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-The Project Gutenberg eBook of Der geistliche Tod, by Emil Marriot
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Der geistliche Tod
- Roman. Zehnte Auflage.
-
-Author: Emil Marriot
-
-Release Date: December 17, 2021 [eBook #66959]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net (This book was produced from images made
- available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEISTLICHE TOD ***
-
-
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-
- Der geistliche Tod
-
-
- Roman
-
- von
-
- Emil Marriot
-
-
- Zehnte Auflage
-
- Berlin
-
- G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
-
- 1907
-
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-
-
- [Illustration]
-
- Übersetzungsrecht und alle anderen Rechte vorbehalten.
-
- Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
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-Der geistliche Tod
-
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-
-Erstes Kapitel
-
-
-Abend war es, ein schöner, warmer Sommerabend. Über den Feldpfad, der vom
-Bahnhof in das Dorf führte, schritt ein junger Mann. Ein großer schwarzer
-Neufundländer folgte ihm auf dem Fuße. Der Ankömmling stand still,
-entblößte das Haupt und strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Dabei
-tat er einen tiefen Atemzug und ließ den Blick über das vor ihm liegende
-Dorf schweifen ... Das also war seine neue Heimat!
-
-Still und friedlich lag der Ort da, die Kirchtürme ragten zwischen den
-Häusern hervor und rings umher erhoben sich grüne Hügel und felsige
-oder bewaldete Berge. Die Glocken läuteten zum Abendgebet; in den Wiesen
-zirpten Grillen, aus den Laubwerken leuchteten Johanniskäfer auf und
-am Himmel zeigten sich die ersten Sterne. Das war seine neue Heimat! Ein
-Gefühl der Rührung, der Bangigkeit, fast der Liebe durchzog seine Brust;
-er wollte sich hier recht glücklich fühlen, sich recht innig schließen
-an diese schöne Natur und auch an die Menschen, falls sie sich dessen wert
-zeigen sollten. Von diesen Gedanken beseelt, setzte er seinen Weg fort; der
-Hund ging dicht hinter ihm.
-
-Sie kamen bei den ersten Häusern an. Meistens waren es einstöckige
-Häuser mit weiß getünchten Wänden und Schindeldächern, grün oder gelb
-angestrichenen Jalousien und Haustoren; viele hatten an der Gassenfronte
-einen Balkon und neben manchen lag Holz aufgespeichert; an einigen rankten
-sich wilder Wein und Efeu empor und auf den Veranden standen Blumentöpfe.
-Der Wanderer erreichte den Hauptplatz; in der Mitte des Platzes stand eine
-Säule und auf derselben ein heiliger Florian, der einen Kübel Wasser
-über ein brennendes Häuslein ausgoß. An den Häusern, in allen Ecken
-waren Heiligenbilder oder Heiligenstatuen angebracht; kein Wunder: lag doch
-das Dorf St. Jakob im Norden des glaubensstarken Landes Tirol.
-
-Die Dorfbewohner schliefen schon oder saßen in den Wirtshäusern.
-
-Ohne jemandem zu begegnen, langten Herr und Hund bei der Kirche an, und
-diese war das Ziel ihrer Wanderung; neben der Kirche stand der Pfarrhof,
-und dorthin gehörte der Ankömmling von dieser Stunde an.
-
-Den Plan, auf dem die Kirche und rechts davon der Pfarrhof standen,
-friedete ein schwarzes Gitter ein. Die beiden Gebäude waren höher
-gelegen als die übrigen Häuser und ragten einsam hervor, gleichsam,
-um anzuzeigen, daß sie einen höheren, von den Alltagsinteressen der
-Dorfbewohner streng geschiedenen Zweck zu erfüllen hätten. Die Kirche
-machte, wie alle Dorfkirchen, einen friedlichen Eindruck; der große, kahle
-Pfarrhof hingegen sah düster wie eine Kaserne aus.
-
-Der Fremde schritt auf das Haus zu und zog an der Glocke. Sogleich erscholl
-drinnen heiseres Gebell, dann ertönten Schritte, begütigende Zurufe
-wurden laut, die Tür ging auf und eine junge Bauerndirne, die einen
-knurrenden Hofhund am Halsband festhielt, zeigte sich auf der Schwelle.
-
-»Grüasch Gott, Hochwürden,« sagte das Mädchen treuherzig. »Die Hand
-kann ich dem Herrn nicht geben, weil ich das Hundsvieh halten muß. Aber
-der Burschel tut nichts, er tut nur im Anfang so wüst. Wollen der Herr
-nicht vorausspazieren? Seine Zimmer sind in der feinsten Ordnung. Wir haben
-alles recht nett herg'richt.«
-
-Derjenige, den sie »Hochwürden« genannt hatte und dessen glattrasiertes
-Gesicht, Collare und schwarze Kleidung den katholischen Priester zur
-Genüge kennzeichneten, trat, den eigenen Hund am Halsband führend, in das
-Haus.
-
-»Bleib' draußen -- Du!« sagte das Mädchen zu Burschel, drängte ihn ins
-Freie hinaus und schloß das Tor hinter ihm ab. Der Hund ließ ein zorniges
-Gebell erschallen.
-
-Das Mädchen führte den Fremden zwei Holztreppen hoch bis vor eine Tür.
-
-»Da wären wir!« sagte sie, die Tür öffnend und machte Licht, und
-er konnte nun die Stube in Augenschein nehmen. Sauber war sie, blank
-gescheuert, und an den Fenstern hingen blütenweiße Gardinen. Die
-Einrichtung war freilich in hohem Grade einfach und bestand durchweg
-aus Holz; die Wände schmückten oder, richtiger gesagt, verunzierten
-fratzenhafte Heiligenbilder aller Art und an der Tür hing ein kleiner
-Weihwasserkessel.
-
-»Gefallt's dem Herrn?« fragte das Mädchen.
-
-»Sehr gut,« antwortete er und überlegte im Geiste, wohin er seinen
-Bücherschrank, sein Klavier und mehrere andere Gegenstände, die
-demnächst eintreffen würden, stellen sollte; und die Heiligenbilder
-wollte er entfernen lassen, ... diesen Entschluß faßte er sogleich.
-
-»Und nebenan ist die Schlafstube,« sagte das Mädchen.
-
-»Schön; und nun eine wichtige Frage: kann ich etwas zu essen bekommen?«
-
-»O ja. Der gnädige Herr hat wohl schon zu Nacht 'gessen, aber es wird
-schon noch was da sein. Freilich, der Herr werden hungrig sein nach der
-langen Fahrt, und i will gleich in die Küch' laufen und was bringen.«
-
-Sie entfernte sich, der Priester ergriff das Licht und begab sich in die
-Stube nebenan. Auch diese war sehr sauber und hatte weiße Mullgardinen an
-den Fenstern. Im übrigen aber machte sie einen fast traurigen Eindruck. In
-der Nähe des Bettes stand ein Betschemel und über diesem erhob sich ein
-hölzerner Christus am Kreuze, dessen unverhältnismäßig großes
-Haupt wie ein Wasserkopf aussah. Über dem Bette selbst war das Bild der
-schmerzhaften Mutter Gottes angebracht; ihr Herz war sichtbar -- sie wies
-mit der Hand darauf -- und dieses Herz durchdrang ein Schwert. Auch in
-dieser Stube befand sich ein Weihwasserkessel und an den Wänden hingen
-oder klebten Heiligenbilder; an einer der Wände waren mittels einer Kohle
-die Worte: =Memento mori!= aufgezeichnet, und auf dem Nachttisch stand
-unter einem gläsernen Sturz ein kleines eisernes Kreuz, zu dessen Fuß ein
-Totenschädel und kreuzweise übereinander gelegte Gebeine ruhten.
-
-Der Priester sah das alles aufmerksam an und legte sodann Handtasche und
-Überzieher auf das Bett.
-
-»Asketisch, sehr asketisch sind diese Zimmer eingerichtet,« dachte er.
-»Nicht _ein_ weicher Stuhl, kein Teppich, und statt des Sofas eine Bank
-aus Holz. Sind wir denn Mönche?«
-
-Er ging zum Waschtisch hin und wusch sich den Reisestaub vom Gesicht und
-den Händen, holte aus seiner Reisetasche einen Kamm, eine Bürste und
-einen kleinen Spiegel -- einen solchen gab es hier nicht --, kämmte
-sein Haar und strich mit der Bürste seine verstaubten, vom langen Fahren
-zerdrückten Kleider rein und glatt. Als er damit fertig war, trat er zum
-Fenster hin, öffnete es und lehnte sich hinaus. Das Fenster hatte die
-Aussicht auf den Garten, der zum Pfarrhof gehörte; die Bäume und Blumen
-strömten einen balsamischen Duft aus. Im Hintergrunde zeigten sich die
-Umrisse hoher Berge; auf dem Gipfel des erhabensten leuchtete ewiger
-Schnee. Der Hund war dem Herrn nachgeschlichen, richtete sich empor
-und legte die schweren Vorderpfoten auf das Fensterbrett. Mit einem
-Arm umschlang der Priester den Hals des mächtigen Tieres, drückte den
-zottigen Kopf an die Brust, und Herr und Hund schauten in die Nacht hinaus.
-
-»Cäsar!« sagte der Geistliche endlich und noch einmal leise und bewegt:
-»Cäsar!« und verbarg das Gesicht in dem weichen Halsfell des Tieres.
-»Ich habe jetzt niemanden als Dich, und Du hast niemanden als mich ... Wir
-wollen treu zueinander halten, gelt, alter Kerl?«
-
-Der Hund wedelte, drehte den Kopf zur Seite und leckte seinem Herrn die
-Hand. »Verstehe schon!« schienen seine treuherzigen Tieraugen zu sagen.
-
-»Und wenn Dein Herr in Träumereien versinkt,« sprach der Priester
-weiter, »dann zupfe ihn am Rock oder belle oder treibe sonst irgendeinen
-Unsinn. Du weißt, daß Dein Herr nicht träumen soll. Hast Du mich
-verstanden?«
-
-Schwerlich. Aber er gab sich den Anschein danach, schaute seinen Herrn mit
-kluger Miene an, glitt vom Fenster herab und stand, mit den Hinterpfoten am
-Boden scharrend, erwartungsvoll da. Dann spitzte er die Ohren und lief zur
-Tür hin. Die Magd war mit Speise und Trank eingetroffen und deckte den
-Tisch. In der Tür lehnend, sah der Geistliche ihrem Treiben zu und fragte
-nach einer Weile: »Kann ich dem Herrn Dekan heute noch meine Aufwartung
-machen?«
-
-»Heut' wird's wohl nimmer recht angehen ... Der gnädige Herr sein schon
-im Schlafzimmer.«
-
-»Wann und wo wird gefrühstückt?«
-
-»Um halb acht, ... wann halt die Messen g'lesen sein. Das Speiszimmer
-ist drunten im ersten Stock. Da werd'ns a junge G'sellschaft finden: die
-gnädige Fräul'n und den Herrn Pater.«
-
-»Wer sind diese?«
-
-»Die Fräul'n ist eine Nichte vom gnädigen Herrn, ... sie ist aus Wien
-und bleibt übern Sommer hier, ... wegen der Luft, hab' i g'hört, ... und
-der Herr Pater ist ein Herr Franziskaner, der zur Aushilf' kommen is ...
-Es gibt halt so grausam viel zu tun in der Kirchen und da haben's die
-geistlichen Herren halt nimmer richten können, und deswegen ist der Pater
-hier.«
-
-»Ein noch junger Mann?«
-
-»O blutjung! Und so schüchtern! In einem fort wird er rot, und völlig
-net anz'schauen traut er sich die Weibsleut' ...« Sie lachte in sich
-hinein. »Aber a guader[1] Mensch is er, oa herzensguader ... Ich mag ihn
-schon leiden. Brauchen Hochwürden noch was oder kann ich gehen?« fragte
-sie abbrechend.
-
-Nur noch eine Schüssel für den Hund, damit er ihn trinken lassen könne.
-Sie brachte auch die Schüssel.
-
-»Wann's 'gessen haben, gangen's[2] nur ruhig schlafen,« sagte sie. »Ich
-werd' schon nachher kimma und die Sachen da hinaustragen. Jetzt wünsch'
-ich guaden Appetit und oa guade Nacht.«
-
-»Noch einen Augenblick, mein Kind,« sagte der Priester, sie
-zurückhaltend. »Wie heißen Sie denn?«
-
-»Uschei[3], Hochwürden,« antwortete sie mit einem Knicks.
-
-»Also, Uschei,« sprach er weiter, »hören Sie mich. Morgen mit dem
-Frühzug wird mein Gepäck ankommen. Tragen Sie Sorge dafür, daß es
-mir sogleich ins Haus geschafft werde, denn ich möchte mich sobald wie
-möglich heimisch hier fühlen, und ohne meine Bücher und mein Klavier
-geht es nicht.«
-
-»Ja, ich werd's den Knechten sagen. Gnade Ruh', Hochwürden.«
-
-»Noa! unser neuer Herr Kop'ratter is oa liaber Mensch!« sagte sie unten
-in der Gesindestube. »So freundlich und fein, und Klavierspiel'n tuat er
-a ... Da wird's dächt'[4] a bissel lustiger bei ins[5] werden.«
-
- * * * * *
-
-Während diese kleine Szene im zweiten Stockwerk des Pfarrhofes sich
-abspielte, saß der Dekan von St. Jakob im Arbeitszimmer vor dem großen
-Pulte und beschäftigte sich mit dem Lesen von Briefen. Drei Briefe waren
-es, die er langsam nacheinander entfaltete, aufmerksam studierte und dann
-wieder zusammenlegte. Er hatte die Briefe erst kürzlich erhalten und ihr
-Inhalt mußte für ihn von hohem Interesse sein: denn kaum daß er sie zu
-Ende gelesen hatte, nahm er abermals den ersten zur Hand und begann ihn
-neuerdings zu lesen. Er war von einer zitternden Greisenhand geschrieben
-und enthielt Folgendes:
-
-»In Erwiderung auf Ihr geehrtes Schreiben vom 15. Juni 18--,
-hochverehrter, hochwürdiger Herr Dekan, erlaube ich mir, Ihnen
-nachstehende Mitteilungen zu machen. Der junge Mann, über den Sie sich bei
-mir zu erkundigen beliebten, wurde meiner Pfarre vor sechs Jahren zugeteilt
-und brachte beinahe zwei Jahre in meinem Hause zu. Er hatte damals erst
-vor wenigen Tagen die Weihen empfangen und war in der praktischen
-Seelsorge noch gänzlich unbewandert; ich bin mir bewußt, ihm freundlich
-entgegengekommen zu sein und mir alle Mühe gegeben zu haben, ihm, wo
-und wie immer ich nur konnte, hilfreich an die Hand zu gehen. Der junge
-Koadjutor blieb mir jedoch, obschon er äußerlich zuvorkommend und fügsam
-war, innerlich ein Fremder und erfüllte auch seine Berufspflichten nicht
-mit jenem Eifer und jener Hingebung, die von einem Priester erwartet und
-gefordert werden dürfen. Ebenso machte ich bald die Wahrnehmung, daß
-er mit allen Leuten lieber verkehrte als mit mir und in Gesellschaft
-von Bauern sehr aufgeräumt sein konnte, während er im Pfarrhof stets
-schweigsam und verschlossen war. Indessen will ich dem jungen Manne nicht
-schaden, und es sollte mich freuen, wenn nichts anderes als das noch
-Ungewohnte seines Berufes und der große Unterschied der Jahre, der
-zwischen ihm und mir bestand, es gewesen wären, die ein vertrauliches
-Zusammenleben und Wirken nicht recht aufkommen ließen. Seinen Sitten
-kann ich nichts Ungünstiges nachsagen und ebenso muß ich mich gegen die
-Vermutung, daß _ich_ es gewesen wäre, der auf seine Versetzung von meinem
-Pfarrhof in einen anderen gedrungen hätte, entschieden verwahren. Ich
-bin mit dem jungen Manne stets leidlich gut ausgekommen und sah ihn sogar
-ziemlich ungern scheiden, weil ich mich an ihn gewöhnt hatte. Die Ursache
-seiner Versetzung war keine andere, als daß ein Kooperator plötzlich
-starb, dessen Stelle sofort besetzt werden mußte. Zum Lobe meines
-ehemaligen Koadjutors will ich noch hinzufügen, daß er sich am Orte
-großer Beliebtheit erfreute und sein Scheiden allgemeines Bedauern
-hervorrief. Indem ich Sie bitte, hochverehrter und hochwürdiger Herr
-Dekan, von dieser vertraulichen Mitteilung keinerlei Gebrauch zu machen
-und Ihrem neuen Mitarbeiter mit unbefangenem Wohlwollen entgegenzukommen,
-zeichne ich« usw.
-
-Der Dekan legte den Brief auf das Pult und griff nach dem zweiten
-Schreiben.
-
-»Hochgeehrter Herr Dekan!« hieß es darin. »Zu meinem Bedauern sehe ich
-mich gezwungen, Ihnen auf die von mir verlangte Auskunft über die Konduite
-des Herrn Kooperators H-- eine ungünstige Antwort zu geben. Drei Jahre
-lang habe ich mich mit diesem Herrn geplagt und geärgert, und ich danke
-heute unserem Herrgott, daß es meinen wiederholten Bitten um seine
-Versetzung endlich gelungen ist, ihn mir vom Halse zu schaffen. Er mißfiel
-mir vom ersten Augenblick an, obwohl er im Anfang sich alle Mühe gab,
-mich über seinen wahren Charakter zu täuschen; ich aber durchschaute ihn
-sofort und wußte, mit welcher Art von Menschen ich zu tun hätte. Meiner
-Ansicht nach hätte dieser Herr niemals Priester werden sollen. Junge
-Geistliche, die das Haar lang und lockig tragen und sich bemühen, die
-Tonsur zu verbergen, sich zierlich kleiden und ohne den Spiegel nicht
-existieren könnten, sind mir von jeher antipathisch gewesen. Jener junge
-Herr war nicht nur eitel auf seine äußere Erscheinung, sondern auch über
-alle Maßen weltlich gesinnt, vergnügungssüchtig und eigensinnig; Kirche
-und Pfarrhof waren die Orte, wo er sich am unliebsten aufhielt, -- aber mit
-Bauern und Städtern unnützes Zeug schwatzen, in alle Häuser, wo junge
-Frauenzimmer wohnten, laufen, musizieren, lesen, spazierengehen, -- ja,
-_das_ behagte seinem hoffärtigen Sinne. Sie können sich nach dem eben
-Gehörten wohl ohne Mühe vorstellen, daß ich den jungen Mann nicht allzu
-sanft behandelte; ich wollte ihn bessern, -- aber da kam ich schön an!
-Er widersetzte sich allem, was ich ihm zu tun befahl oder zu unterlassen
-gebot, konspirierte mit den Aufgeklärten (=sic!=) im Orte gegen mich und
-ging mir wie einem Pestkranken aus dem Wege. Im letzten Jahre setzte
-er seinem Benehmen die Krone auf, indem er mit einer Dirne, die meine
-Wirtschafterin (eine sehr achtbare Person) ins Haus genommen hatte,
-ein intimes Liebesverhältnis einging. Glücklicherweise bekam meine
-Wirtschafterin bald Wind davon und drang darauf, daß die Dirne das Haus
-verlasse. Ich war damit natürlich einverstanden und schickte das Mädchen,
-das nicht aus unserem Dorfe war, in ihren Heimatsort zurück. Würden Sie
-an meiner Stelle anders gehandelt haben? Es ist wahr, und ich rühme
-mich dessen: ich habe der Dirne tüchtig den Kopf gewaschen und ihr meine
-Meinung gesagt. An ihrem Heulen war mir wenig gelegen. Aber daß mich mein
-Herr Untergebener darüber förmlich zur Rede stellte und mir mit einer
-mir völlig fremden Leidenschaftlichkeit meine »Roheiten« gegen ein
-unglückliches, wehrloses Mädchen (=sic!=) vorwarf, -- das war doch eine
-unerhörte Frechheit! Ich habe sie ihn auch entgelten lassen und ihn
-von dieser Stunde an mit rücksichtsloser Härte behandelt. Wenn er Reue
-gezeigt hätte, würde ich ihm vielleicht verziehen haben. Aber (bloß
-um mich zu ärgern!) gab er sich den Anschein, als ob er die Dirne nicht
-vergessen könnte, stand in Briefwechsel mit ihr, aß fast nichts,
-rannte in der Nacht in den Straßen herum anstatt zu schlafen, -- kurzum,
-gebärdete sich wie ein Narr. Ein halbes Jahr später kam die Nachricht,
-daß sein Mädchen sich verlobt hätte und darauf wurde er -- äußerlich
-wenigstens -- ruhiger. Dessenungeachtet ließ ich alle Minen springen, um
-ihn los zu werden, und als ich meinen Zweck endlich erreicht hatte, schied
-er, -- natürlich ohne mich um Verzeihung gebeten zu haben, und verbarg
-ebensowenig, wie lieb es ihm wäre, von hier fortzukommen.
-
-Ich wünsche von Herzen, hochwürdiger Herr Dekan, daß der verunglückte
-Mensch sich gebessert haben oder daß es Ihrem Einflusse gelingen möge,
-ihn zu bessern, und verbleibe« usw.
-
-»Das klingt schon anders als das erste Zeugnis,« murmelte der Dekan.
-»Der junge Mann hat Fortschritte gemacht.«
-
-Er schlug das dritte Schreiben auseinander. Dieses war sehr kurz und
-lautete wie folgt:
-
-»Hochwürdiger, hochgeehrter Herr Dekan! Ich bedaure lebhaft, Ihre
-Nachfrage hinsichtlich des Herrn Kooperators H. nur ungenügend beantworten
-zu können. Stets von Geschäften überbürdet, ist es mir nicht möglich,
-mich eingehend mit den Charakteren der vier mir unterstehenden Kooperatoren
-und Koadjutoren zu beschäftigen. Herr H. lebte kaum ein Jahr bei mir und
-blieb mir beinahe völlig fremd. Im Anfang seines Hierseins war er immer
-leidend und wahrscheinlich auch infolgedessen still und traurig. Später
-erholte er sich und kam seinen Berufspflichten stets pünktlich nach. Im
-großen und ganzen kann ich ihn weder loben noch tadeln. Er ist, wie ich
-glaube, ein indifferenter Mensch. Umgang pflog er mit wenig Leuten; meinen
-Geistlichen gegenüber verhielt er sich zurückhaltend; nur als mein
-jüngster Koadjutor am Typhus erkrankte, pflegte ihn Herr H., wie ich
-gehört habe, mit aufopferungsvoller Fürsorge und schloß sich dem jungen
-Manne, als dieser genesen war, auch näher an. Dieser selbe Herr Koadjutor
-hat sein Scheiden schmerzlich empfunden. Was die Sitten Herrn H.s
-anbelangt, so enthalte ich mich darüber jedes Urteiles, indem ich mich um
-das, was meine Herren _außerhalb_ des Pfarrhofes treiben, grundsätzlich
-nicht bekümmere. Übrigens ist mir nichts Nachteiliges zu Ohren gekommen.
-Genehmigen Sie« usw.
-
-Der Dekan verschloß die Briefe im Pulte und blieb in nachdenklicher
-Stellung sitzen. Er wußte nun, wie sein neuer Kooperator beschaffen war;
-er hatte drei kompetente Urteile über den jungen Mann gehört, ... denn
-kompetent waren diese Stimmen, wenigstens nach seiner Meinung, und nun
-kannte er ihn, glaubte ihn zu kennen. »Mit dem werden wir schon fertig
-werden. Es ist gut, wenn man gleich am Anfang weiß, wie man sich einem
-Menschen gegenüber zu verhalten hat.«
-
-Die Frage, ob der Verkehr nicht weit unbefangener und ungezwungener gewesen
-wäre, wenn er diese Spionage unterlassen und den jungen Mann selbst
-geprüft und kennen zu lernen versucht hätte, ohne sich im voraus ein auf
-fremde Aussprüche gestütztes Urteil über ihn zu bilden, diese Frage kam
-dem Dekan nicht einmal in den Sinn. Ebensowenig war er geneigt, aus
-den Briefen anderes herauszulesen, als daß Georg Harteck ein
-pflichtvergessener Priester war und einen störrigen, ziemlich sittenlosen
-Charakter besaß. Er streichelte mit der Hand sein spitzes Kinn, nickte wie
-einer, der weiß, was er zu tun hat, stand auf und verfügte sich in sein
-Schlafzimmer.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-Der neu angekommene Priester war am nächsten Morgen schon frühzeitig
-außer Bett. Von seinem Hunde begleitet, begab er sich in den Garten und
-besichtigte diesen. Der Garten war ziemlich groß, hatte alte, laubreiche
-Bäume und gut gehaltene Blumenbeete. Hinter den Bergen, die, eine
-grandiose Kette, empor zum Himmel strebten, ging eben leuchtend die Sonne
-auf. In den Blumenkelchen und auf den Halmen glitzerten Tautropfen; die
-Luft war klar und scharf, -- eine echte Gebirgsluft. Der junge Priester
-entblößte das Haupt und ließ die würzige Luft mit seinen Haaren
-spielen. Langsam, mit gesenktem Kopfe, wandelte er die Kieswege auf und
-ab und dachte an allerhand: was der Tag bringen, wie sein neues Leben
-sich gestalten würde? Da hörte er Schritte hinter sich; er stand still,
-wendete sich um und sah einen jungen Mann in brauner Kutte auf sich
-zuschreiten.
-
-»Guten Morgen!« rief dieser ihm entgegen und nahm sein Käppchen ab, so
-daß sein kurz geschorenes Haar sichtbar wurde. »Schon so früh auf? Sie
-sind kein Langschläfer.«
-
-Der junge Mönch hatte ein rundes, beinahe kindliches, gut gefärbtes
-Gesicht, aus dem zwei unschuldige braune Augen ernst und harmlos in die
-Welt schauten. Um die Lenden trug er einen Strick, an dem ein Rosenkranz
-hing, und seine Füße staken in Sandalen.
-
-Der Priester erwiderte seinen Gruß und stellte sich ihm vor: »Mein Name
-ist Harteck. Ich freue mich herzlich, Sie kennen zu lernen.«
-
-»Mich heißt man den Pater Benediktus. Seien Sie mir viele Male
-willkommen, Herr Kooperator.«
-
-Sie schüttelten einander die Hände.
-
-»Ich würde gestern gern auf Ihr Zimmer gekommen sein, um Sie zu
-begrüßen,« sprach Benediktus weiter. »Aber, als Sie eintrafen, hatte
-ich gerade im Spital zu tun und später fürchtete ich, Sie zu stören.«
-
-»Sie würden mich keineswegs gestört haben, -- im Gegenteil!«
-
-Eine kurze Pause trat ein. Der Pater sah ein Blumenbeet an und Harteck
-betrachtete den Mönch.
-
-»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Geistliche
-sodann. Der Pater war damit einverstanden.
-
-»Wie lange sind Sie schon hier?« lautete die nächste Frage des
-Priesters.
-
-»Seit einem Jahre.«
-
-»Es gibt hier viel zu tun, wie ich gehört habe?«
-
-»Sehr viel. Das Dorf ist groß und alle umliegenden Ortschaften, ja sogar
-das Nachbarstädtchen zählen zu unserem Sprengel. Der Herr Dekan bekommt
-in einem fort Besuche, Gesuche und Briefe und hat zur Seelsorge wenig
-Zeit.«
-
-»Was für ein Mensch ist der Dekan?«
-
-»Hm, ... er ist ein sehr eifriger und tätiger Mann. Nur beschäftigt er
-sich zu viel mit Politik. Er hat vor kurzem für den Landtag kandidiert
-und ist unbegreiflicherweise nicht gewählt worden. Seitdem ist er stets
-leidlich verstimmt.«
-
-»Ich habe von seiner Niederlage gehört und mich darüber gewundert. Ist
-man denn hier im Ort und in der Umgebung so liberal gesinnt?«
-
-»Es scheint so. Die Herren in der Nachbarstadt haben den Ausschlag
-gegeben; die wollten durchaus einen Advokaten durchbringen und haben es
-auch durchgesetzt. Unsere Bauern sind ebenfalls aufgehetzt worden.«
-
-»Von wem?«
-
-»Nun, von den Liberalen im Orte, ... dem Schullehrer, dem Arzte, den drei
-Herren von der Eisenbahn und den paar Krämern, die sich der Himmel weiß
-wie weise dünken, wenn sie einem geistlichen Herrn Opposition machen.
-Viele bleiben auch jetzt der Kirche fern, wenn der Herr Dekan predigt; daß
-er nicht immer zum Sanftesten spricht, ist ihm wohl nicht zu verübeln.«
-
-Darauf sagte der Priester nichts.
-
-»Wie steht es mit der Schule?« fragte er sodann.
-
-»Hm, ... könnte besser sein. Es gibt eben fortwährend Reibereien. Der
-Schullehrer ist ein Liberaler und möchte am liebsten, daß die Kinder gar
-keinen Religionsunterricht genössen, und die Glaubenslehre soll und muß
-doch der Hauptgegenstand sein. Der Herr Dekan, seinerseits, ist wieder mit
-der Unterrichtsmethode des Lehrers nicht zufrieden ... Er überbürde die
-Kinder, meint er, und mache es den älteren Knaben und Mädchen vor lauter
-Lernen unmöglich, ihren Eltern bei den Haus- und Feldarbeiten zu helfen.
-Wir brauchen, meint der Herr Dekan, tüchtige Bauern und Bäuerinnen, aber
-keine Gelehrten.«
-
-Auch dieser Rede stimmte Harteck weder bei, noch widersprach er ihr.
-
-»Sind die Leute fromm?« fragte er.
-
-»Wie man es nimmt. Die Weiber gehen noch an, ... die Männer jedoch,
-besonders die Burschen, sitzen lieber im Wirtshaus als in der Kirche. Das
-macht das böse Beispiel. Seit jener verunglückten Kandidatur herrscht
-zwischen dem gnädigen Herrn und den Bauern eine gewisse Spannung. Der Herr
-Dekan zeigt ihnen unverhohlen, daß er unzufrieden mit ihnen ist, und sie
-gehen ihm, so viel sie können, aus dem Wege. Hoffentlich wird es mit der
-Zeit anders werden.«
-
-»Auf welche Weise bringt man hier die freien Stunden zu? Mit wem kann man
-verkehren?«
-
-»Sie meinen, mit wem _wir_ verkehren können? Jetzt mit niemandem. Der
-Herr Dekan hat jeden Umgang abgebrochen. Manchmal jedoch kommen geistliche
-Herren aus den Nachbardörfern zum Besuche, ... die kegeln oder spielen
-Tarock mit dem gnädigen Herrn, und daran können auch Sie sich beteiligen,
-wenn Sie Lust dazu haben.«
-
-»Mit den Bauern kann man jetzt ebenfalls nicht verkehren? Ich möchte die
-Leute doch kennen lernen.«
-
-»Sie können das halten, wie Sie wollen. Ob der Herr Dekan es gern sehen
-würde, kann ich freilich nicht sagen.«
-
-Eine Zeitlang wandelten sie schweigend nebeneinander her. Der Priester
-schien in Nachdenken versunken.
-
-»Wird hier Musik getrieben?« fragte er dann plötzlich.
-
-»Musik? Ach freilich! Der Schullehrer hat so eine Art von Musikverein ins
-Leben gerufen, und der spielt an jedem Sonn- und Feiertag im Gasthausgarten
-vom Bärenwirt. Die Leute sollen recht gut spielen. Ich, für meine Person,
-habe mit derlei Dingen nichts zu schaffen.«
-
-»Wer singt denn auf dem Chor?«
-
-»Die Töchter vom Bärenwirt, vom Kaufmann und vom Arzte. Die Tochter des
-Arztes hat eine schöne Altstimme.«
-
-»Wer spielt die Orgel?«
-
-»Der Schullehrer. Dem Herrn Dekan ist das zwar nicht ganz recht, aber
-außer dem Schullehrer versteht niemand im Orte die Orgel zu spielen. Und
-dem Mann trägt es Geld ein, und außerdem macht es ihm in doppelter Weise
-Vergnügen ... Dazu ist die Kirche, die er sonst nie besucht, doch gut.«
-
-»Wieso macht ihm das Spiel in doppelter Weise Vergnügen? Wie meinen Sie
-das?«
-
-»Nun, ich habe gehört, daß er sich um die Hand der Tochter des Arztes
-bewerbe, und da das Fräulein auf dem Chor singt, ist es ihm natürlich
-angenehm, sie begleiten zu dürfen.«
-
-»Ach so!«
-
-Abermals trat eine Pause ein.
-
-»Wo liegt das Spital?« fragte der Priester nach einer Weile.
-
-»Sie können es vom Garten aus sehen.« Er wies mit der Hand über die
-Gartenmauer nach einem freistehenden dreistockhohen Hause. »Es ist gut
-gehalten und wird vortrefflich geleitet. Vier Schwestern wohnen dort und
-pflegen die Kranken. Auch alte, arme, arbeitsunfähige Leute nimmt das
-Spital auf und versorgt sie. Es ist vorzugsweise _meine_ Aufgabe, zu den
-Kranken zu gehen und ihnen die heiligen Sakramente zu spenden. Beinahe jede
-Nacht werde ich geweckt, weil einer der Kranken nach mir verlangt hat.«
-
-»Das ist eine mühevolle Aufgabe für einen einzelnen. Künftighin werde
-ich sie mit Ihnen teilen.«
-
-»Das ist nicht nötig. Mir sind meine Berufspflichten niemals noch
-zu schwer oder zu viel gewesen. Sie werden mit der Seelsorge und dem
-Unterricht genug zu tun haben. Lassen Sie mir meine Kranken!«
-
-Der junge Kooperator nickte und streichelte den Kopf seines Hundes, der
-sich dicht an ihn drängte und augenscheinlich beachtet werden wollte.
-
-»Jetzt haben Sie mich nach allem gefragt, nur nach der Kirche nicht,«
-bemerkte der Mönch nach einer Stille. »Ohne Zweifel haben Sie dieselbe
-schon besichtigt?«
-
-Eine flüchtige Röte trat auf die Wangen des Priesters.
-
-»Noch nicht,« antwortete er. »Ich werde sie ja sehen, wenn ich die Messe
-lese,« fügte er rasch hinzu.
-
-Der junge Mönch sah ihn bloß an und erwiderte keine Silbe.
-
-»Um wieviel Uhr wird die erste Messe gelesen?« fragte Harteck, dem dieses
-Schweigen, in dem ein verhaltener Tadel zu liegen schien, unbehaglich war.
-
-»Um halb sieben Uhr; um sieben Uhr kommt die Reihe an Sie. Die erste Messe
-liest immer der Herr Dekan. Jetzt aber muß ich Sie verlassen. Es ist Zeit,
-unsere Gebete vorzunehmen. Auf Wiedersehen!«
-
-»Auf Wiedersehen!« sprach Harteck nach, und der Mönch entfernte
-sich. Harteck setzte sich auf eine Bank, die unter einem breitästigen
-Kastanienbaum stand, und zog sein Brevier aus der Tasche. Zerstreut wendete
-er die Blätter um.
-
-Ein abgeschlossener, ruhiger, mit sich selbst einiger Mensch, dieser junge
-Mönch. Er fragt nicht, er ist nicht neugierig, er antwortet bloß; alles,
-was außerhalb seines Berufes liegt, scheint ihm gleichgültig zu sein;
-aber alles, was zu seinem Berufe gehört, ist ihm heilig.
-
-»Hätte ich doch nach der Kirche gefragt!« dachte Harteck. »Es lag so
-nahe, ... aber weiß der Himmel, wie es kam, ... ich vergaß sie ganz und
-gar.«
-
-Mittlerweile war es sechs Uhr geworden; die Stunde des Gebetes. Um die
-Unterlassungssünde halbwegs gut zu machen, beschloß Harteck, jetzt, bevor
-die Messe begann, in die Kirche zu gehen und schlug mit seinem Hunde den
-Weg nach dem Gotteshause ein. Er hieß Cäsar draußen warten und trat, das
-geöffnete Brevier in den Händen, in die Kirche.
-
-Das Innere derselben war, wie es bei vielen Dorfkirchen der Fall ist,
-überreich an Vergoldungen, kleinen Engeln und Heiligenbildern. Über dem
-Altar, mittels eines Drahtes an der Decke befestigt, schwebte eine große,
-weiße, aus Holz geschnitzte Taube, den heiligen Geist vorstellend. Neben
-dem Altar stand ein vergoldeter Armstuhl, auf dem eine blaugekleidete
-hölzerne Figur saß, die ein Kind in den Armen hielt. Mutter und Kind, die
-Jungfrau mit dem Jesuknaben, trugen goldene Krönlein auf den Häuptern.
-An den Wänden hingen die in allen katholischen Kirchen üblichen vierzehn
-Leidensstationen Jesu Christi. Das Altarblatt stellte die heiligste
-Dreifaltigkeit dar, und über den Seitenaltären rechts und links waren
-Bilder eines Christus am Kreuze und einer schmerzhaften Maria angebracht.
-Die Landesheilige, die fromme Notburg, war ebenfalls vertreten, und der
-Maler hatte sie in dem Augenblicke festgehalten, wo sie die Sichel in die
-Luft geworfen hat und diese in der Luft hängen bleibt, zum Zeichen, daß
-Gott Vater es vorziehe, wenn Menschen am Feierabend beten, anstatt zu
-arbeiten, was die heilige Notburg, der Überlieferung gemäß, auch getan
-hat.
-
-Der junge Priester machte einen Rundgang durch die Kirche, betrachtete
-alles mit gleichgültigem Blick und ging dann wieder ins Freie.
-Bemerkenswertes bot die Kirche nicht; er hatte schon viele gesehen, die
-dieser auf ein Haar glichen.
-
-Aber er stellte sich in der Nähe des Kirchleins auf, denn er sah von allen
-Seiten Leute nahen, die der Glocke Geläut zur Frühmesse rief, und er
-wollte diese Menschen, zu deren Seelenheil er bestellt war, von Angesicht
-kennen lernen. Zuerst kamen die Klosterfrauen aus dem Spital, gefolgt von
-alten Pfründnern beiderlei Geschlechtes und den weiblichen Schulkindern.
-Der Geistliche zog vor den Schwestern den Hut ab, und sie dankten seinem
-Gruß, indem sie demütig das Haupt neigten, und die Kinder, die Greise
-und Greisinnen grüßten ihn und alle schauten ihn neugierig an. Dann kamen
-auch die Schulknaben, hübsche, fröhliche Jungen mit hellen Augen, und
-Bäuerinnen in der Landestracht, darunter manche bildhübsche Dirne, und
-er mußte jedem einzelnen danken, denn alle riefen oder nickten ihm
-einen Gruß zu, und wenn sie an ihm vorbei waren, steckten sie die Köpfe
-zusammen und flüsterten sich ein paar Worte ins Ohr. Endlich wurde es
-still, niemand mehr kam, die Glocke schwieg; die Messe hatte begonnen.
-Langsamen Schrittes schlenderte der Geistliche die Kirche entlang und
-trat durch ein Hinterpförtchen in die Sakristei, um sich für die Messe
-anzukleiden. Der Meßner, ein etwas schiefgewachsener, grauköpfiger
-Mensch, bewillkommnete ihn mit einem tiefen Bückling und zeigte ihm nicht
-ohne Stolz die geistlichen Ornate, die in den Schränken aufbewahrt lagen.
-Dann half er ihm beim Ankleiden und stellte ihm einen kleinen Buben, der
-sich einstweilen eingefunden hatte und dem Priester die Hand küßte, als
-seinen Ministranten vor. Harteck richtete an den Jungen einige Fragen;
-da jedoch aus diesem nichts anderes als Ja oder Nein herauszubringen war,
-verstummte das Gespräch sehr bald. Übrigens war dazu auch keine Zeit
-mehr. Die Tür, die nach der Kirche führte, wurde aufgestoßen und herein
-trat ein anderer Ministrant, gefolgt vom Herrn Dekan. So also sah sein
-neuer Gebieter aus! Der junge Priester erhob sich rasch und machte eine
-tiefe Verbeugung. Ohne ihm die Hand zu reichen und ohne zu lächeln,
-schaute der Dekan ihn an, nickte mit dem Kopfe und ließ sich von dem
-Meßner das Meßgewand vom Leibe ziehen.
-
-»Zum Begrüßen ist jetzt keine Zeit,« sagte er. »He! Kleiner! Gib das
-Glockenzeichen zur zweiten Messe.«
-
-Hartecks Ministrant zog an einer Glocke, die neben der Tür hing, der
-junge Geistliche ergriff die Meßgerätschaften und trat, ihm voran der
-Ministrant, in die Kirche. Während er die Messe zelebrierte, beschäftigte
-sein Geist sich mit dem Dekan, der -- das konnte er sich nicht verhehlen
--- einen ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Die große, beleibte,
-muskulöse Gestalt, das fast dreieckige Gesicht mit den hängenden Lippen
-und Wangen, die von zahllosen Fältchen umgebenen kleinen, hartblickenden
-Augen, die starke Nase und spitzige Stirn, in die ein Büschel der noch
-dunklen und spröden Haare hing, was dem Gesichte einen eigentümlich
-finsteren und trotzigen Ausdruck verlieh, ... nichts war an der Erscheinung
-des Dekans, das Vertrauen oder Sympathie hätte erwecken können. Und die
-Worte, die er gesprochen, und mehr noch der _Ton_, ... freundlich hatten
-die nicht geklungen! Indessen suchte Harteck sich darüber zu trösten.
-Vielleicht tat der Dekan nur in der Kirche so streng und abgemessen: manche
-Priester glauben, daß sie anders nicht sein dürfen. Dann aber fielen ihm
-wieder die Mitteilungen des jungen Mönches ein. Ein Seelsorger, der mit
-seiner Gemeinde in Groll und Hader lebte, ... stand von solchem Manne viel
-Erfreuliches zu erwarten? Hatte Harteck nicht schon erfahren, in welchen
-Zorn der Dekan eines fehlgeschlagenen Wunsches wegen geraten konnte? Ließ
-dieser Umstand allein nicht auf eine verbissene Reizbarkeit und einen
-schwer zu behandelnden Charakter schließen? Selten noch hatte Harteck die
-heilige Messe mit geringerer Aufmerksamkeit gelesen als dieses Mal. Als
-er am Ende den Anwesenden den Segen erteilte und alle sich so fromm und
-ehrfurchtsvoll erhoben und bekreuzigten, durchzuckte seine Brust ein
-Gefühl wehmütiger Scham.
-
-»Was für ein Priester ich bin!« dachte er und schüttelte das Haupt
-über sich selbst.
-
-Er atmete gleichsam auf, als er wieder außerhalb der Kirche stand und mit
-seinem Cäsar, der vor der Tür auf ihn gewartet hatte, in den Pfarrhof
-zurückkehrte.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Von Uschei hörte Harteck, daß das Frühstück bereits aufgetragen wäre.
-Hastig vertauschte er den langen Priestertalar mit einem schwarzen Rocke,
-bürstete sorgfältig sein unglücklicherweise natürlich gelocktes Haar
-und trat also gerüstet in das Speisezimmer.
-
-Der Dekan saß am Tische und las in einer Zeitung. Den Platz ihm gegenüber
-nahm der junge Mönch ein und in dessen Nähe stand eine Dame, die sich
-gerade anschickte, den Kaffee in die Tassen zu gießen. Sie verrichtete das
-häusliche Geschäft mit zimperlicher Geziertheit, ihr blasses Gesicht
-sah ziemlich verschlafen aus und ihre Toilette verriet, daß sie erst vor
-kurzem aus den Federn geschlüpft war. Sie trug einen hellen Schlafrock und
-ihr ungekämmtes Haar war nachlässig aufgesteckt.
-
-Die drei Personen blickten nach der Tür, als Harteck eintrat, und
-erwiderten seine Verbeugung auf verschiedene Art. Der Dekan nickte bloß
-mit dem Kopfe und vertiefte sich allsogleich wieder in seine Zeitung. Der
-Mönch erhob sich halb von seinem Sitze und verneigte sich, die Dame ließ
-einen durchdringenden Blick über den Ankömmling gleiten, verwirrte sich,
-wurde rot und goß eine der Tassen mit so großer Eile voll, daß sie
-überfloß.
-
-»Ach! Wie ungeschickt ich bin!« rief das Fräulein kichernd.
-
-»Was ist denn geschehen?« fragte der Dekan, legte die Zeitung auf den
-Tisch und blickte das Fräulein streng an. »Gib doch acht, Aurelie!
-Du wirst wieder etwas zerbrechen. -- Und Sie, Herr Kooperator, nehmen
-gefälligst Platz; Sie sitzen neben dem Pater. Doch zuerst will ich Sie mit
-meiner Nichte bekannt machen. Fräulein von Gerstenbeck, Herr Kooperator
-Harteck.«
-
-Der Genannte verbeugte sich abermals und setzte sich dann neben den jungen
-Mönch. Die Dame im Schlafrock, die Harteck mit einem lautlosen Gegengruß
-und einem schmachtenden Blick beglückt hatte, reichte zuerst ihm, dann dem
-Pater eine Tasse hin, nahm dann an der Seite ihres Onkels Platz und begann
-gleich den anderen ihr Frühstück zu verzehren. Nach einer Weile sagte der
-Dekan: »Du bist heute abermals nicht in der Messe gewesen, Aurelie.«
-
-»Ach, Onkelchen, nicht böse sein!« antwortete sie und faltete kindlich
-die Hände. »Ich habe mich verschlafen. Als ich erwachte, war es bereits
-zu spät, zur Messe zu gehen, ... ich hatte nicht einmal mehr Zeit, mich
-anzukleiden und mein Haar in Ordnung zu bringen, ... ich schäme mich _so_
-vor dem Herrn Kooperator,« sagte sie unter heftigem Kopfschütteln, drehte
-ihre Tasse hin und her und lächelte den Kaffee an. »Was soll er von mir
-denken!«
-
-»Ich, gnädiges Fräulein?« fragte Harteck aufblickend. »Ich würde
-trostlos sein, wenn Sie sich meinetwegen irgendeinen Zwang auferlegten.«
-
-»Sie sind _zu_ freundlich,« sagte sie mit denselben Gesten wie vorhin.
-»Aber ich weiß, daß es sich nicht schickt, vor Herren ...« Sie stockte
-und errötete. »Wirklich, ich schäme mich zu Tode.«
-
-»Laß jetzt diesen Gegenstand fallen und steh' in Zukunft früher auf,«
-sagte der Dekan.
-
-»Wie kann ich das, Onkelchen, wenn ich so schlecht schlafe in der Nacht?
-Ich habe mich gestern sehr geärgert, und wenn ich mich ärgere, kann ich
-nicht schlafen.«
-
-»Ich möchte doch wissen, worüber oder über wen Du Dich schon wieder
-geärgert hast,« versetzte der Dekan mit einem Achselzucken.
-
-»Nun, ... über Fräulein Reinberg, Onkel.«
-
-Der Dekan fuhr von seinem Sitze auf: »Habe ich Dir nicht schon zu
-wiederholten Malen untersagt, mit diesen Leuten umzugehen?«
-
-»Verzeih' mir, Goldonkelchen!« antwortete sie und faltete neuerdings die
-Hände. »Ich bin nun einmal so, ... ich kann die Menschen nicht entbehren.
-Den ganzen Tag bin ich allein, ... alle Welt ist beschäftigt und hat keine
-Zeit, mit mir zu plaudern ... und das macht mich ganz krank. In meiner
-Verzweiflung bin ich denn gestern zu Fräulein Reinberg gegangen und habe
-sie zu einem gemeinsamen Spaziergang aufgefordert.«
-
-»Nun, und sie? Sie hat doch nicht die Unverfrorenheit gehabt, Dich
-abzuweisen?«
-
-»Das nicht, ... aber sie ist eine so kalte, man möchte sagen hochmütige
-Person. Hochmütig, Onkel, gegen _mich_! Ich bitte Dich! Denn ohne mir zu
-schmeicheln, nehme ich doch in der Welt eine ganz andere Stellung ein als
-Fräulein Reinberg, ihr Vater ist am Ende nur ein simpler Landarzt, und sie
-sollte sich, meinte man, beglückt fühlen, wenn die Tochter eines Hofrates
-sich herbeiläßt, mit ihr zu verkehren ...«
-
-»Dir geschieht ganz recht. Wer Pech angreift, besudelt sich, und wer sich
-in den Kopf setzt, mit Leuten zu verkehren, die nicht zu ihm passen, wird
-immer unangenehme Erfahrungen machen.«
-
-»Du hast ja so recht, Onkelchen. Nicht wahr, ich bereite Dir viel
-Verdruß? Ich wette, ich wette,« sagte Fräulein Aurelie und drohte
-schelmisch mit dem Finger, »daß Du im Grunde Deines Herzens manchmal
-denkst: Wenn doch meine querköpfige, närrische kleine Nichte wieder fort
-wäre! Ist es nicht so?«
-
-»Du bist vom Gegenteil so gut überzeugt wie ich,« versetzte der Dekan
-und stand auf. »Herr Kooperator,« wendete er sich an diesen, der sich
-gleichzeitig mit dem Dekan erhoben hatte und dem Gespräche ohne eine Miene
-zu verziehen gefolgt war, »Sie bitte ich, sich nach Ablauf einer
-halben Stunde in meinem Arbeitszimmer einzufinden. Ich habe wegen der
-Kirchenordnung, der Geschäftseinteilung, des Unterrichts und so weiter mit
-Ihnen zu sprechen.«
-
-Harteck verneigte sich, der Dekan grüßte und ging aus dem Zimmer. Die
-beiden anderen Herren wollten sich ebenfalls entfernen.
-
-»Sie haben einen schönen Hund, Herr Kooperator,« sagte da Fräulein
-Aurelie und zwang ihn dadurch zu bleiben, während der junge Mönch, dessen
-stummer Gruß von der Dame nicht erwidert wurde, schleunig seiner Wege
-ging.
-
-»Es freut mich, wenn er Ihnen gefällt,« sagte Harteck mit einem
-Lächeln.
-
-»Ja, er gefällt mir. Wie heißt er?«
-
-»Cäsar.«
-
-»Besitzen Sie ihn schon lange?«
-
-»Seit zwei Jahren. Als ich ihn bekam, war er erst sechs Wochen alt und
-nicht größer als ein Schoßhündchen.«
-
-»Ach, wie lieb muß er damals gewesen sein!« sagte Fräulein Aurelie mit
-mehr Rührung in der Miene, als die Situation erheischte. »Ist er brav und
-folgsam?«
-
-»Er hat alle guten Eigenschaften, die man von einem Hunde fordern darf.«
-
-»Wenn er sich nur an mich gewöhnte! Dann könnte er mich manchmal auf
-meinen einsamen Spaziergängen begleiten. Es ist so traurig, ja, man
-möchte sagen, ängstlich für eine junge Dame, allein spazieren zu
-gehen.«
-
-Harteck blickte sie an. Sollte das eine Aufforderung sein? Erwartete
-das Fräulein, daß er sich zu ihrem Begleiter auf ihren »einsamen
-Spaziergängen« anbieten würde?
-
-»Hier in Tirol können Sie sich wohl vollkommen sicher fühlen,« sagte
-er. »In Wien und dessen Umgebungen mag es wohl vorkommen, daß Damen
-Belästigungen aller Art ausgesetzt sind, ... aber bei uns ist das nicht
-der Fall. Doch wenn Sie meinem Hunde die Ehre erweisen wollen, sich mit ihm
-abzugeben, steht er natürlich jederzeit zu Ihrer Verfügung.«
-
-Sie schien von dieser Antwort nicht befriedigt, denn sie schwieg und ihr
-Gesicht nahm einen geschraubten Ausdruck an; der junge Priester benützte
-die Pause, um sich zurückzuziehen und ging nach einem im höflichsten Tone
-gesprochenen: »Auf baldiges Wiedersehen, gnädiges Fräulein!« aus dem
-Zimmer.
-
-Aurelie setzte sich mit verdrießlicher und enttäuschter Miene an den
-Speisetisch. Sie gefiel jenem Herrn nicht und er -- hatte ihr gefallen.
-(Jetzt war das natürlich vorbei.) Es war doch recht langweilig in diesem
-Neste! Nichts als Bauern und -- Geistliche, ... denn mit den übrigen
-Honoratioren des Ortes durfte sie nicht verkehren. Sie langweilte sich
-bereits und war doch erst seit drei Wochen hier und sollte den ganzen
-Sommer und Herbst über hier bleiben ... Eine verlockende Aussicht. Daheim
-war es freilich auch just nicht zum Besten bestellt. Der Herr Hofrat nahm
-zwar eine geachtete Stellung in der Gesellschaft ein, aber der Herr Hofrat
-hatte kein Vermögen und eine zahlreiche Familie. Wenn ihre Mama, die
-Schwester des Dekans, am Leben geblieben wäre, würde sie, Aurelie von
-Gerstenbeck, anders dastehen. Aber die Mama war seit fünfzehn Jahren tot,
-der Herr Hofrat hatte sich zum zweiten Male verheiratet und seine Frau
-Gemahlin hatte ihn -- Gott sei es geklagt! -- mit fünf Kindern beschert.
-Ach, die Rangen! was für einen Lärm die machten und wieviel Geld sie
-kosteten! Alles ging für die Kinder auf, zu Mittag gab es immer nur Suppe,
-gesottenes Fleisch und Gemüse, ... kein Wunder, daß Aurelie stets so
-mager blieb! Auf das Land zu ziehen im Sommer, daran konnte ebenfalls nicht
-gedacht werden: man mußte sparen für die Kinder ... Papa war nicht mehr
-jung. Die Luft in Wien ist zur Sommerzeit sehr ungesund, und um ihrem
-schädlichen Einflusse zu entgehen, war Aurelie der Einladung des
-hochwürdigen Onkels gefolgt und hierher gekommen. Es gefiel ihr nicht
-übel im Dorfe, sie hatte sich auch schon zusehends erholt und sah viel
-besser aus, als bei ihrer Ankunft; kein Mensch würde glauben, daß sie
-bereits -- dreißig Jahre zählte; höchstens fünfundzwanzig würde man
-ihr geben, ... mehr gewiß nicht. Und dieser neue Kooperator! Sie
-hatte sich auf sein Kommen gefreut, ... ein neuer Mensch ist immer eine
-Abwechslung. Seine Erscheinung hatte sie im ersten Momente beinahe aus der
-Fassung gebracht, ... so elegant und =gentlemanlike= hatte sie sich einen
-Dorfgeistlichen nun und nimmer vorgestellt. Sie fand nichts Strafwürdiges
-darin, wenn ein Priester sich sorgfältig kleidete und sich das lockige
-Haar nicht verschnitt, ... aber sie verlangte für diese Nachsicht auch,
-daß derjenige, dem sie zu teil wurde, sie gebührend zu schätzen wisse.
-Harteck jedoch hatte sie, Aurelie von Gerstenbeck, kaum angesehen,
-nicht _einmal_ das Wort an sie gerichtet und es sehr eilig gehabt,
-fortzukommen, ... und sie hatte doch sehr freundlich mit ihm gesprochen,
-aus purer Höflichkeit von seinem Hunde geredet, wo sie in Wirklichkeit die
-Hunde nicht ausstehen konnte; wie ihresgleichen hatte sie den jungen Mann
-behandelt, sie, eine Hofratstochter, eine Wienerin, und obendrein die
-Nichte seines Vorgesetzten! »Es ist mir unbegreiflich!« dachte Aurelie,
-legte den Zeigefinger an den Mund und sog daran. »Ich sehe doch _so_
-interessant aus!«
-
-Interessant? Das war Ansichtssache; hübsch einmal gewiß nicht. Fräulein
-Aurelie machte einen farblosen Eindruck; alles an ihr war so verblaßt,
-wie ein ausgewaschener Kleiderstoff. Die graubraunen glanzlosen Haare, die
-lichten Augen, das fahle spitze Gesichtchen, ... nichts stach ab, nichts
-hatte eine kräftige Farbe. Dazu kam noch die kleine magere Gestalt, die in
-dem dünnen Schlafrock schlotterte, die hastigen, nervösen Bewegungen, des
-Mädchens geziertes Wesen und eine eigentümliche gesuchte Unbeholfenheit
-in allem, was sie sagte oder tat ... Interessant? Armes Geschöpf! Sie
-wußte nicht, daß des Dekans Gesinde heimlich über sie lachte, wenn sie,
-das Gesicht mit =poudre de riz= überstäubt, in ihren Hakenschuhen und
-städtischen Kleidern, in Haus, Hof und Garten umherstolzte, die Leute
-bei der Arbeit störte, unnütze Fragen stellte, über Dinge urteilte, von
-denen sie nichts verstand, und die Mägde und Knechte glücklich zu machen
-glaubte, wenn sie ihnen im Vorübergehen ein paar herablassende Worte
-zurief, sie ihres Fleißes wegen belobte oder mit gnädigem, affektiertem
-Gruß auf ihren hohen Stiefelchen an ihnen vorbeitrippelte.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Willkommen hatte der Dekan ihn nicht geheißen und erwies sich auch in der
-Folge nicht als freundlich gesinnt wider ihn. Aber Georg Harteck hatte von
-seinen Vorgesetzten schon allerlei Übles erfahren und manches ertragen
-gelernt. Die Schule des Lebens hatte ihn gestählt und sein Grundsatz war,
-kein Bedauern mit sich selbst aufkommen zu lassen, denn er hatte das
-dunkle Gefühl, daß der Mensch, wenn er einmal anfängt, sich selbst zu
-bemitleiden, nicht wieder damit aufhören kann. Er bemühte sich denn, den
-Dekan, soweit es in seinen Kräften stand, zufrieden zu stellen, und
-wenn der Prinzipal ihn wegen irgend etwas tadelte, schwieg er, oder er
-versprach, die Sache in Zukunft anders zu machen. Die Dekanei war eine
-ergiebige Pfründe, verursachte aber auch viel Arbeit: nicht hinsichtlich
-der Seelsorge allein, sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung; sie
-besaß reichliche Äcker, Wiesen und Vieh, über deren Erträgnisse genaue
-Rechnung geführt und die möglichst vorteilhaft verwendet werden mußten.
-Der Dekan hatte sich zum tüchtigen Landwirt herangebildet, wachte über
-alles, verstand alles und trieb allerlei Art von Handel. Er feilschte
-mit den Bauern um jede Kanne Milch, um jedes Kalb, um jeden Halm, wie ein
-echter Krämer. Dem jungen Kooperator mißfiel diese Habsucht in hohem
-Grade und er fing an zu begreifen, weshalb die Bauern ihren Seelenhirten
-nicht leiden mochten. Auch das Gesinde hatte keine guten Tage bei ihm; er
-forderte von den Leuten eisernen Fleiß und zahlte karge Löhnung dafür;
-niemals zufrieden mit dem, was die Knechte und Mägde taten, jammerte
-er beständig über die Trägheit, Gottlosigkeit und den Eigennutz
-der Menschen, und von den Bauern sprach er stets mit verbissener
-Unversöhnlichkeit. Seit Menschengedenken war in dem Dorfe niemand
-gestorben, der nicht der Kirche etwas vermacht hätte, und jeden Tag
-mußten sogenannte »gestiftete Seelenmessen« gelesen werden, für die ein
-kleines Kapital ausgesetzt worden war, von dessen Zinsen die Messe für die
-Seelenruhe des Verstorbenen, von dem die Stiftung ausging, bezahlt wurde.
-Aber auch darin erblickte der Dekan kein Zeichen von Frömmigkeit.
-»Ihr ganzes Leben verbringen diese Kerle in der Sünde,« sagte er,
-»vernachlässigen den Herrgott und seine Gebote, und auf dem Sterbebette
-packt sie die Furcht und sie meinen den lieben Gott dadurch zu versöhnen,
-wenn sie nach ihrem Tode Messen lesen lassen. Selbstsucht, Angst vor dem
-göttlichen Zorn ist's, ... nichts weiter.« Was aber würde der Herr Dekan
-erst gesagt haben, wenn ein reicher Bauer gestorben wäre, ohne der Kirche
-etwas zu hinterlassen? Aber das kommt in Tirol niemals oder doch sehr
-selten vor.
-
-Weil der Dekan es so haben wollte, vermied Harteck einstweilen, mit den
-Leuten im Dorfe zu verkehren. Das kostete ihm auch kein schweres
-Opfer, denn er war es nachgerade müde geworden, immer wieder von vorne
-anzufangen. Kaum hatte er sich an einen Ort und dessen Bewohner gewöhnt,
-hieß es wieder wandern, alle lieb gewordenen Menschen und die vertraute
-Gegend verlassen und an fremdem Orte, unter fremden Menschen, ein neues
-Leben beginnen. Dreimal schon hatte er die Wehmut des Scheidens auskosten
-müssen, und er sagte sich, daß es für einen Priester vielleicht am
-besten wäre, sich niemandem anzuschließen, weil er niemals wissen könne,
-wie lange seines Bleibens an einem Orte sein würde. In seinen freien
-Stunden streifte er, von seinem Hunde begleitet, in Wald und Feld umher und
-freute sich der schönen Natur; oder er saß daheim, las, schrieb Briefe
-an seinen einzigen Freund, den jungen Geistlichen, dessen Krankenwärter
-er gewesen war und den er zärtlich liebte, oder er spielte Klavier, --
-oft bis spät in die Nacht hinein. Dieses Vergnügen war jedoch von keiner
-Dauer. Der Dekan beklagte sich eines Morgens darüber und sagte, daß
-ihn das Klavierspiel am Einschlafen hindere, und so mußte Harteck das
-Musizieren notgedrungen auf den Tag verlegen. Da war es freilich nicht so
-still wie in der Nacht, wo alles schlief; oft ließ der Geistliche es sein,
-weil im Hause gesägt, Holz gehackt und anderer Lärm verursacht wurde, was
-sein Spiel übertäubte.
-
-Seine Wohnstube hatte er sich mehr nach seinem Geschmacke eingerichtet.
-Er hatte unnötige Schränke daraus entfernen lassen, und an deren Platz
-standen jetzt sein geliebtes Klavier, das Notenpult, sein Schreibtisch und
-Bücherschrank. Gleich Freunden schauten diese vertrauten Gegenstände ihn
-an; wie viele schöne, ruhige Stunden verdankte er dem Klavier und seinen
-Büchern! Aus seinen eigenen kargen Mitteln hatte er sich größtenteils
-klassische Dichterwerke angeschafft; die Bücher theologischen und
-religiösen Inhaltes waren Geschenke seiner Lehrer und Kollegen und seiner
-Mutter; von dieser stammten auch alle Gebet- und Erbauungsbücher her, die
-jetzt auf dem Betschemel lagen und in denen der junge Priester niemals
-las. Doch davon wußte die Geberin nichts und sollte auch niemals davon
-erfahren.
-
-Die häßlichen Heiligenbilder hatte er ebenfalls von den Wänden genommen
-und sie durch andere, bessere ersetzt. Ein Christus am Kreuz von van Dyck,
-Delaroches Karfreitag, das auf dem Kreuze schlafende Jesukind von Reni, die
-sixtinische Madonna hingen, in guten Kupferstichen ausgeführt, nunmehr an
-den Wänden. Der Herr Dekan hatte zwar darüber gemurrt und gemeint, daß
-ein Heiligenbild niemals häßlich sein könne, weil die Idee, die es
-verkörpere, schön sei; der junge Priester aber hatte dieses Mal nicht
-nachgegeben und auf der Entfernung der Bilder beharrt, und weil die
-Kupferstiche ebenfalls nur religiöse Motive darstellten, hatte der Dekan
-sich beruhigt und den jungen Mann gewähren lassen. In seiner Wohnung
-fühlte Harteck sich wohl und er würde viel darum gegeben haben, wenn er
-die Mahlzeiten auch in seiner Stube hätte einnehmen dürfen. Der Dekan
-tat bei dieser Gelegenheit entweder den Mund nicht auf und las während des
-Essens, oder er ergoß sich in bitteren Ausfällen wider die Menschen
-und spielte immer wieder auf seine verunglückte Landtagskandidatur an.
-Fräulein Aurelie ihrerseits war sehr veränderlich: beim Frühstück
-so freundlich und geschwätzig, daß einem ordentlich bange wurde, beim
-Mittagessen reserviert, beim Abendessen schmachtend und sentimental, und am
-nächsten Tage war die Reihenfolge ihrer Stimmungen wieder umgekehrt; und
-wenn man sich am Abend im besten Einvernehmen von ihr trennte, konnte man
-beinahe sicher sein, daß sie am folgenden Morgen tödliche Kälte zur
-Schau tragen würde. »Sie ist unausstehlich!« dachte Harteck oft; doch
-wenn er ihr den Rücken kehrte, vergaß er sie wieder.
-
-Großes Vergnügen gewährte ihm der Religionsunterricht in der Schule. Er
-war ein Kinderfreund und die kleinen Buben und Mädchen merkten das bald.
-Während sie vor dem Herrn Dekan zitterten und bebten, hatten sie zu
-dem jungen Kooperator unbedingtes Zutrauen und hingen bald mit jener
-Zärtlichkeit an ihm, die Kinderherzen für alle jene hegen, die gut und
-freundlich gegen sie sind. Der Geistliche bemerkte, daß die Kleinen ihren
-Katechismus mit großer Geläufigkeit hersagen konnten, doch wenn er sie
-um die Bedeutung des Gesagten befragte, verstummten sie und schauten ihn
-verlegen an. Nur ein einziges Kind machte davon eine Ausnahme. Das etwa
-zehnjährige Mädchen war ihm gleich im Anfang aufgefallen. Es trug ein
-bloß über die Knie reichendes Kleidchen, das rückwärts von einer
-breiten Masche zusammengehalten wurde, und das dunkle Haar nach
-altdeutscher Art verschnitten, anstatt wie die anderen kleinen Mädchen in
-dünnen Zöpflein um den Kopf gewunden. Ein hübsches Ding war sie auch,
-diese Kleine mit ihrem rundlichen Apfelgesicht und den klugen, großen,
-wißbegierigen Augen; weder scheu noch dreist dabei, wohl aber lebhaft und
-ehrgeizig. Sie war die beste Schülerin und tat sich darauf ein weniges
-zugute. Ihre Religionskenntnisse, die verrieten, daß die Kleine nicht
-bloß wie ein Starmatz plappern konnte, sondern auch über alles, was
-sie auswendig lernte, nachdachte, setzten den jungen Priester in großes
-Erstaunen. Einmal redete er die Kleine nach der Schule auf der Straße an.
-
-»Du heißt Toni Reinberg, nicht wahr?«
-
-»Ja, Herr Katechet.«
-
-»Sag' mir, Toni, wer erklärt Dir denn alles so gut und richtig?«
-
-»Meine Schwester,« antwortete das Kind mit großem Stolze. »Wenn ich
-etwas nicht verstehe, brauche ich nur meine Schwester zu fragen. Die kann
-und weiß alles. Sie macht auch meine Kleider und unterrichtet mich im
-Zitherspiel. Kennen Sie meine Schwester Paula noch nicht, Herr Katechet?«
-
-»Nein,« versetzte er lächelnd.
-
-»O!« Sie schien es nicht zu fassen, daß jemand im Dorfe ihre Schwester
-nicht kannte.
-
-»Du hast sie wohl sehr lieb?«
-
-»Sehr lieb. Sie und meinen Vater.«
-
-»Und Deine Mutter?«
-
-»Ist tot. Meine Schwester sagt mir immer, daß der liebe Gott einen Engel
-gebraucht und deshalb die Mutter zu sich genommen hat, und daß sie oben im
-Himmel auf uns wartet.«
-
-Wie süß es klang, dieses kindliche Vertrauen in der Schwester Wort, und
-wie zart und weiblich schön es von der Schwester war, für den frühen Tod
-der Mutter eine so poetische Erklärung zu ersinnen! Der Priester beugte
-sich auf das Kind herab und küßte es auf die volle rote Wange.
-
-»Ich bin doch schon seit drei Wochen hier und habe Deine Schwester noch
-niemals singen gehört,« sagte er dann. »Sie singt doch manchmal auf dem
-Chor?«
-
-»Jetzt nicht. Aber warum sie es nicht tut, darf ich nicht sagen.«
-
-»Dann behalte Dein Geheimnis, mein Kind, und geh' jetzt nach Hause.«
-
-Sie küßte seine Hand und sprang davon, -- hochbeglückt, wie es schien,
-darüber, daß der geistliche Herr sie eines Gespräches gewürdigt hatte.
-Dieses Kind wurde Hartecks erklärter Liebling. Gern würde er Toni auf
-seinen Spaziergängen mitgenommen oder sie aufgefordert haben, zu ihm zu
-kommen, die Zither mitzubringen und ihm vorzuspielen, nur um das hübsche,
-aufgeweckte Kind recht oft und lang zu sehen und es plaudern zu hören.
-Aber Toni war die Tochter des Arztes, eines Mannes, mit dem der Dekan nicht
-verkehrte: wer weiß, ob der Vater des Kindes damit einverstanden gewesen
-wäre; vom Dekan gar nicht zu sprechen, der daran gewiß zu tadeln gefunden
-hätte. Auch das sollte und durfte nicht sein, wie so vieles, vieles
-andere.
