüben würde." + +Das Kätzchen beeilte sich zuzuschlagen und unterzeichnete einen +Vertrag, welchen der Hexenmeister im Vorrat bei sich führte, mit +seiner scharfen Handschrift, welche sein letztes Besitztum und Zeichen +besserer Tage war. + +„Du kannst dich nun zum Mittagessen bei mir einfinden, Kater!" sagte +der Hexer, „Punkt zwölf Uhr wird gegessen!" „Ich werde so frei sein, +wenn Ihr's erlaubt!" sagte Spiegel und fand sich pünktlich um die +Mittagsstunde bei Herrn Pineiß ein. Dort begann nun während einiger +Monate ein höchst angenehmes Leben für das Kätzchen; denn es hatte auf +der Welt weiter nichts zu tun, als die guten Dinge zu verzehren, die +man ihm vorsetzte, dem Meister bei der Hexerei zuzuschauen, wenn es +mochte, und auf dem Dache spazierenzugehen. Dies Dach glich einem +ungeheuren schwarzen Nebelspalter oder Dreiröhrenhut, wie man die +großen Hüte der schwäbischen Bauern nennt, und wie ein solcher Hut ein +Gehirn voller Nücken und Finten überschattet, so bedeckte dies Dach +ein großes, dunkles und winkliges Haus voll Hexenwerk und +Tausendsgeschichten. Herr Pineiß war ein Kannalles, welcher hundert +Ämtchen versah, Leute kurierte, Wanzen vertilgte, Zähne auszog und +Geld auf Zinsen lieh; er war der Vormünder aller Waisen und Witwen, +schnitt in seinen Mußestunden Federn, das Dutzend für einen Pfennig, +und machte schöne schwarze Tinte; er handelte mit Ingwer und Pfeffer, +mit Wagenschmiere und Rosoli, mit Häftlein und Schuhnägeln, er +renovierte die Turmuhr und machte jährlich den Kalender mit der +Witterung, den Bauernregeln, und dem Aderlaßmännchen; er verrichtete +zehntausend rechtliche Dinge am hellen Tag um mäßigen Lohn, und einige +unrechtliche nur in der Finsternis und aus Privatleidenschaft, oder +hing auch den rechtlichen, ehe er sie aus seiner Hand entließ, schnell +noch ein unrechtliches Schwänzchen an, so klein wie die Schwänzchen +der jungen Frösche, gleichsam nur der Possierlichkeit wegen. Überdies +machte er das Wetter in schwierigen Zeiten, überwachte mit seiner +Kunst die Hexen, und wenn sie reif waren, ließ er sie verbrennen; für +sich trieb er die Hexerei nur als wissenschaftlichen Versuch und zum +Hausgebrauch, sowie er auch die Stadtgesetze, die er redigierte und +ins reine schrieb, unter der Hand probierte und verdrehte, um ihre +Dauerhaftigkeit zu ergründen. Da die Seldwyler stets einen solchen +Bürger brauchten, der alle unlustigen kleinen und großen Dinge für sie +tat, so war er zum Stadthexenmeister ernannt worden und bekleidete +dies Amt schon seit vielen Jahren mit unermüdlicher Hingebung und +Geschicklichkeit, früh und spät. Daher war sein Haus von unten bis +oben vollgestopft mit allen erdenklichen Dingen, und Spiegel hatte +viel Kurzweil, alles zu besehen und zu beriechen. Doch im Anfang +gewann er keine Aufmerksamkeit für andere Dinge, als für das Essen. Er +schlang gierig alles hinunter, was Pineiß ihm darreichte, und mochte +kaum von einer Zeit zur andern warten. Dabei überlud er sich den Magen +und mußte wirklich auf das Dach gehen, um dort von den grünen Gräsern +abzubeißen und sich von allerhand Unwohlsein zu kurieren. Als der +Meister diesen Heißhunger bemerkte, freute er sich und dachte, das +Kätzchen würde solcherweise recht bald fett werden, und je besser er +daran wende, desto klüger verfahre und spare er im ganzen. Er baute +daher für Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube, indem +er ein Wäldchen von Tannenbäumchen aufstellte, kleine Hügel von +Steinen und Moos errichtete und einen kleinen See anlegte. Auf die +Bäumchen setzte er duftig gebratene Lerchen, Finken, Meisen und +Sperlinge, je nach der Jahreszeit, so daß da Spiegel immer etwas +herunterzuholen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge +versteckte er in künstlichen Mauslöchern herrliche Mäuse, welche er +sorgfältig mit Weizenmehl gemästet, dann ausgeweidet, mit zarten +Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Einige dieser Mäuse konnte +Spiegel mit der Hand hervorholen, andere waren zur Erhöhung des +Vergnügens tiefer verborgen, aber an einen Faden gebunden, an welchem +Spiegel sie behutsam hervorziehen mußte, wenn er diese Lustbarkeit +einer nachgeahmten Jagd genießen wollte. Das Becken des Sees aber +füllte Pineiß alle Tage mit frischer Milch, damit Spiegel in der süßen +seinen Durst lösche, und ließ gebratene Gründlinge darin schwimmen, da +er wußte, daß Katzen zuweilen auch die Fischerei lieben. Aber da nun +Spiegel ein so herrliches Leben führte, tun und lassen, essen und +trinken konnte, was ihm beliebte und wann es ihm einfiel, so gedieh er +allerdings zusehends an seinem Leibe; sein Pelz wurde wieder glatt und +glänzend und sein Auge munter; aber zugleich nahm er, da sich seine +Geisteskräfte in gleichem Maße wieder ansammelten, bessere Sitten an; +die wilde Gier legte sich, und weil er jetzt eine traurige Erfahrung +hinter sich hatte, so wurde er nun klüger als zuvor. Er mäßigte sich +in seinen Gelüsten und fraß nicht mehr als ihm zuträglich war, indem +er zugleich wieder vernünftigen und tiefsinnigen Betrachtungen +nachhing und die Dinge weder durchschaute. So holte er eines Tages +einen hübschen Krammetsvogel von den Ästen herunter, und als er +denselben nachdenklich zerlegte, fand er dessen kleinen Magen ganz +kugelrund angefüllt mit frischer unversehrter Speise. Grüne Kräutchen, +artig zusammengerollt, schwarze und weiße Samenkörner und eine +glänzendrote Beere waren da so niedlich und dicht ineinander +gepfropft, als ob ein Mütterchen für ihren Sohn das Ränzchen zur Reise +gepackt hätte. Als Spiegel den Vogel langsam verzehrt und das so +vergnüglich gefüllte Mäglein an seine Klaue hing und philosophisch +betrachtete, rührte ihn das Schicksal des armen Vogels, welcher nach +so friedlich verbrachtem Geschäft so schnell sein Leben lassen gemußt, +daß er nicht einmal die eingepackten Sachen verdauen konnte. „Was hat +er nun davon gehabt, der arme Kerl," sagte Spiegel, „daß er sich so +fleißig und eifrig genährt hat, daß dies kleine Säckchen aussieht, wie +ein wohl vollbrachtes Tagewerk? Diese rote Beere ist es, die ihn aus +dem freien Walde in die Schlinge des Vogelstellers gelockt hat. Aber +er dachte doch seine Sache noch besser zu machen und sein Leben an +solchen Beeren zu fristen, während ich, der ich soeben den +unglücklichen Vogel gegessen, daran mich nur um einen Schritt näher +zum Tode gegessen habe! Kann man einen elenderen und feigeren Vertrag +abschließen, als sein Leben noch ein Weilen fristenzulassen, um es +dann um diesen Preis doch zu verlieren? Wäre nicht ein freiwilliger +und schneller Tod vorzuziehen gewesen für einen entschlossenen Kater? +Aber ich habe keine Gedanken gehabt, und nun da ich wieder solche +habe, sehe ich nichts vor mir, als das Schicksal dieses +Krammetsvogels; wenn ich rund genug bin, so muß ich von hinnen, aus +keinem andern Grunde, als weil ich rund bin. Ein schöner Grund für +einen lebenslustigen und gedankenreichen Katzmann! Ach, könnte ich aus +dieser Schlinge kommen!" Er vertiefte sich nun in vielfältige +Grübeleien, wie das gelingen möchte; aber da die Zeit der Gefahr noch +nicht da war, so wurde es ihm nicht klar und er fand keinen Ausweg; +aber als ein kluger Mann ergab er sich bis dahin der Tugend der +Selbstbeherrschung, welches immer die beste Vorschule und +Zeitverwendung ist, bis sich etwas entscheiden soll. Er verschmähte +das weiche Kissen, welches ihm Pineiß zurechtgelegt hatte, damit er +fleißig darauf schlafen und fett werden sollte, und zog es vor, wieder +auf schmalen Gesimsen und hohen gefährlichen Stellen zu liegen, wenn +er ruhen wollte. Ebenso verschmähte er die gebratenen Vögel und die +gespickten Mäuse und fing sich lieber auf den Dächern, da er nun +wieder einen rechtmäßigen Jagdgrund hatte, mit List und Gewandtheit +einen schlichten lebendigen Sperling, oder auf den Speichern eine +flinke Maus, und solche Beute schmeckte ihm vortrefflicher, als das +gebratene Wild in Pineißens künstlichem Gehege, während sie ihn nicht +zu fett machte; auch die Bewegung und Tapferkeit, sowie der +wiedererlangte Gebrauch der Tugend und Philosophie verhinderten ein zu +schnelles Fettwerden, so daß Spiegel zwar gesund und glänzend aussah, +aber zu Pineißens Verwunderung auf einer gewissen Stufe der +Beleibtheit stehen blieb, welche lange nicht das erreichte, was der +Hexenmeister mit seiner freundlichen Mästung bezweckte; denn dieser +stellte sich darunter ein kugelrundes, schwerfälliges Tier vor, +welches sich nicht vom Ruhekissen bewegte und aus eitel Schmer +bestand. Aber hierin hatte sich seine Hexerei eben geirrt und er wußte +bei aller Schlauheit nicht, daß wenn man einen Esel füttert, derselbe +ein Esel bleibt, wenn man aber einen Fuchsen speiset, derselbe nichts +anders wird als ein Fuchs; denn jede Kreatur wächst sich nach ihrer +Weise aus. Als Herr Pineiß entdeckte, wie Spiegel immer auf demselben +Punkte einer wohlgenährten, aber geschmeidigen und zügigen Schlankheit +stehen blieb, ohne eine erkleckliche Fettigkeit anzusetzen, stellte er +ihn eines Abends plötzlich zur Rede und sagte barsch: „Was ist das, +Spiegel? Warum