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Zehnte Auflage. - -Author: Emil Marriot - -Release Date: December 17, 2021 [eBook #66959] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net (This book was produced from images made - available by the HathiTrust Digital Library.) - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEISTLICHE TOD *** - - - - - Der geistliche Tod - - - Roman - - von - - Emil Marriot - - - Zehnte Auflage - - Berlin - - G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung - - 1907 - - - - - [Illustration] - - Übersetzungsrecht und alle anderen Rechte vorbehalten. - - Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. - - - - -Der geistliche Tod - - - - -Erstes Kapitel - - -Abend war es, ein schöner, warmer Sommerabend. Über den Feldpfad, der vom -Bahnhof in das Dorf führte, schritt ein junger Mann. Ein großer schwarzer -Neufundländer folgte ihm auf dem Fuße. Der Ankömmling stand still, -entblößte das Haupt und strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Dabei -tat er einen tiefen Atemzug und ließ den Blick über das vor ihm liegende -Dorf schweifen ... Das also war seine neue Heimat! - -Still und friedlich lag der Ort da, die Kirchtürme ragten zwischen den -Häusern hervor und rings umher erhoben sich grüne Hügel und felsige -oder bewaldete Berge. Die Glocken läuteten zum Abendgebet; in den Wiesen -zirpten Grillen, aus den Laubwerken leuchteten Johanniskäfer auf und -am Himmel zeigten sich die ersten Sterne. Das war seine neue Heimat! Ein -Gefühl der Rührung, der Bangigkeit, fast der Liebe durchzog seine Brust; -er wollte sich hier recht glücklich fühlen, sich recht innig schließen -an diese schöne Natur und auch an die Menschen, falls sie sich dessen wert -zeigen sollten. Von diesen Gedanken beseelt, setzte er seinen Weg fort; der -Hund ging dicht hinter ihm. - -Sie kamen bei den ersten Häusern an. Meistens waren es einstöckige -Häuser mit weiß getünchten Wänden und Schindeldächern, grün oder gelb -angestrichenen Jalousien und Haustoren; viele hatten an der Gassenfronte -einen Balkon und neben manchen lag Holz aufgespeichert; an einigen rankten -sich wilder Wein und Efeu empor und auf den Veranden standen Blumentöpfe. -Der Wanderer erreichte den Hauptplatz; in der Mitte des Platzes stand eine -Säule und auf derselben ein heiliger Florian, der einen Kübel Wasser -über ein brennendes Häuslein ausgoß. An den Häusern, in allen Ecken -waren Heiligenbilder oder Heiligenstatuen angebracht; kein Wunder: lag doch -das Dorf St. Jakob im Norden des glaubensstarken Landes Tirol. - -Die Dorfbewohner schliefen schon oder saßen in den Wirtshäusern. - -Ohne jemandem zu begegnen, langten Herr und Hund bei der Kirche an, und -diese war das Ziel ihrer Wanderung; neben der Kirche stand der Pfarrhof, -und dorthin gehörte der Ankömmling von dieser Stunde an. - -Den Plan, auf dem die Kirche und rechts davon der Pfarrhof standen, -friedete ein schwarzes Gitter ein. Die beiden Gebäude waren höher -gelegen als die übrigen Häuser und ragten einsam hervor, gleichsam, -um anzuzeigen, daß sie einen höheren, von den Alltagsinteressen der -Dorfbewohner streng geschiedenen Zweck zu erfüllen hätten. Die Kirche -machte, wie alle Dorfkirchen, einen friedlichen Eindruck; der große, kahle -Pfarrhof hingegen sah düster wie eine Kaserne aus. - -Der Fremde schritt auf das Haus zu und zog an der Glocke. Sogleich erscholl -drinnen heiseres Gebell, dann ertönten Schritte, begütigende Zurufe -wurden laut, die Tür ging auf und eine junge Bauerndirne, die einen -knurrenden Hofhund am Halsband festhielt, zeigte sich auf der Schwelle. - -»Grüasch Gott, Hochwürden,« sagte das Mädchen treuherzig. »Die Hand -kann ich dem Herrn nicht geben, weil ich das Hundsvieh halten muß. Aber -der Burschel tut nichts, er tut nur im Anfang so wüst. Wollen der Herr -nicht vorausspazieren? Seine Zimmer sind in der feinsten Ordnung. Wir haben -alles recht nett herg'richt.« - -Derjenige, den sie »Hochwürden« genannt hatte und dessen glattrasiertes -Gesicht, Collare und schwarze Kleidung den katholischen Priester zur -Genüge kennzeichneten, trat, den eigenen Hund am Halsband führend, in das -Haus. - -»Bleib' draußen -- Du!« sagte das Mädchen zu Burschel, drängte ihn ins -Freie hinaus und schloß das Tor hinter ihm ab. Der Hund ließ ein zorniges -Gebell erschallen. - -Das Mädchen führte den Fremden zwei Holztreppen hoch bis vor eine Tür. - -»Da wären wir!« sagte sie, die Tür öffnend und machte Licht, und -er konnte nun die Stube in Augenschein nehmen. Sauber war sie, blank -gescheuert, und an den Fenstern hingen blütenweiße Gardinen. Die -Einrichtung war freilich in hohem Grade einfach und bestand durchweg -aus Holz; die Wände schmückten oder, richtiger gesagt, verunzierten -fratzenhafte Heiligenbilder aller Art und an der Tür hing ein kleiner -Weihwasserkessel. - -»Gefallt's dem Herrn?« fragte das Mädchen. - -»Sehr gut,« antwortete er und überlegte im Geiste, wohin er seinen -Bücherschrank, sein Klavier und mehrere andere Gegenstände, die -demnächst eintreffen würden, stellen sollte; und die Heiligenbilder -wollte er entfernen lassen, ... diesen Entschluß faßte er sogleich. - -»Und nebenan ist die Schlafstube,« sagte das Mädchen. - -»Schön; und nun eine wichtige Frage: kann ich etwas zu essen bekommen?« - -»O ja. Der gnädige Herr hat wohl schon zu Nacht 'gessen, aber es wird -schon noch was da sein. Freilich, der Herr werden hungrig sein nach der -langen Fahrt, und i will gleich in die Küch' laufen und was bringen.« - -Sie entfernte sich, der Priester ergriff das Licht und begab sich in die -Stube nebenan. Auch diese war sehr sauber und hatte weiße Mullgardinen an -den Fenstern. Im übrigen aber machte sie einen fast traurigen Eindruck. In -der Nähe des Bettes stand ein Betschemel und über diesem erhob sich ein -hölzerner Christus am Kreuze, dessen unverhältnismäßig großes -Haupt wie ein Wasserkopf aussah. Über dem Bette selbst war das Bild der -schmerzhaften Mutter Gottes angebracht; ihr Herz war sichtbar -- sie wies -mit der Hand darauf -- und dieses Herz durchdrang ein Schwert. Auch in -dieser Stube befand sich ein Weihwasserkessel und an den Wänden hingen -oder klebten Heiligenbilder; an einer der Wände waren mittels einer Kohle -die Worte: =Memento mori!= aufgezeichnet, und auf dem Nachttisch stand -unter einem gläsernen Sturz ein kleines eisernes Kreuz, zu dessen Fuß ein -Totenschädel und kreuzweise übereinander gelegte Gebeine ruhten. - -Der Priester sah das alles aufmerksam an und legte sodann Handtasche und -Überzieher auf das Bett. - -»Asketisch, sehr asketisch sind diese Zimmer eingerichtet,« dachte er. -»Nicht _ein_ weicher Stuhl, kein Teppich, und statt des Sofas eine Bank -aus Holz. Sind wir denn Mönche?« - -Er ging zum Waschtisch hin und wusch sich den Reisestaub vom Gesicht und -den Händen, holte aus seiner Reisetasche einen Kamm, eine Bürste und -einen kleinen Spiegel -- einen solchen gab es hier nicht --, kämmte -sein Haar und strich mit der Bürste seine verstaubten, vom langen Fahren -zerdrückten Kleider rein und glatt. Als er damit fertig war, trat er zum -Fenster hin, öffnete es und lehnte sich hinaus. Das Fenster hatte die -Aussicht auf den Garten, der zum Pfarrhof gehörte; die Bäume und Blumen -strömten einen balsamischen Duft aus. Im Hintergrunde zeigten sich die -Umrisse hoher Berge; auf dem Gipfel des erhabensten leuchtete ewiger -Schnee. Der Hund war dem Herrn nachgeschlichen, richtete sich empor -und legte die schweren Vorderpfoten auf das Fensterbrett. Mit einem -Arm umschlang der Priester den Hals des mächtigen Tieres, drückte den -zottigen Kopf an die Brust, und Herr und Hund schauten in die Nacht hinaus. - -»Cäsar!« sagte der Geistliche endlich und noch einmal leise und bewegt: -»Cäsar!« und verbarg das Gesicht in dem weichen Halsfell des Tieres. -»Ich habe jetzt niemanden als Dich, und Du hast niemanden als mich ... Wir -wollen treu zueinander halten, gelt, alter Kerl?« - -Der Hund wedelte, drehte den Kopf zur Seite und leckte seinem Herrn die -Hand. »Verstehe schon!« schienen seine treuherzigen Tieraugen zu sagen. - -»Und wenn Dein Herr in Träumereien versinkt,« sprach der Priester -weiter, »dann zupfe ihn am Rock oder belle oder treibe sonst irgendeinen -Unsinn. Du weißt, daß Dein Herr nicht träumen soll. Hast Du mich -verstanden?« - -Schwerlich. Aber er gab sich den Anschein danach, schaute seinen Herrn mit -kluger Miene an, glitt vom Fenster herab und stand, mit den Hinterpfoten am -Boden scharrend, erwartungsvoll da. Dann spitzte er die Ohren und lief zur -Tür hin. Die Magd war mit Speise und Trank eingetroffen und deckte den -Tisch. In der Tür lehnend, sah der Geistliche ihrem Treiben zu und fragte -nach einer Weile: »Kann ich dem Herrn Dekan heute noch meine Aufwartung -machen?« - -»Heut' wird's wohl nimmer recht angehen ... Der gnädige Herr sein schon -im Schlafzimmer.« - -»Wann und wo wird gefrühstückt?« - -»Um halb acht, ... wann halt die Messen g'lesen sein. Das Speiszimmer -ist drunten im ersten Stock. Da werd'ns a junge G'sellschaft finden: die -gnädige Fräul'n und den Herrn Pater.« - -»Wer sind diese?« - -»Die Fräul'n ist eine Nichte vom gnädigen Herrn, ... sie ist aus Wien -und bleibt übern Sommer hier, ... wegen der Luft, hab' i g'hört, ... und -der Herr Pater ist ein Herr Franziskaner, der zur Aushilf' kommen is ... -Es gibt halt so grausam viel zu tun in der Kirchen und da haben's die -geistlichen Herren halt nimmer richten können, und deswegen ist der Pater -hier.« - -»Ein noch junger Mann?« - -»O blutjung! Und so schüchtern! In einem fort wird er rot, und völlig -net anz'schauen traut er sich die Weibsleut' ...« Sie lachte in sich -hinein. »Aber a guader[1] Mensch is er, oa herzensguader ... Ich mag ihn -schon leiden. Brauchen Hochwürden noch was oder kann ich gehen?« fragte -sie abbrechend. - -Nur noch eine Schüssel für den Hund, damit er ihn trinken lassen könne. -Sie brachte auch die Schüssel. - -»Wann's 'gessen haben, gangen's[2] nur ruhig schlafen,« sagte sie. »Ich -werd' schon nachher kimma und die Sachen da hinaustragen. Jetzt wünsch' -ich guaden Appetit und oa guade Nacht.« - -»Noch einen Augenblick, mein Kind,« sagte der Priester, sie -zurückhaltend. »Wie heißen Sie denn?« - -»Uschei[3], Hochwürden,« antwortete sie mit einem Knicks. - -»Also, Uschei,« sprach er weiter, »hören Sie mich. Morgen mit dem -Frühzug wird mein Gepäck ankommen. Tragen Sie Sorge dafür, daß es -mir sogleich ins Haus geschafft werde, denn ich möchte mich sobald wie -möglich heimisch hier fühlen, und ohne meine Bücher und mein Klavier -geht es nicht.« - -»Ja, ich werd's den Knechten sagen. Gnade Ruh', Hochwürden.« - -»Noa! unser neuer Herr Kop'ratter is oa liaber Mensch!« sagte sie unten -in der Gesindestube. »So freundlich und fein, und Klavierspiel'n tuat er -a ... Da wird's dächt'[4] a bissel lustiger bei ins[5] werden.« - - * * * * * - -Während diese kleine Szene im zweiten Stockwerk des Pfarrhofes sich -abspielte, saß der Dekan von St. Jakob im Arbeitszimmer vor dem großen -Pulte und beschäftigte sich mit dem Lesen von Briefen. Drei Briefe waren -es, die er langsam nacheinander entfaltete, aufmerksam studierte und dann -wieder zusammenlegte. Er hatte die Briefe erst kürzlich erhalten und ihr -Inhalt mußte für ihn von hohem Interesse sein: denn kaum daß er sie zu -Ende gelesen hatte, nahm er abermals den ersten zur Hand und begann ihn -neuerdings zu lesen. Er war von einer zitternden Greisenhand geschrieben -und enthielt Folgendes: - -»In Erwiderung auf Ihr geehrtes Schreiben vom 15. Juni 18--, -hochverehrter, hochwürdiger Herr Dekan, erlaube ich mir, Ihnen -nachstehende Mitteilungen zu machen. Der junge Mann, über den Sie sich bei -mir zu erkundigen beliebten, wurde meiner Pfarre vor sechs Jahren zugeteilt -und brachte beinahe zwei Jahre in meinem Hause zu. Er hatte damals erst -vor wenigen Tagen die Weihen empfangen und war in der praktischen -Seelsorge noch gänzlich unbewandert; ich bin mir bewußt, ihm freundlich -entgegengekommen zu sein und mir alle Mühe gegeben zu haben, ihm, wo -und wie immer ich nur konnte, hilfreich an die Hand zu gehen. Der junge -Koadjutor blieb mir jedoch, obschon er äußerlich zuvorkommend und fügsam -war, innerlich ein Fremder und erfüllte auch seine Berufspflichten nicht -mit jenem Eifer und jener Hingebung, die von einem Priester erwartet und -gefordert werden dürfen. Ebenso machte ich bald die Wahrnehmung, daß -er mit allen Leuten lieber verkehrte als mit mir und in Gesellschaft -von Bauern sehr aufgeräumt sein konnte, während er im Pfarrhof stets -schweigsam und verschlossen war. Indessen will ich dem jungen Manne nicht -schaden, und es sollte mich freuen, wenn nichts anderes als das noch -Ungewohnte seines Berufes und der große Unterschied der Jahre, der -zwischen ihm und mir bestand, es gewesen wären, die ein vertrauliches -Zusammenleben und Wirken nicht recht aufkommen ließen. Seinen Sitten -kann ich nichts Ungünstiges nachsagen und ebenso muß ich mich gegen die -Vermutung, daß _ich_ es gewesen wäre, der auf seine Versetzung von meinem -Pfarrhof in einen anderen gedrungen hätte, entschieden verwahren. Ich -bin mit dem jungen Manne stets leidlich gut ausgekommen und sah ihn sogar -ziemlich ungern scheiden, weil ich mich an ihn gewöhnt hatte. Die Ursache -seiner Versetzung war keine andere, als daß ein Kooperator plötzlich -starb, dessen Stelle sofort besetzt werden mußte. Zum Lobe meines -ehemaligen Koadjutors will ich noch hinzufügen, daß er sich am Orte -großer Beliebtheit erfreute und sein Scheiden allgemeines Bedauern -hervorrief. Indem ich Sie bitte, hochverehrter und hochwürdiger Herr -Dekan, von dieser vertraulichen Mitteilung keinerlei Gebrauch zu machen -und Ihrem neuen Mitarbeiter mit unbefangenem Wohlwollen entgegenzukommen, -zeichne ich« usw. - -Der Dekan legte den Brief auf das Pult und griff nach dem zweiten -Schreiben. - -»Hochgeehrter Herr Dekan!« hieß es darin. »Zu meinem Bedauern sehe ich -mich gezwungen, Ihnen auf die von mir verlangte Auskunft über die Konduite -des Herrn Kooperators H-- eine ungünstige Antwort zu geben. Drei Jahre -lang habe ich mich mit diesem Herrn geplagt und geärgert, und ich danke -heute unserem Herrgott, daß es meinen wiederholten Bitten um seine -Versetzung endlich gelungen ist, ihn mir vom Halse zu schaffen. Er mißfiel -mir vom ersten Augenblick an, obwohl er im Anfang sich alle Mühe gab, -mich über seinen wahren Charakter zu täuschen; ich aber durchschaute ihn -sofort und wußte, mit welcher Art von Menschen ich zu tun hätte. Meiner -Ansicht nach hätte dieser Herr niemals Priester werden sollen. Junge -Geistliche, die das Haar lang und lockig tragen und sich bemühen, die -Tonsur zu verbergen, sich zierlich kleiden und ohne den Spiegel nicht -existieren könnten, sind mir von jeher antipathisch gewesen. Jener junge -Herr war nicht nur eitel auf seine äußere Erscheinung, sondern auch über -alle Maßen weltlich gesinnt, vergnügungssüchtig und eigensinnig; Kirche -und Pfarrhof waren die Orte, wo er sich am unliebsten aufhielt, -- aber mit -Bauern und Städtern unnützes Zeug schwatzen, in alle Häuser, wo junge -Frauenzimmer wohnten, laufen, musizieren, lesen, spazierengehen, -- ja, -_das_ behagte seinem hoffärtigen Sinne. Sie können sich nach dem eben -Gehörten wohl ohne Mühe vorstellen, daß ich den jungen Mann nicht allzu -sanft behandelte; ich wollte ihn bessern, -- aber da kam ich schön an! -Er widersetzte sich allem, was ich ihm zu tun befahl oder zu unterlassen -gebot, konspirierte mit den Aufgeklärten (=sic!=) im Orte gegen mich und -ging mir wie einem Pestkranken aus dem Wege. Im letzten Jahre setzte -er seinem Benehmen die Krone auf, indem er mit einer Dirne, die meine -Wirtschafterin (eine sehr achtbare Person) ins Haus genommen hatte, -ein intimes Liebesverhältnis einging. Glücklicherweise bekam meine -Wirtschafterin bald Wind davon und drang darauf, daß die Dirne das Haus -verlasse. Ich war damit natürlich einverstanden und schickte das Mädchen, -das nicht aus unserem Dorfe war, in ihren Heimatsort zurück. Würden Sie -an meiner Stelle anders gehandelt haben? Es ist wahr, und ich rühme -mich dessen: ich habe der Dirne tüchtig den Kopf gewaschen und ihr meine -Meinung gesagt. An ihrem Heulen war mir wenig gelegen. Aber daß mich mein -Herr Untergebener darüber förmlich zur Rede stellte und mir mit einer -mir völlig fremden Leidenschaftlichkeit meine »Roheiten« gegen ein -unglückliches, wehrloses Mädchen (=sic!=) vorwarf, -- das war doch eine -unerhörte Frechheit! Ich habe sie ihn auch entgelten lassen und ihn -von dieser Stunde an mit rücksichtsloser Härte behandelt. Wenn er Reue -gezeigt hätte, würde ich ihm vielleicht verziehen haben. Aber (bloß -um mich zu ärgern!) gab er sich den Anschein, als ob er die Dirne nicht -vergessen könnte, stand in Briefwechsel mit ihr, aß fast nichts, -rannte in der Nacht in den Straßen herum anstatt zu schlafen, -- kurzum, -gebärdete sich wie ein Narr. Ein halbes Jahr später kam die Nachricht, -daß sein Mädchen sich verlobt hätte und darauf wurde er -- äußerlich -wenigstens -- ruhiger. Dessenungeachtet ließ ich alle Minen springen, um -ihn los zu werden, und als ich meinen Zweck endlich erreicht hatte, schied -er, -- natürlich ohne mich um Verzeihung gebeten zu haben, und verbarg -ebensowenig, wie lieb es ihm wäre, von hier fortzukommen. - -Ich wünsche von Herzen, hochwürdiger Herr Dekan, daß der verunglückte -Mensch sich gebessert haben oder daß es Ihrem Einflusse gelingen möge, -ihn zu bessern, und verbleibe« usw. - -»Das klingt schon anders als das erste Zeugnis,« murmelte der Dekan. -»Der junge Mann hat Fortschritte gemacht.« - -Er schlug das dritte Schreiben auseinander. Dieses war sehr kurz und -lautete wie folgt: - -»Hochwürdiger, hochgeehrter Herr Dekan! Ich bedaure lebhaft, Ihre -Nachfrage hinsichtlich des Herrn Kooperators H. nur ungenügend beantworten -zu können. Stets von Geschäften überbürdet, ist es mir nicht möglich, -mich eingehend mit den Charakteren der vier mir unterstehenden Kooperatoren -und Koadjutoren zu beschäftigen. Herr H. lebte kaum ein Jahr bei mir und -blieb mir beinahe völlig fremd. Im Anfang seines Hierseins war er immer -leidend und wahrscheinlich auch infolgedessen still und traurig. Später -erholte er sich und kam seinen Berufspflichten stets pünktlich nach. Im -großen und ganzen kann ich ihn weder loben noch tadeln. Er ist, wie ich -glaube, ein indifferenter Mensch. Umgang pflog er mit wenig Leuten; meinen -Geistlichen gegenüber verhielt er sich zurückhaltend; nur als mein -jüngster Koadjutor am Typhus erkrankte, pflegte ihn Herr H., wie ich -gehört habe, mit aufopferungsvoller Fürsorge und schloß sich dem jungen -Manne, als dieser genesen war, auch näher an. Dieser selbe Herr Koadjutor -hat sein Scheiden schmerzlich empfunden. Was die Sitten Herrn H.s -anbelangt, so enthalte ich mich darüber jedes Urteiles, indem ich mich um -das, was meine Herren _außerhalb_ des Pfarrhofes treiben, grundsätzlich -nicht bekümmere. Übrigens ist mir nichts Nachteiliges zu Ohren gekommen. -Genehmigen Sie« usw. - -Der Dekan verschloß die Briefe im Pulte und blieb in nachdenklicher -Stellung sitzen. Er wußte nun, wie sein neuer Kooperator beschaffen war; -er hatte drei kompetente Urteile über den jungen Mann gehört, ... denn -kompetent waren diese Stimmen, wenigstens nach seiner Meinung, und nun -kannte er ihn, glaubte ihn zu kennen. »Mit dem werden wir schon fertig -werden. Es ist gut, wenn man gleich am Anfang weiß, wie man sich einem -Menschen gegenüber zu verhalten hat.« - -Die Frage, ob der Verkehr nicht weit unbefangener und ungezwungener gewesen -wäre, wenn er diese Spionage unterlassen und den jungen Mann selbst -geprüft und kennen zu lernen versucht hätte, ohne sich im voraus ein auf -fremde Aussprüche gestütztes Urteil über ihn zu bilden, diese Frage kam -dem Dekan nicht einmal in den Sinn. Ebensowenig war er geneigt, aus -den Briefen anderes herauszulesen, als daß Georg Harteck ein -pflichtvergessener Priester war und einen störrigen, ziemlich sittenlosen -Charakter besaß. Er streichelte mit der Hand sein spitzes Kinn, nickte wie -einer, der weiß, was er zu tun hat, stand auf und verfügte sich in sein -Schlafzimmer. - - - - -Zweites Kapitel - - -Der neu angekommene Priester war am nächsten Morgen schon frühzeitig -außer Bett. Von seinem Hunde begleitet, begab er sich in den Garten und -besichtigte diesen. Der Garten war ziemlich groß, hatte alte, laubreiche -Bäume und gut gehaltene Blumenbeete. Hinter den Bergen, die, eine -grandiose Kette, empor zum Himmel strebten, ging eben leuchtend die Sonne -auf. In den Blumenkelchen und auf den Halmen glitzerten Tautropfen; die -Luft war klar und scharf, -- eine echte Gebirgsluft. Der junge Priester -entblößte das Haupt und ließ die würzige Luft mit seinen Haaren -spielen. Langsam, mit gesenktem Kopfe, wandelte er die Kieswege auf und -ab und dachte an allerhand: was der Tag bringen, wie sein neues Leben -sich gestalten würde? Da hörte er Schritte hinter sich; er stand still, -wendete sich um und sah einen jungen Mann in brauner Kutte auf sich -zuschreiten. - -»Guten Morgen!« rief dieser ihm entgegen und nahm sein Käppchen ab, so -daß sein kurz geschorenes Haar sichtbar wurde. »Schon so früh auf? Sie -sind kein Langschläfer.« - -Der junge Mönch hatte ein rundes, beinahe kindliches, gut gefärbtes -Gesicht, aus dem zwei unschuldige braune Augen ernst und harmlos in die -Welt schauten. Um die Lenden trug er einen Strick, an dem ein Rosenkranz -hing, und seine Füße staken in Sandalen. - -Der Priester erwiderte seinen Gruß und stellte sich ihm vor: »Mein Name -ist Harteck. Ich freue mich herzlich, Sie kennen zu lernen.« - -»Mich heißt man den Pater Benediktus. Seien Sie mir viele Male -willkommen, Herr Kooperator.« - -Sie schüttelten einander die Hände. - -»Ich würde gestern gern auf Ihr Zimmer gekommen sein, um Sie zu -begrüßen,« sprach Benediktus weiter. »Aber, als Sie eintrafen, hatte -ich gerade im Spital zu tun und später fürchtete ich, Sie zu stören.« - -»Sie würden mich keineswegs gestört haben, -- im Gegenteil!« - -Eine kurze Pause trat ein. Der Pater sah ein Blumenbeet an und Harteck -betrachtete den Mönch. - -»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Geistliche -sodann. Der Pater war damit einverstanden. - -»Wie lange sind Sie schon hier?« lautete die nächste Frage des -Priesters. - -»Seit einem Jahre.« - -»Es gibt hier viel zu tun, wie ich gehört habe?« - -»Sehr viel. Das Dorf ist groß und alle umliegenden Ortschaften, ja sogar -das Nachbarstädtchen zählen zu unserem Sprengel. Der Herr Dekan bekommt -in einem fort Besuche, Gesuche und Briefe und hat zur Seelsorge wenig -Zeit.« - -»Was für ein Mensch ist der Dekan?« - -»Hm, ... er ist ein sehr eifriger und tätiger Mann. Nur beschäftigt er -sich zu viel mit Politik. Er hat vor kurzem für den Landtag kandidiert -und ist unbegreiflicherweise nicht gewählt worden. Seitdem ist er stets -leidlich verstimmt.« - -»Ich habe von seiner Niederlage gehört und mich darüber gewundert. Ist -man denn hier im Ort und in der Umgebung so liberal gesinnt?« - -»Es scheint so. Die Herren in der Nachbarstadt haben den Ausschlag -gegeben; die wollten durchaus einen Advokaten durchbringen und haben es -auch durchgesetzt. Unsere Bauern sind ebenfalls aufgehetzt worden.« - -»Von wem?« - -»Nun, von den Liberalen im Orte, ... dem Schullehrer, dem Arzte, den drei -Herren von der Eisenbahn und den paar Krämern, die sich der Himmel weiß -wie weise dünken, wenn sie einem geistlichen Herrn Opposition machen. -Viele bleiben auch jetzt der Kirche fern, wenn der Herr Dekan predigt; daß -er nicht immer zum Sanftesten spricht, ist ihm wohl nicht zu verübeln.« - -Darauf sagte der Priester nichts. - -»Wie steht es mit der Schule?« fragte er sodann. - -»Hm, ... könnte besser sein. Es gibt eben fortwährend Reibereien. Der -Schullehrer ist ein Liberaler und möchte am liebsten, daß die Kinder gar -keinen Religionsunterricht genössen, und die Glaubenslehre soll und muß -doch der Hauptgegenstand sein. Der Herr Dekan, seinerseits, ist wieder mit -der Unterrichtsmethode des Lehrers nicht zufrieden ... Er überbürde die -Kinder, meint er, und mache es den älteren Knaben und Mädchen vor lauter -Lernen unmöglich, ihren Eltern bei den Haus- und Feldarbeiten zu helfen. -Wir brauchen, meint der Herr Dekan, tüchtige Bauern und Bäuerinnen, aber -keine Gelehrten.« - -Auch dieser Rede stimmte Harteck weder bei, noch widersprach er ihr. - -»Sind die Leute fromm?« fragte er. - -»Wie man es nimmt. Die Weiber gehen noch an, ... die Männer jedoch, -besonders die Burschen, sitzen lieber im Wirtshaus als in der Kirche. Das -macht das böse Beispiel. Seit jener verunglückten Kandidatur herrscht -zwischen dem gnädigen Herrn und den Bauern eine gewisse Spannung. Der Herr -Dekan zeigt ihnen unverhohlen, daß er unzufrieden mit ihnen ist, und sie -gehen ihm, so viel sie können, aus dem Wege. Hoffentlich wird es mit der -Zeit anders werden.« - -»Auf welche Weise bringt man hier die freien Stunden zu? Mit wem kann man -verkehren?« - -»Sie meinen, mit wem _wir_ verkehren können? Jetzt mit niemandem. Der -Herr Dekan hat jeden Umgang abgebrochen. Manchmal jedoch kommen geistliche -Herren aus den Nachbardörfern zum Besuche, ... die kegeln oder spielen -Tarock mit dem gnädigen Herrn, und daran können auch Sie sich beteiligen, -wenn Sie Lust dazu haben.« - -»Mit den Bauern kann man jetzt ebenfalls nicht verkehren? Ich möchte die -Leute doch kennen lernen.« - -»Sie können das halten, wie Sie wollen. Ob der Herr Dekan es gern sehen -würde, kann ich freilich nicht sagen.« - -Eine Zeitlang wandelten sie schweigend nebeneinander her. Der Priester -schien in Nachdenken versunken. - -»Wird hier Musik getrieben?« fragte er dann plötzlich. - -»Musik? Ach freilich! Der Schullehrer hat so eine Art von Musikverein ins -Leben gerufen, und der spielt an jedem Sonn- und Feiertag im Gasthausgarten -vom Bärenwirt. Die Leute sollen recht gut spielen. Ich, für meine Person, -habe mit derlei Dingen nichts zu schaffen.« - -»Wer singt denn auf dem Chor?« - -»Die Töchter vom Bärenwirt, vom Kaufmann und vom Arzte. Die Tochter des -Arztes hat eine schöne Altstimme.« - -»Wer spielt die Orgel?« - -»Der Schullehrer. Dem Herrn Dekan ist das zwar nicht ganz recht, aber -außer dem Schullehrer versteht niemand im Orte die Orgel zu spielen. Und -dem Mann trägt es Geld ein, und außerdem macht es ihm in doppelter Weise -Vergnügen ... Dazu ist die Kirche, die er sonst nie besucht, doch gut.« - -»Wieso macht ihm das Spiel in doppelter Weise Vergnügen? Wie meinen Sie -das?« - -»Nun, ich habe gehört, daß er sich um die Hand der Tochter des Arztes -bewerbe, und da das Fräulein auf dem Chor singt, ist es ihm natürlich -angenehm, sie begleiten zu dürfen.« - -»Ach so!« - -Abermals trat eine Pause ein. - -»Wo liegt das Spital?« fragte der Priester nach einer Weile. - -»Sie können es vom Garten aus sehen.« Er wies mit der Hand über die -Gartenmauer nach einem freistehenden dreistockhohen Hause. »Es ist gut -gehalten und wird vortrefflich geleitet. Vier Schwestern wohnen dort und -pflegen die Kranken. Auch alte, arme, arbeitsunfähige Leute nimmt das -Spital auf und versorgt sie. Es ist vorzugsweise _meine_ Aufgabe, zu den -Kranken zu gehen und ihnen die heiligen Sakramente zu spenden. Beinahe jede -Nacht werde ich geweckt, weil einer der Kranken nach mir verlangt hat.« - -»Das ist eine mühevolle Aufgabe für einen einzelnen. Künftighin werde -ich sie mit Ihnen teilen.« - -»Das ist nicht nötig. Mir sind meine Berufspflichten niemals noch -zu schwer oder zu viel gewesen. Sie werden mit der Seelsorge und dem -Unterricht genug zu tun haben. Lassen Sie mir meine Kranken!« - -Der junge Kooperator nickte und streichelte den Kopf seines Hundes, der -sich dicht an ihn drängte und augenscheinlich beachtet werden wollte. - -»Jetzt haben Sie mich nach allem gefragt, nur nach der Kirche nicht,« -bemerkte der Mönch nach einer Stille. »Ohne Zweifel haben Sie dieselbe -schon besichtigt?« - -Eine flüchtige Röte trat auf die Wangen des Priesters. - -»Noch nicht,« antwortete er. »Ich werde sie ja sehen, wenn ich die Messe -lese,« fügte er rasch hinzu. - -Der junge Mönch sah ihn bloß an und erwiderte keine Silbe. - -»Um wieviel Uhr wird die erste Messe gelesen?« fragte Harteck, dem dieses -Schweigen, in dem ein verhaltener Tadel zu liegen schien, unbehaglich war. - -»Um halb sieben Uhr; um sieben Uhr kommt die Reihe an Sie. Die erste Messe -liest immer der Herr Dekan. Jetzt aber muß ich Sie verlassen. Es ist Zeit, -unsere Gebete vorzunehmen. Auf Wiedersehen!« - -»Auf Wiedersehen!« sprach Harteck nach, und der Mönch entfernte -sich. Harteck setzte sich auf eine Bank, die unter einem breitästigen -Kastanienbaum stand, und zog sein Brevier aus der Tasche. Zerstreut wendete -er die Blätter um. - -Ein abgeschlossener, ruhiger, mit sich selbst einiger Mensch, dieser junge -Mönch. Er fragt nicht, er ist nicht neugierig, er antwortet bloß; alles, -was außerhalb seines Berufes liegt, scheint ihm gleichgültig zu sein; -aber alles, was zu seinem Berufe gehört, ist ihm heilig. - -»Hätte ich doch nach der Kirche gefragt!« dachte Harteck. »Es lag so -nahe, ... aber weiß der Himmel, wie es kam, ... ich vergaß sie ganz und -gar.« - -Mittlerweile war es sechs Uhr geworden; die Stunde des Gebetes. Um die -Unterlassungssünde halbwegs gut zu machen, beschloß Harteck, jetzt, bevor -die Messe begann, in die Kirche zu gehen und schlug mit seinem Hunde den -Weg nach dem Gotteshause ein. Er hieß Cäsar draußen warten und trat, das -geöffnete Brevier in den Händen, in die Kirche. - -Das Innere derselben war, wie es bei vielen Dorfkirchen der Fall ist, -überreich an Vergoldungen, kleinen Engeln und Heiligenbildern. Über dem -Altar, mittels eines Drahtes an der Decke befestigt, schwebte eine große, -weiße, aus Holz geschnitzte Taube, den heiligen Geist vorstellend. Neben -dem Altar stand ein vergoldeter Armstuhl, auf dem eine blaugekleidete -hölzerne Figur saß, die ein Kind in den Armen hielt. Mutter und Kind, die -Jungfrau mit dem Jesuknaben, trugen goldene Krönlein auf den Häuptern. -An den Wänden hingen die in allen katholischen Kirchen üblichen vierzehn -Leidensstationen Jesu Christi. Das Altarblatt stellte die heiligste -Dreifaltigkeit dar, und über den Seitenaltären rechts und links waren -Bilder eines Christus am Kreuze und einer schmerzhaften Maria angebracht. -Die Landesheilige, die fromme Notburg, war ebenfalls vertreten, und der -Maler hatte sie in dem Augenblicke festgehalten, wo sie die Sichel in die -Luft geworfen hat und diese in der Luft hängen bleibt, zum Zeichen, daß -Gott Vater es vorziehe, wenn Menschen am Feierabend beten, anstatt zu -arbeiten, was die heilige Notburg, der Überlieferung gemäß, auch getan -hat. - -Der junge Priester machte einen Rundgang durch die Kirche, betrachtete -alles mit gleichgültigem Blick und ging dann wieder ins Freie. -Bemerkenswertes bot die Kirche nicht; er hatte schon viele gesehen, die -dieser auf ein Haar glichen. - -Aber er stellte sich in der Nähe des Kirchleins auf, denn er sah von allen -Seiten Leute nahen, die der Glocke Geläut zur Frühmesse rief, und er -wollte diese Menschen, zu deren Seelenheil er bestellt war, von Angesicht -kennen lernen. Zuerst kamen die Klosterfrauen aus dem Spital, gefolgt von -alten Pfründnern beiderlei Geschlechtes und den weiblichen Schulkindern. -Der Geistliche zog vor den Schwestern den Hut ab, und sie dankten seinem -Gruß, indem sie demütig das Haupt neigten, und die Kinder, die Greise -und Greisinnen grüßten ihn und alle schauten ihn neugierig an. Dann kamen -auch die Schulknaben, hübsche, fröhliche Jungen mit hellen Augen, und -Bäuerinnen in der Landestracht, darunter manche bildhübsche Dirne, und -er mußte jedem einzelnen danken, denn alle riefen oder nickten ihm -einen Gruß zu, und wenn sie an ihm vorbei waren, steckten sie die Köpfe -zusammen und flüsterten sich ein paar Worte ins Ohr. Endlich wurde es -still, niemand mehr kam, die Glocke schwieg; die Messe hatte begonnen. -Langsamen Schrittes schlenderte der Geistliche die Kirche entlang und -trat durch ein Hinterpförtchen in die Sakristei, um sich für die Messe -anzukleiden. Der Meßner, ein etwas schiefgewachsener, grauköpfiger -Mensch, bewillkommnete ihn mit einem tiefen Bückling und zeigte ihm nicht -ohne Stolz die geistlichen Ornate, die in den Schränken aufbewahrt lagen. -Dann half er ihm beim Ankleiden und stellte ihm einen kleinen Buben, der -sich einstweilen eingefunden hatte und dem Priester die Hand küßte, als -seinen Ministranten vor. Harteck richtete an den Jungen einige Fragen; -da jedoch aus diesem nichts anderes als Ja oder Nein herauszubringen war, -verstummte das Gespräch sehr bald. Übrigens war dazu auch keine Zeit -mehr. Die Tür, die nach der Kirche führte, wurde aufgestoßen und herein -trat ein anderer Ministrant, gefolgt vom Herrn Dekan. So also sah sein -neuer Gebieter aus! Der junge Priester erhob sich rasch und machte eine -tiefe Verbeugung. Ohne ihm die Hand zu reichen und ohne zu lächeln, -schaute der Dekan ihn an, nickte mit dem Kopfe und ließ sich von dem -Meßner das Meßgewand vom Leibe ziehen. - -»Zum Begrüßen ist jetzt keine Zeit,« sagte er. »He! Kleiner! Gib das -Glockenzeichen zur zweiten Messe.« - -Hartecks Ministrant zog an einer Glocke, die neben der Tür hing, der -junge Geistliche ergriff die Meßgerätschaften und trat, ihm voran der -Ministrant, in die Kirche. Während er die Messe zelebrierte, beschäftigte -sein Geist sich mit dem Dekan, der -- das konnte er sich nicht verhehlen --- einen ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Die große, beleibte, -muskulöse Gestalt, das fast dreieckige Gesicht mit den hängenden Lippen -und Wangen, die von zahllosen Fältchen umgebenen kleinen, hartblickenden -Augen, die starke Nase und spitzige Stirn, in die ein Büschel der noch -dunklen und spröden Haare hing, was dem Gesichte einen eigentümlich -finsteren und trotzigen Ausdruck verlieh, ... nichts war an der Erscheinung -des Dekans, das Vertrauen oder Sympathie hätte erwecken können. Und die -Worte, die er gesprochen, und mehr noch der _Ton_, ... freundlich hatten -die nicht geklungen! Indessen suchte Harteck sich darüber zu trösten. -Vielleicht tat der Dekan nur in der Kirche so streng und abgemessen: manche -Priester glauben, daß sie anders nicht sein dürfen. Dann aber fielen ihm -wieder die Mitteilungen des jungen Mönches ein. Ein Seelsorger, der mit -seiner Gemeinde in Groll und Hader lebte, ... stand von solchem Manne viel -Erfreuliches zu erwarten? Hatte Harteck nicht schon erfahren, in welchen -Zorn der Dekan eines fehlgeschlagenen Wunsches wegen geraten konnte? Ließ -dieser Umstand allein nicht auf eine verbissene Reizbarkeit und einen -schwer zu behandelnden Charakter schließen? Selten noch hatte Harteck die -heilige Messe mit geringerer Aufmerksamkeit gelesen als dieses Mal. Als -er am Ende den Anwesenden den Segen erteilte und alle sich so fromm und -ehrfurchtsvoll erhoben und bekreuzigten, durchzuckte seine Brust ein -Gefühl wehmütiger Scham. - -»Was für ein Priester ich bin!« dachte er und schüttelte das Haupt -über sich selbst. - -Er atmete gleichsam auf, als er wieder außerhalb der Kirche stand und mit -seinem Cäsar, der vor der Tür auf ihn gewartet hatte, in den Pfarrhof -zurückkehrte. - - - - -Drittes Kapitel - - -Von Uschei hörte Harteck, daß das Frühstück bereits aufgetragen wäre. -Hastig vertauschte er den langen Priestertalar mit einem schwarzen Rocke, -bürstete sorgfältig sein unglücklicherweise natürlich gelocktes Haar -und trat also gerüstet in das Speisezimmer. - -Der Dekan saß am Tische und las in einer Zeitung. Den Platz ihm gegenüber -nahm der junge Mönch ein und in dessen Nähe stand eine Dame, die sich -gerade anschickte, den Kaffee in die Tassen zu gießen. Sie verrichtete das -häusliche Geschäft mit zimperlicher Geziertheit, ihr blasses Gesicht -sah ziemlich verschlafen aus und ihre Toilette verriet, daß sie erst vor -kurzem aus den Federn geschlüpft war. Sie trug einen hellen Schlafrock und -ihr ungekämmtes Haar war nachlässig aufgesteckt. - -Die drei Personen blickten nach der Tür, als Harteck eintrat, und -erwiderten seine Verbeugung auf verschiedene Art. Der Dekan nickte bloß -mit dem Kopfe und vertiefte sich allsogleich wieder in seine Zeitung. Der -Mönch erhob sich halb von seinem Sitze und verneigte sich, die Dame ließ -einen durchdringenden Blick über den Ankömmling gleiten, verwirrte sich, -wurde rot und goß eine der Tassen mit so großer Eile voll, daß sie -überfloß. - -»Ach! Wie ungeschickt ich bin!« rief das Fräulein kichernd. - -»Was ist denn geschehen?« fragte der Dekan, legte die Zeitung auf den -Tisch und blickte das Fräulein streng an. »Gib doch acht, Aurelie! -Du wirst wieder etwas zerbrechen. -- Und Sie, Herr Kooperator, nehmen -gefälligst Platz; Sie sitzen neben dem Pater. Doch zuerst will ich Sie mit -meiner Nichte bekannt machen. Fräulein von Gerstenbeck, Herr Kooperator -Harteck.« - -Der Genannte verbeugte sich abermals und setzte sich dann neben den jungen -Mönch. Die Dame im Schlafrock, die Harteck mit einem lautlosen Gegengruß -und einem schmachtenden Blick beglückt hatte, reichte zuerst ihm, dann dem -Pater eine Tasse hin, nahm dann an der Seite ihres Onkels Platz und begann -gleich den anderen ihr Frühstück zu verzehren. Nach einer Weile sagte der -Dekan: »Du bist heute abermals nicht in der Messe gewesen, Aurelie.« - -»Ach, Onkelchen, nicht böse sein!« antwortete sie und faltete kindlich -die Hände. »Ich habe mich verschlafen. Als ich erwachte, war es bereits -zu spät, zur Messe zu gehen, ... ich hatte nicht einmal mehr Zeit, mich -anzukleiden und mein Haar in Ordnung zu bringen, ... ich schäme mich _so_ -vor dem Herrn Kooperator,« sagte sie unter heftigem Kopfschütteln, drehte -ihre Tasse hin und her und lächelte den Kaffee an. »Was soll er von mir -denken!« - -»Ich, gnädiges Fräulein?« fragte Harteck aufblickend. »Ich würde -trostlos sein, wenn Sie sich meinetwegen irgendeinen Zwang auferlegten.« - -»Sie sind _zu_ freundlich,« sagte sie mit denselben Gesten wie vorhin. -»Aber ich weiß, daß es sich nicht schickt, vor Herren ...« Sie stockte -und errötete. »Wirklich, ich schäme mich zu Tode.« - -»Laß jetzt diesen Gegenstand fallen und steh' in Zukunft früher auf,« -sagte der Dekan. - -»Wie kann ich das, Onkelchen, wenn ich so schlecht schlafe in der Nacht? -Ich habe mich gestern sehr geärgert, und wenn ich mich ärgere, kann ich -nicht schlafen.« - -»Ich möchte doch wissen, worüber oder über wen Du Dich schon wieder -geärgert hast,« versetzte der Dekan mit einem Achselzucken. - -»Nun, ... über Fräulein Reinberg, Onkel.« - -Der Dekan fuhr von seinem Sitze auf: »Habe ich Dir nicht schon zu -wiederholten Malen untersagt, mit diesen Leuten umzugehen?« - -»Verzeih' mir, Goldonkelchen!« antwortete sie und faltete neuerdings die -Hände. »Ich bin nun einmal so, ... ich kann die Menschen nicht entbehren. -Den ganzen Tag bin ich allein, ... alle Welt ist beschäftigt und hat keine -Zeit, mit mir zu plaudern ... und das macht mich ganz krank. In meiner -Verzweiflung bin ich denn gestern zu Fräulein Reinberg gegangen und habe -sie zu einem gemeinsamen Spaziergang aufgefordert.« - -»Nun, und sie? Sie hat doch nicht die Unverfrorenheit gehabt, Dich -abzuweisen?« - -»Das nicht, ... aber sie ist eine so kalte, man möchte sagen hochmütige -Person. Hochmütig, Onkel, gegen _mich_! Ich bitte Dich! Denn ohne mir zu -schmeicheln, nehme ich doch in der Welt eine ganz andere Stellung ein als -Fräulein Reinberg, ihr Vater ist am Ende nur ein simpler Landarzt, und sie -sollte sich, meinte man, beglückt fühlen, wenn die Tochter eines Hofrates -sich herbeiläßt, mit ihr zu verkehren ...« - -»Dir geschieht ganz recht. Wer Pech angreift, besudelt sich, und wer sich -in den Kopf setzt, mit Leuten zu verkehren, die nicht zu ihm passen, wird -immer unangenehme Erfahrungen machen.« - -»Du hast ja so recht, Onkelchen. Nicht wahr, ich bereite Dir viel -Verdruß? Ich wette, ich wette,« sagte Fräulein Aurelie und drohte -schelmisch mit dem Finger, »daß Du im Grunde Deines Herzens manchmal -denkst: Wenn doch meine querköpfige, närrische kleine Nichte wieder fort -wäre! Ist es nicht so?« - -»Du bist vom Gegenteil so gut überzeugt wie ich,« versetzte der Dekan -und stand auf. »Herr Kooperator,« wendete er sich an diesen, der sich -gleichzeitig mit dem Dekan erhoben hatte und dem Gespräche ohne eine Miene -zu verziehen gefolgt war, »Sie bitte ich, sich nach Ablauf einer -halben Stunde in meinem Arbeitszimmer einzufinden. Ich habe wegen der -Kirchenordnung, der Geschäftseinteilung, des Unterrichts und so weiter mit -Ihnen zu sprechen.« - -Harteck verneigte sich, der Dekan grüßte und ging aus dem Zimmer. Die -beiden anderen Herren wollten sich ebenfalls entfernen. - -»Sie haben einen schönen Hund, Herr Kooperator,« sagte da Fräulein -Aurelie und zwang ihn dadurch zu bleiben, während der junge Mönch, dessen -stummer Gruß von der Dame nicht erwidert wurde, schleunig seiner Wege -ging. - -»Es freut mich, wenn er Ihnen gefällt,« sagte Harteck mit einem -Lächeln. - -»Ja, er gefällt mir. Wie heißt er?« - -»Cäsar.« - -»Besitzen Sie ihn schon lange?« - -»Seit zwei Jahren. Als ich ihn bekam, war er erst sechs Wochen alt und -nicht größer als ein Schoßhündchen.« - -»Ach, wie lieb muß er damals gewesen sein!« sagte Fräulein Aurelie mit -mehr Rührung in der Miene, als die Situation erheischte. »Ist er brav und -folgsam?« - -»Er hat alle guten Eigenschaften, die man von einem Hunde fordern darf.« - -»Wenn er sich nur an mich gewöhnte! Dann könnte er mich manchmal auf -meinen einsamen Spaziergängen begleiten. Es ist so traurig, ja, man -möchte sagen, ängstlich für eine junge Dame, allein spazieren zu -gehen.« - -Harteck blickte sie an. Sollte das eine Aufforderung sein? Erwartete -das Fräulein, daß er sich zu ihrem Begleiter auf ihren »einsamen -Spaziergängen« anbieten würde? - -»Hier in Tirol können Sie sich wohl vollkommen sicher fühlen,« sagte -er. »In Wien und dessen Umgebungen mag es wohl vorkommen, daß Damen -Belästigungen aller Art ausgesetzt sind, ... aber bei uns ist das nicht -der Fall. Doch wenn Sie meinem Hunde die Ehre erweisen wollen, sich mit ihm -abzugeben, steht er natürlich jederzeit zu Ihrer Verfügung.« - -Sie schien von dieser Antwort nicht befriedigt, denn sie schwieg und ihr -Gesicht nahm einen geschraubten Ausdruck an; der junge Priester benützte -die Pause, um sich zurückzuziehen und ging nach einem im höflichsten Tone -gesprochenen: »Auf baldiges Wiedersehen, gnädiges Fräulein!« aus dem -Zimmer. - -Aurelie setzte sich mit verdrießlicher und enttäuschter Miene an den -Speisetisch. Sie gefiel jenem Herrn nicht und er -- hatte ihr gefallen. -(Jetzt war das natürlich vorbei.) Es war doch recht langweilig in diesem -Neste! Nichts als Bauern und -- Geistliche, ... denn mit den übrigen -Honoratioren des Ortes durfte sie nicht verkehren. Sie langweilte sich -bereits und war doch erst seit drei Wochen hier und sollte den ganzen -Sommer und Herbst über hier bleiben ... Eine verlockende Aussicht. Daheim -war es freilich auch just nicht zum Besten bestellt. Der Herr Hofrat nahm -zwar eine geachtete Stellung in der Gesellschaft ein, aber der Herr Hofrat -hatte kein Vermögen und eine zahlreiche Familie. Wenn ihre Mama, die -Schwester des Dekans, am Leben geblieben wäre, würde sie, Aurelie von -Gerstenbeck, anders dastehen. Aber die Mama war seit fünfzehn Jahren tot, -der Herr Hofrat hatte sich zum zweiten Male verheiratet und seine Frau -Gemahlin hatte ihn -- Gott sei es geklagt! -- mit fünf Kindern beschert. -Ach, die Rangen! was für einen Lärm die machten und wieviel Geld sie -kosteten! Alles ging für die Kinder auf, zu Mittag gab es immer nur Suppe, -gesottenes Fleisch und Gemüse, ... kein Wunder, daß Aurelie stets so -mager blieb! Auf das Land zu ziehen im Sommer, daran konnte ebenfalls nicht -gedacht werden: man mußte sparen für die Kinder ... Papa war nicht mehr -jung. Die Luft in Wien ist zur Sommerzeit sehr ungesund, und um ihrem -schädlichen Einflusse zu entgehen, war Aurelie der Einladung des -hochwürdigen Onkels gefolgt und hierher gekommen. Es gefiel ihr nicht -übel im Dorfe, sie hatte sich auch schon zusehends erholt und sah viel -besser aus, als bei ihrer Ankunft; kein Mensch würde glauben, daß sie -bereits -- dreißig Jahre zählte; höchstens fünfundzwanzig würde man -ihr geben, ... mehr gewiß nicht. Und dieser neue Kooperator! Sie -hatte sich auf sein Kommen gefreut, ... ein neuer Mensch ist immer eine -Abwechslung. Seine Erscheinung hatte sie im ersten Momente beinahe aus der -Fassung gebracht, ... so elegant und =gentlemanlike= hatte sie sich einen -Dorfgeistlichen nun und nimmer vorgestellt. Sie fand nichts Strafwürdiges -darin, wenn ein Priester sich sorgfältig kleidete und sich das lockige -Haar nicht verschnitt, ... aber sie verlangte für diese Nachsicht auch, -daß derjenige, dem sie zu teil wurde, sie gebührend zu schätzen wisse. -Harteck jedoch hatte sie, Aurelie von Gerstenbeck, kaum angesehen, -nicht _einmal_ das Wort an sie gerichtet und es sehr eilig gehabt, -fortzukommen, ... und sie hatte doch sehr freundlich mit ihm gesprochen, -aus purer Höflichkeit von seinem Hunde geredet, wo sie in Wirklichkeit die -Hunde nicht ausstehen konnte; wie ihresgleichen hatte sie den jungen Mann -behandelt, sie, eine Hofratstochter, eine Wienerin, und obendrein die -Nichte seines Vorgesetzten! »Es ist mir unbegreiflich!« dachte Aurelie, -legte den Zeigefinger an den Mund und sog daran. »Ich sehe doch _so_ -interessant aus!« - -Interessant? Das war Ansichtssache; hübsch einmal gewiß nicht. Fräulein -Aurelie machte einen farblosen Eindruck; alles an ihr war so verblaßt, -wie ein ausgewaschener Kleiderstoff. Die graubraunen glanzlosen Haare, die -lichten Augen, das fahle spitze Gesichtchen, ... nichts stach ab, nichts -hatte eine kräftige Farbe. Dazu kam noch die kleine magere Gestalt, die in -dem dünnen Schlafrock schlotterte, die hastigen, nervösen Bewegungen, des -Mädchens geziertes Wesen und eine eigentümliche gesuchte Unbeholfenheit -in allem, was sie sagte oder tat ... Interessant? Armes Geschöpf! Sie -wußte nicht, daß des Dekans Gesinde heimlich über sie lachte, wenn sie, -das Gesicht mit =poudre de riz= überstäubt, in ihren Hakenschuhen und -städtischen Kleidern, in Haus, Hof und Garten umherstolzte, die Leute -bei der Arbeit störte, unnütze Fragen stellte, über Dinge urteilte, von -denen sie nichts verstand, und die Mägde und Knechte glücklich zu machen -glaubte, wenn sie ihnen im Vorübergehen ein paar herablassende Worte -zurief, sie ihres Fleißes wegen belobte oder mit gnädigem, affektiertem -Gruß auf ihren hohen Stiefelchen an ihnen vorbeitrippelte. - - - - -Viertes Kapitel - - -Willkommen hatte der Dekan ihn nicht geheißen und erwies sich auch in der -Folge nicht als freundlich gesinnt wider ihn. Aber Georg Harteck hatte von -seinen Vorgesetzten schon allerlei Übles erfahren und manches ertragen -gelernt. Die Schule des Lebens hatte ihn gestählt und sein Grundsatz war, -kein Bedauern mit sich selbst aufkommen zu lassen, denn er hatte das -dunkle Gefühl, daß der Mensch, wenn er einmal anfängt, sich selbst zu -bemitleiden, nicht wieder damit aufhören kann. Er bemühte sich denn, den -Dekan, soweit es in seinen Kräften stand, zufrieden zu stellen, und -wenn der Prinzipal ihn wegen irgend etwas tadelte, schwieg er, oder er -versprach, die Sache in Zukunft anders zu machen. Die Dekanei war eine -ergiebige Pfründe, verursachte aber auch viel Arbeit: nicht hinsichtlich -der Seelsorge allein, sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung; sie -besaß reichliche Äcker, Wiesen und Vieh, über deren Erträgnisse genaue -Rechnung geführt und die möglichst vorteilhaft verwendet werden mußten. -Der Dekan hatte sich zum tüchtigen Landwirt herangebildet, wachte über -alles, verstand alles und trieb allerlei Art von Handel. Er feilschte -mit den Bauern um jede Kanne Milch, um jedes Kalb, um jeden Halm, wie ein -echter Krämer. Dem jungen Kooperator mißfiel diese Habsucht in hohem -Grade und er fing an zu begreifen, weshalb die Bauern ihren Seelenhirten -nicht leiden mochten. Auch das Gesinde hatte keine guten Tage bei ihm; er -forderte von den Leuten eisernen Fleiß und zahlte karge Löhnung dafür; -niemals zufrieden mit dem, was die Knechte und Mägde taten, jammerte -er beständig über die Trägheit, Gottlosigkeit und den Eigennutz -der Menschen, und von den Bauern sprach er stets mit verbissener -Unversöhnlichkeit. Seit Menschengedenken war in dem Dorfe niemand -gestorben, der nicht der Kirche etwas vermacht hätte, und jeden Tag -mußten sogenannte »gestiftete Seelenmessen« gelesen werden, für die ein -kleines Kapital ausgesetzt worden war, von dessen Zinsen die Messe für die -Seelenruhe des Verstorbenen, von dem die Stiftung ausging, bezahlt wurde. -Aber auch darin erblickte der Dekan kein Zeichen von Frömmigkeit. -»Ihr ganzes Leben verbringen diese Kerle in der Sünde,« sagte er, -»vernachlässigen den Herrgott und seine Gebote, und auf dem Sterbebette -packt sie die Furcht und sie meinen den lieben Gott dadurch zu versöhnen, -wenn sie nach ihrem Tode Messen lesen lassen. Selbstsucht, Angst vor dem -göttlichen Zorn ist's, ... nichts weiter.« Was aber würde der Herr Dekan -erst gesagt haben, wenn ein reicher Bauer gestorben wäre, ohne der Kirche -etwas zu hinterlassen? Aber das kommt in Tirol niemals oder doch sehr -selten vor. - -Weil der Dekan es so haben wollte, vermied Harteck einstweilen, mit den -Leuten im Dorfe zu verkehren. Das kostete ihm auch kein schweres -Opfer, denn er war es nachgerade müde geworden, immer wieder von vorne -anzufangen. Kaum hatte er sich an einen Ort und dessen Bewohner gewöhnt, -hieß es wieder wandern, alle lieb gewordenen Menschen und die vertraute -Gegend verlassen und an fremdem Orte, unter fremden Menschen, ein neues -Leben beginnen. Dreimal schon hatte er die Wehmut des Scheidens auskosten -müssen, und er sagte sich, daß es für einen Priester vielleicht am -besten wäre, sich niemandem anzuschließen, weil er niemals wissen könne, -wie lange seines Bleibens an einem Orte sein würde. In seinen freien -Stunden streifte er, von seinem Hunde begleitet, in Wald und Feld umher und -freute sich der schönen Natur; oder er saß daheim, las, schrieb Briefe -an seinen einzigen Freund, den jungen Geistlichen, dessen Krankenwärter -er gewesen war und den er zärtlich liebte, oder er spielte Klavier, -- -oft bis spät in die Nacht hinein. Dieses Vergnügen war jedoch von keiner -Dauer. Der Dekan beklagte sich eines Morgens darüber und sagte, daß -ihn das Klavierspiel am Einschlafen hindere, und so mußte Harteck das -Musizieren notgedrungen auf den Tag verlegen. Da war es freilich nicht so -still wie in der Nacht, wo alles schlief; oft ließ der Geistliche es sein, -weil im Hause gesägt, Holz gehackt und anderer Lärm verursacht wurde, was -sein Spiel übertäubte. - -Seine Wohnstube hatte er sich mehr nach seinem Geschmacke eingerichtet. -Er hatte unnötige Schränke daraus entfernen lassen, und an deren Platz -standen jetzt sein geliebtes Klavier, das Notenpult, sein Schreibtisch und -Bücherschrank. Gleich Freunden schauten diese vertrauten Gegenstände ihn -an; wie viele schöne, ruhige Stunden verdankte er dem Klavier und seinen -Büchern! Aus seinen eigenen kargen Mitteln hatte er sich größtenteils -klassische Dichterwerke angeschafft; die Bücher theologischen und -religiösen Inhaltes waren Geschenke seiner Lehrer und Kollegen und seiner -Mutter; von dieser stammten auch alle Gebet- und Erbauungsbücher her, die -jetzt auf dem Betschemel lagen und in denen der junge Priester niemals -las. Doch davon wußte die Geberin nichts und sollte auch niemals davon -erfahren. - -Die häßlichen Heiligenbilder hatte er ebenfalls von den Wänden genommen -und sie durch andere, bessere ersetzt. Ein Christus am Kreuz von van Dyck, -Delaroches Karfreitag, das auf dem Kreuze schlafende Jesukind von Reni, die -sixtinische Madonna hingen, in guten Kupferstichen ausgeführt, nunmehr an -den Wänden. Der Herr Dekan hatte zwar darüber gemurrt und gemeint, daß -ein Heiligenbild niemals häßlich sein könne, weil die Idee, die es -verkörpere, schön sei; der junge Priester aber hatte dieses Mal nicht -nachgegeben und auf der Entfernung der Bilder beharrt, und weil die -Kupferstiche ebenfalls nur religiöse Motive darstellten, hatte der Dekan -sich beruhigt und den jungen Mann gewähren lassen. In seiner Wohnung -fühlte Harteck sich wohl und er würde viel darum gegeben haben, wenn er -die Mahlzeiten auch in seiner Stube hätte einnehmen dürfen. Der Dekan -tat bei dieser Gelegenheit entweder den Mund nicht auf und las während des -Essens, oder er ergoß sich in bitteren Ausfällen wider die Menschen -und spielte immer wieder auf seine verunglückte Landtagskandidatur an. -Fräulein Aurelie ihrerseits war sehr veränderlich: beim Frühstück -so freundlich und geschwätzig, daß einem ordentlich bange wurde, beim -Mittagessen reserviert, beim Abendessen schmachtend und sentimental, und am -nächsten Tage war die Reihenfolge ihrer Stimmungen wieder umgekehrt; und -wenn man sich am Abend im besten Einvernehmen von ihr trennte, konnte man -beinahe sicher sein, daß sie am folgenden Morgen tödliche Kälte zur -Schau tragen würde. »Sie ist unausstehlich!« dachte Harteck oft; doch -wenn er ihr den Rücken kehrte, vergaß er sie wieder. - -Großes Vergnügen gewährte ihm der Religionsunterricht in der Schule. Er -war ein Kinderfreund und die kleinen Buben und Mädchen merkten das bald. -Während sie vor dem Herrn Dekan zitterten und bebten, hatten sie zu -dem jungen Kooperator unbedingtes Zutrauen und hingen bald mit jener -Zärtlichkeit an ihm, die Kinderherzen für alle jene hegen, die gut und -freundlich gegen sie sind. Der Geistliche bemerkte, daß die Kleinen ihren -Katechismus mit großer Geläufigkeit hersagen konnten, doch wenn er sie -um die Bedeutung des Gesagten befragte, verstummten sie und schauten ihn -verlegen an. Nur ein einziges Kind machte davon eine Ausnahme. Das etwa -zehnjährige Mädchen war ihm gleich im Anfang aufgefallen. Es trug ein -bloß über die Knie reichendes Kleidchen, das rückwärts von einer -breiten Masche zusammengehalten wurde, und das dunkle Haar nach -altdeutscher Art verschnitten, anstatt wie die anderen kleinen Mädchen in -dünnen Zöpflein um den Kopf gewunden. Ein hübsches Ding war sie auch, -diese Kleine mit ihrem rundlichen Apfelgesicht und den klugen, großen, -wißbegierigen Augen; weder scheu noch dreist dabei, wohl aber lebhaft und -ehrgeizig. Sie war die beste Schülerin und tat sich darauf ein weniges -zugute. Ihre Religionskenntnisse, die verrieten, daß die Kleine nicht -bloß wie ein Starmatz plappern konnte, sondern auch über alles, was -sie auswendig lernte, nachdachte, setzten den jungen Priester in großes -Erstaunen. Einmal redete er die Kleine nach der Schule auf der Straße an. - -»Du heißt Toni Reinberg, nicht wahr?« - -»Ja, Herr Katechet.« - -»Sag' mir, Toni, wer erklärt Dir denn alles so gut und richtig?« - -»Meine Schwester,« antwortete das Kind mit großem Stolze. »Wenn ich -etwas nicht verstehe, brauche ich nur meine Schwester zu fragen. Die kann -und weiß alles. Sie macht auch meine Kleider und unterrichtet mich im -Zitherspiel. Kennen Sie meine Schwester Paula noch nicht, Herr Katechet?« - -»Nein,« versetzte er lächelnd. - -»O!« Sie schien es nicht zu fassen, daß jemand im Dorfe ihre Schwester -nicht kannte. - -»Du hast sie wohl sehr lieb?« - -»Sehr lieb. Sie und meinen Vater.« - -»Und Deine Mutter?« - -»Ist tot. Meine Schwester sagt mir immer, daß der liebe Gott einen Engel -gebraucht und deshalb die Mutter zu sich genommen hat, und daß sie oben im -Himmel auf uns wartet.« - -Wie süß es klang, dieses kindliche Vertrauen in der Schwester Wort, und -wie zart und weiblich schön es von der Schwester war, für den frühen Tod -der Mutter eine so poetische Erklärung zu ersinnen! Der Priester beugte -sich auf das Kind herab und küßte es auf die volle rote Wange. - -»Ich bin doch schon seit drei Wochen hier und habe Deine Schwester noch -niemals singen gehört,« sagte er dann. »Sie singt doch manchmal auf dem -Chor?« - -»Jetzt nicht. Aber warum sie es nicht tut, darf ich nicht sagen.« - -»Dann behalte Dein Geheimnis, mein Kind, und geh' jetzt nach Hause.