-
-Trotzdem er keinen eigentlichen Umgang mit der Gemeinde pflog, hatte er
-sich doch schon einen ziemlich genauen Einblick in die Verhältnisse der
-Dorfbewohner zu verschaffen gewußt. Hierbei ging der junge Mönch ihm an
-die Hand; der Pater nannte ihm die Namen der Leute und sagte ihm, was sie
-trieben, ob sie reich, ob arm wären und was für ein Familienleben sie
-führten. Bei diesen Mitteilungen trat Gutes und Schlimmes zutage: im
-großen und ganzen wären die Leute wohlhabend, lebten gut und ließen
-die Armen leben, wären nicht übermäßig fleißig und säßen viel im
-Wirtshause. Jeder Bursche hätte seinen Schatz, mitunter auch zwei,
-und junge unverheiratete Mütter gebe es nicht wenige im Dorfe. Die
-betreffenden Väter wären indessen ehrlich genug und auch vom Gesetze dazu
-angehalten, für ihre unehelichen Kinder zu sorgen, und so litten die
-armen Würmer wenigstens keinen Mangel; auch treffe diese weder Spott noch
-Mißachtung und die gefallenen Mädchen heirateten meistens später einen
-anderen Mann; in Tirol seien ja derlei Verhältnisse gang und gebe, und man
-nehme es da mit der Sittenreinheit nicht sehr genau. Wohl seufzte der
-Pater über diese Verhältnisse und sagte, daß er von der Kanzel und
-im Beichtstuhl den Burschen und Mädchen oft schon ins Gewissen geredet
-hätte; sie versprächen dann zwar für die Zukunft alles Gute, aber es
-bleibe beim Versprechen. »Man hat sein Kreuz mit der Jugend,« sagte
-der Mönch mit altkluger Miene und zählte doch selber nicht mehr als
-fünfundzwanzig Jahre. Harteck befragte ihn auch um die Familie des Arztes
-und ob dessen ältere Tochter Paula ein braves Mädchen wäre. Die Antwort
-lautete über alle Maßen befriedigend. Dem jungen Mädchen lasse sich
-nichts, auch nicht das geringste nachsagen. Ein junger Kaufmann und ein
-Bahnbeamter hätten um ihre Hand angehalten, wären jedoch abgewiesen
-worden. Im Dorfe gelte sie für stolz, doch für brav und gut. Jetzt
-bewerbe sich der Schullehrer um ihre Gunst: aber man wisse nicht, ob sie
-seiner Werbung ein geneigtes Ohr leihe. Harteck freute sich, der kleinen
-Toni wegen, über die gute Nachrede. Es würde ihm leid getan haben, wenn
-die Schwester seines Lieblings nicht so gewesen wäre, wie ein anständiges
-junges Mädchen sein soll. Er war oft schon am Hause des Arztes
-vorbeigegangen, hatte die Sauberkeit des Hauses und den wohlgepflegten
-kleinen Garten bewundert, -- Paula jedoch hatte er noch niemals zu Gesichte
-bekommen. Das war Zufall. Ihren Vater, den Arzt, hatte er bereits gesehen
-und im Spital auch einige Male mit ihm gesprochen. Ein hagerer, ernster,
-wenig zugänglicher Mann: aber die Kranken waren seines Lobes voll und
-hatten großes Vertrauen zu seiner Geschicklichkeit. Er scheine nur
-äußerlich so kalt, sagten sie, sein Herz wäre ein vortreffliches. Oft
-gehe er lange, beschwerliche Wege, um einen armen Kranken zu besuchen, und
-verlange keine Bezahlung dafür. Er mache wenig Worte, aber das wäre
-nun einmal seine Art. Er lebe einzig und allein seinem Berufe und seinen
-Kindern und wäre als Arzt und Vater der beste Mensch, den man sich denken
-könne. Das alles klang sehr schön und Harteck war froh, daß er die
-kleine Toni so gut versorgt wußte. Er hätte die ältere Schwester gern
-gesehen. Sie interessierte ihn. Ob sie dem Vater oder der kleinen Schwester
-glich? Ohne sie zu kennen, wünschte er ihr jeden Liebreiz und jedes
-Glück. Sie mußte nach allem, was er über sie gehört hatte, ein
-ausgezeichnetes Geschöpf sein. Ihretwegen interessierte ihn auch der
-Lehrer, den der Mönch als ihren Freier bezeichnet hatte und den sie -- wer
-weiß? -- vielleicht heiraten würde.
-
-In der Schule machte er die Bekanntschaft des Lehrers. Er hieß Fritz
-Stettner, war kaum dreißigjährig und sah in seiner verschossenen
-braunen Sammetjacke, den hellen Beinkleidern, mit seinen langen, blonden,
-flatternden Haaren und dem breitkrempigen Filzhut fast wie ein Künstler
-aus. Er gefiel dem Geistlichen nicht übel, denn der junge Mann war ein
-aufgeweckter Geselle und seinem Fache mit Begeisterung zugetan. Schmächtig
-von Gestalt, nervös und beweglich, mit einem schmalen, von Blatternarben
-zerrissenen Gesichte, aus dem ein Paar kleine hellbraune Augen blickten,
-konnte seine Erscheinung, wenn auch nicht gerade hübsch, so doch recht
-sympathisch genannt werden.
-
-Im Anfang beobachtete er dem neuen Priester gegenüber strenge Reserve:
-»Schule und Kirche sind nun getrennt; merke Dir das!« Mit der Zeit jedoch
-und nachdem er einsehen gelernt hatte, daß es dem Geistlichen sehr fern
-lag, in Herrn Stettners Unterrichtsmethode hineinreden und etwas daran
-ändern zu wollen, wurde der Lehrer zutraulicher. »Sie müssen mir meine
-anfängliche Kälte nicht verargen,« sagte er eines Tages zu Harteck.
-»Ich kannte Sie nicht und glaubte mit einem Manne zu tun zu haben, dessen
-Ansichten mit denjenigen des Herrn Dekans übereinstimmen. Mit diesem
-hochwürdigen Herrn ist's schwer zu leben. Er mengt sich in alles, tadelt
-alles, forscht die Kinder aus und läßt sich von ihnen berichten, was
-sie von mir hören und lernen, guckt in die Schulbücher und findet ihren
-Inhalt nicht genug christkatholisch und setzt alle Mittel in Bewegung, um
-die Kinder und deren Eltern gegen mich aufzuhetzen. Er hat mir das Leben
-im Anfang meines Hierseins sehr sauer gemacht. Doch mit der Zeit hat der
-gesunde Sinn der Bauern gesiegt, sie haben erkannt, daß sie mir ihre
-Kinder getrost anvertrauen dürfen, und ich bin jetzt überall gern
-gesehen. Ich weiß, daß mir der Herr Dekan darum übel will, aber ich
-mache mir nicht so viel daraus,« schloß er seine Rede und schnalzte mit
-den Fingern.
-
-»Ich hoffe, daß Sie den Kindern gegenüber Ihrer Freimütigkeit mehr
-Zwang auferlegen,« erwiderte Harteck. »Oder lassen Sie sich am Ende
-gar einfallen, die Person des Herrn Dekans in den Augen der Kinder
-herabzusetzen? Dagegen müßte ich energischen Einspruch erheben.«
-
-Der Lehrer beruhigte ihn: so weit gehe sein Groll nicht. Er, für seine
-Person, würde ja gern Frieden schließen mit dem Herrn Dekan, aber der
-hochwürdige Herr wolle den Frieden nicht, sondern Krieg, erbitterten,
-unversöhnlichen Krieg.
-
-Harteck verfolgte dieses Thema nicht weiter und fing von seinem Liebling,
-der kleinen Toni, zu sprechen an. Die Augen des Lehrers leuchteten. Ja,
-das wäre ein Kind! So klug und fleißig, so lebhaft und lernbegierig,
-ein Phänomen, ein Muster für die ganze Klasse. Freilich dürfe man sich
-darüber nicht allzusehr verwundern: wie könnte es denn anders sein bei
-der Erziehung, die das Kind daheim genieße?
-
-»Man macht im Ort viel Aufhebens von ihrer Schwester,« bemerkte Harteck.
-
-»Und mit Recht!« rief der Lehrer begeistert und eine hohe Röte überzog
-seine hageren Wangen. »Fräulein Paula ist ein Geschöpf, wie es auf Erden
-kein zweites geben kann. Ich mache kein Geheimnis daraus, daß ich sie
-liebe und verehre, denn es kann einem Manne nur zur Ehre gereichen, wenn er
-ein Mädchen wie Paula Reinberg liebt.«
-
-Dem jungen Priester gefielen diese Offenherzigkeit und diese
-enthusiastische Hochachtung für das geliebte Mädchen sehr.
-
-»Sie werden wohl bald Hochzeit halten?« fragte er mit einem Lächeln.
-
-»Ach! _Damit_ hat es noch seine guten Wege,« antwortete der Lehrer
-seufzend. »Es ist seltsam: ich, der ich das Herz auf der Zunge trage und
-jedem Fremden von meiner Liebe erzählen möchte, -- _ihr_ gegenüber sinkt
-mir aller Mut und ich habe noch nicht gewagt, ihr zu sagen, daß ich sie
-liebe. Sie ist ein eigentümliches Wesen. Manchmal kommt mir vor, als ob
-sie überhaupt kein Herz habe.«
-
-»Kein Herz für Sie, meinen Sie wohl?«
-
-»Für mich und die Männer im allgemeinen. Sie hat schon zwei sehr
-annehmbare Freier verworfen. Vielleicht wird es mir ebenso ergehen.«
-
-Der Priester hütete sich, das Vertrauen des jungen Mannes mit gleichem
-Vertrauen zu erwidern. Der Lehrer lebte mit dem Dekan auf dem Kriegsfuß
-und konnte aus diesem Grunde niemals Hartecks Freund werden. Nun, diese
-heilige Stelle nahm schon allein und unbestritten ein anderer, Ferner,
-ein; aber vielleicht würde Harteck sich näher an den Lehrer angeschlossen
-haben: doch so, wie die Dinge standen, ließ er nicht einmal den Wunsch
-nach einem vertrauteren Verkehr in sich aufkommen, suchte den Lehrer
-außerhalb der Schule niemals auf und überging dessen Vorschlag, manchmal
-den Abend in seiner Gesellschaft in einem Gasthause zuzubringen, mit
-Stillschweigen. Der Dekan verübelte ihm ohnedies, daß er überhaupt mit
-dem Lehrer sprach, und der junge Pater teilte die Ansicht des gnädigen
-Herrn.
-
-»Sie werden in eine schiefe Stellung geraten,« sagte der Mönch einmal
-zu Harteck. »Bei den jetzigen Verhältnissen gibt es keinen Mittelweg. Sie
-müssen entweder zu uns oder zu den Feinden des Herrn Dekans halten, und
-die Wahl kann Ihnen doch unmöglich schwer fallen.«
-
-»Hat der Herr Dekan Sie beauftragt, mir das zu sagen?« fragte Harteck
-ärgerlichen Tones.
-
-»Darauf muß ich Ihnen die Antwort schuldig bleiben. Verhehlen will ich
-Ihnen indessen nicht, daß Ihr Benehmen dem Herrn Dekan nicht sonderlich
-behagt.«
-
-»Weshalb nicht? Was tue ich Unrechtes?«
-
-»Können Sie leugnen, daß Sie einen Umgang mit seinen Feinden anzubahnen
-suchen?«
-
-»Das leugne ich allerdings. Soll ich den Leuten keine Antwort geben,
-sobald sie mich ansprechen? Übrigens existieren diese Feindschaften nur in
-der Einbildung des Herrn Dekans.«
-
-»Mag sein. Darüber haben weder Sie noch ich zu entscheiden. Unsere
-Pflicht ist, uns den Wünschen des Herrn Dekans zu unterwerfen. Wenn wir
-es _nicht_ tun, werden die Folgen davon auf unser eigenes Haupt
-zurückfallen.«
-
-»Soll man denn keine freie Bewegung machen dürfen?« dachte Harteck,
-als der Mönch ihn verlassen hatte. »Die harmloseste selbst wird einem
-verleidet. Mögen sie in Gottes Namen ihren Willen haben! Wenn jede kleine
-Annehmlichkeit durch schwere Opfer erkauft werden muß, ist es wohl besser,
-allem im voraus zu entsagen.«
-
-Er handelte diesem Vorsatz gemäß, ging allen Leuten aus dem Wege und
-sprach mit beinahe niemandem als mit dem mürrischen Dekan, dem ihm
-ungnädig gesinnten Fräulein Aurelie und dem wortkargen Mönch und hoffte,
-daß diese Personen nunmehr zufrieden mit ihm sein würden. Seine einzige
-liebe Gesellschaft war sein Hund, der sich, trotz allem Schmeicheln und
-Zureden, nicht mit Fräulein Aurelie befreunden wollte; das Fräulein
-bestrafte den Hund dafür mit stiller Verachtung und gänzlichem Ignorieren
-seiner Persönlichkeit, -- eine Strafe, aus der sich Cäsar freilich nichts
-machte.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-In der Nähe des Hauptplatzes stand das Wohnhaus des Arztes. Efeu rankte
-sich an den Mauern empor und umschlang mit grünen Armen den zierlich
-geschnitzten Balkon, der die Aussicht nach dem Garten hatte. Auf dem Balkon
-stand Toni und blickte nachdenklich zum Himmel empor. Seit mehreren
-Tagen regnete es ununterbrochen. Die Bäume ließen die Zweige hängen,
-Herbstesahnen zog durch die erkaltete Luft. Lang sah die Kleine dem
-eintönigen Fallen der Regentropfen zu und erst, als sie drinnen im Hause
-ihren Namen rufen hörte, fuhr sie aus ihrem Sinnen auf und sprang in das
-Haus hinein.
-
-»Willst Du etwas, Paula?« fragte sie. »Wo steckst Du denn?«
-
-»Hier, in meinem Zimmer. Vater ist gekommen. Geh' ihm entgegen, Toni.«
-
-Die Kleine lief die Treppe hinab, dem Haustor zu. Im Flur stand ein
-großer, hagerer Mann von ungefähr sechzig Jahren. Er trug hohe
-Wasserstiefel und einen Regenmantel und hielt einen Regenschirm, von dem
-das Wasser herabrann, in der Hand.
-
-»Bist naß geworden, Vater?« fragte Toni auf ihn zufliegend.
-
-»Nur äußerlich. Der Mantel ist wasserdicht. Guten Abend, Kind. Ist etwas
-vorgefallen?«
-
-»Eine Frau war hier mit ihrem Kinde. Paula hat ihr einiges zu tun
-verordnet. Wird der Scharlach werden, meint Paula.«
-
-»Das ist böse. Schon der dritte Fall in einer Woche! Da heißt es
-vorsichtig sein.«
-
-»Wird am Ende gar die Schule geschlossen werden müssen?« fragte Toni.
-
-»Wahrscheinlich; doch vorläufig will ich mich umkleiden.«
-
-Die Zimmer im Erdgeschoß waren für das Laboratorium, die Apotheke,
-die Arbeitsstube des Arztes, die Küche, die Vorratskammer und das
-Dienstbotenzimmer eingerichtet. Das erste Stockwerk umfaßte vier Zimmer,
-wovon eines als Speise- und Wohnzimmer und zwei zu Schlafstuben verwendet
-wurden; das letzte gehörte Paula zu alleinigem Gebrauch. Doch gerade da
-hielt Toni sich am liebsten auf; im Zimmer der Schwester machte die Kleine
-ihre Schulaufgaben, übte auf der Zither, strickte oder spielte -- und
-das alles konnte nur in Paulas Gesellschaft geschehen; hatte sie doch die
-große Schwester jeden Augenblick um Rat zu fragen. Unter Paulas Anleitung
-arbeitete es sich so leicht und gut ... und Paula wollte es so haben. Ihr
-fehlte immer etwas, wenn sie das Schwesterchen nicht an der Seite hatte.
-
-Der Arzt hatte den Regenmantel ausgezogen und an einen Nagel gehängt, Toni
-schüttelte geschäftig das Wasser vom Regenschirm und stellte ihn in
-eine Ecke, und hierauf schritt der Arzt, das Töchterchen an der Hand, die
-Treppe hinan.
-
-Im Stiegengang schon trat ihnen ein schlank gewachsenes junges Mädchen
-entgegen. Sie hängte sich an den Arm des Arztes und führte den Vater in
-das Wohnzimmer.
-
-»Bist Du recht ermüdet und ausgekältet?« fragte sie. Ihre Stimme hatte
-einen wohltönenden und weichen Klang.
-
-»Es geht.« Er ließ sich auf den Divan nieder, der an der Hauptwand
-stand. Paula setzte sich neben ihn und erstattete ihm ausführlichen
-Bericht über das kranke Kind.
-
-»Ich werde nach dem Abendessen hinübergehen zu der Frau und mir das Kind
-ansehen,« sagte der Arzt. »Können wir bald essen?«
-
-»Sogleich. Wir haben nur auf Dich gewartet.«
-
-Sie erhob sich, um nach der Küche zu gehen. Der Tisch war bereits gedeckt
-und die Hängelampe über demselben angezündet. Nach wenigen Minuten
-erschienen Paula und die Magd und trugen das Abendbrot auf.
-
-Während des Essens sprachen sie von den kleinen Tagesereignissen. Toni
-mußte berichten, was sie gearbeitet und in der Schule gelernt hätte, denn
-der Arzt war den ganzen Tag über vom Hause fort gewesen. Die Kleine zeigte
-sich sehr mitteilsam. Sie wäre gelobt worden, vom Lehrer und vom Herrn
-Katecheten; dieser hätte ihr sogar ein Heiligenbildchen geschenkt. Sollte
-sie es dem Vater zeigen? Er bejahte die Frage, und Toni sprang davon und
-brachte das kleine Bild. Es stellte ein Kind dar, das über einen schmalen
-Weg schreitet und über dem sein Schutzengel schwebt.
-
-»Sehr schön!« sagte der Arzt. Dann erzählte er, bei wem er gewesen, wie
-es mit den Kranken stände, die er gesehen hatte, und Paula warf manchmal
-eine Frage dazwischen, die verriet, daß sie mit allem, was in den Beruf
-des Vaters einschlug, wohl vertraut war.
-
-Nach dem Essen ging der Arzt wieder fort, und als er nach Ablauf einer
-halben Stunde zurückkehrte, hatte Paula die kleine Schwester mittlerweile
-zu Bett gebracht. Toni schlief noch nicht; sie wartete die Rückkunft des
-Vaters ab, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Als das geschehen war,
-sprach sie ihr Nachtgebet und sank dann sehr bald in den glücklichen
-Kindesschlaf.
-
-Vater und Tochter saßen nun allein beisammen im Wohnzimmer.
-
-Sie hielten es jeden Abend so, seit die Mutter tot; sprachen miteinander,
-oder er las und sie arbeitete; manchmal sagte er von seinem Buche
-aufblickend: »Singe etwas,« und dann erhob sie sich, holte ihre Zither
-und sang ihm mehrere Lieder vor.
-
-Heute fühlte er sich zu ermüdet, um zu sprechen. Er saß am Tische und
-hatte ein Buch vor sich liegen; Paula saß ihm gegenüber und besserte
-Wäsche aus. Dann und wann erhob sie den Blick zum Vater, wie um zu
-erforschen, ob er vielleicht etwas brauche; doch da sie ihn eifrig lesen
-sah, beugte sie sich wieder über ihre Arbeit.
-
-Sie war ein schönes Mädchen; nicht gerade blendend, nicht ins Auge
-fallend, wohl aber schön für denjenigen, der geistige Schönheit zu
-verstehen imstande ist. Ihr dunkles reiches Haar war in Zöpfen um das
-Haupt gewunden und legte sich in natürlichen Wellen um die blasse Stirn.
-Sie hielt den Kopf nach vorne gesenkt und diese Stellung zeigte, wie fein
-geformt ihr schlanker Hals war und wie anmutig die kleinen Locken im Nacken
-an der weißen Haut spielten. Ihr Gesicht war blaß, die Wangen sanft
-gerundet und die etwas kurze Oberlippe schloß sich selten ganz über den
-kleinen weißen Zähnen. Das Schönste in ihrem Gesichte waren die Augen;
-groß und tiefgrau waren diese langbewimperten Augen und hatten einen
-ernsten, sinnenden Blick. Den mädchenhaften Körper umschloß ein
-einfaches schwarzes Wollenkleid, die kleinen Ohren und schlanken Hände
-entbehrten jedes Schmuckes. Im Haar hatte Paula eine gelbe Rose stecken.
-
-»Paula,« sagte ihr Vater plötzlich.
-
-Sie blickte horchend auf.
-
-»Wann wirst Du wieder einmal in der Kirche singen? Die Leute sprechen
-schon davon.«
-
-»Die Leute sprechen immer. Sagten sie doch vor einiger Zeit, daß ich
-bloß deshalb so oft singe, weil ich auf dem Chor den Lehrer treffe. Sie
-sollen ihren Irrtum einsehen lernen.«
-
-»Also wegen der Leute --?«
-
-»Nein, Vater. Nicht deshalb. Aber ich will Herrn Stettner aus dem Wege
-gehen.«
-
-»Belästigt er Dich in irgendeiner Weise?«
-
-»Er sieht mich immerfort an und das ist mir unangenehm.«
-
-»Überwinde Dich einmal und singe nächsten Sonntag, -- mir zu Gefallen.
-Ich will nicht, daß man glaube, wir hätten die Absicht den Dekan zu
-beleidigen.«
-
-»Gut, Vater. Ich will es tun.«
-
-Er las darauf noch eine kurze Weile und zog sich dann in sein Schlafzimmer
-zurück. Paula hatte noch keinen Schlaf. Sie trat ans Fenster und blickte
-hinauf zum dunklen, sternenlosen Himmel, -- nicht träumerisch oder
-sehnsuchtsvoll, sondern ruhig, wie Menschen tun, in deren Herzen der Friede
-wohnt. Sie dachte an allerlei, aber ihre Gedanken gingen nicht über das
-kleine Haus hinaus; alle ihre Wünsche, ihre Liebe und Hoffnungen lagen
-hier, in ihrem Heim. Ihr Auge glitt über die Möbel, die in dem Zimmer
-standen; wie waren alle ihr lieb und vertraut! Als Kind schon hatte sie
-diese Möbel gekannt, und während sie altmodisch wurden und ihre Farben
-verblaßten, war Paula groß geworden. Ein jedes dieser Einrichtungsstücke
-sprach ihr von den Kindertagen, der ersten Jugendzeit und der Mutter, für
-die diese Möbel gekauft worden waren, als sie als junge Frau in das Haus
-des Gatten zog. Auf diesem Divan hatte die Mutter oft geruht, da sie schon
-krank, und dort hatte der Vater Paula eines Tages niedersetzen heißen,
-hatte sich an ihre Seite gesetzt und sie stumm ans Herz gezogen. Er hatte
-dabei so schwer geatmet, so schwer, ... und da hatte Paula plötzlich
-gewußt, daß die Mutter verloren war, daß sie bald sterben mußte. Und:
-»Vater!« hatte sie mit halb erstarrter Zunge gestammelt und noch einmal:
-»Vater!« und hatte in seinen Rock gebissen, um nicht aufzuschreien, denn
-sie wußte, das die Kranke im Nebenzimmer war. Der Arzt hatte die Tochter
-in seine Arme genommen und zusammen waren sie hinaus ins Freie gegangen.
-An seinem Arm hängend, vom Vater unterstützt, hatte sie sich
-weitergeschleppt, und so waren sie bis außerhalb der Stadt Innsbruck
-gekommen, wo sie damals wohnten, und dort waren sie auf die Kniee gesunken
-und hatten geweint. Geweint? _Geschrieen_ hatten sie, geschrieen in ihrem
-hilflosen, verzweiflungsvollen Jammer, bis sie endlich einander ermattet in
-die Arme gesunken waren.
-
-»Weiß sie ...?« hatte Paula endlich gefragt.
-
-»Ja! Sie hat mit mir davon gesprochen und mir Dich und die Kleine an das
-Herz gelegt.«
-
-O traurige Zeit einer letzten Krankheit! Leiden sehen müssen dasjenige,
-was man so innig liebt, und schließlich -- grausame Notwendigkeit! --
-_wünschen_ müssen, daß der Tod der Tragödie ein Ende machen möge,
-damit die Qual endlich, endlich vorüber sei. Und dann, _wenn_ sie
-vorüber, ... welche Leere in der Brust, welche Einsamkeit außen und im
-Hause! Häßlicher, häßlicher Tod. --
-
-Da saß Paula in ihrem schwarzen Kleide oder schlich durch die verödeten
-Räume, nachgrübelnd darüber, was sie tun sollte, um das zerstückte
-Familienleben wieder halbwegs aufzubauen. Sie war erst sechzehnjährig,
-aber sie hatte Mut und fühlte die Kraft in sich, den Versuch zu wagen, ob
-sie die Mutter, so weit das eben möglich, nicht ersetzen könnte. Da war
-der Vater, der nach wie vor seinem Berufe nachging und sich äußerlich
-stark zeigte, der Kinder wegen, aber dem der Schmerz am Herzen fraß, der
-einmal hatte weinen können und dann nie wieder. Da war die dreijährige
-Toni, das mutterlose Kind, das noch nicht verstand, was es verloren hatte;
-da war das Haus ohne Hausfrau ... und Vater, Kind und Haus umfaßte Paula
-mit ihren jungen Armen und mutigem Herzen; sie dachte niemals an sich; sie
-lebte nur für den Vater, die Kleine und das Haus und gewann mit den Jahren
-die wehmutvolle und erhebende Überzeugung, daß sie imstande war, die
-Mutter zu ersetzen, so gut eben der Platz, den eine Mutter leer gelassen,
-ausgefüllt werden kann.
-
-Sie waren von Innsbruck fortgezogen und in das Dorf übersiedelt, wo sie
-heute noch lebten. Der Vater hatte vollauf zu tun, und wenn er nach Hause
-kam, empfing ihn ein wohlgeordnetes Haus, trat Paula ihm entgegen mit
-liebevollem Gruß, das Kind an der Hand. Nunmehr _ihr_ Kind. Sie liebte
-dieses Kind mit mütterlicher Zärtlichkeit, sie mußte ihm ja Mutter
-sein. Das Kind gehörte ihr, ihr allein. Niemand anders als sie durfte es
-überwachen, pflegen, erziehen. Wenn jemand die Kleine küßte, bewunderte,
-ihr schön tat und Toni dazu lächelte, empfand Paula eine eifersüchtige
-Regung: das Kind könnte ihr entwendet werden, könnte sich an Fremde
-anschließen, ... oder aber sie fürchtete wieder, daß sie die Kleine
-nicht richtig erziehe, zu streng oder zu schwach wäre, daß Toni sterben
-könnte. Wenn das Kind Kopfweh hatte oder stiller war als sonst, fieberte
-Paula vor Angst. Was sie für sich selbst niemals gewesen war, -- für
-Toni war sie eitel und konnte stundenlang über Schnitt und Aufputz eines
-Kinderkleidchens nachdenken. Und was für eine Freude war es dann später
-für sie, das Kind zu unterrichten, es lesen, schreiben und zählen zu
-lehren und den jungen Geist zu bilden. Wie glücklich machte es sie, mit
-dem Kinde spazieren zu gehen und zu sehen, wie munter Toni voransprang
-und wie gesund und kräftig sie war und wie gelenk die schön geformten
-Glieder. Oft gingen die Mädchen dem Vater entgegen und Paula hing sich
-dann an seinen Arm und sprach mit ihm von seinen Kranken, denn sie hatte
-sich so sehr in seinen Beruf hineingelebt, daß sie in allem und jedem
-Bescheid wußte und er sie oft scherzend seinen Assistenten nannte. Mit den
-Jahren war Paulas Liebe für die Kleine, wenn auch nicht weniger innig, so
-doch ruhiger geworden. Sie war ihres Lieblings sicher und wußte, daß sie
-Toni richtig erzog. Paula zählte heute dreiundzwanzig Jahre. Das Haus,
-der Vater, die Schwester waren ihre Welt. Sie hatte eine schwere Aufgabe zu
-erfüllen, dessen war sie sich wohl bewußt; aber in der Erfüllung ihrer
-Pflicht lag gleichzeitig auch ihr Glück.
-
-Seit dem Tode der Mutter war kein Tag verstrichen, wo das junge Mädchen
-nicht an die Verstorbene gedacht hätte. In Paulas Zimmer stand ein kleiner
-Schrank, in dem lauter Erinnerungszeichen an die Mutter aufbewahrt lagen.
-Vor diesem Schranke kniete Paula nieder und nahm die ihr heiligen
-Reliquien heraus. Da waren Briefe der Mutter, ihr Gebetbuch, ihre
-Haushaltungsbücher, ihr Schmuck, ihr Brautkranz und Schleier und der
-Leuchter, der neben dem Bette gestanden hatte, als sie starb. Die Kerze
-darinnen war fast gänzlich herabgebrannt ... Die Mutter hatte Licht
-gemacht und war dann eingeschlafen, um nie wieder zu erwachen. Als Paula,
-erschreckt durch die Stille, in das Zimmer geeilt war, hatte sie die
-brennende Kerze und der Mutter Totenantlitz gesehen. Die Gute war still
-hinübergegangen, hatte den Ihrigen den gräßlichen Anblick des letzten
-Kampfes erspart ... Ja, gut war sie gewesen, gut und liebevoll bis zum
-letzten Augenblick.
-
-Über dem Schranke hing das Bild der Mutter. Zu dem erhob Paula nun die
-Augen. Sie blickten ernst und dankbar, aber nicht kummervoll. Paula wußte,
-daß sie ein gutes Kind gewesen war und der Mutter mit Absicht niemals
-einen Schmerz bereitet hatte; daß sie treu in dem verwaisten Hause waltete
-und der gute Engel derjenigen war, die ihre Mutter über alles geliebt
-hatte. »Bist Du mit mir zufrieden?« fragte Paula leise. »Nie, hörst Du,
-Mutter? nie will ich sie verlassen; nie soll es anders werden, als es heute
-ist.«
-
-Mit ruhiger Hand machte sie auf Stirn, Mund und Brust das Zeichen des
-Kreuzes, ihr Herz schlug friedvoll und leidenschaftslos, als sie jetzt
-ihr Lager aufsuchte und, bevor sie es tat, das Händchen der kleinen Toni
-küßte, die sanft schlummernd in ihrem Bette lag.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Sonntag war's; ein frostiger, klarer Septembermorgen. Von nah und fern
-strömte das festtäglich geputzte Landvolk in die Kirche. Die Leute hatten
-sich vorgenommen, den Herrn Dekan zu versöhnen; der gespannte Ton, der
-zwischen ihnen und dem Seelenhirten herrschte, fing an, ihnen unbehaglich
-zu werden; sie wollten ihm beweisen, daß sie noch fromm waren und sich
-bemühten, einen Ausgleich anzustreben. Heute predigte der gnädige Herr
-selber. Nun, er sollte sehen, daß sie ihm nicht auswichen. Auf eine
-Strafpredigt waren sie gefaßt. Aber das verschlüge ja nichts; der Herr
-Dekan hätte am Ende einige Ursache, ungehalten zu sein; man hätte ihn in
-den Landtag wählen sollen, dann hätte man doch Frieden.
-
-Mißvergnügt über die Stimmung, die in dem Volke Platz gegriffen hatte,
-schlenderte der junge Schullehrer der Kirche zu. Seit einigen Wochen
-fühlte er, daß seine mühsam errungene Popularität in bedenklicher Weise
-abnahm. Er war ein »Liberaler«, hatte einiges dazu beigetragen, um die
-Kluft zwischen den Bauern und dem Dekan zu erweitern, und das nahmen ihm
-die Leute jetzt übel; besonders die Frauen. »Mit diesem Volk ist nichts
-anzufangen,« dachte er verdrießlich. »Immer kehren sie auf halbem Wege
-wieder um. Die Furcht vor der Hölle bannt sie stets aufs neue in den
-Zauberkreis von Rom. Da ist nichts zu machen.«
-
-Sein Gesicht hellte sich plötzlich auf, denn er sah die kleine Toni,
-festlich gekleidet, ihr Gebetbüchlein in der Hand, des Weges einherkommen.
-
-»Guten Morgen, Toni,« sagte er und küßte sie trotz ihrem Widerstreben.
-»Wie geht es Dir? Bist Du schlechter Laune?«
-
-»Nein,« antwortete das Kind. »Aber ich mag das Küssen nicht leiden.«
-
-Toni wußte, daß der Lehrer um ihre Gunst buhlte, und das machte sie
-verwegen. Er ließ sich ja doch alles gefallen, ... ihn durfte sie ganz
-ohne Zeremonie behandeln.
-
-»Wo bleibt Deine Schwester?« fuhr er fort.
-
-»Sie wird später kommen. Jetzt hat sie im Hause zu tun.«
-
-»Und Du? Willst Du die ganze Predigt anhören?«
-
-»Ja. Sie nicht?«
-
-»Nein, mein Kind. Ich gehe lieber ein wenig spazieren. Komm mit mir und
-laß die Predigt Predigt sein.«
-
-Sie schüttelte den Kopf. »Ich will den Herrn Katecheten nicht böse
-machen.«
-
-Fritz Stettner runzelte die Stirn. Dieser Katechet fing an, ihm nachgerade
-unangenehm zu werden. Toni sprach so oft von ihm, schwärmte für ihn,
-verehrte ihn, ... des Lehrers Herz empfand Groll und Eifersucht.
-
-»Sag' mir, Toni ...«
-
-Das Kind hörte ihn nicht einmal. Seine Augen späheten nach dem Pfarrhof
-und das Blut stieg ihm in die Wangen. »Da kommt er!« flüsterte es
-aufgeregt.
-
-Georg Harteck trat aus dem Pfarrhof und näherte sich ihnen. Er trug den
-schwarzen Priestertalar, sein Haupt war unbedeckt und zur Erde gesenkt. Er
-bemerkte die beiden nicht.
-
-»Herr Katechet!« rief Toni ein wenig schüchtern.
-
-Er hemmte den Schritt, erblickte das Kind und seine Züge heiterten sich
-auf. Toni näherte sich ihm mit verlegener kindlicher Grazie, das Köpfchen
-auf die rechte Schulter geneigt, in den Augen und auf den Lippen ein
-Lächeln.
-
-»Gehen Sie in die Kirche, Herr Katechet?« fragte sie, seine Hand
-küssend.
-
-»Ja. Ich zelebriere heute das Hochamt.«
-
-»Ach! Das ist gescheit! Ich werde so andächtig sein, o! so
-andächtig ...«
-
-»Das sollst Du immer sein, wenn Du betest.«
-
-»Und heute wird Paula singen,« fuhr das Kind mit großem Stolze fort.
-»Daß Sie heute gut spielen, Herr Stettner!« rief sie dem Lehrer zu.
-»Wenn Sie es nicht tun, dann geben Sie acht!«
-
-Der Lehrer begrüßte den Geistlichen mit einem gezwungenen Lächeln.
-In welch' verschiedenem Tone sprach die Kleine zu diesem Menschen! _Ihn_
-behandelte sie immer von oben herab ... Ja, wenn sie nicht Paulas Schwester
-wäre! Aber so, ... was konnte er machen?
-
-»Jetzt muß ich in die Kirche hineingehen,« sagte Toni. »Die Predigt
-fängt schon an.«
-
-Sie grüßte und entfernte sich mit abgemessenen Schritten und sittsam
-niedergeschlagenen Augen.
-
-»Folgen Sie ihr nicht?« fragte Harteck den Lehrer.
-
-»Nein; ich habe keine Lust, mich abkanzeln zu lassen,« versetzte der
-junge Heißsporn, zog den Hut ab und ging rasch davon.
-
-Harteck mußte über ihn lächeln. Im Grunde genommen konnte er es dem
-Lehrer nicht verargen, daß dieser der Predigt auswich; tat _er_ doch das
-nämliche. Er blieb vor der Kirche stehen und blickte nach der Richtung,
-die in das Dorf führte. Er hatte die Absicht zu warten, bis Paula
-käme. Er wollte das junge Mädchen endlich einmal sehen. Im unverwandten
-Hinblicken nach der bezeichneten Gegend bemerkte er nicht, daß Fräulein
-Aurelie aus dem Pfarrhofe trat und auf die Kirche lossteuerte. Sie trug ein
-sehr enges Kleid und Schuhe mit Pariser Absätzen, was ihrem Gange einige
-Unsicherheit verlieh. In der Hand hielt sie ein großes, mit Silber
-beschlagenes Gebetbuch in braunen Sammet gebunden, das sie zärtlich an das
-Herz drückte. Ihr kleines, spitzes, über und über mit =poudre de riz=
-bestäubtes Gesicht hatte einen gesucht frommen Ausdruck. Sie wurde des
-Geistlichen sofort gewahr; schnell senkte sie den Blick und trippelte auf
-ihrem schwanken Schuhwerk auf ihn zu. Schon war sie ihm ganz nahe gekommen
-und er bemerkte sie noch immer nicht. Da ließ sie ein fistelartiges
-Räuspern ertönen: »Hm! hm!«
-
-Er fuhr zusammen und drehte das Haupt nach ihr hin.
-
-»So in Gedanken, Herr Kooperator?« redete sie ihn an. »Sie müssen an
-_sehr_ interessante Dinge gedacht haben. O! werden Sie nicht rot! Denken
-darf man ja was und woran man will.«
-
-Er war gar nicht rot geworden. Das Fräulein stand vor ihm, nickend,
-kichernd, mit schalkhaft erhobenem Zeigefinger. Harteck zwang sich zu einem
-Lächeln.
-
-»Sie sind heute gut gelaunt, gnädiges Fräulein,« sagte er.
-
-»Nur äußerlich,« antwortete sie mit einem Seufzer und blickte ihr
-Gebetbuch an. »Ich will nun in die Kirche gehen und beten, ... um den
-inneren Frieden will ich bitten.«
-
-»Tun Sie das,« sagte er zerstreut.
-
-»Erwarten Sie jemanden?« fragte sie, von dem stimmungsvollen Tone
-plötzlich in einen gereizt klingenden übergehend.
-
-»Weshalb diese Frage?«
-
-»Nun, -- so. Sie sehen danach aus. Ich will Sie nicht länger stören,
-hochwürdiger Herr,« sagte sie pikiert.
-
-»Aber, mein Fräulein ...«
-
-»Schon gut, schon gut, mein Herr. Ich _bedauere_ Sie gestört zu haben,«
-schloß sie mit Emphase und ging in die Kirche hinein.
-
-»Was hat sie nur?« dachte Harteck. »War ich schon wieder unhöflich?«
-
-Der Klang einer ihm bekannten Stimme lenkte seine Gedanken von Fräulein
-Aurelie ab. Er sah den Lehrer kommen; diesem zur Seite, das Haupt halb
-abgewendet von ihm, ging ein junges Mädchen. Was die beiden miteinander
-sprachen, konnte Harteck nicht verstehen; jedoch aus dem Tone ihrer Stimmen
-war zu erraten, daß sie über irgend etwas uneinig waren. Eine Ahnung
-sagte dem Priester, daß dieses Mädchen Paula wäre ... Nun denn! Sie
-ging mit dem Lehrer, ließ sich von ihm abholen und begleiten, zankte mit
-ihm, ... also doch zwei Verliebte. Harteck empfand ein Gefühl, das der
-Enttäuschung nahe kam. Er würde lieber gesehen haben, wenn diese viel
-besprochene, viel gerühmte Paula nur für die Ihrigen gelebt, wenn sie
-diesen langhaarigen, überspannten Schullehrer nicht geliebt hätte ... Wie
-konnte ein feines und kluges Mädchen sich in solchen Kauz verlieben?
-
-Paula näherte sich ihm; er konnte ihr Gesicht sehen; ihre blassen, feinen
-Züge drückten einige Unzufriedenheit aus und zwischen ihren Brauen
-lag eine Falte. Mit stolzer Ruhe ging sie einher, den Schritt weder
-beschleunigend noch ihn verzögernd. Ihr Begleiter gestikulierte heftig,
-redete in sie hinein, schien sie von irgendeiner Sache überzeugen zu
-wollen ... Sie schüttelte bloß den Kopf.
-
-»Ich habe Sie oft schon ersucht, mich nicht abzuholen und sich mir nicht
-anzuschließen, wenn wir einander auf dem Weg nach der Kirche begegnen,«
-hörte der Priester sie sagen. »Warum beachten Sie meine Worte nicht?«
-
-»Weshalb aber,« fiel er aufgeregt ein, hielt jedoch plötzlich inne. Er
-hatte den Geistlichen bemerkt. Paula folgte der Richtung, die sein Blick
-genommen. Ihre grauen ernsten Augen begegneten Hartecks forschendem Blicke,
-sie sah ihn ruhig an, und er, der Sitte des Dorfes entgegen, verbeugte sich
-unwillkürlich. Es war eine Seltenheit, daß auf dem Lande ein Priester ein
-Glied seiner Gemeinde zuerst grüßte ... Paula jedoch schien diese kleine,
-ihrem Geschlechte dargebrachte Huldigung nur natürlich zu finden; sie
-dankte ohne zu lächeln und ging an ihm vorüber. Harteck schaute der
-schlanken Mädchengestalt nach, bis sie verschwunden war.
-
-»Eine marmorkalte Schönheit!« dachte er. »Armer närrischer Friedrich!
-Von diesem Bild ohne Gnade ist freilich nicht viel zu hoffen.«
-
-Er blickte auf die Uhr. Es war Zeit, sich für das Hochamt anzukleiden.
-Was ihm sonst beinahe niemals widerfuhr, -- heute freute er sich auf die
-Abhaltung des Gottesdienstes. Er war auf Paulas Gesang gespannt.
-
-Bald darauf stand er vor dem Altar. Das Hochamt begann. Als Paulas Stimme
-ertönte, -- so ganz verschieden von den übrigen Stimmen auf dem Chor, so
-weit besser geschult und seelenvoller, -- da durchrieselte die Glieder des
-jungen Mannes ein Schauder des Entzückens. Er hatte Sinn und Verständnis
-für alles Schöne, und das Leben, das er führte, brachte das Schöne in
-der Kunst so selten auf seinen Weg. Mit lautschlagendem Herzen lauschte
-er der tiefen, klangvollen Mädchenstimme und empfand eine seltsame
-Befriedigung, wenn unmittelbar auf _seine_ Stimme der Gesang des Mädchens
-einfiel. Stundenlang hätte er sie singen hören, hätte diese Töne
-gleichsam trinken mögen, um sein durstiges Herz zu erquicken, -- aber
-das Hochamt ging zu Ende, die Andächtigen entfernten sich, Gesang und
-Orgelspiel verstummten, der Genuß für Ohr und Seele war vorbei. Eine
-Woche, eine ganze lange Woche mußte er auf die Wiederholung dieser
-belebenden Stunde warten, ... vielleicht länger noch; denn wer weiß, ob
-Paula am nächsten Sonntag abermals singen würde? Rasch verfügte er sich
-in die Sakristei und legte hastig das Meßgewand ab. Er wollte dem jungen
-Mädchen zuvorkommen, wollte früher als sie außerhalb der Kirche sein,
-Paula noch einmal sehen, ... vielleicht, daß die kleine Toni ihn anreden
-und sich ihm dadurch die Gelegenheit bieten würde, mit Paula zu sprechen;
-er würde dem jungen Mädchen gern gesagt haben, wie sehr ihr Gesang ihn
-entzückt hatte. Das war doch erlaubt, nicht wahr? Er war gewohnt, daß
-sein Vorgesetzter an allem, was er tat, zu rügen fand, ... vielleicht
-würde er auch darin Tadelnswertes erblickt haben. In Gottes Namen! auf
-einen Verweis mehr oder weniger kam es nicht an. »Ich stelle ihn doch
-nicht zufrieden,« dachte Harteck und eilte ins Freie.
-
-Wirklich sah er Paula mit Toni kommen. Die Kleine hing am Arm der Schwester
-und plauderte eifrig mit ihr. Rasch entschlossen ging Harteck dem Paare
-entgegen, -- die Schwestern konnten ihm nicht ausweichen, sie mußten
-ihn sehen. Toni hatte auch keineswegs die Absicht, ihn zu übersehen;
-sie zupfte die Schwester am Kleide und flüsterte ihr, während sie den
-Priester mit lachenden Augen anschaute, einige Worte zu. Paula aber blickte
-nicht einmal auf. »Komm!« sagte sie bloß zur Kleinen, die nicht üble
-Lust zu haben schien, stehen zu bleiben; widerstrebend gab Toni nach und
-die beiden gingen an dem Priester, der enttäuschten Gesichtes dastand,
-vorüber. Das Kind blickte noch einmal zurück und lächelte ihn an, -- er
-nickte ihm flüchtig zu und begab sich langsamen Schrittes nach Hause.
-Am Frühstückstisch fand er niemanden als den jungen Mönch, der ihm
-schweigend mehrere Briefe überreichte. Gleichgültig schob Harteck die
-Briefe in die Tasche. Sie waren aus seiner Heimat, von seiner Mutter und
-Schwester; die konnte er auch später lesen.
-
-»Wo sind der Herr Dekan und das Fräulein?« fragte er, um etwas zu sagen.
-
-»Im Garten.«
-
-Gut, daß er das hörte. Er hatte die Absicht gehabt, nach dem Frühstück
-in den Garten zu gehen; jetzt aber ließ er den Plan hurtig fahren.
-
-»Sie sollten Ihren Hund jedesmal, wenn Sie fortgehen, sorgfältig
-einschließen,« sagte der Pater. »Er hat sich schon wieder mit dem
-Hofhund gerauft. Der Herr Dekan war darüber sehr aufgebracht.«
-
-»Ist meinem Hunde etwas geschehen?« fragte Harteck beunruhigt.
-
-»Nein; aber der andere ist ganz zerbissen. Weshalb haben Sie sich auch ein
-so bösartiges Tier angeschafft?«
-
-»Bösartig? _Mein_ Hund? Der ist fromm wie ein Lamm. Aber der andere
-fängt immer mit ihm zu raufen an. Es wäre kein Schaden gewesen, wenn mein
-Cäsar die Bestie totgebissen hätte.«
-
-»Meinen Sie? Ich weiß nicht, was der gnädige Herr dazu gesagt haben
-würde. Jedenfalls hätte Ihr Hund aus dem Hause müssen.«
-
-»So?« sprach Harteck zwischen den Zähnen. Der bloße Gedanke, ihn
-von seinem Hunde trennen zu wollen, machte sein Blut kochen. Aber er
-beherrschte sich.
-
-»Ich werde den Hund künftighin in meine Stube einsperren,« sagte er,
-»und damit werden diese Balgereien ein Ende haben.«
-
-Er verzehrte sein Frühstück und verließ sodann den Mönch. Auf der
-Treppe nach seiner Wohnung begegnete ihm Uschei, die junge, freundliche
-Magd. Ihr Gesicht glühte über und über.
-
-»Jetzt han i mi so g'ärgert, Herr Koppratter,« flüsterte sie, ihn beim
-Arme fassend. »Frei' net zuschau'n han i kinna[6], wie's den armen Hund
-g'schlagen haben ... und weswegen? Wegen' Burschel, dem Sakra, der alleweil
-z'raufen anfangt, ... völlig rähren[7] hätt' i kinna!«
-
-»_Wer_ hat meinen Hund geschlagen?« fragte Harteck mit starker Stimme und
-zornblassem Gesicht.
-
-»Der Herr Dekan, die gnädige Fräul'n, die Knecht', ... alle sein über
-ihn herg'fallen.«
-
-»Wo ist der Hund?«
-
-»Vor Ihrer Tür liegt er. I han eahm[8] was z'essen 'bracht und han eahm
-g'schmeichelt, ... er ist ganz verschreckt.«
-
-Harteck drückte ihre Hand. »Ich danke Ihnen, liebe Uschei,« sagte er.
-»Sie sind ein gutes Mädchen. Ich danke Ihnen herzlich ...«
-
-Und eilig lief er die Treppe hinauf. Vor der Tür lag Cäsar, den Kopf
-zwischen den Vorderpfoten, und schaute seinen Herrn demütig und traurig
-an.
-
-»Cäsar!« rief Harteck. Der Hund bewegte die Rute.
-
-»Steh' auf, mein Alter!« sagte der Geistliche im liebreichsten Tone.
-»Was haben sie Dir denn getan?«
-
-Cäsar sprang in die Höhe und schmiegte sich an die Kniee des Gebieters.
-
-»Geschlagen haben sie Dich, nicht wahr?« fuhr Harteck, den Hund
-streichelnd und liebkosend, fort. »Na, laß es gut sein.«
-
-Er öffnete die Tür und der Hund sprang vergnügt an ihm empor. Er schien
-gefürchtet zu haben, daß auch sein Herr böse auf ihn sein würde.
-
-»Komm herein!« sagte Harteck und schloß die Tür ab. Dann setzte er sich
-auf einen Stuhl, umfaßte mit beiden Händen den Kopf des Hundes, der neben
-ihm stand, und ließ Cäsars Ohren durch die Finger gleiten. Sein Gesicht
-nahm dabei einen finsteren, gespannten Ausdruck an. Es war, als ob Schatten
-seiner Brust entstiegen und sich verdunkelnd auf seine Züge legten.
-Schatten aus der Vergangenheit, unvergeßliche Stunden, sie kamen wieder,
-tauchten auf aus ihrem dürftig bedeckten Grab und stellten sich vor ihn
-hin. Er mochte die Augen wenden, wohin er wollte, ... überall stand
-die Vergangenheit und nickte ihm höhnisch zu. Er hatte sich strenges,
-unverbrüchliches Schweigen auferlegt; nicht den Menschen gegenüber: _das_
-hatte er gelernt von Jugend auf; wohl aber gegenüber sich selbst. Nicht
-rühren an der Vergangenheit, nicht grübeln oder trauern, nicht fragen,
-ob sie nicht besser hätte sein können, nicht jammern über Dinge, die
-nun einmal nicht zu ändern waren, ... das war es, was er sich zugeschworen
-hatte und auch treulich hielt. Aber heute wankte er in seinem Entschluß.
-Es war doch nur eine Kleinigkeit, die ihn dazu brachte; der Hund hatte die
-ungerechten Schläge schon wieder abgeschüttelt, ... und dennoch: just
-dieser Kleinigkeit, dieses Tropfens hatte es bedurft, und die Schale floß
-plötzlich über. Ertragen, immer ertragen müssen, nicht schützen dürfen
-das, was man liebt ... Gott im Himmel! _Er_ war kein Weichling, er litt ja
-alles, biß die Zähne zusammen und überwand den Schmerz, ... aber nur die
-Menschen, die er liebte, sollten sie nicht kränken. Er dachte nicht an den
-Hund. Das arme Tier! Dem hatten die Schläge nicht so wehe getan; ein
-paar Liebkosungen oder ein Knochen -- und vergessen war das Leid. Aber ein
-anderes Unrecht schwebte dem Priester vor, ein ungesühntes und nicht zu
-sühnendes. Unrecht ...? Die Herren urteilten anders. Der Dekan hatte
-ihm niemals gesagt, daß er bei seinen früheren Vorgesetzten nach seiner
-Vergangenheit gefragt; aber Harteck fühlte und ahnte das. Sie hatten ihn
-nicht geliebt, diese seine Vorgesetzten. Der erste war noch zu ertragen,
-war ein gutherziger, schwacher alter Mann gewesen, der sich sogar recht
-schwer von ihm getrennt hatte. Aber der zweite. Der hatte ihn gehaßt,
-haßte ihn noch und würde ihm schaden, wo immer er nur konnte. Der hatte
-ihm auch geschadet bei dem Dekan, das fühlte Harteck instinktiv; auch
-hatte manche Andeutung des Dekans ihn vermuten lassen, daß der Prinzipal
-um seine Vergangenheit wisse. Einmal hatte er zu ihm gesagt: »Sie sprechen
-sehr häufig mit der Uschei ... Lassen Sie sich nicht einfallen, dem
-Mädchen unerlaubte Gedanken in den Kopf zu setzen. In meinem Hause würde
-dergleichen ebensowenig geduldet werden wie anderswo.« Hatte das eine
-Anspielung sein sollen? Vielleicht! Der Mund des jungen Priesters verzog
-sich zu einem matten Lächeln, er stand auf, ging zu einem Schranke hin,
-zog eine der Laden heraus und kramte darin herum. Bald hatte er gefunden,
-was er suchte. Ein kleines Paket war es, das eine Photographie und einen
-Brief enthielt. Die Photographie stellte ein Tiroler Bauernmädchen im
-Sonntagsstaat dar. Es schaute ihn an aus treuherzigen blauen Augen, und
-während er es betrachtete, dachte er an vergangene Stunden und wie oft
-er diese Augen, diese Lippen, dieses blonde Haar geküßt, wie oft diesen
-jungen, blühenden Leib umfangen ... Armes, zärtliches, liebevolles
-Mädchen! An _ihr_ hatten die Menschen schweres Unrecht verübt. Sie hatte
-ihn geliebt mit selbstloser, hingebungsvoller Liebe, hatte nichts begehrt,
-keinen Schwur, keinen Ring, und hatte ihm doch alles gegeben, was ein
-Weib dem Manne geben kann, ... und was war der Lohn dafür! Ein verbotenes
-Liebesglück, Spott, Verachtung, und dann hatte der Pfarrer sie aus dem
-Hause gejagt. In Hartecks Abwesenheit war es geschehen. Der Pfarrer hatte
-ihn fortgeschickt, und während er ihr fern, hatten der harte Mann und
-dessen tugendhafte Wirtschafterin dem Mädchen Beleidigung um Beleidigung
-ins Gesicht geschleudert, und sie hatte vor ihnen auf den Knieen gelegen
-und sie angefleht, Erbarmen mit ihr zu haben: sie würde ja gehen, auf
-immer gehen ... Sie aber hatten kein Erbarmen gehabt, hatten sie gehöhnt
-und beschimpft, und er war nicht dabei gewesen, hatte sie nicht schützen,
-nicht mit seinem Leibe decken können ... Als er heimkam, war die
-Unglückliche schon weit, und von den Knechten und Mägden hörte er, was
-sich begeben in seiner Abwesenheit.
-
-Sie war ihm noch immer teuer und würde ihm teuer bleiben, solang Leben
-und Atem in ihm. Wohl war der Liebesrausch verflogen, und er gestand
-sich heute, daß es besser gewesen war für ihn und sie, daß man sie
-voneinander gerissen hatte. Im Anfang hatten sie sich oft geschrieben;
-das ist ja der einzige Trost zweier Menschen, die das Schicksal auf immer
-getrennt hat. Er hatte diese Briefe später verbrannt, -- bis auf einen,
-den letzten, den er von seinem Mädchen erhalten. Der lag getreulich
-aufbewahrt neben der Photographie und den schlug er auch jetzt auseinander
-und las ihn durch.
-
-»Ich schreibe Dir heute zum letztenmal,« hieß es darin. »Du mußt mir
-deshalb nicht böse sein, liebster Georg, aber ich kann nicht anders. Ich
-hab' Dir genug Plage und Schmerz gekostet und das soll jetzt aufhören und
-Du mußt mich vergessen. Ich hab' einen braven Mann kennen gelernt und der
-will mich heiraten. Ich hab' ihm alles gesagt und er hat mir's verziehen,
-aber schreiben darf ich Dir nicht mehr und so muß ich Abschied von Dir
-nehmen. Ich hab' mich ja doch schwer versündigt an unserem Herrgott, dem
-lieben Heiland, der Jungfrau und den Engeln, daß ich einen Priester gern
-gehabt hab' und ich will umkehren und wieder rechtschaffen werden. Mein
-zukünftiger Mann hat von seiner ersten seligen Frau drei liebe Kinder und
-denen will ich mit dem Beistand der hochgebenedeiten Jungfrau Maria eine
-gute Mutter werden. Ich hab' so viel zu ihr gebetet und ich glaube, daß
-sie mich erhört hat und daß es so am besten ist. Ach, Georg, ich hab'
-Dich so lieb gehabt und mir ist oft so bang um Dich und ich meine, daß ich
-Dir doch recht abgehen muß. Verzeih mir, daß ich so rede, es soll nicht
-mehr geschehen, das alles ist ja vorbei. Denk an mich wie an eine Tote und
-bete für mich, und die Photographie schicke ich Dir zum Andenken; die heb
-auf und vergiß nie, daß Du mein alles gewesen bist, daß Du auf Deine
-Gesundheit schauen und wieder lustig werden mußt; denn das Herz tät mir
-brechen, wenn ich hören tät, daß Du Dich heruntergrämst wegen mir und
-krank bist. Schau, das mußt Du nicht tun, das wär' ein armes Dirndel wie
-ich gar nicht wert. Ich hab' gehört, daß Du vom Ort fortkommen wirst, und
-ich bin froh drum. Du wirst einen besseren Pfarrer finden und neue Freunde
-und dann wird wieder alles gut sein. Und so leb' wohl, lieber Georg. Ich
-denke Tag und Nacht an Dich --
-
- _Deine Kathrin_.«
-
-So oft er diesen Brief durchlas, beschlich ihn ein Gefühl, das halb
-Beruhigung, halb Wehmut war. Gott sei Dank! er hatte das gute Mädchen
-nicht ganz zugrunde gerichtet; rechtzeitig noch hatte sie sich emporgerafft
-und ein neues Leben angefangen. Wohl mochte ihr das im Anfang schwer
-gefallen sein, aber sie hatte sich tapfer durchgerungen und lebte heute
-geachtet und geliebt von allen im Hause ihres Gatten. Seit einem halben
-Jahre hatte sie auch ein eigen Kind. Das alles wußte er durch Fremde, denn
-sie hatte ihm, ihrem Vorsatz getreu, nie wiedergeschrieben. Ein paarmal
-hatte sie ihm durch dritte Grüße zukommen und ihm sagen lassen, daß
-es ihr wohl ergehe und daß ihr Kind ein kleiner Engel sei. Er wußte sie
-versorgt und geborgen und somit war alles gut.
-
-Er legte die Photographie und den Brief in die Lade zurück und erinnerte
-sich dabei an die Briefe, die der Mönch ihm eingehändigt und die er noch
-nicht gelesen hatte. Er griff in die Tasche seiner Soutane, zog die Briefe
-hervor und erbrach sie. Sie enthielten nichts Neues. Das Leben seiner
-Mutter und Schwester, die in seiner Vaterstadt, in Kufstein, wohnten, ging
-seinen hergebrachten Gang. Die Mutter schrieb ihm, wie gewöhnlich, in
-strengem pietistischen Ton, sprach von Gott und der Kirche und hielt ihm
-seine Priesterpflichten vor. Der Sohn war ihr immer noch nicht geistlich,
-nicht ernst und fromm genug. Ein zärtliches Wort, der Wunsch ihn zu sehen,
-die Hoffnung, daß er sich glücklich fühle, sprachen nicht aus dem langen
-Schreiben; es enthielt bloß Ermahnungen. Die Schwester schrieb in einem
-anderen Tone; kurz und verständig, wenn auch nicht liebevoll. Sie war erst
-siebenundzwanzig Jahre alt und schon Witwe, hatte einen einzigen kleinen
-Knaben und lebte in geordneten Verhältnissen. Sie sprach in ihrem Briefe
-hauptsächlich von sich und dem Kinde und daß sie ihre Schwiegereltern um
-den kleinen Finger wickele, daß diese alles täten, was sie wünschte und
-den Knaben sehr verzögen, und so nebenbei erkundigte sie sich auch
-nach dem Befinden des Bruders und forderte ihn auf, ihr wieder einmal zu
-schreiben. Harteck durchflog die Briefe, legte sie dann in eine Lade und
-klappte sein Album auf. Er wollte die Bilder der Mutter und Schwester
-betrachten. Da standen sie nebeneinander, beide so gut getroffen, so
-lebenswahr. Das waren die harten Züge der Mutter, ihr festgeschlossener
-Mund, der niemals lächelte, ihr silbergraues Haar und ihre
-strengblickenden Augen; und das nebenan war das feine, kluge Gesichtchen
-der Schwester, mit dem spöttischen Ausdruck und den kalten, klaren
-Augen, aus denen grenzenlose Selbstsucht und eine gewisse mitleidige
-Geringschätzung sprachen, ... ja, das war sie, wie sie leibte und
-lebte. Als Kind schon hatte sie die Menschen zu bezaubern verstanden, und
-jedermann, obwohl sie äußerlich so sanft und still tat, nach ihrer Pfeife
-tanzen lassen; den Bruder hatte sie immer beherrscht und ihm alles, was
-er besaß, Spielsachen, Naschwerk, abgeschmeichelt ... Er hatte sie
-abgöttisch geliebt und sie -- nun! sie war ihm leidlich gut gewesen, weil
-er immer ihren Willen tat, jedes von ihr verübte Vergehen und die darauf
-folgende Strafe auf sich nahm, die Schulaufgaben für sie machte und ihr
-jeden Wunsch erfüllte. Mit dem Plan der Mutter, daß er Priester werden
-sollte, war sie höchlich einverstanden gewesen; da kostete seine Erziehung
-nichts, weil ein ihnen befreundeter Priester die Kosten davon tragen
-wollte, er konnte nicht heiraten und somit gehörte alles, was die Mutter
-besaß, ihr allein; er brauchte ja nichts, hätte als allein lebender
-Priester an seiner Einnahme genug ... Er wußte, daß ihre Gedanken solcher
-Art waren, obschon sie ganz anders sprach, ihm das Schöne und Erhabene des
-Priesterberufes vorhielt, und daß der Mutter Herz an diesem Plane
-hinge und: »Du bist so gut, Georg, Du wirst der Mutter dieses Opfer
-bringen« ... Und er hatte es gebracht und Gott allein weiß, was dieses
-Opfer ihm gekostet hatte. Doch nichts davon. Daran durfte er niemals
-rühren; das war nun einmal geschehen und mußte getragen werden. Genug!
-Er hatte ihnen ihren Willen getan und sie waren es zufrieden. Die kluge
-Schwester hatte sich mit neunzehn Jahren vermählt; nicht aus Liebe. Aber
-ihr Mann war jung, gutherzig und vermögend, ein einziger Sohn. Sie wußte
-ihm Liebe vorzuheucheln und schmeichelte sich in sein und seiner Eltern
-Herz, und er heiratete sie in dem festen Glauben, daß sie ihn ebenso
-liebe wie er sie, und sie war klug genug, ihm eine liebenswürdige,
-pflichtgetreue Gattin zu sein. Er starb nach kurzer Ehe, sie trug Trauer
-um ihn, verblieb im Hause der Schwiegereltern, deren alleiniger Erbe ihr
-Söhnchen war, und lebte heute nur für das Kind, das sie, weil ein Stück
-von ihr, wirklich liebte. Die Mutter lebte allein. Das war Georgs Familie,
-waren die einzigen Menschen, die ihm verwandt.
-
-Beim Nachdenken über die Seinen kamen ihm plötzlich Paula und Toni in den
-Sinn. Ja, das war Geschwisterliebe; eine solche Liebe würde, müßte
-über vieles hinweghelfen. Wenn seine Schwester Paula oder der kleinen Toni
-gliche, wenn die Mutter ihn so geliebt hätte, wie der Arzt seine Töchter
-liebte, wenn ihm ein so schönes, harmonisches Familienleben beschieden
-gewesen wäre: dann würde er wohl nicht geworden sein, was er war. Schon
-wieder! Er wollte ja daran nicht denken. Rasch entschlossen griff er nach
-einem Buche, setzte sich ans Fenster und fing zu lesen an. Cäsar, der alle
-seine Bewegungen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte, legte sich zu seinen
-Füßen nieder, postierte den Kopf zwischen die Vorderpfoten und verhielt
-sich ganz ruhig. Fliegen summten in der Stube, durch das offene Fenster
-strömte die frische Herbstluft herein und auf den Gartenwegen stolzierte
-Fräulein Aurelie auf und ab und tat oft einen verstohlenen Blick aufwärts
-nach dem Priester, in der Hoffnung, daß er sie bemerken, grüßen,
-vielleicht -- man kann nicht wissen -- herunter in den Garten kommen
-würde ... Aber Harteck blickte kein einziges Mal von seinem Buche auf.
-Die Lektüre fesselte ihn. Seine Züge hatten ihren gewohnten resignierten
-Ausdruck angenommen. In seinem Herzen war es wieder still geworden.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-Wenige Tage später wurde die Schule geschlossen. Der Scharlach grassierte
-im Dorfe und den umliegenden Ortschaften. Ein Kind war der Krankheit
-bereits erlegen.
-
-»Hier wird es mit jedem Tage angenehmer,« dachte Fräulein Aurelie,
-die am Fenster stand, und drückte ihr gelbes Gesichtchen an die Scheibe.
-»Ansteckende Krankheiten und immerwährend schlechtes Wetter ... Wie
-es heute wieder regnet! Und dieser Kooperator läuft beständig im Regen
-herum ... Da ist er schon wieder, er und sein liebenswürdiger Hund. Jetzt
-bleibt er stehen. Natürlich! Kommt doch seine Auserwählte, die Uschei,
-des Weges. Mit der hat er immer etwas zu verhandeln. O diese Geistlichen!
-Alle haben einen so gemeinen Geschmack und geben sich mit Köchinnen und
-Mägden ab ... =Fi donc!=«
-
-Harteck stand, nicht ahnend, daß er beobachtet wurde, in der Tat vor dem
-Hause und sprach mit der jungen Magd. Ein sehr harmloses Gespräch war es,
-das er führte: er fragte sie, ob es im Dorfe nichts Neues gebe, ob nicht
-vielleicht abermals ein Kind erkrankt wäre?
-
-»Ja, heut' nacht is wieder über ein's der Scharlach kimma,« antwortete
-Uschei. »Die kloan Toni vom Herrn Doktor is sehr krank.«
-
-Harteck zuckte zusammen. Sein Herzblatt, sein süßer, schöner Liebling
-schwer krank!
-
-»Von wem haben Sie das gehört?« fragte er mit entfärbtem Gesichte.
-
-»Vom Herrn Lehrer. Der hat das Kind g'sehen und g'sagt, daß' eahm
-schlecht geht.«
-
-»Wirklich,« murmelte Harteck und ging halb abwesend weiter. Wie teuer
-ihm das Kind war, fühlte er jetzt. Und allsogleich malte er sich die Lage
-Paulas aus ... In welcher Sorge mochte die sein um die kleine Schwester!
-Wenn Toni stürbe --? Ihm schwindelte bei diesem Gedanken. Er suchte
-den Lehrer auf. Dieser wußte ihm nichts Tröstliches zu berichten. Die
-Krankheit trete sehr heftig auf; man müsse auf alles gefaßt sein.
-
-»Und wie erträgt Tonis Schwester diesen Schlag?« fragte Harteck.
-
-»O! Fräulein Paula ist wie immer, ... stark und ruhig; spricht beinahe
-nichts und weicht nicht von dem Kinde. Aber schlecht sieht sie aus, ... zum
-Erbarmen. Ich will nachmittags wieder hinübergehen, ... vielleicht kann
-ich dort von einigem Nutzen sein. Aufrichtig gesagt, mir bangt um Paula
-beinahe mehr noch als um das Kind.«
-
-»Mir ebenfalls,« sagte Harteck. Er hatte Paulas kaltes Betragen gegen
-ihn vergessen. Sie hatte ja nicht wissen können, daß ihr Gesang ihn so
-mächtig ergriffen und ihn gleichsam hingezogen hatte zu ihr. Und mußte
-eine törichte Empfindlichkeit angesichts so großen Leides nicht zu Staub
-zerfallen? Er fühlte mit Paula, als ob er ihr Bruder wäre. Warum stand er
-ihr so ferne, warum durfte er sie nicht trösten und stützen und ihr das
-Kind pflegen helfen? Dieser Lehrer, der ihr am Ende auch bloß ein
-Fremder war, hatte das Recht in ihr Haus zu gehen, das Kind zu sehen, sich
-dienstbar zu erweisen, ... _er_ nicht. Er mußte sich mit Mitteilungen aus
-dritter Hand begnügen. Wie verwünschte er die feindselige Stellung, die
-der Dekan gegenüber seiner Gemeinde einnahm und die folglich auch _ihn_
-von allen Dorfbewohnern schied! Er verzehrte sich in Angst und Sorge um
-das Kind. Oft, oft ging er am Hause des Arztes vorbei, spähte nach den
-Fenstern, näherte sich der Schwelle und stand wieder still ... Er hatte da
-drinnen nichts zu suchen; niemand erwartete ihn, niemand begehrte nach
-ihm. Einmal erblickte er Paula am Fenster. Abend war es; das junge Mädchen
-öffnete das Fenster, beugte sich heraus und schaute zum grauen Himmel
-empor. Wie traurig verändert sie war, so blaß, um die Augen dunkle
-Ringe, im Gesicht einen müden, zerquälten Ausdruck. Ihr Anblick tat ihm
-unsäglich wehe. Schon stand er im Begriff, seine Scheu zu überwinden und
-Paula anzusprechen, ... da zog sie sich zurück und schloß das Fenster.
-Welcher Jammer mochte da drinnen wohnen! Und machtlos zuschauen müssen,
-nicht einmal sein Mitgefühl zeigen dürfen, ... das war doch bitter.
-
-Tag um Tag verstrich. Durch den Lehrer erhielt Harteck Nachricht über
-Tonis Befinden; in einer Nacht war sie dem Tode nahe gewesen, endlich aber
-trat eine Besserung ein. Das Kind war, wenn auch sehr entkräftet, doch
-außer Gefahr.
-
-Eines Abends war Harteck allein zu Hause. Draußen regnete es, wie
-gewöhnlich. Beschäftigungslos saß der junge Mann auf seinem Bett und
-unterhielt sich damit, daß er seinen Cäsar an den Ohren zog und den Hund
-dadurch zum Bellen brachte. Da klopfte es an seine Tür. Rasch erhob er
-sich, um aufzumachen. Auf der Schwelle stand Uschei und in der Nähe eine
-andere, dunkelgekleidete Gestalt. Er erkannte auf den ersten Blick, daß
-es Paula war. Ihr unvermuteter Anblick erschreckte ihn. Was führte sie zu
-ihm? War Toni schlechter geworden und kam die Schwester zu dem Priester, um
-ihn an das Sterbebett des Kindes zu holen? Doch nein; das war unmöglich.
-In diesem Falle würde Paula die Kleine nicht verlassen, würde jemand
-anderen geschickt haben ... Mit fragendem Blick näherte er sich dem jungen
-Mädchen.