frissest du die guten Speisen nicht, die ich dir mit so +viel Sorgfalt und Kunst präpariere und herstelle? Warum fängst du die +gebratenen Vögel nicht auf den Bäumen, warum suchst du die leckeren +Mäuschen nicht in den Berghöhlen? Warum fischest du nicht mehr in dem +See? Warum pflegst du dich nicht? Warum schläfst du nicht auf dem +Kissen? Warum strapazierst du dich und wirst mir nicht fett?" „Ei, +Herr Pineiß!" sagte Spiegel, „weil es mir wohler ist auf diese Weise! +Soll ich meine kurze Frist nicht auf die Art verbringen, die mir am +angenehmsten ist!" „Wie!" rief Pineiß, „du sollst so leben, daß du +dick und rund wirst und nicht dich abjagen! Ich merke aber wohl, wo du +hinauswillst! Du denkst mich zu äffen und hinzuhalten, daß ich dich in +Ewigkeit in diesem Mittelzustande herumlaufen lasse? Mitnichten soll +dir das gelingen! Es ist deine Pflicht, zu essen und zu trinken und +dich zu pflegen, auf daß du dick werdest und Schmer bekommst! Auf der +Stelle entsage daher dieser hinterlistigen und kontraktwidrigen +Mäßigkeit, oder ich werde ein Wörtlein mit dir sprechen!" Spiegel +unterbrach sein behagliches Spinnen, das er angefangen, um seine +Fassung zu behaupten, und sagte: „Ich weiß kein Sterbenswörtchen +davon, daß in dem Kontrakt steht, ich solle der Mäßigkeit und einem +gesunden Lebenswandel entsagen! Wenn der Herr Stadthexenmeister darauf +gerechnet hat, daß ich ein fauler Schlemmer sei, so ist das nicht +meine Schuld! Ihr tut tausend rechtliche Dinge des Tages, so lasset +dieses auch noch hinzukommen und uns beide hübsch in der Ordnung +bleiben; denn Ihr wißt ja wohl, daß Euch mein Schmer nur nützlich ist, +wenn er auf rechtliche Weise erwachsen!" „Ei du Schwätzer!" rief +Pineiß erbost, „willst du mich belehren? Zeig' her, wieweit bist du +denn eigentlich gediehen, du Müßiggänger? Vielleicht kann man dich +doch bald abtun!" Er griff dem Kätzchen an den Bauch; allein dieses +fühlte sich dadurch unangenehm gekitzelt und hieb dem Hexenmeister +einen scharfen Kratz über die Hand. Diesen betrachtete Pineiß +aufmerksam, dann sprach er: „Stehen wir so miteinander, du Bestie? +Wohlan, so erkläre ich dich hiermit feierlich, kraft des Vertrages, +für fett genug! Ich begnüge mich mit dem Ergebnis und werde mich +desselben zu versichern wissen! In fünf Tagen ist der Mond voll, und +bis dahin magst du dich noch deines Lebens erfreuen, wie es +geschrieben steht, und nicht eine Minute länger!" Damit kehrte er ihm +den Rücken und überließ ihn seinen Gedanken. + +Diese waren jetzt sehr bedenklich und düster; so war denn die Stunde +doch nahe, wo der gute Spiegel seine Haut lassen sollte? Und war mit +aller Klugheit gar nichts mehr zu machen? Seufzend stieg er auf das +hohe Dach, dessen Firste dunkel in den schönen Herbstabendhimmel +emporragten. Da ging der Mond über der Stadt auf und warf seinen +Schein auf die schwarzen bemoosten Hohlziegel des alten Daches, ein +lieblicher Gesang tönte in Spiegels Ohren und eine schneeweiße Kätzin +wandelte glänzend über einen benachbarten First weg. Sogleich vergaß +Spiegel die Todesaussichten, in welchen er lebte, und erwiderte mit +seinem schönsten Katerliede den Lobgesang der Schönen. Er eilte ihr +entgegen und war bald im hitzigen Gefecht mit drei fremden Katern +begriffen, die er mutig und wild in die Flucht schlug. Dann machte er +der Dame feurig und ergeben den Hof und brachte Tag und Nacht bei ihr +zu, ohne an den Pineiß zu denken oder im Hause sich sehenzulassen. Er +sang wie eine Nachtigall die schönen Mondnächte hindurch, jagte hinter +der weißen Geliebten her über die Dächer, durch die Gärten, und rollte +mehr als einmal im heftigen Minnespiel oder im Kampfe mit den Rivalen +über hohe Dächer hinunter und fiel auf die Straße; aber nur um sich +aufzuraffen, das Fell zu schütteln und die wilde Jagd seiner +Leidenschaften von neuem anzuheben. Stille und laute Stunden, süße +Gefühle und sonniger Streit, anmutiges Zwiegespräch, witziger +Gedankenaustausch, Ränke und Schwänke der Liebe und Eifersucht, +Liebkosungen und Raufereien, die Gewalt des Glückes und die Leiden des +Unsterns ließen den verliebten Spiegel nicht zu sich selbst kommen, +und als die Scheibe des Mondes vollgeworden, war er von allen diesen +Aufregungen und Leidenschaften so heruntergekommen, daß er +jämmerlicher, magerer und zerzauster aussah, als je. Im selben +Augenblicke rief ihm Pineiß aus einem Dachtürmchen: „Spiegelchen, +Spiegelchen! Wo bist du? Komm doch ein bißchen nach Hause!" + +Da schied Spiegel von der weißen Freundin, welche zufrieden und kühl +miauend ihrer Wege ging, und wandte sich stolz seinem Henker zu. +Dieser stieg in die Küche hinunter, raschelte mit dem Kontrakt und +sagte: „Komm, Spiegelchen, komm, Spiegelchen!" und Spiegel folgte ihm +und setzte sich in der Hexenküche trotzig vor den Meister hin in all +seiner Magerkeit und Zerzaustheit. Als Herr Pineiß erblickte, wie er +so schmählich um seinen Gewinn gebracht war, sprang er wie besessen in +die Höhe und schrie wütend: „Was seh' ich? Du Schelm, du gewissenloser +Spitzbube! Was hast du mir getan?" Außer sich vor Zorn griff er nach +einem Besen und wollte Spiegelein schlagen; aber dieser krümmte den +schwarzen Rücken, ließ die Haare emporstarren, daß ein fahler Schein +darüber knisterte, legte die Ohren zurück, prustete und funkelte den +Alten so grimmig an, daß dieser voll Furcht und Entsetzen drei Schritt +zurücksprang. Er begann zu fürchten, daß er einen Hexenmeister vor +sich habe, welcher ihn foppe und mehr könne, als er selbst. Ungewiß +und kleinlaut sagte er: „Ist der ehrsame Herr Spiegel vielleicht vom +Handwerk? Sollte ein gelehrter Zaubermeister beliebt haben, sich in +dero äußere Gestalt zu verkleiden, da er nach Gefallen über sein +Leibliches gebieten und genau so beleibt werden kann, als es ihm +angenehm dünkt, nicht zu wenig und nicht zu viel, oder unversehens so +mager wird, wie ein Gerippe, um dem Tode zu entschlüpfen?" + +Spiegel beruhigte sich wieder und sprach ehrlich: „Nein, ich bin kein +Zauberer! Es ist allein die süße Gewalt der Leidenschaft, welche mich +so heruntergebracht und zu meinem Vergnügen Euer Fett dahingenommen +hat. Wenn wir übrigens jetzt unser Geschäft von neuem beginnen wollen, +so will ich tapfer dabei sein und dreinbeißen! Setzt mir nur eine +recht schöne und große Bratwurst vor, denn ich bin ganz erschöpft und +hungrig!" Da packte Pineiß den Spiegel wütend am Kragen, sperrte ihn +in den Gänsestall, der immer leer war, und schrie: „Da sieh zu, ob dir +deine süße Gewalt der Leidenschaft noch einmal heraushilft und ob sie +stärker ist, als die Gewalt der Hexerei und meines rechtlichen +Vertrages! Jetzt heißt's: Vogel friß und stirb!" Sogleich briet er +eine lange Wurst, die so lecker duftete, daß er sich nicht enthalten +konnte, selbst ein bißchen an beiden Zipfeln zu lecken, ehe er sie +durch das Gitter steckte. Spiegel fraß sie von vorn bis hinten auf, +und indem er sich behaglich den Schnurrbart putzte und den Pelz +leckte, sagte er zu sich selber: „Meiner Seel! Es ist doch eine schöne +Sache um die Liebe! Sie hat mich für diesmal wieder aus der Schlinge +gezogen. Jetzt will ich mich ein wenig ausruhen und trachten, daß ich +durch Beschaulichkeit und gute Nahrung wieder zu vernünftigen Gedanken +komme! Alles hat seine Zeit! Heute ein bißchen Leidenschaft, morgen +ein wenig Besonnenheit und Ruhe, ist jedes in seiner Weise gut. Dies +Gefängnis ist gar nicht so übel und es läßt sich gewiß etwas +Ersprießliches darin ausdenken!" Pineiß aber nahm sich nun zusammen +und bereitete alle Tage mit aller seiner Kunst solche Leckerbissen und +in solch reizender Abwechslung und Zuträglichkeit, daß der gefangene +Spiegel denselben nicht widerstehen konnte; denn Pineißens Vorrat an +freiwilligem und rechtmäßigem Katzenschmer nahm alle Tage mehr ab und +drohte nächstens ganz auszugehen, und dann war der Hexer ohne dies +Hauptmittel ein geschlagener Mann. Aber der gute Hexenmeister nährte +mit dem Leibe Spiegels dessen Geist immer wieder mit, und es war +durchaus nicht von dieser unbequemen Zutat loszukommen, weshalb auch +seine Hexerei sich hier als lückenhaft erwies. + +Als Spiegel in seinem Käfig ihm endlich fett genug dünkte, säumte er +nicht länger, sondern stellte vor den Augen des aufmerksamen Katers +alle Geschirre zurecht und machte ein helles Feuer auf dem Herd, um +den langersehnten Gewinn auszukochen. Dann wetzte er ein großes +Messer, öffnete den Kerker, zog Spiegelchen hervor, nachdem er die +Küchentüre wohlverschlossen, und sagte wohlgemut: „Komm, du +Sapperlöter! Wir wollen dir den Kopf abschneiden vorderhand, und dann +das Fell abziehen! Dieses wird eine warme Mütze für mich geben, woran +ich Einfältiger noch gar nicht gedacht habe! Oder soll ich dir erst +das Fell abziehen und dann den Kopf abschneiden?" „Nein, wenn es Euch +gefällig ist," sagte Spiegel demütig, „lieber zuerst den Kopf +abschneiden!" „Hast recht, du armer Kerl!" sagte Herr Pineiß, „wir +wollen dich nicht unnütz quälen! Alles was recht ist!" „Dies ist ein +wahres Wort!" sagte Spiegel mit einem erbärmlichen Seufzer und legte +das Haupt ergebungsvoll auf die Seite, „o hätt' ich doch jederzeit +getan, was recht ist, und nicht eine so wichtige Sache leichtsinnig +unterlassen, so könnte ich jetzt mit besserem Gewissen sterben, denn +ich sterbe gern; aber ein Unrecht erschwert mir den sonst so +willkommenen Tod; denn was bietet mir das Leben? Nichts als Furcht, +Sorge und Armut und zur Abwechslung einen Sturm verzehrender +Leidenschaft, die noch schlimmer ist, als die stille zitternde +Furcht!" „Ei, welches Unrecht, welche wichtige Sache?" fragte Pineiß +neugierig. „Ach was hilft das Reden jetzt noch," seufzte Spiegel, +„geschehen ist geschehen und jetzt ist Reue zu spät!" „Siehst du, +Sappermenter, was für ein Sünder du bist?" sagte Pineiß, „und wiewohl +du deinen Tod verdienst? Aber was tausend hast du denn angestellt? +Hast du mir vielleicht etwas entwendet, entfremdet, verdorben? Hast du +mir ein himmelschreiendes Unrecht getan, von dem ich noch gar nichts +weiß, ahne, vermute, du Satan? Das sind mir schöne Geschichten! Gut, +daß ich noch dahinterkomme! Auf der Stelle beichte mir, oder ich +schinde und siede dich lebendig aus! Wirst du sprechen oder nicht?" +„Ach nein!" sagte Spiegel, „wegen Euch habe ich mir nichts +vorzuwerfen. Es betrifft die zehntausend Goldgülden meiner seligen +Gebieterin--aber was hilft Reden!