« - -Sie küßte seine Hand und sprang davon, -- hochbeglückt, wie es schien, -darüber, daß der geistliche Herr sie eines Gespräches gewürdigt hatte. -Dieses Kind wurde Hartecks erklärter Liebling. Gern würde er Toni auf -seinen Spaziergängen mitgenommen oder sie aufgefordert haben, zu ihm zu -kommen, die Zither mitzubringen und ihm vorzuspielen, nur um das hübsche, -aufgeweckte Kind recht oft und lang zu sehen und es plaudern zu hören. -Aber Toni war die Tochter des Arztes, eines Mannes, mit dem der Dekan nicht -verkehrte: wer weiß, ob der Vater des Kindes damit einverstanden gewesen -wäre; vom Dekan gar nicht zu sprechen, der daran gewiß zu tadeln gefunden -hätte. Auch das sollte und durfte nicht sein, wie so vieles, vieles -andere. - -Trotzdem er keinen eigentlichen Umgang mit der Gemeinde pflog, hatte er -sich doch schon einen ziemlich genauen Einblick in die Verhältnisse der -Dorfbewohner zu verschaffen gewußt. Hierbei ging der junge Mönch ihm an -die Hand; der Pater nannte ihm die Namen der Leute und sagte ihm, was sie -trieben, ob sie reich, ob arm wären und was für ein Familienleben sie -führten. Bei diesen Mitteilungen trat Gutes und Schlimmes zutage: im -großen und ganzen wären die Leute wohlhabend, lebten gut und ließen -die Armen leben, wären nicht übermäßig fleißig und säßen viel im -Wirtshause. Jeder Bursche hätte seinen Schatz, mitunter auch zwei, -und junge unverheiratete Mütter gebe es nicht wenige im Dorfe. Die -betreffenden Väter wären indessen ehrlich genug und auch vom Gesetze dazu -angehalten, für ihre unehelichen Kinder zu sorgen, und so litten die -armen Würmer wenigstens keinen Mangel; auch treffe diese weder Spott noch -Mißachtung und die gefallenen Mädchen heirateten meistens später einen -anderen Mann; in Tirol seien ja derlei Verhältnisse gang und gebe, und man -nehme es da mit der Sittenreinheit nicht sehr genau. Wohl seufzte der -Pater über diese Verhältnisse und sagte, daß er von der Kanzel und -im Beichtstuhl den Burschen und Mädchen oft schon ins Gewissen geredet -hätte; sie versprächen dann zwar für die Zukunft alles Gute, aber es -bleibe beim Versprechen. »Man hat sein Kreuz mit der Jugend,« sagte -der Mönch mit altkluger Miene und zählte doch selber nicht mehr als -fünfundzwanzig Jahre. Harteck befragte ihn auch um die Familie des Arztes -und ob dessen ältere Tochter Paula ein braves Mädchen wäre. Die Antwort -lautete über alle Maßen befriedigend. Dem jungen Mädchen lasse sich -nichts, auch nicht das geringste nachsagen. Ein junger Kaufmann und ein -Bahnbeamter hätten um ihre Hand angehalten, wären jedoch abgewiesen -worden. Im Dorfe gelte sie für stolz, doch für brav und gut. Jetzt -bewerbe sich der Schullehrer um ihre Gunst: aber man wisse nicht, ob sie -seiner Werbung ein geneigtes Ohr leihe. Harteck freute sich, der kleinen -Toni wegen, über die gute Nachrede. Es würde ihm leid getan haben, wenn -die Schwester seines Lieblings nicht so gewesen wäre, wie ein anständiges -junges Mädchen sein soll. Er war oft schon am Hause des Arztes -vorbeigegangen, hatte die Sauberkeit des Hauses und den wohlgepflegten -kleinen Garten bewundert, -- Paula jedoch hatte er noch niemals zu Gesichte -bekommen. Das war Zufall. Ihren Vater, den Arzt, hatte er bereits gesehen -und im Spital auch einige Male mit ihm gesprochen. Ein hagerer, ernster, -wenig zugänglicher Mann: aber die Kranken waren seines Lobes voll und -hatten großes Vertrauen zu seiner Geschicklichkeit. Er scheine nur -äußerlich so kalt, sagten sie, sein Herz wäre ein vortreffliches. Oft -gehe er lange, beschwerliche Wege, um einen armen Kranken zu besuchen, und -verlange keine Bezahlung dafür. Er mache wenig Worte, aber das wäre -nun einmal seine Art. Er lebe einzig und allein seinem Berufe und seinen -Kindern und wäre als Arzt und Vater der beste Mensch, den man sich denken -könne. Das alles klang sehr schön und Harteck war froh, daß er die -kleine Toni so gut versorgt wußte. Er hätte die ältere Schwester gern -gesehen. Sie interessierte ihn. Ob sie dem Vater oder der kleinen Schwester -glich? Ohne sie zu kennen, wünschte er ihr jeden Liebreiz und jedes -Glück. Sie mußte nach allem, was er über sie gehört hatte, ein -ausgezeichnetes Geschöpf sein. Ihretwegen interessierte ihn auch der -Lehrer, den der Mönch als ihren Freier bezeichnet hatte und den sie -- wer -weiß? -- vielleicht heiraten würde. - -In der Schule machte er die Bekanntschaft des Lehrers. Er hieß Fritz -Stettner, war kaum dreißigjährig und sah in seiner verschossenen -braunen Sammetjacke, den hellen Beinkleidern, mit seinen langen, blonden, -flatternden Haaren und dem breitkrempigen Filzhut fast wie ein Künstler -aus. Er gefiel dem Geistlichen nicht übel, denn der junge Mann war ein -aufgeweckter Geselle und seinem Fache mit Begeisterung zugetan. Schmächtig -von Gestalt, nervös und beweglich, mit einem schmalen, von Blatternarben -zerrissenen Gesichte, aus dem ein Paar kleine hellbraune Augen blickten, -konnte seine Erscheinung, wenn auch nicht gerade hübsch, so doch recht -sympathisch genannt werden. - -Im Anfang beobachtete er dem neuen Priester gegenüber strenge Reserve: -»Schule und Kirche sind nun getrennt; merke Dir das!« Mit der Zeit jedoch -und nachdem er einsehen gelernt hatte, daß es dem Geistlichen sehr fern -lag, in Herrn Stettners Unterrichtsmethode hineinreden und etwas daran -ändern zu wollen, wurde der Lehrer zutraulicher. »Sie müssen mir meine -anfängliche Kälte nicht verargen,« sagte er eines Tages zu Harteck. -»Ich kannte Sie nicht und glaubte mit einem Manne zu tun zu haben, dessen -Ansichten mit denjenigen des Herrn Dekans übereinstimmen. Mit diesem -hochwürdigen Herrn ist's schwer zu leben. Er mengt sich in alles, tadelt -alles, forscht die Kinder aus und läßt sich von ihnen berichten, was -sie von mir hören und lernen, guckt in die Schulbücher und findet ihren -Inhalt nicht genug christkatholisch und setzt alle Mittel in Bewegung, um -die Kinder und deren Eltern gegen mich aufzuhetzen. Er hat mir das Leben -im Anfang meines Hierseins sehr sauer gemacht. Doch mit der Zeit hat der -gesunde Sinn der Bauern gesiegt, sie haben erkannt, daß sie mir ihre -Kinder getrost anvertrauen dürfen, und ich bin jetzt überall gern -gesehen. Ich weiß, daß mir der Herr Dekan darum übel will, aber ich -mache mir nicht so viel daraus,« schloß er seine Rede und schnalzte mit -den Fingern. - -»Ich hoffe, daß Sie den Kindern gegenüber Ihrer Freimütigkeit mehr -Zwang auferlegen,« erwiderte Harteck. »Oder lassen Sie sich am Ende -gar einfallen, die Person des Herrn Dekans in den Augen der Kinder -herabzusetzen? Dagegen müßte ich energischen Einspruch erheben.« - -Der Lehrer beruhigte ihn: so weit gehe sein Groll nicht. Er, für seine -Person, würde ja gern Frieden schließen mit dem Herrn Dekan, aber der -hochwürdige Herr wolle den Frieden nicht, sondern Krieg, erbitterten, -unversöhnlichen Krieg. - -Harteck verfolgte dieses Thema nicht weiter und fing von seinem Liebling, -der kleinen Toni, zu sprechen an. Die Augen des Lehrers leuchteten. Ja, -das wäre ein Kind! So klug und fleißig, so lebhaft und lernbegierig, -ein Phänomen, ein Muster für die ganze Klasse. Freilich dürfe man sich -darüber nicht allzusehr verwundern: wie könnte es denn anders sein bei -der Erziehung, die das Kind daheim genieße? - -»Man macht im Ort viel Aufhebens von ihrer Schwester,« bemerkte Harteck. - -»Und mit Recht!« rief der Lehrer begeistert und eine hohe Röte überzog -seine hageren Wangen. »Fräulein Paula ist ein Geschöpf, wie es auf Erden -kein zweites geben kann. Ich mache kein Geheimnis daraus, daß ich sie -liebe und verehre, denn es kann einem Manne nur zur Ehre gereichen, wenn er -ein Mädchen wie Paula Reinberg liebt.« - -Dem jungen Priester gefielen diese Offenherzigkeit und diese -enthusiastische Hochachtung für das geliebte Mädchen sehr. - -»Sie werden wohl bald Hochzeit halten?« fragte er mit einem Lächeln. - -»Ach! _Damit_ hat es noch seine guten Wege,« antwortete der Lehrer -seufzend. »Es ist seltsam: ich, der ich das Herz auf der Zunge trage und -jedem Fremden von meiner Liebe erzählen möchte, -- _ihr_ gegenüber sinkt -mir aller Mut und ich habe noch nicht gewagt, ihr zu sagen, daß ich sie -liebe. Sie ist ein eigentümliches Wesen. Manchmal kommt mir vor, als ob -sie überhaupt kein Herz habe.« - -»Kein Herz für Sie, meinen Sie wohl?« - -»Für mich und die Männer im allgemeinen. Sie hat schon zwei sehr -annehmbare Freier verworfen. Vielleicht wird es mir ebenso ergehen.« - -Der Priester hütete sich, das Vertrauen des jungen Mannes mit gleichem -Vertrauen zu erwidern. Der Lehrer lebte mit dem Dekan auf dem Kriegsfuß -und konnte aus diesem Grunde niemals Hartecks Freund werden. Nun, diese -heilige Stelle nahm schon allein und unbestritten ein anderer, Ferner, -ein; aber vielleicht würde Harteck sich näher an den Lehrer angeschlossen -haben: doch so, wie die Dinge standen, ließ er nicht einmal den Wunsch -nach einem vertrauteren Verkehr in sich aufkommen, suchte den Lehrer -außerhalb der Schule niemals auf und überging dessen Vorschlag, manchmal -den Abend in seiner Gesellschaft in einem Gasthause zuzubringen, mit -Stillschweigen. Der Dekan verübelte ihm ohnedies, daß er überhaupt mit -dem Lehrer sprach, und der junge Pater teilte die Ansicht des gnädigen -Herrn. - -»Sie werden in eine schiefe Stellung geraten,« sagte der Mönch einmal -zu Harteck. »Bei den jetzigen Verhältnissen gibt es keinen Mittelweg. Sie -müssen entweder zu uns oder zu den Feinden des Herrn Dekans halten, und -die Wahl kann Ihnen doch unmöglich schwer fallen.« - -»Hat der Herr Dekan Sie beauftragt, mir das zu sagen?« fragte Harteck -ärgerlichen Tones. - -»Darauf muß ich Ihnen die Antwort schuldig bleiben. Verhehlen will ich -Ihnen indessen nicht, daß Ihr Benehmen dem Herrn Dekan nicht sonderlich -behagt.« - -»Weshalb nicht? Was tue ich Unrechtes?« - -»Können Sie leugnen, daß Sie einen Umgang mit seinen Feinden anzubahnen -suchen?« - -»Das leugne ich allerdings. Soll ich den Leuten keine Antwort geben, -sobald sie mich ansprechen? Übrigens existieren diese Feindschaften nur in -der Einbildung des Herrn Dekans.« - -»Mag sein. Darüber haben weder Sie noch ich zu entscheiden. Unsere -Pflicht ist, uns den Wünschen des Herrn Dekans zu unterwerfen. Wenn wir -es _nicht_ tun, werden die Folgen davon auf unser eigenes Haupt -zurückfallen.« - -»Soll man denn keine freie Bewegung machen dürfen?« dachte Harteck, -als der Mönch ihn verlassen hatte. »Die harmloseste selbst wird einem -verleidet. Mögen sie in Gottes Namen ihren Willen haben! Wenn jede kleine -Annehmlichkeit durch schwere Opfer erkauft werden muß, ist es wohl besser, -allem im voraus zu entsagen.« - -Er handelte diesem Vorsatz gemäß, ging allen Leuten aus dem Wege und -sprach mit beinahe niemandem als mit dem mürrischen Dekan, dem ihm -ungnädig gesinnten Fräulein Aurelie und dem wortkargen Mönch und hoffte, -daß diese Personen nunmehr zufrieden mit ihm sein würden. Seine einzige -liebe Gesellschaft war sein Hund, der sich, trotz allem Schmeicheln und -Zureden, nicht mit Fräulein Aurelie befreunden wollte; das Fräulein -bestrafte den Hund dafür mit stiller Verachtung und gänzlichem Ignorieren -seiner Persönlichkeit, -- eine Strafe, aus der sich Cäsar freilich nichts -machte. - - - - -Fünftes Kapitel - - -In der Nähe des Hauptplatzes stand das Wohnhaus des Arztes. Efeu rankte -sich an den Mauern empor und umschlang mit grünen Armen den zierlich -geschnitzten Balkon, der die Aussicht nach dem Garten hatte. Auf dem Balkon -stand Toni und blickte nachdenklich zum Himmel empor. Seit mehreren -Tagen regnete es ununterbrochen. Die Bäume ließen die Zweige hängen, -Herbstesahnen zog durch die erkaltete Luft. Lang sah die Kleine dem -eintönigen Fallen der Regentropfen zu und erst, als sie drinnen im Hause -ihren Namen rufen hörte, fuhr sie aus ihrem Sinnen auf und sprang in das -Haus hinein. - -»Willst Du etwas, Paula?« fragte sie. »Wo steckst Du denn?« - -»Hier, in meinem Zimmer. Vater ist gekommen. Geh' ihm entgegen, Toni.« - -Die Kleine lief die Treppe hinab, dem Haustor zu. Im Flur stand ein -großer, hagerer Mann von ungefähr sechzig Jahren. Er trug hohe -Wasserstiefel und einen Regenmantel und hielt einen Regenschirm, von dem -das Wasser herabrann, in der Hand. - -»Bist naß geworden, Vater?« fragte Toni auf ihn zufliegend. - -»Nur äußerlich. Der Mantel ist wasserdicht. Guten Abend, Kind. Ist etwas -vorgefallen?« - -»Eine Frau war hier mit ihrem Kinde. Paula hat ihr einiges zu tun -verordnet. Wird der Scharlach werden, meint Paula.« - -»Das ist böse. Schon der dritte Fall in einer Woche! Da heißt es -vorsichtig sein.« - -»Wird am Ende gar die Schule geschlossen werden müssen?« fragte Toni. - -»Wahrscheinlich; doch vorläufig will ich mich umkleiden.« - -Die Zimmer im Erdgeschoß waren für das Laboratorium, die Apotheke, -die Arbeitsstube des Arztes, die Küche, die Vorratskammer und das -Dienstbotenzimmer eingerichtet. Das erste Stockwerk umfaßte vier Zimmer, -wovon eines als Speise- und Wohnzimmer und zwei zu Schlafstuben verwendet -wurden; das letzte gehörte Paula zu alleinigem Gebrauch. Doch gerade da -hielt Toni sich am liebsten auf; im Zimmer der Schwester machte die Kleine -ihre Schulaufgaben, übte auf der Zither, strickte oder spielte -- und -das alles konnte nur in Paulas Gesellschaft geschehen; hatte sie doch die -große Schwester jeden Augenblick um Rat zu fragen. Unter Paulas Anleitung -arbeitete es sich so leicht und gut ... und Paula wollte es so haben. Ihr -fehlte immer etwas, wenn sie das Schwesterchen nicht an der Seite hatte. - -Der Arzt hatte den Regenmantel ausgezogen und an einen Nagel gehängt, Toni -schüttelte geschäftig das Wasser vom Regenschirm und stellte ihn in -eine Ecke, und hierauf schritt der Arzt, das Töchterchen an der Hand, die -Treppe hinan. - -Im Stiegengang schon trat ihnen ein schlank gewachsenes junges Mädchen -entgegen. Sie hängte sich an den Arm des Arztes und führte den Vater in -das Wohnzimmer. - -»Bist Du recht ermüdet und ausgekältet?« fragte sie. Ihre Stimme hatte -einen wohltönenden und weichen Klang. - -»Es geht.« Er ließ sich auf den Divan nieder, der an der Hauptwand -stand. Paula setzte sich neben ihn und erstattete ihm ausführlichen -Bericht über das kranke Kind. - -»Ich werde nach dem Abendessen hinübergehen zu der Frau und mir das Kind -ansehen,« sagte der Arzt. »Können wir bald essen?« - -»Sogleich. Wir haben nur auf Dich gewartet.« - -Sie erhob sich, um nach der Küche zu gehen. Der Tisch war bereits gedeckt -und die Hängelampe über demselben angezündet. Nach wenigen Minuten -erschienen Paula und die Magd und trugen das Abendbrot auf. - -Während des Essens sprachen sie von den kleinen Tagesereignissen. Toni -mußte berichten, was sie gearbeitet und in der Schule gelernt hätte, denn -der Arzt war den ganzen Tag über vom Hause fort gewesen. Die Kleine zeigte -sich sehr mitteilsam. Sie wäre gelobt worden, vom Lehrer und vom Herrn -Katecheten; dieser hätte ihr sogar ein Heiligenbildchen geschenkt. Sollte -sie es dem Vater zeigen? Er bejahte die Frage, und Toni sprang davon und -brachte das kleine Bild. Es stellte ein Kind dar, das über einen schmalen -Weg schreitet und über dem sein Schutzengel schwebt. - -»Sehr schön!« sagte der Arzt. Dann erzählte er, bei wem er gewesen, wie -es mit den Kranken stände, die er gesehen hatte, und Paula warf manchmal -eine Frage dazwischen, die verriet, daß sie mit allem, was in den Beruf -des Vaters einschlug, wohl vertraut war. - -Nach dem Essen ging der Arzt wieder fort, und als er nach Ablauf einer -halben Stunde zurückkehrte, hatte Paula die kleine Schwester mittlerweile -zu Bett gebracht. Toni schlief noch nicht; sie wartete die Rückkunft des -Vaters ab, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Als das geschehen war, -sprach sie ihr Nachtgebet und sank dann sehr bald in den glücklichen -Kindesschlaf. - -Vater und Tochter saßen nun allein beisammen im Wohnzimmer. - -Sie hielten es jeden Abend so, seit die Mutter tot; sprachen miteinander, -oder er las und sie arbeitete; manchmal sagte er von seinem Buche -aufblickend: »Singe etwas,« und dann erhob sie sich, holte ihre Zither -und sang ihm mehrere Lieder vor. - -Heute fühlte er sich zu ermüdet, um zu sprechen. Er saß am Tische und -hatte ein Buch vor sich liegen; Paula saß ihm gegenüber und besserte -Wäsche aus. Dann und wann erhob sie den Blick zum Vater, wie um zu -erforschen, ob er vielleicht etwas brauche; doch da sie ihn eifrig lesen -sah, beugte sie sich wieder über ihre Arbeit. - -Sie war ein schönes Mädchen; nicht gerade blendend, nicht ins Auge -fallend, wohl aber schön für denjenigen, der geistige Schönheit zu -verstehen imstande ist. Ihr dunkles reiches Haar war in Zöpfen um das -Haupt gewunden und legte sich in natürlichen Wellen um die blasse Stirn. -Sie hielt den Kopf nach vorne gesenkt und diese Stellung zeigte, wie fein -geformt ihr schlanker Hals war und wie anmutig die kleinen Locken im Nacken -an der weißen Haut spielten. Ihr Gesicht war blaß, die Wangen sanft -gerundet und die etwas kurze Oberlippe schloß sich selten ganz über den -kleinen weißen Zähnen. Das Schönste in ihrem Gesichte waren die Augen; -groß und tiefgrau waren diese langbewimperten Augen und hatten einen -ernsten, sinnenden Blick. Den mädchenhaften Körper umschloß ein -einfaches schwarzes Wollenkleid, die kleinen Ohren und schlanken Hände -entbehrten jedes Schmuckes. Im Haar hatte Paula eine gelbe Rose stecken. - -»Paula,« sagte ihr Vater plötzlich. - -Sie blickte horchend auf. - -»Wann wirst Du wieder einmal in der Kirche singen? Die Leute sprechen -schon davon.« - -»Die Leute sprechen immer. Sagten sie doch vor einiger Zeit, daß ich -bloß deshalb so oft singe, weil ich auf dem Chor den Lehrer treffe. Sie -sollen ihren Irrtum einsehen lernen.« - -»Also wegen der Leute --?« - -»Nein, Vater. Nicht deshalb. Aber ich will Herrn Stettner aus dem Wege -gehen.« - -»Belästigt er Dich in irgendeiner Weise?« - -»Er sieht mich immerfort an und das ist mir unangenehm.« - -»Überwinde Dich einmal und singe nächsten Sonntag, -- mir zu Gefallen. -Ich will nicht, daß man glaube, wir hätten die Absicht den Dekan zu -beleidigen.« - -»Gut, Vater. Ich will es tun.« - -Er las darauf noch eine kurze Weile und zog sich dann in sein Schlafzimmer -zurück. Paula hatte noch keinen Schlaf. Sie trat ans Fenster und blickte -hinauf zum dunklen, sternenlosen Himmel, -- nicht träumerisch oder -sehnsuchtsvoll, sondern ruhig, wie Menschen tun, in deren Herzen der Friede -wohnt. Sie dachte an allerlei, aber ihre Gedanken gingen nicht über das -kleine Haus hinaus; alle ihre Wünsche, ihre Liebe und Hoffnungen lagen -hier, in ihrem Heim. Ihr Auge glitt über die Möbel, die in dem Zimmer -standen; wie waren alle ihr lieb und vertraut! Als Kind schon hatte sie -diese Möbel gekannt, und während sie altmodisch wurden und ihre Farben -verblaßten, war Paula groß geworden. Ein jedes dieser Einrichtungsstücke -sprach ihr von den Kindertagen, der ersten Jugendzeit und der Mutter, für -die diese Möbel gekauft worden waren, als sie als junge Frau in das Haus -des Gatten zog. Auf diesem Divan hatte die Mutter oft geruht, da sie schon -krank, und dort hatte der Vater Paula eines Tages niedersetzen heißen, -hatte sich an ihre Seite gesetzt und sie stumm ans Herz gezogen. Er hatte -dabei so schwer geatmet, so schwer, ... und da hatte Paula plötzlich -gewußt, daß die Mutter verloren war, daß sie bald sterben mußte. Und: -»Vater!« hatte sie mit halb erstarrter Zunge gestammelt und noch einmal: -»Vater!« und hatte in seinen Rock gebissen, um nicht aufzuschreien, denn -sie wußte, das die Kranke im Nebenzimmer war. Der Arzt hatte die Tochter -in seine Arme genommen und zusammen waren sie hinaus ins Freie gegangen. -An seinem Arm hängend, vom Vater unterstützt, hatte sie sich -weitergeschleppt, und so waren sie bis außerhalb der Stadt Innsbruck -gekommen, wo sie damals wohnten, und dort waren sie auf die Kniee gesunken -und hatten geweint. Geweint? _Geschrieen_ hatten sie, geschrieen in ihrem -hilflosen, verzweiflungsvollen Jammer, bis sie endlich einander ermattet in -die Arme gesunken waren. - -»Weiß sie ...?« hatte Paula endlich gefragt. - -»Ja! Sie hat mit mir davon gesprochen und mir Dich und die Kleine an das -Herz gelegt.« - -O traurige Zeit einer letzten Krankheit! Leiden sehen müssen dasjenige, -was man so innig liebt, und schließlich -- grausame Notwendigkeit! -- -_wünschen_ müssen, daß der Tod der Tragödie ein Ende machen möge, -damit die Qual endlich, endlich vorüber sei. Und dann, _wenn_ sie -vorüber, ... welche Leere in der Brust, welche Einsamkeit außen und im -Hause! Häßlicher, häßlicher Tod. -- - -Da saß Paula in ihrem schwarzen Kleide oder schlich durch die verödeten -Räume, nachgrübelnd darüber, was sie tun sollte, um das zerstückte -Familienleben wieder halbwegs aufzubauen. Sie war erst sechzehnjährig, -aber sie hatte Mut und fühlte die Kraft in sich, den Versuch zu wagen, ob -sie die Mutter, so weit das eben möglich, nicht ersetzen könnte. Da war -der Vater, der nach wie vor seinem Berufe nachging und sich äußerlich -stark zeigte, der Kinder wegen, aber dem der Schmerz am Herzen fraß, der -einmal hatte weinen können und dann nie wieder. Da war die dreijährige -Toni, das mutterlose Kind, das noch nicht verstand, was es verloren hatte; -da war das Haus ohne Hausfrau ... und Vater, Kind und Haus umfaßte Paula -mit ihren jungen Armen und mutigem Herzen; sie dachte niemals an sich; sie -lebte nur für den Vater, die Kleine und das Haus und gewann mit den Jahren -die wehmutvolle und erhebende Überzeugung, daß sie imstande war, die -Mutter zu ersetzen, so gut eben der Platz, den eine Mutter leer gelassen, -ausgefüllt werden kann. - -Sie waren von Innsbruck fortgezogen und in das Dorf übersiedelt, wo sie -heute noch lebten. Der Vater hatte vollauf zu tun, und wenn er nach Hause -kam, empfing ihn ein wohlgeordnetes Haus, trat Paula ihm entgegen mit -liebevollem Gruß, das Kind an der Hand. Nunmehr _ihr_ Kind. Sie liebte -dieses Kind mit mütterlicher Zärtlichkeit, sie mußte ihm ja Mutter -sein. Das Kind gehörte ihr, ihr allein. Niemand anders als sie durfte es -überwachen, pflegen, erziehen. Wenn jemand die Kleine küßte, bewunderte, -ihr schön tat und Toni dazu lächelte, empfand Paula eine eifersüchtige -Regung: das Kind könnte ihr entwendet werden, könnte sich an Fremde -anschließen, ... oder aber sie fürchtete wieder, daß sie die Kleine -nicht richtig erziehe, zu streng oder zu schwach wäre, daß Toni sterben -könnte. Wenn das Kind Kopfweh hatte oder stiller war als sonst, fieberte -Paula vor Angst. Was sie für sich selbst niemals gewesen war, -- für -Toni war sie eitel und konnte stundenlang über Schnitt und Aufputz eines -Kinderkleidchens nachdenken. Und was für eine Freude war es dann später -für sie, das Kind zu unterrichten, es lesen, schreiben und zählen zu -lehren und den jungen Geist zu bilden. Wie glücklich machte es sie, mit -dem Kinde spazieren zu gehen und zu sehen, wie munter Toni voransprang -und wie gesund und kräftig sie war und wie gelenk die schön geformten -Glieder. Oft gingen die Mädchen dem Vater entgegen und Paula hing sich -dann an seinen Arm und sprach mit ihm von seinen Kranken, denn sie hatte -sich so sehr in seinen Beruf hineingelebt, daß sie in allem und jedem -Bescheid wußte und er sie oft scherzend seinen Assistenten nannte. Mit den -Jahren war Paulas Liebe für die Kleine, wenn auch nicht weniger innig, so -doch ruhiger geworden. Sie war ihres Lieblings sicher und wußte, daß sie -Toni richtig erzog. Paula zählte heute dreiundzwanzig Jahre. Das Haus, -der Vater, die Schwester waren ihre Welt. Sie hatte eine schwere Aufgabe zu -erfüllen, dessen war sie sich wohl bewußt; aber in der Erfüllung ihrer -Pflicht lag gleichzeitig auch ihr Glück. - -Seit dem Tode der Mutter war kein Tag verstrichen, wo das junge Mädchen -nicht an die Verstorbene gedacht hätte. In Paulas Zimmer stand ein kleiner -Schrank, in dem lauter Erinnerungszeichen an die Mutter aufbewahrt lagen. -Vor diesem Schranke kniete Paula nieder und nahm die ihr heiligen -Reliquien heraus. Da waren Briefe der Mutter, ihr Gebetbuch, ihre -Haushaltungsbücher, ihr Schmuck, ihr Brautkranz und Schleier und der -Leuchter, der neben dem Bette gestanden hatte, als sie starb. Die Kerze -darinnen war fast gänzlich herabgebrannt ... Die Mutter hatte Licht -gemacht und war dann eingeschlafen, um nie wieder zu erwachen. Als Paula, -erschreckt durch die Stille, in das Zimmer geeilt war, hatte sie die -brennende Kerze und der Mutter Totenantlitz gesehen. Die Gute war still -hinübergegangen, hatte den Ihrigen den gräßlichen Anblick des letzten -Kampfes erspart ... Ja, gut war sie gewesen, gut und liebevoll bis zum -letzten Augenblick. - -Über dem Schranke hing das Bild der Mutter. Zu dem erhob Paula nun die -Augen. Sie blickten ernst und dankbar, aber nicht kummervoll. Paula wußte, -daß sie ein gutes Kind gewesen war und der Mutter mit Absicht niemals -einen Schmerz bereitet hatte; daß sie treu in dem verwaisten Hause waltete -und der gute Engel derjenigen war, die ihre Mutter über alles geliebt -hatte. »Bist Du mit mir zufrieden?« fragte Paula leise. »Nie, hörst Du, -Mutter? nie will ich sie verlassen; nie soll es anders werden, als es heute -ist.« - -Mit ruhiger Hand machte sie auf Stirn, Mund und Brust das Zeichen des -Kreuzes, ihr Herz schlug friedvoll und leidenschaftslos, als sie jetzt -ihr Lager aufsuchte und, bevor sie es tat, das Händchen der kleinen Toni -küßte, die sanft schlummernd in ihrem Bette lag. - - - - -Sechstes Kapitel - - -Sonntag war's; ein frostiger, klarer Septembermorgen. Von nah und fern -strömte das festtäglich geputzte Landvolk in die Kirche. Die Leute hatten -sich vorgenommen, den Herrn Dekan zu versöhnen; der gespannte Ton, der -zwischen ihnen und dem Seelenhirten herrschte, fing an, ihnen unbehaglich -zu werden; sie wollten ihm beweisen, daß sie noch fromm waren und sich -bemühten, einen Ausgleich anzustreben. Heute predigte der gnädige Herr -selber. Nun, er sollte sehen, daß sie ihm nicht auswichen. Auf eine -Strafpredigt waren sie gefaßt. Aber das verschlüge ja nichts; der Herr -Dekan hätte am Ende einige Ursache, ungehalten zu sein; man hätte ihn in -den Landtag wählen sollen, dann hätte man doch Frieden. - -Mißvergnügt über die Stimmung, die in dem Volke Platz gegriffen hatte, -schlenderte der junge Schullehrer der Kirche zu. Seit einigen Wochen -fühlte er, daß seine mühsam errungene Popularität in bedenklicher Weise -abnahm. Er war ein »Liberaler«, hatte einiges dazu beigetragen, um die -Kluft zwischen den Bauern und dem Dekan zu erweitern, und das nahmen ihm -die Leute jetzt übel; besonders die Frauen. »Mit diesem Volk ist nichts -anzufangen,« dachte er verdrießlich. »Immer kehren sie auf halbem Wege -wieder um. Die Furcht vor der Hölle bannt sie stets aufs neue in den -Zauberkreis von Rom. Da ist nichts zu machen.« - -Sein Gesicht hellte sich plötzlich auf, denn er sah die kleine Toni, -festlich gekleidet, ihr Gebetbüchlein in der Hand, des Weges einherkommen. - -»Guten Morgen, Toni,« sagte er und küßte sie trotz ihrem Widerstreben. -»Wie geht es Dir? Bist Du schlechter Laune?« - -»Nein,« antwortete das Kind. »Aber ich mag das Küssen nicht leiden.« - -Toni wußte, daß der Lehrer um ihre Gunst buhlte, und das machte sie -verwegen. Er ließ sich ja doch alles gefallen, ... ihn durfte sie ganz -ohne Zeremonie behandeln. - -»Wo bleibt Deine Schwester?« fuhr er fort. - -»Sie wird später kommen. Jetzt hat sie im Hause zu tun.« - -»Und Du? Willst Du die ganze Predigt anhören?« - -»Ja. Sie nicht?« - -»Nein, mein Kind. Ich gehe lieber ein wenig spazieren. Komm mit mir und -laß die Predigt Predigt sein.« - -Sie schüttelte den Kopf. »Ich will den Herrn Katecheten nicht böse -machen.« - -Fritz Stettner runzelte die Stirn. Dieser Katechet fing an, ihm nachgerade -unangenehm zu werden. Toni sprach so oft von ihm, schwärmte für ihn, -verehrte ihn, ... des Lehrers Herz empfand Groll und Eifersucht. - -»Sag' mir, Toni ...« - -Das Kind hörte ihn nicht einmal. Seine Augen späheten nach dem Pfarrhof -und das Blut stieg ihm in die Wangen. »Da kommt er!« flüsterte es -aufgeregt. - -Georg Harteck trat aus dem Pfarrhof und näherte sich ihnen. Er trug den -schwarzen Priestertalar, sein Haupt war unbedeckt und zur Erde gesenkt. Er -bemerkte die beiden nicht. - -»Herr Katechet!« rief Toni ein wenig schüchtern. - -Er hemmte den Schritt, erblickte das Kind und seine Züge heiterten sich -auf. Toni näherte sich ihm mit verlegener kindlicher Grazie, das Köpfchen -auf die rechte Schulter geneigt, in den Augen und auf den Lippen ein -Lächeln. - -»Gehen Sie in die Kirche, Herr Katechet?« fragte sie, seine Hand -küssend. - -»Ja. Ich zelebriere heute das Hochamt.« - -»Ach! Das ist gescheit! Ich werde so andächtig sein, o! so -andächtig ...« - -»Das sollst Du immer sein, wenn Du betest.« - -»Und heute wird Paula singen,« fuhr das Kind mit großem Stolze fort. -»Daß Sie heute gut spielen, Herr Stettner!« rief sie dem Lehrer zu. -»Wenn Sie es nicht tun, dann geben Sie acht!« - -Der Lehrer begrüßte den Geistlichen mit einem gezwungenen Lächeln. -In welch' verschiedenem Tone sprach die Kleine zu diesem Menschen! _Ihn_ -behandelte sie immer von oben herab ... Ja, wenn sie nicht Paulas Schwester -wäre! Aber so, ... was konnte er machen? - -»Jetzt muß ich in die Kirche hineingehen,« sagte Toni. »Die Predigt -fängt schon an.« - -Sie grüßte und entfernte sich mit abgemessenen Schritten und sittsam -niedergeschlagenen Augen. - -»Folgen Sie ihr nicht?« fragte Harteck den Lehrer. - -»Nein; ich habe keine Lust, mich abkanzeln zu lassen,« versetzte der -junge Heißsporn, zog den Hut ab und ging rasch davon. - -Harteck mußte über ihn lächeln. Im Grunde genommen konnte er es dem -Lehrer nicht verargen, daß dieser der Predigt auswich; tat _er_ doch das -nämliche. Er blieb vor der Kirche stehen und blickte nach der Richtung, -die in das Dorf führte. Er hatte die Absicht zu warten, bis Paula -käme. Er wollte das junge Mädchen endlich einmal sehen. Im unverwandten -Hinblicken nach der bezeichneten Gegend bemerkte er nicht, daß Fräulein -Aurelie aus dem Pfarrhofe trat und auf die Kirche lossteuerte. Sie trug ein -sehr enges Kleid und Schuhe mit Pariser Absätzen, was ihrem Gange einige -Unsicherheit verlieh. In der Hand hielt sie ein großes, mit Silber -beschlagenes Gebetbuch in braunen Sammet gebunden, das sie zärtlich an das -Herz drückte. Ihr kleines, spitzes, über und über mit =poudre de riz= -bestäubtes Gesicht hatte einen gesucht frommen Ausdruck. Sie wurde des -Geistlichen sofort gewahr; schnell senkte sie den Blick und trippelte auf -ihrem schwanken Schuhwerk auf ihn zu. Schon war sie ihm ganz nahe gekommen -und er bemerkte sie noch immer nicht. Da ließ sie ein fistelartiges -Räuspern ertönen: »Hm! hm!« - -Er fuhr zusammen und drehte das Haupt nach ihr hin. - -»So in Gedanken, Herr Kooperator?« redete sie ihn an. »Sie müssen an -_sehr_ interessante Dinge gedacht haben. O! werden Sie nicht rot! Denken -darf man ja was und woran man will.« - -Er war gar nicht rot geworden. Das Fräulein stand vor ihm, nickend, -kichernd, mit schalkhaft erhobenem Zeigefinger. Harteck zwang sich zu einem -Lächeln. - -»Sie sind heute gut gelaunt, gnädiges Fräulein,« sagte er. - -»Nur äußerlich,« antwortete sie mit einem Seufzer und blickte ihr -Gebetbuch an. »Ich will nun in die Kirche gehen und beten, ... um den -inneren Frieden will ich bitten.« - -»Tun Sie das,« sagte er zerstreut. - -»Erwarten Sie jemanden?« fragte sie, von dem stimmungsvollen Tone -plötzlich in einen gereizt klingenden übergehend. - -»Weshalb diese Frage?« - -»Nun, -- so. Sie sehen danach aus. Ich will Sie nicht länger stören, -hochwürdiger Herr,« sagte sie pikiert. - -»Aber, mein Fräulein ...« - -»Schon gut, schon gut, mein Herr. Ich _bedauere_ Sie gestört zu haben,« -schloß sie mit Emphase und ging in die Kirche hinein. - -»Was hat sie nur?« dachte Harteck. »War ich schon wieder unhöflich?« - -Der Klang einer ihm bekannten Stimme lenkte seine Gedanken von Fräulein -Aurelie ab. Er sah den Lehrer kommen; diesem zur Seite, das Haupt halb -abgewendet von ihm, ging ein junges Mädchen. Was die beiden miteinander -sprachen, konnte Harteck nicht verstehen; jedoch aus dem Tone ihrer Stimmen -war zu erraten, daß sie über irgend etwas uneinig waren. Eine Ahnung -sagte dem Priester, daß dieses Mädchen Paula wäre ... Nun denn! Sie -ging mit dem Lehrer, ließ sich von ihm abholen und begleiten, zankte mit -ihm, ... also doch zwei Verliebte. Harteck empfand ein Gefühl, das der -Enttäuschung nahe kam. Er würde lieber gesehen haben, wenn diese viel -besprochene, viel gerühmte Paula nur für die Ihrigen gelebt, wenn sie -diesen langhaarigen, überspannten Schullehrer nicht geliebt hätte ... Wie -konnte ein feines und kluges Mädchen sich in solchen Kauz verlieben? - -Paula näherte sich ihm; er konnte ihr Gesicht sehen; ihre blassen, feinen -Züge drückten einige Unzufriedenheit aus und zwischen ihren Brauen -lag eine Falte. Mit stolzer Ruhe ging sie einher, den Schritt weder -beschleunigend noch ihn verzögernd. Ihr Begleiter gestikulierte heftig, -redete in sie hinein, schien sie von irgendeiner Sache überzeugen zu -wollen ... Sie schüttelte bloß den Kopf. - -»Ich habe Sie oft schon ersucht, mich nicht abzuholen und sich mir nicht -anzuschließen, wenn wir einander auf dem Weg nach der Kirche begegnen,« -hörte der Priester sie sagen. »Warum beachten Sie meine Worte nicht?« - -»Weshalb aber,« fiel er aufgeregt ein, hielt jedoch plötzlich inne. Er -hatte den Geistlichen bemerkt. Paula folgte der Richtung, die sein Blick -genommen. Ihre grauen ernsten Augen begegneten Hartecks forschendem Blicke, -sie sah ihn ruhig an, und er, der Sitte des Dorfes entgegen, verbeugte sich -unwillkürlich. Es war eine Seltenheit, daß auf dem Lande ein Priester ein -Glied seiner Gemeinde zuerst grüßte ... Paula jedoch schien diese kleine, -ihrem Geschlechte dargebrachte Huldigung nur natürlich zu finden; sie -dankte ohne zu lächeln und ging an ihm vorüber. Harteck schaute der -schlanken Mädchengestalt nach, bis sie verschwunden war. - -»Eine marmorkalte Schönheit!« dachte er. »Armer närrischer Friedrich! -Von diesem Bild ohne Gnade ist freilich nicht viel zu hoffen.« - -Er blickte auf die Uhr. Es war Zeit, sich für das Hochamt anzukleiden. -Was ihm sonst beinahe niemals widerfuhr, -- heute freute er sich auf die -Abhaltung des Gottesdienstes. Er war auf Paulas Gesang gespannt. - -Bald darauf stand er vor dem Altar. Das Hochamt begann. Als Paulas Stimme -ertönte, -- so ganz verschieden von den übrigen Stimmen auf dem Chor, so -weit besser geschult und seelenvoller, -- da durchrieselte die Glieder des -jungen Mannes ein Schauder des Entzückens. Er hatte Sinn und Verständnis -für alles Schöne, und das Leben, das er führte, brachte das Schöne in -der Kunst so selten auf seinen Weg. Mit lautschlagendem Herzen lauschte -er der tiefen, klangvollen Mädchenstimme und empfand eine seltsame -Befriedigung, wenn unmittelbar auf _seine_ Stimme der Gesang des Mädchens -einfiel. Stundenlang hätte er sie singen hören, hätte diese Töne -gleichsam trinken mögen, um sein durstiges Herz zu erquicken, -- aber -das Hochamt ging zu Ende, die Andächtigen entfernten sich, Gesang und -Orgelspiel verstummten, der Genuß für Ohr und Seele war vorbei. Eine -Woche, eine ganze lange Woche mußte er auf die Wiederholung dieser -belebenden Stunde warten, ... vielleicht länger noch; denn wer weiß, ob -Paula am nächsten Sonntag abermals singen würde? Rasch verfügte er sich -in die Sakristei und legte hastig das Meßgewand ab. Er wollte dem jungen -Mädchen zuvorkommen, wollte früher als sie außerhalb der Kirche sein, -Paula noch einmal sehen, ... vielleicht, daß die kleine Toni ihn anreden -und sich ihm dadurch die Gelegenheit bieten würde, mit Paula zu sprechen; -er würde dem jungen Mädchen gern gesagt haben, wie sehr ihr Gesang ihn -entzückt hatte. Das war doch erlaubt, nicht wahr? Er war gewohnt, daß -sein Vorgesetzter an allem, was er tat, zu rügen fand, ... vielleicht -würde er auch darin Tadelnswertes erblickt haben. In Gottes Namen! auf -einen Verweis mehr oder weniger kam es nicht an. »Ich stelle ihn doch -nicht zufrieden,« dachte Harteck und eilte ins Freie. - -Wirklich sah er Paula mit Toni kommen. Die Kleine hing am Arm der Schwester -und plauderte eifrig mit ihr. Rasch entschlossen ging Harteck dem Paare -entgegen, -- die Schwestern konnten ihm nicht ausweichen, sie mußten -ihn sehen. Toni hatte auch keineswegs die Absicht, ihn zu übersehen; -sie zupfte die Schwester am Kleide und flüsterte ihr, während sie den -Priester mit lachenden Augen anschaute, einige Worte zu. Paula aber blickte -nicht einmal auf. »Komm!« sagte sie bloß zur Kleinen, die nicht üble -Lust zu haben schien, stehen zu bleiben; widerstrebend gab Toni nach und -die beiden gingen an dem Priester, der enttäuschten Gesichtes dastand, -vorüber. Das Kind blickte noch einmal zurück und lächelte ihn an, -- er -nickte ihm flüchtig zu und begab sich langsamen Schrittes nach Hause. -Am Frühstückstisch fand er niemanden als den jungen Mönch, der ihm -schweigend mehrere Briefe überreichte. Gleichgültig schob Harteck die -Briefe in die Tasche. Sie waren aus seiner Heimat, von seiner Mutter und -Schwester; die konnte er auch später lesen. - -»Wo sind der Herr Dekan und das Fräulein?« fragte er, um etwas zu sagen. - -»Im Garten.« - -Gut, daß er das hörte. Er hatte die Absicht gehabt, nach dem Frühstück -in den Garten zu gehen; jetzt aber ließ er den Plan hurtig fahren. - -»Sie sollten Ihren Hund jedesmal, wenn Sie fortgehen, sorgfältig -einschließen,« sagte der Pater. »Er hat sich schon wieder mit dem -Hofhund gerauft. Der Herr Dekan war darüber sehr aufgebracht.« - -»Ist meinem Hunde etwas geschehen?« fragte Harteck beunruhigt. - -»Nein; aber der andere ist ganz zerbissen. Weshalb haben Sie sich auch ein -so bösartiges Tier angeschafft?« - -»Bösartig? _Mein_ Hund? Der ist fromm wie ein Lamm. Aber der andere -fängt immer mit ihm zu raufen an. Es wäre kein Schaden gewesen, wenn mein -Cäsar die Bestie totgebissen hätte.« - -»Meinen Sie? Ich weiß nicht, was der gnädige Herr dazu gesagt haben -würde. Jedenfalls hätte Ihr Hund aus dem Hause müssen.« - -»So?« sprach Harteck zwischen den Zähnen. Der bloße Gedanke, ihn -von seinem Hunde trennen zu wollen, machte sein Blut kochen. Aber er -beherrschte sich. - -»Ich werde den Hund künftighin in meine Stube einsperren,« sagte er, -»und damit werden diese Balgereien ein Ende haben.« - -Er verzehrte sein Frühstück und verließ sodann den Mönch. Auf der -Treppe nach seiner Wohnung begegnete ihm Uschei, die junge, freundliche -Magd. Ihr Gesicht glühte über und über. - -»Jetzt han i mi so g'ärgert, Herr Koppratter,« flüsterte sie, ihn beim -Arme fassend. »Frei' net zuschau'n han i kinna[6], wie's den armen Hund -g'schlagen haben ... und weswegen? Wegen' Burschel, dem Sakra, der alleweil -z'raufen anfangt, ... völlig rähren[7] hätt' i kinna!« - -»_Wer_ hat meinen Hund geschlagen?« fragte Harteck mit starker Stimme und -zornblassem Gesicht. - -»Der Herr Dekan, die gnädige Fräul'n, die Knecht', ... alle sein über -ihn herg'fallen.« - -»Wo ist der Hund?« - -»Vor Ihrer Tür liegt er. I han eahm[8] was z'essen 'bracht und han eahm -g'schmeichelt, ... er ist ganz verschreckt.« - -Harteck drückte ihre Hand. »Ich danke Ihnen, liebe Uschei,« sagte er. -»Sie sind ein gutes Mädchen. Ich danke Ihnen herzlich ...« - -Und eilig lief er die Treppe hinauf. Vor der Tür lag Cäsar, den Kopf -zwischen den Vorderpfoten, und schaute seinen Herrn demütig und traurig -an. - -»Cäsar!« rief Harteck. Der Hund bewegte die Rute. - -»Steh' auf, mein Alter!« sagte der Geistliche im liebreichsten Tone. -»Was haben sie Dir denn getan?« - -Cäsar sprang in die Höhe und schmiegte sich an die Kniee des Gebieters. - -»Geschlagen haben sie Dich, nicht wahr?« fuhr Harteck, den Hund -streichelnd und liebkosend, fort. »Na, laß es gut sein.« - -Er öffnete die Tür und der Hund sprang vergnügt an ihm empor. Er schien -gefürchtet zu haben, daß auch sein Herr böse auf ihn sein würde. - -»Komm herein!« sagte Harteck und schloß die Tür ab. Dann setzte er sich -auf einen Stuhl, umfaßte mit beiden Händen den Kopf des Hundes, der neben -ihm stand, und ließ Cäsars Ohren durch die Finger gleiten. Sein Gesicht -nahm dabei einen finsteren, gespannten Ausdruck an. Es war, als ob Schatten -seiner Brust entstiegen und sich verdunkelnd auf seine Züge legten. -Schatten aus der Vergangenheit, unvergeßliche Stunden, sie kamen wieder, -tauchten auf aus ihrem dürftig bedeckten Grab und stellten sich vor ihn -hin. Er mochte die Augen wenden, wohin er wollte, ... überall stand -die Vergangenheit und nickte ihm höhnisch zu. Er hatte sich strenges, -unverbrüchliches Schweigen auferlegt; nicht den Menschen gegenüber: _das_ -hatte er gelernt von Jugend auf; wohl aber gegenüber sich selbst. Nicht -rühren an der Vergangenheit, nicht grübeln oder trauern, nicht fragen, -ob sie nicht besser hätte sein können, nicht jammern über Dinge, die -nun einmal nicht zu ändern waren, ... das war es, was er sich zugeschworen -hatte und auch treulich hielt. Aber heute wankte er in seinem Entschluß. -Es war doch nur eine Kleinigkeit, die ihn dazu brachte; der Hund hatte die -ungerechten Schläge schon wieder abgeschüttelt, ... und dennoch: just -dieser Kleinigkeit, dieses Tropfens hatte es bedurft, und die Schale floß -plötzlich über. Ertragen, immer ertragen müssen, nicht schützen dürfen -das, was man liebt ... Gott im Himmel! _Er_ war kein Weichling, er litt ja -alles, biß die Zähne zusammen und überwand den Schmerz, ... aber nur die -Menschen, die er liebte, sollten sie nicht kränken. Er dachte nicht an den -Hund. Das arme Tier! Dem hatten die Schläge nicht so wehe getan; ein -paar Liebkosungen oder ein Knochen -- und vergessen war das Leid. Aber ein -anderes Unrecht schwebte dem Priester vor, ein ungesühntes und nicht zu -sühnendes. Unrecht ...? Die Herren urteilten anders. Der Dekan hatte -ihm niemals gesagt, daß er bei seinen früheren Vorgesetzten nach seiner -Vergangenheit gefragt; aber Harteck fühlte und ahnte das. Sie hatten ihn -nicht geliebt, diese seine Vorgesetzten. Der erste war noch zu ertragen, -war ein gutherziger, schwacher alter Mann gewesen, der sich sogar recht -schwer von ihm getrennt hatte. Aber der zweite. Der hatte ihn gehaßt, -haßte ihn noch und würde ihm schaden, wo immer er nur konnte. Der hatte -ihm auch geschadet bei dem Dekan, das fühlte Harteck instinktiv; auch -hatte manche Andeutung des Dekans ihn vermuten lassen, daß der Prinzipal -um seine Vergangenheit wisse. Einmal hatte er zu ihm gesagt: »Sie sprechen -sehr häufig mit der Uschei ... Lassen Sie sich nicht einfallen, dem -Mädchen unerlaubte Gedanken in den Kopf zu setzen. In meinem Hause würde -dergleichen ebensowenig geduldet werden wie anderswo.« Hatte das eine -Anspielung sein sollen? Vielleicht! Der Mund des jungen Priesters verzog -sich zu einem matten Lächeln, er stand auf, ging zu einem Schranke hin, -zog eine der Laden heraus und kramte darin herum. Bald hatte er gefunden, -was er suchte. Ein kleines Paket war es, das eine Photographie und einen -Brief enthielt. Die Photographie stellte ein Tiroler Bauernmädchen im -Sonntagsstaat dar. Es schaute ihn an aus treuherzigen blauen Augen, und -während er es betrachtete, dachte er an vergangene Stunden und wie oft -er diese Augen, diese Lippen, dieses blonde Haar geküßt, wie oft diesen -jungen, blühenden Leib umfangen ... Armes, zärtliches, liebevolles -Mädchen! An _ihr_ hatten die Menschen schweres Unrecht verübt. Sie hatte -ihn geliebt mit selbstloser, hingebungsvoller Liebe, hatte nichts begehrt, -keinen Schwur, keinen Ring, und hatte ihm doch alles gegeben, was ein -Weib dem Manne geben kann, ... und was war der Lohn dafür! Ein verbotenes -Liebesglück, Spott, Verachtung, und dann hatte der Pfarrer sie aus dem -Hause gejagt. In Hartecks Abwesenheit war es geschehen. Der Pfarrer hatte -ihn fortgeschickt, und während er ihr fern, hatten der harte Mann und -dessen tugendhafte Wirtschafterin dem Mädchen Beleidigung um Beleidigung -ins Gesicht geschleudert, und sie hatte vor ihnen auf den Knieen gelegen -und sie angefleht, Erbarmen mit ihr zu haben: sie würde ja gehen, auf -immer gehen ... Sie aber hatten kein Erbarmen gehabt, hatten sie gehöhnt -und beschimpft, und er war nicht dabei gewesen, hatte sie nicht schützen, -nicht mit seinem Leibe decken können ... Als er heimkam, war die -Unglückliche schon weit, und von den Knechten und Mägden hörte er, was -sich begeben in seiner Abwesenheit. - -Sie war ihm noch immer teuer und würde ihm teuer bleiben, solang Leben -und Atem in ihm. Wohl war der Liebesrausch verflogen, und er gestand -sich heute, daß es besser gewesen war für ihn und sie, daß man sie -voneinander gerissen hatte. Im Anfang hatten sie sich oft geschrieben; -das ist ja der einzige Trost zweier Menschen, die das Schicksal auf immer -getrennt hat. Er hatte diese Briefe später verbrannt, -- bis auf einen, -den letzten, den er von seinem Mädchen erhalten. Der lag getreulich -aufbewahrt neben der Photographie und den schlug er auch jetzt auseinander -und las ihn durch. - -»Ich schreibe Dir heute zum letztenmal,« hieß es darin. »Du mußt mir -deshalb nicht böse sein, liebster Georg, aber ich kann nicht anders. Ich -hab' Dir genug Plage und Schmerz gekostet und das soll jetzt aufhören und -Du mußt mich vergessen. Ich hab' einen braven Mann kennen gelernt und der -will mich heiraten. Ich hab' ihm alles gesagt und er hat mir's verziehen, -aber schreiben darf ich Dir nicht mehr und so muß ich Abschied von Dir -nehmen. Ich hab' mich ja doch schwer versündigt an unserem Herrgott, dem -lieben Heiland, der Jungfrau und den Engeln, daß ich einen Priester gern -gehabt hab' und ich will umkehren und wieder rechtschaffen werden. Mein -zukünftiger Mann hat von seiner ersten seligen Frau drei liebe Kinder und -denen will ich mit dem Beistand der hochgebenedeiten Jungfrau Maria eine -gute Mutter werden. Ich hab' so viel zu ihr gebetet und ich glaube, daß -sie mich erhört hat und daß es so am besten ist. Ach, Georg, ich hab' -Dich so lieb gehabt und mir ist oft so bang um Dich und ich meine, daß ich -Dir doch recht abgehen muß. Verzeih mir, daß ich so rede, es soll nicht -mehr geschehen, das alles ist ja vorbei. Denk an mich wie an eine Tote und -bete für mich, und die Photographie schicke ich Dir zum Andenken; die heb -auf und vergiß nie, daß Du mein alles gewesen bist, daß Du auf Deine -Gesundheit schauen und wieder lustig werden mußt; denn das Herz tät mir -brechen, wenn ich hören tät, daß Du Dich heruntergrämst wegen mir und -krank bist. Schau, das mußt Du nicht tun, das wär' ein armes Dirndel wie -ich gar nicht wert. Ich hab' gehört, daß Du vom Ort fortkommen wirst, und -ich bin froh drum. Du wirst einen besseren Pfarrer finden und neue Freunde -und dann wird wieder alles gut sein. Und so leb' wohl, lieber Georg. Ich -denke Tag und Nacht an Dich -- - - _Deine Kathrin_.« - -So oft er diesen Brief durchlas, beschlich ihn ein Gefühl, das halb -Beruhigung, halb Wehmut war. Gott sei Dank! er hatte das gute Mädchen -nicht ganz zugrunde gerichtet; rechtzeitig noch hatte sie sich emporgerafft -und ein neues Leben angefangen. Wohl mochte ihr das im Anfang schwer -gefallen sein, aber sie hatte sich tapfer durchgerungen und lebte heute -geachtet und geliebt von allen im Hause ihres Gatten. Seit einem halben -Jahre hatte sie auch ein eigen Kind. Das alles wußte er durch Fremde, denn -sie hatte ihm, ihrem Vorsatz getreu, nie wiedergeschrieben. Ein paarmal -hatte sie ihm durch dritte Grüße zukommen und ihm sagen lassen, daß -es ihr wohl ergehe und daß ihr Kind ein kleiner Engel sei. Er wußte sie -versorgt und geborgen und somit war alles gut. - -Er legte die Photographie und den Brief in die Lade zurück und erinnerte -sich dabei an die Briefe, die der Mönch ihm eingehändigt und die er noch -nicht gelesen hatte. Er griff in die Tasche seiner Soutane, zog die Briefe -hervor und erbrach sie. Sie enthielten nichts Neues. Das Leben seiner -Mutter und Schwester, die in seiner Vaterstadt, in Kufstein, wohnten, ging -seinen hergebrachten Gang. Die Mutter schrieb ihm, wie gewöhnlich, in -strengem pietistischen Ton, sprach von Gott und der Kirche und hielt ihm -seine Priesterpflichten vor. Der Sohn war ihr immer noch nicht geistlich, -nicht ernst und fromm genug. Ein zärtliches Wort, der Wunsch ihn zu sehen, -die Hoffnung, daß er sich glücklich fühle, sprachen nicht aus dem langen -Schreiben; es enthielt bloß Ermahnungen. Die Schwester schrieb in einem -anderen Tone; kurz und verständig, wenn auch nicht liebevoll. Sie war erst -siebenundzwanzig Jahre alt und schon Witwe, hatte einen einzigen kleinen -Knaben und lebte in geordneten Verhältnissen. Sie sprach in ihrem Briefe -hauptsächlich von sich und dem Kinde und daß sie ihre Schwiegereltern um -den kleinen Finger wickele, daß diese alles täten, was sie wünschte und -den Knaben sehr verzögen, und so nebenbei erkundigte sie sich auch -nach dem Befinden des Bruders und forderte ihn auf, ihr wieder einmal zu -schreiben. Harteck durchflog die Briefe, legte sie dann in eine Lade und -klappte sein Album auf. Er wollte die Bilder der Mutter und Schwester -betrachten. Da standen sie nebeneinander, beide so gut getroffen, so -lebenswahr. Das waren die harten Züge der Mutter, ihr festgeschlossener -Mund, der niemals lächelte, ihr silbergraues Haar und ihre -strengblickenden Augen; und das nebenan war das feine, kluge Gesichtchen -der Schwester, mit dem spöttischen Ausdruck und den kalten, klaren -Augen, aus denen grenzenlose Selbstsucht und eine gewisse mitleidige -Geringschätzung sprachen, ... ja, das war sie, wie sie leibte und -lebte. Als Kind schon hatte sie die Menschen zu bezaubern verstanden, und -jedermann, obwohl sie äußerlich so sanft und still tat, nach ihrer Pfeife -tanzen lassen; den Bruder hatte sie immer beherrscht und ihm alles, was -er besaß, Spielsachen, Naschwerk, abgeschmeichelt ... Er hatte sie -abgöttisch geliebt und sie -- nun! sie war ihm leidlich gut gewesen, weil -er immer ihren Willen tat, jedes von ihr verübte Vergehen und die darauf -folgende Strafe auf sich nahm, die Schulaufgaben für sie machte und ihr -jeden Wunsch erfüllte. Mit dem Plan der Mutter, daß er Priester werden -sollte, war sie höchlich einverstanden gewesen; da kostete seine Erziehung -nichts, weil ein ihnen befreundeter Priester die Kosten davon tragen -wollte, er konnte nicht heiraten und somit gehörte alles, was die Mutter -besaß, ihr allein; er brauchte ja nichts, hätte als allein lebender -Priester an seiner Einnahme genug ... Er wußte, daß ihre Gedanken solcher -Art waren, obschon sie ganz anders sprach, ihm das Schöne und Erhabene des -Priesterberufes vorhielt, und daß der Mutter Herz an diesem Plane -hinge und: »Du bist so gut, Georg, Du wirst der Mutter dieses Opfer -bringen« ... Und er hatte es gebracht und Gott allein weiß, was dieses -Opfer ihm gekostet hatte. Doch nichts davon. Daran durfte er niemals -rühren; das war nun einmal geschehen und mußte getragen werden. Genug! -Er hatte ihnen ihren Willen getan und sie waren es zufrieden. Die kluge -Schwester hatte sich mit neunzehn Jahren vermählt; nicht aus Liebe. Aber -ihr Mann war jung, gutherzig und vermögend, ein einziger Sohn. Sie wußte -ihm Liebe vorzuheucheln und schmeichelte sich in sein und seiner Eltern -Herz, und er heiratete sie in dem festen Glauben, daß sie ihn ebenso -liebe wie er sie, und sie war klug genug, ihm eine liebenswürdige, -pflichtgetreue Gattin zu sein. Er starb nach kurzer Ehe, sie trug Trauer -um ihn, verblieb im Hause der Schwiegereltern, deren alleiniger Erbe ihr -Söhnchen war, und lebte heute nur für das Kind, das sie, weil ein Stück -von ihr, wirklich liebte. Die Mutter lebte allein. Das war Georgs Familie, -waren die einzigen Menschen, die ihm verwandt. - -Beim Nachdenken über die Seinen kamen ihm plötzlich Paula und Toni in den -Sinn. Ja, das war Geschwisterliebe; eine solche Liebe würde, müßte -über vieles hinweghelfen. Wenn seine Schwester Paula oder der kleinen Toni -gliche, wenn die Mutter ihn so geliebt hätte, wie der Arzt seine Töchter -liebte, wenn ihm ein so schönes, harmonisches Familienleben beschieden -gewesen wäre: dann würde er wohl nicht geworden sein, was er war. Schon -wieder! Er wollte ja daran nicht denken. Rasch entschlossen griff er nach -einem Buche, setzte sich ans Fenster und fing zu lesen an. Cäsar, der alle -seine Bewegungen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, legte sich zu seinen -Füßen nieder, postierte den Kopf zwischen die Vorderpfoten und verhielt -sich ganz ruhig. Fliegen summten in der Stube, durch das offene Fenster -strömte die frische Herbstluft herein und auf den Gartenwegen stolzierte -Fräulein Aurelie auf und ab und tat oft einen verstohlenen Blick aufwärts -nach dem Priester, in der Hoffnung, daß er sie bemerken, grüßen, -vielleicht -- man kann nicht wissen -- herunter in den Garten kommen -würde ... Aber Harteck blickte kein einziges Mal von seinem Buche auf. -Die Lektüre fesselte ihn. Seine Züge hatten ihren gewohnten resignierten -Ausdruck angenommen. In seinem Herzen war es wieder still geworden. - - - - -Siebentes Kapitel - - -Wenige Tage später wurde die Schule geschlossen. Der Scharlach grassierte -im Dorfe und den umliegenden Ortschaften. Ein Kind war der Krankheit -bereits erlegen. - -»Hier wird es mit jedem Tage angenehmer,« dachte Fräulein Aurelie, -die am Fenster stand, und drückte ihr gelbes Gesichtchen an die Scheibe. -»Ansteckende Krankheiten und immerwährend schlechtes Wetter ... Wie -es heute wieder regnet! Und dieser Kooperator läuft beständig im Regen -herum ... Da ist er schon wieder, er und sein liebenswürdiger Hund. Jetzt -bleibt er stehen. Natürlich! Kommt doch seine Auserwählte, die Uschei, -des Weges. Mit der hat er immer etwas zu verhandeln. O diese Geistlichen! -Alle haben einen so gemeinen Geschmack und geben sich mit Köchinnen und -Mägden ab ... =Fi donc!=« - -Harteck stand, nicht ahnend, daß er beobachtet wurde, in der Tat vor dem -Hause und sprach mit der jungen Magd. Ein sehr harmloses Gespräch war es, -das er führte: er fragte sie, ob es im Dorfe nichts Neues gebe, ob nicht -vielleicht abermals ein Kind erkrankt wäre? - -»Ja, heut' nacht is wieder über ein's der Scharlach kimma,« antwortete -Uschei. »Die kloan Toni vom Herrn Doktor is sehr krank.« - -Harteck zuckte zusammen. Sein Herzblatt, sein süßer, schöner Liebling -schwer krank! - -»Von wem haben Sie das gehört?« fragte er mit entfärbtem Gesichte. - -»Vom Herrn Lehrer. Der hat das Kind g'sehen und g'sagt, daß' eahm -schlecht geht.« - -»Wirklich,« murmelte Harteck und ging halb abwesend weiter. Wie teuer -ihm das Kind war, fühlte er jetzt. Und allsogleich malte er sich die Lage -Paulas aus ... In welcher Sorge mochte die sein um die kleine Schwester! -Wenn Toni stürbe --? Ihm schwindelte bei diesem Gedanken. Er suchte -den Lehrer auf. Dieser wußte ihm nichts Tröstliches zu berichten. Die -Krankheit trete sehr heftig auf; man müsse auf alles gefaßt sein. - -»Und wie erträgt Tonis Schwester diesen Schlag?« fragte Harteck. - -»O! Fräulein Paula ist wie immer, ... stark und ruhig; spricht beinahe -nichts und weicht nicht von dem Kinde. Aber schlecht sieht sie aus, ... zum -Erbarmen. Ich will nachmittags wieder hinübergehen, ... vielleicht kann -ich dort von einigem Nutzen sein. Aufrichtig gesagt, mir bangt um Paula -beinahe mehr noch als um das Kind.