-
-»Verzeihen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Paula. Aus ihrer Stimme
-klang eine unterdrückte Aufregung, eine gewisse Beklemmung, ... sie atmete
-rasch. »Ich komme auf die Bitte meiner kleinen Schwester zu Ihnen.
-Sie wünscht, Sie zu sehen. Sie war so krank und fühlt sich jetzt so
-schwach, ... ich mußte ihrem Verlangen nachgeben. Sie will beichten, ...
-das arme Kind, das nichts begangen hat ...«
-
-Die Stimme versagte ihr, sie preßte wie trotzig die Lippen zusammen und
-wandte das Gesicht ab. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme. Weshalb
-war sie so erregt? Fürchtete sie sich oder war ihr der Wunsch des Kindes
-peinlich? Das mochte es sein.
-
-»Soll ich sogleich kommen?« fragte er sie sanft.
-
-Ohne ihn anzusehen, nickte sie mit dem Kopfe.
-
-Er griff nach seinem Hute.
-
-»Ich bin bereit,« sagte er, ging voran und Paula folgte ihm schweigend;
-sie verließen den Pfarrhof und schritten, ohne ein Wort zu sprechen, durch
-die finstere Straße; Paula hielt den Blick zur Erde geheftet und ging sehr
-langsam. Sie schien etwas sagen zu wollen, jedoch das rechte Wort nicht zu
-finden ...
-
-Er mißdeutete ihr Zögern und nahm es für eine Anwandlung körperlicher
-Schwäche.
-
-»Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?« fragte er sie. »Sie können sich
-kaum auf den Füßen halten.«
-
-»Ich danke Ihnen,« antwortete Paula fast unhörbar. »_Das_ ist es
-nicht ...«
-
-»Was sonst?« fragte er und blickte sie an.
-
-Sie blieb stumm. Wie hätte sie ihm auch erklären können, was sie
-beunruhigte! Dazu gebrach es ihr an Mut ... Paula war fromm, aber nicht in
-der Art, wie der Dekan es verlangte. Sie beichtete selten und betete daheim
-ebenso gern wie in der Kirche; sie blieb den Wallfahrten und Prozessionen
-fern, ging jeder Schaustellung der Frömmigkeit absichtlich aus dem
-Wege ... Der Dekan war ihr deshalb nicht wohlwollend gesinnt, das wußte
-sie. Nun bangte ihr für Toni. Diese Priester, diese familienlosen,
-einsamen Menschen sind oft so rücksichtslos ... Das Kind hatte dringend
-nach seinem Religionslehrer verlangt; ihm diese Bitte abzuschlagen, war
-unmöglich gewesen. Wie aber, wenn dieser Priester ein Finsterling wäre?
-Wenn er das Kind ängstigte, ihm vom Tode vorredete? Das war es, was Paula
-fürchtete; darum war sie auch selbst gegangen, ihn zu holen ... Sie hatte
-ihn bitten wollen, die Kleine nicht zu quälen, ihr die Todesgedanken,
-die Angst vor der Hölle, die das arme, geschwächte Kind bedrückten,
-auszureden, ... und nun hatte sie nicht den Mut, ihm das zu sagen. Er war
-ihr fremd. Wer weiß, ob er ihr die Bitte, die im Grunde genommen nichts
-anderes war als ein Vorschreiben dessen, was er zu tun habe, nicht übel
-nehmen würde! Er sah zwar weder hart noch finster aus, -- aber einem
-Priester zu diktieren, wie er sich einem Kranken gegenüber zu betragen
-habe, wäre doch ein außergewöhnliches Wagnis gewesen. Paula zögerte
-immer noch und wußte nicht, was sie tun sollte.
-
-Da stand das Haus. Nun war es vorbei. Paula öffnete das Tor und bat den
-Geistlichen einzutreten. Einige Augenblicke kämpfte sie noch mit
-sich, wollte sprechen; doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken.
-Schweigend führte sie den Gast die Treppe hinan nach dem Zimmer, in dem
-die kleine Kranke lag. Neben dem Bettchen des Kindes stand ein Nachttisch
-und auf diesem eine Lampe. Das Kind saß aufrecht im Bette, auf der Decke
-lag ein Gebetbuch, um die abgemagerten Fingerchen hatte Toni die Perlen
-eines Rosenkranzes geschlungen. Das blasse, veränderte Gesicht des Kindes
-drückte feierlichen Ernst aus und seine jetzt beinah unheimlich großen
-Augen leuchteten in fieberhaftem Glanz.
-
-»Da bringe ich Deinen Lehrer,« sagte Paula mit erzwungenem Lächeln.
-
-Toni nickte stumm. Sie wagte nicht zu sprechen, ja kaum zu atmen. Mit
-scheuer Ehrfurcht blickte sie zu dem Priester auf.
-
-Harteck trug einen Stuhl zu dem Bette, setzte sich und beugte sich auf das
-Kind herab.
-
-»Warum so ernst?« fragte er und küßte es auf die Stirn. »Bin ich Dir
-in der kurzen Zeit so fremd geworden?«
-
-»Ich will beichten,« flüsterte die arme Kleine.
-
-»Das kannst Du ja tun, ... aber ohne Furcht. Komm, gib mir die Hand.«
-Leise entwand er ihren Fingern den Rosenkranz und behielt die kleine Hand
-in der seinen. »Nun sag, was Du mir zu sagen hast.« Er neigte sich nach
-vorne und näherte das Ohr den Lippen des Kindes. Toni begann zu flüstern.
-
-Paula stand abseits am Fenster und beobachtete die beiden. Ihre Besorgnis
-war zu Ende ... Dieser Mann würde ihren Liebling nicht ängstigen, das
-wußte sie nun. Er hatte das Kind angeschaut, so zärtlich und mitleidig,
-hatte es so liebevoll geküßt und in einem so sanften Ton zu ihm
-gesprochen. Nein, von dem war nichts zu befürchten. Zum ersten Mal
-betrachtete ihn Paula mit Teilnahme und Aufmerksamkeit. Ihr forschender
-Blick glitt über seine schlanke, schmalschultrige Gestalt, über die
-mageren Männerhände, in denen die weichen Finger des Kindes ruhten; glitt
-über sein Haupt mit dem dunklen Haar, aus dem die Tonsur hervorleuchtete,
-über sein blasses, feines Profil ... Sein Gesicht hatte einen
-eigentümlich leidenden Ausdruck, der sich jedoch rasch verlor, wenn der
-Priester sprach oder lächelte; Paula glaubte ein schöneres, gütigeres
-Lächeln niemals gesehen zu haben. Auf dem Kinn, den Wangen und über dem
-Munde des Mannes zeigten sich die dunklen Spuren des wegrasierten Bartes.
-Die starke Gebirgsluft hatte sein Gesicht nicht gerötet, nur stark
-gebräunt; bloß die Stirn, in die das Haar hing, war sehr bleich; die Nase
-leicht gebogen; um die Lippen und in den nicht großen, dunklen Augen lag
-etwas, das auf allerhand schließen ließ ... Dieser Mann mußte schon
-mancherlei erfahren, erlitten und überwunden haben ... Paula dachte
-wenigstens so. Wie hatten sie ihn so falsch beurteilen können? Ein so
-warmes Auge ist doch immer der Widerschein eines warmen Herzens ... Paula
-begriff jetzt nicht, wie sie von ihm Schlimmes zu erwarten vermocht hatte.
-
-Die Beichte der kleinen Toni war rasch beendet. Das Kind hatte nicht viel
-zu sagen und der Beichtiger wenig zu ermahnen. Ein paar gütige Lehren
-erteilte er der Kleinen, gab ihr die Absolution und sprach dann von anderen
-Dingen: daß sie trachten müsse, bald wieder ganz gesund zu werden, daß
-sie brav essen und viel schlafen und guten Mutes sein solle, dann werde sie
-in kurzer Zeit wieder vollkommen hergestellt sein. Er bat Paula hierauf um
-ein Erzählungsbuch und las dem Kinde einige Geschichten daraus vor, und
-als er dann bemerkte, daß die Kleine den Kopf müde auf das Kissen sinken
-ließ, fragte er sie, ob sie schläfrig wäre.
-
-»Nein, o nein,« antwortete das Kind.
-
-»Das werden wir sogleich erproben,« versetzte er. »Verhalte Dich einige
-Minuten lang ganz ruhig. Wenn Du dann noch nicht eingeschlafen bist, will
-ich Dir eine neue Geschichte vorlesen. Ist es Dir so recht?«
-
-Sie sagte ja dazu und schloß die Augen. Nach einer kurzen Weile war sie in
-Schlaf gesunken. Der Priester betrachtete sie, küßte ihre Händchen und
-stand auf.
-
-»Sie schläft,« sagte er gedämpften Tones zu Paula, ergriff die Lampe
-und stellte sie auf den Ofen, so daß die Kleine im Halbdunkel lag. Dann
-grüßte er das junge Mädchen und wollte sich entfernen. Paula machte eine
-Bewegung nach ihm hin.
-
-»Herr Kooperator ...«
-
-Er stand still. Sie trat auf ihn zu.
-
-»Ich danke Ihnen, ... ich danke Ihnen herzlich,« sagte sie leise und
-demütig.
-
-Er schaute in ihr bewegtes Gesicht und ihre großen, wundersamen Augen, die
-ihn wie reuevoll anblickten, und entgegnete:
-
-»Wofür danken Sie mir?«
-
-»Sie waren so gut gegen das Kind ...«
-
-»Das ist doch kein Verdienst, ... ich habe Ihre kleine Schwester sehr
-lieb.«
-
-Paula senkte die Augen.
-
-»Ich muß Sie auch um Verzeihung bitten,« sagte sie.
-
-»Mich?«
-
-»Ja. Wenn ich jemandem -- und wäre es auch nur im Geiste -- unrecht tat,
-quält mich das so lange, bis ich es eingestanden habe. Ich glaubte ... ich
-fürchtete, daß Sie anders sein, daß Sie Toni ... ängstigen würden, ...
-manche Priester halten es für ihre Pflicht, kranke Menschen auf den Tod
-hinzuweisen und machen selbst bei Kindern keine Ausnahme, ... ich habe mich
-in Ihnen geirrt. Bitte, vergeben Sie mir.«
-
-Er sah vor sich nieder.
-
-»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen,« erwiderte er. »Dieses Vorurteil
-gegen meinen Stand mag ein begründetes sein, ... ich weiß es nicht.«
-Er schwieg ein paar Augenblicke und Paula stand während der kurzen Stille
-ziemlich unbehaglich vor ihm; dann sagte er: »Sie haben eine schwere Zeit
-durchgemacht. Die Kleine war recht schlimm, wie mir erzählt wurde.«
-
-»Sehr schlimm. Als ich erkannte, daß sie den Scharlach hätte, glaubte
-ich umsinken zu müssen. Solang man niemand Teuren hat sterben sehen,
-glaubt man nicht recht an den Tod; man weiß zwar, daß alle Menschen
-sterben müssen, aber man denkt niemals ernsthaft darüber nach ...
-Ich jedoch habe schon erfahren, was verlieren heißt. Was Vater und ich
-ausgestanden haben in der Nacht, wo wir meinten, daß Toni sterben würde,
-kann ich mit Worten nicht wiedergeben, ... wir weinten nicht, wir standen
-da wie Bildsäulen und starrten das Kind an, ... es war fürchterlich ...«
-Sie fuhr mit der Hand über ihre Stirn und warf einen Blick voll Liebe auf
-die schlafende Kleine. »Gott sei Dank! ich habe sie noch!« murmelte sie
-dabei und faltete die Hände. Der Priester sah sie mit Rührung an. Bei
-ihrem Anblick kam ihm unwillkürlich die Gottesmutter in den Sinn. Auch
-Paula war rein und liebevoll, war Jungfrau und Mutter zugleich ...
-
-»Darf ich Sie wieder holen lassen, wenn Toni abermals nach Ihnen verlangen
-sollte?« fragte ihn Paula und sah ihm bittend ins Auge.
-
-»Ist dazu erst eine Erlaubnis nötig?« erwiderte er ein wenig gekränkt.
-»Ich sagte Ihnen doch, daß ich die Kleine sehr lieb hätte ...«
-
-Nach diesen Worten nahm er Abschied von Paula und verließ sie.
-
-Toni war außer sich, ihn bei ihrem Erwachen nicht mehr zu finden. Nur das
-Versprechen, daß er morgen wiederkommen würde, vermochte das erregte Kind
-halbwegs zu beruhigen. Bald darauf kam der Arzt nach Hause und brachte den
-jungen Schullehrer mit. Dieser wollte sich nach Tonis Befinden erkundigen.
-Die Kleine behandelte ihn höchst ungnädig. Er sprach so lebhaft, machte
-so viele Gesten, war so zärtlich gegen sie, -- das alles regte sie auf.
-Dem Vater erzählte sie, daß ihr Religionslehrer dagewesen wäre, welche
-Mitteilung Herrn Stettner nicht angenehm zu berühren schien.
-
-»Was hatte der Pfaff hier zu suchen?« fragte er Paula, die, über eine
-Handarbeit gebeugt, am Bette saß.
-
-»Von wem sprechen Sie?« entgegnete Paula, ohne aufzublicken.
-
-»Nun, ... vom Kooperator.«
-
-»Ach so. -- Toni begehrte ihn zu sehen.«
-
-»Wird er wiederkommen?«
-
-»Ja. Das Kind will es so haben.«
-
-Er zerdrückte seinen Künstlerhut in den Händen und durchmaß die Stube
-mit großen Schritten.
-
-»Das gefällt mir nicht,« sagte er, endlich vor Paula stehend bleibend.
-»Sie sollten das nicht angehen lassen.«
-
-»Weshalb nicht?«
-
-»Weil« ... er fuhr mit den Fingern durch sein langes Haar ... »weil ich
-den Umgang mit Priestern für unnütz und schädlich halte ... Toni wird
-noch eine Betschwester werden.«
-
-Paula mußte lachen. »Lassen Sie doch Ihren Hut in Ruhe,« sagte sie.
-»Sie werden ihn verderben. Sind Sie vielleicht eifersüchtig?«
-
-»Ja,« antwortete er, trotzig wie ein Kind. »Toni hat diesen -- Herrn
-viel lieber als mich. Das verdrießt mich.«
-
-»Er weiß sie auch besser zu behandeln als Sie, ... er ist so sanft, seine
-Nähe wirkt so beruhigend ... Das kann man Ihnen nicht nachrühmen.«
-
-»Er ist, mit einem Wort, ein Engel,« sagte der Lehrer bitter und
-höhnisch.
-
-Paula sah ihn mit ihren ernsten Augen strafend an.
-
-»Sie ärgern sich über alles, was man sagt,« erwiderte sie. »Ich werde
-künftighin in Ihrer Gesellschaft ganz stumm bleiben.«
-
-Er bat sie um Entschuldigung; er habe es nicht böse gemeint. Sein Gesicht
-aber blieb finster und er ging sehr bald wieder fort.
-
-Harteck kam in der Tat am nächsten und auch an den folgenden Tagen.
-Toni hatte darum gebeten und ihrem Wunsche mußte nachgegeben werden. Der
-Geistliche hielt sich niemals lange auf, höchstens eine Stunde, plauderte
-mit dem Kinde, erzählte ihm Geschichten oder las ihm vor und brachte ihm
-täglich etwas: Spielzeug, Naschwerk, Heiligenbildchen oder sonst eine
-Kleinigkeit. Paula zog sich gewöhnlich in ihre Fensternische zurück,
-beschäftigte sich mit einer Näherei und horchte auf das, was der Priester
-und das Kind zusammen sprachen. Sie selbst sagte fast nichts, aber sie nahm
-im Geiste teil an dem Gespräche, lächelte manchmal, legte die Arbeit in
-den Schoß und schaute den jungen Priester gedankenvoll an. Einmal fragte
-sie ihn, ob er jüngere Geschwister hätte.
-
-»Leider nicht,« gab er zur Antwort. »Wenn ich welche besäße und einmal
-Pfarrer wäre, müßten alle zu mir kommen. Ich bete die Kinder an.«
-
-»Haben Sie Aussicht, bald Pfarrer zu werden?« fragte Paula.
-
-»Nicht die geringste und ich freue mich darüber. Ich bin sehr gern
-hier.«
-
-Paula sagte nichts darauf, aber auch sie war froh über diese Mitteilung.
-Wenigstens würde er noch längere Zeit am Orte bleiben.
-
-Sie dachte viel über ihn nach. Gleich allen jenen, die sich wenig mit sich
-selbst beschäftigen, sann sie gern über die Menschen nach, mit denen sie
-verkehrte. Über Harteck konnte sie sich noch kein Urteil bilden, denn,
-wenn er nicht gefragt wurde, sprach er niemals von sich selbst; er besaß
-überhaupt ein sehr gleichmäßiges Temperament. Paula hätte gern gewußt,
-ob er sich mit dem Dekan und den übrigen Bewohnern des Pfarrhofes gut
-vertrage; sie wünschte es seinetwegen; am Ende waren diese die einzigen
-Menschen, mit denen er vertraulicheren Umgang pflegen durfte. Sie lenkte
-einmal das Gespräch auf den Dekan, das Fräulein und den Mönch, erhielt
-jedoch nur ungenügende Auskunft über das, was sie zu wissen begehrte.
-Der junge Priester sagte bloß, daß er allen diesen Personen noch ziemlich
-fremd gegenüberstehe und daß es mit der Zeit wohl anders werden würde;
-aber er urteilte über niemanden, wie er überhaupt höchst selten bei
-Menschen oder Dingen verweilte, die auch nur im entferntesten an seinen
-Beruf erinnerten.
-
-Manchmal, wenn Toni ungeduldig fragte, ob denn ihr geistlicher Freund
-noch immer nicht käme, stellte Paula sich ans Fenster und wartete sein
-Eintreffen ab. Da bemerkte sie auch mehr als einmal, daß sein Gesicht
-einen verdüsterten Ausdruck hatte, jenen eigentümlichen, zergrämten
-Ausdruck, der sich den Zügen derjenigen einzuprägen pflegt, die ein
-geheim gehaltenes Leid in der Brust tragen. Jedoch wenn er ins Zimmer trat,
-sie begrüßte, mit ihr und der Kleinen sprach, verlor sich dieser Ausdruck
-wieder und Harteck sagte auch nie ein Wort, das hätte vermuten lassen,
-daß er sich nicht glücklich fühlte. -- Ob er jemanden liebte? Er hatte
-doch ein warmes, liebebedürftiges Herz; würde er sonst die kleine Toni
-so lieb haben können? Wen aber liebte er? Er sprach nie von jemandem, von
-keinem Freunde, keinem Verwandten. Stand er denn ganz allein? Eines Tages
-entschloß sich Paula, ihn um seine Familie zu befragen, ob er noch eine
-hätte und wo sie lebte.
-
-»In Kufstein wohnen meine Leute,« antwortete er. »Mein Vater ist seit
-langem tot. Aber meine Mutter und Schwester leben noch.«
-
-»Besuchen Sie Ihre Familie manchmal?«
-
-»Sehr selten. Wir sind einander entfremdet. Sehen Sie, Fräulein,« fuhr
-er nach einer augenblicklichen Stille fort, »diese Entfremdung von der
-Familie ist eine notwendige Folge der Erziehung, die wir genießen. Ich
-hatte meine Mutter und besonders meine Schwester sehr lieb, solang ich
-bei ihnen lebte, und die Trennung vom Hause fiel mir sehr schwer. Ich war
-trostlos, wenn die Vakanzen, die ich daheim verbrachte, zu Ende waren und
-ich zurück mußte ins Seminar. Mit den Jahren aber wurde es anders. Die
-Herzensbildung spielt beim Kleriker insofern eine untergeordnete Rolle, als
-man ihn im Seminar nichts anderes lehrt, als daß er für die Kirche und
-deren Interessen zu wirken habe. Wir durften niemals das tun, wozu
-wir gerade Lust hatten, mußten auf Befehl lernen, lesen, beten,
-spazierengehen, mußten unsere Neigungen unbeugsamen Gesetzen unterordnen,
-und bei einer so soldatischen Dressur wird man -- wenn auch nicht hart --
-so doch gleichgültig. Ich fand das Leben im Seminar oft recht schwer und
-traurig. Mich verlangte allein zu sein, zu träumen, zu schweigen, mich
-diesem oder jenem meiner Studiengenossen anzuschließen, ... aber allem und
-jedem setzte sich ein unerbittliches Nein entgegen. Wir durften immer
-nur scharenweise oder im besten Falle zu dreien ausgehen, damit keine
-Freundschaft zwischen zweien der Zöglinge entstehe, und an unsere Familie
-war uns nur selten zu schreiben gestattet; und selbst dann wußten wir
-nicht, ob nicht unsere Briefe gelesen würden, bevor sie an ihre Adresse
-abgingen. Auf diese Weise lösen sich langsam alle Bande, die uns an unsere
-Familie knüpfen, und wir verlernen zu lieben, -- im einzelnen wenigstens.
-Ich erzähle Ihnen das alles nicht, um mich zu beklagen. Es ist ganz in
-der Ordnung so, -- man muß den Priester auf das einsame Leben, das
-ihm bevorsteht, frühzeitig vorbereiten. Ich wollte mich nur vor Ihnen
-rechtfertigen darüber, daß ich so gleichgültig von meiner Familie
-sprach.«
-
-»_Ein_ Gutes bringt eine so strenge Erziehung unfehlbar mit
-sich,« bemerkte Paula. »Sie lehrt eine sehr schwierige Tugend: die
-Selbstbeherrschung.«
-
-Da er ihr keine Antwort gab, fragte Paula ablenkend: »Haben Sie unter
-Ihren Berufsgenossen niemals einen Freund gefunden?«
-
-»O doch!« versetzte er. »Einen wohl: an dem Pfarrort, wo ich lebte,
-bevor ich hierher versetzt wurde. Er ist noch sehr jung und hat erst vor
-kurzem die Weihen empfangen. Ich freute mich jedesmal, wenn ich ihn ansah,
-er ist so jugendfroh und arbeitsfreudig, so eifrig und gutherzig, ... ein
-prächtiger Mensch, mit einem Worte. Eine Zeitlang war er sehr krank und
-ich pflegte ihn und das brachte uns einander so nahe. Der arme Junge! Er
-wollte recht stark scheinen, als ich scheiden mußte, sprach in einem fort
-und lachte, obwohl Tränen in seinen Augen standen, ... und plötzlich fiel
-er mir um den Hals und schluchzte: ›Ich kann Dich nicht verlieren! Das
-ist ja nicht möglich!‹ ... Und ich mußte ihn noch beruhigen und mir war
-doch selber schwer zumute ...«
-
-Er brach ab, trat zum Fenster hin und blickte zum Himmel auf.
-
-»Es fängt schon wieder zu regnen an,« sagte er. Seine Stimme klang
-verschleiert. Paula folgte ihm. Sie standen nahe nebeneinander, ihr Kleid
-streifte das seine. Gern hätte sie ihm etwas Liebreiches, Tröstendes
-gesagt, ... ihr Blick hing an seinem aufwärts gekehrten, traurigen Gesicht
-und schüchtern fragte sie: »Kommt er nicht manchmal zu Ihnen oder Sie zu
-ihm?«
-
-Stumm schüttelte er den Kopf und sah eine Weile trübe vor sich hin. Dann
-ermannte er sich, strich sich das Haar aus der Stirn und lächelte das
-junge Mädchen, das ihn noch immer ansah, freundlich an.
-
-»Beunruhigen Sie sich nicht meinetwegen,« sagte er. »Finden und
-verlieren ist eben Menschenlos und muß getragen werden. Komm her, Toni!«
-rief er sich umwendend und nahm das Kind, das nunmehr beinahe vollständig
-gesund war und sich ihnen genähert hatte, auf den Arm. »Du bist jetzt
-mein kleiner Freund, nicht wahr?«
-
-»Ja, ich und Paula,« sagte Toni. Er lachte und stellte die Kleine wieder
-auf den Boden. Dabei warf er einen Blick auf Paula, die noch am Fenster
-stand und mit einem etwas unzufriedenen Gesicht auf die Straße sah. Diese
-ärgerliche Miene kleidete sie sehr gut. Ihre Wangen waren röter als
-gewöhnlich und zwischen ihren Brauen lag eine zornige Falte. Sie glättete
-mit der Hand ihr Haar und strich es hinter die kleinen heißen Ohren
-zurück, -- augenscheinlich wollte sie irgend etwas tun, um dem Blicke des
-jungen Mannes nicht begegnen zu müssen. Harteck trat an ihre Seite und
-fragte mit halblauter Stimme: »Weshalb sind Sie so böse? Verdrießt es
-Sie im Ernste, daß Ihre Schwester Sie für meine Freundin hält?«
-
-»O nein! Das verdrießt mich nicht,« versetzte Paula ohne ihn anzusehen,
-»wohl aber, daß Toni so unbesonnen schwatzt, ... nicht anders, als ob sie
-solche und ähnliche Dinge von mir hörte ...«
-
-»Ich bin überzeugt, daß dies nicht der Fall ist,« entgegnete er
-besänftigend. »Lassen Sie keine Mißstimmung -- und wäre es auch nur
-eine momentane und geringfügige -- zwischen uns eintreten, Fräulein
-Paula. Ich komme sehr gern hierher, hier fühle ich mich wohl und wie zu
-Hause, ich habe Toni sehr lieb und -- auch Sie,« sagte er mit einigem
-Zögern. »Sie sind die einzigen Menschen im Dorfe, an deren Umgang mir
-gelegen ist: lassen Sie mir daher die Freude zu glauben, daß auch _Sie_
-mir freundlich gesinnt seien ... Ich werde darum noch immer nicht anmaßend
-werden.«
-
-»Ich habe auch nicht gesagt,« begann Paula, stockte jedoch und blickte
-nach der Tür. Der Arzt trat ein. Unwillkürlich, ohne etwas dabei zu
-denken, entfernte sich Harteck einige Schritte weit von Paula; der Arzt
-begrüßte ihn mit der ihm eigenen Zurückhaltung, reichte Paula, die ihm
-entgegenging, die Hand und streichelte Tonis Haar. Er und der Priester
-kannten einander wenig. Um die Stunde, wo Harteck in das Haus kam, war der
-Arzt meistens in Geschäften abwesend, und außerhalb des Hauses suchte
-einer den anderen nicht auf.
-
-»Toni muß zu Bett,« sagte der Arzt auf die Uhr blickend. »Es ist schon
-spät.«
-
-Harteck nahm diese Worte für einen Wink, daß er gehen sollte; er
-wechselte noch ein paar Reden mit dem Arzte und verabschiedete sich
-dann. Herr Reinberg begleitete ihn bis an das Tor und kehrte darauf
-gedankenvollen Antlitzes zu den beiden Mädchen zurück.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-Toni schlief. Wie allabendlich saßen Vater und Tochter, einander
-gegenüber, am Speisetische, der Arzt mit einem Buche, Paula mit einer
-Handarbeit beschäftigt. Sie hatten zu Nacht gegessen und wenig dabei
-geredet; jetzt schwiegen beide. Endlich legte der Vater das Buch auf den
-Tisch und stand auf.
-
-»Heute habe ich mit dem Schullehrer gesprochen,« sagte er. »Die Schule
-kann Montag wieder eröffnet werden.«
-
-»Und Toni?« fragte Paula.
-
-»Sie ist gesund und mag getrost in die Schule gehen. Es sind nun schon
-zwei Monate her, daß sie erkrankte. Da sie jetzt glücklicherweise
-wiederhergestellt ist, wäre es an der Zeit, ihren Religionslehrer der
-Aufgabe, sie zu besuchen, zu entheben. Sie kann ihn künftighin in der
-Schule sehen und sprechen.«
-
-Paula blickte von ihrer Arbeit auf. Der Arzt sah das Mädchen an und senkte
-dann die Augen.
-
-»Ich weiß und glaube, daß er die Kleine lieb hat und bloß ihretwegen in
-unser Haus kommt,« sagte er in seinem sanftesten Tone. »Aber die Besuche
-müssen wieder ein Ende nehmen. Das Kind ist gesund. Wir haben nunmehr kein
-Recht, über die Zeit des Herrn Kooperators zu verfügen.«
-
-»Hat wieder jemand auch darüber geschwatzt?« fragte Paula und ihre
-Lippen zuckten verächtlich.
-
-»Die Leute im Pfarrhof halten sich darüber auf. Du weißt doch, daß der
-Dekan und ich einander kaum grüßen, ... deshalb mag er es wohl nicht gern
-sehen, wenn sein Kollege in unser Haus kommt.«
-
-»Von wem hast Du das gehört?«
-
-»Von verschiedenen Personen.«
-
-»Und Du willst, daß ich dem Kooperator sagen soll: Wir brauchen Sie
-jetzt nicht mehr. Sie können Ihrer Wege gehen und vergessen, daß wir hier
-wohnen? Gut.« Sie beugte sich über ihre Arbeit und begann mit großer
-Hast zu nähen. Selten noch hatte sie so herbe gesprochen ... Der Arzt
-blickte das junge Mädchen staunend an.
-
-»Ich habe mich schlecht ausgedrückt oder Du verstehst mich absichtlich
-falsch,« versetzte er. »Es fällt mir nicht ein, irgendeinen Vorwurf
-gegen Dich oder den Geistlichen zu erheben. Meines kranken Kindes wegen,
-auf unsere Bitte hin, kam er in unser Haus und wir sind ihm dankbar dafür;
-aber die Verpflichtung, uns mit ihm zu befreunden, erwächst uns nicht
-daraus.«
-
-Paula blieb stumm auf diese Worte. Endlich sprach sie, ohne aufzusehen:
-»Er kommt sehr gern zu uns. Er selbst hat es mir gesagt.«
-
-»Umso mehr Grund, mit ihm zu brechen, mein Kind. Sieh, Paula, als ich
-vorhin nach Hause kam, schaute ich von der Straße aus zufällig zu Deinem
-Fenster empor. Du und der Geistliche, Ihr standet nahe beisammen, Du
-blicktest zu Boden und er auf Dich, -- wie eben ein Mann ein junges
-Mädchen, das ihm gefällt, anzublicken pflegt ...«
-
-»Er hat nie ein Wort zu mir gesagt, das nicht jedermann hätte hören
-dürfen,« fiel Paula ein. Ihre Finger zitterten, sie legte die Arbeit in
-den Schoß.
-
-»Das glaube ich gern, weil ich Dich kenne. Aber sei gerecht, Paula. Würde
-die Welt an einen Freundschaftsbund zwischen einem jungen Mädchen und
-einem dreißigjährigen Priester glauben?«
-
-»Was liegt an der Welt! Wenn nur ich selbst daran glaube.«
-
-Der Arzt ging, die gefalteten Hände auf dem Rücken, in der Stube auf und
-ab.
-
-»Daß wir uns über diesen Punkt nicht einigen können!« bemerkte er
-endlich.
-
-»Wir _sind_ einig,« entgegnete Paula. »Ich werde Deinem Wunsche
-nachkommen. Mehr verlangst Du wohl nicht.« Sie stand auf. »Aber um eines
-möchte ich Dich bitten: sag _Du_ ihm, was Du ihm sagen willst, daß er
-nicht wiederkommen soll oder was es sonst ist ... Gute Nacht.«
-
-Der Vater ging auf sie zu und hielt sie zurück.
-
-»Sollten wir zum erstenmal voneinander gehen, ohne uns verstanden zu
-haben?« fragte er und zog sie an sich. Sie küßte flüchtig seine Wange
-und wich seinem Blicke aus. Er ließ sie fahren.
-
-»Gute Nacht, mein Kind,« sagte er. »Du bist heute aufgeregt. Verschlafe
-diese Angelegenheit und ich bin überzeugt, daß Du morgen anders darüber
-denken wirst.«
-
-Schweigend entfernte sie sich. Er hatte sie niemals noch so gesehen, -- so
-eigensinnig, heftig und herbe. Hatte er sie beleidigt? Zum erstenmal
-war eine Meinungsverschiedenheit eines Fremden halber zwischen ihnen
-eingetreten. Der Arzt hatte die Tochter nicht kränken, sondern sie bloß
-aufmerksam machen wollen darauf, daß der Verkehr mit dem jungen Priester
-nicht ewig fortgesetzt werden könnte; auf Widerstand war er durchaus nicht
-gefaßt gewesen. Paula fühlte sich offenbar verletzt. Gewissermaßen
-hatte er ihr doch Vorwürfe gemacht, und das mochte sie, die sich schuldlos
-wußte, beleidigt haben. Daß aber zwischen zwei Menschen, die einander
-innig lieben, so leicht ein Mißton entstehen könne, war dem Arzt doch
-nicht recht begreiflich. »Empfindlich sind wir alle,« dachte er, und
-damit suchte er sich zu trösten.
-
-Am nächsten Tage war davon nicht weiter die Rede. Der Arzt fragte nur:
-»Wird der Kooperator heute kommen?«
-
-»Ich weiß es nicht,« antwortete Paula.
-
-»Um welche Stunde kommt er gewöhnlich?«
-
-»Zwischen fünf und sechs Uhr.«
-
-»Dann will ich um diese Zeit zu Hause sein.«
-
-Er hielt Wort, aber derjenige, den er erwartete, traf nicht ein. Hingegen
-kam der junge Schullehrer, um, wie er sagte, nachzusehen, was seine kleine
-Schülerin mache.
-
-»Toni ist längst wieder gesund,« sagte Paula zu ihm. »Am Montag wird
-sie, wie die anderen, die Schule besuchen. Verwöhnen Sie das Kind nicht
-allzu sehr und stellen Sie Ihre Krankenvisiten von heute ab ein ... Toni
-glaubt sonst am Ende wirklich, daß sie eine wichtige Persönlichkeit sei,
-um deren Befinden sich alle Welt kümmert.«
-
-»Aber ich komme doch nicht bloß Tonis wegen hierher,« stammelte der
-junge Mann bestürzt.
-
-Paulas Augen fixierten ihn kalt und mitleidlos, als ob sie sagen wollten:
-»Eben darum will ich, daß Du wegbleibst!« Und ohne zu antworten, ließ
-sie ihn stehen und ging aus dem Zimmer.
-
-Der arme Lehrer war so außer sich über diese Behandlung, daß er,
-unfähig ein Wort zu sprechen, den Arzt stumm grüßte und sich hastig
-entfernte.
-
-»Warum warst Du gegen Herrn Stettner so unfreundlich?« fragte der Arzt,
-als Paula wieder in das Zimmer trat.
-
-»Ich war nicht unfreundlich gegen ihn,« erwiderte das junge Mädchen und
-schaute dem Vater mit festem Blick in die Augen. »Ich sage nur: gleiches
-Recht für alle. Wenn der eine aus Schicklichkeitsrücksichten unser Haus
-nicht länger betreten darf, muß es dem anderen ebenfalls verboten werden.
-Ich will kein Gerede wachrufen.«
-
-Der Arzt wußte darauf nichts zu entgegnen. Paula war noch immer gereizt
-oder gekränkt ... Er verstand das Mädchen nicht.
-
-Erst am dritten Tage fand Harteck sich in dem Hause ein. Er war ein wenig
-erstaunt, vom Arzte allein empfangen zu werden und fragte, wo Toni wäre.
-Nach Paula fragte er nicht. Der Arzt antwortete, daß die Mädchen im
-Garten wären; mit gesenkten Augen und zögernder Stimme fügte er hinzu,
-wie dankbar er Harteck wäre für seine Güte gegen das Kind, daß er
-jedoch diese Güte nicht länger mißbrauchen wolle, indem Toni wieder
-gesund wäre und der Geistliche ohne Zweifel Besseres zu tun hätte, als
-sich mit einem Kinde zu plagen ... Er wußte selbst nicht, warum es ihm
-so schwer fiel, diese Rede vorzubringen. Der junge Priester erhob sich und
-griff nach seinem Hute. Er hatte verstanden; nach den ersten Worten schon:
-man wünschte hier sein Kommen nicht weiter.
-
-»Ich freue mich, daß die Kleine gesund ist und meiner nicht mehr
-bedarf,« sagte er. Seine Stimme klang vielleicht ein wenig leiser als
-sonst, indessen vollkommen ruhig. Der Arzt erhob den Blick zu dem Antlitz
-des Sprechers. Hartecks Augen schauten ernst in die seinen und seine Lippen
-umspielte ein eigentümliches Lächeln. Befangen sagte der Arzt: »Wenn ich
-Ihnen jemals einen Gegendienst erweisen kann ...«
-
-Der Geistliche schüttelte das Haupt.
-
-»Was ich Ihrem Kinde tun konnte, ist von Herzen gern geschehen,« sagte
-er.
-
-»Aber danken darf ich Ihnen doch?« fragte der Arzt und reichte ihm
-die Hand. Harteck ergriff sie, schüttelte sie herzlich und ging mit
-freundlichem Gruße davon. Auf der Treppe angelangt, blickte er zurück.
-Der Arzt war ihm nicht gefolgt. Er legte die Hand auf das Treppengeländer
-und ging langsamen Schrittes die Stufen hinab ... Darauf war er nicht
-vorbereitet gewesen; hatte nicht im Traume daran gedacht. Er tat einen
-tiefen Atemzug, der wie ein unterdrückter Seufzer klang.
-
-Als er die Straße erreicht hatte und an dem Garten vorbei kam, hemmte er
-den Schritt und spähte hinein. Toni erblickte er nicht, wohl aber Paula.
-Sie stand auf dem Kiesweg, mit unterschlagenen Armen, gesenktem Kopfe,
-zusammengezogenen Brauen; ihre Fußspitze spielte mit den kleinen Steinen,
-die auf dem Wege lagen, und ihre Zähne zerbissen einen Grashalm. Sie
-mochte den unverwandten Blick des Priesters fühlen, denn sie erhob
-plötzlich das Haupt und schaute nach ihm hin. Ein wenig verwirrt lüftete
-er den Hut und wollte sich entfernen. Sie aber kam rasch auf ihn zu,
-stützte sich mit beiden Armen auf den Gartenzaun, der sie voneinander
-trennte, und sah nachdenklich vor sich nieder. Eine Zeitlang sprachen beide
-nichts. Paula warf den Grashalm weg und riß die welken Blätter von den
-Zweigen ab, die sich um das Gartengeländer schlangen.
-
-»Ihr Vater hat mir den Abschied gegeben,« sagte Harteck endlich.
-»Geschah das auf _Ihren_ Wunsch?«
-
-Sie machte eine verneinende Kopfbewegung. Er legte leise die Hand auf die
-des jungen Mädchens.
-
-»Es tut mir sehr leid, daß es so gekommen ist,« sagte er. »Die Zeit,
-die ich bei Ihnen zubrachte, war für mich die schönste im ganzen Tag. Ich
-habe mich sehr wohl in Ihrem Hause gefühlt ... Aber Ihr Vater hat recht.
-Mein Prinzipal sah diesen Umgang mit mißliebigen Augen, und die Welt, die
-alles falsch und hämisch beurteilt, mag auch daran zu mäkeln gefunden
-haben. Fügen wir uns denn dem Gesetze der Notwendigkeit.«
-
-Er griff nach ihrer Hand. »Leben Sie wohl, liebes Fräulein.«
-
-»Kann ich nicht irgend etwas tun, um Ihnen zu beweisen, wie dankbar ich
-Ihnen bin, ... Tonis wegen?« fragte Paula mit stockender Stimme.
-
-»O ja,« antwortete er. »Sie können sehr viel für mich tun; aber
-nicht, um mir zu danken, sondern um mir zu zeigen, daß Sie mir eine Freude
-bereiten wollen, wenn ich Sie darum bitte.«
-
-»Was kann ich denn tun?«
-
-»Singen Sie in der Kirche, so oft ich Hochamt halte ... Wollen Sie mir das
-versprechen?«
-
-»Ja,« sagte Paula.
-
-»Ich danke Ihnen.« Er beugte sich auf ihre Hand herab, als ob er sie
-küssen wollte. Vielleicht fiel ihm aber dabei ein, daß sich dies mit
-seinem Priesterberuf nicht recht vertragen würde; er gab die Hand des
-Mädchens frei, grüßte und entfernte sich. Paula schaute ihm nicht nach;
-schweigend stand sie am Geländer, pflückte ein Blatt nach dem anderen
-ab und ließ sie auf die Erde fallen. Erst als sie sich beim Namen
-rufen hörte, machte sie eine Bewegung wie jemand, der aus einem Traum
-emporfährt, strich sich mit der Hand über die Stirn und ging langsam in
-das Haus hinein.
-
-Ebenso langsamen Schrittes war Harteck zum Pfarrhof zurückgekehrt. Er
-verfügte sich in den Garten, setzte sich auf seinen Lieblingsplatz, unter
-den Lindenbaum, faltete die Hände im Schoße und zeichnete mit dem Fuße
-Figuren in den Sand. Entsagen, wieder entsagen; das alte, wohlbekannte
-Lied, das er so oft schon hatte singen hören. Daß er sich noch nicht
-daran gewöhnt hatte, daß er noch immer die Kraft und den Mut besaß, sich
-neuen Menschen anzuschließen, Pläne zu machen; daß er nicht lang schon
-jede Hoffnung auf Erfüllung großer und kleiner Wünsche aufgegeben hatte!
-Er wunderte sich über die Zähigkeit seines Herzens.
-
-Herbst war es geworden. Der traurige November hielt seinen Einzug. Entlaubt
-standen die Bäume da und auf der Erde lagen die dürren Blätter. Von Zeit
-zu Zeit erhob sich ein Windstoß, wirbelte die Blätter auf und spielte mit
-den Haaren des jungen Priesters, der, ungeachtet der frostigen Luft, mit
-unbedecktem Kopfe dasaß. Er dachte an Paula. Er hatte sich gewöhnt an
-sie und sie sich an ihn, und nun war wieder alles vorbei und der schöne,
-harmonische Verkehr hatte ein Ende. Wie sie ihn angesehen hatte, -- so
-ernst und kummervoll, -- es tat ihr wie ihm wehe, daß es so gekommen war,
--- vielleicht bloß seinetwegen. Sie wußte ja, wie einsam er lebte, wie er
-sich sehnte nach Mitgefühl und Freundschaft; sie wußte, was sie ihm
-galt, und nun wird Tag um Tag verstreichen und er wird sie nicht
-sprechen, vielleicht nicht einmal sehen. Ja, dieses schwarze Kleid und
-die priesterliche Tonsur, -- die erforderten schwere Opfer; die hatten ihm
-schon viel gekostet, -- unsäglich viel.
-
-Seit er das Haus des Arztes besuchte, hatte er den Rest von Sympathie, den
-er im Pfarrhof noch genossen, eingebüßt. Der Dekan sah ihn kaum an, und
-wenn er in Hartecks Gegenwart den Mund öffnete, geschah es bloß, um
-ihn zu tadeln oder sich in beißenden Anspielungen zu ergehen. Fräulein
-Aurelie, die er nur bei den Mahlzeiten sah, saß ihm stets so steif
-gegenüber, als ob sie ein Lineal verschluckt hätte, rümpfte beständig
-die Nase, und wenn er es wagte, das Wort an sie zu richten, antwortete sie
-entweder gar nicht oder in schnippischem, hochmütigem Tone. Der Mönch
-ging ihm aus dem Wege, und die Geistlichen, die dann und wann zum Besuch
-kamen, behandelten ihn mit kühler Zurückhaltung. Die Briefe seiner Mutter
-enthielten ebenfalls nichts als Tadel und Ermahnungen. Er wußte, daß
-die alte Frau mit jedem seiner Vorgesetzten in Briefwechsel stand und sich
-genauen Bericht über seine Aufführung erstatten ließ; sie war von allem,
-was er tat, unterrichtet, kannte sein unglückliches Verhältnis mit
-jenem Bauernmädchen und kam selbst jetzt noch, wo es doch so lang schon
-vorüber, manchmal darauf zurück. Er hatte Mutter und Schwester seit zwei
-Jahren nicht gesehen. Zuzeiten erfaßte ihn eine Art von Verlangen nach
-einem Wiedersehen, -- es war dies eine alte Gewohnheit aus den Kinder- und
-Jugendtagen. Aber er brauchte sich die Mutter bloß vorzustellen und die
-Sehnsucht nach ihr schlug in erkältende Furcht um. Sie würde von jenem
-Mädchen sprechen, an alte, mühsam vergessene Geschichten rühren, mit
-erbarmungsloser Hand vernarbte Wunden aufreißen ... Sie wußte nichts von
-Schonung, hatte nie davon gewußt. Besser war es für ihn und sie, wenn
-Berge zwischen ihnen lagen und sie voneinander trennten. Vielleicht, wenn
-Mutter oder Schwester ihm geschrieben hätten, daß sie sich nach ihm
-sehnten, daß er zu ihnen kommen möchte, würde er trotz alledem zu ihnen
-geeilt sein. Das aber schrieben sie ihm nicht. Die Mutter war unzufrieden
-mit ihm und der Schwester war er gleichgültig, und so schob er denn den
-Plan, die Seinen zu besuchen, immer wieder auf. Nach dem jungen
-Priester, mit dem er sich so innig befreundet hatte, zog es ihn oft mit
-unwiderstehlicher Gewalt hin. Jedoch eine abergläubische Furcht hielt
-ihn ab, den Freund zu besuchen. Harteck war bei allen seinen Vorgesetzten
-schlecht angeschrieben, galt für einen unverwendbaren, nachlässigen
-Priester, -- Gott weiß warum! Er gab sich doch redlich Mühe, seinen
-Pflichten so gut wie möglich nachzukommen; aber es war, als ob seine Stirn
-ein Brandmal trüge, als ob er gezeichnet wäre. -- Alle betrachteten ihn
-mit mißtrauischen Augen und wichen vor ihm zurück. Deshalb fürchtete er,
-daß dem jüngeren Freunde ein Verkehr mit einem solchen Manne in seiner
-Laufbahn schaden könnte, und das wollte er verhüten. Er hatte über das
-Mädchen, das mit Liebe an ihm gehangen, schweres Leid gebracht; er wollte
-an dem einzigen Freunde nicht ähnliches erleben.
-
-So verstrichen denn seine Tage neuerdings in reizloser Monotonie. Dem
-Herbste folgte der Winter; er brach jählings herein und hielt einen
-häßlichen Einzug. Ein eisiger Nordwind blies beinahe ununterbrochen;
-schwere, undurchdringliche Nebelmassen hüllten die Berge ein und über der
-Erde wölbte sich ein grauer, trüber Himmel. Die Straßen, auf denen halb
-zerflossener Schnee lag, waren kaum gangbar. Harteck war kein kräftiger
-Mensch, aber er tat alles, um sich abzuhärten und wagte sich bei jedem
-Wetter in das Freie. Stundenlang streiften er und sein Hund auf den
-Straßen umher, Cäsar jagte in großen Sätzen voraus und der Geistliche
-folgte ihm mit raschen Schritten. Manchmal stand der Herr still, hustete
-und drückte das Taschentuch an die feuchte Stirn und der Hund sah ihn
-dann fragend an ... »Komm nur! Mir ist nichts,« sagte dann Harteck
-gewöhnlich, und sie gingen wieder weiter.
-
-Auf das Hochamt am Sonntag freute sich der Priester von einer Woche zur
-anderen. Paula hielt Wort. Sie sang an allen Sonn- und Feiertagen, auch
-wenn nicht an Harteck die Reihe war, die hohe Messe zu zelebrieren; sie
-wußte, daß er sich trotzdem in der Kirche befand, und vom Chor aus sah
-sie ihn links vom Altar auf einem Betschemel knieen, vor sich ein Brevier,
-in dem er selten las. Meistens stellte er die Arme auf die Brüstung und
-barg das Gesicht in die verschlungenen Finger ... Sie wußte dann, daß
-er ihrem Gesange lauschte und sich daran erquickte und sie sang mit
-Begeisterung ... Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der
-Straße, vor der Kirche oder im Dorfe; dann tauschten sie einen Gruß aus,
-wechselten im Vorübergehen ein paar Worte miteinander und gingen, ohne
-jemals den Schritt zu hemmen, ihre Wege. Zu Hause sprach Toni oft von ihrem
-Religionslehrer, was er gesagt, wen er gelobt, wen getadelt hätte ...
-Paula hörte ihr schweigend zu und sah die kleine Schwester manchmal von
-der Seite an: etwas wie Neid lag dann in ihrem Blick. Das törichte Kind
-sah ihn so oft, sah ihn täglich, hörte ihn sprechen und sprach mit ihm,
-plauderte harmlos davon und verstand nicht, was der dunkle Blick im
-Auge der großen Schwester sagen wollte. Äußerlich war Paula beinahe
-unverändert; nach wie vor erfüllte sie ihre hausmütterlichen Pflichten
-mit großer Pünktlichkeit; das Haus war so gut bestellt wie ehedem: der
-Vater und Toni konnten sich über keinerlei Vernachlässigung beklagen.
-Aber dem schärfer blickenden Manne war stets zumute, als ob ein Schatten
-zwischen ihm und der Tochter stünde. Ernst war sie immer gewesen; das war
-eine natürliche Folge ihres Lebens und Charakters; aber sie war nicht mehr
-so hingebungsvoll, wie sie es einstens gewesen. Eine gewisse Herbheit klang
-aus allem, was sie sagte; sie war zerstreut, ließ manchmal ihre Handarbeit
-oder ihr Buch in den Schoß fallen und versank in Nachdenken; dann zogen
-ihre Brauen sich zusammen und um ihre Lippen trat ein trotziger, schier
-feindseliger Zug, und wenn der Vater, unbemerkt von ihr, sie längere Zeit
-beobachtet hatte und sie dann unvermutet ansprach, erschrak sie und schaute
-ihn an, ... nicht verwirrt oder furchtsam, sondern mit zürnendem Blick,
-der wohl bedeuten mochte: Laß mich doch träumen! Mißgönnst Du mir sogar
-dieses karge Glück!? -- Er war sich keiner Schuld bewußt; er hatte nur
-getan, was er für Recht gehalten hatte; im Dorfe war über das häufige
-Kommen des Priesters geschwatzt worden, er hatte dem Gerede ein Ende setzen
-wollen, -- weiter nichts. Hatte er ahnen können, daß Paula, seine
-kalte, stolze Tochter, die allen Männern gegenüber schrankenlose
-Gleichgültigkeit bewiesen hatte, im geheimen schon so sehr an diesem
-Geistlichen hing? Und wenn er es gewußt hätte: würde es dann nicht um
-so mehr seine Pflicht gewesen sein, sie aus dieser Gefahr zu erretten?
-Ungerechtes, verblendetes Mädchen! Er meinte es gut und treu mit ihr
-und sie -- behandelte ihn nicht anders, als ob er ihr schweres Unrecht
-zugefügt hätte. Wenn sie lieber noch gemurrt, wenn sie Vertrauen
-gezeigt hätte! Aber sie blieb verschlossen und unzugänglich, wich
-seinen schüchternen Anfragen eigensinnig aus und machte dadurch eine
-Verständigung zur Unmöglichkeit. Er ließ sie ungern allein; nicht,
-weil er für sie gefürchtet hätte: er wußte, daß sie brav war. Aber er
-fürchtete sich vor ihrer Einsamkeit; sie sollte und durfte nicht grübeln.
-Oft forderte er sie und Toni auf, ihn auf seinen Fahrten in die umliegenden
-Dörfer zu begleiten, und sie saßen dann beisammen in dem kleinen Wagen,
-auf dem breiten Ledersitz, Toni durfte manchmal das Pferd lenken und lachte
-fröhlich ... Das Kind war die einzig Glückliche von den dreien. Paula
-achtete nicht wie sonst auf die Kleine, sondern spähte angestrengt umher,
-als ob sie jemanden zu erblicken wünschte ... Wenn sich von weitem eine
-schwarzgekleidete Gestalt zeigte, erblaßte sie, zog den Hut ins Gesicht
-und drückte sich fest an die kleine Schwester. Aber demjenigen, den sie zu
-sehen hoffte oder fürchtete, begegnete sie auf ihren Fahrten niemals.
-
-Manchmal besuchten sie auch das naheliegende Städtchen; dort wurden
-im Winter allerhand Lustbarkeiten veranstaltet, Konzerte,
-Theatervorstellungen, Tanzunterhaltungen. Der Arzt war mit der Gesellschaft
-dort gut bekannt und er drang darauf, daß jeder Einladung, die ihm aus
-dem Städtchen zukam, Folge geleistet werde. Paula hatte weder etwas dafür
-noch dagegen. Sie begleitete den Vater, beteiligte sich an allem, und wenn
-der Arzt sie beim Nachhausefahren fragte, wie sie sich unterhalten hätte,
-antwortete sie gewöhnlich: »Es war sehr hübsch, ich habe mich gut
-unterhalten.« Bei Gott! er würde vorgezogen haben, wenn sie gesagt
-hätte: »Vater, ich möchte viel lieber mit Dir zu Hause bleiben und mich
-an Deinem Herzen ausweinen,« anstatt jene kalte, immer gleichlautende
-Antwort von ihren Lippen zu vernehmen.
-
-Daß ein Dorf so klein ist! Daß keines dem andern entfliehen kann! Daß
-ewig eines vom anderen hören muß! Wie ist es da möglich, zu vergessen!?
-In seinen mutlosesten Augenblicken war der Arzt oft nahe daran, zum
-Dekan zu gehen und ihn zu bitten, die Versetzung dieses -- Menschen
-zu erwirken ... Aber das hieße ja die Tochter bloßstellen, ihren Ruf
-unwiederbringlich untergraben. Nein, das konnte er nicht tun. Er mußte
-diesem stummen, im verborgenen wühlenden Unheil schweigend zusehen, mußte
-tatlos zusehen, wie es immer weitere Kreise zog und das Glück seines
-Hauses langsam untergrub.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-
-Weihnachten stand vor der Tür. Endlich war echte Winterkälte eingetreten
-und überall glitzerte fester Schnee, auf den Bergen, den Bäumen, den
-Dächern. Nachmittags, wenn die blasse Dezembersonne ihre kühlen Strahlen
-zur Erde sandte, ging Paula mit Toni ins Freie. Sie verließen das Dorf und
-schlenderten die Heerstraße entlang, und Toni, die Wangen von der Kälte
-gerötet, formte Schneeballen und bewarf damit die Bäume. Einmal bat sie
-die Schwester, einen Schneemann bilden zu dürfen, und Paula ließ dem
-Kinde die Freude, setzte sich auf einen Steinhaufen und schaute zu, wie
-Toni emsig Schnee zusammentrug und mit den kleinen, von der Kälte roten
-Händen einen Schneemann zu kneten begann. Plötzlich unterbrach sich
-das Kind, einen leisen Schrei ausstoßend, in seiner Arbeit; ein großer,
-schwarzer Hund hatte sich von hinten der Kleinen genähert und war an sie
-angerannt. Seine Schnauze wühlte im Schnee.
-
-»Cäsar!« rief Toni, ihn erkennend, »Cäsar!« und wollte den Hund
-liebkosen. Paula aber riß sie mit heftiger Gebärde an sich. »Sei
-still!« raunte sie ihr zu und spähte dabei unruhigen Blickes umher. Wohin
-sich verbergen? An eine Flucht war nicht zu denken; nirgends ein Baum, ein
-Haus, eine Hecke, bloß die kahle, weit übersehbare Landstraße. Der Mann,
-der in geraumer Entfernung dem Hunde folgte, mußte, wenn er das Haupt
-erhob, sie beide erblicken. Aber einstweilen hielt er den Kopf gesenkt und
-schien in Gedanken verloren: vielleicht, daß er, ohne sie zu bemerken, an
-ihnen vorbeigehen würde ... Nur mußte das Kind sich ganz ruhig verhalten.
-Paula zog die kleine Schwester eng an sich. »Sei recht still!« gebot sie
-noch einmal. Sie atmete rasch, ihr Herz schlug bis zum Halse hinauf ... Die
-schwarze Gestalt kam näher und näher. Jetzt hob der Geistliche den Kopf
-in die Höhe und pfiff dem Hunde ... Hatte er sie gesehen? ... Er mußte
-wohl; Paula sah starren Blickes vor sich hin; der gefürchtete und ersehnte
-Augenblick war gekommen. »Guten Tag,« sprach eine wohlbekannte Stimme,
-das junge Mädchen schlug die Augen auf und sah Georg Harteck vor sich
-stehen.
-
-»Sie werden sich erkälten, wenn Sie so ruhig dasitzen,« sagte er. »Sie
-sind ganz blaß.«
-
-Paula blieb stumm. Ihre Blässe rührte nicht von der Kälte her, -- das
-wußte sie. Er schien auf Antwort zu warten, und da keine erfolgte, machte
-er Miene, seinen Weg fortzusetzen.
-
-»Wohin gehen Sie?« fragte Paula mit Anstrengung.
-
-»Ich habe kein eigentliches Ziel ... Komm her zu mir, Cäsar!« sagte er
-zu dem Hunde, der die Kleider der Mädchen beroch.
-
-»Ach, lassen Sie ihn!« bat Toni und faßte das Tier am Halsband. »Er
-beißt doch nicht?«
-
-»O nein. Wenn Du ihn glücklich machen willst, dann laß ihn Steine
-apportieren. Das ist seine Passion.«
-
-Toni las einen Stein auf und schleuderte ihn so weit sie konnte. Der
-Hund stieß ein freudiges Gebell aus, rannte dem Steine nach, brachte ihn
-zurück und legte ihn vor Tonis Füße. Dann stellte er sich erwartungsvoll
-vor das Kind hin, scharrte mit den Hinterpfoten und bellte abermals. Toni
-verstand ihn und lief, den Stein hoch in die Luft haltend, davon; der Hund
-folgte ihr mit großen Sprüngen.
-
-Paula und Harteck blickten den beiden eine Weile nach.
-
-»Wie geht es Ihnen?« fragte der Priester endlich. »Wir sehen einander so
-selten.«
-
-»Sehr selten. Mir geht es gut. Und Ihnen? Sie husten, wie ich höre.«
-
-»Das hat nichts zu bedeuten. In der rauhen Jahreszeit huste ich immer.«
-
-Sie schaute rasch zu ihm auf. »Und ängstigt Sie das nicht?«
-
-»Weshalb? Ich bin daran gewöhnt.«
-
-Paula blickte wieder zur Erde. »Sind Sie schwach auf der Brust?« fragte
-sie.
-
-»Aus Ihnen spricht die Tochter des Arztes,« entgegnete er lachend. »Ich
-habe allerdings empfindliche Lungen. Das ist ein Erbteil meines Vaters.«
-
-»Ist Ihr Vater schon lange tot?«
-
-»Seit zwanzig Jahren.«
-
-»War er ein guter Mann? Hatten Sie ihn lieb?«
-
-»Ich glaube, daß er ein gutmütiger Mensch war, ... wenigstens ließ er
-jedermann seinen eigenen Weg wandeln.«
-
-»Das ist viel ... Wenige Eltern können sich entschließen, ihren Kindern
-volle Freiheit zu gewähren, und wenn ich etwas verabscheue, dann ist es
-jede Art von Tyrannei. Hier, in unserem Dorfe, begegnet man ihr häufig ...
-Eltern zwingen ihre Töchter zu einer ihnen passend scheinenden Ehe und
-ziehen dabei das Glück der Kinder nicht im entferntesten in Betracht, ...
-das ist Nebensache. Wenn nur der Bräutigam die nötigen Äcker und Wiesen
-besitzt! ... Das ist doch ein Verbrechen, ... oder nicht?«
-
-»Mindestens ist es eine Vermessenheit, das Schicksal anderer spielen zu
-wollen. Wie aber denken Sie von den Menschen, die solchem Zwange gehorchen?
-Die gelten in Ihren Augen wohl für Feiglinge?« -- Er hatte ganz ruhig
-gesprochen, ... dennoch fühlte Paula, daß diese Frage nicht allgemein,
-daß sie persönlich gemeint war.
-
-»Das kommt auf die Umstände an,« erwiderte sie langsam und stand auf.
-»Mir ist kalt. Ich will mit Toni nach Hause gehen.«
-
-»Ach! Bleiben Sie noch!« bat er sie zurückhaltend. »Sehen Sie, wie Ihr
-Schwesterchen sich vergnügt!«
-
-Sie sagte weder Ja noch Nein auf seine Aufforderung, aber sie blieb.
-Sie blieb ja so gern bei ihm, hätte ihn so gern vieles gefragt und ihm
-mancherlei gesagt, ... aber ihr Vater, die Leute ... Wie ein Liebespaar,
-das ein Stelldichein verabredet hat, standen sie nebeneinander ... Wenn
-jemand sie so sähe! Sie drückte den Muff an Kinn und Mund und blickte
-starr auf den Schnee.
-
-»Wollen wir nicht ein wenig auf und ab gehen?« fragte der Priester.
-»Ihre Blässe beunruhigt mich. Ich fürchte, daß Sie sich erkältet
-haben.«
-
-Sie schüttelte den Kopf, fügte sich jedoch seinem Vorschlag. Langsam
-wandelten sie die Straße auf und nieder.
-
-»Ich bin immer gesund,« bemerkte Paula. »Vater hat uns frühe an
-Abhärtungen aller Art gewöhnt.«
-
-»Ihr Vater scheint ein vortrefflicher Mann zu sein,« sagte Harteck.
-
-»Ja, das ist er; wie geschaffen zu dem Berufe, den er sich erwählt hat.
-Wenn ich ein Mann wäre, möchte ich Arzt sein oder Priester ... Diese
-beiden haben den edelsten und aufopferungsvollsten Beruf auf Erden.«
-
-Harteck ließ den Kopf auf die Brust sinken und sagte nichts. Paula
-hingegen fuhr mit bewegter Stimme fort: »Wenn ich in der Kirche bin,
-ergreift es mich oft wunderbar. Unser Kult ist so schön, so reich,
-schmeichelt allen Sinnen und spricht zum Herzen ... Ich meine, daß der
-ungläubigste Mensch erschüttert werden müßte, wenn er einem feierlichen
-katholischen Gottesdienste beiwohnte. Am Altar zu stehen, hinter sich die
-andachtsvolle Menge, dazu das Orgelspiel, der Gesang auf dem Chor und der
-Weihrauchduft: katholischer Priester zu sein ist eine hohe und herrliche
-Aufgabe. Die ganze Gemeinde ist seine Familie, er kann bessern, veredeln,
-aufrichten, wenn er seinen Beruf mit dem Herzen ausübt, ... er kann
-unsäglich viel Gutes tun in seinem Dorfe, ... und dieser Gedanke muß
-beruhigend und beglückend wirken, muß über vieles hinweghelfen ...«
-
-Noch immer blieb Harteck stumm. Weshalb sagte sie ihm das, ihm, einem
-Priester? Wollte sie ihn trösten, ihn versöhnen mit dem Lose, das ihm
-zugefallen war? Gutes Mädchen! Das alles hatte er sich schon tausende Male
-vorgesagt, ohne daß es je ein Echo gefunden hätte in seinem Herzen.
-
-»Warum sind Sie nicht meine Schwester!« sagte er plötzlich, -- fast
-unwillkürlich.
-
-»Ich würde mich wenigstens bemühen, Ihnen etwas zu sein,« antwortete
-Paula mit dumpfer Stimme. »Wir würden uns gut vertragen, ... Sie, Vater,
-Toni und ich« ... Sie brach ab und wendete das Haupt zur Seite. Der
-Priester biß sich in die Lippe, um den Seufzer, der sich seinem
-Herzen abrang, zurückzudrängen. Beide konnten eine Weile kein Wort
-hervorbringen. Endlich fragte Harteck mit erzwungener Fassung: »Haben Sie
-schon Vorbereitungen für Weihnachten getroffen?«
-
-»Ja. Die Geschenke für Vater und Toni liegen bereit. Werden Sie die
-Feiertage hier oder bei den Ihren verleben?«
-
-»Ich bleibe hier. Zu Weihnachten gibt es in der Kirche viel zu tun,
-da kann ich mich nicht entfernen. Aber ich werde an meine Leute kleine
-Geschenke senden, um sie an mich zu erinnern.«
-
-»Beschenkt man Sie ebenfalls?«
-
-»Ja. An solchen äußerlichen Aufmerksamkeiten läßt es meine Familie
-niemals fehlen.«
-
-»Daß Ihre Mutter und Schwester Sie nicht abgöttisch lieben, begreife
-ich nicht,« sagte Paula und eine dunkle Röte flammte in ihren Wangen auf.
-»Sie sind ja so gut.«
-
-»Ich weiß nicht, ob ich gut bin,« entgegnete er, das Mädchen
-betrachtend, das die Erregung seltsam verschönte. »Nicht jedermann
-beurteilt mich so nachsichtig, wie Sie es tun.«
-
-Sie errötete noch tiefer und senkte vor seinem Blick die Augen. Er schaute
-sie noch immer an.
-
-»Es ist spät,« sagte Paula hastig. »Wir müssen fort, ...
-wahrhaftig ... Toni, komm!«
-
-»Gleich!« antwortete das Kind aus der Ferne.
-
-»Bevor ich gehe, habe ich Ihnen noch etwas zu sagen, Sie um etwas zu
-bitten,« sprach Paula rasch und leise.
-
-»Und das wäre?«
-
-»Aber Sie dürfen mich nicht mißverstehen, dürfen nicht böse
-werden ...«
-
-»Wie könnte ich? Es macht mich ja glücklich, wenn Sie irgendeinen Dienst
-von mir verlangen.«
-
-Paula holte schwer Atem und sagte mühsam: »Geloben Sie mir, daß Sie
-mich kein zweites Mal ansprechen werden, wenn wir einander auf der Straße
-begegnen sollten, ... es geht doch nicht an, ... mein Vater will es nicht
-haben.«
-
-In seinen Zügen prägte sich peinliche Enttäuschung aus; aber ohne ein
-Wort zu erwidern, neigte er das Haupt. Paula faßte Toni, die herzugelaufen
-war, an der Hand, nickte dem Priester einen stummen Gruß zu, und sie und
-das Kind entfernten sich mit eiligen Schritten. Paula ging so rasch, daß
-Toni Mühe hatte, ihr zu folgen. Sie zupfte die Schwester am Kleide.
-
-»Warum sind wir nicht länger geblieben, Paula?«
-
-»Weil mir kalt war. Schau nicht zurück und komm! Der fremde Hund geht
-Dich nichts an.«
-
-Eingeschüchtert trippelte das Kind neben der großen Schwester einher.
-In so strengem Tone hatte Paula noch niemals zu ihm gesprochen. »Bist Du
-böse?« fragte es kleinlaut.
-
-»Nein. Aber laß mich jetzt in Ruhe.«
-
-Sie langten im Dorfe an und kamen an dem Pfarrhof vorbei. Fräulein
-Aurelie stand hinter einem der Fenster und sah hämischen Blickes auf
-das Schwesternpaar herab. »Sie kommen aus derselben Richtung, die der
-ehrenwerte Herr Kooperator genommen hat,« dachte Aurelie. »Hm! ...
-Wir wollen einmal abwarten, ob dieser Herr ihnen nicht in Bälde folgen
-wird ...«
-
-Ihre Vermutung bestätigte sich. Nach kaum einer Viertelstunde traf Harteck
-im Pfarrhof ein. Aurelie nickte befriedigt und begab sich schnurstracks zu
-ihrem Oheim.
-
-»Ich habe mit Dir zu sprechen, Onkelchen,« sagte sie mit geheimnisvoller
-Miene.
-
-»Was gibt es denn?« fragte der Dekan. Seit einiger Zeit hatte seine
-Stimmung umgeschlagen. Die Bauern krochen zu Kreuze. Die Kirche war an
-jedem Sonn- und Feiertag überfüllt, die Wallfahrten zahlreich besucht und
-dem Opferstock flossen reichliche Gaben zu. Diese »Kerle« wollten eine
-Versöhnung herbeiführen. Der Herr Dekan spielte zwar äußerlich noch
-den Beleidigten, im Innern aber dachte er schon friedlicher: er hatte die
-Absicht, demnächst eine ernste, ermahnende und gleichzeitig milde Predigt
-zu halten.
-
-»Ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht,« sprach Aurelie weiter. »Ich
-glaube nicht irre zu gehen, wenn ich die Behauptung aufstelle, daß
-Dein Kooperator und Fräulein Paula Reinberg in zärtlichen Beziehungen
-zueinander stehen. Soeben haben sie auf der Heerstraße ein Rendezvous
-gehabt.«
-
-Der Dekan zog die Augenbrauen in die Höhe; seine feisten Wangen wackelten.
-
-»Bist Du dessen gewiß?« fragte er.
-
-»So gewiß wie meiner selbst. Das ist doch eine Schande und eine
-Schmach!«
-
-»Wenn es so ist, wie Du sagst, müßte ich allerdings ein ernstes Wort mit
-diesem Herrn sprechen. Aber in solchen Dingen heißt es vorsichtig sein.«
-
-Das Fräulein nickte. Sie hatte die Absicht gehabt, im Herbst nach Wien
-zurückzukehren, ihren Entschluß jedoch geändert. Auf dem Lande war es
-so still und angenehm, kein Kindergeschrei, keine Stiefmutter, die
-ein schiefes Gesicht zieht, wenn man, anstatt zu arbeiten, einen Roman
-liest ... Außerdem verlangte die Familie nicht nach ihr. In jedem Briefe
-hieß es: Bleib noch auf dem Lande, die Luft wird Dir gut tun ... Nun!
-Sie sollten ihren Willen haben. Der Oheim ließ ihr völlige Freiheit,
-sie verbrachte den Tag in süßem Nichtstun, aß vortrefflich und niemand
-störte sie; sie durfte auch spionieren und kleine Kabalen anzetteln ...
-Das lag zwar nicht in ihrer Natur und sie würde es sicherlich unterlassen
-haben, wenn Georg Harteck weniger geschmacklos gewesen wäre. Sie würde
-ihn -- sollte man's glauben? -- mit ihrer Freundschaft beglückt, ihn
-auf seinen Spaziergängen begleitet und ihn durch ihr großstädtisches
-Geplauder amüsiert haben, -- alles in Anstand und Ehren, natürlich!