--Zwar--wenn ich bedenke und Euch +ansehe, so möchte es vielleicht doch nicht ganz zu spät sein--wenn ich +Euch betrachte, so sehe ich, daß Ihr ein noch ganz schöner und +rüstiger Mann seid, in den besten Jahren--sagt doch, Herr Pineiß! Habt +Ihr noch nie etwa den Wunsch verspürt, Euch zu verehelichen, ehrbar +und vorteilhaft? Aber was schwatze ich! Wie wird ein so kluger und +kunstreicher Mann auf dergleichen müßige Gedanken kommen! Wie wird ein +so nützlich beschäftigter Meister an törichte Weiber denken! Zwar +allerdings hat auch die Schlimmste noch irgendwas an sich, was etwa +nützlich für einen Mann ist, das ist nicht abzuleugnen! Und wenn sie +nur halbwegs was taugt, so ist eine gute Hausfrau etwa weiß am Leibe, +sorgfältig im Sinne, zutulich von Sitten, treu von Herzen, sparsam im +Verwalten, aber verschwenderisch in der Pflege ihres Mannes, +kurzweilig in Worten und angenehm in ihren Taten, einschmeichelnd in +ihren Handlungen! Sie küßt den Mann mit ihrem Munde und streichelt ihm +den Bart, sie umschließt ihn mit ihren Armen und kraut ihm hinter den +Ohren, wie er es wünscht, kurz, sie tut tausend Dinge, die nicht zu +verwerfen sind. Sie hält sich ihm ganz nah zu oder in bescheidener +Entfernung, je nach seiner Stimmung, und wenn er seinen Geschäften +nachgeht, so stört sie ihn nicht, sondern verbreitet unterdessen sein +Lob in und außer dem Hause; denn sie läßt nichts an ihn kommen und +rühmt alles, was an ihm ist! Aber das Anmutigste ist die wunderbare +Beschaffenheit ihres zarten leiblichen Daseins, welche die Natur so +verschieden gemacht hat von unserm Wesen bei anscheinender +Menschenähnlichkeit, daß es ein fortwährendes Meerwunder in einer +glückhaften Ehe bewirkt und eigentlich die allerdurchtriebenste +Hexerei in sich birgt! Doch was schwatze ich da wie ein Tor an der +Schwelle des Todes! Wie wird ein weiser Mann auf dergleichen +Eitelkeiten sein Augenmerk richten! Verzeiht, Herr Pineiß, und +schneidet mir den Kopf ab!" + +Pineiß aber rief heftig: „So halt doch endlich inne, du Schwätzer! und +sage mir: Wo ist eine solche und hat sie zehntausend Goldgülden?" + +„Zehntausend Goldgülden?" sagte Spiegel. + +„Nun ja," rief Pineiß ungeduldig, „sprachest du nicht eben erst +davon?" + +„Nein," antwortete jener, „das ist eine andere Sache! Die liegen +vergraben an einem Orte!" + +„Und was tun sie da, wem gehören sie?" schrie Pineiß. + +„Niemand gehören sie, das ist eben meine Gewissensbürde, denn ich +hätte sie unterbringen sollen! Eigentlich gehören sie jenem, der eine +solche Person heiratet, wie ich eben beschrieben habe. Aber wie soll +man drei solche Dinge zusammenbringen in dieser gottlosen Stadt: +zehntausend Goldgülden, eine weiße, feine und gute Hausfrau und einen +weisen rechtschaffenen Mann? Daher ist eigentlich meine Sünde nicht +allzu groß, denn der Auftrag war zu schwer für eine arme Katze!" + +„Wenn du jetzt", rief Pineiß, „nicht bei der Sache bleibst, und sie +verständlich der Ordnung nach dartust, so schneide ich dir vorläufig +den Schwanz und beide Ohren ab! Jetzt fang an!" + +„Da Ihr es befehlt, so muß ich die Sache wohl erzählen," sagte Spiegel +und setzte sich gelassen auf seine Hinterfüße, „obgleich dieser +Aufschub meine Leiden nur vergrößert!" Pineiß steckte das scharfe +Messer zwischen sich und Spiegel in die Diele und setzte sich +neugierig auf ein Fäßchen, um zuzuhören, und Spiegel fuhr fort: + +„Ihr wisset doch, Herr Pineiß, daß die brave Person, meine selige +Meisterin, unverheiratet gestorben ist als eine alte Jungfer, die in +aller Stille viel Gutes getan und niemandem zuwidergelebt hat. Aber +nicht immer war es um sie her so still und ruhig zugegangen, und +obgleich sie niemals von bösem Gemüt gewesen, so hatte sie doch einst +viel Leid und Schaden angerichtet; denn in ihrer Jugend war sie das +schönste Fräulein weit und breit, und was von jungen Herren und kecken +Gesellen in der Gegend war oder des Weges kam, verliebte sich in sie +und wollte sie durchaus heiraten. Nun hatte sie wohl große Lust, zu +heiraten und einen hübschen, ehrenfesten und klugen Mann zu nehmen, +und sie hatte die Auswahl, da sich Einheimische und Fremde um sie +stritten und einander mehr als einmal die Degen in den Leib rannten, +um den Vorrang zu gewinnen. Es bewarben sich um sie und versammelten +sich kühne und verzagte, listige und treuherzige, reiche und arme +Freier, solche mit einem guten und anständigen Geschäft, und solche, +welche als Kavaliere zierlich von ihren Renten lebten; dieser mit +diesen, jener mit jenen Vorzügen, beredt oder schweigsam, der eine +munter und liebenswürdig, und ein anderer schien es mehr in sich zu +haben, wenn er auch etwas einfältig aussah; kurz, das Fräulein hatte +eine so vollkommene Auswahl, wie es ein mannbares Frauenzimmer sich +nur wünschen kann. Allein sie besaß außer ihrer Schönheit ein schönes +Vermögen von vielen tausend Goldgülden, und diese waren die Ursache, +daß sie nie dazukam, eine Wahl treffen und einen Mann nehmen zu +können, denn sie verwaltete ihr Gut mit trefflicher Umsicht und +Klugheit und legte einen großen Wert auf dasselbe, und da nun der +Mensch immer von seinen eigenen Neigungen aus andere beurteilt, so +geschah es, daß sie, sobald sich ihr ein achtungswerter Freier +genähert und ihr halbwegs gefiel, alsobald sich einbildete, derselbe +begehre sie nur um ihres Gutes willen. War einer reich, so glaubte +sie, er würde sie doch nicht begehren, wenn sie nicht auch reich wäre, +und von den Unbemittelten nahm sie vollends als gewiß an, daß sie nur +ihre Goldgülden im Auge hätten und sich daran gedächten gütlich zu +tun, und das arme Fräulein, welches doch selbst so große Dinge auf den +irdischen Besitz hielt, war nicht imstande, diese Liebe zu Geld und +Gut an ihren Freiern von der Liebe zu ihr selbst zu unterscheiden, +oder wenn sie wirklich etwa vorhanden war, dieselbe nachzusehen und zu +verzeihen. Mehrere Male war sie schon sogut wie verlobt und ihr Herz +klopfte endlich stärker; aber plötzlich glaubte sie aus irgendeinem +Zuge zu entnehmen, daß sie verraten sei und man einzig an ihr Vermögen +denke, und sie brach unverweilt die Geschichte entzwei und zog sich +voll Schmerzen, aber unerbittlich zurück. Sie prüfte alle, welche ihr +nicht mißfielen, auf hundert Arten, so daß eine große Gewandtheit dazu +gehörte, nicht in die Falle zu gehen, und zuletzt keiner mehr sich mit +einiger Hoffnung nähern konnte, als wer ein durchaus geriebener und +verstellter Mensch war, so daß schon aus diesen Gründen endlich die +Wahl wirklich schwer wurde, weil solche Menschen dann zuletzt doch +eine unheimliche Unruhe erwecken und die peinlichste Ungewißheit bei +einer Schönen zurücklassen, je geriebener und geschickter sie sind. +Das Hauptmittel, ihre Anbeter zu prüfen, war, daß sie ihre +Uneigennützigkeit auf die Probe stellte und sie alle Tage zu großen +Ausgaben, zu reichen Geschenken und zu wohltätigen Handlungen +veranlaßte. Aber sie mochten es machen, wie sie wollten, so trafen sie +doch nie das Rechte; denn zeigten sie sich freigebig und aufopfernd, +gaben sie glänzende Feste, brachten sie ihr Geschenke dar, oder +anvertrauten ihr beträchtliche Gelder für die Armen, so sagte sie +plötzlich, dies alles geschehe nur, um mit einem Würmchen den Lachs zu +fangen oder mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen, wie man zu +sagen pflegt. Und sie vergabte die Geschenke sowohl wie das +anvertraute Geld an Klöster und milde Stiftungen und speisete die +Armen; aber die betrogenen Freier wies sie unbarmherzig ab. Bezeigten +sich dieselben aber zurückhaltend oder gar knauserig, so war der Stab +sogleich über sie gebrochen, da sie das noch viel übler nahm und daran +eine schnöde und nackte Rücksichtslosigkeit und Eigenliebe zu erkennen +glaubte. So kam es, daß sie, welche ein reines und nur ihrer Person +hingegebenes Herz suchte, zuletzt von lauter verstellten, listigen und +eigensüchtigen Freiersleuten umgeben war, aus denen sie nie klug wurde +und die ihr das Leben verbitterten. Eines Tages fühlte sie sich so +mißmutig und trostlos, daß sie ihren ganzen Hof aus dem Hause wies, +dasselbe zuschloß und nach Mailand verreiste, wo sie eine Base hatte. +Als sie über den Sankt Gotthard ritt auf einem Eselein, war ihre +Gesinnung so schwarz und schaurig, wie das wilde Gestein, das sich aus +den Abgründen emportürmte, und sie fühlte die heftigste Versuchung, +sich von der Teufelsbrücke in die tobenden Gewässer der Reuß +hinabzustürzen. Nur mit der größten Mühe gelang es den zwei Mägden, +die sie bei sich hatte, und die ich selbst noch gekannt habe, welche +aber nun schon lange tot sind, und dem Führer, sie zu beruhigen und +von der finstern Anwandlung abzubringen. Doch langte sie bleich und +traurig in dem schönen Land Italien an, und so blau dort der Himmel +war, wollten sich ihre dunklen Gedanken doch nicht aufhellen. Aber als +sie einige Tage bei ihrer Base verweilt, sollte unverhofft eine andere +Melodie ertönen und ein Frühlingsanfang in ihr aufgehen, von dem sie +his dato noch nicht viel gewußt. Denn es kam ein junger Landsmann in +das Haus der Base, der ihr gleich beim ersten Anblick so wohl gefiel, +daß man wohl sagen kann, sie verliebte sich jetzt von selbst und zum +erstenmal. Es war ein schöner Jüngling, von guter Erziehung und edlem +Benehmen, nicht arm und nicht reich zur Zeit, denn er hatte nichts als +zehntausend Goldgulden, welche er von seinen verstorbenen Eltern +ererbt und womit er, da er die Kaufmannschaft erlernt hatte, in +Mailand einen Handel mit Seide begründen wollte; denn er war +unternehmend und klar von Gedanken und hatte eine glückliche Hand, wie +es unbefangene und unschuldige Leute oft haben; denn auch dies war der +junge Mann; er schien, so wohlgelehrt er war, doch so arglos und +unschuldig wie ein Kind. Und obgleich er ein Kaufmann war und ein so +unbefangenes Gemüt, was schon zusammen eine köstliche Seltenheit ist, +so war er doch fest und ritterlich in seiner Haltung und trug sein +Schwert so keck zur Seite, wie nur ein geübter Kriegsmann es tragen +kann. Dies alles, sowie seine frische Schönheit und Jugend bezwangen +das Herz des Fräuleins dermaßen, daß sie kaum an sich halten konnte +und ihm mit großer Freundlichkeit begegnete. Sie wurde wieder heiter, +und wenn sie dazwischen auch traurig war, so geschah dies in dem +Wechsel der Liebesfurcht und Hoffnung, welche immerhin ein edleres und +angenehmeres Gefühl war, als jene peinliche Verlegenheit in der Wahl, +welche sie früher unter den vielen Freiern empfunden. Jetzt kannte sie +nur eine Mühe und Besorgnis, diejenige nämlich, dem schönen und guten +Jüngling zu gefallen, und je schöner sie selbst war, desto demütiger +und unsicherer war sie jetzt, da sie zum ersten Male eine wahre +Neigung gefaßt hatte. Aber auch der junge Kaufmann hatte noch nie eine +solche Schönheit gesehen, oder war wenigstens noch keiner so nahe +gewesen, und von ihr so freundlich und artig behandelt worden. Da sie +nun, wie gesagt, nicht nur schön, sondern auch gut von Herzen und fein +von Sitten war, so ist es nicht zu verwundern, daß der offene und frische +Jüngling, dessen Herz noch ganz frei und unerfahren war, sich ebenfalls +in sie verliebte und das mit aller Kraft und Rückhaltlosigkeit, die in seiner +ganzen Natur lag. Aber vielleicht hätte das nie jemand erfahren, wenn er +in seiner Einfalt nicht aufgemuntert worden wäre durch des Fräuleins +Zutulichkeit, welche er mit heimlichem Zittern und Zagen für eine +Erwiderung seiner Liebe zu halten wagte, da er selber keine Verstellung +kannte. Doch bezwang er sich einige Wochen und glaubte die Sache zu +verheimlichen; aber jeder sah ihm von weitem an, daß er zum Sterben +verliebt war, und wenn er irgend in die Nähe des Fräuleins geriet oder sie +nur genannt wurde, so sah man auch gleich, in wen er verliebt war. Er war +aber nicht lange verliebt, sondern begann wirklich zu lieben mit aller +Heftigkeit seiner Jugend, sodaß ihm das Fräulein das Höchste und Beste +auf der Welt wurde, an welches er ein für allemal das Heil und den +ganzen Wert seiner eigenen Person setzte. Dies gefiel ihr über die Maßen +wohl; denn es war in allem, was er sagte oder tat, eine andere Art, als sie +bislang erfahren, und dies bestärkte und rührte sie so tief, daß sie +nun gleichermaßen der stärksten Liebe anheimfiel und nun nicht mehr +von einer Wahl für sie die Rede war. Jedermann sah diese Geschichte +spielen, und es wurde offen darüber gesprochen und vielfach gescherzt. +Dem Fräulein war es höchlich wohl dabei, und indem ihr das Herz vor +banger Erwartung zerspringen wollte, half sie den Roman von ihrer +Seite doch ein wenig verwickeln und ausspinnen, um ihn recht +auszukosten und zu genießen. Denn der junge Mann beging in seiner +Verwirrung so köstliche und kindliche Dinge, dergleichen sie niemals +erfahren, und für sie einmal schmeichelhafter und angenehmer waren als +das andere. Er aber in seiner Gradheit und Ehrlichkeit konnte es nicht +lange so aushalten; da jeder darauf anspielte und sich einen Scherz +erlaubte, so schien es ihm eine Komödie zu werden, als deren +Gegenstand ihm seine Geliebte viel zu gut und heilig war, und was ihr +ausnehmend behagte, das machte ihn bekümmert, ungewiß und verlegen um +sie selber. Auch glaubte er sie zu beleidigen und zu hintergehen, wenn +er da lange eine so heftige Leidenschaft zu ihr herumtrüge und +unaufhörlich an sie denke, ohne daß sie eine Ahnung davon habe, was +doch gar nicht schicklich sei und ihm selber nicht recht! Daher sah +man ihm eines Morgens von weitem an, daß er etwas vorhatte, und er +bekannte ihr seine Liebe in einigen Worten, um es einmal und nie zum +zweitenmal zu sagen, wenn er nicht glücklich sein sollte. Denn er war +nicht gewohnt zu denken, daß ein solches schönes und wohlbeschaffenes +Fräulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und nicht auch gleich zum +erstenmal ihr unwiderrufliches Ja oder Nein erwidern sollte. Er war +ebenso zart gesinnt als heftig verliebt, ebenso spröde als kindlich +und ebenso stolz als unbefangen, und bei ihm galt es gleich auf Tod +und Leben, auf Ja oder Nein, Schlag um Schlag. In demselben +Augenblicke aber, in welchem das Fräulein sein Geständnis anhörte, das +sie so sehnlich erwartet, überfiel sie ihr altes Mißtrauen, und es +fiel ihr zur unglücklichen Stunde ein, daß ihr Liebhaber ein Kaufmann +sei, welcher am Ende nur ihr Vermögen zu erlangen wünsche, um seine +Unternehmungen zu erweitern. Wenn er daneben auch ein wenig in ihre +Person verliebt sein sollte, so wäre ja das bei ihrer Schönheit kein +sonderliches Verdienst und nur um so empörender, wenn sie eine bloße +erwünschte Zugabe zu ihrem Golde vorstellen sollte. Anstatt ihm daher +ihre Gegenliebe zu gestehen und ihn wohl aufzunehmen, wie sie am +liebsten getan hätte, ersann sie auf der Stelle eine neue List, um +seine Hingebung zu prüfen, und nahm eine ernste, fast traurige Miene +an, indem sie ihm vertraute, wie sie bereits mit einem jungen Mann +verlobt sei in ihrer Heimat, welchen sie auf das allerherzlichste +liebe. Sie habe ihm das schon mehrmals mitteilen wollen, da sie ihn, +den Kaufmann nämlich, als Freund sehr lieb habe, wie er habe wohl +sehen können aus ihrem Benehmen, und sie vertraue ihm wie einem +Bruder. Aber die ungeschickten Scherze, welche in der Gesellschaft +aufgekommen seien, hätten ihr eine vertrauliche Unterhaltung +erschwert; da er nun aber selbst sie mit feinem braven und edlen +Herzen überrascht und dasselbe vor ihr aufgetan, so könne sie ihm für +seine Neigung nicht besser danken, als indem sie ihm ebenso offen sich +anvertraue. Ja, fuhr sie fort, nur demjenigen könne sie angehören, +welchen sie einmal erwählt habe, und nie würde es ihr möglich sein, +ihr Herz einem anderen Mannsbilde zuzuwenden, dies stehe mit goldenem +Feuer in ihrer Seele geschrieben und der liebe Mann wisse selbst +nicht, wie lieb er ihr sei, so wohl er sie auch kenne! Aber ein trüber +Unstern hätte sie betroffen; ihr Bräutigam sei ein Kaufmann, aber so +arm wie eine Maus; darum hätten sie den Plan gefaßt, daß er aus den +Mitteln der Braut einen Handel begründen solle; der Anfang sei gemacht +und alles auf das beste eingeleitet, die Hochzeit sollte in diesen +Tagen gefeiert werden, da wollte ein unverhofftes Mißgeschick, daß ihr +ganzes Vermögen plötzlich ihr angetastet und abgestritten würde und +vielleicht für immer verloren gehe, während der arme Bräutigam in +nächster Zeit seine ersten Zahlungen zu leisten habe an die Mailänder +und Venezianischen Kaufleute, worauf sein ganzer Kredit, sein Gedeihen +und seine Ehre beruhe, nicht zu sprechen von ihrer Vereinigung und +glücklichen Hochzeit! Sie sei in der Eile nach Mailand gekommen, wo +sie begüterte Verwandte habe, um da Mittel und Auswege zu finden; aber +zu einer schlimmen Stunde sei sie gekommen, denn nichts wolle sich +fügen und schicken, während der Tag immer näher rücke, und wenn sie +ihrem Geliebten nicht helfen könne, so müsse sie sterben