« - -»Mir ebenfalls,« sagte Harteck. Er hatte Paulas kaltes Betragen gegen -ihn vergessen. Sie hatte ja nicht wissen können, daß ihr Gesang ihn so -mächtig ergriffen und ihn gleichsam hingezogen hatte zu ihr. Und mußte -eine törichte Empfindlichkeit angesichts so großen Leides nicht zu Staub -zerfallen? Er fühlte mit Paula, als ob er ihr Bruder wäre. Warum stand er -ihr so ferne, warum durfte er sie nicht trösten und stützen und ihr das -Kind pflegen helfen? Dieser Lehrer, der ihr am Ende auch bloß ein -Fremder war, hatte das Recht in ihr Haus zu gehen, das Kind zu sehen, sich -dienstbar zu erweisen, ... _er_ nicht. Er mußte sich mit Mitteilungen aus -dritter Hand begnügen. Wie verwünschte er die feindselige Stellung, die -der Dekan gegenüber seiner Gemeinde einnahm und die folglich auch _ihn_ -von allen Dorfbewohnern schied! Er verzehrte sich in Angst und Sorge um -das Kind. Oft, oft ging er am Hause des Arztes vorbei, spähte nach den -Fenstern, näherte sich der Schwelle und stand wieder still ... Er hatte da -drinnen nichts zu suchen; niemand erwartete ihn, niemand begehrte nach -ihm. Einmal erblickte er Paula am Fenster. Abend war es; das junge Mädchen -öffnete das Fenster, beugte sich heraus und schaute zum grauen Himmel -empor. Wie traurig verändert sie war, so blaß, um die Augen dunkle -Ringe, im Gesicht einen müden, zerquälten Ausdruck. Ihr Anblick tat ihm -unsäglich wehe. Schon stand er im Begriff, seine Scheu zu überwinden und -Paula anzusprechen, ... da zog sie sich zurück und schloß das Fenster. -Welcher Jammer mochte da drinnen wohnen! Und machtlos zuschauen müssen, -nicht einmal sein Mitgefühl zeigen dürfen, ... das war doch bitter. - -Tag um Tag verstrich. Durch den Lehrer erhielt Harteck Nachricht über -Tonis Befinden; in einer Nacht war sie dem Tode nahe gewesen, endlich aber -trat eine Besserung ein. Das Kind war, wenn auch sehr entkräftet, doch -außer Gefahr. - -Eines Abends war Harteck allein zu Hause. Draußen regnete es, wie -gewöhnlich. Beschäftigungslos saß der junge Mann auf seinem Bett und -unterhielt sich damit, daß er seinen Cäsar an den Ohren zog und den Hund -dadurch zum Bellen brachte. Da klopfte es an seine Tür. Rasch erhob er -sich, um aufzumachen. Auf der Schwelle stand Uschei und in der Nähe eine -andere, dunkelgekleidete Gestalt. Er erkannte auf den ersten Blick, daß -es Paula war. Ihr unvermuteter Anblick erschreckte ihn. Was führte sie zu -ihm? War Toni schlechter geworden und kam die Schwester zu dem Priester, um -ihn an das Sterbebett des Kindes zu holen? Doch nein; das war unmöglich. -In diesem Falle würde Paula die Kleine nicht verlassen, würde jemand -anderen geschickt haben ... Mit fragendem Blick näherte er sich dem jungen -Mädchen. - -»Verzeihen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Paula. Aus ihrer Stimme -klang eine unterdrückte Aufregung, eine gewisse Beklemmung, ... sie atmete -rasch. »Ich komme auf die Bitte meiner kleinen Schwester zu Ihnen. -Sie wünscht, Sie zu sehen. Sie war so krank und fühlt sich jetzt so -schwach, ... ich mußte ihrem Verlangen nachgeben. Sie will beichten, ... -das arme Kind, das nichts begangen hat ...« - -Die Stimme versagte ihr, sie preßte wie trotzig die Lippen zusammen und -wandte das Gesicht ab. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme. Weshalb -war sie so erregt? Fürchtete sie sich oder war ihr der Wunsch des Kindes -peinlich? Das mochte es sein. - -»Soll ich sogleich kommen?« fragte er sie sanft. - -Ohne ihn anzusehen, nickte sie mit dem Kopfe. - -Er griff nach seinem Hute. - -»Ich bin bereit,« sagte er, ging voran und Paula folgte ihm schweigend; -sie verließen den Pfarrhof und schritten, ohne ein Wort zu sprechen, durch -die finstere Straße; Paula hielt den Blick zur Erde geheftet und ging sehr -langsam. Sie schien etwas sagen zu wollen, jedoch das rechte Wort nicht zu -finden ... - -Er mißdeutete ihr Zögern und nahm es für eine Anwandlung körperlicher -Schwäche. - -»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?« fragte er sie. »Sie können sich -kaum auf den Füßen halten.« - -»Ich danke Ihnen,« antwortete Paula fast unhörbar. »_Das_ ist es -nicht ...« - -»Was sonst?« fragte er und blickte sie an. - -Sie blieb stumm. Wie hätte sie ihm auch erklären können, was sie -beunruhigte! Dazu gebrach es ihr an Mut ... Paula war fromm, aber nicht in -der Art, wie der Dekan es verlangte. Sie beichtete selten und betete daheim -ebenso gern wie in der Kirche; sie blieb den Wallfahrten und Prozessionen -fern, ging jeder Schaustellung der Frömmigkeit absichtlich aus dem -Wege ... Der Dekan war ihr deshalb nicht wohlwollend gesinnt, das wußte -sie. Nun bangte ihr für Toni. Diese Priester, diese familienlosen, -einsamen Menschen sind oft so rücksichtslos ... Das Kind hatte dringend -nach seinem Religionslehrer verlangt; ihm diese Bitte abzuschlagen, war -unmöglich gewesen. Wie aber, wenn dieser Priester ein Finsterling wäre? -Wenn er das Kind ängstigte, ihm vom Tode vorredete? Das war es, was Paula -fürchtete; darum war sie auch selbst gegangen, ihn zu holen ... Sie hatte -ihn bitten wollen, die Kleine nicht zu quälen, ihr die Todesgedanken, -die Angst vor der Hölle, die das arme, geschwächte Kind bedrückten, -auszureden, ... und nun hatte sie nicht den Mut, ihm das zu sagen. Er war -ihr fremd. Wer weiß, ob er ihr die Bitte, die im Grunde genommen nichts -anderes war als ein Vorschreiben dessen, was er zu tun habe, nicht übel -nehmen würde! Er sah zwar weder hart noch finster aus, -- aber einem -Priester zu diktieren, wie er sich einem Kranken gegenüber zu betragen -habe, wäre doch ein außergewöhnliches Wagnis gewesen. Paula zögerte -immer noch und wußte nicht, was sie tun sollte. - -Da stand das Haus. Nun war es vorbei. Paula öffnete das Tor und bat den -Geistlichen einzutreten. Einige Augenblicke kämpfte sie noch mit -sich, wollte sprechen; doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. -Schweigend führte sie den Gast die Treppe hinan nach dem Zimmer, in dem -die kleine Kranke lag. Neben dem Bettchen des Kindes stand ein Nachttisch -und auf diesem eine Lampe. Das Kind saß aufrecht im Bette, auf der Decke -lag ein Gebetbuch, um die abgemagerten Fingerchen hatte Toni die Perlen -eines Rosenkranzes geschlungen. Das blasse, veränderte Gesicht des Kindes -drückte feierlichen Ernst aus und seine jetzt beinah unheimlich großen -Augen leuchteten in fieberhaftem Glanz. - -»Da bringe ich Deinen Lehrer,« sagte Paula mit erzwungenem Lächeln. - -Toni nickte stumm. Sie wagte nicht zu sprechen, ja kaum zu atmen. Mit -scheuer Ehrfurcht blickte sie zu dem Priester auf. - -Harteck trug einen Stuhl zu dem Bette, setzte sich und beugte sich auf das -Kind herab. - -»Warum so ernst?« fragte er und küßte es auf die Stirn. »Bin ich Dir -in der kurzen Zeit so fremd geworden?« - -»Ich will beichten,« flüsterte die arme Kleine. - -»Das kannst Du ja tun, ... aber ohne Furcht. Komm, gib mir die Hand.« -Leise entwand er ihren Fingern den Rosenkranz und behielt die kleine Hand -in der seinen. »Nun sag, was Du mir zu sagen hast.« Er neigte sich nach -vorne und näherte das Ohr den Lippen des Kindes. Toni begann zu flüstern. - -Paula stand abseits am Fenster und beobachtete die beiden. Ihre Besorgnis -war zu Ende ... Dieser Mann würde ihren Liebling nicht ängstigen, das -wußte sie nun. Er hatte das Kind angeschaut, so zärtlich und mitleidig, -hatte es so liebevoll geküßt und in einem so sanften Ton zu ihm -gesprochen. Nein, von dem war nichts zu befürchten. Zum ersten Mal -betrachtete ihn Paula mit Teilnahme und Aufmerksamkeit. Ihr forschender -Blick glitt über seine schlanke, schmalschultrige Gestalt, über die -mageren Männerhände, in denen die weichen Finger des Kindes ruhten; glitt -über sein Haupt mit dem dunklen Haar, aus dem die Tonsur hervorleuchtete, -über sein blasses, feines Profil ... Sein Gesicht hatte einen -eigentümlich leidenden Ausdruck, der sich jedoch rasch verlor, wenn der -Priester sprach oder lächelte; Paula glaubte ein schöneres, gütigeres -Lächeln niemals gesehen zu haben. Auf dem Kinn, den Wangen und über dem -Munde des Mannes zeigten sich die dunklen Spuren des wegrasierten Bartes. -Die starke Gebirgsluft hatte sein Gesicht nicht gerötet, nur stark -gebräunt; bloß die Stirn, in die das Haar hing, war sehr bleich; die Nase -leicht gebogen; um die Lippen und in den nicht großen, dunklen Augen lag -etwas, das auf allerhand schließen ließ ... Dieser Mann mußte schon -mancherlei erfahren, erlitten und überwunden haben ... Paula dachte -wenigstens so. Wie hatten sie ihn so falsch beurteilen können? Ein so -warmes Auge ist doch immer der Widerschein eines warmen Herzens ... Paula -begriff jetzt nicht, wie sie von ihm Schlimmes zu erwarten vermocht hatte. - -Die Beichte der kleinen Toni war rasch beendet. Das Kind hatte nicht viel -zu sagen und der Beichtiger wenig zu ermahnen. Ein paar gütige Lehren -erteilte er der Kleinen, gab ihr die Absolution und sprach dann von anderen -Dingen: daß sie trachten müsse, bald wieder ganz gesund zu werden, daß -sie brav essen und viel schlafen und guten Mutes sein solle, dann werde sie -in kurzer Zeit wieder vollkommen hergestellt sein. Er bat Paula hierauf um -ein Erzählungsbuch und las dem Kinde einige Geschichten daraus vor, und -als er dann bemerkte, daß die Kleine den Kopf müde auf das Kissen sinken -ließ, fragte er sie, ob sie schläfrig wäre. - -»Nein, o nein,« antwortete das Kind. - -»Das werden wir sogleich erproben,« versetzte er. »Verhalte Dich einige -Minuten lang ganz ruhig. Wenn Du dann noch nicht eingeschlafen bist, will -ich Dir eine neue Geschichte vorlesen. Ist es Dir so recht?« - -Sie sagte ja dazu und schloß die Augen. Nach einer kurzen Weile war sie in -Schlaf gesunken. Der Priester betrachtete sie, küßte ihre Händchen und -stand auf. - -»Sie schläft,« sagte er gedämpften Tones zu Paula, ergriff die Lampe -und stellte sie auf den Ofen, so daß die Kleine im Halbdunkel lag. Dann -grüßte er das junge Mädchen und wollte sich entfernen. Paula machte eine -Bewegung nach ihm hin. - -»Herr Kooperator ...« - -Er stand still. Sie trat auf ihn zu. - -»Ich danke Ihnen, ... ich danke Ihnen herzlich,« sagte sie leise und -demütig. - -Er schaute in ihr bewegtes Gesicht und ihre großen, wundersamen Augen, die -ihn wie reuevoll anblickten, und entgegnete: - -»Wofür danken Sie mir?« - -»Sie waren so gut gegen das Kind ...« - -»Das ist doch kein Verdienst, ... ich habe Ihre kleine Schwester sehr -lieb.« - -Paula senkte die Augen. - -»Ich muß Sie auch um Verzeihung bitten,« sagte sie. - -»Mich?« - -»Ja. Wenn ich jemandem -- und wäre es auch nur im Geiste -- unrecht tat, -quält mich das so lange, bis ich es eingestanden habe. Ich glaubte ... ich -fürchtete, daß Sie anders sein, daß Sie Toni ... ängstigen würden, ... -manche Priester halten es für ihre Pflicht, kranke Menschen auf den Tod -hinzuweisen und machen selbst bei Kindern keine Ausnahme, ... ich habe mich -in Ihnen geirrt. Bitte, vergeben Sie mir.« - -Er sah vor sich nieder. - -»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen,« erwiderte er. »Dieses Vorurteil -gegen meinen Stand mag ein begründetes sein, ... ich weiß es nicht.« -Er schwieg ein paar Augenblicke und Paula stand während der kurzen Stille -ziemlich unbehaglich vor ihm; dann sagte er: »Sie haben eine schwere Zeit -durchgemacht. Die Kleine war recht schlimm, wie mir erzählt wurde.« - -»Sehr schlimm. Als ich erkannte, daß sie den Scharlach hätte, glaubte -ich umsinken zu müssen. Solang man niemand Teuren hat sterben sehen, -glaubt man nicht recht an den Tod; man weiß zwar, daß alle Menschen -sterben müssen, aber man denkt niemals ernsthaft darüber nach ... -Ich jedoch habe schon erfahren, was verlieren heißt. Was Vater und ich -ausgestanden haben in der Nacht, wo wir meinten, daß Toni sterben würde, -kann ich mit Worten nicht wiedergeben, ... wir weinten nicht, wir standen -da wie Bildsäulen und starrten das Kind an, ... es war fürchterlich ...« -Sie fuhr mit der Hand über ihre Stirn und warf einen Blick voll Liebe auf -die schlafende Kleine. »Gott sei Dank! ich habe sie noch!« murmelte sie -dabei und faltete die Hände. Der Priester sah sie mit Rührung an. Bei -ihrem Anblick kam ihm unwillkürlich die Gottesmutter in den Sinn. Auch -Paula war rein und liebevoll, war Jungfrau und Mutter zugleich ... - -»Darf ich Sie wieder holen lassen, wenn Toni abermals nach Ihnen verlangen -sollte?« fragte ihn Paula und sah ihm bittend ins Auge. - -»Ist dazu erst eine Erlaubnis nötig?« erwiderte er ein wenig gekränkt. -»Ich sagte Ihnen doch, daß ich die Kleine sehr lieb hätte ...« - -Nach diesen Worten nahm er Abschied von Paula und verließ sie. - -Toni war außer sich, ihn bei ihrem Erwachen nicht mehr zu finden. Nur das -Versprechen, daß er morgen wiederkommen würde, vermochte das erregte Kind -halbwegs zu beruhigen. Bald darauf kam der Arzt nach Hause und brachte den -jungen Schullehrer mit. Dieser wollte sich nach Tonis Befinden erkundigen. -Die Kleine behandelte ihn höchst ungnädig. Er sprach so lebhaft, machte -so viele Gesten, war so zärtlich gegen sie, -- das alles regte sie auf. -Dem Vater erzählte sie, daß ihr Religionslehrer dagewesen wäre, welche -Mitteilung Herrn Stettner nicht angenehm zu berühren schien. - -»Was hatte der Pfaff hier zu suchen?« fragte er Paula, die, über eine -Handarbeit gebeugt, am Bette saß. - -»Von wem sprechen Sie?« entgegnete Paula, ohne aufzublicken. - -»Nun, ... vom Kooperator.« - -»Ach so. -- Toni begehrte ihn zu sehen.« - -»Wird er wiederkommen?« - -»Ja. Das Kind will es so haben.« - -Er zerdrückte seinen Künstlerhut in den Händen und durchmaß die Stube -mit großen Schritten. - -»Das gefällt mir nicht,« sagte er, endlich vor Paula stehend bleibend. -»Sie sollten das nicht angehen lassen.« - -»Weshalb nicht?« - -»Weil« ... er fuhr mit den Fingern durch sein langes Haar ... »weil ich -den Umgang mit Priestern für unnütz und schädlich halte ... Toni wird -noch eine Betschwester werden.« - -Paula mußte lachen. »Lassen Sie doch Ihren Hut in Ruhe,« sagte sie. -»Sie werden ihn verderben. Sind Sie vielleicht eifersüchtig?« - -»Ja,« antwortete er, trotzig wie ein Kind. »Toni hat diesen -- Herrn -viel lieber als mich. Das verdrießt mich.« - -»Er weiß sie auch besser zu behandeln als Sie, ... er ist so sanft, seine -Nähe wirkt so beruhigend ... Das kann man Ihnen nicht nachrühmen.« - -»Er ist, mit einem Wort, ein Engel,« sagte der Lehrer bitter und -höhnisch. - -Paula sah ihn mit ihren ernsten Augen strafend an. - -»Sie ärgern sich über alles, was man sagt,« erwiderte sie. »Ich werde -künftighin in Ihrer Gesellschaft ganz stumm bleiben.« - -Er bat sie um Entschuldigung; er habe es nicht böse gemeint. Sein Gesicht -aber blieb finster und er ging sehr bald wieder fort. - -Harteck kam in der Tat am nächsten und auch an den folgenden Tagen. -Toni hatte darum gebeten und ihrem Wunsche mußte nachgegeben werden. Der -Geistliche hielt sich niemals lange auf, höchstens eine Stunde, plauderte -mit dem Kinde, erzählte ihm Geschichten oder las ihm vor und brachte ihm -täglich etwas: Spielzeug, Naschwerk, Heiligenbildchen oder sonst eine -Kleinigkeit. Paula zog sich gewöhnlich in ihre Fensternische zurück, -beschäftigte sich mit einer Näherei und horchte auf das, was der Priester -und das Kind zusammen sprachen. Sie selbst sagte fast nichts, aber sie nahm -im Geiste teil an dem Gespräche, lächelte manchmal, legte die Arbeit in -den Schoß und schaute den jungen Priester gedankenvoll an. Einmal fragte -sie ihn, ob er jüngere Geschwister hätte. - -»Leider nicht,« gab er zur Antwort. »Wenn ich welche besäße und einmal -Pfarrer wäre, müßten alle zu mir kommen. Ich bete die Kinder an.« - -»Haben Sie Aussicht, bald Pfarrer zu werden?« fragte Paula. - -»Nicht die geringste und ich freue mich darüber. Ich bin sehr gern -hier.« - -Paula sagte nichts darauf, aber auch sie war froh über diese Mitteilung. -Wenigstens würde er noch längere Zeit am Orte bleiben. - -Sie dachte viel über ihn nach. Gleich allen jenen, die sich wenig mit sich -selbst beschäftigen, sann sie gern über die Menschen nach, mit denen sie -verkehrte. Über Harteck konnte sie sich noch kein Urteil bilden, denn, -wenn er nicht gefragt wurde, sprach er niemals von sich selbst; er besaß -überhaupt ein sehr gleichmäßiges Temperament. Paula hätte gern gewußt, -ob er sich mit dem Dekan und den übrigen Bewohnern des Pfarrhofes gut -vertrage; sie wünschte es seinetwegen; am Ende waren diese die einzigen -Menschen, mit denen er vertraulicheren Umgang pflegen durfte. Sie lenkte -einmal das Gespräch auf den Dekan, das Fräulein und den Mönch, erhielt -jedoch nur ungenügende Auskunft über das, was sie zu wissen begehrte. -Der junge Priester sagte bloß, daß er allen diesen Personen noch ziemlich -fremd gegenüberstehe und daß es mit der Zeit wohl anders werden würde; -aber er urteilte über niemanden, wie er überhaupt höchst selten bei -Menschen oder Dingen verweilte, die auch nur im entferntesten an seinen -Beruf erinnerten. - -Manchmal, wenn Toni ungeduldig fragte, ob denn ihr geistlicher Freund -noch immer nicht käme, stellte Paula sich ans Fenster und wartete sein -Eintreffen ab. Da bemerkte sie auch mehr als einmal, daß sein Gesicht -einen verdüsterten Ausdruck hatte, jenen eigentümlichen, zergrämten -Ausdruck, der sich den Zügen derjenigen einzuprägen pflegt, die ein -geheim gehaltenes Leid in der Brust tragen. Jedoch wenn er ins Zimmer trat, -sie begrüßte, mit ihr und der Kleinen sprach, verlor sich dieser Ausdruck -wieder und Harteck sagte auch nie ein Wort, das hätte vermuten lassen, -daß er sich nicht glücklich fühlte. -- Ob er jemanden liebte? Er hatte -doch ein warmes, liebebedürftiges Herz; würde er sonst die kleine Toni -so lieb haben können? Wen aber liebte er? Er sprach nie von jemandem, von -keinem Freunde, keinem Verwandten. Stand er denn ganz allein? Eines Tages -entschloß sich Paula, ihn um seine Familie zu befragen, ob er noch eine -hätte und wo sie lebte. - -»In Kufstein wohnen meine Leute,« antwortete er. »Mein Vater ist seit -langem tot. Aber meine Mutter und Schwester leben noch.« - -»Besuchen Sie Ihre Familie manchmal?« - -»Sehr selten. Wir sind einander entfremdet. Sehen Sie, Fräulein,« fuhr -er nach einer augenblicklichen Stille fort, »diese Entfremdung von der -Familie ist eine notwendige Folge der Erziehung, die wir genießen. Ich -hatte meine Mutter und besonders meine Schwester sehr lieb, solang ich -bei ihnen lebte, und die Trennung vom Hause fiel mir sehr schwer. Ich war -trostlos, wenn die Vakanzen, die ich daheim verbrachte, zu Ende waren und -ich zurück mußte ins Seminar. Mit den Jahren aber wurde es anders. Die -Herzensbildung spielt beim Kleriker insofern eine untergeordnete Rolle, als -man ihn im Seminar nichts anderes lehrt, als daß er für die Kirche und -deren Interessen zu wirken habe. Wir durften niemals das tun, wozu -wir gerade Lust hatten, mußten auf Befehl lernen, lesen, beten, -spazierengehen, mußten unsere Neigungen unbeugsamen Gesetzen unterordnen, -und bei einer so soldatischen Dressur wird man -- wenn auch nicht hart -- -so doch gleichgültig. Ich fand das Leben im Seminar oft recht schwer und -traurig. Mich verlangte allein zu sein, zu träumen, zu schweigen, mich -diesem oder jenem meiner Studiengenossen anzuschließen, ... aber allem und -jedem setzte sich ein unerbittliches Nein entgegen. Wir durften immer -nur scharenweise oder im besten Falle zu dreien ausgehen, damit keine -Freundschaft zwischen zweien der Zöglinge entstehe, und an unsere Familie -war uns nur selten zu schreiben gestattet; und selbst dann wußten wir -nicht, ob nicht unsere Briefe gelesen würden, bevor sie an ihre Adresse -abgingen. Auf diese Weise lösen sich langsam alle Bande, die uns an unsere -Familie knüpfen, und wir verlernen zu lieben, -- im einzelnen wenigstens. -Ich erzähle Ihnen das alles nicht, um mich zu beklagen. Es ist ganz in -der Ordnung so, -- man muß den Priester auf das einsame Leben, das -ihm bevorsteht, frühzeitig vorbereiten. Ich wollte mich nur vor Ihnen -rechtfertigen darüber, daß ich so gleichgültig von meiner Familie -sprach.« - -»_Ein_ Gutes bringt eine so strenge Erziehung unfehlbar mit -sich,« bemerkte Paula. »Sie lehrt eine sehr schwierige Tugend: die -Selbstbeherrschung.« - -Da er ihr keine Antwort gab, fragte Paula ablenkend: »Haben Sie unter -Ihren Berufsgenossen niemals einen Freund gefunden?« - -»O doch!« versetzte er. »Einen wohl: an dem Pfarrort, wo ich lebte, -bevor ich hierher versetzt wurde. Er ist noch sehr jung und hat erst vor -kurzem die Weihen empfangen. Ich freute mich jedesmal, wenn ich ihn ansah, -er ist so jugendfroh und arbeitsfreudig, so eifrig und gutherzig, ... ein -prächtiger Mensch, mit einem Worte. Eine Zeitlang war er sehr krank und -ich pflegte ihn und das brachte uns einander so nahe. Der arme Junge! Er -wollte recht stark scheinen, als ich scheiden mußte, sprach in einem fort -und lachte, obwohl Tränen in seinen Augen standen, ... und plötzlich fiel -er mir um den Hals und schluchzte: ›Ich kann Dich nicht verlieren! Das -ist ja nicht möglich!‹ ... Und ich mußte ihn noch beruhigen und mir war -doch selber schwer zumute ...« - -Er brach ab, trat zum Fenster hin und blickte zum Himmel auf. - -»Es fängt schon wieder zu regnen an,« sagte er. Seine Stimme klang -verschleiert. Paula folgte ihm. Sie standen nahe nebeneinander, ihr Kleid -streifte das seine. Gern hätte sie ihm etwas Liebreiches, Tröstendes -gesagt, ... ihr Blick hing an seinem aufwärts gekehrten, traurigen Gesicht -und schüchtern fragte sie: »Kommt er nicht manchmal zu Ihnen oder Sie zu -ihm?« - -Stumm schüttelte er den Kopf und sah eine Weile trübe vor sich hin. Dann -ermannte er sich, strich sich das Haar aus der Stirn und lächelte das -junge Mädchen, das ihn noch immer ansah, freundlich an. - -»Beunruhigen Sie sich nicht meinetwegen,« sagte er. »Finden und -verlieren ist eben Menschenlos und muß getragen werden. Komm her, Toni!« -rief er sich umwendend und nahm das Kind, das nunmehr beinahe vollständig -gesund war und sich ihnen genähert hatte, auf den Arm. »Du bist jetzt -mein kleiner Freund, nicht wahr?« - -»Ja, ich und Paula,« sagte Toni. Er lachte und stellte die Kleine wieder -auf den Boden. Dabei warf er einen Blick auf Paula, die noch am Fenster -stand und mit einem etwas unzufriedenen Gesicht auf die Straße sah. Diese -ärgerliche Miene kleidete sie sehr gut. Ihre Wangen waren röter als -gewöhnlich und zwischen ihren Brauen lag eine zornige Falte. Sie glättete -mit der Hand ihr Haar und strich es hinter die kleinen heißen Ohren -zurück, -- augenscheinlich wollte sie irgend etwas tun, um dem Blicke des -jungen Mannes nicht begegnen zu müssen. Harteck trat an ihre Seite und -fragte mit halblauter Stimme: »Weshalb sind Sie so böse? Verdrießt es -Sie im Ernste, daß Ihre Schwester Sie für meine Freundin hält?« - -»O nein! Das verdrießt mich nicht,« versetzte Paula ohne ihn anzusehen, -»wohl aber, daß Toni so unbesonnen schwatzt, ... nicht anders, als ob sie -solche und ähnliche Dinge von mir hörte ...« - -»Ich bin überzeugt, daß dies nicht der Fall ist,« entgegnete er -besänftigend. »Lassen Sie keine Mißstimmung -- und wäre es auch nur -eine momentane und geringfügige -- zwischen uns eintreten, Fräulein -Paula. Ich komme sehr gern hierher, hier fühle ich mich wohl und wie zu -Hause, ich habe Toni sehr lieb und -- auch Sie,« sagte er mit einigem -Zögern. »Sie sind die einzigen Menschen im Dorfe, an deren Umgang mir -gelegen ist: lassen Sie mir daher die Freude zu glauben, daß auch _Sie_ -mir freundlich gesinnt seien ... Ich werde darum noch immer nicht anmaßend -werden.« - -»Ich habe auch nicht gesagt,« begann Paula, stockte jedoch und blickte -nach der Tür. Der Arzt trat ein. Unwillkürlich, ohne etwas dabei zu -denken, entfernte sich Harteck einige Schritte weit von Paula; der Arzt -begrüßte ihn mit der ihm eigenen Zurückhaltung, reichte Paula, die ihm -entgegenging, die Hand und streichelte Tonis Haar. Er und der Priester -kannten einander wenig. Um die Stunde, wo Harteck in das Haus kam, war der -Arzt meistens in Geschäften abwesend, und außerhalb des Hauses suchte -einer den anderen nicht auf. - -»Toni muß zu Bett,« sagte der Arzt auf die Uhr blickend. »Es ist schon -spät.« - -Harteck nahm diese Worte für einen Wink, daß er gehen sollte; er -wechselte noch ein paar Reden mit dem Arzte und verabschiedete sich -dann. Herr Reinberg begleitete ihn bis an das Tor und kehrte darauf -gedankenvollen Antlitzes zu den beiden Mädchen zurück. - - - - -Achtes Kapitel - - -Toni schlief. Wie allabendlich saßen Vater und Tochter, einander -gegenüber, am Speisetische, der Arzt mit einem Buche, Paula mit einer -Handarbeit beschäftigt. Sie hatten zu Nacht gegessen und wenig dabei -geredet; jetzt schwiegen beide. Endlich legte der Vater das Buch auf den -Tisch und stand auf. - -»Heute habe ich mit dem Schullehrer gesprochen,« sagte er. »Die Schule -kann Montag wieder eröffnet werden.« - -»Und Toni?« fragte Paula. - -»Sie ist gesund und mag getrost in die Schule gehen. Es sind nun schon -zwei Monate her, daß sie erkrankte. Da sie jetzt glücklicherweise -wiederhergestellt ist, wäre es an der Zeit, ihren Religionslehrer der -Aufgabe, sie zu besuchen, zu entheben. Sie kann ihn künftighin in der -Schule sehen und sprechen.« - -Paula blickte von ihrer Arbeit auf. Der Arzt sah das Mädchen an und senkte -dann die Augen. - -»Ich weiß und glaube, daß er die Kleine lieb hat und bloß ihretwegen in -unser Haus kommt,« sagte er in seinem sanftesten Tone. »Aber die Besuche -müssen wieder ein Ende nehmen. Das Kind ist gesund. Wir haben nunmehr kein -Recht, über die Zeit des Herrn Kooperators zu verfügen.« - -»Hat wieder jemand auch darüber geschwatzt?« fragte Paula und ihre -Lippen zuckten verächtlich. - -»Die Leute im Pfarrhof halten sich darüber auf. Du weißt doch, daß der -Dekan und ich einander kaum grüßen, ... deshalb mag er es wohl nicht gern -sehen, wenn sein Kollege in unser Haus kommt.« - -»Von wem hast Du das gehört?« - -»Von verschiedenen Personen.« - -»Und Du willst, daß ich dem Kooperator sagen soll: Wir brauchen Sie -jetzt nicht mehr. Sie können Ihrer Wege gehen und vergessen, daß wir hier -wohnen? Gut.« Sie beugte sich über ihre Arbeit und begann mit großer -Hast zu nähen. Selten noch hatte sie so herbe gesprochen ... Der Arzt -blickte das junge Mädchen staunend an. - -»Ich habe mich schlecht ausgedrückt oder Du verstehst mich absichtlich -falsch,« versetzte er. »Es fällt mir nicht ein, irgendeinen Vorwurf -gegen Dich oder den Geistlichen zu erheben. Meines kranken Kindes wegen, -auf unsere Bitte hin, kam er in unser Haus und wir sind ihm dankbar dafür; -aber die Verpflichtung, uns mit ihm zu befreunden, erwächst uns nicht -daraus.« - -Paula blieb stumm auf diese Worte. Endlich sprach sie, ohne aufzusehen: -»Er kommt sehr gern zu uns. Er selbst hat es mir gesagt.« - -»Umso mehr Grund, mit ihm zu brechen, mein Kind. Sieh, Paula, als ich -vorhin nach Hause kam, schaute ich von der Straße aus zufällig zu Deinem -Fenster empor. Du und der Geistliche, Ihr standet nahe beisammen, Du -blicktest zu Boden und er auf Dich, -- wie eben ein Mann ein junges -Mädchen, das ihm gefällt, anzublicken pflegt ...« - -»Er hat nie ein Wort zu mir gesagt, das nicht jedermann hätte hören -dürfen,« fiel Paula ein. Ihre Finger zitterten, sie legte die Arbeit in -den Schoß. - -»Das glaube ich gern, weil ich Dich kenne. Aber sei gerecht, Paula. Würde -die Welt an einen Freundschaftsbund zwischen einem jungen Mädchen und -einem dreißigjährigen Priester glauben?« - -»Was liegt an der Welt! Wenn nur ich selbst daran glaube.« - -Der Arzt ging, die gefalteten Hände auf dem Rücken, in der Stube auf und -ab. - -»Daß wir uns über diesen Punkt nicht einigen können!« bemerkte er -endlich. - -»Wir _sind_ einig,« entgegnete Paula. »Ich werde Deinem Wunsche -nachkommen. Mehr verlangst Du wohl nicht.« Sie stand auf. »Aber um eines -möchte ich Dich bitten: sag _Du_ ihm, was Du ihm sagen willst, daß er -nicht wiederkommen soll oder was es sonst ist ... Gute Nacht.« - -Der Vater ging auf sie zu und hielt sie zurück. - -»Sollten wir zum erstenmal voneinander gehen, ohne uns verstanden zu -haben?« fragte er und zog sie an sich. Sie küßte flüchtig seine Wange -und wich seinem Blicke aus. Er ließ sie fahren. - -»Gute Nacht, mein Kind,« sagte er. »Du bist heute aufgeregt. Verschlafe -diese Angelegenheit und ich bin überzeugt, daß Du morgen anders darüber -denken wirst.« - -Schweigend entfernte sie sich. Er hatte sie niemals noch so gesehen, -- so -eigensinnig, heftig und herbe. Hatte er sie beleidigt? Zum erstenmal -war eine Meinungsverschiedenheit eines Fremden halber zwischen ihnen -eingetreten. Der Arzt hatte die Tochter nicht kränken, sondern sie bloß -aufmerksam machen wollen darauf, daß der Verkehr mit dem jungen Priester -nicht ewig fortgesetzt werden könnte; auf Widerstand war er durchaus nicht -gefaßt gewesen. Paula fühlte sich offenbar verletzt. Gewissermaßen -hatte er ihr doch Vorwürfe gemacht, und das mochte sie, die sich schuldlos -wußte, beleidigt haben. Daß aber zwischen zwei Menschen, die einander -innig lieben, so leicht ein Mißton entstehen könne, war dem Arzt doch -nicht recht begreiflich. »Empfindlich sind wir alle,« dachte er, und -damit suchte er sich zu trösten. - -Am nächsten Tage war davon nicht weiter die Rede. Der Arzt fragte nur: -»Wird der Kooperator heute kommen?« - -»Ich weiß es nicht,« antwortete Paula. - -»Um welche Stunde kommt er gewöhnlich?« - -»Zwischen fünf und sechs Uhr.« - -»Dann will ich um diese Zeit zu Hause sein.« - -Er hielt Wort, aber derjenige, den er erwartete, traf nicht ein. Hingegen -kam der junge Schullehrer, um, wie er sagte, nachzusehen, was seine kleine -Schülerin mache. - -»Toni ist längst wieder gesund,« sagte Paula zu ihm. »Am Montag wird -sie, wie die anderen, die Schule besuchen. Verwöhnen Sie das Kind nicht -allzu sehr und stellen Sie Ihre Krankenvisiten von heute ab ein ... Toni -glaubt sonst am Ende wirklich, daß sie eine wichtige Persönlichkeit sei, -um deren Befinden sich alle Welt kümmert.« - -»Aber ich komme doch nicht bloß Tonis wegen hierher,« stammelte der -junge Mann bestürzt. - -Paulas Augen fixierten ihn kalt und mitleidlos, als ob sie sagen wollten: -»Eben darum will ich, daß Du wegbleibst!« Und ohne zu antworten, ließ -sie ihn stehen und ging aus dem Zimmer. - -Der arme Lehrer war so außer sich über diese Behandlung, daß er, -unfähig ein Wort zu sprechen, den Arzt stumm grüßte und sich hastig -entfernte. - -»Warum warst Du gegen Herrn Stettner so unfreundlich?« fragte der Arzt, -als Paula wieder in das Zimmer trat. - -»Ich war nicht unfreundlich gegen ihn,« erwiderte das junge Mädchen und -schaute dem Vater mit festem Blick in die Augen. »Ich sage nur: gleiches -Recht für alle. Wenn der eine aus Schicklichkeitsrücksichten unser Haus -nicht länger betreten darf, muß es dem anderen ebenfalls verboten werden. -Ich will kein Gerede wachrufen.« - -Der Arzt wußte darauf nichts zu entgegnen. Paula war noch immer gereizt -oder gekränkt ... Er verstand das Mädchen nicht. - -Erst am dritten Tage fand Harteck sich in dem Hause ein. Er war ein wenig -erstaunt, vom Arzte allein empfangen zu werden und fragte, wo Toni wäre. -Nach Paula fragte er nicht. Der Arzt antwortete, daß die Mädchen im -Garten wären; mit gesenkten Augen und zögernder Stimme fügte er hinzu, -wie dankbar er Harteck wäre für seine Güte gegen das Kind, daß er -jedoch diese Güte nicht länger mißbrauchen wolle, indem Toni wieder -gesund wäre und der Geistliche ohne Zweifel Besseres zu tun hätte, als -sich mit einem Kinde zu plagen ... Er wußte selbst nicht, warum es ihm -so schwer fiel, diese Rede vorzubringen. Der junge Priester erhob sich und -griff nach seinem Hute. Er hatte verstanden; nach den ersten Worten schon: -man wünschte hier sein Kommen nicht weiter. - -»Ich freue mich, daß die Kleine gesund ist und meiner nicht mehr -bedarf,« sagte er. Seine Stimme klang vielleicht ein wenig leiser als -sonst, indessen vollkommen ruhig. Der Arzt erhob den Blick zu dem Antlitz -des Sprechers. Hartecks Augen schauten ernst in die seinen und seine Lippen -umspielte ein eigentümliches Lächeln. Befangen sagte der Arzt: »Wenn ich -Ihnen jemals einen Gegendienst erweisen kann ...« - -Der Geistliche schüttelte das Haupt. - -»Was ich Ihrem Kinde tun konnte, ist von Herzen gern geschehen,« sagte -er. - -»Aber danken darf ich Ihnen doch?« fragte der Arzt und reichte ihm -die Hand. Harteck ergriff sie, schüttelte sie herzlich und ging mit -freundlichem Gruße davon. Auf der Treppe angelangt, blickte er zurück. -Der Arzt war ihm nicht gefolgt. Er legte die Hand auf das Treppengeländer -und ging langsamen Schrittes die Stufen hinab ... Darauf war er nicht -vorbereitet gewesen; hatte nicht im Traume daran gedacht. Er tat einen -tiefen Atemzug, der wie ein unterdrückter Seufzer klang. - -Als er die Straße erreicht hatte und an dem Garten vorbei kam, hemmte er -den Schritt und spähte hinein. Toni erblickte er nicht, wohl aber Paula. -Sie stand auf dem Kiesweg, mit unterschlagenen Armen, gesenktem Kopfe, -zusammengezogenen Brauen; ihre Fußspitze spielte mit den kleinen Steinen, -die auf dem Wege lagen, und ihre Zähne zerbissen einen Grashalm. Sie -mochte den unverwandten Blick des Priesters fühlen, denn sie erhob -plötzlich das Haupt und schaute nach ihm hin. Ein wenig verwirrt lüftete -er den Hut und wollte sich entfernen. Sie aber kam rasch auf ihn zu, -stützte sich mit beiden Armen auf den Gartenzaun, der sie voneinander -trennte, und sah nachdenklich vor sich nieder. Eine Zeitlang sprachen beide -nichts. Paula warf den Grashalm weg und riß die welken Blätter von den -Zweigen ab, die sich um das Gartengeländer schlangen. - -»Ihr Vater hat mir den Abschied gegeben,« sagte Harteck endlich. -»Geschah das auf _Ihren_ Wunsch?« - -Sie machte eine verneinende Kopfbewegung. Er legte leise die Hand auf die -des jungen Mädchens. - -»Es tut mir sehr leid, daß es so gekommen ist,« sagte er. »Die Zeit, -die ich bei Ihnen zubrachte, war für mich die schönste im ganzen Tag. Ich -habe mich sehr wohl in Ihrem Hause gefühlt ... Aber Ihr Vater hat recht. -Mein Prinzipal sah diesen Umgang mit mißliebigen Augen, und die Welt, die -alles falsch und hämisch beurteilt, mag auch daran zu mäkeln gefunden -haben. Fügen wir uns denn dem Gesetze der Notwendigkeit.« - -Er griff nach ihrer Hand. »Leben Sie wohl, liebes Fräulein.« - -»Kann ich nicht irgend etwas tun, um Ihnen zu beweisen, wie dankbar ich -Ihnen bin, ... Tonis wegen?« fragte Paula mit stockender Stimme. - -»O ja,« antwortete er. »Sie können sehr viel für mich tun; aber -nicht, um mir zu danken, sondern um mir zu zeigen, daß Sie mir eine Freude -bereiten wollen, wenn ich Sie darum bitte.« - -»Was kann ich denn tun?« - -»Singen Sie in der Kirche, so oft ich Hochamt halte ... Wollen Sie mir das -versprechen?« - -»Ja,« sagte Paula. - -»Ich danke Ihnen.« Er beugte sich auf ihre Hand herab, als ob er sie -küssen wollte. Vielleicht fiel ihm aber dabei ein, daß sich dies mit -seinem Priesterberuf nicht recht vertragen würde; er gab die Hand des -Mädchens frei, grüßte und entfernte sich. Paula schaute ihm nicht nach; -schweigend stand sie am Geländer, pflückte ein Blatt nach dem anderen -ab und ließ sie auf die Erde fallen. Erst als sie sich beim Namen -rufen hörte, machte sie eine Bewegung wie jemand, der aus einem Traum -emporfährt, strich sich mit der Hand über die Stirn und ging langsam in -das Haus hinein. - -Ebenso langsamen Schrittes war Harteck zum Pfarrhof zurückgekehrt. Er -verfügte sich in den Garten, setzte sich auf seinen Lieblingsplatz, unter -den Lindenbaum, faltete die Hände im Schoße und zeichnete mit dem Fuße -Figuren in den Sand. Entsagen, wieder entsagen; das alte, wohlbekannte -Lied, das er so oft schon hatte singen hören. Daß er sich noch nicht -daran gewöhnt hatte, daß er noch immer die Kraft und den Mut besaß, sich -neuen Menschen anzuschließen, Pläne zu machen; daß er nicht lang schon -jede Hoffnung auf Erfüllung großer und kleiner Wünsche aufgegeben hatte! -Er wunderte sich über die Zähigkeit seines Herzens. - -Herbst war es geworden. Der traurige November hielt seinen Einzug. Entlaubt -standen die Bäume da und auf der Erde lagen die dürren Blätter. Von Zeit -zu Zeit erhob sich ein Windstoß, wirbelte die Blätter auf und spielte mit -den Haaren des jungen Priesters, der, ungeachtet der frostigen Luft, mit -unbedecktem Kopfe dasaß. Er dachte an Paula. Er hatte sich gewöhnt an -sie und sie sich an ihn, und nun war wieder alles vorbei und der schöne, -harmonische Verkehr hatte ein Ende. Wie sie ihn angesehen hatte, -- so -ernst und kummervoll, -- es tat ihr wie ihm wehe, daß es so gekommen war, --- vielleicht bloß seinetwegen. Sie wußte ja, wie einsam er lebte, wie er -sich sehnte nach Mitgefühl und Freundschaft; sie wußte, was sie ihm -galt, und nun wird Tag um Tag verstreichen und er wird sie nicht -sprechen, vielleicht nicht einmal sehen. Ja, dieses schwarze Kleid und -die priesterliche Tonsur, -- die erforderten schwere Opfer; die hatten ihm -schon viel gekostet, -- unsäglich viel. - -Seit er das Haus des Arztes besuchte, hatte er den Rest von Sympathie, den -er im Pfarrhof noch genossen, eingebüßt. Der Dekan sah ihn kaum an, und -wenn er in Hartecks Gegenwart den Mund öffnete, geschah es bloß, um -ihn zu tadeln oder sich in beißenden Anspielungen zu ergehen. Fräulein -Aurelie, die er nur bei den Mahlzeiten sah, saß ihm stets so steif -gegenüber, als ob sie ein Lineal verschluckt hätte, rümpfte beständig -die Nase, und wenn er es wagte, das Wort an sie zu richten, antwortete sie -entweder gar nicht oder in schnippischem, hochmütigem Tone. Der Mönch -ging ihm aus dem Wege, und die Geistlichen, die dann und wann zum Besuch -kamen, behandelten ihn mit kühler Zurückhaltung. Die Briefe seiner Mutter -enthielten ebenfalls nichts als Tadel und Ermahnungen. Er wußte, daß -die alte Frau mit jedem seiner Vorgesetzten in Briefwechsel stand und sich -genauen Bericht über seine Aufführung erstatten ließ; sie war von allem, -was er tat, unterrichtet, kannte sein unglückliches Verhältnis mit -jenem Bauernmädchen und kam selbst jetzt noch, wo es doch so lang schon -vorüber, manchmal darauf zurück. Er hatte Mutter und Schwester seit zwei -Jahren nicht gesehen. Zuzeiten erfaßte ihn eine Art von Verlangen nach -einem Wiedersehen, -- es war dies eine alte Gewohnheit aus den Kinder- und -Jugendtagen. Aber er brauchte sich die Mutter bloß vorzustellen und die -Sehnsucht nach ihr schlug in erkältende Furcht um. Sie würde von jenem -Mädchen sprechen, an alte, mühsam vergessene Geschichten rühren, mit -erbarmungsloser Hand vernarbte Wunden aufreißen ... Sie wußte nichts von -Schonung, hatte nie davon gewußt. Besser war es für ihn und sie, wenn -Berge zwischen ihnen lagen und sie voneinander trennten. Vielleicht, wenn -Mutter oder Schwester ihm geschrieben hätten, daß sie sich nach ihm -sehnten, daß er zu ihnen kommen möchte, würde er trotz alledem zu ihnen -geeilt sein. Das aber schrieben sie ihm nicht. Die Mutter war unzufrieden -mit ihm und der Schwester war er gleichgültig, und so schob er denn den -Plan, die Seinen zu besuchen, immer wieder auf. Nach dem jungen -Priester, mit dem er sich so innig befreundet hatte, zog es ihn oft mit -unwiderstehlicher Gewalt hin. Jedoch eine abergläubische Furcht hielt -ihn ab, den Freund zu besuchen. Harteck war bei allen seinen Vorgesetzten -schlecht angeschrieben, galt für einen unverwendbaren, nachlässigen -Priester, -- Gott weiß warum! Er gab sich doch redlich Mühe, seinen -Pflichten so gut wie möglich nachzukommen; aber es war, als ob seine Stirn -ein Brandmal trüge, als ob er gezeichnet wäre. -- Alle betrachteten ihn -mit mißtrauischen Augen und wichen vor ihm zurück. Deshalb fürchtete er, -daß dem jüngeren Freunde ein Verkehr mit einem solchen Manne in seiner -Laufbahn schaden könnte, und das wollte er verhüten. Er hatte über das -Mädchen, das mit Liebe an ihm gehangen, schweres Leid gebracht; er wollte -an dem einzigen Freunde nicht ähnliches erleben. - -So verstrichen denn seine Tage neuerdings in reizloser Monotonie. Dem -Herbste folgte der Winter; er brach jählings herein und hielt einen -häßlichen Einzug. Ein eisiger Nordwind blies beinahe ununterbrochen; -schwere, undurchdringliche Nebelmassen hüllten die Berge ein und über der -Erde wölbte sich ein grauer, trüber Himmel. Die Straßen, auf denen halb -zerflossener Schnee lag, waren kaum gangbar. Harteck war kein kräftiger -Mensch, aber er tat alles, um sich abzuhärten und wagte sich bei jedem -Wetter in das Freie. Stundenlang streiften er und sein Hund auf den -Straßen umher, Cäsar jagte in großen Sätzen voraus und der Geistliche -folgte ihm mit raschen Schritten. Manchmal stand der Herr still, hustete -und drückte das Taschentuch an die feuchte Stirn und der Hund sah ihn -dann fragend an ... »Komm nur! Mir ist nichts,« sagte dann Harteck -gewöhnlich, und sie gingen wieder weiter. - -Auf das Hochamt am Sonntag freute sich der Priester von einer Woche zur -anderen. Paula hielt Wort. Sie sang an allen Sonn- und Feiertagen, auch -wenn nicht an Harteck die Reihe war, die hohe Messe zu zelebrieren; sie -wußte, daß er sich trotzdem in der Kirche befand, und vom Chor aus sah -sie ihn links vom Altar auf einem Betschemel knieen, vor sich ein Brevier, -in dem er selten las. Meistens stellte er die Arme auf die Brüstung und -barg das Gesicht in die verschlungenen Finger ... Sie wußte dann, daß -er ihrem Gesange lauschte und sich daran erquickte und sie sang mit -Begeisterung ... Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der -Straße, vor der Kirche oder im Dorfe; dann tauschten sie einen Gruß aus, -wechselten im Vorübergehen ein paar Worte miteinander und gingen, ohne -jemals den Schritt zu hemmen, ihre Wege. Zu Hause sprach Toni oft von ihrem -Religionslehrer, was er gesagt, wen er gelobt, wen getadelt hätte ... -Paula hörte ihr schweigend zu und sah die kleine Schwester manchmal von -der Seite an: etwas wie Neid lag dann in ihrem Blick. Das törichte Kind -sah ihn so oft, sah ihn täglich, hörte ihn sprechen und sprach mit ihm, -plauderte harmlos davon und verstand nicht, was der dunkle Blick im -Auge der großen Schwester sagen wollte. Äußerlich war Paula beinahe -unverändert; nach wie vor erfüllte sie ihre hausmütterlichen Pflichten -mit großer Pünktlichkeit; das Haus war so gut bestellt wie ehedem: der -Vater und Toni konnten sich über keinerlei Vernachlässigung beklagen. -Aber dem schärfer blickenden Manne war stets zumute, als ob ein Schatten -zwischen ihm und der Tochter stünde. Ernst war sie immer gewesen; das war -eine natürliche Folge ihres Lebens und Charakters; aber sie war nicht mehr -so hingebungsvoll, wie sie es einstens gewesen. Eine gewisse Herbheit klang -aus allem, was sie sagte; sie war zerstreut, ließ manchmal ihre Handarbeit -oder ihr Buch in den Schoß fallen und versank in Nachdenken; dann zogen -ihre Brauen sich zusammen und um ihre Lippen trat ein trotziger, schier -feindseliger Zug, und wenn der Vater, unbemerkt von ihr, sie längere Zeit -beobachtet hatte und sie dann unvermutet ansprach, erschrak sie und schaute -ihn an, ... nicht verwirrt oder furchtsam, sondern mit zürnendem Blick, -der wohl bedeuten mochte: Laß mich doch träumen! Mißgönnst Du mir sogar -dieses karge Glück!? -- Er war sich keiner Schuld bewußt; er hatte nur -getan, was er für Recht gehalten hatte; im Dorfe war über das häufige -Kommen des Priesters geschwatzt worden, er hatte dem Gerede ein Ende setzen -wollen, -- weiter nichts. Hatte er ahnen können, daß Paula, seine -kalte, stolze Tochter, die allen Männern gegenüber schrankenlose -Gleichgültigkeit bewiesen hatte, im geheimen schon so sehr an diesem -Geistlichen hing? Und wenn er es gewußt hätte: würde es dann nicht um -so mehr seine Pflicht gewesen sein, sie aus dieser Gefahr zu erretten? -Ungerechtes, verblendetes Mädchen! Er meinte es gut und treu mit ihr -und sie -- behandelte ihn nicht anders, als ob er ihr schweres Unrecht -zugefügt hätte. Wenn sie lieber noch gemurrt, wenn sie Vertrauen -gezeigt hätte! Aber sie blieb verschlossen und unzugänglich, wich -seinen schüchternen Anfragen eigensinnig aus und machte dadurch eine -Verständigung zur Unmöglichkeit. Er ließ sie ungern allein; nicht, -weil er für sie gefürchtet hätte: er wußte, daß sie brav war. Aber er -fürchtete sich vor ihrer Einsamkeit; sie sollte und durfte nicht grübeln. -Oft forderte er sie und Toni auf, ihn auf seinen Fahrten in die umliegenden -Dörfer zu begleiten, und sie saßen dann beisammen in dem kleinen Wagen, -auf dem breiten Ledersitz, Toni durfte manchmal das Pferd lenken und lachte -fröhlich ... Das Kind war die einzig Glückliche von den dreien. Paula -achtete nicht wie sonst auf die Kleine, sondern spähte angestrengt umher, -als ob sie jemanden zu erblicken wünschte ... Wenn sich von weitem eine -schwarzgekleidete Gestalt zeigte, erblaßte sie, zog den Hut ins Gesicht -und drückte sich fest an die kleine Schwester. Aber demjenigen, den sie zu -sehen hoffte oder fürchtete, begegnete sie auf ihren Fahrten niemals. - -Manchmal besuchten sie auch das naheliegende Städtchen; dort wurden -im Winter allerhand Lustbarkeiten veranstaltet, Konzerte, -Theatervorstellungen, Tanzunterhaltungen. Der Arzt war mit der Gesellschaft -dort gut bekannt und er drang darauf, daß jeder Einladung, die ihm aus -dem Städtchen zukam, Folge geleistet werde. Paula hatte weder etwas dafür -noch dagegen. Sie begleitete den Vater, beteiligte sich an allem, und wenn -der Arzt sie beim Nachhausefahren fragte, wie sie sich unterhalten hätte, -antwortete sie gewöhnlich: »Es war sehr hübsch, ich habe mich gut -unterhalten.« Bei Gott! er würde vorgezogen haben, wenn sie gesagt -hätte: »Vater, ich möchte viel lieber mit Dir zu Hause bleiben und mich -an Deinem Herzen ausweinen,« anstatt jene kalte, immer gleichlautende -Antwort von ihren Lippen zu vernehmen. - -Daß ein Dorf so klein ist! Daß keines dem andern entfliehen kann! Daß -ewig eines vom anderen hören muß! Wie ist es da möglich, zu vergessen!? -In seinen mutlosesten Augenblicken war der Arzt oft nahe daran, zum -Dekan zu gehen und ihn zu bitten, die Versetzung dieses -- Menschen -zu erwirken ... Aber das hieße ja die Tochter bloßstellen, ihren Ruf -unwiederbringlich untergraben. Nein, das konnte er nicht tun. Er mußte -diesem stummen, im verborgenen wühlenden Unheil schweigend zusehen, mußte -tatlos zusehen, wie es immer weitere Kreise zog und das Glück seines -Hauses langsam untergrub. - - - - -Neuntes Kapitel - - -Weihnachten stand vor der Tür. Endlich war echte Winterkälte eingetreten -und überall glitzerte fester Schnee, auf den Bergen, den Bäumen, den -Dächern. Nachmittags, wenn die blasse Dezembersonne ihre kühlen Strahlen -zur Erde sandte, ging Paula mit Toni ins Freie. Sie verließen das Dorf und -schlenderten die Heerstraße entlang, und Toni, die Wangen von der Kälte -gerötet, formte Schneeballen und bewarf damit die Bäume. Einmal bat sie -die Schwester, einen Schneemann bilden zu dürfen, und Paula ließ dem -Kinde die Freude, setzte sich auf einen Steinhaufen und schaute zu, wie -Toni emsig Schnee zusammentrug und mit den kleinen, von der Kälte roten -Händen einen Schneemann zu kneten begann. Plötzlich unterbrach sich -das Kind, einen leisen Schrei ausstoßend, in seiner Arbeit; ein großer, -schwarzer Hund hatte sich von hinten der Kleinen genähert und war an sie -angerannt. Seine Schnauze wühlte im Schnee. - -»Cäsar!« rief Toni, ihn erkennend, »Cäsar!« und wollte den Hund -liebkosen. Paula aber riß sie mit heftiger Gebärde an sich. »Sei -still!« raunte sie ihr zu und spähte dabei unruhigen Blickes umher. Wohin -sich verbergen? An eine Flucht war nicht zu denken; nirgends ein Baum, ein -Haus, eine Hecke, bloß die kahle, weit übersehbare Landstraße. Der Mann, -der in geraumer Entfernung dem Hunde folgte, mußte, wenn er das Haupt -erhob, sie beide erblicken. Aber einstweilen hielt er den Kopf gesenkt und -schien in Gedanken verloren: vielleicht, daß er, ohne sie zu bemerken, an -ihnen vorbeigehen würde ... Nur mußte das Kind sich ganz ruhig verhalten. -Paula zog die kleine Schwester eng an sich. »Sei recht still!« gebot sie -noch einmal. Sie atmete rasch, ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf ... Die -schwarze Gestalt kam näher und näher. Jetzt hob der Geistliche den Kopf -in die Höhe und pfiff dem Hunde ... Hatte er sie gesehen? ... Er mußte -wohl; Paula sah starren Blickes vor sich hin; der gefürchtete und ersehnte -Augenblick war gekommen. »Guten Tag,« sprach eine wohlbekannte Stimme, -das junge Mädchen schlug die Augen auf und sah Georg Harteck vor sich -stehen. - -»Sie werden sich erkälten, wenn Sie so ruhig dasitzen,« sagte er. »Sie -sind ganz blaß.« - -Paula blieb stumm. Ihre Blässe rührte nicht von der Kälte her, -- das -wußte sie. Er schien auf Antwort zu warten, und da keine erfolgte, machte -er Miene, seinen Weg fortzusetzen. - -»Wohin gehen Sie?« fragte Paula mit Anstrengung. - -»Ich habe kein eigentliches Ziel ... Komm her zu mir, Cäsar!« sagte er -zu dem Hunde, der die Kleider der Mädchen beroch. - -»Ach, lassen Sie ihn!« bat Toni und faßte das Tier am Halsband. »Er -beißt doch nicht?« - -»O nein. Wenn Du ihn glücklich machen willst, dann laß ihn Steine -apportieren. Das ist seine Passion.« - -Toni las einen Stein auf und schleuderte ihn so weit sie konnte. Der -Hund stieß ein freudiges Gebell aus, rannte dem Steine nach, brachte ihn -zurück und legte ihn vor Tonis Füße. Dann stellte er sich erwartungsvoll -vor das Kind hin, scharrte mit den Hinterpfoten und bellte abermals. Toni -verstand ihn und lief, den Stein hoch in die Luft haltend, davon; der Hund -folgte ihr mit großen Sprüngen. - -Paula und Harteck blickten den beiden eine Weile nach. - -»Wie geht es Ihnen?« fragte der Priester endlich. »Wir sehen einander so -selten.« - -»Sehr selten. Mir geht es gut. Und Ihnen? Sie husten, wie ich höre.« - -»Das hat nichts zu bedeuten. In der rauhen Jahreszeit huste ich immer.« - -Sie schaute rasch zu ihm auf. »Und ängstigt Sie das nicht?« - -»Weshalb? Ich bin daran gewöhnt.« - -Paula blickte wieder zur Erde. »Sind Sie schwach auf der Brust?« fragte -sie. - -»Aus Ihnen spricht die Tochter des Arztes,« entgegnete er lachend. »Ich -habe allerdings empfindliche Lungen. Das ist ein Erbteil meines Vaters.« - -»Ist Ihr Vater schon lange tot?« - -»Seit zwanzig Jahren.« - -»War er ein guter Mann? Hatten Sie ihn lieb?« - -»Ich glaube, daß er ein gutmütiger Mensch war, ... wenigstens ließ er -jedermann seinen eigenen Weg wandeln.« - -»Das ist viel ... Wenige Eltern können sich entschließen, ihren Kindern -volle Freiheit zu gewähren, und wenn ich etwas verabscheue, dann ist es -jede Art von Tyrannei. Hier, in unserem Dorfe, begegnet man ihr häufig ... -Eltern zwingen ihre Töchter zu einer ihnen passend scheinenden Ehe und -ziehen dabei das Glück der Kinder nicht im entferntesten in Betracht, ... -das ist Nebensache. Wenn nur der Bräutigam die nötigen Äcker und Wiesen -besitzt! ... Das ist doch ein Verbrechen, ... oder nicht?« - -»Mindestens ist es eine Vermessenheit, das Schicksal anderer spielen zu -wollen. Wie aber denken Sie von den Menschen, die solchem Zwange gehorchen? -Die gelten in Ihren Augen wohl für Feiglinge?« -- Er hatte ganz ruhig -gesprochen, ... dennoch fühlte Paula, daß diese Frage nicht allgemein, -daß sie persönlich gemeint war. - -»Das kommt auf die Umstände an,« erwiderte sie langsam und stand auf. -»Mir ist kalt. Ich will mit Toni nach Hause gehen.« - -»Ach! Bleiben Sie noch!« bat er sie zurückhaltend. »Sehen Sie, wie Ihr -Schwesterchen sich vergnügt!« - -Sie sagte weder Ja noch Nein auf seine Aufforderung, aber sie blieb. -Sie blieb ja so gern bei ihm, hätte ihn so gern vieles gefragt und ihm -mancherlei gesagt, ... aber ihr Vater, die Leute ... Wie ein Liebespaar, -das ein Stelldichein verabredet hat, standen sie nebeneinander ... Wenn -jemand sie so sähe! Sie drückte den Muff an Kinn und Mund und blickte -starr auf den Schnee. - -»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Priester. -»Ihre Blässe beunruhigt mich. Ich fürchte, daß Sie sich erkältet -haben.« - -Sie schüttelte den Kopf, fügte sich jedoch seinem Vorschlag. Langsam -wandelten sie die Straße auf und nieder. - -»Ich bin immer gesund,« bemerkte Paula. »Vater hat uns frühe an -Abhärtungen aller Art gewöhnt.« - -»Ihr Vater scheint ein vortrefflicher Mann zu sein,« sagte Harteck. - -»Ja, das ist er; wie geschaffen zu dem Berufe, den er sich erwählt hat. -Wenn ich ein Mann wäre, möchte ich Arzt sein oder Priester ... Diese -beiden haben den edelsten und aufopferungsvollsten Beruf auf Erden.« - -Harteck ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte nichts. Paula -hingegen fuhr mit bewegter Stimme fort: »Wenn ich in der Kirche bin, -ergreift es mich oft wunderbar. Unser Kult ist so schön, so reich, -schmeichelt allen Sinnen und spricht zum Herzen ... Ich meine, daß der -ungläubigste Mensch erschüttert werden müßte, wenn er einem feierlichen -katholischen Gottesdienste beiwohnte. Am Altar zu stehen, hinter sich die -andachtsvolle Menge, dazu das Orgelspiel, der Gesang auf dem Chor und der -Weihrauchduft: katholischer Priester zu sein ist eine hohe und herrliche -Aufgabe. Die ganze Gemeinde ist seine Familie, er kann bessern, veredeln, -aufrichten, wenn er seinen Beruf mit dem Herzen ausübt, ... er kann -unsäglich viel Gutes tun in seinem Dorfe, ... und dieser Gedanke muß -beruhigend und beglückend wirken, muß über vieles hinweghelfen ...« - -Noch immer blieb Harteck stumm. Weshalb sagte sie ihm das, ihm, einem -Priester? Wollte sie ihn trösten, ihn versöhnen mit dem Lose, das ihm -zugefallen war? Gutes Mädchen! Das alles hatte er sich schon tausende Male -vorgesagt, ohne daß es je ein Echo gefunden hätte in seinem Herzen. - -»Warum sind Sie nicht meine Schwester!« sagte er plötzlich, -- fast -unwillkürlich. - -»Ich würde mich wenigstens bemühen, Ihnen etwas zu sein,« antwortete -Paula mit dumpfer Stimme. »Wir würden uns gut vertragen, ... Sie, Vater, -Toni und ich« ... Sie brach ab und wendete das Haupt zur Seite. Der -Priester biß sich in die Lippe, um den Seufzer, der sich seinem -Herzen abrang, zurückzudrängen. Beide konnten eine Weile kein Wort -hervorbringen. Endlich fragte Harteck mit erzwungener Fassung: »Haben Sie -schon Vorbereitungen für Weihnachten getroffen?« - -»Ja. Die Geschenke für Vater und Toni liegen bereit. Werden Sie die -Feiertage hier oder bei den Ihren verleben?« - -»Ich bleibe hier. Zu Weihnachten gibt es in der Kirche viel zu tun, -da kann ich mich nicht entfernen. Aber ich werde an meine Leute kleine -Geschenke senden, um sie an mich zu erinnern.« - -»Beschenkt man Sie ebenfalls?« - -»Ja. An solchen äußerlichen Aufmerksamkeiten läßt es meine Familie -niemals fehlen.« - -»Daß Ihre Mutter und Schwester Sie nicht abgöttisch lieben, begreife -ich nicht,« sagte Paula und eine dunkle Röte flammte in ihren Wangen auf. -»Sie sind ja so gut.« - -»Ich weiß nicht, ob ich gut bin,« entgegnete er, das Mädchen -betrachtend, das die Erregung seltsam verschönte. »Nicht jedermann -beurteilt mich so nachsichtig, wie Sie es tun.« - -Sie errötete noch tiefer und senkte vor seinem Blick die Augen. Er schaute -sie noch immer an. - -»Es ist spät,« sagte Paula hastig. »Wir müssen fort, ... -wahrhaftig ... Toni, komm!« - -»Gleich!« antwortete das Kind aus der Ferne. - -»Bevor ich gehe, habe ich Ihnen noch etwas zu sagen, Sie um etwas zu -bitten,« sprach Paula rasch und leise. - -»Und das wäre?« - -»Aber Sie dürfen mich nicht mißverstehen, dürfen nicht böse -werden ...« - -»Wie könnte ich? Es macht mich ja glücklich, wenn Sie irgendeinen Dienst -von mir verlangen.« - -Paula holte schwer Atem und sagte mühsam: »Geloben Sie mir, daß Sie -mich kein zweites Mal ansprechen werden, wenn wir einander auf der Straße -begegnen sollten, ... es geht doch nicht an, ... mein Vater will es nicht -haben.« - -In seinen Zügen prägte sich peinliche Enttäuschung aus; aber ohne ein -Wort zu erwidern, neigte er das Haupt. Paula faßte Toni, die herzugelaufen -war, an der Hand, nickte dem Priester einen stummen Gruß zu, und sie und -das Kind entfernten sich mit eiligen Schritten. Paula ging so rasch, daß -Toni Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie zupfte die Schwester am Kleide. - -»Warum sind wir nicht länger geblieben, Paula?« - -»Weil mir kalt war. Schau nicht zurück und komm! Der fremde Hund geht -Dich nichts an.« - -Eingeschüchtert trippelte das Kind neben der großen Schwester einher. -In so strengem Tone hatte Paula noch niemals zu ihm gesprochen. »Bist Du -böse?« fragte es kleinlaut. - -»Nein. Aber laß mich jetzt in Ruhe.« - -Sie langten im Dorfe an und kamen an dem Pfarrhof vorbei. Fräulein -Aurelie stand hinter einem der Fenster und sah hämischen Blickes auf -das Schwesternpaar herab. »Sie kommen aus derselben Richtung, die der -ehrenwerte Herr Kooperator genommen hat,« dachte Aurelie. »Hm! ... -Wir wollen einmal abwarten, ob dieser Herr ihnen nicht in Bälde folgen -wird ...« - -Ihre Vermutung bestätigte sich. Nach kaum einer Viertelstunde traf Harteck -im Pfarrhof ein. Aurelie nickte befriedigt und begab sich schnurstracks zu -ihrem Oheim. - -»Ich habe mit Dir zu sprechen, Onkelchen,« sagte sie mit geheimnisvoller -Miene. - -»Was gibt es denn?« fragte der Dekan. Seit einiger Zeit hatte seine -Stimmung umgeschlagen. Die Bauern krochen zu Kreuze. Die Kirche war an -jedem Sonn- und Feiertag überfüllt, die Wallfahrten zahlreich besucht und -dem Opferstock flossen reichliche Gaben zu. Diese »Kerle« wollten eine -Versöhnung herbeiführen. Der Herr Dekan spielte zwar äußerlich noch -den Beleidigten, im Innern aber dachte er schon friedlicher: er hatte die -Absicht, demnächst eine ernste, ermahnende und gleichzeitig milde Predigt -zu halten. - -»Ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht,« sprach Aurelie weiter. »Ich -glaube nicht irre zu gehen, wenn ich die Behauptung aufstelle, daß -Dein Kooperator und Fräulein Paula Reinberg in zärtlichen Beziehungen -zueinander stehen. Soeben haben sie auf der Heerstraße ein Rendezvous -gehabt.