-Aber er hatte nicht gewollt. Dieser Narr! Dieser Geck! Sie würde ihm zu
-Weihnachten eine eigenhändig verfertigte Stickerei überreicht haben, ...
-aber so, wie die Dinge standen, war die Stickerei unvollendet geblieben.
-»Wahrhaftig! Dieser Mensch ist sein eigener Feind!« dachte das Fräulein,
-das alles überlegend.
-
-»Was wirst Du in dieser Angelegenheit tun, Onkel?« fragte sie scheinbar
-gleichgültig.
-
-»Das weiß ich noch nicht.« Er ging zur Tür hin und öffnete sie.
-»Heda! Uschei!« rief er laut.
-
-»Was gibt's?« scholl es von unten herauf.
-
-»Ist der Pater zu Hause?«
-
-»Ja.«
-
-»Ich lasse ihn bitten, zu mir zu kommen.«
-
-Er schloß die Tür und kehrte zu seiner Nichte zurück.
-
-Eine Minute später trat nach schüchternem Anklopfen der junge Mönch ein.
-Er schien von der Anwesenheit des Fräuleins nicht sonderlich entzückt,
-indessen faßte er sich schnell und fragte, was dem gnädigen Herrn zu
-Diensten stehe.
-
-»Das sollen Sie sogleich erfahren.« Der Dekan stellte sich, die Hände
-auf dem Rücken gefaltet, vor den Mönch hin und fixierte ihn mit scharfen
-Blicken. »Ich glaube, daß Sie mir aufrichtig ergeben sind.« (Der Pater
-verneigte sich stumm.) »Oft schon habe ich mit Ihnen über den Kooperator
-Harteck gesprochen und Sie wissen, daß ich sehr unzufrieden mit ihm bin.
-Alles an ihm ist Grimasse. Er trägt das geistliche Kleid, aber seine
-Gedanken weilen draußen bei der Welt und ihren Verlockungen, bei den
-Weibern.« (Aurelie räusperte sich, der Mönch schlug die Augen nieder.)
-»Ein schöner Mithelfer ist mir da gegeben worden!« fuhr der Dekan fort.
-»Ebenso gut hätte man mir einen Holzklotz schicken können, ... der
-würde mir dieselben Dienste leisten. Seine scheinbare Unterwürfigkeit
-täuscht mich nicht. Ich weiß ja doch, daß er mir im geheimen
-widerspricht und alles, was ich tue, anders machen möchte ... O! ich kenne
-diesen Herrn. Keiner seiner Pfarrherren mochte ihn leiden, alle waren froh,
-ihn los zu werden. Leute, die uns kritisieren und nicht unbedingt _für_
-uns sind, die bloß aus Zwang gehorchen, taugen nicht für uns. Wir
-brauchen tätige Menschen, die, aus welchem Grunde immer, für unsere
-Sache ins Feuer gehen würden, ... nicht aber so teilnahmlose Lappen. Meine
-Geduld ist erschöpft. Ich habe diesen Herrn satt bekommen. Priester
-seines Schlages müssen unschädlich gemacht werden, müssen im Dunkel
-verschwinden. Wie man mir schreibt, liegt der Herr Vikar von Keßten
-hoffnungslos krank danieder. Das Vikariat in Keßten ist armselig und, so
-zu sagen, außerhalb der Welt gelegen ... Dort wäre Herr Harteck an seinem
-Platze. Der Sprengel ist klein und wird von lauter armen, stumpfsinnigen
-Bauern bewohnt ... Die Geistlichen, die dorthin versetzt werden, versumpfen
-mit der Zeit. Ich werde dieser Tage nach Salzburg reisen und dort den
-Vorschlag machen, Herrn Harteck nach Keßten zu schicken, falls der Vikar
-sterben sollte. Man versetzt solche Priester an einen der Welt entrückten
-Ort und dann mag sie der Kuckuck holen. Ihre Laufbahn ist damit zu Ende und
-sie mögen zusehen, wie sie mit dem Leben fertig werden. -- Was sagen Sie
-zu meinem Plane?«
-
-»Ich kann ihn nur gutheißen,« antwortete der Mönch.
-
-»Das freut mich, denn ich möchte nicht ungerecht sein ... Ist es
-wahr, daß zwischen Herrn Harteck und der Tochter unseres Arztes ein
-Liebesverhältnis besteht?«
-
-Der Mönch blickte überrascht auf. »Wer sagt das?«
-
-»Nun, ... man spricht so. Haben Sie davon gehört?«
-
-»Nein, gnädiger Herr; niemals noch.«
-
-»Hm! ... Kümmern Sie sich ein wenig um die Sache, ... wie?«
-
-»Gnädiger Herr, spionieren ...«
-
-Aurelie warf dem Sprecher einen gehässigen Blick zu. Der Dekan runzelte
-die Stirn.
-
-»Wer spricht von spionieren?« sagte er. »Sie wissen nicht, was Sie
-reden. Sie sollen die Augen offen halten, ... anderes verlangt man doch
-nicht von Ihnen.«
-
-Schweigend verbeugte sich der Mönch. In seinem unschuldigen jungen Gesicht
-drückte sich augenscheinliche Verwirrung aus.
-
-»Ich beauftrage Sie also,« fuhr der Dekan fort, brach jedoch ab. Es war
-an die Tür geklopft worden.
-
-»Herein!« sagte er ärgerlich. Ein gewisses Unbehagen bemächtigte sich
-aller, als auf die Aufforderung derjenige eintrat, über dessen Schicksal
-sie soeben zu Gericht gesessen hatten.
-
-»Was wollen Sie?« herrschte der Dekan den Ahnungslosen an. Nichts
-Besonderes wollte er; er war nur gekommen, um mit dem Dekan über
-irgendeine kirchliche Angelegenheit zu sprechen. Alle wichen seinen Blicken
-aus.
-
-»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich gestört habe,« sagte Harteck,
-über den sonderbaren Empfang befremdet.
-
-»Sie stören durchaus nicht,« versetzte der Dekan, der sich bereits
-gefaßt hatte. »Geh in Dein Zimmer, Aurelie, und Sie, Pater Benediktus,
-vergessen den Auftrag nicht, den ich Ihnen soeben erteilt habe.«
-
-»Ich werde ihn nicht vergessen,« antwortete der Mönch, bis über die
-Schläfen errötend, verbeugte sich ungeschickt und folgte dem Fräulein,
-das mit steifem Kopfnicken und zusammengekniffenen Lippen aus der Stube
-ging.
-
-Harteck sagte nun, was er zu sagen hatte; er war bald zu Ende. Während er
-sprach, sah ihn der Dekan von der Seite an und schnupfte mehrere Male. Das
-bleiche, edle, etwas leidende Gesicht des jungen Priesters flößte ihm
-nicht das geringste Mitleid ein. Er hielt Hartecks verschüchterten Blick
-aus, ohne mit den Wimpern zu zucken, und als er ihn entließ und der junge
-Geistliche sich mit einer Verbeugung zurückzog, setzte sich der Dekan an
-das Pult und wiederholte im Geiste die Worte: »Ich werde demnächst nach
-Salzburg reisen und diese Sache in Ordnung bringen.«
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-
-Das schönste Fest der Christen, Weihnachten, kam. Harteck brachte den
-heiligen Abend auf dem Bette liegend zu. Er fühlte sich recht unwohl
-und sein körperliches Mißbefinden wurde durch den an hohen Feiertagen
-üblichen strengen Kirchendienst noch gesteigert. Die Seinen hatten ihm
-Geschenke und Briefe geschickt und das Schreiben seiner Mutter fing mit den
-Worten an: »Ich bete zu Gott, dem Allmächtigen, daß Du das neue Jahr
-mit besseren Vorsätzen beginnen möchtest als das alte ...« Er hatte
-den Brief kaum zu Ende gelesen. Uschei schlug die Hände über dem Kopf
-zusammen und jammerte sehr, als sie hörte, daß er den heiligen Abend in
-seinem Zimmer zubringen wollte: am Weihnachtabend werde so gut gegessen und
-getrunken und wäre alle Welt so fröhlich ... Er tröstete das Mädchen.
-Ihm liege am Essen und Trinken nicht viel und er wäre ganz gern allein.
-
-»Wirklich?« fragte sie ungläubig. »I' tät' dem Herrn gern oa bissal
-G'sellschaft leisten, ... aber beim Bärenwirt unten warten's auf mich.«
-
-»Wer? Vielleicht Ihr Schatz?«
-
-Sie wurde sehr rot und spielte mit den Zipfeln ihrer Schürze. »Ja, ...
-der jüngere Sohn vom Bärenwirt sieht mich halt gern, ... i bin jung und
-er is a jung ... Es is ja koa Sünd' net, wenn zwoa junge Leut' sich gern
-haben.«
-
-»Nein, das ist keine Sünde,« sagte er, das Gesicht abwendend. »Gehen
-Sie nur und seien Sie recht vergnügt.«
-
-Sie schaute ihn an, gutherzig und mitleidig zugleich. Beim Lampenschein
-sah er in seinem schwarzen Kleid so bleich und traurig aus ... »Bischt ja
-dächt' a jung und därfst koa Diandl gern haben!« dachte sie. »Herrgott!
-muß dös z'wider[9] sein!«
-
-»Lassen Sie's gut sein, Hochwürden,« sagte sie dann. »Sie wer'n
-scho' wieder g'sund wer'n und dann kimmt der Fasching und da geht's lusti
-her ...«
-
-»Ich tanze ja nicht,« warf er lächelnd ein.
-
-»Aber zuschau'n kinnen's ... und unsere Leut' machen Musik, ... da wern's
-oa bissal Kurzweil haben.«
-
-»Freilich,« sagte er still.
-
-»Net oamal tanzen!« dachte Uschei, als sie ihn verließ. »Noa! und wenn
-i zehn Buam hätt', ... Geistlich dürft mir koaner wer'n.«
-
-Allein gelassen, drückte Harteck das Gesicht in das Kopfkissen und seufzte
-schwer. Es sah und hörte ihn ja niemand, er brauchte nicht Komödie zu
-spielen ... Cäsar war verschwiegen und würde nicht ausplaudern, daß er
-seinen Herrn schwach gesehen. Der Hund stellte sich zwar an dem Bette auf,
-beschnupperte das Haar des jungen Priesters und stieß ein heiseres Bellen
-aus ... Harteck richtete sich in die Höhe und liebkoste das Tier.
-
-»Du hast recht!« sagte er. »Wir wollen stark sein. -- Was gibt es
-denn?«
-
-Cäsar hatte die Ohren gespitzt. An die Tür des Nebenzimmers war gepocht
-worden. Harteck erhob sich und ging öffnen. Der junge Mönch stand auf der
-Schwelle.
-
-»Treten Sie ein,« sagte Harteck. »Was führt Sie zu mir?«
-
-Benediktus gehorchte der Aufforderung und setzte sich auf den Stuhl, den
-Harteck ihm anbot. Der Priester blieb stehen. Aufmerksam betrachtete der
-Mönch seine zerdrückten Kleider, sein verwirrtes Haar und seine leicht
-geröteten Augenlider.
-
-»Wollen Sie nicht hinunterkommen zum Herrn Dekan?« fragte er. »Das Essen
-ist aufgetragen.«
-
-»Ich danke Ihnen herzlich, ... aber ich kann wirklich nicht, ... mir ist
-sehr unwohl.«
-
-»Was fehlt Ihnen?«
-
-»Ich habe mich erkältet, ... in der Kirche, glaube ich.«
-
-Der Pater zog die Stirn kraus.
-
-»Warum gerade in der Kirche?« versetzte er. »Dort gewiß nicht, ... weit
-eher auf Ihren -- entschuldigen Sie -- unsinnigen Spaziergängen. Sie sind
-nicht kräftig. Wer zwingt Sie, bei jedem Wetter auszugehen?«
-
-»Niemand. Sie haben recht. Ich werde künftighin zu Hause bleiben.«
-
-»Trachten Sie, bis zum Silvesterabend gesund zu werden,« sagte der Mönch
-nach einer Pause. »An diesem Abend wird im Gasthause zur Post ein großes
-Fest veranstaltet, ... sie nennen es ein Konzert; die Einnahme -- denn
-es wird Entréegeld gefordert -- soll zum Besten der Kirche verwendet
-werden, ... sie bedarf, wie Sie wissen, einer teilweisen Restaurierung.
-Der Schullehrer, der der Vorstand des hiesigen Musikvereines ist, soll sich
-dagegen gesträubt haben, ... aber die Bauern wollen dieses Fest durchaus
-veranstalten, um den gnädigen Herrn halbwegs zu versöhnen, und so hat der
-freigeistige Herr Schullehrer nachgeben müssen. Der Herr Dekan hat
-sein Erscheinen bereits huldvollst in Aussicht gestellt und es wird ihm
-jedenfalls lieb sein, wenn Sie ihn begleiten.«
-
-»Werden Sie ebenfalls hinkommen?«
-
-»Ich? O nein! Für mich existieren solche Dinge nicht.«
-
-Diesen Worten folgte eine kurze Stille.
-
-»Sie wollen also wirklich hierbleiben?« fragte der Mönch dann und stand
-auf.
-
-»Ich werde mich zu Bett legen. Entschuldigen Sie mich freundlichst bei dem
-Herrn Dekan und dem gnädigen Fräulein ... Ich fühle mich so elend, daß
-ich ein trauriger Gesellschafter wäre und nur stören würde.«
-
-»Dann wünsche ich Ihnen Besserung und Schlaf.«
-
-»Gute Nacht, und seien Sie vielmals bedankt dafür, daß Sie sich zu mir
-bemüht haben,« sagte Harteck und reichte ihm die Hand hin.
-
-»Ist gern geschehen,« sagte der Mönch, berührte flüchtig seine Hand
-und ging. --
-
-Der Silvesterabend kam. In den leidlich geräumigen Zimmern des Gasthauses
-zur »Post« herrschte reges Leben und Treiben. Die Mehrzahl der Gäste
-hatte sich bereits eingefunden und der kleine Musikverein, bestehend aus
-neun Mann, mit dem Schullehrer an der Spitze, begann schon zu stimmen. Die
-Zimmer waren mit Tannenzweigen geschmückt, kunterbunt saß das Bauernvolk,
-alle im Sonntagsstaat, durcheinander. An einer langen Tafel, die in
-der Mitte des Saales stand, hatten die Honoratioren des Ortes und die
-vornehmeren Gäste aus der Umgebung Platz genommen; viele Herren aus dem
-Nachbarstädtchen waren gekommen, teils allein, teils mit ihren Familien.
-An diesem Tische saß auch Paula, zwischen zwei jungen Bahnbeamten, die
-sich bemühten, ihr angenehm zu sein. Toni, in einem weißen Kleidchen und
-mit leicht gewelltem Haar, saß neben ihrem Vater und sah kindlich erregt
-aus. Ein einziger Tisch war noch unbesetzt; der war für die »Herren«
-bestimmt. Der Herr Dekan ließ auf sich warten, und bevor er eingetroffen,
-durften die Produktionen nicht beginnen. Das Publikum war laut und lustig.
-Jetzt schon wurde viel getrunken und geraucht. Die Kellnerinnen rannten
-mit brennenden Wangen hin und her, ein ewiges Schreien nach Bier und
-Wein erscholl von allen Tischen und mancher Bauer klopfte mit seinem
-Taschenmesser ungeduldig an das geleerte Glas ... Da entstand plötzlich
-tiefe Stille. Der Herr Dekan war eingetreten. Alle Anwesenden erhoben sich
-von ihren Sitzen. Der gnädige Herr führte Fräulein Aurelie am Arm,
-die, eine Lorgnette vor den Augen, herablassend grüßend an den Tischen
-vorbeischritt. Den beiden folgten Harteck und mehrere Geistliche aus
-den Nachbarorten und endlich Wirt und Wirtin. Der Dekan nahm auf dem
-Ehrenfauteuil Platz, rechts von ihm setzte sich das Fräulein und ihr zur
-Seite ließ sich Harteck nieder. Die übrigen Herren setzten sich
-ebenfalls und sagten den Wirtsleuten ein paar verbindliche Reden über die
-geschmackvolle Dekorierung des Saales; einer der Geistlichen bot dem Wirt
-sogar eine Prise an, die dieser annahm und sogleich heftig nieste.
-Die Unterhaltung begann hierauf aufs neue, wenn auch in stillerer Art.
-Fräulein Aurelie, die in ihrem blaß lilafarbenen Seidenkleid magerer denn
-je aussah, lehnte sich zurück, fächelte sich Kühlung zu und tat sehr
-geziert.
-
-»Hier ist es zum Ersticken heiß,« lispelte sie. »Ich bin begierig, was
-für komisches Zeug zur Aufführung gelangen wird.«
-
-»Sie dürfen eben keine hohen Ansprüche stellen, gnädiges Fräulein,«
-sagte Harteck zerstreut und blickte nach der Tafel in der Mitte. Paula
-kehrte ihm den Rücken zu; wenn sie den Kopf einem ihrer Nachbarn
-zuwendete, war ihm vergönnt, ihr reines Profil zu sehen. Sie trug
-ein schwarzes, mit Spitzen besetztes Kaschmirkleid, das ihre blasse
-Gesichtsfarbe prächtig hob; ihr Haar war zu einem einfachen Knoten
-verschlungen und die Scheitel an der Stirn bedeckten halb die kleinen
-Ohren. Der junge Priester sah lang nach ihr hin; sehnsüchtig glitt sein
-Auge über ihre sanft abfallenden Schultern, den fein gebogenen Nacken, die
-kleinen Locken am Halse, das dunkle Haar, und er konnte nicht umhin,
-die beiden jungen Herren zu beneiden, die ihr zur Seite sitzen, mit ihr
-sprechen, ihre Stimme hören durften ... Diese Glücklichen! Er wendete den
-Blick von dem Mädchen ab und starrte trübselig vor sich nieder.
-
-Die musikalischen Produktionen begannen. Der Schullehrer, in einem
-altmodischen Frack, schlug aufgeregt den Takt. Allerdings hieß es bei
-diesem »Kunstgenuß« mehr mit dem guten Willen der Künstler vorlieb
-nehmen; und die wenig verwöhnten Bauern waren von den Leistungen _ihres_
-Musikvereins entzückt und klatschten lauten Beifall. Fräulein Aurelie
-fuhr nicht selten nervös zusammen, machte sogar Miene, sich die Ohren
-zuzuhalten ... Sie amüsierte sich nicht. An ihrem Tische ging es viel
-stiller zu als an den übrigen. Ihr Oheim war schweigsam, die fremden
-Geistlichen sprachen untereinander und ihr Nachbar tat den Mund nicht auf;
-an den Nebentischen hingegen wurde gelacht, gescherzt, in derber Weise der
-Hof gemacht. Darüber ärgerte sich Aurelie. Verdrießlichen Gesichtes saß
-sie da, klappte den Fächer auf und zu und gähnte absichtlich ... Dann
-fing sie an, sich in Klagen zu ergehen: es sollte nicht erlaubt sein zu
-rauchen, ... kaum Atem holen könne man in dieser Atmosphäre; die Leute
-lärmten zu viel und die Produktionen wären abscheulich, ohrenzerreißend;
-wenn man an Wiener Konzerte gewöhnt wäre, erscheine einem solche Musik
-barbarisch, ... und in dieser Weise ging es fort.
-
-»Wien ist eben Wien und ein Dorf ein Dorf,« sagte Harteck, dem endlich
-die Geduld riß.
-
-»Wirklich?« entgegnete das Fräulein höhnisch. »Ich danke für die
-gütige Aufklärung. Das hatte ich bis jetzt nicht gewußt.«
-
-Harteck ließ diese Rede ohne Antwort. Er hatte keine Lust zu streiten, und
-überdies bemerkte er, daß Paula sich, wie suchend, umwendete. Er vergaß,
-daß es auf dieser Welt eine Aurelie gab und blickte unverwandt nach dem
-jungen Mädchen hin ... Wen suchte sie? Vielleicht -- ihn? Am lauten Pochen
-seines Herzens fühlte er, wie lebhaft er das wünschte, wie sehr er geizte
-nach einem einzigen Blick ihrer schönen Augen ... O diese großen Augen
-mit dem noch größeren Blick! Sie suchten und fanden ihn und schauten ihn
-an, so sanft und bittend, als wenn sie sagen wollten: »Warum sind Sie so
-traurig? Im Geiste bin ich ja doch bei Ihnen, bei Ihnen allein ...« Dieser
-einzige Blick tröstete ihn wundersam. Er wurde heiterer und gab sich
-fortan Mühe, seine verdrießliche Nachbarin zu unterhalten. Paula sollte
-ihn nicht traurig wähnen.
-
-Die Produktionen zogen sich in die Länge. Gesang, Zither- und Flötenspiel
-wechselten mit den Vorträgen der kleinen Kapelle ab. Dem jungen Dirigenten
-standen helle Schweißtropfen auf der Stirn, sein langes Haar war feucht
-und aus seinen Augen leuchtete stolze Befriedigung ... Laut und lauter
-wurde die Unterhaltung; eine gewisse weinselig-übermütige Stimmung fing
-an, sich kundzugeben. »Oan Tanz aufspielen!« rief eine heisere Stimme aus
-einer Ecke; sie wurde niedergezischt, aber der hübsche Bauernbursche, der
-das Wort gesprochen, versteckte den Kopf unter dem Tische und schrie noch
-lauter: »Oan Tanz aufspielen, ös[10] Sappermenter! Im Winter wollen
-mir[11] tanzen!«
-
-»Bischt net stad, Du Sakra? Die Herren sein ja noch da!«
-
-»Jessas! Die Herren! Die wer'n eppes[12] was dagegen haben, wenn mir
-luschti[13] sein!«
-
-»Halt's Maul!«
-
-»I mag aber net, -- i möcht' tanzen!«
-
-Und: »Tanzen! Tanzen!« ertönte es von verschiedenen Seiten. Die Burschen
-und Dirnen erhoben sich halb von ihren Sitzen und schwenkten ihre Gläser.
-Vergebens mahnten die Alten zur Ruhe und wiesen mit den Augen auf
-den gnädigen Herrn, der mit sehr reservierter Miene in sein Weinglas
-blickte ... Nichts half. Die liebe Jugend lärmte weiter.
-
-Der Herr Dekan hielt es für geraten, sich zurückzuziehen. Fräulein
-Aurelie wollte noch bleiben, wollte ein wenig dem Tanze zusehen ...
-»Daraus wird nichts!« sagte ihr Oheim streng. »Das schickt sich nicht
-für Dich. Zahlen, Herr Wirt.«
-
-Er zahlte und erhob sich dann; die übrigen der Gesellschaft folgten seinem
-Beispiel. Der Dekan reichte seiner Nichte den Arm und schritt voran, die
-Geistlichen schlossen sich ihm an; alle, die im Saale waren, standen auf
-und grüßten. Das Fortgehen der »Herren« erregte sichtlich allgemeine
-Befriedigung.
-
-»Jetzt ruckt's die Tisch weg und die Sesseln! Jetzt wird's erst luschti
-wer'n!«
-
-Und kecke »G'stanzeln« ertönten ... Die Katze war fort, die Mäuse
-wagten zu tanzen.
-
- »Da Tanzen und Liaben
- Verbieten die Herr'n ...
- Sie sein uns halt neidi' ...
- Taten's selber recht gern!«
-
-sang einer.
-
- »Und jedem Buam sei' Diandl,
- Gott hat's so bestellt --
- Und dem Pfarrer sei' Köchin ...
- So geht's in der Welt!«
-
-antwortete ein anderer.
-
-»Kinnt's net Euer Maul halten, ös verflixten Buam!« rief die Wirtin
-ernstlich böse. »Wann die Herren das hören!«
-
-»Na, ... so hörn's halt oanmal ... Net harb sein, Poschtwirtin[14]. Mir
-sein schon stad[15]. Aber, Musikleut', jetzt spielt's was auf! I kann mi
-schon nimmer darhalten[16], ... i _muaß_ tanzen!«
-
-Die »Herren« waren einstweilen schon weit und, minder fröhlich als
-diejenigen, die sie verlassen, schritten sie schweigend durch das Dorf.
-Am Pfarrhof angelangt, stiegen die fremden Geistlichen in ihre schon
-bereitstehenden Wagen und fuhren nach Hause. Harteck wünschte dem Dekan
-und Aurelien eine gute Nacht und tat, als ob er die Absicht hätte, in
-seine Wohnung zu gehen. In Wahrheit aber wartete er auf der Treppe, bis er
-die Hausgenossen in ihren Schlafstuben wußte, bis alles im Pfarrhof ruhig
-war; dann stieg er geräuschlos die Stufen hinab, verließ das Haus und
-schlug den Weg nach dem Wirtshause zur Post ein.
-
-Was wollte er dort? An der Freude jener Menschen durfte er ja doch
-nicht teilnehmen; das wußte er, wußte es nur zu gut ... Aber mit
-unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn dorthin, wo fröhliche Menschen waren,
-dorthin, wo Paula weilte. Sie wenigstens sehen, aus der Ferne bewundern
-dürfen, war ja auch ein Glück. Er zog den Hut an die Augen herab und
-schritt unverdrossen durch den kalten Schnee. Ging jemand hinter ihm? Ihm
-war, als ob er leise, leise Schritte hörte ... Er stand still und blickte
-zurück. Undurchdringliche Finsternis lag über der Erde; am Himmel war
-kein Stern zu sehen. Er horchte und spähte eine Zeitlang; nichts rührte
-sich. »Ich muß mich geirrt haben,« dachte er und setzte seinen Weg fort.
-
-Da lag das Gasthaus. Durch die Fenster strahlte Lichterglanz; Musik,
-Johlen, Fußgetrampel ertönten. Der Priester drückte sich an die Wand
-und lugte durch eines der Fenster in den Saal hinein. Das Zimmer war
-ausgeräumt, tanzende Paare glitten auf und nieder. Nebenan tanzten die
-Bauern; dort ging es lärmend zu, ... hier war es stille, hier hielt die
-bessere Gesellschaft sich auf. Er gewahrte auch Paula. Sie tanzte noch
-nicht; in der Tür lehnend, sah sie dem Treiben der Bauern zu und beachtete
-wenig den Schullehrer und einige andere Herren, die sich augenscheinlich
-bemühten, sie zum Tanze zu überreden; der Arzt schien die Bitte
-der jungen Leute zu unterstützen; Paula schüttelte bloß das Haupt.
-Unzufrieden und verlegen standen der Arzt und die Herren um das Mädchen
-herum und sprachen in sie hinein ... Paula gab endlich -- mit Widerstreben,
-wie es den Anschein hatte, -- den vereinten Bitten nach. Sie lehnte sich
-an die Brust des Schullehrers und fing mit ihm zu walzen an. Dem außen und
-ausgeschlossen dastehenden Manne stieg das Blut zu Kopf bei diesem Anblick.
-Daran hatte er nicht gedacht; er hatte gehofft, daß Paula standhaft
-bleiben, daß sie nicht tanzen würde, ... und nun lag sie in den Armen
-des fremden Mannes und ihm -- ihm hatte sie untersagt, das Wort an sie zu
-richten, wenn er sie zufällig auf der Straße träfe. Aber freilich, --
-was war er im Vergleich zu den anderen? Diese Männer durften sich ihr
-offen nähern, durften um sie werben, konnten ihr Herz und Hand anbieten;
-ihm aber war nichts gestattet von alledem, -- er hatte einem Mädchen
-nichts zu bieten, als eine sich vor den Augen der Welt scheu verkriechende
-Liebe ... Worüber also murrte er? Er hatte kein Recht dazu.
-
-Vielleicht, wenn sie gewußt hätte, daß er draußen stand, in der
-Winterkälte, die Füße im harten Schnee, so ganz ausgestoßen von jeder
-Freude und jedem Glück, das Herz gefoltert von Eifersucht, -- vielleicht,
-daß sie dann Erbarmen gehabt und vom Tanze abgelassen haben würde. War
-ihm doch, als ob er hineinstürzen, sie bei der Hand packen und ihr zurufen
-müßte: »Du darfst nicht lachen noch Dich freuen, während ich so elend
-bin!« ... Jedes Wort, jedes Lächeln, jeder Blick, die sie einem ihrer
-Tänzer schenkte, fuhren wie ein Messerstich durch seine Brust. Wie durfte,
-wie konnte sie --! Unverwandt starrte er das Mädchen an. Ist's noch nicht
-genug? ... Gott sei Dank! Jetzt lehnte sie eine neue Aufforderung ab,
-setzte sich -- gerade ihm gegenüber -- und ließ die Hände in den Schoß
-sinken. Sie war erschöpft vom Tanze; ihre Lippen waren halb geöffnet, sie
-atmete rasch. Glücklich sah sie nicht aus; sie lächelte kaum und sprach
-sehr wenig. Langsam glitten ihre Blicke durch den Saal und blieben mit
-einem Male an einer Stelle haften ... Sie fuhr zusammen, erblaßte und sah
-angestrengt nach jener Stelle hin ... Harteck wich jählings vom Fenster
-zurück. Sie hatte ihn gesehen, mußte ihn gesehen haben, ihre Augen hatten
-sich getroffen ... Dicht an die Wand gedrängt, spähte er in den Saal
-hinein. Paula erhob sich, legte ein schwarzes Tuch um Kopf und Schultern,
-sagte ihrem Vater ein paar Worte ins Ohr ... Das Herz des unglücklichen
-Mannes schlug plötzlich sehr laut ... Er sah das Mädchen festen Schrittes
-dem Ausgang zuschreiten und den Tanzsaal verlassen.
-
-Was hatte sie vor? Doch nicht --? Kaum wagte er diesen Gedanken
-auszudenken. Als er jetzt das Geräusch näher kommender Schritte vernahm,
-erfaßte ihn etwas wie Schreck. Die Schritte hörten plötzlich auf. Von
-dem Dunkel hoben sich die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt
-ab. Also doch, doch!
-
-An allen Gliedern bebend, lehnte er sich an die Mauer und umklammerte mit
-der Hand das mit Schnee bedeckte Fenstergesimse.
-
-»Was wollen Sie von mir?« stieß er mit Anstrengung heraus.
-
-»Daß Sie nach Hause gehen,« antwortete eine vertraute Mädchenstimme.
-»Wo sind Sie? Es ist so finster, ... ich sehe Sie nicht.«
-
-Er streckte ihr die Hand entgegen. Paula ergriff sie und er zog das
-Mädchen an seine Seite.
-
-»Ich sah Sie von drinnen hier stehen,« fuhr Paula fort, »in dieser
-Kälte ... und erschrak zu Tode, ... ich mußte hinaus zu Ihnen ... Was, um
-Jesu willen, tun Sie hier?«
-
-An ihrer Stimme, an ihren Fingern fühlte er, daß sie zitterte.
-
-»Sie dürfen nicht hier bleiben,« sagte er hastig. »Sie sind vom Tanz
-erhitzt und nun setzen Sie sich der eisigen Winterluft aus. Den Tod können
-Sie sich holen.«
-
-»Was liegt daran!« sprach sie in sich hinein.
-
-»_Mir_ liegt daran,« entgegnete er heftig, zog seinen Überrock aus und
-warf ihn um ihre Schultern.
-
-»Welche Torheit!« rief Paula unwillig. »Nun werden _Sie_ sich erkälten.
-Ich beschwöre Sie, gehen Sie nach Hause.«
-
-»Mich schicken Sie immer fort. Andere dürfen mit Ihnen tanzen und ich
-soll Sie nicht einmal ansehen. Nein, ich bleibe.«
-
-»Wozu? Bloß um mich zu quälen?«
-
-»Ich will Sie nicht quälen, Paula,« sagte er und haschte nach ihren
-Händen. »Ich will Ihnen gehorchen ... Versprechen Sie mir aber, daß auch
-_Sie_ nach Hause gehen werden ... Sie wissen nicht, was Neid heißt und
-Eifersucht,« murmelte er mit hilfloser, fast weinender Stimme, »was ich
-gelitten habe, als ich Sie in den Armen fremder Männer sah ...«
-
-»Mein Gott! Ich will tun, was Sie begehren,« sagte Paula erschreckt.
-»Regen Sie sich doch nicht so auf! Wie könnte _ich_ Sie kränken
-wollen, ... _ich_!« Sie brach in ein bitteres Gelächter aus.
-
-»Verzeihen Sie mir,« sagte er. Er wußte nicht, was er sprach noch was
-er tat. Er hatte das Haupt entblößt und den Hut in den Schnee fallen
-lassen, ... die kalte Dezemberluft zog schneidend durch sein Haar.
-
-»Sie zittern ja,« bemerkte Paula, befreite ihre Hände aus den seinen,
-nahm seinen Rock von den Schultern und hängte ihn dem Priester, trotz
-seinem Sträuben, um; ihre Arme, ihre Brust berührten ihn dabei, ...
-der Rock glitt zur Erde, die Arme des Mannes faßten nach dem schlanken,
-bebenden Leib des Mädchens.
-
-»Lassen Sie mich!« rief Paula mit rauher Stimme. »Haben Sie nicht
-gehört ...?«
-
-»Was?«
-
-»Es hat jemand in unserer Nähe gehustet ...«
-
-»Ich habe nichts gehört.«
-
-»Sehen Sie ... dort, ...« sie drängte sich atemlos, Schutz begehrend, an
-seine Brust ... »dort an der Wand, ... sehen Sie nichts?«
-
-»Nein,« sprach er verstört. »Ist jemand da?«
-
-Niemand antwortete. Aber verhallende Schritte schlugen an sein Ohr.
-
-»Ich muß erfahren, wer es ist,« sagte er und legte die Hand an die
-Stirn. »Kehren Sie zu Ihrem Vater zurück. Ich muß diesem Menschen
-folgen.«
-
-Paula zog das Tuch fester um ihre Schultern.
-
-»Wohin haben Sie mich gebracht!« sprach sie, sich zum Gehen wendend.
-
-»Paula!« rief er außer sich. »Ich töte mich, wenn auch Sie mich
-anklagen!«
-
-»Ich klage Sie nicht an. Ich, ich allein bin die Schuldige; ich hätte
-stärker sein sollen. Leben Sie wohl.«
-
-»Auf immer? Ich lasse Sie nicht.«
-
-»Denken Sie jetzt nicht daran, ... jetzt können wir nichts beschließen.
-Gehen Sie dem dort nach und schreiben mir morgen, wer es gewesen und wie
-alles abgelaufen ist.«
-
-Er hielt sie nicht länger zurück. Mit gesenktem Kopfe und schwankendem
-Schritt ging das Mädchen in das Haus hinein. Der Priester stürzte durch
-Nacht und Nebel dem Unbekannten nach.
-
-Erst in der Nähe des Pfarrhofes erreichte er ihn. Dort brannte eine
-Laterne. Harteck packte den Fremden bei den Schultern und kehrte dessen
-Gesicht dem Laternenlicht zu. Er erkannte den Mönch.
-
-»Woher kommen Sie?« fragte er ihn mit heiserer Stimme.
-
-»Woher kommen _Sie_?« wiederholte der Mönch und sah ihm fest in die
-Augen.
-
-Harteck gab keine Antwort.
-
-»Wußten Sie, daß ich vom Hause fort war?« fragte er dann.
-
-Der Pater nickte.
-
-»Sahen Sie mich das Haus verlassen?«
-
-»Ja.«
-
-»Und sind mir gefolgt?«
-
-»So ist es.«
-
-»Weshalb? Zu welchem Zwecke?«
-
-»Weil ich Verdacht hatte ... Sie sehen, daß mein Verdacht nicht grundlos
-war.«
-
-»So haben Sie alles gesehen und gehört?«
-
-»Alles.«
-
-Eine Pause trat ein.
-
-»Aber warum ... warum,« begann Harteck wieder; sein Atem stockte. »Warum
-haben Sie das getan?« brach er wütend los.
-
-»Mäßigen Sie sich. Ich hatte den Auftrag dazu; ich bin weder neugierig
-noch liebe ich es, zu spionieren. Aber Sie wissen ja, was unsere Pflicht
-ist: den Vorgesetzten zu gehorsamen in allem und jedem.«
-
-»Und Sie werden -- natürlich! -- dem Dekan alles erzählen?«
-
-»Ich muß.«
-
-»Und wenn Sie dadurch -- nicht mich -- an mir ist wenig gelegen -- wenn
-Sie dadurch ein unbescholtenes Mädchen zugrunde richten?«
-
-»Jetzt ist sie nicht mehr unbescholten,« entgegnete der Mönch mit hart
-klingender Stimme.
-
-»Aber ich schwöre Ihnen, daß heute zum erstenmal ... Sie sind doch auch
-jung und sind nicht schlecht« ... Der Verzweiflung nahe, ergriff er beide
-Hände des Mönches: »Wälzen Sie alle Schuld auf mich, ... machen Sie
-mich so schlimm, wie Sie wollen, ... aber schonen Sie das unglückliche
-Mädchen. Gott im Himmel! Stehen Sie nicht so stumm und starr da, als ob
-ich zu einem Steine redete ... Soll ich mich noch mehr demütigen? Mich vor
-Ihnen auf die Kniee werfen? Würde vielleicht das Sie rühren?«
-
-Der Mönch schüttelte den Kopf.
-
-»Ich bin nicht hart,« sagte er. »Glauben Sie mir, ... Sie tun mir leid,
-trotz Ihrem Vergehen ... Ich will Ihnen auch versprechen, das Mädchen zu
-schonen, soviel ich kann.«
-
-»Ich danke Ihnen,« sagte Harteck und atmete erleichtert auf.
-
-»Und nun lassen Sie uns nach Hause gehen,« sprach Benediktus weiter.
-»Sie sind erschöpft und Ihre Hände fühlen sich wie Eis an. Auch fällt
-es mir erst jetzt auf ... Wo haben Sie Ihren Überrock und Hut gelassen?«
-
-»Ich weiß es nicht, ... ich glaube, sie liegen vor dem Gasthaus, irgendwo
-im Schnee ...«
-
-»Gehen Sie schleunigst nach Hause und legen sich zu Bett ... Ihre Sachen
-werde ich holen und sie Ihnen morgen übergeben. Gute Nacht.«
-
-Am nächsten Tage hatte der Mönch eine kurze, geheime Unterredung mit dem
-Dekan und dieser reiste bald darauf nach Salzburg ab.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-
-In einem engen Gäßchen der Grenzstadt Kufstein stand (oder steht heute
-noch) ein kleines, winkliges, baufälliges Haus. Von außen machte es mit
-seinem verwitterten Aussehen und den winzigen Fenstern einen traurigen
-Eindruck, und was hinter dem schwarz angestrichenen Tore zu finden war: die
-niedrigen Zimmer, die schmale Wendeltreppe, die allenthalben herrschende
-Licht- und Luftarmut, war nicht danach angetan, den ersten schlimmen
-Eindruck zu verwischen.
-
-Vor vielen, vielen Jahren konnte man hinter einem dieser Fensterchen Tag um
-Tag ein blasses, kleines Mädchen stehen sehen: immer allein; sie spielte
-und lachte niemals und hielt stets einen Strickstrumpf oder ein Gebetbuch
-in der Hand. Vergangen waren die Jahre, das Kind war groß, war alt
-geworden und saß heute, als Matrone, hinter dem Fenster in einem alten
-Großvaterstuhl und die jetzt welken Hände hielten, wie ehedem, eine
-Strickerei oder ein Erbauungsbuch. Außer mit ihrer Tochter, deren
-Söhnlein und Schwiegereltern und einigen greisen Priestern verkehrte die
-alte Frau mit niemandem. Eine Magd, so alt wie sie selber, bediente sie
-schon seit vierzig Jahren. Mit dieser Magd ging sie tagtäglich zweimal
-in die Kirche, wöchentlich einmal zur Beichte und Kommunion, und daheim
-arbeiteten oder beteten die zwei alten Frauen. Die Herrin sprach wenig und
-lachte niemals. Ein harter, starrer Zug lag auf ihrem hageren Gesicht, --
-ein Zug, der von einem harten und starren Leben erzählte.
-
-An einem wetterwendischen Apriltage saß die alte Frau wie gewöhnlich
-an ihrem Fenster; doch nicht wie sonst mit Beten oder einer Handarbeit
-beschäftigt. Ihre Hände ruhten gefaltet im Schoße und in ihrem starren
-Gesichte kämpfte etwas, das einer unterdrückten Bewegung glich.
-
-Auf dem Sofa kniete ihr Enkel, ein schlanker, etwa siebenjähriger Knabe,
-der Kartenhäuser aufbaute. Ein feiner Junge war's, blond und rosig, mit
-einem klugen Gesichtchen und hellen Augen. Die Brauen ernsthaft gefaltet,
-die Lippen wie zum Pfeifen gespitzt, baute und baute er und blickte
-zornig auf, wenn seine jugendliche Mutter, die in seiner Nähe stand, eine
-Bewegung oder einen Schritt zu machen wagte. Mit einem halb spöttischen,
-halb gutmütigen Lächeln sah die Mutter seiner kindlichen Beschäftigung
-zu. Sie war von zarter Gestalt und auf ihren intelligenten Zügen lag
-selbstzufriedene Heiterkeit. Das blonde Haar und die blauen Augen hatte der
-Knabe von ihr geerbt. Die junge Frau trug ein schwarzes Kleid, um den Hals
-hatte sie eine Kette hängen, an der ein goldenes Kreuz befestigt war,
-und an ihren weißen Händen glänzte kein anderer Schmuck als der glatte
-Ehering. Trotz der matronenhaften Kleidung machte sie mit ihrem lichten
-Haar und Teint, mit ihren lachenden Augen und Lippen, einen, man möchte
-sagen, hellen Eindruck. Das Leben war ihr hold gewesen; was es ihrem Hause
-Übles gebracht, war auf Vater, Mutter und Bruder gefallen, -- sie aber
-war stets verschont geblieben und hatte sich darum über das Ungemach der
-Angehörigen immer schnell zu trösten gewußt. Das Schicksal war ihr guter
-Freund und so zeigte sie ihm auch stets ein heiteres Gesicht.
-
-Mit verhaltenem Lachen beobachtete sie das Söhnlein und stieß mit dem
-Fuß an den Tisch ... Das künstlich aufgebaute Kartenhaus stürzte ein;
-blutrot wurde der Knabe und fuhr erbost in die Höhe, ... die Mutter aber
-brach in ein Gelächter aus, packte den Kleinen beim Kopf und küßte sein
-blondes Haar.
-
-»Nun ist's genug,« sagte sie. Ihre Stimme klang hell und angenehm. »Wir
-müssen Ordnung machen. Der Onkel kann jeden Augenblick kommen.«
-
-Sie raffte die Karten zusammen und legte sie in die Tischlade; dann zupfte
-sie den Matrosenanzug und die Krawatte des Knaben zurecht und strich sein
-Haar glatt.
-
-»Jetzt bist Du fein, Albert,« sagte sie. »Freust Du Dich schon auf den
-Onkel?«
-
-»O ja,« sagte Albert ziemlich gleichgültig.
-
-»Erinnerst Du Dich noch seiner?«
-
-»O ja,« antwortete das Kind in gleichem Tone.
-
-»Stell' Dich ans Fenster, und wenn Du den Onkel kommen siehst, sag es uns;
-hörst Du?«
-
-Das Kind tat, was von ihm begehrt wurde. Nach ungefähr zehn Minuten
-wendete es den Kopf: »Jetzt kommt der Onkel.«
-
-»Wir wollen ihm entgegen gehen,« sagte seine Mutter. »Schnell, Albert!«
-
-Die Matrone blieb allein zurück. Sie eilte dem Sohne nicht entgegen, ...
-er sollte nicht wissen, nicht sehen, wie erschüttert sie war. »Gott im
-Himmel! Du wirst es mir nicht zur Sünde anrechnen, daß ich ihn noch immer
-liebe,« dachte sie. »Sein Schuldregister, Herr! ist groß, ich weiß
-es. Aber es ist doch mein Sohn. Und er wird sich bessern, er wird sich
-bessern ...« Ihre Hände zitterten, ihre Lippen bewegten sich leise;
-unverwandt hafteten ihre Blicke an der Tür. Die ging bald auf: hereintrat
-die junge Frau mit Albert und ihnen folgte ein schlanker Mann im Kleide
-eines katholischen Priesters. Mit einiger Anstrengung erhob sich die alte
-Frau, der Ankömmling eilte auf sie zu und Georg Harteck und seine Mutter
-lagen einander in den Armen.
-
-»Gott zum Gruße, liebe Mutter,« sagte er und küßte sie auf beide
-Wangen. »Wie geht es Dir?«
-
-»Gut, dem Herrn sei Dank.« Sie hielt ihn noch immer in den Armen und
-betrachtete ihn aufmerksam. Fast drei Jahre waren vergangen, seit sie
-ihn zum letztenmal gesehen; sie fand ihn verändert, -- viel blasser und
-schmaler im Gesicht.
-
-»Bist Du immer gesund gewesen?« fragte sie.
-
-»Immer, ... einige Erkältungen abgerechnet. Findest Du, daß ich krank
-aussehe?«
-
-»N -- nein.«
-
-»Du siehst ganz wohl aus, Georg,« fiel die junge Frau ein. »Aber Mutter
-ist immer so: wenn sie nur jemanden ängstlich machen kann! Setze Dich
-jetzt --« sie nahm ihn beim Arme und führte ihn zum Sofa hin -- »und
-sieh Dir meinen Buben an ... Ist er nicht brav gewachsen?«
-
-Der Priester setzte sich, die junge Frau nahm an seiner Seite Platz und
-schob den Knaben zu dem Geistlichen hin.
-
-»Küsse dem Herrn Vikar die Hand,« sagte sie mit komischem Pathos und
-lehnte sich schmeichelnd an die Schulter des Bruders. »Ich bin nicht wenig
-stolz auf Dich, Georg! Erst dreißigjährig und schon Vikar! Hast Du Dich
-recht gefreut über Deine Beförderung?«
-
-Er bejahte die Frage; und die Schwester fing mit dem ihr eigenen
-praktischen Sinn an, ihn auszuforschen: »Wo liegt das ... Keßten? Ist das
-Vikariat einträglich? Die Gemeinde groß? Wirst Du Dich besser stehen
-denn als Kooperator? Und wie ist's mit den Ausgaben? Du mußt Dich doch als
-Vikar von A bis Z einrichten ...«
-
-Es ergab sich, daß er von alledem wenig wußte. Keßten wäre, so glaubte
-er, ein kleines und armes Dorf und das Vikariat wahrscheinlich wenig
-einträglich. Was den Hausrat anbelange, so hätte er bereits Anstalten zu
-dessen Herbeischaffung getroffen. »Ich bin jedoch überzeugt,« setzte er
-hinzu, »daß ich vieles und vielleicht das Nötigste vergessen habe. Bis
-heute hatte ich mich um diese Dinge nicht scheren müssen, ... mit der Zeit
-aber werde ich das Wirtschaftführen wohl erlernen.«
-
-»Ich will auf ein paar Wochen zu Dir kommen und alles in Ordnung
-bringen,« sagte die Schwester. »Ohne den Beistand einer Frau seid Ihr
-Männer wie verloren.«
-
-»Das ist wahr,« sagte er zerstreut und hob eilig von anderen Dingen zu
-sprechen an. Sie mußten erzählen, wie sie lebten, was sie trieben.
-Die Mutter sprach wenig; sie hatte sich wieder ans Fenster gesetzt und
-beobachtete schweigend die Kinder und den Enkel. Die junge Frau hingegen
-war sehr redselig; sie sprach viel von sich, von ihren Schwiegereltern und
-wie sie diese durch scheinbare Sanftmut zu beherrschen wüßte, von ihrem
-Söhnchen, das erstaunlich gut lernte; auch von gemeinsamen Bekannten
-erzählte sie und schonte die Abwesenden nicht immer; aber ihr Spott war
-gutmütiger Art; sie war viel zu glücklich, um wirklich böse sein zu
-können.
-
-Mittlerweile hatte die alte Magd den Koffer und die Reisetasche des
-Geistlichen in das Zimmer getragen. Harteck öffnete den Koffer und packte
-verschiedene Gegenstände aus; er hatte den Seinen Geschenke mitgebracht:
-dem Kinde Bücher und Spielsachen, der Schwester Schmuck und anderen
-Toilettentand, der Mutter einen Christus aus Ebenholz und ein Marienbild;
-sogar die alte Magd hatte er nicht vergessen und händigte der
-Überraschten einen Kleiderstoff und eine Schürze ein.
-
-»Wie gut Du bist, Georg!« sagte seine Schwester und küßte ihn und der
-kleine Neffe sah den geistlichen Onkel zum erstenmal freundlich an. »Jetzt
-aber wollen wir etwas essen ... Du bist gewiß hungrig.«
-
-Die Magd deckte den Tisch und trug Kaffee, kaltes Fleisch, Backwerk und
-süßen Wein auf. Georg führte seine Mutter zum Sofa und setzte sich neben
-sie. Die alte Frau blickte ihn an. »Georg!« sagte sie in fast strengem
-Tone.
-
-»Was gibt es?« fragte er leicht erschreckt. Er kannte diesen Ton von
-Kindheit auf. »Habe ich etwas nicht recht gemacht?«
-
-»Du setzest Dich nieder zu Speise und Trank und betest nicht vorher? Ist
-das nicht Sitte im Hause Deines Dekans?«
-
-»O doch! Ich vergaß nur ... Übrigens wie Du willst.«
-
-Er stand auf und sprach das Vaterunser. Die anderen taten ihm nach, --
-die Mutter mit strengem Ernst, die Schwester mit verborgener Ungeduld, der
-Kleine mit verwundertem Blick.
-
-»Die Mutter ist so eigen,« murmelte die junge Frau dann. »Nimm es ihr
-nicht krumm, Georg.«
-
-»Wie sollte ich? -- Sie hat ja recht.«
-
-Trotzdem blieb die Stimmung eine gestörte. Die alte Frau genoß beinahe
-nichts und verhielt sich auch während des Essens schweigend. »Er hat sich
-nicht verändert,« mußte sie sich immer wieder sagen. »Ich darf nicht
-schwach werden, nicht erlahmen, ... ich bin Gott Rechenschaft schuldig
-über alles, was ich tue und sage. Wenn er sich, wie ich noch immer von
-Gott hoffe, gebessert haben wird, werde ich ihm zeigen dürfen, daß ich
-ihn liebe; eher nicht.«
-
-Georg und die Schwester führten ein sich mühsam fortschleppendes
-Gespräch. Von der strengblickenden alten Frau ging gleichsam ein eisiger
-Hauch aus, der sich den anderen mitteilte. Sogar der arme kleine Junge saß
-eingeschüchtert da und gähnte verstohlen.
-
-Als wieder abgetragen worden war, richtete die alte Frau sich in die Höhe
-und sagte zu ihrem Enkel: »Geh jetzt ins Nebenzimmer und spiele mit den
-schönen Sachen, die der Onkel Dir gebracht hat.«
-
-Das Kind gehorchte mit sichtlichem Vergnügen.
-
-»Warum darf er nicht bei uns bleiben?« fragte Georg.
-
-»Weil Kinder nicht alles hören sollen, was Erwachsene untereinander
-sprechen,« entgegnete die Mutter. »Leg diesen eitlen Tand beiseite,
-Anna.«
-
-Die junge Frau, die mit der genauen Besichtigung der vom Bruder erhaltenen
-Geschenke beschäftigt war, blickte die Mutter mit einem Lächeln an,
-zuckte die Achseln und legte die verschiedenen Sächelchen auf den Tisch.
-
-»Nun, ... was weiter?« fragte sie.
-
-»Ich habe mit Deinem Bruder zu sprechen.«
-
-»Mutter, ich will nicht hoffen ...«
-
-»Was?« unterbrach die alte Frau ihre Tochter mit scharfer Stimme. »Ist
-es so weit gekommen, daß ich mir von meinen Kindern vorschreiben lassen
-muß, was ich sagen darf oder für mich behalten muß? Du hast Dich arg
-verändert, Anna. So lang Du noch Mädchen warst und mich brauchtest, warst
-Du die Demut selber; aber nun, da Du selbständig und vermögend bist ...«
-
-»Ich sage ja nichts,« fiel Anna ihr beschwichtigend in die Rede. »Ich
-wollte nur bemerken, daß Du unseren Georg, den wir so lange nicht gesehen
-haben, nicht plagen solltest, ... sonst vergeht ihm auf immer die Lust, uns
-zu besuchen.«
-
-»Die Mutter wird mich nicht kränken wollen,« sagte Georg sanft und
-bittend, »nicht wahr, Mutter, nein?«
-
-»Gewiß nicht,« sagte diese, unsicher gemacht. Dieser sanfte, ergebene
-Ton mahnte sie an die Zeit, da Georg noch ein Kind war. »Wir sind einander
-lang fern gewesen, mein Sohn,« fuhr sie fort. »Ich freue mich, Dich
-endlich einmal wiederzusehen. Es ist schön von Dir, daß Du zu uns
-gekommen bist, und ich nehme dies zum Zeichen, daß Du mit reinem Herzen
-wiederkehrst und Dich endlich wieder für würdig hältst, ein Diener des
-Herrn zu heißen.«
-
-»Da haben wir es!« murmelte Anna. »Dachte ich's doch!«
-
-»Schweige -- Du!« rief die alte Frau streng. Die Tochter hob abermals die
-Schultern in die Höhe, langte nach einer Stickerei und fing zu sticken an.
-»Um die Zeit nicht gänzlich zu verlieren,« dachte sie. Georg betrachtete
-die schlanken weißen Fingerchen, die gewandt Stich an Stich reihten und
-kein einziges Mal fehlten. O! sie war sicher in allem, was sie tat, die
-kluge Schwester, ... war niemals irre gegangen, weder in großem noch in
-kleinem. Er beobachtete auch ihr Gesicht. Augenblicklich prägten sich
-in ihren Zügen Langeweile und Ärger aus ... Ahnte die Schwester, daß
-unangenehme Dinge zur Sprache kommen würden? An seiner Seite hob die
-klanglose Stimme der Mutter abermals zu sprechen an: »Du brauchst mich
-nicht anzusehen, Georg; antworte mir bloß; sag mir, daß Du wieder
-rechtschaffen geworden bist, daß Du jenes ... jenes Mädchen vergessen
-hast ...«
-
-»Wozu davon sprechen, Mutter?« fiel er müden Tones ein.
-
-»Ich _muß_. Ich habe so viel um Dich gelitten, mich so bitter geschämt
-deinetwegen ...«
-
-Sie hielt inne. Er rührte sich nicht.
-
-»Laß ihn doch in Frieden,« sagte Anna. »Er war einmal in seinem Leben
-verliebt: gut. Es tut ihm leid und er wird es künftighin bleiben lassen,
-und damit sei die Sache abgetan.«
-
-Sie blickte den Bruder blinzelnd an; der aber sah starr vor sich nieder.
-
-»Das Kleid, das er trägt, erlegt ihm das Opfer auf, den sogenannten
-Freuden der Welt zu entsagen,« fuhr die Mutter zur Tochter gewendet
-fort. »Ist das zu viel verlangt? Ich bin niemals glücklicher und ruhiger
-gewesen als in der Zeit, wo ich vom Treiben der Welt so viel wie nichts
-wußte. Meine Eltern waren schon alt, da ich noch ein Kind war. Sie
-liebten die Ruhe, und um sie nicht zu stören, verkehrte ich niemals mit
-Altersgenossen, blieb immer zu Hause und verließ es bloß, um in die
-Kirche oder in die Schule zu gehen. Wehe mir, wenn ich gelärmt, gemurrt
-oder einen Wunsch zu äußern gewagt hätte! Ich habe nie getanzt, mich
-nie geschmückt, niemals etwas von der Welt gesehen. Und doch bin ich
-glücklich gewesen, -- damals. Mein Unglück begann erst dann, als ich in
-frevelhafter Vermessenheit meinen Eltern den Gehorsam zu kündigen wagte.
-Gott hat mich schwer, doch gerecht dafür bestraft.«
-
-Anna seufzte und stickte emsig darauf los. Sie hatte das alles schon
-unzählige Male gehört. Der junge Priester stierte gedankenlos vor sich
-hin.
-
-»Ich habe Euren Vater geliebt,« sprach die alte Frau weiter. »Wehe mir,
-daß ich es tat! Er war meiner Liebe nicht wert. Ich heiratete ihn gegen
-den Willen meiner Eltern und sah zu spät ein, daß sie recht gehabt,
-daß ich mich einem Unwürdigen vermählt hatte. Euer Vater hat mich nie
-geliebt. Er war ein leichtsinniger Mensch, ein Tunichtgut. Meine Eltern
-besaßen dieses Haus und ein kleines Vermögen, ... und darum, der Herr
-verzeihe es ihm! hat er mich geheiratet. Indessen klage ich nicht ihn,
-sondern einzig und allein mich selber an. Ich hätte meinen ehrwürdigen
-Eltern gehorchen und entsagen sollen. Ich tat es nicht; feige gab ich
-dieser sündigen Liebe nach und sie wurde mir -- gerechterweise -- zum
-Fluche. Ich habe viel, viel gelitten. Meine Eltern starben plötzlich,
-mein Mann gewöhnte sich das Trinken an und die Kinder, die ich unter
-unsäglichen Schmerzen gebar, lebten stets nur einige Wochen; außerdem
-drohte Verarmung, vielleicht Schande, ... es war eine böse Zeit. Gott
-hatte seine Hand abgezogen von mir, weil ich meinen Eltern ungehorsam
-gewesen war und dadurch das vierte Gebot verletzt hatte. Mir sollte und
-durfte es auf Erden nicht wohl ergehen. Wodurch den Herrgott versöhnen?
-Darüber sann ich immerwährend nach, ... ganze Nächte lang wachte ich und
-betete und flehte ihn an, mich zu erleuchten. Da gab er mir ein Zeichen.
-Abermals regte sich unter meinem Herzen ein junges Leben. Ich ging eines
-Tages auf der Straße und grübelte, wie immer, über das eine nach: was
-tun, um Gott milde zu stimmen; ich dachte auch an das Kind, das in meinem
-Schoße schlief und fragte mich, wie ich es wohl erziehen und zu
-welchem Berufe ich es bestimmen sollte, um einen rechtschaffenen, Gott
-wohlgefälligen Menschen aus ihm zu machen. Ich kam just an einer Kirche
-vorbei, als ich so dachte, und in diesem Augenblick trat mir ein Priester
-entgegen. Das war ein Zeichen von Gott! _Das_ sollte ich aus meinem Kinde
-machen. Beglückt und gehoben ging ich nach Hause und leistete in meinem
-Herzen den Schwur, daß mein Kind, falls es ein Knabe sein und am Leben
-bleiben würde, dem Dienste des Herrn geweiht und Priester werden sollte.
-Wenige Monate später gab ich einem Sohne das Leben und von dieser Stunde
-an ging alles besser.«
-
-Abermals trat eine Pause ein. Anna warf den Kopf zurück und reckte die
-Glieder, um die immer mehr überhand nehmende Schlafsucht abzuschütteln.
-Georg saß unbeweglich.
-
-»Wohl waren wir arm,« setzte die Mutter ihre Rede fort. »Aber ein
-würdiger Priester nahm sich unser an und versprach, für meines kleinen
-Georgs Erziehung Sorge zu tragen. Euer Vater veränderte sich; er gewann
-Euch lieb, Dich, Georg, und die kleine Anna, die ich drei Jahre später
-gebar. Vielleicht würde er, Euch zuliebe, noch ein ordentlicher Mensch
-geworden sein, wenn Gott ihn nicht abberufen hätte. Doch Gottes Wille
-geschehe! Er weiß am besten, was uns frommt! Nach Eures Vaters Tode erzog
-ich Euch nach meinem besten Wissen und Gewissen: Dich, Georg, zu einem
-braven Priester und Anna zu einer sittenreinen Jungfrau. Gott segnete meine
-Bemühungen und ließ Euch gehorsame Kinder bleiben, bis die furchtbare
-Stunde kam, die meinem Leben ein Ende zu setzen drohte und in der mein
-Sohn mir in frevelhaftem Hochmut erklärte, daß er nicht Priester werden
-könnte ...«
-
-Jetzt fuhr Georg auf. Zum erstenmal schaute er der Sprecherin in die Augen.
-
-»Mutter,« sagte er -- seine Stimme klang seltsam hart -- »ich habe Dir
-Deinen Willen getan. Ich trage den Priesterrock. Laß Vergangenes vergangen
-sein. Es ist nicht gut, mich daran zu erinnern.«
-
-»Noch immer der alte Trotz!« sprach sie murmelnd.
-
-»Ich bin nicht trotzig,« entgegnete er und erfaßte ihre Hand, »bin
-es niemals gewesen. Erinnere Dich nur. Als kleiner Knabe schon konnte ich
-nicht ertragen, daß Du mir zürntest, und immer kam ich freiwillig, Dich
-um Verzeihung zu bitten, und wenn Du sie mir vorenthieltest, weinte ich
-mich halb zu Tode ... Ich mag viele Fehler haben, aber trotzig bin ich
-nicht ... Ich trage niemandem etwas nach und will mit denen, die mir teuer
-sind, in Frieden leben ... Ist es nicht so? War es nicht immer so? Ich rufe
-Anna zur Zeugin auf, ob ich recht habe oder nicht.«
-
-»Natürlich hast Du recht,« sagte die Schwester, ohne das Haupt zu
-erheben. »Ich weiß wirklich nicht, was der Mutter einfällt.«
-
-»Ich aber weiß es,« entgegnete die alte Frau mit starker Stimme. »Wenn
-Du nicht Priester wärest, würde ich schwächer sein ... So aber gehörst
-Du nicht mir, nicht Dir, nicht irgendeinem Menschen, sondern Gott allein.
-Du hast die Schuld Deiner Eltern zu sühnen durch ein tadelloses, echt
-priesterliches Leben. Nicht um unser armseliges Erdenglück handelt es
-sich, sondern um unser aller Seelenheil. Ich habe Dich Gott zum Opfer
-gebracht; ihm darfst Du nicht halb, -- _ganz_ mußt Du ihm gehören, mußt
-ihm dienen mit allen Deinen Kräften. Ist das so schwer? Als ich vernahm,
-daß Du mit der Dienstmagd Deines Pfarrers ein sündhaftes Verhältnis
-unterhieltest, sagte ich: ›Der alte Fluch ist wieder da; wir sind und
-bleiben hier und dort verdammt.‹ Unglücklicher Mensch! Meinst Du, Gott
-auf solche Weise zufrieden zu stellen? Alle Deine Vorgesetzten tadeln
-Dich, ... weshalb? Weil Du immer weltlichen Gelüsten nachhängst und Dich
-nicht entschließen kannst, einzig und allein Deiner erhabenen Aufgabe zu
-leben ...«
-
-Georg stand auf.
-
-»Ich gehe und komme nie wieder, wenn Du auf solche Art zu mir sprichst,«
-sagte er. »Ich bin Dir zuliebe Priester geworden ... Mutter!« unterbrach
-er sich und faßte sie erschreckt bei den Schultern.
-
-Sie war blaß wie der Tod.
-
-»Mir zuliebe!« sagte sie tonlos wie eine Sprechmaschine. »Nicht Gott
-zuliebe!«
-
-So furchtbar blaß hatte er sie schon einmal gesehen, -- damals, in jener
-Stunde, wo er ihr gestanden hatte, daß er nicht Priester werden könnte.
-Alles kam wieder, -- o! so lebhaft, so deutlich, als ob es erst gestern
-geschehen wäre; zuerst die Kindheit, das ewige Beten und Kirchengehen ...
-Damals war er gläubig gewesen, damals hatte ihn der Gedanke, dereinstens
-am Altar zu stehen, mit stolzer Freude erfüllt; und dann später -- er
-hatte seine Studien nahezu vollendet -- wie war es gekommen? Plötzlich
-zerriß etwas in seiner Brust. Im Anfang wollte er's nicht glauben, wollte
-die Stimme in seinem Herzen ersticken, wollte sich einreden, daß er
-denke und fühle wie ehedem, ... umsonst! Der Zweifel wuchs, wurde zur
-Gewißheit, er konnte sich nicht länger belügen, und nach schweren
-Kämpfen, nach vielen langen, durchweinten und durchwachten Nächten wagte
-er, der Mutter zu gestehen, was in seinem Inneren vorgegangen, ... daß
-nichts ihn antreibe, Priester zu werden, daß er sich über sich selbst
-getäuscht hätte und daß er Priester nicht werden könne. Sie hatte ihn
-starr angesehen und war so blaß geworden, daß es ihn kalt überlief, und
-dann war sie, ohne die Lippen zu öffnen, umgesunken und hatte stundenlang
-wie tot gelegen. Und die Schwester, die Magd, der Priester, der ihn hatte
-erziehen lassen, hatten geschrieen, geheult und ihn einen Muttermörder
-genannt, ... und in seiner Verzweiflung, seiner Kindesliebe hatte er
-schluchzend gelobt, ihr gehorsam zu sein in allem, nur möchte sie wieder
-die Augen aufschlagen, ihn noch einmal ansehen ... Und so war es denn
-geschehen; sie war wieder erwacht und er war Priester geworden. Sie konnte
-ruhig sein: das Seelenheil aller war gerettet.
-
-Er trug ihr nichts nach. Wußte er doch, daß sie von einem starren
-Irrwahn, von einer fixen Idee geleitet, dieses Opfer von ihm gefordert
-hatte. Der Sohn war ihr die Leiter, die sie und alle in den Himmel führen
-sollte ... Aus tiefster Überzeugung hatte sie ihn dieses Opfer bringen
-lassen. In ihren Augen war es ja kein Opfer; sie dankte es ihm nicht
-einmal. Niemals keimte in ihrem Herzen ein Zweifel auf, ob sie auch recht
-an ihm gehandelt, niemals machte sie sich den leisesten Vorwurf. Das wußte
-er. Deshalb empfand er auch heute keinen Groll wider sie; er würde sie nie
-bekehren, nie anderen Sinnes machen, sie nie zu Mitleid oder Reue bewegen.
-Er konnte sie durch Widerspruch erbittern, ... das war alles, und das
-wollte er nicht. Wozu wohl auch? Sein Leben war nun einmal verspielt, ...
-mochte er allein darum wissen! Das Opfer war nun einmal gebracht, ...
-mochte wenigstens _ein_ Mensch sich darüber freuen. Er nahm die alte Frau
-bei der Hand und sprach in sanftem Tone: »Du hast mich mißverstanden,
-liebe Mutter, oder, besser gesagt, meine Empfindlichkeit hat mich zu einer
-Äußerung hingerissen, von der mein Herz nichts weiß. Deine Anklagen sind
-berechtigt; nicht immer bin ich so gewesen, wie ein Priester sein soll, ...
-aber ich verspreche Dir, daß ich mich bessern will. Habe Geduld mit
-mir. Daß mir ein leidenschaftliches Herz zu teil wurde, ist nicht meine
-Schuld ... Ich will alles tun, um Herr dieses Herzens zu werden. Die
-Jugendzeit liegt bald hinter mir und mit der Jugend sterben auch die
-Leidenschaften ... Ich werde die eine und die anderen bald begraben.«
-
-Er küßte die Hand der Mutter und trat zum Fenster hin. Anna folgte
-ihm mit den Augen, schüttelte den Kopf und blickte die Mutter, die mit
-gefalteten Händen und sich leise bewegenden Lippen dasaß, ärgerlich und
-vorwurfsvoll an. Weshalb ewig an Dinge rühren, die nun einmal nicht zu
-ändern waren? Die Mutter war auch gar zu schwerfällig ... Warum faßt sie
-alles so ernst und gewichtig auf? Und Georg könnte sich endlich auch
-in sein Los finden, ... was ging ihm, genau besehen, ab? Sie waren arm
-gewesen, seine Erziehung hatte auf diese Weise nichts gekostet, er
-war versorgt ... Wenn sie gewußt hätte, daß sie sich so vorteilhaft
-verheiraten würde, hätte sie vielleicht für ihn Partei genommen, hätte
-die Mutter umzustimmen versucht; das aber hatte sie nicht voraussehen
-können. Mochte er sich denn in Gottes Namen zufrieden geben! Weshalb sich
-und anderen das Leben so schwer machen? Weder Mutter noch Bruder verstanden
-die Kunst, zu leben ... _Sie_, Anna, war immer zufrieden und heiter; warum
-nahmen sie sich nicht ein Beispiel an ihr?
-
-Sie rollte ihre Stickerei zusammen und erhob sich.
-
-»Es dunkelt schon,« sagte sie. »Der Kleine und ich müssen uns auf den
-Heimweg machen. Wann wirst Du uns besuchen, Georg?«
-
-»Morgen, wenn es Dir recht ist,« sagte er, zum Tisch zurückkehrend.
-
-»Vortrefflich. Vielleicht wollt Ihr bei uns speisen, Du und die Mutter?«
-
-Sie nahmen die Einladung an. Anna rief ihren Knaben, und Georg gab
-den beiden bis an die Treppe das Geleite. Dort hieß Anna den Kleinen
-vorausgehen und legte schmeichelnd die Hand auf den Arm des Bruders.
-
-»Wie schön und interessant Du aussiehst!« sagte sie. »Ich begreife,
-daß Du einem Mädchen den Kopf verdreht hast ... Wann erfolgt Deine
-Installation als Vikar?«
-
-»In acht Tagen.«
-
-»Du wirst dort ganz allein sein, ... ohne einen Hilfsgeistlichen?«
-
-»Ganz allein.«
-
-»Nun, dann steht Dir nichts mehr im Wege ... Du kannst tun, was Du
-willst.«
-
-»Wie meinst Du das? Was soll ich tun wollen?«
-
-»Ich meine, daß Du jetzt Dein Mädchen ins Haus nehmen kannst ... Du bist
-Dein eigener Herr und brauchst das Naserümpfen Deiner Vorgesetzten nicht
-mehr zu befürchten.«
-
-Georg staunte ein wenig über diese naive Unverfrorenheit. Indessen faßte
-er sich schnell und sagte lachend: »Ich danke Dir für den guten Rat.