vor +Traurigkeit. Denn es sei der liebste und beste Mensch, den man sich +denken könne, und würde sicherlich ein großer Kaufherr werden, wenn +ihm geholfen würde, und sie kenne kein anderes Glück mehr auf Erden, +als dann dessen Gemahlin zu sein! Als sie diese Erzählung beendet, +hatte sich der arme schöne Jüngling schon lange entfärbt und war +bleich wie ein weißes Tuch. Aber er ließ keinen Laut der Klage +vernehmen und sprach nicht ein Sterbenswörtchen mehr von sich selbst +und von seiner Liebe, sondern fragte bloß traurig, auf wieviel sich +denn die eingegangenen Verpflichtungen des glücklich unglücklichen +Bräutigams beliefen? Auf zehntausend Goldgulden! antwortete sie noch +viel trauriger. Der junge traurige Kaufherr stand auf, ermahnte das +Fräulein, guten Mutes zu sein, da sich gewiß ein Ausweg zeigen werde, +und entfernte sich von ihr, ohne daß er sie anzusehen wagte, so sehr +fühlte er sich betroffen und beschämt, daß er sein Auge auf eine Dame +geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen andern liebte. Denn +der Arme glaubte jedes Wort von ihrer Erzählung wie ein Evangelium. +Dann begab er sich ohne Säumnis zu seinen Handelsfreunden und brachte +sie durch Bitten und Einbüßung einer gewissen Summe dahin, seine +Bestellungen und Einkäufe wieder rückgängig zu machen, welche er +selbst in diesen Tagen auch grad mit seinen zehntausend Goldgulden +bezahlen sollte und worauf er seine ganze Laufbahn bauete, und ehe +sechs Stunden verflossen waren, erschien er wieder bei dem Fräulein +mit seinem ganzen Besitztum und bat sie um Gottes willen, diese +Aushilfe von ihm annehmen zu wollen. Ihre Augen funkelten vor +freudiger Überraschung und ihre Brust pochte wie ein Hammerwerk; sie +fragte ihn, wo er denn dies Kapital hergenommen, und er erwiderte, er +habe es auf seinen guten Namen geliehen und würde es, da seine +Geschäfte sich glücklich wendeten, ohne Unbequemlichkeit +zurückerstatten können. Sie sah ihm deutlich an, daß er log und daß es +sein einziges Vermögen und ganze Hoffnung war, welche er ihrem Glücke +opferte; doch stellte sie sich, als glaubte sie seinen Worten. Sie +ließ ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und tat grausamerweise, +als ob diese dem Glücke gälten, nun doch ihren Erwählten retten und +heiraten zu dürfen, und sie konnte nicht Worte finden, ihre +Dankbarkeit auszudrücken. Doch plötzlich besann sie sich und erklärte, +nur unter einer Bedingung die großmütige Tat annehmen zu können, da +sonst alles Zureden unnütz wäre. Befragt, worin diese Bedingung +bestehe, verlangte sie das heilige Versprechen, daß er an einem +bestimmten Tage sich bei ihr einfinden wolle, um ihrer Hochzeit +beizuwohnen und der beste Freund und Gönner ihres zukünftigen +Ehegemahls zu werden, sowie der treuste Freund, Schützer und Berater +ihrer selbst. Errötend bat er sie, von diesem Begehren abzustehen; +aber umsonst wandte er alle Gründe an, um sie davon abzubringen, +umsonst stellte er ihr vor, daß seine Angelegenheiten jetzt nicht +erlaubten, nach der Schweiz zurückzureisen, und daß er von einem +solchen Abstecher einen erheblichen Schaden erleiden würde. Sie +beharrte entschieden auf ihrem Verlangen und schob ihm sogar sein Geld +wieder zu, da er sich nicht dazu verstehen wollte. Endlich versprach +er es, aber er mußte ihr die Hand daraufgeben und es ihr bei seiner +Ehre und Seligkeit beschwören. Sie bezeichnete ihm genau den Tag und +die Stunde, wann er eintreffen solle, und alles dies mußte er bei +seinem Christenglauben und bei seiner Seligkeit beschwören. Erst dann +nahm sie sein Opfer an und ließ den Schatz vergnügt in ihre +Schlafkammer tragen, wo sie ihn eigenhändig in ihrer Reisetruhe +verschloß und den Schlüssel in den Busen steckte. Nun hielt sie sich +nicht länger in Mailand auf, sondern reiste ebenso fröhlich über den +Sankt Gotthard zurück, als schwermütig sie hergekommen war. Auf der +Teufelsbrücke, wo sie hatte hinabspringen wollen, lachte sie wie eine +Unkluge und warf mit hellem Jauchzen ihrer wohlklingenden Stimme einen +Granatblütenstrauß in die Reuß, welchen sie vor der Brust trug, kurz, +ihre Lust war nicht zu bändigen, und es war die fröhlichste Reise, die +je getan wurde. Heimgekehrt, öffnete und lüftete sie ihr Haus von oben +bis unten und schmückte es, als ob sie einen Prinzen erwartete. Aber +zu Häupten ihres Bettes legte sie den Sack mit den zehntausend +Goldgulden und legte des Nachts den Kopf so glückselig auf den harten +Klumpen, und schlief darauf, wie wenn es das weichste Flaumkissen +gewesen wäre. Kaum konnte sie den verabredeten Tag erwarten, wo sie +ihn sicher kommen sah, da sie wußte, daß er nicht das einfachste +Versprechen, geschweige denn einen Schwur brechen würde, und wenn es +ihm um das Leben ginge. Aber der Tag brach an und der Geliebte +erschien nicht, und es vergingen viele Tage und Wochen, ohne daß er +von sich hören ließ. Da fing sie an allen Gliedern an zu zittern und +verfiel in die größte Angst und Bangigkeit; sie schickte Briefe über +Briefe nach Mailand, aber niemand wußte ihr zu sagen, wo er geblieben +sei. Endlich aber stellte es sich durch einen Zufall heraus, daß der +junge Kaufherr aus einem blutroten Stück Seidendamast, welches er von +seinem Handelsanfang her im Haus liegen und bereits bezahlt hatte, +sich ein Kriegskleid hatte anfertigen lassen und unter die Schweizer +gegangen war, welche damals eben im Solde des Königs Franz von +Frankreich den Mailändischen Krieg mitstritten. Nach der Schlacht bei +Pavia, in welcher so viele Schweizer das Leben verloren, wurde er auf +einem Haufen erschlagener Spaniolen liegend gefunden, von vielen +tödlichen Wunden zerrissen und sein rotes Seidengewand von unten bis +oben zerschlitzt und zerfetzt. Eh' er den Geist aufgab, jagte er einem +neben ihm liegenden Seldwyler, der minder übel zugerichtet war, +folgende Botschaft ins Gedächtnis und bat ihn, dieselbe auszurichten, +wenn er mit dem Leben davonkäme: ‚Liebstes Fräulein! Obgleich ich Euch +bei meiner Ehre, bei meinem Christenglauben und bei meiner Seligkeit +geschworen habe, auf Euerer Hochzeit zu erscheinen, so ist es mir +dennoch nicht möglich gewesen, Euch nochmals zu sehen und einen andern +des höchsten Glückes teilhaftig zu erblicken, das es für mich geben +könnte. Dieses habe ich erst in Euerer Abwesenheit verspürt und habe +vorher nicht gewußt, welch eine strenge und unheimliche Sache es ist +um solche Liebe, wie ich zu Euch habe, sonst würde ich mich +zweifelsohne besser davor gehütet haben. Da es aber einmal so ist, so +wollte ich lieber meiner weltlichen Ehre und meiner geistlichen +Seligkeit verloren und in die ewige Verdammnis eingehen als ein +Meineidiger, denn noch einmal in Euerer Nähe erscheinen mit einem +Feuer in der Brust, welches stärker und unauslöschlicher ist als das +Höllenfeuer, und mich dieses kaum wird verspüren lassen. Betet nicht +etwa für mich, schönstes Fräulein, denn ich kann und werde nie selig +werden ohne Euch, sei es hier oder dort, und somit lebet glücklich und +seid gegrüßt!' So hatte in dieser Schlacht, nach welcher König +Franziskus sagte: ‚Alles verloren, außer der Ehre!' der unglückliche +Liebhaber alles verloren, die Hoffnung, die Ehre, das Leben und die +ewige Seligkeit, nur die Liebe nicht, die ihn verzehrte. Der Seldwyler +kam glücklich davon, und sobald er sich in etwas erholt und außer +Gefahr sah, schrieb er die Worte des Umgekommenen getreu auf seine +Schreibtafel, um sie nicht zu vergessen, reiste nach Hause, meldete +sich bei dem unglücklichen Fräulein und las ihr die Botschaft so steif +und kriegerisch vor, wie er zu tun gewohnt war, wenn er sonst die +Mannschaft seines Fähnleins verlas; denn er war ein Feldleutnant. Das +Fräulein aber zerraufte sich die Haare, zerriß ihre Kleider und begann +so laut zu schreien und zu weinen, daß man es die Straße auf und +nieder hörte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie +wahnsinnig die zehntausend Goldgulden herbei, zerstreute sie auf dem +Boden, warf sich der Länge nach darauf hin und küßte die glänzenden +Goldstücke. Ganz von Sinnen, suchte sie den umherrollenden Schatz +zusammenzuraffen und zu umarmen, als ob der verlorene Geliebte darin +zugegen wäre. Sie lag Tag und Nacht auf dem Golde und wollte weder +Speise noch Trank zu sich nehmen; unaufhörlich liebkoste und küßte sie +das kalte Metall, bis sie mitten in einer Nacht plötzlich aufstand, +den Schatz emsig hin und her eilend nach dem Garten trug und dort +unter bitteren Tränen in den tiefen Brunnen warf und einen Fluch +darüber aussprach, daß er niemals jemand anderm angehören solle." + +Als Spiegel soweit erzählt hatte, sagte Pineiß: „Und liegt das schöne +Geld noch in dem Brunnen?" „Ja, wo sollte es sonst liegen?" antwortete +Spiegel, „denn nur ich kann es herausbringen und habe es bis zur +Stunde noch nicht getan!" „Ei ja so, richtig!" sagte Pineiß, „ich habe +es ganz vergessen über deiner Geschichte! Du kannst nicht übel +erzählen, du Sapperlöter! Und es ist mir ganz gelüstig geworden nach +einem Weibchen, die so für mich eingenommen wäre; aber sehr schön +müßte sie sein! Doch erzähle jetzt