« - -Der Dekan zog die Augenbrauen in die Höhe; seine feisten Wangen wackelten. - -»Bist Du dessen gewiß?« fragte er. - -»So gewiß wie meiner selbst. Das ist doch eine Schande und eine -Schmach!« - -»Wenn es so ist, wie Du sagst, müßte ich allerdings ein ernstes Wort mit -diesem Herrn sprechen. Aber in solchen Dingen heißt es vorsichtig sein.« - -Das Fräulein nickte. Sie hatte die Absicht gehabt, im Herbst nach Wien -zurückzukehren, ihren Entschluß jedoch geändert. Auf dem Lande war es -so still und angenehm, kein Kindergeschrei, keine Stiefmutter, die -ein schiefes Gesicht zieht, wenn man, anstatt zu arbeiten, einen Roman -liest ... Außerdem verlangte die Familie nicht nach ihr. In jedem Briefe -hieß es: Bleib noch auf dem Lande, die Luft wird Dir gut tun ... Nun! -Sie sollten ihren Willen haben. Der Oheim ließ ihr völlige Freiheit, -sie verbrachte den Tag in süßem Nichtstun, aß vortrefflich und niemand -störte sie; sie durfte auch spionieren und kleine Kabalen anzetteln ... -Das lag zwar nicht in ihrer Natur und sie würde es sicherlich unterlassen -haben, wenn Georg Harteck weniger geschmacklos gewesen wäre. Sie würde -ihn -- sollte man's glauben? -- mit ihrer Freundschaft beglückt, ihn -auf seinen Spaziergängen begleitet und ihn durch ihr großstädtisches -Geplauder amüsiert haben, -- alles in Anstand und Ehren, natürlich! -Aber er hatte nicht gewollt. Dieser Narr! Dieser Geck! Sie würde ihm zu -Weihnachten eine eigenhändig verfertigte Stickerei überreicht haben, ... -aber so, wie die Dinge standen, war die Stickerei unvollendet geblieben. -»Wahrhaftig! Dieser Mensch ist sein eigener Feind!« dachte das Fräulein, -das alles überlegend. - -»Was wirst Du in dieser Angelegenheit tun, Onkel?« fragte sie scheinbar -gleichgültig. - -»Das weiß ich noch nicht.« Er ging zur Tür hin und öffnete sie. -»Heda! Uschei!« rief er laut. - -»Was gibt's?« scholl es von unten herauf. - -»Ist der Pater zu Hause?« - -»Ja.« - -»Ich lasse ihn bitten, zu mir zu kommen.« - -Er schloß die Tür und kehrte zu seiner Nichte zurück. - -Eine Minute später trat nach schüchternem Anklopfen der junge Mönch ein. -Er schien von der Anwesenheit des Fräuleins nicht sonderlich entzückt, -indessen faßte er sich schnell und fragte, was dem gnädigen Herrn zu -Diensten stehe. - -»Das sollen Sie sogleich erfahren.« Der Dekan stellte sich, die Hände -auf dem Rücken gefaltet, vor den Mönch hin und fixierte ihn mit scharfen -Blicken. »Ich glaube, daß Sie mir aufrichtig ergeben sind.« (Der Pater -verneigte sich stumm.) »Oft schon habe ich mit Ihnen über den Kooperator -Harteck gesprochen und Sie wissen, daß ich sehr unzufrieden mit ihm bin. -Alles an ihm ist Grimasse. Er trägt das geistliche Kleid, aber seine -Gedanken weilen draußen bei der Welt und ihren Verlockungen, bei den -Weibern.« (Aurelie räusperte sich, der Mönch schlug die Augen nieder.) -»Ein schöner Mithelfer ist mir da gegeben worden!« fuhr der Dekan fort. -»Ebenso gut hätte man mir einen Holzklotz schicken können, ... der -würde mir dieselben Dienste leisten. Seine scheinbare Unterwürfigkeit -täuscht mich nicht. Ich weiß ja doch, daß er mir im geheimen -widerspricht und alles, was ich tue, anders machen möchte ... O! ich kenne -diesen Herrn. Keiner seiner Pfarrherren mochte ihn leiden, alle waren froh, -ihn los zu werden. Leute, die uns kritisieren und nicht unbedingt _für_ -uns sind, die bloß aus Zwang gehorchen, taugen nicht für uns. Wir -brauchen tätige Menschen, die, aus welchem Grunde immer, für unsere -Sache ins Feuer gehen würden, ... nicht aber so teilnahmlose Lappen. Meine -Geduld ist erschöpft. Ich habe diesen Herrn satt bekommen. Priester -seines Schlages müssen unschädlich gemacht werden, müssen im Dunkel -verschwinden. Wie man mir schreibt, liegt der Herr Vikar von Keßten -hoffnungslos krank danieder. Das Vikariat in Keßten ist armselig und, so -zu sagen, außerhalb der Welt gelegen ... Dort wäre Herr Harteck an seinem -Platze. Der Sprengel ist klein und wird von lauter armen, stumpfsinnigen -Bauern bewohnt ... Die Geistlichen, die dorthin versetzt werden, versumpfen -mit der Zeit. Ich werde dieser Tage nach Salzburg reisen und dort den -Vorschlag machen, Herrn Harteck nach Keßten zu schicken, falls der Vikar -sterben sollte. Man versetzt solche Priester an einen der Welt entrückten -Ort und dann mag sie der Kuckuck holen. Ihre Laufbahn ist damit zu Ende und -sie mögen zusehen, wie sie mit dem Leben fertig werden. -- Was sagen Sie -zu meinem Plane?« - -»Ich kann ihn nur gutheißen,« antwortete der Mönch. - -»Das freut mich, denn ich möchte nicht ungerecht sein ... Ist es -wahr, daß zwischen Herrn Harteck und der Tochter unseres Arztes ein -Liebesverhältnis besteht?« - -Der Mönch blickte überrascht auf. »Wer sagt das?« - -»Nun, ... man spricht so. Haben Sie davon gehört?« - -»Nein, gnädiger Herr; niemals noch.« - -»Hm! ... Kümmern Sie sich ein wenig um die Sache, ... wie?« - -»Gnädiger Herr, spionieren ...« - -Aurelie warf dem Sprecher einen gehässigen Blick zu. Der Dekan runzelte -die Stirn. - -»Wer spricht von spionieren?« sagte er. »Sie wissen nicht, was Sie -reden. Sie sollen die Augen offen halten, ... anderes verlangt man doch -nicht von Ihnen.« - -Schweigend verbeugte sich der Mönch. In seinem unschuldigen jungen Gesicht -drückte sich augenscheinliche Verwirrung aus. - -»Ich beauftrage Sie also,« fuhr der Dekan fort, brach jedoch ab. Es war -an die Tür geklopft worden. - -»Herein!« sagte er ärgerlich. Ein gewisses Unbehagen bemächtigte sich -aller, als auf die Aufforderung derjenige eintrat, über dessen Schicksal -sie soeben zu Gericht gesessen hatten. - -»Was wollen Sie?« herrschte der Dekan den Ahnungslosen an. Nichts -Besonderes wollte er; er war nur gekommen, um mit dem Dekan über -irgendeine kirchliche Angelegenheit zu sprechen. Alle wichen seinen Blicken -aus. - -»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich gestört habe,« sagte Harteck, -über den sonderbaren Empfang befremdet. - -»Sie stören durchaus nicht,« versetzte der Dekan, der sich bereits -gefaßt hatte. »Geh in Dein Zimmer, Aurelie, und Sie, Pater Benediktus, -vergessen den Auftrag nicht, den ich Ihnen soeben erteilt habe.« - -»Ich werde ihn nicht vergessen,« antwortete der Mönch, bis über die -Schläfen errötend, verbeugte sich ungeschickt und folgte dem Fräulein, -das mit steifem Kopfnicken und zusammengekniffenen Lippen aus der Stube -ging. - -Harteck sagte nun, was er zu sagen hatte; er war bald zu Ende. Während er -sprach, sah ihn der Dekan von der Seite an und schnupfte mehrere Male. Das -bleiche, edle, etwas leidende Gesicht des jungen Priesters flößte ihm -nicht das geringste Mitleid ein. Er hielt Hartecks verschüchterten Blick -aus, ohne mit den Wimpern zu zucken, und als er ihn entließ und der junge -Geistliche sich mit einer Verbeugung zurückzog, setzte sich der Dekan an -das Pult und wiederholte im Geiste die Worte: »Ich werde demnächst nach -Salzburg reisen und diese Sache in Ordnung bringen.« - - - - -Zehntes Kapitel - - -Das schönste Fest der Christen, Weihnachten, kam. Harteck brachte den -heiligen Abend auf dem Bette liegend zu. Er fühlte sich recht unwohl -und sein körperliches Mißbefinden wurde durch den an hohen Feiertagen -üblichen strengen Kirchendienst noch gesteigert. Die Seinen hatten ihm -Geschenke und Briefe geschickt und das Schreiben seiner Mutter fing mit den -Worten an: »Ich bete zu Gott, dem Allmächtigen, daß Du das neue Jahr -mit besseren Vorsätzen beginnen möchtest als das alte ...« Er hatte -den Brief kaum zu Ende gelesen. Uschei schlug die Hände über dem Kopf -zusammen und jammerte sehr, als sie hörte, daß er den heiligen Abend in -seinem Zimmer zubringen wollte: am Weihnachtabend werde so gut gegessen und -getrunken und wäre alle Welt so fröhlich ... Er tröstete das Mädchen. -Ihm liege am Essen und Trinken nicht viel und er wäre ganz gern allein. - -»Wirklich?« fragte sie ungläubig. »I' tät' dem Herrn gern oa bissal -G'sellschaft leisten, ... aber beim Bärenwirt unten warten's auf mich.« - -»Wer? Vielleicht Ihr Schatz?« - -Sie wurde sehr rot und spielte mit den Zipfeln ihrer Schürze. »Ja, ... -der jüngere Sohn vom Bärenwirt sieht mich halt gern, ... i bin jung und -er is a jung ... Es is ja koa Sünd' net, wenn zwoa junge Leut' sich gern -haben.« - -»Nein, das ist keine Sünde,« sagte er, das Gesicht abwendend. »Gehen -Sie nur und seien Sie recht vergnügt.« - -Sie schaute ihn an, gutherzig und mitleidig zugleich. Beim Lampenschein -sah er in seinem schwarzen Kleid so bleich und traurig aus ... »Bischt ja -dächt' a jung und därfst koa Diandl gern haben!« dachte sie. »Herrgott! -muß dös z'wider[9] sein!« - -»Lassen Sie's gut sein, Hochwürden,« sagte sie dann. »Sie wer'n -scho' wieder g'sund wer'n und dann kimmt der Fasching und da geht's lusti -her ...« - -»Ich tanze ja nicht,« warf er lächelnd ein. - -»Aber zuschau'n kinnen's ... und unsere Leut' machen Musik, ... da wern's -oa bissal Kurzweil haben.« - -»Freilich,« sagte er still. - -»Net oamal tanzen!« dachte Uschei, als sie ihn verließ. »Noa! und wenn -i zehn Buam hätt', ... Geistlich dürft mir koaner wer'n.« - -Allein gelassen, drückte Harteck das Gesicht in das Kopfkissen und seufzte -schwer. Es sah und hörte ihn ja niemand, er brauchte nicht Komödie zu -spielen ... Cäsar war verschwiegen und würde nicht ausplaudern, daß er -seinen Herrn schwach gesehen. Der Hund stellte sich zwar an dem Bette auf, -beschnupperte das Haar des jungen Priesters und stieß ein heiseres Bellen -aus ... Harteck richtete sich in die Höhe und liebkoste das Tier. - -»Du hast recht!« sagte er. »Wir wollen stark sein. -- Was gibt es -denn?« - -Cäsar hatte die Ohren gespitzt. An die Tür des Nebenzimmers war gepocht -worden. Harteck erhob sich und ging öffnen. Der junge Mönch stand auf der -Schwelle. - -»Treten Sie ein,« sagte Harteck. »Was führt Sie zu mir?« - -Benediktus gehorchte der Aufforderung und setzte sich auf den Stuhl, den -Harteck ihm anbot. Der Priester blieb stehen. Aufmerksam betrachtete der -Mönch seine zerdrückten Kleider, sein verwirrtes Haar und seine leicht -geröteten Augenlider. - -»Wollen Sie nicht hinunterkommen zum Herrn Dekan?« fragte er. »Das Essen -ist aufgetragen.« - -»Ich danke Ihnen herzlich, ... aber ich kann wirklich nicht, ... mir ist -sehr unwohl.« - -»Was fehlt Ihnen?« - -»Ich habe mich erkältet, ... in der Kirche, glaube ich.« - -Der Pater zog die Stirn kraus. - -»Warum gerade in der Kirche?« versetzte er. »Dort gewiß nicht, ... weit -eher auf Ihren -- entschuldigen Sie -- unsinnigen Spaziergängen. Sie sind -nicht kräftig. Wer zwingt Sie, bei jedem Wetter auszugehen?« - -»Niemand. Sie haben recht. Ich werde künftighin zu Hause bleiben.« - -»Trachten Sie, bis zum Silvesterabend gesund zu werden,« sagte der Mönch -nach einer Pause. »An diesem Abend wird im Gasthause zur Post ein großes -Fest veranstaltet, ... sie nennen es ein Konzert; die Einnahme -- denn -es wird Entréegeld gefordert -- soll zum Besten der Kirche verwendet -werden, ... sie bedarf, wie Sie wissen, einer teilweisen Restaurierung. -Der Schullehrer, der der Vorstand des hiesigen Musikvereines ist, soll sich -dagegen gesträubt haben, ... aber die Bauern wollen dieses Fest durchaus -veranstalten, um den gnädigen Herrn halbwegs zu versöhnen, und so hat der -freigeistige Herr Schullehrer nachgeben müssen. Der Herr Dekan hat -sein Erscheinen bereits huldvollst in Aussicht gestellt und es wird ihm -jedenfalls lieb sein, wenn Sie ihn begleiten.« - -»Werden Sie ebenfalls hinkommen?« - -»Ich? O nein! Für mich existieren solche Dinge nicht.« - -Diesen Worten folgte eine kurze Stille. - -»Sie wollen also wirklich hierbleiben?« fragte der Mönch dann und stand -auf. - -»Ich werde mich zu Bett legen. Entschuldigen Sie mich freundlichst bei dem -Herrn Dekan und dem gnädigen Fräulein ... Ich fühle mich so elend, daß -ich ein trauriger Gesellschafter wäre und nur stören würde.« - -»Dann wünsche ich Ihnen Besserung und Schlaf.« - -»Gute Nacht, und seien Sie vielmals bedankt dafür, daß Sie sich zu mir -bemüht haben,« sagte Harteck und reichte ihm die Hand hin. - -»Ist gern geschehen,« sagte der Mönch, berührte flüchtig seine Hand -und ging. -- - -Der Silvesterabend kam. In den leidlich geräumigen Zimmern des Gasthauses -zur »Post« herrschte reges Leben und Treiben. Die Mehrzahl der Gäste -hatte sich bereits eingefunden und der kleine Musikverein, bestehend aus -neun Mann, mit dem Schullehrer an der Spitze, begann schon zu stimmen. Die -Zimmer waren mit Tannenzweigen geschmückt, kunterbunt saß das Bauernvolk, -alle im Sonntagsstaat, durcheinander. An einer langen Tafel, die in -der Mitte des Saales stand, hatten die Honoratioren des Ortes und die -vornehmeren Gäste aus der Umgebung Platz genommen; viele Herren aus dem -Nachbarstädtchen waren gekommen, teils allein, teils mit ihren Familien. -An diesem Tische saß auch Paula, zwischen zwei jungen Bahnbeamten, die -sich bemühten, ihr angenehm zu sein. Toni, in einem weißen Kleidchen und -mit leicht gewelltem Haar, saß neben ihrem Vater und sah kindlich erregt -aus. Ein einziger Tisch war noch unbesetzt; der war für die »Herren« -bestimmt. Der Herr Dekan ließ auf sich warten, und bevor er eingetroffen, -durften die Produktionen nicht beginnen. Das Publikum war laut und lustig. -Jetzt schon wurde viel getrunken und geraucht. Die Kellnerinnen rannten -mit brennenden Wangen hin und her, ein ewiges Schreien nach Bier und -Wein erscholl von allen Tischen und mancher Bauer klopfte mit seinem -Taschenmesser ungeduldig an das geleerte Glas ... Da entstand plötzlich -tiefe Stille. Der Herr Dekan war eingetreten. Alle Anwesenden erhoben sich -von ihren Sitzen. Der gnädige Herr führte Fräulein Aurelie am Arm, -die, eine Lorgnette vor den Augen, herablassend grüßend an den Tischen -vorbeischritt. Den beiden folgten Harteck und mehrere Geistliche aus -den Nachbarorten und endlich Wirt und Wirtin. Der Dekan nahm auf dem -Ehrenfauteuil Platz, rechts von ihm setzte sich das Fräulein und ihr zur -Seite ließ sich Harteck nieder. Die übrigen Herren setzten sich -ebenfalls und sagten den Wirtsleuten ein paar verbindliche Reden über die -geschmackvolle Dekorierung des Saales; einer der Geistlichen bot dem Wirt -sogar eine Prise an, die dieser annahm und sogleich heftig nieste. -Die Unterhaltung begann hierauf aufs neue, wenn auch in stillerer Art. -Fräulein Aurelie, die in ihrem blaß lilafarbenen Seidenkleid magerer denn -je aussah, lehnte sich zurück, fächelte sich Kühlung zu und tat sehr -geziert. - -»Hier ist es zum Ersticken heiß,« lispelte sie. »Ich bin begierig, was -für komisches Zeug zur Aufführung gelangen wird.« - -»Sie dürfen eben keine hohen Ansprüche stellen, gnädiges Fräulein,« -sagte Harteck zerstreut und blickte nach der Tafel in der Mitte. Paula -kehrte ihm den Rücken zu; wenn sie den Kopf einem ihrer Nachbarn -zuwendete, war ihm vergönnt, ihr reines Profil zu sehen. Sie trug -ein schwarzes, mit Spitzen besetztes Kaschmirkleid, das ihre blasse -Gesichtsfarbe prächtig hob; ihr Haar war zu einem einfachen Knoten -verschlungen und die Scheitel an der Stirn bedeckten halb die kleinen -Ohren. Der junge Priester sah lang nach ihr hin; sehnsüchtig glitt sein -Auge über ihre sanft abfallenden Schultern, den fein gebogenen Nacken, die -kleinen Locken am Halse, das dunkle Haar, und er konnte nicht umhin, -die beiden jungen Herren zu beneiden, die ihr zur Seite sitzen, mit ihr -sprechen, ihre Stimme hören durften ... Diese Glücklichen! Er wendete den -Blick von dem Mädchen ab und starrte trübselig vor sich nieder. - -Die musikalischen Produktionen begannen. Der Schullehrer, in einem -altmodischen Frack, schlug aufgeregt den Takt. Allerdings hieß es bei -diesem »Kunstgenuß« mehr mit dem guten Willen der Künstler vorlieb -nehmen; und die wenig verwöhnten Bauern waren von den Leistungen _ihres_ -Musikvereins entzückt und klatschten lauten Beifall. Fräulein Aurelie -fuhr nicht selten nervös zusammen, machte sogar Miene, sich die Ohren -zuzuhalten ... Sie amüsierte sich nicht. An ihrem Tische ging es viel -stiller zu als an den übrigen. Ihr Oheim war schweigsam, die fremden -Geistlichen sprachen untereinander und ihr Nachbar tat den Mund nicht auf; -an den Nebentischen hingegen wurde gelacht, gescherzt, in derber Weise der -Hof gemacht. Darüber ärgerte sich Aurelie. Verdrießlichen Gesichtes saß -sie da, klappte den Fächer auf und zu und gähnte absichtlich ... Dann -fing sie an, sich in Klagen zu ergehen: es sollte nicht erlaubt sein zu -rauchen, ... kaum Atem holen könne man in dieser Atmosphäre; die Leute -lärmten zu viel und die Produktionen wären abscheulich, ohrenzerreißend; -wenn man an Wiener Konzerte gewöhnt wäre, erscheine einem solche Musik -barbarisch, ... und in dieser Weise ging es fort. - -»Wien ist eben Wien und ein Dorf ein Dorf,« sagte Harteck, dem endlich -die Geduld riß. - -»Wirklich?« entgegnete das Fräulein höhnisch. »Ich danke für die -gütige Aufklärung. Das hatte ich bis jetzt nicht gewußt.« - -Harteck ließ diese Rede ohne Antwort. Er hatte keine Lust zu streiten, und -überdies bemerkte er, daß Paula sich, wie suchend, umwendete. Er vergaß, -daß es auf dieser Welt eine Aurelie gab und blickte unverwandt nach dem -jungen Mädchen hin ... Wen suchte sie? Vielleicht -- ihn? Am lauten Pochen -seines Herzens fühlte er, wie lebhaft er das wünschte, wie sehr er geizte -nach einem einzigen Blick ihrer schönen Augen ... O diese großen Augen -mit dem noch größeren Blick! Sie suchten und fanden ihn und schauten ihn -an, so sanft und bittend, als wenn sie sagen wollten: »Warum sind Sie so -traurig? Im Geiste bin ich ja doch bei Ihnen, bei Ihnen allein ...« Dieser -einzige Blick tröstete ihn wundersam. Er wurde heiterer und gab sich -fortan Mühe, seine verdrießliche Nachbarin zu unterhalten. Paula sollte -ihn nicht traurig wähnen. - -Die Produktionen zogen sich in die Länge. Gesang, Zither- und Flötenspiel -wechselten mit den Vorträgen der kleinen Kapelle ab. Dem jungen Dirigenten -standen helle Schweißtropfen auf der Stirn, sein langes Haar war feucht -und aus seinen Augen leuchtete stolze Befriedigung ... Laut und lauter -wurde die Unterhaltung; eine gewisse weinselig-übermütige Stimmung fing -an, sich kundzugeben. »Oan Tanz aufspielen!« rief eine heisere Stimme aus -einer Ecke; sie wurde niedergezischt, aber der hübsche Bauernbursche, der -das Wort gesprochen, versteckte den Kopf unter dem Tische und schrie noch -lauter: »Oan Tanz aufspielen, ös[10] Sappermenter! Im Winter wollen -mir[11] tanzen!« - -»Bischt net stad, Du Sakra? Die Herren sein ja noch da!« - -»Jessas! Die Herren! Die wer'n eppes[12] was dagegen haben, wenn mir -luschti[13] sein!« - -»Halt's Maul!« - -»I mag aber net, -- i möcht' tanzen!« - -Und: »Tanzen! Tanzen!« ertönte es von verschiedenen Seiten. Die Burschen -und Dirnen erhoben sich halb von ihren Sitzen und schwenkten ihre Gläser. -Vergebens mahnten die Alten zur Ruhe und wiesen mit den Augen auf -den gnädigen Herrn, der mit sehr reservierter Miene in sein Weinglas -blickte ... Nichts half. Die liebe Jugend lärmte weiter. - -Der Herr Dekan hielt es für geraten, sich zurückzuziehen. Fräulein -Aurelie wollte noch bleiben, wollte ein wenig dem Tanze zusehen ... -»Daraus wird nichts!« sagte ihr Oheim streng. »Das schickt sich nicht -für Dich. Zahlen, Herr Wirt.« - -Er zahlte und erhob sich dann; die übrigen der Gesellschaft folgten seinem -Beispiel. Der Dekan reichte seiner Nichte den Arm und schritt voran, die -Geistlichen schlossen sich ihm an; alle, die im Saale waren, standen auf -und grüßten. Das Fortgehen der »Herren« erregte sichtlich allgemeine -Befriedigung. - -»Jetzt ruckt's die Tisch weg und die Sesseln! Jetzt wird's erst luschti -wer'n!« - -Und kecke »G'stanzeln« ertönten ... Die Katze war fort, die Mäuse -wagten zu tanzen. - - »Da Tanzen und Liaben - Verbieten die Herr'n ... - Sie sein uns halt neidi' ... - Taten's selber recht gern!« - -sang einer. - - »Und jedem Buam sei' Diandl, - Gott hat's so bestellt -- - Und dem Pfarrer sei' Köchin ... - So geht's in der Welt!« - -antwortete ein anderer. - -»Kinnt's net Euer Maul halten, ös verflixten Buam!« rief die Wirtin -ernstlich böse. »Wann die Herren das hören!« - -»Na, ... so hörn's halt oanmal ... Net harb sein, Poschtwirtin[14]. Mir -sein schon stad[15]. Aber, Musikleut', jetzt spielt's was auf! I kann mi -schon nimmer darhalten[16], ... i _muaß_ tanzen!« - -Die »Herren« waren einstweilen schon weit und, minder fröhlich als -diejenigen, die sie verlassen, schritten sie schweigend durch das Dorf. -Am Pfarrhof angelangt, stiegen die fremden Geistlichen in ihre schon -bereitstehenden Wagen und fuhren nach Hause. Harteck wünschte dem Dekan -und Aurelien eine gute Nacht und tat, als ob er die Absicht hätte, in -seine Wohnung zu gehen. In Wahrheit aber wartete er auf der Treppe, bis er -die Hausgenossen in ihren Schlafstuben wußte, bis alles im Pfarrhof ruhig -war; dann stieg er geräuschlos die Stufen hinab, verließ das Haus und -schlug den Weg nach dem Wirtshause zur Post ein. - -Was wollte er dort? An der Freude jener Menschen durfte er ja doch -nicht teilnehmen; das wußte er, wußte es nur zu gut ... Aber mit -unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn dorthin, wo fröhliche Menschen waren, -dorthin, wo Paula weilte. Sie wenigstens sehen, aus der Ferne bewundern -dürfen, war ja auch ein Glück. Er zog den Hut an die Augen herab und -schritt unverdrossen durch den kalten Schnee. Ging jemand hinter ihm? Ihm -war, als ob er leise, leise Schritte hörte ... Er stand still und blickte -zurück. Undurchdringliche Finsternis lag über der Erde; am Himmel war -kein Stern zu sehen. Er horchte und spähte eine Zeitlang; nichts rührte -sich. »Ich muß mich geirrt haben,« dachte er und setzte seinen Weg fort. - -Da lag das Gasthaus. Durch die Fenster strahlte Lichterglanz; Musik, -Johlen, Fußgetrampel ertönten. Der Priester drückte sich an die Wand -und lugte durch eines der Fenster in den Saal hinein. Das Zimmer war -ausgeräumt, tanzende Paare glitten auf und nieder. Nebenan tanzten die -Bauern; dort ging es lärmend zu, ... hier war es stille, hier hielt die -bessere Gesellschaft sich auf. Er gewahrte auch Paula. Sie tanzte noch -nicht; in der Tür lehnend, sah sie dem Treiben der Bauern zu und beachtete -wenig den Schullehrer und einige andere Herren, die sich augenscheinlich -bemühten, sie zum Tanze zu überreden; der Arzt schien die Bitte -der jungen Leute zu unterstützen; Paula schüttelte bloß das Haupt. -Unzufrieden und verlegen standen der Arzt und die Herren um das Mädchen -herum und sprachen in sie hinein ... Paula gab endlich -- mit Widerstreben, -wie es den Anschein hatte, -- den vereinten Bitten nach. Sie lehnte sich -an die Brust des Schullehrers und fing mit ihm zu walzen an. Dem außen und -ausgeschlossen dastehenden Manne stieg das Blut zu Kopf bei diesem Anblick. -Daran hatte er nicht gedacht; er hatte gehofft, daß Paula standhaft -bleiben, daß sie nicht tanzen würde, ... und nun lag sie in den Armen -des fremden Mannes und ihm -- ihm hatte sie untersagt, das Wort an sie zu -richten, wenn er sie zufällig auf der Straße träfe. Aber freilich, -- -was war er im Vergleich zu den anderen? Diese Männer durften sich ihr -offen nähern, durften um sie werben, konnten ihr Herz und Hand anbieten; -ihm aber war nichts gestattet von alledem, -- er hatte einem Mädchen -nichts zu bieten, als eine sich vor den Augen der Welt scheu verkriechende -Liebe ... Worüber also murrte er? Er hatte kein Recht dazu. - -Vielleicht, wenn sie gewußt hätte, daß er draußen stand, in der -Winterkälte, die Füße im harten Schnee, so ganz ausgestoßen von jeder -Freude und jedem Glück, das Herz gefoltert von Eifersucht, -- vielleicht, -daß sie dann Erbarmen gehabt und vom Tanze abgelassen haben würde. War -ihm doch, als ob er hineinstürzen, sie bei der Hand packen und ihr zurufen -müßte: »Du darfst nicht lachen noch Dich freuen, während ich so elend -bin!« ... Jedes Wort, jedes Lächeln, jeder Blick, die sie einem ihrer -Tänzer schenkte, fuhren wie ein Messerstich durch seine Brust. Wie durfte, -wie konnte sie --! Unverwandt starrte er das Mädchen an. Ist's noch nicht -genug? ... Gott sei Dank! Jetzt lehnte sie eine neue Aufforderung ab, -setzte sich -- gerade ihm gegenüber -- und ließ die Hände in den Schoß -sinken. Sie war erschöpft vom Tanze; ihre Lippen waren halb geöffnet, sie -atmete rasch. Glücklich sah sie nicht aus; sie lächelte kaum und sprach -sehr wenig. Langsam glitten ihre Blicke durch den Saal und blieben mit -einem Male an einer Stelle haften ... Sie fuhr zusammen, erblaßte und sah -angestrengt nach jener Stelle hin ... Harteck wich jählings vom Fenster -zurück. Sie hatte ihn gesehen, mußte ihn gesehen haben, ihre Augen hatten -sich getroffen ... Dicht an die Wand gedrängt, spähte er in den Saal -hinein. Paula erhob sich, legte ein schwarzes Tuch um Kopf und Schultern, -sagte ihrem Vater ein paar Worte ins Ohr ... Das Herz des unglücklichen -Mannes schlug plötzlich sehr laut ... Er sah das Mädchen festen Schrittes -dem Ausgang zuschreiten und den Tanzsaal verlassen. - -Was hatte sie vor? Doch nicht --? Kaum wagte er diesen Gedanken -auszudenken. Als er jetzt das Geräusch näher kommender Schritte vernahm, -erfaßte ihn etwas wie Schreck. Die Schritte hörten plötzlich auf. Von -dem Dunkel hoben sich die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt -ab. Also doch, doch! - -An allen Gliedern bebend, lehnte er sich an die Mauer und umklammerte mit -der Hand das mit Schnee bedeckte Fenstergesimse. - -»Was wollen Sie von mir?« stieß er mit Anstrengung heraus. - -»Daß Sie nach Hause gehen,« antwortete eine vertraute Mädchenstimme. -»Wo sind Sie? Es ist so finster, ... ich sehe Sie nicht.« - -Er streckte ihr die Hand entgegen. Paula ergriff sie und er zog das -Mädchen an seine Seite. - -»Ich sah Sie von drinnen hier stehen,« fuhr Paula fort, »in dieser -Kälte ... und erschrak zu Tode, ... ich mußte hinaus zu Ihnen ... Was, um -Jesu willen, tun Sie hier?« - -An ihrer Stimme, an ihren Fingern fühlte er, daß sie zitterte. - -»Sie dürfen nicht hier bleiben,« sagte er hastig. »Sie sind vom Tanz -erhitzt und nun setzen Sie sich der eisigen Winterluft aus. Den Tod können -Sie sich holen.« - -»Was liegt daran!« sprach sie in sich hinein. - -»_Mir_ liegt daran,« entgegnete er heftig, zog seinen Überrock aus und -warf ihn um ihre Schultern. - -»Welche Torheit!« rief Paula unwillig. »Nun werden _Sie_ sich erkälten. -Ich beschwöre Sie, gehen Sie nach Hause.« - -»Mich schicken Sie immer fort. Andere dürfen mit Ihnen tanzen und ich -soll Sie nicht einmal ansehen. Nein, ich bleibe.« - -»Wozu? Bloß um mich zu quälen?« - -»Ich will Sie nicht quälen, Paula,« sagte er und haschte nach ihren -Händen. »Ich will Ihnen gehorchen ... Versprechen Sie mir aber, daß auch -_Sie_ nach Hause gehen werden ... Sie wissen nicht, was Neid heißt und -Eifersucht,« murmelte er mit hilfloser, fast weinender Stimme, »was ich -gelitten habe, als ich Sie in den Armen fremder Männer sah ...« - -»Mein Gott! Ich will tun, was Sie begehren,« sagte Paula erschreckt. -»Regen Sie sich doch nicht so auf! Wie könnte _ich_ Sie kränken -wollen, ... _ich_!« Sie brach in ein bitteres Gelächter aus. - -»Verzeihen Sie mir,« sagte er. Er wußte nicht, was er sprach noch was -er tat. Er hatte das Haupt entblößt und den Hut in den Schnee fallen -lassen, ... die kalte Dezemberluft zog schneidend durch sein Haar. - -»Sie zittern ja,« bemerkte Paula, befreite ihre Hände aus den seinen, -nahm seinen Rock von den Schultern und hängte ihn dem Priester, trotz -seinem Sträuben, um; ihre Arme, ihre Brust berührten ihn dabei, ... -der Rock glitt zur Erde, die Arme des Mannes faßten nach dem schlanken, -bebenden Leib des Mädchens. - -»Lassen Sie mich!« rief Paula mit rauher Stimme. »Haben Sie nicht -gehört ...?« - -»Was?« - -»Es hat jemand in unserer Nähe gehustet ...« - -»Ich habe nichts gehört.« - -»Sehen Sie ... dort, ...« sie drängte sich atemlos, Schutz begehrend, an -seine Brust ... »dort an der Wand, ... sehen Sie nichts?« - -»Nein,« sprach er verstört. »Ist jemand da?« - -Niemand antwortete. Aber verhallende Schritte schlugen an sein Ohr. - -»Ich muß erfahren, wer es ist,« sagte er und legte die Hand an die -Stirn. »Kehren Sie zu Ihrem Vater zurück. Ich muß diesem Menschen -folgen.« - -Paula zog das Tuch fester um ihre Schultern. - -»Wohin haben Sie mich gebracht!« sprach sie, sich zum Gehen wendend. - -»Paula!« rief er außer sich. »Ich töte mich, wenn auch Sie mich -anklagen!« - -»Ich klage Sie nicht an. Ich, ich allein bin die Schuldige; ich hätte -stärker sein sollen. Leben Sie wohl.« - -»Auf immer? Ich lasse Sie nicht.« - -»Denken Sie jetzt nicht daran, ... jetzt können wir nichts beschließen. -Gehen Sie dem dort nach und schreiben mir morgen, wer es gewesen und wie -alles abgelaufen ist.« - -Er hielt sie nicht länger zurück. Mit gesenktem Kopfe und schwankendem -Schritt ging das Mädchen in das Haus hinein. Der Priester stürzte durch -Nacht und Nebel dem Unbekannten nach. - -Erst in der Nähe des Pfarrhofes erreichte er ihn. Dort brannte eine -Laterne. Harteck packte den Fremden bei den Schultern und kehrte dessen -Gesicht dem Laternenlicht zu. Er erkannte den Mönch. - -»Woher kommen Sie?« fragte er ihn mit heiserer Stimme. - -»Woher kommen _Sie_?« wiederholte der Mönch und sah ihm fest in die -Augen. - -Harteck gab keine Antwort. - -»Wußten Sie, daß ich vom Hause fort war?« fragte er dann. - -Der Pater nickte. - -»Sahen Sie mich das Haus verlassen?« - -»Ja.« - -»Und sind mir gefolgt?« - -»So ist es.« - -»Weshalb? Zu welchem Zwecke?« - -»Weil ich Verdacht hatte ... Sie sehen, daß mein Verdacht nicht grundlos -war.« - -»So haben Sie alles gesehen und gehört?« - -»Alles.« - -Eine Pause trat ein. - -»Aber warum ... warum,« begann Harteck wieder; sein Atem stockte. »Warum -haben Sie das getan?« brach er wütend los. - -»Mäßigen Sie sich. Ich hatte den Auftrag dazu; ich bin weder neugierig -noch liebe ich es, zu spionieren. Aber Sie wissen ja, was unsere Pflicht -ist: den Vorgesetzten zu gehorsamen in allem und jedem.« - -»Und Sie werden -- natürlich! -- dem Dekan alles erzählen?« - -»Ich muß.« - -»Und wenn Sie dadurch -- nicht mich -- an mir ist wenig gelegen -- wenn -Sie dadurch ein unbescholtenes Mädchen zugrunde richten?« - -»Jetzt ist sie nicht mehr unbescholten,« entgegnete der Mönch mit hart -klingender Stimme. - -»Aber ich schwöre Ihnen, daß heute zum erstenmal ... Sie sind doch auch -jung und sind nicht schlecht« ... Der Verzweiflung nahe, ergriff er beide -Hände des Mönches: »Wälzen Sie alle Schuld auf mich, ... machen Sie -mich so schlimm, wie Sie wollen, ... aber schonen Sie das unglückliche -Mädchen. Gott im Himmel! Stehen Sie nicht so stumm und starr da, als ob -ich zu einem Steine redete ... Soll ich mich noch mehr demütigen? Mich vor -Ihnen auf die Kniee werfen? Würde vielleicht das Sie rühren?« - -Der Mönch schüttelte den Kopf. - -»Ich bin nicht hart,« sagte er. »Glauben Sie mir, ... Sie tun mir leid, -trotz Ihrem Vergehen ... Ich will Ihnen auch versprechen, das Mädchen zu -schonen, soviel ich kann.« - -»Ich danke Ihnen,« sagte Harteck und atmete erleichtert auf. - -»Und nun lassen Sie uns nach Hause gehen,« sprach Benediktus weiter. -»Sie sind erschöpft und Ihre Hände fühlen sich wie Eis an. Auch fällt -es mir erst jetzt auf ... Wo haben Sie Ihren Überrock und Hut gelassen?« - -»Ich weiß es nicht, ... ich glaube, sie liegen vor dem Gasthaus, irgendwo -im Schnee ...« - -»Gehen Sie schleunigst nach Hause und legen sich zu Bett ... Ihre Sachen -werde ich holen und sie Ihnen morgen übergeben. Gute Nacht.« - -Am nächsten Tage hatte der Mönch eine kurze, geheime Unterredung mit dem -Dekan und dieser reiste bald darauf nach Salzburg ab. - - - - -Elftes Kapitel - - -In einem engen Gäßchen der Grenzstadt Kufstein stand (oder steht heute -noch) ein kleines, winkliges, baufälliges Haus. Von außen machte es mit -seinem verwitterten Aussehen und den winzigen Fenstern einen traurigen -Eindruck, und was hinter dem schwarz angestrichenen Tore zu finden war: die -niedrigen Zimmer, die schmale Wendeltreppe, die allenthalben herrschende -Licht- und Luftarmut, war nicht danach angetan, den ersten schlimmen -Eindruck zu verwischen. - -Vor vielen, vielen Jahren konnte man hinter einem dieser Fensterchen Tag um -Tag ein blasses, kleines Mädchen stehen sehen: immer allein; sie spielte -und lachte niemals und hielt stets einen Strickstrumpf oder ein Gebetbuch -in der Hand. Vergangen waren die Jahre, das Kind war groß, war alt -geworden und saß heute, als Matrone, hinter dem Fenster in einem alten -Großvaterstuhl und die jetzt welken Hände hielten, wie ehedem, eine -Strickerei oder ein Erbauungsbuch. Außer mit ihrer Tochter, deren -Söhnlein und Schwiegereltern und einigen greisen Priestern verkehrte die -alte Frau mit niemandem. Eine Magd, so alt wie sie selber, bediente sie -schon seit vierzig Jahren. Mit dieser Magd ging sie tagtäglich zweimal -in die Kirche, wöchentlich einmal zur Beichte und Kommunion, und daheim -arbeiteten oder beteten die zwei alten Frauen. Die Herrin sprach wenig und -lachte niemals. Ein harter, starrer Zug lag auf ihrem hageren Gesicht, -- -ein Zug, der von einem harten und starren Leben erzählte. - -An einem wetterwendischen Apriltage saß die alte Frau wie gewöhnlich -an ihrem Fenster; doch nicht wie sonst mit Beten oder einer Handarbeit -beschäftigt. Ihre Hände ruhten gefaltet im Schoße und in ihrem starren -Gesichte kämpfte etwas, das einer unterdrückten Bewegung glich. - -Auf dem Sofa kniete ihr Enkel, ein schlanker, etwa siebenjähriger Knabe, -der Kartenhäuser aufbaute. Ein feiner Junge war's, blond und rosig, mit -einem klugen Gesichtchen und hellen Augen. Die Brauen ernsthaft gefaltet, -die Lippen wie zum Pfeifen gespitzt, baute und baute er und blickte -zornig auf, wenn seine jugendliche Mutter, die in seiner Nähe stand, eine -Bewegung oder einen Schritt zu machen wagte. Mit einem halb spöttischen, -halb gutmütigen Lächeln sah die Mutter seiner kindlichen Beschäftigung -zu. Sie war von zarter Gestalt und auf ihren intelligenten Zügen lag -selbstzufriedene Heiterkeit. Das blonde Haar und die blauen Augen hatte der -Knabe von ihr geerbt. Die junge Frau trug ein schwarzes Kleid, um den Hals -hatte sie eine Kette hängen, an der ein goldenes Kreuz befestigt war, -und an ihren weißen Händen glänzte kein anderer Schmuck als der glatte -Ehering. Trotz der matronenhaften Kleidung machte sie mit ihrem lichten -Haar und Teint, mit ihren lachenden Augen und Lippen, einen, man möchte -sagen, hellen Eindruck. Das Leben war ihr hold gewesen; was es ihrem Hause -Übles gebracht, war auf Vater, Mutter und Bruder gefallen, -- sie aber -war stets verschont geblieben und hatte sich darum über das Ungemach der -Angehörigen immer schnell zu trösten gewußt. Das Schicksal war ihr guter -Freund und so zeigte sie ihm auch stets ein heiteres Gesicht. - -Mit verhaltenem Lachen beobachtete sie das Söhnlein und stieß mit dem -Fuß an den Tisch ... Das künstlich aufgebaute Kartenhaus stürzte ein; -blutrot wurde der Knabe und fuhr erbost in die Höhe, ... die Mutter aber -brach in ein Gelächter aus, packte den Kleinen beim Kopf und küßte sein -blondes Haar. - -»Nun ist's genug,« sagte sie. Ihre Stimme klang hell und angenehm. »Wir -müssen Ordnung machen. Der Onkel kann jeden Augenblick kommen.« - -Sie raffte die Karten zusammen und legte sie in die Tischlade; dann zupfte -sie den Matrosenanzug und die Krawatte des Knaben zurecht und strich sein -Haar glatt. - -»Jetzt bist Du fein, Albert,« sagte sie. »Freust Du Dich schon auf den -Onkel?« - -»O ja,« sagte Albert ziemlich gleichgültig. - -»Erinnerst Du Dich noch seiner?« - -»O ja,« antwortete das Kind in gleichem Tone. - -»Stell' Dich ans Fenster, und wenn Du den Onkel kommen siehst, sag es uns; -hörst Du?« - -Das Kind tat, was von ihm begehrt wurde. Nach ungefähr zehn Minuten -wendete es den Kopf: »Jetzt kommt der Onkel.« - -»Wir wollen ihm entgegen gehen,« sagte seine Mutter. »Schnell, Albert!« - -Die Matrone blieb allein zurück. Sie eilte dem Sohne nicht entgegen, ... -er sollte nicht wissen, nicht sehen, wie erschüttert sie war. »Gott im -Himmel! Du wirst es mir nicht zur Sünde anrechnen, daß ich ihn noch immer -liebe,« dachte sie. »Sein Schuldregister, Herr! ist groß, ich weiß -es. Aber es ist doch mein Sohn. Und er wird sich bessern, er wird sich -bessern ...« Ihre Hände zitterten, ihre Lippen bewegten sich leise; -unverwandt hafteten ihre Blicke an der Tür. Die ging bald auf: hereintrat -die junge Frau mit Albert und ihnen folgte ein schlanker Mann im Kleide -eines katholischen Priesters. Mit einiger Anstrengung erhob sich die alte -Frau, der Ankömmling eilte auf sie zu und Georg Harteck und seine Mutter -lagen einander in den Armen. - -»Gott zum Gruße, liebe Mutter,« sagte er und küßte sie auf beide -Wangen. »Wie geht es Dir?« - -»Gut, dem Herrn sei Dank.« Sie hielt ihn noch immer in den Armen und -betrachtete ihn aufmerksam. Fast drei Jahre waren vergangen, seit sie -ihn zum letztenmal gesehen; sie fand ihn verändert, -- viel blasser und -schmaler im Gesicht. - -»Bist Du immer gesund gewesen?« fragte sie. - -»Immer, ... einige Erkältungen abgerechnet. Findest Du, daß ich krank -aussehe?« - -»N -- nein.« - -»Du siehst ganz wohl aus, Georg,« fiel die junge Frau ein. »Aber Mutter -ist immer so: wenn sie nur jemanden ängstlich machen kann! Setze Dich -jetzt --« sie nahm ihn beim Arme und führte ihn zum Sofa hin -- »und -sieh Dir meinen Buben an ... Ist er nicht brav gewachsen?« - -Der Priester setzte sich, die junge Frau nahm an seiner Seite Platz und -schob den Knaben zu dem Geistlichen hin. - -»Küsse dem Herrn Vikar die Hand,« sagte sie mit komischem Pathos und -lehnte sich schmeichelnd an die Schulter des Bruders. »Ich bin nicht wenig -stolz auf Dich, Georg! Erst dreißigjährig und schon Vikar! Hast Du Dich -recht gefreut über Deine Beförderung?« - -Er bejahte die Frage; und die Schwester fing mit dem ihr eigenen -praktischen Sinn an, ihn auszuforschen: »Wo liegt das ... Keßten? Ist das -Vikariat einträglich? Die Gemeinde groß? Wirst Du Dich besser stehen -denn als Kooperator? Und wie ist's mit den Ausgaben? Du mußt Dich doch als -Vikar von A bis Z einrichten ...« - -Es ergab sich, daß er von alledem wenig wußte. Keßten wäre, so glaubte -er, ein kleines und armes Dorf und das Vikariat wahrscheinlich wenig -einträglich. Was den Hausrat anbelange, so hätte er bereits Anstalten zu -dessen Herbeischaffung getroffen. »Ich bin jedoch überzeugt,« setzte er -hinzu, »daß ich vieles und vielleicht das Nötigste vergessen habe. Bis -heute hatte ich mich um diese Dinge nicht scheren müssen, ... mit der Zeit -aber werde ich das Wirtschaftführen wohl erlernen.« - -»Ich will auf ein paar Wochen zu Dir kommen und alles in Ordnung -bringen,« sagte die Schwester. »Ohne den Beistand einer Frau seid Ihr -Männer wie verloren.« - -»Das ist wahr,« sagte er zerstreut und hob eilig von anderen Dingen zu -sprechen an. Sie mußten erzählen, wie sie lebten, was sie trieben. -Die Mutter sprach wenig; sie hatte sich wieder ans Fenster gesetzt und -beobachtete schweigend die Kinder und den Enkel. Die junge Frau hingegen -war sehr redselig; sie sprach viel von sich, von ihren Schwiegereltern und -wie sie diese durch scheinbare Sanftmut zu beherrschen wüßte, von ihrem -Söhnchen, das erstaunlich gut lernte; auch von gemeinsamen Bekannten -erzählte sie und schonte die Abwesenden nicht immer; aber ihr Spott war -gutmütiger Art; sie war viel zu glücklich, um wirklich böse sein zu -können. - -Mittlerweile hatte die alte Magd den Koffer und die Reisetasche des -Geistlichen in das Zimmer getragen. Harteck öffnete den Koffer und packte -verschiedene Gegenstände aus; er hatte den Seinen Geschenke mitgebracht: -dem Kinde Bücher und Spielsachen, der Schwester Schmuck und anderen -Toilettentand, der Mutter einen Christus aus Ebenholz und ein Marienbild; -sogar die alte Magd hatte er nicht vergessen und händigte der -Überraschten einen Kleiderstoff und eine Schürze ein. - -»Wie gut Du bist, Georg!« sagte seine Schwester und küßte ihn und der -kleine Neffe sah den geistlichen Onkel zum erstenmal freundlich an. »Jetzt -aber wollen wir etwas essen ... Du bist gewiß hungrig.« - -Die Magd deckte den Tisch und trug Kaffee, kaltes Fleisch, Backwerk und -süßen Wein auf. Georg führte seine Mutter zum Sofa und setzte sich neben -sie. Die alte Frau blickte ihn an. »Georg!« sagte sie in fast strengem -Tone. - -»Was gibt es?« fragte er leicht erschreckt. Er kannte diesen Ton von -Kindheit auf. »Habe ich etwas nicht recht gemacht?« - -»Du setzest Dich nieder zu Speise und Trank und betest nicht vorher? Ist -das nicht Sitte im Hause Deines Dekans?« - -»O doch! Ich vergaß nur ... Übrigens wie Du willst.« - -Er stand auf und sprach das Vaterunser. Die anderen taten ihm nach, -- -die Mutter mit strengem Ernst, die Schwester mit verborgener Ungeduld, der -Kleine mit verwundertem Blick. - -»Die Mutter ist so eigen,« murmelte die junge Frau dann. »Nimm es ihr -nicht krumm, Georg.« - -»Wie sollte ich? -- Sie hat ja recht.« - -Trotzdem blieb die Stimmung eine gestörte. Die alte Frau genoß beinahe -nichts und verhielt sich auch während des Essens schweigend. »Er hat sich -nicht verändert,« mußte sie sich immer wieder sagen. »Ich darf nicht -schwach werden, nicht erlahmen, ... ich bin Gott Rechenschaft schuldig -über alles, was ich tue und sage. Wenn er sich, wie ich noch immer von -Gott hoffe, gebessert haben wird, werde ich ihm zeigen dürfen, daß ich -ihn liebe; eher nicht.« - -Georg und die Schwester führten ein sich mühsam fortschleppendes -Gespräch. Von der strengblickenden alten Frau ging gleichsam ein eisiger -Hauch aus, der sich den anderen mitteilte. Sogar der arme kleine Junge saß -eingeschüchtert da und gähnte verstohlen. - -Als wieder abgetragen worden war, richtete die alte Frau sich in die Höhe -und sagte zu ihrem Enkel: »Geh jetzt ins Nebenzimmer und spiele mit den -schönen Sachen, die der Onkel Dir gebracht hat.« - -Das Kind gehorchte mit sichtlichem Vergnügen. - -»Warum darf er nicht bei uns bleiben?« fragte Georg. - -»Weil Kinder nicht alles hören sollen, was Erwachsene untereinander -sprechen,« entgegnete die Mutter. »Leg diesen eitlen Tand beiseite, -Anna.« - -Die junge Frau, die mit der genauen Besichtigung der vom Bruder erhaltenen -Geschenke beschäftigt war, blickte die Mutter mit einem Lächeln an, -zuckte die Achseln und legte die verschiedenen Sächelchen auf den Tisch. - -»Nun, ... was weiter?« fragte sie. - -»Ich habe mit Deinem Bruder zu sprechen.« - -»Mutter, ich will nicht hoffen ...« - -»Was?« unterbrach die alte Frau ihre Tochter mit scharfer Stimme. »Ist -es so weit gekommen, daß ich mir von meinen Kindern vorschreiben lassen -muß, was ich sagen darf oder für mich behalten muß? Du hast Dich arg -verändert, Anna. So lang Du noch Mädchen warst und mich brauchtest, warst -Du die Demut selber; aber nun, da Du selbständig und vermögend bist ...« - -»Ich sage ja nichts,« fiel Anna ihr beschwichtigend in die Rede. »Ich -wollte nur bemerken, daß Du unseren Georg, den wir so lange nicht gesehen -haben, nicht plagen solltest, ... sonst vergeht ihm auf immer die Lust, uns -zu besuchen.« - -»Die Mutter wird mich nicht kränken wollen,« sagte Georg sanft und -bittend, »nicht wahr, Mutter, nein?« - -»Gewiß nicht,« sagte diese, unsicher gemacht. Dieser sanfte, ergebene -Ton mahnte sie an die Zeit, da Georg noch ein Kind war. »Wir sind einander -lang fern gewesen, mein Sohn,« fuhr sie fort. »Ich freue mich, Dich -endlich einmal wiederzusehen. Es ist schön von Dir, daß Du zu uns -gekommen bist, und ich nehme dies zum Zeichen, daß Du mit reinem Herzen -wiederkehrst und Dich endlich wieder für würdig hältst, ein Diener des -Herrn zu heißen.« - -»Da haben wir es!« murmelte Anna. »Dachte ich's doch!« - -»Schweige -- Du!« rief die alte Frau streng. Die Tochter hob abermals die -Schultern in die Höhe, langte nach einer Stickerei und fing zu sticken an. -»Um die Zeit nicht gänzlich zu verlieren,« dachte sie. Georg betrachtete -die schlanken weißen Fingerchen, die gewandt Stich an Stich reihten und -kein einziges Mal fehlten. O! sie war sicher in allem, was sie tat, die -kluge Schwester, ... war niemals irre gegangen, weder in großem noch in -kleinem. Er beobachtete auch ihr Gesicht. Augenblicklich prägten sich -in ihren Zügen Langeweile und Ärger aus ... Ahnte die Schwester, daß -unangenehme Dinge zur Sprache kommen würden? An seiner Seite hob die -klanglose Stimme der Mutter abermals zu sprechen an: »Du brauchst mich -nicht anzusehen, Georg; antworte mir bloß; sag mir, daß Du wieder -rechtschaffen geworden bist, daß Du jenes ... jenes Mädchen vergessen -hast ...« - -»Wozu davon sprechen, Mutter?« fiel er müden Tones ein. - -»Ich _muß_. Ich habe so viel um Dich gelitten, mich so bitter geschämt -deinetwegen ...« - -Sie hielt inne. Er rührte sich nicht. - -»Laß ihn doch in Frieden,« sagte Anna. »Er war einmal in seinem Leben -verliebt: gut. Es tut ihm leid und er wird es künftighin bleiben lassen, -und damit sei die Sache abgetan.« - -Sie blickte den Bruder blinzelnd an; der aber sah starr vor sich nieder. - -»Das Kleid, das er trägt, erlegt ihm das Opfer auf, den sogenannten -Freuden der Welt zu entsagen,« fuhr die Mutter zur Tochter gewendet -fort. »Ist das zu viel verlangt? Ich bin niemals glücklicher und ruhiger -gewesen als in der Zeit, wo ich vom Treiben der Welt so viel wie nichts -wußte. Meine Eltern waren schon alt, da ich noch ein Kind war. Sie -liebten die Ruhe, und um sie nicht zu stören, verkehrte ich niemals mit -Altersgenossen, blieb immer zu Hause und verließ es bloß, um in die -Kirche oder in die Schule zu gehen. Wehe mir, wenn ich gelärmt, gemurrt -oder einen Wunsch zu äußern gewagt hätte! Ich habe nie getanzt, mich -nie geschmückt, niemals etwas von der Welt gesehen. Und doch bin ich -glücklich gewesen, -- damals. Mein Unglück begann erst dann, als ich in -frevelhafter Vermessenheit meinen Eltern den Gehorsam zu kündigen wagte. -Gott hat mich schwer, doch gerecht dafür bestraft.« - -Anna seufzte und stickte emsig darauf los. Sie hatte das alles schon -unzählige Male gehört. Der junge Priester stierte gedankenlos vor sich -hin. - -»Ich habe Euren Vater geliebt,« sprach die alte Frau weiter. »Wehe mir, -daß ich es tat! Er war meiner Liebe nicht wert. Ich heiratete ihn gegen -den Willen meiner Eltern und sah zu spät ein, daß sie recht gehabt, -daß ich mich einem Unwürdigen vermählt hatte. Euer Vater hat mich nie -geliebt. Er war ein leichtsinniger Mensch, ein Tunichtgut. Meine Eltern -besaßen dieses Haus und ein kleines Vermögen, ... und darum, der Herr -verzeihe es ihm! hat er mich geheiratet. Indessen klage ich nicht ihn, -sondern einzig und allein mich selber an. Ich hätte meinen ehrwürdigen -Eltern gehorchen und entsagen sollen. Ich tat es nicht; feige gab ich -dieser sündigen Liebe nach und sie wurde mir -- gerechterweise -- zum -Fluche. Ich habe viel, viel gelitten. Meine Eltern starben plötzlich, -mein Mann gewöhnte sich das Trinken an und die Kinder, die ich unter -unsäglichen Schmerzen gebar, lebten stets nur einige Wochen; außerdem -drohte Verarmung, vielleicht Schande, ... es war eine böse Zeit. Gott -hatte seine Hand abgezogen von mir, weil ich meinen Eltern ungehorsam -gewesen war und dadurch das vierte Gebot verletzt hatte. Mir sollte und -durfte es auf Erden nicht wohl ergehen. Wodurch den Herrgott versöhnen? -Darüber sann ich immerwährend nach, ... ganze Nächte lang wachte ich und -betete und flehte ihn an, mich zu erleuchten. Da gab er mir ein Zeichen. -Abermals regte sich unter meinem Herzen ein junges Leben. Ich ging eines -Tages auf der Straße und grübelte, wie immer, über das eine nach: was -tun, um Gott milde zu stimmen; ich dachte auch an das Kind, das in meinem -Schoße schlief und fragte mich, wie ich es wohl erziehen und zu -welchem Berufe ich es bestimmen sollte, um einen rechtschaffenen, Gott -wohlgefälligen Menschen aus ihm zu machen. Ich kam just an einer Kirche -vorbei, als ich so dachte, und in diesem Augenblick trat mir ein Priester -entgegen. Das war ein Zeichen von Gott! _Das_ sollte ich aus meinem Kinde -machen. Beglückt und gehoben ging ich nach Hause und leistete in meinem -Herzen den Schwur, daß mein Kind, falls es ein Knabe sein und am Leben -bleiben würde, dem Dienste des Herrn geweiht und Priester werden sollte. -Wenige Monate später gab ich einem Sohne das Leben und von dieser Stunde -an ging alles besser.« - -Abermals trat eine Pause ein. Anna warf den Kopf zurück und reckte die -Glieder, um die immer mehr überhand nehmende Schlafsucht abzuschütteln. -Georg saß unbeweglich. - -»Wohl waren wir arm,« setzte die Mutter ihre Rede fort. »Aber ein -würdiger Priester nahm sich unser an und versprach, für meines kleinen -Georgs Erziehung Sorge zu tragen. Euer Vater veränderte sich; er gewann -Euch lieb, Dich, Georg, und die kleine Anna, die ich drei Jahre später -gebar. Vielleicht würde er, Euch zuliebe, noch ein ordentlicher Mensch -geworden sein, wenn Gott ihn nicht abberufen hätte. Doch Gottes Wille -geschehe! Er weiß am besten, was uns frommt! Nach Eures Vaters Tode erzog -ich Euch nach meinem besten Wissen und Gewissen: Dich, Georg, zu einem -braven Priester und Anna zu einer sittenreinen Jungfrau. Gott segnete meine -Bemühungen und ließ Euch gehorsame Kinder bleiben, bis die furchtbare -Stunde kam, die meinem Leben ein Ende zu setzen drohte und in der mein -Sohn mir in frevelhaftem Hochmut erklärte, daß er nicht Priester werden -könnte ...« - -Jetzt fuhr Georg auf. Zum erstenmal schaute er der Sprecherin in die Augen. - -»Mutter,« sagte er -- seine Stimme klang seltsam hart -- »ich habe Dir -Deinen Willen getan. Ich trage den Priesterrock. Laß Vergangenes vergangen -sein. Es ist nicht gut, mich daran zu erinnern.« - -»Noch immer der alte Trotz!« sprach sie murmelnd. - -»Ich bin nicht trotzig,« entgegnete er und erfaßte ihre Hand, »bin -es niemals gewesen. Erinnere Dich nur. Als kleiner Knabe schon konnte ich -nicht ertragen, daß Du mir zürntest, und immer kam ich freiwillig, Dich -um Verzeihung zu bitten, und wenn Du sie mir vorenthieltest, weinte ich -mich halb zu Tode ... Ich mag viele Fehler haben, aber trotzig bin ich -nicht ... Ich trage niemandem etwas nach und will mit denen, die mir teuer -sind, in Frieden leben ... Ist es nicht so? War es nicht immer so? Ich rufe -Anna zur Zeugin auf, ob ich recht habe oder nicht.« - -»Natürlich hast Du recht,« sagte die Schwester, ohne das Haupt zu -erheben. »Ich weiß wirklich nicht, was der Mutter einfällt.« - -»Ich aber weiß es,« entgegnete die alte Frau mit starker Stimme. »Wenn -Du nicht Priester wärest, würde ich schwächer sein ... So aber gehörst -Du nicht mir, nicht Dir, nicht irgendeinem Menschen, sondern Gott allein. -Du hast die Schuld Deiner Eltern zu sühnen durch ein tadelloses, echt -priesterliches Leben. Nicht um unser armseliges Erdenglück handelt es -sich, sondern um unser aller Seelenheil. Ich habe Dich Gott zum Opfer -gebracht; ihm darfst Du nicht halb, -- _ganz_ mußt Du ihm gehören, mußt -ihm dienen mit allen Deinen Kräften. Ist das so schwer? Als ich vernahm, -daß Du mit der Dienstmagd Deines Pfarrers ein sündhaftes Verhältnis -unterhieltest, sagte ich: ›Der alte Fluch ist wieder da; wir sind und -bleiben hier und dort verdammt.‹ Unglücklicher Mensch! Meinst Du, Gott -auf solche Weise zufrieden zu stellen? Alle Deine Vorgesetzten tadeln -Dich, ... weshalb? Weil Du immer weltlichen Gelüsten nachhängst und Dich -nicht entschließen kannst, einzig und allein Deiner erhabenen Aufgabe zu -leben ...« - -Georg stand auf. - -»Ich gehe und komme nie wieder, wenn Du auf solche Art zu mir sprichst,« -sagte er. »Ich bin Dir zuliebe Priester geworden ... Mutter!« unterbrach -er sich und faßte sie erschreckt bei den Schultern. - -Sie war blaß wie der Tod. - -»Mir zuliebe!« sagte sie tonlos wie eine Sprechmaschine. »Nicht Gott -zuliebe!« - -So furchtbar blaß hatte er sie schon einmal gesehen, -- damals, in jener -Stunde, wo er ihr gestanden hatte, daß er nicht Priester werden könnte. -Alles kam wieder, -- o! so lebhaft, so deutlich, als ob es erst gestern -geschehen wäre; zuerst die Kindheit, das ewige Beten und Kirchengehen ... -Damals war er gläubig gewesen, damals hatte ihn der Gedanke, dereinstens -am Altar zu stehen, mit stolzer Freude erfüllt; und dann später -- er -hatte seine Studien nahezu vollendet -- wie war es gekommen? Plötzlich -zerriß etwas in seiner Brust. Im Anfang wollte er's nicht glauben, wollte -die Stimme in seinem Herzen ersticken, wollte sich einreden, daß er -denke und fühle wie ehedem, ... umsonst! Der Zweifel wuchs, wurde zur -Gewißheit, er konnte sich nicht länger belügen, und nach schweren -Kämpfen, nach vielen langen, durchweinten und durchwachten Nächten wagte -er, der Mutter zu gestehen, was in seinem Inneren vorgegangen, ... daß -nichts ihn antreibe, Priester zu werden, daß er sich über sich selbst -getäuscht hätte und daß er Priester nicht werden könne. Sie hatte ihn -starr angesehen und war so blaß geworden, daß es ihn kalt überlief, und -dann war sie, ohne die Lippen zu öffnen, umgesunken und hatte stundenlang -wie tot gelegen. Und die Schwester, die Magd, der Priester, der ihn hatte -erziehen lassen, hatten geschrieen, geheult und ihn einen Muttermörder -genannt, ... und in seiner Verzweiflung, seiner Kindesliebe hatte er -schluchzend gelobt, ihr gehorsam zu sein in allem, nur möchte sie wieder -die Augen aufschlagen, ihn noch einmal ansehen ... Und so war es denn -geschehen; sie war wieder erwacht und er war Priester geworden. Sie konnte -ruhig sein: das Seelenheil aller war gerettet. - -Er trug ihr nichts nach. Wußte er doch, daß sie von einem starren -Irrwahn, von einer fixen Idee geleitet, dieses Opfer von ihm gefordert -hatte. Der Sohn war ihr die Leiter, die sie und alle in den Himmel führen -sollte ... Aus tiefster Überzeugung hatte sie ihn dieses Opfer bringen -lassen. In ihren Augen war es ja kein Opfer; sie dankte es ihm nicht -einmal. Niemals keimte in ihrem Herzen ein Zweifel auf, ob sie auch recht -an ihm gehandelt, niemals machte sie sich den leisesten Vorwurf. Das wußte -er. Deshalb empfand er auch heute keinen Groll wider sie; er würde sie nie -bekehren, nie anderen Sinnes machen, sie nie zu Mitleid oder Reue bewegen. -Er konnte sie durch Widerspruch erbittern, ... das war alles, und das -wollte er nicht. Wozu wohl auch? Sein Leben war nun einmal verspielt, ... -mochte er allein darum wissen! Das Opfer war nun einmal gebracht, ... -mochte wenigstens _ein_ Mensch sich darüber freuen. Er nahm die alte Frau -bei der Hand und sprach in sanftem Tone: »Du hast mich mißverstanden, -liebe Mutter, oder, besser gesagt, meine Empfindlichkeit hat mich zu einer -Äußerung hingerissen, von der mein Herz nichts weiß. Deine Anklagen sind -berechtigt; nicht immer bin ich so gewesen, wie ein Priester sein soll, ... -aber ich verspreche Dir, daß ich mich bessern will. Habe Geduld mit -mir. Daß mir ein leidenschaftliches Herz zu teil wurde, ist nicht meine -Schuld ... Ich will alles tun, um Herr dieses Herzens zu werden. Die -Jugendzeit liegt bald hinter mir und mit der Jugend sterben auch die -Leidenschaften ... Ich werde die eine und die anderen bald begraben.« - -Er küßte die Hand der Mutter und trat zum Fenster hin. Anna folgte -ihm mit den Augen, schüttelte den Kopf und blickte die Mutter, die mit -gefalteten Händen und sich leise bewegenden Lippen dasaß, ärgerlich und -vorwurfsvoll an. Weshalb ewig an Dinge rühren, die nun einmal nicht zu -ändern waren? Die Mutter war auch gar zu schwerfällig ... Warum faßt sie -alles so ernst und gewichtig auf? Und Georg könnte sich endlich auch -in sein Los finden, ... was ging ihm, genau besehen, ab? Sie waren arm -gewesen, seine Erziehung hatte auf diese Weise nichts gekostet, er -war versorgt ... Wenn sie gewußt hätte, daß sie sich so vorteilhaft -verheiraten würde, hätte sie vielleicht für ihn Partei genommen, hätte -die Mutter umzustimmen versucht; das aber hatte sie nicht voraussehen -können. Mochte er sich denn in Gottes Namen zufrieden geben! Weshalb sich -und anderen das Leben so schwer machen? Weder Mutter noch Bruder verstanden -die Kunst, zu leben ... _Sie_, Anna, war immer zufrieden und heiter; warum -nahmen sie sich nicht ein Beispiel an ihr? - -Sie rollte ihre Stickerei zusammen und erhob sich. - -»Es dunkelt schon,« sagte sie. »Der Kleine und ich müssen uns auf den -Heimweg machen. Wann wirst Du uns besuchen, Georg?« - -»Morgen, wenn es Dir recht ist,« sagte er, zum Tisch zurückkehrend. - -»Vortrefflich. Vielleicht wollt Ihr bei uns speisen, Du und die Mutter?