-Leider kommt er zu spät. Das Mädchen, von dem Du sprichst, ist längst
-verheiratet.«
-
-»So?« sagte sie gedehnt. »Wie schade! ... Hast Du sie _sehr_ lieb
-gehabt?« setzte sie hinzu und ihre lichten Augen blitzten ihn spöttisch
-und neugierig an.
-
-Verlegen kehrte er das Gesicht weg. Das rücksichtslose Schwesterlein war
-ihm viel peinlicher als die strenge Mutter.
-
-»Jetzt schämt er sich, der hochwürdige Herr!« rief Anna mit hellem
-Lachen. »Adieu! Ich schenke Dir die Antwort. Albert, bist Du unten? Ich
-muß ihm nach, sonst begeht er irgendeinen Unsinn. Also, -- auf morgen. Ich
-küsse die Hand, Hochwürden.«
-
-Sie tat es im Ernste und enteilte mit graziösen Schritten, noch immer
-lachend. So hatte sie sich stets von ihm loszumachen gewußt, -- mit einem
-Scherzwort und Lachen, wenn er zögernd versucht hatte, ihr sein Herz zu
-öffnen. Sein Sinneswechsel war ihr unbequem gewesen; aus Habsucht,
-aus Furcht vor häuslichen Szenen und Erörterungen und Störungen, aus
-kleinlicher Eitelkeit hatte sie sich immer taub gestellt, hatte seine
-schüchternen Anspielungen nicht verstehen wollen und der Mutter in allem
-recht gegeben, ... nicht aus Überzeugung, bloß aus Bequemlichkeit. Es
-macht sich gut, einen Priester in der Familie zu haben, das verleiht
-so armen Leuten ein gewisses Ansehen und eröffnet ihnen mancherlei
-Hilfsquellen, ... _das_ war es gewesen. Und falsch war sie obendrein
-gewesen, diese blonde, rosige Schwester ... Nicht einmal, hunderte Male
-hatte sie schmeichelnd und liebkosend zu ihm gesagt: »Laß es gut
-sein, Georg, ... ich werde zu Dir, in Deinen Pfarrhof, ziehen und Deine
-Wirtschaft führen, ... nie, nie werde ich heiraten, denn nie werde ich
-einen Mann so lieb haben wie Dich ...« Alles, alles falsch, jedes Wort
-erlogen; sie hatte es nur gesagt, weil sie wußte, wie sehr er an ihr hing,
-wie schwärmerisch er sie liebte ... Er hatte ihr geglaubt -- damals --,
-hatte sich dieses geschwisterliche Zusammenleben so schön und friedlich
-ausgemalt und sich, in der Hoffnung darauf, halb und halb mit seinem Lose
-ausgesöhnt. Wie mochte sie ihn ausgelacht haben, ihn, der alles glaubte,
-weil er selbst niemals log! Sie hatte ihn besänftigen, zum Nachgeben
-bestimmen wollen, alles hatten sie angewendet, um sein weiches, allzu
-zärtliches Sohnes- und Bruderherz zu besiegen, ... und nun? Tadel,
-Unzufriedenheit von der einen, Gleichgültigkeit und Spott von der anderen
-Seite, -- das hatte er erreicht. Er stützte sich auf das Treppengeländer,
-blickte abwärts und dachte, dachte, dachte ... Erst als er die Stimme
-seiner Mutter rufen hörte: »Wo bleibst Du, Georg?« schreckte er aus
-seinem trüben Sinnen empor, antwortete: »Ich komme schon,« und kehrte
-langsamen Schrittes zu der alten Frau zurück.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-
-Der Arzt und Paula saßen am Frühstücktische; den Kaffee hatten sie
-bereits getrunken, der Vater las in einem Zeitungsblatt, Paula saß ihm
-gegenüber und rührte mit dem Löffel in der geleerten Tasse herum.
-
-»Vater, ...« sagte sie endlich.
-
-Er blickte auf.
-
-»Ich möchte Dich bitten, Vater, mir den heutigen Tag frei zu geben ...«
-
-»Gern. Was aber hast Du vor?«
-
-Sie schwieg. »Muß ich's sagen?« fragte sie nach einer Weile.
-
-»Nein. Du mußt nicht, wenn Du mir nicht freiwillig sagen willst, was Du
-im Sinne hast.«
-
-»Dann will ich ... erst später ...« Sie verstummte abermals und stand
-auf.
-
-»Gehst Du ohne Toni?« fragte er unter dem Druck einer schweren
-Beklemmung.
-
-»Ja, ... es ist besser so.«
-
-Er beobachtete sie eine Weile. Gleich einem Bilde aus Stein stand sie da,
-so blaß, so unbeweglich, den Blick ins Leere geheftet. Er hielt nicht
-länger an sich. Dieser Zustand war unerträglich, am Ende! Rasch erhob er
-sich, ging zu ihr hin und packte sie bei den Händen.
-
-»Sag mir, Kind, was aus dem allen werden soll!« sprach er mit
-unterdrückter Stimme. »Ich habe lang geschwiegen, ... monatelang, ...
-länger halte ich dieses Leben nicht aus. Liebst Du mich und Deine
-Schwester denn gar nicht mehr?« Seine Brust hob und senkte sich wie im
-Krampfe; er zitterte an allen Gliedern. Erschüttert blickte Paula ihn an,
-ihre Lippen zuckten wie von zurückgedrängtem Weinen.
-
-»Habe Geduld mit mir,« sagte sie. »Es dauert nicht mehr lang. In ein
-paar Tagen ist alles vorüber.« Fröstelnd zog sie die Schultern in die
-Höhe ... »Ich weiß nicht, ... mir wird immer so kalt, wenn ich daran
-denke,« murmelte sie, aufs neue schaudernd.
-
-Er gab ihre Hände frei, schritt eine Zeitlang im Zimmer auf und ab und
-blieb dann wieder vor ihr stehen.
-
-»Wo ist der Kooperator jetzt?« fragte er.
-
-»In Kufstein, bei seiner Familie.«
-
-»Wann kommt er zurück?«
-
-»Morgen, glaube ich ...«
-
-»Dann bleibt er also noch vier Tage hier. Vier _Jahre_ werden mir diese
-Tage erscheinen. Was hat dieser unglückliche Mensch aus meinem Kinde
-gemacht!« sagte er mit dumpfer Wut und nahm sein Hin- und Herwandeln
-wieder auf.
-
-»Er geht ja ohnedies,« sprach Paula in bitterem Tone. »Es hat ihnen
-keine Ruhe gelassen, als bis sie ihn abermals aus der kaum gefundenen
-Heimat treiben konnten ... In Gottes Namen!« Sie wendete sich zum Gehen.
-»Leb wohl Vater; ich muß fort.«
-
-»Wann kehrst Du zurück?«
-
-»Mit dem Abendzug komme ich wieder.«
-
-Er ließ sie gehen. Sie begab sich in ihr Zimmer, zog ihren Mantel an
-und setzte ihren Hut auf, trug der kleinen Schwester auf, artig zu sein,
-erteilte der Magd einige Weisungen und verließ sodann das Haus.
-
-Das Wetter war trübe und kalt; einzelne Regentropfen fielen vom Himmel
-und die blasse Aprilsonne verkroch sich hinter die Wolken. Langsam schritt
-Paula dem Bahnhof zu, löste an der Kasse eine Fahrkarte und wartete in der
-Halle auf das Kommen des Zuges. Nach zehn Minuten traf er ein. Paula stieg
-in ein leeres Coupé, und als der Zug sich neuerdings in Bewegung setzte,
-ließ sie ein Fenster herab und blickte hinaus auf die Gegenden, an
-denen der Zug vorüberbrauste. Berg reihte sich an Berg, ein jeder anders
-gebildet, ein jeder schön; Hügel kamen und Wiesen, Dörfer, Kirchen,
-Kapellen tauchten auf und verschwanden. Paula schaute alles an, was sich da
-zeigte und rasch wieder unsichtbar wurde, und versank in Nachdenken.
-
-Sie dachte an das, woran sie immer dachte, Tag und Nacht, ununterbrochen.
-Daß das Gehirn nicht stumpf und müde wird, wenn es immer und ewig
-denselben Gedanken durcharbeiten muß! Paula legte die Hand an die
-schmerzende Stirn. Wer hätte das jemals geglaubt! Was, was war aus ihr
-geworden! ... Diese schönen Berge! Ja, wer so stark, so groß sein könnte
-wie sie. Dieser weite, endlose Himmel! Diese friedlichen, kleinen Kirchen,
-der Trost so vieler Menschen, die Zuflucht der Verarmten! _Ihr_ waren diese
-Kirchen ein Bild des Schreckens; sie wuchsen empor, riesengroß, und ihre
-steinernen Mauern, ihre Türme und Glocken, ihre Altäre und Heiligenbilder
-drängten sich zwischen ihr Herz und ein anderes, ihr so namenlos teueres
-Herz ... Noch vier Tage, nur noch vier Tage und dann ... Gott im Himmel!
-Ist's nicht genug, daß Du den Tod eingesetzt hast, muß auch noch das
-Leben kommen, um die Menschen voneinander zu reißen!
-
-Sie hatten nichts verbrochen. Daß er sie, sie ihn liebte, ... wen
-kümmerte das? Seit der Neujahrsnacht hatten sie sich kaum gesprochen, oft
-tagelang nicht gesehen. Aber sie _wußten_ doch, daß sie einander nahe.
-Nun werden bald Berge zwischen ihnen liegen; sie wird ausgehen und ihn
-nirgends finden, -- und er, -- wie wird er leben können ohne sie? Ein
-Blick, ein Wort, ein Gruß, -- das alles ist so viel, wenn man liebt, --
-und alles entbehren müssen, alles, bis auf das kleinste ... Du gehst fort
-und ich bleibe hier ... Unerträglich! Unmöglich. Und dennoch wird es
-getragen sein müssen, _wird_ getragen werden und das Leben wird den alten
-Gang gehen. Das war es eben. Ja, wenn man sterben könnte. Aber nein. Das
-Leben bleibt, ... keine Sorge! Das geht nur dann, wenn man es lieb hat ...
-
-Der Zug hielt bei einer kleinen Station. Ein alter Kapuzinermönch bestieg
-das Coupé, wo Paula saß, und ließ sich in der Nähe des jungen Mädchens
-nieder. Sie dankte seinem stummen Gruß und betrachtete ihn. Er sah
-armselig und bekümmert aus, sein Haar und Bart waren ungepflegt, sein Auge
-blickte traurig. »Hat man auch Dich gezwungen, Mönch zu werden?« dachte
-Paula. Aufs neue starrte sie zum Fenster hinaus.
-
-Was für ein herrlicher Mensch er geworden wäre, wenn sie ihn seinen
-eigenen Weg hätten gehen lassen! Er besaß nicht _einen_ hervorragenden
-Fehler. Vielleicht daß er zu weich, zu schwach gewesen war, ... aber wer
-weiß, mit welchen Mitteln sie auf ihn eingewirkt und ihn zum Nachgeben
-gezwungen hatten. Er war ja sonst kein Schwächling; daß er sich
-unglücklich fühlte, hatte sie erraten; er selber klagte niemals und
-klagte niemanden an; immer war er freundlich, gut, teilnahmvoll. Als er
-eines Tages zu ihr kam und sagte: »Der Vikar in Keßten ist gestorben und
-ich bin zu seinem Nachfolger bestimmt,« als er bemerkte, was für einen
-Eindruck diese Mitteilung auf sie ausübte, daß sie sich mit beiden
-Händen am Tisch festhalten mußte, um nicht umzufallen: da war er stark
-geblieben, hatte noch zu lächeln und sie zu trösten versucht. »Liebe
-Freundin,« hatte er gesagt, »versprechen wir uns gegenseitig, daß wir
-während der kurzen Zeit, die ich noch hier verbringe, den bevorstehenden
-Abschied mit keiner Silbe berühren wollen, ... er wird frühe genug
-kommen. Das Heute gehört uns; was morgen erfolgt, kümmere uns heute
-nicht. Wer weiß, ob wir es erleben.« -- »Ja, ja, wir wollen nicht davon
-sprechen,« hatte sie mit tonloser Stimme erwidert und beide hatten Wort
-gehalten.
-
-Sie meinte ihn vor sich zu sehen, -- so klar stand sein Bild vor ihrem
-seelischen Blick; seine Art zu grüßen, seinen Gang, seine Bewegungen, --
-alles glaubte sie zu sehen. Viele seiner Worte fielen ihr ein ... Dichter
-zog sie den Schleier vor das Gesicht und bedeckte die Augen mit den
-Händen. Jetzt schaute sie die Kirche ihres Dorfes ... Dort sah sie ihn
-häufig, denn sie besuchte das Gotteshaus immer, wenn sie ihn drinnen
-wußte. Er hatte sie einmal darum gebeten und sie hatte ihm noch keinen
-Wunsch abgeschlagen und würde es auch niemals tun; und doch war es eine
-Qual für sie, ihn in der Kirche zu sehen. Wie war er dort verändert!
-Diese eigentümlich unsichere Haltung am Altar und auf der Kanzel, ... und
-wenn er predigte, wie zaghaft hob er zu sprechen an! Und doch predigte
-er gut; liebevoll und duldsam. Seine nicht kräftige, sich leicht
-umschleiernde Stimme drang zum Herzen; er tadelte niemals; höchstens daß
-er ermahnte, daß er seine Gemeinde bat und beschwor, so zu leben, daß sie
-dereinstens ohne Furcht Rechenschaft ablegen könnte über ihre Taten ...
-Augustinus und Thomas von Kempten waren seine Lieblinge; von diesen
-zitierte er oft wundervolle Aussprüche, erklärte sie, führte sie aus,
-begeisterte sich daran ... Alle wollten _ihm_ beichten, weil er so gut, so
-nachsichtig war; so ganz anders als der Dekan und der junge Mönch, ...
-und das war es eben, was diese ihm nicht verzeihen konnten. Sein Herz,
-sein innerstes Wesen riefen ihn immer wieder zurück in die Welt, zu
-den Menschen, zu den Freuden des Familienlebens, ... er verstand und
-entschuldigte alle Fehler und Schwächen, und deshalb mußte er fort. Dem
-Kleide nach gehörte er dem Priesterstand an, aber nur dem Kleide nach; sie
-konnten ihn nicht brauchen; ein unnützes Glied, mußte er abgehauen werden
-und verschwinden. In jenem abgelegenen Ort, wohin sie ihn verbannten,
-konnten seine allzu große Duldsamkeit und Menschenliebe nicht viel
-schaden; dort mochte er verkümmern. Das wollten sie, und so wird es auch
-geschehen.
-
-Sie erwachte aus ihrem Sinnen. Beobachtete sie jemand? Sie glaubte einen
-Blick zu spüren, schaute auf und begegnete den Augen des alten Mönches.
-
-»Ich sehe Sie schon lange an,« sagte dieser zu ihr. »Warum sind Sie so
-traurig?«
-
-Paula ließ den Kopf hängen, gab jedoch keine Antwort.
-
-»Wohin fahren Sie?« fragte der Mönch weiter.
-
-»Zuerst nach -- Dorf. Von dort will ich mit einem Wagen nach Keßten
-fahren.«
-
-»Bis nach Keßten führt Sie kein Wagen. Die Wege sind zu schlecht, zu
-schmal und zu steil. Das würde kein Pferd aushalten.«
-
-»Dann werde ich zu Fuß gehen.«
-
-»Das ist ein langer und beschwerlicher Weg. Und den wollen Sie ganz allein
-machen? Erwartet Sie in -- Dorf jemand?«
-
-»Niemand.«
-
-»Dann geben Sie acht, daß Sie sich nicht verirren.«
-
-»Ich kann ja manchmal nach dem Weg fragen,« sagte Paula.
-
-»Haben Sie in Keßten Freunde oder Verwandte?« fragte der Mönch nach
-einer kurzen Stille.
-
-»Nein.«
-
-»Weshalb suchen Sie in der jetzigen unfreundlichen Jahreszeit diesen
-weltentlegenen Ort auf?«
-
-»Ich will ihn kennen lernen,« sagte Paula und nichts weiter.
-
-Der Mönch gab das Fragen auf, betrachtete aber das ernste, blasse Mädchen
-aufmerksam. Der Zug langte am Ort an, wo Paula aussteigen mußte. Sie erhob
-sich und verabschiedete sich von dem Mönche.
-
-»Der Friede des Herrn komme über Sie,« sagte dieser und sah sie
-bedeutungsvoll an. »Ich will für Sie beten. Gelobt sei Jesus Christus.«
-
-»Amen,« sprach Paula trübe und verstört und verließ den Waggon. Sie
-wartete, bis der Zug davongefahren war, und schlug dann den Weg zum Dorfe
-ein. In einem sauber aussehenden Wirtshause kehrte sie ein, suchte die
-Wirtin auf und fragte, ob diese ihr einen Wagen zur Verfügung stellen
-könnte.
-
-»Wohin wollt's denn fahren?« fragte die Wirtin.
-
-»Nach Keßten.«
-
-»O mei! Das is weit. Bis zum Berg kann i Ihna scho' fahren lassen, ...
-aber über'n Berg hinüber müßt's halt z' Fuß laufen.«
-
-»Das will ich ... Bitte, lassen Sie nur gleich anspannen.«
-
-»Wollt's was essen oder trinken?«
-
-»Nein, ich danke.«
-
-Die Wirtin führte sie in die Gaststube. Paula setzte sich und wartete auf
-den Wagen. Nach Ablauf einer halben Stunde fuhr dieser am Tor vor. Hastig
-ging Paula hinaus, nahm an der Seite des Kutschers Platz und das Pferd
-setzte sich in Bewegung.
-
-Es war sehr kalt. Paula hüllte sich fester in ihren Mantel, der Kutscher
-breitete eine Pferdedecke über ihre Füße und meinte gutmütig: »Kan'
-fein' Tag habt's Euch just net ausg'sucht.«
-
-»Das ist wahr,« sagte Paula mechanisch. Ihr Nachbar war sehr
-gesprächiger Natur. Er machte sie auf mancherlei aufmerksam, nannte ihr
-die Namen der Dörfer, an denen sie vorbeifuhren, sagte ihr, wie die Berge
-hießen und fragte sie wiederholt, ob ihr nicht kalt wäre. »Ös[17]
-seid's so blaß,« fügte er sich gleichsam entschuldigend hinzu. Sie
-beruhigte ihn; ihr wäre nicht kalt, er möchte nur rasch fahren.
-
-»Wie lange braucht es, um über den Berg zu gehen, der nach Keßten
-führt?« fragte sie.
-
-»Wer'n schon drei Stunden sein.«
-
-Er trieb das Pferd zu größerer Eile an. Sie kamen sehr rasch vorwärts
-und hatten nach zweistündiger Fahrt ihr Ziel erreicht.
-
-Am Fuße des Berges lag ein kleines Dorf. Paula war steif und ausgekältet
-von der Fahrt, und da sie auch Hunger zu spüren begann, beschloß sie,
-sich vor ihrer Wanderung ein wenig zu stärken. Sie ließ sich vom
-Kutscher ein Wirtshaus zeigen und verlangte dort nach Speise und Trank. Die
-Kellnerin fragte sie, wohin ihr Weg sie führe, und Paula gab abermals die
-gewünschte Auskunft.
-
-»Nach Keßten!« sagte das Mädchen. »Aber bleiben werdet's net dort?«
-
-»Nein. Ich halte mich bloß ein paar Stunden dort auf.«
-
-»Ah so!«
-
-»Ist denn Keßten ein so schrecklicher Ort?« fragte Paula.
-
-»I' woaß net, ... i' bin nie noch drenten g'west. Aber g'falln' tut's
-koanem, hab' i' g'hört.«
-
-Paula stellte keine weitere Frage, verzehrte ihr einfaches Mahl, beglich
-ihre Schuld und machte sich dann auf den Weg.
-
-»Nur immer g'rad' hinauf!« rief die Kellnerin ihr nach. »Es is' nur der
-oane Weg ... Ös könnt's gar net fehl gehen.«
-
-Paula dankte für die Auskunft und schritt langsam den Berg hinan. Auf
-dem schmalen Wege lagen halb verfaulte Blätter, rechts und links standen
-entlaubte Bäume und über allem hing ein grauer, wolkenschwerer Himmel.
-Manchen Baum hatte der Sturm geknickt, und sie lagen quer über den Weg und
-ihre dürren Äste raschelten unter dem Fuß der einsamen Wanderin. Um sie
-herum war es so still, nichts lebte in der noch winterlichen, abgestorbenen
-Natur, und diese schweigende Trauer senkte sich tief und tiefer in Paulas
-ahnungschweres Herz. Ihr war zumute, als ob sie weinen, als ob sie jemanden
-um Hilfe anrufen müßte ... »Warum sind Sie so traurig?« hatte der
-fremde alte Mönch sie gefragt. »O! Nicht meinetwegen! Meinetwegen nicht,
-frommer Vater. Hinlegen möchte ich mich auf die nasse Erde, möcht'
-langsam verhungern, wenn ich dadurch seinen Frieden und sein Glück
-erkaufen könnte. Aber was Menschen und Bücher auch sagen, -- ohnmächtig
-ist die Liebe; sie kann weinen und fühlen, -- aber helfen, ... das ist ihr
-oft versagt.«
-
-Nach zweistündiger Wanderung hatte Paula den Gipfel des Berges erreicht.
-Vom raschen Gehen war ihr warm geworden, ihr Herz schlug laut und ihre
-Wangen glühten. Sie holte tief Atem und schaute in das Tal hinab. Zu ihren
-Füßen lag das Dorf Keßten. Von zwei Seiten schlossen es rauhe Felsen
-ein, nach Osten und Norden lag es frei und man erblickte in diesen
-Himmelsgegenden Wiesen, Wälder und kleine Ortschaften. Das Kirchlein des
-Dorfes stand außerhalb des Ortes, auf einem schmalen, baumlosen Hügel;
-die Häuser lagen zerstreut. Waren sie wirklich so klein und armselig oder
-täuschte die Entfernung? Und welches mochte der Pfarrhof sein? Kein Haus
-überragte das andere; an keines schloß sich ein Garten an; neben einigen
-befanden sich wohl kleine Gemüsegärten, aber Bäume und Lauben waren
-nirgends zu sehen.
-
-Mit einem bangen Seufzer schickte Paula sich an, ihren Weg fortzusetzen.
-Der Pfad abwärts war steil und unbequem. Stellenweise kam Paula ins
-Laufen und war oft nahe daran, auszugleiten. Erschöpft, atemlos und mit
-zitternden Knieen langte sie unten an und sah jetzt das Dorf in der Nähe.
-Ihr Blick hatte sie nicht betrogen. Diese Häuser waren nichts Besseres
-als ärmliche Hütten. Einige alte Leute, Männer und Frauen, kamen ihr
-entgegen. Die wollte sie eben nach dem Pfarrhof fragen, als sie schaudernd
-innehielt. Diese Leute, erkannte sie nun, waren Kretins; sie grinsten sie
-an, lallten unverständliche Worte und schwankten an ihr vorüber.
-
-»Glieder _seiner_ Gemeinde!« dachte Paula und ging, seltsam erschüttert,
-weiter. Vor der ersten der Hütten stand eine Bäuerin und an diese
-richtete Paula ihre Frage.
-
-»Der Pfarrhof liegt drunten, am anderen End' vom Dorf, g'rad' gegenüber
-vom Freithof[18],« sagte die Frau. »Aber was wollt's denn dort? Unser
-Herr is g'storben und der neue Vikar is noch net kimma.«
-
-»Aber die Wirtschafterin des verstorbenen Vikars wohnt doch noch dort?«
-
-»Ja. Also zu _der_ wollt's.« Die Frau sah sie halb neugierig, halb
-mißtrauisch an. »Seid's von ihrer Freundschaft[19]?«
-
-»Ja,« sagte Paula, grüßte und ging weiter. Als sie durch das Dorf
-schritt, fiel ihr die Dürftigkeit der Häuser noch peinlicher ins Auge;
-ein Rudel schmutziger Kinder trieb sich auf der Straße umher; alle
-stierten sie verwundert an. Jetzt hatte sie den Friedhof erreicht und
-blickte um sich. Eines der Häuser, einstöckig, mit grauen Fensterläden
-und einem vielfach geflickten Schindeldach, machte einen etwas besseren
-Eindruck als die umstehenden.
-
-»Das muß der Pfarrhof sein,« dachte Paula, ging auf das Haus los und
-klopfte an das Tor.
-
-»Herein!« rief drinnen eine weinerliche Frauenstimme. »Wer ist denn
-da?«
-
-Paula öffnete das Tor und trat in den Hausflur. Eine schwarz gekleidete,
-ungefähr fünfzigjährige Frau kam ihr entgegen. Von Gestalt war die Frau
-klein und schmächtig, sie hatte ein verhärmtes Gesicht und rotgeweinte
-Augen. Ihr ganzes Wesen drückte schüchterne Verzagtheit aus.
-
-»Was steht zu Diensten?« fragte sie, durch den Anblick einer Fremden
-sichtlich in Angst versetzt.
-
-»Verzeihen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Paula. »Ich werde Sie nicht
-lang aufhalten; ich habe Sie nur einiges zu fragen.«
-
-»Wollen Sie nicht hinaufspazieren, ins Wohnzimmer vom seligen Herrn?«
-fragte die Frau und Tränen schossen in ihre Augen und liefen über
-ihre eingefallenen Wangen; hastig trocknete sie sich das Gesicht mit der
-Schürze ab. Sie ging voran und geleitete Paula in ein über alle Begriffe
-unwohnliches Gemach. An den schadhaften Stellen der Wandmalerei und an den
-Löchern in den Wänden konnte man erkennen, daß hier Möbel angerückt
-gewesen waren und Bilder und Gardinen gehangen hatten. Ordnungslos,
-teilweise in Stroh gewickelt, standen Möbelstücke umher, auf einem mit
-Staub bedeckten Tisch und einigen Stühlen lagen Pakete. Die Frau säuberte
-die Stühle und wischte mit der Schürze den Staub von denselben und bat
-Paula dann, Platz zu nehmen.
-
-»Die Sachen gehören dem neuen Herrn Vikar,« sagte sie. »Vor ein paar
-Tagen sind sie angekommen. Ich traue mich nichts anzurühren, ... es
-könnte dem Herrn nicht recht sein. Aber schrecklich traurig sieht's hier
-aus, ... wie in einer Möbelhandlung oder bei einer Versteigerung.«
-
-»Sie sollten doch Ordnung schaffen,« bemerkte Paula. »Bedenken Sie den
-Eindruck, den diese Unordnung auf einen Ankömmling machen muß!«
-
-»Was kann ich tun?« entgegnete die Frau mit trübem Kopfschütteln.
-»Weiß ich denn, ob ich das Richtige treffe!«
-
-»Ich werde Ihnen dabei behilflich sein,« sagte Paula und legte Hut und
-Mantel ab. »Ich kenne Ihren neuen Vikar. Er wird uns Dank wissen, wenn wir
-die Wohnung zu seinem Empfang ein wenig herrichten.«
-
-Die arme Frau ging auf den Vorschlag gern ein. Sie machten sich an die
-Arbeit, packten die Möbel aus, hingen Gardinen an die Fenster, schlugen
-im Nebenzimmer das Bett auf, und Paula erwies sich bei allem, was sie
-anfaßte, so geschickt und unermüdlich, daß die Frau nicht mithin konnte,
-das junge Mädchen zu bewundern.
-
-»Vieles fehlt noch,« sagte Paula, als sie fertig waren, zog ein Notizbuch
-hervor und schrieb einiges auf.
-
-»Ich dachte mir, daß dem so sein würde, und deshalb bin ich gekommen.
-Das Küchengeschirr hat der Herr Vikar ganz und gar vergessen.«
-
-Sie lächelte flüchtig; es machte ihr Freude, wie eine Hausfrau für ihn
-sorgen zu dürfen, und nachdenklich rieb sie sich die Stirn. »Habe
-ich alles notiert?« fragte sie sich selbst. Ja. Ihr praktischer,
-hausmütterlicher Sinn hatte alles übersehen. Sie wußte, was noch
-angeschafft werden mußte, auf daß die Wirtschaft, wie es sich gehörte,
-geführt werden konnte.
-
-»Versäumen Sie nur nicht, die Fenster am Tag offen zu lassen, damit
-frische Luft in den Zimmern herrsche,« sagte sie und setzte sich
-erschöpft und mit erhitzten Wangen nieder. »Und am Tag, wo der Herr Vikar
-ankommt, heizen Sie in den Stuben tüchtig ein ... Es ist noch sehr kalt
-und der Herr Vikar nicht kräftig.«
-
-Die Frau versprach das alles zu tun und schlug plötzlich die Hände vor
-das Gesicht.
-
-»Ich kann's noch immer nicht glauben, daß mein guter Herr tot ist, daß
-ein anderer ...«
-
-Tränen erstickten ihre Stimme.
-
-»Sie haben den verstorbenen Vikar wohl sehr lieb gehabt, nicht wahr?«
-fragte Paula, das trostlose Gesicht der Frau teilnahmvoll betrachtend.
-
-Diese fing laut zu schluchzen an. »Gott weiß, wie sehr er's verdient hat,
-daß alle Leut' ihn lieb gehabt haben,« sagte sie endlich. »Er war ein
-so braver Herr und so wohltätig und geduldig; denn hier zu leben ist keine
-leichte Aufgabe, meine liebe Fräul'n; aber er hat alles ruhig ertragen,
-bis zum letzten Augenblick und hat immer noch auf die Armen gedacht ...
-Und jung war er auch noch, ... bereits erst vierzig Jahre alt und hat schon
-sterben müssen. Aber es ist ihm immer vorgegangen, daß er bald sterben
-wird, und wie wir hergekommen sein -- das sein nun bereits fünf Jahre
-her --, hat er zu wir gesagt: ›Leni,‹ hat er gesagt, ›wirst sehen,
-hier halte ich's nicht lange aus; ich werde es machen wie die anderen, die
-hier gewesen sein, ich werde bald sterben.‹«
-
-»Warum sagte er: ich werde es machen wie die anderen?« fiel Paula
-erblassend ein. »Ist denn das Klima hier so ungesund?«
-
-»Sehr, meine liebe Fräul'n. Schauen Sie einmal zum Fenster hinaus; sehen
-Sie, von zwei Seiten kann der Wind herkommen und Wind haben wir das ganze
-Jahr. Und schauen Sie sich die Wiesen an, ... nichts als sumpfiger Boden;
-deswegen kriegen's auch hier so leicht das Fieber. Und die Leut' hier sein
-arm; viel Kinder haben alle, ... aber sonst gibt es hier keinen Segen. Obst
-wächst keines und auch kein Getreide, ... die Luft ist so rauh, wir
-haben einen schrecklich langen Winter und einen so kurzen Sommer, und
-im Frühjahr schwemmt's den Schnee von den Bergen herunter, daß man
-verzweifeln könnt'. Ja, mein lieber seliger Herr hat hier nichts Gutes
-gehabt. Ich bitte Sie, wo alle arm sind, ist der Seelsorger auch arm; in
-anderen Pfarren muß die Gemeinde dem Geistlichen Abgaben entrichten, an
-Getreide oder sonst was, ... aber hier! Was sollen die Leut' hergeben,
-wenn sie selber nichts haben? Wenn ich reden wollt', könnt' ich manches
-erzählen ... Wir haben oft nicht gewußt, wie einfach wir leben sollen,
-um drauszukommen ... Und so viele Leut' sind hier alleweil krank und die
-Häuser liegen nicht beisammen, ... eines da, das andere dort, ... und die
-Kranken wollen doch, daß der Geistliche sie heimsuchen kommt. Und dann
-haben die Sappermenter die Kirche noch auf einen Berg hinbaut ... Denken
-Sie nur, was es heißt, jeden Tag dort hinauf gehen! Bei jedem Wetter.
-Im Winter war es oft schier unmöglich, ... da hat der Herr sich erst mit
-einer Schneeschaufel den Weg frei machen müssen, ... die Messe muß halt
-doch gelesen werden und der Herr hätte es auch nicht anders getan, ...
-er war so brav. Aber gehustet hat er schon lang und das Fieber hat er auch
-gehabt, ... und dazu das schlechte Wasser und nur zweimal in der Woche
-Fleisch, ... und was für eines! Die Leut' haben ja recht, wenn sie den
-Ort den geistlichen Tod nennen; keiner der Herren ist hier gesund
-geblieben, ... alle sein lungenkrank geworden und gestorben.«
-
-Ein kalter Schauer kroch durch Paulas Gebein. Lungenkrank geworden, --
-gestorben, -- der geistliche Tod. Ihr war, als ob sich die Zukunft vor
-ihr öffnete, -- groß, schwarz, unerbittlich. Darum also hatten sie ihn
-hierher verbannt.
-
-»Weshalb wurde Ihr Vikar, der doch ein braver Priester war, gerade nach
-Keßten versetzt?« fragte sie gedankenlos.
-
-»Das mag der liebe Himmel wissen! Soviel ich gehört habe, hat er's einem
-Freund zuliebe getan; der war nicht recht gesund und hätte nach Keßten
-kommen sollen, und da hat halt mein Herr gebeten, sie möchten ihn statt
-seinem Freund hierherschicken. Sie haben recht, Fräul'n; ein braver
-Priester gehört an einen besseren Ort und es sein halt auch immer
-schlechte Herren hier gewesen, ... oder nicht gerade schlechte, aber halt
-leichtsinnige Herren, die nicht gut getan haben. Hier freilich sein alle
-still und dasig geworden und alle haben wieder fort wollen, ... aber die
-Herren in Salzburg sein ein bissel streng, wenn einer von ihren Geistlichen
-sich was hat zu schulden kommen lassen, und so haben sie einem jeden
-geschrieben, er soll nur bleiben, wo er ist. Und sie sein auch alle hier
-geblieben, ... draußen, auf dem Freithof, liegt einer neben dem anderen.«
-
-Nach vorne gebeugt, die Finger krampfhaft ineinander verschlungen, saß
-Paula da; in ihrem leichenblassen Gesicht spiegelte sich eine so qualvolle
-Bangigkeit wider, daß die Frau, von einer unbestimmten Ahnung erfaßt,
-ihren Stuhl hart an den des Mädchens rückte und die Hand auf Paulas Arm
-legte.
-
-»Warum geht Ihnen das Schicksal der armen fremden Herren so nahe?« fragte
-sie leise.
-
-Paula haschte nach den abgearbeiteten Händen der Frau und schaute ihr in
-die Augen. Es war ein langer, langer, flehender Blick.
-
-»Ich will Ihnen sagen, warum,« sprach sie dann stoßweise. »Sie sind
-gut, Sie werden mich verstehen. Sie wollen doch dem neuen Vikar die
-Wirtschaft führen?«
-
-»Wenn er mich mag ...«
-
-»Er wird. Sagen Sie ihm nie, daß ich hier war. Er ... er kümmert sich
-nicht um mich« (sie wandte das Gesicht ab bei diesen Worten), »ich bin
-ihm ... gleichgültig. Er braucht also von alledem nichts zu wissen.«
-Sie hielt einen Augenblick inne. »Und noch eines,« sprach sie hierauf.
-»Achten Sie auf ihn, sorgen Sie für ihn, wie Sie es für Ihren nun toten
-Herrn getan haben. Sie werden ihn lieb gewinnen, er ist gut und wird Sie
-rücksichtsvoll behandeln. Geloben Sie mir, das alles zu tun?«
-
-»Mein Gott, ja. Ich werde den Herrn Vikar wie meine Augen behüten. Ist er
-noch jung?«
-
-»Dreißig Jahre ist er alt,« sprach Paula. Ihre Stimme zitterte.
-
-»Und Sie haben ihn halt gern,« sagte die Frau mitleidvoll.
-
-Paula gab darauf keine Antwort.
-
-»Leben Sie wohl,« sagte sie. »Ich habe einen weiten Weg vor mir und kann
-mich nicht länger aufhalten.« Sie drückte der anderen eine Banknote in
-die Hand und wehrte die Frau, die ihr die Hand küssen wollte, hastig ab.
-»Danken Sie mir nicht, ... Sie leisten mir viel größere Dienste, als
-ich jemals vergelten kann. Vergessen Sie nur nicht, was Sie mir versprochen
-haben. Seien Sie gut gegen ihn, ... er ... er braucht Teilnahme, ... und
-leben Sie wohl, leben Sie wohl.«
-
-Rasch eilte sie aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus und
-lenkte den Schritt nach dem Kirchhof. Unter den ärmlichen Holzkreuzen
-ragte eine Reihe von Grabsteinen hervor; zu diesen ging Paula hin und las
-die Inschriften. Da lagen die »Herren« ... Das junge Mädchen kniete
-neben dem letzten der Gräber nieder, klammerte sich mit beiden Händen an
-den Stein und starrte auf das Grab. Der Fleck, auf dem sie kniete, war ein
-Stück ebener, mit Gras bewachsener Erde. Da drunten ruhte niemand; diese
-Wohnung war noch leer.
-
-Zur selben Stunde saß Georg Harteck mit seiner Schwester am Fenster und
-plauderte mit ihr. Plötzlich gab es ihm von innen gleichsam einen Stoß
-und er schüttelte sich, als ob er Fieber hätte.
-
-»Ist Dir kalt?« fragte Anna. »Soll ich das Fenster schließen?«
-
-»Nein,« antwortete er. »Mir lief nur ein Schauer durch den Leib. Es geht
-schon wieder vorüber.«
-
-»Weißt Du, was das nach dem Aberglauben der Leute bedeutet?« fragte die
-Schwester mit leisem Lachen. »Daß jetzt jemand auf Dein Grab getreten
-ist ... So ein Unsinn!«
-
- * * * * *
-
-Zum Tode matt und mit schwerem Herzen erreichte Paula am Abend den Bahnhof.
-Sie hatte nicht nur den Berg aufs neue übersteigen, sondern auch den Weg
-vom Fuße des Berges bis zur Bahnstation zurücklegen müssen und kam kurz
-vor Eintreffen des Zuges an ihrem Ziele an. Ihre Stimme klang erschöpft,
-als sie jetzt den Schaffner bat, ihr ein möglichst leeres Coupé
-anzuweisen, und der Mann war gefällig genug, ihr einen Waggon
-aufzuschließen, in dem sich nur ein einziger Passagier befand. Dieser
-stand am Fenster und wendete sich um, als er jemanden einsteigen hörte;
-doch er kehrte dem jungen Mädchen, das still in der entgegengesetzten Ecke
-Platz nahm, sogleich wieder den Rücken zu, lehnte sich ins offene
-Fenster und sah neuerdings auf die Gegend hinaus. Paula würde ihren
-Reisegefährten wahrscheinlich gar nicht beachtet haben, wenn nicht der
-schwarze, weit über die Kniee reichende Rock und das schwarze Kollare ihr
-verraten hätten, daß sie mit einem katholischen Priester fuhr. Längere
-Zeit, vielleicht um irgendeine Beschäftigung zu haben, blickte sie ihn
-prüfend an. Er war sehr sauber gekleidet, hatte ein Reisetäschchen, an
-einem Riemen befestigt, um den Leib hängen, und unter seinem schwarzen,
-runden Hut quoll dichtes, blondes Haar hervor. Auf der Bank neben ihm lagen
-ein Buch und mehrere Zeitungen.
-
-Der Schaffner zeigte sich auf dem Trittbrett und streckte den Kopf zur Tür
-herein.
-
-»Wohin fahren Sie, Fräulein?« fragte er.
-
-»Nach St. Jakob,« antwortete Paula und wies ihr Billett vor. Bei diesen
-Worten drehte der junge Geistliche sich plötzlich um und sah das junge
-Mädchen flüchtig an. Er war noch sehr jung und sein hübsches, von
-der Gebirgsluft frisch gefärbtes Gesicht ließ auf Intelligenz,
-Selbstvertrauen und Entschlossenheit raten; seine graublauen Augen blickten
-ein wenig kalt und um seinen vollen roten Mund lag ein Zug, der eine
-gewisse trotzige Härte bekundete. Die Gestalt des jungen Mannes erreichte
-die Mittelgröße und war schlank, obschon durchaus kräftig. Er machte den
-Eindruck eines geistig und körperlich gleich gesunden Menschen.
-
-»Hochwürden fahren auch nach St. Jakob?« fragte ihn der Schaffner.
-
-Der junge Geistliche nickte stumm und nahm seine vorige Stellung wieder
-ein.
-
-Der Schaffner zog sich zurück, ein Pfiff ertönte und der Zug setzte sich
-in Bewegung.
-
-Von ihrem Mitpassagier war keinerlei Störung zu befürchten und Paula
-wußte ihm Dank dafür: mit einem Fremden zu sprechen wäre ihr qualvoll
-gewesen. Im Geiste jedoch legte sie sich die Frage vor, was dieser junge
-Mann in St. Jakob zu tun haben mochte, ob er bloß auf Besuch käme oder
-ob er vielleicht Georgs Nachfolger wäre. Sein Nachfolger! Bei diesem
-Worte erwachte wieder alles: der bevorstehende Abschied, das
-Nimmerwiedersehen, ... sie sah den häßlichen Ort vor sich, von dem sie
-kam, den dürftigen Pfarrhof, die arme Frau mit den rotgeweinten Augen, den
-Gottesacker, die Gräber, ... und die entsetzliche Bezeichnung des Ortes:
-der geistliche Tod klang traurig wie ein Zügenglöcklein in ihrem Ohre
-nach ... Wenn sie allein gewesen wäre, würde sie sich auf die Bank gelegt
-und recht, recht bitterlich geweint haben.
-
-Der junge Geistliche stand noch immer am Fenster und fuhr fort, die
-Gegenden zu betrachten, obwohl er nicht mehr viel sehen konnte. Der Abend
-war hereingebrochen, Berg und Tal verschwammen in dunklen Umrissen.
-Sie waren ihrem Ziel schon nahe, als der junge Mann, des zwecklosen
-Hinausstarrens müde, seinen Platz am Fenster verließ, sich setzte
-und nach einer Zeitung griff. Die Lampe im Waggon verbreitete ein nur
-spärliches Licht und der Geistliche gab das Lesen bald wieder auf. Er fuhr
-mit der Hand ein paarmal über seine Augen, verkreuzte die Beine, trommelte
-mit dem Fuß auf dem Boden, sah nach der Waggondecke, den Fenstern, den
-Bänken und endlich nach Paula. Er hatte jenen eigentümlichen, kalt
-abweisenden Blick, über den manche junge Geistliche verfügen, sobald sie
-Frauen ansehen. Sie scheinen dann mit den Augen sagen zu wollen: Gebt Euch
-keine Mühe; Ihr und wir haben miteinander nichts zu schaffen; für uns
-existiert Ihr nicht.
-
-Paula war sich bewußt, den Priester längere Zeit fixiert zu haben; sie
-hatte es ohne Arg, ja, fast mechanisch getan. Jedoch sein scharfer, ans
-Feindselige streifender Blick belehrte sie, daß er es übelgenommen.
-Gleichgültig wendete sie die Augen von ihm ab.
-
-Der junge Mann schien unter dem Druck einer großen Ungeduld oder Unruhe zu
-sein. Paula konnte ihn zwar nicht sehen, weil sie absichtlich vermied, ihn
-anzublicken; aber sie hörte ihn bald aufstehen, bald wieder Platz nehmen,
-seine Handtasche auf- und zuschnallen, auf seinem Sitze hin- und herrücken
-und einige Male seufzen. Die Fahrt dünkte ihn wohl schon lang. Als der
-Zug endlich in St. Jakob einlief, stand der Geistliche hastig auf, hatte
-jedoch, trotz seiner sichtbaren Ungeduld, die Höflichkeit, zu warten,
-bis seine Reisegefährtin ausgestiegen sein würde. Paula verbeugte sich
-flüchtig, bevor sie das Coupé verließ, der Geistliche lüftete den Hut
-und damit trennten sie sich.
-
-Auf dem Perron erblickte Paula zwei wohlbekannte Gestalten: ihren Vater und
-an seiner Hand die kleine Toni. Sie eilte auf sie zu und küßte beide, der
-Arzt gab ihr den Arm, Toni faßte sie bei der Hand und so schritten sie, in
-scheinbarer Eintracht, ihrem Heim zu.
-
-Das Abendbrot stand schon auf dem Tisch, im Ofen brannte ein helles Feuer
-und die Lampe verbreitete im Gemach ein trauliches Licht.
-
-»Du bist gewiß recht müde, hungrig und ausgekältet,« sagte der Vater
-und half Paula Hut und Mantel ablegen, während Toni mit geschäftiger Eile
-die Hausschuhe der Schwester herbeibrachte. »Komm, setze Dich, mein Kind;
-erwärme und stärke Dich.«
-
-In Paulas Augen blitzten Tränen. Dieser liebevolle Empfang rührte sie und
-erweckte ein Gefühl der Reue in ihrer Brust. Wie sehr vernachlässigte sie
-diese Menschen, die ihr vor kurzem noch so viel, ja, alles gewesen waren!
-_Sie_ hatten sich nicht verändert; was aber war mit ihr vorgegangen! Seit
-vielen Tagen fehlte ihr der Mut, das Bild der Mutter anzuschauen und sie
-um ihren Segen anzuflehen. Sie wußte, daß die Tote, wenn sie sprechen
-könnte, jetzt nicht mehr sagen würde: »Ich bin mit Dir zufrieden,
-Paula.«
-
-Als Toni schlafen gegangen war, stand Paula auf, kniete neben dem Vater
-nieder und legte die Arme und den Kopf auf seinen Schoß. Er beugte sich
-auf sie herab und streichelte sanft ihr Haar. Lang, lang blieben beide
-stumm.
-
-Endlich sagte Paula: »Du fragst mich nicht, wo ich heute war. Ich will
-es Dir unaufgefordert sagen. Ich war in Keßten. O Vater, der Ort ist
-greulich. Sie heißen ihn den geistlichen Tod, weil die Luft dort so
-ungesund und die Seelsorge so beschwerlich ist, daß die Priester über
-kurz oder lang zugrunde gehen. Du weißt, Vater, daß er ... Herr Harteck,
-wollte ich sagen, ... nicht stark ist auf der Brust ... Ich beschwöre
-Dich« ... und sie blickte auf und hob die gefalteten Hände zu ihm
-empor ... »ich beschwöre Dich, rette ihn. Wenn Du ihn auch nicht
-liebst, ... so kannst Du doch nicht wünschen, daß er sterben soll!«
-
-»Ich wünsche nichts dergleichen,« versetzte der Arzt. »Was aber vermag
-ich zu tun? Soll ich mich in die Angelegenheiten mir völlig fremder
-Personen mengen? Mich um das Schicksal eines Priesters kümmern, der, wie
-leider allenthalben bekannt ist, meine eigene Tochter liebt? Soll ich zum
-Dekan gehen und ihn bitten, den Herrn hier zu lassen?«
-
-»Nein, Vater. Daß er gehen muß, ... darein habe ich mich gefunden. Aber
-nicht dorthin! Nicht an jenen traurigen Ort! Du brauchst ja bloß zu sagen,
-daß Du, als Arzt, für dringend geboten hältst, daß Harteck nach dem
-Süden gehe, ... daß die Herren ihn anderswohin versetzen möchten ...«
-
-»Was aber würde der Geistliche dazu sagen? Er hat meinen ärztlichen Rat
-niemals begehrt und ist, soviel ich weiß, gesund. Ich kann mich ihm doch
-nicht aufdrängen.«
-
-»Das sollst Du auch nicht. Gib mir nur Dein Wort, daß Du so sprechen
-wirst, wenn Deine Meinung verlangt werden sollte, ... alles andere
-überlaß _mir_.«
-
-»Das verspreche ich Dir gern,« sagte er und strich mit der Hand ihren
-Scheitel glatt. »Was aber hast Du vor? Ich spreche nicht von mir, bloß
-von Dir. Du wirst Deinen Ruf, Deine Zukunft, Dich selbst zugrunde richten,
-armes Kind.«
-
-»Ich habe nichts Schlimmes im Sinn,« antwortete Paula. »Ich gedenke nur
-Herrn Harteck zu bestimmen, sich von Dir untersuchen zu lassen, -- weiter
-nichts. Ich bereite Dir vielen Kummer, Vater, ich weiß es. Aber Gott ist
-mein Zeuge, daß ich es nicht mit Willen tue; wenn ich allein elend wäre,
-würde niemand darunter zu leiden haben, ... am allerwenigsten Du und
-Toni. Aber daß auch _er_ unglücklich ist, ... das ist es, was mich
-niederdrückt. Ich bin nun einmal so angelegt, daß ich diejenigen, die
-mir teuer sind, nicht leiden sehen kann, ohne daß mir das Herz darüber
-bricht.«
-
-»Du bist jung,« sprach der Arzt. »Ein langes Leben liegt vor Dir. Du
-wirst vergessen lernen.«
-
-»Niemals,« sagte Paula feierlichen Tones. »Ich werde ihn nie vergessen,
-Vater.« Sie stand bei diesen Worten auf und reichte ihm die Hand. »Nun
-gute Nacht,« sagte sie. Er schaute sie an und, von einem inneren Impulse
-getrieben, warf sie sich an seine Brust.
-
-»Verzeih mir, ... verzeih mir ...«
-
-Er war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Stumm hielt er sie an sein
-Herz gedrückt, -- seine Brust arbeitete heftig. Wohl stand ein Schatten
-zwischen ihm und dem Glück seines Hauses, er sah die Tochter elend und
-konnte nicht helfen. Aber er besaß doch wieder ihr Vertrauen, offen lag
-ihr krankes Herz vor ihm, er sah, daß in diesem verirrten Herzen noch
-Liebe für ihn wohnte und Reue, und er fing aufs neue zu hoffen an, daß
-alles noch gut werden könnte. Sie, die er in seinen Armen hielt, war
-die alte, schon verloren geglaubte Tochter; dem Himmel sei Dank! sie war
-endlich, endlich zum Vater zurückgekehrt.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-
-Am darauffolgenden Tag gefiel es dem launenhaften April ein freundliches
-Gesicht zu zeigen. Toni war selig darüber und jagte, einen Reif vor sich
-hertreibend, über die Gartenwege, während Paula, ein Buch in der Hand, am
-Geländer stand und abwechselnd auf das Kind und auf die Straße blickte.
-Alle, die vorbei kamen, grüßten sie, manche blieben stehen und sprachen
-ein paar Worte mit ihr, und Paula gab allen teilnahmvolle Antwort, --
-gerade so, wie sie es sonst getan. Auch der junge Schullehrer kam des Weges
-einher; er zögerte, da er des Mädchens ansichtig wurde, und überlegte,
-ob er sie anreden sollte oder nicht; sein Gefühl siegte, er blieb stehen
-und zog errötend den Hut vom Kopfe.
-
-Sie waren einander arg entfremdet; selten sahen sie, noch seltener sprachen
-sie sich. Er hatte diese Entfremdung niemals besser gefühlt als jetzt, wo
-sie ihn anblickte und seinen Gruß so höflich und gleichgültig erwiderte,
--- nicht anders, als ob sie einen wildfremden Menschen grüßte.
-
-»Wie steht Ihr Befinden, Fräulein Paula?« fragte er unsicheren Tones.
-
-»Danke, mir geht es gut. Und Ihnen?«
-
-»Nun, so, so.« Er bohrte seinen Spazierstock in die Erde und betrachtete
-ihn scheinbar aufmerksam. »Was liegt Ihnen auch an meinem Befinden!«
-
-In der Tat, ihr lag nicht viel daran; aber sie erwiderte: »Lassen Sie uns
-friedlich bleiben, ... ich bitte Sie darum. Was gibt es Neues?«
-
-»Nichts von Belang. Der Nachfolger des Kooperators ist gestern hier
-eingetroffen. Vielleicht interessiert Sie das.«
-
-Sie schwieg.
-
-»Und unser geliebter Seelsorger, Herr Harteck,« fuhr er mit einer
-Grimasse fort und stieß die Spitze seines Stockes heftig in den Erdboden,
-»ist ebenfalls heute morgen zurückgekehrt. Doch das war Ihnen ohne
-Zweifel schon bekannt.«
-
-»Nein,« sagte Paula.
-
-»Nicht? Das wundert mich.« Er nahm den Hut vom Kopfe und wirbelte mit den
-Fingern sein Haar auf. »Die Stunde, in der dieser Herr zum Teufel geht,
-wird die schönste meines Lebens sein,« sprach er und aus seiner Stimme
-schlug ingrimmige Schadenfreude heraus.
-
-Paula wendete sich zum Gehen.
-
-»O! bleiben Sie nur!« sagte der Lehrer. »Ich bin schon wieder artig.«
--- Finsteren Blickes starrte er die Straße hinab. »Der Wolf in der
-Fabel!« murmelte er. »Dieser Mensch läuft aber auch immer über meinen
-Weg.«
-
-Er bemerkte, daß Paula zusammenschrack und der Richtung seiner Augen
-folgte.
-
-»Adieu!« rief er kurz und entfernte sich mit großen Schritten.
-
-Sie beachtete ihn nicht weiter; dachte nicht einmal mehr an ihn. Ihr Blick
-ruhte unverwandt auf der näherkommenden schwarzen Gestalt. Harteck war
-nicht allein. An seinem Arm hing ein junger Mann, derselbe Geistliche,
-der gestern Paulas Reisegefährte gewesen war. Die beiden sprachen
-angelegentlich miteinander und schienen recht heiter zu sein; der fremde
-Geistliche hatte eine jugendlich klare Stimme, sprach lebhaft und lachte
-manchmal lustig auf.
-
-Paula konnte sich nicht verhehlen, daß dieser Anblick ihr wehe tat;
-Eifersucht regte sich in ihrer Brust. Wer war dieser Mensch, der sich
-so vertraulich auf Georgs Arm stützte, ihn so fröhlich zu stimmen
-wußte? ... Sie sah den jungen Mann mit zusammengezogenen Brauen und
-durchdringendem, fast feindseligem Blicke an.
-
-Ganz in sein Gespräch vertieft, bemerkte er sie nicht. Harteck jedoch
-wendete den Kopf nach dem Garten hin und entdeckte das junge Mädchen. Er
-sagte seinem Begleiter etwas ins Ohr, was zur Folge hatte, daß dieser
-die Augen auf Paula heftete und den Arm des anderen fahren ließ. Harteck
-schritt auf Paula zu, während der Fremde in einiger Entfernung stehen
-blieb und sich mit Cäsar, der auch dabei war, zu schaffen machte.
-
-Harteck reichte dem jungen Mädchen über dem Gartenzaun die Hand, und zum
-erstenmal zögerte Paula, seine Hand zu ergreifen; sie tat es am Ende doch,
-wenn auch sehr flüchtig, und fragte rasch: »Wer ist der Herr?«
-
-»Denken Sie sich diesen eigentümlichen Zufall,« sagte Harteck und
-der Ton seiner Stimme wie das schwache Rot auf seinen Wangen bekundeten
-freudige Erregung. »Ich habe Ihnen einige Male von einem Freunde
-erzählt, ... demjenigen, den ich wartete, da er krank war, ... übrigens
-habe ich bloß den _einen_ Freund ... und eben der ist bestimmt, mich hier
-zu ersetzen.«
-
-»In der Tat,« sagte Paula, »das ist ein seltsames Zusammentreffen.
-Es ... es freut Sie wohl sehr, ihn wiederzusehen?«
-
-»Sehr,« gab er arglos zu. »Er ist ein so prächtiger, lieber Mensch.«
-Zärtlich sah er nach ihm hin, und der junge Geistliche, der fühlen
-mochte, daß von ihm die Rede war, blickte ebenfalls auf die beiden.
-»Wollen Sie, daß ich ihn Ihnen vorstelle?«
-
-»Nein,« sagte Paula ablehnend. »Lieber ein anderes Mal.«
-
-Sie sagte es so gereizt, daß er sie befremdet ansah.
-
-»Was ist Ihnen?« fragte er. »Habe ich wider Willen das Unglück gehabt,
-Ihnen in irgend etwas zu mißfallen?«
-
-Worte und Ton entwaffneten sie, und sie versetzte mit kleinlauter Stimme:
-»Seien Sie mir nicht böse, ... aber ich kann Ihnen nicht verschweigen,
-daß es mir wehe tut, Sie so ganz erfüllt von Ihrem Freunde zu sehen, ...
-und das ein paar Tage vor Ihrem Abschied von hier und ... von mir ...«
-
-Sie kehrte das Gesicht weg.
-
-»Wie grausam Sie sind!« entgegnete er mit plötzlichem Ernst.
-»Mißgönnen Sie mir das Glück, jemanden lieb zu haben, und möchten Sie
-mich lieber traurig als ein wenig gefaßt und aufgeheitert sehen?«
-
-»Nein! O nein!« sprach sie rasch. »Aber ich sehe voraus, daß Sie sich
-während dieser letzten Tage ganz Ihrem Freunde widmen, mich vollständig
-vernachlässigen werden ...«
-
-»Das denken Sie nicht,« fiel er ein. »Das können Sie nicht denken,
-Paula.«
-
-Sie glaubte ihm und fühlte sich beschämt.
-
-»Rufen Sie Ihren Freund her, ich bitte Sie darum,« sprach sie errötend.
-
-In seinem Gesicht prägte sich ungeschminkte Freude aus. »Juchei[20]!«
-rief er sich umwendend und winkte dem jungen Geistlichen, heranzukommen.
-Dieser trat grüßend auf sie zu.
-
-»Mein Freund, Kooperator Perkow, Fräulein Reinberg,« sagte Harteck.
-
-Der Geistliche verneigte sich abermals.
-
-»Ich habe gestern schon das Vergnügen gehabt, das Fräulein zu sehen,«
-sagte er. »Wir sind eine Strecke weit zusammen gefahren.«
-
-»Davon hast Du mir gar nichts gesagt,« warf Harteck ein.
-
-»Ich habe ja nicht gewußt, daß Du mit dem Fräulein bekannt bist,«
-entgegnete der junge Mann. »Freilich hätte ich es mir denken können. Der
-Ort ist nicht so groß, als daß nicht alle Welt einander kennen sollte.
-Wohnen Sie schon längere Zeit in St. Jakob?« fragte er Paula.
-
-Sie bejahte die Frage, und weil er sich einige Auskünfte über Land und
-Leute von ihr erbat, erzählte sie ihm verschiedenes, wovon sie dachte,
-daß es ihn interessieren könnte; und schließlich sprach sie den Wunsch
-aus, daß es ihm hier recht gut gefallen möchte.
-
-»Das bezweifle ich keineswegs,« sagte der junge Priester. »Es gefällt
-mir hier recht wohl, die Gegend, der Ort, alles.«
-
-»Auch der Dekan?« fragte Harteck mit einem Lächeln.
-
-»Weshalb nicht? Wir werden uns gewiß miteinander vertragen. Übrigens war
-mein früherer Prinzipal auch kein Engel.«
-
-»Ich habe Dir schon mehrere Ratschläge erteilt,« sagte Harteck. »Durch
-Erfahrung wird man klug, und ich rate Dir alles das zu befolgen, was ich
-leider zu tun versäumt habe. Der Dekan will geschmeichelt sein, und seinem
-Fräulein Nichte mußt Du, wenn Du Dich in ihre Gunst setzen willst, ein
-wenig den Hof machen.«
-
-»Den Hof machen?« wiederholte der andere und zuckte mit den Achseln.
-»Davon verstehe ich nichts.«
-
-Paula blickte ihn an. Sein junges, hübsches Gesicht sah sehr verständig,
-aber auch sehr unverdorben aus ... Eine, man könnte fast sagen
-jungfräuliche Herbheit wohnte in diesen männlichen Zügen, in diesen
-kalten blauen Augen. »Daß Du davon nichts verstehst noch verstehen
-willst, glaube ich Dir aufs Wort,« dachte Paula.
-
-Toni hatte sich verstohlen genähert und stand an die große Schwester
-gelehnt; in der einen Hand hielt sie den Reif, mit dem freien Arm umschlang
-sie Paulas schlanken Leib und schaute den fremden Geistlichen mit ihrem
-offenen Kindesblick neugierig an.
-
-»Meine Schwester,« sagte Paula und drückte das Kind an sich. »Gib dem
-Herrn die Hand, Toni.«
-
-Lächelnd und errötend gehorchte die Kleine. Perkow blickte sie ziemlich
-gleichgültig an.
-
-»Sind Sie kein Kinderfreund?« fragte ihn Paula, etwas pikiert darüber,
-daß ihr Schwesterchen so gar keinen Eindruck hervorzurufen schien.
-
-»Ich mag Kinder wohl leiden,« versetzte der Gefragte, »vorausgesetzt
-nämlich, daß sie gut erzogen sind, sich nicht unnütz machen und vor
-allem gehorchen.«
-
-»Bist Du ein solches Musterkind, Toni?« sagte Paula zu ihrem
-Schwesterchen. Die Kleine drückte das Kinn an den Hals und verzog die
-Lippen. Der neue geistliche Herr mißfiel ihr in hohem Grade.
-
-»Sie scheint ein bißchen trotzig zu sein,« bemerkte dieser. »Lernt sie
-brav?«
-
-»Sie ist die beste Schülerin,« sagte Paula, »und daß sie trotzig sei,
-hat bis jetzt noch niemand herausgefunden.«
-
-Der junge Geistliche wollte etwas entgegnen, doch Harteck berührte leise
-seinen Arm und bat ihn mit den Augen, zu schweigen. Eine Pause trat ein ...
-Hierauf sagte Perkow: »Wir haben das Fräulein lang genug aufgehalten.
-Wollen wir uns nicht verabschieden?«
-
-»Wie es Dir gefällig ist,« sagte Harteck unzufriedenen Tones. Sie
-grüßten, die Schwestern dankten schweigend, und während Perkow sich
-in Bewegung setzte, blieb Harteck noch stehen und fragte Paula mit leiser
-Stimme: »Gestatten Sie, daß ich heute noch einmal bei Ihnen vorspreche?«
-
-»Wenn Sie Zeit für mich haben, ...« antwortete sie ziemlich kalt.
-
-Er verbeugte sich stumm und eilte dem Freunde nach.
-
-»Bist Du immer so streitlustig, wenn Du mit Frauen zu tun hast?« fragte
-er, als er ihn eingeholt hatte.
-
-»Ich? Streitsüchtig?« entgegnete Perkow mit ungeheucheltem Erstaunen.
-»Du bist wohl nicht recht gescheit. Verschweigen kann ich Dir zwar nicht,
-daß mir dieses Fräulein nicht gefällt. Ich liebe so ernste, blasse,
-empfindliche und eingebildete Frauenzimmer keineswegs. Junge Mädchen
-sollen heiter und bescheiden sein.«
-
-»Du bist, trotz Deinen sechsundzwanzig Jahren, nicht wenig pedant,« sagte
-Harteck.
-
-»Mag sein. Das gehört übrigens zu unserem Berufe. Wohin würde der
-schuldige Respekt kommen, wenn wir alle diese frauenzimmerlichen Grillen
-und Launen nachsichtig oder gar wohlgefällig beurteilten? Zwischen
-dem Auftreten eines Priesters und dem anderer Leute muß doch immer ein
-gewisser Unterschied bestehen, ... eine Grenze, die nicht überschritten
-werden darf. Jede Art von Familiarität muß streng vermieden werden. Wenn
-ich schon durchaus mit Frauen verkehren soll, dann mag es mit Bäuerinnen
-sein. Diese städtisch gekleideten Dorfbewohnerinnen sind mir von jeher
-zuwider gewesen; sie dünken sich etwas Besonderes und wollen sich,
-vermöge ihrer sogenannten Bildung, auf eine Stufe mit uns stellen, ...
-und das heißt nichts. Ich bin nicht gewohnt, daß junge Mädchen ihrem
-Seelsorger in so kategorischem Tone antworten, wie Dein Fräulein Reinberg
-getan hat.«
-
-Harteck schwieg auf diese Rede, sein Gesicht aber drückte Unzufriedenheit
-aus.
-
-»Ich sehe, daß meine Sprache Dir mißfällt,« sagte Perkow und hängte
-sich an seinen Arm. »Lassen wir das Gespräch daher lieber fallen. Eines
-jedoch muß ich Dir noch bemerken: Du weißt eben niemals, was Du in Deiner
-Stellung als Priester zu tun und zu lassen hast. Das sage nicht ich allein,
-sondern alle Geistlichen, die Dich kennen. Nimmermehr würdest Du in
-das armselige Keßten versetzt worden sein, wenn Du Dich den allgemeinen
-Ansichten besser anzupassen verstanden hättest.«
-
-»Sehr wahr,« sagte Harteck mit einem Seufzer und ließ den Kopf hängen.
-
-»Na, werde nicht melancholisch,« sprach der junge Geistliche tröstend
-und drückte seinen Arm. »Ich will Dir täglich schreiben und Dich
-besuchen, so oft ich's werde tun können.«
-
-»Was wird Dein Prinzipal dazu sagen?« warf Harteck ein. »Du weißt, daß
-er mich nicht leiden kann.«
-
-»Mag er sagen, was ihm gefällt! Ich kann und will Dich nicht so ganz Dir
-selbst überlassen. Du bist mir das Teuerste, was ich auf Erden habe. Gern
-würde ich Dir jedes erlaubte Opfer bringen, wenn ich dadurch Dein
-Leben erhellen könnte ... Aber leider vermag ich Dir, außer meiner
-Freundschaft, nichts zu bieten.«
-
-Harteck war versöhnt. Alles Mißliebige, was der junge Priester
-gesprochen, verschwand vor diesem treuherzigen Bekenntnisse echter, warmer
-Freundschaft.
-
-»Ich danke Dir für Deine Worte,« sagte er. »Wer weiß, ob nicht die
-Zeit kommen wird, wo ich größere Opfer von Dir fordern werde.«
-
-Sie sollte kommen, diese Zeit, und eher, als beide ahnten. --
-
-Nach Ablauf einer Stunde kehrte Harteck zu Paula zurück. Er fand die
-Mädchen im Wohnzimmer, Toni schrieb Schulaufgaben und Paula überwachte
-sie dabei. Er setzte sich zwischen beide, legte den Arm auf die Lehne des
-Stuhles, auf dem Toni saß und sah zu, wie sie schrieb.
-
-»Störe ich?« fragte Toni mit kindlicher Unschuld. »Soll ich gehen,
-Paula?«
-
-»Nein, bleibe bei uns,« antwortete die Schwester.
-
-Harteck blickte sie an. Das Wörtchen ›bei uns‹ rührte ihn seltsam; es
-klang so vertraulich, als ob sie ihn ganz zu sich gehörend betrachtete ...
-»Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?« fragte er sie.
-
-Sie gestand ihm, daß sie in Keßten gewesen war; von den Mühen und Plagen
-der Wanderung sagte sie nichts, und seine Frage, welchen Eindruck der Ort
-auf sie gemacht hätte, beantwortete sie ausweichend. Sie erzählte ihm
-nur, was sie in seinem neuen Hause getan hatte, zog ihr Notizbuch hervor
-und nannte ihm alle jene Hausgegenstände, die noch angeschafft werden
-mußten; und der Gedanke, wie ganz anders, wie schön und traulich es
-wäre, wenn sie ihm als seine Hausfrau folgen könnte in das neue Heim, lag
-bei diesem Wirtschaftsgespräch so nahe, daß er beiden zur gleichen Zeit
-kam. Sie fühlte, daß sein Auge auf ihr ruhte, und senkte das Gesicht.
-»Ich hoffe immer noch, daß nichts daraus wird,« sagte sie und blätterte
-in dem Notizbuch. »Ich meine aus Ihrer Versetzung nach Keßten ... Die
-Luft dort ist sehr rauh und ich fürchte, daß sie Ihnen nicht gut tun
-wird ... Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie sich von meinem
-Vater untersuchen ließen. Er wird Ihnen ehrlich sagen, was er von Ihrer
-Gesundheit hält; und wenn er den Ausspruch täte, daß eine rauhe Luft
-Ihnen nicht zuträglich sei, könnten Sie vielleicht doch noch den Versuch
-machen, zu erwirken, daß Ihnen ein anderer, milderer Ort zugewiesen
-werde.«
-
-Er schüttelte das Haupt. »Dazu ist es zu spät. Auch würde es nichts
-helfen. Weshalb aber beunruhigen Sie sich? Ich bin ja leidlich gesund.«
-
-»Leidlich! Sie müssen also selbst zugeben, daß Sie nicht _ganz_ gesund
-sind. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab! Sprechen Sie mit meinem
-Vater!« sagte sie drängend.
-
-»Wenn Sie es durchaus wünschen, Paula, will ich Ihnen den Gefallen
-tun, ... obschon es ein wenig lächerlich ist, wenn ein gesunder Mensch aus
-Furcht, daß er vielleicht krank sein _könnte_, einen Arzt konsultiert.«
-
-»Nehmen Sie das, wie Sie wollen, ... ich bin es zufrieden, wenn Sie es
-überhaupt tun.« Sie fragte ihn hierauf nach seiner Familie und ob er in
-Kufstein angenehme Tage verlebt hätte, und er erzählte ihr, was er zu
-berichten für passend fand, zeigte ihr die neueste Photographie seines
-kleinen Neffen, die die Schwester ihm geschenkt hatte, sprach sanft und
-nachsichtig von den Seinen, ohne irgendwelche Bitterkeit, und hob nur ihre
-guten Eigenschaften hervor.
-
-»Meine Mutter war ganz glücklich, mich wieder einmal die Messe lesen zu
-hören,« sagte er, »und ich habe sie wiederholt gebeten, mich bald in
-Keßten zu besuchen; dann kann sie dieses Vergnügen täglich haben.«
-
-Errötend und ohne ihn anzusehen, fragte ihn Paula, ob seine Wäsche und
-Kleider in gutem Stande wären und ob sie Schadhaftes vielleicht ausbessern
-dürfte; es würde ihr große Freude bereiten, für seine Bequemlichkeit zu
-sorgen.