schnell noch, wie die Sache +eigentlich zusammenhängt!" „Es dauerte manche Jahre," sagte Spiegel, +„bis das Fräulein aus bittern Seelenleiden so weit zu sich kam, daß +sie anfangen konnte, die stille alte Jungfer zu werden, als welche ich +sie kennen lernte. Ich darf mich berühmen, daß ich ihr einziger Trost +und ihr vertrautester Freund geworden bin in ihrem einsamen Leben bis +an ihr stilles Ende. Als sie aber dieses herannahen sah, +vergegenwärtigte sie sich noch einmal die Zeit ihrer fernen Jugend und +Schönheit und erlitt noch einmal mit milderen ergebenen Gedanken erst +die süßen Erregungen und dann die bittern Leiden jener Zeit, und sie +weinte still sieben Tage und Nächte hindurch über die Liebe des +Jünglings, deren Genuß sie durch ihr Mißtrauen verloren hatte, so daß +ihre alten Augen noch kurz vor dem Tode erblindeten. Dann bereute sie +den Fluch, welchen sie über jenen Schatz ausgesprochen, und sagte zu +mir, indem sie mich mit dieser wichtigen Sache beauftragte: ‚Ich +bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe dir die Vollmacht, daß +du meine Verordnung vollziehest. Sieh dich um und suche, bis du eine +bildschöne, aber unbemittelte Frauensperson findest, welcher es ihrer +Armut wegen an Freiern gebricht! Wenn sich dann ein verständiger, +rechtlicher und hübscher Mann finden sollte, der sein gutes Auskommen +hat, und die Jungfrau ungeachtet ihrer Armut, nur allein von ihrer +Schönheit bewegt, zur Frau begehrt, so soll dieser Mann mit den +stärksten Eiden sich verpflichten, derselben so treu, aufopfernd und +unabänderlich ergeben zu sein, wie es mein unglücklicher Liebster +gewesen ist, und dieser Frau sein Leben lang in allen Dingen zu +willfahren. Dann gib der Braut die zehntausend Goldgulden, welche im +Brunnen liegen, zur Mitgift, daß sie ihren Bräutigam am Hochzeitmorgen +damit überrasche!' So sprach die Selige, und ich habe meiner widrigen +Geschicke wegen versäumt, dieser Sache nachzugehen, und muß nun +befürchten, daß die Arme deswegen im Grabe noch beunruhigt sei, was +für mich eben auch nicht die angenehmsten Folgen haben kann!" + +Pineiß sah den Spiegel mißtrauisch an und sagte: „Wärst du wohl +imstande, Bürschchen! mir den Schatz ein wenig nachzuweisen und +augenscheinlich zu machen?" + +„Zu jeder Stunde!" versetzte Spiegel, „aber Ihr müßt wissen, Herr +Stadthexenmeister! daß Ihr das Gold nicht etwa so ohne weiteres +herausfischen dürftet. Man würde Euch unfehlbar das Genick umdrehen; +denn es ist nicht ganz geheuer in dem Brunnen, ich habe darüber +bestimmte Inzichten, welche ich aus Rücksichten nicht näher berühren +darf!" + +„Hei, wer spricht denn von Herausholen?" sagte Pineiß etwas furchtsam, +„führe mich einmal hin und zeige mir den Schatz! Oder vielmehr will +ich dich führen an einem guten Schnürlein, damit du mir nicht +entwischest!" + +„Wie Ihr wollt!" sagte Spiegel, „aber nehmt auch eine andere lange +Schnur mit und eine Blendlaterne, welche Ihr daran in den Brunnen +hinablassen könnt; denn der ist sehr tief und dunkel!" Pineiß befolgte +diesen Rat und führte das muntere Kätzchen nach dem Garten jener +Verstorbenen. Sie überstiegen miteinander die Mauer, und Spiegel +zeigte dem Hexer den Weg zu dem alten Brunnen, welcher unter +verwildertem Gebüsche verborgen war. Dort ließ Pineiß sein Laternchen +hinunter, begierig nachblickend, während er den angebundenen Spiegel +nicht von der Hand ließ. Aber richtig sah er in der Tiefe das Gold +funkeln unter dem grünlichen Wasser und rief: „Wahrhaftig, ich seh's, +es ist wahr! Spiegel, du bist ein Tausendskerl!" Dann guckte er wieder +eifrig hinunter und sagte: „Mögen es auch zehntausend sein?" „Ja, das +ist nun nicht zu schwören!" sagte Spiegel, „ich bin nie da unten +gewesen und hab's nicht gezählt! Ist auch möglich, daß die Dame +dazumal einige Stücke auf dem Wege verloren hat, als sie den Schatz +hierher trug, da sie in einem aufgeregten Zustande war." „Nun, seien +es auch ein Dutzend oder mehr weniger!" sagte Herr Pineiß, „es soll +mir darauf nicht ankommen!" Er setzte sich auf den Rand des Brunnens, +Spiegel setzte sich auch nieder und leckte sich das Pfötchen. „Da wäre +nun der Schatz!" sagte Pineiß, indem er sich hinter den Ohren kratzte, +„und hier wäre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschöne +Weib!" „Wie?" sagte Spiegel. „Ich meine, es fehlt nur noch diejenige, +welche die Zehntausend als Mitgift bekommen soll, um mich damit zu +überraschen am Hochzeitmorgen, und welche alle jene angenehmen +Tugenden hat, von denen du gesprochen !" „Hm!" versetzte Spiegel, „die +Sache verhält sich nicht ganz so, wie Ihr sagt! Der Schatz ist da, wie +Ihr richtig einseht; das schöne Weib habe ich, um es aufrichtig zu +gestehen, allbereits auch schon ausgespürt; aber mit dem Mann, der sie +unter diesen schwierigen Umständen heiraten möchte, da hapert es eben; +denn heutzutage muß die Schönheit obenein vergoldet sein, wie die +Weihnachtsnüsse, und je hohler die Köpfe werden, desto mehr sind sie +bestrebt, die Leere mit einigem Weibergut nachzufüllen, damit sie die +Zeit besser zu verbringen vermögen; da wird dann mit wichtigem Gesicht +ein Pferd besehen und ein Stück Sammet gekauft, mit Laufen und Rennen +eine gute Armbrust bestellt, und der Büchsenschmied kommt nicht aus +dem Hause; da heißt es, ich muß meinen Wein einheimsen und meine +Fässer putzen, meine Bäume putzen lassen und mein Dach decken; ich muß +meine Frau ins Bad schicken, sie kränkelt und kostet mich viel Geld, +und muß mein Holz fahren lassen und mein Ausstehendes eintreiben; ich +habe ein Paar Windspiele gekauft und meine Bracken vertauscht, ich +habe einen schönen eichenen Ausziehtisch eingehandelt und meine große +Nußbaumlade drangegeben; ich habe meine Bohnenstangen geschnitten, +meinen Gärtner fortgejagt, mein Heu verkauft und meinen Salat gesät, +immer mein und mein vom Morgen bis zu Abend. Manche sagen sogar: ich +habe meine Wäsche die nächste Woche, ich muß meine Betten sonnen, ich +muß eine Magd dingen und einen neuen Metzger haben, denn den alten +will ich abschaffen; ich habe ein allerliebstes Waffeleisen erstanden, +durch Zufall, und habe mein silbernes Zimmetbüchschen verkauft, es war +mir so nichts nütze; alles das sind wohlverstanden die Sachen der +Frau, und so verbringt ein solcher Kerl die Zeit und stiehlt unserm +Herrgott den Tag ab, indem er alle diese Verrichtungen aufzählt, ohne +einen Streich zu tun. Wenn es hochkommt und ein solcher Patron sich +etwa ducken muß, so wird er vielleicht sagen: unsere Kühe und unsere +Schweine, aber--" Pineiß riß den Spiegel an der Schnur, daß er miau! +schrie, und rief: „Genug, du Plappermaul! Sag' jetzt unverzüglich: wo +ist sie, von der du weißt?" Denn die Aufzählung aller dieser +Herrlichkeiten und Verrichtungen, die mit einem Weibergute verbunden +sind, hatte dem dürren Hexenmeister den Mund nur noch wässeriger +gemacht. Spiegel sagte erstaunt: „Wollt Ihr denn wirklich das Ding +unternehmen, Herr Pineiß?" + +„Versteht sich, will ich! Wer sonst als ich? Drum heraus damit: wo ist +diejenige?" + +„Damit Ihr hingehen und sie freien könnt?" + +„Ohne Zweifel!" „So wisset, die Sache geht nur durch meine Hand! mit +mir müßt Ihr sprechen, wenn Ihr Geld und Frau wollt!" sagte Spiegel +kaltblütig und gleichgültig und fuhr sich mit den beiden Pfoten eifrig +über die Ohren, nachdem er sie jedesmal ein bißchen naß gemacht. +Pineiß besann sich sorgfältig, stöhnte ein bißchen und sagte: „Ich +merke, du willst unsern Kontrakt aufheben und deinen Kopf salvieren!" + +„Schiene Euch das so uneben und unnatürlich?" + +„Du betrügst mich am Ende und belügst mich, wie ein Schelm!" + +„Dies ist auch möglich!" sagte Spiegel. + +„Ich sage dir: Betrüge mich nicht!" rief Pineiß gebieterisch. + +„Gut, so betrüge ich Euch nicht!" sagte Spiegel. + +„Wenn du's tust!" + +„So tu' ich's." + +„Quäle mich nicht, Spiegelchen!" sprach Pineiß beinahe weinerlich, und +Spiegel erwiderte jetzt ernsthaft: „Ihr seid ein wunderbarer Mensch, +Herr Pineiß! Da haltet Ihr mich an einer Schnur gefangen und zerrt +daran, daß mir der Atem vergeht! Ihr lasset das Schwert des Todes über +mir schweben seit länger als zwei Stunden, was sag' ich! seit einem +halben Jahre! und nun sprecht Ihr: Quäle mich nicht, Spiegelchen! + +Wenn Ihr erlaubt, so sage ich Euch in Kürze: Es kann mir nur lieb +sein, jene Liebespflicht gegen die Tote doch noch zu erfüllen und für +das bewußte Frauenzimmer einen tauglichen Mann zu finden, und Ihr +scheint mir allerdings in aller Hinsicht zu genügen; es ist keine +Leichtigkeit, ein Weibstück wohl unterzubringen, so sehr dies auch +scheint, und ich sage noch einmal: ich bin froh, daß Ihr Euch hierzu +bereitfinden lasset! Aber umsonst ist der Tod! Eh' ich ein Wort weiter +spreche, einen Schritt tue, ja eh' ich nur den Mund noch einmal +aufmache, will ich erst meine Freiheit wieder haben und mein Leben +versichert! Daher nehmt diese Schnur weg und legt den Kontrakt hier +auf den Brunnen, hier auf diesen Stein, oder schneidet mir den Kopf +ab, eins von beiden!" + +„Ei du Tollhäusler und Obenhinaus!" sagte Pineiß, „du Hitzkopf, so +streng wird es nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein +und muß jedenfalls ein neuer Vertrag geschlossen werden!" Spiegel gab +keine Antwort mehr und saß unbeweglich da, ein, zwei und drei Minuten. +Da ward dem Meister bänglich, er zog seine Brieftasche hervor, klaubte +seufzend den Schein heraus, las ihn noch einmal durch und legte ihn +dann zögernd vor Spiegel hin. Kaum lag das Papier dort, so schnappte +es Spiegel auf und verschlang es; und obgleich er heftig daran zu +würgen hatte, so dünkte es ihn doch die beste und gedeihlichste Speise +zu sein, die er je genossen, und er hoffte, daß sie ihm noch auf lange +wohlbekommen und ihn rundlich und munter machen würde. Als er mit der +angenehmen Mahlzeit fertig war, begrüßte er den Hexenmeister höflich +und sagte: „Ihr werdet unfehlbar von mir hören, Herr Pineiß, und Weib +und Geld sollen Euch nicht entgehen. Dagegen macht Euch bereit, recht +verliebt zu sein, damit Ihr jene Bedingungen einer unverbrüchlichen +Hingebung an die Liebkosungen Eurer Frau, die schon sogut wie Euer +ist, ja beschwören und erfüllen könnt! Und hiermit bedanke ich mich +des vorläufigen für genossene Pflege und Beköstigung und beurlaube +mich." + +Somit ging Spiegel seines Weges und freute sich über die Dummheit des +Hexenmeisters, welcher glaubte, sich selbst und alle Welt betrügen zu +können, indem er ja die gehoffte Braut nicht uneigennützig, aus bloßer +Liebe zur Schönheit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit den +zehntausend Goldgulden vorher wußte. Indessen hatte er schon eine +Person im Auge, welche er dem törichten Hexenmeister aufzuhalsen +gedachte für seine gebratenen Krammetsvögel, Mäuse und Würstchen. + +Dem Hause des Herrn Pineiß gegenüber war ein anderes Haus, dessen +vordere Seite auf das sauberste geweißt war und dessen Fenster immer +frisch gewaschen glänzten. Die bescheidenen Fenstervorhänge waren +immer schneeweiß und wie soeben geplättet, und ebenso weiß war der +Habit und das Kopf- und Halstuch einer alten Beghine, welche in dem +Hause wohnte, also daß ihr nonnenartiger Kopfputz, der ihre Brust +bekleidete, immer wie aus Schreibpapier gefaltet aussah, so daß man +gleich darauf hätte schreiben mögen; das hätte man wenigstens auf der +Brust bequem tun können, da sie so eben und so hart war wie ein Brett. +So scharf die weißen Kanten und Ecken ihrer Kleidung, so scharf war +auch die lange Nase und das Kinn der Beghine, ihre Zunge und der böse +Blick ihrer Augen; doch sprach sie nur wenig mit der Zunge und blickte +wenig mit den Augen, da sie die Verschwendung nicht liebte und alles +nur zur rechten Zeit und mit Bedacht verwendete. Alle Tage ging sie +dreimal in die Kirche, und wenn sie in ihrem frischen, weißen und +knitternden Zeuge und mit ihrer weißen spitzigen Nase über die Straße +ging, liefen die Kinder furchtsam davon, und selbst erwachsene Leute +traten gern hinter die Haustüre, wenn es noch Zeit war. Sie stand aber +wegen ihrer strengen Frömmigkeit und Eingezogenheit in großem Rufe und +besonders bei der Geistlichkeit in hohem Ansehen, aber selbst die +Pfaffen verkehrten lieber schriftlich mit ihr als mündlich, und wenn +sie beichtete, so schoß der Pfarrer jedesmal so schweißtriefend aus +dem Beichtstuhl heraus, als ob er aus einem Backofen käme. So lebte +die fromme Beghine, die keinen Spaß verstand, in tiefem Frieden und +blieb ungeschoren. Sie machte sich auch mit niemand zu schaffen und +ließ die Leute gehen, vorausgesetzt, daß sie ihr aus dem Wege gingen; +nur auf ihren Nachbar Pineiß schien sie einen besonderen Haß geworfen +zu haben; denn so oft er sich an seinem Fenster blicken ließ, warf sie +ihm einen bösen Blick hinüber und zog augenblicklich ihre weißen +Vorhänge vor, und Pineiß fürchtete sie wie das Feuer, und wagte nur +zuhinterst in seinem Hause, wenn alles gut verschlossen war, etwa +einen Witz über sie zu machen. So weiß und hell aber das Haus der +Beghine nach der Straße zu aussah, so schwarz und räucherig, +unheimlich und seltsam sah es von hinten aus, wo es jedoch fast gar +nicht gesehen werden konnte, als von den Vögeln des Himmels und den +Katzen auf den Dächern, weil es in eine dunkle Winkelei von +himmelhohen Brandmauern ohne Fenster hineingebaut war, wo nirgends ein +menschliches Gesicht sich sehen ließ. Unter dem Dache dort hingen alte +zerrissene Unterröcke, Körbe und Kräutersäcke, auf dem Dache wuchsen +ordentliche Eibenbäumchen und Dornsträucher, und ein großer rußiger +Schornstein ragte unheimlich in die Luft. Aus diesem Schornstein aber +fuhr in der dunklen Nacht nicht selten eine Hexe auf ihrem Besen in +die Höhe, jung und schön und splitternackt, wie Gott die Weiber +geschaffen und der Teufel sie gern sieht. Wenn sie aus dem Schornstein +fuhr, so schnupperte sie mit dem feinsten Näschen und mit lächelnden +Kirschenlippen in der frischen Nachtluft und fuhr in dem weißen +Scheine ihres Leibes dahin, indes ihr langes rabenschwarzes Haar wie +eine Nachtfahne hinter ihr herflatterte. In einem Loch am Schornstein +saß ein alter Eulenvogel, und zu diesem begab sich jetzt der befreite +Spiegel, eine fette Maus im Maule, die er unterwegs gefangen. + +„Wünsch' guten Abend, liebe Frau Eule! Eifrig auf der Wacht?" sagte +er, und die Eule erwiderte: „Muß wohl! Wünsch' gleichfalls guten +Abend! Ihr habt Euch lange nicht sehen lassen, Herr Spiegel!" + +„Hat seine Gründe gehabt, werde Euch das erzählen. Hier habe ich Euch +ein Mäuschen gebracht, schlecht und recht, wie es die Jahreszeit gibt, +wenn Ihr's nicht verschmähen wollt! Ist die Meisterin ausgeritten?" + +„Noch nicht, sie will erst gegen Morgen auf ein Stündchen hinaus. Habt +Dank für die schöne Maus! Seid doch immer der höfliche Spiegel! Habe +hier einen schlechten Sperling zur Seite gelegt, der mir heut zu nahe +flog; wenn Euch beliebt, so kostet den Vogel! Und wie ist es Euch denn +ergangen?" + +„Fast wunderlich," erwiderte Spiegel, „sie wollten mir an den Kragen. +Hört, wenn es Euch gefällig ist." Während sie nun vergnüglich ihr +Abendessen einnahmen, erzählte Spiegel der aufmerksamen Eule alles, +was ihn betroffen und wie er sich aus den Händen des Herrn Pineiß +befreit habe. Die Eule sagte: „Da wünsch' ich tausendmal Glück, nun +seid Ihr wieder ein gemachter Mann, und könnt gehen, wo Ihr wollt, +nachdem Ihr mancherlei erfahren!" + +„Damit sind wir noch nicht zu Ende," sagte Spiegel, „der Mann muß +seine Frau und seine Goldgulden haben!" + +„Seid Ihr von Sinnen, dem Schelm noch wohlzutun, der Euch das Fell +abziehen wollte?" + +„Ei, er hat es doch rechtlich und vertragsmäßig tun können, und da ich +ihn in gleicher Münze wieder bedienen kann, warum sollt' ich es +unterlassen? Wer sagt denn, daß ich ihm wohltun will? Jene Erzählung +war eine reine Erfindung von mir, meine in Gott ruhende Meisterin war +eine simple Person, welche in ihrem Leben nie verliebt, noch von +Anbetern umringt war, und jener Schatz ist ein ungerechtes Gut, das +sie einst ererbt und in den Brunnen geworfen hat, damit sie kein +Unglück daran erlebe. ‚Verflucht sei, wer es da herausnimmt und +verbraucht,' sagte sie. Es macht sich also in Betreff des Wohltuns!" + +„Dann ist die Sache freilich anders! Aber nun, wo wollt Ihr die +entsprechende Frau hernehmen?" „Hier aus diesem Schornstein! Deshalb +bin ich gekommen, um ein vernünftiges Wort mit Euch zu reden! Möchtet +Ihr denn nicht einmal wieder freiwerden aus den Banden dieser Hexe? +Sinnt nach, wie wir sie fangen und mit dem alten Bösewicht +verheiraten!" + +„Spiegel, Ihr braucht Euch nur zu nähern, so weckt Ihr mir +ersprießliche Gedanken." + +„Das wußt' ich wohl, daß Ihr klug seid! Ich habe das Meinige getan und +es ist besser, daß Ihr auch Euren Senf dazugebt und neue Kräfte +vorspannt, so kann es gewiß nicht fehlen!" + +„Da alle Dinge so schön zusammentreffen, so brauche ich nicht lang zu +sinnen, mein Plan ist längst gemacht!" „Wie fangen wir sie?" „Mit +einem neuen Schnepfengarn aus guten starken Hanfschnüren; geflochten +muß es sein von einem zwanzigjährigen Jägerssohn, der noch kein Weib +angesehen hat, und es muß schon dreimal der Nachttau daraufgefallen +sein, ohne daß sich eine Schnepfe gefangen; der Grund aber hiervon muß +dreimal eine gute Handlung sein. Ein solches Netz ist stark genug, die +Hexe zu fangen." + +„Nun bin ich neugierig, wo Ihr ein solches hernehmt," sagte Spiegel, +„denn ich weiß, daß Ihr keine vergeblichen Worte schwatzt!" + +„Es ist auch schon gefunden, wie für uns gemacht; in einem Walde nicht +weit von hier sitzt ein zwanzigjähriger Jägerssohn, welcher noch kein +Weib angesehen hat; denn er ist blindgeboren. Deswegen ist er auch zu +nichts zu gebrauchen, als zum Garnflechten und hat vor einigen Tagen +ein neues, sehr schönes Schnepfengarn zustande gebracht. Aber als der +alte Jäger es zum ersten Male ausspannen wollte, kam ein Weib daher, +welches ihn zur Sünde verlocken wollte; es war aber so häßlich, daß +der alte Mann voll Schreckens davonlief und das Garn am Boden +liegenließ. Darum ist ein Tau darauf gefallen, ohne daß sich eine +Schnepfe fing, und war also eine gute Handlung daran schuld. Als er +des andern Tages hinging, um das Garn abermals