« - -Sie nahmen die Einladung an. Anna rief ihren Knaben, und Georg gab -den beiden bis an die Treppe das Geleite. Dort hieß Anna den Kleinen -vorausgehen und legte schmeichelnd die Hand auf den Arm des Bruders. - -»Wie schön und interessant Du aussiehst!« sagte sie. »Ich begreife, -daß Du einem Mädchen den Kopf verdreht hast ... Wann erfolgt Deine -Installation als Vikar?« - -»In acht Tagen.« - -»Du wirst dort ganz allein sein, ... ohne einen Hilfsgeistlichen?« - -»Ganz allein.« - -»Nun, dann steht Dir nichts mehr im Wege ... Du kannst tun, was Du -willst.« - -»Wie meinst Du das? Was soll ich tun wollen?« - -»Ich meine, daß Du jetzt Dein Mädchen ins Haus nehmen kannst ... Du bist -Dein eigener Herr und brauchst das Naserümpfen Deiner Vorgesetzten nicht -mehr zu befürchten.« - -Georg staunte ein wenig über diese naive Unverfrorenheit. Indessen faßte -er sich schnell und sagte lachend: »Ich danke Dir für den guten Rat. -Leider kommt er zu spät. Das Mädchen, von dem Du sprichst, ist längst -verheiratet.« - -»So?« sagte sie gedehnt. »Wie schade! ... Hast Du sie _sehr_ lieb -gehabt?« setzte sie hinzu und ihre lichten Augen blitzten ihn spöttisch -und neugierig an. - -Verlegen kehrte er das Gesicht weg. Das rücksichtslose Schwesterlein war -ihm viel peinlicher als die strenge Mutter. - -»Jetzt schämt er sich, der hochwürdige Herr!« rief Anna mit hellem -Lachen. »Adieu! Ich schenke Dir die Antwort. Albert, bist Du unten? Ich -muß ihm nach, sonst begeht er irgendeinen Unsinn. Also, -- auf morgen. Ich -küsse die Hand, Hochwürden.« - -Sie tat es im Ernste und enteilte mit graziösen Schritten, noch immer -lachend. So hatte sie sich stets von ihm loszumachen gewußt, -- mit einem -Scherzwort und Lachen, wenn er zögernd versucht hatte, ihr sein Herz zu -öffnen. Sein Sinneswechsel war ihr unbequem gewesen; aus Habsucht, -aus Furcht vor häuslichen Szenen und Erörterungen und Störungen, aus -kleinlicher Eitelkeit hatte sie sich immer taub gestellt, hatte seine -schüchternen Anspielungen nicht verstehen wollen und der Mutter in allem -recht gegeben, ... nicht aus Überzeugung, bloß aus Bequemlichkeit. Es -macht sich gut, einen Priester in der Familie zu haben, das verleiht -so armen Leuten ein gewisses Ansehen und eröffnet ihnen mancherlei -Hilfsquellen, ... _das_ war es gewesen. Und falsch war sie obendrein -gewesen, diese blonde, rosige Schwester ... Nicht einmal, hunderte Male -hatte sie schmeichelnd und liebkosend zu ihm gesagt: »Laß es gut -sein, Georg, ... ich werde zu Dir, in Deinen Pfarrhof, ziehen und Deine -Wirtschaft führen, ... nie, nie werde ich heiraten, denn nie werde ich -einen Mann so lieb haben wie Dich ...« Alles, alles falsch, jedes Wort -erlogen; sie hatte es nur gesagt, weil sie wußte, wie sehr er an ihr hing, -wie schwärmerisch er sie liebte ... Er hatte ihr geglaubt -- damals --, -hatte sich dieses geschwisterliche Zusammenleben so schön und friedlich -ausgemalt und sich, in der Hoffnung darauf, halb und halb mit seinem Lose -ausgesöhnt. Wie mochte sie ihn ausgelacht haben, ihn, der alles glaubte, -weil er selbst niemals log! Sie hatte ihn besänftigen, zum Nachgeben -bestimmen wollen, alles hatten sie angewendet, um sein weiches, allzu -zärtliches Sohnes- und Bruderherz zu besiegen, ... und nun? Tadel, -Unzufriedenheit von der einen, Gleichgültigkeit und Spott von der anderen -Seite, -- das hatte er erreicht. Er stützte sich auf das Treppengeländer, -blickte abwärts und dachte, dachte, dachte ... Erst als er die Stimme -seiner Mutter rufen hörte: »Wo bleibst Du, Georg?« schreckte er aus -seinem trüben Sinnen empor, antwortete: »Ich komme schon,« und kehrte -langsamen Schrittes zu der alten Frau zurück. - - - - -Zwölftes Kapitel - - -Der Arzt und Paula saßen am Frühstücktische; den Kaffee hatten sie -bereits getrunken, der Vater las in einem Zeitungsblatt, Paula saß ihm -gegenüber und rührte mit dem Löffel in der geleerten Tasse herum. - -»Vater, ...« sagte sie endlich. - -Er blickte auf. - -»Ich möchte Dich bitten, Vater, mir den heutigen Tag frei zu geben ...« - -»Gern. Was aber hast Du vor?« - -Sie schwieg. »Muß ich's sagen?« fragte sie nach einer Weile. - -»Nein. Du mußt nicht, wenn Du mir nicht freiwillig sagen willst, was Du -im Sinne hast.« - -»Dann will ich ... erst später ...« Sie verstummte abermals und stand -auf. - -»Gehst Du ohne Toni?« fragte er unter dem Druck einer schweren -Beklemmung. - -»Ja, ... es ist besser so.« - -Er beobachtete sie eine Weile. Gleich einem Bilde aus Stein stand sie da, -so blaß, so unbeweglich, den Blick ins Leere geheftet. Er hielt nicht -länger an sich. Dieser Zustand war unerträglich, am Ende! Rasch erhob er -sich, ging zu ihr hin und packte sie bei den Händen. - -»Sag mir, Kind, was aus dem allen werden soll!« sprach er mit -unterdrückter Stimme. »Ich habe lang geschwiegen, ... monatelang, ... -länger halte ich dieses Leben nicht aus. Liebst Du mich und Deine -Schwester denn gar nicht mehr?« Seine Brust hob und senkte sich wie im -Krampfe; er zitterte an allen Gliedern. Erschüttert blickte Paula ihn an, -ihre Lippen zuckten wie von zurückgedrängtem Weinen. - -»Habe Geduld mit mir,« sagte sie. »Es dauert nicht mehr lang. In ein -paar Tagen ist alles vorüber.« Fröstelnd zog sie die Schultern in die -Höhe ... »Ich weiß nicht, ... mir wird immer so kalt, wenn ich daran -denke,« murmelte sie, aufs neue schaudernd. - -Er gab ihre Hände frei, schritt eine Zeitlang im Zimmer auf und ab und -blieb dann wieder vor ihr stehen. - -»Wo ist der Kooperator jetzt?« fragte er. - -»In Kufstein, bei seiner Familie.« - -»Wann kommt er zurück?« - -»Morgen, glaube ich ...« - -»Dann bleibt er also noch vier Tage hier. Vier _Jahre_ werden mir diese -Tage erscheinen. Was hat dieser unglückliche Mensch aus meinem Kinde -gemacht!« sagte er mit dumpfer Wut und nahm sein Hin- und Herwandeln -wieder auf. - -»Er geht ja ohnedies,« sprach Paula in bitterem Tone. »Es hat ihnen -keine Ruhe gelassen, als bis sie ihn abermals aus der kaum gefundenen -Heimat treiben konnten ... In Gottes Namen!« Sie wendete sich zum Gehen. -»Leb wohl Vater; ich muß fort.« - -»Wann kehrst Du zurück?« - -»Mit dem Abendzug komme ich wieder.« - -Er ließ sie gehen. Sie begab sich in ihr Zimmer, zog ihren Mantel an -und setzte ihren Hut auf, trug der kleinen Schwester auf, artig zu sein, -erteilte der Magd einige Weisungen und verließ sodann das Haus. - -Das Wetter war trübe und kalt; einzelne Regentropfen fielen vom Himmel -und die blasse Aprilsonne verkroch sich hinter die Wolken. Langsam schritt -Paula dem Bahnhof zu, löste an der Kasse eine Fahrkarte und wartete in der -Halle auf das Kommen des Zuges. Nach zehn Minuten traf er ein. Paula stieg -in ein leeres Coupé, und als der Zug sich neuerdings in Bewegung setzte, -ließ sie ein Fenster herab und blickte hinaus auf die Gegenden, an -denen der Zug vorüberbrauste. Berg reihte sich an Berg, ein jeder anders -gebildet, ein jeder schön; Hügel kamen und Wiesen, Dörfer, Kirchen, -Kapellen tauchten auf und verschwanden. Paula schaute alles an, was sich da -zeigte und rasch wieder unsichtbar wurde, und versank in Nachdenken. - -Sie dachte an das, woran sie immer dachte, Tag und Nacht, ununterbrochen. -Daß das Gehirn nicht stumpf und müde wird, wenn es immer und ewig -denselben Gedanken durcharbeiten muß! Paula legte die Hand an die -schmerzende Stirn. Wer hätte das jemals geglaubt! Was, was war aus ihr -geworden! ... Diese schönen Berge! Ja, wer so stark, so groß sein könnte -wie sie. Dieser weite, endlose Himmel! Diese friedlichen, kleinen Kirchen, -der Trost so vieler Menschen, die Zuflucht der Verarmten! _Ihr_ waren diese -Kirchen ein Bild des Schreckens; sie wuchsen empor, riesengroß, und ihre -steinernen Mauern, ihre Türme und Glocken, ihre Altäre und Heiligenbilder -drängten sich zwischen ihr Herz und ein anderes, ihr so namenlos teueres -Herz ... Noch vier Tage, nur noch vier Tage und dann ... Gott im Himmel! -Ist's nicht genug, daß Du den Tod eingesetzt hast, muß auch noch das -Leben kommen, um die Menschen voneinander zu reißen! - -Sie hatten nichts verbrochen. Daß er sie, sie ihn liebte, ... wen -kümmerte das? Seit der Neujahrsnacht hatten sie sich kaum gesprochen, oft -tagelang nicht gesehen. Aber sie _wußten_ doch, daß sie einander nahe. -Nun werden bald Berge zwischen ihnen liegen; sie wird ausgehen und ihn -nirgends finden, -- und er, -- wie wird er leben können ohne sie? Ein -Blick, ein Wort, ein Gruß, -- das alles ist so viel, wenn man liebt, -- -und alles entbehren müssen, alles, bis auf das kleinste ... Du gehst fort -und ich bleibe hier ... Unerträglich! Unmöglich. Und dennoch wird es -getragen sein müssen, _wird_ getragen werden und das Leben wird den alten -Gang gehen. Das war es eben. Ja, wenn man sterben könnte. Aber nein. Das -Leben bleibt, ... keine Sorge! Das geht nur dann, wenn man es lieb hat ... - -Der Zug hielt bei einer kleinen Station. Ein alter Kapuzinermönch bestieg -das Coupé, wo Paula saß, und ließ sich in der Nähe des jungen Mädchens -nieder. Sie dankte seinem stummen Gruß und betrachtete ihn. Er sah -armselig und bekümmert aus, sein Haar und Bart waren ungepflegt, sein Auge -blickte traurig. »Hat man auch Dich gezwungen, Mönch zu werden?« dachte -Paula. Aufs neue starrte sie zum Fenster hinaus. - -Was für ein herrlicher Mensch er geworden wäre, wenn sie ihn seinen -eigenen Weg hätten gehen lassen! Er besaß nicht _einen_ hervorragenden -Fehler. Vielleicht daß er zu weich, zu schwach gewesen war, ... aber wer -weiß, mit welchen Mitteln sie auf ihn eingewirkt und ihn zum Nachgeben -gezwungen hatten. Er war ja sonst kein Schwächling; daß er sich -unglücklich fühlte, hatte sie erraten; er selber klagte niemals und -klagte niemanden an; immer war er freundlich, gut, teilnahmvoll. Als er -eines Tages zu ihr kam und sagte: »Der Vikar in Keßten ist gestorben und -ich bin zu seinem Nachfolger bestimmt,« als er bemerkte, was für einen -Eindruck diese Mitteilung auf sie ausübte, daß sie sich mit beiden -Händen am Tisch festhalten mußte, um nicht umzufallen: da war er stark -geblieben, hatte noch zu lächeln und sie zu trösten versucht. »Liebe -Freundin,« hatte er gesagt, »versprechen wir uns gegenseitig, daß wir -während der kurzen Zeit, die ich noch hier verbringe, den bevorstehenden -Abschied mit keiner Silbe berühren wollen, ... er wird frühe genug -kommen. Das Heute gehört uns; was morgen erfolgt, kümmere uns heute -nicht. Wer weiß, ob wir es erleben.« -- »Ja, ja, wir wollen nicht davon -sprechen,« hatte sie mit tonloser Stimme erwidert und beide hatten Wort -gehalten. - -Sie meinte ihn vor sich zu sehen, -- so klar stand sein Bild vor ihrem -seelischen Blick; seine Art zu grüßen, seinen Gang, seine Bewegungen, -- -alles glaubte sie zu sehen. Viele seiner Worte fielen ihr ein ... Dichter -zog sie den Schleier vor das Gesicht und bedeckte die Augen mit den -Händen. Jetzt schaute sie die Kirche ihres Dorfes ... Dort sah sie ihn -häufig, denn sie besuchte das Gotteshaus immer, wenn sie ihn drinnen -wußte. Er hatte sie einmal darum gebeten und sie hatte ihm noch keinen -Wunsch abgeschlagen und würde es auch niemals tun; und doch war es eine -Qual für sie, ihn in der Kirche zu sehen. Wie war er dort verändert! -Diese eigentümlich unsichere Haltung am Altar und auf der Kanzel, ... und -wenn er predigte, wie zaghaft hob er zu sprechen an! Und doch predigte -er gut; liebevoll und duldsam. Seine nicht kräftige, sich leicht -umschleiernde Stimme drang zum Herzen; er tadelte niemals; höchstens daß -er ermahnte, daß er seine Gemeinde bat und beschwor, so zu leben, daß sie -dereinstens ohne Furcht Rechenschaft ablegen könnte über ihre Taten ... -Augustinus und Thomas von Kempten waren seine Lieblinge; von diesen -zitierte er oft wundervolle Aussprüche, erklärte sie, führte sie aus, -begeisterte sich daran ... Alle wollten _ihm_ beichten, weil er so gut, so -nachsichtig war; so ganz anders als der Dekan und der junge Mönch, ... -und das war es eben, was diese ihm nicht verzeihen konnten. Sein Herz, -sein innerstes Wesen riefen ihn immer wieder zurück in die Welt, zu -den Menschen, zu den Freuden des Familienlebens, ... er verstand und -entschuldigte alle Fehler und Schwächen, und deshalb mußte er fort. Dem -Kleide nach gehörte er dem Priesterstand an, aber nur dem Kleide nach; sie -konnten ihn nicht brauchen; ein unnützes Glied, mußte er abgehauen werden -und verschwinden. In jenem abgelegenen Ort, wohin sie ihn verbannten, -konnten seine allzu große Duldsamkeit und Menschenliebe nicht viel -schaden; dort mochte er verkümmern. Das wollten sie, und so wird es auch -geschehen. - -Sie erwachte aus ihrem Sinnen. Beobachtete sie jemand? Sie glaubte einen -Blick zu spüren, schaute auf und begegnete den Augen des alten Mönches. - -»Ich sehe Sie schon lange an,« sagte dieser zu ihr. »Warum sind Sie so -traurig?« - -Paula ließ den Kopf hängen, gab jedoch keine Antwort. - -»Wohin fahren Sie?« fragte der Mönch weiter. - -»Zuerst nach -- Dorf. Von dort will ich mit einem Wagen nach Keßten -fahren.« - -»Bis nach Keßten führt Sie kein Wagen. Die Wege sind zu schlecht, zu -schmal und zu steil. Das würde kein Pferd aushalten.« - -»Dann werde ich zu Fuß gehen.« - -»Das ist ein langer und beschwerlicher Weg. Und den wollen Sie ganz allein -machen? Erwartet Sie in -- Dorf jemand?« - -»Niemand.« - -»Dann geben Sie acht, daß Sie sich nicht verirren.« - -»Ich kann ja manchmal nach dem Weg fragen,« sagte Paula. - -»Haben Sie in Keßten Freunde oder Verwandte?« fragte der Mönch nach -einer kurzen Stille. - -»Nein.« - -»Weshalb suchen Sie in der jetzigen unfreundlichen Jahreszeit diesen -weltentlegenen Ort auf?« - -»Ich will ihn kennen lernen,« sagte Paula und nichts weiter. - -Der Mönch gab das Fragen auf, betrachtete aber das ernste, blasse Mädchen -aufmerksam. Der Zug langte am Ort an, wo Paula aussteigen mußte. Sie erhob -sich und verabschiedete sich von dem Mönche. - -»Der Friede des Herrn komme über Sie,« sagte dieser und sah sie -bedeutungsvoll an. »Ich will für Sie beten. Gelobt sei Jesus Christus.« - -»Amen,« sprach Paula trübe und verstört und verließ den Waggon. Sie -wartete, bis der Zug davongefahren war, und schlug dann den Weg zum Dorfe -ein. In einem sauber aussehenden Wirtshause kehrte sie ein, suchte die -Wirtin auf und fragte, ob diese ihr einen Wagen zur Verfügung stellen -könnte. - -»Wohin wollt's denn fahren?« fragte die Wirtin. - -»Nach Keßten.« - -»O mei! Das is weit. Bis zum Berg kann i Ihna scho' fahren lassen, ... -aber über'n Berg hinüber müßt's halt z' Fuß laufen.« - -»Das will ich ... Bitte, lassen Sie nur gleich anspannen.« - -»Wollt's was essen oder trinken?« - -»Nein, ich danke.« - -Die Wirtin führte sie in die Gaststube. Paula setzte sich und wartete auf -den Wagen. Nach Ablauf einer halben Stunde fuhr dieser am Tor vor. Hastig -ging Paula hinaus, nahm an der Seite des Kutschers Platz und das Pferd -setzte sich in Bewegung. - -Es war sehr kalt. Paula hüllte sich fester in ihren Mantel, der Kutscher -breitete eine Pferdedecke über ihre Füße und meinte gutmütig: »Kan' -fein' Tag habt's Euch just net ausg'sucht.« - -»Das ist wahr,« sagte Paula mechanisch. Ihr Nachbar war sehr -gesprächiger Natur. Er machte sie auf mancherlei aufmerksam, nannte ihr -die Namen der Dörfer, an denen sie vorbeifuhren, sagte ihr, wie die Berge -hießen und fragte sie wiederholt, ob ihr nicht kalt wäre. »Ös[17] -seid's so blaß,« fügte er sich gleichsam entschuldigend hinzu. Sie -beruhigte ihn; ihr wäre nicht kalt, er möchte nur rasch fahren. - -»Wie lange braucht es, um über den Berg zu gehen, der nach Keßten -führt?« fragte sie. - -»Wer'n schon drei Stunden sein.« - -Er trieb das Pferd zu größerer Eile an. Sie kamen sehr rasch vorwärts -und hatten nach zweistündiger Fahrt ihr Ziel erreicht. - -Am Fuße des Berges lag ein kleines Dorf. Paula war steif und ausgekältet -von der Fahrt, und da sie auch Hunger zu spüren begann, beschloß sie, -sich vor ihrer Wanderung ein wenig zu stärken. Sie ließ sich vom -Kutscher ein Wirtshaus zeigen und verlangte dort nach Speise und Trank. Die -Kellnerin fragte sie, wohin ihr Weg sie führe, und Paula gab abermals die -gewünschte Auskunft. - -»Nach Keßten!« sagte das Mädchen. »Aber bleiben werdet's net dort?« - -»Nein. Ich halte mich bloß ein paar Stunden dort auf.« - -»Ah so!« - -»Ist denn Keßten ein so schrecklicher Ort?« fragte Paula. - -»I' woaß net, ... i' bin nie noch drenten g'west. Aber g'falln' tut's -koanem, hab' i' g'hört.« - -Paula stellte keine weitere Frage, verzehrte ihr einfaches Mahl, beglich -ihre Schuld und machte sich dann auf den Weg. - -»Nur immer g'rad' hinauf!« rief die Kellnerin ihr nach. »Es is' nur der -oane Weg ... Ös könnt's gar net fehl gehen.« - -Paula dankte für die Auskunft und schritt langsam den Berg hinan. Auf -dem schmalen Wege lagen halb verfaulte Blätter, rechts und links standen -entlaubte Bäume und über allem hing ein grauer, wolkenschwerer Himmel. -Manchen Baum hatte der Sturm geknickt, und sie lagen quer über den Weg und -ihre dürren Äste raschelten unter dem Fuß der einsamen Wanderin. Um sie -herum war es so still, nichts lebte in der noch winterlichen, abgestorbenen -Natur, und diese schweigende Trauer senkte sich tief und tiefer in Paulas -ahnungschweres Herz. Ihr war zumute, als ob sie weinen, als ob sie jemanden -um Hilfe anrufen müßte ... »Warum sind Sie so traurig?« hatte der -fremde alte Mönch sie gefragt. »O! Nicht meinetwegen! Meinetwegen nicht, -frommer Vater. Hinlegen möchte ich mich auf die nasse Erde, möcht' -langsam verhungern, wenn ich dadurch seinen Frieden und sein Glück -erkaufen könnte. Aber was Menschen und Bücher auch sagen, -- ohnmächtig -ist die Liebe; sie kann weinen und fühlen, -- aber helfen, ... das ist ihr -oft versagt.« - -Nach zweistündiger Wanderung hatte Paula den Gipfel des Berges erreicht. -Vom raschen Gehen war ihr warm geworden, ihr Herz schlug laut und ihre -Wangen glühten. Sie holte tief Atem und schaute in das Tal hinab. Zu ihren -Füßen lag das Dorf Keßten. Von zwei Seiten schlossen es rauhe Felsen -ein, nach Osten und Norden lag es frei und man erblickte in diesen -Himmelsgegenden Wiesen, Wälder und kleine Ortschaften. Das Kirchlein des -Dorfes stand außerhalb des Ortes, auf einem schmalen, baumlosen Hügel; -die Häuser lagen zerstreut. Waren sie wirklich so klein und armselig oder -täuschte die Entfernung? Und welches mochte der Pfarrhof sein? Kein Haus -überragte das andere; an keines schloß sich ein Garten an; neben einigen -befanden sich wohl kleine Gemüsegärten, aber Bäume und Lauben waren -nirgends zu sehen. - -Mit einem bangen Seufzer schickte Paula sich an, ihren Weg fortzusetzen. -Der Pfad abwärts war steil und unbequem. Stellenweise kam Paula ins -Laufen und war oft nahe daran, auszugleiten. Erschöpft, atemlos und mit -zitternden Knieen langte sie unten an und sah jetzt das Dorf in der Nähe. -Ihr Blick hatte sie nicht betrogen. Diese Häuser waren nichts Besseres -als ärmliche Hütten. Einige alte Leute, Männer und Frauen, kamen ihr -entgegen. Die wollte sie eben nach dem Pfarrhof fragen, als sie schaudernd -innehielt. Diese Leute, erkannte sie nun, waren Kretins; sie grinsten sie -an, lallten unverständliche Worte und schwankten an ihr vorüber. - -»Glieder _seiner_ Gemeinde!« dachte Paula und ging, seltsam erschüttert, -weiter. Vor der ersten der Hütten stand eine Bäuerin und an diese -richtete Paula ihre Frage. - -»Der Pfarrhof liegt drunten, am anderen End' vom Dorf, g'rad' gegenüber -vom Freithof[18],« sagte die Frau. »Aber was wollt's denn dort? Unser -Herr is g'storben und der neue Vikar is noch net kimma.« - -»Aber die Wirtschafterin des verstorbenen Vikars wohnt doch noch dort?« - -»Ja. Also zu _der_ wollt's.« Die Frau sah sie halb neugierig, halb -mißtrauisch an. »Seid's von ihrer Freundschaft[19]?« - -»Ja,« sagte Paula, grüßte und ging weiter. Als sie durch das Dorf -schritt, fiel ihr die Dürftigkeit der Häuser noch peinlicher ins Auge; -ein Rudel schmutziger Kinder trieb sich auf der Straße umher; alle -stierten sie verwundert an. Jetzt hatte sie den Friedhof erreicht und -blickte um sich. Eines der Häuser, einstöckig, mit grauen Fensterläden -und einem vielfach geflickten Schindeldach, machte einen etwas besseren -Eindruck als die umstehenden. - -»Das muß der Pfarrhof sein,« dachte Paula, ging auf das Haus los und -klopfte an das Tor. - -»Herein!« rief drinnen eine weinerliche Frauenstimme. »Wer ist denn -da?« - -Paula öffnete das Tor und trat in den Hausflur. Eine schwarz gekleidete, -ungefähr fünfzigjährige Frau kam ihr entgegen. Von Gestalt war die Frau -klein und schmächtig, sie hatte ein verhärmtes Gesicht und rotgeweinte -Augen. Ihr ganzes Wesen drückte schüchterne Verzagtheit aus. - -»Was steht zu Diensten?« fragte sie, durch den Anblick einer Fremden -sichtlich in Angst versetzt. - -»Verzeihen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Paula. »Ich werde Sie nicht -lang aufhalten; ich habe Sie nur einiges zu fragen.« - -»Wollen Sie nicht hinaufspazieren, ins Wohnzimmer vom seligen Herrn?« -fragte die Frau und Tränen schossen in ihre Augen und liefen über -ihre eingefallenen Wangen; hastig trocknete sie sich das Gesicht mit der -Schürze ab. Sie ging voran und geleitete Paula in ein über alle Begriffe -unwohnliches Gemach. An den schadhaften Stellen der Wandmalerei und an den -Löchern in den Wänden konnte man erkennen, daß hier Möbel angerückt -gewesen waren und Bilder und Gardinen gehangen hatten. Ordnungslos, -teilweise in Stroh gewickelt, standen Möbelstücke umher, auf einem mit -Staub bedeckten Tisch und einigen Stühlen lagen Pakete. Die Frau säuberte -die Stühle und wischte mit der Schürze den Staub von denselben und bat -Paula dann, Platz zu nehmen. - -»Die Sachen gehören dem neuen Herrn Vikar,« sagte sie. »Vor ein paar -Tagen sind sie angekommen. Ich traue mich nichts anzurühren, ... es -könnte dem Herrn nicht recht sein. Aber schrecklich traurig sieht's hier -aus, ... wie in einer Möbelhandlung oder bei einer Versteigerung.« - -»Sie sollten doch Ordnung schaffen,« bemerkte Paula. »Bedenken Sie den -Eindruck, den diese Unordnung auf einen Ankömmling machen muß!« - -»Was kann ich tun?« entgegnete die Frau mit trübem Kopfschütteln. -»Weiß ich denn, ob ich das Richtige treffe!« - -»Ich werde Ihnen dabei behilflich sein,« sagte Paula und legte Hut und -Mantel ab. »Ich kenne Ihren neuen Vikar. Er wird uns Dank wissen, wenn wir -die Wohnung zu seinem Empfang ein wenig herrichten.« - -Die arme Frau ging auf den Vorschlag gern ein. Sie machten sich an die -Arbeit, packten die Möbel aus, hingen Gardinen an die Fenster, schlugen -im Nebenzimmer das Bett auf, und Paula erwies sich bei allem, was sie -anfaßte, so geschickt und unermüdlich, daß die Frau nicht mithin konnte, -das junge Mädchen zu bewundern. - -»Vieles fehlt noch,« sagte Paula, als sie fertig waren, zog ein Notizbuch -hervor und schrieb einiges auf. - -»Ich dachte mir, daß dem so sein würde, und deshalb bin ich gekommen. -Das Küchengeschirr hat der Herr Vikar ganz und gar vergessen.« - -Sie lächelte flüchtig; es machte ihr Freude, wie eine Hausfrau für ihn -sorgen zu dürfen, und nachdenklich rieb sie sich die Stirn. »Habe -ich alles notiert?« fragte sie sich selbst. Ja. Ihr praktischer, -hausmütterlicher Sinn hatte alles übersehen. Sie wußte, was noch -angeschafft werden mußte, auf daß die Wirtschaft, wie es sich gehörte, -geführt werden konnte. - -»Versäumen Sie nur nicht, die Fenster am Tag offen zu lassen, damit -frische Luft in den Zimmern herrsche,« sagte sie und setzte sich -erschöpft und mit erhitzten Wangen nieder. »Und am Tag, wo der Herr Vikar -ankommt, heizen Sie in den Stuben tüchtig ein ... Es ist noch sehr kalt -und der Herr Vikar nicht kräftig.« - -Die Frau versprach das alles zu tun und schlug plötzlich die Hände vor -das Gesicht. - -»Ich kann's noch immer nicht glauben, daß mein guter Herr tot ist, daß -ein anderer ...« - -Tränen erstickten ihre Stimme. - -»Sie haben den verstorbenen Vikar wohl sehr lieb gehabt, nicht wahr?« -fragte Paula, das trostlose Gesicht der Frau teilnahmvoll betrachtend. - -Diese fing laut zu schluchzen an. »Gott weiß, wie sehr er's verdient hat, -daß alle Leut' ihn lieb gehabt haben,« sagte sie endlich. »Er war ein -so braver Herr und so wohltätig und geduldig; denn hier zu leben ist keine -leichte Aufgabe, meine liebe Fräul'n; aber er hat alles ruhig ertragen, -bis zum letzten Augenblick und hat immer noch auf die Armen gedacht ... -Und jung war er auch noch, ... bereits erst vierzig Jahre alt und hat schon -sterben müssen. Aber es ist ihm immer vorgegangen, daß er bald sterben -wird, und wie wir hergekommen sein -- das sein nun bereits fünf Jahre -her --, hat er zu wir gesagt: ›Leni,‹ hat er gesagt, ›wirst sehen, -hier halte ich's nicht lange aus; ich werde es machen wie die anderen, die -hier gewesen sein, ich werde bald sterben.‹« - -»Warum sagte er: ich werde es machen wie die anderen?« fiel Paula -erblassend ein. »Ist denn das Klima hier so ungesund?« - -»Sehr, meine liebe Fräul'n. Schauen Sie einmal zum Fenster hinaus; sehen -Sie, von zwei Seiten kann der Wind herkommen und Wind haben wir das ganze -Jahr. Und schauen Sie sich die Wiesen an, ... nichts als sumpfiger Boden; -deswegen kriegen's auch hier so leicht das Fieber. Und die Leut' hier sein -arm; viel Kinder haben alle, ... aber sonst gibt es hier keinen Segen. Obst -wächst keines und auch kein Getreide, ... die Luft ist so rauh, wir -haben einen schrecklich langen Winter und einen so kurzen Sommer, und -im Frühjahr schwemmt's den Schnee von den Bergen herunter, daß man -verzweifeln könnt'. Ja, mein lieber seliger Herr hat hier nichts Gutes -gehabt. Ich bitte Sie, wo alle arm sind, ist der Seelsorger auch arm; in -anderen Pfarren muß die Gemeinde dem Geistlichen Abgaben entrichten, an -Getreide oder sonst was, ... aber hier! Was sollen die Leut' hergeben, -wenn sie selber nichts haben? Wenn ich reden wollt', könnt' ich manches -erzählen ... Wir haben oft nicht gewußt, wie einfach wir leben sollen, -um drauszukommen ... Und so viele Leut' sind hier alleweil krank und die -Häuser liegen nicht beisammen, ... eines da, das andere dort, ... und die -Kranken wollen doch, daß der Geistliche sie heimsuchen kommt. Und dann -haben die Sappermenter die Kirche noch auf einen Berg hinbaut ... Denken -Sie nur, was es heißt, jeden Tag dort hinauf gehen! Bei jedem Wetter. -Im Winter war es oft schier unmöglich, ... da hat der Herr sich erst mit -einer Schneeschaufel den Weg frei machen müssen, ... die Messe muß halt -doch gelesen werden und der Herr hätte es auch nicht anders getan, ... -er war so brav. Aber gehustet hat er schon lang und das Fieber hat er auch -gehabt, ... und dazu das schlechte Wasser und nur zweimal in der Woche -Fleisch, ... und was für eines! Die Leut' haben ja recht, wenn sie den -Ort den geistlichen Tod nennen; keiner der Herren ist hier gesund -geblieben, ... alle sein lungenkrank geworden und gestorben.« - -Ein kalter Schauer kroch durch Paulas Gebein. Lungenkrank geworden, -- -gestorben, -- der geistliche Tod. Ihr war, als ob sich die Zukunft vor -ihr öffnete, -- groß, schwarz, unerbittlich. Darum also hatten sie ihn -hierher verbannt. - -»Weshalb wurde Ihr Vikar, der doch ein braver Priester war, gerade nach -Keßten versetzt?« fragte sie gedankenlos. - -»Das mag der liebe Himmel wissen! Soviel ich gehört habe, hat er's einem -Freund zuliebe getan; der war nicht recht gesund und hätte nach Keßten -kommen sollen, und da hat halt mein Herr gebeten, sie möchten ihn statt -seinem Freund hierherschicken. Sie haben recht, Fräul'n; ein braver -Priester gehört an einen besseren Ort und es sein halt auch immer -schlechte Herren hier gewesen, ... oder nicht gerade schlechte, aber halt -leichtsinnige Herren, die nicht gut getan haben. Hier freilich sein alle -still und dasig geworden und alle haben wieder fort wollen, ... aber die -Herren in Salzburg sein ein bissel streng, wenn einer von ihren Geistlichen -sich was hat zu schulden kommen lassen, und so haben sie einem jeden -geschrieben, er soll nur bleiben, wo er ist. Und sie sein auch alle hier -geblieben, ... draußen, auf dem Freithof, liegt einer neben dem anderen.« - -Nach vorne gebeugt, die Finger krampfhaft ineinander verschlungen, saß -Paula da; in ihrem leichenblassen Gesicht spiegelte sich eine so qualvolle -Bangigkeit wider, daß die Frau, von einer unbestimmten Ahnung erfaßt, -ihren Stuhl hart an den des Mädchens rückte und die Hand auf Paulas Arm -legte. - -»Warum geht Ihnen das Schicksal der armen fremden Herren so nahe?« fragte -sie leise. - -Paula haschte nach den abgearbeiteten Händen der Frau und schaute ihr in -die Augen. Es war ein langer, langer, flehender Blick. - -»Ich will Ihnen sagen, warum,« sprach sie dann stoßweise. »Sie sind -gut, Sie werden mich verstehen. Sie wollen doch dem neuen Vikar die -Wirtschaft führen?« - -»Wenn er mich mag ...« - -»Er wird. Sagen Sie ihm nie, daß ich hier war. Er ... er kümmert sich -nicht um mich« (sie wandte das Gesicht ab bei diesen Worten), »ich bin -ihm ... gleichgültig. Er braucht also von alledem nichts zu wissen.« -Sie hielt einen Augenblick inne. »Und noch eines,« sprach sie hierauf. -»Achten Sie auf ihn, sorgen Sie für ihn, wie Sie es für Ihren nun toten -Herrn getan haben. Sie werden ihn lieb gewinnen, er ist gut und wird Sie -rücksichtsvoll behandeln. Geloben Sie mir, das alles zu tun?« - -»Mein Gott, ja. Ich werde den Herrn Vikar wie meine Augen behüten. Ist er -noch jung?« - -»Dreißig Jahre ist er alt,« sprach Paula. Ihre Stimme zitterte. - -»Und Sie haben ihn halt gern,« sagte die Frau mitleidvoll. - -Paula gab darauf keine Antwort. - -»Leben Sie wohl,« sagte sie. »Ich habe einen weiten Weg vor mir und kann -mich nicht länger aufhalten.« Sie drückte der anderen eine Banknote in -die Hand und wehrte die Frau, die ihr die Hand küssen wollte, hastig ab. -»Danken Sie mir nicht, ... Sie leisten mir viel größere Dienste, als -ich jemals vergelten kann. Vergessen Sie nur nicht, was Sie mir versprochen -haben. Seien Sie gut gegen ihn, ... er ... er braucht Teilnahme, ... und -leben Sie wohl, leben Sie wohl.« - -Rasch eilte sie aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus und -lenkte den Schritt nach dem Kirchhof. Unter den ärmlichen Holzkreuzen -ragte eine Reihe von Grabsteinen hervor; zu diesen ging Paula hin und las -die Inschriften. Da lagen die »Herren« ... Das junge Mädchen kniete -neben dem letzten der Gräber nieder, klammerte sich mit beiden Händen an -den Stein und starrte auf das Grab. Der Fleck, auf dem sie kniete, war ein -Stück ebener, mit Gras bewachsener Erde. Da drunten ruhte niemand; diese -Wohnung war noch leer. - -Zur selben Stunde saß Georg Harteck mit seiner Schwester am Fenster und -plauderte mit ihr. Plötzlich gab es ihm von innen gleichsam einen Stoß -und er schüttelte sich, als ob er Fieber hätte. - -»Ist Dir kalt?« fragte Anna. »Soll ich das Fenster schließen?« - -»Nein,« antwortete er. »Mir lief nur ein Schauer durch den Leib. Es geht -schon wieder vorüber.« - -»Weißt Du, was das nach dem Aberglauben der Leute bedeutet?« fragte die -Schwester mit leisem Lachen. »Daß jetzt jemand auf Dein Grab getreten -ist ... So ein Unsinn!« - - * * * * * - -Zum Tode matt und mit schwerem Herzen erreichte Paula am Abend den Bahnhof. -Sie hatte nicht nur den Berg aufs neue übersteigen, sondern auch den Weg -vom Fuße des Berges bis zur Bahnstation zurücklegen müssen und kam kurz -vor Eintreffen des Zuges an ihrem Ziele an. Ihre Stimme klang erschöpft, -als sie jetzt den Schaffner bat, ihr ein möglichst leeres Coupé -anzuweisen, und der Mann war gefällig genug, ihr einen Waggon -aufzuschließen, in dem sich nur ein einziger Passagier befand. Dieser -stand am Fenster und wendete sich um, als er jemanden einsteigen hörte; -doch er kehrte dem jungen Mädchen, das still in der entgegengesetzten Ecke -Platz nahm, sogleich wieder den Rücken zu, lehnte sich ins offene -Fenster und sah neuerdings auf die Gegend hinaus. Paula würde ihren -Reisegefährten wahrscheinlich gar nicht beachtet haben, wenn nicht der -schwarze, weit über die Kniee reichende Rock und das schwarze Kollare ihr -verraten hätten, daß sie mit einem katholischen Priester fuhr. Längere -Zeit, vielleicht um irgendeine Beschäftigung zu haben, blickte sie ihn -prüfend an. Er war sehr sauber gekleidet, hatte ein Reisetäschchen, an -einem Riemen befestigt, um den Leib hängen, und unter seinem schwarzen, -runden Hut quoll dichtes, blondes Haar hervor. Auf der Bank neben ihm lagen -ein Buch und mehrere Zeitungen. - -Der Schaffner zeigte sich auf dem Trittbrett und streckte den Kopf zur Tür -herein. - -»Wohin fahren Sie, Fräulein?« fragte er. - -»Nach St. Jakob,« antwortete Paula und wies ihr Billett vor. Bei diesen -Worten drehte der junge Geistliche sich plötzlich um und sah das junge -Mädchen flüchtig an. Er war noch sehr jung und sein hübsches, von -der Gebirgsluft frisch gefärbtes Gesicht ließ auf Intelligenz, -Selbstvertrauen und Entschlossenheit raten; seine graublauen Augen blickten -ein wenig kalt und um seinen vollen roten Mund lag ein Zug, der eine -gewisse trotzige Härte bekundete. Die Gestalt des jungen Mannes erreichte -die Mittelgröße und war schlank, obschon durchaus kräftig. Er machte den -Eindruck eines geistig und körperlich gleich gesunden Menschen. - -»Hochwürden fahren auch nach St. Jakob?« fragte ihn der Schaffner. - -Der junge Geistliche nickte stumm und nahm seine vorige Stellung wieder -ein. - -Der Schaffner zog sich zurück, ein Pfiff ertönte und der Zug setzte sich -in Bewegung. - -Von ihrem Mitpassagier war keinerlei Störung zu befürchten und Paula -wußte ihm Dank dafür: mit einem Fremden zu sprechen wäre ihr qualvoll -gewesen. Im Geiste jedoch legte sie sich die Frage vor, was dieser junge -Mann in St. Jakob zu tun haben mochte, ob er bloß auf Besuch käme oder -ob er vielleicht Georgs Nachfolger wäre. Sein Nachfolger! Bei diesem -Worte erwachte wieder alles: der bevorstehende Abschied, das -Nimmerwiedersehen, ... sie sah den häßlichen Ort vor sich, von dem sie -kam, den dürftigen Pfarrhof, die arme Frau mit den rotgeweinten Augen, den -Gottesacker, die Gräber, ... und die entsetzliche Bezeichnung des Ortes: -der geistliche Tod klang traurig wie ein Zügenglöcklein in ihrem Ohre -nach ... Wenn sie allein gewesen wäre, würde sie sich auf die Bank gelegt -und recht, recht bitterlich geweint haben. - -Der junge Geistliche stand noch immer am Fenster und fuhr fort, die -Gegenden zu betrachten, obwohl er nicht mehr viel sehen konnte. Der Abend -war hereingebrochen, Berg und Tal verschwammen in dunklen Umrissen. -Sie waren ihrem Ziel schon nahe, als der junge Mann, des zwecklosen -Hinausstarrens müde, seinen Platz am Fenster verließ, sich setzte -und nach einer Zeitung griff. Die Lampe im Waggon verbreitete ein nur -spärliches Licht und der Geistliche gab das Lesen bald wieder auf. Er fuhr -mit der Hand ein paarmal über seine Augen, verkreuzte die Beine, trommelte -mit dem Fuß auf dem Boden, sah nach der Waggondecke, den Fenstern, den -Bänken und endlich nach Paula. Er hatte jenen eigentümlichen, kalt -abweisenden Blick, über den manche junge Geistliche verfügen, sobald sie -Frauen ansehen. Sie scheinen dann mit den Augen sagen zu wollen: Gebt Euch -keine Mühe; Ihr und wir haben miteinander nichts zu schaffen; für uns -existiert Ihr nicht. - -Paula war sich bewußt, den Priester längere Zeit fixiert zu haben; sie -hatte es ohne Arg, ja, fast mechanisch getan. Jedoch sein scharfer, ans -Feindselige streifender Blick belehrte sie, daß er es übelgenommen. -Gleichgültig wendete sie die Augen von ihm ab. - -Der junge Mann schien unter dem Druck einer großen Ungeduld oder Unruhe zu -sein. Paula konnte ihn zwar nicht sehen, weil sie absichtlich vermied, ihn -anzublicken; aber sie hörte ihn bald aufstehen, bald wieder Platz nehmen, -seine Handtasche auf- und zuschnallen, auf seinem Sitze hin- und herrücken -und einige Male seufzen. Die Fahrt dünkte ihn wohl schon lang. Als der -Zug endlich in St. Jakob einlief, stand der Geistliche hastig auf, hatte -jedoch, trotz seiner sichtbaren Ungeduld, die Höflichkeit, zu warten, -bis seine Reisegefährtin ausgestiegen sein würde. Paula verbeugte sich -flüchtig, bevor sie das Coupé verließ, der Geistliche lüftete den Hut -und damit trennten sie sich. - -Auf dem Perron erblickte Paula zwei wohlbekannte Gestalten: ihren Vater und -an seiner Hand die kleine Toni. Sie eilte auf sie zu und küßte beide, der -Arzt gab ihr den Arm, Toni faßte sie bei der Hand und so schritten sie, in -scheinbarer Eintracht, ihrem Heim zu. - -Das Abendbrot stand schon auf dem Tisch, im Ofen brannte ein helles Feuer -und die Lampe verbreitete im Gemach ein trauliches Licht. - -»Du bist gewiß recht müde, hungrig und ausgekältet,« sagte der Vater -und half Paula Hut und Mantel ablegen, während Toni mit geschäftiger Eile -die Hausschuhe der Schwester herbeibrachte. »Komm, setze Dich, mein Kind; -erwärme und stärke Dich.« - -In Paulas Augen blitzten Tränen. Dieser liebevolle Empfang rührte sie und -erweckte ein Gefühl der Reue in ihrer Brust. Wie sehr vernachlässigte sie -diese Menschen, die ihr vor kurzem noch so viel, ja, alles gewesen waren! -_Sie_ hatten sich nicht verändert; was aber war mit ihr vorgegangen! Seit -vielen Tagen fehlte ihr der Mut, das Bild der Mutter anzuschauen und sie -um ihren Segen anzuflehen. Sie wußte, daß die Tote, wenn sie sprechen -könnte, jetzt nicht mehr sagen würde: »Ich bin mit Dir zufrieden, -Paula.« - -Als Toni schlafen gegangen war, stand Paula auf, kniete neben dem Vater -nieder und legte die Arme und den Kopf auf seinen Schoß. Er beugte sich -auf sie herab und streichelte sanft ihr Haar. Lang, lang blieben beide -stumm. - -Endlich sagte Paula: »Du fragst mich nicht, wo ich heute war. Ich will -es Dir unaufgefordert sagen. Ich war in Keßten. O Vater, der Ort ist -greulich. Sie heißen ihn den geistlichen Tod, weil die Luft dort so -ungesund und die Seelsorge so beschwerlich ist, daß die Priester über -kurz oder lang zugrunde gehen. Du weißt, Vater, daß er ... Herr Harteck, -wollte ich sagen, ... nicht stark ist auf der Brust ... Ich beschwöre -Dich« ... und sie blickte auf und hob die gefalteten Hände zu ihm -empor ... »ich beschwöre Dich, rette ihn. Wenn Du ihn auch nicht -liebst, ... so kannst Du doch nicht wünschen, daß er sterben soll!« - -»Ich wünsche nichts dergleichen,« versetzte der Arzt. »Was aber vermag -ich zu tun? Soll ich mich in die Angelegenheiten mir völlig fremder -Personen mengen? Mich um das Schicksal eines Priesters kümmern, der, wie -leider allenthalben bekannt ist, meine eigene Tochter liebt? Soll ich zum -Dekan gehen und ihn bitten, den Herrn hier zu lassen?« - -»Nein, Vater. Daß er gehen muß, ... darein habe ich mich gefunden. Aber -nicht dorthin! Nicht an jenen traurigen Ort! Du brauchst ja bloß zu sagen, -daß Du, als Arzt, für dringend geboten hältst, daß Harteck nach dem -Süden gehe, ... daß die Herren ihn anderswohin versetzen möchten ...« - -»Was aber würde der Geistliche dazu sagen? Er hat meinen ärztlichen Rat -niemals begehrt und ist, soviel ich weiß, gesund. Ich kann mich ihm doch -nicht aufdrängen.« - -»Das sollst Du auch nicht. Gib mir nur Dein Wort, daß Du so sprechen -wirst, wenn Deine Meinung verlangt werden sollte, ... alles andere -überlaß _mir_.« - -»Das verspreche ich Dir gern,« sagte er und strich mit der Hand ihren -Scheitel glatt. »Was aber hast Du vor? Ich spreche nicht von mir, bloß -von Dir. Du wirst Deinen Ruf, Deine Zukunft, Dich selbst zugrunde richten, -armes Kind.« - -»Ich habe nichts Schlimmes im Sinn,« antwortete Paula. »Ich gedenke nur -Herrn Harteck zu bestimmen, sich von Dir untersuchen zu lassen, -- weiter -nichts. Ich bereite Dir vielen Kummer, Vater, ich weiß es. Aber Gott ist -mein Zeuge, daß ich es nicht mit Willen tue; wenn ich allein elend wäre, -würde niemand darunter zu leiden haben, ... am allerwenigsten Du und -Toni. Aber daß auch _er_ unglücklich ist, ... das ist es, was mich -niederdrückt. Ich bin nun einmal so angelegt, daß ich diejenigen, die -mir teuer sind, nicht leiden sehen kann, ohne daß mir das Herz darüber -bricht.« - -»Du bist jung,« sprach der Arzt. »Ein langes Leben liegt vor Dir. Du -wirst vergessen lernen.« - -»Niemals,« sagte Paula feierlichen Tones. »Ich werde ihn nie vergessen, -Vater.« Sie stand bei diesen Worten auf und reichte ihm die Hand. »Nun -gute Nacht,« sagte sie. Er schaute sie an und, von einem inneren Impulse -getrieben, warf sie sich an seine Brust. - -»Verzeih mir, ... verzeih mir ...« - -Er war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Stumm hielt er sie an sein -Herz gedrückt, -- seine Brust arbeitete heftig. Wohl stand ein Schatten -zwischen ihm und dem Glück seines Hauses, er sah die Tochter elend und -konnte nicht helfen. Aber er besaß doch wieder ihr Vertrauen, offen lag -ihr krankes Herz vor ihm, er sah, daß in diesem verirrten Herzen noch -Liebe für ihn wohnte und Reue, und er fing aufs neue zu hoffen an, daß -alles noch gut werden könnte. Sie, die er in seinen Armen hielt, war -die alte, schon verloren geglaubte Tochter; dem Himmel sei Dank! sie war -endlich, endlich zum Vater zurückgekehrt. - - - - -Dreizehntes Kapitel - - -Am darauffolgenden Tag gefiel es dem launenhaften April ein freundliches -Gesicht zu zeigen. Toni war selig darüber und jagte, einen Reif vor sich -hertreibend, über die Gartenwege, während Paula, ein Buch in der Hand, am -Geländer stand und abwechselnd auf das Kind und auf die Straße blickte. -Alle, die vorbei kamen, grüßten sie, manche blieben stehen und sprachen -ein paar Worte mit ihr, und Paula gab allen teilnahmvolle Antwort, -- -gerade so, wie sie es sonst getan. Auch der junge Schullehrer kam des Weges -einher; er zögerte, da er des Mädchens ansichtig wurde, und überlegte, -ob er sie anreden sollte oder nicht; sein Gefühl siegte, er blieb stehen -und zog errötend den Hut vom Kopfe. - -Sie waren einander arg entfremdet; selten sahen sie, noch seltener sprachen -sie sich. Er hatte diese Entfremdung niemals besser gefühlt als jetzt, wo -sie ihn anblickte und seinen Gruß so höflich und gleichgültig erwiderte, --- nicht anders, als ob sie einen wildfremden Menschen grüßte. - -»Wie steht Ihr Befinden, Fräulein Paula?« fragte er unsicheren Tones. - -»Danke, mir geht es gut. Und Ihnen?« - -»Nun, so, so.« Er bohrte seinen Spazierstock in die Erde und betrachtete -ihn scheinbar aufmerksam. »Was liegt Ihnen auch an meinem Befinden!« - -In der Tat, ihr lag nicht viel daran; aber sie erwiderte: »Lassen Sie uns -friedlich bleiben, ... ich bitte Sie darum. Was gibt es Neues?« - -»Nichts von Belang. Der Nachfolger des Kooperators ist gestern hier -eingetroffen. Vielleicht interessiert Sie das.« - -Sie schwieg. - -»Und unser geliebter Seelsorger, Herr Harteck,« fuhr er mit einer -Grimasse fort und stieß die Spitze seines Stockes heftig in den Erdboden, -»ist ebenfalls heute morgen zurückgekehrt. Doch das war Ihnen ohne -Zweifel schon bekannt.« - -»Nein,« sagte Paula. - -»Nicht? Das wundert mich.« Er nahm den Hut vom Kopfe und wirbelte mit den -Fingern sein Haar auf. »Die Stunde, in der dieser Herr zum Teufel geht, -wird die schönste meines Lebens sein,« sprach er und aus seiner Stimme -schlug ingrimmige Schadenfreude heraus. - -Paula wendete sich zum Gehen. - -»O! bleiben Sie nur!« sagte der Lehrer. »Ich bin schon wieder artig.« --- Finsteren Blickes starrte er die Straße hinab. »Der Wolf in der -Fabel!« murmelte er. »Dieser Mensch läuft aber auch immer über meinen -Weg.« - -Er bemerkte, daß Paula zusammenschrack und der Richtung seiner Augen -folgte. - -»Adieu!« rief er kurz und entfernte sich mit großen Schritten. - -Sie beachtete ihn nicht weiter; dachte nicht einmal mehr an ihn. Ihr Blick -ruhte unverwandt auf der näherkommenden schwarzen Gestalt. Harteck war -nicht allein. An seinem Arm hing ein junger Mann, derselbe Geistliche, -der gestern Paulas Reisegefährte gewesen war. Die beiden sprachen -angelegentlich miteinander und schienen recht heiter zu sein; der fremde -Geistliche hatte eine jugendlich klare Stimme, sprach lebhaft und lachte -manchmal lustig auf. - -Paula konnte sich nicht verhehlen, daß dieser Anblick ihr wehe tat; -Eifersucht regte sich in ihrer Brust. Wer war dieser Mensch, der sich -so vertraulich auf Georgs Arm stützte, ihn so fröhlich zu stimmen -wußte? ... Sie sah den jungen Mann mit zusammengezogenen Brauen und -durchdringendem, fast feindseligem Blicke an. - -Ganz in sein Gespräch vertieft, bemerkte er sie nicht. Harteck jedoch -wendete den Kopf nach dem Garten hin und entdeckte das junge Mädchen. Er -sagte seinem Begleiter etwas ins Ohr, was zur Folge hatte, daß dieser -die Augen auf Paula heftete und den Arm des anderen fahren ließ. Harteck -schritt auf Paula zu, während der Fremde in einiger Entfernung stehen -blieb und sich mit Cäsar, der auch dabei war, zu schaffen machte. - -Harteck reichte dem jungen Mädchen über dem Gartenzaun die Hand, und zum -erstenmal zögerte Paula, seine Hand zu ergreifen; sie tat es am Ende doch, -wenn auch sehr flüchtig, und fragte rasch: »Wer ist der Herr?« - -»Denken Sie sich diesen eigentümlichen Zufall,« sagte Harteck und -der Ton seiner Stimme wie das schwache Rot auf seinen Wangen bekundeten -freudige Erregung. »Ich habe Ihnen einige Male von einem Freunde -erzählt, ... demjenigen, den ich wartete, da er krank war, ... übrigens -habe ich bloß den _einen_ Freund ... und eben der ist bestimmt, mich hier -zu ersetzen.« - -»In der Tat,« sagte Paula, »das ist ein seltsames Zusammentreffen. -Es ... es freut Sie wohl sehr, ihn wiederzusehen?« - -»Sehr,« gab er arglos zu. »Er ist ein so prächtiger, lieber Mensch.« -Zärtlich sah er nach ihm hin, und der junge Geistliche, der fühlen -mochte, daß von ihm die Rede war, blickte ebenfalls auf die beiden. -»Wollen Sie, daß ich ihn Ihnen vorstelle?« - -»Nein,« sagte Paula ablehnend. »Lieber ein anderes Mal.« - -Sie sagte es so gereizt, daß er sie befremdet ansah. - -»Was ist Ihnen?« fragte er. »Habe ich wider Willen das Unglück gehabt, -Ihnen in irgend etwas zu mißfallen?« - -Worte und Ton entwaffneten sie, und sie versetzte mit kleinlauter Stimme: -»Seien Sie mir nicht böse, ... aber ich kann Ihnen nicht verschweigen, -daß es mir wehe tut, Sie so ganz erfüllt von Ihrem Freunde zu sehen, ... -und das ein paar Tage vor Ihrem Abschied von hier und ... von mir ...« - -Sie kehrte das Gesicht weg. - -»Wie grausam Sie sind!« entgegnete er mit plötzlichem Ernst. -»Mißgönnen Sie mir das Glück, jemanden lieb zu haben, und möchten Sie -mich lieber traurig als ein wenig gefaßt und aufgeheitert sehen?« - -»Nein! O nein!« sprach sie rasch. »Aber ich sehe voraus, daß Sie sich -während dieser letzten Tage ganz Ihrem Freunde widmen, mich vollständig -vernachlässigen werden ...« - -»Das denken Sie nicht,« fiel er ein. »Das können Sie nicht denken, -Paula.« - -Sie glaubte ihm und fühlte sich beschämt. - -»Rufen Sie Ihren Freund her, ich bitte Sie darum,« sprach sie errötend. - -In seinem Gesicht prägte sich ungeschminkte Freude aus. »Juchei[20]!« -rief er sich umwendend und winkte dem jungen Geistlichen, heranzukommen. -Dieser trat grüßend auf sie zu. - -»Mein Freund, Kooperator Perkow, Fräulein Reinberg,« sagte Harteck. - -Der Geistliche verneigte sich abermals. - -»Ich habe gestern schon das Vergnügen gehabt, das Fräulein zu sehen,« -sagte er. »Wir sind eine Strecke weit zusammen gefahren.« - -»Davon hast Du mir gar nichts gesagt,« warf Harteck ein. - -»Ich habe ja nicht gewußt, daß Du mit dem Fräulein bekannt bist,« -entgegnete der junge Mann. »Freilich hätte ich es mir denken können. Der -Ort ist nicht so groß, als daß nicht alle Welt einander kennen sollte. -Wohnen Sie schon längere Zeit in St. Jakob?« fragte er Paula. - -Sie bejahte die Frage, und weil er sich einige Auskünfte über Land und -Leute von ihr erbat, erzählte sie ihm verschiedenes, wovon sie dachte, -daß es ihn interessieren könnte; und schließlich sprach sie den Wunsch -aus, daß es ihm hier recht gut gefallen möchte. - -»Das bezweifle ich keineswegs,« sagte der junge Priester. »Es gefällt -mir hier recht wohl, die Gegend, der Ort, alles.« - -»Auch der Dekan?« fragte Harteck mit einem Lächeln. - -»Weshalb nicht? Wir werden uns gewiß miteinander vertragen. Übrigens war -mein früherer Prinzipal auch kein Engel.« - -»Ich habe Dir schon mehrere Ratschläge erteilt,« sagte Harteck. »Durch -Erfahrung wird man klug, und ich rate Dir alles das zu befolgen, was ich -leider zu tun versäumt habe. Der Dekan will geschmeichelt sein, und seinem -Fräulein Nichte mußt Du, wenn Du Dich in ihre Gunst setzen willst, ein -wenig den Hof machen.« - -»Den Hof machen?« wiederholte der andere und zuckte mit den Achseln. -»Davon verstehe ich nichts.« - -Paula blickte ihn an. Sein junges, hübsches Gesicht sah sehr verständig, -aber auch sehr unverdorben aus ... Eine, man könnte fast sagen -jungfräuliche Herbheit wohnte in diesen männlichen Zügen, in diesen -kalten blauen Augen. »Daß Du davon nichts verstehst noch verstehen -willst, glaube ich Dir aufs Wort,« dachte Paula. - -Toni hatte sich verstohlen genähert und stand an die große Schwester -gelehnt; in der einen Hand hielt sie den Reif, mit dem freien Arm umschlang -sie Paulas schlanken Leib und schaute den fremden Geistlichen mit ihrem -offenen Kindesblick neugierig an. - -»Meine Schwester,« sagte Paula und drückte das Kind an sich. »Gib dem -Herrn die Hand, Toni.« - -Lächelnd und errötend gehorchte die Kleine. Perkow blickte sie ziemlich -gleichgültig an. - -»Sind Sie kein Kinderfreund?« fragte ihn Paula, etwas pikiert darüber, -daß ihr Schwesterchen so gar keinen Eindruck hervorzurufen schien. - -»Ich mag Kinder wohl leiden,« versetzte der Gefragte, »vorausgesetzt -nämlich, daß sie gut erzogen sind, sich nicht unnütz machen und vor -allem gehorchen.« - -»Bist Du ein solches Musterkind, Toni?« sagte Paula zu ihrem -Schwesterchen. Die Kleine drückte das Kinn an den Hals und verzog die -Lippen. Der neue geistliche Herr mißfiel ihr in hohem Grade. - -»Sie scheint ein bißchen trotzig zu sein,« bemerkte dieser. »Lernt sie -brav?« - -»Sie ist die beste Schülerin,« sagte Paula, »und daß sie trotzig sei, -hat bis jetzt noch niemand herausgefunden.« - -Der junge Geistliche wollte etwas entgegnen, doch Harteck berührte leise -seinen Arm und bat ihn mit den Augen, zu schweigen. Eine Pause trat ein ... -Hierauf sagte Perkow: »Wir haben das Fräulein lang genug aufgehalten. -Wollen wir uns nicht verabschieden?« - -»Wie es Dir gefällig ist,« sagte Harteck unzufriedenen Tones. Sie -grüßten, die Schwestern dankten schweigend, und während Perkow sich -in Bewegung setzte, blieb Harteck noch stehen und fragte Paula mit leiser -Stimme: »Gestatten Sie, daß ich heute noch einmal bei Ihnen vorspreche?« - -»Wenn Sie Zeit für mich haben, ...« antwortete sie ziemlich kalt. - -Er verbeugte sich stumm und eilte dem Freunde nach. - -»Bist Du immer so streitlustig, wenn Du mit Frauen zu tun hast?« fragte -er, als er ihn eingeholt hatte. - -»Ich? Streitsüchtig?« entgegnete Perkow mit ungeheucheltem Erstaunen. -»Du bist wohl nicht recht gescheit. Verschweigen kann ich Dir zwar nicht, -daß mir dieses Fräulein nicht gefällt. Ich liebe so ernste, blasse, -empfindliche und eingebildete Frauenzimmer keineswegs. Junge Mädchen -sollen heiter und bescheiden sein.« - -»Du bist, trotz Deinen sechsundzwanzig Jahren, nicht wenig pedant,« sagte -Harteck. - -»Mag sein. Das gehört übrigens zu unserem Berufe. Wohin würde der -schuldige Respekt kommen, wenn wir alle diese frauenzimmerlichen Grillen -und Launen nachsichtig oder gar wohlgefällig beurteilten? Zwischen -dem Auftreten eines Priesters und dem anderer Leute muß doch immer ein -gewisser Unterschied bestehen, ... eine Grenze, die nicht überschritten -werden darf. Jede Art von Familiarität muß streng vermieden werden. Wenn -ich schon durchaus mit Frauen verkehren soll, dann mag es mit Bäuerinnen -sein. Diese städtisch gekleideten Dorfbewohnerinnen sind mir von jeher -zuwider gewesen; sie dünken sich etwas Besonderes und wollen sich, -vermöge ihrer sogenannten Bildung, auf eine Stufe mit uns stellen, ... -und das heißt nichts. Ich bin nicht gewohnt, daß junge Mädchen ihrem -Seelsorger in so kategorischem Tone antworten, wie Dein Fräulein Reinberg -getan hat.« - -Harteck schwieg auf diese Rede, sein Gesicht aber drückte Unzufriedenheit -aus. - -»Ich sehe, daß meine Sprache Dir mißfällt,« sagte Perkow und hängte -sich an seinen Arm. »Lassen wir das Gespräch daher lieber fallen. Eines -jedoch muß ich Dir noch bemerken: Du weißt eben niemals, was Du in Deiner -Stellung als Priester zu tun und zu lassen hast. Das sage nicht ich allein, -sondern alle Geistlichen, die Dich kennen. Nimmermehr würdest Du in -das armselige Keßten versetzt worden sein, wenn Du Dich den allgemeinen -Ansichten besser anzupassen verstanden hättest.« - -»Sehr wahr,« sagte Harteck mit einem Seufzer und ließ den Kopf hängen. - -»Na, werde nicht melancholisch,« sprach der junge Geistliche tröstend -und drückte seinen Arm. »Ich will Dir täglich schreiben und Dich -besuchen, so oft ich's werde tun können.« - -»Was wird Dein Prinzipal dazu sagen?« warf Harteck ein. »Du weißt, daß -er mich nicht leiden kann.« - -»Mag er sagen, was ihm gefällt! Ich kann und will Dich nicht so ganz Dir -selbst überlassen. Du bist mir das Teuerste, was ich auf Erden habe. Gern -würde ich Dir jedes erlaubte Opfer bringen, wenn ich dadurch Dein -Leben erhellen könnte ... Aber leider vermag ich Dir, außer meiner -Freundschaft, nichts zu bieten.« - -Harteck war versöhnt. Alles Mißliebige, was der junge Priester -gesprochen, verschwand vor diesem treuherzigen Bekenntnisse echter, warmer -Freundschaft. - -»Ich danke Dir für Deine Worte,« sagte er. »Wer weiß, ob nicht die -Zeit kommen wird, wo ich größere Opfer von Dir fordern werde.« - -Sie sollte kommen, diese Zeit, und eher, als beide ahnten. -- - -Nach Ablauf einer Stunde kehrte Harteck zu Paula zurück. Er fand die -Mädchen im Wohnzimmer, Toni schrieb Schulaufgaben und Paula überwachte -sie dabei. Er setzte sich zwischen beide, legte den Arm auf die Lehne des -Stuhles, auf dem Toni saß und sah zu, wie sie schrieb. - -»Störe ich?« fragte Toni mit kindlicher Unschuld. »Soll ich gehen, -Paula?« - -»Nein, bleibe bei uns,« antwortete die Schwester. - -Harteck blickte sie an. Das Wörtchen ›bei uns‹ rührte ihn seltsam; es -klang so vertraulich, als ob sie ihn ganz zu sich gehörend betrachtete ... -»Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?« fragte er sie. - -Sie gestand ihm, daß sie in Keßten gewesen war; von den Mühen und Plagen -der Wanderung sagte sie nichts, und seine Frage, welchen Eindruck der Ort -auf sie gemacht hätte, beantwortete sie ausweichend. Sie erzählte ihm -nur, was sie in seinem neuen Hause getan hatte, zog ihr Notizbuch hervor -und nannte ihm alle jene Hausgegenstände, die noch angeschafft werden -mußten; und der Gedanke, wie ganz anders, wie schön und traulich es -wäre, wenn sie ihm als seine Hausfrau folgen könnte in das neue Heim, lag -bei diesem Wirtschaftsgespräch so nahe, daß er beiden zur gleichen Zeit -kam. Sie fühlte, daß sein Auge auf ihr ruhte, und senkte das Gesicht. -»Ich hoffe immer noch, daß nichts daraus wird,« sagte sie und blätterte -in dem Notizbuch. »Ich meine aus Ihrer Versetzung nach Keßten ... Die -Luft dort ist sehr rauh und ich fürchte, daß sie Ihnen nicht gut tun -wird ... Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie sich von meinem -Vater untersuchen ließen. Er wird Ihnen ehrlich sagen, was er von Ihrer -Gesundheit hält; und wenn er den Ausspruch täte, daß eine rauhe Luft -Ihnen nicht zuträglich sei, könnten Sie vielleicht doch noch den Versuch -machen, zu erwirken, daß Ihnen ein anderer, milderer Ort zugewiesen -werde.« - -Er schüttelte das Haupt. »Dazu ist es zu spät. Auch würde es nichts -helfen. Weshalb aber beunruhigen Sie sich? Ich bin ja leidlich gesund.« - -»Leidlich! Sie müssen also selbst zugeben, daß Sie nicht _ganz_ gesund -sind. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab! Sprechen Sie mit meinem -Vater!« sagte sie drängend. - -»Wenn Sie es durchaus wünschen, Paula, will ich Ihnen den Gefallen -tun, ... obschon es ein wenig lächerlich ist, wenn ein gesunder Mensch aus -Furcht, daß er vielleicht krank sein _könnte_, einen Arzt konsultiert.« - -»Nehmen Sie das, wie Sie wollen, ... ich bin es zufrieden, wenn Sie es -überhaupt tun.