-
-Er lehnte ihr Anerbieten dankend ab. »Das alles kann meine Wirtschafterin
-in Ordnung bringen,« sagte er.
-
-Paula beschrieb ihm darauf die Frau, die sie im Pfarrhof vorgefunden hatte,
-und legte ihm ans Herz, sie in seinem Hause zu behalten: sie scheine gut
-und anhänglich zu sein und er würde sich gewiß bald an sie gewöhnen.
-»Aber verraten Sie ihr nicht, daß Sie es auf _meine_ Bitte hin tun
-wollen,« setzte Paula hinzu. »Ich sagte ihr, daß ich Ihnen gleichgültig
-bin, und Sie müssen sie in diesem Glauben erhalten. _Mich_ kennt sie
-nicht; was sie von mir denkt, spielt folglich keine Rolle. Aber Sie, der
-Sie in Keßten leben werden, müssen achtsam sein auf Ihren guten Ruf.«
-
-Er mußte lächeln über ihre Worte, seine Stimme jedoch klang gepreßt,
-als er jetzt sagte: »Sie sind um meinen Ruf besorgt, -- um den Ihrigen
-aber kümmern Sie sich nicht. Jetzt, wo Sie wissen, daß ich bald
-gehe, gestatten Sie mir, täglich zu Ihnen zu kommen, weil Sie in Ihrer
-Selbstlosigkeit folgern, daß es mir nun nichts mehr anhaben könne. Von
-diesem Standpunkt aus haben Sie freilich recht, -- ich gehe, -- aber Sie?
-Sie bleiben zurück und -- merken Sie es wohl, Paula: die Menschen werden
-den Stab über Sie brechen.«
-
-»Daran habe ich noch nicht gedacht,« schaltete sie ruhig ein.
-
-»Aber ich! Glauben Sie mir, ... so sehr es mich in Ihre Nähe zieht und
-so glücklich ich mich fühle, wenn ich Sie an meiner Seite habe, ... es
-kostet mir jedesmal einen schweren Kampf, zu Ihnen zu gehen. Ich kann mir
-nicht verhehlen, daß ich es bin, der Ihren Ruf untergräbt, und das macht
-mich elend.«
-
-Paula wies mit den Augen auf Toni, die verwundert aufhorchte. Er biß sich
-auf die Lippe und schwieg.
-
-»Wie hat Ihnen mein Freund gefallen?« fragte er nach einer Weile.
-
-»Nicht sonderlich gut, wenn ich aufrichtig sein soll,« erwiderte Paula.
-
-»Im Anfang mag er schroff scheinen; ich zweifle jedoch nicht, daß Sie ihn
-lieb gewinnen werden, wenn Sie ihn näher kennen. Ich will ihn nicht allzu
-sehr loben, um Sie nicht neuerdings zu erzürnen, aber ich versichere
-Ihnen, daß er ein vortreffliches Herz hat. Und was mir vorzugsweise an ihm
-gefällt: er hängt mit Leib und Seele an seinem Beruf. Predigen müssen
-Sie ihn hören! Er ist immer so ganz bei der Sache, ist so durch und durch
-Priester und würde für seinen Stand durchs Feuer gehen. Er besitzt eben
-alle guten Eigenschaften, die mir abgehen.«
-
-»Sie setzen sich immer herab,« warf Paula dazwischen. »Finden Sie die
-Arroganz Ihres vielgerühmten Freundes gleichfalls bewunderungswürdig?«
-
-»Er ist nicht arrogant, ... nur nicht biegsam oder zugänglich ...
-Bedenken Sie, daß er im Waisenhause aufgewachsen ist, niemals Liebe
-genossen hat, und wer selbst nie verzärtelt worden ist, verzärtelt auch
-andere nicht. Mir jedoch ist er treu ergeben und einen besseren Freund
-werde ich schwerlich jemals mehr finden. Das alles muß Sie doch ein klein
-wenig für ihn einnehmen,« schloß er zuredend und bittend zugleich.
-
-»Gewiß,« sagte Paula. »Wenn es ihm erwünscht ist, will ich gern mit
-ihm verkehren ... Aber wird er es wollen? Ich zweifle daran.«
-
-»Mit der Zeit, ... wer weiß? ... Er hat mich lieb und auch Sie sind mir
-gut, ... der Gedanke, daß Sie beide von mir sprechen, wird mich trösten
-in meiner Einsamkeit ... Und wenn Joachim mich besucht, kann er mir von
-Ihnen erzählen, und er wird mir dann doppelt teuer sein ...«
-
-Paula stieß einen Wehruf aus und schlug die Hände vor das Gesicht.
-
-»Paula!« rief der Priester erschrocken und Toni sprang auf und eilte
-zu der Schwester hin -- »Paula,« -- er beugte sich über sie -- »liebe
-Paula, was hab' ich Ihnen getan?«
-
-»_Müssen_ Sie davon sprechen?« brachte sie mühsam heraus. »Haben wir
-uns nicht gelobt, nie, nie den Abschied zu berühren? ... Und nun malen Sie
-die Zukunft so deutlich aus ...«
-
-Sie erhob sich, nahm Toni bei der Hand und ging, ehe er's hindern konnte,
-rasch aus dem Zimmer.
-
-Eine halbe Stunde später kam der Arzt nach Hause. Er fuhr zusammen, als
-er, in das Wohnzimmer tretend, den Geistlichen am Tisch sitzen sah ...
-Harteck erblickte ihn, stand auf und verbeugte sich stumm. Die Blässe und
-Alteration seiner Züge entgingen dem Arzt keineswegs; aber er hatte sich
-bereits gefaßt und fragte den Priester so ruhig wie möglich nach seinem
-Begehr.
-
-Mit abgerissenen Worten brachte Harteck vor, was Paula ihm zu sagen
-aufgetragen hatte. Der Arzt ersuchte ihn, Rock und Weste abzulegen, und als
-Harteck dem nachgekommen war, lehnte jener das Ohr an seine Brust und bat
-ihn, tief Atem zu holen. Er untersuchte ihn aufmerksam, befühlte seinen
-Puls und fragte ihn dann: »Husten Sie öfters?«
-
-»Im Herbst und Frühjahr beständig. Ich erkälte mich überhaupt sehr
-leicht.«
-
-»Haben Sie Schmerzen?«
-
-»Nein.«
-
-»Auch nicht zwischen den Schulterblättern, wenn Sie zum Beispiel viel
-gegangen sind?«
-
-»Das ist wahr. Das hatte ich vergessen. Nach weiten Spaziergängen
-oder wenn ich lang Klavier gespielt habe, empfinde ich im Rücken einen
-stechenden Schmerz.«
-
-»Hm! ... Ihre Stimme klingt umflort. Ist das Ihre natürliche Stimme?«
-
-»Ich bin seit einiger Zeit etwas heiser.«
-
-»Wie schlafen Sie? Geraten Sie beim Schlafen oft in Schweiß?«
-
-»Sehr oft.«
-
-»Rauchen Sie?«
-
-»Nur wenig; ich vertrage das Rauchen schlecht.«
-
-»Wahrscheinlich reizt es Sie zum Husten?«
-
-»Ja.«
-
-Der Arzt betrachtete seine Hände. Sie waren blaß und mager.
-
-»An welcher Krankheit ist Ihr Vater gestorben?« fragte er dann.
-
-»An der Lungentuberkulose.«
-
-»War das ein Ausnahmefall, oder ist dieses Übel erblich in seiner
-Familie?«
-
-»Soviel mir bekannt ist, sind alle Verwandten meines Vaters eben dieser
-Krankheit erlegen.«
-
-»Hm!« sagte der Arzt noch einmal. »Sie müssen vorsichtig sein, sich
-schonen. In Keßten soll das Klima sehr rauh sein?«
-
-»Man sagt so.«
-
-»Für Sie wäre es besser, wenn Sie nach Südtirol kämen ... Würde sich
-das nicht machen lassen?«
-
-»Jetzt nicht. Vielleicht später. Wenn mir der Aufenthalt in Keßten nicht
-gut tut, kann ich um meine Versetzung einkommen.«
-
-Er griff nach seinem Rock und seiner Weste; der Arzt war ihm beim Ankleiden
-behilflich.
-
-»Aber brustkrank bin ich noch nicht?« fragte Harteck und blickte dem
-anderen fest in die Augen.
-
-»Nein. Indessen darf ich Ihnen nicht verschweigen, daß Sie einige Anlage
-zu diesem Leiden besitzen.«
-
-Harteck nickte wie jemand, der etwas hört, worauf er schon vorbereitet
-war, und langte nach seinem Hute.
-
-»Ich empfehle Ihnen noch einmal dringend an, auf Ihre Gesundheit acht
-zu geben,« sagte der Arzt. »Dieses Übel ist heimtückischer Art und
-schöpft aus allem Nahrung ... Es genügt nicht, sich körperlich zu
-schonen und zu pflegen, ... auch der Geist muß frei und leicht sein.
-Kummer, Unzufriedenheit, Sorgen sind die besten Förderer dieses
-schleichenden Übels, sind oft verhängnisvoller als körperliche
-Unvorsichtigkeiten ... Trachten Sie daher, so viel wie möglich eine
-gleichmäßige, heitere oder doch ruhige Stimmung anzustreben; grübeln
-Sie nicht nach, bekämpfen Sie Schwermut und Traurigkeit, beschäftigen Sie
-sich stets, damit Sie keine Zeit haben, trüben Gedanken nachzuhängen und
-meiden Sie alles, was Ihnen körperlich von Nachteil sein könnte; Schlaf,
-kräftige Speisen, gute Luft und ein ruhiges Gemüt sind und bleiben
-die besten, ja, die einzigen Mittel, um solchen Krankheitsanlagen
-entgegenzuwirken.«
-
-Er hatte bis dahin als Arzt gesprochen, ohne ein persönliches Motiv zu
-berücksichtigen: unparteiisch, teilnehmend und voll Interesse, wie er es
-jedem Fremden gegenüber tat, der einen ärztlichen Rat von ihm begehrte.
-Doch jetzt, da er fertig war, verbeugte er sich wie verabschiedend und sah
-den jungen Priester, der unbeweglich stehen blieb, mit strengem Blick an.
-
-»Wünschen Sie noch etwas von mir?« fragte er ihn.
-
-»Ich verlasse St. Jakob in einigen Tagen,« sagte Harteck mit unsicher
-klingender Stimme, »und da ich vielleicht nicht mehr Gelegenheit haben
-werde, Sie zu sehen, möchte ich Ihnen jetzt schon Adieu sagen ...«
-
-Er streckte dem anderen die Hand entgegen. Der Arzt erfaßte sie, ließ sie
-jedoch sogleich wieder fallen.
-
-»Gehaben Sie sich wohl,« sagte er und wendete sich von dem Priester ab.
-
-Dieser tat einen Schritt gegen ihn hin.
-
-»Lassen Sie mich hoffen, daß Sie sich meiner nicht mit Haß erinnern
-werden ... Ich habe schweres Leid über Ihr Haus gebracht, ... aber ich
-büße hart dafür, Gott weiß es.«
-
-Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung.
-
-»In kurzer Zeit ist alles vorbei,« sprach Harteck weiter. »Ich gehe und
-damit ist das Spiel zu Ende. Nur zu gut fühle ich, daß es in diesem
-Fall keinen Mittelweg gibt: es heißt entweder alles wagen oder auf
-alles verzichten. Ich wähle das zweite. Niemals werde ich Ihrer Tochter
-schreiben, und wenn sie, in ihrer Güte, sich einfallen lassen sollte,
-einen Brief an mich zu richten ...«
-
-Der Arzt unterbrach ihn.
-
-»Ich erlasse Ihnen diese Versprechungen,« sagte er. »Glauben Sie denn,
-daß ich dieser Sache nicht längst schon ein Ende gesetzt haben würde,
-wenn ich nicht wüßte, daß in solchen Fällen Gewalt und Zwang das Übel
-nur vergrößern, anstatt es auszurotten?« Ein fürchterlich ernster Blick
-war es, den er bei diesen Worten auf den Priester heftete, ein Blick, vor
-dem Harteck die Augen senken mußte. »Glauben Sie, daß ich bis jetzt
-geschwiegen haben würde, wenn ich nicht gefürchtet hätte, in Ihnen auch
-mein Kind zu treffen? Paula würde alles, was ich Ihnen gesagt hätte, als
-eine persönliche Kränkung empfunden und ich würde dadurch meine Tochter
-ganz verloren haben. Nein; versprechen Sie mir nichts. Paula mag tun, was
-ihr gefällt; wenn sie nicht freiwillig entsagt, helfen alle Gewaltmittel
-nichts. Sie gehe ihren eigenen Weg; mag sie das, was sie an mir und sich
-selbst verübt, mit ihrem Gewissen ausmachen. Über das _Herz_ eines Kindes
-gebietet der Vater nicht, und wenn dieses Herz durchaus unrecht tun will,
-dann verlohnt es sich auch nicht der Mühe, es zurückhalten zu wollen.«
-
-Hochaufgerichtet stand er da, als er so sprach. Harteck war zumute, als ob
-der ernste, hagere Mann zu riesiger Größe emporwüchse, zu einer Größe,
-neben der er zwerghaft klein erschien. Er kam sich neben dem schwer
-gekränkten Vater so elend, armselig und verächtlich vor, daß er es für
-eine Wohltat angesehen haben würde, wenn der Fußboden sich aufgetan und
-ihn verschlungen hätte. Vorwürfe, Schmähungen, ja Mißhandlungen sogar
-würde er leichter ertragen haben, als dieses kalte und stolze: Tut, was
-Ihr wollt.
-
-Der Arzt mochte erraten, was im Innern des Mannes vorging, der in der
-scheuen Haltung eines Verbrechers vor ihm stand, und in seiner Brust regte
-sich eine Empfindung, die an Mitleid streifte.
-
-»Wir haben ausgesprochen, denke ich,« sagte er und trat zum Tisch hin.
-
-»Ja,« murmelte Harteck, verneigte sich ungeschickt und verließ das
-Zimmer. Er kam sich vor wie ein Dieb, dem der Bestohlene die Strafe
-erläßt.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel
-
-
-Noch zwei Tage. Er wünschte, sie wären vorüber. Paula hatte er glauben
-gemacht, daß er noch drei Tage hier bleiben würde, um ihr und sich
-selbst die Bitternis des Abschiedes zu ersparen. Den vorletzten Tag seines
-Hierseins verwendete er dazu, daß er von Haus zu Haus ging und allen
-Leuten Ade sagte, und er gewann bei dieser Wanderung durch das Dorf aufs
-neue die Überzeugung, daß die Leute ihn lieb gewonnen hatten und ungern
-scheiden sahen. Freilich trat dabei auch zu Tage, daß er, wie es ihm
-überall erging, die Menschen durch allzu große Güte und Nachsicht
-verwöhnt hatte und daß manche dies benutzten, um dreist zu werden. Mehr
-als einer hatte die Unverfrorenheit, mit schlauem Augenwinken zu ihm zu
-sagen: »Es ist ja besser für Sie, daß Sie gehen,« und wenn er nach dem
-Warum fragte, erfolgte abermaliges Blinzeln und Nicken und ein gutmütiges:
-»Ich meine halt so, ... Sie verstehen mich schon ...« Sich den nötigen
-Respekt zu verschaffen, hatte er nicht gewußt, und seine aller Welt
-bekannte Neigung zu einem Mädchen zerstörte den Nimbus, der sonst den
-Seelsorger in einem Dorf zu umgeben pflegt, vollends. Das war ihm nicht
-gleichgültig, verdroß ihn sogar, aber er verschluckte es wie so manches
-andere. Am Hause Paulas glitt er scheu vorüber: er wollte sie weder sehen
-noch von ihr gesehen werden; und er nahm sich vor, sie auch morgen zu
-meiden, wenn er Kraft genug besäße, die Sehnsucht seines Herzens so weit
-zu besiegen.
-
-Am Abend fühlte er sich von dem vielen Umhergehen, Sprechen und
-Abschiednehmen auf das äußerste erschöpft. Er ließ sich beim Dekan
-entschuldigen: er könne am gemeinschaftlichen Mahl nicht teilnehmen, er
-wäre allzu müde. Mochte der gewesene Prinzipal ihn unhöflich schelten!
-Jetzt war doch alles gleichbedeutend und jeder Zwang überflüssig.
-
-Harteck kam am folgenden Morgen später als sein Freund, der früher die
-Messe gelesen hatte, in das Frühstückzimmer und traf dort bloß den
-Mönch und den jungen Geistlichen an. Diese beiden schienen schon recht
-gut bekannt miteinander, sie standen am Fenster, Joachim hielt ein
-Zeitungsblatt in der Hand und der Mönch blickte über seine Schulter in
-dasselbe.
-
-»Ich habe für diesen Artikel große Lobsprüche geerntet,« sagte Perkow,
-»sogar der Fürst-Erzbischof hat ihn gelesen und mir seine Zustimmung
-ausdrücken lassen ... Das Polemisieren ist meine Passion. Sie können
-sich wohl vorstellen, daß das Organ unserer Gegner dazu nicht geschwiegen
-hat, ... aber ich weiß, was ich auf alle Einwürfe zu erwidern habe. Ich
-bin im Recht. Den Gegenartikel trage ich bereits in der Tasche,« schloß
-der junge Mann mit einem triumphierenden Lächeln und klopfte mit der Hand
-auf die Brust. Jetzt erst gewahrte er den Freund.
-
-»Guten Morgen, Georg,« sagte er.
-
-»Guten Morgen,« sagte Harteck grüßend. »Wo sind die anderen?«
-
-»Über Land gefahren,« berichtete der Mönch. »Sie werden erst abends
-zurückkehren.«
-
-»Desto besser!« sagte Perkow aufrichtig. »Gegen den Herrn Dekan habe
-ich zwar nichts einzuwenden, aber seine Nichte, diese alte Jungfer, ist
-ein unausstehliches Geschöpf. Ist sie immer so geziert und affektiert, wie
-sie's gestern war?«
-
-»Immer so,« sagte Benediktus. »Und boshaft! Davon haben Sie keinen
-Begriff.«
-
-»Das werden wir ihr austreiben,« sprach Joachim leichthin und setzte
-sich. »Vorläufig aber wollen wir frühstücken.«
-
-Der junge Pater nahm an seiner Seite Platz und heftete den Blick
-unausgesetzt auf seinen blonden, sorglos und zufrieden aussehenden Nachbar.
-Augenscheinlich bewunderte er ihn.
-
-»Es ist erstaunlich, wie gescheit Sie sind für Ihre Jahre,« sagte der
-Mönch plötzlich und wurde rot. »Sie werden es noch weit bringen.«
-
-»Ach nein! Warum denn?« entgegnete Joachim bescheiden und geschmeichelt
-zugleich. »Allerdings höre ich das manchmal und es ist mir, zum Beispiel,
-in Aussicht gestellt worden, Redakteur unseres Salzburger Parteiblattes zu
-werden ... Ich weiß jedoch nicht, ob ich dieser Stellung gewachsen sein
-werde. Es mangelt mir doch an Erfahrung. Nicht wahr, Georg?«
-
-»Für einen Kampfhahn wie Du einer bist wäre das gerade das richtige
-Feld,« erwiderte dieser mit einem Lächeln.
-
-»Du spottest mich immer aus,« murrte der junge Geistliche.
-
-»Keineswegs; ich meine nur ...«
-
-»Daß ich ein intoleranter, streitsüchtiger Pfaff bin? Intolerant, in der
-Tat!« rief der junge Priester und schlug mit der Hand auf den Tisch.
-»So nennt man uns, ... aber dieser Vorwurf ist, nach meiner Ansicht, ein
-ungerechter. Wer, um alles in der Welt, ist tolerant gegen _uns_? Welche
-Stellung nehmen die Katholiken in Deutschland, Rußland und Irland ein? Man
-duldet sie, weil man muß, und sobald sie eine Bewegung machen, schlägt
-man sie zu Boden. Davon aber spricht niemand, das finden die Menschen
-ganz in der Ordnung. Narren und Feiglinge wären wir, wenn wir ihnen nicht
-gleiches mit gleichem vergälten. Was mich jedoch bei alledem am meisten
-verdrießt, das ist die Lauheit und Flauheit der Katholiken selber. Alles
-lassen sie sich gefallen, mit Füßen lassen sie sich treten. Ich möchte
-einmal hören, was die Protestanten oder Juden sagen würden, wenn ihre
-Pastoren oder Rabbiner nur halb so vielen Angriffen ausgesetzt wären wie
-wir! Steinigen würden sie die Angreifer, oder doch wenigstens die Hand
-rühren und den Mund auftun. Unsere Katholiken aber sind die ersten, die
-ihre Priester herabsetzen und die Nase rümpfen, wenn von den Klerikalen,
-wie sie uns und unsere Parteigänger nennen, die Rede ist. Darüber habe
-ich mich oft schon geärgert und dagegen gesprochen und geschrieben. Unsere
-Bauern gehen noch an, ... aber die Städter, ... _die_ sind es, die
-der Sache schaden, die geflissentlich zu vergessen scheinen, daß sie
-katholisch sind und darum Hand in Hand mit uns gehen sollten, anstatt sich
-zu unseren Widersachern aufzuwerfen, wie sie es in der Tat tun. Was wird
-aus unserer heiligen Kirche werden, wenn die eigenen Kinder sich gegen
-dieselbe empören? Und wir, ... sollen vielleicht auch wir die Flinte in
-das Korn werfen und gleichgültig zusehen, wie an unserer Kirche gemäkelt
-wird, wie unsere Gegner sich breit machen und uns verhöhnen? Nimmermehr!
-Krieg bis aufs Messer! Entweder siegen oder fallen, -- aber sich feige
-ergeben, -- das niemals!«
-
-Der junge Mönch nickte lebhaft Beifall und seine leuchtenden Augen hingen
-an dem geröteten, erregten Gesicht des jugendlichen Paladin der Kirche.
-»Bist Du nicht auch meiner Ansicht?« wendete Perkow sich an Harteck,
-der sich schweigend verhielt und weder ein Beifalls- noch ein
-Mißfallenszeichen zu erkennen gegeben hatte.
-
-»Gewiß,« antwortete dieser, also zum Sprechen aufgefordert. »Indessen
-darfst Du nicht übersehen, daß der katholische Klerus -- teilweise
-wenigstens -- nicht danach angetan ist, sich Sympathien zu erwerben. Die
-Pastoren, zum Beispiel, begnügen sich damit, Diener des Staates zu sein
-und ordnen sich dem Staate unter; sie wollen keine politische Rolle
-spielen und machen selten von sich reden. Wir hingegen haben stets nach der
-Herrschaft gestrebt und streben noch immer danach, wollen einen Staat im
-Staate bilden, und das verzeiht die Welt uns nicht. Sind wir Patrioten?
-Bürger? Geht uns der Staat unseren Sonder-Interessen vor? Nein, müssen
-wir auf diese Fragen antworten. Wir sind nur so lang Patrioten, als wir
-unsere Kirche nicht gefährdet glauben, ... unsere Blicke sind nach Rom
-gerichtet und was der Papst sagt, gilt uns mehr als die Wünsche unserer
-Mitbürger. So muß es natürlich sein, wir dürfen anders nicht denken.
-Aber Du mußt doch zugeben, daß die Welt einigen Grund habe, uns
-mit scheelen Augen anzublicken. Ein jeder Stand ringt nach der
-Weltherrschaft, ... die Aristokratie so gut wie wir; der Bürger so gut wie
-das Proletariat oder der vierte Stand; wir sind ihnen folglich im Wege und
-darum mögen sie uns nicht.«
-
-»Aber Sie haben unrecht, wie mir scheint,« warf der junge Pater stockend
-und errötend ein. »Wenn irgend jemand berufen ist zu herrschen, dann sind
-es wir, denen die Aufgabe obliegt, die Gewissen rein zu erhalten und die
-Menschen auf das ewige Leben vorzubereiten, während unsere Gegner sich
-bloß um das zeitliche Wohl kümmern. Wenn die Menschen mehr den Tod und
-was darauf folgen wird, im Auge hätten als ihr vergängliches Dasein,
-würden sie sich den Priestern gern unterwerfen und sich willig ihrer
-Leitung anvertrauen.«
-
-Die beiden Freunde blickten zuerst dem Sprecher, dann einander in die
-Augen. Daß der Mönch es ehrlich meinte und das Gesagte wirklich
-dachte, -- darüber konnte niemand im Zweifel sein. Man brauchte nur sein
-treuherziges Gesicht anzusehen, ... dann mußte man ihm Glauben schenken.
-Von _diesem_ idealen Standpunkt aus hatte er freilich recht ... »Aber --
-sind wir auch so?« mußte Joachim sich fragen. »Vielleicht viele, ...
-alle gewiß nicht. Und ich -- ebenfalls nicht.«
-
-Wohl war er sich bewußt, ein treuer und eifriger Diener der Kirche zu
-sein, ... aber daß Ehrgeiz, Herrschlust und Eigenliebe ihm gänzlich
-fremd, daß er nur die zukünftige, bessere Welt im Auge habe? So weit ging
-seine Liebe zu Gott noch lange nicht. Fast beschämt blickte er vor sich
-nieder und versank in Nachdenken.
-
-»Werde ich heute abend Gelegenheit haben, das gnädige Fräulein zu
-sehen?« fragte Harteck, sich an den Pater wendend. »Ich möchte doch
-nicht ohne Abschied von ihr gehen.«
-
-»Sie hat gesagt -- warum weiß ich nicht --, daß sie diesem Abschied
-auszuweichen gesonnen wäre,« antwortete Benediktus.
-
-»Dann laß die Närrin!« rief Georgs heißblütiger Freund. »Dir wird
-doch nicht darum zu tun sein, noch einmal in ihre wässerigen Augen zu
-schauen.«
-
-»Ich will von aller Welt in Frieden scheiden,« versetzte Harteck. »Wie
-immer auch die Menschen hier sich gegen _mich_ betragen haben, ... _ich_
-will allen beweisen, daß ich keinem grolle und es mit jedem gut meinte.«
-
-Der Mönch schlug bei diesen Worten die Augen zu Boden.
-
-»Komm, Joachim,« sagte Harteck mit einem Blick auf den Pater. »Wir haben
-noch viel zu tun.«
-
-Die Freunde standen auf und verfügten sich in Hartecks Wohnung. Die Möbel
-und das Klavier waren bereits verpackt und sollten heute schon mittels der
-Eisenbahn nach Hartecks neuem Wohnort befördert werden.
-
-»Willst Du mir beim Packen behilflich sein?« fragte Georg.
-
-»Natürlich! Du magst die ganze Arbeit getrost _mir_ überlassen. Du
-siehst ohnehin ermüdet aus. Hast Du schlecht geschlafen?«
-
-»Es geht an. Beginne denn mit den Büchern, wenn Du so gut sein willst,
-mir diese Arbeit abzunehmen ... Ich will einstweilen meine Papiere
-ordnen.«
-
-Perkow machte sich an die Arbeit und Harteck kramte in Papieren, die auf
-dem Tische lagen, zerknitterte manche und warf sie auf den Boden, während
-er andere wieder sorgsam aufeinander legte. Knechte traten ein, luden die
-Möbel auf ihre Schultern und trugen sie hinaus. Unruhig lief Cäsar hin
-und her.
-
-»Der Hund weiß, daß wir abermals wandern müssen,« sagte Harteck. »Er
-hat solchen Umzug schon mehrere Male mitgemacht und ist kein Freund davon.
-Leg Dich nieder, Cäsar. Du wirst bald wieder dein wohlgeordnetes Daheim
-haben, und um etwas anderes ist Dir ja nicht zu tun. _Dir_ bleibt nichts
-Liebes hier zurück,« schloß er mit einem Seufzer.
-
-»Ich habe Dir doch schon gesagt, daß ich Dich oft besuchen werde,«
-sprach Joachim, auf dem Boden knieend, und tat einen Stoß Bücher in die
-vor ihm stehende Kiste. »Gib mir ein Staubtuch, wenn Du eines besitzest.
-Deine Bücher sind nicht im besten Stand ... Schau, wie der Staub aus den
-Blättern fliegt! Diese Werke liest Du wohl selten?«
-
-»Sehr selten.« (Es waren Bücher theologischen Inhaltes.)
-
-»Ach! dann gib sie mir!« rief Juchei. »Ich überlasse Dir andere dafür;
-ja, Georg?«
-
-»Behalte, was Dir gefällt. Ich verlange nichts dafür. Es freut mich,
-wenn ich Dir etwas schenken darf.«
-
-»Dann danke ich schönstens,« sagte der junge Priester und legte mehrere
-Werke beiseite. Das Packen ging langsam von statten. Perkow blätterte
-wiederholt in den Büchern, die er für sich zurückgelegt hatte, und
-vertiefte sich darein. Endlich aber wurde er doch fertig.
-
-»Nun kommen die Wäsche und Kleider an die Reihe,« sagte er und fuhr mit
-dem Taschentuch über sein erhitztes Gesicht. »Uff! Bei dem Packen wird
-einem warm. Sollten wir uns nicht Bier bringen lassen, Georg?«
-
-»Ich will sogleich den Auftrag dazu geben,« sagte Harteck und stand auf.
-»Setz jetzt ein wenig aus. Auf dem Tisch liegt meine Zigarrentasche, wenn
-Du vielleicht Lust hast zu rauchen.«
-
-Er ging aus dem Zimmer. Juchei brannte sich eine Zigarre an und schaute,
-die Hände auf dem Rücken gefaltet, zum Fenster hinaus. Es regnete leise,
-aber ununterbrochen. »Hoffentlich hat er morgen zu seiner Reise besseres
-Wetter,« dachte Joachim. »Dieser trostlose Regen wirkt bedrückend auf
-die Nerven ein, und lustig ist der arme Kerl ohnehin nicht ... Was aber
-kann ihm den Abschied von hier so schwer machen? Mit dem Dekan steht er
-nicht sonderlich gut und das ist bei uns doch immer die Hauptsache.«
-
-Georg kehrte zurück mit der Meldung, daß das Bier sofort gebracht werden
-würde. Der junge Geistliche nickte und beobachtete den Freund, der sich an
-den Tisch setzte und traurig vor sich hinstarrte. In diesem Augenblick
-fiel Joachim auch auf, wie blaß und mager sein Gesicht war. Er ging zu dem
-Freunde hin und nahm ihn bei der Hand.
-
-»Na, Georg?« sagte er fragend. »Hast Du Deine Papiere schon in Ordnung
-gebracht?«
-
-»Ja.«
-
-»Wohin soll ich sie legen? Zur Wäsche?«
-
-»Wohin Du willst.« Er lehnte die Stirn an den Arm des jüngeren Kollegen.
-»Ach, Joachim,« sagte er und nichts weiter.
-
-»Nun, nun,« sagte Perkow liebreich und besorgt, »was ist Dir denn, mein
-Alter?«
-
-»Nichts,« versetzte Georg trüb. Sie verstummten eine Zeitlang. Als
-sie dann die Tür gehen hörten und Uschei mit dem Bier und zwei Gläsern
-eintreten sahen, richtete Harteck sich in die Höhe und zwang sich zu einem
-Lächeln.
-
-»Das war sehr schnell,« sagte er zu dem Mädchen.
-
-»I bin recht g'rennt[21], dös is schon wahr,« sagte diese und stellte
-Krug und Gläser auf den Tisch. »Sie soll'n nix über mi' z'sagen haben am
-letzten Tag.«
-
-»Ich hatte niemals etwas über Sie zu sagen,« versetzte Harteck und
-ergriff ihre Hand. Joachim sah ihn und die junge Magd, die ein bißchen
-geziert tat, mit zweifelhaften Blicken an.
-
-»Was i no' sagen hab' wollen,« sprach Uschei. »Ja, richtig. Wenn die
-Herren eppes heut' hier, in dem Zimmer da, essen wollen, kann's leicht
-g'schehen. Der Herr Pater is weit furt gangen zu oam Kranken und ißt a
-drenten. Sie zwoa sein ganz alloani dahoam, ... Sie können also essen,
-wo's wollen.«
-
-»Dann essen wir hier,« entschied Harteck und goß die Gläser voll. »Da,
-nehmen Sie einen Schluck, Uschei.« Sie ergriff das dargebotene Glas und
-schwenkte es lächelnd gegen Perkow hin. »Zum Wohl! Herr Kopp'ratter,«
-sagte sie dabei.
-
-»Danke,« sprach Joachim ziemlich ungerührt und stieß flüchtig mit ihr
-an. Des Mädchens blühende Gestalt brachte nicht den geringsten Eindruck
-auf ihn hervor. Er sah nichts anderes in ihr als eine Magd, die sich
-vertraulicher benahm, als eben nötig war, -- und das war alles. Harteck
-entging nicht die leise Ungeduld in den Zügen des unerschütterlichen
-Freundes und er sagte zu Uschei: »Sorgen Sie nur, daß wir was Gutes zu
-essen bekommen.«
-
-»Die Herren werden scho' zufrieden sein,« antwortete Uschei, knickste und
-ließ sie allein.
-
-»Ein hübsches Mädchen, nicht wahr?« sagte Harteck lächelnd zu Perkow.
-
-»O ja,« antwortete dieser gleichgültig ... »Ich verstehe nicht, wie man
-sich für die Weiber so sehr interessieren kann. Sie gehen Dich nichts an.
-Laß sie doch in Ruhe.«
-
-Harteck mußte lachen. »Ja, wenn ich so weise wäre wie Du ...«
-
-»Ich bin nicht weise. Aber ich habe, Gott sei Dank! nicht Dein
-entzündbares Temperament. Überhaupt begreife ich nicht, wie man sich
-verlieben kann. Ich habe doch auch schon eine Menge hübscher Frauen und
-Mädchen gesehen, ... daß aber eine, außer flüchtigem Gefallen, andere
-Gefühle in mir wachgerufen hätte, ist mir nicht bekannt. Es darf nun
-einmal nicht sein, und wenn man sich beizeiten vorsieht und der Versuchung
-aus dem Weg geht, kann man das Übel im Keim ersticken. Mir ist die bloße
-Vorstellung, der Narr einer solchen Dirne zu sein, um ihre Gunst zu betteln
-und vielleicht von ihr verspottet zu werden, fürchterlich. In welche
-Abhängigkeit gerät man nicht, wenn man auf die Verschwiegenheit eines
-Frauenzimmers angewiesen ist! Und was für eine dumme Figur ein Geistlicher
-macht, von dem die Gemeinde weiß, daß er verliebt ist, ... und solche
-Dinge kommen immer an den Tag: die Weiber sind eitel und können den Mund
-nicht halten. Das hast Du ja an Dir selbst erfahren.«
-
-»Mein armes Mädchen ... Du sprichst ja wohl von Kathei? ... hat nicht
-geschwatzt. Dazu hatte sie mich viel zu lieb. Die Leute haben es eben
-gemerkt ... Das Mädel und ich waren zu sehr verbrannt ineinander, als daß
-wir uns genügend hätten verstellen können.«
-
-»Ich glaube wahrhaftig, Du schämst Dich nicht einmal,« rief Joachim
-unwillig.
-
-»Schämen? Nein, mein keuscher Freund; _dazu_ war die Sache zu traurig.
-Aber das gestehe ich Dir gern: mein Leben würde ich gelassen haben, wenn
-ich das arme Geschöpf nicht kennen gelernt hätte. Was sie gelitten hat,
-wie sie beschimpft und verhöhnt worden ist, das weiß nur ich. Sie hat ihr
-kurzes Liebesglück teuer bezahlen müssen ... Doch davon willst Du nichts
-hören. Du siehst bloß den Fehltritt und den verurteilst Du. Was ihm
-jedoch voranging, wie schwer sie rang, bevor sie Liebe für Liebe und mit
-der Liebe die Ehre dahingab und was darauf folgte, ... darum bekümmerst Du
-Dich nicht; das ist Nebensache, nicht der Rede wert.«
-
-»Wie magst Du nur in einem so bitteren Ton zu mir sprechen!« sagte
-Perkow. »Hältst Du mich für einen Unmenschen? Glaube mir, ich wäre der
-erste gewesen, der Euch hilfreiche Hand geboten hätte, wenn ich Euch, da
-Ihr im Elend wart, von Nutzen hätte sein können.«
-
-»Wirklich?« rief Harteck und ergriff seine Hände. Er schien noch mehr
-sagen zu wollen, besann sich jedoch und begnügte sich damit, daß er die
-Hände des Freundes mit Wärme drückte.
-
-»Ich will nun wieder an die Arbeit gehen,« sagte dieser. »Sonst kommt
-der Abend und ich bin mit dem Packen nicht fertig.«
-
-Die Folge bewies indessen, daß der junge Mann die übernommene Arbeit
-überschätzt hatte. Als das Mittagbrot aufgetragen wurde, standen die paar
-Kisten und Koffer gepackt und verschlossen da.
-
-»Was tun wir jetzt?« fragte Perkow, als wieder abgetragen worden war.
-»Wollen wir vielleicht kegeln?«
-
-Harteck lehnte den Vorschlag ab.
-
-»Oder ausgehen?«
-
-»Es regnet ja ... Ich will lieber zu schlafen versuchen.«
-
-»Auch gut. Während Du schläfst, werde ich in die Kirche gehen und
-nachsehen, ob es dort nicht einiges zu tun gibt. Und dann will ich zur
-Schule ... Die Kinder erhalten doch täglich Religionsunterricht?«
-
-»Ja.«
-
-»Leb wohl unterdessen.«
-
-Nach zweistündiger Abwesenheit kehrte Perkow zu dem Freunde zurück und
-fand diesen auf dem Bette liegend, mit geschlossenen Augen.
-
-»Dieser Faulpelz!« murmelte Joachim vor sich hin und wollte sich
-zurückziehen. Da schlug Harteck die Augen auf.
-
-»Ich habe nicht schlafen können,« sagte er. »Bleib bei mir, Juchei.«
-
-Perkow setzte sich auf den Rand des Bettes.
-
-»Wie spät ist es?«
-
-»Drei Uhr.«
-
-»Erst drei Uhr! Dieser Tag nimmt kein Ende.«
-
-»Soll ich Dir etwas vorlesen?« fragte Juchei.
-
-»Meinetwegen. Was? gilt mir gleich. Wähle selber.«
-
-Perkow holte Bücher und Zeitungen herbei und las dem Freunde daraus vor.
-Auf diese Weise verstrich eine Stunde.
-
-»Leg das Zeug beiseite,« sagte Harteck plötzlich, »und sieh nach dem
-Wetter. Vielleicht hat es zu regnen aufgehört.«
-
-Juchei trat ans Fenster.
-
-»Es regnet nicht mehr,« sagte er.
-
-»Dann gehen wir ins Freie,« sprach Harteck und erhob sich. »In mir ist
-eine unbeschreibliche Ruhelosigkeit, ... ich kann es in dieser engen Stube
-nicht länger aushalten.«
-
-Juchei war es zufrieden und, von Cäsar begleitet, verließen die Freunde
-das Haus. Trotz Nässe und Kälte schlenderten sie lange umher, und wenn
-Juchei, um die zarte Gesundheit Georgs besorgt, den Vorschlag machte,
-umzukehren, sagte Harteck jedesmal: »Noch nicht, ... es ist noch zu
-früh.«
-
-Eine nervöse Unruhe hatte sich seiner bemächtigt. Er ging so rasch, als
-ob er gehetzt würde; seine Wangen glühten und er atmete mit Anstrengung.
-
-»Ich gehe keinen Schritt weiter,« erklärte Joachim endlich. »Du siehst
-ganz erschöpft aus. Willst Du Dich absichtlich zugrunde richten?«
-
-Harteck fügte sich und sie schlugen den Heimweg ein. Als sie zu Hause
-anlangten, verkündete die Turmuhr die siebente Stunde.
-
-»Willst Du nicht etwas essen?« fragte Juchei, setzte sich und betrachtete
-seine mit Schmutz bespritzten Stiefel. »Ich, meinerseits, bin hungrig wie
-ein Jagdhund.«
-
-»Dann laß Dir etwas zu essen geben,« sagte Harteck. Er schritt im Zimmer
-auf und ab, trat wiederholt zum Fenster hin, las zerknüllte Papiere
-vom Boden auf und zerriß sie. In seinem jetzt wieder todblassen Gesicht
-spiegelten sich Gefühle aller Art: Pein, Unruhe, Mißmut ... Endlich blieb
-er vor dem Freunde stehen.
-
-»Joachim ...«
-
-»Nun?«
-
-»Ich muß fort.«
-
-»Wohin denn? Was hast Du vor?«
-
-»Ich kämpfe schon den ganzen Tag. Ich habe stark bleiben, mir auch
-dieses Letzte versagen wollen, ... aber ich kann nicht ... So ganz ohne
-Abschied, ... nein! Das geht über meine Kräfte.«
-
-Er griff nach seinem Hute.
-
-»Ich verstehe Dich nicht,« sagte Joachim sich erhebend. »Wovon oder von
-wem sprichst Du?«
-
-»Ich kehre bald zurück,« sagte Harteck, ohne die Frage zu beachten;
-vielleicht hatte er sie nicht einmal gehört.
-
-»Willst Du nicht den Hund mitnehmen?« fragte Perkow, der, obschon er
-sich das Benehmen des anderen nicht erklären konnte, von der Ahnung eines
-Unheiles erfaßt wurde. Es würde ihn beruhigt haben, wenn er wenigstens
-ein Tier dem Freunde zur Seite gewußt hätte. Harteck aber sagte Nein zu
-dem Vorschlag, und ehe Joachim Zeit gefunden, noch ein weiteres Wort zu
-sprechen, hatte jener das Zimmer verlassen.
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel
-
-
-Er ging zu Paula. Sie war allein. Beschäftigungslos saß sie am Fenster
-und rührte sich nicht, als sie ihn eintreten sah. Sie hatte seinen Schritt
-erkannt. Im Anfang sprachen beide nichts. Georg setzte sich aufs Sofa und
-zerrte an den Quasten, die von der Lehne herabhingen.
-
-»Wo ist Ihr Vater?« fragte er endlich.
-
-»Noch nicht daheim. Toni ist zu den Nachbarleuten gegangen. Soll ich sie
-holen lassen?«
-
-»Wozu? ... Sie brauchen sich vor einem Alleinsein mit mir nicht zu
-fürchten.«
-
-»Ich fürchte mich nicht,« sagte Paula; doch als sie seinem Blick
-begegnete, schrak sie zusammen. Solch ein Blick voll Leidenschaft und
-Seelenpein war ihr fremd. Mit gewaltsamer Fassung fragte sie: »Warum sind
-Sie gestern nicht gekommen?«
-
-»Weshalb hätte ich kommen sollen? Um noch mehr verachtet zu werden? Denn
-Ihr Vater verachtet mich und mit Recht. Ich bin ein Feigling.«
-
-»Vater hat mir von seiner Unterredung mit Ihnen erzählt,« sagte Paula
-und ihre Stimme bebte. »Aber daß von anderem als von Ihrer Gesundheit die
-Rede war, hat er mir nicht gesagt.«
-
-»Nicht? Wahrscheinlich wollte er Ihnen nicht weh tun ... Aber ich
-werde ihm beweisen, daß auch ich stark sein kann ... Ich habe ihm schon
-versprochen, daß ich Ihnen niemals schreiben werde, daß Sie nie wieder
-von mir hören sollen, und ich werde mein Wort halten.«
-
-»Hat er es von Ihnen verlangt?« fuhr Paula auf. »Das kann er nicht
-verlangt haben. Diesen armseligen letzten Trost kann er mir nicht rauben
-wollen ... Ist er doch ohnehin gering genug!«
-
-»Eben deshalb,« murmelte der Priester vor sich hin. »Das Wenige sättigt
-nicht, ... es zeigt vielmehr bloß an, wie groß der Hunger ist.«
-
-Paula stützte die Arme auf das Fensterbrett und legte das Kinn in die
-gefalteten Hände. Ihre Augen schweiften über den grauen, endlosen Himmel.
-
-»Bleibt es dabei, daß Sie übermorgen reisen?« fragte sie.
-
-»Ja.« -- »Sie wird mir den Betrug verzeihen,« dachte er. »Ich tue es
-zu ihrem Besten, ... sie wird mich verstehen.«
-
-»Und Sie werden mir nicht schreiben, -- kein einziges Mal?« fuhr Paula
-fort.
-
-»Nein. Ich darf und will nicht. Zu tief habe ich mich an Ihnen
-versündigt ... Lassen Sie uns der Tragödie ein für allemal ein Ende
-machen.«
-
-Paula beugte den Kopf. Lange konnte sie kein Wort hervorbringen.
-
-»Sagen Sie mir,« hob sie endlich wieder mit dumpfer Stimme an, »warum
-sind Sie Priester geworden?«
-
-Er antwortete nicht sogleich.
-
-»Fragen Sie meine Mutter,« sprach er dann. »Die wird es Ihnen sagen.«
-
-Er stand auf und trat zu ihr hin.
-
-»Meine Mutter hat es gewollt,« sprach er weiter. »Ich hätte freilich
-nicht gehorchen müssen. Aber das hätte die alte Frau getötet. Sie ist
-nicht schlecht, sie meinte es gut mit mir und darum klage ich sie nicht an.
-Ich könnte heute noch den Priesterrock von mir werfen und ein neues Leben
-anfangen, ... und ich habe, seit ich Sie kenne, Paula, manchmal daran
-gedacht. Doch was mich davor zurückhält, ist meine alte Mutter, deren
-Elend der Preis dieses Schrittes sein würde. Was sage ich Elend! Sie
-würde in Seelenqual und Verzweiflung dem Tode entgegensehen, würde
-glauben, daß ihr Sohn sich das Himmelreich verwirkt habe, ... ich würde
-der Mörder ihres Friedens sein ... und das ... das kann ich nicht auf
-mein Gewissen laden. Sie ist am Ende doch meine Mutter, ist alt, hat viel
-gelitten, und ihr einziges Glück, ihr Trost und ihre Hoffnung ist der
-geistliche Sohn, der, wie sie in ihrem Irrwahn glaubt, berufen sei, Gott
-dem Herrn allein zu dienen und dadurch sich selbst und den Seinigen die
-ewige Seligkeit zu sichern. Ein beklagenswerter Wahn, dem mein Leben zum
-Opfer fiel, das sich viel schöner und segensreicher gestalten hätte
-können, wenn meine Mutter mich meinen eigenen Weg hätte gehen lassen.
-Aber ich will mich darein ergeben. Wenn das Opfer nun einmal gebracht
-werden _muß_, soll es wenigstens mit christlicher Demut geschehen.
-Gott wird mir mein Kreuz tragen helfen, ohne daß ich unter seiner Last
-zusammenbreche.«
-
-Er schwieg und beugte sich über Paula, die in sich versunken dasaß. Sie
-erfaßte seine Hände und lehnte das Gesicht an seine Brust.
-
-»Ach! Dieses kalte schwarze Kleid!« sprach sie zurückschaudernd. »Wie
-schwer haben die Menschen sich an Ihnen vergangen!«
-
-»Nicht doch, Paula. Klagen Sie niemanden an. Soviel bin ich doch Christ
-und Priester, daß ich aus ganzem Herzen verzeihen kann.«
-
-»Aber ich nicht! Gott helfe mir! Ich kann nicht...«
-
-Sie verkreuzte die Arme, sah zu ihm empor, dann zu Boden und grub die
-Zähne in die Unterlippe ein. In ihren Zügen arbeitete ein heftiger,
-innerer Kampf.
-
-»Meine tote Mutter wird es mir vergeben,« sprach sie endlich.
-
-»Was wollen Sie damit sagen, Paula? Worüber sinnen Sie nach?«
-
-»Hören Sie mich an,« fuhr sie mit unbeugsamer Entschlossenheit fort.
-»Ich habe oft darüber nachgedacht; denken auch Sie darüber nach. Wir
-werden voneinander scheiden. Versuchen Sie es, sich darein zu schicken.
-Doch wenn es Ihnen unmöglich, wenn Sie fühlen, daß Sie meiner bedürfen
-zum Leben, -- dann rufen Sie mich. Ich werde warten, -- wochen-, monate-,
-jahrelang, wenn es sein muß. Ich gehöre Ihnen, wenn Sie es wollen, und
-ich bleibe hier, wenn Sie anders entscheiden.«
-
-»Sie wissen nicht, was Sie reden, Paula,« sagte er und faßte sich an der
-Stirn. »Es ist nicht großmütig, einen Menschen in solche Versuchung zu
-führen. Welch ein Elender müßte ich sein, wenn ich nur einen Augenblick
-schwanken könnte. Bedenken Sie ... Ihr Vater, Ihre kleine Schwester, die
-Ihrer so notwendig bedarf, ... Ihr eigenes Leben, Ihre ganze Zukunft ...«
-
-»Ich habe alles bedacht. An meinem Leben und meiner Zukunft ist wenig
-gelegen. Und Vater und Toni würden mich vergessen, wie man eine Unwürdige
-vergißt.«
-
-»Sie sprechen damit Ihr Urteil aus. _Sie_, die Sie so ehrlich,
-pflichtgetreu und opferwillig sind, wollten etwas begehen, was, wie Sie
-selbst gestehen, unwürdig ist? Sie würden elend werden und auch mich
-elend machen, wenn ich ruchlos genug wäre, Sie Ihrem Hause zu entreißen.
-Wissen Sie, was Reue heißt? Sie würden es erfahren. Liebesbande, wie es
-diejenigen sind, die Sie mit Ihrem Vater und Ihrer Schwester verbinden,
-lassen sich nicht zerreißen. Sie würden sie immer fühlen, diese Bande,
-würden sich zurücksehnen nach Ihrem reinen Familienleben, würden sich
-und mich verfluchen. Nein, Paula. _Dazu_ soll es niemals kommen. Glücklich
-zu werden ist uns verneint; fügen wir zum Schmerz nicht noch die Sünde
-hinzu. Wir beide sind nicht schlecht geboren, ... wir könnten uns
-vielleicht zum Schlechtsein zwingen, vielleicht eine Zeitlang wähnen
-glücklich zu sein ... wenigstens _ich_, der ich Sie so sehr liebe ...,
-dann aber würden wir erwachen und uns gänzlich verarmt finden. Sie,
-Paula, die Geliebte eines katholischen Priesters, ... verachtet, verhöhnt,
-ausgestoßen von allen, ... und ich an Ihrer Seite, unfähig, Sie zu
-schützen, ohnmächtig gegenüber allem Spott und Hohn ... Nein! Tausendmal
-nein. Für solch ein Glück danke ich.«
-
-»Es ist gut,« sagte Paula. »Ich will Sie nicht weiter drängen. Wie
-ich denke, wissen Sie. Vergessen Sie es nicht. Und wenn eine Zeit kommen
-sollte, wo Sie denken wie ich, dann erinnern Sie sich, daß ich warte.«
-
-Sie stand auf.
-
-»Was haben Sie vor?« fragte er erschrocken und hielt sie am Kleide fest.
-»Wollen Sie mich schon verlassen?«
-
-»Ich muß. Für heute ist es genug. Vater kann jeden Augenblick kommen und
-ich will, daß er mich ruhig finde, ... und so lang Sie bei mir sind ...«
-Sie lächelte mühsam und streckte ihm die Hand hin. »Morgen wollen wir
-von dem allen nicht weiter sprechen und gelassen Abschied voneinander
-nehmen, ... ja?«
-
-Er neigte sich über ihre Hand und drückte die Lippen darauf. Jetzt wurde
-es Ernst. Gott im Himmel! So schwer hatte er sich diesen Augenblick nicht
-gedacht.
-
-»Auf morgen denn,« sagte Paula.
-
-»Auf morgen,« sprach er nach. Er war blaß wie eine Leiche. Fort, fort
-von hier; keine nutzlose Verlängerung des Todeskampfes.
-
-Eine halbe Minute später stand er auf der Straße. Der Wind peitschte
-seine Kleider und fuhr ihm mit mürrischem Gruß ins Gesicht. Es war
-vorüber. --
-
-Geduldig lehnte Perkow am Fenster und wartete auf den Freund. Er sah ihn
-kommen und eilte ihm entgegen.
-
-»Schon zurück?« redete er ihn an, verstummte jedoch allsogleich. Das
-Aussehen des anderen war so sonderbar ...
-
-»Ist Dir etwas geschehen?« fragte Joachim erschreckt.
-
-Harteck wollte antworten, vermocht' es aber nicht.
-
-Stumm schritt er durch das Zimmer nach seiner Schlafstube und warf sich
-dort auf das Bett. Der junge Priester war ihm gefolgt.
-
-»Um Gottes willen, was hast Du nur?« fragte Joachim und beugte sich über
-ihn.
-
-Harteck stieß ihn von sich.
-
-»Laß mich!« rief er mit heiserer Stimme. »Ich will schlafen.«
-
-Ohne ein Wort zu erwidern, zog Perkow sich zurück in das Wohnzimmer,
-setzte sich und starrte mit trüber Verwunderung im Gesicht auf den Boden.
-Unsäglich langsam verstrich die Zeit. Der Geistliche stützte den Kopf mit
-beiden Händen und dachte über den Freund nach. Es war so still, so
-dunkel in der Stube, tief und ruhig atmend lag Cäsar unter dem Tische
-ausgestreckt, ... der junge Mann versank in eine Art Halbschlummer. Das
-Geräusch eines näher rollenden Wagens brachte ihn indessen bald wieder
-zu sich; er hörte den Wagen am Tor halten, vernahm Stimmen; der Dekan und
-dessen Nichte waren von ihrem Ausfluge heimgekehrt.
-
-Harteck fuhr aus seinem dumpfen Schlaf empor.
-
-»Ist es schon Morgen? Muß ich fort?« fragte er verwirrt. »Ich höre
-einen Wagen.«
-
-Joachim trat zu ihm hin.
-
-»Es ist zehn Uhr,« sagte er. »Der Dekan und das Fräulein sind
-zurückgekommen. Schlafe nur weiter; der Wagen geht Dich nichts an.«
-
-Harteck seufzte und stöhnte wie ein Mensch, der physische und geistige
-Qual erduldet, und fiel neuerdings auf die Kissen zurück.
-
-»In den Kleidern schläft es sich schlecht,« sagte Joachim. »Willst Du
-sie nicht ablegen? Komm, ich will Dir dabei behilflich sein.«
-
-Georg nickte stumm und ließ sich wie ein Kind von dem Freunde auskleiden.
-
-»Vergiß nicht, mich morgen rechtzeitig zu wecken,« sagte er dann und
-schloß die Augen.
-
-»Sei ohne Sorge.«
-
-Joachim rückte einen Stuhl an das Bett, setzte sich und wachte am
-Lager des Freundes. Dieser schlief bald wieder ein, doch sein Schlaf war
-unruhiger Art. Um Mitternacht erwachte er.
-
-»Juchei!«
-
-»Was willst Du?«
-
-»Du bist so gut, ... Ich muß Dir noch etwas sagen, Dich um etwas
-bitten, ... Du wirst es mir nicht abschlagen.«
-
-»Wenn es in meiner Macht steht, Deinen Wunsch zu erfüllen ...«
-
-»Hier lebt ein Mädchen. Du kennst sie, ... sie heißt Paula Reinberg.
-Versprich mir, freundlich gegen sie zu sein, wenn sie Dich nach mir fragen
-sollte, ... ja, noch mehr, ... suche sie manchmal auf und erzähle ihr
-unaufgefordert von mir ... Willst Du mir das geloben?«
-
-»Ja,« antwortete Juchei gepreßten Tones. Jetzt war ihm alles klar.
-
-»Dank, tausend Dank,« sagte Harteck und drückte die Hände des Freundes.
-»Nun bin ich ruhig.«
-
-Er sank in Schlaf und Juchei wachte getreulich an seiner Seite. Erst als
-der Morgen zu dämmern begann und der junge Priester bemerkte, daß Georg
-fest schlief, beugte sich Joachim, vom Wachen müde, auf das Bett herab und
-legte den Kopf auf den Rand des Kissens. Sein Blondhaar streifte das dunkle
-Gelock des Freundes, ihre Atemzüge flossen ineinander und beide schliefen
-bis zum Morgen.
-
-Joachim war es, der zuerst erwachte. Rasch machte er Toilette, suchte
-Uschei auf und bat sie, in einer halben Stunde das Frühstück zu bringen
-und anspannen zu lassen. Dann erst weckte er den Freund. Georg sah sehr
-schlecht aus, war jedoch leidlich heiter oder stellte sich wenigstens so,
-und die zwei Freunde verfügten sich in die Kirche, um dort eine heilige
-Messe zu lesen. Dann kehrten sie in den Pfarrhof zurück und setzten sich
-zum Frühstück nieder. Während sie damit beschäftigt waren und mehrere
-Knechte das Gepäck hinaustrugen, um es hinten an dem Wagen festzubinden,
-trat der Dekan in das Zimmer.
-
-»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte er, mit der Hand winkend, da die
-jungen Männer sich erhoben. Harteck bot ihm einen Stuhl an. Der Dekan
-setzte sich. Man mag einem Menschen noch so unhold gesinnt sein: im
-Moment des Scheidens sieht man ihn immer mit milderen Augen an. Der Dekan
-betrachtete das blasse, hagere Gesicht des jungen Priesters, das im fahlen
-Frühlicht beinahe grau erschien, und etwas wie Mitleid regte sich in
-seiner Brust. Hatte er ihn vielleicht nicht doch allzu hart beurteilt und
-verurteilt? Nun aber waren die Würfel gefallen. Die leisen Selbstvorwürfe
-kamen zu spät.
-
-»Wie reisen Sie?« fragte der Dekan sich räuspernd. »Wenn ich nicht
-irre, muß man einen Berg übersetzen, um nach Keßten zu gelangen.«
-
-»Das wäre freilich der kürzeste Weg,« sagte Harteck. »Aber ich habe
-meiner Bagage wegen beschlossen, um den Berg herumzufahren. Ich muß die
-Fahrt im Schritt zurücklegen und werde Keßten vor dem Abend schwerlich
-erreichen.«
-
-»So, so,« sprach der Dekan. Er hätte ihm gern etwas Freundliches gesagt,
-aber es fiel ihm nichts ein. »Wenn es Ihnen angenehm ist,« fuhr er nach
-längerer Überlegung fort, »kann Herr Perkow Sie begleiten und morgen
-mit dem Wagen hierher zurückkehren. Ich gebe ihm gern einen zweitägigen
-Urlaub.«
-
-Überraschung und Freude malten sich im Gesicht des Priesters; er stand auf
-und ergriff die Hand des Prinzipals.
-
-»Ich danke Ihnen, Herr Dekan,« sprach er mit Wärme.
-
-»Aber bis morgen abend müssen Sie zurück sein,« sagte der Dekan
-zu Perkow gewendet. »Übermorgen ist Bittgang und den müssen Sie
-anführen.«
-
-»Sie dürfen sich auf mich verlassen, gnädiger Herr,« sprach Joachim,
-der sich gleichfalls erhoben hatte.
-
-Der Dekan nickte und legte die Hand auf Hartecks Schulter.
-
-»Gehaben Sie sich wohl,« sagte er und seine Stimme klang nicht ganz rein,
-»und lassen Sie sich Ihre Pflichten recht angelegen sein. Der Herr gebe
-Ihnen seinen Segen dazu.«
-
-»Ich stelle mich unter seinen Schutz,« antwortete Harteck. »Leben Sie
-wohl, Herr Dekan.«
-
-Dieser entfernte sich rasch.
-
-Uschei trat ein mit der Meldung, daß der Wagen bereit stehe.
-
-Harteck gab auch ihr die Hand und sprach mit ihr, während Joachim, einen
-Plaid und Georgs Handtasche über dem Arm, zum Wagen hinabeilte. Georg
-folgte ihm bald.
-
-»Wo ist der Pater?« fragte er, im Begriff einzusteigen.
-
-Der Pater war nicht zu Hause. Hatte eine Pflicht ihn abgerufen oder wollte
-er dem Abschied aus dem Wege gehen? Harteck zerbrach sich nicht lang den
-Kopf darüber, trug Uschei auf, den Pater von ihm zu grüßen, schüttelte
-die Hände des um ihn versammelten Gesindes und stieg in den Wagen. Cäsar
-hatte keine Lust, ein gleiches zu tun und sprang, trotz Jucheis Pfeifen und
-Locken, laut bellend vor den Pferden her.
-
-»Mag er laufen!« sagte Harteck. »Wenn er müde ist, bequemt er sich
-wohl, hereinzukommen. -- Das gnädige Fräulein schläft wahrscheinlich
-noch?« wendete er sich an Uschei.
-
-»Ja,« sagte diese.
-
-»Vermelden Sie auch ihr meine Grüße und Empfehlungen. -- Vorwärts,
-Kutscher!«
-
-Die Pferde zogen an, die Knechte schwenkten die Mützen, die Dirnen winkten
-mit den Händen und die gefühlvolle Uschei führte ihre Schürze an die
-Augen. Juchei breitete den Plaid über die Kniee des Freundes, und, hart
-aneinander gerückt, fuhren sie in den kühlen Morgen hinaus. Georgs Lippen
-zitterten und an seinen Wimpern hingen schwere Tränen.
-
-»Nicht weinen, Alter,« sagte Juchei bittend und schmiegte sich an ihn.
-»Sieh, wie schön die Sonne hervorbricht!«
-
-Georg schaute nach Osten.
-
-»Ade,« sprach er leise. Wem galt dieser letzte Gruß? Joachim ahnte, wem
-er gelten mochte, aber er sagte nichts und überließ den Freund seinen
-Gedanken.
-
- * * * * *
-
-Fräulein Aurelie war an diesem Morgen bitter verstimmt. Daß Harteck fort
-war, ärgerte sie nicht, wohl aber, daß sie sein Fortgehen hatte wünschen
-müssen. Ein so unhöflicher, geschmackloser Mensch! Aber der neue
-»Pfaff« war auch nicht besser. Harteck war doch wenigstens gutmütig
-gewesen, -- aber dieser junge Lecker verstand so spöttisch zu blicken und
-so herrisch zu sprechen, daß man billig staunen mußte. Dazu eine wahrhaft
-empörende Gleichgültigkeit gegen -- sie ... _Das_ war es. Um sich zu
-zerstreuen, unternahm das Fräulein nach dem Frühstück einen Spaziergang.
-Auf dem Wege begegnete ihr Paula, die gerade vom Markte kam.
-
-Aurelie blieb stehen, grüßte überaus höflich und erkundigte sich nach
-Paulas Befinden. »Sie müssen krank sein, meine Liebe,« sagte sie mit
-süßlichem Lächeln. »Sie sehen erschreckend schlecht aus, nicht anders,
-als ob Sie die ganze Nacht gewacht und geweint hätten. Wahrhaftig! _so_
-sehen Sie aus. Der Herr Kooperator -- oder, wie er jetzt heißt, der Herr
-Vikar -- sah vorgestern ebenso aus, -- genau so schlecht wie Sie.«
-
-Paula fühlte den Stich, gab jedoch keine Antwort.
-
-»Sie wissen ja, daß er uns heute verlassen hat?« sprach Aurelie, noch
-immer lächelnd, weiter und verwandte keinen Blick von dem Mädchen.
-
-»Heute?« wiederholte Paula mit tonloser Stimme. »Ich dachte, ... erst
-morgen ...«
-
-»Nein, heute schon. Wußten Sie's nicht? Das nimmt mich Wunder.«
-
-Hämisch fixierte sie das junge Mädchen, dessen farbloses, bestürztes
-Gesicht jedem anderen als ihr einiges Mitleid hätte einflößen müssen.
-
-»Er fuhr sehr früh fort,« sagte Aurelie. »Ich habe seinetwegen
-meinen Schlaf natürlich nicht abbrechen wollen und seine Wegfahrt auch
-verschlafen. Er ist mir immer höchst gleichgültig gewesen.«
-
-Sie sprach diese Worte affektiert genug, -- aber Paula war zu zerstreut,
-um darauf zu achten. Sie dachte bloß an ihn, der ohne Abschied von ihr
-gegangen war, ... wahrscheinlich, um sie zu schonen. Darum also war er
-gestern so blaß gewesen, hatte er sie so lang angesehen, so lang, als
-ob er ihr Bild seiner Seele einprägen gewollt ... Er hatte ihr im Geiste
-Lebewohl gesagt und sie hatte nichts geahnt.
-
-Und aus diesem höhnischen Munde hören müssen, daß er fort! Das war
-unerträglich. Sie nickte dem lächelnden Fräulein einen Gruß zu und
-ließ sie stehen. Schadenfroh blickte Aurelie ihr nach. Sie wußte und
-verstand nicht, was in diesem armen jungen Herzen vorging: sonst hätte
-sie erröten müssen darüber, daß sie bei so tiefem, wortlosem Weh nichts
-anderes empfand als hämische Schadenfreude.
-
- * * * * *
-
-In Keßten war man von dem Eintreffen des neuen Seelsorgers bereits
-unterrichtet. Um die siebente Abendstunde langten ein paar kleine Buben
-atemlos im Dorfe an, mit der Meldung, daß der Herr Vikar angefahren komme.
-
-Wirklich tauchte auf der Heerstraße ein Wagen auf, der sich im Schritt
-dem Dorfe näherte. Alles, was Beine hatte, voran die Alten, hinterher die
-Jungen, eilte dem neuen Seelsorger entgegen.
-
-»Das ist Keßten,« rief Juchei, sich von seinem Sitz erhebend; doch als
-er die Leute kommen sah, setzte er sich wieder und drückte sich in die
-Ecke. Die Leute sollten wissen, daß nicht _er_, sondern der Priester an
-seiner Seite der Erwartete wäre.
-
-»Es ist für unsereinen doch viel besser, auf dem Lande als in einer Stadt
-zu leben,« sagt er zu Harteck. »Hier gelten wir doch etwas ... Nimm den
-Hut ab, Georg, ... Deine Gemeinde ist schon ganz nahe.«
-
-Harteck richtete sich in die Höhe und tat, was der Freund von ihm begehrte
-hatte. Mit inniger Rührung sah er auf seine neue Gemeinde und sein Herz
-fing beim Anblick des kleinen, armen Dorfes laut zu schlagen an. Seine
-neue Heimat, -- ach! die wievielte schon!? Aber er schüttelte die
-schwermütigen Gedanken rasch wieder ab; diese Menschen kamen ihm mit Liebe
-entgegen, -- er wollte die sich ihm entgegenstreckenden Hände mit gleicher
-Liebe erfassen.
-
-Und näher rückte der kleine Zug, immer näher. »Grüß Gott!« ertönte
-es aus alten und jungen Kehlen. Einige Mütterchen fingen zu weinen an,
--- froh vielleicht, einen Anlaß zu haben, ihren Tränen freien Lauf zu
-lassen. Weiber hoben ihre Kinder in die Höhe: »Siescht[22], Seppei[23],
-dös ischt der neue Herr Vikar!« Die Burschen und Dirnen grüßten mit
-lachenden Augen. Der junge Vikar winkte nach allen Seiten und reichte
-denjenigen, die sich besonders nah an den Wagen herandrängten, die Hand.
-Im Dorfe läuteten die Glocken, barhaupt gingen Männer und Burschen neben
-dem Wagen einher, die Weiberleute folgten hinten nach. Am Pfarrhof hielt
-der Wagen. Harteck öffnete den Schlag und sprang heraus, dankte den
-Dorfältesten, die um ihn herumstanden, für den liebevollen Empfang,
-drückte noch viele von schwerer Arbeit rauhe, mit Schwielen bedeckte
-Hände, schwenkte den Hut gegen das versammelte Landvolk hin und ging in
-das Haus hinein.
-
-Die Leute zerstreuten sich bald. »Ein feiner Herr und so freundlich,«
-sagten einige. »Aber gar so viel blaß,« meinten andere. »Der Blonde
-sieht viel lustiger aus.«
-
-Im großen und ganzen waren sie jedoch seines Lobes voll; er hatte
-jedermann gefallen.
-
-Im Hausflur trat Harteck die Wirtschafterin des verstorbenen Vikars
-entgegen. Sie brach in Tränen aus, und als er sie um die Ursache ihres
-Kummers befragte, sagte sie schluchzend: »Sie erinnern mich halt gar so
-viel an meinen seligen Herrn ... Gerade so ein leutseliges G'schau[24] wie
-Sie hat er gehabt.«
-
-Er bat sie, sich zu beruhigen: er werde sich alle Mühe geben, ihr den
-Verstorbenen zu ersetzen, und sie faßte sich auch und geleitete ihn in
-das Wohnzimmer, wo der gedeckte Tisch ihn belehrte, daß er erwartet worden
-war.
-
-»Aber auf zwei Gäste haben Sie nicht gerechnet?« fragte Harteck
-lächelnd. »Ist genug Essen vorhanden für mich und meinen Freund und
-können Sie ihm ein Lager bereiten?«
-
-Sie antwortete, daß sich das schon werde machen lassen, nur müßten die
-Herren eben mit geringem vorlieb nehmen. Ihre Miene blieb eine bekümmerte,
-in ihren Augen glänzten Tränen und alles, was sie sagte, brachte sie in
-traurigem Tone vor.
-
-»Der tote Herr will mir halt nicht aus dem Sinn,« sagte sie, sich
-gleichsam entschuldigend. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme; hatte doch
-Paula von ihr und für sie gesprochen. Er nahm sich vor, gut und geduldig
-gegen die arme Frau zu sein.
-
-Während diese sich anschickte, das Essen aufzutragen, besichtigten die
-Geistlichen den Pfarrhof. Das Haus war allerdings armselig, die Zimmerchen
-niedrig und in schlechtem Stande. Aber Georg ließ sich dadurch nicht
-verstimmen, sondern sprach die Hoffnung aus, daß es ihm wohl gelingen
-würde, sein kleines Besitztum wohnlich zu gestalten, und Joachim
-bestärkte ihn in seiner Zuversicht. Heiterer als sie gedacht hatten,
-setzten sie sich an den gedeckten Tisch und verzehrten das einfache Mahl.