auszuspannen, kam eben +ein Reiter daher, welcher einen schweren Mantelsack hinter sich hatte; +in diesem war ein Loch, aus welchem von Zeit zu Zeit ein Goldstück auf +die Erde fiel. Da ließ der Jäger das Garn abermals fallen und lief +eifrig hinter dem Reiter her und sammelte die Goldstücke in seinen +Hut, bis der Reiter sich umkehrte, es sah und voll Grimm seine Lanze +auf ihn richtete. Da bückte der Jäger sich erschrocken, reichte ihm +den Hut dar und sagte: ‚Erlaubt, gnädiger Herr, Ihr habt hier viel +Gold verloren, das ich Euch sorgfältig aufgelesen!' Dies war wiederum +eine gute Handlung, indem das ehrliche Finden eine der schwierigsten +und besten ist; er war aber so weit von dem Schnepfengarn entfernt, +daß er es die zweite Nacht im Walde liegenließ und den nähern Weg nach +Hause ging. Am dritten Tage endlich, nämlich gestern, als er eben +wieder auf dem Wege war, traf er eine hübsche Gevattersfrau an, die +dem Alten um den Bart zu gehen pflegte und der er schon manches +Häslein geschenkt hat. Darüber vergaß er die Schnepfen gänzlich und +sagte am Morgen: ‚Ich habe den armen Schnepflein das Leben geschenkt; +auch gegen Tiere muß man barmherzig sein!' Und um dieser drei guten +Handlungen willen fand er, daß er jetzt zu gut sei für diese Welt, und +ist heute Vormittag beizeiten in ein Kloster gegangen. So liegt das +Garn noch ungebraucht im Walde und ich darf es nur holen." „Holt es +geschwind!" sagte Spiegel, „es wird gut sein zu unserm Zweck!" „Ich +will es holen," sagte die Eule, „ steht nur solang Wache für mich in +diesem Loch, und wenn etwa die Meisterin den Schornstein hinaufrufen +sollte, ob die Luft rein sei? so antwortet, indem Ihr meine Stimme +nachahmt: ‚Nein, es stinkt noch nicht in der Fechtschul'!'" Spiegel +stellte sich in die Nische, und die Eule flog still über die Stadt weg +nach dem Wald. Bald kam sie mit dem Schnepfengarn zurück und fragte: +„Hat sie schon gerufen?" „Noch nicht!" sagte Spiegel. + +Da spannten sie das Garn aus über den Schornstein und setzten sich +daneben still und klug: die Luft war dunkel, und es ging ein leichtes +Morgenwindchen, in welchem ein paar Sternbilder flackerten. „Ihr sollt +sehen," flüsterte die Eule, „wie geschickt die durch den Schornstein +heraufzusäuseln versteht, ohne sich die blanken Schultern schwarz zu +machen!" „Ich hab' sie noch nie so nah gesehen," erwiderte Spiegel +leise, „wenn sie uns nur nicht zu fassen kriegt!" Da rief die Hexe von +unten: „Ist die Luft rein?" Die Eule rief: „Ganz rein, es stinkt +herrlich in der Fechtschul'!" und alsobald kam die Hexe heraufgefahren +und wurde in dem Garne gefangen, welches die Katze und die Eule +eiligst zusammenzogen und verbanden. „Haltet fest!" sagte Spiegel, und +„Binde gut!" die Eule. Die Hexe zappelte und tobte mäuschenstill, wie +ein Fisch im Netz; aber es half ihr nichts und das Garn bewährte sich +auf das beste. Nur der Stiel ihres Besens ragte durch die Maschen. +Spiegel wollte ihn sachte herausziehen, erhielt aber einen solchen +Nasenstüber, daß er beinahe in Ohnmacht fiel und einsah, wie man auch +einer Löwin im Netz nicht zu nahe kommen dürfe. Endlich hielt die Hexe +still und sagte: „Was wollt ihr denn von mir, ihr wunderlichen Tiere?" +„Ihr sollt mich aus Eurem Dienste entlassen und meine Freiheit +zurückgeben!" sagte die Eule. „So viel Geschrei und wenig Wolle!" +sagte die Hexe, „du bist frei, mach' dies Garn auf!" „Noch nicht!" +sagte Spiegel, der immer noch seine Nase rieb, „Ihr müßt Euch +verpflichten, den Stadthexenmeister Pineiß, Euren Nachbar, zu heiraten +auf die Weise, wie wir euch sagen werden, und ihn nicht mehr zu +verlassen!" Da fing die Hexe wieder an zu zappeln und zu prusten wie +der Teufel, und die Eule sagte: „Sie will nicht dran!" Spiegel aber +sagte: „Wenn Ihr nicht ruhig seid, und alles tut, was wir wünschen, so +hängen wir das Garn samt seinem Inhalte da vorn an den Drachenkopf der +Dachtraufe, nach der Straße zu, daß man Euch morgen sieht und die Hexe +erkennt! Sagt also: Wollt Ihr lieber unter dem Vorsitze des Herrn +Pineiß gebraten werden, oder ihn braten, indem Ihr ihn heiratet?" + +Da sagte die Hexe mit einem Seufzer: „So sprecht, wie meint Ihr die +Sache?" Und Spiegel setzte ihr alles zierlich auseinander, wie es +gemeint sei und was sie zu tun hätte. „Das ist allenfalls noch +auszuhalten, wenn es nicht anders sein kann!" sagte sie und ergab sich +unter den stärksten Formeln, die eine Hexe binden können. Da taten die +Tiere das Gefängnis auf und ließen sie heraus. Sie bestieg sogleich +den Besen, die Eule setzte sich hinter sie auf den Stiel und Spiegel +zuhinderst auf das Reisigbündel und hielt sich da fest, und so ritten +sie nach dem Brunnen, in welchen die Hexe hinabfuhr, um den Schatz +heraufzuholen. + +Am Morgen erschien Spiegel bei Herrn Pineiß und meldete ihm, daß er +die bewußte Person angehen und freien könne; sie sei aber allbereits +so arm geworden, daß sie, gänzlich verlassen und verstoßen, vor dem +Tore unter einem Baum sitze und bitterlich weine. Sogleich kleidete +sich Herr Pineiß in sein abgeschabtes gelbes Sammetwämschen, das er +nur bei feierlichen Gelegenheiten trug, setzte die bessere Pudelmütze +auf und umgürtete sich mit seinem Degen; in die Hand nahm er einen +alten grünen Handschuh, ein Balsamfläschchen, worin einst Balsam +gewesen und das noch ein bißchen roch, und eine papierne Nelke, worauf +er mit Spiegel vor das Tor ging, um zu freien. Dort traf er ein +weinendes Frauenzimmer sitzend unter einem Weidenbaum, von so großer +Schönheit, wie er noch nie gesehen; aber ihr Gewand war so dürftig und +zerrissen, daß, sie mochte sich auch schamhaft gebärden wie sie +wollte, immer da oder dort der schneeweiße Leib ein bißchen +durchschimmerte. Pineiß riß die Augen auf und konnte vor heftigem +Entzücken kaum seine Bewerbung vorbringen. Da trocknete die Schöne +ihre Tränen, gab ihm mit süßem Lächeln die Hand, dankte ihm mit einer +himmlischen Glockenstimme für seine Großmut und schwur, ihm ewig treu +zu sein. Aber im selben Augenblicke erfüllte ihn eine solche +Eifersucht und Neideswut auf seine Braut, daß er beschloß, sie vor +keinem menschlichen Auge jemals sehen zu lassen. Er ließ sich bei +einem uralten Einsiedler mit ihr trauen und feierte das Hochzeitsmahl +in seinem Hause, ohne andere Gäste, als Spiegel und die Eule, welche +ersterer mitzubringen sich die Erlaubnis erbeten hatte. Die +zehntausend Goldgulden standen in einer Schüssel auf dem Tisch, und +Pineiß griff zuweilen hinein und wühlte in dem Golde; dann sah er +wieder die schöne Frau an, welche in einem meerblauen Sammetkleide +dasaß, das Haar mit einem goldenen Netze umflochten und mit Blumen +geschmückt, und den weißen Hals mit Perlen umgeben. Er wollte sie +fortwährend küssen, aber sie wußte verschämt und züchtig ihn +abzuhalten, mit einem verführerischen Lächeln, und schwur, daß sie +dieses vor Zeugen und vor Anbruch der Nacht nicht tun würde. Dies +machte ihn nur noch verliebter und glückseliger, und Spiegel würzte +das Mahl mit lieblichen Gesprächen, welche die schöne Frau mit den +angenehmsten, witzigsten und einschmeichelndsten Worten fortführte, so +daß der Hexenmeister nicht wußte, wie ihm geschah vor Zufriedenheit. +Als es aber dunkel geworden, beurlaubten sich die Eule und die Katze +und entfernten sich bescheiden; Herr Pineiß begleitete sie bis unter +die Haustüre mit einem Lichte und dankte dem Spiegel nochmals, indem +er ihn einen trefflichen und höflichen Mann nannte, und als er in die +Stube zurückkehrte, saß die alte weiße Beghine, seine Nachbarin, am +Tisch und sah ihn mit einem bösen Blick an. Entsetzt ließ Pineiß den +Leuchter fallen und lehnte sich zitternd an die Wand. Er hing die +Zunge heraus, und sein Gesicht war so fahl und spitzig geworden, wie +das der Beghine. Diese aber stand auf, näherte sich ihm und trieb ihn +vor sich her in die Hochzeitskammer, wo sie mit höllischen Künsten ihn +auf eine Folter spannte, wie noch kein Sterblicher erlebt. So war er +nun mit der Alten unauflöslich verehelicht, und in der Stadt hieß es, +als es ruchbar würde: Ei seht, wie stille Wasser tief sind! Wer hätte +gedacht, daß die fromme Beghine und der Herr Stadthexenmeister sich +noch verheiraten würden! Nun, es ist ein ehrbares und rechtliches +Paar, wenn auch nicht sehr liebenswürdig! + +Herr Pineiß aber führte von nun an ein erbärmliches Leben; seine +Gattin hatte sich sogleich in den Besitz aller seiner Geheimnisse +gesetzt und beherrschte ihn vollständig. Es war ihm nicht die +geringste Freiheit und Erholung gestattet, er mußte hexen vom Morgen +bis zum Abend, was das Zeug halten wollte, und wenn Spiegel +vorüberging und es sah, sagte er freundlich: „Immer fleißig, fleißig, +Herr Pineiß?" + +Seit dieser Zeit sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer +abgekauft! besonders wenn einer eine böse und widerwärtige Frau +erhandelt hat. + +* * * * * + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE LEUTE VON SELDWYLA, VOL. 1 *** + +This file should be named 6696-8.txt or 6696-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". 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