« Sie fragte ihn hierauf nach seiner Familie und ob er in -Kufstein angenehme Tage verlebt hätte, und er erzählte ihr, was er zu -berichten für passend fand, zeigte ihr die neueste Photographie seines -kleinen Neffen, die die Schwester ihm geschenkt hatte, sprach sanft und -nachsichtig von den Seinen, ohne irgendwelche Bitterkeit, und hob nur ihre -guten Eigenschaften hervor. - -»Meine Mutter war ganz glücklich, mich wieder einmal die Messe lesen zu -hören,« sagte er, »und ich habe sie wiederholt gebeten, mich bald in -Keßten zu besuchen; dann kann sie dieses Vergnügen täglich haben.« - -Errötend und ohne ihn anzusehen, fragte ihn Paula, ob seine Wäsche und -Kleider in gutem Stande wären und ob sie Schadhaftes vielleicht ausbessern -dürfte; es würde ihr große Freude bereiten, für seine Bequemlichkeit zu -sorgen. - -Er lehnte ihr Anerbieten dankend ab. »Das alles kann meine Wirtschafterin -in Ordnung bringen,« sagte er. - -Paula beschrieb ihm darauf die Frau, die sie im Pfarrhof vorgefunden hatte, -und legte ihm ans Herz, sie in seinem Hause zu behalten: sie scheine gut -und anhänglich zu sein und er würde sich gewiß bald an sie gewöhnen. -»Aber verraten Sie ihr nicht, daß Sie es auf _meine_ Bitte hin tun -wollen,« setzte Paula hinzu. »Ich sagte ihr, daß ich Ihnen gleichgültig -bin, und Sie müssen sie in diesem Glauben erhalten. _Mich_ kennt sie -nicht; was sie von mir denkt, spielt folglich keine Rolle. Aber Sie, der -Sie in Keßten leben werden, müssen achtsam sein auf Ihren guten Ruf.« - -Er mußte lächeln über ihre Worte, seine Stimme jedoch klang gepreßt, -als er jetzt sagte: »Sie sind um meinen Ruf besorgt, -- um den Ihrigen -aber kümmern Sie sich nicht. Jetzt, wo Sie wissen, daß ich bald -gehe, gestatten Sie mir, täglich zu Ihnen zu kommen, weil Sie in Ihrer -Selbstlosigkeit folgern, daß es mir nun nichts mehr anhaben könne. Von -diesem Standpunkt aus haben Sie freilich recht, -- ich gehe, -- aber Sie? -Sie bleiben zurück und -- merken Sie es wohl, Paula: die Menschen werden -den Stab über Sie brechen.« - -»Daran habe ich noch nicht gedacht,« schaltete sie ruhig ein. - -»Aber ich! Glauben Sie mir, ... so sehr es mich in Ihre Nähe zieht und -so glücklich ich mich fühle, wenn ich Sie an meiner Seite habe, ... es -kostet mir jedesmal einen schweren Kampf, zu Ihnen zu gehen. Ich kann mir -nicht verhehlen, daß ich es bin, der Ihren Ruf untergräbt, und das macht -mich elend.« - -Paula wies mit den Augen auf Toni, die verwundert aufhorchte. Er biß sich -auf die Lippe und schwieg. - -»Wie hat Ihnen mein Freund gefallen?« fragte er nach einer Weile. - -»Nicht sonderlich gut, wenn ich aufrichtig sein soll,« erwiderte Paula. - -»Im Anfang mag er schroff scheinen; ich zweifle jedoch nicht, daß Sie ihn -lieb gewinnen werden, wenn Sie ihn näher kennen. Ich will ihn nicht allzu -sehr loben, um Sie nicht neuerdings zu erzürnen, aber ich versichere -Ihnen, daß er ein vortreffliches Herz hat. Und was mir vorzugsweise an ihm -gefällt: er hängt mit Leib und Seele an seinem Beruf. Predigen müssen -Sie ihn hören! Er ist immer so ganz bei der Sache, ist so durch und durch -Priester und würde für seinen Stand durchs Feuer gehen. Er besitzt eben -alle guten Eigenschaften, die mir abgehen.« - -»Sie setzen sich immer herab,« warf Paula dazwischen. »Finden Sie die -Arroganz Ihres vielgerühmten Freundes gleichfalls bewunderungswürdig?« - -»Er ist nicht arrogant, ... nur nicht biegsam oder zugänglich ... -Bedenken Sie, daß er im Waisenhause aufgewachsen ist, niemals Liebe -genossen hat, und wer selbst nie verzärtelt worden ist, verzärtelt auch -andere nicht. Mir jedoch ist er treu ergeben und einen besseren Freund -werde ich schwerlich jemals mehr finden. Das alles muß Sie doch ein klein -wenig für ihn einnehmen,« schloß er zuredend und bittend zugleich. - -»Gewiß,« sagte Paula. »Wenn es ihm erwünscht ist, will ich gern mit -ihm verkehren ... Aber wird er es wollen? Ich zweifle daran.« - -»Mit der Zeit, ... wer weiß? ... Er hat mich lieb und auch Sie sind mir -gut, ... der Gedanke, daß Sie beide von mir sprechen, wird mich trösten -in meiner Einsamkeit ... Und wenn Joachim mich besucht, kann er mir von -Ihnen erzählen, und er wird mir dann doppelt teuer sein ...« - -Paula stieß einen Wehruf aus und schlug die Hände vor das Gesicht. - -»Paula!« rief der Priester erschrocken und Toni sprang auf und eilte -zu der Schwester hin -- »Paula,« -- er beugte sich über sie -- »liebe -Paula, was hab' ich Ihnen getan?« - -»_Müssen_ Sie davon sprechen?« brachte sie mühsam heraus. »Haben wir -uns nicht gelobt, nie, nie den Abschied zu berühren? ... Und nun malen Sie -die Zukunft so deutlich aus ...« - -Sie erhob sich, nahm Toni bei der Hand und ging, ehe er's hindern konnte, -rasch aus dem Zimmer. - -Eine halbe Stunde später kam der Arzt nach Hause. Er fuhr zusammen, als -er, in das Wohnzimmer tretend, den Geistlichen am Tisch sitzen sah ... -Harteck erblickte ihn, stand auf und verbeugte sich stumm. Die Blässe und -Alteration seiner Züge entgingen dem Arzt keineswegs; aber er hatte sich -bereits gefaßt und fragte den Priester so ruhig wie möglich nach seinem -Begehr. - -Mit abgerissenen Worten brachte Harteck vor, was Paula ihm zu sagen -aufgetragen hatte. Der Arzt ersuchte ihn, Rock und Weste abzulegen, und als -Harteck dem nachgekommen war, lehnte jener das Ohr an seine Brust und bat -ihn, tief Atem zu holen. Er untersuchte ihn aufmerksam, befühlte seinen -Puls und fragte ihn dann: »Husten Sie öfters?« - -»Im Herbst und Frühjahr beständig. Ich erkälte mich überhaupt sehr -leicht.« - -»Haben Sie Schmerzen?« - -»Nein.« - -»Auch nicht zwischen den Schulterblättern, wenn Sie zum Beispiel viel -gegangen sind?« - -»Das ist wahr. Das hatte ich vergessen. Nach weiten Spaziergängen -oder wenn ich lang Klavier gespielt habe, empfinde ich im Rücken einen -stechenden Schmerz.« - -»Hm! ... Ihre Stimme klingt umflort. Ist das Ihre natürliche Stimme?« - -»Ich bin seit einiger Zeit etwas heiser.« - -»Wie schlafen Sie? Geraten Sie beim Schlafen oft in Schweiß?« - -»Sehr oft.« - -»Rauchen Sie?« - -»Nur wenig; ich vertrage das Rauchen schlecht.« - -»Wahrscheinlich reizt es Sie zum Husten?« - -»Ja.« - -Der Arzt betrachtete seine Hände. Sie waren blaß und mager. - -»An welcher Krankheit ist Ihr Vater gestorben?« fragte er dann. - -»An der Lungentuberkulose.« - -»War das ein Ausnahmefall, oder ist dieses Übel erblich in seiner -Familie?« - -»Soviel mir bekannt ist, sind alle Verwandten meines Vaters eben dieser -Krankheit erlegen.« - -»Hm!« sagte der Arzt noch einmal. »Sie müssen vorsichtig sein, sich -schonen. In Keßten soll das Klima sehr rauh sein?« - -»Man sagt so.« - -»Für Sie wäre es besser, wenn Sie nach Südtirol kämen ... Würde sich -das nicht machen lassen?« - -»Jetzt nicht. Vielleicht später. Wenn mir der Aufenthalt in Keßten nicht -gut tut, kann ich um meine Versetzung einkommen.« - -Er griff nach seinem Rock und seiner Weste; der Arzt war ihm beim Ankleiden -behilflich. - -»Aber brustkrank bin ich noch nicht?« fragte Harteck und blickte dem -anderen fest in die Augen. - -»Nein. Indessen darf ich Ihnen nicht verschweigen, daß Sie einige Anlage -zu diesem Leiden besitzen.« - -Harteck nickte wie jemand, der etwas hört, worauf er schon vorbereitet -war, und langte nach seinem Hute. - -»Ich empfehle Ihnen noch einmal dringend an, auf Ihre Gesundheit acht -zu geben,« sagte der Arzt. »Dieses Übel ist heimtückischer Art und -schöpft aus allem Nahrung ... Es genügt nicht, sich körperlich zu -schonen und zu pflegen, ... auch der Geist muß frei und leicht sein. -Kummer, Unzufriedenheit, Sorgen sind die besten Förderer dieses -schleichenden Übels, sind oft verhängnisvoller als körperliche -Unvorsichtigkeiten ... Trachten Sie daher, so viel wie möglich eine -gleichmäßige, heitere oder doch ruhige Stimmung anzustreben; grübeln -Sie nicht nach, bekämpfen Sie Schwermut und Traurigkeit, beschäftigen Sie -sich stets, damit Sie keine Zeit haben, trüben Gedanken nachzuhängen und -meiden Sie alles, was Ihnen körperlich von Nachteil sein könnte; Schlaf, -kräftige Speisen, gute Luft und ein ruhiges Gemüt sind und bleiben -die besten, ja, die einzigen Mittel, um solchen Krankheitsanlagen -entgegenzuwirken.« - -Er hatte bis dahin als Arzt gesprochen, ohne ein persönliches Motiv zu -berücksichtigen: unparteiisch, teilnehmend und voll Interesse, wie er es -jedem Fremden gegenüber tat, der einen ärztlichen Rat von ihm begehrte. -Doch jetzt, da er fertig war, verbeugte er sich wie verabschiedend und sah -den jungen Priester, der unbeweglich stehen blieb, mit strengem Blick an. - -»Wünschen Sie noch etwas von mir?« fragte er ihn. - -»Ich verlasse St. Jakob in einigen Tagen,« sagte Harteck mit unsicher -klingender Stimme, »und da ich vielleicht nicht mehr Gelegenheit haben -werde, Sie zu sehen, möchte ich Ihnen jetzt schon Adieu sagen ...« - -Er streckte dem anderen die Hand entgegen. Der Arzt erfaßte sie, ließ sie -jedoch sogleich wieder fallen. - -»Gehaben Sie sich wohl,« sagte er und wendete sich von dem Priester ab. - -Dieser tat einen Schritt gegen ihn hin. - -»Lassen Sie mich hoffen, daß Sie sich meiner nicht mit Haß erinnern -werden ... Ich habe schweres Leid über Ihr Haus gebracht, ... aber ich -büße hart dafür, Gott weiß es.« - -Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung. - -»In kurzer Zeit ist alles vorbei,« sprach Harteck weiter. »Ich gehe und -damit ist das Spiel zu Ende. Nur zu gut fühle ich, daß es in diesem -Fall keinen Mittelweg gibt: es heißt entweder alles wagen oder auf -alles verzichten. Ich wähle das zweite. Niemals werde ich Ihrer Tochter -schreiben, und wenn sie, in ihrer Güte, sich einfallen lassen sollte, -einen Brief an mich zu richten ...« - -Der Arzt unterbrach ihn. - -»Ich erlasse Ihnen diese Versprechungen,« sagte er. »Glauben Sie denn, -daß ich dieser Sache nicht längst schon ein Ende gesetzt haben würde, -wenn ich nicht wüßte, daß in solchen Fällen Gewalt und Zwang das Übel -nur vergrößern, anstatt es auszurotten?« Ein fürchterlich ernster Blick -war es, den er bei diesen Worten auf den Priester heftete, ein Blick, vor -dem Harteck die Augen senken mußte. »Glauben Sie, daß ich bis jetzt -geschwiegen haben würde, wenn ich nicht gefürchtet hätte, in Ihnen auch -mein Kind zu treffen? Paula würde alles, was ich Ihnen gesagt hätte, als -eine persönliche Kränkung empfunden und ich würde dadurch meine Tochter -ganz verloren haben. Nein; versprechen Sie mir nichts. Paula mag tun, was -ihr gefällt; wenn sie nicht freiwillig entsagt, helfen alle Gewaltmittel -nichts. Sie gehe ihren eigenen Weg; mag sie das, was sie an mir und sich -selbst verübt, mit ihrem Gewissen ausmachen. Über das _Herz_ eines Kindes -gebietet der Vater nicht, und wenn dieses Herz durchaus unrecht tun will, -dann verlohnt es sich auch nicht der Mühe, es zurückhalten zu wollen.« - -Hochaufgerichtet stand er da, als er so sprach. Harteck war zumute, als ob -der ernste, hagere Mann zu riesiger Größe emporwüchse, zu einer Größe, -neben der er zwerghaft klein erschien. Er kam sich neben dem schwer -gekränkten Vater so elend, armselig und verächtlich vor, daß er es für -eine Wohltat angesehen haben würde, wenn der Fußboden sich aufgetan und -ihn verschlungen hätte. Vorwürfe, Schmähungen, ja Mißhandlungen sogar -würde er leichter ertragen haben, als dieses kalte und stolze: Tut, was -Ihr wollt. - -Der Arzt mochte erraten, was im Innern des Mannes vorging, der in der -scheuen Haltung eines Verbrechers vor ihm stand, und in seiner Brust regte -sich eine Empfindung, die an Mitleid streifte. - -»Wir haben ausgesprochen, denke ich,« sagte er und trat zum Tisch hin. - -»Ja,« murmelte Harteck, verneigte sich ungeschickt und verließ das -Zimmer. Er kam sich vor wie ein Dieb, dem der Bestohlene die Strafe -erläßt. - - - - -Vierzehntes Kapitel - - -Noch zwei Tage. Er wünschte, sie wären vorüber. Paula hatte er glauben -gemacht, daß er noch drei Tage hier bleiben würde, um ihr und sich -selbst die Bitternis des Abschiedes zu ersparen. Den vorletzten Tag seines -Hierseins verwendete er dazu, daß er von Haus zu Haus ging und allen -Leuten Ade sagte, und er gewann bei dieser Wanderung durch das Dorf aufs -neue die Überzeugung, daß die Leute ihn lieb gewonnen hatten und ungern -scheiden sahen. Freilich trat dabei auch zu Tage, daß er, wie es ihm -überall erging, die Menschen durch allzu große Güte und Nachsicht -verwöhnt hatte und daß manche dies benutzten, um dreist zu werden. Mehr -als einer hatte die Unverfrorenheit, mit schlauem Augenwinken zu ihm zu -sagen: »Es ist ja besser für Sie, daß Sie gehen,« und wenn er nach dem -Warum fragte, erfolgte abermaliges Blinzeln und Nicken und ein gutmütiges: -»Ich meine halt so, ... Sie verstehen mich schon ...« Sich den nötigen -Respekt zu verschaffen, hatte er nicht gewußt, und seine aller Welt -bekannte Neigung zu einem Mädchen zerstörte den Nimbus, der sonst den -Seelsorger in einem Dorf zu umgeben pflegt, vollends. Das war ihm nicht -gleichgültig, verdroß ihn sogar, aber er verschluckte es wie so manches -andere. Am Hause Paulas glitt er scheu vorüber: er wollte sie weder sehen -noch von ihr gesehen werden; und er nahm sich vor, sie auch morgen zu -meiden, wenn er Kraft genug besäße, die Sehnsucht seines Herzens so weit -zu besiegen. - -Am Abend fühlte er sich von dem vielen Umhergehen, Sprechen und -Abschiednehmen auf das äußerste erschöpft. Er ließ sich beim Dekan -entschuldigen: er könne am gemeinschaftlichen Mahl nicht teilnehmen, er -wäre allzu müde. Mochte der gewesene Prinzipal ihn unhöflich schelten! -Jetzt war doch alles gleichbedeutend und jeder Zwang überflüssig. - -Harteck kam am folgenden Morgen später als sein Freund, der früher die -Messe gelesen hatte, in das Frühstückzimmer und traf dort bloß den -Mönch und den jungen Geistlichen an. Diese beiden schienen schon recht -gut bekannt miteinander, sie standen am Fenster, Joachim hielt ein -Zeitungsblatt in der Hand und der Mönch blickte über seine Schulter in -dasselbe. - -»Ich habe für diesen Artikel große Lobsprüche geerntet,« sagte Perkow, -»sogar der Fürst-Erzbischof hat ihn gelesen und mir seine Zustimmung -ausdrücken lassen ... Das Polemisieren ist meine Passion. Sie können -sich wohl vorstellen, daß das Organ unserer Gegner dazu nicht geschwiegen -hat, ... aber ich weiß, was ich auf alle Einwürfe zu erwidern habe. Ich -bin im Recht. Den Gegenartikel trage ich bereits in der Tasche,« schloß -der junge Mann mit einem triumphierenden Lächeln und klopfte mit der Hand -auf die Brust. Jetzt erst gewahrte er den Freund. - -»Guten Morgen, Georg,« sagte er. - -»Guten Morgen,« sagte Harteck grüßend. »Wo sind die anderen?« - -»Über Land gefahren,« berichtete der Mönch. »Sie werden erst abends -zurückkehren.« - -»Desto besser!« sagte Perkow aufrichtig. »Gegen den Herrn Dekan habe -ich zwar nichts einzuwenden, aber seine Nichte, diese alte Jungfer, ist -ein unausstehliches Geschöpf. Ist sie immer so geziert und affektiert, wie -sie's gestern war?« - -»Immer so,« sagte Benediktus. »Und boshaft! Davon haben Sie keinen -Begriff.« - -»Das werden wir ihr austreiben,« sprach Joachim leichthin und setzte -sich. »Vorläufig aber wollen wir frühstücken.« - -Der junge Pater nahm an seiner Seite Platz und heftete den Blick -unausgesetzt auf seinen blonden, sorglos und zufrieden aussehenden Nachbar. -Augenscheinlich bewunderte er ihn. - -»Es ist erstaunlich, wie gescheit Sie sind für Ihre Jahre,« sagte der -Mönch plötzlich und wurde rot. »Sie werden es noch weit bringen.« - -»Ach nein! Warum denn?« entgegnete Joachim bescheiden und geschmeichelt -zugleich. »Allerdings höre ich das manchmal und es ist mir, zum Beispiel, -in Aussicht gestellt worden, Redakteur unseres Salzburger Parteiblattes zu -werden ... Ich weiß jedoch nicht, ob ich dieser Stellung gewachsen sein -werde. Es mangelt mir doch an Erfahrung. Nicht wahr, Georg?« - -»Für einen Kampfhahn wie Du einer bist wäre das gerade das richtige -Feld,« erwiderte dieser mit einem Lächeln. - -»Du spottest mich immer aus,« murrte der junge Geistliche. - -»Keineswegs; ich meine nur ...« - -»Daß ich ein intoleranter, streitsüchtiger Pfaff bin? Intolerant, in der -Tat!« rief der junge Priester und schlug mit der Hand auf den Tisch. -»So nennt man uns, ... aber dieser Vorwurf ist, nach meiner Ansicht, ein -ungerechter. Wer, um alles in der Welt, ist tolerant gegen _uns_? Welche -Stellung nehmen die Katholiken in Deutschland, Rußland und Irland ein? Man -duldet sie, weil man muß, und sobald sie eine Bewegung machen, schlägt -man sie zu Boden. Davon aber spricht niemand, das finden die Menschen -ganz in der Ordnung. Narren und Feiglinge wären wir, wenn wir ihnen nicht -gleiches mit gleichem vergälten. Was mich jedoch bei alledem am meisten -verdrießt, das ist die Lauheit und Flauheit der Katholiken selber. Alles -lassen sie sich gefallen, mit Füßen lassen sie sich treten. Ich möchte -einmal hören, was die Protestanten oder Juden sagen würden, wenn ihre -Pastoren oder Rabbiner nur halb so vielen Angriffen ausgesetzt wären wie -wir! Steinigen würden sie die Angreifer, oder doch wenigstens die Hand -rühren und den Mund auftun. Unsere Katholiken aber sind die ersten, die -ihre Priester herabsetzen und die Nase rümpfen, wenn von den Klerikalen, -wie sie uns und unsere Parteigänger nennen, die Rede ist. Darüber habe -ich mich oft schon geärgert und dagegen gesprochen und geschrieben. Unsere -Bauern gehen noch an, ... aber die Städter, ... _die_ sind es, die -der Sache schaden, die geflissentlich zu vergessen scheinen, daß sie -katholisch sind und darum Hand in Hand mit uns gehen sollten, anstatt sich -zu unseren Widersachern aufzuwerfen, wie sie es in der Tat tun. Was wird -aus unserer heiligen Kirche werden, wenn die eigenen Kinder sich gegen -dieselbe empören? Und wir, ... sollen vielleicht auch wir die Flinte in -das Korn werfen und gleichgültig zusehen, wie an unserer Kirche gemäkelt -wird, wie unsere Gegner sich breit machen und uns verhöhnen? Nimmermehr! -Krieg bis aufs Messer! Entweder siegen oder fallen, -- aber sich feige -ergeben, -- das niemals!« - -Der junge Mönch nickte lebhaft Beifall und seine leuchtenden Augen hingen -an dem geröteten, erregten Gesicht des jugendlichen Paladin der Kirche. -»Bist Du nicht auch meiner Ansicht?« wendete Perkow sich an Harteck, -der sich schweigend verhielt und weder ein Beifalls- noch ein -Mißfallenszeichen zu erkennen gegeben hatte. - -»Gewiß,« antwortete dieser, also zum Sprechen aufgefordert. »Indessen -darfst Du nicht übersehen, daß der katholische Klerus -- teilweise -wenigstens -- nicht danach angetan ist, sich Sympathien zu erwerben. Die -Pastoren, zum Beispiel, begnügen sich damit, Diener des Staates zu sein -und ordnen sich dem Staate unter; sie wollen keine politische Rolle -spielen und machen selten von sich reden. Wir hingegen haben stets nach der -Herrschaft gestrebt und streben noch immer danach, wollen einen Staat im -Staate bilden, und das verzeiht die Welt uns nicht. Sind wir Patrioten? -Bürger? Geht uns der Staat unseren Sonder-Interessen vor? Nein, müssen -wir auf diese Fragen antworten. Wir sind nur so lang Patrioten, als wir -unsere Kirche nicht gefährdet glauben, ... unsere Blicke sind nach Rom -gerichtet und was der Papst sagt, gilt uns mehr als die Wünsche unserer -Mitbürger. So muß es natürlich sein, wir dürfen anders nicht denken. -Aber Du mußt doch zugeben, daß die Welt einigen Grund habe, uns -mit scheelen Augen anzublicken. Ein jeder Stand ringt nach der -Weltherrschaft, ... die Aristokratie so gut wie wir; der Bürger so gut wie -das Proletariat oder der vierte Stand; wir sind ihnen folglich im Wege und -darum mögen sie uns nicht.« - -»Aber Sie haben unrecht, wie mir scheint,« warf der junge Pater stockend -und errötend ein. »Wenn irgend jemand berufen ist zu herrschen, dann sind -es wir, denen die Aufgabe obliegt, die Gewissen rein zu erhalten und die -Menschen auf das ewige Leben vorzubereiten, während unsere Gegner sich -bloß um das zeitliche Wohl kümmern. Wenn die Menschen mehr den Tod und -was darauf folgen wird, im Auge hätten als ihr vergängliches Dasein, -würden sie sich den Priestern gern unterwerfen und sich willig ihrer -Leitung anvertrauen.« - -Die beiden Freunde blickten zuerst dem Sprecher, dann einander in die -Augen. Daß der Mönch es ehrlich meinte und das Gesagte wirklich -dachte, -- darüber konnte niemand im Zweifel sein. Man brauchte nur sein -treuherziges Gesicht anzusehen, ... dann mußte man ihm Glauben schenken. -Von _diesem_ idealen Standpunkt aus hatte er freilich recht ... »Aber -- -sind wir auch so?« mußte Joachim sich fragen. »Vielleicht viele, ... -alle gewiß nicht. Und ich -- ebenfalls nicht.« - -Wohl war er sich bewußt, ein treuer und eifriger Diener der Kirche zu -sein, ... aber daß Ehrgeiz, Herrschlust und Eigenliebe ihm gänzlich -fremd, daß er nur die zukünftige, bessere Welt im Auge habe? So weit ging -seine Liebe zu Gott noch lange nicht. Fast beschämt blickte er vor sich -nieder und versank in Nachdenken. - -»Werde ich heute abend Gelegenheit haben, das gnädige Fräulein zu -sehen?« fragte Harteck, sich an den Pater wendend. »Ich möchte doch -nicht ohne Abschied von ihr gehen.« - -»Sie hat gesagt -- warum weiß ich nicht --, daß sie diesem Abschied -auszuweichen gesonnen wäre,« antwortete Benediktus. - -»Dann laß die Närrin!« rief Georgs heißblütiger Freund. »Dir wird -doch nicht darum zu tun sein, noch einmal in ihre wässerigen Augen zu -schauen.« - -»Ich will von aller Welt in Frieden scheiden,« versetzte Harteck. »Wie -immer auch die Menschen hier sich gegen _mich_ betragen haben, ... _ich_ -will allen beweisen, daß ich keinem grolle und es mit jedem gut meinte.« - -Der Mönch schlug bei diesen Worten die Augen zu Boden. - -»Komm, Joachim,« sagte Harteck mit einem Blick auf den Pater. »Wir haben -noch viel zu tun.« - -Die Freunde standen auf und verfügten sich in Hartecks Wohnung. Die Möbel -und das Klavier waren bereits verpackt und sollten heute schon mittels der -Eisenbahn nach Hartecks neuem Wohnort befördert werden. - -»Willst Du mir beim Packen behilflich sein?« fragte Georg. - -»Natürlich! Du magst die ganze Arbeit getrost _mir_ überlassen. Du -siehst ohnehin ermüdet aus. Hast Du schlecht geschlafen?« - -»Es geht an. Beginne denn mit den Büchern, wenn Du so gut sein willst, -mir diese Arbeit abzunehmen ... Ich will einstweilen meine Papiere -ordnen.« - -Perkow machte sich an die Arbeit und Harteck kramte in Papieren, die auf -dem Tische lagen, zerknitterte manche und warf sie auf den Boden, während -er andere wieder sorgsam aufeinander legte. Knechte traten ein, luden die -Möbel auf ihre Schultern und trugen sie hinaus. Unruhig lief Cäsar hin -und her. - -»Der Hund weiß, daß wir abermals wandern müssen,« sagte Harteck. »Er -hat solchen Umzug schon mehrere Male mitgemacht und ist kein Freund davon. -Leg Dich nieder, Cäsar. Du wirst bald wieder dein wohlgeordnetes Daheim -haben, und um etwas anderes ist Dir ja nicht zu tun. _Dir_ bleibt nichts -Liebes hier zurück,« schloß er mit einem Seufzer. - -»Ich habe Dir doch schon gesagt, daß ich Dich oft besuchen werde,« -sprach Joachim, auf dem Boden knieend, und tat einen Stoß Bücher in die -vor ihm stehende Kiste. »Gib mir ein Staubtuch, wenn Du eines besitzest. -Deine Bücher sind nicht im besten Stand ... Schau, wie der Staub aus den -Blättern fliegt! Diese Werke liest Du wohl selten?« - -»Sehr selten.« (Es waren Bücher theologischen Inhaltes.) - -»Ach! dann gib sie mir!« rief Juchei. »Ich überlasse Dir andere dafür; -ja, Georg?« - -»Behalte, was Dir gefällt. Ich verlange nichts dafür. Es freut mich, -wenn ich Dir etwas schenken darf.« - -»Dann danke ich schönstens,« sagte der junge Priester und legte mehrere -Werke beiseite. Das Packen ging langsam von statten. Perkow blätterte -wiederholt in den Büchern, die er für sich zurückgelegt hatte, und -vertiefte sich darein. Endlich aber wurde er doch fertig. - -»Nun kommen die Wäsche und Kleider an die Reihe,« sagte er und fuhr mit -dem Taschentuch über sein erhitztes Gesicht. »Uff! Bei dem Packen wird -einem warm. Sollten wir uns nicht Bier bringen lassen, Georg?« - -»Ich will sogleich den Auftrag dazu geben,« sagte Harteck und stand auf. -»Setz jetzt ein wenig aus. Auf dem Tisch liegt meine Zigarrentasche, wenn -Du vielleicht Lust hast zu rauchen.« - -Er ging aus dem Zimmer. Juchei brannte sich eine Zigarre an und schaute, -die Hände auf dem Rücken gefaltet, zum Fenster hinaus. Es regnete leise, -aber ununterbrochen. »Hoffentlich hat er morgen zu seiner Reise besseres -Wetter,« dachte Joachim. »Dieser trostlose Regen wirkt bedrückend auf -die Nerven ein, und lustig ist der arme Kerl ohnehin nicht ... Was aber -kann ihm den Abschied von hier so schwer machen? Mit dem Dekan steht er -nicht sonderlich gut und das ist bei uns doch immer die Hauptsache.« - -Georg kehrte zurück mit der Meldung, daß das Bier sofort gebracht werden -würde. Der junge Geistliche nickte und beobachtete den Freund, der sich an -den Tisch setzte und traurig vor sich hinstarrte. In diesem Augenblick -fiel Joachim auch auf, wie blaß und mager sein Gesicht war. Er ging zu dem -Freunde hin und nahm ihn bei der Hand. - -»Na, Georg?« sagte er fragend. »Hast Du Deine Papiere schon in Ordnung -gebracht?« - -»Ja.« - -»Wohin soll ich sie legen? Zur Wäsche?« - -»Wohin Du willst.« Er lehnte die Stirn an den Arm des jüngeren Kollegen. -»Ach, Joachim,« sagte er und nichts weiter. - -»Nun, nun,« sagte Perkow liebreich und besorgt, »was ist Dir denn, mein -Alter?« - -»Nichts,« versetzte Georg trüb. Sie verstummten eine Zeitlang. Als -sie dann die Tür gehen hörten und Uschei mit dem Bier und zwei Gläsern -eintreten sahen, richtete Harteck sich in die Höhe und zwang sich zu einem -Lächeln. - -»Das war sehr schnell,« sagte er zu dem Mädchen. - -»I bin recht g'rennt[21], dös is schon wahr,« sagte diese und stellte -Krug und Gläser auf den Tisch. »Sie soll'n nix über mi' z'sagen haben am -letzten Tag.« - -»Ich hatte niemals etwas über Sie zu sagen,« versetzte Harteck und -ergriff ihre Hand. Joachim sah ihn und die junge Magd, die ein bißchen -geziert tat, mit zweifelhaften Blicken an. - -»Was i no' sagen hab' wollen,« sprach Uschei. »Ja, richtig. Wenn die -Herren eppes heut' hier, in dem Zimmer da, essen wollen, kann's leicht -g'schehen. Der Herr Pater is weit furt gangen zu oam Kranken und ißt a -drenten. Sie zwoa sein ganz alloani dahoam, ... Sie können also essen, -wo's wollen.« - -»Dann essen wir hier,« entschied Harteck und goß die Gläser voll. »Da, -nehmen Sie einen Schluck, Uschei.« Sie ergriff das dargebotene Glas und -schwenkte es lächelnd gegen Perkow hin. »Zum Wohl! Herr Kopp'ratter,« -sagte sie dabei. - -»Danke,« sprach Joachim ziemlich ungerührt und stieß flüchtig mit ihr -an. Des Mädchens blühende Gestalt brachte nicht den geringsten Eindruck -auf ihn hervor. Er sah nichts anderes in ihr als eine Magd, die sich -vertraulicher benahm, als eben nötig war, -- und das war alles. Harteck -entging nicht die leise Ungeduld in den Zügen des unerschütterlichen -Freundes und er sagte zu Uschei: »Sorgen Sie nur, daß wir was Gutes zu -essen bekommen.« - -»Die Herren werden scho' zufrieden sein,« antwortete Uschei, knickste und -ließ sie allein. - -»Ein hübsches Mädchen, nicht wahr?« sagte Harteck lächelnd zu Perkow. - -»O ja,« antwortete dieser gleichgültig ... »Ich verstehe nicht, wie man -sich für die Weiber so sehr interessieren kann. Sie gehen Dich nichts an. -Laß sie doch in Ruhe.« - -Harteck mußte lachen. »Ja, wenn ich so weise wäre wie Du ...« - -»Ich bin nicht weise. Aber ich habe, Gott sei Dank! nicht Dein -entzündbares Temperament. Überhaupt begreife ich nicht, wie man sich -verlieben kann. Ich habe doch auch schon eine Menge hübscher Frauen und -Mädchen gesehen, ... daß aber eine, außer flüchtigem Gefallen, andere -Gefühle in mir wachgerufen hätte, ist mir nicht bekannt. Es darf nun -einmal nicht sein, und wenn man sich beizeiten vorsieht und der Versuchung -aus dem Weg geht, kann man das Übel im Keim ersticken. Mir ist die bloße -Vorstellung, der Narr einer solchen Dirne zu sein, um ihre Gunst zu betteln -und vielleicht von ihr verspottet zu werden, fürchterlich. In welche -Abhängigkeit gerät man nicht, wenn man auf die Verschwiegenheit eines -Frauenzimmers angewiesen ist! Und was für eine dumme Figur ein Geistlicher -macht, von dem die Gemeinde weiß, daß er verliebt ist, ... und solche -Dinge kommen immer an den Tag: die Weiber sind eitel und können den Mund -nicht halten. Das hast Du ja an Dir selbst erfahren.« - -»Mein armes Mädchen ... Du sprichst ja wohl von Kathei? ... hat nicht -geschwatzt. Dazu hatte sie mich viel zu lieb. Die Leute haben es eben -gemerkt ... Das Mädel und ich waren zu sehr verbrannt ineinander, als daß -wir uns genügend hätten verstellen können.« - -»Ich glaube wahrhaftig, Du schämst Dich nicht einmal,« rief Joachim -unwillig. - -»Schämen? Nein, mein keuscher Freund; _dazu_ war die Sache zu traurig. -Aber das gestehe ich Dir gern: mein Leben würde ich gelassen haben, wenn -ich das arme Geschöpf nicht kennen gelernt hätte. Was sie gelitten hat, -wie sie beschimpft und verhöhnt worden ist, das weiß nur ich. Sie hat ihr -kurzes Liebesglück teuer bezahlen müssen ... Doch davon willst Du nichts -hören. Du siehst bloß den Fehltritt und den verurteilst Du. Was ihm -jedoch voranging, wie schwer sie rang, bevor sie Liebe für Liebe und mit -der Liebe die Ehre dahingab und was darauf folgte, ... darum bekümmerst Du -Dich nicht; das ist Nebensache, nicht der Rede wert.« - -»Wie magst Du nur in einem so bitteren Ton zu mir sprechen!« sagte -Perkow. »Hältst Du mich für einen Unmenschen? Glaube mir, ich wäre der -erste gewesen, der Euch hilfreiche Hand geboten hätte, wenn ich Euch, da -Ihr im Elend wart, von Nutzen hätte sein können.« - -»Wirklich?« rief Harteck und ergriff seine Hände. Er schien noch mehr -sagen zu wollen, besann sich jedoch und begnügte sich damit, daß er die -Hände des Freundes mit Wärme drückte. - -»Ich will nun wieder an die Arbeit gehen,« sagte dieser. »Sonst kommt -der Abend und ich bin mit dem Packen nicht fertig.« - -Die Folge bewies indessen, daß der junge Mann die übernommene Arbeit -überschätzt hatte. Als das Mittagbrot aufgetragen wurde, standen die paar -Kisten und Koffer gepackt und verschlossen da. - -»Was tun wir jetzt?« fragte Perkow, als wieder abgetragen worden war. -»Wollen wir vielleicht kegeln?« - -Harteck lehnte den Vorschlag ab. - -»Oder ausgehen?« - -»Es regnet ja ... Ich will lieber zu schlafen versuchen.« - -»Auch gut. Während Du schläfst, werde ich in die Kirche gehen und -nachsehen, ob es dort nicht einiges zu tun gibt. Und dann will ich zur -Schule ... Die Kinder erhalten doch täglich Religionsunterricht?« - -»Ja.« - -»Leb wohl unterdessen.« - -Nach zweistündiger Abwesenheit kehrte Perkow zu dem Freunde zurück und -fand diesen auf dem Bette liegend, mit geschlossenen Augen. - -»Dieser Faulpelz!« murmelte Joachim vor sich hin und wollte sich -zurückziehen. Da schlug Harteck die Augen auf. - -»Ich habe nicht schlafen können,« sagte er. »Bleib bei mir, Juchei.« - -Perkow setzte sich auf den Rand des Bettes. - -»Wie spät ist es?« - -»Drei Uhr.« - -»Erst drei Uhr! Dieser Tag nimmt kein Ende.« - -»Soll ich Dir etwas vorlesen?« fragte Juchei. - -»Meinetwegen. Was? gilt mir gleich. Wähle selber.« - -Perkow holte Bücher und Zeitungen herbei und las dem Freunde daraus vor. -Auf diese Weise verstrich eine Stunde. - -»Leg das Zeug beiseite,« sagte Harteck plötzlich, »und sieh nach dem -Wetter. Vielleicht hat es zu regnen aufgehört.« - -Juchei trat ans Fenster. - -»Es regnet nicht mehr,« sagte er. - -»Dann gehen wir ins Freie,« sprach Harteck und erhob sich. »In mir ist -eine unbeschreibliche Ruhelosigkeit, ... ich kann es in dieser engen Stube -nicht länger aushalten.« - -Juchei war es zufrieden und, von Cäsar begleitet, verließen die Freunde -das Haus. Trotz Nässe und Kälte schlenderten sie lange umher, und wenn -Juchei, um die zarte Gesundheit Georgs besorgt, den Vorschlag machte, -umzukehren, sagte Harteck jedesmal: »Noch nicht, ... es ist noch zu -früh.« - -Eine nervöse Unruhe hatte sich seiner bemächtigt. Er ging so rasch, als -ob er gehetzt würde; seine Wangen glühten und er atmete mit Anstrengung. - -»Ich gehe keinen Schritt weiter,« erklärte Joachim endlich. »Du siehst -ganz erschöpft aus. Willst Du Dich absichtlich zugrunde richten?« - -Harteck fügte sich und sie schlugen den Heimweg ein. Als sie zu Hause -anlangten, verkündete die Turmuhr die siebente Stunde. - -»Willst Du nicht etwas essen?« fragte Juchei, setzte sich und betrachtete -seine mit Schmutz bespritzten Stiefel. »Ich, meinerseits, bin hungrig wie -ein Jagdhund.« - -»Dann laß Dir etwas zu essen geben,« sagte Harteck. Er schritt im Zimmer -auf und ab, trat wiederholt zum Fenster hin, las zerknüllte Papiere -vom Boden auf und zerriß sie. In seinem jetzt wieder todblassen Gesicht -spiegelten sich Gefühle aller Art: Pein, Unruhe, Mißmut ... Endlich blieb -er vor dem Freunde stehen. - -»Joachim ...« - -»Nun?« - -»Ich muß fort.« - -»Wohin denn? Was hast Du vor?« - -»Ich kämpfe schon den ganzen Tag. Ich habe stark bleiben, mir auch -dieses Letzte versagen wollen, ... aber ich kann nicht ... So ganz ohne -Abschied, ... nein! Das geht über meine Kräfte.« - -Er griff nach seinem Hute. - -»Ich verstehe Dich nicht,« sagte Joachim sich erhebend. »Wovon oder von -wem sprichst Du?« - -»Ich kehre bald zurück,« sagte Harteck, ohne die Frage zu beachten; -vielleicht hatte er sie nicht einmal gehört. - -»Willst Du nicht den Hund mitnehmen?« fragte Perkow, der, obschon er -sich das Benehmen des anderen nicht erklären konnte, von der Ahnung eines -Unheiles erfaßt wurde. Es würde ihn beruhigt haben, wenn er wenigstens -ein Tier dem Freunde zur Seite gewußt hätte. Harteck aber sagte Nein zu -dem Vorschlag, und ehe Joachim Zeit gefunden, noch ein weiteres Wort zu -sprechen, hatte jener das Zimmer verlassen. - - - - -Fünfzehntes Kapitel - - -Er ging zu Paula. Sie war allein. Beschäftigungslos saß sie am Fenster -und rührte sich nicht, als sie ihn eintreten sah. Sie hatte seinen Schritt -erkannt. Im Anfang sprachen beide nichts. Georg setzte sich aufs Sofa und -zerrte an den Quasten, die von der Lehne herabhingen. - -»Wo ist Ihr Vater?« fragte er endlich. - -»Noch nicht daheim. Toni ist zu den Nachbarleuten gegangen. Soll ich sie -holen lassen?« - -»Wozu? ... Sie brauchen sich vor einem Alleinsein mit mir nicht zu -fürchten.« - -»Ich fürchte mich nicht,« sagte Paula; doch als sie seinem Blick -begegnete, schrak sie zusammen. Solch ein Blick voll Leidenschaft und -Seelenpein war ihr fremd. Mit gewaltsamer Fassung fragte sie: »Warum sind -Sie gestern nicht gekommen?« - -»Weshalb hätte ich kommen sollen? Um noch mehr verachtet zu werden? Denn -Ihr Vater verachtet mich und mit Recht. Ich bin ein Feigling.« - -»Vater hat mir von seiner Unterredung mit Ihnen erzählt,« sagte Paula -und ihre Stimme bebte. »Aber daß von anderem als von Ihrer Gesundheit die -Rede war, hat er mir nicht gesagt.« - -»Nicht? Wahrscheinlich wollte er Ihnen nicht weh tun ... Aber ich -werde ihm beweisen, daß auch ich stark sein kann ... Ich habe ihm schon -versprochen, daß ich Ihnen niemals schreiben werde, daß Sie nie wieder -von mir hören sollen, und ich werde mein Wort halten.« - -»Hat er es von Ihnen verlangt?« fuhr Paula auf. »Das kann er nicht -verlangt haben. Diesen armseligen letzten Trost kann er mir nicht rauben -wollen ... Ist er doch ohnehin gering genug!« - -»Eben deshalb,« murmelte der Priester vor sich hin. »Das Wenige sättigt -nicht, ... es zeigt vielmehr bloß an, wie groß der Hunger ist.« - -Paula stützte die Arme auf das Fensterbrett und legte das Kinn in die -gefalteten Hände. Ihre Augen schweiften über den grauen, endlosen Himmel. - -»Bleibt es dabei, daß Sie übermorgen reisen?« fragte sie. - -»Ja.« -- »Sie wird mir den Betrug verzeihen,« dachte er. »Ich tue es -zu ihrem Besten, ... sie wird mich verstehen.« - -»Und Sie werden mir nicht schreiben, -- kein einziges Mal?« fuhr Paula -fort. - -»Nein. Ich darf und will nicht. Zu tief habe ich mich an Ihnen -versündigt ... Lassen Sie uns der Tragödie ein für allemal ein Ende -machen.« - -Paula beugte den Kopf. Lange konnte sie kein Wort hervorbringen. - -»Sagen Sie mir,« hob sie endlich wieder mit dumpfer Stimme an, »warum -sind Sie Priester geworden?« - -Er antwortete nicht sogleich. - -»Fragen Sie meine Mutter,« sprach er dann. »Die wird es Ihnen sagen.« - -Er stand auf und trat zu ihr hin. - -»Meine Mutter hat es gewollt,« sprach er weiter. »Ich hätte freilich -nicht gehorchen müssen. Aber das hätte die alte Frau getötet. Sie ist -nicht schlecht, sie meinte es gut mit mir und darum klage ich sie nicht an. -Ich könnte heute noch den Priesterrock von mir werfen und ein neues Leben -anfangen, ... und ich habe, seit ich Sie kenne, Paula, manchmal daran -gedacht. Doch was mich davor zurückhält, ist meine alte Mutter, deren -Elend der Preis dieses Schrittes sein würde. Was sage ich Elend! Sie -würde in Seelenqual und Verzweiflung dem Tode entgegensehen, würde -glauben, daß ihr Sohn sich das Himmelreich verwirkt habe, ... ich würde -der Mörder ihres Friedens sein ... und das ... das kann ich nicht auf -mein Gewissen laden. Sie ist am Ende doch meine Mutter, ist alt, hat viel -gelitten, und ihr einziges Glück, ihr Trost und ihre Hoffnung ist der -geistliche Sohn, der, wie sie in ihrem Irrwahn glaubt, berufen sei, Gott -dem Herrn allein zu dienen und dadurch sich selbst und den Seinigen die -ewige Seligkeit zu sichern. Ein beklagenswerter Wahn, dem mein Leben zum -Opfer fiel, das sich viel schöner und segensreicher gestalten hätte -können, wenn meine Mutter mich meinen eigenen Weg hätte gehen lassen. -Aber ich will mich darein ergeben. Wenn das Opfer nun einmal gebracht -werden _muß_, soll es wenigstens mit christlicher Demut geschehen. -Gott wird mir mein Kreuz tragen helfen, ohne daß ich unter seiner Last -zusammenbreche.« - -Er schwieg und beugte sich über Paula, die in sich versunken dasaß. Sie -erfaßte seine Hände und lehnte das Gesicht an seine Brust. - -»Ach! Dieses kalte schwarze Kleid!« sprach sie zurückschaudernd. »Wie -schwer haben die Menschen sich an Ihnen vergangen!« - -»Nicht doch, Paula. Klagen Sie niemanden an. Soviel bin ich doch Christ -und Priester, daß ich aus ganzem Herzen verzeihen kann.« - -»Aber ich nicht! Gott helfe mir! Ich kann nicht...« - -Sie verkreuzte die Arme, sah zu ihm empor, dann zu Boden und grub die -Zähne in die Unterlippe ein. In ihren Zügen arbeitete ein heftiger, -innerer Kampf. - -»Meine tote Mutter wird es mir vergeben,« sprach sie endlich. - -»Was wollen Sie damit sagen, Paula? Worüber sinnen Sie nach?« - -»Hören Sie mich an,« fuhr sie mit unbeugsamer Entschlossenheit fort. -»Ich habe oft darüber nachgedacht; denken auch Sie darüber nach. Wir -werden voneinander scheiden. Versuchen Sie es, sich darein zu schicken. -Doch wenn es Ihnen unmöglich, wenn Sie fühlen, daß Sie meiner bedürfen -zum Leben, -- dann rufen Sie mich. Ich werde warten, -- wochen-, monate-, -jahrelang, wenn es sein muß. Ich gehöre Ihnen, wenn Sie es wollen, und -ich bleibe hier, wenn Sie anders entscheiden.« - -»Sie wissen nicht, was Sie reden, Paula,« sagte er und faßte sich an der -Stirn. »Es ist nicht großmütig, einen Menschen in solche Versuchung zu -führen. Welch ein Elender müßte ich sein, wenn ich nur einen Augenblick -schwanken könnte. Bedenken Sie ... Ihr Vater, Ihre kleine Schwester, die -Ihrer so notwendig bedarf, ... Ihr eigenes Leben, Ihre ganze Zukunft ...« - -»Ich habe alles bedacht. An meinem Leben und meiner Zukunft ist wenig -gelegen. Und Vater und Toni würden mich vergessen, wie man eine Unwürdige -vergißt.« - -»Sie sprechen damit Ihr Urteil aus. _Sie_, die Sie so ehrlich, -pflichtgetreu und opferwillig sind, wollten etwas begehen, was, wie Sie -selbst gestehen, unwürdig ist? Sie würden elend werden und auch mich -elend machen, wenn ich ruchlos genug wäre, Sie Ihrem Hause zu entreißen. -Wissen Sie, was Reue heißt? Sie würden es erfahren. Liebesbande, wie es -diejenigen sind, die Sie mit Ihrem Vater und Ihrer Schwester verbinden, -lassen sich nicht zerreißen. Sie würden sie immer fühlen, diese Bande, -würden sich zurücksehnen nach Ihrem reinen Familienleben, würden sich -und mich verfluchen. Nein, Paula. _Dazu_ soll es niemals kommen. Glücklich -zu werden ist uns verneint; fügen wir zum Schmerz nicht noch die Sünde -hinzu. Wir beide sind nicht schlecht geboren, ... wir könnten uns -vielleicht zum Schlechtsein zwingen, vielleicht eine Zeitlang wähnen -glücklich zu sein ... wenigstens _ich_, der ich Sie so sehr liebe ..., -dann aber würden wir erwachen und uns gänzlich verarmt finden. Sie, -Paula, die Geliebte eines katholischen Priesters, ... verachtet, verhöhnt, -ausgestoßen von allen, ... und ich an Ihrer Seite, unfähig, Sie zu -schützen, ohnmächtig gegenüber allem Spott und Hohn ... Nein! Tausendmal -nein. Für solch ein Glück danke ich.« - -»Es ist gut,« sagte Paula. »Ich will Sie nicht weiter drängen. Wie -ich denke, wissen Sie. Vergessen Sie es nicht. Und wenn eine Zeit kommen -sollte, wo Sie denken wie ich, dann erinnern Sie sich, daß ich warte.« - -Sie stand auf. - -»Was haben Sie vor?« fragte er erschrocken und hielt sie am Kleide fest. -»Wollen Sie mich schon verlassen?« - -»Ich muß. Für heute ist es genug. Vater kann jeden Augenblick kommen und -ich will, daß er mich ruhig finde, ... und so lang Sie bei mir sind ...« -Sie lächelte mühsam und streckte ihm die Hand hin. »Morgen wollen wir -von dem allen nicht weiter sprechen und gelassen Abschied voneinander -nehmen, ... ja?« - -Er neigte sich über ihre Hand und drückte die Lippen darauf. Jetzt wurde -es Ernst. Gott im Himmel! So schwer hatte er sich diesen Augenblick nicht -gedacht. - -»Auf morgen denn,« sagte Paula. - -»Auf morgen,« sprach er nach. Er war blaß wie eine Leiche. Fort, fort -von hier; keine nutzlose Verlängerung des Todeskampfes. - -Eine halbe Minute später stand er auf der Straße. Der Wind peitschte -seine Kleider und fuhr ihm mit mürrischem Gruß ins Gesicht. Es war -vorüber. -- - -Geduldig lehnte Perkow am Fenster und wartete auf den Freund. Er sah ihn -kommen und eilte ihm entgegen. - -»Schon zurück?« redete er ihn an, verstummte jedoch allsogleich. Das -Aussehen des anderen war so sonderbar ... - -»Ist Dir etwas geschehen?« fragte Joachim erschreckt. - -Harteck wollte antworten, vermocht' es aber nicht. - -Stumm schritt er durch das Zimmer nach seiner Schlafstube und warf sich -dort auf das Bett. Der junge Priester war ihm gefolgt. - -»Um Gottes willen, was hast Du nur?« fragte Joachim und beugte sich über -ihn. - -Harteck stieß ihn von sich. - -»Laß mich!« rief er mit heiserer Stimme. »Ich will schlafen.« - -Ohne ein Wort zu erwidern, zog Perkow sich zurück in das Wohnzimmer, -setzte sich und starrte mit trüber Verwunderung im Gesicht auf den Boden. -Unsäglich langsam verstrich die Zeit. Der Geistliche stützte den Kopf mit -beiden Händen und dachte über den Freund nach. Es war so still, so -dunkel in der Stube, tief und ruhig atmend lag Cäsar unter dem Tische -ausgestreckt, ... der junge Mann versank in eine Art Halbschlummer. Das -Geräusch eines näher rollenden Wagens brachte ihn indessen bald wieder -zu sich; er hörte den Wagen am Tor halten, vernahm Stimmen; der Dekan und -dessen Nichte waren von ihrem Ausfluge heimgekehrt. - -Harteck fuhr aus seinem dumpfen Schlaf empor. - -»Ist es schon Morgen? Muß ich fort?« fragte er verwirrt. »Ich höre -einen Wagen.« - -Joachim trat zu ihm hin. - -»Es ist zehn Uhr,« sagte er. »Der Dekan und das Fräulein sind -zurückgekommen. Schlafe nur weiter; der Wagen geht Dich nichts an.« - -Harteck seufzte und stöhnte wie ein Mensch, der physische und geistige -Qual erduldet, und fiel neuerdings auf die Kissen zurück. - -»In den Kleidern schläft es sich schlecht,« sagte Joachim. »Willst Du -sie nicht ablegen? Komm, ich will Dir dabei behilflich sein.« - -Georg nickte stumm und ließ sich wie ein Kind von dem Freunde auskleiden. - -»Vergiß nicht, mich morgen rechtzeitig zu wecken,« sagte er dann und -schloß die Augen. - -»Sei ohne Sorge.« - -Joachim rückte einen Stuhl an das Bett, setzte sich und wachte am -Lager des Freundes. Dieser schlief bald wieder ein, doch sein Schlaf war -unruhiger Art. Um Mitternacht erwachte er. - -»Juchei!« - -»Was willst Du?« - -»Du bist so gut, ... Ich muß Dir noch etwas sagen, Dich um etwas -bitten, ... Du wirst es mir nicht abschlagen.« - -»Wenn es in meiner Macht steht, Deinen Wunsch zu erfüllen ...« - -»Hier lebt ein Mädchen. Du kennst sie, ... sie heißt Paula Reinberg. -Versprich mir, freundlich gegen sie zu sein, wenn sie Dich nach mir fragen -sollte, ... ja, noch mehr, ... suche sie manchmal auf und erzähle ihr -unaufgefordert von mir ... Willst Du mir das geloben?« - -»Ja,« antwortete Juchei gepreßten Tones. Jetzt war ihm alles klar. - -»Dank, tausend Dank,« sagte Harteck und drückte die Hände des Freundes. -»Nun bin ich ruhig.« - -Er sank in Schlaf und Juchei wachte getreulich an seiner Seite. Erst als -der Morgen zu dämmern begann und der junge Priester bemerkte, daß Georg -fest schlief, beugte sich Joachim, vom Wachen müde, auf das Bett herab und -legte den Kopf auf den Rand des Kissens. Sein Blondhaar streifte das dunkle -Gelock des Freundes, ihre Atemzüge flossen ineinander und beide schliefen -bis zum Morgen. - -Joachim war es, der zuerst erwachte. Rasch machte er Toilette, suchte -Uschei auf und bat sie, in einer halben Stunde das Frühstück zu bringen -und anspannen zu lassen. Dann erst weckte er den Freund. Georg sah sehr -schlecht aus, war jedoch leidlich heiter oder stellte sich wenigstens so, -und die zwei Freunde verfügten sich in die Kirche, um dort eine heilige -Messe zu lesen. Dann kehrten sie in den Pfarrhof zurück und setzten sich -zum Frühstück nieder. Während sie damit beschäftigt waren und mehrere -Knechte das Gepäck hinaustrugen, um es hinten an dem Wagen festzubinden, -trat der Dekan in das Zimmer. - -»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte er, mit der Hand winkend, da die -jungen Männer sich erhoben. Harteck bot ihm einen Stuhl an. Der Dekan -setzte sich. Man mag einem Menschen noch so unhold gesinnt sein: im -Moment des Scheidens sieht man ihn immer mit milderen Augen an. Der Dekan -betrachtete das blasse, hagere Gesicht des jungen Priesters, das im fahlen -Frühlicht beinahe grau erschien, und etwas wie Mitleid regte sich in -seiner Brust. Hatte er ihn vielleicht nicht doch allzu hart beurteilt und -verurteilt? Nun aber waren die Würfel gefallen. Die leisen Selbstvorwürfe -kamen zu spät. - -»Wie reisen Sie?« fragte der Dekan sich räuspernd. »Wenn ich nicht -irre, muß man einen Berg übersetzen, um nach Keßten zu gelangen.« - -»Das wäre freilich der kürzeste Weg,« sagte Harteck. »Aber ich habe -meiner Bagage wegen beschlossen, um den Berg herumzufahren. Ich muß die -Fahrt im Schritt zurücklegen und werde Keßten vor dem Abend schwerlich -erreichen.« - -»So, so,« sprach der Dekan. Er hätte ihm gern etwas Freundliches gesagt, -aber es fiel ihm nichts ein. »Wenn es Ihnen angenehm ist,« fuhr er nach -längerer Überlegung fort, »kann Herr Perkow Sie begleiten und morgen -mit dem Wagen hierher zurückkehren. Ich gebe ihm gern einen zweitägigen -Urlaub.« - -Überraschung und Freude malten sich im Gesicht des Priesters; er stand auf -und ergriff die Hand des Prinzipals. - -»Ich danke Ihnen, Herr Dekan,« sprach er mit Wärme. - -»Aber bis morgen abend müssen Sie zurück sein,« sagte der Dekan -zu Perkow gewendet. »Übermorgen ist Bittgang und den müssen Sie -anführen.« - -»Sie dürfen sich auf mich verlassen, gnädiger Herr,« sprach Joachim, -der sich gleichfalls erhoben hatte. - -Der Dekan nickte und legte die Hand auf Hartecks Schulter. - -»Gehaben Sie sich wohl,« sagte er und seine Stimme klang nicht ganz rein, -»und lassen Sie sich Ihre Pflichten recht angelegen sein. Der Herr gebe -Ihnen seinen Segen dazu.« - -»Ich stelle mich unter seinen Schutz,« antwortete Harteck. »Leben Sie -wohl, Herr Dekan.« - -Dieser entfernte sich rasch. - -Uschei trat ein mit der Meldung, daß der Wagen bereit stehe. - -Harteck gab auch ihr die Hand und sprach mit ihr, während Joachim, einen -Plaid und Georgs Handtasche über dem Arm, zum Wagen hinabeilte. Georg -folgte ihm bald. - -»Wo ist der Pater?« fragte er, im Begriff einzusteigen. - -Der Pater war nicht zu Hause. Hatte eine Pflicht ihn abgerufen oder wollte -er dem Abschied aus dem Wege gehen? Harteck zerbrach sich nicht lang den -Kopf darüber, trug Uschei auf, den Pater von ihm zu grüßen, schüttelte -die Hände des um ihn versammelten Gesindes und stieg in den Wagen. Cäsar -hatte keine Lust, ein gleiches zu tun und sprang, trotz Jucheis Pfeifen und -Locken, laut bellend vor den Pferden her. - -»Mag er laufen!« sagte Harteck. »Wenn er müde ist, bequemt er sich -wohl, hereinzukommen. -- Das gnädige Fräulein schläft wahrscheinlich -noch?« wendete er sich an Uschei. - -»Ja,« sagte diese. - -»Vermelden Sie auch ihr meine Grüße und Empfehlungen. -- Vorwärts, -Kutscher!« - -Die Pferde zogen an, die Knechte schwenkten die Mützen, die Dirnen winkten -mit den Händen und die gefühlvolle Uschei führte ihre Schürze an die -Augen. Juchei breitete den Plaid über die Kniee des Freundes, und, hart -aneinander gerückt, fuhren sie in den kühlen Morgen hinaus. Georgs Lippen -zitterten und an seinen Wimpern hingen schwere Tränen. - -»Nicht weinen, Alter,« sagte Juchei bittend und schmiegte sich an ihn. -»Sieh, wie schön die Sonne hervorbricht!« - -Georg schaute nach Osten. - -»Ade,« sprach er leise. Wem galt dieser letzte Gruß? Joachim ahnte, wem -er gelten mochte, aber er sagte nichts und überließ den Freund seinen -Gedanken. - - * * * * * - -Fräulein Aurelie war an diesem Morgen bitter verstimmt. Daß Harteck fort -war, ärgerte sie nicht, wohl aber, daß sie sein Fortgehen hatte wünschen -müssen. Ein so unhöflicher, geschmackloser Mensch! Aber der neue -»Pfaff« war auch nicht besser. Harteck war doch wenigstens gutmütig -gewesen, -- aber dieser junge Lecker verstand so spöttisch zu blicken und -so herrisch zu sprechen, daß man billig staunen mußte. Dazu eine wahrhaft -empörende Gleichgültigkeit gegen -- sie ... _Das_ war es. Um sich zu -zerstreuen, unternahm das Fräulein nach dem Frühstück einen Spaziergang. -Auf dem Wege begegnete ihr Paula, die gerade vom Markte kam. - -Aurelie blieb stehen, grüßte überaus höflich und erkundigte sich nach -Paulas Befinden. »Sie müssen krank sein, meine Liebe,« sagte sie mit -süßlichem Lächeln. »Sie sehen erschreckend schlecht aus, nicht anders, -als ob Sie die ganze Nacht gewacht und geweint hätten. Wahrhaftig! _so_ -sehen Sie aus. Der Herr Kooperator -- oder, wie er jetzt heißt, der Herr -Vikar -- sah vorgestern ebenso aus, -- genau so schlecht wie Sie.« - -Paula fühlte den Stich, gab jedoch keine Antwort. - -»Sie wissen ja, daß er uns heute verlassen hat?« sprach Aurelie, noch -immer lächelnd, weiter und verwandte keinen Blick von dem Mädchen. - -»Heute?« wiederholte Paula mit tonloser Stimme. »Ich dachte, ... erst -morgen ...« - -»Nein, heute schon. Wußten Sie's nicht? Das nimmt mich Wunder.« - -Hämisch fixierte sie das junge Mädchen, dessen farbloses, bestürztes -Gesicht jedem anderen als ihr einiges Mitleid hätte einflößen müssen. - -»Er fuhr sehr früh fort,« sagte Aurelie. »Ich habe seinetwegen -meinen Schlaf natürlich nicht abbrechen wollen und seine Wegfahrt auch -verschlafen. Er ist mir immer höchst gleichgültig gewesen.« - -Sie sprach diese Worte affektiert genug, -- aber Paula war zu zerstreut, -um darauf zu achten. Sie dachte bloß an ihn, der ohne Abschied von ihr -gegangen war, ... wahrscheinlich, um sie zu schonen. Darum also war er -gestern so blaß gewesen, hatte er sie so lang angesehen, so lang, als -ob er ihr Bild seiner Seele einprägen gewollt ... Er hatte ihr im Geiste -Lebewohl gesagt und sie hatte nichts geahnt. - -Und aus diesem höhnischen Munde hören müssen, daß er fort! Das war -unerträglich. Sie nickte dem lächelnden Fräulein einen Gruß zu und -ließ sie stehen. Schadenfroh blickte Aurelie ihr nach. Sie wußte und -verstand nicht, was in diesem armen jungen Herzen vorging: sonst hätte -sie erröten müssen darüber, daß sie bei so tiefem, wortlosem Weh nichts -anderes empfand als hämische Schadenfreude. - - * * * * * - -In Keßten war man von dem Eintreffen des neuen Seelsorgers bereits -unterrichtet. Um die siebente Abendstunde langten ein paar kleine Buben -atemlos im Dorfe an, mit der Meldung, daß der Herr Vikar angefahren komme. - -Wirklich tauchte auf der Heerstraße ein Wagen auf, der sich im Schritt -dem Dorfe näherte. Alles, was Beine hatte, voran die Alten, hinterher die -Jungen, eilte dem neuen Seelsorger entgegen. - -»Das ist Keßten,« rief Juchei, sich von seinem Sitz erhebend; doch als -er die Leute kommen sah, setzte er sich wieder und drückte sich in die -Ecke. Die Leute sollten wissen, daß nicht _er_, sondern der Priester an -seiner Seite der Erwartete wäre. - -»Es ist für unsereinen doch viel besser, auf dem Lande als in einer Stadt -zu leben,« sagt er zu Harteck. »Hier gelten wir doch etwas ... Nimm den -Hut ab, Georg, ... Deine Gemeinde ist schon ganz nahe.« - -Harteck richtete sich in die Höhe und tat, was der Freund von ihm begehrte -hatte. Mit inniger Rührung sah er auf seine neue Gemeinde und sein Herz -fing beim Anblick des kleinen, armen Dorfes laut zu schlagen an. Seine -neue Heimat, -- ach! die wievielte schon!? Aber er schüttelte die -schwermütigen Gedanken rasch wieder ab; diese Menschen kamen ihm mit Liebe -entgegen, -- er wollte die sich ihm entgegenstreckenden Hände mit gleicher -Liebe erfassen. - -Und näher rückte der kleine Zug, immer näher. »Grüß Gott!« ertönte -es aus alten und jungen Kehlen. Einige Mütterchen fingen zu weinen an, --- froh vielleicht, einen Anlaß zu haben, ihren Tränen freien Lauf zu -lassen. Weiber hoben ihre Kinder in die Höhe: »Siescht[22], Seppei[23], -dös ischt der neue Herr Vikar!« Die Burschen und Dirnen grüßten mit -lachenden Augen. Der junge Vikar winkte nach allen Seiten und reichte -denjenigen, die sich besonders nah an den Wagen herandrängten, die Hand. -Im Dorfe läuteten die Glocken, barhaupt gingen Männer und Burschen neben -dem Wagen einher, die Weiberleute folgten hinten nach. Am Pfarrhof hielt -der Wagen. Harteck öffnete den Schlag und sprang heraus, dankte den -Dorfältesten, die um ihn herumstanden, für den liebevollen Empfang, -drückte noch viele von schwerer Arbeit rauhe, mit Schwielen bedeckte -Hände, schwenkte den Hut gegen das versammelte Landvolk hin und ging in -das Haus hinein. - -Die Leute zerstreuten sich bald. »Ein feiner Herr und so freundlich,« -sagten einige. »Aber gar so viel blaß,« meinten andere. »Der Blonde -sieht viel lustiger aus.« - -Im großen und ganzen waren sie jedoch seines Lobes voll; er hatte -jedermann gefallen. - -Im Hausflur trat Harteck die Wirtschafterin des verstorbenen Vikars -entgegen. Sie brach in Tränen aus, und als er sie um die Ursache ihres -Kummers befragte, sagte sie schluchzend: »Sie erinnern mich halt gar so -viel an meinen seligen Herrn ... Gerade so ein leutseliges G'schau[24] wie -Sie hat er gehabt.« - -Er bat sie, sich zu beruhigen: er werde sich alle Mühe geben, ihr den -Verstorbenen zu ersetzen, und sie faßte sich auch und geleitete ihn in -das Wohnzimmer, wo der gedeckte Tisch ihn belehrte, daß er erwartet worden -war. - -»Aber auf zwei Gäste haben Sie nicht gerechnet?« fragte Harteck -lächelnd. »Ist genug Essen vorhanden für mich und meinen Freund und -können Sie ihm ein Lager bereiten?« - -Sie antwortete, daß sich das schon werde machen lassen, nur müßten die -Herren eben mit geringem vorlieb nehmen. Ihre Miene blieb eine bekümmerte, -in ihren Augen glänzten Tränen und alles, was sie sagte, brachte sie in -traurigem Tone vor. - -»Der tote Herr will mir halt nicht aus dem Sinn,« sagte sie, sich -gleichsam entschuldigend. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme; hatte doch -Paula von ihr und für sie gesprochen. Er nahm sich vor, gut und geduldig -gegen die arme Frau zu sein. - -Während diese sich anschickte, das Essen aufzutragen, besichtigten die -Geistlichen den Pfarrhof. Das Haus war allerdings armselig, die Zimmerchen -niedrig und in schlechtem Stande. Aber Georg ließ sich dadurch nicht -verstimmen, sondern sprach die Hoffnung aus, daß es ihm wohl gelingen -würde, sein kleines Besitztum wohnlich zu gestalten, und Joachim -bestärkte ihn in seiner Zuversicht. Heiterer als sie gedacht hatten, -setzten sie sich an den gedeckten Tisch und verzehrten das einfache Mahl. - -Am folgenden Tag war ihre erste Sorge, in die Kirche zu gehen und die Messe -zu zelebrieren. Die ganze Gemeinde hatte sich eingefunden und wohnte mit -großer Andacht der heiligen Messe bei, und als der Gottesdienst vorüber -war, kamen viele Leute in die Sakristei und begehrten mit dem neuen Vikar -zu sprechen; ein jeder hatte ein anderes Anliegen und alle wollten gehört -sein. Harteck ersuchte die Leute, nach Ablauf einer Stunde in den Pfarrhof -zu kommen, dort werde er alle Wünsche entgegennehmen, und kehrte mit -Juchei in den Pfarrhof zurück. Da nahmen sie das Frühstück ein und -plauderten eine Weile; dann stand Juchei auf und sagte, daß es Zeit für -ihn wäre, die Heimfahrt anzutreten. Harteck schloß ihn in die Arme und -Juchei hing lang an seinem Halse. - -»Laß es Dir gut gehen,« sagte Juchei endlich mit schwankender Stimme, -»und schreib mir oft ...