-
-Am folgenden Tag war ihre erste Sorge, in die Kirche zu gehen und die Messe
-zu zelebrieren. Die ganze Gemeinde hatte sich eingefunden und wohnte mit
-großer Andacht der heiligen Messe bei, und als der Gottesdienst vorüber
-war, kamen viele Leute in die Sakristei und begehrten mit dem neuen Vikar
-zu sprechen; ein jeder hatte ein anderes Anliegen und alle wollten gehört
-sein. Harteck ersuchte die Leute, nach Ablauf einer Stunde in den Pfarrhof
-zu kommen, dort werde er alle Wünsche entgegennehmen, und kehrte mit
-Juchei in den Pfarrhof zurück. Da nahmen sie das Frühstück ein und
-plauderten eine Weile; dann stand Juchei auf und sagte, daß es Zeit für
-ihn wäre, die Heimfahrt anzutreten. Harteck schloß ihn in die Arme und
-Juchei hing lang an seinem Halse.
-
-»Laß es Dir gut gehen,« sagte Juchei endlich mit schwankender Stimme,
-»und schreib mir oft ...«
-
-Er riß sich aus seinen Armen und ging rasch davon. Harteck stellte sich
-ans Fenster. Er sah Juchei aus dem Hause treten und in den Wagen steigen.
-
-»Besuche mich bald!« rief er hinunter.
-
-»Sobald ich kann,« antwortete Juchei und erhob grüßend die Hand. Ein
-stechender Schmerz durchzuckte Hartecks Brust, als jetzt der Wagen sich in
-Bewegung setzte. War ihm doch, als ob die Pferde sein Einziges, das Letzte,
-was das Schicksal ihm gelassen hatte, entführten. Jetzt erst fühlte er,
-wie teuer und notwendig der Freund ihm war und wie einsam, wie freudlos
-das neue Leben. Er trat vom Fenster zurück. Er konnte den Freund nicht
-fortfahren sehen. Und drunten auf der Straße fuhr Joachim, drückte sich
-in eine Ecke und zog den Hut bis auf die Augen herab, -- damit niemand die
-Tränen sehe, die der Abschied vom Freunde ihm erpreßte.
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel
-
-
-Die Abwesenden sind bald vergessen. Nach kurzer Zeit schon sprachen die
-Bewohner St. Jakobs nicht mehr von ihrem alten Kooperator und gewöhnten
-sich an den neuen, und der Dekan, dessen flüchtiges Reuegefühl längst
-wieder verflogen war, fand sein Vorgehen wider Harteck nunmehr ganz in
-der Ordnung und zerbrach sich nicht weiter den Kopf über ihn und sein
-Schicksal. Im Hause des Arztes wurde der Name Hartecks niemals genannt
-und, äußerlich wenigstens, schien es, als ob in diesen Räumen mit dem
-Scheiden des Priesters der alte Friede wieder eingekehrt wäre. Den Vater
-freilich täuschte die scheinbare Ruhe seines Kindes nicht. Er kannte Paula
-zu gut, um nicht zu wissen, daß sie nicht zu denjenigen gehörte, die
-vergessen, weil sie stumm bleiben. Aber wozu an die Wunde rühren? Mochte
-sie im stillen ausbluten; die alles mildernde Zeit wird auch diese Wunde
-schließen.
-
-Paula lebte still dahin, beschäftigte sich viel mit dem Hauswesen, der
-Schwester, dem Vater, und war sanft und geduldig gegen jedermann. Wenn
-manchmal Leute, teils aus Mitgefühl, teils aus Neugier und nicht selten
-aus Bosheit, von dem Geistlichen zu sprechen anhoben und dabei dem Mädchen
-mit dummdreistem Blick ins Gesicht starrten, antwortete Paula ruhig und
-gelassen, und nichts in ihren Zügen tat kund, daß sie sehr gut wußte,
-weshalb die Menschen gerade so oft mit _ihr_ von dem Geschiedenen redeten.
-Die Kirche besuchte sie nur zu Stunden, wo sie das Gotteshaus fast leer
-wußte; dann kniete sie an einem der Seitenaltäre nieder, legte Stirn und
-Hände auf die Umfriedung und dachte nach ... Beten konnte sie selten;
-doch wenn es geschah, war es ein Gebet für _ihn_, ... daß Gott ihn sie
-vergessen lassen möchte ... Für sich erbat sie nicht das gleiche. Sie
-wußte, daß _diese_ Bitte nicht erfüllt werden konnte.
-
-Im Anfang ertrug sie seinen Verlust mit großer Fassung. Ihr war zumute,
-als ob er gar nicht gegangen wäre, als ob er wieder kommen müßte. Als
-aber Tag um Tag, Woche um Woche verstrich und keine Kunde von ihm zu ihr
-gelangte; als sie immer umsonst auf ihn wartete oder auf ein Zeichen von
-ihm, -- da begann sie eine ungeheure Leere in der Brust zu fühlen; da
-wurde ihr allmählich klar, daß sie ihn ganz und auf immer verloren, daß
-ihr Warten ein vergebliches, ... und es kam ihr vor, als ob alles um
-sie herum und in ihr abgestorben wäre. Was tut er? Wie lebt er? Sie
-zermarterte sich das Gehirn über diese Fragen. Oft sprang sie mitten in
-einer Arbeit vom Stuhle auf und stand, die Hand an die Lippen gepreßt,
-ängstlich horchend da ... »Er sehnt sich nach mir, ruft mich, kann mich
-nicht vergessen,« dachte sie dann. »Ich fühle es, und das ist es, was
-mich so emporreißt und hinzieht zu ihm ...«
-
-»Warum bist Du so traurig, Paula?« fragte die kleine Toni zu wiederholten
-Malen. Was sollte sie dem Schwesterchen antworten? »Wenn Du einmal groß
-sein wirst, will ich's Dir sagen,« versetzte sie einmal. »Heute würdest
-Du es noch nicht verstehen.«
-
-Mit Perkow traf sie selten zusammen. Sie vermied es, ihm zu begegnen und er
--- suchte sie nicht auf. Sie hörte viel Gutes über ihn, -- wie eifrig er
-wäre, wie sittenstreng und brav und welch' große Stücke der Dekan auf
-ihn halte, ... aber alles dieses Lob stimmte sie nicht freundlicher wider
-ihn. Im Gegenteil! Lag darin nicht eine indirekte Herabsetzung des anderen?
-_Den_ hatte niemand gelobt, obschon alle ihm gut gewesen waren. Aber sie
-sprachen nach, was sie vom Dekan gehört hatten: daß Harteck kein echter
-Priester gewesen wäre, daß er zu viel weltlichen Gedanken nachgehangen
-hätte ... Der neue Kooperator hingegen, -- ja der, das wäre ein Mann!
-Vielleicht ein wenig streng, aber das müsse ein Priester sein, vor einem
-solchen habe man doch Respekt, während der andere, ... dem seien eben
-immer die Weiber im Sinn gelegen, der hätte nicht Geistlich werden sollen.
-Paula nährte einen geheimen Groll gegen den jungen blonden Priester, und
-daß er Hartecks Freund war, erbitterte sie noch mehr wider ihn. _Der_
-durfte ihm Liebesdienste erweisen, mit ihm verkehren, brauchte seine
-Freundschaft nicht scheu zu verbergen, während _sie_ alle ihre Liebe
-in ihr Herz verschließen und schweigend zusehen mußte, wie diese
-Liebesfülle nutzlos und einsam verdorrte.
-
-Eines Tages ging sie im Garten spazieren und sah den jungen Kooperator vor
-demselben auf und ab wandeln. Von Zeit zu Zeit stand er still, schaute
-um sich, schien auf jemanden zu warten ... Sie näherte sich ihm. Perkow
-erblickte sie, fuhr grüßend an den Hut und trat an das Geländer heran.
-
-»Wünschen Sie etwas von mir?« redete Paula ihn an.
-
-»Nichts Besonderes,« gab er zur Antwort. »Ich wollte Sie nur fragen, ob
-Sie das Singen in der Kirche gänzlich aufgegeben haben. Der Herr Dekan hat
-neulich davon gesprochen ...«
-
-Um ihr _das_ zu sagen, war er sicherlich nicht gekommen. Aber Paula hatte
-keine Lust, ihm zu helfen.
-
-»Ich bin heiser und kann nicht singen:« das war alles, was sie erwiderte.
-
-»Mein Freund Harteck --,« er, nicht sie, errötete, als er diesen Namen
-aussprach, -- »schwärmt heute noch von Ihrem Gesang. Die Leute in Keßten
-haben erbärmliche, schlecht geschulte Stimmen.«
-
-Paula war bei diesen Worten, als ob die Schranke zwischen ihr und ihm
-plötzlich fiele; er war gekommen, um ihr von Georg zu erzählen ...
-Konnte sie da noch zögern? Ihr ganzes Herz verlangte ja danach, von ihm zu
-hören.
-
-»Wie geht es Ihrem Freunde?« fragte sie mit bebender Stimme.
-
-»Danke, recht gut,« antwortete er, durch die entgegenkommende Frage
-sichtlich erleichtert. »Ich habe vor kurzem einen Brief von ihm erhalten.
-Vielleicht wollen Sie diesen lesen ...?«
-
-»Ja,« sagte Paula. Sie wußte nun, daß Perkow von ihrem traurigen
-Geheimnisse unterrichtet war, und gab auch ihrerseits jede Verstellung auf.
-Er überreichte ihr das Schreiben und blickte, während sie las, von ihr
-weg, die Straße hinab.
-
-»Du teilst mir mit, daß Deine Berufspflichten es Dir einstweilen
-unmöglich machen, mich zu besuchen,« hieß es in dem Briefe, »und so
-muß ich denn =nolens volens= zur armseligen Kritzelei meine Zuflucht
-nehmen, um mich mit Dir zu unterhalten. Ein recht erbärmliches
-Auskunftsmittel, lieber Juchei, das mich nur wenig befriedigt. Daß ich
-es Dir nur bekenne: täglich stehe ich mit der Hoffnung auf, daß Du
-vielleicht heute kommen wirst, und blicke hundertmal im Tag die Straße
-hinauf und hinunter, ... aber immer vergeblich. Was ich tue und treibe?
-Ach Lieber! Was soll, was kann ich tun? Du weißt doch, welches unser
-Leben ist. In Keßten, so klein das Nest ist, gibt es viel zu schaffen. Die
-Seelsorge ist recht anstrengend, da ich alles allein besorgen muß und die
-Kirche von meiner Wohnung weit entfernt liegt. Und dann ist meine Gemeinde
-auf Wallfahrten sehr erpicht, und die muß ich natürlich immer mitmachen.
-Den Leuten geht es aber trotzdem ziemlich schlecht, sie sind arm und der
-Boden wirft, außer Gras, nichts ab. Das junge Volk verdingt sich
-als Knechte und Mägde in die reicheren Nachbardörfer, die Alten und
-Verheirateten bleiben daheim und schlagen sich kümmerlich genug durchs
-Leben. Die Männer betreiben einen kleinen Milch- und Käsehandel, die
-Weiber spinnen, sticken, flechten Strohhüte. An Kranken und Kretins
-herrscht hier trauriger Überfluß. Die Kranken sind sehr fromm und sehen
-es gern, wenn ich sie besuche; ich tue ihnen den Gefallen und tröste
-sie, so gut ich es vermag, und sie haben mich schon recht lieb gewonnen.
-Besonders leid tun mir die Kinder. Diese armen Würmer müssen eine Stunde
-lang in die Schule laufen, und wenn ich nicht fürchtete, daß ich
-mir dadurch Verdrießlichkeiten zuziehen könnte, würde ich es gern
-übernehmen, sie zu unterrichten; zum mindesten die kleinsten und
-schwächlichen. Aber dann würde es wahrscheinlich heißen, daß ich die
-Kleinen ›verfinstern‹ wolle und mich in Dinge menge, die mich nichts
-angehen. Du weißt, wie die Herren Lehrer über uns denken. Darum lasse ich
-es lieber sein.
-
-Hier bietet sich mir auch Gelegenheit zu erfahren, was arm sein heißt.
-Solang ich unter einem Vorgesetzten stand, wußte ich nicht, wie arm
-ich war, weil ich mit den Haushaltauslagen nichts zu schaffen hatte. Ich
-brauchte nur für Kleider, Bücher, Musikalien usw. zu sorgen und dafür
-reichte meine karge Einnahme immerhin aus. Jetzt aber soll ich alles
-bestreiten, alles besorgen, und meine Einkünfte sind verzweifelt gering.
-Ich bin sozusagen in einer höchst peinlichen Lage ... Ich habe doch meine
-Junggesellenwirtschaft einrichten müssen, vieles fehlt noch darin
-und meine Haushälterin jammert mir täglich vor, sie brauche das und
-jenes, ... aber mein Geld ist alle. Ich bitte Dich jedoch mit aufgehobenen
-Händen, mir nur um des Himmels willen keines zu schicken. Du hast selbst
-sehr wenig und benötigst es für Dich, und außerdem weiß ich nicht, wann
-ich es Dir zurückerstatten könnte. Ich werde mich wohl durchschlagen.
-Die Leute sind so komisch zu glauben, daß ich mich pekuniär ziemlich gut
-stehe, und haben nicht selten den unglücklichen Einfall, mich um milde
-Gaben anzusprechen. Wenn diese armen, bedrängten Menschen nicht einen so
-jammervollen Anblick böten, würde ich über solche Zumutungen lachen.
-Ich gebe sehr gern, -- aber leben muß man doch auch, und ich kann Dir
-versichern, daß ich schlecht genug lebe. Mein Vorgänger hat eine Art
-Gemüsehandel getrieben, -- das aber bringe ich nicht zuwege. Offen gesagt,
-ich schäme mich, es zu tun. Lieber esse ich mich an Gemüsen satt, -- das
-Fleisch ist hier ohnehin selten und teuer.
-
-Meine gute Gemeinde benutzt mich überhaupt zu allem möglichen. Die Leute
-sind, wie alle Bauern, interessiert und habsüchtig, und wenn sie irgend
-etwas wissen wollen, wenden sie sich an mich, der jede Auskunft gratis
-verabfolgt. Auch zum Schiedsrichter ernennen sie mich oft -- Bauern
-streiten ja immer untereinander und suchen sich gegenseitig zu
-übervorteilen --, und ich muß dann entscheiden, wer von den Streitenden
-recht habe und wer unrecht. Von meiner Unparteilichkeit sind sie überzeugt
-und dann kostet mein Richtspruch keinen Kreuzer, -- das ist die Hauptsache.
-Aber halsstarrig und eigensinnig sind meine Schäflein, -- es gehört eine
-große Dose Geduld dazu, mit ihnen fertig zu werden. Auch kann man sich
-nicht auf sie verlassen. Ins Gesicht geben sie mir recht, und kaum drehe
-ich ihnen den Rücken, tun sie das verkehrte. Vielleicht bin ich ein Narr,
-daß ich mir ihr Wohl und Wehe so angelegen sein lasse; aber ich möchte,
-daß sie friedlich nebeneinander lebten, möchte sie vernünftiger machen.
-Was die Gesundheitpflege anbelangt, so haben sie davon keinen Begriff.
-Die Kinder leiden am meisten darunter; in den Stuben wird die freie Luft
-ängstlich abgesperrt, die Fenster bleiben konsequent geschlossen und die
-Reinlichkeit des Körpers gilt als eine überflüssige Sache; kaum, daß
-die Leute sich täglich das Gesicht waschen; das Haar kämmen sich die
-Frauen oft bloß am Sonntag. Könnte man da nicht rasend werden! Aber
-rede mit diesen Leuten! Sie halten mich für überspannt, wenn ich ihnen
-irgendeinen Rat erteile, und lachen mich im geheimen wahrscheinlich aus.
-Die Kinder sind klein und schwach für ihr Alter, die Frauen sehen vor der
-Zeit welk und verblüht aus, haben dünnes Haar und schlechte Zähne, ...
-das sind die Folgen der grenzenlosen Beschränktheit. Ich bin oft recht
-mutlos; vielleicht, daß mit der Zeit -- Du lieber Gott! Was alles habe
-ich nicht schon von der Zeit erhofft! Vielleicht, daß sie dieses Mal sich
-wirksamer erweisen wird, als sie bisher getan hat.
-
-Ich bin jetzt leidlich gesund, obschon ich mich meistens abgespannt
-und ermüdet fühle; besonders das Predigen strengt mich an. Auch das
-Klavierspiel, meine liebste Beschäftigung, darf ich nicht allzu fleißig
-pflegen. Aber ich gehe viel ins Freie und Cäsar ist dabei mein steter
-Begleiter. Mein Husten hat sich gebessert, auch bin ich weniger heiser als
-früher und sehe gesünder aus. Meine brave Wirtschafterin, die mir treu
-ergeben ist und gewissenhaft für mein leibliches Wohl sorgt, macht mir
-täglich ein Kompliment über mein Aussehen. Ich schreibe Dir alles das,
-weil Du es wissen wolltest, und Du darfst mir's auch glauben. Weißt Du,
-daß nun schon zwei Monate verflossen sind, seit Du bei mir gewesen bist?
-Mach Dich doch frei und komm Dir Deinen Freund ansehen. Oder schreib mir
-wenigstens bald und recht ausführlich, hörst Du, Juchei? Ich sehne mich
-unaussprechlich nach Dir --
-
- Mit tausend Grüßen
-
- Dein getreuer Georg.«
-
-Kein Wort von _ihr_ in dem Schreiben ... Paula faltete es schweigend
-zusammen und steckte es in den Umschlag. Wahrscheinlich hatte der
-Geistliche sie den Brief just deshalb lesen lassen ... Georg mußte von
-ihr gesprochen oder geschrieben haben; wie würde sein Freund sonst auf den
-Gedanken verfallen sein, zu ihr zu kommen? Dieses Schreiben war wohl das
-gefaßteste, sollte sie über sein Schicksal beruhigen. Ein ungläubiges
-und bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie mußte eine Bewegung
-machen, um die Aufmerksamkeit Perkows, der bis jetzt den Blick absichtlich
-von ihr abgewendet gehalten, auf sich zu lenken.
-
-»Da haben Sie den Brief wieder,« sagte Paula. Er nahm ihn in Empfang.
-
-»Sind Sie zufrieden?« fragte er.
-
-»O ja ... Wann werden Sie wieder nach Keßten gehen?«
-
-»Sobald es mir möglich sein wird. Der Ausflug nimmt doch einen ganzen Tag
-in Anspruch und der Herr Dekan sieht es nicht gern, wenn die Arbeiten im
-Rückstand bleiben.«
-
-Er grüßte und ging seiner Wege.
-
-»Er mag mich nicht,« dachte Paula. »Seines Auftrages hat er sich
-entledigt, und er ist froh von mir fortzukommen. Vielleicht haßt er mich
-sogar, klagt mich an, ... und doch, ... ist es denn _meine_ Schuld, daß
-ich dort Leid bringen muß, wo ich so gern beglücken möchte? Hartes,
-hartes Schicksal ...«
-
-Und wieder folgte ein Tag dem anderen. In trostloser Einförmigkeit
-verstrich Woche um Woche, verging der Sommer, kam der Herbst ... Schon
-färbten sich die Blätter der Bäume gelb und rot, lag frischer Schnee
-auf den Bergen; der ernste Oktober brach herein, der traurige November kam
-gezogen, ... und immer noch wartete Paula auf eine neue Kunde, schlich oft
-an dem Pfarrhof vorbei, um den jungen Priester vielleicht zu erspähen ...
-Sie besaß ihm gegenüber keinen Stolz mehr. War er doch der einzige, der
-ihr Nachricht geben konnte von dem Freunde ... Gern hätte sie sich vor dem
-kalten jungen Manne gedemütigt, ihn angefleht, ihr ein, nur ein Wort zu
-sagen, ... aber der Geistliche wußte ihr immer auszuweichen. Einmal jedoch
-traf sie ihn zufällig auf der Straße, und da sie ihm den Weg vertrat und
-vor ihm stehen blieb, hemmte auch er den Schritt.
-
-»Ich bin mit dem Befinden meines Freundes gar nicht zufrieden,« sagte er
-unaufgefordert. »Vor mehreren Wochen hat er sich stark erkältet. Er wurde
-in der Nacht zu einem Sterbenden geholt, der Weg war weit und beschwerlich,
-das Wetter sehr häßlich ... und seitdem geht es ihm schlecht. Auf
-meinen Rat hin hat er nach Salzburg geschrieben und um seine Versetzung
-nachgesucht ... Hoffentlich wird seinem Wunsche bald entsprochen werden.
-Die Seelsorge in Keßten ist zu anstrengend für ihn und das Klima zu
-ungesund.«
-
-»Ja, ... der geistliche Tod,« sprach Paula dumpf vor sich hin.
-
-Mit einer Mischung von Verwunderung und Schrecken schaute Perkow sie an:
-»Was sagten Sie?«
-
-»Nichts ...« Sie blickte starr in die Luft. Unausweichlich sah sie es
-kommen, ... Schritt vor Schritt, ... das längst Geahnte, oft Gefürchtete.
-Es konnte nicht anders sein. Menschen und Schicksal reichten einander die
-Hand, um ihn zu verderben.
-
-»Wann gehen Sie wieder zu ihm?« fragte sie.
-
-»Dieser Tage. Der Gedanke an ihn läßt mir keine Ruhe. Ich sehe ihn immer
-vor mir ...«
-
-Hastig brach er ab und entfernte sich.
-
-Kurz vor Weihnachten fand Paula sich an einem Morgen zur Frühmesse in der
-Kirche ein. Sie saß teilnahmlos in einer Kirchenbank, während Toni neben
-ihr kniete und andächtig betete. Das junge Mädchen faltete mechanisch die
-Hände, ihre Gedanken aber weilten nicht bei Gott. Unverwandt hingen ihre
-Augen an der Gestalt des jungen Priesters, der die heilige Messe las ...
-Ach! wenn sie doch endlich vorüber wäre, diese Messe. Nicht des Gebetes
-halber war Paula gekommen. Die Messe war zu Ende, der junge Geistliche
-erteilte der Gemeinde den Segen, setzte sein Barett auf und begab sich in
-die Sakristei.
-
-»Geh Du nach Hause,« sagte Paula zu Toni. »Ich komme bald nach ...«
-
-Sie stand auf und folgte dem Priester. Er war eben im Begriff, das
-Meßkleid auszuziehen und sah die Eintretende nicht sonderlich freundlich
-an.
-
-»Was wünschen Sie?« fragte er.
-
-»Mit Ihnen sprechen, ... unter vier Augen ...«
-
-Perkow zuckte die Achseln, gab aber dem Meßner und dem Ministranten
-die Weisung, sich zu entfernen. Die beiden gehorchten mit verwunderten
-Gesichtern.
-
-»Sie wollen wahrscheinlich wissen, was Harteck macht,« sagte
-der Geistliche in hartem, fast erbittertem Tone und fuhr fort sich
-auszukleiden. »Vernehmen Sie denn, daß er sehr krank ist, ... nicht
-herzkrank, meine ich, sondern physisch krank, ... und wenn die Herren
-in Salzburg nicht bald die Gnade haben, seinen wiederholten Bitten um
-Versetzung von Keßten nach einem milderen Klima Gehör zu geben, wird
-er wohl auf immer dort bleiben müssen ... Wünschen Sie noch etwas zu
-erfahren?«
-
-»Warum hassen Sie mich?« fragte Paula mit versagender Stimme. »Was habe
-ich getan? Als ob er allein ... Ich bin ja auch unglücklich.«
-
-»Das bedaure ich von Herzen,« erwiderte er frostig. »Halten Sie mir
-meine Kälte nicht für übel, ... ich habe meinen Freund sehr lieb; er hat
-ohnehin genug zu tragen, ... mußte auch das noch über ihn kommen!«
-
-»Ist keine Hoffnung da, daß er Keßten verlassen wird?« fragte Paula.
-
-»Bis jetzt keine ... Er hat schon einige Male nach Salzburg
-geschrieben, ... aber die Herren dort scheinen an seine Krankheit nicht
-recht zu glauben, denn sie geben ihm einfach keine Antwort. Wenn ihm
-nur wenigstens ein Hilfsgeistlicher zugeteilt würde! Auch darum hat
-er gebeten, ... aber bei der herrschenden Seelsorgernot hält es
-wahrscheinlich schwer, sein Ansuchen zu erfüllen. Er ist ganz
-verändert, ... so reizbar, erbittert und ungeduldig, ... ein ganz anderer
-Mensch, als er war.«
-
-»Er war so gut, so weich,« sagte Paula und Tränen stürzten aus ihren
-Augen. »Gott! mein Gott! Und wir stehen müßig da und können nichts tun
-für ihn ...«
-
-Sie lehnte sich an die Wand und weinte bitterlich, hilf- und trostlos.
-
-Perkow schien gerührt.
-
-»Beruhigen Sie sich,« sagte er, »und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie
-hart anließ ... Ich hatte unrecht.«
-
-»Was liegt an mir!« rief sie unter Tränen. »Helfen Sie _ihm_, ... alles
-andere ist gleichgültig.«
-
-»Was kann ich tun?« entgegnete Perkow. »Ich habe alles versucht, ...
-habe mit dem Dekan gesprochen und ihn gebeten, sich für Georg zu
-verwenden, ... habe selbst nach Salzburg geschrieben, ... wer aber bin ich?
-Meine Stimme verhallt ungehört. Ich will noch ein Letztes wagen und, wenn
-die Feiertage vorüber sind, nach Salzburg reisen, ... vielleicht, daß es
-etwas nützen wird.«
-
-»Ja, reisen Sie hin,« sprach Paula hastig. »Gott segne Sie!« Und das
-Taschentuch an die zuckenden Lippen und nassen Augen pressend, enteilte
-sie mit raschen Schritten. In Gedanken versunken blieb der junge Priester
-stehen. Es war doch etwas Erhabenes um eine so tiefe, hingebungsvolle
-Liebe, trotz allem Schmerz und aller Pein. Sogar _er_ mußte das zugeben.
-Dieses Mädchen hatte nichts zu hoffen, die Welt und vor allen er nannte
-ihre Liebe eine sündige, ... und dennoch, ... wie frei trug Paula das
-Haupt, verachtend jeden Spott und Hohn, alles vergessend, alles ertragend
-bis auf das Leid, das der geliebte Mann zu erdulden hatte. »Ich will ihr
-nie wieder hart begegnen,« gelobte sich Perkow. »Sie ist, trotz allem,
-treu und brav.«
-
-Weihnachten kam und ging, -- Silvester, -- das alte Jahr sank ins
-Grab. Trübe genug waren die hohen Festtage für den jungen Geistlichen
-verstrichen; die Sorge um den kranken Freund verdrängte jeden anderen
-Gedanken, verfolgte ihn bis ins Gotteshaus, bis in die Ausübung seiner
-teuersten Berufspflichten. Am heiligen Christtag hatte er sanfter als sonst
-gepredigt; und als er von der Liebe und den Leiden des Gottessohnes sprach
-und seine Gläubigen daran erinnerte, sie möchten dem Heiland zuliebe
-gut gegen ihre Nebenmenschen sein, möchten sein Gebot: ›Liebet Euch
-untereinander‹ treu befolgen, denn die Menschen stürben, und wenn wir
-jemand Teuren verloren und ihn, solange er lebte, gekränkt hätten,
-käme alle Reue zu spät, und wir möchten die Erde aufscharren, um den
-Dahingeschiedenen nur noch einmal zu sehen, ihm ein Liebeswort, ein Wort
-der Reue zu sagen, ... da zitterte die Stimme des jungen Predigers und in
-seinen Augen schimmerte ein feuchter Glanz. Er dachte an den Freund.
-
-An einem eisig-kalten Januarabend saß der junge Priester allein in seinem
-Zimmer, damit beschäftigt, an Georg Harteck zu schreiben. Aber mutlos
-ließ er die Feder sinken. Was sollte er dem Freunde sagen? Daß er in
-Salzburg gewesen war und nichts erreicht hatte? Ach! Immer nur Trauriges
-berichten können! ... Er stand auf und schritt im Zimmer auf und ab. War
-denn alles schon versucht worden? Alle Hilfsquellen erschöpft? Er drückte
-die geballte Hand wider die Stirn und sann und grübelte ...
-
-Horch! Ein Wagen. Er hielt vor dem Hause still. Wer kommt um diese Stunde?
-Vielleicht der Bote eines Kranken, der nach einem Priester sendet? Perkow
-stand still und horchte. Schritte und Stimmen auf der Treppe; sie nähern
-sich, die Tür geht auf und: »Jesus!« entringt sich unwillkürlich
-den Lippen des jungen Geistlichen, er weicht ein paar Schritte weit
-zurück, ... meint er doch ein Gespenst zu sehen. »Du hier, Georg?«
-stotterte er, »bei dieser Kälte, in so später Stunde! Was, um aller
-Heiligen willen, führt Dich hierher?«
-
-Der Ankömmling schüttelte sich und griff mit der Hand an die Kehle, als
-ob etwas ihn würgte ...
-
-»Gib mir Wein,« brachte er mit heiserer Stimme heraus, »Glühwein, wenn
-möglich ... Ich bin ganz starr vor Kälte.«
-
-Joachim ging um ihn herum, befühlte seine Hände, seine Kleider, ... er
-glaubte noch immer zu träumen.
-
-»Ich will sogleich ... Setz Dich einstweilen ... oder, besser noch, leg
-Dich zu Bett ... Wie kannst Du mich _so_ erschrecken, Georg!«
-
-»Es ist nun einmal mein böses Schicksal, die zu quälen, die mich
-lieben,« erwiderte Harteck und ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Ich
-vermag es nicht zu ändern.«
-
-Joachim entfernte sich und kehrte sehr bald zurück.
-
-»Nun sag mir, was Du hier zu suchen hast,« begann er, holte seine
-Bettdecke und warf sie über die Kniee des Freundes. »Weshalb bist Du
-gekommen? Doch nicht ... wegen des Mädchens?«
-
-»Nein. Ich bin auf dem Wege nach Salzburg.«
-
-»Dort bin ich gewesen und ...«
-
-»Und sie haben Dich abgewiesen, nicht wahr? Eben, weil ich das voraussah,
-gehe ich hin. Sie sollen mit eigenen Augen sehen, was sie aus mir gemacht
-haben.«
-
-Ein heftiger Hustenanfall zwang ihn, seine Rede zu unterbrechen.
-
-»Dieser verdammte Husten!« murrte er, als er wieder sprechen konnte.
-»Tag und Nacht läßt er mir keine Ruhe. Immer röchelt er in meiner Brust
-und will heraus, heraus ... Der Dekan schläft wohl schon?« fragte er
-ablenkend und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.
-
-»Ich weiß es nicht ... Was willst Du von ihm?«
-
-»Mit diesem Herrn habe ich auch ein Wort zu sprechen. Er wolle nichts für
-mich tun, schriebst Du mir. Ich möchte einmal sehen, ob er mir das Aug' in
-Auge zu wiederholen wagt!«
-
-»Georg, rege Dich nicht gewaltsam auf,« sagte Joachim und legte
-beschwichtigend die Hand auf die Schulter des Freundes.
-
-»Ich soll wohl noch ruhig bleiben?« rief dieser leidenschaftlich. »Was
-habe ich getan? Daß ich ein paar alten, miserablen Pfaffen nicht zu
-Gesicht stand, ... kann ich dafür! Was habe ich sonst verbrochen, daß sie
-mich verenden lassen wollen wie einen räudigen Hund? Mir soll mein Recht
-werden, das schwöre ich! Ich will den Herren Pfaffen und Ultramontanen in
-Salzburg Dinge sagen, die ihnen noch lang in den Ohren liegen sollen ...
-Ich bin nicht mehr der sanfte, furchtsame Narr, der ich war, ... leider zu
-lang gewesen bin, ... sonst stünde ich heute anders da. Aber noch ist es
-Zeit ...«
-
-Ein lautes Klopfen an die Tür machte ihn verstummen und nach der Tür
-hinblicken.
-
-»Wer ist es?« fragte Perkow, aus dessen Gesicht, während der Freund
-gesprochen, alle Farbe gewichen war.
-
-»Kann ich eintreten?« fragte es draußen zurück.
-
-»Der Dekan!« murmelte Joachim mit einem verstörten Blick auf Georg.
-
-»O ja! Warum nicht?« antwortete Harteck für den anderen. »Im Gegenteil!
-Ich werde mich sehr freuen, den gnädigen Herrn Dekan zu begrüßen ...«
-
-Die Tür ging auf und hereintrat mit zögernden Schritten die beleibte
-Gestalt des Dekans. Seine Miene war ängstlich und vorsichtig schloß er
-die Tür.
-
-»Ich habe gehört, daß Sie gekommen sind,« hob er an; doch was er ferner
-sagen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken. Hartecks Anblick entsetzte
-ihn. Diese abgemagerten Glieder, um die der schwarze Priestertalar
-schlotterte, die eingesunkene Brust, die hinaufgezogenen Schultern, die
-hohlen Wangen und Schläfen, die gespenstisch großen Augen und um die
-Lippen ein scharfer, krankhafter Zug: in so kurzer Zeit eine solche
-Verwandlung, ... das zu finden, hatte der Dekan nicht erwartet.
-
-Harteck war sitzen geblieben und sah den ehemaligen Prinzipal mit höhnisch
-herausfordernden Blicken an.
-
-»Sie finden mich sehr verändert, nicht wahr?«
-
-»Allerdings ... ein wenig,« stammelte der Dekan.
-
-»Wenn das hochwürdige Domkapitel von Salzburg« -- er schnitt bei diesen
-Worten eine Grimasse -- »mich sehen wird, werden die Herren vielleicht an
-meine Krankheit glauben, meinen Sie nicht, Herr Dekan? Dann wird es
-nicht mehr heißen: Was dieser Mensch nur will, ... in einemfort will er
-anderswohin ... Oder vielleicht irre ich ... vielleicht beurteile ich die
-Herren zu menschlich, ... vielleicht werden sie sagen: Um so besser!
-Werden wir ihn endlich los! Er tut ja doch nirgends gut ... Keiner seiner
-Vorgesetzten mochte ihn leiden, und der hochwürdige Herr Dekan von
-St. Jakob hat uns streng auf die Seele gebunden, diesen Menschen nicht zu
-schonen, seinen Alfanzereien kein Gehör zu leihen ...«
-
-»Ich bitte Sie,« fiel ihm der Dekan verstört in die Rede, »halten
-Sie inne! Was glauben Sie von mir? Es ist mir doch niemals in den Sinn
-gekommen ...«
-
-»Nicht? Dann bitte ich um Verzeihung, obwohl ich, entschuldigen Sie, Ihren
-Worten keinen rechten Glauben beimessen kann. Sind nicht _Sie_ es gewesen,
-der meine Versetzung nach Keßten in Vorschlag gebracht hat?«
-
-»Das habe ich zwar getan ... Wie aber konnte ich voraussehen ...«
-
-»Daß ich erkranken würde? Das konnten Sie freilich nicht voraussehen.
-Als aber mein Freund Sie bat, Sie _wiederholt_ bat, ein gutes Wort für
-mich einzulegen, ... was gaben Sie ihm zur Antwort? Daß er Sie verschonen
-möchte, Sie hätten sich mit diesem Menschen -- mit mir nämlich -- schon
-genug gequält und seine Krankheit wäre ohnehin nur erlogen, ... das haben
-Sie ihm geantwortet. Glauben Sie wirklich, daß ein Mensch mit einem so
-ehrlichen Gesicht und so treuen Augen wie mein Joachim lügen könne?
-Das können Sie nicht geglaubt haben, ... aber es war Ihnen lästig, sich
-meinethalben zu bemühen. Freilich hätte es Ihnen bloß einige Zeilen
-gekostet, ... aber auch das war zu viel verlangt. Sie _wollten_ mir keinen
-Liebesdienst erweisen. Das war's.«
-
-Der Dekan sah sich hilfesuchend nach Perkow um. Der aber war zum Fenster
-hingetreten und kehrte den Sprechenden den Rücken zu. Seine Hände lagen
-auf dem Fensterbrett, seine Stirn lehnte an der Scheibe. Sogar aus der
-Entfernung konnte der Dekan wahrnehmen, daß der junge Priester am ganzen
-Leibe zitterte.
-
-»Sie gehen denn doch zu weit,« sagte der Dekan, der einsah, daß er nicht
-länger stumm bleiben konnte. »Weshalb sagen Sie mir das alles? Warum sind
-Sie überhaupt hier?«
-
-»Um Ihnen das alles zu sagen. Zuerst Ihnen, dann der ehrenwerten
-Gesellschaft in Salzburg. So krank ich bin, ... ich schleppe mich hin zu
-diesen Herren und fordere Gerechtigkeit. Daß sie sich hüten! Ich bin
-ein verzweifelter Mensch. Wenn sie nicht nachgeben, will ich andere Saiten
-aufziehen, ... will aller Welt verkünden, wie man in dieser Diözese gegen
-den niederen Klerus verfährt, ... austreten will ich aus dieser Diözese
-und in allen Blättern veröffentlichen lassen, wie man gegen mich
-vorgegangen ist, ... sie sollen an mich denken, diese Diener der Kirche.
-Zertreten haben sie mich, -- aber ich will den Fuß stechen, der mich
-zertreten hat. Vielleicht, daß ein Skandal anderen armen, unterdrückten
-Pfaffen zum Heile werden wird, ... dann mag ich in Gottes Namen zugrunde
-gehen.«
-
-»Hören Sie mich, Herr Vikar,« sagte der Dekan sichtlich aufgeregt.
-»Kommen Sie doch zu sich! Sie waren ja sonst nicht so heftig ...«
-
-Harteck lachte bitter in sich hinein.
-
-»Sehen Sie das jetzt ein?«
-
-»Alles sehe ich ein. Hören Sie mich nur, ich beschwöre Sie. Einen
-Skandal können und dürfen Sie nicht machen. Was würde die Welt dazu
-sagen? Daß wir den jungen Klerus nichtswürdig behandeln, ... von dem
-einen Beispiel würden unsere Gegner auf die Gesamtheit schließen. Und
-das wäre doch eine Unwahrheit ... Fragen Sie Ihren Freund, fragen Sie
-alle jungen Geistlichen, die in meinem Hause lebten, ... alle werden Ihnen
-sagen, daß ich sie anständig behandelt habe. Ich bitte Sie, nehmen Sie
-Vernunft an. Ich werde alles für Sie tun, werde selbst nach Salzburg gehen
-und den Herren erzählen, was ich gesehen und gehört habe, und ich gebe
-Ihnen mein Wort, daß Sie von Keßten fortkommen sollen ... Wollen Sie noch
-sonst etwas? Ich bin bereit, alle Ihre Wünsche zu erfüllen.«
-
-Harteck dachte nach. In seinem gesenkten Gesichte dämmerte kein Schimmer
-von Versöhnung auf, ... seine Züge blieben finster, wie sie gewesen.
-Er wußte, was den Dekan so nachgiebig stimmte. Nicht Reue war es oder
-Mitgefühl; einzig und allein die Furcht vor einem möglichen Skandal.
-
-»Ich bin unfähig, den Seelsorgedienst in Keßten zu versehen,« sagte er
-nach einer Stille. »Indessen muß er besorgt werden. Verschaffen Sie mir
-einen Hilfspriester, der, solang ich noch dort bin, den Dienst für mich
-verrichtet.«
-
-»Gern,« versetzte der Dekan hastig. »Wenn Sie wollen, stelle ich Ihnen
-den Pater Benediktus zur Verfügung.«
-
-»Den mag ich nicht.«
-
-»Oder Ihren Freund, ... wir werden uns auch ohne ihn behelfen. Lang dauert
-es keinesfalls ... Ich werde darauf dringen, daß Sie schleunigst versetzt
-werden.«
-
-Harteck nickte bloß schweigend mit dem Kopfe. Seine Züge verrieten große
-Erschöpfung, er atmete unruhig. Plötzlich faßte er sich an der Brust und
-sein Gesicht überflog ein Ausdruck schmerzhafter Ungeduld.
-
-»Der Husten kommt schon wieder,« sagte er verzagten Tones und blickte wie
-in Angst um sich. »Wenn ich mich nur vor _dem_ erretten könnte! Es tut so
-weh ...«
-
-Joachim eilte rasch zu ihm hin und stützte sein Haupt mit beiden Händen.
-Während sich der Brust des Kranken ein lauter, quälender Husten entrang,
-hielt sich Georg krampfhaft an Joachims Rock fest und auf seine Stirn trat
-kalter Schweiß.
-
-Der Dekan wurde blutrot im Gesichte. Er glaubte nicht anders, als daß
-der Priester ersticken müßte. Erleichtert atmete er auf, als der Anfall
-endlich vorüber ging und er den Kranken mit erloschener Stimme sagen
-hörte: »Gib mir Wasser, Juchei.«
-
-»Warten Sie! _Ich_ will es ihm bringen!« rief der Dekan. »Bleiben Sie
-bei ihm.«
-
-Und eilfertig goß er ein Glas voll und setzte es an die Lippen des
-Priesters, während Joachim mit einem Tuch leise die Schweißtropfen von
-Georgs wachsbleicher Stirn wischte.
-
-»Danke,« sagte Harteck kurz zum Dekan und trank. Der Dekan betrachtete
-die abgemagerten, zitternden Hände des Kranken und tiefe Wehmut beschlich
-seine Seele. Erst dreißigjährig und vielleicht nur noch einen Schritt vom
-Grabe entfernt! Das war doch namenlos traurig ...
-
-»Weiß Ihre Familie um Ihre Erkrankung?« fragte er.
-
-»Nein.«
-
-»Aber das ist nicht recht von Ihnen ... Sie sollten Ihre Mutter zu sich
-berufen, um sich von ihr pflegen zu lassen.«
-
-»Ich brauche niemanden, wenn ich Joachim habe,« antwortete Harteck mit
-unsäglicher Zärtlichkeit und führte die Hand des Freundes an die Lippen.
-Juchei kämpfte augenscheinlich gegen Tränen.
-
-»Unter meiner Pflege wirst Du gewiß wieder gesund werden,« sagte er mit
-dem Versuch, seiner Stimme einige Festigkeit zu verleihen, was ihm jedoch
-schlecht gelang.
-
-»_Dazu_ ist es wohl zu spät. Aber vielleicht, daß in einem milderen
-Klima, ... ich bin noch jung, ... nur noch ein paar Jahre, ... nur nicht
-schon jetzt! Jetzt ist es noch zu früh. Nicht daß ich so sehr an diesem
-elenden Dasein hinge, ... nicht meinetwegen kämpfe ich so ängstlich um
-das Leben, ... es ist ja doch verspielt ... Dennoch flehe ich zu Gott,
-mir noch einige Jahre zu schenken und mich erst dann abzuberufen, wenn --
-jemand mich vergessen hat ...«
-
-Er stand rasch auf und ging mit großen Schritten in Joachims Schlafstube.
-
-»Morgen reise ich nach Salzburg,« sprach der Dekan erschüttert. »Und
-Sie, ... was gedenken Sie mit ihm anzufangen?«
-
-»Ich werde morgen mit ihm nach Keßten fahren, wenn sein Zustand es
-erlaubt. Es ist doch besser für ihn, wenn er wieder zu Hause ist.«
-
-»Freilich, freilich,« sprach der Dekan. Er würde viel darum gegeben
-haben, wenn er den unerwünschten Gast nach Keßten hätte zurückversetzen
-können; seine Nähe war ihm unheimlich. Eilig sagte er zu Perkow gute
-Nacht und entfernte sich so schnell er konnte. Joachim stand lang in
-düstere Gedanken verloren da. Erst als er eine Magd eintreten sah --
-nicht die hübsche Uschei, die hatte mittlerweile geheiratet, sondern eine
-Fremde --, schreckte er aus seinem Sinnen empor und folgte dem Freund.
-
-Georg lag auf dem Bette, das Gesicht in die Kissen vergraben.
-
-»Der gewünschte Glühwein steht auf dem Tisch, Georg,« sagte Juchei.
-
-»Ach ja! Den hatte ich vergessen. Verzeih, daß ich Dich umsonst bemüht
-habe, ... ich darf keinen Wein trinken und das war mir entfallen. Aber Eis
-soll ich nehmen, wenn ich fühle, daß das Blut kommt.«
-
-»Das -- Blut?« wiederholte der andere mit starrem Blick. »Hustest Du
-denn Blut?«
-
-»Ja, manchmal,« antwortete Harteck gleichgültig. »Im Anfang hat es mich
-erschreckt, doch jetzt habe ich mich bereits daran gewöhnt. Es verschafft
-mir sogar eine Art von Erleichterung.«
-
-»Ich werde Eis holen lassen,« sagte Joachim leichenblaß und starrte
-den Freund noch immer an. Georg versuchte zu lächeln, aber der Versuch
-mißlang. Seine Mundwinkel bebten nervös, als ob er gegen Tränen
-kämpfte, -- dann fiel er auf die Kissen zurück und: »Paula! Paula!
-Paula!« kam es mit wildem, sehnsuchtkrankem Schrei von seinen Lippen.
-
-»Georg!« rief Joachim und stürzte zu ihm hin. »Du tötest Dich,
-Georg, ...« er faßte ihn bei den Schultern und rüttelte ihn, ... der
-arme Junge wußte in seiner Hilflosigkeit nicht, was er tat, ... »komm zu
-Dir!«
-
-»Mein süßes, treues, armes Mädchen!« rief Harteck mit schluchzender
-Stimme. »Wenn sie wüßte, daß ich ihr so nahe bin! Ach! Wie es mich
-gepackt hat, als ich an ihrem Hause vorüberfuhr! Alles lebte in mir
-auf, ... all unser kurzes, jammervolles Liebesglück ... Glück! Daß Gott
-erbarm!«
-
-»Willst Du sie sehen? Soll ich sie holen?« fragte Joachim, der sich nicht
-mehr zu raten wußte.
-
-»Nein! O nein! _Gleichgültige_ sogar erschrecken bei meinem Anblick, ...
-wie dann erst _sie_, die mich so zärtlich liebt! ... O Joachim! Wie lebt
-sie? Siehst Du sie manchmal? Spricht sie von mir?«
-
-»Wenn wir zusammentrafen, sprachen wir bloß von Dir. Du hast recht, ...
-sie ist Dir treu ergeben.«
-
-Harteck seufzte und blieb lange still.
-
-»Brauchst Du außer Eis noch etwas?« fragte Joachim endlich.
-
-Georg verneinte die Frage mit einer Kopfbewegung.
-
-»Dann will ich um Eis schicken,« sagte sein Freund. »Nur
-vorsichtshalber ... Hoffen wir, daß wir es in der Nacht nicht benötigen.
-Und glaubst Du, Georg, Lieber, daß Du morgen imstande sein wirst, nach
-Keßten zurückzukehren?«
-
-»Wenn _Du_ mit mir kommst, ... ja. Nur laß mich nicht allein.«
-
-»Natürlich begleite ich Dich, ... der Dekan hat es erlaubt. Bist Du
-schläfrig?«
-
-»Ja ...«
-
-»Dann erlaube, daß ich Dir die Kleider ablegen helfe.«
-
-»Du hast das schon einmal getan,« sagte Harteck, während Joachim ihm die
-Kleider vom Leibe zog. »Weißt Du es noch? In der Nacht war es, die meinem
-Scheiden von hier voranging ... Du mußt viel Geduld mit mir haben.«
-
-»Du Narr!« sagte Juchei mit erzwungener Heiterkeit. »Hast Du die Zeit
-vergessen, wo _ich_ krank war und _Du_ mich pflegtest? Jetzt ist die Reihe
-an mir, ... ich vergelte nur gleiches mit gleichem.«
-
-»Gute Nacht,« sagte Harteck und drückte seine Hand. Joachim machte das
-Zeichen des Kreuzes über ihn und schlich dann auf den Fußspitzen hinaus,
-um Auftrag zu geben, daß Eis geholt werden möchte.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel
-
-
-Der Dekan fühlte sich von einer schweren Last befreit, als er bei seiner
-Rückkunft von Salzburg vernahm, daß die beiden Priester St. Jakob schon
-verlassen hätten. Er schrieb unverzüglich an Harteck, daß dessen Wunsch
-nach Versetzung entsprochen worden wäre, und bezeichnete ihm den Ort, den
-man zu seinem künftigen Aufenthalt bestimmt hatte. Er könne, teilte er
-dem Priester ferner mit, die Reise in vierzehn Tagen schon antreten; der
-Ort wäre seines südlich milden Klimas wegen bekannt und berühmt und
-er, der Dekan, hoffe zuversichtlich, daß Harteck dort genesen würde.
-Schließlich ersuchte er ihn noch, ihm dann und wann über sein Befinden
-Nachricht zu geben und sendete ihm herzliche Grüße und Wünsche für
-sein Wohlergehen. Die Antwort auf diesen Brief langte umgehend ein. Joachim
-hatte sie geschrieben. Im Namen des Freundes dankte er dem Dekan für
-dessen erfolgreiche Bemühungen, doch müsse er ihm zu seinem großen
-Schmerze mitteilen, daß Hartecks Zustand sich derartig verschlimmert
-hätte, daß an eine Abreise vorläufig nicht gedacht werden könne. Sobald
-eine Wendung zum Besseren eingetreten sein würde, wolle er den Dekan davon
-in Kenntnis setzen. -- Aber die Tage verstrichen und die Nachricht von der
-»Wendung zum Besseren« traf nicht ein. Der Dekan entschloß sich endlich,
-noch einmal zu schreiben und anzufragen, was es denn gebe, ob die Abreise
-nicht bald stattfinden werde? Der Brief blieb unbeantwortet. »In Gottes
-Namen!« dachte der Dekan. »Ich habe getan, was in meiner Macht lag, ...
-alles andere geht mich nichts an.« Trotzdem vermochte er eine gewisse
-nervöse Unruhe nicht abzuschütteln. »Ich würde viel darum geben, wenn
-wir diesen Mann hier gelassen hätten,« sagte er einmal zu dem
-jungen Pater. »Er verfolgt mich Tag und Nacht ... Wenn er nur von dem
-verwünschten Keßten fortkommen könnte!«
-
-Der Mönch nickte stumm.
-
-»Weiß man in St. Jakob, daß er so krank ist?« fragte der Dekan.
-
-»Ja,« sprach der Mönch, das Gesicht abwendend. »Unsere Leute haben es
-erzählt ...«
-
-Er dachte dabei an eine, der er heute auf der Straße begegnet war. Warum
-konnte er dieses Bild nicht loswerden? Ein Jahr war es her, ... damals
-traf er zwei Menschen ins Herz, -- nicht aus Böswilligkeit, sondern aus
-schlecht verstandenem Eifer. Warum ließ ihm das jetzt keine Ruhe? Wie sie
-an ihm vorüberging, gleich einer Nachtwandlerin, die großen Augen starr
-ins Leere geheftet, im abgemagerten Antlitz namenlose Pein ... O! wie
-dies Bild ihn verfolgte! Er hatte sie gegrüßt, sie aber war an ihm
-vorbeigeglitten mit scheuem, hastigem Gang, ohne ihn, ohne irgend etwas zu
-sehen ... Wie quälte ihn in der Erinnerung das harte Wort, das er damals
-über sie gesprochen, in jener unglückseligen Neujahrsnacht: »Jetzt ist
-sie nicht mehr unbescholten ...« Ein hartes, hartes Wort, das ihm jetzt
-auf der Seele brannte. »Wer ohne Sünde, der werfe den ersten Stein auf
-sie!« Er aber hatte den ersten Stein geworfen, rasch, unbesonnen und
-mitleidlos ... O! hätte er es nicht getan!
-
- * * * * *
-
-Das Leben der beiden Freunde ging einstweilen seinen traurigen Gang. Wenn
-Joachim durch das Dorf schritt, begrüßte alles ihn ehrfurchtsvoll,
-denn jedermann wußte, welches schwere Kreuz auf den Schultern des jungen
-Priesters lastete und wie mutig und unverdrossen er sich den Pflichten der
-Seelsorge und der Pflege des kranken Amtsbruders widmete. Im Pfarrhof ging
-es sehr still zu. Fremde wurden nicht eingelassen, um die Ruhe des Kranken
-nicht zu stören; Joachim und die Wirtschafterin wagten kaum aufzutreten
-und sprachen mit gedämpfter Stimme; und Cäsar, der arme Cäsar mußte
-manchmal aus dem Hause entfernt werden, weil er oft ein ohrenzerreißendes
-Geheul anstimmte ... »Das bedeutet den Tod!« sagten die Leute, wenn sie
-den Hund heulen hörten, schlugen das Kreuz und beteten ein Vaterunser.
-Der Arzt, in einem nahegelegenen Dorfe ansässig, fand sich täglich im
-Pfarrhof ein; wenn Joachim ihn fragte, ob es denn noch nicht möglich
-wäre, den Freund von dem unglücklichen Ort fortzubringen, zuckte der Arzt
-die Achseln und antwortete: »Noch nicht, ... vielleicht später.«
-
-»Aber _Sie_ sollten sich schonen,« sagte er eines Tages zu dem jungen
-Priester. »Diese anstrengende Krankenpflege reibt Sie auf. Nehmen Sie doch
-eine Wärterin ins Haus.«
-
-»O nein,« entgegnete Juchei. »Fürchten Sie nichts für mich. Ich werde
-aushalten bis zum letzten Augenblick. Meinem teuern Georg darf niemand als
-ich nahe kommen.«
-
-»Sagen Sie mir aufrichtig,« fragte er den Arzt ein anderes Mal, »ist
-wirklich keine Hoffnung mehr, ihn zu retten?«
-
-»Keine. Gegen die galoppierende Lungensucht, wenn sie mit solcher
-Heftigkeit auftritt, ist kein Kraut gewachsen.«
-
-»Und können Sie auch seine Schmerzen nicht lindern? Es zerreißt mir das
-Herz, wenn ich ihn husten höre, ... ich meine immer, daß der Husten seine
-Brust zersprengen muß, ... er läßt ihn weder schlafen noch liegen. Er
-muß immer aufrecht sitzen im Bett und ringt mit dem Ersticken ... Wenn
-dieses Elend nicht bald ein Ende nimmt, werde ich noch den Verstand
-verlieren.«
-
-»Fassen Sie Mut, ... es kann nicht mehr lang dauern. Und seine Schmerzen
-will ich nach besten Kräften zu mildern suchen. Freilich bedeuten die
-starken Mittel, die man den Kranken in solchen Fällen verabfolgt, eine
-Verkürzung des Lebens, ... aber sie erleichtern das Sterben.«
-
-»Tun Sie, was erlaubt ist,« sagte Juchei und preßte die Hand an die
-Stirn, »wenn es nur sein Leiden verringert ...«
-
-»Ist er sich selbst klar über seinen Zustand?« fragte der Arzt.
-
-»Ich weiß es nicht, ... er spricht so wenig ...«
-
-»Morgen komme ich wieder,« sagte der Arzt und drückte dem anderen
-teilnahmvoll die Hand. »Die Medikamente will ich Ihnen sofort
-herüberschicken ... Nur Mut, Herr Kooperator, und Ergebung. Wir alle
-müssen sterben, -- früher oder später.«
-
-Juchei kehrte in das Haus zurück. »Es erleichtert das Sterben ...« Also
-wirklich, wirklich ... Er mußte sich am Stiegengeländer festhalten, um
-nicht umzusinken. Selbst ihm, dem Priester, erschien in diesem Augenblick
-die Verheißung des ewigen Lebens ein armseliger Trost.
-
-Langsamen Schrittes verfügte er sich zu dem Freunde. Von Kissen
-unterstützt und in wollene Decken gehüllt, saß dieser nahe am Ofen und
-starrte in das Feuer. Zu seinen Füßen kauerte, leise zitternd, sein Hund
-und schaute mit jenem, dem Tier eigenen tieftraurigen Blick den kranken
-Gebieter an. Das Sprechen verursachte dem unglücklichen Manne große Pein
-und er hatte sich angewöhnt, sich mit seinem Wärter fast nur noch durch
-Zeichen zu verständigen. Er wagte kaum sich zu rühren, aus Angst,
-den ewig grollenden Husten wachzurufen; wenn dieser nicht länger zu
-unterdrücken war, sagte er gewöhnlich: »Ach Juchei, der Husten!« Und
-er sprach diese Worte in einem so klagenden und furchtsamen Ton, daß es
-Joachim jedesmal kalt überlief. Sie litten viel, diese beiden. Es
-würde schwer zu entscheiden gewesen sein, wer mehr zu ertragen hatte:
-ob derjenige, der die Schmerzen empfand, oder der andere, der den Freund
-leiden sah, ohne ihm helfen zu können.
-
-»Ein Brief für Dich ist da,« sagte Juchei, als er in das Krankenzimmer
-trat. »Soll ich ihn öffnen?«
-
-Harteck nickte mit dem Kopfe.
-
-»Er ist von Deiner Schwester,« fuhr Juchei, das Schreiben mit den Augen
-überfliegend, fort. »Sie fragt an, ob sie oder die Mutter zu Dir kommen
-sollen.«
-
-»Beide mögen bleiben, wo sie sind,« versetzte Harteck.
-
-»Sie sind sehr besorgt Deinetwegen.«
-
-Der Kranke lächelte bitter und gleichgültig zugleich. »Schön von
-ihnen,« murmelte er.
-
-»Ich werde ihnen also antworten, daß sie in Kufstein bleiben sollen und
-ich ihnen nach wie vor über Dein Befinden Bericht erstatten werde ... Ist
-es Dir so recht?«
-
-Georg nickte abermals.
-
-»Wie fühlst Du Dich jetzt? Besser als in der Nacht?«
-
-»Viel besser. Ich werde hoffentlich bald reisen können.«
-
-»Ohne Zweifel,« sagte Juchei mit mühsamer Fassung.
-
-»Du sagst das so traurig ... Meinst Du, daß diese Stunde niemals schlagen
-wird?«
-
-»Warum sollte sie nicht? Wenn die Besserung anhält ...«
-
-Harteck sprach eine Weile nichts.
-
-»Es ist doch seltsam,« sagte er dann plötzlich. »Ich habe durch meinen
-Stand mein Leben verspielt und sterbe auch an meinem Stande ... Das
-ist doch ein Fingerzeig Gottes, daß ich _nicht_ Priester hätte werden
-sollen ... Aber meine Mutter wollte klüger sein als Gott ... Sie mag nun
-sehen, was sie aus ihrem Sohne gemacht hat.«
-
-Juchei trat zu ihm hin.
-
-»Hänge dem nicht so nach,« sagte er leise.
-
-»Gott hat es gut mit mir gemeint,« fuhr Harteck mit bewegter Stimme fort.
-»Ich hätte ein glücklicher Mensch werden können, ... ich bin ehrlich
-und fleißig und besitze die Gabe Liebe zu erwecken, ... ich hätte
-eine mir zusagende Beschäftigung erwählen, mir einen Herd gründen
-können, ... aber meine Mutter, meine eigene Mutter! Sie weiß nicht, was
-sie an mir getan hat und darum will ich ihr vergeben, ... obwohl ...« Er
-hielt inne und seufzte schwer. »Am Rande des Grabes ist es wohl erlaubt,
-die Maske abzuwerfen ... Den ärmsten Knecht habe ich oft um seine harte
-Arbeit beneidet ... Wenn er sich den ganzen Tag redlich abgemüht hat,
-sieht er am Abend das Ergebnis seiner Plage, ... er weiß, weshalb er
-arbeitet, ... aber ich ... Alles, was ich tat, war Grimasse, ... mein Herz
-wußte nichts davon. Oft erfaßten mich Ekel und Abscheu, wenn ich von
-weitem die bloße Turmspitze einer Kirche sah ...«
-
-»Georg,« fiel Joachim ihm ins Wort. »Was hat der priesterliche Stand Dir
-getan, daß Du ihn so sehr herabsetzest?«
-
-»Nichts ... Verstehe mich nicht falsch, lieber Juchei, ... ich achte den
-Stand, aber ich, _ich_ tauge nicht zum Geistlichen. Gott weiß es, ... ich
-wäre ein guter Christ und, noch mehr, ein eifriger Katholik geblieben, ...
-aber der Welt hätten sie mich lassen sollen; mein ganzes Herz drängte
-zurück nach der Welt und ihren Freuden, ... nach dem Familienleben, nach
-Gatten- und Vaterglück, das dem katholischen Priester so grausam verwehrt
-ist ...«
-
-»Da rüttelst Du an einer der Grundsäulen unserer Kirche,« sagte
-Joachim. »Das Gesetz, das der große Gregor angestrebt und der noch
-größere Innocenz durchgesetzt hat, ist ja eine der Hauptstützen des
-katholischen Klerus. Vielen mag es ungeheuerlich erscheinen, viele
-mögen darunter leiden, ... aber daran darf die Kirche sich nicht kehren.
-Familienidyllen kann sie nicht brauchen. Der Mann, der für Frau und Kinder
-zu sorgen hat, wird immer in erster Linie an die Seinen denken, und die
-Kirche duldet keinen Rivalen neben sich. Einsam muß der Priester im Leben
-dastehen, wenn er der Kirche mit allen seinen Kräften dienen will, -- die
-Kirche muß sein erstes, sein letztes sein, und darum darf der Zölibat
-erst mit der Kirche selber fallen, was Gott verhüten wird.«
-
-»Du hast ja recht, tausendmal recht, Juchei, Du sprichst als katholischer
-Priester, ... aber ein solcher bin ich niemals gewesen, trotzdem ich die
-Tonsur trage. Ich verlange nicht, daß meiner nichtigen Persönlichkeit
-halber der Zölibat hätte aufgehoben werden sollen, ... ich wiederhole
-bloß, daß ich nicht zu Euch gehörte. Das war mein Unglück. Der
-Stand hat nicht _mich_, -- _ich_ habe den Stand belogen, indem ich mich
-einschlich ins Priestertum, ohne daß mein Herz mir dazu riet. Ich bin auch
-stets ein Eindringling geblieben, ... habe unsicher umhergetappt, ohne das
-Richtige zu finden, ... habe weder zu tadeln noch eine Meinung zu fassen
-gewagt, ... und wenn ich unter eine Schar von Schurken geraten wäre, ich
-hätte geschwiegen zu allem und jedem: der Betrüger war ja _ich_, ... ich
-hatte kein Recht mich zu beschweren; dies Recht steht nur dem Betrogenen
-zu. Teilweise aus diesem Grund habe ich auch ausgeharrt: ich durfte nicht
-austreten und einen Skandal wachrufen, der dem ganzen Stand geschadet
-hätte, ... ich hatte mich genug versündigt an dem Kleide, das ich trug,
-ohne ein Recht darauf zu haben. Das habe ich auch stets wie eine Kette mit
-mir herumgeschleppt, ... welche Mühe ich mir auch gab, meine Pflichten zu
-erfüllen, ... ich strauchelte immer wieder über die Kette und nannte mich
-selbst einen Heuchler, ... und alle haben stets gemerkt, wie es um mich
-stand. Und darum gehe ich auch zugrunde. Ein vortrefflicher Priester
-bin ich gewesen,« schloß er mit einem halb bitteren, halb wehmütigen
-Lächeln. »Anstatt vor dem Altar Kniebeugungen zu machen, wäre ich immer
-lieber zu den Füßen eines schönen Weibes gelegen ... Doch jetzt ist
-alles vorüber, -- so oder so. Nun heißt es hinuntersteigen in das kalte
-Grab, -- und damit ist die Komödie zu Ende.«
-
-Seit manchem Tag schon hatte er nicht so viel auf einmal gesprochen.
-Joachim, der ihn verloren wußte, hatte es aufgegeben, ihn mit jenen allen
-Kranken lästigen Einwürfen wie: »Sprich nicht so viel! Tu das nicht,
-schone Dich!« zu quälen, mit jenen Ermahnungen, die den armen Kranken,
-der sein Leiden vielleicht augenblicklich halb und halb vergaß,
-rücksichtslos daran erinnern. Er stand neben dem Freunde und dieser
-streichelte sanft die Hand des jungen Geistlichen.
-
-»Mein braver, wackerer Priester!« sagte Georg leise; seine Stimme klang
-überhaupt wie zerrissen. »Wirst Du es mir nicht nachtragen, Juchei, daß
-Du mit mir so wenig Ehre eingelegt hast?«
-
-»Wie kannst Du so sprechen, Lieber! Beklagen muß ich es um
-Deinetwegen, ... _mir_ warst Du ein treuer Freund und mehr verlange ich
-nicht.«
-
-»Ich bin stolz auf Dich, ... Du wirst es weit bringen, wirst Deinem Stande
-Ehre machen, ... nicht so wie ich ...« Er brach mit einem Seufzer ab. Nach
-einer Weile fragte er: »Hast Du nichts vergessen von dem, was zu besorgen
-ich Dir aufgetragen habe, falls ich ...«
-
-Juchei legte die Hand auf seinen Mund.
-
-»Still, Georg, still. Nichts davon, ich bitte Dich.«
-
-»Aber ...«
-
-»Ich habe nichts vergessen.«
-
-»Du warst so gut gegen mich, ... ich danke Dir tausendmal für Deine Liebe
-und Treue. Gib mir einen Kuß, Joachim.«
-
-Der junge Geistliche sank vor dem Kranken auf die Kniee. Ihre Lippen
-berührten sich in einem langen, zitternden Kusse.
-
-»Vielleicht gibt es doch ein Wiedersehen,« sprach Georg und ließ den
-Kopf auf die Schulter des Freundes fallen. -- Vielleicht! Ein trauriges
-Wort im Munde eines Priesters.
-
-»O Georg!« rief Joachim vorwurfsvoll.
-
-»Verzeih mir ... Und eines noch: Versäume nicht, mir auch noch die letzte
-Ölung zu erteilen. Was würde meine Gemeinde sagen, wenn ihr Seelsorger
-ohne die letzte Ölung dahinginge ... Ich will sterben, wie es einem
-Katholiken geziemt ...«
-
-»Ja, ja. Das hat noch Zeit ...«
-
-»Wer weiß, wie bald schon ... Doch jetzt will ich zu schlafen
-versuchen.« Seine Gedanken schienen zu wandern ... »Was wird sie sagen,
-wenn sie von meinem Tod erfährt? ... Juchei, vielleicht können wir morgen
-reisen, ... bestelle einen Wagen. Ist alles zur Reise vorbereitet?«
-
-»Alles.«
-
-»Dann reisen wir morgen,« sagte Georg und sein Kopf sank auf das Kissen,
-das ihn stützte. »Morgen, Juchei.«
-
-»Amen,« dachte dieser. --
-
-Am Abend entstand im Pfarrhof ein sonderbarer Lärm. Türen flogen auf und
-zu, eilende Schritte ertönten, und leichenblassen Gesichtes stürzte die
-Wirtschafterin auf die Straße. Die Inwohner der nächsten Häuser traten
-vor die Tore, alle scharten sich um die Frau, fragten, forschten ...
-
-»Schnell! Lauft's einer um den Doktor!« rief diese, »und Du, Meßner,
-läut' die Zügenglock' ... Der Herr Vikar liegt im Sterben.«
-
-Die Leute, Männer, Frauen und Kinder waren es, fielen auf die Kniee und
-fingen laut zu beten an. Einige stürzten fort. Bald darauf erscholl leises
-Glockengeläute; im ganzen Dorfe ward es lebendig. Alle strömten dem
-Pfarrhof zu; dort knieten sie nieder und murmelten die Gebete für
-Sterbende. Dazwischen fuhren langgezogene, jämmerliche Töne ... Cäsar
-war es, der mit gesträubtem Fell und eingeklemmter Rute, die Schnauze zum
-Himmel erhoben, dies schauerliche Geheul anstimmte, als ob auch das Tier,
-die Todesqual des Herrn mitempfindend, Gott anflehen wollte, den Sterbenden
-zu erlösen ... Die Weiber und Kinder, selbst die Männer schauderte es.
-
-Hinter den verhüllten Fenstern erglänzte Kerzenschein. »Jetzt gibt ihm
-sein Freund die Wegzehrung!« flüsterte eine alte Frau. »Er hat schon
-heut' nachmittag das hochwürdigste Gut aus der Kirche geholt, ... hat wohl
-gewußt, daß er's bald brauchen wird ...« Sie trocknete sich die Augen
-mit der Schürze ab und betete murmelnd weiter.
-
-Nach einer Stunde kam der Arzt angefahren. Wie ein rettender Engel wurde er
-begrüßt. Er aber wehrte die Leute ab und trat eilenden Schrittes in
-das Haus. Draußen verharrte die Gemeinde im Gebet und in todesbanger
-Erwartung.
-
-»Der arme Herr stirbt schwer!« sagte ein alter Mann. »Herr Jesus! Nimm
-ihn zu Dir!«
-
-Nach Mitternacht entstand eine Bewegung. Niemand hatte sich entfernt, nur
-die Kinder waren nach Hause geschickt worden. Die Leute sahen den Arzt,
-gefolgt von der schluchzenden Wirtschafterin, aus dem Hause kommen und
-hielten im Beten inne.
-
-»Geht nach Hause, Ihr Leute,« sagte der Arzt und bestieg seinen Wagen.
-»Der Herr Vikar hat es überstanden ... Vorwärts, Hansei.«
-
-Der Wagen rasselte mit Windeseile davon. Die Leute erhoben sich von den
-Knieen und sahen zum Pfarrhof empor.
-
-»Wer wird Nachtwach' halten bei ihm? Wo ist die Leichenfrau?« fragten
-einige.
-
-»Geht's alle miteinander z'Haus,« sagte die Wirtschafterin. »Der Herr
-Kopp'ratter hat mir g'sagt, daß er niemanden haben will, ... er wird
-selber bei sei'm Freund bleiben.«
-
-»Heilige Mutter Anna! Haben die zwoa sich gern g'habt!« bemerkte eine
-alte Bäuerin.