« - -Er riß sich aus seinen Armen und ging rasch davon. Harteck stellte sich -ans Fenster. Er sah Juchei aus dem Hause treten und in den Wagen steigen. - -»Besuche mich bald!« rief er hinunter. - -»Sobald ich kann,« antwortete Juchei und erhob grüßend die Hand. Ein -stechender Schmerz durchzuckte Hartecks Brust, als jetzt der Wagen sich in -Bewegung setzte. War ihm doch, als ob die Pferde sein Einziges, das Letzte, -was das Schicksal ihm gelassen hatte, entführten. Jetzt erst fühlte er, -wie teuer und notwendig der Freund ihm war und wie einsam, wie freudlos -das neue Leben. Er trat vom Fenster zurück. Er konnte den Freund nicht -fortfahren sehen. Und drunten auf der Straße fuhr Joachim, drückte sich -in eine Ecke und zog den Hut bis auf die Augen herab, -- damit niemand die -Tränen sehe, die der Abschied vom Freunde ihm erpreßte. - - - - -Sechzehntes Kapitel - - -Die Abwesenden sind bald vergessen. Nach kurzer Zeit schon sprachen die -Bewohner St. Jakobs nicht mehr von ihrem alten Kooperator und gewöhnten -sich an den neuen, und der Dekan, dessen flüchtiges Reuegefühl längst -wieder verflogen war, fand sein Vorgehen wider Harteck nunmehr ganz in -der Ordnung und zerbrach sich nicht weiter den Kopf über ihn und sein -Schicksal. Im Hause des Arztes wurde der Name Hartecks niemals genannt -und, äußerlich wenigstens, schien es, als ob in diesen Räumen mit dem -Scheiden des Priesters der alte Friede wieder eingekehrt wäre. Den Vater -freilich täuschte die scheinbare Ruhe seines Kindes nicht. Er kannte Paula -zu gut, um nicht zu wissen, daß sie nicht zu denjenigen gehörte, die -vergessen, weil sie stumm bleiben. Aber wozu an die Wunde rühren? Mochte -sie im stillen ausbluten; die alles mildernde Zeit wird auch diese Wunde -schließen. - -Paula lebte still dahin, beschäftigte sich viel mit dem Hauswesen, der -Schwester, dem Vater, und war sanft und geduldig gegen jedermann. Wenn -manchmal Leute, teils aus Mitgefühl, teils aus Neugier und nicht selten -aus Bosheit, von dem Geistlichen zu sprechen anhoben und dabei dem Mädchen -mit dummdreistem Blick ins Gesicht starrten, antwortete Paula ruhig und -gelassen, und nichts in ihren Zügen tat kund, daß sie sehr gut wußte, -weshalb die Menschen gerade so oft mit _ihr_ von dem Geschiedenen redeten. -Die Kirche besuchte sie nur zu Stunden, wo sie das Gotteshaus fast leer -wußte; dann kniete sie an einem der Seitenaltäre nieder, legte Stirn und -Hände auf die Umfriedung und dachte nach ... Beten konnte sie selten; -doch wenn es geschah, war es ein Gebet für _ihn_, ... daß Gott ihn sie -vergessen lassen möchte ... Für sich erbat sie nicht das gleiche. Sie -wußte, daß _diese_ Bitte nicht erfüllt werden konnte. - -Im Anfang ertrug sie seinen Verlust mit großer Fassung. Ihr war zumute, -als ob er gar nicht gegangen wäre, als ob er wieder kommen müßte. Als -aber Tag um Tag, Woche um Woche verstrich und keine Kunde von ihm zu ihr -gelangte; als sie immer umsonst auf ihn wartete oder auf ein Zeichen von -ihm, -- da begann sie eine ungeheure Leere in der Brust zu fühlen; da -wurde ihr allmählich klar, daß sie ihn ganz und auf immer verloren, daß -ihr Warten ein vergebliches, ... und es kam ihr vor, als ob alles um -sie herum und in ihr abgestorben wäre. Was tut er? Wie lebt er? Sie -zermarterte sich das Gehirn über diese Fragen. Oft sprang sie mitten in -einer Arbeit vom Stuhle auf und stand, die Hand an die Lippen gepreßt, -ängstlich horchend da ... »Er sehnt sich nach mir, ruft mich, kann mich -nicht vergessen,« dachte sie dann. »Ich fühle es, und das ist es, was -mich so emporreißt und hinzieht zu ihm ...« - -»Warum bist Du so traurig, Paula?« fragte die kleine Toni zu wiederholten -Malen. Was sollte sie dem Schwesterchen antworten? »Wenn Du einmal groß -sein wirst, will ich's Dir sagen,« versetzte sie einmal. »Heute würdest -Du es noch nicht verstehen.« - -Mit Perkow traf sie selten zusammen. Sie vermied es, ihm zu begegnen und er --- suchte sie nicht auf. Sie hörte viel Gutes über ihn, -- wie eifrig er -wäre, wie sittenstreng und brav und welch' große Stücke der Dekan auf -ihn halte, ... aber alles dieses Lob stimmte sie nicht freundlicher wider -ihn. Im Gegenteil! Lag darin nicht eine indirekte Herabsetzung des anderen? -_Den_ hatte niemand gelobt, obschon alle ihm gut gewesen waren. Aber sie -sprachen nach, was sie vom Dekan gehört hatten: daß Harteck kein echter -Priester gewesen wäre, daß er zu viel weltlichen Gedanken nachgehangen -hätte ... Der neue Kooperator hingegen, -- ja der, das wäre ein Mann! -Vielleicht ein wenig streng, aber das müsse ein Priester sein, vor einem -solchen habe man doch Respekt, während der andere, ... dem seien eben -immer die Weiber im Sinn gelegen, der hätte nicht Geistlich werden sollen. -Paula nährte einen geheimen Groll gegen den jungen blonden Priester, und -daß er Hartecks Freund war, erbitterte sie noch mehr wider ihn. _Der_ -durfte ihm Liebesdienste erweisen, mit ihm verkehren, brauchte seine -Freundschaft nicht scheu zu verbergen, während _sie_ alle ihre Liebe -in ihr Herz verschließen und schweigend zusehen mußte, wie diese -Liebesfülle nutzlos und einsam verdorrte. - -Eines Tages ging sie im Garten spazieren und sah den jungen Kooperator vor -demselben auf und ab wandeln. Von Zeit zu Zeit stand er still, schaute -um sich, schien auf jemanden zu warten ... Sie näherte sich ihm. Perkow -erblickte sie, fuhr grüßend an den Hut und trat an das Geländer heran. - -»Wünschen Sie etwas von mir?« redete Paula ihn an. - -»Nichts Besonderes,« gab er zur Antwort. »Ich wollte Sie nur fragen, ob -Sie das Singen in der Kirche gänzlich aufgegeben haben. Der Herr Dekan hat -neulich davon gesprochen ...« - -Um ihr _das_ zu sagen, war er sicherlich nicht gekommen. Aber Paula hatte -keine Lust, ihm zu helfen. - -»Ich bin heiser und kann nicht singen:« das war alles, was sie erwiderte. - -»Mein Freund Harteck --,« er, nicht sie, errötete, als er diesen Namen -aussprach, -- »schwärmt heute noch von Ihrem Gesang. Die Leute in Keßten -haben erbärmliche, schlecht geschulte Stimmen.« - -Paula war bei diesen Worten, als ob die Schranke zwischen ihr und ihm -plötzlich fiele; er war gekommen, um ihr von Georg zu erzählen ... -Konnte sie da noch zögern? Ihr ganzes Herz verlangte ja danach, von ihm zu -hören. - -»Wie geht es Ihrem Freunde?« fragte sie mit bebender Stimme. - -»Danke, recht gut,« antwortete er, durch die entgegenkommende Frage -sichtlich erleichtert. »Ich habe vor kurzem einen Brief von ihm erhalten. -Vielleicht wollen Sie diesen lesen ...?« - -»Ja,« sagte Paula. Sie wußte nun, daß Perkow von ihrem traurigen -Geheimnisse unterrichtet war, und gab auch ihrerseits jede Verstellung auf. -Er überreichte ihr das Schreiben und blickte, während sie las, von ihr -weg, die Straße hinab. - -»Du teilst mir mit, daß Deine Berufspflichten es Dir einstweilen -unmöglich machen, mich zu besuchen,« hieß es in dem Briefe, »und so -muß ich denn =nolens volens= zur armseligen Kritzelei meine Zuflucht -nehmen, um mich mit Dir zu unterhalten. Ein recht erbärmliches -Auskunftsmittel, lieber Juchei, das mich nur wenig befriedigt. Daß ich -es Dir nur bekenne: täglich stehe ich mit der Hoffnung auf, daß Du -vielleicht heute kommen wirst, und blicke hundertmal im Tag die Straße -hinauf und hinunter, ... aber immer vergeblich. Was ich tue und treibe? -Ach Lieber! Was soll, was kann ich tun? Du weißt doch, welches unser -Leben ist. In Keßten, so klein das Nest ist, gibt es viel zu schaffen. Die -Seelsorge ist recht anstrengend, da ich alles allein besorgen muß und die -Kirche von meiner Wohnung weit entfernt liegt. Und dann ist meine Gemeinde -auf Wallfahrten sehr erpicht, und die muß ich natürlich immer mitmachen. -Den Leuten geht es aber trotzdem ziemlich schlecht, sie sind arm und der -Boden wirft, außer Gras, nichts ab. Das junge Volk verdingt sich -als Knechte und Mägde in die reicheren Nachbardörfer, die Alten und -Verheirateten bleiben daheim und schlagen sich kümmerlich genug durchs -Leben. Die Männer betreiben einen kleinen Milch- und Käsehandel, die -Weiber spinnen, sticken, flechten Strohhüte. An Kranken und Kretins -herrscht hier trauriger Überfluß. Die Kranken sind sehr fromm und sehen -es gern, wenn ich sie besuche; ich tue ihnen den Gefallen und tröste -sie, so gut ich es vermag, und sie haben mich schon recht lieb gewonnen. -Besonders leid tun mir die Kinder. Diese armen Würmer müssen eine Stunde -lang in die Schule laufen, und wenn ich nicht fürchtete, daß ich -mir dadurch Verdrießlichkeiten zuziehen könnte, würde ich es gern -übernehmen, sie zu unterrichten; zum mindesten die kleinsten und -schwächlichen. Aber dann würde es wahrscheinlich heißen, daß ich die -Kleinen ›verfinstern‹ wolle und mich in Dinge menge, die mich nichts -angehen. Du weißt, wie die Herren Lehrer über uns denken. Darum lasse ich -es lieber sein. - -Hier bietet sich mir auch Gelegenheit zu erfahren, was arm sein heißt. -Solang ich unter einem Vorgesetzten stand, wußte ich nicht, wie arm -ich war, weil ich mit den Haushaltauslagen nichts zu schaffen hatte. Ich -brauchte nur für Kleider, Bücher, Musikalien usw. zu sorgen und dafür -reichte meine karge Einnahme immerhin aus. Jetzt aber soll ich alles -bestreiten, alles besorgen, und meine Einkünfte sind verzweifelt gering. -Ich bin sozusagen in einer höchst peinlichen Lage ... Ich habe doch meine -Junggesellenwirtschaft einrichten müssen, vieles fehlt noch darin -und meine Haushälterin jammert mir täglich vor, sie brauche das und -jenes, ... aber mein Geld ist alle. Ich bitte Dich jedoch mit aufgehobenen -Händen, mir nur um des Himmels willen keines zu schicken. Du hast selbst -sehr wenig und benötigst es für Dich, und außerdem weiß ich nicht, wann -ich es Dir zurückerstatten könnte. Ich werde mich wohl durchschlagen. -Die Leute sind so komisch zu glauben, daß ich mich pekuniär ziemlich gut -stehe, und haben nicht selten den unglücklichen Einfall, mich um milde -Gaben anzusprechen. Wenn diese armen, bedrängten Menschen nicht einen so -jammervollen Anblick böten, würde ich über solche Zumutungen lachen. -Ich gebe sehr gern, -- aber leben muß man doch auch, und ich kann Dir -versichern, daß ich schlecht genug lebe. Mein Vorgänger hat eine Art -Gemüsehandel getrieben, -- das aber bringe ich nicht zuwege. Offen gesagt, -ich schäme mich, es zu tun. Lieber esse ich mich an Gemüsen satt, -- das -Fleisch ist hier ohnehin selten und teuer. - -Meine gute Gemeinde benutzt mich überhaupt zu allem möglichen. Die Leute -sind, wie alle Bauern, interessiert und habsüchtig, und wenn sie irgend -etwas wissen wollen, wenden sie sich an mich, der jede Auskunft gratis -verabfolgt. Auch zum Schiedsrichter ernennen sie mich oft -- Bauern -streiten ja immer untereinander und suchen sich gegenseitig zu -übervorteilen --, und ich muß dann entscheiden, wer von den Streitenden -recht habe und wer unrecht. Von meiner Unparteilichkeit sind sie überzeugt -und dann kostet mein Richtspruch keinen Kreuzer, -- das ist die Hauptsache. -Aber halsstarrig und eigensinnig sind meine Schäflein, -- es gehört eine -große Dose Geduld dazu, mit ihnen fertig zu werden. Auch kann man sich -nicht auf sie verlassen. Ins Gesicht geben sie mir recht, und kaum drehe -ich ihnen den Rücken, tun sie das verkehrte. Vielleicht bin ich ein Narr, -daß ich mir ihr Wohl und Wehe so angelegen sein lasse; aber ich möchte, -daß sie friedlich nebeneinander lebten, möchte sie vernünftiger machen. -Was die Gesundheitpflege anbelangt, so haben sie davon keinen Begriff. -Die Kinder leiden am meisten darunter; in den Stuben wird die freie Luft -ängstlich abgesperrt, die Fenster bleiben konsequent geschlossen und die -Reinlichkeit des Körpers gilt als eine überflüssige Sache; kaum, daß -die Leute sich täglich das Gesicht waschen; das Haar kämmen sich die -Frauen oft bloß am Sonntag. Könnte man da nicht rasend werden! Aber -rede mit diesen Leuten! Sie halten mich für überspannt, wenn ich ihnen -irgendeinen Rat erteile, und lachen mich im geheimen wahrscheinlich aus. -Die Kinder sind klein und schwach für ihr Alter, die Frauen sehen vor der -Zeit welk und verblüht aus, haben dünnes Haar und schlechte Zähne, ... -das sind die Folgen der grenzenlosen Beschränktheit. Ich bin oft recht -mutlos; vielleicht, daß mit der Zeit -- Du lieber Gott! Was alles habe -ich nicht schon von der Zeit erhofft! Vielleicht, daß sie dieses Mal sich -wirksamer erweisen wird, als sie bisher getan hat. - -Ich bin jetzt leidlich gesund, obschon ich mich meistens abgespannt -und ermüdet fühle; besonders das Predigen strengt mich an. Auch das -Klavierspiel, meine liebste Beschäftigung, darf ich nicht allzu fleißig -pflegen. Aber ich gehe viel ins Freie und Cäsar ist dabei mein steter -Begleiter. Mein Husten hat sich gebessert, auch bin ich weniger heiser als -früher und sehe gesünder aus. Meine brave Wirtschafterin, die mir treu -ergeben ist und gewissenhaft für mein leibliches Wohl sorgt, macht mir -täglich ein Kompliment über mein Aussehen. Ich schreibe Dir alles das, -weil Du es wissen wolltest, und Du darfst mir's auch glauben. Weißt Du, -daß nun schon zwei Monate verflossen sind, seit Du bei mir gewesen bist? -Mach Dich doch frei und komm Dir Deinen Freund ansehen. Oder schreib mir -wenigstens bald und recht ausführlich, hörst Du, Juchei? Ich sehne mich -unaussprechlich nach Dir -- - - Mit tausend Grüßen - - Dein getreuer Georg.« - -Kein Wort von _ihr_ in dem Schreiben ... Paula faltete es schweigend -zusammen und steckte es in den Umschlag. Wahrscheinlich hatte der -Geistliche sie den Brief just deshalb lesen lassen ... Georg mußte von -ihr gesprochen oder geschrieben haben; wie würde sein Freund sonst auf den -Gedanken verfallen sein, zu ihr zu kommen? Dieses Schreiben war wohl das -gefaßteste, sollte sie über sein Schicksal beruhigen. Ein ungläubiges -und bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie mußte eine Bewegung -machen, um die Aufmerksamkeit Perkows, der bis jetzt den Blick absichtlich -von ihr abgewendet gehalten, auf sich zu lenken. - -»Da haben Sie den Brief wieder,« sagte Paula. Er nahm ihn in Empfang. - -»Sind Sie zufrieden?« fragte er. - -»O ja ... Wann werden Sie wieder nach Keßten gehen?« - -»Sobald es mir möglich sein wird. Der Ausflug nimmt doch einen ganzen Tag -in Anspruch und der Herr Dekan sieht es nicht gern, wenn die Arbeiten im -Rückstand bleiben.« - -Er grüßte und ging seiner Wege. - -»Er mag mich nicht,« dachte Paula. »Seines Auftrages hat er sich -entledigt, und er ist froh von mir fortzukommen. Vielleicht haßt er mich -sogar, klagt mich an, ... und doch, ... ist es denn _meine_ Schuld, daß -ich dort Leid bringen muß, wo ich so gern beglücken möchte? Hartes, -hartes Schicksal ...« - -Und wieder folgte ein Tag dem anderen. In trostloser Einförmigkeit -verstrich Woche um Woche, verging der Sommer, kam der Herbst ... Schon -färbten sich die Blätter der Bäume gelb und rot, lag frischer Schnee -auf den Bergen; der ernste Oktober brach herein, der traurige November kam -gezogen, ... und immer noch wartete Paula auf eine neue Kunde, schlich oft -an dem Pfarrhof vorbei, um den jungen Priester vielleicht zu erspähen ... -Sie besaß ihm gegenüber keinen Stolz mehr. War er doch der einzige, der -ihr Nachricht geben konnte von dem Freunde ... Gern hätte sie sich vor dem -kalten jungen Manne gedemütigt, ihn angefleht, ihr ein, nur ein Wort zu -sagen, ... aber der Geistliche wußte ihr immer auszuweichen. Einmal jedoch -traf sie ihn zufällig auf der Straße, und da sie ihm den Weg vertrat und -vor ihm stehen blieb, hemmte auch er den Schritt. - -»Ich bin mit dem Befinden meines Freundes gar nicht zufrieden,« sagte er -unaufgefordert. »Vor mehreren Wochen hat er sich stark erkältet. Er wurde -in der Nacht zu einem Sterbenden geholt, der Weg war weit und beschwerlich, -das Wetter sehr häßlich ... und seitdem geht es ihm schlecht. Auf -meinen Rat hin hat er nach Salzburg geschrieben und um seine Versetzung -nachgesucht ... Hoffentlich wird seinem Wunsche bald entsprochen werden. -Die Seelsorge in Keßten ist zu anstrengend für ihn und das Klima zu -ungesund.« - -»Ja, ... der geistliche Tod,« sprach Paula dumpf vor sich hin. - -Mit einer Mischung von Verwunderung und Schrecken schaute Perkow sie an: -»Was sagten Sie?« - -»Nichts ...« Sie blickte starr in die Luft. Unausweichlich sah sie es -kommen, ... Schritt vor Schritt, ... das längst Geahnte, oft Gefürchtete. -Es konnte nicht anders sein. Menschen und Schicksal reichten einander die -Hand, um ihn zu verderben. - -»Wann gehen Sie wieder zu ihm?« fragte sie. - -»Dieser Tage. Der Gedanke an ihn läßt mir keine Ruhe. Ich sehe ihn immer -vor mir ...« - -Hastig brach er ab und entfernte sich. - -Kurz vor Weihnachten fand Paula sich an einem Morgen zur Frühmesse in der -Kirche ein. Sie saß teilnahmlos in einer Kirchenbank, während Toni neben -ihr kniete und andächtig betete. Das junge Mädchen faltete mechanisch die -Hände, ihre Gedanken aber weilten nicht bei Gott. Unverwandt hingen ihre -Augen an der Gestalt des jungen Priesters, der die heilige Messe las ... -Ach! wenn sie doch endlich vorüber wäre, diese Messe. Nicht des Gebetes -halber war Paula gekommen. Die Messe war zu Ende, der junge Geistliche -erteilte der Gemeinde den Segen, setzte sein Barett auf und begab sich in -die Sakristei. - -»Geh Du nach Hause,« sagte Paula zu Toni. »Ich komme bald nach ...« - -Sie stand auf und folgte dem Priester. Er war eben im Begriff, das -Meßkleid auszuziehen und sah die Eintretende nicht sonderlich freundlich -an. - -»Was wünschen Sie?« fragte er. - -»Mit Ihnen sprechen, ... unter vier Augen ...« - -Perkow zuckte die Achseln, gab aber dem Meßner und dem Ministranten -die Weisung, sich zu entfernen. Die beiden gehorchten mit verwunderten -Gesichtern. - -»Sie wollen wahrscheinlich wissen, was Harteck macht,« sagte -der Geistliche in hartem, fast erbittertem Tone und fuhr fort sich -auszukleiden. »Vernehmen Sie denn, daß er sehr krank ist, ... nicht -herzkrank, meine ich, sondern physisch krank, ... und wenn die Herren -in Salzburg nicht bald die Gnade haben, seinen wiederholten Bitten um -Versetzung von Keßten nach einem milderen Klima Gehör zu geben, wird -er wohl auf immer dort bleiben müssen ... Wünschen Sie noch etwas zu -erfahren?« - -»Warum hassen Sie mich?« fragte Paula mit versagender Stimme. »Was habe -ich getan? Als ob er allein ... Ich bin ja auch unglücklich.« - -»Das bedaure ich von Herzen,« erwiderte er frostig. »Halten Sie mir -meine Kälte nicht für übel, ... ich habe meinen Freund sehr lieb; er hat -ohnehin genug zu tragen, ... mußte auch das noch über ihn kommen!« - -»Ist keine Hoffnung da, daß er Keßten verlassen wird?« fragte Paula. - -»Bis jetzt keine ... Er hat schon einige Male nach Salzburg -geschrieben, ... aber die Herren dort scheinen an seine Krankheit nicht -recht zu glauben, denn sie geben ihm einfach keine Antwort. Wenn ihm -nur wenigstens ein Hilfsgeistlicher zugeteilt würde! Auch darum hat -er gebeten, ... aber bei der herrschenden Seelsorgernot hält es -wahrscheinlich schwer, sein Ansuchen zu erfüllen. Er ist ganz -verändert, ... so reizbar, erbittert und ungeduldig, ... ein ganz anderer -Mensch, als er war.« - -»Er war so gut, so weich,« sagte Paula und Tränen stürzten aus ihren -Augen. »Gott! mein Gott! Und wir stehen müßig da und können nichts tun -für ihn ...« - -Sie lehnte sich an die Wand und weinte bitterlich, hilf- und trostlos. - -Perkow schien gerührt. - -»Beruhigen Sie sich,« sagte er, »und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie -hart anließ ... Ich hatte unrecht.« - -»Was liegt an mir!« rief sie unter Tränen. »Helfen Sie _ihm_, ... alles -andere ist gleichgültig.« - -»Was kann ich tun?« entgegnete Perkow. »Ich habe alles versucht, ... -habe mit dem Dekan gesprochen und ihn gebeten, sich für Georg zu -verwenden, ... habe selbst nach Salzburg geschrieben, ... wer aber bin ich? -Meine Stimme verhallt ungehört. Ich will noch ein Letztes wagen und, wenn -die Feiertage vorüber sind, nach Salzburg reisen, ... vielleicht, daß es -etwas nützen wird.« - -»Ja, reisen Sie hin,« sprach Paula hastig. »Gott segne Sie!« Und das -Taschentuch an die zuckenden Lippen und nassen Augen pressend, enteilte -sie mit raschen Schritten. In Gedanken versunken blieb der junge Priester -stehen. Es war doch etwas Erhabenes um eine so tiefe, hingebungsvolle -Liebe, trotz allem Schmerz und aller Pein. Sogar _er_ mußte das zugeben. -Dieses Mädchen hatte nichts zu hoffen, die Welt und vor allen er nannte -ihre Liebe eine sündige, ... und dennoch, ... wie frei trug Paula das -Haupt, verachtend jeden Spott und Hohn, alles vergessend, alles ertragend -bis auf das Leid, das der geliebte Mann zu erdulden hatte. »Ich will ihr -nie wieder hart begegnen,« gelobte sich Perkow. »Sie ist, trotz allem, -treu und brav.« - -Weihnachten kam und ging, -- Silvester, -- das alte Jahr sank ins -Grab. Trübe genug waren die hohen Festtage für den jungen Geistlichen -verstrichen; die Sorge um den kranken Freund verdrängte jeden anderen -Gedanken, verfolgte ihn bis ins Gotteshaus, bis in die Ausübung seiner -teuersten Berufspflichten. Am heiligen Christtag hatte er sanfter als sonst -gepredigt; und als er von der Liebe und den Leiden des Gottessohnes sprach -und seine Gläubigen daran erinnerte, sie möchten dem Heiland zuliebe -gut gegen ihre Nebenmenschen sein, möchten sein Gebot: ›Liebet Euch -untereinander‹ treu befolgen, denn die Menschen stürben, und wenn wir -jemand Teuren verloren und ihn, solange er lebte, gekränkt hätten, -käme alle Reue zu spät, und wir möchten die Erde aufscharren, um den -Dahingeschiedenen nur noch einmal zu sehen, ihm ein Liebeswort, ein Wort -der Reue zu sagen, ... da zitterte die Stimme des jungen Predigers und in -seinen Augen schimmerte ein feuchter Glanz. Er dachte an den Freund. - -An einem eisig-kalten Januarabend saß der junge Priester allein in seinem -Zimmer, damit beschäftigt, an Georg Harteck zu schreiben. Aber mutlos -ließ er die Feder sinken. Was sollte er dem Freunde sagen? Daß er in -Salzburg gewesen war und nichts erreicht hatte? Ach! Immer nur Trauriges -berichten können! ... Er stand auf und schritt im Zimmer auf und ab. War -denn alles schon versucht worden? Alle Hilfsquellen erschöpft? Er drückte -die geballte Hand wider die Stirn und sann und grübelte ... - -Horch! Ein Wagen. Er hielt vor dem Hause still. Wer kommt um diese Stunde? -Vielleicht der Bote eines Kranken, der nach einem Priester sendet? Perkow -stand still und horchte. Schritte und Stimmen auf der Treppe; sie nähern -sich, die Tür geht auf und: »Jesus!« entringt sich unwillkürlich -den Lippen des jungen Geistlichen, er weicht ein paar Schritte weit -zurück, ... meint er doch ein Gespenst zu sehen. »Du hier, Georg?« -stotterte er, »bei dieser Kälte, in so später Stunde! Was, um aller -Heiligen willen, führt Dich hierher?« - -Der Ankömmling schüttelte sich und griff mit der Hand an die Kehle, als -ob etwas ihn würgte ... - -»Gib mir Wein,« brachte er mit heiserer Stimme heraus, »Glühwein, wenn -möglich ... Ich bin ganz starr vor Kälte.« - -Joachim ging um ihn herum, befühlte seine Hände, seine Kleider, ... er -glaubte noch immer zu träumen. - -»Ich will sogleich ... Setz Dich einstweilen ... oder, besser noch, leg -Dich zu Bett ... Wie kannst Du mich _so_ erschrecken, Georg!« - -»Es ist nun einmal mein böses Schicksal, die zu quälen, die mich -lieben,« erwiderte Harteck und ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Ich -vermag es nicht zu ändern.« - -Joachim entfernte sich und kehrte sehr bald zurück. - -»Nun sag mir, was Du hier zu suchen hast,« begann er, holte seine -Bettdecke und warf sie über die Kniee des Freundes. »Weshalb bist Du -gekommen? Doch nicht ... wegen des Mädchens?« - -»Nein. Ich bin auf dem Wege nach Salzburg.« - -»Dort bin ich gewesen und ...« - -»Und sie haben Dich abgewiesen, nicht wahr? Eben, weil ich das voraussah, -gehe ich hin. Sie sollen mit eigenen Augen sehen, was sie aus mir gemacht -haben.« - -Ein heftiger Hustenanfall zwang ihn, seine Rede zu unterbrechen. - -»Dieser verdammte Husten!« murrte er, als er wieder sprechen konnte. -»Tag und Nacht läßt er mir keine Ruhe. Immer röchelt er in meiner Brust -und will heraus, heraus ... Der Dekan schläft wohl schon?« fragte er -ablenkend und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. - -»Ich weiß es nicht ... Was willst Du von ihm?« - -»Mit diesem Herrn habe ich auch ein Wort zu sprechen. Er wolle nichts für -mich tun, schriebst Du mir. Ich möchte einmal sehen, ob er mir das Aug' in -Auge zu wiederholen wagt!« - -»Georg, rege Dich nicht gewaltsam auf,« sagte Joachim und legte -beschwichtigend die Hand auf die Schulter des Freundes. - -»Ich soll wohl noch ruhig bleiben?« rief dieser leidenschaftlich. »Was -habe ich getan? Daß ich ein paar alten, miserablen Pfaffen nicht zu -Gesicht stand, ... kann ich dafür! Was habe ich sonst verbrochen, daß sie -mich verenden lassen wollen wie einen räudigen Hund? Mir soll mein Recht -werden, das schwöre ich! Ich will den Herren Pfaffen und Ultramontanen in -Salzburg Dinge sagen, die ihnen noch lang in den Ohren liegen sollen ... -Ich bin nicht mehr der sanfte, furchtsame Narr, der ich war, ... leider zu -lang gewesen bin, ... sonst stünde ich heute anders da. Aber noch ist es -Zeit ...« - -Ein lautes Klopfen an die Tür machte ihn verstummen und nach der Tür -hinblicken. - -»Wer ist es?« fragte Perkow, aus dessen Gesicht, während der Freund -gesprochen, alle Farbe gewichen war. - -»Kann ich eintreten?« fragte es draußen zurück. - -»Der Dekan!« murmelte Joachim mit einem verstörten Blick auf Georg. - -»O ja! Warum nicht?« antwortete Harteck für den anderen. »Im Gegenteil! -Ich werde mich sehr freuen, den gnädigen Herrn Dekan zu begrüßen ...« - -Die Tür ging auf und hereintrat mit zögernden Schritten die beleibte -Gestalt des Dekans. Seine Miene war ängstlich und vorsichtig schloß er -die Tür. - -»Ich habe gehört, daß Sie gekommen sind,« hob er an; doch was er ferner -sagen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken. Hartecks Anblick entsetzte -ihn. Diese abgemagerten Glieder, um die der schwarze Priestertalar -schlotterte, die eingesunkene Brust, die hinaufgezogenen Schultern, die -hohlen Wangen und Schläfen, die gespenstisch großen Augen und um die -Lippen ein scharfer, krankhafter Zug: in so kurzer Zeit eine solche -Verwandlung, ... das zu finden, hatte der Dekan nicht erwartet. - -Harteck war sitzen geblieben und sah den ehemaligen Prinzipal mit höhnisch -herausfordernden Blicken an. - -»Sie finden mich sehr verändert, nicht wahr?« - -»Allerdings ... ein wenig,« stammelte der Dekan. - -»Wenn das hochwürdige Domkapitel von Salzburg« -- er schnitt bei diesen -Worten eine Grimasse -- »mich sehen wird, werden die Herren vielleicht an -meine Krankheit glauben, meinen Sie nicht, Herr Dekan? Dann wird es -nicht mehr heißen: Was dieser Mensch nur will, ... in einemfort will er -anderswohin ... Oder vielleicht irre ich ... vielleicht beurteile ich die -Herren zu menschlich, ... vielleicht werden sie sagen: Um so besser! -Werden wir ihn endlich los! Er tut ja doch nirgends gut ... Keiner seiner -Vorgesetzten mochte ihn leiden, und der hochwürdige Herr Dekan von -St. Jakob hat uns streng auf die Seele gebunden, diesen Menschen nicht zu -schonen, seinen Alfanzereien kein Gehör zu leihen ...« - -»Ich bitte Sie,« fiel ihm der Dekan verstört in die Rede, »halten -Sie inne! Was glauben Sie von mir? Es ist mir doch niemals in den Sinn -gekommen ...« - -»Nicht? Dann bitte ich um Verzeihung, obwohl ich, entschuldigen Sie, Ihren -Worten keinen rechten Glauben beimessen kann. Sind nicht _Sie_ es gewesen, -der meine Versetzung nach Keßten in Vorschlag gebracht hat?« - -»Das habe ich zwar getan ... Wie aber konnte ich voraussehen ...« - -»Daß ich erkranken würde? Das konnten Sie freilich nicht voraussehen. -Als aber mein Freund Sie bat, Sie _wiederholt_ bat, ein gutes Wort für -mich einzulegen, ... was gaben Sie ihm zur Antwort? Daß er Sie verschonen -möchte, Sie hätten sich mit diesem Menschen -- mit mir nämlich -- schon -genug gequält und seine Krankheit wäre ohnehin nur erlogen, ... das haben -Sie ihm geantwortet. Glauben Sie wirklich, daß ein Mensch mit einem so -ehrlichen Gesicht und so treuen Augen wie mein Joachim lügen könne? -Das können Sie nicht geglaubt haben, ... aber es war Ihnen lästig, sich -meinethalben zu bemühen. Freilich hätte es Ihnen bloß einige Zeilen -gekostet, ... aber auch das war zu viel verlangt. Sie _wollten_ mir keinen -Liebesdienst erweisen. Das war's.« - -Der Dekan sah sich hilfesuchend nach Perkow um. Der aber war zum Fenster -hingetreten und kehrte den Sprechenden den Rücken zu. Seine Hände lagen -auf dem Fensterbrett, seine Stirn lehnte an der Scheibe. Sogar aus der -Entfernung konnte der Dekan wahrnehmen, daß der junge Priester am ganzen -Leibe zitterte. - -»Sie gehen denn doch zu weit,« sagte der Dekan, der einsah, daß er nicht -länger stumm bleiben konnte. »Weshalb sagen Sie mir das alles? Warum sind -Sie überhaupt hier?« - -»Um Ihnen das alles zu sagen. Zuerst Ihnen, dann der ehrenwerten -Gesellschaft in Salzburg. So krank ich bin, ... ich schleppe mich hin zu -diesen Herren und fordere Gerechtigkeit. Daß sie sich hüten! Ich bin -ein verzweifelter Mensch. Wenn sie nicht nachgeben, will ich andere Saiten -aufziehen, ... will aller Welt verkünden, wie man in dieser Diözese gegen -den niederen Klerus verfährt, ... austreten will ich aus dieser Diözese -und in allen Blättern veröffentlichen lassen, wie man gegen mich -vorgegangen ist, ... sie sollen an mich denken, diese Diener der Kirche. -Zertreten haben sie mich, -- aber ich will den Fuß stechen, der mich -zertreten hat. Vielleicht, daß ein Skandal anderen armen, unterdrückten -Pfaffen zum Heile werden wird, ... dann mag ich in Gottes Namen zugrunde -gehen.« - -»Hören Sie mich, Herr Vikar,« sagte der Dekan sichtlich aufgeregt. -»Kommen Sie doch zu sich! Sie waren ja sonst nicht so heftig ...« - -Harteck lachte bitter in sich hinein. - -»Sehen Sie das jetzt ein?« - -»Alles sehe ich ein. Hören Sie mich nur, ich beschwöre Sie. Einen -Skandal können und dürfen Sie nicht machen. Was würde die Welt dazu -sagen? Daß wir den jungen Klerus nichtswürdig behandeln, ... von dem -einen Beispiel würden unsere Gegner auf die Gesamtheit schließen. Und -das wäre doch eine Unwahrheit ... Fragen Sie Ihren Freund, fragen Sie -alle jungen Geistlichen, die in meinem Hause lebten, ... alle werden Ihnen -sagen, daß ich sie anständig behandelt habe. Ich bitte Sie, nehmen Sie -Vernunft an. Ich werde alles für Sie tun, werde selbst nach Salzburg gehen -und den Herren erzählen, was ich gesehen und gehört habe, und ich gebe -Ihnen mein Wort, daß Sie von Keßten fortkommen sollen ... Wollen Sie noch -sonst etwas? Ich bin bereit, alle Ihre Wünsche zu erfüllen.« - -Harteck dachte nach. In seinem gesenkten Gesichte dämmerte kein Schimmer -von Versöhnung auf, ... seine Züge blieben finster, wie sie gewesen. -Er wußte, was den Dekan so nachgiebig stimmte. Nicht Reue war es oder -Mitgefühl; einzig und allein die Furcht vor einem möglichen Skandal. - -»Ich bin unfähig, den Seelsorgedienst in Keßten zu versehen,« sagte er -nach einer Stille. »Indessen muß er besorgt werden. Verschaffen Sie mir -einen Hilfspriester, der, solang ich noch dort bin, den Dienst für mich -verrichtet.« - -»Gern,« versetzte der Dekan hastig. »Wenn Sie wollen, stelle ich Ihnen -den Pater Benediktus zur Verfügung.« - -»Den mag ich nicht.« - -»Oder Ihren Freund, ... wir werden uns auch ohne ihn behelfen. Lang dauert -es keinesfalls ... Ich werde darauf dringen, daß Sie schleunigst versetzt -werden.« - -Harteck nickte bloß schweigend mit dem Kopfe. Seine Züge verrieten große -Erschöpfung, er atmete unruhig. Plötzlich faßte er sich an der Brust und -sein Gesicht überflog ein Ausdruck schmerzhafter Ungeduld. - -»Der Husten kommt schon wieder,« sagte er verzagten Tones und blickte wie -in Angst um sich. »Wenn ich mich nur vor _dem_ erretten könnte! Es tut so -weh ...« - -Joachim eilte rasch zu ihm hin und stützte sein Haupt mit beiden Händen. -Während sich der Brust des Kranken ein lauter, quälender Husten entrang, -hielt sich Georg krampfhaft an Joachims Rock fest und auf seine Stirn trat -kalter Schweiß. - -Der Dekan wurde blutrot im Gesichte. Er glaubte nicht anders, als daß -der Priester ersticken müßte. Erleichtert atmete er auf, als der Anfall -endlich vorüber ging und er den Kranken mit erloschener Stimme sagen -hörte: »Gib mir Wasser, Juchei.« - -»Warten Sie! _Ich_ will es ihm bringen!« rief der Dekan. »Bleiben Sie -bei ihm.« - -Und eilfertig goß er ein Glas voll und setzte es an die Lippen des -Priesters, während Joachim mit einem Tuch leise die Schweißtropfen von -Georgs wachsbleicher Stirn wischte. - -»Danke,« sagte Harteck kurz zum Dekan und trank. Der Dekan betrachtete -die abgemagerten, zitternden Hände des Kranken und tiefe Wehmut beschlich -seine Seele. Erst dreißigjährig und vielleicht nur noch einen Schritt vom -Grabe entfernt! Das war doch namenlos traurig ... - -»Weiß Ihre Familie um Ihre Erkrankung?« fragte er. - -»Nein.« - -»Aber das ist nicht recht von Ihnen ... Sie sollten Ihre Mutter zu sich -berufen, um sich von ihr pflegen zu lassen.« - -»Ich brauche niemanden, wenn ich Joachim habe,« antwortete Harteck mit -unsäglicher Zärtlichkeit und führte die Hand des Freundes an die Lippen. -Juchei kämpfte augenscheinlich gegen Tränen. - -»Unter meiner Pflege wirst Du gewiß wieder gesund werden,« sagte er mit -dem Versuch, seiner Stimme einige Festigkeit zu verleihen, was ihm jedoch -schlecht gelang. - -»_Dazu_ ist es wohl zu spät. Aber vielleicht, daß in einem milderen -Klima, ... ich bin noch jung, ... nur noch ein paar Jahre, ... nur nicht -schon jetzt! Jetzt ist es noch zu früh. Nicht daß ich so sehr an diesem -elenden Dasein hinge, ... nicht meinetwegen kämpfe ich so ängstlich um -das Leben, ... es ist ja doch verspielt ... Dennoch flehe ich zu Gott, -mir noch einige Jahre zu schenken und mich erst dann abzuberufen, wenn -- -jemand mich vergessen hat ...« - -Er stand rasch auf und ging mit großen Schritten in Joachims Schlafstube. - -»Morgen reise ich nach Salzburg,« sprach der Dekan erschüttert. »Und -Sie, ... was gedenken Sie mit ihm anzufangen?« - -»Ich werde morgen mit ihm nach Keßten fahren, wenn sein Zustand es -erlaubt. Es ist doch besser für ihn, wenn er wieder zu Hause ist.« - -»Freilich, freilich,« sprach der Dekan. Er würde viel darum gegeben -haben, wenn er den unerwünschten Gast nach Keßten hätte zurückversetzen -können; seine Nähe war ihm unheimlich. Eilig sagte er zu Perkow gute -Nacht und entfernte sich so schnell er konnte. Joachim stand lang in -düstere Gedanken verloren da. Erst als er eine Magd eintreten sah -- -nicht die hübsche Uschei, die hatte mittlerweile geheiratet, sondern eine -Fremde --, schreckte er aus seinem Sinnen empor und folgte dem Freund. - -Georg lag auf dem Bette, das Gesicht in die Kissen vergraben. - -»Der gewünschte Glühwein steht auf dem Tisch, Georg,« sagte Juchei. - -»Ach ja! Den hatte ich vergessen. Verzeih, daß ich Dich umsonst bemüht -habe, ... ich darf keinen Wein trinken und das war mir entfallen. Aber Eis -soll ich nehmen, wenn ich fühle, daß das Blut kommt.« - -»Das -- Blut?« wiederholte der andere mit starrem Blick. »Hustest Du -denn Blut?« - -»Ja, manchmal,« antwortete Harteck gleichgültig. »Im Anfang hat es mich -erschreckt, doch jetzt habe ich mich bereits daran gewöhnt. Es verschafft -mir sogar eine Art von Erleichterung.« - -»Ich werde Eis holen lassen,« sagte Joachim leichenblaß und starrte -den Freund noch immer an. Georg versuchte zu lächeln, aber der Versuch -mißlang. Seine Mundwinkel bebten nervös, als ob er gegen Tränen -kämpfte, -- dann fiel er auf die Kissen zurück und: »Paula! Paula! -Paula!« kam es mit wildem, sehnsuchtkrankem Schrei von seinen Lippen. - -»Georg!« rief Joachim und stürzte zu ihm hin. »Du tötest Dich, -Georg, ...« er faßte ihn bei den Schultern und rüttelte ihn, ... der -arme Junge wußte in seiner Hilflosigkeit nicht, was er tat, ... »komm zu -Dir!« - -»Mein süßes, treues, armes Mädchen!« rief Harteck mit schluchzender -Stimme. »Wenn sie wüßte, daß ich ihr so nahe bin! Ach! Wie es mich -gepackt hat, als ich an ihrem Hause vorüberfuhr! Alles lebte in mir -auf, ... all unser kurzes, jammervolles Liebesglück ... Glück! Daß Gott -erbarm!« - -»Willst Du sie sehen? Soll ich sie holen?« fragte Joachim, der sich nicht -mehr zu raten wußte. - -»Nein! O nein! _Gleichgültige_ sogar erschrecken bei meinem Anblick, ... -wie dann erst _sie_, die mich so zärtlich liebt! ... O Joachim! Wie lebt -sie? Siehst Du sie manchmal? Spricht sie von mir?« - -»Wenn wir zusammentrafen, sprachen wir bloß von Dir. Du hast recht, ... -sie ist Dir treu ergeben.« - -Harteck seufzte und blieb lange still. - -»Brauchst Du außer Eis noch etwas?« fragte Joachim endlich. - -Georg verneinte die Frage mit einer Kopfbewegung. - -»Dann will ich um Eis schicken,« sagte sein Freund. »Nur -vorsichtshalber ... Hoffen wir, daß wir es in der Nacht nicht benötigen. -Und glaubst Du, Georg, Lieber, daß Du morgen imstande sein wirst, nach -Keßten zurückzukehren?« - -»Wenn _Du_ mit mir kommst, ... ja. Nur laß mich nicht allein.« - -»Natürlich begleite ich Dich, ... der Dekan hat es erlaubt. Bist Du -schläfrig?« - -»Ja ...« - -»Dann erlaube, daß ich Dir die Kleider ablegen helfe.« - -»Du hast das schon einmal getan,« sagte Harteck, während Joachim ihm die -Kleider vom Leibe zog. »Weißt Du es noch? In der Nacht war es, die meinem -Scheiden von hier voranging ... Du mußt viel Geduld mit mir haben.« - -»Du Narr!« sagte Juchei mit erzwungener Heiterkeit. »Hast Du die Zeit -vergessen, wo _ich_ krank war und _Du_ mich pflegtest? Jetzt ist die Reihe -an mir, ... ich vergelte nur gleiches mit gleichem.« - -»Gute Nacht,« sagte Harteck und drückte seine Hand. Joachim machte das -Zeichen des Kreuzes über ihn und schlich dann auf den Fußspitzen hinaus, -um Auftrag zu geben, daß Eis geholt werden möchte. - - - - -Siebzehntes Kapitel - - -Der Dekan fühlte sich von einer schweren Last befreit, als er bei seiner -Rückkunft von Salzburg vernahm, daß die beiden Priester St. Jakob schon -verlassen hätten. Er schrieb unverzüglich an Harteck, daß dessen Wunsch -nach Versetzung entsprochen worden wäre, und bezeichnete ihm den Ort, den -man zu seinem künftigen Aufenthalt bestimmt hatte. Er könne, teilte er -dem Priester ferner mit, die Reise in vierzehn Tagen schon antreten; der -Ort wäre seines südlich milden Klimas wegen bekannt und berühmt und -er, der Dekan, hoffe zuversichtlich, daß Harteck dort genesen würde. -Schließlich ersuchte er ihn noch, ihm dann und wann über sein Befinden -Nachricht zu geben und sendete ihm herzliche Grüße und Wünsche für -sein Wohlergehen. Die Antwort auf diesen Brief langte umgehend ein. Joachim -hatte sie geschrieben. Im Namen des Freundes dankte er dem Dekan für -dessen erfolgreiche Bemühungen, doch müsse er ihm zu seinem großen -Schmerze mitteilen, daß Hartecks Zustand sich derartig verschlimmert -hätte, daß an eine Abreise vorläufig nicht gedacht werden könne. Sobald -eine Wendung zum Besseren eingetreten sein würde, wolle er den Dekan davon -in Kenntnis setzen. -- Aber die Tage verstrichen und die Nachricht von der -»Wendung zum Besseren« traf nicht ein. Der Dekan entschloß sich endlich, -noch einmal zu schreiben und anzufragen, was es denn gebe, ob die Abreise -nicht bald stattfinden werde? Der Brief blieb unbeantwortet. »In Gottes -Namen!« dachte der Dekan. »Ich habe getan, was in meiner Macht lag, ... -alles andere geht mich nichts an.« Trotzdem vermochte er eine gewisse -nervöse Unruhe nicht abzuschütteln. »Ich würde viel darum geben, wenn -wir diesen Mann hier gelassen hätten,« sagte er einmal zu dem -jungen Pater. »Er verfolgt mich Tag und Nacht ... Wenn er nur von dem -verwünschten Keßten fortkommen könnte!« - -Der Mönch nickte stumm. - -»Weiß man in St. Jakob, daß er so krank ist?« fragte der Dekan. - -»Ja,« sprach der Mönch, das Gesicht abwendend. »Unsere Leute haben es -erzählt ...« - -Er dachte dabei an eine, der er heute auf der Straße begegnet war. Warum -konnte er dieses Bild nicht loswerden? Ein Jahr war es her, ... damals -traf er zwei Menschen ins Herz, -- nicht aus Böswilligkeit, sondern aus -schlecht verstandenem Eifer. Warum ließ ihm das jetzt keine Ruhe? Wie sie -an ihm vorüberging, gleich einer Nachtwandlerin, die großen Augen starr -ins Leere geheftet, im abgemagerten Antlitz namenlose Pein ... O! wie -dies Bild ihn verfolgte! Er hatte sie gegrüßt, sie aber war an ihm -vorbeigeglitten mit scheuem, hastigem Gang, ohne ihn, ohne irgend etwas zu -sehen ... Wie quälte ihn in der Erinnerung das harte Wort, das er damals -über sie gesprochen, in jener unglückseligen Neujahrsnacht: »Jetzt ist -sie nicht mehr unbescholten ...« Ein hartes, hartes Wort, das ihm jetzt -auf der Seele brannte. »Wer ohne Sünde, der werfe den ersten Stein auf -sie!« Er aber hatte den ersten Stein geworfen, rasch, unbesonnen und -mitleidlos ... O! hätte er es nicht getan! - - * * * * * - -Das Leben der beiden Freunde ging einstweilen seinen traurigen Gang. Wenn -Joachim durch das Dorf schritt, begrüßte alles ihn ehrfurchtsvoll, -denn jedermann wußte, welches schwere Kreuz auf den Schultern des jungen -Priesters lastete und wie mutig und unverdrossen er sich den Pflichten der -Seelsorge und der Pflege des kranken Amtsbruders widmete. Im Pfarrhof ging -es sehr still zu. Fremde wurden nicht eingelassen, um die Ruhe des Kranken -nicht zu stören; Joachim und die Wirtschafterin wagten kaum aufzutreten -und sprachen mit gedämpfter Stimme; und Cäsar, der arme Cäsar mußte -manchmal aus dem Hause entfernt werden, weil er oft ein ohrenzerreißendes -Geheul anstimmte ... »Das bedeutet den Tod!« sagten die Leute, wenn sie -den Hund heulen hörten, schlugen das Kreuz und beteten ein Vaterunser. -Der Arzt, in einem nahegelegenen Dorfe ansässig, fand sich täglich im -Pfarrhof ein; wenn Joachim ihn fragte, ob es denn noch nicht möglich -wäre, den Freund von dem unglücklichen Ort fortzubringen, zuckte der Arzt -die Achseln und antwortete: »Noch nicht, ... vielleicht später.« - -»Aber _Sie_ sollten sich schonen,« sagte er eines Tages zu dem jungen -Priester. »Diese anstrengende Krankenpflege reibt Sie auf. Nehmen Sie doch -eine Wärterin ins Haus.« - -»O nein,« entgegnete Juchei. »Fürchten Sie nichts für mich. Ich werde -aushalten bis zum letzten Augenblick. Meinem teuern Georg darf niemand als -ich nahe kommen.« - -»Sagen Sie mir aufrichtig,« fragte er den Arzt ein anderes Mal, »ist -wirklich keine Hoffnung mehr, ihn zu retten?« - -»Keine. Gegen die galoppierende Lungensucht, wenn sie mit solcher -Heftigkeit auftritt, ist kein Kraut gewachsen.« - -»Und können Sie auch seine Schmerzen nicht lindern? Es zerreißt mir das -Herz, wenn ich ihn husten höre, ... ich meine immer, daß der Husten seine -Brust zersprengen muß, ... er läßt ihn weder schlafen noch liegen. Er -muß immer aufrecht sitzen im Bett und ringt mit dem Ersticken ... Wenn -dieses Elend nicht bald ein Ende nimmt, werde ich noch den Verstand -verlieren.« - -»Fassen Sie Mut, ... es kann nicht mehr lang dauern. Und seine Schmerzen -will ich nach besten Kräften zu mildern suchen. Freilich bedeuten die -starken Mittel, die man den Kranken in solchen Fällen verabfolgt, eine -Verkürzung des Lebens, ... aber sie erleichtern das Sterben.« - -»Tun Sie, was erlaubt ist,« sagte Juchei und preßte die Hand an die -Stirn, »wenn es nur sein Leiden verringert ...« - -»Ist er sich selbst klar über seinen Zustand?« fragte der Arzt. - -»Ich weiß es nicht, ... er spricht so wenig ...« - -»Morgen komme ich wieder,« sagte der Arzt und drückte dem anderen -teilnahmvoll die Hand. »Die Medikamente will ich Ihnen sofort -herüberschicken ... Nur Mut, Herr Kooperator, und Ergebung. Wir alle -müssen sterben, -- früher oder später.« - -Juchei kehrte in das Haus zurück. »Es erleichtert das Sterben ...« Also -wirklich, wirklich ... Er mußte sich am Stiegengeländer festhalten, um -nicht umzusinken. Selbst ihm, dem Priester, erschien in diesem Augenblick -die Verheißung des ewigen Lebens ein armseliger Trost. - -Langsamen Schrittes verfügte er sich zu dem Freunde. Von Kissen -unterstützt und in wollene Decken gehüllt, saß dieser nahe am Ofen und -starrte in das Feuer. Zu seinen Füßen kauerte, leise zitternd, sein Hund -und schaute mit jenem, dem Tier eigenen tieftraurigen Blick den kranken -Gebieter an. Das Sprechen verursachte dem unglücklichen Manne große Pein -und er hatte sich angewöhnt, sich mit seinem Wärter fast nur noch durch -Zeichen zu verständigen. Er wagte kaum sich zu rühren, aus Angst, -den ewig grollenden Husten wachzurufen; wenn dieser nicht länger zu -unterdrücken war, sagte er gewöhnlich: »Ach Juchei, der Husten!« Und -er sprach diese Worte in einem so klagenden und furchtsamen Ton, daß es -Joachim jedesmal kalt überlief. Sie litten viel, diese beiden. Es -würde schwer zu entscheiden gewesen sein, wer mehr zu ertragen hatte: -ob derjenige, der die Schmerzen empfand, oder der andere, der den Freund -leiden sah, ohne ihm helfen zu können. - -»Ein Brief für Dich ist da,« sagte Juchei, als er in das Krankenzimmer -trat. »Soll ich ihn öffnen?« - -Harteck nickte mit dem Kopfe. - -»Er ist von Deiner Schwester,« fuhr Juchei, das Schreiben mit den Augen -überfliegend, fort. »Sie fragt an, ob sie oder die Mutter zu Dir kommen -sollen.« - -»Beide mögen bleiben, wo sie sind,« versetzte Harteck. - -»Sie sind sehr besorgt Deinetwegen.« - -Der Kranke lächelte bitter und gleichgültig zugleich. »Schön von -ihnen,« murmelte er. - -»Ich werde ihnen also antworten, daß sie in Kufstein bleiben sollen und -ich ihnen nach wie vor über Dein Befinden Bericht erstatten werde ... Ist -es Dir so recht?« - -Georg nickte abermals. - -»Wie fühlst Du Dich jetzt? Besser als in der Nacht?« - -»Viel besser. Ich werde hoffentlich bald reisen können.« - -»Ohne Zweifel,« sagte Juchei mit mühsamer Fassung. - -»Du sagst das so traurig ... Meinst Du, daß diese Stunde niemals schlagen -wird?« - -»Warum sollte sie nicht? Wenn die Besserung anhält ...« - -Harteck sprach eine Weile nichts. - -»Es ist doch seltsam,« sagte er dann plötzlich. »Ich habe durch meinen -Stand mein Leben verspielt und sterbe auch an meinem Stande ... Das -ist doch ein Fingerzeig Gottes, daß ich _nicht_ Priester hätte werden -sollen ... Aber meine Mutter wollte klüger sein als Gott ... Sie mag nun -sehen, was sie aus ihrem Sohne gemacht hat.« - -Juchei trat zu ihm hin. - -»Hänge dem nicht so nach,« sagte er leise. - -»Gott hat es gut mit mir gemeint,« fuhr Harteck mit bewegter Stimme fort. -»Ich hätte ein glücklicher Mensch werden können, ... ich bin ehrlich -und fleißig und besitze die Gabe Liebe zu erwecken, ... ich hätte -eine mir zusagende Beschäftigung erwählen, mir einen Herd gründen -können, ... aber meine Mutter, meine eigene Mutter! Sie weiß nicht, was -sie an mir getan hat und darum will ich ihr vergeben, ... obwohl ...« Er -hielt inne und seufzte schwer. »Am Rande des Grabes ist es wohl erlaubt, -die Maske abzuwerfen ... Den ärmsten Knecht habe ich oft um seine harte -Arbeit beneidet ... Wenn er sich den ganzen Tag redlich abgemüht hat, -sieht er am Abend das Ergebnis seiner Plage, ... er weiß, weshalb er -arbeitet, ... aber ich ... Alles, was ich tat, war Grimasse, ... mein Herz -wußte nichts davon. Oft erfaßten mich Ekel und Abscheu, wenn ich von -weitem die bloße Turmspitze einer Kirche sah ...« - -»Georg,« fiel Joachim ihm ins Wort. »Was hat der priesterliche Stand Dir -getan, daß Du ihn so sehr herabsetzest?« - -»Nichts ... Verstehe mich nicht falsch, lieber Juchei, ... ich achte den -Stand, aber ich, _ich_ tauge nicht zum Geistlichen. Gott weiß es, ... ich -wäre ein guter Christ und, noch mehr, ein eifriger Katholik geblieben, ... -aber der Welt hätten sie mich lassen sollen; mein ganzes Herz drängte -zurück nach der Welt und ihren Freuden, ... nach dem Familienleben, nach -Gatten- und Vaterglück, das dem katholischen Priester so grausam verwehrt -ist ...« - -»Da rüttelst Du an einer der Grundsäulen unserer Kirche,« sagte -Joachim. »Das Gesetz, das der große Gregor angestrebt und der noch -größere Innocenz durchgesetzt hat, ist ja eine der Hauptstützen des -katholischen Klerus. Vielen mag es ungeheuerlich erscheinen, viele -mögen darunter leiden, ... aber daran darf die Kirche sich nicht kehren. -Familienidyllen kann sie nicht brauchen. Der Mann, der für Frau und Kinder -zu sorgen hat, wird immer in erster Linie an die Seinen denken, und die -Kirche duldet keinen Rivalen neben sich. Einsam muß der Priester im Leben -dastehen, wenn er der Kirche mit allen seinen Kräften dienen will, -- die -Kirche muß sein erstes, sein letztes sein, und darum darf der Zölibat -erst mit der Kirche selber fallen, was Gott verhüten wird.« - -»Du hast ja recht, tausendmal recht, Juchei, Du sprichst als katholischer -Priester, ... aber ein solcher bin ich niemals gewesen, trotzdem ich die -Tonsur trage. Ich verlange nicht, daß meiner nichtigen Persönlichkeit -halber der Zölibat hätte aufgehoben werden sollen, ... ich wiederhole -bloß, daß ich nicht zu Euch gehörte. Das war mein Unglück. Der -Stand hat nicht _mich_, -- _ich_ habe den Stand belogen, indem ich mich -einschlich ins Priestertum, ohne daß mein Herz mir dazu riet. Ich bin auch -stets ein Eindringling geblieben, ... habe unsicher umhergetappt, ohne das -Richtige zu finden, ... habe weder zu tadeln noch eine Meinung zu fassen -gewagt, ... und wenn ich unter eine Schar von Schurken geraten wäre, ich -hätte geschwiegen zu allem und jedem: der Betrüger war ja _ich_, ... ich -hatte kein Recht mich zu beschweren; dies Recht steht nur dem Betrogenen -zu. Teilweise aus diesem Grund habe ich auch ausgeharrt: ich durfte nicht -austreten und einen Skandal wachrufen, der dem ganzen Stand geschadet -hätte, ... ich hatte mich genug versündigt an dem Kleide, das ich trug, -ohne ein Recht darauf zu haben. Das habe ich auch stets wie eine Kette mit -mir herumgeschleppt, ... welche Mühe ich mir auch gab, meine Pflichten zu -erfüllen, ... ich strauchelte immer wieder über die Kette und nannte mich -selbst einen Heuchler, ... und alle haben stets gemerkt, wie es um mich -stand. Und darum gehe ich auch zugrunde. Ein vortrefflicher Priester -bin ich gewesen,« schloß er mit einem halb bitteren, halb wehmütigen -Lächeln. »Anstatt vor dem Altar Kniebeugungen zu machen, wäre ich immer -lieber zu den Füßen eines schönen Weibes gelegen ... Doch jetzt ist -alles vorüber, -- so oder so. Nun heißt es hinuntersteigen in das kalte -Grab, -- und damit ist die Komödie zu Ende.« - -Seit manchem Tag schon hatte er nicht so viel auf einmal gesprochen. -Joachim, der ihn verloren wußte, hatte es aufgegeben, ihn mit jenen allen -Kranken lästigen Einwürfen wie: »Sprich nicht so viel! Tu das nicht, -schone Dich!« zu quälen, mit jenen Ermahnungen, die den armen Kranken, -der sein Leiden vielleicht augenblicklich halb und halb vergaß, -rücksichtslos daran erinnern. Er stand neben dem Freunde und dieser -streichelte sanft die Hand des jungen Geistlichen. - -»Mein braver, wackerer Priester!« sagte Georg leise; seine Stimme klang -überhaupt wie zerrissen. »Wirst Du es mir nicht nachtragen, Juchei, daß -Du mit mir so wenig Ehre eingelegt hast?« - -»Wie kannst Du so sprechen, Lieber! Beklagen muß ich es um -Deinetwegen, ... _mir_ warst Du ein treuer Freund und mehr verlange ich -nicht.« - -»Ich bin stolz auf Dich, ... Du wirst es weit bringen, wirst Deinem Stande -Ehre machen, ... nicht so wie ich ...« Er brach mit einem Seufzer ab. Nach -einer Weile fragte er: »Hast Du nichts vergessen von dem, was zu besorgen -ich Dir aufgetragen habe, falls ich ...« - -Juchei legte die Hand auf seinen Mund. - -»Still, Georg, still. Nichts davon, ich bitte Dich.« - -»Aber ...« - -»Ich habe nichts vergessen.« - -»Du warst so gut gegen mich, ... ich danke Dir tausendmal für Deine Liebe -und Treue. Gib mir einen Kuß, Joachim.« - -Der junge Geistliche sank vor dem Kranken auf die Kniee. Ihre Lippen -berührten sich in einem langen, zitternden Kusse. - -»Vielleicht gibt es doch ein Wiedersehen,« sprach Georg und ließ den -Kopf auf die Schulter des Freundes fallen. -- Vielleicht! Ein trauriges -Wort im Munde eines Priesters. - -»O Georg!« rief Joachim vorwurfsvoll. - -»Verzeih mir ... Und eines noch: Versäume nicht, mir auch noch die letzte -Ölung zu erteilen. Was würde meine Gemeinde sagen, wenn ihr Seelsorger -ohne die letzte Ölung dahinginge ... Ich will sterben, wie es einem -Katholiken geziemt ...« - -»Ja, ja. Das hat noch Zeit ...« - -»Wer weiß, wie bald schon ... Doch jetzt will ich zu schlafen -versuchen.« Seine Gedanken schienen zu wandern ... »Was wird sie sagen, -wenn sie von meinem Tod erfährt? ... Juchei, vielleicht können wir morgen -reisen, ... bestelle einen Wagen. Ist alles zur Reise vorbereitet?« - -»Alles.« - -»Dann reisen wir morgen,« sagte Georg und sein Kopf sank auf das Kissen, -das ihn stützte. »Morgen, Juchei.« - -»Amen,« dachte dieser. -- - -Am Abend entstand im Pfarrhof ein sonderbarer Lärm. Türen flogen auf und -zu, eilende Schritte ertönten, und leichenblassen Gesichtes stürzte die -Wirtschafterin auf die Straße. Die Inwohner der nächsten Häuser traten -vor die Tore, alle scharten sich um die Frau, fragten, forschten ... - -»Schnell! Lauft's einer um den Doktor!« rief diese, »und Du, Meßner, -läut' die Zügenglock' ... Der Herr Vikar liegt im Sterben.« - -Die Leute, Männer, Frauen und Kinder waren es, fielen auf die Kniee und -fingen laut zu beten an. Einige stürzten fort. Bald darauf erscholl leises -Glockengeläute; im ganzen Dorfe ward es lebendig. Alle strömten dem -Pfarrhof zu; dort knieten sie nieder und murmelten die Gebete für -Sterbende. Dazwischen fuhren langgezogene, jämmerliche Töne ... Cäsar -war es, der mit gesträubtem Fell und eingeklemmter Rute, die Schnauze zum -Himmel erhoben, dies schauerliche Geheul anstimmte, als ob auch das Tier, -die Todesqual des Herrn mitempfindend, Gott anflehen wollte, den Sterbenden -zu erlösen ... Die Weiber und Kinder, selbst die Männer schauderte es. - -Hinter den verhüllten Fenstern erglänzte Kerzenschein. »Jetzt gibt ihm -sein Freund die Wegzehrung!« flüsterte eine alte Frau. »Er hat schon -heut' nachmittag das hochwürdigste Gut aus der Kirche geholt, ... hat wohl -gewußt, daß er's bald brauchen wird ...« Sie trocknete sich die Augen -mit der Schürze ab und betete murmelnd weiter. - -Nach einer Stunde kam der Arzt angefahren. Wie ein rettender Engel wurde er -begrüßt. Er aber wehrte die Leute ab und trat eilenden Schrittes in -das Haus. Draußen verharrte die Gemeinde im Gebet und in todesbanger -Erwartung. - -»Der arme Herr stirbt schwer!« sagte ein alter Mann. »Herr Jesus! Nimm -ihn zu Dir!« - -Nach Mitternacht entstand eine Bewegung. Niemand hatte sich entfernt, nur -die Kinder waren nach Hause geschickt worden. Die Leute sahen den Arzt, -gefolgt von der schluchzenden Wirtschafterin, aus dem Hause kommen und -hielten im Beten inne. - -»Geht nach Hause, Ihr Leute,« sagte der Arzt und bestieg seinen Wagen. -»Der Herr Vikar hat es überstanden ... Vorwärts, Hansei.« - -Der Wagen rasselte mit Windeseile davon. Die Leute erhoben sich von den -Knieen und sahen zum Pfarrhof empor. - -»Wer wird Nachtwach' halten bei ihm? Wo ist die Leichenfrau?« fragten -einige. - -»Geht's alle miteinander z'Haus,« sagte die Wirtschafterin. »Der Herr -Kopp'ratter hat mir g'sagt, daß er niemanden haben will, ... er wird -selber bei sei'm Freund bleiben.« - -»Heilige Mutter Anna! Haben die zwoa sich gern g'habt!« bemerkte eine -alte Bäuerin. - -»Und so schnell hat's kimma müssen! So oan braver Herr!« - -»Ich hab's gleich g'wußt,« sagte die Wirtschafterin, sich zum Gehen -wendend. »Bei uns halt's koaner lang aus. Und heut' noch hat er davon -g'sprochen, daß er morgen furtfahren will, ... der arme Herr!« - -Und doch hatte er recht behalten. Er hatte eine Reise angetreten, wenn -auch nach einem andern Ort, als er im Sinne gehabt. Er war nach einem Ort -gegangen, wo es für ihn wohl besser sein war als überall sonst. - - * * * * * - -Am Nachmittag vor dem Tage des Begräbnisses, das, wie es auf dem Lande -Sitte ist, frühmorgens stattfinden sollte, saß Joachim in der Wohnstube -am Tische und ordnete die Briefe und Papiere, die der Verstorbene -hinterlassen hatte. Im Nebenzimmer, wo die Leiche aufgebahrt lag, herrschte -beständiges Geräusch; Menschen kamen und gingen, flüsterten und beteten, --- Joachim warf mehr als einmal einen unruhigen Blick auf die geschlossene -Tür. Ihm war, als ob alle diese neugierigen und teilnahmvollen Gaffer den -Schlaf des Freundes stören müßten, und er würde es als eine Wohltat -empfunden haben, wenn er den Brauch des Leichenanschauens für dieses Mal -wenigstens hätte abschaffen können. Am ersten Tag hatte er die Leute -ferngehalten. Er selbst war es gewesen, der dem Freunde die letzten -Liebesdienste erwiesen, ihn angekleidet und in den Sarg gelegt, ihm ein -Kruzifix in die Hände gegeben und die Kerzen um den Sarg herum angezündet -hatte ... Entweihung würde es ihm geschienen haben, wenn andere Hände als -die seinen den toten Freund berührt hätten. Das Sterbezimmer hatte außer -ihm kein Mensch betreten dürfen. Er wollte den Freund ganz allein -für sich haben, allein und ungesehen von ihm Abschied nehmen, und -die Wirtschafterin hatte strengen Auftrag gehabt, jeden Zudringlichen -abzuweisen. Doch heute war das nicht mehr möglich. Er mußte sich dem -allgemeinen Brauche fügen, den Freund den Blicken aller, die da kamen, -aussetzen lassen und das fiel ihm unsäglich schwer. Auch Teilnehmer an -der morgigen Bestattung hatten sich schon eingefunden: Geistliche aus der -Nachbarschaft und andere Leute, die Harteck gekannt hatten; ein Mönch war -gekommen, der bis zum Eintreffen eines Nachfolgers die Seelsorge bestellen -sollte. Alle diese gleichgültigen Menschen empfangen, mit ihnen sprechen, -ihre müßigen Fragen: wie der Tote gestorben, ob er viel gelitten, wie -lang er krank gewesen, -- das alles anhören und beantworten müssen, -- -das war viel verlangt von einem tödlich verwundeten Herzen, wie es -das seine war. Er hatte außerdem allerhand zu tun: Anstalten für das -Begräbnis zu treffen, die nötigen Einladungen hierzu ergehen zu lassen, -den Dekan und die Familie des Dahingeschiedenen von dem Vorfall in Kenntnis -zu setzen, nach Salzburg zu schreiben, daß ein Nachfolger bestimmt werden -möchte, die Partezettel drucken zu lassen und zu versenden, -- alle diese -unerläßlichen Dinge, die in den Stunden des ersten Schmerzes getan werden -müssen und dem Trauernden kaum Zeit gönnen, sich auszuweinen: das alles -wird besorgt im frischesten Schmerze, in der lebhaften Erinnerung -an Krankheit, Todeskampf und die letzten Augenblicke des geliebten -Dahingeschiedenen ... »Und dennoch,« hatte Joachim sich dabei sagen -müssen, »ist auch diese traurige Notwendigkeit von Nutzen. Betäubt sie -doch das erste Weh, lenkt die Gedanken gewaltsam ab von dem einen ... Wenn -er in der Erde ruhen wird, können die Tränen ungehindert fließen. Die -Zeit zur schrankenlosen Trauer wird früh genug kommen.« - -Gewissenhaft hatte Joachim alle diese Pflichten erfüllt; nun schickte er -sich an, den letzten Wünschen des Freundes gerecht zu werden. Georg hatte -ihn gebeten, alle Briefe, die er vorfinden würde, zu verbrennen, und -Juchei warf sie, ohne ihren Inhalt zu prüfen, in den Ofen. Es waren -Briefe von der Familie und Bekannten des Verstorbenen, -- jetzt wert- und -inhaltlos, da derjenige tot, an den sie gerichtet gewesen. Als Joachim auf -mehrere Photographien stieß, zögerte er einige Augenblicke ... Sollte er -auch diese vernichten? Es waren die Photographien von Georgs Anverwandten; -ferner eine Photographie Jucheis, die dieser dem Freunde gegeben, als sie -voneinander schieden, und endlich die Photographie der armen Kathei. »Er -hat sie lieb gehabt und mein Bild hielt er in Händen,« dachte Juchei. -»Mögen diese beiden denn verschont bleiben.« Er verwahrte sie an der -Brust, die drei andern aber schleuderte er mit einer fast zornigen Gebärde -in das Feuer. »Brennt zu!« murmelte er zwischen den Zähnen. »Ihr seid -des Aufbewahrtwerdens nicht wert.« Er blätterte weiter in den Papieren -und fand eine Anzahl unvollendeter Briefe vor; sie waren von Georgs Hand -geschrieben, ohne Datum. Für wen waren sie bestimmt gewesen? Ohne Mühe -erriet er's. Sie enthielten größtenteils nur einige Worte und ihr Inhalt -war der gleiche, wenn auch die Worte verschieden lauteten. Aus jedem klang -der sehnsuchtsvolle Ruf: »Komm! Komm zu mir!« ... Was mochte in dem -Herzen des Mannes vorgegangen sein, als er die Worte schrieb? Die Briefe -waren nicht vollendet, nicht abgeschickt worden, ... sie lagen da, das -beredte Zeugnis der Schlacht, die Pflicht und Leidenschaft in der Brust des -nun Stillen geschlagen hatten. Joachim blickte starr auf sie herab. Wenn -er sie dem Mädchen brächte? ... »Würdest Du damit einverstanden sein, -Georg? Soll ich diese kostbaren letzten Erinnerungen zerstören oder sie -derjenigen geben, der sie zugedacht waren? Sprich nur ein Wort, gib mir -ein Zeichen, auf daß ich das Rechte finde!« ... In schwerem Kampfe stand -Juchei da; dann aber besann er sich. Der Freund hatte ihm aufgetragen, -_alle_ Briefe zu verbrennen; er hatte wohl auch diese Zeugen seiner -Schwäche ins Grab mitnehmen wollen. »_Sein_ Wille vor allem!« dachte -Juchei. »Ihr aber will ich sagen -- Oder nein. Ich werde ihr nichts davon -sagen. Er hat darüber geschwiegen, folglich wollte er, daß sie nichts -davon höre, ... und was für ein Trost wäre es auch für sie, zu wissen, -daß er sich so sehr nach ihr gesehnt und sie doch nicht gerufen hat? -Dieser traurige Herzenskampf soll ihr verborgen bleiben. Hat er mich doch -in seinen letzten Lebensstunden mit aufgehobenen Händen beschworen, ihr -niemals zu sagen, wie sehr er gelitten hat, ... er wollte sie schonen, ... -fort mit euch!« Seine Hände zitterten, als er die Briefe in das Feuer -steckte; in kauernder Stellung verblieb er vor dem Ofen und starrte in die -Flammen, die die Papiere beleckten und verzehrten. Damit war diese Arbeit -abgetan. Auf dem Tische lagen noch einige Schriften: Georgs Taufschein, -seine Schulzeugnisse und endlich das Dekret, das seine Priesterernennung -bestätigte. Diese Papiere band Juchei zusammen und legte sie in die Lade. -Dann sank er auf einen Stuhl, stützte den Arm auf den Tisch, die Stirn auf -die Hand und verharrte lange Zeit in dieser Stellung. Das Öffnen der Tür -erweckte ihn aus seiner Versunkenheit, -- er fuhr in die Höhe. - -»Was gibt es?« fragte er und strich sich das Haar aus der Stirn. Er sah -die Wirtschafterin im Zimmer stehen. - -»Die Frau Schwester vom Herrn Vikar ist da,« sagte die Frau und brach in -Tränen aus, wie es nun einmal ihre Gewohnheit war. - -»So! Schön,« sagte Juchei mechanisch. »Sie soll nur hereinkommen.« - -Sie trat nach wenigen Momenten ein, ganz in Schwarz gekleidet, ihren sauber -frisierten, ebenfalls in Schwarz gekleideten Knaben an der Hand. Sie sah -blaß, aber ruhig aus; ihre Augen zeigten nicht die Spur einer Träne. -Wer hier der wahrhaft Trauernde -- ob die Schwester oder der Freund --, -darüber konnte wohl niemand im Zweifel sein. Joachim bot das jammervolle -Bild aller jener, die einen teuren Menschen in seiner letzten Krankheit bis -zum Ende gepflegt haben. Die letzten schrecklichen Wochen, Tage und Stunden -spiegeln sich wider in den verhärmten Zügen, den verschwollenen Lidern, -den geröteten Augen, ... sogar in der vernachlässigten Kleidung. Des -jungen Priesters Gesicht und Haltung erzählten von durchwachten Nächten -und hinabgewürgten Tränen, und man brauchte ihn bloß anzusehen, um zu -erraten, was alles er durchgemacht hatte in der letzten Zeit. Der Schwester -sah man nichts an. - -Sie begrüßte ihn mit Anstand und reichte ihm die fein gantierte Hand. -Die junge Frau war sorgfältig gekleidet und frisiert. Ihr gewöhnlich -spöttisch-lächelndes Gesicht hatte einen der Gelegenheit angemessenen -ernsten Ausdruck angenommen. Sie hatte ihrem Söhnlein zugeflüstert, -den Hut abzunehmen und nun befahl sie dem Knaben, zu grüßen. Der Kleine -gehorchte. Sein hübsches, altkluges Gesicht verriet Neugier, er blickte in -der Stube umher und fragte leise: »Mutter, wo ist der Onkel?« - -»Sei still,« sagte Anna. »Die Mutter hat mich nicht begleitet,« sagte -sie zu Perkow gewendet. »Sie ist kränklich und schwerfällig und ich -drang darauf, daß sie allen diesen Aufregungen fernbleibe ... Sie ist -ohnehin ganz desperat und wird ihren Sohn nicht lang überleben, fürchte -ich, ... ihr Geist ist wie gestört ... Wer hätte das auch ahnen können! -Als der Bruder uns im Frühjahr besuchte, war er noch ganz gesund.« - -Sie machte ein Pause. Die sorgfältig gekleidete junge Dame, die so ruhig -und zusammenhängend sprach; der neugierige, wohlerzogene Knabe, -- sie -waren Blut von Georgs Blut. Juchei konnte es kaum glauben. - -Anna, der sein Schweigen unbequem war und die in seinen Mienen las, daß -sie keinen günstigen Eindruck auf ihn machte, fuhr mit einiger Hast zu -sprechen fort: »Ich wäre früher gekommen, wenn Sie mir nicht geschrieben -hätten, daß der Bruder mein Fernbleiben wünsche. Der arme Georg war -immer ein wenig eigensinnig. Es tut mir wirklich leid, daß Sie alle die -Plage allein gehabt haben.« - -»Plage!« wiederholte Perkow mit so markiertem Hohn, daß Anna nicht umhin -konnte zu fühlen, sie hätte abermals ein falsches Wort gewählt. Ein -leises Rot färbte ihre Wangen. - -»Wo liegt der Bruder?« fragte sie und zog ihr Taschentuch hervor. - -»Nebenan,« antwortete Juchei und wies auf die Tür. - -Anna führte das Taschentuch an den Mund und begab sich, also vorbereitet, -in das Totenzimmer. Mit Verachtung blickte Perkow ihr nach ... - -Beim Anblick des Toten fing Anna zu weinen an. Der Knabe, noch zu jung, um -zu verstehen, was der Tod bedeute, starrte die Leiche und die umstehenden -fremden Menschen mit halb erschrockenen Augen an. Dem Beispiel der Mutter -folgend, hatte auch er sein kleines Taschentuch hervorgeholt und an die -Lippen gebracht. Er bemühte sich auch redlich zu weinen wie sie, doch -das wollte ihm nicht gelingen. Er flüsterte bloß: »Wie schlecht es hier -riecht, Mutter!« - -»Schweig,« herrschte diese ihn mit unterdrückter Stimme an, trat an den -Sarg heran und blickte in das Gesicht des Toten. Ihn zu küssen, vermochte -sie nicht. Nicht jener Scheu wegen, die Leichen einflößen, ... -etwas anderes war es, das sie davor zurückhielt; etwas Geheimes, -Uneingestandenes, das sie quälte, seit ihr die Kunde seines Todes -zugekommen. Jetzt sprach es laut und lauter, und wie sehr sie sich auch -bemühte, die lästige Stimme zum Schweigen zu bringen; wie eindringlich -sie sich auch vorsagte, daß es nun doch zu spät wäre, daß Vorwürfe -nichts mehr nützten, ... die Stimme redete fort und flüsterte ihr zu, -daß sie nicht schwesterlich an dem Toten gehandelt, daß sie und die -Mutter sein weiches Herz mißbraucht hätten, daß er glücklicher hätte -werden können, wenn sie und die Mutter nicht eingegriffen hätten in sein -Schicksal. Diese Selbstvorwürfe waren ihr unangenehm; sie verabscheute -alles, was ihre heitere Ruhe störte. Ihre Tränen versiegten und kalten -Blickes starrte sie in das Antlitz des Toten, auf den schwarzen Talar, in -den Juchei ihn gekleidet, auf das Kreuz in seinen Händen, auf das schwarze -Barett, das ihm zu Häupten lag ... Warum hatte er nachgegeben? _Sie_ -würde sich, der Mutter zuliebe, nicht geopfert haben ... - -Perkow trat in das Zimmer und gebot den Leuten in gedämpftem Tone -hinauszugehen. Sie grüßten schweigend und entfernten sich. - -Der junge Geistliche näherte sich dem Sarge und sah den Toten an. - -»Er ist arg verändert,« sagte Anna leise. - -»Ja. So hart und fremd sieht er aus, wie mein Georg niemals gewesen ist.« -Seine Stimme bebte, und mit sanfter Hand richtete er an den Kleidern des -Toten, glättete das Kissen unter seinem Haupt und streichelte sein Haar. -Der Blick des jungen Priesters hing dabei so liebevoll an dem starren -Gesicht des Freundes, wie etwa eine Mutter ihr totes Kind betrachten -würde. »Und doch,« fuhr er fort, »sieht man selbst jetzt noch, wie -schön er war, ... das Profil wie rein und edel ... O Georg!« Er neigte -sich auf ihn herab und legte die Stirn auf die kalten Hände. - -Von tiefstem Unbehagen erfaßt stand Anna da. Ja, der hatte sich keinen -Vorwurf zu machen; in dessen Brust erweckte der Anblick des Toten nur -lichte, erhebende Erinnerungen; der durfte ihm nahen und ihn berühren -sonder Scheu noch Selbstanklage. Er hatte ihn nie gekränkt, ihm nie weh -getan, war ihm im Leben und im Sterben treu zur Seite gestanden ... Mit -einem furchtsamen Blick streifte Anna die rührende Gruppe, nahm den Knaben -bei der Hand und ging aus dem Zimmer. - -Perkow folgte ihr nach einer Weile. - -»Erzählen Sie mir von ihm,« sagte Anna, setzte sich und zog den Kleinen -an ihre Seite. - -Joachim machte eine ablehnende Bewegung. - -»Jetzt nicht,« erwiderte er. »Ich kann wirklich nicht. Vielleicht -später einmal, ... bis ich ruhiger geworden bin.« - -»Wie Sie wollen. Lassen Sie uns von anderem sprechen. Was soll mit Georgs -Sachen geschehen? Hat er sich diesbezüglich geäußert?« - -»Ja. Ein Testament hat er zwar nicht gemacht: es wäre auch kaum der -Mühe wert gewesen ... Seine Bücher und Möbel dachte er _mir_ zu, ... als -Erinnerung an ihn.« - -Anna sah den Sprecher forschend und mißtrauisch zugleich an. Wenigstens -kam es ihm so vor. Er schaute ihr mit durchbohrendem Blick in die kalten, -hellen Augen. - -»Glauben Sie mir etwa nicht?« - -»Was fällt Ihnen ein? Wie sollte ich nicht, ... sobald Sie es sagen. -Übrigens haben Sie sich diese bescheidene Erbschaft redlich verdient ... -Hat er Geld hinterlassen?« - -»Geld?« sprach Juchei mit bitterem Lachen nach. »Sie scheinen nicht -zu wissen, daß seine Einnahme eine sehr karge war ... Das wenige, was -er besaß, ist für die Herbeischaffung des notwendigsten Hausrates -aufgegangen. Wir mußten sogar sein Klavier verkaufen, um die Kosten der -Krankheit zu decken, ... und der Rest von diesem Verkaufe muß auf die -Bestattung und den Grabstein verwendet werden. Was er sonst hinterläßt, -wie seine Wäsche und Kleider und die Kücheneinrichtung, steht zu Ihrer -Verfügung. Wie gräßlich ist es doch, von alledem sprechen zu müssen,« -schloß er und kehrte sich angewidert von ihr ab. - -»Wir sind ja schon fertig,« sagte Anna und stand auf. »Kann ich hier im -Dorf Unterkunft für die Nacht finden?« - -»Im Gasthof sind noch ein oder zwei Zimmer frei. Dort können Sie -übernachten.« - -»Und das Begräbnis ist ... um wieviel Uhr?« - -»Um acht Uhr.« - -»Ich will Sie denn nicht länger stören. Sie bedürfen der Ruhe.« - -»Der Einsamkeit vor allem,« dachte Juchei. - -»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Anna. Er aber begleitete sie bis -an die Tür und öffnete dieselbe. Anna verbeugte sich, der kleine Knabe -grüßte höflich, und damit gingen sie. - -Joachim schüttelte sich und seine Züge überflog ein Ausdruck, der halb -Erstaunen, halb Widerwillen war. Daß ein solcher Bruder _diese_ Schwester -haben konnte! Aber er wollte nicht nachdenken über sie; die hohle Puppe -war es nicht wert. - -In der Ruhelosigkeit, die ihn seit Georgs Tode quälte, beschloß er, -teils um irgend etwas zu tun, teils um mit Anna nichts weiter besprechen -zu müssen, die Hinterlassenschaft des Freundes zu ordnen und zu verpacken. -Die Haushälterin war ihm dabei behilflich; mit trübem Blick betrachtete -er, als sie fertig waren, die Kisten und verpackten Möbel und die -unwohnliche Stube. Wie kahl es hier aussah, wie traurig! - -Die Wirtschafterin trat ein, sah den jungen Priester einsam und verlassen -in der Mitte des Zimmers stehen und fragte ihn schüchtern, ob er nichts zu -essen begehre. - -Er schüttelte den Kopf. »Aber Wein können Sie mir bringen.« - -»Ja, Hochwürden.« - -»Wo ist der Hund?« - -»Unten, ... vor dem Hause.« - -»Lassen Sie ihn herauf zu mir, ... ich möchte ihn um mich haben.« - -Das Tier fühlte wie er, und darum sehnte er sich nach seinem treuherzigen -Anblick. - - * * * * * - -Am nächsten Morgen, eine Viertelstunde vor acht Uhr, waren die Wohnstube -und das Totenzimmer von Leuten überfüllt. Alle hielten einen brennenden -Wachsstock in der Hand, wie es bei Begräbnissen der Brauch ist in Tirol. -Anna brachte ihr Tuch nicht von den Augen, und als das Zimmer, wo der Tote -lag, am vollsten war, beugte sie sich auf die Leiche herab und küßte -den Bruder auf die Wange. Juchei stand im Nebenzimmer, abseits von den -übrigen, starrte vor sich hin und fuhr manchmal mit der Hand nach dem -Herzen. Einer der fremden Geistlichen näherte sich ihm. - -»Jetzt wird der Sarg geschlossen,« flüsterte er dem jungen Amtsbruder -zu. »Wollen Sie den Toten noch einmal ansehen?« - -»O nein,« antwortete Juchei. »Ich habe schon Abschied von ihm genommen, -heute nacht, als wir allein waren ... Lassen Sie den Sarg schließen.« - -Das war bald geschehen. Vier Männer luden die Bahre auf die Schultern; die -Anwesenden ordneten sich und folgten dem vorangetragenen Sarge. Die Glocken -begannen zu läuten. So hatten sie auch geläutet, als Georg einzog in das -Dorf; damals hatten sie ihn willkommen geheißen und heute riefen sie ihm -die letzten Grüße zu. - -Nach einer Stunde war alles vorüber. Georg ruhte im Grabe, unter derselben -Scholle, auf der Paula gekniet hatte, als sie das Grab seines Vorgängers -betrachtete. Die Wohnung war jetzt nicht mehr leer. - - - - -Achtzehntes Kapitel - - -Der Dekan hatte das Telegramm, Hartecks Ableben meldend, richtig erhalten -und war im ersten Augenblick, obschon die Nachricht nicht unerwartet -kam, so bestürzt darüber, daß er nicht wußte, was er mit der fatalen -Neuigkeit anfangen sollte. Er hatte das Gefühl, als ob er die Kunde solang -wie möglich geheim halten müßte, hätte aber nicht recht erklären -können, warum er so dachte. Dann drückte ihn das Geheimnis wieder in so -hohem Grade, daß er seine Nichte aufsuchte und ihr unter dem Siegel der -Verschwiegenheit anvertraute, was geschehen war. - -Das sonst so erregbare Fräulein nahm die Mitteilung mit großer Fassung -entgegen. - -»Es war vorauszusehen,« bemerkte sie ruhig, »wir alle sind sterblich, -und ich begreife nicht, lieber Onkel, wie diese Nachricht Dich so sehr -erschüttern kann ... Bist Du denn für das Leben oder Sterben dieses Herrn -verantwortlich?« - -»Du hast recht,« sagte der Dekan sichtlich erleichtert, und Aurelie, froh -etwas zu wissen, was noch nicht aller Welt bekannt war, und hauptsächlich -begierig, daß die Nachricht sobald wie möglich zu den Ohren der ihr -antipathischen Paula Reinberg gelange, beeilte sich auf die Straße zu -gehen und wartete ungeduldig, bis irgend jemand käme, den sie mit dieser -Mission betrauen könnte. Zufällig führte den jungen Schullehrer sein -Weg am Pfarrhof vorüber; und Aurelie, die wußte, daß der junge Mann kein -Freund des Verstorbenen gewesen, redete den Lehrer an und teilte ihm ohne -Einleitung die Todeskunde mit. Ihre Worte erzielten jedoch keineswegs die -gewünschte Wirkung. Fritz Stettner erblaßte, starrte sie an und machte -sich, ohne die Lippen geöffnet zu haben, eiligst davon. Was half _ihm_ des -Mannes Tod? Er war nicht rachesüchtig, nicht schadenfroh, wenigstens nicht -bis zu dem Grade, um jemandem ernstlich Übles zu wollen. Und Paula war -ja doch für ihn verloren. Wie einstens der Lebende, würde jetzt der Tote -zwischen ihr und ihm stehen ... Und selbst wenn Paula den Priester niemals -kennen gelernt hätte, ... _ihn_ würde sie trotzdem nicht geliebt haben. -Lang bevor Harteck kam, hatte er um ihre Liebe geworben und sein Werben war -ein vergebliches gewesen. Während des letzten Jahres hatte er, Hartecks -wegen, viel gelitten; in früherer, besserer Zeit hatte er immer noch -gehofft, -- mit Hartecks Kommen hatte das aufgehört. Er hoffte längst -nicht mehr; aber er liebte auch nicht mehr. Das Mädchen, zu dem er -aufgeblickt wie zu einem hehren Götterbild, war zu einem recht menschlich -schwachen Geschöpf herabgesunken. Er sah sie ganz erfüllt von einem -Manne, den zu lieben ihr nicht erlaubt war, sah sie ihre heiligsten -Pflichten vernachlässigen und allem, was nicht jener Mann war, kalt, -trotzig und teilnahmlos gegenüberstehen. Ihr Haupt beugte sich nicht vor -dem richtenden Urteil der Welt, unumwunden zeigte sie, daß ihr an -allem blutwenig gelegen war, daß sie die Menschen und ihren Richtspruch -verachtete und mit ihnen auch _seine_ treue und reine Liebe, und das -brachte den jungen Mann allmählich zur Besinnung. Der Heilung war freilich -ein schwerer Kampf vorangegangen; endlich aber war sie doch erfolgt. Was er -heute für Paula empfand, hätte er selber nicht recht zu sagen vermocht. -Eines jedoch war ihm klar: wenn sie ihn jetzt geliebt hätte, würde -_er_ sie verworfen haben. Er wollte nicht vorlieb nehmen mit dem, was ein -anderer ihm gnädig zurückließ, wo er so ganz, so tief sich hingegeben -hatte. Paula flößte ihm heißes Mitleid ein, obschon es mit der hohen -Achtung, die er einstens für sie gehegt hatte, vorüber war. Nur mit -Widerstreben würde er ihr weh getan haben, ... da er nicht mehr liebte, -konnte er verzeihen. Er seufzte, als er jetzt durch das Dorf schritt und -das Haus Paulas erreichte. Unwillkürlich stand er da still. Wußte sie -schon ...? Er spähete zu den Fenstern empor und sah die kleine Toni hinter -einem derselben stehen. Sein braunköpfiger Liebling von ehemals ... Wie -schnöde hatte ihn das Kind stets behandelt! Und er hatte alles ertragen, -Paula zuliebe, ... ja, mehr noch, er hatte das undankbare Kind wirklich -lieb gehabt ... O dieses Haus, die Fenster, der Garten, ... hier war seine -Welt gewesen, all sein Glück und Schmerz. Jetzt lag Schnee auf dem Dach -und den Bäumen, und auch in _sein_ Herz war der Winter gezogen. Es ist -doch etwas unsagbar Trauriges um eine untergegangene Liebe ... - -Noch immer sah er traumverloren zu Toni empor, und da auch sie den Blick -auf ihn gerichtet hielt, winkte er ihr mit der Hand, zu ihm herab zu -kommen. Die Kleine schüttelte zuerst den Kopf, dann aber mochte die -Neugier die Oberhand gewinnen; sie verschwand vom Fenster und nach Ablauf -einer Minute stand sie neben dem Lehrer. Sie hatte ein Tuch um Kopf und -Hals gewickelt und ihre Händchen steckten in einem Muffe. Ihr rotwangiges -Gesicht und ihre großen braunen Augen schauten fragend zu dem Manne empor. - -»Prr! Es ist kalt,« sagte sie, hin- und hertrippelnd. »Weshalb haben Sie -mich gerufen, ... bei dieser Kälte?« - -»Ich habe Dir etwas zu sagen,« antwortete er ernst. - -Sie begann zu fühlen, daß es mit ihrer Macht über ihn zu Ende war; so -fremd und kühl hatte er sonst nicht gesprochen. Ihr Köpfchen beugte sich -und, ohne ihn anzusehen, fragte sie mit leiser Stimme: »Was denn?« - -»Sag Deinen Leuten, daß der Vikar Harteck gestorben ist,« versetzte er. - -»O!« rief sie und wurde purpurrot. »Das ist nicht wahr!« - -»Du ungezogenes Kind!« entgegnete er. »Ich werde doch nicht lügen.« - -»Ja, ... aber ...« Sie brach in Tränen aus. »Ich will nicht, daß er -tot ist ... Paula! Paula!« rief sie dann sehr laut, kehrte blitzschnell um -und rannte in das Haus hinein. - -Horchend blieb der Lehrer stehen. - -»Paula! Paula!« hörte er die verhallende Stimme der Kleinen rufen. Das -Herz wurde ihm plötzlich sehr schwer ... Im Hause herrschte Grabesstille. -Kein Seufzer, kein Schluchzen, kein Aufschrei drang an sein lauschendes -Ohr. Ein Rest der alten Liebe lebte noch einmal in ihm auf ... Sollte -er hineingehen und Paula zu trösten versuchen? Ihm bangte vor dieser -Lautlosigkeit ... Schon tat er einen Schritt nach der Schwelle hin. Da aber -war ihm, als zöge eine unsichtbare Hand ihn zurück. Paula würde ihn ja -doch von sich weisen, wie sie es immer getan hatte ... Nein! Sie wollte -nichts von ihm, wollte allein sein, -- mochte sie's denn allein tragen. Und -rasch entschlossen ging er nach Hause. -- - -Der Geschäftigkeit Aureliens war es mittlerweile gelungen, das gesamte -Hausgesinde von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen; wie ein Lauffeuer -ging die Nachricht durch das Dorf; indessen regten sich die indolenten -Bauern wenig darüber auf. Einer erzählte es dem anderen und dieser sagte: -»So!« und »Ah!« und teilte es einem dritten mit und auf diese Weise -ging es fort. Der Dekan, der absichtlich einen Gang durch das Dorf -unternahm, um die Stimmung der Leute zu prüfen, fand, daß niemand daran -dachte, irgendeinen Vorwurf wider ihn zu erheben und daß sich unter den -Bewohnern, außer einer gewissen flauen Teilnahme, die die Todeskunde eines -schon halb Vergessenen gewöhnlich hervorzurufen pflegt, nichts bemerkbar -machte, und er wunderte sich jetzt über sich selbst, daß er etwas anderes -hatte voraussetzen können. - -Eine lebhaftere Bewegung hingegen entstand, als die Rückkunft Perkows -bekannt wurde. Um Zeit zu sparen, hatte Joachim den mühsamen Weg über den -Berg zurückgelegt und langte mittels der Eisenbahn in St. Jakob an. Auf -dem Bahnhof hatten sich außer dem Dekan, dem jungen Mönch und Aurelien -noch viele andere Leute eingefunden, und als sie den jungen Priester, -den Hund Hartecks am Halsbande führend, nach dem Perron schreiten sahen, -entblößten alle die Köpfe, und ehrerbietiges Schweigen herrschte -ringsum. - -Etwas wie Grabeshauch lag auf der Gestalt und dem Gesicht des jungen -Mannes. Aus seinen Zügen war der frohe Lebensmut gewichen und kein -Lächeln trat auf seine Lippen, als der Dekan auf ihn zukam und ihm die -Hand entgegenstreckte. - -»Sie haben -- hm! -- einen schweren Verlust erlitten,« redete der Dekan -ihn an. »Ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.« - -»Ich ebenfalls,« lispelte Aurelie. - -»Danke,« sagte Juchei und faßte den Hund fester am Halsband. Das Tier -stieß ein klägliches Winseln aus und drängte sich zitternd an die Kniee -des Geistlichen. »Der Hund ist noch ganz verstört,« fuhr Joachim fort. -»Er sucht beständig nach seinem Herrn.« - -Der Dekan tätschelte Cäsars Kopf und Aurelie machte sich ebenfalls mit -dem Tiere zu schaffen. - -»Lassen Sie ihn lieber in Ruhe,« sagte Juchei. »Er ist sehr -unzugänglich und bissig geworden.« - -Das Fräulein tat einen affektierten Schrei und wich zurück. Joachim -schenkte dem keine Beachtung, sondern sagte bloß: »Gehen wir nach -Hause.« - -Er grüßte die Leute, die ihm achtungsvoll Platz machten, und die kleine -Gesellschaft schlug den Weg nach dem Pfarrhof ein. - -Überall begegnete Joachim teilnahmvollen Blicken und Grüßen und der -Hund erregte große Aufmerksamkeit. »Da ist sein Hund!« sagten viele mit -leiser Stimme. Juchei sah weder nach rechts noch nach links und zog bloß -mechanisch den Hut ab, wenn ein Gruß an sein Ohr schlug. Nur als sie am -Hause des Arztes vorüberkamen, erhob er den Blick vom Boden und schaute -auf das Haus. Da jedoch weder am Tor noch hinter den Fenstern jemand zu -sehen war, senkte er die Augen wieder und schritt schweigend fürbaß. - -Sie erreichten den Pfarrhof, und als Cäsar des ihm wohlbekannten Hauses -ansichtig wurde, fing er zu rennen an, stürzte zum Tor hinein, über die -Treppe hinauf und kratzte zitternd und heulend an die Tür, die in die -ehemalige Wohnung seines Herrn führte. Joachim eilte dem Hunde nach. Mit -großer Freude begrüßte ihn Cäsar, zerrte ihn an den Kleidern zur Tür -hin, sprang an ihm empor, bellte und keuchte ... O! Diese Tiersprache war -beredt genug: Öffne, öffne doch! Er muß ja hier sein ... Armes, treues -Tier! ... Juchei tat ihm seinen Willen und schloß die Tür auf, -- Cäsar -schoß wie ein Pfeil hinein, durchsuchte die Zimmer, schnüffelte in jede -Ecke und brach plötzlich in ein lautes, jämmerliches Geheul aus. - -»Cäsar! Cäsar!« rief Juchei erschüttert, kniete bei ihm nieder -und drückte seinen großen Kopf an die Brust. Der Hund schaute ihn mit -blutunterlaufenen Augen an und knurrte zornig ... - -»Ich kann Dir Deinen Herrn nicht wiedergeben,« sagte Juchei. »O! Wenn -ich's könnte! ...« Er preßte die Hände an die Augen. Wie diese -Räume ihn an alles mahnten! War es denn möglich, war es denn wirklich, -unwiderruflich wahr? - -Eine Magd rief ihn zum Abendessen. Er schloß den Hund in die Stube ein, -verfügte sich in das Speisezimmer und setzte sich auf den Platz, den Georg -sonst eingenommen. Mechanisch aß und trank er, beantwortete mechanisch die -Fragen, die die Tischgesellschaft an ihn richtete, und wunderte sich nur -über eines: daß alle Welt ihm sein Betragen gegen den toten Freund so -hoch anrechnete, ihn darum belobte ... Was hatte er denn so Besonderes -getan? Er hatte den Toten geliebt: verstanden die Menschen denn nicht, was -das hieß? - -Die Mahlzeit war kaum vorüber, als Juchei sich unter dem Vorwand großer -Ermüdung erhob und zurückzog. Er ging jedoch bloß in seine Wohnung, -um Cäsar zu holen und verließ dann mit dem Hunde das Haus. Die Leute im -Dorfe schliefen bereits, und ohne daß jemand ihn sah, erreichte Joachim -das Ziel seiner kurzen Wanderung, ... das Haus des Arztes. Er klingelte und -fragte die ihm öffnende Dienstmagd, ob ihr Herr noch zu sprechen wäre. -Sie bejahte die Frage, leuchtete ihm über die Treppe hinauf und bat ihn, -einzutreten. Er klopfte an und trat in das Zimmer. - -Die Familie hatte soeben das Abendbrot eingenommen. Der Arzt saß am -Tische und rauchte, Paula ihm gegenüber, mit verschränkten Armen vor sich -hinstarrend, und Toni stand neben ihr. Als sie den Geistlichen und Cäsar -eintreten sahen, erhob sich der Arzt und warf einen raschen Blick auf seine -Tochter. Paula wollte sich erheben, vermochte es aber nicht. Sie sank auf -den Stuhl zurück und schlug die Hände vors Gesicht. Schweigend standen -der Arzt und Perkow da und schauten auf das junge Mädchen. Keiner war -imstande, zu sprechen. Nur Toni näherte sich dem Hunde und streichelte -ihn. - -»Cäsar! Armer Cäsar!« - -Das Tier schien sie nicht zu erkennen. Es zog den Schwanz ein und zeigte -dem Kinde die Zähne. - -»Cäsar, was hast Du? _Ich_ bin es ja,« sagte Toni furchtlos und -zärtlich. Der Arzt faßte sie am Arm und führte sie aus dem Zimmer. - -»Der Hund ist krank; geh Du schlafen,« sagte er, kehrte dann zu den -anderen zurück und bot dem Gast einen Stuhl an. Juchei setzte sich; der -Arzt blieb stehen. - -»Verzeihen Sie mein Eindrängen,« sagte Juchei endlich. »Es soll nicht -wieder geschehen. Aber dieses eine Mal mußte es sein ... Ich bin gekommen, -um Ihnen die letzten Grüße meines Freundes zu überbringen.« - -Niemand antwortete. Paula verharrte unbeweglich in ihrer trostlosen -Stellung. Man hätte sie für tot halten können, wenn nicht von Zeit zu -Zeit ein Zittern ihren Leib durchlaufen hätte. - -»Bis zu seinem Ende,« fuhr Joachim fort, »hat ihn der Gedanke gequält, -daß er Leid über Ihr Haus gebracht ... Lassen Sie mich hoffen, daß seine -Reue, sein Tod Sie versöhnen ...« - -Die Stimme versagte ihm. - -»Alles ist vergeben und vergessen,« sprach der Arzt. - -Paula erhob sich und ging aus dem Zimmer. - -»Amen,« murmelte Juchei ihr nachblickend. Der Arzt tat dasselbe. - -»Hat er viel gelitten?« fragte er dann. - -»O!« sprach Joachim mit einer traurigen Bewegung. »Seine Jugend und -die mörderische Krankheit kämpften einen fürchterlichen Kampf -miteinander, ... aber sein Tod war ein sanfter. Er schlief in meinen Armen -ein ...« - -Eine neue Pause folgte. - -»Sein Gemüt war -- bedrückt,« sagte der Arzt hierauf. »Das ist eine -siegreiche Waffe für diese Krankheiten. Aber ich will doch nach dem -Mädchen sehen, ... Sie verzeihen, ... ich bin so sehr besorgt um sie.« - -Er ließ den Gast allein. Nach einer Weile hörte Juchei die Tür gehen. -Er blickte auf und sah Paula vor sich. Schweigend nahm das junge Mädchen -ihren alten Platz ein. Sie saß nach vorne gebeugt, ihre Hände ruhten -im Schoße, ihre Augen stierten ausdruckslos ins Leere. Perkow, der sie -betrachtete, fand sie sehr verändert. Eine seltsame Starrheit lag auf -ihrem Gesichte, unter ihren Augen liefen dunkle Schatten. Verweint sah sie -nicht aus ... Sie hatte noch keine einzige Träne vergossen, seit sie das -Unabänderliche erfahren. - -Juchei erwartete, daß sie etwas sagen würde. Paula aber blieb stumm; sie -blickte ihn nur unverwandt an. - -»Sie sind doch zu beneiden,« sprach sie endlich, ohne die Augen von ihm -zu wenden. - -»Ich?« fragte er mit trübem Lächeln. - -»Sie haben um ihn sein dürfen bis zum letzten Augenblick, während -ich ...« Sie verstummte. »Ich würde es leichter tragen,« sprach sie -dann, »wenn es so hätte kommen _müssen_. Gegen das Schicksal sind wir -machtlos. Wenn aber Menschen eingreifen in das Schicksal anderer und dabei -ein solcher Jammer herauskommt, dann gibt es keinen Trost. Die Bitterkeit, -der Haß vergiften den Schmerz. Ich kann nicht einmal weinen und trauern um -ihn, alles in mir ist tot und versteinert. Sich sagen müssen, daß er -noch leben und glücklich leben könnte, wenn nicht seine Mutter und -Schwester ... Ich habe nie gewußt, was Haß ist. Jetzt aber weiß ich -es.« - -»Ich kann Ihnen darauf nur mit dem Ausspruch des Erlösers antworten,« -erwiderte der Priester. »Vergeben wir ihnen, sie wußten nicht, was sie -taten.« - -»Ich bin nicht so mild gesinnt,« entgegnete Paula dumpf. »Ja, wenn es -sich bloß um _mich_, um _mein_ Glück handelte! Wenn aber etwas, das ich -liebe, getroffen wird, bin ich unversöhnlich. -- Noch eines quält mich,« -fuhr sie nach einer augenblicklichen Stille fort und legte die Hand an die -Stirn. »Ich kann nicht zusammenhängend sprechen, ... mein Kopf ist so -verwirrt ... Was wollte ich nur ...? Ja, das wollte ich sagen. Sie haben -vorhin geäußert, daß Sie kein zweites Mal zu uns kommen würden. So muß -es auch sein. Nicht meinetwegen. _Mein_ Leben ist abgetan. Aber des Vaters -halber. Um Ihnen das zu sagen, habe ich den Vater gebeten, mich mit Ihnen -allein zu lassen. Er hat genug gelitten. Ich will von dieser Stunde an -versuchen, wieder für ihn und meine Schwester zu leben ... Vielleicht daß -auf diese Weise mein Dasein noch einigen Nutzen bringen kann. Aber bevor -Sie gehen, muß ich noch eine Frage an Sie richten. Harteck hat mich nie -gerufen, ... und dennoch, ... glauben Sie, daß es ihm erwünscht gewesen, -wenn ich trotzdem gekommen wäre? Oft, oft hat es mich übermächtig -hingezogen zu ihm ... Dann aber sagte ich mir wieder: Wenn er's wollte, -brauchte er Dich ja bloß zu rufen; weiß er doch, daß Du darauf -wartest ... Und so schwankte und zauderte ich, bis es zu spät war. Und nun -hetzt und verfolgt mich der Gedanke, daß er vielleicht auf mich gewartet -hat und daß ich nicht gekommen bin ...« - -»Beruhigen Sie sich darüber,« sprach Joachim. »Georg verstand so zu -lieben, daß er sich selbst zu vergessen vermochte. Er hat Sie -- warum -sollte ich's Ihnen verschweigen? -- sehr geliebt und redete noch im -Todeskampf von Ihnen. Aber was er sagte, waren Dankesworte dafür, daß -Sie allem diesen Jammer fern geblieben wären. Ihr Anblick würde ihn nur -gequält haben; er hätte sehen müssen, wie Sie leiden um seiner Leiden -willen und ohne ihm helfen zu können, und dieses Bewußtsein hätte ihn -nur noch elender gemacht. Nein, so war es am besten.« - -»Gott sei Dank!« sagte Paula. »Das war es, was ich zu wissen begehrte.« - -Perkow erhob sich. - -»Komm, Cäsar,« sagte er zu dem Hunde, »wir wollen nach Hause gehen.« - -Er sprach diese einfachen Worte mit so müder Stimme, daß sogar der Hund, -als verstünde er ihn, mitleidig seine Hand leckte. - -»Die Toten sind nicht am schlimmsten daran,« sagte Juchei und gab Paula -die Hand. »Aber die, die zurückbleiben ...« - -»Zurückbleiben,« sprach Paula tonlos nach, »untröstlich, -unversöhnlich.« - -»Untröstlich gewiß,« sagte der Priester. »Ich würde nicht wert sein, -daß er mich Freund nannte, wenn ich ihn jemals vergessen könnte ... Ich -werde meinen Georg niemals vergessen. Leben Sie wohl.« - -Sie ließ seine Hand fahren und er ging, den Hund mit sich führend. Sie -blickte ihm nicht nach, sie starrte in die Luft. Gegenwart und Zukunft -flossen ineinander. Sie sah voraus, daß es immer so bleiben würde, ... -von jetzt an bis zum Tode. Tränenlos würde sie durchs Leben gehen, die -Wunde würde im Verborgenen weiter bluten und langsam vereitern; sie würde -bleiben, was sie in dieser Stunde zu sein bekannt hatte: untröstlich, -unversöhnlich. - - - - -Neunzehntes Kapitel - - -Zehn Jahre waren verflossen. An einem Oktobernachmittag war es, daß ein -kräftig-schlanker Mann, der die schwarze Kleidung eines katholischen -Priesters trug, durch die Straßen Salzburgs schritt. Er ging einher in -selbstbewußter Haltung und man sah ihm an, daß er gewohnt war, das -Haupt hoch zu tragen ... Flüchtig erwiderte er die Grüße der an ihm -vorbeieilenden kleinen Buben und Mädchen, sah bald die Häuser an, -an denen er vorüberging, bald empor zu den nahen Bergen, und seine -männlichen, sonnverbrannten Züge nahmen dabei einen ziemlich ernsten, -fast nachdenklichen Ausdruck an. Plötzlich hielt er im Gehen inne und -blickte mit einer Bewegung der Überraschung auf ein freundliches, sauber -gehaltenes Haus. Ein Name, an dem Haustor angebracht, war es, was seinen -Blick getroffen hatte ... »=Dr.= Reinberg!« murmelte der Priester vor -sich hin. »Ist es möglich? Sollte es derselbe Mann sein? So wären -wir einander so nahe gewesen und ich hätte nichts davon gewußt?« -Kopfschüttelnd wollte er seinen Weg fortsetzen, -- da aber war ihm, als -tauchte das Bildnis eines Toten vor ihm auf, als flüsterte eine einst -geliebte, seit langen Jahren nimmer gehörte Stimme in sein Ohr: So eilst -du vorüber an dem Hause, das dasjenige birgt, was mir das Liebste war auf -dieser Welt? So eilst du vorüber und gehst nicht hinein und fragst nicht, -wie es ihr ergeht und wie sie lebt? Bin ich schon ganz vergessen? - -Rasch entschlossen wendete er sich um und lenkte den Schritt hinein in das -Haus. - -Während er die Treppe emporstieg, überkam ihn eine Art von Beklemmung. -Jahre waren hinweggerauscht über alle jene Begebenheiten, die in dem -abgeschiedenen und traurigen Dorfe Keßten sich abgespielt, -- das Leben -und Joachims Jugend hatten ihre natürlichen Rechte geltend gemacht, -Ereignisse aller Art waren zwischen ihn und die Vergangenheit getreten und -hatten das Bild des toten Freundes gewaltsam in den Hintergrund gedrängt. -An Paula Reinberg vollends hatte er jahrelang kaum gedacht. Aber jetzt, -wo er sich ihr so nahe wußte, sank die Schranke ein, die die Zeit -aufgerichtet hatte, und scharf wie in alten Tagen grub der alte Jammer -seine Zähne ein in des Mannes unruhig pochendes Herz. - -Zögernd legte er die Hand an die Wohnungsglocke. Wie wird Paula ihn -aufnehmen? Wird sein unvermuteter Anblick nicht alte, mühsam vernarbte -Wunden aufreißen? Wird sie es ihm danken, daß er, ungerufen, ungebeten, -zu ihr gekommen? - -Er wußte selbst kaum, daß er an der Glocke gezogen: aber das Geläute, -das nun erscholl, belehrte ihn, _daß_ er es getan. Vorwärts denn! Zur -Umkehr war es jetzt doch zu spät. - -Eine Minute darnach trat er in das Wohnzimmer. Vom Sofa erhob sich eine -schlanke, schwarzgekleidete Frauengestalt ... Des Priesters Herz empfand -eine schmerzliche Regung. Nach zehn langen Jahren standen die zwei -Menschen, die dem, der in Keßten begraben lag, das Teuerste gewesen waren -und die auch ihn am innigsten geliebt hatten, einander zum erstenmal wieder -gegenüber. - -»Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind,« begann Paula und sah -ihn mit warmem Blick an: mit einem Blick, wie ihn die Menschen nur für -jene haben, die sie an eine gemeinsam verlebte frohe Zeit oder an ein -gemeinsam empfundenes Leid erinnern. - -»Ich wußte nicht, daß Sie sich in Salzburg aufhalten,« sagte Joachim. -Seine Stimme klang bewegt. - -»Wir sind erst seit kurzem hier, erst seit ein paar Wochen,« antwortete -Paula mit erzwungener Fassung. »Mein Vater ist zum Bezirksarzt von hier -ernannt worden ... Wir fühlen uns schon ganz heimisch in Salzburg, nicht -anders, als ob wir schon jahrelang hier wohnten.« - -Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, sich zu setzen; er folgte ihrer -Aufforderung und Paula nahm ihren Platz auf dem Sofa wieder ein. - -Er wußte nicht recht, was er ihr sagen sollte. Die Vergangenheit -heraufbeschwören? Reden von Dingen, die so viel Leid gebracht? Dazu hatte -er keinen Mut. - -Aufmerksam hingen seine Augen an dem blassen, ernsten Mädchenbilde. In -ihrem schwarzen Kleide, mit dem schlicht gescheitelten Haar sah sie beinahe -matronenhaft aus. Es war die alte Paula und war es doch wieder nicht. Ihre -Wangen waren hagerer geworden, sie war noch bleicher als ehedem und um ihre -festgeschlossenen Lippen lag ein herber Zug. In ihre Stirn hatte die Zeit --- wohl auch anderes -- die ersten Falten gegraben; ihre Augen aber hatten -einen sanften, schwermütigen Blick. »Ich habe entsagt:« stand nicht das -in deutlichen Lettern in diesen tiefliegenden grauen Augen geschrieben? - -Auch Paula betrachtete ihn mit forschendem Blick. Sie fand ihn wenig -verändert; seine Gestalt war kräftiger, seine Züge gereifter geworden. -Er sah so selbstbewußt aus wie in alter Zeit. Nur die Sturm- und -Drangperiode, der Ungestüm und Überschuß an gärender, felsenfest an -sich selbst glaubender Jugendkraft schienen einem gesetzteren Wesen, einer -etwas nachsichtigeren Denkungsart gewichen zu sein. Wenigstens glaubte -Paula, es aus seinen Zügen herauszulesen. - -»Wir haben einander lang nicht gesehen,« sagte sie, ohne den Blick von -ihm zu wenden. »Wie ist es Ihnen ergangen seit dem Tag, wo ...« Sie -stockte plötzlich. Die Vergangenheit _war_ heraufbeschworen. Wie konnte es -auch anders sein? Seit er das Zimmer betreten, hatten er und sie ja nur an -das Eine, gemeinsam Erlittene, längst Begrabene gedacht. - -»Seit dem Tag, wo wir in St. Jakob einander zum letztenmal gesprochen,« -vollendete Paula nicht ohne Anstrengung. - -»Mir ist es ganz gut ergangen,« versetzte Joachim. »Von St. Jakob bin -ich, wie Sie wissen, bald abberufen worden ... Eine Zeitlang habe ich -für Blätter unserer Partei geschrieben, bin auch Redakteur gewesen -und bekleide derzeit die Stelle eines Sekretärs bei seiner Eminenz dem -Fürsterzbischof von Salzburg. Er ist mir sehr freundlich gesinnt und ich -hatte im verflossenen Jahr das Glück, ihn nach Rom begleiten zu dürfen, -wobei mir die Gnade zuteil wurde, seiner Heiligkeit dem Papste vorgestellt -zu werden. Übrigens reise ich morgen früh von hier ab.« - -»Für immer?« fragte Paula. - -»Wahrscheinlich für immer. Der Erzbischof von Wien wünscht, mich um -sich zu haben, und ich trete von morgen an in seine Dienste. Das ist mir -natürlich sehr angenehm, weil sich mir dadurch die Aussicht eröffnet, -rascher vorwärts zu kommen, als es hier möglich wäre. Indessen tut es -mir einigermaßen leid, von der Heimat scheiden zu müssen.« - -»Sie haben es für Ihre Jugend weit gebracht,« sagte Paula. »Ich -wünsche Ihnen von Herzen Glück zu allem, was Sie bis jetzt erstrebt haben -und noch erreichen werden.« - -»Besten Dank,« antwortete Joachim. »Es ist wahr, daß man allenthalben -sehr wohlwollend gegen mich ist und meinen Fähigkeiten oder, wenn Sie -wollen, meinem guten Willen die weitestgehende Anerkennung zollt.« - -Paula sah ihn mit einem eigentümlichen Blick an; man hätte sagen können, -daß Neid aus ihren Augen sprach. Dann wendete sie das Haupt zur Seite und -ließ den Blick hinauf zum grauen Himmel schweifen. - -»Es ist doch seltsam,« sagte sie dabei. »Zwei Menschen betreten -denselben Weg, gehen weiter auf demselben Wege, haben die gleichen -Bestrebungen, die gleichen Ziele, ... und mit einemmal trennen sich ihre -Wege: den einen trägt der seine empor zu Ansehen und Ehren und den anderen -führt er hinab in das Grab ...« - -Sie ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin. - -»Wenn er, wie ich, Lust und Liebe zu seinem Beruf gehabt hätte,« sprach -Joachim mit einem Anflug von Strenge, »würde er gleichen Schritt mit mir -haben halten können.« - -Einen Namen zu nennen, war nicht nötig. Sie beide wußten ja, von wem sie -sprachen, an wen sie dachten. - -»Klagen Sie ihn nicht an,« sagte Paula und ihre Stimme zitterte. »O! -Wenn die Menschen _ihm_ überlassen hätten, sich seinen Lebensweg selbst -vorzuzeichnen: wie anders wäre dann alles gekommen.« - -Joachim sagte nichts darauf. Ihn, den Priester aus Überzeugung, -berührte es immer peinlich, wenn er daran erinnert wurde, daß der Freund -unglücklich gelebt hatte und unglücklich gestorben war, _weil_ er das -priesterliche Kleid getragen. - -»Ich habe seine Mutter kennen gelernt,« hob er nach einer bedrückenden -Stille wieder an. - -Flüchtig sah Paula in sein Gesicht. - -»Seine Schwester ließ mir keine Ruhe,« setzte er erläuternd hinzu. -»Sie schrieb mir Briefe um Briefe, in denen sie mich immer wieder -beschwor, sie und ihre Mutter zu besuchen, damit sie von mir hören -könnten, wie Georg die letzten Lebenswochen zugebracht hätte und ob er -christlich und ergeben gestorben wäre. Aber diese Schwester hatte einen -so widerwärtigen Eindruck auf mich hervorgebracht, daß ich mich -wahrscheinlich niemals entschlossen haben würde, ihrer Einladung Folge -zu leisten, wenn nicht am Ende die Mutter selber mich brieflich gebeten -hätte, sie doch, um Gottes willen, einmal wenigstens aufzusuchen: -sie könne nicht ruhig sterben, wenn sie mich nicht vorher gesehen und -gesprochen hätte.« - -»Nun?« fragte Paula in dumpfem Ton, da er im Sprechen innehielt. - -»Ich reiste denn nach Kufstein,« fuhr Joachim fort. »Es war etwa ein -halbes Jahr nach Georgs Ableben. Als mich die Schwester vor seine Mutter -führte, sah ich eine bejammernswerte, hinfällige Greisin vor mir, die -kaum die Kraft hatte, sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben. Wie genau -erinnere ich mich an jede Einzelheit, ... an die verdrießliche, -ungeduldige Miene der Schwester und an das furchtbar blasse, strenge, vom -Leid verwüstete Gesicht der alten Frau, -- sogar an ihre Worte. ›Hilf -mir auf‹, sagte sie zur Tochter. ›Ich bin so mühselig geworden, seit -mir die Kunde seines Todes zugekommen ist‹ ... Könnte ich Ihnen nur den -_Ton_ wiedergeben, in dem diese Worte gesprochen wurden ... Er drang mir -bis ins Mark.« Paula beschattete die Augen mit der Hand. »Unwillig genug -leistete ihr die Tochter die gewünschte Hilfe,« erzählte der Priester -weiter. »Ich las ihr vom Gesichte ab, daß ihr die gebeugte alte Mutter, -der tote Bruder, kurz alles, was sie in ihrer Behaglichkeit störte, -unsäglich lästig war ... ›Eine gute Schwester ist sie ihm gewesen,‹ -fuhr die alte Frau, zu mir gewendet, fort. ›Warum ist sie nicht -rechtzeitig zu ihm geeilt? Hast ihn unter Fremden sterben lassen, Deinen -einzigen Bruder,‹ sagte sie zur Tochter. ›Gott vergebe es Dir.‹ -- -Die Junge zog ein Gesicht und blieb die Antwort darauf schuldig. Ich aber -konnte mich nicht enthalten, zu sagen: ›Es war ihm viel lieber so; er hat -mit keinem einzigen Wort nach seiner Schwester verlangt.‹ -- Das schien -doch einigen Eindruck auf das stahlharte Gemüt der Jungen zu machen, ... -wenigstens fuhr sie zusammen und ging rasch aus dem Zimmer. Einem Steinbild -gleich saß die alte Frau vor mir, ... es wurde mir fast unheimlich sie -anzusehen. ›Wie geduldig und liebevoll er im Vergleich zu meiner Tochter -gewesen ist,‹ sprach sie mit klangloser Stimme. ›Wenn Gott mir nur -sagen möchte, ob ich recht an ihm gehandelt habe. Ich habe meine Pflicht -getan und Gott höher gehalten als alles andere, ... und darüber ist -mir der Sohn weggestorben; _vor_ mir und nicht in meinen Armen. Und ich -fürchte‹, sagte sie flüsternd und umklammerte mit ihrer abgemagerten -Hand meinen Arm, ›ich fürchte, daß er in Groll wider mich aus der Welt -gegangen ist ... Das nagt an mir, hochwürdiger Herr, ... wie ein Wurm nagt -das an mir‹ ...« - -Jucheis Stimme war bei diesem Bericht leiser und leiser geworden. Nun -seufzte er tief auf und blickte, in Erinnerungen verloren, vor sich hin. -Paula hielt die Augen noch immer mit der Hand bedeckt. - -»Grauenvoll!« murmelte sie in sich hinein. - -»Jawohl, -- grauenvoll!« sprach Joachim nach. »Das ist das rechte Wort. -Habe ich nicht im Sinn des Toten gehandelt, wenn ich ihr diese Gedanken -auszureden, sie zu trösten und zu beruhigen versuchte? Denn das habe ich -getan.« - -Paula nickte stumm. - -»Zwei Monate später erfuhr ich, daß sie gestorben wäre,« sagte -Joachim. »Sie hat den Sohn nicht einmal ein Jahr überlebt.« - -»Sie ruhe in Frieden,« sprach Paula mit leiser Stimme. »Damals -- vor -zehn Jahren -- hegte ich andere, wildere Gedanken. Heute wiederhole ich -die Worte, die Sie einstens zu mir gesprochen: Gott vergebe ihr; sie wußte -nicht, was sie tat.« - -Eine Zeitlang verharrten sie in Stillschweigen. - -»Cäsar,« bemerkte der Priester endlich, »hat seinen Herrn nicht -vergessen können. Ich habe mir alle Mühe gegeben, ihn an mich zu -gewöhnen und habe ihn, da er krank war, Tag und Nacht gepflegt; aber er -starb ab, wie eine Lampe erlischt, deren Brennstoff verbraucht ist. Ein -paar Monate nach Georgs Tode war auch sein Hund tot.« - -»Und die anderen ... Hartecks Feinde ... leben wohl alle noch?« -fragte Paula mit bitterem Lächeln. »Wahrscheinlich geht es ihnen auch -vortrefflich.« - -»Nicht die Menschen waren seine schlimmsten Feinde,« entgegnete Joachim. -»Er ist an einem verfehlten Leben zugrunde gegangen. Nichts mehr davon. -- -Seine Widersacher leben alle noch und leben ganz vergnügt.« - -Paula versank in Nachdenken. Die Menschen hatten Georg vergessen und sich -getröstet darüber, daß er tot; alle waren ihren Weg gegangen, hatten das -Glück oder doch ein Ziel gefunden: _sie_ nicht. Die Lücke, die sein -Tod gerissen, war geblieben. Sie hatte keinen Ersatz gesucht, hatte den -Gedanken, noch einmal zu lieben, mit Hohn von sich gewiesen. Glücklich -sein, sich freuen, während _er_ in seinem Grabe moderte, ... nein! O nein! -Sie war ihm treu geblieben und die Jugendzeit war verronnen. Was lag daran? -Nicht allen ist beschieden, das Glück zu finden, und die Trauer um einen -geliebten Toten ist ja auch ein Schatten von Glück. - -»Sie wollen schon fort?« fragte sie den Priester. Dieser hatte sich -erhoben. - -»Ich muß,« sagte er. »Grüßen Sie die Ihren von mir und leben Sie -wohl.« - -Paula stand auf und gab ihm die Hand. - -»Zum Schlusse noch eine Frage,« sagte Joachim und behielt ihre Hand -in der seinen. »Wie leben _Sie_ ...? Davon haben Sie mir noch kein Wort -gesagt.« - -Mit ruhigem Ernste sah sie ihm in die Augen. - -»Wie soll ich leben? Sehr still und friedlich ... Toni ist meine größte -Freude. Sie hat gehalten, was sie als Kind versprochen und ist ein blühend -schönes, reich begabtes Geschöpf geworden. Vielleicht, daß sie ein wenig -_zu_ ehrgeizig, _zu_ hochstrebend ist, ... ich aber liebe sie so wie sie -ist und möchte sie nicht anders haben. -- Über mich selbst,« fügte sie -nach augenblicklicher Stille hinzu, »denke ich wenig nach. Ich bin alt -geworden. Wenn ich Vater und Toni glücklich sehe, bleibt mir nichts zu -wünschen übrig.« - -Ein Seufzer der Beruhigung hob seine Brust. Er hatte die Empfindung, -als stünde eine nach schwerer, langer Krankheit Genesene vor ihm. Der -wildtobende, verheerende Schmerz hatte diese edle Natur wohl erschüttern, -nicht aber zerstören können. - -Mit einem Händedruck nahm er Abschied von ihr und ging, -- ging hinaus ins -volle Leben und sie blieb zurück in ihrer eng begrenzten Welt und schaute -ihm nach mit ernstem, ergebenem Blick. - -Sie wollte den Ihren nichts sagen von dieser Begegnung. Sie möchten -fürchten, daß dies Wiedersehen sie erregt haben könnte, und diese Sorge -sollte ihnen erspart bleiben. Sie dachten ja immer an sie, der Vater -und Toni. Wie geduldig war der Vater stets gewesen! Jahrelang hatte er -gewartet, -- immer gleich mild und liebevoll, bis sie endlich ruhiger -geworden war. Er und Toni hatten sich bemüht, ihr zu ersetzen, was sie -verloren, hatten sie ihrer stillen Traurigkeit halber niemals getadelt, -hatten jedes heitere Wort, jedes Lächeln von ihr mit heller Freude -begrüßt. Wie eine Schwerkranke hatten sie sie behandelt, ... der Vater, -der Vater besonders. In ihrem Hause wurde sie geliebt mit treuer, niemals -wankender Zärtlichkeit, ... das tat so wohl und warf einen Sonnenstrahl -auf das Grab ihrer armen, einzigen Liebe. - -Mit leisem Schritt trat sie vor das Bild der Mutter hin, kniete nieder -davor und betete lange. Tränen rollten dabei über ihre Wangen, aber es -waren sanfte, erlösende Tränen. Sie konnte wieder beten, sie haderte -nicht mehr: es war ihr viel genommen, doch auch viel gegeben, viel gelassen -worden. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Obschon Paula wußte, daß sie -jenen Toten lieben würde, solang ein Herzschlag in ihr, fühlte sie doch -auch, daß sie endlich ruhig geworden war. Mit Georg Harteck war alles -geschieden, was wie ein dunkler Fleck an ihrer reinen Seele gehaftet hatte. -Mit fast sündiger Leidenschaft hatte sie an dem Manne gehangen, hatte, ihm -zuliebe, geschwankt zwischen Recht und Unrecht, ja, sie wäre, ihm zuliebe, -besinnungslos abgewichen vom Weg der Pflicht gegen sich selbst und gegen -teure Menschen, -- der Tod hatte dem traurigen Kampf ein Ende gesetzt. Sie -war sich heute bewußt, daß es so hatte kommen müssen, um sie sich selbst -zu retten; trotz dem Schiffbruch, den ihre einzige Liebe erlitten, war ihr -unsäglich viel geblieben: die Selbstachtung, ein Herd und zwei ihr mit -echter Liebe ergebene Menschen. Das war viel, mehr vielleicht, als sie -verdiente, -- mehr, als es braucht, um mit dem Leben fertig zu werden. - - -Ende. - - - - -Fußnoten - - -[1] guter. - -[2] gehen Sie. - -[3] Ursula. - -[4] doch. - -[5] uns. - -[6] können. - -[7] weinen. - -[8] ihm. - -[9] zuwider, ärgerlich. - -[10] ihr. - -[11] wir. - -[12] vielleicht. - -[13] lustig. - -[14] Postwirtin. - -[15] still. - -[16] zurückhalten. - -[17] Ihr. - -[18] Friedhof. - -[19] In Tirol für Verwandtschaft. - -[20] In Tirol für Joachim; die Betonung liegt auf der ersten Silbe. - -[21] Gerannt. - -[22] Siehst Du. - -[23] Seppei in Tirol für Josef. - -[24] Blick. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Im Originalbuch tragen die Kapitelenden jeweils einfachen floralen Schmuck, -auf den in dieser Transkription verzichtet wurde. - -Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=. - -Der Schmutztitel wurde entfernt. - -Alle Fußnoten wurden unter der hinzugefügten Überschrift "Fußnoten" am -Ende des Buchtextes zusammengefasst. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 1: - im Original "Von diesen Gedanken beseelt. setzte er" - geändert in "Von diesen Gedanken beseelt, setzte er" - - Seite 1: - im Original "der Hund ging dicht hinter ihm," - geändert in "der Hund ging dicht hinter ihm." - - Seite 4: - im Original "wohl schon zu Nacht gessen" - geändert in "wohl schon zu Nacht 'gessen" - - Seite 26: - im Original "daß das Frühstück berets aufgetragen wäre" - geändert in "daß das Frühstück bereits aufgetragen wäre" - - Seite 40: - im Original "wie so vieles, vieles andre" - geändert in "wie so vieles, vieles andere" - - Seite 44: - im Original "Er, für seine Persen, würde ja gern" - geändert in "Er, für seine Person, würde ja gern" - - Seite 74: - im Original "Er hattte sie abgöttisch geliebt" - geändert in "Er hatte sie abgöttisch geliebt" - - Seite 94: - im Original "zwischen uns eintreten, Fräulein Paula Ich komme" - geändert in "zwischen uns eintreten, Fräulein Paula. Ich komme" - - Seite 106: - im Original "als ob er gezeichnet wäre, -- Alle betrachteten" - geändert in "als ob er gezeichnet wäre. -- Alle betrachteten" - - Seite 107: - im Original "Die Straßen, auf den halb zerflossener Schnee lag" - geändert in "Die Straßen, auf denen halb zerflossener Schnee lag" - - Seite 177: - im Original "hier gewesen sein, ich werde bald sterben.«" - geändert in "hier gewesen sein, ich werde bald sterben.‹«" - - Seite 183: - im Original "bloß auf Besuch käme ober ob er" - geändert in "bloß auf Besuch käme oder ob er" - - Seite 201: - im Original "eilte zu der Schwester hin -- »Paula«," - geändert in "eilte zu der Schwester hin -- »Paula,«" - - Seite 228: - im Original "Es ist nicht großmütig einen Menschen" - geändert in "Es ist nicht großmütig, einen Menschen" - - Seite 244: - im Original "und welch große Stücke der Dekan" - geändert in "und welch' große Stücke der Dekan" - - Seite 245: - im Original "»Mein Freund Harteck --« er, nicht sie" - geändert in "»Mein Freund Harteck --,« er, nicht sie" - - Seite 308: - im Original "zum Bezirksarzt von hier ernannt worden .." - geändert in "zum Bezirksarzt von hier ernannt worden ..." - - Seite 309: - im Original "seine Züger gereifter geworden" - geändert in "seine Züge gereifter geworden" ] - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEISTLICHE TOD *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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