-
-»Und so schnell hat's kimma müssen! So oan braver Herr!«
-
-»Ich hab's gleich g'wußt,« sagte die Wirtschafterin, sich zum Gehen
-wendend. »Bei uns halt's koaner lang aus. Und heut' noch hat er davon
-g'sprochen, daß er morgen furtfahren will, ... der arme Herr!«
-
-Und doch hatte er recht behalten. Er hatte eine Reise angetreten, wenn
-auch nach einem andern Ort, als er im Sinne gehabt. Er war nach einem Ort
-gegangen, wo es für ihn wohl besser sein war als überall sonst.
-
- * * * * *
-
-Am Nachmittag vor dem Tage des Begräbnisses, das, wie es auf dem Lande
-Sitte ist, frühmorgens stattfinden sollte, saß Joachim in der Wohnstube
-am Tische und ordnete die Briefe und Papiere, die der Verstorbene
-hinterlassen hatte. Im Nebenzimmer, wo die Leiche aufgebahrt lag, herrschte
-beständiges Geräusch; Menschen kamen und gingen, flüsterten und beteten,
--- Joachim warf mehr als einmal einen unruhigen Blick auf die geschlossene
-Tür. Ihm war, als ob alle diese neugierigen und teilnahmvollen Gaffer den
-Schlaf des Freundes stören müßten, und er würde es als eine Wohltat
-empfunden haben, wenn er den Brauch des Leichenanschauens für dieses Mal
-wenigstens hätte abschaffen können. Am ersten Tag hatte er die Leute
-ferngehalten. Er selbst war es gewesen, der dem Freunde die letzten
-Liebesdienste erwiesen, ihn angekleidet und in den Sarg gelegt, ihm ein
-Kruzifix in die Hände gegeben und die Kerzen um den Sarg herum angezündet
-hatte ... Entweihung würde es ihm geschienen haben, wenn andere Hände als
-die seinen den toten Freund berührt hätten. Das Sterbezimmer hatte außer
-ihm kein Mensch betreten dürfen. Er wollte den Freund ganz allein
-für sich haben, allein und ungesehen von ihm Abschied nehmen, und
-die Wirtschafterin hatte strengen Auftrag gehabt, jeden Zudringlichen
-abzuweisen. Doch heute war das nicht mehr möglich. Er mußte sich dem
-allgemeinen Brauche fügen, den Freund den Blicken aller, die da kamen,
-aussetzen lassen und das fiel ihm unsäglich schwer. Auch Teilnehmer an
-der morgigen Bestattung hatten sich schon eingefunden: Geistliche aus der
-Nachbarschaft und andere Leute, die Harteck gekannt hatten; ein Mönch war
-gekommen, der bis zum Eintreffen eines Nachfolgers die Seelsorge bestellen
-sollte. Alle diese gleichgültigen Menschen empfangen, mit ihnen sprechen,
-ihre müßigen Fragen: wie der Tote gestorben, ob er viel gelitten, wie
-lang er krank gewesen, -- das alles anhören und beantworten müssen, --
-das war viel verlangt von einem tödlich verwundeten Herzen, wie es
-das seine war. Er hatte außerdem allerhand zu tun: Anstalten für das
-Begräbnis zu treffen, die nötigen Einladungen hierzu ergehen zu lassen,
-den Dekan und die Familie des Dahingeschiedenen von dem Vorfall in Kenntnis
-zu setzen, nach Salzburg zu schreiben, daß ein Nachfolger bestimmt werden
-möchte, die Partezettel drucken zu lassen und zu versenden, -- alle diese
-unerläßlichen Dinge, die in den Stunden des ersten Schmerzes getan werden
-müssen und dem Trauernden kaum Zeit gönnen, sich auszuweinen: das alles
-wird besorgt im frischesten Schmerze, in der lebhaften Erinnerung
-an Krankheit, Todeskampf und die letzten Augenblicke des geliebten
-Dahingeschiedenen ... »Und dennoch,« hatte Joachim sich dabei sagen
-müssen, »ist auch diese traurige Notwendigkeit von Nutzen. Betäubt sie
-doch das erste Weh, lenkt die Gedanken gewaltsam ab von dem einen ... Wenn
-er in der Erde ruhen wird, können die Tränen ungehindert fließen. Die
-Zeit zur schrankenlosen Trauer wird früh genug kommen.«
-
-Gewissenhaft hatte Joachim alle diese Pflichten erfüllt; nun schickte er
-sich an, den letzten Wünschen des Freundes gerecht zu werden. Georg hatte
-ihn gebeten, alle Briefe, die er vorfinden würde, zu verbrennen, und
-Juchei warf sie, ohne ihren Inhalt zu prüfen, in den Ofen. Es waren
-Briefe von der Familie und Bekannten des Verstorbenen, -- jetzt wert- und
-inhaltlos, da derjenige tot, an den sie gerichtet gewesen. Als Joachim auf
-mehrere Photographien stieß, zögerte er einige Augenblicke ... Sollte er
-auch diese vernichten? Es waren die Photographien von Georgs Anverwandten;
-ferner eine Photographie Jucheis, die dieser dem Freunde gegeben, als sie
-voneinander schieden, und endlich die Photographie der armen Kathei. »Er
-hat sie lieb gehabt und mein Bild hielt er in Händen,« dachte Juchei.
-»Mögen diese beiden denn verschont bleiben.« Er verwahrte sie an der
-Brust, die drei andern aber schleuderte er mit einer fast zornigen Gebärde
-in das Feuer. »Brennt zu!« murmelte er zwischen den Zähnen. »Ihr seid
-des Aufbewahrtwerdens nicht wert.« Er blätterte weiter in den Papieren
-und fand eine Anzahl unvollendeter Briefe vor; sie waren von Georgs Hand
-geschrieben, ohne Datum. Für wen waren sie bestimmt gewesen? Ohne Mühe
-erriet er's. Sie enthielten größtenteils nur einige Worte und ihr Inhalt
-war der gleiche, wenn auch die Worte verschieden lauteten. Aus jedem klang
-der sehnsuchtsvolle Ruf: »Komm! Komm zu mir!« ... Was mochte in dem
-Herzen des Mannes vorgegangen sein, als er die Worte schrieb? Die Briefe
-waren nicht vollendet, nicht abgeschickt worden, ... sie lagen da, das
-beredte Zeugnis der Schlacht, die Pflicht und Leidenschaft in der Brust des
-nun Stillen geschlagen hatten. Joachim blickte starr auf sie herab. Wenn
-er sie dem Mädchen brächte? ... »Würdest Du damit einverstanden sein,
-Georg? Soll ich diese kostbaren letzten Erinnerungen zerstören oder sie
-derjenigen geben, der sie zugedacht waren? Sprich nur ein Wort, gib mir
-ein Zeichen, auf daß ich das Rechte finde!« ... In schwerem Kampfe stand
-Juchei da; dann aber besann er sich. Der Freund hatte ihm aufgetragen,
-_alle_ Briefe zu verbrennen; er hatte wohl auch diese Zeugen seiner
-Schwäche ins Grab mitnehmen wollen. »_Sein_ Wille vor allem!« dachte
-Juchei. »Ihr aber will ich sagen -- Oder nein. Ich werde ihr nichts davon
-sagen. Er hat darüber geschwiegen, folglich wollte er, daß sie nichts
-davon höre, ... und was für ein Trost wäre es auch für sie, zu wissen,
-daß er sich so sehr nach ihr gesehnt und sie doch nicht gerufen hat?
-Dieser traurige Herzenskampf soll ihr verborgen bleiben. Hat er mich doch
-in seinen letzten Lebensstunden mit aufgehobenen Händen beschworen, ihr
-niemals zu sagen, wie sehr er gelitten hat, ... er wollte sie schonen, ...
-fort mit euch!« Seine Hände zitterten, als er die Briefe in das Feuer
-steckte; in kauernder Stellung verblieb er vor dem Ofen und starrte in die
-Flammen, die die Papiere beleckten und verzehrten. Damit war diese Arbeit
-abgetan. Auf dem Tische lagen noch einige Schriften: Georgs Taufschein,
-seine Schulzeugnisse und endlich das Dekret, das seine Priesterernennung
-bestätigte. Diese Papiere band Juchei zusammen und legte sie in die Lade.
-Dann sank er auf einen Stuhl, stützte den Arm auf den Tisch, die Stirn auf
-die Hand und verharrte lange Zeit in dieser Stellung. Das Öffnen der Tür
-erweckte ihn aus seiner Versunkenheit, -- er fuhr in die Höhe.
-
-»Was gibt es?« fragte er und strich sich das Haar aus der Stirn. Er sah
-die Wirtschafterin im Zimmer stehen.
-
-»Die Frau Schwester vom Herrn Vikar ist da,« sagte die Frau und brach in
-Tränen aus, wie es nun einmal ihre Gewohnheit war.
-
-»So! Schön,« sagte Juchei mechanisch. »Sie soll nur hereinkommen.«
-
-Sie trat nach wenigen Momenten ein, ganz in Schwarz gekleidet, ihren sauber
-frisierten, ebenfalls in Schwarz gekleideten Knaben an der Hand. Sie sah
-blaß, aber ruhig aus; ihre Augen zeigten nicht die Spur einer Träne.
-Wer hier der wahrhaft Trauernde -- ob die Schwester oder der Freund --,
-darüber konnte wohl niemand im Zweifel sein. Joachim bot das jammervolle
-Bild aller jener, die einen teuren Menschen in seiner letzten Krankheit bis
-zum Ende gepflegt haben. Die letzten schrecklichen Wochen, Tage und Stunden
-spiegeln sich wider in den verhärmten Zügen, den verschwollenen Lidern,
-den geröteten Augen, ... sogar in der vernachlässigten Kleidung. Des
-jungen Priesters Gesicht und Haltung erzählten von durchwachten Nächten
-und hinabgewürgten Tränen, und man brauchte ihn bloß anzusehen, um zu
-erraten, was alles er durchgemacht hatte in der letzten Zeit. Der Schwester
-sah man nichts an.
-
-Sie begrüßte ihn mit Anstand und reichte ihm die fein gantierte Hand.
-Die junge Frau war sorgfältig gekleidet und frisiert. Ihr gewöhnlich
-spöttisch-lächelndes Gesicht hatte einen der Gelegenheit angemessenen
-ernsten Ausdruck angenommen. Sie hatte ihrem Söhnlein zugeflüstert,
-den Hut abzunehmen und nun befahl sie dem Knaben, zu grüßen. Der Kleine
-gehorchte. Sein hübsches, altkluges Gesicht verriet Neugier, er blickte in
-der Stube umher und fragte leise: »Mutter, wo ist der Onkel?«
-
-»Sei still,« sagte Anna. »Die Mutter hat mich nicht begleitet,« sagte
-sie zu Perkow gewendet. »Sie ist kränklich und schwerfällig und ich
-drang darauf, daß sie allen diesen Aufregungen fernbleibe ... Sie ist
-ohnehin ganz desperat und wird ihren Sohn nicht lang überleben, fürchte
-ich, ... ihr Geist ist wie gestört ... Wer hätte das auch ahnen können!
-Als der Bruder uns im Frühjahr besuchte, war er noch ganz gesund.«
-
-Sie machte ein Pause. Die sorgfältig gekleidete junge Dame, die so ruhig
-und zusammenhängend sprach; der neugierige, wohlerzogene Knabe, -- sie
-waren Blut von Georgs Blut. Juchei konnte es kaum glauben.
-
-Anna, der sein Schweigen unbequem war und die in seinen Mienen las, daß
-sie keinen günstigen Eindruck auf ihn machte, fuhr mit einiger Hast zu
-sprechen fort: »Ich wäre früher gekommen, wenn Sie mir nicht geschrieben
-hätten, daß der Bruder mein Fernbleiben wünsche. Der arme Georg war
-immer ein wenig eigensinnig. Es tut mir wirklich leid, daß Sie alle die
-Plage allein gehabt haben.«
-
-»Plage!« wiederholte Perkow mit so markiertem Hohn, daß Anna nicht umhin
-konnte zu fühlen, sie hätte abermals ein falsches Wort gewählt. Ein
-leises Rot färbte ihre Wangen.
-
-»Wo liegt der Bruder?« fragte sie und zog ihr Taschentuch hervor.
-
-»Nebenan,« antwortete Juchei und wies auf die Tür.
-
-Anna führte das Taschentuch an den Mund und begab sich, also vorbereitet,
-in das Totenzimmer. Mit Verachtung blickte Perkow ihr nach ...
-
-Beim Anblick des Toten fing Anna zu weinen an. Der Knabe, noch zu jung, um
-zu verstehen, was der Tod bedeute, starrte die Leiche und die umstehenden
-fremden Menschen mit halb erschrockenen Augen an. Dem Beispiel der Mutter
-folgend, hatte auch er sein kleines Taschentuch hervorgeholt und an die
-Lippen gebracht. Er bemühte sich auch redlich zu weinen wie sie, doch
-das wollte ihm nicht gelingen. Er flüsterte bloß: »Wie schlecht es hier
-riecht, Mutter!«
-
-»Schweig,« herrschte diese ihn mit unterdrückter Stimme an, trat an den
-Sarg heran und blickte in das Gesicht des Toten. Ihn zu küssen, vermochte
-sie nicht. Nicht jener Scheu wegen, die Leichen einflößen, ...
-etwas anderes war es, das sie davor zurückhielt; etwas Geheimes,
-Uneingestandenes, das sie quälte, seit ihr die Kunde seines Todes
-zugekommen. Jetzt sprach es laut und lauter, und wie sehr sie sich auch
-bemühte, die lästige Stimme zum Schweigen zu bringen; wie eindringlich
-sie sich auch vorsagte, daß es nun doch zu spät wäre, daß Vorwürfe
-nichts mehr nützten, ... die Stimme redete fort und flüsterte ihr zu,
-daß sie nicht schwesterlich an dem Toten gehandelt, daß sie und die
-Mutter sein weiches Herz mißbraucht hätten, daß er glücklicher hätte
-werden können, wenn sie und die Mutter nicht eingegriffen hätten in sein
-Schicksal. Diese Selbstvorwürfe waren ihr unangenehm; sie verabscheute
-alles, was ihre heitere Ruhe störte. Ihre Tränen versiegten und kalten
-Blickes starrte sie in das Antlitz des Toten, auf den schwarzen Talar, in
-den Juchei ihn gekleidet, auf das Kreuz in seinen Händen, auf das schwarze
-Barett, das ihm zu Häupten lag ... Warum hatte er nachgegeben? _Sie_
-würde sich, der Mutter zuliebe, nicht geopfert haben ...
-
-Perkow trat in das Zimmer und gebot den Leuten in gedämpftem Tone
-hinauszugehen. Sie grüßten schweigend und entfernten sich.
-
-Der junge Geistliche näherte sich dem Sarge und sah den Toten an.
-
-»Er ist arg verändert,« sagte Anna leise.
-
-»Ja. So hart und fremd sieht er aus, wie mein Georg niemals gewesen ist.«
-Seine Stimme bebte, und mit sanfter Hand richtete er an den Kleidern des
-Toten, glättete das Kissen unter seinem Haupt und streichelte sein Haar.
-Der Blick des jungen Priesters hing dabei so liebevoll an dem starren
-Gesicht des Freundes, wie etwa eine Mutter ihr totes Kind betrachten
-würde. »Und doch,« fuhr er fort, »sieht man selbst jetzt noch, wie
-schön er war, ... das Profil wie rein und edel ... O Georg!« Er neigte
-sich auf ihn herab und legte die Stirn auf die kalten Hände.
-
-Von tiefstem Unbehagen erfaßt stand Anna da. Ja, der hatte sich keinen
-Vorwurf zu machen; in dessen Brust erweckte der Anblick des Toten nur
-lichte, erhebende Erinnerungen; der durfte ihm nahen und ihn berühren
-sonder Scheu noch Selbstanklage. Er hatte ihn nie gekränkt, ihm nie weh
-getan, war ihm im Leben und im Sterben treu zur Seite gestanden ... Mit
-einem furchtsamen Blick streifte Anna die rührende Gruppe, nahm den Knaben
-bei der Hand und ging aus dem Zimmer.
-
-Perkow folgte ihr nach einer Weile.
-
-»Erzählen Sie mir von ihm,« sagte Anna, setzte sich und zog den Kleinen
-an ihre Seite.
-
-Joachim machte eine ablehnende Bewegung.
-
-»Jetzt nicht,« erwiderte er. »Ich kann wirklich nicht. Vielleicht
-später einmal, ... bis ich ruhiger geworden bin.«
-
-»Wie Sie wollen. Lassen Sie uns von anderem sprechen. Was soll mit Georgs
-Sachen geschehen? Hat er sich diesbezüglich geäußert?«
-
-»Ja. Ein Testament hat er zwar nicht gemacht: es wäre auch kaum der
-Mühe wert gewesen ... Seine Bücher und Möbel dachte er _mir_ zu, ... als
-Erinnerung an ihn.«
-
-Anna sah den Sprecher forschend und mißtrauisch zugleich an. Wenigstens
-kam es ihm so vor. Er schaute ihr mit durchbohrendem Blick in die kalten,
-hellen Augen.
-
-»Glauben Sie mir etwa nicht?«
-
-»Was fällt Ihnen ein? Wie sollte ich nicht, ... sobald Sie es sagen.
-Übrigens haben Sie sich diese bescheidene Erbschaft redlich verdient ...
-Hat er Geld hinterlassen?«
-
-»Geld?« sprach Juchei mit bitterem Lachen nach. »Sie scheinen nicht
-zu wissen, daß seine Einnahme eine sehr karge war ... Das wenige, was
-er besaß, ist für die Herbeischaffung des notwendigsten Hausrates
-aufgegangen. Wir mußten sogar sein Klavier verkaufen, um die Kosten der
-Krankheit zu decken, ... und der Rest von diesem Verkaufe muß auf die
-Bestattung und den Grabstein verwendet werden. Was er sonst hinterläßt,
-wie seine Wäsche und Kleider und die Kücheneinrichtung, steht zu Ihrer
-Verfügung. Wie gräßlich ist es doch, von alledem sprechen zu müssen,«
-schloß er und kehrte sich angewidert von ihr ab.
-
-»Wir sind ja schon fertig,« sagte Anna und stand auf. »Kann ich hier im
-Dorf Unterkunft für die Nacht finden?«
-
-»Im Gasthof sind noch ein oder zwei Zimmer frei. Dort können Sie
-übernachten.«
-
-»Und das Begräbnis ist ... um wieviel Uhr?«
-
-»Um acht Uhr.«
-
-»Ich will Sie denn nicht länger stören. Sie bedürfen der Ruhe.«
-
-»Der Einsamkeit vor allem,« dachte Juchei.
-
-»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Anna. Er aber begleitete sie bis
-an die Tür und öffnete dieselbe. Anna verbeugte sich, der kleine Knabe
-grüßte höflich, und damit gingen sie.
-
-Joachim schüttelte sich und seine Züge überflog ein Ausdruck, der halb
-Erstaunen, halb Widerwillen war. Daß ein solcher Bruder _diese_ Schwester
-haben konnte! Aber er wollte nicht nachdenken über sie; die hohle Puppe
-war es nicht wert.
-
-In der Ruhelosigkeit, die ihn seit Georgs Tode quälte, beschloß er,
-teils um irgend etwas zu tun, teils um mit Anna nichts weiter besprechen
-zu müssen, die Hinterlassenschaft des Freundes zu ordnen und zu verpacken.
-Die Haushälterin war ihm dabei behilflich; mit trübem Blick betrachtete
-er, als sie fertig waren, die Kisten und verpackten Möbel und die
-unwohnliche Stube. Wie kahl es hier aussah, wie traurig!
-
-Die Wirtschafterin trat ein, sah den jungen Priester einsam und verlassen
-in der Mitte des Zimmers stehen und fragte ihn schüchtern, ob er nichts zu
-essen begehre.
-
-Er schüttelte den Kopf. »Aber Wein können Sie mir bringen.«
-
-»Ja, Hochwürden.«
-
-»Wo ist der Hund?«
-
-»Unten, ... vor dem Hause.«
-
-»Lassen Sie ihn herauf zu mir, ... ich möchte ihn um mich haben.«
-
-Das Tier fühlte wie er, und darum sehnte er sich nach seinem treuherzigen
-Anblick.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen, eine Viertelstunde vor acht Uhr, waren die Wohnstube
-und das Totenzimmer von Leuten überfüllt. Alle hielten einen brennenden
-Wachsstock in der Hand, wie es bei Begräbnissen der Brauch ist in Tirol.
-Anna brachte ihr Tuch nicht von den Augen, und als das Zimmer, wo der Tote
-lag, am vollsten war, beugte sie sich auf die Leiche herab und küßte
-den Bruder auf die Wange. Juchei stand im Nebenzimmer, abseits von den
-übrigen, starrte vor sich hin und fuhr manchmal mit der Hand nach dem
-Herzen. Einer der fremden Geistlichen näherte sich ihm.
-
-»Jetzt wird der Sarg geschlossen,« flüsterte er dem jungen Amtsbruder
-zu. »Wollen Sie den Toten noch einmal ansehen?«
-
-»O nein,« antwortete Juchei. »Ich habe schon Abschied von ihm genommen,
-heute nacht, als wir allein waren ... Lassen Sie den Sarg schließen.«
-
-Das war bald geschehen. Vier Männer luden die Bahre auf die Schultern; die
-Anwesenden ordneten sich und folgten dem vorangetragenen Sarge. Die Glocken
-begannen zu läuten. So hatten sie auch geläutet, als Georg einzog in das
-Dorf; damals hatten sie ihn willkommen geheißen und heute riefen sie ihm
-die letzten Grüße zu.
-
-Nach einer Stunde war alles vorüber. Georg ruhte im Grabe, unter derselben
-Scholle, auf der Paula gekniet hatte, als sie das Grab seines Vorgängers
-betrachtete. Die Wohnung war jetzt nicht mehr leer.
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel
-
-
-Der Dekan hatte das Telegramm, Hartecks Ableben meldend, richtig erhalten
-und war im ersten Augenblick, obschon die Nachricht nicht unerwartet
-kam, so bestürzt darüber, daß er nicht wußte, was er mit der fatalen
-Neuigkeit anfangen sollte. Er hatte das Gefühl, als ob er die Kunde solang
-wie möglich geheim halten müßte, hätte aber nicht recht erklären
-können, warum er so dachte. Dann drückte ihn das Geheimnis wieder in so
-hohem Grade, daß er seine Nichte aufsuchte und ihr unter dem Siegel der
-Verschwiegenheit anvertraute, was geschehen war.
-
-Das sonst so erregbare Fräulein nahm die Mitteilung mit großer Fassung
-entgegen.
-
-»Es war vorauszusehen,« bemerkte sie ruhig, »wir alle sind sterblich,
-und ich begreife nicht, lieber Onkel, wie diese Nachricht Dich so sehr
-erschüttern kann ... Bist Du denn für das Leben oder Sterben dieses Herrn
-verantwortlich?«
-
-»Du hast recht,« sagte der Dekan sichtlich erleichtert, und Aurelie, froh
-etwas zu wissen, was noch nicht aller Welt bekannt war, und hauptsächlich
-begierig, daß die Nachricht sobald wie möglich zu den Ohren der ihr
-antipathischen Paula Reinberg gelange, beeilte sich auf die Straße zu
-gehen und wartete ungeduldig, bis irgend jemand käme, den sie mit dieser
-Mission betrauen könnte. Zufällig führte den jungen Schullehrer sein
-Weg am Pfarrhof vorüber; und Aurelie, die wußte, daß der junge Mann kein
-Freund des Verstorbenen gewesen, redete den Lehrer an und teilte ihm ohne
-Einleitung die Todeskunde mit. Ihre Worte erzielten jedoch keineswegs die
-gewünschte Wirkung. Fritz Stettner erblaßte, starrte sie an und machte
-sich, ohne die Lippen geöffnet zu haben, eiligst davon. Was half _ihm_ des
-Mannes Tod? Er war nicht rachesüchtig, nicht schadenfroh, wenigstens nicht
-bis zu dem Grade, um jemandem ernstlich Übles zu wollen. Und Paula war
-ja doch für ihn verloren. Wie einstens der Lebende, würde jetzt der Tote
-zwischen ihr und ihm stehen ... Und selbst wenn Paula den Priester niemals
-kennen gelernt hätte, ... _ihn_ würde sie trotzdem nicht geliebt haben.
-Lang bevor Harteck kam, hatte er um ihre Liebe geworben und sein Werben war
-ein vergebliches gewesen. Während des letzten Jahres hatte er, Hartecks
-wegen, viel gelitten; in früherer, besserer Zeit hatte er immer noch
-gehofft, -- mit Hartecks Kommen hatte das aufgehört. Er hoffte längst
-nicht mehr; aber er liebte auch nicht mehr. Das Mädchen, zu dem er
-aufgeblickt wie zu einem hehren Götterbild, war zu einem recht menschlich
-schwachen Geschöpf herabgesunken. Er sah sie ganz erfüllt von einem
-Manne, den zu lieben ihr nicht erlaubt war, sah sie ihre heiligsten
-Pflichten vernachlässigen und allem, was nicht jener Mann war, kalt,
-trotzig und teilnahmlos gegenüberstehen. Ihr Haupt beugte sich nicht vor
-dem richtenden Urteil der Welt, unumwunden zeigte sie, daß ihr an
-allem blutwenig gelegen war, daß sie die Menschen und ihren Richtspruch
-verachtete und mit ihnen auch _seine_ treue und reine Liebe, und das
-brachte den jungen Mann allmählich zur Besinnung. Der Heilung war freilich
-ein schwerer Kampf vorangegangen; endlich aber war sie doch erfolgt. Was er
-heute für Paula empfand, hätte er selber nicht recht zu sagen vermocht.
-Eines jedoch war ihm klar: wenn sie ihn jetzt geliebt hätte, würde
-_er_ sie verworfen haben. Er wollte nicht vorlieb nehmen mit dem, was ein
-anderer ihm gnädig zurückließ, wo er so ganz, so tief sich hingegeben
-hatte. Paula flößte ihm heißes Mitleid ein, obschon es mit der hohen
-Achtung, die er einstens für sie gehegt hatte, vorüber war. Nur mit
-Widerstreben würde er ihr weh getan haben, ... da er nicht mehr liebte,
-konnte er verzeihen. Er seufzte, als er jetzt durch das Dorf schritt und
-das Haus Paulas erreichte. Unwillkürlich stand er da still. Wußte sie
-schon ...? Er spähete zu den Fenstern empor und sah die kleine Toni hinter
-einem derselben stehen. Sein braunköpfiger Liebling von ehemals ... Wie
-schnöde hatte ihn das Kind stets behandelt! Und er hatte alles ertragen,
-Paula zuliebe, ... ja, mehr noch, er hatte das undankbare Kind wirklich
-lieb gehabt ... O dieses Haus, die Fenster, der Garten, ... hier war seine
-Welt gewesen, all sein Glück und Schmerz. Jetzt lag Schnee auf dem Dach
-und den Bäumen, und auch in _sein_ Herz war der Winter gezogen. Es ist
-doch etwas unsagbar Trauriges um eine untergegangene Liebe ...
-
-Noch immer sah er traumverloren zu Toni empor, und da auch sie den Blick
-auf ihn gerichtet hielt, winkte er ihr mit der Hand, zu ihm herab zu
-kommen. Die Kleine schüttelte zuerst den Kopf, dann aber mochte die
-Neugier die Oberhand gewinnen; sie verschwand vom Fenster und nach Ablauf
-einer Minute stand sie neben dem Lehrer. Sie hatte ein Tuch um Kopf und
-Hals gewickelt und ihre Händchen steckten in einem Muffe. Ihr rotwangiges
-Gesicht und ihre großen braunen Augen schauten fragend zu dem Manne empor.
-
-»Prr! Es ist kalt,« sagte sie, hin- und hertrippelnd. »Weshalb haben Sie
-mich gerufen, ... bei dieser Kälte?«
-
-»Ich habe Dir etwas zu sagen,« antwortete er ernst.
-
-Sie begann zu fühlen, daß es mit ihrer Macht über ihn zu Ende war; so
-fremd und kühl hatte er sonst nicht gesprochen. Ihr Köpfchen beugte sich
-und, ohne ihn anzusehen, fragte sie mit leiser Stimme: »Was denn?«
-
-»Sag Deinen Leuten, daß der Vikar Harteck gestorben ist,« versetzte er.
-
-»O!« rief sie und wurde purpurrot. »Das ist nicht wahr!«
-
-»Du ungezogenes Kind!« entgegnete er. »Ich werde doch nicht lügen.«
-
-»Ja, ... aber ...« Sie brach in Tränen aus. »Ich will nicht, daß er
-tot ist ... Paula! Paula!« rief sie dann sehr laut, kehrte blitzschnell um
-und rannte in das Haus hinein.
-
-Horchend blieb der Lehrer stehen.
-
-»Paula! Paula!« hörte er die verhallende Stimme der Kleinen rufen. Das
-Herz wurde ihm plötzlich sehr schwer ... Im Hause herrschte Grabesstille.
-Kein Seufzer, kein Schluchzen, kein Aufschrei drang an sein lauschendes
-Ohr. Ein Rest der alten Liebe lebte noch einmal in ihm auf ... Sollte
-er hineingehen und Paula zu trösten versuchen? Ihm bangte vor dieser
-Lautlosigkeit ... Schon tat er einen Schritt nach der Schwelle hin. Da aber
-war ihm, als zöge eine unsichtbare Hand ihn zurück. Paula würde ihn ja
-doch von sich weisen, wie sie es immer getan hatte ... Nein! Sie wollte
-nichts von ihm, wollte allein sein, -- mochte sie's denn allein tragen. Und
-rasch entschlossen ging er nach Hause. --
-
-Der Geschäftigkeit Aureliens war es mittlerweile gelungen, das gesamte
-Hausgesinde von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen; wie ein Lauffeuer
-ging die Nachricht durch das Dorf; indessen regten sich die indolenten
-Bauern wenig darüber auf. Einer erzählte es dem anderen und dieser sagte:
-»So!« und »Ah!« und teilte es einem dritten mit und auf diese Weise
-ging es fort. Der Dekan, der absichtlich einen Gang durch das Dorf
-unternahm, um die Stimmung der Leute zu prüfen, fand, daß niemand daran
-dachte, irgendeinen Vorwurf wider ihn zu erheben und daß sich unter den
-Bewohnern, außer einer gewissen flauen Teilnahme, die die Todeskunde eines
-schon halb Vergessenen gewöhnlich hervorzurufen pflegt, nichts bemerkbar
-machte, und er wunderte sich jetzt über sich selbst, daß er etwas anderes
-hatte voraussetzen können.
-
-Eine lebhaftere Bewegung hingegen entstand, als die Rückkunft Perkows
-bekannt wurde. Um Zeit zu sparen, hatte Joachim den mühsamen Weg über den
-Berg zurückgelegt und langte mittels der Eisenbahn in St. Jakob an. Auf
-dem Bahnhof hatten sich außer dem Dekan, dem jungen Mönch und Aurelien
-noch viele andere Leute eingefunden, und als sie den jungen Priester,
-den Hund Hartecks am Halsbande führend, nach dem Perron schreiten sahen,
-entblößten alle die Köpfe, und ehrerbietiges Schweigen herrschte
-ringsum.
-
-Etwas wie Grabeshauch lag auf der Gestalt und dem Gesicht des jungen
-Mannes. Aus seinen Zügen war der frohe Lebensmut gewichen und kein
-Lächeln trat auf seine Lippen, als der Dekan auf ihn zukam und ihm die
-Hand entgegenstreckte.
-
-»Sie haben -- hm! -- einen schweren Verlust erlitten,« redete der Dekan
-ihn an. »Ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.«
-
-»Ich ebenfalls,« lispelte Aurelie.
-
-»Danke,« sagte Juchei und faßte den Hund fester am Halsband. Das Tier
-stieß ein klägliches Winseln aus und drängte sich zitternd an die Kniee
-des Geistlichen. »Der Hund ist noch ganz verstört,« fuhr Joachim fort.
-»Er sucht beständig nach seinem Herrn.«
-
-Der Dekan tätschelte Cäsars Kopf und Aurelie machte sich ebenfalls mit
-dem Tiere zu schaffen.
-
-»Lassen Sie ihn lieber in Ruhe,« sagte Juchei. »Er ist sehr
-unzugänglich und bissig geworden.«
-
-Das Fräulein tat einen affektierten Schrei und wich zurück. Joachim
-schenkte dem keine Beachtung, sondern sagte bloß: »Gehen wir nach
-Hause.«
-
-Er grüßte die Leute, die ihm achtungsvoll Platz machten, und die kleine
-Gesellschaft schlug den Weg nach dem Pfarrhof ein.
-
-Überall begegnete Joachim teilnahmvollen Blicken und Grüßen und der
-Hund erregte große Aufmerksamkeit. »Da ist sein Hund!« sagten viele mit
-leiser Stimme. Juchei sah weder nach rechts noch nach links und zog bloß
-mechanisch den Hut ab, wenn ein Gruß an sein Ohr schlug. Nur als sie am
-Hause des Arztes vorüberkamen, erhob er den Blick vom Boden und schaute
-auf das Haus. Da jedoch weder am Tor noch hinter den Fenstern jemand zu
-sehen war, senkte er die Augen wieder und schritt schweigend fürbaß.
-
-Sie erreichten den Pfarrhof, und als Cäsar des ihm wohlbekannten Hauses
-ansichtig wurde, fing er zu rennen an, stürzte zum Tor hinein, über die
-Treppe hinauf und kratzte zitternd und heulend an die Tür, die in die
-ehemalige Wohnung seines Herrn führte. Joachim eilte dem Hunde nach. Mit
-großer Freude begrüßte ihn Cäsar, zerrte ihn an den Kleidern zur Tür
-hin, sprang an ihm empor, bellte und keuchte ... O! Diese Tiersprache war
-beredt genug: Öffne, öffne doch! Er muß ja hier sein ... Armes, treues
-Tier! ... Juchei tat ihm seinen Willen und schloß die Tür auf, -- Cäsar
-schoß wie ein Pfeil hinein, durchsuchte die Zimmer, schnüffelte in jede
-Ecke und brach plötzlich in ein lautes, jämmerliches Geheul aus.
-
-»Cäsar! Cäsar!« rief Juchei erschüttert, kniete bei ihm nieder
-und drückte seinen großen Kopf an die Brust. Der Hund schaute ihn mit
-blutunterlaufenen Augen an und knurrte zornig ...
-
-»Ich kann Dir Deinen Herrn nicht wiedergeben,« sagte Juchei. »O! Wenn
-ich's könnte! ...« Er preßte die Hände an die Augen. Wie diese
-Räume ihn an alles mahnten! War es denn möglich, war es denn wirklich,
-unwiderruflich wahr?
-
-Eine Magd rief ihn zum Abendessen. Er schloß den Hund in die Stube ein,
-verfügte sich in das Speisezimmer und setzte sich auf den Platz, den Georg
-sonst eingenommen. Mechanisch aß und trank er, beantwortete mechanisch die
-Fragen, die die Tischgesellschaft an ihn richtete, und wunderte sich nur
-über eines: daß alle Welt ihm sein Betragen gegen den toten Freund so
-hoch anrechnete, ihn darum belobte ... Was hatte er denn so Besonderes
-getan? Er hatte den Toten geliebt: verstanden die Menschen denn nicht, was
-das hieß?
-
-Die Mahlzeit war kaum vorüber, als Juchei sich unter dem Vorwand großer
-Ermüdung erhob und zurückzog. Er ging jedoch bloß in seine Wohnung,
-um Cäsar zu holen und verließ dann mit dem Hunde das Haus. Die Leute im
-Dorfe schliefen bereits, und ohne daß jemand ihn sah, erreichte Joachim
-das Ziel seiner kurzen Wanderung, ... das Haus des Arztes. Er klingelte und
-fragte die ihm öffnende Dienstmagd, ob ihr Herr noch zu sprechen wäre.
-Sie bejahte die Frage, leuchtete ihm über die Treppe hinauf und bat ihn,
-einzutreten. Er klopfte an und trat in das Zimmer.
-
-Die Familie hatte soeben das Abendbrot eingenommen. Der Arzt saß am
-Tische und rauchte, Paula ihm gegenüber, mit verschränkten Armen vor sich
-hinstarrend, und Toni stand neben ihr. Als sie den Geistlichen und Cäsar
-eintreten sahen, erhob sich der Arzt und warf einen raschen Blick auf seine
-Tochter. Paula wollte sich erheben, vermochte es aber nicht. Sie sank auf
-den Stuhl zurück und schlug die Hände vors Gesicht. Schweigend standen
-der Arzt und Perkow da und schauten auf das junge Mädchen. Keiner war
-imstande, zu sprechen. Nur Toni näherte sich dem Hunde und streichelte
-ihn.
-
-»Cäsar! Armer Cäsar!«
-
-Das Tier schien sie nicht zu erkennen. Es zog den Schwanz ein und zeigte
-dem Kinde die Zähne.
-
-»Cäsar, was hast Du? _Ich_ bin es ja,« sagte Toni furchtlos und
-zärtlich. Der Arzt faßte sie am Arm und führte sie aus dem Zimmer.
-
-»Der Hund ist krank; geh Du schlafen,« sagte er, kehrte dann zu den
-anderen zurück und bot dem Gast einen Stuhl an. Juchei setzte sich; der
-Arzt blieb stehen.
-
-»Verzeihen Sie mein Eindrängen,« sagte Juchei endlich. »Es soll nicht
-wieder geschehen. Aber dieses eine Mal mußte es sein ... Ich bin gekommen,
-um Ihnen die letzten Grüße meines Freundes zu überbringen.«
-
-Niemand antwortete. Paula verharrte unbeweglich in ihrer trostlosen
-Stellung. Man hätte sie für tot halten können, wenn nicht von Zeit zu
-Zeit ein Zittern ihren Leib durchlaufen hätte.
-
-»Bis zu seinem Ende,« fuhr Joachim fort, »hat ihn der Gedanke gequält,
-daß er Leid über Ihr Haus gebracht ... Lassen Sie mich hoffen, daß seine
-Reue, sein Tod Sie versöhnen ...«
-
-Die Stimme versagte ihm.
-
-»Alles ist vergeben und vergessen,« sprach der Arzt.
-
-Paula erhob sich und ging aus dem Zimmer.
-
-»Amen,« murmelte Juchei ihr nachblickend. Der Arzt tat dasselbe.
-
-»Hat er viel gelitten?« fragte er dann.
-
-»O!« sprach Joachim mit einer traurigen Bewegung. »Seine Jugend und
-die mörderische Krankheit kämpften einen fürchterlichen Kampf
-miteinander, ... aber sein Tod war ein sanfter. Er schlief in meinen Armen
-ein ...«
-
-Eine neue Pause folgte.
-
-»Sein Gemüt war -- bedrückt,« sagte der Arzt hierauf. »Das ist eine
-siegreiche Waffe für diese Krankheiten. Aber ich will doch nach dem
-Mädchen sehen, ... Sie verzeihen, ... ich bin so sehr besorgt um sie.«
-
-Er ließ den Gast allein. Nach einer Weile hörte Juchei die Tür gehen.
-Er blickte auf und sah Paula vor sich. Schweigend nahm das junge Mädchen
-ihren alten Platz ein. Sie saß nach vorne gebeugt, ihre Hände ruhten
-im Schoße, ihre Augen stierten ausdruckslos ins Leere. Perkow, der sie
-betrachtete, fand sie sehr verändert. Eine seltsame Starrheit lag auf
-ihrem Gesichte, unter ihren Augen liefen dunkle Schatten. Verweint sah sie
-nicht aus ... Sie hatte noch keine einzige Träne vergossen, seit sie das
-Unabänderliche erfahren.
-
-Juchei erwartete, daß sie etwas sagen würde. Paula aber blieb stumm; sie
-blickte ihn nur unverwandt an.
-
-»Sie sind doch zu beneiden,« sprach sie endlich, ohne die Augen von ihm
-zu wenden.
-
-»Ich?« fragte er mit trübem Lächeln.
-
-»Sie haben um ihn sein dürfen bis zum letzten Augenblick, während
-ich ...« Sie verstummte. »Ich würde es leichter tragen,« sprach sie
-dann, »wenn es so hätte kommen _müssen_. Gegen das Schicksal sind wir
-machtlos. Wenn aber Menschen eingreifen in das Schicksal anderer und dabei
-ein solcher Jammer herauskommt, dann gibt es keinen Trost. Die Bitterkeit,
-der Haß vergiften den Schmerz. Ich kann nicht einmal weinen und trauern um
-ihn, alles in mir ist tot und versteinert. Sich sagen müssen, daß er
-noch leben und glücklich leben könnte, wenn nicht seine Mutter und
-Schwester ... Ich habe nie gewußt, was Haß ist. Jetzt aber weiß ich
-es.«
-
-»Ich kann Ihnen darauf nur mit dem Ausspruch des Erlösers antworten,«
-erwiderte der Priester. »Vergeben wir ihnen, sie wußten nicht, was sie
-taten.«
-
-»Ich bin nicht so mild gesinnt,« entgegnete Paula dumpf. »Ja, wenn es
-sich bloß um _mich_, um _mein_ Glück handelte! Wenn aber etwas, das ich
-liebe, getroffen wird, bin ich unversöhnlich. -- Noch eines quält mich,«
-fuhr sie nach einer augenblicklichen Stille fort und legte die Hand an die
-Stirn. »Ich kann nicht zusammenhängend sprechen, ... mein Kopf ist so
-verwirrt ... Was wollte ich nur ...? Ja, das wollte ich sagen. Sie haben
-vorhin geäußert, daß Sie kein zweites Mal zu uns kommen würden. So muß
-es auch sein. Nicht meinetwegen. _Mein_ Leben ist abgetan. Aber des Vaters
-halber. Um Ihnen das zu sagen, habe ich den Vater gebeten, mich mit Ihnen
-allein zu lassen. Er hat genug gelitten. Ich will von dieser Stunde an
-versuchen, wieder für ihn und meine Schwester zu leben ... Vielleicht daß
-auf diese Weise mein Dasein noch einigen Nutzen bringen kann. Aber bevor
-Sie gehen, muß ich noch eine Frage an Sie richten. Harteck hat mich nie
-gerufen, ... und dennoch, ... glauben Sie, daß es ihm erwünscht gewesen,
-wenn ich trotzdem gekommen wäre? Oft, oft hat es mich übermächtig
-hingezogen zu ihm ... Dann aber sagte ich mir wieder: Wenn er's wollte,
-brauchte er Dich ja bloß zu rufen; weiß er doch, daß Du darauf
-wartest ... Und so schwankte und zauderte ich, bis es zu spät war. Und nun
-hetzt und verfolgt mich der Gedanke, daß er vielleicht auf mich gewartet
-hat und daß ich nicht gekommen bin ...«
-
-»Beruhigen Sie sich darüber,« sprach Joachim. »Georg verstand so zu
-lieben, daß er sich selbst zu vergessen vermochte. Er hat Sie -- warum
-sollte ich's Ihnen verschweigen? -- sehr geliebt und redete noch im
-Todeskampf von Ihnen. Aber was er sagte, waren Dankesworte dafür, daß
-Sie allem diesen Jammer fern geblieben wären. Ihr Anblick würde ihn nur
-gequält haben; er hätte sehen müssen, wie Sie leiden um seiner Leiden
-willen und ohne ihm helfen zu können, und dieses Bewußtsein hätte ihn
-nur noch elender gemacht. Nein, so war es am besten.«
-
-»Gott sei Dank!« sagte Paula. »Das war es, was ich zu wissen begehrte.«
-
-Perkow erhob sich.
-
-»Komm, Cäsar,« sagte er zu dem Hunde, »wir wollen nach Hause gehen.«
-
-Er sprach diese einfachen Worte mit so müder Stimme, daß sogar der Hund,
-als verstünde er ihn, mitleidig seine Hand leckte.
-
-»Die Toten sind nicht am schlimmsten daran,« sagte Juchei und gab Paula
-die Hand. »Aber die, die zurückbleiben ...«
-
-»Zurückbleiben,« sprach Paula tonlos nach, »untröstlich,
-unversöhnlich.«
-
-»Untröstlich gewiß,« sagte der Priester. »Ich würde nicht wert sein,
-daß er mich Freund nannte, wenn ich ihn jemals vergessen könnte ... Ich
-werde meinen Georg niemals vergessen. Leben Sie wohl.«
-
-Sie ließ seine Hand fahren und er ging, den Hund mit sich führend. Sie
-blickte ihm nicht nach, sie starrte in die Luft. Gegenwart und Zukunft
-flossen ineinander. Sie sah voraus, daß es immer so bleiben würde, ...
-von jetzt an bis zum Tode. Tränenlos würde sie durchs Leben gehen, die
-Wunde würde im Verborgenen weiter bluten und langsam vereitern; sie würde
-bleiben, was sie in dieser Stunde zu sein bekannt hatte: untröstlich,
-unversöhnlich.
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel
-
-
-Zehn Jahre waren verflossen. An einem Oktobernachmittag war es, daß ein
-kräftig-schlanker Mann, der die schwarze Kleidung eines katholischen
-Priesters trug, durch die Straßen Salzburgs schritt. Er ging einher in
-selbstbewußter Haltung und man sah ihm an, daß er gewohnt war, das
-Haupt hoch zu tragen ... Flüchtig erwiderte er die Grüße der an ihm
-vorbeieilenden kleinen Buben und Mädchen, sah bald die Häuser an,
-an denen er vorüberging, bald empor zu den nahen Bergen, und seine
-männlichen, sonnverbrannten Züge nahmen dabei einen ziemlich ernsten,
-fast nachdenklichen Ausdruck an. Plötzlich hielt er im Gehen inne und
-blickte mit einer Bewegung der Überraschung auf ein freundliches, sauber
-gehaltenes Haus. Ein Name, an dem Haustor angebracht, war es, was seinen
-Blick getroffen hatte ... »=Dr.= Reinberg!« murmelte der Priester vor
-sich hin. »Ist es möglich? Sollte es derselbe Mann sein? So wären
-wir einander so nahe gewesen und ich hätte nichts davon gewußt?«
-Kopfschüttelnd wollte er seinen Weg fortsetzen, -- da aber war ihm, als
-tauchte das Bildnis eines Toten vor ihm auf, als flüsterte eine einst
-geliebte, seit langen Jahren nimmer gehörte Stimme in sein Ohr: So eilst
-du vorüber an dem Hause, das dasjenige birgt, was mir das Liebste war auf
-dieser Welt? So eilst du vorüber und gehst nicht hinein und fragst nicht,
-wie es ihr ergeht und wie sie lebt? Bin ich schon ganz vergessen?
-
-Rasch entschlossen wendete er sich um und lenkte den Schritt hinein in das
-Haus.
-
-Während er die Treppe emporstieg, überkam ihn eine Art von Beklemmung.
-Jahre waren hinweggerauscht über alle jene Begebenheiten, die in dem
-abgeschiedenen und traurigen Dorfe Keßten sich abgespielt, -- das Leben
-und Joachims Jugend hatten ihre natürlichen Rechte geltend gemacht,
-Ereignisse aller Art waren zwischen ihn und die Vergangenheit getreten und
-hatten das Bild des toten Freundes gewaltsam in den Hintergrund gedrängt.
-An Paula Reinberg vollends hatte er jahrelang kaum gedacht. Aber jetzt,
-wo er sich ihr so nahe wußte, sank die Schranke ein, die die Zeit
-aufgerichtet hatte, und scharf wie in alten Tagen grub der alte Jammer
-seine Zähne ein in des Mannes unruhig pochendes Herz.
-
-Zögernd legte er die Hand an die Wohnungsglocke. Wie wird Paula ihn
-aufnehmen? Wird sein unvermuteter Anblick nicht alte, mühsam vernarbte
-Wunden aufreißen? Wird sie es ihm danken, daß er, ungerufen, ungebeten,
-zu ihr gekommen?
-
-Er wußte selbst kaum, daß er an der Glocke gezogen: aber das Geläute,
-das nun erscholl, belehrte ihn, _daß_ er es getan. Vorwärts denn! Zur
-Umkehr war es jetzt doch zu spät.
-
-Eine Minute darnach trat er in das Wohnzimmer. Vom Sofa erhob sich eine
-schlanke, schwarzgekleidete Frauengestalt ... Des Priesters Herz empfand
-eine schmerzliche Regung. Nach zehn langen Jahren standen die zwei
-Menschen, die dem, der in Keßten begraben lag, das Teuerste gewesen waren
-und die auch ihn am innigsten geliebt hatten, einander zum erstenmal wieder
-gegenüber.
-
-»Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind,« begann Paula und sah
-ihn mit warmem Blick an: mit einem Blick, wie ihn die Menschen nur für
-jene haben, die sie an eine gemeinsam verlebte frohe Zeit oder an ein
-gemeinsam empfundenes Leid erinnern.
-
-»Ich wußte nicht, daß Sie sich in Salzburg aufhalten,« sagte Joachim.
-Seine Stimme klang bewegt.
-
-»Wir sind erst seit kurzem hier, erst seit ein paar Wochen,« antwortete
-Paula mit erzwungener Fassung. »Mein Vater ist zum Bezirksarzt von hier
-ernannt worden ... Wir fühlen uns schon ganz heimisch in Salzburg, nicht
-anders, als ob wir schon jahrelang hier wohnten.«
-
-Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, sich zu setzen; er folgte ihrer
-Aufforderung und Paula nahm ihren Platz auf dem Sofa wieder ein.
-
-Er wußte nicht recht, was er ihr sagen sollte. Die Vergangenheit
-heraufbeschwören? Reden von Dingen, die so viel Leid gebracht? Dazu hatte
-er keinen Mut.
-
-Aufmerksam hingen seine Augen an dem blassen, ernsten Mädchenbilde. In
-ihrem schwarzen Kleide, mit dem schlicht gescheitelten Haar sah sie beinahe
-matronenhaft aus. Es war die alte Paula und war es doch wieder nicht. Ihre
-Wangen waren hagerer geworden, sie war noch bleicher als ehedem und um ihre
-festgeschlossenen Lippen lag ein herber Zug. In ihre Stirn hatte die Zeit
--- wohl auch anderes -- die ersten Falten gegraben; ihre Augen aber hatten
-einen sanften, schwermütigen Blick. »Ich habe entsagt:« stand nicht das
-in deutlichen Lettern in diesen tiefliegenden grauen Augen geschrieben?
-
-Auch Paula betrachtete ihn mit forschendem Blick. Sie fand ihn wenig
-verändert; seine Gestalt war kräftiger, seine Züge gereifter geworden.
-Er sah so selbstbewußt aus wie in alter Zeit. Nur die Sturm- und
-Drangperiode, der Ungestüm und Überschuß an gärender, felsenfest an
-sich selbst glaubender Jugendkraft schienen einem gesetzteren Wesen, einer
-etwas nachsichtigeren Denkungsart gewichen zu sein. Wenigstens glaubte
-Paula, es aus seinen Zügen herauszulesen.
-
-»Wir haben einander lang nicht gesehen,« sagte sie, ohne den Blick von
-ihm zu wenden. »Wie ist es Ihnen ergangen seit dem Tag, wo ...« Sie
-stockte plötzlich. Die Vergangenheit _war_ heraufbeschworen. Wie konnte es
-auch anders sein? Seit er das Zimmer betreten, hatten er und sie ja nur an
-das Eine, gemeinsam Erlittene, längst Begrabene gedacht.
-
-»Seit dem Tag, wo wir in St. Jakob einander zum letztenmal gesprochen,«
-vollendete Paula nicht ohne Anstrengung.
-
-»Mir ist es ganz gut ergangen,« versetzte Joachim. »Von St. Jakob bin
-ich, wie Sie wissen, bald abberufen worden ... Eine Zeitlang habe ich
-für Blätter unserer Partei geschrieben, bin auch Redakteur gewesen
-und bekleide derzeit die Stelle eines Sekretärs bei seiner Eminenz dem
-Fürsterzbischof von Salzburg. Er ist mir sehr freundlich gesinnt und ich
-hatte im verflossenen Jahr das Glück, ihn nach Rom begleiten zu dürfen,
-wobei mir die Gnade zuteil wurde, seiner Heiligkeit dem Papste vorgestellt
-zu werden. Übrigens reise ich morgen früh von hier ab.«
-
-»Für immer?« fragte Paula.
-
-»Wahrscheinlich für immer. Der Erzbischof von Wien wünscht, mich um
-sich zu haben, und ich trete von morgen an in seine Dienste. Das ist mir
-natürlich sehr angenehm, weil sich mir dadurch die Aussicht eröffnet,
-rascher vorwärts zu kommen, als es hier möglich wäre. Indessen tut es
-mir einigermaßen leid, von der Heimat scheiden zu müssen.«
-
-»Sie haben es für Ihre Jugend weit gebracht,« sagte Paula. »Ich
-wünsche Ihnen von Herzen Glück zu allem, was Sie bis jetzt erstrebt haben
-und noch erreichen werden.«
-
-»Besten Dank,« antwortete Joachim. »Es ist wahr, daß man allenthalben
-sehr wohlwollend gegen mich ist und meinen Fähigkeiten oder, wenn Sie
-wollen, meinem guten Willen die weitestgehende Anerkennung zollt.«
-
-Paula sah ihn mit einem eigentümlichen Blick an; man hätte sagen können,
-daß Neid aus ihren Augen sprach. Dann wendete sie das Haupt zur Seite und
-ließ den Blick hinauf zum grauen Himmel schweifen.
-
-»Es ist doch seltsam,« sagte sie dabei. »Zwei Menschen betreten
-denselben Weg, gehen weiter auf demselben Wege, haben die gleichen
-Bestrebungen, die gleichen Ziele, ... und mit einemmal trennen sich ihre
-Wege: den einen trägt der seine empor zu Ansehen und Ehren und den anderen
-führt er hinab in das Grab ...«
-
-Sie ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin.
-
-»Wenn er, wie ich, Lust und Liebe zu seinem Beruf gehabt hätte,« sprach
-Joachim mit einem Anflug von Strenge, »würde er gleichen Schritt mit mir
-haben halten können.«
-
-Einen Namen zu nennen, war nicht nötig. Sie beide wußten ja, von wem sie
-sprachen, an wen sie dachten.
-
-»Klagen Sie ihn nicht an,« sagte Paula und ihre Stimme zitterte. »O!
-Wenn die Menschen _ihm_ überlassen hätten, sich seinen Lebensweg selbst
-vorzuzeichnen: wie anders wäre dann alles gekommen.«
-
-Joachim sagte nichts darauf. Ihn, den Priester aus Überzeugung,
-berührte es immer peinlich, wenn er daran erinnert wurde, daß der Freund
-unglücklich gelebt hatte und unglücklich gestorben war, _weil_ er das
-priesterliche Kleid getragen.
-
-»Ich habe seine Mutter kennen gelernt,« hob er nach einer bedrückenden
-Stille wieder an.
-
-Flüchtig sah Paula in sein Gesicht.
-
-»Seine Schwester ließ mir keine Ruhe,« setzte er erläuternd hinzu.
-»Sie schrieb mir Briefe um Briefe, in denen sie mich immer wieder
-beschwor, sie und ihre Mutter zu besuchen, damit sie von mir hören
-könnten, wie Georg die letzten Lebenswochen zugebracht hätte und ob er
-christlich und ergeben gestorben wäre. Aber diese Schwester hatte einen
-so widerwärtigen Eindruck auf mich hervorgebracht, daß ich mich
-wahrscheinlich niemals entschlossen haben würde, ihrer Einladung Folge
-zu leisten, wenn nicht am Ende die Mutter selber mich brieflich gebeten
-hätte, sie doch, um Gottes willen, einmal wenigstens aufzusuchen:
-sie könne nicht ruhig sterben, wenn sie mich nicht vorher gesehen und
-gesprochen hätte.«
-
-»Nun?« fragte Paula in dumpfem Ton, da er im Sprechen innehielt.
-
-»Ich reiste denn nach Kufstein,« fuhr Joachim fort. »Es war etwa ein
-halbes Jahr nach Georgs Ableben. Als mich die Schwester vor seine Mutter
-führte, sah ich eine bejammernswerte, hinfällige Greisin vor mir, die
-kaum die Kraft hatte, sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben. Wie genau
-erinnere ich mich an jede Einzelheit, ... an die verdrießliche,
-ungeduldige Miene der Schwester und an das furchtbar blasse, strenge, vom
-Leid verwüstete Gesicht der alten Frau, -- sogar an ihre Worte. ›Hilf
-mir auf‹, sagte sie zur Tochter. ›Ich bin so mühselig geworden, seit
-mir die Kunde seines Todes zugekommen ist‹ ... Könnte ich Ihnen nur den
-_Ton_ wiedergeben, in dem diese Worte gesprochen wurden ... Er drang mir
-bis ins Mark.« Paula beschattete die Augen mit der Hand. »Unwillig genug
-leistete ihr die Tochter die gewünschte Hilfe,« erzählte der Priester
-weiter. »Ich las ihr vom Gesichte ab, daß ihr die gebeugte alte Mutter,
-der tote Bruder, kurz alles, was sie in ihrer Behaglichkeit störte,
-unsäglich lästig war ... ›Eine gute Schwester ist sie ihm gewesen,‹
-fuhr die alte Frau, zu mir gewendet, fort. ›Warum ist sie nicht
-rechtzeitig zu ihm geeilt? Hast ihn unter Fremden sterben lassen, Deinen
-einzigen Bruder,‹ sagte sie zur Tochter. ›Gott vergebe es Dir.‹ --
-Die Junge zog ein Gesicht und blieb die Antwort darauf schuldig. Ich aber
-konnte mich nicht enthalten, zu sagen: ›Es war ihm viel lieber so; er hat
-mit keinem einzigen Wort nach seiner Schwester verlangt.‹ -- Das schien
-doch einigen Eindruck auf das stahlharte Gemüt der Jungen zu machen, ...
-wenigstens fuhr sie zusammen und ging rasch aus dem Zimmer. Einem Steinbild
-gleich saß die alte Frau vor mir, ... es wurde mir fast unheimlich sie
-anzusehen. ›Wie geduldig und liebevoll er im Vergleich zu meiner Tochter
-gewesen ist,‹ sprach sie mit klangloser Stimme. ›Wenn Gott mir nur
-sagen möchte, ob ich recht an ihm gehandelt habe. Ich habe meine Pflicht
-getan und Gott höher gehalten als alles andere, ... und darüber ist
-mir der Sohn weggestorben; _vor_ mir und nicht in meinen Armen. Und ich
-fürchte‹, sagte sie flüsternd und umklammerte mit ihrer abgemagerten
-Hand meinen Arm, ›ich fürchte, daß er in Groll wider mich aus der Welt
-gegangen ist ... Das nagt an mir, hochwürdiger Herr, ... wie ein Wurm nagt
-das an mir‹ ...«
-
-Jucheis Stimme war bei diesem Bericht leiser und leiser geworden. Nun
-seufzte er tief auf und blickte, in Erinnerungen verloren, vor sich hin.
-Paula hielt die Augen noch immer mit der Hand bedeckt.
-
-»Grauenvoll!« murmelte sie in sich hinein.
-
-»Jawohl, -- grauenvoll!« sprach Joachim nach. »Das ist das rechte Wort.
-Habe ich nicht im Sinn des Toten gehandelt, wenn ich ihr diese Gedanken
-auszureden, sie zu trösten und zu beruhigen versuchte? Denn das habe ich
-getan.«
-
-Paula nickte stumm.
-
-»Zwei Monate später erfuhr ich, daß sie gestorben wäre,« sagte
-Joachim. »Sie hat den Sohn nicht einmal ein Jahr überlebt.«
-
-»Sie ruhe in Frieden,« sprach Paula mit leiser Stimme. »Damals -- vor
-zehn Jahren -- hegte ich andere, wildere Gedanken. Heute wiederhole ich
-die Worte, die Sie einstens zu mir gesprochen: Gott vergebe ihr; sie wußte
-nicht, was sie tat.«
-
-Eine Zeitlang verharrten sie in Stillschweigen.
-
-»Cäsar,« bemerkte der Priester endlich, »hat seinen Herrn nicht
-vergessen können. Ich habe mir alle Mühe gegeben, ihn an mich zu
-gewöhnen und habe ihn, da er krank war, Tag und Nacht gepflegt; aber er
-starb ab, wie eine Lampe erlischt, deren Brennstoff verbraucht ist. Ein
-paar Monate nach Georgs Tode war auch sein Hund tot.«
-
-»Und die anderen ... Hartecks Feinde ... leben wohl alle noch?«
-fragte Paula mit bitterem Lächeln. »Wahrscheinlich geht es ihnen auch
-vortrefflich.«
-
-»Nicht die Menschen waren seine schlimmsten Feinde,« entgegnete Joachim.
-»Er ist an einem verfehlten Leben zugrunde gegangen. Nichts mehr davon. --
-Seine Widersacher leben alle noch und leben ganz vergnügt.«
-
-Paula versank in Nachdenken. Die Menschen hatten Georg vergessen und sich
-getröstet darüber, daß er tot; alle waren ihren Weg gegangen, hatten das
-Glück oder doch ein Ziel gefunden: _sie_ nicht. Die Lücke, die sein
-Tod gerissen, war geblieben. Sie hatte keinen Ersatz gesucht, hatte den
-Gedanken, noch einmal zu lieben, mit Hohn von sich gewiesen. Glücklich
-sein, sich freuen, während _er_ in seinem Grabe moderte, ... nein! O nein!
-Sie war ihm treu geblieben und die Jugendzeit war verronnen. Was lag daran?
-Nicht allen ist beschieden, das Glück zu finden, und die Trauer um einen
-geliebten Toten ist ja auch ein Schatten von Glück.
-
-»Sie wollen schon fort?« fragte sie den Priester. Dieser hatte sich
-erhoben.
-
-»Ich muß,« sagte er. »Grüßen Sie die Ihren von mir und leben Sie
-wohl.«
-
-Paula stand auf und gab ihm die Hand.
-
-»Zum Schlusse noch eine Frage,« sagte Joachim und behielt ihre Hand
-in der seinen. »Wie leben _Sie_ ...? Davon haben Sie mir noch kein Wort
-gesagt.«
-
-Mit ruhigem Ernste sah sie ihm in die Augen.
-
-»Wie soll ich leben? Sehr still und friedlich ... Toni ist meine größte
-Freude. Sie hat gehalten, was sie als Kind versprochen und ist ein blühend
-schönes, reich begabtes Geschöpf geworden. Vielleicht, daß sie ein wenig
-_zu_ ehrgeizig, _zu_ hochstrebend ist, ... ich aber liebe sie so wie sie
-ist und möchte sie nicht anders haben. -- Über mich selbst,« fügte sie
-nach augenblicklicher Stille hinzu, »denke ich wenig nach. Ich bin alt
-geworden. Wenn ich Vater und Toni glücklich sehe, bleibt mir nichts zu
-wünschen übrig.«
-
-Ein Seufzer der Beruhigung hob seine Brust. Er hatte die Empfindung,
-als stünde eine nach schwerer, langer Krankheit Genesene vor ihm. Der
-wildtobende, verheerende Schmerz hatte diese edle Natur wohl erschüttern,
-nicht aber zerstören können.
-
-Mit einem Händedruck nahm er Abschied von ihr und ging, -- ging hinaus ins
-volle Leben und sie blieb zurück in ihrer eng begrenzten Welt und schaute
-ihm nach mit ernstem, ergebenem Blick.
-
-Sie wollte den Ihren nichts sagen von dieser Begegnung. Sie möchten
-fürchten, daß dies Wiedersehen sie erregt haben könnte, und diese Sorge
-sollte ihnen erspart bleiben. Sie dachten ja immer an sie, der Vater
-und Toni. Wie geduldig war der Vater stets gewesen! Jahrelang hatte er
-gewartet, -- immer gleich mild und liebevoll, bis sie endlich ruhiger
-geworden war. Er und Toni hatten sich bemüht, ihr zu ersetzen, was sie
-verloren, hatten sie ihrer stillen Traurigkeit halber niemals getadelt,
-hatten jedes heitere Wort, jedes Lächeln von ihr mit heller Freude
-begrüßt. Wie eine Schwerkranke hatten sie sie behandelt, ... der Vater,
-der Vater besonders. In ihrem Hause wurde sie geliebt mit treuer, niemals
-wankender Zärtlichkeit, ... das tat so wohl und warf einen Sonnenstrahl
-auf das Grab ihrer armen, einzigen Liebe.
-
-Mit leisem Schritt trat sie vor das Bild der Mutter hin, kniete nieder
-davor und betete lange. Tränen rollten dabei über ihre Wangen, aber es
-waren sanfte, erlösende Tränen. Sie konnte wieder beten, sie haderte
-nicht mehr: es war ihr viel genommen, doch auch viel gegeben, viel gelassen
-worden. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Obschon Paula wußte, daß sie
-jenen Toten lieben würde, solang ein Herzschlag in ihr, fühlte sie doch
-auch, daß sie endlich ruhig geworden war. Mit Georg Harteck war alles
-geschieden, was wie ein dunkler Fleck an ihrer reinen Seele gehaftet hatte.
-Mit fast sündiger Leidenschaft hatte sie an dem Manne gehangen, hatte, ihm
-zuliebe, geschwankt zwischen Recht und Unrecht, ja, sie wäre, ihm zuliebe,
-besinnungslos abgewichen vom Weg der Pflicht gegen sich selbst und gegen
-teure Menschen, -- der Tod hatte dem traurigen Kampf ein Ende gesetzt. Sie
-war sich heute bewußt, daß es so hatte kommen müssen, um sie sich selbst
-zu retten; trotz dem Schiffbruch, den ihre einzige Liebe erlitten, war ihr
-unsäglich viel geblieben: die Selbstachtung, ein Herd und zwei ihr mit
-echter Liebe ergebene Menschen. Das war viel, mehr vielleicht, als sie
-verdiente, -- mehr, als es braucht, um mit dem Leben fertig zu werden.
-
-
-Ende.
-
-
-
-
-Fußnoten
-
-
-[1] guter.
-
-[2] gehen Sie.
-
-[3] Ursula.
-
-[4] doch.
-
-[5] uns.
-
-[6] können.
-
-[7] weinen.
-
-[8] ihm.
-
-[9] zuwider, ärgerlich.
-
-[10] ihr.
-
-[11] wir.
-
-[12] vielleicht.
-
-[13] lustig.
-
-[14] Postwirtin.
-
-[15] still.
-
-[16] zurückhalten.
-
-[17] Ihr.
-
-[18] Friedhof.
-
-[19] In Tirol für Verwandtschaft.
-
-[20] In Tirol für Joachim; die Betonung liegt auf der ersten Silbe.
-
-[21] Gerannt.
-
-[22] Siehst Du.
-
-[23] Seppei in Tirol für Josef.
-
-[24] Blick.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Im Originalbuch tragen die Kapitelenden jeweils einfachen floralen Schmuck,
-auf den in dieser Transkription verzichtet wurde.
-
-Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
-
-Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
-Alle Fußnoten wurden unter der hinzugefügten Überschrift "Fußnoten" am
-Ende des Buchtextes zusammengefasst.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 1:
- im Original "Von diesen Gedanken beseelt. setzte er"
- geändert in "Von diesen Gedanken beseelt, setzte er"
-
- Seite 1:
- im Original "der Hund ging dicht hinter ihm,"
- geändert in "der Hund ging dicht hinter ihm."
-
- Seite 4:
- im Original "wohl schon zu Nacht gessen"
- geändert in "wohl schon zu Nacht 'gessen"
-
- Seite 26:
- im Original "daß das Frühstück berets aufgetragen wäre"
- geändert in "daß das Frühstück bereits aufgetragen wäre"
-
- Seite 40:
- im Original "wie so vieles, vieles andre"
- geändert in "wie so vieles, vieles andere"
-
- Seite 44:
- im Original "Er, für seine Persen, würde ja gern"
- geändert in "Er, für seine Person, würde ja gern"
-
- Seite 74:
- im Original "Er hattte sie abgöttisch geliebt"
- geändert in "Er hatte sie abgöttisch geliebt"
-
- Seite 94:
- im Original "zwischen uns eintreten, Fräulein Paula Ich komme"
- geändert in "zwischen uns eintreten, Fräulein Paula. Ich komme"
-
- Seite 106:
- im Original "als ob er gezeichnet wäre, -- Alle betrachteten"
- geändert in "als ob er gezeichnet wäre. -- Alle betrachteten"
-
- Seite 107:
- im Original "Die Straßen, auf den halb zerflossener Schnee lag"
- geändert in "Die Straßen, auf denen halb zerflossener Schnee lag"
-
- Seite 177:
- im Original "hier gewesen sein, ich werde bald sterben.«"
- geändert in "hier gewesen sein, ich werde bald sterben.‹«"
-
- Seite 183:
- im Original "bloß auf Besuch käme ober ob er"
- geändert in "bloß auf Besuch käme oder ob er"
-
- Seite 201:
- im Original "eilte zu der Schwester hin -- »Paula«,"
- geändert in "eilte zu der Schwester hin -- »Paula,«"
-
- Seite 228:
- im Original "Es ist nicht großmütig einen Menschen"
- geändert in "Es ist nicht großmütig, einen Menschen"
-
- Seite 244:
- im Original "und welch große Stücke der Dekan"
- geändert in "und welch' große Stücke der Dekan"
-
- Seite 245:
- im Original "»Mein Freund Harteck --« er, nicht sie"
- geändert in "»Mein Freund Harteck --,« er, nicht sie"
-
- Seite 308:
- im Original "zum Bezirksarzt von hier ernannt worden .."
- geändert in "zum Bezirksarzt von hier ernannt worden ..."
-
- Seite 309:
- im Original "seine Züger gereifter geworden"
- geändert in "seine Züge gereifter geworden" ]
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEISTLICHE TOD ***
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